<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf_fantasy</genre><author><first-name>Bernhard</first-name><last-name>Hennen</last-name></author><book-title>Drachenelfen</book-title><date>2011</date><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><sequence name="Drachenelfen" number="1"/></title-info><document-info><author><nickname>N/A</nickname></author><date>2015</date><id>65A8FC53-4C27-4592-A5C5-1CA2E2A7AA64</id><version>1.0</version><program-used>fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used></document-info></description><body><title><p>Drachenelfen</p></title><epigraph id="dedication"><p>F�r Xinyi,</p><p>die mir eine Welt voller Wunder gezeigt hat</p></epigraph><epigraph><poem><stanza><v>Die Menschenkinder sind ja alle Br�der</v><v>Aus einem Stoff wie eines Leibes Glieder</v></stanza><stanza><v>Hat Krankheit nur ein einzig Glied erfasst</v><v>So bleibt den andern weder Ruh noch Rast</v></stanza><stanza><v>Wenn anderer Schmerz dich nicht im Herzen brennt</v><v>Verdienst du nicht, dass man noch Mensch dich nennt.</v></stanza></poem><text-author>Moscharraf od-Din Abdullah</text-author><text-author>(Sa�adi, um 1190 in Schiraz, � 1283 oder 1291)<a l:href="#fn1" type="note">[*]</a></text-author></epigraph><section><title><p>Erstes Buch</p><p>Der gefallene K�nig</p></title><section><title><p>Prolog</p></title><p>Schillernde gr�ngelbe Lichtb�gen zogen �ber den wolkenlosen Nachthimmel und woben um die alten Eichen des Waldes geheimnisvolle, unstet wandernde Schatten. Die Menschen nannten es das Anderslicht und f�rchteten N�chte wie diese. In ihrem Aberglauben waren es N�chte des Unheils, in denen die Albenkinder mit ihrem geisterhaften Gefolge �ber den Himmel ritten.</p><p>Leise knirschte der Schnee unter Lyviannes Stiefeln. Sie mochte die Wintern�chte des Nordens. Sie duldeten keine Schw�che, genau wie sie. In ihrem wei�en Kleid und mit dem langen schwarzen Haar, das offen �ber ihre Schultern fiel, verschmolz die Elfe fast mit Schnee und Schatten. Ihr Verborgenes Auge war weit ge�ffnet. Sie sah das magische Netz, das ihre Welt durchdrang, und sp�rte deutlich den nahen Albenstern, die magische Pforte, durch die sie mit wenigen Schritten in die Welt der Menschenkinder gelangen k�nnte.</p><p>Ihr Meister, der Goldene, eine der sieben Himmelsschlangen, hatte sie in dieser Nacht gerufen. Sie hatte sich ihm verschrieben, bis tief unter die Haut. Sie war eine Drachenelfe, eine Ausgesto�ene, die selbst in der eigenen Sippe bestenfalls mit Misstrauen betrachtet wurde. Aber ihr Meister hatte sie �berreich beschenkt. Er vertraute ihr und hatte ihr so viele Geheimnisse Albenmarks offenbart.</p><p>Lyvianne hielt inne und lauschte. Etwas war hier. Eine fremde Macht. Etwas, das nicht in ihre Welt geh�rte. Es war vor ihr, am Ende des Weges. Es verzerrte das magische Netz. Zehrte davon.</p><p>Die Zauberweberin ging weiter. Ihr Meister w�nschte, dass sie hierherkam, und jedes Z�gern grenzte an Verrat. Der Waldweg �ffnete sich vor ihr zu einer weiten Lichtung. Ein einzelner Felsblock erhob sich dort, gekr�nt von pulsierendem magischen Licht � so hell, dass die Elfe ihr Verborgenes Auge schlie�en musste. Das magische Leuchten erlosch. Was blieb, und was sie mit ihren wirklichen Augen sah, war ein flacher silberner Gegenstand auf dem Fels.</p><p>Der Schnee auf der weiten Lichtung war unber�hrt. Kein Waldtier wagte sich hierher. Sie sp�rten die fremde Macht ebenso, wie Lyvianne es tat. Vom Felsblock her wehte ihr nun eisige K�lte entgegen. Ihr Atem stand ihr in dichten wei�en Dunstschwaden vor dem Mund. Unbeirrt ging sie weiter und erkannte in dem Gegenstand eine schmucklose flache Schale aus geh�mmertem Silber. Sie war mit kristallklarem Wasser gef�llt, das trotz der Eisesk�lte nicht gefroren war. Lyvianne schreckte davor zur�ck, die Schale zu ber�hren. Sie sp�rte die dunkle Macht, von der das Silber durchdrungen war, und ahnte, dass es ein Fehler gewesen war, die Schale auch nur anzuschauen. War es nur ihre Neugier oder aber ein verborgener Zauber, der sie n�her herantreten lie�, Schritt um Schritt, und sie verlockte, in das klare Wasser zu blicken?</p><p>Der nahe gelegene Albenstern �ffnete sich. Etwas schritt hindurch und bewegte sich auf die Lichtung zu. Lyvianne konnte es sp�ren, doch sie hob nicht einmal den Kopf.</p><p>Dunkle Schlieren, die an zerlaufende Tinte erinnerten, erschienen in der Schale. Ganz deutlich sp�rte Lyvianne, wie ein dunkler Zauber sie umfing. Die Schale wollte betrachtet werden, wollte ihr etwas zeigen, das Angst und Zweifel in ihr Herz s�en w�rde. Sie sollte den Blick abwenden, aufblicken und sehen, wer gekommen war. Doch sie vermochte es nicht mehr.</p><p>Das gr�ngelbe Himmelslicht spiegelte sich auf dem Wasser. Es floss mit den dunklen Schlieren zusammen und formte Bilder. Verschwommen zun�chst, doch dann, langsam, lie�en sich Einzelheiten erraten. Ein b�rtiger Mann mit dunklen Augen sah sie herausfordernd an. In Tunneln tief unter der Erde, in die der Tod Einzug gehalten hatte, starb ein ganzes Volk und der Himmel stand in Flammen. Riesige schwarze Schwingen f�llten das Bild. Ein Drache brach aus einer Staubwolke hervor. Er war schwarz wie eine Neumondnacht und obwohl Lyvianne ihn noch nie zuvor gesehen hatte, wusste sie doch sofort, wen sie da erblickte � Nachtatem, den Erstgeschl�pften, den �ltesten unter den sieben Himmelsschlangen.</p><p>Der Drache flog um sein Leben.</p><p>Und mit jedem machtvollen Schlag seiner Schwingen zog er sie weiter in das Bild hinein. Bis sie selbst durch den flammengepeitschten Himmel floh. Bis sie verstand, dass das, was sie sah, weder Traum war noch Vision, sondern Wirklichkeit.</p><empty-line/><p>Mit verzweifelten Schl�gen seiner m�chtigen Schwingen stemmte Nachtatem sich gegen den Sog aus der Tiefe. Die Welt starb, und sie wollte ihn mit sich rei�en, hinab in ihr lichtloses Grab. Felsbrocken, gro� wie T�rme, wirbelten durch den Himmel. Leicht wie Ascheflocken erschienen sie ihm und doch w�rden sie ihn zermalmen. Er winkelte die Fl�gel an, wollte h�her steigen, um nicht an der himmelhohen Steilwand vor ihm zu zerschellen, doch noch ehe er sie erreichte, sackte sie selbst in den Abgrund. Das Get�se von berstendem Gestein und das unheimliche Heulen weit unter ihm verschlangen ihn, gemeinsam mit der Staubwolke aus zermahlenem Fels, die immer schneller in den Himmel stieg. Steinsplitter prasselten wie Hagelschlag auf seine Schuppen. Geblendet, �ffnete der Drache sein Verborgenes Auge und sah, wie die Magie der Welt in einem glei�enden Feuerwerk verging. Das Goldene Netz, in das sie eingebunden war, zerriss.</p><p>Der Sog wurde st�rker und er fauchte ein Wort der Macht. Sein Sturz verlangsamte sich. Weit breitete er die Fl�gel aus. Steinsplitter durchschlugen das z�he Leder seiner Schwingen. Er verschloss sich gegen den Schmerz, schlug kraftvoller, zorniger und k�mpfte sich durch die Staubwolke dem Himmel entgegen. Gl�hend rot leuchtete die Sonne durch den Staub. Bald hatte er es geschafft. Ein paar Fl�gelschl�ge noch und er w�rde in den Himmel entkommen.</p><p>Tentakelarme peitschten die Luft, streiften ihn, griffen nach ihm, als schrien sie, er m�ge sie halten, retten, mit sich nehmen, hinauf in die endlose Weite. Er wich ihnen aus. Die Sonne kam n�her. Sie st�rzte ihm entgegen! Das Entsetzen kam wie ein Donnerschlag und l�hmte ihn. Nur einen Wimpernschlag lang � zu lang. Hitze wogte durch den Staub, Tentakel schlangen sich um seine Fl�gel, seine Fesseln, seinen Hals. Die Sonne kam n�her.</p><p>Er wollte leben!</p><p>Nachtatem schnappte nach den Fangarmen, zerriss z�hes Fleisch, sammelte seine Glut und beherrschte sich doch. Ein Feuersto� inmitten der Staubwolke mochte den Himmel rings um ihn herum in Brand setzen.</p><p>Wie ein Ertrinkender durch die Wasseroberfl�che stie� er durch die Staubwolke. Keine hundert Schritt entfernt st�rzte ein brennendes Schiff aus dem Himmel. Langsam sank es dem Abgrund entgegen. Der Wolkensammler, der es getragen hatte, konnte sich nicht aus der Umklammerung des Schiffes befreien. Hunderte mit Draht verst�rkte Seile hielten die riesige, aufgedunsene Kreatur an das Schiff gefesselt. Seine Tentakelarme peitschten die Luft und suchten Halt, wo es keine Rettung geben konnte. Die Kreatur selbst � gro� wie ein Wolkenberg und von einer Gestalt zwischen Qualle und Oktopus � fing Feuer. Ein ganzer Schwarm kleinerer Wolkensammler quoll aus einem der Flugdecks hervor. Hunderte. Und an jedem von ihnen hing zappelnd ein Menschenkind. Auch sie entgingen dem Mahlstrom des Untergangs nicht. W�hrend der Drache langsam in den freien Himmel emporstieg, sah er, wie die kleineren Wolkensammler in den Strudel aus Staub und Fels hinabgerissen wurden � schneller noch als das gro�e Schiff, dem sie entflohen waren.</p><p>Ein baumlanger Speer durchschlug seinen rechten Fl�gel. Die Wunde schmerzte nicht, doch ein gro�es Loch klaffte inmitten des Fl�gels. Er w�rde nun noch langsamer h�her steigen. Das Wolkenschiff unter ihm war auf die Seite gekippt und das Feuer breitete sich �ber immer mehr Decks aus. Stichflammen aus entz�ndeten Gasen entwichen der sterbenden Kreatur, die das riesige Schiff so lange durch den Himmel getragen hatte. Einige der Dreht�rme, in denen die Gesch�tze standen, hatten auf ihn eingeschwenkt. Die Menschenkinder an Bord hatten begriffen, dass sie ihrem Tod nicht mehr entfliehen konnten. Und er erkannte, dass sie ihren letzten Atemzug geben w�rden, um ihn mit sich in den Abgrund zu ziehen.</p><p>Ein Geschoss verfehlte ihn knapp, zwei weitere folgten. Dann war er au�er Reichweite und das pr�chtige Schiff wurde vollends von der Staubwolke verschlungen.</p><p>Nachtatem stieg in weiten Kreisen h�her. Er musste nun kaum noch mit den Fl�geln schlagen. Der Aufwind trug ihn in den Himmel. Geschafft!</p><p>Kurz lie� er sich treiben, holte Atem, sammelte sich und verschloss die Ohren vor dem ungeheuerlichen Tosen, in dem die Welt versank. Tief unter ihm, inmitten des Mahlstroms aus Felsgestein, Staub und Tod, verglomm das brennende Wolkenschiff in glutrotem Licht wie eine sterbende Sonne. Erst hoch vom Himmel herab sah Nachtatem das ganze Ausma� der Zerst�rung. Der Strudel aus Fels und Staub weitete sich aus, fra� unerbittlich, was eben noch sicherer Boden gewesen war. Spalten, weit wie T�ler, griffen ins Land hinaus. Am Horizont st�rzte das Meer in meilenweiten silbernen Kaskaden in den Abgrund.</p><p>Die Welt verschlang sich selbst.</p><p>Der Drache wandte sich ab. Stieg weiter in den Himmel hinauf. Er wusste, dass dieses Unheil unumkehrbar war und welchen Anteil er daran hatte. Er hatte seine Macht zu z�gerlich gebraucht, es anderen �berlassen, seinen Kampf zu f�hren. Zum ersten Mal empfand er sein langes Leben als Last. Nie zuvor hatte er mitansehen m�ssen, wie sich ein Sieg in eine Niederlage verwandelte.</p><p>Nachtatem suchte nach einem der Albensterne, jenen magischen Pforten, die es kundigen Zauberwebern erlaubten, binnen eines Herzschlags Hunderte Meilen weit zu reisen. Ja, wer die verschlungen Pfade gut kannte, den f�hrten sie gar in andere Welten.</p><p>Der Drache war m�de. Lange flog er durch den blutroten Himmel, bis er einen Albenstern fand � weit entfernt vom Mahlstrom des Verderbens, auf einer Lichtung, bei einem dunklen Teich voller Seerosen. Hier war das Beben nicht zu sp�ren. Noch nicht. Ein Wort der Macht, ein Gedanke, und zwei Lichtschlangen entsprangen dem Wasser. Sie neigten sich einander zu und formten ein Tor, hinter dem ein Goldener Pfad durch die Finsternis f�hrte. Tausende Male war er auf Pfaden wie diesem gegangen und ohne M�he fand er den Weg zur�ck in sein Refugium. Jenen Jadegarten, wo tief unter einer Pyramide, alt wie die Welt, die weite Halle lag, die seine Zuflucht geworden war.</p><p>Dort rollte er sich zusammen und �berlie� sich seinem Schmerz. Er hatte gewusst, dass dieser Tag kommen w�rde. Hatte Jahrzehnte, Jahrhunderte seines Lebens damit zugebracht, dar�ber nachzudenken, wie er ihn h�tte verhindern k�nnen. Konnte man die Zukunft ver�ndern? Er hatte es so sehr versucht � Jetzt wusste er nicht einmal mehr, ob es letztlich nicht sein verzweifeltes Aufbegehren gegen das Schicksal gewesen war, das den Untergang herbeigef�hrt hatte.</p><p>Er h�rte Schritte in dem flachen Wasser, das den Boden der Halle bedeckte. M�de hob der Drache sein staubverkrustetes Haupt. Seine entschlossenste Kriegerin war gekommen. Hell leuchtete das lange wei�e Gewand der Drachenelfe in der Dunkelheit. Ihr blondes Haar wallte offen �ber ihre Schultern. Ein Strahlen schien sie zu umgeben. Sie wirkte unbesiegbar.</p><p><emphasis>Ihr kommt zu sp�t</emphasis>, dachte er.</p><empty-line/><p>Lyvianne sp�rte ihren Meister mit all ihren Sinnen, und seine Pr�senz war so �berw�ltigend, dass es ihr endlich gelang, ihren Blick von den wirbelnden Bildern in der Silberschale zu l�sen. Sie roch den Drachenodem, diesen unvergleichlichen Duft, der dem Goldenen zu Eigen war. Schmeichelnd war er und berauschend zugleich, und das Herz wurde ihr weit.</p><p>Der schlangenhafte Leib ihres Meisters f�llte die halbe Lichtung aus, und das Himmelslicht spiegelte sich in tanzenden gr�nen Reflexen auf seinen goldenen Schuppen. Wo er war, konnte es kein Dunkel geben. Das Leuchten, das ihn umgab, trank jeglichen Schatten.</p><p><emphasis>Ihr habt ihn also gesehen, Lyvianne � jenen Tag, an dem die Welt vergehen wird.</emphasis></p><p>Wenn er in Drachengestalt sprach, haftete seinen Worten stets ein fremder Klang an, den keine Elfenzunge nachzuahmen vermochte. Eine Melodie schwang in den S�tzen mit und gab ihnen den entwaffnenden Klang eines reinen Gef�hls. Mal war es Freude, mal Zuversicht, mal Melancholie. Nun aber waren seine Worte von einer Traurigkeit durchdrungen, die ihre Seele ber�hrte.</p><p>�Welche Welt wird untergehen, mein Meister? Ich sah ein Wolkenschiff. War es Nangog?�</p><p><emphasis>Ich habe jede der drei Welten vergehen sehen, meine Dame. Daia, wo die Menschenkinder leben, das unschuldige Nangog und auch unsere Heimat, Albenmark. Die Bilder der Silberschale sind tr�gerisch und verhei�en stets Ungl�ck. Vertraut ihnen nicht.</emphasis></p><p>�Ihr wisst, ich bin die Eure, ganz und gar. Wer muss sterben, damit diese Bilder nur ein dunkler Traum bleiben? Wer ist der Quell des �bels?�</p><p>Der Goldene lachte und sein pl�tzlicher Frohsinn �berw�ltigte sie. Er lachte selten.</p><p><emphasis>Glaubt Ihr wirklich, Ihr k�nntet verhindern, wozu der Dunkle nicht in der Lage war?</emphasis></p><p>Besch�mt senkte Lyvianne ihr Haupt. Wie hatte sie so vorschnell, so vermessen sein k�nnen?</p><p><emphasis>Mein Nestbruder ist verblendet vom Glauben an seine Allmacht. Er sieht den Verrat nicht mehr, der ihn umgibt. Wir m�ssen unsere eigenen Reihen wieder schlie�en, bevor wir den gro�en Kampf beginnen k�nnen. Dazu brauche ich Euch, meine Holde. Brauche Euren Rat. Euer Urteil, das so fest in Euren Idealen begr�ndet ist, die mir Ehrfurcht einfl��en und mich zugleich zutiefst erschrecken. Es ist die Klinge eines anderen, die ein unschuldiges Herz durchbohren muss. Und Ihr, Lyvianne, werdet mir helfen, diese Klinge ins Ziel zu f�hren. Ihr kennt jenen, der zum M�rder werden muss, so gut wie keine andere. Nur Ihr verm�gt Ihn dazu zu bringen, etwas zu tun, von dem er wei�, dass er daran zerbrechen wird. Ich selbst war es, der einen Fehler begangen hat, der zu diesem Verrat f�hren muss. Vor mehr als drei�ig Monden schon hat das Unheil seinen Anfang genommen, als ich meinen besten Meuchler in die weite Halle unter den Basaltklippen rief.</emphasis></p><p>Lyvianne sah ihn lange an, trank seinen Atem, seine Traurigkeit. Dann nannte er die Namen der beiden, �ber deren Schicksal er entschieden hatte, und es war, als sto�e er auch ihr einen Dolch in die Brust.</p></section><section><title><p>Am Rand der Klippe</p></title><p>Wenn sie ihn riefen, ging es meist um Mord. Und Gonvalon war genau in der Stimmung, jemanden zu t�ten. Am besten einen Zwerg. Diese Kleingeister zerst�rten alles, was gro� und gut war in dieser Welt, weil sie einfach nicht bereit waren, ihren Platz im Gef�ge des Seins zu akzeptieren. Und es war an den Himmelsschlangen, diese Pl�tze zu vergeben. Sie bestimmten �ber das Schicksal aller, seit die Alben es aufgegeben hatten, sich um Weltliches zu k�mmern. Falls die Alben etwas Derartiges jemals getan hatten. Die Himmelsschlangen waren wie G�tter. Und er, Gonvalon, geh�rte zu ihren Auserw�hlten, den wenigen, die sie unter ihre sch�tzenden Schwingen geholt hatten. Er wusste, dass es nicht um seinetwillen geschehen war. Sie hatten in ihm etwas gesehen, und ihr Einfluss hatte ihn ver�ndert. So wie sie alle Elfen ver�nderten, die sie zu sich riefen. Sie hatten sein Verborgenes Auge ge�ffnet und nun sah er die Welt, wie sie wirklich war. Gonvalon blickte �ber die weite Bucht. Nebel sickerte aus den dschungelgr�nen Felskl�ften der unruhigen See entgegen. Wie steinerne W�chter umstanden schroffe Klippen aus schwarzem Basalt die Meeresbucht, und T�rme wucherten gleich Pilzen, denen man die Kappen abgeschlagen hatte, aus dem zerkl�fteten Fels. Die Proportionen der alten Gem�uer lie�en keinen Zweifel daran, dass sie nicht f�r Elfen geschaffen waren, aber der Ursprung der T�rme war ungewiss. Selbst Trolle h�tten sich unter den riesigen Torb�gen klein gef�hlt! Hatte es eine Zeit gegeben, in der Drachen in T�rmen hausten?</p><p>Gonvalon fragte sich, wen der Goldene noch gerufen hatte. Es waren immer zwei, die er schickte. Die Drachen trieben ein hintergr�ndiges Spiel mit ihren Auserw�hlten. Sie beriefen ihre Vollstrecker stets einzeln, und oft war es so, dass beide nur in Teile ihrer Mission eingeweiht waren. Das s�te Misstrauen. Aber Gonvalon war zuversichtlich. Er stand schon sehr lange in Diensten des Goldenen, jener Himmelsschlange, die ihn erw�hlte, nachdem er seine letzte Pr�fung bestanden hatte. Himmelsschlangen � oder auch Regenbogenschlangen �, so nannten sich die �ltesten unter den Drachen, die von sich behaupteten, die ersten Gesch�pfe zu sein, die von den Alben erschaffen worden waren. Es war stets nur einer der alten Drachen, der die Missionen benannte, und man wusste nie, ob er sich mit seinen Br�dern einig war oder allein entschieden hatte. Gonvalon war zuversichtlich, dass ihm der bedeutendere Teil der Mission �bertragen w�rde. Er hatte seinen Meister niemals entt�uscht! Die Regenbogenschlange, die ihn zu ihren Krallen gemacht hatte.</p><p>Der Elf blickte �ber die weite Bucht und fragte sich, wer ihn wohl begleiten w�rde. Auf irgendeinem der unz�hligen T�rme, die sich �ber den schwarzen Basalt erhoben, wartete noch jemand, so wie er es tat. Jemand, den er schon lange kannte. Sie waren nur wenige Auserw�hlte. Von zehn, die berufen wurden, schafften es am Ende nur ein oder zwei, in die Riege der Vertrauten aufzusteigen.</p><p>Gonvalon l�chelte zynisch. Nein, Vertraute konnte man sie nicht nennen. Drachen vertrauten keinem Elfen. Sie beriefen sie lediglich zu ihren M�rdern.</p><p>Es war die gr��te Ehre f�r einen Drachenelfen, hierher, auf die Klippen �ber der Jadebucht, gerufen zu werden. Eine Auszeichnung, auf die viele von ihnen jahrzehntelang warten mussten. Die meisten kannten diesen Ort nur aus Erz�hlungen.</p><p>Eine k�hle B� fegte �ber das Meer. Dunkle Wolken hatten ihre Schattensegel aufgespannt und trieben der K�ste entgegen. Zu dieser Jahreszeit kamen sie immer zur Mittagsstunde. Gonvalon fl�sterte ein Wort der Macht. Ein Wort, das nicht f�r Elfenzungen geschaffen schien und ihm nur schwer �ber die Lippen ging. Es war ihm immer noch fremd, und er artikulierte es �berdeutlich. Ein Prickeln lief �ber seinen K�rper. Er hatte gesehen, dass ein solches Wort t�ten konnte, wenn man einen Fehler machte. Er war Zeuge gewesen, wie Elfen sich in eine lebende Fackel verwandelt hatten oder von innen heraus zerrissen worden waren.</p><p>Das Prickeln verflog binnen eines Augenblicks. War ihm der Zauber gegl�ckt? Manchmal dauerte es ein wenig, bis das Unheil kam. Er schauderte. Nie w�rde er vergessen, was er in der H�hle des Schwebenden Meisters gesehen hatte.</p><p>Gonvalon trat an den Rand der Zinnen. Seine Handfl�chen waren feucht, als er sich auf das k�hle Mauerwerk st�tzte. Er versuchte an etwas anderes zu denken. Er hatte diesen Zauber wirken m�ssen! Er w�rde sich l�cherlich machen, wenn er gerufen wurde und triefnass vor den Goldenen trat. Das w�re eine Schande, die er nie mehr w�rde tilgen k�nnen. Die Himmelsschlangen erwarteten von ihren Auserw�hlten, dass sie das Mysterium der Magie meisterten. Dies war die letzte Stufe der Vollkommenheit. Und nichts weniger sollten sie sein. Vollkommen!</p><p>Der Regen erreichte die Klippen und ging mit solcher Wucht nieder, als wolle er die schwarzen T�rme mit sich hinab auf den Grund des Meeres rei�en. Binnen eines einzigen Herzschlags schrumpfte der sichtbare Teil der Welt auf wenige Schritt.</p><p>Gonvalon atmete erleichtert aus, drehte seine Hand dicht vor den Augen und streckte sie dann triumphierend dem finsteren Himmel entgegen. Es war gegl�ckt. Der Zauber umfing ihn wie ein unsichtbarer Kokon. Er wurde nicht nass! Andere Zauber zu weben fiel ihm leichter. War es Eitelkeit, lieber sein Leben zu riskieren, als sein Gesicht zu verlieren? War das seine Schw�che?</p><p>Er strich sich �ber die Stirn. Die Antwort lag auf der Hand. Es war schlicht und ergreifend dumm. Und er w�rde es wieder tun. Das war sein Makel. Er f�hlte sich unsicher, musste sich stets beweisen. Konnte es nicht ertragen zu versagen. Nicht einmal in Kleinigkeiten.</p><p>Er sollte sich die Zeit nehmen, um in sich zu gehen, wenn dies alles vorbei war. Er musste sich dar�ber klar werden, ob dies ein Makel war, dem er mit k�hlem Verstand beikommen konnte, oder aber ein unver�nderlicher Teil seines Charakters. Allerdings war er trotz dieser Schw�che weit gekommen. War dieser Makel am Ende vielleicht das Fundament, auf dem alles, was er erreicht hatte, ruhte?</p><p>Eine Stimme ber�hrte sein Innerstes. Sie rief ihn. Gonvalon trat zu der Treppe, �ber die sich das Wasser in Sturzb�chen ins Innere des Turmes ergoss, und stieg mit sicheren Schritten in die Dunkelheit hinab. Bald darauf verschluckten die dicken Mauern bereits das Rauschen des Regens.</p><p>Schon beim ersten Treppenabsatz versickerte das Wasser in Abflussl�chern, die in den Steinboden gebohrt waren. Zur�ck blieb nur eine schw�le Hitze, die umso beklemmender wurde, je tiefer er hinabstieg.</p><p>Gonvalon gelangte in einen weiten Kuppelsaal, der unterhalb des Turms in den Fels der Klippen geschlagen war. Honigfarbenes Licht sickerte aus den Barinsteinen, die in kunstvollen Mustern ins Deckengew�lbe eingelassen waren. Er hatte jenen Teil des Bauwerks erreicht, der nicht f�r Gesch�pfe wie ihn errichtet worden war. Alles hier war zu gro�, war selbst dann noch einsch�chternd, wenn man die Pracht der Pal�ste Arkadiens kannte und die Wunder des Jadegartens gesehen hatte.</p><p>Gonvalon ging auf die Rampe zu, die zum dunklen Herzen der Basaltklippen f�hrte. Er atmete jetzt jenen berauschenden Wohlgeruch, der so schwer in Worte zu fassen war. Der Duft erinnerte ein wenig an Sandelholz, nur dass er noch reiner war. Ohne den Hauch von Verfall und Verwesung, der jedem anderen Geruch beigemengt zu sein schien, wenn man einmal einen Drachen gerochen hatte. Vielleicht, so dachte er, war es der Hauch der Unsterblichkeit.</p><p>Gonvalon trat auf die Rampe hinaus. Sie war so breit, dass auf ihr wohl sieben Streitwagen ohne M�he h�tten nebeneinander fahren k�nnen. Der Boden war spiegelglatt und schl�pfrig unter seinen nassen Ledersohlen, poliert von den Schuppen, die sich hier hinab in den Abgrund unter den Klippen gewunden hatten.</p><p>Die Rampe wand sich in enger werdenden Spiralen abw�rts, auf ein goldenes Licht am unteren Ende zu. Sie erinnerte an das Innere eines gespaltenen Schneckenhauses. Der Elf sp�rte die melodische Stimme seines Herrn, obwohl er sie noch nicht h�ren konnte. Immer, wenn sein Meister zu ihm sprach, waren all seine Sinne ber�hrt. Die Stimme war zugleich tief in seinem Kopf und in seinem Herzen, durchdringend und ergreifend.</p><p>Allerdings konnte er die Worte nicht verstehen, denn diesmal waren sie nicht an ihn gerichtet. Jemand anderes war noch vor ihm zum Goldenen bestellt worden. Seine Gef�hrtin f�r die bevorstehende Mission? Sein Herz schlug schneller. Der Stachel der Eifersucht plagte ihn. Sonst war immer er es gewesen, der als Erster berufen worden war. Wann man einbestellt wurde, sagte aus, wie wichtig man war. Die Unbedeutendsten, die Handlanger, wurden zuletzt gerufen. War sein Stern im Begriff zu verblassen?</p><p>Mit festem Schritt folgte Gonvalon dem Lauf der Spirale dem Licht entgegen. Als er den gr��ten Teil des Weges hinter sich hatte, verstummte die wortlose Stimme und Trauer umfing ihn. Den Regenbogenschlangen lauschen zu d�rfen vermittelte das Gef�hl, Teil von allem zu sein. Als sei ganz Albenmark ein gewaltiges, vollkommenes Mosaik, bei dem es auf jeden einzelnen Stein im Gef�ge ank�me. Aber er wusste, dass manche Steine wichtiger waren als andere.</p><p>Zweifel nagte an ihm. Was war geschehen, dass der Goldene ihn nicht mehr zuerst berief? Waren endg�ltig zu viele seiner Sch�lerinnen gestorben? Mit wachsender Sorge eilte er weiter. Nur das Ger�usch seiner Schritte auf dem schl�pfrigen Grund st�rte die bedr�ckende Stille. Gonvalon wurde schmerzlich bewusst, dass er, seit er sich den Drachen verschrieben hatte, ein Sippenloser war. Ausgesto�en aus der Gemeinschaft, in die er geboren worden war. Wer dem Ruf der Himmelsschlangen folgte, der geh�rte ihnen ganz und gar.</p><p>Pl�tzlich hallte das Echo fremder Schritte von den W�nden wider. Beschwingter Schritte, obwohl sie gegen die Steigung ank�mpften. Gonvalon rang nur kurz mit seiner Neugier, dann blickte er die Spiralwindungen der Treppe hinab. Doch das durchdringende honigfarbene Licht, das von unten heraufstrahlte, blendete ihn. Er sp�rte, dass der Goldene wusste, was er getan hatte. Es gab nur Weniges, was den gro�en Drachen verborgen blieb. Sie konnten Herzen lesen, wenn man ihnen nur nahe genug war.</p><p>Besch�mt wich Gonvalon zur�ck. Sich so gehen zu lassen war eines Drachenelfen unw�rdig. Er war zwar ein Versto�ener in seinem Volk und doch war er zugleich auch ein Auserw�hlter. Sein Verst�ndnis von Albenmark �bertraf das all jener, die bei ihren Sippen blieben, bei Weitem. Der Schwebende Meister hatte sein Verborgenes Auge ge�ffnet. Er sah jetzt die geheime Welt. Alles was lebte, ja selbst jeden Stein betrachtete er mit neuem Blick. Er war vertraut geworden mit der wilden Kraft, die allem innewohnte. Eine zerst�rerische Kraft, wenn man sie nicht recht einzusch�tzen wusste. Und doch zugleich auch eine Kraft, die unermessliche Freuden schenkte. Und Macht!</p><p>Gonvalon atmete aus und versuchte sein inneres Gleichgewicht zu finden. Er �rgerte sich �ber seine Unbeherrschtheit, kannte seine Schw�chen und gab ihnen allzu oft nach.</p><p>Die Schritte klangen nun ganz nah. Er hatte den Kopf sinken lassen. Als er jetzt aufblickte, versetzte es ihm einen Stich, als er sah, wer vor ihm zum Goldenen gerufen worden war. Talinwyn! Sie war erst vor Kurzem in die Reihen der Auserw�hlten aufgenommen worden. Drei Jahre lang war sie seine Sch�lerin gewesen, und er hatte sie alles �ber das T�ten mit Klingen gelehrt. Talinwyn war �beraus talentiert gewesen und ein wenig zu ehrgeizig.</p><p>Gonvalon musterte sie absch�tzend. Talinwyn schien von innen heraus zu strahlen. Sie l�chelte ihn an. Ihr hochgeschlossenes dunkelgr�nes Kleid mit Goldstickerei harmonierte vollkommen mit dem funkelnden Smaragdgr�n ihrer Augen. Wei�blondes, wallendes Haar rahmte ihr schmales Gesicht. �ber den R�cken geschnallt trug sie Todbringer. Der wuchtige Zweih�nder mit der weit ausladenden Parierstange wirkte viel zu gro� f�r die zierliche Elfe. Gonvalon hatte ihr von dieser Waffe abgeraten, aber sie hatte nur gelacht. Nach der Aufnahme unter die Drachenelfen stand es jedem Krieger frei, im Waffensaal eine Klinge zu w�hlen, mit der er k�nftig k�mpfen wollte.</p><p>Gonvalon betrachtete Talinwyns Schwert selbst jetzt noch mit einer Mischung aus Missbilligung und Entsetzen. Dreimal hatte die Elfe ihn bei �bungsk�mpfen mit der Klinge verletzt. Es waren allesamt nur leichte Wunden gewesen, doch jede einzelne war eine Dem�tigung. Es kam nicht oft vor, dass eine Sch�lerin einen Lehrer verletzte! Talinwyns Geschick mit der �bergro�en Klinge hatte ihm jedenfalls manch spitze Bemerkung durch die �brigen Meister der Wei�en Halle eingebracht.</p><p>Gonvalon kannte alle Geschichten um Todbringer. Die Waffe war verflucht, auch wenn das niemand offen aussprach. Jeder, der dieses Schwert erw�hlt hatte, war f�r seine Heldentaten ber�hmt geworden. Und niemand hatte seine Wahl um mehr als drei Jahre �berlebt. Todbringer machte seinem Namen alle Ehre. Es zerschmetterte Feinde mit der Gewalt von Drachenkrallen. Es hie�, der Goldene habe es einst erschaffen, um damit Devanthar zu t�ten. Gonvalon hielt das f�r ein Ger�cht, hatte aber dennoch das Gef�hl, die Klinge sei von einer dunklen Magie durchdrungen, die nicht der Sch�pfung der Alben entstammte.</p><p>�Liuvar�, gr��te er Talinwyn und war sich der Ironie des Augenblicks bewusst. Ihr Frieden zu w�nschen grenzte in Anbetracht dieses Schwertes auf ihrem R�cken an Hohn.</p><p>�Liuvar�, entgegnete sie gut gelaunt. �Du siehst blass aus.�</p><p>Gonvalon musste an sich halten. Ein paar Atemz�ge vergingen, dann hatte er sich wieder unter Kontrolle. Vor zwei Monden hatte sie ihn verlassen und dabei �bel verspottet. Sie war eine Schlange! Als sie der �berzeugung gewesen war, nichts mehr von ihm lernen zu k�nnen, hatte sie sich gegen ihn gewandt. Drei Jahre hatten sie das Lager miteinander geteilt. Er war sich bewusst gewesen, dass Lehrer nicht auf diese Weise mit ihren Sch�lerinnen verkehren sollten, und andere hatten ihn vor ihr gewarnt. Aber er hatte allen Rat in den Wind geschlagen.</p><p>Er hatte sie geliebt.</p><p>Erst in den letzten Tagen mit ihr war ihm bewusst geworden, wie einseitig diese Liebe immer schon gewesen war. Ihr letzter �bungskampf war zu einem Duell auf Leben und Tod eskaliert und endete nur deshalb ohne Blutvergie�en, weil Ailyn zwischen sie getreten war. Und Ailyn widersetzte man sich nicht. Sie war die erfahrenste Kriegerin unter den Drachenelfen der Wei�en Halle.</p><p>�Ich habe eine Mission, die einer Schwertmeisterin w�rdig ist. Du wirst davon h�ren�, fl�sterte Talinwyn, als sie an ihm vor�berging. Sie versuchte erst gar nicht, den Triumph, den sie empfand, zu verbergen. �Ich werde dorthin gehen, wohin noch kein Elf vor mir gegangen ist.�</p><p>�Dann viel Gl�ck, kleine Schwester�, entgegnete er ruhig.</p><p>Er h�rte, wie sie im Schritt innehielt. Bestimmt sah sie ihm hinterher. Aber er w�rde sich nicht umdrehen. Er konnte ihren Anblick nicht ertragen. Sie war so sch�n! Er hatte es nicht geschafft, sie sich aus dem Herzen zu rei�en, so wie er es sich schon hundert Mal vorgenommen hatte. Er war ein Narr!</p><p>Wusste der Goldene darum? Nat�rlich wusste er es. Er wusste alles. Und dass er Talinwyn vor ihm gerufen hatte, machte deutlich, welchen Rang er nun unter den Drachenelfen bekleidete. Seine Sch�lerin wurde ihm vorgezogen. Sie hatte ihn besiegt! Hoffentlich ersparte ihm der Goldene die Dem�tigung, mit ihr gemeinsam fliegen zu m�ssen und unter ihrem Befehl zu stehen. Lieber w�rde er sich von einer Klippe st�rzen, denn er wusste auch, dass ein einziges freundliches Wort von ihr gen�gen w�rde, ihn wieder gef�gig zu machen. Er war ihr verfallen und musste auf andere Gedanken kommen. Hoffentlich sandte ihn der Goldene auf eine lange Mission, bei der er viel Blut vergie�en konnte. Vielleicht hatte er ja Gl�ck und er schickte ihn los, um eines der geheimnisvollen Tunnelschiffe der Zwerge zu stehlen.</p><p>Gonvalon war das Herz schwer. Es kam nur sehr selten vor, dass zwei Missionen ausgesandt wurden. Manchmal vergingen viele Monde, bis die Drachen ihre Elfen riefen. Dass gleich vier an einem Tag verschickt worden waren, war etliche Jahre her. Manchmal geschah es, dass die Himmelsschlangen einen Krieger an einen ihrer Nestbr�der ausliehen, weil er besondere F�higkeiten besa�. Es geschah nur sehr selten und wenn, dann war der Meister des Elfen zugegen, w�hrend ihm der fremde Drache seine Mission nannte. Gonvalon hatte noch nie f�r einen anderen Drachen als den Goldenen gefochten. War es das, was ihn heute erwartete? Wurde er deshalb nach Talinwyn gerufen?</p><p>Die Schritte wurden Gonvalon schwerer, je weiter sie ihn in die Tiefe f�hrten. Und noch schwerer war ihm sein Herz. Der Gedanke, unter Talinwyns Befehl zu stehen, war niederschmetternd, und doch w�rde er sein Leben wagen, um sie bei Gefahr zu retten. Er war ein verdammter, verliebter Narr.</p><p>Endlich machte die breite Rampe ihre letzte Kehre, und er sah den Goldenen, den herrlichsten unter den alten Drachen. Seinen Meister! Obwohl der Schwertmeister den Goldenen schon oft gesehen hatte, verschlug es ihm erneut den Atem. Er war Macht und Sch�nheit in vollkommener Harmonie. Wer seine Aufmerksamkeit besa�, f�hlte sich unter allen hervorgehoben. Gonvalons �rger dar�ber, mit Talinwyn reisen zu m�ssen, verflog. Alles w�rde sich f�gen! Die Drachen waren die Statthalter der Alben. Ihnen war die Welt anvertraut, und man konnte sich keine weiseren Herrscher w�nschen.</p><p>Die Schuppen des Drachen, der vor ihm in einer weiten H�hle ausgestreckt lag, erschienen wie aus lauterem Gold geschmiedet. Ein sanftes Licht strahlte aus ihnen. Ein Licht, das nichts Vergleichbares fand, wie lebendig wirkte, keine Schatten in seiner N�he duldete, sich um Ecken wand und bis in den hintersten Winkel drang. In den gro�en, bernsteinfarbenen Augen des Goldenen schien ein L�cheln zu liegen. Die lange, geschlitzte Pupille war nur ein schmaler Strich.</p><p>�ber Gef�hle der Drachen konnte man nur mutma�en. Sie waren zu fremd, bei nichts konnte man sich sicher sein. Die Farbe ihrer Schuppen konnten sie ebenso leicht ver�ndern wie ihre ganze Gestalt � den riesigen schlangengleichen Leib. Wie sehr, dar�ber stritten Maulhelden und M�rchenerz�hler.</p><p>Der Goldene zeigte sich stets in strahlender Pracht. Ganz anders als Nachtatem, der Erstgeschl�pfte. Ihn umgab Dunkelheit. Und er war noch geheimnisvoller als seine Br�der. Es hie� � Nein, dachte Gonvalon. Daran sollte er in Gegenwart des Goldenen nicht einmal denken.</p><p><emphasis>Es ist gut, Euch zu sehen, Gonvalon.</emphasis></p><p>Die Stimme des Drachen war in ihm, durchdrang ihn ganz und gar, und Gonvalon ging das Herz auf. Die Freude �berw�ltigte ihn so sehr, dass ihm Tr�nen in die Augen traten. Seine Wangen ergl�hten vor Scham, aber er vermochte seine Gef�hle nicht zu beherrschen.</p><p><emphasis>Ich habe Euch beobachtet. Ihr seid wahrlich ein Meister des Schwertes geworden. Ich erinnere mich noch gut an Eure ersten Tage unter den Auserw�hlten. Nicht alle meine Br�der hielten Euch f�r w�rdig. Zu unbeherrscht wart Ihr. Aber ich konnte immer schon sehen, was tief in Euch ruht. Eure Einzigartigkeit. Inzwischen habt Ihr alle Zweifler �berzeugt, obwohl Ihr Eure Unbeherrschtheit noch immer nicht v�llig �berwunden habt. K�mpft nicht l�nger dagegen an. Eure St�rken sind untrennbar mit Euren Schw�chen verbunden.</emphasis></p><p>Gonvalon senkte dem�tig das Haupt. Er empfand Stolz und zugleich auch Unbehagen bei dem Gedanken, dass der Goldene ihn beobachtete und dass ihn offenbar nicht alle Himmelsschlangen sch�tzten.</p><p><emphasis>Macht Euch keine Sorgen, mein kleiner Bruder. Niemand, den ich unter meine Schwingen nehme, hat etwas zu bef�rchten.</emphasis></p><p>Nie zuvor hatte der Goldene ihn einen Bruder genannt. Die Auserw�hlten sahen einander als Geschwister an. Aber Drachen � Es schien absurd, wenn man sie nebeneinander sah. Die gewaltige Regenbogenschlange und den zierlichen Elfen. Den Zauberweber, der die Geschicke Albenmarks lenkte, und den St�mper, der bef�rchten musste, dass ihm ein Fehler bei seinen l�cherlichen Versuchen zu zaubern das Leben kosten k�nnte. Jenen St�mper einen Bruder zu nennen musste jedem anderen wie Spott erscheinen. Dennoch sp�rte Gonvalon die Aufrichtigkeit der Worte. Es war die Art, wie sie in ihm nachklangen. Die Art, wie der Goldene ihn anblickte, w�hrend er sprach, und wie die Glut tief in seinen N�stern aufglomm. Das war mehr als Rhetorik und einstudierte Gesten. Und welchen Grund sollte ein Drache haben, ihm etwas vorzumachen?</p><p><emphasis>Ich werde Euch und die Gef�hrtin, die ich Euch erw�hlt habe, auf eine weite Reise schicken, Gonvalon. Und ich m�chte, dass Ihr keinem der Auserw�hlten von dieser Mission erz�hlt. Sie ist vertraulich. Selbst gegen�ber meinen Drachenbr�dern.</emphasis></p><p>Gonvalon fragte sich, wo die anderen alten Drachen waren und wie der Goldene etwas vor ihnen geheim halten wollte. Beklommen blickte er zu den weiten Tunneln, die in die gro�e H�hle m�ndeten. Jeder der Tunnel war einer der Regenbogenschlangen vorbehalten. War der andere schon in der N�he? Lauschte er?</p><p>Verwundert, doch ohne Sorge blickte der Elf zu seinem Meister auf. So grenzenlos wie die Macht des Goldenen war das Vertrauen, das er in ihn setzte.</p><p>�Darf ich erfahren, wer mit mir reisen wird?� Hoffentlich stellte man ihm keinen Drachenelfen, der sich dem Flammenden verschrieben hatte, an seine Seite. Sie alle waren von aufbrausendem Temperament, genau wie ihr Meister. Keiner von ihnen diente in der Wei�en Halle. Meist streiften sie allein durch die Wildnis.</p><p><emphasis>Ihr werdet eine Gef�hrtin bekommen, Gonvalon. Mehr dazu zu seiner Zeit.</emphasis></p><p>Feiner blaugrauer Rauch stieg von den N�stern der Himmelsschlage auf und umfing ihn mit Wohlgeruch. Der m�chtige Schweif des Drachen schrammte �ber den Felsboden.</p><p><emphasis>Wir haben Feinde, mein gesch�tzter kleiner Bruder, und ich sehe einen langen Krieg voraus. Eure Taten werden �ber die Zukunft Albenmarks entscheiden.</emphasis></p></section><section><title><p>Die Bogensch�tzin</p></title><p>Nandalees Rechte tastete nach dem K�cher an ihrer H�fte. Vier Tage war sie dem pr�chtigen Sechzehnender gefolgt. Er wusste, dass sie ihm nahe war. Der gro�e Hirsch hatte sein Rudel verlassen, als er ihre Anwesenheit bemerkt hatte. Er wollte die anderen Tiere nicht gef�hrden und hatte sie weit nach Westen gelockt. Zu weit. Sie war dem K�nigsstein nahe gekommen. Elfen sollten sich nicht hierherwagen.</p><p>Der wei�e Hirsch trat von einem Wildwechsel auf die verschneite Lichtung. Er war von der langen Flucht ersch�pft und schonte nun seine Kr�fte.</p><p>Nandalees tastende Finger fanden den Pfeil mit den Eulenfedern. Er w�rde lautlos wie der Nachtvogel fliegen. Ohne verr�terisches Sirren. Der Pfeil war noch neu; es war der vorletzte, den sie gefertigt hatte. Er war noch nicht markiert, wie es in ihrer Sippe �blich war, damit es nicht zu Streit kam, wenn man gemeinsam auf die Jagd ging und zwei den t�dlichen Schuss f�r sich beanspruchten. Nandalee blickte zu dem pr�chtigen Hirsch. Sie wollte ihm durchs Auge schie�en. So w�rde nur wenig Blut auf das makellose Fell spritzen.</p><p>Der Sechzehnender verharrte. Es waren f�r ihn kaum noch zehn Schritt bis zum gegen�berliegenden Rand der Lichtung. Etwas hatte ihn innehalten lassen. Er beobachtete den Waldrand, machte einen z�gerlichen Schritt und verharrte erneut. Nicht sie hatte ihn aufgeschreckt. Sie stand gegen den Wind, etwa zweihundert Schritt weit entfernt. War dort hinten im verschneiten Unterholz vielleicht ein Wildschwein?</p><p>Sie legte den Pfeil auf die Sehne und bedachte ihre Beute mit einem letzten pr�fenden Blick, als sie die Nocke einhakte. Der Eschenschaft war perfekt gearbeitet und hatte sich im K�cher nicht verzogen. Die Federn waren aus der linken Schwinge einer Schneeeule gefertigt und nicht besch�digt. Die Befiederung war leicht schr�g auf den Schaft geklebt. So w�rde sie den Pfeil im Flug rotieren lassen, was die Treffgenauigkeit deutlich verbesserte. Die Spitze war schmal, dreikantig und w�rde glatt durch das Auge und den d�nnen Knochen dahinter schlagen, wenn der Schuss sa�. Verfehlte sie ihr Ziel, w�rde der Pfeil auf diese Entfernung den Sch�delknochen sicherlich nicht durchdringen.</p><p>Auf diese Distanz sein Auge zu treffen war fast unm�glich. Zum Gl�ck war es windstill. Sollte sie es wagen? Wenn sie ihn verfehlte, mochte die Jagd noch einen weiteren Tag dauern. Der Hirsch war zwar ersch�pft, aber noch lange nicht am Ende seiner Kr�fte. Bleib noch einen Augenblick so stehen, dachte Nandalee und l�chelte versonnen.</p><p>Ein sanfter Windsto� fuhr durch die Wipfel. Schnee rieselte von den �sten. Die Elfe hob den Bogen.</p><p>Laut keckernd stie� eine Elster aus dem Ge�st einer Kiefer. Ein schwarz-wei�er Schemen, der schnell zwischen den B�umen verschwand. Der pl�tzliche Laut hatte den Hirsch erschreckt. Er t�nzelte unruhig.</p><p>Nandalee zog die Sehne bis hinter ihr rechtes Ohr zur�ck. Sie zielte �ber den Kopf des Sechzehnenders hinweg. Auf die weite Entfernung w�rde der Pfeil im Flug sinken. Einen Augenblick sammelte sie sich, vertraute ganz auf ihre Instinkte. Sie konnte den Pfeil ins Ziel <emphasis>denken</emphasis>. Wenn sie eins mit sich und der Waffe war, vermochte sie sogar mit geschlossenen Augen zu treffen.</p><p>Der Hirsch st�rmte los. Schnee wirbelte in Klumpen unter seinen trommelnden Hufen empor.</p><p>Die Elfe l�chelte und senkte die Waffe. Der Sechzehnender hatte die Gefahr gesp�rt, doch was ihn beunruhigt hatte, war ihr schleierhaft. Vielleicht war er eins mit der Magie der Welt, so wie die Orakel und Drachenelfen. Diese Gabe war �beraus selten, aber warum sollten die Alben sie nicht auch Tieren geschenkt haben? Schlie�lich waren auch wei�e Hirsche selten. Sie jedenfalls hatte seit vielen Jahren keinen mehr gesehen.</p><p>In langen S�tzen erreichte der Sechzehnender den Waldrand, folgte dem Wildwechsel und neigte leicht sein Haupt, um sich mit dem Geweih nicht im Kiefernge�st zu verfangen. Er bewegte sich voller Anmut, und Nandalee hielt inne, um ihm nachzublicken. Sollte sie ihn nicht einfach ziehen lassen? Hatte sie das Recht, ihn zu Tode zu hetzen? Sie w�rde nur sein Fell nehmen k�nnen und sehr wenig von seinem Fleisch. Sie war viel zu weit von den Jagdgr�nden ihrer Sippe entfernt. Sie �</p><p>Der Schnee zerbarst und spie eine riesige graue Gestalt aus. Ein wuchtiger Keulenhieb zerschmetterte den Sch�del des Hirsches. Eine Geweihgabel flog bis weit auf die Lichtung hinaus. Nandalee konnte das Bersten der Knochen so deutlich h�ren, als st�nde sie dicht daneben. Der Hirsch wurde gegen die Kiefer geschleudert, unter deren ausladenden �sten er sich hinweggeduckt hatte. Blutfont�nen sprenkelten den Schnee. Auch als das Leben den Hirsch bereits verlassen hatte, zuckten seine L�ufe, schien der Leib noch immer fl�chten zu wollen. Die schlanken L�ufe zerw�hlten den verharschten Schnee.</p><p>Mit einem kehligen Triumphschrei reckte der Trollkrieger seine Keule dem grauen Winterhimmel entgegen. Der H�ne war mit schneeverkrusteten Mammutfellen beh�ngt. Er hatte sich neben dem Wildwechsel einschneien lassen und gewartet, dachte Nandalee. Sicherlich viele Stunden lang.</p><p>Sie beobachtete, wie der Troll neben dem Hirsch niederkniete, den Kadaver mit einem Steinmesser aufschnitt und die Rippen mit einem weiteren Keulenhieb zerschmetterte. Seine riesigen H�nde tauchten in das zerschundene Fleisch. Er brach den Brustkorb auf und riss das Herz heraus. Es dampfte in der kalten Luft.</p><p>Nandalee dachte an die anmutige Bewegung, mit der der Hirsch sich geduckt hatte. In den letzten Tagen h�tte sie mehr als ein Dutzend Mal Gelegenheit gehabt, auf den Sechzehnender zu schie�en, und es sich stets versagt. Sie schuldete ihm einen vollkommenen Schuss. Er hatte nicht verdient, so zerfetzt zu werden. Aber den Trollen waren solche Gedanken fremd.</p><p>Kalte Wut packte Nandalee. Sie hakte erneut den Pfeil mit den Eulenfedern ein und hob den Bogen. Nandalee wusste, dass man einen Troll nicht mit einem Pfeil t�ten konnte. Nicht auf diese Entfernung. Er war mehr als drei Schritt hoch, ein Ungeheuer aus Fleisch und Knochen. Auf diese Distanz w�rde der Pfeil zu viel Durchschlagskraft verlieren, um den Troll ernstlich zu verletzen. Selbst wenn sie ihn am Kopf traf, w�rde die dreikantige Bronzespitze wirkungslos am dicken Sch�delknochen abprallen. Sie durfte gar nicht hier sein, so nah beim K�nigsstein, dachte sie. Trotzig hob sie den Bogen. Noch in der Bewegung spannte sie die Sehne. Ohne sich damit aufzuhalten zu zielen, lie� sie den Pfeil fliegen. Und mit ihm wich all ihr Zorn. Nur Trauer und M�digkeit blieben.</p></section><section><title><p>Keine halbe Stunde</p></title><p>Galar hielt eine weitere Flasche an die klaffende Wunde und achtete sorgsam darauf, dass ihm das Blut nicht auf die Finger spritzte. Es hie�, Drachenblut k�nne jegliches Fleisch zersetzen. Allerdings gab es auch Geschichten, dass Drachenblut unverwundbar machen k�nne. Er w�rde herausfinden, was stimmte. Aber nicht jetzt!</p><p>�Mach schneller!�, dr�ngte Hornbori. �Wir m�ssen hier verschwinden! �</p><p>�Der ist ja noch nicht mal kalt�, entgegnete Galar ruhig und bedauerte, Hornbori mitgenommen zu haben. �So schnell werden sie nicht kommen.�</p><p>�Aber wir haben kurze Beine. Wir sollten weit fort sein, wenn sie kommen. Jetzt mach schon!�</p><p>�Das ist nur eine Silberschwinge. Den wird so schnell schon niemand vermissen.� Galar verschloss die Phiole mit einem passend geschliffenen Kristall und schob sie vorsichtig in eine der Lederschlaufen im Inneren der mit breiten Eisenb�ndern beschlagenen Kiste. Kurz suchte er zwischen den Werkzeugen nach der Stahls�ge. �Hier, nimm das!�, sagte Galar, doch Hornbori glotzte ihn nur an. Er h�tte ihn wirklich nicht mitnehmen sollen!</p><p>�Was soll ich damit?�</p><p>Galar musste sich beherrschen, um nicht ausf�llig zu werden. �S�gen nat�rlich.� Er deutete auf die Drachenschnauze. �Hol so viele Z�hne heraus, wie du kannst.�</p><p>�Aber ��</p><p>�Mach!�</p><p>Hornbori wandte sich ab. Er war ein Bild von einem Zwerg mit einem beneidenswert dichten Bart. Sogar aus seinen gro�en Nasenl�chern sprossen �ppige Haarb�schel und f�gten sich in seinen wulstigen schwarzen Schnauzbart. Die Locken des nachtfarbenen Haupthaars schimmerten leicht bl�ulich, der Bart reichte ihm bis zum breiten G�rtel hinab. Er war stark, hatte gute Z�hne, konnte saufen wie ein Loch und hatte eine eiserne Verdauung. Kurz und gut, er war ein Bild von einem Zwerg und sah aus wie ein Held. Nur dass er leider kein Held war. Die Drachenjagd war entschieden zu viel f�r diesen �ngstlichen Wicht.</p><p>Galar nahm den L�ffel aus dem Kasten und die gro�e Silberdose. Kurz begutachtete er Hornboris Arbeit. Er s�gte schief! Trottel. Und dauernd blickte er zum Himmel hinauf.</p><p>Galar verkniff sich einen weiteren Tadel. Er stemmte seinen L�ffel unter das Augenlid der Silberschwinge und hebelte den Griff zur�ck. Mit einem schmatzenden Ger�usch quoll das Auge hervor. Galar durchtrennte das d�nne rote F�dchen, an dem es herabhing, und fing das fallende Auge mit der Silberdose auf. In aller Ruhe kniete sich der Zwerg neben seine Kiste, f�llte Branntwein in die Dose, bis das Auge ganz bedeckt war, und verstaute dann seinen Schatz. Jetzt brauchte er noch Schuppen und, wenn die Zeit blieb, ein paar Knochensplitter.</p><p>Galar begann mit einer Zange Schuppen zu zupfen. Die Mistdinger sa�en �rgerlich fest. In diesem Punkt war er schlecht vorbereitet. Nein, nicht nur in diesem � Er h�tte mehr M�nner gebraucht. Immer wieder hatte er sich den Mund fusselig geredet. �ber ein Jahr hatten sie diese Jagd vorbereitet und jetzt blieb nicht einmal eine halbe Stunde, um die Beute, so gut es ging, auszuschlachten. Er h�tte viel mehr M�nner gebraucht! Und nicht solche wie Hornbori.</p><p>�Hier!� Sein Gef�hrte warf ihm den schief abges�gten Zahn vor die F��e. �Das ist keine Arbeit f�r Helden. Ich sollte etwas anderes machen.�</p><p>�Nimm dir Hammer und Mei�el und hack ein paar der Krallen ab.� Galar sagte das in einem Tonfall, der keinen Zweifel daran lie�, dass er geneigt war, etwas von Hornbori abzuhacken, falls der es riskierte zu widersprechen.</p><p>Galar war sich nicht ganz sicher, was er mit Drachenkrallen anfangen sollte. Im Zweifelsfall konnte man sie f�r extravagante Dolchgriffe verwenden.</p><p>�Drache! Drei Meilen S�ds�dwest�, rief Nyr vom Steilhang �ber ihnen. � Wir sind hier oben fast fertig. Du solltest dich beeilen! �</p><p>�Ich bin auch fertig�, sagte Hornbori, ohne auch nur eine Drachenkralle anzur�hren.</p><p>Galar fluchte. Nicht einmal die geplante halbe Stunde hatte er gehabt. �Hol die �ste. Wir m�ssen den Kadaver abdecken.�</p><p>Diesmal gehorchte Hornbori ohne Widerspruch. Hastig packte Galar seine Kiste, dann half er seinem Gef�hrten. Bald war der Drachenleib unter Kiefern�sten und Farnwedeln verschwunden. Das w�rde f�r ein paar Stunden helfen. Wenn sie viel Gl�ck hatten, vielleicht sogar f�r einen Tag. Bis der Kadaver zu stinken begann.</p><p>Die beiden Zwerge beeilten sich, in den Schutz der B�ume zu gelangen. Sie huschten von Schatten zu Schatten. Bald trafen sie auf Nyr und seine Gesch�tzmannschaft. Sie hatten die riesige Armbrust, die Nyr liebevoll Drachenflitsche nannte, in ihre Einzelteile zerlegt. Acht Tr�ger waren notwendig, um die Waffe verschwinden zu lassen. Und dabei hatten sie die gr��eren Holzteile sogar zur�ckgelassen. Die waren leicht zu ersetzen. Nicht so der Reflexbogen und das eiserne R�derwerk, mit dem die Waffe gespannt wurde.</p><p>�Und? Zufrieden?� Nyr hatte auf ihn gewartet und ging nun an seiner Seite.</p><p>Galar zuckte mit den Schultern. �Wir hatten zu wenig Zeit. �ber ein Jahr haben wir den Abschuss vorbereitet, und jetzt hatten wir nicht einmal eine halbe Stunde.�</p><p>�Beim n�chsten Mal werden wir mehr M�nner haben. Du hast bewiesen, dass wir uns nicht unter den Bergen verkriechen m�ssen, sondern auch angreifen k�nnen.�</p><p>Galar �berlegte kurz, ob er widersprechen sollte, lie� es dann aber lieber bleiben. Er war auf Nyr angewiesen. Auch wenn der nicht begriff, was seine eigentlichen Ziele waren. Die Drachen waren der Schl�ssel zur Magie. Er wollte sie erforschen und nicht in den Krieg ziehen. Gut, man musste sie vom Himmel schie�en, um sie studieren zu k�nnen, aber dabei trieben ihn keine Rachegedanken an.</p><p>Sie erreichten den verborgenen Einstieg zu Tunnel 712/34. Er w�rde sie zu einem unterirdischen Fluss f�hren, wo ein Aal auf sie wartete. Galar hasste die stickigen, engen Boote, aber sie waren ideal, um jede Spur zu verwischen.</p><p>�Wirst du mich weiterhin unterst�tzen?�, fragte er Nyr.</p><p>Der hagere Gesch�tzmeister l�chelte. �Worauf du einen lassen kannst! Ich bin jederzeit wieder dabei. Und ich werde daf�r sorgen, dass wir beim n�chsten Mal mehr M�nner bekommen.�</p><p>Die w�rden sie auch brauchen, dachte Galar. Er plante etwas Gr��eres. Etwas viel Gr��eres! Aber das w�rde er vorerst niemandem verraten. Nicht einmal Nyr.</p></section><section><title><p>Duftleser</p></title><p>Nandalee konnte sie riechen. Sie waren noch ein ganzes St�ck entfernt. Sie bewegten sich vorsichtig. So vorsichtig, wie Trolle es nur konnten. Die Elfe hatte sie noch nicht gesehen, aber sie wusste, dass es nicht nur J�ger waren, die dort kamen. Trollj�ger beh�ngten sich mit Fellen und rieben sich mit Mammutexkrementen ein, um ihren eigenen Geruch zu �berdecken. Manche badeten sogar, bevor sie auf die Jagd gingen. Aber ihre Verfolger konnte sie deutlich riechen. Ihr Blick schweifte nach Osten. Versuchte den verschneiten Wald zu durchdringen. Wie nah waren sie schon? Eilten einige J�ger der Meute voraus? Ihre Rechte strich unruhig �ber den K�cher an ihrer Seite.</p><p>Duadan sah sie eindringlich an. Inmitten der Einsamkeit der W�lder war er wie aus dem Nichts erschienen. Er wusste immer, wo sie war. Der �lteste ihrer Sippe schwieg. In seinem Blick lag mehr, als Worte h�tten ausdr�cken k�nnen. Nandalee war sich sicher, dass auch er die Trolle gerochen hatte. Sie beide wussten, dass Nandalee nie mehr zu ihrer Sippe zur�ckkehren konnte.</p><p>Die Elfe ging vor Duadan auf die Knie, und er strich ihr sanft �ber das Haar. �Liuvar�, sagte er traurig, w�hrend seine eisgrauen Augen sie gefangen hielten. Er war ein Seher, und sie sp�rte, dass er ihre Zukunft sah. Von Anfang an hatte ein starkes Band zwischen ihnen bestanden. In ihr war die Seele seiner Tochter zum zweiten Mal wiedergeboren worden. Er hatte ihr das vor einigen Jahren auf einer langen gemeinsamen Jagd verraten. Von seiner Tochter sprach er gern, und Nandalee hatte ihn nach der ersten Wiedergeburt befragt. Er war abweisend gewesen. Hatte gesagt, er wisse nichts dar�ber. Und sie hatte gesp�rt, dass er sie belogen hatte. Das einzige Mal.</p><p>�Ich werde die Fehde beenden�, sagte Nandalee mit tonloser Stimme. Sie wusste, dass sie den Trollen nicht entkommen konnte. Mit etwas Gl�ck mochte sie die Jagd vielleicht noch auf ein paar Tage strecken, aber an ihrem Ausgang bestand kein Zweifel. Sie w�rden ihr das Fleisch von den Knochen rei�en, und der Anf�hrer der Trolle w�rde ihr noch warmes Herz verschlingen. So wie der J�ger, der ihren Sechzehnender erlegt hatte.</p><p>Duadan zog seine Hand zur�ck. Er streifte sich die mit Lammfell gef�tterten F�ustlinge �ber. Seine Kleidung verstr�mte einen starken Duft. Er hatte Fichtenharz ins Fellfutter gerieben, um seinen Geruch zu �berdecken. Nandalee sah, wie sehr dem �ltesten die K�lte zusetzte, auch wenn er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.</p><p>�Ich werde sie von unseren Jagdgr�nden fortlocken.�</p><p>Lag ein Hauch von Tadel in seinem Blick? Alles Blut war aus den schmalen Lippen Duadans gewichen. Sein Mund wirkte wie eine Narbe. Einen Herzschlag lang schien es, als wolle er etwas sagen, doch dann schlug er seinen Umhang zur�ck und holte ein B�ndel Pfeile darunter hervor. Wortlos hielt er es ihr hin.</p><p>Nandalee verstand. Ihre Pfeile waren markiert. Die meisten jedenfalls. Sie trugen das Zeichen ihrer Sippe, den Hirsch. Die Elfe nickte, �ffnete ihren K�cher und gab Duadan ihre Pfeile. Alle, bis auf einen. Den mit den Graugansfedern. Es war der letzte, den sie gefertigt hatte. Sein Schaft war noch nicht gezeichnet. Sie trug jetzt nichts mehr bei sich, was darauf schlie�en lie�, welcher Elfensippe sie angeh�rte. Fast nichts � Dachte sie beklommen. Sie hatte ein Geheimnis, von dem Duadan nichts wusste.</p><p>Nandalee schob die neuen Pfeile in ihren K�cher zur�ck. Sie war sich sicher, dass der �lteste die besten ausgew�hlt hatte. Dennoch f�hlte sie sich unwohl. Jeder J�ger fertigte seine Pfeile selbst. An ihnen mochte sein Leben h�ngen. Sie schluckte. Es war sinnlos, aufzubegehren oder auch nur etwas zu sagen. Ihr Leben war ohnehin verwirkt.</p><p>Durch ihren Fehler war die Fehde heraufbeschworen worden. Sie h�tte dem wei�en Hirsch niemals zum K�nigsstein folgen d�rfen. Das Jagdfieber hatte sie blind gemacht. Nach dem Ungl�ck, das sie dort in ihrem J�hzorn heraufbeschworen hatte, hatten die Trolle mit der Hatz auf sie begonnen. Sie hatten ihre besten Duftleser geschickt. Trolle waren keine guten F�hrtensucher. Ganz wie Raubtiere folgten sie der Witterung ihrer Beute.</p><p>Fast zweihundert Meilen war sie vom K�nigsstein geflohen, und doch war es ihr nicht gelungen, ihre Verfolger abzusch�tteln. Es war nicht verborgen geblieben, dass sie den Zorn der Trolle geweckt hatte. J�ger aus anderen Sippen beobachteten die Hatz, aber sie w�rden ihr nicht zu Hilfe kommen. Sie war auf Trollland vorgedrungen. In die N�he der K�nigsh�hle. Sie hatte ihr Schicksal herausgefordert � und sie w�rde daf�r mit ihrem Leben bezahlen.</p><p>Duadan verlie� sie ohne ein weiteres Wort des Abschieds. Sein Schweigen traf Nandalee tiefer als jeder Tadel. Sie hatte ihn unendlich entt�uscht. Er w�rde auf ihre Wiedergeburt warten. So wie er es schon zweimal getan hatte. W�rde er auch �ber sie schweigen, so wie �ber die letzte Inkarnation?</p><p>Seine schmale Gestalt verschwand zwischen den Schatten der Fichten. Ein Eissegler wartete jenseits des Waldes auf Duadan. Seiner Spur w�rden die Trolle wahrscheinlich nicht folgen k�nnen. Gegen jede Vernunft hatte Nandalee die Hoffnung gehabt, dass der �lteste sie mitnehmen w�rde. Aber sie hatte diese Gnade nicht verdient.</p><p>Der Wind trug das Ger�usch schwerer Schritte und splitternder �ste mit sich. Nandalee richtete sich auf und begann zu laufen. Ihre Beine w�rden sie noch weit tragen. Die Trolle sollten es nicht leicht mit ihr haben!</p><p>Sie wandte der bleichen Wintersonne den R�cken zu, lief fort von den Jagdgr�nden ihrer Sippe. Die Trolle durften nicht erfahren, von wo sie gekommen war.</p><p>Stunde um Stunde w�hrte ihre Flucht. Der tiefe Schnee raubte Nandalee die Kraft, und sie musste sich ihren Weg erk�mpfen. Die Oberfl�che war kaum verharscht, immer wieder brach sie ein und hinterlie� eine Spur, die selbst die Trolle nicht verfehlen konnten. Eine tiefe Furche. Nandalee h�rte ihre J�ger n�her kommen. Einige versuchten sie zu �berholen, um ihr den Weg abzuschneiden. Mindestens einer war links neben ihr. Vielleicht dreihundert Schritt entfernt. Im tiefen Schnee waren die Trolle im Vorteil. Auf festem Boden h�tten sie diesen Wettlauf mit ihr niemals gewonnen!</p><p>Das Rauschen eines schnell flie�enden Baches durchbrach die Stille des winterlichen Waldes. Nandalee erkannte eine Kiefer wieder, deren Wurzeln sich wie eine gro�e Hand um einen Felsen schlossen. Vor vielen Jahren war sie hier mit Duadan einmal auf die Jagd gegangen. Nur sie beide. Niemand erhob Anspruch auf dieses schroffe Bergland. Weder Elfen noch Trolle lebten hier. Und J�ger, die gelegentlich durch die einsamen Bergw�lder streiften, gingen einander aus dem Weg.</p><p>Nandalee erinnerte sich an die k�hle Sp�tsommernacht, die sie mit Duadan an dem Bach verbracht hatte. Das Jagdgl�ck war ihnen nicht hold, ihre einzige Beute waren drei Igel gewesen. In jener Nacht hatte sie gelernt, wie man Igel in einer dicken Lehmkruste in einer Grube unter dem Lagerfeuer schmort. Als sie bei Sonnenaufgang die Lehmkugeln aufgeschlagen hatten, waren Stacheln und Haut darin h�ngen geblieben. Das Fleisch hatte ein wenig streng geschmeckt, aber es war wunderbar zart gewesen.</p><p>Ein Ruf, nicht weit hinter ihr, riss Nandalee aus ihren Gedanken. Sie rannte schneller. Eine Wurzel, im Schnee verborgen, griff nach ihrem linken Fu�. Sie strauchelte, �berschlug sich und rollte ein St�ck den Hang hinab. Ihr K�cher �ffnete sich, Pfeile glitten hinaus. Nandalee kam wieder auf die Beine, sammelte hastig die Pfeile ein und z�hlte. Es waren alle.</p><p>Hatte sich unter ihr im Wald etwas bewegt? Sie begann wieder zu laufen. Weiter unten am Hang erklang der Ruf eines Jagdhorns. Die Trolle wussten genau, wo sie war!</p><p>Finger aus rotem Abendlicht tasteten �ber den Schnee, flankiert von langen Schatten. Pl�tzlich versperrte ihr ein Band aus Dunkelheit den Weg. Eine schroffe Klippe teilte den Hang, Eiszapfen hingen von Felsnasen. Der Schnee auf der Klippe schimmerte wie Rosenquarz im schwindenden Licht.</p><p>Unschl�ssig lief sie ein St�ck an der schroffen Barriere entlang und suchte nach einem Einstieg, w�hrend die bellenden Rufe der Trolle hinter ihr durch den Wald hallten. Zu nah! Ihr blieb keine Zeit mehr, einen leichten Weg zu suchen. In fliegender Hast erklomm sie das steile Felsband. Sie schrammte sich am vereisten Stein die Finger auf. Zweimal rutschte sie mit einem Fu� ab. Nur ruhig, ermahnte sie sich. Blinde Panik macht dich zu einer leichten Beute.</p><p>Ihr Atem ging keuchend, als sie sich �ber den Felsgrat zog. Etwa f�nfzehn Schritt war sie in die H�he geklettert. Sie schwitzte. Das war nicht gut! Bald w�rden sie ihre pelzgef�tterten Kleider nicht mehr w�rmen, und auch ihr Geruch w�rde leichter zu verfolgen sein.</p><p>Ein Ger�usch lie� sie herumfahren. Sie nahm den Bogen auf, stemmte ihn gegen einen Stein und zog eine Sehne auf. Die vertraute Waffe gab ihr Zuversicht. Sie war nicht wehrlos! Kein Opfer! Keine leichte Beute! Sie hatte schon einen von ihnen get�tet. Es w�rde nicht der letzte Troll sein!</p><p>Eine gro�e graue Pranke griff �ber den Klippenrand. N�gel wie Klauen wuchsen aus Fingern, die an lehmverkrustete Wurzeln erinnerten. Nandalee tastete �ber die Pfeile in ihrem K�cher. Es waren zw�lf. Sie nahm den mit der Graugansbefiederung. Ruhig legte sie den Pfeil auf die Sehne und spannte den Bogen.</p><p>Ein kahler Sch�del erhob sich, dunkle Augen folgten und kurz darauf ragten die Kiefer des Trolls wie eine Tierschnauze �ber den Fels. Ohne innezuhalten, schob er sich weiter hoch. Er hatte keine Angst vor ihr. Seine Lefzen zogen sich zur�ck und legten Rei�z�hne frei.</p><p>Nandalee l�chelte. �Ich gratuliere dir � du bist der Erste.�</p><p>Nat�rlich verstand er ihre Sprache nicht. Seine Antwort war ein kehliger Laut. Er neigte den Kopf. Offenbar vertraute er darauf, dass ihr Pfeil seinen harten Sch�delknochen selbst auf so kurze Distanz nicht durchschlagen w�rde.</p><p>Ein Knie schob sich �ber die Felskante. Die Armmuskeln des Trolls spannten sich. Ein Herzschlag noch, dann w�rde er sie anspringen.</p><p>Nandalee lie� den Pfeil von der Sehne schnellen. Er traf den Troll dicht neben dem Hals in die Schulter. Dort, wo ihn kein Knochen sch�tzte. Das Geschoss grub sich fast bis zur Befiederung in das graue Fleisch.</p><p>Der Troll stie� sich ab, aber sie wich seiner riesigen Hand aus. Dunkles Blut spr�hte �ber den Felsen. Manche glaubten, die ersten Trolle seien Kinder der Berge gewesen. Geboren aus Stein. Und ungebrochen wie dieser kam auch ihr Feind nun wieder schwankend auf die Beine. Er h�tte tot sein m�ssen! War er zu dumm, das zu begreifen? Der J�ger, der den Sechzehnender zerfleischt hatte, war schneller gefallen.</p><p>Nandalee wich weiter zur�ck.</p><p>Der Troll griff nach dem Steinmesser in seinem G�rtel, konnte seine Hand jedoch nicht mehr schlie�en. Die Finger zuckten, verweigerten sich seinem Willen. Wie ein Fels ragte er �ber ihr auf, mehr als dreieinhalb Schritt gro�, selbst unter den Trollen ein H�ne. Blut troff von seiner Schnauze. Sein Blick versuchte sie zu halten, sie zum Verweilen zu zwingen, Zeugin seines Todes zu werden.</p><p>Links von ihr erschien ein riesenhafter Schatten zwischen den B�umen. Noch ein Troll!</p><p>Nandalee wandte sich ab und st�rmte entlang des Klippenrandes davon. Ein St�ck vor ihr griffen weitere H�nde �ber den Fels. Verdammt! Sie h�tte sofort laufen sollen, nachdem sie geschossen hatte!</p><p>Nandalee schlug einen Haken. Sie wich zur�ck zum Hang, der nun sanfter anstieg und in dessen steinigen Grund sich schlangengleiches Wurzelwerk grub. Zwei weitere Schatten schoben sich �ber den Klippenrand. Ein Stein, gro� wie eine Trollfaust, verfehlte sie so knapp, dass sie den Luftzug auf ihrer Wange sp�rte. �ste splitterten unter der Wucht des Geschosses, das sich im Wald verlor.</p><p>Sie lief den Hang hinauf, wechselte wie ein fl�chtender Hase st�ndig die Richtung. Es klang, als br�che hinter ihr ein Hagelsturm ins Ge�st. Steine rollten den Hang hinab, schlugen gegen St�mme und Felsgrate. �ste brachen. Fl�che folgten ihr dichtauf. Wer nie einen Troll laufen gesehen hatte, h�tte es nicht f�r m�glich gehalten, wie flink diese H�nen sein konnten. Sie blieben ihr so dicht auf den Fersen, dass Nandalee manchmal glaubte, ihren Atem im Nacken sp�ren zu k�nnen.</p><p>Das Rauschen des Bergbaches wurde lauter. Das letzte Abendlicht brachte Schnee und einen eisigen Westwind. Einen Gru� aus ihrer Heimat, dem kalten Carandamon, aus dem selbst die Sommersonne das Eis nicht zu vertreiben vermochte. Der Wind schnitt durch die N�hte ihrer gef�tterten Jacke, des Lederwamses und des Leinenhemdes. Er griff durch ihre Brust nach ihrem Herzen. Nandalee sp�rte, wie ihre Kraft sie langsam verlie�. Als sie den Kamm des Hangs hinter sich gelassen und den Rand einer Hochebene erreicht hatte, blickte sie gehetzt zur�ck. Zwischen den B�umen sah sie die Schatten der Trolle. Sie w�rden keine Duftleser mehr brauchen, um sie zu stellen.</p><p>Die Nacht hatte den Talgrund bereits erreicht, wo die Trolle ein gro�es Feuer entz�ndet hatten. Kleinere Flammen eilten von dort in Richtung des Hangs, den sie erklommen hatte. Hunderte! Nandalee schluckte. Das war nicht einfach nur ein Trupp J�ger, der ihr nachstellte. Den Duftsuchern folgte ein Heer! Alles was Beine hatte, suchte nach ihr.</p><p>Aber warum? Dass man sie jagte, verstand sie � sie hatte einen Troll get�tet. Aber das rechtfertigte doch nicht gleich ein ganzes Heer! Was hatte sie getan?</p><p>Nandalee lief weiter, und Schritt um Schritt riss ihr der tiefe Schnee die Kraft aus den Gliedern. Sie duckte sich unter einer gest�rzten Fichte durch, deren Wipfel an einem gro�en Felsklotz lehnte. Tote �ste streiften ihr Gesicht. Ihre Verfolger waren zu gro�, um sich hier durchzw�ngen zu k�nnen. Ihr Vorsprung w�rde um einige Herzschl�ge wachsen.</p><p>Ohne sich erneut umzublicken, lief sie weiter. Schatten eilten ihr voraus �ber die Hochebene, um die letzten Flecken des Abendrots vom Schnee zu tilgen.</p><p>Endlich erreichte sie einen Bach, der eilig den Abhang hinabgurgelte, den sie gerade erst erklommen hatte. Nandalee l�chelte grimmig � sie w�rde die Trolle �berraschen!</p><p>Das Ger�usch splitternder �ste sprang ihr in den Nacken. Kehliges Fauchen erklang. Die Trolle hieben auf die gest�rzte Fichte ein. Ein faustgro�es Geschoss lie� den Schnee zu ihrer Linken aufspritzen und verfehlte sie um mehr als drei Schritt. Noch.</p><p>Nandalee schlug einen Haken und lief auf eine Felsgruppe am Ufer zu. Der n�chste Stein stanzte dicht bei ihren F��en ein Loch in den Schnee. Mehr Haken!, beschwor sie sich selbst. Nicht mehr geradeaus laufen! Weitere Steine prasselten nieder und keiner verfehlte sie um mehr als einen Schritt. Sie waren gute Steinewerfer. Jetzt nur kein falscher Tritt! Ein verstauchter Kn�chel und alles w�re vorbei. Egal, ermahnte sie sich. Weiter!</p><p>Ein Stein streifte sie und ihr linker Arm wurde nach vorn gerissen. Sie strauchelte, k�mpfte sich wieder hoch und biss die Z�hne zusammen. Lauf! Der Schmerz drang mit Verz�gerung in ihr Bewusstsein. Dumpf. Der Stein hatte sie nur gestreift! Nur gestreift, dachte sie und versuchte den Schmerz niederzuk�mpfen. Schneller jetzt, schneller!</p><p>Hinter ihr erklang triumphierendes Gebr�ll. Wegen des Treffers? Noch war sie nicht besiegt! Sie w�rde es ihnen zeigen! Niemand w�rde sie zu packen bekommen und ihr Herz fressen. Niemand! Dieser Gedanke verlieh ihr neue Kraft, und sie erreichte die Felsen. Der Boden gab unter ihr nach. Nandalee riss beide Arme hoch, Ger�ll bewegte sich unter dem Schnee. Nicht st�rzen! Nur ein paar Schritt noch!</p><p>Die Felsen im Bachbett waren von Schneekappen gekr�nt und Plateaus aus Eis s�umten den steilen Bachlauf. Bei Tauwetter war er an den meisten Stellen �ber vier Schritt breit, aber jetzt zw�ngte sein frostiges Korsett ihn auf wenig mehr als die H�lfte. Gleich einer von Felsen durchbrochenen Treppe f�hrten �bereinanderliegende Eisstufen entlang der Ufer den Hang hinab. Kristallklare Eiszapfenb�rte s�umten ihre R�nder, das Wasser atmete K�lte. Alles in Nandalee str�ubte sich dagegen, sich dem Bach anzuvertrauen.</p><p>Am anderen Ufer erschienen Trolle, kaum mehr als drei Arml�ngen entfernt. Ihr blieb nur die zerbrechliche Eistreppe, sonst war ihre Flucht zu Ende.</p><p>Die Trolle am gegen�berliegenden Ufer trugen keine Felsbrocken oder andere Wurfgeschosse, aber zwei von ihnen hielten wuchtige, im Feuer geh�rtete Holzspeere, beide so dick wie Elfenarme. Ein dritter deutete mit einer steinsplitterbesetzten Keule auf sie und stie� kehlige Laute aus.</p><p>Nandalee sprang auf das n�chstgelegene Eisplateau. Es knackte und knirschte unter ihrem Gewicht. Mit einem weiten Schritt trat sie auf die tiefer liegende Eisstufe. Spr�hwasser machte den Grund schl�pfrig. Sie streckte die Arme und balancierte zur n�chsten Stufe. Jede ihrer Bewegungen wurde von drohendem Knirschen begleitet. Der tosende Bach verschlang die meisten Ger�usche. Nandalee sp�rte durch die d�nnen Ledersohlen ihrer Stiefel, wie das Eis unter jedem ihrer Schritte arbeitete.</p><p>Einer der Trolle rief etwas. Nandalee blickte zur�ck und sah, wie die Trolle mit den Speeren auf die Eisstufen einstachen. Sie machten gar nicht erst den Versuch, den Rand des Bachbetts zu betreten.</p><p>Die anderen Verfolger hatten den Bach nun ebenfalls erreicht. Lautes Geschrei erklang. Offenbar waren die Trolle untereinander in Streit geraten.</p><p>Nandalee rutschte in einer Pf�tze aus und schlug hart gegen einen Stein. Stechender Schmerz fuhr durch ihr Knie. Ein Speer schlug dicht vor ihr auf das Eis, schlitterte davon und verschwand in den Gischtfont�nen des Baches. Eiswasser drang durch die N�hte ihrer Wildlederhose und in die Stiefel. Ihr Knie brannte vor Schmerz, aber sie stemmte sich trotzdem hoch. Da h�rte sie ein lautes Krachen �ber sich � das Eis brach! Erschrocken blickte sie auf und starrte auf die gro�e Eisstufe, die sich von den Felsen l�ste, auf die darunterliegende Eisterrasse fiel und dort mit einem Get�se zerbarst, das selbst den L�rm des sch�umenden Baches �bert�nte.</p><p>Eine Lawine aus splitterndem Eis ergoss sich auf die n�chsttiefer gelegene Stufe.</p><p>Nandalee hinkte weiter, benutzte ihren Bogen als Kr�cke. Sie wusste, dass sie nicht entkommen konnte, aber sie w�rde Widerstand leisten. Bis zum Schluss.</p><p>Eisbrocken prasselten rings um sie hernieder. Mahlend und knirschend tanzten sie im dunklen Wasser des Sturzbachs. Die Luft war erf�llt von Eiskristallen. Nandalee fiel. Sie schlitterte dem Wasser entgegen, klammerte sich verzweifelt an eine Wurzel, die aus dem Eis ragte, schwang auf dem Eis liegend herum, rutschte in Deckung hinter einen Felsen und schmiegte sich wimmernd daran. Ihr ganzer Leib schmerzte. Das Eis unter ihr arbeitete. Wasser quoll aus Spalten.</p><p>Sie sp�hte um den Rand des Felsens und blickte zum Ufer. Die Trolle waren ein wenig herabgestiegen. Einer streckte ihr die Hand entgegen. Sie w�rde sie erreichen k�nnen. Und dann?</p><p>Es war die Natur, die ihr Antwort gab. Das Eis unter ihr zerbrach, Wasser umfing sie, und der K�lteschock nahm ihr den Atem. Sie wurde mitgerissen, schlug gegen einen Stein. Ihr Kopf wurde unter Wasser gedr�ckt. Die Kleider waren schwer. Nein, dachte sie. Nein! Aber der wilde Bach zog sie weiter hinab, dem Talgrund entgegen. Sie k�mpfte, rang keuchend um Luft. Die scharfkantige Scholle, die auf sie zutrieb, sah sie erst, als sie ihr mit voller Wucht ins Gesicht stie�.</p></section><section><title><p>Am Anfang</p></title><p>Am Anfang waren die Alben und die Devanthar eins in ihrem Bestreben. Sie wollten dem Dunkel unz�hlige Wunder abtrotzen. Dunkelheit war der urspr�ngliche Zustand allen Seins. Dann kam die Sprache, denn es waren die Worte der Macht, aus denen alles Weitere erwuchs. Gemeinsam riefen Alben und Devanthar das Licht herbei, in all seinen tausend spr�henden Farben. Und dann erschufen sie die Riesin Nangog. Sie war so gewaltig, dass ihre Faust den Mond umschlie�en konnte. Nangog war es bestimmt, die Welten zu formen. Ihr Tagwerk war es, Albenmark zu schaffen. Bei Nacht aber diente sie den Devanthar, und ihre H�nde gruben die Meere Daias und t�rmten den Aushub zu himmelragenden Gebirgen. Ihr Schwei� f�llte die Ozeane und ihr Atem wurde zum Himmel der Welten. Wie ein Kind mit einem Finger Bilder in den Sand malt, gruben ihre Finger den Lauf von Fl�ssen.</p><p>Es hei�t, dass sie ihren Herren ohne Unterlass diente, bei Tag und bei Nacht, sieben Jahre und sieben Tage lang. Dann waren die beiden Welten vollkommen. Aber sie waren w�st und leer. Keine Pflanze wuchs auf den weiten Ebenen. Kein Fisch lebte in den Meeren.</p><p>Nun erst begann die Sch�pfung von Alben und Devanthar.</p><p>Nangog aber, vor Ersch�pfung dem Tode nahe, rollte sich zusammen, um zu schlafen. Und Alben und Devanthar sponnen ein Goldenes Netz um die Riesin und woben Zauber, die ihre Glieder banden und ihren Schlaf ewig w�hren lassen sollten. Dann entschieden sie, dass Nangog k�nftig keinem von ihnen mehr geh�ren solle. (�)�</p><cite><text-author>Sch�pfungsmythos der Kinder der Dunkelalben, urspr�nglich niedergeschrieben auf einer der Sieben Stelen im Herzen der Halle der Finsternis, tief unter den Bergen Ischemons, kopiert von Meliander von Arkadien, Blatt VII der Sammlung Nangog, verwahrt in der Bibliothek von Iskendria, im Saal des Lichtes vergraben an einem Ort, der nur Galawayn, dem H�ter der Geheimnisse, bekannt ist.</text-author></cite></section><section><title><p>Der blaue Stern</p></title><p>Nandalee beobachtete die Atemwolke �ber ihrem Mund. Bei jedem Ausatmen wurde sie ein wenig kleiner. Zumindest glaubte sie das.</p><p>Sie sp�rte keinen Schmerz mehr. Nur K�lte. Sie wusste, dass sie aus dem Wasser heraus musste. Sie musste ihre nassen Kleider ausziehen! Aber ihr Wille war gefroren wie das Eis und gehorchte ihr nicht mehr. Es hatte aufgeh�rt zu schneien, doch an der Farbe des Himmels sah sie, dass die Winternacht nur Atem holte. Bald w�rde erneut Schnee aus dem endlosen Dunkel hinabblasen. Sehr viel Schnee. Wahrscheinlich war sie schon tot, wenn die sanften Flocken ihre Wangen streicheln w�rden, und mit ein wenig Gl�ck w�rde der Schnee ihren Leichnam verbergen und die Trolle waren um ihre Beute gebracht. Der Gedanke lie� sie l�cheln. Auf gewisse Weise w�rde sie dann doch noch entkommen. Und sei es nur dem Schicksal, verschlungen zu werden. Wie weit der Bach sie wohl getragen hatte? Irgendwo links von ihr war Licht. Sie sah seinen Widerschein auf dem Schnee, aber sie brachte weder Kraft noch Willen auf, den Kopf zu wenden. Eine einzelne Tr�ne perlte �ber ihre Wange. Sie war angenehm warm. Im ersten Augenblick zumindest. Schon bevor sie ihren Mundwinkel erreichte, konnte Nandalee sie nicht mehr sp�ren. W�rde sie ins Mondlicht gehen? Hatte sich hier an diesem eisigen Ufer das Schicksal ihrer Seele erf�llt?</p><p>Musik erklang irgendwo weit �ber ihr. Sie erkannte die Melodie. Jemand sang ohne Worte. Es war ein Lied, das ohne Umweg �ber den Verstand unmittelbar die Seele ber�hrte. Der Blaue Stern. Nur ein einziges Mal hatte sie ihn �ber den Himmel ziehen sehen. Den Stern des S�ngers. Auch damals hatte das Lied sie zu Tr�nen ger�hrt. Jetzt gab es ihr die Kraft, den Kopf zu drehen. Der Stern, so dachte sie, sollte das Letzte sein, was sie in ihrem Leben sah. Er erstrahlte in tiefem, dunklem Blau, schien mit dem Wind zu ziehen, dicht unterhalb der Schneewolken. Sieben Zacken von unterschiedlicher Gr��e f�gten sich voller Harmonie zueinander. Von Anbeginn aller Zeiten zog dieser Stern bereits �ber den Himmel und selbst die Regenbogenschlangen huldigten ihm. Es hie�, einer der Alben wandere mit dem Stern. Einer der Weltensch�pfer. Er war der S�nger, dessen Lied sie nun h�rte. Und alle hundert Jahre, so erz�hlte man sich, erw�hlte er einen Elfen, um als Krieger in seiner Leibwache zu dienen. Ny Rin aus der Sippe der Wolfsz�hne war die Erste, die er erw�hlte. Sie war tollk�hn mit ihrem Eissegler �ber die R�cken der Regenbogenschlangen zum Blauen Stern den Himmel hinaufgest�rmt. Ihr Mut und ihre Geschicklichkeit hatten den S�nger so sehr beeindruckt, dass sie bleiben durfte. Es hie�, wer auf seinem Eissegler bis an das Ende eines Regenbogens gelangen k�nnte, dort, wo die Schw�nze der m�chtigen Drachen das Eis ber�hrten, der w�rde es ihr gleichtun.</p><p>Nandalee l�chelte. Sie sp�rte die K�lte nicht mehr. Sie starb. Es w�rde nicht mehr lange dauern. Erneut wanderte ihr Blick zu dem Stern hinauf. Als Kind hatte Nandalee die Geschichte von Ny Rin geliebt. Sie war eine J�gerin geworden wie sie. Ihre Sippe nannte man die Windwanderer, weil ihre J�ger frei bis in weiteste Fernen streiften, wie der Wind, der nur den Horizont als Ziel kannte. Unz�hlige Male war sie auf ihrem Eissegler dem Regenbogen nachgejagt, wenn in der Sommerzeit der warme S�dwind aus dem Windland kam. Sie war l�ngst eine erfahrene J�gerin geworden, als sie sich der Wahrheit stellte. Niemand fing einen Regenbogen oder ritt auf dem R�cken der Regenbogenschlangen in den Himmel hinauf. Das einzig Wahre an der Geschichte um Ny Rin war der Blaue Stern. Der Stern des S�ngers.</p><p>Nandalee schluckte hart, und der Zauber des Augenblicks verflog. Dort oben war keine Ny Rin. Vielleicht nicht einmal ein Alb. Aber wer, so fragte sie sich, war dann der S�nger? Jemand, der sich mit Ny Rin eine J�gerin aus der Sippe der Wolfsz�hne erw�hlt hatte. Eine Wilde! Der Wolf war ihr Totem, und wie W�lfe lebten sie in schmucklosen Felsl�chern, kaum besser als Trolle. W�rde ein Alb eine solche Wahl treffen? Wenn der S�nger sich tats�chlich eine Elfe zur Gef�hrtin erw�hlt h�tte, dann doch gewiss eine Windwanderin. Ihr Totem war der Hirsch und �</p><p>Das Totem! Jede der Elfensippen in Carandamon hatte zu Anbeginn der Zeit ein Totemzeichen erw�hlt. Meist ein Tier mit einer Eigenschaft, die einer der herausragenden Eigenschaften der Sippen gleichkam. Der Hirsch war ein unerm�dlicher Wanderer und ein tapferer K�mpfer. In stilisierter Form wurde er als Schmuck verwendet. Die Kn�pfe ihrer Weste waren aus Hirschhorn, der Griff ihres Messers aus einem St�ck Geweih gefertigt. Beides war kein eindeutiger Hinweis auf ihre Sippe. Viele J�ger verwendeten das Geh�rn von Hirschen auf diese Weise. Deshalb hatte Duadan sie auch nicht darauf angesprochen. Doch es gab noch etwas anderes. Etwas, um das der �lteste nicht wusste. Einen ganz besonderen Schmuck, den sie von einem Maurawan geschenkt bekommen hatte, mit dem sie einen Sommer lang gemeinsam auf die Jagd gegangen war. Sie atmete tief ein und �berlegte, wie sie die letzte, die unausl�schlichste der Spuren beseitigen sollte. Jene, die f�r immer eins mit ihr h�tte sein sollen. Wenn die Trolle sie fanden, dann w�rde dieses Geschenk ihnen verraten, woher sie gekommen war, auch wenn das eiskalte Wasser l�ngst jede Duftspur getilgt hatte. Die Lider wurden ihr schwer und die Welt um sie her verschwamm. Denk nach, Nandalee, denk nach!</p><p>Dass die Trolle mehr wollten als nur sie, erschien Nandalee offensichtlich. Niemand jagte mit einem ganzen Heer! Das hier war ein Kriegszug und sie brachte ihre ganze Sippe in Gefahr, wenn sie es nicht schaffte, das Geschenk des Maurawan zu vernichten.</p><p>Und in diesem Augenblick l�ste sich ihre Starre. Sorge lie� ihr Herz schneller schlagen, sie ballte die H�nde zu F�usten und streckte die gef�hllosen Finger wieder. Der M�digkeit nachzugeben, jetzt die Augen zu schlie�en, das w�re Verrat an allen, die sie liebte. Die Jagd war noch nicht zu Ende!</p><p>Als das Gef�hl in ihre H�nde zur�ckkehrte, griff sie nach einer Wurzel und zog sich aus dem Wasser. Qu�lend langsam entwand sie sich dem dunklen Bach. Das lange Haar gefror ihr auf dem Gesicht und die wasserdurchtr�nkte Kleidung knisterte, wenn sie sich bewegte. Raureif wucherte wie wei�es Moos �ber das Hirschleder ihrer Hose, der Umhang lag schwer wie Blei auf ihren Schultern. All ihre Bewegungen waren langsam, dem Tod abgetrotzt, der so nahe war, dass sie seinen Atem im Nacken zu sp�ren glaubte. Sie blickte zu dem r�tlichen Lichtschein, der durch die B�ume fiel. Das gro�e Feuer, an dem die Trolle ihre Fackeln entz�ndet hatten. Es w�rde alle Spuren l�schen. Wirklich alle! Sie musste nur mutig genug sein.</p><p>Mit steifen Schritten ging sie zwischen den B�umen hindurch. �berall war der Schnee zertrampelt, aber es waren keine Trolle zu sehen. Sie waren ihr den Steilhang hinauf gefolgt. Bald w�rden sie entlang des Baches nach ihr suchen und ihre F�hrte finden.</p><p>Unter einer Kiefer verharrte sie und beobachtete die Lichtung, auf der das Feuer brannte. Es war halb in sich zusammengefallen, aber immer noch gro�. Sie hatten es nicht mit �sten, sondern mit gespaltenen Baumst�mmen entfacht.</p><p>Nandalee sehnte sich nach der Hitze. Sie zitterte vor K�lte. Der Lebensfunke in ihr war fast erloschen. Sie musste zum Feuer!</p><p>Schnee fiel ganz in der N�he von einem Ast, und die Elfe zuckte zusammen. Nichts regte sich. Die Sehne war von ihrem Bogen gerissen und sie w�rde keine neue mehr aufziehen. Selbst als sie bewusstlos geworden war, hatte sie die Waffe nicht losgelassen.</p><p>Weiter oben am Hang konnte sie die Fackeln sehen. Die meisten hatten sich entlang des Bachlaufs versammelt. Sie konnte nicht mehr l�nger warten. Nandalee trat auf die Lichtung. Halb rechnete sie damit, einen Troll aufbr�llen zu h�ren, der irgendwo unter den B�umen zur�ckgeblieben war. Vereinzelte Schneeflocken tanzten herab. Alles blieb ruhig.</p><p>Es tat gut, die Hitze des Feuers auf dem Gesicht zu sp�ren. Sie war noch etwa zehn Schritt entfernt, aber die W�rme umarmte sie schon jetzt. Fast schmerzhaft. Der Schnee war in weitem Umkreis geschmolzen, braunes Gras lag vom Leichentuch des Winters befreit, Trollf��e hatten den Boden zu Schlamm zertrampelt und die Funken stiegen dem Nachthimmel entgegen. Die K�lte hatte sich wie Dornenranken in ihr Fleisch gegraben und all ihre Glieder schmerzten, aber die Hitze war ein lockendes Versprechen, allen Schmerz enden zu lassen. Nandalee kam n�her. Mit einem verzweifelten Seufzer schleuderte sie den Bogen, der sie so lange Jahre zur Jagd begleitet hatte, in die Flammen.</p><p>Ihre Finger gehorchten ihr noch immer nicht. Sie konnte sie zwar kr�mmen, aber ihre Bewegungen waren fahrig. Sie zerschnitt den Riemen des K�chers und warf ihn ebenfalls ins Feuer. Sie hielt sich nicht mit der Verschn�rung ihres Wamses auf. Sie schnitt es auf und streifte es ab. Der �bergang zwischen Hose und Stiefeln war von schmelzendem Eis verkrustet. Wieder half das Messer.</p><p>Schnitt um Schnitt, unterbrochen von ungelenkem Zerren, entledigte sie sich ihrer Kleider und �bergab alles den Flammen. Am Oberschenkel sickerte dickfl�ssiges Blut aus einer Wunde, aber sie f�hlte keinen Schmerz. Das Bein war taub vom Frost, als geh�re es nicht mehr zu ihr. Teilnahmslos sah sie zu, wie das Blut �ber ihr nacktes Bein rann. �ber die T�towierung auf Wade und Oberschenkel. Den stilisierten springenden Hirsch. Das Geschenk des Maurawan, den sie einen Sommer lang als Gef�hrten erw�hlt hatte. Er war ein geschickter Bilderstecher gewesen. Sie seufzte. Es war unm�glich, diese Spur auszul�schen. Sie war eine Windg�ngerin, mit jeder Faser ihres Leibes. Die Trolle w�rden es herausfinden. Es sei denn �</p><p>Sie blickte auf das Feuer. Halb verkohlte St�mme ragten aus der Glut. Die Flammen sanken langsam in sich zusammen, aber die Hitze war noch immer gewaltig. Im Herzen des Feuers k�nnte man gewiss noch Metall schmelzen. Es war mehr als genug, um alle Sorgen zu beenden.</p><p>Sie machte einen Schritt zum Feuer hin. Die W�rme auf ihrem nackten Leib war wie ein Lockruf. Im ersten Augenblick. Dann folgte der K�lteschmerz in den erwachenden Gliedern. Nandalee schloss die Augen und ging weiter auf den Gluthaufen zu. Sie w�rde ihre Sippe besch�tzen. Ihre Spur endete hier. Die Trolle w�rden niemals erfahren, woher sie gekommen war!</p><p>�Ein ziemlich unw�rdiges Ende einer bemerkenswerten Flucht.�</p><p>Die Stimme war hinter ihr erklungen. Nandalee stand jetzt so nahe am Feuer, dass sich ihre Haut zu r�ten begann. Verwirrt wandte sie sich um. Ein Elf am Rand der Lichtung winkte ihr freundlich zu. �D�rfte ich vorschlagen, ein paar Schritt in meine Richtung zu machen, bis du endg�ltig �ber dein Schicksal entschieden hast? Wenn du gestattest, bleibe ich stehen, damit mir das Ganze hier nicht im Nachhinein als plumper Ann�herungsversuch an eine �beraus attraktive und zudem unbekleidete Dame ausgelegt wird. Meine Gef�hrtin hat manchmal eine Zunge wie ein doppelseitig geschliffener Dolch.�</p><p>Nandalee war so verbl�fft, dass sie einfach stehen blieb und gaffte. Der Elf trug eine leichte, wei� lackierte Lederr�stung, zwei Schwertgurte kreuzten sich �ber seiner Brust. Die Waffengriffe ragten �ber seinen Schultern auf. Er l�chelte frech und sah sie ganz unverhohlen an. Nandalee wurde sich unangenehm ihrer Nacktheit bewusst, unterdr�ckte aber den Reflex, ihre Scham zu bedecken, weil sie bef�rchtete, sich in den Augen des Fremden nur noch l�cherlicher zu machen. Die Gef�hrtin, von der er gesprochen hatte, konnte Nandalee nicht entdecken. Woher kam er? Sie war zu benommen, um klar denken zu k�nnen. Gaukelten ihre Sinne ihr diesen Fremden nur vor? Nein, gewiss nicht. In der Stunde ihres Todes w�rde sie doch nicht an einen schamlosen Strolch denken, der sich ihre Lage zunutze machte!</p><p>Der Elf verneigte sich �bertrieben und streckte die Hand vor, als wolle er sie zum Tanz auffordern. �Bitte, meine Teuerste, entferne dich ein wenig vom Feuer. Die Hitze versengt dein Haar. Es wird etliche Monde dauern, bis dieser Schaden herausgewachsen ist.�</p><p>Nandalee konnte es riechen. Ihre Haare! Sie wich vor den Flammen zur�ck, ging jedoch nicht direkt auf den Fremden zu. Sie hatte einen Verdacht, wer er sein musste. Seine Kleidung unter der Lederr�stung war viel zu leicht. Er trug ein langes Seidengewand mit einem Stehkragen und weite wei�e Hosen. Dazu diese �berheblichkeit � Er war ein Sippenloser! Einer von jenen, die sich den Drachen verschrieben hatten.</p><p>Ein tiefer, grollender Laut beendete all ihre �berlegungen. Zwei Trolle traten aus dem Dunkel des Waldes. Nandalee wandte sich ein wenig ab, sodass sie ihre T�towierung nicht sehen konnten. Die riesigen Krieger waren mit Speeren bewaffnet, deren Sch�fte armdick waren. Die Spitzen hatten sie im Feuer geh�rtet. Primitive Waffen, aber in den H�nden von Trollen absolut t�dlich.</p><p>Der Fremde sprach die beiden freundlich an. Er beherrschte ihre Sprache! Das hie�, die Drachenelfen gaben sich auch mit Trollen ab. Das passte ganz zu den Erz�hlungen, die sie �ber die Sippenlosen geh�rt hatte!</p><p>Die beiden Trolle schienen genauso �berrascht zu sein, wie Nandalee selbst es war. Sie verharrten und starrten den Elfen unschl�ssig an. Was der Drachenelf ihnen wohl gesagt hatte? Nandalee umfasste das Messer, mit dem sie ihre gefrorene Kleidung zerschnitten hatte, fester und wich zur�ck. Die Waffe w�rde ihr nicht helfen k�nnen, das wusste sie. Ebenso gut h�tte sie den Trollkriegern mit einer Taubenfeder in der Hand entgegentreten k�nnen.</p><p>Einer der Trolle stie� einen bellenden Ruf aus. Stimmen im Wald antworteten, �ste brachen, die Fackeln schwenkten vom Fluss ab. Auch von dort waren Rufe zu vernehmen.</p><p>�Deine diplomatischen Bem�hungen scheinen nicht zu fruchten, Gonvalon.� Eine schlanke, schwarzhaarige Elfe erschien unter den Schatten der Fichten. In selbstbewusster Ruhe ging sie den Trollen entgegen. Sie trug keine Waffe, und ihre Schritte hinterlie�en keine Spuren im Schnee. Sie wirkte zerbrechlich wie ein Eiskristall. Und genauso kalt. Furchteinfl��end.</p><p>Ein Schaudern �berlief Nandalee. Die Vorahnung nahenden Unheils. Die Elfe w�rdigte sie keines Blickes. Sie lie� sich zwischen ihr und den Trollen nieder, ganz so, wie man in einem Zelt Platz nimmt, in dem man gern gesehener Gast ist.</p><p>Im selben Augenblick gab jener Elf, den die Schwarzhaarige Gonvalon genannt hatte, sein affektiertes Gehabe auf und lief Nandalee entgegen. Ohne sich weiter um Etikette zu scheren, packte er sie. �Lauf! Da sind noch andere. Wir haben keine Zeit zu verlieren.�</p><p>Nandalee vermochte den Blick nicht von der Kriegerin zu wenden. Ihr Kleid war wei� wie Neuschnee. Es lag eng wie eine zweite Haut auf ihrem K�rper. Ein Stehkragen verbarg den langen Hals der Elfe. Silberne Stickereien blinkten im Sternenlicht.</p><p>�Komm endlich!� Gonvalon zerrte an ihr. Sie gab nach, ohne die Elfe aus den Augen zu lassen. Die Dunkelhaarige sa� im Schnee, als wolle sie meditieren � die H�nde auf den Knien, den R�cken durchgedr�ckt, den Hals gestreckt. Der Wind spielte mit ihrem offenen Haar.</p><p>�Ist sie eine Zauberweberin?�</p><p>�Nein, das ist Ailyn�, entgegnete Gonvalon, als sei damit alles gesagt. Sie traten in den Schatten der B�ume. Irgendwo vor ihnen schnaubte ein Pferd.</p><p>�Was tut sie da?�</p><p>�Sie gibt den beiden Gelegenheit, sie nicht anzugreifen.�</p><p>�Was? Das ist doch v�llig ��</p><p>�Bei Tieren ist sie damit erstaunlich erfolgreich.�</p><p>�Aber das sind Trolle! Du willst mir doch nicht sagen, dass sie damit zwei Trolle ��</p><p>Gonvalon zuckte mit den Schultern. �Ich glaube, es ist das erste Mal, dass sie es bei Trollen versucht.�</p><p>Nandalee riss sich los. �Wir m�ssen zur�ck und ihr helfen!� Die beiden Trolle standen nun unmittelbar vor der Elfe. Auch sie schienen verwundert. Einer stupste sie an, als wolle er sichergehen, dass es sie wirklich gab. Der Oberk�rper der Elfe pendelte.</p><p>Der zweite Troll br�llte sie an. Es war ein tiefer Ton, der Nandalee in den Magen drang.</p><p>�Sie tut das f�r dich, und du wirst nicht alles zunichte machen, indem du jetzt zur�ckl�ufst!�</p><p>Der Troll, der geschrien hatte, spuckte der Elfe ins Gesicht.</p><p>Dumpfer Hufschlag erklang vor ihnen im Wald. Pferde? Das war t�richt! Im tiefen Schnee waren sie zu langsam. Sie mochten ein paar Stunden gewinnen, aber die Trolle w�rden sie einholen.</p><p>Der Troll, der die schwarzhaarige Elfe angeschrien hatte, hielt ihr nun die Spitze seines wuchtigen Speers vors Gesicht und stupste damit gegen ihre Stirn. Wieder federte die Elfe leicht zur�ck. Nandalee konnte sehen, dass sie jetzt blutete. Der Troll lachte, packte die Waffe mit beiden H�nden und holte Schwung, um die Elfe mit einem wuchtigen Sto� aufzuspie�en.</p><p>Die Schwarzhaarige machte aus dem Sitz eine Rolle zur�ck. Ein Fu� traf die Speerspitze mit solcher Wucht, dass sie nach oben gerissen wurde. In flie�ender Bewegung kam sie auf die Beine, packte das untere Ende des Speeres und riss daran, sodass die Spitze auf den Hals des Trolls zeigte. Ein Tritt, und die Waffe drang mit solcher Wucht durch die Kehle des Kriegers, dass die feuergeschw�rzte Spitze aus seinem Nacken austrat.</p><p>Noch ehe der H�ne tot in den Schnee st�rzte, hatte die Elfe wieder ihre alte Position eingenommen. Ihre H�nde ruhten mit den Handfl�chen nach oben auf den Knien. Sie wirkte v�llig ruhig, als sei nichts geschehen.</p><p>Der zweite Troll packte seinen Speer wie eine Keule und versuchte, ihr den Kopf einzuschlagen. Die Elfe beugte sich weit vor. Der Hieb verfehlte sie um Haaresbreite. Er stand breitbeinig vor ihr, und Nandalee sah mit Entsetzen, dass weitere Krieger auf die Lichtung str�mten.</p><p>Ein Schnauben lie� Nandalee herumfahren. Vor ihr stand kein Pferd, wie sie erwartet hatte, sondern ein Pegasus. Ein gewaltiger gefl�gelter Rappe. �Steig auf!�, befahl Gonvalon.</p><p>Sie sah den Hengst an und wusste nicht recht, wie sie es anfangen sollte. Aus den Flanken des Rappen wuchsen m�chtige schwarze Schwingen.</p><p>Gonvalon sch�ttelte resignierend den Kopf und sprang dann �ber die Kruppe des Hengstes. Dort, wo bei einem anderen Pferd der Sattel aufgeschnallt gewesen w�re, befand sich ein breites St�ck aus z�hem Leder, auf das mehrere mit Schnallen verstellbare Schlaufen genietet waren. Gonvalon hatte seine F��e durch zwei Schnallen geschoben und einen langen, mit silbernen Amuletten beh�ngten Z�gel aufgenommen. Er streckte ihr die Hand entgegen. �Los, spring auf!�</p><p>Nandalee gehorchte. Etwas schwankend landete sie auf dem Sattel.</p><p>�Du musst deine F��e in die Schlaufen schieben!�, rief Gonvalon, w�hrend der Rappe in leichten Trab verfiel. �Und leg deine Arme um meine H�ften!�</p><p>Der Pegasus trabte auf die Lichtung und spannte seine Fl�gel aus. Kraftvoll schlugen sie auf und nieder, w�hrend er immer schneller lief. Nandalee tat, wie ihr gehei�en, und klammerte sich an Gonvalon. Der verzweifelte Kampf darum, sich in die Luft zu erheben, erinnerte sie an einen Schwan, den sie einmal vor langer Zeit beobachtet hatte. Sieben oder acht Mal hatte er vergebens versucht, auf einem zu kleinen Weiher den Abflug zu schaffen. Die Lichtung war nicht nur klein. Es st�rmten mehr und mehr Trolle aus dem Wald.</p><p>Speere und Eisbrocken flogen ihnen entgegen, aber der Pegasus preschte weiterhin auf die Trolle zu, als ginge von ihnen keinerlei Gefahr aus. Die Kriegerin in dem wei�en Gewand konnte Nandalee nicht mehr entdecken.</p><p>Ein H�ne von einem Trollkrieger winkte mit den Armen und rief Befehle. Er hatte seinen kahlen grauen Sch�del mit Ru� beschmiert und hob sich dadurch deutlich von den anderen ab. Trolle mit wuchtigen Speeren sammelten sich um ihn, und er wies seine K�mpfer offenbar an, einen Wall aus Speeren zu errichten. Sie taten wie gehei�en, setzten das Ende der Waffe im Schnee auf und st�tzten es mit dem zur�ckgestreckten linken Fu�.</p><p>Nandalee hielt den Atem an. Sie rasten geradewegs auf den Lanzenwall zu und ihr sturer Gaul wurde nicht langsamer. Sie wollte loslassen und abspringen, doch Gonvalon bemerkte es und packte sie mit eisernem Griff. �Wir schaffen das!�, rief er mit einer Zuversicht, die den Tatsachen Hohn sprach.</p><p>�ber ihnen erklang schrilles Wiehern. In der Luft! Nandalee blickte auf und sah einen weiteren Pegasus, diesmal einen wei�en, wie einen Falken vom Nachthimmel herabsto�en. Er griff die Trolle mit den Speeren an. Seine schweren Hufe h�mmerten auf Sch�del, der Lanzenwall zerbrach. Die Trolle warfen sich �ngstlich zu Boden, nur der Krieger mit dem Aschengesicht packte einen Speer und schleuderte ihn dem Pegasus entgegen. Das gefl�gelte Pferd versuchte der steinernen Spitze auszuweichen. Nandalees Magen machte einen Satz. Der Rappe hob ab. Endlich begannen sie zu fliegen! Im selben Augenblick traf der Speer den Schimmel und zog eine lange blutige Furche �ber dessen Flanke. Der Pegasus b�umte sich im Flug auf, warf den Kopf zur�ck und wieherte erneut. Ein Laut, in dem gleicherma�en Schmerz und Kampfeslust lagen.</p><p>Der lange Z�gel glitt vom R�cken des Pferdes. Einer der Trolle schnappte danach. �ber ihm erschien eine Gestalt in schneewei�em Kleid � Ailyn! Ein Tritt ins Kniegelenk lie� den Krieger einknicken, ehe er den Z�gel packen konnte, ein Schlag mit der flachen Hand knapp �ber der H�fte brachte ihn zu Fall.</p><p>Der wei�e Pegasus flog eine enge Kehre und glitt so dicht �ber dem Boden dahin, dass seine Fl�gel Schleier aus feinem Pulverschnee aufwirbelten.</p><p>Die Elfe machte einen Salto r�ckw�rts und landete auf den Schultern eines der gest�rzten Trolle. Der H�ne sprang auf und versuchte sie zu packen, doch die Kriegerin nutzte die Kraft seiner Bewegung, um einen zweiten Sprung zu machen, der sie hoch in die Luft trug. In dem Augenblick, in dem Ailyn die Z�gel des Schimmels zu fassen bekam, sah Nandalee den Kriegshammer. Mit einem Kopf, l�nger als ihr Unterarm, drehte er sich um die eigene Achse, beschrieb eine Kurve und traf den Pegasus dicht hinter den N�stern. Die Wucht des Aufpralls riss das fliegende Pferd zur Seite. Es trudelte kurz im Flug, schlug dann hart zu Boden und zerquetschte einen seiner Fl�gel unter seinem eigenen massigen Leib.</p><p>Nandalee beobachtete schreckensstarr, wie Ailyn die Z�gel fahren lie� und es ihr gelang, auf den F��en zu landen.</p><p>�Wir m�ssen sie retten!�</p><p>�Nein�, sagte Gonvalon schlicht, w�hrend der schwarze Hengst weiter den Sternen entgegenflog und sie immer schneller an H�he gewannen. �Nachtschwinge tr�gt schon jetzt zu schwer.�</p><p>�Aber � Du kannst sie doch nicht einfach zur�cklassen!� Nandalee blickte nach unten. Die Trolle hatten einen weiten Kreis um Ailyn gebildet, die neben ihrem Pegasus kauerte und das Fell des sterbenden Tieres streichelte.</p><p>�Sie w�rde es nicht anders wollen�, sagte Gonvalon mit harter Stimme. �An meiner Stelle h�tte sie nicht anders entschieden. Nur du bist wichtig. Es war unser Auftrag, dich zu holen, wenn du w�rdig bist �� Er schien kurz nachzudenken, dann f�gte er hinzu: �Und das bist du.�</p></section><section><title><p>Der Unsterbliche</p></title><p>Artax war nicht unzufrieden, aber er war weit entfernt davon, gl�cklich zu sein. Seine nackten F��e gruben sich in den schlammigen Waldboden. Vor einer halben Stunde war er gest�rzt. Er hatte sich nicht verletzt, aber er war �ber und �ber mit schwarzer Walderde beschmiert. Mit seinem zotteligen Bart sah er aus wie ein wildes Tier. Missmutig starrte er ins Zwielicht. Ob die Gr�nen Geister in der N�he waren? Hatten sie seine Schritte gelenkt, als er st�rzte? Sie hatten hier in der Gegend noch niemandem etwas getan, aber alle Siedler f�rchteten sie, brachten Opfer dar, wenn sie einen Baum f�llen wollten, und legten Felder nur auf den Waldlichtungen und in den Ebenen jenseits der Berge an.</p><p>Die schwarze Erde machte jeden reich, der hierherkam und willens war, hart zu arbeiten. Aber es gab auch �ble Ger�chte �ber die Kolonien, denn nie kam jemand von hier zur�ck. Artax aber, das hatte er sich geschworen, w�rde zur�ckkehren! Sobald er ein reicher Mann war. Reich genug, um sich eine Frau zu kaufen und eine Familie zu gr�nden. Er war nicht wie die anderen, die mit der Zeit diesen seltsamen Blick bekamen und jeden Willen verloren, ihre Heimat noch einmal wiederzusehen. Er w�rde nach Hause gehen. Nach Belbek, in das kleine Dorf, in dem er geboren worden war und in dem er sterben wollte.</p><p>Die B�ume lichteten sich. Fl�chtige warme Nebelschwaden trieben zwischen den riesigen St�mmen. Auf einem niedrigen Ast entdeckte er eine Eidechse, die in der Sonne d�ste, die goldenen Augen mit den schwarzen Schlitzen verdrehte und zu ihm hinabsah. Wie die meisten Tiere hier hatte sie keine Angst vor Menschen.</p><p>Artax wog seine schwere Hacke in den H�nden. Wenn sie nicht zu alt waren, schmeckten Eidechsen recht passabel. Vielleicht w�rde er sie treffen, wenn er die Hacke warf. Misstrauisch blickte er sich um. War da etwas? Im Nebel, gerade au�erhalb seines Gesichtsfeldes? Die Gr�nen Geister mochten J�ger nicht. Er hatte da Geschichten geh�rt �</p><p>Artax l�chelte. Die neue Welt war voller Geschichten und Ungewissheiten. Nur eines war sicher � die Felder brachten bis zu drei Ernten im Jahr. Es war eine endlose Plackerei, aber der Weizen von hier erzielte H�chstpreise, wenn er �ber die Pfade der Unsterblichen zur�ck in die Heimat gebracht wurde. Man musste nur hart arbeiten und dann �</p><p>In breiten goldenen Bahnen schnitt das Sonnenlicht durch das Bl�tterdach. Das Unterholz lichtete sich. Er schritt kr�ftiger aus, um den Wald endlich hinter sich zu lassen. Die Erde schmatzte bei jedem seiner Schritte, quoll zwischen seinen Zehen hindurch, als wolle sie ihn halten. Deutlich konnte Artax jetzt die Lichtung sehen. Tiefschwarze Felsbrocken ragten zwischen goldenen �hren. Ein paar Tage noch, dann k�nnte er ernten. Zwei Wagenladungen mit Weizens�cken w�rde allein diese Lichtung bringen. Aber es war eine verdammte Plackerei. Die Felder waren weit verstreut und jeder der Waldbauern, die hier lebten, hatte mit seiner eigenen Ernte zu k�mpfen. Man traf sich nur selten in der Erntezeit, etwa wenn man sich mit dem Vieh aushalf oder in der Gaststube beieinandersa�. Doch der Weg zur Gaststube war weit und er selbst in der Erntezeit meist so ersch�pft, dass er wochenlang niemanden sah. Au�er seinen Tieren nat�rlich, die aber vor allem eines von ihm wollten: versorgt sein. Der Hund, den er sich mitgebracht hatte, um weniger einsam zu sein, war gleich in der ersten Woche verschwunden. Vielleicht hatten die Gr�nen Geister ihn geholt? Artax l�chelte, als er sich f�r einen kurzen Augenblick seinen Tagtr�umen hingab. Er, der von der Arbeit nach Hause kam, und seine Frau, die bereits mit dem Essen auf ihn wartete. Die Kinder, die ihn willkommen hie�en, und die beiden �ltesten, die sich bereits um die Tiere gek�mmert hatten. Bei Tisch w�rden sie einander von den Erlebnissen des Tages erz�hlen und sp�ter dann, wenn die Kinder zu Bett gegangen waren, w�rde er mit seiner Frau beieinandersitzen und gl�cklich sein. Das einfache Leben eines einfachen Mannes � ein gutes Leben, wie Artax fand. �ber die Jahre hin hatte die Frau seiner Tr�ume, die anfangs nur aus Eigenschaften bestand � wie eine gute K�chin und selbstverst�ndlich auch treu zu sein �, immer konkretere Formen angenommen. Drahtig war sie, mit kleinen, festen Br�sten und langem schwarzen Haar, das sie nach hinten band, damit es sie bei der Areit nicht st�rte. Ein lebhaftes Gesicht hatte sie und einen eigenen Kopf. Sie neckten einander oft, und dass er dabei manchmal auch den K�rzeren zog, st�rte ihn nicht. Sie hatte eigene Tr�ume, eigene Ziele und Vorstellungen, und auch wenn sie ihn manchmal �fter infrage stellte, als ihm lieb war, erweiterten ihre Gedanken doch seinen Horizont und befl�gelten ihn. Und sie hatte Prinzipien, klare Vorstellungen von Gut und B�se, die sich mit den seinigen deckten. Das war ihm wichtig. Manchmal sprachen sie auch �ber Dinge, die Bauern nicht zustanden. Was falsch lief im Dorf und in der Welt und wie man zumindest ihr Dorf zu einem besseren Ort machen k�nnte. Und wenn dann der Schalk in ihren dunklen Augen aufblitzte, sie ihn k�sste und sich an ihn dr�ngte, dachte er manchmal, dass es der freie Geist und ihre Unbeugsamkeit war, die er am meisten an ihr liebte. In Gedanken nannte er sie Almitra. Seine kleine, dickk�pfige, unersch�tterliche Almitra. Lachend sch�ttelte er den Kopf und schalt sich einen Narren. So w�rde er niemals eine Frau finden, dachte er, denn wie sollte eine B�uerin je der Frau seiner Tr�ume gerecht werden k�nnen? Die Bauersfrauen, die er kannte, hatten wogende Br�ste und Schenkel wie Berge und sie sprachen �ber Krankheiten, von Kindern und Vieh. In ihren Tagtr�umen dachten sie sicherlich an eine kr�ftige Sklavin, nicht so h�bsch, dass sie ihren Mann verwirrte, die an ihrer Stelle zum Brunnen ging oder zum Waschplatz am Fluss, oder einfach an ein besseres Leben an der Seite eines wohlhabenderen Mannes. Am Abend waren sie ebenso ersch�pft vom Tagwerk, wie er selbst es war, und hatten keine Zeit und vermutlich auch keinen Sinn f�r Gedanken �ber die Welt und den Sinn des Lebens. Ein Ast schlug ihm ins Gesicht und holte ihn zur�ck in die Wirklichkeit. Er strich ihn beiseite. Immerhin � die Furcht, die er gerade noch vor den Gr�nen Geistern empfunden hatte, war verschwunden.</p><p>Artax trat ins Sonnenlicht und atmete erleichtert auf. Irgendwo hinter ihm im Wald erklang ein klagender Vogelruf. Etwas tr�ufelte auf seine Wange. Regen? Er legte den Kopf in den Nacken. Vereinzelte Wolken trieben tief �ber den Baumkronen des gro�en Waldes. Er wischte sich �ber die Wange. Die Finger waren rot. Das war Blut!</p><p>Ungl�ubig starrte er zu den Wolken. Blutregen! Davon hatte er noch keine Geschichte geh�rt. Das war � Er hielt inne und starrte wie gebannt auf die dunklen Umrisse einer Gestalt, die �ber ihm aus den Wolken st�rzte. Sie fiel schnell, ruderte mit den Armen und schlug dann mit einem m�rderischen Krachen keine drei Schritt vor ihm auf einen der schwarzen Felsbrocken.</p><p>Artax verlor keine Zeit. Er eilte zu dem Himmelskind, obwohl ihm klar war, dass ihm nicht mehr zu helfen war. War es ein Mensch? Was war ihm geschehen? Artax� Gedanken rasten. Der Leib des Toten war grotesk verdreht. Sein Kopf war silbern � Nein! Er trug einen Maskenhelm � geformt wie ein L�wenhaupt und mit Locken aus getriebenem Gold. Eine kunstfertige Hand hatte Figuren in die oberste Stoffschicht des Leinenpanzers gestickt und mitten auf der Brust prangte ein L�wenkopf aus geh�mmerter Bronze. Augen aus Bernstein und Onyx blickten Artax an. Der Fremde war ein Krieger gewesen. Nein, so kostbar wie der Helm und der Leinenpanzer waren, musste er ein F�rst gewesen sein. Vielleicht sogar ein Satrap.</p><p>Ein Sichelschwert mit t�ckisch gebogener Klinge, das er selbst im Sturz nicht losgelassen hatte, war dem Toten nun aus der Hand geglitten. Artax tastete ungl�ubig nach der Waffe. Solche Klingen waren wahrlich Satrapen und K�nigen vorbehalten.</p><p>Etwas schlug nicht weit entfernt in den weichen Boden. Ein weiterer K�rper? Artax sah sich suchend um, aber der hohe Weizen verbarg den zweiten Himmelssohn vor seinem Blick. Der Bauer blickte zu den Wolken auf. Er ahnte, was dort oben geschah. Man sprach nur hinter vorgehaltener Hand davon. Nur unter Freunden. Es hie�, dass es Rebellen gab, die sich von den Unsterblichen abgewandt hatten und das Gr�ne Licht anbeteten. Ein ehemaliger Satrap sollte ihr Anf�hrer sein. Andere behaupteten, er sei ein Prophet und das Gr�ne Licht sei in ihm. Tarkons Wolkensammler �berfielen gelegentlich Kauffahrer hoch in den L�ften. Vielleicht war Tarkon Eisenzunge auch einfach nur ein Wolkenpirat, dachte Artax. Ein besserer R�uber und Halsabschneider, um den Tagtr�umer, wie er selbst einer war, an einsamen Tagen gro�artige Geschichten gesponnen hatten. Pirat.</p><p>Eine Wolkenbank verstellte Artax den Blick auf den Himmel �ber der Lichtung. Erleichtert, keines der schwebenden Schiffe zu sehen, atmete er aus. Schon einige Male hatte er die Wolkensammler beobachtet, wenn der Himmel klar war. Und jedes Mal hatte ihn Entsetzen gepackt. Sie waren einer der Gr�nde, warum er diese Welt ganz sicher verlassen w�rde, sobald er sein Geld gemacht hatte.</p><p>Ein Ger�usch im hohen Weizen lie� ihn herumfahren. Was Artax erblickte, lie� seinen Herzschlag stocken. Er riss den Mund auf, stammelte etwas und wich erschrocken zur�ck. Dann blinzelte er. Das musste ein Trugbild sein! Eine T�uschung, vielleicht ein Zauber, den die Gr�nen Geister gewoben hatten? Durch den h�fthohen Weizen schritt eine Gestalt, die ihm seit seiner fr�hesten Kindheit vertraut war. Tausende Male hatte er sich in ehrf�rchtigem Gebet vor ihr verneigt, sein Gesicht auf die Schilfmatten des kleinen Dorftempels gepresst und Worte der Ehrfurcht und der Unterwerfung gefl�stert. Das G�tterbild im Tempel war in rissigen blassen Farben gehalten; ein Priester hatte es zu Lebzeiten seiner Gro�eltern auf den Altar gemalt. Er war kein K�nstler gewesen, und doch erkannte Artax die Gestalt vor ihm im Weizen sofort. Sie war gr��er als ein Mensch. Vielleicht zweieinhalb Schritt hoch. Der K�rper von muskul�ser Gestalt, die Haut sonnengebr�unt. Der L�wenkopf auf den Schultern jedoch unterschied sie von jedem Sterblichen � der Devanthar, der das Reich Aram besch�tzte! Der Gabenbringer, der die Fr�chte auf den Feldern reifen lie�! Der Blitzeschleuderer, der finstere Gewitterwolken am Himmel versammelte! Der Schlachtenlenker, der aus den Kopftroph�en der Erschlagenen einen Turm errichtet hatte, der bis in den Himmel reichte!</p><p>Artax sank ehrf�rchtig auf die Knie und kroch r�ckw�rts von dem Toten fort. �Ich � Ich habe nichts getan�, stammelte er �ngstlich.</p><p>Aber der L�wenh�uptige ignorierte ihn, kniete stattdessen neben dem Leichnam auf dem Fels nieder und fauchte. Lange, schlanke Finger �ffneten die Schlie�en des Maskenhelms. Blut quoll darunter hervor. Artax wandte sich ab, presste sein Gesicht in den Schlamm und stammelte Worte der Demut. Der Himmelsherrscher war aus seinem Weizen erwachsen! Der Devanthar, dem das Reich Aram untertan war!</p><p>Artax hoffte inst�ndig, dass der L�wengott mit dem Toten davoneilen w�rde.</p><p>Etwas ber�hrte seine Schulter. �Sieh mich an!� Die Stimme war freundlich, doch von einem Klang, der keinen Widerspruch duldete, kein Z�gern.</p><p>Zitternd hob Artax den Kopf. �Ich habe ihn nicht ber�hrt. Ich ��</p><p>�Schweig!� Goldene Raubtieraugen mit langer, geschlitzter Pupille ma�en ihn mit absch�tzendem Blick. �Du hast seine Gr��e und du bist von stattlicher Figur. Wie ein Krieger.�</p><p>�Ich bin ein Bauer, G�ttlicher. Ich bin ein Nichts.�</p><p>Der Devanthar blickte zu dem schwarzen Felsen im Weizenfeld. �Dort dr�ben liegt Aaron der Erleuchtete, Herrscher aller Schwarzk�pfe, Wanderer zwischen den Welten, K�nig der K�nige. Einer der sieben Unsterblichen.�</p><p>Artax keuchte. Die Sieben Unsterblichen kannte jedes Kind. Sie z�hlten ihr Alter nach Jahrhunderten. Sie verkehrten mit den G�ttern. Zweifelnd blickte er zu der zerschmetterten Gestalt. Waren sie nicht <emphasis>unsterblich</emphasis>?</p><p>�So ist es!�, sagte der L�wenh�uptige, als k�nne er in seinen Gedanken lesen. �Wenn sie sterben, ist das schlecht f�r die Moral. � Der Devanthar streckte die Hand aus und strich ihm �ber das Gesicht. Artax durchfuhr ein Schmerz, als griffe der L�wenk�pfige mit gl�henden Krallen durch das Fleisch hindurch und direkt nach seinen Sch�delknochen. Zugleich mit dem Schmerz tosten unglaubliche Bilder durch seinen Verstand. Tausende, die vor ihm niederknieten. Frauen, so sch�n, dass ihm das Herz stockte. Sie hatten ihn geliebt. Sein Gesicht zuckte, als w�rden Fleisch und Haut von innen heraus in eine neue Form gezogen. Ja, sogar seine Knochen schienen sich zu bewegen und seine Z�hne scheuerten gegeneinander, als sie sich in geraden Reihen ausrichteten. Tr�nen schossen ihm in die Augen, als sich sein R�cken streckte und jeder einzelne seiner Wirbel knackte. All die Lasten, die seine Schultern gedr�ckt hatten, die aus ihm vor der Zeit einen gebeugten Mann gemacht hatten, waren von ihm genommen. Das Fett des guten Lebens in der neuen Welt schmolz von seinen H�ften. Aber all dies war nichts gegen die Bilder, die seinen Kopf fluteten. F�rsten lagen auf Knien und flehten um ihr Leben. Ein Weib, sch�n wie die Morgend�mmerung, wurde von wilden L�wen zerfleischt. Ein dunkler Ort, geh�tet von einem M�rder, dr�ngte sich in seine Gedanken. Dort wurde auf seinen Befehl hin gestorben. Frauen umwarben ihn. Dutzende! Eine sch�ner als die andere. Sie taten Dinge mit ihm �</p><p>Er schrie auf. Schloss die Augen, doch die Bilder blieben. Er schlug sich mit den F�usten vor die Schl�fen, raufte sein Haar, doch die Bilder blieben. Der Schmerz linderte lediglich die Intensit�t der Trugbilder. Wie konnte das sein? Er hatte nie auch nur eine Frau ber�hrt � Almitra einmal ausgenommen, aber diese Begegnungen existierten nur in seiner Fantasie und blieben auch in vielen Details eher unscharf und vage. Die Frauen, die ihm tats�chlich begegneten, sahen sich nicht einmal nach ihm um! Er war zu arm! Sein Verstand gaukelte ihm all das nur vor?! Wie konnten Bilder Erinnerungen gleich in ihm sein, die nicht die seinigen waren? K�rper, Orte, Taten, Gef�hle, wie er sie sich bislang in seinen wildesten Tr�umen nicht h�tte ausmalen k�nnen und von denen er auch ganz gewiss niemals hatte erz�hlen h�ren. Er f�hlte sich wie ein Gef��, das zugleich leer und �bervoll war. Er fand sich in sich selbst nicht mehr zurecht.</p><p>�Erhebe dich, Aaron! Du hast gro�es Gl�ck gehabt!� Die Stimme des L�wenh�uptigen ber�hrte seine Seele, und als habe der Devanthar ihn aus seiner Starre geweckt, �berrollte Artax eine Welle aus Demut und Dankbarkeit. Endlich wagte er es, in das Antlitz des Gottes zu blicken � und erstarrte erneut. In dem Raubtiergesicht spiegelte sich blanker Zorn.</p><p>Artax schlug das Herz bis zum Halse. Was hatte er getan? Wie hatte er das Missfallen des Gottes erregt?</p><p>�Der Dolch fehlt.� Die Stimme durchdrang ihn wie eine Bronzeklinge.</p><p>Voller Schrecken blickte Artax an sich hinab. Er trug jetzt die R�stung des Toten! Um seine H�ften war ein Wehrgeh�nge geschlungen, links hing nun das Sichelschwert in einer Lederschlaufe, rechts hingegen war nur eine leere Dolchscheide.</p><p>�Ich wei� nicht ��, stammelte Artax verzweifelt. �Ich habe nicht �� Er verstummte abrupt. Seine Stimme klang, als spr�che ein Fremder! Sie war dunkler. Der Ton bestimmender, obwohl er ganz gewiss nicht so hatte klingen wollen.</p><p>Der Devanthar zog die Lefzen zur�ck und entbl��te Fangz�hne, gro� genug, um mit einem Zuschnappen einen Arm abzutrennen. �Du musst den Dolch beim Sturz verloren haben.� Seine Stimme klang nicht bedrohlich. Eher in sich gekehrt und nachdenklich.</p><p>Artax wollte schon aufatmen, als sich etwas K�hles, Feuchtes um seinen Kopf schloss. Schatten bedr�ngten sein Gesichtsfeld. Sein Kopf f�hlte sich an, als dr�cke ihn ein M�hlstein in eine andere Form. Etwas troff an seiner Nase herab und benetzte seine Lippen. Ein warmer, metallischer Geschmack breitete sich in seinem Mund aus. Blut! Bis ins Mark erschrocken, griff er nach seinem Kopf, und seine Finger ber�hrten kaltes Metall.</p><p>�Das neue Zeichen deiner W�rde, Artax�, sagte der Devanthar feierlich. �Der Maskenhelm des unsterblichen Aaron, Herrscher aller Schwarzk�pfe.�</p><p>Artax tastete ungl�ubig nach seinen Wangen. Die Maske des Helms lag auf seinem Gesicht auf, wie eine starre silberne Haut. Sein �ppiger Bart wurde von dem Metall gegen sein Kinn und seine Kehle gepresst. Dicht �ber der Brust weitete sich der Kehlenschutz, sodass sein Bart darunter hervorquellen konnte. Der Helm roch fremd. Er konnte das warme Blut des vom Himmel gest�rzten Unsterblichen auf seiner Haut sp�ren.</p><p>Artax starrte zu dem Felsen, auf dem � nun nackt � der Leichnam Aarons lag. Die Glieder des K�nigs waren grotesk verdreht. Sein Gesicht sah aus, als sei es verrutscht. Eine z�he rote Masse quoll aus seiner Nase. Nur sein Bart hatte seine W�rde behalten und war, ge�lt und zu Locken gedreht, auf wunderbare Weise in Form geblieben.</p><p>Artax tastete nach seinem eigenen Bart. Das Haar war weicher als gewohnt und etwas �liges haftete an seinen Fingern. Er f�hrte die Hand zu den Nasenl�chern im Maskenhelm � Rosen�l!</p><p>�Du bist jetzt ein Unsterblicher, Artax. Du wirst nie wieder einen Bart haben, der aussieht, als h�ttest du darin einer M�usefamilie Zuflucht gew�hrt.� Der Devanthar lachte, doch es klang falsch. Es war ein Laut, der Artax das Herz gefrieren lie�.</p><p>Eine fl�chtige Geste des L�wenh�uptigen lie� den Leichnam wie von Geisterhand gepackt �ber dem Fels schweben und Artax schlug erschrocken das Zeichen des sch�tzenden Auges.</p><p>Wieder lachte der G�ttliche. �Willst du mich bannen? Deinen G�nner!� Ein Wink des Devanthar und der Leichnam wurde in den Wald geschleudert.</p><p>Artax h�rte d�rres Ge�st splittern und blickte zum Waldrand. Der Leichnam war verschwunden. Vor einer Stunde war er Aaron, der Herrscher Arams, gewesen. Ein Mann von fast g�ttlicher Macht. Und nun w�rde man ihn nicht einmal beerdigen, war er nur noch ein St�ck Aas und � Artax stockte. Aaron? Wer war Aaron? Sein Mund war staubtrocken. �Ich bin ��, stammelte er und erstarrte. Horchte furchtsam in sich hinein, in seine Erinnerungen, seine Gedanken � und fand sich nicht. Er war nicht mehr allein in seinem K�rper! Wie konnte das sein? Dieser Aaron war auch hier. Stand neben ihm, war in ihm, unter ihm, beanspruchte Raum in seinem Geist, seiner Erinnerung seinem F�hlen. Dieser Aaron war <emphasis>er selbst</emphasis>! Und zugleich war er, Artax, noch immer da. Nat�rlich war er da! Ich bin ja ich, dachte er. Da ist ein Fremder in meinem Kopf, dachte er. Ich bin der Fremde. Ich bin �</p><p>�Ich bin nur ein Bauer. Ich kann nicht ��</p><p>�Du willst mir widersprechen?� Der L�wengott bleckte die Z�hne.</p><p>�Ich wei� doch gar nichts �ber ��</p><p>�Falsch! Denk nach! Du wirst dich an jedes Wort der Rede erinnern, die du deinen Kriegern gehalten hast, als ihr vor drei Tagen mit dem Palastschiff aufgebrochen seid. Du erinnerst dich an die Schlacht �ber dem Brennenden Berg. An deinen Harem. Du erinnerst dich an alles, was sich in Aarons Leben ereignete! Und an alles, wovon er je getr�umt hat. Das Schicksal hat dir das gr��te Geschenk gemacht, das je einem Menschen zuteil wurde. Sei kein Narr!�</p><p>Nat�rlich wollte Artax ein Unsterblicher sein! Ein Unsterblicher � wieso nicht? Dumm war nur, dass der Betrug binnen einer einzigen Stunde auffliegen w�rde, selbst wenn er die Erinnerungen des Toten besa�. Er war doch nur ein Bauer! Man w�rde bei Hof merken, wenn er selbst �ber kleinste Dinge erst nachdenken musste � und das musste er. Diese Flut an fremden Erinnerungen war da. Irgendwie ein Teil von ihm. War verf�gbar. War einsetzbar. Aber er beherrschte sie nicht. Er musste sich an seine Erinnerungen erinnern � Was f�r ein verdrehter Unsinn! Und doch wahr! So viele Bilder waren da, wenn er nur einen Herzschlag lang innehielt und sich ihnen �ffnete. Konnte man in Bildern ertrinken? Sie machten ihm Angst. Weil er sich nicht mehr zurechtfand in sich selbst. Es war wie mit den K�hen. Wenn er von einer Sekunde auf die andere im K�rper einer Kuh stecken w�rde, die gerade ein Kalb gebar, wenn er mit einem Mal alles Wissen dieser Kuh h�tte � ihm schauderte, als er an die letzte Geburt eines Kalbes dachte, der er beigewohnt hatte � und das mit dem Geb�ren beginnen w�rde � dann w�rde er vielleicht <emphasis>wissen</emphasis>, was zu tun war. Aber er war doch niemals gefragt worden, ob er diese Erfahrung �berhaupt machen <emphasis>wollte</emphasis>! Und er k�nnte das Ganze dann ja auch nicht der Kuh �berlassen. Er m�sste es ja selbst miterleben. Er w�re dann ja ein Teil dieser Kuh. Oder auch die Kuh selbst. Oder � Nein, unterbrach er sich harsch, h�r auf damit. Es geht nicht um K�he, es geht um K�nige! Palastschiffe! Harem! Untertanen! Na gut, das mit dem Krieg, das war etwas anderes. Aber die Untertanen. Der Palast. Und � die Frauen. Vorsichtig lugte er in jenen neuen Teil von sich hinein � und sp�rte, wie er rot wurde. Aaron war ein ziemlicher Weiberheld gewesen. Nein, korrigierte sich Artax und grinste pl�tzlich, <emphasis>er</emphasis> war ein ziemlicher Weiberheld. Langsam gefiel ihm dieses Gedankenspiel. Er dachte an das Sprichwort von dem d�mmsten Bauern mit den dicksten Kartoffeln und wog im Geiste seine Ehre gegen Reichtum und Frauen ab. Auf den Ruhm konnte er gut verzichten, die anderen beiden Punkte hingegen � Und wenn er die Sache mit den Kriegen beiseitelie�e und sich stattdessen eher auf erfreulichere Dinge � Auf der anderen Seite, unterbrach er sich � was dachte er da �berhaupt? So kannte er sich gar nicht. War er nicht Artax, der klare Ziele im Leben hatte, klare Vorstellungen von dem, was gut und richtig war? Und was w�rde seine ertr�umte Almitra von ihm denken? Der w�rde ein Kerl wie dieser Aaron gewiss nicht gefallen! Wollte er ein Leben in Tr�umen gegen einen Traum, der ein Leben geworden war, tauschen? Wollte er? Nat�rlich! Was waren das �berhaupt alles f�r Gedanken? Das war ja zum M�usemelken. Wie nach einem langen Tag Arbeit auf dem Feld bei sengender Hitze und ohne Kopfbedeckung. Man bekam einen Sonnenstich davon und wurde ganz wunderlich. Jetzt f�hlte er sich auch ganz wunderlich. Er war krank. Das war es. Er war einfach krank und der Schlag auf den Kopf hatte selbst sein Traum-Ich durcheinandergewirbelt wie der Wind das Heu auf den Feldern. Wenn er wieder zu sich kam, w�rde sein Kopf noch eine Zeitlang brummen, aber dann w�rde er auch wieder gesund werden. Bestimmt! Er kannte sich mit Tr�umen aus. Tagtr�umen von Almitra, Nachttr�umen von W�lfen, die seine Ziege rissen. Dumm war nur, dass es sich gar nicht anf�hlte, als w�rde er tr�umen. Unsicher horchte er in sich hinein, aber ein leiser Zweifel blieb.</p><p>Der Devanthar riss ihn aus seinen Gedanken. �Mach es schlecht, und ich werde einen W�rdigeren als dich finden.� Er deutete zum Wald, dorthin, wo der Leichnam Aarons im dichten Unterholz lag. �Du wei�t, wie leicht es ist, dich zu ersetzen.�</p><p>Ein sich schlangenhaft windender fleischiger Arm sank aus den Wolken herab. Ein b�rtiger Krieger in schwarzem Leinenpanzer hielt sich daran fest. Er war von gedrungener Gestalt und erinnerte Artax an einen Ringer, den er einmal auf einem Markt gesehen hatte. Seine Oberarme waren so dick wie die Oberschenkel eines normalen Mannes. Dicht �ber den �hren sprang der Krieger ab und rannte auf ihn zu. Ein Blick in den Gesichtsausdruck des Fremden � er hie� Juba, stellte Artax fest, und er � nein, dieser Aaron kannte ihn gut � lie� ihn erleichtert aufatmen. Er w�rde nicht k�mpfen m�ssen. Noch nicht.</p><p>Artax blickte verstohlen zu dem schwarzen Felsen, auf dem der Leib des Unsterblichen aufgeschlagen war. Alle Blutspritzer waren verschwunden.</p><p>�Er hat gro�es Gl�ck, gehabt, Juba�, sagte der Devanthar und klang erleichtert. �Aber ich f�rchte, er ist ein wenig durcheinander. �</p><p>Juba war fast einen Kopf kleiner als Artax. Er stapfte auf ihn zu und schloss ihn so fest in die Arme, dass Artax die Luft aus den Lungen gepresst wurde. �Mir ist das Herz stehen geblieben, als ich Euch �ber Bord st�rzen sah! Gut, dass Ihr einen so m�chtigen Besch�tzer habt, Erhabener!� Jubas hartes, wettergegerbtes Gesicht verunzierte eine breite wei�e Narbe, die seine linke Braue spaltete und sich �ber die Wange fortsetzte. Vor wenigen Augenblicken noch h�tte Artax vor einem Kerl wie ihm voller Furcht Rei�aus genommen. Bauern hatten von Kriegern nie Gutes zu erwarten, nicht einmal in der neuen Welt. Doch dieser Haudegen schien sein bester Freund zu sein und seine Erleichterung wirkte durch und durch echt. Au�erdem schien er nicht allzu viel auf die Regeln des k�niglichen Hofstaats zu geben. Artax war sich � auch ohne in den fremden Erinnerungen zu forschen � recht sicher, dass es nicht zum �blichen Umgang geh�rte, einen Unsterblichen zu umarmen.</p><p>�Die Meuchlerin haben wir erledigt�, bemerkte Juba und blickte scheu zum L�wenh�uptigen. �Sie war � eigenartig.�</p><p>Etwas in diesem Blick beunruhigte Artax. Wor�ber wollte Juba nicht sprechen? Pl�tzlich waren seine Gedanken voller fremder Bilder. Er sah eine ungew�hnlich schlanke Frau, die auf einem fliegenden Pferd ritt. Sie lenkte ihr Himmelsross �ber das Deck des Wolkenschiffes, sprang aus dem Sattel und griff ihn mit einem riesigen Schwert an. Erschrocken war er vor ihren wuchtigen Hieben zur Reling zur�ckgewichen. Ohne ihn aus den Augen zu lassen, hatte sie mehrere seiner Leibw�chter niedergemacht. Ihre Klinge schnitt durch Bronze, Fleisch und Knochen, als sei es Seide. Er war voller Entsetzen vor dem Schwert auf die Reling des Schiffes gestiegen. Sie hatte ihn angel�chelt. Eine Frau wie diese Meuchlerin hatte er noch nie gesehen. Dann war er abgerutscht. Er hatte keine Angst gehabt, war voller Vertrauen auf seine verwunschene R�stung gewesen, hatte gehofft, dass Juba die Meuchlerin lebend gefangen nahm. Er hatte sie in seinem Bett haben wollen, ehe sie hingerichtet wurde. Und er hatte an einen alten Hohepriester gedacht, der Intrigen sponn, um die Macht des Tempels zu erweitern. Hatte dieser die Meuchlerin geschickt? Konnte der Priester �ber solche Gesch�pfe gebieten? M�rderinnen, die auf fliegenden Pferden ritten, die es nur in M�rchen geben sollte? Artax sch�ttelte den Kopf. Aaron war ein Weiberheld und ansonsten ein Feigling. Irgendwie erinnerte ihn der Unsterbliche an Siran. Siran war der reichste Bauer in Belbek gewesen. Drei Ziegenherden geh�rten ihm. Er konnte jedes M�dchen aus dem Dorf haben, wenn er nur wollte. Drei Hochzeitsfeste hatte er schon gehabt, aber behandelte sie wie Dreck. Und wenn die W�lfe aus den Bergen kamen, wenn die Winter zu lang waren, dann war nicht er es, der seine warme H�tte verlie�. Aaron war genauso ein Drecksack. Vielleicht sollte er sich nicht zu sehr vor seiner neuen Herrschaft f�rchten. Die gro�e Welt war gar nicht so anders als sein Dorf. Nur gr��er halt und vielleicht auch �</p><p>�Erhabener?� Juba sah ihn stirnrunzelnd. �Geht es Euch gut, Erhabener?�</p><p>Artax nickte wortlos.</p><p>�Wir haben die Meuchlerin zur Strecke gebracht!�</p><p>Artax musste an die zweite M�rderin denken, die unter dem Rumpf des Wolkenschiffes gelauert hatte. Sie war ihm ganz nahe gekommen und hatte gar nicht kriegerisch ausgesehen, in ihrem langen wei�en Gewand mit dem steifen Kragen. Der Wind hatte in ihrem schwarzen Haar gespielt. Sie war noch sch�ner als die Meuchlerin an Deck gewesen. Zu sch�n!</p><p>Juba trat einen Schritt von ihm zur�ck und musterte ihn. �Geht es Euch wirklich gut, Erhabener? Habt Ihr Euch nichts gebrochen?�</p><p>Artax hob seine Arme und schwang sie. �Alles im Saft�, grinste er und bekam zunehmend Spa� an der Sache.</p><p>Der Devanthar bedachte ihn mit einem finsteren Blick. Zweifellos f�hrte er sich gerade wohl nicht ganz so auf, wie es sich f�r einen Unsterblichen geziemte.</p><p>�Ich sagte ja schon, er ist ziemlich durcheinander�, erkl�rte der G�ttliche.</p><p>�Und dazu hat er verdammt auch jedes Recht. Er ist mehr als zweitausend Schritt in die Tiefe gest�rzt. Ich hatte bef�rchtet �� Juba sch�ttelte den Kopf. �Es ist ein Wunder, dass er lebt!� Er verneigte sich tief vor dem L�wenh�uptigen. �Danke, Himmlischer. Ihr wisst, ich bin nicht gut mit Worten. Aber mein Herz springt vor Freude.�</p><p>�Er ist ein Unsterblicher�, sagte der L�wenh�uptige leichthin.</p><p>Artax war schockiert. Vor ihm stand ein Gott. Ein Himmelsgeborener! Und er betrog die Menschen. Ein Gott, der mit leichter Zunge L�gen erz�hlte!</p><p>Der L�wenh�uptige warf ihm einen kurzen Blick zu. Gewiss konnte der Devanthar in seinen Gedanken lesen. Ich sollte mich vor ihm h�ten, dachte Artax. Noch brauchte der G�ttliche ihn. Aber wie lange noch? Er musste vorsichtiger sein. Erst einmal abwarten, wie der Weizen gedieh, und sich danach �ber die Ernte freuen.</p><p>Aus den Augenwinkeln bemerkte Artax eine Bewegung am Himmel und blickte auf. Ein Gebilde, das an ein langes Flussboot erinnerte, sank an Seilen aus den Wolken herab. Zuckende Fleischarme begleiteten es. Tentakel! Das Wort dr�ngte aus dem fremden Bewusstsein herauf und �ngstigte ihn.</p><p>Artax hatte das Gef�hl, dass sein Leben so gut wie verwirkt war. Der Devanthar w�rde ihn sicherlich bei n�chster Gelegenheit durch einen anderen falschen Unsterblichen ersetzen, wenn er es nicht endlich schaffte, seine Sache besser zu machen. Also los, dachte er, mach schon. Sei ein K�nig! Dann gewinnst du auch den Harem!</p><p>�Es war ein interessanter Flug�, sagte er und hoffte dabei nicht zu verkrampft zu wirken. �Aber ich bin froh, wenn ich wieder an Bord bin.�</p><p>Juba sah ihn mit gro�en Augen an. �Ein interessanter Flug?�</p><p>Die bernsteinfarbenen L�wenaugen schienen Artax mit Blicken aufspie�en zu wollen. Auch das war wohl nicht die Art gewesen, wie ein K�nig reden sollte. Verdammt, aber wie redete er denn nun, dieser K�nig? Artax schnaubte stumm und w�hlte in seinen neuen Erinnerungen. Eine Rede vor den Untertanen? Das war wohl auch nicht das Richtige f�r die jetzige Situation. Ein Gespr�ch mit einer seiner � Konkubinen? Auch so ein Wort, das er noch nie im Leben geh�rt hatte. Aber nein. Hier vielleicht �</p><p>Juba brach in schallendes Gel�chter aus. �Zumindest ist Euch Euer Humor nicht abhandengekommen.� Er schlang ihm einen seiner Ringerarme um die H�ften und zog ihn mit sich mit, dorthin, wo das seltsame Boot zwischen den �hren aufsetzen w�rde.</p><p>Artax fiel ein Stein vom Herzen. Etwas geschwollen daherzuparlieren war also doch nicht so falsch gewesen. Erleichtert strahlte er Juba an, der unbeirrt fortfuhr: �Wir sollten einen guten Roten auf Euren Himmelsflug trinken. Und Ihr m�sst Euch diese Meuchlerin ansehen, Erhabener.� Pl�tzlich wirkte der Krieger befangen. �Sie ist � unheimlich.�</p><p>Artax nickte. Da war es schon wieder, eines dieser Dinge, auf die er gern verzichtet h�tte. W�hrend er beflissen l�chelte und Juba zu Aarons � seinem � Schiff folgte, setzte er �unheimlich� auf seine Liste der Dinge, die er gern vermeiden w�rde. Direkt unter �Kampf� und �Krieg� und � das wurde ihm im Vergleich zu Aarons Gedanken in seinem Kopf immer deutlicher bewusst � �Feigheit�.</p></section><section><title><p>Pferde�pfel und Feuerwasser</p></title><p>Nandalee war am Rande der Ohnmacht, und ihre Augenlider f�hlten sich an wie Blei. Sosehr sie auch dagegen ank�mpfte, sie nickte immer wieder kurz ein. Kaum einen Herzschlag lang. Sie durfte nicht schlafen! Durfte nicht! Wenn sie hier einschlief, stehend auf dem R�cken eines Pegasus, w�rde sie im n�chsten Augenblick in den Tod st�rzen. Sie hielt Gonvalon eng umschlungen. Eine unnat�rliche W�rme umgab den Krieger, und Nandalee wusste, dass sie nur deshalb noch lebte. Der Elf hatte sie mit einem Zauber umwoben, so wie man einen Mantel um die Schultern eines Frierenden legte. Sie war nackt, ihr Haar voller Eis, und sie stand auf dem R�cken eines fliegenden Pferdes, das sie zu den Sternen selbst zu bringen schien. Aber sie fror nicht.</p><p>Ersch�pft lehnte sie sich gegen den R�cken des Elfen. Ihr Kopf sank auf seine Schulter. Sie durfte nicht �</p><p>Nandalee schreckte auf. Donnernder Hufschlag ert�nte. Es klang, als presche ein Pferd �ber eine h�lzerne Br�cke. Benommen sah sie sich um. Ged�mpftes blaues Licht umgab sie. Sie war eingeschlafen. Aber bestimmt nicht l�nger als f�r einen Herzschlag oder zwei �</p><p>Es war immer noch kalt. Der gro�e Hengst hatte seine Fl�gel gefaltet und stand still. Gonvalon hielt sie und sie ahnte, dass sie ohne seine Hilfe einfach vom R�cken des Pegasus gesunken w�re.</p><p>�Dein bl�der Gaul schei�t schon wieder auf das Deck! Er tut das jedes Mal, wenn er landet. Und wenn er abfliegt, l�sst er mir einen noch gr��eren Haufen hier!�, klagte eine hohe Stimme irgendwo unter ihnen.</p><p>Gonvalon lie� sich nicht zu einer Antwort herab. Er nahm sie in die Arme und sprang vom R�cken des Pegasus.</p><p>Nandalee hatte kaum die Kraft, die Augen offen zu halten. Blinzelnd sah sie sich um. Sie befanden sich in einem weiten Tunnel. Die W�nde waren durchscheinend, dahinter strahlte mattblaues Licht. Ihr Pegasus stampfte �ber einen Boden aus edlem, dunkelrotem Holz. Der Boden schien leicht zu schwanken. Oder t�uschten sie ihre Sinne?</p><p>�Sie braucht ein hei�es Bad, Sata�, sagte der Elf mit einer Bestimmtheit, die Nandalee gefiel. �Und sei ein wenig nett zu ihr. Sie ist heute eine Sippenlose geworden.�</p><p>�Sippenlos und sittenlos, wie mir scheint. Wie kann man nur so herumlaufen? Keine Scham. Kein ��</p><p>�Genug! K�mmere dich um sie! Ich muss zur�ck!�</p><p>Gonvalon legte sie einfach vor der blau leuchtenden Wand ab und sprang wieder auf den Pegasus. Kurz darauf dr�hnten die Hufe erneut auf dem h�lzernen Boden. Nandalee sah den schwarzen Hengst einem dunklen Rechteck entgegenpreschen, in dem Sterne funkelten. Einen Lidschlag lang verschluckten die ausgestreckten Schwingen das sp�rliche Himmelslicht, dann war der Rappe verschwunden.</p><p>�Er hat es schon wieder getan�, murrte die hohe Stimme. �Ich hasse diese gefl�gelten G�ule!� Die Stimme kam n�her, begleitet von einem schabenden Ger�usch.</p><p>Nandalee war zu ersch�pft, um sich umzudrehen oder auch nur etwas zu entgegnen. Selbst um zu zittern, fehlte ihr die Kraft. Ihre Augenlider flatterten erneut und sie sehnte sich zur�ck in die wohltuende Umarmung der Dunkelheit.</p><p>�Guckt mich nur mit dem Arsch an. Das hab ich ja gefressen!� Eine vermummte kleine Gestalt trat vor sie. Ein Koboldweib in grellbuntem Kleid, �ber dem sie eine dicke gesteppte Weste trug. Spitz lugte die Nase �ber einen Schal hinweg, unter dem Mund und Hals verborgen blieben. Stechende schwarze Knopfaugen musterten sie, und das dunkle Haar des Weibs, das Gonvalon Sata genannt hatte, war zu einem Dutt gedreht, aus dem d�nne Vogelkn�chelchen ragten. Pl�tzlich runzelte die Koboldin die Stirn, wechselte den Reisigbesen in ihrer rechten Hand in die linke und streckte die nun freie Hand nach ihr aus. �Du hast ja Eis im Haar!�</p><p>Nandalee war unf�hig. etwas zu erwidern.</p><p>�Wie kannst du nur nackt herumlaufen! Bist du denn wahnsinnig? Ich dachte, du h�llst dich in den magischen Mantel. Nackt �� Sata zog zwischen den Falten ihres Schals etwas D�nnes, Silbernes hervor. Eine Pfeife. Dann schob sie den Schal zur�ck, und ein schmaler, faltiger Mund kam zum Vorschein. Der Blick der Koboldin war immer noch unfreundlich, als sie die Pfeife an die Lippen setzte.</p><p>Ein durchdringender Ton erklang, der Nandalee trotz ihrer M�digkeit zusammenzucken lie�.</p><p>Sata nahm ihren Schal ab und legte ihn ihr um die Schultern. Er w�rmte Nandalee nicht, aber sie war dankbar f�r die Geste. In dem Augenblick, in dem sich ihre Anspannung l�ste, verlie�en sie die letzten Kr�fte, und erneut �bermannte sie der Schlaf. Zwischen Wachen und Traum h�rte sie Stimmen. Jemand zerrte an ihr und eine dunkle Stimme machte anz�gliche Witze. Kurz sah Nandalee einen Teil der Wand zur Seite gleiten. Fieberwahn? Das blaue Licht schluckte sie. Jemand machte den Vorschlag, sie zusammen mit den Pferde�pfeln von Deck zu kehren. Gel�chter. Niemand ergriff Partei f�r sie.</p><p>Exotische Wohlger�che best�rmten sie. Wasserdampf schlug ihr wie warmer Atem entgegen. Irgendjemand fl�sterte, und es klang nicht gerade freundlich. Etwas Warmes umfing sie.</p><p>�Haltet sie fest�, schrie jemand best�rzt. �Sie rutscht zu tief! Sie ertrinkt!�</p><p>Fl�che. Wasser spritzte auf. Jemand griff unter ihr Becken. Noch mehr Fl�che. �Sie hat zu glatte Haut. Ich kann sie nicht halten!�</p><p>Warmes Wasser schlug �ber ihr zusammen und sie l�chelte. Viele H�nde tasteten �ber ihren Leib. Es war ihr egal. Sie dachte daran, das warme Wasser einzuatmen, um die K�lte aus ihren Lungen zu vertreiben.</p><p>Jemand packte ihr Haar und zerrte daran. Als sie Luft holte, war sie nicht mehr im Wasser. Das Gesicht der Koboldfrau war ganz nah. Sie kauerte am Beckenrand, Schwei� sammelte sich in ihren Stirnrunzeln.</p><p>�Du s�ufst mir nicht ab! Haben wir uns verstanden? Ich habe hier das Kommando, und niemand verreckt, ohne dass ich es erlaube!�</p><p>Aus den Augenwinkeln sah sie zwei weitere Kobolde am Beckenrand, die ihre Haare gepackt hielten, als seien es Taue, mit denen man ein Boot ans Ufer zerrt. Nandalee lie� es geschehen.</p><p>Eine Ohrfeige klatschte in ihr Gesicht. �Hast du verstanden?�, keifte Sata.</p><p>Nandalee schaffte ein schwaches Nicken.</p><p>�Gut.� Sata kramte ein Fl�schchen unter ihrem Kleid hervor. �Du trinkst das jetzt. Das treibt mir die K�lte aus den Gliedern, wenn ich Dienst auf dem vermaledeiten Pferdedeck habe. Das wird auch dich auftauen.�</p><p>Die Koboldin schob ihr den schlanken Flaschenhals zwischen die Lippen, und Nandalee hatte das Gef�hl, als bek�me sie fl�ssiges Feuer eingefl��t. Tr�nen traten ihr in die Augen und ihre Kehle stand in Flammen, doch vom Magen an war das Gef�hl angenehmer und eine wohlige W�rme begann sich in ihre Glieder auszubreiten.</p><p>�Gut, nicht wahr?�</p><p>Nandalee verdrehte ein wenig die Augen, und die Kobolde, die ihren Kopf an den Haaren hielten, kicherten.</p><p>�Du bist doch nicht etwa schon besoffen?� Sata nahm die Flasche wieder an sich und verkorkte sie.</p><p>�Mir geht es gut�, vernahm Nandalee ihre eigene Stimme und war erstaunt �ber den fremden Klang. Ihre Worte waren gedehnt und ein wenig verdreht. Sie f�hlte sich schwindelig und m�de. Doch jetzt war es eine angenehme M�digkeit und nicht die v�llige Ersch�pfung, die vom Schlaf in den Tod f�hren konnte. Sie streckte sich. Ihre Glieder schmerzten.</p><p>Sata betrachtete sie und zupfte dabei an der Unterlippe. �Du solltest massiert werden. Das w�rde dir wahrscheinlich guttun. Aber Koboldfinger sind zu schwach, um dich ordentlich durchzuwalken. An Bord gibt es einen Kentauren � Er arbeitet in der K�che. Dort schlachtet er und schneidet das Fleisch zu. Er ist recht kr�ftig gebaut.�</p><p>Nandalee wollte widersprechen, brachte aber nur ein G�hnen zustande. Die Vorstellung, von einem Metzger massiert zu werden, missfiel ihr. Und obendrein noch ein Kentaur. Ein Kentaur, der in einer K�che arbeitete � Sie w�rde es sich sehr genau ansehen, wenn sie hier etwas zu essen bekommen sollte. Aber das war jetzt nicht wichtig. Sie verstand nicht, warum, aber sie lebte noch. Das war wichtig. Und sie war entsetzlich m�de. Wieder musste sie g�hnen. Jetzt war die Jagd zu Ende. Jetzt erst konnte sie ruhig schlafen. Alles andere konnte warten. Da war etwas, wor�ber sie beunruhigt sein sollte, dachte sie noch fl�chtig. Dieser Ort � Er war � Aber dann �bermannte sie der Schlaf.</p></section><section><title><p>Uber den Wolken</p></title><p>Sie glitten zwischen immer mehr dieser halb durchsichtigen Tentakel in die H�he. Manche bewegten sich auf eine Art, die Artax an eine schluckende Kehle erinnerte, an anderen perlte eine wei�liche Fl�ssigkeit hinab, die ihn auch an etwas erinnerte, das ihm die Schamesr�te ins Gesicht trieb. Ein gar nicht mal unangenehmer Geruch umfing sie, ein wenig wie Anis.</p><p>Artax war sich der Blicke bewusst, die auf ihm lasteten. Zweitausend Schritt. So tief war dieser Aaron gest�rzt. Zu viel, selbst f�r einen Unsterblichen. Und doch schien es, als lebte dieser Aaron auf gewisse Art weiter. Wie ein Schmarotzer. Seine Erinnerungen, sein ganzes Leben, waren jetzt ihm ins Ged�chtnis geschrieben. Wenn er sich darauf konzentrierte, konnte er es sehen. Es war wie ein Blick durch das Fenster eines verbotenen Palastes. Mit seiner Wirklichkeit hatte es nicht viel zu tun � und jetzt hatte er es nicht nur mit diesem Juba zu tun, sondern gleich mit einer ganzen Schiffsbesatzung. Einer <emphasis>Luft</emphasis>schiffsbesatzung! Artax wurden die Knie weich und er st�tzte sich auf Juba.</p><p>�Geht es Euch gut, Herr?�</p><p>�Mir ist nur ein wenig schwindelig.� Er mied es, �ber den Rand des Bootes aus Weidengeflecht zu blicken, das zwischen den Tentakeln immer weiter in den Himmel hinaufglitt.</p><p>In Jubas Blick lag mehr als nur Sorge. Er war sein Kriegsmeister, und sie hatten in etlichen K�mpfen Seite an Seite gefochten. Aaron hatte ihm bedingungslos vertraut. Zum Unsterblichen wurde man von den Devanthar erw�hlt. Keine Intrige vermochte einen auf den h�chsten Thron zu bringen. Aaron hatte darauf vertraut, dass all seine Gefolgsleute an Bord bedingungslos loyal waren. Bis auf den Hohepriester. Was aber w�rde geschehen, wenn sie entdecken sollten, wer er wirklich war? Er, Artax, wusste ein wenig �ber exotische Todesarten. Und Aaron � Bei den G�ttern! Er wusste mehr als ein bisschen. Diese Erinnerungen wollte er nicht. Er entfloh ihnen. Dachte an seine Dorfschenke. Daran, wor�ber man dort so gesprochen hatte. Neugeborene Zicklein, Heuschrecken und den gro�kotzigen Sirtan. Und Frauengeschichten. Und Kriege. Und Gesch�fte, bei denen man irgendwelche Narren hemmungslos �bervorteilt hatte. Obwohl er noch nicht einmal eine Stunde lang ein Unsterblicher war, sehnte er sich schon jetzt nach diesen einfachen, unbeschwerten Tagen zur�ck. Langsam d�mmerte ihm, dass es sich nicht um einen Ausflug handelte, um eine Rolle, die er ein paar Wochen lang spielte, um dann nach Belbek zur�ckzukehren und seinen Freunden dort die unglaublichste Geschichte zu erz�hlen, die sie jemals geh�rt hatten, in der Dorfkneipe zum Besten zu geben. Das hier � gesetzt den Fall, er tr�umte nicht � schien als eine Ver�nderung f�r immer gedacht zu sein. Ob sie ihm gefiel oder nicht, war nicht entscheidend. Niemand hatte ihn danach gefragt und er hatte auch nie eine Wahl gehabt. Es war wie ein pl�tzlicher Hagelschlag ein paar Tage vor der Ernte. Eine Stunde konnte alles ver�ndern. Was geschehen war, war geschehen. Damit umzugehen, das Dorf �ber den Winter zu bringen, ohne dass jemand verhungerte, <emphasis>das</emphasis> war die Kunst. Und die beherrschte er gut. Ob das Ganze auch auf � er dachte nach und fand in Aarons Erinnerungen schlie�lich ein Wort, das ihm passend erschien � Regierungsgesch�fte zutraf, w�rde sich zeigen.</p><p>Der geflochtene Korb, der sie zum Schiff hinaufhob, glitt durch einen Schacht aus mit Schlangenmustern bemalten Segeltuchw�nden. Jetzt erst konnte Artax ermessen, wie schnell sie in die H�he gerissen wurden. Die Linien schienen sich zu bewegen, als sie daran vor�berhuschten. Tanzende bunte Schlangen in allen Regenbogenfarben. Dann wichen sie Fenstern aus bleigefassten Kristallscheiben, die sich zu wunderlichen Mustern und Bildern formten.</p><p>Fanfaren erklangen hoch �ber ihnen. Artax sah hinauf. Das Boot glitt durch einen Rahmen, der mit vergoldeten Schnitzereien prunkte. Strahlendes Licht blendete ihn. �ber ihren K�pfen hingen zwei baumdicke Seiltrommeln. Das Boot schwankte leicht. Artax betrachtete einen Moment lang gedankenverloren die Seile. Dutzende schwitzender Sklaven lehnten auf den Windenarmen.</p><p>�Heil Aaron dem Unsterblichen, Herrscher aller Schwarzk�pfe! �, ert�nte eine gebieterische Stimme.</p><p>Artax senkte den Blick. Rings um ihn her erstreckten sich weite Decks, �ber die sich Bauten in leuchtendem Rot, beschlagen mit Goldschmuck, erhoben. Licht, so klar, wie er es nie zuvor gesehen hatte, brach sich in Kristallscheiben, auf Bronzehelmen und funkelnden Speerspitzen. Tausende hatten sich versammelt. Soldaten mit wehenden roten Umh�ngen, Gesch�tzmeister und ihre Kettensklaven, Wolkenschiffer, Zimmerleute, K�che. Eine un�bersehbare Menschenmenge. Seine Untertanen. Na gro�artig, da hatte er also den Salat. Reden, dachte er und kramte verzweifelt in seinen � in Aarons � Erinnerungen. Etikette. Protokolle. Er musste vorbereitet sein!</p><p>�Ehrt Aaron den Unsterblichen!�, befahl eine vollt�nende Stimme, und wie ein Mann knieten sie alle nieder. Auch Juba und die anderen, die ihn mit dem Landeboot geholt hatten. Nur der Devanthar blieb stehen.</p><p>�Erhebt euch, Br�der der L�fte�, sagte Artax, so wie das Zeremoniell es verlangte. Er war verbl�fft, wie stark seine Stimme war, wie leicht ihm die richtigen Worte von den Lippen gingen. Und einen Schritt weiter war er auch, denn offenbar musste er sein neues Ged�chtnis gar nicht stets durchforschen, sondern konnte es auch gew�hren lassen. Etwas die Kontrolle lockern, dann fand er die richtigen Worte von allein. Diese Erkenntnis be�ngstigte und beruhigte ihn gleicherma�en. Was der Devanthar an ihm wohl noch ver�ndert hatte? Dann fuhr er fort: �Steht auf, ihr Wolkenreisenden. Demut steht jenen, die den Himmel eroberten, schlecht zu Gesichte.�</p><p>Eine wei� gewandete Gestalt bahnte sich ihren Weg zwischen den Knienden. Ein alter Mann mit harten himmelblauen Augen und langem wei�en Bart. Er st�tzte sich auf einen Stab, der von einer goldenen siebenstrahligen Sonnenscheibe gekr�nt wurde. Abir Ata�, wusste Artax, der Hohepriester des Reiches. Der Mann, dem Aaron zugetraut hatte, �ber Meuchlerinnen auf fliegenden Pferden zu gebieten.</p><p>�Aaron, mein Augenlicht.� Der Alte kniete nieder und griff nach dem Saum von Artax� Gewand, um ihn zu k�ssen. �Aaron! Das ist ein Wunder. Wahrhaft ein Wunder!� Er erhob sich und wandte sich zu der Menge. �Seht diesen wahrhaft Unsterblichen! Er fiel aus dem Himmel und kehrte zu uns zur�ck. Die Hand der G�tter ruht auf ihm. Und auf uns allen, die wir ihn begleiten! Preiset ihn!�</p><p>�Heil dir, Aaron!�, erklang es aus so vielen M�ndern, dass sich die Stimmen zu einer Macht vereinten, die wie ein Sturm �ber die Decks fegte. �Heil dir, Aaron!� Abir Ata� putschte die Menge immer weiter auf. Immer frenetischer wurde der Jubel.</p><p>�Danke�, sagte Artax, doch seine Stimme ging im Jubel unter. Er hob die Arme, und langsam verstummten die Rufe. Artax war sprachlos. Wie verhielt man sich in einem solchen Augenblick? Er �berlie� Aaron die Kontrolle und f�hlte sich zugleich so ersch�pft wie nie zuvor in seinem Leben. Jeder der tausend Blicke lastete wie Blei auf ihm. Sie tranken seine Kraft durch ihre Augen, aber er war nicht geschaffen f�r so etwas. Er hatte sie gar nicht, diese Kraft. Nat�rlich: Er war keine Memme. Wusste schon, wo der Hammer hing und wann man zupacken musste im Leben und � zumindest war es das, was man ihm oft sagte � hatte das Herz am rechten Fleck. Aber die Blicke, mit denen die Menschen ihn ansahen, waren Blicke f�r einen Gott. Einen �bermenschlichen Heilsbringer. Und das bin ich einfach nicht.</p><p>�Aaron der Erleuchtete, Herrscher aller Schwarzk�pfe, Wanderer zwischen den Welten, K�nig der K�nige, dankt euch�, verk�ndete der Devanthar. �Haltet den Wolkensammler auf Kurs und geht wieder an eure Arbeit. Aaron wird nun ruhen.�</p><p>Artax fragte sich, wie der L�wengesichtige das mit dem Ruhen wohl meinte. Die unergr�ndlichen Augen des Devanthar schlugen ihn in seinen Bann. �Deine Frauen warten auf dich. Es ist ihnen verboten, die Au�endecks zu betreten. Ich bin sicher, sie verzehren sich schon vor Sorge und Sehnsucht.�</p><p>Artax sp�rte, wie sein Mund schlagartig trocken wurde, und er dr�ngte die Erinnerungen an Aarons Leben und dessen Frauen zur�ck. Jetzt, wo der Harem, jener � so hatte er gedacht � Traum eines jeden Mannes, zum Greifen nah war, war ihm mehr danach, Korn zu dreschen. Holz zu hacken. Irgendetwas K�rperliches zu tun. Er war aufgeregt. Er f�hlte sich �berfordert. Er dachte an Almitra. Er war der Sache nicht gewachsen.</p><p>�Ich m�chte zuerst die tote Meuchlerin sehen!�, sagte er mit fester Stimme.</p><p>�Kein erfreulicher Anblick�, murmelte Juba an seiner Seite.</p><p>�Was f�r ein Herrscher w�re ich, wenn ich mich nur den erfreulichen Dingen des Lebens widmen w�rde?�, verk�ndete Artax salbungsvoll und dachte an Tigran, einen Bauern vom Nachbarhof, der manchmal in betrunkenem Kopf auf den gro�en Tisch in der Dorfschenke sprang und �berschw�ngliche Reden hielt. Sie lachten viel an Abenden wie diesen. Er aber hatte noch etwas mehr Ernsthaftigkeit hineingelegt in seine Worte. Klang ganz �berzeugend, wie er fand.</p><p>Der Devanthar hob eine Braue, und einmal mehr fragte Artax sich, ob er schon wieder danebenlag und wie lange er diesen Ausflug in die Welt eines Unsterblichen wohl �berleben w�rde.</p><p>�Macht Platz f�r Aaron den Erleuchteten!�, rief Juba, schob den Priester zur Seite, und die Menge teilte sich widerwillig vor dem bulligen Krieger. Artax beeilte sich, ihm zu folgen. Eine Schar Wachen mit wallenden roten Umh�ngen und gl�nzend polierten Brustharnischen schloss sich ihnen an und gaben ihr Bestes, die Schaulustigen zur�ckzuhalten.</p><p>Hinter ihnen erhob der Hohepriester erneut seine Stimme. �Seht den Unsterblichen! Das fleischgewordene Wunder! Seht ihn, auf dass ihr noch euren Kindern und Kindeskindern von diesem Tag berichten m�gt.�</p><p>Die Worte peitschten die begeisterten Massen noch weiter auf. Aarons Wachen wurden gegen ihn gedr�ngt. Immer enger wurde der Kreis aus Leibern, der sich um ihn schloss, und selbst Jubas L�wenkr�fte reichten nicht mehr aus, um sich einen Weg durch die Menge zu bahnen. M�nner und Frauen versuchten ihn zu ber�hren, und seine Welt schrumpfte zu einem Dickicht nackter Arme und aufgeregt zappelnder H�nde. Dann hob ihn etwas sanft von den Beinen. Artax keuchte vor Entsetzen. Tentakel griffen unter seine Achseln und wickelten sich um seine Oberarme. Er wurde �ber das Deck und die K�pfe der aufgepeitschten Menge gehoben!</p><p><emphasis>H�r auf, so zu zappeln!,</emphasis> mahnte ihn die Stimme des Devanthar in seinem Kopf. <emphasis>Das sieht ganz und gar nicht k�niglich aus. Und jetzt sag ihnen etwas, damit sie sich beruhigen.</emphasis></p><p>Statt zu gehorchen, blickte Artax auf. Ein Schwarm junger Wolkensammler glitt dicht �ber ihm hinweg. Zwei der schwebenden Kreaturen hatten ihn gepackt. Ihre aufgedunsenen Leiber waren gro� wie Vorratsamphoren. Dutzende schlangenhafter Tentakel hingen davon herab. In den durchscheinenden Greifarmen konnte er dunkles Blut pulsieren sehen, und Schleim rann ihm �ber die nackten Arme. F�hlt sich ganz so an, wie wenn man ein Zicklein auf die Welt holt, dachte er. Reg dich nicht auf. Bleib einfach ruhig. Alles wird gut.</p><p>Vielleicht f�nfzig Schritt �ber ihm w�lbte sich der riesige Leib des Wolkensammlers, der diesen seltsamen fliegenden Palast trug. Er f�llte den ganzen Himmel �ber ihnen aus. In Netzen, die zum Teil mit dem Leib verwachsen zu sein schienen, kauerten etliche Wolkenschiffer. Manche winkten ihm zu.</p><p>Als Artax h�her schwebte und das ausladende Deck mit seinen zahllosen Aufbauten, T�rmen und Pavillons besser �berblicken konnte, erschloss sich ihm die Systematik dieses fliegenden Palastes. Kuppelt�rme, die sich in der Mitte des Decks und entlang der Flanken des Rumpfs erhoben, schienen Gesch�tze zu beherbergen. Aarons Erinnerungen offenbarten ihm, dass die T�rme �ber ein R�derwerk aus Holz und Metall, das sich im Rumpf verbarg, sogar gedreht werden konnten. Weit zum Bug hin entdeckte er das Deck der fliegenden Sch�tzen, wo etliche kleinere Wolkensammler sich in Trauben an die Rahen kleinerer Masten klammerten, die einzig errichtet waren, um diesen Himmelsgesch�pfen Sammelpunkte zu geben. Von manchen der Wolkensammler hingen lederne Fluggeschirre f�r die tollk�hnen Krieger, die ihnen ihr Leben anvertrauten.</p><p>Die beiden Wolkensammler, die ihn ergriffen hatten, trugen ihn zum Heck des schwebenden Palastes. Artax hatte zwar aufgeh�rt zu strampeln, konnte sich aber beim besten Willen nicht vorstellen, wie man es schaffen sollte, von Tentakeln gepackt w�rdevoll in der Luft zu h�ngen. Er versteifte sich und drehte den Kopf, um zu sehen, was ihn erwartete. Der Anblick verschlug ihm den Atem. Dem Deck entwuchs ein gro�er Baum, dessen Stamm bis zur Unterseite des aufgedunsenen Leibes des Wolkensammlers reichte und dessen �ste das riesige Himmelsgesch�pf umfingen wie die Arme einer Geliebten. Manche schienen sogar in den Leib hineinzuwachsen.</p><p>Artax hatte einen solchen Baum noch nie gesehen. Dicke, verdrehte Str�nge liefen �ber die borkige Rinde bis zu den obersten �sten hinauf. Wei�e Bl�ten mit einem Hauch von Rosa inmitten ihres Kelchs schienen fast ebenso zahlreich zu sein wie die gro�en, gezackten Bl�tter. Bunte V�gel lebten auf dem Baum, als st�nde er nicht inmitten der Wolken, sondern zweitausend Schritt unter ihnen im Dschungel. Artax glaubte sogar einige Affen in den Schatten der m�chtigen Krone auszumachen.</p><p>Der Baum wurzelte in Erde. Wie viele Decks tief sie wohl reichte? Und wie vermochte der Wolkensammler dieses Gewicht zu tragen? Noch ehe er Aarons Erinnerungen dazu befragen konnte, sanken die beiden kleinen Wolkensammler, die ihn getragen hatten, tiefer. Seine Sohlen streiften das Deck. Er machte einen wenig eleganten H�pfer. Dann stand er sicher auf den Beinen und die Fangarme l�sten sich. Auf diesem Teil des Decks taten nur wenige Krieger und Wolkenschiffer Dienst, die ihn allesamt voller Respekt angafften. Waren sie Augenzeugen seines Falls gewesen?</p><p>Nicht weit vom Baum, dicht bei der Reling, war das Deck mit Blut verschmiert. Ein zerkn�llter roter Umhang lag dort, darunter lugte ein schmaler Stiefel hervor.</p><p>�Deine M�rderin.� Der Devanthar war an seiner Seite. Unvermittelt, ohne dass Artax h�tte sagen k�nnen, wie er dorthin gelangt war, wo er selbst doch gerade erst mehrere hundert Schritt �ber das Deck geschwebt war. Der L�wenh�uptige kniete nieder und zog den Umhang beiseite. Selbst im Tod sah die Meuchlerin noch ber�ckend sch�n aus. Ihre smaragdgr�nen Augen waren weit aufgerissen. Obwohl ohne jeden Glanz, erschienen sie Artax immer noch verlockend. Sie verhie�en Geheimnisse. Woher sie wohl gekommen war? Und wichtiger noch, wer hatte sie geschickt?</p><p>Sie trug ein Kleid, das fast den Farbton ihrer Augen hatte, mit goldenen Stickereien geschm�ckt war und wirkte, als habe sie es f�r ein Fest angezogen. Hatte sein Tod ein Fest sein sollen?</p><p>Dann aber ging Artax der grundlegende Fehler in seinen Gedanken auf. Sie war nicht um seinetwillen gekommen. Das w�rden die n�chsten tun. Sie waren um Aarons willen gekommen.</p><p>Ein Armbrustbolzen steckte im Nacken der Meuchlerin. Weitere Bolzen hatten sie in die Brust und in den linken Oberarm getroffen. �ber dem Bauch war das Kleid zerfetzt und gab den Blick auf eine klaffende Schwertwunde frei. Selbst im Tod hielt sie noch das riesige Schwert umklammert, mit dem sie gek�mpft hatte. Wieder bedr�ngte ihn die Erinnerung an Aarons letzte Augenblicke. Der Unsterbliche war vor der Elfe zur�ckgewichen. Er hatte Angst gehabt, dass seine Leinenr�stung ihn vor der verwunschenen Klinge nicht sch�tzen w�rde. Voller Panik war er auf die Reling gestiegen. Der Angriff der Meuchlerin hatte nur wenige Atemz�ge gedauert. Vier oder f�nf seiner Leibw�chter hatte sie niedergemacht. Die �brigen Wachen waren nur mit Armbr�sten bewaffnet gewesen und hatten aus Angst, ihren Herrscher zu treffen, nicht gewagt zu schie�en. Aaron hatte sich zur�ckgebeugt, um einem Hieb auszuweichen. Als er mit dem Armen rudernd um seine Balance gerungen hatte, hatte sie ihm mit ihrem riesigen Schwert nur einen leichten Sto� versetzt. Dabei hatte sie ihn angel�chelt. Nicht geh�ssig. Sie hatte ihn get�tet, aber sie hatte es ohne Zorn im Herzen getan. War sie verr�ckt gewesen? Mit Sicherheit! Ihr h�tte doch klar sein m�ssen, dass ein solcher Angriff sie auch ihr eigenes Leben kosten w�rde! Was hatte sie dazu getrieben, dieses gr��te Opfer billigend in Kauf zu nehmen und ihn freundlich l�chelnd in den Abgrund zu st�rzen?</p><p>Schon wieder! Sie hatte <emphasis>Aaron</emphasis> in den Abgrund gest�rzt! Nicht ihn!</p><p>�Versuche nicht, Elfen zu verstehen�, sagte der Devanthar leise. �Sie verachten die Menschen. Manche verdingen sich den Drachen.�</p><p>Artax hielt den Atem an. Langsam drehte er sich zu dem L�wenh�uptigen um. �Ein Drache hat sie hergeschickt?� Er suchte nach einem Hinweis in der Tierfratze des Devanthar, dass dies ein Scherz war. �Ein Drache?�, wiederholte er noch einmal. �Es gibt hier Drachen?�</p><p>�Nicht hier. In der Anderswelt. Die Himmelsschlangen, sieben gro�e Drachen, herrschen dort im Namen der G�tter. Sie ist von dort gekommen.�</p><p>Artax starrte die Tote an. Er hatte viele Geschichten �ber die Anderswelt geh�rt. �ber Dschinne, die auf dem Wind ritten, und Leichenfresser, die unter den wandernden D�nen der W�ste lebten. Er wusste um Schlangen, in deren Kopf ein Edelstein steckte und die W�nsche wahr werden lassen konnten. Und um das kleine Volk, das sich gerne in verborgenen Winkeln von St�llen und Stuben einnistete. Wenn man gut zu ihnen war, erf�llten auch sie W�nsche. Doch wehe dem, der sie ver�rgerte. Dem drohten Missernten, Zicklein, die mit zwei K�pfen geboren wurden, und jegliches Missgeschick, das man nur ersinnen konnte. Die Tote erinnerte ihn an eine Geschichte �ber eine sch�ne Jungfrau, die eine Quelle weit in der W�ste h�tete, die nur einmal in hundert Jahren sichtbar wurde und unter deren kristallklarem Wasser ein unermesslicher Schatz ruhte. �Was sind Elven?�, fragte er.</p><p>Der Devanthar stie� ein leises Fauchen aus. �Meuchler sind sie! Das siehst du doch. Die willf�hrigen Werkzeuge ihrer Meister.�</p><p>Artax kniete nieder und strich �ber das lange wei�blonde Haar der Toten. Es f�hlte sich zart wie Seide an. Nachdenklich blickte er auf. Seine Leibwachen hatten die Menschenmenge unter Kontrolle gebracht und hielten sie jenseits des Baumes zur�ck. Nur Juba und Abir Ata�, den alten Hohepriester, hatten sie durchgelassen. Die beiden kamen ihm entgegen. Er blickte zu der Menge, die aufmerksam jeder seiner Bewegungen folgte.</p><p>�Sind sie alle nicht auch nur willf�hrige Werkzeuge des Unsterblichen? �</p><p>Der L�wenh�uptige knurrte. �Was bist du? Ein philosophierender Bauer?�</p><p>Artax musste auf Aarons Wissen zur�ckgreifen, um dieses fremde Wort zu verstehen.</p><p>�Der Unterschied zwischen deinen Untertanen hier und den Elfen ist, dass zumindest auf den Wolkenschiffen nur Freiwillige dienen.� Der Devanthar war nun dicht an seine Seite getreten und seine Allmacht war geradezu k�rperlich sp�rbar. Er wirkte nicht mehr so gereizt, sondern vielmehr, als wolle er ihn allein mit Worten �berzeugen. �Die meisten Wolkenschiffer kommen wegen des Goldes, denn in einem Jahr an den Himmeln Nangogs kann man mehr Gold machen als in sieben Jahren in der Heimat. Manche kommen auch wegen des Abenteuers oder wegen des Ruhms. Andere wiederum hoffen, hier einmal in ihrem Leben einem Unsterblichen oder einem von uns Devanthar nahe zu kommen. Die Elfen in diesen goldbestickten Gew�ndern aber sind s�mtlich Sklaven ihrer Drachenherren. So weit geht ihre Unterwerfung, dass sie sich Drachenelfen nennen und sich das Bild eines Drachen unter die Haut stechen lassen. Ihren freien Willen haben sie lange verloren. Sie sind allesamt Ausgesto�ene. Sippenlose werden sie genannt, weil ihre eigenen Familien die Bande zu ihnen zerrissen haben und sie f�rchten. Es sind bedauernswerte und fehlgeleitete Gesch�pfe.�</p><p>Artax strich noch einmal �ber das wunderbar zarte Haar der Toten. �Und sch�n sind sie. Wirklich sch�n!�</p><p>Der Devanthar lachte. �Hast du so lange keine Frau gehabt, dass du dich in eine d�rre Elfe verguckst?�</p><p>Juba und der Priester waren indessen in H�rweite angelangt. W�hrend sein Kriegsmeister beflissentlich auf das Deck sah, r�usperte sich der Hohepriester und sah den L�wenh�uptigen verst�ndnislos an. Abir Ata� st�tzte sich schwer auf seinen Sonnenstab, sein Atem ging keuchend.</p><p>Artax war froh, den Maskenhelm zu tragen. Er sp�rte, dass seine Wangen flammend rot geworden waren. Der Devanthar wusste gewiss ganz genau, wie es um ihn und die Frauen stand. Es w�re wirklich nicht n�tig gewesen, ihn zu verh�hnen.</p><p>Behutsam �ffnete Artax die H�nde der Elfe und nahm das gro�e Schwert. Die Waffe war leichter, als er erwartet hatte. Er wog sie pr�fend in den H�nden. Nicht dass er sich mit Schwertern ausgekannt h�tte. Ungewollt dr�ngten die Erinnerungen aus Aarons Leben in sein Bewusstsein. Doch, er kannte sich mit Schwertern aus. Er lie� die Klinge durch die Luft wirbeln, sodass der Hohepriester �ngstlich vor ihm zur�ckwich.</p><p>�Ein feines Schwert�, sagte Artax zufrieden.</p><p>�Eine verfluchte Waffe�, entgegnete der Devanthar entschieden. �Durchdrungen von finsterster Drachenmagie. Ein Schwert wie dieses vermag deine Leinenr�stung zu durchschneiden, als sei sie aus fauligem Laub gefertigt. Nur die wenigsten Elfenklingen verm�gen dir etwas anzuhaben, aber dies hier ist so eine Waffe. Sie wurde erschaffen, um das Blut der Unsterblichen zu vergie�en.�</p><p>Artax wog die Waffe in der Hand. Er konnte die Magie darin nicht sp�ren. Mit einem weiten Schwung schleuderte er sie �ber die Reling. �Eine solche Waffe brauchen wir hier an Bord nicht.� Er wandte sich an Abir Ata�. �Ich w�nsche, dass die Elfe beigesetzt wird, als sei sie eine K�nigin.�</p><p>Der Mund des Hohepriesters klaffte auf und entbl��te seine schiefen, gelbbraunen Z�hne. �Aber mein Gebieter. Sie ist eine Ehrlose! Eine Meuchlerin, die Euch ��</p><p>�Ich w�nsche nicht, dass man so von ihr spricht!�, fuhr er den Hohepriester an. �Ich bin ihr zu Dank verpflichtet. Sie hat mich erleuchtet! Mein Leben wird sich von Stund an �ndern. Sie hat mich daran erinnert, dass auch mich dereinst der Tod ereilen wird. Ich werde k�nftig mit gr��erer Ernsthaftigkeit meinen Pflichten als Herrscher nachgehen. Ihr werdet sehen, von heut an werde ich ein anderer sein!�</p><p>Juba l�chelte, als habe er solche Versprechungen schon des �fteren von ihm geh�rt. Abir Ata� wirkte ver�rgert und senkte den Blick, damit man nicht zu leicht in seinem Antlitz lesen konnte. Der Devanthar aber hatte das m�chtige L�wenhaupt schief gelegt und sah ihn nachdenklich an.</p></section><section><title><p>Auserw�hlt</p></title><p>Nandalee erwachte. Sie lag mit angezogenen Knien unter einer Decke, so weich wie das Fell einer jungen Katze. Bl�uliches, unstetes Licht umgab sie, Holz knarrte leise. Die Luft war erf�llt von einem fremden, angenehmen Duft. Irgendein Harz, vermutete sie.</p><p>Als sie sich bewegte, bewegte sich auch das Lager, auf dem sie ruhte. Erschrocken verharrte sie und sah sich um. Sie erinnerte sich nur verschwommen an die Ereignisse der letzten Nacht. Gonvalon hatte sie auf seinem Pegasus in den Nachthimmel getragen. Verwundert musterte sie die blauen W�nde. Das Licht pulsierte, als sei es lebendig. Es war angenehm anzuschauen, lud dazu ein, es zu betrachten. Zuzusehen, wie sich das Blau in Nuancen �nderte. Das Blau � Nandalee hielt den Atem an. Einmal mehr knarrte das Holz und sie konnte den Wind h�ren. Die Elfe erinnerte sich, wie sie in dem eisigen Bach gelegen hatte und �ber ihr der Blaue Stern vor�bergezogen war. Hatte Gonvalon sie auf das Himmelsschiff des S�ngers gebracht? Nandalee erinnerte sich auch an die Koboldin und ihre derben Spr�che. Der S�nger war einer der Sch�pfer Albenmarks. War es denkbar, dass er sich mit solchen Kreaturen umgab? Wieder starrte sie auf die W�nde aus Licht. Nie zuvor hatte sie so etwas Sch�nes gesehen. Sie musste auf dem Blauen Stern sein!</p><p>Langsam kehrten weitere Erinnerungen zur�ck. Die Kobolde hatten sie gewaschen. Der Gedanke daran war ihr peinlich. Nicht weil Sata und die anderen sie nackt gesehen hatten, sondern weil sie so schwach gewesen war, dass sie ihren Kopf nicht aus eigener Kraft hatte �ber Wasser halten k�nnen. Aber wie hatten die Kobolde sie in dieses Bett gebracht?</p><p>Hatte Sata nicht von einem Kentauren gesprochen? Einem Metzger! Ob die Kobolde sie diesem Mannpferd �berlassen hatten? Bei diesem Gedanken �berlief Nandalee ein Schauer. Sie hatte �ble Geschichten �ber die Kentauren geh�rt und tastete zwischen ihre Schenkel. Dann sch�ttelte sie sich. Das war Unsinn! Sie war auf dem Blauen Stern! Der S�nger war ganz nah! Er w�rde nicht zulassen, dass ihr etwas geschah. Seine Diener hatten sie dem Tod entrissen! Sie sollte dankbar sein und nicht misstrauisch.</p><p>Nandalee richtete sich auf und wieder bewegte sich ihr Bett!</p><p>Neben ihrem Lager gab es eine mit Blumen bemalte Truhe, auf der ordentlich gefaltete Kleider lagen. Ein Paar Stiefel stand daneben auf dem Boden. Sie schwang die Beine �ber die Bettkante. Der Boden unter ihren F��en war angenehm warm, wie ein Fels an einem Sommerabend. Aber das Lager � Als sie aufstand, bewegte es sich wieder. Es schwebte. Die Decke hing �ber die Kanten, sodass Nandalee auf die Knie gehen musste, um es n�her zu betrachten. Von unten sah es aus wie ein gro�es, in der Mitte gespaltenes Ei. Die Elfe tastete mit den H�nden �ber die Unterseite � glatt und weich.</p><p>Ein pl�tzliches R�uspern lie� Nandalee herumfahren. Hinter ihr stand Sata. Das alte Koboldweib hatte lautlos die Kammer betreten. 
�Was f�r ein Empfang, einen nackten Arsch entgegengestreckt zu bekommen.�</p><p>Peinlich ber�hrt richtete die Elfe sich auf. Wie konnte Sata so etwas nur aussprechen? Wusste sie denn so gar nicht, was sich geh�rte? Oder beherrschte sie das Elfische so schlecht?</p><p>�Du wirst erwartet, Kleine. Es w�re nett, wenn du alles anziehst, was da f�r dich liegt. Und ich meine, wirklich alles!� Mit diesen Worten wandte sie sich um, schob einen Teil der Wand zur Seite und verschwand in blauem Licht.</p><p>Nandalee �rgerte sich, kein einziges Wort herausbekommen zu haben. Und was bildete sich dieses schrumpfw�chsige Koboldweib ein, sie mit <emphasis>Kleine</emphasis> anzureden! Man sollte ihr mal den Kopf zurechtsetzen. Ansehen w�rde sie sich die Sachen, die auf der Truhe lagen � Aber anziehen? Was sprach schlie�lich dagegen, dass sie die Kammer nackt verlie�? Von Kobolden w�rde sie sich jedenfalls keine Befehle geben lassen!</p><p>Neugierig nahm sie das oberste Kleidungsst�ck in die Hand. Der Stoff war ihr fremd � weich und glatt und viel zu d�nn f�r die Snaiwamark. Aber auf dem Schiff des S�ngers war es ja warm. Sie konnte die Hose ja mal anprobieren.</p><p>Argw�hnisch blickte sie zu der Stelle, wo Sata durch die Wand gegangen war. Ob die Kobolde sie beobachteten?</p><p>Die Hose war eng wie eine zweite Haut und schien keine N�hte zu haben. Wer hatte sie wohl gemacht? Bestimmt nicht die grobschl�chtige Sata. Die Hose war perfekt ma�geschneidert f�r sie. Bestimmt war sie das Werk eines Zauberwebers! Oder gar des S�ngers selbst?</p><p>In Gedanken versunken streichelte Nandalee �ber den Stoff. Wahrscheinlich wollte der S�nger sie empfangen, und sie konnte ja schlie�lich nicht nackt vor einen Alben treten. Sollte Sata nur glauben, sie w�rde sich dem�tig ihren Befehlen f�gen � Nandalee wusste, dass es nicht so war. Aber dem S�nger schuldete sie Respekt. Auf dem Blauen Stern zu sein war, als sei sie in ein M�rchen hineingeraten.</p><p>Sie nahm das zweite Kleidungsst�ck. Es war eigentlich zu lang f�r ein Hemd, aber auch zweifellos zu kurz f�r ein Kleid. An Br�sten und Armen sa� es eng, darunter wurde es weiter. Sie mochte es sofort. Ebenso wie die Hose war es wei� wie Apfelbl�ten.</p><p>Nandalee machte ein paar t�nzelnde Schritte, drehte sich im Kreise und sah zu, wie sich der Saum dieses seltsamen Hemdkleides hob. Es hatte einen schmalen, aber tiefen Ausschnitt. Ein wenig freiz�gig. Man konnte den Ansatz ihrer Br�ste sehen. Aber nicht mehr.</p><p>Auch ihre Stiefel waren wei�. Nicht wie Hirschleder, das stets einen leichten Gelbton behielt, sondern ganz und gar wei�. Wie man das Leder gebleicht haben mochte, war Nandalee schleierhaft. Sie streichelte dar�ber. Es war ein wenig rau. So wie Samt. Von welchem Tier diese Haut wohl stammte?</p><p>Nandalee schl�pfte in die Stiefel. Sie reichten ihr bis zum Knie. Was f�r wunderbare Kleider! Nie zuvor hatte sie solche Sch�tze besessen! Was wohl Duadan sagen w�rde, wenn er sie so sehen k�nnte?</p><p>Duadan �</p><p>Schlagartig wurde ihr bewusst, dass sie jetzt eine Sippenlose war. Niemand, der ihr je etwas bedeutet hatte, w�rde sie noch einmal sehen. Ein Klo� stieg ihr in den Hals. Ihr Atem ging keuchend. Alle Freude wurde zu Asche.</p><p>Sie kauerte sich hin, �bermannt vom pl�tzlichen Bewusstsein der Einsamkeit. Vielleicht w�re es besser gewesen, wenn die Trolle sie erwischt h�tten? Sippenlos! Das war die schlimmste aller Strafen. Eine Ausgesto�ene, f�r die es nie mehr einen Platz in den Zelten ihres Volkes geben w�rde.</p><p>Tr�nen f�llten ihre Augen. Sie weinte stumm, die H�nde zu F�usten geballt, und fra� jedes Schluchzen in sich hinein. Ihre N�gel gruben sich tief in die Handfl�chen und der Schmerz obsiegte �ber die Tr�nen. Sie �ffnete die H�nde. Vier kleine rote Halbmonde leuchteten in ihrer rechten Handfl�che. Blut sammelte sich in den Handlinien. Sie f�hrte sich auf wie ein t�richtes Kind!</p><p>Aus Sorge, ihre neuen, makellos wei�en Kleider zu besudeln, leckte sie das Blut aus ihrer Hand. Es schmeckte nach Eisen, und es schien ihr kalt, als sei der Frost, der ihr beinahe den Tod gebracht h�tte, noch immer nicht aus ihrem Innersten gewichen. Ungehalten �ber sich selbst sch�ttelte sie den Kopf. Was f�r einen Unsinn sie dachte! Sie musste sich wieder fassen und dem Unausweichlichen ins Auge blicken. Sie war J�gerin! Sie hatte ohnehin den gr��eren Teil ihres Lebens allein verbracht und �</p><p>Und sie wusste, dass sie sich etwas vormachte. Es war ein gewaltiger Unterschied, ob man allein war, aber einen Platz hatte, an den man jederzeit zur�ckkehren konnte, oder einfach nur noch allein war auf der Welt.</p><p>Ihr Blick fiel auf etwas Helles, das auf der Truhe lag. Es war unter ihren neuen Kleidern verborgen gewesen. Eine Schneeflocke! Das konnte nicht sein. Es war viel zu warm in dieser Kammer.</p><p>Nandalee beugte sich vor, um die verwunschene Flocke n�her in Augenschein zu nehmen. Es war kein Schnee, sondern Kristall. So zart, dass schon die leiseste Ber�hrung ihn zerbrechen k�nnte. Aber warum hatte er dann das Gewicht der Kleider tragen k�nnen?</p><p>Der Kristall lag auf einem d�nnen Silberblatt. War das Efeu? Die Form erinnerte vage daran. Ein Lederriemchen erlaubte, sich den Kristall umzuh�ngen. Ein Amulett. Sehr vorsichtig nahm sie es auf und tastete dann doch nach der Schneeflocke. Die sechs hauchzarten Arme zerbrachen nicht unter ihrer Ber�hrung. Der Kristall war robuster, als er aussah. Bestimmt war er ein Geschenk des S�ngers!</p><p>Nandalee legte sich das Schmuckst�ck um den Hals. Das Silberblatt f�hlte sich angenehm warm an. Und schon im n�chsten Augenblick umh�llte die W�rme ihren K�rper, so als habe sie einen Mantel um die Schultern gelegt, der vor einem Lagerfeuer gehangen hatte. Das Amulett sollte sie vor der K�lte des hohen Himmels sch�tzen. Vor dem bei�enden Wind. Gewiss war es ein Geschenk des S�ngers! Nandalee musste an die Geschichte der Ny Rin denken, die auf den R�cken der Regenbogenschlangen hinauf zum Blauen Stern geritten war. Vielleicht war es auch ihr bestimmt, zur Leibw�chterin des S�ngers zu werden. Immerhin war auch sie auf wundersame Weise auf den Blauen Stern gelangt, und nun wurde sie von dem Alben beschenkt. Der Gedanke gab ihr Mut. Sie war zwar sippenlos, aber nicht heimatlos. Sie w�rde h�chsten Ruhm erlangen. Und man w�rde noch in Hunderten Jahren ihren Namen kennen. Sie, die Versto�ene, w�rde das ber�hmteste Kind ihrer Sippe sein!</p><p>�Bist du endlich fertig?�</p><p>Nandalee drehte sich �berrascht um. V�llig lautlos hatte sich die T�r ge�ffnet. Sata erwartete sie mit verschr�nkten Armen. Wie konnten sich Alben nur mit so ungehobelten Gesch�pfen als Diener umgeben?</p><p>Nandalee verzichtete auf eine Antwort. Wenn sie erst einmal unter die Leibwachen des S�ngers aufgenommen war, dann w�rde sie Gelegenheit genug haben, sich f�r die Frechheiten Satas zu revanchieren. Sie folgte der Koboldin �ber einen Flur, dessen W�nde aus gefrorenem blauen Licht zu bestehen schienen. Sie vermochte nicht einmal zu erkennen, ob es hier T�ren gab. Der Boden aus dunkelrotem Holz knarrte leise und unabh�ngig von ihren Schritten, als sei er ver�rgert �ber ihre Anwesenheit.</p><p>Sie gelangten an eine enge Stiege. Sata musste Stufe f�r Stufe hinabh�pfen, w�hrend Nandalee ganz bequem gehen konnte. Die Koboldin brummelte vor sich hin und legte pl�tzlich die Hand auf eine der W�nde. Ihre kleinen Finger versanken in blauem Licht, die Wand �ffnete sich. Wind blies ihnen ins Gesicht. Er war eisig, und doch lie� seine Ber�hrung Nandalee nicht erschauern.</p><p>Sata hatte sie zur�ck auf das Deck gebracht, auf dem sie mit Gonvalon gelandet war. Der Elf war zur�ckgekehrt, stellte Nandalee fest. Er war ohne Ailyn gekommen.</p><p>Gonvalon und sein schwarzer Pegasus schienen auf sie zu warten.</p><p>Ihre �berraschung musste ihr wohl �berdeutlich ins Gesicht geschrieben gewesen sein, denn die Koboldin l�chelte sie an. �Hast du etwa erwartet, dass der S�nger dich empfangen w�rde?�</p><p>Nandalee senkte besch�mt den Blick.</p><p>�Ganz im Gegenteil�, fuhr Sata unger�hrt fort. �Es war sein ausdr�cklicher Wunsch, dass die M�rderin umgehend sein Schiff verl�sst. Er war nicht erfreut, dass ich dich hier aufgenommen habe, und dies obendrein sogar, ohne seine Erlaubnis zu erfragen.�</p><p>Die Elfe blickte Sata zweifelnd an. War das die Wahrheit? Konnte man Kobolden glauben?</p><p>�Schon wieder �berrascht, Kleine? Du musst noch viel lernen! � Sata lachte.</p><p>Gonvalon kam ihr entgegen und lud sie mit einer knappen Geste ein, ihr zu folgen. �Komm. Ich bringe dich an einen Ort, an dem man als M�rderin eines Thronfolgers gut angesehen ist.� Kein L�cheln begleitete diese Worte. Seine Augen erschienen ihr hart und kalt.</p><p>Die M�rderin eines Thronfolgers. Der Troll � Jetzt endlich begriff Nandalee. Begriff ganz und gar. Und die Erkenntnis, was ein einziger Pfeil, verschossen in unbedachtem Zorn, angerichtet hatte, traf sie wie ein Schlag. Sie hatte den Thronfolger des K�nigssteins ermordet! Ihre Beine zitterten und drohten nachzugeben. Die Jagd war noch lange nicht zu Ende, und es w�rde den Trollen nicht gen�gen, dass sie allein b��te. Ihre ganze Sippe war in Gefahr. Immer noch!</p></section><section><title><p>Der Sinn des Lebens</p></title><p>Artax erwachte von einem Lichtstrahl, der seine Nase kitzelte. Er blinzelte und zuckte zur�ck. Das Licht brannte sich durch seine Augen bis tief in den Kopf. Hastig zog er den Vorhang zu. Selbst das Zwielicht, das durch den schweren Stoff sickerte, war ihm unangenehm, und er f�hlte sich v�llig zerschlagen. Als sei eine Herde Wildpferde �ber ihn hinweggeprescht. Jeder Muskel schmerzte. Sein Mund war trocken und ein �bler Geschmack hatte sich unter seiner pelzigen Zunge eingenistet.</p><p>So erwachten also Unsterbliche, dachte er, streckte sich und schloss wieder die Augen. Doch der pochende Schmerz in seinem Kopf blieb. Er erinnerte sich nur in Bruchst�cken an den letzten Tag. Getr�umt hatte er das alles wohl nicht, denn dann w�rde er in einer sch�bigen H�tte auf einem Lager aus Heu und Moos liegen. Oder tr�umte er immer noch?</p><p>Keineswegs, du Wicht.</p><p>Der Devanthar! War er hier? Artax �ffnete ein Auge und bereute es sofort wieder. Es war zu hell, dieses verdammte Zwielicht.</p><p>Schmeichelhaft, dass du uns mit dem G�ttlichen verwechselst. Mach so weiter, dann werden wir vielleicht davon absehen, dich sofort umzubringen, Bauer.</p><p>Das war ein Alptraum, dachte Artax. Jetzt lag es klar auf der Hand. Ein wirklich seltsamer Traum, aber ein Traum. Also gut, dann musste er ja jetzt nur noch erwachen.</p><p>Er fuhr sich mit der Hand �ber sein Gesicht und kniff sich in die Nase, ohne es gewollt zu haben. Was geschah mit ihm? Was �</p><p>Wir wollten das!</p><p>Wurde er verr�ckt? Was machten diese Stimmen in seinem Kopf? Und was hatte er eigentlich letzte Nacht getan? Er erinnerte sich daran, in den Harem gekommen zu sein. All die Frauen � Es war unglaublich gewesen. Sie alle hatten ihn angeschmachtet. Ihn, nach dem sich bislang h�chstens einmal eine alte Vettel umgedreht hatte, weil er nur ein Habenichts war und auch nicht besonders gut aussah. Sie hatten ihm einen goldenen Becher mit Wein gereicht. Artax seufzte.</p><p>Nicht einen! So ziemlich jede hat dir einen Becher Wein gereicht und du Idiot hast von allen gekostet!</p><p>Der Kater eines Unsterblichen war wahrlich etwas anderes als der Kater eines Bauern. Er war nicht zum ersten Mal betrunken, doch so seltsam hatte er sich noch nie gef�hlt. Aber, rief er sich zur R�son, zur�ck zu dieser Stimme in seinem Kopf. Fremde Erinnerungen, ein neuer K�rper, ein Gott als Gespr�chspartner � das war das eine. Aber jetzt auch noch Stimmen im Kopf, das war eindeutig zu viel. Das hatte man nun von diesen Tr�umen. Sie hatten immer irgendeinen Haken. Vermutlich bl�kte die Ziege im Stall nebenan und wollte ihn daran erinnern, dass er aufstehen und sein Tagwerk beginnen sollte. Auf der anderen Seite war er sich nicht so sicher. Der Traum w�hrte schon verdammt lange und f�hlte sich noch immer ziemlich wirklich an. Sein Kopf war gar nicht klar, aber sein Tastsinn � Wurde er verr�ckt?</p><p>Ganz im Gegenteil. Wir sind klar. Dein Rausch hat uns nichts ausgemacht, wenn man einmal davon absieht, dass du in jeder Hinsicht eine Entt�uschung bist. Die Not hat dem G�ttlichen keine andere Wahl gelassen, als auf dich zur�ckzugreifen. Also besauf dich noch zwei, drei Mal sch�n und vergn�g dich mit unseren Huren. Lange wirst du diesen Spa� nicht �berleben. Du glaubst doch nicht im Ernst, dass der L�wenh�uptige einen T�lpel wie dich auf Dauer zum Herrscher von Aram machen w�rde? Eine Notl�sung bist du. Sehr vor�bergehend, verlass dich darauf.</p><p>Artax streckte sich. Das war der Rausch. Er w�rde diese Stimme ignorieren. Und den Wein, den er gestern getrunken hatte, w�rde er auch nie mehr anr�hren. Am besten w�re es, noch ein wenig zu schlafen. Er drehte sich vom Fenster fort, zog die bl�tenzarte Decke an sich und wollte schlafen, als seine Fingerspitzen weiche Haut ber�hrten.</p><p>Erschrocken �ffnete er die Augen und wurde sofort mit einer neuen Welle dumpfen Schmerzes bestraft. Verdammter Wein! Undeutlich erkannte er ein Durcheinander von Armen und Beinen, kniff die Augen zusammen und blickte erneut hin. Es waren zu viele Arme und Beine. Was �</p><p>Du hast drei ins Bett geschleppt, Bauer. Und wie nicht anders zu erwarten, hast du dich auch hier schlecht geschlagen.</p><p>Artax versuchte die verfluchte Stimme in seinem Kopf zu verdr�ngen. Wer immer das war � trauen konnte er ihm nicht. Schon diese Marotte, von sich immer als wir zu sprechen. Der war ja selber verr�ckt!</p><p>Artax erinnerte sich noch deutlich daran, wie er seinen Kriegsmeister und den Hohepriester verabschiedet hatte. In den Harem war er allein gegangen. Die Frauen hatten ihn von allen Seiten best�rmt, kaum dass er ihre Gem�cher betreten hatte. Mit seiner Almitra hatte er sich die Sache immer anders vorgestellt. Anfangs hatte er gar nicht gewusst, wie er damit umgehen sollte. Stocksteif hatte er dagestanden. Erst als sie ihm den Wein brachten, war er lockerer geworden.</p><p>Selbst jetzt erschien ihm das alles wie ein Traum.</p><p>Er blickte zu den drei Schlafenden in seinem Bett. Unglaublich! Einige der Haremsdamen hatten vor Gl�ck, ihn lebend wiederzusehen, geweint. Und alle waren sie h�bsch. Nein, h�bsch war nicht das richtige Wort. Bis gestern hatte er gar nicht gewusst, dass Frauen so sein konnten. Sich so angenehm anf�hlten. So gut riechen konnten. Er war �berw�ltigt gewesen. Und sie alle buhlten um ihn. Seinen Blick, ein Wort � In die Frauengem�cher zu gehen hatte ihn fast ebenso sehr beunruhigt, wie es ihn gereizt hatte. Aarons Erinnerungen waren sehr � Auch daf�r fehlten ihm die richtigen Worte. Der unsterbliche Aaron hatte sehr viel Zeit in seinem Bett verbracht. Und er hatte einige sehr r�tselhafte Dinge getan. So hatte Aaron zum Beispiel gerne den Blick �ber seine Weiber schweifen lassen und dann irgendwann angefangen zu z�hlen. Er hatte immer die Siebente auserw�hlt � So machte man so was doch nicht!</p><p>Nicht dass er Ahnung von Frauen gehabt h�tte, dachte Artax besch�mt. Er war immer zu geizig gewesen, um sich die Gunst einer zweifelhaften Dame f�r ein paar Stunden zu kaufen. Er hatte jedes Kupferst�ck gespart, um irgendwann f�r eine richtige Frau zu zahlen. Eine, die f�r immer blieb. Eine wie Almitra. Nur deshalb war er ja hier.</p><p>Aber keine der Frauen war wie sie und schlie�lich hatte er es doch genau wie Aaron gemacht. Er hatte sich einfach nicht entscheiden k�nnen. Sie alle waren verf�hrerisch. Deshalb hatte er auch dreimal bis sieben gez�hlt.</p><p>Sein Blick wanderte erneut �ber das riesige Bett. Es war gr��er als die H�tte, die er noch gestern bewohnt hatte.</p><p>Die drei Frauen schliefen noch. Oder taten sie vielleicht nur so? Warteten sie darauf, dass er ging?</p><p>Sie machen einem immer etwas vor, meldete sich die unerw�nschte Stimme in seinem Kopf. Sie haben Angst vor unseren Launen. Wir w�rden wetten, sie sind alle wach. Vielleicht hat keine von ihnen in der Nacht geschlafen. Nach den Ereignissen f�rchten sie deinen Zorn. Und sie f�rchten, er wird die erste von ihnen treffen, die sich regt.</p><p>Artax versuchte sich zu erinnern, von was f�r Ereignissen dieser Qu�lgeist sprach. Er war mit den dreien hierhergekommen. Er hatte sich auf sie st�tzen m�ssen. Und dann hatten sie begonnen �</p><p>Sie haben sich nicht sonderlich ins Zeug gelegt. Aber das war bei dir ja auch nicht n�tig.</p><p>Artax legte die H�nde an die Schl�fen. Wie konnte er diese verfluchte Stimme loswerden?</p><p>Die Wahrheit tut weh, nicht wahr? Es war auch zu erb�rmlich. Kaum hatten sie sich deines besten St�cks angenommen, da war der ganze Spa� schon vor�ber. Und um der Peinlichkeit die Krone aufzusetzen, bist du drei Herzschl�ge sp�ter in tiefen Schlummer versunken, wobei du so laut geschnarcht hast, dass es der ganze Harem mitanh�ren konnte.</p><p>Das stimmte nicht, beharrte Artax in Gedanken. Ganz sicher stimmte das nicht! Er konnte sich zwar nicht erinnern, aber das war nicht die Wahrheit. Er w�rde die drei nach der Nacht fragen, sobald sie erwachten.</p><p>Was f�r eine wunderbare Idee, Herr Bauer. In ihr offenbart sich das ganze Ausma� deiner herzergreifenden Naivit�t.</p><p>Artax hatte zwar keine Ahnung, was das letzte Wort bedeutete, aber er ging davon aus, dass es nicht nett gemeint war.</p><p>Man k�nnte auch Bl�dheit sagen. Bl�dheit verstehst du doch, oder?</p><p>Der Geist wusste, was er dachte!</p><p>Nat�rlich. Da wir in deinem �beraus hohlen Kopf stecken, wissen wir um das Wenige, das darin vor sich geht. Und bevor du dar�ber nachbr�test: Nat�rlich kennen wir auch deine ganze erb�rmliche, langweilige Lebensgeschichte. Weiber hast du bisher nur angegafft. Warst noch Jungfrau bis gestern Nacht. Und jetzt erinnerst du dich nicht einmal mehr an deine erste Liebesnacht, weil du besoffen warst. Erb�rmlich! Genau, was wir von einem Bauern erwarten. Und was deinen Plan angeht, die drei nach der letzten Nacht zu fragen: Was werden sie wohl antworten? Werden sie schlecht von dir reden? Sich vielleicht um ihren Kopf reden? Ganz gewiss nicht. Sie werden dir das Blaue vom Himmel l�gen. Werden erz�hlen, was f�r ein wunderbarer, leidenschaftlicher und ausdauernder Liebhaber du bist. Du solltest unseren Worten trauen.</p><p>Das w�rde er ganz gewiss nicht. Er musste diese Stimme aus seinem Kopf bekommen. Vielleicht konnte der L�wenh�uptige ihm dabei ja helfen?</p><p>Das wird er ganz gewiss nicht tun. Wir sind Aaron. Du bist nur eine Episode. Ein bedauerlicher Ausrutscher. Wir aber sind der Unsterbliche. Die Essenz allen Wissens und aller Erfahrungen jeglicher Aarons. Von dir haben wir die k�rperliche H�lle. Das Verg�ngliche. Wir aber sind ewig. Und unter uns, an deinem K�rper war einiges verbesserungsw�rdig.</p><p>Artax blickte an sich hinab. In dem Zwielicht konnte er nicht gut sehen. Au�erdem plagte ihn noch immer ein stechender Kopfschmerz. So ver�ndert kam er sich allerdings nicht vor.</p><p>Sei ehrlich zu dir! Was ist mit deinem Bauch? Stell dich mal hin. Gestern warst du nur ein grober Klotz. Heute hast du einen athletisch sch�nen K�rper. Und da ist noch etwas, das wesentlich verbessert wurde. Wir wussten gar nicht, dass man an dieser Stelle so klein sein kann �</p><p>Bl�des Geschw�tz, dachte Artax und h�rte nicht weiter hin. Zumindest versuchte er das.</p><p>Geh doch mal zu der Wasserschale dort dr�ben. Und trenn dich von der albernen Vorstellung, dass wir dich immer bel�gen. Wir sind schonungslos offen. Es ist kl�ger, du h�rst auf uns. In ein paar Stunden, wenn der G�ttliche deine l�cherliche Existenz beendet, wirst du ein Teil von uns sein. Also genie� die Zeit, in der du noch selbst Entscheidungen treffen kannst.</p><p>Artax grinste. Ihm kam eine Idee. Wer sagte eigentlich, dass er sich permanent von diesen Stimmen beleidigen lassen musste? Immerhin waren <emphasis>sie</emphasis> in <emphasis>seinem</emphasis> Kopf. Und er w�rde ihnen schon zeigen, wer hier der Herr im Haus war!</p><p>Der G�ttliche wird meine Existenz nicht beenden, teilte er sich selbst und den Aarons mit. Und du warst so d�mlich, auf einer Reling zu balancieren, als du angegriffen wurdest. Vielleicht ist dies die Art, auf die <emphasis>deine</emphasis> Dummheit bestraft wird.</p><p>Ha! Da waren sie still, die Plaudertaschen!</p><p>Vorsichtig darauf bedacht, keines der drei M�dchen zu wecken, stieg Artax aus dem Bett und ging zur Wasserschale. Ihr Rand war mit einem wundersch�nen Bl�tenmuster eingefasst. In seinem ganzen Dorf hatte es keine Schale wie diese gegeben. Nicht einmal Siran hatte solche Sch�tze besessen!</p><p>Neben der Schale stand eine �llampe auf dem Tisch, deren Docht so weit gestutzt war, dass nur ein winziges Fl�mmchen darauf tanzte. Vorsichtig schob er den Docht h�her und langsam wuchs die Flamme an. Dann endlich konnte er sein Gesicht in dem spiegelnden Wasser sehen.</p><p>Ungl�ubig tastete er �ber seine Z�ge. Das war nicht mehr sein Gesicht! Ihn sah ein Fremder an. Die Nase war gerade, die Augen waren ein wenig dunkler, die Brauen von feinem Schwung. Auch seine Wangenknochen erschienen ihm ausgepr�gter. Sogar die Hautfarbe hatte sich ver�ndert. Sie war ein wenig heller.</p><p>Du vermisst doch nicht etwa deine alte Nase? Wei�t du, wie die aussah? Wie eine Schnecke ohne Haus. Ein formloser Klumpen war das.</p><p>Aber es war seine Nase gewesen, dachte Artax bitter. Dieses Gesicht hingegen � Er wandte sich von der Wassersch�ssel ab.</p><p>Es ist wichtig, gut auszusehen. Die Weiber geben sich dir bereitwilliger hin. Und die Untertanen h�ngen williger an Lippen in einem h�bschen Gesicht. Sch�nheit verf�hrt, Artax. Dazu geh�ren auch kostbare Gew�nder und selbstbewusstes Auftreten. Der Schein ist wichtig. Wenn du h�bsch bist, unterstellt man dir sofort auch innere Sch�nheit. Dass du ein g�tiger und gerechter Herrscher bist. Die Wirklichkeit verblasst hinter deinem Aussehen.</p><p>Artax dachte an einige der Schreckensbilder aus Aarons Erinnerungen. Der Unsterbliche hatte Gefallen an allen nur erdenklichen Grausamkeiten gefunden. Angewidert sch�ttelte Artax den Kopf.</p><p>So wirst du uns nicht los, beharrte die Stimme.</p><p>�Das ist nur ein Traum�, murmelte er leise. �Nur ein schrecklicher Alptraum.�</p><p>Er dachte daran, wie er in seiner ersten Woche als Waldbauer so unvorsichtig gewesen war, von einer der Fr�chte des Waldes zu essen. Sie hatte ausgesehen wie ein Apfel, ganz gut gerochen und sehr s�� geschmeckt. Kaum dass er sie aufgegessen hatte, war ihm schwindelig geworden. Er hatte sich setzen m�ssen und zwei Tage mit dem R�cken an einen Baum gelehnt gesessen und gekichert; jedenfalls hatte man ihm das sp�ter erz�hlt. Die Welt war zu einem Wirbel aus bunten Farben verschmolzen, und irgendwann war die Frau des T�pfers, der zwei Stra�en weiter in seinem Heimatdorf Belbek gewohnt hatte, aus dem Farbwirbel getreten. Er hatte sie einmal beim Bad im Fluss beobachtet. Hatte gesehen, wie sie den Rock hob. Was f�r einen Hintern sie gehabt hatte! Je l�nger er sie angestarrt hatte, desto mehr war sie mit dem Bild seiner Almitra verschmolzen, was ihm ausnehmend gut gefallen hatte. Die T�pferin hatte ihrem Mann zwei Kinder geboren. Leider zwei T�chter. Man konnte eben nicht alles haben. Im Wald hatte sie auch den Rock gehoben. Nat�rlich war sie nicht wirklich dort gewesen. Sp�ter hatte er geh�rt, dass man diese t�ckischen Fr�chte Traum�pfel nannte. Sie verwirrten die Sinne.</p><p>Artax kniff die Augen zusammen und z�hlte stumm bis zwanzig. Er war sich sicher, dass er keinen Traumapfel gegessen hatte. Aber all das hier � Konnte das wirklich wahr sein?</p><p>Z�gerlich hob er die Lider. Alles war noch da! Das riesige Bett. Die drei Frauen.</p><p>Er trat an den Vorhang, hinter dem das riesige Fenster lag. Ein Fenster, gro� wie ein Stalltor. Auch so etwas hatte er nie zuvor gesehen. Es war aus Hunderten kleiner Glasscheiben zusammengesetzt, die kunstvoll in golden schimmernde Bronze gefasst waren. Artax schob den schweren Stoff zur Seite und tastete �ber das Glas. Auch das hatte er bisher nur aus Erz�hlungen gekannt. In die Fenster im Tempel in seinem Dorf waren Rahmen genagelt, die ein Priester mit d�nn geschabten Ziegenh�uten bespannt hatte. Ein gelbes, tr�bes Licht sickerte durch die H�ute. Bislang war ihm das als Luxus erschienen. Kein anderes Fenster im Dorf war so verschlossen. Da gab es nur Holzl�den. Und noch �fter gar nichts.</p><p>Seine Kopfschmerzen hatten nachgelassen und er blickte durch den Spalt zwischen den schweren Vorh�ngen. Unter ihm erstreckte sich eine strahlend wei�e, leicht gewellte Ebene bis zum Horizont. Sie flogen �ber den Wolken. Der Anblick hatte etwas Magisches. Hier schien es nur noch Licht und Sch�nheit zu geben. Er f�hlte sich leicht ums Herz. Er war ein Unsterblicher! Er konnte alles haben, wovon Sterbliche nur tr�umen konnten. Er tr�umte nicht! Das brauchte er sich nicht mehr einzureden. Und wor�ber beschwerte er sich? War sein Leben nicht unermesslich viel reicher geworden? Was z�hlte da schon diese missg�nstige Stimme in seinem Kopf? Das w�rde er aushalten.</p><p>Er lauschte in sich hinein, doch diesmal kam kein Widerspruch. Artax lie� den Vorhang zur�ckgleiten und drehte sich erneut zu dem Bett um. Er sp�rte, wie ihm das Blut zwischen die Schenkel schoss. Ihm am n�chsten lag die Rothaarige. Ihre Haut war wie Milch. Sie hatte gestern immer wieder darauf bestanden, dass ihre Haare echt waren. Auch dann noch, als sie schon ziemlich viel getrunken hatte. Echte rote Haare. Gab es so etwas? Er wusste, dass Frauen sich Haare rot f�rbten. Das hatte es sogar in seinem Dorf gegeben. Aber dieses Rot war anders. Es gl�nzte ein wenig metallisch.</p><p>Artax hatte ihre Namen vergessen. Alle drei Namen. Seine erste richtige Liebesnacht hatte er sich anders vorgestellt. Wie hatte er die Namen vergessen k�nnen! Wie hatte er alles vergessen k�nnen! Der Stimme in seinem Kopf mochte er nicht glauben. Er blickte die drei an und versuchte verzweifelt, sich zu erinnern. Sie hatten sich nicht vorgestellt � Nat�rlich nicht. Aber sie hatten sich untereinander mit Namen angesprochen � Der unsterbliche Aaron hatte sich ihre Namen nie gemerkt! Da war nichts in diesen fremden Erinnerungen. Viele Gesichter � Keine Namen! Aber er war anders. Er erinnerte sich noch, dass er versucht hatte, sich ihre Namen einzupr�gen, doch jetzt waren sie wie ausgel�scht. Die ersten Frauen, mit denen er in seinem Leben das Lager geteilt hatte � Namenlos! Er war beileibe kein Romantiker. Bestimmt nicht! Er hatte immer ganz pragmatisch �ber die Frau nachgedacht, die er eines Tages ausw�hlen w�rde. Breite H�ften h�tte sie haben sollen, damit sie gut Kinder bekommen konnte und ihm nicht gleich bei der ersten Geburt verreckte. Ein zweites Weib h�tte er sich im Leben nicht leisten k�nnen. Aber das hier � Das war nicht richtig. So sollte das nicht sein!</p><p>Ob sie ihn wohl liebten? So wie er sich stets vorgestellt hatte, dass er und Almitra einander lieben w�rden? Artax verzog die Lippen. Diese Frage hatte in Aarons bisherigem Leben nie eine Rolle gespielt. Konnte ein Mann, der sich einen Harem hielt, an wahrer Liebe interessiert sein? Wohl kaum! Er wollte hier nur seinen Spa� haben. Und daran war nichts verwerflich, oder? Wenn man sich alles nehmen konnte, warum sollte man es dann nicht tun? W�re es nicht dumm, zu verzichten? Verh�hnte man damit nicht sogar jene, die von all dem tr�umten, was er nun besa�? Aber � Wovon sollte er, Artax, k�nftig tr�umen? Bis gestern hatte sein Leben klare Ziele gehabt. Genug Geld zusammenzuraffen, um wenn schon nicht die Frau seiner Tr�ume, so doch zumindest eine passable Frau kaufen zu k�nnen, sesshaft werden, eine Familie gr�nden und m�glichst viele S�hne zeugen.</p><p>Artax sah sich in der Kammer um. Die W�nde waren bedeckt mit Elfenbeinschnitzereien, die M�nner und Frauen beim Liebesspiel zeigten. Auf einem niedrigen Tisch lag der Schmuck, den seine Gespielinnen abgelegt hatten. Gewiss war allein dieser Schmuck mehr wert als sein ganzes Dorf und alle, die darin lebten. Ein Weib zu finden, das war nicht mehr seine Zukunft, falls er denn eine Zukunft hatte. Er war �ber dieses Ziel in geradezu unfassbarer Weise hinausgeschossen. Ja, er sollte noch S�hne zeugen � Aber das w�rde geradezu nebenbei geschehen. Vielleicht hatte er gestern Nacht schon den einen oder anderen gezeugt?</p><p>Ja, dachte er, er sollte sich ein anderes Ziel suchen. Sein Vater hatte ihn immer ermahnt, wie wichtig es im Leben war, Ziele zu haben. Ohne Ziel wurde man hin und her getrieben und am Ende des Lebens hatte man gar nichts erreicht. Hatte man sich aber ein Ziel gew�hlt und hielt verbissen daran fest, dann spannte sich eine f�r andere unsichtbare Schnur durch das Leben. Eine Rettungsleine, an die man sich bei jedem Sturm klammern konnte. Nur solch ein Leben verdiente Anerkennung!</p><p>Er richtete sich auf und trat noch einmal ans Fenster. Das Licht �ber den Wolken war so klar, dass es in den Augen schmerzte, obwohl seine Kopfschmerzen nun verflogen waren. Was war ein angemessenes Ziel f�r einen Mann, der in einem fliegenden Palast hoch �ber den Wolken schwebte?</p><p>Noch immer ersch�pft, lehnte er sich gegen die bronzegefassten Scheiben. Sie knirschten leicht unter seinem Gewicht. Er blieb dennoch stehen. War er lebensm�de? Was der L�wenh�uptige wohl sagen w�rde, wenn ihm binnen vierundzwanzig Stunden ein zweiter Unsterblicher aus dem Himmel fiel? Artax lachte kurz auf.</p><p>Die Rothaarige r�kelte sich lasziv und blinzelte zu ihm hoch. Er w�re jede Wette eingegangen, dass sie schon vorher wach gewesen war. Ihre Haare mochten echt sein � alles andere war es nicht. Die Stimme in seinem Kopf hatte wohl recht.</p><p>�Liebst du mich?�, fragte er aus einer Laune heraus.</p><p>�Ich verg�ttere dich.� Sie sagte das voller Leidenschaft und sah ihn mit einem Blick an, der direkt nach seinem Herzen griff. Ihm wurde hei�.</p><p>Ihr Blick wanderte tiefer. Ihr L�cheln wurde breiter. �Wie ich sehe, bin ich dir auch nicht ganz gleichg�ltig.�</p><p>Die Worte waren kaum �ber ihre Lippen, da begannen auch die beiden anderen sich zu regen. Die Erinnerung kehrte zur�ck! Die Rothaarige hie� Schaptu. Und ihre Freundin Aya. Aber die dritte, die mit der dunklen Haut und dem gelockten Haar � Ihren Namen hatte die Nacht verschlungen. Sie alle l�chelten auf eine Art, die ihm den Atem stocken lie�. Artax f�hlte sich nicht im Geringsten wie ein Liebhaber. Er hatte das Gef�hl, Beute zu sein. �Der L�wenh�uptige erwartet mich�, sagte er barsch, griff nach einem Laken und wickelte es sich um die H�ften. Er musste aus dem Schlafgemach heraus. Schnell! Und er musste ein Ziel finden, sonst w�rde er f�r immer ein Verlorener sein.</p><p>War nicht alles genau so, wie wir es dir vorhergesagt haben, Artax? Du kannst deinem Schicksal nicht davonlaufen. Du bist schon l�ngst ein Verlorener. Und warte nur ab. Bevor dieser Tag vor�ber ist, wird der L�wenh�uptige dich gegen einen W�rdigeren austauschen. Gegen einen Mann mit Verstand, der es w�rdig ist, unsere Stimme zu h�ren. Geh zur�ck! Gib dich den Buhlen hin. Es wird das letzte Vergn�gen in deinem j�mmerlichen Leben sein, Bauer.</p><p>Artax war es leid. Wisst ihr was?, sagte er. Ihr k�nnt mich mal! Ihr seid nur noch Zuschauer. Ich aber lebe!</p></section><section><title><p>Ein Gesch�pf voller Harmonie</p></title><p>Sich auf einem fliegenden Pegasus zu unterhalten war unm�glich. Der schneidende Wind raubte einem den Atem und riss jedes Wort davon, kaum dass es die Lippen verlassen hatte. Auch war sich Nandalee inzwischen sicher, dass Gonvalon nicht mit ihr sprechen wollte. Er war ohne seine Gef�hrtin zur�ckgekehrt. Wie h�tte Ailyn auch �berleben sollen, allein unter einem ganzen Heer von Trollen? Das war unm�glich. Die fremde Kriegerin hatte ihr Leben gegeben, um sie zu retten. Und Nandalee wusste noch nicht einmal, wer bereit gewesen war, diesen Preis zu bezahlen. Wer hatte Gonvalon und Ailyn geschickt? Dienten sie den Drachen oder den Alben? Aus eigenem Antrieb waren sie ganz gewiss nicht gekommen.</p><p>Der Pegasus wieherte und stie� in steiler Kurve dem Boden entgegen. Vor Stunden hatten sie die Bergkette, �ber die sich der K�nigsstein erhob, passiert und waren weiter gen S�dosten geflogen. Unter ihnen lag eine sanft gewellte Ebene, aus der sich vereinzelte Klippen erhoben. Es war ein grauer, bew�lkter Wintertag. Nur einzelne Felsen durchbrachen das fahle Tuch des Winters, das �ber das Land gebreitet lag. Hier gab es keine W�lder. Die Landschaft war eint�nig. Manchmal konnte man kleine Gruppen von Wollnash�rnern oder Mammuts beobachten. Sonst regte sich nichts.</p><p>Nachtschwinge hielt auf einen Felsen zu, der wie eine Messerklinge zwischen den H�geln aufragte. Der graubraune Fels mochte an die hundert Schritt hoch sein, sch�tzte Nandalee.</p><p>Der Pegasus weitete die Fl�gel und verlangsamte so seinen Flug. Wieder wieherte er, als sei er beunruhigt oder ver�rgert. Gonvalon zog an den Z�geln. Der Hengst warf schnaubend seinen Kopf zur�ck. Sie sanken immer tiefer. Nandalee konnte sp�ren, dass der Hengst nicht hier sein wollte. Was hatte es mit diesem Felsen auf sich?</p><p>Die schweren Hufe Nachtschwinges durchbrachen den Schnee, der bis weit �ber ihre K�pfe aufspritzte. Nandalee f�rchtete, der Hengst w�rde straucheln. Sie lockerte ihre F��e in den breiten Lederschlaufen des Sattels. Sollte der Pegasus st�rzen, war sie bereit, aus dem Sattel zu springen.</p><p>Doch dann stand Nachtschwinge still.</p><p>Gonvalon sprang ab und redete beruhigend auf den Rappen ein.</p><p>Nandalee sah sich um. Sie waren mitten im Nichts gelandet. Was wollten sie hier? Dies war kein Platz, an dem man lagern konnte, und sie war sich sicher, dass der Pegasus noch nicht ersch�pft war. Sie h�tten weiterreisen k�nnen.</p><p>Zweifelnd blickte sie den steilen Felsen hinauf. Gab es vielleicht eine H�hle? Nein. Da waren nur Eiszapfen, die wie gl�serne Schwerter von vorspringenden Klippen hingen. Ein steifer Ostwind pfiff heulend um den Fels und trieb Schneeschleier �ber die Ebene.</p><p>Die K�lte vermochte Nandalee nichts mehr anzuhaben. Sie vermutete, dass es an dem Amulett lag. Trotz ihrer leichten Kleidung war ihr warm. Sie sp�rte den scharfen Wind auf Gesicht und H�nden, aber nicht den t�dlichen Biss der K�lte.</p><p>Gonvalon ging unsicher auf und ab, starrte den Boden an und schien etwas zu suchen. Nandalee beobachtete ihn verwundert. Vermutlich konnte sie besser F�hrten lesen als er. Der Schnee hier war v�llig unber�hrt. Selbst er m�sste erkennen, dass es hier nichts zu finden gab! Doch dann sp�rte sie noch etwas anderes. Eine fremde Kraft. Das musste es sein, wovor Nachtschwinge zur�ckschreckte.</p><p>Pl�tzlich kniete Gonvalon nieder, presste seine rechte Hand fest auf den Boden und schloss die Augen. Er war angespannt. Nandalee wagte nicht, ihn anzusprechen. Etwas geschah. Seine Lippen bewegten sich lautlos. Eine Spannung lag in der Luft wie kurz vor einem Gewittersturm. Die feinen H�rchen in ihrem Nacken stellten sich auf, und sie wich einen Schritt vor dem Elfen zur�ck. Der Schnee knirschte unter ihren Stiefeln. Kein Ger�usch, schalt sie sich stumm und verharrte erneut. Der Wind heulte um den schroffen Messerfelsen, doch hier unten, bei ihnen, war es jetzt v�llig windstill! Nandalee stockte der Atem. Das war unm�glich! Ungl�ubig starrte sie auf die Wirbel aus Pulverschnee, die �ber die Winterlandschaft fegten. Sie wichen ihnen jetzt aus. Kamen nicht n�her als ein paar Schritt an sie heran!</p><p>Buntes Licht spiegelte sich im winterlichen Wei�. Nandalee fuhr herum. Zwei Schlangen aus glei�endem Licht brachen aus dem Schnee und neigten sich einander zu. Nandalee musste an die Geschichten �ber die Regenbogenschlangen denken, auf deren R�cken Ny Rin zum Blauen Stern gelangt war. Als sich die beiden Schlangen ber�hrten, f�llte sich der Raum zwischen ihnen mit Finsternis. Und dann sah sie einen Goldenen Pfad, der durch die Dunkelheit f�hrte.</p><p>�Komm!� Gonvalon klang sehr ersch�pft. Blanker Schwei� stand ihm auf der Stirn.</p><p>�Wohin bringst du mich?�</p><p>�Dorthin, wo dein Verborgenes Auge ge�ffnet werden wird, wenn du dich als w�rdig erweist.�</p><p>Sie wollte ihn mit weiteren Fragen best�rmen, doch sie sp�rte, dass sie keine Antworten erhalten w�rde. Nachtschwinge trat an Gonvalon heran, dr�ckte ihm seine weichen N�stern gegen die Wangen und blickte zu dem magischen Tor. Der Hengst schien jetzt keine Angst mehr zu haben. Sie hatte nicht weniger Mut als ein Gaul mit Fl�geln, entschied Nandalee. Sie kam sich unwissend und hilflos vor. Sie hasste dieses Gef�hl! Entschlossen ging sie der Dunkelheit entgegen.</p><p>�Halt!� Gonvalon packte sie am Arm und zog sie zur�ck. �Du kannst nicht einfach so die Albenpfade betreten. Du w�rdest dich verirren.�</p><p>�Ich bin in der Wildnis aufgewachsen und habe mich in meinem ganzen Leben noch nicht verirrt.�</p><p>�Das ist nicht die Wildnis�, entgegnete er matt. �Du wirst sehen. � Ohne weiter auf eine Antwort zu warten, zog er sie hinter sich her. Nachtschwinge folgte ihnen. Der Pegasus schien nicht zum ersten Mal ins Dunkel jenseits einer magischen Pforte zu treten.</p><p>�Dies hier ist das Nichts, der Raum zwischen den Welten�, erkl�rte Gonvalon. �Du darfst den Pfad nicht verlassen, sonst st�rzt du in die Leere, und es w�re schwer, dich hier wieder zu finden.�</p><p>Nandalee nickte stumm, obschon sie gar nichts verstand.</p><p>Der <emphasis>Pfad</emphasis> f�hlte sich seltsam an. Er sah aus, als sei er nichts als Licht, und war doch auch k�rperlich. Bei jedem ihrer Schritte versanken ihre F��e ein wenig in diesem Licht, als ginge man �ber einen Fels, der von einem dicken Moospolster �berwuchert war. Nandalee hatte Angst. Und zugleich war sie zornig, weil sie sich f�rchtete. Von was f�r Welten sprach er? Was lag jenseits dieser Dunkelheit? Hatte Gonvalon einfach beschlossen, sie von Albenmark fortzubringen?</p><p>�Ich bin kein Kind. Ich werde schon aufpassen�, sagte sie trotzig. �Und ich f�rchte mich vor gar nichts!�</p><p>�Was nicht unbedingt ein Zeichen von Klugheit ist�, entgegnete Gonvalon m�de. �Die einzige Gefahr hier sind wir selbst. Wir k�nnten uns verirren oder in das Nichts st�rzen. Und wenn wir sehr viel Pech haben, treffen wir vielleicht auf einen Dschinn, der in der Stimmung ist, seinen Schabernack mit uns zu treiben.�</p><p>�Dschinne? Gibt es die wirklich?�</p><p>Gonvalon lachte leise. �Ich bin auch schon Dschinnen begegnet, die �berzeugt waren, Elfen g�be es nur in phantastischen Geschichten. Sie bewegen sich gerne durch das Nichts. Dschinne sind nicht wirklich b�sartig, aber sie haben manchmal einen Humor, den niemand au�er einem anderen Dschinn zu teilen vermag. Darin sind sie wie Kobolde, nur dass sie viel m�chtiger sind.�</p><p>Nandalee sah sich um, aber es gab nichts zu entdecken, weder Ger�che noch irgendwelche Ger�usche. Es gab nichts, genau wie der Name es schon sagte. Die Zeit verlor f�r Nandalee jedes Ma�. Sie schien sich unendlich zu strecken wie das Dunkel um sie herum. Die Elfe legte die Rechte auf ihr Herz und z�hlte seine Schl�ge. Es raste vor Anspannung.</p><p>Ein Fenster aus blauem Licht erschien vor ihnen �ber dem Goldenen Pfad und kam schnell n�her, als w�rde es sich seinerseits auf sie zubewegen. Nachtschwinge schnaubte. War dies das Ende der Reise? Wie lange hatte sie gedauert?</p><p>Wind blies aus dem Blau, strich �ber Nandalees Wangen und spielte mit ihrem Haar. Gonvalon f�hrte sie aus dem Dunkel. Sie befanden sich mit einem Mal hoch in den Bergen. Ein Gebirgszug brandete ihnen wie ein Stein gewordener Sturm entgegen. �ber ihnen spannte sich ein zerkl�fteter Felsvorsprung. Nur ein paar Schritt entfernt sa� eine Elfe im Schneidersitz. Ihre Augen waren geschlossen, das Gesicht eine Maske stiller Einkehr.</p><p>Verwundert drehte Nandalee sich um und erstarrte. Da waren noch mehr Elfen. Und ein Drache!</p><p>Den Schwanz eingerollt und sein Haupt auf schlangengleichem Hals wachsam erhoben, sah er sie an.</p><p>Gonvalon verneigte sich, doch Nandalee konnte nichts anderes als starren. Ein Drache! Nie zuvor hatte sie einen gesehen. Im hohen Norden Albenmarks waren sie selten. Dieser hier war vom gelblichen Wei� alter Knochen. Die Fl�gel gefaltet, blickte er ruhig zu ihnen hinab. Er �berragte sie um mehr als zwei Schritt. Seine Augen waren von hellem Blau und schienen von innen heraus zu leuchten.</p><p>Siebzehn Elfen sa�en vor dem Drachen im Schneidersitz. Nur drei von ihnen, so stellte Nandalee fest, sahen sie an. Alle �brigen waren v�llig in sich versunken. Zwei schwebten eine Handbreit �ber dem steinernen Boden, der mit sinnenverwirrenden Spiralmustern bedeckt war.</p><p><emphasis>Willkommen in unserer Mitte, Dame Nandalee.</emphasis></p><p>Die Stimme des Drachen erklang in ihrem Kopf! Die Worte fuhren wie gl�hende Lava durch ihren Geist � leise zun�chst und warm, gewannen sie binnen K�rze an Hitze und brannten sich ihr ein. Drachenworte verlangten danach, nie wieder vergessen zu werden. Jedes einzelne war eine Gunst. �berdeutlich sp�rte sie das Interesse der Bestie. Sie rang mit ihr. Wollte etwas bekommen, das ihr verschlossen blieb, ohne dass sie sich ihr bewusst verweigert h�tte.</p><p>Nandalee blickte aufgew�hlt und beklommen zugleich zu Gonvalon, doch der Elf ignorierte sie. Konzentriert sah er den Drachen an. H�rte auch er die Stimme in seinem Kopf? Vermochte er gar, auf die gleiche Art zu antworten? Erregte und ber�hrte ihn diese Stimme so wie sie? Was war das f�r ein Ort? Was sollte sie hier?</p><p><emphasis>Ihr seid eine Elfe, Dame Nandalee. Ein Gesch�pf voller Harmonie, eins mit der Magie, die Ihr in allen Dingen erkennen werdet, wenn es uns beiden gelingt, Euer Verborgenes Auge zu �ffnen.</emphasis></p><p>�Ich werde dich nun verlassen�, sagte Gonvalon ohne das geringste Bedauern. �Hier wird sich entscheiden, ob du eine Drachenelfe werden wirst. Ob dein Weg in die Blaue oder die Wei�e Halle f�hrt. Oder in dein Grab.�</p><p>Nandalee schluckte, wollte etwas sagen, wollte hier fort! Aber ihr Stolz versiegelte ihre Lippen.</p><p>Ihr Retter sprang auf Nachtschwinges R�cken Er winkte dem Drachen zu. Dann preschte er auf den Rand der Klippe zu.</p><p>Ein Herzschlag und er war verschwunden.</p><p><emphasis>Willkommen, Dame Nandalee</emphasis>, sagte die fremde Stimme in ihren Gedanken. <emphasis>Er hatte schon immer eine Vorliebe f�r kurze Abschiede. Auch er war einmal hier, und es war ein langer Weg, ihn zu seinen verborgenen Kr�ften zu f�hren. Ich sp�re, wie aufgew�hlt Ihr seid. Setzt Euch, mein Kind. Heute soll Eure einzige Aufgabe darin bestehen, zu sitzen und Frieden in Euer Herz einkehren zu lassen. Und ja, ich wei�, dies ist eine gro�e Aufgabe, wenn der Blick eines Drachen auf einem lastet.</emphasis></p></section><section><title><p>Gef�hrliche Gedanken</p></title><p>Artax stand auf der Galerie der Glaskuppel, am Bug seines fliegenden Palastes. Er l�chelte versonnen. <emphasis>Sein</emphasis> fliegender Palast! Vor kaum einer Woche noch hatte er im Dreck gew�hlt und nun geh�rte ihm dieses gewaltige und geheimnisvolle fliegende Schiff. Die letzten Tage hatte er damit verbracht, es sich anzuschauen, war bis in die hintersten Winkel gekrochen und hatte mit allen erdenklichen Luftschiffern gesprochen. Angefangen vom einfachen Wolkenschiffer bis hin zu dem grimmigen Hohepriester, der ihn nicht sonderlich zu m�gen schien. Artax war sich bewusst, dass man an Bord �ber ihn redete. Er benahm sich anders als fr�her, aber soweit er das beurteilen konnte, hatte man seine Ausrede, der Sturz aus dem Himmel habe ihn ver�ndert, akzeptiert. Er hoffte, dass sie ihn mochten. Zumindest waren alle freundlich zu ihm. Er wusste, dass Aaron mit Todesurteilen nicht lange gefackelt hatte. Vielleicht war es also doch Furcht �</p><p>Nat�rlich ist es Furcht, du hirnloser Bauer.</p><p>Die Stimme in seinem Kopf lie� ihn einfach nicht zufrieden. Wenn er Wein trank oder sehr ersch�pft war, wurde sie dr�ngender. Einmal hatte sie sogar durch seinen Mund gesprochen. Doch meist konnte er sie beherrschen.</p><p>Glaubst du wirklich? Was denkst du, was wir tun, wenn du schl�fst?</p><p>Er musste diesen Qu�lgeist einfach ignorieren. Die Stimme wollte nichts als ihn beherrschen. Und sie hatte unrecht behalten, was den Devanthar anging. Er, Artax, der <emphasis>j�mmerliche</emphasis> Bauer, war nicht bei erstbester Gelegenheit durch einen Passenderen ersetzt worden. Er war noch immer hier, und er schlug sich alles andere als schlecht, wie er fand.</p><p>Der Devanthar spielt mit dir, wie die Katze mit der Maus. Noch bist du interessant, aber sobald sein Interesse an deinen Eskapaden erlahmt, bist du tot!</p><p>Vielleicht hatte die Stimme recht. Die Taten des Devanthar zu beeinflussen lag nicht in seiner Macht. Also w�rde er aus jeder Stunde, die ihm blieb, das Beste machen.</p><p>Artax blickte �ber das weite, strahlende Wolkenmeer. Er hatte schon viele Stunden hier in der Glaskuppel verbracht und noch immer wurde er es nicht satt, sie zu betrachten, diese Welt voller Licht und Wei�. Und den wunderbaren Sternenhimmel, den die Nacht ihm schenkte. Nie hatte er so viele Sterne gesehen wie hier, hoch �ber den Wolken. Manchmal stieg er auch hinab zur Kuppel des Lotsen unter dem Rumpf. Er mochte den alten Mann, der best�ndig leise vor sich hin summte und den Kurs des Wolkenschiffes bestimmte. Doch dort unten blieb einem der Blick auf den Himmel verwehrt. Hier oben hingegen sah man das Land unter dem Schiff vor�bergleiten, jedenfalls, wenn die Wolken nicht den Blick darauf versperrten, und man sah den Sternenhimmel.</p><p>Immer wieder ertappte Artax sich bei der Sehnsucht, zu den Wolken hinabzuspringen. Er stellte sie sich wunderbar weich vor, wie eine Ebene aus locker bef�llten Strohs�cken.</p><p>Aarons Erinnerungen mahnten ihn ab. Die Erinnerungen all der Unsterblichen, die vor ihm geherrscht hatten, konnte er inzwischen fast so leicht abrufen wie seine eigenen. Ja, er hatte sogar manchmal die Bef�rchtung, dass sie sich zu einem einzigen gro�en Durcheinander vermengen w�rden und er eines Tages nicht mehr klar wissen w�rde, wer er einmal gewesen war. Sehns�chtig blickte Artax zu den Wolken hinab. Sein Verstand sagte ihm ganz klar, was mit ihm geschehen w�rde, wenn er seinem Wunsch nachgab. Er wusste auch, dass die Springsucht die h�ufigste Todesursache unter Luftschiffern war. Noch vor dem Flammentod. Und dennoch konnte er nicht auf die Wolken hinabblicken, ohne davon zu tr�umen, auf ihnen zu schreiten.</p><p>�Ich k�nnte deine Tr�ume wahr werden lassen.�</p><p>Artax fuhr erschrocken herum. Dicht hinter ihm stand der Devanthar, der lautlos die Glaskuppel betreten hatte. Oder war er aus dem Nichts erschienen? Artax vermochte ihm nicht ins Antlitz zu blicken.</p><p>�Wovon tr�umst du noch?�</p><p>�Kannst du nicht ohnehin in meinen Gedanken lesen?�, entgegnete Artax mit einem Anflug von Trotz in der Stimme.</p><p>�Es ist etwas anderes, wenn Tr�ume ausgesprochen werden. Damit haben sie die erste Schwelle genommen. Sie sind ein wenig greifbarer geworden. Ich muss mich entscheiden, ob du das Zeug hast, ein Unsterblicher zu sein. Dir ist klar, was dir f�r eine Gnade zuteilgeworden ist?�</p><p>�Mir ist inzwischen klar, dass mir keine Gnade zuteilgeworden ist�, sagte er und suchte nun doch den Blick des Devanthar. Die bernsteinfarbenen L�wenaugen schienen bis in sein Innerstes zu blicken.</p><p>�W�nschst du dir Erl�sung? Ich habe jemanden gefunden, der ungef�hr deine Gestalt hat. Wenn du so freundlich w�rst, deine Kleider abzulegen, dann muss ich nicht ��</p><p>�Ich will das K�nigreich ver�ndern. Von Grund auf!�, platzte Artax heraus.</p><p>�Oh, ein Reformer. In dieser Richtung hatte Aaron nur sehr wenig Ehrgeiz. Seine gr��ten Reformen hat er innerhalb seines Harems durchgef�hrt.�</p><p>Artax nickte beklommen. Er kannte all diese Eskapaden so gut, als seien es seine eigenen gewesen. �Als Erstes werde ich diese Elfe im Weltenmund bestatten.�</p><p>�Das wird dir den Zorn von mindestens zwei Unsterblichen einbringen. Dort werden K�nige und Helden auf ihren letzten Flug geschickt.�</p><p>�Ich wei� nicht, welchen Rang sie unter ihresgleichen hatte. Aber eine Heldin war sie ganz gewiss. Sie hat ganz allein dieses riesige Schiff angegriffen.�</p><p>�Das k�nnte man auch so deuten, dass sie eine Verr�ckte war�, entgegnete der Devanthar in einem Tonfall, dem man nicht entnehmen konnte, ob er es ernst meinte oder scherzte. �Im �brigen war sie deine M�rderin.�</p><p>�Ich sehe es eher so, dass sie meine Wiedergeburt erm�glichte. Ich hege keinen Groll gegen sie.�</p><p>Die Lefzen des L�wenh�uptigen hoben sich. Das war kein L�cheln! �Der Bauer, der zum Philosophen wurde.�</p><p>�Aaron hatte gute Lehrer.� Artax senkte dem�tig sein Haupt. �Sein Kopf war voller Wissen, das er nicht nutzte. Mir quellen die Gedanken �ber, wenn ich nach diesen Sch�tzen greife. Du wei�t, dass meine Weisheit auf gestohlenem Wissen gr�ndet. Ich bin nur ein Unw�rdiger, der ��</p><p>�Lippenbekenntnisse!�, fauchte der Devanthar. �Aaron kniete vor mir, wenn wir alleine waren. Und auch in der �ffentlichkeit verga� er nie, mir Ehre zu erweisen. Es ist bereits aufgefallen, dass sich dies ge�ndert hat.�</p><p>�Brauchst du einen starken Unsterblichen oder einen, der bei jeder Gelegenheit vor dir das Knie beugt? Wann bin ich dir ein besserer Diener? Wenn ich von meinem Volk bewundert werde oder wenn ich mich wie alle anderen vor dir im Staub winde? Sag es mir! Ich wei� es nicht. Mein Kopf ist voller fremder Gedanken und schon jetzt, nach so wenigen Tagen, beginnen sie sich mit meinen eigenen Erinnerungen zu mischen. Aaron wollte dir gegen�ber immer stark sein, aber er hatte das Herz einer Maus. Ich habe die Priesterschaft immer verachtet. Ich halte nichts von M�nnern, die ihre Schwielen nicht an den H�nden tragen, sondern bestenfalls auf der Zunge. Welche Aufgabe hat ein Unsterblicher? Sag es mir! Ich wei� es nicht!�</p><p>�Du bist das Bindeglied zwischen Menschen und meinesgleichen. Du erf�llst die Pflichten, die sich nicht mit unserer G�ttlichkeit vereinbaren lassen. Die Unsterblichen sind unsere Diener. F�r Menschen aber seid ihr unerreichbar. Fast Halbg�tter. Ihr seid die Mittler der Menschen und unsere Statthalter.�</p><p>�Und? Sollte ein Statthalter und Halbgott wie ein kriecherischer Lakai auftreten? Oder sollte er den Stolz des Gottes, der ihn erw�hlt hat, verk�rpern?�</p><p>Der L�wenh�uptige bleckte die Z�hne. �F�r einen Mann, der faselnde Priester verachtet, hast du eine flinke Zunge.�</p><p>�Aaron wurde in Rhetorik geschult, kaum dass er zu reden gelernt hatte�, stellte Artax fest.</p><p>�Was kaum Fr�chte getragen hat.� Der Devanthar sah ihn lauernd an, und Artax musste an eine Katze denken, die mit einer Maus spielte. Diese verfluchte Stimme in seinem Kopf. Ihre Worte waren wie ein langsam schleichendes Gift.</p><p>Die Augen des Devanthar verengten sich. Angst griff nach Artax� Herz. H�tte er nur den Mund gehalten! War er denn von allen guten Geistern verlassen, mit einem Gott zu streiten? Das war nicht er! Er ging verloren in der Flut der Erinnerungen von Aaron, das musste es sein. Aber, gestand er sich selbst ein, auch Aaron h�tte es nicht gewagt, sich mit dem Devanthar anzulegen. Wurde er vielleicht verr�ckt, weil die Erinnerungen und Sehns�chte zweier Menschen nun in seinem Kopf zusammengepfercht waren? Er sollte sich m��igen. Am besten, er �</p><p>�Du bist interessant�, unterbrach der Devanthar seine Gedankenflut. �Wahrlich eine Abwechslung. Ich rate dir, sei so interessant, dass mein Gefallen an dir nicht erm�det, und achte zugleich darauf, dass deine vorlaute Zunge mich nicht erz�rnt. Du wirst mich brauchen. Du wirst dir sehr schnell Feinde machen. Du wirst es schaffen, dass dein Leben gef�hrdet ist, obwohl du ein Unsterblicher bist. Und das ist wahrlich nicht leicht.� Er l�chelte auf eine fremdartige, bedrohlich wirkende Art, und Artax dachte schon, die Unterhaltung w�re beendet, als das L�cheln aus den Z�gen des Devanthar verschwand.</p><p>�Es k�nnte sein, dass der Weltenmund auch zu deinem Grab wird�, sagte er.</p></section><section><title><p>ER</p></title><p>ER drehte den Dolch in den H�nden und bewunderte die Waffe, die ihm die �berlebende Elfe gebracht hatte. Lyvianne. Sie hatte es eilig gehabt, fortzukommen. Wahrscheinlich h�tete sie irgendwo wieder ein Kind, das sie am Ende doch nur ermorden w�rde. Sie war verr�ckt geworden! Aber IHM war das egal. Sie war eine sehr gute Dienerin und hatte IHN noch nie entt�uscht. Anders als Talinwyn. Sie h�tte es weit bringen k�nnen, wenn sie weniger ehrgeizig und nicht so unbeherrscht gewesen w�re. Was scherte IHN der Verlust einer jungen Drachenelfe, solange ER Lyvianne hatte?</p><p>Kurz dachte ER daran, dass Gonvalon noch nicht zur�ckgekehrt war, um von seiner Mission zu berichten. War geschehen, was ER vorhergesehen hatte? War Ailyn tot?</p><p>Sie war ein �rgernis, denn sie war m�chtig geworden und diente nicht IHM. Die aufs�ssige kleine Elfe aus Carandamon hingegen war nicht von Bedeutung. F�r IHN war es immer nur darum gegangen, Ailyn loszuwerden. Sicher w�rde Gonvalon bald kommen. Der Elf hatte IHN ebenfalls noch nie entt�uscht!</p><p>ER dachte an die Zukunft. An SEINE gro�en Pl�ne. Dann blickte ER wieder auf den Dolch. Deutlich sp�rte ER die dunkle, andersartige Magie, die in das Metall gewoben war � eine Waffe, die zu dem Zweck erschaffen worden war, ewiges Leben zu nehmen.</p><p>Die Klinge des Dolchs war von einem unregelm��igen blaugrauen Wellenmuster �berzogen. ER kannte die Schmiedetechnik, mit der man solchen Stahl erschuf � biegsam und doch stark. Fast unzerbrechlich. Doch war mehr in diesem Muster gefangen, als sich auf den ersten Blick erschloss. Diese Wellen b�ndelten die Magie, die alles durchdrang. Die Waffe w�rde niemals geschliffen werden m�ssen, und es gab nichts, was ihr zu widerstehen vermochte. Ein Sto� mit diesem Dolch war t�dlich, ganz gleich, ob man sich mit bestem Stahl oder Magie wappnete oder mit beidem zugleich.</p><p>ER legte den Dolch auf einen flachen Stein, auf den im Kreisrund acht Symbole eingeritzt waren. Jedes der Zeichen stand f�r einen Uneinsichtigen. Alle acht konnte man antreffen, ohne dass Zeugen anwesend waren, wenn man den rechten Zeitpunkt w�hlte. Sie hielten sich f�r unber�hrbar.</p><p>ER l�chelte. Dieser Dolch w�rde einen von ihnen eines Besseren belehren. Jeder dieser acht trug Schuld daran, dass die Welt in Lethargie erstarrte. Lange hatte ER versucht, sich mit Worten gegen ihre Gleichg�ltigkeit zu stemmen. Sie waren es, die IHN gezwungen hatten, einen anderen Weg zu beschreiten. Sie hatten sich selbst zuzuschreiben, was geschehen w�rde.</p><p>Wussten sie es vielleicht sogar? Der Gedanke lie� IHN erzittern. Warteten sie auf SEINE Tat, um IHN dann zu vernichten?</p><p>So vorzugehen st�nde im Einklang mit ihrer Lethargie. Sie agierten nicht mehr, sie reagierten nur noch. Und selbst dazu lie�en sie sich selten genug herab. Wie konnten sie tatenlos zusehen, was auf Nangog geschah? Wie der alte Pakt gebrochen wurde?</p><p>ER schnippte gegen den Dolchgriff, und die Waffe drehte sich so schnell, dass sie zu einer silbern schillernden Scheibe verschwamm. Hatte ihre Unf�higkeit zu entscheiden auch IHN schon befallen? Warum �berlie� ER es dem Schicksal, gegen wen die Klinge gerichtet w�rde? W�re es nicht weiser, selbst zu entscheiden? Aber wenn ER es t�te, dann w�rden IHM wom�glich seine Sympathien im Wege stehen. Das musste ausgeschlossen werden! Gegen die meisten der acht hegte ER keinen tief greifenden Groll. Es war schwer, sich ihres Charismas zu entziehen.</p><p>Die Klinge wurde langsamer. Sie trudelte ein wenig. Der Griff des Dolches war aus dem Zahn eines Wals geschnitzt und endete in einem L�wenhaupt. Im Gegensatz zur Klinge war dieser Teil der Waffe verg�nglich.</p><p>Der Dolch trudelte immer st�rker in seiner Kreisbewegung, manchmal ber�hrte seine Spitze den Fels. Als die Bewegung zum Ende kam, zeigte die Klinge nicht genau auf eines der acht Zeichen. Dennoch war das Ergebnis eindeutig genug. Es war das letzte der Zeichen, das ER hinzugef�gt hatte. Das, bei dem ER am l�ngsten gez�gert hatte.</p><p>Sie w�rde ohne Argwohn sein, wenn ER sie besuchte. ER mochte sie. Obwohl sie unleugbar zu den Gleichg�ltigen zu z�hlen war, hatte ER ihr gegen�ber nie Zorn empfunden. Das Zeichen f�r ihren Namen war nur deshalb in den Stein geschnitten, um die Symmetrie zu wahren, um den gedachten Kreis in gleichm��ige Achtel zu teilen. ER fluchte leise. Ein symmetrisch geteilter Kreis w�re nicht notwendig gewesen! Dinge symmetrisch zu gestalten war SEINE Neigung.</p><p>Ob ER den Dolch noch einmal drehen oder einfach einen anderen Namen w�hlen sollte? Nein! ER durfte nicht gleich zu Anfang seines Weges mit den getroffenen Entscheidungen hadern. So w�rde ER nie ans Ziel gelangen. Der Dolch hatte entschieden, wessen Blut vergossen werden sollte. ER w�rde sich noch ein wenig Zeit lassen, aber die Entscheidung stand fest. Nun galt es nur zu �berlegen, wie ER SEINE Spur verwischen konnte.</p><p>ER blickte zu dem gro�en Schwert, das an der Felswand lehnte. Todbringer war zur�ckgekehrt und sein Fluch hatte sich an Talinwyn erf�llt. Die Drachenelfen glaubten fest daran, dass sich das Schwert gegen ihren Tr�ger wandte, wenn man es nicht die Seelen erschlagener Feinde trinken lie�. Erstaunlich abergl�ubisch waren sie. H�tte Talinwyn eine andere Waffe gew�hlt oder einen anderen Lehrer � denn auf ihrem Schwertmeister Gonvalon haftete angeblich auch ein Fluch �, dann w�re sie vielleicht zur�ckgekehrt. Man k�nnte die Dinge auch n�chtern betrachten und sich eingestehen, dass Talinwyn auf eine Mssion gegangen war, bei der es nur wenig Aussichten gegeben hatte zu �berlegen. Aber IHM war nur recht, wenn die Drachenelfen abergl�ubisch waren, statt ihre Auftr�ge zu hinterfragen.</p><p>Zufrieden betrachtete ER die Waffe. Der wuchtige Zweih�nder war SEIN Meisterst�ck gewesen. ER hatte all seine dunklen Gef�hle in den Stahl gelegt. Einen Fluch hatte ER jedoch nicht eingewoben. Jedenfalls nicht wissentlich. ER wusste sehr wohl, dass es zu unerw�nschten Ph�nomenen kommen konnte, wenn die Matrix der Zauber zu dicht wurde und verschiedene Spr�che begannen, sich gegenseitig zu beeinflussen.</p><p>ER griff nach dem Bidenhander und wog ihn pr�fend in H�nden. Die Klinge war zu lang � nicht leicht zu f�hren, aber lang genug, um ein Drachenherz zu durchbohren. Ganz so, wie ER es in der Silberschale, die den Schleier der Zukunft zerriss, gesehen hatte. Die Schale hatte IHM das Schwert gezeigt und den Arm, der es f�hrte. Einen schlanken und doch kr�ftigen Arm, um den sich ein Schlangendrache wand.</p><p>ER wusste, wen die Klinge t�ten w�rde.</p><p>Der Leib war unverwechselbar.</p><p>Nachdem ER dieses Bild gesehen hatte, hatte ER Todbringer erschaffen. ER nahm das Schicksal in die Hand. ER formte die Zukunft.</p><p>Traurig betrachtete ER den Dolch. Nein, dachte ER, ER war kein Zauderer. ER w�rde tun, was getan werden musste.</p></section><section><title><p>Das verborgene Auge</p></title><p>Nandalee hatte keine Ruhe gefunden. Nicht in der ersten Nacht und auch nicht in den N�chten danach. Den anderen Elfen schien sie v�llig gleichg�ltig zu sein. Niemand von ihnen richtete das Wort an sie. Aber gelegentlich beobachteten sie sie aus den Augenwinkeln.</p><p>Nandalee vermutete, dass jeder von ihnen in Gedanken mit dem Drachen sprach. Ab und zu stand einer der Elfen auf, ging an dem Drachen vorbei und verschwand in einem hinteren Winkel der H�hle. Vielleicht konnte man dort irgendwo essen oder auch nur ungest�rt seine Notdurft verrichten. Sie blieben lange fort.</p><p>Die weite, offene H�hle, die ihre Unterkunft war, lag sehr hoch in den Bergen. Hier gab es keinen Schutz vor dem Wind und es war eisig kalt. Den neun M�nnern und acht Frauen schien die K�lte nichts auszumachen, aber Nandalee war inzwischen vollkommen ausgek�hlt. Das Amulett, das sie von Sata erhalten und das sie gew�rmt hatte, hatte der Drache ihr gleich am ersten Abend abgenommen. Nun waren drei Tage vergangen, ihr klapperten die Z�hne, ihre Finger waren blau und die N�gel fast schwarz.</p><p>Nandalee kauerte am Boden und beobachtete den Drachen. Die meiste Zeit �ber hielt er seine durchdringenden blauen Augen geschlossen, aber gestern Nacht war er aufgeflogen, um sich unter der H�hlendecke im Felsgestein festzukrallen. Die weiten Schwingen wie eine Decke um den Leib gefaltet, hatte er dort gehangen, als sei er eine gro�e Fledermaus. W�re ihr nicht so kalt gewesen, sie h�tte �ber ihn gelacht. Sie wusste nicht viel �ber Drachen, aber es erschien ihr falsch, dass sie wie Flederm�use schliefen. Je l�nger sie ihn beobachtete, desto mehr kam sie zu der �berzeugung, dass der wei�e Drache verr�ckt war. In drei Tagen hatte er ihr nichts beigebracht! Und das sollte ein Lehrmeister sein! Jetzt lag er wieder inmitten der H�hle, auf dem mit Spiralmustern geschm�ckten Felsboden. W�hrend er geschlafen hatte, war es zu dunkel gewesen, um zu erkennen, was sich hinter dem Platz verbarg, an dem er sonst kauerte, und Nandalee war zu stolz gewesen, um nachzusehen. Nein, das war nicht die ganze Wahrheit. Eigentlich war sie auch zu schwach.</p><p><emphasis>W�rdet Ihr lieber sterben, als mich um etwas zu bitten?</emphasis></p><p>Der Drache hielt die Lider geschlossen.</p><p><emphasis>Ihr seid sonderbar, Dame Nandalee. Ich kann in Gedanken mit Euch sprechen, aber ich kann nicht in ihnen lesen. Ihr h�rt mich doch, nicht wahr? Es ist allein Eure Sturheit, die Euch nicht antworten l�sst. Oder? Seit Gonvalon Euch hierhergebracht hat, verschlie�t Ihr Euch. Das ist eine neue Erfahrung, genauso wie die Tatsache, dass ich nicht in Euren Gedanken lesen kann. Erstaunlich. Ihr seid wahrlich bemerkenswert stur, Dame Nandalee. Was kostet es Euch, mich um Hilfe zu bitten? Ist es Euch eine derart gro�e Last, um etwas zu bitten? Ist Euer Stolz es wert, f�r ihn zu sterben?</emphasis></p><p><emphasis>Wie w�re es, wenn Ihr nickt oder den Kopf sch�ttelt? Dann h�ttet Ihr immer noch kein Wort gesprochen. Falls es das ist, was Euch am Herzen liegt.</emphasis></p><p>Nandalee schluckte. Sie hatte sich noch immer nicht an die Gef�hle gew�hnt, die sie durchfuhren, wenn der Drache mit ihr sprach. Sie hasste es, dass er sie stets mit Dame Nandalee ansprach oder � noch schlimmer � mit �mein Kind�. Sie war weder Dame noch Kind und hatte auch nicht die geringste Lust, so benannt zu werden. Und dann immer diese seltsame Sprache! War es denn so schwierig, einfach kurz und knapp zu sagen, worum es ging? Klare Anweisungen, knappe Befehle, manchmal ein wenig Prahlerei � das war ihre Sprache, die Sprache der J�ger. Nicht diese Menge nutzloser Wortgebilde, von denen jedes einzelne sie zudem von innen in Flammen zu setzen schien! Aber wann immer der Drache zu ihr sprach, verga� sie f�r einen Augenblick ihren Zorn. Die Gef�hle, die seine Stimme in ihr ausl�sten, brannten alles andere nieder. Sie waren die einzige Illusion von W�rme in dieser Eisesk�lte, an der sie langsam zugrunde ging. Dennoch schwieg sie. Nicht allein aus Trotz, sondern auch, weil sie ihre Sippe verloren hatte, den Mittelpunkt ihres Lebens. Weil sie einem Alben, dem S�nger, nahe gekommen war und dieser sie zur�ckgewiesen hatte. Weil sie nun hier halb erfroren in der H�hle eines Drachen kauerte und ihr Leben sich so schnell und so grundlegend ver�ndert hatte, dass sie v�llig orientierungslos war. Was sie jetzt wollte? Sie wusste es nicht mehr. Sie hatte nichts mehr, wof�r sie noch leben sollte, und niemanden, der um sie trauern w�rde, wenn sie starb. Um was also h�tte sie den Drachen bitten sollen? Vielleicht, so �berlegte sie, war es das Beste, ihre Seele freizulassen. Sich f�r eine neue Wiedergeburt zu �ffnen.</p><p>Der Drache erhob sich und kam auf sie zu. Seine Krallen kratzten mit klackenden Lauten �ber den H�hlenboden. Eine der Elfen, die zu schweben vermochte, �ffnete �berrascht die Augen und landete mit einem unsanften Plumps auf dem H�hlenboden.</p><p><emphasis>Nun, da bin ich also. Ihr habt mir Euren Willen aufgezwungen. Ihr habt einen Drachen besiegt, kleine Tochter. War es das, wonach Euch d�rstete?</emphasis></p><p>Daran hatte sie bislang nicht gedacht. Einen Drachen zu besiegen war unm�glich und w�re ihr niemals in den Sinn gekommen. Seine N�he machte ihr Angst. Er k�nnte sie jederzeit unter seinem schlangenhaften Leib zerdr�cken, war in allem �berm�chtig. K�rperlich, aber auch mit seinen geistigen F�higkeiten. Vielleicht belog er sie, um sie in Sicherheit zu wiegen, und konnte sehr wohl in ihren Gedanken lesen? �berraschenderweise roch er angenehm. Aber vielleicht war auch das ein Zauber? Blendwerk!</p><p>Sie wusste fast nichts �ber Drachen. Sie waren weise und allm�chtig. Undurchschaubar und launisch. Manche fra�en Albenkinder. Sie waren ma�los in ihrem Zorn und in ihrer Freundschaft. All das wusste sie aus M�rchen. Sie war nie einem Drachen begegnet und wenn Gonvalon sie nicht mitten in der H�hle dieses Ungeheuers, das sich nachts f�r eine Fledermaus hielt, abgesetzt h�tte, dann w�re sie bis ans Ende aller Tage jedem Drachen aus dem Weg gegangen. Elfen und Drachen passten nicht zueinander, fand sie, obwohl die Sippenlosen das ganz anders sahen und sich den Himmelsschlangen verschrieben.</p><p>Auch sie war jetzt sippenlos. Der Gedanke war ihr immer noch fremd. Sie sah den Meister zweifelnd an. Zu einer Drachenfreundin machte sie dieser Umstand nicht! Die �ltesten der Drachen, die Himmelsschlangen, waren die erstgeborenen Kinder der Alben. Ihre Auserw�hlten. Ihre Statthalter in Albenmark. War dieser wei�e Drache eine Himmelsschlange?</p><p><emphasis>Werdet Ihr mir gestatten, Euch zu ber�hren, meine Dame? Ich m�chte Euch w�rmen. Und ich m�chte Euch etwas zeigen. Nichts weniger als die Welt, so wie sie wirklich ist. Eine Welt, die sich vor den meisten Gesch�pfen Albenmarks verbirgt.</emphasis></p><p>W�rme! Sie w�rde leben! Aber was war der Preis? Was w�rde er ihr zeigen?</p><p>Sie blickte zum Abgrund am Rand der H�hle. Falls sie sich entschied, ihr Leben zu beenden, bedurfte es nur nur weniger Schritte.</p><p>�Du darfst mich ber�hren�, sagte sie z�hneklappernd. Sie wollte leben. Und, ja, sie war neugierig, was er ihr zeigen w�rde.</p><p>Er fixierte sie mit seinen himmelblauen Augen und hob eine seiner Vordergliedma�en. Sie waren kurz, waren weder Pranke noch Pfote, und endeten in etwas, das fast an H�nde erinnerte � mit kleinen wei�en Schuppen besetzt und auf der Innenseite von ledriger Haut �berzogen. Feingliedrige H�nde, wenngleich sie erschreckend gro� waren und dolchlange Krallen besa�en.</p><p>Nandalee war �berrascht, wie sanft die Ber�hrung des Drachen war. Er legte die Spitze einer seiner Krallen auf ihre Stirn. Sie war warm, und binnen eines Augenblicks fiel alle K�lte von ihr ab. W�rme durchdrang sie ganz und gar, bis tief in ihre Knochen. Sie schloss die Augen und gab sich ihr hin. Mit der W�rme kam die M�digkeit. Sie hatte nicht geschlafen, seit Gonvalon sie hierhergebracht hatte.</p><p><emphasis>W�rdet Ihr bitte f�r einen Moment die Augen �ffnen, Dame Nandalee? Ich m�chte Euch das verborgene Albenmark zeigen.</emphasis></p><p>Schl�frig gab sie nach. Und was sie sah, nahm alle M�digkeit von ihr. Die Welt erstrahlte. Jede Farbe schien klarer zu sein. Und alles war von einem Gespinst feiner, leuchtender F�den durchwoben. Verwundert sah Nandalee an sich herab. Auch sie war von diesem Licht durchdrungen.</p><p><emphasis>Versteht Ihr nun, warum man von Zauberwebern spricht? In allem, was uns umgibt, ist Magie. Nur wenigen ist dies bewusst und selbst von denen, die sich diese Kr�fte zunutze machen, haben nur einige Auserw�hlte jemals gesehen, was Ihr nun seht. Zauberei bedeutet, eins zu werden mit diesem Netz. Ihr m�sst es f�hlen, auch wenn Ihr es nicht seht. Ihr verkn�pft einige F�den neu und schon ver�ndert sich etwas. Es wird w�rmer oder k�lter. Eine Wunde h�rt auf zu bluten. Etwas K�rperliches ver�ndert seine Form.</emphasis></p><p><emphasis>Aber unsere �nderungen haben meist keinen Bestand. Dieses verborgene Werk der Alben hat die Eigenart, sich selbst zu heilen, wenn wir ungeschickt sind und etwas zerst�ren. Ihre Welt auf Dauer zu ver�ndern ist schwer.</emphasis></p><p><emphasis>Das Ziel unserer Sch�pfer war nicht weniger als Vollkommenheit. Und was schon vollkommen ist, widersetzt sich Ver�nderung. Deshalb sind nur die allerm�chtigsten Zauber, die wir wirken, von Dauer. Es sei denn, unsere Magie versetzt etwas wieder in seinen urspr�nglichen Zustand, wie zum Beispiel wenn wir heilen. Betrachtet aufmerksam, was ich Euch offenbart habe, Dame Nandalee. Zu sehen ist der erste Schritt, um zu verstehen.</emphasis></p><p>Nandalee war �berw�ltigt und erschrocken zugleich. Ihr Leib war von einer Aura aus Licht umgeben. Die d�nnen Lichtf�den um sie herum waren mit anderen verbunden. Einige sogar mit dem Drachen.</p><p><emphasis>Euer Wille, aber auch einige besondere Worte der Macht verm�gen den Fluss der Magie zu ver�ndern. Aber Ihr solltet vorsichtig sein. Die Magie ist keine Kraft, die man leichtfertig nutzen sollte. Fehler k�nnen t�dlich enden. Von zehn Elfen, die voller Hoffnung zu mir kommen, verlassen mich nur sechs oder sieben, um in die Blaue oder Wei�e Halle zu gehen. Und nur ein oder zwei von ihnen werden am Ende zu Drachenelfen. Ihr seht, ein langer und gefahrvoller Weg liegt vor Euch, denn selbst unter den Drachenelfen sterben jene, die einen Fehler machen, wenn sie nach der Macht der verborgenen Welt greifen.</emphasis></p><p>Er zog seine Krallenhand zur�ck und augenblicklich verschwand das Netzwerk aus gl�henden Linien. Nur die W�rme, die er ihr geschenkt hatte, blieb.</p><p>Nandalee war erleichtert, die Dinge wieder so zu sehen, wie es ihr vertraut war. Und doch versp�rte sie auch einen Anflug von Wehmut. Sie war neugierig auf die verborgene Welt, wollte ihre Geheimnisse ergr�nden. �Warum ist es so gef�hrlich, Zauber zu weben?�, fragte sie.</p><p><emphasis>Weil Ihr mit jedem der Zauber, den Ihr webt, in die Ordnung der Welt eingreift. Wer etwas ordnet, w�nscht sich meist, das, was er ordnet, m�ge Bestand haben. Es gibt ein Netz magischer Pfade. Das Goldene Netz. Die Alben haben sie erschaffen, damit sie beschritten werden. Wirkt Ihr einen Zauber, der der nat�rlichen Ordnung nicht zuwiderl�uft, ist dies meist gefahrloser. So ist es auch mit dem Zauber, der die W�rme bei Eurem K�rper beh�lt und Euch vor eisigen Winden und gro�er K�lte beh�tet. Wollt Ihr Euch aber gegen Regen sch�tzen, ver�ndert Ihr den Fall Tausender und Abertausender von Regentropfen � und das ist bereits deutlich gef�hrlicher. Und dann gibt es nat�rlich die M�glichkeit, dass Ihr etwas falsch versteht. Dass Ihr einen Fehler macht und an Kr�fte r�hrt, die ganz anders wirken, als Ihr erwartet habt. Ihr w�rdet einem Kleinkind kein scharfes Messer in die Wiege legen, nicht wahr, Dame Nandalee? Aber genauso ist es, wenn Euch beim Zauberweben ein Fehler unterl�uft. Die Macht, die Euch wie ein sch�tzender Mantel umgeben sollte, kann unversehens zum Strick werden, der Euch richtet. Ihr m�sst Magie mit Bedacht einsetzen, mein Kind.</emphasis></p><p>�Wirst du mein Verborgenes Auge �ffnen?�</p><p>Die Schuppen des Drachen knisterten leise, als er sich bewegte. <emphasis>Ich werde Euch helfen, aber das m�sst Ihr allein vollbringen. Es liegt nur bei Euch. Damit es gelingen kann, m�sst Ihr Euch zun�chst einmal selbst kennen. Nur wenn Ihr wisst, wer Ihr seid, k�nnt Ihr auch Euren Platz in der Welt finden. Und damit sei es genug f�r heute. Ihr solltet Euch zur�ckziehen, etwas essen und dann ausruhen. An der R�ckwand der H�hle findet Ihr einen Eingang zu verschiedenen Felsnischen und Kammern. Die erste dieser Kammern ist Euch vorbehalten.</emphasis></p><p>Mit diesen Worten nahm er den Schutzbann von ihr, der die K�lte ferngehalten hatte. Wie ein eisiger Wasserguss �berstr�mte sie sie. Schlotternd erhob sich Nandalee. Nachdem ihr warm gewesen war, wirkte die K�lte nun noch schneidender. �Wirst du mir mein Amulett zur�ckgeben?�</p><p><emphasis>Nein. Denn Ihr seid hier, um es zu �berwinden. Es zeugt von Eurer Schw�che. In Euch schlummert die Kraft, um Euch ohne fremde Hilfe zu sch�tzen. Diese Kraft will ich erwecken, und das Amulett steht Euch dabei im Weg. Benutzt Ihr es, werdet Ihr die Kunst des Zauberwebens niemals erlernen. Vor dem Erfolg liegt die M�hsal. Dies ist der einzige Weg.</emphasis></p><p>Nandalee dachte einen Augenblick, dass sie lieber schwach und daf�r wieder warm w�re. Zumindest f�r diesen Tag. Zugleich war sie froh, dass der Drache nicht in ihren Gedanken lesen konnte. Ohne um das Amulett zu bitten, ging sie, aber sie schwor sich, es mitzunehmen, wenn sie diese H�hle verlassen w�rde. Es war ein Geschenk des S�ngers. Eines Alben! Sie w�rde es niemals einfach aufgeben.</p></section><section><title><p>Sturm</p></title><p>Artax stand am Bug seines fliegenden Palastes und blickte gedankenverloren auf die Wolkent�rme am Horizont. Er achtete jetzt darauf, mehr im Blickfeld seiner Mannschaft zu bleiben und sich nicht in die Einsamkeit der Glaskuppel zur�ckzuziehen. Drei Tage noch, dann w�rden sie den Weltenmund erreichen. Dem Ratschlag des Devanthar zum Trotz war er fest entschlossen, die tote Elfe mit allen Ehren den L�ften zu �bergeben. Die Balsamierer hatten ihren Leib deshalb in eine bauchige Vorratsamphore mit Branntwein gesteckt, damit er nicht von Gew�rm zerfressen wurde.</p><p>Artax massierte seine Stirn mit den Fingerkuppen. Manchmal war er f�r einige Augenblicke orientierungslos. Auch fiel es ihm immer schwerer, zwischen seinen eigenen Erinnerungen und denen Aarons zu unterscheiden. Oft hatte er das Gef�hl, in einem verr�ckten Traum gefangen zu sein, der einfach nicht enden wollte. Er hatte bereits erwogen, sich einen anderen, dritten Namen auszuw�hlen, damit er nicht immer wieder mit dem Namen des St�renfriedes in seinem Kopf angesprochen wurde. Er war ein Unsterblicher! Wer sollte ihm verbieten, sich einen neuen Namen zu erw�hlen? Aber Artax hatte das unbestimmte Gef�hl, dass so ein Schritt nicht gut aufgenommen werden w�rde. Man beobachtete ihn. Er wusste, dass sie �ber ihn tuschelten. In vielen Blicken, die ihm begegneten, vermeinte er so etwas wie frommen Schrecken zu entdecken. Warum, so h�tte er gern gefragt, freut ihr euch nicht, dass ich anders geworden bin? Menschlicher �brigens. Ich interessiere mich f�r euch! Ist das denn gar nichts wert? Wollt ihr wirklich einen Herrscher, dem ihr vollkommen gleichg�ltig seid?</p><p>Aber nat�rlich fragte er nicht. Er musste auf der Hut sein.</p><p>Den Namen �ndern zu wollen ist wahrlich die Idee eines b�urischen Einfaltspinsels. Wir glauben �brigens, dass auch du an dem Tag sterben wirst, an dem du die Elfe dem Himmel �bergibst.</p><p>Artax fragte sich, ob dieser Geist mit ihm leiden w�rde, wenn er starb. Konnte ein Geist Schmerzen empfinden? Er dachte an Gajane, die Dorfirre, wie sie sie stets genannt hatten. Auch sie hatte Stimmen geh�rt. Artax bezweifelte, dass auch sie sich mit verstorbenen Unsterblichen hatte herumschlagen m�ssen, aber er h�tte sie gern gefragt, wie sie mit den Stimmen zu leben gelernt hatte. Die seinigen waren hartn�ckig, aber manchmal schwiegen sie auch einen halben Tag lang. Dann genoss Artax seinen Frieden und beobachtete die Wolken am Horizont � so wie jetzt. Sie ver�nderten ihre Form, liefen am oberen Rand auseinander, sodass sie bald an riesige Trichter erinnerten. Frischer Wind fegte �ber die Decks. Ihm war kalt. Ein blauviolettes Licht sprang, als w�re es lebendig, auf den Messingkopf des Flaggenmastes am Bug und h�llte die Spitze des Mastes in eine wabernde Aura. Artax standen die Haare zu Berge und seine Haut kribbelte, als liefen tausend durstige Fliegen dar�ber, die nach seinem Schwei� gierten.</p><p>Hinter ihm erklang <emphasis>der Rufer</emphasis>. Das gro�e, klagende Horn k�ndete von drohender Gefahr.</p><p>Artax fuhr herum. Auch um die anderen Mastspitzen, die waagerecht aus dem Rumpf ragten, spielte jenes leuchtend violette Licht. An manchen Stellen kroch es gar das Tauwerk entlang. Von �berall her schallten jetzt �ngstliche Rufe, Maate trillerten auf ihren Pfeifen, laute Kommandos ert�nten und Wolkenschiffer kletterten in der Takelage, wo sie sich m�hten, die gro�en Segel einzuholen, die nun launisch im b�igen, unsteten Wind knatterten.</p><p>Das seltsame Leuchten umgab auch den Helm eines Kriegers, der hinter den Zinnen des n�chsten Gesch�tzturms stand. Fasziniert beobachtete Artax, wie der Mann nach seinem Helm tastete und das Licht f�r einen Augenblick auf dessen Hand �bersprang. Schreiend streckte der Mann die Hand von sich und sch�ttelte sie, als habe sich darin eine Schlange verbissen.</p><p>Artax fuhr sich durch das Haar. Es stand zu Berge und knisterte bei der Ber�hrung. Was f�r seltsame Zauber diese fremde Welt barg! Warum war das Licht auf ihr Schiff gekommen?</p><p>Ein Donnerschlag lie� den Unsterblichen herumfahren. Die Wolken waren nun viel n�her ger�ckt, und aus dem Herzen des vordersten Trichters erhob sich ein sprudelnder wei�er Dunstgeysir, der hoch �ber den Wolkenturm aufstieg. Gleichzeitig wurde der obere Rand des Wolkenbergs immer breiter.</p><p>Schritte hasteten �ber die polierten Holzdecks. Immer eindringlicher wurde der tiefe Ton <emphasis>des Rufers</emphasis>. Artax drehte sich erneut um und beobachtete, was auf dem Schiff geschah. �berall rannten Wolkenschiffer. Sie duckten sich dabei, als erwarteten sie Schl�ge. Angst stand in die Gesichter der M�nner geschrieben, die von ihren Offizieren mit wilden Rufen angetrieben wurden. Sie trugen Taurollen an Deck und streuten Sand. Ein Gro�teil der Segel war jetzt eingeholt. Verbl�fft bemerkte Artax, dass selbst den riesigen Wolkensammler, der ihr Schiff trug, Unruhe ergriffen hatte. Die baumdicken Tentakel, die den h�lzernen Rumpf umschlossen, zuckten nerv�s.</p><p>Von �berall her str�mten jetzt kleinere Wolkensammler herbei und klammerten sich an Decksaufbauten oder verschwanden zwischen den sich windenden Fangarmen. Artax vermochte nie f�r l�ngere Zeit zu dem Wolkensammler hinaufzublicken. Das Gew�hl aus Tentakeln, das der Unterseite des Tiers entspross, beunruhigte ihn. Es erinnerte ihn an ein Schlangennest.</p><p>Die Fangarme hatten etliche unterschiedliche Formen. Manche waren mit bis zu tellergro�en wei�en Saugn�pfen besetzt. Sie hielten den Rumpf des Palastschiffes. Manchmal �berfiel Artax der klamme Gedanke, was wohl geschehen w�rde, wenn dieses Vieh einfach loslie�. Er wusste, dass ein weites Netz aus mit Golddr�hten verst�rkten Seilen �ber die Oberseite des Wolkensammlers geworfen war. Hunderte Seile verbanden das Netz mit dem Rumpf. Aber wer vermochte schon zu sagen, ob der Schleim, der an einigen der Tentakel herablief, nicht langsam die Seile zersetzen konnte? Obwohl bereits mehr als drei�ig Jahre vergangen waren, seit der erste von ihnen ein Schiff getragen hatte, waren die Eigenarten der Wolkensammler noch immer nur wenig erforscht und niemand konnte den verschiedenen Tentakeln mit Sicherheit ihre Funktionen zuweisen. Die gro�en Fangarme mit den Saugn�pfen dienten vermutlich dazu, sich an Mammutb�umen oder Felszinnen festzuklammern. Aber es gab auch Tentakel, die kaum dicker als eine Haarstr�hne waren und deren Konsistenz an ein zusammengerolltes Bl�tenblatt erinnerte. Wie die F�hler, die Schneckenaugen trugen, konnten sie sich langsam in sich zusammenziehen. Andere Tentakel wiederum waren aus einem faserigen, roten Fleisch und endeten in einer Form, die an ein Pappelblatt erinnerte, nur dass es so lang wie zwei M�nnerh�nde war. Am beunruhigendsten aber fand Artax jene grellroten Schlangenarme, die in einem einzelnen bis zu mannslangen, gekr�mmten Zahn endeten. Welchem Zweck sie dienten, war nur allzu deutlich.</p><p>Wind zerrte mit eisigen Fingern an seinem Umhang, und der Rumpf des Palastschiffes schwenkte langsam gen Osten ab. Halteleinen wurden �ber die Decks gespannt.</p><p>Juba eilte ihm mit einigen Wachen im Gefolge entgegen. In den eisigen B�en, die mittlerweile �ber das Schiff fegten, wehten ihre Umh�nge wie schneewei�e Banner hinter ihnen. Sie gingen vorgebeugt, um dem Wind zu trotzen.</p><p>�Erhabener! Ihr m�sst unter Deck! Die St�rme hoch in den Wolken sind gef�hrlich!�</p><p>Artax f�hlte sich seltsam entr�ckt, als st�nde er nicht wirklich hier, sondern weit entfernt in Sicherheit. Unber�hrbar f�r den Sturm und andere Gefahren. Er lachte den B�en entgegen. Begr��te ihre eisige Ber�hrung und blieb einfach stehen, bis Juba ihn schlie�lich packte.</p><p>�Ihr m�sst fort, Erhabener�, schrie der bullige Krieger gegen den Wind an.</p><p>Aber Artax war wie gebannt vom Schauspiel der Wolken.</p><p>Das Palastschiff hatte an Geschwindigkeit gewonnen und stieg zugleich h�her. Es versuchte der Sturmfront auszuweichen, doch es war offensichtlich, dass es h�chstens gelingen mochte, dem Zentrum des Unwetters zu entgehen. Da zerriss backbord mit einem scharfen Knall eines der wenigen Segel, die nicht gerefft worden waren, zerfetzte Leinen fegten �ber Deck und rissen einen Wolkenschiffer �ber die Reling.</p><p>�Bitte, Erhabener!�, dr�ngte Juba. Der Kriegsmeister packte ihn mit beiden H�nden und schob ihn langsam vom Bug fort.</p><p>Klackend schlug etwas Wei�es vor ihnen auf das Deck. Artax hielt es im ersten Moment f�r einen Stein. Steine, die aus Wolken fielen? �berall entlang des Schiffes erklangen Laute, als dresche man mit einem Stock auf eine leere Amphore ein.</p><p>Eis! Einer der Krieger, die Juba begleiteten, schwankte und brach in die Knie. Ein Eisklumpen hatte ihn dicht unter der Helmkante an der Augenbraue verletzt. Blut rann ihm ins Auge. Es waren nur vereinzelte Eisklumpen, die auf das Deck niedergingen. Die Masse wurde vom riesigen K�rper des Wolkensammlers, abgehalten. Einige der Himmelsgeschosse waren so gro� wie G�nseeier.</p><p>Steh nicht herum und gaff wie ein sabbernder Idiot, Bauer! Geh unter Deck! Juba hat recht. Die Wolkenst�rme sind eine gro�e Gefahr.</p><p>Ein Donnerschlag lie� Artax j�h zusammenzucken. Nicht dass Artax zuvor nie ein Gewitter gesehen h�tte. Aber er hatte noch nie ein Gewitter �ber den Wolken gesehen. Es war furchteinfl��end � und es war wundersch�n.</p><p>Die Krieger seiner Eskorte schirmten ihn mit ihren gro�en Messingschilden ab. Artax war ohne R�stung und Maskenhelm �ber die Decks geschlendert. Er hatte menschlicher aussehen wollen �</p><p>�L�st die Umh�nge!�, schrie Juba. Der w�tende Wind zerrte so heftig an ihnen, dass sich der Stoff wie w�rgende H�nde um die Kehle legte.</p><p>Ohne um Erlaubnis zu fragen, �ffnete Juba die smaragdbesetzte Brosche von Aarons Umhang und wie ein wild mit den Fl�geln schlagender blauer Vogel jagte der Stoff davon. Artax schnappte nach Luft. Die Brosche war ein Verm�gen wert! Wahrscheinlich h�tte man f�r den Wert der Smaragde drei Dutzend kr�ftige Feldsklaven kaufen k�nnen.</p><p>Der verwundete Krieger aus seiner Eskorte strauchelte. Der Wind drosch mit unglaublicher Kraft auf sie ein. Artax griff nach einem der Seile, die �ber das Deck gespannt waren. Er streckte die Hand nach dem Gest�rzten aus, dem die blanke Angst in den weiten braunen Augen geschrieben stand. Langsam zog er ihn zu sich heran. Jede Faser in seinem Arm war zum Zerrei�en gespannt. Die M�nner waren gekommen, um ihn zu besch�tzen. Er hatte sie in Gefahr gebracht. Er h�tte fr�hzeitig die Glaskuppel am Bug verlassen sollen.</p><p>�Danke�, stie� der Krieger hervor und k�sste ihm den Saum der Tunika. �Danke, Erhabener!�</p><p>Solche unterw�rfigen Gesten waren ihm zuwider. Er hatte noch vor niemandem gekniet. Au�er beim Melken vor einer Kuh oder Ziege, verstand sich. Ein kr�ftiger H�ndedruck, ein Schulterklopfen, ein aufrechter Blick, das war seine Sprache. Er h�tte diese Sprache auch gern in seinem Palast eingef�hrt. Eines der vielen Dinge, die er nicht tun konnte. So viel zu Freiheit und Macht und goldenen K�figen.</p><p>Artax zog den Krieger auf die Beine. Pl�tzlich begann der Mann zu schwanken. Seine Augenlider flatterten. Benommen lehnte sich der Krieger an Artax� Schulter. Warmes Blut durchtr�nkte die Tunika des Unsterblichen.</p><p>�Los, weiter!�, schrie Juba gegen den Sturmwind an. �Und werft die verdammten Schilde weg! Die zerren euch noch in den Abgrund.�</p><p>Die M�nner gehorchten und lie�en die breiten Lederschlaufen von den Armen gleiten. Augenblicklich packte der Sturm die Bronzeschilde. Wie Diskusscheiben sahen sie aus, als sie �ber das Deck davongetragen wurden.</p><p>�Los, glotzt nicht�, trieb Juba sie an. �Vorw�rts! Zu dem Turm dort vorne.� Der Kriegsmeister schob Artax an sich vorbei. Er sollte als Erster gehen. Als Erster gerettet sein.</p><p>Zug um Zug k�mpfte sich die kleine Gruppe am Seil entlang auf den vorderen Gesch�tzturm zu. Der Verwundete hing wie leblos zwischen Artax� Armen und behinderte ihn dabei, voranzukommen. Einen Moment war er versucht, den Mann einfach aufs Deck sinken zu lassen. Artax wusste, dass Aaron so gehandelt h�tte, und der Egoismus des Unsterblichen stachelte ihn zu trotzigem Widerstand an. Aaron war tot! Und er w�rde anders handeln!</p><p>Wie nicht anders zu erwarten, war Aaron anderer Meinung.</p><p>Auch du bist bald tot, du Wurm. Du kannst gar nicht ermessen, was es hei�t, unsterblich zu sein. Dein Leben ist nur ein Zwischenspiel. Der Devanthar selbst hat es gesagt. Sobald du ihn nicht mehr am�sierst, stirbst du. Lass doch einfach jetzt schon das Seil los! Qu�l dich nicht. Komm schon, Bauer, lass alle Lasten und Zweifel hinter dir. Es hat doch keinen Sinn!</p><p>Artax starrte auf das raue Seil und fragte sich, ob der letzte Aaron eigentlich auch von seinen Stimmen ununterbrochen zu Selbstmord und Selbstaufgabe getrieben worden war.</p><p>Du kannst es wohl kaum erwarten, bis ich zu dir komme und wir uns den ganzen lieben langen Tag streiten k�nnen, was?, dachte er.</p><p>Aaron schwieg.</p><p>Na also, geht doch! Es war, wie einen st�rrischen Hund abzurichten. Man musste gelegentlich zeigen, wer lauter bellen konnte.</p><p>Du glaubst, du k�nntest mich dressieren? Siehst du nicht, dass du es bist, der nach meiner Fl�te tanzt und verzweifelt versucht, von allen f�r mich gehalten zu werden?</p><p>Verdrossen, seinen Qu�lgeist nicht zum Schweigen gebracht zu haben, zog Artax sich weiter am Seil entlang. Es tat gut, den groben Hanf an den H�nden zu sp�ren. Es erinnerte ihn an die Arbeit im Dorf. Er biss die Z�hne zusammen und verschloss sich gegen Aarons Einfl�sterungen. Hand um Hand k�mpfte er sich voran, den halb ohnm�chtigen Krieger noch immer vor der Brust. Seine Beine stemmten sich gegen das sandbestreute Deck. Einen Herzschlag lang erschien es ihm, als habe sich der Himmel Nangogs mit dem Fl�sterer in seinem Kopf verb�ndet, um ihn in den Abgrund zu st�rzen.</p><p>Mit letzter Kraft erreichte Artax schlie�lich den Turm. Das ganze riesige Schiff erbebte mittlerweile unter der Wucht der B�en und der Hagelschlag zerfetzte das Bl�tterwerk des verwunschenen Baumes. Ein Donnerschlag �bert�nte einen Herzschlag lang jeden anderen Laut. Glei�endes Licht, so hell, dass es alle Farben trank, bis es nur noch Schwarz und Wei� gab, �berflutete das Wolkenschiff.</p><p>Artax zerrte an dem schweren Messingring der T�r zum Gesch�tzturm, doch jedes Mal, wenn es ihm gelang, die T�re wenige Zoll weit zu �ffnen, dr�ckte der Wind sie wieder zu. Er kam jetzt nicht mehr in B�en, sondern war zu einem unsichtbaren Riesen geworden, der das Wolkenschiff fest in seinem Griff hielt. Es gab keine Pausen mehr, kein Atemholen. Der Sturm zerrte ununterbrochen an ihnen.</p><p>Ein Windsto� riss das Schiff nach oben, Artax� Magen machte einen Satz und die Knie wurden ihm weich. Der verwundete Krieger war zu Boden gesunken und klammerte sich an einem seiner Beine fest. Juba und die anderen knieten, um dem Wind weniger Angriffsfl�che zu bieten. Hagel prasselte Reisk�rnern gleich auf die Decks, brannte auf der Haut, und eisiges Wasser rann Artax in den Nacken, w�hrend er noch immer mit der T�r rang.</p><p>Ein gewaltiges Bersten hallte �ber Deck. Einer der Masten splitterte. Gefangen in den Seilen der Takelage, tanzte er im Wind und schlug im Takt des Sturmes gegen die Bordwand wie ein Rammbock, den Belagerer gegen eine trutzige Festung f�hren. Artax sp�rte jeden der St��e durch das vibrierende Deck. Ein Krachen. Planken wurden vom Wind davongerissen. Immer noch schien ihr Wolkenschiff h�her zu steigen. Der Hagel hatte nachgelassen.</p><p>Dichter Dunst wogte �ber Deck. Einer der Wolkent�rme hatte das Schiff verschlungen, von einem Augenblick zum anderen konnte man keine f�nf Schritt weit mehr sehen. Immer verzweifelter zerrte Artax an der T�r, die sich keine Handbreit bewegte. Etwas Gro�es glitt aus dem Dunst dicht an Artax vorbei. Lange Tentakelarme griffen zuckend ins Leere. Einer der kleineren Wolkensammler war vom Sturm losgerissen worden und trieb hilflos davon.</p><p>Artax schwor sich, dass es k�nftig auf den Wolkenschiffen nur noch T�ren geben w�rde, die sich nach innen �ffneten. Zu seinen F��en waren Hagelk�rner gegen die Wand des Turms getrieben worden. Er zitterte vor K�lte und das Metall des T�rgriffs f�hlte sich klebrig in seinen Fingern an, so kalt war es.</p><p>Ein Ruck durchlief das Schiff. Diesmal schien es zu st�rzen!</p><p>Das H�mmern des Mastes erstarb. Ein Schrei hallte �ber Deck, gefolgt von einem schrecklichen Knirschen und dem Laut berstenden Holzes. Der Mast! Wie der Speer eines Riesen schoss er aus dem Nebel und streifte die Zinnen des Gesch�tzturms. Von den Rahen waren nur noch zersplitterte Reste geblieben. Immerhin schien es ihm, als sei der freie Fall des Schiffes gebremst worden, aber sicher war er sich nicht.</p><p>Holzsplitter prasselten auf das Deck. Artax duckte sich gegen die T�r und betete � und pl�tzlich verstand er. Zu wem bete ich hier eigentlich, dachte er. Wo steckte denn dieser verdammte Devanthar? Der L�wenh�uptige sollte ihn und seine M�nner retten! Es war an der Zeit, dass er endlich kam! Aber kein Devanthar erschien und auch die Aarons enthielten sich ausnahmsweise jedes bissigen Kommentars. Ist ja klar, dachte Artax, wenn es hart auf hart kommt, dann soll der Bauer die Knochenarbeit mal sch�n allein erledigen und die feinen Herrschaften halten sich zur�ck. Die kommen dann erst, wenn die Ernte eingefahren ist, reden klug daher, wie man es besser machen k�nnte, nehmen mit ver�chtlich hochgezogenen Brauen den Lohn der M�hen und verabschieden sich, w�hrend der Bauer hungrig an seinem letzten verbliebenen Apfel nagt. Nat�rlich einem mit Wurm! H�tte er seine Axt in Reichweite oder auch einen verdammten Hammer zur Hand, h�tte er die T�r schon lange aufgebracht. Aber wie die Dinge standen, besa� er nur ein vornehmes Gewand und einen Haufen M�nner, die T�r war zu und sein Schiff st�rzte ab. Das hatte man nun davon, ein edler Herr zu sein.</p><p>Wie zur Antwort f�llte Donnergrollen den Himmel und Blitze tauchten das Deck in immer schnellerer Folge in kaltes Licht. Der launische Wind hatte an St�rke noch zugenommen und presste ihn mit solcher Gewalt gegen die T�r, dass er kaum zu atmen vermochte. Festgenagelt von den Naturgewalten, strandeten mehr und mehr Tr�mmer von den Aufbauten des Turms und der zersplitterten Rahmen an der noch immer verschlossenen T�r.</p><p>Einmal mehr sackte das Schiff tiefer und von einem Herzschlag zum anderen erstarb der Wind. Wie durch einen riesigen Tunnel sah Artax zwischen den aufgew�hlten Wolkenmassen hoch �ber sich einen runden Ausschnitt blauen Himmels. Der Devanthar, dachte Artax besch�mt. Der Gott hatte entschieden, sie alle vor dem Sturm zu retten. Er wollte sie � Ein Ruck durchlief das Schiff, Artax wurde zu Boden geschleudert und erneut peitschte der Wind �ber das Deck.</p><p>Der verwundete Krieger begann laut zu beten. Hatte der Devanthar ihn, Artax, f�r seinen Frevel bestraft? Ihm zeigen wollen, was er zu tun vermochte, nur um ihn dann wieder sich selbst zu �berlassen. Als Strafe f�r seine l�sterlichen Gedanken? Artax sch�ttelte den Kopf, rappelte sich auf und straffte die Schultern. Was der Devanthar wollte oder nicht, war jetzt nicht wichtig. Er, Artax, war hier und er, Artax, w�rde handeln und die Sache in den Griff bekommen. Und zwar jetzt. Ein St�ck einer gesplitterten Rah lag zu seinen F��en, wieder zerrte er an der T�r und als er sie einen Spalt weit aufgezwungen bekam, schob er mit dem Fu� das armdicke Tr�mmerst�ck hinein und stemmte sich mit aller Gewalt gegen die T�r. Es gelang ihm, seine Schulter durch den Spalt zu zw�ngen. Jemand packte ihn, zog von innen, er wurde hineingezerrt und mit ihm der verwundete Krieger. Mit einem Knall wie ein Donnerschlag schloss sich die T�r.</p><p>Artax strich sich das zerzauste Haar aus dem Gesicht und sah sich um. Im Zwielicht des Gesch�tzturms kauerte ein verlorener Haufen von Richtsch�tzen, Kriegern und Wolkenschiffern. Das gelbliche Licht einer Laterne sickerte durch ru�geschw�rzte dicke Hornscheiben. Es stank nach Schwei� und Blut. Am Fu� der Treppe, die hinauf zum Gesch�tz f�hrte, kauerte ein blasser Krieger in der wei�en Tunika der Himmelsh�ter. Sein gesplitterter Schienbeinknochen ragte aus einer klaffenden Wunde. Niemand k�mmerte sich um ihn. Selbst der Verwundete wirkte v�llig teilnahmslos. Die M�nner hier hatten alle Hoffnung fahren gelassen. Sie erschienen Artax wie zum Tode Verurteilte, die darauf warteten, vor das Beil des Henkers gef�hrt zu werden.</p><p>Das Licht eines Blitzschlags schnitt wie Messerklingen durch schmalste Spalten im Holz des Gesch�tzturms. Augenblicklich folgte Donnergrollen. Der Blitz konnte sie nur knapp verfehlt haben, dachte Artax beklommen. Ihm war bewusst, dass Feuer die gr��te Gefahr f�r die Wolkenschiffe war. Wenn ein Blitz einschlagen sollte � Besser nicht daran denken! Dann k�nnte er sich gleich zu diesem H�uflein Verzweifelter kauern.</p><p>�Nimm deinen G�rtel ab!�, befahl er einem B�rtigen und deutete auf den Mann mit der offenen Wunde. �Und binde deinem Kameraden das Bein ab. Los!�</p><p>Endlich kam Bewegung in die M�nner. Ein pockennarbiger Sch�tze in gr�ner Tunika brachte einen abgebrochenen Speerschaft. �Damit k�nnen wir den G�rtel enger drehen und dann �� Seine Worte gingen im Tosen einer Sturmb� unter, die den Turm erbeben lie�. Wieder tauchte ein Blitzschlag die stickige Kammer f�r einen Herzschlag in glei�endes Licht. Und da, im hellen Licht des Blitzes, entdeckte Artax eine Taurolle hinter der Treppe. Entschlossen nahm er ein Ende des Seils und schlang es um seine H�ften. Drau�en waren noch Juba und seine Leibwachen. Er musste ihnen helfen, ganz gleich, wie gro� die Gefahr durch den w�tenden Sturm war.</p><p>�Ihr haltet diese verfluchte T�r offen!�, befahl er schroff.</p><p>�Aber, Herr�, protestierte der Wolkenschiffer, der sich um den Verwundeten k�mmerte. �Am Himmel ringen die Sturmgeister Nangogs miteinander. Dies ist die Stunde, in der sich Sterbliche dem�tig in ihr Schicksal f�gen sollten.�</p><p>Glaubst du, der L�wenh�uptige wird immer seine sch�tzende Hand �ber dich halten? Hast du die Freuden des Harems schon bis zur Neige gekostet? Du willst ein Held sein? Geh nur hinaus. Dort drau�en erwartet dich der Tod.</p><p>Aaron verstummte und Artax schluckte schwer an seinem Zorn. Die triefende Ironie war ihm nicht entgangen. Am liebsten w�re er hinausgest�rmt, aber wenn Aaron ihm so unverbl�mt dazu riet, war Vorsicht geboten. Als h�tte er seine Gedanken gelesen, setzte Aaron nach.</p><p>Wir w�rden hierbleiben. Wenn du anders sein willst, dann geh hinaus. Wir haben gewonnen, ganz gleich, was du tust. Bleibst du hier, verr�tst du deine Ideale. Gehst du hinaus, stirbst du, und ein anderer wird uns seinen K�rper schenken. Diesmal wird es gewiss kein Bauer sein, sondern ein Adeliger, der den Preis des Herrschens kennt.</p><p>Geh nur. Du bist edel und gut. Wir sehen deinem Scheitern mit Freude entgegen.</p><p>Alle in der Turmkammer starrten ihn an und Artax w�nschte, er k�nnte diese Stimme aus seinem Kopf rei�en, so wie man sich Blutegel vom Leib riss. Hinter jedem Wort dieses Qu�lgeistes standen Lug und Betrug. Sollte er sich davon beeinflussen lassen? Nein, es gab nur eine richtige Entscheidung. Er musste auf sein Herz h�ren. Vielleicht, so dachte er, war das sogar der Weg, die Stimme eines Tages endg�ltig zu besiegen. Einen neuen Aaron zu schaffen, der nicht nur feige daherredete, sondern stattdessen handelte. Ein Bauer in Gestalt eines Herrschers, der mit der Macht, die ihm gegeben war, vielleicht sein Reich zum Guten ver�ndern konnte.</p><p>�Du hast recht, Wolkenschiffer. Sterblichen steht es nicht zu, die Wolkengeister herauszufordern�, entgegnete er mit fester Stimme, die doch kaum das Toben des Windes �bert�nte. �Doch mir steht es nicht zu, zu bleiben. Ihr alle seid meinem Willen gefolgt, als ihr nach Nangog kamt. Deshalb werde ich nicht tatenlos zusehen, wie mir ein Sturmgeist auch nur einen meiner M�nner entrei�t. Denn ich bin Aaron, der Unsterbliche.�</p><p>Der Schiffer sah ihn erschrocken an. Die anderen warfen sich auf die Knie. Sie hatten ihn bisher nicht erkannt, denn ohne den pr�chtigen Maskenhelm und die majest�tische R�stung sah er aus wie ein gew�hnlicher Deckoffizier.</p><p>�Haltet das Seil fest und zieht mich wieder herein, wenn ich euch ein Zeichen gebe!� Mit diesen Worten schob er den Riegel zur�ck und rammte die T�r auf. Obwohl es sich anf�hlte, als w�rde sich auf der anderen Seite ein Wasserb�ffel gegen das Holz stemmen, war sie von innen doch viel leichter zu �ffnen.</p><p>So schneidend war der Wind, dass Artax den Kopf senken musste, um atmen zu k�nnen. Von den M�nnern, die zum Bug geeilt waren, um ihn zu holen, und die ihn mit ihren Schilden gegen den Hagelschlag gesch�tzt hatten, war nur noch Juba geblieben. Die �brigen musste der Wind wie Herbstlaub mit sich gerissen haben. Der Kriegsmeister hielt sich noch immer an einem der Seile fest, die �ber Deck gespannt waren. Der raue Hanf hatte seine Handfl�chen aufgesch�rft und eine Spur dunkler Flecken zeugte davon, wie der Wind ihn Zoll um Zoll dem Abgrund entgegenzerrte. Das Tau, an dem Artax sich zum Turm vorgek�mpft hatte, war verschwunden; zerfetzte Seile, schlugen wie riesige Peitschenschn�re �ber das Deck.</p><p>Juba blickte zu ihm auf und sch�ttelte den Kopf, doch Artax war entschlossen, sich nicht von seinem Vorhaben abbringen zu lassen. Er ging auf die Knie, um der Gewalt des Sturms weniger Angriffsfl�che zu bieten, und kroch dem Kriegsmeister entgegen. Es war offensichtlich, dass dieser am Ende seiner Kr�fte war. Die Muskelstr�nge seiner Arme zitterten, als seien Aale unter seiner Haut gefangen.</p><p>Mit einem Knall zerbarst neben Artax ein Hagelkorn auf dem Deck. Selbst die Splitter waren noch so gro� wie Saubohnen. Wenn ihn so eine Eiskugel � Nicht daran denken. Der Himmel spie nur noch vereinzelt Hagelk�rner aus. Jedes h�mmerte laut wie ein Paukenschlag auf Deck. Ihr L�rmen erinnerte an den langsamen Takt eines Totenmarsches, begleitet vom schaurigen Pfeifen des Sturms in der Takelage.</p><p>Artax kam mit einem Ruck zum Halt und fuhr augenblicklich herum zum Gesch�tzturm. Das Seil war straff gespannt. Versuchten sie, ihn zur�ckzuziehen?</p><p>Der b�rtige Wolkenschiffer winkte ihm zu und hieb dann mit der Handkante auf die offene Handfl�che der Linken. Artax verstand nicht. Die T�r des Gesch�tzturms stand nun sperrangelweit offen und wurde vom Sturm gegen die Wand gepresst.</p><p>�Mehr Seil!�, rief er dem B�rtigen zu. Der Wind riss ihm die Worte von den Lippen, doch der Wolkenschiffer schien zu verstehen. Etwas ging im Halbdunkel des Turmes vor sich. Endlich gab das Seil ein wenig nach und Artax kroch ein St�ck vorw�rts. Ein Eisklumpen zerplatzte wenige Zoll neben seiner linken Hand auf dem Deck. Splitter spritzten ihm ins Gesicht. Er blinzelte. Juba w�rde sich nicht mehr lange halten k�nnen. Artax streckte sich, aber es war aussichtslos. Ihn trennte immer noch knapp ein Schritt von seinem Gef�hrten. Wieder stockte das Seil, und Artax fuhr erneut herum. Im Turm hatten sie einen der schweren Holzhebel, mit denen die Gesch�tze gespannt wurden, quer im T�rrahmen verkeilt. Dort war keine Spanne Seil mehr zu gewinnen. Das war das Ende!</p><p>Verzweifelt blickte Artax zu Juba. Nur noch ein Schritt, und es w�re geschafft. Das konnte er nicht zulassen! In einer flie�enden Bewegung griff er nach dem Knoten an seiner H�fte. Seine Finger waren taub vor K�lte. Nur mit M�he gelang es ihm, das Seil zu l�sen und es sich um das Handgelenk zu schlingen. Das musste gen�gen.</p><p>Der Sturmwind schien den Atem anzuhalten und das Get�se verstummte. Artax streckte sich. Endlich! Es gelang ihm, Jubas Hand zu packen. Er zog den Feldherrn zu sich heran. Lachend und weinend zugleich fielen sie einander in die Arme.</p><p>Eine B� fegte �ber sie hinweg, und das Schiff stieg senkrecht in die H�he.</p><p>Ein Hagelkorn schlug auf Artax� Hand, traf mit der Wucht eines Keulenhiebs. Seine Finger �ffneten sich in einem kurzen Reflex. Voller Panik versuchte er die Hand wieder zu schlie�en, aber sie war wie taub und gehorchte seinem Willen nicht mehr. Als wollte es ihn verspotten, entwand das Seil sich in qu�lender Langsamkeit seiner Hand � der verfluchten Hand, die ihm nicht mehr gehorchen wollte.</p><p>So f�hlt es sich an, wenn man von einem Augenblick zum anderen nicht mehr Herr seines K�rpers ist.</p><p>Aber Artax achtete nicht darauf. Das Seil fiel zu Boden und schlingerte im Wind hin und her. Juba hatte noch gar nicht bemerkt, was geschehen war. Eine neuerliche B� dr�ckte sie auf das Deck. Das gro�e Schiff hatte nun eine leichte Neigung nach Backbord, als sei es in der Vert�uung, die es an den Wolkensammler fesselte, ein wenig verrutscht. Es waren nur wenige Grad, aber es war genug, dass sie beide auf dem nassen Holz zu rutschen begannen. Verdammt! Artax� Hand war immer noch gef�hllos. Hilflos glitt er �ber das Deck. Der Gesch�tzturm verschwand hinter Dunstschleiern und die Welt um ihn herum schrumpfte auf f�nf Schritt, begrenzt von wogenden Wolkenschleiern.</p><p>Juba hielt sich immer noch an ihn geklammert. �Wird der Devanthar uns beide retten?�, schrie er. In seiner Stimme lag Todesangst, aber Artax war nicht bereit, aufzugeben. �Wir werden uns retten�, entgegnete er trotzig.</p><p>Eine neue B� ergriff das Schiff, das Deck neigte sich noch ein wenig mehr. Raureif und Eis �berzogen die Planken. Es war unm�glich, Halt zu finden. Sie rutschten weiter. Als ritten launische Geister mit den B�en, blieb jedes der �ber das Deck peitschenden Seile gerade au�erhalb ihrer Reichweite.</p><p>Das sind keine Geister, Bauer. Das ist der Devanthar. Du h�ttest besser im Turm bleiben sollen. Wer sein Schicksal herausfordert, findet fr�h den Tod.</p><p>Genau, dachte Artax. Muht die Kuh nachts im Getreide, war ein Loch im Zaun der Weide. Etwas anderes als platte Spr�che fiel ihm auch nicht ein, dem verblichenen Unsterblichen. Ein dunkler Schemen sch�lte sich aus dem Wolkendunst. Die Reling! Weite L�cher klafften dort, wo der zersplitterte Mast wie ein Rammbock gegen den Schiffsrumpf geschmettert war. Verzweifelt warf Artax den Kopf hin und her, w�hrend sie immer weiter rutschten. Ihre letzte Hoffnung war, eines der zerfetzten Seile aus der Takelage zu packen zu bekommen, die gewiss jenseits der zerschmetterten Reling im Wind tanzten.</p><p>Eine B� trieb sie �ber den Rand des Decks hinaus. Als er fiel, dachte Artax an die Sturmgeister, von denen der b�rtige Wolkenschiffer gesprochen hatte. Da waren keine Takelagenreste oder Seile mehr. Es gab nur noch den grauen Dunst der Wolken. Juba schrie, Artax aber blieb ruhig. Einmal mehr f�hlte er sich, als w�rde er all das aus weiter Distanz betrachten. Er war nur ein Bauer. Das war nicht seine Welt gewesen. Gleich w�rde er aus seinem Alptraum erwachen.</p><p>Ihr Sturz endete mit einem Ruck, der seine Gelenke krachen lie�. Artax st�hnte auf. Etwas hatte sein Bein gepackt und hob ihn empor, dicht vorbei an der verw�steten Schiffswand, aus der zwischen lodernden Flammen zerfetzte Stoffbahnen und zerschlagene M�bel hingen. Kurz sah er eine Frau, die sich an einen T�rrahmen klammerte. Wie ein Pl�nderer fuhr der Sturmwind in das aufgebrochene Schiff.</p><p>Artax wurde �ber die Reling gehoben. Er wand sich und blickte hinauf. Ein roter Tentakel hatte sich um sein Bein gewunden, einer jener d�nneren Str�nge mit dem blatt�hnlichen Ende. Ein zweiter Fangarm hatte Juba gepackt. Sie wurden durch die offene T�r des Gesch�tzturms geschoben und etliche H�nde griffen nach ihnen. Die Tentakel l�sten sich. Artax lag in den Armen des b�rtigen Wolkenschiffers. Der Mann k�sste den Saum seines Gewandes.</p><p>�Ihr seid wahrlich ein Unsterblicher!�, rief er. �Ein Gott unter Menschen!�</p></section><section><title><p>Von den Elfen</p></title><p>�Sie kommen in der Nacht, obwohl Tageslicht ihnen nicht zu schaden scheint. Von sinnenverwirrender Sch�nheit sind zu schaden scheint. Von sinnenverwirrender Sch�nheit sind sie. Und grausam! Sie lieben es, die Menschen zu qu�len. Allein dazu wurden sie erschaffen, von Daimonen, von verfluchten G�ttern, die ihren Br�dern, den Devanthar, ihre Sch�pfung neiden.</p><p>H�te dich vor einsam stehenden Felsen oder vor Pilzkreisen im Mondenlicht. Dort treten sie in unsere Welt. Sie sehen uns �hnlich genug, dass es ihnen leichtf�llt, die Arglosen zu umgarnen. Nur ihre Ohren verraten sie. Widernat�rlich spitz. Dazu geschaffen, in die Finsternis zu lauschen. Daimonenohren!</p><p>Meist verbergen sie sie unter ihrem langen Haar, Kapuzen oder M�tzen. Schafft man es, einem Elfen eines seiner Ohren abzuschneiden, so ist er dazu verdammt, seinem Peiniger auf ewig zu dienen. Doch sucht nicht ihre N�he. Sie sind voller List und Heimt�cke. Und auf einen Gl�cklichen, der einen Elfen �bert�lpelt, kommen hundert, die ins Ungl�ck st�rzen.</p><p>Vielf�ltig ist die Art, auf die sie das Leben der Menschen vergiften. Da sind die Klingenelfen. Sie st�rmen herbei in wildem Zorn, ihre Schwerter wie Dreschflegel schwingend. Kein Krieger ist ihnen gewachsen, so schnell schlagen sie zu. Sie kommen, um grausames Gemetzel anzurichten.</p><p>Heimt�ckischer aber sind jene, die sich einschleichen. Die Kinder austauschen und uns ihre Wechselb�lger unterschieben. Sie verstehen es, uns blind zu machen f�r die wahre Natur der Kreaturen, die sie uns Menschen in die Wiege legen. Tr�gt aber ein Kind ein Amulett der Tempel, so k�nnen sie es nicht ber�hren. Und sind alle Fenster und T�ren bei Mondenschein verschlossen, k�nnen die Elfen nicht �ber die Schwelle treten, es sei denn, sie w�rden hereingebeten.</p><p>So versuchen sie die Menschen zu t�uschen und dies sind wohl jene, die am gef�hrlichsten werden. Jene, die unerkannt in unserer Mitte leben und mit Geduld und wohldurchdachtem Plan den Menschen schaden.</p><p>Der Philosoph mag sich fragen, warum sie so sind. Vergeudete Gedanken! Die Antwort ist so einfach wie ern�chternd. Sie sind zum B�sen geboren. Es bereitet ihnen Freude, den Menschen zu schaden. Deshalb seid fest im Glauben und h�tet euch vor allem Fremden!�</p><cite><text-author>Text eines unbekannten Autors, aus dem Tontafelarchiv des Tempels zu Nari, heute verwahrt in der Bibliothek von Iskendria, Sammlung f�r obskure Schriften, Saal III, Regal XXVI, Brett IX.</text-author></cite></section><section><title><p>Das Gest�ndnis</p></title><p>Hornbori stand unschl�ssig am Eingang des Tunnels, der hinab in Galars Reich f�hrte. Der Zwerg drehte an einem Ende seines gewichsten Schnauzbartes, dessen nach oben weisende Spitzen ihm �ber die Wangen bis dicht unter die Augenlider reichten. Er hatte keine Lust, dort hinabzugehen. Genau jetzt wurde ein Fass Winterpilz bei Sviur angestochen. Sviur war wichtig! Er lie� die Aale bauen, jene wunderbaren H�hlenschiffe, mit denen man Drachen und Elfen entkommen konnte. Hornbori liebte diese Schiffe, auch wenn sie stickig und eng waren.</p><p>Wieder blickte der Zwerg den Tunnel hinab. Eine vielfach gegabelte Ader aus schmutzig wei�em Quarz lief �ber die Wand des Stollens und verschwand nach einigen Schritt im Felsen. Jeder Zwerg, der etwas auf sich hielt, h�tte etwas daraus gemacht. Dieser Stolleneingang war unverwechselbar. Man h�tte die Wand gl�tten k�nnen und die Quarzader leicht erhaben aus dem sie umgebenden Felsgestein hervortreten lassen k�nnen. Oder man h�tte einen K�nstler damit beauftragen k�nnen, ein Relief zu erschaffen, bei dem die Quarzader in das Steinbild harmonisch eingebunden war. Aber Galar hatte keinen Blick f�r die Sch�nheit der Felsw�nde, die ihn umgaben.</p><p>Es machte Hornbori w�tend, auf diesen Banausen angewiesen zu sein. Galar war eine Schande f�r ihr ganzes Volk! Fast nie nahm er an irgendwelchen Versammlungen teil. Nie sah man ihn in geselliger Runde zechen. Stattdessen interessierte er sich f�r die Geheimnisse der Zauberweber. Aale, wie Sviur sie bauen lie�, waren die Antwort auf die verfluchte Zauberei ihrer Erzfeinde. Magie sollte man Elfen und Drachen �berlassen! Ein Zwerg, der etwas auf sich hielt, sollte damit nichts zu schaffen haben!</p><p>Versonnen blickte Hornbori den Tunnel hinab, dann ballte er die H�nde zu F�usten und atmete tief ein. Nein, er konnte nicht zulassen, dass Galar es von anderen erfuhr. Der Kerl war unberechenbar. Es mochte sein, dass er gewaltt�tig wurde, wenn er erfuhr, was geschehen war. Hornbori betrachtete den Boden unter sich und dann seine Stiefel. Das waren seine besten Laufschuhe und er war ein guter L�ufer. Wenn er Galar beim �berbringen der Nachricht nicht zu nahe kam, w�rde er es gewiss schaffen, ihm davonzulaufen. Und deshalb w�rde er das jetzt hinter sich bringen.</p><p>Schon bei der dritten Grubenlampe h�mmerte sein Herz, als sei er eine Meile weit gelaufen. Schwei� stand ihm auf der Stirn. Er dachte an all die schweren Werkzeuge, die in der riesigen H�hle des Irren herumlagen. Warum nur war er nicht mit Helm und Kettenhemd hierhergekommen? Auf der anderen Seite k�nnte er derart ger�stet nicht so gut davonlaufen. Ach was, beruhigte er sich selbst. Geh einfach weiter. Du schaffst das schon!</p><p>Im Tunnel war es jetzt so dunkel, dass Hornbori kaum mehr seine Stiefel sehen konnte. Das passte zu Galar. Er sparte am Lampentran, obwohl es ein Gesetz gab, das regelte, in welchem Abstand Lampen in Haupttunneln stehen mussten und wie hell sie zu brennen hatten. Kurz �berlegte Hornbori, wie viel �rger Galar wohl bek�me, wenn er diese Sache vor den Alten in der Tiefe brachte, entschied dann aber, dass die Angelegenheit zu geringf�gig war und Galar nicht mehr als einen R�ffel einbringen w�rde. Au�erdem w�re es kl�ger, all seine Beredsamkeit aufzubieten, um Galar auf seine Seite zu ziehen. Dieser verlauste Schmied mit seinem verdrehten Verstand mochte ihn noch weit bringen, wenn er es nur richtig mit ihm anstellte.</p><p>Zischende Ger�usche, begleitet von einem leisen Blubbern, drangen den Tunnel hinauf. Es stank nach halb verwestem Fisch und dem gr�sslichen K�se, mit dem die Kobolde von Drashnapur handelten. Unstet flackerndes Licht wies nun den Weg hinab zu Galars Werkstatt, und der Gestank wurde mit jedem Schritt unertr�glicher. Hornbori zupfte das eigens f�r diesen Besuch vorbereitete in Anisschnaps getr�nkte Tuch aus seinem breiten G�rtel und hielt es sich unter die Nase. So w�rde er es durchstehen.</p><p>Der Tunnel machte eine Kehre, und er trat in die ber�chtigte H�hle des Schmiedes. Die Glut der Esse tauchte alles ringsherum in warmes, r�tliches Licht. Doch darin lagen nicht etwa gl�hende Eisen, sondern es stand ein zwei Mann hoher Kessel auf dem Feuer. Und Galar hing an einer Kette von der Decke!</p><p>Der Schmied blickte konzentriert in den blubbernden Kessel, r�hrte mit einer langen Eisenstange darin herum und schien seinen Besucher nicht bemerkt zu haben. Sein Oberk�rper war nackt und gl�nzte vor Schwei�, der in dicken, silbrigen Tropfen in den Kessel fiel. War das irgendeines der obskuren Rituale der Zauberweber oder versuchte Galar am Ende, sich selbst zu d�nsten? Ihm war alles zuzutrauen!</p><p>Unschl�ssig sah Hornbori sich um und entdeckte dem Eingang gegen�ber ein Gef�� aus verbogenem Kupferblech. Jemand mit Riesenkr�ften schien es von innen heraus zerfetzt zu haben. Was der Irre da wohl wieder versucht hatte? Hornbori hatte davon geh�rt, dass es vor drei Tagen in diesem Teil der H�hlensiedlung einen Donnerschlag gegeben hatte, als sei ein Blitz direkt ins Herz des Berges niedergefahren. Ja, niemand wohnte gerne in Galars N�he. Der Gestank und die unberechenbaren Katastrophen, die sich hier immer wieder ereigneten, hatten den ganzen H�hlenkomplex in Verruf gebracht. Tats�chlich gen�gte ein kurzer Blick in die weitr�umige, aber mit Tischen, Werkb�nken und Plunder zugestellte H�hle und man wusste, wie es in Galars Kopf aussehen musste. �berall stapelten sich ungewaschene Holzteller mit Essensresten, schmutzige Kleidungsst�cke hingen �ber Stuhllehnen. Ger�chteweise gab es in Galars H�hle sogar einen eigenen Brunnen. Aber dessen Wasser schien Galar nicht daf�r zu verschwenden, irgendetwas zu s�ubern. Und dieses Durcheinander! Man konnte sich ja kaum bewegen! Au�er der Esse gab es noch zwei weitere Feuerstellen, auf denen etwas in T�pfen k�chelte. Von der Decke hingen Kr�uterb�ndel und allerlei obskure Pflanzen, aber auch Obskurit�ten wie Schlangenh�ute, Katzensch�del oder ein vertrockneter Krokodilkadaver. Andenken von den zahllosen Reisen des Schmiedes. Merkw�rdige Ger�tschaften mit ineinandergreifenden Zahnr�dern, �bergro�e Waffen, wom�glich gar von Trollen oder Minotauren, aber auch Schmiedearbeiten, deren Sinn und Zweck Hornbori auch bei l�ngerer Betrachtung verborgen blieb. Vielleicht war es Kunst? Oder Dinge, die man zur Zauberweberei ben�tigte?</p><p>Hornbori hatte genug gesehen und schritt zur Tat. �Schmied!�, rief er zur Decke hinauf, unter der Galar baumelte.</p><p>�St�r mich nicht, Schisser!�, entgegnete dieser, ohne sich die M�he zu machen, auch nur kurz in seine Richtung zu blicken.</p><p>Der Mistkerl hatte ihn also doch bemerkt, dachte Hornbori und schluckte seinen �rger herunter. Egal � weiter. Dass dieser stinkende Bastard mit seinem k�mmerlichen B�rtchen an einer Kette von der Decke hing, w�rde ihm, Hornbori, die ganze Sache erheblich erleichtern.</p><p>�Ich wollte dir nur sagen, dass mir der Alte in der Tiefe morgen in Anwesenheit mehrerer Bergf�rsten die Goldenen Schwingen verleihen wird. Und ich habe mit Sviur geredet. Er wird dir einige Kupferbleche aus seiner Werft bringen lassen, damit du das Ding dahinten wieder instand setzen kannst.� Hornbori deutete zu dem geborstenen Metallzylinder am Ende der H�hle.</p><p>Ein schriller Pfiff erklang. Bei�ender, schneewei�er Rauch quoll aus einem Rohr, das mitten aus einem Haufen von Altmetall und Ger�mpel aufragte. Galar hob die Eisenstange an, mit der er im Kessel ger�hrt hatte. An ihrem Ende befand sich ein K�cher aus Drahtgeflecht, in dem ein zwiebel�hnlich aussehendes Tongef�� steckte. Der Schmied hievte das bauchige Gef�� zu einem Tisch hin�ber, auf dem ein halbes Dutzend Brotk�sten nebeneinander aufgereiht standen.</p><p>�Ich geh dann mal wieder�, sagte Hornbori. Ob Galar ihn nicht verstanden hatte oder es ihm egal war, was geschah, war letzten Endes unerheblich. Er, Hornbori, hatte getan, wessentwegen er hergekommen war. Vielleicht konnte er den Alten in der Tiefe morgen davon �berzeugen, dass man Galars Stollen vermauern lassen sollte, um die Siedlung vor dessen Eskapaden zu sch�tzen.</p><p>Die Kette �ber ihm klirrte. Der Schmied schwang an einem Kranarm unter der H�hlendecke herum und hing nun unmittelbar �ber dem Eingang zum Tunnel. Immer noch hielt er die Eisenstange mit dem Drahtk�cher in H�nden.</p><p>Hornbori perlte Schwei� den R�cken hinab.</p><p>Galar hatte also doch verstanden.</p><p>�Man verleiht dir die Goldenen Schwingen? Warum ausgerechnet dir?�</p><p>Hornbori wurde die Kehle eng. Es musste heraus. Er wich ein St�ck zur�ck und stie� gegen einen der Tische. Ganz nahe fauchte etwas, Krallen kratzten auf Holz, seine Beine schlotterten. �Weil � weil ich die Silberschwinge get�tet und dich gerettet habe.�</p><p>�Du hast was?� Galar lachte laut auf. �Du? Das ist verr�ckt! Jeder wei�, dass das nicht stimmt.�</p><p>�Ich habe ihnen erz�hlt, dass Nyrs Geschoss nicht t�dlich war. Dass er noch lebte, als er abst�rzte. Dass er dich zerfetzen wollte � Wir waren allein. Niemand kann das Gegenteil beweisen.�</p><p>Galar hing reglos an seiner Kette. �Nichts als Worte. Das allein wird den Alten nicht ��</p><p>�Ich habe dir den Drachenzahn gestohlen. Ich habe gesagt, ich habe meine Axt tief in den Sch�del des Ungeheuers gegraben. Bis hinab in sein Maul. Der Zahn war mein Beweis. Ich habe gesagt, er sei durch den Hieb aus dem Kiefer gebrochen.�</p><p>�Und die S�gespuren?� Galars Stimme war bedrohlich leise. �An dem Zahn waren doch S�gespuren.�</p><p>�Ich habe ihn mit der Axt bearbeitet. Da gibt es jetzt keine S�gespuren mehr.�</p><p>Die Kette klirrte. Galar sank langsam tiefer, wie eine Spinne, die sich an einem silbernen Faden abseilte. Der Schmied hatte blutunterlaufene Augen. Und er stank, als h�tte er sich mit dem verdammten Koboldk�se eingerieben.</p><p>Hornbori wich weiter zur�ck. Er streckte die Rechte tastend nach hinten. Seine Finger glitten �ber einen Tisch mit zerfurchter Platte. Etwas Kr�meliges, Weiches streifte seine Hand. Hornbori wagte es nicht, Galar aus den Augen zu lassen. Der Schmied �ffnete einen Haken und streifte das Ledergeschirr ab, das ihn mit der Kette verband. Immer noch hatte er die Eisenstange mit dem K�cher in der Hand.</p><p>Hornbori tastete weiter �ber den Tisch. Hektischer nun. Er musste irgendetwas zu packen bekommen. Eine Feile, eine Zange � Etwas, womit er sich gegen den Wahnsinnigen wehren konnte.</p><p>Er stie� gegen etwas. Es klirrte.</p><p>�Pass auf!�, schrie Galar.</p><p>Nein, dachte Hornbori. Darauf w�rde er nicht hereinfallen! Er w�rde jetzt nicht den Blick vom Schmied abwenden. Nicht � Seine Hand fuhr durch eine klebrige Masse. Er zog sie zur�ck. Sch�ttelte sie. Z�her, von roten Schlieren durchzogener Brei haftete daran.</p><p>�Du Idiot!�, stie� Galar w�tend hervor. �Das war der Rest vom Drachenblut. Du �� Der Schmied packte die Stange und stie� nach ihm.</p><p>Hornbori wich aus, aber er kam nicht am Tisch vorbei.</p><p>�Du nichtsnutziger L�gner! Aufschneider! Tatendieb!� Jeder Fluch des Schmieds wurde von einem Sto� mit der Eisenstange begleitet.</p><p>�Lass mich doch erkl�ren ��</p><p>�Ich will nicht wissen, wie es ist, wenn man sich mit fremden Federn schm�ckt, du Heuchler!�</p><p>Das Ende der Stange stie� nach seiner Brust. Hornbori konnte nicht weiter zur�ck. Der Treffer warf ihn halb auf die Tischplatte und raubte ihm den Atem. Der Schmied hatte ihm mindestens eine Rippe gebrochen. In seinem Brustkorb pochte dumpfer Schmerz.</p><p>�Du wirst dir keine Goldenen Schwingen an deinen Helm heften, du �!� Galar lie� die Stange fallen und zog einen Metalldorn aus einer Lederschlaufe seines G�rtels.</p><p>�Nicht!� Hornbori riss sch�tzend die Hand hoch. Der Dorn fuhr unerbittlich nieder. Das dunkle Eisen traf ihn mitten in den Handteller und die Wucht des Sto�es presste ihm die Hand gegen die Stirn. In Gedanken malte er sich aus, wie der Metalldorn die Hand auf seine Stirn nagelte und tief in seinen Sch�del eindrang. Er kniff die Augen zusammen.</p><p>Zehn rasende Herzschl�ge sp�ter lebte er immer noch.</p><p>Argw�hnisch spreizte er die Finger, um zu sehen, was der verr�ckte Schmied nun tun w�rde. Galar stand nur vor ihm und gaffte ihn mit offenem Mund an.</p><p>Hornbori wusste nicht, welches Wunder ihn gerettet hatte, aber er war sich sicher, dass Galar gleich wieder lostoben w�rde. Diesen Augenblick der Stille musste er nutzen! �Es wird auch dein Nutzen sein, wenn man mir die Goldenen Schwingen anheftet. Du legst doch gar keinen Wert auf solchen Tand. Und ich � Ich kann dir besser helfen, wenn ich Einfluss habe. Ich sagte doch, schon morgen wirst du Kupferbleche bekommen, damit du dieses Ding da hinten an der Wand wieder reparieren kannst. Erstklassige Kupferplatten, daf�r verb�rge ich mich. Und das ist erst der Anfang! Was immer du hier unten brauchst � ich kann es dir verschaffen. Ist das nicht gro�artig? Was sagst du dazu?�</p><p>�Deine Hand ��</p><p>�Das interessiert doch jetzt nicht. Die wisch ich ab. Wir beide werden eine goldene Zukunft haben, ist dir das nicht klar? Du wirst nie wieder Schwierigkeiten haben, gen�gend M�nner f�r eine Drachenjagd aufzubieten!� Hornbori wagte ein verschw�rerisches L�cheln. �Ich wei�, dass du Gro�es vorhast. Ich habe dich und Nyr belauscht. Du bist noch nicht fertig mit den Drachen. Du willst einen richtig Gro�en vom Himmel holen, nicht wahr? Ich bin dein Mann. Wir werden das schaffen. Zusammen. �</p><p>�Deine Hand�, wiederholte Galar mit tonloser Stimme.</p><p>Hornbori wischte �ber die Tischplatte, um den Brei loszuwerden. �Ja, �rgerlich. Jetzt sag schon! L�sst du mir die Goldenen Schwingen?�</p><p>Statt zu antworten, griff Galar nach seiner Hand. �Der Dorn � Er konnte dich nicht verletzen.�</p><p>Jetzt sah sich auch Hornbori seine Hand genauer an. Er hatte den Treffer deutlich gesp�rt und seine Hand schmerzte � aber sie war vollkommen unversehrt! Hornbori blickte auf den spitzen Dorn, den Galar noch immer hielt, und wieder auf seine Hand.</p><p>�Erstaunlich ��</p><p>�Ist dir klar, was das bedeutet?� Der Schmied war v�llig au�er sich.</p><p>�In was habe ich da noch gleich hineingegriffen?� Hornbori drehte sich um und betrachtete die verschmierte Masse auf dem Tisch, die sich aufzul�sen begann. Brauner Rauch stieg davon auf und das Holz der Tischplatte wirkte wie ver�tzt.</p><p>Hornbori atmete kurz durch, dann wischte er mit der Hand �ber die rauchende Tischplatte. Er blieb weiterhin unversehrt. Kr�mel fielen zu Boden.</p><p>Galar sch�ttelte den Kopf und in seinem Blick war der Zorn der Faszination gewichen. �Du hast mein letztes Drachenblut vergossen. Ist dir klar, was passiert ist?�</p><p>Hornbori betrachtete kritisch seinen Handteller. Er w�rde eine ordentliche Schwellung in der Hand bekommen. Ausgerechnet rechts! In n�chster Zeit w�rde jedes H�ndesch�tteln zur Qual. Und Pilzhumpen sollte er besser mit links heben. Wenigstens war diese breiige Masse gr��tenteils abgegangen.</p><p>Galar hielt pl�tzlich ein Messer in der Hand. �Los, versuch es!�, stie� er aufgeregt hervor. �Du musst es versuchen! Oder soll ich es tun?�</p><p>Langsam d�mmerte ihm, was Galar meinte. �Drachenblut, sagtest du.�</p><p>�Ja. Ich hab es schon siebenmal an mir versucht. Zuletzt vor zwei Tagen.� Er deutete auf eine Schnittwunde auf seinem nackten Arm. �Aber es gelingt nicht. Bei Katzen, M�usen und Fischen habe ich es auch versucht. Sie sind alle tot. Aber du � Was ist an dir so besonders?�</p><p>Hornbori wusste darauf auch keine Antwort, war sich aber ganz sicher, dass er es nicht gut fand, wenn dieser Irre mit einem Messer vor ihm herumfuchtelte. �Gib mir das! Ich versuch es.�</p><p>Der Zwerg setzte die Klinge auf seinen Handteller und dr�ckte z�gerlich zu. Nichts geschah. Er verst�rkte den Druck. Das Messer vermochte seine Haut nicht zu durchdringen.</p><p>�Darf ich auch mal?� Galar fragte in geradezu ehrf�rchtigem Tonfall.</p><p>�Du siehst doch, dass die Hand unverwundbar ist.� Hornbori versp�rte nicht die geringste Lust, dem Irren das Messer zur�ckzugeben. Er musste Galar ablenken. �Warum ist es bei mir so und bei Fischen nicht?�</p><p>Der Schmied runzelte die Stirn. �Ja � Ich glaube, das Blut war verunreinigt.�</p><p>Ein kratzendes Ger�usch unmittelbar hinter sich lie� Hornbori zusammenzucken.</p><p>�Das ist nur die Ratte�, beruhigte ihn Galar. �Der macht es nichts aus.�</p><p>Hornbori drehte sich um. Hinter ihm stand eine Reihe von Brotk�sten auf dem Tisch. �Was macht ihr nichts aus?�</p><p>�Der K�se aus Drashnapur. Er hat sehr ungew�hnliche Eigenschaften. �</p><p>�Du meinst, davon abgesehen, dass er v�llig ungenie�bar ist und stinkt wie gut abgelagertes Erbrochenes?�</p><p>Galar lachte. Die Sache mit den Schwingen schien er vollkommen vergessen zu haben. �Du bist zu w�hlerisch, Hornbori. Man kann ihn durchaus essen. Zugegeben, er schmeckt etwas streng, aber daran gew�hnt man sich. �ffne mal den Brotkasten da vorne. Ja, genau. Diesen. Nimm das Brot heraus und klopf damit auf die Tischplatte.�</p><p>Hornbori gehorchte. Maden fielen aus dem Brot. �Ungenie�barer K�se und vergammeltes Brot�, stellte er n�chtern fest. �Was ist daran bemerkenswert?�</p><p>�Aber siehst du es denn nicht? Die Maden sind alle tot! Sie sterben ab, wenn man ein St�ck von diesem K�se in den Brotkasten legt. Und verschimmeln tut das Brot auch nicht mehr. Dieser K�se aus Drashnapur ist ein wunderbares Mittel, um Nahrung haltbar zu machen! Freilich, die Speisen nehmen ein wenig Geruch an � Aber kommen wir zur Hauptsache. Ich sagte, das Drachenblut sei verunreinigt. Ich habe hier auf dem Tisch den K�se geschnitten. �berall lagen Kr�mel. Das Blut und der K�se � das muss es sein!�</p><p>Hornbori hob seine Hand an die Nase und roch daran. Nach K�se stank sie nicht. Erleichtert atmete er aus. �Woraus machen die ihren K�se?�</p><p>Galar zuckte mit den Schultern. �Es gibt geheime Zus�tze. Aber vor allem verwenden sie wohl Rattenmilch. So hei�t es ��</p><p>�Rattenmilch?� Hornbori schnaubte ungl�ubig, aber Galar lie� sich nicht beirren.</p><p>�Warum? Ameisen melken Blattl�use. Warum sollten Kobolde keine Ratten melken?�</p><p>Hornbori betrachtete verst�rt seine Hand. Sie sah fast aus wie zuvor. Abgesehen von der Schwellung hatte sie keinen Schaden genommen. Das war ihm wichtig. Sein Aussehen war makellos und musste es auch bleiben, wenn er Erfolg haben wollte. Nur so w�rde er in die kleine Gruppe der Machthaber ihres Volkes aufsteigen k�nnen. K�nige wurden gew�hlt, und nichts weniger wollte er eines Tages sein. Ein K�nig.</p><p>Er wusste, dass es noch ein langer Weg dorthin war, aber er war zuversichtlich. Man musste gut aussehen, gute Verbindungen haben und ein Held sein. Bei Letzterem haperte es, aber auch das w�rde er in den Griff bekommen. �Galar, ich bezahle dir eine Reise nach Drashnapur, um dich dort mit K�sesorten besch�ftigen zu k�nnen. Und ich verspreche dir, ich werde dich bei der n�chsten Drachenjagd unterst�tzen. Du wirst alles bekommen, was du brauchst. M�nner, Material, gen�gend Aale f�r die Flucht. Einfach alles.�</p><p>Galar strich nachdenklich �ber seinen d�nnen Bart. �Wir m�ssen alles Blut aus dem Mistvieh herausholen�, murmelte er. �Wir werden verdammt viel Drachenblut brauchen, um eine vern�nftige Untersuchung durchf�hren zu k�nnen. Ich brauche eine gr��ere H�hle. Und Helfer. Und Glaskolben und ��</p><p>�Sind wir uns handelseinig?� Hornbori streckte ihm die Hand entgegen. �Komm, schlag ein, Galar!�</p><p>�Ich werde mir noch ein paar Mal deine Hand ansehen m�ssen �� Der Schmied sah ihn geistesabwesend an.</p><p>�Nat�rlich.� Hornbori packte die Rechte des Schmieds. �Unser Pakt gilt also. Nat�rlich werde ich der Anf�hrer der n�chsten Drachenjagd sein. Aber das ist nur eine Formsache. Du organisierst alles. Es wird genauso laufen, wie du es m�chtest.�</p><p>Galars Blick wurde pl�tzlich hart. �Und du erntest den Ruhm, richtig?�</p><p>�Was interessiert dich, Schmied? Ruhm oder Drachenblut? Ich finde, wir haben die Beute gerecht und zu beiderseitigem Nutzen aufgeteilt.�</p><p>Galar schnitt eine Grimasse, dann aber nickte er. �Und morgen kommen die neuen Kupferplatten?�</p><p>�So viele du brauchst. Und mach dir schon mal Gedanken, in welche Richtung du diese H�hle erweitern willst. Ich werde dir bald den Obersteiger schicken, damit er sich die H�hle mal anschaut. �</p><p>Hornbori hatte es eilig, das stinkende Loch zu verlassen. Er dr�ckte noch einmal Galars Hand, dann machte er sich auf den Weg. Der Schmied sollte nicht zu viel Zeit haben, �ber ihren Pakt noch einmal nachzudenken. Es war ein gutes Gesch�ft, auch f�r ihn. Aber Galar war verr�ckt. Auf Vernunft sollte man bei ihm nicht setzen.</p><p>Hornbori betrachtete seine rechte Hand. Vielleicht sollte er das in die Geschichte, die er morgen bei der Verleihung der Goldenen Schwingen erz�hlte, noch mit aufnehmen. Nat�rlich nicht die Wahrheit, verstand sich. Er k�nnte sich auch einen Heldennamen w�hlen. Hornbori Drachenhand. Oder Hornbori Drachenfaust. Er l�chelte versonnen. Der heutige Tag hatte ihn dem Thron einen gro�en Schritt n�hergebracht!</p></section><section><title><p>Das Grauen</p></title><p>�Ihr seid wahrlich ein anderer Mann geworden, Erhabener.�</p><p>Artax h�rte das mit Sorge. Misstrauisch sah er Juba an. �Und, st�rt es dich?�</p><p>�Wenn Ihr noch der Alte w�ret, w�rde ich nicht mehr leben�, entgegnete der Kriegsmeister ein wenig steif. �Die Geschichte, wie Ihr mich gerettet habt, macht auf dem ganzen Schiff die Runde. Und sie wird mit jeden Tag phantastischer.� Jubas Miene verfinsterte sich. �Dass der Wolkensammler uns gerettet hat � Alle haben immer geglaubt, diese Viecher seien ohne Verstand. Es hie�, sie merken kaum, dass sie ein Schiff tragen. Sie seien dumm wie Steine. Das kann wohl nicht sein �� Er blickte zu den Tentakeln hinauf. Die langen Fangarme bewegten sich kaum. Das Tier war ganz ruhig.</p><p>Artax folgte seinem Blick. �Ob sie wohl schlafen?�</p><p>�Wer wei�? Was sie wohl zu erz�hlen h�tten, wenn sie reden k�nnten?�</p><p>Juba zog den Brustgurt des Fluggeschirrs straff. �Dieser hier w�rde von einem Unsterblichen erz�hlen, der es liebt, zwischen Himmel und Erde zu schweben.�</p><p>�Lasst ihn los!� Artax winkte den Wolkenschiffern. Sie l�sten die Halteleinen, mit denen der kleine Wolkensammler gehalten wurde. Klein war relativ. Er war so gro� wie ein Elefant. Doch neben der Kreatur, die das Palastschiff trug, wirkte er winzig.</p><p>Eine rote Sicherungsleine verband den jungen Wolkensammler mit dem Schiff, als er sanft abhob. Artax blickte auf seine F��e und sp�rte ein angenehmes Kribbeln im Bauch.</p><p>Die Kreatur, die ihn trug, gab einen zischenden Laut von sich. Ein Tentakel schlang sich unter seiner linken Achsel hindurch, ein anderer Fangarm wand sich um seine Taille. Artax wurde klar, wie ausgeliefert er dem Wolkensammler war. Diese gro�e, aufgebl�hte Kreatur k�nnte ihn vermutlich ohne M�he zerquetschen. Aber in der Geschichte der Himmelsfahrer war kein einziger Fall bekannt, in dem ein Wolkensammler einen Menschen angegriffen hatte. Niemand wusste, was sie fra�en, doch war die Mehrheit der Gelehrten der �berzeugung, sie lebten allein von der Luft und den Wolken. Man stritt sogar �ber die Art, wie sie sich bewegten. Unzweifelhaft war, dass sie sich meist einfach mit dem Wind treiben lie�en. Manchmal gaben sie ein langes, leises Pfeifen von sich. Meist sanken sie dann tiefer. Sie lie�en dabei wohl warme Luft aus ihrem aufgebl�hten Leib ab. Artax wusste durch die Erinnerungen des Unsterblichen, dass man einige tote Wolkensammler gr�ndlich untersucht hatte. Ihr Leib war in viele verschiedene Kammern unterteilt, fast wie ein Palast. Luft, so hei�, dass sie einen verbrennen konnte, war in diese Kammern gesperrt. So w�rde auch ein verletzter Wolkensammler nicht einfach aus dem Himmel st�rzen, denn selbst wenn ein Dutzend dieser Kammern aufplatzten, blieben noch weit �ber hundert, um ihn zu tragen.</p><p>Die hei�e Luft in ihrem Leib konnten sie verringern oder auch vermehren. Damit regulierten sie, ob sie tiefer sanken oder h�her in den Himmel stiegen. Und da der Wind in verschiedenen H�hen durchaus auch in verschiedene Richtungen blies, war dies f�r die Kreaturen eine M�glichkeit, zu bestimmen, in welcher Richtung sie �ber den Himmel zogen. Allerdings war auch bezeugt, dass sie sich bei v�lliger Windstille bewegten und sehr selten sogar gegen den Strom des Windes. Geschah dies durch Magie? Oder durch die Bewegung der Tentakel? Einige Gelehrte verfochten sogar die These, dass die Wolkensammler Windgeister rufen konnten, um sich von ihnen tragen zu lassen. Die Mehrheit der weisen M�nner hielt sie jedoch f�r tr�ge und keines Gedankens f�hig. Dem konnte Artax nach seiner Rettung nicht mehr zustimmen.</p><p>Die riesigen Himmelswanderer waren ein Geheimnis. Genauso wie die Lotsen, die in ihrer Glaskanzel unter dem Rumpf des Schiffes den Kurs bestimmten. Zwischen ihnen und den Wolkensammlern musste es ein empathisches Band geben. Artax hatte lange in Aarons Erinnerungen geforscht, aber selbst der Unsterbliche hatte nicht gewusst, wie die Himmelsschiffe gesteuert wurden. Allerdings hatte er sich daf�r auch nie interessiert.</p><p>Die Lotsen der sieben gro�en Reiche � ein Bund, in den nur Auserw�hlte aufgenommen wurden.</p><p>Artax blickte zu dem Wolkensammler auf, an dem er festgegurtet hing, und eines wurde ihm in diesem Augenblick in aller Deutlichkeit bewusst � er konnte ihn nicht steuern! Das Tier sackte am Schiffsrumpf vorbei, statt ihn in den Himmel hinauf zu tragen, so wie er es sich eigentlich gew�nscht hatte.</p><p>Der Wolkensammler glitt am Rumpf des Palastschiffes vor�ber. Mit Schrecken betrachtete Artax die Wunden, die der Sturm dem Schiff geschlagen hatte. Der gesplitterte Mast hatte die Bordwand auf einer L�nge von siebzehn Schritt zertr�mmert. Das Feuer, das dort ausgebrochen war, war zum Gl�ck schnell gel�scht worden. Dunkle Ru�zungen leckten aus der Wunde im Schiffsrumpf. Es sah aus, als sei der Palast in einen Kampf geraten, dachte Artax. Und dabei war es doch nur ein Sturm gewesen.</p><p>Der Wolkensammler, der ihn trug, sank weiter hinab, und die Schiffszimmerleute, die an den Sch�den arbeiteten, winkten Artax zu. Sie lie�en ihn hochleben. Ihn oder richtiger, so korrigierte Artax sich, Aaron. Sie lie�en Aaron hochleben. Und das wurmte ihn, denn er wusste nur zu gut, dass Aaron sich ins Herz des Schiffes verkrochen h�tte, um zu beten, dass der Sturm schnell vor�berzieht. Keinen Gedanken h�tte er daran verschwendet Juba zu retten!</p><p>Der Jubel war Artax unangenehm, und als sp�re der Wolkensammler das, stieg er langsam h�her. Konnte er die Kreatur etwa durch seine Gedanken beeinflussen? Er l�chelte. Es w�re sch�n, wenn dies auch f�r den Qu�lgeist in seinem Kopf gelten w�rde, aber was das anging, sollte er sich wohl besser keine Hoffnungen machen. Erfreulicherweise meldete sich Aarons Stimme seit dem Sturm weniger h�ufig. Allerdings hatte Artax das mulmige Gef�hl, dass Aaron einen Plan schmiedete, um ihn loszuwerden.</p><p>Der Wind lie� den jungen Wolkensammler an der Bordwand entlangdriften. Er bewegte sich ein wenig schneller als das gro�e Schiff.</p><p>Artax sah, wie Juba neben der Winde mit dem Halteseil stand. Der Kriegsmeister lie� ihn keinen Moment lang aus den Augen. Juba hatte ihm davon abgeraten, diesen Flug zu unternehmen. Aber Artax war entschlossen, die Gefahren, denen sich seine M�nner aussetzten, ebenfalls einzugehen. Er wollte ein anderer Herrscher sein, als Aaron es gewesen war. In ihm reifte ein Plan, das riesige K�nigreich zu ver�ndern. Mit jedem Tag wurde er sich seiner fast unermesslichen Macht bewusster. Sie war ein Geschenk des Schicksals und nicht verdient. Er war nur ein Bauer. Obschon � Nein. Auch das stimmte nicht mehr. Artax und Aaron verschmolzen mit jeder Stunde mehr ineinander und eine neue Person entstand. Ob die Stimme in seinem Kopf vielleicht deshalb schwieg?</p><p>Artax jedenfalls war entschlossen, seine Macht daf�r einzusetzen, dass es seinen Untertanen besser erging. Er blickte auf das riesige Schiff und genoss es, schwerelos mit dem Wind zu treiben. Der Himmel war makellos blau. Es gab nur wenige Wolken am Firmament. Ein angenehm lauer Wind wehte und die Schrecken des Sturms erschienen in diesem Augenblick unvorstellbar. Alles war friedlich.</p><p>Weit unter ihm erstreckte sich der Wald. Aus der gro�en H�he verschwamm er zu einer undeutlichen gr�nen Masse. Nur vereinzelt ragten majest�tische Mammutb�ume aus dem Dickicht empor. Sie waren die Herren des Waldes. B�ume, so alt wie die Welt, so erz�hlte man. Weit �ber hundert Schritt hoch �berragten sie die Kronen der anderen B�ume, die vor ihnen und dem Schatten, den sie warfen, zur�ckwichen. Lichtungen umgaben die Mammutb�ume wie kleine Inseln inmitten des Waldes. Zwischen diesen Baumriesen und den Wolkensammlern schien es eine Verbindung zu geben. Vielleicht lag es daran, dass beide so unglaublich gro� waren. Die Himmelsgesch�pfe schlangen ihre Tentakel gern um die m�chtigen �ste der K�nige des Waldes und ankerten dort. Vor allem die kleineren von ihnen, die den Winden hilflos ausgeliefert waren, suchten bei den Mammutb�umen Schutz, wenn keiner der gro�en Wolkensammler f�r sie zu erreichen war.</p><p>Bei dem strahlenden Sonnenschein waren �berall am Himmel diese seltsamen Kreaturen zu sehen. Friedlich trieben sie mit dem Wind und zogen den Schweif ihrer schlangengleichen Fangarme hinter sich her. Ihre aufgebl�hten Leiber konnten alle nur erdenklichen Farben haben. Manche schm�ckten sich gar mit verschlungenen Mustern. Nur in einem waren sie sich alle gleich � die obere H�lfte ihres Leibes war von einem satten, dunklen Gr�n, das der Farbe von Moos glich. So war es schwer, sie zu entdecken, wenn man aus gro�er H�he auf sie hinabblickte. Die gr�nen Leiber verschwammen mit den unregelm��igen Umrissen der Baumkronen, die sich wie ein sanft wogender Ozean von Horizont zu Horizont streckten.</p><p>Artax �berlegte, ob die Wolkensammler wohl einst Feinde gehabt hatten. Die kleineren der Kreaturen waren Raubv�geln und sogar geschickten Affen ausgeliefert, die Jagd auf sie machten, wenn sie sich an B�ume klammerten. Aber die ganz Gro�en hatten doch nichts zu f�rchten? Warum behielten sie das Gr�n bei, statt mit den Farben zu prunken, die ihre unteren Flanken schm�ckten? Und wenn es Kreaturen gab, die Jagd auf ausgewachsene Wolkensammler machten � wie mochten sie aussehen? Kein Mensch hatte je ein Gesch�pf gesehen, das ihnen die Herrschaft �ber den Himmel h�tte streitig machen k�nnen.</p><p>Artax blickte zur Sonne empor. �ber ihm trieb ein Schwarm junger, kaum menschenkopfgro�er Wolkensammler.</p><p>Die Fangarme der Kreatur, die ihn trug, wanden sich. Klebriger Schleim tropfte auf seinen Lederhelm und rann an den Wangenklappen hinab. Das Gesch�pf hatte einige der haarfeinen Tentakel ausgefahren, die in seltsamer Harmonie im Gleichtakt hin und her schwangen. Dann l�ste sich ein langer Fangarm, der die Farbe rohen Fleisches hatte, aus dem Gespinst. Er endete in einem dolchlangen, bedrohlich gekr�mmten Zahn.</p><p>Artax h�rte Juba etwas rufen. Das Halteseil, das sie mit dem Schiff verband, spannte sich, und sie wurden gegen die Windrichtung zum Palastschiff zur�ckgezogen. Der Fangarm mit dem Zahn tanzte im Rhythmus der feineren Tentakelstr�nge.</p><p>Dann, ohne Vorwarnung, stie� er hinab und durchtrennte das Seil.</p><p>Artax konnte sehen, wie der K�rper des Wolkensammlers ein wenig anschwoll und einen Satz nach oben machte, dann stieg er steil in den Himmel hinauf.</p><p>Zwischen den F��en hindurch konnte Artax auf das Vordeck des Palastschiffes blicken. Juba griff sich einen der Wolkensammler, die dort bereitgehalten wurden, und schl�pfte in das Tragegeschirr aus Ledergurten. Einige Krieger aus der Garde der Himmelsh�ter taten es ihm gleich. Auf dem Vordeck herrschte helle Aufregung! �berall zeigten Wolkenschiffer mit ausgestreckten Armen auf ihn. Niemand flog ohne eine Sicherungsleine � und noch nie hatte ein Wolkensammler von sich aus eine der Leinen gekappt.</p><p>Artax beobachtete das Tier. Er suchte nach Ver�nderungen. Hatte es seine Farbe gewechselt? Zuckten die Tentakel unruhig? Sonderte es mehr von dem durchscheinenden, klebrigen Schleim ab? Er konnte nichts Auff�lliges entdecken.</p><p>Auf dem Palastschiff wurde der Rufer geblasen. Juba und seine Kampfgef�hrten waren bereits in der Luft und folgten ihm, doch sie stiegen nur sehr langsam auf. Es war offensichtlich, dass sie ihn so nicht einholen w�rden.</p><p>Artax war sich bewusst, dass ihm nichts anderes �brig blieb, als sich zu f�gen. Es gab keine M�glichkeit, den Wolkensammler zu steuern. Oder doch? Er dachte daran, auf dem weiten Vordeck zu landen, und verdr�ngte alle anderen Gedanken. Zwischen den gro�en Seilrollen wollte er abgesetzt werden. Unbedingt. Jetzt sofort.</p><p>Nichts geschah.</p><p>Artax blickte hinab. Sie waren jetzt schon so hoch, dass der riesige Leib des Wolkensammlers, der das Schiff trug, den Blick auf das Deck versperrte. Und sie stiegen immer noch h�her! Jetzt jedoch langsamer.</p><p>Der Unsterbliche beobachtete, wie Juba und dessen Kampfgef�hrten trotz aller Bem�hungen weiter hinter ihn zur�ckfielen. Das Palastschiff hatte den Kurs gewechselt und alle Segel wurden gesetzt. Die Kraft des Windes und das Geschick der Wolkenschiffer in der Takelage machten es m�glich, die gewaltigen fliegenden Pal�ste durch das Firmament zu lenken. Ein einzelner Mann in einem Fluggeschirr hatte solche M�glichkeiten nicht. Dennoch war Artax zuversichtlich, dass der Devanthar ihn im Zweifelsfall retten w�rde. Er hatte den L�wenh�uptigen zwar seit einigen Tagen nicht gesehen, doch vertraute er darauf, dass sein G�nner ihn beobachtete. Obschon er den Devanthar in jener Sturmnacht verw�nscht und allerlei � r�ckblickend � reichlich l�sterliche Gedanken gehabt hatte, war er sich sp�ter doch sicher gewesen, dass es der Devanthar gewesen sein musste, der den Wolkensammler dazu gebracht hatte, ihn zu retten. Sein Herz wurde ruhiger. Was sollte ihm schon geschehen? Er �ffnete sich der Sch�nheit der unvergleichlichen Aussicht und betrachtete den breiten, silbern gl�nzenden Fluss, der sich tief unter seinen F��en durch das Waldland wand, und die Bergkette, die sich weit entfernt im Norden in blassem Blau gegen den Horizont abzeichnete. Einige der Gipfel schienen schneebedeckt zu sein.</p><p>Nach einer Weile �berkam Artax ein Gef�hl, als w�rde ihm die Brust zusammengedr�ckt. Er atmete jetzt schneller. Angst, dachte er. Er vermochte sie doch nicht g�nzlich zu beherrschen. Zugleich mit dieser Erkenntnis keimten neue Zweifel in ihm auf. Was w�rde mit ihm geschehen, wenn der Devanthar gar nicht an Bord war und Juba ihn nicht einholte? Wenn der Wolkensammler nicht irgendwo landete, w�rde er in seinem Fluggeschirr verdursten.</p><p>Er tat einen Atemzug, so schwer, wie man ihn tut, wenn man gegen Tr�nen ank�mpfte. Er durfte nicht in Panik geraten. Er musste sich ablenken. Ein St�ck voraus sah er eine lange Wolkenbank, auf die sein Entf�hrer zuzutreiben schien. Ob er dort weiden wollte? Fasziniert beobachtete Artax, wie der Wind den Rand der Wolke ver�nderte und allerlei Figuren formte. Mal glaubte Artax einen Katzenkopf zu erkennen, dann eine bucklige Frau, und einmal war es ihm, als verberge sich tief in der Wolke ein gro�er Schatten.</p><p>Ganz wie er vermutet hatte, stieg sein Wolkensammler weiter und hinauf in die dichten Dunstschleier. Hier war es k�hler, und Feuchtigkeit perlte von Artax� Wangen. Pl�tzlich packte sie etwas. Sie wurden nach oben gerissen. Artax stie� mit der Schulter gegen eine h�lzerne Wand!</p><p>Er sah Schattenrisse von Reitern, die �ber eine weite Ebene ritten. Ein Bild auf einer Holzwand! Nein, eine Bordwand!</p><p>Artax griff nach den Schnallen seines Fluggeschirrs. In der Wolke verborgen befand sich ein Palastschiff!</p><p>�Hallo, ist da jemand!� Artax rief aus Leibeskr�ften. Als sei er eine Meile gelaufen, musste er nach dem Schrei keuchend um Atem ringen. Der kalte Dunst d�mpfte seine Stimme. Niemand antwortete. Egal. Die Bordwand!</p><p>Er packte zu und hielt sich am h�lzernen Handlauf fest, der die Reling abschloss.</p><p>�Hilfe!� Hier musste doch jemand sein. Sie sollten ihn an Bord ziehen. Er rief erneut.</p><p>Totenstille. Nirgends brannte ein Licht im Nebel. Nichts regte sich, als schliefen alle.</p><p>W�hrend er sich mit der Linken festhielt, versuchte er mit der Rechten die Schnallen des Fluggeschirrs zu l�sen. Tentakel strichen �ber sein Gesicht. Er konnte nicht unterscheiden, ob sie von dem Wolkensammler stammten, der ihn hierhergebracht hatte, oder von der riesigen Kreatur, die das Palastschiff trug.</p><p>Die Tentakel unter seinem Arm und um seine Taille l�sten sich. Endlich �ffnete sich die letzte Schnalle. Er streifte das Ledergeschirr ab, zog sich �ber die Reling und sprang auf das Deck. Dort ging er in die Knie und stie� ein inbr�nstiges Dankgebet hervor. Endlich hatte er wieder festen Boden unter den F��en!</p><p>Als er wieder aufblickte, war sein Wolkenf�nger davongeschwebt. Ein St�ck vor sich im Nebel sah er unf�rmige Schatten. Mehrere Halbkugeln wuchsen vor ihm aus dem Deck. Zelte? War er auf einem Schiff der Ischkuzaia? Die Ischkuzaia lebten jenseits der schwarzen W�ste. Sie waren ein Reitervolk ohne jede Kultur. Blutd�rstige Eroberer. Schon als Kind hatte Artax schaurige Geschichten �ber sie geh�rt. Angeblich fra�en sie die Leber und auch andere Innereien erschlagener Feinde. Auch Aarons Wissen �ber die Ischkuzaia war nicht beruhigender. Im Gegenteil. Er hatte Berichte �ber die Rituale gelesen, die mit besiegten Feinden abgehalten wurden. Das waren keine Schauergeschichten wie die Erz�hlungen aus Artax� Kindheit, sondern die pr�zisen Aufzeichnungen von Gesandten, die den Siegesfeiern der Ischkuzaia beigewohnt hatten! Artax w�nschte sich, er k�nne diese Erinnerungen einfach aus seinen Gedanken l�schen.</p><p>Vorsichtig ging er weiter und w�nschte sich, er w�rde seine R�stung und seinen L�wenhelm tragen. Seine Hand tastete nach dem G�rtel. Er war unbewaffnet. Auch das noch. Zum ersten Mal w�nschte er sich, die Stimme des Qu�lgeistes in seinem Kopf zu h�ren. Es war zu still auf dem Schiff. Etwas stimmte hier nicht. Jetzt h�tte er gerne Aarons Rat geh�rt. Der Unsterbliche mochte ein selbstverliebter Drecksack sein, aber er war auch Stratege und Feldherr gewesen. So jemanden h�tte Artax jetzt gern an seiner Seite gehabt. Mit seinem Wissen um Viehzucht, Ackerbau, einer geh�rigen Portion Bauernschl�ue und der Vision von einer besseren Welt kam er hier sicherlich nicht weit. Er h�tte sein Fluggeschirr nicht ablegen sollen, kam es ihm in den Sinn. Es war nicht nur so, dass er hier nicht sein wollte � er hatte hier auch nichts verloren. Was seine Himmelsh�ter mit einem Eindringling auf seinem Palastschiff machen w�rden, konnte er sich jedenfalls lebhaft vorstellen. Vor allem nach dem Mordanschlag.</p><p>Artax verharrte und sah sich um. Die Ischkuzaia waren Barbaren. Ihre Wachen w�rden sich gewiss nicht mit irgendwelchen Fragen aufhalten, wenn sie ihn entdeckten. Die Devanthar verhinderten zwar, dass es zu regelrechten Kriegen zwischen den gro�en Reichen kam, doch Grenzscharm�tzel gab es immer noch.</p><p>W�rden sie ihn umbringen, weil er uneingeladen auf das Palastschiff gekommen war? Er w�rde nicht mehr rufen, entschied Artax. Die Ischkuzaia waren ein seltsames Volk. In ihrem Land herrschte kein Hunger. Es gab auch nur wenige gro�e St�dte. Sie brachten keine Bauern nach Nangog. Dennoch waren sie hier und bauten ebenfalls fliegende Pal�ste. Die meisten Weisen waren der Auffassung, dass die Ischkuzaia nur gekommen waren, um ihr Gesicht nicht zu verlieren. Wenn alle gro�en Reiche nach Nangog aufbrachen und fliegende Schiffe bauten, dann mussten auch sie es tun. Einige munkelten aber auch, dass sie hier etwas suchten. Dass sie einem Geheimnis auf der Spur waren. Die Ischkuzaia erlaubten niemandem, ihre Palastschiffe zu betreten. Das musste allerdings nichts hei�en, denn auch ihr Reich durfte niemand bereisen, ohne von einer Eskorte begleitet zu werden und ein Dokument vorweisen zu k�nnen, das ihm den Aufenthalt erlaubte und das das Siegel des Gro�k�nigs Madyas, des Unsterblichen von Ischkuza, trug.</p><p>Artax erreichte eine der Halbkugeln auf dem Deck des Schiffes. Sie war aus Leder gefertigt. Ein Zelt. Er verharrte, lauschte. Jeder seiner Schritte auf dem Deck war von einem leisen Knarren begleitet gewesen. Aufmerksame W�chter h�tten ihn gewiss geh�rt, aber noch immer regte sich nichts und auch aus dem Zelt drang kein Laut.</p><p>Nach einer Weile fasste er sich ein Herz, umrundete den ledernen Kokon und hob das schwere Tuch, das vor dem Eingang hing. Es war klamm, von Feuchtigkeit durchdrungen und kalt. Ein durchdringender Geruch schlug ihm entgegen. Der Gestank feuchter Wolle, ungewaschener Kleider und ranzigen Fetts. Und noch etwas W�rziges, das er nicht einzuordnen vermochte. Mattes rotes Licht von der Glut in einer t�nernen Feuerschale erf�llte das Zelt. Artax erkannte in dem Gef�� angebrannte Knochenreste und die St�ngel getrockneter Pflanzen, die man verbrannt hatte. Dunkle Teppiche und bunte Decken bezeichneten drei Lagerstellen. Einige Kochutensilien lagen ordentlich aufgereiht neben der Feuerschale. Ein Becher war umgest�rzt und hatte einen dunklen Fleck auf dem Holz des Decks hinterlassen. Das Zelt machte auf Artax den Eindruck, als sei es eben erst verlassen worden.</p><p>Er lie� das Tuch vor den Eingang zur�cksinken und ging vorsichtig weiter. Jeden Schritt setzte er mit Bedacht und bem�hte sich, so leise wie m�glich zu sein. Nach wie vor war der Dunst so dicht, dass er kaum f�nf Schritt weit sehen konnte. Das Holz des gro�en Schiffes arbeitete unter seinen F��en, die Takelage knarrte.</p><p>Artax strich sich �ber die Arme. Es fr�stelte ihn. Die K�lte der Furcht sickerte ihm bis ins Herz. Auf einem so gro�en Schiff konnte es nicht so still sein! Wo war die Besatzung?</p><p>An einem engen Abstieg zu den unteren Decks � einer schmalen Treppe, die sich ins Dunkel wand � hielt Artax inne, doch dann fasste er sich ein Herz. Falls er beobachtet wurde, wollte er nicht wie ein Feigling erscheinen.</p><p>Die Wendeltreppe brachte ihn hinab auf einen Korridor, wo vereinzelte �llampen hinter dicken Hornscheiben brannten. Es roch nach Rauch, Tee und saurer Milch. Die W�nde erregten Artax� Aufmerksamkeit. Neugierig tastete er dar�ber. Sie waren aus d�nn geschabter Tierhaut gefertigt, die man auf Holzrahmen gespannt hatte. Statt T�ren gab es Durchl�sse, die mit Decken oder Vorh�ngen aus Perlschn�ren verh�ngt waren. Die sanften Bewegungen des Schiffes lie�en die Perlen sacht aneinanderklicken. Ein Ger�usch, das nie ganz verstummte.</p><p>Artax schob eine der Decken zur Seite und blickte auf zwei �bereinanderliegende, weniger als einen Schritt durchmessende runde �ffnungen. Als seine Augen sich an das Dunkel gew�hnt hatten, erkannte er hinter dem unteren Durchschlupf eine enge Kammer, die ebenso wie die Zelte an Deck mehrere Schlafstellen beherbergte. Nur einen Feuerplatz gab es hier nicht. Es roch nach altem Schwei�, Lampen�l und Leder. Dicht neben dem Eingang lag eine Puppe aus Stoffresten. Verwundert nahm er sie auf, um sie im Licht des Korridors besser betrachten zu k�nnen. Wirre Haarstr�hnen aus Wollf�den hingen ihr von dem Kopf, ein kleiner Perlknopf diente als Auge, das zweite Auge fehlte. Die Puppe wirkte alt und abgeliebt. Sie war ohne Zweifel ein Spielzeug. Hatten die Ischkuzaia Kinder an Bord ihrer Wolkenschiffe? Oder hatte ein sentimentaler Wolkenschiffer die Puppe als Erinnerung an seine Tochter mitgenommen?</p><p>Behutsam legte Artax das Spielzeug an seinen Platz zur�ck. Kinder hatten an Bord eines Wolkenschiffes nichts verloren! Ja, es gab kaum ein Kind auf dieser Welt, auf der die Frauen unfruchtbar blieben. Bestimmt war es nur ein Andenken!</p><p>Er reckte sich und blickte durch den oberen Durchschlupf. Auch hier fand er eine enge Kammer, auf deren Boden Decken und gefaltete �rmliche Kleider lagen. Wie viele Menschen hatten auf diesem Schiff gelebt?</p><p>Artax ging weiter den Korridor entlang. Manche der W�nde aus Tierhaut waren bemalt � einfache schwarze Zeichnungen, offensichtlich mit verkohlten Stockenden ausgef�hrt. Meist zeigten die Bilder Reiter oder irgendwelche Berglandschaften. Eines jedoch war ganz anders als die �brigen. So sehr unterschied es sich, dass Artax innehielt, um es genauer zu betrachten. Ein Netz aus goldenen Linien erstreckte sich �ber die Wand, und �ber die Linien hinweg flogen zwei merkw�rdige Kreaturen. Gesch�pfe, wie sie Artax nie zuvor gesehen hatte. Sie �hnelten Schlangen, auch wenn die K�pfe anders waren und ihre Kiefer mit kr�ftigen Rei�z�hnen best�ckt schienen. Gro�e, federlose Schwingen trugen sie durch die Luft. Gefl�gelte Schlangen?</p><p>Die beiden Kreaturen waren so detailliert gezeichnet, als habe der K�nstler sie wirklich vor Augen gehabt. Artax schauderte. Hatten solche Schlangen einst den Himmel Nangogs bev�lkert? Hatten sie Jagd auf die Wolkensammler gemacht? Nein, widersprach er sich selbst. Wahrscheinlich waren die Kreaturen nur dem verdrehten Verstand eines K�nstlers entsprungen. Eines reichen K�nstlers, der sich teure Farben leisten konnte, wo alle anderen nur mit Holzkohle zeichneten. Artax wandte sich ab und ging eilig weiter, doch die beiden gefl�gelten Schlangen lie�en ihn nicht los. Wenn er zur�ck auf sein Schiff gelangen sollte, dann w�rde er den Devanthar danach befragen.</p><p>Er war so tief in Gedanken, dass er, als er um eine Ecke bog, den Kadaver �bersah und fast strauchelte. Ein gro�er Hund lag zusammengerollt an der Wand, das Maul weit aufgerissen. Die dunklen Augen starrten ins Leere.</p><p>Artax kniete nieder und tastete �ber das Fell. Der Hund war kalt. Keine Fliegen umschwirrten ihn. Wahrscheinlich lag es an der gro�en H�he. Artax bemerkte, wie schnell sein Atem ging. Viel zu schnell. Verfluchte Angst! Sie schn�rte ihm die Kehle zu! Er f�hlte sich auch ein wenig schwindelig.</p><p>Woran war der Hund gestorben? Es waren keine Verletzungen zu sehen. Artax schnupperte am Maul des Kadavers. Da war Verwesungsgeruch, aber nichts, was darauf hinwies, dass der Hund vergiftet worden w�re. Er dachte an die geheimnisvollen Gr�nen Geister, die in den W�ldern Nangogs lebten. Ihre Opfer starben vor Angst, hie� es. Auch bei ihnen fand man keinerlei Verletzungen. Waren die Geister auf das Wolkenschiff gekommen? Beklommen sah er sich um. Er w�rde wieder an Deck gehen. Es war besser, dort zu sein als im stickigen Bauch des Schiffes. Dort w�rde er auch besser Luft bekommen!</p><p>Er stand auf und taumelte erneut. War vielleicht Gift in der Luft? Ob das am Ende der Grund daf�r war, weshalb es auf diesem Schiff kein Leben mehr zu geben schien? Er musste hinaus. In seinem Kopf drehte sich alles und ihm wurde �bel. Kopflos st�rmte er den Korridor entlang und lie� jede Vorsicht fahren. Er bog ab, rannte, bog wieder ab, gelangte an ein totes Ende der Korridore. Er hechelte wie ein Hund in der Sommerhitze. Artax lief zur�ck. Bog an einer Kreuzung in eine neue Richtung und gelangte schlie�lich zu einer Treppe, die tiefer in das unheimliche Schiff hinein f�hrte. Egal � weiter! Er hetzte die Treppenstufen hinab. �berall waren hier Bilder an den W�nden. Sie wirkten so erschreckend echt, als seien durch einen dunklen Zauber Menschen und Tiere auf die W�nde gebannt worden. Die Treppe m�ndete in eine Kammer, von der drei G�nge in die Tiefen des Schiffsrumpfs f�hrten. In der Mitte der Kammer war ein Pferdesch�del auf einen hohen Holzpfahl gespie�t. �berall entlang der W�nde waren Bilder. Es waren jene besseren Bilder, die so beklemmend, so lebensecht wirkten! Sie zeigten die W�lder Nangogs. Und die Geister! Vielleicht hatten diese Bilder die Waldgeister hinauf in die Wolken gerufen! Manche der Abbildungen zeigten irgendwelche Kreaturen, die tief im Inneren der Wolken lebten oder aus dem Dunkel zwischen den Sternen kamen.</p><p>Artax w�hlte den breitesten der drei Flure und hoffte, dass er einen Weg zur�ck zum Oberdeck finden w�rde. Hier waren die W�nde anders. Sie bestanden aus massivem Holz und es gab hier keine Bilder. Weiter! Noch ein Gang, eine weitere Abzweigung, jetzt nach rechts, dann nach links. Seine Orientierung hatte er l�ngst verloren und auch mit seinen Kr�ften ging es zur Neige. Schlie�lich lie� er sich gegen einen massiven St�tzbalken sinken, rang um Atem und starrte stumm zur Decke des Schiffes. Dort verliefen dicke h�lzerne Adern. Nein � Es waren Wurzeln. Auch auf dem Schiff der Ischkuzaia musste es einen dieser verwunschenen B�ume geben, die angeblich eins mit dem Schiff waren. Ein Teil der Wurzeln durchdrang das Geb�lk, ja, wurde eins mit ihm.</p><p>Das Holz knarrte und Artax hatte das Gef�hl, dass sich das ganze Schiff leicht nach Steuerbord neigte. Irgendwo auf einem �ber ihm gelegenen Deck rutschte etwas Schweres �ber den Boden und prallte dann mit dumpfem Schlag gegen eine Wand.</p><p>Artax konzentrierte sich darauf, tief und regelm��ig zu atmen. Du musst deine Angst beherrschen, Dummkopf, schalt er sich selbst. F�r alles, was du gesehen hast, gibt es gewiss eine plausible Erkl�rung. Es hilft nichts, wie ein aufgescheuchtes Huhn durch die Korridore zu rennen.</p><p>Juba hatte gesehen, wohin der Wolkensammler ihn entf�hrt hatte. Es war nur eine Frage der Zeit, wann sein eigenes Palastschiff l�ngsseits ging und er gerettet wurde.</p><p>Wieder knarrte das Holz und ein St�ck voraus schwang eine T�r auf. Artax stockte der Atem und er presste sich instinktiv gegen die Wand, aber hinter der T�r regte sich nichts. Das ganze Schiff war von dem Wurzelgeflecht durchdrungen. Es war lebendig! Diese klappernde T�r � Er blickte auf den dunklen Spalt. Wollte ihn das Schiff dorthin locken? W�rde er dort Antworten finden? Erneut sah er zu den Wurzeln an der h�lzernen Decke. Der Baum beseelte das ganze Schiff. Rief ihn der Baum? Hatte er ihn auf magische Weise an diesen Ort gef�hrt?</p><p>Das war Unsinn, dachte er sich und doch ging er hin zur T�r und �ffnete sie weit, damit Licht in den Raum fallen konnte. Er blickte in eine lange, schmale Kammer, in der lange Reihen gro�er Vorratsamphoren halb in den Boden eingelassen waren. Ein wohlvertrauter s��licher Geruch stieg ihm in die Nase. Es roch nach Weizen. Es gab hier nichts Besonderes zu sehen. Das beseelte Schiff, das ihn hierhergef�hrt hatte, dachte er. So ein Unsinn! Er lachte �ber seine Wahnvorstellungen. Ein Laut, der inmitten der Stille fast obsz�n klang. Das Lachen erstickte ihm in der Kehle. War es Aaron, der da gelacht hatte? Die Stimme in seinem Kopf schwieg nun schon ungew�hnlich lange. Und das war ihm nur recht. Das Letzte, was er nun brauchte, w�re das b�sartige Geschw�tz seines Qu�lgeistes. Artax schob den Gedanken beiseite. Diese ganzen Spekulationen brachten ihn nicht weiter. Noch immer fahrig, aber entschlossen, sich nicht kampflos in sein Schicksal zu ergeben, drehte er sich um, als sein Blick auf etwas Kleines, Pelziges fiel. M�use! Sie lagen neben einer der Amphoren. Auch ihre M�uler klafften weit offen. Sie waren genauso gestorben wie der Hund. Panisch blickte er sich um. Was war das? Wie war der Tod zu ihnen gekommen? Lauerte er noch hier?</p><p>Eilig verlie� Artax die Vorratskammer. Etwas hatte alles auf dem Schiff get�tet. Wahrscheinlich war selbst das Ungeziefer im Getreide tot. Waren das die Waldgeister gewesen? Und falls ja, wer hatte sie gerufen? Der Schiffsbaum?</p><p>Artax folgte dem langen Gang, auf dem er sich befand, bis zu einem breiten, zweifl�geligen Tor. Die T�rangeln quietschten leise, als er sie aufstie�. Endlich! Er hatte den Treppenturm gefunden. Einen Schacht, in dem eine weite Wendeltreppe zu allen Decks des Schiffes f�hrte. Aus jedem der Decks streckte sich eine breite h�lzerne Zunge ins weite Rund des Turms. Hier konnten Frachten aufgenommen werden. Eine gl�serne Kuppel schloss den Treppenschacht ab, und dar�ber entdeckte er die blassen Schatten von Kranarmen.</p><p>Er wollte gerade die Treppenstufen hinaufeilen, als er auf der anderen Seite des weiten Runds auf einem Treppenabsatz zusammengekr�mmte Gestalten bemerkte. Menschen. Sie hatten das Wolkenschiff also nicht verlassen!</p><p>Artax rang mit sich, doch dann siegte die Vernunft. Er war der Herrscher Arams. Der Beh�ter eines riesigen Volkes. Er musste wissen, was hier vor sich ging, um die Seinen davor sch�tzen zu k�nnen. Als Bauer h�tte er davonlaufen d�rfen. Als Unsterblicher hatte er diese Wahl nicht mehr. Was immer den Tod auf das Schiff gebracht hatte � ihn hatte es noch nicht ber�hrt. Vielleicht war es auch schon wieder fort.</p><p>Langsam folgte er dem weiten Treppenrund in die Tiefe. Die Stufen waren mit bunten Mustern bemalt, doch an vielen Stellen schimmerte graues Holz durch den Lack. Eine fingerdicke Wurzel folgte dem Handlauf des Gel�nders. Er hatte das Gef�hl, dass der Schiffsbaum diesen Himmelspalast st�rker durchdrungen hatte, als es auf seinem Palastschiff der Fall war. Dort gab es nur einige Deckenbalken, die deutlich sichtbar vom Wurzelwerk des Schiffsbaums gezeichnet waren.</p><p>Instinktiv scheute Artax davor zur�ck, den Handlauf zu ber�hren, w�hrend er der Treppe hinab zu den Toten folgte. Es waren drei M�nner und eine junge Frau, alle vier gekleidet wie Wolkenschiffer und mit weit aufgerissenen M�ndern und Augen. Die Aug�pfel waren leicht hervorgetreten, und die Frau hatte die H�nde um ihren Hals gelegt, als habe sie versucht, sich gegen einen W�rgegriff zu wehren.</p><p>Ein wenig tiefer am weiten Treppenrund entdeckte Artax ein auff�llig geschm�cktes Portal, das sich deutlich von allen anderen Toren im Treppenturm unterschied. In den Rahmen aus r�tlichem Holz war eine stilisierte springende Raubkatze geschnitten. Auch hier hatte Wurzelwerk das Holz durchdrungen. Mehrere Reihen Perlschn�re hintereinander versperrten den Blick und bildeten ein buntes Durcheinander aus Walbein, Jade, Koralle und Onyx. Kleine Figuren waren in manche der Perlen geschnitzt. Springende Pferde, Bisons, menschliche Gesichter. Der Geruch von R�ucherwerk drang durch den Vorhang in den Treppenturm.</p><p>Vorsichtig trat Artax zwischen den Schn�ren hindurch, die mit aufdringlichem Klicken seine Ankunft verk�ndeten, und sah hinab auf einen kreisrunden Saal, der sich in Terrassen um einen zentralen Kultplatz gliederte. Vom Ort, an dem er stand, lief eine Treppe geradewegs auf den mit pr�chtigen kupfernen R�ucherschalen umstandenen Platz der Priesterschaft zu. �berall auf den Terrassen lagen Menschen. �bereinander. Nebeneinander. Ineinander verschlungen. Ein Flickenteppich von Leibern. M�tter, die ihre Kinder an sich pressten. V�ter, die ihre erwachsenen S�hne bei der Hand hielten. Einfache Wolkenschiffer, Seite an Seite mit W�rdentr�gern in golddurchwirkten Wickelr�cken.</p><p>Artax stockte der Atem � all diese Menschen schienen etwa zur selben Zeit gestorben zu sein. Er sah einen Mann, der sich die Kehle durchgeschnitten hatte. Doch bei den meisten war keinerlei Wunde zu entdecken. Ihre M�nder klafften offen. Die Augen waren hervorgequollen und im Todeskampf verdreht. Hundertfach. Nein, mehr noch. Artax sch�tzte, dass �ber zweitausend Ischkuzaia in diesem Kuppelsaal lagen.</p><p>Die Decke des weiten Saals war vollst�ndig von dichtem Wurzelwerk �berzogen. Viele d�nne Wurzeln hingen wie Girlanden von der hohen Kuppel hinab. Sie endeten in feinen, wei�en Wurzelh�rchen, die an einigen Stellen bis zu den Toten reichten, tasteten nach Gesichtern, drangen in Nasen ein und dr�ngten in den schmalen Spalt zwischen Auge und Lid. Einige der feinen Wurzelh�rchen bewegten sich, obwohl kein Lufthauch durch die Totenhalle ging. Artax schien es, er k�nne sie wachsen sehen. N�hrte sich der Schiffsbaum von den Leichen? Hatte er etwas mit dem zu tun, was hier geschehen war? Hart schluckte er gegen die aufsteigende �belkeit an. Die feinen Wurzeln, die nach den Toten griffen und in sie eindrangen, setzten ihm noch mehr zu als der Anblick der Leichen selbst. Er hatte noch nie so viele Tote gesehen. Hatte der Baum sie get�tet? N�hrte er sich von ihnen? Oder war da noch etwas anderes an Bord? Er brauchte eine Waffe. Den Toten hatten ihre Waffen zwar offensichtlich nicht viel genutzt, aber er wollte hier nicht mit blo�en H�nden stehen, auch wenn er sich lediglich die Illusion verschaffte, sich wehren zu k�nnen.</p><p>Artax holte tief Luft, stieg zwei Stufen hinab und griff nach dem Schwert eines toten Kriegers � eine schmucklose, kopflastige Waffe mit breiter Klinge. Der Schwei� seines Besitzers hatte den lederumwickelten Griff dunkel gef�rbt. Als Artax sich aufrichtete, ber�hrte ihn einer der Wurzelstr�nge. Mit einem Schrei zuckte er zur�ck, stolperte �ber einen Toten und fiel r�cklings zu Boden. Die Wurzel pendelte nun dicht �ber seinem Gesicht. Neue, feine wei�e Haare trieben aus dem Strang und wurden binnen weniger Herzschl�ge so lang wie Finger. Sie wuchsen ihm entgegen! Wie eine Maus die Schlange starrte er die Wurzel an. Schon strich sie ihm �ber die Wange. Ein zweiter Trieb drang in sein Ohr.</p><p>Mach, dass du hier wegkommst, du verdammter Idiot. Das Ding will unser Hirn als D�nger!</p><p>Das allererste Mal war Artax dankbar, die Stimme seines Qu�lgeistes zu h�ren. Der Bann war gebrochen. Er sch�ttelte sich, richtete sich auf und strauchelte schon nach wenigen Schritten. Es war unm�glich, zu gehen, ohne auf Leichen zu treten, so dicht lagen die toten Steppenreiter. Und �berall �ber ihm wogte das Wurzelwerk.</p><p>Halt dich dicht am Boden. Sieh zu, dass du den Wurzeln nicht zu nahe kommst. Der Baum wei�, dass du hier bist. Er will uns zu sich holen, so wie all die anderen. Der Baum ist verzaubert. Bestimmt ist er ein Seelenfresser. Sieh dir nur die klaffenden M�nder an. Sie alle hier haben ihre Seelen ausgeatmet, hoch zur Decke, zum Schiffsbaum.</p><p>Artax nickte und kroch �ber die Toten davon. Ihre Leiber f�hlten sich noch ganz fest an. Es gab keine Anzeichen f�r F�ulnis. Das war widernat�rlich! Die Wurzelstr�nge schienen ihm nicht zu folgen. Einen Augenblick lang war er versucht, mit dem Schwert auf die Wurzeln einzuhacken.</p><p>Tu das nicht, du Trottel! Wei�t du, �ber welche M�chte dieser Seelen trinkende Baum gebietet? Mach dich einfach davon. Und zwar schnell!</p><p>Artax richtete sich wieder auf. Er versuchte, auf keinen der Ischkuzaia zu treten, gleichzeitig aber auch das unheimliche Wurzelwerk im Blick zu behalten. In der Mitte des gro�en Kultsaals zwischen Feuerschalen und allerlei Tiersch�deln gab es einen besonders dicken Wurzelstrunk, der mit Stoffstreifen und Perlenkettchen umwunden war. Es sah aus, als h�tten die Ischkuzaia den Baum wie einen Gott verehrt!</p><p>Was interessiert dich die Religion von diesen ungewaschenen Pferdesch�ndern? Du gehst jetzt sofort zur�ck zum Oberdeck!</p><p>In einem Anfall von Trotz blieb Artax stehen. Nat�rlich, Aaron hatte recht, er musste so schnell wie m�glich weg von hier. Aber wenn er sich Aaron einmal unterwarf, w�rde er es vielleicht wieder tun. Und irgendwann w�rde er die Kraft nicht mehr aufbringen, all die anderen Unsterblichen, die sich zu einer einzigen Aaron-Geiststimme vereint hatten, zu beherrschen. Vielleicht w�rde der �bergang flie�end sein, vielleicht w�rde es schnell gehen, und mit gro�er Sicherheit w�re am Ende nichts mehr von dem �brig, was er war. Von Artax, dem Bauern aus Belbek. Er warf erneut einen Blick auf die Toten und die Baumwurzeln, die sich, wie Aaron behauptete, von ihren Hirnen n�hrten. Der Baum war ein Schmarotzer. Aaron war ein Schmarotzer. Wenn er sich ihm unterwarf, konnte er sich ebenso gut gleich hier auf der Stelle hinlegen und sein Gehirn dem Baum zum Fra� vorwerfen � und bei Licht betrachtet war das vielleicht sogar die bessere Wahl. Sein Weg aber war ein anderer. Er war im Dorf daf�r ber�chtigt gewesen, stur wie ein Esel zu sein, und dank dieser Sturheit w�rde er am Ende den Sieg davontragen. �ber Aaron, �ber B�ume und �ber alle anderen, die ihn von seinem Weg abbringen wollten. Kurz dachte er an seinen Vater und l�chelte. Ja, es war wichtig, Ziele zu haben. Er hatte ein neues Ziel gefunden. Voller Trotz zu triumphieren! Vielleicht w�rde er in diesem riesigen Schiff verrecken, aber geschlagen geben w�rde er sich nicht. Er w�rde k�mpfen, bis zum letzten Atemzug.</p><p>Von neuer Kraft erf�llt, lie� er den Blick �ber die Toten schweifen und fragte sich, ob die Ischkuzaia vielleicht einem der Geheimnisse dieser Welt auf die Spur gekommen waren. Hatten sie etwas � irgendetwas � entdeckt, das verborgen bleiben sollte, und waren deshalb gerichtet worden? Aber wer hatte es getan? Und auf welche Weise? Auch wenn ihn das lebendige Wurzelwerk �ngstigte, hatte er das Gef�hl, dass die Wolkenschiffer mit ihren Frauen und Kindern hierhergekommen waren, weil sie sich von dem Baum Schutz versprochen hatten. Vielleicht hatte das, was der Baum mit ihnen getan hatte, sie ja vor etwas bewahrt, das noch schlimmer gewesen w�re? War so etwas vorstellbar? Er mochte B�ume. Sie standen f�r Leben und Wachstum, spendeten Schatten und Nahrung. Sie sich als mordende Ungeheuer vorzustellen widerstrebte ihm zutiefst.</p><p>Den Blick zur Decke gerichtet, ging er langsam weiter. Etwas knirschte unter seinem Tritt. Hastig zog er den Fu� zur�ck und h�tte fast die Balance verloren. Er war auf ein Tonpferd getreten. Eine kleine Spielfigur. Dem Jungen, dem es einst geh�rt haben musste, war es aus der Hand gefallen. Er hatte kurz geschorenes Haar und ein rundes Gesicht. Zwei Schneidez�hne fehlten in dem weit klaffenden Mund. Der Kleine war vielleicht f�nf oder sechs Jahre alt gewesen. Die hellbraunen Augen blickten auf das b�rtige Antlitz des Mannes, der ihn in seinen Armen hielt. Artax hatte das Gef�hl, dass der Junge zu seinen F��en bis zuletzt daran geglaubt hatte, sein Vater k�nne ihn besch�tzen.</p><p>Jetzt ist nicht die Zeit f�r sentimentale Gr�beleien, du Tropf! Nimm die Beine in die Hand und bring uns hier raus. Hurtig, Kerl!</p><p>Artax seufzte. Er wusste genau, warum er Aaron nicht mochte. Sentimentale Gr�beleien waren das, was den Menschen vom Tier unterschied. Ein Schwan mochte den M�rder seiner Gef�hrtin an Ort und Stelle richten, wenn er seiner habhaft wurde � aber er w�rde nicht nach ihm suchen. Artax aber war ein Mensch und er schwor sich, den M�rder zu finden. Was f�r eine Kreatur mochte das sein, die diesen hundertfachen Tod verursacht, die Frauen und Kinder gemordet hatte? Und was war ein solches Massaker wert? Oder war es aus reiner Willk�r begangen worden?</p><p>Vorsichtig stieg Artax zwischen den Leichen hindurch zur�ck zum Portal. Stets hielt er dabei ein Auge auf die Wurzeln an der Decke gerichtet. Sie wiegten sich. Und das, obwohl das Schiff v�llig bewegungslos lag. Fast schien es, als f�hrten sie f�r die Toten einen Tanz auf, um ihnen die letzte Ehre zu erweisen.</p><p>Kannst du dir deine verr�ckten Bauerngedanken aufheben, bis du wieder faul in unserem Harem liegst und dich deinen Tagtr�umen hingibst? Jetzt benutze gef�lligst deine Beine und bring uns fort von diesem Seelentrinkerbaum!</p><p>Je l�nger Artax dar�ber nachdachte und in sich hineinhorchte, desto sicherer war er sich, dass Aaron irrte. Trotzdem � hier unten konnte er niemandem mehr helfen. Tief in Gedanken erklomm er die weite Spirale des Treppenturms und erreichte schlie�lich nahe des Schiffsbaums das Oberdeck. Der Boden hier war dicht bedeckt mit den Kadavern von V�geln und vereinzelten Affen. Artax blickte zu den weit ausladenden �sten hinauf, doch der Wolkendunst erlaubte es ihm kaum, weiter als bis zu den niedrigsten �sten zu sehen. Auch sie waren mit Stoffstreifen geschm�ckt, so wie der dicke Wurzelstrunk unten im Tempel. Auf jeden einzelnen der Streifen waren mit dunkler Tinte Buchstaben und Bannzeichen gemalt. Pferdesch�del ragten auf Pf�hlen aus dem dunklen Erdreich, in das der Baum gebettet war.</p><p>Ein leiser Wind lie� die Bl�tter fl�stern.</p><p>Hier an Deck fiel Artax das Atmen ein wenig leichter. Er schob mit dem Fu� Vogelkadaver zur Seite und �berlegte, ob Abir Ata�, der Hohepriester seines Himmelspalastes, eine Erkl�rung daf�r haben mochte, was hier vorgefallen war. Oder der L�wenh�uptige. Aber w�rde er das Geheimnis preisgeben?</p><p>Pl�tzlich hielt Artax inne. Da war ein Ger�usch, das nicht zum Bl�tterrascheln passte. Er trat ein St�ck zur�ck, sodass er den glaskuppelgekr�nten Ausgang des Treppenturms im R�cken hatte, hielt den Atem an und lauschte. Gab es etwa doch �berlebende? War der geheimnisvolle Feind noch an Bord? � Da war es wieder. Ein leises Tuscheln! Und Schritte, die klangen, als ginge dort jemand, der versuchte, jedes Ger�usch zu vermeiden. Der dichte Dunst verfremdete und d�mpfte jeden Laut. Artax war sich nicht sicher, ob die Schritte sich in seine Richtung bewegten oder von ihm fort. Fast sehnte er sich herbei, dass die Bedrohung endlich Gestalt annehmen m�ge, dass etwas aus Fleisch und Blut vor ihm stand, das man bek�mpfen konnte. Seine Hand schloss sich fester um den Schwertgriff. Er wusste aus einigen �bungsk�mpfen, wie gut er war. Ja, Aaron war nicht nur L�stling gewesen, er hatte sich auch t�glich im Umgang mit den Waffen ge�bt, mit Schwert, Bogen und Speer. Und er war gut gewesen.</p><p>Artax verlie� seine Deckung. Die Leiber der toten V�gel d�mpften seine Schritte. Sie f�hlten sich erstaunlich fest unter seinen F��en an. Wie Klumpen aus getrocknetem Lehm. Das Knacken ihrer zierlichen Knochen begleitete ihn. Wieder verharrte er, lauschte, war sich nicht ganz sicher, aus welcher Richtung die Ger�usche kamen. Er schlich an einem Zelt vorbei. Eine Planke knarrte. Sehr nah! Artax hob sein Schwert. Da war ein Schatten im treibenden Wolkendunst! Der Unsterbliche machte einen Satz nach vorn. Seine Klinge stie� hinab. Stahl prallte auf Stahl. Die Wucht des Treffers lie� ihn aufst�hnen. Er schnellte zur�ck, bereit, erneut zuzusto�en, und erstarrte mitten in der Bewegung. Vor ihm stand Juba!</p><p>Der Kriegsmeister erkannte ihn im gleichen Augenblick, warf erschrocken die Waffe zur Seite und fiel auf die Knie. �Bitte, verzeiht mir �� Er beugte das Haupt, bis er mit der Stirn das Deck ber�hrte. �Bitte, verzeiht, ich habe Euch nicht erkannt, Erhabener. �</p><p>Artax mochte diese unterw�rfige Art nicht und bedeutete Juba, aufzustehen. Freunde sollten einander ins Gesicht sehen! Er vertraute keinem an Bord des Himmelsschiffes so sehr wie ihm. �Ich habe dich genauso wenig erkannt wie du mich. Und ich bin froh, dass du ein so guter Fechter bist und meine Klinge dich nicht getroffen hat. Ich w�nsche, dass wir dieses Schiff schnell verlassen.�</p><p>Weitere Schatten tauchten im Nebel auf. Jubas Eskorte schloss zu ihm auf. In den sonst so harten Gesichtern der Himmelsh�ter spiegelten sich Angst und Erleichterung zugleich.</p><p>�Was ist hier geschehen?� Juba machte eine weit ausholende Geste. �Warum verstecken die Ischkuzaia ihr Schiff in den Wolken. Und wo ist die Besatzung?�</p><p>�Ich f�rchte, hier an Bord werden wir darauf keine Antwort mehr erhalten.� Kurz kam Artax der Gedanke, das Wolkenschiff verbrennen zu lassen, aber er verwarf ihn wieder. Mit den Flammen w�rde auch das Geheimnis, das es umgab, zu Asche werden. 
�Wir werden das Schiff in Schlepp nehmen und es am Weltenmund den Ischkuzaia �bergeben. Sie sollen entscheiden, was mit ihm geschieht.�</p><p>Artax konnte sehen, dass Juba die Entscheidung nicht gefiel, auch wenn sein Gef�hrte nicht widersprach. War es klug, so zu handeln? Brachte er die Gefahr damit mitten unter die Luftflotte der Unsterblichen, die bei den Ankert�rmen der Goldenen Stadt vert�ut lag? Wenn doch nur der L�wenh�uptige zur�ckkehrte! W�hrend des Sturms hatte er den Devanthar verflucht, weil er nicht bei ihm war. Und wenn der Gott Arams an seiner Seite stand, dann f�rchtete er sich die halbe Zeit vor ihm. Aber der Devanthar war der Einzige, der wirklich wusste, wer er war. Der Einzige, mit dem er frei reden konnte. Na ja � fast frei. Wenn er allzu dumm daherschw�tzte, mochte ihn das um Kopf und Kragen bringen. Ganz sicher wusste der L�wenh�uptige, was hier geschehen war. Er war ein Gott, er wusste alles! Wenn er ihn nur rufen k�nnte!</p><p>Juba r�usperte sich leise. �Bei allem Respekt, Erhabener, ist es klug, ein Wolkenschiff voller Leichen hinter sich herzuziehen? �</p><p>Artax atmete tief durch. F�r einen Unsterblichen ziemte es sich nicht, eine einmal getroffene Entscheidung schon im n�chsten Augenblick wieder zur�ckzunehmen.</p><p>�Sucht Schleppleinen!�, befahl er, und versuchte seiner Stimme einen entschlossenen Klang zu geben. �Nachdem wir das Schiff verlassen haben, soll es niemand mehr betreten. Wir werden es den Ischkuzaia �bergeben, so, wie es ist. Sollen sie entscheiden, was damit geschieht.�</p><p>Juba sah ihn lange zweifelnd an. Dann endlich nickte er.</p></section><section><title><p>Das zweite Gesicht</p></title><p>Nandalee lag in der H�hle, die man ihr zugewiesen hatte. Obwohl sie sich fest in ihre Decke gerollt hatte, fror sie noch immer. Zwei Tage lang hatte sie nicht den geringsten Fortschritt gemacht. Sich selbst kennenlernen sollte sie � Sie kannte sich! Hatte sich schon gekannt, bevor sie hierhergekommen war. Aber das half ihr nichts. Ihr Verborgenes Auge, das kannte sie nicht, und es wollte sich einfach nicht �ffnen! Sich hinsetzen und in sich gehen � Das tat sie. Ununterbrochen. Nur was sie dabei falsch machte, das wusste sie nicht. Der Drache half ihr nicht und niemand sonst redete mit ihr � und so war das Einzige, was sie sp�rte, wenn sie in sich ging, die Abneigung der anderen Sch�ler.</p><p>Ihre H�hle war so niedrig, dass man darin nicht einmal aufrecht stehen konnte, und wenn sie sich hinlegte, musste sie die Beine anziehen, sonst reichte der Platz nicht. Au�er der Decke, ein paar Kerzenstummeln und einem Eimer, auf dem sie ihre Notdurft verrichten konnte, gab es hier nichts.</p><p>Der Drache war in der D�mmerung davongeflogen, und seitdem belagerten sie ihre H�hle, als wolle man ihr noch nicht einmal diese winzige Ecke kalten Felsens g�nnen. Es war das erste Mal, dass der Drache fort war, seit Gonvalon sie hierhergebracht hatte, und vermutlich hatte seine Abwesenheit die anderen mutiger werden lassen. Sollten sie nur kommen! Sie war ganz in der Stimmung, sich zu schlagen. Das konnte sie wenigstens.</p><p>Nandalee streifte die Decke zur Seite und richtete sich auf. Lautlos trat sie an den Durchgang.</p><p>Obwohl sie niemanden sehen konnte, sp�rte sie, dass dort drau�en jemand lauerte. Nandalee fackelte nicht lange, schnellte geduckt durch den Eingang, packte zu und zerrte den Spitzel in ihre H�hle. Grob warf sie die Gestalt auf ihr Lager und war sofort �ber ihr.</p><p>�Bitte, schlag mich nicht�, wimmerte eine helle Stimme. Eine Frau! Nandalee war �berrascht. Eigentlich hatte sie damit gerechnet, den aufgeblasenen Kerl zu erwischen, der sie immer anstierte, als wolle er sie am liebsten von der Klippe st�rzen. Sie packte die Arme der Elfe und zwang sie auseinander, sodass sie ihr ins Gesicht sehen konnte. Es war eine der beiden, die schweben konnten. Sie war von kleiner, zarter Gestalt und hatte schwarzes Haar.</p><p>�Was willst du da drau�en?�, blaffte Nandalee.</p><p>�Ich bin gekommen, um mit dir zu reden. Es gibt ein paar Dinge, die du wissen solltest.�</p><p>�Warum kommst du dann nicht herein? Was belauerst du mich?�</p><p>Die Elfe l�chelte scheu. �Wundert es dich bei diesem Empfang wirklich, dass ich gez�gert habe einzutreten? Alle halten dich f�r eine Barbarin.�</p><p>Nandalee lie� die Arme ihrer Gefangenen los. �Was redet ihr sonst noch �ber mich? Habt ihr Angst, dass ich eine von euch fressen k�nnte, wenn ich hungrig bin?� Die Worte hatten eine seltsame Wirkung auf ihr Gegen�ber. Nandalee konnte sp�ren, wie sie sich anspannte.</p><p>�Wir alle wundern uns, warum du eine bevorzugte Sch�lerin des Schwebenden Meisters bist, obwohl du nicht einmal Zauber weben kannst.�</p><p>Nandalee lachte auf. �Seine bevorzugte Sch�lerin? Ich friere mich hier zu Tode. Er hilft mir nicht. Ich wei� nicht, wie ich mein Verborgenes Auge �ffnen kann, und jede Nacht �berlege ich, wie ich von hier fliehen kann.�</p><p>�Er hat dir die erste H�hle gegeben. Hier sind immer nur seine Lieblinge untergebracht. Bevor du kamst, war dies hier mein Lager�, f�gte sie kleinlaut hinzu.</p><p>�Dieses Dreckloch hier ist eine Auszeichnung? Wenn das ein Scherz sein soll, bin ich zu sehr Barbarin, um ihn zu verstehen.�</p><p>�Es geht darum, ihm nahe zu sein � In den H�hlen hier gibt es eine klare Hierarchie. Wer in der letzten H�hle hausen muss, ist in Gefahr.�</p><p>Nandalee entschied, dass ihr die kleine Elfe nicht gef�hrlich werden konnte. Sie stieg von ihr herab und kauerte sich neben das Lager. �Was ist eine Hier Arschie? Und von was f�r einer Gefahr redest du da?�</p><p>�Ich hei�e Bidayn.�</p><p>Diese Art konnte Nandalee gar nicht leiden. Etwas v�llig anderes zu antworten, als man gefragt wurde. Im �brigen w�rde sie ihren Namen nicht einfach so preisgeben. �Welche Gefahren meinst du?�</p><p>Bidayn setzte sich auf. �Du stammst aus dem Volk der Normirga, nicht wahr?�</p><p>Da tat sie es schon wieder! Auf Dinge antworten, die sie gar nicht gefragt hatte. Sie sollte sich blo� vorsehen. Wenn sie dachte, sie k�nnte sich Sp��e mit ihr erlauben, w�rde sie bald eine b�se �berraschung erleben. �Spielt das eine Rolle, ob ich eine Normirga bin?�, entgegnete sie gereizt.</p><p>�Ich komme aus Arkadien. Es ist ein wundersch�nes Land. Vollkommen. Ich bin in einem Palast am Meer aufgewachsen.�</p><p>Was schert mich das, dachte Nandalee. Und warum weicht sie mir st�ndig aus? Wollte Bidayn ihr klarmachen, dass sie alles andere als eine Wilde war? �Und warum sitzt du dann auf diesem Felsen, wenn es in deiner Heimat so sch�n ist? Bist in deiner Sippe wohl nicht sonderlich beliebt.�</p><p>Bidayn ignorierte diese Unterstellung. �Zur Wintersonnenwende kommen die Drachen von Ischemon und fordern drei junge Frauen. Ich geh�rte zu den Auserw�hlten.�</p><p>Nandalee sah sie ungl�ubig an. �Das ist ein M�rchen, nicht wahr. Du erz�hlst Geschichten ��</p><p>�Nein�, entgegnete Bidayn, und ihre Stimme klang br�chig, so als k�nne sie nur gerade eben noch die Tr�nen zur�ckhalten. �Ich bin gekommen, damit du um das zweite Gesicht der Drachen wei�t. Sie sind Raubtiere. Sie sind unberechenbar. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie unser Meister eine junge Sch�lerin mit seinen Krallen zerrissen hat. Sei auf der Hut vor ihm. Er ist j�hzornig. Mal zahm wie ein Lamm und dann im n�chsten Augenblick eine rei�ende Bestie. Manche sagen auch, er sei verr�ckt. Seine Art zu schlafen � So wie eine Fledermaus. Kein anderer Drache, von dem ich je geh�rt h�tte, tut das.�</p><p>�Und du hast schon von so vielen Drachen geh�rt?�, entgegnete Nandalee schroff. Sie traute dem Drachen mehr als den anderen Elfen. Ihr war jetzt klar, dass sie die Ordnung unter den Sch�lern durcheinandergebracht hatte. Vielleicht war Bidayns Besuch allein mit dem Zweck erfolgt, sie einzusch�chtern. Diese Geschichte konnte einfach nicht stimmen! Drachen waren doch keine Elfenfresser.</p><p>�Nein, ich kenne nicht viele Drachen. Genau genommen kenne ich nur ihn gut. Er ist ein sehr begabter Zauberweber. Aber gerade deshalb ist er auch so schnell von uns entt�uscht. Umso mehr ist es ein R�tsel, warum er dich bevorzugt. Er beobachtet dich ununterbrochen. Und noch etwas. Du solltest nicht laut reden. Das st�rt uns in unserer Selbstversenkung. Einige sind sehr w�tend auf dich. Und nicht alle hier sind so nett wie ich.� Sie l�chelte breit. �Ich meine � Ich will keinen Streit mit dir. Auch wenn du schroff und abweisend bleibst.�</p><p>Gegen ihren Willen musste jetzt auch Nandalee l�cheln. �Ich bin eben eine Barbarin. Und sag den anderen, sie sollen nur kommen. Ich bin in der Nachbarschaft von Trollen aufgewachsen. Ich liebe es, die Leber meiner erschlagenen Feinde zu essen.�</p><p>Bidayn kicherte leise, doch als Nandalee nicht einfiel, verstummte sie schnell. �Das war ein Scherz?�</p><p>�Nat�rlich. Im Gegensatz zu Trollen brate ich die Leber meiner Feinde, bevor ich sie verspeise. Ganz so barbarisch sind wir Normirga dann doch nicht.�</p><p>Die Elfe sah sie so entsetzt an, dass Nandalee es nicht l�nger schaffte, ernst zu bleiben. Prustend begann sie zu lachen. Doch diesmal war es Bidayn, die ernst blieb.</p><p>�Komm, ganz so schlimm sind wir Normirga nicht. Es war nur ein Scherz.�</p><p>Bidayn nickte, l�chelte jedoch immer noch nicht. �Hier wird wenig gelacht. Er � Die Drachen sind keine gn�digen Herren. Ihre Art � Sie sind zu verschieden. Wir sind geboren, um ihnen zu dienen. Und das lassen sie uns sp�ren.�</p><p>Nandalee sch�ttelte energisch den Kopf. �Zum Diener wird man nicht geboren, Bidayn. Zum Diener wird man gemacht. Und das auch nur, wenn man den halben Weg selbst geht.�</p><p>�So wirst du nicht mehr reden, wenn dein erstes Jahr hier vor�ber ist. Auch du kannst nicht mehr frei sein. Oder k�nntest du zu deiner Familie zur�ck?�</p><p>�Nein.� Nandalee senkte den Blick. Sie wollte nicht, das Bidayn in ihr Gesicht sehen konnte. Der Schmerz um ihren Verlust sa� tief. Vor allen anderen vermisste sie Duadan, der sie nach dem Tod ihrer Eltern in einem schrecklichen Schneesturm an Kindes statt aufgenommen hatte. Kein anderer in ihrer Sippe hatte sie so tief verstanden wie er. Mit ihm hatte man gut schweigen k�nnen. Er mochte einsame Jagden so sehr wie sie. Fast jede Nacht dachte sie an ihn. Zu wissen, dass sie ihn nie mehr sehen w�rde, verursachte manchmal einen dumpfen Schmerz. Es f�hlte sich ein wenig so an, wie wenn man einen zu gro�en Bissen nahm und der im Halse stecken blieb und nicht zur�ckwollte. Bislang hatte ihr Einsamkeit nie etwas ausgemacht. Doch hatte sie auch immer einen Ort gehabt, an den sie zur�ckkehren konnte. Ob die Trolle wohl herausgefunden hatten, zu welcher Sippe sie geh�rte? Waren sie vielleicht einfach weiter gen Osten gezogen, um an jedem Elfen Rache zu nehmen, den sie stellen konnten? Wie viele Opfer hatte ihr, Nandalees, J�hzorn gefordert? Der eine unbedacht verschossene Pfeil?</p><p>Mindestens eines.</p><p>Ailyn.</p><p>Die Drachenelfe, die gekommen war, um sie vor den Trollen zu retten, und daf�r mit ihrem Leben bezahlt hatte.</p><p>War sie Ailyns Opfer wert gewesen?</p><p>Nandalee dachte daran, wie sich die Kriegerin unbewaffnet den h�nenhaften Trollen entgegengestellt hatte. An die todesverachtende Ruhe, mit der Ailyn im Schnee gesessen hatte. Sie schuldete den Drachenelfen ein Leben. Sie sollte sich zusammenrei�en und h�rter darum ringen, sich die Magie zu erschlie�en. Sie hatte eine Schuld abzutragen!</p><p>�Hallo?� Bidayn wedelte mit den H�nden vor ihrem Gesicht umher. �Noch da? Du bist nicht allein, h�rst du? Alle, die an diesen Ort kommen, haben kein Zuhause mehr, in das sie zur�ckk�nnen. Es ist nicht allein unsere Begabung, die uns hierherbringt. �</p><p>�Wie haben sie dich ausgew�hlt?� Nandalees Stimme war rau, und sie hielt ihren Blick weiterhin gesenkt.</p><p>�Ich mag Rosen auch�, sagte Bidayn.</p><p>�Es reicht�, zischte Nandalee. �Wenn du nicht vern�nftig mit mir reden willst, dann solltest du lieber gehen, bevor ich dich hinauswerfe. �</p><p>�Fass dich mal an deine eigene Nase, Barbarin. Du bist schon seit Tagen hier und hast noch niemandem deinen Namen genannt. Geht man so vielleicht miteinander um? Du bekommst von mir Antworten, wenn ich deinen Namen kenne.� Bidayn erhob sich, soweit das in der niedrigen H�hle ging. Sie schien tats�chlich gehen zu wollen.</p><p>Soll sie nur, dachte Nandalee. Weder diese dahergelaufene Elfe noch sonst jemand w�rde ihr aufzwingen, wann sie was zu sagen hatte. Zornig blitzte Nandalee ihre Besucherin an. Die zierliche Elfe hatte die F�uste in die H�ften gestemmt und die Lippen zu einem schmalen Strich zusammengepresst. Das wirkte eher l�cherlich als bedrohlich. Trotzdem � Bidayn und die anderen w�rden zuk�nftig ihre Sippe sein. Nandalee seufzte, riss sich zusammen und versuchte, an den abgerissenen Faden ihres Gespr�ches anzukn�pfen. �Die Kunst, Zauber zu weben � Sag mir, ist es ein Ersatz? Ist es das wert, alles verloren zu haben? Findest du Trost darin?�</p><p>�Manchmal. Aber du wirst hier keinen Trost finden, wenn du dich nicht an die Regeln h�ltst. H�te dich vor den anderen! St�r sie nicht mit deinen Reden. Sie werden es dich b��en lassen.�</p><p>Nandalee l�chelte. Sie hatte sich jeden der Sch�ler lange angesehen. Abgew�gt, wozu sie wohl f�hig sein w�rden. Sie f�rchtete sich vor niemandem hier. Sollten sie nur kommen, wenn sie Streit mit ihr wollten. Das w�rde ihnen sehr bald leidtun. Ob die anderen Bidayn geschickt hatten, um sie auszuhorchen? Sollte sich die Kleine am Ende bei ihr einschmeicheln? �Dieser Sch�nling, das ist euer Anf�hrer, nicht wahr?�</p><p>�Du meinst Sayn?� Bidayn seufzte. �Er sieht wirklich gut aus, nicht wahr? Wir alle hier sind ein wenig in ihn verliebt. Und er ist so talentiert! Wahrscheinlich wird er schon bald in eine der beiden Hallen abberufen werden. Er wird gewiss einmal sehr ber�hmt sein und seine Auserw�hlte wird sicherlich sehr gl�cklich werden.�</p><p>�Bist du in ihn verliebt?�</p><p>Bidayn err�tete leicht. �Das sind wir alle hier.�</p><p>�Sag ihm, wenn er mir �rger macht, dann wird die Wilde aus den Eisebenen von Carandamon ihn ausweiden und seine Leber fressen, ganz so, wie sie es von den Trollen gelernt hat. Bestimmt hat er eine sehr h�bsche Leber.�</p><p>Bidayn starrte sie mit weiten Augen an. �Das ist ein Scherz, nicht wahr? Das ist es doch, oder?�</p><p>Nandalee antwortete nicht.</p><p>�Lass uns Frieden miteinander halten. Wir teilen hier alle dasselbe Los, und es wird nicht leichter, wenn Misstrauen und Zwietracht zwischen uns stehen.�</p><p>�Ich habe mich noch nicht darein gef�gt, eine Dienerin zu sein!�, entgegnete Nandalee entschieden. �Und ich werde mich weder dem Drachen noch diesem Sch�nling Sayn unterwerfen. Ich trage meine Freiheit hier.� Sie legte ihre Hand auf ihr Herz. �Solange es schl�gt, vermag sie mir niemand zu nehmen.�</p><p>Bidayn sch�ttelte sacht den Kopf. �Stolze Worte, Schwester. Sie werden sich mit dem unerbittlichsten aller Gegner messen m�ssen: der Zeit.�</p></section><section><title><p>Die Silberschale</p></title><p>ER blickte nachdenklich auf das Wasser. Das Bild in der Silberschale verblasste. SEINE treueste Dienerin hatte das kostbare Kleinod aus der K�nigshalle einer Zwergenstadt gestohlen. Sie war dort als Sp�herin gewesen und sie hatte erkannt, wie bedeutend und fremd diese Schale aus geh�mmertem Silber war. Wie sie es geschafft hatte, mit diesem unvergleichlichen Kleinod lebend zu entkommen, hatte sie IHM nicht verraten wollen. ER hatte es ihren Erinnerungen entrei�en m�ssen.</p><p>Sie war ein seltsames Gesch�pf. Voller Dunkelheit. Und sie war IHM treu ergeben. Trotz allem, was ER getan hatte. Sie glaubte an SEINE Ziele. Was ihr die Silberschale wohl offenbart hatte? ER wusste, dass sie hineingeblickt hatte, aber ihre Erinnerung an das, was sie gesehen hatte, blieb IHM verborgen. War auch das einer der Zauber, die in diese unvergleichliche Schale gewoben waren?</p><p>Nachdenklich betrachtete ER seinen schmucklosen Schatz. Sie war schlicht. Spuren von Hammerschl�gen waren ihr einziger Schmuck. Dabei hielt er SEIN Verborgenes Auge geschlossen. Sonst w�rde ER geblendet werden.</p><p>Man musste sie sehr lange ansehen, bevor sich aus schierem durchdringenden Licht all die verschlungenen magischen Wirbel enth�llten � die Matrix jener Zauber, die um die unscheinbare Schale gewoben worden waren. Der Preis daf�r waren lang anhaltende Kopfschmerzen und das klamme Gef�hl, dass etwas nach SEINEM Verstand griff. Nein, das war eine absurde Angst! ER beherrschte dieses Zauberding!</p><p>Schon als ER die Schale das erste Mal gesehen hatte, war IHM klar gewesen, wie bedeutsam dieser Schatz war � er war der Beweis daf�r, dass die Zwerge den gr��tm�glichen Verrat begangen hatten. Die verruchten Getwerg hatten sich mit den Devanthar eingelassen!</p><p>Die Magie der Silberschale war durch und durch fremd. ER vermochte das komplexe Muster der Zauber, die in das Metall eingewoben waren, nicht zu deuten. Es war ganz anders als alle Magie, die IHM vertraut war. Diese Schale konnte kein Werk der Alben sein! ER sp�rte die Finsternis, die in das geh�mmerte Silber geflossen war. Eine Bosheit, aus der nichts Gutes erwachsen konnte.</p><p>Hunderte Stunden hatte ER mit der Silberschale verbracht. Unz�hlige Male hatte ER durch sie in die Zukunft geblickt. ER w�nschte, ER h�tte es nicht getan.</p><p>Traute ER dem, was ER sah, dann war SEIN Volk zum Untergang verdammt. Und die Alben w�rden unt�tig dabei zusehen. Sie lie�en sich von den Devanthar das Zepter aus der Hand nehmen. Widerstandslos! Zuerst auf Nangog, der Welt, die den Kindern der Devanthar ebenso verboten war wie den Albenkindern. Aber die Devanthar scherten sich einen Dreck darum. Die Regeln waren gebrochen! Ja, die Devanthar mussten jetzt sogar unbemerkt bis nach Albenmark vorgesto�en sein. Wie sonst war diese verfluchte Schale hierhergelangt?</p><p>Versonnen betrachtete ER die Sch�ssel. Man musste sie mit Wasser f�llen, damit sie ihren unheilvollen Zauber entfalten konnte. Blickte man dann in das Wasser, so erschienen bald verschwommene Bilder. M�gliche Zuk�nfte.</p><p>ER hatte bitter erlernen m�ssen, dass das, was man erblickte, nicht unbedingt Wirklichkeit werden musste. Die Zukunft wandelte sich in jedem Augenblick. Sie war wie ein uralter Baum. Wer vor der Schale stand, der stand vor dem Stamm. Und so, wie ein Stamm sich bis in die Spitzen der Baumkrone hundertfach in immer feinere �ste verzweigte, so verhielt es sich auch mit der Zukunft. Jeder Schritt fort von der Gegenwart brachte Ver�nderung. Die Zukunft war nicht festgeschrieben. Sie war wandelbar. Das war Fluch und Segen zugleich. Ein Fluch, weil es unm�glich war, genaue Vorhersagen zu machen. Ein Segen, weil es bedeutete, dass man sein Schicksal in die Hand nehmen konnte. <emphasis>Nichts</emphasis> war festgeschrieben.</p><p>Unz�hlige N�chte hatte ER �ber die Schale nachgedacht. Seit ER sie besa�, hatte ER seinen Frieden verloren. ER war sich bewusst, wie sehr ER sich ver�ndert hatte � Nein, es war die <emphasis>Silberschale</emphasis>, die IHN ver�ndert hatte. Hatten die Devanthar sie erschaffen, weil sie wussten, dass sie eines Tages zu IHM gelangen w�rde? Wenn sie Zauber weben konnten, die den Schleier der Zukunft zu zerrei�en vermochten, dann musste ER davon ausgehen, dass sie letztlich gewusst haben mussten, dass die Silberschale zu IHM gelangen w�rde. Oder war ihre Macht nicht so gro�?</p><p>Zu den Merkw�rdigkeiten der Schale geh�rte, dass ER nie sich selbst darin erblickte oder einen SEINER Nestgef�hrten. Sollten sie alle so bald sterben? Oder war es eine Gnade, sein eigenes Schicksal und das jener, die einem am n�chsten standen, nicht vorauszusehen? Oder machte ER etwa einen Fehler? Nein! Man musste die Schale nur mit Wasser f�llen und dann in sie hineinschauen. Was konnte man da falsch machen? Wahrscheinlich konnten sogar jene, deren Verborgenes Auge sich nicht ge�ffnet hatte, mithilfe dieses heimt�ckischen Geschenks an die Zwerge in die Zukunft blicken. War es vielleicht diese Schale gewesen, die die Getwerg auf ihren verr�terischen Weg gebracht hatte? War sie der Grund, dass die V�lker unter den Bergen begannen, sich gegen die Drachen zu verschw�ren? Was hatten sie gesehen? War die Schale am Ende nur erschaffen worden, um ihnen allen Trugbilder vorzugaukeln?</p><p>Jede Zukunft, die ER darin gesehen hatte, war dunkel und ohne Hoffnung gewesen, jedes Schicksal noch grausamer als jenes, das ihm zuletzt enth�llt worden war. Auch den Zwergen hatte das Geschenk der Devanthar kein Gl�ck gebracht. Ob sie wohl ihren Untergang in der Schale gesehen hatten? Oder hatte ihnen die Schale eine gl�ckliche Zukunft vorgegaukelt, um sie in Sicherheit zu wiegen?</p><p>Immer wieder sah ER auch das Bild einer Elfe, die so wie ER �ber die Schale gebeugt stand. Sie w�rde irgendwann in der Zukunft die Herrin aller Albenkinder sein, und es schien, dass sie viele Jahrhunderte lang herrschen w�rde. Eine zerbrechliche kleine Gestalt mit leicht gewelltem Haar, milchwei�er Haut und rehbraunen Augen.</p><p>War das die Zukunft? ER schnaubte ver�chtlich. Vielleicht vermochten auch die Alben in die Zukunft zu blicken? Vielleicht waren sie deshalb so unt�tig � weil sie aufgegeben hatten. Wussten, wozu ihre Sch�pfung verdammt war. Wie alles, was gro� und sch�n war, zu Asche werden w�rde. ER aber war ein Krieger. ER w�rde niemals aufh�ren zu k�mpfen, ganz gleich welche Bilder dieses verfluchte Geschenk der Devanthar IHM zeigte.</p><p>Vielleicht wollten die Devanthar IHN und SEINE Nestgef�hrten dazu verlocken, den Kampf gegen sie aufzunehmen? ER war bereit! Ganz gleich wie lange ER in diese Schale blickte, ER w�rde niemals alle Ver�stelungen der Zukunft erkunden. Vielleicht war es kl�ger zu handeln, statt nur immerzu in die Schale zu starren. ER konnte die Zukunft formen und war kein Gefangener dessen, was ihm die Schale gezeigt hatte. Doch dazu musste ER die Macht an sich rei�en. ER durfte sich von der Schale nicht l�hmen lassen, durfte nicht immer mehr Zeit mit ihr vergeuden. ER musste die Seinen hinter sich bringen. Gemeinsam k�nnten sie die Devanthar besiegen!</p><p>Manchmal hatte ER erwogen, die Schale zu zerst�ren. Aber das w�re t�richt. Vielleicht verdrehte sie manchmal die Wahrheit, aber Wahrheit war stets eine Sache des Blickwinkels. ER hatte in der Schale Zuk�nfte gesehen, die inzwischen Vergangenheit geworden waren � und es war genauso gekommen, wie die Schale es IHM gezeigt hatte.</p><p>Wenn ER dieses verfluchte <emphasis>Geschenk</emphasis> der Devanthar nur besser zu nutzen verst�nde! Meist wusste ER nicht einmal, wie weit ein Ereignis, das ER beobachtete, in der Zukunft lag. Wenn ER doch nur ein wenig tiefer schauen k�nnte � Wenn ER willentlich die Bilder rufen k�nnte, die ER sehen wollte. ER w�rde die Vorfahren der Elfe t�ten, die einst herrschen w�rde! Dieses �stchen am Baum der Zuk�nfte erschien IHM besonders zerbrechlich. Vielleicht k�nnte ER sogar die Seele aufsp�ren, die in dieser Elfe einst wiedergeboren w�rde. ER h�tte die Macht, sie auszul�schen. Sie dem Zyklus der Inkarnationen zu entrei�en.</p><p>Mit Schaudern dachte ER an die Bilder, die ER an diesem Morgen gesehen hatte. Sie hatten SEINE schlimmsten Albtr�ume �bertroffen. Manches w�rde ER abwenden k�nnen � da war ER sich sicher. Wenn ER die Alben nur dazu bringen k�nnte, sich f�r die Zukunft ihrer Kinder zu interessieren! Zun�chst musste ER erreichen, dass die Ausbildung in der Blauen Halle verbessert wurde. Sie war bei Weitem nicht umfassend genug. Und sie brauchten viel mehr Sch�ler! Die Elfen waren den Menschen �hnlich genug, um sich als Spitzel auf Daia und Nangog einzuschleichen. Sie mussten die Sprachen der gro�en Menschenv�lker erlernen und ihre Gebr�uche.</p><p>Die Devanthar selbst waren so gut wie unangreifbar. Ihr Schwachpunkt waren ihre Diener. ER hatte darauf hingewirkt, dass all dies bereits vor Jahrzehnten begonnen hatte. Dutzende Spitzel aus der Blauen Halle hatten sich auf Daia eingeschlichen und lebten unter den Menschenkindern. Aber was diese Sp�her bisher vollbracht hatten, war bei Weitem nicht genug. Die meisten V�lkerschaften der Menschen waren ihnen noch immer fremd. Das musste sich �ndern. Um einen Feind zu besiegen, musste man ihn kennen. Sie brauchten mehr Elfen wie Talawain. Elfen, die sich bis in die unmittelbare N�he von Unsterblichen hocharbeiteten und mit ihrem Rat das Schicksal der Menschen mitbestimmten.</p><p>ER sollte vor den Regenbogenschlangen sprechen. Sie mussten mehr Elfen f�r die Blaue Halle rekrutieren. Doch dem mussten seine Nestbr�der zustimmen. Wenn es ihren Spitzeln gelang, die Hallen der Unsterblichen zu unterwandern, dann konnten sie die Entscheidungen der Herrscher manipulieren. Sie konnten Zwietracht zwischen den Unsterblichen s�en. So stellte er sich den Krieg gegen die Devanthar vor. Es w�rde ein geheimer Krieg sein und er w�rde auf Schlachtfeldern ausgetragen werden, die ER bestimmt hatte. So siegte man!</p></section><section><title><p>Die goldene Stadt</p></title><p>Artax war unruhig. Der L�wenh�uptige war immer noch nicht zur�ckgekehrt, und bald w�rde er anderen Unsterblichen begegnen. Auch anderen Devanthar � was noch schlimmer war. Nerv�s lie� er den Blick schweifen und blickte hinab in das Tal weit unter ihnen. Von Ferne wirkte es, als w�rde sich aus dem Dschungel eine Mauer erheben, die bis zum Himmel hinauf reichte. Ein Wall, wie erschaffen als Kampfplatz f�r G�tter.</p><p>Sie waren wie G�tter, und gewiss konnten sie in ihm wie in einem offenen Buch lesen. Wie w�rden sie sich verhalten? Er dachte daran, wie oft er vor dem verblassenden Bild des L�wenh�uptigen im kleinen Tempel von Belbek auf den Knien gelegen hatte. Wie waren wohl die anderen? Einige kannte er vom H�rensagen. Langarm, den h�sslichen G�tterschmied, und auch die Sturmruferin mit ihrem Schlangenhaar oder die gefl�gelte G�ttin der Luwier. Wenn die Geschichten der Priester stimmten, dann gab es manchmal Streit und Eifersucht unter den Devanthar. Was bedeutete das f�r ihn? Ihm erschien schon der L�wenh�uptige undurchsichtig und launig, und das war immerhin der Gott, der ihn besch�tzen sollte. Wie w�rde es sein, wenn er auf einen Devanthar traf, der dem L�wenh�uptigen nicht wohlgesonnen war? Artax atmete schwer aus. Er musste diese Gedanken verdr�ngen. Er konnte nichts gegen das, was ihn erwartete, tun. Sein Wolkenschiff trug ihn zur Goldenen Stadt. Es war ganz so, wie wenn zur Erntezeit Gewitterwolken am Himmel aufzogen. Man konnte nur abwarten und beten.</p><p>Artax kniff die Augen zusammen und blickte zum Horizont. Noch war die Goldene Stadt nicht zu sehen. Noch blieb ihm eine Frist. Er stand in der Lotsenkuppel, einem runden gl�sernen Raum an der Unterseite des Wolkenschiffes. Von hier aus wurden �ber Sprachrohre aus Bambus die Befehle an die Segelmannschaften gegeben. Der Lotse war der wichtigste Mann auf dem Wolkenschiff. Da der Leib des Wolkensammlers einen gro�en Teil des Himmels verdeckte, war eine Navigation nach den Gestirnen nur schwer m�glich. �ber den Wolken orientierte man sich am Stand der Sonne, doch wenn man, so wie jetzt, unterhalb der Wolkendecke segelte, waren Landmarken die beste Orientierung. Der Lauf von Fl�ssen, Bergformationen und K�sten verriet den erfahrenen Lotsen, wo sie sich befanden. Es hie�, dass sie sich selbst anhand der Gestalt der Kronen der Mammutb�ume, die den Dschungel �berragten, orientieren konnten. Artax fand, dass diese riesenhaften B�ume alle gleich aussahen, und er war froh, dass nicht er den Weg zur�ck zur Goldenen Stadt finden musste.</p><p>Nabor, ihr Lotse, war ein eigenwilliger Kerl. So wie alle, die lange Zeit auf Nangog gelebt hatten, hatte er einige Marotten entwickelt. Eine von ihnen war, dass er ununterbrochen vor sich hin summte. Die Melodien klangen h�bsch, aber sehr fremd, und Artax hatte keine von ihnen je zuvor geh�rt. Er fragte sich, auf welchen Instrumenten man sie wohl spielte und aus welcher Gegend seines K�nigreiches der Mann wohl urspr�nglich gekommen war. Artax lachte leise auf. <emphasis>Seines</emphasis> K�nigreiches. Langsam gew�hnte er sich an diesen Gedanken, und immer h�ufiger gefiel er ihm. Er hatte sogar zu seinen Tagtr�umen zur�ckgefunden, und manchmal stellte er sich vor, Almitra st�nde hier auf dem Schiff an seiner Seite. Was k�nnten sie alles gemeinsam ver�ndern, zwei Bauern, die abends allein an der k�niglichen Tafel sa�en und dar�ber stritten, wie man die Welt verbessern konnte! Er war froh dar�ber, dass Aaron diese Tagtr�ume noch nie kommentiert hatte. Vielleicht, so dachte er, konnte er ja einige seiner Gedanken vor seinem Qu�lgeist geheim halten. Er mochte diese Vorstellung und sie gab ihm Kraft. Jetzt blickte er mit Frieden im Herzen zum Horizont.</p><p>�Wie lange werden wir brauchen, um die Goldene Stadt zu erreichen? �</p><p>�Der Wind steht ung�nstig, Herrscher aller Schwarzk�pfe. Wir werden h�hersteigen m�ssen, in der Hoffnung, eine g�nstigere Luftstr�mung zu finden. Auch behindert uns das Schiff im Schlepp. Ich denke, es wird noch drei oder vier Stunden dauern, selbst wenn wir einen g�nstigen Wind finden. Es wird Euch erm�den, so lange hier in der Lotsenkuppel zu verweilen, Herr.�</p><p>Artax bedachte den Mann mit einem ver�rgerten Blick. Wollte der Kerl ihm sagen, was er zu tun hatte? Was bildete der sich ein! Nabor war fast zwei K�pfe kleiner als er und von f�lliger Gestalt. Graue Str�hnen durchzogen sein Haar. Er trug einen mit langen, bunten Fransen geschm�ckten Wickelrock und ein ledernes Wams, auf das eine Sichelschwalbe, das Wappen der Zunft der Himmelslotsen, gestickt war. Auf Nabors Schulter kauerte ein kleiner Affe mit wei�er Brust, der Artax frech angriente und sich dabei an einem der gro�en Ohrringe des Lotsen festhielt. Nabor summte vor sich hin, als sei nichts geschehen. War er sich der Beleidigung, die in seinen Worten gelegen hatte, vielleicht gar nicht bewusst? Oder hielt er sich f�r unber�hrbar?</p><p>Das r�hrt daher, wie du mit ihnen umgehst. Sie sollten alle im Staub vor dir kriechen. Aber du bist nicht respekteinfl��end, Bauer. Nimm den Lotsen. Dein Stand liegt weit unter dem seinigen. Er sp�rt das, auch wenn du den Ornat eines Unsterblichen tr�gst. Rebellion ist das Einzige, das dich erwartet, wenn du dich den niederen St�nden anbiederst. Dankbarkeit kennen die nicht. Wenn sie nicht die Peitsche f�rchten, dann tanzen sie dir auf der Nase herum. Das dritte Bambusrohr dort tr�gt deine Stimme zum Wachhabenden des Oberdecks. Lass diesen Lotsen von den Himmelsh�tern ergreifen, nach oben bringen und vor versammelter Mannschaft �ber Bord werfen. Das w�rde deine Stellung wieder festigen.</p><p>Artax bedachte die Einw�nde Aarons und wurde dar�ber immer zorniger. Vielleicht war es wirklich nicht klug, seine innere Stimme immer zu ignorieren? Auf der anderen Seite � Wenn er Nabor bestrafte, w�rde er den Anflug auf die Goldene Stadt nicht genie�en k�nnen, und er war neugierig, sie endlich zu sehen. Sein Kopf war voller Bilder aus Aarons Erinnerungen. Sie waren so unglaublich, dass er es nicht abwarten konnte, die gr��te Stadt Nangogs mit eigenen Augen zu sehen. Deshalb w�rde er in der Lotsenkuppel bleiben. Er wollte sie wachsen sehen, bis sie schlie�lich �ber ihr schwebten. Allerdings hatte Nabor es geschafft, ihn in eine gereizte Stimmung zu versetzen. Er war tats�chlich geneigt, dieses eine Mal auf den Rat Aarons zu h�ren. Zum Gl�ck war die Glaskuppel zu klein und es war niemand zugegen, der mitgeh�rt hatte, wie Nabor sich herausnahm, ihm Ratschl�ge zu erteilen. Vielleicht reichte zun�chst auch eine deutliche Zurechtweisung.</p><p>�Du glaubst also, es steht dir zu, mir ungefragt Empfehlungen zu geben?� Die Worte waren �ber seine Lippen, ehe er sich recht besann � barsch, herrisch, kalt. Artax erschrak vor dem Klang seiner eigenen Stimme. Wie viel Macht hatte Aaron bereits �ber ihn? Der Artax, der er fr�her einmal gewesen war, w�re �ber so eine Kleinigkeit einfach hinweggegangen.</p><p>Nabor wandte sich um und schien eine Spur blasser geworden zu sein. Sein Summen war verstummt. Er kniete nieder und senkte ehrerbietig sein Haupt. �Herr, ich wollte Euch nicht beleidigen. Ich dachte nur, Ihr k�nntet Eure Zeit vielleicht sinnvoller nutzen ��</p><p>�Du triffst erneut ungefragt Entscheidungen! Vielleicht gef�llt es mir, hier an diesem Ort zu sein? Vielleicht nutze ich meine Zeit gerade in diesem Augenblick sinnvoll? Glaubst du, dies besser ermessen zu k�nnen als ich?�</p><p>�Nat�rlich nicht, Herrscher aller Schwarzk�pfe. Bitte verzeiht mir, Eurem unwissendsten und d�mmsten Diener.�</p><p>Artax� gallige Laune verflog augenblicklich. Was tat er hier? <emphasis>Aaron</emphasis> hatte sich gerne einen Spa� daraus gemacht, Untergebene zu schikanieren. Er hatte das bis zu Hinrichtungen getrieben! Noch am Tag vor seinem Tod hatte er einen Leibdiener in die Wolken st�rzen lassen, nur weil er in dessen Anwesenheit gefurzt hatte. <emphasis>Aaron</emphasis> war der Ansicht gewesen, dass es keinem Sterblichen zustand, solche Ger�usche von einem Unsterblichen zu vernehmen. Vielleicht war die Tatsache, dass Aaron am Tag danach auf n�mliche Weise verstarb, so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit gewesen. Aber <emphasis>er</emphasis> war nicht Aaron! <emphasis>Er</emphasis> war Artax! Und Artax hatte weder ein Problem mit Ratschl�gen noch mit F�rzen und noch nicht einmal mit Jauchegruben oder Schweinekot. Das einzige Problem, das er hatte, hie� Aaron. Und mit diesem machtverliebten, tyrannischen Mistkerl w�rde er schon noch fertig werden. Je l�nger er dar�ber nachdachte, desto sicherer war er sich, dass Aaron tot war, weil er ein Drecksack war. Und wahrscheinlich hatte selbst der L�wenh�uptige seinen Tod gewollt.</p><p>Was f�r ein erb�rmlicher Unsinn!</p><p>Glaubst du? Ist ein Gott nicht allm�chtig? K�nnte etwas geschehen, das er nicht will? Zum ersten Mal richtete Artax seine Gedanken ganz bewusst an sein zweites Selbst. Du warst j�mmerlich. Und so etwas wie eben, dass ich dir meine Stimme leihe, um mich so aufzuf�hren wie du, wird nicht mehr geschehen. Ein n�chstes Mal bekommst du mich nicht. Dieses St�ck Weidezaun ist geflickt.</p><p>Mit diesen Gedanken wandte er sich erneut dem Lotsen zu.</p><p>�Steh auf, Nabor. Verzeih mir meine Launenhaftigkeit. Ich m�chte zusehen, wie du den fliegenden Palast zur Goldenen Stadt man�vrierst. Erkl�r mir, was du tust, welche Widrigkeiten zu beachten sind und warum du welche Befehle gibst. Ich m�chte lernen, was du tust.�</p><p>Er sah Nabor deutlich an, dass dieser jetzt auf der Hut war. Der Lotse nickte ergeben, sagte aber sicherheitshalber kein Wort. Mit dem Auftrag, einen Unsterblichen zu belehren, stand er wieder auf sehr d�nnem Eis. Dessen war er sich augenscheinlich voll und ganz bewusst.</p><p>�F�rchte mich nicht.� Artax klopfte ihm jovial auf die freie Schulter, was den Affen zu einem leisen Protestlaut veranlasste. �Behandele mich ganz wie einen Sch�ler.�</p><p>�Wie du befiehlst, Herrscher aller Schwarzk�pfe�, brachte der Lotse beklommen hervor und erl�uterte die Landmarken, die sich im Sichtfeld befanden und dass man aus der Stellung des Schiffes zu ihnen ablesen konnte, dass sie sich dem Weltenmund von Westen her n�herten.</p><p>Artax h�rte ihm eine Zeit lang zu und versuchte sich einzupr�gen, welche Befehle Nabor an die Wolkenschiffer in der Takelage gab, um Kurs�nderungen vorzunehmen. Langsam wuchs der m�chtige steinerne Wall am Horizont. Unter ihnen hatte sich der Dschungel in einzelne gro�e Waldinseln aufgel�st. Felder zerteilten die Landschaft in ein Mosaik kleiner Rechtecke, durch das sich silberne Bew�sserungskan�le und schmale, staubige Stra�en zogen. Hier und dort gab es kleine Ortschaften. Manchmal duckten sie sich unter das Ge�st eines Mammutbaums, der seine Krone wie einen weiten Schutzschirm �ber den H�usern aufspannte.</p><p>Das Land stieg langsam an. Die Flanken der H�gel waren in Terrassen zergliedert, eingerahmt von hellen Mauern aus Bruchstein. Artax konnte Arbeiter auf den Feldern sehen. Es waren winzige, kaum ameisengro�e Gestalten. Gestalten, wie er eine gewesen war, dachte er mit einem Anflug von Wehmut.</p><p>Hier, nahe der Goldenen Stadt, f�rchtete man die Gr�nen Geister der W�lder besonders. Bauern waren verschleppt worden. Ganze Hofgemeinschaften spurlos verschwunden.</p><p>�Was, glaubst du, ist mit dem Schiff der Ischkuzaia geschehen? �, fragte er den Lotsen.</p><p>�Ist es mir erlaubt, offen zu reden, Herr?�</p><p>Artax seufzte. Er w�nschte, er h�tte sich besser unter Kontrolle gehabt. Es w�rde wohl noch lange dauern, bis Nabor wieder Vertrauen zu ihm fasste.</p><p>�Nur zu! Sprich.�</p><p>�Es gibt Orte am Himmel, da kann man kaum atmen. Vielleicht sind sie an einem solchen Ort gewesen? Vielleicht waren es auch die Sturmgeister. Ich selbst habe schon erlebt, dass mir der Wind so scharf ins Antlitz blies, dass ich nicht mehr einzuatmen vermochte. Was immer es war � sie haben ihr Geheimnis mit sich in die Welt der Toten genommen.�</p><p>�Und warum hat der Wolkensammler �berlebt?�</p><p>Nabor nahm den Korkverschluss aus einem der Bambusrohre, die vor ihm aus der Decke ragten, und rief einen knappen Befehl hinein. Wenig sp�ter schwenkte das Palastschiff einige Grad nach Steuerbord ab.</p><p>�Die Wolkensammler, Herr, sind Gesch�pfe des hohen Himmels. Alle, die starben, waren es nicht. Vielleicht ist es eine Warnung an uns alle. Vielleicht sollten wir nicht in den Himmeln reisen. Das ist ein Platz f�r G�tter.�</p><p>Artax schwieg einige Zeit und dachte �ber die Worte des Lotsen nach. �W�rdest du es aufgeben, Nabor?�</p><p>Der Lotse wandte sich um und sah zu ihm auf. �Niemals. Wer einmal hier oben war, der kann sich, wenn er mit den F��en im Staub steht, nur noch klein f�hlen. Auch dort unten werde ich eines Tages sterben. Wenn ich hier oben bin, dann kann ich zumindest sagen, ich habe erhaben gelebt.�</p><p>Nabor hatte mit einem Ernst gesprochen, der Artax Respekt abn�tigte. Er war sich sicher, dass der Lotse nicht nur hochtrabende Reden schwang, sondern aufrichtig f�hlte, was er sagte. �Du bist jetzt seit drei Jahren Lotse des Palastschiffes, nicht wahr? Du k�nntest in deiner alten Heimat ein reicher Mann sein.�</p><p>�Wenn es Euch gef�llt, mich aus Euren Dienst zu entlassen, Herr, dann werde ich wieder als Lotse auf Kornschiffen dienen, so wie ich es fr�her getan habe. Es ist so, wie ich es Euch gesagt habe, Herr. Ich werde am Himmel von Nangog sterben und nicht irgendwo im Staub.�</p><p>Artax l�chelte ihn an. �Wohl gesprochen, Nabor. Ich mag manchmal launisch sein, aber ich bin kein Narr. Und der m�sste ich sein, wenn ich einen so erfahrenen Lotsen davonjagte.�</p><p>Nabor musterte ihn vom Scheitel bis zur Sohle. Dabei begann er wieder leise vor sich hin zu summen. �Darf ich noch einmal frei zu Euch sprechen, Herrscher aller Schwarzk�pfe?�</p><p>Artax machte eine einladende Geste. �Nur zu.�</p><p>�Ihr habt Euch sehr ver�ndert. Fr�her wart Ihr k�hl und unnahbar. Nun sind Eure Launen wechselhaft wie das Wetter unter den Wolken. Ihr m�sst wie ein Lotse sein, Herr. Ihr m�sst ein Ziel vor Augen haben und einen klaren Kurs steuern. Wie Ihr Juba gerettet habt, hat tiefen Eindruck auf alle hier an Bord gemacht. Auch der Mut, mit dem Ihr allein das Totenschiff erkundet habt. Vielen erscheint es, als seiet Ihr nach dem Sturz aus dem Himmel neugeboren worden. Haltet diesen Kurs bei! Stellt Euch sch�tzend vor jene, die Euch dienen, und Ihr werdet wahrhaft einzigartig sein.�</p><p>Artax l�chelte, und sein L�cheln kam von Herzen. �K�hne Worte, Nabor! Du wagst es also noch einmal, mir zu sagen, was ich tun soll.� Er sah Zweifel in den Augen des Lotsen aufleuchten und zwinkerte dem Lotsen zu. �Du sprichst wie ein Philosoph und nicht wie ein einfacher Mann.�</p><p>�Ich spreche wie ein Mann, der die Welt von oben sieht�, entgegnete er vorsichtig.</p><p>�Ich brauche M�nner wie dich, die den Mut haben, frei zu reden. Meine Gr��e, das sind Gef�hrten, wie du einer bist.� Nabor war offensichtlich geschmeichelt. Er l�chelte verlegen. Dann begann er erneut vor sich hin zu summen und heftete den Blick auf den Horizont.</p><p>Ein heller Lichtreflex erweckte Artax� Aufmerksamkeit.</p><p>�Das ist sie�, raunte Nabor ehrf�rchtig. �Die Goldene Stadt.�</p><p>Die Stadt erstreckte sich entlang der Flanke des steinernen Walls. Sie war zu weit entfernt, um Einzelheiten erkennen zu k�nnen. Doch mit jedem Herzschlag strahlten neue glei�ende Lichtblitze von ihren Kuppeln und D�chern.</p><p>Artax hielt den Atem an und staunte. Ihr Himmelsschiff k�mpfte noch immer mit den widrigen Winden und sie kamen nur langsam n�her. Doch das Auge fand in jedem Augenblick neue Dinge zu schauen.</p><p>Immer dichter wurde das Netz aus Stra�en und Kan�len. Schwer beladene Boote wurden entlang von Treidelpfaden der Stadt entgegengezogen. �berall auf den Stra�en sah man Karren und der Himmel war voller Wolkensammler in allen Gr��en. In einiger Entfernung schwebte ein zweites Palastschiff der Stadt entgegen. Es gab auch klobige Kornschiffe, die kleiner waren und ein wenig an Bienennester erinnerten. Ihr plumper, unf�rmiger Rumpf erf�llte allein den Zweck, so viel Korn wie m�glich in den entfernten Waldsiedlungen in sich aufzunehmen. Sie hatten nur eine kleine Besatzung aus Wolkenschiffern. Gro�e dreieckige Segel ragten �ber den Masten in ihren Flanken auf. Keines von ihnen f�hrte mehr als zwei Masten je Seite. Vom Heck hing stets ein viele Schritt langes Banner, das anzeigte, zu welchem gro�en Handelshaus der Kornfrachter geh�rte.</p><p>Eine weite Kette von Zollt�rmen lag mehrere Meilen vor der Stadt. Wie steinerne W�chter erhoben sie sich im Abstand von etwa f�nfhundert Schritt. An den weit vorkragenden Dachbalken hingen ganze Trauben junger Wolkensammler. Wann immer sich eines der Frachtschiffe n�herte, stieg eine Gruppe von Z�llnern in Fluggeschirren auf, um die Ladung eines jeden Wolkenschiffes, das die Goldene Stadt anlief, zu �berpr�fen. Jeglicher Handel mit den K�nigreichen Daias erfolgte �ber die Goldene Stadt, und die Unsterblichen, die auf jede Ware, die Nangog verlie�, einen Zoll erhoben, sorgten daf�r, dass kein Kornsack ohne ihr Wissen in die Stadt gelangte. Artax wusste, dass nur die Palastschiffe von diesen Kontrollen ausgenommen waren.</p><p>Bald entdeckte er auch die ersten der ber�hmten Wasserr�der. Die Stadt, die sich hoch hinauf in die H�nge erstreckte, verf�gte nur �ber wenig Quellwasser aus den Bergen. So waren gro�e Aqu�dukte angelegt worden, aus deren Staubecken bis zu siebzig Schritt hohe h�lzerne Wasserr�der das kostbare Nass auf die n�chste H�henstufe sch�pften. Von dort rann es bei sanftem Gef�lle durch einen gemauerten Kanal zum n�chsten Staubecken. Die Goldene Stadt war ber�hmt f�r ihr Lied der Wasserr�der, das Tag wie Nacht zu keiner Stunde verstummte. Manche der R�der wurden durch Windkraft bewegt. Doch das erforderte ein aufwendiges und anf�lliges Konstrukt aus Stangen und steinernen Zahnr�dern. Die meisten Wasserr�der wurden deshalb auf alte Art durch die Kraft von Ochsen betrieben.</p><p>Aus der Glaskuppel des Palastschiffes betrachtet, sahen die Kan�le auf den Br�ckenb�gen der Aqu�dukte wie silberne Spinnwebf�den aus. Abgesehen von der steilen Bergflanke n�herten sie sich aus allen Himmelsrichtungen der Stadt. Dort f�gten sich konzentrische Kreise in das Netzwerk, um das Wasser in alle Viertel abzuleiten. Die Staubecken waren dabei die Tautropfen, die sich im Netz verfangen hatten.</p><p>Und wo war die Spinne?, dachte Artax. Waren es die Unsterblichen, die sich eifers�chtig am Reichtum einer ganzen Welt labten? Er l�chelte grimmig. Metaphern waren etwas f�r Dichter! Er sollte sich das Herz nicht mit solchem Unsinn schwer machen.</p><p>Aus der Ferne war es vor allem der Anblick der Ankert�rme, der das Bild der Goldenen Stadt pr�gte. Einige von ihnen �berragten gar den Grat der Bergwand, an deren steiler Flanke sich die Stadt auf unz�hligen, dem Gestein abgerungenen Terrassen erstreckte. War die H�he der Ankert�rme f�r die Handelsh�user noch auf hundert Schritt beschr�nkt, so kannte der Ehrgeiz der Baumeister der Unsterblichen keine Schranken. Sie lagen in unabl�ssigem Wettstreit darum, wer den h�chsten Turm zu errichten vermochte.</p><p>Die Ankert�rme waren die Liegepl�tze der Wolkenschiffe. Schwere, mit Goldblechen beschlagene Balken sprossen aus ihren Flanken. Um sie schlangen sich die Tentakel der Wolkensammler, �hnlich wie um das Astwerk der Mammutb�ume, die im Dschungel ihre nat�rlichen Zufluchtsorte waren, wenn sie einen festen Ankerplatz suchten, um einem Sturm zu trotzen. Das Holz war zum Schutz vor dem Schleim der Tentakel mit Goldblechen beschlagen, aber auch, um mit dem Reichtum der Stadt zu prunken.</p><p>Die Balken der Ankert�rme waren erst der Anfang dieses Wahns gewesen. Bald schon hatte man ganze D�cher mit Gold verkleidet. Erst waren es die Pal�ste und Stadth�user der Adeligen gewesen, die ihren Reichtum auf ihren D�chern zeigten. Doch bald schon folgten ihnen die reichsten Handelsherren und auch die Haupth�user der verschiedenen Z�nfte kleideten ihre D�cher in Gold. Wer es sich nicht leisten konnte, an diesem wahnwitzigen Wettbewerb teilzuhaben, lie� sein Dach mit vergoldeten Blechen adeln oder schm�ckte es zumindest mit Bronzeblechen, die regelm��ig poliert wurden.</p><p>So war die Stadt, in der angeblich Angeh�rige aller V�lker Daias zu finden waren, zur Goldenen Stadt geworden. Ein Name, der bald in allen Sprachen Verbreitung gefunden hatte.</p><p>So vielf�ltig wie seine Bewohner war auch die Architektur der immer weiter wuchernden Stadt. Es gab alles, von primitiven Zelten bis hin zu marmornen Pal�sten. Parks lagen neben himmelragenden Wohnt�rmen, �ber deren k�nstliche Schluchten sich bunt beflaggte W�scheleinen ebenso wie improvisierte h�lzerne Br�cken spannten. Die Stadt quoll �ber vor Leben und ein guter Teil des Getreides, das auf Nangog gewonnen wurde, gelangte gar nicht erst in die Kontore, die den Handel mit Daia organisierten.</p><p>Au�er an windigen Tagen lag best�ndig ein Schleier von Ru� und anderen Ausd�nstungen �ber der steilen Bergflanke, an die sich die Stadt klammerte. Nur die h�chsten Hanglagen blieben davon halbwegs verschont. Und so spiegelte sich der Rang, den man in der Gesellschaft bekleidete, auch darin, wie hoch das eigene Quartier an der Bergflanke lag.</p><p>Aus einem der Bambusrohre hallte ein Ruf. Nabor presste sein Ohr an die �ffnung. Der Lotse runzelte die Stirn und nickte knapp, dann wandte er sich an Artax. �Herr, zwei Palastschiffe der Ischkuzaia haben abgelegt und nehmen Kurs auf uns. Hunderte ihrer Krieger legen gerade Fluggeschirre an. Sie werden versuchen uns zu entern.�</p><p>Artax r�usperte sich. Damit war zu rechnen gewesen. Die Ischkuzaia waren nicht gerade f�r ihre Langmut oder gar diplomatisches Geschick bekannt, und zudem musste es in ihren Augen aussehen, als habe man einen ihrer Wolkenpal�ste gekapert, um ihn nun im Triumph zur Goldenen Stadt zu bringen. In ihrem durch verworrenes Ehrgef�hl gepr�gten Denken war ihr Schiff zur�ckzuholen, bevor es an einem der Ankert�rme anlegte, die einzige M�glichkeit, nicht das Gesicht zu verlieren.</p><p>Artax seufzte. Auf Jubas Dr�ngen hin war sein Schiff ohnehin bereits gefechtsbereit, und auch Artax selbst trug seine kostbare R�stung. Nur den schweren Maskenhelm hatte er nicht mit sich herumschleppen m�gen. Er hatte Befehle erteilt, die Juba nicht gefallen hatten. Ja, Juba hatte sie f�r so gef�hrlich gehalten, dass er seinen Unmut offen ge�u�ert hatte. Artax l�chelte. Er vertraute auf sein Gl�ck.</p><p>Er wandte sich an den Lotsen. �Sag Juba, das ich komme.�</p><p>Auch Nabor war die Anspannung anzumerken. Selbst das kleine �ffchen auf seiner Schulter wirkte nerv�s. Die Krieger der Ischkuzaia hatten einen schrecklichen Ruf.</p><p>�Sie sind ein Reitervolk�, sagte Artax selbstbewusst. �W�rde ich ihnen in der Steppe begegnen, w�rde ich mir die Hosen einn�ssen, aber hier oben am Himmel sind sie so gef�hrlich wie Haie am Angelhaken. Ich werde daf�r sorgen, dass sie unseren Haken tief schlucken!�</p><p>Nabor qu�lte sich ein L�cheln ab. Artax hatte gehofft, dass seine Worte mehr Eindruck machen w�rden. Seit er im Morgengrauen seine Entscheidungen getroffen hatte, hatte er immer wieder dar�ber nachgedacht, was er sagen w�rde. Vielleicht w�re es kl�ger, auf dem Oberdeck zu schweigen, statt sein Gefolge mit missgl�ckten und vermeintlich schneidigen Spr�chen zu verunsichern. Er r�usperte sich erneut. �Ich werde jetzt oben gebraucht.� Mit diesen Worten erklomm er die schmale Leiter, die aus der Glaskuppel f�hrte. Direkt dar�ber lag eine Kammer mit etlichen T�ren und einer engen Stiege. Wollte er �ber die Treppen bis zum Oberdeck gelangen, w�rde er mindestens ein Viertel von einer Stunde ben�tigen. Bis dahin w�re das Entergefecht gegen die Ischkuzaia wahrscheinlich vor�ber und das Oberdeck w�rde voller Toter liegen.</p><p>Mit gemischten Gef�hlen trat er an den K�fig. Es gab fast zwei Dutzend von ihnen im Schiff. Sie waren die einzige M�glichkeit, schnell viele Decks zu �berspringen. Der Zwerg �ffnete ihm die T�r aus Bambusrohr und achtete unterw�rfig darauf, dass sich ihre Blicke nicht kreuzten. Der gedrungene Mann mit den viel zu langen Armen reichte Artax kaum �ber die H�ften und sein Bart war voller kahler Stellen, als habe man abgeschnittenes Haar �ber sein Gesicht gestreut. Aus den Augenwinkeln musterte der Zwerg ihn absch�tzend, wie es seine Aufgabe war. Zwerg, so nannte man die Bootsm�nner, die die K�fige f�hrten. Sie alle waren schlank und kleinw�chsig und sollten wenig Gewicht in die K�fige bringen. Kinder konnte man mit dieser Aufgabe nicht betrauen, weil ihnen die Erfahrung zum Sch�tzen fehlte.</p><p>�Auf das Oberdeck�, sagte Artax leise. Er hasste die K�fige. Die Schrammen auf dem gepolsterten Lederhelm des Zwergs erinnerten ihn �berdeutlich an die M�ngel dieser schnellen Transportmittel.</p><p>Der Zwerg rief etwas in das Bambusrohr, das durch den Schacht verlief, durch den gleich der K�fig schnellen w�rde.</p><p>�Du hast an die R�stung gedacht?�</p><p>�Nat�rlich, Herr�, entgegnete der Zwerg dem�tig.</p><p>�Sie ist nicht so schwer, wie sie aussieht.�</p><p>�Ich wei߫, sagte der K�figf�hrer und klappte die Gittert�r aus Bambus zu.</p><p>Mit beiden H�nden packte Artax je einen Haltegriff und sah auf seine F��e. Durch das Endst�ck des Schachtes konnte er hinab auf die terrassierten H�gel blicken, die die Goldene Stadt umgaben. Ein Kanal wand sich silbern zwischen den Terrassen. Einige Z�llner in Fluggeschirren schwebten einem Kornschiff entgegen.</p><p>�Flug!�, hallte es so laut aus dem Bambusrohr, dass auch Artax es deutlich h�ren konnte. Er umklammerte die mit Leder aufgepolsterten Haltegriffe noch etwas fester. Im selben Augenblick wurde der Bambusk�fig mit einem Ruck nach oben gerissen. Er beschleunigte so schnell, dass Artax das Gef�hl hatte, sein Magen w�rde nach unten gepresst.</p><p>Er biss die Z�hne zusammen. Die mit Pergament ausgekleideten Schachtw�nde glitten an ihnen vorbei, unterbrochen von den T�r�ffnungen der Decks, die sie passierten. Artax wusste, dass weiter oben Wechselgewichte an eine Kette geh�ngt worden waren, die nun durch einen Parallelschacht in die Tiefe glitt. Diese Gewichte richtig auszubalancieren entschied dar�ber, wie die Fahrt im K�fig endete.</p><p>Erleichtert nahm Artax zur Kenntnis, dass sich der rasende Aufstieg ein wenig verlangsamte. Im n�chsten Moment gab es einen harten Schlag. Der K�fig prallte gegen die mit Leint�chern gepolsterte Haltestange, die auf ihrem Zieldeck in den Schacht geschoben worden war. Der Zwerg wurde gegen die Wand aus Bambusrohr geschleudert. Artax hatte das Gef�hl, dass er sein Fr�hst�ck nicht bei sich behalten w�rde.</p><p>Die T�r des K�figs wurde aufgerissen. Juba erwartete ihn bereits. Leicht schwankend verlie� Artax den Bambusk�fig und trat in einen kleinen Saal, in dem der Kriegsherr und einige Himmelsh�ter in ihren bl�tenwei�en Umh�ngen ihn erwarteten. Sie alle wirkten angespannt.</p><p>�Sind alle auf ihrem Posten?�, brachte Artax stockend hervor und rieb sich die von dem Aufprall schmerzenden Glieder.</p><p>�Ja�, blaffte Juba. �Und es ist die blanke Unvernunft, Erhabener! �</p><p>�Meinen Helm!�</p><p>Der Kriegsmeister reichte ihm den pr�chtigen Maskenhelm. Artax setzte ihn auf. Er wusste, dass er in dieser R�stung fast unverwundbar war. Aber sie k�nnten ihn in die Tiefe st�rzen � Seine H�nde zitterten leicht vor Aufregung. Er k�mpfte kurz mit dem Kinnriemen des Helms und gab auf.</p><p>�Zieh den Riemen straff, Juba.�</p><p>Sein Kriegsmeister gehorchte. Er zog das Lederband sogar so straff, dass es in die weiche Haut unter dem Kinn schnitt. �Lass mich wenigstens mitkommen.�</p><p>�Du wirst sterben. Ich muss es allein tun.� Artax pr�fte den Sitz des Schwertgurtes und versicherte sich, dass die Klinge leicht aus der ge�lten Scheide glitt.</p><p>�Es sind alle unter Deck?�</p><p>�Ja!�, zischte Juba.</p><p>�Das Banner.�</p><p>Sein Befehlshaber winkte einem der Himmelsh�ter, die zu seiner Eskorte geh�rten. Der Krieger �berreichte Artax ein gefaltetes Seidenbanner.</p><p>Zufrieden nickte der Unsterbliche. �Es sind auch alle Wolkenschiffer aus der Takelage in Sicherheit?�</p><p>�Ja, Herr. Es sind alle unter Deck und die T�ren sind von innen verschlossen.�</p><p>�Die Gesch�tzt�rme sind gefechtsklar?�</p><p>�Die Feuerschalen sind entz�ndet, die Brandkugeln bereit. Alles wartet auf dein Zeichen.�</p><p>Artax l�chelte und seine Wangen spannten sich unter dem eng anliegenden Maskenhelm. �Ich denke, dann bleibt nur noch eins zu tun. Bete f�r mich.�</p><p>Mit festem Schritt trat er hinaus auf das Oberdeck, w�hrend hinter ihm die schwere Holzt�r verriegelt wurde. Der Himmel voraus war voll von Kriegern in Fluggeschirren. Mindestens zweihundert von ihnen trieben an Sicherungsleinen dem Palastschiff entgegen. Einige der Leinen hatten sich bereits verheddert, obwohl die Wolkensammler instinktiv versuchten, Abstand zueinander zu halten.</p><p>Die Krieger der Ischkuzaia waren ein pr�chtiger Anblick. Die meisten von ihnen trugen bronzene Schuppenpanzer, die nur bis zu den H�ften reichten. Breite Schulterklappen waren mit Lederschn�ren festgezurrt. Die Arme blieben unger�stet. Manche der Krieger hatten Beinlinge aus Bronzeschuppen umgeschnallt. Die meisten jedoch trugen karmesinrote Hosen, die vereinzelt goldene Amulette zierten. Kurze, weiche Stiefel erinnerten daran, dass diese M�nner eigentlich auf Pferder�cken und nicht am Himmel zu Hause waren. Helme schienen verp�nt zu sein, und so b�ndigten sie ihr langes, offenes Haar mit Stirnb�ndern oder Lederriemen. Lanzen, kurze Schwerter und �xte, die statt in einem Blatt in einem spitzen Dorn endeten, waren ihre bevorzugten Waffen.</p><p>Hoch erhobenen Hauptes schritt Artax �ber das verwaiste Deck, dem Schwarm der Angreifer entgegen. Von etlichen der Fluggeschirre flatterten kurze Seidenbanner, die mit stilisierten Tieren geschm�ckt waren, wie er sie auf Wandmalereien des Wolkenschiffes gesehen hatte.</p><p>�bermut kommt vor dem Fall, Bauer. Glaub ja nicht, dass deine R�stung dich noch sch�tzen wird, wenn sie dich �bermannen, zu Boden werfen und dir einen Dolch durch den Augenschlitz sto�en. Allerdings sind wir dir dankbar daf�r, dass du keine Gelegenheit ausl�sst, dich umzubringen. Es wird eine gro�e Erleichterung sein, bald in einem Leib zu stecken, in dem es auch Verstand gibt.</p><p>Artax� H�nde begannen zu zittern. Er vertraute darauf, dass die Ischkuzaia erkannten, wer er war, und gar nicht wagten, ihn anzugreifen.</p><p>Der erste der Krieger landete auf einem Gesch�tzturm. Er zerrte an seinem Fluggeschirr, wurde aber hart gegen die Brustwehr geschlagen, bevor er alle Riemen l�sen konnte. Der Wolkensammler, der ihn getragen hatte, schnellte von seiner Last befreit in die H�he, bis sich die Sicherungsleine straff wie eine Harfensaite spannte.</p><p>Die meisten Ischkuzaia l�sten ihr Fluggeschirr noch in der Luft. Mit der Eleganz von Katzen, die von einer Mauer springen, landeten sie auf dem Oberdeck. Ihre R�stungen klirrten, w�hrend sie in die Knie federten, um die Wucht des Aufpralls abzumildern. Einer blieb liegen und hielt sich fluchend das Bein.</p><p>Artax lie� das Seidenbanner fallen. Der sanfte Wind schob die Stoffbahnen auseinander. Der Unsterbliche stellte einen Fu� auf die Flagge, damit sie nicht davongetrieben wurde.</p><p>Einer der Ischkuzaia schrie wutentbrannt auf, und da erst erkannte Artax, welchen Fehler er gemacht hatte. Sie hatten es als Schm�hung ihres eigenen Banners aufgefasst. Beschwichtigend hob er die H�nde.</p><p>�� Bastard!�</p><p>Artax verstand den Zornesruf nicht ganz. Er beherrschte nur wenige Worte aus der Sprache der Steppenreiter. Aber die Art, wie der Rufer seine Dornaxt schwenkte, lie� keinen Zweifel dar�ber aufkommen, was gemeint war. Der Axtk�mpfer war ein wenig kleiner als er. Schreiend kam er auf ihn zugelaufen. Wie gebannt blickte Artax auf die funkelnde Spitze des Bronzedorns. Die Worte seines Qu�lgeists Aarons fielen ihm wieder ein � dass ihn selbst diese vollkommene R�stung nicht w�rde retten k�nnen, wenn die Waffe durch einen der beiden Augenschlitze seines Maskenhelms drang.</p><p>�Steh oder stirb!�, herrschte er den fremden Krieger in der G�ttersprache an. �Siehst du nicht, wen du vor dir hast?�</p><p>Aber der Steppenreiter rannte einfach weiter. Es schien kein Hauptmann oder Adliger in der N�he zu sein, der ihn verstand. Oder sie alle waren blind vor Zorn! Sie h�tten den Maskenhelm erkennen m�ssen!</p><p>Artax zog sein Schwert. Im Gegensatz zu Aaron hatte er noch nie zuvor einen Mann get�tet.</p><p>Dem ersten Hieb der Dornaxt konnte er ausweichen. Er trat dicht an den Krieger heran und rammte ihm mit einem harten Sto� den Schwertknauf gegen die Schl�fe. Der Axtk�mpfer fiel wie vom Blitz getroffen, doch schon umringten Artax weitere Krieger. Eine Klinge traf ihn im R�cken und glitt vom geh�rteten Leinen seiner R�stung ab. Aus den Augenwinkeln sah er bereits, wie einer der Ischkuzaia zu einem Stich ansetzte, der auf einer seiner ungepanzerten Kniekehlen zielte.</p><p>Lass uns deinen K�rper f�hren. Gegen die �bermacht werden wir nicht siegen, aber wir sind in der Stimmung, ein paar Leben auszul�schen. Und du hast wenigstens einen w�rdigen Abgang, wenn du inmitten eines Haufens erschlagener Feinde verreckst.</p><p>Artax fluchte. Einen Dreck w�rde er tun! Wenn er sich einfach aufgab und Aaron gew�hren lie�, w�rde er vielleicht niemals mehr Herr in seinem K�rper sein. Mit grimmiger Entschlossenheit fuhr er herum, und die Wucht seines Schwerthiebes lie� die Waffe seines Gegners zerbrechen.</p><p>Wieder traf ihn ein Schlag in den R�cken. Er war jetzt von Steppenreitern umringt. Sie schrien; Mordlust stand in ihren Augen.</p><p>Ja, Juba, dachte er reum�tig, jetzt erkenne ich, wie gr�ndlich ich mich versch�tzt habe.</p><p>�Ich werde nicht allein zu den G�ttern gehen!�, rief er ihnen in der G�ttersprache entgegen. Er schlug einen Speerschaft mit seinem gepanzerten linken Arm zur Seite und drang auf den Krieger ein, der ihm am n�chsten stand. Ihm war jetzt alles egal. Nur eines z�hlte noch. Er wollte m�glichst viele der Steppenreiter mit sich nehmen, wenn er denn gehen musste.</p><p>F�r einen ehrenvollen Abgang brauchte er Aarons Hilfe nicht. Seine Waffen waren von G�ttern geschmiedet, seine Sinne in endlosen Fechtstunden gesch�rft. Der Kampf glich einem Tanz. Dieses Wissen war tief in seinem K�rper verankert, und um es abzurufen, musste er sich nicht Aaron �berlassen. Er wirbelte herum, lie� seine Klinge niederfahren. Nie brauchte er einen zweiten Hieb, um den Tod zu bringen. Die Ischkuzaia wichen zur�ck. Sie bildeten nun einen weiten Kreis und zogen die kurzen Steppenb�gen aus den K�chern an ihren H�ften.</p><p>Die haben ja sogar Verstand, diese Pferdesch�nder. Sie werden dich mit Pfeilen spicken, statt im Nahkampf gegen dich zu verrecken. Jetzt, Bauer. Jetzt bist du tot.</p></section><section><title><p>Ein Makel in der Sch�pfung</p></title><p>Etwas hatte sich ver�ndert. Nicht bei ihr. Sie sa� immer noch auf dem kalten Felsboden und versuchte, eins zu werden mit der Magie in der Welt. Aber <emphasis>er</emphasis> war anders. Ahnte er etwas von ihrem Gespr�ch mit Bidayn? Hatte er es doch geschafft, in ihren Gedanken zu lesen?</p><p>Verstohlen beobachtete Nandalee den wei�en Drachen aus den Augenwinkeln und dieser blinzelte sie an. Er hatte es gemerkt. Unruhig schabte sein Schwanz �ber den Felsen und seine Krallen klickten auf dem Stein.</p><p>So hatte sie ihn noch nicht erlebt.</p><p>Seine Unruhe griff auf die Sch�ler �ber. Niemand schaffte es heute Morgen, sich in seine Meditation zu versenken und zu schweben, aber niemand wagte etwas zu sagen. Wie immer herrschte v�lliges Schweigen unter den Sch�lern.</p><p>Nandalee wusste nicht, ob der Drache in Gedanken zu den anderen sprach. In ihren Gedanken jedenfalls war seine Stimme heute noch nicht erklungen. Dennoch hatte sie das Gef�hl, dass sie es war, die ihn so sehr besch�ftigte, dass er keine Ruhe fand.</p><p>Die Elfe blickte hinaus auf die Berge. Sie vermisste ihre Heimat. Die langen Streifz�ge als J�gerin. Sie war nicht dazu geschaffen, den ganzen Tag am Boden zu hocken und in sich hineinzuhorchen! Nandalee hatte den Verdacht, dass sie keinerlei Talent besa�. Sie brachte es ja nicht einmal fertig, sich gegen die K�lte zu sch�tzen. Und war das �berhaupt notwendig? Sie besa� die F�higkeit zu jagen und konnte sich aus Fellen einen warmen Mantel machen. Wozu also Zauber weben! Man kam auch ohne diese gef�hrliche Gabe ganz hervorragend durchs Leben.</p><p><emphasis>Wir werden jetzt gehen!</emphasis> Die Stimme des Drachen erklang so unvermittelt in ihren Gedanken, dass Nandalee zusammenzuckte.</p><p>Kaum dass sie sich ihm zuwandte, erhob sich ein Lichtbogen inmitten der Sch�ler. Jene magische Pforte, durch die Gonvalon sie hierhergebracht hatte.</p><p>�Wohin wirst du mich bringen?�</p><p><emphasis>Fragt nicht!</emphasis> Ein stechender Schmerz fuhr durch ihren Kopf. <emphasis>Geht!</emphasis></p><p>Sie hasste es, derart ausgeliefert zu sein. Er verpasste ihr einen Sto� mit seinem Schweif, der sie in Richtung des Lichtbogens stolpern lie�. Sie rang um ihr Gleichgewicht und trat schlie�lich hoch erhobenen Hauptes �ber die Schwelle ins Nichts. Der Drache war unmittelbar hinter ihr. Sie sp�rte seinen warmen Atem im Nacken und war umfangen von seinem Wohlgeruch.</p><p>Seine Gedanken wiesen ihr die Richtung und es gab keine M�glichkeit zur Flucht, denn der Drache war in jedem Augenblick dicht hinter ihr. Nandalee erwog, sich in das Nichts zu st�rzen. Doch was w�rde sie damit gewinnen? Es blieb ihr keine andere Wahl, als sich in ihr Schicksal zu ergeben.</p><p>Die Reise auf den Albenpfaden erwies sich als deutlich k�rzer als jener Weg, den sie mit Gonvalon genommen hatte. Es mochten weniger als hundert Herzschl�ge vergangen sein, als sie bereits durch einen zweiten Lichtbogen in eine weite Halle trat. Hier war es dr�ckend schw�l und die Luft schien dichter zu sein. Es f�hlte sich an, als ber�hre sie einen. Nandalee begann zu schwitzen. Ihr war ein wenig schwindelig.</p><p>Sie vermochte nicht zu unterscheiden, ob es eine Halle oder vielleicht doch eine H�hle war, in der sie sich befand. Die W�nde waren mit kunstvollen Reliefs geschm�ckt, die Drachen zeigten und seltsame formlose Gestalten. Leuchtende Steine waren in die gew�lbte Decke eingelassen. Weite Bogeng�nge f�hrten ins Dunkel, leiser Donner ert�nte in der Ferne und Nandalee hatte das Gef�hl, dass ein Zittern das Gestein durchlief. Sanft, kaum sp�rbar und doch in regelm��igen Abst�nden wiederkehrend.</p><p>�Wo sind wir?�</p><p><emphasis>An einem Ort, den nur Drachenelfen betreten d�rfen. Nie zuvor habe ich einen Sch�ler hierhergebracht. Folgt mir! Wir werden bereits erwartet.</emphasis></p><p>Nandalee schien es, als mache er sich einen perfiden Spa� daraus, ihr Antworten zu geben, die neue Fragen aufwarfen. Der Schwebende Meister f�hrte sie durch einen der weiten Bogeng�nge. Nie zuvor hatte sie ihn ein l�ngeres St�ck gehen sehen, denn in der offenen H�hle hoch in den Bergen brauchte er nur ein paar Schritte zu tun, um sich mit weit ausgebreiteten Fl�geln in die Tiefe zu st�rzen und auf den wilden Bergwinden zu reiten, und voller Staunen bewunderte sie die Grazie, mit der er aufrecht auf den Hinterbeinen lief. Die kurzen Vorderbeine hielt er angewinkelt vor dem Leib und sein langer Schwanz schwang hin und her, als bewege er sich zu einer f�r sie unh�rbaren Melodie. Obwohl er ging, hatte sein lang gestreckter Leib noch immer etwas Schlangenhaftes.</p><p>Die Bilder auf den W�nden waren erschreckend. Sie zeigten die Drachen in all ihrer Macht. Wie sie selbst Minotauren und Trolle mit einem Schwanzhieb zerschmetterten. Wie sie ihre besiegten Feinde zerrissen und deren blutige Glieder verschlangen. Sie waren un�berwindlich, selbst wenn sie ihre gr��te Gabe, die Macht, Zauber zu weben, nicht einsetzten. Sie konnten Blitze vom Himmel herabrufen, die ihre Feinde zu Asche werden lie�en. Ihr Feueratem, hei�er als die Glut im Inneren der Erde, schmolz selbst Stein. Nur die Alben standen �ber ihnen. Doch die Mark der Alben, ihre Welt und alle V�lker, die von den Alben erschaffen worden waren, waren ein Geschenk an die Drachen. Die Reliefs lie�en keinen Zweifel daran aufkommen. Die Drachen waren die unumschr�nkten Herrscher. Mal grausam und mal voller G�te.</p><p>Nandalee ahnte, dass diese Reliefs vor allem dazu geschaffen waren, jedem, der hierherkam, vor Augen zu f�hren, wie allm�chtig die Drachen waren. War dieser Hochmut am Ende die Schw�che der Himmelsschlangen?</p><p>Erneut blickte sie zu der Decke hinauf, deren W�lbung sich nun im Schatten verlor. Sah die Pfeiler, m�chtig wie T�rme. Alles hier machte ihr klar, wie winzig, wie unbedeutend sie war. Aber warum mussten die Drachen etwas so Offensichtliches noch betonen? Wer hatte diese Hallen erbaut?</p><p>Sie betrachtete den Schwebenden Meister. Seine schlangenhafte, selbstverliebte Eleganz. W�rde er sich strecken, dann w�re er wohl fast zehn Schritt lang. Seine Schwingen ma�en gewiss mehr als das Doppelte, wenn er sie ausbreitete. Er war ein Raubtier, das ein Mammut schlagen und wom�glich sogar davontragen k�nnte, so wie ein Adler einen Steppenhasen in sein Nest trug.</p><p>Sie passierten eine Rampe, die sich in weiten Windungen nach oben schraubte. Fremde Ger�che drangen auf sie ein. D�fte, die sie nicht zuzuordnen vermochte. Waren es Bl�ten? Sie hatte einmal geh�rt, dass Kobolde Bestandteile des Kots von Walen benutzten, um Parf�m herzustellen. Kobolden war alles zuzutrauen! Sonderten Drachen vielleicht auch etwas ab, das diesen bestrickenden Duft erzeugte. Oder war es einfach nur Magie?</p><p>Sie betraten ein dunkles Gew�lbe. Das Echo ihrer Schritte verriet ihr, dass das Gew�lbe gro� sein musste. Sehr gro�. Doch die Dunkelheit war nahezu vollkommen. Sie vermochte nicht einmal einen Schritt weit zu sehen.</p><p>Der Schwebende Meister verharrte. <emphasis>Geht nun allein weiter</emphasis>, befahl er milde. <emphasis>Sie erwarten Euch.</emphasis></p><p>�Wer?�</p><p>Mit gesenktem Kopf wich der wei�e Drache von ihr zur�ck. <emphasis>Geht und seht!</emphasis></p><p>Seine Anmut war verschwunden. Sie war Demut gewichen. Nandalee verstand nicht. <emphasis>Wer</emphasis> war hier? Aufmerksam sah sie sich um, doch die Dunkelheit war dicht wie Samt. Sie war nicht nat�rlichen Ursprungs, das sp�rte sie nun. Auch wenn sie keine Zauber zu weben vermochte, so verstand sie es doch, Magie, die den nat�rlichen Zauber der Welt manipulierte, zu f�hlen. Und sie sp�rte die Blicke, die auf ihr ruhten.</p><p><emphasis>Geht!</emphasis>, dr�ngte der Schwebende Meister erneut.</p><p>Z�gerlich trat sie weiter ins Dunkel, das immer dichter wurde. Es war, als schreite sie �ber ein sanft abfallendes Ufer in einen See. Die Finsternis verschlang ihre F��e, die Beine, leckte um ihre H�ften.</p><p>Ihr Atem ging schwer. Pl�tzlich roch sie Duadan!</p><p><emphasis>�Liuvar.�</emphasis></p><p>Es war unm�glich zu sagen, aus welcher Richtung die Stimme klang. War sie in ihr? War all dies ein Gaukelspiel f�r ihre Sinne? Es war <emphasis>seine</emphasis> Stimme! Die Stimme des �ltesten, der sie immer gesch�tzt hatte, bis �</p><p>Eine verzerrte Gestalt aus fahlem Licht bewegte sich vor ihr in der Dunkelheit. Der gehetzte Atem eines Tieres drang von allen Seiten auf sie ein. Nandalee wich ein St�ck zur�ck. Die Lichtgestalt kam auf sie zu, wuchs an und gewann an Konturen. Ein Hirsch! Ein wei�er Sechzehnender preschte ihr entgegen! Sie wollte ausweichen, doch sie trat ins Leere. Erschrocken riss sie die Arme hoch und k�mpfte um ihre Balance. �berdeutlich sah sie den Hirsch, jedes Haar seines Fells, die Panik in seinen gro�en, dunklen Augen. Die gespaltenen Hufe h�mmerten auf den Fels. Sie wich weiter zur�ck, tastete nach dem Jagddolch, den sie in W�ldern ihrer Heimat verloren hatte.</p><p>Als er nur noch zwei Schritt von ihr entfernt war, kauerte sie sich nieder.</p><p>Seine Ber�hrung war wie die jenes eisigen Windes, der in manchen N�chten zugleich mit dem tanzenden gr�nen Himmelslicht aus dem h�chsten Norden nach Carandamon kam. Der Hirsch glitt durch sie hindurch. Zugleich wich die Finsternis. Sie kauerte auf einem schmalen Felsgrat. Eine aus dem Stein gewachsene Br�cke, kaum einen Fu� breit, die sich �ber einen Abgrund spannte.</p><p><emphasis>Ihr seid also die Dame Nandalee.</emphasis></p><p>Die Stimme fuhr wie ein Hitzesturm durch ihre Gedanken, die letzten Schatten wichen. Sie stand inmitten eines ann�hernd runden Saals. Ringsherum �ffneten sich weite Bogeng�nge. �ffnungen, so gro�, dass kleine Wolken durch sie h�tten hindurchziehen k�nnen. Warmes Licht f�llte sie aus. Und in jeder �ffnung sa� ein Drache. Und ein jeder von ihnen strahlte in einer anderen Farbe.</p><p><emphasis>Die meisten Albenkinder nennen uns die Regenbogenschlangen.</emphasis></p><p>Alle Blicke ruhten auf ihr und musterten sie mit jener Art von launischem Interesse, mit der Kinder einen besonders merkw�rdigen K�fer betrachteten. Welcher der Regenbogenschlangen war es wohl, der zu ihr sprach?</p><p>Ein stechender Schmerz durchfuhr ihren Kopf. Ein Schmerz, als habe man ihr ein Messer durch den Sch�delknochen gerammt. Dann stie� die Klinge von innen durch die Augen. Nandalee beugte sich vor, w�rgte, wimmerte � und mit dem Schmerz kam der Zorn. Sie hasste es, hilflos zu sein! Und sie w�rde es niemandem erlauben, sie so zu behandeln.</p><p>�Warum tut ihr das?�, stie� sie hervor. Speichelf�den troffen ihr von den Lippen und sie w�rgte erneut.</p><p><emphasis>Eure Gedanken bleiben uns tats�chlich verschlossen.</emphasis></p><p>Ein Drache, der in allen Rott�nen eines pr�chtigen Sonnenuntergangs erstrahlte, streckte sein geschupptes Haupt vor. Er legte den Kopf leicht schief.</p><p><emphasis>Ihr seid einzigartig.</emphasis></p><p>Seine Stimme lie� Nandalee wohlig erbeben und sie seufzte leise. Der Rote w�rde zu ihr stehen! Und sie zu ihm! Sie w�rde sich f�r ihn zerfleischen lassen! Seine Stimme zu h�ren, sich seines Wohlwollens gewiss zu sein w�re jede Gefahr wert.</p><p><emphasis>Man k�nnte die Dame Nandalee auch als aus der Art geschlagen bezeichnen. Eine Missgeburt. Ein Irrtum, den es zu beseitigen gilt. Ein Makel in der Sch�pfung.</emphasis></p><p>Gedanken wie Eiswasser. �ngstlich fuhr sie herum. War es der Nachtblaue? Oder vielleicht der Smaragdfarbene?</p><p><emphasis>Ob jene Dame wohl anders mundet als die anderen?</emphasis></p><p>Der Nachtblaue bleckte seine schwertlangen F�nge. Nandalee stockte der Atem. Nie zuvor hatte sie sich so vollkommen hilflos gef�hlt. Sie war ausgeliefert. Es war unabsehbar, was f�r ein Ende das hier nehmen w�rde. Sie konnten alles mit ihr tun. Die Elfe hatte keinen Zweifel, dass die Macht der Gedanken der Regenbogenschlangen sie in einem Moment auflachen lassen konnte, um sie dann im n�chsten Augenblick in tiefste Melancholie zu st�rzen. Sie war f�r die Drachen wie eine der Fingerpuppen, mit denen sie als Kind gespielt hatte. Hohl. Ausgef�llt von fremdem Willen.</p><p><emphasis>Was k�mmern uns die Gedanken der Dame? Die Sprache ihres K�rpers schreit sie uns entgegen. Ihr Geruch ebenso. Riecht ihr nicht ihre Angst? Ihre verzweifelte Hoffnung, uns zu gefallen?</emphasis></p><p>Ein Drache vom strahlenden Goldgelb der Sp�tsommersonne schnaubte unwillig. Waren das seine Gedanken gewesen?</p><p>Dann lie�en sie von ihr ab, doch Nandalee ahnte, dass der Disput unter den Drachen noch andauerte. Nur dass sie nun von ihren Gedanken ausgeschlossen war.</p><p>Stimmte es? War sie ein Makel? Ihre Sippe hatte sie verloren. Und selbst die Ausgesto�enen, die der Schwebende Meister um sich geschart hatte, verachteten sie. Aber sie war hier, unter den Regenbogenschlangen. Die ersten Kinder der Alben hatten von ihr erfahren und wollten sie sehen. Nein, der Rote hatte recht gehabt � sie war etwas Besonderes. Nicht besser oder schlechter als andere vielleicht, aber sie war au�ergew�hnlich. Und sie war eine J�gerin aus der Sippe der Windg�nger. Es gab nichts, f�r das sie sich h�tte sch�men m�ssen.</p><p>Die Angst fiel von Nandalee ab. Sie atmete tief ein, f�llte ihre Lungen mit dem Wohlgeruch der Drachen. Stolz richtete sie sich auf. Die Herren der Welt waren um sie versammelt. Um sie, die Verfemte! Sie w�rde stolz ihrem Schicksal entgegenblicken und nicht voller Demut. Jene, vor denen alle ihr Haupt beugten, vermochten nicht, ihre Gedanken zu lesen. Sie war frei. Freier, als es je ein Elf vor ihr gewesen war.</p><p>Und sie machte den Regenbogenschlangen Angst.</p><p>Nandalee wurde klar, dass sie aus diesem Grund wahrscheinlich sterben w�rde. Warum sollten die Drachen etwas dulden, das gegen die Ordnung der Welt verstie�? Hatten die Alben sie nicht zu ihren Statthaltern gemacht, um ebendiese Ordnung zu wahren?</p><p>Der Sommergoldene peitschte wild mit seinem Schwanz und fauchte. War er f�r oder gegen sie? Sie war �berrascht, dass die Drachen �berhaupt stritten. Selbst ihr war klar, wie das enden musste. Da gab es nichts zu reden. Sie hatte immer schon das Gef�hl gehabt, anders zu sein. Seit dem Tod ihrer Eltern im Schneesturm war sie als Ungl�cksbringerin verschrien gewesen. Nur Duadan hatte sich f�r sie eingesetzt � und auch ihm hatte sie Ungl�ck gebracht. Dass sie den Troll get�tet hatte, w�rde den Untergang ihre Sippe bedeuten, wenn die Trolle jemals herausfanden, wo sie aufgewachsen war.</p><p>Der Abgrund neben dem Felsgrat verschwamm. Die Dunkelheit bodenloser Tiefe f�llte sich mit Form. Der Grat verschwand. Sie stand jetzt auf einem aus massiven Steinquadern gef�gten Boden, auf dem vereinzelt bunt schillernde Drachenschuppen lagen. Unsicher tastete Nandalee mit dem Fu� nach dem Boden. Er war fest, keine Illusion! Aber sie hatte auch den Abgrund f�r echt gehalten. Was war Trug, was war Wirklichkeit? Erschrocken blickte die Elfe zu den Regenbogenschlangen. Waren auch sie nur Trugbilder? Waren sie wirklich dort, oder gab es am Ende nur einen einzigen Drachen, der ihr das alles vorgaukelte? Nein, das war absurd! Welchen Sinn sollte das haben?</p><p>Wie um ihren letzten Gedanken zu unterstreichen, ver�nderte sich jetzt auch das Licht. Alle Farben wurden blasser, als n�hme etwas ihnen die Leuchtkraft, und die Regenbogenschlangen schienen in ihrem stummen Disput innezuhalten und verharrten reglos. Die meisten blickten zu einem gro�en Bogengang, der bislang verwaist geblieben war.</p><p>Schritte n�herten sich, schwere Stiefelsohlen auf Stein. Ein Schatten. Ein Elf? Ja, es war tats�chlich ein Elf! Er trat in das Rund des riesigen Saals. Noch immer verharrten die Drachen. Hatten sie Respekt vor ihm? F�rchteten sie ihn? Oder war es erneut nur ein Trugbild?</p><p>Der Elf sah sie forschend an. Er hatte Augen vom Blau eines Winterhimmels, der sich in Eis spiegelte. Er wirkte unnahbar, aber nicht furchterregend. Nandalee gefiel das ernste, ebenm��ige Gesicht mit den vollen Lippen und dem energischen Kinn, das vielleicht eine Spur zu breit war. Schwarzes, leicht gewelltes Haar fiel dem Elfen auf die Schultern. Er trug einen Brustpanzer aus schwarzen Schuppen, auf denen ein leichter Blauschimmer lag. Waren es Drachenschuppen? Nein, gewiss nicht. Nicht hier, mitten unter den Regenbogenschlangen!</p><p>Die Arme des Elfen waren nackt, seine Haut sehr hell, die Hose aus weichem, lose fallendem Stoff. Schwarze Schaftstiefel lie�en jedem seiner Schritte ein scharfes Klacken folgen.</p><p>Der Elf blieb auf Armesl�nge vor Nandalee stehen. Er war ein ganzes St�ck gr��er als sie. Zwei Handbreit vielleicht.</p><p>�Wer bist du?� Kaum waren die Worte �ber ihre Lippen, bereute sie es, gesprochen zu haben. Sie sollte sich keine Verfehlung leisten! Es stand ihr nicht zu, hier Fragen zu stellen.</p><p>�F�r Euch bin ich der Dunkle. Manche nennen mich auch den Farbentrinker. Meinen wirklichen Namen werdet Ihr niemals erfahren, Elfentochter.�</p><p>Er sprach! Seine Stimme war angenehm. Sie erklang nicht in ihrem Kopf, wie all die Drachenstimmen. Ihr Ton war dunkel und wohlt�nend. Ein L�cheln nahm seinen Worten ein wenig von ihrer Schroffheit.</p><p>�Nie zuvor hat eine Elfentochter f�r so viel Aufruhr unter den Erstgeschl�pften gesorgt wie Ihr, Nandalee. Und das obendrein in so kurzer Zeit! Erstaunlicherweise habt Ihr in dem, den sie den Goldenen nennen, einen Freund. Er hat Gonvalon und Ailyn geschickt, um Euch vor den Trollen zu retten. Auch jetzt hat er sehr entschieden f�r Euch gestritten. Er geh�rt zu jenen, die glauben, dass unsere Welt sich ver�ndern muss. Andere halten die Sch�pfung der Alben f�r vollkommen und betrachten Ver�nderung als einen Frevel am Werk unserer Sch�pfer. Was denkt Ihr, Dame Nandalee?�</p><p>Sie atmete schwer ein. Philosophische Gedanken waren nicht ihre Welt. Allerdings ahnte sie, dass ihr Leben von ihrer Antwort abhing � und dass sie nicht zu plump ausfallen sollte. �Ich bin eine einfache J�gerin. Ich habe in den W�ldern und auf den Eisebenen Carandamons gelebt. Dort �ndert sich die Welt an jedem Tag. Die Jahreszeiten folgen einander. B�ume wachsen und st�rzen. Ein Sturm vermag einen Wald in einer Nacht zugrunde zu richten. In meiner Welt gab es keinen Stillstand.�</p><p><emphasis>Und doch folgt auf den Fr�hling unab�nderlich immer der Sommer. Jedes Leben strebt dem Tode entgegen. Alles unterliegt eisernen Gesetzen. Selbst die Winde. Niemals reicht die Kraft des warmen Blumenwindes, der manchmal von S�den her �ber das Waldmeer zieht, bis hinauf nach Carandamon. Alles unterliegt eisernen Gesetzen! Und was sich diesen Gesetzen nicht f�gt, vermag keinen Bestand zu haben.</emphasis></p><p>Nandalee zuckte zusammen. Kurz fragte sie sich, was geschehen w�rde, wenn mehrere Drachen gleichzeitig in ihrem Kopf spr�chen. Ob sie dann von der Hitze ihrer Stimmen verbrennen w�rde? Sie wusste nicht, welche Regenbogenschlange soeben in ihre Gedanken gedrungen war. Sie hatte den smaragdgr�nen Drachen im Verdacht. Wer auch immer es war, er schien auch in den Gedanken des Dunklen gesprochen zu haben, denn der Elf nickte beif�llig.</p><p>�Ich werde mich in euer Urteil f�gen. Aber ich bitte euch, eines zu bedenken: Ich stehe heute hier, weil ich einem stolzen Sechzehnender �ber eine Lichtung folgte. Sie war tief verschneit. Der Schnee unber�hrt. Bis auf den Wildwechsel, der die Lichtung querte. Mit seinen starken, schlanken Beinen h�tte er ohne besondere M�he durch den Schnee brechen k�nnen, aber er folgte dem vorgegebenen Weg. Und an ebendiesem Wildwechsel lauerte ein Troll im Schnee, der den Hirsch t�tete. Ein paar Schritt rechts oder links vom Wildpfad w�re der Sechzehnender diesem Schicksal entgangen. Ich glaube, nicht alle Wege sind uns in unserem Leben fest vorgegeben, auch wenn es so scheinen mag. Es ist die Abwechslung, die das Leben bereichert und manchmal sogar verl�ngert.�</p><p>Der Dunkle lachte. Es war ein warmes, ansteckendes Lachen, das Angst und Zweifel ausl�schte. �Wohl gesprochen, Elfentochter. Klug und ohne Furcht. Ihr sollt Euer Leben behalten! Es ist meine Stimme, die hier den Ausschlag gibt.� Bei diesen Worten blickte er herausfordernd zu den Regenbogenschlangen.</p><p>Der smaragdgr�ne Drache stie� einen zischenden Laut aus. Auch der Rote wirkte aufgebracht. Der Nachtblaue zeigte keinerlei Regung. Die �brigen verhielten sich ruhig oder vielleicht auch abwartend. Der Goldene aber verlie� seinen Platz und kam auf Nandalee zu.</p><p>Sie wich einen Schritt zur�ck. Doch der Dunkle griff sie am Handgelenk. �F�rchtet Euch nicht. Er ist Euch geneigt.�</p><p><emphasis>Darf ich Euch ber�hren?</emphasis></p><p>Nandalee blickte zu dem Drachen auf, der noch ein deutliches St�ck gr��er als ihr Lehrmeister war. Es erschien ihr unwahrscheinlich, dass sie eine Ber�hrung durch ihn ohne Schaden �berstehen w�rde, aber er wartete ihre Antwort erst gar nicht ab. Schnell wie ein herabsto�ender Falke war er �ber ihr und strich mit einer einzelnen vorgestreckten Kralle vorsichtig �ber ihre Stirn. Sie war k�hl. Von der Krallenhand ging Verwesungsgeruch aus. Braune Sprenkel auf den Schuppen mochten getrocknetes Blut sein. Unter einer der Krallen haftete etwas, das an zerfasertes Fleisch erinnerte.</p><p>Nandalee hatte den Eindruck, dass der Goldene und der Dunkle sich in Gedanken austauschten.</p><p>�Ihr bleibt ein R�tsel�, sagte der Elf schlie�lich freundlich und lie� ihr Handgelenk los.</p><p>Erst in diesem Augenblich wurde sich Nandalee bewusst, dass er dasselbe getan hatte wie der goldene Drache. Nur dass er nicht um Erlaubnis gefragt hatte, sie zu ber�hren.</p><p>�Ein Hauch von Untergang umgibt Euch, Elfentochter. Wir werden Euch beobachten, denn mit Euch ist etwas Neues in die Welt gekommen. Ich sollte die Gazala nach Eurem Schicksal befragen. Ihr seid ��</p><p>Der Goldene lie� seinen Schwanz �ber den Steinboden peitschen. �berrascht blickte der Elf zu dem Drachen auf. Eine kleine Falte erschien zwischen seinen Brauen. Nandalee fragte sich, wor�ber die beiden sich wohl austauschten. Und wer waren die Gazala?</p><p>Das stumme Zwiegespr�ch w�hrte eine Weile. Schlie�lich schien es, als f�ge sich der Goldene. Er neigte das Haupt und sah sie an. Nandalee glaubte, Kummer in seinem Blick zu erkennen.</p><p>�Mein Freund hat keine sehr hohe Meinung von den Gazala�, erkl�rte der geheimnisvolle Elf. �Und er glaubt, dass ein Schatten auf jedem Leben liegt, dessen Schicksal man im Voraus zu ergr�nden versucht. Aber ich w�sste zu gern, ob es Eurem Lehrmeister gelingen wird, Euer Verborgenes Auge zu �ffnen. Ihr habt einen k�nftigen K�nig get�tet, als Ihr nur eine einfache J�gerin wart. Was werdet Ihr wohl tun, wenn Ihr eine Zauberweberin und Drachenelfe werdet?�</p></section><section><title><p>Fl�gelsonne und Pferdekopf</p></title><p>�Wer ist euer Hauptmann?�, schrie Artax aus Leibeskr�ften und blockte einen Pfeil ab, der auf seinen Hals zielte. Sie hatten ihn eingekreist. Immer mehr Ischkuzaia tauschten Schwerter und Dorn�xte gegen kurze Steppenb�gen. Sie knieten nieder und zogen die Sehnen auf.</p><p>�berall um ihn herum waren nun Steppenkrieger in schimmernden Bronzer�stungen und roten Hosen. Die Wolkensammler mit den Fluggeschirren schwebten davon.</p><p>Unter die wilden Kriegsrufe der Ischkuzaia mischte sich das durchdringende Klacken des h�lzernen R�derwerks der Gesch�tzt�rme. Alle zugleich schwenkten sie nach Steuerbord, so wie er es Juba befohlen hatte. Artax� Atem ging keuchend, als er nun erneut seine Stimme erhob. �Wenn ich sterbe, dann wird euer Wolkenschiff brennend aus dem Himmel st�rzen.�</p><p>Ein schroffer Befehl erklang hinter Artax und die Steppenkrieger senkten die B�gen. Endlich kommen sie zur Vernunft, dachte er erleichtert und drehte sich um.</p><p>Zwischen den K�mpfern kam ein J�ngling �ber das Deck geschritten. Er war wie die �brigen Ischkuzaia bewaffnet, doch spross ihm noch kein Bart.</p><p>�Wer bist du?� Der junge Krieger sprach fast ohne Akzent.</p><p>Artax lie� sein Schwert sinken und straffte sich. �Wer k�nnte ich wohl sein?�</p><p>�Der Mann, der sich gegen das erste Gesetz Nangogs vergangen hat und den die Devanthar richten werden, wenn ich es nicht schon vorher tue.� Der J�ngling zog eine Dornaxt aus seinem G�rtel und trat noch einen Schritt n�her. Wie die �brigen Steppenkrieger hatte er seine Augen mit Ru� umrandet, so dass sie gro� und bedrohlich aussahen.</p><p>Artax brauchte einen Moment, um sich Aarons Erinnerungen �ber die Gesetze Nangogs ins Ged�chtnis zu rufen. Die Unsterblichen sollten in dieser Welt keine Kriege f�hren. Es war eines der wenigen Vergehen, die sie ihre Macht kosten konnten.</p><p>�Und du f�hlst dich nun zum Scharfrichter der Devanthar berufen? �, entgegnete er sp�ttisch. �Wer bist du, dass du ihrem Urteil vorzugreifen wagst, J�ngling? Du stehst mit der Waffe in der Hand auf meinem Schiff.� Er deutete mit der Hand zum Palastschiff hinauf, das sie in Schlepp hatten. �Und du wei�t nicht, was dort geschehen ist. Der Einzige hier, der Gefahr l�uft, seinen Kopf zu verlieren, bist du.�</p><p>�Ich bin Shaya, die siebenunddrei�igste Tochter des Unsterblichen Madyas, des Gro�k�nigs von Ischkuzaia.�</p><p>Artax erstarrte, einen Augenblick lang schien die Welt innezuhalten und ein Bild, das so lange seine Tagtr�ume beherrscht hatte, verschmolz mit der Wirklichkeit. Gut, Almitra hatte in seiner Vorstellung noch nie Helm und R�stung getragen, aber die Art wie sie ihn herausfordernd ansah! So hatte er Almitra vor sich gesehen, wenn sie stritten. Die funkelnden Augen, die keinen Widerspruch duldeten, die kleine Falte zwischen den Brauen. Das war sie!</p><p>�Du bist mein Gefangener. Und dieses Schiff geh�rt nun mir�, sagte Shaya. Artax musste l�cheln, so sehr entsprach die junge Prinzessin jener ertr�umten Liebsten, mit der er im Geiste so viele gemeinsame Stunden verbracht hatte und zugleich auch all den Klischees, die er �ber die Ischkuzaia kannte. Sie war geradeheraus. Ihr Denken war einfach und trotzdem war es unm�glich, ein vern�nftiges Wort mit ihr zu wechseln. Vielleicht verstand sie die G�ttersprache nicht so gut? Vielleicht hatte er zu schnell gesprochen? Also erkl�rte er ihr erneut, diesmal langsam und in einfachen Worten, dass er sich keinesfalls als Gefangener betrachtete.</p><p>Sie musterte ihn einige Zeit lang schweigend. Dann zwinkerte sie ihm zu � oder hatte er sich das Zwinkern nur eingebildet? � und antwortete fast akzentfrei in seiner Sprache. �Ich bin keine dumme Hirtin. Und doch bin ich den Gesetzen der Ehre unterworfen. Bist du ein geschickter H�ndler und T�uscher, so wie die meisten aus deinem Volk, die sich in die Steppen des Nordens wagen? Ich werde es nicht mehr herausfinden. Ich bin mit Kriegern auf dein Schiff gekommen, um eine Schmach zu s�hnen. Die Ehre gebietet mir, zu k�mpfen und zu siegen oder zu sterben.�</p><p>Artax lie� sein Schwert fallen. �Du hast gesiegt, niemand muss sterben.� Dann deutete er auf das Banner, das inzwischen von Shayas Kriegern geborgen worden war. �Hisst es �ber meinem K�nigsbanner. Dann k�nnen alle in der Goldenen Stadt sehen, dass du ohne Zweifel gesiegt hast.�</p><p>Shaya sah ihn verbl�fft an und sch�ttelte den Kopf. �Du verschenkst den Sieg?�</p><p>�Ich verschenke nichts. Ich versuche dein Gesicht zu wahren. Aber auch ich darf meine Ehre nicht verlieren. Deshalb werden beide Wolkenschiffe an einem der Ankert�rme meines Palastes anlegen. Danach kannst du dein Schiff nehmen.�</p><p>�Das geht nicht. Als Siegerin w�rde ich niemals deinen Palast ansteuern!�</p><p>�Aber wie k�nntest du dein Banner �ber dem meinen hissen, wenn du nicht gesiegt h�ttest? Es geht doch nur um das, was die dort unten denken, nicht wahr? Sie werden nicht verstehen, was sie sehen. Es ist ein Widerspruch in sich. Und deshalb werden sie k�nftig dem glauben, dem sie schon immer geglaubt haben. Ich werde behaupten, einige deiner M�nner h�tten es geschafft, meinen Flaggenmast zu besetzen. Und der Beweis f�r meinen Sieg wird die Tatsache sein, dass die Schiffe vor meinem Palast ankerten. Du aber kannst vorgeben, es sei dir mit deinen wenigen Kriegern gelungen, mich auf meinem Schiff zu �berraschen und das Oberdeck zu erobern. Allerdings konntest du nicht bis zur Lotsenkanzel vordringen, weil unsere �bermacht zu gro� war. So schaffte es mein Lotse, die Schiffe zum Ankerplatz meines Palastes zu bringen. Dennoch gl�ckte dein k�hner Handstreich alles in allem, denn dein Banner wehte �ber dem meinem und es gelang dir, noch nachdem wir vor Anker gegangen waren und meine Palastgarden das Schiff st�rmten, mit deinem Wolkenschiff zu entkommen. Du wirst eine Heldin sein. Und keiner von uns beiden verliert sein Gesicht.�</p><p>Zweifel und Hoffnung hielten sich die Waage, als er forschend in ihr Antlitz blickte, hoffte, darin Zustimmung zu finden. Seine ertr�umte Gef�hrtin Almitra w�rde diesen Vorschlag nicht nur verstehen, sie w�rde ihn auch sch�tzen. Vielleicht w�re sie sogar ein ganz klein wenig ungehalten dar�ber, dass es nicht der ihrige gewesen war. Aber im Grunde war ihm das auch nicht so wichtig. Almitra gab es nur in seinen Gedanken. Shaya hingegen war real, und sie hielt eine Dornaxt in H�nden, keine Schale dampfender Kohlsuppe.</p><p>Shaya blickte zweifelnd zum Wolkenschiff ihres Volkes auf. �Was du vorschl�gst, ist Betrug.�</p><p>�Wir k�nnen uns nat�rlich auch ganz ehrenhaft verhalten. Dann wird das Schiff deines Volkes brennend aus dem Himmel fallen und dieses Deck wird rot sein vom Blut unserer Krieger. Ich werde diesen Kampf gewinnen, Shaya. Ich bin ein Unsterblicher und au�er meiner Arroganz verf�ge ich auch noch �ber mehr Truppen. Wenn du besiegt bist, werde ich deinen Vater anklagen, sich gegen die Gesetze Nangogs vergangen zu haben, denn wir brachten friedlich hierher, was wir herrenlos treibend in den Wolken fanden, woraufhin seine Tochter uns angriff. Der L�wenh�uptige, der Devanthar, der �ber mich wacht, wird mein Zeuge sein.�</p><p>Ihr L�cheln wurde k�hl. �Das wird dir niemand glauben.�</p><p>�Es sind die Sieger, die entscheiden, was die Wahrheit ist. Du bist die Tochter eines Unsterblichen. Du wei�t, dass es so ist. Und nun zeig den Mut, der deiner hohen Geburt entspricht.� Artax hoffte, dass sie sich entschieden hatte, mit ihm in seiner Sprache zu sprechen, damit ihre Krieger sie nicht verstanden. Sonst h�tte er mit seiner Offenheit jede Aussicht auf ein Einlenken von ihr verspielt. Ihre Krieger durften nicht wissen, auf was f�r einen Pakt sie sich eingelassen hatte. Die Steppenreiter w�rden auch dieses Abkommen als ehrlos betrachten. Wahrscheinlich, weil es durch und durch vern�nftig war. Die Reisenden, die Ischkuza besucht und an seinem Hof vom Steppenreich berichtet hatten, waren sich alle einig darin gewesen, dass Ehre und Vernunft so gut wie nie auf einen Nenner zu bringen waren. Wenn man das akzeptierte, dann wurde der Umgang mit den Nomaden sehr einfach.</p><p>Shaya setzte den Fu� auf sein Schwert. �Nimm den Helm ab, Aaron, K�nig aller Schwarzk�pfe!�, befahl sie nun in ihrer Muttersprache.</p><p>Artax z�gerte kurz. Sie hatte ihre Dornaxt erhoben. Nahm er den Helm ab, w�re es ein Leichtes, ihn zu t�ten. Machte er sich gerade zum Narren und legte nicht nur sein eigenes Schicksal, sondern auch das seiner M�nner in die H�nde einer Frau, die ihm nur deshalb so vertraut erschien, weil er viele Abende mit einem imagin�ren Spiegelbild ihrer selbst in einer imagin�ren Bauernkate zugebracht hatte? Er suchte in ihren Augen nach einem Zeichen, das ihm verriet, ob sie sich auf den Pakt mit ihm einlassen w�rde. Es waren dunkelbraune, fast schwarze Augen, voller Leidenschaft. Aber eine Antwort fand er nicht in ihnen.</p><p>Er atmete schwer aus. Almitra. Shaya. Almitra. Shaya. Sie wartete und sah ihn aufmerksam an. Sie strich sich eine Str�hne ihres Haars aus der Stirn. Ganz so, wie es Almitra oft in seinen Tr�umen getan hatte. Das war ein Zeichen! Pl�tzlich war Artax sich sicher, dass er ihr vertrauen konnte. Er tastete nach seinem Kinnriemen und malte sich aus, wie Juba, der ihn gewiss beobachtete, nun fluchte.</p><p>Artax wusste, dass er eine Grenze erreicht hatte. Er hatte sein Schwert gestreckt und ihr Banner w�rde �ber seinem wehen. Der Aaron, der zu sein er sich bem�hte, konnte ihr jetzt keinen Zoll mehr entgegenkommen, ohne in aller Augen als Verlierer dazustehen.</p><p>Shayas Krieger verteilten sich auf dem Deck und besetzten die Eing�nge zu den Gesch�tzt�rmen und den tiefer gelegenen Decks. So verteilt, wurde �berdeutlich, wie wenige sie waren. Einem entschiedenen Gegenangriff w�rden sie nicht standhalten. Zwei ihrer M�nner erklommen mit dem Banner, das auf dem Deck gelegen hatte, den Flaggenmast des Palastschiffes. Unter allgemeinem Johlen wurde sein Banner mit der gefl�gelten Sonne eingeholt und das Pferdekopfbanner der Ischkuzaia gehisst.</p><p>Shaya lie� ihre Dornaxt sinken, und wer es nicht besser wusste, h�tte sie f�r befreundete Hauptleute halten k�nnen.</p><p>�Warum schickt ein Vater seine Tochter in die Schlacht?�</p><p>Die Steppenkriegerin bedachte ihn mit einem sp�ttischen L�cheln. �Jeder Mann, der auf einem Schlachtfeld steht, wurde von einer blutenden Frau in die Welt gesetzt. Wie kommst du darauf, dass Frauen, die unter solchen Umst�nden Leben schenken, nicht auch im Stande w�ren, auf blutige Art Leben zu nehmen? Ist das T�ten in der Schlacht ein Privileg der M�nner? Mein Volk wurde gro�, weil es sich solchen Unsinn nicht geleistet hat. Ich glaube auch, dass Frauen mehr Schmerz und Leid ertragen k�nnen als M�nner.� Ihr Grinsen wurde noch etwas breiter. �Wahrscheinlich w�rde kaum ein Mann das Kindbett �berleben, wenn ihr es w�ret, die Kinder geb�ren m�sstet.�</p><p>Er mochte ihre nassforsche Art. Sie war anders als alle Frauen, die ihm bisher begegnet waren. Anders als alle Frauen aus Fleisch und Blut, die ihm jemals begegnet waren, korrigierte er sich. �Du h�ttest Wolkenschiffer mitbringen sollen. Das Schiff h�lt weiterhin Kurs auf die Ankert�rme meines Palastes. Du kannst die Lotsenkanzel nicht erobern und wenn du deine M�nner in die Takelage schickst, werden sie die Aufg�nge zum Oberdeck nicht mehr bewachen k�nnen.�</p><p>Ihr Antlitz verh�rtete sich. Die dunkel umrandeten Augen lie�en sie ohnehin schon d�ster erscheinen. Artax h�tte sie gerne ohne diese Schminke gesehen.</p><p>�Was bezweckst du, Unsterblicher?�, fragte sie in seiner Sprache. �Mir scheint, du hast alles vorausgeplant. Es ist auch kein Geheimnis, wie viele Wachen mit Wolkenseglern den Palast meines Vaters sch�tzen. Wozu das alles? Willst du einen Krieg mit den Ischkuzaia? Die Devanthar gestatten keine Kriege zwischen den gro�en Reichen. Was kannst du gewinnen?�</p><p>�Ich will gar nichts gewinnen. Ich habe euer Schiff hoch in den Wolken gefunden, und es schien, als wolle sich der Wolkensammler vor allen Blicken verbergen. Niemand an Bord lebte mehr. Ich h�tte es weiter als ein Grab im Himmel treiben lassen k�nnen. Oder es zu euch bringen. Dann stellte ich mir die Frage, was ihr wohl tun w�rdet, wenn ich mit einem eurer Schiffe im Schlepp hierherkomme. Ich habe meine Ankunft in der Goldenen Stadt geplant, nicht mehr und nicht weniger.�</p><p>Sie sah zu dem Schiff. �Alle dort oben sind tot?� Ihre Maske der kalten Kriegerin zerbrach. �Alle?�, wiederholte sie ungl�ubig. �Wie konnte das geschehen?�</p><p>�Ich wei� es nicht. Ich war nur mit einer kleinen Eskorte an Bord. Wir haben nichts anger�hrt. Ich habe meiner Mannschaft verboten, das Schiff zu betreten und den Frieden eurer Toten zu st�ren. Du wirst alles unver�ndert vorfinden. Die meisten liegen in dem gro�en Saal unter dem Schiffsbaum. Es scheint, als h�tten sie ein Ritual abgehalten ��</p><p>Ihre Wangenmuskeln spannten sich. Rang sie um Selbstbeherrschung? Oder war sie ver�rgert, weil Fremde eine der heiligen St�tten ihres Volkes betreten hatten?</p><p>�Du hast freiwillig in Kauf genommen, dass ich dich dem�tige? � Abrupt kniete sie nieder und hob sein Schwert auf. Den Griff voran reichte sie ihm die Waffe. Noch immer arbeitete es in ihrem Gesicht. Sie sah zum Flaggenmast auf und rief etwas in der derben Sprache ihres Volkes. Sie musste den Befehl ein zweites Mal rufen, bevor die beiden Krieger auf dem Flaggenmast gehorchten. Sie holten das Banner der Ischkuzaia ein.</p><p>�Wir haben unser Gesicht vor dir verloren, Aaron, Herrscher der Schwarzk�pfe. Wir waren es, die gefrevelt haben.� Dem�tig neigte sie ihr Haupt. Ihre Stimme zitterte leicht.</p><p>Artax betrachtete die Toten. Sechs ihrer Krieger hatten sinnlos ihr Leben gegeben. Er straffte sich. Nein, so zu denken war falsch. Hunderte waren gerettet. Das Verderben war abgewendet. Allein das z�hlte.</p><p>Shaya rief weitere Befehle. Ihre Krieger versammelten sich um sie. Sie hoben die Toten vom Deck. Dann schob die Tochter des Gro�k�nigs die Dornaxt in ihren G�rtel und verneigte sich. �Du bist ein weiser Mann, Aaron.� Mit diesen Worten zog sie sich zur Reling zur�ck.</p><p>Im Westen sah Artax die goldschimmernden Ankert�rme seines Palastes aufragen. Sie waren noch etwas mehr als eine halbe Meile entfernt. Die Ischkuzaia begannen die Schleppseile zu ihrem Wolkenschiff zu erklimmen. Artax bewunderte ihren Mut und ihr Geschick. Die st�rksten von ihnen hatten die Toten auf ihren R�cken gebunden. Hand �ber Hand zogen sie sich die Seile hinauf. Mitten zwischen Himmel und Erde. Shaya war die Letzte, die das Deck verlie�. Noch einmal verbeugte sie sich, dann folgte sie ihren Kriegern. Sie verschwanden wie ein Spuk. Nur die Blutflecke auf dem Deck erinnerten noch an sie.</p></section><section><title><p>Der verborgene Schl�ssel</p></title><p>Drei Tage waren vergangen, seit Nandalee die Versammlung der Regenbogenschlangen verlassen hatte. Der Schwebende Meister hatte sie seitdem immer wieder bedr�ngt, ihr alles �ber ihre Begegnung mit den alten Drachen zu erz�hlen. Er war freundlicher geworden, was ihren Umgang mit den anderen Sch�lern nicht einfacher machte. Als sie erfuhren, wo sie gewesen war, hielt selbst Bidayn wieder Abstand zu ihr. Nandalee war allein, obwohl der n�chste Elf nur eine Arml�nge entfernt sa�. Auf all den langen, einsamen Jagden in der Vergangenheit hatte sie sich nie so verloren gef�hlt wie hier in diesem Felsennest. Und die Magie widersetzte sich ihr nach wie vor. Ihr Verborgenes Auge wollte sich nicht �ffnen, ganz gleich, wie sehr sie sich auch anstrengte.</p><p>Sie verlie� ihren Platz und ging zum Rand der Klippe, wo der wei�e Drache kauerte und mit ausgeweiteten Fl�geln ein Sonnenbad nahm.</p><p>�Glaubst du, ich werde jemals eine Zauberweberin werden?� Sie fl�sterte, um die �brigen Elfen nicht in ihrer Meditation zu st�ren. Bidayn schwebte wieder. Sie beneidete ihre Mitsch�lerin. Wahrscheinlich w�rde sie bald von den Drachenelfen geholt werden und dieses elende Felsloch f�r immer verlassen.</p><p><emphasis>Euch fehlt es an innerer Ausgeglichenheit, Dame Nandalee. Ihr k�nnt bereits Zauber weben. Ihr verm�gt einen Pfeil allein kraft Eurer Gedanken in ein Ziel zu lenken. Ihr m�sst nur lernen, Eure Kr�fte zu beherrschen. Sie bewusst einzusetzen.</emphasis></p><p>�Das ist etwas anderes!�, zischte sie ver�rgert. Was wusste der Meister schon vom Bogenschie�en? Das war, als w�rde man Steine und �pfel miteinander vergleichen, nur weil sie etwa gleich gro� waren.</p><p><emphasis>Magie ist in allem, was wir tun, Dame Nandalee. Ihr m�sst das Wesen der Magie nicht verstanden haben, um ihrer teilhaftig zu werden. Vollkommenheit ist ein Synonym f�r etwas, in dem Magie lebendig ist.</emphasis></p><p>�Ein was? Ein Syh no n�hm?�</p><p><emphasis>Zwei Worte mit gleichem Sinn oder Inhalt. In allem, was vollkommen ist, wohnt Magie. Selbst wenn Ihr Euch gar nicht bewusst wart, dass Ihr einen Zauber gewoben habt. Der vollkommene Schuss, der gegen jede Wahrscheinlichkeit sein Ziel trifft. Oder nur eine einfache Bewegung � Seht!</emphasis></p><p>Der Meister f�cherte seine Fl�gel auf. Es war eine Freude, ihm dabei zuzusehen. Spr�hendes Licht brach sich auf den Schuppen, die Bewegung war voller Anmut. Sie ber�hrte den Betrachter in seinem Innersten und lie� Frieden in ihn einkehren.</p><p><emphasis>Es geht nat�rlich auch so.</emphasis></p><p>Der Drache faltete die Fl�gel und �ffnete sie erneut. Jetzt waren es nur riesige Lederlappen, die sich ausfalteten. Der Bewegung fehlte jegliche Grazie, obwohl Nandalee nicht benennen konnte, was der Drache anders gemacht hatte.</p><p><emphasis>Ihr solltet Euer Gesicht sehen, Elfentochter. �berrascht? Ich bin mir sicher, wenn Ihr mit dem Bogen schie�t, ist es ganz �hnlich wie bei meinem Beispiel. Ihr seid eins mit allem, was Euch umgibt, ohne noch dar�ber nachdenken zu m�ssen. Das ist Magie, Dame Nandalee. Ihr teilt Eure Kraft mit allem, und alles teilt seine Kraft mit Euch. Ein Sto� mit Eurem kleinen Finger vermag mich von dieser Klippe zu st�rzen, wenn Ihr eins seid mit allem um Euch herum.</emphasis></p><p>�Und wie werde ich eins?�</p><p><emphasis>Wie macht Ihr es beim Bogenschie�en? Beschreitet diesen Weg! Er ist Euch vertraut. Es mag sein, dass er Euch an Euer Ziel f�hrt. Und lasst Euch nicht ablenken. Es ist ohne Belang f�r Euch, wer noch an diesem Ort zugegen ist. Es ist ohne Belang, was sie von Euch denken. Ihr m�sst eins mit Euch selbst sein. Dann werdet Ihr Respekt erfahren. Versucht Ihr aber, ihnen zu gefallen, dann verschlie�t Ihr Euch die T�ren vor Eurem Innersten. Den Weg dorthin k�nnt Ihr nur allein finden.</emphasis></p><p>Nandalee seufzte. Sie hatte das Gef�hl, nicht einmal die H�lfte von dem verstanden zu haben, was der Schwebende Meister sagte. Ja, es erschien ihr widerspr�chlich. Sie sollte eins mit allem sein, aber sie sollte zugleich auch alle um sich herum ignorieren.</p><p><emphasis>Alles ist in Euch, Elfentochter, aber Ihr m�sst den Schl�ssel zu diesem verborgenen Schatz finden. Dabei vermag Euch niemand zu helfen. Und verzweifelt nicht zu schnell. Niederlagen sind keine Schande. Entscheidend ist, ob Ihr Euch geschlagen gebt oder ob Ihr Euch erneut erhebt und weitermacht. Gro�es bekommt Ihr niemals geschenkt. Ihr m�sst es Euch verdienen.</emphasis></p><p>Na wunderbar, dachte sie. Sie w�rde bis ans Ende ihrer Tage hier auf dem kalten Felsboden kauern und L�cher in den Himmel starren. W�tend und verzweifelt zog sie sich zur�ck. Sie wollte allein sein und stieg in die Steilwand jenseits der H�hle. Niemand hielt sie auf. Wie nah Freiheit und Gleichg�ltigkeit doch beieinanderlagen! Was h�tte sie daf�r gegeben, wenn jetzt jemand sie zur�ckgehalten h�tte. Aber, erinnerte sie sich an die Worte des Drachen, sie sollte ja frei sein von der Meinung anderer.</p><p>Nandalee fand ein Sims. Tief unter sich sah sie einen Adler mit ausgebreiteten Schwingen auf dem Wind gleiten. Sie beobachtete seinen Flug. Langsam lie� ihr Zorn nach. Wenn sie doch nur mit ihm Seite an Seite fliegen k�nnte � Er war ein leicht zu treffendes Ziel, flog langsam und ohne die Richtung zu �ndern. Vielleicht siebenhundert Schritt entfernt. Selbst wenn sie ihren Bogen bei sich h�tte, w�rde sie niemals auf ihn schie�en. Wenn er in die Tiefe st�rzte, w�rde man ihn zwischen den Felskl�ften nicht wiederfinden k�nnen. Wenn sie ein Tier t�tete, dann um das Fell, die Federn oder das Fleisch zu nutzen. Nie hatte sie etwas erlegt, nur um zu erproben, ob sie es treffen k�nnte.</p><p>Beim Gedanken an die Jagd fiel ihr Zorn g�nzlich von ihr ab. Sie atmete tiefer, wurde sich allem, was sie umgab, bewusster. Sie wusste, wie stark der Wind einen Pfeil auf siebenhundert Schritt abdriften lassen w�rde. F�hlte den k�hlen Atem des Schnees, der auf den Wipfeln lag. Roch eine einzelne Bergkiefer, die irgendwo au�erhalb ihres Gesichtsfelds stehen musste. Sie h�rte die leisen Ger�usche des sich erw�rmenden Steins. All dies nahm sie in sich auf, ohne sich wirklich darauf zu konzentrieren. Ganz so wie auf der Jagd.</p><p>Nandalee schloss die Augen und stellte sich die Flugbahn des Adlers vor. Den Wind, der an den langen �u�eren Federn seiner Schwingen zerrte. Die Turbulenzen nahe der Felsnadel, die er bald passieren w�rde. Sie hob ihre Rechte und streckte den Zeigefinger vor.</p><p>Sie wusste, wo der Vogel war. Sie konnte ihn sp�ren. Alles nahm sie in sich auf. Sie zeigte mit dem Finger auf ihn. Langsam wanderte er mit dem Flug. Sie wollte die Augen �ffnen, als sie pl�tzlich ein Licht durchdrang. Flammende Linien, die alle in ihrer Stirn zusammenzulaufen schienen. Sie sah, obwohl ihre Lider geschlossen waren. Sah die Welt so, wie der Drache sie ihr gezeigt hatte, durchdrungen von einem magischen Gewebe. Verzaubert schlug sie die Augen auf. Der Bann war gebrochen. Sie sah den Adler und die Berge. Und sonst nichts.</p><p>Erneut schloss Nandalee ihre Augen und war nicht �berrascht, dass sie sich in Dunkelheit wiederfand.</p><p>Immerhin, es war ein erster Schritt. War das ihr Schl�ssel, an die Jagd zu denken? Vermochte sie so eins mit der Welt zu werden und die Geheimnisse zu ersp�ren, die sich all jenen verschlossen, die nur sehen konnten?</p></section><section><title><p>Elfenfluch</p></title><p>Abir Ata� f�hlte sich so stark und unternehmungslustig wie schon lange nicht mehr. Geradezu von Kraft durchdrungen. Es war ein Geschenk der G�tter, davon war er �berzeugt. Nicht des L�wenh�uptigen. Dieser Devanthar war der Hauptgott Arams, der Meister des Unsterblichen Aaron. Ihm galten unz�hlige Gebete. Aber es gab noch die Gebete an die gefl�gelte Sonne, die ein Symbol f�r alle Devanthar war, und Schreine f�r die �brigen G�tter, wie die Gefl�gelte I�ta aus Luwien oder den Ebermann, den man manchmal in den Bergen sah. Ein rastloser Wanderer, der alle gro�en Menschenv�lker besuchte.</p><p>�Los, klopf schon an!� Abir st�tzte sich auf den Stab, der Zeichen seines Ranges als Hohepriester Arams war. �Worauf wartest du, Barnaba?� Der junge Priester war der Sohn des Hohepriesters von Nari, eines alten Weggef�hrten, mit dem er all seine Geheimnisse und Sorgen teilte. Der Junge hatte eine schnelle Auffassungsgabe und, was noch wichtiger war, ihm war klar, dass die Interessen des Tempels es manchmal notwendig machten, ungew�hnliche Wege zu beschreiten.</p><p>Die T�r, vor der sie standen, war rot lackiert und mit breiten Bronzeb�ndern beschlagen. Ein wenig gro�spurig f�r einen erfolgreichen Sklaven, dachte Abir Ata�. Er war sich ziemlich sicher, dass Datames zurzeit nicht in der Goldenen Stadt weilte. Er hatte sich bei Hof nicht sehen lassen. Er w�re ganz gewiss dort gewesen �</p><p>Die T�r �ffnete sich und ein kahl rasierter Haussklave sah sie erschrocken an. Ein �berraschender Besuch von Priestern mochte auf drohendes Unheil hinweisen � oder auf einen Versuch, Spenden einzusammeln.</p><p>�Dein Herr hat versprochen, mir seine S�nfte samt der Tr�ger zu leihen�, sagte Abir Ata� in Befehlston. �Ich bin hier, um die S�nfte zu holen. Jetzt!�</p><p>�Ich wei� gar nichts davon �� Dem Sklaven war seine Verlegenheit anzusehen.</p><p>�Du wei�t, wer ich bin?�</p><p>�Ja, ehrenwerter Abir Ata�. Ich ��</p><p>�M�chtest du mich zur�ck in den Palast von Ak�u schicken, damit ich einen schriftlichen Befehl deines Herrn bringe? Du wei�t, dass ich mit dem Hofmeister Datames befreundet bin!�</p><p>�Ich bitte dich, Allerehrenwertester � Bitte, tritt ein. Nat�rlich misstraue ich nicht deinem Wort. Ich muss nur die Tr�ger rufen lassen. Sie weilen nicht im Haus.� Er deutete auf eine weite Nische nahe der T�r, wo farbenfrohe Teppiche und Seidenkissen zum Verweilen einluden. Ein kleiner Brunnen spendete K�hle an diesem stickigen Tag. Die Wand schm�ckte ein Relief, das Gabenbringer zeigte, die vor dem unsterblichen Aaron niederknieten. Ein nicht sehr dezenter Hinweis darauf, dass der Besitzer des Palastes dem Unsterblichen nahestand. Abir schnaubte. Was wollte man von einem aufgestiegenen Sklaven schon erwarten? Datames liebte bunte Gew�nder. Er hatte goldenes Haar und keinen Bart, was ihm ein weibisches Aussehen verlieh. Vielleicht hatte man ihn kastriert? Bei solchen <emphasis>M�nnern</emphasis> kam es oft vor, dass der Bartwuchs aussetzte.</p><p>�Ich w�re erfreut, wenn du dich beeilen k�nntest. Wie war auch gleich dein Name?�</p><p>�Obalit, Ehrenwerter. Ich stehe diesem Haus in der Abwesenheit meines Herrn Datames vor.�</p><p>Abir lie� sich auf einem der Kissen nieder. �Sch�n, Obalit. Dann erfreue mich und beeile dich.�</p><p>Der Sklave presste die Lippen zusammen. Man konnte den Zorn in seinem Blick lesen. Wortlos eilte er davon.</p><p>�War das nicht ein wenig zu schroff?�, fragte Barnaba.</p><p>Er sah den jungen Priester �berrascht an. �Das ist P�bel. Wenn man etwas von ihnen will, dann sollte man sehr deutlich werden. Sein Herr ist nicht hier; er h�tte uns die S�nfte durchaus verweigern k�nnen. So wird er es nicht wagen.�</p><p>Der Junge kratzte sich seinen kurz geschorenen Kinnbart. Keine sehr priesterliche Geste. Das passte eher zu einem Schreiber, aber nicht zu einem Mann, der �ber Macht verf�gte. Das w�rde er ihm abgew�hnen m�ssen, dachte Abir, und lehnte sich in die Kissen zur�ck. Ein angenehmer Duft nach Vanille stieg aus dem Stoff auf. Datames wusste, wie man H�usern eine besondere Note verlieh.</p><p>Der Hohepriester sah sich in der Empfangshalle um. Die Szenen der Wandreliefs waren � einmal abgesehen von den Gabenbringern � mit Bedacht gew�hlt. Die Figuren gut bemalt und wohlgestaltet. Der kleine Hof, auf den man von der Halle aus blicken konnte, war gut gepflegt.</p><p>�Ich verstehe immer noch nicht ganz�, setzte Barnaba an, aber Abir schnitt ihm das Wort ab und winkte den Jungen dicht an sich heran. �Hier k�nnten die W�nde Ohren haben�, fl�sterte er �rgerlich. �Rede niemals �ber wichtige Dinge in einem fremden Haus! Und verstumme jetzt gef�lligst nicht, sondern lenke das Gespr�ch auf etwas Unverf�ngliches!�</p><p>�Ich habe mir heute Morgen diese Meuchlerin angesehen. Die Leiche. Sie ist unheimlich. Sie verwest nicht. Sie � Sie sieht immer noch gut aus.�</p><p>Abir schloss kurz die Augen. Dieses Thema war auch nicht die beste Wahl. Aber es w�rde sich nicht verhindern lassen, dass schon bald in der Stadt Geschichten �ber die Meuchlerin die Runde machen w�rden. Also konnten sie ebenso gut jetzt dar�ber reden. �Was wei�t du �ber Elfen, Junge?�</p><p>�Sie sind durch und durch b�se. Sie sind verflucht alle miteinander. Sie wurden erschaffen, um uns ins Ungl�ck zu st�rzen. Aber manchmal, sehr selten, kann man sie �berlisten und reich und gl�cklich werden.�</p><p>Der Hohepriester lachte leise. �Ist es das, wovon du nachts tr�umst, Barnaba? Eine Elfe zu besitzen, sie zu �berlisten und ungeahnte Freuden zu erleben? Ich bin einmal einer begegnet, das war vor mehr als zwanzig Jahren. Sie hatte sich in einen Satrapenpalast eingeschlichen. In den Harem! Und eines Nachts hat sie dem verliebten Trottel das Herz herausgerissen.� Er schm�ckte die Geschichte aus, um Barnaba von seinen t�richten Schw�rmereien abzubringen. �Ich habe den Satrapen gesehen. Er l�chelte noch immer, selbst im Tod. Er lag auf seinem Bett und hielt sein eigenes Herz in den H�nden. Das vergisst man nicht, Junge! Die Elfe konnte gefasst werden. Sie hat neun Palastwachen get�tet, bevor sie �berw�ltigt wurde. Man hat sie in Eisen geschlagen, denn das Eisen unserer Welt bekommt Elfen nicht gut. Sie wurde in den Tempel gebracht. Heilige Orte schw�chen sie! Dort wurde sie verh�rt. Neun Tage lang. Ich war Zeuge. Meine Aufgabe war es, einen Bericht �ber die Befragung f�r das Tempelarchiv zu schreiben. Sie haben etwas �beraus Aufreizendes an sich, diese Elfenweiber, obwohl sie so d�rr sind, als h�tten sie ihr Leben lang Hunger gelitten. Ich kann dir gar nicht sagen, wie oft ich ein Bad in kaltem Wasser nehmen musste, um das Feuer zu l�schen, das sie in mir entfachte � und so ging es allen M�nnern, die an der Befragung teilnahmen. Selbst Greisen!�</p><p>�Und was geschah mit ihr?�, fragte Barnaba mit gro�en Augen.</p><p>Neugierig wie ein Kind, dachte Abir. Vielleicht hatte er den Jungen �bersch�tzt. �Was soll geschehen sein? Sie hat uns verh�hnt. Wir versuchten von ihr mehr �ber ihre Welt zu erfahren, und warum die Kinder der Daimonen immer wieder hierherkommen und uns heimsuchen. Das Einzige, was sie verraten hat, war, dass sie in unserer Welt das B�se sehen. Es sei eine Strafe, hierher verbannt zu werden. Nat�rlich haben wir ihr das nicht geglaubt. Sie war auf einer Mission, ebenso wie die Meuchlerin, die man dem unsterblichen Aaron geschickt hat.� Abir schnaubte und �rgerte sich noch immer, wenn er an die fruchtlose Befragung der Elfe dachte. �Wir haben alles getan, um sie dazu zu bringen, noch mehr zu sagen. Wir haben ihr die Ohren abgeschnitten und die Nase. Sie wurde gepr�gelt, bis sie Blut pisste. Aber das hat nicht geholfen. Zuletzt haben wir sie mit Lampen�l �bergossen und dort, wo sie an die Mauer gekettet war, verbrannt. Es hat lange gedauert, bis sie tot war.� Abir sch�ttelte sich. Er hatte die Schreie und die Fl�che der Elfe nie vergessen. Auch ihn hatte sie verflucht. Aber im Tempel hatte sie keine Macht gehabt, da war er sich sicher. Sonst w�re er wohl kaum so alt geworden und zum Hohepriester aufgestiegen!</p><p>�Und was habt ihr dann getan?�</p><p>�Was wohl? Ihre Asche in den Fluss gestreut und all ihre Besitzt�mer im Meer versenkt.�</p><p>�Und der Satrap hat sich um ihretwillen das Herz herausgerissen? �</p><p>�Sie sind b�se, diese Elfen, und auch alle anderen Kreaturen, die von den Drachen hierhergesandt werden. Sie wollen uns �bles. Du kennst die Geschichte von I�ta und der Gefl�gelten Schlange? Seit jenen Tagen kann es keinen Frieden mehr geben zwischen Menschen und Daimonenkindern!�</p><p>�Ich habe einmal einen Mann getroffen, der einem Weib aus der Anderswelt begegnet ist.� Barnaba hatte seine Stimme zu einem verschw�rerischen Fl�stern gesenkt.</p><p>�Die Welt ist voller Aufschneider und Narren�, entgegnete Abir gelangweilt. In seinem Leben war er schon Dutzenden M�nnern und Frauen gegen�bergestanden, die behaupteten, Daimonenkindern begegnet zu sein. Eine seiner Pflichten als Priester war es, gewissenhaft daf�r zu sorgen, dass jeder dieser Geschichten nachgegangen wurde. Au�er der Elfe im Kerker war er aber nie einem Daimonenkind begegnet. Zum Gl�ck!</p><p>�Der Mann hat nicht gelogen! Er war ein Steuermann aus der Zinnflotte des unsterblichen Aaron. Er hat mir seine Geschichte erz�hlt, als ich noch ein Kind war. Es ereignete sich auf der Heimreise von der Zinnk�ste, an einem hei�en Sommertag. Seine Galeere war leckgeschlagen, und sie mussten sie an einer fremden K�ste auf den Strand ziehen, um den Rumpf wieder abzudichten. Es war eine felsige K�ste, und er stieg in die Berge hinauf, um nach einer Quelle zu suchen, um den Wasservorrat an Bord zu erneuern. Und da traf er sie � Genau wie die Elfe, deren K�rper nicht verfallen will, war es eine Frau, zu sch�n, um von dieser Welt zu sein. Ihr Gesang hatte ihn angelockt. Sie sa� an einem kristallklaren Teich. Ganz in sich versunken k�mmte sie ihr langes goldenes Haar. So wie er es erz�hlte, schien sie nicht �berrascht zu sein, ihm zu begegnen. Im Gegenteil, sie begl�ckw�nschte ihn, weil er am einzigen Tag des Jahres den Weg zu ihr gefunden habe, an dem sie f�r Menschen sichtbar sei. Sie behauptete, eine verbannte Xana zu sein. Eine Wassernymphe aus der anderen Welt. Und sie lud ihn ein, einen Faden von einer Spindel abzurollen. Wenn ihm dies gel�nge, ohne den Faden zu zerrei�en, w�rde sie die Seine sein, und ein Schatz, den er deutlich am Grund des Teichs sehen konnte, sollte ihm geh�ren.�</p><p>Abir nickte gelangweilt. Ein Leben lang war er solchen Geschichten im Kampf gegen die Daimonenkinder nachgejagt. Immer wieder war er entt�uscht worden und nur auf Lug und Trug gesto�en. Die Elfen gab es tats�chlich. Sie hatten sich gegen die Devanthar und die Herrschaft der Unsterblichen verschworen. Aber all die anderen Geschichten � Sie verliefen und endeten immer gleich. Er beschloss, Barnabas M�rchenstunde abzuk�rzen. �Und, wie geht es weiter? Wie hat sie ihn betrogen?�</p><p>�Gar nicht! Er wagte es nicht, den Faden abzuspulen. Er hat mir erz�hlt, er sei so fein wie aus Mondlicht gesponnen gewesen. Den ganzen Mittag ist er bei der Xana geblieben. Sie hat f�r ihn gesungen, ja, er hat bei ihr gelegen, das Haupt auf ihren Scho� gebettet. Als er am Abend zu seinem Schiff zur�ckmusste, begl�ckw�nschte sie ihn, ein Mann von reiner Seele und ohne Gier im Herzen zu sein. Und sie weinte. Dann prophezeite sie ihm, am letzten Tag seines Lebens, in siebzehn Jahren, werde er auf M�nner treffen, die das genaue Gegenteil von ihm seien. Gierig und seelenlos. Sie sagte, er werde an einem windstillen Sp�tsommertag auf offener See ertrinken und dass sie einander an diesem Tag wiedersehen w�rden.�</p><p>Abir l�chelte. �Ja, ja. Romantisches Seemannsgarn.�</p><p>�Er ist kein L�gner�, emp�rte sich Barnaba. �Er genie�t das Vertrauen des Unsterblichen! Heute ist er Befehlshaber einer der Zinnflotten des K�nigreiches und mehr als tausend Ruderer und Seeleute stehen unter seinem Kommando. In jedem Jahr, wenn er von der Zinnk�ste zur�ckkehrt, l�sst er die Flotte dort ankern, wo er die Xana traf. Soweit ich wei�, hat er sie nie wiedergesehen. Und er hat nie ein Weib genommen.�</p><p>�Er sollte sich h�ten, eine Verbindung mit einem Daimonenkind einzugehen. Wie ist sein Name?�</p><p>Barnaba wirkte ver�rgert. �Er ist ein treuer Diener Arams. Er hat sich nie etwas zuschulden kommen lassen!�</p><p>�Das sage ich ja nicht. Aber du wei�t, es ist meine Pflicht, solchen Dingen nachzugehen. Selbst wenn sie nicht auf dem Reichsgebiet Arams geschehen. Ich habe gute Verbindungen zu den Priesterschaften Luwiens und Valesias. Im Kampf gegen die Daimonenkinder unterst�tzen wir einander, ganz gleich, wie unsere Herrscher zueinander stehen.�</p><p>�Das Ganze ist doch harmlos�, sagte Barnaba nun merklich kleinlauter. �Es ist nichts geschehen.�</p><p>�Diese Xana hat den Tod eines Flottenbefehlshabers Arams vorhergesagt. Es w�rde ganz dem Charakter von Daimonenkindern entsprechen, wenn sie Hand anlegen w�rde, um ihre Weissagung wahr werden zu lassen. Und nichts ist geschehen, sagst du?� Er l�chelte zynisch. �In der Tat, so kann man das auch sehen. Ein herausragender Diener des Reiches hat sich nie ein Weib genommen und eine eigene Familie begr�ndet, weil ihm diese Hexe den Kopf verdreht hat. Ich bin sicher, ohne diese Begegnung w�re er ein gl�cklicherer Mann geworden.�</p><p>�Das wird man wohl nie wissen ��</p><p>Abir schnaubte. �So ist es mit den Daimonenkindern. Sie s�en Zweifel in unsere Herzen. Sie verf�hren uns. Sie �� Der Hohepriester verstummte abrupt. Der Haussklave stand pl�tzlich neben ihnen. Wie eine Katze hatte er sich angeschlichen!</p><p>�Die S�nfte ist nun bereit, Erhabener.�</p><p>Abir streckte Barnaba die Hand entgegen, damit dieser ihm aufhalf. Es war ein Fluch mit dem �lterwerden! Was nutzten Weisheit und Macht, wenn sie in einem Leib behaust waren, der nur noch wenig mehr als eine Ruine war.</p><p>�Ich werde mich an dich erinnern, Obalit�, sagte er vieldeutig zu dem Sklaven, als er durch die Haust�r trat. Kleine Geh�ssigkeiten wie diese waren ihm das Salz des Lebens geworden.</p><p>Die S�nftentr�ger sahen ordentlich aus. Die S�nfte selbst war von schlichter Eleganz wie alles, was sich im Besitz dieses Empork�mmlings Datames befand. Das Gestell war aus dunklem Holz. Vorh�nge aus durchscheinendem Stoff verbargen die Insassen der S�nfte vor den Blicken Neugieriger, ohne sie in stickiger Hitze umkommen zu lassen.</p><p>Barnaba musste ihm beim Einsteigen behilflich sein. Der junge Priester war erstaunlich geschickt in diesen Dingen. Er schaffte es, behilflich zu sein, ohne einem das Gef�hl zu vermitteln, ein greiser Tollpatsch geworden zu sein. Nur an der Gesinnung des Jungen musste sich noch etwas tun. Dass er diese Geschichte f�r harmlos gehalten hatte � Abir sch�ttelte den Kopf. Er brauchte die Hilfe des Jungen nicht, um herauszufinden, wer der Mann war, der sich mit dieser � wie hie� sie auch gleich? Sana? Jedenfalls w�rde er den Kerl aufsp�ren und verh�ren! Es gab nur drei Zinnflotten.</p><p>Die Kissen der S�nfte waren angenehm weich, Vorh�nge und Holz mit erfrischendem Zitrusduft durchtr�nkt. Das sollte wohl den Gestank der Gosse fernhalten.</p><p>Die Tr�ger wuchteten die schwere S�nfte mit einem Ruck auf ihre Schultern. �Zum Tempel der Einigkeit!�, rief Abir und sah dem Jungen seine Neugier an. Erfreulicherweise war Barnaba beherrscht genug, keine Fragen zu stellen. �Ist dir inzwischen klar, warum wir diese S�nfte benutzen und keine des Tempels?�</p><p>�Ich sch�tze, weil du verschleiern m�chtest, dass wir uns mit gewissen Personen getroffen haben. Aber ist es nicht leichtfertig, ausgerechnet diese S�nfte zu nehmen? Datames steht dem unsterblichen Aaron sehr nahe � Ist da die Gefahr nicht zu gro�, dass der Unsterbliche erfahren wird ��</p><p>�Unsinn! Datames sitzt im Palast zu Ak�u. Bis der erf�hrt, dass wir uns seine S�nfte geliehen haben, werden sich einige Dinge grunds�tzlich ge�ndert haben.�</p><p>Derweil war die S�nfte in das Gedr�nge auf den Stra�en der Inneren Stadt eingetaucht. Eine Lastkarawane auf dem Weg zur Goldenen Pforte zog an ihnen vor�ber. Aufseher feuerten ihre ersch�pften Tr�ger an, noch eine letzte Meile durchzuhalten.</p><p>Abir versuchte sich vorzustellen, wie es war, mit einem Sack voller Getreide auf der Schulter die unz�hligen Treppen des Stadtberges zu erklimmen. Allein beim Gedanken daran brach ihm der Schwei� aus und er wandte sich lieber wieder seinem Gegen�ber zu. �Wei�t du, Junge, die schwierigste Aufgabe von uns Priestern besteht darin, unseren Herrschern auf den rechten Weg zur�ckzuhelfen, wenn sie fehlen. Seit Jahren versuche ich Aaron davon zu �berzeugen, dass die Verwaltung des Reiches anders organisiert sein sollte. Sie ist zu unzuverl�ssig! All diese Satrapen, die in Familienbande verstrickt sind, die sich untereinander nicht ausstehen k�nnen und befehden. Ich m�chte gar nicht wissen, was f�r Summen an Abgaben f�r den Unsterblichen in diesem Sumpf verlorengehen! Der Tempel aber hat auch im kleinsten Dorf Diener. Es gibt keine nennenswerten Machtk�mpfe, keine Korruption. Wenn die Verwaltung des Reiches, oder zumindest die Eintreibung der Abgaben, dem Tempel �bertragen w�rde, dann w�rde Aram aufbl�hen � das verspreche ich dir, Barnaba.�</p><p>Der Junge nickte. �Aber warum widersetzt er sich solchen �nderungen? Sie w�rden dem Reich doch gro�en Nutzen bringen! Sind es vielleicht die Satrapen, die ihren Einfluss nutzen, um ��</p><p>�Verdammte Satrapen, Junge! Nat�rlich nutzen sie ihren Einfluss. Sie schrecken nicht einmal davor zur�ck, Priester ermorden zu lassen. Dabei sind sie die Schwachstelle des Reiches! Sie sind es, bei denen sich die Daimonenkinder einschleichen. So wie damals �� Er dachte an die Elfe im Kerker. Er w�rde zu gerne noch einmal eine solche Kreatur in seine Gewalt bekommen! Schade, dass die Meuchlerin tot war. Einen Moment lang gab er sich der Erinnerung an jene Gef�hle hin, die die Elfe damals in ihm geweckt hatte. Deren Glut er mit kalten B�dern hatte l�schen m�ssen. Jene Weiber, die er ab und an bestellte, um die Last seines Amtes f�r einige Stunden vergessen zu k�nnen, mussten stets all ihre Kunstfertigkeit aufbieten und erreichten selbst dann oft nur ein halb so befriedigendes Ergebnis wie jenes, das er damals wieder und wieder im Zuber ertr�nkt hatte. Aber nein, dachte er und verwarf den Gedanken. Es war m��ig, sich derlei Tagtr�umen hinzugeben. Er sollte sich lieber des Jungen annehmen. Barnaba hatte noch viel zu lernen! �Es bereitet mir Sorge, dass sich die Daimonenkinder nun schon bis nach Nangog wagen. Noch nie haben sie uns hier angegriffen. Sie wagen immer mehr! Der Versuch, einen Unsterblichen zu ermorden � Auch so etwas hat es fr�her noch nicht gegeben und �� Abir z�gerte. Durfte er dem Jungen seine geheimsten �ngste enth�llen? Barnaba wich fast nie von seiner Seite. Und sein Vater war ein vertrauensw�rdiger Mann. Manchmal war der Junge �berraschend weise. Wie er wohl urteilen w�rde?</p><p>�Wei�t du, was ich bef�rchte?� Abirs Stimme war zu einem Fl�stern gesunken, das vom L�rm der Stra�e fast verschluckt wurde. Barnaba beugte sich zu ihm vor, um keines seiner Worte zu verpassen. �Du hast doch auch bemerkt, wie sehr der Unsterbliche sich ver�ndert hat, Junge?�</p><p>Der junge Priester nickte.</p><p>�Ein richtiger Held ist er geworden. Ein Herrscher der Herzen.� Und das war die Aufgabe von Priestern, dachte Abir erz�rnt. �Pl�tzlich ist er in jeder Hinsicht vorbildlich! Ich glaube �� Er machte eine kurze Pause, damit die n�chsten Worte noch st�rker auf den Jungen wirkten. �Ich glaube, der Aaron, den wir kennen, ist tot.�</p><p>Barnaba riss die Augen auf, starrte ihn entsetzt an und sch�ttelte dann energisch den Kopf. �Aber der Devanthar hat ihn doch � Nein, das kann nicht sein.�</p><p>�Vergiss nicht, Junge � die sch�rfste Waffe der Elfen ist die Heimt�cke. Ich sage dir, dieser Angriff, das war eine wohldurchdachte T�uschung. Es ging nicht darum, Aaron zu t�ten. Der Unsterbliche ist besessen vom Geist einer Elfe! Sie musste ihn ber�hren, damit dieser heimt�ckische Zauber seine Wirkung entfalten konnte.�</p><p>Barnaba kicherte. �Ich bitte dich � Auch du wei�t, dass er nach dem Himmelssturz erst einmal in seinen Harem gegangen ist. Aaron ist ganz bestimmt nicht vom Geist eines Weibes besessen.�</p><p>Ungehalten stie� Abir dem Jungen mit seinem Stab vor die Brust. �Dummkopf! Benutze deinen Kopf! Ich sagte dir doch, Elfen sind die Meister der T�uschung. Was w�re kl�ger, als zuallererst in den Harem zu laufen? Wer denkt wie du, der wird allen Argwohn verlieren. Nach dieser ersten Nacht ist sein Interesse am Harem merklich abgek�hlt. In den letzten vier N�chten ist er gar nicht mehr dort gewesen! Ist das nicht verd�chtig f�r einen Mann, dessen gr��te Best�ndigkeit in der T�ndelei mit Weibern lag?�</p><p>�Aber h�tte der L�wenh�uptige nicht bemerken m�ssen ��</p><p>�Auch G�tter k�nnen fehlen, Junge. Die Elfen sind die reine Essenz des B�sen! Ihre Durchtriebenheit kennt keine Grenzen! Vielleicht haben sie den L�wenh�uptigen durch irgendeinen Blendzauber get�uscht? Bestimmt wissen sie auch, dass ich einst bei der Befragung einer Elfe zugegen war. Sie wissen, dass ich es merken w�rde, wenn einer ihrer Brut in meine N�he k�me! Sie verstr�men einen Wohlgeruch � Ganz anders als wir Menschen. Wenn man das einmal gerochen hat, vergisst man es nie wieder. Ich sage dir, ich k�nnte ein beliebiges Haus betreten und w�sste sofort, ob dort ein Elf in den letzten Tagen seinen Fu� �ber die Schwelle gesetzt hat. Deshalb ja die Sache mit der Besessenheit � einen Elfen im Leib eines Menschen kann man nat�rlich nicht am Geruch erkennen!�</p><p>Nun sah der Junge ihn an, als f�rchte er um seinen Verstand. Abir war klar, wie verworren das alles klingen musste, und dass der Junge ihm und seinem Urteilsverm�gen nicht traute, �rgerte ihn. Trotzdem entschloss er sich, einzulenken. �Vielleicht hast du recht, Junge, und Aaron ist durch dieses schreckliche Erlebnis auch nur ein noch gr��erer Narr geworden, als er es schon zuvor war.�</p><p>�Aber wie er Juba gerettet hat oder ganz allein das Wolkenschiff der Ischkuzaia enterte. Das war doch gro�artig! Es sind die Taten eines Helden! Die Mannschaft des Palastschiffes liebt ihn daf�r. Die Stimmung an Bord ist merklich umgeschlagen. Es war ��</p><p>�Hat er dich auch schon eingewickelt, J�ngelchen? Es ist nicht die Aufgabe eines Unsterblichen, sich bei seinen Untertanen anzubiedern. Er ist ein Gott unter Menschen. Er hat so etwas nicht n�tig!�</p><p>Die S�nfte hatte angehalten und durch den zarten Stoff der Vorh�nge konnte Abir die breiten Marmorstufen des Tempels der Einheit sehen. �Es geh�rt zu unserer Verantwortung als Priester, jeden Zweifel auszur�umen. Deshalb werden wir nun daf�r sorgen, dass die Kunde �ber den Frevel, den Aaron an den Helden der Vergangenheit begehen will, beim rechten Mann Geh�r findet. Es hei�t, Kurunta, der H�ter der Goldenen Gew�lbe, der Schatzmeister Luwiens, k�me jeden Tag zum Gebet in den Tempel der Einigkeit. Wir sollten mit ihm zusammen beten. Vielleicht werden wir so erreichen, dass ein anderer Devanthar einen Blick auf Aaron wirft.�</p><p>�Und wenn er nicht besessen ist?�</p><p>�Dann wird ihn diese Narretei, der Elfe ein Grab im Himmel verschaffen zu wollen, dennoch in unsere H�nde spielen. Warum sollten wir unsere Zukunft dem Schicksal �berlassen, wenn wir Gelegenheit haben, sie selbst zu formen? In den n�chsten Tagen werde ich Priester durch das Goldene Tor nach Ak�u senden, die eine Ver�nderung der Verwaltung im Palast vorbereiten. Die Entmachtung der Satrapen und anderer G�nstlinge und Schmarotzer. Dabei kommt dir eine entscheidende Rolle zu, Barnaba. Du wirst daf�r sorgen, dass Aaron noch tiefer st�rzt und er gar keine andere Wahl mehr hat, als dem Begehren des Tempels nachzugeben. Und jetzt h�r gut zu, mein Junge, denn nun erkl�re ich dir, was du zu tun hast.� Abir l�chelte den Jungen an und ignorierte den Zweifel in dessen Blick. Barnaba vertraute ihm und w�rde im rechten Augenblick wissen, dass seine Schw�rmerei f�r Aaron den Helden nichts wog im Vergleich zu seinem Stand und den Anweisungen seines v�terlichen Freundes Abir. Sein Plan war gut � und er w�rde gelingen.</p></section><section><title><p>�ber den Krieg der Drachen</p></title><p>�1. Daia ist in ihrer Gesamtheit in sieben Teile gegliedert. Diese alle sind nach Sprache, Einrichtungen und Gebr�uchen voneinander verschieden. Gemein ist ihnen nur, dass jedes dieser Reiche von einem Unsterblichen regiert wird, einem Menschen, den die Devanthar wegen seiner Begabungen erw�hlten und ihm das ewige Leben schenkten.</p><p>Von allen Bewohnern der sieben Reiche sind jene auf den Schwimmenden Inseln die friedliebendsten. Sie haben nur wenig Umgang mit den �brigen V�lkern. Man erz�hlt sich unter den Menschenkindern, dass diese Inseln wie gro�e Fl��e auf dem Meer treiben und man keine von ihnen zweimal am selben Orte antreffen wird. Diese Einsch�tzung mag darauf beruhen, dass die Seefahrer der Menschenkinder das offene Meer f�rchten, denn sie haben noch nicht gelernt, sich vom Stand der Gestirne lenken zu lassen.</p><p>Das kriegerischste der sieben Reiche ist jenes, das Luwien genannt wird. Dort herrscht der unsterbliche Muwatta, dessen Schmiede entdeckt haben, wie das Eisen zu formen ist, was dem K�nigreiche zu gro�er Macht auf den Schlachtfeldern verhilft, k�mpfen seine Nachbarn doch noch mit Waffen aus Bronze, die gegen das Eisen nicht bestehen k�nnen. Die Luwier nennen ihr Reich das gro�e Haus und sie haben es in Kammern unterteilt, womit jedoch nicht Provinzen gemeint sind, sondern die verschiedenen St�nde, denen es bei Todesstrafe verboten ist, sich miteinander zu vermischen.</p><p>Die tapfersten der Menschenkinder sind ohne Zweifel jene, die dem Waldreich Drus entstammen. Sie lieben den Krieg und leben f�r ihn. Fast ohne R�stung, manchmal sogar ganz nackt, nur von ihren bunt bemalten Schilden gesch�tzt, st�rmen sie in die Schlacht, wo sie sich einen Gegner suchen, der ihnen an Mut und Tapferkeit gleichkommt. So sterben viele von ihnen an Schwerthieben in den R�cken, da sie an den Geringen unter ihren Feinden einfach vorbeilaufen. Obwohl auch sie einen Unsterblichen haben, ist ihr K�nigreich nicht nach strengen Gesetzen organisiert, wie etwa Luwien. Oft schlie�en sich Banden aus verschiedenen St�mmen zusammen, um Nachbarn zu �berfallen, Vieh zu stehlen und Schlachtenruhm zu sammeln, denn ein guter Name als Krieger wiegt in ihrem Reich schwerer als Gold. In seltsamem Gegensatz zu ihrer Kriegsliebe stehen die Rituale, die ein jeder, der Blut vergossen hat, vollziehen muss, wenn er in seine Heimat zur�ckkehrt. So wandern die Recken zun�chst zu den Heiligen Hainen in den Geisterw�ldern, um vor ihre Ahnen zu treten und die Geister jener, die sie im Felde erschlugen, um Verzeihung zu bitten. Erst danach ist es den Kriegern erlaubt, zu den Ihren zur�ckzukehren oder bei einer Frau zu liegen.</p><p>Der wohl weiseste Unsterbliche ist jener, der �ber das K�nigreich Aram herrscht. Und doch war es ausgerechnet an seinem Hofe, dass ein Sp�her der Albenkinder bis zu h�chsten W�rden aufstieg. Der Beherrscher aller Schwarzk�pfe, wie er von seinen Untertanen genannt wurde, tat sich auch durch seinen Mut auf dem Schlachtfeld hervor; so soll er einst, ganz allein nur durch das Feuer in seinem Blick und sein erhobenes G�tterschwert, eine ganze Piratenflotte dazu gezwungen haben, vor ihm die Segel zu streichen. So grundlegend war ihr Sinneswandel, dass aus M�rdern und Brandstiftern Priester und ehrenvolle Krieger in der Leibwache des Unsterblichen wurden.</p><p>Das geheimnisvollste der sieben Gro�reiche der Menschenkinder ist sicherlich jenes, das Zapote gehei�en wird. Fernab liegt es, von allen Seiten vom Meer umsp�lt und ohne Nachbarn, die seinen Einwohnern �bles wollen. Hier ist der Unsterbliche kein K�nig, wie in den anderen Reichen, sondern ein Priester und sein Thron steht im Gefiederten Haus, wo die Devanthar so h�ufig zu Gast weilen wie bei anderen Herrschern Provinzf�rsten. Wie Berge erheben sich ihre Tempel �ber die W�lder und es hei�t, sie w�rden noch tiefer als die tiefsten Wurzeln in den Weltengrund greifen. Nur wenige Reisende kommen in das Land Zapote und seine Bewohner geben ihre Geheimnisse nicht preis. So kennt man nur Ger�chte von einem Wurm oder einer Schlange tief unter den Tempeln. Eine Kreatur, g�ttergleich, der durch das Blut unz�hliger Opfer ewiges Leben geschenkt wird. Es hei�t, dass die bedeutendsten der Krieger aus den W�ldern vom Blute der Schlange trinken und von ihrem Fleische gespeist werden, und dass sie sich danach ver�ndern und mit der Macht des heiligen Jaguars k�mpfen.</p><p>Die wildesten unter den Menschenkindern aber sind die Steppenreiter Ischkuzas. Viele kleine K�nigreiche haben sie sich untertan gemacht, sie haben Sch�tze ohne Zahl erbeutet und doch kaum etwas davon mit sich genommen. F�r G�ter, die sich nicht aus eigener Kraft bewegen, hegen sie nur geringes Interesse. Sie sind der Freiheit verschrieben, unstete Wanderer auf den weiten Steppen. Selbst ihr Unsterblicher residiert nicht in einem Palast oder Tempel. Er regiert am Wandernden Hof und sein Thronsaal ist eine Jurte auf R�dern. Seine Sch�tze sind die Herden, die ihn begleiten, seine Weiber und Kinder. Da sie nie stillstehen, sind sie unbesiegbar f�r ihre Feinde, deren Heere sich in der Weite der Steppe verlieren.</p><p>Valesia ist vielleicht das schw�chste der sieben Reiche, wenngleich sein Kriegsmeister, Arcumenna von Truria, die Grenze nach Drus wohl beh�tet. Doch dem Unsterblichen von Valesia steht nicht der Sinn nach Kriegen und danach, seine Nachbarn durch m�chtige Heerscharen zu schrecken. Er hat sich ganz der Kunst und Sch�nheit verschrieben und wenn man betrachtet, was er zu erschaffen versuchte, so kann man nicht umhin, einzugestehen, dass auch den Menschenkindern die Gabe zu wahrer Gr��e geschenkt wurde. Sie offenbarte sich in Selinunt, der Wei�en, einer Stadt tief in den Bergen Valesias, die ganz und gar von Marmor und Gold erbaut wurde. Statt Eisenschwertern stellt der Gro�k�nig K�nstlern nach und �ffnet bereitwillig die Tore seiner Schatzkammern, um sie in allen sieben Reichen werben so lassen. Die k�hnsten Baumeister, die besten Bildhauer und Goldschmiede hatte er versammelt, auf dass Selinunt ein K�nigssitz werde, neben dem selbst die Pracht der Goldenen Stadt auf Nangog verblassen sollte. Ebendieses Selinunt sollte zu jenem Ort werden, an dem die Kinder Albenmarks unausl�schliche Schuld auf sich luden.</p><p>2. So verschieden all diese V�lker in ihrem Streben und Denken sind, f�gten sie sich doch alle, als die Devanthar ihnen durch die M�nder der Unsterblichen befahlen, Tausende Menschen nach Nangog zu schicken, um sich die Welt, die von alters her den Kindern der Alben und der Devanthar verboten war, untertan zu machen. Und so begann jener Krieg, der heute der erste Krieg der Drachen genannt wird und in dem die V�lker Albenmarks und Daias so unendliches Leid erfahren sollten.� 
</p><cite><text-author><emphasis>�ber den Krieg der Drachen</emphasis>, Buch I, Seite I, ff. verfasst von: Talawain, Meister der Blauen Halle, verwahrt in der Bibliothek von Iskendria, im Saal des Lichtes, in einer Amphore vergraben an einem Ort, der nur Galawayn, dem H�ter der Geheimnisse, bekannt ist</text-author></cite></section><section><title><p>Vorbereitung</p></title><p>ER folgte den drei wandernden Kolossen schon eine Weile. Drei dunkle Schemen mitten im Wei�, kaum eine halbe Meile entfernt. Der gr��te von ihnen bildete den Abschluss der kleinen Gruppe. Er war der Bulle. Der Vater. Er wusste, dass ER hier war. Und er ahnte, dass seiner Familie Gefahr drohte.</p><p>Die drei Mammuts verfielen in einen leichten Trott. IHN konnten sie so nicht absch�tteln. ER l�chelte �ber diesen verzweifelten Versuch, IHM zu entkommen, und stapfte unerm�dlich weiter durch den Schnee. ER hatte die drei ausgew�hlt, weil sie die vollkommenen Opfer waren. Mondelang hatte ER dar�ber gebr�tet, wie es gelingen mochte, was zu tun SEINE Pflicht war.</p><p>Der Bulle hatte pl�tzlich genug. Er drehte sich IHM zu und kehrte seiner Familie damit den R�cken. Das Mammut ahnte nicht, in welcher Gefahr sie schwebten. Es sah in IHM nur einen Elfen. Zornig hob es den R�ssel und trompetete seine Wut heraus. Die kleinen schwarzen Augen funkelten. Wild entschlossen st�rmte das Mammut IHM entgegen. Schnee spritzte unter seinen gewaltigen F��en auf. Es hatte die gebogenen Sto�z�hne drohend gesenkt. In der ganzen Snaiwamark gab es keinen Gegner, den ein ausgewachsener Mammutbulle zu f�rchten hatte. Selbst die Trolle rotteten sich zu Rudeln zusammen, wenn sie Jagd auf solch einen Bullen machten.</p><p>ER aber war allein. ER l�chelte dem anst�rmenden Fleischberg entgegen. Einen Augenblick lang war er versucht, SEINE Gestalt zu wandeln. SEIN wahres �u�eres anzunehmen.</p><p>Das Mammut war nun weniger als zwanzig Schritt entfernt und der gefrorene Boden erzitterte unter seinem Gewicht.</p><p>Gebieterisch hob ER den Arm, griff im Geiste nach der Magie und schleuderte dem Mammut nichts als ein einzelnes Wort entgegen. ER sp�rte, wie sich das Gewebe des Weltenzaubers rings herum ver�nderte. Wie die F�den der Macht zu einem B�ndel gesammelt wurden, das den Bullen traf und mitten im Lauf verharren lie�. ER hatte die Lebenskraft des Mammuts in den gefrorenen Boden abgeleitet. Nicht zu viel nat�rlich. Es sollte nicht sterben. Es sollte stehen und sehen!</p><p>Das Mammut vermochte keinen einzigen Muskel mehr zu bewegen. Jede bewusste Bewegung war ihm unm�glich. Nur sein Herz schlug noch. Seine Lungen f�llten sich mit Luft und gaben sie wieder frei. All jene Dinge, die sein K�rper unbewusst tat, waren von dem Zauber unber�hrt geblieben. Doch alles, wozu man Willen aufbringen musste, war dem gro�en Bullen unm�glich geworden. Dabei war sein Wille keineswegs gel�hmt. ER konnte den starren dunklen Augen des Tiers ansehen, dass es sich seiner Hilflosigkeit v�llig bewusst war. Wie klar so eine Kreatur wohl zu denken vermochte? Das war nebens�chlich, rief ER sich zur Ordnung.</p><p>ER sprach ein weiteres Wort der Macht und zwang die Kuh und das Junge zu sich. Gem�chlich trotteten die beiden zu IHM her�ber und ER konnte ihre Angst riechen. Sobald ER sie aus SEINEM Bann entlie�e, w�rden sie in blinder Panik davonstieben.</p><p>ER ber�hrte die Kuh. Ihr dichtes braunes Fell war von Eis verkrustet. Sie gab einen j�mmerlichen Laut von sich, fast wie ein Wimmern.</p><p>So viel Fleisch, dachte ER, und sammelte SEINE Kraft. ER w�rde alles Unwesentliche l�sen und wieder eins mit den Elementen werden lassen.</p><p>Das Wort, das ER rief, f�hlte sich fremd an auf SEINER Zunge. Ebenso wie die Kr�fte, nach denen ER nun griff. ER hatte die Magie der Devanthar studiert. Die Silberschale. Die Kr�fte, die sie in Nangog und Daia nutzen. Diese Zauber waren erschreckend fremd. Ganz anders als jede Magie, die in Albenmark gewoben wurde. ER zog einen Teil SEINER Macht aus der Lebenskraft der Kuh. Sie stie� erneut diesen erb�rmlichen klagenden Laut aus. Zauberweber, die ihr Ziel weniger klar vor Augen gehabt h�tten, h�tten sich davon vielleicht das Herz erweichen lassen. ER aber versetzte ihr einen Schlag mit der flachen Hand und entfesselte die geballte Kraft. Nebel schien sie einzuh�llen. Aber er war nicht wei�. Schmutzig-rote Dunstschlieren umspielten die Kuh. Sie zitterte am ganzen Leib. ER vermochte ihre Schmerzen nur zu ahnen. Sie l�ste sich auf. In die kleinstm�glichen Bestandteile. Feiner als jener Staub, den man an einem hellen Tag im Sonnenlicht tanzen sah. Alles Unwesentliche fiel von ihr ab. Fast alle Materie wogte davon �ber die vereiste Ein�de. Das Wasser ihres Leibes verwandelte sich in Eiskristalle. Schwefel, Eisen, Kalk. All das kehrte zur�ck zu seinem Ursprung. Fuhr tief in die Erde hinab.</p><p>Der wimmernde Laut war l�ngst verstummt. Als die letzten Schlieren von einer sanften Brise davongetragen wurden, war fast nichts geblieben. Das Fell des Bullen und des Kalbs waren mit feinem Raureif �berzogen. Ein Stein, so klein, dass ER ihn in SEINER Hand verbergen k�nnte, lag im zerw�hlten Schnee.</p><p>Neugierig b�ckte sich der Zauberweber. ER war �berrascht, wie leicht der Stein in SEINER Hand wog. Keine magische Aura umgab ihn. Er sah aus wie ein gew�hnlicher graubrauner Felssplitter. Und doch wohnte in ihm gro�e Macht. Die Essenz der Mammutkuh war in ihm gebunden. Alles, was sie ausgemacht hatte � ihre Lebenskraft, ihre Seele. All das war befreit vom beliebigen fleischlichen Beiwerk. Sie war in diesen Stein gebannt. Herausgerissen aus dem Zyklus von Tod und Wiedergeburt. Sie war ganz SEIN. Oder verloren f�r alle Zeit, wenn ER den Stein fortwarf. Niemand w�rde ihn wiederfinden k�nnen. Wenn man nicht um sein Geheimnis wusste, dann unterschied er sich in nichts von unz�hligen anderen Felssplittern.</p><p>ER ballte seine Faust um den Stein und war unschl�ssig, was ER damit tun sollte. Ihn behalten und erforschen? Versuchen, sich seine Macht zu erschlie�en?</p><p>ER sah zu dem Bullen und war �berrascht, wie viel Gef�hl sich in den Augen eines Tieres spiegeln konnte. Trauer und ma�loser Zorn. Sollte ER den Mammutbullen aus seinem Bann entlassen, der Koloss w�rde IHN in den Boden stampfen. Zermalmen.</p><p>In den Augen des Kalbs sah ER nichts als blanke Angst.</p><p>�Kann ein Tier lieben?� ER trat jetzt dicht vor den Bullen hin und sp�rte seinen warmen Atem im Gesicht. �Sie ist f�r eine gro�e Sache gegangen, wei�t du? Auf ihre Art hat sie geholfen, unsere Welt zu retten.� ER zwang den Bullen, vor IHM niederzuknien.</p><p>Das Mammut k�mpfte gegen SEINEN Willen an. Die gro�en Augen waren so weit aufgerissen, dass man einen von blutigen Adern durchzogenen wei�en Kranz rings um die Iris sehen konnte.</p><p>�Poeten haben sich den blumigen Satz ausgedacht, dass man seine Geliebte stets im Herzen tr�gt.� ER hatte das Mammut nun ganz auf den Boden gezwungen. ER befahl ihm, sich auf die Seite zu legen. Dabei strich ER �ber die hohe Stirn des Tieres. Deutlich sp�rte er den starken Sch�delknochen. ER schloss die Augen. Konzentrierte sich auf das warme Fleisch unter dem Fell. Auf das Blut, das in den d�nnen Adern pulsierte. Auf den Knochen. Sah die wabenartige Struktur mit der glatten Kalkoberfl�che vor sich und sp�rte die H�hlung unter der Stirn. Gutartige Knochentumore wucherten dort. Die H�hlung war gro� genug.</p><p>ER konzentrierte sich und ber�hrte die Stirn ganz leicht mit den Fingern. Fell, Haut und Fleisch wichen vor der Ber�hrung zur�ck. Selbst der Knochen �ffnete sich unter seiner Hand. ER legte den kleinen Stein, die Essenz des Lebens der Mammutkuh, in die Stirnh�hle. SEINE Gedanken lie�en die Knochentumore wachsen. Wie ein Schmuckst�ck fassten sie den Stein ein und hielten ihn an seinem Ort.</p><p>Langsam zog ER die Hand zur�ck. Knochen, Fleisch, Haut und Fell kehrten an ihren Platz zur�ck. Nicht ein Tropfen Blut war geflossen.</p><p>�Ich f�rchte, sie wird dir f�r den Rest deines Lebens nicht mehr aus dem Kopf gehen�, sagte ER mit einem s�ffisanten L�cheln.</p><p>Dann trat ER von dem Bullen zur�ck und betrachtete SEIN Werk mit etwas Abstand. Der Eingriff hatte keinerlei Spuren hinterlassen. Jetzt kam es noch darauf an, wie sehr sich das magische Gef�ge ver�ndert hatte. ER atmete langsam aus, lie� alle Anspannung von sich flie�en und �ffnete SEIN Verborgenes Auge. Es war gelungen! Die magische Aura des Bullen war zwar leicht gest�rt, w�rde sich aber wieder f�gen. Der Stein aber blieb SEINEM Blick verborgen.</p><p>Dort, wo die Mammutkuh gestorben war, war die Symmetrie im Fluss der magischen Kr�fte stark ver�ndert. Selbst ein Sch�ler, der zum ersten Mal sein Verborgenes Auge �ffnete, h�tte die Ver�nderung bemerkt. Auch das war ganz in SEINEM Sinne.</p><p>�beraus zufrieden zog ER sich von den beiden Tieren zur�ck.</p></section><section><title><p>Bei den Flamingos</p></title><p>Mit der D�mmerung sank wei�er Nebel aus den W�ldern um den See und es wurde stiller �ber dem dunklen Wasser. Lyvianne lie� den Blick �ber die verwunschene Landschaft gleiten. Tausende Flamingos standen im seichten Wasser bei den Sandb�nken. Wei� und rosa, auf langen Stelzenbeinen. Ihr Geschnatter erstarb. Mit dem Nebel und der D�mmerung senkte sich Frieden �ber die Vogelkolonie. Es war ein guter Ort zum Sterben.</p><p>Die Elfe dr�ckte den kleinen Jungen an ihre Brust. Achtzehn Monde hatte sie sich ihm geschenkt. Achtzehn Monde voller Freude und Hoffnung. Und Sorge. Nur ein einziges Mal hatte sie ihn in dieser Zeit verlassen, als ihr Meister sie zu sich rief. Sie war schweren Herzens gegangen, hatte von der Welt abgeschieden sein wollen. Ganz ihrem Sohn geh�ren wollen. Sie hatte einen Zauber um ihn gewoben, um ihn vor den Tieren des Dschungels zu verbergen und einen magischen Schlaf auf ihn gelegt. Er hatte sie nicht vermisst. War eingeschlummert, als sie ging, und erst erwacht, als sie zur�ckkehrte. Und dennoch hatte sie es als einen Verrat empfunden. Sie hatte doch ganz ihm geh�ren wollen.</p><p>Er gluckste vergn�gt und merkte nicht, wie schwer ihr das Herz war. Lyvianne hatte ihm keinen Namen gegeben. Diesen Fehler hatte sie nur beim ersten Mal begangen.</p><p>Sie strich ihm �ber den Kopf. Es war ein Kopf wie ihrer. Der Sch�del war nach hinten ein weniger l�nger als normal. Nichts, was auf den ersten Blick auffiel, aber sie hatte es gleich bei der Geburt bemerkt. Lyvianne wusste, dass es eine Folge der Geburt sein konnte. Er war schwer auf die Welt gekommen. Nicht weit von hier in einer H�tte, die sie f�r sie beide gebaut hatte. Sie war dort allein gewesen.</p><p>Lyvianne dachte an all das Blut auf dem gestampften Lehmboden. An ihr Gl�ck, als sie ihn sich auf die nackte Brust gelegt hatte und seine besondere Sch�delform sah.</p><p>�Mingo ��, sagte er leise. Er mochte die gro�en V�gel. Einige von ihnen blieben das ganze Jahr �ber hier. Aber so viele wie jetzt versammelten sich nur am See, wenn die Zeit der Wanderung gekommen war.</p><p>�Mingo�, sagte auch sie und k�mpfte gegen den Klo� in ihrem Hals. Sie dr�ckte den Jungen fest an sich und ihre Rechte lag jetzt auf seiner Brust. Sie sp�rte den schwachen, unregelm��igen Herzschlag. Lyvianne hielt ihr Verborgenes Auge geschlossen. Sie wusste nur zu gut um seine Aura. Und um ihre Hilflosigkeit. Sie hatte die Kunst der Drachen erlernt und war auf den dunklen Pfaden Matha Nahts gewandelt. Sie war eine Zauberweberin, aber ihrem Sohn konnte sie nicht helfen. All ihre Macht w�rde ihn nicht retten. Er war schwach. Er gen�gte in keinster Weise ihren Anspr�chen. Nicht k�rperlich und noch weniger in seiner Veranlagung zur Magie. Er w�rde niemals einen Zauber weben k�nnen.</p><p>Sie w�rde es wieder versuchen, in zwei oder drei Jahren vielleicht, wenn die Wunden auf ihrer Seele zu Narben geworden waren. Er war ihr elftes Kind. Drei waren Zauberweber geworden und einer obendrein ein talentierter M�rder. Ihr Volk brauchte noch viele Zauberweber! Jede Elfe schuldete der Zukunft Kinder.</p><p>�Mingos schlafen�, stellte ihr Sohn zufrieden fest und g�hnte. Dabei umklammerte er mit der Linken eine ihrer Haarstr�hnen. Er hatte recht. Die meisten V�gel hatten den Kopf ins Gefieder gesteckt.</p><p>Nebel wogte nun �ber dem See. Er zog die V�gel ins Ungewisse. L�schte das Rosa und verschmolz mit dem Wei�. Lyvianne schloss die Augen. Sie sp�rte die W�rme des Kindes. Es war ein gutes Gef�hl. Er vertraute ihr unendlich. Morgens, wenn sie sich �ber sein Bettchen beugte und er schon wach war, l�chelte er sie so unbeschreiblich gl�cklich an � Niemand sonst l�chelte so. Nicht einmal ihre Liebhaber, wenn sie nach der ersten Nacht auf gemeinsamem Lager erwachten.</p><p>�M�chtest du bei den Flamingos schlafen?�</p><p>Er nickte, ein wenig �berrascht. Er hatte sie oft danach gefragt. Jedenfalls hatte sie es so verstanden. Pl�tzlich war sie unsicher. In allem � Er war so klein. Sie verstand ihn so wenig. Kaum eine Handvoll Worte sprach er. Meistens musste sie erraten, was er meinte. Aber sie war �berzeugt, dass ihr das meistens ganz gut gl�ckte.</p><p>�Sie werden gut auf dich aufpassen.� Lyviannes Stimme stockte nur leicht, als sie sprach. Sie durfte jetzt nicht schwach werden.</p><p>Lautlos trat sie zum Ufer hinab. Sie hatte ihre Kindheit in den W�ldern des S�dens verbracht. Sie brauchte keinen Zauber, um mit den Schatten zu verschmelzen und sich unbemerkt den V�geln zu n�hern.</p><p>Sie suchte den Magnolienbaum, dessen Wurzeln vom Wasser untersp�lt waren. Hier war der See h�fttief und das letzte Abendlicht verlieh dem Nebel einen rosafarbenen Schimmer. Der Ruf eines Marabus erklang ganz nah. Lyvianne mochte die gro�en, kahlk�pfigen Aasfresser nicht. Sie lebten in einer kleinen Kolonie in einem der B�ume am anderen Ufer. Nestpl�nderer waren sie. Allein ihr Anblick widerte die Elfe an.</p><p>Sie strich ihrem Sohn �ber das seidenglatte Haar. Sein Atem ging regelm��ig. Er war an ihrer Brust eingeschlafen. Lautlos stieg Lyvianne in das lauwarme Wasser. Schwarzer Schlamm schmiegte sich an ihre F��e. Ihr Verborgenes Auge �ffnete sich. Gegen ihren Willen! Sie sah das feine Netzwerk leuchtender F�den, das alles durchdrang, die Auren, die jedes Lebewesen umfingen. Auch die Aura ihres Sohnes. Sie blinzelte unwillig. Das unerw�nschte Bild verschwand.</p><p>Die Elfe setzte ihre F��e mit Bedacht � ganz sacht, sodass kein verr�terisches Pl�tschern die Flamingos aufschreckte. Sie wirbelte den Schlamm auf. Nicht schlimm! Im schwindenden Licht war das Wasser ohnehin schon dunkel.</p><p>Sanft k�sste sie ihren Jungen auf die Stirn. Er regte sich im Schlaf, gab einen unwilligen Laut von sich, �ffnete aber nicht die Augen. Lyvianne ging langsam in die Knie. Das Wasser kroch an ihr empor. Es durchn�sste ihr Kleid. Als seine F��e nass wurden, murrte ihr Sohn. Dann �ffnete er die Augen. Diese wundersch�nen grauen Augen mit den kleinen braunen Sprenkeln darin. Er sah sie �berrascht an und lallte schlaftrunken. Er hatte keine Angst. Ein Speichelfaden hing ihm aus dem Mundwinkel und troff auf ihre Brust.</p><p>Sie ging tiefer in die Knie. Er sch�ttelte sich ein wenig unbehaglich, obwohl das Wasser angenehm warm war. Als er versuchte, h�her zu rutschen, streichelte Lyvianne ihm �ber den Kopf und dr�ckte ihn ein wenig zur�ck. Sie schloss die Augen und kniete ganz nieder.</p><p>Zwei oder drei Herzschl�ge lang geschah nichts. Dann b�umte er sich in ihren Armen auf. Sie hielt ihn fest an sich gepresst, die Augen noch immer geschlossen. Er dr�ckte seine kleinen H�nde gegen ihre Brust und bog den R�cken durch. Luftblasen zerplatzten neben ihrem Hals auf dem dunklen Wasser. Er zerrte an ihrem Kleid. Griff nach ihren Schultern. Sie �ffnete die Augen. Sah die zarten, mit schlammigem Wasser benetzten H�nde, die sich ihr verzweifelt entgegenstreckten.</p><p>Die Finger zuckten. Der kleine K�rper in ihren Armen erschlaffte. Der Herzschlag wurde langsamer � Und setzte aus. Sie hielt ihn immer noch fest umschlungen. Tr�nen traten ihr in die Augen. Es war notwendig gewesen. Der Junge war schwach gewesen. Er h�tte ohnehin nur ein paar Jahre gelebt. So war seine Seele frei. Sie konnte wiedergeboren werden, einen besseren Leib als fleischliche H�lle finden und eine bessere Mutter, als sie es war.</p><p>Sie stie� ihren Sohn von sich. Tr�ge trieb er im Wasser davon.</p><p>Lyvianne richtete sich auf. Der aufgew�hlte Schlamm wogte in dunklen Wolken davon. Inmitten des Dunkels glitt ihr Sohn. Eine leichte Str�mung zog ihn hinaus auf den See.</p><p>Die Flamingos standen still, ihre K�pfe im Gefieder vergraben. Sie hatten nicht bemerkt, dass der Tod zu ihrem See herabgestiegen war. Aus dem Wald drangen die vertrauten Ger�usche der Nacht. Einige Zwerggazellen n�herten sich z�gerlich dem Ufer. Wachsam die K�pfe gereckt.</p><p>�Du wirst bei den Flamingos schlafen, wie ich es dir versprochen habe.� Die Worte kratzten wie Glas in Lyviannes Kehle. Sie musste an die kahlk�pfigen Marabus denken. Sie w�rden ihn finden, und bei dem Gedanken wurde ihr �bel. Sie w�rde die Aasfresser t�ten. Jetzt! Lyvianne fl�sterte ein Wort der Macht. Sie unterwarf sich das magische Netz, das alles durchdrang. Sie konnte die gro�en V�gel in dem Baum am anderen Ufer sp�ren. Sie w�rde den See nicht durchwaten m�ssen. Sie konnte ihnen ihre Lebenskraft entziehen. Einem nach dem anderen.</p><p>Es w�rde v�llig lautlos geschehen.</p><p>So lautlos, wie ihr Sohn gestorben war.</p></section><section><title><p>Ein Grab im Himmel</p></title><p>�Das hat noch niemand vor Euch getan, Erhabener.� Juba gab sich alle M�he, diplomatisch und sachlich zu bleiben, aber ihm war deutlich anzumerken, dass ihm der Sinn nach drastischeren Worten stand.</p><p>Artax tat die Bemerkung mit einer l�ssigen Handbewegung ab. �Was hei�t das schon?�</p><p>�Das hei�t, dass es manche als eine Beleidigung auffassen k�nnten.�</p><p>Der Unsterbliche hielt inne und der ganze Tross, der ihm auf der weiten Prachtstra�e folgte, kam mit etwas Verz�gerung zum Stehen. Hier in der Goldenen Stadt hatte sich vieles ver�ndert. Das Hofzeremoniell war erstickend! Nie konnte er sich frei bewegen. Immer umgaben ihn Priester, Leibw�chter, Bittsteller, W�rdentr�ger, Konkubinen, Sklaven, Vorkoster � Ein ganzes Heer war st�ndig um ihn herum und alle Augen ruhten nur auf ihm. Er konnte nicht einmal furzen, ohne dass Schmeichler und Ohrenbl�ser zu tuscheln begannen.</p><p>In Ruhe zu furzen ist wahrlich von Bedeutung. Tu es doch einfach, du Bauer.</p><p>Halt dich aus meinen Gedanken heraus, du � du M�rder.</p><p>Auch du hast gemordet, du heuchlerischer Philanthrop. Du h�ttest die Krieger aus Ischkuza auch kampfunf�hig machen k�nnen, ohne sie zu t�ten. Aber es ist ein ganz besonderes Gef�hl, Leben auszul�schen. Es kann besser sein als eine gute Liebesnacht. Und du willst es wieder tun, nicht wahr? Weshalb sonst �bst du dich jeden Tag im Kampf? Hinter all deinem edlen Getue bist auch du eine mordende Bestie. So wie wir alle. Seit diesem Kampf keimt in uns die Hoffnung, dass eine Zeit kommen wird, in der wir uns sehr gut verstehen werden.</p><p>�Erhabener? Soll ich dem Gefolge befehlen, zum Palast zur�ckzukehren? Habt Ihr Euch besonnen?�, fragte Juba.</p><p>�Nein!� Er war einfach stehen geblieben. �Los, weiter!�, rief er so laut, dass es jeder in seinem Tross h�ren konnte. Er w�rde noch verr�ckt werden. St�ndig wurde er nach irgendetwas gefragt, sollte Urteile f�llen in Streitigkeiten zwischen Provinzf�rsten, die zu Kleinkriegen innerhalb seines Reiches zu eskalieren drohten, Erbfolgeauseinandersetzungen des Adels schlichten, Kindern hochgeborener Hofschranzen �ber den Kopf streicheln, weil sie das angeblich vor Krankheiten sch�tzte. Todesurteile best�tigen, Kornpreise festsetzen und sich entscheiden, welches von drei neuen Gew�ndern er zum abendlichen Festschmaus tragen wollte. Immer wollte irgendjemand etwas von ihm. Drei Tage war er nun schon im Palast, und noch immer war er nicht dazu gekommen, die Elfe im Weltenmund beisetzen zu lassen. Und dann noch dieser Aaron! Kaum eine Stunde verging, in der er sich nicht w�nschte, wieder zur�ck in seinem Stall zu sein. Die T�r zu schlie�en, das Gesicht in dem warmen, staubigen Fell der Ziege zu verbergen und sp�ter vielleicht in der Dorfschenke einen sauren, aber billigen Wein zu trinken. Ein paar ruhige Worte mit Ashot, Tigran und Narek zu wechseln. Bauern mit demselben Leben und denselben Tr�umen wie er. Er dachte an die herrliche Stille auf seinem Hof bei Nacht, das Leben, so einfach in seinen Anforderungen, die Zukunft so klar umrissen. Erst die Arbeit, dann das Weib, Kinder vielleicht, und eines Tages das ergraute Haupt in ihrem Scho� und Frieden im Herzen, wenn sie gemeinsam auf ein langes, entbehrungsreiches, aber gl�ckliches Leben zur�ckblicken w�rden. Die Abgeschiedenheit der Felder war auch ein Gl�ck gewesen. Hatte Raum gelassen, im Rauschen der �hren zu schwelgen, mit blo�en F��en durch taunasses Gras zu stapfen und kleine Tr�ume zu tr�umen, deren Erf�llung allein in seinen kr�ftigen, flei�igen H�nden lag. Traurig senkte er den Kopf. All das war vergangen. Er w�rde seine H�tte hier auf Nangog und seine Freunde Ashot, Tigran und Narek, daheim in Belbek, niemals wiedersehen. Und seine einfache, aber flei�ige und herzensgute Traumfrau Almitra, der er ein Heim hatte bereiten wollen, w�rde einem anderen Mann Kinder schenken und ihn niemals kennenlernen. Weil es den Artax, der auf sie gewartet und von ihr geschw�rmt hatte, nicht mehr gab. Nein, dachte er da, und der Knoten in seiner Kehle l�ste sich ein wenig, das war so nicht richtig. Es gab ihn noch, den alten Artax. Den Unbeugsamen, der sich Ziele setzte und sie erreichte, langsam, Schritt f�r Schritt. Nur die Ziele waren andere geworden. Und er durfte sich nicht von ihnen abbringen lassen, indem er sich in sentimentalen Erinnerungen verlor. Sogar Almitra gab es noch, auch wenn sie in seinen Tr�umen nun manchmal die Z�ge Shayas trug. Artax straffte die Schultern, sah Juba fest in die Augen und setzte sich dann erneut in Bewegung. Der Tross folgte ihm.</p><p>Er h�tte einfach befehlen k�nnen, die Elfe beizusetzen, aber er traute seinen H�flingen nicht. Die einfachen Diener waren ihm treu ergeben. Aber die Satrapen und Provinzadeligen h�tte er am liebsten davongejagt. Sie sponnen Intrigen. Vielleicht wollten einige ja wirklich sein Bestes, so wie Juba. Aber er bezweifelte das. Immer �fter hatte er den Verdacht, dass sie ihn mit Absicht so besch�ftigt hielten, weil sie hofften, er w�rde so seine Begr�bniszeremonie vergessen. Vielleicht steckte doch Juba dahinter. Oder ein ganzer Trupp von seinen �bergewichtigen Beratern, K�mmerern und wie sie sich alle nannten. Jeder um ihn herum f�hrte einen hochtrabenden Titel. Ihn machte das alles m�de. Am liebsten h�tte er nicht mehr Leute um sich, als in eine Dorfschenke passten. Eine Handvoll Berater, denen er trauen konnte.</p><p>Du kannst niemandem trauen. So ist das als Unsterblicher. Jeder kommt mit Hintergedanken zu dir. Sie alle wollen nur eines � mehr Macht. Allein darum geht es.</p><p>Artax war sich sicher, dass Aaron ihn ohne Unterlass geh�ssig angrinsen w�rde, wenn er noch ein Gesicht h�tte, und manchmal sah er dieses Gesicht im Schlaf vor sich, dicht vor dem seinigen. Dann wachte er auf, rang um Luft und es dauerte eine Weile, ehe er seinen rasenden Herzschlag wieder beruhigt hatte. Das alles machte ihn so m�de. Selbst nachts fand er keine Ruhe. Wenn er den Harem nicht besuchte, kam es zu Streitereien unter den Frauen. Manche schienen zu vermuten, dass ihm Shaya gefallen hatte. Jedenfalls neigten, seit sie am Ankerturm angelegt hatten, einige seiner Gespielinnen dazu, sich wie eine Ischkuzaia zu kost�mieren und ihre Augen mit breiten Ringen schwarzer Schminke einzufassen. Keine von ihnen sah ihr �hnlich. Keine von ihnen wusste, dass das, was ihn an sie band, ein Traumbild war, das sie nicht erahnen und daher auch niemals erf�llen konnten. Sie sp�rten, dass Shaya ihm gefiel. Ja, die Prinzessin gefiel ihm nicht nur, sie belagerte seine Gedanken. Und er lie� es gern geschehen. Er brauchte den Harem nicht. Die Frauen ahnten wohl nicht, dass die Distanz zwischen ihnen und ihm umso gr��er wurde je mehr sie versuchten, sich bei ihm einzuschmeicheln. Nur eine von ihnen war anders. Eine von den dreien aus der ersten Nacht. Aya. Sie hatte einen rebellischen Geist, vermutete er. Sie hatte etwas an sich gehabt � Ihre Art, ihn zu necken. Ihre Blicke. Ja, wenn er eine von all den Haremsdamen erw�hlen w�rde, dann sie. Klug war es, sie alle m�glichst wenig zu beachten! Er hatte wahrlich genug Sorgen. Er sollte sich nicht noch mit Haremsgeschichten herumschlagen! Auf gewisse Art, war der Harem der gef�hrlichste Ort, an den er gehen konnte.</p><p>Artax musste pl�tzlich l�cheln. Das Schicksal scherzte mit ihm. Irgendwo oben am Himmel gab es gewiss einen Gott, der sich vor Lachen den Bauch hielt, wenn er zu ihm herabblickte. Vielleicht war es sogar der L�wenh�uptige. Es war sicherlich am�sant, Zeuge seines unabl�ssigen Gejammers zu sein. Fr�her war all sein Denken darauf ausgerichtet gewesen, eine gute Frau gewinnen zu k�nnen. Jetzt hatte er zu viele Frauen! Und sie durchschauten ihn � nicht bis ins Letzte vielleicht, aber sie durchschauten, was er vor den Augen aller anderen zu verbergen suchte. Tiefer als irgendjemand sonst hatten sie verstanden, dass sich bei ihm mehr ver�ndert hatte als nur sein Auftreten. Sie kannten ihn und Aaron besser als irgendjemand sonst. Sie wussten um all jene Merkmale, die sich nicht durch einen Sturz ver�ndert haben konnten und nun doch verschieden waren. Auch wenn der Devanthar es geschafft hatte, dass sein Antlitz, seine K�rpergr��e und die Proportionen v�llig mit denen Aarons �bereinstimmten, war die Anpassung doch nicht vollkommen geworden. Seine Konkubinen hatten bemerkt, dass seine Muttermale ver�ndert waren. Dass ihm jetzt <emphasis>pl�tzlich</emphasis> Haare in den Ohren sprossen, seine Zehen daf�r aber unbehaart waren. Und auch pikantere Aspekte seiner Anatomie waren einer Verwandlung unterworfen gewesen. Es gab wohl kaum einen Ort, an dem Ger�chte so schnell die Runde machten wie in einem Harem. Und auch wenn die Gem�cher seiner Frauen f�r H�flinge nicht ohne Weiteres zu betreten waren, bedeutete das nicht, dass Geheimnisse dort gut verwahrt waren. Es war nur eine Frage der Zeit, bis diese Geschichten sich ausbreiten w�rden. Artax wusste nicht, was er dagegen unternehmen sollte. Artax wusste, welche L�sung Aaron f�r dieses Problem gew�hlt h�tte. Er h�tte all seine Weiber dem Wolkentod �bergeben und sich neue Gespielinnen zugelegt.</p><p>Stimmt. Und ob du es glaubst oder nicht, es w�re eine menschenfreundliche L�sung. Aus Haremsgeschw�tz dieser Art k�nnte ein B�rgerkrieg erwachsen, wenn irgendein machtgieriger Satrap oder Priester den Eindruck gewinnt, dass du ein Betr�ger bist. Das w�rde zu Zehntausenden Toten f�hren. Du kannst die M�dchen auch jetzt noch umbringen lassen. Noch ist es nicht zu sp�t.</p><p>Artax hob das Haupt und schaute zum Himmel hinauf. Ob der L�wenh�uptige ihn eines Tages von der Stimme befreien w�rde? Er seufzte. Jetzt war nicht die Zeit, sich dar�ber Gedanken zu machen. Nun galt es, Aarons M�rderin die letzte Ehre zu erweisen. H�rst du mich, mein Plagegeist? Ich werde deine M�rderin durch dieses Begr�bnis zur Heldin machen und es gibt nichts, was du dagegen tun kannst!</p><p>Bist du da sicher?</p><p>Artax entschied sich, Aaron zu ignorieren. Er blickte voraus und konzentrierte sich auf das, was er sah. Er hatte die Erfahrung gemacht, dass Aaron sich schwerer zu Wort melden konnte, wenn er es schaffte, seine eigenen Gedanken zu b�ndeln und sich nicht ablenken zu lassen. Er w�rde sich die Landschaft ansehen und sich gleich ganz auf die Feierlichkeiten des Totenrituals konzentrieren.</p><p>Das Ende der Prachtstra�e war fast erreicht. Zu beiden Seiten erhoben sich jetzt m�chtige Statuen der Devanthar. Manche erinnerten mehr an Ungeheuer als an G�tter. Insbesondere jener mit dem Keilerkopf und den Krallenh�nden, der leicht geb�ckt stand. Artax war �berzeugt, dass jeder der Devanthar sich jede Gestalt, die ihm beliebte, zu geben vermochte. Warum traten dann einige von ihnen als Ungeheuer auf? Manche Weisen behaupteten, diese K�rper seien schon ein gro�es Zugest�ndnis an die Menschen, denn die eigentlichen Gestalten der Devanthar seien ebenso fremd wie die Wolkensammler oder die geheimnisumwobenen Gr�nen Geister Nangogs.</p><p>Artax blickte zu dem Ebermann auf. Was verbarg sich hinter ihm, wenn diese Erscheinung dazu angetan war, ein angenehmer Anblick zu sein? Oder hinter der Erscheinung der Sturmruferin mit dem Haar aus lebenden Schlangen? Dem gedrungenen G�tterschmied, behaart wie ein Affe und mit Armen, die ihm bis zu den Knien hinabhingen? Im Vergleich zu ihnen wirkte der L�wenh�uptige edel und majest�tisch. Es hie�, sie seien einander alle gleichgestellt. Keiner von ihnen erhebe sich �ber den anderen. So wie die Unsterblichen.</p><p>Erst am Ende der steil ansteigenden Prachtstra�e, die geradewegs in den Himmel hinein zu f�hren schien, bot sich Artax ein Blick auf den Weltenmund, jenen gewaltigen Krater, dessen gegen�berliegendes Ende mit dem Blau des Himmels verschwamm. Ein Abgrund, der hinab in die tiefsten Tiefen Nangogs f�hrte. Niemand hatte je den Grund des Kraters erreicht. Er war eine klaffende Wunde in der Welt, und zahllose Geschichten rankten sich um ihn. Eine besagte gar, es sei der weit ge�ffnete Mund einer schlafenden Riesin.</p><p>Aus dem Dunkel des Kraters erhoben sich vereinzelt Berge und schroffe Zinnen. S�ulen wie versteinerte Baumst�mme lagen durcheinander. An manchen Stellen vermochte man auch verwitterte Treppen auszumachen. Bogeng�nge brachen durch Felsw�nde und verschwanden im Nichts. Und all dies verlor sich schlie�lich im Dunkel des Abgrunds.</p><p>Vom Grund des Kraters stieg ein best�ndiger warmer Wind auf. Blickte man �ber den weiten Krater, so sah man Dutzende gro�er V�gel. Zumindest erschienen sie einem Betrachter, der es nicht besser wusste, auf den ersten Blick so. Es waren Helden und F�rsten der sieben Gro�reiche; Gef�hrten der Unsterblichen, die auf Nangog den Tod gefunden hatten. Und welcher Ort w�re passender f�r Recken gewesen, die jahrelang auf den Palastschiffen gereist waren, als im Himmel beigesetzt zu werden?</p><p>Eine weite Treppe f�hrte vom Ende der Prachtstra�e �ber den Kraterrand hinab zu einer steinernen Zunge, die etwa hundert Schritt tiefer lag. Es war der einzige Felsvorsprung an der steil abfallenden Kraterwand. Sieben goldene Masten, von denen die Banner der Unsterblichen im warmen Aufwind wehten, waren der einzige Schmuck der ansonsten n�chtern gehaltenen Terrasse. Eine kleine Gruppe von Priestern stand um ein Flugger�st versammelt. Der Leichnam der Elfe war unter den vier Schritt langen, fast dreieckigen Himmelssegler geschnallt, ihre Arme waren weit vom K�rper gestreckt. Sie war bereit f�r ihre letzte Reise.</p><p>Ein Fanfarensto� erklang, als Artax den ersten Schritt auf die Treppe tat. Der Wind spielte mit seinem Umhang. Er trug die R�stung, die die Devanthar f�r ihn erschaffen hatten, den schimmernden Maskenhelm unter den linken Arm geklemmt. Feierlich schritt er die Treppe hinab, gefolgt von seinem vielhundertk�pfigen Hofstaat. Der Hohepriester des Palastschiffes f�hrte die Priesterschar an, welche die Elfe auf ihre letzte Reise vorbereitet hatte. Er erwartete Artax mit steinerner Miene. Der Alte geh�rte zu denen, die sich lautstark gegen dieses Spektakel ausgesprochen hatten.</p><p>�Sie geh�rt nicht an diesen Ort, Erhabener�, sagte der Priester mit m�hsam beherrschter Stimme. �Sie wollte Euren Tod und bei allem Respekt, Erhabener, einiges, was ich fr�her an Euch sch�tzte, scheint tats�chlich gestorben zu sein.�</p><p>Artax entschied, ihn f�r den Augenblick zu ignorieren. Dieser Narr! Aaron h�tte ihn f�r solche Worte ermorden lassen. Er aber w�rde es dabei bewenden lassen, ihn zu verbannen und sich eine besonders abgelegene und besonders aufs�ssige Provinz f�r den Alten auszusuchen.</p><p>Die Elfe war in ein sauberes Leinengewand mit gelber Stickerei an Kragen und �rmeln gekleidet. Ihre Wunden hatte man vern�ht und die Narben unter Wachs und dicken Schichten aus Schminkpuder verborgen. Das Haar der Toten war zu Z�pfen geflochten und nach hinten gesteckt. Artax beugte sich so weit vor, dass er den Branntwein riechen konnte. Sie war zwar gewaschen worden, doch musste der Branntwein w�hrend der Zeit, die man sie in einer gro�en Amphore an Bord des Wolkenschiffes gelagert hatte, tief in ihren Leib eingezogen sein.</p><p>Ihre smaragdgr�nen Augen waren tr�b. Das geschminkte Gesicht wirkte puppenhaft. �Du warst tapfer�, sagte er leise und strich ihr �ber das Haar. Pr�fend musterte er die Lederverschn�rung. Sie war unter einen Flugrahmen aus Leinen und Bambusrohr geschnallt. �Sie hat kein Recht, hier zu sein�, zischte der Hohepriester erneut. �Sie ist eine Meuchlerin. Ehrlos. Eine Drachensklavin. Eine ��</p><p>Ein Blick von Artax brachte den Alten zum Schweigen. Doch das Gift seiner Worte hatte gewirkt. Deutlich konnte der Unsterbliche in den Gesichtern der �brigen Priester lesen, dass sie ebenfalls dachten, was nur der Alte auszusprechen wagte.</p><p>�Ja, sie ist eine Elfe�, sagte Artax mit vollt�nender Stimme, sodass er in weitem Umkreis deutlich zu vernehmen war. �Sie kam, um mich zu t�ten. Allein hat sie mein Palastschiff angegriffen und ihr Leben gewagt. Ich verneige mich vor so viel Tapferkeit, auch wenn sie ein Feind ist.� Artax verbeugte sich tief und war sich deutlich bewusst, dass dies auch jene, die weit hinten auf der Treppe standen, sehen konnten. All die, die seine Worte nicht h�ren w�rden. �Sie hat den h�chsten Preis f�r ihre Tollk�hnheit bezahlt. Wir sind die Arami, die Kinder der gefl�gelten Sonne. Unser Reich ist gro�. So gro� wie der Ruhm unser Kriegstaten. Es waren G�tter, nicht Menschen, die uns letztlich Grenzen gesteckt haben. Aber wie gro� sind unsere Herzen? Wie ist es um unseren Ruhm bestellt, wenn wir den Mut unserer Feinde nicht loben k�nnen? Sind wir dann letztlich nicht nur die Bezwinger von Feiglingen und M�rdern? Selbst unter den tapfersten unserer Krieger h�tten es nur wenige dieser Elfe gleichgetan. Und auch ich wage von mir nicht zu behaupten, dass ich den Mut gehabt h�tte, ganz allein ein Wolkenschiff anzugreifen. Deshalb geb�hrt ihr mein Respekt. Und damit hat sie sich ihren Platz an der Seite all jener Helden verdient, die wir hier den L�ften �bergeben haben. � Artax wandte sich an die Priester. �Und nun � ehrt sie! Lasst sie fliegen!�</p><p>Eine Gruppe j�ngerer Priester trat unter die Schwingen des Flugrahmens und hob ihn an den Bambusstangen behutsam an. Dann liefen sie auf den Rand der Terrasse zu. Dumpfer Trommelschlag begleitete ihre Schritte, bis sie am Abgrund abrupt stehen blieben und mit gemeinsamem Schwung den Segler dem Himmel �bergaben.</p><p>Der Flugrahmen st�rzte. Beklommen verfolgte Artax, wie die Elfe in steiler Abw�rtskurve einem Felsgrat im Krater entgegenraste. Dort konnte man im Ger�ll ausgeblichene, mumifizierte K�rper erkennen und zersplitterte Flugrahmen, von denen noch Leinenfetzen flatterten. Die Reste anderer <emphasis>Helden</emphasis>, die im Tod gescheitert waren. Wer dort abst�rzte, dem hatten die G�tter alle Gunst abgesprochen. Ganz gleich, was er im Leben geleistet hatte, aller Ruhm wurde zu Asche, wenn man dort unten an den Felsen zerschellte.</p><p>Artax war sich im Klaren dar�ber, dass auch er als von den G�ttern verdammt erscheinen w�rde, wenn die Elfe dort auf den Felsen ihr Grab fand und nicht wie die �brigen, wahren Helden in den L�ften. Kurz blickte er auf zu den Flugrahmen, die tr�ge im warmen Aufwind des Kraters segelten. Manche flogen f�r Jahre, hie� es. Es gab eine eigene Priesterschaft in der Goldenen Stadt, die nichts weiter tat, als den Flug der Helden zu beobachten. Je l�nger sie sich in der Luft hielten, desto gr��er wurde ihr Ruhm.</p><p>Der Flugrahmen der Elfe streifte eine Felsnase. Ein Fl�gel brach. Bis zur Terrasse, auf der es totenstill war, konnte Artax das Bersten h�ren. Der Flugrahmen kippte seitlich weg, �berschlug sich in rasendem Sturz und zerschellte schlie�lich mit lautem Get�se. Der Leichnam aber st�rzte weiter, bis er ganz aus dem Blickfeld verschwand.</p><p>�Die G�tter dulden keinen Frevel!�, rief der alte Hohepriester, und Zorn und Triumph rangen in seiner Stimme um die Oberhand. �Auch nicht von einem Unsterblichen!�</p><p>Ein goldenes Licht flackerte im Abgrund, dort wo die Elfe in den Schatten der Felsen verschwunden war. Im gleichen Augenblick ert�nte oben auf der Treppe, die zur Terrasse hinabf�hrte, L�rm. Artax wandte sich um. Krieger mit hohen Bronzehelmen, auf denen rote Federnester wehten, stiegen die Treppe hinab. Manche von ihnen dr�ngten mit ihren Speeren grob sein Gefolge zur Seite. Die beiden Leoparden, die von seinen Tierw�rtern mitgef�hrt wurden, fauchten. Auf Festz�gen wie diesem f�hrte er immer einen halben Zoo hinter sich her.</p><p>Sein Besucher hingegen hatte nur Krieger mitgebracht. Der Anf�hrer der St�renfriede war unverwechselbar, ein hochgewachsener Mann mit Maskenhelm, der statt eines Umhangs ein L�wenfell �ber seinen Schultern trug. Der Kopf des L�wen ruhte auf dem Helm. Die st�hlerne Gesichtsmaske war von gelblichen F�ngen umrahmt. Muwatta, der Erzk�nig, der Herrscher der Luwier, stieg die Stufen hinab.</p><p>�In den Staub mit dir, Frevler�, br�llte er. Der geschlossene Helm lie� seine Stimme blechern erklingen.</p><p>Die Himmelsh�ter scharten sich sch�tzend um Artax. Juba dr�ngte sich an seine Seite. �Ich g�be meine rechte Hand, wenn ich diesen Mistkerl �ber dem Abgrund segeln sehen k�nnte. Er nutzt jede Gelegenheit zum Streit. Ihr wusstet das, Erhabener.�</p><p>�Du spuckst auf die Ehre der Helden Luwiens. Du forderst mich heraus, immer wieder�, br�llte Muwatta von der Treppe hinab und seine Stimme �berschlug sich dabei vor Zorn.</p><p>�Du bist es, der den Frieden der Toten durch sein kriegerisches Gehabe st�rt, Muwatta�, entgegnete Artax mit lauter, aber ruhiger Stimme, aber Muwatta lie� sich nicht beschwichtigen. �Hattest du gehofft, dass ich so wie andere deine Unbotm��igkeit stillschweigend hinnehmen w�rde? Dass ich vor dem Herrn aller Schwarzk�pfe kusche? Deinen Kopf will ich, Aaron! Deinen Kopf. Ich werde dir in deine durchtrennte Kehle pissen und dich hinab in den Krater schleudern, wo dein Fleisch zwischen dem der anderen falschen Helden vertrocknen wird. Kein Kind wird je mehr deinen Namen der Schande tragen. Du wirst ��</p><p>Einer der Leoparden aus Artax� Gefolge zerrte fauchend an seiner Kette.</p><p>Muwatta legte die Hand auf sein Schwert. Seine Wachen senkten drohend die Speere.</p><p>Artax zog blank und streckte dem Erzk�nig sein Schwert entgegen. �Komm herunter und lass dein Schwert f�r dich sprechen, wenn du der Held bist, f�r den du dich ausgibst.�</p><p>�Tut das nicht, Erhabener!�, zischte Juba. �Es hei�t, er habe mehr als tausend M�nner in Zweik�mpfen erschlagen.�</p><p>�Und du glaubst, dabei ging es mit rechten Dingen zu? Dem werde ich den Kopf vor die F��e legen!� Entschlossen ging Artax dem Unsterblichen entgegen. Muwatta hatte den Vorteil, die Sonne in seinem R�cken zu haben. Artax war leicht geblendet. Aber er vertraute auf das Kampfgeschick Aarons und seinen eigenen Mut. Ein halbe Drehung im Kampf und dieses Problem h�tte sich erledigt.</p><p>Auch der Luwier hatte sein Schwert gezogen, und Leibw�chter und H�flinge wichen erschrocken zur�ck. Niemand war je Zeuge eines Duells zwischen zwei Unsterblichen geworden, denn die Devanthar hatten ihre Sch�tzlinge strengen Regeln unterworfen. Einander mit gezogenem Schwert zu begegnen war ein Versto� gegen die Gebote der G�tter. Artax war sich dessen bewusst, aber Muwatta hatte ihm keine Wahl gelassen. Wenn er jetzt nicht entschlossen gegen den Erzk�nig vorging, dann w�rde er sein Gesicht verlieren. Und vielleicht auch sehr bald seine Herrschaft. Er w�rde sich von diesem Gro�maul nicht alles entrei�en lassen. Er, Artax, der Bauernsohn, der zum Unsterblichen geworden war, w�rde die Welt ver�ndern � oder an diesem Mittag am Rand des Weltenmundes verbluten.</p><p>Muwatta war gro� und trug eine ganz �hnliche R�stung wie er. Nur das L�wenfell gab ihr eine pers�nliche Note. Mit wildem Kampfschrei st�rmte der Luwier die Treppe hinab und Artax hatte das Gef�hl, dass ihm das Blut in den Adern zu Wasser wurde. Er hob sein Schwert, um den ersten Hieb zu parieren. Seine eigene Bewegung kam ihm unglaublich langsam vor. Kreischend fuhren die Klingen �bereinander und Funken stoben von dem mit bl�ulichen Wellenmustern �berzogenen Stahl. So heftig war der Hieb, dass Artax in die Knie brach. Schmerz stach durch seine Gelenke. Er musste lockerer sein, musste auf das Wissen Aarons vertrauen, das er in sich aufgenommen hatte, statt sich blindlings seiner Angst auszuliefern.</p><p>Welchen Grund h�tten wir, gewinnen zu wollen?</p><p>Du wirst dein Gesicht verlieren, wenn Muwatta uns umbringt. Vielleicht auch alles �brige. Wenn ein Unsterblicher sich als sterblich erweist, wird der L�wenh�uptige vielleicht einen ganz neuen Auserw�hlten an unseren Platz setzen. Einen, in dem auch du nicht mehr fortlebst.</p><p>Verdammt!</p><p>Es war das erste Mal, dass Aaron die Fassung verlor � was Artax nicht beruhigte, denn alleine w�rde er den Luwier nicht bezwingen. Artax sah die dunkeln Augen Muwattas triumphierend hinter seiner Maske funkeln. �Ist das alles, was du zu bieten hast, Wurm?� Der H�ne versetzte ihm einen Tritt gegen die Brust.</p><p>Artax st�rzte nach hinten, rollte �ber die Schulter ab und Muwattas Schwert klirrte dicht neben ihm auf den Boden. Die Klinge hatte seinen Kopf um kaum zwei Fingerbreit verfehlt. Ein Aufschrei ging durch die Menge.</p><p>Mit einem Satz kam er auf die Beine, aber noch bevor er einen festen Stand fand, rammte ihm der Luwier den Ellenbogen gegen die Brust, sodass er erneut zur�cktaumelte. Artax begriff, dass er der brachialen Gewalt seines Gegners wenig entgegenzusetzen hatte. Taumelnd suchte er nach dem Gleichgewicht. Oben auf der Treppe, im Gefolge des Erzk�nigs, ert�nte Gel�chter. Die Art, wie der Herrscher Luwiens k�mpfte, sollte seine Dem�tigung noch vervollst�ndigen. Es war kein Duell zwischen Unsterblichen. Es sah aus, als w�rde ein Bauer von einem Krieger verpr�gelt.</p><p>Gut beobachtet. Lass mich frei. �berlass mir deinen K�rper, dann werden wir f�r dich siegen.</p><p>Nein, dachte Artax. Nein. Er wusste, dass er so nur eine andere Niederlage erleiden w�rde. Eine schlimmere als den Tod. Wenn Aaron ihn einmal beherrschte, w�rde er sich niemals wieder zur�ckziehen.</p><p>Wenn du es nicht tust, dann sterben wir. Verdammt, lass mich frei!</p><p>Der Erzk�nig attackierte mit einem wuchtigen Schlag, der auf seinen Bauch zielte. Artax machte einen wenig eleganten H�pfer nach hinten. Die Klinge schrammte �ber seinen Leinenpanzer, ganz nah der Stelle, wo der Schwerthieb der Elfe die obersten Stoffschichten zerteilt hatte. Artax f�hrte einen Hieb gegen das Handgelenk von Muwattas Schwerthand. Der Luwier wich mit einer l�ssigen Drehung aus und antwortete mit einem R�ckhandschlag, dem Artax nur durch einen weiteren plumpen H�pfer entgehen konnte. Das Lachen wurde lauter. Er sollte vorgef�hrt werden � und ihm war nun v�llig klar, dass der Luwier kein Geck war, der zur Belustigung seines Hofes Schauk�mpfe mit halb bet�ubten Gegnern durchgef�hrt hatte, oder Schwertmeistern, die um das Leben ihrer Familien f�rchten mussten, wenn sie es wagten, ihn zu besiegen. Muwatta war wirklich ein Krieger, und er war wirklich gut. Falls er eine Schw�che haben sollte, dann allenfalls die, dass er sich offensichtlich schon jetzt als Sieger in diesem Duell sah. Und n�chtern betrachtet hatte er allen Grund dazu.</p><p>Der Luwier machte einen Ausfall und trieb Artax, der nur mit M�he den Hagel von Schwerthieben parieren konnte, weiter vor sich her. Artax� Arme waren taub vom Abblocken der kraftvollen Hiebe. Manchmal versuchte er, die Schwertstreiche abgleiten zu lassen, indem er seine Klinge leicht schr�g hielt, statt sich mit aller Kraft gegen die Angriffe zu stemmen und sie zu blocken. Das schonte zwar seine Kr�fte, aber Muwatta war fast schon �bermenschlich geschickt. Jeder andere w�re aus dem Gleichgewicht geraten, wenn so wuchtige Schl�ge einfach abgelenkt wurden. Er jedoch schaffte es gelegentlich, sogar mit einem Gegenangriff zu reagieren.</p><p>Ihr beider Atem ging inzwischen keuchend. Artax hatte sich heftig auf die Zunge gebissen. Der metallische Geschmack von Blut f�llte seinen Mund und er f�hlte sich zu Tode ersch�pft.</p><p>Ein Stich zielte auf sein Herz. Ein beleidigend plumper Angriff, den er mit einem kurzen Hieb ablenkte. Bald h�tte er nicht mehr die Kraft dazu. Ihr Kampf w�hrte noch nicht lange und Artax war beileibe kein Schw�chling. Er konnte den ganzen Tag auf dem Feld arbeiten. Doch dieses Duell erforderte eine andere Art von Kraft. Er konnte mit einer Hacke stundenlang gegen einen z�hen Lehmboden ank�mpfen, aber zu t�ten war nie sein Gesch�ft gewesen. Und er fand keinen Gefallen daran, ganz gleich, was Aaron ihm einzureden versuchte.</p><p>Artax parierte einen Hieb, der ihm fast die Waffe aus der Hand riss. Muwatta war wie ein Berg und seine Schwerthiebe prasselten wie eine Lawine auf ihn herab. Wenn er �berleben w�rde, dann h�chstens, weil Muwatta ein Missgeschick unterlief. Aber er war viel zu ge�bt � Es sei denn �</p><p>Artax versuchte nicht mehr, sein Keuchen zu unterdr�cken oder zu d�mpfen. Er trug dummerweise keinen Helm. Den hielt Juba noch immer im Arm. Aber gegen die Klinge der Devanthar w�rde der Helm ohnehin kaum nutzen. Ihre beiden Schwerter waren mit Zaubern durchwoben, die sie Metall so leicht wie faules Laub durchdringen lie�en. Muwatta hatte den Nachteil, dass er ein eingeschr�nktes Gesichtsfeld hatte. Die Maskenhelme waren zwar meisterlich gearbeitet und lagen perfekt auf dem Gesicht auf, dennoch sah man ohne Helm besser und der Kopf war beweglicher.</p><p>Artax wich jetzt den Hieben des Luwiers aus, indem er auf ihn zuging und versuchte, seitlich an ihm vorbeizuhuschen. Dabei verk�rzte er die Kampfdistanz, sodass Muwatta seine Hiebe nicht mehr mit voller Wucht f�hren konnte. Der Luwier reagierte, indem er seinen K�rpereinsatz erh�hte. Er stie� mit den Ellenbogen nach ihm, versuchte sogar zu treten. Er unterwarf sich keinerlei Ehrenkodex. Sein Kampf kannte nur ein Ziel: den Sieg. Und f�r ihn war offensichtlich unwesentlich, wie er siegte.</p><p>Artax fing sich einen Ellenbogensto� gegen den Kopf, als er erneut nah in Kontakt ging. Lichtpunkte tanzten vor seinen Augen, aber im Reflex riss er sein Schwert hoch, bevor Muwatta ausweichen konnte. Es war sein erster Treffer. Nur ein flacher Schnitt, dicht �ber der Armschiene des Luwiers, doch Muwatta war der erste von ihnen, der blutete.</p><p>Gemurmel wurde unter seinen H�flingen laut. Er war noch nicht verloren!</p><p>Der Luwier reagierte auf die Wunde mit einem ver�chtlichen Schnauben. �Ist das alles? Ist das wirklich alles? Die leidenschaftlicheren unter meinen Gespielinnen, vergie�en mehr von meinem Blut, wenn wir uns lieben.�</p><p>Artax sparte sich seinen Atem. Er sch�ttelte den Kopf. Noch immer glommen Lichtpunkte vor seinen Augen. Er f�hlte sich leicht benommen. Muwatta hatte ihn hinter dem Ohr getroffen.</p><p>�Bringen wir es zu Ende�, sagte der Luwier nun erschreckend ruhig. Er st�rmte nicht mehr vor, sondern n�herte sich mit Bedacht. Er t�uschte einen Ausfall an.</p><p>Artax reagierte nicht.</p><p>Muwatta kam noch etwas n�her. Er war jetzt nur noch eine Klingenl�nge entfernt. Die Spitze seines Schwertes deutete auf Artax� linke Brust, dicht �ber seinem Herzen.</p><p>Artax wusste, dass dies der letzte Schlagabtausch wurde. Der Luwier w�rde ihn schlachten. Er war der bessere Schwertk�mpfer und der kleine Schnitt hatte ihm seine �berheblichkeit genommen. Wenn er mit Bedacht vorging, dann war er nicht zu besiegen. Es gab nur noch eine verzweifelte, letzte M�glichkeit.</p><p>Artax warf sich nach vorne. Ohne jede Vernunft, wie es schien. Geradewegs in die wartende Klinge des Luwiers. Das Schwert durchdrang seinen Leinenpanzer, schnitt durch Muskeln und schrammte �ber eine Rippe hinweg. Schmerz rollte wie eine t�dliche Welle �ber ihn hinweg. Er schrie auf, ging in die Knie.</p><p>Muwatta sah fassungslos auf ihn herab. Seine Klinge war gebunden. Artax nahm alle verbleibende Willenskraft zusammen, riss sein Schwert hoch und rammte es dem Luwier schr�g von unten zwischen die Schenkel, dort, wo keinerlei R�stung ihn sch�tzte. Blut spritzte Artax ins Gesicht.</p><p>Muwattas Augen schienen aus seiner st�hlernen Maske quellen zu wollen. Er stie� einen Schrei wie ein todwundes Tier aus. Dann sank auch er in die Knie. Die Bewegung verursachte einen Ruck in dem Schwert, das in Artax� Schulter steckte. Ihm klappte der Kiefer hinab. Geifer und Blut rannen ihm �ber das Kinn.</p><p>Muwatta kniete nun vor ihm. Dem Luwier war das Schwert aus den H�nden geglitten. Artax griff nach dem Dolch, der im G�rtel des Erzk�nigs steckte. Er zog die Klinge und setzte die Spitze in die schmale Fuge zwischen Maskenhelm und Brustpanzer. �Du wirst am gleichen Ort wie die Elfe dein Grab finden!�, stie� er hervor.</p><p>Er dr�ckte den Stahl durch die Fuge, doch da wurde sein Arm zur�ckgerissen. Mit solcher Kraft, dass er auf den R�cken st�rzte.</p><p>Ihm wurde schwarz vor Augen.</p><p>Als er blinzelnd wieder zu sich kam, f�hlte er warmes Blut �ber seinen Hals laufen. Seine Hand lag in einer Pf�tze. Auch Blut? Verschwommen sah er eine gefl�gelte Gestalt �ber sich. Eine Frau mit scharf geschnittenem sch�nen Antlitz, gerahmt von langen, schwarzen Locken. Eine Frau, zu sch�n, um ein Mensch zu sein. Die m�chtigen schwarzen Schwingen erhoben sich hoch �ber ihren Kopf.</p><p><emphasis>Ich wei�, wer du bist, Bauer. Und ich werde dich zermalmen!</emphasis>, dr�hnte es in Artax Kopf. �Du hast gegen die Gesetze von G�ttern und Menschen versto�en, Aaron, Herrscher aller Schwarzk�pfe�, sprach sie nun f�r alle vernehmbar. �Du hast das Schwert gegen einen Unsterblichen erhoben. Die Klinge, mit der du gefrevelt hast, wird die Klinge sein, mit der du gerichtet wirst.�</p><p>Aus den Augenwinkeln sah Artax Muwatta am Boden liegen. Einige seiner Leibw�chter kauerten neben ihm. Sie hatten Streifen von ihren Umh�ngen gerissen und versuchten seine Blutung zu stillen. Der ganze Boden war voller Blut.</p><p>Artax sah sein Schwert ein St�ck entfernt in einer roten Pf�tze liegen. Die Waffe des Luwiers steckte ihm noch immer in der Brust. Vielleicht eine Handbreit �ber seinem Herzen.</p><p>Die Gefl�gelte streckte die Hand aus und wie von Geistern bewegt erhob sich Artax� Schwert. Es schwebte zur Devanthar. Selbst im Zorn sah sie �berw�ltigend sch�n aus. War das ihre wahre Gestalt? Warum w�hlten so viele von ihnen Tierk�pfe, wenn sie auch so wundervoll aussehen konnten?</p><p>Die Gefl�gelte griff nach der schwebenden Waffe. Sie trat vor Artax und setzte ihm einen Fu� auf die Brust. Der steife Leinenpanzer knirschte auf dem Steinboden unter dem Gewicht der Devanthar. Mit anmutiger Bewegung hob sie die Klinge.</p><p>Artax war nicht in der Lage, sich zu bewegen. Selbst wenn er es gekonnt h�tte, w�re er liegen geblieben. Verz�ckt blickte er in das Gesicht der Devanthar. Er konnte nicht mehr klar denken. Er empfand es als eine Ehre, von dieser gefl�gelten G�ttin hingerichtet zu werden.</p><p>�Halt!�, rief eine Stimme wie ein Donnerschlag, und pl�tzlich war der L�wenh�uptige da. Artax wusste nicht, woher er gekommen war. Dicht hinter dem Platz, an dem er stand, lag die Mauer der Terrasse.</p><p>�Du wirst nicht verhindern, dass hier Recht gesprochen wird, Bruder�, entgegnete die Gefl�gelte mit befehlsgewohnter Stimme.</p><p>�Wir beide sind der Wahrheit verpflichtet. Deshalb wird heute gar kein Urteil gef�llt.� Der L�wenh�uptige warf seiner Schwester etwas vor die F��e. Kleine graue Metallst�cke, die mit dumpfem Ton auf den Steinboden prallten. �Blei. Es war in die Bambusrohre des Flugrahmens gef�llt und in die Kleider der Toten eingen�ht. Es gab kein Gottesurteil. Noch bevor die Elfe �ber den Terrassenrand gesto�en wurde, stand fest, dass sie keinen Platz unter den toten Helden einnehmen w�rde. Wie mir scheint, w�re das ganz im Sinne Muwattas gewesen.�</p><p>�Oder jedes anderen, den der Hochmut Aarons erz�rnt hat!�, entgegnete die Gefl�gelte scharf.</p><p>�Das werden wir nicht heute entscheiden�, sagte der L�wenh�uptige etwas vers�hnlicher. Die beiden Devanthar ma�en einander stumm mit Blicken. Artax war sich sicher, dass sie miteinander in Gedanken sprachen. Doch worum immer es gehen mochte, man vermochte auf dem ebenm��igen Gesicht der Gefl�gelten keine Regung abzulesen.</p><p>Schlie�lich traten beide im selben Augenblick einen Schritt zur�ck. Der L�wenh�uptige kniete neben Artax nieder. <emphasis>Du bist ein noch gr��erer Narr, als ich gedacht hatte</emphasis>, erklang dessen Stimme in Artax� Kopf. <emphasis>Zugegeben, ein mutiger Narr. Aber du solltest es dir nicht zur Angewohnheit machen zu siegen, indem du das Schwert des Gegners mit deinem Fleisch bindest.</emphasis></p><p>Artax l�chelte schwach. Ihm war sehr kalt. Immer wieder verschwamm ihm das m�chtige L�wenhaupt vor Augen. Die Raubtieraugen hielten ihn gefangen.</p><p><emphasis>Schlaf nicht ein, wenn du noch einmal erwachen willst.</emphasis></p><p>Der Devanthar legte ihm die Hand auf die Brust. W�rme durchfloss seine Glieder, aber er f�hlte sich noch immer unendlich schwach. Seine Augenlider flatterten.</p><p>Der G�ttliche zog das Schwert aus der Wunde und der Schmerz raubte Artax die Sinne. Dunkelheit umfing ihn. Ein neuer Schmerz holte ihn zur�ck. Kleine Rubine funkelten in der M�hne des L�wen. Es war kein Geschmeide � es war Blut. Sein Blut.</p><p>Artax sp�rte seinen Leib nicht mehr. Etwas im Blick des L�wenh�uptigen beunruhigte ihn. Der Devanthar machte sich Sorgen um ihn. Um ihn, den Sohn eines Bauern!</p><p><emphasis>Du bist dem Tod n�her als dem Leben.</emphasis></p><p>Artax wollte fragen, wie es Muwatta ging, aber er hatte weder die Kraft zu sprechen, noch gelang es ihm, den Kopf zu drehen. Er war gefangen vom Blick der bernsteinfarbenen Augen des L�wenh�uptigen.</p><p><emphasis>Der Luwier ist nicht so schwer verwundet wie du. Allerdings hast du ihn entmannt und das wird ihn den Kopf kosten. Meine Schwester wird einen anderen finden, der im Verborgenen an Muwattas Stelle tritt, so wie du Aaron ersetzt hast. Ein Unsterblicher, der die Heilige Hochzeit nicht vollziehen kann und mit einer Weiberstimme spricht, w�re in Luwien untragbar.</emphasis></p><p>�Wer �� Blut floss ihm aus dem Mundwinkel. Zu sprechen war unm�glich.</p><p><emphasis>Wer das Blei in die Bambusrohre gef�llt hat? Der alte Priester. Er wollte dich blo�stellen. Er glaubte, so k�nne er dich f�r die Zukunft gef�giger machen. Allerdings hat er es nicht allein getan. Alle Priester hier auf der Terrasse waren daran beteiligt. Sogar die Novizen. Sie sind eine korrupte, machtgierige Bande. Du kannst nicht ohne sie regieren. Das einfache Volk braucht einen G�tterkult. Etwas, woran sie glauben, wozu sie aufschauen. Etwas, wovor sie niederknien k�nnen. Selbst im kleinsten Dorf gibt es Schreine und Alt�re, und es braucht die Priesterschaft, die ihnen vorgaukelt, sie seien die Br�cke zu uns. Du brauchst diese Priester, damit dein Volk zufrieden ist. Aber du solltest ihnen Z�gel anlegen. Sonst werden sie dir Z�gel anlegen, Artax. Falls du �berlebst.</emphasis></p><p>Artax dachte an Muwatta. Wenn sein Schicksal wirklich besiegelt war, dann w�rde es wenigstens Frieden geben. Vielleicht war der n�chste Muwatta weniger hei�bl�tig und unbedacht.</p><p><emphasis>Du bist ein Tr�umer. Der n�chste Erzk�nig hat gar keine andere Wahl, als diese Fehde wieder aufzugreifen. Du hast ihn gedem�tigt. Das Duell muss erneut ausgetragen werden. Doch nun nach den Regeln, die f�r Unsterbliche gelten. Es wird eine Feldschlacht geben. Jeder von euch bietet f�nfzigtausend seiner besten Krieger auf. In drei Jahren werden sich die Heere Luwiens und Arams auf der Ebene Kush begegnen, und dann wird der Streit entschieden. Der Verlierer wird eine bedeutende Provinz an den Sieger abtreten. Damit erst endet der Streit. Es wird keine Belagerungen geben. Kein endloses Hin und Her, bei dem beide Reiche immer weiter ausbluten. Nur eine einzige Schlacht wird die Entscheidung bringen.</emphasis></p><p>Artax wurde �bel. In seinem Geiste sah er ein endloses Feld voller Leichen. Das war es nicht wert. Das war v�llig verr�ckt! Das�</p><p><emphasis>Du bist ein Unsterblicher! Wenn du einen Streit mit deinesgleichen beginnst, dann ist das nicht mit einem Duell wie diesem hier entschieden. Dann werden sich Gro�reiche duellieren. Und das geschieht auf dem Schlachtfeld. War die Elfe das wert? Oder deine Vorstellung von Ehre?</emphasis></p><p>Er musste �berleben, dachte Artax verzweifelt. Er musste dieses Unheil abwenden!</p><p><emphasis>Das liegt nicht mehr in deiner Macht. Meine Schwester und ich haben es soeben beschlossen. Der Streit zwischen Luwien und Aram wird auf dem Feld von Kush beigelegt werden. Nichts kann dies mehr abwenden. Dir bleiben drei Jahre, dein Heer vorzubereiten. Du hast mehr Krieger, doch in dieser Schlacht wird die �berzahl dir keinen Vorteil bringen. Muwattas M�nner sind besser ausgebildet und ausger�stet. Viele von ihnen besitzen eiserne Waffen. Deine st�rkste Waffe sind deine Streitwagengeschwader. Doch deine Streiter k�mpfen noch mit Bronzewaffen. Die Luwier werden sie zu Tausenden dahinschlachten. Wer immer dir diese Elfe geschickt hat, w�re sicherlich verbl�fft, in welchem Ausma� sie die Geschicke zweier Gro�reiche beeinflusst hat.</emphasis></p><p>Das w�rde nicht geschehen, schwor sich Artax. Und ihm war schrecklich klar, dass er zuerst eine G�ttin besiegen musste, wenn er es verhindern wollte.</p></section><section><title><p>Ein ganz besonderer K�fer</p></title><p>Nandalee blickte zu dem Drachen, der mit dem Kopf nach unten von der Decke hing. Ihr Meister sah albern aus! Und ihn schien das nicht im Mindesten zu st�ren! Die �brigen Sch�ler waren ganz in ihre Meditation versenkt, nur sie selbst schaffte es wieder einmal einfach nicht, in Harmonie mit sich und der Welt zu sein. Sie hatte wieder versucht, sich auf die Jagd zu konzentrieren, das Gef�hl in sich zu erwecken, das sie gehabt hatte, wenn sie in den verschneiten W�ldern Carandamons auf die Pirsch gegangen war. Manchmal gelang es ihr. Meistens jedoch nicht. Wie schon so oft musste sie auch jetzt wieder an den Troll denken, der ihr Leben ver�ndert hatte. Sie wusste, dass diese Gedanken ihr inneres Gleichgewicht st�rten, doch je mehr sie versuchte, sich gegen diese Gedanken zu sperren, desto sicherer kamen sie.</p><p>Nandalee wusste nicht, wie sie sich helfen sollte. Und ihr verdammter Meister half ihr auch nicht! Wenn er ein Lehrer war, dann musste er doch sehen, was in ihr vorging. Warum unternahm er nichts?</p><p>Sie erhob sich und streifte zwischen den anderen Sch�lern durch die Felsnische. Sie bewegte sich lautlos und versuchte die anderen nicht zu st�ren. Nat�rlich w�re es besser gewesen, einfach sitzen zu bleiben. Aber sie konnte nicht. Sie musste sich bewegen. Dieses ewige Sitzen machte sie noch wahnsinnig. Sie hatte kein Talent! Was musste sie tun, damit der Drache das einsah und sie endlich ziehen lie�?</p><p>Eine Bewegung auf dem Boden weckte ihre Aufmerksamkeit. Ein dicker schwarzer K�fer k�mpfte sich �ber das Spiralmuster, das in den Boden geschnitten war. Statt den eingeschnittenen Linien zu folgen, kletterte er quer �ber die Erhebungen zwischen den Rillen, was ihn viel Kraft zu kosten schien. Neugierig kauerte sich Nandalee neben den K�fer und sah ihm auf seinem Weg zu. Sein Hinterleib schimmerte metallisch gr�n. Der Halsschild war schwarz. Die kleinen F�hler, die aus seinem Kopf wuchsen, verdickten sich nach vorne, sodass sie wie kleine Keulen aussahen. Er machte einen robusten Eindruck. Er war ein Dickkopf, und sie mochte ihn daf�r.</p><p>Wieder und wieder erklomm er die steinernen Rillen des Reliefs und arbeitete sich dem Abgrund entgegen. Konnte er ihn sehen? Und wie war er hierhergekommen?</p><p>Nandalee verstellte ihm mit einem Finger den Weg. Der K�fer wich aus und schwenkte wieder auf seine alte Richtung ein. Was er wohl dachte? Konnten K�fer denken?</p><p>Sie beobachtete den Rhythmus, in dem seine gegliederten Beine gegen die Rillen ank�mpften. Er war ausdauernd. Ihn zu beobachten stimmte sie friedlicher. Der K�fer schien mit sich und seiner Welt v�llig im Einklang zu sein, obwohl er so einen schweren Weg zu gehen hatte. Einige Schw�nge der Spiralmuster f�hrten direkt zum Abgrund. Wahrscheinlich wollte er von dort fliegen. Er erschien Nandalee zu gedrungen, als dass er sich leicht in die L�fte erheben konnte. Er brauchte einen Absprungpunkt.</p><p>Pl�tzlich, ohne dass sie es gewollt h�tte, ver�nderte sich ihre Sicht. Ihr Verborgenes Auge hatte sich ge�ffnet und die Magie der Welt breitete sich vor ihr aus. Der K�fer verstr�mte Harmonie. Sie konzentrierte sich auf ihn. Er k�nnte es so viel einfacher haben, wenn er einen anderen Weg einschlug. Sie sollte ihm helfen. Sie k�nnte ihn auf die Hand nehmen. Oder �</p><p>�Du solltest deinen Weg �ndern�, fl�sterte sie. Der K�fer m�sste nur bei der �bern�chsten Rille in die Bahn einschwenken, statt weiterzuklettern. �Vertrau mir�, sagte sie eindringlich. �Du musst einen anderen Weg einschlagen.�</p><p>Gebannt beobachtete sie ihn, dabei dachte sie an den Weg, den er gehen sollte. Deutlich erkannte sie einen spinnwebd�nnen Lichtfaden, der sie nun mit dem K�fer verband. Der Faden wurde ein wenig heller und begann zu vibrieren.</p><p>Der K�fer schwenkte ein! Er hatte sie geh�rt! Nein, nat�rlich nicht � Es war ihre Magie, mit der sie ihn beeinflusst hatte. Nicht die Worte. Hatte sie es wirklich geschafft? Oder war es nur ein Zufall?</p><p>�Geh in die benachbarte Rille!�, wisperte sie, eindringlich jetzt. Immer noch sah Nandalee das magische Netz, das die Welt durchdrang. Und besonders deutlich sah sie das Band aus Licht, das sich zwischen ihr und dem dicken K�fer spannte.</p><p>Als habe er ihre Worte verstanden, wechselte er in die benachbarte Rille. Die Farbe seiner Aura ver�nderte sich. Ein Rotton schlich sich in das satte Gelbgold. Offenbar regte sich der Kleine auf. Es tat ihr leid. Zur�ck, dachte sie. Geh zur�ck auf den einfachen Weg in der Rille!</p><p>Das Rot in der Aura wurde st�rker, als der K�fer gehorchte.</p><p><emphasis>Ihr k�nnt also einen Mistk�fer von seinem Weg abbringen. Ich gratuliere zu diesem Triumph des Willens, Dame Nandalee!</emphasis></p><p>Ertappt zuckte Nandalee zusammen. Sie war so sehr in dieses Spiel vertieft gewesen, dass sie nicht bemerkt hatte, wie sich der Drache n�herte.</p><p><emphasis>Ist das die Art von Zaubern, die Ihr k�nftig weben wollt? So k�nnt Ihr viel Macht erlangen.</emphasis></p><p>�Ich wollte ihm nicht schaden.�</p><p><emphasis>Auf mich macht er den Eindruck, nicht sehr gl�cklich zu sein.</emphasis></p><p>�Aber ich habe ihm doch einen besseren Weg gewiesen. Er wird es viel leichter haben, so zum Abgrund zu gelangen und davonzufliegen. �</p><p><emphasis>Ihr habt ihm seine Freiheit genommen. Und obwohl er nur ein K�fer ist, hat er das deutlich gesp�rt.</emphasis></p><p>�Das sagt der Richtige! Ich bin auch nicht freiwillig hier.�</p><p><emphasis>Habe ich Euch etwa hierhergebracht?</emphasis> Der Drache legte seinen Kopf schief und bleckte die Z�hne zu einem Raubechsenl�cheln. <emphasis>Es steht Euch frei zu gehen, Dame Nandalee.</emphasis></p><p>�Dazu m�sste ich fliegen k�nnen!�</p><p><emphasis>Es steht Euch frei, es zu erlernen.</emphasis></p><p>Noch ehe sie sich bewusst wurde, was sie tat, ballte sie die Faust und reckte sie dem Meister entgegen. Ihr Verborgenes Auge hatte sich geschlossen. Deutlich sah sie die feinen Schuppenringe um die Augen des Drachen. Da waren Falten. Er wirkte melancholisch.</p><p><emphasis>Ihr k�nntet viel von dem K�fer lernen, Dame Nandalee.</emphasis></p><p>Seine Worte waren wie �l auf Feuer. �Du findest, ich bin dem K�fer �hnlich!�, schnaubte sie.</p><p><emphasis>Bedauerlicherweise nicht. W�ret Ihr ihm �hnlich, w�re Euer Leben in der Balance und Ihr k�nntet leichter jenen Weg finden, der Euch eine Zauberweberin werden lie�e.</emphasis></p><p>�Der K�fer steht in deinen Augen also �ber mir! Was bin ich f�r dich? Ein St�ck Dreck?�</p><p><emphasis>Ein zerr�ttetes Herz, das seid Ihr, mein Kind.</emphasis></p><p>Ihre Wut verrauchte so pl�tzlich, dass sie einen Augenblick lang argw�hnte, der Drache habe einen Zauber gesponnen. <emphasis>Ein zerr�ttetes Herz, das seid Ihr.</emphasis> Die Worte des Meisters hallten in ihren Gedanken wider, obwohl der Drache nicht mehr zu ihr sprach. Ihr traten Tr�nen in die Augen. Sie sch�mte sich. Und dann wurde sie erneut w�tend, sich vor dem Drachen so schwach zu zeigen. Sie fuhr sich mit dem Handr�cken �ber die Wangen und wischte die Tr�nen fort.</p><p><emphasis>Wisst Ihr, was das Wunderbare an diesem K�fer ist, Dame Nandalee?</emphasis></p><p>�Nein�, entgegnete sie �bellaunig.</p><p><emphasis>Wisst Ihr �berhaupt, was f�r ein K�fer das ist?</emphasis></p><p>Sie antwortete nicht. Ihre Unwissenheit war offensichtlich. Was interessierten sie schillernde K�fer! K�fer wie diesen gab es in Carandamon gar nicht. Wie sollte sie ihn kennen!</p><p><emphasis>Ihr m�sst entschuldigen, wenn ich in meiner Wortwahl nun etwas drastischer werde, meine Liebe, aber manchmal versteht man die Wahrheit besser, wenn sie sich nicht hinter sch�nen Phrasen verbirgt. Dieser K�fer ist ein Mistk�fer. Manche nennen ihn auch etwas vornehmer Pillendreher. Nat�rlich ist er nicht freiwillig hier. Ich habe ihn von einem Besuch bei einem meiner Br�der mitgebracht. F�r Euch, Nandalee. Hier auf nacktem Fels zu leben, wo man keine Exkremente findet, ist f�r ihn wahrscheinlich eine arge Qual. Er frisst Exkremente, wisst Ihr. Und er kommt bestens damit klar. Er sammelt sie auch f�r seinen Nachwuchs. Er dreht sie zu Kugeln, die ein Vielfaches seines eigenen Gewichtes betragen. Darin legen die Weibchen ihre Eier ab und die Jungen werden in eine Welt geboren, in der sie vor lauter Exkrementen das Tageslicht nicht sehen. Ihr ganzes Leben dreht sich um Schei�e! H�rt sich ein bisschen an wie Euer Leben im Moment, nicht wahr? Aber wisst Ihr, was wirklich faszinierend ist? Die M�nnchen rollen die Kugeln aus Mist, die von so erdr�ckendem Gewicht sind, mit ihren Hinterbeinen. Sie blicken dabei nach vorn in die Sonne.</emphasis></p><p><emphasis>Sie haben das Beste aus ihrem Leben gemacht. Lernt von ihnen. Wenn Ihr den Mist in Eurem Leben schon nicht loslassen k�nnt, packt ihn wenigstens hinter Euch, dass er Euch nicht andauernd den Blick auf die Zukunft versperrt.</emphasis></p><p>Nandalee sah ihn an. Fassungslos, zornig, nachdenklich, erstaunt. Lange Zeit schwieg sie, stand einfach nur da und hielt seinem Blick stand.</p><p>Dann lachte sie.</p></section><section><title><p>Verbotenes Wissen</p></title><p>�Ich wei� nicht, wie viele Tage mir noch bleiben, noch wei� ich, ob ich angelogen worden bin, doch die Geschichte, die mir die Getwerg erz�hlten, klang sehr �berzeugend. Zumindest sie glauben daran und handeln danach. Man findet sie allerdings nicht auf den Stelen ihrer Herrscherhallen niedergeschrieben. Sie wird gefl�stert, kommt ihr Inhalt doch einer Verschw�rung gegen die Alben nahe.</p><p>Sie haben mir Obhut gew�hrt, weil die Feinde ihrer Feinde bei ihnen willkommen sind. Sie wissen, was ich getan habe. Deshalb haben sie mich ins Vertrauen gezogen.</p><p>Es war Nangog, die Erdriesin, die von den Devanthar und den Alben gemeinsam erschaffen worden war, die Albenmark formte und auch Daia. Ihr letztes Werk war jene Welt, die ihren Namen trug. Nangog war �ber die ungez�hlten Jahre ihrer Arbeit weise geworden. W�hrend sie Gebirge formte, blieb ihr viel Zeit zu denken. Und Devanthar wie Alben begriffen, dass ihnen in der Riesin, die anfangs nur ihr Gesch�pf gewesen war, vielleicht eines Tages eine ebenb�rtige Gegnerin erwachsen k�nnte.</p><p>Und so verschworen sie sich gegen Nangog, deren Haupt bis in die Wolken reichte, wenn sie aufrecht stand. Sie versetzten die Riesin in einen magischen Schlaf, der bis in alle Ewigkeit w�hren sollte. Weil sie aber f�rchteten, das k�nne nicht genug sein, trennten die Devanthar ihr das linke Bein unterhalb des Knies ab, auf dass sie sich niemals gegen sie erheben k�nne. Und die Alben besiegelten ihren finsteren Pakt mit den Devanthar, indem sie Nangog das rechte Bein unterhalb des Knies nahmen. Sie sch�lten das Fleisch vom Gebein und brachten die Knochen in ihre Heimatwelten. Was die Devanthar damit taten, wei� kein Albenkind. Die Alben jedoch nutzten das Schienbein Nangogs als eine Br�cke �ber eine tiefe Schlucht an der Grenze zwischen dem Herzland und Arkadien. Die Getwerg halten dies f�r einen verfluchten Ort, an dem das Blut Tausender flie�en wird und an dem sich einst das Schicksal Albenmarks entscheiden mag.</p><p>Nangog aber ahnte den Verrat, den ihre Sch�pfer an ihr begehen wollten, und mit ihrem letzten Atemzug vor dem gro�en Schlaf erschuf sie die Gr�nen Geister, die ihre Welt besch�tzen sollten vor den Kindern der Devanthar, ebenso wie vor jenen der Alben. Es hei�t, wenn die Kinder der Verr�ter zur�ckkehren, dann wird ihr Schlummer nur noch leicht sein. Kommen jedoch Alben und Devanthar zur gleichen Zeit in jene Welt, die ihnen nicht geh�ren sollte, dann wird Nangog erwachen und ihr Zorn so gewaltig sein, dass auch ihre Sch�pfer ihr nicht mehr gewachsen sein werden.</p><p>Die Getwerg, die von allen V�lkern Albenmarks die aufrichtigsten sind, wahren ihr Wissen um diesen Verrat. Und deshalb verbergen sie sich vor den Alben und ihren Dienern, den Drachen � denn von ihnen ist keine Gerechtigkeit zu erwarten.�</p><cite><p>Randnotiz: Zur besseren Einordnung des Textes sei hier seine �berlieferungsgeschichte benannt: Die vorliegende Quelle ist eine Abschrift eines jener Dokumente, die Meliander von Arkadien vor seinem Freitod zu verbrennen versuchte. Der Papyrus, auf dem der Text niedergeschrieben wurde, war bereits stark verkohlt, sodass die Schrift, die mit einer Eisengallustinte ausgef�hrt worden war, nur noch als Schatten auf schwarzem Grund zu erkennen war. Laut Aufzeichnungen an einem anderen Ort handelt es sich bei diesem Text lediglich um eine Abschrift Melianders von einem Dokument, das er auf einem Pergament nicht tierischen Ursprungs vorfand. Meliander scheint aufgrund moralischer Bedenken die urspr�ngliche Quelle vernichtet zu haben, nachdem er sie kopierte. Ein Vorgehen, das nach heutigem quellenkritischen Ansatz vollkommen unverantwortlich erscheint. Die Quelle geh�rte zu einem Corpus nicht zusammenh�ngender Texte, der, in einer versiegelten Amphore vergraben, in den Bergen Ischemons gefunden wurde. Meliander vermutete, dass die Amphore zur Zeit der Drachenkriege vergraben wurde. Woher er um die vergrabene Amphore wusste, oder ob sie ihm nur zuf�llig in die H�nde fiel, ist ebenso unbekannt wie die Person des Verfassers oder der Verfasserin.</p><text-author>Galawayn, H�ter der Geheimnisse</text-author></cite><cite><text-author>Variante aus dem Sch�pfungsmythos der Kinder der Dunkelalben, kopiert von einer Abschrift Melianders von Arkadien, Blatt XII der Sammlung Nangog, verwahrt in der Bibliothek von Iskendria, im Saal des Lichtes, in einer Amphore vergraben an einem Ort, der nur Galawayn, dem H�ter der Geheimnisse, bekannt ist.</text-author></cite></section><section><title><p>Freiheit</p></title><p>ER betrat den verborgenen Hain in den Mondbergen. Wenn man nicht fliegen konnte, erreichte man diesen abgeschiedenen Ort nur �ber einen Albenstern. ER war sich sicher, dass sie gesp�rt hatte, wie ER durch die magische Pforte getreten war. Sie war eine Albe.</p><p>ER hatte einen sehr umst�ndlichen Weg hierher gew�hlt, war �ber die Welt der Menschen und Nangog gereist und w�rde auf noch verschlungeneren Pfaden zur�ckkehren.</p><p>Vorsichtig ging er zwischen kahlen B�umen den vereisten Hang hinab. Eiszapfen funkelten an den �sten. Es waren zu viele. Nichts hier war zuf�llig. Weder die Zahl der �ste noch die Winkel, in denen sie sich dem Himmel entgegenstreckten, noch der zarte Blauton in den Schatten des verschneiten Waldes. Alles hier hatte ihr Wille geformt. Alles war � sch�n.</p><p>Die Schneedecke wurde d�nner. Knospen brachen aus den �sten der B�ume. Hundert Schritt weiter war der Winter dem Fr�hling gewichen. Alle B�ume kleideten sich in frisches Gr�n und �ppigen Bl�tenschmuck. Der Fr�hlingsduft war so intensiv, dass er in der Nase kitzelte.</p><p>Etwas Kleines bewegte sich zwischen den �sten. Kein Vogel! ER wurde beobachtet.</p><p>Die Kreatur verbarg sich zwischen Bl�tenbl�ttern, nur ein winziger Kopf lugte �ber eine Kirschbl�te. Ein Kopf, kleiner als ein Daumennagel!</p><p>Die Gestalt schwebte zu IHM hinab. Schmetterlingsfl�gel wuchsen aus ihrem R�cken. Sie war nackt und erinnerte an eine winzige Elfe. Neugierig flatterte sie um SEINEN Kopf. Schlie�lich lie� sie sich auf SEINER Schulter nieder und hielt sich an einer Haarstr�hne fest.</p><p>�Die Herrin erwartet dich.� Die Stimme der Kleinen war in Anbetracht der K�rpergr��e erstaunlich gut verst�ndlich. �Du siehst seltsam aus.�</p><p>�Wartet Ihr schon lange auf mich?� Ein klammes Gef�hl stieg in IHM auf. Wusste sie um SEINE Pl�ne?</p><p>�Ich warte schon, so lange ein Apfel reift.�</p><p>Was f�r eine Antwort! Das konnte in einem Wald, in dem ein Apfel binnen eines Augenblicks von der Bl�te zur vollen Frucht zu reifen vermochte, so ziemlich alles hei�en. ER entschied, keine weiteren Fragen mehr zu stellen. Die Kleine umflatterte IHN keck, plapperte allerlei lyrischen Unsinn und ER konzentrierte sich ganz darauf, ihr zuzuh�ren. So w�rde ER andere, dunklere Gedanken besser verbergen k�nnen.</p><p>ER verlie� den Fr�hling und trat in ein sommerliches Waldst�ck. Die Farben hier waren satter. W�rmer. Alle B�ume hatten ihre Bl�tenpracht abgelegt. Das schwere Brummen von Hummeln lag in der Luft. Im hohen Gras war bereits ein Stich von herbstlichem Gelb zu sehen. Mohnbl�ten s�umten einen Wildwechsel. Oder wuchsen die Blumen dort, um G�ste zu ihr zu f�hren? Ein Blumenpfad?</p><p>Sie erwartete IHN auf einer Lichtung, bei einer klaren Quelle. Rotkehlchen turnten in den �sten �ber ihr. ER vermochte sie kaum anzusehen. Sie war wie Licht und doch auch Fleisch. Wenn man einem Alben begegnete, war man gut beraten, ihn nur aus den Augenwinkeln zu betrachten. Sie waren �berw�ltigend. Neben ihnen f�hlte man sich klein. Sogar ER konnte sich nicht dagegen wehren.</p><p>Es war noch etwas hier auf der Lichtung. Etwas Fremdes. Magie, die nicht dieser Welt entsprungen war. Sie lockte, so wie Bl�tenkelche mit grellen Farben und Honigduft Bienen lockten. Nein, der Vergleich war nicht passend. Es war subtiler, wenngleich es �hnlich unwiderstehlich war.</p><p>ER entdeckte ein unstetes blass silbernes Licht im Schatten einer Eiche. �Ihr habt eines der Tore ge�ffnet? Wollt auch Ihr gehen? � Die Alben nannten es das Mondlicht. Wer in dieses Licht trat, der verschwand auf immer aus Albenmark. ER wusste nicht, welche Zauber man wirken musste, um es zu rufen. Es war Jahrhunderte her, dass die Alben es entdeckt hatten, und seitdem rangen sie mit seiner Verlockung. Sie versuchten es zu ergr�nden. Aber es widersetzte sich jeder Erkl�rbarkeit.</p><p>�Ich mag das Licht. Wenn man ihm nahe ist, erscheint alles ver�ndert.� Ihre Stimme war sanft. Es hie�, wenn sie sang, fanden selbst die Seelen wilder Bestien Frieden. �Ich liebe unsere Welt. Aus ihr gerissen zu werden ist keine Verlockung f�r mich.� Sie stutzte. ER sp�rte ihren Blick wie eine Ber�hrung. �Du siehst seltsam aus.�</p><p>ER wusste das. Es hatte einen Grund. Nicht daran denken! ER schwieg.</p><p>Als sie verstand, dass ER nicht darauf eingehen w�rde, lachte sie leise. Sie konnte keine Konflikte ertragen. Sie �berspielte sie. So war sie schon immer gewesen. �Wie gefallen dir die Bl�tenfeen? �</p><p>�Bl�tenfeen?�</p><p>�Deine F�hrerin, Silberzunge. Sie ist eine Bl�tenfee.�</p><p>�Welchen Zweck erf�llen sie, Eure Bl�tenfeen?�</p><p>Sie kam IHM n�her. Ein sinnenverwirrender Duft ging von ihr aus. �Ihre einzige Aufgabe besteht darin, diese Welt zu bereichern. Sie lieben Poesie und den Sommer. Ich habe dreiundsiebzig von ihnen erschaffen und sie ins Herzland gebracht. Ich glaube, das Klima dort ist vertr�glich f�r sie.�</p><p>�Diese Bl�tenfeen sehen nicht aus, als k�nnten sie sich wehren. Was ist mit den Elstern im Herzland?�</p><p>�Jedes Leben birgt gewisse Gefahren. So ist das nun einmal.�</p><p>War das eine Anspielung? Ahnte sie etwas? �Auch uns erw�chst eine neue Gefahr. Die Devanthar bringen immer mehr Menschenkinder nach Nangog. Sie brechen damit den alten Vertrag. Wir k�nnen nicht einfach zusehen ��</p><p>�Ich kann das schon�, sagte sie unangemessen am�siert. Ihr Tonfall �rgerte IHN.</p><p>�Du bist immer so m�rrisch. So voller Sorge. Was willst du denn tun? Sollen auch wir den alten Pakt brechen? Ist das die Antwort? Ich glaube nicht.�</p><p>�Sie haben keinen Respekt. Vor gar nichts! Sie kennen keine Grenzen mehr. Mindestens ein Devanthar war hier in Albenmark. Ich kann es beweisen. Sie haben den Getwerg Geschenke gebracht.�</p><p>�Ich wei�, dass sie hier waren.�</p><p>Sie sagte das in so beil�ufigem Tonfall, dass IHM hei� und kalt wurde. Wusste sie etwas? ER trat einen Schritt n�her. ER sollte es schnell hinter sich bringen!</p><p>�Du wirkst unruhig. Und warum erscheinst du nicht in deiner nat�rlichen Gestalt? Gef�llt dir der K�rper nicht, den wir dir gegeben haben?�</p><p>�Ich bin zu gro�.� SEIN Mund war ganz trocken. �Ich hatte Sorge, dass ich etwas in Eurem Hain besch�digen k�nnte, wenn ich so komme, wie ihr mich erschaffen habt.�</p><p>�Du gibst auch einen ganz h�bschen Elf ab. Ich wei�, dass die Deinen gerne Elfengestalt annehmen, um zu � Aber das �� Sie lachte herzlich. �Das ist wirklich spektakul�r.�</p><p>Sie musste etwas wissen! Das war eine recht deutliche Anspielung. Wusste sie, was f�r einen verschlungenen Weg ER hierher genommen hatte? Dabei gab sie sich immer so freundlich und naiv. Hatte ER sich in ihr get�uscht? Sie war eine Albe, nicht weniger als die �brigen. ER sah zu ihr auf und senkte sofort wieder den Blick. Mildes Licht umgab sie, aber sie war nicht zum Anschauen gemacht. Etwas an ihr blendete. Nicht das Licht � Nichts, was ER in Worte zu fassen vermochte. Sie war einfach nicht von dieser Welt und mit sterblichen Augen nicht zu erfassen. War ehrfurchtgebietend, obwohl sie sich in ganz banalem Plauderton mit IHM unterhielt.</p><p>�Was sollen wir deiner Meinung nach gegen die Eindringlinge auf Nangog tun?�</p><p>�K�mpfen! Das ist die einzige Sprache, die die Devanthar verstehen. Sie verfolgen klare Ziele. Sie f�hren die Menschenkinder in neue Welten. Sie mehren ihre Macht. Und wir �� ER blickte auf diese neueste Sch�pfung, diese Bl�tenfee Silberzunge. �Wir haben Dichter, so gro�, dass sie von einer Kr�he gefressen werden k�nnen.�</p><p>Die Bl�tenfee zupfte IHN an den Haaren. �Banause!� Ihre winzige Gestalt zitterte vor Wut.</p><p>�Und nat�rlich sind Krieger mehr wert als Dichter�, sagte die Albe freundlich.</p><p>IHM war bewusst, dass ER sich auf sehr d�nnem Eis bewegte. �Manche vermissen, dass die Alben uns so f�hren, wie die Devanthar es mit den Menschen tun.�</p><p>�Und ich dachte, ihr w�sstet das Geschenk der Freiheit zu sch�tzen�, entgegnete sie ironisch. �Du kennst die Welt der Menschen. Hast du ihre Heere gesehen? Sie z�hlen nach Zehntausenden. Wie willst du gegen sie k�mpfen?�</p><p>�Mit Magie und Drachenfeuer!�, entgegnete ER entschieden.</p><p>Sie schwieg eine Weile. Silberzunge flog von ihm fort und suchte Schutz bei ihrer Sch�pferin.</p><p>�Ich sehe, du hast diesen Krieg bereits ernsthaft erwogen. Denken viele so wie du?�</p><p>�Die Mehrheit der Meinen. Ist euch Alben eigentlich klar, dass die meisten eurer Kinder das Geschenk der Freiheit gar nicht begreifen? Sie sehnen sich danach, von euch gef�hrt zu werden. Sie wollen ihre G�tter unter sich wandeln sehen. Sie wollen teilhaben an den Wundern, die ihr zu wirken verm�gt. Die Freiheit, die ihr ihnen lasst, deuten sie als Desinteresse. Und Ihr sagtet ja selbst, dass bereits einige von euch durch dieses silberne Licht gegangen sind. Flieht ihr nicht in Wirklichkeit vor der Welt, die ihr erschaffen habt?�</p><p>�G�tter?� Sie lachte. Das Gef�hl, das von ihr ausging, war so intensiv und ehrlich, dass es sich wie ein warmer Mantel um IHN zu legen schien. ER konnte nicht anders, als auch zu l�cheln, obwohl IHM gar nicht danach zumute war.</p><p>�Wir sind doch keine G�tter! Die Devanthar auch nicht, auch wenn sie sich als solche verehren lassen. Die Menschenkinder sind nicht mehr als ihre Spielzeuge. Und ihr w�nscht euch, dass wir unsere Kinder genauso behandeln?� Sie lachte erneut, doch ihr Gel�chter f�hlte sich jetzt anders an. Es verletzte IHN. Es klang wie Spott, auch wenn sie es vielleicht nicht so meinte. �Und die Getwerg h�ltst du f�r Verr�ter?�</p><p>�Sie haben sich mit den Devanthar eingelassen!�</p><p>�Bist du dir sicher? Auch die Devanthar k�nnen ihre Gestalt ver�ndern. Vielleicht haben sie die Getwerg get�uscht? Hast du einen Beweis f�r ihren <emphasis>Verrat</emphasis>?�</p><p>�Wer wartet, bis er Beweise hat, wird eines Tages von den Ereignissen �berrollt werden�, entgegnete ER �rgerlich.</p><p>�Und wer handelt, ohne sich ganz sicher zu sein, der wird auch das Blut Unschuldiger vergie�en. Ist es das, wozu du mich anstiften willst?�</p><p>ER unterdr�ckte seine wahren Gedanken. �Ich f�rchte, es ist das Schicksal von Herrschern, manchmal ein Unrecht zu begehen. Entscheidend ist, dass man mit den besten Absichten handelt.�</p><p>�Was f�r ein Trost f�r die Hinterbliebenen! Wovon du da redest, das ist nicht Herrschaft, sondern Tyrannei. Du kannst dir sicher sein, dass wir Alben so etwas nicht dulden werden. Denn ganz gleich, wie du unser Verhalten gegen�ber unseren Kindern deutest � uns ist diese Welt nicht gleichg�ltig. Im Gegensatz zu Daia ist dies ein Ort des Friedens und der Vollkommenheit.�</p><p>�Ein Ort, an dem die Getwerg Drachen morden�, entgegnete ER zynisch.</p><p>�Und die Drachen nehmen daf�r Rache. Scharm�tzel wie diese lassen sich nicht vermeiden. Ein Wolf frisst Schafe. Ein L�we ist nicht dazu geschaffen, friedlich zwischen Gazellen zu weiden. Und doch ist unsere Welt als Ganzes im Gleichgewicht. Ganz anders als Daia.�</p><p>�Und Nangog? Wir k�nnen doch nicht einfach zusehen, wie sich die Devanthar nehmen, was ihnen nicht geh�rt! Die Heerscharen der Menschen sind schon jetzt beinahe un�berwindlich. Durch das Korn aus Nangog werden die Menschenkinder noch zahlreicher werden. Wenn sie sich nicht an ihre Vertr�ge halten, wie lange wird es dann dauern, bis sie vergessen, dass es ihnen verboten ist, nach Albenmark zu kommen?�</p><p>�Wir k�nnen in Nangog keinen Krieg f�hren!� Zum ersten Mal klang sie �rgerlich. Ihren Zorn zu sp�ren lie� IHN unwillk�rlich einen Schritt zur�ckweichen. Selbst wenn sie IHM nichts antun wollte und Gewalt zutiefst ihrem Wesen widersprach, lie� der Anflug von �rger IHN sp�ren, mit welcher Leichtigkeit sie IHN vernichten k�nnte. Zugleich f�hlte ER sich trotz seiner geheimen Absichten erb�rmlich in dem Bewusstsein, ihre Gunst verloren zu haben. Was f�r ein j�mmerlicher Wurm ER doch war, sich von ihrer Zuneigung so abh�ngig zu machen!</p><p>�In Nangog zu k�mpfen h�tte schreckliche Folgen�, sagte sie nun ruhiger.</p><p>�Warum? Vielen scheint es so, als sei Nangog nachgerade dazu geschaffen, dass die Kinder der Devanthar und der Alben dort ihre Streitigkeiten austragen. Es ist eine herrenlose Welt, voller ��</p><p>�Der Schein tr�gt! Wir d�rfen dort nicht k�mpfen. Diese Welt ist � anders.� Der Ton, mit dem sie endete, lie� keinen Zweifel daran, dass sie nicht weiter �ber Nangog sprechen wollte.</p><p>Ein unterw�rfiger Wurm w�rde sich damit abfinden. ER entschied sich, kein Wurm zu sein.</p><p>�Was ist mit Nangog?�</p><p>�Wer bist du, es zu wagen, so mit mir zu sprechen? Hast du vergessen, vor wem du stehst?�</p><p>�Vor einer Tyrannin vielleicht, die entscheidet, ohne zu erkl�ren. Wie anders k�nnte man ein solches Verhalten nennen als selbstherrlich?� ER konnte sie nach wie vor nicht ansehen, aber ER sp�rte, dass seine Worte wirkten. Sie war weich, das hatte ER immer schon gewusst. SEIN Vorwurf hatte ihre verwundbarste Stelle getroffen. Eine Weile herrschte Schweigen zwischen ihnen. ER konnte nur ahnen, was in ihr vorging.</p><p>Schlie�lich sprach sie doch, und sie zog IHN tiefer in ihr Vertrauen, als ER je erwartet h�tte. ER versuchte es SICH zu erkl�ren. Sosehr IHN faszinierte, was ER h�rte, so sehr blieb ER auf der Hut. Stellte sie IHN auf die Probe? Was erwartete sie von IHM? Glaubte sie, sie k�nne IHN so von seinen Pl�nen abbringen?</p><p>�Verstehst du nun, warum es keinen Krieg auf Nangog geben darf?�</p><p>Ver�rgert zog ER eine Grimasse. War das alles denn nur ein Possenspiel! �Was fragt Ihr, wo Ihr doch mit Leichtigkeit in meinen Gedanken lesen k�nntet?�</p><p>�Das w�rde ich niemals tun!� Sie wirkte �berrascht und auch ein wenig beleidigt. �Das widerspr�che den ethischen Regeln, die wir uns auferlegt haben. Was f�r eine Freiheit w�rden wir unseren Kindern lassen, wenn wir in ihren Gedanken l�sen?�</p><p>�Keiner von euch nutzt diese Gabe?� ER konnte sein Gl�ck gar nicht fassen. Sie setzten ihre m�chtigste Waffe nicht ein!</p><p>�Das w�rde unseren Prinzipien widersprechen.�</p><p>ER trat an sie heran. Alle Sorgen waren vergessen.</p><p>Der Angriff kam schnell und entschlossen. ER zog ihr die Klinge, die von den Devanthar geschmiedet worden war, �ber die Kehle. Jenen Dolch, der dem unsterblichen Aaron gestohlen worden war, als er in den Tod st�rzte.</p><p>Mit gespannter Erwartung sah ER die Albe in die Knie brechen. ER hatte nicht gewusst, ob sie wirklich sterblich waren. Um sicherzugehen, stie� ER ihr den Dolch in die Brust. Bis zum Heft dr�ckte ER die Klinge in ihren Leib, dort, wo bei einem Elfen das Herz sa�. Hatten Alben ein Herz? ER wusste es nicht. ER zog die Klinge aus ihrem Leib.</p><p>Sie kniete vor IHM. Blickte voller Entsetzen zu ihm auf. Wieder stie� er zu. Diesmal in ihre Augen. Er konnte diesen Blick nicht ertragen. Den Vorwurf, die �berraschung und vor allem die Entt�uschung. Die Albe hatte sich in allem geirrt. Sie alle irrten. Das war keine Herrschaft! Die V�lker Albenmarks waren wie Kinder! Sie brauchten Anleitung, um sich zu entwickeln, um erwachsen zu werden. Diese Freiheit ohne Grenzen �berforderte sie. Im Grunde wollten sie lieber gef�hrt werden. Und diese F�hrung sollten sie in Zukunft auch bekommen.</p><p>Aus dem Augenwinkel bemerkte er eine Bewegung. Silberzunge! Er wollte ein Wort der Macht sprechen, um sie in der Luft stillstehen zu lassen. Es lag ihm auf den Lippen � Doch dann besann ER sich eines Besseren. ER durfte hier keinen Zauber weben, der leichten R�ckschluss auf seinen wahren Urheber erlaubte.</p><p>ER drehte sich um. Die Bl�tenfee versuchte zu fliehen. L�chelnd hob ER einen Stein auf. Es war dumm gewesen, so kleine und zerbrechliche Gesch�pfe zu erschaffen. ER traf sie mitten im Flug. Der Stein zerschmetterte ihre Fl�gel.</p><p>ER ging zu ihr hin�ber und hob sie mit spitzen Fingern auf. ER sollte sie nicht zur�cklassen. Den Stein schleuderte ER fort in ein Dickicht aus Brombeerranken. Die Bl�tenfee stopfte er in eine der weiten Taschen seines Gewandes. Er musste sich beeilen. Die Albe war tot. Hatten ihre Br�der und Schwestern ihr Sterben vielleicht gesp�rt?</p><p>Er sprach das Wort der Macht, wob jenen fremden, neuen Zauber, den ER an der Mammutkuh erprobt hatte. Beil�ufig schob ER sich den blutigen Dolch in den G�rtel. Feiner Nebel umsponn die Leiche. Es war ganz �hnlich wie bei dem Mammut, obgleich sie g�ttergleiche Kr�fte besessen hatte.</p><p>Zuletzt blieb nur ein Stein. Ganz ohne magische Aura und kleiner als der Stein, den die Mammutkuh hinterlassen hatte. ER hob ihn auf und drehte ihn zwischen den Fingern. Noch mochte ER nicht ganz glauben, dass IHM die Rebellion gegen SEINE Sch�pfer gegl�ckt war. Es war so leicht gewesen!</p><p>Unschl�ssig sah ER zu dem silbernen Licht unter der nahen Eiche. Ein Lichtstrahl aus einer anderen Welt. Verlockend � ER zupfte Silberzunge aus seiner Tasche. Sie bewegte sich schwach zwischen seinen Fingern. Blut sickerte �ber ihre Lippen. Das Leben verlie� sie. ER schleuderte sie ins Mondlicht. Wie von unsichtbarer Hand gehalten, schwebte sie mit ihren zerbrochenen Fl�geln inmitten der silbernen Lichtbahn. Statt Schmerz spiegelte sich nun Verz�ckung in ihren Z�gen. Was sah sie? Langsam verblasste sie, so wie ein Schatten, wenn die Sonne hinter Wolken verschwand.</p><p>Dieses Geheimnis w�rde ER nicht ergr�nden! Widerstrebend wandte ER sich ab. Es war schwer, der Verlockung zu widerstehen. Wie hatte sie es geschafft, hier zu leben? ER jedenfalls w�re hinaus in die Welt gegangen.</p><p>Beklommen machte ER sich auf den Weg zur�ck zur magischen Pforte. ER musste seine Spur verwischen, musste durch viele Albensterne gehen. Seine erste Reise w�rde IHN in eines der H�hlensysteme der Getwerg f�hren.</p><p>Mit einem Anflug von Traurigkeit sah er sich um. Er hatte das Gef�hl, dass der Hain seinen Glanz verloren hatte. Ein St�ck Sch�nheit war aus der Welt gerissen. F�r immer. So zu denken war sentimental!</p><p>Herrscher durften sich solchen Luxus nicht leisten.</p><p>Und ER war ein Herrscher.</p></section><section><title><p>Aufbruch</p></title><p>Artax blickte auf die Kolonne der Priester, die in Ketten an ihm vor�bergef�hrt wurden. Es waren mehr als nur jene, die auf der Terrasse versammelt gewesen waren.</p><p>�Wo ist Abir Ata�?�</p><p>Juba, der in der R�stung eines Kriegsmeisters neben ihm stand, sah ihn seltsam an, dann zuckte er mit den Schultern. �Gestorben. Wir haben ihn nicht einmal besonders hart angefasst. Der Hohepriester war alt. Ich glaube, sein Herz hat vor Angst aufgeh�rt zu schlagen. Abir Ata� war eine Natter. Er ist kein Verlust f�r Euch, Herr.�</p><p>Artax schluckte. Das war nicht, was er gewollt hatte. Er wollte keine Blutherrschaft. Dass der alte Hohepriester eine umfassende Verschw�rung gegen ihn angezettelt hatte, wusste Artax mittlerweile � und auch, dass deren Urspr�nge bis zu Aarons Lebzeiten zur�ckreichten. Die Priesterschaft der gefl�gelten Sonne hatte nicht weniger geplant, als ihn zu entmachten. Er w�re noch Herrscher geblieben, aber sie hatten versucht, die Kontrolle �ber Steuereinnahmen und Truppen zu �bernehmen.</p><p>Sieben Wochen waren seit dem Duell mit Muwatta vergangen, und Artax war noch immer geschw�cht von der Verletzung. Anfangs hatte er gehofft, der Devanthar w�rde ihn heilen. Er war ein Gott, es h�tte ihn gewiss nicht mehr als ein Fingerschnippen gekostet. Aber der L�wenh�uptige tat nichts dergleichen. Er war einige Male zu Besuch an seinem Krankenlager gewesen. Sogar die Gefl�gelte, I�ta, war einmal gekommen. Sie hatte kein Wort gesprochen, sondern ihn nur durchdringend angesehen und war dann wieder gegangen. Artax hatte das Gef�hl, zum Spielball zwischen den G�ttern geworden zu sein.</p><p>Juba war drei Mal nach Aram gereist, um auch dort Verhaftungen unter den Priestern vorzunehmen. Sein Kriegsmeister sagte, dass er ihn geschickt habe, doch Artax konnte sich nicht daran erinnern. �berhaupt waren seine Erinnerungen an die letzten Wochen verschwommen und l�ckenhaft. Doch das war nun nicht von Bedeutung. Er musste zur�ck nach Aram. Musste das Heft wieder in die Hand nehmen. Noch immer war die Lage in seinem K�nigreich ungewiss. Die Macht der Priesterschaft reichte bis in das kleinste Dorf, und Artax war sich durchaus bewusst, dass er sich mit seinen Entscheidungen in den ersten Tagen seines K�nigtums viele Feinde gemacht hatte. Es �berraschte ihn, wie wenig Entscheidungsfreiheit ein Unsterblicher hatte. Er war genauso in Ketten geschlagen wie ein einfacher Bauer, nur dass seine Ketten aus Gold waren.</p><p>Juba trat jetzt so dicht an ihn heran, dass sich ihre Ellenbogen beinahe ber�hrten. So k�nnte er sich auf den st�mmigen Krieger st�tzen, falls ihn die Schw�che �bermannte.</p><p>Bevor seine Wunde richtig zu heilen begonnen hatte, hatte Artax hohes Fieber bekommen. Er war noch immer entkr�ftet und wenn er eine falsche Bewegung mit dem linken Arm machte, fuhr ein stechender Schmerz durch seine Brust. Fast so, als w�rde Muwatta ihm ein zweites Mal sein Schwert in den Leib rammen.</p><p>�Wir werden das K�nigreich ver�ndern�, sagte Artax. Seine Stimme zitterte, aber er war noch immer entschlossen, seine Macht zum Guten zu nutzen, solange ihm die Zeit dazu blieb.</p><p>Juba bedachte ihn mit einem undeutbaren Blick.</p><p>Artax wusste, dass er majest�tisch aussehen sollte, und so reckte er das Kinn und straffte seinen K�rper. Er trug die R�stung eines Unsterblichen � den pr�chtig bestickten Leinenpanzer mit dem bronzenen L�wenhaupt und die fein ziselierten Armschienen, auf denen Bilder springender L�wen prangten. Zwar hatte seine Haut in den langen Wochen der Krankheit einen fahlen Ton angenommen, aber Artax hoffte, der Prunk seiner R�stung w�rde dar�ber hinwegt�uschen. Sein langes, schwarzes Haar war mit Duft�len behandelt und fiel ihm in str�hnigen Locken bis auf die Schultern. Sein �ppiger Bart war frisch gestutzt und reichte wie ein �liger, schwarzer Klotz auf seine Brust herab. Der Bart war wichtig. Er war ein Zeichen seiner Manneskraft und jeder wusste das, denn J�nglingen und Schwachen spross kein solcher Bart. Er war ein Symbol f�r die Kraft seiner Lenden und seines Schwertarms. Wenn er ehrlich war, waren sein Bart und das Haar kr�ftiger geworden. Der L�wenh�uptige musste ihn gest�rkt haben. Um die H�ften hatte er ein Leopardenfell geschlungen. Ein schwerer purpurner Umhang lag um seine Schulten. Die Brosche, die ihn hielt, zeigte das Zeichen der gefl�gelten Sonne. Ebenso wie der Saum des Umhangs, an dem sich das Symbol der Fl�gelsonne dutzendfach wiederholte. Es war Artax wichtig, seine Verbundenheit zu den G�ttern zu zeigen. Nicht mit ihnen lag er im Streit, sondern mit ihren heuchlerischen Dienern. Jeder im Reich sollte das wissen.</p><p>Er blickte auf die pr�chtige Prozession, die an ihm vorbei zur Goldenen Pforte zog. Seine Leibwachen, die Himmelsh�ter, flankierten den Zug. Sanfter Wind bauschte ihre langen, wei�en Umh�nge und die Sonne funkelte golden auf ihren polierten R�stungen und Helmen. Ihre Speerspitzen aber waren silbern, geschmiedet aus Eisen, und jede einzelne war ein Verm�gen wert. So m�chtig das Reich Aram auch war, vermochte Artax gerade einmal seine Leibw�chter mit diesen kostbaren Waffen auszustatten. Schwerter und Dolche aus dem kostbaren Metall trugen nur seine Satrapen und Feldherren. Sie waren kostbarer als Gold oder Sklavinnen von den Schwimmenden Inseln.</p><p>An der Spitze des Zuges gingen seine Tierb�ndiger. Sie f�hrten Leoparden an goldenen Ketten, Jagdhunde, deren Fell man purpurn gef�rbt hatte, auf dass jeder wusste, dass die gro�en Tiere dem Unsterblichen geh�rten. Der zweizahnige Kopfschw�nzler folgte den Hunden. Ein Geschenk, das Aaron vor Jahren von einem K�nig jenseits der Glasw�ste erhalten hatte. Das graue Ungeheuer war gr��er als eine Bauernh�tte. Ledrige Ohren, lang wie Wickelr�cke hingen seitlich von seinem Kopf herab. Es hie�, auch Muwatta bes��e so ein Ungeheuer und er w�rde sogar darauf reiten. Artax war der Meinung, dass man nur unn�tig sein Schicksal herausforderte, wenn man sich solch einen Fleischberg zum Reittier machen wollte. Die Barbaren jenseits der Glasw�ste nannten die Tiere Elefanten, doch Artax mochte den Namen lieber, den ihnen die Gelehrten an seinem Hof gegeben hatten � zweizahnige Kopfschw�nzler. Dieser Name schuf ein Bild. Wer je eine solche Kreatur gesehen hatte, dem wurde sie durch diese Benennungen wieder ins Ged�chtnis gerufen.</p><p>Mit einigem Abstand zu dem Ungeheuer wurden die S�nften seiner Haremsdamen an ihm vor�bergetragen. In einem Anflug von Weisheit hatte Aaron ihnen allen genau gleiche S�nften bauen lassen, um Streitigkeiten vorzubeugen. Das war vor vier Jahren gewesen; manche der S�nften hatten seitdem sieben- oder achtmal die Besitzerin gewechselt, und jede von ihnen hatte versucht, diesem kleinen reisenden Gef�ngnis aus Schwarzholz und Perlmutt eine pers�nliche Note zu geben � oder vielleicht auch nur eine Spur zu hinterlassen, die ihre Anwesenheit im Harem �berdauern mochte. So waren die Eckpfosten der S�nften mit Seidenschals geschm�ckt und mit kostbarem Geschmeide, das vielleicht einst der Lohn f�r eine Liebesnacht gewesen war. Die Vorh�nge � urspr�nglich alle aus demselben leuchtend roten Stoff � waren jetzt ausgetauscht oder zumindest mit aufwendigen Stickereien versehen. Wie im Harem versuchten die � versuchten � seine Frauen auch im Wettbewerb um die pr�chtigste S�nfte einander auszustechen und Blicke zu fangen.</p><p>Artax seufzte schwer. Selbst sein Harem war eine Bedrohung. Immer wieder musste er an die Worte Aarons denken, der gefordert hatte, all diese Frauen zu t�ten, um mit diesen Morden Tausende zu retten. Er w�re gut beraten, die M�dchen zumindest auszutauschen. Sie ahnten sein Geheimnis, wussten, dass mehr als nur sein Verhalten ver�ndert war, auch wenn er im Herrscherornat Aaron sogar dann verbl�ffend �hnlich sah, wenn er seinen Maskenhelm nicht trug.</p><p>W�rde er sich ihm eines Tages vielleicht doch auch als Herrscher angleichen?</p><p>Artax schob den Gedanken beiseite � er hatte ihn schon allzu oft wieder und wieder durchdacht � und suchte stattdessen weiter nach einer L�sung f�r sein Damenproblem. Artax wusste um jenen Hauptmann der Wachen aus Urat, dem Palast der Morgenr�te, seiner Residenz weit im Osten nahe den Bergen von Kush. Jenem Hauptmann, der sich um Haremsdamen k�mmerte, die verschwinden mussten, ohne dass allzu viel �ber ihren Verbleib bekannt wurde. Artax versuchte die Flut von Erinnerungen zu unterdr�cken. Aaron hatte sich mitunter an den Dingen beteiligt, die sein Hauptmann tat � Sogar in Ak�u, dem stolzesten seiner Pal�ste. Da war das weite Becken mit dem schlammigen Wasser. Augen, die wie Luftblasen auf dem Wasser lagen. Und die L�wengrube. Das hungrige Knurren der Bestien, das manchmal, in stillen N�chten, im ganzen Palast zu h�ren war. Artax ballte die F�uste. Er sah auf die bunten Schals an den S�nften. Konzentrierte sich ganz auf ihren Faltenwurf und ihre Muster. Und er versuchte mit aller Macht diesen Erinnerungen zu entfliehen. Er atmete schwer. Ein goldener Vogel lenkte ihn ab. Eine wunderbare Stickerei. Sonnenlicht brach sich funkelnd auf seinem Gefieder. Licht wie goldene Speere trieb die dunklen Erinnerungen in den Abgrund seines Ged�chtnisses zur�ck. Er hatte die Macht! Nichts geschah ohne seine Willen. Er musste die M�dchen nicht t�ten, die ihm so unvergleichliche N�chte bereitet hatten. Er k�nnte sie auch wegsperren lassen � in eine einsame Grenzfestung, vielleicht auf den Hochebenen von Kush oder am Rande der Glasw�ste.</p><p>W�hrend Artax den S�nften nachblickte, war er wieder ein wenig in sich zusammengesunken. Umhang und R�stung lasteten schwer auf seinen Schultern und seine Beine zitterten. Er hatte zu lange gelegen! Seine Kr�fte verlie�en ihn.</p><p>Es war ihm peinlich, nach Jubas Arm zu greifen. Und doch hatte er keine Wahl. Er st�tzte sich auf den st�mmigen Krieger. �Hilf mir.� Artax Stimme war kaum mehr als ein Hauch.</p><p>Sein Feldherr brachte ihn zu seiner k�niglichen S�nfte. Es war ein pr�chtiger Thron auf einem wuchtigen, h�lzernen Podest. Die R�ckenlehne des Throns war wie das aufgef�cherte Rad eines Pfaus gestaltet. Tausende Edelsteinsplitter ahmten die schillernde Farbenpracht des Pfauengefieders nach.</p><p>Mit einem Seufzer der Erleichterung lie� Artax sich nieder. Seine Arme zitterten, obwohl er sie auf die Lehnen st�tzte. Er krallte sich daran fest, um gegen die Schw�che anzuk�mpfen. Er wusste, dass er aschfahl war. Schwei� perlte von seiner Stirn.</p><p>�Du solltest noch warten�, fl�sterte Juba, der hinter die R�ckenlehne getreten war.</p><p>�Ich muss zur�ck�, entgegnete Artax gehetzt. �Es ist noch so viel zu tun � So viel ��</p><p>Er wollte das Reich ver�ndern. Er hatte es von unten gesehen, mit den Augen des Bauern, so wie Aaron es niemals gekannt hatte und wahrscheinlich alle anderen Unsterblichen auch nicht. Es gab so viel Ungerechtigkeit und Korruption, unn�tige Armut und �berfl�ssigen Luxus. Sogar Aaron hatte gewusst, was marode und krank war, war aber zu tr�ge gewesen, irgendetwas zu ver�ndern.</p><p>Oft hatte sich Artax dar�ber Gedanken gemacht, wie sein Vorg�nger an die Macht gekommen sein mochte. Selbst in seinen Fiebertr�umen hatte er die qu�lenden Gr�beleien nicht abstreifen k�nnen. Wer war Aaron einst gewesen? So viel Artax von Aaron auch wusste, er wusste nicht, wie sein Vorg�nger unter die Unsterblichen aufgestiegen war. Weshalb klaffte ausgerechnet in diesem Punkt in seiner Erinnerung ein absolut schwarzes Loch? Hatte der Devanthar diese Erinnerung getilgt, so wie der Wind eine Spur im Sand verschwinden lie�? Wer waren all die anderen gewesen, die es vor ihm gegeben haben musste? Wenn Aaron ganz �hnlich wie er an die Macht gelangt war, dann musste er doch auch �ber die Erinnerungen seines Vorg�ngers verf�gt haben. Und dieser wiederum �ber die Erinnerungen desjenigen, der vor ihm geherrscht hatte. Benutzte Aaron deshalb immer das Wir, wenn er sprach? War seine Pers�nlichkeit untrennbar mit den anderen verschmolzen? Und drohte ihm, Artax, dasselbe Schicksal? Wenn dies stimmte, dann m�sste sein Wissen bis zum allerersten Menschen reichen, den die Devanthar in die Rolle des Unsterblichen gezwungen hatten, �berlegte Artax. Nein, gezwungen war das falsche Wort. Er war sich gewiss, dass der L�wenh�uptige den Ersten verf�hrt hatte. Wer k�nnte schon einer Machtf�lle widerstehen, die fast an die Macht eines Gottes heranreichte!</p><p>�Du musst einen Befehl geben.� Jubas Fl�stern schreckte ihn aus seinen Gedanken.</p><p>M�de hob er die rechte Hand.</p><p>�Zur Goldenen Pforte�, rief der Feldherr mit Donnerstimme.</p><p>Sklaven mit nackten, ge�lten Oberk�rpern traten an die S�nfte des Unsterblichen heran. Artax wusste, dass es zwanzig waren. Alle zugleich hoben sie die polierten Schwarzholzstangen an, ohne dass ein besonderer Befehl notwendig gewesen w�re. Muskeln spielten unter sonnengebr�unter Haut und Artax f�hlte sich noch erb�rmlicher, als sie im Gleichschritt losgingen. Scheinbar unbeeindruckt vom Gewicht des Throns, seiner selbst und des Feldherrn. Und er? Er hatte kaum mehr die Kraft, seine Hand zu heben!</p><p>Artax biss sich auf die Lippen, bis der s��e Schmerz seine Melancholie verdr�ngte. Er lehnte sich zur�ck und lie� die Stadt an sich vor�bergleiten. Hier in den oberen Vierteln waren die k�hnsten Visionen der Architekten einer ganzen Welt Wirklichkeit geworden. Schneewei�er Marmor, purpurner Porphyr, meergr�ne Jade, goldene D�cher, Skulpturen von erlesenen K�nstlern, Mosaike auf den Stra�en. Viele Schritt lange Wandfriese, die Schlachtszenen, Jagden oder die Devanthar zeigten.</p><p>Alle Menschen, die man entlang der Stra�en sah, waren wohlgen�hrt und gut gekleidet. Ihre Gesichter waren nicht von Schicksalsschl�gen gezeichnet. Alles hier war voller W�rde. So sollte es sein. Artax dachte an sein Dorf zur�ck. An das Elend � aber auch an das Gl�ck dieser kleinen Leute, ihre Zuversicht und ihren Mut. Ihm war bewusst, dass all dies rings um ihn herum nur Bestand hatte, weil es Tausende D�rfer wie das aus seiner Kindheit gab. Er wollte eine gerechtere Welt. Auch wenn dann vielleicht die Goldene Stadt verschwinden musste. Ihm war bewusst, dass alles, was er tat, von den Devanthar beobachtet wurde. Er musste sich beeilen. Denn alt w�rde er gewiss nicht werden.</p><p>Den Kopf in den Nacken gelegt, bestaunte er die himmelragenden T�rme mit ihren verschn�rkelten Holzerkern. Die Br�cken, die sich mehr als hundert Fu� �ber ihm zwischen den H�usern spannten. Die bunten Banner, die von manchen Fassaden wehten. Wie viele hundert Stunden Arbeit wohl in solch einem drei�ig Schritt langen Banner stecken mochten?</p><p>Wohlger�che zogen durch die Gassen. Der Duft k�stlicher Speisen und Gew�rze. Der Geruch von Mandelbl�ten, ger�steten N�ssen und jenen geheimnisvollen schwarzen Bohnen, aus denen der Adel von Ischkuza einen dunklen Trank braute, der angeblich neue Lebenskr�fte weckte.</p><p>Der Gleichklang marschierender Soldatenstiefel hallte vom Pflaster, begleitet vom kristallenen Laut von Zimbeln und wehm�tigen Fl�tenkl�ngen. Wenn ein Unsterblicher die Stadt verlie�, war es �blich, noch einmal seine Macht zu demonstrieren. Man bot all seine Krieger auf. Zeigte auf dem Marsch durch die Goldene Stadt seine Sch�tze.</p><p>Juba hatte vor ein paar Tagen, bezecht nach einem Fest, vorgeschlagen, auf einer S�nfte einen gro�en goldenen Phallus mit sich zu f�hren. Ein Symbol f�r den Sieg �ber Muwatta. Die Geschichte des Kampfes und seiner Folgen hatte schon l�ngst in der ganzen Stadt die Runde gemacht. Jeder entlang der Stra�en h�tte gewusst, worauf das goldene Kleinod anspielte. Tumulte w�ren unvermeidlich gewesen. Artax war versucht gewesen � Sein Qu�lgeist Aaron begeistert! Der Unsterbliche l�chelte. War es Weisheit oder Feigheit, die ihn abgehalten hatte? Ohne Zweifel war er noch nicht in der Verfassung f�r weitere K�mpfe.</p><p>Fanfarenklang riss ihn aus seinen Tagtr�umen. Sie hatten den weiten Platz vor der Goldenen Pforte erreicht. Fast sein gesamter Hofstaat war versammelt. Der gr��ere Teil w�rde ihn auf der Reise nach Aram begleiten. Tausende Schaulustige s�umten den weiten Platz, der fast eine Meile durchma�. Auf der gegen�berliegenden Seite erhob sich eine graubraune Steilwand, die abgesehen von einzelnen Terrassen und zwei schlanken T�rmen, die sich auf vorstehenden Felsnasen erhoben, nicht bebaut worden war. An ihrem Fu� lag das Tor. Eine Pforte mit goldenen Fl�geltoren, so gewaltig, dass angeblich zehn der zweizahnigen Kopfschw�nzler n�tig waren, um einen der Torfl�gel zu �ffnen. Es war eine Pforte, die jedes menschliche Ma� sprengte � geschaffen von den Devanthar, deren Zaubermacht auch jenen unheimlichen Pfad erschaffen hatte, der jenseits der Pforte lag. Ungeachtet der Zeremonie arbeiteten Hunderte der besten Steinmetze, von Stoffbahnen verborgen, rechts und links des Tores an Bildnissen der Devanthar, gr��er noch als jene Statuen, die die Prachtstra�e zum Weltenmund s�umten. Waren sie zu selbstherrlich? Oder war es wichtig, dass das Volk immer wieder an sie erinnert wurde? Brachte ihre Existenz den Frieden? Er wusste es nicht, und das machte ihm Angst. Schnell wandte er den Blick von den verh�llten Statuen ab und erneut dem Tor zu.</p><p>Jedes Reiskorn und jeder Apfel, der Nangog verlie�, passierte diese Schwelle, und es war der einzige Weg in ihre Heimatwelt. Nie wurde das Tor geschlossen, und niemals verebbte der Strom von Menschen, der es in die eine oder andere Richtung durchquerte. Es war eine gefahrvolle, eine magische Reise, und mannigfaltig waren die Geschichten �ber verlorene Karawanen, die im Dunkel jenseits des Goldenen Pfades gestrandet waren, den es auf keinen Fall zu verlassen galt. Nur zu gut erinnerte sich Artax an die �ngste, die er w�hrend seiner ersten Reise auf dem Goldenen Pfad ausgestanden hatte. Und er war �berzeugt, dass die Gefahr f�r ihn selbst als Unsterblicher kaum geringer war als das Risiko, das ein einfacher Bauer einging.</p><p>Einmal mehr war der L�wenh�uptige nirgends zu sehen. Die Devanthar verbrachten nie viel Zeit an der Seite Sterblicher, aber Artax hatte das Gef�hl, dass der L�wenh�uptige ihn mied. War es Freiheit? Oder beruhte seine Abwesenheit auf Abneigung? Nein, dachte Artax, genug davon. Ein K�nig sollte sich nicht dauernd mit Fragen herumschlagen. Aaron hatte von seinen Lehrern gelernt, dass ein Herrscher vor allem entscheidungsfreudig sein musste � ganz gleich, ob er falsche Entscheidungen traf. Sein Hofstaat musste stets das Gef�hl haben, dass er ganz genau wusste, was er tat. Artax blickte auf seine H�nde, die wieder zu zittern begannen, sobald er den Griff von den Armlehnen l�ste. Er wusste, was das Zeremoniell von ihm verlangte. Er w�rde sich alle M�he geben, stark und kraftvoll zu erscheinen. Zumindest f�r einige Augenblicke.</p><p>Die Sklaven trugen ihn auf seiner S�nfte zur Mitte des Platzes und verharrten dort. Artax erhob sich in dem Bewusstsein, dass jedes Augenpaar im Kreis einer Meile auf ihn gerichtet war. Ihm wurde ein wenig �bel. Er hatte mit Wasser verd�nnten Wein getrunken. Es war hei�.</p><p>Ein seltsames magisches Licht spielte um den Innenrand der magischen Pforte. Wie k�rperlose Schlangen erschien es; Lichtw�rmer, die sich best�ndig umeinanderwanden. Rastlos. Unheimlich. Hinter ihnen lag Dunkelheit, durch die ein breiter, golden gl�nzender Weg f�hrte.</p><p>�Ich rufe dich, Gef�hrte in der Finsternis!� Artax war �berrascht, wie kraftvoll seine Stimme klang und die Worte weit �ber den Platz trug. Das leise Raunen in der Menschenmenge verstummte. Selbst die Maultiere und Lastkamele waren still.</p><p>Etwas bewegte sich jenseits des Tores � ein Licht, das langsam gr��er wurde, entwuchs der Finsternis. Ein L�we trat aus der Pforte, gro� wie ein Stier. Sein Leib war aus Silber. Die M�hne golden. Und das waren keine Metaphern. Der L�we bestand mit Ausnahme seiner honigfarbenen Augen tats�chlich ganz und gar aus Metall. Da Menschen allein auf den Goldenen Pfaden verloren waren, hatten die g�ttlichen Devanthar ihnen sieben Gef�hrten erschaffen; metallene F�hrer, durchdrungen von Magie. Dieser L�we war einer von ihnen.</p><p>Majest�tisch schritt er durch die weite Gasse inmitten der Menschenmenge dem Thron entgegen, den Blick fest auf Artax gerichtet. Als er ganz nah war, vernahm Artax einen Laut, der an das Klingeln kleiner Silbergl�ckchen erinnerte. Jeder Schritt des L�wen wurde davon begleitet. Bewundernd betrachtete der Unsterbliche die Kreatur. Sein Leib bestand aus unz�hligen einander �berlappenden Schuppen, in die feine Haare ziseliert waren. Die M�hne aber war aus l�nglichen Str�hnen gefertigt. Manchmal ert�nte ged�mpftes Surren im silbernen Leib des L�wen und ein rhythmisches Klacken. Unmittelbar vor der S�nfte hockte sich der L�we auf seine Hinterl�ufe und blickte erwartungsvoll zu ihm auf.</p><p>�Ich danke dir, dass du meinem Ruf gefolgt bist�, sagte Artax salbungsvoll. �Bitte f�hre mich zu meinem Palast in Ak�u. Es ist an der Zeit, zu meinem Volk zur�ckzukehren.�</p><p>Der L�we neigte sein Haupt, sodass jeder sehen konnte, dass er sich dem Willen des Unsterblichen unterwarf. Dann erhob er sich und schritt der Goldenen Pforte entgegen.</p><p>Artax wandte sich an sein Gefolge, das in langen Kolonnen auf dem Platz versammelt war, und machte eine Geste, als wolle er sie alle mit seinen Armen umfangen. �Folgt mir, meine Br�der und Schwestern. Wir kehren heim!�</p><p>Schwei��berstr�mt lie� er sich auf den Thron sinken. Nie zuvor hatte ein Unsterblicher seine Untergebenen Br�der und Schwestern genannt. Ringsherum erhob sich tausendstimmiges Getuschel. Pl�tzlich �bert�nte eine einzelne Stimme alle �brigen. �Heil dir, Aaron, Herrscher aller Schwarzk�pfe! Wir folgen dir im Dunkeln wie im Lichte!�</p><p>�berall wurde der Ruf aufgegriffen. Tausende feierten ihn. Und ihre Stimmen �bert�nten die Fanfaren, die zum Aufbruch riefen.</p><p>Artax war ger�hrt. Ein Klo� stieg ihm in den Hals. Seine Augen wurden feucht, auch wenn er Tr�nen zur�ckhalten konnte.</p><p>Juba legte ihm eine Hand auf die Schulter. �Jetzt habt Ihr sie�, sagte sein Gef�hrte, und obwohl er den Mund fast an Artax� Ohr brachte, musste er unziemlich laut sprechen, um gegen die Jubelrufe anzukommen. �Jetzt werden sie Euch �berallhin folgen.�</p><p>Zumindest im Augenblick, dachte Artax. Er war entschlossen, ihre Gunst zu halten und sie nicht zu entt�uschen. Als er nun der Goldenen Pforte entgegengetragen wurde und sich hinter seiner S�nfte die Kolonnen formierten, die ihm nach Ak�u folgen w�rden, erlaubte er sich sogar ein wenig Hoffnung. Er w�rde alle St�rme �berstehen und sein K�nigreich in ein wahrlich goldenes Zeitalter f�hren � auch wenn er daf�r das Gold von den D�chern der Pal�ste holen musste, um es sinnvoller einzusetzen.</p><p>Kurz wunderte er sich, dass sein Qu�lgeist schwieg � nicht nur w�hrend der Zeit seines Fiebers, sondern auch jetzt, im Augenblick seines Triumphes. War Aaron fort? Artax vermisste ihn nicht! Vom Jubel der Menge getragen und von neuer Kraft durchflutet, blickte er zu dem Tor, das ihn in seine alte Heimat f�hren w�rde, �ber den Weg, den er als Bauer gekommen war und auf dem er nun als Gro�k�nig zur�ckkehrte. Er f�hlte neue Kraft in sich aufkeimen. Wenn die Begeisterung f�r seine Herrschaft anhielt, dann w�rde er ganz Aram ver�ndern k�nnen.</p><p>Pl�tzlich wurde die Menge unruhig. Vereinzelte Rufe erklangen, ohne dass Artax die Worte genau verstand. Ein Kamel bl�kte �ngstlich.</p><p>�Seht zum Himmel, Herr!�, sagte Juba hinter ihm. �Bei den G�ttern!�</p><p>Der Unsterbliche musste den Kopf weit in den Nacken legen. Die S�nfte war schon zu nah vor die Steilwand ger�ckt. Zuerst sah er die Banner. Mehr als hundert mussten es sein. Der Himmel war erf�llt von wogenden Stoffbahnen. Ein jedes zeigte den Pferdekopf Ischkuzas. Die Palastwache der Steppenreiter war mit ihren Wolkensammlern am Himmel aufgezogen und ein jeder von ihnen hatte ein langes Seidenbanner an sein Fluggeschirr geschnallt. Ihre Bronzer�stungen funkelten im Sonnenlicht und die roten Hosen sahen aus wie frisch vergossenes Blut. Jeder Krieger f�hrte eine Lanze mit sich, von der ebenfalls ein Seidenbanner wehte. Artax erkannte Shaya unter ihnen � die einzige Reiterin ohne Bart. Die einzige Reiterin mit einer Haarstr�hne, die ihr immer wieder keck �ber ihre dunklen Augen fiel.</p><p>Zweimal hatte die siebenunddrei�igste Tochter des Gro�k�nigs von Ischkuza ihn besucht, w�hrend er ans Krankenlager gefesselt war, hatte Heilkundige und sogar einen Geisterrufer mitgebracht. Und kostbare Kr�uter, die man auf Feuerschalen neben seinem Bett verbrennen sollte. Die Kr�uter hatten so gr�sslich gerochen, dass Artax davon abgesehen hatte, sie zu benutzen. Statt die Krankheit zu bannen, h�tten sie vermutlich seine Lebensgeister vertrieben. Aber mit der jungen Kriegerprinzessin zu sprechen hatte ihn gl�cklich gemacht. Sie war stets sehr direkt. Manche mochten das barbarisch nennen, aber er hatte offene Worte schon immer gesch�tzt.</p><p>Die Krieger am Himmel senkten alle zugleich ihre Lanzen. �Heil dir, Aaron, Herrscher der Schwarzk�pfe!�, hallte Shayas Stimme in der G�ttersprache �ber den Platz, sodass der gr��ere Teil seines Hofstaats sie verstehen konnte.</p><p>Heil dir, Shaya, dachte Artax. Wir werden einander wiedersehen.</p><p>Jubel brandete auf. Noch niemals hatte ein Gro�k�nig seine Leibwache geschickt, um einen anderen Unsterblichen auf diese Weise zu verabschieden.</p><p>Die Zeiten �nderten sich, dachte Artax stolz.</p></section><section><title><p>Drachenaugen</p></title><p>ER sah sich beklommen um. Bei den Zwergen zu sein war leicht gewesen. Sie waren wie Steine und hatten kaum Sinn f�r Magie. Oder besser gesagt, sie hatten ihre verborgenen Talente noch nicht erschlossen. ER wusste, dass dies eines Tages anders sein w�rde. Zumindest bei einigen. Bei den Zwergen jedenfalls hatte ER sich ganz sicher bewegen k�nnen. ER hatte ihre h�ssliche, gedrungene Gestalt angenommen. Und ihren Geruch �</p><p>Hier war es anders. ER hatte sich bereits durch drei Tore auf Nangog bewegt, hatte die gebundene Macht dieser Welt gesp�rt und ihre Andersartigkeit. Die Alben hatten ihren Kindern verboten, je hierherzukommen. Allen, selbst ihren ersten Kindern, den Regenbogenschlangen! Nur die Alben selbst wussten, welche verborgenen Kr�fte hier schlummerten.</p><p>ER stand inmitten der Menge, die durch das Tor dr�ngte. Seit �ber einer Stunde bewegte sich der Zug, angef�hrt von dem K�nig in der S�nfte, durch die magische Pforte. Der Unsterbliche hatte IHN beeindruckt. Obwohl er kaum die Kraft besessen hatte, zu den Seinen zu sprechen, war da etwas an ihm, das Respekt einfl��te. Und dann noch dieser Auftritt der fliegenden Krieger. Wahrlich, dieser Unsterbliche verstand es, sich in Szene zu setzen!</p><p>ER konnte sp�ren, wie sehr die einfachen M�nner um ihn herum ihren Herrscher verehrten. IHM wurde solche Verehrung nicht entgegengebracht. Nur Respekt.</p><p>ER senkte den Blick, wurde eins mit der Masse, bot einen gro�en Teil SEINER Kraft auf, SEINE Zauber verschleiert zu halten. ER dachte an SEINEN Bruder, den Purpurnen, der einst in die Welt der Menschen gegangen war. Ohne die Erlaubnis der Alben. Er hatte geglaubt, Frieden stiften zu k�nnen. Ja, er hatte es sogar geschafft, dass sie alle seine Hoffnungen teilten.</p><p>Die Devanthar hatten ihn gemordet. Keine Regenbogenschlange wusste genau, was sich zugetragen hatte. Auch ER kannte nur die verworrenen Sagen aus der �berlieferung der Menschen. Geschichten, in denen von einem Himmel in Flammen und vom schlangengleichen Schrecken die Rede war. ER wusste, dass dies nicht die Wahrheit war! Der Purpurne war in Frieden gekommen. Einen Himmel in Flammen hatte es gewiss nicht gegeben!</p><p>Sie alle hatten es damals gesp�rt, als sein Nestbruder gestorben war. Das Entsetzen dar�ber, dass auch sie letztlich sterblich waren, war nie gewichen, ebenso wenig wie die Entschlossenheit, eines Tages Rache an den Devanthar zu nehmen. Die Rache hatte zu lange geruht. ER wusste, in welches der sieben Reiche sein Bruder hatte gehen wollen. ER sollte eine Drachenelfe schicken, die alte F�hrte aufzunehmen. Falls sie sich nach so vielen Jahrhunderten nicht v�llig in den Sagen und M�rchen der Drusnier verloren hatte.</p><p>Kurz wagte ER aufzublicken und sah erleichtert, dass der Silberne L�we durch den Albenstern gegangen war. Diese Kreaturen waren neu. SEINE Sp�her hatten IHM von den Silberl�wen berichtet. Heute hatte ER zum ersten Mal einen mit eigenen Augen gesehen. ER w�rde mit seinen Nestbr�dern �ber diese Gesch�pfe sprechen m�ssen. Welchem Zweck dienten sie? Sie waren ganz und gar aus Metall und doch lebendig. Ob die Devanthar in der Lage waren, noch gr��ere dieser metallenen Kreaturen zu bauen? Sollten sie f�r eine Invasion Albenmarks genutzt werden?</p><p>�Pass doch auf!�, raunzte IHN ein b�rtiger Lastentr�ger an, den ER in Gedanken versunken angerempelt hatte.</p><p>�Weg mit dir!�</p><p>Erschrocken wich der Mann zur�ck. Seine Augen waren schreckensweit � Die Augen! ER begriff, dass ER sich hatte gehen lassen. Seine Augen � Der Zauber!</p><p>Unruhe entstand unter den Tr�gern.</p><p>�Br�der! Habt ihr das gesehen? Br�der, seht nur! Ein D�mon ist mitten unter uns!�</p><p>ER konzentrierte sich auf das magische Netz, das SEINEN Leib in die ver�nderte Form zwang und SEIN wahres Gewicht verheimlichte. SEINE Augen. Einen Herzschlag lang hatten sie sich ihrer wahren Form angen�hert.</p><p>Leise fl�sterte ER ein Wort der Macht, und es ver�nderte den Odem des Querulanten. Sein Atem roch nun nach Anis, so als habe er von jenem starken Schnaps getrunken, der � auch das wusste ER von seinen Sp�hern � im einfachen Volk Arams so beliebt war. Ein zweites Wort der Macht lie� die Zunge des Tr�gers schwer werden.</p><p>�So seht doch ��, lallte dieser.</p><p>�Was willst du, Trunkenbold? Kannst dich kaum auf den Beinen halten und rempelst mich an!�</p><p>Einige der Tr�ger lachten.</p><p>�In die Reihe mit euch! Weiter. Los, geht!� Ein Aufseher mit breiter gr�ner Sch�rpe bahnte sich seinen Weg durch die Tr�ger und brachte die M�nner mit energischen St��en seines dicken Knotenstocks in die Reihe zur�ck. �Was geht hier vor, Marik?�</p><p>�Ein D�mon ��, lallte der Tr�ger. �Mit Schlangenaugen! Sieh!�</p><p>Der Aufseher drehte sich um. �Was hat er in deinen Augen gesehen, Umar?�</p><p>Der Aufseher schob IHM das Ende des Knotenstocks unter das Kinn und dr�ckte SEINEN Kopf nach oben. ER musste gegen SEINEN Zorn ank�mpfen! Dieser Wicht wagte es �!</p><p>ER sah ihm direkt in die Augen und konnte die Gedanken des Aufsehers lesen. Der Kerl sorgte sich darum, dass es Verz�gerungen gab oder einer seiner M�nner mit einer wertvollen Fracht im Nichts verloren ging. Um die M�nner selbst sorgte er sich nicht. Von ihnen gab es genug.</p><p>�Was soll mit Umars Augen sein? Die Schlangenaugen hast du auf dem Grund deines Schnapsbechers gesehen! Gib mir deine Last!� Der Aufseher riss Marik den schweren Sack von den Schultern und b�rdete ihn sich selbst auf. �Soll das Nichts dich verschlingen, du nutzloser S�ufer!�</p><p>Marik trat in die Reihe zur�ck. Immer wieder blickte er furchtsam �ber seine Schulter.</p><p>Z�gele dich, ermahnte ER sich stumm. ER hatte Umar am Abend zuvor in einer stillen Gasse �berrascht und all sein Wissen getrunken. Dann hatte ER die Gestalt des Sterbenden angenommen und den Leichnam verschwinden lassen. Nun war ER froh, vorsichtig genug gewesen zu sein, tats�chlich die Gestalt eines Tr�gers angenommen zu haben und nicht die eines beliebigen K�rpers, an den ER sich erinnerte. Unter den Menschen schien es wichtig zu sein, einen Platz in einem Netzwerk aus Freundschaften und Abh�ngigkeiten zu haben. Besonders seltsam waren die Verh�ltnisse bei den Luwiern. Geradezu absurd! Das gro�e Haus nannten sie ihren Staat und hatten die Bev�lkerung in Kammern gegliedert. V�llig verr�ckt! Aram war freier.</p><p>ER blickte zur�ck auf die himmelstrebende Stadt der Menschen. In Albenmark gab es nichts dergleichen � und das war gut so! Die Menschen zerst�rten die Sch�pfung. Ihm war unbegreiflich, warum die Devanthar das duldeten, ja, es sogar zu unterst�tzen schienen.</p><p>ER lie� sich mit dem Strom der Tr�ger weitertreiben. Sie hatten Angst vor dem Nichts. Man konnte diese Angst geradezu k�rperlich sp�ren. Sie alle mussten schon mindestens einmal den Goldenen Pfad betreten haben. Wahrscheinlich �fter. Marik hatte kaum getrunken, doch viele andere rochen nach billigem Fusel oder hatten die glasigen Augen der Opiumraucher.</p><p>ER trat durch die magische Pforte. Wie alle anderen heftete er seine Augen auf den magischen Pfad zu SEINEN F��en. Den Goldenen Weg, der von einer Welt in die n�chste f�hrte. ER k�nnte ihn verlassen, als Einziger hier. Konnte sich frei durch das Nichts bewegen, ohne verloren zu gehen. Aber ER durfte keine Aufmerksamkeit erregen. Deshalb hatte ER entschieden, inmitten der Tr�gerschar zu gehen und vor allem den Albenstern nicht selbst zu �ffnen. So w�rde ER keine Spur hinterlassen.</p><p>Marik, der unmittelbar vor IHM ging, betete. Als w�rden ein paar dahingestammelte Worte einen Nutzen haben! Wahrscheinlich lachten die Devanthar �ber solche Gebete, und wahrscheinlich w�rde der Tr�ger sich schon bald damit br�sten, wie furchtlos er den Schrecken des Nichts getrotzt hatte. Aus Umars Erinnerungen wusste ER, dass fast alle freiwillig hier waren. Wer immer eine Parzelle Land in Nangog bekommen wollte, musste eine Zeit lang als Lastentr�ger arbeiten. Es fanden sich immer genug Tr�umer, die an den schnellen Reichtum in der Neuen Welt glaubten.</p><p>Sie durchschritten einen anderen Albenstern. Wie lang hatte ihre Reise gedauert? Zehn Schritte? Ein Augenblick nur und sie standen auf einem weiten Palasthof. Aus den geraubten Erinnerungen tauchte ein Name auf � Ak�u. Der Palast des unsterblichen Aaron. Glei�endes Licht stach nach SEINEN Augen. Licht, das Drachenaugen nicht einmal zum Blinzeln gebracht h�tte. Doch in einen menschlichen Leib zu fahren hie�, sich von der Vollkommenheit abzuwenden. Blinzelnd sah ER sich um, Schwei� perlte von SEINER Stirn.</p><p>Unz�hlige F��e hatten Staub aufgewirbelt. Immer noch drehte sich Marik alle paar Augenblicke nach IHM um. Er hatte Lust, ihn zu verfluchen. Etwas Spektakul�res. Vielleicht Fliegenschw�rme, die aus seinem Mund und den Nasenl�chern quollen.</p><p>Still wie eine Statue stand der Silberne L�we auf einem Sockel und wachte �ber den Albenstern und die Tr�ger, die den Goldenen Pfad verlie�en.</p><p>ER senkte den Kopf vor dem silbernen Schrecken. Unauff�llig musste ER bleiben. Dem�tig! Vielleicht hatte sich ein Devanthar unter die Menge gemischt? Auch sie liebten es, fremde Gestalt anzunehmen. Man konnte bei ihnen nie wissen � Manche lie�en sich wie G�tter verehren. Andere mischten sich unter die Menschen und streiften unerkannt unter ihnen umher. Wieder dachte ER an den Purpurnen. Auf welche Weise SEIN Nestbruder wohl ums Leben gekommen war?</p><p>Die Menschen wurden in Gruppen aufgeteilt. Manche trugen tief gebeugt von Stirnriemen gehaltene K�rbe auf dem R�cken, die meisten jedoch schleppten einfache S�cke auf ihren Schultern. Der Duft von frisch gebackenem Fladenbrot zog �ber den Hof. Etliche Tr�ger rasteten im Schatten entlang der n�rdlichen Mauer, die den Hof eingrenzte. Die M�nner scherzten jetzt. Ersch�pfung und Anspannung waren von ihnen abgefallen; sie waren dem Nichts entronnen und dem vermeintlichen Gl�ck als Landbesitzer in der Neuen Welt einen Schritt n�her gekommen.</p><p>�Steh nicht nutzlos herum!� Der Aufseher versetzte IHM einen groben Sto� mit seinem Knotenstock und trieb IHN wie ein St�ck Vieh zu einer Tr�gergruppe. �Warte hier, bis du aufgerufen wirst, und fang nicht wieder �rger an! Hast du mich verstanden, Umar?�</p><p>�Ja, Herr�, murmelte ER widerwillig.</p><p>Ein neuer Sto� mit dem Stock folgte. �Was sagst du? Ich habe dich nicht verstanden.�</p><p>�Ja, Herr!�, stie� ER hervor.</p><p>Einige Lastentr�ger blickten auf und grinsten IHN an. ER ging zu ihnen hin�ber. Die Versuchung, ihnen SEINE Macht zu demonstrieren, wuchs. ER malte sich den Schrecken auf den Gesichtern der M�nner aus, wenn ER ihnen SEINE wahrhaftige Erscheinung offenbarte. ER w�rde den halben Palasthof ausf�llen. SEIN Atem w�re wie Sturmwind �</p><p>SEINE Laune hob sich.</p><p>Nun wieder schmunzelnd, blieb ER vor den anderen stehen und wartete, trat nicht in den Schatten und genoss das Sonnenlicht auf seinem Antlitz. Bewegungslos wie eine Echse auf einem hei�en Felsen. Ein Raunen unter den M�nnern lie� IHN aufhorchen. Der Schatten war weitergewandert und fast bis zur Hofmauer zur�ckgewichen. Die M�nner fl�sterten, ihr Tonfall hatte sich ver�ndert.</p><p>ER blickte sich um. Schwer bewaffnete Krieger traten nun aus dem Lichtbogen des Albensterns. Ihnen folgten Lastentr�ger in mit scharlachroten Fransen ges�umten Wickelr�cken. Die einge�lten, muskul�sen Oberk�rper schimmerten und langes Lockenhaar fiel den Tr�gern bis auf die Schultern. Je vier von ihnen trugen an zwei langen Stangen eine gro�e Truhe. Mehr als ein Dutzend dieser Truhen wurden auf den Hof gebracht. Sie waren mit Messingbeschl�gen versehen und schneewei�e Intarsien formten sich, ins dunkle Holz versenkt, zu Blumenranken und abstrakten Mustern.</p><p>Die letzten drei Kisten umgab eine seltsame Aura. Was immer darin verborgen lag, war von Magie durchdrungen. So stark, dass ER die Macht selbst f�nfzig Schritt entfernt noch wie eine k�rperliche Ber�hrung empfand. SEIN Interesse war geweckt und ER wagte es, SEIN Verborgenes Auge zu �ffnen. Keinen halben Herzschlag lang. Nur ein fl�chtiges Blinzeln. Was die Tr�ger in gro�er Eile zu einem Fl�geltor aus rotem Nussbaumholz brachten, ver�nderte das magische Gef�ge. Die Kraftlinien wurden verwirbelt. Ihre Muster gerieten in Unordnung. So etwas hatte ER noch nie gesehen! Nicht, ohne dass ein Zauberweber nach den Kraftlinien griff. Was hatten sie von Nangog gestohlen? Welche Geheimnisse barg die verbotene Welt?</p><p>ER blickte noch auf das Tor aus Nussbaumholz, lange nachdem es sich wieder geschlossen hatte. Sie mussten Nangog erforschen! Es gen�gte nicht mehr, Spitzel allein in die Welt der Menschen zu schicken. ER dachte an die �berlebende. Konnte ER sie noch einmal schicken? Nein, es w�re ein Fehler, immer nur sie f�r die wichtigsten Missionen zu w�hlen. Wer w�re dann der Richtige? Sollte ER aus der Blauen oder der Wei�en Halle w�hlen? Oder sollte er Talawain, jenen Spitzel, der unter die h�chsten R�nge der Palastdiener aufgestiegen war, zu SICH befehlen? Er w�rde sicherlich zu diesen Truhen gelangen k�nnen. Doch vielleicht w�rde er dann enttarnt werden. Nein, ihn konnte ER nicht opfern. Es w�rde Jahrzehnte dauern, erneut einen Elfen bis unter die engsten Vertrauten des unsterblichen Aaron aufsteigen zu sehen! Falls es �berhaupt ein zweites Mal gelingen w�rde.</p><p>Ein harscher Befehl brachte Bewegung in die M�nner entlang der Mauer, und m�rrisch nahmen sie ihre Lasten wieder auf. Die Angst hatte sie erneut im Griff.</p><p>ER reihte sich in die Schlange der Tr�ger ein. Leises Klirren mischte sich unter das Murmeln und die knappen Befehlsrufe und augenblicklich wurde es stiller. Der Silberne L�we war von dem Podest gestiegen � und kam IHM entgegen! Seine Tatzen hinterlie�en tiefe Abdr�cke im Staub des Hofes.</p><p>Unwillk�rlich wich ER einen Schritt zur�ck. Zehn Herzschl�ge mochte es dauern, bis ER seine wahre Gestalt angenommen hatte. Zehn Herzschl�ge und alles w�re verdorben. ER dachte an den Stein, den ER bei sich trug. An den Mord, den ER ausgerechnet an jener begangen hatte, die nur aus einer Laune heraus auf SEINER Todesliste gestanden hatte. Jene, die es gebraucht hatte, um die acht vollzumachen. Wenn ER hier zum Drachen wurde, w�rden die Devanthar IHM sofort nachstellen. Und schlimmer noch � die Alben w�rden es erfahren!</p><p>ER w�rde entkommen. Der Albenstern war nur ein paar Schritt entfernt. Aber SEINE R�ckkehr nach Albenmark in Gestalt eines Drachen w�rde nicht unbemerkt bleiben. Fragen w�rden laut werden; Fragen, auf die es keine Antworten gab. Es w�rde damit enden, dass die Alben in SEINEN Gedanken lesen w�rden. Etwas, das sie � wie ER jetzt wusste � normalerweise niemals taten, weil es gegen ihre hehren Ideale von Freiheit verstie�. Aber wenn ER in Gestalt eines Drachen aus der Welt der Menschen k�me und sich gegen ihre Fragen str�ubte, dann �</p><p>Der L�we war jetzt ganz nah � und dann schritt er an IHM vor�ber und hin zum Albenstern. Glei�endes Licht erhob sich schlangengleich aus dem Boden. Ein Licht, so hell, dass es die Farben trank und jeder auf dem Hof den Blick niederschlug. Die Lichtschlangen neigten sich einander zu, bildeten einen Bogen, und als sie sich ber�hrten, lag zwischen ihnen Schw�rze, durchzogen von einem pfeilgraden goldenen Pfad.</p><p>Der L�we beachtete IHN nicht! Oder gab er es nur vor?</p><p>Einige W�rdentr�ger erschienen bei dem Tor. Befehle wurden gerufen. Die Tr�ger zu einer Kolonne geformt. Immer zwei nebeneinander.</p><p>ER reihte sich ein. Diesmal w�rde ER SEINEN eigenen Weg gehen!</p><p>Der Geruch der Angst kehrte zur�ck, das leise Fl�stern, die rasch gemurmelten Sto�gebete. Manche Tr�ger hielten ihre Gl�cksbringer fest umklammert, andere nahmen einen Schluck aus den K�rbisflaschen, die an d�nnen Lederriemen �ber ihre wunden Schultern hingen. Sie waren schwach, diese Menschen.</p><p>ER r�ckte seine Last zurecht und ging gemessenen Schritts dem Albenstern entgegen. Dunkel umfing IHN. Und dann tat ER, was all die Tr�ger so sehr f�rchteten. ER wich vom Pfad ab.</p><p>Der Aufseher mit dem Knotenstock fluchte, als IHN die Finsternis verschlang. ER hatte das Gef�hl zu st�rzen. Ein Schrei hallte IHM nach.</p><p>ER lie� den Sack fallen. Ein verlorener Lastentr�ger war ein �rgernis, aber es w�rde kein Aufsehen erregen. Es war ein allt�glicher Tod inmitten eines unvergleichlichen magischen Wunderwerks, das von den Devanthar zur Karawanenroute degradiert worden war.</p><p>ER wusste, dass das Gef�hl zu fallen trog. Und doch vermochte SEIN Verstand kaum die beklemmende Angst zu besiegen, die den eingebildeten Sturz in endloses Dunkel begleitete. ER lenkte seinen Willen auf den Pfad, den ER finden wollte. Vor SEINEM geistigen Auge entstand ein Bild des komplexen Netzwerks, das das Nichts durchzog und alle drei Welten miteinander verband. Ein Gedanke nur, und ER stand erneut auf einem Goldenen Pfad. An anderer Stelle. Bald kreuzte er sich. Ein paar Schritt weiter fand sich ein minderer Albenstern. Ein Ort, an dem vier der Goldenen Pfade einen Schnittpunkt teilten.</p><p>ER trat hindurch, zur�ck in die Welt der Menschen. Verweilte und kehrte zur�ck in das Netz. Versuchte seine Spur zu verwischen und gab es auf. Alles, was ER erreichte, war, die Spur einer magischen verwischten Spur zu hinterlassen. Erneut trat ER durch einen minderen Pfad. Die Risiken, die diese leichtfertigen Passagen auf unsicheren Wegen bargen, waren IHM bewusst. Ein falsches Wort, wenn er SEINEN Zauber wob, ein fl�chtiger Augenblick, in dem die Konzentration abgelenkt war, und ER machte nicht nur einen weiten Schritt durch den Raum, sondern auch durch die Zeit. Vielleicht nur um Stunden, wom�glich aber auch um Jahrzehnte.</p><p>ER stand auf einer Felsklippe hoch �ber einem blaugr�nen Meer. Dicht unter dem Horizont erkannte ER Segel. Eine gefl�gelte Sonne auf rotem Grund schm�ckte sie. Die Schiffe waren schlank und wirkten zerbrechlich. Die Menschen mochten schwach sein, aber sie hatten auch Mut, sich auf solchen Gef�hrten den Launen des Ozeans auszuliefern.</p><p>Besch�mt dachte ER daran, wie sehr ER sich hatte treiben lassen. ER hatte einen Plan. Auch f�r SEINE Reise. ER wollte das Notwendige mit dem N�tzlichen verbinden. ER wollte durch viele verschiedene Albensterne schreiten, um SEINE F�hrte zu verwischen und schlie�lich wollte ER jenes menschliche K�nigreich bereisen, von dem ER so viele Ger�chte und so wenig Greifbares kannte. An einer Meersk�ste zu stehen und Schiffen nachzusehen geh�rte nicht zu SEINEM Plan.</p><p>Ein Wort der Macht und erneut �ffnete sich das magische Tor, das ER eben erst durchschritten hatte. Diesmal blieb ER l�nger auf dem Goldenen Pfad und passierte viele Albensterne, bis ER schlie�lich jenen fand, dem ER in Gedanken schon so oft nahe gewesen war. Hier kreuzten sich sieben Wege. Es war ein Ort von gro�er Macht. Eine Pforte, die nicht ohne Gefahr durchschritten werden konnte. Ein Weg, der IHN ins Reich der Zapote f�hren w�rde. �ber sie war nur wenig bekannt. Kein anderes der gro�en Menschenreiche hatte so viele SEINER Spione verschlungen. Nicht einmal die Schwimmenden Inseln.</p><p>ER trat durch den Lichtbogen hinaus in schw�le Hitze. Warmer Nebel zog durch wucherndes Gr�n. Dichtes Unterholz umfing ihn. Neben IHM ragte, halb unter Schlingpflanzen verborgen, eine Stele auf, die ein fl�chiges Gesicht schm�ckte. Eine Fratze mit weit aufgerissenem Mund, in dem sich viel zu gro�e Z�hne dr�ngten. Auf dem linken Auge sa� ein Schmetterling, gro� wie eine Menschenhand. Licht stach in glei�enden Speeren durch das Bl�tterdach hoch �ber IHM; ein langarmiger Affe schwang sich durch das Ge�st eines Baumes, der sich mit grellroten Bl�ten schm�ckte. Modergeruch stieg aus dem Unterholz. Der Gestank von nassem Fell.</p><p>Zwischen roten Bl�ten ragte ein unf�rmig gro�er Schnabel hervor. Dann folgte ein Vogelkopf. Schwarze Augen blickten zu IHM herab.</p><p>Ein Schlag traf SEINE Brust. Ungl�ubig sah ER an SICH herab.</p><p>Ein Pfeil. Er hatte IHN getroffen!</p></section><section><title><p>Das Raubtier</p></title><p>Nandalee hatte sich gef�gt. Sie hatte zwar nach wie vor Zweifel daran, dass aus ihr eine gute Zauberweberin werden k�nnte, doch es lie� sich nicht leugnen, dass ihr Verborgenes Auge sich ge�ffnet hatte. Die magische Welt zu sehen war ihr eine leichte �bung geworden. Aber sie zu ver�ndern und die Kraftstr�me f�r sich nutzbar zu machen fiel ihr nach wie vor schwer. Sie beneidete die anderen, vor allem jene, die schwebten. Ihr gelang es nie, sich so tief in Meditation zu versenken. Stattdessen versank sie in Langeweile, wenn sie stundenlang still sa� und versuchte, eins mit den Kraftlinien zu werden. Manchmal fragte sie sich sogar, ob die Kraftlinien vielleicht nur Linien aus Licht waren und die eigentliche Kraft zum Zaubern aus den Sch�lern selbst kam. Ihr fehlte F�hrung durch den Schwebenden Meister. Ihr fehlte, dass sie an die Hand genommen wurde und es ein greifbares Ziel gab.</p><p>Nandalee blickte hinaus zum verhangenen Wolkenhimmel �ber den Bergen. Sie wollte, dass die Welt wieder so einfach war wie fr�her. Eine Welt, in der es J�ger und Beute gab, Gute und B�se, und in der Trolle Ungeheuer waren. Fr�her hatte sie nie einen Zweifel daran gehabt, dass sie zu den Guten geh�rte. Bis der S�nger, der Alb, der auf dem Blauen Stern reiste, sie zur�ckgewiesen hatte. F�r ihn geh�rte sie nicht zu den Gesch�pfen, die seiner Aufmerksamkeit wert waren. Sie bereute, ihre Sippe in Gefahr gebracht zu haben, jedoch einen Troll get�tet zu haben, hatte sie nie bereut. Aber die Zur�ckweisung durch den S�nger nagte an ihr, und dass die Drachen sich daf�r umso mehr f�r sie interessierten, war nur ein schwacher Trost.</p><p>Aus den Augenwinkeln blickte sie hin�ber zu Sayn. Er war ein Kotzbrocken. Vom ersten Tag an hatte er gegen sie intrigiert und die anderen Sch�ler gegen sie aufgebracht. Au�er Bidayn hatte sie keine Freundin gewonnen. Die anderen verhielten sich im g�nstigsten Fall neutral, die meisten aber standen ihr mit kaum verhohlener Feindschaft gegen�ber. Oder war es einfach nur Neid, weil ausgerechnet sie, die unbegabteste Sch�lerin, vor die Regenbogenschlangen geholt worden war?</p><p>In den letzten Wochen hatte Sayn es manchmal geschafft zu schweben. Wie es wohl w�re, wenn er die H�hle verlie�e? Nandalee hatte nach wie vor nicht verstanden, was den Ausschlag gab, hier abgeholt zu werden. Es war in all den Wochen, die sie hier war, nur ein einziges Mal geschehen, dass ein Sch�ler geholt worden war. Und der hatte es noch nicht einmal geschafft zu schweben, auch wenn er durch andere Taten sehr wohl bewiesen hatte, ein Zauberweber zu sein.</p><p>W�rde es ruhiger f�r sie werden, wenn Sayn fort war? Oder vielleicht, wenn ein anderer neuer Sch�ler kam? W�rde sich die Missgunst dann auf den Neuen konzentrieren?</p><p>Wieder schielte sie zu Sayn her�ber. Der junge Elf war wirklich �beraus attraktiv � und angespannt. Sicher sp�rte er, dass sie ihn beobachtete; ebenso wie Nandalee sich sicher war, dass der Schwebende Meister seine Sinne auf sie gerichtet hatte. Jetzt, in ebendiesem Augenblick. Seine Augen waren zwar geschlossen und der wei�e Drache wirkte v�llig unbeteiligt und in sich versunken, doch das war Trug. Wer in der Wildnis aufgewachsen war, der wusste, wenn er Aufmerksamkeit erregte. Diesen Sinn brauchte man zum �berleben, sonst kam man nicht einmal mit Frostw�lfen klar, geschweige denn mit Trollen.</p><p>Vorgestern hatte jemand in ihre Wasserflasche gepinkelt. Und zwei Mal war in den Wochen, die sie hier nun lebte, ihre Decke spurlos verschwunden. Hinter all dem steckte Sayn, da war sie sich ganz sicher.</p><p>Ein Kribbeln �berlief Nandalee. Die feinen H�rchen auf ihren Armen richteten sich auf. Etliche der Sch�lerinnen und Sch�ler �ffneten die Augen. Selbst Bidayn, die so schwer aus der Ruhe zu bringen war. Etwas geschah �</p><p>Sayn schien noch immer ganz in seine Meditation versunken zu sein. Vielleicht merkte auch er etwas, hielt aber einfach die Augen geschlossen, um so zu tun, als k�nne ihn nichts aus der Ruhe bringen. Das w�rde ganz zu ihm passen!</p><p><emphasis>Aufh�ren.</emphasis></p><p>Die Stimme des Meisters war in ihren Gedanken. Er schien zu allen gesprochen zu haben, denn alle blickten zu ihm auf. Nur Sayn nicht.</p><p><emphasis>Aufh�ren! Das ist der falsche Weg!</emphasis></p><p>Der junge Elf zitterte jetzt am ganzen Leib. Blutige Tr�nen rannen ihm �ber die Wangen, aber er �ffnete immer noch nicht die Augen. Eigentlich geschah es dem Dreckskerl ganz recht. Aber sie konnten doch nicht einfach alle nur zusehen. Sie musste ihn aus der Trance rei�en, auch wenn er sich danach nur noch umso mehr �ber sie �rgern w�rde.</p><p>Nandalee sprang auf, w�hrend alle anderen Sayn nur anstarrten.</p><p><emphasis>Nicht!</emphasis></p><p>Sie packte ihn, um ihn zu sch�tteln. Er sollte aufwachen. Auch wenn er ihr als Dank eine langte. Etwas bewegte sich unter seinem engen Hemd. Es spannte, verformte sich, w�lbte sich vor, als wolle etwas aus Sayn herausbrechen. Ein Strom Blut quoll ihm �ber die Lippen. Der Stoff riss. Blut klatschte ihr ins Gesicht. Jemand schrie auf.</p><p>Nandalee blinzelte, tastete �ber ihr Gesicht, und als sie wieder klar sah, verharrte ihre Hand inmitten der Bewegung. Ihr wurde �bel.</p><p>Sayn lag hingestreckt auf dem Steinboden. Sein Blut rann durch die Rillen des Spiralmusters auf dem Boden. Jemand �bergab sich hinter ihr.</p><p>Nandalee versuchte zu begreifen, was geschehen war. Bidayn kniete sich neben den Toten. Er musste tot sein. Nandalee vermochte das Gesehene nicht mehr im Zusammenhang zu begreifen. Sie nahm nur noch Bildfetzen wahr. Sayns weit aufgerissene Augen. Sein zerfetzter Leib. Die Rippen, ausgestreckt wie aufgefaltete Fl�gel. Die Innereien. Das noch immer zwischen den Knochen ruckende Herz. Bidayn, die mit zitternden H�nden �ber den zerschundenen Leib fuhr. Sayns Augen verdrehten sich jetzt. Er sah zu ihr her�ber, und sie sp�rte, dass sein letzter Gedanke ihr galt. Dann erlosch der letzte Lebensfunke in seinem Blick.</p><p>Bidayn k�mpfte noch immer um ihn, schrie W�rter der Macht, W�rter, die helfen sollten, die Macht der Magie zu b�ndeln und Zauber zu weben.</p><p>Nandalee r�hrte sich nicht. Es gab nichts, das sie noch h�tte tun k�nnen. Sayn war tot. Sayn war tot!</p><p>Der Drache lie� sich neben Bidayn nieder. Sehr behutsam griff er mit seinen Krallenh�nden nach der Elfe und zog sie an sich. Nandalee war verbl�fft, ihn so behutsam zu sehen. Sie wusste nicht, was man als Anzeichen f�r Emotionen in einem Drachengesicht deuten konnte. Aber sein K�rper, seine Haltung und sein Handeln dr�ckten tiefe Betroffenheit aus. Bis seine lange lilafarbene Zunge aus seinem Maul schoss.</p><p>Er lie� Bidayn los und hob den Leichnam von Sayn auf. Dabei sah er Nandalee auf eine Weise an, die ihr Schauer �ber den R�cken jagte. So musste sich ein Kaninchen unter dem Blick des Falken f�hlen. Was hatte sie getan? Sie war doch diejenige gewesen, die als Einzige aufgesprungen war, um Sayn zu Hilfe zu eilen!</p><p>So f�rsorglich der Meister mit Bidayn umgegangen war, so sehr war er jetzt wieder Raubtier, als seine Krallen sich in das zerfetzte Fleisch des Sch�lers gruben. Er trat an den Rand der Klippe, schwang sich in die Luft und flog mit kr�ftigen Fl�gelschl�gen davon. Das Blut, das in einer d�nnen Perlschnur von Sayns Leib troff, wehte ihm nach wie eine Spur aus Tr�nen.</p><p>Nandalee war klar, was geschehen w�rde. Solange sie hier waren, geh�rten sie ganz dem Schwebenden Meister. Ganz! Der Drache w�rde Sayn fressen. Er hatte gerade noch genug Anstand, es nicht vor ihrer aller Augen zu tun � und sie las in den Gesichtern der anderen, dass sie es alle wussten.</p><p>�Sayns Seele ist nicht mehr hier�, sagte Bidayn mit zittriger Stimme. �Das ist nur noch sein Leib. Es ist nichts, nur Fleisch. Seine Seele ist frei und wird wiedergeboren werden.�</p><p>Nandalee bezweifelte, dass diese Worte irgendjemanden tr�steten.</p><p>Bidayn sah erb�rmlich aus. Ihre Arme waren bis �ber die Ellenbogen mit Sayns Blut bedeckt, das wei�e Kleid war besudelt, das Gesicht verschmiert von Blut und Tr�nen. Nandalee zog sie an sich und umarmte sie.</p><p>�So war es noch nie�, stammelte Bidayn. �Noch nie. So blutig. Es � Beim Letzten schlugen pl�tzlich Flammen aus dem Mund. Er ist von innen heraus verbrannt. Wei�t du, ich glaube, die Alben haben die Magie nicht erschaffen, damit wir sie nutzen. Wir k�nnen das einfach nicht. Das war eine Warnung. So viel Blut ��</p><p>Nandalee dr�ckte sie fest an sich. Zu fest. Ihre Worte beunruhigten sie.</p><p>�Warum war es diesmal anders gewesen?�</p><p>�Ich wei� es nicht�, schluchzte Bidayn. �Zauber zu weben ist gef�hrlich. Du wei�t das. Es gibt viele Wege, dabei zu sterben. Es ist eine Kunst, die uns nicht geschenkt wurde. Wir m�ssen sie uns erk�mpfen. Und jeder Kampf fordert Opfer.� Ihre Stimme stockte. �Aber Sayn. Er war gut, wei�t du � Ich verstehe das nicht!�</p><p>Nandalee kam pl�tzlich ein schrecklicher Verdacht. War es wom�glich nicht Sayn gewesen, der einen Fehler gemacht hatte?</p></section><section><title><p>Das gefiederte Haus</p></title><p>ER blickte auf den Pfeil mit der Spitze aus dunklem Vulkanglas, der von SEINER Brust abgeprallt war und nun zu SEINEN F��en lag. ER l�chelte. Ein solches Geschoss vermochte IHN nicht zu verletzen. Nicht in Menschengestalt. SEIN K�rper war viel zu dicht! Der Zauber, der es IHM erlaubte, SEINE Gestalt zu verwandeln, war nicht vollkommen. ER vermochte zwar SEINE Gr��e zu verringern, bis sie der eines Menschen entsprach, nicht aber SEINE Masse. ER hatte noch immer das Gewicht einer Regenbogenschlange. Ein zweiter Zauber sch�tzte IHN davor, nicht im weichen Boden zu versinken oder Steinplatten unter SEINEN Schritten bersten zu lassen, und ER musste sich st�ndig ermahnen, SEINE Kraft nicht zu vergessen. ER k�nnte mit einem Handschlag einen Baum entwurzeln.</p><p>ER b�ckte sich und hob sacht den ungew�hnlich langen Pfeil auf. Das Geschoss war rot befiedert. ER strich mit den Fingerspitzen vorsichtig �ber die kunstvoll behauene Kante der steinernen Pfeilspitze. W�re der Pfeil mit mehr Kraft abgeschossen worden, h�tte er IHN vielleicht doch verwunden k�nnen. Auf der anderen Seite, so dachte ER, w�rde keine Menschenhand einen so starken Bogen spannen oder auch nur fertigen k�nnen.</p><p>Ein Ger�usch �ber IHM weckte SEINE Aufmerksamkeit. Im Ge�st eines riesigen Baums huschte ein Schatten davon. Eine schlanke Gestalt, fast nackt. Die Haut war in Gr�n- und Schwarzt�nen bemalt. Fast verschwamm sie mit dem flirrenden Licht der Baumkrone.</p><p>ER war schneller und kraftvoller als ein Mensch, und ohne Zeugen m��igte ER sich nicht. �ste splitterten unter SEINEM Gewicht, wie ein Sturmwind fuhr ER in das dichte Geh�lz und dann lag der Krieger unter IHM. Unf�hig, einen Ton hervorzubringen, starrte der Wilde IHN mit schreckensweiten Augen an.</p><p>ER hatte es stets geliebt, Wild nachzustellen. L�chelnd beugte ER sich hinab und k�sste den Menschen � frei von Liebe oder Z�rtlichkeit und doch voller Begierde. Diesmal war ER viel unbeherrschter als in der Goldenen Stadt. Gierig entriss ER dem Wilden dessen Erinnerungen, stahl von ihm ein ganzes Leben. ER trank ihn und nutzte die Magie, die allem Lebendigen innewohnte, um dem Zauber, den ER wob, noch mehr Kraft zu geben. Es war k�stlich, all jene Sinneseindr�cke und alles Wissen in sich aufzunehmen. Als ER fertig war, war von dem Krieger nur ein verdorrter Kadaver geblieben. Ausgezehrt bis auf die Knochen. Das Fleisch war ihm vom Leib geschmolzen. Die Augen nur noch dunkle H�hlen. Der Mund ein klaffendes Loch, ges�umt von makellos wei�en Z�hnen.</p><p>ER erhob sich zufrieden. Erinnerungen und Wissen, das waren f�r IHN die einzigen erstrebenswerten Sch�tze. ER hatte das Wissen um diesen Zauber an SEINE treueste Drachenelfe weitergegeben. So konnte sie Suchen verk�rzen. Konnte sich das Denken der Menschenkinder zu Eigen machen. War eine Drachenelfe allein in der Welt der Menschen unterwegs, dann war es �berlebenswichtig, deren Sitten und Gebr�uche zu kennen. Dieser Zauber, mit dem man alle Erinnerungen seines Opfers in sich aufnahm, ersetzte Jahre des Lernens.</p><p>Zufrieden suchte ER nach einem gest�rzten Baumriesen, der eine L�cke in das dichte Bl�tterdach gerissen hatte. Dort streckte ER sich auf das moosgepolsterte Holz und genoss die Sonne. Mit geschlossenen Augen lie� ER das geraubte Leben an SICH vor�berziehen, schwelgte in fremden Erinnerungen, erg�tzte sich am dunklen Aberglauben des Kriegers. F�r den Wilden waren die Devanthar vogelk�pfige G�tter!</p><p>Der Krieger hatte in einem runden, fensterlosen Haus gelebt, dessen Au�enw�nde aus Holzpf�hlen bestanden. Seine ganze Sippe hatte dort gelebt. Sie schliefen in H�ngematten an Pf�hlen. Es gab keine W�nde. Keinen richtigen Boden. Keinen Ort, an dem man allein sein konnte. Dort hatte er oft den Erz�hlungen eines Schamanen gelauscht, der behauptete, ein Schattenj�ger gewesen zu sein. Ein schwarzer Panther. Er war zum Gefiederten Haus gegangen und unter die Gotteskrieger aufgenommen worden. Ein Privileg, das nur jenen gew�hrt wurde, die mit blo�er Hand einen schwarzen Panther fingen und es schafften, ihn lebend zu diesem omin�sen Gefiederten Haus zu bringen. Die Erz�hlungen �ber diesen Ort waren widerspr�chlich. Mal verglich der Schamane ihn mit Bergen. Dann wieder sprach er von dunklen H�hlen.</p><p>Davon, an diesen Ort zu gelangen, hatte der tote Krieger sein ganzes Leben lang getr�umt, denn wer den G�ttern gefiel, wurde von ihnen beschenkt. Sie machten ihre Auserw�hlten zu Panthern, die im Schatten jagten, zu Vipern oder Kondoren.</p><p>ER �ffnete die Augen und blickte auf zur glei�enden Sonnenscheibe. Der Aberglaube des Toten weckte SEINE Neugierde. Was geschah an diesem r�tselhaften Ort? Machten die Devanthar ihre treuesten Gefolgsleute zu Tiermenschen? Hatten sie die Macht dazu?</p><p>Ebenso wie die Schwimmenden Inseln lag auch Zapote abgeschieden und durch weite Ozeane vom Rest der Menschenwelt getrennt, und ER hatte es stets f�r das r�ckst�ndigste der Gro�reiche gehalten. ER hatte ohnehin geplant, eine Strecke zwischen zwei Albensternen zu Fu� zur�ckzulegen, um SEINE F�hrte zu verwischen. ER w�rde Zapote erkunden und den Geheimnissen des Dschungelreichs nachsp�ren. Voller Begeisterung begann ER SEINE Wanderschaft.</p><p>ER konnte die Albenpfade sp�ren, und wenn ER ein Tal durchquerte oder auf einen Berg stieg, war IHM stets bewusst, wo die n�chsten der verborgenen Kraftlinien lagen. Zur Not k�nnte ER sie schnell erreichen und unmittelbar in das Goldene Netz treten, ohne einen der Albensterne, an denen sich die Pfade kreuzten, zu �ffnen. Allerdings war dies sehr gef�hrlich.</p><p>ER l�chelte. Neugierde und eine ungesunde Vorliebe, sich Gefahren auszusetzen, waren SEINE gr��ten Charakterfehler, und ER liebte sie. ER w�rde diesem Land ein paar Tage geben. Nur das Gefiederte Haus wollte ER meiden, denn der Mensch, den ER get�tet hatte, war der �berzeugung gewesen, dass dort eine ganze Sippschaft von G�ttern lebte. Sollten sie eines Tages die Devanthar angreifen, w�re es wichtig, gleich mehrere von ihnen an einem Ort stellen zu k�nnen. ER musste Sp�her schicken! ER selbst durfte dort nicht hin! Bei aller Abenteuerlust. Das Risiko, dort entdeckt zu werden, war zu gro�. Bislang hatte ER Gl�ck gehabt. ER w�rde es nicht �berstrapazieren.</p><p>ER folgte einem schlammigen Bachlauf, verlor sich in SEINEN Gedanken und spielte dabei mit jenem Stein, in den die Essenz einer Albe gebannt war. Unscheinbar war er, ganz ohne magische Aura, und ginge er IHM auf einer Ger�llhalde an einer Bergflanke verloren, ER w�rde ihn niemals wiederfinden. ER brauchte einen sicheren Ort, um ihn zu verwahren. ER dachte an den Mammutbullen, der sein Weibchen immer mit sich f�hrte.</p><p>Der Gedanke an die Albe machte ihm zu schaffen. ER sah sich als einen Besch�tzer Albenmarks. Dazu hatten IHN die Alben erschaffen! ER verschwor sich nur deshalb gegen SEINE Herren, weil diese sich ihrer Sch�pfung entfremdet hatten. ER war kein M�rder � ER war ein Rebell! Ein Freiheitsk�mpfer! Und frei konnte Albenmark auf Dauer nur sein, wenn die Gefahr durch die Devanthar �berwunden wurde.</p><p>Kurz vor Sonnenuntergang verlie� ER den schlammigen Bachlauf. ER schwelgte in den Erinnerungen des toten J�gers. Dabei kreisten SEINE Gedanken immer wieder um die Tierm�nner, von denen der Schamane erz�hlt hatte. Wenn ER einen dieser Tierm�nner finden k�nnte, w�rde ER auch die Geheimnisse des Gefiederten Hauses aufdecken. Voller Zuversicht, und ohne M�digkeit zu versp�ren, setzte ER seine Suche fort. Tagelang � Doch der Dschungel erstickte SEINE Tr�ume. ER beobachtete die scheuen Bewohner der Hochplateaus und die J�ger der kleinen Sippen tief im Wald. Er war bei den Fischern und Bauern am gro�en, braunen Fluss, und in falscher Gestalt a� und lachte ER mit ihnen. ER h�rte viele Geschichten �ber Kondorm�nner und Krokodilskrieger, aber nie begegnete ER einem von ihnen. ER durchstreifte W�lder, in denen kaum noch ein Tier lebte, sah w�stes rotes Land, wo man die B�ume gef�llt hatte und die Humusschicht vom schweren Regen in die Fl�sse gesp�lt worden war. ER entdeckte schwimmende Felder, angelegt auf Fl��en, die in tr�ben T�mpeln trieben, deren Wasser unter dicht wuchernden, gr�nen Pflanzenteppichen verborgen blieb. Dass ER sich dem Gefiederten Haus n�herte, wusste ER, als die Geschichten, die sich die Menschen �ber die Stadt der G�tter erz�hlten, immer konkreter wurden. Doch als ER eines Nachmittags tats�chlich eine gefl�gelte Gestalt hoch am Himmel kreisen sah, entschied ER, dass ER zu lange geblieben war. Wenn ER noch n�her kam, wurde die Gefahr zu gro�, dass die Devanthar SEINE Spur entdeckten. Und so suchte ER einen Albenstern und kehrte schlie�lich in SEINE Heimat zur�ck.</p></section><section><title><p>Der Hinterw�ldler</p></title><p><emphasis>�brigens, meine Holde, ein Scheitern ist nicht vorgesehen.</emphasis></p><p>Die Abschiedsworte des Drachen gingen Lyvianne immer wieder durch den Kopf. Nach wie vor war sie sich nicht sicher, ob sie darin einen Anflug von Humor oder eine unterschwellige Drohung sehen sollte. Sie war allein in einem finsteren Wald, in einem abgelegenen Winkel von Drus, den kaum ein Elf je betreten hatte, und sie war sich bewusst, dass ihr hier niemand helfen w�rde. Ging es nach dem Willen der Alben, sollte sie sicherlich nicht hier sein. Aber der Drache hatte sie �berzeugt und das schon vor langer Zeit. Wenn sie f�r den kommenden Kampf mit den Devanthar gewappnet sein wollten, dann mussten sie wissen, was mit dem Purpurnen geschehen war, jener Himmelsschlange, die vor langer Zeit in den W�ldern von Drus spurlos verschwunden war. Was hatte ihn get�tete? Wer? Lyvianne konnte nicht verstehen, warum die Alben nicht l�ngst nach Antworten auf diese Fragen gesucht hatten. Ja, der Purpurne h�tte nicht in die Welt der Menschen gehen d�rfen � Aber dass sie keinerlei Interesse an seinem Schicksal hatten, verstand die Elfe nicht. Oder waren es am Ende die Alben, die den Purpurnen wegen seines Vergehens gerichtet hatten? Sie w�rde das herausfinden!</p><p>Lyvianne genoss ihre Missionen. Nicht den Umgang mit den Menschenkindern. Es war die Gefahr, die sie genoss. Sie adelte ihr Leben, machte jeden Herzschlag kostbar. Vielleicht w�re sie bereits beim Morgengrauen tot? Niemand w�rde sie vermissen. Die Drachenelfen hatte sie verlassen, als sie schwanger geworden war, und nach dem Tod ihres namenlosen Sohns war sie noch nicht zu ihren Waffenbr�dern in der Wei�en Halle zur�ckgekehrt. Die Mehrheit von ihnen wusste nichts von der kleinen Gruppe, die Ausfl�ge in die Welt der Menschen machte und Wissen sammelte, das eines Tages wichtig sein w�rde, wenn es zum Krieg mit den Devanthar kam. Zumindest glaubte sie das. Keiner von ihnen erz�hlte �ber seine Missionen im Auftrag der Himmelsschlangen. Vielleicht waren ja alle Meister der Wei�en Halle schon einmal hier auf Daia gewesen? Ganz sicher war es nicht so.</p><p>Lyvianne schritt durch den Nebel. Hier auf Daia zu �berleben erforderte einiges Geschick. Auch die Devanthar hatten J�ger, so wie die Himmelsschlangen. Mit Stolz und Schrecken dachte sie an den Ebermann, dem sie einmal nur knapp entkommen war.</p><p>Sie war barfu�. Ihr wei�es Kleid lie� sie fast eins mit den Dunstschwaden werden. Es war die Magie, die sie durch den fremden Wald leitete. Seit Tagen war sie hier und beobachtete ihn. Einen Barbarenf�rsten der Drus. Der Krieger war mehr als einen Kopf gr��er als sie, mindestens doppelt so schwer und eine stattliche Erscheinung. Leider hatte er seine Kleider seit mindestens einem Mond nicht mehr gewechselt. Wenn sie ihm bis auf hundert Schritt nahe k�me, k�nnte sie sich allein an seinem Geruch orientieren, dachte sie l�chelnd. Sie glaubten, dass man sich durch �bertriebene Reinlichkeit Fieber holen konnte. Lyvianne dachte an ihre Pl�ne mit ihm. Es w�rde einige �berwindung kosten, �berzeugend zu sein. Aber der Aberglaube der Drusnier mochte hilfreich sein. Er war wie geschaffen f�r eine magische Begegnung.</p><p>Die Einheimischen nannten diesen Ort den Geisterwald. Sie kamen nur selten hierher. Nur, wenn sie ihre Toten bestatteten oder eines ihrer obskuren Feste in dem heiligen Hain feierten. Nur die beiden Priester, die W�chter des Hains, schienen diesen Ort nicht zu f�rchten. Ihr F�rst musste hierherkommen. Er war ein Krieger, auch wenn die Narben auf seinen Armen in Lyviannes Augen kein Hinweis auf au�erordentliches Geschick waren. Aber die Drus sahen das anders. Wer ohne Narbe aus einem Kampf zur�ckkehrte, war f�r sie ein Feigling. Die Drus hatten einen seltsamen Ehrenkodex. Sie t�teten Feinde nur dann, wenn sie ihnen im Kampf mindestens ebenb�rtig waren. Das war leichtfertig, dachte Lyvianne.</p><p>Sie schienen auch davon �berzeugt zu sein, dass die Seelen derjenigen, die sie im Kampf t�teten, ihnen folgten. Es war wichtig, in einen Geisterwald zu kommen, um sich dort zu reinigen. Das konnte durch Rauch geschehen oder auch durch Wasser. Sie schmunzelte. Vielleicht bestand ja noch etwas Hoffnung, dass er gewaschen war, wenn sie einander gegen�berstehen w�rden.</p><p>Erst nach der Reinigung durfte ein Krieger eine ihrer Siedlungen betreten. Und erst dann durfte er bei einer Frau liegen. Ihr kleiner F�rst war sehr lange bei keiner Frau mehr gewesen. Sie w�rde leichtes Spiel mit ihm haben. Diese Narren glaubten, die Seelen der Erschlagenen k�nnten in den Leib des ungeborenen Kindes fahren, wenn das Reinigungsritual nicht erfolgt war.</p><p>Eine Fratze starrte sie aus dem Nebel an. In der Ferne erklang ein Ger�usch wie dumpfer Glockenklang. Die Barbaren schnitten Gesichter in die St�mme und setzten blutrote Steine als Augen, die von der nachwachsenden Rinde mit wulstigen Lidern umfangen wurden.</p><p>Wieder ert�nte der dumpfe Glockenlaut. Das Ge�st rauschte im Wind. Die Bl�tter fl�sterten von den Geheimnissen der Toten, die mitten unter ihnen beigesetzt waren. Lyvianne konnte sie riechen, die Leichen! Sie lagen auf h�lzernen Ger�sten, hoch im Ge�st der �ltesten B�ume. Die Tiere des Waldes fra�en von den Kadavern. Und was die Aasfresser nicht holten, verrottete.</p><p>Lyvianne verharrte und lie� den Wald auf sich wirken. Der Wind verwirbelte den Nebel. Ab und an stach ein silberner Lichtstrahl durch das Ge�st. Hoch am Himmel, vor ihren Blicken verborgen, leuchtete der Mond in all seiner Pracht. Es war ein k�hler Herbstabend. Der modrige, schwarze Waldboden atmete die W�rme des Tages in die Nacht.</p><p>Sie �ffnete ihr Verborgenes Auge. Kein Tier regte sich, obgleich sie die Auren der Waldbewohner wahrnehmen konnte. Sie schienen verschreckt. Und auch sie sp�rte, dass fremde Kr�fte in diesem Wald wirkten. Die Menschen waren keine Zauberweber, das wusste die Elfe ganz sicher. Aber hier in Drus war man �berzeugt davon, dass G�tter in den W�ldern lebten. Und Geister.</p><p>Lyvianne sah die Kraftlinien, die einem nahe gelegenen Albenstern entgegenstrebten. Ganz nah bei der magischen Pforte hatten die Drusnier einen Menhir errichtet. Einen grauen Stein von einer Art, wie man in weitem Umkreis keinen zweiten fand. Unter dem Moos, das auf ihm wucherte, waren Spiralen in seine verwitterte Oberfl�che gegraben. Das Muster fing einen Teil der Kraft des Albensterns ein und leitete sie in die umstehenden B�ume ab. Welchem Zweck das diente, vermochte Lyvianne nicht zu erraten, doch daran, dass Zauber an diesem Ort wirkten, gab es keinen Zweifel. Auch ihr Zauber w�rde durch die Kr�fte des Waldes und des Menhirs verst�rkt werden.</p><p>Lyvianne hatte vor drei Tagen den Geisterwald entdeckt und ihn seitdem beobachtet. Vorher war sie mehr als eine Woche durch die W�lder von Drus gestreift und hatte sich davon �berzeugt, dass ihr niemand folgte. Sie war sich dessen bewusst, dass sie fr�her oder sp�ter die Aufmerksamkeit eines Devanthar erwecken w�rde. Wahrscheinlich waren sie in der Lage, den Spuren zu folgen, die ihre Magie, f�r Menschen unsichtbar, im Gespinst jener Kraftlinien hinterlie�, die sich durch alle Welten zogen. Deshalb wob sie nur selten einen Zauber. Und sie hatte auch nur einen Mord begangen. Das war unerl�sslich gewesen. Sie hatte sich einen Schweinehirten gepackt und von ihm Grundkenntnisse �ber das Volk der Drusnier, ihre W�lder und ihren Aberglauben erworben. Und vor allem ihre Sprache. Leider verkrafteten die meisten Menschenkinder es nicht gut, wenn man ihre K�pfe entleerte. Auch zehrte der Zauber, den sie wob, an der Lebenskraft ihrer Opfer. Lyvianne hatte den Kadaver des Schweinehirten verbrannt. Der Anblick seines Leichnams, nachdem der Zauber vollendet war, h�tte sicherlich f�r einiges Aufsehen unter den Drusniern gesorgt. Die letzten �berreste des Kerls ruhten tief im Waldboden unter einer Schicht von Steinen. Niemand w�rde ihn je wiederfinden.</p><p>Aber mit diesem F�rsten hier war es anders. Wenn sie hatte, was sie wollte, w�rde sie ihn nicht t�ten, sondern gezeichnet zur�cklassen. Der Drache wollte es so � und auch ihr gefiel der Gedanke an den Schrecken, den der Krieger noch verbreiten w�rde, ehe er starb.</p><p>Die Elfe ging weiter, folgte dem dumpfen Klang. Jetzt waren �hnliche Laute auch aus anderen Richtungen zu h�ren. Sie klangen unwirklich. Nicht ganz in der Welt der Lebenden verhaftet. Es waren die Totenb�ume.</p><p>Lyvianne duckte sich unter einer gest�rzten Eiche hinweg, deren verschlungenes Wurzelwerk selbst im Tod noch den m�chtigen Brocken Erde umklammert hielt, den sie bei ihrem Fall aus dem Waldboden gerissen hatte.</p><p>Die Elfe verharrte neben dem Stamm. Sie wusste, dass das Heiligtum auf der Lichtung keine zwanzig Schritt mehr entfernt war, auch wenn die treibenden Nebelschleier es vor ihren Blicken verbargen.</p><p>Zwischen B�umen, deren Kronen gekappt waren, lag dort das Heiligtum. Es war ein Labyrinth aus miteinander verflochtenem Astwerk. Ein Teil dieser �ste lebte sogar noch. Lyvianne hatte sich dort nie hineingewagt. Der Ort war durchdrungen von fremder Magie. Ihr Opfer dort zu stellen w�re �u�erst leichtfertig. Hier drau�en war es vergleichsweise sicher.</p><p>Sie lehnte an einem efeu�berwucherten Fels und wartete. Der Weg zur�ck zur Siedlung w�rde den Krieger an ihr vorbeif�hren. Ein Bild war in den Steinblock geschnitten. Grobe Linien. Sie zeigten eine gefl�gelte Frau, die mit einem Speer hinabstie�. Die Spitze der Waffe war unter dem Efeu verborgen. Welches Ungeheuer dieses Weib wohl bek�mpfte? Sollte sie eine Devanthar sein? Lyvianne war versucht, den Efeu abzurei�en � Dann entschied sie sich dagegen. Es war kl�ger, m�glichst wenig Spuren zu hinterlassen.</p><p>Sie wandte ihre Aufmerksamkeit einer gest�rzten Eiche zu und betrachtete die zersplitterten Totenger�ste im Astwerk. Ein Sch�del, von dem neben vertrockneten Hautfetzen auch Str�hnen schlohwei�en Haares hingen, lag so nah, dass sie ihn mit dem Fu� h�tte ber�hren k�nnen. Von blaugr�ner Patina �berzogene Bronzer�hren mischten sich mit zersplitterten Rippen. In den Totenb�umen hingen Windspiele, die bei der leisesten Brise ihr geisterhaftes Klagen anstimmten. Wie viele der Bauern wohl wussten, woher die unheimlichen Laute im Wald r�hrten? Ihr Schweinehirt jedenfalls hatte es nicht gewusst. Der war der �berzeugung gewesen, dass in diesen W�ldern die Toten zu den Lebenden sprachen.</p><p>Pl�tscherndes Wasser st�rte die Stille im Geisterwald. Der Krieger hatte mit der rituellen Waschung begonnen. Oder vergossen sie einfach nur Wasser? Wer wusste schon um die Br�uche von Barbaren. Ihr Schweinehirt nicht; der war niemals im Inneren des Labyrinths aus geflochtenen �sten gewesen. Bald, sehr bald w�rde sie durch den Krieger auf das verbotene Heiligtum blicken.</p><p>Lyvianne schloss die Augen und wurde eins mit dem Wald um sie herum. Mit dem Gras unter ihren F��en, dem Gew�rm und den K�fern unter der Rinde der gefallenen Eiche. Mit der Maus, die ein St�ck links von ihr am Eingang ihrer H�hle lauerte. Sie sp�rte alles Leben. Langsam weitete sie den Radius aus. Sie ver�nderte das Muster der Magie um sich herum nicht. Sie nahm es in sich auf. Jetzt sp�rte sie den Krieger. Sogar seinen kraftvollen Herzschlag. Er zog gerade seine schlecht geschnittene Hose hoch. Mitten in der Bewegung hielt er inne, als sp�re er ihre Anwesenheit. Er geriet aus der Balance. H�pfend k�mpfte er mit seiner Hose.</p><p>Die Elfe entschied sich, ihm ein St�ck entgegenzugehen. Der Wald verschwamm ihr vor den Augen. Ihr Atem ging keuchend. Ihr K�rper gehorchte ihr nicht l�nger. Sie brach in die Knie. Sie zitterte am ganzen Leib. Nicht jetzt, war ihr letzter Gedanke, bevor sich der Nebel hastig zur�ckzog. Die Lichtung war ver�ndert. Der Tempel lag nun auf einem flachen H�gel. Die gek�pften Baumst�mme waren ihrer Rinde beraubt, sodass ihr Holz knochengleich in der Nacht schimmerte. Einige der St�mme waren mit Schnitzwerk �berzogen. Primitive Arbeiten, die falsch proportionierte, �berlange Menschen zeigten, Tiere auf Stelzenbeinen und Bl�ten. Auch schienen Schriftzeichen in das Holz gekerbt zu sein.</p><p>Der Wald ringsherum war ver�ndert. Dichter. Von den B�umen hingen Stoffstreifen, Trinkh�rner und etliche Waffen, die leise klingend aneinanderschlugen. Dort, wo eben noch die gest�rzte Eiche gelegen hatte, erhob sich nun eine Esche, an der ein gro�er Kupferkessel mit der �ffnung nach unten aufgeh�ngt war. In seinem Inneren pendelte eine Kelle wie der Kl�ppel in einer Glocke.</p><p>Farndickicht wucherte auf der Lichtung. Ein M�dchen mit blassem Gesicht und rotblondem Haar schlich geduckt durch den Farn. Sie trug ein schwarzes Hemd und dunkle Hosen. Sie bewegte sich ungew�hnlich geschickt f�r eine Menschentochter. Ihre ganze Aufmerksamkeit war auf das Heiligtum gerichtet. Nach kurzem Z�gern zw�ngte sie sich durch den engen Eingang und verschwand. Pl�tzlich hatte Lyvianne das Gef�hl zu st�rzen. Der Wald ringsherum ertrank in Finsternis. Einen Atemzug lang nur. Dann war sie wieder von Nebel umfangen. Sie war gest�rzt und kniete auf dem weichen Waldboden. Es war nicht das erste Mal, dass eine Vision sie �berfallen hatte. Sie war Zeugin eines zuk�nftigen Ereignisses geworden, das bei diesem Heiligtum stattfinden w�rde. Das junge M�dchen w�rde Einfluss auf das Schicksal Albenmarks haben, dessen war sich Lyvianne ganz sicher. Aber es war ihr unm�glich zu sch�tzen, wann sich diese Szene ereignen w�rde.</p><p>Lyviannes Finger gruben sich in den dunklen Waldboden. Schritte kamen ihr entgegen. Die Vision war vor�ber. Sie wusste nie, wie viel Zeit vergangen war, wenn sie aus einem der unerw�nschten Ausblicke in die Zukunft aufschreckte.</p><p>Sie wollte aufstehen, als pl�tzlich ein Mann vor ihr stand. Der Krieger. Er schien mindestens genauso �berrascht wie sie zu sein.</p><p>�Wer bist du?�</p><p>Statt zu antworten, zeigte sie ein wohleinstudiertes scheues L�cheln.</p><p>Er streckte ihr die Hand entgegen. Er sah auf eine barbarische Art gut aus. Der Krieger trug nur eine Hose, sein Oberk�rper war nackt. Wasserperlen von der rituellen Waschung schimmerten auf seiner Haut. Das blonde Haar trug er offen, sodass es ihm in dichten Str�hnen auf die Schultern fiel. Ein struppiger, unregelm��ig gestutzter Bart gab ihm eine verwegene Note. Wei�e Z�hne blitzten im goldenen Bart. �Ein so h�bsches Weib sollte nicht allein im Geisterwald sein.�</p><p>�Ich finde, dies ist genau der richtige Ort f�r mich.� Erneut ein kokettes L�cheln. �Es tut mir nicht leid, dir begegnet zu sein.� Lyvianne war sich bewusst, dass sie mit einem breiten, b�urischen Akzent sprach, der in auff�lligem Gegensatz zu ihrem kostbaren Kleid und ihrer gesamten Erscheinung stand.</p><p>�Wer bist du?�</p><p>�Lyvianne.�</p><p>Er runzelte die Stirn. �Das ist kein Name von hier.�</p><p>Bei den Alben! Hatten denn all diese Waldmenschen H�hnerhirne? War er es �berhaupt wert? Ihr Meister wollte die Geschichten, die man sich in den W�ldern �ber Drachen erz�hlte. Der Schweinehirte hatte kaum etwas gewusst. Ein adliger Krieger aber, der seine Kindheit auf einem gro�en Hof verbracht hatte, auf dem regelm��ig fahrendes Volk einkehrte, w�rde ein ganzer Schatz von Geschichten sein. Sie durfte nicht z�gern!</p><p>Lyvianne erhob sich und strich ihm mit ihrer Hand �ber die Brust. Kleine schwarze Erdbr�ckchen blieben in seinem Brusthaar h�ngen. Er atmete scharf ein.</p><p>�Hast du Angst vor Fremden?�</p><p>Der Krieger lachte, doch h�rte sie deutlich einen Unterton der Unsicherheit. �Sehe ich aus, als h�tte ich vor irgendetwas Angst? Ich komme gerade aus dem Krieg. Ich habe drei Feinde erschlagen. Gro�e, stattliche M�nner. Krieger, die es wert waren, mit ihnen die Klinge zu kreuzen.�</p><p>Lyviannes Hand glitt zum Schwert an seiner Seite. Ihre Fingerspitzen streichelten �ber den breiten Knauf der Waffe. �War es dieses Schwert, mit dem du das Blut vergossen hast?�</p><p>�Ja.� Seine Stimme klang belegt.</p><p>Ihre Hand wanderte ein wenig tiefer, umschloss den mit schwei�dunklem Leder umwickelten Griff und bewegte sich spielerisch auf und ab. �Wie ist es, einen Mann zu t�ten?�</p><p>��rgerlich.�</p><p>Seine Antwort �berraschte sie. Sie hielt inne und blickte zu ihm auf. Wollte er sie foppen? Nein, er wirkte ernst.</p><p>�T�te ich einen schlechten K�mpfer, f�hle ich mich beleidigt, weil man einen St�mper f�r wert hielt, gegen mich anzutreten. Treffe ich aber auf einen w�rdigen Gegner, dann hat der Sieg einen bitteren Beigeschmack, denn solch ein Mann h�tte nicht im Staub eines Schlachtfelds enden sollen.�</p><p>Ein Hinterw�ldlerphilosoph, dachte Lyvianne am�siert. Sie strich ihm erneut �ber die Brust. �Du siehst sehr stark aus. Du triffst sicherlich nicht oft auf einen w�rdigen Gegner.�</p><p>Er packte sie bei den H�ften und stemmte sie ohne M�he hoch. �Stimmt, meine Sch�ne. Und noch nie habe ich eine Frau wie dich getroffen. Au�er in den St�dten im S�den, wo manche Frauen sich f�r ein paar Kupferm�nzen verkaufen. Aber sie sind nicht so sch�n wie du.� Er sah ihr tief in die Augen und l�chelte. �Was willst du von mir?�</p><p>Sie schlang die Arme um seinen Hals und k�sste ihn. Noch legte sie keine Magie in den Kuss. Die Lippen des Kriegers schmeckten s��. Sein Atem roch nach Waldhonig. Er erwiderte ihren Kuss. St�rmisch. Seine Linke schob sich unter ihr Kleid.</p><p>Lyvianne l�ste sich. �Liebe mich.� Er hielt sie noch immer in den Armen. Sein Atem ging sto�weise. Statt etwas zu antworten, bedeckte er ihren Hals und ihr Gesicht mit K�ssen. Sein Bart kratzte auf ihrer Haut.</p><p>�Komm etwas tiefer in den Wald�, fl�sterte sie. �Wir sind zu nahe am Heiligtum. Wir wollen die G�tter nicht beleidigen.�</p><p>�Die G�tter verstehen die Liebe.� Seine Stimme klang warm. Er verstr�mte einen angenehm m�nnlichen Duft.</p><p>�Ihre Priester auch? Ich m�chte nicht, dass uns die beiden hier, so nahe bei ihrem Schrein, finden.� In Wahrheit bef�rchtete sie, ihr Zauber k�nnte durch die Magie dieses Ortes gest�rt werden.</p><p>�Ich habe St�dte gesehen, wo sich M�nner und Frauen in dunklen Gassen lieben.�</p><p>�War das dort, wo man f�r die Liebe von Frauen Geld bezahlt? �</p><p>Er lachte laut auf. �Du hast keine Zunge, du hast einen Dolch im Mund, Weib.� Er machte ein paar Schritte in Richtung des Waldrandes.</p><p>�F�rchtest du, meine K�sse k�nnten dich verletzen?�</p><p>Statt zu antworten, suchten seine Lippen ihren Mund. Er dr�ckte sie mit dem R�cken gegen eine der Eichen, in die von den Priestern unheimliche Fratzen geschnitten worden waren. Lyvianne griff ihm in den Schritt. In n�chster Zeit w�rde er nicht mehr klar denken, stellte sie zufrieden fest.</p><p>�Komm, hier ganz in der N�he ist ein Platz, an dem wir auf Moos und Farnen ein weiches Lager finden werden.�</p><p>Er dr�ckte sie fest gegen den Eichenstamm. �Das ist doch ein guter Ort.�</p><p>�Nur wenn es dir egal ist, dass mein R�cken morgen genauso zerfurcht wie die Rinde aussieht. Oder m�chtest du mich nur ein einziges Mal lieben?�</p><p>�Ich will dich mit in mein Dorf nehmen. Ich bin ein F�rst. Dir wird es an nichts fehlen.�</p><p>�Wirst du dich daran noch erinnern, wenn ich mich dir erst einmal hingegeben habe?�</p><p>�Ich bin ein Mann von Ehre!� Ein leicht �rgerlicher Unterton schwang nun in seiner Stimme mit.</p><p>�Und was glaubst du, was ich bin?�</p><p>�Wei� nicht.� Er machte sich an seinem G�rtel zu schaffen.</p><p>�Auch ich bin eine F�rstin.�</p><p>Er hielt inne und musterte sie. �Du bist nicht von hier. Ich kenne die T�chter der Kriegsherren. Die meisten von ihnen haben den Liebreiz r�udiger Ziegen.�</p><p>�Ich bin eine F�rstin in der Anderswelt. Ich kann den Nebel rufen und gebiete �ber die Geister des Waldes.� Lyvianne sah, wie sein Halsknorpel auf und ab ruckte. Er lie� sie los.</p><p>�Ich bin hier, weil ich dich will, F�rst Bozidar. Ich habe von deinen Kriegstaten geh�rt, ebenso wie von deinen Liebestaten.�</p><p>Er setzte sie ab und trat einen Schritt zur�ck. Nerv�s leckte er sich �ber die Lippen. �Man kennt mich in der Geisterwelt?�</p><p>Sie lachte und breitete die Arme aus. �Wo bist du hier? Im Geisterwald! Nat�rlich kennt man dich in der Geisterwelt. All deine Ahnen blicken in diesem Augenblick auf dich hinab. Und glaube mir, die meisten beneiden dich um meine Gunst. Bist du nun bereit, etwas von den Totenb�umen fortzugehen? Oder m�chtest du, dass dein Gro�onkel zusieht, wie du mich nimmst?�</p><p>Alle Farbe war aus seinem Gesicht gewichen.</p><p>�Was ist mit dir, Bozidar? Habe ich meine Sch�nheit verloren? Oder hat dich dein Mut verlassen?�</p><p>�Du bist nicht wie andere Frauen ��</p><p>Da war es wieder, das H�hnerhirn! Hoffentlich w�rde er nicht viel reden, wenn sie sich liebten. Sie �berspielte ihre Entt�uschung mit einem verf�hrerischen L�cheln. �Stimmt. Ich verspreche dir eine Liebesnacht, wie du noch nie eine erlebt hast und in deinem ganzen Leben kein zweites Mal erleben wirst. Folge mir in den Wald oder denke dein ganzes Leben lang dar�ber nach, was dir entgangen ist. Dein Name hei�t doch Gottesgeschenk? Lass den Augenblick nicht verstreichen, in dem die G�tter dich wirklich beschenkt haben!� Sie wandte sich ab und ging tiefer in den Wald. Bald h�rte sie Schritte hinter sich.</p><p>�Bist du eine Wiederg�ngerin?�</p><p>�F�hlte sich meine Haut kalt wie die einer Toten an?�</p><p>Er machte ein paar weitere Schritte und sie sp�rte jetzt, dass er dicht hinter ihr war.</p><p>�Warum ich?�</p><p>�Weil ein Mann Mut haben muss, um sich mit mir einzulassen. �</p><p>Er legte ihr eine Hand auf die Schulter. Sie drehte sich um und sah das Verlangen in seinen Augen. Er zog sie erneut an sich heran. Sie lie� sich in seine Arme sinken und erwiderte seine wilden, leidenschaftlichen K�sse.</p><p>Lyvianne zog ihn hinab in die Farnwedel. Er schob ihr Kleid hoch und bedr�ngte sie ungest�m. Sie gab sich ihm hin, doch war sie nicht ganz bei der Sache. Bozidar schien das nicht aufzufallen. Er k�mpfte sich aus seiner Hose und stellte sich recht ungeschickt an, bis sie ihm mit der Hand half. Er schrie auf, als er in sie eindrang.</p><p>Lyvianne fl�sterte ein Wort der Macht und wob ihren Zauber. Die Kraft, die ihre Magie n�hrte, nahm sie von ihm.</p></section><section><title><p>Der Preis einer Nacht</p></title><p>Im Morgengrauen erreichte Bozidar den Rand des Waldes. Er war so ersch�pft, dass er sich auf einen gegabelten Ast aufst�tzen musste. Die Herrin des Waldes hatte ihn nicht belogen. Nie hatte er solche Leidenschaft beim Liebesspiel versp�rt. Allein an sie zu denken brachte sein Blut in Wallung. Er war noch immer halb bet�ubt. Viermal hatte sie ihn in der Nacht bis zum Gipfel der Leidenschaft gef�hrt. Bei keiner anderen Frau war es je so gewesen.</p><p>Er blinzelte. Das Morgenlicht tr�bte seinen Blick. Alles war unscharf. Selbst seine eigenen H�nde vermochte er kaum zu erkennen. Wenn er das Haus seines Vaters erreichte, w�rde er schlafen. Lange schlafen. Und dann w�rde er sich ein Pferd nehmen und in den Wald reiten. Er musste sie wiedersehen. War entschlossen, sie an den Hof zu holen und zu seiner F�rstin zu machen.</p><p>Wenn er nur nicht so m�de und benommen w�re! Bozidar war versucht, sich in den Graben am Wegesrand zu legen und ein wenig zu schlafen. Und wieso auch nicht? Der Morgen war angenehm warm und es gab schlechtere Pl�tze zum Schlafen als ein trockener Graben, wo einen der Duft sp�tsommerlichen Grases in den Schlaf begleitete. Aber er war auch durstig. Und er wollte lange schlafen. Er musste es bis zum Hof seines Vaters schaffen!</p><p>Die Ersch�pfung erstaunte ihn. Ganz �hnlich hatte er sich nach schweren K�mpfen gef�hlt. Die Gefechte an der Grenze nach Valesia hatten sich zu mehr als den �blichen Scharm�tzeln ausgewachsen. Arcumenna, der Laris von Truria, war entschlossen, seinem Hochk�nig zu beweisen, was f�r ein begnadeter Kriegsherr er war. Und bei aller Feindschaft musste auch Bozidar ihm zugestehen, dass er ein �berragender Anf�hrer war. Fast ein Jahr hatten die Grenzk�mpfe angedauert, und die F�rsten von Drus konnten sich gl�cklich sch�tzen, letztlich nicht mehr als nur zwei fruchtbare T�ler an den Laris Arcumenna verloren zu haben.</p><p>Ein wenig wehm�tig dachte Bozidar an seinen Bruder. Er hatte sich gemeinsam mit vielen anderen Kriegern als S�ldner anwerben lassen, um nach S�den zu reisen. Es hie�, die Piratenf�rsten der Aegilen suchten nach Kriegern f�r einen gro�en Raubzug. Sein Bruder Volodi war ganz versessen darauf gewesen. Und auf das Gold der Piraten, von deren Reicht�mern man sich die unglaublichsten Geschichten erz�hlte. Es hie�, dass sie ihre besten Krieger gar mit Schwertern aus Eisen f�r ihren Mut belohnten. Schwerter aus Eisen, dachte Bozidar. Was h�tte er f�r eine solche Waffe nicht alles getan! Aber einer von ihnen hatte zur�ckgemusst. Ihr Vater war alt, er brauchte einen seiner S�hne an seiner Seite. Da Bozidar der alleinige Erbe war, waren sie sich einig gewesen, dass es sein Los war, keinen weiteren Ruhm als Krieger zu erlangen. Stattdessen, so dachte er bitter, w�rde er k�nftig den Bauern und P�chtern seines Vaters hinterherlaufen m�ssen.</p><p>Aber dann stahl sich ein L�cheln auf sein Gesicht, denn er w�rde es sein, der die Fremde aus dem Geisterwald in sein Bett holte. Er seufzte. Ein Bett! Noch immer sah er nur verschwommen. Das Morgenlicht gewann heute einfach nicht an Klarheit. Vielleicht lag es auch daran, dass er zu m�de war. Schwer auf seinen Stab gest�tzt, k�mpfte er sich weiter.</p><p>Zwei Schemen n�herten sich. Er blinzelte. Die beiden Gestalten waren fast so konturlos wie Schatten. Er konnte ihre Gesichter nicht erkennen! Auch waren ihre Stimmen undeutlich. So als habe er Wasser im Ohr. Einer von ihnen gr��te ihn und rief etwas Unverst�ndliches �ber ein V�terchen. Idioten! Unglaublich, was die Bauern sich herausnahmen. Ein paar Jahre noch und er w�re ihr F�rst!</p><p>Endlich erblickte er vor sich eine Erhebung. Es musste das gro�e, umwallte Geh�ft seines Vaters sein. Bozidar dachte an sein Bett. Sein Bett! Trotz der M�digkeit wurden seine Schritte l�nger. Bald war es geschafft.</p><p>Ein schwarzes Schwein empfing ihn und schnupperte an seinen Hosenbeinen. Helles Frauenlachen erklang aus dem Haupthaus. Pl�tzlich legte ihm jemand die Hand auf die Schulter.</p><p>�Wohin des Weges, Alter?�</p><p>Bozidar wandte sich um. Er war zu m�de, um den Kerl zurechtzustauchen. Das Gesicht, das ihn anstarrte, war ein undeutlicher Schemen. �Lass mich ins Bett. Ich f�hl mich, als h�tte ich ganz allein ein Fass Honigwein gesoffen. F�r Sp��e bin ich ab morgen wieder zu haben.�</p><p>�Ich sehe, dass du ersch�pft bist, Alter. Komm, dort vorne steht eine Bank. Setz dich.�</p><p>Bozidar lie� es zu, dass der Viehhirte, oder wer immer das auch war, ihn zu der Bank neben der T�r des Herrenhauses geleitete. Wahrscheinlich war das einer der Hirten von den entfernteren Waldweiden, die seinem Vater zweimal im Jahr ihren Tribut brachten. Anders war sein Verhalten nicht zu erkl�ren.</p><p>Eine Frauenstimme erklang. Jemand reichte ihm einen Becher mit frischem Brunnenwasser und etwas altbackenes Brot. Bozidar wurde sich bewusst, dass sich mehr und mehr Menschen um ihn versammelten. Sie tuschelten miteinander. Ihre Stimmen vermischten sich zu einem z�hen Brei. Ihr Ton jedoch war eindeutig. Sie klangen aufgebracht.</p><p>Der Krieger lehnte seinen Kopf gegen die Hauswand. Die Sonne schien ihm warm ins Gesicht. Zum ersten Mal, seit er auf dem Waldboden erwacht war, f�hlte er sich gut. Fr�her hatte er es immer f�r dummes Gerede gehalten, wenn �ltere M�nner behaupteten, das Liebesspiel w�rde einen Mann schw�chen und Enthaltsamkeit sei nicht nur eine Tugend, sondern sie w�rde K�rper und Geist st�rken. Gew�sch von Schlappschw�nzen, hatte er gedacht. Aber es war wohl etwas dran an der Sache.</p><p>Ein Mann lie� sich neben ihm nieder. Bozidar sah erst gar nicht richtig hin. Er war es leid, nicht erkennen zu k�nnen, mit wem er sprach. Doch die Stimme des Alten klang vertraut. Er h�tte sie unter Hunderten erkannt � das raue Kr�chzen seines Vaters. Jetzt blickte er ihn doch an und der buschige Schnauzbart, der das Gesicht seines Vaters in zwei unregelm��ige H�lften teilte, war f�r Bozidar selbst bei seinem verschleierten Blick unverkennbar.</p><p>�Wie kommst du an das Schwert und die Hosen meines Sohnes?�</p><p>Bozidar verschlug es den Atem. Was war das f�r eine Frage? �Ich bin dein Sohn!�, entr�stete er sich.</p><p>Ein Schlag auf die Brust war die Antwort.</p><p>�Bel�g mich nicht!�</p><p>Er war verflucht, dachte Bozidar. Wie anders war zu erkl�ren, dass sein eigener Vater ihn nicht erkannte, dass �? Er hob die Hand. Er hielt sie sich ganz dicht vor die Augen. Als sie schon fast seine Nasenspitze ber�hrte, kl�rte sich sein Blick, als habe er einen Schleier fortgezogen. Es war die Hand eines alten Mannes, voll dunkler Flecken und von dicken Adern �berzogen. Die Haut hing ihm in Falten zwischen den Fingern. Das Fleisch schien von den Knochen geschmolzen zu sein. Der kleine Finger und der Ringfinger waren gekr�mmt. Er versuchte sie zu strecken. Vergebens.</p><p>Ungl�ubig tastete Bozidar �ber sein Gesicht und fand dieselben Verw�stungen. Es war ein schmales, hageres Gesicht, an dem faltige Haut herabhing. Tr�nen traten ihm in die Augen. Was war mit ihm geschehen?</p><p>�Wer bist du?�, dr�ngte sein Vater auf ihn ein. �Wie kommst du an den Besitz meines Sohnes? Wo ist Bozidar?�</p><p>�Ich bin dein Sohn.�</p><p>Sein Vater h�rte nicht auf ihn, entriss ihm den gegabelten Kr�ckstock und dr�ckte ihn ihm mit der Spitze gegen die Kehle. �H�r mir gut zu, Alter. Ich bin nicht f�r meine Langmut bekannt. Und niemand wird die Hand f�r dich erheben, wenn ich dir, Fremder, der du ungefragt auf meinen Hof gekommen bist, mit diesem Stock den Sch�del einschlage!�</p><p>Und da endlich verstand Bozidar.</p><p>�Dein Sohn war im Geisterwald�, fl�sterte er. Tr�nen rannen ihm �ber die Wangen, als er stockend von der wundersch�nen Frau berichtete, die aus den Nebeln getreten war und deren Preis f�r eine einzige Liebesnacht f�nfzig Jahre seines Lebens gewesen waren.</p></section><section><title><p>Verbannt</p></title><p>Neun Tage waren vergangen, seit Sayn gestorben war. Immer und immer wieder hatten sie den Felsboden geschrubbt und doch glaubte Nandalee Reste seines Blutes in den feinen Rillen im Stein zu sehen. Alle bem�hten sich so krampfhaft, wieder zur Normalit�t zur�ckzufinden, dass die Anspannung unter ihnen einfach nicht weichen wollte. Bidayn machte sich absurderweise Vorw�rfe, Sayn nicht rechtzeitig geholfen zu haben. Sie fand nur noch schwer Schlaf und ertrug es nicht, im Dunkeln allein zu sein. Fast jede Nacht kam sie in Nandalees H�hle.</p><p>Der Drache beendete das meditative Schweigen heute vor der Zeit. Das letzte Abendrot k�mpfte noch gegen die Finsternis, die von Osten her den Himmel eroberte, als er sie aufrief, in ihre H�hlen zur�ckzukehren.</p><p>Nandalee war die Erste, die auf den Beinen war.</p><p><emphasis>Ihr bleibt!</emphasis></p><p>Sie war nicht sonderlich �berrascht, dass der Drache sie zur�ckhielt. Der Meister hatte seit Tagen nicht mehr zu ihr gesprochen.</p><p>Bidayn warf ihr einen bangen Blick zu, als sie an ihr vor�berging.</p><p><emphasis>Was dachtet Ihr, als Sayn starb?</emphasis> Der Drache hatte mit seiner Frage gewartet, bis alle Sch�ler sich in die H�hlen zur�ckgezogen hatten. Offenbar war ihm daran gelegen, dass niemand au�er ihm ihre Antwort h�rte.</p><p>�Ich habe mich gewundert, dass ihm niemand zu Hilfe eilte.�</p><p><emphasis>Und davor? Was war, bevor er zu bluten begann? Ich kann zwar nicht in Euren Gedanken lesen, aber das bedeutet nicht, dass ich blind bin.</emphasis></p><p>�Ich war es nicht �� Sie sagte das ohne �berzeugung. L�ngst qu�lten auch sie Zweifel.</p><p><emphasis>Ich habe das Band zwischen ihm und Euch gesehen. Ihr habt einen Zauber gewoben. Ich konnte sehen, wie er ihn ber�hrte. Er hat seinen Teil dazu beigetragen, das stelle ich gar nicht in Frage. Aber ich bin mir sicher, wenn Ihr nicht hier w�ret, w�rde er noch leben. Er hatte etwas Selbstzerst�rerisches an sich. Immer schon. Ihr habt das durch Euren Zauber verst�rkt. Und ich wei� nicht einmal genau, wie Ihr es getan habt. Ihr bedient Euch der Magie auf eine Weise, die mir fremd ist.</emphasis></p><p>Nandalee �berraschte seine Offenheit. �Ich wollte ihn nicht ��</p><p><emphasis>Das nutzt ihm jetzt wenig. F�r Euch endet der Unterricht hier. Noch in dieser Nacht. Ihr habt einen m�chtigen Besch�tzer. Wenn es nach mir ginge � Ihr werdet abgeholt werden. Und Bidayn werden sie auch mitnehmen.</emphasis></p><p>�Das ist nicht gerecht! Sie hat damit nichts zu tun!�</p><p><emphasis>Euch steht es wohl kaum zu, dar�ber zu urteilen, was gerecht ist. Sie ist Eure Freundin. Auch zwischen euch beiden ist ein Band entstanden. Wenn Eure unbeherrschte Magie sie t�tet, w�nsche ich, dass es nicht hier geschieht.</emphasis> Sein Schweif peitschte aufgeregt �ber den H�hlenboden. <emphasis>Eine wie Ihr ist mir erst ein einziges Mal untergekommen. Fressen sollte man solche wie Euch! Bei der anderen konnte ich wenigstens die Gedanken lesen!</emphasis> Er schnaubte und Rauch kr�uselte sich um seine N�stern. <emphasis>Ihr seid gef�hrlich, Dame Nandalee. Ich werde Eure neuen Lehrer vor Euch warnen.</emphasis></p><p>�Aber gibt es denn keine M�glichkeit zu beherrschen, was in mir schlummert?� Die Aussicht, von hier fortzukommen, schreckte sie nicht. Nur der Umstand, sofort wieder eine Ausgesto�ene zu sein.</p><p><emphasis>Wenn ich in Euren Gedanken lesen k�nnte, k�nnte ich Euch vielleicht helfen.</emphasis> Er blinzelte. War er etwa nerv�s? Bef�rchtete er, ihm k�nne dasselbe widerfahren wie Sayn? War sie so m�chtig?</p><p><emphasis>Wenn Ihr es schafft, Eure Leidenschaften zu beherrschen, werdet Ihr eine gro�e Zauberweberin sein. Aber ich glaube nicht, dass Euch dies gelingen wird. Der Tod wird Euer steter Begleiter werden. Das ist die Zukunft, die ich f�r Euch erahne. Ganz so wie bei �</emphasis> Er bleckte die Z�hne. <emphasis>Ihr werdet sie treffen und ich hoffe nur, dass die Erstgeschl�pften sie nicht zu Eurer Meisterin erw�hlen. Gesch�pfe wie ihr � Ihr zieht einander an. Ihr werdet Euch gro�er Aufmerksamkeit durch die Regenbogenschlangen erfreuen. Und Ihr werdet �</emphasis></p><p>Lichtschein flackerte hinter ihnen auf. Zwei flammende S�ulen erhoben sich hinter ihnen aus dem H�hlenboden und neigten sich einander zu, bis sie ein magisches Tor bildeten.</p><p>Es war Gonvalon, der aus dem Nichts trat. Und die Frau, die ihm folgte, war Ailyn! Sie war also den Trollen entkommen. Die beiden betrachteten sie missbilligend. Nandalee schluckte. Was hatte der Meister ihnen �ber sie erz�hlt? Dass sie eine unberechenbare M�rderin war?</p><p>�Du hast schnell ausgelernt, Nandalee�, sagte die Elfe k�hl. �Gonvalon wird nun das Vergn�gen haben, dich zu unterrichten.�</p><p>Die beiden blickten zum Drachen auf. Nandalee konnte an ihren Gesichtern ablesen, dass sie sich mit dem Meister austauschten, auch wenn kein Wort gesprochen wurde. Der Schwebende Meister wirkte erleichtert.</p><p>Bidayn trat aus dem Tunnel, der zu ihren winzigen H�hlen f�hrte. Sie trug ein B�ndel unter dem Arm und wirkte, als wolle sie sich am liebsten in sich verkriechen. Unsichtbar werden. Rasch wandte Nandalee den Blick ab. Ob sie wirklich mit ihren Gedanken t�ten konnte? War es ihr J�hzorn? Sie hatte Sayn vom ersten Tag an nicht leiden k�nnen, das stimmte. Und diese Abneigung beruhte auf Gegenseitigkeit. Aber sie hatte ihn nicht ermorden wollen � Gut, sie hatte sich manchmal ausgemalt, ihn von der Klippe zu sto�en. Aber ihn so zu t�ten � War wirklich sie es gewesen? Oder hatte der Schwebende Meister einen Grund geschaffen, sie abzuschieben? Warum h�tte er das tun sollen? Sie dachte, er mochte sie auf seine verschrobene Drachenart.</p><p><emphasis>Ihr d�rft Eure Sachen packen, Dame Nandalee.</emphasis></p><p>Sosehr sich Nandalee gew�nscht hatte, von hier fortzukommen � so hatte sie es sich nicht vorgestellt. �Wohin bringt ihr mich?�</p><p>Gonvalon bedachte sie mit einem eisigen Blick. Es war Ailyn, die antwortete. �Dorthin, wo man deine gr��te Begabung f�rdern wird � andere umzubringen. Die Regenbogenschlangen halten dich f�r ein n�tzliches Werkzeug.� Sie l�chelte sie auf eine Art an, die Nandalee das Blut gefrieren lie�. �Ich bin auch ein wenig begabt in dieser Kunst, wie du wei�t. Ich rate dir, ihre Gunst nicht zu verlieren, denn meine Gunst besitzt du nicht.�</p><p>Nandalee hatte gesehen, wie die zierliche Elfe einen Troll mit blo�en H�nden get�tet hatte. Sie w�rde sich ihre Gunst erobern! K�mpfen zu lernen war etwas anderes, als auf dem Hintern zu sitzen und zu meditieren. Wohin immer sie nun gebracht w�rde, sie war sich sicher, dass sie dort eine bessere Sch�lerin sein w�rde als hier.</p><p>�Hol deine Sachen�, sagte Gonvalon k�hl. Auch ihm w�rde sie beweisen, dass sie einen Platz unter den Drachenelfen verdient hatte. Gerade ihm, ihrem Retter!</p><p>Sie gehorchte und eilte zu der kleinen H�hle, um die sie so sehr von ihren Mitsch�lern beneidet worden war. Sie nahm ihre Decke und einen Sehnenschutz f�r ihr linkes Handgelenk, den sie aus einem alten St�ck Leder gefertigt hatte. Bald w�rde sie wieder einen Bogen besitzen! Sie hatte es vermisst, zu schie�en und zu jagen. Sie rollte die Decke zusammen, schlang sie �ber ihre Schulter und verknotete die beiden Enden �ber ihrer H�fte mit einem kurzen St�ck Lederschnur. Dann kehrte sie in die weite H�hle zur�ck. Es gab ohnehin nicht viel. Au�er den Kleidern, die sie trug, w�rde sie nur das Kristallamulett mitnehmen, das Sata ihr geschenkt hatte. Bidayn sah aus, als habe man sie verpr�gelt. Sie duckte sich und wirkte zutiefst ungl�cklich. Nandalee hingegen war froh, diesem Ort endlich zu entfliehen. Nur eins galt es noch zu tun. Sie nahm all ihren Mut zusammen und stellte sich breitbeinig vor den Schwebenden Meister. �Ich fordere das Amulett zur�ck, das du mir genommen hast.�</p><p>Totenstille herrschte in der weiten Halle. Bidayn duckte sich �ngstlich, in Erwartung dessen, was auf diese unglaubliche Beleidigung folgen musste. Die �brigen Sch�ler wichen langsam zur H�hlenwand zur�ck. Gonvalon starrte sie mit offenem Mund an. Ailyn betrachtete sie mit missbilligend gehobener Braue.</p><p><emphasis>Wisst Ihr, was dieses Amulett bedeutet, Elfenkind?</emphasis></p><p>Nandalee war �berrascht, wie gelassen der Drache blieb.</p><p><emphasis>Ihr glaubt, es war einfach nur ein Geschenk? Es ist viel mehr als das. Es ist ein Symbol Eurer Schw�che. Ihr seid hierhergekommen, um dar�ber hinauszuwachsen. Und Ihr habt versagt. Ihr h�ttet meine H�hle als eine stolze Zauberweberin verlassen sollen. Dann h�tte ich Euch das Amulett gegeben, auf dass es Euch k�nftig an Eure eigene Gr��e erinnert. Ich werde es behalten, bis zu jenem Tag, an dem Ihr aus eigener Kraft durch diesen Albenstern schreitet. Noch ist es nichts weiter als ein Zeichen f�r Euer Versagen, denn Ihr verm�gt Euch nicht einmal kraft Eurer Magie zu w�rmen. Wachst �ber Euch hinaus! �berrascht mich! Und dann kehrt zur�ck und macht dieses Amulett zum Zeichen Eures Triumphes, Dame Nandalee.</emphasis></p><p>Der Drache hob einen seiner zierlichen Vorderarme zum Abschied und sie sah, dass er das Amulett an einem Lederriemen um das Gelenk unterhalb seiner Krallenhand trug, so wie eitle Elfen Schmuckarmb�ndchen trugen. Eine Welle von Zorn �berrollte sie. Diese selbstgerechte, eingebildete Echse! Er hatte sie bestohlen! Sie w�rde �</p><p>Gonvalon packte sie bei ihrem Haar. �Du f�ngst keinen Streit an! Hat man dich nie Respekt gelehrt? Mach dich darauf gefasst, dass du in mir keinen duldsamen Meister finden wirst. Du verl�sst diesen Ort in Schande und wenn du nicht willst, dass ich dich an deinen Haaren durch den Albenstern zerre, sei endlich folgsam und f�ge dich.�</p><p><emphasis>Die beiden wissen, was vorgefallen ist. Gebt nach, Dame Nandalee. Gebt ihnen keinen Anlass zu f�rchten, dass Ihr von Eurer ungeb�ndigten Gabe Gebrauch macht. Sie w�rden Euch, ohne zu z�gern, t�ten.</emphasis></p><p>Die Hitze seiner Gedanken verebbte und erlosch. Einen Herzschlag lang erwog sie, nach dem Drachenelfen zu treten und sich loszurei�en. Aber Gonvalon hatte recht. Sie konnte hier nicht gewinnen. Finster blickte sie zum Schwebenden Meister auf und schwor sich zur�ckzukehren. An diesem Tag h�tte sich alles umgekehrt. Dann w�rde er sie f�rchten und das Amulett w�rde sie daran erinnern, wie sie �ber einen Drachen triumphiert hatte.</p><p>Sie verlie� den Schwebenden Meister ohne ein Wort des Abschieds.</p><p>Stumm folgten Nandalee und Bidayn den beiden Drachenelfen durch den Albenstern. Die Reise durch das Nichts d�mpfte Nandalees Zorn, denn ihr war bewusst, dass sie hier allein verloren w�re. Und ihr wurde klar, dass der Drache ihr eine Warnung mit auf den Weg gegeben hatte. Die Drachenelfen waren die Krallen der Himmelsschlangen. Ihre Scharfrichter. Gelang es ihr nicht, ihr Temperament zu b�ndigen, w�rde sie an dem Ort, an den sie nun gebracht wurde, nicht sehr lange �berleben.</p><p>Ein zweites Tor wuchs aus einem Stern, in dem sich etliche goldene Pfade kreuzten. Die Reise zwischen den Welten hatte sie in ein weites Tal gef�hrt, dessen H�nge mit Kiefern bedeckt waren. Nandalee hatte keine Ahnung, wohin die beiden Drachenelfen sie gebracht hatten. Aber sie mochte das Tal. Die Luft war klar und k�hl. Die Landschaft erinnerte sie ein wenig an ihre Heimat. Hier w�rde es im Winter gewiss Schnee geben, auch wenn der Ort sicher weit s�dlich von Carandamon lag. Wo immer sie waren, es war weit fort von der H�hle des Schwebenden Meisters, denn hier war es gerade einmal Mittag.</p><p>Bidayn hielt sich dicht bei ihr. Sie sah sich mit gro�en Augen um. Ihr schien es nicht zu gefallen.</p><p>Gonvalon und Ailyn gingen voraus. Die beiden sprachen kein einziges Wort mit ihnen.</p><p>Sie wanderten den ganzen Nachmittag. Mal unter Kiefernge�st, mal zwischen Birken entlang eines k�hlen Baches. Endlich, die Abendd�mmerung war schon nah, erreichten sie ein gro�es Haus, das sich an den Berghang schmiegte. Es war von abweisender Eleganz. Der Schwung seiner Mauern folgte dem Hang. Die Front war durch S�ulen und elegante B�gen gegliedert. Im ersten Geschoss reihten sich kleine Fenster wie Astl�cher aneinander. Es war das erste Mal, dass Nandalee ein Haus sah. In Carandamon hatte ihre Sippe in einer H�hlenfestung gelebt oder aber in Zelten, wenn sie auf Wanderschaft waren. Das Dach, das auf dem Haus sa�, erinnerte sie ein wenig an einen Sattel, nur dass es aus flachen, einander �berlappenden Schieferplatten gef�gt war. Wie zwei Arme streckten sich ihnen zwei mit allerlei Gestr�pp �berwucherte Holzger�ste vom Haupthaus aus entgegen. Bl�ten in Rot und Gelb reckten ihre H�upter aus dem nutzlosen Rankendickicht. Nandalee konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wozu das Gebilde wohl dienen mochte. Die W�nde des Holzger�sts bestanden allein aus in einigen Schritt Abstand stehenden Balken und das Dach waren Laubranken. Merkw�rdig.</p><p>�Endlich�, fl�sterte Bidayn. �Ich sp�re meine F��e kaum noch.�</p><p>Nandalee fand, dass ihr Spaziergang kaum der Rede wert gewesen war, aber ihr war auch klar, dass es wohl ziemlich herzlos w�re, ihrer Freundin zu sagen, was sie dachte.</p><p>�Das ist besser als ein Loch in einem Felsen, nicht wahr?� Bidayn klang erleichtert und deutete auf das Haus.</p><p>�Hmm.� Nandalee hatte ganze Winter in Felsl�chern gelebt und daran nie etwas auszusetzen gehabt, solange sie nur Schutz vor dem bei�enden Nordwind boten. Ob das hier besser war � Es w�rde schon gehen. Die Hauptsache war, dass sie hier in etwas unterrichtet werden w�rde, das sie auch verstand.</p><p>Als sie n�her kamen, roch Nandalee Pferde. Sehen konnte sie allerdings keine. Vielleicht gab es auf der R�ckseite des Hauses Stallungen. Niemand war erschienen, sie zu empfangen. Bidayn wirkte dar�ber ein wenig entt�uscht. Sie drehte st�ndig den Kopf und gaffte alles an.</p><p>Eine kurze Treppe f�hrte zur Vorderfront des Hauses, der ein s�ulengetragener Gang vorgelagert war. Auch um einige der steinernen S�ulen rankte sich Gr�nzeug.</p><p>Das Eingangstor war etwas mehr als drei Schritt hoch. Eine doppelfl�gelige T�r, mit Schnitzereien geschm�ckt. Sie mochten hier Schn�rkel, wie es schien. Hinter der T�r �ffnete sich eine weite Empfangshalle, aus der zwei Treppen zu einer Galerie emporstiegen. Ged�mpftes Abendlicht fiel durch die Fenster in ihrem R�cken. Der Boden war mit einem Mosaik ausgelegt, das eine Frau zeigte, die zwischen Schlangen tanzte. Seltsam, ging es Nandalee durch den Kopf.</p><p>Mitten zwischen den beiden Treppen erhob sich ein Standbild aus wei�em Stein. Ein nackter Krieger mit einem Bronzeschild und einem kurzen Schwert aus bl�ulichem Stahl. Bunte Banner hingen von der Galerie. Dunkle Flecke und Risse im Stoff lie�en ahnen, dass sie schon andere Orte als diese friedliche Halle gesehen hatten. Ein wenig entt�uscht blickte Nandalee zu der Treppe, auf die Ailyn zuging, und ihr stockte der Atem. Die W�nde entlang der Treppen lagen im Halbdunkel. Das Licht hatte ihre Blicke gelenkt und den wahren Schatz der Halle f�r einige Herzschl�ge vor ihr verborgen. An den wei� get�nchten W�nden waren Waffen aufgeh�ngt. Hunderte! Schwerter in allen nur erdenklichen Formen und Gr��en. Auch einige �xte und Speere gab es. Aber vor allem Schwerter. Das war gut, dachte sie. Sehr gut.</p><p>Ailyn und Gonvalon f�hrten sie die Treppe hinauf. Nandalee folgte ihnen. Sie sp�rte die Macht, die den Klingen innewohnte. Zauber waren in den Stahl gewoben und es schien ihr, als erz�hlten ihr die Schwerter von Heldentaten und Tod und dem Ruhm, den sie einst erringen w�rde. Obschon gut gepflegt, waren die Klingen mit Schrammen und Scharten �bers�t. Kleine Messingtafeln waren unter den Waffenhaltern in die Wand eingelassen. Auf jeder der Tafeln standen Namen.</p><p>�Warum gibt es hier keine B�gen?� Ihre Worte klangen in der Stille der Halle unnat�rlich laut, dabei war es ihre Absicht gewesen, leise und respektvoll zu klingen.</p><p>Ailyn blieb stehen. Die dunkelhaarige Kriegerin drehte sich langsam zu ihr um. Den Blick voller Verachtung, musterte die Drachenelfe sie vom Scheitel bis zur Sohle. �Wir lehren unsere Sch�ler, dem Feind Auge in Auge gegen�berzutreten. Wir legen Wert darauf, dass unsere Feinde wissen, wer gekommen ist, um sie zu richten. Einen Pfeil zu schicken ist eine Tat voller Heimt�cke. Ebenso, wie vergiftete Klingen zu benutzen. Das ist nicht unser Stil.�</p><p>Nandalee atmete scharf ein. Die Beleidigung war recht unverhohlen gewesen. �Ich sehe ein, dass es manchen an Kraft und Gr��e fehlt, einen Langbogen zu spannen. Mit einem Schwert herumzuwirbeln ist nat�rlich einfacher, wenn man nicht die Statur einer Bogensch�tzin hat.�</p><p>Bidayn sah sie entsetzt an. Ailyn hingegen l�chelte. �Gonvalon, erlaubst du mir, deiner Sch�lerin morgen eine Einf�hrungsstunde im <emphasis>Herumwirbeln</emphasis> zu geben?�</p><p>�Wenn ich dabei zusehen darf�, entgegnete er l�chelnd.</p><p>�Sie hat das nicht so gemeint�, mischte sich Bidayn ein. �Sie kommt aus Carandamon. Sie ist immer etwas geradeheraus. Sie wollte dich sicher nicht beleidigen ��</p><p>Nandalee legte ihrer Freundin die Hand auf den Arm. �Ich brauche niemanden, der f�r mich einspringt. Ich stehe dir jederzeit zur Verf�gung, Ailyn.�</p><p>�An Mut mangelt es dir wenigstens nicht. Also dann � morgen zur Mittagsstunde auf dem Hof. Und nun folgt uns auf eure Zimmer. Ihr werdet noch ein leichtes Abendmahl gebracht bekommen. Danach solltet ihr euch fr�h zur Ruhe begeben. Wir stehen hier mit dem ersten Morgenlicht auf.�</p><p>Die Elfe drehte sich auf dem Absatz um.</p><p>Im ersten Stock f�hrte sie ihr Weg auf einen weiten Gang, von dem etliche T�ren abgingen. Die W�nde hingen so voller gerahmter Bilder, dass Nandalee kaum einmal eine Handbreit wei�en Putz sehen konnte. Sie zeigten Elfen, aber auch gedeckte Tische oder Landschaften. Es gab keine einzige Kampfszene. Alles in allem fand Nandalee den Wandschmuck ausgesprochen langweilig.</p><p>Gonvalon hielt unvermittelt vor einer der T�ren. In das Holz war ein stilisierter Hirsch geschnitten, der dem Totemzeichen ihrer Sippe �hnelte. �Dies ist dein Zimmer, Nandalee. Du wirst hier viele Jahre lang leben. Wenn dir etwas nicht gef�llt, darfst du es ver�ndern.�</p><p>Sie strich �ber den Hirsch auf dem polierten Holz und k�mpfte gegen die Erinnerungen an. Sie versp�rte Heimweh. Wie es Duadan wohl ergangen war?</p><p>Pl�tzlich wurde sie sich bewusst, dass Gonvalon sie beobachtete. Ihm wollte sie keine Bl��e zeigen. Dass sie nackt vor ihm gestanden hatte, gen�gte; er musste nicht auch noch auf den Grund ihrer Seele blicken. Sie stie� die T�r auf.</p><p>Das Zimmer war �berraschend gro�. Drei schmale Bogenfenster erlaubten ihr, auf das Tal hinauszublicken. Darunter stand eine gro�e Truhe. Ein Bett nahm die Wand links von ihr ein. Dar�ber gab es ein Regalbrett. Erfreulicherweise hing keines der l�cherlichen Bilder in diesem Zimmer. Ein Tisch mit zwei St�hlen rundete die Einrichtung ab. Es gab viel freien Platz. Die M�bel lie�en den Raum nicht eng erscheinen. Nichts war verschn�rkelt. Die W�nde waren so wei�, als seien sie eben erst neu get�ncht worden.</p><p>�Gut�, sagte sie leicht angespannt. Je weniger sie sprach, desto weniger unbeabsichtigte Beleidigungen k�men ihr �ber die Lippen. Hier war es besser als beim Schwebenden Meister. Sie wollte hier ihren Frieden haben.</p><p>Gonvalon verabschiedete sich knapp und schloss hinter sich die T�r. Nandalee ging zu den Fenstern. Es war ihr zu warm. Auch kam ihr die Luft ein wenig stickig vor. Neugierig betastete sie das Glas in den Fensterrahmen. Es war fast ganz eben. Sie hatte davon geh�rt, dass es Scheiben aus ganz klarem Glas geben sollte, aber noch nie welche gesehen. Sie fragte sich, wie man die Fenster wohl �ffnete. Vorsichtig dr�ckte sie gegen die Scheibe. Der h�lzerne Rahmen knirschte leise. Erschrocken zuckte sie zur�ck. Sie wollte nichts kaputtmachen.</p><p>Unschl�ssig, was sie als N�chstes tun sollte, setzte sie sich auf das Bett. Es bog sich unter ihr durch. Verbl�fft lie� sie sich nach hinten fallen. Die Matratze war unglaublich weich! Sie war bestimmt nicht mit Stroh gef�llt. Sie w�lzte sich nach rechts. Dann nach links. Ob sie darauf schlafen k�nnte? Sie blickte zum Fu�boden. Die Dielenbretter w�ren vielleicht gem�tlicher.</p><p>Die T�r schwang auf und ein Kobold trat ein. Er balancierte ein gro�es, mit einem Tuch bedecktes Tablett auf den Armen. Ohne ihr Beachtung zu schenken, ging er hin�ber zum Tisch und stellte das Tablett ab. �Wasserkrug kommt noch�, murmelte er und zog mit wohl einstudierter Geste das Tuch zur�ck. Auf dem Holzbrett lagen ein Kanten Brot, ein St�ck K�se und ein Apfel. Bei dem Auftritt hatte Nandalee mehr erwartet.</p><p>�Was nicht in Ordnung?�, fragte der Kobold, als habe er ihre Gedanken gelesen.</p><p>�Das Bett ist zu weich.�</p><p>Er legte den Kopf schief und sah sie durchdringend an. Der Kobold hatte eine dunkle, wettergegerbte Haut und eine Nase, die wie ein Messer aus seinem Gesicht stach. Auf seinen schmalen Lippen spielte ein verschlagenes L�cheln. �Soll ich dir einen Felsbrocken als Nachtlager bringen, damit du es gem�tlicher hast?�</p><p>�Mit weniger als Granit werde ich nicht zufrieden sein. Und der Fels sollte eine sch�n unregelm��ige Oberfl�che haben.�</p><p>Sein L�cheln wurde breiter. �Erst mal gibt es Wasser.� Mit diesen Worten verschwand er.</p><p>Als er wenig sp�ter wiederkehrte, grinste er sie immer noch an, sagte aber nichts mehr. Nandalee fragte sich, ob sie einen Fehler gemacht hatte. Sie kannte Geschichten �ber Kobolde. Angeblich war das kleine Volk stets zu Streichen aufgelegt.</p><p>Nachdenklich verzehrte sie ihr karges Mahl. Sie hatte eine t�dliche K�mpferin zum Duell herausgefordert und einen Kobold quasi dazu eingeladen, mit ihr seine Sp��e zu treiben. War sie noch zu retten? Warum steckte sie immer in Schwierigkeiten?</p><p>Ihre T�r schob sich auf und Bidayn streckte den Kopf herein. �Darf ich bei dir schlafen?�</p><p>�Nur wenn du das Bett nimmst.�</p><p>�Ich kann auch ��</p><p>�Nein, den Boden nehm schon ich.� Nandalee l�chelte. �Es tut gut, dich zu sehen.�</p><p>�Ich st�r dich wirklich nicht?�</p><p>Immer diese Gegenfragen! Bidayn w�rde es niemals lernen. �Nein. Ich bin verdammt froh, nicht allein hier zu sein. Und ich glaube, ich brauche jemanden, der auf mich aufpasst�, grinste Nandalee.</p><p>Bidayn zog leise die T�r zu. �Da hast du recht. Du hast ein Talent daf�r, dich in Schwierigkeiten zu bringen.�</p></section><section><title><p>Die Rebellin</p></title><p>�Ich kann nicht mehr�, stie� Bidayn pfeifend hervor. Haarstr�hnen klebten ihr auf der schwei�nassen Stirn. Ihre Wangen waren rot. Sie st�tzte sich gegen einen Baum und schien kaum noch Luft zu bekommen.</p><p>�Vorw�rts!�, rief Gonvalon. �Schw�chlinge k�nnen wir hier nicht gebrauchen.�</p><p>Nandalee war �berrascht, die zartgliedrige Elfe so ersch�pft zu sehen. Sie waren nicht einmal f�nf Meilen gelaufen und das in einer Gangart, in der sie selbst den ganzen Tag h�tte laufen k�nnen.</p><p>�Du wirst mich umbringen, wenn ich weiterlaufen muss. Mir ist �bel � Ich �� Sie w�rgte.</p><p>�Hier machen wir aus Zauberwebern Krieger, Bidayn. Frag einmal deine Freundin danach, wie es ist, wenn einem eine Meute Trolle im Nacken sitzt. Du musst laufen k�nnen, um zu �berleben. Du musst Ausdauer haben, um eine gute K�mpferin zu sein!�</p><p>�Ich versuche es ja. Ich �� Sie begann erneut zu w�rgen.</p><p>Nandalee wandte sich ab. Bidayn erbrach sich. Gonvalon schien das nicht viel auszumachen. Er sah ihr ohne Mitleid zu.</p><p>�Wir werden jeden Morgen laufen�, sagte er ruhig, als Bidayn sich ersch�pft den Mund abwischte und gegen einen Baum lehnte. Schwei� stand auf ihrem Gesicht und sie war kreidebleich. Zum Erbarmen sah sie aus, dachte Nandalee.</p><p>�Und du wirst jeden Tag besser werden, M�dchen�, fuhr Gonvalon unger�hrt fort. Er deutete auf einen entfernten H�gel, auf dem ein Turm stand. �Ich werde mit Nandalee bis zum Turm laufen. Und dann laufen wir zur�ck zum Haupthaus. Wenn ich im Haupthaus ankomme, dann solltest du auch dort sein. Oder du wirst heute Abend nicht mehr in diesem Tal sein.�</p><p>Wo w�rde sie hingebracht? Nandalee sp�rte, wie ihr Mund trocken wurde. Warum war Gonvalon so vage geblieben? Was geschah mit Zauberwebern, die hier scheiterten? Mit Elfen, die ihre Sippen verloren hatten und auch nicht zu den Drachenelfen geh�ren w�rden?</p><p>�Bitte �� Bidayn blickte ihn flehentlich an. �Bitte, ich kann nicht.�</p><p>�Du bist hier, um deine Grenzen zu �berschreiten. Ein neues Zeitalter wird anbrechen, Bidayn. Und wir, die Ausgesto�enen, werden in Zukunft die M�chtigen sein. Jene unter uns, die sich bew�hrt haben.� Er wandte sich an Nandalee. �Wenn du deinen Lauf verweigerst, wirst auch du von hier fortgebracht. Aber f�r dich sollte das ja keine Schwierigkeit sein.� Mit diesen Worten wandte er sich ab und lief dem Turm entgegen.</p><p>�Lauf�, sagte Bidayn.</p><p>�Ich kann dich doch nicht hierlassen.�</p><p>Ihre Freundin versuchte sich an einem L�cheln. �Nat�rlich kannst du. Ich schaffe das. Was glaubst du, wie lange er brauchen wird? Zum Turm und zur�ck ��</p><p>Nandalee sah zu dem Turm. �Wenn der Weg nicht viele Windungen hat, noch mindestens eine Stunde. Ich wei� es aber nicht. Wenn er schneller l�uft ��</p><p>�Ich glaube, er ist gar nicht so �bel, wie er tut.� Bidayn richtete sich auf und dr�ckte ihren R�cken durch. �Mir geht es schon wieder besser. Ich werde das schaffen. Mach dir um mich keine Sorgen. �ber eine Stunde, sagst du. Ich mach dir nichts vor. Ich werde nicht laufen k�nnen. Aber gehen, das schaffe ich noch.�</p><p>Sie wirkte jetzt tats�chlich zuversichtlich. �Du kannst das schaffen!�</p><p>�Ja. Ich schaff das.�</p><p>Nandalee blickte Gonvalon nach. Sie war voller Rachegedanken. Sie atmete tief ein und dachte an Sayn. Sie musste ihre Gef�hle beherrschen. �Ich werde ihm zeigen, was es hei�t zu laufen. Ich werde es ihnen allen zeigen!� Sie rannte los. Nicht in jenem kr�ftesparenden Trab, in dem sie begonnen hatte. Sie wollte Gonvalon �berholen und sehr lange vor ihm beim Haupthaus sein. Sie wusste, dass sie das durchhalten w�rde.</p><p>Bald �berholte sie ihn. All ihre Kraft legte sie in ihren Lauf. Sie fand leicht den Weg zum Turm. Zu laufen befreite sie. Ihre Wut lie� nach. Sie f�hlte sich mit sich und allem um sie herum im Gleichgewicht. Sie kam Gonvalon entgegen, als ihm noch mehr als ein Drittel der Strecke zum Turm fehlte. Er nickte ihr zu. Idiot! Dachte er vielleicht, sie w�rde vergessen, wie er ihre einzige Freundin behandelt hatte?</p><p>Sie lief weiter. Ihre Muskeln brannten. Durch die verdammte H�hlenhockerei war sie au�er �bung. Aber sie w�rde es schaffen, daran hatte sie keine Zweifel. Ihr Atem ging zwar schneller, aber nicht keuchend. Ihre Gelenke schmerzten ein wenig. Sie versuchte es zu ignorieren und lie� die Gedanken schweifen. Zu laufen war ihre Meditation. Nicht der Unsinn, den sie beim Schwebenden Meister getrieben hatten.</p><p>Sie erreichte erneut die Stelle, an der Bidayn zusammengebrochen war. Nandalee blickte kurz �ber ihre Schulter. Gonvalon war nicht in Sicht. Er musste Meilen hinter ihr liegen.</p><p>Gut gelaunt erreichte sie den Kamm eines flachen H�gels. F�nfzig Schritt tiefer sa� Bidayn am Ufer eines Baches und wusch ihr Haar.</p><p>Nandalee st�rmte zu ihr hinab. �Was machst du da?�, rief sie au�er sich.</p><p>�Ich werde nicht nach Erbrochenem stinken, wenn sie mich von hier fortbringen.� Sie sah traurig zu ihr auf. �Es tut mir leid, dass ich dich angelogen habe. Ich wusste, dass ich es nicht mehr zur�ck schaffen w�rde.�</p><p>Nandalee setzte sich neben sie ans Ufer. �Dann werden sie uns wohl beide fortbringen m�ssen. Du bist die erste wirkliche Freundin, die ich in meinem Leben habe. Ich werde dich nicht im Stich lassen.�</p><p>�Weil ich Feigling nachts bei dir ins Bett krieche?�</p><p>�Das ist nichts Ungew�hnliches. Glaubst du etwa, vor dir sei noch niemand in mein Bett gekrochen? Das Besondere an dir ist, dass du nicht schnarchst.�</p><p>Bidayn l�chelte verhalten. �Bitte lauf weiter. Ich k�nnte es nicht ertragen, wenn du meinetwegen ��</p><p>�Nicht deinetwegen! Sie haben ungerechte Regeln, und du wei�t ja, dass ich mich nicht leicht f�ge. Ich habe meine eigenen Regeln. Und ich gehe lieber mit dir in die Verbannung, als dich hier zur�ckzulassen.�</p><p>�Aber man h�rt nie wieder von denen, die keine Drachenelfen geworden sind.�</p><p>�Kennst du dich da so gut aus?�</p><p>Bidayn senkte den Blick. �Nat�rlich nicht. Ich wei� auch nicht mehr als du � Es gibt die Drachenelfen. Hast du jemals von denen geh�rt, die gescheitert sind? Ich meine, man m�sste doch etwas geh�rt haben. Die l�sen sich doch nicht in Luft auf. Die ��</p><p>�Die sind sicher zu Gem�seputzern in Koboldk�chen gemacht worden. Aus so einer Koboldk�che kommt man nie mehr heraus, wenn man einmal drinnen ist.�</p><p>Bidayn l�chelte nicht. �Du musst laufen. Geh jetzt!�</p><p>�Wir machen das zusammen.�</p><p>�Ich kann nicht!�</p><p>Bidayn sagte das so m�de und hoffnungslos, dass Nandalee klar wurde, dass alles Reden fruchtlos sein w�rde. Hier halfen nur noch Taten. �Du steigst auf meinen R�cken!�</p><p>�Was?�</p><p>�Das war kein Vorschlag, das war ein Befehl. Wenn du nicht willst, dass wir dasselbe Schicksal erleiden, dann h�r auf mich. Ich bin eine J�gerin. Ich konnte einen erlegten Hirsch einen ganzen Tag lang durch tiefen Schnee tragen�, log sie schamlos. �Verglichen mit einem Hirsch bist du kaum mehr als ein H�schen. Los jetzt!�</p><p>Ein Funken Hoffnung glomm in Bidayns Augen.</p><p>Nandalee nahm sie huckepack, und sie war wirklich nicht sehr schwer. Auf dem ersten St�ck Weg lief Nandalee in leichtem Trab; bald brannten ihre Beine schlimmer als zuvor und als sie eine Steigung hinaufmusste, verlangsamte sie ihre Schritte, versuchte ihren Atem zu beherrschen, doch schon bald konnte sie ein Keuchen nicht mehr unterdr�cken. Bidayn bestand darauf, allein zu gehen. Nandalee lie� ihr ihren Willen. Ihre Freundin hinkte und versuchte es, so gut es ging, zu verbergen.</p><p>�Kn�chel verstaucht?�</p><p>�Es � geht � schon!�, stie� Bidayn zwischen zusammengepressten Z�hnen hervor.</p><p>Es ging nicht! Als Nandalee zur�ckblickte, entdeckte sie Gonvalon. Der Drachenelf lief ein sehr gem�chliches Tempo und war vielleicht noch eine halbe Meile entfernt.</p><p>�Zur�ck auf meinen R�cken!�</p><p>Bidayn widersetzte sich nicht. Sie schien jetzt doppelt so viel zu wiegen wie eben am Bach. Nandalee starrte auf den Weg zu ihren F��en. Einfach durchhalten, dachte sie. Immer und immer wieder wiederholte sie die Worte und der Schwei� rann ihr in Str�men �ber das Gesicht. Halb ging sie, halb lief sie. Weit vorgebeugt. Der unregelm��ige Weg mit der Spur aus Grasb�scheln in seiner Mitte kam immer n�her. Bald w�rde sie zusammenbrechen. Nein, nicht an die Niederlage denken! Nur an den Sieg. Und wenn das nicht ging, dann sollte sie an gar nichts denken! Sie stellte sich eine weite, wei�e Winterlandschaft vor. Eine verschneite Ebene, von fernen B�umen ges�umt. Der Schnee knirschte unter ihren Schritten. Ein k�hler Wind blies ihr ins Gesicht. Es ging ihr gut. �Es geht mir gut�, murmelte sie leise. Der Weg verschwamm vor ihren Augen. Sie war auf dieser Ebene! Sie war stark und guter Laune.</p><p>Sie h�rte Schritte hinter sich. Das Bild der Winterlandschaft zerschmolz vor ihrem inneren Auge. Gonvalon? Wenn er es war, dann lief er nicht mehr. Nandalee hatte nicht die Kraft, sich umzusehen. Sie stierte nach unten. Bidayn schien immer schwerer zu werden, klammerte sich an ihre Schultern und bewegte sich nicht.</p><p>Steinplatten l�sten den Weg ab.</p><p>Nandalee sp�rte, dass sie angestarrt wurde. Sie musste dem gro�en Haus nahe sein, aber sie hatte nicht mehr die Kraft aufzublicken. Sie ging immer weiter. Fu� um Fu�. Sie taumelte inzwischen. Jeden Schritt musste sie sich abk�mpfen.</p><p>�Lass mich herunter�, fl�sterte Bidayn in ihrem Nacken.</p><p>Nein, das w�rde sie nicht tun! Sie entschied, wann der Weg zu Ende war. Oder Gonvalon.</p><p>Nandalee erreichte die kurze Treppe, die hinauf zum Eingang f�hrte. Ihre Beine zitterten, als sie einen Fu� auf die unterste Stufe setzte. Ein Krampf brannte in ihrer linken Wade. Sie hatte Angst, dass das Bein einfach wegknicken w�rde. Sie streckte den rechten Arm zur Seite. Tastete blindlings ins Leere, bis ihre Finger den Handlauf des steinernen Gel�nders fanden. So gest�tzt schaffte sie die n�chste Stufe.</p><p>�Das reicht!�, sagte Gonvalon hinter ihr. �Ihr beide wart vor mir beim Haus. F�r heute lassen wir es gut sein.�</p><p>Das war Nandalee nicht genug. Sie nahm die n�chste Stufe. Ihre Waden f�hlten sich an, als w�rden gl�hende F�den durch ihr Fleisch gezogen. Bidayn bewegte sich auf ihrem R�cken. Sie wollte herab.</p><p>�Lass das!�, zischte Nandalee. Nur ein paar Schritt noch. Sie nahm die n�chste Stufe. Es war eine Frage der Ehre. Sie wollte die Eingangst�re ber�hren. Erst dann war sie am Ziel.</p><p>Sie h�rte das Raunen von Stimmen.</p><p>Ein weiterer Schritt. Die Treppe war geschafft. Wei�e Stiefel, in denen eine weite, wei�e Hose steckte, erschienen unmittelbar vor ihr. Nandalee verdrehte die Augen, vermochte aber nicht h�her als bis etwa zum Nabel zu blicken, so geb�ckt ging sie.</p><p>Die Person vor ihr trug ein wei�es, eng tailliertes Obergewand, dessen S�ume mit Silberstickerei eingefasst waren. Eine wei�e Seidensch�rpe war statt eines G�rtels um die schmalen H�ften geschlungen.</p><p>Eine warme Hand legte sich in ihren Nacken. Bidayn wollte etwas sagen, brachte aber nur einen unartikulierten Laut hervor. �Das Schauspiel endet hier�, sagte eine vertraute Stimme. Ailyn!</p><p>Die Drachenelfe verst�rkte mit einem einzelnen Finger den Druck, den sie auf ihren Nacken aus�bte, Taubheit �berfiel Nandalees Glieder und sie vermochte sich nicht mehr von der Stelle zu r�hren. Jemand eilte herbei und hob ihr Bidayn vom R�cken.</p><p>�Es w�rde etwa eine halbe Stunde dauern, bis du dich aus eigener Kraft wieder bewegen k�nntest�, sagte die Elfe. �Wenn ich sage, dass etwas beendet ist, dann erwarte ich, dass meinen Worten Folge geleistet wird. Wir Drachenelfen sind untereinander alle gleich. Keiner steht �ber dem anderen. Ihr beide habt es gar nicht verdient, hier zu sein. Ihr seid allein deshalb in der Wei�en Halle, weil der Schwebende Meister euch aus seiner H�hle verbannt hat. Selbst der geringste Sch�ler hier steht �ber euch. Ich werde nicht dulden, dass ihr beide euch Freiheiten nehmt. Die m�sst ihr euch erst verdienen. Ein weiterer Griff in deinen Nacken wird dich von der Starre erl�sen. Du wirst dich auf dein Zimmer begeben, ein wenig essen und dann ruhen. Zur Mittagsstunde erwarte ich dich. Du schuldest mir einen Schwertkampf.�</p><p>Wieder dr�ckte Ailyn nur mit einem einzigen Finger zu. Es war, als sei ein Zauberbann von Nandalee genommen. Sie richtete sich auf. Sie war gr��er als Ailyn. Die Drachenelfe h�tte eine Schwester Bidayns sein k�nnen, feingliedrig und zierlich, wie sie war, und mit ihrem langen, schwarzen Haar. Nur hielt sie sich viel gerader als ihre Freundin. Und ihr Antlitz war hart, wie aus Stein geschlagen. Es gab keine weichen Rundungen. Nur gerade Linien und Winkel regierten dieses Gesicht. Die F�higkeit zu Gef�hlsregungen schien das Leben aus diesen Z�gen herausgemei�elt zu haben.</p><p>Auch Nandalee versuchte, aufrecht zu stehen. �Wir sehen uns zur Mittagsstunde�, sagte sie. Die Ersch�pfung zu verbergen gelang ihr nicht.</p><p>Ailyn trat zur Seite. Auf dem ganzen Weg zu ihrer Kammer hielt sich Nandalee so steif, als habe sie einen Stock verschluckt. Erst als sie die Zimmert�r hinter sich schloss, erlaubte sie sich einen ersch�pften Seufzer. Auf dem Tisch stand ein Brett mit Brot, K�se und Trauben. Daneben ein Krug mit Wasser. Gab es hier nichts anderes zu essen? Egal! Sie w�rde ohnehin nichts herunterbekommen. Die Augen auf das mittlere der drei Fenster geheftet, lie� sie sich auf ihr Bett fallen und beobachtete, wie die Sonne den Himmel hinanstieg.</p><p>Als die Sonne nicht mehr weit vom Zenit stand, erhob sie sich. Sie trank einen Schluck Wasser und a� einige Trauben. Dann streckte sie ihre Glieder. Die dumpfe M�digkeit hatte sie nicht ablegen k�nnen. Aber sie war entschlossen, sie zu verbergen. Kaum dass sie durch die T�r trat, dr�ckte sie ihren R�cken durch und achtete darauf, dass ihr Gang kraftvoll und beschwingt wirkte.</p><p>Ailyn wartete vor dem Haus. Die Terrasse unter den Steinb�gen war mit Sch�lern besetzt. Es waren nicht sehr viele. Nicht einmal zwei Dutzend. Keiner von ihnen trug eine Waffe, einen Helm oder irgendein R�stungsteil. Ein unbefangener Beobachter w�re wohl nie auf die Idee gekommen, dass dieses weitl�ufige Landgut dazu bestimmt war, in der Kunst des T�tens unterwiesen zu werden.</p><p>Ailyn stand ein wenig abseits des Weges. Bidayn war bei ihr. Nandalee seufzte. Wahrscheinlich hatte ihre Freundin um Gnade f�r sie gebettelt. Wann w�rde Bidayn lernen, dass sie sich selbst f�r ihre Belange einsetzte?</p><p>Ailyn begr��te sie mit einem knappen Kopfnicken. �Hast du schon einmal mit einem Schwert gek�mpft?�</p><p>�Nein.� F�r eine J�gerin war ein Schwert unn�tiger Ballast. Sie hatte nie eines gebraucht. Nur wenige Normirga besa�en Schwerter. In Kriegen mochten sie n�tzlich sein. Aber einen Bogen fand sie weit n�tzlicher. Und sollte ein Feind nahe an einen herankommen, hatte jeder J�ger stets einen Hirschf�nger bei sich. Als Nandalee n�her kam, bemerkte sie, dass der Rasen dort, wo Ailyn stand, mit Wasser durchtr�nkt war, obwohl es den ganzen Tag �ber nicht geregnet hatte.</p><p>�In wirklichen K�mpfen kann man sich den Boden, auf dem um Leben und Tod gefochten wird, oft auch nicht aussuchen�, erkl�rte die Elfe, als k�nne sie, im Gegensatz zu den Drachen, ihre Gedanken lesen. �Wir nehmen unsere Sch�ler hier stets hart heran. Wenn der Tag deines ersten richtigen Kampfes kommt, wirst du uns daf�r dankbar sein.�</p><p>�Der Tag meines ersten Kampfes liegt bereits weit zur�ck. Ich habe bereits gegen Trolle gek�mpft�, sagte Nandalee stolz und so laut, dass alle es h�ren konnten.</p><p>�Nat�rlich, mit einem Bogen. Wenn man nah dran ist, ist es etwas anderes�, rief einer der Sch�ler � ein Kerl mit hellblondem Haar und edlen Z�gen, der sie erschreckend an Sayn erinnerte. Sie entschied, sich nicht zu �rgern. So etwas wie in der Drachenh�hle durfte nie wieder geschehen. �Ich war so nah dran, dass ich ihren stinkenden Atem ins Gesicht geblasen bekommen habe�, sagte sie ruhig. �Ist irgendjemand anders hier, der Trollen schon so nahe war?�</p><p>Ailyn lie� sich zu einem schmallippigen L�cheln herab. �Darf man daraus schlie�en, dass du eine schlechte Bogensch�tzin bist?�</p><p>�Nein, ich habe mich lediglich mit mehr Trollen angelegt, als ich Pfeile hatte.�</p><p>Die Drachenelfe winkte einem der Sch�ler. Er brachte zwei etwa armlange St�cke aus rotbraunem Holz. Das Holz wies etliche Dellen auf, war aber nirgends gesplittert. Ohne auf einen Befehl zu warten, zog sich der Sch�ler zur�ck. Er packte Bidayn beim Arm und nahm sie mit sich.</p><p>�Hast du dich erholt, Nandalee?�</p><p>Sie nickte Ailyn zu. Im selben Augenblick kam der erste Angriff. Ailyn stie� wie eine Viper vor. Nandalee machte einen Satz zur�ck und riss ihren Stock zur Parade hoch.</p><p>Die Drachenelfe �nderte die Schlagrichtung. Ihr Holzschwert schwang in elegantem Bogen unterhalb von Nandalees Waffe vorbei. Ailyn nahm die Wucht aus dem Hieb und ber�hrte sie nur sanft am Bauch.</p><p>�Vor seinem Feind zu stehen ist schon etwas anderes als ein Schuss auf hundert Schritt Entfernung, nicht wahr?� Sie zog den Stock zur�ck. �Nach einer Lektion verneigt sich ein Sch�ler vor seinem Lehrer.�</p><p>�Ich dachte, Gonvalon sei mein Lehrer.�</p><p>�Lehrer ist, wer immer einen etwas lehrt.�</p><p>�Ich werde mich vor Gonvalon verbeugen, wenn er mich etwas lehrt�, entgegnete sie trotzig.</p><p>�Du glaubst also, unsere Regeln gelten nicht f�r dich?�</p><p>Nandalee hielt dem frostigen Blick der Drachenelfe stand.</p><p>�Gut, dann lass uns zur n�chsten Lektion �bergehen.�</p><p>Diesmal traf Nandalee der pl�tzliche Angriff nicht mehr ganz so �berraschend. Sie wich seitlich aus und ging ihrerseits zum Angriff �ber. Ailyn parierte den Schlag. Er war zu wuchtig gef�hrt. Nandalees Stock glitt �ber ihren Kn�ppel. Statt den Hieb zu blocken, hielt sie die Waffe schr�g, sodass Nandalee von der Wucht ihres eigenen Hiebes nach vorne gerissen wurde. Sie taumelte. Ein Schlag traf sie in der Kniekehle. Sie brach ein. Ein Tritt in den R�cken lie� sie mit dem Gesicht voran im schlammigen Gras landen.</p><p>�Wie ich schon sagte, nach einer Lektion verneigen sich die Sch�ler�, sagte Ailyn sp�ttisch. �Manche, die es sp�t lernen, werfen sich sogar zu Boden.�</p><p>Nandalee rappelte sich auf. Ihr wei�es Gewand war �ber und �ber mit Schlamm bespritzt. Ailyn hingegen strahlte noch immer bl�tenwei�. Nicht einmal ihre Stiefel waren schmutzig.</p><p>�Wenn die Lektion beendet ist, legt man die Waffe aus der Hand�, sagte die Drachenelfe ruhig.</p><p>Nandalee nickte und k�mpfte gegen ihren Zorn an. Ihre Stimme klang gepresst, als sie antwortete. �Gut. Das habe ich verstanden.�</p><p>Die Lehrerin hob �berrascht eine Braue. �Dann machen wir eben weiter.� Sie gr��te Nandalee mit einem leichten Nicken der h�lzernen Klinge.</p><p>Nandalee erwiderte den Gru�. Ihr linkes Bein schmerzte dort, wo sie der Schlag ins Kniegelenk getroffen hatte. Sie konnte es kaum belasten. Es war unvern�nftig, nicht aufzugeben, aber Zorn und verletzter Stolz �berwogen ihre Vernunft. So lie� sie sich dazu hinrei�en, ihr Holzschwert mit beiden H�nden zu packen und zu einem wuchtigen Hieb auszuholen, der geradewegs auf Ailyns Kopf zielte.</p><p>Die Lehrerin blieb stehen. Sie machte nicht einmal den Versuch, den Angriff mit ihrem �bungsschwert zu parieren. Stattdessen schnellte im letzten Augenblick ihre Linke hoch. Sie schnappte das Schwert zwischen Daumen und Zeigefinger. Eine Geste, als wolle sie ein l�stiges Insekt zerquetschen.</p><p>F�r Nandalee war es, als dresche sie mit dem Schwert auf einen Felsen ein. Alle Wucht des Hiebes wurde auf sie zur�ckgeworfen und selbst ihr Zorn fiel auf sie zur�ck wie eine Woge, die sich an einer Steilklippe bricht. Sie f�hlte sich blo�gestellt. Hilflos wie ein kleines Kind, das gegen einen Erwachsenen aufbegehrt.</p><p>Einige der Zuschauer lachten.</p><p>�K�nnen wir einfach Klinge gegen Klinge k�mpfen, oder ben�tigst du Zauberwerk, um gegen mich zu bestehen?�</p><p>Diese Worte hatten besser gesessen als jeder ihrer Schwerthiebe. Ailyn trat einen Schritt zur�ck und hob herausfordernd ihr Holzschwert.</p><p>Trotz Schmerz und Wut war Nandalee bewusst, dass sie damit nichts gewonnen hatte. Die Drachenelfe war ihr turmhoch �berlegen. Alles, was ihr diese Worte einbringen w�rden, w�re eine weitere Tracht Pr�gel. Und wieder einmal siegte ihr Trotz. Sie w�rde sich dem Unausweichlichen stellen. Sie w�rde nicht einfach aufgeben!</p><p>Sie hob das Schwert, um den Fechtergru� zu erwidern. Die feinen H�rchen an ihren Armen stellten sich auf. Ein Prickeln �berlief ihren K�rper und die Sicht auf die magische Welt �berlagerte ihren Blick. Sie sah Kraftlinien in ihrem Holzschwert zusammenflie�en. Um Ailyn gab es keine auff�lligen Muster. Sie hielt Wort und wob keinen Zauber. Sie hatte es auch nicht n�tig! Schnell wie ein Falke vom Himmel st�rmt, um einen jungen Hasen zu schlagen, griff sie an, um dann pl�tzlich langsamer zu werden.</p><p>Nandalee parierte den Hieb ohne M�he. Sie h�rte erstaunte Rufe. Doch konnte sie es nicht wagen, Ailyn aus den Augen zu lassen, die sich nun wieder flink wie eine Katze bewegte. Auch die Schwertmeisterin wirkte �berrascht. Sie schlug eine Finte und wurde erneut unbegreiflich langsam.</p><p>Nandalee wehrte sie ab. Wieder wurde Ailyn schneller. Die Drachenelfe passierte sie und stie� ihr mit dem Ellenbogen unter die Rippen. Benommen taumelte Nandalee. Das Bild der magischen F�den um ihr Schwert zerfaserte.</p><p>Ailyn fuhr herum und f�hrte einen hohen Schlag. Das Holzschwert traf Nandalee mitten ins Gesicht. Ihr Nasenbein brach. Blut str�mte ihr �ber die Lippen. Ihr Gesicht f�hlte sich taub an. Ailyn hatte ihr mit der Breitseite des Holzschwerts ins Gesicht geschlagen und mit dem Hieb beide Augen getroffen.</p><p>Nandalee taumelte r�ckw�rts. Grelle Lichtpunkte tanzten �ber den Kraftlinien, und der Augenblick gn�diger Taubheit verging. Der Schmerz �berfiel sie mit solcher Eindringlichkeit, dass sie sich w�rgend vorn�berbeugte. Ihre Augenlider schwollen binnen weniger Herzschl�ge zu S�cken voller Blut. Ihr blieb nur noch die magische Sicht. Aber sie konnte nicht mehr denken, nicht mehr handeln, war willenlose Sklavin ihrer Schmerzen. Nie zuvor hatte sie sich so hilflos gef�hlt. Ein langer, hei�er Dorn schien von der Nasenwurzel bis tief in ihr Hirn zu stechen. Ein wahrer Sturzbach von Blut quoll aus der Nase und mischte sich mit ihrem Erbrochenen.</p><p>Ein neuerlicher Hieb traf ihr Holzschwert und prellte ihr die �bungswaffe aus der Hand. Ein grober Sto� vor die Brust schickte sie auf den schlammigen Boden, wo sie hilflos um sich tastete.</p><p>Sie sah Ailyns Aura. Das Rot der Wut und einen leichten Anflug von Blau, so als f�rchte die Lehrerin sich auch. Dumpfer, pochender Schmerz pulsierte in ihren Lidern. Vom Treffer geblendet, sah Nandalee allein mit dem Verborgenen Auge. Ein B�ndel von Kraftlinien verband sie noch immer mit ihrem �bungsschwert.</p><p>Der alles andere �berw�ltigende Schmerz flaute ein wenig ab. Sie w�rde nicht aufgeben! Nicht so! Eine Runde noch. Ihr war klar, dass sie erneut unterliegen w�rde. Aber sie war wild entschlossen, weiterzuk�mpfen, wo jeder andere aufgegeben h�tte. Sie w�rde sich nicht dem�tigen lassen! Im Gegenteil, sie w�rde Ailyn besch�men. Zielsicher packte sie das Schwert am Griff. Die Drachenelfe stand �ber ihr; sie musste ihr zugesehen haben. Der Blauton ihrer Aura war um eine Nuance st�rker geworden.</p><p>Nandalee f�hrte einen trotzigen Hieb nach den Beinen der Lehrerin. Er war leicht zu parieren. Die Holzst�be schlugen mit hartem Knall aufeinander. Ein Laut, der die atemlose Stille unterstrich, die nun rings herum herrschte.</p><p>�Gib auf!� Ailyn Stimme merkte man nichts von der unterschwelligen Furcht an. Auch ihren Zorn verbarg sie. Sie klang einfach nur bestimmend.</p><p>Statt zu antworten, drehte sich Nandalee, setzte sich auf und hob erneut ihr Schwert. Ob sie mit einem Stich die Deckung der Elfe durchbrechen k�nnte?</p><p>Ein wuchtiger Hieb prellte ihr die Waffe aus der Hand. Sie flog davon. Nandalee h�rte sie ein ganzes St�ck entfernt auf den schlammigen Boden klatschen.</p><p>Ailyn setzte ihr einen Fu� auf die Brust und dr�ckte sie langsam herunter. �Du bist besiegt.�</p><p>Nandalee packte Ailyns Holzschwert in einem verzweifelten Versuch, es der Drachenelfe zu entwinden. Ihre Magie gab ihr eine Kraft, die weit �ber das normale Ma� hinausreichte. Doch auch Ailyn hatte nun einen Zauber gewoben.</p><p>�Du nutzt, was du mir verwehren wolltest�, sagte sie so leise, dass es au�er Nandalee niemand h�ren konnte. Dabei verschob sie das Schwert ein wenig, sodass seine h�lzerne Spitze nun auf Nandalees Kehle zeigte. Das Holz knarrte vom Druck, den sie beide darauf aus�bten.</p><p>Nandalee sp�rte, dass sie unterliegen w�rde. Zoll um Zoll wanderte das Schwert in Richtung ihrer Kehle.</p><p>�Das gen�gt!�</p><p>Eine fremde Aura erschien neben der Drachenelfe. Die Stimme war vertraut. Gonvalon!</p><p>�Du bist eine Lehrerin. Du solltest dich besser beherrschen!�, schalt er Ailyn leise. �Es reicht!�</p><p>Ailyn gab sie frei. Sie trat zur�ck. Nandalee war schwindelig vor Erleichterung.</p><p>�Ich glaube, mir ist noch nie eine so dumme Sch�lerin begegnet�, sagte Gonvalon und nahm sie in die Arme. Er hob sie hoch. Bald wurde das feuchte Schmatzen des Rasens vom Klacken seiner Stiefel auf Steinplatten abgel�st. Er trug sie zum Haus. Nandalee h�tte ihm gern die Arme um die Schultern gelegt, aber sie war zu ersch�pft, um auch nur einen Finger zu r�hren.</p><p>�Ich werde eine Heilerin rufen�, murmelte Gonvalon. �Tu das nie wieder! Wie konntest du Ailyn nur derart provozieren?� Er schwieg einige Schritte lang, dann f�gte er leise, wie zu sich selbst gesprochen, hinzu: �Ist das Dummheit, Nandalee? Oder ist es Wahnsinn, der dich treibt?�</p></section><section><title><p>Bei Hof</p></title><p>Artax schwirrte der Kopf. Der Wein auf diesen Festbanketten war wirklich besser als in seiner Dorfschenke in Belbek. Er war �berhaupt nicht sauer. Dass Wein so schmecken konnte � Und erst der Anisschnaps! Leider war das das Einzige, das besser war. Diese �ppigen, viel zu fetten Speisen � Davon wurde ihm regelm��ig schlecht. Gut, der Wein mochte vielleicht auch ein klein wenig eine Rolle spielen � aber vor allem waren es die fetten Speisen. F�nf oder sechs Becher Wein � was war das schon?</p><p>Artax blickte zu dem Gesandten aus Valesia, der auf dem Ehrenplatz zu seiner Rechten an der Festtafel sa�. Die fette Qualle roch wie ein M�dchen. Und erst seine Stimme � schrill und affektiert! Der Gesandte war ihm vom ersten Augenblick an unsympathisch gewesen. Wie hie� er noch gleich � Artax kniff die Augen zusammen und forschte in seinen und Aarons Erinnerungen nach einem Namen. Aber da war nichts. Egal, dachte er, l�chelte den Gesandten an und hob seinen goldenen Weinpokal. �Auf die ewige Freundschaft zwischen Aram und dem K�nigreich der Quallen.�</p><p>Der rotb�rtige Gesandte sah ihn mit weiten blauen Augen an. ��h, wie meinen?�</p><p>�Der Erhabene erlaubte sich, eine Metapher zu benutzen�, mischte sich Datames ein, jener bartlose Sch�nling, der sein Hofmeister war. �Das K�nigreich der Quallen, so nennen wir das Reich am Meeresgrund, eine Welt unvergleichlicher Sch�nheit und Farbenpracht. Ich glaube, ein treffenderes Kompliment k�nnte man dem K�nigreich Valesia nicht machen � reicht der Ruhm des Wei�en Selinunt, der sch�nsten Stadt der Welt, doch �ber alle Grenzen hinaus.�</p><p>Wunderbar, wie Datames schwatzen konnte, dachte Artax. Ganz wunderbar. Sein Hofmeister war wirklich n�tzlich. Wenn er nur nicht wie ein bartloser J�ngling aussehen w�rde. Das schadete seinem Ansehen. Eine traurige Sache. Ob das wohl eine Krankheit war, dass ihm kein Bart spross?</p><p>Die blauen Augen des Gesandten strahlten. �Was f�r ein wunderbarer Vergleich! Der Erhabene ist wahrlich ein Poet unter den Herrschern!�</p><p>Hatte der Kerl ihn gerade Prolet genannt? Artax richtete sich auf. Er kannte solche Worte jetzt! Er war kein d�mlicher Bauer mehr. Aarons Erinnerungen waren voll von solchen Worten!</p><p>Schwindel erfasste Artax. Bei den G�ttern, war ihm �bel! Der letzte Weinkelch � Mit dem war irgendetwas nicht in Ordnung gewesen. Dar�ber w�rde er mit Datames reden m�ssen! Das ging nicht an, dass an der Festtafel des Palastes verdorbener Wein ausgeschenkt wurde.</p><p>Kaum, dass er auf den Beinen war, verstummten alle Gespr�che. Alle G�ste erhoben sich. Das nervte! Noch so eine Palastunsitte, die es abzuschaffen galt. Ein weiterer Punkt auf der langen Liste der Dinge, die es mit Datames zu besprechen gab. Wie er diese Listen hasste, dachte Artax. Kaum hatte man eine abgearbeitet, kam der Hofmeister mit einer neuen Liste. Das war zum Kotzen! Er r�lpste lautstark.</p><p>�Der Unsterbliche wird sich nun zur�ckziehen�, verk�ndete Datames in gef�lligem Tonfall. �Er bedankt sich bei unserem edlen Gast und w�nscht allen eine friedliche Nacht.�</p><p>�Sch�n�, murmelte Artax. Datames hatte es wirklich mit den Worten, dachte er, machte einen schwankenden Schritt und war froh, dass Juba herbeieilte, um ihn zu st�tzen.</p><p>Sein Kopf f�hlte sich an, als w�rde er bald platzen. Juba geleitete ihn aus dem Festsaal und Artax st�hnte. Dunkel erinnerte er sich, dass es noch ein endlos langer Weg bis zu seinem Schlafgemach war. Noch ein Punkt f�r die Liste! Wege im Palast verk�rzen!</p><p>�Erhabener, Ihr habt Fieber. Ihr solltet weniger Audienzen geben und Euch keine Festbankette mehr zumuten. Ich bin in ernster Sorge um Euch.�</p><p>�Das ist wirklich nett von dir�, lallte Artax. Sein sonst so harter Kriegsmeister konnte ein prima Kumpel sein, wenn man ihn erst einmal besser kannte. �Kannst du mich zur Viehtr�nke bringen?�</p><p>�Zur Viehtr�nke, Erhabener? Ich f�rchte, ich verstehe nicht ��</p><p>�Mensch, Juba � zur Viehtr�nke! Vor Sirans Haus. Wenn ich in der Schenke einen �ber den Durst getrunken habe, dann stecke ich meinen Kopf in die Viehtr�nke. Kaltes Wasser wirkt wirklich Wunder.�</p><p>Juba r�usperte sich. �Ich f�rchte, Erhabener, Sirans Haus ist gerade nicht in der N�he.�</p><p>�Mist�, lallte Artax. �Sind wir schon so weit gegangen?�</p><p>Juba antwortete darauf nicht. Er brachte ihn ins k�nigliche Schlafgemach und Artax war unendlich erleichtert, als er sich auf sein Bett setzen konnte. Nur noch zur�ckfallen und schlafen. Seine Ruhe haben � Ruhe, verdammt! �Juba?�</p><p>�Ja, Erhabener.�</p><p>�Bitte keine Haremsdamen. Ich f�rchte, ich bin nicht ganz in der Verfassung ��</p><p>�Nat�rlich, Erhabener. Soll ich noch eine Schale mit kaltem Wasser bringen lassen, statt der Viehtr�nke?�</p><p>�Viehtr�nke?� Verflucht, Artax erinnerte sich. So etwas durfte ihm nicht passieren. Er durfte keine Bemerkungen �ber seine Vergangenheit als Bauer fallen lassen. Er setzte ein breites L�cheln auf. �Das war ein Scherz, Juba. Mit der Viehtr�nke.�</p><p>�Das dachte ich mir schon, Erhabener. Und wenn Ihr erlaubt � Ihr m�sst Euch wirklich mehr schonen. Ihr habt Euch von der Verwundung durch Muwatta noch immer nicht ganz erholt. Und ich glaube, Ihr habt ein Fieber. Soll ich nicht besser nach den Hof�rzten schicken?�</p><p>Oh, ja, Hof�rzte. Denen wird bestimmt nichts Besseres einfallen, als dich zur Ader zu lassen. Alles was du brauchst, sind ein paar Stunden Schlaf.</p><p>Wo er recht hatte, hatte er recht, dachte Artax. Manchmal � sehr selten � war Aaron gar kein so �bler Kerl. �Ich werde einfach etwas schlafen, Juba. Ich brauche keine Quacksalber.�</p><p>�Wie Ihr meint, Erhabener.�</p><p>So grimmig, dachte Artax. Juba hatte keine Ahnung, wie das war, zur Ader gelassen zu werden. Dem passierte das h�chstens mal auf dem Schlachtfeld, aber nicht im eigenen Bett. Einfach gr�sslich! Nat�rlich hatte sein Kriegsmeister recht, dass es unklug war, sich diese Festm�hler zuzumuten. Er w�rde schon lieber im Bett bleiben, dachte Artax. Aber der Abend war wichtig gewesen. Diese Qualle, der Gesandte aus Valesia, war gekommen, um ihn zu bitten, seinem Herrscher f�r drei Jahre einige Steinmetze und Architekten auszuleihen. Sie sollten beim Aufbau von Selinunt helfen. Als Gegenleistung w�rde er eine ganze Schiffsladung erstklassiger Bronzeschwerter erhalten. Sein K�nigreich brauchte Schwerter, um im Krieg gegen Muwatta bestehen zu k�nnen. Auf Steinmetze und Architekten konnte er verzichten. Vorl�ufig zumindest. Wie hatte Aaron nur diese endlosen Bankette und das belanglose Geschwafel dabei durchgestanden?</p><p>�bung, mein Lieber. Viel �bung. Du solltest jetzt ruhen. Wir sind wirklich besorgt.</p><p>Artax seufzte und lie� sich auf sein viel zu weiches Bett zur�cksinken. Er war so m�de! Und Juba hatte recht. Er hatte wohl tats�chlich Fieber und ohne Zweifel zu viel getrunken.</p><p>Dunkelheit umfing ihn, und er glitt in einen Traum, in dem er sich viel kr�ftiger f�hlte.</p><empty-line/><p>Aaron setzte sich auf. Endlich war er wieder frei. Es hatte Tage gedauert. Nur wenn Artax buchst�blich zusammenbrach, konnte er wieder frei sein. Er musste ihn hier bei Hof behalten. Dieses Leben war nichts f�r den Bauertrampel! Aaron wusste, dass Artax das K�nigreich bereisen und all seinen Verpflichtungen hier entfliehen wollte. Er w�rde ihm ins Gewissen reden, dass das verantwortungslos war. Er war ja so pflichtbewusst, sein Bauer.</p><p>�Juba!�</p><p>�Erhabener, Ihr ��</p><p>�Nein�, unterbrach er den Kriegsmeister barsch. �Ich werde mich nicht schonen. Ich habe ein Reich zu f�hren. Bringt mir die Todeslisten der hingerichteten Priester. Ich m�chte sie studieren und �berlegen, ob wir nicht noch ein paar vergessen haben. Und was ist mit Barnaba, dem Vertrauten des Hohepriesters Abir Ata�? Ist er endlich gefasst? Ich w�nsche seinen Kopf. Wie kommt es, dass er immer noch frei heruml�uft?�</p><p>�Aram ist ein sehr gro�es K�nigreich ��</p><p>�Keine Ausfl�chte, Juba. Glaube nicht, dass ich die Z�gel locker lassen werde.�</p><p>�Nat�rlich nicht, Herr.�</p><p>Es war so gut, wieder ganz Herr seiner Glieder zu sein. Dieser Bauer � Artax brachte ihn noch um den Verstand. Er musste den Kerl loswerden! Aber wie? Diese Tagtr�ume von Almitra und der nach Pferd stinkenden Barbarenprinzessin � Aber was wollte man von einem Bauern anderes erwarten? Der f�hlte sich vermutlich gar nicht wohl, wenn er eine gewaschene Frau im Bett hatte. �Hol mir �� Diese Namen. Er konnte sie sich nie merken. Ganz anders als der kleine Bauer. Aber dessen Verstand w�rde er jetzt gewiss nicht aufwecken, nur um den Namen einer Haremsdame zu erfahren. �Hol mir diese gro�e Blonde aus dem Harem. Die mit den langen Beinen, die kaum unsere Sprache spricht. Du wei�t, wen ich meine, Juba?�</p><p>Der Kriegsmeister nickte. �Ja, Erhabener. Aber Ihr sagtet doch eben noch ��</p><p>�Vergiss, was ich eben gesagt habe. Hol mir einfach das M�dchen. Und vergiss die Todeslisten nicht!�</p><p>�Geht es Euch wirklich gut?� Juba sah ihn forschend an. Merkte er etwas?</p><p>Beschwichtigend l�chelte Aaron ihm zu. �Glaub mir, mein Freund, es geht mir blendend. Heute Nacht bin ich ganz der Alte!�</p></section><section><title><p>Von gebrochenen Nasen und dunklen Herzen</p></title><p>Ein fremder Geruch war im Zimmer. Der Duft eines Fr�hlingswaldes. Nandalee konnte sich kaum r�hren. Ihr Kopf f�hlte sich an wie ein Nest voller aufgeregter Hummeln. Sie versuchte die Augen zu �ffnen. Sie waren noch immer zugeschwollen. Sie atmete flach durch den Mund, weil ihre Nase zu sehr schmerzte.</p><p>�Du hast einen guten Kampf gefochten. Allerdings zeugt es nicht gerade von Klugheit, Ailyn derart herauszufordern.� Es war eine Elfe, die sprach. Ein seltsam fremder Akzent haftete ihrer Stimme an. Sie war keine Normirga. Und sie kam auch nicht aus Arkadien. Mit Daumen und Zeigefinger schob Nandalee die Lider ihres rechten Auges auseinander. Licht stach ihr wie ein Dolch ins Auge, das sofort zu tr�nen begann. Vor ihr sa� eine gro�e, schwarzhaarige Elfe. Ihr Gesicht war fast hager, so schmal war es. Die Lippen voll und sinnlich. In gr�nen Augen mit hellbraunen Sprenkeln spiegelte sich ein schalkhaftes L�cheln. Die Fremde trug ein wei�es Kleid mit einem Stehkragen, ganz �hnlich wie Ailyn. Doch dieses Kleid war mit goldener Stickerei ges�umt.</p><p>�Wer bist du?� Nandalee lie� die Lider los und sofort schloss sich ihr geschwollenes Auge wieder.</p><p>�Mein Name ist Lyvianne. Ich werde eine deiner Lehrerinnen sein.�</p><p>Nandalee seufzte stumm. Sie wollte lieber allein sein. �Ich f�rchte, ich bin nicht ganz in der Verfassung, etwas zu lernen.�</p><p>�Du hast nicht viele Freunde, nicht wahr?�</p><p>Nandalee hatte keine Lust, auf diese Frage zu antworten. Stille, durchbrochen vom leisen Summen einer Fliege und entferntem Fl�tenspiel, lag zwischen ihnen. Die Fremde war gut darin zu schweigen, dachte Nandalee. Geschw�tzigkeit mochte sie nicht.</p><p>�Wie viel Wert legst du auf dein �u�eres?�</p><p>�Wenig. Ich kann mir denken, wie ich aussehe.�</p><p>�Jemand sollte dir die Nase richten. Die Schwellungen werden verschwinden. Aber die Nase ��</p><p>�Ist sie schief?� Sie wollte kein Gesicht haben, mit dem sie sich zum Gesp�tt der anderen machte. Sie war ohnehin schon fremdartig genug.</p><p>�Sie ist geschwollen und schief. Wenn das Nasenbein nicht innerhalb der n�chsten Tage in seine urspr�ngliche Position verschoben wird, wirst du eine schiefe Nase behalten. Wenn du einen Tr�mmerbruch hast und das Nasenbein in verschiedene Splitter zerbrochen ist, wird es schwer, deine Nase wieder zu richten. Unternimmt man nichts, k�nntest du auch leichte Atembeschwerden davontragen.�</p><p>�Bist du eine Heilerin?�</p><p>�Ich lehre Sprachen und auch Fl�tenspiel.�</p><p>War das ein Scherz? Sie w�nschte, sie k�nnte Lyvianne ins Antlitz sehen. Sie war hierhergekommen, um k�mpfen zu lernen. Was sollte sie mit Fl�tenspiel!</p><p>�Ich k�nnte mich an deiner Nase versuchen, wenn du erlaubst. �</p><p>So, wie Lyvianne ihren Zustand beschrieben hatte, hatte sie wenig zu verlieren. �Das w�re nett.�</p><p>Die Elfe lachte leise. �Nett wirst du das gleich wohl nicht mehr nennen.� Sie tastete �ber die zerschundene Nase, und Nandalee sp�rte, wie sich das gebrochene Nasenbein bewegte. Der Schmerz war so heftig, dass ihr Tr�nen in die Augen traten und sie aufst�hnte. Blut perlte �ber ihre Oberlippe. Pl�tzlich strich ihr ein eisiger Hauch �ber das Gesicht. Ein Schauer �berlief sie. Ihre Nase war wie taub. Der Schmerz verebbte.</p><p>�Was war das?�</p><p>�Ein wenig Magie. Mich wundert, dass sich niemand um dich gek�mmert hat. Obwohl ��</p><p>Nandalee wartete, ob Lyvianne noch etwas sagen w�rde, doch die Elfe zog es vor zu schweigen.</p><p>�Du denkst, sie m�gen mich nicht.�</p><p>�Ich w�rde eher sagen, sie f�rchten Ailyn. Ailyn wollte, dass du Schmerzen hast. Das war �brigens ein wirklich bemerkenswerter Schwertstreich. Ein Hieb, um seine Gegner zu blenden. Bedauerlich, dass dabei die Nase im Weg steht.�</p><p>�Das bekommt sie zur�ck.�</p><p>�Jetzt, meine Liebe, phantasierst du. Du warst zwar auf gewisse Art respekteinfl��end in deinem Aufbegehren gegen Ailyn, aber es ist vollkommen unwahrscheinlich, dass du sie jemals besiegen wirst. Ich hoffe, dir ist klar, dass sie mit dir gespielt hat. Wenn es ihr ernst ist, dann t�tet sie mit dem ersten Hieb. Leg dich nicht mit ihr an. Eine gute Kriegerin zeichnet aus, dass sie K�mpfe, die sie nicht gewinnen kann, meidet. Und du willst doch eine gute Kriegerin werden.�</p><p>�Das h�rt sich nicht an, als seiest du eine Kriegerin�, entgegnete Nandalee derb und konnte sich gerade noch beherrschen, die fremde Elfe nicht feige zu nennen.</p><p>�Was ist eine Kriegerin?�, fragte sie provozierend ruhig.</p><p>�D�mliche Frage. Eine K�mpferin, die f�r eine Sache streitet und mutig genug ist, um dabei ihr Leben zu wagen.�</p><p>�Und du meinst, daf�r muss man ein Schwert in den H�nden halten?�</p><p>�Wie sonst sollte man k�mpfen! Nat�rlich k�nnte eine Kriegerin auch einen Bogen benutzen oder �� Sie hatte das Gef�hl, aufs Glatteis gef�hrt zu werden. �Wahrscheinlich k�nnen auch Zauberweber in einem Kampf n�tzlich sein�, gab sie schlie�lich zu.</p><p>Lyvianne lachte leise. �Ja, das k�nnen sie. Ebenso wie Spitzel, die sich unbewaffnet und allein mitten unter die Feinde wagen, um deren Schw�chen auszusp�hen. Ist ihre Aufgabe vielleicht nicht noch gef�hrlicher als die derjenigen, die, umringt von Gef�hrten, in einer Schlacht stehen? Sie sind ganz auf sich gestellt. Niemand wird ihnen helfen, wenn sie entdeckt werden.�</p><p>�Bist du so ein Spitzel?�</p><p>�Wenn ich es wirklich w�re, d�rfte ich dir nicht davon erz�hlen oder m�sste dich bel�gen. Reden wir lieber von etwas anderem. �</p><p>Nandalee versuchte erneut, die Augen zu �ffnen, doch es wollte ihr nicht gelingen, und so rief sie sich Lyviannes Gesicht ins Ged�chtnis. In ihrem schmalen Antlitz hatte H�rte gelegen. Sie konnte sie sich allein unter Feinden vorstellen. Ein Feigling war sie wohl nicht.</p><p>�Kannst du Fl�te spielen?�</p><p>Nandalee sch�ttelte den Kopf und bereute die Bewegung sofort. Ein dumpf pochender Schmerz meldete sich in ihrem Hinterkopf. �Das ist nutzlos. Zeitverschwendung.�</p><p>�Was das angeht, wirst du an deinen �berzeugungen arbeiten m�ssen oder du wirst niemals unter die Drachenelfen aufsteigen. �</p><p>�Du willst jetzt nicht behaupten, sie w�rden Fl�te spielen und den Feinden Albenmarks ein St�ndchen bringen.�</p><p>�Wir denken hier nicht nur daran, wie ihr eines Tages gegen unsere Feinde bestehen k�nnt. Ihr m�sst auch vor euch selbst bestehen. Damit ein Leben nicht v�llig aus den Fugen ger�t, gilt es, das Gleichgewicht zu wahren. Deine Hauptaufgabe wird es sein zu zerst�ren, Leben zu vernichten und wenn man weiter blickt, dann wirst du vielleicht sogar mithelfen, Kulturen zu zerst�ren und Ideen auszul�schen. Denn die Feinde, die wir t�ten, sind nicht allein jene, die mit dem Schwert in der Hand daherkommen. Dieser Aufgabe kannst du auf Dauer nur gewachsen sein, wenn dein Charakter gefestigt ist und du bis ins Innerste davon �berzeugt bist, das Richtige zu tun. Auch die st�rkste Seele wird eines Tages mit Zweifeln ringen. Ich bin noch niemandem begegnet, den das Blutvergie�en nicht irgendwann in tiefste Selbstzweifel st�rzt. Deshalb ist es wichtig, dass du auch etwas erschaffst. Dass du mit dem Sch�nen in der Welt verbunden bleibst. Ailyn zum Beispiel singt, wenn sie alleine ist. Ich aber kann all meine Traurigkeit in mein Fl�tenspiel geben, und mit jeder Note, die ich spiele, wird mir mein Herz leichter. Andere von uns erschaffen Skulpturen, arbeiten mit Bronze oder Glas. Du musst deinen Weg finden, dich auszudr�cken. Wir nehmen das genauso wichtig wie deine Ausbildung im Kampf. Wenn du nicht lernen kannst, mit deiner Traurigkeit und der Dunkelheit in dir umzugehen, wirst du ein Strohfeuer sein. Ich bin �berzeugt, dass du gro�es Talent hast, aber du wirst jung vergehen, wenn du dich nicht vor dir selbst h�test.�</p><p>Nandalee war sich nicht sicher, ob sie ihr glauben sollte. Welche Gewissensbisse sollte man haben, wenn man Trolle oder andere Feinde t�tete? Sie hielt das, was Lyvianne da erz�hlte, f�r ausgemachten Unsinn. Allerdings h�tete sie sich, dies der Elfe ins Gesicht zu sagen.</p><p>�Wirst du meine Lehrerin sein?�</p><p>�Ganz sicher sogar. Aber ich glaube, du meinst etwas anderes. Jedem Sch�ler wird einer der Lehrer als Seelenbruder zur Seite gestellt. Bei dir wird es Gonvalon sein. Ich war leider nicht hier, als dar�ber entschieden wurde. Ich glaube, es w�re besser gewesen, mich mit dieser Aufgabe zu betrauen.�</p><p>Was sollte das schon wieder? �Warum?�</p><p>�Wegen der Dunkelheit, die du in dir tr�gst. Weil du anders bist als die anderen. Der Schwebende Meister hat uns sehr eindringlich vor dir gewarnt. H�ttest du nicht bereits das besondere Interesse der Regenbogenschlangen und vor allem des Dunklen erweckt, ich bin sicher, der Schwebende Meister h�tte dich get�tet.�</p><p>Nandalees Hand krampfte sich in die Decke.</p><p>�Ich sehe, du wei�t, wovon ich rede. Dem Drachen war unheimlich, dass er nicht in deinen Gedanken lesen kann. Und er ist der Meinung, dass du �ber sehr viel ungez�gelte, zerst�rerische Kraft verf�gst. Wer dich erz�rnt, der ist seines Lebens nicht mehr sicher. Er hat Gonvalon und Ailyn gesagt, du h�ttest Sayn get�tet. �</p><p>�Das ist nicht wahr!�, begehrte Nandalee auf und doch ber�hrte Lyvianne mit diesen Worten ihre tiefsten �ngste.</p><p>�Wer werden herausfinden, was wahr ist und was nicht. Bis dahin werde ich mich h�ten, dich zu �rgern.�</p><p>�Ich habe wirklich nicht ��</p><p>Lyvianne legte ihre eine Hand auf den Arm. �Das war ein Scherz. Ich wei�, wie dir zumute sein muss. Als ich Sch�lerin war, hat man von mir auch geglaubt, dass ich ein dunkles Herz habe. Manche behaupten das noch heute. Ganz wie du habe auch ich besondere Gaben. Gaben, die den anderen unheimlich sind. F�r mich sind wir wie Schwestern. Deshalb w�re ich so gern deine Seelenschwester geworden. Niemand hier kann dich so tief verstehen wie ich. Meine T�r wird dir immer offen stehen. Bitte komm zu mir, wenn dir etwas Kummer bereitet oder du einfach nur jemanden zum Reden suchst, der dich verstehen wird.�</p><p>Nandalee war sich unsicher, was sie davon halten sollte. Sie w�nschte, sie h�tte Lyvianne ins Gesicht sehen k�nnen. �Welche Gaben besitzt du?�</p><p>�Wenn du zu mir kommst und dich mir ganz anvertraust, werde auch ich vor dir keine Geheimnisse haben.� Die Elfe erhob sich und strich ihr noch einmal �ber den Arm. �Du solltest jetzt schlafen. Und f�rchte dich nicht vor Ailyn. Ich werde sie wissen lassen, dass du unter meinem besonderen Schutz stehst. Etwas wie heute Mittag wird sich nie mehr wiederholen.�</p><p>Nandalee h�tte sich freuen sollen, stattdessen hatte sie ein ungutes Gef�hl. Bek�mpften sich die Lehrer hier untereinander?</p><p>Auf dem Weg nach drau�en drehte Lyvianne sich noch einmal um. �Denk einmal dar�ber nach, was f�r Begabungen du au�er dem Jagen und T�ten hast. Vielleicht bist ja auch du eine Fl�tenspielerin. � Mit diesen Worten schloss sie die T�r.</p><p>Nandalee aber lag noch lange wach und gr�belte.</p></section><section><title><p>Gro�e Erwartungen</p></title><p>�Das ist er!�, fl�sterte Galar, als der Drache einen Augenblick mit weit ausgebreiteten Schwingen in der Luft verharrte und sich dann auf seinen Fressplatz herabsinken lie�.</p><p>Galar musste gegen sein Z�hneklappern ank�mpfen. Seit drei Tagen lagen sie auf ihrem Beobachtungsposten. Drei Tage hatten sie kein Feuer angemacht und nichts Warmes gegessen oder getrunken. Ihre Tarndecke war inzwischen unter einer dicken Schicht Schnee verborgen. Nur ein schmaler Spalt, der von ferne wie ein Felsspalt aussehen musste, blieb ihnen, um den gegen�berliegenden Hang zu beobachten.</p><p>Dem hageren Nyr hatte die K�lte noch wesentlich mehr zu schaffen gemacht. Seine Nase hatte inzwischen eine beunruhigende dunkelrote Farbe angenommen. Auch er starrte unverwandt auf den Drachen.</p><p>�Der ist zu gro߫, sagte er leise, fast ehrf�rchtig.</p><p>�Das ist es ja gerade! Ich will einen Gro�en. Aus seinen Knochen und seinem Blut werden wir starke Magie destillieren.�</p><p>�Du meinst, du willst auch Hornboris andere Hand unverwundbar machen?�</p><p>�Mir ist es ernst�, zischte Galar. �Wir m�ssen Zauber weben k�nnen, wenn wir unsere Freiheit behalten wollen. Hast du nicht die Ger�chte �ber die Zusammenk�nfte des Rates der Bergk�nige geh�rt?�</p><p>�Stimmt es eigentlich, dass auch Hornbori dort war?�</p><p>�Ja, aber er hatte kein Rederecht.� Der unglaubliche Aufstieg dieses Hochstaplers �rgerte Galar. Andererseits zog er seinen unmittelbaren Nutzen daraus. Seine Werkstatt war vergr��ert worden und so gut ausgestattet, wie er es vor einem Jahr nicht einmal zu tr�umen gewagt h�tte. Sogar einen eigenen Brunnen hatte er inzwischen, und drei Gehilfen, die ganz nach seiner Fl�te tanzten. Auch hatte Hornbori gro�z�gig seine Reise nach Drashnapur unterst�tzt. Nur war diese leider v�llig ergebnislos verlaufen. Es war unm�glich herauszufinden, aus welcher K�serei jener K�se stammte, der mit Drachenblut vermengt die wunderbare Ver�nderung von Hornboris Hand herbeigef�hrt hatte. Galar hatte zweiundsiebzig K�se von seiner Reise mitgebracht. Ihr Duft war noch eine halbe Meile von seiner H�hle entfernt in den Tunneln zu riechen. Er brauchte dringend neues Drachenblut, um seine Experimente fortsetzen zu k�nnen. Der �rger �ber den Gestank im Berg wurde immer gr��er. Wenn er nicht bald Erfolge vorweisen k�nnte, w�rden sie ihn hinauswerfen!</p><p>Bislang war der einzige Erfolg seiner Forschungen, dass er nun ganz sicher sagen konnte, dass K�se aus Drashnapur ein ausgezeichnetes Konservierungsmittel war. Gab man ein paar Kr�mel davon in Vorratsf�sser oder Kisten, wurden die Lebensmittel weder von Maden noch von W�rmern befallen. Keine M�use wagten sich heran und nicht einmal Schimmelpilz wollte gedeihen. Nur war der Geruch der auf diese Weise behandelten Lebensmittel, gelinde gesagt, gew�hnungsbed�rftig.</p><p>�Der frisst einen ausgewachsenen Auerochsen�, murmelte Nyr, der seine Augen noch immer starr auf den Drachen gerichtet hielt, ehrfurchtsvoll. �Einen Auerochsen!�</p><p>�H�chstens ein Kalb�, wiegelte Galar ab. �Das t�uscht auf die Entfernung.�</p><p>�Willst du mich f�r dumm verkaufen? Ich sehe doch die Tanne im Vergleich. Das ist ein Auerochse und kein Kalb!�</p><p>�Du meinst das T�nnchen?�</p><p>�Wenn du m�chtest, dass ich noch einmal einen Fu� auf diesen schei�kalten Berg setze, dann solltest du mich nicht verarschen! Ich sehe, was ich sehe! Wir h�tten auf den anderen Berg klettern sollen, um uns die Knochen anzusehen. W�rd mich nicht wundern, wenn da sogar Mammutknochen liegen w�rden.�</p><p>�Wir k�nnen da nicht hin. Das habe ich dir doch schon tausendmal erkl�rt! Wenn wir da herumschleichen, wird der Drache unsere Witterung aufnehmen. Vielleicht kommt er dann nie wieder. Oder er f�ngt an, nach uns zu suchen ��</p><p>�Deshalb w�rde ich vorschlagen, wir lassen uns hier nie wieder blicken. Hast du v�llig den Verstand verloren? Was f�r eine Sorte ist das? Ein Sonnendrache, nicht wahr? Das ist einer dieser verfluchten Sonnendrachen aus Ischemon! Da kannst du dich ja gleich mit einer Regenbogenschlange anlegen. Schlag dir den aus dem Kopf!�</p><p>Der Drache auf der anderen Seite des Tals hielt beim Fressen inne und blickte in ihre Richtung.</p><p>�Wenn du dich nicht leiser ereifern kannst, werden wir sein Nachtisch. Und stell dich nicht an. Es gibt keine schwarz-gelben Sonnendrachen. Die sind alle rot.�</p><p>Der Drache blickte immer noch zu ihnen her�ber. Er war mindestens f�nfhundert Schritt entfernt. Er konnte sie unm�glich geh�rt haben! Galar schluckte. Sein Mund und sein Hals waren schlagartig ausgetrocknet.</p><p>�Auf jeden Fall frisst das Vieh gerade einen Auerochsen. Und es ist der verdammt gr��te Drache, den ich je leibhaftig gesehen habe�, fl�sterte Nyr.</p><p>�Vielleicht sp�rt er unsere Blicke�, sagte Galar unsicher. �Los, starr auf deine Stiefel!�</p><p>�Wie sollte man Blicke sp�ren?�, murrte sein Gef�hrte. Aber er gehorchte.</p><p>Auch Galar senkte den Blick. �Drachen k�nnen zaubern. Denen ist alles zuzutrauen.�</p><p>Die beiden schwiegen.</p><p>Nach einer Ewigkeit war ein Ger�usch zu h�ren, das an splitternde �ste erinnerte.</p><p>�Ob er wohl wieder frisst?�, fl�sterte Nyr.</p><p>�Na, er wird wohl keinen Baum f�llen.�</p><p>Wieder schwiegen sie und lauschten auf die beunruhigenden Ger�usche von der anderen Seite des Tals.</p><p>�Ob sie es wohl merken, wenn man sie �ber einen Spiegel ansieht?�</p><p>�Wie meinst du das?�</p><p>�Na, wenn man einen Spiegel im richtigen Winkel aufstellt, k�nnte man darin den Drachen beobachten, ohne ihn direkt anzusehen. Vielleicht sp�rt er dann ja nicht, dass er beobachtet wird.�</p><p>�Und wenn sich ein Sonnenstrahl im Spiegel bricht, sind wir tot.�</p><p>�Ist wohl anzunehmen�, murmelte Nyr nachdenklich. �Warum muss es ausgerechnet dieser Drache sein? K�nnen wir uns nicht irgendeinen netten Wasserdrachen schnappen? Oder eine ausgewachsene Silberschwinge?�</p><p>�Weil das der einzige Drache ist, den ich kenne, der immer wieder an denselben Ort kommt. Normalerweise fressen sie da, wo sie ihr Jagdwild zur Strecke bringen. Sie m�ssen sich ja nicht vor anderen J�gern f�rchten. Aber dieser da ist etwas ganz Besonderes. Vielleicht ist er verr�ckt? Er sieht ja auch ein wenig seltsam aus.�</p><p>Nyr nickte. �Ja, erinnert an eine riesige Hornisse, so schwarzgelb. Das Mistviech sieht gef�hrlich aus. Ich mag Hornissen schon nicht. Und der � Wir m�ssen auch n�her ran, wenn wir ihn erlegen wollen. F�nfhundert Schritt, das ist einfach zu weit.�</p><p>�Also bist du dabei.� Galar versuchte beil�ufig zu klingen. �Ich w�rde nur ungern einen anderen Sch�tzen ��</p><p>�Du wirst keinen anderen finden, der verr�ckt genug ist, sich mit einem Sonnendrachen anzulegen.� Nyr zog die Rechte unter seiner Nase durch und eine Spur gr�ner Rotz blieb auf seinem F�ustling zur�ck.</p><p>�Du wirst der ber�hmteste Sch�tze der Bergk�nigreiche sein.�</p><p>�Wahrscheinlich eher der toteste.�</p><p>�Du erinnerst dich an den Blodmarkt? Oder an das Massaker von Berghem? Wie lange sollen wir noch der Willk�r der Drachen ausgeliefert bleiben? Wie tief m�ssen wir uns unter den Bergen verstecken, um vor ihnen in Sicherheit zu sein? Wie lange sollen wir vor ihnen fortlaufen? Wir m�ssen die Magie meistern, wenn wir uns ihnen stellen wollen. Und wir m�ssen Waffen besitzen, die selbst Drachen f�rchten. Mit Mut allein werden wir ihnen nicht beikommen.�</p><p>Nyr stie� einen knurrenden Laut aus, dem nicht anzuh�ren war, ob er Zustimmung oder Ablehnung bedeutete.</p><p>�Hornbori wird alles besorgen, was wir brauchen. Besten Stahl, wie ihn selbst die Elfen nicht herzustellen verm�gen. Daraus werden wir die B�gen der neuen Speerschleudern schmieden. Wir werden von allem das Beste bekommen. Das ist der Segen, Hornbori auf unserer Seite zu haben. Sein Einfluss w�chst mit jedem Tag.�</p><p>�Und welchen Preis hat seine Hilfe?�</p><p>�Wir werden ihn auf die n�chste Drachenjagd mitnehmen m�ssen.�</p><p>Nyr l�chelte. �Drei Tage wie hier und wir k�nnen den Schleimschei�er begraben. Dem frieren hier doch in einer Stunde die Eier ab. Der h�lt doch nichts aus, der Schwafelkopf. Dann sind wir ihn wenigstens los.�</p><p>�Vielleicht ist er h�rter, als du denkst. Ich glaube, er hat sich tats�chlich in den Kopf gesetzt, Bergk�nig zu werden. Und er kann die Leute besoffen quatschen. Vielleicht wird er es schaffen.�</p><p>Nyr schien wenig �berzeugt zu sein. �Und wir verhelfen so einem Kerl zur Macht? Ist das wirklich klug?�</p><p>Galar blickte auf den gro�en, gestreiften Drachen. Wieder h�rte man �ber das Tal hinweg einen der starken Knochen des Auerochsen zersplittern. �Wir m�ssen uns von den Drachen befreien. Und von ihren Sklaven, den Elfen. Wenn der Preis daf�r ist, Hornbori zum Bergk�nig aufsteigen zu sehen, dann m�ssen wir ihn eben zahlen. K�nige st�rzen mitunter auch wieder.�</p></section><section><title><p>Die Geschichte der gefallenen G�ttin Anatu</p></title><p>�Es war in der Finsternis des Nichts, dass sie einander begegneten, der Drache und die Kriegerin. Einmal in tausend Jahren mag es geschehen, dass zwei einander auf einem der unz�hligen Pfade aus Licht gegen�berstehen. Der Drache war gro� wie ein Berg, die Kriegerin eine G�ttin. Ein Jahr lang beobachteten sie einander, angespannt, bereit zum Angriff. Doch keiner wollte den ersten Hieb f�hren. Und endlich war es der Drache, der sprach: Du bist von Stolz, Mut und Sch�nheit. Ich mag dich nicht t�ten.</p><p>Die Kriegerin aber antwortete: Du k�nntest es auch nicht.</p><p>Das erz�rnte den Drachen. Und es verstrich ein weiteres Jahr, in dem sie einander belauerten. Jeden Herzschlag bereit, einander anzufallen.</p><p>Diesmal war es die Kriegerin, die das Schweigen brach. Und sie fragte den Drachen, wie sein Name sei.</p><p>Die Albenkinder nennen mich den Purpurnen, antwortete er. Seinen wahren Namen aber verschwieg er, denn er wusste, ihn auszusprechen w�rde der Kriegerin Macht �ber ihn geben.</p><p>Und mich hei�en die Menschenkinder Anatu, sagte daraufhin die Kriegerin, die ebenfalls vermied zu verraten, wie ihr wirklicher Name lautete. Du f�rchtest, dass ich meinen Speer in deinen R�cken sto�en werde, wenn du dich abwendest, deshalb werde ich es sein, die nun geht. Folge mir in meine Welt, wenn du magst. Ich glaube, viel Gutes k�nnte daraus erwachsen, wenn wir miteinander reden, statt uns feind zu sein. Mit diesen Worten wandte sie sich ab und binnen eines Lidschlags war sie verschwunden.</p><p>Die Kreatur aber, die der Purpurne gehei�en wurde, hatte Gefallen an Anatu gefunden. Er wusste, dass sie keine Geringere als eine Devanthar war. So folgte er ihr. Und er war die erste Gefl�gelte Schlange, die je nach Daia kam. Die Menschen flohen in Angst vor dem Schatten seiner Schwingen. Schlie�lich fand er Anatu auf dem Gipfel des Berges Luma in Luwien, in ihrem Palast aus Mondenlicht. Und Anatu empfing ihn mit einem L�cheln. Da begriff der Purpurne, dass es Liebe war und nicht Neugier, die ihn nach Daia gelockt hatte, und er sprach ein Wort der Macht und er nahm eine Gestalt an, die der der Anatu �hnlich war. Beide stiegen in den Himmel hinauf und wie die Schmetterlinge liebten sie sich im Fluge. Drei Tage und drei N�chte dauerte dies und als sie sich ersch�pft von ihrer Lust niederlie�en, da waren sie in die W�lder von Drus gelangt, nicht weit von jenem Ort, an dem viel sp�ter auch den K�nig der Dschinne sein Schicksal ereilte. Als die Gefl�gelte Schlange schlief, verging der Zauber, mit dem sie sich eine neue Gestalt gegeben hatte. Anatu aber hatte die Furcht vor der Himmelsschlange verloren. Sie blieb bei ihrem Geliebten.</p><p>Mit der Morgenglut des Ostens erschien I�ta. Sie war voller Zorn, ihre Schwester an der Seite einer Himmelsschlange zu sehen. Der Angstschrei Anatus riss den Purpurnen aus dem Schlummer. Er musste mit ansehen, wie I�ta ihre Schwester mit ihrem Speer durchbohrte. Sch�tzend breitete er seine Fl�gel aus, und es entbrannte ein verzweifelter Kampf zwischen dem Drachen, der versuchte, Anatu zu retten, und der zornigen I�ta. Seine Flammen und sein peitschender Schwanz verw�steten den Wald von Horizont zu Horizont. Da er stets mehr auf Anatu als auf sich achtete, empfing er viele Wunden von I�ta. Zuletzt durchbohrte der Speer der Gefl�gelten sein Herz.</p><p>I�ta nahm das Haupt des Purpurnen. Sie brachte es zum gelben Turm von Garagum. Und die Devanthar erschufen der Anatu ein Gef�ngnis aus dem Sch�del der Himmelsschlange. Dort liegt sie noch heute, aus der Wunde in ihrer Brust blutend, gefangen im Gebein ihres Geliebten. Unf�hig zu sterben, versto�en von ihresgleichen. Der Leib des Purpurnen aber wurde zum Gefiederten Haus gebracht, wo man ihn nutzte, um viele m�chtige Zauber zu weben. Und wen die Devanthar von Zapote unter ihre auserw�hlten Krieger aufnehmen, dem gew�hren sie, vom Fleisch des Drachen zu essen.�</p><cite><text-author>Text eines unbekannten Autors, aus dem Tontafelarchiv des Tempels zu Nari, heute verwahrt in der Bibliothek von Iskendria, Sammlung f�r obskure Schriften, Saal III, Regal CCIX, Brett VII.</text-author></cite></section><section><title><p>Der Weg zur Vollkommenheit</p></title><p>Bidayn war gut gelaunt an diesem Morgen, denn sie hatte den Lauf dieses Mal mit etwas mehr Anstand hinter sich gebracht. Nicht gut, nein, bei Weitem nicht gut, aber wenigstens hatte sie sich zum ersten Mal nicht vor Ersch�pfung �bergeben. Sie hatte mit Appetit im gro�en gemeinsamen Essenssaal gefr�hst�ckt. Die anderen schienen sie heute Morgen nicht so anzustarren, wie sie es in den ersten Tagen getan hatten. Diese Blicke zwischen Mitleid und Verachtung waren schwer zu ertragen gewesen. Die anderen Sch�ler hier schwiegen sie an. Doch ihre Blicke riefen ihr zu, dass sie die Jahre in der Wei�en Halle nicht �berleben w�rde. Man sprach nur selten dar�ber � Aber Bidayn kannte die Geschichten dar�ber, dass sie hier Pr�fungen erwarteten, die etliche der auserw�hlten jungen Elfen nicht �berlebten. Bis heute Morgen war sie �berzeugt gewesen, dass sie zu jenen geh�ren w�rde, die scheiterten. Dass sie nicht stark genug sein w�rde. Sie war keine Kriegerin wie Nandalee, sie war eine Zauberweberin. Sie vermochte nicht einzusehen, warum sie laufen sollte wie ein Wolf und warum sie lernen musste, mit einem Schwert umzugehen. Sie sollte ihre Studien der Magie vertiefen. Wenn �berhaupt, dann war das ihre Waffe. Am liebsten aber w�re ihr, niemals jemanden umzubringen. Das war sie nicht � Und sie bezweifelte, dass sie jemals dazu f�hig sein w�rde, ganz gleich, was man ihr hier beibrachte.</p><p>Allerdings w�rde sie st�rker werden. Das mochte ja n�tzlich sein. Und sei es, dass sie daraus lernte, mit mehr Entschlossenheit ihren Willen durchzusetzen.</p><p>�Hast du etwas dagegen, wenn ich bei deiner ersten Lektion im Schwertkampf anwesend bin?�</p><p>Die Stimme war freundlich und unaufdringlich, aber Bidayns gute Laune war verflogen. Sie erhob sich von ihrem Tisch. Jetzt wurde sie wieder angestarrt. Sie hatten zu sechst am Tisch gesessen. Und Nandalee, die ihr so oft ein Anker war, war nat�rlich nicht hier. Man hatte sie beide getrennt. Freundschaften schien man hier in der Wei�en Halle als eine Belastung zu empfinden. Manchmal hatte Bidayn das Gef�hl, dass eines der Ziele ihrer Lehrer darin bestand, aus ihnen allen Einzelg�nger zu machen. Nandalee kam damit hervorragend zurecht. Sie nicht.</p><p>�Nat�rlich habe ich nichts dagegen, wenn du mich zum �bungsplatz begleitest�, sagte sie, unf�hig eine Stimmlage zu finden, die ihre wahren Gef�hle verborgen h�tte.</p><p>Lyvianne, ihre Lehrerin, war ihr erst vorgestern zugeteilt worden. Anders als bei Nandalee, die Gonvalon schon vom ersten Tag an als pers�nlichen Lehrer zur Seite gestellt bekommen hatte. Aber auf Nandalee musste man auch besser aufpassen. Bidayn dachte daran, wie ihre Freundin gleich zur Ankunft verpr�gelt worden war. Nun musste sie zu Ailyn. Ob sie wohl noch alle Z�hne haben w�rde, wenn die Schwertmeisterin mit ihr fertig war? Bestimmt wusste Ailyn, dass Nandalee ihre beste Freundin war. Ihre einzige.</p><p>Bidayn blickte auf den R�cken ihrer Lehrerin. Sie ging drei Schritt vor ihr und sie ging barfu�. Bei dem Anblick fr�stelte es Bidayn. Ob Lyvianne auch so eine Barbarin aus Carandamon gewesen war, bevor sie hierher, in die Wei�e Halle, kam? Lyvianne war schlank, ohne hager zu sein, und strahlte eine Sinnlichkeit aus, um die Bidayn sie sofort beneidet hatte. Und eine unnahbare �berlegenheit. Wie alle Lehrer trug sie Wei�. Die goldenen Stickereien an Kragen und S�umen wiesen sie als eine Drachenelfe aus. Das Gold war allein ihnen vorbehalten. Manche, so wie Ailyn, verzichteten darauf, es zu tragen. Aber Lyvianne war keine Elfe, die auf irgendetwas verzichtete, was sie errungen hatte. Das war zumindest Bidayns Eindruck.</p><p>Jede Bewegung Lyviannes war vollkommen. Sie ging nicht, sie schritt, wenn sie den Kopf wandte, tat sie es voller Anmut, und ein L�cheln von ihr lie� Herzen schmelzen. Es machte Bidayn schon Freude, ihr einfach nur zuzusehen. Selbst Lyviannes offenes Haar war makellos. Keine einzelne Str�hne hatte sich aus dem Strom von leicht bl�ulich schimmerndem Schwarz gel�st, das Haar schwang in vollkommener Harmonie zum Rhythmus der Schritte.</p><p>Lyvianne hatte ihr am Tag zuvor die Bibliothek gezeigt. Obwohl Bidayn schon zwei Wochen in der Wei�en Halle weilte, hatte sie bis gestern nicht einmal davon geh�rt, dass es eine Bibliothek gab, und ohne F�hrerin h�tte sie sie wohl auch nicht gefunden. Sie lag in einem abgelegenen Teil der weitl�ufigen Kellergew�lbe. Und offensichtlich wurde sie nicht oft besucht. Das weiche, bernsteinfarbene Licht von Barinsteinen, das die R�ume erhellte, war kein Ersatz f�r Tageslicht, fand Bidayn. Sie hatte den Eindruck gehabt, dass man diesen Ort absichtlich so gestaltet hatte, dass die meisten Elfen sich dort nicht gerne aufhalten w�rden. Lyvianne aber hatte ihr anvertraut, dass sie oft in die Bibliothek kam.</p><p>Schon bei der ersten Begegnung mit Lyvianne hatte Bidayn das Gef�hl gehabt, dass die Lehrerin auf den Grund ihrer Seele zu blicken vermochte. Und das ganz ohne Magie! Vielleicht war Lyvianne ihr vor langer Zeit einmal �hnlich gewesen? Vielleicht war auch sie einmal ein eingesch�chtertes M�dchen gewesen, das gef�rchtet hatte, die Pr�fungen der Wei�en Halle nicht zu �berleben. Bidayn l�chelte freudlos. Das waren Tagtr�ume! Man konnte wohl kaum verschiedener von ihr sein, als die selbstbewusste Lyvianne es war. Sie war sicherlich niemals schwach gewesen.</p><p>Als sie einen der von Rosenranken eingefassten Gartenwege erreichten, die zu den verschiedenen �bungspl�tzen f�hrten, blieb Lyvianne unvermittelt stehen. �Dir ist unangenehm, dass ich bei dir bin, nicht wahr?�</p><p>Bidayn vermochte sich dem Bann der waldgr�nen Augen nicht zu entziehen, die auf sie gerichtet waren. �Es ist nicht ��, brachte sie stammelnd hervor, unf�hig, den Satz zu einem sinnvollen Ende zu f�hren.</p><p>�Ich war bei deiner Freundin, nachdem Ailyn sie so �bel zugerichtet hat. Damit dies kein weiteres Mal geschehen wird, begleite ich dich jetzt. Du bist mir anvertraut. Das nehme ich sehr ernst! Wer sich gegen dich stellt, der fordert auch mich heraus. Ailyn wei� das. Sie wird sich z�geln, wenn ich anwesend bin.�</p><p>Bidayn war ihr dankbar und zugleich f�hlte sie sich elend. Nandalee brauchte keinen Aufpasser! Kaum dass sie die Wei�en Hallen erreicht hatten, hatte sich ihre Freundin bereits einen Namen gemacht. Niemand w�rde sich ohne Not mit ihr anlegen.</p><p>�Was hei�t z�geln?�, fragte Bidayn zur�ckhaltend.</p><p>�Du wirst nicht ohne blaue Flecke davonkommen. So ist das bei Schwertkampf�bungen. Aber vertrau mir � was Nandalee widerfahren ist, wird dir erspart bleiben.�</p><p>�Warum muss ich �berhaupt Schwertk�mpfen lernen? Ich kann das nicht! Ich habe andere Talente.�</p><p>Lyvianne l�chelte. �Ich wei�. Und diese anderen Talente werde ich nach Kr�ften bei dir f�rdern. Aber bei den Aufgaben, die uns in Zukunft erwarten, ist es unumg�nglich, auch k�mpfen zu k�nnen. Wir werden eine neue Welt erschaffen, Bidayn. Aber die alte Welt wird sich gegen uns wehren. Schon von alters her haben sich die Devanthar gegen die Alben verschworen. Nicht, weil sie b�se sind, sondern weil sie den Wandel lieben. Deshalb ist es unm�glich, mit ihnen einen Pakt zu schlie�en. Sie werden sich nicht daran halten. Sie k�nnen eine fest gef�gte Ordnung einfach nicht anerkennen. Deshalb m�ssen wir sie beobachten und bek�mpfen. Und das nicht erst, wenn sie bis nach Albenmark vorsto�en. Dann ist es zu sp�t. Jetzt, in dieser Stunde, greifen sie nach Nangog. Sind sie aber erst die Herren zweier Welten, dann wird letztlich auch Albenmark fallen. So wie wir f�r die Drachen und Alben k�mpfen, sind ihre Krieger Menschen. Ein Elf unter Menschenkriegern ist wie ein Senner im Kornfeld. Selbst du, Bidayn, wirst nach nur einem Jahr in der Wei�en Halle fast jeden Streiter der Menschen besiegen k�nnen. Das wissen auch die Devanthar. Deshalb sorgen sie daf�r, dass sich die Menschen vermehren wie die L�use. Schon jetzt gebieten ihre Herrscher �ber Zehntausende von Kriegern. Nangog benutzen sie als ein gro�es Kornfeld. So k�nnen die Menschenweiber noch mehr Kinder geb�ren und gro�ziehen. Wenn wir noch zwei- oder dreihundert Jahre tatenlos zusehen, werden sie kommen und uns einfach �berrollen. Damit dies nicht geschieht, gibt es uns, Bidayn. Die Drachenelfen.�</p><p>Bidayn nickte and�chtig und f�hlte sich geschmeichelt, dass die Lehrerin so offen und aufmerksam zu ihr sprach, aber dann kamen ihr Zweifel. �Aber wenn wir doch so wenige sind, wie sollen wir dann siegen? Ist unser Kampf nicht schon l�ngst verloren? �</p><p>�Wir k�mpfen nicht nur mit dem Schwert, Bidayn. Es gibt viele Arten, auf die Schlachten ausgetragen werden �� Lyviannes Blick verlor sich einige Herzschl�ge lang in der Ferne. Bidayn schien es, als sei ein alter Schmerz in ihrer Lehrerin neu aufgeflammt. Ihre Augen wirkten traurig und die strahlende Kraft, die Lyvianne stets umgab, war erloschen. Doch dies w�hrte nur einen Augenblick, dann hatte die Drachenelfe sich wieder gefasst.</p><p>�Wir werden siegen�, sagte Lyvianne mit fester Stimme. �Doch dazu m�ssen auch wir uns ver�ndern. Wir m�ssen vollkommen sein. Es reicht nicht, so zu bleiben, wie die Alben uns erschaffen haben. Wir m�ssen �ber uns hinauswachsen, m�ssen lernen, die Magie zu meistern. Sie tief verstehen, sodass das Zauberweben f�r uns so selbstverst�ndlich und beil�ufig wie das Atmen wird. Dies ist unendlich viel schwieriger, als eine gute Schwertk�mpferin zu werden. Und deshalb halte ich so gro�e St�cke auf dich, Bidayn. In dir sehe ich die Zukunft. Du wirst eine Meisterin der Magie sein, wenn du mir auf dem Weg folgst, den ich dir weise. Schwertk�mpfer gibt es viele! Du aber bist einzigartig. Und nun komm � Bringen wir das Notwendige, so gut es geht, hinter uns.�</p><p>Bidayn traute ihren Ohren nicht. Nie zuvor hatte jemand sie einzigartig genannt. Lyvianne war einzigartig! Dass die Drachenelfe all diese Eigenschaften, die sie m�chtig gemacht hatten, auch in ihr zu erkennen vorgab, �berw�ltigte Bidayn und sch�chterte sie zugleich auch ein. Sie wollte Lyvianne um keinen Preis entt�uschen. Und doch zweifelte sie daran, dass sie so hohe Erwartungen jemals erf�llen k�nnte.</p><p>Bidayn folgte ihrer Lehrerin bis zu einer etwas abseits der Wei�en Halle gelegenen Wiese, die von hohen Hecken eingefasst war. Ailyn war bereits dort. Ebenso wie Gonvalon und Nandalee.</p><p>�P�nktlichkeit ist keine noble Tugend, Bidayn, sondern eine Selbstverst�ndlichkeit, wenn du von einer Lehrerin der Wei�en Halle zu einer Unterrichtsstunde bestellt wirst�, empfing sie Ailyn.</p><p>�Ich entschuldige Bidayn�, entgegnete Lyvianne, noch ehe Bidayn auch nur den Mund aufbekam. Der frostige Empfang erinnerte Bidayn sofort wieder daran, wie die kleine, zierliche Ailyn Nandalee blutig geschlagen hatte.</p><p>�Sie wurde durch mich aufgehalten�, fuhr Lyvianne fort, �weil ich so t�richt war zu glauben, der Weg hierher sei lang genug, um sie mit der Theorie zu einigen besonderen Vorsichtsma�nahmen beim Durchschreiten eines Albensterns vertraut zu machen. So sollte dein Groll mich treffen und nicht meine Sch�lerin, die durchaus zur rechten Zeit aufgebrochen ist, von mir jedoch mit meinem Gerede daran gehindert wurde, p�nktlich zu erscheinen.�</p><p>Ailyns Blick lie� keinen Zweifel daran aufkommen, wie viel Glauben sie den Worten Lyviannes schenkte. Bidayns Handfl�chen wurden feucht, ihr Mund staubtrocken. Ihr war klar, dass sie f�r den Streit zwischen den beiden Lehrerinnen w�rde bezahlen m�ssen. Sie w�nschte, sie w�re wieder in der H�hle des Schwebenden Meisters. Mit dem Leben und den Gefahren dort hatte sie sich abgefunden gehabt.</p><p>�Greif mich an, Bidayn�, sagte Ailyn k�hl. Sie stand in leichter Schrittstellung in der Mitte der Wiese und hielt in der Rechten einen schwertlangen Stock.</p><p>�Ich habe noch keine Waffe�, entgegnete Bidayn verwirrt. Was sollte das?</p><p>�So kann das Schicksal spielen.� Ailyn machte einen Schritt in ihre Richtung und hob den Stock, dessen Spitze bisher zum Boden gewiesen hatte. �Manchmal trifft man ganz �berraschend und unbewaffnet auf einen Feind.�</p><p>�Aber wie soll ich ohne Schwert k�mpfen?� Bidayn blickte zu Nandalee, aber ihre Freundin schien genauso �berrascht wie sie.</p><p>Ailyn kam n�her. Sie war nur noch drei Schritte entfernt.</p><p>Bidayn wich zur�ck, dann drehte sie sich um und versuchte zu fliehen. Fast im selben Augenblick traf sie ein Schlag in den R�cken. Sie st�hnte auf � nicht so sehr wegen des Schmerzes, sondern weil Ailyn sie vorf�hrte. Der Hieb hatte vor allem ihren Stolz verletzt.</p><p>�Wende einem Feind nicht den R�cken zu�, sagte die Fechtlehrerin k�hl. �Und versuche nicht fortzulaufen, es sei denn, du bist dir sicher, dass du viel schneller bist. Geh in die Mitte der Wiese! Wir versuchen es noch einmal.�</p><p>Bidayn atmete tief ein. Sie unterdr�ckte die Tr�nen, die ihr in die Augen zu steigen drohten. Gegen ihren Willen hatte sich kurz ihr Verborgenes Auge ge�ffnet. Lyviannes Aura strahlte im hellen Rot kaum beherrschter Wut. Ailyn hingegen war von einem goldenen Licht umgeben. Sie war ganz ausgeglichen! Als Einzige hier auf der Wiese. Das zu wissen machte Bidayn ein wenig Mut. Die Fechterin war also nicht zornig auf sie. Sie wusste, was sie tat.</p><p>�Versuchen wir es also noch einmal.� Ailyn hob ihre Waffe. Sie war vier Schritt entfernt. �Du triffst unbewaffnet auf einen Feind mit einem Schwert. Was tust du?�</p><p>�Ich ziehe mich in die Sicherheit der eigenen Linien zur�ck.�</p><p>Ailyn l�chelte abf�llig. �Du ziehst es also vor, andere f�r dich k�mpfen zu lassen.�</p><p>�Geht es um Stolz oder Sieg? Jeder sollte das tun, was er am besten kann. Und mit der Waffe in der Hand zu k�mpfen geh�rt ganz gewiss nicht zu meinen St�rken.�</p><p>�berraschenderweise nickte Ailyn. �Ich stimme dir im Grundsatz zu.� Sie machte einen Schritt vor. �Aber nehmen wir an, es sind keine Gef�hrten in der N�he, die f�r dich k�mpfen k�nnen. Was tust du?�</p><p>Es kostete Bidayn �berwindung, nicht instinktiv einen Schritt zur�ck zu machen. �Ich nutze das Gel�nde. Ich laufe zum Rand der Klippe und springe hinab in den Fluss?�</p><p>Ailyn lachte auf. �Ich sehe hier keine Klippe und keinen Fluss. Und wenn es so w�re, wie du sagst, was w�re, wenn Felsen dicht unter der Wasseroberfl�che verborgen sind? Du vertraust dein Leben deinem Gl�ck an?� Sie machte einen pl�tzlichen Ausfallschritt. Die Spitze ihres Stocks tippte gegen Bidayns Kehle.</p><p>�Ich w�rde darauf achten, dass ich nur in Gel�nde k�mpfe, das mir vertraut ist.�</p><p>Die Kriegerin schmunzelte. �Du m�chtest wohl gleich Feldherrin werden? Ein guter Anf�hrer sollte aber auch ein tapferer Krieger sein. Sei ein Vorbild, und du wirst respektiert. Wenn du das K�mpfen stets den anderen �berl�sst, wirst du am Ende nur Verachtung ernten.� Ailyn wandte sich abrupt um. �Nandalee, komm her!�</p><p>Ihre Freundin trat, ohne zu z�gern, vor die Schwertmeisterin.</p><p>�Was tust du, wenn du unbewaffnet einem Schwertk�mpfer gegen�berstehst. �</p><p>�Ihn anl�cheln�, entgegnete Nandalee selbstsicher und grinste.</p><p>�Warum?�</p><p>�Weil er damit rechnen wird, dass ich Angst vor ihm habe. Zeige ich aber keinerlei Furcht, dann wird ihn das wom�glich verunsichern. �</p><p>Statt zu antworten, holte Ailyn zum Schlag aus. Nandalee trat vor, sodass sie so dicht vor Ailyn stand, dass sie deren Klinge nicht mehr treffen konnte.</p><p>Die Schwertmeisterin versuchte Nandalee mit dem Schwertknauf vor die Stirn zu schlagen, doch wieder wich die Elfe aus und konterte mit einem Ellenbogensto�, der auf Ailyns Hals zielte. Die Schwertmeisterin duckte sich und entging dem Angriff nur knapp. Sie stie� mit dem Holzschwert nach Nandalees Beinen, woraufhin diese sich mit einem wenig eleganten H�pfer in Sicherheit brachte.</p><p>Ailyn richtete sich auf und trat zur�ck. �Ganz passabel.� Sie blickte zu Bidayn. �Ein Schwert ist zuallererst eine Hiebwaffe. Das hei�t, du setzt es am besten gegen Gegner ein, die auf Armesl�nge oder ein wenig weiter entfernt stehen. Kommt dein Feind dir n�her, kannst du selbst Stiche nicht mehr kraftvoll ausf�hren. Dir bleiben Schnitte. Wenn du unbewaffnet bist, lauf nicht weg. Geh in den Angriffsraum deines Gegners hinein. Unterlaufe ihn. Heute werde ich dir einige Methoden zeigen, wie du einen Schwertk�mpfer einfach und effektiv entwaffnen kannst. Wir �ben das eine halbe Stunde lang mit einem Stock. Danach werde ich eine scharfe Waffe benutzen. Ich werde mich bem�hen, dich nicht zu verletzen. Gegen dein Ungeschick bin ich allerdings ein St�ck weit machtlos.�</p><p>Bidayn blickte hilfesuchend zu Lyvianne.</p><p>�Das ist der einzige Weg, dir die Angst vor der Klinge zu nehmen�, sagte ihre Lehrerin mit einem Schulterzucken. �Es f�hrt zu nichts, immer nur mit St�cken zu �ben. Selbstbewusst kannst du nur sein, wenn dich der Anblick blanken Stahls nicht z�gern l�sst. Nur dann wirst du zu siegen lernen.� In Lyviannes Blick lag eine H�rte, die Bidayn daran zweifeln lie�, dass die Lehrerin tats�chlich ihre Freundin und Vertraute war, wie sie eben noch vorgegeben hatte. Ja, sie hatte sogar ein wenig Angst vor der Drachenelfe.</p></section><section><title><p>Die Eibe</p></title><p>Nandalee war m�de. Sie hatte den Eindruck, dass es Gonvalon Spa� machte, sie an ihre Grenzen zu treiben und dann noch ein St�ckchen weiter. Ihr K�rper sah aus wie eine Landkarte, so war er mit blauen Flecken �bers�t. Schwertkampf�bungen, Laufen, Klettern, erneute Schwertkampf�bungen � Und dann Lyviannes verfluchter Unterricht in den Menschensprachen. Daran verknotete man sich die Zunge! Wo ihre Lehrerin nur all diese unn�tzen Sprachen gelernt hatte.</p><p>Nandalee hatte vorgegeben, allein sein zu wollen, als sie die Wei�e Halle verlassen hatte. Niemand war ihr gefolgt. Wenigstens vertraute man ihr.</p><p>Sie verlie� den Weg, auf dem sie jeden Morgen lief, und stieg eine B�schung hinab. Der Boden war schl�pfrig; es hatte den halben Tag geregnet. Nandalee hielt sich am Stamm einer jungen Buche fest und sp�hte zu dem Geh�lz weiter unten am Hang hinab. Linden, Fichten und Wei�buchen, ein einzelner Haselnussstrauch wucherten am Waldrand. Es gab sehr wenig Unterholz, so als w�rde der Wald bewirtschaftet. Vielleicht von Kobolden. Hin und wieder hatte sie in der Wei�en Halle Diener aus dem kleinen Volk bemerkt. Sie hielten sich sehr zur�ck und achteten peinlich genau darauf, niemandem im Weg zu stehen.</p><p>Der Blick der Elfe wanderte �ber den Waldrand. Dann endlich entdeckte sie die immergr�nen �ste der Eibe.</p><p>Sie lie� die Birke los und schlitterte weiter den Hang hinab. Sie h�tte auch nach einer Esche suchen k�nnen oder auch nach einer Ulme. Aber das beste Bogenholz stammte von Eiben. In Carandamon gediehen Eiben nicht und nur eine Handvoll J�ger hatten je einen Eibenbogen besessen. Nandalee hatte nur selten Gelegenheit gehabt, einen Eibenbogen zu betrachten. Das zweifarbige Holz mit den unvergleichlichen Eigenschaften. Jeder dieser Bogen hatte einen Namen gehabt und man erz�hlte sich Geschichten �ber sie, so wie man Geschichten um besondere Schwerter oder herausragende J�ger spann. Seit sie ein Kind war, hatte sie diesen Geschichten gelauscht, hatte von der Kraft der Eibenbogen erfahren und davon, wie man das Holz mit Wachs behandelte, um die Feuchtigkeit darinnen zu halten. Und wie die Bogen nach Jahren im Dienst schlie�lich starben, weil sie ihre Spannkraft verloren. Die J�ger richteten regelrechte Totenfeste aus, in denen sie ihre Bogen feierlich den Flammen �bergaben, und so, wie man �ber Verstorbene sprach, erz�hlte man sich am Feuer Geschichten �ber den Bogen, der gegangen war, �ber Jagden und dar�ber, wie weit er einmal seine Pfeile geschickt hatte. Nandalee wusste alles �ber Eiben. Jedenfalls hoffte sie das.</p><p>Voll ehrf�rchtiger Neugier n�herte sie sich dem Baum und erreichte halb rutschend, halb kletternd die Waldgrenze.</p><p>Das abendliche Vogelgezwitscher verstummte.</p><p>Die Eibe war jung. Nandalee streichelte �ber die schuppige, rotbraune Rinde. Der Baum war fast perfekt gerade gewachsen. Er war wie geschaffen daf�r, ein Bogen zu werden!</p><p>Sie zog die kurzstielige Handaxt aus ihrem G�rtel. Bevor sie mit ihrer Arbeit begann, bedankte sie sich leise und mit schlichten Worten bei dem Wald f�r das Geschenk, das er ihr gemacht hatte.</p><p>Beim ersten Hieb st�rzte sich ein kleiner Vogel aus dem dichten Ge�st. Die Unterseite seiner Fl�gel erschien im Zwielicht fast wei�, so wie der Bauch, der allerdings mit hellbraunen Sprenkeln betupfte Leib. R�cken und die Fl�geloberseiten waren unauff�llig schwarzbraun. Eine Misteldrossel! Nandalee hielt inne. Sie war zu gierig! Sie h�tte erst in den Baum hinaufsteigen sollen. Ausgerechnet eine Misteldrossel! Wenn der kleine Vogel dort oben ein Nest hatte, dann w�rde der Bogen Ungl�ck anziehen. Sie sp�hte in das Gitterwerk aus D�mmerlicht und Schw�rze hinauf. Da war nichts!</p><p>Bestimmt hatte der Vogel nur von den Eibensamen genascht, die von einem s��lich schmeckenden, fleischig roten Mantel eingefasst waren. So schmackhaft diese Fruchtfleisch war, so gef�hrlich waren die harten Samen, aus denen man ein starkes Gift gewinnen konnte, ebenso wie aus Rinde und Nadeln der Eibe. Schon in den Fr�chten spiegelten sich die widerspr�chlichen Eigenschaften der Eiben. Sie schenkten Leben und konnten es auch nehmen. So wie die Bogen, die man aus ihren St�mmen fertigte, einst den geschickten J�ger n�hren w�rden, w�hrend sie anderen Gesch�pfen den Tod brachten.</p><p>Unschl�ssig blickte Nandalee hinab auf die Kerbe, die drei Handbreit �ber dem verschlungenen Wurzelwerk im Stamm klaffte. Der Baum w�rde sich wieder erholen. Diese Wunde w�rde ihn nicht t�ten. Es hie�, dass die Lebenskraft der Eiben so gro� war, dass selbst aus einem Stamm, der bei einem Waldbrand seine gesamte Rinde verloren hatte, wieder neue Sch�sslinge austreiben konnten.</p><p>Sollte es dort oben ein Nest in einer Astgabel geben, m�ssten die Jungv�gel schon l�ngst fl�gge sein. Warum z�gerte sie? Einer Kriegerin stand es gut an, entschlossen zu handeln. Zu z�gern spielte den Feinden in die Hand. Was hatte sie erst am Vortag gelernt? Wenn man �ber so wenige Krieger wie die Drachenelfen verf�gte, konnte man nur siegen, wenn man hart und �berraschend zuschlug. So sollten sie denken und leben. Was ihre Lehrer ihnen beibrachten, konnte nicht falsch sein! Ihre Lehren beruhten auf Jahrhunderten der Erfahrung. Au�erdem war es die einzige Eibe, die sie auf dem Weg, auf dem sie morgens lief, hatte entdecken k�nnen. Es ging also letztlich um die Frage, wollte sie einen Bogen und sich endlich wieder ganz f�hlen oder wollte sie sich darin �ben, verzichten zu lernen?</p><p>Noch einmal holte sie tief Luft, dann fra� sich die Axtklinge ins Holz. Sie hatte bereits auf zu vieles verzichtet. Auf ihre Heimat. Auf ihre Sippe. Es war genug.</p><p>Nandalee arbeitete schnell und geschickt. Das Holz der Eibe war besonders dicht. Eiben wuchsen langsam. Sie leistete ihr Widerstand. Doch schlie�lich st�rzte der Baum und sie machte sich daran, die �ste vom Hauptstamm zu trennen. Es war inzwischen fast v�llig dunkel. Sie musste die Ans�tze der �ste ertasten und f�hrte ihre Schl�ge blind. Klug w�re es, den Baum einfach liegen zu lassen und hierher zur�ckzukehren, sobald die Lehrer der Wei�en Halle ihr eine freie Stunde lie�en. Doch wann w�rde das sein? Morgen oder erst in einer Woche? Meist nutzten sie jede Stunde Tageslicht und oft wurde der Unterricht noch nach Einbruch der D�mmerung fortgesetzt. Nur wer sich eine Kunst erw�hlt hatte, in der er sich �ben wollte, bekam mehr Freizeit. Nandalee konnte dieses Gehabe nicht begreifen und hielt es f�r v�llig unn�tz. Sie hatte Gonvalon einmal zugesehen, wie er v�llig versunken auf einer abgelegenen Lichtung an einem Stein arbeitete. Nandalee hatte ihn beneidet, war sich aber zugleich sicher, dass sie keinen derartigen Ruhepunkt w�rde finden k�nnen. Es sei denn � Sie l�chelte. Vielleicht w�rden die Meister ja das Schnitzen eines Bogens und Pfeile machen als k�nstlerische Arbeit anerkennen.</p><p>Mit einem Mal griff ihre tastende Hand in ein Kn�uel d�nner �ste. Ein Nest! Sie verharrte. Es konnte ein altes Nest sein. Ihre Fingerspitzen ber�hrten weiche Flaumfedern. Sie glaubte noch einen letzten Rest W�rme zu sp�ren. Hatte die Misteldrossel hier gebr�tet?</p><p>Sie tastete �ber den weichen Waldboden, dr�ngte sich zwischen das Ge�st des gest�rzten Baumes. Eibennadeln, weich, unf�hig zu stechen, streiften �ber ihr Gesicht. Nandalee griff in klebrigen Dotter. Fand hauchzarte Schalen. Sie war verflucht! Sie h�tte bei Tageslicht kommen sollen. Verkehrte sich denn alles, was sie tat, zum Schlechten? Es war zu sp�t im Jahr! Die Misteldrossel h�tte ihre Brut l�ngst aufgezogen haben sollen.</p><p>Aber so war es nicht gewesen, und jetzt lagen drei zerbrochene Eier zwischen dem zersplitterten Ge�st.</p><p>�Was tust du da?�</p><p>Nandalee hielt erschrocken inne. Die Stimme war ihr fremd. Langsam drehte sie sich um.</p><p>�Brauchst du mehr Licht?�</p><p>Dicht hinter ihr stand ein junger Elf. Sie kannte ihn aus der Wei�en Halle, konnte sich aber nicht mehr an seinen Namen erinnern.</p><p>�Ich habe die Axtschl�ge geh�rt und war neugierig. Es kommt selten vor, dass jemand im Dunkeln einen Baum f�llt. Ist das eine Eibe? Mit B�umen kenne ich mich nicht so gut aus.�</p><p>Nandalee r�usperte sich. Es war ihr peinlich, so ertappt zu werden. �Du bewegst dich sehr leise.�</p><p>�Nicht wirklich. Ich glaube, du warst einfach zu sehr mit �� Er machte eine unschl�ssige Geste. �Mit anderen Dingen besch�ftigt�, fuhr er schlie�lich diplomatisch fort.</p><p>Nandalee war �berrascht, dass er die Lage nicht nutzte, um sich �ber sie lustig zu machen. �Du kannst Licht machen?�</p><p>Er l�chelte. �Eines meiner wenigen Talente.� Er schloss die Augen und bewegte die H�nde, als suche er nach etwas Ungreifbarem in der Luft. Dazu murmelte er leise, unverst�ndliche Worte.</p><p>Nandalees Nackenhaare richteten sich auf. Sie konnte sp�ren, wie sich das feine Gewebe der Kraftlinien �nderte. Es wurde dichter. Schlie�lich formte sich vor ihren Augen schwebend eine Struktur, die wie ein gebeugter Ast aussah. Sie verstrahlte ein helles Licht, das trotz seiner Intensit�t nicht blendete.</p><p>�Kugeln bekomme ich nie hin�, sagte der Elf mit resignierendem Achselzucken. �Aber ich hoffe, das wird reichen. Wenn du mir erkl�rst, was du da tust, k�nnte ich dir vielleicht helfen.�</p><p>Wieder r�usperte sich Nandalee. �Da war ein Nest im Baum. Ich suche nach den Eiern. Oder dem, was davon �brig geblieben ist. Ich h�tte besser achtgeben sollen � Ich ��</p><p>��brigens, ich hei�e Eleborn. Bitte verzeih meine schlechten Manieren. Du wirst meinen Namen sicherlich schon geh�rt haben. Als ich hierherkam, haben sie mir die Namen aller Sch�ler genannt und schon vor dem Abend hatte ich fast alle wieder vergessen. Es sind einfach zu viele � und wirklich gespr�chig ist man hier auch nicht.�</p><p>Nandalee musste l�cheln. Ihr war es genauso ergangen. Man hatte ihr die Mitsch�ler vorgestellt, nachdem sie sich von Ailyns Schl�gen halbwegs wieder erholt hatte, aber sie hatte dabei kaum hingeh�rt, weil ihr Kopf immer noch brummte.</p><p>�Ich bin Nandalee.�</p><p>�Ich wei߫, entgegnete Eleborn. �Dich kennen alle. Seit du dich mit Ailyn angelegt hast, ist dein Name in aller Munde. Die meisten vermuten, dass dir einmal ein schwerer Ast auf den Kopf gefallen sein muss. Eine Minderheit ist der Ansicht, dass du schon verr�ckt geboren worden bist.�</p><p>Nandalee traute ihren Ohren nicht. �Und zu welcher Gruppe geh�rst du?�</p><p>�Ich bin einmal beim M�weneierstehlen von einer Klippe gest�rzt und auf den Kopf gefallen. Ich finde, das schadet nicht. Aber meine Meinung ist m�glicherweise nicht das Ma� der Dinge. Die meisten hier halten mich, freundlich formuliert, f�r � seltsam.�</p><p>Sie sah Eleborn eindringlich an. Kein Sch�ler hatte bisher so offen mit ihr gesprochen. Was hatte der Elf vor? Hier behielt jeder seine Vergangenheit f�r sich, und im Grunde st�rte das Nandalee auch nicht. Sie hatte schon fr�her wenig geredet. Eleborn erschien ihr mit seiner Offenheit seltsam. Aber vielleicht war er auch einfach nur besonders durchtrieben? Vielleicht log er sie an? Aufmerksam betrachtete sie ihn � sein helles, fast wei�es Haar, das offene Gesicht, die schlanke Gestalt. Nicht sonderlich gro�. Sein Gewand war von einer undefinierbaren Farbe, irgendwo zwischen Gr�n und Blau. Er war barfu�. Die Hosenbeine waren nass.</p><p>�Und? Habe ich deine Musterung bestanden, oder bin ich durchgefallen?�</p><p>Nandalee musste lachen. �Ich wei� es noch nicht. Auf jeden Fall ist das Licht, das du herbeigerufen hast, hilfreich.� Sie beugte sich wieder zwischen den �sten hinab. Deutlich sah sie nun die zerbrochenen Eier. Ihre Schalen waren von einem blassen Blau mit gro�en braunen Sprenkeln �bers�t. Drei waren von �sten zerschlagen, ein viertes aber war unversehrt geblieben. Sie hob es auf und bettete es in das Nest. Sie wusste, dass die Misteldrossel nicht mehr zu ihrem Gelege zur�ckkehren w�rde.</p><p>Unentschlossen sah sie zu Eleborn auf, der schweigend ihren Blick erwiderte. Schlie�lich nahm sie das Nest. Vielleicht � Sie seufzte. Nein, ohne die W�rme der br�tenden Mutter w�rde das Ei absterben. Unschl�ssig hielt sie es in den H�nden.</p><p>�Einige der Barinsteine geben ein wenig W�rme ab. Wenn du vielleicht ein Nest aus Wolle machst und das Ei hineinbettest ��
</p><p>Nandalee sah Eleborn �berrascht an. Konnte <emphasis>er</emphasis> in ihren Gedanken lesen? Nein! Er war wahrlich nicht sonderlich schwer zu erraten, was sie gerade gedacht hatte. Sie legte das Ei samt Nest zur Seite und begann erneut damit, die �ste vom Eibenstamm zu schlagen.</p><p>�Was machst du hier eigentlich? Also ich meine ��</p><p>Sie blickte zu ihm auf. �Es sieht nach Baumf�llen aus, oder? Ein Nestr�uber bin <emphasis>ich</emphasis> jedenfalls nicht.�</p><p>�Wenn du nur eins von vier Eiern nach Hause tragen kannst, w�rst du auch eine verdammt schlechte Nestr�uberin. Ich meinte eher ��</p><p>�Nachdem ich mich beim Malen als St�mperin erwiesen habe und jeder in H�rweite die Beine in die Hand nimmt, wenn ich singe, habe ich mich entschieden, k�nftig die Kunst auszu�ben, B�ume bei schwindendem Licht zu f�llen.�</p><p>Er lachte. �Dann werde ich k�nftig wohl nur noch den zweiten Platz in exzentrischen Neigungen halten.�</p><p>Nandalee lie� die Axt sinken. �Warum? Was machst du?�</p><p>�Ich forme Wasser und Licht.�</p><p>Sie hob den k�nftigen Bogenstab auf. Er lag angenehm schwer in ihrer Hand. Dann b�ckte sie sich nach dem Nest. �Welchen Nutzen hat das?�</p><p>�Keinen. Meine Kunstwerke vergehen in dem Moment, in dem ich loslasse. Das Licht erlischt, und das Wasser st�rzt in den Bach zur�ck. Es bleibt nichts zur�ck. Aber sind es nicht gerade die Dinge, die wir nicht unbedingt brauchen, die unser Leben reich machen?�</p><p>Das Licht, das er in H�nden hielt, verschwand so pl�tzlich wie eine verl�schende Kerzenflamme, und als Nandalees Augen sich erneut an die Dunkelheit gew�hnt hatten, war auch Eleborn verschwunden. Er war so lautlos gegangen, wie er gekommen war.</p></section><section><title><p>Von M�rdern, Trollen und abgelegtem Wissen</p></title><p>Bidayn sah sich um und sch�ttelte den Kopf. Nandalee war verr�ckt geworden. Ganz ohne Zweifel verr�ckt! In ihrer Kammer sah es aus wie in einer H�hle. Sie hatte irgendein Schutzzeichen in die T�rschwelle geritzt und damit erreicht, dass sich kein Kobold mehr hineinwagte, um sauber zu machen. Der ganze Boden lag voller Holzsp�ne. Sie selbst sa� mit einem Abziehmesser auf dem einzigen Stuhl und bearbeitete, leise vor sich hin summend, den riesigen Ast, den sie vor zwei Wochen aus dem Wald geholt hatte. Um den Wahnsinn noch weiter abzurunden, hockte auf dem Tisch der h�sslichste kleine Vogel, den Bidayn je gesehen hatte. Ein kleines Monster mit riesigen dunklen Augen und runzliger rosa Haut, auf der einzelne graubraune Flaumfedern wucherten. Sobald man ihm nahe kam, riss er den Schnabel auf und stie� wimmernde Laute aus. Die Tischplatte verunzierten eingetrocknete Vogelexkremente. Der Gipfel der Geschmacklosigkeit aber war ein Kristallglas, das ebenfalls auf dem Tisch stand. Der fein geschnittene Kelch war dazu geschaffen, k�stlichste Weine aufzunehmen. Jetzt war er mit sich windenden W�rmern gef�llt!</p><p>�So etwa stelle ich mir eine Trollh�hle vor. Vielleicht ist es da aber auch wohnlicher.�</p><p>Nandalee ignorierte sie, summte weiter vor sich hin und gl�ttete vorsichtig den Holzschaft. Unter dem hellen, fast wei�en Splintholz kam das rotbraune Kernholz zum Vorschein, ganz so, als sei das Holz aus zwei B�umen in einem Stamm vereinigt.</p><p>Bidayn schnaubte. �Du bist wohl sehr mit dir zufrieden.�</p><p>Jetzt endlich sah Nandalee zu ihr auf. �Ja, das bin ich. Habe ich dir schon erz�hlt, dass ich meinen ersten Bannzauber gewoben habe?� Sie nickte in Richtung der T�r. �Dieses Zimmer ist koboldsicher. Ich h�tte nicht gedacht, dass ich so etwas kann. Es war gar nicht so schwer.�</p><p>�Mir hat ein Kobold erz�hlt, dass du ihnen gedroht hast, sie zu h�uten und an deinen Vogel zu verf�ttern, wenn sie das Zimmer betreten. Vielleicht hat auch das ein wenig zu deinem Erfolg beigetragen. Ebenso wie die eindrucksvolle Sammlung an Messern, hier auf dem Tisch und �berall auf dem Boden.�</p><p>�Das sind nur Schnitzwerkzeuge.�</p><p>Bidayn erhob sich. Der Vogel auf dem Tisch reagierte auf die Bewegung, riss seinen Schnabel weit auf und begann j�mmerlich zu piepen. �Hast du mir �berhaupt zugeh�rt?�</p><p>�Du meinst die Sache mit Ailyn?� Nandalee hatte sich wieder ganz in ihre Arbeit vertieft.</p><p>�Die Sache � Es ist etwas mehr als einfach eine � Sache. Diese Verr�ckte wird mich umbringen! Jedes Mal, wenn Lyvianne nicht in der N�he ist, pr�gelt sie mich gr�n und blau. Ich kann mich kaum noch bewegen. Sie hat was gegen mich. Sie ist wahnsinnig. Man muss etwas unternehmen.�</p><p>�Ich finde sie ganz in Ordnung.�</p><p>�Sie hat dir die Nase gebrochen, Nandalee! Das ist nicht in Ordnung!�</p><p>Nandalee zuckte mit den Schultern. �Meiner Nase geht es wieder ganz gut. Ich finde es zwar Zeitverschwendung, eine Bogensch�tzin zur Schwertk�mpferin ausbilden zu wollen, aber meinetwegen. Ich werde meine freien Stunden nutzen, um mich der Kunst des Bogenschie�ens zu widmen.�</p><p>Bidayn blickte auf den Holzstab und endlich begriff sie. Wie hatte sie nur so blind sein k�nnen! �Damit wirst du nicht durchkommen. Das ist gegen den Sinn dieser Regel. Deine Kunst soll sich ausschlie�lich selbst gen�gen und nicht dem Kampf nutzen! Du sollst die Schrecken der Schlachtfelder und dessen, was immer sonst die Drachen verlangen m�gen, vergessen, wenn du dich deiner Kunst hingibst. Wenn du Bogenschie�en �bst, wirst du dabei diese dunklen Stunden wieder heraufbeschw�ren. Sie werden das niemals dulden!�</p><p>Nandalee l�chelte. �Sie werden es dulden m�ssen. Ich werde sie zwingen, sich der Wirklichkeit zu stellen. Sie bilden uns hier zu M�rdern aus. Ich bin eine J�gerin. Vielleicht werde ich auch eine Kriegerin werden. Der Tod begleitet mich, seit meine Arme stark genug sind, um einen Bogen zu spannen. J�ger t�ten, um zu leben. Krieger letzten Endes auch. Ich habe mich schon lange damit abgefunden, Blut an den H�nden zu haben. Wei�t du, als ich klein war, hatte ich einen Schneehasen zum Spielgef�hrten. Er hat mich immer begleitet. Dann kam ein schlimmer Winter � er begann zu fr�h und war voller St�rme. Die J�ger unserer Sippe haben kein Wild gefunden. Wir haben gehungert. Ich selbst habe den Hasen geschlachtet. Ich glaube, damals war ich sechs Jahre alt. Ich habe geweint, als ich ihm das Fell abgezogen und ihn ausgeweidet habe. Der �lteste hat mich gezwungen, auch ein paar Bissen vom Hasenfleisch zu essen. Dieses Erlebnis hat mich h�rter gemacht. Es hat mir nicht geschadet. Sie machen hier in der Wei�en Halle einige Dinge ganz falsch. Und ich werde nichts tun, wovon ich nicht �berzeugt bin.�</p><p>Bidayn blickte auf den kleinen h�sslichen Vogel in seinem Nest aus Federn und Schafswolle. �W�rdest du ihn auch fressen?�</p><p>�Wenn ich damit mein Leben verl�ngern k�nnte � Unbedingt! �</p><p>�Ich glaube, es bekommt Elfen nicht gut, wenn sie zu nahe bei Trollen leben.�</p><p>�Ganz im Gegenteil, meine Liebe�, entgegnete Nandalee eisig. �Es bekommt ihnen nicht, wenn sie zu weit von Trollen entfernt leben. In sch�nen H�usern etwa, mit Dienern, wo Hunger und Not immer nur Probleme anderer sind. Sie verlieren den Blick daf�r, wie das Leben wirklich ist.�</p><p>�Du h�ltst mich also mit anderen Worten f�r eine verz�rtelte, vollgefressene Idiotin!�</p><p>�Fast alle hier sind so. Und so d�rr, wie du bist, w�rde ich dich niemals vollgefressen nennen.� Sie lachte.</p><p>�Aber eine Idiotin w�rdest du mich schon nennen, was?� Bidayn schluckte und k�mpfte gegen ihre Gef�hle an. �Ich habe dich immer f�r eine Freundin gehalten. Ich �� Sie schaffte es nicht l�nger, ihre Tr�nen zur�ckzuhalten. �Ich ��</p><p>�Ich bin deine Freundin, Bidayn. Deshalb bin ich es dir schuldig, dir die Wahrheit zu sagen. Alles andere w�re einer Freundschaft unw�rdig.�</p><p>Bidayn hatte genug. �Du hast einfach nur Spa� daran, jeden vor den Kopf zu sto�en. Du wirst sehen, wohin dich das bringt. Du dickk�pfige, bl�de �� Bidayn lief zur T�r.</p><p>Nandalee blieb ruhig sitzen.</p><p>Wenn sie sich jetzt entschuldigt, wird alles wieder gut, dachte Bidayn. Nur ein Wort �</p><p>Sie zog die T�r auf und blickte �ber die Schulter zur�ck. Nandalee sah ihr nicht nach, sondern bearbeitete noch immer den Holzstab mit dem Abziehmesser, nur dass sie jetzt aufgeh�rt hatte zu summen.</p><p>Ihr war alles egal, erkannte Bidayn. Alles musste nach ihrem Kopf gehen. Sie war keine richtige Freundin!</p><p>Ein seltsam s��licher Schmerz hatte sich in ihrem Bauch eingenistet. Diesmal w�rde sie nicht nachgeben. Nandalee sollte lernen, dass auch andere hart sein konnten. Ailyn, die ihr fast den Sch�del eingeschlagen hatte, respektierte diese Wilde jetzt. Freundlichkeit missverstand Nandalee als Schw�che.</p><p>Bidayn ballte die F�uste. Warum war Nandalee nur so dickk�pfig? Und wie hatte sie so d�mlich sein k�nnen, sich ausgerechnet so eine Freundin auszusuchen! Wenn Nandalee sie nicht zur�ckrief, bis sie die Treppe erreichte, dann w�rde sie, Bidayn, ihrer beider Freundschaft als beendet betrachten! Nandalee war es, die diesmal nachgeben musste!</p><p>Bidayn ging etwas langsamer.</p><p>Mach schon, dachte sie w�tend. Es waren nur noch f�nf Schritte bis zur Treppe. Vier. Wahrscheinlich hatte Nandalee Trollblut in den Adern. Niemand, den Bidayn je kennengelernt hatte, f�hrte sich so barbarisch auf wie ihre Freundin.</p><p>Noch zwei Schritte. Sie verharrte und lauschte. Dann drehte sie sich um. Nandalee konnte sich v�llig lautlos bewegen. Vielleicht stand sie ja schon im T�rrahmen und sah ihr nach. Das w�rde gen�gen. Dann w�re alles vergessen. Sie wusste, dass es nicht Nandalees Sache war, jemanden um Verzeihung zu bitten. Diese Geste allein sollte gen�gen.</p><p>Aber Nandalee stand nicht im T�rrahmen.</p><p>Bidayn legte die Hand auf das breite Treppengel�nder. Sie f�hlte sich so einsam wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Sehr langsam ging sie hinab und blickte unverwandt zwischen den St�ben des Gel�nders hindurch den Flur hinauf zur offenen T�r. Wenn Nandalee jetzt noch k�me � Auf der Stufe, auf der sie gerade eben noch �ber den Boden hinwegblicken konnte, verharrte sie. Komm, dachte sie. Komm!</p><p>Vergebens! Der n�chste Schritt f�hlte sich an wie Ertrinken. Sie sank unter das Niveau des Fu�bodens, blickte auf die Schmuckleiste des Mauerwerks. Nun w�rde sie Nandalee nicht mehr kommen sehen. Bidayn presste die Lippen fest aufeinander. Es war an der Zeit, dass auch sie einmal hart war. Sie musste das nur ein paar Tage lang durchhalten. Bestimmt w�rde Nandalee zu ihr zur�ckkommen! Ganz sicher. Au�er ihr hatte sie hier niemanden.</p><p>Und ich habe auch niemanden, mahnte eine beklommene Stimme in ihren Gedanken.</p><p>Zum Gl�ck gab es nicht viele freie Stunden. Sie w�rde nicht viel Gelegenheit haben nachzudenken. Aber jetzt konnte sie nicht zu Bett. Sie w�rde wach liegen und die Decke anstarren. Und irgendwann w�rde sie weich werden.</p><p>Bidayn blickte gedankenverloren zu den Schwertern, die entlang der W�nde in der Eingangshalle aufgeh�ngt waren. Wenn sie alle hier waren, dann w�rden sie Muster ergeben. Aber viele der Klingen fehlten. Jede L�cke stand f�r einen Elfen aus der Wei�en Halle, der von den Drachen auf eine Mission geschickt worden war. Sie z�hlte dreiundsiebzig Leerstellen. Was sie wohl taten? Wo sie wohl waren? Bisher hatte sie keinen der Lehrer �ber die Auftr�ge erz�hlen h�ren, die sie im Dienste der Drachen �bernahmen. Manche suchten neue Sch�ler, andere gingen in die Welt der Menschen. Aber was wollten sie dort?</p><p>Wenn all die Waffen erz�hlen k�nnten, von wie vielen Heldentaten w�ssten sie zu berichten? Oder auch Bluttaten. So viele Klingen! Kurze und lange. Gebogen oder gerade. Einige waren sogar geflammt. Keine zwei Waffen sahen gleich aus. Es hie�, jedem Schwert sei eine eigene Rune zugeordnet. Jedes sei auf seine Art unverwechselbar. Und wenn ein Elf im Kampf get�tet wurde, unternahm man alles, um zumindest die Klinge zur�ckzuholen. Unter jedem der Schwerter war eine kleine Tafel angebracht, auf der die Namen jener standen, die dieses Schwert einmal erw�hlt hatten. Wenn man die Namen in Erinnerung behielt, warum sprach man dann nicht �ber die Taten? Waren sie so schrecklich? Hatte Nandalee recht? Erzog man sie hier am Ende alle nur zu M�rdern?</p><p>Bidayn senkte den Blick. Ein leichter Schauder �berlief sie. All diese Waffen, das war das Erste, was man sah, wenn man die Wei�e Halle betrat. Sie waren eine mehr als deutliche Ank�ndigung dessen, was jeden erwartete, der hierherkam.</p><p>Sie war froh, dass die Klingen nicht erz�hlen konnten! Eilig durchquerte Bidayn die Halle und machte sich auf den Weg zur Bibliothek. Die sch�nen K�nste, die man hier �bte, waren wohl wirklich nur eine Maske. Das, was die Drachenelfen wirklich waren, war so schrecklich, dass nicht einmal sie selbst es jeden Tag vor Augen haben wollten. Erstaunlich, dachte Bidayn, dass erst ein Streit mit einer Barbarin ohne Kultur ihr die Augen ge�ffnet hatte.</p><p>Die Stille der Bibliothek und das warme, bernsteinfarbene Licht schenkten ihrer aufgew�hlten Seele Frieden. Sie schlenderte an den Regalen mit den rautenf�rmigen F�chern entlang, in denen sich Hunderte Schriftrollen stapelten; eine jede sorgsam in einer Lederh�lle mit einem steifen Deckel verwahrt. In die Deckel waren die Titel der Schriften gepr�gt. Manchmal auch die Namen der Verfasser. Einige waren mit Siegelwachs verschlossen, auf dem unleserliche Zeichen prangten. Es roch nach Staub und einem Hauch von Moder. So viele Schriften! Ob es wohl jemanden gab, der all dies gelesen hatte?</p><p>Die R�ume der Bibliothek waren nach Themen geordnet. Lyrik, Prophezeiungen. Philosophische Schriften, Abhandlungen �ber Schmiedekunst, Reisebeschreibungen, Koboldm�rchen � Manche Schriftrollen hatten den Umfang von Baumst�mmen, andere hingegen kaum den eines Kinderfingers. Titel brandeten auf Bidayn ein und die Namen der Koboldm�rchen lie�en sie schmunzeln.</p><p>Sie war �berrascht, wie viele R�ume sich aneinanderreihten. Sie fand eine Kammer, in der Schr�nke mit tiefen Schubladen die W�nde verschwinden lie�en. Dort lagerten Tausende von Zeichenbl�ttern � Bilder und Skizzen von Landschaften und den Kreaturen, die dort lebten; Kohlestudien von Gazala, den Orakeln, die halb Gazelle und halb Elfe waren; Zeichnungen von grimmigen Zwergen, feixenden Kobolden, Minotauren, die selbstvergessen tanzten; Anweisungen f�r Fechter, aufwendig illustriert. Was f�r Sch�tze! Und niemand nutzte sie, wie es schien.</p><p>Bidayn schreckte aus ihren Gedanken auf. Da war etwas � jemand sang! Sie war nicht mehr allein. Die Stimme wurde durch die B�cherw�nde ged�mpft und sie verstand die Worte des Liedes nicht. Wer au�er ihr kam hierher? Bislang war sie auf ihren Streifz�gen durch das B�cherlabyrinth nie jemandem begegnet.</p><p>Vorsichtig trat Bidayn in die n�chste Kammer. Jetzt war der Gesang um ein Weniges deutlicher zu h�ren. Die Stimme klang traurig. Bidayn schlich weiter. Sie konzentrierte sich ganz darauf, sich lautlos zu bewegen. Wer immer hierhergekommen war, hatte diesen Ort gew�hlt, um nicht gest�rt zu werden. Ihre innere Stimme riet ihr, sich in ihr Zimmer zur�ckzuziehen.</p><p>Als sie die Kammer erreichte, in der Schriften �ber die Sagen und Mythen der Zwergenv�lker verwahrt wurde, vermochte Bidayn einzelne Worte des Liedes zu verstehen. Es war ihr fremd, ebenso wie die Melodie.</p><p>Noch nie zuvor war sie so weit in die Bibliothek vorgedrungen. Wie konnte man so viele B�cher sammeln und die Bibliothek dann nicht nutzen? Je mehr sie �ber die Wei�e Halle nachdachte, desto seltsamer erschien ihr alles hier.</p><p>Die T�ren der einzelnen Bibliothekszimmer lagen versetzt zueinander, sodass man nie weiter als in den jeweils angrenzenden Raum sehen konnte. �ber der T�r zum n�chsten Bibliothekszimmer hing ein Schild, auf dem <emphasis>Form und Wille</emphasis> stand. Was f�r B�cher dort wohl verwahrt wurden? Das Licht in dem Zimmer ver�nderte sich. Vielfarbiges Leuchten flackerte �ber Buchr�cken und den Fu�boden. Einen Moment lang nur, dann war das Zimmer wieder von dem warmen Bernsteinlicht durchdrungen. Das Leuchten war aus dem angrenzenden Raum gekommen. Bidayn sp�rte, wie sich das magische Netz um sie ver�nderte und �ffnete ihr Verborgenes Auge. Die Kraftlinien zogen sich zusammen wie ein Fischernetz, das eingezogen wurde, und die Bewegung lief in Richtung jenes n�chsten Zimmers, das Bidayn nicht einsehen konnte. Der Gesang war zu einem leisen, undeutlichen Murmeln abgeebbt.</p><p>Bidayn blickte zur�ck. Hier war niemand, der ihr helfen w�rde. Aber dann schalt sie sich eine N�rrin. Wozu sollte sie Hilfe ben�tigen? Sie war mitten in der Bibliothek ihrer Schule � welche Gefahr sollte hier schon lauern! Alles an der Wei�en Halle war ein wenig sonderbar. Wenn hier in der Einsamkeit abgelegten Wissens seltsame Dinge geschahen, dann passte das nur ins Gesamtbild.</p><p>Entschlossen trat sie in das n�chste Zimmer. Noch bevor sie drei Schritte getan hatte, wurde der Gesang wieder lauter. Und jetzt verstand sie jedes Wort:</p><poem><stanza><v>Schattenweber,</v><v>Tr�umegeber,</v><v>wandern durch die Nacht.</v><v>Schleichen, sacht, sacht, sacht.</v></stanza><stanza><v>Sie sind Freunde, wohlvertraut,</v><v>haben in dein Herz geschaut,</v><v>f�hren dich durch Schlafes Pforte,</v><v>fern, an wunderbare Orte.</v></stanza></poem><p>Das Lied brach ab. �Willkommen, Bidayn�, sagte eine Stimme, die der jungen Elfe nur zu vertraut war. �Ich habe dich erwartet.�</p></section><section><title><p>Das Glasfenster</p></title><p>Lyvianne hatte Bidayn im spiegelnden Glas gesehen. Sie hatte gesp�rt, dass sich jemand n�herte, aber mit ihrer Sch�lerin hatte sie nicht gerechnet. Nicht zu dieser Stunde. Nicht so tief in der Bibliothek. Dass sie sie erwartet hatte, war eine glatte L�ge, aber sie wusste, dass die Kleine sich dann besser f�hlen w�rde, beh�teter. Dass Bidayn die Einsamkeit nicht ertragen konnte, war offensichtlich.</p><p>Lyvianne war angenehm �berrascht, Bidayn hier zu sehen. Das M�dchen war mutiger, als sie erwartet hatte � ein kleiner Trost, denn Lyvianne war erbost dar�ber gewesen, dass man ihr ausgerechnet die verz�rtelte Bidayn �berlassen hatte und nicht Nandalee mit all ihrer ungeb�ndigten Kraft. Aber vielleicht hatte sie Bidayn ja untersch�tzt. Man w�rde sehen.</p><p>�Komm zu mir, meine Liebe, und ich zeige dir eines der Geheimnisse der Wei�en Halle.�</p><p>Die junge Elfe wirkte misstrauisch.</p><p>�Na, komm schon. Oder hast du Angst, dass ich dich bei�e?�</p><p>Bidayn l�chelte scheu. �Ich wollte nicht st�ren. Ich � Du singst sehr sch�n.�</p><p>Die Worte ihrer Sch�lerin ber�hrten sie. Lyvianne hatte ein wenig Wein getrunken und war in sentimentaler Stimmung. Vielleicht war es auch ein wenig zu viel Wein gewesen.</p><p>�Ich komme manchmal hierher, wenn ich an Flamingos denke.�</p><p>Bidayn starrte sie an, wagte aber nichts zu sagen.</p><p>�Kennst du Flamingos?�</p><p>�Nein.� Die Sch�lerin sah sich um und ihr Blick fiel auf das gro�e, runde Buntglasfenster, das fast eine ganze Wand einnahm. Mattes Licht brach durch die tausend Glasfacetten. Ein jedes Glasst�ck hatte eine andere Farbe. Sie waren in d�nne Goldrahmen eingefasst, in die Drachenrunen geschnitten waren.</p><p>�Das Fenster ist ein Geschenk unserer G�nner. Man muss ein Wort der Macht kennen. Wenn man es ausspricht und dabei an einen Ort denkt, den man einmal besucht hat, zeigt das Fenster dir diesen Ort, dem deine Gedanken gelten, ganz gleich wie fern er ist.�</p><p>Bidayns Scheu war gewichen. Fasziniert betrachtete sie das Fenster. Lyvianne musste an jene Nacht denken, in der sie zum ersten Mal hierhergekommen war.</p><p>�Warum ist das Fenster hier versteckt? Es ist doch ein wunderbares Geschenk! Alle sollten es nutzen k�nnen. Man k�nnte nach Hause schauen!�</p><p>�Du wei�t, dass man Magie nicht leichtfertig nutzen darf. Das Fenster hat auch eine dunkle Seite � Die Drachen benutzen es. Sie verm�gen uns durch dieses Fenster zu sehen. Sie k�nnen in unseren Gedanken lesen, wenn wir davorstehen. Sie k�nnen uns Befehle geben. Manchmal schicken sie uns einen Boten, der den Befehl bringt, dass einer von uns hierherzukommen hat. Allein. Und da ist noch etwas � In meinem dritten Jahr als Sch�lerin ist ein �lterer Mitsch�ler, mit dem ich im Speisesaal am selben Tisch sa�, durch dieses Fenster gezogen worden. Er muss einen Fehler gemacht haben, als er das Wort der Macht aussprach und seinen Zauber wob, so glauben die meisten. Unsere Lehrer damals sagten, er wurde hindurchgezogen. Niemand vermochte ihm zu folgen. Er wurde nie wiedergefunden. Deshalb lehren wir unsere Sch�ler nicht mehr jenes Wort der Macht, das die Kr�fte des Fensters weckt. Erst wenn du eine Drachenelfe geworden bist und dich in vielerlei Gefahr bew�hrt hast, wirst du es lernen. Dieses Fenster hier ist einer der Gr�nde, warum viele Sch�ler die Bibliothek meiden.�</p><p>Bidayn blickte noch immer unverwandt auf das schillernde Glas. �Aber das ist doch kein Grund, nicht hierherzukommen. Man muss das Fenster doch nur in Ruhe lassen.�</p><p>�Vielleicht gen�gt das nicht.� Lyvianne z�gerte. Bidayn war sensibel und hatte eine gro�e magische Begabung. Und sie war neugierig. Sie w�rde wieder hierherkommen. Es war besser, wenn sie alles wusste. Sie wollte sie nicht verlieren. Sie war so leicht zu beeinflussen. Noch � Eines Tages mochte sie eine machtvolle Zauberweberin werden.</p><p>�Es gibt da noch eine andere Geschichte, und wir Lehrer sind angehalten, sie nicht zu erz�hlen. Vielleicht ist es einfach nur eine Geschichte, und es ist nichts Wahres daran �� Es war Bidayn anzusehen, dass sie alles wissen wollte. Lyvianne kannte dieses Gef�hl zwischen Neugier und angenehmem Grusel nur allzu gut. �Also dann � Mit den Artefakten, die Drachen erschaffen, hat es eine ganz besondere Bewandtnis. Du wei�t, dass jedes der V�lker Albenmarks auf ganz eigene Art Magie webt? Bei den Drachen ist es so, dass die Dinge, die sie erschaffen, stets eigene Charakterz�ge entwickeln. Manche gehen sogar so weit, sie in magischem Sinne als belebt zu betrachten. Die Zauber, die sie weben, sind so stark und greifen so tief in die nat�rliche Struktur des magischen Netzes ein, dass etwas Neues entsteht. Etwas, das sich den �blichen Gesetzen der Zauberei entzieht. Nimm zum Beispiel die Schwerter in unserer Eingangshalle. Ein jedes verf�gt �ber eine besondere Eigenschaft. Eines scheint die Angriffe der Feinde vorausahnen zu k�nnen und hilft dir, sie zu parieren. Ein anderes kehrt von alleine immer zu seinem Besitzer zur�ck. Ein drittes hat die Eigenart, die Klingen der Gegner zu brechen. Die Waffen unterscheiden sich also nicht nur in der Form.�</p><p>�Es gibt da ein sehr gro�es Schwert, einen Bidenhander. Welche Eigenart hat er?�</p><p>�Warum? Was interessiert dich an ihm?�</p><p>Bidayn senkte verlegen den Blick. �Er war besonders auff�llig und � Ich dachte nur ��</p><p>Lyvianne konnte sp�ren, dass noch mehr hinter der Frage steckte, aber sie entschied, dem nicht weiter nachzugehen. �Reden wir nicht von diesem Schwert. Es ist eine verfluchte Waffe, die ihrem Namen alle Ehre macht. Ich w�nschte, es w�rde die Wei�e Halle nie mehr verlassen. Und damit sind wir auch schon wieder bei dem Fenster. Manche glauben, ein Fluch hafte an ihm und etwas Dunkles sei in den Zauber eingeflossen, als die Drachen es erschaffen haben. Vor allem f�r begabte Zauberweber scheint es gef�hrlich zu sein. Es hei�t, das Fenster w�rde sie rufen � mit einer Stimme, die nur der Gerufene zu h�ren vermag. Nachts, in den dunkelsten Stunden. Dann �ffnet es sich von ganz allein und zeigt Dinge, die einem den Verstand zerr�tten k�nnen, und manchmal zieht es einen der Zauberer in sich hinein. Verstehst du? Man geht nicht an einen anderen Ort. Man h�rt auf zu sein und wird ein Teil des Fensters! So w�chst seine Macht.�</p><p>Bidayn l�chelte. Es wirkte ein wenig gezwungen. �Ein Fenster, das Elfen frisst? Das h�rt sich doch sehr nach einer Schreckgeschichte f�r Kinder an. Oder gibt es Beweise daf�r?�</p><p>�G�be es Beweise, w�re das Fenster nicht mehr hier. Aber siehst du diesen gr�nen Glassplitter dort? Da vorn, neben dem leuchtend orangefarbenen Glas? Ich k�nnte schw�ren, dass dies genau das Gr�n der Augen jenes Sch�lers ist, der hier vor so langer Zeit verschwand. Und ich bin mir fast sicher, dass es dieses Glas vor seinem Verschwinden im Fenster noch nicht gegeben hat. Vielleicht ist er also immer noch hier � verwandelt in eine andere Form und unf�hig, sich uns mitzuteilen.�</p><p>�Aber m�sste man das nicht am Muster des Zaubers erkennen k�nnen?�</p><p>Lyvianne lachte. �Ein �beraus kluger Einwand. Hast du dir jemals ein Artefakt angesehen, das von Drachen erschaffen wurde? Ich sagte ja schon, sie weben Zauber anders als wir. Es ist etwa so, als w�rdest du ein Spinnennetz mit einem feinen Seidentuch vergleichen. Beides wurde aus einem Insektenfaden erschaffen. Und das ist auch schon die einzige Gemeinsamkeit. Die Zauber der Drachen sind unendlich viel komplexer und feiner gewoben, als es unsere Zauber sind. �ffne dein Verborgenes Auge, schau auf das Fenster, und du wirst geblendet sein, so viele Kraftlinien laufen in den Zauberwerken der Drachen zusammen. Wo Drachenzauber wirken, wird das nat�rliche magische Netz, in das alle Dinge eingewoben sind, verzerrt.�</p><p>�Du meinst, sie ver�ndern die Sch�pfung der Alben?�</p><p>Lyvianne war von der Frage �berrascht. Sie selbst war einst so sehr von der Macht und Brillanz der Drachenmagie geblendet gewesen, dass sie lange gebraucht hatte, bis sie diese letzte Konsequenz erkannt hatte. �In der Tat, darauf l�uft es hinaus�, entgegnete sie, darauf bedacht, nicht wertend zu klingen.</p><p>�Und die Alben lassen es geschehen?�</p><p>�W�rden unsere Sch�pfer etwas dulden, das nicht in ihrem Sinne ist?� Lyvianne zuckte mit den Schultern. �Deine Fragen f�hren auf das Gebiet der Philosophie, vielleicht sogar der Ethik. Ich muss gestehen, auf diesem Terrain bin ich nicht sonderlich bewandert. Manche verachten mich sogar f�r meinen scheinbaren Mangel an Ethik oder Gewissen.�</p><p>Bidayn wirkte auf sie verunsichert, aber auch neugierig. Lyvianne war sich sicher, dass sie die junge Sch�lerin in den n�chsten Monden ganz und gar auf ihre Seite ziehen konnte. Die Kleine f�hlte sich zu den Verfolgten hingezogen. Zu den ungerecht Behandelten. Wahrscheinlich war sie deshalb Nandalees Freundin geworden.</p><p>�Ich werde selbst von einigen der Lehrer hier verachtet, denn ich strebe nach Vollkommenheit. Und ich glaube, der Weg dahin, unser Volk vollkommener zu machen, f�hrt �ber ein tiefes Verst�ndnis von Magie. Die meisten hier aber denken nur an die Vervollkommnung ihrer Schwertkampftechnik. Also halten sie mich f�r seltsam.� Sie l�chelte. �Aber belaste dich nicht damit.�</p><p>�Ich wei� nur zu gut, was du meinst�, entgegnete Bidayn niedergeschlagen.</p><p>�Wirklich?�</p><p>�Ailyn verpr�gelt mich, weil ich ungeschickt bei den Schwertkampf�bungen bin. Meine beste Freundin zeigt mit jedem Tag, den sie hier verbringt, mehr, dass eigentlich ein Troll in ihr steckt. Und die meisten meiner Mitsch�ler reden nicht mit mir, wahrscheinlich, weil sie mir anmerken, dass ich keine Kriegerin bin.�</p><p>�Eines Tages werden sie zu dir aufsehen, Bidayn. Du tr�gst etwas in dir, das man sich nicht durch �bung erwerben kann. Du bist begabt als Zauberweberin. Ich werde diese Begabung f�rdern, aber das muss unser Geheimnis bleiben. Ich kann dir etwas zeigen, das dich die meisten Schwertk�mpfe gewinnen l�sst. Du wirst mehr Respekt genie�en. Hast du Mut?�</p><p>�Ich wei� nicht ��</p><p>Lyvianne trat an eines der Regale und nahm ein Buch heraus. �Nimm das hier! Ich stelle mich ans andere Ende des n�chsten Zimmers. Wenn ich dort bin, z�hlst du laut bis drei. Dann schleuderst du das Buch mit aller Kraft auf den Boden. Und behalte mich im Auge.�</p><p>Bidayn sah sie stirnrunzelnd an. Wahrscheinlich hielt sie das Ganze f�r albern.</p><p>Lyvianne ging in das Nebenzimmer und sprach leise ein Wort der Macht. Sie h�rte, wie sich Bidayns Stimme verzerrte. Immer l�nger und undeutlicher wurden die Silben. Sie sah, wie das M�dchen das Buch schleuderte, und schnellte los.</p><p>Das Buch schwebte langsamer als ein fallendes Blatt. Sie h�tte nicht laufen m�ssen. Selbst wenn sie geschlendert w�re, h�tte sie es noch rechtzeitig gefangen. Lyvianne legte die Hand unter das fallende Buch und brach den Zauber mit einem zweiten Wort.</p><p>Bidayn keuchte erschrocken auf. �Du warst wie ein flie�ender Schatten. Ich habe dich kommen sehen � Und auch nicht. Du warst � zu schnell. Wie macht man das?�</p><p>�Das ist Drachenmagie. Eine ihrer Spielarten. Sie sind launische Herren, aber manchmal ist der Lohn f�r meine Dienste, dass sie mich ein Wort der Macht lehren. Es ist eine ganz andere Art zu zaubern, als wir sie kennen. Du sprichst ein einziges Wort, und die Wirklichkeit um dich herum ver�ndert sich. Sie haben viele solcher Zauber. Es ist schwer, jene Worte der Macht zu erlernen, denn sie sind nicht f�r Elfenzungen geschaffen. Aber wenn du sie beherrschst, dann ver�ndern sie deine Welt. Niemand wird dich mehr wegen deiner Schwertkampfk�nste verspotten. Ein Wort, und du bist nicht mehr Sch�lerin, sondern Meisterin.�</p><p>Lyvianne sah, wie sich Bidayns Augen weiteten. Sie sah ihre Tr�ume zum Greifen nah. �Und du glaubst wirklich, ich k�nnte es lernen?�</p><p>�Das wird sich zeigen. Du musst bereit sein, Opfer zu bringen. Manche lassen ihre Zunge spalten, um die Worte der Macht erlernen zu k�nnen. Manche ver�ndern sich auch auf subtilere Art. Wir �berschreiten eine Grenze, wenn wir Drachenmagie erlernen. Wir verlassen die Welt, wie sie f�r uns Elfen erschaffen wurde.�</p><p>Die Kleine wirkte nun wieder z�gerlicher. �Hast auch du ��</p><p>�Nein, meine Zunge ist nicht gespalten. Einige erlernen die Worte auch ohne diesen Eingriff. Manchmal gen�gt Hingabe.�</p><p>�Aber wozu brauchen die Drachen uns, wenn sie so machtvoll sind? Ich verstehe das alles hier nicht. Wozu gibt es die Drachenelfen? �</p><p>�Wir sind ihre Spitzel. Und ja, wir sind auch ihre M�rder. Wir sind weniger auff�llig. Wenn ein Drache durch das Goldene Netz geht, ist es so, als w�rdest du einen Stein, gro� wie dein Kopf, in einen T�mpel werfen. Er schl�gt Wellen. Es ist unm�glich, dass die Devanthar es nicht bemerken. Eine der Himmelsschlangen hat sich in die Welt der Menschen gewagt � Der Purpurne. Er kam nie zur�ck. Aber wenn wir Elfen gehen, ist das etwas anderes. Wir sind wie ein Staubkorn, wenn wir in der Metapher mit dem T�mpel bleiben. Uns bemerkt man nur, wenn man uns erwartet.�</p><p>�Aber wenn die Drachen solche Meister der Magie sind, k�nnen sie dann ihre Bewegungen im Goldenen Netz nicht verheimlichen? Gibt es nicht f�r alles einen Zauber?�</p><p>Lyvianne war begeistert. Die Kleine dachte schnell. Endlich einmal jemand, mit dem zu reden sich lohnte! �Selbst wenn die Drachen gelernt haben, ihre Bewegungen zu verschleiern, betrachten sie es als kl�ger, unsere Leben zu wagen statt ihre eigenen. Ich glaube, je machtvoller man wird, desto vorsichtiger wird man. Schlie�lich gibt es mehr zu verlieren als zu gewinnen.�</p><p>�Und deshalb haben sie uns zu ihren Dienern gemacht.�</p><p>Lyvianne mochte die Vorstellung nicht, eine Dienerin zu sein, auch wenn Bidayn, n�chtern betrachtet, recht hatte. �Meistens sind wir frei. Und wir ziehen ja unseren Nutzen aus dem Pakt, den wir mit den Drachen schlie�en. Nur manchmal schicken sie eine Jadetafel. So teilen sie uns ihre Befehle mit oder sie zitieren uns zu ihnen.�</p><p>�Du hast einen Traum, nicht wahr?� Ein Hauch von Rebellion schwang in Bidayns Frage, und in diesem Augenblick entschied Lyvianne, dass dieses M�dchen die Richtige war.</p><p>�Nichts zerst�rt Tr�ume sicherer, als sie im falschen Augenblick laut auszusprechen. Es wird eine Zeit kommen, in der wir gemeinsam tr�umen, Bidayn. Doch nicht in dieser Nacht. In dieser Nacht werde ich dir nur anbieten, meine Trauer mit mir zu teilen.�</p><p>Die Kleine musste lernen, ihre Gef�hle besser zu beherrschen, dachte Lyvianne. Bidayns Gesicht war wie ein offenes Buch. Sie konnte ihre Gef�hle nicht verbergen. Das konnte ihr zum Verh�ngnis werden.</p><p>�Komm dicht zu mir.� Sie legte Bidayn einen Arm um die Schultern und ein Anflug von Bitterkeit �berkam sie. Es waren viele Monde vergangen, seit sie das letzte Mal jemanden im Arm gehalten hatte. Sie dachte an Flamingos. An eine warme Nacht. An die Augen ihres kleinen Jungen. Diese Augen � Wie sehr sie gestrahlt hatten, wenn sie sich morgens �ber sein Bett gebeugt hatte!</p><p>Es kostete sie �berwindung, das Wort in der Zunge der Drachen �ber die Lippen zu bringen. Ein Klo� sa� ihr im Hals. Ihr wurde bewusst, dass sie Bidayn fester an sich dr�ckte, als es sich geziemte. Sie atmete aus und versuchte allen Schmerz und alle Bitternis aus sich flie�en zu lassen. Versuchte nur noch die langbeinigen V�gel vor sich zu sehen. Die Flamingos.</p><p>Das runde Fenster schien sich in seinem Rahmen zu drehen. Dann kam Bewegung in die Linien aus Gold, die die tausend bunten Glassplitter zusammenhielten. Alles wirkte verzerrt und unwirklich, wie in einem Rausch. Ihr wurde �bel, und sie h�rte Bidayn keuchen. Die Farben tanzten vor ihren Augen. Etwas K�rperloses schien pl�tzlich in der Kammer zu sein. Strahlendes Licht fiel durch das Fenster, obwohl dahinter eine Felswand lag.</p><p>Lyvianne st�hnte auf. Etwas zerrte an ihr und sie konnte den Blick nicht von den tanzenden Lichtern wenden. Wenn sie eins wurde mit den Lichtern, w�rde ihre Traurigkeit f�r immer enden. Dann w�re sie bei ihren verlorenen Kindern. Sie musste nur drei Schritte tun!</p><p>Pl�tzlich verebbte die Lichterflut. Ganz deutlich sah sie einen n�chtlichen See. Hunderte V�gel standen in dem ruhigen Wasser, die K�pfe ins Gefieder gesteckt.</p><p>�Mingo ��, fl�sterte sie und dr�ckte Bidayn erneut an sich. Dann begann sie leise das Lied zu singen, das ihren Sohn so oft in den Schlaf begleitet hatte.</p><poem><stanza><v>�Schattenweber,</v><v>Tr�umegeber,</v><v>wandern durch die Nacht,</v><v>schleichen sacht, sacht, sacht ��</v></stanza></poem></section><section><title><p>Ein einsamer Tod</p></title><subtitle>Ein halbes Jahr sp�ter</subtitle><p>�Wir benutzen auch Dattelkerne, Unsterblicher. Gro�e Mengen von Dattelkernen. Aber Holzkohle ist besser. Nur geht uns das Holz aus. Aber das Kupfer holen wir gleich hier aus dem Fels.� Jitro, der Schmelzmeister, deutete stolz auf die lange Reihe von Meilern, die in einer Bodensenke lagen. Artax nickte und lie� den Blick �ber die weiten Berge schweifen, die sich blassblau gegen den Horizont abzeichneten. Beige Staubfahnen zogen �ber das ausged�rrte Land. Es war hei�. So hei�, dass er den Maskenhelm nicht tragen konnte. Er hatte stattdessen ein feines Leintuch um den Kopf geschlungen. Nur seine Augen waren noch zu sehen. Artax kannte diese Gegend. Nur drei Wegstunden von hier lag das Dorf, in dem er aufgewachsen war. Der Ort, an dem er davon getr�umt hatte, reich genug zu werden, um eine Frau zu bekommen. So viele Monde waren seitdem vergangen und seine Welt stand immer noch auf dem Kopf.</p><p>Artax reiste gern. So konnte er der Last des K�nigshofs entfliehen. Den Ritualen, den Schreibern und Bittstellern. Auf Reisen erreichten ihn nur noch die wirklich dringenden Nachrichten. Und Aaron hasste es! Aaron � Sein Qu�lgeist war m�chtiger, als er erwartet h�tte. Das wusste er jetzt. Er mied Alkohol ebenso, wie er darauf achtete, sich in seinem Streben, das Reich zu ordnen, nicht zu sehr zu ersch�pfen.</p><p>�Und in den Schacht�fen gewinnen wir die Gusskuchen. Gro�e Fladen aus Kupfer�, fuhr der Schmelzmeister fort.</p><p>Artax war dankbar, dass Jitro einfach weiterredete und so tat, als habe er nicht bemerkt, dass sein Herrscher in Gedanken abgeschweift war. Wehm�tig blickte er zum dichten schwarzen Rauch auf, der aus den Schmelz�fen quoll. Er war mit den Rauchs�ulen am Horizont aufgewachsen und wusste, dass sie sowohl Reichtum als auch bittere Not bedeuteten. Dennoch war er war nie hierhergekommen, in die Minensiedlung Um el-Amad. Die Schmelzen und Bergwerke waren fester Bestandteil ihres Lebens gewesen, und doch hatte kaum jemand aus seinem Dorf sie je gesehen. Sie waren drei Wegstunden entfernt. Unendlich fern f�r einen Bauern, der es sich nicht leisten konnte, einen halben Tag seine Felder zu verlassen, nur um seiner Neugier hinterherzulaufen.</p><p>�Wie holt ihr das Kupfer aus den Steinen heraus?�</p><p>Ru�spuren waren in die Falten von Jitros Gesicht eingebrannt � so tief, dass kein Wasser sie je w�rde fortsp�len k�nnen. Seine dunkelbraunen Augen strahlten, doch so wie der Schatten dahintreibender Wolken �ber die Erde glitt, fiel pl�tzlich der Schatten des Zweifels auf sein Antlitz. Artax ahnte, was der Schmelzmeister dachte. Warum stellte der Unsterbliche eine solche Frage? Hatte er etwas falsch gemacht? Er kannte diese Furcht in den Augen der einfachen Leute. Aaron h�tte sich daran geweidet. Bastard!</p><p>�Um ein gro�es Reich zu f�hren, Jitro, muss man es verstehen�, sagte er freundlich, bem�ht, die �ngste des Schmelzmeisters zu zerstreuen. �Stell es dir wie einen gro�en Obstbaum vor. Viele F�rsten interessieren sich allein f�r die Fr�chte des Baumes. Ich aber will ihn ganz kennen, von der tiefsten Wurzel bis zum �u�ersten Trieb. Ich will verstehen, wie das Kupfer aus dem Fels geholt wird und wie die Gusskuchen entstehen. Ich will die Wege kennen, auf denen man es zu den Bronzeschmelzen bringt. Und wie die Schwerter und Speerspitzen gegossen werden, mit denen ich meine Krieger bewaffne.�</p><p>�Ihr seid wahrlich ein lebender Gott, Unsterblicher!�, sagte der Schmelzmeister, der sich noch immer sichtlich unwohl f�hlte. Er trug ein Gewand aus feinem Leinen mit braunen L�ngsstreifen auf wei�em Grund. Eine Wahl, die ihm nicht schmeichelte. Er war ohnehin schon schlank. In diesem Gewand wirkte er hager. Auf eine Kopfbedeckung verzichtete Jitro. Sein Haar war zerzaust und begann sich zu lichten. Brandnarben auf seinen H�nden und breite dunkle Ringe unter den Fingern�geln verrieten, dass er bei der Arbeit mit anpackte, auch wenn er jetzt, in ein kostbares Gewand gekleidet, den Herrscher Arams an den Stolleneing�ngen und Schacht�fen vorbeif�hrte. Artax mochte den Mann. Auf M�nnern wie Jitro beruhte die Kraft des Reiches und nicht auf den Speichelleckern im Palast von Ak�u, die ihn umschwirrten wie Schmei�fliegen ein St�ck Aas.</p><p>�Warum habt ihr den Ort Um el-Amad genannt? Mutter aller S�ulen hei�t das, nicht wahr?� Die wenigen Arbeiter und Steinhauer in der N�he wirkten �berrascht. Niemand h�tte damit gerechnet, dass der Unsterbliche einen Dialekt aus einer fernen Provinz beherrschte.</p><p>Aus Jitros Gesicht wich das Misstrauen. Artax wusste, dass er ihn nun f�r alle Zeiten gewonnen hatte.</p><p>�Wir konnten bislang nur eine Gesteinsschicht finden, die sehr kupferhaltig ist. Alle Tunnel f�hren in diese Schicht. Wir nehmen so viel wie m�glich von dem Gestein fort, und so ist eine riesige H�hle entstanden, deren Decke zwischen drei und vier Schritt hoch ist. Damit sie nicht einst�rzt, lassen wie einzelne steinerne Pfeiler stehen, und es sieht aus, als w�rde die H�hle von Hunderten S�ulen getragen. Ich kann Euch gern dorthin f�hren, Unsterblicher.�</p><p>Artax lehnte freundlich ab. Er liebte die Weite, und die Vorstellung, in eine H�hle tief im Berg vorzudringen, fand er beklemmend. Artax seufzte, er vermisste Nangog und die Reise auf seinem Palastschiff. Und er vermisste Shaya.</p><p>Wo er doch f�r jeden Finger hundert h�bschere Weiber haben k�nnte. H�ng nicht dein Herz an Menschen. Du bist ein Unsterblicher. Du geh�rst nicht mehr zu ihnen. Du benutzt sie nur noch.</p><p>Und du und all die anderen, ihr seid l�ngst tot. Wann werdet ihr euch endlich f�gen und mich mit Grabesschweigen begl�cken, dachte Artax �rgerlich. Diese Stimme machte ihn m�de. Er hatte sich v�llig von seiner Verletzung erholt und die Stimme mittlerweile gut im Griff, aber er f�rchtete, was geschehen w�rde, wenn er wieder krank und schwach wurde. Das war seine einzige Angst.</p><p>Du solltest dich auch davor f�rchten, dass wir verstummen. Ohne unsere Erinnerungen bist du nichts!</p><p>Artax sch�ttelte den Kopf. Eine dumme Angewohnheit, die er sich zugelegt hatte und die dennoch nicht half, die l�stige Stimme in seinem Kopf zum Schweigen zu bringen. Er konzentrierte sich auf Jitro. �Wie steht es mit der Erzschmelze? Wie holt ihr das Metall aus dem Gestein?�</p><p>�Nat�rlich, Erhabenster. Die Schmelze. Wir zerkleinern das erzhaltige Gestein. Dann beschicken wir den Schachtofen mit Holzkohle. Wir f�llen ihn zu etwas mehr als einem Drittel damit. Dar�ber lagern wir das Gestein. Siehst du die gemauerten Luftkan�le am Boden? Sobald die Holzkohle entz�ndet ist, verst�rken wir die Glut, indem wir durch gro�e Blaseb�lge Luft hineinf�hren. Sie kann nach oben durch den Schacht entweichen. Das zerkleinerte Gestein wird so hei�, dass es sein Kupfer ausschwitzt. Die Metalltropfen rinnen hinab und sammeln sich am Grund des Schachtofens zum Schmelzkuchen. Wenn die Holzkohle verbrannt ist, sackt die Gesteinsschlacke von oben herab. Wenn sie halbwegs abgek�hlt ist, bergen wir den Schmelzkuchen und schaffen die Schlacke fort. Sollte der Schmelzkuchen zu stark verunreinigt sein, schmelzen wir ihn ein zweites Mal ein, um Kohle-und Gesteinsreste zu entfernen. Meist jedoch ist das nicht n�tig.�</p><p>Nachdenklich blickte Artax die Reihe der Schacht�fen entlang. Um el-Amad brachte Reichtum in die Region. Aber letzten Endes w�rde die Minensiedlung alles in weitem Umkreis zerst�ren.</p><p>�Woher bekommt ihr die Holzkohle, Jitro?�</p><p>�Die Kohle macht uns zu schaffen�, bekannte der Schmelzmeister. �Sie wird von Jahr zu Jahr teurer und muss von immer weiter hergeschafft werden.� Er deutete zur fernen blauen Linie der Berge. �Wir haben Holzf�ller und K�hler in den Bergen. Sie schlagen Zedern und Kiefern und verarbeiten sie zu Holzkohle. Aber sie m�ssen jetzt tiefer in die Berge ziehen. Einen Teil der Kohle bekommen wir auch von den Bauern der Umgebung. Sie verdienen sich ein Zubrot damit. Die Kinder und Weiber hier aus der Siedlung ziehen los, um d�rres Gestr�pp einzusammeln, das wir brauchen, um die Holzkohle anzufeuern. Es ist ein m�hseliges Gesch�ft, Erhabener. Auch m�ssen wir das Wasser von weit herschaffen, denn die einzige Quelle hier ist mit den Jahren bitter geworden und ihr Wasser k�nnen wir nicht einmal mehr den Mauleseln zu saufen geben.�</p><p>�Wie viele Eselslasten G�ter m�sst ihr heranschaffen, damit eine Eselslast Kupfer Um el-Amad verlassen kann?�</p><p>Jitro kratzte sich nachdenklich den Bart. �Diese Frage hat noch nie jemand gestellt. Wenn wir die Kohle rechnen, das Wasser, die Lebensmittel � Ich wei� es nicht, aber es werden wohl mindestens drei�ig Eselslasten sein. Vielleicht auch noch mehr. Und wenn man noch das Holz rechnet, das geschlagen werden muss und von den K�hlern weiterverarbeitet wird.� Er grinste und zeigte zwei Reihen gelblicher Z�hne. �Und doch verkaufen wir unser Kupfer am Ende noch mit Gewinn. Wer hierherkommt, wird reich.� Er zuckte mit den Schultern. �Wenn er �berlebt. Schw�chlinge und jene, die einfach zu viel Pech haben, werden durch die �fen oder die Mine get�tet.�</p><p>Artax wusste, wovon der Schmelzmeister sprach. Sie waren auf ihrem Weg hierher an dem weiten Gr�berfeld vorbeigekommen.</p><p>�Erhabener, ich wei�, es ziemt sich nicht, Euch, den Freund der G�tter, den Lenker des Reiches und Herren aller Schwarzk�pfe, um etwas zu bitten, aber da ist etwas in den Bergen �� Jitro senkte den Blick. �Ich habe den Satrapen gebeten, dass er J�ger und Krieger schickt, aber ich habe nie mehr etwas davon geh�rt. Ich � Vielleicht k�nntet Ihr helfen, Unsterblicher? Da ist etwas in den Bergen. In einer engen Schlucht. Auf den H�ngen stehen sehr viele B�ume, aber niemand wagt sich mehr dorthin. Wenn Ihr helfen k�nntet, k�nnten wir dort Holz f�r f�nf Monde schlagen. Und es liegt viel n�her als die Orte, zu denen ich meine Holzf�ller und K�hler jetzt ausschicke.�</p><p>�Und was hat es mit dem Ort auf sich?�</p><p>�Dort ist etwas, das Menschen frisst. Und wenn es ihren Leib nicht nimmt, dann frisst es zumindest ihren Verstand. Ein Ort, der b�se ist. Aber mit all Euren Kriegern, Unsterblicher, k�nntet Ihr das B�se dort gewiss besiegen.�</p><p>Artax erinnerte sich dunkel, in seiner Kindheit Geschichten von einem Tal geh�rt zu haben, das die G�tter den Menschen verboten hatten. Allerdings hatte er, als er gr��er wurde, nicht viel darum gegeben und die Geschichten f�r M�rchen gehalten � so wie all die anderen Erz�hlungen von Pferdem�nnern, b�sen Zauberinnen und einem Drachen, dessen Fl�gel einst die Sonne verdunkelt hatten, sodass alles in ihrem Schatten verderben musste. Ihn hatten die greifbaren Dinge interessiert. Dass viele M�nner, die zur Mine von Um el-Amad gingen, dort starben oder als Kr�ppel in ihre D�rfer zur�ckkehrten. Nur wenige waren dort reich geworden. Ganz anders war es mit den Geschichten um die Fremde Welt. Dort war der Reichtum zum Greifen nahe, so hie� es. Und die M�nner kamen nicht zur�ck, weil sie das Elend in den D�rfern ihrer Heimat nicht mehr sehen mochten.</p><p>Er dachte zur�ck an den Tag, als Blut vom Himmel gefallen und der unsterbliche Aaron gest�rzt war. Seine Geschichte, die Geschichte des Bauern Artax, der auszog, sein Gl�ck zu finden und zum Herrn aller Schwarzk�pfe wurde, klang wie ein M�rchen und doch war es die Wahrheit. Und weil es so war, w�rde diese Geschichte niemals erz�hlt werden. Wie viel Wahrheit wohl in den Geschichten um das verfluchte Tal steckte? War dies mehr als ein M�rchen? Hatte er die Macht, die Leute hier von dieser Angst zu befreien?</p><p>�Du sagtest, nicht alle, die zum verfluchten Tal gegangen sind, seien dort gestorben?�</p><p>Jitro schlug hastig ein Schutzzeichen. �Beim L�wenh�uptigen, nein. Aber es w�re f�r sie vielleicht besser gewesen zu sterben. Einer unserer Holzf�ller kam zur�ck, aber man konnte mit ihm nicht mehr vern�nftig reden. Er war �� Der Schmelzmeister suchte nach Worten und hob hilflos die H�nde. �Er war � anders. Er war stark wie ein Ochse, vorher � Nein, das ist nicht richtig. Er war auch danach noch stark. Aber eine Angst, die er uns nicht begreiflich machen konnte, hat ihn zerfressen. Er fing immer wieder an zu schreien. Ganz �berraschend. Bei Tag und bei Nacht. Er hat etwas gesehen � das sonst niemand sah. Er hat sehr viel Unruhe in die Siedlung gebracht.�</p><p>�Was ist aus ihm geworden?�</p><p>�Er konnte hier nicht mehr leben � Ich bin nicht stolz auf das, was wir getan haben, aber ich musste auch an die anderen denken. Wir haben ihm ein etwas abgelegeneres Haus gegeben. Bei der Wasserquelle, die bitter geworden ist. Es ist etwa eine halbe Meile entfernt. Wir haben ihm auch weiter Wasser und Essen gebracht. Ihr m�sst verstehen, Erhabener � Die Frauen und Kinder. Seine Schreie haben sie ge�ngstigt. Es konnte so nicht weitergehen.�</p><p>�Und er ist dort geblieben, in dem Haus?�</p><p>�Wir haben daf�r gesorgt.� Der Glanz in Jitros Augen verblasste. �Ich sagte schon, ich bin nicht stolz auf das, was geschah. Wir � Wir haben ihn angekettet. Er konnte nicht fort von seinem Haus. Aber wir haben ihn gut versorgt!�</p><p>�Kann ich dieses Haus einmal sehen?� Artax fragte sich, wie lange der arme Kerl dort wohl angekettet und in Einsamkeit vor sich hinvegetiert hatte.</p><p>�Es gibt da nichts Besonderes �� Ein Blick von Artax lie� den Schmelzmeister zusammenzucken. �Ja, Erhabener. Ich werde Euch dorthin bringen. Nat�rlich ��</p><p>Artax war ver�rgert. Im Grunde hielt er Jitro f�r einen guten Mann. Aber diese Geschichte hier � In Belbek, seinem eigenen Dorf, waren die Verr�ckten auch manchmal weggesperrt worden. Ihre Familien sch�mten sich ihrer. Auch Gajane, die Dorfirre, war von ihrer Schwester manchmal in den Ziegenstall gesperrt worden. Er hielt das f�r falsch, aber so standen die Dinge nun einmal. Sehr viel w�tender war er dar�ber, dass der Provinzsatrap nichts unternommen hatte, obwohl er von Jitro um Hilfe gebeten worden war. Sein n�chstes Reiseziel war Nari, die gr��te Stadt dieser Satrapie. Er w�rde den Stadtf�rsten f�r seine Unt�tigkeit zur Rede stellen und daf�r sorgen, dass ein Trupp Krieger ausgeschickt wurde, um sich dieses omin�sen �bels anzunehmen.</p><p>�Ich werde dir helfen, Jitro�, sagte er entschieden.</p><p>Der Schmelzmeister nickte dankbar, aber ein letzter Rest Furcht in seinem Gesicht blieb.</p><p>Der Weg zu der abgelegenen H�tte f�hrte an den Schlackenhalden bei den Schacht�fen vorbei. Noch zehn Schritt entfernt konnte Artax die Gluthitze der �fen sp�ren. Die Arbeiter an den gro�en Blasb�lgen wechselten sich ab. Ihre Leiber gl�nzten vor Schwei�. Sie verbeugten sich dem�tig, w�hrend er vor�berging.</p><p>Bei�ender Rauch hing in der Luft und ein kleiner Hund hob die Schnauze aus einem M�llhaufen und starrte ihn an. Die Felswand, in der die Mineneing�nge klafften, war von Ru� geschw�rzt. Sie lie�en die Arbeitsst�tten hinter sich und kamen an einem Rinnsal vorbei, das sich in einer Kette stinkender Pf�tzen verlor.</p><p>Ein St�ck entfernt sahen sie ein Haus, das sich in den Windschatten eines H�gels duckte. Die T�r stand weit offen, ein einzelner Fensterladen hing schief in seinen Angeln. Die H�tte war aus graubraunem Stein gebaut. Das Dach aus Schilfgras war dick mit dem hellbraunen Staub bedeckt, den der Wind aus der Steppe heranwehte.</p><p>�Das ist das Haus�, sagte Jitro. �Nichts Besonderes.�</p><p>Artax ging weiter. �Wie ist er gestorben?�</p><p>Jitro seufzte. �Er hat sich seinen Kopf eingeschlagen. An der Wand neben seinem Schlafplatz. Ganz sicher sind wir uns nicht, was geschehen ist. Aber ich glaube, er hat seinen Kopf immer wieder gegen die Wand geschlagen � Fast, als h�tte er etwas aus seinem Kopf herausbekommen wollen.�</p><p>Sie hatten die H�tte erreicht. Artax musste sich ducken, als er durch die niedrige T�r trat. Es roch nach Staub. Der Boden bestand aus gestampftem, rotem Lehm. Es musste einmal eine Zeit gegeben haben, zu der das Haus recht ordentlich ausgesehen hatte. Die Innenw�nde waren fr�her einmal verputzt gewesen. Unter den Dachbalken entdeckte er Reste von Gips oder Kalk. Jetzt aber waren alle W�nde beschmiert. Mit Holzkohle und etwas anderem � Eingetrocknetem Blut? Ein Strohsack lag nahe der gemauerten Feuerstelle und der Boden war �bers�t mit Scherben zerbrochener Tongef��e. Artax hatte das Gef�hl, dass es hier k�hler war. Das ganze Haus bestand nur aus einem einzigen Zimmer, etwa vier mal f�nf Schritt gro�. Gr��er als das Haus, in dem er aufgewachsen war.</p><p>Die feinen H�rchen in seinem Nacken richteten sich auf. Etwas war hier �</p><p>Jitro stand am Eingang. Er hatte keinen Fu� �ber die Schwelle gesetzt. Ein wenig hinter dem Schmelzmeister stand sein Hofstaat. Die Leibw�chter, angef�hrt von Juba, zwei ortskundige F�hrer, einige Schreiber. Das war das ganze Gefolge, das er auf Reisen um sich duldete. Sie alle hielten Abstand. Sie hatten gelernt, dass er es nicht mochte, wenn er sich st�ndig umlagert f�hlte.</p><p>�Ein gutes Haus. Warum wird es nicht mehr genutzt?�</p><p>�Weil die Leute abergl�ubisch sind, Erhabener. Sie haben Angst, dass etwas von dem Wahnsinn in die W�nde gesickert ist. Dass er auch sie ergreifen k�nnte, wenn sie hier leben.�</p><p>�Und deshalb kommst auch du nicht herein?�</p><p>�Meine Mutter hat mich gelehrt, dass es kl�ger ist, sein Schicksal nicht herauszufordern.�</p><p>�Aber du hast keine Angst, in die Um el-Amad zu gehen. In die Mine, in deren Stollen schon Dutzende M�nner gestorben sind.�</p><p>�Nicht Dutzende, Erhabener. Nicht Dutzende � Das ist etwas anderes. Diese Arbeit ist unser Leben. Aber das hier �� Er zuckte mit den Achseln. �Das hier ist ein dunkler Ort.�</p><p>Artax sah sich die Bilder an, die auf die W�nde geschmiert waren. Die meisten zeigten k�mpfende M�nner. Seltsam f�r einen Holzf�ller, der vermutlich niemals an einer Schlacht teilgenommen hatte. Es waren M�nner, die mit �xten aufeinander einschlugen oder sich mit langen Messern durchbohrten. Obwohl wenig kunstvoll ausgef�hrt, waren die Zeichnungen von beklemmender Grausamkeit. Sie zogen ihn in ihren Bann, als sei er selbst Zeuge dessen, was die Bilder zeigten. Artax entdeckte ein Bild, auf dem zwei M�nner einen dritten an Armen und Beinen festhielten. Ein vierter war dazugetreten und hatte damit begonnen, dem Wehrlosen Glieder abzus�gen. Angewidert wandte Artax sich ab. Und dann begriff er! Das war keine Schlacht. Die �xte und Messer. Die S�ge! Die Bilder zeigten Holzf�ller, die miteinander k�mpften! Was war dort oben in den Bergen geschehen?</p><p>Aufmerksam musterte er Bild f�r Bild an den W�nden und suchte nach einem Schl�ssel zu dem R�tsel. Es schien, als h�tten sich die Holzf�ller und K�hler gegenseitig bek�mpft, doch nichts wies darauf hin, warum sie es getan haben k�nnten. Nah am Kaminschacht entdeckte er ein Bild, das ganz anders war. Es zeigte ein gro�es, etwas unregelm��iges V, auf dessen Schenkeln grob skizzierte Fichten zu erkennen waren. Das untere Drittel war fast vollst�ndig schwarz, bis auf einen verschwommenen Fleck in gelblichem Gr�n. Obwohl er konturlos war, schien es, dass der Verr�ckte besondere Sorgfalt darauf verwandt hatte, den Fleck zu malen. Er hatte es geschafft, den Eindruck zu erwecken, dass dieses Licht aus dem Dunkel herausfloss.</p><p>Je l�nger Artax die Zeichnung betrachtete, desto unwohler f�hlte er sich. Das Licht weckte halb vergessene Erinnerungen an Geschichten, die sich die Siedler in der Neuen Welt erz�hlt hatten. Geschichten um pl�tzliche Tode und unerkl�rliche Gewaltausbr�che. Die Gr�nen Geister!</p><p>Aber es gab sie nicht hier in Aram! Hier war man in Sicherheit! Dies war die Welt der Menschen, und die Devanthar, ihre G�tter, hielten solche Schrecken fern!</p><p>Artax richtete sich auf. Jitro stand noch immer in der T�r.</p><p>�Gibt es unter deinen Arbeitern jemanden, der schon mal in der Neuen Welt war?�</p><p>�Nein.� Der Schmelzmeister sch�ttelte entschieden den Kopf. 
�Wer dorthin geht, wird reich. Niemand, der hierherkommt, ist reich. Aber manche, die gehen.�</p><p>�Wie viele K�hler und Holzf�ller sind in den Bergen umgekommen? �</p><p>�Es gibt immer wieder Unf�lle � Ihr m�sst verstehen, Erhabener. Steinschlag, B�ren oder pl�tzliche K�lteeinbr�che. Es ist ein hartes Brot, dort zu arbeiten. Von zwanzig, die im Fr�hling gehen, kommt einer im Herbst nicht zur�ck.�</p><p>�Und von denen, die mit dem Mann gegangen sind, der hier gestorben ist?�</p><p>Jitro seufzte. �Au�er ihm kam keiner zur�ck. Und niemand hat es gewagt, zum Dunklen Tal zu gehen, um nach den anderen zu suchen.�</p><p>�ber dem Bild, das das gr�ne Licht zeigte, war ein gro�er rotbrauner Fleck an der Wand, von dem Schlieren hinab bis zum Bild reichten. �M�ge deine Seele Frieden finden�, murmelte Artax. Er versuchte sich vorzustellen, was dieser Mann durchlitten haben mochte. Gefangen, hier in der Einsamkeit des abgeschiedenen Hauses. Allein mit seinen schrecklichen Erinnerungen.</p><p>Artax sah den Bronzering in der Wand, an dem die Kette befestigt gewesen sein musste. Sein Blick wanderte �ber all die Zeichnungen von Mord und Todschlag, um schlie�lich wieder bei dem unheimlichen gr�ngelben Farbfleck zu verharren. �Ich werde mit meinem Gefolge zum Dunklen Tal reiten�, entschied er. �Ich brauche Lastesel mit zus�tzlichem Proviant. Und zwei F�hrer, die uns dorthin bringen.�</p></section><section><title><p>Das verbotene Tal</p></title><p>Artax� Pferd schnaubte unruhig. Seit sie in das enge Tal eingeritten waren, hatten die Tiere Angst. Und den Reitern ging es nicht besser. Artax wusste, dass in seinem Gefolge Geschichten dar�ber kursierten, was sie hier erwartete. Am Vorabend hatte er am Lagerplatz eine Rede gehalten und ganz offen gesagt, was er �ber dieses Tal wusste und was er vermutete. Er hatte sogar jedem freigestellt zu gehen. Alle waren geblieben.</p><p>Du bildest dir doch nicht etwa ein, dass sie geblieben sind, weil sie dich lieben? Ich muss dir zugestehen, sie vor die Wahl zu stellen war ziemlich klug. Ein Lippenbekenntnis. Und vor deinem Gewissen bist du nun ein guter Mensch. Aber in Wahrheit hatten sie nie eine Wahl. Sie alle erinnern sich gut an die Priesterverfolgungen. An das viele Blut an deinen H�nden. Au�erdem, wer dich verlassen h�tte, h�tte f�r immer sein Gesicht verloren. Es war nur ein Possenspiel f�r dein Gewissen, Bauer.</p><p>Artax hatte �bung darin gewonnen, Aarons Stimme zu �berh�ren. Er konnte sie nicht besiegen, aber nicht auf sie zu h�ren war dennoch jedes Mal ein kleiner Triumph. Aufmerksam lie� er den Blick �ber seine Gef�hrten streifen. Manche begegneten ihm mit einem trotzigen L�cheln und er konnte die Angst sehen, die dahinterlag. Er war f�r ihr Leben verantwortlich, dachte er beklommen. Sein Befehl hatte sie hierhergef�hrt. Alles, was hier geschehen w�rde, ereignete sich, weil er entschieden hatte, ihr Leben zu wagen, um seinen Zielen nachzujagen. Ob andere Herrscher auch von solchen Gedanken geplagt wurden?</p><p>Die Antwort ist einfach: Nein! Du plagst dich, weil du kein Herrscher bist. Dein K�rper mag auf einem Thron sitzen, aber deine Bed�rfnisse und Gedanken �</p><p>� sind noch immer die eines Bauern, beendete Artax in Gedanken den Satz seines Qu�lgeistes. Ich wei�. Und wei�t du was? Es sind gute Gedanken. Aufrechte Gedanken. Es m�gen nicht deine Gedanken sein, aber es sind Gedanken, die allen Herrschern sehr gut zu Gesicht st�nden, mein lieber k�rperloser Aaron.</p><p>Sein Qu�lgeist verstummte und Artax grinste breit. Diese kleinen Dispute machten ihm mittlerweile tats�chlich Freude, und manchmal nahm er sich sogar die Zeit, Aaron nicht nur mundtot zu machen, sondern ihm seine Entscheidungen in Gedanken ausf�hrlich zu erl�utern, ganz so, wie ein Lehrer seinem Sch�ler etwas wieder und wieder erkl�rt, das dieser noch nicht verstanden hat. Artax wusste, dass er in seiner Zeit in Aarons K�rper vieles w�rde bewegen k�nnen, und er war sich mittlerweile recht sicher, dass der Devanthar ihn nicht mehr Hals �ber Kopf ersetzen w�rde. Aber eines Tages w�rde auch er sterben und ein neuer K�rper w�rde Aarons Unsterblichkeit weitertragen. Die Aarons in seinem Kopf sprachen mit nur einer Stimme zu ihm, obschon es Dutzende sein mussten, die miteinander verschmolzen waren. Er wusste nicht genau, welche Stimme diesen Qu�lgeist beherrschte, aber wenn Artax selbst eines Tages ein Teil von ihnen wurde, w�re er vielleicht nur einer von vielen und w�rde sich nicht durchsetzen k�nnen. Also hatte er beschlossen, Aaron schon zu seinen Lebzeiten seine eigenen Gedanken einzupflanzen, indem er sie immer und immer wieder wiederholte.</p><p>�Unsterblicher!� Der gehetzte Ruf schreckte ihn aus seinen Gedanken. Juba war ein St�ck vorausgeritten und kam ihnen entgegengeprescht. Er winkte. Etwas stimmte nicht! Die anderen z�gelten ihre Pferde.</p><p>�Erhabener!� Der Krieger parierte seinen gro�en Hengst und brachte ihn neben ihm zum Stehen. Das Tier versuchte auszubrechen und Juba musste ein weiteres Mal hart an den Z�geln ziehen, um es stillzuhalten. �Herr, dort im Tal � Ihr solltet mit mir kommen. Allein!� Leise f�gte er hinzu. �Wir d�rfen hier nicht lagern. Schickt die anderen zur�ck. Weit zur�ck!�</p><p>�Warum?�</p><p>�Wir k�nnen das hier jetzt nicht besprechen. Vertraut mir! Tut es einfach, Herr! War ich Euch jemals ein schlechter Diener?�</p><p>Artax war klar, dass jedes Z�gern einer Beleidigung gleichkam. Er wandte sich im Sattel um und rief nach seinem Hofmeister. �Datames! Verlass mit dem Gefolge das Tal und dann reitet noch mindestens eine Meile. Vorher d�rft ihr kein Lager aufschlagen.�</p><p>Du kannst es dir leisten, deine Diener zu beleidigen. Sie werden es dir aus Angst um ihr Leben nicht nachtragen.</p><p>�Aber, Erhabener ��, protestierte der Hofmeister. Er war der einzige Mann ohne Bart in seinem Gefolge und wirkte mit seinem fein geschnittenen Gesicht, den eleganten Kleidern und dem goldfarbenen Haar weibisch, aber er versah seinen Dienst gut. Nichts geschah am Hof des Unsterblichen, um das er nicht wusste. Und Artax sch�tzte es sehr, dass ihm sein oberster Hofbeamter viel Arbeit und �rger vom Hals hielt.</p><p>�Es ehrt dich, dass du an meiner Seite bleiben m�chtest, aber ich bin ein Unsterblicher und du nur ein Mensch.� Er hob die Stimme, sodass alle ihn h�ren konnten. �Ich w�re euch ein schlechter Anf�hrer, wenn ich euch an einen Ort mitnehmen w�rde, der f�r Menschen nicht geschaffen ist. Was hier zu tun ist, ist allein meine Pflicht. Nun geht! Und eilt euch! Schon greifen die Schattenfinger der Nacht nach dem Tal! Wenn ich binnen drei Tagen nicht mit Juba zur�ckkehre, ruft den L�wenh�uptigen. Denn dann wird Aram einen neuen Herrscher brauchen.�</p><p>Einige seiner Krieger widersprachen heftig und erinnerten ihn an ihre Eide. Artax dachte, dass sie nicht wirklich vor ihm niedergekniet waren. Und wenn sie w�ssten, dass er nichts als ein einfacher Bauernsohn war � Schlie�lich schickte er sie fort, und er wusste, dass die meisten von ihnen insgeheim erleichtert waren. Als der Tross verschwunden war, sa� Artax wieder auf. Sein Schimmel schnaubte. Obwohl die Abendd�mmerung noch fern war, war die Sonne bereits hinter den steilen, mit schwarzen Fichten bewaldeten Bergh�ngen verschwunden. Weiter vorn verengte sich das Tal zu einer Klamm. Dort herrschte bereits Finsternis.</p><p>Kein Vogelruf hallte aus den W�ldern. Der dumpfe Schlag der Hufe auf dem felsigen Grund war das einzige Ger�usch, das sie begleitete.</p><p>Artax� Rechte glitt �ber den Knauf seines Schwertes. Er hielt den Blick fest auf die dunkle Klamm gerichtet. Der schmale Weg, dem sie folgten, f�hrte geradewegs in die Finsternis.</p><p>Wir sollten nicht dorthin gehen. Der Ort ist nicht geheuer.</p><p>�Angst?�</p><p>Juba drehte sich im Sattel um. �Wenn ich ehrlich bin, ja�, sagte er, ohne zu ahnen, dass sein Herr gar nicht ihn gemeint hatte. Manchmal sprach Artax Gedanken, die nur f�r Aaron bestimmt waren, versehentlich laut aus. Er war damit schon �fter bei Hof aufgefallen. Aber nat�rlich wagte es niemand, ihn auf diese neue Marotte anzusprechen.</p><p>�Ihr werdet gleich sehen, wovor ich mich f�rchte. Wir sind fast dort.� Pl�tzlich schwenkte Juba nach links ab und hielt auf eine Stelle zu, in der sich das Wasser eines kleinen Bachs in einem Felsbecken staute. Die Fichten dort hatten ihre unteren �ste verloren. Artax entdeckte ein totes Pferd, das an einen der Fichtenst�mme gez�umt war. Ein St�ck weiter lag ein zweites. Sein Schimmel scheute und Jubas Pferd schnaubte �ngstlich. Der st�mmige Kriegsmeister schwang sich aus dem Sattel, schlang die Z�gel seines Hengstes um einen Stamm und Artax tat es ihm gleich.</p><p>�Die Pferde ��</p><p>�� sind zehn Schritt neben einem Bach verdurstet�, beendete der Kriegsmeister den Satz. Seine Hand lag am Schwert. Er ging langsam und geduckt, so als erwarte er jeden Augenblick einen Angriff.</p><p>Bald darauf entdeckte Artax die erste Leiche. Ein skelettierter Krieger, aus dessen Brustkorb ein Pfeil ragte. Dann ein zweiter, der mit dem Gesicht voran auf dem weichen Boden aus Fichtennadeln lag.</p><p>�Ihn muss ein Schwerthieb in den R�cken getroffen haben�, erkl�rte Juba. �Dort dr�ben hat es angefangen. Drei Kriegern ist im Schlaf die Kehle durchtrennt worden. Mit solcher Kraft, dass die Klinge bis hinab zu den Halswirbeln schnitt und man Spuren von ihr auf den Knochen sieht.�</p><p>Artax betrachtete die Toten. Sie hatten ein Lager am Bach aufgeschlagen und zwei Feuerstellen eingerichtet. Scheuerstellen auf der Rinde der B�ume und einige durchgerissene Z�gel, die von den St�mmen hingen, verrieten, dass die �brigen Pferde sich wohl hatten befreien k�nnen.</p><p>�Einer muss aufgestanden sein�, fl�sterte Juba, als bef�rchte er, die Toten aus ihrem ewigen Schlaf zu wecken. �Er hat begonnen seine schlafenden Kameraden zu t�ten. Dreimal ging es gut, dann gab es einen Schrei. Vielleicht hat auch die Nachtwache Alarm gegeben. Ich glaube, der Mann auf Wache war der Bogensch�tze. Ich bin kein F�hrtenleser. Und die Toten liegen hier seit mindestens einem halben Jahr. Aber ich glaube, dass der Meuchler niedergemacht wurde. Trotz all der neuen Nadeln, die gefallen sind, kann man im weichen Boden noch die Spuren des Kampfes sehen. Aber sie haben einfach weitergek�mpft, obwohl es keinen Grund mehr gab. Vielleicht hat die Dunkelheit sie verwirrt.�</p><p>Artax konnte seinem Kriegsmeister anh�ren, dass er an diese Erkl�rung nicht glaubte. Etwas anderes musste vorgefallen sein. Und er begriff, dass es gut war, dass sie nur zu zweit gekommen waren. Vielleicht waren zwei sogar immer noch einer zu viel. Hinter ihnen wieherten die Pferde �ngstlich. Ein Schauer kroch �ber Artax� R�cken.</p><p>Juba f�hrte ihn um einen gro�en Felsen. Auf der R�ckseite war ein Mann niedergesackt. Das Skelett lehnte in sitzender Haltung am Fels, der Sch�del war abgefallen und ein St�ck zur Seite gerollt. Vor ihm lagen noch zwei andere Tote. Artax fragte sich, was in diesen M�nnern vorgegangen war, und warf einen bangen Blick zur Klamm. Von hier aus war der Eingang zur Felsenenge nicht mehr zu sehen. Das ganze Tal lag bereits im D�mmerlicht. Artax sp�rte, wie sein Herz schneller zu schlagen begann.</p><p>�Was wirklich seltsam ist ��</p><p>Jubas Stimme lie� ihn aufschrecken und seine Hand klammerte sich fester um den Griff des Schwertes.</p><p>�� ist, dass sie bis zum letzten Mann k�mpften. Ich habe schon viele Geschichten dar�ber geh�rt, dass Streit unter Kriegern ausbrach. Wegen Weibern oder Pl�ndergut. Oder darum, wer der Anf�hrer sein soll. Gew�hnlich bilden sich zwei Lager. Aber es m�sste �berlebende geben! Und die h�tten ganz gewiss keine angebundenen Pferde zur�ckgelassen. Und auch nicht die Geldbeutel an den G�rteln der Toten. Und noch etwas ist mir aufgefallen. Es waren insgesamt zw�lf Krieger. Eine �bliche Mannschaftsst�rke f�r einen verst�rkten Sp�htrupp. Wie es scheint, hat der Satrap von Nari die Anfrage des Schmelzmeisters doch nicht einfach in den Wind geschlagen.�</p><p>Juba war stehen geblieben und deutete auf eine undeutliche F�hrte in dem dicken Polster aus Fichtennadeln. Sie f�hrte geradewegs in die Finsternis. �Zuletzt hat nur einer �berlebt�, fl�sterte er. �Er ist zur Klamm gegangen.�</p><p>Artax dachte an die Zeichnungen des Holzf�llers. Er hatte genug geh�rt. Er ging zur�ck zu seinem Schimmel und l�ste den Maskenhelm vom Sattel. Das Metall war noch warm von der Mittagssonne.</p><p>�Ihr wollt allein gehen, Herr?� Juba stellte sich ihm in den Weg.</p><p>�Wie es scheint, sollte man in diesem Tal seinen Kameraden nicht mehr trauen.�</p><p>�Ich bin nicht wie dieses Pack dort dr�ben!�</p><p>Artax setzte sich den Helm auf und schloss die Gesichtsmaske. Dann trat er dicht vor Juba hin und legte seinem Gef�hrten die Rechte auf die Schulter. �Ich habe keinen zweiten Freund wie dich. Du bist der Treueste der Treuen. Ich wei�, deine Freundschaft w�rde jede Probe bestehen.� Er zog das Knie hoch und rammte es Juba mit aller Kraft zwischen die Schenkel. Der st�mmige Krieger knickte ein und taumelte ein St�ck zur�ck.</p><p>Artax riss sein Schwert aus der Scheide. Die Waffe beschrieb einen silbernen Bogen. Der Knauf h�mmerte gegen Jubas linke Schl�fe. Der Krieger ging zu Boden.</p><p>�Verzeih meinen Verrat�, sagte Artax. �Du bist mir zu kostbar, um dich zu verlieren. Und dort, wo ich hingehe, bin ich am st�rksten allein.�</p><p>Artax schob das Schwert zur�ck in die Scheide, dann stieg er den Hang hinab und ging auf das Dunkel zu. Er vertraute auf seine R�stung. Sie war von den Devanthar erschaffen und von Magie durchdrungen. Das B�se w�rde von ihr abprallen. Und was immer den Verstand der Krieger und Holzf�ller so sehr verwirrt hatte, dass sie �bereinander hergefallen waren, w�rde von den Zaubern, die um seinen Maskenhelm gewoben waren, ferngehalten. Zumindest hoffte er das.</p><p>Es ist nicht deine Aufgabe, hier zu sein.</p><p>Angst?</p><p>Diesmal sprach er es nicht aus.</p><p>Was h�tten wir schon zu f�rchten?</p><p>Artax konnte sp�ren, dass Aaron bei Weitem nicht so selbstsicher war, wie er sich gab. Finsternis umfing ihn. Irgendwo pl�tscherte Wasser. Mit der Linken tastete er sich an der Felswand entlang. Ger�ll und �ste lagen auf dem Weg. Zwei Mal strauchelte er. Immer wieder hielt er inne und lauschte. Der Maskenhelm verst�rkte das Ger�usch seines Atems. Ansonsten war es still. Auch das Wasser war nicht mehr zu h�ren.</p><p>Artax dr�ckte sich mit dem R�cken gegen die Felswand. Jetzt war es so dunkel, dass er die Hand vor Augen nicht mehr sehen konnte. Wenn ihm hier jemand auflauerte, w�rde er mit Sicherheit �berrascht.</p><p>Pl�tzlich erbebte der Boden unter seinen F��en. Ein tiefes, grollendes Ger�usch begleitete die Ersch�tterung � und dann war da Licht. So unvermittelt, dass Artax zusammenzuckte und sich noch fester gegen den Fels dr�ckte. Es war nicht gr�n, wie er erwartet hatte � Artax versuchte es einzuordnen. Vergebens! So etwas hatte er nie zuvor gesehen. Es schien direkt aus den Felsw�nden zu sickern.</p><p>Der Atem stand Artax in dichten Wolken vor dem Mund. Es war so kalt wie hoch auf dem Gipfel eines Berges. Dieses Licht � Es verhielt sich nicht so, wie Licht sich verhalten sollte. Es <emphasis>rann</emphasis> die Felsen hinab. Wie eine z�he Fl�ssigkeit. Es war ohne Strahlkraft, gerade hell genug, um alles in seiner unmittelbaren N�he aus dem Dunkel zu rei�en.</p><p>Artax bemerkte, dass er zwischen Knochen stand. Da war kein Ger�ll auf dem Boden und kein d�rres Astwerk. Nur bleiche Gerippe und Waffen und Helme aus gr�n angelaufener Bronze.</p><p>Behutsam tastete sich Artax weiter. Es war unm�glich voranzukommen, ohne auf Knochen zu treten. Die Klamm wand sich in scharfen Kurven durch den Fels. Nie konnte man weiter als h�chstens zwanzig Schritt sehen. Merkw�rdige Kalkwucherungen �berzogen mancherorts den Fels. Wie versteinerte wei�e Tr�nen, dachte Artax. Was war hier verborgen, das selbst Steine weinen lie�?</p><p>Er zog sein Schwert und wurde sich im selben Augenblick bewusst, wie sinnlos es war. Bisher hatte er nichts gesehen, was man mit der Waffe in der Hand h�tte bek�mpfen k�nnen.</p><p>Wieder bebte der Fels. Ein durchdringendes schleifendes Ger�usch ert�nte, so eindringlich, dass es jede Faser seines Leibes vibrieren lie�. Kalt klebte die Maske seines Helms auf seinen Wangen. Vorsichtig tastete er sich um eine weitere scharfe Kehre der Klamm und verharrte. Vor ihm weitete sich der Weg. Die Felsw�nde wichen auf etwa drei�ig Schritt voneinander zur�ck, sodass er sogar einen Streifen Himmels, verhangen von blutroten Wolken, sehen konnte. Doch was ihn fesselte und zugleich auch schreckte, war das Ende des Weges. Eine riesige, fremdartig wirkende Statue war aus dem Felsen geschlagen. Eine auf den Fersen kauernde Gestalt mit �ber der Brust verschr�nkten Armen. Die Proportionen des K�rpers wirkten falsch. Nicht menschlich! Arme und Beine erschienen zu lang und waren zugleich unnat�rlich d�rr. Die Gelenke von Ellenbogen und Knien hatten die Steinmetze �bergro� und kugelig gestaltet, und auch der Kopf passte nicht zu den Ma�en des K�rpers. Er war zu gro�, wie bei einem Neugeborenen. Doch <emphasis>dieser</emphasis> Kopf war nach hinten verl�ngert. Seine Augen � starrende Kugeln, in schattige H�hlen eingesunken. Der Mund war schmal und wirkte verkniffen, das Kinn zu klein und spitz. Steinerne B�nder wanden sich um die Glieder wie Fesseln, als sollten sie die kauernde Gestalt daran hindern, sich aufzurichten.</p><p>Eine weite Treppe f�hrte hinauf zu der Statue. Merkw�rdige Kugeln schm�ckten die Treppenabs�tze. Das Abendrot vermischte sich mit dem blauen Licht, das auf unnat�rliche Weise aus den Felsen sickerte. Es war ein beklemmender Ort, nicht f�r Menschen geschaffen.</p><p>Entschlossen trat er aus der Klamm. Auch hier lagen �berall Leichen, doch diese waren nicht skelettiert, sondern wirkten ausgetrocknet � wie Tote, die man in der W�ste fand, wo niemals Wasser fiel. Manche mussten vor Jahrhunderten gekommen sein. Er entdeckte Speere mit Steinspitzen. Zwei Krieger trugen R�cke aus zotteligem Schafsfell. B�nder aus verblichenem Rot hielten ihre hochgesteckten Frisuren.</p><p>Kn�chellange Lederumh�nge, mit runden Bronzeplatten geschm�ckt, lagen wie Leichent�cher auf einigen Toten, deren lederne Helme nun fast dieselbe Farbe wie ihre verschrumpelten Gesichter zeigten. Aus der Brust eines Toten ragte ein abgebrochener Speerschaft. Auch hier war gek�mpft worden, ebenso wie bei dem Lagerplatz am Bach, den Juba entdeckt hatte.</p><p>Am Fu� der Treppe kauerte eine Gestalt in vertrauten Gew�ndern. Ein Krieger, ganz �hnlich den M�nnern in seiner Leibwache. Er schien den Kopf in die H�nde zu st�tzen. Auf seinem Kopf sa� ein spitz zulaufender Helm.</p><p>Die vertraute Erscheinung fl��te Artax Mut ein. Er bahnte sich seinen Weg zwischen den Toten. Das Tal schien viel lang gestreckter zu sein, als es am Ausgang der Klamm den Anschein erweckt hatte. Oder verlangsamte etwas seine Bewegung?</p><p>Jedes Mal, wenn er zu der bizarren Statue aufblickte, f�hlte er sich klein und unbedeutend.</p><p>Endlich erreichte er die Treppe. Der Krieger dort hatte sich sein Schwert durch die Kehle gesto�en. Artax blickte auf die Waffe in seiner Hand. Hastig stie� er sie in die Scheide zur�ck. Das Klirren hallte unnat�rlich laut von den Felsw�nden wider.</p><p>Die Stufen der Treppe waren ungew�hnlich, fast drei Mal so hoch, wie es �blich war. F�r wen war dieser Ort geschaffen worden? Nicht f�r Menschen! Wie gut, dass wir Unsterbliche sind, was?, dachte er, an Aaron gewandt. Das mit der Unsterblichkeit war zwar gelogen, aber immerhin hatten sie eine magische R�stung und den Segen des Devanthar auf ihrer Seite. Und zum ersten Mal war Artax froh dar�ber, in gewisser Weise nicht allein zu sein. Nat�rlich schwieg der Drecksack Aaron jetzt, aber das war egal. Was z�hlte, war das Wissen, nicht allein zu sein.</p><p>M�hsam k�mpfte Artax sich bis zum ersten Absatz hinauf. Die Form der steinernen Kugel, die mitten auf den Treppenabsatz gestellt war, schien ihm vertraut. Sie stellte den gro�en, aufgedunsenen Leib eines Wolkensammlers dar. Seine Fangarme breiteten sich wie Wurzelwerk �ber den Treppenabsatz aus und erschwerten das Gehen. Welcher Bildhauer hatte diese Kreaturen der Neuen Welt schon vor Jahrhunderten gekannt? Die Devanthar hatten den Menschenv�lkern doch erst vor wenigen Jahrzehnten den Weg �ber den Goldenen Pfad gewiesen! Waren fr�her schon einmal Menschen in dieser fremden Welt gewesen? Artax sah zu der gewaltigen Statue auf. Was hatten diese ersten Menschen dort angetroffen?</p><p>Der Unsterbliche umrundete die Skulptur des Wolkensammlers und k�mpfte sich weiter die Treppe hinauf. Zwischen den hageren Beinen der kauernden Riesenstatue klaffte eine dunkle �ffnung. Jetzt, da Artax das Bildnis aus einem anderen Blickwinkel sah, entdeckte er neue, abschreckende Details. Das Gesch�pf hatte keine F��e! Es kauerte auf Knochenst�mpfen.</p><p>Wer verehrte einen gefesselten Gott ohne F��e?</p><p>Lass uns gehen!</p><p>Artax sp�rte Aarons Angst, aber er sch�ttelte den Kopf. Nein, dachte er. Noch nicht.</p><p>Wei�t du etwas �ber diesen Ort?</p><p>Nur dass er ganz offensichtlich nicht f�r Menschen geschaffen wurde. Komm mir jetzt nicht mit einf�ltigen Gedanken �ber Unsterblichkeit. Was hast du hier verloren? Was haben wir hier verloren?</p><p>Wir. Na schau einer an, dachte Artax.</p><p>Es ist meine Aufgabe das Reich zu besch�tzen. Ich sollte �</p><p>Du w�nschst dir, dass wir dich in Ruhe lassen. Wir werden uns m��igen, wenn du gehst. Aber tu es jetzt. Z�gere nicht l�nger!</p><p>Das Angebot war verlockend. Trotzdem erklomm Artax die letzten Treppen. Er hatte sich Aaron so lange widersetzt, dass er jetzt nicht einfach aufgeben konnte � und ihm war deutlich bewusst, dass das kein guter Grund war.</p><p>Narrengedanken sind das!</p><p>Artax nickte. Aaron hatte recht, aber er ging dennoch weiter. Schritt f�r Schritt f�r Schritt.</p><p>Endlich am Eingang zur H�hle angekommen, schlug Artax ein eisiger Hauch entgegen. Nerv�s tastete er nach seinem Schwert. Dann dachte er an den Krieger am Fu� der Treppe und besann sich eines Besseren.</p><p>Z�gerlich �berschritt er die Schwelle. Auch in der H�hle sickerte dunkelblaues Licht aus den Felsw�nden. �berall standen h�lzerne Ger�ste. Einige waren unter der Last der Jahrhunderte in sich zusammengebrochen. Hinter den Holzstegen erkannte Artax unvollendete Reliefs. Sie zeigten Bilder dieser abscheulichen Monstrosit�t, die am Eingang der H�hle kauerte.</p><p>Warum die Arbeiten wohl unvollendet geblieben waren? Auf dem Boden verstreut lagen Werkzeuge. Hammerk�pfe aus Stein. H�lzerne Hebel und Keile. Zerfaserte Hanfseile.</p><p>Artax achtete darauf, kein Ger�usch zu verursachen. Er ging langsam, hielt immer wieder inne und sp�hte in alle Richtungen. Die K�lte begann ihm zuzusetzen. Das Metall der Maske brannte eisig auf seinem Gesicht. Seine F��e f�hlten sich taub an. Der Frostodem dieses Ortes drang ihm tief in die Knochen.</p><p>Die Halle im Fels war fast so gro� wie das enge Tal. Wenn er nach oben sah, konnte er keine Decke erkennen. Der Blick verlor sich in dem unsteten dunkelblauen Licht. Vielleicht sollte er einfach umkehren? Die Botschaft des Dunklen Tals war eindeutig. Wer hierherkam, war des Todes. Er sollte eine hohe Mauer am Taleingang errichten lassen, damit sich nie wieder jemand an diesen d�steren Ort verirren konnte. Hier gab es nichts zu finden au�er dem eigenen Verderben.</p><p>In ebendiesem Augenblick lief erneut ein Beben durch den Fels und Artax fuhr herum. Kleine Steine fielen klackernd auf den Boden der H�hle. Die h�lzernen Ger�ste klapperten und �chzten. Wieder ert�nte jenes schleifende Ger�usch und ging ihm durch und durch. Mit Schrecken sah Artax, wie sich eine m�chtige steinerne Pforte vor dem H�hleneingang herabsenkte. Er lief los, strauchelte �ber die Tr�mmer der Ger�ste, die �berall auf dem Boden lagen, kam fluchend wieder auf die Beine. Der schleifende L�rm zerrte an seinen Nerven und der Spalt, der noch blieb, wurde immer schmaler. Artax warf sich auf den Boden. Die steinerne Platte, die sich vor den Eingang senkte, war mehr als einen Fu� dick. Wenn er sich �ber den Boden rollte, w�rde er entkommen. Er stellte sich vor, wie er zerquetscht wurde, mit einem Schwall von Blut und Eingeweiden sein Leben ausspie � und dieser Augenblick des Z�gerns kostete ihn sein Entkommen. Mit dumpfem Donnern schloss sich der T�rstein. Artax begann am ganzen Leib zu zittern. Panik �bermannte ihn. Er war lebendig begraben! Seine magische R�stung half ihm hier nichts. Er w�rde elendig verdursten. Und bald nichts als ein weiteres unter den unz�hligen Skeletten in diesem Tal sein.</p><p>Ein eisiger Lufthauch streifte seine Hand. Er fuhr herum. Weit hinten in der Halle hatte sich eine zweite T�r ge�ffnet und dort erstrahlte ein unstetes gr�nes Leuchten. Eine Falle!</p></section><section><title><p>Das gr�ne Licht</p></title><p>Dieses Licht musste seinen Ursprung in irgendeinem dunklen Zauber haben, dachte Artax. Und vor Zaubern w�rde ihn seine R�stung sicherlich sch�tzen. Entschlossen durchquerte er die Halle. Er dachte an das Beben, das er in der Klamm gesp�rt hatte. Vielleicht w�rde sich die steinerne Fallt�r wieder �ffnen?</p><p>Jetzt, da er n�her kam, sah er in der anderen Kammer gro�e, sich windende W�rmer aus gelbgr�nem Licht. Es erschien ihm, als tanzten sie zu einer f�r ihn unh�rbaren Melodie. Sie bewegten sich um etwas, das er nicht deutlich erkennen konnte. Ein Kristall? Ein gro�es St�ck Glas, durchzogen von silbernen Adern?</p><p>Einer der Lichtw�rmer brach aus dem Reigen aus. Seine Form �nderte sich, ja, sie l�ste sich auf, bis nur noch ein Nebelschleier aus Licht blieb. Er kroch �ber zerbrochene Ger�ste auf ihn zu.</p><p>Artax sah, wie sich Raureif auf dem Holz bildete, das von dem Nebel ber�hrt wurde. Er glaubte auch ein feines Knistern zu vernehmen. Jedes einzelne Haar an seinem K�rper richtete sich auf. War dies einer der Gr�nen Geister, die in der Neuen Welt solchen Schrecken verbreiteten?</p><p>Der Wurm wogte ihm entgegen, umfing ihn. Artax hielt den Atem an. Da war ein Wohlgeruch wie Bl�tenhauch. Das Licht wurde heller, wo es Metall ber�hrte. Mit dem Nebel tastete schneidende K�lte nach ihm. Pl�tzlich schien sich alles um seinen Kopf herum zusammenzuziehen. Obwohl er den Maskenhelm trug, f�hlte es sich an, als fege ihm ein scharfer Wind ins Antlitz. Ein Druck war in seinem Kopf, Tr�nen stiegen ihm in die Augen und er k�mpfte gegen �belkeit an. Gegen den Drang, den Helm vom Kopf zu rei�en. Der Bl�tenduft war einem metallischen Geruch gewichen. Ein bitterer Geschmack lag auf seiner Zunge. Nun knisterte es rings um den Helm, und er musste all seine Willensst�rke aufbieten, um ihn nicht abzunehmen. Pl�tzlich lag seine rechte Hand am Schwert. Er zog es aus der Scheide! Ganz langsam richtete er die Spitze der Waffe gegen seine Brust. Na gro�artig, dachte er, denn es war die einzige Klinge weit und breit, die den von Magie durchwobenen Leinenpanzer durchdringen konnte. Wehr dich, verdammt, wehr dich!</p><p>Die Schneide zerteilte die verleimten Stoffschichten. Er sp�rte den eisigen Kuss des Schwertes auf nackter Haut. Ein kalter Schmerz durchfuhr ihn und Blut sickerte in den Stoff der R�stung. So durfte es nicht enden! Es war noch so vieles zu tun!</p><p>Almitra!, dachte er. Shaya! Er hatte sie nicht ein einziges Mal gek�sst. Ihr nicht ein einziges Mal jene Str�hne aus der Stirn gestrichen, die sie so unverwechselbar machte. Ihr nie von seinen Tr�umen erz�hlt oder ihre Sehns�chte mit ihr geteilt. Nein, dachte er. Nein! Wer auch immer du bist, du fu�lose Missgeburt, du kriegst mich nicht! Mit der Linken umklammerte er sein rechtes Handgelenk und dr�ckte die Waffe nieder. K�mpfte gegen den fremden Willen an, der ihn in den Tod treiben wollte.</p><p>Er war besessen! Nicht mehr Herr seiner Taten. Besessen � Er wusste, dass viele ihn in den vergangenen Monden so gehei�en hatten. Heimlich, hinter vorgehaltener Hand. Weil er das K�nigreich reformierte. Tief greifend! Er hatte das Brot der Armut gekostet. Er wollte, dass es der breiten Masse des Volkes besserging. Artax klammerte sich an seine Visionen. Konnte er in dieser selbst gew�hlten Besessenheit die Kraft finden, den fremden Willen, der sein Leben ausl�schen wollte, niederzuringen? Er dachte an Bettler, die im Unrat der Stra�en verreckten. An Kinder, die in die Sklaverei verkauft wurden, weil ihre Eltern sie nicht n�hren konnten. Und an Shaya, die eines Tages mit ihm gemeinsam ein Land regieren w�rde, in dem niemand mehr w�rde Hunger leiden m�ssen.</p><p>Die Klinge wich von seiner Brust zur�ck. Zoll um Zoll rang er sie nieder, bis pl�tzlich der Widerstand zerbrach. Er schrie auf und stie� das Schwert hoch in den Gr�nen Nebel. Flackern durchzog den Gr�nen Geist wie ein Gespinst haarfeiner Blitze. Dann war er verschwunden. Was blieb, war ein seltsamer Geruch, so wie er manchmal nach einem Gewitter in der Luft lag. Die Klinge mit den verschlungenen blaugrauen Wellenmustern hatte ihr Aussehen ver�ndert. Ein vielfach verzweigtes Gespinst gr�ner Adern hatte sich in das Metall gefressen und ein blasser Lichtschimmer umfing die Waffe. War der Geist, der ihn hatte vernichten wollen, nun zum Gefangenen seines Schwertes geworden?</p><p>�Au�ergew�hnlich!�</p><p>Artax blickte von der Klinge auf. Er f�hlte sich benommen und die Wunde in seiner Brust schmerzte.</p><p>�Wirklich au�ergew�hnlich. Jetzt verstehe ich, warum mein Bruder so vernarrt in dich ist, Artax, der du dich f�r Aaron den Unsterblichen ausgibst.�</p><p>Artax hob die Klinge. Wer war das? Wer wusste um das Geheimnis, das seine Existenz ausmachte?</p><p>�Oh, w�rdest du das Schwert gegen mich richten? Diese Klinge k�nnte mich vermutlich sogar t�ten. Aber ich glaube nicht, dass du geschickt genug bist, um mich auch nur zu ber�hren.� Die Stimme war tief und die Rede von seltsamen grunzenden Lauten durchsetzt. Ein unf�rmiger Schattenriss erschien in der hohen T�r, durch die der Gr�ne Geist gekommen war.</p><p>�Wer bist du?�, rief Artax.</p><p>�Dein Gott. Dein Gebieter. Der, vor dem alle Geheimnisse offenliegen. Ich bin Schrecken und Gnade.� Klackende Schritte begleiteten die Worte.</p><p>Artax blinzelte. Die Gestalt war fast drei Schritt gro�. Bullig. Die Beine zu schlank. Ein Eberkopf wuchs aus den Schultern. Es musste ein Devanthar sein. Doch er war h�sslich! Unf�rmig. Ganz anders als der L�wenh�uptige und die Gefl�gelte.</p><p>�Dir gef�llt nicht, was du siehst?� Hohngel�chter lie� die weite Halle erbeben. �Wenn ich mich recht erinnere, habe ich nicht um deinen Besuch gebeten. Waren die Zeichen drau�en nicht deutlich genug? Was war daran missverst�ndlich? Dieser Ort ist nicht f�r Menschen geschaffen! Ebenso wenig wie die tiefen Kammern des Gefiederten Hauses oder der Gelbe Turm von Garagum. Dieser Ort ist allein meinesgleichen bestimmt!�</p><p>�Was wird hier verborgen?�, beharrte Artax. Er wich zur�ck. Er wollte eine Wand im R�cken haben. Die Klinge wies auf die Brust des Ebermannes.</p><p>�Du bedrohst mich? Du hast Gl�ck, dass ich hier bin. Ich habe Sinn f�r Humor. Andere w�rden dich f�r diese Unversch�mtheit zerfleischen. Du bist in das Haus der G�tter gekommen, <emphasis>Sterblicher</emphasis>! Dein Titel bedeutet hier nichts. Du bist von uns zu dem gemacht worden, was du bist � und wir k�nnen dir alles in einem einzigen Augenblick wieder fortnehmen.�</p><p>Fall vor ihm auf die Knie, du Depp, und k�ss den Boden, auf dem er schreitet. Wir haben unglaubliches Gl�ck gehabt, noch zu leben. Verspiel das nicht wieder, verdammt!</p><p>Du lebst nicht mehr, Aaron, dachte er gereizt und wandte den Blick nicht von dem Ebermann ab. �Ich bin der Herrscher von Aram. Dies ist mein Reich. Und ich will wissen, was in meinem Reich geschieht!�</p><p>Wieder lachte der Ebermann. Er war jetzt nur noch drei Schritt entfernt. Seine H�nde endeten in Krallen wie bei einem Raubtier. Er ging leicht geduckt, als w�rde das Gewicht seiner breiten Schultern ihn niederdr�cken. Seine Beine verj�ngten sich zu Eberl�ufen. Statt F��en hatte er gespaltene Hufe.</p><p>�Du bist ein Tr�umer, Artax. Vielleicht ist es das, was mein Bruder an dir so sehr sch�tzt. Du willst Geheimnisse enth�llen? Du kennst nicht einmal alle Geheimnisse deines Palastes! Wahrscheinlich verschw�rt man sich gerade in diesem Augenblick erneut gegen dich. Du willst zu viel zu schnell ver�ndern. Die M�chtigen deines Reiches sehen eine Gefahr in dir. Wei�t du, dass sie meinen Bruder angefleht haben, einen von ihnen zum Unsterblichen zu erheben? Du stehst vor der n�chsten Palastrevolte, kaum dass du mit den Priestern fertig bist. Und wie hast du dich der Priester entledigt? Aaron hat sich, als du im Fieber lagst, deiner Stimme bem�chtigt und hat deinen Scho�hund Juba auf sie losgelassen. Du ahnst das l�ngst. Und du hast es hingenommen, um deine Herrschaft zu retten. Hast du Juba gefragt, was mit den Verschw�rern geschehen ist? Hast du dir wenigstens angeh�rt, auf welche Weise sie in deinen Folterkellern ihr Leben herausgeschrien haben? Wenn du ein wirklicher Herrscher sein willst, solltest du dabei sein, wenn deine Feinde verrecken. Wenn du Manns genug dazu bist, wirst du vielleicht der Verschw�rer Herr werden. K�nigreiche sind nicht auf Freundschaften und Nettigkeiten begr�ndet. Ihr Fundament ist Furcht!�</p><p>Es wunderte Artax nicht, dass Aaron sich ausgerechnet jetzt zu Wort meldete. Jubelnd fast, mit einer Stimme, die sich vor Furcht und Aufregung nahezu �berschlug.</p><p>Ja! H�re auf ihn. Er ist ein Gott. Meine Worte schl�gst du in den Wind. Aber er ist der Verk�nder der Wahrheit. Ein Gott! Beug dich endlich der Wirklichkeit, Tr�umer.</p><p>�Ich werde das Gegenteil beweisen. Man muss kein Tyrann sein, um zu herrschen!� Artax verachtete diese Kreatur. Das war gewiss kein Bruder des L�wenh�uptigen. An dem Ebermann war nichts Edles. Nichts G�ttliches!</p><p>�Ich lasse mich �berraschen. Meine Erfahrung beruht auf Jahrhunderten. Was ist der Quell deiner Weisheit? Ein aufrichtiges Herz?�</p><p>�Was ist in der Kammer dort dr�ben?�</p><p>�Dein Verderben, <emphasis>Sterblicher</emphasis>. Ich bin ein Seelendieb. Das dort dr�ben sind Seelen, Artax. Seelen, die nicht von dieser Welt stammen. Gequ�lt und voller Rachsucht.�</p><p>Artax blickte zu dem wirbelnden gr�nen Licht. Konnte das stimmen? Oder war es eine L�ge?</p><p>�Warum sind sie hier?�</p><p>�Weil die Meinen nicht duldsam sind, wenn Diener Herren sein wollen!� Er machte einen Satz nach vorn und Artax erkannte, dass seine plumpe Erscheinung T�uschung war. Der Ebermann war so schnell, dass seine Bewegungen zu Schemen verschwammen. Der Devanthar packte sein Handgelenk und drehte es schmerzhaft herum, bis die Klinge des Schwertes ein zweites Mal auf seine Brust zeigte. Der Devanthar verharrte und lie� Artax das volle Ausma� seiner Hilflosigkeit sp�ren. Dann stie� er die Waffe hinab. Das Schwert fuhr scharrend in die Scheide.</p><p>�Du gehst jetzt, Menschensohn. Und komm nie wieder hierher! Fordere mich nicht heraus! Du lebst, weil du der Liebling meines Bruders bist. Denk �ber meine Worte nach! Herrsche! Und was deine Neugier anbelangt � ich werde dir nichts erkl�ren, aber du hast fast alles gesehen. F�ge die Bilder mit dem, was ich gesagt habe, zusammen und lebe k�nftig in Furcht. Oder vergiss sie und behalte deinen Frieden � jedenfalls, was die Angelegenheiten der G�tter angeht. Am Ende sind alle G�tter erbarmungslos, auch wenn sie sich g�tig geben. Wer seine Macht erhalten will, muss sie aus�ben!�</p><p>Es w�re kl�ger gewesen, den Mund zu halten, aber Artax wollte nicht einfach zurechtgewiesen und gedem�tigt davonschleichen. �Wie schrecklich muss Unsterblichkeit sein, wenn alles vorhersehbar ist und sich wiederholt wie die Jahreszeiten. Sterben G�tter zuletzt an Langeweile?�</p><p>Wie ein Sturm schossen Aarons Worte durch seine Gedanken. H�rst du mich, G�ttlicher? Wir sind v�llig deiner Meinung! Bitte verschone uns, wenn den Bauern deine gerechte Strafe trifft.</p><p>Feigling!, dachte Artax. Elender Feigling. Schleichst dich in meinen Geist und l�sst Dutzende in deinen Kerkern dahinschlachten! Und dann wimmerst du wie ein altes Weib. Sch�m dich, du � Du � Gibt es �berhaupt ein Wort f�r so etwas wie dich?</p><p>Der Ebermann bleckte seine Z�hne. Ein L�cheln? Hatte er Aarons Aufschrei geh�rt?</p><p>�Es stimmt, Artax. �berraschungen sind der gr��te Schatz, wenn man alles besitzen kann. Ich werde dich in Zukunft aufmerksamer beobachten. Vielleicht bist du ja f�r eine �berraschung gut. Deshalb zum Schluss ein Rat. Der Krieg, den du angezettelt hast, wird nicht erst in drei�ig Monden auf dem Schlachtfeld ausgetragen, das f�r das Ringen der Heere bestimmt wurde. Er hat schon l�ngst begonnen. Wenn du bis zum Tag der Feldschlacht wartest, um zu k�mpfen, hast du bereits verloren, ehe der erste deiner Krieger sein Schwert zieht. Und nun geh!�</p><p>Der Boden erbebte. Stein schliff �ber Stein. Die m�chtige Fallt�r am Eingang �ffnete sich. �Geh, Artax! �berrasche mich! Zeig mir, dass die Welt anders ist, als ich, ein Gott, es glaube!�</p><p>Artax wandte sich um. Er wusste, er w�rde niemals an dem Devanthar vorbei in die n�chste Halle gelangen. Er konnte sich gl�cklich sch�tzen, noch zu leben. Diese Schlacht hier war nicht zu gewinnen.</p><p>Er presste seine Rechte auf die Wunde in seiner Brust. Sie hatte aufgeh�rt zu bluten, aber ein stechender Schmerz ging von ihr aus. Das blaue Leuchten der Felsw�nde wies ihm den Weg. In fahlem Wei� hoben sich die Gebeine vom dunklen Weg ab. Wozu hatten all diese Menschen ihr Leben lassen m�ssen? Waren sie gestorben, weil die G�tter sich <emphasis>langweilten</emphasis>?</p><p>Er w�rde dieses Spiel beenden, dachte er voller Zorn. Die Mauer, die er bauen w�rde, w�rde k�nftig alle Neugierigen vom Dunklen Tal fernhalten.</p><empty-line/><p>Juba war wieder zu sich gekommen. Er erwartete ihn, benommen und �bellaunig. Artax musste dem Kriegsmeister auf sein Pferd helfen und hielt sich dann dicht neben ihm, damit sein Gef�hrte nicht aus dem Sattel st�rzte. Im Dunkel der Nacht kamen sie nur langsam voran. Die Sterne waren weit �ber den Himmel gewandert und die D�mmerung nicht mehr fern, als sie vor sich die Feuer des Nachtlagers entdeckten.</p><p>Im Lager herrschte Unruhe. Niemand schien Schlaf gefunden zu haben. Alle M�nner waren auf den Beinen und umringten ihn und Juba, als sie in den Lichtkreis der Feuer kamen. Artax war unendlich m�de, aber er l�chelte. Der Devanthar hatte sich geirrt. Herrscher konnten doch Freunde haben!</p><p>�Erhabener!� Datames, der Hofmeister, dr�ngte zu ihm vor. �Erhabener, kaum dass wir das Tal verlassen hatten, hat ein Bote aus Ak�u uns gefunden. Etwas Schreckliches ist geschehen. Wir m�ssen sofort aufbrechen!�</p></section><section><title><p>Eine besondere Kunst</p></title><p>Nandalee hatte ihn beeindruckt, dachte Gonvalon, obwohl er das ihr gegen�ber niemals zugeben w�rde. Ihr Ungehorsam und ihre Widerborstigkeit hatten unertr�gliche Ausma�e angenommen. Mit ihr war der Geist der Rebellion in die Wei�e Halle eingezogen, und er begann auf andere junge Elfen abzuf�rben. Insbesondere auf Eleborn.</p><p>Ihr Widerstreben, sich einer der sch�nen K�nste zu verschreiben, war der Angelpunkt allen Streites. Sie lebte nun mehr als ein halbes Jahr in der Wei�en Halle und ihr Name war in aller Munde. Alle Sch�ler verfolgten ihren Streit mit den Meistern, den Drachenelfen. Zun�chst hatte sie ihren Bogen als Holzskulptur gepriesen. Dann hatte sie die Frechheit besessen, ihren Bogen als ein Saiteninstrument zu bezeichnen, und ihm bei einem Vorspiel bei den Meistern der Wei�en Halle unvergesslich j�mmerliche T�ne entlockt. Darauf angesprochen, hatte sie sich h�flich entschuldigt und gesagt, sie habe nicht gen�gend Zeit gehabt, ihr Instrument angemessen zu erlernen. Allen Meistern war bewusst, dass Nandalee die besondere Aufmerksamkeit des Dunklen besa�, des �ltesten aller Drachen. Das hatte sie offensichtlich zu dem Trugschluss verleitet, sie k�nne sich jede Frechheit erlauben. Gonvalon dachte mit Scham daran, dass er zu den F�rsprechern Nandalees geh�rt hatte. Sie hatten ihr ein halbes Jahr gew�hrt, ihr Spiel zu verbessern.</p><p>Schon drei Tage sp�ter hatte Gonvalon gewusst, dass sie niemals die Absicht gehabt hatte, mit ihrem Bogen eine andere Kunst zu praktizieren, als zu schie�en. Er hatte sie gew�hren lassen und die anderen Meister nicht unterrichtet. Wenn seine Sch�ler im Schwertkampf Talent erkennen lie�en, lehrte Gonvalon sie einen Waffentanz, der ohne jede Melodie auskam. Es waren einhunderteinundzwanzig Figuren, Paraden und Angriffe, die es in Harmonie auszuf�hren galt. An sch�nen Tagen versammelte er seine Besten um sich und sie alle gemeinsam �bten den Tanz der Krieger. Sieben Sch�lerinnen und Sch�ler, die sich in vollkommener Konzentration im Gleichklang miteinander bewegten. Er traf sich mit ihnen tief im Wald und hatte sie schw�ren lassen, anderen von diesen Stunden nichts zu berichten. Gonvalon bef�rchtete den Spott der anderen Meister. Schwertkampf und Tanz miteinander zu verbinden war <emphasis>ungew�hnlich</emphasis>. Und er galt schon jetzt als ungew�hnlich genug.</p><p>Auch Nandalee hatte er in diesen verschworenen Zirkel aufgenommen. Anders als ihre Freundin Bidayn, die in letzter Zeit erstaunlich schnell in Angriff und Verteidigung geworden war, hatte die rebellische Nandalee die innere Harmonie im Kampf erf�hlt. Ihre Fechtkunst war nicht nur effektiv, sie war sch�n anzusehen. Und weil sie sich in allen Unterrichtsstunden vorbildlich bem�hte, hatten die Meister Nandalee ein halbes Jahr lang mit ihrem Bogen gew�hren lassen.</p><p>Und nun stand Nandalee auf einer weiten Wiese nahe der Schule erneut vor ihren Meistern. Sie trug das Gewand der Wei�en Halle, ein enges, �rmelloses Kleid mit Stehkragen, an den Seiten hoch geschlitzt, sodass man sich gut darin bewegen konnte. Dazu weite, wei�e Hosen und fast kniehohe, weiche Stiefel. Ihre Kleider waren ohne Schmuckborten, einfach nur wei�. Sie waren frisch gewaschen und gebleicht. Seit ihrer ersten Begegnung, als sie nach ihrem unfreiwilligen Bad nackt und frierend im Schnee gestanden hatte, hatte Gonvalon sie noch nie so sauber gesehen. Ihr Haar war zur�ckgek�mmt und zu einem Pferdeschwanz hochgebunden. Nur eine kleine Str�hne, die �ber ihrem linken Ohr herabhing, war ihrem pl�tzlichen Sinn f�r Ordnung entgangen. Es war un�bersehbar, dass sie sich bem�hte, einen guten Eindruck zu hinterlassen und allen zu zeigen, dass sie sich zumindest an einige der Regeln der Wei�en Halle hielt. Allerdings war auch der erb�rmliche Zustand ihrer Kammer allgemein bekannt. Aber damit hatte sie gegen keine der niedergeschriebenen Satzungen der Wei�en Halle versto�en. Bisher hatte es hier niemand f�r m�glich gehalten, dass man sein eigenes Zimmer in einen solchen M�llhaufen verwandeln k�nnte. Gonvalon hatte es als verschrobenen Teil ihrer Rebellion aufgenommen, aber er wusste nur zu gut, dass etliche andere Drachenelfen dadurch bis aufs Blut gereizt waren. Ganz zu schweigen von den Kobolden, die sie hassten und f�rchteten und ihr nach M�glichkeit aus dem Weg gingen.</p><p>So, wie sie vor dem Tribunal stand � gerade so weit angepasst, wie es notwendig war, mit stolzem Blick und aufrechter Haltung �, gefiel sie ihm. Wieder dachte er an ihren blo�en, vom Feuerschein beschienenen K�rper im Schnee. Sie war eine Sch�nheit. Nicht im herk�mmlichen Sinn. Ihr Gesicht war ein wenig zu hart. An ihren Armen zeichnete sich jeder einzelne Muskel ab, wenn sie sich bewegte, obwohl ihre Glieder durchaus noch schlank waren und nicht zu muskul�s. Ihr Kreuz war ungew�hnlich breit f�r eine Elfe. Vielleicht lag es an ihren �bungen mit dem Bogen? Jede Einzelheit f�r sich mochte als ein Makel gelten. Doch alle zusammen f�gten sie sich zu einem Bild eigenwilliger Sch�nheit. In Gonvalons Augen war sie begehrenswert, und wenn er sich nicht geschworen h�tte, nie wieder etwas mit einer Sch�lerin anzufangen � Das musste er vergessen!</p><p>Er dachte an Talinwyn und all die anderen. Auf ihm lag ein Fluch. Er durfte nicht noch einmal schwach werden.</p><p>Nandalee trat vor die Meister und verneigte sich gerade so weit, dass man ihr keine Respektlosigkeit vorwerfen konnte.</p><p>�Verehrte Meister, ich will euch nicht mit Spitzfindigkeiten t�uschen und so am Ende gar die Ehre unserer Schule besudeln.� Sie stand ganz gerade und richtete ihren Blick fest auf Lyvianne, die an diesem Tag das Wort f�r alle Meister f�hren sollte. �Was ihr hier in meiner Hand seht, ist ein Jagdbogen, und ihn ein Saiteninstrument zu nennen ist � weit hergeholt. Ich werde eure Ohren nicht beleidigen, indem ich versuche, diesem Bogen T�ne zu entlocken. Stattdessen will ich euch offenen Herzens jene Kunst vorf�hren, der ich mich verschrieben habe und die meine Seele befreit. Eine gute Bogensch�tzin muss in der Lage sein, alles von sich abzustreifen, was nicht mit dem Schuss zu tun hat. Sie muss sich in tiefe Meditation versetzen. Muss eins werden mit dem Wind, dem Land, das sie umgibt, und ihrem Ziel. Ich wei�, dass die Kunst des Bogenschie�ens bislang keine der von euch anerkannten sch�nen K�nste ist, und ich bitte euch, dem, was ich euch nun zeigen werde, mit offenem Geist zu begegnen.�</p><p>Gonvalon hatte die letzten Tage versucht, auf sie einzuwirken, die Meister nicht schon mit ihrer Vorrede herauszufordern. Sie hatte darauf trotzig reagiert. Jetzt war er angenehm �berrascht, dass seine Worte letztlich wohl doch auf fruchtbaren Boden gefallen waren.</p><p>Die Meister und etliche Sch�ler hatten sich auf einer Wiese unweit der Wei�en Halle versammelt. Es war ein wolkiger Tag mit unbest�ndigem, b�igem Wind. Nandalee hatte etwa achtzig Schritt entfernt eine Zielscheibe aufstellen lassen. In ihrer Mitte war ein schwarzes Auge aufgemalt. Nicht gr��er als ein Trollauge. Eine Anspielung, fragte sich Gonvalon? Oder nur ein Zufall? Die �brige Scheibe war ganz in Wei� gehalten, sodass sich das Auge deutlich absetzte.</p><p>�Damit mir keiner den Vorwurf machen kann, dass ich einen Schwindel aufziehe, m�chte ich eine der Meisterinnen, die unverd�chtig ist, mit mir auf gutem Fu� zu stehen, aufrufen. Bitte, Ailyn, hilf mir.�</p><p>Alle Blicke richteten sich auf die Schwertmeisterin, deren Antlitz zu einer bleichen Maske wurde. Gonvalon wusste, wie sehr sie es hasste, im Mittelpunkt zu stehen. Ihr war ihr �rger anzusehen, als sie die Gruppe der Meister verlie� und zu Nandalee hin�berging.</p><p>Gonvalon seufzte. Nandalee konnte es einfach nicht lassen zu provozieren! Wo w�rde das hinf�hren? Obwohl er ihr Vertrauter unter den Meistern war und er jeden Tag viele Stunden mit ihr verbrachte, hatte sie ihm mit keinem Wort verraten, was sie heute tun wollte.</p><p>Nandalee hatte eine schwarze Augenbinde vorbereitet. Sie bat Ailyn, zu pr�fen, ob das Tuch blickdicht sei, und es ihr anzulegen. Die Schwertmeisterin kam der Aufgabe gewissenhaft nach, obwohl ihr weiterhin eine gewisse Anspannung anzumerken blieb. Zuletzt bat Nandalee Ailyn, sie mehrfach im Kreis zu drehen.</p><p>Lyvianne warf Gonvalon einen absch�tzigen Blick zu. �Was f�r Kinderspiele sind das?�</p><p>Er konnte nur mit den Schultern zucken. �Ich kenne sie nicht als Kind. Auff�llig wurde sie als M�rderin. Und ich bin �berzeugt, darin hat sie sehr viel Talent.�</p><p>Die Elfe bedachte ihn mit einem sp�ttischen L�cheln. �War das jetzt ein Lob oder ein Tadel?�</p><p>Statt zu antworten, sah er wieder zu Nandalee. Ailyn trat von ihr zur�ck. Seine Sch�lerin atmete tief ein. Sie hatte den Kopf leicht gesenkt. Er empfand es als beklemmend, sie so mit verbundenen Augen zu sehen. Wie viel Verzweiflung lag wohl hinter ihrer Auflehnung? Vielleicht war er nicht der richtige Meister f�r sie? Sie h�tte sich ihm anvertrauen m�ssen.</p><p>Nandalee richtete sich zur Scheibe hin aus. Sie hielt sich auf anmutige Art gerade und jede Bewegung wirkte nat�rlich, ja vollkommen. Gonvalon musste daran denken, wie der Schwebende Meister vor langer Zeit einmal die Schwingen f�r ihn ausgebreitet hatte, um ihn zu lehren, was der Unterschied zwischen Bewegung und Harmonie war. Er hatte das niemals vergessen und versuchte es seinerseits an seine Sch�ler weiterzugeben. Was Nandalee hier zeigte, war ein Spiegelbild dessen, was er mit seinem Schwerttanz zu erreichen hoffte.</p><p>Sie zog einen Pfeil aus dem K�cher an ihrer H�fte. Legte ihn auf die Sehne des Bogens, der l�nger war als sie selbst. So verharrte sie, die Waffe gesenkt. Die Zeit verstrich qu�lend langsam. Etwas ver�nderte sich ringsherum. Er konnte sp�ren, wie sie Magie wob, war sich aber sicher, dass sie es auf die ihr eigene intuitive Art tat. Vielleicht war sie sich dessen gar nicht bewusst. Der Zauber war kraftvoll und hatte etwas kaum greifbares Fremdes an sich. Ganz so, als sei in ein vertrautes Gericht der Hauch eines fremden Gew�rzes hineingeraten.</p><p>Unvermittelt hob sie den Bogen und zog die Sehne bis hinter ihr rechtes Ohr durch. So verharrte sie einen Herzschlag. Dann lie� sie den Pfeil davonschnellen.</p><p>Das Geschoss traf mitten ins Auge.</p><p>�Was f�r ein Schuss!�, rief er mit unverhohlener Begeisterung. Die �brigen Meister verhielten sich reservierter.</p><p>�Mag es sein, dass es dir in der Beurteilung deiner Sch�lerin an der n�tigen Objektivit�t fehlt?�, bemerkte Lyvianne k�hl.</p><p>�Aber es war doch eine gro�artige Leistung!�</p><p>�Nur leider ganz kriegerischer Natur�, entgegnete die Elfe.</p><p>Nandalee rief einigen Sch�lern zu, die Zielscheibe f�nfzig Schritt weiter nach hinten zu r�cken.</p><p>�Was will sie damit beweisen?�, fragte nun auch Ailyn. �Ohne Frage war der Schuss eine herausragende Leistung. Aber heute geht es doch um ganz anderes.�</p><p>�Ist es nicht ein Gebot der H�flichkeit, sie ihre Vorstellung zum Ende bringen zu lassen, bevor wir ein Urteil f�llen?�, fragte Gonvalon, ver�rgert �ber die Engstirnigkeit der Meister. Was gut war, verdiente Anerkennung!</p><p>Lyvianne nickte, doch in ihrem Blick lag die Andeutung einer Frage. Unterstellte sie ihm etwa eine Aff�re? Er wandte sich ab und sah erneut zu Nandalee. War Lyvianne wom�glich nicht die Einzige, die so dachte? Wenn dem so w�re, h�tte sein Wort bei den Meistern kein Gewicht mehr.</p><p>Gonvalon beobachtete Nandalee nerv�s. Hatte er etwas getan, das die Meister veranlasste, ihm eine Aff�re zu unterstellen? Oder war es allein seine Vergangenheit, die zu dieser Fehleinsch�tzung f�hrte? Er musste das kl�ren. Doch jetzt war nicht der rechte Zeitpunkt daf�r.</p><p>Es war eine Freude, Nandalee zuzusehen. Jede ihrer Bewegungen war vollendete Harmonie. Sie war sch�n, auf eine wilde, �u�erst anziehende Art. Sie hatte etwas von der Sch�nheit von Raubkatzen an sich. Das war unsachlich, ermahnte er sich in Gedanken. Dann �ffnete er sein Verborgenes Auge. Auch auf dieser Ebene hatte sie zur Harmonie gefunden. Wie er vermutet hatte, wob sie einen Zauber, doch f�gte er sich vollkommen in die nat�rlichen Kraftlinien, die sie umgaben. Sie zwang nichts eine neue Form auf. Allerdings gab es eine neue Linie. Sie hatte einen goldenen Ton und entsprang ihrer Stirn. Sie verband Nandalee mit dem Ziel. Kaum, dass sie den Pfeil von der Sehne schnellen lie�, verblasste sie.</p><p>Gonvalon vertraute sich wieder dem Blick seiner Augen an. Nandalee streifte die schwarze Binde ab. Sie sah kaum zur Zielscheibe. Sie wusste, dass sie getroffen hatte. Voller Erwartung und Zuversicht wandte sie sich an die Meister.</p><p>�Dies ist meine Kunst�, erkl�rte sie stolz. �Die Kunst, mit mir, der Natur und dem Ziel in Harmonie zu treten. Wenn ich hinausgehe, um mit dem Bogen zu �ben, dann wird meine Seele frei von allem, was mich bedr�ckt. Das ist es doch, was wir durch die Aus�bung von Kunst erreichen wollen. Uns l�utern und somit zugleich auch kr�ftigen f�r das, was kommen mag.�</p><p>�F�r mich beinhaltet Kunst, dass am Ende eines wie auch immer gearteten Schaffensprozesses ein Werk steht�, sagte Lyvianne betont sachlich. �In einem Pfeil, der in einer Zielscheibe steckt, vermag ich kein Kunstwerk zu erkennen.�</p><p>Nandalees Z�ge verh�rteten sich. �Was ist mit jenen Sch�lern, die singen oder tanzen? Oder mit Eleborn, der Skulpturen aus Licht und Wasser erschafft, die vergehen, sobald er keine Kraft mehr in seine Zauber gibt? All das erkennt ihr an, ohne dass ein greifbares Werk bleibt!�</p><p>�Weil all das unseren Zielen entspricht. Wir alle hier sind uns dar�ber im Klaren, dass dein grundlegendes Problem darin besteht, dich Regeln zu unterwerfen. Unsere Regeln zur Aus�bung einer Kunst sind weit gefasst, aber wir werden dir nicht gestatten, sie gegen ihre Intentionen zu verkehren.�</p><p>�Und was lehrt ihr hier? Die Kunst zu t�ten, nicht wahr? Wo stehe ich also im Widerspruch? Warum lasst ihr mich nicht meinen Weg gehen?�</p><p>�Weil wir dich sch�tzen wollen.� Gonvalon hatte das Wort ergriffen, da er bef�rchtete, dass Nandalee Lyvianne im n�chsten Augenblick schon offen anfeinden w�rde. �Wenn du unter die Drachenelfen aufsteigen solltest, dann wirst du Dinge tun, die einen Schatten auf deiner Seele hinterlassen. Ich gestehe offen ein, dass ich mir das nicht recht vorstellen konnte, bevor ich zum ersten Mal ausgeschickt wurde, um zu t�ten. Alles, was wir in der Wei�en Halle lehren, ist auf Jahrhunderten von Erfahrungen begr�ndet. Vertraue uns, Nandalee. Es ist keine weise Entscheidung, wenn du dich in der Kunst des T�tens �ben willst, um die Last des T�tens abzustreifen. Wenn du von einer Mission wiederkehrst, dann brauchst du Abstand. Und den wirst du mit einem Bogen in der Hand nicht gewinnen.�</p><p>�Macht ihr noch neue Erfahrungen oder seid ihr alle im Althergebrachten erstarrt?�</p><p>�Wir haben unsere Erfahrungen gemacht, damit unsere Sch�ler nicht unsere Fehler wiederholen�, sagte Ailyn. Nicht harsch, wie es sonst ihre Art war, sondern fast wehm�tig.</p><p>Selbst Nandalee war dar�ber einen Augenblick lang zu verbl�fft, um zum Gegenangriff anzusetzen.</p><p>Lyvianne streckte die Hand aus. �Den Bogen. Es ist ehrlos, dem Feind, den zu t�ten man gekommen ist, nicht Aug in Aug gegen�berzutreten. Das ist nicht die Art der Drachenelfen.�</p><p>�Nennt ihr etwa das, was ihr tut, einen gerechten Kampf? Ihr habt jahrelang ge�bt zu t�ten. Ihr habt es zu einer Kunst erhoben. Und dann tretet ihr einem Troll gegen�ber, der immer nur ein J�ger war, und metzelt ihn nieder. Oder gar einem Menschen, der ein Leben lang �ben k�nnte und euch nicht gewachsen w�re. Was ist da der Unterschied zu einem Pfeil? Die Opfer sind auf jeden Fall rettungslos verloren.�</p><p>Lyvianne gab ihr eine Ohrfeige, so heftig, dass all ihr Finger auf Nandalees Wange abgemalt waren. �Glaube nicht, dass du wei�t, was dich da drau�en erwartet. Bevor du nicht dort warst, gestatte ich dir nicht so zu reden. Und da es dir an Demut fehlt, wirst du die Bronzetafeln unter den Schwertern putzen, die in der Eingangshalle h�ngen. Jede einzelne. Und merke dir die Namen. Jeder von denen, die gegangen sind, war mehr wert als du.�</p><p>Nandalee nahm die Ohrfeige hin, ohne auch nur mit einer Wimper zu zucken. Ihren Bogen hielt sie eng an ihren K�rper gepresst. �Was erwartet uns denn in der Welt? Alle hier schweigen! Was f�r Aufgaben sind das, f�r die wir zum T�ten ausgebildet werden? Was ist so schrecklich, dass man dar�ber nicht reden kann und sich in irgendeinen nutzlosen Unsinn fl�chtet, um es vielleicht zu vergessen? Hat einer von euch ehrbaren Meistern seine Morde vergessen? Wenn dem so ist, dann wird er meinen Bogen bekommen und ich werde mich f�gen und obendrein versuchen, die Kunst zu erlernen, die sein Gewissen einzuschl�fern vermag.�</p><p>Gonvalon dachte an seine Reisen. An seine Toten. Keiner der Meister antwortete Nandalee. Das geh�rte zu den ungeschriebenen Gesetzen der Drachenelfen. Niemand sprach �ber das, was er getan hatte.</p><p>�Es war von vornherein klar, dass mir hier keine Gerechtigkeit widerfahren w�rde. Ich spreche euch das Recht ab, �ber mich zu urteilen. Ihr seid ja schon tot! Eure Seelen ruhen l�ngst dort, wo ihr eure Morde begeht!�</p><p>�Das gen�gt!� Lyvianne hatte sich gefasst. �Du forderst uns heraus? Vertraust du so sehr darauf, dass du unter dem Schutz des Dunklen stehst? T�usche dich nicht. Du hast in einem recht � wir sollten uns nicht mit dir abgeben. Ich werde daf�r sorgen, dass an einem anderen Ort �ber dich geurteilt wird. �bermorgen schon! An einem Ort, an dem du keine Freunde hast.�</p><p>Lyvianne wandte sich ab und ging aufrecht und gemessenen Schrittes zur Schule zur�ck.</p><p>Gonvalon sah ihr lange nach. Er ahnte, was sie im Schilde f�hrte, und es gefiel ihm nicht.</p></section><section><title><p>Uber den D�chern von Ak�u</p></title><p>Aya schwang sich auf das Flachdach und duckte sich in Deckung. Unter sich h�rte sie die Schritte des Kastraten. Die Haremswachen waren durch Juba in den letzten Wochen noch verst�rkt worden. Die meisten dieser dummen G�nse f�gten sich freiwillig. F�r sie war es eine Ehre, im Harem zu leben. Man wurde sein Leben lang versorgt. Es gab das beste Essen. Die besten �rzte k�mmerten sich um ihr Wohl und die Frauen durften ihre Kinder behalten, bis die Jungen ein gewisses Alter erreichten und ihre Anwesenheit im Harem nicht mehr tragbar war. Die M�dchen aber wurden im Palast erzogen, bis man sie an irgendeinen F�rsten verheiratete, um B�ndnisse zu st�rken. Eine seiner T�chter hatte Aaron in der Vergangenheit sogar zur himmlischen Hochzeit mit Muwatta geschickt. Viel geholfen hatte das ja nicht.</p><p>Die Schritte des W�chters verklangen. Aya wagte es, sich ein wenig aufzurichten. Auf der weiten Dachlandschaft des Palastes gab es nur wenig Deckung. Sie konnte leicht von einem der W�chter auf den hohen Au�enmauern der Palaststadt gesehen werden. Zum Gl�ck suchte deren aufmerksamer Blick nach Eindringlingen, die von jenseits der Mauer kamen. Sie w�rden gewiss nur selten nach den Palastd�chern sehen.</p><p>Geduckt schlich Aya an einer niedrigen Mauer entlang. Ihr Vater hatte sie immer liebevoll neckend eine Bergziege genannt. Er hatte keine S�hne gehabt und lange mit seinem Schicksal gehadert, doch schlie�lich war ihm seine dritte Tochter die liebste geworden. Sie kletterte und raufte wie ein Junge und war dabei unvergleichlich sch�n. Jedenfalls hatte ihr Vater das immer wieder beteuert.</p><p>Aya stiegen Tr�nen in die Augen. Sie war f�r den Harem des Unsterblichen ausgew�hlt worden. Das war die h�chste Ehre, die einer Frau zuteil werden konnte. Das Lager mit dem lebenden Gott zu teilen. Seine Kinder zu geb�ren! Sie konnte ein leises Schluchzen nicht unterdr�cken. Wenn ihr Vater gewusst h�tte, wie ihr Leben aussehen w�rde, er h�tte sie sicher nicht hergegeben!</p><p>Sie war nicht schwanger geworden. In der Hochzeitsnacht hatte Aaron sie brutal genommen. Ohne ein freundliches Wort. Zwei seiner Berater hatten dabei zugesehen. Aya wusste bis heute nicht zu sagen, was schlimmer gewesen war. Wie Aaron sie schlug und biss oder die Schande, dass andere M�nner Zeugen ihrer Sch�ndung wurden. Sie hatte sich wie eine Stra�enhure gef�hlt, die es in dunklen Gassen mit jedem trieb, der eine Kupferm�nze zur Hand hatte.</p><p>Noch ehe ihr erster Mond im Harem vor�ber war, hatte sie mit ansehen m�ssen, was mit Frauen geschah, die nicht f�gsam waren. Es gab eine L�wengrube im Inneren Palast und ein gro�es Becken, in dem Krokodile gehalten wurden. Prinzessinnen gab man nicht zur�ck, wenn man von ihnen entt�uscht wurde. In den Briefen der Hofschreiber hie� es dann, sie seien im Kindbett gestorben.</p><p>Sie hatte es verstanden, Aaron nicht zu entt�uschen, wenn er sie zu sich befahl, was zum Gl�ck nicht zu oft geschah. Es gab so unendlich viele Frauen hier. Manche hatte sich der Unsterbliche nie ins Bett geholt. Sie waren im Glauben, etwas Besonderes zu sein, nach Ak�u gekommen. Dann war hinter den Mauern des Harems ihre Sch�nheit verbl�ht, ohne dass sie den Unsterblichen je zu Gesicht bekamen.</p><p>Dichter nannten den Harem einen Rosengarten. Die Narren hatten keine Ahnung. Es war ein Garten voller giftiger Blumen. Ein Ort der Intrigen und der stillen Trauer. Ein Ort f�r Kindsm�rderinnen und Huren. Manche suchten die Freundschaft der Kastraten, die ihre W�chter waren. Was sie taten, damit M�nner, denen die M�nnlichkeit fehlte, Gefallen an ihnen fanden, vermochte Aya sich nicht vorzustellen.</p><p>Am gef�hrlichsten jedoch war es, pl�tzlich die Gunst des Unsterblichen zu finden. Alle hier hofften darauf. Und manche der Frauen waren keine gro�en Dulderinnen � sie k�mpften. Mit den Waffen des Harems. Mit Verrat und Intrige. Mit L�gen! Und selten auch mit dem Pulver aus zersto�enem Glas. Es zerschnitt die Innereien, man blutete sich zu Tode. Und M�nner, d�mlich wie sie waren, hielten es f�r ein tragisches Frauenschicksal, wenn man auf diese Weise verblutete. Sie sahen nicht nach, aus welcher K�rper�ffnung das Blut kam.</p><p>Aya wollte fort von diesem Ort. Sicherlich, der Unsterbliche war weniger gewaltt�tig seit jenem Tag, als er aus dem Himmel gefallen war und als ein ver�nderter Mann zur�ckkehrte.</p><p>Anfangs hatte Aya Angst gehabt, als sie zu den wenigen Frauen geh�rte, die f�r die Reise im fliegenden Palast ausgew�hlt wurden, aber als Aaron dann sie und die rothaarige Schaptu in der Nacht nach dem Himmelssturz ausw�hlte, um mit ihm das Lager zu teilen, war Aya �berzeugt gewesen, dass ihr Schicksal nun endlich eine gl�ckliche Wendung genommen hatte. Er hatte auch noch Mara erw�hlt, aber diese liederliche Schlampe hatte er nie wieder zu sich gerufen!</p><p>Aaron war sehr ver�ndert gewesen. Er hatte geradezu sch�chtern gewirkt. Sp�ter wurde er sehr leidenschaftlich, aber nie grob, so wie fr�her. W�hrend der Reise im fliegenden Palast hatte er sie mehrmals auf sein Lager gerufen. Auch allein! Nach der Einsamkeit und den Gefahren des Harems war es fast wie eine richtige Liebesgeschichte gewesen. Doch mit der R�ckkehr in den Palast von Ak�u wurden all ihre Hoffnungen zerschmettert. Aaron war fast nie dort. Er unternahm endlose Reisen. War er im Palast, kam er nur selten in den Harem, und wenn doch, so meist nur, um mit ihnen allen gemeinsam zu speisen und ein wenig zu plaudern. Einigen Frauen gefiel das. Vor allem den �lteren und denen, die Kinder von ihm hatten. Aber viele verzweifelten daran. Ihr Schicksal war es, in ihrem ganzen Leben nur einen Mann zu haben, den sie mit vielen anderen teilen mussten. Und nun erschien dieser Mann nicht mehr, um im Harem seine Pflicht zu tun.</p><p>Manche munkelten, er sei gar nicht der richtige Aaron. Muttermale waren verschwunden oder an anderer Stelle und wenn er sie liebte, so tat er es mit mehr Kraft und Leidenschaft, er war z�rtlich und hatte keine von ihnen mehr verletzt. Jedenfalls nicht k�rperlich. Daf�r umso mehr ihre Seelen! Sie waren dazu verdammt, im Harem zu versauern. Es gab hier allein dreiundzwanzig M�dchen, die ihm noch nie beigelegen hatten. Jungfrauen! Sie w�rden alt werden, ohne jemals die Liebe genossen zu haben. Manche entschieden von sich aus, sich geriebenes Glas ins Essen zu mischen.</p><p>Sie w�rde das niemals tun, hatte Aya schon vor einiger Zeit entschieden. Sie war eine K�mpferin. Sie war das M�dchen, das ihrem Vater den Jungen ersetzt hatte. Sie w�rde nicht einfach aufgeben. Sie war entschlossen, einen Weg aus dem Palast zu finden. Nach Hause k�nnte sie nie mehr zur�ck und sie hatte keine Ahnung, was ihr die Zukunft bieten w�rde, aber alles war besser, als im Harem langsam zu versauern. Es hie�, dass Frauen, die keinem Manne beiwohnten, mit der Zeit einen sauren K�rpergeruch annahmen. Einige der �lteren Frauen, jene, die sich auch nicht mehr jeden Tag wuschen, verstr�mten tats�chlich einen solchen Duft. Das hatte sie selbst schon gerochen.</p><p>Aya dachte an jene Handleserin, die vor ein paar Tagen im Harem zu Gast gewesen war. Eine willkommene Abwechslung, dachten viele. Aber die Frau hatte Ungl�ck gebracht! Sie sprach mit jedem M�dchen, das sie zu sich rief, allein. Aya hatte die Frau gar nicht sehen wollen, denn sie entschied ganz allein �ber ihre Zukunft � und die stand ihr gewiss nicht von Geburt an in die Hand geschrieben! Schaptu und Mara waren abergl�ubische, dumme Dinger. Die Alte hatte beiden gesagt, ihre Lebenslinie sei kurz. Sehr kurz! Wer wollte so etwas wissen! Ger�chteweise hatte sie das noch etlichen anderen M�dchen verk�ndet. Vor allem den J�ngsten. Jenen, die noch nicht das Lager mit Aaron geteilt hatten und daf�r alles geben w�rden. Was erwartete sie?</p><p>Ein tiefer, grollender Laut riss Aya aus ihren Gedanken. Sie blickte �ber den Mauerrand. Unter ihr lag die L�wengrube. Im Gegensatz zu den W�chtern auf der fernen Mauer schienen die Raubkatzen sie bemerkt zu haben. Ein L�we mit m�chtiger schwarzer M�hne st�tzte die Pfoten gegen die Mauer und blickte zu ihr hinauf. Sternenlicht brach sich in den Raubtieraugen. Aya wich zur�ck.</p><p>Die Gittert�r am Ende der Rampe, die hinab in die Grube f�hrte, war offen. Aya hatte davon fl�stern h�ren, dass auf einigen der H�fe des Nachts L�wen als Wachen umherstreiften, hatte es aber nicht geglaubt. Bis jetzt.</p><p>Hastig kroch sie weiter. Immer dicht an die niedrige Br�stung gedr�ckt, die das Flachdach abgrenzte, und blickte verzweifelt �ber das Meer von Terrassen und Flachd�chern. Kaum ein Geb�ude war h�her als drei Geschosse. Nur der Garten, der Teil des Harems war, ragte weiter empor. Wie eine weite Treppe lagen die verschiedenen Terrassen des Gartens �bereinandergestaffelt. Sie alle waren von einer hohen, sehr dicken Mauer umfasst, die neugierige Blicke fernhielt.</p><p>Aya k�mpfte gegen ihre Niedergeschlagenheit an. Vielleicht musste sie es einfach wagen, auf einen der H�fe hinabzuspringen, auf denen die L�wen umherstreiften. Wenn sie nur leise genug war, w�rden die Bestien sie ja vielleicht nicht bemerken. Heute hatte sie ohnehin nur vorgehabt, die Dachlandschaft des Palastes zu erkunden. Ein guter Plan musste reifen! Sie w�rde ihrem Gef�ngnis schon noch entfliehen!</p><p>Aya balancierte �ber eine hohe Ziegelmauer, die zwei H�fe voneinander trennte. Sie wusste, dass es der blanke Leichtsinn war. Dies hier musste der Palasttrakt sein, in dem die hohen Beamten ihre Quartiere hatten. Erleichtert erreichte sie die Sicherheit des n�chsten Flachdachs. Ob sie in die Gem�cher eines der Getreuen des Unsterblichen eindringen sollte? Wenn sie an einen wie Juba geriet, w�rde sie sofort ausgeliefert, aber einen anderen k�nnte sie vielleicht bet�ren? Einige der W�rdentr�ger kannte sie, denn seine engsten Vertrauten durften Aaron manchmal zu den formellen Essen im Harem begleiten.</p><p>Gestern Nacht war der Unsterbliche von einer langen Reise zur�ckgekehrt. Solche Nachrichten erreichten den Harem stets schnell. Aber er hatte noch keine der Frauen zu sich rufen lassen! Ihm stand nicht der Sinn nach Weibern. Ob er mit M�nnern das Lager teilte? Auf den Reisen war nie eine Frau in seinem Gefolge. Das war seltsam. Fr�her war das ganz anders gewesen. Da hatte stets ein ganzer Zug S�nften die Karawane des Herrschers begleitet. Die Zelte der Haremsdamen waren ein eigenes Lager innerhalb des Lagers gewesen. Allerdings waren nie alle, die den Palast verlassen hatten, auch wieder zur�ckgekehrt � War sie verr�ckt? Wie konnte sie sich nach dem alten Aaron sehnen? Er war grausam gewesen und brutal und diese Art von Liebesspiel vermisste man selbst dann nicht, wenn man verzweifelt war wie sie.</p><p>Sie dachte an die Haare, die Aaron seit Kurzem aus den Ohren sprossen. Da waren fr�her keine gewesen! Konnte ein Sturz aus dem Himmel einem �ber Nacht Haare aus den Ohren wachsen lassen? Oder war Aaron tats�chlich ein anderer, wie manche der M�dchen tuschelten? Gab sich jemand, der ihm so �hnlich wie ein Bruder war, f�r ihn aus? H�tte der L�wenh�uptige das zugelassen? Niemals! Es sei denn � Es sei denn, der Devanthar hatte den Betrug gewollt. Betrogen die G�tter die Menschen? Was f�r ein verr�ckter Gedanke! Sie musste fort aus dem Palast! Wenn sie dem Harem nicht entfliehen konnte, w�rde sie noch wahnsinnig. Sie w�re nicht die Erste, die �</p><p>Schritte! Sie presste sich flach auf das Dach. Eine Wache! Wenn sie hier gefunden wurde, w�re es aus mit ihr. Sie hielt den Atem an. Hatten die unruhigen L�wen jemanden aufgeschreckt? Die Schritte hatten etwas Unentschlossenes. Sah der W�chter sich um? Sie schloss die Augen, wie sie es als Kind getan hatte. Nat�rlich war das albern, dumm sogar. Als Kind hatte sie geglaubt, wenn sie die Welt nicht mehr sehen k�nne, w�rde die Welt auch sie nicht mehr sehen. Einfach verschwinden, nicht mehr als ein Lidschlag. In diesem Augenblick w�nschte Aya sich, sie w�re noch einmal Kind. Noch einmal der Liebling ihres Vaters. D�rfte noch einmal mit dem Kopf auf seinem Scho� einschlafen, w�hrend er Geschichten von seinen Reisen erz�hlte.</p><p>Die Schritte entfernten sich und sie sp�hte vorsichtig �ber den Rand der Br�stung. Der W�chter befand sich unter ihr in dem S�ulengang, der den Hof umgab. Sie konnte ihn nicht sehen, aber seine Schritte lie�en Bilder in ihrem Kopf entstehen. Ein Schatten zwischen S�ulen, der langsam davonschwebte.</p><p>Sie sollte umkehren. F�r diese Nacht hatte sie genug gewagt. Verzweifelt blickte sie zu den hohen Mauern, die den Palast einschlossen. Sie wusste, dass keines der Geb�ude den Mauern n�her als zehn Schritt kam. Sie w�rde nicht entkommen. Nicht so. Das Tor des Morgens oder das Tor des Abends. Nur so konnte sie den Palast verlassen. Durch das Tor des Abends gingen die Karawanen, die aus der Neuen Welt kamen. Manchmal waren es Hunderte! H�ndler, Viehtreiber, Lastentr�ger. Sie sollte in die Neue Welt fl�chten! Dort gab es zu wenige Frauen. Sie w�rde sicherlich einen reichen Mann finden.</p><p>Ein Schatten erschien zwischen den Kolonnaden auf der anderen Seite des Hofes und eilte dem Durchgang zum n�chsten Hof entgegen. Der n�chtliche Wanderer bewegte sich mit der arroganten Anmut einer Katze; ein dunkler Kapuzenmantel verh�llte seine Gestalt. Wer war das?</p><p>Aya lief quer �ber das Dach. Wenn sie sich beeilte, konnte sie kurz vor dem Durchgang einen Blick auf ihn erhaschen. Ganz gleich, wer es war, es war eine verwandte Seele. Sie beide schlichen bei Nacht durch den Palast. Aber er musste ein Mann sein! Eine Frau w�rde dort unten nicht herumlaufen.</p><p>Mit leisem Scharren �ffnete sich die Pforte zum n�chsten Hof. Dieser Ort war belebter. Sie sah Schreiber mit breiten G�rteln, in denen Griffel steckten. Auf den Armen die Holzrahmen mit den nicht einmal handgro�en K�stchen, in die feuchter Ton gestrichen war. Einige Krieger lungerten herum. Zum Gl�ck waren sie nicht sonderlich aufmerksam. Ein fluchender Viehtreiber zerrte seine Lastesel �ber den Hof und durch das gegen�berliegende Tor wurde eine ganze Kolonne von M�nnern in �rmlicher Kleidung herangef�hrt. Jetzt erkannte Aya, wo sie sich befand. Es war der Hof, von dem aus der magische Pfad zur Goldenen Stadt f�hrte. Die M�nner waren neue Siedler.</p><p>Die Gestalt im Kapuzenumhang war verschwunden. Aya wagte sich noch etwas weiter vor und streckte den Kopf �ber die Br�stung. Unter ihr sprachen mehrere Krieger mit einem Mann, der eine Per�cke aus schwarzem Pferdehaar trug. Wahrscheinlich einer der Satrapen des Reiches. Sie zog sich ein wenig zur�ck.</p><p>Fackeltr�ger hasteten �ber den weiten Platz, ein unverst�ndlicher Ruf erklang und pl�tzlich war da der gro�e silberne L�we, den sie schon einmal gesehen hatte, als sie aus der Neuen Welt zur�ckgekehrt war. Ein Bogen aus schillerndem Licht hob sich aus dem staubigen Boden.</p><p>Prickeln lief �ber Ayas Haut. Einige der Siedler schrien erschrocken auf, andere warfen sich zu Boden. Einige erfahrene Welteng�nger wagten es als Erste, auf dem Goldenen Pfad ins Dunkel zu treten. Die Krieger dr�ngten die Siedler zusammen. Einer schien es sich anders �berlegt zu haben. Er wollte davonlaufen, doch kam er nicht weit. Die Krieger packten ihn und zerrten ihn dem Lichtbogen entgegen. Pl�tzlich kam ein Wind auf. Wolken schoben sich vor das Narbengesicht des Mondes. Staub wurde auf dem weiten Platz aufgewirbelt. Fl�che und Rufe hallten durch die Nacht. Ein Lastesel bockte und sein Huftritt schickte den Viehtreiber in den Staub.</p><p>Aya entdeckte den Mann mit dem Kapuzenmantel mitten unter den Siedlern. Eben war er noch nicht dort gewesen. Es schien, als habe der Wind ihn hergeweht. Eine B� riss ihm die Kapuze vom Kopf. Sofort zog er sie wieder auf, doch Aya hatte sein Gesicht gesehen. Es war unverwechselbar. Ein Gesicht, �ber das wohl schon jeder im Palast gespottet hatte. Datames, der Hofmeister. Jetzt trug er die Kleider eines einfachen Bauern. Aber er war der einzige unter den Siedlern ohne einen Bart. Auf seine grelle Schminke hatte er in dieser Nacht verzichtet und sein Gesicht wirkte unnat�rlich blass. W�hrend er die Kapuze wieder �ber sein gelocktes Haar zog, hob er den Kopf und blickte in ihre Richtung. Aya hatte das Gef�hl, dass er �ber die gro�e Entfernung genau in ihre Augen sah. Erschrocken wich sie von der Br�stung zur�ck. Es war unm�glich, dass er sie hier oben entdeckt hatte! Aya wagte noch einmal, �ber die Br�stung zu blicken. Der Hofmeister war verschwunden und mit ihm alle �brigen Siedler. Was tat er dort unten? Warum schlich er sich in aller Heimlichkeit in die Neue Welt davon? Hatte noch jemand anders ihn erkannt? Oder waren sie alle vom Staub geblendet gewesen, den der pl�tzliche Windsto� aufgewirbelt hatte?</p><p>Aya zog sich zur�ck. Sie w�rde in die Sicherheit des Harems fl�chten. War es m�glich, dass Datames sie gesehen hatte? Was hatte er dort unten getan? Und was w�rde er noch tun? Sie verraten?</p></section><section><title><p>Die Blaue Halle</p></title><p>Gonvalon blinzelte gegen das helle Sonnenlicht an, das durch das Laubdach des Eichenhains fiel. Es war lange her, seit er das letzte Mal hier gewesen war. Lyvianne hatte einen Boten geschickt und alles arrangiert. Allein deshalb schon war er skeptisch, dass Nandalee ein gerechtes Urteil erwartete.</p><p>Seine Sch�lerin sah sich aufmerksam um. �Wo sind wir hier?�</p><p>�Bei einem oft besuchten Albenstern. Von hier f�hrt ein Weg zu dem Platz, an den ich dich bringen soll.� Gonvalon dachte an seinen Pegasus. Es war lange her, dass er zu den Wolken geflogen war. Er f�hlte sich m�de. Wenn dies hier vor�ber war, w�rde er die �brigen Meister darum bitten, die Wei�e Halle f�r einige Monde verlassen zu d�rfen. Nachtschwinge hatte einer Stute nachgestellt, als er ihn zum letzten Mal gesehen hatte. Sein Rappe war in Bainne Tyr, dem Milchland, mit seinen weiten, fruchtbaren Weidegr�nden. Es war das Land der Pegasi und der H�ter. Viele Kobolde siedelten dort. Und abgeschieden von der Welt in einem Felslabyrinth lag der Jadegarten, der Palast des Dunklen, des �ltesten unter den Himmelsschlangen.</p><p>�Sie geben sich nicht sehr viel M�he, ihre Spuren zu verwischen�, sagte Nandalee. �Ein Kind k�nnte ihnen folgen.�</p><p>Gonvalon fiel es schwer, mit seinen Gedanken im Hier und Jetzt zu bleiben. So war es oft, wenn er einen der Albensterne �ffnete. Diese Art der Magie beunruhigte ihn. Er beherrschte sie trotz all seiner Reisen noch immer nicht gut genug. Er f�hlte sich desorientiert und m�de. �Was meinst du?�, fragte er, nachdem Nandalee ihn unverwandt ansah.</p><p>�Siehst du nicht die Kette von Trittsteinen?�</p><p>Er blinzelte. Unwillig betrachtete er den Waldboden. Sie waren von dichten Farnwedeln umringt. Er wusste, wo er hinwollte. Er w�rde seinen Weg finden, doch sah er nichts Auff�lliges. �Zeig sie mir�, sagte er resignierend. Nandalee liebte es, mit ihrem K�nnen zu prahlen. Besonders bei ihm. Ihm war nicht ganz klar, ob sie ihn damit herabw�rdigen oder sich selbst interessanter machen wollte.</p><p>�Dieser Baumstumpf liegt hier nicht zuf�llig. Sie laufen �ber den Stamm. Leichtf��ig, das muss ich zugeben, aber hier vorne, wo sie abspringen, ist die Rinde gesplittert.�</p><p>�Vielleicht hat sich ein Wildschwein daran geschubbert?�</p><p>�Das sieht ganz anders aus�, sagte sie mit einer wegwerfenden Geste. �Au�erdem w�rden wir dann auch Borsten am Holz finden. Da ist aber nichts. Und schau einmal, hier hinten der gro�e Stein im Farn liegt nicht zuf�llig an diesem Fleck. Hier landen sie, wenn sie vom Baumstamm abspringen.�</p><p>�Du glaubst also, sie treten vom Albenstern auf den Baumstamm, balancieren dar�ber und springen dann auf diesen gro�en flachen Stein?�</p><p>�Es ist absolut offensichtlich!�</p><p>�Was? Dass du mir irgendwelche J�gergeschichten erz�hlst?�</p><p>Nandalee seufzte und sah ihn an wie ein Kind, das nicht begreifen wollte, dass Feuer hei� war und ihm schaden konnte. �Es ist hier feucht und schattig, aber oben auf dem Stein w�chst kein Moos. Nur an den Seiten. So etwas geschieht nicht ohne Grund.�</p><p>Sollte sie es je schaffen, unter die Drachenelfen aufzusteigen, w�rde sie bei den Sch�lern sicherlich die bestgehasste Meisterin der Wei�en Halle werden. Ihre herablassend schulmeisterliche Art war unertr�glich! �Das langt�, sagte er barsch und wies den Hang hinauf. Er w�rde sie von nun an f�hren, statt sie nach dem Weg suchen zu lassen. Sie war zu gut darin! �Wir gehen dort hinauf.�</p><p>�Das dachte ich mir.�</p><p>Gonvalon rang um Gleichmut, dachte an die letzte �berraschung, die er f�r sie parat hatte, und lie� sie vorangehen. Sie hielt weiter nach all den Spuren Ausschau, die f�r ihn nicht so offensichtlich waren. Manchmal murmelte sie etwas leise vor sich hin. Schlie�lich hielt sie vor einem Felsblock, der sich gro� wie ein Haus aus dem rasenbewachsenen Hang schob. Hier verharrte sie unschl�ssig.</p><p>Gonvalon blieb stehen und genoss ihre Verwirrung. Sie umrundete den Felsen, dann kletterte sie hinauf und sah sich gr�ndlich um. Als sie wieder herabkam, spiegelte sich Verwirrung in ihrem Antlitz.</p><p>�Die Spur f�hrt zum Fels, Meister. Da endet sie, als seien sie davongeflogen. Ich kann ringsherum keine weiteren F�hrten entdecken. �</p><p>�Mit anderen Worten, du brauchst Hilfe, um weiterzukommen? � Er konnte sich einen gewissen ironischen Unterton nicht verkneifen, obwohl ihm bewusst war, dass er seinem Rang nicht angemessen war.</p><p>Sie sah ihn grimmig an. Die Bitte um Hilfe kam ihr nicht �ber die Lippen. Sie nickte lediglich.</p><p>Er trat vor den Felsen und bewunderte die vollkommene Illusion. Dann sagte er mit lauter Stimme: �Liuvar!� Auf den Willkommensgru� hin verzerrte sich die Oberfl�che des Gesteins und eine gro�e h�lzerne T�r erschien. L�chelnd wandte er sich zu Nandalee um. ��berrascht? Manchmal kannst du von deinem Lehrer noch etwas lernen.�</p><p>Einen Moment lang gaffte sie fassungslos den Fels an, dann breitete sich ein L�cheln �ber ihrem Gesicht aus. Sie verbeugte sich �bertrieben. �Nach dir � Meister!�</p><p>Gonvalon schluckte. Sie sah hinrei�end aus, wenn sie l�chelte. Vielleicht war es besser, vor ihr zu gehen.</p><p>Die T�rangeln waren gut gefettet und die Eichent�r schwang lautlos auf. Dahinter wand sich eine Treppe in weiten Spiralen durch den Himmel. Es gab keine W�nde rings um die Treppe und keinen Berg, obwohl sie durch einen Felsen in einen Berg hineintraten. Da war nur Himmel, nichts als Himmel.</p><p>Gonvalon h�rte Nandalee hinter sich aufkeuchen. �Was ist das f�r ein Ort?�</p><p>�Willkommen in der Blauen Halle. Auch hierher werden auserw�hlte junge Elfen gebracht, die den Drachen dienen sollen. Du musst doch schon davon geh�rt haben. Diese Auserw�hlten sind anders als wir. Alles, was du hier siehst, gibt einen tiefen Einblick in ihr Wesen. Meist verbergen sie sich und versuchen unauff�llig zu agieren � und manchmal haben sie leichte Anfl�ge von Gr��enwahn. Wie ich schon sagte. Sie sind vollkommen anders als wir.�</p><p>�Und sie sollen �ber mich urteilen?�</p><p>Gonvalon drehte sich um. Nandalee hatte noch immer keinen Fu� auf die Treppe gesetzt. �So kann es kommen, wenn du dich mit Lyvianne anlegst. Man wei� nie, was die Blauen tun werden. Sie sind � ein wenig � verr�ckt. Es hei�t, sie seien die Lieblinge des Goldenen, der Himmelsschlange, die dem Rat vorsteht. Der Goldene soll sehr oft hier weilen. In der Gestalt eines Elfen. Hier ist nur wenig so, wie es scheint, Nandalee.� Er streckte die Hand aus und klopfte gegen den <emphasis>Himmel</emphasis>. Ein leises Pochen war zu h�ren. �Versuch es, Nandalee. Tats�chlich windet sich diese Treppe durch soliden Fels.�</p><p>Z�gerlich streckte Nandalee die Hand aus, und der �rger �ber die T�uschung war ihr deutlich anzusehen. Entschlossen trat sie auf die Treppe. �Gibt es noch etwas, was ich wissen sollte?�</p><p>�Vieles. Aber Lyvianne hat mir ausdr�cklich untersagt, dich zu warnen. Du sollst deine Erfahrungen selbst machen.�</p><p>Sie stellte keine Fragen mehr. Gemeinsam stiegen sie in die Tiefe. Gonvalon genoss den Blick in den falschen Himmel. Wieder dachte er an Nachtschwinge, an den Wind auf den Wangen und wie wunderbar es war zu fliegen.</p><p>Am Fu� der Treppe erwarteten sie drei Elfen. Zwei M�nner und eine Frau. Gonvalon kannte keinen von ihnen. Sie waren wohlfrisiert, rochen nach Parf�m und alle drei trugen lange, nachtblaue Gew�nder, ganz �hnlich denen, die auch in der Wei�en Halle gebr�uchlich waren. Keiner hatte auf die Goldstickereien, die den Rang des Meisters bezeugten, verzichtet.</p><p>�Willkommen, Gonvalon und Nandalee.� Der mittlere der drei sprach sie an. Seine Haut hatte eine leichte Goldt�nung, als sei er sehr lange unter freiem Himmel gereist. Das blonde Haar ringelte sich in den Spitzen zu Locken. Er sprach h�flich, aber Gonvalon war es unangenehm, dass die drei wussten, wer sie waren, sie umgekehrt aber nichts �ber die Blauen Meister wussten.</p><p>�Diese junge Sch�lerin gilt also als aufs�ssig und stellt das Urteil eurer Meister infrage?� Es war der Blonde, der sprach, und er konnte sich ein L�cheln nicht verkneifen.</p><p>�Mit wem habe ich die Ehre?�</p><p>�Talawain ist mein Name.� Der Wortf�hrer der Blauen machte keine Anstalten, die anderen beiden vorzustellen. �Es geht darum, was Kunst ist, wenn ich recht informiert bin.�</p><p>Gonvalon nickte. Aus dieser Sache w�rde nichts Gutes erwachsen, dachte er. Was hatte Lyvianne nur geritten, als sie entschied, Nandalee hierherzuschicken? Gonvalon war sich sicher, mitten in irgendeiner Intrige zu stecken. Derlei war nicht seine St�rke, und er hasste es, nur eine Figur in einem undurchschaubaren Spiel zu sein.</p><p>�Wir haben bereits eine Zielscheibe aufstellen lassen�, erkl�rte Talawain. �Dort dr�ben.�</p><p>Gonvalon drehte sich um. Auf allen Seiten umgab sie unendliches Blau und der Boden sah aus wie sorgsam gepflegter Rasen. Jetzt bedr�ckte den Elfen die blaue Weite. Nichts hier war echt. Weder der Himmel noch die k�hle Sachlichkeit, mit der sie empfangen wurden.</p><p>�Welche Einstellung zur Kunst hast du, Gonvalon? Ist schon der Akt des Schaffens Kunst? Deine junge Bogensch�tzin hat eine interessante Frage aufgeworfen. Wir drei haben bereits den ganzen Morgen angeregt dar�ber diskutiert.�</p><p>�Ich bin Bildhauer.�</p><p>Talawain hob eine Augenbraue. �Wie brachial. Nur leider vermag ich daraus keine Antwort abzuleiten.�</p><p>Ist das nicht Antwort genug, dachte Gonvalon �rgerlich. �Ich arbeite mit Steinen, um mich g�nzlich zu ersch�pfen und zu verlieren. Ich glaube nicht, dass es erbauend ist mir zuzusehen, wenn ich am Stein arbeite. F�r mich ist der Akt des Schaffens egoistisch. Es geht allein um mich und um meine Gef�hle. Ich denke nicht an Dritte, sie sind ausgeschlossen. F�r sie ist das Werk, wenn es vollendet ist. Dann ist es Kunst.�</p><p>�Ich sch�tze, du gibst keine Erkl�rungen zu deinen Werken ab. Entweder sie erschlie�en sich dem Betrachter oder nicht.�</p><p>�Richtig.�</p><p>�Und was h�ltst du von K�nsten, die nichts Greifbares erschaffen, einmal abgesehen von einem sch�nen Augenblick? Von Tanz und Musik?� Diesmal war es die Elfe, die das Wort ergriffen hatte, doch Gonvalon war nicht in der Stimmung, mit den Blauen zu plaudern. �Wenig.�</p><p>Die Elfe hob eine Braue und musterte ihn forschend. �W�rdest du sagen, dass dies die Einstellung der Mehrheit der Meister der Wei�en Halle ist?�</p><p>Es war Nandalee, die ihn einer Antwort enthob. �Ich bin bereit�, sagte sie, als habe die vorangehende Unterhaltung nicht stattgefunden. Sie hatte die Sehne auf ihren Bogen gezogen und wartete.</p><p>Gonvalon war erleichtert, dass diese �berfl�ssige Unterhaltung ein Ende hatte.</p><p>Die drei Meister sahen einander an, dann nickten sie. �Bitte beginne mit deiner Vorf�hrung.�</p><p>Wie schon vor der Wei�en Halle verschoss Nandalee zwei Pfeile und Gonvalon war erneut angetan von der Anmut, mit der sie sich bewegte. Es war eine Freude, ihr zuzusehen.</p><p>Einmal mehr trafen beide Pfeile mitten in das Auge.</p><p>Die Meister der Blauen Halle zogen sich au�er H�rweite zur�ck. Sie sprachen eine Weile miteinander, wobei die Elfe heftig gestikulierte. Stritten sie? Oder war auch das nur Teil des Spiels? Wenn Lyvianne bei den Meistern der Blauen Halle den Eindruck erweckt hatte, dass Nandalee unbeliebt war, w�rde die junge Bogensch�tzin hier auf Unterst�tzung hoffen d�rfen. Es sei denn, die Blauen spekulierten darauf, dass man ihnen heimt�ckisch eine missliebige Sch�lerin unterschieben wollte. Gonvalon seufzte! Intrigen! Er hasste das!</p><p>Nandalee hatte die Sehne von ihrem Bogen gel�st und aufgerollt. Sie wirkte nerv�s. Gonvalon entschied, sich zu ihr zu gesellen.</p><p>�Was bereden die so lange?� Sie fl�sterte, obwohl die Blauen au�er H�rweite waren.</p><p>�Das bedeutet, dass zumindest einer von deinen Vorstellungen �ber Kunst angetan zu sein scheint.�</p><p>�Wenn sie f�r mich entscheiden, was wird dann geschehen?�</p><p>In manchen Dingen war sie geradezu kindlich naiv, dachte Gonvalon. �Man wird um deinetwillen nicht die Gesetze der Wei�en Halle umschreiben. Bogen sind bei uns ge�chtet. Ganz gleich, welches Urteil sie f�llen, du wirst deine Waffe niederlegen m�ssen.�</p><p>�Aber warum?�</p><p>�Ist das wirklich so schwer zu verstehen? Einmal abgesehen von der alten Ordnung, k�nnten wir Meister nicht dulden, dass eine Sch�lerin uns ihren Willen aufzwingt. Das ist unm�glich. Nicht einmal ich w�rde dich unterst�tzen.�</p><p>Nandalee sah ihn durchdringend an. Was ging in ihr vor? Bedeutete seine Freundschaft ihr etwas? Bislang hatte sie sich davon nichts anmerken lassen.</p><p>Talawain kam zu ihnen her�ber. �Auch wir werden den Bogen nicht als ein Instrument akzeptieren, mit dem man eine der sch�nen K�nste aus�bt. Dies zu tun hie�e unsere Grunds�tze ins Gegenteil zu verkehren. Wir schlie�en uns dem Urteil der Wei�en Halle an.�</p><p>Nandalee presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. Gonvalon wich ein St�ck von ihr zur�ck. Er musste daran denken, was der Schwebende Meister ihm berichtet hatte, als er Nandalee aus der H�hle in den Bergen geholt hatte. Wie sie im Zorn einen Mitsch�ler get�tet hatte.</p><p>�Allerdings hast du uns alle mit deiner Meisterschaft im Bogenschie�en beeindruckt. Wir m�chten deine Kunstfertigkeit von dir erlernen. Wir machen dir deshalb ein Angebot, wie es in der Geschichte der Blauen Halle noch niemals unterbreitet wurde. Du kannst bei uns bleiben, und du wirst gleicherma�en Sch�lerin und Meisterin sein. Wir hei�en dich in unseren Reihen willkommen, Nandalee.� Talawain streckte ihr die Hand entgegen.</p><p>Gonvalon schluckte. Sie wollten Nandalee hierbehalten? Mit dieser Antwort hatte er nicht gerechnet. �Du solltest ihr sagen, was ihr tut, Talawain. Und dass keiner aus der Blauen Halle je in die Reihen der Drachenelfen aufsteigen kann.�</p><p>Talawain parierte den Angriff mit einem L�cheln. �Das wei� sie doch sicher l�ngst. Ist es so wichtig, den Drachen nahe zu sein? Die Drachenelfen lassen sich ein Drachenbild unter die Haut stechen, wenn sie ihre letzte Pr�fung bestanden haben. Es ist unausl�schlich. Wir aber sind die Wandelbaren, Nandalee. Wir sperren uns nicht gegen das Neue, und die Aufgaben, die uns erwarten, erfordern nicht weniger Mut. Allerdings sind k�hne Waffentaten nur selten unser Gesch�ft. Wir sind die im Schatten. Jetzt, zu dieser Stunde, sind einundachtzig unserer Sch�ler in der Welt der Menschen. Sie sind Sp�her. Sie versuchen die Ziele der Devanthar zu ergr�nden. Und sie versuchen, die Menschen zu manipulieren, so wie die Widersacher der Alben es tun. Jene von uns, die entdeckt werden, erwartet ein schreckliches Schicksal. Wir k�mpfen nicht mit dem Schwert in der Hand. Unsere Waffen sind List und T�uschung. Wir ��</p><p>�Du vergisst Gift und Dolche�, unterbrach ihn Gonvalon. �Und t�tet ihr nicht auch Kinder?�</p><p>�Willst du behaupten, aus euren Reihen seien noch keine Kindsm�rder hervorgegangen? Wir sind dort, wo man uns nicht vermutet, Gonvalon. So werden wir auch zu Zeugen eurer Taten. Wir wissen, warum niemand euch Heldenlieder singt und warum ihr euren Sch�lern nicht anvertraut, was einmal ihre Aufgabe sein wird. Ihr seid der Schrecken. Auch an unseren H�nden haftet Blut, doch weit weniger als an den H�nden der Meister der Wei�en Halle.�</p><p>�Ma�t du dir an zu reden, wor�ber zu schweigen geboten ist?� Gonvalon war versucht, seine Rechte auf den Griff seines Schwertes zu legen.</p><p>Talawain l�chelte und wandte sich wieder an Nandalee, als h�tte er Gonvalons drohenden Unterton nicht geh�rt. �Siehst du, wie tief es in ihnen steckt, wenn ihre Ausbildung abgeschlossen ist, Nandalee? Wir sind anders. Es ist noch nie geschehen, dass eine Sch�lerin die Hallen gewechselt hat. Es ist nur m�glich, weil die Wei�en dich aus freien St�cken geschickt haben. Wenn du bei uns bleiben willst, dann nimm meine Hand.�</p><p>Gonvalon h�tte erwartet, dass Nandalee sofort einschlagen w�rde, aber sie tat es nicht. Aufmerksam musterten ihre wachen Augen erst ihn und dann wieder den Blauen Meister. Er verstand nicht, warum sie z�gerte, aber die Aussicht, Nandalee zu verlieren, schmerzte ihn mehr, als er erwartet h�tte.</p><p>Auch Talawain bemerkte Nandalees Z�gern. �Manchmal kann ein Einzelner, ein Entschlossener, mit einem Dolchsto� abwenden, was sp�ter tausend Schwerter nicht mehr zu verhindern m�gen. Doch um mit dem Dolch zu t�ten, muss man seinem Opfer so nahe sein, dass auch das eigene Leben oft verwirkt ist. Ein Bogensch�tze h�tte bessere Aussichten zu fliehen. Wenn du uns deine Kunst zu schie�en lehrst, wird weniger Elfenblut in der Welt der Menschen vergossen werden.�</p><p>Gonvalon konnte sehen, wie Nandalees Widerstand br�ckelte. Er wollte nicht, dass sie ging, aber er f�hlte sich auch verpflichtet, ehrlich zu ihr zu sein. �Ich kann dir nicht einmal aufrichtigen Herzens versprechen, dass du in der Wei�en Halle zur Meisterin aufsteigen wirst�, erkl�rte er.</p><p>�Und nicht nur das�, sagte Talawain. �Wei� sie um das Schicksal deiner Sch�lerinnen? Sie sterben. Die letzte ist spurlos verschwunden, aber das Schwert, mit dem sie auszog, h�ngt wieder in der gro�en Halle. Das l�sst keinen Zweifel an ihrem Schicksal. Du solltest dich von ihm trennen, Nandalee. Auf ihm scheint ein Fluch zu liegen. Ich verstehe nicht, warum sie ihn �berhaupt noch als Lehrer in der Wei�en Halle dulden.�</p><p>Nandalees Blick traf ihn ins Innerste. Er h�tte es ihr sagen sollen! Es w�re so oft Gelegenheit dazu gewesen. Die anderen Meister der Wei�en Halle schwiegen �ber die vielen Toten, und die Sch�ler waren nicht lange genug dort, um das ganze Ausma� des Unheils zu kennen. Trotzdem � er h�tte es ihr sagen m�ssen. Er seufzte. �Es ist wahr. Ich hatte bereits sechs Sch�lerinnen. Sie alle wurden in den Rang einer Meisterin erhoben � und sie alle starben. Ich habe die Himmelsschlangen Dutzende Male gebeten, mich von meinen Pflichten in der Wei�en Halle zu entbinden. Vergebens. Ich wei� nicht, warum sie mich nicht ziehen lassen.�</p><p>Nandalee l�chelte ihn an. �Aber ich wei� es. Ich wei� es, seit du mich bei dem Schwebenden Meister geholt hast. Sicher hat er dir geraten, mich zu t�ten. Ich wei� es, seit ich zum ersten Mal mit dir gelaufen bin. Sie lassen dich nicht ziehen, weil du ein guter Lehrer bist. Ein Lehrer, dessen Herz seinen Sch�lerinnen geh�rt. Und deshalb werde ich mit dir in die Wei�e Halle zur�ckkehren. Ich werde die sein, die allen beweist, dass es keinen Fluch gibt. Ich werde nicht sterben. Und ich werde das Bild der Himmelsschlangen unter meine Haut stechen lassen.�</p><p>Gonvalon schluckte hart. Ein Klo� sa� in seinem Hals.</p><p>�Ich finde, wir sollten nun gehen�, sagte Nandalee leichthin. Dann wandte sie sich an Talawain. �Wenn ich eine Meisterin der Wei�en Halle bin, werde ich hierher zur�ckkehren. Und ich werde euch lehren, wie Sch�tze, Bogen, Pfeil und Ziel eins werden. � Sie runzelte die Stirn, dann sch�ttelte sie sacht den Kopf. �Nein, es ist anders. Sie sind schon eins. Alles ist durch das magische Netz miteinander verbunden. Man muss nur lernen, es zu sehen.�</p><p>Und dann drehte sie sich einfach um und ging, als w�re damit alles gesagt.</p><p>Gonvalon nickte wortlos, aber innerlich lachte er. Seit �ber einem halben Jahr verbrachte er jeden Tag mit Nandalee. Er hatte gedacht, sie zu kennen. Aber er wusste nichts von ihr.</p></section><section><title><p>Die Flucht</p></title><p>Aya schob vorsichtig das lose Brett zur Seite, griff nach dem Deckenbalken und zog sich hoch. Das war der schwerste Teil. Es ziemte sich eigentlich f�r eine Haremsdame nicht, Arme zu haben, die einen solchen Kraftakt zulie�en. Keuchend kletterte sie auf das Flachdach. Vor einer Woche erst hatte sie die schadhafte Stelle im Dach einer der kleinen Nebenkammern des Badehauses entdeckt. Wer immer das hier repariert hatte, war ein ehrloser Lump gewesen. Statt die Arbeit ordentlich zu machen, hatte er ein paar Bretter, auf die ein �ltuch genagelt war, �ber das Loch im Dach gelegt. Vielleicht waren es auch gar keine richtigen Handwerker gewesen � W�rde man irgendwelche Arbeiter so nah an den Harem lassen? Nein, entschied Aya, vermutlich nicht.</p><p>Sie lie� sich auf den R�cken sinken und blickte zum weiten Sternenhimmel hinauf. Von hier sah er unendlich sch�ner und gr��er aus als aus den H�fen des Harems. Sie f�hlte sich frei, wenn sie auf dem Dach lag � zumindest so lange, bis ihr wieder einfiel, dass sie hier oben nicht weniger gefangen war als in den Gem�chern des Harems. Es gab kein Entrinnen aus dem Palast von Ak�u. Nicht einmal durch das verwunschene Tor, das in die Neue Welt f�hrte. Durch dieses Tor gingen kaum je Frauen, und als Mann verkleiden konnte sie sich auch nicht. So sch�bige, abgerissene Kleider, wie die einfachen Bauern sie trugen, waren im Harem einfach nicht aufzutreiben.</p><p>Seit ihrem ersten Ausflug auf das Dach hatte sie �ber nichts anderes mehr nachgedacht als �ber ihre Flucht und in dieser ersten Nacht hatte sie bei ihrer R�ckkehr in den Harem vor Aufregung nicht schlafen k�nnen. Die Freiheit war ihr so nah erschienen! Aber mit jeder weiteren Nacht, die sie nachgedacht hatte, war ihr klarer geworden, wie fern sie in Wahrheit war. Nur wenn sie einen ganz und gar ehrlosen Weg beschritt, dann mochte es ihr vielleicht gelingen zu entkommen. Sie hatte Erkundigungen �ber den Hofmeister eingezogen. Datames. Sehr vorsichtige Erkundigungen, denn es war nicht gut, wenn eines der M�dchen aus dem Harem zu offen nach einem Mann fragte. Sie hatte Scherze �ber den Bartlosen gemacht und dabei aufmerksam zugeh�rt, was die anderen M�dchen �ber ihn zu sagen hatten. Auch bei den alten Frauen war sie gewesen. Datames war schon seit mindestens f�nfzehn Jahren Hofmeister. Es hie�, er sei einst ein Sklave gewesen, bis sein fr�herer Herr, einer der Satrapen des Reiches, seine besonderen Talente entdeckte. Er konnte wunderbare Feste organisieren und auch daf�r sorgen, dass die allt�glichen Gesch�fte eines gro�en Hauses ohne L�rm abliefen und ohne dass Klagen den Hausherrn erreichten. Bei einem Fest des Satrapen war der Unsterbliche auf diesen verdienstvollen Sklaven aufmerksam geworden, und als er nach Datames fragte, war dem Satrapen gar keine andere Wahl geblieben, als seinen Hofmeister dem g�ttlichen Aaron zu schenken. Seither war Datames einer der heimlichen Herrscher des Palastes von Ak�u.</p><p>Er war kein Tyrann und er wusste, dass man �ber ihn spottete, weil ihm kein Bart wuchs. Anfangs hatte man noch gedacht, er sei so jung, aber jetzt glaubte im Harem die Mehrheit der Frauen, er stamme von einem fremden Volk weit im Westen. Auf den Inseln in der Meerlunge oder vielleicht auch von den Schwimmenden Inseln. Dort wuchs den M�nnern kein Bart, so hie� es, und die Weiber konnten sich in Fische verwandeln. Es gab sogar die verr�ckte Geschichte, Datames w�chse auch auf dem Kopf gar kein richtiges Haar, sondern F�den aus reinem Gold. Aya musste l�cheln. Es gab auch im Harem Frauen mit <emphasis>goldenem</emphasis> Haar. Es war kostbar, sicherlich, aber kein Metall. Das war gewiss auch bei Datames nicht anders. Da glaubte sie schon eher an Weiber, die sich in Fische verwandelten. Vielleicht, so dachte sie, trug er ja auch eine Per�cke und ihm spross in Wahrheit nirgends ein Haar. Wer wusste das schon? Wann immer er seine Kammer verlie�, hatte er den Kopf bedeckt. Er trug eine auff�llige hohe Haube, auf die zwei �bereinanderliegende Paare H�rner aufgestickt waren. Darunter wickelte er noch einen Schal um seinen Kopf. Ganz gleich, wie hei� es war. Das tat kein Mann mit Haaren auf dem Kopf! Es hie� auch, er schwitze niemals und sein Blut sei kalt wie das einer Echse.</p><p>Es gab zu viele Geschichten um Datames, als dass man dahinter noch eine Spur von Wahrheit h�tte erahnen k�nnen. Aber die seltsamste Geschichte um den Hofmeister kannte nur sie. Dass er sich eines Nachts als Bauer verkleidet in die Neue Welt davongeschlichen hatte. Warum hatte er das wohl getan? Er, der m�chtig wie ein Satrap war. Er h�tte jederzeit ganz offen mit einer der Karawanen ziehen k�nnen und w�re in einer S�nfte hin�bergetragen worden. Warum hatte er diesen Weg gew�hlt? Was hatte er zu verbergen?</p><p>Sie w�rde es ergr�nden, hatte Aya entschieden. Und wenn sie die Antwort gefunden hatte, w�rde diese ihr auch ihren Weg durch die Pforten des Palastes weisen. Wenn sie erst sein Geheimnis kannte, w�rde sie ihn erpressen. Sie wusste auch schon, wie sie es anstellen w�rde. Wenn der G�ttliche mit einigen seiner Vertrauten ein Mahl im Harem einnahm, zogen er und seine Begleiter stets die Schuhe aus. Datames w�rde eine Botschaft in einem seiner Schuhe finden, wenn er wieder ging. Er w�rde niemals herausfinden k�nnen, welche der Haremsdamen sie dort hineingesteckt hatte.</p><p>Aya dachte an die Freiheit. Die richtige Freiheit und nicht nur die, �ber dem Harem auf einem Dach zu liegen. Sie w�rde sich ihr Schweigen mit einem Beutel voller Edelsteine bezahlen lassen � und mit der Flucht aus dem Harem. Und sie w�rde daf�r sorgen, dass der Hofmeister bef�rchten musste, dass sein Geheimnis ans Tageslicht kam, wenn ihr etwas zustie�. Dieser letzte Teil ihres Planes war noch nicht ganz ausgereift. Aber das w�rde schon noch werden! <emphasis>Klugheit und Mut �ffnen dir letztlich jede T�r</emphasis>, hatte ihr Vater immer gesagt. Er musste es wissen, denn er hatte es geschafft, seine Tochter in den Harem des Unsterblichen zu bringen. Und es gab nur wenige T�ren im Reich Aram, die sich so schwer �ffneten wie die des Harems.</p><p>Sie erinnerte sich an ihren ersten Tag im Palast, als sei es erst gestern gewesen. So voller Stolz war sie damals hierhergekommen, eine der Auserw�hlten zu sein. So dumm war sie gewesen! Aber sie war klug und mutig, und sie konnte klettern und schleichen wie eine Katze. Sie w�rde sich auch die Pforte in die Freiheit �ffnen! Entschlossen rollte sie herum und eilte geduckt an der Br�stung des Flachdachs entlang. Diese Nacht war besser gew�hlt, denn der Mond war nur noch eine schmale Sichel, die kaum Licht spendete. In ihrer Heimat hatten sie ihn den Meuchlermond genannt, denn die N�chte, in denen er den Nachthimmel regierte, waren wie geschaffen f�r dunkle Taten.</p><p>Wieder h�rte sie die L�wen in den H�fen. Wie konnte man seine Weiber nur durch L�wen bewachen lassen! Das war grausam! Traute er den Eunuchen nicht zu, dass sie wachsam genug waren? Krieger, die nicht entmannt waren, durften nicht einmal auf die H�fe in der N�he des Harems. Und all dies, um Frauen zu besch�tzen, von denen er manche noch nicht einmal angesehen hatte.</p><p>Manchmal stellte sich Aya vor, wie der Unsterbliche von seinen eigenen L�wen zerfleischt wurde. Und dann dachte sie wieder, dass er vieles vielleicht gar nicht wusste, das in seinem Palast vor sich ging. Daf�r hatte er ja Diener wie den Hofmeister. Nach dem Himmelssturz war er so z�rtlich gewesen. In jener Nacht hatte sie eine Ahnung bekommen, wie sich wahre, unschuldige Liebe anf�hlen mochte. Sie wollte das wieder erleben! Und sie wusste, es w�rde nicht mit dem Unsterblichen sein.</p><p>Aya eilte �ber eine Mauerkrone zum n�chsten Dach. Sie setzte ihre Schritte sicher und schnell. Das Knurren, das sie begleitete, versuchte sie zu ignorieren. Verdammte L�wen, sie machten ihr Angst. Die Bilder der Hinrichtungen in der L�wengrube dr�ngten sich in ihre Erinnerung. Die Schreie der Frauen. Niemand sollte so sterben! Manchmal hatten die Raubkatzen mit ihren Opfern gespielt. Wie Hauskatzen mit M�usen. Sie schluckte hart. Manche Frauen im Harem f�rchteten, dass Aaron wieder so werden k�nnte wie fr�her. Er stand unter zu gro�em Druck, der bevorstehende Krieg mit Luwien beherrschte all seine Gedanken, und kaum jemand glaubte, dass er ihn gewinnen konnte. Fr�her war er nach Misserfolgen besonders grausam gewesen. Ein falscher Blick hatte dann schon gereicht, um die Bestie zu wecken, die in ihm schlummerte. Aber bis zu der gro�en Schlacht w�rden noch fast drei Jahre vergehen. Bis es so weit war, w�re sie l�ngst nicht mehr hier.</p><p>Sie lief �ber ein weiteres Flachdach. Wartete hinter einer Br�stung kauernd ab, bis die Wache auf der nahe gelegenen �u�eren Mauer im Eckturm verschwunden war, und arbeitete sich weiter voran. Der Weg �ber die D�cher und Mauern war fast drei Mal so lang wie der �ber die H�fe. Sie musste Umwege in Kauf nehmen, und je weiter sie sich vom Harem entfernte, desto vorsichtiger wurde sie. Die Wachen waren in diesem Teil des Palastes zahlreicher. Daf�r gab es keine L�wen mehr.</p><p>Endlich erreichte sie das Haus, in dem die Gem�cher des Datames lagen. Selbst im Licht des Sichelmondes waren die glasierten Ziegelsteinreliefs der Au�enw�nde noch zu erkennen. Sie schimmerten wie Wasser. Goldene L�wen schritten majest�tisch vor blauem Hintergrund. Das Haus des Hofmeisters war ein kleiner Palast innerhalb des Palastes. Es gab dort einen gro�en Empfangssaal, wo Bittsteller vor ihn traten oder er mit anderen W�rdentr�gern die tausend kleinen und gro�en Gesch�fte des Hofstaats besprach.</p><p>Sie �berquerte das Dach des Saals und sp�hte auf einen kleinen Hof hinab. Dort wuchs eine kunstvoll beschnittene Zypresse, deren Stamm in Spiralen gewachsen war. Es gab Blumenb�sche und einen kleinen Teich, in dem sich zwischen Seerosen, dicht unter der Wasseroberfl�che, helle Fische bewegten.</p><p>Aya sprang in das Ge�st des Baumes. Laub raschelte. Ein d�nner Ast brach und fiel hinab auf einen gepflasterten Weg. Sie dr�ckte sich dicht an den Stamm und lauschte. Gab es hier W�chter? Hatte sie Datames aufgeschreckt? Sie wollte den Hofmeister unbedingt �berraschen! Es war wichtig, dass sie ihm allein gegen�bertrat. Sollte er in Gesellschaft sein, w�re alles verloren. Er w�rde sie nicht anh�ren, sondern sofort abf�hren lassen. Traf sie ihn aber allein an, dann hatte sie bereits zur H�lfte gewonnen. Dann konnte er nicht einfach die Wachen rufen. Ein hoher W�rdentr�ger, in dessen Gem�chern sich eine Haremsdame aufhielt � Dieser Lage w�rde auch er nicht ohne Schaden entkommen.</p><p>Der Hof blieb still, und erleichtert kletterte sie den Baum hinab, hob den abgebrochenen Ast auf und schob ihn in einen dichten Busch. Der Garten war zu geordnet. Sch�n, ohne Zweifel, aber nicht nat�rlich. Den B�umen und Zierb�schen war ein fremder Wille aufgezwungen. Sie waren nicht nur beschnitten wie in jedem Garten. Ihre �ste erhoben sich in geradezu unheimlicher Symmetrie. Nirgends sah sie ein welkes Blatt oder eine Bl�te, die nicht vollkommen in Wuchs und Farbe war. Der Garten war von solcher Sch�nheit, dass er Aya beunruhigte. Sie sah zu dem Baum zur�ck. Der fehlende Ast war leicht zu entdecken. Aber hatten W�chter einen Blick f�r so etwas? Wohl kaum! Es gab ohnehin kein Zur�ck mehr. Es war zwar m�glich gewesen, vom Dach in die Baumkrone zu springen, doch k�nnte sie in der Krone nicht weit genug nach oben steigen, um nach der Dachkante zu greifen.</p><p>Sie hielt sich im Schatten und �berquerte den Hof. Es gab keine Fenster hin zu den privaten Gem�chern des Hofmeisters. Nur eine T�r, in der ein Perlvorhang hing. Aya fluchte stumm. Es war unm�glich, dort hindurchzugehen, ohne ein Ger�usch zu verursachen!</p><p>Hinter dem Vorhang lag ein Flur. Durch zwei offene T�ren fiel das warme Licht von �llampen. Sie stand still und lauschte. Ab und an bewegte eine n�chtliche Brise das Laub der Zypresse. Ein Fauchen aus der L�wengrube jagte ihr einen Schauer �ber den R�cken. Dann war es wieder still. Vielleicht hatte sie ja Gl�ck und Datames war allein. Er galt als Eigenbr�tler. Aber was wussten sie im Harem schon! Von der Welt au�erhalb ihrer Mauern erreichten sie zwar viele Ger�chte, doch nur wenige Gewissheiten.</p><p>In den steinernen Platten vor der T�r schlummerte noch eine Erinnerung an die W�rme des Tages. Sie stieg in ihre F��e auf. Ein wohliges Gef�hl. Es machte sie entscheidungsfreudiger. Es gab ohnehin keinen Weg zur�ck. Sie trat durch den Perlvorhang. Glatte Fl�chen liebkosten ihre Wangen.</p><p>Leises Klackern folgte ihr noch nach, als sie schon an der Schwelle der vorderen T�r stand. Sie blickte in ein Zimmer, in dem sich erlesener Geschmack mit unpers�nlicher K�hle paarte. Jedes M�belst�ck war vollkommen. Alles stand so, dass es gut zur Geltung kam und zugleich n�tzlich war. Drei �llampen spendeten Licht, ohne die Schatten aus den Ecken des gro�en Raums zu vertreiben. So erhielt sich das Gemach einen Hauch des Geheimnisvollen. In einer dieser Ecken, im Zwielicht, entdeckte sie ein gro�es Nachtlager. Decken und Kissen. Auch diese geschmackvoll arrangiert und unber�hrt.</p><p>�Zufrieden mit dem, was du siehst?�</p><p>Die Stimme �berraschte Aya so sehr, dass sie unf�hig war, in irgendeiner Form zu reagieren. Sie zuckte nicht ertappt zur�ck, antwortete nicht, ja, sie vermochte nicht einmal den Kopf zu drehen, ganz als h�tten die wenigen Worte sie versteinern lassen.</p><p>�Tritt ein.�</p><p>Sie gehorchte, wie unter einem Bann. Datames lehnte dicht bei der T�r an der Wand. Er war halb im Schatten verborgen. Sie sah ihn nur aus dem Augenwinkel. Ein Schauder �berlief sie. Schneewei�e Z�hne blitzten im Halbdunkel.</p><p>�Die mit Abstand sch�nste Diebin, die mir je begegnet ist.� Mit einem leisen, gewinnenden Lachen trat er vor sie. Der Bann war gebrochen. Aya musterte ihn. Was w�rde er jetzt tun? Die Wachen rufen? Dazu war es schon zu sp�t! Er h�tte verhindern m�ssen, dass sie sein Gemach betrat, statt sie aufzufordern hereinzukommen.</p><p>�Ich habe dich schon einmal gesehen. Du bist eine der Haremsdamen, nicht wahr?�</p><p>Aya war erstaunt. Er hatte sich ihr Gesicht gemerkt unter all den Frauen! Bei den wenigen Anl�ssen, zu denen er in den Harem gekommen war, um dort gemeinsam mit dem Unsterblichen zu speisen, waren sie beide einander nicht vorgestellt worden. Auch das hatte sich ver�ndert. Fr�her hatte der G�ttliche nie einen Hehl daraus gemacht, welchem seiner zahllosen Weiber er gerade am meisten zugetan war.</p><p>�Ich bin ein schlechter Gastgeber. Bitte entschuldige, meine Liebe. Es muss wohl daran liegen, dass mir tags�ber die Dienerschaft alle kleinen Pflichten abnimmt. Bist du durstig? Ich habe hier einen wirklich vorz�glichen Roten von den Aegilischen Inseln. Einen jungen Wein mit Temperament.�</p><p>Bei den letzten Worten schwang ein Unterton mit, der fast anz�glich war. Allerdings sah sie kein L�cheln und auch keinen Blick, der dies bekr�ftigt h�tte.</p><p>Das sollte ihre Rolle sein! Sie sollte ihn verf�hren. Es w�re besser, wenn er ihr freiwillig half, statt durch eine Erpressung gen�tigt. Nur diese Bartlosigkeit � Sie sah sich in dem gro�en Zimmer um. Nichts wies darauf hin, dass hier eine Frau verkehrte. Im Harem erz�hlte man sich allerlei �ber ihn. Aber das meiste war gewiss nur aus Langeweile geborener Tratsch. Es hie�, dass er Knaben den Frauen vorzog, aber was wusste man schon im Harem von der wirklichen Welt?</p><p>Er winkte sie zu einem niedrigen Tisch dicht neben der Bettstatt. Aya l�chelte. In diesen Spielen war sie mit Sicherheit erfahrener als Datames. Dann reichte er ihr einen goldenen Trinkbecher. Ein au�ergew�hnliches St�ck, in das zwei gefl�gelte, goldene L�wen graviert waren. Aya hatte einmal einen �hnlichen gesehen. Sie geh�rten zum Kronschatz des Unsterblichen!</p><p>�Ein Geschenk Aarons�, erkl�rte der Hofmeister beil�ufig. �Unser beider Herr hat einen ausgepr�gten Sinn f�r Sch�nheit.�</p><p>�Nur leider fehlt es ihm manchmal an Best�ndigkeit.�</p><p>Datames bedachte sie mit einem L�cheln. �Ist das der Grund, der dich zu mir f�hrt?�</p><p>�Mangelt es dir an Selbstbewusstsein, Hofmeister?�</p><p>Sein L�cheln wurde breiter. �Sagen wir einmal, ich gebe mich keinen Illusionen dar�ber hin, was Frauen �ber bartlose M�nner denken. Es ist bekannt, dass ich schon zu lange dem Palast diene, um noch als ein J�ngling durchgehen zu k�nnen.�</p><p>Aya beugte sich vor und griff nach dem goldenen Becher. Dabei achtete sie sorgsam darauf, gerade so viel Einblick in ihr Dekollet� zu gew�hren, dass die Fl�gel der Phantasie nicht durch Gewissheit gestutzt wurden. An dem Wein nippte sie nur, denn sie wurde zu leicht berauscht und die Zeit, sich gehen zu lassen, war noch nicht gekommen.</p><p>�Sprie�t allen M�nnern deines Volkes kein Bart?�</p><p>Etwas im Blick des Hofmeisters ver�nderte sich. Er wirkte argw�hnisch. Einen Herzschlag lang, dann l�schte die Maske des L�chelns diesen Eindruck. �In der Tat, meine Sch�ne. Den M�nnern meines Volkes w�chst kein Bart. Und manche haben goldenes Haar, wie du sicherlich schon geh�rt hast.�</p><p>�Unterscheidet ihr euch auch noch auf andere Art von den M�nnern Arams?� Sie sagte das im ge�bten Plauderton des Harems, der jede Deutung erlaubte und es dem Zuh�rer �berlie�, die Untiefen verborgener Botschaften auszuloten.</p><p>�Du meinst, einmal abgesehen davon, die Intrigen bei Hof deutlich l�nger zu �berleben, als dies bei anderen W�rdentr�gern der Fall ist?�</p><p>Sie h�tete sich zu antworten und beschr�nkte sich auf einen vielsagenden Blick. Dann nippte sie erneut am Wein. Man musste den M�nnern nur Gelegenheit geben, dann fingen sie an zu reden. Darin waren sich alle Frauen im Harem einig.</p><p>�Dort, wo ich herkomme, erg�tzen sich M�nner an Frauen mit einer flinken Zunge.�</p><p>Aya stieg das Blut in die Wangen. Das war �</p><p>�Schweigen gilt dort nicht als eine Tugend, die einer Frau gut zu Gesicht steht. Ganz im Gegenteil. Wir sch�tzen die Herausforderung. �</p><p>��bersch�tzt du vielleicht deine M�glichkeiten ��</p><p>�Ich w�rde eher sagen, ich wachse an meinen Aufgaben.� Diesmal war sein L�cheln auf attraktive Art unzweideutig.</p><p>Sollte sie ihm ein wenig entgegenkommen? Sch�tzte er es, der Eroberer zu sein? Oder w�rde er es nur bei Worten belassen? Sie war sich unschl�ssig, wie sie fortfahren sollte. Verlegen nippte sie wieder am Weinbecher.</p><p>�Welches Gef�hl beherrscht das Leben im Harem? Melancholie? Einsamkeit? Eifersucht?�</p><p>�Ich w�rde sagen, das h�ngt von der jeweiligen Frau ab�, erwiderte sie �berrascht.</p><p>�Mich interessiert im Augenblick nur eine Frau.�</p><p>Sie entschied sich, offen zu sein. So dr�ngend, wie er fragte, w�rde ihn eine weitere vieldeutige Antwort vielleicht erz�rnen. �Bei mir ist es die Sehnsucht nach wahrer Liebe.� Sein L�cheln verschwand. Doch in seinen Augen lag ein Ausdruck tiefen Verstehens.</p><p>�Und diese Sehnsucht verleiht dir Fl�gel?�</p><p>�Nein, sie erf�llt mich mit todesverachtender Verzweiflung. Ich wei�, was mich erwartet, wenn man mich au�erhalb der Mauern des Harems entdeckt.� Sie senkte den Blick. �Und auch, womit ein Mann zu rechnen hat, der mich nicht sofort ausliefert�, f�gte sie leise hinzu.</p><p>�Und warum fiel deine Wahl auf mich? Weil ich keinen Bart trage?�</p><p>�Weil ich dir zutraue, unbemerkt den Palast zu verlassen, wenn du es wolltest.�</p><p>Sein Blick wurde hart. �Warum sollte ich das tun? Ich bin der Hofmeister. Ich kann mich frei bewegen.�</p><p>Sie hielt dem Blick stand. �Dann war es wohl nur eine romantische Schw�rmerei von mir zu hoffen, dass du unter dem magischen Licht des Mondes ein anderer sein k�nntest. Einer, der auf verwunschenen Pfaden wandelt und wagt, was sonst niemand wagt.�</p><p>Das L�cheln kehrte auf sein Antlitz zur�ck. �Du scheinst mich besser zu kennen als irgendein anderer hier im Palast.� Er beugte sich vor, um ihr ein wenig Wein nachzuschenken, und dabei kam er ihr so nah, dass sie seinen warmen Atem auf dem Gesicht sp�ren konnte. Er roch gut! Sauber � Und da war noch etwas. Ein Duft, den sie nicht zu benennen vermochte. Der ein tiefes, warmes Gef�hl in ihr aufsteigen lie�.</p><p>�Im Mondeslicht auf verwunschenen Pfaden zu wandeln � So viel Sinn f�r romantische Abenteuer hat mir bislang noch niemand unterstellt.�</p><p>Sie hob ihren Kopf. Nur wenige Zoll trennten ihre Lippen voneinander. Sie wollte diesen seltsamen bartlosen Mann. Sie w�rde ihn nicht erpressen! Sie wollte seine Liebe. Sie hatte schon zu viel gesagt. �Sind Abenteuer nicht das Salz unseres Lebens?�</p><p>�Nein, sie sind unser Untergang.� Und mit diesen Worten k�sste er sie so leidenschaftlich, dass sie ein tiefer Schmerz ergriff, der das Verlangen gebar, in einer einzigen Nacht all das nachzuholen, was ihr das Leben bislang verwehrt hatte.</p><p>Datames war z�rtlich, aber bestimmend, hob sie empor und trug sie zu seinem Lager. Seine langen, schlanken H�nde sch�lten sie aus ihren Gew�ndern. Und mit den perlenbestickten Kleidern fielen alle Erinnerungen und Beschr�nkungen des Harems von ihr ab. Seine Lippen liebkosten sie unabl�ssig, erkundeten jeden Zoll ihres Leibes. Seine Zunge war ein wenig rau, �hnlich einer Katzenzunge. Im ersten Augenblick zuckte sie vor ihrer Ber�hrung zur�ck, doch dann entlockte die Leidenschaft ihr kurze, kehlige Schreie. Es war ihr ein wenig peinlich. Nie war sie so unbeherrscht gewesen, hatte sich nie so gehen lassen. Bisher war es ihre Aufgabe gewesen, Lust zu schenken. Sie zu empfangen war ihr fremd.</p><p>Sie schloss die Augen, um dem Anblick der ungew�hnlich blassen Haut des Hofmeisters zu entgehen. Aber diese Haut zu ber�hren � Ihre H�nde fuhren von den Schultern an seinen R�cken hinab. Sie schob sein Obergewand zur�ck, dessen Stickereien ihr �ber Bauch und Br�ste kratzten. Nie hatte sie solche Haut ber�hrt. Sie war glatt wie die glasierten Oberfl�chen der Schmuckamphoren aus den fernen K�stenst�dten Arams. Und zugleich zart wie ein Kirschbl�tenblatt. Keine der Haremsdamen kam ihm gleich. Eifers�chtig h�teten sie untereinander ihre Geheimnisse um die Erhaltung einer glatten, jugendlichen Haut. Seien es nun B�der in Milch und Honig oder Behandlungen mit kostbaren Bl�ten�len. Und dann traf sie diesen oft heimlich bel�chelten Hofbeamten, und er hatte den Schl�ssel zur Vollkommenheit gefunden.</p><p>Ihre Finger ertasteten die Schnur, die seinen Wickelrock hielt. Sie l�ste den Knoten. Er rollte zur Seite und zog sie auf sich. Seine schlanken H�nde griffen nach ihren Br�sten. Sie blinzelte. So hell und makellos war diese Haut. Geradezu unheimlich. Und immer noch trug er seine hohe M�tze mit den aufgestickten Stierh�rnern, was ein wenig albern aussah.</p><p>Er zog sie zu sich hinab. Ihre Lippen fanden einander. Er roch so gut!</p><p>Aya schob die M�tze von seinem Kopf. Langes, leicht gewelltes Haar quoll �ber die seidenbestickten Kissen des Lagers. Unter der M�tze war ein breites, rotes Stirnband verborgen, das wohl seine Haare aus der Stirn hatte fernhalten sollen. Sie tastete danach � Datames ergriff ihre H�nde. �Nicht jetzt, meine Liebste. Mein Haar w�rde mir vor das Gesicht fallen, und ich m�chte dich sehen. � Mit diesen Worten schwang er sich herum und dr�ckte sie in die Kissen.</p><p>Erneut schloss sie die Augen. Jetzt war der romantische Teil vorbei und es w�rde so werden, wie es mit dem Unsterblichen gewesen war. Sie kannte nur diesen einen Liebhaber � Nein, Eroberer, das war das passende Wort. Bei ihren ersten Liebesn�chten hatte es nichts Romantisches gegeben. Sie hatte lediglich das rechte Ma� zwischen Widerstand und Hingabe bewahren m�ssen. Erst bei der Reise auf dem fliegenden Palast war es anders geworden. Z�rtlicher, aber auch unbeholfener. Besonders in jener Nacht, in der sie sich Aaron mit Schaptu und Mara geteilt hatte.</p><p>Aber Datames war anders. Er schien nur an ihre Lust zu denken. Mal war er sanft, mal best�rmte er sie und fl�sterte fremde, bet�rende Worte. Sie f�hlte sich schw�cher und schw�cher. Seine K�sse machten sie ganz schwindelig. Es war so sch�n mit ihm, so sonderbar, so einzigartig. Und dann, als sie glaubte, dass keine Woge der Lust sie jemals w�rde h�her tragen k�nnen, verschwamm sein Bild vor ihren Augen und ihr schwanden die Sinne.</p></section><section><title><p>Wie ein ausgelesenes Buch</p></title><p>Talawain blickte auf die Haremsdame. Ihr Haar war an den Schl�fen ergraut, Kr�henf��e hatten sich in die Haut der Augenwinkel gegraben und nisteten unter den dunklen Ringen, die sie sich unter die Augen gemalt hatte. Er l�chelte. Diese unselige Vorliebe war nach Aarons letzter Reise in die Neue Welt in den Harem eingezogen. Sie schien durch die Art, wie die Frauen der Ischkuzaia sich schminkten, beeinflusst zu sein.</p><p>Ayas Sch�nheit war nicht ganz verflogen, dachte er, doch hatte sie in dieser Nacht einen weiten Schritt auf dem kurzen Weg genommen, der die Menschen von der Geburt zum Grab f�hrte. Es war seltsam mit den Menschen. Sie hatten nicht gelernt, w�rdevoll zu altern. Ganz anders als die Elfen. Bei den Menschenkindern war das Altern Verfall. Ein Sichann�hern an das, was mit ihnen im Grab geschehen w�rde. Anfangs war ihm das sehr fremd gewesen, doch �ber die Jahre hatte sich Talawain daran gew�hnt, dass der faulige Geruch des Todes sich hier schon bei den Lebenden einnistete.</p><p>Aya schlief. So voller Unschuld und Leidenschaft war sie gewesen. Und gehorsam. Fast h�tte sie seine Ohren ber�hrt, die er unter dem Stirnband wohl verbarg. Daimonenohren nannten die Menschen sie. Talawain wusste, dass ihn ein grausamer Tod erwartete, wenn sie entdeckten, wer er wirklich war. Wenn er Gl�ck hatte, w�rden sie ihn nur totpr�geln, waren sie aber besonnen, w�rden sie ihn an einen der Devanthar ausliefern. Die Kleine war seinem Geheimnis n�hergekommen, als gut f�r ihn war. Ihre Anspielung vom magischen Licht des Mondes hatte er sehr wohl verstanden. Sie musste ihn gesehen haben, als er zur Pr�fung dieser jungen Elfe aus der Wei�en Halle gerufen worden war. Er musste vorsichtiger sein.</p><p>Er seufzte leise. Er konnte Aya nicht hierbehalten. Was sollte er ihr sagen, wenn sie in einen der kleinen bronzenen Handspiegel blickte? Auch durfte niemand sie hier sehen. Wenn man eine fl�chtige Haremsdame in seinen Gem�chern fand, war sein Leben verwirkt. Sicherlich, er w�rde sich eine Zeit lang seiner Haut erwehren k�nnen. Auch wenn er nur ein Elf der Blauen Halle war und keiner jener Todesbringer, wie sie in der Wei�en Halle ausgebildet wurden, so war er den Menschen doch �berlegen. Aber wie weit w�rde er kommen? Auf sich allein gestellt in einem Palast, in dem es Hunderte Wachen gab? Und welchen Schaden w�rde ihre Sache nehmen, wenn er die Stellung als Hofmeister aufgeben musste? So viele Jahre hatte es ihn gekostet, in den Palast zu gelangen. Bestimmt k�nnte er noch ein Jahrzehnt bleiben, bevor es auffiel, dass er nicht alterte. Wenn er geschickt war, und sein Gaukelspiel vervollkommnete, mochten es vielleicht sogar zwei Jahrzehnte werden.</p><p>Ganz sachlich betrachtet, konnte er keinen Gewinn mehr aus Aya ziehen. Sie war wie ein ausgelesenes Buch. Aya hatte nicht einmal bemerkt, wie er w�hrend des Liebesspiels seinen Zauber gewoben hatte, um all ihr Wissen zu trinken. All die kleinlichen Intrigen, die hinter den Haremsmauern gesponnen wurden, waren ihm nun wohlbekannt. Und der Verdacht, den Aya gegen den Unsterblichen hegte. Talawain wusste jetzt um die Dinge, die nur die Geliebten des Unsterblichen zu ergr�nden vermochten. L�ngst hatte er vermutet, dass die Devanthar gelegentlich die allm�chtigen Herrscher der Sieben Reiche austauschten. Nun hatte er Gewissheit.</p><p>Er hatte noch ihren Geschmack auf den Lippen. Salzig, mit einem Hauch von Bl�ten�len. Nein, dachte er, es war unangebracht, sentimental zu sein. Sie hatte sich bei ihm eingeschlichen. Sie hatte ihm keine Wahl gelassen. Und doch � war sie zu ihm gekommen wie ein kleiner, aus dem Nest gefallener Vogel. Er hatte ihn aufgehoben � und nun w�rde er nie mehr in sein Nest zur�ckkehren k�nnen. Nun haftete ihm der falsche Geruch an. Die Alten w�rden ihn aus dem Nest werfen. Oder seine Brutgeschwister. Aya konnte nicht mehr zur�ck in den Harem. Die Ver�nderungen waren zu offensichtlich. Sie w�rde �ber das sprechen, was ihr geschehen war. Sie h�tte gar keine Wahl. Und hierbleiben konnte sie auch nicht.</p><p>Talawain seufzte. Er hatte Gefallen an dem Liebesspiel mit ihr gefunden. Mehr als erwartet. Es war lange her, dass er sich eine Menschenfrau ins Bett genommen hatte. Menschen und Elfen waren zu verschieden und sollten einander nicht paaren. Aber vielleicht war er auch schon zu lange hier, wenn er aus einer solchen Liebesnacht mit Gef�hlen der Wehmut und des Mitleids erwachen konnte.</p><p>Leise murmelte er ein Wort der Macht und strich dabei �ber Ayas Haar. Trocken und spr�de f�hlte es sich jetzt an. Er konnte ihr nicht mehr zur�ckgeben, was er ihr genommen hatte. Er war vorsichtig gewesen. Und doch waren ihr viele Jahre verloren gegangen � Zu viele. Traurig strich er �ber ihre eingefallenen Wangen, die d�nnen, flatternden Lider. Er hatte diesen Zauber einst von Lyvianne erlernt, vor langer Zeit, als sie ihn zu ihrem Geliebten erw�hlt hatte. Sie hatte ihm nicht sagen wollen, wer ihr Lehrer gewesen war. Eine der Himmelsschlangen wahrscheinlich. Sie liebten ihre Drachenelfen und beschenkten sie mit geheimem Wissen. Er hatte nie verstanden, warum Lyvianne ihn damals verlassen hatte. So pl�tzlich. Ohne einen Streit. Ohne Grund. Zwei Jahre lang war sie wie vom Erdboden verschluckt gewesen. Als sie wieder in die Wei�e Halle zur�ckgekehrt war, war sie abweisend gewesen. So als h�tte es ihre Liebesn�chte niemals gegeben. Sie hatte ihn sp�ren lassen, dass er nur ein Meister der Blauen Halle war und kein Drachenelf.</p><p>Talawain l�chelte melancholisch. Nur der Zauber war ihm geblieben. Ein Zauber der falschen Liebe, s�� und t�dlich, wenn er um Menschenkinder gewoben wurde. Er nutzte ihn nur selten. Er war zu verr�terisch, auch wenn er in einer Nacht mehr Wissen schenkte, als man sonst in vielen Jahren zu erlangen vermochte. Er seufzte und betrachtete Aya. Sie w�re ihm gewiss treu geblieben. Aber ihre Liebe h�tte nicht bestehen k�nnen. Niemals.</p><p>Wieder strich er ihr �bers Haar, liebkoste sie z�rtlich, bis sie erwachte. �Komm, meine Liebe.�</p><p>Gehorsam richtete sie sich auf. Ihr Blick war verhangen, diesseits des Schlafs und doch nicht wirklich wach.</p><p>�Komm�, sagte er entschieden. �Komm mit mir.�</p><p>Talawain griff nach ihren Kleidern. Er selbst hatte sich l�ngst angekleidet.</p><p>Sie gehorchte, ohne ein Wort zu sagen. Schweigend traten sie in den Garten. Eine Leiter lag hinter �ppigem Buschwerk verborgen. Er stellte sie auf.</p><p>Das Licht der Sterne vermochte die Dunkelheit nicht vom Hof zu verbannen. Talawain �ffnete sein Verborgenes Auge. Er sah die Kraftlinien, das wundersame Netz der Magie, das alles miteinander verband. Er konzentrierte sich, suchte nach den Worten des Verbergens und des Dunkels. Er ver�nderte die magische Matrix. Lie� das Licht der Sterne sie beide nicht ber�hren und wob einen Mantel flie�ender Schatten, der sie umfing.</p><p>�Steig die Leiter hinauf, meine Sch�ne, und zeig mir den Weg, auf dem du gekommen bist.�</p><p>Der Zauber umgab sie wie ein d�nner Gazeschleier. Er verwischte ihre Gestalt, ohne ein unf�rmiger, dunkler Klumpen zu sein, der die Aufmerksamkeit der Wachen fast genauso sicher erregt h�tte wie eine nackte, stocksteif aufrecht gehende Frau.</p><p>Auch Talawain hatte sich mit einem Zauber belegt. Er folgte Aya auf das Dach. Sie stieg mit schlafwandlerischer Sicherheit auf eine der Mauern hinab. Er sollte diese Mauern mit Tonscherben sichern lassen!</p><p>Sie f�hrte ihn hinauf auf eines der flachen Palastd�cher. Talawain blickte zu den Wachen auf den Mauern und fluchte stumm. Sie beobachteten, was au�erhalb des Palastes geschah! Auf eine Bedrohung von innen waren sie nicht vorbereitet. Auch wenn er ein Spitzel war, nahm er seine Aufgabe als Hofmeister sehr ernst. Er wusste um die Nachricht, die Aaron bei diesem unheimlichen Tal erhalten hatte. Darum, dass der Krieg mit Luwien bereits in vollem Gange war, auch wenn es noch mehr als zwei Jahre dauern w�rde, bis die Armeen in der Ebene von Kush aufeinandertreffen sollten. Sie waren an einer Stelle angegriffen worden, an der selbst er es nicht vermutet h�tte.</p><p>Talawain folgte Aya �ber eine weitere Mauer auf ein zweites Dach und lie� sie bis etwa zur Mitte gehen. �Halt!�</p><p>Mit raschen Schritten schloss er zu ihr auf. Er vermochte durch den Schleier aus Dunkelheit zu blicken. Als der Zauberweber, der dieses Blendwerk erschaffen hatte, war er gegen die T�uschung gefeit. Sie blinzelte in seine Richtung.</p><p>�Bist du das, Geliebter? Ich kann dich nicht richtig sehen.� Aya machte eine fahrige Bewegung, als wolle sie einen Schleier zur�ckziehen. �Wo sind wir?�</p><p>Er nahm sie in die Arme und dr�ckte sie fest an sich. �Du wolltest dem Harem entfliehen, meine Liebste. Ich werde dir helfen, ihm auf immer zu entkommen. Nie wieder soll die Angst vor den Intrigen der anderen Konkubinen dir die Nachtruhe rauben. Nie wieder wirst du einsam sein.�</p><p>Sie schluchzte leise. �Danke�, hauchte sie in sein offenes Haar. �Danke.�</p><p>Er k�sste sie. Ihre salzigen Tr�nen benetzten seine Lippen. Talawain atmete schwer. Es galt einen Krieg zu gewinnen, rief er sich in Erinnerung. Nur deshalb war er hier. Einen Krieg, viel schrecklicher als alles, was Aram oder Luwien erwarten mochte. Er trat zur�ck. Wie t�richt seine Gef�hle doch waren. Hatte er vergessen, was er in der Blauen Halle gelernt hatte? Wem er die Treue gelobt hatte?</p><p>�Geh dort entlang, meine Liebste�, sagte er mit fester Stimme.</p><p>Aya l�chelte ihn an. Dann drehte sie sich um. Sie ging, ohne zu z�gern, bis zu der niedrigen Br�stung, die das Dach einfasste.</p><p>�Ein Schritt noch, meine Sch�ne. Nur einen Schritt noch.� Er war ihr gefolgt und sie blickte �ngstlich zu ihm zur�ck. Sie w�rde erwachen. Der Zauber war fast gebrochen.</p><p>�Ein Schritt noch!�, befahl er.</p><p>Sie setzte einen Fu� auf die Br�stung. Dann den zweiten. Verharrte zitternd. Wieder drehte sie sich um. Das feine Kohlenpulver, mit dem sie ihre Augen umrandet hatte, lie� sie schwarze Tr�nen weinen. �Bitte ��</p><p>Er stie� sie hinab. Unten im Zwinger br�llten die L�wen auf.</p><p>Talawain h�rte Ayas K�rper aufschlagen. Sie schrie nicht. Sie flehte nicht. Nicht einmal, als die L�wen �ber ihr waren.</p><p>Er hatte keine Wahl gehabt, sagte er sich, und wusste es doch besser. Er hatte sich bereits f�r diesen Weg entschieden, als sie in sein Gemach getreten war. Einen anderen Weg hatte er gar nicht erst in Erw�gung gezogen. Hastig trat er von der Mauer zur�ck und versuchte sich gegen das Fauchen und Ger�usch der zupackenden Kiefer zu wappnen. Aber es war umsonst � er h�rte es doch. Und weil er fand, dass er es ihr schuldig war, blieb er, bis das letzte Knirschen und Knacken und das Ger�usch rei�enden Fleisches erstarb und die Stille der Nacht sich erneut �ber den Palast senkte. Als er zu seinen Gem�chern zur�ckging, weinte er.</p></section><section><title><p>Von der Ungerechtigkeit der Sch�pfung</p></title><p>�(�) und ihr nennt euch stolz Kinder der Alben, ihr Narren. Und glaubt, wenigstens im Namen seiet ihr alle gleich? Seht ihr denn nicht, wie das s��e Gift dieser L�gen euch eures Verstandes beraubt? Habt ihr ihn jemals benutzt? Seht ihr denn nicht, wie ungleich die Alben ihre Kinder behandelten? Wie gro� und �berm�chtig stark sind die Trolle! Und sie verm�gen nackt im Schnee zu schlafen, ohne Schaden zu nehmen. Wie viele der Unseren aber starben, von den Trollen verschleppt, in den Eisw�sten der Snaiwamark! Betrachten wir die Lamassu mit all ihrer Zaubermacht! Sie haben keine Arme, doch wurden sie durch die Alben mehr als reichlich entsch�digt. Ihre Kunstfertigkeit im Zauberweben �bertrifft selbst die Elfen. Und was ist mit den Elfen selbst? Wie �berreich sind sie beschenkt! Ihr Leben z�hlt nach Jahrhunderten! Krankheit vermag sie nicht zu ber�hren. Gegen K�lte und Hitze sch�tzen sie sich mit einem einzigen Wort der Macht. Und wenn ihre Weiber bei einem Manne liegen, verm�gen sie zu empfangen, ohne dass die Frucht in ihnen zu wachsen beginnt. So werden sie niemals in Zeiten der Not schwanger. Ich selbst war Zeuge, wie einer Elfe, die seit mehr als drei Jahren nicht mehr Umgang mit Ihresgleichen gehabt hatte, der Bauch anschwoll und sie ein Kind austrug.</p><p>Was aber haben die Alben uns geschenkt? Einen schm�chtigen, verletzlichen Leib. Und tats�chlich, ja, in einem unterscheiden wir uns von allen anderen. In unserer F�higkeit zu leiden! Doch sind das Eltern, die einem ihrer Kinder ein so grausames Schicksal zudenken? Die einem bestimmen, der Diener aller anderen zu sein?</p><p>Ich sage mich los! Ich bin kein Kind der Alben. Nur ein Kind meiner Eltern!</p><p>Und ich rufe euch zu, tut es mir gleich! Lasst euch nicht l�nger vom verlogenen Gerede der Herrschenden umschmeicheln. Benutzt euren Verstand zu erkennen, was man euch antut. Und fasst euch ein Herz und lehnt euch gegen die Ungerechtigkeit auf. (�)�</p><cite><text-author>Elija Glops, <emphasis>Von Dienern, Herren und falschen G�ttern, Streitschrift des ehrw�rdigen Elija Glops, Begr�nder der Liga zur Wahrung der Inneren Gr�sse Albenmarks</emphasis>, Kapitel 4, Seite 32 ff. (Aus der Sammlung verbotener Schriften, zusammengestellt von Alvias dem Hofmeister, Bd. 2, Quellentext 5,C)</text-author></cite></section><section><title><p>Entwaffnet</p></title><p>Artax blickte auf den Beinstumpf, der unter der Decke hervorragte, das ausgefranste Fleisch und die beiden gesplitterten Knochen. Die Sonne hatte das Antlitz des Schiffbr�chigen in eine schrundige Maske verwandelt.</p><p>�Nein, es waren gewiss keine Luwier�, beharrte der ausgezehrte Mann. Seine Augen waren in dunkle H�hlen eingesunken und ein fiebriger Glanz lag in ihnen. Artax fragte sich, wie sehr man ihm trauen konnte. War er �berhaupt noch bei klarem Verstand?</p><p>�Warum ist er nicht besser versorgt worden?�, herrschte der Unsterbliche den Stadtf�rsten Mataan an. Der Mann mit dem wettergegerbten Gesicht, der Raubvogelnase und den dunklen Augen hielt seinem Blick stand und zeigte keine Angst. �Die Wunde ist versorgt. Das Bein abgebunden. Wir f�rchteten, dass er sterben w�rde, wenn wir die Knochen abs�gen und den Stumpf ausbrennen und ihn mit Pech versiegeln. Ich hielt es f�r wichtiger, dass er noch mit Euch spricht, erhabener Herr aller Schwarzk�pfe. �</p><p>Artax wandte sich wieder an den Sterbenden. �Wer war das?�</p><p>Der Blick des Fiebernden wurde unstet, die Augen rollten in ihren H�hlen. �Der Goldene Mann�, murmelte er. �Er hat mich gerettet. Alle anderen sind tot. Wir hatten die Segel gestrichen und keine Waffe erhoben � Es waren keine luwischen Schiffe. Sie waren wie Meergeister. Wie Meergeister!� Sein Kopf sank ersch�pft zur Seite. Der Atem des Schiffbr�chigen ging schwach und unregelm��ig.</p><p>�Mein Leibarzt soll sich um ihn k�mmern�, befahl Artax. Dann verlie� er die kleine Fischerh�tte. Er war froh, dem Gestank nach Schwei� und Eiter zu entfliehen.</p><p>Die H�tte lag auf einer niedrigen Klippe, dicht bei dem nat�rlichen Hafen, der diesen wasserlosen Felsen vor der K�ste so attraktiv machte, dass alle gro�en Handelsh�user hier Lager unterhielten. Es war der am weitesten westlich gelegene Hafen Arams. Kaum eine Meile von der K�ste entfernt, deren Riffe und Untiefen es unm�glich machten, sich dem Festland zu n�hern. Taruad, das war nur ein kleiner Felsen im Meer. Nicht einmal f�nfhundert mal f�nfhundert Schritt ma� der Hafen, und doch bot er Platz f�r mehr als drei�ig Schiffe. Nun lagen dort nur einige Fischerboote und der schnelle Segler, der Artax nach Taruad gebracht hatte.</p><p>�Deine Fischer haben ihn vor sieben Tagen gefunden?�, hakte Artax nach.</p><p>�Acht sind es nun.�</p><p>Juba bedachte Mataan mit einem finsteren Blick, da er es allzu offensichtlich an dem unterw�rfigen Respekt fehlen lie�, der dem Unsterblichen sonst entgegengebracht wurde. Artax aber waren M�nner wie Mataan allemal lieber als Schmeichler, von denen man nie wusste, was sie taten, sobald man ihnen den R�cken kehrte.</p><p>�Und die Zinnflotte?�, fragte Artax.</p><p>�Ist �berf�llig. Ich habe noch drei Schiffe drau�en, die nach ihnen suchen � Aber nach allem, was der Ruderer sagt, sollten wir uns wohl keine gro�en Hoffnungen mehr machen. Es scheinen Piraten von den Aegilischen Inseln gewesen zu sein.�</p><p>�Und die haben goldene M�nner?�, mischte sich Juba ein. �Das h�rt sich nach einem Krieger in einem Bronzepanzer an und nicht nach Piraten.�</p><p>�Falls du andeuten m�chtest, dass es die Luwier waren, dann kann ich nur widersprechen�, entgegnete Mataan ruhig. �Der Verdacht liegt nahe, aber meine Fischer haben kein einziges luwisches Schiff in unseren Gew�ssern gesichtet. Die Piraten auf den Aegilischen Inseln hingegen werden immer dreister. Sie sollen eine gro�e Flotte versammelt haben. Manche f�rchten, dass sie bald schon K�stenst�dte �berfallen werden. In Luwien ist das angeblich schon geschehen.�</p><p>Artax blickte auf das weite Meer hinaus. War es ein Zufall, dass die Piraten ausgerechnet jetzt erstarkten? Oder steckte Muwatta dahinter? Aber wie passte da ins Bild, dass auch Muwatta selbst �berfallen wurde? Das Meer lag spiegelglatt, die tiefe Herbstsonne tauchte die See in glei�endes Licht und der Gestank von faulendem Seetang stieg von der felsigen K�ste auf. Alles wirkte so friedlich. Artax seufzte. Ohne das Zinn nutzte ihm das Kupfer aus den heimischen Minen nichts. Sie brauchten Zinn, um Bronze zu gie�en. Und er brauchte die Bronze, um seine Truppen besser auszur�sten. Niemand in seinem Reich wusste, wie man Eisenwaffen schmiedete. Die Luwier h�teten das Geheimnis eifers�chtig. Und selbst wenn er einen ihrer Eisenschmiede entf�hren w�rde, w�rde er bis zum Tag der Schlacht nicht ausreichend Waffen herstellen k�nnen. Ihm blieb nur die M�glichkeit, die R�stungen seiner Krieger zu verbessern. Glockenk�rasse und Schuppenhemden sollten die M�nner in den vordersten Kampfreihen sch�tzen. Und er br�uchte mehr Bogensch�tzen. In den Deva Kush, hohen Bergen am Rande seines Reiches, sollte es J�ger mit au�ergew�hnlich starken Jagdbogen geben. Vielleicht konnte man diese Waffen auch im Krieg nutzen? Und vielleicht vermochte er gen�gend J�ger zu rekrutieren, um das Schlachtengl�ck zu wenden. Ja, der sicherere Weg war, seine Krieger mit besseren R�stungen zu versorgen. Doch auch dieser Weg wurde ihm verlegt. Er hatte das Gef�hl, dass sein Reich entwaffnet wurde.</p><p>W�tend ballte Artax die F�uste. Er w�rde das nicht zulassen! Er w�rde nicht zulassen, dass M�nner, die ihm anvertraut waren, abgeschlachtet wurden. Noch hatte er die Hoffnung nicht aufgegeben, die Schlacht vielleicht doch noch abwenden zu k�nnen. Aber seinem Wunschdenken wollte er nicht seine M�nner opfern. Sie sollten den besten Schutz haben, den er ihnen verschaffen konnte, falls der Kampf unvermeidlich war. �Du glaubst, es gibt noch Hoffnung, dass nicht alle Zinnschiffe auf dem Meeresgrund liegen, Mataan?�</p><p>�Versprechen kann ich Euch nichts, Erhabener, aber �blicherweise fahren die Schiffe in verschiedenen Flotten. Ihnen bleibt nicht mehr viel Zeit heimzukehren. Vielleicht noch drei Wochen, danach wird es zu st�rmisch f�r Fahrten auf offener See.�</p><p>�Das ist Aufgabe der Flotte�, bemerkte Juba mit beunruhigtem Unterton. Er ahnte wohl, was kommen w�rde. �Ich habe die Flotten bereits in Gefechtsbereitschaft versetzen lassen. Jede Galeere entlang der K�ste kann binnen drei Stunden, nachdem sie der Befehl erreicht, den Hafen verlassen.�</p><p>�Und was erreichen wir damit?�</p><p>Du hast dich doch l�ngst erkundigt, was geschehen wird, du Heuchler. Langsam beginnst du dich wie ein Herrscher zu verhalten und nicht mehr wie ein Bauer. Sollte vielleicht ein Tag kommen, an dem wir noch stolz auf dich sein k�nnen?</p><p>�Die Piraten werden in ihren Schlupfl�chern verschwinden�, stellte Mataan fest.</p><p>�Schlimmer noch � wenn auch nur eines der Schiffe in luwisches Seegebiet eindringt, eskaliert der Streit noch weiter�, f�gte Artax hinzu. �Ich bin sicher, Muwatta ist uns f�r jeden Vorfall dankbar, der ihm erlaubt, schon fr�her gegen uns zu k�mpfen. Wir k�nnen die Flotte nicht nutzen. Bei dem umstrittenen Grenzverlauf im Gebiet der Aegilischen Inseln wird es ganz sicher zu einem Zwischenfall kommen.�</p><p>�Wozu haben wir dann eine verdammte Flotte? Wir k�nnen doch nicht immer nur den Schwanz einkneifen!�, grollte Juba. 
�Wozu haben wir unsere Kriegsgaleeren? F�r Flottenparaden? Wir k�nnen sie nicht als Eskorte f�r unsere Handelsschiffe einsetzen, weil unsere Handelspartner sie f�r eine Invasionsflotte halten k�nnten. Und jetzt k�nnen wir sie auch nicht auf Piratenjagd schicken. K�nnt Ihr mir erkl�ren, Erhabener, wozu diese teuren, bunt bemalten Schiffchen dann nutzen?�</p><p>Dein Kriegsmeister wird zu frech. Du solltest ihn zu den L�wen schicken.</p><p>Artax seufzte. Er bemerkte, wie auch Mataan den Kriegsmeister verwundert ansah. Selbst ihm erschienen diese Fragen wohl zu dreist. Der Statthalter trat ein St�ck von Juba zur�ck, als f�rchte er, der Zorn, der den unbotm��igen H�fling treffen k�nnte, w�rde auch ihn erreichen.</p><p>Artax blieb ruhig, obwohl auch er von dem pl�tzlichen Ausbruch Jubas �berrascht war. �Selbst wenn es uns gl�ckt, Luwien keinen Anlass zu neuem Streit zu bieten, nutzt es wenig, wenn wir zwei oder drei Piratengaleeren versenken. Ich will das �bel bei der Wurzel packen. Und wenn es m�glich ist, w�nsche ich, dass es auf Luwien zur�ckf�llt. Ich bin sicher, dass Muwatta hinter der Sache steckt. Er hat den gr��ten Nutzen davon, wenn unsere Zinnflotten sinken. Aber um das Schwert, das auf unser Herz zielt, gegen ihn zu richten, brauchen wir mehr als eine Kriegsflotte. Was wir brauchen, ist verzweifelter Mut.� Artax blickte zum Stadtf�rsten. �Und ich brauche einen Seefahrer, der bereit ist, dahin zu segeln, wohin kein vern�nftiger Mann segeln w�rde. Auch wenn ich unsterblich bin, bin ich doch weit davon entfernt, vollkommen zu sein. Ich f�rchte, ich k�nnte kein Boot steuern. Und mein m�rrischer Freund Juba vermag es auch nicht.�</p><p>�Euer Wunsch ist mir Befehl, Erhabener!�</p><p>�Nein, nein � So nicht, Mataan. Was ich brauche, ist kein Untertan. F�r diese Reise brauche ich Gef�hrten.�</p><p>Der Stadtf�rst wirkte verwirrt. �Wohin wollt Ihr uns bringen, Herr?�</p><p>�Zum Quell des �bels, Mataan von Taruad.�</p><p>�Er meint, ins Grab�, bemerkte Juba. �Und beim L�wenh�uptigen, eines Tages wird er es schaffen!�</p></section><section><title><p>Ein neuer Weg</p></title><p>Es war noch vor der D�mmerung, als sie die Wei�e Halle wieder erreichten. Kalter Nieselregen fiel und Nebel sickerte durch die Hecken. Nandalee fr�stelte es. Sie blickte zu Gonvalon. Irgendwie schaffte er es, auch durchn�sst noch gut auszusehen. Die nassen Haare in der Stirn gaben ihm eine verwegene Note. Er l�chelte ihr zu. �Danke, dass du dich f�r uns entschieden hast.�</p><p>�Ich bin J�gerin.� Sie strich �ber den nassen Bogen in ihrer Hand. Der Regen perlte von dem gewachsten Holz ab. �Eines Tages werdet auch ihr begreifen, was f�r eine wunderbare Waffe das ist.�</p><p>Sein L�cheln wurde breiter. �Du gibst niemals auf ��</p><p>Nie war er ihr sympathischer erschienen. Die Maske des gestrengen Lehrers war verschwunden. Er wirkte traurig, ohne dass sie einsch�tzen konnte, warum. Sie hatte sich ein wenig �ber ihn erkundigt. Er hatte keinen guten Ruf. Angeblich hatte jede seiner Sch�lerinnen in seinem Bett gelegen. Bei ihr hatte er bislang keinerlei Ann�herungsversuche gemacht. Manchmal �rgerte sie das. Ob es daran lag, dass er sie schon gleich bei ihrer ersten Begegnung nackt gesehen hatte? War sie ihm zu barbarisch? Suchte er eine Gespielin, mit der man gepflegte Konversation �ber Kunst halten konnte?</p><p>Sie sah in seine traurigen Augen und ihr Zorn verrauchte. Nein, da war etwas anderes. An ihr lag es nicht.</p><p>Sie erwiderte sein L�cheln. �Stimmt�, sagte sie. �Ich gebe niemals auf.�</p><p>Schweigend standen sie im Regen, nur ein paar Schritt vom �berdachten Eingang zur Wei�en Halle entfernt. Ihre Reise war zu Ende. Fast. Er sollte noch etwas sagen, fand Nandalee. Etwas Pers�nlicheres. Nach dem Opfer, das sie in der Blauen Halle gebracht hatte, hatte sie das verdient. Nandalee war sich ganz sicher, dass auch er ihr nahe sein wollte, doch stattdessen stand er stocksteif. Ihr Schweigen dehnte sich, wurde beklemmend. �Wirst du laufen?�, fragte er endlich.</p><p>�Nat�rlich�, sagte sie entt�uscht. Der Augenblick, in dem alles m�glich gewesen w�re, war vor�ber. Hatte er denn nichts anderes im Kopf!</p><p>�Dann treffen wir uns zum Laufen.� Mit diesen Worten ging er davon.</p><p>Nandalee blieb im Regen stehen und sah ihm nach. Sie f�hlte sich verlassen. Hier war niemand, dem sie wirklich etwas bedeutete. Trotzig fasste sie ihren Bogen fester und ging durch die gro�e Halle zu ihrem Zimmer hinauf. Sie w�rde sich nicht unterkriegen lassen. Sie war Einsamkeit gew�hnt!</p><p>Ihr Zimmer hatte ganz offensichtlich niemand betreten, seit sie gegangen war. Es roch nach Holzsp�nen, zu lange getragenen Kleidern und nassen Vogelfedern. Nandalee �ffnete das Fenster und blickte hinaus. �Piep!� Die kleine Misteldrossel war verschwunden. Sie kam nicht jeden Morgen, doch heute machte es Nandalee zum ersten Mal zu schaffen, dass sie nicht hier war. Auf dem Fenstersims lagen Vogelkot und ein paar K�rner. Sie h�tte sich einen besseren Namen f�r den kleinen Vogel einfallen lassen k�nnen. Anfangs hatte sie nur sein Piepen nachgeahmt. Irgendwann hatte sie begonnen, ihn so zu rufen.</p><p>In den Hecken zwitscherten bereits die ersten V�gel, obwohl die D�mmerung an diesem Morgen sp�t begann. Der Tag scheute den Regen, wie es schien. Nandalee sch�ttelte ihr nasses Haar. Sie war nicht mehr die einsame J�gerin in den eisigen W�ldern Carandamons. Entweder sie akzeptierte das oder sie h�rte auf, dar�ber zu gr�beln, dass sie gemieden wurde. Dieses j�mmerliche Selbstmitleid passte nicht zu ihr. Und sie konnte hier nicht immer mit allen im Streit liegen. Sie war nicht daran gew�hnt, so viele Elfen um sich zu haben. Es war an ihr, sich an die Regeln hier anzupassen, die Z�hne zusammenzubei�en und es durchzustehen. Die Gelegenheit, die Wei�e Halle f�r immer zu verlassen, war verstrichen. Sie hatte so entschieden. Sie sollte nicht mit ihrem Schicksal hadern.</p><p>Es war an der Zeit, einige hier zu �berraschen, beschloss Nandalee. Sie wollte Frieden. Und den konnte sie sich genauso holen, wie sie sich in die Isolation gedr�ngt hatte. Mit Ausnahme von Eleborn sprach hier kaum jemand ein freundliches Wort mit ihr. Am meisten aber vermisste sie Bidayn.</p><p>Nandalee verlie� ihr Zimmer und schlich �ber den Flur. Lautlos �ffnete sie die T�re zu Bidayns Gemach. Es war dunkel hier drinnen. Bidayn hatte dichte Vorh�nge vor ihrem Fenster angebracht, und im Zimmer war es stockdunkel. Leichter Rosenduft hing in der Finsternis. Nandalee schlich zum Bett ihrer Freundin. In diesem Zimmer musste sie keine Sorge haben, auf irgendetwas zu treten, das auf dem Boden lag. Bidayn hielt geradezu fanatisch Ordnung.</p><p>Die Matratze knarzte leise, als Nandalee sich auf der Bettkante niederlie�. Ihre Freundin drehte sich und murmelte etwas Unverst�ndliches im Schlaf. Mit schroffer Herzlichkeit r�ttelte sie an Bidayns Schulter. �Aufwachen! Los, du B�rin. Der Winterschlaf ist vor�ber.�</p><p>Bidayn schreckte hoch.</p><p>�Ich bin es ��</p><p>Ihre Freundin sah sie verschlafen und misstrauisch an. �Was ist los?�</p><p>�Ich wollte mich bei dir entschuldigen!�</p><p>�Mitten in der Nacht? Was ist passiert �?�</p><p>�Ich habe mich wie eine Idiotin aufgef�hrt. Und dich ein halbes Jahr lang angeschwiegen. Ich � Es tut mir leid. Unser Streit � Alles war meine Schuld. Ich m�chte dich um Verzeihung bitten.�</p><p>Bidayn wirkte immer noch misstrauisch. �Was haben sie in der Blauen Halle mit dir gemacht?�</p><p>�Sie wollten mich zu einer Meisterin machen.� Nandalee grinste breit. �Nat�rlich habe ich abgelehnt.�</p><p>�Nat�rlich�, seufzte Bidayn und sch�ttelte den Kopf. �Du, eine Meisterin?�</p><p>�Im Bogenschie�en. Sie waren wirklich angetan von mir.�</p><p>�Und warum bist du zur�ckgekehrt?�</p><p>�Ich habe dort meine Ziele zu leicht erreicht. Au�erdem w�rde ich vermissen, mit dir zu laufen und � Du bist die einzige Freundin, die ich habe. Ich konnte nicht gehen.�</p><p>Bidayn nahm sie �berraschend in die Arme und dr�ckte sie fest an sich. �Endlich, du Dickkopf! Ich habe dich entsetzlich vermisst! Lass uns nie, nie wieder streiten!�</p><p>Nandalee sa� ein Klo� im Hals. Nur mit M�he brachte sie ein einzelnes Wort hervor. �Versprochen!�</p><p>Lange sa�en sie so und hielten einander einfach nur fest. Schlie�lich war es Bidayn, die das Schweigen brach. �Ich muss dir etwas sagen. Ich � Ich habe dich und Ailyn betrogen. Bei den Schwertkampfstunden. Ich ��</p><p>�Das wei� ich.�</p><p>Bidayn l�ste sich aus der Umarmung. �Und du hast nichts verraten, obwohl wir uns gestritten haben?�</p><p>�Nat�rlich nicht. Ich glaube allerdings, dass Ailyn es auch wei�. Du bist so pl�tzlich besser geworden. Das ist irgendein Zauber, nicht wahr?�</p><p>�Ich kann es dir beibringen!�</p><p>Nandalee senkte den Kopf. �Lieber nicht.�</p><p>�Lyvianne, meine Meisterin, ist wunderbar! Sie kann es dich lehren. Ganz bestimmt. Man bewegt sich schneller. Es sieht so aus, als sei alles um einen herum pl�tzlich viel langsamer. Aber in Wahrheit ist man selbst schneller. Es ist nur ein einziges Wort, das man lernen muss! Du wirst es meistern!�</p><p>�Lieber nicht. Ich denke immer wieder an Sayn � Vielleicht war wirklich ich es, die ihn get�tet hat. Ich habe es nicht mit Absicht getan. Ehrlich! Zauber zu weben ist nicht mein Weg. Ich bin nur eine Bogensch�tzin.�</p><p>�Du zauberst auch, wenn du schie�t. Das wei�t du!�</p><p>�Das ist anders�, entgegnete Nandalee. �Es ist leicht. So wie atmen. Ich muss daf�r nicht denken. Es passiert einfach.�</p><p>�Magie ist in allem, was wir tun�, beharrte Bidayn. �Wenn du verhindern willst, dass ein Ungl�ck geschieht � falls es �berhaupt deine Schuld war, dass Sayn etwas zugesto�en ist �, musst du deine Gaben beherrschen. Du bist weit mehr als nur eine Bogensch�tzin, Nandalee. Der Dunkle hat dich zu sich gerufen! Du bist anders als wir alle. Gerade weil das so ist, solltest du dich nicht gegen die Magie sperren.� Sie l�chelte und knuffte ihre Freundin liebevoll in die Seite. �Was du aber als Erstes lernen musst, ist, dein Temperament zu beherrschen. Ich glaube, heute Morgen hast du einen gro�en Schritt auf diesem Weg getan.�</p><p>Langsam wurde Nandalee das altkluge Geschw�tz Bidayns zu viel. Ihre Freundin sollte lernen, ihre Grenzen zu kennen, dachte sie und wechselte abrupt das Thema. �Wir m�ssen laufen. Es d�mmert bereits.�</p><p>�Erst musst du mir versprechen, dass du mit mir zusammen zu Lyvianne kommst. Vertrau mir! Sie ist eine viel bessere Lehrerin als der Schwebende Meister. Sie wei� um so viele Geheimnisse!�</p><p>�Ich kann mir ja einmal anh�ren, was sie sagt�, lenkte Nandalee ein. �Aber jetzt komm!�</p><p>�Du wirst von ihr begeistert sein!�</p><p>Lyvianne?, dachte Nandalee. Eine gute Lehrerin? �Sie scheint nicht viele Freunde in der Wei�en Halle zu haben�, sagte sie und dachte bei sich, dass dies bei dem langweiligen Unterricht �ber die Sprachen der Menschenkinder auch kein Wunder war.</p><p>Bidayn lachte. �Lyvianne ist eine untersch�tzte Einzelg�ngerin, genau wie du. Deshalb werdet ihr euch sicher gut verstehen. Ihr seid beide etwas Besonderes!�</p><p>Nandalee blieb skeptisch. Aber sie hatte sich erst vor weniger als einer halben Stunde geschworen, einen neuen Weg zu gehen. Sie w�rde nicht schon jetzt zur�ckstecken. Stattdessen dachte sie an die anderen Dinge, die sie sich vorgenommen hatte, und l�chelte. Sie w�rde noch manchen �berraschen in den n�chsten Tagen!</p></section><section><title><p>Angepisst</p></title><p>Jubas Laune war auf dem Tiefpunkt angelangt. Er war Kriegsmeister Arams! Was tat er hier? �Das ganze verfluchte Boot stinkt nach Fisch! Ich stinke nach Fisch! Und zu fressen gibt es nichts als Fisch! Selbst unser Trinkwasser stinkt nach Fisch!�</p><p>�So ist das auf einem Fischerboot�, entgegnete Mataan gut gelaunt.</p><p>Juba blickte zu Aaron, der am Heck stand und sich auf das Steuerruder lehnte. Er trug eine ungewaschene Tunika, sein Haar war zerzaust. Und er stank nach Fisch! Niemand w�re je auf die Idee gekommen, ihn f�r einen Unsterblichen zu halten.</p><p>�W�rdet Ihr uns nun vielleicht doch noch in Eure Pl�ne einweihen, Erhabener? Wie gedenkt Ihr mit drei nach Fisch stinkenden M�nnern die Piraten zu besiegen?�</p><p>�Ich habe noch keinen Plan�, entgegnete Aaron leichthin.</p><p>Das war genau, was Juba bef�rchtet hatte. Sosehr er seinen Herrn liebte, so sehr war ihm diese sprunghafte Art, die Aaron seit dem Himmelssturz an den Tag legte, verhasst. Er dachte daran, wie viele Kr�nkungen sein Vater hatte hinnehmen m�ssen und wie hart sein eigener Weg bis unter die Vertrauten des Unsterblichen gewesen war. Disziplin war der Schl�ssel zum Erfolg. Regeln! Das sch�tzte er am Leben als Krieger so sehr. Es gab f�r alles klare Regeln. Nat�rlich blieben immer auch einige Unw�gbarkeiten, aber je gr�ndlicher man plante, desto sicherer wurde der Erfolg. Aaron scherte sich neuerdings einen verdammten Dreck darum.</p><p>�Wir kennen unseren Feind nicht, Juba�, sagte der Unsterbliche, ganz als habe er in seinen Gedanken gelesen. �Welche Pl�ne k�nnen wir schmieden, wenn wir nicht wissen, mit wem wir es zu tun haben?�</p><p>�Was ist an ein paar verdammten Piraten so geheimnisvoll? Die gab es auf den Aegilischen Inseln schon immer. Stinkende Ziegenhirten, Fischer und Piraten. Mehr bringen diese Steinhaufen im Meer nicht hervor. Wir h�tten die Flotte zusammenziehen sollen, um sie auszur�uchern.�</p><p>Aaron blickte zu dem Fischerf�rsten. �Was, glaubst du, w�re geschehen, wenn wir es so gemacht h�tten?�</p><p>Mataan zuckte mit den Schultern. �Die Piraten h�tten getan, was sie immer tun, wenn man ihnen an den Kragen will, Erhabener. Sie w�ren unsichtbar geworden. Es gibt �ber dreihundert kleinere und gr��ere Inseln in der Aegilischen See. Die Piraten h�tten ihre Flotten aufgel�st. Die M�nner w�ren in ihre Heimatd�rfer zur�ckgekehrt und wieder Fischer und Bauern geworden. �brigens hast du bei deiner Aufz�hlung die Weinbauern vergessen, Juba. Hast du noch nie die Redensart geh�rt: Das Gold der Aegilen ist rot. Ihr Wein bringt ihnen Reichtum. Zumindest einigen der gr��eren Inseln.�</p><p>�Dann sollten sich die F�rsten der gr��eren Inseln darum k�mmern, dass ihre Untertanen nicht auf Raubzug gehen.�</p><p>�Ihnen geh�rt der dritte Teil der Beute, Juba. Sie werden nicht gegen die Piraten vorgehen.�</p><p>Es war zum aus der Haut fahren, dachte er. �Dann brennen wir diese F�rstensitze eben nieder! Das wird sie lehren, sich mit den Piraten einzulassen!�</p><p>�Wie viele Unschuldige w�rden dabei umkommen, Juba?�, fragte der Unsterbliche. �Du meinst, wir sollten unseren Krieg gegen die Piraten damit beginnen, dass wir jene kleinen St�dte niederbrennen, die das Pech haben, von einem F�rsten regiert zu werden, der auch mit Piraten Gesch�fte macht?�</p><p>�Wann wurde je ein Krieg gef�hrt, in dem keine Unschuldigen umgekommen w�ren?�, entgegnete Juba. �So ist das nun einmal, wenn man Kriege f�hrt.� Er hasste es, sich pl�tzlich in die Rolle des Schurken gedr�ngt zu f�hlen, dem es egal war, ob Frauen und Kinder starben. So war er nicht!</p><p>�Du hast vollkommen recht, Juba, so verlaufen Kriege. Aber m�ssen wir das als eine unab�nderliche Regel akzeptieren, nur weil es bisher immer so war? Die Devanthar versuchen, das zu ver�ndern. Wenn ich in knapp zwei Jahren gegen die Streitmacht Luwiens antreten muss, k�mpfen allein Krieger gegen Krieger. Es gibt keine gepl�nderten St�dte und verw�steten Landstriche. Es wird ein Krieg allein unter Kriegern sein.�</p><p>�Und was geschieht gerade jetzt? Diese Piraten? Sind sie nicht auch Teil dieses Krieges, Erhabener? Haben sie nicht die Besatzungen von mindestens einer Zinnflotte hingemordet?�, warf pl�tzlich Mataan ein.</p><p>Juba war �berrascht, in dem Fischerf�rsten einen Verb�ndeten zu finden. �Genau. Was ist mit den Piraten los, Erhabener? Fr�her haben sie die Seeleute gefangen genommen und als Sklaven verkauft. Oder gegen ein L�segeld freigelassen. Warum dieses Massaker?�</p><p>�Ich f�rchte, die Seeleute sind Opfer der politischen Umst�nde geworden.� Juba h�rte die kaum verhohlene Wut in Aarons Stimme. �Fr�her hat man viele Sklaven nach Aram verkauft. Nat�rlich wagen sie es jetzt nicht, uns unsere eigenen M�nner anzubieten. Die Luwier werden sie auch nicht nehmen, denn dann k�nnten wir ihnen vorwerfen, mit den Piraten gemeinsame Sache zu machen. Gleiches gilt f�r die Stadtf�rsten der Aegilischen Inseln. Versch�rfend kommt noch hinzu, dass sie Hunderte Ruderer und Seem�nner gefangen haben. Die Besatzung einer ganzen Flotte. Fr�her haben die Piraten allenfalls einmal ein einzelnes Schiff aufgebracht, das durch Unwetter oder andere Umst�nde von der Zinnflotte getrennt wurde. Eine Handvoll Sklaven konnte man noch irgendwo verh�kern, ohne Aufsehen zu erregen. Aber die Besatzung einer ganzen Flotte � Es war ungef�hrlicher, sie umzubringen. Und damit kommen wir zum n�chsten Punkt. Wie kommt es dazu, dass die Piraten in der Lage sind, eine ganze Flotte anzugreifen? Was hat sich bei ihnen ver�ndert? Bevor ich das nicht wei�, kann ich sie nicht bestrafen. Und ich werde sie bestrafen. Alle, bis auf den Goldenen, der Gnade gezeigt hat.�</p><p>Juba schwieg besch�mt. Er war es gewesen, der nicht gut geplant hatte. Allerdings kam es ihm manchmal so vor, als schl�gen zwei Herzen in Aarons Brust. Eines, das ganz kaltbl�tig den Tod Hunderter Priester befahl, und ein zweites, das dar�ber entsetzt war. Was w�rde er wohl letztlich mit den Piraten machen, wenn sie von der Kriegsflotte Arams gestellt wurden? Seiner Meinung nach sollte man diese M�rder zur satilischen K�ste bringen, sie an Pf�hle entlang der Gezeitengrenze binden und bei lebendigem Leib von den ber�chtigten schwarzen Henkerkrabben fressen lassen. Aber bei Aarons Launen war es durchaus auch m�glich, dass er die Piraten am Leben lie�.</p><p>�Wie bek�mpfen drei Mann eine Piratenflotte, die gro� genug ist, eine Zinnflotte zu kapern, Erhabener?�, fragte Mataan mit einem s�ffisanten L�cheln. Juba mochte den Kerl. Auch wenn er sich manchmal etwas zu viel herausnahm, hatte er das Herz auf dem rechten Fleck.</p><p>�Mit Demut, w�rde ich sagen.� Aaron erwiderte das L�cheln. �Oder glaubst du, die drei Schwerter, die wir unter unseren Sitzb�nken verstecken, sind die geeigneteren Waffen? Im �brigen w�re ich dankbar, wenn ihr mich nicht immer so gespreizt Erhabener nennen w�rdet. Wir sind hier nicht bei Hof.�</p><p>�Aber wir k�nnen doch nicht einfach respektlos ��</p><p>Aaron lachte. �Ich bitte dich. Verschafft ein Titel Respekt? Du kennst mich dein halbes Leben lang. Wenn wir unter uns sind, sollten wir etwas ungezwungener miteinander verkehren. Ich bin dieses ganze Getue bei Hof so leid, wie du es dir in deinen wildesten Tr�umen nicht vorstellen k�nntest.�</p><p>Juba war nur wenig �berrascht. Dass Aaron dem K�nigshof davonlief, hatte er l�ngst bemerkt. Nach Fisch stinkend, in zerrissenen Kleidern und unrasiert, sah Aaron wie ein Fischer oder Tagel�hner aus und nicht wie ein Mann, der so nahe daran war, ein leibhaftiger Gott zu sein, wie es einem Menschen nur m�glich war.</p><p>�Du �� Mataan stockte und machte ein Gesicht, als koste er von einer unvertrauten Speise, besorgt, er k�nne sich vergiften oder zumindest den Magen verderben. �Du bist ein ungew�hnlicher Herrscher.�</p><p>�So wie du�, entgegnete Aaron. �Ich habe mir �ber dich berichten lassen, bevor ich nach Taruad kam. Du warst noch nie an meinem Hof in Ak�u, was an einen Akt von Rebellion grenzt. Und man erz�hlt sich, dass du es liebst, in einem Boot auf das Meer hinaus zu fahren. Gemeinsam mit deinen Fischern.�</p><p>�Taruad ist eine sehr kleine Insel. Dort wird jedes Paar H�nde, das zupacken kann, gebraucht�, entgegnete Mataan vorsichtig.</p><p>�Eine Einstellung, die mir wesentlich lieber ist als die zahlloser Adliger, die meinen Hofstaat aufbl�hen, sich auf meine Kosten den Bauch vollschlagen und sich einen Dreck darum k�mmern, was in den Satrapien geschieht. Du bist mein Mann, Mataan. Genau deshalb sitzen wir jetzt im selben Boot.�</p><p>Juba ging diese Verbr�derung zu weit. So f�hrte sich ein Bauer auf und nicht ein Unsterblicher! Aber er schwieg. Und nicht aus Feigheit. Es war seine Art, seinem Unsterblichen Respekt zu beweisen. Aarons Entscheidungen w�rde er niemals widersprechen, auch wenn er sie f�r noch so fragw�rdig hielt. Aaron war ein Mann von Mut. Aber er musste auf den Kopf gefallen sein, als er aus dem Himmel st�rzte. So wie er verhielt sich ein Gottk�nig nicht!</p><p>�Wir sind nicht mehr allein.� Mataan deutete nach Westen. Eine schlanke Galeere schob sich hinter einem Riff hervor, das sich wenig mehr als drei Schritt �ber das Wasser erhob. Der Mast des Schiffes war umgelegt, um sich hinter der niedrigen Deckung zu verbergen.</p><p>�Was haben wir von denen zu halten?�, fragte Aaron.</p><p>�Ein Kauffahrer ist das nicht. Daf�r liegen sie zu hoch im Wasser. Ein schnelles Schiff � Ein J�ger.�</p><p>Jubas H�nde schlossen sich um die Ruderbank, unter der sein Schwert verborgen war.</p><p>�Wir sollten sie auf uns aufmerksam machen�, sagte Aaron. �Ich w�rde mir das Schiff gerne n�her ansehen.�</p><p>�Die k�mmern sich nicht um Fischer�, entgegnete Mataan.</p><p>Aaron erhob sich, streifte seine Tunika ab und begann zu winken.</p><p>�Was tust du da?�</p><p>�Sie herlocken. Dazu sind wir doch hier.� Der Unsterbliche l�chelte, wie wohl nur jemand l�cheln konnte, dem das ewige Leben in die Wiege gelegt worden war, dachte Juba.</p><p>�Die schneiden uns den Hals ab.� Mataan trat an das Ruder und wollte den Kurs �ndern, aber es war zu sp�t.</p><p>�Verdammt, die kommen direkt auf uns zu�, fluchte Juba.</p><p>�Ich rede.� Aaron streifte seine Tunika wieder �ber. �Uns wird nichts geschehen. Wir sind doch nur Fischer. Wir haben keine Zinnbarren an Bord.�</p><p>Beunruhigt sah Juba zu, wie schnell sich das Schiff n�herte. Die Ruder zogen wei�e Gischtspuren durch das gr�nblaue Wasser. Das Schiff war blau bemalt, ein wei�er, springender Delfin schm�ckte den Rumpf, Vorder- und Achtersteven waren hoch �ber die Ruderb�nke gezogen und an Bug und Heck gab es kleine, mehr als zwei Schritt �ber die Wasserlinie aufragende Plattformen, auf denen sich Krieger dr�ngten. Polierte Bronze blinkte golden im grellen Sonnenlicht. Angriffen von dort oben waren sie schutzlos ausgeliefert. Sie hatten keine Schilde an Bord, keine R�stungen oder Helme. Es hatte Juba schon alle �berredungskunst gekostet, Aaron davon zu �berzeugen, dass sie wenigstens ihre Schwerter mitnahmen, denn der Unsterbliche war ganz besessen von der Idee gewesen, nichts an Bord zu haben, was man nicht auf jedem beliebigen Fischerboot finden konnte.</p><p>So musste sich ein Steppenhase f�hlen, auf den ein Falke hinabstie�, dachte Juba beklommen. Er war kein Feigling, aber sich so hilflos zu f�hlen war eine neue Erfahrung f�r ihn.</p><p>Kurz bevor das Schiff sie erreichte, wurden auf einen bellenden Befehl hin die Ruder eingezogen. Die blaue Galeere ritt auf ihrer Bugwelle zu ihnen hin�ber. Ein Krieger mit rotem Bart schien auf der vorderen Kampfplattform das Kommando zu f�hren. Er trug bronzene Beinschienen, einen Leinenpanzer und einen Eberzahnhelm, von dem ein schwarzer Rossschweif wehte. Gut ger�stet f�r einen Piraten, dachte Juba.</p><p>Neben dem Krieger stand ein j�ngerer Mann in einer sch�n bestickten Tunika. Ein rotes Stirnband b�ndigte sein Lockenhaar. Der Rotbart redete gestenreich auf den J�ngling ein. Juba verstand kein Wort.</p><p>Aaron hielt einen schlaffen Ziegenlederschlauch in die H�he. �Uns ist das Wasser ausgegangen. Bitte helft uns. Die Str�mung hat uns von der K�ste fortgetragen. Wir f�rchten zu verdursten.�</p><p>Einige der M�nner an den Ruderb�nken standen auf und blickten neugierig zu ihnen hinab. Juba fiel auf, wie gut gen�hrt sie waren. Sie sahen ganz anders aus als die hager drahtigen Fischer, die er auf Taruad gesehen hatte. Ihre Gesichter waren sehr unterschiedlich. Noch zwei Rotb�rte waren dabei und sogar ein Mann mit langem, goldenem Haar, ganz wie der Hofmeister, nur dass dieser Kerl viel kr�ftiger gebaut war als Datames. Er hatte sich ein Bild aus verschlungenen, blauen Linien in den rechten Oberarm stechen lassen. Ein wenig tiefer hoben sich zwei wei�e Narben von der sonnengebr�unten Haut ab.</p><p>Das Schiff war schon zur H�lfte an ihnen vor�bergeglitten, als der J�ngling auf der vorderen Plattform antwortete. �Zehn Kupferst�cke f�r einen Wasserschlauch!�</p><p>�Das verdient ein Fischer in einem ganzen Mond nicht�, emp�rte sich Aaron.</p><p>�F�r drei Leben scheint mir dies ein guter Preis zu sein�, spottete der J�ngling.</p><p>�Wir haben gar keine M�nzen an Bord!�</p><p>Die Schiffe hatten nun einander fast passiert. Auf der Achterplattform stand der Steuermann und grinste zu ihnen hinab. Ebenso wie die mit langen Speeren bewaffneten M�nner, die ihn umringten.</p><p>�Vielleicht haben wir ja doch noch was f�r euch�, rief ein Krieger mit breiten grauen Str�hnen im Bart und hob seine Tunika. In hohem Bogen pisste er von der Kampfplattform auf das Fischerboot. Die anderen Krieger taten es ihm gleich. �Na los, macht�s Maul auf!�</p><p>Gel�chter.</p><p>Juba hob sch�tzend die H�nde, was nat�rlich nichts nutzte. Fluchend duckte er sich unter dem goldenen Schauer.</p><p>Augenblicke sp�ter war die blaue Galeere an ihnen vor�ber. Ihre Ruder stie�en erneut ins Wasser und unb�ndiges Gel�chter schallte �ber das Wasser. Die Krieger im Heck winkten ihnen.</p><p>Juba blickte zu Aaron. Auch der Unsterbliche war der Dem�tigung nicht entgangen.</p><p>�Diese Geschichte bleibt unter uns�, sagte Aaron beherrscht. �Sie findet nicht den Weg an den Hof von Ak�u!�</p><p>Auf der Galeere wurde der Mast aufgerichtet und ein rotes Segel gehisst.</p><p>�Gut�, murmelte Aaron. �K�nnen wir ihnen folgen, ohne dass sie uns bemerken?�</p><p>�Bis zur D�mmerung�, entgegnete Mataan. �Wenn sie ihr Schiff in der Nacht nicht auf einen Strand ziehen, werden wir sie verlieren.�</p></section><section><title><p>Das Winterkind</p></title><p>Gonvalon lehnte die Stirn gegen den rauen Stein. Sein Atem ging keuchend. Er hatte viele Stunden gearbeitet und jetzt war er angenehm m�de. Sanftes Abendlicht floss �ber die Lichtung. Ersch�pft lie� er den Flachmei�el fallen. Sein Kopf war leer, alle Gedanken mit dem Stein verbunden. Knapp zwei Schritt hoch war er, und heute war es Gonvalon gelungen, dem rotbraunen Fels erste Konturen abzuringen. Es war ein t�ckischer Stein, der leicht splitterte und sich nur widerwillig eine Form aufzwingen lie�. Kein Stein f�r einen Bildhauer. Aber die Farbe war wunderbar! Er w�rde etwas daraus machen, auch wenn es ihm noch viele Stunden abverlangte.</p><p>Pl�tzlich f�hlte er sich beobachtet. Es war jemand gekommen, da war er ganz sicher, obwohl das abendliche Vogelgezwitscher nicht einen Herzschlag lang verstummt war. Langsam drehte Gonvalon sich um. Nandalee lehnte an einen Fichtenstamm.</p><p>�Bist du schon lange hier?�</p><p>�Ist das von Bedeutung?�</p><p>Er mochte es nicht, wenn man ihm zusah, wenn er an einem Stein arbeitete. Aber das w�rde er ihr nicht sagen. Gar nichts sollte sie �ber seine Arbeit wissen. Die Stunden mit den Steinen geh�rten ihm allein. �Du bist weit fort von der Wei�en Halle.�</p><p>�Man kann dich sehr weit im Wald h�ren.�</p><p>Sie trug das wei�e Kleid der Schule, aber weder Hose noch Stiefel. F�r ihre Verh�ltnisse war das Kleid ungew�hnlich sauber. Ihr blondes Haar fiel ungeb�ndigt �ber ihre Schultern. Das Kleid war bis zur H�fte geschlitzt. Sie hatte eine gute Figur � Gonvalon verscheuchte den Gedanken. Sie war seine Sch�lerin!</p><p>Er trug nur einen Lendenschurz. Wenigstens das � Oft arbeitete er ganz nackt an den Steinen. Er wollte sie sp�ren. Mit seinem ganzen Leib.</p><p>Staub und feine Steinsplitter hatten sich mit seinem Schwei� vermengt, und verlegen r�usperte er sich. �Ich bin schmutzig. Ich werde mich waschen.�</p><p>�Ich finde, du siehst �beraus anziehend aus.� Nandalee trat auf die Lichtung und sah ihn an, als sei er ein Gaul auf einem Pferdemarkt.</p><p>�In der Tat, mir ist bereits aufgefallen, dass Schmutz dich nicht sonderlich st�rt�, entgegnete er k�hl.</p><p>�Und der Geruch von Schwei� auch nicht.� Sie stand jetzt dicht bei ihm. �Du riechst nie nach dem Scho� einer Frau.�</p><p>Gonvalon traute seinen Ohren nicht. Wie konnte sie �! �In den einsamen W�ldern Carandamons mag es ungew�hnlich sein, aber hier ist es durchaus �blich, sich nach einer Liebesnacht zu waschen.�</p><p>�Einem Elfen, der die meiste Zeit des Tages seine Sinne in vier gemauerte W�nde einsperrt, mag es ungew�hnlich erscheinen, aber das wilde M�dchen aus den W�ldern Carandamons w�rde den Duft einer Liebesnacht auch dann noch wahrnehmen, wenn du ein Bad aus Rosenwasser genommen h�ttest.� Sie l�chelte herausfordernd.</p><p>Er wich einen Schritt zur�ck und Steinsplitter knirschten unter seinen nackten F��en. �Was willst du?�</p><p>�Ist das nicht offensichtlich? Du brauchst eine Liebesnacht und keinen Stein, Gonvalon.� Ihre Stimme klang ein wenig dunkler. Sinnlicher � Sie gefiel ihm. Schon damals, als er sie das erste Mal gesehen hatte. Aber er durfte nicht. Er hatte es sich geschworen! Er w�rde sie nur beide ins Ungl�ck st�rzen. Und im Gegensatz zu ihr wusste er das. Er durfte nicht auf dieses Spiel eingehen. Auch wenn er sich danach sehnte, nicht mehr einsam zu sein.</p><p>Gonvalon nahm ein Tuch und begann sich den Schwei� vom Leib zu reiben. �Und da hast du gedacht, du erbarmst dich meiner � F�r eine Liebesnacht oder zwei.�</p><p>�Du wei�t, dass ich nicht selbstlos bin. Ich will dich. Ich mag den Geruch von Schwei�. Und du hast einen gewissen Ruf, was deine Sch�lerinnen angeht.�</p><p>�Ja, das habe ich. Sie sterben.�</p><p>Sie lachte. �Ich habe es dir schon bei den Blauen gesagt � ich bin nicht wie die anderen. Ich bin schwer umzubringen.�</p><p>Fast dasselbe hatte Talinwyn auch gesagt. Und er hatte ihr nachgegeben. Und dann �</p><p>�Ich bin einsam.� Nandalee legte eine seiner H�nde auf ihre Brust. Sie duftete nach Vanille. Ein vertrauter Duft. �Ich habe zu lange bei keinem Mann gelegen. Das macht das Blut und die Seele sauer.�</p><p>Was war das f�r ein Spruch? Wollte sie ihn aufziehen? �Wie kommst du darauf, dass ich dich begehren k�nnte?�</p><p>�Es gibt da gewisse Hinweise.� Sie blickte auf seinen Scho� und zwinkerte ihm zu.</p><p>Gonvalon schoss das Blut in die Wangen. Er drehte sich ab.</p><p>�Du hast einen h�bschen Hintern.�</p><p>Das war die H�he! So direkt war ihm noch keine Frau gekommen. 
�Seid ihr alle in Carandamon so unverbl�mt? So schamlos! �</p><p>�Warum viele Worte an das Offensichtliche verschwenden? Was ist so verwerflich daran, wenn wir uns f�r eine Nacht gegenseitig Lust schenken? Ich bin nicht darauf aus, dich durch irgendwelche Eide an mich zu binden. Du gehst keinerlei Verpflichtungen ein.�</p><p>Gonvalon f�hlte sich v�llig �berrollt. Noch nie hatte ihn eine Frau so offen nach einer Liebesnacht gefragt. Umeinander zu werben war eine hohe Kunst. �blicherweise verfasste er Gedichte, und eine seiner Sch�lerinnen hatte er einst darum gebeten, ihm f�r eine Skulptur Modell zu stehen. Am Ende lief all das auf das hinaus, was ihm Nandalee gerade angeboten hatte. Nur langsamer. Deutlich langsamer.</p><p>�Eine halbe Meile von hier entspringt ein Quell. Du kennst den Ort. Ganz in der N�he hast du mein Gesicht in einen schroffen Felsen geschlagen.� Sie l�chelte. �Ich werde in dieser Nacht dort sein. Es ist trocken dort. Ein Ort, ganz wie ihn die Liebesdichter beschreiben. Vielleicht singt uns sogar eine Nachtigall oder eine Misteldrossel.� Mit frechem Grinsen wandte sie sich ab und war binnen Augenblicken im Wald verschwunden.</p><p>Sie kannte Gedichte! Nandalee steckte voller �berraschungen. Er w�rde sie entt�uschen und nicht zur Quelle kommen. Er konnte das nicht tun! Das w�re v�llig verantwortungslos. Ob sie wirklich riechen konnte, wann er eine Liebesnacht gehabt hatte? Selbst nach einem Bad in Rosenwasser? Das war sicher Aufschneiderei! Allerdings hatte sie nicht geirrt. Es war lange her, dass er bei einem Weib gelegen hatte. Und sie war h�bsch �</p><p>Gonvalon nahm sein Gewand von der Astgabel, an der er es aufgeh�ngt hatte, und ging dem leisen Rauschen des Baches entgegen. Stets achtete er darauf, seine Felsen in der N�he eines Bachlaufs zu suchen, denn wenn er sich m�de gearbeitet hatte, nahm er stets ein langes Bad in eiskaltem Wasser.</p><p>Pl�tzlich hatte er wieder den Vanilleduft in der Nase. War Nandalee hier entlanggegangen? Beunruhigt sah er sich um. Er konnte keine Spur von ihr entdecken, aber das musste nichts bedeuten. Sie kam aus den W�ldern. Sie konnte hier unsichtbar werden. Ganz ohne Magie.</p><p>Pl�tzlich musste er lachen. Der Vanilleduft. Jetzt wusste er, warum er ihm vertraut vorgekommen war. Bidayn benutzte so ein Parf�m. Nandalee hatte sich wirklich ins Zeug gelegt. Er konnte sich nicht erinnern, jemals auch nur einen Hauch von Parf�m an ihr wahrgenommen zu haben. Das war gar nicht ihr Stil � Sie ver�nderte sich. Gestern hatte er sie mit Lyvianne in vertrautem Gespr�ch gesehen. Ausgerechnet mit ihr. Mit der Dunklen! Niemand wusste, was Lyvianne tat, wenn sie manchmal auf Jahre verschwand. Sie machte ihm Angst. Und nicht nur ihm. Sie geh�rte nicht hierher. Sie sollte in der Blauen Halle unterrichten. Nein, dachte er � sie sollte gar nicht unterrichten.</p><p>Er hatte den Bach erreicht. Das Wasser war seicht, aber es w�rde f�r seine Zwecke gen�gen. Er musste sich waschen. Immer nur waschen! All das Blut von seinen H�nden sp�len. Das seiner Opfer und das seiner Sch�lerinnen. Er streckte sich flach auf den runden Kieseln im Bachbett aus und Eisesk�lte umfing ihn. Sie bet�ubte jeden Schmerz. L�schte jeden Gedanken aus. Nur eine Erinnerung blieb zur�ck, klar wie Eis und stechend scharf wie die K�lte. Er erinnerte sich an die Winternacht. In Arkadien hatten sie ihn gefunden. Ausgesetzt. Er kannte nur die Geschichten. Er war noch zu jung gewesen � Ein Kind. Aber alt genug, dass er sich h�tte erinnern m�ssen. An seine Eltern, an sein Leben vor dieser Nacht. Doch da war nichts, au�er dem Gef�hl, beraubt worden zu sein. Man hatte ihm nicht nur seine Eltern, man hatte ihm auch seine Erinnerungen genommen. Vor dieser Winternacht gab es nichts. Keine Kindheit. Keine Gesichter, Ger�che, Ger�usche. Nichts! Das Erste, was ihm von seinem neuen Leben im Ged�chtnis geblieben war, war das Gef�hl von K�lte. Durchdringende, verzehrende K�lte. Wolfsgeheul. Er hatte ein langes Messer in H�nden gehalten, mit blutiger Klinge.</p><p>So hatten sie ihn gefunden, die F�rstin von Arkadien und ihre Diener, mit denen sie zur Jagd ausgeritten war. Ihn und drei tote W�lfe. Zugleich mit seiner zweiten Geburt hatte die Geschichte vom Klingenmeister begonnen. Hatte wirklich er die W�lfe get�tet? Auch daran konnte er sich nicht erinnern, aber alle glaubten es. Die F�rstin Arkadiens hatte ihn aufgenommen. Und da er sich an seinen Namen nicht erinnern konnte, hatte sie ihm einen Namen geschenkt. Einen Namen, der ihn nie vergessen lassen w�rde, wie sein zweites Leben begonnen hatte. Gonvalon. Das Winterkind.</p><p>Er legte den Kopf in den Nacken, tauchte ihn in die Fluten des Gebirgsbachs. Die K�lte drang ihm bis in den Knochen. Nein, tiefer noch. Bis in seine Gedanken. Sie riss die Zweifel fort. Er k�mpfte. Sein letztes Begehren sollte vergehen. Alle Glut verl�schen! Seine Sehnsucht nach W�rme und Geborgenheit.</p><p>Die Lungen brannten. Das Feuer weitete sich aus! Sein Kopf schnellte hoch. Keuchend rang er um Luft, erhob sich dann m�de aus dem Strom und bettete sein Haupt auf einen moosbewachsenen Felsen inmitten wei�er Gischt. Warum war er verflucht? Warum lie�en die Alben all dies geschehen? Waren ihre Kinder ihnen egal, wie die Himmelsschlangen behaupteten? Gonvalon war nie einem Alben begegnet. Seine Meister waren die Drachen, sie waren real, und manchmal linderte der Goldene seinen Schmerz. Aber den Fluch hatte auch er nicht von ihm genommen. Der Goldene erlaubte nicht, dass er die Schule verlie�.</p><p>Was nutzte er der Wei�en Halle, dachte Gonvalon verzweifelt, wenn seine Sch�lerinnen dazu verdammt waren zu sterben? Zu schnell zu sterben. All die Jahre, die er verschenkte, um sie zu lehren, wie man inmitten des Klingensturms �berlebte. Wie man selbst Pfeilen ausweichen konnte!</p><p>Nandalee war von dem Augenblick an verflucht gewesen, in dem man ihn zu ihrem Lehrer erw�hlt hatte. Sie trug es mit dem leichten Lachen der Jugend, hielt sich f�r unbesiegbar. Und er hatte sie f�r �berheblich gehalten. Bis zu ihrer beider Besuch in der Blauen Halle. Dort hatte sie ihn beeindruckt. Sie hatte es geschafft, �ber sich selbst zu triumphieren. Ihren Trotz abzulegen. Sich zu den Magistern zu bekennen, die sie mit Pr�gel empfangen hatten. Das war gro�!</p><p>Er stieg aus dem kalten Bach. Der Steinstaub war von seinen Gliedern gesp�lt.</p><p>Einmal mehr dachte Gonvalon an ihre erste Begegnung. Wie sie nackt im Schnee gestanden hatte. Gehetzt. Dem Tode nahe. Eis im Haar. Sie war anders als alle Sch�lerinnen, die man ihm bisher �berantwortet hatte. Sie war ihm �hnlich. Ausgesetzt in einer Winternacht. Ihrem Schicksal �berlassen. Schon damals hatte er sich zu ihr hingezogen gef�hlt. Er hatte sie in derselben Stunde gefunden, in der Talinwyn ihr Leben verloren hatte. Alles ging ineinander �ber. Geburt, Liebe, Tod. Nandalee war verloren. Sie hatten sie zu seiner Sch�lerin gemacht, obwohl er sich dagegen gewehrt hatte. Und nun kam sie und forderte ihn heraus. Welchen Unterschied machte es, wenn er zum Wald bei der Quelle ging? Sie beide waren verdammt. Eine neue Liebe w�rde ihn von seinen Seelenqualen ablenken. F�r ein paar Monde zumindest. Erl�sung gab es nicht. Diese Hoffnung hatte er schon lange aufgegeben. W�rme und Geborgenheit w�rden nie auf Dauer in sein Leben treten. Sie w�rden ihm immer wieder entrissen werden � so wie sie ihm als Kind geraubt worden waren. Und eines Tages w�rde er an seiner Verzweiflung verbrennen. Auch das geh�rte zu seinen fr�hesten Erinnerungen. Vielleicht hatte ihm die Vorstellung geholfen, in der Eisesk�lte zu �berleben. Er w�rde nicht erfrieren � er w�rde brennen. K�lte konnte ihm nichts anhaben, ganz gleich, wie lange er sich in eisigen Gebirgsb�chen wusch.</p><p>Langsam wandte er den Kopf und blickte gen Osten. Dorthin, wo der Wald mit der Quelle lag. Ja, er war ein Narr. Aus Feuer war er geboren � und es war das Feuer, das eines Tages sein Schicksal besiegeln w�rde.</p></section><section><title><p>Ein von den G�ttern verlassener Ort</p></title><p>Drei Tage folgten sie der blauen Galeere. Sie blieben nicht unbemerkt, aber das Gl�ck war auf ihrer Seite. Als das Schiff der Piraten sie zu stellen versuchte, gelang es ihnen, zwischen den Riffen einer kleinen Insel in seichtes Fahrwasser zu entkommen. Dorthin konnte die viel gr��ere Galeere ihnen nicht folgen. Als dann noch der Gezeitenstrom wechselte und die Ebbe einsetzte, musste die Galeere endg�ltig zur�ck auf See.</p><p>Artax hoffte auf den Hochmut der Piraten und darauf, dass die Galeere sie schlie�lich zum Versteck der Flotte f�hren w�rde. Was konnten drei Fischer, denen man auf die K�pfe gepisst hatte, schon gegen eine ganze Flotte ausrichten?</p><p>Und endlich, am dritten Tag, wurde ihre Ausdauer belohnt. Das blaue Schiff steuerte eine Bucht an, �ber deren enger Zufahrt zwei hohe Klippen wachten. An die westliche Klippe klammerte sich eine Tempelruine, deren geborstene wei�e S�ulen sich deutlich vom dunkleren Felsgestein abhoben. Wie ein Vogelnest kauerte der Tempel hoch �ber der See.</p><p>�Das ist Kyrna�, erkl�rte Mataan. �Ein von den G�ttern verlassener Ort.�</p><p>�Und doch gibt es einen Tempel�, bemerkte Juba trocken.</p><p>�Ja, einen Tempel, den lange kein Priester mehr betreten hat. Dieser Ort ist verdammt. Vor langer Zeit einmal gab es hier eine reiche kleine Stadt. Die Bucht ist ein vollkommener Hafen. Der flache Strand bietet Platz f�r f�nfzig oder mehr Galeeren. Kein Sturm ist so gewaltig, dass er den Schiffen dort etwas anzuhaben vermag. Und doch lebt dort heute niemand mehr.�</p><p>Das rote Segel der Galeere verschwand hinter den Felsen.</p><p>Artax �nderte den Druck auf das Ruder. Ihr kleines Boot wechselte den Kurs. Es w�rde in weitem Bogen an der Einfahrt zum Felshafen vor�bergleiten. �Du glaubst, die Piraten sind dort?�</p><p>�Wenn sie dort sind, dann nicht f�r lange. Nicht weit von hier verl�uft eine viel befahrene Schifffahrtsroute. Die Handelsschiffe suchen an jedem Abend die N�he des Ufers. Sie wagen sich nur selten au�er Sichtweite der K�sten. Vielleicht haben sie noch nicht alle Zinnschiffe abgefangen. Dies w�re ein g�nstiger Ort, sich f�r einen �berfall zu sammeln. Allerdings gibt es hier kein Wasser. Die G�tter haben die �berm�tigen Bewohner Kyrnas verflucht. An dem Tag, an dem das Erdbeben den Tempel dort oben auf der Klippe zerst�rte, versiegten auch alle drei Quellen der Insel. So tief sie auch gruben, die Bewohner Kyrnas vermochten kein Wasser mehr zu finden und mussten schlie�lich ihre Heimat verlassen. Seitdem kommt nur noch selten ein Schiff hierher. Kyrna ist der perfekte Unterschlupf � solange das Wasser reicht.�</p><p>Artax l�chelte. �Wasser. Das scheint der Schl�ssel zu sein.�</p><p>Juba schnaubte. �Wenn du vorhast, die Bucht mit einem Fischerboot zu blockieren, bis die Piraten verdursten, springe ich jetzt �ber Bord. Wir wissen, wo sie stecken. Das ist gut. Aber mit un�berlegten Heldentaten kommen wir hier nicht weiter. Entweder wir suchen die zweite Zinnflotte oder wir holen die Kriegsgaleeren. Hier haben wir jedenfalls nichts verloren.� Juba sah ihn fast flehentlich an. �Wir k�nnen hier nichts ausrichten, Erhabener! �</p><p>�Komm schon, Juba. Wir sind f�r sie wie ein Floh auf einem Hundearsch. Wenn wir nicht stechen, beachten sie uns gar nicht.�</p><p>Oh, ihr G�tter! Bauernprosa. Was haben wir getan, in diesem Kopf hier festzusitzen? Wir flehen dich an, L�wenh�uptiger, lass einen Blitz vom Himmel fahren und erl�se uns von dem �bel.</p><p>Willkommen, Aaron, dachte Artax. Der Gefangene meines Geistes rasselt mal wieder mit seinen Ketten. Ist es hart, wenn man einmal das Ohr eines Gottes hatte und er einen nun so gar nicht mehr erh�rt? Du h�rst dich so verzweifelt an, wie Juba gerade aussieht.</p><p>Wie sollte irgendjemand gl�cklich aussehen, der deinem Irrsinn ausgeliefert ist?</p><p>Artax sch�ttelte den Kopf, um seines Qu�lgeistes Herr zu werden. Er gestand es sich nicht gern ein, aber trotz der vielen kleinen Siege, die er im Kampf gegen Aaron davongetragen zu haben glaubte, fiel es ihm immer schwerer, bei der Sache zu bleiben, wenn Aaron sich in seine Gedanken schlich.</p><p>�Ist dir an der Besatzung der blauen Galeere etwas aufgefallen, Kriegsmeister? Mindestens die H�lfte dieser Piraten kam weder von den Aegilischen Inseln noch aus Luwien. Wir w�rden gar nicht auffallen, wenn wir uns unter sie mischen.�</p><p>Selbst im D�mmerlicht war deutlich zu sehen, wie Juba blasser wurde.</p><p>�Nur ein Ausflug, mein Freund. Du wei�t doch, bei Nacht sind alle Katzen grau. Und das Gl�ck ist bei den Tapferen. Und damit du ein wenig ruhiger bist, nehmen wir unsere Schwerter mit.�</p><p>�Spr�che, nichts als Spr�che�, entgegnete Juba m�de. �Du bringst mich ins Grab.�</p><p>Uns alle! Juba ist alles andere als ein Poet oder ein sensibles Gem�t. Wenn du ihn mit deinen Bauernweisheiten um den Verstand bringst, hast du es wahrlich weit getrieben.</p><p>�Da, seht!�, rief Mataan. Ihr Boot war jetzt auf H�he der Einfahrt zur Bucht. �Sie sind da, ganz wie du vermutet hast. So viele!�</p><p>Artax sank das Herz beim Anblick der Flotte. Sie konnten nur einen Teil der Bucht einsehen. Dort lag der Strand voller Schiffe. Mindestens drei�ig waren es. Ringsherum erhoben sich Felsen, manche steil wie von Riesen erbaute Festungsw�lle. Auf aus dem Stein geschlagenen Terrassen erhoben sich die Ruinen der verlassenen Stadt. Goldenes Abendlicht schmeichelte den verfallenen Mauern, und erste Lagerfeuer leuchteten in den Schatten.</p><p>�Dort lagern mehr als tausend Mann�, sagte Juba leise.</p><p>�Seht dort, bei der Einfahrt!� Mataans Stimme war voller Begeisterung. �Die Gischt, inmitten der Fahrrinne. Dort gibt es Felsen. Wir haben Flut und man kann sie noch sehen. Davon ist in den alten Geschichten �ber Kyrna nicht die Rede. Ein Teil der Bergflanke scheint abgerutscht zu sein. Bei Ebbe sitzen die da drinnen fest!�</p><p>Rasch trug die Str�mung sie an der Einfahrt vor�ber und schwarze Steilw�nde verwehrten ihnen nun den Blick auf die Schiffe. Nur einige der h�her an den Bergflanken gelegenen Ruinen waren noch zu sehen. Nirgends in den Felsen konnte Artax Wachen entdecken. Die Piraten schienen sich in der Bucht v�llig sicher zu f�hlen. Und wen sollten sie auch f�rchten? Sie drei waren keine Gefahr, und wenn eine Flotte auslief, um sie zu bek�mpfen, w�rden sie sicher von schnellen Schiffen wie der blauen Galeere gewarnt. Wahrscheinlich geh�rten ihre Sp�tter zu den Sp�hern der Piraten, die nach lohnender Beute und Feinden Ausschau hielten.</p><p>�Du willst da nicht wirklich hin!�, sagte Juba in beschw�rendem Tonfall.</p><p>�Wir beide werden gar nicht auffallen, Juba! Wir sind nur zwei Krieger mehr in einem Lager voller Krieger aus aller Herren L�nder. Das da sind S�ldner, Gl�cksritter � Ein bunter Haufen. Vertrau mir. Die werden uns gar nicht bemerken.�</p><p>�Und wenn wir auf einen der Kerle treffen, die uns auf die K�pfe gepisst haben. Die wissen doch, dass wir ihnen gefolgt sind.�</p><p>Artax machte eine wegwerfende Geste. �Zu viel Gr�belei macht jeden Plan kaputt! Wenn wir entdeckt werden, werden wir improvisieren. Das sind �ber tausend Krieger dort! Und es wird Nacht sein, wenn wir in ihr Lager gehen. Wie gro� ist die Wahrscheinlichkeit, entdeckt zu werden?� Er wandte sich an Mataan. �Gibt es irgendeinen Platz au�er Sichtweite dieser Bucht, an dem du uns an Land lassen k�nntest?�</p><p>�Auf der R�ckseite der Insel liegt ein seichter K�stenstreifen. Dort k�nnt ihr an Land waten. Kyrna ist nicht sehr gro�. Ihr h�ttet dann einen Fu�marsch von drei Meilen vor euch, vielleicht vier. Wo soll ich euch wieder aufnehmen?�</p><p>Artax blickte die K�ste entlang. �Der Felsfinger dort dr�ben. Wir werden uns irgendwie dorthin durchschlagen. Warte da bei Morgengrauen auf uns.�</p><p>Mataan nickte. Juba seufzte. Und Aaron setzte erneut zu einer Schm�htirade an. Nur Artax blieb ruhig. Die G�tter lieben die Tapferen, dachte er voller Zuversicht und wurde sich pl�tzlich bewusst, dass dies keine Bauernweisheit war. Er ver�nderte sich!</p></section><section><title><p>Der Fluch</p></title><p>�Liebst du mich?�</p><p>Die Frage kam f�r Gonvalon so �berraschend, wie ihn alles an dieser Nacht �berrascht hatte. Ja, glaube ich, w�re die ehrlichste Antwort gewesen. Er war sich sicher, dass er sie begehrte. Aber Liebe � Und ihm war klar, dass diese ehrliche Antwort alles zerst�ren w�rde. Au�erdem brauchte er schon zu lange, um zu antworten. Auch das mochte sie verletzen. Warum stellte sie nur diese verdammte Frage? Er musste sich herausreden. Und das schnell!</p><p>�Ich liebe dich, wie der Wolf den Mond liebt.�</p><p>Sie st�tzte sich auf den Ellenbogen und sah ihn an. Sie war sch�n! Es war nicht die makellose Sch�nheit, die er an Talinwyn bewundert hatte. Es war die Sch�nheit der Wildnis. Unvollkommen und gerade deshalb faszinierend.</p><p>Sie bohrte ihm den Zeigefinger in die Brust. �Du hattest schon viele Frauen, nicht wahr? Du wei�t, wie man sich herausredet.�</p><p>�Nat�rlich.� Er l�chelte. Meistens half das. �Du wei�t das. Du selbst hast gesagt, dass du dich f�r mich interessierst, weil ich einen gewissen Ruf habe. Und du? Hattest du schon viele M�nner?�</p><p>�Ziemlich viele. Du wei�t ja, wir Wilden aus dem Norden haben recht lockere Moralvorstellungen.� Sie lachte. Dabei bildeten sich leichte Gr�bchen in den Mundwinkeln und ihre Lippen wichen so weit zur�ck, dass man ihr Zahnfleisch sah. Es war ein durch und durch echtes Lachen. Unwiderstehlich. Ganz anders als bei Talinwyn. �ber ein wohleinstudiertes L�cheln war es bei ihr nie hinausgegangen. Sie hatte immer in allem perfekt sein wollen.</p><p>Gonvalon glaubte ihr kein Wort. Gewiss hatte Nandalee schon ein oder zwei Liebhaber gehabt, aber viel mehr konnten es nicht gewesen sein. Sie war unerfahren gewesen � Auch darin unterschied sie sich sehr von Talinwyn. �Es sind diese Moralvorstellungen, die einen wesentlichen Teil deines Charmes ausmachen.� Er l�chelte breit. Nicht ganz echt, aber ziemlich unwiderstehlich. Ein Wassertropfen streifte Gonvalons Wange und ihn schauderte.</p><p>Nandalee hatte einen Unterstand aus ineinander verflochtenen �sten gebaut. Er lag windgesch�tzt an einem dicht bewaldeten Hang. Verborgen. Niemand w�rde hier zuf�llig vorbeikommen. Ihr Lager erinnerte Gonvalon ein wenig an das Nest eines Tieres. Sie lagen auf Eberfellen. Darunter war ein Polster aus Moos. Zu ihren F��en schwelte ein kleines Feuer. Wenn der Wind drehte, trieb Rauch in ihre Zuflucht. Es regnete, doch erstaunlich wenige Tropfen fanden den Weg zu ihnen hinab. Nandalee lag nackt an seiner Seite. Er hatte eines der Felle bis �ber die H�ften hochgezogen. Er fror.</p><p>Es war un�bersehbar, dass dieser Unterschlupf nicht erst an diesem Abend entstanden war. War das ihr Versteck, wenn sie nachts durch die W�lder streifte? Er wusste, dass sie sich oft aus der Wei�en Halle davonschlich und ihren Schlaf ihrer Freiheit opferte.</p><p>�Warum hast du mein Gesicht in Stein gehauen?�</p><p>�Weil es ein sch�nes Gesicht ist, Nandalee.� Er strich sanft �ber ihren Arm. �Der Stein hat dein Gesicht schon immer in sich getragen, wei�t du � Man musste es nur befreien.�</p><p>�Sagen das Bildhauer allen M�dchen, mit denen sie geschlafen haben?�</p><p>Gonvalon lachte laut auf. Er hatte das in der Tat nicht zum ersten Mal gesagt. �Nur den h�bschesten.�</p><p>Wieder bohrte sie ihm einen Finger in die Brust. �Du nimmst mich nicht ernst!�</p><p>�Aber ist die Liebe nicht eine Gabe der Alben, die uns den Ernst des Lebens und all unsere Sorgen vergessen lassen soll?�</p><p>Sie ging nicht darauf ein. �Kommst du wieder?�, fragte sie. Ihre Stimme klang ein wenig dunkler.</p><p>Er l�ste sich von ihr. Der Rausch der Liebesnacht war verflogen, und wieder dachte er an Talinwyn. An ihren viel zu fr�hen Tod. W�rde sie noch leben, wenn sie nicht seine Sch�lerin gewesen w�re? Und was w�rde mit Nandalee geschehen?</p><p>�Ich bringe dich in Gefahr, Nandalee. Wir d�rfen nicht zusammen sein. Ich bin verflucht! Ich d�rfte nicht dein Lehrer sein und erst recht nicht dein Geliebter. Und trotz allem bin ich hier. Ist das klug? Nein, Nandalee, das ist es nicht. Ich sollte davonlaufen. Wie kann ich dich lieben und bleiben?�</p><p>�Und wenn wir gemeinsam davonlaufen?�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. �Wir sind den Drachen verschrieben. Du hast die T�towierung auf meinem R�cken gesehen. Der Bund mit ihnen geht bis unter die Haut.� Er lachte bitter. �Sie dulden nicht, dass man ihnen davonl�uft.�</p><p>�Aber k�nnen sie den Fluch denn nicht brechen?�</p><p>�Und wenn sie es waren, die den Fluch ausgesprochen haben?�</p><p>Nandalee runzelte die Stirn. �Warum sollten sie das tun? Welchen Sinn h�tte das?�</p><p>Er seufzte. Schon Tausende Male hatte er sich diese Frage gestellt und nie eine zufriedenstellende Antwort gefunden. �Einzig den Sinn, sie zu unterhalten?� Er richtete sich auf. �Ich wei� es nicht. Vielleicht ist es auch gar kein Fluch. Vielleicht sind es nur ungl�ckliche Zuf�lle. Aber sie alle ��</p><p>�Und du hast sie alle geliebt?� Sie fragte das �berraschend mitf�hlend. Ganz ohne Eifersucht.</p><p>Gonvalon nickte. �Ja.�</p><p>Sie schlang die Arme um ihn und dr�ckte ihn fest an sich. �Mit mir wird es anders sein. Das verspreche ich dir.�</p><p>Seine Kehle wurde ihm eng. Auch dieses Versprechen h�rte er nicht zum ersten Mal. Er h�tte nicht kommen d�rfen! Und er wusste, er w�rde wieder zu ihr kommen. Immer wieder � Nein, schwor er sich, diesmal musste er einen Ausweg finden. Sie durfte nicht sterben! Sie durfte nicht sterben! Und zum ersten Mal kam ihm der Gedanke, dass das Ma� an Leid, das er ertragen konnte, eines Tages voll sein w�rde. Dass alles Eiswasser der Welt seinen Schmerz nicht mehr w�rde lindern k�nnen. Was dann geschehen w�rde? Er wusste es nicht.</p></section><section><title><p>Unter M�rdern</p></title><p>Artax stieg eine der Treppen hinab, die zwischen den Ruinen hindurchf�hrte. Kostbare Friese waren zwischen Disteln versunken. Von einer Stunde auf die andere war es mit der Pracht Kyrnas vorbei gewesen. So schnell �</p><p>Die Piraten scherten sich nicht darum. Sie lebten ganz im Jetzt, ohne Vergangenheit, und sie hatten nicht einmal Wachen aufgestellt, so sicher f�hlten sie sich. Juba hielt das f�r eine Falle, aber Artax war sich sicher, dass niemand mit ihnen rechnete. Wahrscheinlich hatte dieser Haufen von Halsabschneidern nicht einmal einen gemeinsamen Anf�hrer.</p><p>Zwischen einigen der Ruinen waren Segel als Sonnend�cher aufgespannt, und Artax entdeckte ein paar liederliche Weiber, die sich augenscheinlich verkauften. Vom Strand drang Geschrei herauf. Mit Fackeln war ein Kreis abgesteckt worden, dicht bei den Schiffsr�mpfen, die wie gestrandete Meeresungeheuer auf dem Ufer lagen. Zwei M�nner duellierten sich, und die aufgemalten Augen sahen dem Treiben zu.</p><p>�Neununddrei�ig Schiffe�, fl�sterte Juba.</p><p>Artax nickte geistesabwesend. Der Fackelkreis hatte ihn in seinen Bann gezogen. Ein Krieger mit langem, blondem Haar, �ppigem Bart und einem K�rass, Bein- und Armschienen aus polierter Bronze war in die Flammenarena getreten. Eine Gestalt aus Gold. War das der Mann, von dem der �berlebende gesprochen hatte? Der eine Gerechte unter all diesen M�rdern?</p><p>�Wir sehen uns das an�, entschied Artax.</p><p>Ein Duell auf Leben und Tod. Das k�nnte nett werden. Diese Art Unterhaltung fehlt an deinem Hof � und niemand wagt dir zu sagen, wie langweilig es geworden ist! Wirst du uns unterhalten und uns einen deiner tollk�hnen Alleing�nge bieten?</p><p>Hast du keine Sorgen, dass ich mich umbringe?</p><p>Sorgen ist da das falsche Wort. Wir w�ren �beraus gl�cklich, wenn du es endlich schaffen w�rdest und dieser endlose Alptraum mit dir aufh�rt. Wir werden dich von gar nichts mehr abhalten, sondern dich nach besten Kr�ften auf deinem selbstzerst�rerischen Weg unterst�tzen. Von nun an sind wir deine treuesten Verb�ndeten, Bauer.</p><p>Juba unterbrach ihn in seinem inneren Disput. �Du willst mitten ins dichteste Gedr�nge?�</p><p>Artax sch�ttelte den Kopf. Diese Marotte musste er sich abgew�hnen. �Mach dir keine Sorgen. Da wird keiner auf uns achten, Juba. Die haben nur Augen f�r den Kampf, den es gleich geben wird.�</p><p>�Dann hoffen wir mal, dass wir uns nicht mitten in diesem Kampf wiederfinden.�</p><p>Er h�rte sich schon an wie Aaron. �Schwarzseher�, zischte Artax und schob sich durch das zunehmende Gedr�nge. In ihren schmuddeligen Tuniken waren sie auff�lliger, als er erwartet hatte. Die meisten der Piraten und S�ldner waren besser gekleidet, trugen farbenpr�chtige Gew�nder und kostbar bestickte Umh�nge, Perlohrringe, Fibeln mit kunstvoll geschnittenen Gemmen oder breite Armreife. Nur wenige wirkten �rmlich und besa�en so wie sie nur die umgeg�rteten Schwerter und ein Paar Sandalen.</p><p>�Was geht hier vor?�, fragte Artax einen hageren, stoppelb�rtigen Kerl mit breitkrempigem Strohhut, aus dessen G�rtel ein beeindruckendes Sortiment an Messergriffen ragte.</p><p>Der Mann blickte ihn skeptisch an. �Du warst wohl bei den Sp�hern, was?�</p><p>�Genau.� Artax nickte l�chelnd. �Wir sind heute erst eingelaufen. �</p><p>�Der Blonde da hat seinen Schiffsf�hrer niedergemetzelt. Der ist wie von Sinnen! Ein Barbar aus Drus halt. Hat nichts im Kopf als seine merkw�rdigen Ehrvorstellungen!�</p><p>�Ist er ein guter K�mpfer?�</p><p>Der Pirat lachte und zeigte dabei seinen zahnlosen Oberkiefer. �Nicht mit der Linken auf den R�cken gebunden. Er ist Linksh�nder. Eigentlich sollte er f�r den Mord am Schiffsf�hrer hingerichtet werden, aber so wird es etwas unterhaltsamer. Magst du nicht wetten? Er wird gegen den Bruder des Toten antreten. Ich jedenfalls wette, dass er schneller die erste Wunde davontr�gt, als du bis zwanzig z�hlen kannst.� Der Zahnlose zwinkerte ihm zu. �Und, schl�gst du ein?�</p><p>Artax hatte nichts, worum er wetten konnte.</p><p>�Du kannst doch bis zwanzig z�hlen?�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�Dann riskier es doch. Bist du feige?�</p><p>�Nein. Ich bin pleite.�</p><p>�Ich w�rde dein Schwert als Wetteinsatz annehmen�, dr�ngte der Pirat.</p><p>Artax sch�ttelte den Kopf. �Ist nicht dein Ernst, oder? Ohne Schwert brauche ich mich auf meinem Schiff nicht mehr blicken lassen. Die lassen mich glatt hier auf dem Felsen sitzen.�</p><p>�Ich schlag dir was vor. Du bekommst mein Schwert, wenn du verlierst. Eine h�bsche Waffe hast du da.� Der Krieger beugte sich vor. Auch andere waren mittlerweile auf sie aufmerksam geworden und sahen neugierig her�ber.</p><p>�Was ganz Besonderes, dein Schwert, hmm ��</p><p>Artax schalt sich stumm f�r seine eigene Dummheit. Er trug das Schwert eines Unsterblichen! Zwar hatte er die Scheide mit schmutzigen Stoffstreifen umwickelt und Griff und Parierstange mit einer gr�nlichen Paste eingerieben, damit das Gold wie schlecht gepflegte Bronze aussah, aber einer n�heren Betrachtung w�rde diese Tarnung nicht standhalten. Der Kerl musste das Schwert nur ziehen. Wenn er die Klinge sah, w�rde ihm sofort klar, dass er eine Waffe in H�nden hielt, wie es sie in ganz Aram nur ein einziges Mal gab.</p><p>�Du l�sst den Jungen in Ruhe�, mischte sich pl�tzlich Juba ein. �Meine Schwester hat mich mitgeschickt, damit ich auf ihren Mann achtgebe. Wenn du nicht dein Maul h�ltst, dann schiebe ich dir meine Faust in den Rachen, sodass du anschlie�end die letzten paar Z�hne, die dir noch geblieben sind, schei�t.�</p><p>Der Hagere grinste breit. �Wenn deine Schwester aussieht wie du, kann ich verstehen, warum der <emphasis>Junge</emphasis> lieber in den Krieg zieht, als seine ehelichen Pflichten zu erf�llen.� Gel�chter begleitete seine Worte.</p><p>�Ich kann mir Wetten nicht leisten, wie du siehst.� Artax zuckte bedauernd mit den Schultern, dann nahm er Juba zur Seite. Die Umstehenden machten noch ein paar sp�ttische Bemerkungen �ber sein bulliges <emphasis>Kinderm�dchen</emphasis>, doch bald blickten alle wieder zum Fackelkreis und der Hagere zog weiter, um sich jemand anders f�r seine Wetten zu suchen.</p><p>Dem blonden Krieger hatte man inzwischen wie angek�ndigt die Linke auf den R�cken gebunden. In seiner Rechten hielt er ein Schwert mit Bronzeklinge. Die Schneide war schartig, die Waffe nicht gut gepflegt. Ganz anders als die R�stung des Goldenen. Wahrscheinlich war es nicht sein eigenes Schwert. Artax ahnte, dass man diese Klinge ausgew�hlt hatte, damit sie brach.</p><p>Unter allgemeinem Gejohle trat der Herausforderer in den Kreis. Ein junger Krieger mit langem, sorgsam ge�ltem Haar, dem gerade der erste Flaum auf den Wangen wuchs. Aber er war gro� und durchtrainiert. Wie um seinen Gegner zu verh�hnen, war er nur mit Schild und Schwert bewaffnet und verzichtete auf jegliche R�stung. Eine gr�ssliche Grimasse zierte den Schild, ein d�monisches Antlitz mit wallendem Schlangenhaar und heraush�ngender Zunge. Artax vermochte kaum den Blick von diesem Bild zu wenden. Vielleicht war der Schild verzaubert? Er hatte von so etwas schon geh�rt. Von Bildern, die von der Klinge ablenkten, die hinter dem Schild lauerte.</p><p>Licht spiegelte sich auf dem ge�lten Leib des jungen Kriegers. Er hob seine Waffe zum Himmel. �Freunde, seht zu, wie ich den M�rder meines Bruders richte! Und wenn das Bluthandwerk vollbracht ist, kommt und trinkt mit mir. Ich habe eine Galeere voller Weinamphoren aufgebracht. Lasst den Wein in Str�men flie�en, sobald ich diesem Hund die Kehle durchgeschnitten und ihn meinem Bruder als Diener in die ewige Nacht geschickt habe.�</p><p>Die Rede des jungen Kriegers wurde begeistert aufgenommen und die Jubelrufe nahmen erst ein Ende, als ein �lterer Mann mit halb ergrauten Schl�fenz�pfen in das Rund trat. Sein Gesicht war von tiefen Falten durchzogen, seine Armmuskeln knotig wie altes Wurzelwerk, und die Haut verwittert und schlaff. Dennoch strahlte er eine Autorit�t aus, die die Menge ohne Worte zum Schweigen brachte.</p><p>�Hast du noch letzte Worte, Volodi?�, fragte der Alte.</p><p>Der Blonde betrachtete seinen j�ngeren Herausforderer. �Ich stehe hier, weil ich nicht bin ein M�rder. Bin ich ein Krieger! Darfst du mich angreifen drei Mal, Aigolos. Ich nicht werde schlagen dich. Aber wenn dann noch nicht tot, ich schneiden dir Herz aus Brust. Machen schnell. Wirst haben nicht viel Schmerzen, J�ngelchen. Ganz wie Bruder.�</p><p>�Im Morgengrauen nagele ich deinen Kopf an den Vordersteven meiner Galeere, Schw�tzer!�</p><p>Artax fand die Entgegnung des J�ngeren etwas schwach. Ob er wohl besser k�mpfte als fluchte?</p><p>�Die Zeit zu reden ist vorbei�, rief der Alte mit vollt�nender Stimme. �Nun lasst die Klingen sprechen, auf dass die G�tter entscheiden m�gen, wem ihre Gunst geh�rt.� Er zog sich aus dem Fackelkreis zur�ck und kaum, dass er sich wieder zur Menge gesellte, schnellte Aigolos vor, um Volodi die Klinge durch den Hals zu treiben.</p><p>Der Blonde wich aus. Der Schwertsto� verfehlte ihn nur knapp. Er wirkte ein wenig unbeholfen, fand Artax. �Eins�, rief Volodi so laut, dass man ihn wohl noch auf den obersten Terrassen der verlassenen Stadt h�ren musste.</p><p>In Aigolos� Augen trat ein gehetzter Ausdruck. Er hob den Schild und verwehrte seinem Gegner so den Blick auf sein Schwert. Den Drusnier schien das nicht sonderlich zu beeindrucken. Mit leicht federnden Knien stand er in der Mitte des Fackelkreises und erwartete den n�chsten Angriff.</p><p>Aigolos bewegte sich langsam am �u�eren Rand des Kreises entlang. Sein Lauern erinnerte Artax an die L�wen in seinem Palast, die auch manchmal stundenlang am Rand der gro�en Grube entlangstrichen.</p><p>Volodi drehte sich, ohne den Jungen aus den Augen zu lassen. Pl�tzlich schnellte Aigolos vor und versuchte, den Drusnier mit dem Schild niederzusto�en. Krachend schlugen die beiden K�mpfer gegeneinander. Volodi war stark, und er trotzte dem Angriff. Die Schildkante stie� hart gegen seinen Bronzepanzer. Den Schwertsto�, der auf seine Kehle zielte, lenkte er mit der rechten Armschiene ab, statt seine Waffe zur Parade zu nutzen.</p><p>�Zwei�, rief Volodi laut.</p><p>In der ganzen Bucht war kein Laut zu h�ren. Nur das Keuchen des Aigolos durchschnitt die Nacht. Schwei� stand dem jungen Krieger auf der Stirn. Schwei�, der nicht von k�rperlicher Anstrengung stammen konnte.</p><p>Aigolos trat in den Sand, sodass dieser seinem Gegner ins Gesicht spritzte. Der Drusnier drehte den Kopf zur Seite, um nicht geblendet zu werden. Aigolos nutzte den Augenblick und sprang mit einem Schrei vor.</p><p>Volodi duckte sich. Mit kreischendem Laut fuhr die Bronzeklinge �ber seinen Brustpanzer. Blut spritzte auf. Sein linker Arm, der ihm mit einem breiten Lederriemen auf den R�cken gebunden war, war verletzt. Etliche Zuschauer schrien auf. Der Kampf wendete sich endlich zugunsten des J�nglings. Die Wunde am Arm des Drusniers schien jedoch nicht sehr tief zu sein.</p><p>Volodi st�hnte. Er hatte es geschafft, sich von Aigolos fortzudrehen, und hielt den Krieger mit vorgestreckter Klinge auf Abstand.</p><p>�Drei!�, sagte der Drusnier laut. Dann hob er den linken Arm. Der Lederriemen war durchschnitten. �Hast du selbst durchtrennt meine Fessel, J�ngelchen. Denke ich willst du, ich wechsele Schwert in andere Hand. Richtig?�</p><p>Der J�ngling stie� ein entsetztes Keuchen aus und wich zur�ck.</p><p>Volodi st�rmte ihm entgegen. Er riss die schartige Bronzeklinge hoch �ber den Kopf.</p><p>Aigolos hob den Schild, um seinen Kopf zu sch�tzen, und nahm sich so selbst die Sicht.</p><p>�Der Kampf ist ��, rief der alte Pirat mit den Schl�fenz�pfen.</p><p>Im selben Moment war Volodi �ber dem J�ngling. Er rammte die rechte Schulter gegen den Schild. Aigolos st�rzte. Noch w�hrend er fiel, packte der Drusnier nach dem Schildrand, dr�ckte ihn hinab und stach �ber den Rand des Schildes hinweg. Seine Klinge fand das ungesch�tzte Herz des J�nglings, der lieber seine ge�lten Muskeln gezeigt hatte, als einen Brustpanzer zu tragen.</p><p>�Ergreift den Drusnier!�, rief der Anf�hrer der Piraten. �Ergreift ihn!�</p><p>�berall erhob sich Geschrei. Der Fackelkreis wurde niedergetreten. Juba zog sein Schwert und st�rmte auf den Kampfplatz. Breitbeinig stellte er sich vor den Drusnier. �Wer meinen Kameraden anr�hrt, stirbt!�, br�llte der Kriegsmeister mit tiefem Bass. �Die G�tter haben f�r Volodi entschieden!�</p><p>�Er hat gegen die Regeln des Kampfes versto�en!�, schrien gleich mehrere M�nner durcheinander. Artax sch�tzte, dass sie eher �ber ihren verlorenen Wetteinsatz erbost waren als �ber den Tod des J�nglings. Der Unsterbliche stellte sich an Jubas Seite, b�ckte sich und griff nach dem Schwert des Toten. Seine eigene Waffe zu ziehen w�re keine gute Idee. �War es klug, dass du dich eingemischt hast?�, zischte er Juba zu.</p><p>�Ich dachte, ich komme dir einfach mal damit zuvor, Dummheiten zu machen. Ich hatte gehofft, du w�rdest die Gelegenheit nutzen und in der Menge unsichtbar werden.�</p><p>�Wer seid ihr?�, rief der Alte �ber den L�rm hinweg. �Von welchem Schiff kommt ihr?�</p><p>�Das sein Freunde!�, erkl�rte der blonde Drusnier. �Kann man sehen nicht?� Er lachte. �Sind verr�ckt wie M�nner von Drus.�</p><p>�Das sind Spitzel!� Ein Mann aus den hinteren Reihen dr�ngte nach vorne. Der Steuermann der blauen Galeere!</p><p>Artax lie� das Bronzeschwert fallen und legte die Hand an den Griff seiner Waffe.</p><p>�Den Muskelprotz erkenne ich wieder! Vor drei Tagen hat er sich noch als ein Fischer ausgegeben! Die m�ssen uns gefolgt sein.�</p><p>Der Alte mit den Z�pfen zog sein Schwert. Eine kostbare Eisenwaffe. Eine Klinge, wie sie nur in Luwien gefertigt wurde. Ein Schwert, dazu geschaffen, Bronze zu zerbrechen. �Ihr seid die d�mlichsten Spitzel, denen ich jemals begegnet bin. Ihr werdet mit dem Drusnier sterben.�</p><p>�Das glaube ich kaum�, sagte Artax ruhig. Es war an der Zeit, die Maskerade zu beenden. �Ich bin Aaron von Aram, der Unsterbliche, Herr aller Schwarzk�pfe. Ich stehe unter dem Schutz des L�wenh�uptigen � und ihr werdet den Zorn des Devanthar auf eure H�upter rufen, wenn ihr eure Hand gegen mich erhebt. Jedem, der nun seine Waffe niederlegt, werde ich das Leben schenken. Alle anderen sind des Todes!�</p><p>�Dem Kerl habe ich auf den Kopf gepisst!� Einer der Krieger der blauen Galeere trat neben den Steuermann. �Das scheint er nicht gut vertragen zu haben. Ein Unsterblicher, der wie ein toter Fisch stinkt! Dem hat die Sonne das Hirn aus dem Sch�del gebrannt. �</p><p>Artax zog sein Schwert. In silbernen Bogen fuhr es auf die Waffe des Alten nieder. Ein Laut wie Zimbelklang ert�nte, und die eiserne Klinge des Piratenf�rsten zerbrach wie billige Bronze.</p><p>�Welcher <emphasis>Sterbliche</emphasis> f�hrt ein Schwert, das von G�ttern geschmiedet wurde?�, rief Artax herausfordernd.</p><p>Jene, die nahe genug standen, im Fackellicht das seltsame Muster auf der Klinge zu erkennen, wichen zur�ck. Blasses gr�nliches Licht spielte um die Waffe, als lebe der Geist, den er im Dunklen Tal besiegt hatte, noch immer darin.</p><p>�Wie k�nnten drei Schwerter gegen tausend bestehen?� Der Anf�hrer der Piraten winkte einem der M�nner, ihm eine neue Waffe zu geben. Eine Keule, aus deren steinernem Kopf ein Bronzedorn wie ein langer Vogelschnabel ragte.</p><p>�Was z�hlt die Zahl der Klingen, wenn keine Waffe, die von Menschenhand gefertigt wurde, mich zu t�ten vermag?� Artax hob sein Schwert und f�hrte die Klinge im Kreis, sodass jeder das verwunschene Licht sehen konnte.</p><p>�Ist das der Mann, auf den du gepisst hast?�, fragte der Anf�hrer unsicher.</p><p>�Ich schw�re es bei der Gefl�gelten! Die beiden waren in dem Fischerboot. Sie sehen doch auch aus wie Fischer!�</p><p>Der Piratenf�rst pr�fte mit dem Daumen die Spitze des Bronzedorns. �Glaubt hier jemand, dass sich ein Unsterblicher aufs Haupt pissen l�sst? Die beiden sind Aufschneider. Gro�schw�tzer! Das Schwert haben sie gestohlen. Wer es ihnen abnimmt, darf es behalten. Macht sie nieder!� Mit diesen Worten schwang er die Keule herum und versuchte Artax im Gesicht zu treffen.</p><p>Das Schwert des Unsterblichen schnellte hoch. Ohne Widerstand schnitt es durch den h�lzernen Griff. Der steinerne Kopf der Keule flog zur Seite. Die Waffe fuhr dem Alten durch den Bronzepanzer tief in die Brust. Artax zog das Schwert zur�ck. Mit einem gr�sslichen Knirschen glitt es aus dem breiten Schnitt in der Bronzer�stung. Dem Alten quoll Blut �ber die Lippen. Einen Herzschlag lang hielt er sich noch schwankend auf den Beinen, dann st�rzte er.</p><p>Das kalte, gr�ne Licht erstrahlte einen Herzschlag lang blendend hell. Ein Licht wie von den Geistern in den Bergen. Langsam verblasste es. Es zog sich wieder in die Waffe zur�ck. War der Gr�ne Geist, den er angegriffen hatte, nicht besiegt? War er in dem Schwert gefangen? Trank er die Seelen der M�nner, die er t�tete?</p><p>�Die Waffen nieder!�, br�llte Juba. �Los! Oder er wird jeden von euch t�ten!�</p><p>Einige lie�en tats�chlich ihre Schwerter fallen. Andere wichen einfach nur zur�ck. Artax traute seinen Augen kaum. Konnten drei �ber tausend triumphieren? Nur durch Worte? Er hoffte es von ganzem Herzen, denn er wollte nicht noch mehr Blut vergie�en. Nicht noch einen t�ten und erst recht nicht Hunderte. Falls er das �berhaupt konnte. Ganz gleich, wie verwunschen sein Schwert sein mochte, die �bermacht w�rde sie einfach �berrollen, wenn die Piraten nur entschlossen angriffen. So weit sollte es nicht kommen! Er hatte Juba gesagt, er werde sie bestrafen, und das w�rde er auch. Aber t�ten wollte er sie nicht. Das w�re Aarons Weg gewesen. Ihm w�rde etwas Besseres einfallen!</p><p>�Los, der Erhabene ist nicht f�r seine Langmut ber�hmt. Die Waffen nieder!�, bellte Juba.</p><p>Etwa ein Dutzend der Piraten warfen sich in den Sand und wimmerten um Gnade.</p><p>�Werft sich in Staub, W�rmer!�, br�llte nun auch der Drusnier. �Ist sich gekommen Tag von Rache f�r M�rder. Habe ich nicht gesagt? Nicht einmal. Nicht zweimal. Dreimal habe ich gesagt! Wer mordet Wehrlose, den strafen G�tter.�</p><p>�Dreimal gesagt �� Artax sah den blonden Krieger erschrocken an. �Dreimal?�</p><p>Volodi nickte. �Ja, ja! Jedes Mal, wenn sie Flotte verbrannt haben, mit Maus und Mann, habe ich gesagt. Muss man laufen lassen M�nner ohne Schwert, die nie nix wollen k�mpfen. Sonst Ehre futsch. Blut, vergossen von Unschuldigen, kann man auch im heiligsten von Hainen nicht mehr von H�nden waschen.�</p><p>�Sie haben alle drei Flotten ��</p><p>�Nat�rlich! Liegt sich alles auf Boden von Meer. Die Schiffe, die M�nner, das Zinn. Alles!�</p><p>�M�rder!�, schrie Artax auf. �Ich verfluche euch!� Er konnte es sehen, in seinem Kopf. Die brennenden Schiffe, die M�nner, die um Gnade flehten. Er wusste nicht, ob es eine Vision oder nur seine Vorstellungskraft war. Aber er sah es so deutlich, als sei er dabei gewesen. �M�rder!�</p><p>Tausend Krieger wichen vor seinem Zorn zur�ck. Er hatte das blutige Schwert erhoben.</p><p>�Ich verfluche euch! Sollen die Seelen der unschuldigen Toten euch bis ans Ende eurer Tage verfolgen! Sollen eure toten Leiber keinen Frieden finden und sich aus den Gr�bern erheben, um S�hne zu tun.�</p><p>Er machte eine weit ausholende Geste mit dem Schwert. �Ihr alle habt euer Recht auf Freiheit verwirkt! Ihr seid mein!� Er schwang sein Schwert zur Seite und wollte auf den Goldenen deuten, als etwas mit schrillem Klirren �ber die Klinge schrammte. Ein Pfeil fiel vor seine F��e.</p><p>Stille senkte sich �ber die weite Bucht. Der Pfeil vor seinen F��en hob sich �berdeutlich vom hellen Sandboden ab. Pl�tzlich f�hlte Artax sich schwach. Sein Zorn war verraucht. Wieder spielte gr�nes Licht um die Klinge seines Schwertes. Einen Herzschlag lang nur, dann war es verschwunden.</p><p>�Seid ihr von Sinnen?�, ert�nte Jubas tiefe Stimme. �Glaubt ihr wirklich, ihr k�nnt ihn t�ten? Kennt ihr nicht die Geschichten �ber Aaron, den Unsterblichen? Den Mann, der aus dem Himmel fiel und �berlebte? Dem Mann, der sich ganz allein den Geistern der Unterwelt stellte? Aaron ist ein Gott unter Menschen, ihr Narren! Ein Gott! Glaubt ihr, es g�be auf dieser Insel eine Waffe, die ihn verwunden k�nnte? Habt ihr gesehen, wie er den Pfeil, der auf seine Brust zielte, einfach zur Seite schlug? Habt ihr es gesehen, ihr W�rmer? Welcher Sterbliche vermag so etwas zu tun? Und wer von euch hat Kraft genug, sich einem Unsterblichen zu widersetzen? Ich will den Kopf des Bogensch�tzen. Sofort! Und dann unterwerft ihr euch. Vielleicht wird mein Herr dann eines Tages seinen Bannfluch von euch nehmen. Vielleicht aber gef�llt es ihm auch, noch in dieser Nacht jeden Einzelnen von euch zu erschlagen und eure Seelen als Diener der toten Seeleute und Ruderer in die Unterwelt zu schicken. Entscheidet euch schnell, denn Aaron ist kein Mensch, wie ihr es seid. Er ist ein Unsterblicher! Der Herr aller Schwarzk�pfe! Und ich sage euch, er ist unm��ig, in seinem Zorn wie in seiner Gnade.�</p><p>Die Wirkung der Rede war erstaunlich. Zu Hunderten warfen sich die Piraten zu Boden. Artax aber hatte immer noch weiche Knie. Es war verr�ckt gewesen, hierherzukommen. Er trug keine R�stung, der Pfeil h�tte ihn t�ten k�nnen. Selbst wenn er nur verwundet worden w�re, h�tte dies das Ende bedeutet. Die Piraten w�ren �ber sie hergefallen und h�tten sie niedergemacht. Und jetzt krochen diese M�rder zu seinen F��en und k�ssten den Saum seiner nach fauligem Fisch stinkenden Tunika.</p><p>Erstaunlich, Bauer. Wirklich erstaunlich. Ich frage mich, wie lange dein Gl�ck noch w�hrt.</p><p>Das fragte sich Artax auch. Was war geschehen, dass der Pfeil ihn nicht hatte erreichen k�nnen? Lag es am Schwert oder hatte er einfach nur unglaubliches Gl�ck gehabt? Sp�ter, dachte er. Er w�rde sp�ter dar�ber br�ten. Jetzt waren andere Dinge wichtiger.</p><p>�Zur�ck!�, herrschte Juba die M�nner an. �Keiner von euch ist es wert, dass der Unsterbliche ihn auch nur anblickt! Zur�ck, ihr Abschaum des Meeres!�</p><p>�Du solltest ihnen sagen, was sie zu tun haben�, fl�sterte Juba ihm zu. �Sie brauchen eine Aufgabe � Sie m�ssen wissen, welches Schicksal du ihnen bestimmst. Ungewissheit macht rebellisch.�</p><p>Artax hatte keine Ahnung, was er mit tausend Piraten anfangen sollte. Hatten sie es verdient zu leben? Konnte er sie als Waffe gegen Muwatta einsetzen? �Euer aller Leben ist verwirkt, M�rder! Ich halte es in meiner Hand! Doch ihr k�nnt euer Leben und eure Freiheit zur�ckgewinnen. Drei Mal werdet ihr f�r mich k�mpfen, wo andere Krieger den Kampf f�rchten. Wer einen Kampf f�r mich erfolgreich besteht, dem werde ich als Lohn eine M�nze aus Zinn geben. M�nzen, die eigens an meinem Hof gepr�gt werden. Sie sollen euch an eure Untaten erinnern. Volodi, den einzigen Gerechten unter euch, bestimme ich zu eurem Heerf�hrer. Wer vor mich tritt, mir drei Zinnm�nzen bringt und Volodis F�rsprache hat, der ist frei. Ihr werdet Sold erhalten wie meine anderen Krieger, aber ihr habt nicht dieselben Rechte wie sie. Von euch erwarte ich, dass ihr die ersten im Kampf seid und die letzten beim R�ckzug.� Er machte eine Pause und blickte �ber die M�nner, die sich seiner Gnade ausgeliefert hatten. Die <emphasis>er</emphasis> seiner Gnade ausgeliefert hatte. Ein Anflug von �belkeit kam �ber ihn, doch er dr�ngte das schlechte Gewissen fort. Aaron schwieg, aber Artax wusste auch so, was er sagen w�rde � gut so, Bauer.</p><p>Artax seufzte. Die Piraten kamen aus aller Herren L�nder. Sie waren ein Haufen ohne Zucht und Ordnung. Ohne Moral. Konnte er ihnen vertrauen? Oder w�rden sie bei der ersten Gelegenheit davonlaufen? Oder schlimmer noch, erneut auf die Seite seines Feindes Muwatta wechseln? Er wusste, wozu Aaron ihm raten w�rde. Wusste, was vern�nftig war. Er sollte diesen Bastarden Versprechen machen, sie an sich binden und, sobald seine Flotte eintraf, sie alle hinrichten lassen. Das w�re klug. Es w�re ein abschreckendes Beispiel. Und es w�rde die Witwen, V�ter, M�tter und Kinder der hingemetzelten Ruderer und Seeleute der Zinnflotte zufriedenstellen. Nach seinem Massaker an den Priestern w�rde nach diesem Strafgericht sicherlich Ruhe im Reich Aram einkehren. Grabesruhe. Aber er wollte nicht sein wie Aaron, selbst wenn der Preis daf�r die Vernunft war. Zornig, dass sie ihn zu solchen ungew�nschten Entscheidungen zwangen, wandte er sich an die Piraten.</p><p>�Ihr seid der Abschaum der See. M�nner, �ber die man mit Wut, Abscheu oder Trauer redet. M�nner, deren Taten ihre Ehre zerst�rt haben! Folgt mir und ihr werdet eure Ehre zur�ckerlangen. K�mpft f�r mich und eines Tages wird man zu euch aufsehen, weil ihr die Tapfersten der Tapferen geworden seid. M�nner, deren Namen man voller Ehrfurcht nennt. Beim ersten Morgengrauen werden wir Kyrna verlassen. Doch seid gewarnt!� Artax reckte sein Schwert empor, sodass alle die schreckliche Waffe sehen konnten. �Diese Klinge wurde von den Devanthar geschmiedet. Es ist ein Schwert der G�tter. Und es trinkt die Seelen meiner Feinde. Ich gebe euch Gelegenheit, f�r eure Taten zu b��en und M�nner von Ehre zu werden. Aber wer mich betr�gt, dem werde ich kein zweites Mal vergeben. Ich werde ihn jagen und ihm diese Klinge in den Leib sto�en, auf dass seine Seele in ewige Verdammnis gerate! Und nun bereitet euch auf die Abreise vor!� Er wandte sich ab. �Juba, Volodi! Folgt mir! Ich habe mit euch zu reden.�</p><p>Artax wandte sich ab und atmete tief aus. Das ist das erste Mal, dass ich ganz bewusst mit Todesurteilen gedroht habe, dass ich meine Macht nutze, um Furcht zu verbreiten. Noch sind es nur Worte.. Noch ist niemandem etwas geschehen, versuchte er sich zu beschwichtigen. Es liegt ganz bei ihnen.</p><p>Kurz erschien das Gesicht Almitras vor seinem inneren Auge, ihre Lippen formten stumme Worte und die Augen, die ihn so eindringlich musterten, waren Shayas Augen. Verkauf nicht deine Seele, schienen ihre Lippen zu fl�stern. Gib auf dich acht.</p><p>Das werde ich, wollte er antworten, aber er schwieg. Wie sollte er etwas versprechen, von dem er nicht wusste, wie er es halten sollte?</p><p>Er f�hrte Juba und Volodi ein St�ck vom Lager fort zu der Klippe, auf der der verfallene Tempel lag. Juba drehte sich auf dem Weg immer wieder misstrauisch um, doch niemand folgte ihnen. Auch machten die Piraten keine Anstalten zu fliehen.</p><p>Artax lie� sich auf einer gest�rzten S�ule nieder und blickte hinab auf die Bucht. Viele der M�nner dort unten waren wie angewurzelt stehen geblieben und starrten zu ihnen empor, als k�nnten sie immer noch nicht fassen, was geschehen war.</p><p>�Werden sie meinem Befehl gehorchen, Volodi?�</p><p>Der blonde Krieger zuckte mit den Schultern. �Das ich wei� nicht. Aber wei� ich, ich werde Sch�del einschlagen denen, die dir sich widersetzen, Unsterblicher. Sind viele nicht schlechte M�nner dort unten.�</p><p>�Ein M�rder, der �ber M�rder urteilt�, sagte Juba ironisch.</p><p>�Und was du bist? Ein Krieger ohne Blut an H�nden? Ich nur k�mpfen gegen M�nner mit Waffe in Hand. Nie nix Weiber und Kinder t�ten. Auch nix Alte und Wehrlose. Ich habe Ehre nie verkauft. Was mit dir ist?�</p><p>Jubas Hand lag am Schwertgriff. �Willst du andeuten, ich sei ein M�rder und Pl�nderer wie du? Nimm dich in acht, du ��</p><p>�Lass ihn, Juba! Oder willst du die Flotte an seiner Stelle befehligen? �</p><p>�Kann er machen, Kampf.� Volodi l�chelte herausfordernd. �Ich nix in Gefahr. Nie nicht Kampf verloren. Ihr gesehen habt!�</p><p>Artax hob die Hand, um Juba aufzuhalten. �Lass ihn. Er ist jetzt ein Heerf�hrer wie du.�</p><p>Jubas Augen schossen Blitze. Er hatte ihn beleidigt, erkannte Artax. �Er mag ein Heerf�hrer sein, aber das ist das Einzige, was wir gemeinsam haben!�, sagte Juba, ruhig und gef�hrlich leise. Dann lehnte er sich zur�ck und sah gleichfalls auf die Bucht hinab, als w�re damit alles gesagt.</p><p>Der Unsterbliche seufzte. Es war sinnlos weiterzureden. Vielleicht w�rden Volodis Taten Juba irgendwann vers�hnlicher stimmen. Oder ihm mit seinem Misstrauen recht geben �</p><p>�Woher kommst du, Volodi?�</p><p>�Von Herzen von W�ldern ich komme.� Er klang pl�tzlich melancholisch. Seine Streitlust war verflogen. �Sind sich so weit wie das Meer, W�lder. Jetzt ist Zeit, wo fallen sich erste Bl�tter. Ist sich ganzer Wald bald wie Gold. Ich komme von Drus. Muss gehen hinaus, weil kann man teilen Herrschaft nicht, wenn Vater tot. Ich bin j�ngerer Sohn. Mein Bruder Bozidar wird sich neuer F�rst sein. Hat sich immer Gl�ck mein Bruder. Wird in Kampf nicht verletzt. Gewinnt immer beim W�rfeln. Und gen�gt sich ein L�cheln von Bozidar, zu nehmen Herz von Frau. Hat sich immer Gl�ck, mein Bruder.�</p><p>�Wie ist ein Mann wie du zu diesen Halsabschneidern gekommen? �, fragte Juba.</p><p>Volodi machte eine entschuldigende Geste. �Hie� es, gute Krieger k�nnen sich gewinnen Schwert von Eisen.� Seine Augen gl�nzten. �Schwert von Eisen ist gr��te Schatz! Nur F�rsten k�nnen haben!�</p><p>�Und wer hat dir das Eisenschwert versprochen?�, dr�ngte Artax. �Ein Luwier?�</p><p>�Nein. Habe ich geh�rt Geschichten von S�ldnern. War in Krieg mit Valesia. Wir k�mpfen mit Arcumenna, der ist Laris von Truria. Ist ein gro�er Krieger und Feldherr, Arcumenna. Besiegt uns hat Arcumenna und zwei fruchtbare T�ler von Drus genommen als Preis von Sieg. Als vorbei waren K�mpfe, sind viele Krieger zur Wei�en K�ste gewandert. Hat uns Arcumenna Geld gegeben, damit wir auf Schiffen Truria schnell verlassen. Waren wir S�ldner von beiden Heeren. Junge M�nner mit Stolz in Blut und nix in Kopf. Wollte uns schnell forthaben aus Truria. Sind wir alle zu Aegilen gekommen. Hatte ich schon in Krieg mit Truria geh�rt, dass Piratenf�rsten Krieger suchen und sind sich sehr reich.�</p><p>�Sind M�nner aus Luwien in der Flotte?�</p><p>�Wei� nicht genau. Sind M�nner von �berall � Wer macht sein Geld mit Schwert in der Hand, ist richtig bei Aegilen. Anfangs war mein Blut hei�, wenn ich habe gesehen Pal�ste von Piratenf�rsten. � Er spuckte aus. �Pal�ste! Hatte sich keiner ein Dach von Gold, wie sie haben erz�hlt. Gab es sich nicht jeden Tag Fleisch von gebratenen Stieren. Haben sie uns nicht einmal gegeben ein Handgeld. Nur Essen und Quartier. Wer nehmen wollte Frau mit gelbes Kleid, musste sein eigenes Silber bringen. War gro� viel �rger unter Kriegern! Aber dann kam erste Kaperfahrt. Haben F�rsten nicht gesagt, was Ziel.� Volodi lachte. �Sonst M�nner w�ren gegangen nicht! Haben wir �berfallen Kriegshafen von Luwien. Waren sich v�llig �berrascht die Kerle. Konnten ihnen Schiffe stehlen, R�stungen und drei Truhen voller Silber. Mussten eigene Schiffe schlagen leck, weil sich nicht hatten genug M�nner f�r Ruder. Dann wir sind auf Kriegsgaleeren von Luwiern wieder hinaus aus Hafen.�</p><p>Artax blickte zu Juba. �Ein Angriff auf Luwien? Auf einen Kriegshafen!�</p><p>�Ich habe nichts dergleichen geh�rt�, sagte Juba. �Ein paar Fischerd�rfer und kleine K�stenst�dte. Aber ein Kriegshafen? Das kann nicht stimmen!�</p><p>�Aber ist sich ganz wahr!�, begehrte Volodi auf. �Ganz wahr!� Er deutete hinab in die Bucht. �M�sst euch nur ansehen Schiffe. Sind gute, gro�e Schiffe. Fragt von M�nnern einen oder zehn. Werden sie alle erz�hlen meine Geschichte!�</p><p>Artax blickte auf die Bucht. Das passte nicht zusammen! Nur Luwien hatte einen Nutzen davon, wenn die Zinnflotte versenkt wurde. Aber sie w�rden doch nicht mit Piraten Gesch�fte machen, die ihre H�fen �berfielen? Artax tauschte erneut einen Blick mit Juba. Auch sein Feldherr sch�ttelte den Kopf. Das ergab keinen Sinn! �Und wie ging es dann weiter?�</p><p>Volodi lachte laut. �Haben wir noch einmal gemacht, weil hat sich geklappt so gut! Diesmal haben wir nur sieben Schiffe gefunden, aber noch mehr Silber, Wein und andere Sch�tze. Waren Galeeren so voll geladen, dass fast gekentert sind, wenn wir abhauen. Muss gewesen sein sehr peinlich f�r Flotte von Luwien, wenn Piraten kommen und sie bestehlen.�</p><p>�Wie ging es weiter?�</p><p>�F�rsten haben sich beraten allein. Sie haben Entscheidung gemacht, dass �berfallen Zinnschiffe und alles zerst�ren, ohne zu nehmen. Viele M�nner sehr unzufrieden damit, weil kann sich keiner verstehen das. Ich sicher bin, du findest Zinnbarren auf Schiffen. Jeder hat ein bisschen gestohlen. Ist nicht alles auf das Boden von Meer. Nach jedem �berfall gab es Silber � Trotzdem Laune bei M�nnern schlecht. Sind wir R�uber, nicht Krieger. Wenn ein R�uber raubt nicht, wenn Beute in Meer werfen � Das kann niemand verstehen! Das wie Arbeit von Kriegern. Kommen und Feind kaputtmachen und fragen nix. Lass M�nner Dinge tun, die sie verstehen und sie werden tun gut.� Er sah Artax erwartungsvoll an. �Du mir sagen jetzt, was M�nner sollen tun f�r dich?�</p><p>�Kannst du einen Streitwagen lenken?�</p><p>Der Drusnier schnitt eine Grimasse. �Habe gerade gelernt zu rudern in Takt. Wir sollen Schiffe verlassen?�</p><p>�Ihr werdet weiterhin R�uber sein, aber nicht mehr auf See. Und ihr werdet nur jene t�ten, die sich euch mit einer Waffe in der Hand entgegenstellen. So viel kannst du deinen M�nnern sagen. Und dass diesmal Schwerter aus Eisen mehr als nur ein Versprechen sind. Die besten von euch werden eins bekommen. Und nun geh. Ich habe mich mit meinem Kriegsmeister zu besprechen.�</p><p>Volodi erhob sich.</p><p>�Sind unter den M�nnern dort unten auch Piratenf�rsten?�, fragte Juba.</p><p>Der Blonde sch�ttelte den Kopf. �Jetzt nicht mehr. K�nig Geisterschwert hat dem einzigen seine Seele geraubt. Ich nun gehen. Muss Leib und Seele waschen. Soll nicht Seele von totem Mann folgen mir in neues Leben.� Er verneigte sich kurz vor Artax, dann stieg er den Hang hinab.</p><p>Artax wartete, bis er au�er H�rweite war. Dann wandte er sich an Juba. �Was h�ltst du von ihm?�</p><p>Der Kriegsmeister schnaubte. �Ein S�ldner! Der w�rde mit jedem ziehen, der ihm ein Eisenschwert verspricht. Treue solltest du von ihm nicht erwarten.�</p><p>�Ich glaube, es steckt mehr in ihm � Seine Seele reinigen. Eine seltsame Vorstellung. Und die �berf�lle auf luwische H�fen � Das ist r�tselhaft. Sie scheinen genauso Opfer geworden zu sein wie wir.�</p><p>�Muwatta ist kein Opfer! Er ist ein heimt�ckischer Mistkerl, und es war einer der besten Tage in meinem Leben, als ich mit ansehen durfte, wie du aus ihm einen Kastraten gemacht hast. Der Preis daf�r ist ein Krieg und ein Feld voller Leichen. Und du glaubst, dieser Mann sieht zu, wie ein paar ungewaschene Piraten zwei Mal Flottenst�tzpunkte von ihm �berfallen? Wenn es so gewesen w�re, w�re das Meer hier voller luwischer Galeeren und von denen dort unten w�ren die meisten als M�wenfra� auf die Rammsporne seiner Galeeren genagelt. Muwatta spielt gro�es Theater, so wie alle Kastraten! Das ist alles.�</p><p>Artax hatte einen anderen Verdacht. Er war sich sicher, dass l�ngst nicht mehr der Muwatta unter dem Maskenhelm des Unsterblichen steckte, den er in der Goldenen Stadt so schwer verletzt hatte. Aber dieses Geheimnis sollte er f�r sich behalten, denn sonst w�rde sich Juba vielleicht fragen, was nach dem Himmelssturz mit Aaron geschehen sein mochte. �Ich f�rchte, ich kann deinen Gedanken nicht folgen, mein Freund. Was f�r ein Theater wird uns vorgespielt?�</p><p>�Die Piraten der Aegilischen Inseln waren ein Haufen schlecht ausger�steter Halsabschneider. Ein �rgernis f�r die Seefahrt, aber keine Gefahr f�r die Zinnflotten. In Luwien haben sie alles bekommen, was sie brauchten. Bessere Schiffe, Waffen, R�stungen und Silber. Und die armen Luwier wurden v�llig �berrumpelt. Zwei Mal! Und sie wagten es nicht, ihre Flotte auszuschicken, um die Piraten aufzubringen? Mag Volodi glauben, was er will � das waren keine besonders gegl�ckten �berf�lle. Das war eine Waffen�bergabe! Die Luwier haben die Piraten so weit ausger�stet, dass sie in der Lage waren, unsere Flotten anzugreifen. Aber vor den Devanthar stehen sie genauso als bedauernswerte Opfer da wie wir. Niemand kann ihnen vorwerfen, die Piraten angestiftet zu haben.�</p><p>Artax war �berrascht, was f�r Winkelz�ge sich Juba vorzustellen vermochte. Seine Argumente schienen plausibel. �Ich h�tte den Alten nicht t�ten sollen. Er h�tte es gewusst.�</p><p>�Du hattest keine Wahl. Er musste sterben, sonst h�tten uns die anderen niedergemacht. Sieh es von der anderen Seite. Nun gebietest du �ber ein Heer, das unsere Feinde ausger�stet haben.�</p><p>Artax schloss die Augen. Er war unendlich m�de und jegliches Triumphgef�hl ging ihm ab. H�tte er die Seeleute der Zinnflotten retten k�nnen? H�tte er wissen k�nnen, was geschehen w�rde? H�tte er seine Flotte auslaufen lassen sollen, statt sich allein in einem Fischerboot auf die Suche nach den Piraten zu machen? Wahrscheinlich w�ren sie auch dann zu sp�t gekommen. H�tte es eine Seeschlacht mit den Piraten gegeben, h�tten sie nur noch Rache f�r die drei verlorenen Flotten genommen. Und noch mehr Schiffe und M�nner w�rden auf dem Meeresboden liegen. Gab es denn keine M�glichkeit, dieses ewige Wechselspiel von Mord und Rache zu durchbrechen?</p><p>�Was willst du mit den Piraten machen?�, unterbrach Juba seine d�steren Gedanken.</p><p>Artax hielt die Augen geschlossen. Er stellte sich eine weite Ebene vor. �Ich werde sie auf ein Meer von Gras und Staub schicken. Ich werde den Krieg zu Muwatta tragen. Und ich werde ihn dort treffen, wo es ihn am meisten schmerzt.�</p><p>Juba lachte auf. �Darin hast du ja schon Erfahrung�, sagte er.</p></section><section><title><p>Schleifendes Glas</p></title><p>Nandalee mochte die Bibliothek nicht. Manchmal hatte sie das Gef�hl, dass die R�ume der Wei�en Halle sie erdr�ckten. In der Bibliothek war dieses Gef�hl besonders stark. Vielleicht lag es an dem Geruch oder an dem immer gleichen Licht der Barinsteine? Nie fand ein Sonnenstrahl seinen Weg in diese R�ume. Und nur selten ein Sch�ler.</p><p>Dennoch hatte Nandalee mit ihrem Besuch in der Bibliothek bis tief in die Nacht gewartet. Sie wollte ganz sichergehen, in dieser Krypta beerdigten Wissens allein zu sein.</p><p>Nandalee folgte dem gewundenen Weg und tauchte tiefer und tiefer ein in das Labyrinth aus staubummantelten Regalen, alten Folianten und Schriftrollen. Wie viele Tiere hatten f�r die Pergamentberge, die hier angeh�uft waren, wohl ihr Leben gelassen? Und waren die Dinge, die auf ihrer Haut niedergeschrieben standen, es wert, f�r immer aufbewahrt zu werden?</p><p>Sie wusste, dass Bidayn hier viele Stunden verbrachte. Nandalee selbst ging lieber hinaus in den Wald. In ihr Versteck. Doch Gonvalon kam immer seltener. Sie wusste, dass er sie liebte. Und doch mied er sie. Sobald sie in Gesellschaft anderer waren, wurde er so k�hl und distanziert, dass niemand je darauf gekommen w�re, dass sie ein Liebespaar waren.</p><p>Nandalee glaubte nicht an den Fluch, der ihrem Meister so viel Kopfzerbrechen machte. Sie hielt ihr Schicksal in H�nden. Und es war nicht vorherbestimmt.</p><p>Sie trat in die B�cherkammer, von der Bidayn ihr vor zwei N�chten erz�hlt hatte. Als sie das Fenster sah, wusste sie gleich, was Bidayn gemeint hatte. Nandalee sp�rte die Macht, mit der es sie einfing und ihren Blick gefangen hielt.</p><p>Sie versuchte sich darauf zu konzentrieren, was sie wollte. Sie wollte nicht an einen bestimmten Ort. Sie wollte zu � einer Person? Nein, das traf es nicht wirklich. Der, zu dem sie wollte, war ihr noch nicht in seiner wirklichen Gestalt erschienen. Nandalee kannte das Wort der Macht nicht, mit dem sie sich der Zauberkraft des Fensters bedienen konnte. Trotzdem war sie hierhergekommen, in der verzweifelten Hoffnung, dass der Dunkle ihre Anwesenheit sp�ren und von sich aus eine Verbindung herstellen w�rde. Sie w�rde hier stehen und warten. Sie w�rde lange warten. Sie war eine J�gerin und zu warten fiel ihr leicht.</p><p>Aber sie wartete nicht � sie starrte. Das Fenster zog sie an. Gegen ihren Willen machte sie einen Schritt darauf zu. Nandalee dachte an die Schreckensgeschichten, die Bidayn ihr erz�hlt hatte. Dass dieses Fenster sie verschlingen konnte, um sie zu einem Teil von sich zu machen. Sie sp�rte, wie sich etwas im Raum ver�nderte. Es wurde k�lter. Deutlich k�lter.</p><p>Nandalee machte noch einen Schritt. Gegen ihren Willen. Und noch einen. Ein leises, knirschendes Ger�usch erklang, etwas in dem Fenster hatte sich verzogen! Einzelne Buntglasscherben dehnten sich und k�mpften gegen die Enge ihrer goldenen Fassungen. Die winzigen Runen verzogen sich und zerliefen, als w�rde das Gold schmelzen.</p><p>Nandalee stand vor K�lte der Atem vor dem Mund. Die feinen Haare an ihren Armen richteten sich auf. Etwas in diesem Fenster war erwacht. Es war pl�tzlich mehr als nur Glas und Gold. Das Fenster sah sie an! Es ber�hrte ihr Verborgenes Auge, wollte es aufrei�en und ihr Dinge zeigen, die sie um den Verstand bringen w�rden � das wusste Nandalee pl�tzlich mit t�dlicher Gewissheit. Sie h�tte niemals hierherkommen d�rfen!</p><p>Nandalee kniff die Augen zusammen, aber es nutzte nichts. Sie sah immer noch das Fenster. Sein Bild hatte sich fest in ihrem Verstand eingenistet � und die Glasscherben begannen sich zu bewegen. Ein gr�ssliches Knirschen, das vom Ohr bis ins Mark der Knochen drang, begleitete das Gedankenbild.</p><p>Die Elfe presste sich die H�nde auf die Ohren. Vergebens! Dieser Laut lie� sich nicht ausschlie�en. Voller Zorn schrie Nandalee auf. Sie wollte das Ger�usch �bert�nen. Sie w�rde k�mpfen, sich nicht einfach ergeben. Sie w�rde das Fenster zerst�ren! Sie hatte Trolle besiegt � da w�rde sie sich doch nicht von einem verfluchten Fenster in die Knie zwingen lassen! Glei�endes Licht schlug ihr entgegen, so hell, dass es wie gl�hende Nadeln in ihre Augen stach.</p><p>Zur�ck!, dachte sie, doch stattdessen machte sie nur einen weiteren Schritt auf das Fenster zu. Sie war v�llig gefangen von seinem Zauber.</p><p>Sie wollte nach ihrem Dolch greifen. Die Klinge mitten hineintreiben in die Flut aus Licht, aber sie schaffte es nicht einmal, die Hand zum G�rtel zu bewegen. Stattdessen ging sie noch einen Schritt vorw�rts. Und noch einen. Ihr K�rper, diese gut trainierte Waffe, auf die stets Verlass gewesen war, gehorchte ihr nicht mehr! Nandalee hatte sich noch nie in ihrem Leben so sehr gef�rchtet.</p><p>Nandalee wagte es immer noch nicht, ihr Verborgenes Auge zu �ffnen. Sie bef�rchtete, dann von der Macht des Fensters endg�ltig �berw�ltigt zu werden. Noch vermochte sie sich zumindest gegen das zu widersetzen, was das Fenster ihr zeigen wollte. Dunkle Bilder. Abgr�nde voller Schrecken. Wenn sie im Geiste dieser Macht auch nur einen Schritt entgegenkam, w�rde sie in den Wahnsinn gezerrt.</p><p>Das Fenster hatte sich in einen Mahlstrom aus wirbelndem Licht verwandelt. Die blasse Atemwolke vor ihrem Mund wurde in das Licht hineingezogen.</p><p>Verzweifelt versuchte Nandalee, sich an die Lehren des Schwebenden Meisters zu erinnern. Wie konnte man einen Zauberbann brechen? Sie musste ihren Geist l�sen. Das war der erste Schritt. Sich alldem entziehen auf einer Insel der Erinnerung unangreifbar durch die Gegenwart werden. Sie dachte an Gonvalon. Ein wohliges, warmes Gef�hl nistete sich in ihrem Bauch ein, als es ihr gelang, sich sein Gesicht zu vergegenw�rtigen, seine Lippen auf den ihrigen zu sp�ren.</p><p>Eine Bewegung riss sie zur�ck in die Gegenwart. Ihr Arm zuckte hoch! Sie streckte die Hand nach dem Fenster aus. �Nein!�</p><p>Niemand h�rte ihren Schrei. Sie h�tte nicht hierherkommen d�rfen. Zumindest nicht allein. Ihre Finger waren jetzt nur noch wenige Zoll von dem wirbelnden Licht entfernt, und das Ger�usch �bereinanderschleifenden Glases schnitt in ihren Verstand. Sie stellte sich schnell rotierende Glasscherben mit messerscharfen Kanten vor.</p><p>Das Bild Gonvalons verblasste, und nur noch die Angst blieb zur�ck. Das Fenster hatte gewonnen. �Nein�, fl�sterte sie � und ber�hrte das Fenster. Blut spritzte auf, als ihre Fingerkuppen St�ck f�r St�ck abgehobelt zu Boden fielen. Dann verschlang sie das Fenster.</p></section><section><title><p>Blutspur</p></title><p>Bidayn war m�de. So wie jeden Morgen. Sie hasste es, sich zum Laufen hinauszuschleppen. Obwohl sie jetzt schon so viele Monde lang �bte, wurde ihr immer noch schlecht. Es dauerte nur l�nger, bis es geschah. Sie klammerte sich an die vage Hoffnung, dass sie irgendwann einmal in ein paar Monden vielleicht so weit w�re, dass sie die Wei�e Halle wieder erreichte, bevor der Zeitpunkt der �belkeit kam. Allerdings hatte sie den Verdacht, dass die Meister dann ihre Laufstrecke verl�ngern w�rden. Wenigstens, so dachte Bidayn mit einem Anflug von Stolz, musste Nandalee sie nicht mehr tragen. Sie schaffte es jetzt auf ihren eigenen Beinen zur�ck! Obgleich � Sie l�chelte zynisch. Es war ganz sch�n k�mmerlich, stolz darauf zu sein, dass sie nicht mehr zusammenbrach, sondern sich nur noch die Seele aus dem Leib kotzte.</p><p>Verdammte L�ufe! Jeden Tag ausgerechnet damit beginnen, dass ihr vor Augen gef�hrt wurde, was sie am schlechtesten konnte? �bellaunig trat sie durch das Portal und ging zu der Wiese, auf der sie sich jeden Morgen trafen. Sie kam an einigen anderen Sch�lern vorbei, hielt den Blick gesenkt und gr��te niemanden. Manche von ihnen hatten gute Laune! Wie konnte man nur vor Sonnenaufgang gute Laune haben?</p><p>Es war nasskalt. Der Rasen gab unter jedem ihrer Schritte ein leises, schmatzendes Ger�usch von sich. Der Weg, auf dem sie liefen, w�rde v�llig verschlammt sein, jeder Schritt die doppelte Kraft kosten. Nandalee schaffte es irgendwie, leichtf��ig zu bleiben, ganz gleich, auf was f�r einem Untergrund sie lief. Bidayn hatte noch nicht ergr�nden k�nnen, ob das irgendein intuitiver Zauber war oder einfach nur Geschicklichkeit.</p><p>Gonvalon erwartete sie bereits, und Lyvianne stand an seiner Seite. Ihre Meisterin kam seit zwei Wochen mit zu den morgendlichen L�ufen, und obwohl sie stets betonte, k�rperlich kaum mit den �brigen Drachenelfen mithalten zu k�nnen, absolvierte auch sie die zu laufende Strecke mit Leichtigkeit.</p><p>�Wo ist Nandalee?�, fragte Gonvalon beil�ufig.</p><p>Bidayn zuckte mit den Schultern. �Wei� nicht.� Sie ertappte sich bei dem geh�ssigen Gedanken, erleichtert dar�ber zu sein, dass ihre Freundin auch einmal verschlafen hatte. Wer wusste, wo sie in der Nacht wieder gewesen war! Sie trieb sich zu viel in den nahen W�ldern herum! Bidayn wusste, dass sie immer noch Bogenschie�en �bte, obwohl sie erst wenige Tage zuvor verk�ndet hatte, sie w�rde sich als Bildhauerin versuchen.</p><p>�Kannst du sie holen?� Gonvalon klang leicht ver�rgert.</p><p>Bidayn seufzte. Nandalee hatte die Angewohnheit, nackt zu schlafen. Also konnte sie Gonvalon schlecht darum bitten, selbst nachzusehen. Andererseits � Wenn sie sich nicht zu sehr beeilte, w�rde es zu sp�t sein, um an diesem Morgen noch den vollen Lauf zu absolvieren. Mit einem freundlichen L�cheln machte sie sich auf den Weg und verfiel, sobald sie au�er Sicht war, in einen gem�tlichen Schlendergang. Ihre schlechte Laune war verflogen. Endlich ein Morgen, an dem sie nicht gequ�lt wurde! Und Nandalee allein w�rde den �rger daf�r abbekommen, dass der Lauf ausgefallen war.</p><p>Bidayn erklomm die Stufen zur oberen Etage und betrachtete einmal mehr die umfangreiche Schwertsammlung. Vor allem merkte sie sich, welche Waffen fehlten. Sieben der Meister waren unterwegs, und die meisten von ihnen hatte sie noch nie in der Wei�en Halle gesehen. Was sie wohl gerade taten? Lyvianne h�llte sich �ber die Aufgaben der Drachenelfen in Schweigen, und auch Gonvalon hatte Nandalee nichts �ber die konkreten Ziele ihrer Ausbildung erz�hlt. Sie wussten nur, dass sie eines Tages die Feinde der Himmelsschlangen t�ten w�rden. Aber wer waren diese Feinde?</p><p>Bidayn schlenderte den Flur entlang. Sie dachte daran, wie oft Nandalee sie mit einem h�mischen Spruch aus dem Bett geholt hatte. Was w�rde sie jetzt sagen? <emphasis>Guten Morgen, Schlafm�tze</emphasis>, war viel zu harmlos. Vielleicht in d�sterem Bass: <emphasis>Der Tag f�ngt schlecht f�r dich an, Bogensch�tzin!</emphasis></p><p>Sie blickte auf die Schutzzeichen gegen Kobolde, die in Nandalees T�rschwelle geschnitten waren, und musste grinsen. Sie mochte ihre rebellische Freundin. Nandalee tat die Dinge, �ber die andere nur zu fl�stern wagten.</p><p>�Aufstehen!� Bidayn schob die T�r auf und blickte auf ein leeres Bett. Bogen und K�cher lehnten an der Wand. Nandalee war also nicht auf einem Jagdausflug verloren gegangen.</p><p>Sie ging zum Bett und streckte die Hand zwischen die Laken. Kalt. Also war sie auch nicht gerade erst aufgestanden. Piep hockte, den Kopf ins Gefieder gesteckt, im Fenster.</p><p>Ein ungutes Gef�hl �berkam Bidayn. Es passte so gar nicht zu Nandalee, am Morgen nicht zum Laufen zu erscheinen. Bidayn dachte an das gefl�sterte Gespr�ch vor drei Tagen. Wie sie in ihrem Zimmer zusammengehockt hatten. Nandalee hatte gruselige Geschichten �ber Trolle erz�hlt. Dinge, die sie angeblich mit eigenen Augen gesehen hatte. Sie hatte vor ihrer Freundin nicht zur�ckstecken wollen. Nicht wieder einmal. Und so hatte sie ihr von dem verborgenen Fenster in der Bibliothek berichtet. Von ihrem Treffen mit Lyvianne, und dass sie versuchte, das geheime Wort der Macht zu erlernen, das es einem erlaubte, durch das Fenster jeden beliebigen Ort betrachten zu k�nnen, an dem man selbst einmal gewesen war. Nat�rlich hatte sie Nandalee das Wort der Macht nicht verraten! War Nandalee etwa hinab in die Bibliothek gegangen? Bidayn blickte noch einmal auf den Bogen. Ihre Freundin nahm ihn auf ihre n�chtlichen Streifz�ge immer mit. Sie hatte die Wei�e Halle also nicht verlassen.</p><p>Wahrscheinlich gibt es f�r alles eine ganz banale Erkl�rung, sagte sich Bidayn. Doch das ungute Gef�hl wurde st�rker und nistete sich wie eine Stachelkugel in ihrem Magen ein.</p><p>Sie schloss die T�r zu Nandalees Zimmer und ging zur�ck zur gro�en Halle. Auf der Treppe kam ihr bereits Lyvianne entgegen. �Und? Was ist mit ihr?�</p><p>�Sie ist nicht da�, fl�sterte Bidayn. �Vielleicht � ist sie bei dem verborgenen Fenster ��</p><p>Ihre Meisterin runzelte die Stirn, drehte sich um und eilte wortlos die Stufen hinab. Bidayn folgte ihr.</p><p>In der Bibliothek war alles wie immer. Der Geruch nach Staub und Pergament, das warme, bernsteinfarbene Licht der Barinsteine, ihre Schritte in der Stille. Doch als sie die Kammer betraten, in der das heimt�ckische Fenster einem Auge gleich in der Wand lauerte, wusste Bidayn, dass sie sich geirrt hatte. �berall war Blut. Blutstropfen auf dem Boden. Blut auf dem goldenen Rahmen des Fensters. Blut an der Decke des Raumes!</p><p>�Sie war hier�, stellte Lyvianne n�chtern fest.</p><p>Bidayn wollte zum Fenster, doch ihre Meisterin hielt sie zur�ck. �Nicht! Etwas hat sich ver�ndert! Kannst du es nicht sp�ren? Halte dich fern von hier. Komm nie mehr hierher zur�ck.�</p><p>Unsicher blickte Bidayn das Fenster an. Sie wagte es nicht, das Artefakt durch ihr Verborgenes Auge zu betrachten. �Gibt es � ein neues St�ck � Glas?� Ihre Stimme war leise und br�chig. Ohne Kraft. Es war allein ihre Schuld, dass Nandalee zu dem Fenster gegangen war. H�tte sie der Freundin doch nie davon erz�hlt!</p><p>Lyvianne wurde unruhig. �Ob es ein neues St�ck Glas gibt? Ich wei� es nicht. Aber ich kann f�hlen, dass sich das Fenster ver�ndert hat. Und es ist un�bersehbar, dass es von Nandalees Blut getrunken hat.�</p><p>Ein leises Knirschen erklang.</p><p>�Hinaus!�, befahl Lyvianne. �Es erwacht! Jetzt will es dich haben. Zwischen dir und dem, was hier geschah, gibt es eine Verbindung, nicht wahr?�</p><p>�Ja�, fl�sterte Bidayn. Mit einem lauten Schluchzen riss sie sich los und rannte � fort aus der Bibliothek, fort von dem schrecklichen Fenster und fort von dem Blut ihrer Freundin. Sie lief die ganze Morgenstrecke, ohne auch nur ein einziges Mal innezuhalten. Sie ist tot, dachte sie bei jedem Schritt. Nandalee ist tot. Und ich habe sie umgebracht.</p></section></section><section><title><p>Zweites Buch</p><p>Das gr�ne Licht</p></title><section><title><p>Ein zweifelhaftes Gesch�ft</p></title><p>Nandalee blutete. Jede Faser ihres Leibes schmerzte und sie wusste nicht, wo sie war. Es war dunkel. Sie stand im Wasser und k�mpfte gegen die Panik, die sie in ein orientierungsloses, schluchzendes H�ufchen Elend verwandelte. Vor wenigen Augenblicken noch hatte sie in der Bibliothek gestanden und dann hatte sie das Gef�hl gehabt, durch eine Wand aus Messern zu st�rzen. Gepackt von etwas Fremdem, K�rperlosem.</p><p>Die Elfe schloss die Augen. �ffnete all ihre anderen Sinne. Es war schw�l hier. Das Wasser, in dem sie stand, war nicht kalt und roch faulig. Es reichte ihr bis knapp �ber die Knie.</p><p>Da war ein Tropfger�usch. Blut aus ihren Wunden!</p><p>Sie streckte beide Arme aus und tastete ins Dunkel. Ihre Linke ber�hrte etwas. Nandalee zuckte zur�ck. Ihre Handfl�che war ein einziger flammender Schmerz. Und die Hand war ver�ndert! Sie hielt sie sich dicht vor das Gesicht, konnte aber noch immer nichts erkennen. N�her und n�her f�hrte sie die Hand an ihr Antlitz, bis sie mit den Fingerspitzen ihre Stirn ber�hrte. Sie st�hnte auf vor Schmerz � und dann kam die Erinnerung an das Letzte, was sie gesehen hatte, bevor sie durch das Fenster gezogen wurde. Die abgehobelten Fingerkuppen!</p><p>Nandalee wurde �bel. Sie taumelte, rammte mit der Schulter gegen eine Wand und hielt inne. Sie durfte nicht aufgeben. Durfte sich nicht von Schmerz und Verzweiflung �bermannen lassen!</p><p>Vorsichtig tastete sie sich an der Wand entlang. Das hier war keine H�hle. Einmal glaubte sie Mauerfugen durch den Stoff ihres �rmels zu sp�ren. Auch war der Boden, obwohl �berflutet, sehr eben. Blut rann in ihr linkes Auge. Sie musste es immer wieder fortblinzeln. Nandalee f�hlte sich schwach. Verblutete sie langsam? Sie wusste um den langsamen, schleichenden Tod durch Blutverlust. Als J�gerin hatte sie oft genug erlebt, wie sich ein Keiler oder Hirsch noch meilenweit schleppte, ehe er zusammenbrach. War es nun an ihr, diesen Tod zu sterben? Ein neuer Geruch mischte sich unter den Gestank nach fauligem Wasser. Sie konnte ihn nicht zuordnen. Er war angenehm. Wie Weihrauch � Und doch anders.</p><p>Nandalee lehnte sich mit dem R�cken gegen die Wand und sank langsam in die Knie. Ihr war entsetzlich schwindelig. Wo war sie blo� gelandet? Das Wasser war angenehm warm und ein wenig schmierig, als sei es voller Algen. Wie ein T�mpel in der Sommerhitze.</p><p>Mit letzter Kraft k�mpfte sie sich hoch und zwang sich dazu, weiterzugehen. Da war ein neues Ger�usch. Ein Wispern. Jemand war hier. Ganz in der N�he. Ein Lichtpunkt tanzte in weiter Ferne. Orangefarben. Zitternd.</p><p>Nandalee begann zu laufen. Da waren noch mehr Stimmen. Durcheinander. Melodische, klare Stimmen, wie ein Chor. Nur dass jede der Stimmen ein anderes Lied sang. Der Weg ins Licht schien endlos. Zweimal st�rzte sie der L�nge nach in das faulige Wasser. Ihre Kr�fte schwanden. Was als Lauf begonnen hatte, wurde zu einem schw�chlichen Torkeln, mit immer l�ngeren Pausen. Sie schmeckte ihr eigenes Blut im Mund. Schw�che senkte sich bet�ubend auf all ihre Glieder. Sie wollte sich in das warme Wasser gleiten lassen. Die Augen schlie�en. Nur einen Moment lang, um dann mit neuer Kraft das letzte St�ck des Weges zu schaffen. Das orange Licht war nun zum Greifen nah und der Chor aus fremden Stimmen lullte sie ein. Sie verstand kein Wort. Keine Sprache, die sie je geh�rt hatte, hatte geklungen wie dieser hundertstimmige Sprechgesang.</p><p>Nandalee ballte die Rechte zur Faust. Sengender Schmerz schoss durch ihre verst�mmelten Finger. Schlagartig wurde ihr bewusst, dass sie mit dieser Hand ohne Fingerkuppen nie wieder eine Bogensehne spannen w�rde. Das Fenster hatte ihr genommen, was ihr am meisten bedeutete. Das Einzige im Leben, in dem sie wirklich herausragend gewesen war. Ihr Schmerz verwandelte sich in Zorn. Sie stemmte sich hoch. Sie wollte wissen, wo sie war, und ihren singenden Peinigern all ihren Hass entgegenschreien. Und wenn es das Letzte war, was sie in ihrem Leben tat.</p><p>Nandalee stolperte in eine weite Halle. Fackeln und Feuerbecken lie�en unstetes Licht �ber S�ulen und W�nde tanzen. Die Halle stand kniehoch unter Wasser. Blinzelnd betrachtete sie die S�nger. Seltsame Gesch�pfe, elfen�hnlich und doch auf groteske Weise anders. Lange, weit nach hinten gebogene H�rner wuchsen ihnen aus der Stirn. Sie hatten Gazellenbeine! Gelenke an den falschen Stellen. Es waren nur Frauen! Eine stand so nah bei ihr, dass Nandalee sie mit ausgesteckter Hand h�tte ber�hren k�nnen. Die Augen der S�ngerin waren so verdreht, dass man nur noch das Wei�e sah. Sie war ganz in ihren langsamen Sprechgesang versunken. Die samtig weiche Stimme d�mpfte Nandalees Zorn.</p><p>Alle S�ngerinnen waren nackt. Und waren es auch wieder nicht. Sie hatten sich in schillernde Farben gewandet. Ihre K�rper waren bemalt. Jeder auf verschiedene Art. Verschlungene Muster in Wei�, Scharlachrot, Dunkelblau und hellem Grau bedeckten ihre gebr�unten Leiber. Tr�ger Rauch trieb zwischen ihnen einher. In blauen, durchscheinenden Schlangen wand er sich zwischen den bemalten Leibern hindurch. Er wogte aus der Mitte des riesigen Saales, wo zwischen m�chtigen S�ulen etwas schwarz Gl�nzendes auf einem Sockel ruhte. Der Rauch roch so gut � so gut �</p><p>Das gl�nzende Ding bewegte sich. Nandalee erkannte eine riesige Schlange mit baumdickem Leib, die halb im Rauch verborgen lauerte. Pl�tzlich verstummten die S�ngerinnen. Wie auf einen unh�rbaren Befehl hin drehten sie alle den Kopf zu ihr. Ihre Augen blieben wei߅ Nein, perlmuttfarben. Sie alle waren blind!</p><p><emphasis>Ihr?</emphasis></p><p>Hitze fuhr ihr durch alle Glieder, der Rauch verfl�chtigte sich und offenbarte ihren Irrtum. Keine Schlange wand sich dort, sondern ein langer, geschuppter Schwanz. Der Schwanz eines Drachen. Er war gro�. Unvorstellbar gro�. Noch riesiger als die Himmelsschlangen, denen sie begegnet war.</p><p><emphasis>Ihr erstaunt mich, Dame Nandalee.</emphasis></p><p>Blaue Augen sahen durchdringend zu ihr hinab. <emphasis>Kommt her. Kommt zu mir.</emphasis></p><p>Diese Augen! Es waren die Augen des Elfen, dem sie in der H�hle der Himmelsschlangen begegnet war. �Du bist der Dunkle�, fl�sterte sie. Das Fenster hatte sie also tats�chlich zu ihm gef�hrt.</p><p>Er streckte eine seiner Tatzen vor und eine seiner messerscharfen Krallen ber�hrte ihre Stirn.</p><p><emphasis>Es hat sich also nichts ge�ndert.</emphasis></p><p>Nandalee vermochte seinem Blick nicht standzuhalten. Sie sah auf das schwarze Wasser, begegnete dort seinem Spiegelbild � und sie sah sich! Ihr Gesicht war von Schnitten entstellt, ihre Nasenspitze verschwunden, eine Augenbraue eine offene Wunde. Entsetzt blickte sie auf ihre H�nde � Die Fingerkuppen. Sie schluchzte auf � ihre H�nde!</p><p><emphasis>Wie habt Ihr den Weg hierher gefunden, Albenkind?</emphasis> Die Stimme des Drachen duldete keinen Gedanken, der nicht ihm galt. Nandalee vermochte sich nicht l�nger auf den Beinen zu halten. All ihre Kraft war versiegt. Sie sank auf die Knie. �Du hast mich hierhergebracht � Ich ��</p><p>Durch ihre Glieder fuhren tanzende Flammen. Der Drache lachte!</p><p><emphasis>Ihr irrt, meine Holde. Tats�chlich hat Eure Andersartigkeit mich besch�ftigt, aber seit einiger Zeit hatte ich nicht mehr an Euch gedacht.</emphasis> Seine Krallenhand fuhr erneut herab, legte sich sanft auf ihr Haupt, und nach dem hei�en Strom seiner Gedanken war es nun K�lte, die sie durchfloss. Wieder k�mpfte sie gegen �belkeit an, dann wich die K�lte einer angenehmen Mattigkeit.</p><p>Die Windungen seines Schwanzes bewegten sich mit leisem, schleifendem Ger�usch �ber den Fels. <emphasis>Wie habt Ihr den Weg zu mir gefunden? Sprecht!</emphasis>, befahl er, und sie erz�hlte ihm von Bidayn und der Kammer in der Bibliothek, vom Fenster und von Gonvalons Fluch.</p><p>Der Dunkle wiegte sein m�chtiges Haupt und senkte es dann ganz nah zu ihr herab. Seine kalten blauen Augen hielten sie gefangen. Er bleckte die Z�hne, gl�nzend wei�e, spitze Dornen, jeder von ihnen so lang wie ein Arm. Er war ein J�ger. Ein Raubtier. Das machtvollste Raubtier, das sie jemals gesehen hatte. Zugleich war er ein Wesen, dessen Geist so unendlich viel mehr Wissen in sich beherbergte, als in der ganzen Bibliothek der Wei�en Halle verborgen lag. Und zum ersten Mal in ihrem Leben erahnte Nandalee das Wesen der Drachen. Ihre Kraft. Ihre Klugheit. Ihre Sch�nheit.</p><p>Sanft zog der Dunkle sie mit seiner Kralle n�her zu sich heran und sie lie� es geschehen. <emphasis>Ihr seid gef�hrlich</emphasis>, stellte die Himmelsschlange fest. <emphasis>Gef�hrlich, leidenschaftlich und im Ganzen sehr ungew�hnlich.</emphasis></p><p>Nandalee verstand nicht. Sie war nicht gef�hrlich � sie war in Gefahr. War verst�mmelt und aus ihrer Zeit gerissen. Und sie war nicht hergekommen, um ihn zu bedrohen, sondern um ihn um seine Hilfe zu bitten. F�r ihre Vermessenheit hatte sie einen hohen Preis bezahlt. Die Narben dieser Nacht w�rde sie bis ans Ende ihrer Tage tragen.</p><p><emphasis>Noch nie ist eine junge Elfe aus der Wei�en Halle diesen Weg gegangen. Nodon und seine Drachenelfen, die hoch in den Felsen in einer Feste �ber mich wachen, w�ren entsetzt, wenn sie w�ssten, dass Ihr so einfach an ihnen vorbeigekommen seid.</emphasis></p><p>�Einfach?�, fauchte sie und hielt ihm ihre H�nde entgegen. �Das nennst du einfach?�</p><p>Er musterte sie aufmerksam, fast liebevoll. <emphasis>Ich habe Eure Blutungen gestillt, aber Ihr werdet Narben an den Fingerkuppen und im Gesicht behalten, meine Holde. Sie sollen Euch bleiben, um Euch an Eure Unvernunft zu erinnern, der Ihr Eure Sch�nheit geopfert habt.</emphasis></p><p>Der Gedanke, f�r immer entstellt zu sein, �berw�ltigte sie. Wie w�rde sie in Zukunft aussehen? W�rde Gonvalon sie noch lieben? Ein Narbengesicht? Warum hatte der Drache sie nicht geheilt? Das lag doch sicher in seiner Macht! Hei�e Wut flammte in ihr auf. Sie war unvern�nftig und launisch? Sie? �Welche Unvernunft? �, fuhr sie den Dunklen an. Sie war eine J�gerin wie er. Und sie w�rde sich nicht von ihm verspotten lassen. Auch dann nicht, wenn es ihr den Tod bringen w�rde. �Ich habe nichts Unvern�nftiges getan! Das verdammte Fenster hat mich angelockt � und dann hat es versucht, mich zu t�ten!�</p><p>Der Drache sah sie durchdringend an. Es lag kein Zorn in seinem Blick. Eher Mitleid. <emphasis>Das glaubt Ihr wirklich, nicht wahr, kleine Elfe?</emphasis></p><p><emphasis>Kleine Elfe!</emphasis> �Es ist die Wahrheit!�, sagte sie.</p><p>Da waren sie wieder, die tanzenden Flammen in ihrem Inneren, die sie kitzelten, statt sie zu verletzen. Die Augen des Dunklen funkelten wie das Firmament �ber der Steppe Carandamons. <emphasis>Ja, die Wahrheit. So leicht wird sie beschworen. Mit so viel Leidenschaft. Wahr ist, dass Eure Freundin Euch von dem Fenster erz�hlt und Eure Neugier geweckt hat. Wahr ist auch, dass Ihr das Wort der Macht nicht kanntet. Aber Ihr wusstet, was das Fenster zu tun vermag � im Guten wie im Schlechten. Und da war ein Wunsch in Eurem Herzen, der heller brannte als Eure Furcht. Mit diesem Wunsch im Herzen seid Ihr in das verborgene Zimmer gegangen und habt Euch den Zauber des Fensters untertan gemacht. Wie soll ich das nennen? Hybris? Selbst�bersch�tzung?</emphasis></p><p>Sie legte ihre Hand aufs Herz und senkte den Blick. Seine Gedanken hatten etwas in ihr zum Klingen gebracht, das sie nicht benennen konnte, und ihr Zorn war verraucht. �Ich schw�re, dass ich aus edlen Motiven gehandelt habe und nicht aus Eitelkeit und Eigennutz. Trotzdem bin ich bestraft worden.� Erneut hielt sie ihm ihre Fingerkuppen entgegen. �Ich bin eine J�gerin. Meine H�nde sind mein Werkzeug. Ich habe das Fenster nicht beherrscht. Es hat mir mein Leben gelassen, aber es hat mir meine Bestimmung genommen. Und du willst sagen, ich h�tte mir das selbst angetan? Unsinn!� Erneut hob sie den Blick und sah ihn herausfordernd an. Der Zorn kehrte zur�ck und trotzig spannte sie ihre Schultern.</p><p>Zorn glomm in den Augen des Drachen. <emphasis>Ja, das habt Ihr Euch selbst angetan. Ihr seid hier, ohne dass das Fenster Euch herbringen wollte, und Ihr seid hier, ohne dass ich Euch gerufen habe. Und w�re ich nicht bereit, Euch hier zu dulden, w�ret Ihr l�ngst in den Hort der Seelen eingegangen, bereit, Euch auf ein Neues in Fleisch zu kleiden und wiedergeboren zu werden.</emphasis> Seine Antwort durchfuhr sie wie eine Feuersturm. Unwillk�rlich wich sie einen Schritt zur�ck. War sie wahnsinnig geworden? Wie konnte sie es wagen, den Erstgeschl�pften zu reizen?</p><p><emphasis>Was also f�hrt Euch zu mir?</emphasis>, fragte er, nun wieder sanfter.</p><p>Kurz rang sie mit sich, doch dann erz�hlte sie ihm von Gonvalon und dem Fluch, der auf ihm lastete. Dass er glaubte, dass jeder sterben m�sse, den er liebte. �Ich m�chte dich bitten, den Fluch von Gonvalon zu nehmen. Ich bitte nicht um meiner selbst willen. Ich f�rchte den Tod nicht. Es zerst�rt Gonvalons Seele. Er k�nnte es nicht ertragen, wenn ich ��</p><p>Erneut durchdrangen sie die h�pfenden Flammengeister, heftiger jetzt, intensiver als zuvor. Der Spott in diesem Lachen sp�lte �ber sie hinweg wie eine Woge. Sie musste l�cheln, obwohl sie es nicht wollte und sich des zynischen Untertons in seinem Gel�chter bewusst war. Es war be�ngstigend, in seiner N�he zu sein. Seine Gef�hle waren gr��er als er selbst. Jede seiner Regung drang �ber ihn hinaus und riss jeden in seiner N�he mit sich. Seine Gef�hle waren so gro� und �berm�chtig, dass sie alles andere um ihn herum ausl�schten. War es ein Zauber, der sie so stark an seinen Gef�hlen teilhaben lie�?</p><p><emphasis>Dieser vermeintliche Fluch bedroht Euer Leben, aber Ihr bittet nicht f�r Euch, sondern f�r Gonvalon, der in Schwermut verfallen k�nnte, wenn Euch etwas zust��t. Habe ich das so richtig verstanden?</emphasis> Seine wunderbar blauen Augen hielten ihren Blick gefangen. <emphasis>Ist es das, was ihr Elfen Liebe nennt, meine Holde?</emphasis></p><p>Was war denn das f�r eine Frage? Erstaunt sah sie ihn an und verlor sich in seinem Blick, der keine Distanz zu kennen und bis in ihr Innerstes einzudringen schien. Sie f�hlte sich nackt vor diesen tiefblauen Seen, getragen von der Hitze seiner Gedanken. Beides war ein fremdes und angenehmes Gef�hl. Verwundert sch�ttelte sie den Kopf und r�usperte sich.</p><p>�Ja � kennst du die Liebe denn nicht?� Ihre Stimme klang in ihren Ohren ungewohnt sanft, fast m�dchenhaft. In ihr war ein gro�es Staunen, das nicht ihr eigenes war. Mit einem Mal war sie traurig, und auch diese Trauer war ihr fremd.</p><p><emphasis>Mir ist dieses Gef�hl unvertraut. Wir Himmelsschlangen paaren uns nicht. Wir sind einzigartig. Das schlie�t jede Fortpflanzung aus. Vielleicht fehlt uns deshalb dieses Gef�hl, ein anderes Gesch�pf bis zur Selbstaufgabe zu lieben.</emphasis></p><p>Sie trat von ihm zur�ck. Einen Schritt. Noch einen. Er war zu gro�, um ihn ganz zu sehen, wenn sie so nahe stand. Der Rauch, der aus seinen N�stern stieg, wogte �ber dem Wasser. Sie machte eine fahrige Bewegung, um den Rauch zu vertreiben. Es war, als bet�ube er ihre Sinne und triebe sie immer weiter fort von sich selbst.</p><p><emphasis>Der Odem eines Drachen. Nur wenigen ist es beschieden, ihn zu atmen. Und Ihr flieht ihn.</emphasis> Es klang nicht zornig oder verletzt, stellte Nandalee fest. Nur erstaunt.</p><p>�Wirst du mir helfen?�</p><p><emphasis>Ich vermag es nicht, Dame Nandalee. Es gibt keinen Fluch. Warum sollten wir einen der Unseren verfluchen? Gonvalon ist sein eigener Fluch, meine Holde..</emphasis></p><p>�Das � Aber � Du kannst ihn nicht erl�sen? Aber es gibt diesen Fluch wirklich. Die Sch�lerinnen, in die er sich verliebt � sie sterben. Alle � Das ist nicht eingebildet. Und es ist ganz gewiss nicht Gonvalons Werk. Er zerbricht an dem, was geschieht. Ich muss ihm helfen. Ich muss �� Sie sah sich hilfesuchend um. Der Sprechgesang der Gazala war verstummt. Konnten die Seherinnen die Antworten des Drachen auch h�ren? Oder wussten sie nicht ohnehin um alles � Eine Hilfe w�ren sie ihr jedenfalls nicht. Sie wirkten v�llig teilnahmslos. Nandalee h�tte ebenso gut mit dem Drachen allein sein k�nnen. �Wird Gonvalon frei sein, wenn ich ihm sage, dass es keinen Fluch gibt? Wird er dann wagen, mich ohne Vorbehalte zu lieben?�</p><p><emphasis>Ihr fragt mich, der ich Euch sagte, dass ich die Liebe nicht kenne!</emphasis> Der Rauch wich zur�ck. Sie konnte seine Gef�hle nicht mehr sp�ren. Er beugte sich vor, bis sein Kopf dicht �ber dem Wasser war. Sein Antlitz war zu fremd, um darin lesen zu k�nnen. Sah sie Schmerz darin? Sie wusste es nicht.</p><p>�Aber du bist weise!�, beharrte sie. Es musste doch etwas geben, das helfen konnte! Ihr Weg hierher konnte doch nicht vergebens gewesen sein!</p><p>Der Dunkle schwieg, und die Zeit verging. Nandalee wartete, doch nichts geschah. Dann gab sie auf. Sie w�rde selbst einen Weg finden m�ssen. Und vielleicht, so dachte sie, war das auch besser so. Sie und Gonvalon, sie w�rden diesen Weg finden. Sie brauchten dazu keinen Drachen, der alles �ber die Welt wusste und doch das Gef�hl nicht kannte, das sie mit dem Schwertmeister verband!</p><p>�Dann werde ich jetzt gehen�, sagte sie. �Leb wohl.�</p><p>Mit einem Ruck peitschte der Schweif des Dunklen das Wasser und der Drache richtete sich turmhoch auf. Wie ein sengender Blitz durchdrang seine Stimme ihren K�rper.</p><p><emphasis>Seid Ihr Euch der Kraft nicht bewusst, die Euch innewohnt, Dame Nandalee?</emphasis></p><p>Sie musste all ihre Selbstbeherrschung aufwenden, um nicht Hals �ber Kopf fortzulaufen.</p><p><emphasis>Ihr seid keine Elfe, wie die Alben sie erschaffen haben. Ihr seid �ber ihre Sch�pfung hinausgewachsen. Eure W�nsche verm�gen Gestalt anzunehmen. Ihr webt Zauber, ohne Euch dessen bewusst zu sein. Ihr habt auch dem Fenster Euren Willen aufgezwungen. Vielleicht sollte sogar ich mich vor Euch f�rchten? Seid Ihr zornig auf mich? Jetzt, in diesem Augenblick? So wie Ihr zornig auf Sayn gewesen seid, als er starb?</emphasis></p><p>Die Worte hallten wie Donner in ihr nach. Er hatte sie erschreckt. Fast schien es ihr, als umkreisten sie einander wie J�ger und Beute. Was tat er mit ihr? Sie hatte ihm doch gesagt, dass sie jetzt gehen w�rde! Nandalee ballte die F�uste. Hatte der Dunkle recht? War sie aus eigener Kraft hierhergekommen?</p><p>Der Kopf des Drachen ragte hoch �ber ihr, wie ein Raubvogel, der jederzeit bereit war, herabzusto�en. Alle Muskeln in Nandalees K�rper waren jetzt angespannt. Alles in ihr schrie nach Flucht. Sie stemmte sich gegen diesen Impuls � und wich keine Handbreit zur�ck. Sie w�rde sich nicht einsch�chtern lassen! Auch nicht von einem Drachen. Sie wusste, wer vor einem Raubtier floh, war tot. Man musste ihnen die Stirn bieten.</p><p><emphasis>Eure Macht ist eindrucksvoll, Dame Nandalee. Sie reicht weit �ber das hinaus, was Eure Sch�pfer Eurem Volk einmal zugedacht hatten. Mir bereitet es immer wieder aufs Neue Freude, Euch zu studieren.</emphasis></p><p>Nandalee schluckte. Gerade noch hatte der Kampfgeist in ihr gelodert wie ein helles Feuer, jetzt f�hlte sie sich klein und unbedeutend unter seinem Blick. Sie sah sich um. Versuchte, einen Blick auf die blinden Seherinnen zu erhaschen. Warum waren sie alle Frauen? Was wollte der Drache von ihr?</p><p><emphasis>Ich will, dass Ihr mir zu Diensten seid, meine Holde. Wie ich h�rte, ist der Weg vom Albenstern zur Blauen Halle nicht vor Euren Blicken verborgen geblieben, obgleich die Elfen der Blauen Halle als Meister der T�uschung gelten. Nun w�nsche ich, dass Ihr auch mir etwas enth�llt, das verborgen bleiben soll.</emphasis></p><p>Nandalee sah verbl�fft zu dem Drachen auf. Woher wusste er davon? Nur sie und Gonvalon waren dort gewesen! Hatte er etwa �?</p><p><emphasis>Ja, Gonvalon hat mir und meinen Br�dern davon berichtet. In der Nacht, in der ihr von der Blauen Halle zur�ckgekehrt seid, ist er vor das verborgene Fenster getreten. Er war tief beeindruckt von Euch und Eurer Entscheidung.</emphasis></p><p>�Aber woher wei�t du �?�</p><p><emphasis>Was Ihr gedacht habt?</emphasis> Er zwinkerte ihr zu. <emphasis>Nein, ich kann immer noch nicht in Euren Gedanken lesen. Aber Ihr seid zu unbeherrscht, Nandalee. Eure Gedanken waren leicht von Eurem Antlitz abzulesen. Ich habe Wut und Entt�uschung gesehen. Sie haben mir verraten, an wen Ihr dachtet. Aber lassen wir das. Werdet Ihr bleiben und mir zu Diensten sein?</emphasis> Seinen Worten folgte ein Gef�hl, als wehe ein klarer, frischer Wind durch ihre Gedanken. Der Drachenodem hatte sie erneut eingeh�llt. Er trieb irgendein Spiel mit ihr, das sie nicht durchschaute. Und dazu geh�rte, dass sie nun frei entscheiden konnte. Aber konnte sie das wirklich? Erneut dachte sie an die Gazala. �Werde ich mich ver�ndern? Werde ich sein wie sie? Dein blindes Werkzeug?�</p><p>Wieder lachte er. <emphasis>Die Gazala sind unsterblich, so wie ich. Sie haben kein Bed�rfnis, bei M�nnern zu liegen. Nur drei von ihnen sind nicht blind � und es macht sie zu den am wenigsten zuverl�ssigen Prophetinnen. Die Welt, die sie umgibt, lenkt sie ab, deshalb sind sie hier, wo niemand sie st�rt. Ihr Zweck ist es, in die Zukunft zu blicken und zu berichten, was sie sehen. Das Gegenw�rtige soll sie nicht ber�hren. Nein, meine Holde, Ihr werdet nicht wie sie. Die Gazala geh�ren mir, sie wurden f�r mich erschaffen. Ihr Elfen aber geh�rt allen Himmelsschlangen. Zun�chst � Bis der Tag kommt, an dem ihr Drachenelfen werdet. Dann entscheiden wir, zu wem Euer Charakter am besten passt und k�nftig werdet ihr nur noch einer einzigen Himmelsschlange dienen. Treu bis in den Tod. Ihr seid unsere Krallen, Dame Nandalee. Unsere Henker, die unsere Urteile vollstrecken. Und ja � Ihr werdet Euch ver�ndern. Ihr werdet nicht sein wie die Gazala. Ihr werdet Euch selbst kennenlernen. Ihr werdet Euch beherrschen lernen und Ihr werdet lernen, nicht f�r jeden in Eurer N�he eine Gefahr zu sein.</emphasis></p><p>Jetzt schien es ihr, als ob er l�chelte.</p><p><emphasis>Ich will ein Jahr Eures Lebens. Ihr bleibt hier. Das ist der Preis.</emphasis></p><p>�Was �?� Nandalee erstarrte. Sie sollte hierbleiben? Er wollte sie nicht gehen lassen? Und wof�r war sie ihm etwas schuldig? �Der Preis f�r was?�, platzte sie heraus.</p><p><emphasis>Es ist der Preis f�r meine Gesellschaft, Dame Nandalee. Der Preis daf�r, dass Ihr meinen Hort wider jede Vorsicht durch den Einsatz einer Magie betreten habt, die Ihr nicht beherrscht. Es ist der Preis f�r zu viel Talent und zu wenig Verstand und Selbstbeherrschung. Ihr werdet auch lernen, Euch zu z�geln, meine Holde. Ihr habt mich �berrascht und Ihr k�nnt mir n�tzlich sein. �berrascht mich weiterhin, meine Holde. Im Gegenzug mache ich Euch meine Aufmerksamkeit zum Geschenk. Ihr d�rft mich alles fragen, und Ihr werdet einem Drachen n�her kommen als wohl je ein sterbliches Wesen zuvor. Ein Jahr Eurer Zeit ist ein geringer Preis f�r Euer Leben, denn wenn Ihr bleibt, wie Ihr seid, meine ungest�me Holde, dann wird Gonvalon schon sehr bald eine weitere seiner Sch�lerinnen sterben sehen.</emphasis></p><p>�Ein Jahr �� Sie dachte an Gonvalon. Welche Qualen w�rde er erdulden, wenn er entdeckte, dass sie verschwunden war? Nandalee war klar, dass sie im Augenblick keine Wahl hatte, als sich dem Drachen zu f�gen. Ihn herauszufordern, oder auch nur zu ver�rgern, mochte sie ihr Leben kosten. Sie verstand nicht, warum dem Dunklen an ihr gelegen war, aber wenn sie Gonvalon je w�rde wiedersehen und von seinem Schmerz erl�sen wollte, musste sie sich f�gen. Dann konnte sie noch immer nach einem Weg suchen, dieser Halle zu entfliehen. Sie sprach jetzt mit fester Stimme. �Ich bleibe. Ich f�ge mich deinem Befehl. Aber du musst Gonvalon eine Nachricht zukommen lassen. Er muss wissen, dass es mir gut geht.�</p><p>F�r einen Augenblick hatte Nandalee Freude gesp�rt. Sie war erneut eingetaucht in das Gef�hl des Drachen, und als sie gesagt hatte, dass sie bleiben w�rde, war ihr nach Lachen zumute gewesen. Als h�tte sich nach langen Jahren der Einsamkeit ein Gef�hrte gefunden, der ihr zur Seite stand. Doch dann hatte dieses Gef�hl sich schlagartig ver�ndert. Jetzt war sie � erstaunt. Entt�uscht. Und � gekr�nkt? Sie ballte ihre F�uste und grub sich die N�gel ins Fleisch ihrer Hand � und dann kam der Zorn. Der schuppengl�nzende Hals des Dunklen fuhr hernieder, messerscharf blitzten seine Rei�z�hne und in seinen Augen toste ein Sturm. <emphasis>Wer glaubt Ihr zu sein, mit mir zu feilschen und mir Eure W�nsche abtrotzen zu wollen? Wer kann von sich sagen, dass ihm ein Zeuge der Sch�pfung Rat schenkte? Erkennt, wie viel Euch geschenkt wurde! Zerst�rt nicht alles durch Eure Ma�losigkeit!</emphasis></p><p>Nandalee kr�mmte sich vor Schmerz unter der Gluthitze seiner Gedanken. Sie rang nach Atem und ihr Blut schien zu kochen. �Aufh�ren�, keuchte sie. �H�r auf!�</p><p>Der Sturm in den Drachenaugen verebbte und die Hitze verging. Einmal mehr streckte der Dunkle seine Kralle nach ihr aus, und kurz schien es ihr, als wolle er ihr damit das Haar aus der Stirn streichen. Doch dann hielt er inne und zog sich zur�ck.</p><p><emphasis>Ich werde Euch lehren, Euch zu sch�tzen, Dame Nandalee.</emphasis></p><p>�Weshalb?�, fl�sterte sie. �Weshalb tust du das?� Und weshalb qu�lst du Gonvalon? Aber diese Frage getraute sie sich nicht zu stellen. Sie vermied sie instinktiv, wie ein Fuchs, der in seiner H�hle zur Bewegungslosigkeit erstarrte, wenn ein Wolf ihn jagte.</p><p><emphasis>Mir liegt an Euch, meine Holde. Ich werde Euch lehren zu leben. Und wenn der Tag kommt, an dem Ihr entscheiden werdet, was Ihr mit diesem Geschenk des Lebens zu tun gedenkt, werde vielleicht ich es sein, der etwas von Euch lernen wird.</emphasis></p><p><emphasis>Jetzt aber folgt mir, Dame Nandalee. Wir werden an einen Ort gehen, den vor Euch noch kein Elf betreten hat.</emphasis></p><p>Sie verbeugte sich so tief, dass ihr Gesicht fast das brackige Wasser ber�hrte. �Ich diene dir gern�, sagte sie.</p><p>Der Dunkle konnte nicht in ihren Gedanken lesen.</p><p>Ihm w�rde die L�ge verborgen bleiben.</p></section><section><title><p>Ein Fass mit Schweineschmalz</p></title><p>Voll gespannter Erwartung begutachtete Galar die Speerschleuder, die Nyr erschaffen hatte. Eine Waffe voller Kraft und sogar von gewisser Eleganz. Der st�hlerne Bogen schimmerte in der hellen Mittagssonne. Nyr streichelte �ber das polierte Holz der Waffe. Dann nahm er den Speer, den er verschie�en w�rde. Mit kritischem Blick pr�fte er den Schaft. Seine Hand glitt �ber das glatte Holz. Galar war sich sicher, dass sein Freund schon ein Dutzend Mal �berpr�ft hatte, ob der Speerschaft gerade war.</p><p>�Und dieses Ding taugt was?�, fragte er herausfordernd.</p><p>Nyr bedachte ihn mit einem giftigen Blick. Sein Freund sah noch hagerer aus als sonst. Seine Wangen waren eingefallen, dunkle Ringe lagen unter seinen Augen. �Das ist die beste Speerschleuder, die je von den H�nden eines Zwerges geschaffen wurde. Du wirst keine vergleichbare Waffe finden!�</p><p>�Auch nicht bei den Elfen?�, mischte sich Hornbori ein. Der Stutzer trug seinen Helm mit den Goldenen Schwingen, sein Bart war frisch frisiert und er roch nach dem Met, den er zum Fr�hst�ck gehabt haben musste. Sein G�rtel spannte sich straffer. Der Mistkerl trug ein gutes Kettenhemd aus kleinen, dicht miteinander verwobenen Ringen. Es hatte keine M�glichkeit gegeben, ihn auszuschlie�en. Er hatte sie beide in den letzten Monden mit Gold versorgt. Was immer sie gebraucht hatten, er hatte es aufgetrieben, und seine eigenen Schlachten auf Festbanketten und Saufgelagen ausgetragen. Galar betrachtete Hornboris leicht ger�tete Nase. Auch er hatte seinen Preis bezahlt. Noch ein paar Jahre, und er w�rde ein aufgequollene, blaurot schimmernde S�ufernase haben � was allerdings die meisten Zwerge nicht als Makel ansahen.</p><p>�Elfen weben Zauber in ihre Waffen. Oder sie bitten ihre Gebieter, die Drachen, es zu tun. Kein Zwerg kann es ihnen gleichtun, aber ich glaube trotzdem nicht, dass sie eine Speerschleuder wie diese besitzen. Siehst du das R�derwerk? Ein einziger Zwerg vermag diese Waffe zu spannen. Nur einer! Und solange es gut gefettet ist, arbeitet es leise wie eine schnurrende Katze.�</p><p>Hornbori lie� seinen Blick zu den neugierigen Gaffern schweifen, die sich versammelt hatten. �Tja, an helfenden H�nden besteht tats�chlich ein betr�chtlicher Mangel.�</p><p>Nyr nahm den Zynismus dieses Schleimers erstaunlich gelassen und visierte �ber die F�hrungsschiene des Gesch�tzes sein Ziel an. Ein zwei Schritt hohes Fass voller Schweineschmalz, das, etwas mehr als f�nfhundert Schritt entfernt, auf der anderen Seite der Schlucht stand, die man f�r die Schie��bung ausgew�hlt hatte. Sie entsprach etwa den Gegebenheiten, die man beim Futterplatz des schwarz-gelben Drachen antreffen w�rde, den Galar sich als sein Opfer auserkoren hatte. Ihm war klar, dass es ein gewagtes Unterfangen war, einen Drachen dieser Gr��e erlegen zu wollen. Aber er brauchte mehr Material!</p><p>Galar hatte schon vor Monden f�nfzig Goldst�cke f�r jeden geboten, der Nachricht �ber einen gro�en Drachen mit einem festen Futterplatz bringen konnte. Einige J�ger hatten sich mit Berichten �ber Silberschwingen gemeldet. Es war zu einigem �rger gekommen, weil Zwerge Silberschwingen gemeinhin schon als t�dlich gro�e Drachen betrachteten. Nur dem Eingreifen Hornboris war zu verdanken gewesen, dass der Streit ohne ein Duell geendet war. Aber zumindest hatten sie nun die Gewissheit, dass mehr Drachen einen immer gleichen Platz zum Fressen nutzten, als man vorher angenommen hatte.</p><p>�Was sind das f�r komische Holzfl�gelchen da hinten an dem Speer?�, fragte Hornbori.</p><p>�Schon mal �nen Armbrustbolzen in H�nden gehalten, du Stammtischheld?�, fragte Nyr, immer noch gelassen.</p><p>Hornbori blickte zu den �brigen Zwergen, die sich zu diesem Spektakel versammelt hatten. Sie hielten sich in einiger Entfernung, vielleicht weil sie bef�rchteten, dass Nyrs Wunderwaffe auseinanderfliegen w�rde, wenn man den Stahlbogen spannte. Sie standen gerade so weit entfernt, dass sie Zeit genug h�tten, sich zu Boden zu werfen, wenn ein Ungl�ck geschah. Und sie waren weit genug fort, um nicht zu h�ren, was die drei besprachen. Sie hatten ein Fass Pilz aufgebockt und waren in �beraus aufger�umter Stimmung. Drei von ihnen trugen goldene Fl�gel an den Helmen. Andere die schweren Halsketten, die das W�rdezeichen von Ratsmitgliedern waren. Sicherlich waren sie allesamt gute Freunde von Hornbori.</p><p>�H�r mal gut zu, Meistersch�tze. Unsere Zuschauer, die da hinten stehen, haben das Gold f�r diese �bergro�e Armbrust gegeben. Von ihrer Gro�mut hast du die letzten Monde �ber gelebt. Ich rate dir dringend, ein anderes Verhalten an den Tag zu legen, sonst ist der Goldstrom f�r immer trockengelegt! Au�erdem solltest du besser treffen.�</p><p>�W�re es nicht besser, wenn du hinten bei deinen Freunden stehst?�, lenkte Galar ein. Auch wenn er Hornbori nicht leiden konnte, musste er eingestehen, dass dieser recht hatte und dies der denkbar ung�nstigste Zeitpunkt war, um einen Streit miteinander anzufangen.</p><p>�Wenn ich mich zu denen geselle � und meine Freunde sind beileibe angenehmere Gesellschaft als ihr beide �, glauben sie, dass ich Nyr nicht traue. Auch das w�re f�r die Zukunft fatal. Also kann ich nur bleiben und zu den Alben beten, dass ich den Schuss �berleben werde.�</p><p>Nyr sah Hornbori absch�tzend von den genagelten Sohlen bis hin zu den Goldenen Schwingen an. �Du meinst, du stehst mehr auf unserer Seite als auf der Seite dieser Gro�schw�tzer da oben?�</p><p>Das Wort Gro�schw�tzer lie� Hornbori deutlich sichtbar zusammenzucken. Besorgt blickte er zu den Geldgebern und winkte ihnen dann freundlich zu. �Gleich sind wir so weit!�</p><p>Nyr nickte. �Ganz �hnlich wie bei einem Armbrustbolzen stabilisieren diese <emphasis>Fl�gelchen</emphasis>, wie du sie nennst, den Flug. Der Speer dreht sich w�hrend des Fluges um seine eigene Achse. Dadurch gewinnt er an Zielgenauigkeit.�</p><p>�Wann gedenkst du zu schie�en, Meistersch�tze?�, fragte Galar, dem das alles schon zu lange dauerte. Er konnte tagelang ruhig auf der Lauer nach einem Drachen liegen. Aber unter den Augen der Stutzer f�hlte er sich unwohl.</p><p>Nyr lie� sich nicht beeindrucken, steckte einen Finger in den Mund, hob ihn hoch und pr�fte den Wind.</p><p>�Jetzt sag nicht, dass es vom Wind abh�ngt, ob wir einen Drachen erlegen!�, schnaubte Hornbori.</p><p>Nyr blickte ihn mitleidig an. �Auf �ber f�nfhundert Schritt? Nat�rlich! Ein laues L�ftchen wie jetzt wird den Speer auf diese Distanz um mehr als zwei Schritt abdriften lassen. Wahrscheinlich w�rde ich den Drachen immer noch treffen � die Viecher sind ja nicht ganz klein � aber ich k�nnte nur grob vorhersagen, wo.�</p><p>Galar fluchte.</p><p>�Unsere G�ste werden langsam unruhig�, murmelte Hornbori. �Kannst du nicht ein bisschen danebenzielen, sodass du mit der Abdrift am Ende doch triffst?�</p><p>�M�chtest du schie�en?�, fragte Nyr. Der Gesch�tzmeister legte den Speer auf die gefettete F�hrungsschiene und begann �ber das R�derwerk den Stahlbogen zu spannen.</p><p>Galar spielte mit seinem Bart. Das Klicken und Klacken machte ihn ganz unruhig. Ihm war klar, wie sehr ein Fehlschuss ihrer Sache schaden w�rde. Er schwor sich innerlich, Nyr in Ruhe zu lassen. Man konnte ihm trauen! Ganz sicher! Er schoss fast nie daneben.</p><p>�Was tun wir eigentlich, wenn der Wind von uns aus zum Drachen weht?�, fragte Hornbori leise.</p><p>�Das wird dem Flug des Speers nicht schaden�, antwortete Nyr und lie� eine Sperre einrasten.</p><p>�Das meine ich nicht. Der Drache � Der riecht uns dann doch, oder?�</p><p>Galar zuckte die Schultern. �Wir werden uns mit Wolfsschei�e einschmieren, wenn wir uns auf die Lauer legen.�</p><p>�Was? Das � Das ist nicht � Das ist ein Scherz!�</p><p>�Nein, das ist mein voller Ernst.� Galar genoss das Entsetzen in den Z�gen des Schleimers. �Willst du wie ein Zwerg riechen und gefr�hst�ckt werden � oder wie ein Wolfshaufen und dem Drachen buchst�blich schei�egal sein?�</p><p>�Ich hasse dich!�</p><p>�Du k�nntest selbstverst�ndlich auch in Erw�gung ziehen, nicht mit uns zu kommen. Ich kann das verstehen. Wenn man erst einmal so weit aufgestiegen ist wie du, kann man sich nat�rlich nicht mehr alles in den Bart schmieren.�</p><p>�Ich muss mit � du wei�t das. Ich �� Ein scharfes metallisches Klacken unterbrach ihn. Der Speer schnellte davon.</p><p>Galar hielt den Atem an. Alles hing davon ab, dass �</p><p>�Ja!� Nyr schlug mit der flachen Hand auf das Gesch�tz. �Getroffen! �</p><p>Der Speer steckte vibrierend in dem Fass. Von den Gaffern erklangen Beifallsrufe und sie hoben ihre Pilzhumpen zum Salut. Nyr verbeugte sich vor ihnen wie ein Geck, der sein Leben mit wirren Liedern und Geschichten verdiente.</p><p>�Komm!�, sagte Galar. �Sehen wir uns das Fass an!�</p><p>�Ich muss nach oben.� Hornbori l�chelte zufrieden. �Die Pflicht ruft. Zu treffen war deine Aufgabe. Nun muss ich mich darum k�mmern, die Begeisterung unserer G�nner noch etwas anzufachen.�</p><p>�Was kann man da noch anfachen? Es war ein guter Treffer. Du kannst mit deinen Reden auch nicht zwei Treffer daraus machen und �berhaupt ��</p><p>Hornbori schnitt Nyr mit einer harschen Geste das Wort ab. �Du schie�t. Ich k�mmere mich um unsere G�nner. Jeder macht das Gesch�ft, das er versteht.� Mit diesen Worten stieg er den Hang hinauf.</p><p>�Lass ihn ziehen. Er tut seinen Teil der Arbeit. Und auch wenn er ein schmieriger Mistkerl ist, muss man doch eingestehen, dass er seinen Teil gut macht. Gehen wir zum Fass!�</p><p>Nyr spuckte aus. �Ich mag ihn wirklich nicht. Wir sollten da oben stehen und ein Pilz trinken! Der hat sich noch keinen Tag die H�nde schmutzig gemacht.�</p><p>�Ach, komm schon�, sagte Galar und setzte sich in Bewegung. Er wollte genauer sehen, wie tief der Speer in das Fass eingedrungen war. Eine elende Kletterei lag vor ihnen. Den Hang hinab und auf der anderen Seite des kleinen Tals wieder hinauf. Nyrs Schuss war eine Meisterleistung gewesen. Ein Treffer auf eine halbe Meile! Galar kannte niemanden, der es seinem Gef�hrten gleichtun k�nnte. Er h�rte, wie Nyr ihm folgte. Sie beide w�rden heute auch noch ihr Pilz trinken und feiern. Aber ohne die reichen Schei�er! Das war <emphasis>ihr</emphasis> Sieg!</p><p>Endlich erreichten sie das Fass. Auch wenn es sich �u�erlich nicht von einem beliebigen Fass unterschied, verbargen sich viele Arbeitsstunden hinter den dicken Eichendauben. Der Treffer hatte es nicht umgeworfen und die durchbohrte Daube auch nicht splittern lassen. Von innen war das Fass mit Eisenblechen ausgekleidet. Und gef�llt war es mit halb gefrorenem Schweinschmalz. So kam es der festen Drachenhaut und dem z�hen Fleisch der Bestien nahe. Einfach nur ein Fass zu nehmen und zu glauben, es gen�ge, es zu treffen, w�re naiv. Der Speer musste auch tief genug eindringen, um den Drachen zu t�ten oder ihn zumindest so schwer zu verletzen, dass er sich nicht mehr in die L�fte schwingen konnte. Wenn sie ihn nicht mit dem ersten Schuss kampfunf�hig machten, w�ren sie tot. Die gelb-schwarze Bestie w�re �ber ihnen, bevor sie Gelegenheit zu einem zweiten Schuss bek�men.</p><p>Skeptisch betrachtete Galar den Speer. Der Schaft war durch die Wucht des Aufpralls gesplittert. Die Spitze des Speers war nicht bis zum Schaft eingedrungen. �Wie lang ist das Stichblatt?�</p><p>�Acht Zoll�, sagte Nyr. �Was ist in diesem verdammten Fass? Steine? Der Speer h�tte es durchschlagen sollen.�</p><p>Galar legte seine Hand an das leicht verbogene Stichblatt und versuchte zu sch�tzen, wie tief die Spitze eingedrungen war. Weniger als vier Zoll, sch�tzte er. Er w�rde das Fass in seine Werkstatt bringen lassen und dort genauer untersuchen. Vielleicht war nicht einmal das Eisenblech im Inneren durchschlagen. �Schlecht�, murmelte er. �Ganz schlecht.�</p><p>�Was ist los?�, schimpfte Nyr. �Such dir einmal einen, der so einen Schuss hinbekommt!�</p><p>Galar konnte verstehen, dass sein Freund aufgebracht war, aber ihr Experiment war gescheitert. Die Geldgeber durften das nicht erfahren! �Wenn das ein Drache und kein Fass gewesen w�re, w�ren wir jetzt tot. Der Speer w�re nicht tief genug eingedrungen, um ihn t�dlich zu verwunden.�</p><p>Nyr trat neben das Fass. �Du solltest mir vorher Bescheid sagen, auf was ich schie�e.�</p><p>�Auf einen verdammten Drachen! Du wusstest das.�</p><p>Der Gesch�tzmeister zupfte nachdenklich an seinem Bart. �Was hast du in das Fass getan?�</p><p>Galar erkl�rte es ihm.</p><p>�Der Speer muss eine andere Spitze haben. Einen Dreikant am besten. Der wird das Eisenblech durchschlagen. Er wird sich auch nicht verbiegen. Und die Waffe muss noch st�rker sein.� Er stie� einen tiefen Seufzer aus. �Wei�t du, was das bedeutet? Wir fangen wieder ganz von vorne an.�</p></section><section><title><p>Priestertr�ume</p></title><p>�� Am n�chsten Morgen aber, als die rotgoldene Sonne ihre Fl�gel am Horizont weitete, da wussten sie, dass die Macht des b�sen K�nigs gebrochen war. Die Daimonen, mit denen er sich so leichtfertig verb�ndet hatte, waren in dieser Nacht gekommen. Und sie hatten Herzen und Seelen aller Grausamen und Habgierigen mit sich genommen. Die Rechtschaffenen aber und die, die fest zu ihrem Glauben standen, hatten sie nicht ber�hren k�nnen. Und die Sonne erhob sich �ber einer neuen Welt, in die Gerechtigkeit eingekehrt war.�</p><p>Barnaba beendete seine Erz�hlung und blickte in die Runde. Die kleineren Kinder waren in den Armen ihrer Eltern eingeschlafen. Der Kreis seiner Zuh�rer war gewachsen. Die Lastentr�ger und Wasserweiber, Dienerinnen und auch einige der Karawanenwachen kamen Abend f�r Abend, um ihm zu lauschen. Zufriedenes Gemurmel breitete sich aus. Es war eine Geschichte gewesen, in der all die Hoffnungslosen, die Unterdr�ckten und Armen am Ende obsiegten.</p><p>Eine Frau, deren Gesicht von n�ssendem Ausschlag entstellt war, schenkte ihm einen Becher mit Wasser ein. Eine andere brachte ein St�ck Fladenbrot und etwas lauwarmen Linsenbrei. Barnaba genoss das einfache Mahl und die freundlichen Worte. Gr��er konnte der Unterschied zum Leben an der Seite des Hohepriesters Abir Ata� nicht sein. Aller Luxus war verschwunden, Stolz und Hochmut vergangener Tage waren gewichen. Barnaba hatte geh�rt, dass der alte Priester in den Folterkammern des Unsterblichen gestorben war. Er wusste auch, wie grausam man die Elite der Priesterschaft verfolgt hatte. Aarons Bluthund Juba hatte ein schreckliches Gemetzel angerichtet und viele, die dem Hohepriester Abir Ata� weit weniger nahegestanden hatten als er, waren nun tot. Barnaba war klar, wie knapp er dem Verderben entgangen war. Bis ans Ende seiner Tage w�rde er Abir Ata� dankbar bleiben, dass dieser ihn am Morgen des Himmelsflugs der Elfe zur�ck zum Palast von Ak�u geschickt hatte. Er war es gewesen, der daf�r gesorgt hatte, dass sie abst�rzen musste. Er hatte alle Vorbereitungen zum Himmelsflug geleitet. Deshalb stand er an vorderster Stelle auf der Todesliste Jubas. Barnaba wusste, dass er noch immer gesucht wurde.</p><p>Er blickte sich unter den Karawanenbegleitern um, die sich in ihre alten Decken rollten und Schlaf suchten. Eine grauhaarige Alte fragte ihn, ob er noch etwas brauche. Er verneinte h�flich. Im Leben dieser Menschen war alles knapp bemessen. Das Essen, die Zeit zu schlafen. Die Jahre, die sie leben w�rden. Alles! Und doch teilten sie um so viel gro�herziger als die Reichen und M�chtigen, in deren Welt er bisher gelebt hatte. Er versp�rte einen Anflug von schlechtem Gewissen. Sie hatten keine Ahnung, wer sich da in ihrer Mitte verbarg. Wer sie als Schild benutzte. Barnaba hatte sich die Haare geschoren. Er ging als glatzk�pfiger Wanderpriester. In Lumpen geh�llt. Ohne jeden Besitz.</p><p>Sein Blick wanderte zu den hell erleuchteten Zelten, die auf dem freien Feld vor den Ruinen der Karawanserei aufgestellt waren. Denen dort dr�ben fehlte es an nichts � so schien es zumindest auf den ersten Blick. Und doch f�hlte er sich in vielerlei Hinsicht reicher. Er w�rde mit dem Blick auf den wunderbaren Sternenhimmel einschlafen. Und sie hatten nur ein St�ck Stoff �ber sich.</p><p>Barnaba entschied, dass er morgen die Karawane verlassen w�rde. Sein eigener Vater w�rde ihn in dieser Verkleidung nicht wiedererkennen! Und doch war es kl�ger, vorsichtig zu sein. Auch durfte er die Menschen, die mit ihm Speis und Trank geteilt hatten, nicht in Gefahr bringen. Je l�nger er an einem Ort blieb oder mit denselben Leuten zusammen war, desto gr��er wurde die Gefahr, dass durch einen Zufall herauskam, wer sich in Wahrheit hinter dem zerlumpten Wanderpriester verbarg. Barnaba verschr�nkte die Arme hinter dem Kopf, lehnte sich gegen die Mauer, die noch einen letzten Rest der Mittagshitze in sich trug, und blickte zu den Sternen auf. Nie zuvor in seinem Leben war er so frei gewesen. Er dachte daran, in eine der abgelegenen Reichsprovinzen zu fl�chten. Vielleicht in die Berge von Kush. Ganz sicher war er sich nicht, was er wollte. Zwei Tr�ume rangen in ihm miteinander. Der eine war dem Wunsch nach Rache entsprungen. Er wollte Aaron, den Schl�chter, und dessen Folterknecht Juba st�rzen sehen. Gerne stellte er sich vor, wie er Nadelstich auf Nadelstich setzte, bis die beiden am Ende verblutet waren. Dazu geh�rten die Geschichten �ber ungerechte Herrscher und die Nacht der Daimonen, die im einfachen Volk so viel Anklang fanden. Eine Nacht, die nur die Gerechten �berleben w�rden � Er seufzte. Das war ein Traum! Wenn er Wirklichkeit werden sollte, m�sste er letztlich nach Nangog. Barnaba hatte Geschichten �ber einen ehemaligen Satrapen geh�rt, der einen Kult um die Gr�nen Geister gegr�ndet hatte und auch eine omin�se G�ttin anbetete. Tarkon Eisenzunge hie� er. Angeblich gebot er �ber Wolkensammler und hatte eine Stadt im Himmel gegr�ndet. Er h�tte vielleicht die Macht, sich gegen einen Tyrannen wie Aaron aufzulehnen. Oder aber Muwatta, der Unsterbliche von Luwien. Barnaba seufzte. Tr�ume! So fern der Wirklichkeit.</p><p>Seine Gedanken wanderten zu der Elfe. Selbst im Tod hatte sie noch sch�n ausgesehen! Er hatte Abir Ata� nicht alles �ber die Xana erz�hlt, jene Quellnymphe, die die unruhigen, fiebrigen Tr�ume seiner Jugend beherrscht hatte. Es war eine mindere L�ge gewesen. Nein, genau genommen hatte er nichts Falsches gesagt. Er hatte einfach nur einen Teil verschwiegen. Den Teil, dass er dem Steuermann aus Aarons Zinnflotte noch ein zweites Mal begegnet war, als dieser schon zum Flottenbefehlshaber aufgestiegen war. Barnaba hatte ihn gesucht, weil er die Geschichte aus seiner Kindheit nicht vergessen konnte. Und er wusste nun, dass man den Xana in der Mittsommernacht begegnen konnte. Es war die einzige Nacht, in der sie f�r Menschen sichtbar wurden. Barnaba dachte an das Strahlen in den Augen des alten Seefahrers. Er hatte die Quellnymphe vor der Zeit wiedergesehen, weil er sein Schicksal in die Hand genommen und sich nicht ihrer Prophezeiung gef�gt hatte.</p><p>Barnabas Blick ruhte auf den unerreichbar fernen Sternen und er wurde schl�frig. Konnte auch er es schaffen, einen Daimon zu finden? Eine Xana! Sie waren aus ihrer Welt verbannt worden, weil sie zu frei �ber die Zuk�nfte gesprochen hatten, die sie gesehen hatten, so hatte es ihm der Seefahrer erz�hlt. Man konnte die Xana an einsamen B�chen, Seen oder Wasserf�llen in den Bergen finden. Weitab jeder Siedlung. An Orten, an die sich trotz ihrer Sch�nheit so gut wie nie ein Wanderer verirrte.</p><p>Der Seefahrer hatte so lebhaft von ihnen gesprochen! Von der unbeschreiblichen Sch�nheit, ihrem langen, goldenen Haar, den Augen voller Weisheit und Lebenslust. Wenn er einer solchen Frau begegnen k�nnte �</p><p>Barnaba seufzte. Was f�r ein sch�ndlicher Priester er war! Seine Tr�ume drehten sich abwechselnd darum, Buhlschaft mit einer Daimonin zu treiben oder Rache auszuleben. Wann w�rde er seinen Frieden finden?</p><p>Die Augen fielen ihm zu. Und in seinen Gedanken erstand wieder das Bild einer wundersch�nen goldhaarigen Frau, die am Ufer eines Bergsees sa� und ihr Haar k�mmte.</p></section><section><title><p>Ein vergessener Stein</p></title><p>Sprachlos sah Nandalee sich um. Nie war sie an einem Ort wie diesem gewesen. Als sie aus dem Albenstern getreten waren, hatte sie der Winter empfangen. Unter ihnen lag ein wundersch�nes gr�nes Tal. Doch sie mussten den Winter durchschreiten, um dorthin zu gelangen. Hundert Schritt ma� die Strecke.</p><p>Der Winter war die Jahreszeit, die ihr am besten vertraut war. Es war die Jahreszeit, die in Carandamon am l�ngsten w�hrte. Aber dies hier war ein Winter ohne H�rte. Es gab keine schneidenden Winde. Sonne brach sich funkelnd in den Eiszapfen, die von den B�umen hingen. Viel zu viele Eiszapfen. Als habe jemand die B�ume mit Eis geschm�ckt. Nandalee l�chelte �ber den absurden Gedanken.</p><p>�F�llt Euch etwas auf?� Der Erstgeschl�pfte hatte seine Elfengestalt angenommen. Er war wieder der Dunkle, so wie bei ihrer ersten Begegnung. Warum er seine Gestalt ver�ndert hatte, hatte er nicht erkl�rt. Sie w�rde ihn auch nicht fragen. Ihn als einen Elfen neben sich zu haben war Nandalee angenehmer. So wirkte er weniger einsch�chternd. Er war auf eine d�stere Art attraktiv. Nur seine Augen hatten sich kaum ver�ndert. Die geschlitzten Pupillen waren zwar verschwunden, doch das ungew�hnliche Blau war geblieben � die Farbe des Himmels an einem strahlenden Wintertag.</p><p>�Dies hier ist wie eine romantische Idee vom Winter. Kein wirklicher Winter.�</p><p>Der Dunkle nickte. �Das trifft es so ungef�hr. Sie hat immer von Harmonie und von einer vollkommenen Welt getr�umt. Die Wirklichkeit konnte sie nur schwer ertragen. Sie ist nur sehr selten von hier fortgegangen. Zwei Mal habe ich sie hier schon vergeblich gesucht. Ich hoffe, nun ist sie zur�ckgekehrt.�</p><p>�Wer?�</p><p>�Ich werde Euch keine Namen nennen. Ihr seid nur hier, um Euch umzusehen. Dieser Ort ist der Zufluchtsort einer Albe. Ihr werdet sie m�gen, wenn wir ihr begegnen. Es ist unm�glich, sie nicht zu m�gen, auch wenn sie ein wenig � konfus ist.�</p><p>Nandalee gehorchte. Sie sah sich um. Was erwartete er, dass sie fand? Er war ihr so unendlich �berlegen � Sie verlie�en den falschen Winter und gelangten in einen �berschw�nglichen Fr�hling. Die B�ume ertranken in ihrer Bl�tenpracht. Singv�gel wetteiferten miteinander. Eine leichte Brise trug Bl�tenbl�tter und Wohlger�che mit sich. Sie sah junge Hasen neben einem Fuchs spielen, der ihnen friedlich zusah. Kein Ast war hier gebrochen. Kein Blatt abgerissen. Alles wirkte vollkommen � und absolut falsch. Sollte so eine vollkommene Welt aussehen?, fragte sich Nandalee. Ihre Welt war es jedenfalls nicht. Sie blickte auf ihre verschorften, schmerzenden Fingerkuppen. Das war die Wirklichkeit! Sie schluckte hart und versuchte sich nicht vorzustellen, wie ihr Gesicht aussehen musste.</p><p>Immer wieder sah der Dunkle sie forschend an. Waren es ihre Wunden oder wollte er etwas von ihr? Was sollte sie hier? Sollte er es ihr sagen! Sie w�rde keine Fragen stellen, dachte Nandalee trotzig. Keine einzige Frage! Und wenn sie sich die Zunge abbei�en musste.</p><p>Mohnbl�ten s�umten einen Wildwechsel. Sie entdeckte einen einzelnen Fu�abdruck in dunkler Erde. Er stammte vom Dunklen, wie es schien. Sie betrachtete die F�hrte, blickte auf die Stiefel des Erstgeschl�pften.</p><p>�Sie ist nicht hier�, sagte der Drache endlich. �Ich w�rde sie sp�ren. Sie hat immer gute Laune.� Er senkte den Kopf.</p><p>Die Mohnbl�ten f�hrten sie auf eine Lichtung. Sie waren im Sommer angelangt. Eine Spur von Gelb hatte sich unter das Gr�n des Grases gemischt. Auf B�umen ganz in der N�he hingen reife Fr�chte. Einer der B�ume trug �pfel und Birnen gleichzeitig. Nandalee �rgerten diese Spielereien. Es war unn�tig! War es Langeweile gewesen? So vieles h�tte man auf dieser Welt noch verbessern k�nnen. Sie dachte an die Wintern�chte, in denen ihr Magen ihr ein Schlaflied geknurrt hatte.</p><p>Am anderen Ende der Lichtung erstrahlte ein seltsames silbernes Licht. Nandalee hatte noch nie etwas Vergleichbares gesehen. Ein wenig erinnerte es an die Tore, die sich bei den Albensternen �ffneten. Doch dies hier war kein Lichtbogen. Es war eine schillernde Fl�che. Ein wenig gr��er als sie. Etwas Verlockendes haftete ihr an.</p><p>�Gebt acht, meine Holde. Wenn Ihr durch dieses Licht tretet, werdet Ihr dem Hort der Seelen entrissen. Ihr entschwindet an einen Ort, an den ich Euch nicht folgen kann.�</p><p>�Was ist das?� Kaum dass die Worte �ber ihre Lippen waren, �rgerte sie sich. Sie hatte sich doch Schweigen gelobt!</p><p>�Die Alben nennen es das Mondlicht. Es ist von Geheimnissen umwoben. Selbst f�r die Alben. Ich kann sp�ren, dass jemand durch dieses Tor gegangen ist, aber ich glaube nicht, dass es die Herrin dieses Hains war. Sie hat Albenmark geliebt. Sie w�re nicht davongelaufen!�</p><p>�Und wenn sie doch der Versuchung erlegen ist?� Nandalee vermochte kaum den Blick von diesem Licht abzuwenden.</p><p>�Nein!�, entgegnete der Dunkle �berraschend heftig. �Nicht sie! Ein fremder Zauber ist hier gewoben worden. Seinen Nutzen vermag ich nicht zu ergr�nden, aber ich sp�re deutlich, dass etwas hier nicht stimmt.�</p><p>Nandalee dachte an Gonvalon. Obwohl er sie in jener Nacht, als sie aus der Blauen Halle zur�ckgekehrt waren, an den Goldenen verraten hatte. Sie hatte sich so sehr nach ihm gesehnt, als sie vor der Wei�en Halle gestanden hatten. Gerade erst hatte sie sich f�r ihn aufgeopfert, darauf verzichtet, eine Meisterin in der Blauen Halle zu sein. Und was hatte er getan? Er war zu seinem Drachen geeilt, statt mit ihr zu verweilen. Ob er auch verraten hatte, was seitdem geschehen war? Ihr Herz sagte ihr, dass ihre Liebe sein Geheimnis geblieben war. An ihrem Verstand aber nagte der Zweifel. Sie wollte ihn wiedersehen! Entschieden wandte sie sich von dem silbernen Licht ab.</p><p>Ein vertrocknetes Blatt fiel ihr auf. Braunrot hob es sich vom satten Gr�n eines sommerlichen Haselbuschs ab. Sie betrachtete den Busch n�her. Der Blattst�ngel war geknickt worden. Nur dieser eine. Sie sp�hte zwischen den �sten hindurch. Ein Stein lag im Laub des Vorjahrs. Mit spitzen Fingern holte sie ihn unter dem Busch hervor und entdeckte darauf einen braunen Fleck. Sie witterte, leckte sogar daran.</p><p>�Was ist das, edle F�hrtenleserin?�</p><p>�Eingetrocknetes Blut. Du hast recht; diese Lichtung ist nicht so friedlich, wie es scheint.�</p><p>�Wie konntet Ihr den Stein finden?�</p><p>Sie deutete auf das rotbraune Blatt. �Ein einzelnes welkes Blatt passt nicht in einen vollkommenen Sommer.� Mit diesen Worten gab sie ihm den Stein.</p><p>Auch der Dunkle schnupperte daran. Er sagte nichts. Stattdessen ging er zur�ck zum Albenstern. Nandalee sah sich noch einmal um. Sie konnte nichts Verd�chtiges mehr entdecken. Keine F�hrte im Gras. Es richtete sich schnell wieder auf. Nichts.</p><p>Der Drache hatte auf sie gewartet. �Jemand ist durch diesen Albenstern gegangen. Ich konnte das schon bei meinem ersten Besuch hier sp�ren. Es muss allerdings schon etliche Monde her sein. Ich werde versuchen, dieser Spur zu folgen. Die Aussichten auf einen Erfolg sind jedoch gering.�</p><p>�Und was mache ich? Soll ich etwa hierbleiben? Wir haben einen Pakt, dachte ich.�</p><p>Er sah sie lange an. So lange, dass Nandalee bewusst wurde, wie unangemessen ihr Tonfall gewesen war. Sein Blick war schwer zu deuten. Etwas stimmte nicht mit ihm, aber sie kam nicht darauf, was es sein k�nnte.</p><p>�Ich will Euch nicht in Gefahr bringen, Dame Nandalee�, sagte er schlie�lich.</p><p>�Bei allem Respekt�, sagte sie nun ein wenig dem�tiger, �aber sehe ich aus wie jemand, der f�r ein Leben an einem Ort vollkommener Harmonie geschaffen wurde? Lieber setze ich mich einer ungewissen Gefahr aus als der Gewissheit t�dlicher Langeweile. �</p><p>Er wirkte nachdenklich. Sie konnte nur ahnen, wie weit fort er in Gedanken war. �An diesem Ort lebt eine Albe, Dame Nandalee�, brach er endlich das Schweigen. �Sie ist ganz anders als ich. Es ist schwer zu beschreiben, aber in ihrer Gegenwart gibt es keine D�sternis, keine Traurigkeit, keinen Zorn. Sie ist �� Er hob um Worte ringend die H�nde. �Sie ist, als sei das unbeschwerte Lied einer Nachtigall zu Macht geworden.�</p><p>Nandalee runzelte die Stirn und zuckte vor Schmerz zusammen. Der Wundschorf ihrer Augenbraue war eingerissen.</p><p>�Ich mache mir Sorgen um sie. Es ist ganz und gar nicht ihre Art, diesen Ort zu verlassen. Ich muss herausfinden, wer hier war. Wer sie dazu gebracht hat, den Platz, der ihr am liebsten war, zu verlassen.�</p><p>In seinen Worten schwang ein beklemmender Unterton. F�rchtete er, dass der Albe etwas zugesto�en war? Einer der Sch�pferinnen Albenmarks? Nein, das war ausgeschlossen, dachte Nandalee. Wer k�nnte einer Albe schon gef�hrlich werden! Und doch war der Drache unverkennbar in tiefer Sorge.</p><p>�Ich komme aus einer Sippe von J�gern�, sagte sie behutsam. �Wir sind Einzelg�nger, aber wenn die Sippe in Gefahr ist, dann ordnen wir uns unter. Wir stehen zusammen und gehorchen dem Wort des �ltesten, bis die Gefahr gebannt ist.�</p><p>Der Dunkle sah sie durchdringend an. Was ging nur in seinem Drachenhirn vor sich? Hatte sie ihn etwa schon wieder ver�rgert?</p><p>�Ihr meint, ein Drache und eine Elfendame k�nnten eine Sippe sein?� Er blieb k�hl, distanziert, und die Art, wie er sie ansah, mochte sie gar nicht. Es war ein Blick, unter dem sie sich bedeutungslos f�hlte. Und wieder wurde ihr bewusst, wie entstellt sie aussah. Das Gesicht voller Schrammen, ohne Nasenspitze und mit einer abgehobelten Augenbraue.</p><p>�Wir w�ren wohl eine sehr kleine Sippe�, sagte sie leise und zerknirscht. Wie hatte sie so anma�end sein k�nnen, sich mit einem der �ltesten Gesch�pfe Albenmarks auf eine Stufe zu stellen? Vielleicht, weil er Elfengestalt angenommen hatte �</p><p>�Das ist ein sehr fremder Gedanke f�r mich, Dame Nandalee. Er schmeckt bitters��.�</p><p>Sie sah ihn verst�ndnislos an. Sie w�re niemals auf die Idee gekommen, einem Gedanken einen Geschmack zuzuordnen. Ob er auch ihr einen Geschmack zugeordnet hatte? Er sah traurig aus, dachte Nandalee. Aber wahrscheinlich stand er weit �ber solchen banalen elfischen Gef�hlen.</p><p>�Ihr betrachtet die Welt auf eine andere Art als ich. Wer immer hierherkam, hat viel Geschick aufgeboten, seine Spuren f�r mich zu verwischen. Er wei�, wie ich denke, und er wei�, wie er f�r mich unsichtbar wird. Euch hatte er nicht in seinem Plan bedacht, meine Dame. Ihr k�nntet bei dieser Jagd tats�chlich ein gro�er Gewinn f�r mich sein.�</p><p>Zum ersten Mal, seit sie ihren Pakt geschlossen hatten, l�chelte der Dunkle und ein Gef�hl tiefer Zuneigung ber�hrte sie. Scheu blickte sie in seine himmelblauen Augen. Er l�chelte noch immer. Ein wenig anders nun. Verschw�rerisch, als teilten sie ein Geheimnis. Hatte er ihre Gedanken auch jetzt an ihrem Gesicht abgelesen?</p><p>�Dann kommt mit mir und lasst uns die Vernunft vergessen.�</p><p>Bei den Worten �berlief Nandalee ein Schauer. Waren sie zweideutig gemeint oder hatte nur sie es so verstanden?</p></section><section><title><p>Der fremde K�rper</p></title><p>Der Albenstern schloss sich und Dunkelheit umfing Nandalee. Ihr Weg hatte sie in eine H�hle gef�hrt. Die Elfe �berfiel das beklemmende Gef�hl, tief unter der Erde zu sein.</p><p><emphasis>Er ist hier angekommen und nicht mehr fortgegangen.</emphasis> Die Stimme des Dunklen floss wie fl�ssiges Feuer durch ihr Innerstes. <emphasis>Er ist mehrfach durch diesen Albenstern in die tiefe Stadt getreten, hat sie auf diesem Weg aber nie verlassen. Es scheint, als wolle er seine Spur verwischen.</emphasis></p><p>Nandalee hatte das Gef�hl, als dr�cke ein gewaltiger Stein auf ihre Brust. �Sind wir hier in einem Berg?�</p><p>Der Drache nickte gedankenverloren. <emphasis>Ja. Ein Berg. Eine gro�e Zwergensiedlung.</emphasis></p><p>Nandalee f�hlte sich immer unwohler. In der H�hle des Schwebenden Meisters hatte sie es aushalten k�nnen. Dort war der Himmel nicht fern gewesen und bei ihren Lektionen hatten sie im Freien gesessen. Hier aber war die Luft abgestanden. Das allein war schon Beweis genug, wie fern sie dem Himmel sein mussten.</p><p><emphasis>Geht es Euch nicht gut, Dame Nandalee?</emphasis></p><p>�Doch!�, entgegnete sie hastig. Sie wollte keine Schw�che zeigen. Bevor der Albenstern sich geschlossen hatte, hatte sein Licht die H�hle erf�llt. Sie war nicht sonderlich gro�. In den W�nden befanden sich Nischen, deren Innenseiten g�nzlich mit violetten, wei�en oder gr�nen Kristallen ausgekleidet waren.</p><p><emphasis>Kammer der kommenden Offenbarungen nennen die Zwerge diesen Ort.</emphasis></p><p>�Du warst schon einmal hier?�</p><p><emphasis>Nein. Aber jede ihrer gro�en Bergst�dte hat eine H�hle wie diese. Nur sehr wenige Zwerge verm�gen Albensterne zu �ffnen. Sie gehen andere Wege. Aber sie glauben, dass sie eines Tages die Kunst des Zauberwebens meistern werden.</emphasis></p><p>�So wie wir Elfen?�</p><p>Er fauchte unvermittelt und g�nzlich unelfisch. <emphasis>Wir sind nicht gekommen, um zu plaudern. Z�gelt Euch!</emphasis></p><p>Sein unvermittelter Zorn traf sie bis ins Innerste. Wie eine Glutwoge floss seine Wut durch ihre Glieder.</p><p><emphasis>Von hier an brauche ich Eure Hilfe. Ich vermag Spuren zu folgen, die Zauber im feinen Gewebe der allumfassenden Weltenmagie hinterlassen haben, aber auf blankem Fels nutzt mir dieses Wissen nichts. Dies ist Eure Aufgabe.</emphasis></p><p>Nandalee schluckte. �Das kann ich nicht. Ich ��</p><p><emphasis>Das akzeptiere ich nicht.</emphasis></p><p>Sie schluckte, wagte kaum zu antworten, um ihn nicht noch mehr zu erz�rnen. �Aber ich sehe kaum etwas�, fl�sterte sie kleinlaut.</p><p>Ein Wort des Drachen und blasses blaues Licht schlug aus dem Boden um sie herum. Sie sah sich um und war froh, diese Stimme aus fl�ssigem Feuer nicht mehr in sich zu sp�ren.</p><p>Es lag kein Staub in der H�hle und der Boden bestand aus gegl�ttetem Fels. Selbst mit Licht war es unm�glich, etwas zu finden! Was w�rde er tun, wenn sie keine Spur entdeckte? Was � Sie hielt inne und kniete sich nieder. Auf dem polierten Boden gab es eine winzige Schramme. Kaum einen Schritt weiter noch eine. Eine dritte folgte.</p><p><emphasis>Was seht Ihr?</emphasis></p><p>�Hier muss jemand mit genagelten Stiefeln gegangen sein. Ich glaube, einer der N�gel steht vor. Er muss wohl etwas l�nger als die �brigen sein. Jedes Mal, wenn der Besitzer dieser Stiefel auftritt, muss es knirschen. Er hinterl�sst in der Tat eine Spur. Er scheint ziemlich schwer zu sein!�</p><p><emphasis>Schwer.</emphasis> Das Wort war wie eine kalte Flamme. Ganz anders als zuvor. Was dachte er? Was hatte sie angesto�en?</p><p><emphasis>Wir folgen ihm.</emphasis></p><p>�Das ist aussichtslos.� Kaum waren die Worte �ber ihre Lippen, bereute sie sie schon. Sie wollte ihn nicht entt�uschen. Nicht �berfl�ssig sein. �Wir � Ich kann der Spur nicht folgen. Ich ��</p><p><emphasis>Warum?</emphasis> Ein Wort wie ein gl�hendes Messer.</p><p>Wie sollte sie das einer Kreatur erkl�ren, die zwar ein J�ger war, aber offensichtlich nur Spuren im magischen Netzwerk folgte? H�flich und respektvoll! Sie sollte ihn auch bitten, nicht in Gedanken mit ihr zu sprechen, sondern so wie im Tal der Albe. Ganz normal. Schlie�lich hatte er ja Elfengestalt angenommen und �</p><p>Sein bohrender Blick lie� sie in ihren Gedanken innehalten. Es war dumm, einen Drachen warten zu lassen!</p><p>�Ich werde die F�hrte drau�en in den Tunneln verlieren.� Das h�rte sich an, als sei sie v�llig unf�hig. �Ich � So einer Spur kann man nicht folgen. Ich habe einmal einen alten Wolf gejagt. Ein gerissenes Vieh. Es war im Winter. Zwei Tage bin ich ihm �ber Stock und Stein gefolgt und habe ihn doch nie zu Gesicht bekommen. Aber es ist leicht, eine Spur im Schnee zu lesen. Am dritten Tag kam ich in ein weites Tal, durch das eine B�ffelherde gewandert war. Sie hatte eine weite Furche durch den Schnee gepfl�gt. Der Wolf ist ihrem Weg gefolgt. Seine F�hrte verlor sich zwischen Tausenden anderen. Genauso wird es hier sein. Wer immer es ist, dem wir nachsp�ren � wir werden die F�hrte verlieren, wenn wir in belebtere Gegenden der H�hlenstadt kommen. Er wird nicht der Einzige mit unregelm��ig genagelten Stiefeln sein. Es ist aussichtslos! � Sie hatte mit gesenktem Blick gesprochen und sich bem�ht, nicht lehrmeisterlich zu klingen.</p><p>Der Dunkle schwieg.</p><p>Hatte sie etwas falsch gemacht? Wie dachte ein Gesch�pf, das alt wie die Welt war? Wie empfand er es, von ihr belehrt zu werden? Ein Schauer �berlief sie.</p><p><emphasis>Ich werde weitersuchen.</emphasis></p><p>�Und ich?�, fragte sie mit tonloser Stimme. �Kann ich mitkommen? �</p><p>Der Blick seiner blauen Augen traf sie wie kalter Stahl. <emphasis>Ein recht unbedachter Wunsch, Dame Nandalee. Der Wunsch nach einer Transformation.</emphasis></p><p>Sie sah ihn verwirrt an. Was meinte er? Sie hatte sich doch lediglich gew�nscht, ihn begleiten zu d�rfen, obwohl ihr jetzt klar wurde, dass sie f�r ihn vermutlich nur ein Klotz am Bein sein w�rde.</p><p><emphasis>Wir werden uns unserer Umgebung anpassen und die Gestalt und den Geruch von Zwergen annehmen. Das bedeutet, ich werde Euch dichter werden lassen.</emphasis></p><p>�Dichter?�</p><p><emphasis>Stellt Euch vor, es ist die gleiche Menge von etwas, nur auf kleinerem Raum. Wenn ich Eure Gestalt wandele, ist das kein Blendwerk. Jeder Knochen verformt sich. Eure Muskeln und Nerven werden k�rzer. Es sind unglaubliche Schmerzen. Und wenn das �berstanden ist, werdet Ihr Euch anfangs in Eurem neuen K�rper nicht zurechtfinden. Ihr werdet Euch unbeholfen bewegen. Und nat�rlich beherrscht Ihr auch nicht die Sprache der Zwerge. Ihr werdet also schweigen.</emphasis></p><p>Seine Worte waren glei�ender Schmerz und Nandalee keuchte, als er dicht vor sie trat. Seine Augen ver�nderten sich � jetzt waren es wieder die geschlitzten Drachenpupillen, in die sie blickte. Er legte eine Hand auf ihre Stirn, sie war warm und schwer zugleich. Dann sprach er ein Wort der Macht. Es klang metallisch, fast wie aufeinanderschlagende Klingen.</p><p>F�r einen Herzschlag nur war ihr schwindelig, dann tilgte rei�ender Schmerz jedes andere Gef�hl. Sie brach in die Knie und sah, wie ihr Fleisch sich in Wellen kr�uselte. Alle Kleidung fiel von ihr ab und ihre Knochen zogen sich zusammen � schneller noch als das Fleisch, das sie umgab. Sie schrie. Ihre Kehle wollte schier zerrei�en von ihren Schmerzensschreien, und doch kam kein Laut �ber ihre Lippen. Sie w�nschte sich, ohnm�chtig zu werden, vom Schmerz �berw�ltigt und in die gn�dige Dunkelheit des Vergessens gerissen zu werden, aber ihre Sinne wollten nicht schwinden. Es war wie ein Fluch, und sie war verdammt, diesen Kelch des Schmerzes bis zur Neige zu kosten. Vielleicht noch ein Zauber des Dunklen? Wollte er ihr ihren Hochmut vor Augen f�hren? Hilflos kr�mmte sie sich auf dem H�hlenboden.</p><p>Bart spross aus ihren Wangen, ihr ganzer Leib juckte � und langsam lie�en die Schmerzen nach. Mit Abscheu betrachtete sie ihre klobigen, kurzfingrigen H�nde. Die vernarbten Fingerkuppen waren ihr erhalten geblieben. Sie tastete �ber ihr Gesicht. Ihre Nase war eine verst�mmelte fleischige Knolle. Eine Augenbraue fehlte. Selbst als Zwerg war sie noch entstellt!</p><p>Sie drehte sich um. Der Dunkle hatte sich ebenfalls verwandelt. Schwei� gl�nzte auf seinem gedrungenen K�rper. Um wie viel schmerzhafter musste die Verwandlung f�r ihn sein! Wie schaffte er es, den riesigen Drachenleib in diese Form zu zw�ngen?</p><p>Nandalee r�usperte sich. Ihre schmerzende Kehle konnte also wieder T�ne hervorbringen. �Was war mit meiner �?� Sie verstummte erschrocken. Ihre Stimme hatte sich zu einem tiefen Bassbrummen ver�ndert.</p><p><emphasis>Es war notwendig, Euch Eurer Stimme zu berauben. Man h�tte Eure Schreie im ganzen Berg geh�rt. Nun legt Eure Kleider an. Der Anblick eines nackten, krummbeinigen Zwergs macht mich hungrig.</emphasis></p><p>Sie zuckte unter dem Schmerz seiner Worte zusammen. Tat er das absichtlich? War er gedankenlos? Und was sollte die letzte Bemerkung? War das ein Drachenscherz? Oder meinte er es ernst?</p><p>Nandalee b�ckte sich und � fiel vorn�ber. Dieser K�rper! Es war ein Grauen! V�llig ohne Balance. Ohne Eleganz. Hastig raffte sie ihre Kleider an sich und begann sich anzuziehen. Dabei f�hlte sie sich unbeholfen wie ein kleines Kind. L�chrige Str�mpfe, grobe Wollhosen und ein Hemd, das einem Sack �hnlicher war als einem Kleidungsst�ck.</p><p><emphasis>Ich hoffe, Ihr erinnert Euch noch gut an Euren K�rper.</emphasis></p><p>Was war das f�r eine Frage? �Nat�rlich�, antwortete sie leichthin und blickte zu ihm auf. Sein Gesicht war zum gr��ten Teil hinter einem grau melierten, zerzausten Bart verschwunden. Nur das klare Blau der Augen erinnerte an den Elfenkrieger, der er noch vor wenigen Augenblicken gewesen war. Eine strumpf�hnliche M�tze sa� schief auf seinem Haupt, graues Lockenhaar quoll ihm �ber die Schultern, sein Wams war mit geschmacklosen goldenen Lilien bestickt und eine breite goldene Kette lugte unter seinem Bart hervor. Ringe steckten auf der H�lfte seiner Stummelfinger. Die Stiefel reichten ihm bis �ber die Knie und gl�nzten wie frisch poliert. Und seine Axt � Nein, korrigierte sie sich. Es war eher die Parodie einer Axt. Das Blatt war filigran gearbeitet und vielfach durchbrochen und �ber dem Blatt ragte ein massiger Silberknauf auf, auf den er sich st�tzte. War das eine Kr�cke oder eine Waffe? Oder ein Zeichen seines Standes? Oder alles zugleich?</p><p><emphasis>Gehen wir.</emphasis></p><p>Er trat in den Tunnel, der in die Felskammer m�ndete, ohne ihre Antwort abzuwarten.</p><p>Schwankend folgte sie ihm. Verfluchter Zwergenleib! Selbst volltrunken f�hlte sie sich nicht so unsicher auf ihren F��en wie jetzt. Sie hielt sich dicht an der Wand und st�tzte sich mit einer Hand ab. Undurchdringliche Dunkelheit umfing sie. Waren ihre Augen schlechter geworden?</p><p>Endlich erreichten sie einen etwas breiteren Tunnel. Hier waren in weiten Abst�nden Barinsteine in den W�nden eingelassen und Nandalee f�hlte sich nicht mehr in v�lliger Finsternis gefangen.</p><p>Der Dunkle war stehen geblieben. Erwartungsvoll sah er sie an und sie kniete nieder, um nach der F�hrte des Zwerges mit dem schlecht genagelten Stiefel zu suchen. Dieser Tunnel schien nicht sehr viel benutzt zu werden; es gab kaum Spuren auf dem Stein. Endlich entdeckte sie die kleinen Einkerbungen, die der Stiefelnagel hinterlassen hatte. Der Kerl musste wirklich ein Fettwanst sein, dass er mit jedem Schritt eine Spur hinterlie�. Ja, es gab sogar mehrere Spuren. Er war �fter auf diesem Weg gegangen.</p><p>�Links�, sagte sie und stemmte sich hoch.</p><p>Der Dunkle packte sie und dr�ckte sie an sich. <emphasis>Kein Wort!</emphasis> brannten seine Gedanken in ihr Hirn. Im n�chsten Augenblick h�rte sie Schritte.</p><p>Ein Zwerg kam ihnen entgegen, ein Kerl mit dichtem schwarzen Bart und buschigen Augenbrauen. Er warf ihnen einen fragenden Blick zu, sagte aber nichts. Mit den verschorften Wunden in ihrem Gesicht war sie wahrscheinlich selbst nach den Ma�st�ben von Zwergen h�sslich. Wie Gonvalon sie wohl ansehen w�rde? Sicher w�re er h�flich. Aber was hatte sie mit diesem Gesicht zu erwarten? Ihre Liebe w�rde in seinen H�flichkeiten ersticken. Vielleicht war es besser, wenn sie nie mehr in die Wei�e Halle zur�ckkehrte. W�rde der Dunkle sie in seinem Tal dulden? Warum sollte er �</p><p>L�rm schreckte sie aus ihren Gedanken. Ein St�ck voraus weitete sich der Stollen, dem sie gefolgt waren. Stimmengemurmel, Schritte und allerlei andere Ger�usche drangen zu ihnen herauf, und am Ende des Tunnels angekommen, blickten sie auf eine l�ngliche, un�bersichtliche H�hle. Ihr Stollen �ffnete sich auf eine schmale Treppe, die aus der H�hlenwand geschlagen war und etwa zehn Schritt in die Tiefe f�hrte. �ber ihnen spannte sich die H�hlendecke in unregelm��igem Bogen. Wasser schien hier weicheres Gestein ausgesp�lt zu haben, Stalaktiten wuchsen aus der H�hlendecke. Manche verschmolzen mit den Stalagmiten, die sich ihnen vom H�hlengrund entgegenstreckten, zu m�chtigen S�ulen. Teile des Bodens waren mit dunklen, teils zeltgro�en Felsbrocken bedeckt; Rauch stieg auf, zog aber nicht zu ihnen in den Tunnel. Die H�hlendecke und die Stalaktiten waren nachtschwarz. Dutzende Zwerge arbeiteten hier und s�gten Bretter aus Baumst�mmen. Nandalee war sich sicher, dass ein Ausgang zu einer Bergflanke nicht allzu fern sein konnte.</p><p>Verwundert entdeckte sie kleine Pferde zwischen den Zwergen. Ein Gespann zog einen neuen Holzstamm aus einem Tunnel, der links von ihnen lag.</p><p><emphasis>Dies ist wohl der Ort, an dem der Wolf auf die Bisonf�hrten einschwenkt.</emphasis></p><p>Er hatte ihr also zugeh�rt! Die Freude dar�ber milderte den flammenden Schmerz seiner Gedankenstimme. Sie war entschlossen, ihm ihre Qualit�ten als F�hrtenleserin zu beweisen.</p><p>�Nicht unbedingt.� Ihre Stimme war nur ein bassdunkles Fl�stern. Verfluchte fremde Stimme! �Es scheint viele Ausg�nge zu geben. Vielleicht kann ich die Spur wiederfinden, wenn er einen weniger h�ufig begangenen Tunnel genommen hat.�</p><p>Der Dunkle bedachte sie mit einem Blick, in dem nicht viel Hoffnung lag. Dann nickte er knapp.</p><p>Sie folgten einer Treppe, die entlang der H�hlenwand in die Tiefe f�hrte. Erfreulicherweise ignorierten die Zwerge sie v�llig und waren g�nzlich in ihre Arbeit versunken. Nandalee konnte zwar keinen Aufseher entdecken, aber sie hatte den Eindruck, dass die Zwerge in Eile waren. Ganz so, als versuchten sie, m�glichst viele Bretter an einem Tag zu schaffen. S�gemehl und Pferdedung bildeten einen fast geschlossenen Belag auf dem H�hlenboden, und es stank nach Schwei� und ungewaschenen K�rpern. Der Pferdegeruch war vergleichsweise angenehm. Die Tiere schienen nicht gut behandelt zu werden. Sie waren hager und unter den Lastgeschirren wund gescheuert. Scheuklappen sorgten daf�r, dass die Tiere nur stumpf geradeaus starrten.</p><p>Schon am dritten Tunnel, der aus der gro�en H�hle f�hrte, hatte sie Gl�ck. Sie fand die verr�terischen Schrammen, oder etwas, das zumindest so aussah. Wieder waren sie allein, schritten stumm voran und Nandalee war froh, seiner brennenden Stimme f�r eine Weile entflohen zu sein. Schlie�lich glaubte sie, Wasser in der Wand links neben sich zu h�ren. Ein fernes Rauschen. Was wohl geschah, wenn in einen solchen Tunnel Wasser eindrang?</p><p>Nandalee beschleunigte ihre Schritte, stolperte �ber die eigenen F��e und w�re gest�rzt, wenn der Dunkle sie nicht gest�tzt h�tte.</p><p><emphasis>Es ist nicht leicht, ein Zwerg zu sein.</emphasis></p><p>Seine Flammenstimme hatte keinen Tonfall. War das ein Scherz oder nur ein n�chterner Kommentar? Sie w�nschte sich, er w�rde schweigen. Oder richtig reden. Mit seinem Mund! Wahrscheinlich war richtig reden f�r ihn die flammende Gedankensprache.</p><p>Weitere Tunnel m�ndeten in den Gang, dem sie folgten, und langsam wurde er breiter. Immer h�ufiger begegneten sie gesch�ftig wirkenden Zwergen. Auch der Fels um sie herum hatte sich ver�ndert. Sie schritten durch Granit. Nandalee fluchte stumm. Die Spur war endg�ltig verloren!</p><p>�Aussichtslos�, murmelte sie. �Auf Granit kann auch ich keiner F�hrte mehr folgen.�</p><p><emphasis>Sehen wir, wohin der Tunnel f�hrt.</emphasis> Sie keuchte auf unter seinen Gedanken, doch er ignorierte ihren Schmerz. <emphasis>Ich war lange nicht mehr hier.</emphasis></p><p>Er war schon einmal hier gewesen? Fand er Gefallen daran, in einem fremden K�rper zu reisen? Und wenn er schon einmal hier gewesen war, wo war er dann noch �berall gewesen? Vielleicht auch in der Wei�en Halle? Beobachteten die Himmelsschlangen die Albenkinder? War es das, was er ihr mit der Bemerkung hatte sagen wollen? Nein, beschloss sie, sie w�rde nicht danach fragen. Sie wollte keine Antworten mehr in dieser Flammenstimme h�ren, die so viel kr�ftiger, machtvoller und schmerzhafter war als jene der anderen Drachen, denen sie begegnet war.</p><p>Ein merkw�rdiger Gestank mischte sich unter den Mief abgestandener Luft, der sie behelligte, seit sie das H�hlensystem betreten hatten.</p><p>�Stinkt wie ungewaschene F��e�, murmelte sie.</p><p><emphasis>Nein. Das ist Koboldk�se aus Drashnapur.</emphasis></p><p>Nandalee zuckte zusammen und bereute ihre Worte. Sie w�rde schweigen, schweigen, schweigen. Albenkinder waren nicht dazu geschaffen, sich mit Drachen zu unterhalten. Jedenfalls nicht mit dem Erstgeschl�pften unter ihnen!</p><p>Sie passierten einen Tunnel, von dessen Eingang eine vielfach gegabelte Ader aus schmutzig wei�em Quarz ins Dunkel lief. Der Gestank war hier so intensiv, dass Nandalee nur noch durch den Mund atmete. Sie beschleunigte ihren Schritt. Langsam kam sie besser mit ihren viel zu kurzen Zwergenbeinen zurecht.</p><p>Sie hatten den Gestank schon eine Weile hinter sich gelassen, als sie eine H�hle erreichten, in die f�nf Tunnel m�ndeten. Der Boden war auch hier aus Granit und Tausende genagelte Zwergenstiefel hatten den Fels �ber die Jahre glatt geschliffen. Hier endete ihr Weg. Es gab keine F�hrte mehr. Schon lange nicht mehr. Und sie hatten l�ngst eine ganze Reihe kleinerer Tunnel�ffnungen passiert. Eing�nge zu Wohnh�hlen, wie sie vermutete.</p><p>Der Dunkle sah sie erwartungsvoll an. Als Zwerge waren sie beide gleich gro� und dennoch hatte sie das Gef�hl, dass er auf sie hinabblickte. Ihr Trotz erwachte. Sie wollte sich nicht einfach so geschlagen geben. Wenn sie in den W�ldern eine Spur verlor, versuchte sie sich in das Wild hineinzuversetzen. Suchte es die n�chste Wasserstelle? Einen guten Fressplatz? Einen gesch�tzten Ort, um zu geb�ren?</p><p>Sie suchten einen Zwerg, der diese Stadt durch einen Albenstern betrat, aber nicht wieder verlie�. Er strebte also irgendeinem anderen Ausgang entgegen. Da hatte sie ihre F�hrte! Triumphierend blickte sie in die blauen Drachenaugen. �Gibt es in diesem Teil der Tiefen Stadt ein Tor ins Freie oder einen weiteren Albenstern? Einen Ort, den ein Durchreisender auf jeden Fall aufsuchen w�rde? Vielleicht ein Ort, der geeignet w�re, endg�ltig seine F�hrte zu verwischen?�</p><p>Der Dunkle nickte bed�chtig. <emphasis>Den gibt es, und er wird Euch nicht gefallen, Dame Nandalee. Es ist ein Ort der Verzweiflung.</emphasis></p><p>Sie war noch ganz benommen von der Hitze seiner Gedanken, da strebte er schon dem mittleren der Tunnel entgegen. Sie hatte M�he, ihm zu folgen, und die Stadt der Zwerge schien sich endlos auszudehnen. Einmal �berquerten sie eine erschreckende Br�cke, die einen Abgrund mitten im Berg �berspannte. Immer h�ufiger begegneten sie jetzt Zwergen. Niemand schien sich dar�ber zu wundern, dass zwei Fremde hier herumliefen. Ein Kerl mit Goldenen Schwingen am Helm und einem �lschimmernden Bart gr��te sie sogar freundlich, als w�rde er sie kennen.</p><p>Steinerne Br�cken f�hrten in k�hnen B�gen �ber dunkle Teiche, in denen sich totenbleiche Fische bewegten. Nandalee war froh, als sie diesen feuchten Grotten entkamen und in einen weiten Tunnel abbogen, in dem sich Waren stapelten und fluchende Lastentr�ger dem fernen Ausgang entgegenstrebten. Hier gab es auch wieder die kleinen, hageren Grubenpferde, die diesmal hohe K�rbe aus geflochtenen Weiden�sten trugen. Lastentr�ger schleppten tief gebeugt Tragegestelle, die einzig von bunt gemusterten Stirnb�ndern auf ihrem R�cken gehalten wurden. Die meisten von ihnen schienen auf irgendwelchen Kr�utern zu kauen, fluchten best�ndig und spuckten immer wieder aus. Es war eine m�rrische Gesellschaft. Nandalee fragte sich, ob man so wurde, wenn man ein Leben fern der Sonne f�hrte.</p><p>Die H�hle, auf die dieser besondere Tunnel zustrebte, war heller erleuchtet und das L�rmen fallenden Wassers toste ihnen entgegen. So laut, dass es bald jedes andere Ger�usch �berlagerte. Mit Staunen und Unbehagen zugleich blickte Nandalee in die seltsamste H�hle, die sie je gesehen hatte, und sie begriff sofort, was der Dunkle gemeint hatte, als er ihr prophezeit hatte, dass sie den Ort nicht m�gen w�rde. Sie wich ein St�ck zur�ck. �Nein�, sagte sie entschieden. �Nicht das! Dort gehe ich nicht hinein!�</p></section><section><title><p>Der Fluch der Seherinnen</p></title><p>�(�) Es begab sich zu jener Zeit, als der Dunkle und seine Br�der noch nicht voneinander getrennt waren und der Purpurne Frieden stiften konnte, wenn die Schlangen des Himmels stritten. Es war der Purpurne, der Ausgleich schaffte zwischen den Br�dern der ersten Brut. Er wusste um das Feuer in ihren Herzen und sorgte sich, dass ein Streit sie alle entzweien w�rde. So bat er die Alben, ihm Kinder zu erschaffen, die den Schleier der Zukunft zerrei�en sollten, damit er jeden Streit schlichten k�nne. Und die Alben schenkten ihm die Xana. Nymphen, sch�n wie ein Sommertag, mit langem, goldenem Haar und einem Leib, so vollkommen, dass man den Blick nicht von ihnen abwenden konnte. Doch waren sie launisch wie ein Gebirgsbach im Fr�hling, mal sanft und friedlich, mal wild und �bersch�umend. Und sie sagten alles, was sie sahen, wenn sie in die Zukunft blickten, denn gro� war ihre Gabe, doch Weisheit war ihnen nicht beschieden worden. Nur der Purpurne pflegte mit ihnen Umgang. Als er jedoch verschwand und es hie�, die Devanthar h�tten ihn erschlagen und seinen Leib verschlungen, da dauerte es nicht lange, bis die Xana den Zorn der Himmelsschlangen auf sich zogen. Denn sie hatten ihnen verhei- �en, dass die Schlangen vom Himmel st�rzen und die Brut der Drachen von den Kindern der Alben vertrieben werden w�rde � und dass der Tag k�me, an dem die Drachen wie Tiere sein w�rden, ohne Vernunft, nur grausame R�uber.</p><p>Da entschieden die Himmelsschlangen, dass es ein Fehler gewesen war, die Xana zu erschaffen, und sie jagten die Nymphen ohne Gnade. Nur jene unter ihnen �berlebten, die sich in die Welt der Menschen fl�chteten. Doch auch dort konnten sie nicht ohne Furcht leben, denn die Devanthar wollten sich ihrer Gabe bem�chtigen. Und so kam es, dass die Xana einen Zauber woben, der sie f�r die Devanthar und ihre Gesch�pfe unsichtbar machte. Nur einmal im Jahr, am Mittsommertag, wenn ihr Zauber bricht und sie ihn erneuern m�ssen, vermag ein Sterblicher, eine Xana zu sehen. Und wenn es ihm gelingt, ihr Herz zu erobern, bleibt ihm die Gabe erhalten, der Sch�nheit seiner Geliebten ansichtig zu werden, solange er bei ihr weilt. Doch hei�t es, noch nie sei etwas Gutes aus der Verbindung zwischen einem unsterblichen Albenkind und einem sterblichen Menschensohn erwachsen, denn jede dieser Lieben endet in Trauer, Tod und Wahnsinn.</p><p>Die Himmelsschlangen aber vermissten schon bald die Gaben der Seherinnen. Der Dunkle war es, der die Alben bat, ihnen noch einmal Kinder zu schenken, die mit der Gabe der Prophezeiung gesegnet seien, und sein Wunsch wurde erh�rt und sein Geschenk waren die Gazala. Doch je mehr dem Erstgeschl�pften �ber die Zukunft offenbart wurde, desto mehr entfremdete er sich seinen Br�dern. Und auch den Gazala stand ein schlimmes Schicksal bevor. Denn niemals sind jene f�r lange Zeit gut gelitten, die wissen, was da kommen wird. (�)�</p><cite><text-author>Text eines unbekannten Autors, basierend auf einem Mythos, der unter den Holden des Waldmeers kursiert, heute verwahrt in der Bibliothek von Iskendria, Sammlung f�r obskure Schriften, Saal III, Regal CCXXI, Brett III.</text-author></cite></section><section><title><p>Der Fleischschmied</p></title><p>ER duckte sich gegen den eisigen Wind. Die Elfen erz�hlten sich Geschichten dar�ber, dass der Nordwind wie mit Messern ins Fleisch schneiden konnte. Feiner, harter Schneegriesel trieb vor dem Wind. ER konnte sich gut vorstellen, wie einem der Wind und die Eiskristalle die Haut vom Gesicht sch�lten, wenn man sich nicht sch�tzte. ER hasste den Norden Albenmarks. Die endlosen Winter. Und den, den ER heute besuchen wollte. Die Zuflucht des Alben lag weit entfernt vom n�chsten Albenstern und dieser Fu�marsch dauerte bereits Stunden.</p><p>Nat�rlich h�tte ER Zauber weben k�nnen, um SICH zu sch�tzen, aber jeder Zauber w�rde eine Spur hinterlassen. Lange konnte es nicht mehr dauern, bis sie etwas merkten. Heute w�rde ER das f�nfte Mal das Ungeheuerliche wagen. Vier Mal war es gegl�ckt. Vier Mal war ER �ber verschlungene Pfade zur Welt der Menschen geflohen, sorgsam darauf bedacht, nur die Spuren zur�ckzulassen, von denen ER wollte, dass man sie fand.</p><p>Aber wie es schien, waren SEINE Morde noch niemandem aufgefallen � was IHN darin bekr�ftigte, dass ER SICH f�r den richtigen Weg entschieden hatte. Die Zeit der Alben war vor�ber. Vor allem die des einen.</p><p>SEINE grimmige Entschlossenheit lie� IHN die K�lte vergessen. Seit die Alben mit den Devanthar paktiert hatten, um Nangog ihre Sch�pfung zu rauben, hatten sie ihre Kraft verloren. ER konnte nicht verstehen, warum die Alben diese <emphasis>Werke</emphasis> duldeten. Ihr Bruder entstellte die Sch�pfung, griff heraus, was gut war, und verdarb es mit all seinen Chim�ren! Sie waren willk�rliche Kreuzungen aus den Kreaturen aus der Anfangszeit der Sch�pfung, jenen fr�hen Tagen der Welt, als die Alben sich noch an ihrem Werk erfreuten. Jener Bruder aber formte Kreaturen wie die Minotauren, die er aus Trollen, Elfen und Stieren zusammenf�gte! Wie konnte ein Albe so etwas tun? Selbst seine Br�der und Schwestern nannten ihn abf�llig den Fleischschmied � und doch unternahmen sie nichts gegen seine Werke, die der Sch�nheit ihrer Welt spotteten.</p><p>ER dachte an all die Zwitterwesen, die Albenmark bev�lkerten. Die Kentauren, Faunen, die fuchsk�pfigen Kobolde und die Lamassu, die nicht einmal Arme hatten und darauf angewiesen waren, dass man sie f�tterte, wenn sie nicht vermochten, sich kraft ihrer Zaubermacht die Speisen zum Munde schweben zu lassen. Das alles war krank! Hier und heute w�rde ER das am schwersten erkrankte Glied abtrennen! ER w�rde Albenmark heilen und einer gro�en Zukunft entgegenf�hren!</p><p>Fast einen halben Tag dauerte SEIN Aufstieg in die tief verschneiten Berge, bis IHN ein scharfer Ruf, aus seinen finsteren Gedanken schreckte.</p><p>�W�hr bist du?�</p><p>Zwischen den Felsen trat eine riesige Gestalt hervor. Noch so eine Chim�re. Ihre Haut hatte die Farbe von Granit. Der W�chter war ein Troll, jedenfalls der obere Teil von ihm. Unterhalb des Nabels schien ein Gelgerok in die Sch�pfung eingeflossen zu sein. Er hatte dem Troll starke Raubechsenbeine und einen langen, geschuppten Schwanz gegeben. Und gr��er gemacht hatte er ihn. Mehr als vier Schritt gro� war diese Kreatur. Eindrucksvoll, ja furchteinfl��end f�r einen Elfen. Nicht f�r IHN. ER empfand nur Verachtung f�r dieses Zerrbild.</p><p>�Du erkennst mich nicht?�, entgegnete ER schroff.</p><p>�Naihn!� Die Missgeburt klang einf�ltig.</p><p>�Beuge dich vor und ich werde dir meinen Namen ins Ohr fl�stern. Der Wind darf uns nicht lauschen und das Wissen darum, wer ich bin, davontragen.�</p><p>Man konnte dem Antlitz des W�chters ansehen, wie er verzweifelt versuchte, dem gerade Geh�rten einen Sinn abzuringen. Es war offensichtlich, dass er sich seiner Dummheit bewusst war. An sich selbst zweifelnd, kam er erst gar nicht auf die Idee, dass er hereingelegt wurde. Er war es gewohnt, nicht alles zu begreifen, was ihm gesagt wurde. Er beugte die Knie, kr�mmte sich und ging schlie�lich auf alle viere.</p><p>�Mein Name also ist �� ER griff in den Nacken. Ein kurzer Druck auf einen Nervenpunkt gen�gte, um all seine Lebenskraft in den Schnee und das tote Gestein darunter zu lenken. Obwohl seine Sinne noch wach waren, vermochte der Troll nun keinen Muskel mehr zu bewegen. Es w�rde Stunden dauern, bis diese Taubheit der Glieder vor�berging und das Ungeheuer Alarm geben konnte.</p><p>ER trat durch die unscheinbare Felsspalte in den Berg, den sich der Fleischschmied als seine Zuflucht auserw�hlt hatte � ein Labyrinth gro�er, ineinander �bergehender Tropfsteinh�hlen. Es war angenehm warm und ein diffuses Licht, dessen Quelle nicht offensichtlich war, begleitete IHN. Als ER das letzte Mal hierhergekommen war, hatte es dieses Licht nicht gegeben. War dies eine weitere Kreatur oder nur ein IHM unbekannter Zauber?</p><p>Stalaktiten und Stalagmiten wuchsen zu wunderbaren, in unterschiedlichen Farben changierenden S�ulen zusammen. ER hielt oft inne und weidete sich an der Sch�nheit der H�hlen. Sie waren einmal gro�artig gewesen, die Alben. Doch dieser hier war der Dunkelheit verfallen. Dem Wahnsinn.</p><p>Manchmal sah ER in Winkeln der H�hle Kreaturen kauern, die der Fleischschmied vergessen hatte. Eine Schlange mit einem Koboldskopf. G�nse mit Hufen und Pferdeschweifen. Einen Fleischklumpen auf Stummelbeinen mit tr�nengef�llten Augen.</p><p>ER sp�rte die Anwesenheit des Alben, noch ehe ER ihn sah. Die Pr�senz des wahnsinnigen Sch�pfers war beklemmend. Er war stark und voller Tatendrang, und als ER die H�hle betrat, tat ER es mit gesenktem Blick.</p><p>�Warum hat der Drachentroll dich vorbeigelassen? Ich will nicht gest�rt werden und � Du siehst interessant aus! Soll das ein dem�tiger Vorschlag f�r eine neue Sch�pfung sein? Ein L�wenhaupt � Eindrucksvoll!�</p><p>Der Boden dieser tiefsten Grotte war mit frischem Blut bedeckt. Es war hier unangenehm hei�. ER wusste um den Abgrund weit hinten, die Spalte, die zum ewigen Feuer hinabf�hrte.</p><p>�Was also willst du?�</p><p>Es war IHM unm�glich, den Alben direkt anzusehen. Er war anders. Keine Lichtgestalt! Er war von zerst�rerischer Macht. Ein Blick auf ihn verhie� Wahnsinn.</p><p>ER sah das Ding vor ihm auf dem steinernen Tisch. Gro� � Die Haut abgesch�lt. Blutige Muskeln zitterten � Es lebte noch und konnte jeden Schnitt sp�ren. Noch waren da drei K�rper � ein Elf und ein Kobold und noch etwas, das nicht mehr zu erkennen war.</p><p>�Kann man einen Devanthar mit einer deiner Gestalten verschmelzen? � ER sp�rte, dass ER schlagartig die volle Aufmerksamkeit des Alben besa�. Etwas klickte metallisch, so als habe der Fleischschmied eine Klinge auf dem steinernen Tisch abgelegt.</p><p>Die Pr�senz des Alben wurde noch erdr�ckender, als er zu IHM her�berkam. Lautlos.</p><p>�Du glaubst, du kannst einen Devanthar fangen. Allein?�</p><p>�Ich glaube nicht � Ich wei� es. Ich habe etwas. Etwas, das die Devanthar erschaffen haben. Hier, sieh es dir an.�</p><p>Der Alb beugte sich zu IHM hinab. So arglos wie die Kreatur am Eingang der Grotten. ER zeigte ihm den Dolch. Und dann stie� ER zu. Es war wie bei den anderen. Sie waren sterblich!</p><p>Diesmal f�hlte ER sich schwach. Es kostete IHN M�he, den Zauber zu weben. Alles aufzul�sen � bis auf die Essenz, eingeschlossen in einem unscheinbaren Stein.</p><p>ER t�tete die drei Kreaturen auf dem Tisch und beendete ihr Leid. Aber da waren noch mehr. Viel mehr! Sie verbargen sich in den weitl�ufigen Grotten, und ER konnte ihre Blicke sp�ren. Manchmal h�rte ER Ger�usche. Das Scharren von Hufen. Flatternde Fl�gel. Vielleicht gab es unter ihnen vernunftbegabte Gesch�pfe?</p><p>Eines Tages w�rde man nach dem Fleischschmied suchen. Vielleicht der S�nger? Er war der unsteteste unter den Alben.</p><p>ER blickte zum hinteren Teil der gro�en Grotte. R�tliches Licht schimmerte auf der Decke. Der Widerschein der Lava. ER durchma� die H�hle und trat an den Spalt. Feuer! ER liebte es, in Flammen zu blicken, diese Urgewalt zu formen und zu entfesseln. Kurz war ER versucht, seine wahre Gestalt anzunehmen. Die Lava k�nnte alle Spuren l�schen. Der Zauber war machtvoll, vielleicht w�rde er Aufmerksamkeit erwecken. Aber dies war ein Ort, an dem ein Alb seine grotesken Werke erschaffen hatte. Zauber, welche die Sch�pfung verdrehten, waren hier ein t�gliches Ereignis. Selbst jetzt, wo der Alb gegangen war, sp�rte ER noch dessen Aura. Und ER sp�rte, wie sehr das magische Netz hier verzerrt war. ER sprach ein Wort der Macht. Z�gerlich. Leise. Und die Lava regte sich. Wie etwas Lebendiges.</p><p>ER wiederholte das Wort. Fordernder! Eine Flammenzunge schlug aus dem Abgrund.</p><p>ER streckte die Arme aus und �ffnete sein Verborgenes Auge. Durch die Grotten sollte ein reinigendes Feuer fahren � und mehr als das. Lava sollte sie f�llen und all das, was hier wider die Sch�pfung geschehen war, ausbrennen.</p><p>ER schleuderte das Wort der Macht in den Abgrund. So laut, dass alle Grotten von SEINER Stimme widerhallten. SEIN Wort l�schte das Kreischen und Geflatter der Kreaturen aus, die sich tiefer in ihre Verstecke zur�ckzogen.</p><p>Die Lava stieg. Schnell!</p><p>ER eilte aus der H�hle; vorbei an der Kreatur am Eingang, die sich immer noch nicht zu regen vermochte. Als ER Stunden sp�ter den Albenstern erreichte, war der ferne Horizont immer noch rot vom Widerschein der Glut. Der Fleischschmied war vergangen, aber viele seiner grotesken Sch�pfungen w�rden weiterleben. Er hatte Albenmark f�r immer gepr�gt.</p></section><section><title><p>Hornbori Drachent�ter</p></title><p>Voller Staunen und Schrecken betrachtete Nandalee die weite H�hle, die sich vor ihr erstreckte. Hunderte Barinsteine tauchten sie in helles Licht und sieben Wasserf�lle schossen aus Steilw�nden und ergossen sich in weiten Font�nen in einen gro�en See, dessen Wasser brodelnde Gischt war. Der L�rm des st�rzenden Wassers war so gewaltig, dass er wie eine k�rperliche Ber�hrung zu sp�ren war. Die Luft hier war k�hl und so von Feuchtigkeit ges�ttigt, dass sich feine silberne Perlchen auf Nandalees Bart niederschlugen.</p><p>Diese H�hle schien das Herz der Tiefen Stadt zu sein. Aus allen Richtungen stie�en Tunnel hierher vor, und breite Terrassen waren in die H�hlenw�nde geschlagen, die bis zu siebzig Schritt weit aufragten. Etliche steinerne Kais s�umten den See. Von den Terrassen ragten h�lzerne Kranarme �ber das Wasser, von denen seltsam lang gezogene Holzf�sser hingen. Die kleineren nur f�nf oder sechs Schritt lang, die gr��ten bis zu zwanzig Schritt. Gl�serne Augen waren in die F�sser eingelassen. Aus ihren R�cken wuchsen Buckel, die �ber eiserne B�gen mit dem Vorderteil verbunden waren. Gebilde, die an Fischflossen erinnerten, wuchsen aus den Seiten der F�sser und aus dem stumpfen Ende. Es schien sich um Schiffe zu handeln. Nandalee ahnte, wozu sie erschaffen waren, und diese Ahnung �ngstigte sie. Sie waren nicht hergekommen, um sich diese widernat�rlichen Dinger nur anzuschauen � sie w�rden sie benutzen. Sie wich noch einen Schritt zur�ck, vermochte aber nicht, den Blick von der H�hle und den sonderbaren F�ssern abzuwenden. Manche von ihnen waren mit Kupferblechen beschlagen, einige lagen an den Kais vert�ut. Nandalee beobachtete, wie die Buckel auf dem R�cken eines der Fassschiffe aufgeklappt wurden.</p><p><emphasis>Sie nennen diese Gef�hrte Aale.</emphasis></p><p>Sie zuckte zusammen. �Bitte sprich nicht mehr in meinen Gedanken. Mein Kopf ist wund von deinen Worten.�</p><p>Er nickte.</p><p>Nandalee biss sich auf die Lippen. Ein Wort der Entschuldigung w�re sch�n gewesen. Aber was erwartete sie? Er war der Erstgeschl�pfte und sie nur eine Elfe. Ihr w�re auch nie in den Sinn gekommen, sich bei den Kobolden der Wei�en Halle zu entschuldigen, obwohl sie sich durchaus bewusst war, dass sie die kleinen Diener schlecht behandelt und einige b�se Sp��e mit ihnen getrieben hatte.</p><p>Die kalte, feuchte Luft, die aus der gro�en H�hle in den Tunnel trieb, tat ihr gut. Mit einer Mischung aus Faszination und Abscheu betrachtete sie die Tonnenschiffe. Nie hatte sie so seltsame Boote gesehen.</p><p>�Sie befahren damit unterirdische Seen und Str�me. Auf diese Weise sind alle Tiefen St�dte miteinander verbunden.� Trotz des brummenden Basses seiner Zwergenstimme musste der Dunkle schreien, um gegen den L�rm des st�rzenden Wassers aus der gro�en H�hle anzukommen. �Es geh�rt zum Wesen der Zwerge, im Verborgenen zu handeln. Sie glauben, sie k�nnten sich vor unseren Blicken verbergen. Sie haben sogar begonnen, unterirdische Kan�le zu bauen.�</p><p>Nandalee war erleichtert, dass er endlich wieder normal mit ihr sprach. Nein, verbesserte sie sich erneut. Normal war f�r ihn gewiss diese sengende Drachensprache, die Worte, die sich in ihre Gedanken brannten. Wie fremd er sich jetzt wohl f�hlen musste? Eine Himmelsschlange, die, in den K�rper eines Zwerges gezw�ngt, Elfisch sprach und � Aber was dachte sie da eigentlich? Was wusste sie schon von Himmelsschlangen? Den Dunklen nach ihren Ma�st�ben zu beurteilen war sicherlich ganz und gar vermessen.</p><p>Schweigend blickten sie auf die weite H�hle hinab. Sie war sich ganz sicher, dass der Zwerg, dessen F�hrte sie gefolgt waren, auf kurz oder lang wieder hierherkommen w�rde. Dieser Ort war ideal, um seine Spuren zu verwischen. Und er war eindrucksvoll, musste sie den Zwergen zugestehen. Wie lange hatte es wohl gedauert, all das hier zu erschaffen? Wie viele Zwerge hatten nach einem gemeinsamen Plan gearbeitet? Die Elfen hatten niemals etwas so Gro�artiges erschaffen.</p><p>�Ich bin einmal in einem dieser Aale mitgefahren�, sagte der Dunkle �berraschend. Er war so dicht an sie herangetreten, dass seine Lippen fast ihr Ohr ber�hrten. Ein unbekanntes Wohlgef�hl �berkam sie. Es strahlte von ihm aus. War er zufrieden mit ihr?</p><p>�Wer in so ein Gef�hrt steigt, sollte vorher mit seinem Leben abschlie�en�, fuhr der Drache fort. �Oft fahren sie unter der Wasseroberfl�che. Dabei sto�en sie immer wieder gegen Felsw�nde, deshalb sind die Boote so stabil gebaut. Vorne im Aal sitzt ein Steuermann, der durch die Glasaugen sp�ht und versucht, Hindernisse rechtzeitig zu erkennen. Sie haben alle gef�hrlichen Klippen mit Barinsteinen markiert, aber manchmal ist die Str�mung so stark, dass es nicht rechtzeitig gelingt, den Kurs dieser schwimmenden S�rge zu �ndern. Au�erdem f�hlen sich die Wei�en Schlangen durch die Aale gereizt. Sie leben in den gro�en unterirdischen Seen und greifen alles an, was sich bewegt.�</p><p>Nandalee h�rte ihm gern zu. Kurz dachte sie an Bidayn und l�chelte. Eines Tages w�rde sie die Freundin wiedersehen und ihr von diesen merkw�rdigen Zwergenschiffen erz�hlen. Mit der Erinnerung an Bidayn kamen auch Gedanken an Gonvalon. Nicht jetzt, dachte sie traurig und fragte sich, ob sie den Mut haben w�rde, ihm mit ihren schrecklichen Narben noch einmal zu begegnen. Sein Mitleid w�rde sie nicht ertragen. Sie schob den Gedanken beiseite und wandte sich erneut dem Dunklen zu. �Und wie bewegen sich diese F�sser?�</p><p>Er deutete zu einer der Terrassen. Die Laufr�der der beiden gro�en Kr�ne begannen sich zu drehen und einer der Aale wurde, an schweren Eisenketten h�ngend, aus dem Wasser gehoben. �Sieh dir das Heck an, Nandalee. Das Ding, das aussieht, als habe man es aus drei verbogenen Schwertklingen zusammengef�gt. Es dreht sich, wenn der Aal f�hrt, und treibt ihn voran. Im Aal gibt es eine lange Kurbelwelle. Alle Passagiere m�ssen mithelfen, sie anzutreiben. Es ist die Kraft der Zwergenbeine, die diese Fassschiffe antreibt.�</p><p>Nandalee traute ihren Ohren kaum. �Warum graben sie nicht einfach lange Tunnel zwischen ihren St�dten? Diese Art zu reisen ist ja fast, als m�ssten sie laufen!�</p><p>Der Dunkle grinste und seine schiefen, fleckigen Z�hne blitzten unter dem wuchernden Schnauzbart auf. Mit leichtem Unbehagen stellte sie fest, dass seine Eckz�hne auch bei der Verwandlung ein klein wenig zu spitz geraten waren. Sie erinnerten an Raubtierz�hne. �Es sind Zwerge, meine Holde. Sie sind verbohrt und dickk�pfig. Der Versuch zu verstehen, was in diesen haarigen Sch�deln vor sich geht, ist ein aussichtsloses Unterfangen. Vielleicht spielte es eine Rolle, dass diese Wasserwege schon existierten und es Jahrhunderte dauern w�rde, Tunnel von Stadt zu Stadt zu graben.�</p><p>Nandalee z�hlte die Schiffe. Neun hingen an Eisenketten von den Kr�nen und sieben weitere lagen vert�ut an den Kais. Wie viele Zwerge konnten darin reisen? Hundert? Zweihundert? Fasziniert sah sie zu, wie ein gutes Dutzend eif�rmiger F�sser mit Kupferbeschlag von einem der Kais aus im Wasser versenkt wurde. War das am Ende eine Opfergabe?</p><p>�Ihr wundert Euch, meine Dame?�</p><p>Nandalee �rgerte sich �ber ihr unbefangenes Staunen. Wann w�rde es ihr endlich gelingen, ihre Gef�hle zu beherrschen? Der Dunkle hatte ganz recht � man musste wahrlich nicht in ihren Gedanken lesen k�nnen, um zu erahnen, was in ihr vorging.</p><p>�Sie lassen die F�sser mit der Str�mung treiben. Auch eine Art, Waren zu transportieren. Verlorene F�sser werden von den Aalen aufgesp�rt.�</p><p>�Und wie bringen sie die leeren F�sser zur�ck?�</p><p>�Gar nicht�, antwortete der Drache. �Hier wird Kupfer abgebaut. Auch die F�sser selbst sind Handelsware. Sie kommen nicht mehr zur�ck. Genauso wie der, den wir suchen. Euch ist klar, warum ich diese H�hle einen Ort der Verzweiflung genannt habe?�</p><p>Sie nickte. �Wegen der Aale. Wahrscheinlich fahren sie in unterschiedliche Richtungen.�</p><p>�Auf den ersten Meilen nicht. Aber der n�chste See hat zwei Abfl�sse. Danach gabeln sich die m�glichen Wege noch mehrfach. Und da wir nicht wissen, wen wir suchen und wann er hier war, k�nnen wir auch gleich aufgeben.�</p><p>�Und wenn er gar nicht fort ist?�</p><p>Seine blauen Augen durchbohrten sie. �Wo sollte er Eurer Meinung nach denn sein?�</p><p>�Wir Elfen sind die Krallen der Himmelsschlange, und wer immer es ist, muss nicht bef�rchten, dass eine der Himmelsschlangen ihm folgt, oder?�</p><p>Der Dunkle wiegte zweifelnd den Kopf. �Worauf wollt Ihr hinaus? �</p><p>�Die H�hle, die so sehr stinkt, dass man nicht bef�rchten muss, dass ein Elf sie jemals freiwillig betreten w�rde � Sie w�re ein perfektes Versteck.� Nandalee konnte ihm ansehen, dass er nicht �berzeugt war. Sie l�chelte. �Wenn ich eine F�hrte verloren habe, folge ich meiner Intuition.�</p><p>Eine Weile lang sah er sie nachdenklich an. �Gut, da es sonst nichts gibt, dem wir folgen k�nnten, folgen wir also Eurer Intuition, meine Holde.� Unverhohlener Zweifel lag in seiner Stimme. �Gehen wir dorthin. Das ist wohl unsere letzte Hoffnung.�</p><p>Der Tunnel mit den Quarzadern am Eingang war leicht wiederzufinden. Sie hatte das Gef�hl, dass der Gestank bis tief in den Fels eingezogen war.</p><p>Dem Dunklen schien der �ble Geruch nichts auszumachen. Ob er sich mit einem Zauber gesch�tzt hatte? Ohne zu z�gern, schritt er den Tunnel hinab, der sie in eine ger�umige H�hle f�hrte. Eine Werkstatt, vollgestellt mit Tischen, auf denen sich allerlei Ger�tschaften t�rmten, Glaskolben, T�pfe, Tiegel und Pfannen. Ein gro�er Herd mit mehreren Feuerstellen erhob sich links von ihr. �berall lagen Papiere herum. An der R�ckwand arbeiteten drei Zwerge mit Mei�eln daran, die H�hle zu erweitern. Ein vierter stand auf einem wackelig aussehenden Ger�st und lugte �ber den Rand eines riesigen Kessels, in den etliche fingerdicke Kupferrohre m�ndeten. Ein weiterer Zwerg, der neben dem Ger�st stand, trug einen Helm mit auff�llig goldenen Fl�geln. Ihm waren sie vorhin in den Tunneln begegnet, erinnerte sich Nandalee. Jetzt hatte er eine ungesunde, blasse Gesichtsfarbe und schwenkte verzweifelt ein wei�es T�chlein vor seiner Nase. Als er sie entdeckte, stie� er einen �berraschten Ruf aus.</p><p>Der Dunkle antwortete etwas. Nandalee verstand kein Wort. Sie musste sich auf einen der Tische aufst�tzen. Zersplitterte Knochen und Fetzen schuppiger Haut lagen hier verstreut. Dazwischen weiche, wei�e Kl�mpchen einer klebrigen Masse. Angewidert starrte sie auf ihre H�nde. Sie hatte den Quell des Gestanks gefunden.</p><p>Hektisch versuchte sie das klebrige Zeug abzuputzen. Der Gestank trieb sie an den Rand der Ohnmacht und sie f�rchtete, sich jeden Augenblick erbrechen zu m�ssen. Indessen war der Zwerg auf dem Ger�st auf sie aufmerksam geworden. Mit einem schweren Hammer in H�nden stieg er hinab und raunzte den Dunklen in einem Tonfall an, der jede �bersetzung unn�tig machte. Der Drache blieb gelassen, was den Zwerg mit dem Hammer nur noch mehr in Rage versetzte. Der Stutzer mit dem Fl�gelhelm versuchte den Tobs�chtigen zu beschwichtigen und fiel ihm in den Arm, als dieser seinen Hammer hob. Daraufhin zog sich der Dunkle zum Tunneleingang zur�ck und winkte ihr.</p><p>Nandalee beeilte sich, aus dem Weg zu kommen. Sie sp�rte die sengende Wut des Erstgeschl�pften und f�rchtete, dass ihr Meister jeden Augenblick die gesamte Werkstatt mit seinem Drachenfeuer vernichten w�rde. Stattdessen zog er sie in den Tunnel. Er zerrte energisch an ihr, und sie lie� es willenlos geschehen. Pl�tzlich war der Gestank schlagartig verschwunden.</p><p>�Besser?�</p><p>Sie nickte und atmete tief ein.</p><p><emphasis>Habt Ihr es gesehen?</emphasis></p><p>Nandalee zuckte unter dem Gedanken zusammen. Er schien v�llig die Beherrschung verloren zu haben. W�tend blickte er zum Tunneleingang. Seine Pupillen waren jetzt geschlitzt. Unter seiner Haut arbeitete es, als seien seine Sch�delknochen zu Schlangen geworden.</p><p>�Habt ihr es gesehen?�</p><p>Sie war erleichtert, dass er wieder <emphasis>normal</emphasis> mit ihr sprach. Sein Kopf schien nicht l�nger auseinanderplatzen zu wollen. Er beruhigte sich offensichtlich. �Ich dachte, du w�rdest sie alle t�ten.�</p><p>�Das meine ich nicht. Ignoranten und Choleriker � jeder zweite Zwerg ist entweder das eine oder das andere. Der gerade war beides. Was ich meine, waren die Leichenteile! Ihr habt an dem Tisch gestanden. Habt es ber�hrt! Haut und Knochen eines meiner kleinen Br�der. Einer Silberschwinge! Sie haben eine Silberschwinge ermordet!�</p><p>Nandalee vermochte sich nicht vorzustellen, dass ein Zwerg in der Lage sein k�nnte, einen Drachen zu besiegen. Auch keine Silberschwinge. �Vielleicht haben sie einen Kad�, einen Leichnam in der Wildnis gefunden?�</p><p>�Nein, so war es nicht. Der Verr�ckte hat gesagt, dass ich froh sein k�nne, dass Hornbori Drachent�ter f�r mich spricht, weil er mir sonst den Sch�del eingeschlagen h�tte. Hornbori <emphasis>Drachent�ter</emphasis>! Sie r�hmen sich auch noch damit!�</p><p>�Vielleicht sind es nur Angeber. Sie handeln mit allem M�glichen. Vielleicht haben sie ��</p><p>�Ich habe es in ihren Gedanken gesehen! Sie waren dabei, als die Silberschwinge starb. Sie waren dort!� Er sprach jetzt leise und eindringlich. Seine kalte Selbstbeherrschung machte ihr Angst.</p><p>�Ich werde sie beobachten. Wenn sie es noch einmal tun, dann wird etwas geschehen, das kein Zwerg jemals vergessen wird. Sie sollten sich vorsehen mit ihrem t�richten Glauben, hier unten unangreifbar zu sein.�</p><p>Nandalee verstand seinen Zorn nicht. Es waren doch nur Teile eines toten Drachen. �War der Tote ein Freund von dir?�</p><p>�Eine hirnlose Silberschwinge ein Freund? Nein! Sie haben nicht mehr Verstand als ein Hund oder eine Katze. Sie k�nnen auch nicht zaubern, nicht einmal intuitiv. Es sind gefr��ige R�uber und sie f�hren ein Leben, das von ihren Begierden beherrscht wird. Planlos, von einem Augenblick zum anderen. Aber sie sind Drachen! Wir alle sind Br�der und Schwestern. Wer einen von uns t�tet, macht sich uns alle zum Feind.� Er ballte die F�uste, dass seine Knochen knackten. �Verlassen wir diesen Ort, Dame Nandalee. Wir haben die F�hrte verloren.�</p><p>Eine Weile gingen sie stumm nebeneinander her, und selbst die Zwerge, die ihnen auf dem Weg zur <emphasis>Kammer der kommenden Offenbarungen</emphasis> begegneten, schienen die K�lte und die Wut zu sp�ren, die den Drachen umgab, denn sie wichen ihm aus. Nandalee aber war stolz. Er hatte <emphasis>wir</emphasis> gesagt. Wir! Als sei sie schon eine Drachenelfe!</p><p>Endlich erreichten sie den Albenstern. Der Dunkle sprach das Wort der Macht und zwei Lichtschlangen erhoben sich aus dem Boden. Nandalee wollte schon hindurchschreiten, als der Drache sie zur�ckhielt.</p><p>�Er war hier! Vor einer Stunde vielleicht. Er hat das Tor erneut ge�ffnet, als wir in der Grotte der fallenden Wasser waren. Sicher ist er nun auf dem Weg dorthin! Mit etwas Gl�ck k�nnen wir ihn stellen, ehe er in einen der Aale steigt! Schnell!�</p></section><section><title><p>Die Kraft positiver Gedanken</p></title><p>ER hasste diesen K�rper. Zwerge! Sich so zu verdichten war eine Qual! ER musste zu viele Zauber gleichzeitig weben und darauf achten, dass sich ihre Muster nicht vermengten. Um SEINE Spur zu verwischen, hatte ER auf dem Weg zwischen den Welten den goldenen Albenpfad verlassen und SICH ins Nichts gest�rzt. Niemand kam dorthin, ins Nichts, um nach etwas zu suchen. Verlie� man den Albenpfad, st�rzte man in die Dunkelheit. Doch IHN hatte keine Panik erfasst. ER wusste, dass ER dort endlos fallen konnte, ohne jemals aufzuschlagen.</p><p>Ein einziger Gedanke hatte IHN zur�ck auf die Albenpfade getragen. Es war im Grunde ganz leicht, dem Nichts zu entkommen. Selbstzufrieden sah ER sich in der weiten Halle um. ER mochte das Durcheinander hier. Die Gesch�ftigkeit der Zwerge. Sie packten an und schufen sich ihre eigene Welt. Es bereitete IHM Freude hierherzukommen, sie zu beobachten und in ihren eigenwilligen Schiffen zu fahren. Ein paar letzte Schritte noch. Der Steuermann winkte ihm vom Luk des Aals her zu. �Du bist sp�t!�</p><p>�Und ich zahle gut�, entgegnete ER l�chelnd.</p><p>Der Zwerg murmelte etwas Unverst�ndliches und machte IHM Platz, sodass ER durch das Luk �ber die kurze Eisenleiter in den Aal hinabsteigen konnte. Wenn nur f�r einen Herzschlag der Zauber, der SEIN Gewicht aufhob, aussetzen w�rde, w�rde alles mitsamt diesem zerbrechlichen Boot auf den Boden des unterirdischen Sees gerissen werden.</p><p>Mit einem dumpfen metallischen Ger�usch schloss sich das Luk �ber ihnen. Das matte Licht eines winzigen Barinsteins erleuchtete das Innere. Sie waren geizig, die Zwerge! Und sie stanken! Unglaublich, was f�r ein Panoptikum erlesener D�fte so eine geschlossene Holzr�hre war. �bler Atem, Zwiebeln, einige abgestandene F�rze, der Geruch ungewaschener Kleider und Leiber. Ranziges Fett? Damit musste sich einer seinen Bart eingeschmiert haben.</p><p>�Hier, das ist dein Platz.� Der Steuermann hatte sich an IHM vorbeigedr�ngt und deutete auf einen freien Platz an der Kurbelwelle. Dann arbeitete er sich weiter nach vorne vor, um sich b�uchlings zwischen den Steuerhebeln vor dem Glasauge niederzulassen.</p><p>Der Drache nahm seinen Platz ein. Dieser Aal war kleiner als SEIN Leib, wenn ER seine wahre Gestalt annahm. ER lehnte sich mit dem R�cken gegen die Au�enwand, schob die F��e in die Lederriemen auf den flachen Pedalen und wartete wie alle anderen auf den Befehl des Steuermanns.</p><p>Ein dumpfer Schlag auf die Au�enh�lle des Aals war das Zeichen, dass alle Leinen gel�st waren. �Dann mal los!�, rief der Steuermann, und sie alle zugleich begannen die Kurbel, die sich l�ngs durch den Aal zog, in Bewegung zu setzen. Obwohl sie schwarz von �l gl�nzte, begleitete ein schleifendes Ger�usch die Drehungen. Es w�rde die ganze Fahrt �ber nicht verstummen.</p><p>ER wappnete sich mit Geduld. Etwas mehr als einen Tag musste ER durchhalten. IHM konnte nichts geschehen, sagte ER sich. ER war hier in Sicherheit. Und doch f�hlte ER sich ein wenig unwohl. Das machte einen Teil am Reiz dieser Reisen aus. SEIN Leben war zu sicher, zu vorhersehbar. Seit ER begonnen hatte, an seinem gro�en Plan zu arbeiten, hatte sich das von Grund auf ge�ndert. ER w�rde die Welt neu formen.</p><p>�ber IHM erklang ein Gackern! Ein Huhn streckte seinen Kopf aus einem der Frachtnetze, die entlang der Decke gespannt waren. �Was ist denn das f�r ein entz�ckender Fahrgast?� IHN �berkam die Lust, nach dem Vieh zu schnappen, dessen Knochen zwischen SEINEN F�ngen splittern zu f�hlen. ER musste sich beherrschen. Solche Gedanken mochten IHN au�er Form bringen. Wenn ER in diesem winzigen Boot wuchs, w�rde es in tausend Teile zersplittern. Denk wie ein Zwerg, wiederholte ER immer wieder in Gedanken. Denk wie ein Zwerg! DU w�rdest es rupfen und ausnehmen und dann braten. Viel zu viel M�he, f�r so ein winziges H�ppchen. Viel �</p><p>�Das ist ein Huhn, du blinder Idiot!�, murrte der Zwerg, der ihm gegen�bersa�. Ein blonder Griesgram, der unabl�ssig auf irgendetwas kaute. Vielleicht eine Wurzel oder ein St�ck Harz. F�r einen Zwerg roch er gar nicht mal �bel. Ein respektabler Happen. Viel besser als ein Huhn. Er trug auch nicht allzu viel Metall an sich, das sich zwischen den Z�hnen verkanten und �rger machen konnte.</p><p>�Das Huhn ist der Gl�cksbringer des Steuermanns�, sagte der Zwerg neben ihm, ein alter Hauer, wie es schien, dem sich der dunkle Gesteinsstaub tief in den Falten des Gesichts abgelagert hatte. �Und gib nichts auf Grungi; er war schon �bellaunig, als er aus seiner Mutter kroch.�</p><p>�Ein Gl�cksbringer? Aber die Unyleh ist doch ein guter Aal! Ich habe mich erkundigt �� Das hatte ER in der Tat, bevor ER sich das erste Mal einem dieser obskuren Gef�hrte anvertraute. Das Boot hatte einen guten Ruf. Es war erst zwei Mal gesunken und selbst dabei hatte es einzelne �berlebende gegeben. F�r dreizehn Jahre seit dem Stapellauf war das eine �beraus erfreuliche Bilanz.</p><p>�Das Huhn wird ohnm�chtig, wenn der Mief hier drin zu dicht wird. Dann wissen wir, dass es h�chste Zeit ist, aufzutauchen und das Luk zu �ffnen.�</p><p>ER stutzte. �M�sste es daf�r nicht am Boden herumlaufen? Ich meine, wenn der Mief �ber unseren K�pfen so dicht ist, dass ein Huhn ohnm�chtig wird ��</p><p>�Bist wohl ein Klugschei�er�, zischte Grungi.</p><p>�Am Boden geht nicht!�, rief der Steuermann von vorn. �Wir k�nnen es nicht einfach frei im Boot herumlaufen lassen. H�hner sind zu d�mlich. Mir sind schon zwei in die Kurbelwelle geraten. Dieses da oben ist etwas kl�ger. Es wird so tun, als w�rde es ohnm�chtig, wenn es findet, dass wir uns Sorgen machen m�ssten.�</p><p>ER blickte in die grinsenden Gesichter ringsherum. Waren die alle betrunken oder erlaubten sie sich einen Spa� mit IHM? ER atmete flach aus. Das waren Zwerge, und auch wenn sie wunderbar gesch�ftig waren, waren sie doch �ble Gesellschaft. Zum Gl�ck musste ER sie nur einen Tag lang ertragen. Und sollten sie IHN weiter ver�rgern, w�rden sie die gr��te �berraschung ihres kurzen Daseins erleben, wenn ER sich ihnen in seiner wirklichen Gestalt zeigte.</p><p>�ber ihnen knirschte es beunruhigend laut, und das Huhn stie� ein erschrecktes Gackern aus.</p><p>�Wir haben die Flussm�ndung gefunden!�, rief der Steuermann. �Verh�ngt das Licht, damit ich die Barinsteine drau�en besser sehen kann.�</p><p>Grungi nahm den Barinstein aus der Halterung und lie� ihn in einem Samts�ckchen verschwinden. Schlagartig wurde es finster.</p><p>ER hatte das Gef�hl, dass der Gestank zunahm. �Warum ist das Huhn eigentlich mit dem Kopf nach unten aufgeh�ngt?�</p><p>�Hast du noch nie geschlachtet, Kaufmann?�, erklang es irgendwo im Boot.</p><p>Ein Ruck lief durch den Aal. Wieder waren sie gegen einen Fels gesto�en!</p><p>�Wenn man die Viecher mit dem Kopf nach unten h�lt, dann zappeln sie weniger.�</p><p>DU hast es so haben wollen, ermahnte ER sich in Gedanken. Es ist eine Pr�fung, die DU DIR selbst auferlegt hast. Der m�chtigste J�ger, der die Himmel Albenmarks regierte, zusammengeschrumpft auf Zwergengestalt und eingesperrt in dieses kleine, stickige Boot. Welch eine wunderbare �bung in Geduld und Demut. Welch ein Kontrast zu seinen Pl�nen, die G�tter zu st�rzen!</p><p>Das Huhn �ber SEINEM Kopf stie� leise, wimmernde Laute aus, die im allgegenw�rtigen Schleifen der Kurbelwelle fast untergingen. Und ER gefiel sich in seiner Vollkommenheit.</p><p>Einer der Steuerhebel knirschte. ER konnte sp�ren, wie sich das Boot gegen die Str�mung stemmte und um ein paar Grad nach Steuerbord abschwenkte. Kurz sah ER Licht durch eines der Augen des Aals fallen. Das musste einer der Barinsteine sein, die gef�hrliche Felsen in der Passage markierten.</p><p>Die Zwerge kauerten schweigend, die R�cken gegen die Bootswand gepresst, und traten die Kurbelwelle. Jeder hing seinen Gedanken nach. Selbst das Huhn war jetzt ganz still.</p><p>Wenn Licht durch die Augen des Aals fiel, konnte man kurz die Gesichter der anderen erkennen � Landschaften aus bleicher Haut und Schatten. Sie waren zu zw�lft. Die Unyleh war ein mittelgro�er Aal, und sie war mit allerlei Waren vollgestopft. Ein Teil hing in Netzen an der Decke und reduzierte den freien Raum �ber ihren K�pfen auf knapp eine Handbreit. Der Rest war in besonderen Frachtkisten verstaut, die der zylindrischen Rumpfform angepasst waren. Sie dienten ihnen zugleich auch als Sitzpl�tze.</p><p>IHM war schleierhaft, wie man auf diese Art des Reisens verfallen konnte. Es war gef�hrlich und unkomfortabel. Und all dies, nur um sich nicht an der Erdoberfl�che blicken zu lassen. ER dachte an SEIN Ziel und tastete nach dem neuen Stein, den ER wohlverstaut in einem Lederbeutel an SEINEM G�rtel trug. Bald w�rde ER jene Himmelsschlangen zusammenrufen, denen ER vertraute. ER hatte sich etwas �berlegt, das sie f�r immer miteinander verbinden w�rde.</p><p>�Hast du Angst?�, fragte IHN der alte Hauer an SEINER Seite.</p><p>�Nein, ich empfinde diese Art des Reisens als eine willkommene Gelegenheit zur Innenschau.�</p><p>Der Zwerg glotzte IHN an. Es war un�bersehbar, dass er mit dieser Antwort nichts anfangen konnte. �Ich habe schon viele Fahrten hinter mir, ohne dass je ein Unfall geschehen w�re.�</p><p>Wie um seine Worte zu verh�hnen, lief erneut ein Ruck durch den Aal, und der Schutzb�gel am Rumpf schrammte laut �ber Fels.</p><p>Einige der Passagiere st�hnten leise auf.</p><p>�Weitertreten!�, befahl ihr Steuermann. �Hier ist die Str�mung stark. Wenn wir jetzt an Fahrt verlieren, bricht das Boot aus und wir werden auf die Klippen getrieben, die irgendwo steuerbords voraus liegen! Also treten!�</p><p>ER schloss die Augen und k�mpfte den Instinkt nieder, SEINE wahre Gestalt anzunehmen. Wann immer ER sich bedroht f�hlte, wollte ER sich in seinen Drachenleib fl�chten. Als Himmelsschlange war ER ein un�berwindlicher Gegner. Doch in diesem Boot mochte IHN dieser Instinkt t�ten, wenn ER ihm nachgab. IHM war nur allzu bewusst, dass auch ER sterblich war. Wenn ER sich verwandelte, w�rde SEIN sich ausdehnender Leib den Aal zerfetzen. Er w�rde in tosender Str�mung in einem Tunnel treiben und m�sste darauf hoffen, dass ER w�hrend der Transformation, wenn ER am verwundbarsten war, nicht gegen einen Felsen geschleudert w�rde.</p><p>�Wei�t du, was das Geheimnis ist?�, raunte der Zwerg an SEINER Seite. �Es ist die Kraft positiver Gedanken. Du musst einfach an das Beste denken und nicht an alle m�glichen Ungl�cke, die geschehen k�nnten. Unsere Gedanken formen unser Leben!� 
</p><p>Grungi auf dem Sitzplatz gegen�ber zog sich einen Popel aus der Nase und betrachtete ihn nachdenklich. Nach einer Weile drehte er ihn zwischen Daumen und Zeigefinger, bis er eine Kugel war, dann schnippte er ihn davon. �Das sind wir, alter Mann. Ein Popel in der Hand des Schicksals. Eben noch sicher in der Nase geborgen, dann herausgerissen und achtlos irgendwohin geschleudert. Positive Gedanken? Dass ich nicht lache! Wir sind Spielb�lle des Schicksals. So war es immer und so wird es immer sein.�</p><p>ER blickte angewidert auf den kugelf�rmigen Popel, der SEIN Wams getroffen hatte, und dachte, wie recht Grungi doch hatte. Sobald der Aal sein Ziel erreichte, w�rde Grungi einen Unfall haben. Einen blutigen, sehr drastischen Unfall. Etwas, das ihm gro�e Schmerzen bereitete, bevor er endlich starb.</p><p>ER klopfte den Popel ab. �Ich glaube, manchmal ist es kl�ger, sich an die positiven Gedanken zu halten. Ich bin auch �berzeugt, dass das Leben dann gl�cklicher verl�uft.�</p></section><section><title><p>Schlangen</p></title><p>Nandalee schob den Kopf durch das Luk und atmete tief ein. Endlich war sie diesem verfluchten Boot entkommen. Hinter ihr fluchte ein Zwerg und versuchte sie weiterzudr�ngen. Verdammtes Pack, dachte sie und beeilte sich, die letzten Stufen der Leiter zu erklimmen. Sie hatte diese Reise gehasst, das Eingesperrtsein in die stinkende h�lzerne Tonne. Sie hatte geglaubt, sie m�sse verr�ckt werden von dem mahlenden Ger�usch der Kurbel, von der Gewissheit, dass hinter den zwei Zoll dicken Eichenbohlen Dunkelheit und Tod lauerten.</p><p>Zuletzt hatte der Drache wohl einen Zauber auf sie gelegt. Anders konnte sie sich nicht erkl�ren, warum sie pl�tzlich ruhiger geworden war. Auch er war angespannt gewesen. Sie merkte es, wenn er in Gedanken zu ihr sprach. Seine Worte brannten dann hei�er. Sie sp�rte, dass es nicht wegen der Zwerge oder der Reise in diesem verdammten Aal war. Es lag an dem, dem sie folgten. Der Dunkle schien eine Ahnung zu haben, wer Alben verschwinden lie�, aber vertraute sich ihr nicht an. Was brauchte er auch den Rat einer Elfe? Sie hatte ihre N�tzlichkeit �berlebt. Jetzt war sie nur noch ein Klotz an seinem Bein, dachte sie bitter.</p><p>Nachdem der Dunkle entdeckt hatte, dass jemand durch den Albenstern der Tiefen Stadt getreten war, waren sie zum Hafen hinabgehetzt, aber sie waren zu sp�t gekommen. Direkt vor ihren Augen tauchte ein Aal ab.</p><p>Nandalee fand Stiefelspuren des geheimnisvollen Zwergs am Kai. Es gab keinen Zweifel, dass sie den, der vielleicht mehr �ber das Blut im Hain der Albe wusste, um wenige Augenblicke verpasst hatten. Drei Stunden hatte es gedauert, bis es dem Dunklen gelungen war, M�nner und Boot zu finden, um dem Aal zu folgen, und so hatte auch Nandalees Martyrium in dem verfluchten schwimmenden Sarg begonnen. Freiwillig w�rde sie nie wieder einen Fu� auf solch ein Gef�hrt setzen, und ihr war immer noch �bel von der Reise. Zum Zwergsein war sie nicht geboren, so viel stand fest.</p><p>Vom Anlegesteg her streckte ihr jemand eine fleischige Hand entgegen und sie ergriff sie dankbar. Ihre Beine schmerzten und der Aal, der noch nicht fertig vert�ut war, schwankte unter ihren F��en.</p><p>Dutzende Bewaffnete standen entlang des Kais. Mit gespannten Armbr�sten und langen Speeren sp�hten sie zu ihnen hinab. Unwillk�rlich griff Nandalee an ihren G�rtel, dorthin, wo sie sonst ihr Jagdmesser trug. Sie wollte zur�ckweichen, doch der Kerl hinter ihr schob sie weiter und raunzte sie an. �Mach schon, du Trottel � ich will endlich von dem Fass weg! Stehen und gaffen kannst du auch auf dem Kai.�</p><p>Sie k�mpfte gegen die Panik an. Hatte der Zwerg, dem sie folgten, f�r diesen Empfang gesorgt? Rei� dich zusammen, schalt sie sich, griff nach der Sprossenleiter und kletterte auf die gemauerte Anlegestelle.</p><p>Die gespannten Armbr�ste folgten ihren Bewegungen nicht, sondern blieben auf den Aal und das dunkle Wasser gerichtet. Erleichtert lie� sich Nandalee auf einem Stapel Stoffballen nieder und sah sich um. Der Hafen �hnelte jenem, den sie vor anderthalb Tagen verlassen hatten. Nur dass es hier keine Wasserf�lle gab und die Decke der weiten Grotte etwas niedriger war. In der Werft am Ufer lagen die Gerippe dreier halb vollendeter Aale. Die Arbeit dort ruhte. �ber dem ganzen Hafen lag eine eigent�mliche Spannung.</p><p>Endlich stieg auch der Dunkle hinauf auf den Kai, wechselte kurz ein paar Worte mit einem der Umstehenden und kam dann zu ihr hin�ber.</p><p><emphasis>Er war hier.</emphasis> Seine Worte waren ein brennender Schock. Der Drache wirkte kraftvoll und entschlossen, aber Nandalee f�hlte sich von der Fahrt in dem Aal weit �ber das rein K�rperliche hinaus ersch�pft. Als sei ihr die Seele selbst stumpf und m�de geworden. Sie raffte sich auf und deutete auf die Bewaffneten am Kai. �Was hat die Zwerge aufgeschreckt?�</p><p>Der Dunkle sch�ttelte den Kopf und winkte ihr, sich zu beeilen. Tr�ge folgte sie ihm eine weite Rampe hinauf, als sie getrocknetes Blut auf dem Pflaster entdeckte. Viel Blut! Schlagartig war ihre M�digkeit verflogen. Aufmerksam musterte sie die Bewaffneten. Was war hier geschehen? Gegen wen hatten die Zwerge gek�mpft? Wen oder was erwarteten sie?</p><p>Der Dunkle ging weiter, ohne innezuhalten. Er schien den Hafen zu kennen. Den Hafen einer Zwergenstadt! Das war ihr unheimlich. Waren die Himmelsschlangen wirklich tagt�glich unter ihnen, ohne dass man sie bemerkte?</p><p>Endlich erreichten sie einen Tunnel, in dem sie allein waren. �Es hat einen Unfall gegeben�, sagte er. Auch jetzt war Nandalee erleichtert, dass er nicht in ihren Gedanken sprach. �Dem Aal, der vor uns angekommen ist, folgte eine gro�e Wei�e Schlange. So etwas ist noch nie vorgekommen. Als die Besatzung den Aal verlie�, griff sie v�llig �berraschend an. Sie hat einen Zwerg erwischt. Die �brige Besatzung konnte ihn noch auf den Kai zerren, aber er hat beide Beine verloren.�</p><p>�Eine Wei�e Schlange?�</p><p>�Das sind Seeschlangen, Dame Nandalee. Wenn sie lange in unterirdischen Gew�ssern leben, verlieren ihre Schuppen alle Farbe. Sie sind wilde J�ger, aber dass sie einen auftauchenden Aal angegriffen haben, ist ungew�hnlich. Sie wagen sich nur selten in die H�fen der Zwerge.�</p><p>�Glaubst du, sie ist gerufen worden?�</p><p>�Vielleicht�, sagte er tief in Gedanken. Dabei fuhr er sich in einer flinken, scheinbar unbewussten Geste mit der Zungenspitze �ber die etwas zu spitzen Eckz�hne. Er hatte Blut gerochen, erkannte Nandalee. Er witterte seine Beute. �Warum derjenige, den wir suchen, eine Wei�e Schlange rufen sollte, erschlie�t sich mir nicht. Das erregt nur unn�tig Aufsehen. Bisher hatte ich den Eindruck, dass er sehr unauff�llig vorgeht. Lasst uns weitereilen, meine Holde. Hier werden wir die Antwort nicht finden. Kommt nun! Wir haben viel Zeit verloren. Ich sch�tze, er hat mehr als sieben Stunden Vorsprung. Wahrscheinlich habt Ihr recht und er ist tats�chlich auf dem Weg zur <emphasis>Kammer der kommenden Offenbarungen</emphasis> .�</p><p>Der Drache wirkte angespannt, als sie weitergingen. Immer wieder verharrte er und lauschte � Nein, es waren wohl andere, ihr unbekannte Sinne, die er nutzte. F�rchtete er einen Hinterhalt? Seine Anspannung �bertrug sich auf sie. Ihre unf�rmigen H�nde schwitzten und eine Stelle auf ihrem R�cken juckte, die sie mit den kurzen, muskul�sen Zwergenarmen nicht erreichen konnte. Schweigend folgte sie dem Dunklen durch das Labyrinth von Tunneln.</p><p>Diese Tiefe Stadt hatte einen anderen Geruch als die, aus der sie kamen. �ber dem Rauch von Holzkohlefeuern lag der schwere Duft von gebratenem Speck und Bohnen. Auch das Gestein hier hatte eine andere Beschaffenheit. Es war von hellem Grau mit silbernen Einsprengseln. H�ufig s�umten Steinmetzarbeiten die Tunnelw�nde. Diese Stadt war sch�ner. Vielleicht war sie �lter, �berlegte Nandalee, und ihre Bewohner hatten mehr Zeit gehabt, den Ort, an dem sie lebten, zu schm�cken. Trotzdem empfand sie die Enge der Tunnel immer noch bedr�ckend. Sie w�re froh, wenn sie endlich wieder unter freiem Himmel stand. Noch etwas war seltsam an der Zwergenstadt, wie Nandalee jetzt erst auffiel. Sie begegneten ausschlie�lich M�nnern. Wo wohl die Frauen und Kinder steckten?</p><p>Gute zwei Stunden sp�ter erreichten sie die <emphasis>Kammer der kommenden Offenbarungen</emphasis>. Die H�hle, in der sich der Albenstern befand, war ganz mit wei�em Marmor ausgekleidet. Auch hier gab es Kristalle, die man in den Fels eingelassen hatte. In Dutzenden kaum handgro�en Wandnischen standen winzige Skulpturen � Bildnisse der Erstgeborenen der Sippen dieser Stadt, wie ihr der Dunkle erkl�rte.</p><p>Ein Wort der Macht lie� zwei Schlangen aus Licht aus dem Fels aufsteigen. Es sah so einfach aus, wenn der Dunkle ein Tor �ffnete. Sie dachte an Gonvalon und daran, welche Angst er vor diesem Zauber gehabt hatte. Die Erinnerung an ihn versetzte ihr einen Stich. Ein endlos langes Jahr w�rde sie ihn nicht wiedersehen.</p><p>Der Dunkle streckte seine Hand nach einer der Schlangen aus; hellblaues Licht umspielte seine Finger. �Er war hier und � Er ist nach Nangog gegangen!�, sagte er fassungslos. �Nach Nangog!�</p><p>�In die verbotene Welt?� F�r Nandalee war dieser Ort noch ferner und unvorstellbarer als die Bergreiche der Zwerge. Ein Ort, wo ungeahnte Schrecken lauerten. Eine Welt, die nur in Legenden existierte. Ein Tabu.</p><p>�Wir sind einem Devanthar gefolgt!�, sagte der Dunkle pl�tzlich. �Ich habe von Anfang an gesp�rt, dass etwas mit der Art, wie die Zauber gewoben sind, nicht stimmt. Wir m�ssen zur�ck! Die Alben m�ssen wissen, was geschieht.�</p><p>Nandalee sah ihn entsetzt an. Die Devanthar waren die Verk�rperung des B�sen. Lebendig gewordene Heimt�cke und Verrat. Und vor allem waren sie unglaublich fern! Es gab sie nicht in Albenmark! Sie lebten in der Welt der Menschenkinder und konnten nicht hierhergelangen, denn die Alben wachten dar�ber, dass dies nicht geschah. Allerdings war die Albe, nach der sie gesucht hatten, wohl sehr friedlich und entr�ckt gewesen. Vielleicht hatte der Devanthar sie deshalb ausgew�hlt. Vielleicht � Sie starrte den Dunklen entsetzt an. �Glaubst du, dass der Devanthar zu ihr kam, um sie zu ��</p><p><emphasis>Undenkbar!</emphasis> Der Flammenschrei l�schte all ihre Gedanken aus. Nie hatte sie den Dunklen so ersch�ttert gef�hlt. <emphasis>Sie war nicht wehrlos. Ein Wort von ihr h�tte Berge einebnen k�nnen.</emphasis></p><p>�Und doch ist sie verschwunden�, wagte Nandalee einzuwenden. Sie sprach kurzatmig. Keuchte gegen den Schmerz an.</p><p>Der Drache sch�ttelte entschieden den Kopf. �Nein, eine Albe zu ermorden, das w�rden die Devanthar nicht wagen. Damit w�rden sie einen Krieg der Welten heraufbeschw�ren.�</p><p>Die beiden Lichtschlangen hatten sich zu einem Bogen geschlossen. �Kommt, Dame Nandalee�, sagte der Drache und reichte ihr die Hand. Seine Stimme klang entschlossen, als riefe er sein Heer in die Schlacht, und seine Ber�hrung lie� die Kraft und Entschlossenheit auch in ihr Herz str�men. �Wir werden nicht nach Nangog gehen. Wir kehren zur�ck in den Jadegarten, meine Holde. Und dann werde ich den S�nger suchen.�</p></section><section><title><p>Abschied</p></title><p>Gonvalon blickte auf das Gesicht im Stein. Es war unvollendet. Unvollendet wie ihr Leben. Herausgerissen vor der Zeit. Er legte den Kopf in den Nacken, blickte zum Himmel hinauf und sah den treibenden Wolken zu.</p><p>Bidayn hatte ihn gebeten, mit ihm kommen zu d�rfen. Sie hatte nicht gewusst, wohin er gehen w�rde, aber sie hatte geahnt, dass es ein Platz sein musste, an dem er um Nandalee trauerte.</p><p>Sie hatte Blumen mitgebracht und vor den Fels gelegt, in den er das Gesicht geschlagen hatte. Ihm kam das unpassend vor. Wenn sie fort w�re, w�rde er die Blumen wegwerfen. Nandalee hatte das Wilde gemocht, das Nat�rliche. Tote Blumen waren nichts, das sie sich zu ihrem Andenken gew�nscht h�tte. Eher schon, dass ihr gemei�eltes Gesicht langsam hinter Efeuranken verschwand. Hinter etwas, das lebendig war und hierhergeh�rte. In den Wald. Ganz so, wie sie hierhergeh�rt hatte.</p><p>Gonvalon konnte sp�ren, dass Bidayn reden wollte. Aber er w�rde es ihr nicht leicht machen. Er war an Bidayns Befragung durch die Meister der Wei�en Halle beteiligt gewesen. Er wusste, dass sie Nandalee von dem verborgenen Fenster erz�hlt hatte.</p><p>�Darf ich es ber�hren?� Bidayn deutete auf das gemei�elte Antlitz und er nickte kaum merklich. Aus den Augenwinkeln sah er, wie sie die H�nde ausstreckte. Sie beugte sich vor, als seien ihre F��e mit dem Waldboden verwurzelt, und ber�hrte gerade eben mit den Fingerspitzen die steinernen Wangen.</p><p>�Das ist sie�, fl�sterte Bidayn, ohne ihn direkt anzusprechen. �Schroff und unvollkommen und wunderbar �� Sie atmete schwer, als koste es sie all ihre Kraft, ihre Tr�nen zu unterdr�cken. �Ich habe sie immer f�r unbesiegbar gehalten. Sie war immer h�rter als ich. Besser. Ich h�tte niemals gedacht, dass sie zuerst ��</p><p>Er wollte das nicht h�ren! Keine Schuldbekenntnisse. Sie war nicht mehr und nicht weniger schuld als er. Er sollte kein Meister in der Wei�en Halle mehr sein! Der Goldene hatte ihn vor das Fenster gerufen. Ausgerechnet vor das Fenster! Gonvalon hatte ihn gebeten, auf eine Mission geschickt zu werden. Ganz gleich, welche und wohin. Nur fort von hier. Aber die Himmelsschlange hatte ihm nicht gestattet, davonzulaufen.</p><p>War es klug zu bleiben? Zu gehorchen? Wussten sie wirklich, was das Beste war? Er hatte ihnen bedingungslose Treue geschworen, als er unter die Drachenelfen aufgenommen worden war. Und jetzt stand er das erste Mal in seinem Leben kurz davor, diesen Schwur zu brechen.</p><p>�Ich werde mich um den kleinen Vogel k�mmern�, wisperte sie.</p><p>Pl�tzlich war er froh, dass Bidayn da war. Er nickte stumm. �Er fliegt immer noch zu ihrer Fensterbank, nicht wahr?�</p><p>�Ja. Er pickt an die Scheibe. Er will hinein. Er kann nicht glauben, dass sie fort ist. Dass sie �� Pl�tzlich brach sie in Tr�nen aus.</p><p>Gonvalon f�hlte sich steif und aller Worte beraubt. Er schreckte davor zur�ck, Bidayn einfach in den Arm zu nehmen. Er k�nnte das nicht. Manchmal wurde er nachts wach und hatte das Gef�hl, dass Nandalee neben ihm lag. Dass er eben noch ihren Atem auf der Haut gesp�rt hatte. Er kannte das. So war es bei den anderen auch gewesen. Doch diesmal war es noch st�rker.</p><p>�Der Stein hier war sehr hart. Ich habe es irgendwann einfach aufgegeben�, sagte er unbeholfen.</p><p>�Ich kenne das Gef�hl. Man konnte einfach nicht mit ihr streiten. Sie hat sich nie f�r etwas entschuldigt. Man konnte sie nicht �ndern. Man muss schon ziemlich d�mlich sein, jemanden wie sie zu m�gen.� Sie versuchte zu lachen und endete wieder in Tr�nen.</p><p>Jedes ihrer Worte versetzte ihm einen Stich ins Herz. �Ich muss gehen�, sagte er knapp und wandte sich ohne ein weiteres Wort des Abschieds ab.</p><p>Der weiche Boden federte unter seinen Schritten und der unverwechselbare Geruch des feuchten Laubs stieg ihm in die Nase. Es war der Duft ihrer Liebesn�chte gewesen. Der Duft, der durch die Wildschweinfelle und das Moospolster drang, wenn sie in dem Unterstand beieinanderlagen. Ihr Haar hatte immer nach Wald gerochen. Und nach Wind. Er lachte bitter auf. Was spann er sich da zusammen! Der Wind hatte keinen Geruch!</p><p>Gonvalon begann zu laufen. Er w�rde bis zur v�lligen Ersch�pfung laufen. Bis die M�digkeit jeden Gedanken an sie ausmerzte. Bis nichts mehr in ihm sein w�rde. Kein Schmerz, kein Gedanke. Nichts als taube M�digkeit, die in traumlosen Schlaf m�ndete.</p></section><section><title><p>Die Form wahren</p></title><p>Seit ihrer R�ckkehr war der Dunkle tief in Gedanken. Die Gazala hatten sich aus der S�ulenhalle zur�ckgezogen, der Drache hatte wieder seine wahre Gestalt angenommen, aber Nandalee war noch immer im Leib eines Zwergs gefangen. Der plumpe K�rper machte ihr zu schaffen. Schon mehrfach war sie durch das Gesichtsfeld des Drachen gewandert, um ihn auf sich aufmerksam zu machen, doch er ignorierte sie. Manchmal redete er in einer Sprache, die sie nicht verstehen konnte, mit sich selbst. Er war unverkennbar aufgew�hlt und nicht in der Stimmung, sich mitzuteilen.</p><p>Nandalee wusste nicht, wohin sie gehen wollte. Die weite Halle zu verlassen wagte sie nicht. Was, wenn er fort w�re, ehe sie zur�ckkehrte? Dann w�re sie wom�glich f�r viele Tage in diesem gedrungenen K�rper gefangen. Hatte er nicht gesagt, er wolle die anderen Himmelsschlangen zum Rat einberufen? Warum war er dann noch hier? Was hielt ihn zur�ck? Wenn er nur mit ihr reden w�rde! Nat�rlich, sie war in seinen Augen nur ein Staubkorn, und vielleicht hatte er sie ja sogar schlichtweg vergessen � wer wusste das schon. Und woher sollte sie wissen, was ihm half? Ihr half es, wenn sie �ber ihre Gedanken und Sorgen reden konnte. Wenn sie gezwungen war, etwas in gesprochene Worte zu fassen, kl�rte sich oft das Durcheinander ihrer Gedanken.</p><p>Der Dunkle glitt von der flachen Felsinsel, die sich in vielen Jahrhunderten der Form seines Drachenleibs angepasst zu haben schien. Feine Linien zogen sich durch das Gestein, als k�nne man Platten aus dem Fels herausl�sen. Nandalee kannte Geschichten, dass Drachen �ber Sch�tze wachten, einen Hort aus Gold und Edelsteinen. Aber wahrscheinlich waren das nur M�rchen. Zumindest die Himmelsschlangen k�nnten gewiss jeden Schatz der Welt an sich rei�en, wenn sie es nur wollten. Machte das Sch�tze dann nicht wertlos? Was also mochte sich unter dem seltsamen Thron verbergen?</p><p><emphasis>Ich werde nun zu meinen Nestbr�dern reisen.</emphasis> Die unerwartete Hitze seiner Worte lie� sie zusammenfahren.</p><p>�Ich brauche meinen alten Leib zur�ck!�, platzte sie da heraus. �Ich kann es nicht l�nger ertragen, im K�rper eines Zwergs gefangen zu sein!�</p><p><emphasis>Wir hatten diese Angelegenheit doch bereits besprochen, meine Holde.�</emphasis></p><p>�Ich verstehe nicht ��, begann sie vorsichtig. �Ich kann mich nicht erinnern ��</p><p>Er wandte sein m�chtiges Haupt zu ihr herum und musterte sie. <emphasis>Ich sagte zu Euch: Ich hoffe, Ihr erinnert Euch noch gut an Euren K�rper! Habt Ihr das vergessen? Ihr habt mir nicht darauf geantwortet. Also nahm ich an, dass dies kein Problem darstellt.</emphasis></p><p>War das Spott? Oder meinte er es ernst? Sie vermochte seine Gedanken nicht einzuordnen. �Es bereitet dir doch sicherlich keine gro�e M�he, mich zur�ckzuverwandeln�, sagte sie dem�tig.</p><p>Jetzt wich das Interesse in seinem Blick einem lauernden Starren, und obwohl sie all ihren Trotz aufbot, vermochte sie dem Drachenblick nicht standzuhalten. D�nner blaugrauer Rauch stieg aus seinen N�stern. <emphasis>Das kommt darauf an, wer diesen Zauber webt. Ihr seid hier, um zu lernen � sowohl Euch selbst zu beherrschen als auch um Eure Kunstfertigkeit im Zauberweben zu vervollkommnen. Dies ist meine erste Aufgabe f�r Euch, Dame Nandalee. Eine Aufgabe, in der beide Gebiete, in denen Ihr lernen sollt, vereint sind. Ihr werdet Euch selbst zur�ckverwandeln. Und wenn ich Euch einen Rat geben darf, meine Holde � geht vorsichtig dabei vor. Es k�nnte Euch umbringen, wenn Organe wie die Nieren oder die Leber nicht an der richtigen Stelle liegen oder nicht ausreichend mit Blut versorgt sind. Es gen�gt also nicht, wenn Ihr Euch an Euer Spiegelbild erinnert. Kleine Abweichungen in diesem Bereich sind h�chstens unter �sthetischen Gesichtspunkten interessant. Bedeutend ist allein, dass Ihr Euch gut an Euer Innerstes erinnert. Dass Ihr die ganze Tiefe Eures Wesens versteht. Bem�ht Euch, die Form zu wahren, Dame Nandalee. Ich w�nsche Euch gutes Gelingen. Es wird eine Weile dauern, bis ich hierher zur�ckkehre.</emphasis></p><p>Sie dachte an den schrecklichen Tod von Sayn. Woher sollte sie wissen, wie sie in ihrem Inneren ausgesehen hatte? Sie konnte sich ja nicht einmal an die Form ihrer Nase erinnern. Sie war keine jener Elfen, die Stunden damit verbrachten, selbstverliebt ihr eigenes Spiegelbild anzugaffen! Nandalee sp�rte, wie sich ihr Innerstes zusammenzog. Das konnte nicht wahr sein. Das war ein Scherz! �Bitte lass mich nicht so zur�ck. Ich brauche einen Meister, um solche Zauber zu weben. Ich brauche Anleitung!�</p><p>Der Dunkle schien zu l�cheln. Nachsichtig, fast mitleidig. Verst�ndnisvoll. Sie hasste ihn f�r dieses weiche Schimmern in seinen Raubtieraugen. Er war ein Liebling der Alben. Vielleicht die erste Kreatur, der sie je Leben eingehaucht hatten. Ihm stand jeder Weg offen. Er war wie ein Gott. Wie hatte sie so vermessen sein k�nnen, zu glauben, dass sie ihn verstehen w�rde? Wie hatte sie Mitleid und Hilfe erwarten k�nnen? Sie war nicht mehr als eine bunte Raupe, die er interessiert beobachtet hatte. Vielleicht w�rde er sich schon bald nicht mehr an sie erinnern. Nein, dachte sie. Das war es nicht. Er w�rde zur�ckkehren, wenn aus der Raupe ein Schmetterling geworden war. Nandalee sah auf das schwarz spiegelnde Wasser, und das verhasste Zwergenantlitz blickte zur�ck. Dann sah sie erneut zu dem Dunklen auf, und legte all ihren Zorn in ihren Blick.</p><p>�Ich hasse dich�, fl�sterte sie. �Wenn du das tust � Wenn du mich wirklich hier zur�ckl�sst � dann �� Sie verstummte. Mit was h�tte sie ihm drohen sollen? Dennoch hielt sie seinem Blick stand und sah, dass sich etwas darin ver�ndert hatte.</p><p><emphasis>Hass, meine Holde?</emphasis> Es schien ihr, als husche ein Anflug von Traurigkeit �ber seine Z�ge. <emphasis>Unbeugsamkeit und Trotz sind Euer Charakter, meine Holde. Ihr werdet viel mehr erreichen, wenn Ihr Euren eigenen Weg geht. Transformation im K�rper wie im Geiste � nicht weniger ist das Ziel Eures Lehrjahres bei mir. Nutzt es gut. Dann werden wir einander wiedersehen. Ob in Hass oder in Freundschaft, wird sich zeigen.</emphasis></p><p>Er sprach ein Wort der Macht und war, ohne ein Albentor zu �ffnen, von einem Moment auf den anderen einfach verschwunden. Nur die Hitze seiner Worte hallte noch in ihr nach, doch dann verging auch sie. Nandalee war allein.</p></section><section><title><p>Das Gesicht verlieren</p></title><p>Artax� Blick schweifte �ber die weite Ebene. Etwas mehr als eine Meile entfernt �bten die Streitwagengeschwader, die er aus den Piraten aufgestellt hatte. Er war �berrascht gewesen, wie wenige von ihnen in den vergangenen Monden desertiert waren. Er zahlte ihnen guten Sold, und sie waren bei der Sache. Er hatte den unsterblichen Madyas, den Gro�k�nig von Ischkuzaia, an seinem Wandernden Hof besucht und mit ihm �ber eine Gef�lligkeit verhandelt. Madyas� Preis war eine Herde aus f�nfhundert Pferden gewesen. Das war nicht zu viel f�r den Schlag, den er gegen Muwatta plante. Ein Schlag, der den gro�en Krieg vielleicht verhindern w�rde. Noch hatte Artax die Hoffnung nicht ganz aufgegeben, dass die Vernunft siegen k�nnte und sie einen Weg zur Einigung finden k�nnten. Wenn dies allerdings nicht der Fall w�re, sollte sein Heer so gut vorbereitet sein, wie es nur m�glich war.</p><p>Artax� Gedanken schweiften erneut ab zu seinem Besuch am Wandernden Hof. Er hatte gehofft, dort Shaya zu begegnen, doch die Prinzessin war allem Anschein nach noch immer in Nangog. Er dachte oft daran, wie ihm die selbstsichere Kriegerin mit der Dornaxt in der Hand auf dem Deck des schwebenden Palastes gegen�bergestanden hatte. Und an jene Nachmittage, als sie ihn auf dem Krankenlager besucht hatte. Artax l�chelte gedankenverloren. W�rden sie jemals allein miteinander sein k�nnen? In einer H�tte fern der Zeit, wie er sie sich einst mit Almitra ertr�umt hatte? Almitra, deren Bild mit den Monden, die vergangen waren, in seinen Tr�umen ganz und gar zu Shaya geworden war? Er war einer der m�chtigsten M�nner unter den Sterblichen und doch blieben ihm so viele Dinge versagt.</p><p>Deine W�nsche sind l�cherlich, mischte sich die unwillkommene Stimme in seinen Gedanken ein. Was findest du an einem hageren, nach Pferden stinkenden Weibsbild? Wann wirst du endlich deine b�urischen Vorstellungen von Vergn�gen ablegen? Das hier ist Vergn�gen! Artax sah fremde Erinnerungen. Einen engen, mit Blumen geschm�ckten Hof. Die W�nde waren mit erotischen Szenen bemalt. Er war in Urat, dem Palast der Morgenr�te, Aarons Residenz weit im Osten nahe den Bergen von Kush. Ein junges M�dchen gab sich ihm hin. Wie alt mochte sie sein? F�nfzehn? Vierzehn? Ihre Br�ste waren kaum gereift. Sie kniete vor ihm. Sie hatte Angst davor, dass er mit ihr auf jene Weise verkehrte, wie es die G�tter f�r M�nner und Frauen vorgesehen hatten. Zwei Mal hatte er das bereits getan und sich dabei an ihren Tr�nen erg�tzt. Nun begann sie ihn zu langweilen. Sie glaubte, dass sie ihn auf diese Weise befriedigen k�nnte. Glaubte, sie w�rde ihn hereinlegen k�nnen. Ihn, den Unsterblichen. Im Schatten eines S�ulengangs wartete Sulumal, der Hauptmann der Palastwachen, der ihn so tief verstand. Fast waren sie verwandte Seelen.</p><p>�Siehst du auch, wovor sie entflieht?�, rief er ihm zu.</p><p>Sulumal hatte ein hartes, von der Sonne und dem Wind der Berge gezeichnetes Gesicht. Seine Augen waren schwarz wie die Nacht und ohne Gnade. �Ich sah es und war erz�rnt, Erhabener!�</p><p>Das M�dchen lie� von ihm ab. Sie blickte zu ihm auf. Ihre Augen f�llten sich schon wieder mit Tr�nen. �Ich ��</p><p>Er schlug sie so heftig, dass sie zu Boden geschleudert wurde. �Schweig! Wage es nieder wieder, mich anzusprechen, ohne dazu aufgefordert zu sein!� Er wandte sich an Sulumal. �Wie sollen wir sie bestrafen?�</p><p>�In Anbetracht ihres Vergehens w�rde ich vorschlagen, wir bringen sie in die k�niglichen St�lle. Dort k�nnten ihr wahrhaft gro�e Freuden bereitet werden.�</p><p>�Was f�r ein vortrefflicher Vorschlag. Keiner kennt mich wie du.�</p><p>Der Hauptmann trat aus dem Schatten und packte das M�dchen. Sie schlug um sich wie eine Wildkatze, aber gegen die Kraft des Kriegers war ihr Widerstand sinnlos.</p><p>Artax sch�ttelte heftig den Kopf und versuchte den unerw�nschten Erinnerungen zu entkommen. Doch nichts half. Er sah den Stall. Sah, was sie dem M�dchen antaten.</p><p>Artax k�mpfte gegen seinen Zorn an. Den Ekel. Die Tr�nen. Seit einigen Tagen hatte Aaron einen neuen Weg gefunden, ihn zu peinigen. Er lie� Bilder aus den vergangenen Leben in seiner Erinnerung auftauchen. Artax hatte noch keine M�glichkeit gefunden, sich dagegen zu wehren. Immer h�ufiger qu�lte ihn Aaron auf diese Weise. Er w�rde ihn noch in den Wahnsinn treiben. Er w�rde �</p><p>�Sie werden uns zerschmettern�, sagte Juba n�chtern.</p><p>Die Worte des Heerf�hrers hatten den Bann gebrochen. Artax keuchte, noch ganz aufgew�hlt von Aarons Erinnerungen. Was f�r ein Ungeheuer Aaron gewesen war!</p><p>Ein gelangweiltes Ungeheuer. Du wirst deine Moralvorstellungen noch �ndern, das verspreche ich dir. Denk an all das Priesterblut an deinen H�nden. Nur weil du sie nicht selbst get�tet hast, wird dadurch nicht weniger schrecklich, was du getan hast.</p><p>Artax konnte sich nicht erinnern, wie er w�hrend seiner Fiebertr�ume den Befehl gegeben hatte, mit solcher H�rte gegen die verschw�rerischen Priester vorzugehen. Aber er hatte es getan. Oder war es doch Aaron gewesen? Er wusste, dass sein Qu�lgeist einige Male die Herrschaft �ber seinen K�rper an sich gerissen hatte. Wenn er schwach war, krank, m�de oder betrunken. Artax hatte sein Leben ge�ndert, damit das nicht wieder geschehen konnte. Er h�tete sich, seine Kr�fte zu �bersch�tzen, und gab sich keinen Ausschweifungen hin.</p><p>Hab dich nicht so. Steh zu deinen Taten. Damals hast du ausnahmsweise einmal die richtige Entscheidung getroffen.</p><p>�Erhabener?�</p><p>Jubas Stimme zwang ihn zur�ck auf den staubigen H�gel. Artax keuchte. Er hatte die H�nde zu F�usten geballt. �Mir geht es nicht gut�, stie� er hervor und bereute die Worte sofort.</p><p>Juba sah ihn durchdringend an. �Vielleicht solltet Ihr aus der Sonne gehen? Es ist sehr hei� hier und ��</p><p>�Ich m�chte dich um etwas bitten. Wann immer ich scheinbar grundlos den Kopf sch�ttele oder entr�ckt wirke, sprich mich an. Oder besser noch, ber�hre mich. Ich �� Er stockte. Mehr durfte er nicht sagen. Juba war unter all seinen Gefolgsleuten der Treueste und doch konnte er sich ihm niemals ganz anvertrauen. Was sollte er ihm auch sagen? Dass er in Wahrheit einem Bauern diente?</p><p>Er wird dich umbringen, wenn er davon erf�hrt. Er ist zwar nur von niederem Adel und somit wenig mehr als ein Bauer, doch das macht ihn nur umso stolzer.</p><p>Artax kniff die Augen zusammen und versuchte sich ganz auf die Man�ver der Streitwagengeschwader zu konzentrieren. �Was h�ltst du von unseren Piraten?�</p><p>Juba spuckte aus. �Ein Haufen Dreck sind sie. Nichts wert! Wir verschwenden hier unsere Zeit, Erhabener. Es sei denn, Ihr wolltet schon einmal den Ort in Augenschein nehmen, an dem Euer Heer in seinem eigenen Blut ertrinken wird.�</p><p>Artax betrachtete nachdenklich die weite Ebene unter ihnen. Hier w�rden sich die Heere Arams und Luwiens gegen�berstehen. Kush war ein von himmelhohen Bergen eingefasstes Hochtal. Der Talgrund erstreckte sich flach wie eine Tischplatte. An der breitesten Stelle 30 Meilen weit und fast 70 Meilen lang. Dort, wo die Berge anstiegen, gab es Wasser und etliche kleine D�rfer. Kush geh�rte zur Provinz Garagum. Dem Garagum Arams, das benachbarte Hochtal geh�rte bereits zum luwischen Garagum. Es war kein reiches Land. Es war Wahnsinn, so viel Blut zu vergie�en! �Wie viele Tote wird es geben?�</p><p>Juba seufzte. �Bin ich ein Prophet, Herr? Wenn wir uns gut schlagen, werden am Ende der Schlacht von den hunderttausend Kriegern, die hier gegeneinander antreten, vielleicht zehntausend ihr Leben verloren haben. Wenn unsere Truppen in Panik geraten und Muwattas Streitwagengeschwader in die Fl�chtenden hineinsto�en, k�nnte es am Ende auch drei�igtausend Tote und noch mehr geben.�</p><p>�Drei�igtausend! Und du hast keinerlei Hoffnung, dass wir siegen k�nnten?�</p><p>Juba ging in die Hocke, setzte seinen schweren Bronzehelm neben sich in den Sand und blickte lange �ber die Ebene. �Nein�, sagte er schlie�lich. �Da gibt es keine Hoffnung. Die Luwier sind uns in einer offenen Feldschlacht in jeder Hinsicht �berlegen.�</p><p>�Aber unsere schnellen Zweisp�nner k�nnen ihre Flanken umfassen und ��</p><p>�Und was? Wie viele der schnellen Streitwagen k�nnen wir aufbieten? Zweihundert? Dreihundert? Solange seine Truppen in dichter Formation bleiben und ihre Schilde zu einem Wall geschlossen halten, wird das nicht viel nutzen. Und ihre schweren Streitwagen werden wie Rammb�cke in unsere Reihen schmettern. Sie werden durchbrechen!�</p><p>Artax seufzte. Die hei�e Luft glitt in flirrenden Schlieren �ber die Ebene und gaukelte ihm spiegelnde Seen vor, wo es nur wei�en Sand gab. In der Ferne konnte Artax eine einsame Gestalt ausmachen. Ein Wanderer, der inmitten des Meeres aus flie�ender, hei�er Luft zu schweben schien, nicht mehr als ein Schattenriss. Die Gestalt hatte ihren Umhang wie eine Kapuze �ber den Kopf gezogen, um sich vor der Hitze zu sch�tzen.</p><p>Artax wandte sich wieder Juba zu. �Noch dreizehn Monde bis zur Schlacht. Wie ist es hier oben im Mond nach dem Mittsommer? Wird es k�hler?�</p><p>�Nein, hei�er�, entgegnete Juba m�rrisch. Schwei� stand auf dem sonnengebr�unten Gesicht des Kriegers und durchtr�nkte sein rotes Stirnband. Der eckig gestutzte dichte Bart lie� sein Gesicht fast wie ein Quadrat aussehen. �Ihr m�sst Befehl erteilen, dass unsere Krieger den Tag �ber gut mit Wasser versorgt werden. Die Hitze wird sehr schnell den Kampfesmut aus ihnen herausbrennen. �</p><p>Artax blickte zur glei�enden wei�en Sonne am Himmel. �Ab der zweiten Stunde nach dem Mittag wird den Luwiern die Sonne ins Gesicht scheinen. Wenn sie geblendet sind, werden sie schlechter k�mpfen.�</p><p>�Wenn Muwatta kein Narr ist, wird er bereits am Morgen aufmarschieren. Zur zweiten Mittagsstunde wird die Schlacht schon entschieden sein.�</p><p>�Gibt es irgendein Ereignis, das zu unseren Gunsten ausfallen k�nnte?�</p><p>Juba l�chelte breit, aber seine Augen blickten hart. �Die Luwier k�nnten auf dem Anmarsch in einen Staubsturm geraten.�</p><p>�Und wenn wir ihr Wasser vergiften?�</p><p>Wunderbar! Wir sind begeistert. Endlich fruchten unsere Reden. So gewinnt man Schlachten.</p><p>�Spricht da der ehrenvolle Aaron, den ich in den letzten Monden so oft bewundert habe?� Der Feldherr sah ihn nachdenklich an. �Manchmal habe ich das Gef�hl, zwei Seelen leben in Eurer Brust.�</p><p>�Manchmal glaube ich das auch, mein Freund.� Ob er es doch wagen konnte, sich Juba anzuvertrauen.</p><p>Aaron jubelte. Ja, tu das! Wir sind auch daf�r. Eine solche B�rde kann eine Bauernseele nicht alleine tragen. Sag ihm, wer du bist!</p><p>Ein St�ck entfernt rief eine der Wachen. Der Wanderer, der aus der staubigen Ebene gekommen war, war noch etwa hundert Schritt entfernt. Bewaffnete liefen ihm entgegen. Er schlug den Umhang zur�ck, den er �ber den Kopf gezogen hatte. Es war der L�wenh�uptige!</p><p>Sofort knieten die Krieger nieder. Der Devanthar schritt zwischen ihnen hindurch. Artax sp�rte ein flaues Gef�hl im Magen. War nun die Stunde seines Strafgerichts gekommen? Er dachte an die Reformen der letzten Monde. Und die Unruhe im Reich.</p><p>Die bernsteinfarbenen Augen mit der geschlitzten Pupille durchbohrten Artax. Die Rei�z�hne des L�wenh�uptigen blitzten im hellen Licht. Juba wich ein St�ck zur�ck.</p><p>�Du bereitest dich auf den Kampf gegen Muwatta vor? Das ist weise. Muwatta ist weniger um den Ausgang des Kampfes besorgt. Seine Vorbereitungen beschr�nken sich darauf, dass er damit begonnen hat, Truppen f�r die Schlacht zusammenzuziehen.�</p><p>�Er hat Piraten damit beauftragt, die Zinnflotten Arams zu versenken�, emp�rte sich Artax. �Er hat den Krieg schon l�ngst begonnen. �</p><p>�Meine gefl�gelte Schwester hat sich erst vor wenigen Tagen beschwert, dass gekaperte luwische Kriegsschiffe in den H�fen deines Reiches gesehen wurden. H�ltst du dich an deine Friedenspflicht gegen Luwien?�</p><p>�Du wei�t, wie diese Schiffe dorthin gekommen sind�, entgegnete Artax aufgebracht. �Er hat daf�r gesorgt, dass sie den Piraten in die H�nde fielen, damit sie besser bewaffnet waren!�</p><p>�Und du hast die luwischen Gesandten, die die Herausgabe der Schiffe forderten, davonjagen lassen ��</p><p>�Immerhin habe ich ihnen nicht die K�pfe vor die F��e legen lassen.�</p><p>Der L�wenh�uptige bleckte die Z�hne. Dann deutete er auf die Ebene hinaus, wo ziehende Staubwolken die Streitwagen verbargen. �Ich wei�, was du planst. Mir gef�llt es, dass du ihm seine Piraten zur�ckschickst. Allerdings ist meine gefl�gelte Schwester nicht sonderlich angetan von deinen Pl�nen. Sie m�chte deine M�nner mit Blitz und Hagelschlag vernichten. Sie ist entschlossen, Muwatta zu sch�tzen.�</p><p>�Und warum hast du die Piratenflotten nicht auf den Grund des Meeres geschickt? Was f�r eine Gerechtigkeit ist das? Was ��</p><p>�G�tter stehen �ber Gerechtigkeit! Sie sind frei von allen Fesseln! �</p><p>Artax sp�rte den j�hen Zorn des Devanthar wie Flammen auf seinem Leib. Er st�hnte auf. Brach in die Knie. Juba eilte an seine Seite.</p><p>�Hinweg mit dir, du Wurm!� Mit einem Wink seiner Hand schleuderte der Devanthar den Kriegsmeister durch die Luft, als sei er nicht mehr als eine Feder. �Deine Taten und dein neuer Ehrgeiz haben mich unterhalten, Aaron. Ich war gro�z�gig zu dir, doch ich dulde keinen �bermut. Du bist mein Gesch�pf. Ganz und gar. Lehne dich gegen mich auf, und ich werde dich zerbrechen.�</p><p>Aber Artax gab nicht auf und er wollte sich auch nicht einsch�chtern lassen. Sein alter Dickkopf erwachte, sein Kampfgeist, sein Widerspruchssinn, der ihn schon viel Unbill in seinem Leben hatte durchstehen und �berleben lassen. Der Devanthar sprach �ber das Leben Zehntausender Menschen, als w�re es so bedeutungslos wie der Staub auf seinem Umhang. Artax war sicher, dass er dem Zorn des Devanthar nicht widerstehen w�rde. Aber lieber w�rde er sterben, als ein Mann wie Aaron zu werden. �Wenn ich wei�, dass sie der Zorn einer G�ttin treffen muss, weil wir nicht auf dieselbe Gnade hoffen d�rfen wie Muwatta, werde ich meine M�nner nicht ausschicken�, stie� Artax unter Schmerzen aus. Pl�tzlich war er ganz und gar von Flammen umgeben.</p><p>Juba schrie auf und wollte ihm zu Hilfe eilen, aber ein Fingerschnippen des Devanthar warf ihn erneut in den Staub.</p><p>Artax wand sich. Er litt und doch war ihm auch bewusst, dass die Flammen ihn nicht verbrannten. Der Schmerz war echt � alles andere Blendwerk.</p><p><emphasis>Wenn du etwas von mir erbittest, hat das seinen Preis</emphasis>, hallte die Stimme des Devanthar in seinen Gedanken. <emphasis>So hoch du aufgestiegen bist, so tief magst du auch wieder fallen. Ich verspreche dir, deine S�ldner zu sch�tzen, wenn sie deine verwegenen Pl�ne ausf�hren. Aber wenn du scheiterst, wird ein anderer Aaron sein. Und dich werde ich in irgendeinen einsamen Wald Nangogs schicken. Einen Ort, an dem die Gr�nen Geister besonders grausam sind. Und du wirst nicht mehr als nur ein Bauer sein. Der Tod w�re eine zu leichte Strafe f�r dich. Du sollst leben und viel Zeit haben, dar�ber nachzudenken, was du gewonnen hattest, und wie dein Hochmut all das wieder zu Staub werden lie�.</emphasis></p><p>�Du wei�t, wann wir zuschlagen wollen.� Jedes Wort war ein Kampf gegen den Schmerz. Artax bot all seinen Willen auf, doch lange w�rde er nicht mehr durchhalten. Die Schmerzen w�rden ihm seine Sinne rauben. Nur dieser eine Gedanke hielt ihn aufrecht � er w�rde wieder ein Bauer sein! Der Devanthar w�rde ihm sein Leben zur�ckgeben! Was ihm als Strafe erscheinen mochte, gab Artax Kraft. Aber dann �berw�ltigte ihn ein anderer Gedanke. Er w�rde Shaya niemals wiedersehen! �Wird I�tas Aufmerksamkeit abgelenkt sein, weil die Himmlische Hochzeit vorbereitet wird?�, presste er hervor.</p><p><emphasis>Vielleicht. Sie ist eine G�ttin. Vergiss das nie! Dass wir uns mit Sterblichen abgeben, bedeutet nicht, dass wir nach eurem Ma� zu beurteilen sind. Unsere Macht ist unermesslich. Unser Wille ist f�r euch unergr�ndlich. Sollte dein Auftreten dazu f�hren, dass ich mein Gesicht verliere, wirst du dich auf Nangog wiederfinden. Reise mit der Pracht und der selbstbewussten Arroganz eines Unsterblichen. Du bist mehr als ein Mensch. Lass dies jeden sp�ren, der mit dir zu tun hat.</emphasis></p><p>Die Flammen, die Artax umgaben, verloschen. Der Schmerz verebbte. Die Gestalt des L�wenh�uptigen wurde von glei�endem Licht umfangen. Er schwebte, stieg langsam in den Himmel auf und stand dort wie eine zweite Sonne.</p><p>Wachen wie Diener warfen sich in den Staub und selbst die Streitwagen in der Ferne hielten an. K�lte durchdrang Artax und obwohl es ein br�tend hei�er Tag war, begannen seine Z�hne zu klappern, bis er sie fest zusammenbiss und mit geballten F�usten seine Furcht zu beherrschen versuchte. Er wusste, dass er so nah daran war wie noch nie zuvor, die Gunst des Devanthar zu verlieren. Sollte er seine Pl�ne aufgeben? Sollte es ihm egal sein, wenn Tausende f�r ihn auf dem Schlachtfeld ihr Leben lie�en? Sollte er sich zur�ckziehen in die W�lder Nangogs? Wenn er Herrscher blieb, w�rde er vielen tausend anderen eine bessere Zukunft schenken k�nnen, indem er das Reich weiter reformierte und die Sch�tze gerechter verteilte. Was z�hlten da tote Krieger?</p><p>�Hasst er dich?� Juba hatte sich aufgerappelt. Sein Gesicht war aschfahl. Blut troff ihm aus einem Mundwinkel.</p><p>�Nein, das tut er nicht. Er hat mich � erleuchtet.�</p><p>�Ich hoffe, nie ein G�nstling der G�tter zu werden�, sagte der Kriegsmeister aus tiefster �berzeugung.</p><p>Artax tastete �ber seine Arme. �u�erlich waren sie unversehrt und doch schmerzte selbst die leichteste Ber�hrung. �Hol mir Volodi. Ich muss mit ihm �ber meine Pl�ne reden. Er soll nur die leichten Streitwagen nehmen. Geschwindigkeit wird der Schl�ssel zum Erfolg sein, wenn wir zuschlagen. Und �berraschung. Sie d�rfen nicht vor der Mittsommernacht entdeckt werden!�</p></section><section><title><p>Ein blasser Faden</p></title><p>Nandalee entschied sich an der Gabelung f�r den Weg nach rechts. Hier war sie noch nie gewesen, da war sie ganz sicher. Sie rieb die Fackel �ber die Wand und markierte den Gang. Aufmerksam betrachtete sie die Bilder. Ein fortlaufender Fries, der einen Garten zeigte, schm�ckte diesen Gang und kein Wasser bedeckte den Boden. Endlich w�rde sie ihrem Gef�ngnis entkommen. Sie sehnte sich danach, den Himmel zu sehen und Wind auf ihrem Gesicht zu sp�ren. Selbst wenn es ein b�rtiges Zwergengesicht war.</p><p>Nandalee hatte sich an den fremden K�rper gew�hnt. Sie vermochte nicht zu sagen, wie lange sie hier unten schon gefangen war. Viele Tage � Vielleicht auch schon einige Wochen. Ohne je nach drau�en blicken zu k�nnen, hatte sie ihr Zeitgef�hl verloren. Wenn sie in der gro�en Halle war, brachten die Gazala ihr Essen, doch sie sprachen so gut wie nie mit ihr. Und wenn sie es taten, waren ihre Antworten entweder vieldeutig oder ergaben f�r Nandalee keinen Sinn.</p><p>Die Elfe hielt inne. Sie hatte ein Ger�usch geh�rt. Einen Vogelschrei! Der Ausgang aus diesem verfluchten Labyrinth musste nahe sein! Diesmal hatte sie es endlich geschafft! Sie begann zu laufen, hatte kaum noch einen Blick f�r die Bl�tenpracht, die sich auf den W�nden entfaltete. Da war es wieder! Jetzt war sie sich sicher, dass es ein Vogelschrei war. Die Luft wurde auch besser. Sie war schw�l und warm, aber es fehlte der Geruch brackigen Wassers.</p><p>Pl�tzlich zerflossen die Bilder an den W�nden, als seien sie auf spiegelglattes Wasser gemalt, in das man einen Stein geworfen hatte. Sie wellten sich, verformten sich. Der Ausblick �nderte sich � und Nandalee stand wieder am Eingang der weiten, �berfluteten Halle, in deren Mitte sich der flache H�gel erhob, den der Dunkle seinen Thron nannte.</p><p>�berw�ltigt von ihrer Entt�uschung entglitt ihr die Fackel und erlosch zischend im Wasser, das ihr in ihrer Zwergengestalt bis �ber die Knie reichte.</p><p>Zutiefst niedergeschlagen schleppte Nandalee sich zu der flachen Insel. Die Gazala hatten ihr einige Decken dorthin gelegt, damit sie nicht auf nacktem Fels schlafen musste. Die Seherinnen selbst aber waren verschwunden. Manchmal hatte sie das Gef�hl, dass die Gazala durch W�nde einfach hindurchschreiten konnten. Die Einsamkeit zehrte an Nandalee. Fr�her, als sie als J�gerin �ber die weiten Ebenen Carandamons streifte, war sie oft wochenlang mit sich allein gewesen. Damals hatte sie sich nie einsam gef�hlt. Hier war es anders. Hier war sie eingesperrt. Einer Aufgabe �berlassen, die sie nicht zu l�sen vermochte.</p><p>Sie starrte auf ihre H�nde. Die verhassten knotigen Zwergenh�nde. H�nde mit geschwollenen Gelenken und zu kurzen, zu dicken Fingern. Sie schloss die Augen. Tr�nen rannen ihr �ber die Wangen.</p><p>Nandalee zwang sich zur Ruhe. Sie wartete, bis ihr Atem wieder regelm��ig ging, und dachte an den weiten Himmel ihrer Heimat. An das unendliche Blau. Daran, wie sie als Kind auf dem R�cken im Schnee gelegen hatte und sich nicht hatte sattsehen wollen an der unendlichen Weite des Himmels. Diesen Himmel trage ich noch immer in mir, dachte sie. Und niemand kann ihn mir nehmen!</p><p>Sie �ffnete ihr Verborgenes Auge. Der Anblick der Halle war verwirrend, das Gewebe der magischen Linien vielf�ltig. Es war wie ein kostbarer Teppich, in den kunstfertige Bilder gekn�pft waren. Die nat�rlichen Muster waren aufgel�st und einem fremden Willen untergeordnet worden. Langsam hob Nandalee ihre H�nde vor ihr Gesicht. Hier war es ganz �hnlich. Ein fremdes Muster war in die Magie gewoben, die durch sie floss. Unnat�rlich! Wenn sie die Knoten l�sen k�nnte, w�rde alles vielleicht seine urspr�ngliche Form annehmen. Aber sie musste sie entwirren, und durfte dabei nicht mit Gewalt vorgehen. Nichts durchtrennen, denn dann w�rde sie zugleich ihren Lebensnerv durchtrennen.</p><p>Sie hob die H�nde so dicht vor ihre Augen, dass die Handteller fast ihre Nasenspitze ber�hrten. W�rme strahlte von ihren H�nden ab. Sie war sich sicher, dass ein einziges Wort des Dunklen gen�gen w�rde, um ihre R�ckverwandlung einzuleiten. Ein Wort!</p><p>Sie musste sich frei machen von den Fesseln des K�rpers und den Fesseln der Angst, musste eins werden mit dem magischen Gewebe. Sie versuchte, dem Lauf der F�den zu folgen. Den endlosen Kehren. Frei sein.</p><p>Einer der Lichtf�den war anders. Blasser und d�nner. Er wirkte, als sei die Kraft von ihm gewichen. Oder als sei er neu? War er am Ende die Fessel, die sie im Zwergenleib gefangen hielt? Musste sie ihn nur durchtrennen, um endlich wieder sie selbst zu werden?</p><p>Sie entschied, ihm zu folgen. Sie musste wissen, wo sein Ursprung lag. War es der Zauber des Dunklen, dann w�rde dieser zarte Faden sie zu ihm f�hren. Vielleicht wartete er ja sogar darauf, dass sie kam? Vielleicht war dies ihre Lektion und wenn sie ihn fand, dann w�rde er zur�ckkehren, um sie endlich zu erl�sen?</p><p>Sie verengte ihren Blick, bis der blasse Lichtfaden alles war, was sie noch sah. Sie folgte ihm, wurde so winzig klein, dass sie in ihn hineinkriechen konnte, und lie� sich mit ihm gleiten. Sie hatte das Gef�hl, dass eine gro�e Last von ihr abfiel. Alles Schwere blieb zur�ck. Sie flog dahin, eins mit dieser magischen Nabelschnur, die sie mit ihrer Erl�sung verband.</p><p>Der Flug endete mit einem Ruck. Sie hatte sich in einem Kn�uel von Kraftlinien verfangen. Deutlich sp�rte sie ihr Herz schlagen. Die Angst wollte es schier zum Zerspringen bringen. Sie atmete aus und �ffnete die Augen. Ihr Blick war ver�ndert! Viel weiter, so als seien ihre Augen zur Seite ihres Kopfes gewandert. Sie wollte aufschreien und brachte nur ein merkw�rdiges Ger�usch hervor.</p><p>Sie kauerte inmitten eines gro�en Torbogens und vor ihr � Vor ihr lag das Zimmer, in dem sie in der Wei�en Halle gelebt hatte! Nur dass es viel gr��er geworden war. Dazu erschaffen, eine Riesin in sich aufzunehmen. Und es war nicht leer. Jemand lag in ihrem Bett. Die Decke war �ber das Gesicht gezogen. Sie konnte nicht genau erkennen �</p><p>Pl�tzlich richtete sich der fremde Besucher auf. Es war Gonvalon! Was tat er da? Warum war er in ihrem Zimmer? In ihrem Bett! War da � Nein, er war allein. Er wirkte verunsichert und blickte zum Fenster. Sein Gesicht schien ihr schmaler geworden zu sein. Aber vielleicht lag es auch an der ver�nderten Art zu sehen. Der Morgen d�mmerte.</p><p>Er sah sie an. Kam auf sie zu. Wenn sie ihn nur in ihre Arme schlie�en k�nnte! Ihn einmal ber�hren k�nnte!</p><p>Er schob das Fenster hoch und streute ein paar K�rner auf die Fensterbank. �Du vermisst sie auch, nicht wahr?� Die Stimme hallte in ihren Ohren. Ganz fremd.</p><p>�Sie wird nicht mehr kommen, Piep.� Er ber�hrte sie. Seine Hand so riesig, dass er sie zerquetschen k�nnte, strich ihr �ber den Kopf. Sein Gesicht, weit entfernt, wirkte hart. �Sie wird nicht mehr kommen�, sagte er noch einmal, schloss das Fenster und ging zur T�r. Vorsichtig �ffnete er sie einen Spaltweit und sp�hte auf den Flur. Dann schl�pfte er hinaus. Und es blieb nur das Zimmer, kalt im grauen Morgenlicht. Ohne Seele.</p><p>Sie war Piep. Eine Misteldrossel! Es war sinnlos, sich dieser Erkenntnis zu widersetzen. Eben noch war sie in einem verhassten Zwergenleib gefangen gewesen und nun war sie nur noch ein winziger Vogel, g�nzlich unf�hig, sich auszudr�cken. Der Faden aus Licht. Sie musste ihn wieder zu fassen bekommen. Erneut hineinschl�pfen.</p><p>Unruhig trat sie von einem Fu� auf den anderen. Lie� sich fallen. Alle Gedanken und �ngste abstreifen. Alles abstreifen � Da war er wieder. Unverkennbar zwischen den st�rkeren, hell strahlenden F�den des magischen Musters.</p><p>Als sie die Augen �ffnete, war sie wieder ein Zwerg. Und zum ersten Mal, seit der Dunkle sie verwandelt hatte, freute sie sich dar�ber.</p></section><section><title><p>Eins mit der Welt</p></title><p>Er begann verr�ckt zu werden, dachte Gonvalon. Jetzt redete er schon mit V�geln. Ja, er hatte sich eingebildet, dass diese dunklen Vogelaugen ihn so angesehen hatten, wie sie es manchmal getan hatte. Nandalee. Ganz zu schweigen davon, dass er in Nandalees Kammer schlich, um heimlich in ihrem Bett zu liegen. Wenn das entdeckt wurde � Nicht auszudenken.</p><p>Ailyn empfing ihn mit einem L�cheln. Raureif lag auf der Wiese. Bidayn und die anderen, die gekommen waren, wirkten verfroren. Fast alle Meister und Sch�ler hatten sich versammelt. Ihre Blicke lagen auf ihm. Aber sie lasteten nicht auf ihm. Man schien ihm nichts anzumerken, dachte er erleichtert.</p><p>Er hob sein h�lzernes �bungsschwert und gr��te die anderen. Zwei Wochen nach Nandalees Verschwinden hatten die Meister entschieden, dass alle eine gemeinsame �bung t�glich abhalten sollten. Sie wollten das Band untereinander st�rken. Die Sch�ler n�her zusammenr�cken lassen. Vielleicht w�re Nandalee noch hier, wenn sie sich dazu fr�her entschieden h�tten.</p><p>Gonvalon ging in den tiefen Stand des erfahrenen Schwertk�mpfers. Er bewegte seine H�nde, als gelte es, einen gro�en Ball vor seinem Bauch zu balancieren. Langsam. Er hielt das Schwert in der Linken. Die Klinge war dicht an seinen Arm gepresst, Zeigefinger und Mittelfinger der Rechten waren ausgestreckt. Er konnte die Kraft, die das magische Netz durchstr�mte, in sich flie�en sp�ren. Und seine Bewegungen waren in Harmonie mit dieser Kraft. Lange hatte er so nur mit einigen auserw�hlten Sch�lern ge�bt. Ihm war nicht bewusst gewesen, dass Ailyn ihn beobachtet hatte. Vor zwei Wochen war sie �berraschend zu ihm gekommen und hatte vorgeschlagen, dass sie alle seinen Schwerttanz lernen sollten.</p><p>Stolz erf�llte ihn, als er sah, wie sich Sch�ler und Meister mit ihm bewegten. Alle im gleichen Tempo. Selbst Bidayn hatte es schnell gelernt. Noch beherrschten sie nicht alle Figuren, doch den Auftakt hatten sie gemeistert. Dreimal wiederholte er mit ihnen, was sie bereits gelernt hatten, dann begannen sie mit den �bungen f�r eine neue Figur. Sie mussten tief in die Knie gehen. Ein Bein angewinkelt, das andere gestreckt, bis die Sehnen an den Innenseiten der Beine schmerzten. Das �bungsschwert war dicht �ber dem Boden. Die Linke ber�hrte mit Zeigefinger und Mittelfinger den Puls am rechten Handgelenk. Er sp�rte nicht nur das Blut, ganz deutlich f�hlte er auch die Kraft, die alle Dinge in dieser Welt miteinander verband, durch sich hindurchstr�men. Der Schwerttanz lehrte die Sch�ler, eins zu werden mit allem um sie herum. Wenn das gelang, w�rden sie sich nach allen Richtungen hin verteidigen k�nnen. Sie w�rden die Angriffe der Gegner kommen sp�ren, ohne sie sehen zu m�ssen, und ihre Klinge w�rde einen silbernen Bannkreis um sie weben, der f�r die Schwerter der Feinde fast undurchdringlich war. Zum Abschied verneigte er sich und lobte die Besten, aber auch einige der weniger Begabten, die Fortschritte gemacht hatten. Ganz von allein fanden die Sch�ler in Gruppen zusammen, als sie zum Fr�hst�ck gingen.</p><p>�Du hast die Wei�e Halle ver�ndert, Gonvalon�, sagte Ailyn, als alle anderen gegangen waren.</p><p>Er sah sie an und wusste, dass sie kam, um ihn aufzumuntern. �Nicht ich. Du! Ich habe diese �bungen f�r mich und ein paar Auserw�hlte ersonnen. Das war sehr selbsts�chtig. Und ein weiterer Beweis daf�r, wie wenig ich dazu tauge, ein Meister zu sein. Ich sollte zu den Drachenelfen im Jadegarten gehen und k�mpfen.�</p><p>Ailyn hob scherzhaft tadelnd einen Finger. �H�r auf dein Herz und du wei�t, wie sehr du hier gebraucht wirst.�</p><p>�Gerade auf mein Herz sollte ich seltener h�ren.� Kaum waren die Worte �ber seine Lippen, da bedauerte er sie. Er wollte sein Selbstmitleid nicht zu anderen tragen. Sich nicht so sehr offenbaren.</p><p>Sie sah ihn an, als k�nne sie bis auf den Grund seiner Seele blicken. �Opfere die Gegenwart nicht der Vergangenheit.� Sie legte ihm kurz eine Hand auf den Arm. Fl�chtig. Dabei wirkte sie unbeholfen. Sonst blieb sie immer auf Distanz. Gonvalon konnte sich nicht erinnern, dass Ailyn ihn au�er bei Kampf�bungen je ber�hrt h�tte.</p><p>Sie ging ohne ein weiteres Wort.</p><p>Er fragte sich, wie viel sie ahnte. Er musste sich besser beherrschen, durfte sich nachts nicht mehr in Nandalees Kammer schleichen. In ihrem Bett, in ihren Kleidern war noch ein wenig von ihrem Geruch. Wenn er sich in ihr Bett legte, war es fast so, als sei sie noch da.</p><p>Am Morgen war er aufgewacht, weil er glaubte, ihren Blick auf sich zu f�hlen. Dabei starrte ihn nur der kleine Vogel an. Piep hing genauso an ihr wie er. Jeden Morgen war er drau�en auf der Fensterbank und wartete darauf, dass Nandalee zur�ckkehrte.</p><p>Gonvalon l�chelte bitter. Dass er etwas mit einem Vogel gemeinsam hatte, sprach nicht gerade f�r seinen Verstand. Es war nur eine Frage der Zeit, bis jemand bemerkte, was er tat, und er zum Gesp�tt der Wei�en Halle wurde. Er w�rde noch einmal darum bitten, zu den Drachenelfen im Jadegarten versetzt zu werden. Zumindest f�r einige Monde. Auch wenn er dort Nodon treffen w�rde. Vor langer Zeit waren sie einmal Freunde gewesen. Bis seine erste Sch�lerin zwischen sie beide getreten war. Nodon hatte geglaubt, dass sie ihn liebte, und er war �berzeugt gewesen, er habe sie ihm fortgenommen. Und als sie dann starb � Seitdem suchte Nodon einen Grund, sich mit ihm zu duellieren. Er war zum Anf�hrer der Drachenelfen im Jadegarten aufgestiegen und gut mit dem Schwert. Vielleicht w�rde er das Duell sogar gewinnen. Es w�re sicherlich leicht, ihn zu provozieren, dachte Gonvalon. Dann w�rde alles ein Ende finden.</p></section><section><title><p>Spuren im Schnee</p></title><p>Es war das vierte Mal, dass Nandalee in den K�rper des Vogels geschl�pft war. Einmal nur war Gonvalon nicht in ihrem Zimmer gewesen. Auch der Vogelk�rper war ein Gef�ngnis. Sie wusste nicht, ob sie Piep ihren Willen aufzwingen konnte. Sie wollte, dass er immerzu durch das Fenster in ihr Zimmer blickte, aber das hatte er ja auch schon fr�her getan.</p><p>Manchmal wurde Gonvalon durch Pieps Picken an der Scheibe geweckt. Nun sa� sie an dieser Scheibe. Sie konnte nichts sp�ren, nicht ahnen, was in ihm vor sich ging. Hatten V�gel Gedanken? Doch, ganz gewiss! Warum sonst h�tte er immer wieder ihre N�he gesucht? Nur weil es auf ihrem Fenstersims regelm��ig Futter gab? Das mochte sie nicht glauben. Da war dieses Band zwischen ihnen. Und nur zwischen ihnen gab es eine solche Verbindung.</p><p>Sie hatte viele Stunden damit verbracht, ein magisches Band zwischen sich und Gonvalon zu entdecken. Da war nichts, obwohl er ihr mehr bedeutete als die kleine Misteldrossel.</p><p>Gonvalon war auch in dieser Nacht in ihr Bett gekommen. Er lag dort, zusammengerollt wie ein schlafendes Kind, die Decke eng an den Leib gepresst. Nandalee ertappte sich bei dem Wunsch, jene Decke zu sein. In seinen Armen zu liegen. So w�rde es kommen! Der Dunkle hatte versprochen, sie ziehen zu lassen. Aber was geschah, wenn es ihr nicht gelang, ihre wahre Gestalt wiederzufinden? W�rde er sie als Zwerg in die Wei�e Halle zur�ckschicken?</p><p>Nandalee �rgerte sich �ber den Gedanken. Sie sollte ganz den Augenblick leben und sich nicht mit den Sorgen der Zukunft belasten.</p><p>Warum stand Gonvalon nicht auf? Das erste Morgenlicht sickerte �ber die Bergk�mme. Es war an der Zeit, ihn zu wecken! Sie wusste, dass er schnell gehen musste, damit er wieder in seinem Zimmer war, bevor es wirklich hell wurde und die Wei�e Halle erwachte. Die Zeit, die ihr mit ihm blieb, war knapp bemessen, und sie wollte keinen Augenblick verlieren.</p><p>Piep pickte mit dem Schnabel gegen die Scheibe. Der Nachtfrost hatte Eisblumen auf das Fenster gezaubert und das Schnabelpicken hinterlie� kleine Punkte in der Haut aus Eis.</p><p>Piep legte den Kopf schief und betrachtete sein Werk. Wenn sie das nutzen k�nnte � Sie konzentrierte sich. Bot all ihren Willen auf. Piep pickte erneut an der Scheibe. Nicht ganz so, wie sie es gewollt hatte. War er ihrem Willen �berhaupt gefolgt? Es war eine unregelm��ige Linie aus P�nktchen im Eis zur�ckgeblieben.</p><p>Gonvalon erhob sich vom Lager. Er faltete ihre Decke. Sie hatte das nie getan. Dann kam er zum Fenster und �ffnete es.</p><p>�Guten Morgen, mein kleiner treuer Gef�hrte. Ich muss dich entt�uschen. Schon wieder bin nur ich es.�</p><p>Er sieht traurig aus, dachte Nandalee. Er hat nicht viel geschlafen.</p><p>Piep zwitscherte aufgeregt, als wolle er Gonvalon mitteilen, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Gonvalon strich der kleinen Misteldrossel vorsichtig mit einem einzelnen Finger �ber den Kopf. �Treue Seele�, murmelte er. �Du hast mein Bild von V�geln ver�ndert.�</p><p>Jetzt erst bemerkte Nandalee den Schnee auf der Fensterbank. Eine d�nne, puderige Schicht. Vielleicht � Verzweifelt versuchte sie die d�nnen Beinchen des Vogels zu erf�hlen. Sie zu beherrschen. Sie sp�rte Widerstand. Es f�hlte sich an, als w�rde sie eine von Feuchtigkeit verzogene T�r aufstemmen. W�rde sie Piep schaden?</p><p>Sie lie� ihn h�pfen! Es war schwer zu kontrollieren.</p><p>�Was ist denn mit dir los?� Gonvalon sah verwundert auf sie hinab. Wenn sie nur sprechen k�nnte. Nur ein einziges Wort.</p><p>Sie dachte an ihren Namen. Blickte hinab in die d�nne Schicht von Schnee. Wieder war die Welt so viel weiter. Ihr Blickwinkel verschoben. Es war schwer, den Boden zu betrachten. Eine Spur kleiner Dreizacke war im Schnee zur�ckgeblieben. Mit viel Phantasie vermochte man ein N zu erkennen. Sie durfte nicht aufgeben! Wieder begann sie zu h�pfen. Linkisch und unbeholfen. Ihre zierlichen Vogelf��e stanzten ein Muster in den Schnee. Am Ende hatte sie ein verzerrtes A zustande gebracht. Erwartungsvoll blickte sie zu Gonvalon auf.</p><p>�Ich w�nschte, du k�nntest reden. Dich qu�lt etwas, das sehe ich.� Er strich ihr mit einem Finger �ber den Kopf und sie empfand es so intensiv, als habe er wirklich sie ber�hrt.</p><p>�Du musst mit deinen Kr�ften haushalten. Der Winter will seine erste Schlacht schlagen. Der Nordwind wird bald wieder �ber die Berge kommen. Ich kann den Sturm kommen f�hlen. Es w�re klug, wenn du mit deinem Weib und deinem Nachwuchs Zuflucht hier im Zimmer suchst. Da wird euch nichts �� Er lachte auf. �Was tue ich! Ich rede mit einem Vogel!�</p><p>Nandalee begann zu zwitschern und schlug mit den Fl�geln. Warum blickte er nicht in den Schnee?</p><p>�Sogar du bist erschrocken �ber mich, wie ich sehe. Vor dir steht der gr��te Narr der Wei�en Halle und sie nennen mich einen Meister �� Er wandte sich ab.</p><p>Wieder zwitscherte sie. Noch eindringlicher jetzt. Und dann begriff sie, was f�r einen Fehler sie gemacht hatte. Die beiden Buchstaben waren nicht nur krumm und schief, sie standen, von Gonvalon aus betrachtet, auch noch auf dem Kopf!</p><p>�Was f�hrst du f�r ein Spektakel auf?� Er trat noch einmal ans Fenster. Wenigstens das. Nandalee versuchte irgendeinen Laut hervorzubringen, der einem elfischen Wort wenigstens �hnelte. Es war vergebens. Vogelschnabel und Zunge waren nicht dazu geschaffen, Worte zu formen. Nicht bei Drosseln.</p><p>Sie h�pfte in Richtung der Buchstaben und breitete einen Fl�gel aus, um in gro�er Geste auf ihr Werk zu deuten.</p><p>Gonvalon l�chelte. Zumindest das!</p><p>�Was bist du, Piep? Ein Gaukler unter den V�geln?�</p><p>Sie nickte und verneigte sich.</p><p>Ihr Geliebter lachte laut auf. �Man k�nnte meinen, dass du mich verstehst.�</p><p>Wieder nickte und verbeugte sie sich. Dann deutete sie erneut mit einem ausgestreckten Fl�gel auf die beiden krakeligen Buchstaben. Endlich beugte sich Gonvalon vor. Er betrachtete die Spuren im Schnee. Sie h�rte ihn scharf einatmen.</p><p>�Das gibt es nicht! Das �� Er streckte die Hand nach ihr aus und sie h�pfte ihm in die offene Handfl�che. Behutsam hob er sie hoch, bis er sie dicht vor Augen hielt. Sein Gesicht war, durch die Augen der Misteldrossel gesehen, eine weite, leicht verzerrte Fl�che. Fremd und schreckenerregend.</p><p>�Was bist du?�</p><p>Sie piepste, was nat�rlich nicht half.</p><p>�Was bedeutet das? NA? Ist es ein Zufall? Kannst du mir noch mehr schreiben?�</p><p>Sie stie� ein lang gezogenes Trillern aus. Nandalee konnte sp�ren, wie ersch�pft und ver�ngstigt Piep war.</p><p>Gonvalons Hand zitterte. �Flieg hinab vor die Wei�e Halle. Zum Pavillon auf dem s�dlichen Weg, wo � Wei�t du �berhaupt, wo S�den liegt? Haben V�gel Namen f�r Himmelsrichtungen?�</p><p>Wieder piepste sie. Der Schwertmeister hielt sie immer noch dicht vor seine Augen, als hoffe er, auf diese Weise ihr Geheimnis ergr�nden zu k�nnen. �Flieg zum Pavillon�, sagte er schlie�lich und setzte sie wieder auf das Fenstersims. Nandalee war verwundert. Er h�tte sie auch einfach mitnehmen k�nnen. Vielleicht wollte er auf diese Weise ergr�nden, ob sie ihn auch wirklich verstanden hatte.</p><p>Unschl�ssig tappte sie zum Rand des Simses. Wie sollte sie fliegen? Einfach mit den Fl�geln schlagen w�rde wohl nicht reichen. Sie schreckte vor dem unglaublichen Abgrund zur�ck. Eigentlich waren es nur drei oder vier Schritt vom Fenstersims bis zur verschneiten Wiese unter ihrem Fenster. Aber f�r Piep war es � Verdammt, sie war ein Vogel! Nat�rlich konnte sie fliegen. Nicht denken, handeln, schalt sie sich still und st�rzte sich in die Tiefe. Sie streckte die Fl�gel aus und flatterte wild drauflos.</p><p>Nandalee �berschlug sich. Sie st�rzte dem Schnee entgegen und wich zur�ck und � Piep �bernahm das Fliegen. Er war die ganze Zeit �ber hier gewesen. Sie hatte ihn ausgesperrt � Nein, das war nicht das richtige Wort. Sie hatte ihn entmachtet. Ihm seinen K�rper gestohlen und er hatte dabei zusehen m�ssen. Erst ihre Angst hatte ihn befreit. Er fing den Sturz ein paar Handbreit �ber dem Boden ab, st�rmte dem Himmel entgegen und flog halsbrecherisch durch eine L�cke im Ge�st einer Hecke. Sie konnte seinen �bermut f�hlen. Seine Freude daran, wieder ganz Herr seiner selbst zu sein.</p><p>Er flog auf den verschneiten Wald zu, in dem er im Sommer seine Brut aufgezogen hatte. Nat�rlich hatte er nicht verstanden, was mit Gonvalon abgesprochen war. Was er wohl gef�hlt hatte? Konnte er sp�ren, dass sie es war, die sich bei ihm eingenistet hatte? War er ihr b�se?</p><p>Nandalee dachte an Gonvalon. Sie erinnerte sich, wie sie ihm im Sommer nach einer Schwertkampflektion im Pavillon einige K�sse gestohlen hatte. Er hatte protestiert, weil sie so nahe bei der Wei�en Halle waren. Hinter einer Hecke, kaum vierzig Schritt entfernt, �bte ein Fechterpaar, und der helle Klang der Klingen hatte ihren �berfall auf ihn begleitet. Er hatte nicht gewollt, dass ihre Liebe in der Wei�en Halle zum Gespr�chsthema wurde. So hatte Nandalee selbst Bidayn gegen�ber geschwiegen. Allerdings war sie sich ziemlich sicher, dass ihre Freundin zumindest geahnt hatte, was vorging.</p><p>Die Gedanken an Gonvalon brachten s��en Schmerz. Mit ihm die Liebe zu entdecken war das gr��te Abenteuer gewesen, das ihr Leben bislang f�r sie bereitgehalten hatte. Ihm so pl�tzlich und unvermittelt entrissen zu werden hatte sie tiefer ersch�ttert als die Trennung von ihrer Sippe. Vielleicht, weil sie in der Halle des Drachen kaum etwas anderes zu tun hatte, als nachzudenken. Wenn sie nur zum Pavillon k�nnte! Gonvalon wenigstens sehen. Piep hatte den Wald erreicht und landete auf einem kahlen Birkenzweig. Wachsam blickte er zum Himmel. Auf der Suche nach dem Schattenriss eines Falken oder eines anderen R�ubers. Nandalee konnte f�hlen, was ihn bewegte. Er hatte Hunger und er war ein wenig durcheinander. Er konnte ihre Anwesenheit sp�ren.</p><p>Ob sie ihn zum Pavillon locken konnte? Sie dachte an die halb hinter Rosenranken verborgenen S�ulen. An den Fu�boden mit seinem wunderbaren Meeresmosaik. Wie Piep die Dinge wohl sah? Das Meeresmosaik war f�r ihn wahrscheinlich nur eine Ansammlung bunter Steine, so beliebig wie Kiesel, die am Ufer eines Baches lagen.</p><p>Nandalee dachte an die kleinen gelbgr�nen Schmetterlingsraupen, die Piep besonders gerne fra�. Sie versuchte ein Bild von ihnen in ihren Gedanken zu erschaffen. Ein Bild in allen Einzelheiten. Mit den blauschwarzen Haaren, den dunklen Augen. Ein Bild, wie sie sich kr�mmten, um vorw�rtszugelangen. Als sie all ihre Erinnerungen an die Raupen fokussiert hatte, stellte sie sich den Mosaikboden des Pavillons vor. Und sie lie� Raupen dar�ber kriechen.</p><p>Piep trat unruhig von einem Bein auf das andere. Nandalee konnte seinen Hunger sp�ren. Er stie� sich von dem d�nnen Zweig ab und flog. Er eilte dem Pavillon entgegen. Sie hatte ihn �berlistet. Einen Vogel! Sie war nicht stolz auf sich.</p><p>Gonvalon wartete bereits. Der Wind spielte mit seinem weiten wei�en Gewand. Vollkommen in sich selbst versunken, blickte er auf den Boden des Pavillons. Die Bilder des Meeres waren unter einer d�nnen Schicht aus kaltem Wei� verschwunden.</p><p>Piep landete genau in der Mitte des Pavillons. Mit ruckenden Bewegungen sah er sich um. Er suchte die Raupen. Dann dr�ngte Nandalee in sein Bewusstsein. Sie begann ihren Tanz, malte mit zierlichen Krallenf��en und Fl�gelspitzen, doch nachdem sie die ersten beiden Buchstaben ihres Namens geschrieben hatte, vermochte sie sich nicht mehr zu erinnern, wie fortzufahren war. Wieder und wieder versuchte sie es. Es war, als sei auch ihr Wille von einem Fremden gelenkt. War der Dunkle hier? Hatte er einen Bann auf sie gelegt?</p><p>Dreimal hatte sie NA in den Schnee geschrieben. Dann w�rde sie den Ort verraten, an dem sie gefangen war. Es war der Jadegarten. Das verborgene Tal, in das der Dunkle sich zur�ckzog.</p><p>Erneut begann sie ihren unruhigen Tanz. H�pfte, sprang und scheiterte. JA. Das war alles, was sie zu schreiben vermochte.</p><p>Ersch�pft hielt sie inne. Bilder von bunten Raupen best�rmten sie. Hunger.</p><p>Gonvalon blickte zu ihr hinab. Die Buchstaben waren unsauber ausgef�hrt. Manche �berlagerten einander. Was konnte sie tun? Sie hatte NA JA in den Schnee geschrieben! Was mochte er nur denken? Dass sich jemand einen Scherz mit ihm erlaubte?</p><p>Sie hatte einen letzten, verzweifelten Gedanken. Wenn sie sich durch Schrift nicht auszudr�cken vermochte, dann vielleicht durch ein einzelnes Zeichen. Ein Zeichen, das weder ihr Name war, noch etwas �ber den Ort verriet, an dem sie sich aufhielt. Und doch mochte es Gonvalon das Wichtigste mitteilen. Dass sie lebte.</p><p>Nandalee k�mpfte gegen ihre Unbeholfenheit und gegen Pieps Schw�che. Sie hatte ihrem kleinen Freund zu viel abverlangt. Hoffentlich sah Gonvalon, wie ersch�pft der Vogel war.</p><p>Endlich hatte sie ihr Werk vollendet. Sie machte einen H�pfer zur�ck, drehte ruckartig den Kopf und blickte erwartungsvoll zu ihrem Geliebten auf. W�rde er verstehen, was er sah? War es deutlich genug?</p><p>Gonvalon kniete nieder. Seine Finger fuhren �ber die Linien, die sie in den Schnee gezeichnet hatte, dann sah er sie an. Tr�nen standen in seinen Augen. Er streckte ihr die Hand entgegen und sie h�pfte auf die offene Handfl�che. Vorsichtig umfing er sie mit der zweiten Hand. Sie sp�rte seine W�rme.</p><p>Etwas zerrte an ihr. Gonvalon sprach. Aber sie h�rte die Stimme nur noch dumpf, als sei ihr Kopf in Wasser getaucht. Sie wurde durch das magische Band hindurch zur�ckgerissen.</p><p>Etwas dr�ckte ihre Hand. Ihre linke Wange brannte. Sie blickte in opalfarbene blinde Augen.</p><p>�Sieh mich an!�, herrschte die Gazala sie an.</p><p>Nandalee drehte ruckartig den Kopf zur Seite. Eine Hand fuhr �ber ihre b�rtige Wange. Sie zuckte zur�ck, wollte die Fl�gel ausbreiten, um die Balance zu halten. Sie strauchelte.</p><p>�Du darfst das nicht tun! Du wirst dich g�nzlich verlieren. Er will, dass du zu dir findest. Stattdessen beginnst du dich aufzul�sen. �</p><p>Aufl�sen? Was sollte der Unsinn?</p><p>Die Hand der Gazala strich �ber ihr Gesicht. �ber den verhassten Bart. Verharrte auf der faltigen Stirn. �Es ist eine Sache, seinen eigenen K�rper zu verwandeln. Aber wenn du eine Seele verdr�ngst, um ihr den K�rper zu stehlen, dann beschreitest du den Weg der Dunkelheit. Es ist ein Weg der schnellen Erfolge. Am Anfang. Am Ende jedoch verliert jeder, der diesen Weg geht.�</p><p>�Wovon redest du?� Nie zuvor hatte eine der Gazala so lange mit ihr gesprochen.</p><p>�Eines Tages, in ihrer gr��ten Not, wird deine Tochter zu mir kommen. Hierher, in den Thronsaal des Erstgeschl�pften. Dies ist eine von unendlich vielen m�glichen Zuk�nften. Vor einer Stunde erst habe ich sie getr�umt, und deshalb bin ich hierhergekommen. Es h�ngt von dir ab, ob deine Tochter ein Gesch�pf der Dunkelheit oder eine Streiterin des Lichtes ist. Vielleicht wird sie auch im Widerstreit zwischen beidem zerrissen sein. Sie wird noch m�chtiger sein als du, Nandalee. Sie wird die Geschicke Albenmarks lenken. Du aber entscheidest dar�ber, welchen Weg deine Tochter gehen wird. Es war eine gl�ckliche F�gung, dass ich hierherkam, um dich zu finden, bevor deine Torheit dich auf immer ver�ndert h�tte.�</p><p>Nandalee betrachtete die Gazala. Ihren seltsamen, verdrehten K�rper. Elfen�hnlich und doch auch Tier.</p><p>�Lasse dich nicht durch �u�erlichkeiten t�uschen! Es ist leicht zu erraten, was du denkst. Wir alle haben dich beobachtet. Wir kennen deinen widerborstigen Charakter, deine schnellen Urteile �ber andere. Aber wisse, es ist nicht der K�rper, der z�hlt. Es ist die Seele, die darin lebt. Und du warst auf dem Wege, die deine f�r immer zu verformen. Ist dies einmal geschehen, wird deine Seele ver�ndert in den Seelenhort eingehen. Und so wird sie auch wiedergeboren werden. Diesen Makel kann man nicht mehr tilgen.�</p><p>�Was habe ich denn getan?�, fragte sie streitlustig. Dieses sonderbare Weib glaubte doch wohl nicht, dass sie sich von finsteren Prophezeiungen �ber eine Tochter, die sie noch nicht einmal geboren hatte, beeindrucken lassen w�rde? Oder durch den Verdacht, ihre Seele k�nne Schaden nehmen.</p><p>�Du hast dich des K�rpers eines Tieres bem�chtigt, richtig?�</p><p>Nandalee schwieg trotzig.</p><p>�Ich wei� nicht, wie du es getan hast. �blicherweise geht dies nicht ohne die Kraft der Blutmagie. Du dr�ngst die Seele der armen Kreatur zur Seite und bem�chtigst dich ihres K�rpers.�</p><p>Die Elfe drehte ruckartig den Kopf, um dem Starren der blinden Augen zu entgehen. Ihr Nacken war verspannt. Es war ihr unangenehm, dass die Gazala all dies wusste. Aber sie war eine Seherin. Zu viel zu wissen war ihr Wesen.</p><p>�Wenn zwei Seelen f�r eine gewisse Zeit in einen K�rper gesperrt werden, Nandalee, dann verschmelzen sie miteinander. Das kann unterschiedlich lange dauern. Manchmal nur eine Stunde. Ein anderes Mal vielleicht viele Tage. Ist es einmal geschehen, kann es nicht wieder r�ckg�ngig gemacht werden. Fenryl, ein Elfenf�rst, der in Zukunft gro�e Bedeutung haben wird, wird dieses Schicksal erleiden. H�te dich vor diesem Weg, meine Freundin! Ich m�chte dich nicht leiden sehen wie ihn.�</p><p>Nandalee sah die Gazala nachdenklich an. Meine Freundin � Au�er Bidayn hatte sie noch nie jemand ihre Freundin genannt. Das war ein Trick! Oder sah sie etwas, das noch nicht geschehen war, und vermischte Gegenwart und Zukunft?</p><p>�Ich war im K�rper eines kleinen Vogels�, gestand sie. �Ich habe ihn aufgezogen. Es gibt ein Band zwischen uns. Ich bin einfach nur diesem Band gefolgt. Blutmagie ist mir nicht vertraut.� Nandalee verwunderte der Klang ihrer eigenen Stimme. Sie hatte seit Tagen nicht gesprochen. Oder noch l�nger. �Wie lange ist der Dunkle schon fort?�</p><p>�Zu lange, meine Freundin. Auch wir vermissen ihn. Er gibt unseren Visionen eine Richtung und es ist gef�hrlich, ohne F�hrung durch die Abgr�nde der Zukunft zu schweifen. Erst verwirrt es dich nur, dann kommt der Wahnsinn. Es ist ein Fluch, zu viel zu sehen.�</p><p>�Aber kannst du dich denn nicht sch�tzen, indem du in deinen Visionen dein eigenes Schicksal suchst? Wenn du um deine eigene Zukunft wei�t, kannst du sie dann nicht ver�ndern?�</p><p>�Unsere eigene Zukunft zu sehen ist uns verwehrt. Und ich glaube, dies ist ein Segen. Ich k�nnte die Zukunft meiner Schwestern sehen, doch keine von uns geriet bislang in Versuchung. Gleich unsere erste Vision st�rzte den Dunklen in tiefe Zweifel. Sie war sehr stark. Wir alle hatten sie. Jedoch jede in einer eigenen Variante.�</p><p>�Und?�</p><p>Sie l�chelte. �Es ist seine Zukunft. Und es nicht meine Aufgabe, dieses Wissen mit dir zu teilen, meine Freundin. Nur so viel � du hast ihn wahrhaft erschreckt, als du hier erschienen bist. Und w�rest du mit einer Klinge in der Hand gekommen, w�rest du jetzt tot. Im �brigen finde ich, du solltest deine Zwergenkleider ablegen, meine Freundin. Sie verstr�men einen unangenehmen Geruch.�</p><p>Der pl�tzliche Themenwechsel brachte sie aus der Fassung. �Ich soll nackt hier herumlaufen?�</p><p>�Das tun wir doch alle. F�hlst du dich nicht unwohl, als Einzige in Kleidern neben mir und meinen Schwestern? Vielleicht w�rde es dir auch helfen, zu dir selbst zur�ckzufinden. Man ist nackt, wenn man geboren wird � Und der Zauber, nach dem du suchst, ist kaum weniger als die Wiedergeburt der Nandalee.�</p><p>�Werde ich mich verwandeln, oder werde ich mich umbringen? �</p><p>Die Gazala l�chelte. �Du wirst ver�ndert von hier fortgehen. So viel will ich dir �ber deine Zukunft verraten.�</p><p>Na wunderbar, dachte Nandalee. Das kann ja alles hei�en. Wenn so die Orakelspr�che der Gazala aussahen, verstand sie nicht, warum der Dunkle sie um sich versammelt hatte. Sie dachte an ihre Ankunft zur�ck. Als die Halle mit Seherinnen gef�llt war, die alle mit leisen, monotonen Stimmen gesungen hatten. Sie jedenfalls w�rde hier wahnsinnig werden, so viel war sicher. �Nackt werde ich also zu mir selbst finden, glaubst du?�</p><p>�Das Bedr�ckende daran, eine Seherin zu sein, meine Freundin, ist, dass wir nicht glauben, sondern wissen.�</p><p>�Du m�chtest also einen nackten Zwerg sehen?� Nandalee grinste. Auf der anderen Seite � Eigentlich zeigte sie ja gar nicht sich selbst. Dies war nicht ihr K�rper! Warum also nicht? Die Gazala schien zu wissen, wie ihre Zukunft aussah. Vielleicht vermochte sie ihr noch einen Hinweis darauf zu entlocken, wie sie endlich eine R�ckverwandlung erreichen k�nnte. Also begann sie mit den klobigen Stiefeln und der groben Hose. Nandalee war froh, dass der Bart ihr den Blick auf das verstellte, was zwischen ihren Beinen baumelte. Sie streifte die Tunika ab und ein geflicktes Unterhemd.</p><p>�Ich habe noch nie einen nackten Zwergen in Fleisch und Blut vor mir gesehen�, bemerkte die Seherin. �Wei�t du, warum der Dunkle eine Pyramide als seinen R�ckzugsort w�hlte?�</p><p>�Ich wei� nicht einmal, was eine P�hrahmiede ist.�</p><p>Geduldig erkl�rte ihr die Gazala die �u�ere Form des Palastes. Wirklich vorstellen konnte Nandalee sie sich aber immer noch nicht. Abgesehen von der Wei�en Halle hatte sie noch keine Bauwerke aus Stein gesehen.</p><p>�Das wirklich Au�ergew�hnliche an einer Pyramide ist aber, dass sie die magischen Kr�fte b�ndelt�, fuhr die Seherin fort. �Dort, wo sich der Thron des Dunklen befindet, liegt zugleich der Punkt der st�rksten Fokussierung. An dieser Stelle ist es leichter, Zauber zu weben und sie entfalten zugleich eine gr��ere Macht. Wenn du also versuchen m�chtest, dich zur�ckzuverwandeln, solltest du es dort tun.�</p><p>Nandalee blickte zweifelnd in die blinden Augen der Gazala. Konnte sie ihr vertrauen? �Wie hei�t du eigentlich?�</p><p>�Ich bin Firaz. Ich w�nsche dir Erfolg, Nandalee von den Windg�ngern. Habe den Mut, dich selbst zu �berraschen.� Mit diesen Worten zog sie sich zur�ck.</p><p>Verunsichert sah sie der Gazala nach. Die Aussicht, wieder allein in der weiten Halle zu sein, machte ihr zu schaffen. Voller Zweifel wandte sie sich dem Thron zu, der sich gleich einer flachen Insel aus dem �berfluteten Thronsaal erhob. W�rde sie dort Erl�sung finden � oder den Tod?</p></section><section><title><p>Ein blasses Band</p></title><p>Gonvalon blickte auf den kleinen Vogel in seiner Hand. Was immer Piep veranlasst hatte, seinen Tanz im Schnee aufzuf�hren, war von ihm gewichen. Die Aura des Vogels war fast verblasst. Was auch von ihm Besitz ergriffen hatte, es hatte ihn fast get�tet.</p><p>Dem Elfen war eine ungew�hnliche Kraftlinie aufgefallen. Auf dieser Linie war die fremde Macht zur�ckgeflossen, die dem Vogel befohlen hatte, Buchstaben in den Schnee zu zeichnen. NAJA Die Bedeutung blieb ihm schleierhaft.</p><p>Gonvalon atmete mit einem Seufzer aus und schloss sein Verborgenes Auge. Er betrachtete den zerw�hlten Schnee. Das letzte Zeichen lie� keinen Zweifel daran, dass Nandalee versucht hatte, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Es war ein stilisierter Hirsch. Das Totemtier der Windg�nger, ihrer Sippe. Aber warum hatte sie nicht einfach ihren Namen geschrieben? Lag ein Bannspruch auf ihr, der das verhinderte? Und was war sie? Nur noch ein Geist?</p><p>Bislang hatte er nie geglaubt, dass es etwas wie Geister geben k�nnte. Die Seelen der Elfen gingen in den Seelenhort ein, bis sie aufs Neue wiedergeboren wurden. Die Seelen der anderen Albenkinder verblassten einfach. Es gab keine Geister!</p><p>Durfte er hoffen, dass Nandalee noch lebte? Die Antwort w�rde am Ende jenes unscheinbaren blassen Strangs liegen, auf dem die fremde Macht aus Pieps K�rper geflohen war.</p><p>�Wirst du heute noch unterrichten?�</p><p>Die Stimme schreckte Gonvalon aus seinen Gedanken. Lyvianne stand vor dem Pavillon und betrachtete den zerw�hlten Schnee. �War das dein Vogel?�</p><p>Gonvalon z�gerte. Er wollte dem unscheinbaren magischen Band folgen, das von Piep ausging. Aber dazu musste er es ver�ndern. Es deutlicher werden lassen. Er wusste, dass dies jenseits seiner M�glichkeiten lag. Aber w�re es klug, sich ausgerechnet Lyvianne anzuvertrauen? Sie war zweifellos eine erfahrene Zauberweberin, aber sie stand in Verbindung mit dem Verschwinden Nandalees. Immerhin war Bidayn durch sie auf das verborgene Fenster aufmerksam geworden. Und sie hatte ihrer besten Freundin Nandalee davon erz�hlt. Normalerweise verirrten sich keine Sch�ler in diesen abgelegenen Teil der Bibliothek. Steckte hinter alldem ein Plan? Oder war es doch nur ein Unfall? So viele Wochen hatte er sich den Kopf dar�ber zermartert und keine Antwort gefunden. Vielleicht tat er Lyvianne auch unrecht. Vielleicht war Nandalees Verschwinden doch nur ein tragischer Unfall gewesen.</p><p>�Ich komme zum Unterricht�, sagte er.</p><p>Er folgte ihr zur �bungswiese, aber an diesem Morgen war er mit seinen Gedanken nicht bei der Sache. Er absolvierte pflichtbewusst seinen Schwerttanz. Doch war er verschlossen und redete kaum. Nach der �bungsstunde zog er sich in seine Kammer zur�ck, f�tterte Piep und baute ihm aus einem Wollschal ein Nest. Der kleine Vogel war erstaunlich loyal. Dass er immer noch zu Nandalees Fenster geflogen kam � Vielleicht war auch das ein Zeichen? Er fuhr sich durch das Haar. Er musste aufh�ren zu gr�beln und sich davon l�sen, in allem Zeichen sehen zu wollen oder Hinweise auf eine Intrige. Es war ein Unfall gewesen. Sonst nichts!</p><p>Gonvalon fl�chtete sich in Skizzen f�r eine neue Skulptur, �ber die er nachdachte. Er zeichnete mit Kreide auf eine Schiefertafel, doch alles, was er zustande brachte, erinnerte ihn an Nandalee. Selbst abstrakte Formen erschienen ihm pl�tzlich wie ihr angewinkelter Arm, die Rundung ihres Knies oder wie ihr Haar, das in goldenen Kaskaden �ber das Kopfkissen gefallen war, wenn sie neben ihm geschlafen hatte. Immer wieder kehrten seine Gedanken zu der blassen Kraftlinie zur�ck. Wenn er Piep mit sich nahm, k�nnte er der Linie bis zu Nandalee folgen. W�rde er wirklich sie finden?</p><p>Es klopfte und die T�r schwang auf, ohne dass er seinen Gast hereingebeten h�tte. Lyvianne stand im Eingang. Sie trug ihr schwarzes Haar offen. Das eng anliegende Kleid stand der Meisterin gut.</p><p>�Willst du reden?�</p><p>Er wusste es nicht.</p><p>Sie trat ein. Fl�chtig betrachtete sie seine Zeichnungen. �Was ist in dem Pavillon geschehen? Du bist nicht mehr du selbst. Das ist nicht allein den Meistern aufgefallen.�</p><p>�Ich glaube, ich m�chte die Wei�e Halle f�r einige Wochen verlassen.�</p><p>Sie nickte. �Das haben wir uns gedacht. Wir haben �ber dich gesprochen. Vielleicht ist es wirklich das Beste, wenn du eine Zeit lang allein bist. Und jetzt sag mir, was der Vogel mit deinem Gem�tszustand zu tun hat. Ich war mit Bidayn nach den �bungen beim Pavillon. Das sollte ein Hirsch sein, da im Schnee, nicht wahr? Sie sagt, das sei das Totemtier von Nandalees Sippe.�</p><p>�Glaubst du, dass sie noch lebt?�, platzte es aus ihm heraus.</p><p>�Nein�, entgegnete sie ruhig. �Ich w�nschte es � Aber all das Blut am Fenster.�</p><p>�Du kannst es �ffnen, nicht wahr? Ist sie vielleicht ��</p><p>�Warum haben wir dann nichts von ihr geh�rt?�, entgegnete Lyvianne ruhig. �Durch das Fenster kann man an viele Orte gelangen. Das ist Drachenmagie. Sie ist undurchsichtig und gef�hrlich f�r Elfen. Du willst doch nicht etwa ��</p><p>�Ich werde sie suchen!� Gonvalon war von seinen eigenen Worten �berrascht. Er hatte sich bisher keinesfalls entschieden.</p><p>�Du bist ein Narr. Wei�t du, was ich glaube? Nandalee hat durch ihre Aufs�ssigkeit das Missfallen der Drachen erregt. Das war kein Unfall � es war eine Hinrichtung. Du t�test gut daran, sie zu vergessen.�</p><p>Er blickte zu der schlafenden Misteldrossel. �Ich kann nicht�, sagte er leise. �Genauso wenig wie ihr Vogel.�</p><p>�Du l�sst dich in deinen Entscheidungen von einem Vogel leiten? � Pl�tzlich l�chelte Lyvianne. �Du hast mehr mit Nandalee gemeinsam, als ich erwartet h�tte.�</p><p>�Er kann mich zu ihr f�hren.�</p><p>�Unsinn! Er wird dich in dein Verderben f�hren.�</p><p>�Nein!� Er entschied, sich Lyvianne anzuvertrauen. Was hatte er schon noch zu verlieren? Er erz�hlte ihr von den Ereignissen des Morgens und von dem blassen Band, das sich zwischen den magischen Kraftlinien verbarg. �Glaubst du, man k�nnte dem Band eine kr�ftigere Farbe geben, sodass man ihm leichter folgen kann? Oder es st�rker leuchten lassen?�</p><p>Sie sah ihn eine Weile schweigend an. �Bist du dir im Klaren, worum du mich bittest? Ich glaube nicht. Um einen solchen Zauber zu weben, m�sste ich Blutmagie wirken.�</p><p>Es war, wie er vermutet hatte. Sie war viel tiefer in die Geheimnisse der Zauberei eingeweiht als andere Elfen. Aber sie konnte helfen. �Was ben�tigst du?�</p><p>�Einen Platz, an dem wir beide allein sind. Ein junges Reh. Und auch einige Tropfen von deinem Blut. Glaube nicht, dass du nur zusehen wirst. Wenn du anwesend bist, wird der Zauber auch dich ver�ndern. Ist sie das wert? Du wei�t doch nicht einmal, was du am Ende dieses Bandes finden wirst.�</p><p>�Ich muss diesen Fluch brechen!� Er sagte es mehr zu sich selbst als zu Lyvianne. �Ich muss wissen, was aus ihr geworden ist.� Er blickte auf und sah in die kalten Augen der Meisterin. �Ich w�rde jeden Weg gehen, um Nandalee zu finden.�</p><p>�Aber sie ist nicht mehr hier!�</p><p>Gonvalon lie� sich nicht beirren. �Wenn ich bis zum Ende der blassen Linie gegangen bin, werde ich wissen, was mit ihr geschehen ist! Wirst du mir helfen?�</p><p>Sie sah ihn lange aufmerksam an, dann nickte sie. �In vier Tagen stehen die Sterne g�nstig. Wir treffen uns drau�en im Wald. Dort, wo du deine heimlichen Stelldicheins mit ihr hattest. Bring den Vogel mit und ein junges Reh.�</p></section><section><title><p>Das Opfer</p></title><p>Es war zu kalt f�r den Herbst. Der erste Schnee war wieder geschmolzen, aber eine nasse, alles durchdringende K�lte nistete im Geh�lz. Der Ziegenbock, den Gonvalon an einem Strick hinter sich herzog, meckerte verdrie�lich. Er hatte das Tier einigen Kobolden abgekauft. Ein Reh zu fangen war ihm einfach nicht gelungen. Nandalee h�tte ihren Spa� gehabt, wenn sie gesehen h�tte, wie ungeschickt er sich angestellt hatte. Er war kein J�ger! Jedenfalls nicht f�r diese Sorte Wild.</p><p>Hoffentlich w�rde Lyvianne den Bock akzeptieren. Er war kleiner als ein Reh, aber etwas anderes hatte er nicht auftreiben k�nnen.</p><p>Piep gab einen kl�glichen Laut von sich. Er hatte der Misteldrossel einen kleinen K�fig aus Weiden�sten geflochten, den er nun an seinem G�rtel trug. Der Vogel hasste es, eingesperrt zu sein. Bis sie den Wald erreicht hatten, hatte er streitlustig gezwitschert und gegen den K�fig aufbegehrt, als k�nne er mit seinen zarten Fl�geln das Weidengeflecht sprengen. Doch nun war auch er still geworden. Er sp�rte es, genau wie der Bock. Etwas Fremdes war in diesem Wald. Und der Wald selbst schien �ngstlich zu lauern. Kein L�ftchen regte sich. Kein Laut war zu h�ren.</p><p>Gonvalon konnte kaum drei Schritt weit sehen. Doch den Weg zu dem geheimen Zufluchtsort, an dem Nandalee ihm ihre Liebe geschenkt hatte, w�rde er auch mit verbundenen Augen finden. Nebel stieg aus dem Boden, als sei es der Atem von etwas, das sich unter den Schichten aus totem Laub verborgen hielt. Mit klammen Fingern griff er hinauf bis zu Gonvalons H�ften. Obwohl sich kein Wind regte, wogte der Nebel zwischen den B�umen. Es war eine beh�bige Bewegung. Gelassen, doch un�bersehbar.</p><p>Der Ziegenbock dr�ngte sich an Gonvalons Beine, als g�be ihm die Ber�hrung Trost und Sicherheit.</p><p>Gonvalons Gedanken weilten bei Nandalee. Ihr Gesicht begann in seiner Erinnerung zu verblassen. So sehr er sich auch bem�hte, es zu halten. Machte er sich etwas vor, wenn er dem magischen Band folgte, das von dem Vogel ausging?</p><p>�Dieser Bock ist alles?�</p><p>Lyviannes Stimme schreckte Gonvalon aus seinen Gedanken. Er hatte sein Ziel noch nicht erreicht. Warum lauerte Lyvianne ihm hier auf? Und wo war sie? Verwundert sah er sich um. Der Bock meckerte leise und versuchte �ngstlich, sich zwischen seine Beine zu zw�ngen.</p><p>Ein Schatten l�ste sich von einem Holunderdickicht. Lyvianne. Hatte sie einen Zauber gewoben, der geholfen hatte, sie zu verbergen? Ihr Gesicht und ihre H�nde waren mit Ru� geschw�rzt. Sie trug ein dunkelgraues Kleid aus zerknittertem Stoff. Es war, als sei sie eins mit dem Holunder gewesen.</p><p>Ein kalter Lufthauch streifte Gonvalon. Der Nebel floh vor Lyvianne. �Dies ist kein guter Ort�, sagte sie entschieden.</p><p>�Es ist noch ein St�ck, bis wir ��</p><p>Sie hob ihre ru�geschw�rzten H�nde. �Das ist ein noch schlechterer Ort!�</p><p>�Du hast ihn bestimmt!�, entgegnete er �rgerlich. Sie hatte einen Zauber gewoben. Er konnte ihn sp�ren. Es war eine Art Magie, die ihm unvertraut war. Zehrend und dunkel.</p><p>�Ich habe mich geirrt.� Ihre Z�hne blitzten durch ein L�cheln. �Dieser Ort ist von einem Zauber durchdrungen, der uns nicht n�tzlich sein wird. Man kann eure Liebe sp�ren � immer noch. Was du aber w�nschst, ist dunkel, Gonvalon. Bist du dir deines Wunsches wirklich sicher?� Die hellbraunen Sprenkel in ihren Augen begannen zu leuchten. Ihr Blick schlug ihn in seinen Bann. Diese Augen � Sie waren vertraut aus einer Zeit, die in Dunkelheit verschwunden war. Sie <emphasis>ist</emphasis> die Dunkelheit, dachte er.</p><p>�rgerlich sch�ttelte er den Kopf! Was f�r ein Unsinn! Sie wollte das erreichen. Ihn zweifeln lassen. �Ich bin mir sicher. Ich w�rde jeden Weg gehen, um zu Nandalee zu gelangen.�</p><p>Sie neigte den Kopf zur Seite und sah ihn lange an. Schlie�lich streckte sie ihm wortlos die Hand entgegen. Ihre Ber�hrung lie� ihn erschauern. Wieder hatte er das Gef�hl, in die Dunkelheit jenseits der Nacht gezogen zu werden, der er seinen Namen verdankte. Gonvalon. Winterkind.</p><p>Der Nebel floh in Spiralen vor Lyviannes Schritten. Wieder �berlief Gonvalon ein Schaudern, doch diesmal entsprang es der Macht des Zaubers, den er sp�rte. Der Nebel formte einen Tunnel um sie herum. Er hatte das Gef�hl, der Wirklichkeit entr�ckt zu sein. Wie in einem Traum, in dem man mit einem Schritt etliche Meilen �berwand.</p><p>Der Ziegenbock sperrte sich. Er stemmte die Hufe in den dunklen Waldboden. Gonvalon packte ihn und klemmte ihn unter den Arm. Das Tier keilte aus. Verzweifelt k�mpfte es um seine Freiheit.</p><p>Endlich hielt Lyvianne inne. Der Nebel wich weiter von ihnen zur�ck. Sie befanden sich jetzt auf einem niedrigen H�gel. Eine Gruppe toter, von Efeu erstickter B�ume umgab sie. Knochenbleich strahlte das Holz im Mondlicht, wo sich die Rinde abgesch�lt hatte. Es roch nach Moder und Tod.</p><p>Gonvalon sp�hte zwischen den B�umen hindurch. Nebel lag wie ein Leichentuch �ber dem Land. Es gab keinen zweiten H�gel, soweit sein Blick in der Dunkelheit reichte. Keinen Wald. Nichts. Nur den Nebel, der die ganze Welt verschlungen zu haben schien.</p><p>�Wo sind wir hier?�</p><p>�Wir sind einen weiten Weg gegangen. Und wir sind hier nicht allein.�</p><p>Gonvalon sah sich beklommen um. Er ging in sich und �ffnete sein Verborgenes Auge. Das Netz der Kraftlinien war verzerrt. Viele strebten auf einen der B�ume zu, andere schienen ihm auszuweichen. Nie zuvor hatte er ein solches Muster gesehen. Der Baum war von einer machtvollen weiten Aura umgeben. Ein strahlendes hellblaues Licht, durch das sich purpurne Adern zogen. Lyvianne trat an den Baum heran. Ihre Auren �berschnitten sich. Die purpurnen Adern durchdrangen das Leuchten, das Lyvianne umgab. Einer der Lichtarme streckte sich Gonvalon entgegen.</p><p>Etwas versuchte in seinen Geist vorzudringen. Ein beseelter Baum, dachte der Elf. Bisher kannte er nur Geschichten �ber diese seltsamen B�ume, deren Wurzelwerk angeblich bis Nangog und Daia reichte.</p><p>�Dies ist Matha Naht, die mich vieles gelehrt hat.�</p><p>Gonvalon schloss sein Verborgenes Auge. Er sp�rte, wie ihn die sich ausweitende Aura des Baums umfing. Holunder. Der Busch war zur Gr��e eines kleinen Baumes angewachsen. Wie die anderen B�ume hier oben wirkte er tot. Auf den ersten Blick.</p><p>Der Ziegenbock auf Gonvalons Arm hatte es aufgegeben zu k�mpfen. Vor Schrecken starr blickte er zu Matha Naht. Was er wohl sah? Auch Piep f�rchtete sich. Er zwitscherte �ngstlich und schlug so wild mit den Fl�geln, dass Gonvalon Angst bekam, er k�nne sich verletzen. Die Tiere waren kl�ger als er. Er sollte sich nicht mit dieser Kreatur einlassen. Und doch war dies der einzige Weg, um zu Nandalee zu gelangen. Er hatte keine Wahl.</p><p>�Wir m�ssen das Blut der Ziege �ber den Wurzeln nahe dem Stamm vergie�en. Matha Naht wird es trinken, und wenn sie an Kraft gewinnt, wird sie den Zauber f�r dich weben.�</p><p>�Und was tust du?�</p><p>�Ich sehe zu und lerne. Die Blutmagie ist mir kaum vertraut. Sie ist sehr machtvoll. Wir sind Zauberweber. Wir nutzen die Kraftlinien und lassen ein neues Gespinst erstehen, wenn wir die Wirklichkeit ver�ndern. Blutmagie aber l�scht Linien aus. Die Kraft, die dabei freigesetzt wird, ist ungleich gr��er.�</p><p>Gonvalon betrachtete die abgestorbenen B�ume auf der H�gelkuppe. Waren sie Opfer Matha Nahts? Oder war jemand hierhergekommen, um den beseelten Holunder zu bek�mpfen?</p><p>�Deine Gedanken ver�rgern sie, Gonvalon. Du solltest jetzt den Ziegenbock n�her zum Stamm bringen und ihm die Kehle durchschneiden. �</p><p>Es widerstrebte ihm zutiefst, von einem Baum Befehle anzunehmen. Wie hatte er so tief sinken k�nnen?</p><p>�Du kannst gehen�, sagte Lyvianne. �Aber das Opfertier bleibt hier.�</p><p>�Ich werde nicht fortlaufen�, entgegnete er matt. �Ich wei�, was ich will, und bin bereit, die n�tigen Opfer zu bringen.�</p><p>Lyvianne deutete auf eine schlammige Stelle nahe des Stammes. Knorrige Wurzeln bedeckten den Boden. Der Bock gab einen kl�glichen Laut von sich, als Gonvalon ihn absetzte. Wieder dr�ngte er sich eng an die Beine des Elfen.</p><p>Lyvianne reichte ihm einen Dolch. Eine merkw�rdige Waffe, deren Griff aus einem mit Lederriemen umwickelten Krummhorn gefertigt war. Das Stichblatt bestand aus schwarz schimmerndem Obsidian. Der Dolch kam ihm ungew�hnlich schwer vor. Und unnat�rlich k�hl. Gonvalon packte die H�rner des Bocks und bog dessen Kopf nach hinten. Der Dolch drang tief in die Kehle des Tiers. Pulsierend spritzte das Blut hervor, und die Hufe zerw�hlten im Todeskampf den Schlamm. Eines der Augen starrte Gonvalon unverwandt an, bis das Leben g�nzlich aus dem Bock wich.</p><p>Lyvianne nahm ihm den Dolch aus der Hand. Die Elfe beugte sich �ber den Kadaver. Mit ge�bten Schnitten �ffnete sie die Bauchh�hle. Ihre Hand glitt in die klaffende Wunde und sie zerrte die Leber hervor. Pr�fend betrachtete sie das blutige Organ von allen Seiten und sch�ttelte schlie�lich den Kopf. �Es war nicht genug.�</p><p>�Was soll das hei�en?�</p><p>�Dass du ein junges Reh h�ttest bringen sollen, wie ich es dir aufgetragen hatte. Ein Ziegenbock ist kein Ersatz daf�r. Er ist kleiner und ihm fehlt die wilde Kraft eines Gesch�pfes, das in Freiheit aufgewachsen ist.�</p><p>Gonvalon war davon �berzeugt, dass dieser verfluchte Baum das Blut f�r seine eigenen Zwecke genutzt hatte. Die Wurzeln zu seinen F��en schienen sich um ein Weniges verschoben zu haben. Und von dem Baum ging eine widerw�rtige K�lte aus. �Was will der Holunder?�</p><p>�Matha Naht, Gonvalon. Nenn sie bei ihrem Namen. Sie ist nicht einfach nur ein Baum! Matha Naht will ein wenig von deiner Kraft nutzen. Damit k�nnte der Zauber vollendet werden. Das ist doch immer noch dein Wunsch, nicht wahr?� Kaum merklich sch�ttelte sie den Kopf, aber er ignorierte es. �Was muss ich tun?�</p><p>Lyviannes Augen weiteten sich. �Du musst dich ihr ganz �berlassen. Sie will mit dir allein sein. Sie wird von deinem Blut trinken.�</p><p>�Gibt es keinen anderen Weg?�</p><p>�Sie behauptet zu wissen, wie sie den Zauber vollenden kann.�</p><p>Gonvalon blickte zu dem dichten Holunder. Einige �ste reckten sich in seine Richtung. Ein unheimliches Knarren begleitete die Bewegung.</p><p>�Tu es nicht!�, zischte Lyvianne.</p><p>�Du hast mich doch hierhergebracht.�</p><p>�Ich hatte nicht erwartet, dass sie dich f�r sich allein haben will. Du kannst ihr nicht vertrauen. Sie ist hinterh�ltig. Ihr Wort z�hlt nichts!�</p><p>�Und all das sagst du mir in ihrer Gegenwart? Du, die du mich hierhergebracht hast? Wie sollte ich deinem Wort trauen?�</p><p>�Sie h�rt schlecht�, fl�sterte Lyvianne. �Sprich leiser. Und denk an etwas anderes. Unsere Gedanken und Gef�hle bleiben ihr nicht verborgen. Doch dem gesprochenen Wort vermag sie kaum zu folgen. Liefere dich ihr nicht aus. Sie wird dich qu�len. Viel mehr als von Blut vermag sie sich von Angst zu n�hren. Bleib nicht allein bei ihr!�</p><p>�Ich f�rchte mich nicht vor einem Baum.�</p><p>�Das wirst du, das verspreche ich dir. Das wirst du!�</p><p>Ihre Sorge schien aufrichtig. Zweifelnd blickte er zum Holunderbaum.</p><p>�Denk an etwas anderes�, fl�sterte sie.</p><p>Gonvalon glaubte nicht, dass dem Holunder irgendetwas entging, was auf dieser Insel inmitten des Nebelmeers geschah. Vielleicht waren Lyviannes Warnungen ein Teil des Spiels, das die beiden mit ihm trieben. Er wandte sich ab und blickte auf den wogenden Nebel. K�lte kroch ihm in die Glieder. In der Ferne heulte ein Wolf. Drei Herzschl�ge sp�ter erhielt der einsame Rufer eine Antwort. Der zweite Wolf war n�her.</p><p>Der Elf atmete aus, lie� alle Gedanken fahren und �ffnete sein Verborgenes Auge. Das Band, das von Piep ausging, hatte seine Farbe ver�ndert. Es war nun von einem blassen Rot. Fast nur rosa. Es wurde schw�cher. Die Verbindung zu Nandalee starb ab. Er w�rde sie endg�ltig verlieren! Es hatte am Morgen begonnen. Vielleicht war sie � Er verbannte diesen Gedanken. Er musste das Band wieder kr�ftigen. Und wenn er dazu ein wenig von seinem Blut geben m�sste, w�rde ihn das nicht schrecken. Er wollte sie zur�ck! Um jeden Preis.</p><p>Entschlossen trat Gonvalon vor den Holunder. �Ich bin bereit! Nimm von mir, was immer du brauchst, um den Zauber zu vollenden. �</p><p>Die d�rren �ste raschelten, obwohl es v�llig windstill war.</p><p>�Sie will, dass du deine Kleider ablegst�, sagte Lyvianne mit tonloser Stimme.</p><p>Gonvalon gehorchte. Er dachte an Nandalee. Ganz gleich, was der b�sartige Holunder ihm antun w�rde, er w�rde im Geiste nicht hier sein. Er w�rde sich v�llig verschlie�en. Sich an das verblassende Bild seiner Geliebten klammern. Ihm blieb keine Zeit, nach einem anderen Weg zu ihr zu suchen. Dass das d�nne Band zwischen der Misteldrossel und Nandalee verblasste, konnte nichts Gutes bedeuten. Er musste sich beeilen, oder er w�rde sie ein zweites Mal verlieren. Und diesmal w�re es f�r immer, da war er sich ganz sicher.</p><p>Als er sich hinsetzte, um seine Stiefel auszuziehen, beugte sich Lyvianne �ber ihn. �Bleib nicht! Sie hat die Macht, deine Seele zu zerst�ren. Selbst wenn du zu Nandalee zur�ckfinden w�rdest, w�rst du nicht mehr der Mann, den sie geliebt hat. Der wirst du nie mehr sein.�</p><p>�Der werde ich auch nicht sein, wenn ich nicht versuche, sie zu finden. Auch wenn die Hoffnung auf Erfolg noch so klein ist.�</p><p>�Du bist ein Narr�, sagte sie freundlich. �Und ich bin stolz � dich zu kennen.� Sie k�sste ihn auf die Stirn. Einen Moment lang sah es aus, als wolle sie noch etwas sagen, dann wandte sie sich abrupt um.</p><p>Gonvalon legte seine Kleider ab, faltete sie sorgf�ltig und schichtete sie �bereinander. Dann trat er an den verwachsenen Stamm des Holunders.</p><p>�Sie will, dass du dich setzt, mit dem R�cken zum Stamm hin.�</p><p>Der Elf gehorchte. Es war unangenehm k�hl. Er war angespannt. Etwas lag in der Luft � Er wusste, das Lyvianne recht hatte. Sich auszuliefern war dumm. Er konnte die Boshaftigkeit Matha Nahts sp�ren. Ihr Verlangen danach, ihn zu qu�len.</p><p>Erneut heulte ein Wolf im weiten Nebelmeer.</p><p>�Lebe wohl.� Lyvianne murmelte etwas, das er nicht verstand. Dann verschwand sie in der Dunkelheit.</p><p>Wurzeln legten sich um seine Oberschenkel. Wie dunkle Schlangen wanden sie sich. Nur sehr langsam. Sie waren kalt wie Eis. Etwas ber�hrte ihn an der Schulter. Ein dicker Spross schob sich knirschend aus der Rinde und legte sich um seinen Hals. Er zog sich enger, bis seine Kehle so sehr zugedr�ckt wurde, dass er keuchend um jeden Atemzug ringen musste.</p><p>Ein abgebrochener Ast bohrte sich in seinen Arm und Blut perlte �ber seine blasse Haut.</p><p>Das Wolfsgeheul klang nun sehr nah. Sie mussten am Fu� des H�gels sein.</p><p>Gonvalons Herz schlug schneller. Die Schreckensbilder jener Nacht, die ihm den Namen Winterkind gebracht hatte, dr�ngten sich wieder auf. Die toten W�lfe im Schnee. Die Angst und die K�lte.</p><p>Es begann zu schneien! Der Elf fluchte stumm. Konnte Matha Naht in seinen Gedanken lesen? Was war sie? Die Schneeflocken funkelten im Sternenlicht. Die K�lte war bet�ubend. Selbst ohne die Fesseln aus �sten und Wurzelwerk h�tte er sich kaum noch bewegen k�nnen.</p><p>Er dachte an die erste Begegnung mit Nandalee. Die Winternacht, in der sie sich in einem eisigen Bach vor den Trollen versteckt hatte. Sie war hart. H�rter, als er es war. Nackt war sie durch den Schnee geflohen. Sie hatte nie aufgegeben! Sie, die beste Sch�lerin, die er je unterrichtet hatte. Er musste k�mpfen! Er wollte sie zur�ck.</p><p>Die Fessel um seinen Hals zog sich noch ein wenig enger. W�rgend rang er um Atem. Entsetzt sah er an sich herab. Noch weitere �ste hatten ihn umschlungen. Aus einem Dutzend kleiner Wunden perlte Blut. Dieser verfluchte Baum!</p><p>Der Schnee blieb liegen. Gonvalon h�rte ein leises Rascheln. Schatten huschten zwischen den abgestorbenen B�umen. Er vermochte keinen klaren Blick auf sie zu erhaschen, aber das war auch nicht n�tig. Er wusste, wer da gekommen war. Angelockt vom Geruch des Blutes.</p><p>Das war nur ein Trug. Matha Naht wollte ihm Angst machen. Sie wusste um seine Schw�chen. Gonvalon versuchte sich das Bild Nandalees ins Ged�chtnis zu rufen. Stattdessen sah er nur den verblassenden Faden, der sie mit Piep verband. Sie lag im Sterben, eine andere Erkl�rung konnte es nicht geben! Ihre Lebenskraft verging. Nichts hielt sie mehr in Albenmark. Er musste sie schnell finden.</p><p>Ein Wolf trat aus den Schatten der toten B�ume. Ein hageres Tier. Die Rippen stachen durch sein Fell. Die schmale Schnauze war halb kahl. Das Rudel schickte seinen �ltesten. Den, der den geringsten Verlust bedeuten w�rde.</p><p>Der alte R�uber war vorsichtig. Leicht geduckt, den Schwanz eingeklemmt, n�herte er sich.</p><p>Gonvalon b�umte sich gegen seine Fesseln auf. Er wollte ein weniger h�her rutschen, doch vermochte er sich kaum einen Zoll zu bewegen.</p><p>Der Wolf musterte ihn eindringlich, den Kopf leicht schief gelegt. In seinen kalten blauen Augen lag Verstand. Er wagte sich n�her. Er hatte begriffen, dass Gonvalon nicht fliehen konnte. Er schnupperte. Lyviannes Witterung musste noch deutlich wahrnehmbar sein.</p><p>Der Wolf war jetzt keinen halben Schritt weit mehr von seinen F��en entfernt. Wieder best�rmten Gonvalon die �ngste jener l�ngst vergangenen Winternacht. Es waren keine klaren Erinnerungen. Nur die �ngste waren geblieben. Schnappende Kiefer. Die eisige K�lte. All dies hier konnte nur ein Trugbild sein, das Matha Naht heraufbeschworen hatte. Sie wollte die schlummernden �ngste in ihm wieder wecken.</p><p>Gonvalon klammerte sich an die Erinnerung an Nandalee. Er fl�sterte ihren Namen.</p><p>Im gleichen Augenblick biss ihm der alte Wolf in den Fu�. Er konnte die Knochen knacken h�ren.</p><p>Gonvalon schrie auf.</p><p>Der Wolf zerrte an seinem Fleisch. Er drehte w�tend den Kopf, stemmte die Pfoten in den gefrorenen Boden � und dann kam das Rudel.</p><p>Der Elf b�umte sich in den Fesseln auf. Der alte Wolf kam frei. Blut spritzte auf sein Fell. An Gonvalons linkem Fu� fehlten drei Zehen. Dann fielen die anderen �ber ihn her. Gruben die Kiefer in sein Fleisch.</p></section><section><title><p>Metamorphose</p></title><p>Drei Mal schon hatte Nandalee das Essen, das ihr die Gazala brachten, nicht mehr anger�hrt.</p><p>Waren drei Tage vergangen? Sie wusste es nicht. Niedergeschlagen kauerte sie auf dem flachen <emphasis>Thron</emphasis>, der sich �ber das dunkle Wasser erhob. Die Zeitspanne von einem Atemzug zum anderen erschien ihr wie eine Ewigkeit. Sie hatte jedes Gef�hl f�r den Fluss der Zeit verloren. Wie lange war sie schon hier? Warum kam der Dunkle nicht zur�ck?</p><p>Sie stellte sich die Fragen noch gelegentlich, doch sie weckten keine Emotionen mehr. Weder Zorn noch Verzweiflung. Sie f�hlte sich wie tot. Wie eine Pflanze, die ohne Licht verk�mmerte, selbst wenn sie in fruchtbarer Erde stand und gen�gend Wasser hatte.</p><p>Nandalee hatte aufgegeben. Sie starrte den verhassten Zwergenk�rper an, blickte auf die unf�rmige Hand. Sie �ffnete ihr Verborgenes Auge. Sie konnte sehen, wie die feinen Kraftlinien unnat�rlich verformt waren. Verdreht und gestaucht sahen sie aus. Wie konnte sie zu sich zur�ckfinden? Tausende Male hatte sie sich diese Frage gestellt. Und immer wieder dr�ngte sich die Erinnerung an Sayn auf. An seinen schrecklichen Tod. Dem Dunklen war es so leicht gefallen, sie in diesen Leib zu zwingen. Sie jedoch konnte diesem Gef�ngnis nicht entfliehen.</p><p>Sie dachte an die Worte, die der Dunkle ihr zum Abschied gesagt hatte: <emphasis>Wesentlich ist, dass Ihr Euch gut an Euer Inneres erinnert.</emphasis> Was f�r ein b�sartiger Hohn! Wie sollte sie sich an ihr Inneres erinnern? Die Form ihrer Knochen und Muskeln, die Lage von Adern und Sehnenstr�ngen. Sie wusste, wie das Innere eines Hirsches oder eines Hasen aussah. Aber wie konnte man sich an etwas erinnern, das man nicht kannte?</p><p>Sie hatte auch erwogen, ob er es im �bertragenen Sinne gemeint haben k�nnte. Ihre inneren Werte vielleicht? Aber was hatten die mit ihrem K�rper zu tun? Ihrer Seele? Das, was sie ausmachte? Was sie war? All das f�hrte zu nichts.</p><p>Sie dachte an Gonvalon � seine Ruhe und die Kraft, die darin lag. Er h�tte ihr helfen k�nnen, dessen war sie sich ganz sicher. W�re er nur hier! Mit ihm an ihrer Seite w�rde sie zur�ck zu sich finden.</p><p>Sie war nicht mehr zornig, auch wenn sie mit ihrem Schicksal haderte. Sie hatte nicht mehr die Kraft dazu. Wieder starrte sie auf ihre Hand. Wie konnte sie ihr wieder die richtige Form geben? Vielleicht, wenn sie loslassen w�rde? Konnte man auf magischer Ebene loslassen? Sich strecken, so als ginge es nur um verspannte Glieder?</p><p>Sie fixierte ihre Hand und w�nschte, dass sie wieder auss�he wie zuvor.</p><p>Ein stechender Schmerz fuhr durch ihre Finger. Die Kraftlinien verschwommen vor ihren Augen. Tr�nen rannen �ber ihre Wangen. St�hnend kr�mmte sie sich. Der Schmerz war �berw�ltigend. Die Gelenke der Fingerknochen knackten. Es f�hlte sich an, als w�rden ihr die N�gel aus dem Fleisch gerissen. Nein, schlimmer. Als wolle man ihr die ganzen Finger ausrei�en.</p><p>Ihr Verborgenes Auge hatte sich geschlossen. Sie blinzelte die Tr�nen fort. Die Hand war angeschwollen. Etwas schien unter ihrem Fleisch zu kriechen. Sie sah, wie sich die Knochen bewegten. Ihr wurde �bel vor Schmerz, ihr Magen rebellierte. Sie erbrach dunkle Galle. Dann war es vor�ber, so pl�tzlich, wie es begonnen hatte. Ihre Hand war schlank. Die Finger lang und doch kraftvoll.</p><p>Sie hatte ihre Hand zur�ck! Und die Narben waren verschwunden. Ihre Fingerkuppen! Sie waren ohne Narbengewebe, ganz so, wie sie ausgesehen hatten, bevor Nandalee durch das verfluchte Fenster getreten war. Sie schluchzte. Sie konnte sich gar nicht satt an ihrer Hand sehen. Tr�nen standen ihr in den Augen. Vorsichtig tastete sie �ber ihr Gesicht, erf�hlte die verst�mmelte Nase und das Narbengeflecht, wo eine Augenbraue h�tte sein sollen. Sie seufzte. Wenigstens hatte sie eine Hand zur�ck. Sie betrachtete sie von allen Seiten. Die Hand sah grotesk aus, am Ende eines gedrungenen Zwergenarms. Wie war ihr der Zauber gegl�ckt? Hatte es gen�gt, sich die Hand zur�ckzuw�nschen? Das tat sie schon seit vielen Tagen. Was war dieses Mal anders gewesen?</p><p>Nandalee lie� sich zur�cksinken. Sie war zu Tode ersch�pft. Ihre Glieder zitterten unkontrolliert. Sie hatte sich gehen lassen. War das der Schl�ssel? W�rde sie so ihre wahre Gestalt zur�ckerlangen? Einfach nur daran denken und die Magie flie�en lassen, wie sie es beim Bogenschie�en tat, wenn sie selbst mit verbundenen Augen ihr Ziel traf? Fand ihr K�rper von allein seine Form? Sie wusste es nicht, aber sie w�rde es versuchen. Ein pl�tzliches Gl�cksgef�hl lie� sie allen Schmerz vergessen. Sie konnte es schaffen. Endlich hatte sie den Weg gefunden!</p><p>Nandalee zupfte an dem verhassten Bart, der ihr zur Brust hinabwucherte. Seine Tage waren gez�hlt. Nein, seine Stunden! Erneut �ffnete sie ihr Verborgenes Auge, stellte sich vor, wie das Muster aus Kraftlinien, das sie sah, wieder seine gewohnte Form annahm. Sie w�rde wieder in Harmonie mit allem um sich herum sein. Es war ein Flie�enlassen und �</p><p>Der Schmerz traf sie wie ein Dolchsto� in die Brust. Sie b�umte sich auf. Ihr Brustkorb dehnte sich. Etwas riss, und ein warmer, metallischer Geschmack drang in ihren Mund. Sie w�rgte � Und erbrach Blut!</p><p>Der Schmerz nahm ihr die Sicht, Feuerkreise tanzten vor ihren Augen. Sie kr�mmte sich und schrie, bis sie das Gef�hl hatte, ihre Kehle m�sse zerrei�en. Blut rann aus ihren Augen und Ohren. Panik �berfiel sie. Sie dachte daran, wie Sayn gestorben war. Ein kurzer Erinnerungsblitz � dann l�schte der Schmerz alles Denken aus.</p></section><section><title><p>Unwillkommen</p></title><p>Artax blickte �ber die Hochebene zur Stadt Isatami. Hier wurde in jeder Mittsommernacht die himmlische Hochzeit gefeiert. Die Vereinigung von Himmel und Erde, von Mensch und Gott. Isatami war nicht die Hauptstadt des luwischen Reiches, doch hier schlug das Herz des Kultes um den unsterblichen Muwatta und die Gefl�gelte I�ta. Die weitl�ufigen Mauern Isatamis wurden von Tausenden bunten Zelten belagert. Die Festlichkeiten um die himmlische Hochzeit dauerten mehr als eine Woche und aus allen Provinzen des Reiches str�mten Schaulustige herbei.</p><p>Der H�gel, auf dem sich zwischen verwitterten Statuen aus grauem Stein das magische Tor befand, lag etwa drei Meilen von Isatami entfernt. Eine breite Stra�e, flankiert von blumengeschm�ckten G�tterschreinen, f�hrte in fast gerader Linie auf die Tempelstadt zu.</p><p>�Wir sind bereit, Herrscher aller Schwarzk�pfe�, sagte sein Hofmeister Datames leise. �Alle haben das Tor durchschritten, und der Festzug ist aufgestellt.�</p><p>Artax blickte zu Datames hinab. Der Hofmeister hatte so viel Schminke aufgetragen, dass sein Gesicht wie eine Maske wirkte. Er trug einen Wickelrock, der bis zu den Kn�cheln herabreichte und eine mit bunten Rechtecken bestickte Tunika. In seinem breiten G�rtel steckten zwei goldene Griffel, die Zeichen seines Amtes, und ein fast armlanger Dolch, dessen Elfenbeingriff mit Smaragden geschm�ckt war. Die mit anliegenden H�rnern geschm�ckte Haube verbarg sein Haar. H�tte er einen Bart, er h�tte sehr stattlich ausgesehen. So erschien er seltsam.</p><p>Der Festzug war perfekt organisiert. Er war ein Spiegelbild der Macht und des Reichtums von Aram. Seltsamerweise hatte Datames, bis sie durch das magische Tor getreten waren, nach Ausfl�chten gesucht, nicht mitzukommen. Artax hatte ihm das nicht durchgehen lassen. Er musste schon auf Juba verzichten, der sich bei den Streitwagengeschwadern der S�ldner aufhielt. W�rde noch ein weiterer �ber die Grenzen hinaus bekannter W�rdentr�ger des Reiches in seinem Gefolge fehlen, mochte das als eine Beleidigung aufgefasst werden.</p><p>�Du hast gute Arbeit geleistet, Datames.� Einen Moment �berlegte Artax, den Hofmeister einzuladen, neben ihm im Streitwagen nach Isatami einzuziehen, doch es mochte als Schw�che ausgelegt werden, wenn er Datames so nah an seiner Seite duldete.</p><p>�Du darfst dich zur�ckziehen.�</p><p>Der Hofmeister verneigte sich und entfernte sich wortlos.</p><p>Artax setzte seinen Helm auf und klappte die Maske vor sein Gesicht. Das Metall lag k�hl auf seinem Antlitz. Fast wie eine zweite Haut.</p><p>Er hob die Z�gel und blickte fl�chtig nach dem Sklaven mit dem reich bestickten Sonnenschirm, der schr�g hinter ihm stand. Von einem solchen Sklaven mit Sonnenschirm begleitet zu werden war ein Privileg, das allein den M�chtigsten des Reiches vorbehalten war. Artax fand es albern. Er war ein Leben lang ohne dem�tige Diener mit Schirmen ausgekommen, die hinter ihm herschlichen. Er hatte mit Datames dar�ber gestritten, sich aber letztlich gef�gt. Es war ein Teil dieses Auftritts, wie seine pr�chtigen Gew�nder und all das andere. Es war wie beim Brotbacken. L�schte man das Feuer unter dem Ofen, wenn man die Laibe schon hineingeschoben hatte, w�rde alles verderben.</p><p>Artax lockerte die Z�gel und mit knirschenden R�dern setzte sich der Streitwagen in Bewegung. Er wurde von vier milchwei�en Stuten gezogen, auf deren K�pfen bunte Federb�schel wippten. Die t�rkisblauen, mit Silberf�den durchwirkten Pferdedecken waren erst wenige Tage zuvor vollendet worden. Die alten Decken, die das Symbol der gefl�gelten Sonne getragen hatten, waren aus den k�niglichen St�llen entfernt worden. Nun zeigten sie Bilder von Aaron auf der Gazellenjagd und wie er auf einem Schlachtfeld �ber die K�rper erschlagener Feinde hinwegschritt. Muwatta sollte schon bei ihrer ersten Begegnung klar sein, dass dies ein freundschaftlicher, keinesfalls aber ein dem�tiger Besuch war.</p><p>Der L�wenh�uptige begleitete sie nicht. Er schien es nicht zu m�gen, sich dem Volk zu zeigen, und Artax hatte Sorgen, dass er vielleicht allein vor I�ta stehen w�rde. Die Devanthar hasste ihn, da war er sich ganz sicher. Und sie w�rde nach dem Zweikampf in der Goldenen Stadt nach einer Gelegenheit suchen, ihn zu dem�tigen.</p><p>Er blickte die Prachtstra�e entlang. Tausende Schaulustige waren gekommen, jubelten ihm zu und warfen Bl�tenbl�tter auf den Weg. Manche hielten Kinder hoch, damit sie ihn sehen konnten. Die Pferde seines Gespanns warfen nerv�s die K�pfe in den Nacken. Die Menschenmenge und der L�rm beunruhigten sie. Artax zog die Z�gel ein wenig straffer an.</p><p>Die Prachtstra�e wurde von Kriegern Muwattas flankiert. Auf jeden Schritt ein K�mpfer auf jeder Seite des Weges. Sechstausend bis zum Stadttor. Sie hatten die Schwerter gezogen. Die Klingenspitzen zeigten zum Boden. Jeder von ihnen trug ein Eisenschwert. Muwatta nutzte die Gelegenheit, die Macht seines Heeres zu zeigen. Die Krieger trugen zwar noch Bronzehelme und nur vereinzelt Schuppenpanzer, aber diese Schwerter machten sie jedem Gegner �berlegen. Sechstausend Eisenschwerter! Sie w�rden in seine Krieger fahren wie die Sichel ins Korn.</p><p>Artax hatte schon Bronzeschwerter gesehen, deren Klingen versilbert worden waren, um poliertes Eisen vorzut�uschen. Aber diese Waffen hier waren echt. Daran hegte er keine Zweifel. Und die dreihundert Mann seiner Himmelsh�ter, der Leibwache seines Palastes, w�rden es auch sehen. Von ihnen besa�en nicht einmal drei�ig Schwerter aus Eisen. Vielleicht h�tte er auf den L�wenh�uptigen h�ren sollen � diese Reise war nicht klug! Muwatta brauchte einen Krieg, um seine Ehre wiederherzustellen, und er w�rde sich niemals zu einem Friedensschluss �berreden lassen. Es sei denn, er, Artax, fand einen Weg, ihn zu erpressen � Der Maskenhelm verbarg Artax� L�cheln. Er hatte sich einige Gedanken gemacht und war recht zuversichtlich, zumindest eine kleine Hoffnung auf Erfolg zu haben.</p><p>Das Stadttor �ffnete sich. Fanfaren erschollen und Trommeln, deren Schlag wie Donner dr�hnte. Muwatta ritt auf einem zweizahnigen Kopfschw�nzler, einem Elefanten! Verdammter Bastard! Neben ihm w�rde er in dem vergoldeten Streitwagen wie ein Zwerg aussehen.</p><p>Muwatta ist eben kein Bauer. Er wei�, wie man einen Auftritt zelebriert. Du h�ttest auf uns h�ren und in der gro�en L�wens�nfte kommen sollen. Die w�re deutlich eindrucksvoller als dieses W�gelchen.</p><p>Artax versuchte seinen Qu�lgeist zu ignorieren und blickte zur�ck auf den langen Zug an H�flingen und Kriegern, der ihm folgte. Datames hatte an nichts gespart. Der Auftritt war eindrucksvoll. Jeder im Gefolge war nach Sch�nheit und gutem Wuchs ausgesucht und in erlesene Gew�nder gekleidet. Der Hofmeister �berlie� nichts dem Zufall, wenn er einen Auftritt inszenierte. Selbst auf kleinste Details achtete er. So hatte er mit Wachen und Dienern sogar einstudiert, wie sie gehen sollten. Die Krieger traten mit festem Schritt auf, und sie alle marschierten im gleichen Takt, was etwas Bedrohliches hatte. Die Diener und Gabentr�ger hingegen schritten mit leichtf��iger Eleganz. Artax w�re niemals auf die Idee gekommen, sich um so etwas zu k�mmern, aber es ver�nderte das Bild des Auftritts. Das lie� sich nicht von der Hand weisen und zumindest das konnte Muwatta nicht �bertrumpfen, indem er sich auf einen Elefanten setzte.</p><p>Die S�nften der Haremsdamen zu sehen, versetzte Artax einen leichten Stich. Er musste an Aya denken. Sie war eine der drei gewesen, die ihn in seiner ersten Nacht als Aaron besucht hatten. Er hatte sie gemocht. Sie war frech und lebhaft gewesen. Nicht so unterw�rfig und vorsichtig wie die meisten der anderen Frauen des Harems. Datames hatte ihm von Ayas Schicksal erz�hlt. Sie war aus dem Harem entflohen, doch als sie erkennen musste, dass sie wohl niemals dem Palast entkommen k�nnte, hatte sie sich in die L�wengrube gest�rzt. Wenn sie ihm doch nur etwas gesagt h�tte! L�ngst schon wollte er den Harem aufl�sen. Ihr Tod war so sinnlos gewesen. Er h�tte sie f�r den Fluchtversuch nicht bestrafen lassen.</p><p>Ihr Lachen klang ihm noch immer im Ohr.</p><p>Er wandte den Blick nach vorn � Muwatta war nur noch weniger als hundert Schritt entfernt. Artax z�gelte die Pferde und stieg vom Wagen. Auch ihn hatte Datames gelehrt, wie man mit mehr Anmut schritt. Er hatte Wasserkr�ge auf dem Kopf balancieren m�ssen, um seine Haltung zu verbessern. Und er hatte reichlich Kr�ge zerbrochen, bis dem Hofmeister zum ersten Mal ein Lob �ber die Lippen gekommen war. Nun half es. Artax f�hlte sich selbstsicher. Er wusste, dass er auf jeden der Zuschauer stattlich wirkte.</p><p>V�lliger Bl�dsinn! Keiner von uns hat sich je zu so etwas herabgelassen. Entweder man ist m�chtig und strahlt es aus, oder man ist ein Wurm. Ob du watschelst oder schreitest, �ndert nichts daran.</p><p>Ihr meckert wie die Ziegen, dachte Artax. Immer dieselbe Leier. Bauer, Bauer, Bauer. Dass den Aarons nicht mal etwas Neues einfallen konnte als diese vermeintliche Beleidigung, die er, Artax, gar nicht als eine solche empfand. Sein Leben als Bauer hatte ihn ausgef�llt. Nun ja. Jetzt war er Herrscher geworden, und deshalb schritt er jetzt eben beeindruckend einher und hielt Reden, statt mit krummem R�cken auf dem Acker zu stehen und Unkraut auszurupfen. Na dann, dachte er. Auf in den Kampf.</p><p>Die Rufe der Menge verstummten. Alle beobachteten gespannt die Begegnung der beiden Unsterblichen. Sicherlich kannte hier jeder die Geschichte um das Duell in der Goldenen Stadt.</p><p>Der Elefant hielt wenig mehr als einen Schritt entfernt. Schwarze Augen blickten melancholisch zu ihm herab. Artax war �berrascht zu sehen, dass der zweizahnige Kopfschw�nzler lange Augenwimpern hatte. Das machte seinen Blick erstaunlich menschlich. Ein gellender Befehl des Treibers lie� das gro�e Tier niederknien. Muwatta sa� unter einem Baldachin und machte keine Anstalten herabzusteigen. �berheblich gr��end hob er die Rechte. �Es �berrascht mich, dich hier zu sehen, Aaron. Bist du gekommen, um dich zu unterwerfen?�</p><p>�Ich bin hier, um zu sehen, wie du die himmlische Hochzeit vollziehst, Bruder.�</p><p>Muwatta verstand gewiss genau, wie das gemeint war. Doch er schaffte es, seine Stimme zu beherrschen, als er entgegnete: �Stimmt es, dass du in den letzten beiden Jahren keinen Nachkommen mehr gezeugt hast, Bruder? Meine Priester k�nnen dich segnen. Vielleicht hilft das? Deine Priester verfluchen dich, wie man h�rt.�</p><p>Muwatta trug ebenfalls seinen Maskenhelm. Artax konnte das Gesicht des Unsterblichen nicht sehen, aber er war sich sicher, dass Muwatta seinen Auftritt genoss.</p><p>�Ich hatte gehofft, wir k�nnten �ber Frieden sprechen�, sagte er eine Spur lauter als bisher. �Aber wie es scheint, wiegen die Leben deiner Krieger leicht in der Waagschale deines Stolzes.�</p><p>�Das siehst du falsch�, entgegnete Muwatta ebenfalls etwas lauter. �Meine Krieger tragen eiserne Waffen. Sie werden deine Krieger niedermetzeln, und deine M�nner wissen das. Jene, die du mitgebracht hast, werden weitererz�hlen, was sie hier gesehen haben. Wenn wir uns in einem Jahr auf dem Schlachtfeld begegnen, wird dein Heer mit dem Wissen aufmarschieren, dass es geschlagen werden wird. Die Moral deiner M�nner wird so schlecht sein, dass ich gar keine eisernen Klingen br�uchte, um zu triumphieren. Nicht ich werfe hier Leben in die Waagschale meines Stolzes. Du tust es.�</p><p>Muwatta hatte mit jedem Wort recht. Artax griff nach dem Verschluss des Maskenhelms. Er �ffnete ihn und nahm den Helm ab. Dabei l�chelte er. Er kam aus einem kleinen Dorf. Feilschen und Schachern hatte zu seinem Leben geh�rt, seit er laufen gelernt hatte. �Es ist immer eine Freude, einen Gegner zu haben, der sich seiner Sache so sicher ist. Am Abend nach der Schlacht werde ich dir erkl�ren, warum du verloren hast. Und nun wollen wir nicht weiter Angst und Zweifel in die Herzen deiner Untertanen s�en. Heute ist ein Festtag. Wenn ich es richtig verstanden habe, wirst du eine sch�ne Jungfrau besteigen, und wenn du es schaffst, sie zu schw�ngern, dann werden die Felder im n�chsten Jahr reiche Fr�chte tragen.�</p><p>�Aber, mein Freund, wo sind deine Manieren? Hunde besteigen eine H�ndin. Und vielleicht Barbaren ein Weib. Ich aber werde der Auserw�hlten dieser Nacht ein unvergessliches Vergn�gen bereiten. Und nun sei eingeladen, meinen Elefanten zu <emphasis>besteigen</emphasis>. Hier vorne, werter Aaron. Bei der kleinen Treppe. Nicht von hinten.�</p><p>Artax h�rte die Umstehenden verhalten lachen. Er breitete die Arme aus. �Ich gebe mich geschlagen. Mit Worten bist du wahrlich treffsicherer als mit deiner Klinge.�</p><p>Muwatta deutete zu der zierlichen vergoldeten Treppe, die seitlich der Howdah �ber die Flanke des zweizahnigen Kopfschw�nzlers hinabhing, reichte ihm sogar die Hand und zog ihn das letzte St�ck auf den Elefantenr�cken, wo sie gemeinsam auf dem breiten Thron unter dem seidenen Baldachin Platz nahmen. Artax suchte nach Worten, um mit dem Herrscher Luwiens noch einmal ins Gespr�ch zu kommen. Es musste doch einen Weg geben, diesen Irrsinn aufzuhalten.</p><p>Unter den scharfen Befehlen des Treibers wendete der Elefant und ging zur�ck zum Stadttor. Artax gab seinem Gefolge ein Zeichen, ihnen zu folgen. Sie hatten das Tor fast erreicht, als auch Muwatta seinen Maskenhelm abnahm. Er hatte schulterlanges, leicht gewelltes Haar. Sein Bart war �beraus eindrucksvoll und reichte ihm bis zur Mitte der Brust. Er strahlte eine erdr�ckende Selbstsicherheit aus. �Wei�t du, ich habe ernsthaft �berlegt, dich und dein ganzes Gefolge ermorden zu lassen. Hierherzukommen und mich vor meinem Volk zu beleidigen war �beraus frech. Bist du so verzweifelt oder so dumm?�</p><p>�Ich will Frieden f�r unsere Reiche! Es gibt so viel Sinnvolleres zu tun, als diese Schlacht zu schlagen.�</p><p>�Dann �berlass mir deine H�lfte der Provinz Garagum. Du wirst ohnehin nicht verhindern k�nnen, dass ich sie mir nehme. Das w�re eine weise Tat.�</p><p>Das l�sst sich nicht von der Hand weisen. Allerdings wird man dich dann in Zukunft den Schwanzlosen nennen und nicht mehr ihn.</p><p>�Eben fragtest du noch, ob ich dumm sei. Wie kannst du da mit weisen Taten rechnen?�</p><p>Muwatta strich sich �ber den Bart, dann sch�ttelte er bed�chtig den Kopf. �Unsere Gespr�che f�hren zu nichts. Ich werde einige deiner f�higeren Berater ermorden lassen. Dann hatte dieser Besuch wenigstens einen Nutzen f�r mich.�</p><p>�Die M�nner, die ich mitgebracht habe, sind verzichtbar.�</p><p>Muwatta schenkte ihm ein strahlendes L�cheln. �Du bist ein schlechter L�gner. Glaube nicht, dass ich meine Feinde nicht kenne. Ich habe Spitzel an deinem Hof, und ich wei�, dass dieser bartlose Schn�sel, den du als Hofmeister h�ltst, wertvoll ist. Du bist zu sp�t gegen meine Piraten ausgezogen, um deine Zinnflotten zu retten, und damit, dass du Datames hierhergebracht hast, hast du seinen Untergang besiegelt. Sein Tod ist bereits vorbereitet, und du wirst ihn nicht verhindern k�nnen. Siehst du dein Schicksal? Jeder deiner Schritte f�hrt dich n�her an den Abgrund.�</p><p>Artax� Hoffnungen hatten sich in Luft aufgel�st. Als er vor Jahren mit Siran, dem reichsten Bauer seines Dorfes, im Streit gelegen hatte, war er uneingeladen auf der Hochzeit von dessen j�ngster Tochter erschienen. Er hatte ein paar h�bsche Geschenke mitgebracht und sich h�flich benommen. Danach war ihr Streit erledigt. Aber Muwatta war nicht Siran und ein Streit zwischen K�nigreichen verlief wohl nach anderen Gesetzen als ein Streit auf dem Dorf. Artax w�nschte, er w�re nicht hierhergekommen. Um einen R�ckzieher zu machen, war es jetzt zu sp�t.</p></section><section><title><p>Der H�ter der goldenen Gew�lbe</p></title><p>Talawain pr�fte noch einmal den Sitz seiner Kleider, die ihm die Rolle des Hofmeisters Datames aufzwangen. Die mit Dr�hten versteifte Robe war �beraus unbequem, aber sie war n�tzlich. Er h�tte nicht hier sein sollen. Mit H�nden und F��en hatte er sich gewehrt. Ihm war klar, dass er sich dadurch verd�chtig gemacht hatte. Es war selbstverst�ndlich, dass der Hofmeister eine solche Reise nicht nur organisierte, sondern auch an ihr teilnahm.</p><p>Beklommen blickte er zu der gro�en Stufenpyramide. Artax und sein engeres Gefolge waren zu einem gro�en Festgelage auf eine Dachterrasse des Palastes geladen. Von hier aus hatte man den besten Blick auf die Zikkurat, die Stufenpyramide, auf deren Spitze jener kleine, wei�e Tempel stand, in dem die Himmlische Hochzeit vollzogen wurde. Es gab keine W�nde. Nur vier plumpe S�ulen, die ein leichtes Dach st�tzten. Alle sollten Zeugen sein, wie der Unsterbliche das Ritual vollzog. Barbarisch! Selbst f�r die Verh�ltnisse von Menschen, dachte Talawain.</p><p>Genauso barbarisch wie die plumpe Beleidigung, die ihre Unterbringung darstellte. Aaron und sein Gefolge waren in Schilfb�ndelhallen auf dem Hof des Palastes einquartiert. Vordergr�ndig hie� es, man habe keine Zeit gehabt, f�r den �berraschenden Besuch angemessene Quartiere zu finden. Schilf war zu zehn Schritt langen B�ndeln zusammengebunden, die man zu B�gen kr�mmte und an Holzpfl�cken im Boden verankerte. Viele dieser B�gen hintereinander bildeten eine Halle. Dicht an dicht standen siebzehn solcher Hallen im weiten Palasthof. Einige der niederen Diener aus Aarons Gefolge waren notd�rftig in St�llen untergebracht. Die Schilfb�ndel waren mit Duft�len durchtr�nkt worden, was Talawain nicht als Bereicherung empfunden hatte. Man hatte zu sehr �bertrieben! Dr�ckte man fest gegen das Schilf, sickerte Duft�l von schlechter G�te hervor. Rosen�l und andere Duftstoffe waren mit billigem Oliven�l gestreckt worden. Die Duftnote, die sich daraus ergab, war wahrlich unverwechselbar. In keiner der Hallen konnte Talawain l�nger verweilen, ohne Kopfschmerzen zu bekommen. Allerdings schienen die Menschen unempfindlicher zu sein.</p><p>Unruhig schweifte Talawains Blick �ber die Palastterrasse. Der Elf konnte die Anwesenheit von mindestens zwei Devanthar sp�ren. Zu sehen vermochte er sie jedoch nicht. Vielleicht hatten sie Menschengestalt angenommen.</p><p>Die Devanthar waren vollendete T�uscher � und sie waren in seinen Augen nicht nur Feinde. Er hatte auch Respekt vor ihren F�higkeiten. Und gerade deshalb wollte er nicht hier sein. Es war unvern�nftig und gef�hrlich, denn er wusste, wie unendlich sie ihm �berlegen waren. Am Hof Aarons war es ihm bisher stets gegl�ckt, sich im Hintergrund zu halten, wenn der L�wenh�uptige anwesend war, aber hier, w�hrend dieses bedeutenden Festes, war es so gut wie unvermeidlich, einem Devanthar unter die Augen zu kommen.</p><p>Talawain nippte lustlos an seinem Wein. Er wurde in kitschigen, mit Edelsteinen besetzten goldenen Bechern serviert. Man konnte ihnen ansehen, dass sie vor allem teuer sein sollten. Von Sch�nheit und �sthetischer Komposition hatten diese Wilden keine Ahnung. Der Hofstaat Muwattas war ein Grauen. �berall wurde mit Gold und Reichtum geprotzt. Daran allein war ja nichts Verwerfliches, aber die Menschen verstanden es einfach nicht, dass weniger manchmal mehr war. Nicht �berbordende F�lle erfreute das Auge. Sie verwirrte nur. Ein Kunstwerk brauchte Raum, um zur Geltung zu kommen.</p><p>Aarons Palast war unvergleichlich viel sch�ner gestaltet, denn er war sein Werk. Viele Jahre lang hatte er langsam �berfl�ssiges verschwinden lassen und gelegentlich ein neues Kunstwerk aufgestellt. Eine Skulptur von den Nomaden von jenseits der Glasw�ste, eine bemalte Vase aus den Werkst�tten Trurias. Der Unsterbliche des Gro�reiches Valesia hatte angeblich einen erlesenen Geschmack. Es gab Ger�chte, dass er schon seit vielen Jahren an einer Wei�en Stadt bauen lie�, die tief in den Bergen verborgen lag. Selinunt hie� sie, und sie sollte ganz und gar aus Marmor errichtet sein. Er w�rde diesen Ort gerne einmal sehen. Wahrscheinlich w�rde er entt�uscht werden, aber er war neugierig. Gewiss war Selinunt sch�ner als Isatami, die Hauptstadt der Geschmacklosigkeiten!</p><p>Talawain blickte zu der Zikkurat. Die turmhohe Stufenpyramide war ganz mit meergr�n glasierten Ziegelsteinen verkleidet. Ziegelreliefs mit Bildern der gefl�gelten G�ttin und des unsterblichen Muwatta hoben sich goldgelb ab. Tausende �ll�mpchen standen an den Kanten der Terrassen der Pyramide und auf den Stufen der Treppe, die hinauf zum kleinen Tempel f�hrte. Im Licht der L�mpchen sah das Bauwerk fast sch�n aus. Priesterinnen in wei�en Gew�ndern, eskortiert von kahl geschorenen Eunuchen, die Fackeln trugen, stiegen die gro�e Treppe hinab. Sie hatten das Bett f�r die Himmlische Hochzeit vorbereitet.</p><p>Talawain dachte an das zierliche M�dchen, das er am Morgen kurz gesehen hatte. Die Braut des Unsterblichen. Sie war gerade einmal f�nfzehn, sch�tzte er. Vielleicht auch j�nger. Ein h�bsches M�dchen nach den Ma�st�ben der Menschen. Mit gro�en, dunklen Augen, in denen sich am Morgen Stolz und eine Spur von Furcht gespiegelt hatten. Er hatte sie gemocht und sich diskret erkundigt, was sie erwartete. Was er geh�rt hatte, hatte ihn nur mit noch mehr Abscheu erf�llt.</p><p>Die Kleine musste jetzt irgendwo in einem Tunnel unter der Stadt sein. Eskortiert von einigen Eunuchen. Der Geheimgang f�hrte zu einer verborgenen Treppe im Inneren der Zikkurat. Diese Treppe war allein den Br�uten des Unsterblichen vorbehalten. Kein anderer Mensch durfte sie betreten. Am Fu� der Treppe w�rden die Eunuchen das M�dchen entkleiden. Dann m�sste sie, mit einer �llampe in der Hand, die dreihundert Stufen zum Tempel auf der Spitze der Zikkurat erklimmen. Angeblich gab es an den W�nden entlang der Treppe Fresken, die sie �ber die Freuden der Himmlischen Hochzeit belehrten. Das M�dchen stand f�r die Erde, und deshalb hatte man sie durch den Tunnel gehen lassen. Sie w�rde aus der Erde geboren werden und, vor Blicken verborgen, direkt in den Himmel hinaufsteigen. Muwatta aber w�rde von I�ta selbst zum Tempel getragen werden. Er verk�rperte den Himmel und w�rde vom Himmel herabsteigen. Die Vereinigung von Erde und Himmel, den erneuerten Bund zwischen Menschen und G�ttern, all das versinnbildlichte diese Hochzeit. Das M�dchen w�rde man nach dieser Nacht Priesterinnen anvertrauen. Von M�nnern weit entfernt, w�rde sie in einem Tempel tief in den Bergen verborgen warten und beten. Wenn sie ein Kind empfangen hatte, stand dem Land ein gutes Jahr bevor. Wuchs aber keine Frucht in ihrem Leib heran, so war dies ein b�ses Omen f�r die kommende Ernte. Dann w�rden der Unsterbliche und die Priesterschaft sie im n�chsten Fr�hjahr auf einem Tempelacker vor den Mauern Isatamis opfern und ihr Blut in die Ackerfurchen rinnen lassen, um eine D�rre vom Land abzuwenden.</p><p>Heller Zimbelklang und das dumpfe Dr�hnen zahlloser Handtrommeln ert�nten aus den Stra�en der Stadt. Zehntausende feierten. Den ganzen Tag �ber waren Stiere geopfert worden, und ihr Fleisch hatte man unter den Armen verteilt. Wein floss in Str�men, und Datames war sich sicher, dass die Gl�ubigen hundertfach in Hauseing�ngen und dunklen Gassen ihre eigene Variante der himmlischen Hochzeit zelebrierten. L�ngst waren die Krieger von den Stra�en abgezogen und sicherlich feierten etliche mit Bauern und anderem P�bel. Es gab keine Ordnung mehr dort unten. Nur noch Ekstase. Es war schlimmer als ein Koboldfest!</p><p>Talawain blickte �ber die weite Terrasse. Hier ging es kaum weniger z�gellos zu. Die G�ste hockten oder lagen in kleinen Gruppen um niedrige Tische; gro�e Kissen und dicke Teppiche sorgten f�r Bequemlichkeit. Niedrige Wolken zogen �ber den Himmel und in der Ferne konnte man manchmal Wetterleuchten sehen. Es war dr�ckend hei�. Eine Nacht f�r Ausschweifungen. Die meisten Luwier und auch etliche Gefolgsleute Aarons waren aufreizend leicht bekleidet. Manche der Damen trugen mehr Schmuck als Stoff!</p><p>Talawain war nicht pr�de, doch zog er es vor, seine Aff�ren nicht unter den Augen Dutzender Gaffer auszuleben. Die Mentalit�t der Menschen w�rde er niemals ganz begreifen. Er fand es interessant, sie zu beobachten. Sie �berraschten ihn immer wieder. Seine Aufgabe erf�llte ihn und ihm war bewusst, dass er der einflussreichste Elf der Blauen Halle in Aram war, vielleicht sogar auf ganz Daia. Nur selten gelang es einem von ihnen, bis zu den h�chsten �mtern aufzusteigen und einem der Unsterblichen nahe zu sein. Sogar seinen Pflichten als Hofmeister ging er gerne nach. Und doch wuchs in den letzten Wochen seine Sehnsucht nach Albenmark. Er vermisste es, unter seinesgleichen zu sein, und sehnte sich danach, einmal nicht mehr in jedem Augenblick auf der Hut vor Entdeckung sein zu m�ssen.</p><p>Unter den W�rdentr�gern Muwattas waren viele Krieger. Erfolgreiche Feldherren belohnte er gerne mit Statthalterposten und Hof�mtern � eine Praxis, die Korruption T�r und Tor �ffnete. Statt f�hige Beamte zu bef�rdern, setzte er diesen erfahrene Totschl�ger vor die Nase. Stolz dachte Talawain, dass die Wirtschaft Arams besser florierte. Die Abgaben an den Unsterblichen verloren sich nur in geringem Umfang in den Schatztruhen von Provinzf�rsten. Und seit die gierige Priesterschaft gez�gelt worden war, wurde weniger Gold f�r unn�tzen Tempelpomp verschwendet.</p><p>Talawain beugte sich vor und schob seinen Weinpokal zur Seite. Er war des s��lichen Roten �berdr�ssig und versuchte sich an dem Anisschnaps, der in irdenen Kr�gen auf jedem der niedrigen Tische stand. Zwei Fingerbreit goss er in einen mit luwischen Helden bemalten Tonbecher und f�llte dann Wasser nach. Er mochte den Geruch von Anis. Als er das Wasser beimengte, nahm der klare Anisschnaps eine milchige Farbe an. L�wenmilch nannten die Luwier dieses Gebr�u und zahllos waren die Geschichten, die sich darum rankten.</p><p>Dr�hnendes Gel�chter lie� Talawain �ber den Rand des Bechers blicken. Nicht weit entfernt sa� Kurunta, der H�ter der Goldenen Gew�lbe. Er war der Schatzmeister Luwiens und wahrscheinlich der einflussreichste Mann am Hof Muwattas. Ein ehemaliger Krieger, der seine Lorbeeren im Kampf gegen Ischkuza gesammelt hatte. Die Grenze zu den Steppennomaden war friedlos. Immer wieder kam es zu Viehdiebstahl und alle paar Jahre sogar zu ausgedehnten Pl�nderz�gen, die Madyas, der Unsterbliche von Ischkuza, zwar scharf tadelte, aber nie ahndete. Kurunta hatte seine Streitwagenschwadronen tief in die weiten Steppen gef�hrt und dort zahllose Scharm�tzel geschlagen. Verbrannte Jurten und niedergemetzeltes Vieh hatten seinen Weg ges�umt. Er war ein ber�chtigter Folterer. Angeblich lie� er seine Gefangenen an einem Spie� braten, wobei er stets mit den Kindern begann. Talawain war sich dar�ber im Klaren, dass viele dieser Geschichten L�gen sein mussten. Aber wenn man Kurunta ansah, glaubte man sofort daran, dass es einen wahren Kern geben musste. Er war ein massiger, verlebt aussehender Kerl. Sein breites Kreuz und die muskul�sen Arme passten nicht recht zu dem Schmerbauch, der �ber seinen Wickelrock quoll. Ein Nabelbruch lie� seinen deformierten Bauchnabel wie ein Fingerglied zwischen den Speckrollen hervorlugen. �ber seine Stirn zog sich eine weitere, h�ssliche Narbe. Talawain fragte sich, ob Kurunta schlecht gen�hte Narben als Schmuck betrachtete. Der Sch�del des H�ters der Goldenen Gew�lbe war mit grauen Stoppeln bedeckt. Ein �ppiger, rechteckig gestutzter Bart verdeckte sein Doppelkinn.</p><p>Breite goldene Armreife und ein langer Dolch in einer rubinbesetzten Scheide waren der einzige Schmuck, den er trug. Er war gleich mit zwei Konkubinen zu dem Fest gekommen. Einer Drallen mit falschem blonden Haar und einem zierlichen M�dchen, das kaum zu �berspielen vermochte, wie unangenehm es ihr war, von Kurunta begrapscht zu werden. Der Blonden quollen die �ppigen Br�ste aus dem Dekollet� und Kurunta liebte es, sie mit leichten Schl�gen in Schwingung zu versetzen, w�hrend er lautstark mit den umsitzenden G�sten plauderte. Dem zierlichen M�dchen hatte er auch schon mehrfach in den Ausschnitt gepackt. Sie zog ihr Kleid immer wieder zurecht, sobald ihr Herr von ihr ablie�. Die Kleine war stark geschminkt und hatte die Augen mit Kohlestrichen umrandet.</p><p>Talawain dachte daran, einen Meuchler aus der Wei�en Halle auf dieses widerliche Schwein anzusetzen. Aber das w�re unverantwortlich. Mit Kurunta in Amt und W�rden erlitt Luwien sicherlich gr��eren Schaden als durch sein Ableben.</p><p>�Heh, Eunuch!� Kurunta hob den Arm und winkte.</p><p>Talawain senkte den Blick und nippte an seinem Schnaps.</p><p>�Dich mein ich, Bartloser! Was starrst du so her�ber? Magst den Blick nicht von meinen Weibern lassen? Ich hab es gesehen, L�stling. Los! Sag was!�</p><p>Talawain seufzte. Dann blickte er auf. Alle Gespr�che ringsherum verstummten. �Ich bitte vielmals um Entschuldigung, wenn der Eindruck entstanden ist, dass ich die Damen in deiner Begleitung mit unschicklichen Blicken bel�stigt habe. Wenn ich zu starken Schnaps trinke, pflege ich gelegentlich zu schielen. Mir fiele niemals ein, die beiden anzustarren.�</p><p>�Willst du damit sagen, dass du die beiden keines Blickes w�rdigst? �</p><p>Talawain fiel auf, dass Kurunta ganz klar sprach. Er war auf keinen Fall betrunken. Der H�ter der Goldenen Gew�lbe suchte Streit!</p><p>�Ich habe dich etwas gefragt, Eunuch! Willst du mich beleidigen und mir sagen, ich w�rde mich mit Weibern umgeben, die nicht ansehnlich sind?�</p><p>�Nichts liegt mir ferner, Erhabener. Die Sch�nheit der beiden Grazien macht mich so fassungslos, dass es mir schwerf�llt, mein Erstaunen �ber ihren Anblick in Worte zu fassen.�</p><p>�Also gaffst du sie doch an und geilst dich an ihnen auf. Ich finde, jetzt ist es an der Zeit, dass wir gaffen.�</p><p>Talawain sah aus den Augenwinkeln, wie der unsterbliche Aaron sich erhob. Das alles hier war inszeniert! Es ging darum, Aaron und dessen Gefolge blo�zustellen.</p><p>�Was hat mein Hofmeister dir getan?�, fragte Aaron harsch.</p><p>�Meinen Stolz verletzt!�, entgegnete der Luwier dreist. �Und nun ist es an ihm, dass er sich dem�tigt! Soll er seinen Rock �ffnen und uns allen zeigen, was ihm fehlt. Damit w�re mir Gen�ge getan.�</p><p>�Ist es wirklich das, was du willst?�, entgegnete Talawain rasch. Er wollte nicht, dass Aaron in diese Sache hineingezogen wurde. �Wenn ich meinen Rock �ffne, so f�rchte ich, k�nnten deine Damen mehr erblicken, als sie zu sehen gewohnt sind. Willst du dir das wirklich antun, Kurunta?�</p><p>Schallendes Gel�chter erhob sich. Der Luwier wurde rot wie eine gekochte Languste. Er zog seinen Dolch. �Diesen Makel werde ich mit deinem Blut von meiner Ehre waschen! Ich schw�re dir, wenn da noch etwas zwischen deinen Schenkeln baumelt, dann wird es die n�chste Morgenr�te nicht erblicken!�</p><p>Talawain erhob sich ein wenig schwankend. Er wollte den Eindruck erwecken, nicht mehr ganz n�chtern zu sein. �Ich werde meine Ehre verteidigen�, rief er ein wenig zu schrill. Dabei machte er einen weiten Schritt �ber den niedrigen Tisch hinweg. Er stie� einige Trinkpokale um und die Fransen seines Wickelrocks kamen dem Docht einer �llampe gef�hrlich nahe.</p><p>Sein unbeholfener Auftritt wurde mit Gel�chter quittiert.</p><p>Aaron packte ihn am Arm. �Lass das! Der Kerl wird dich ausweiden. Er ist ein erfahrener Krieger. Dich zu t�ten, nur darum geht es ihm.�</p><p>�Bin ich nicht auch ausgeweidet, wenn seine Worte meine Ehre von mir nehmen und ich hier sitze und mich dem�tig ducke? Soll er lieber meine Eingeweide auf den Kissen hier verteilen, als dass ich Morgen f�r Morgen aufwache und damit leben muss, ein Feigling zu sein?�</p><p>�Wohl gesprochen, Bartloser!�, rief einer der Luwier. �Macht Platz f�r die beiden.�</p><p>Aaron lie� ihn los. �Du bist betrunken�, sagte er resignierend. �Ein betrunkener Narr!�</p><p>Talawain l�chelte in sich hinein. Ja, genau als das wollte er erscheinen, als ein betrunkener Narr. Das war der einzige Weg, der ihm blieb, wenn er nicht offenbaren wollte, wer er wirklich war.</p><p>Der Elf streckte die Arme seitlich aus und tat so, als m�sse er um sein Gleichgewicht k�mpfen. Kurunta kam mit gez�cktem Dolch auf ihn zu. Keiner der Luwier unternahm einen Versuch ihn aufzuhalten. Muwatta war nicht anwesend. Er wartete darauf, von I�ta zur Himmlischen Hochzeit getragen zu werden. Morgen k�nnte er die Ereignisse der Nacht einfach abtun. Ein Tadel aus diplomatischen Gr�nden, das war alles, was Kurunta zu bef�rchten hatte. Talawain war sich sicher, dass dieser Vorfall mit Muwatta abgestimmt war.</p><p>Der Elf griff nach einem Weinpokal auf dem n�chststehenden Tisch. Er hob ihn wie eine Waffe und goss sich dabei den Wein �ber Brust und Rock.</p><p>�Ich habe mir den Rock ruiniert�, stammelte er fassungslos.</p><p>Eine grell geschminkte Konkubine brach in schrilles Gel�chter aus.</p><p>Kurunta trat einen Tisch zur Seite und stand nun unmittelbar vor ihm. Der H�ter der Goldenen Gew�lbe stie� mit dem Dolch zu. Es war ein flacher Sto�, der ihn im Bauch treffen sollte. Talawain wich mit schlenkernden Armen zur�ck. Der goldene Pokal schlug vor den Dolch und dr�ngte ihn gerade so weit ab, dass ihn die Klinge um Haaresbreite verfehlte. Der Elf lie� sich nach hinten fallen, riss ein Bein hoch und trat gegen die Hand, die den Dolch f�hrte. So konnte Kurunta nicht nachsetzen.</p><p>�Lass ihn wenigstens wieder aufstehen�, herrschte Aaron den Luwier an. �Ich wei� nicht, wie du mit diesem Mord deine Ehre reinwaschen willst.�</p><p>Talawain kam auf die Beine und sch�ttelte sich.</p><p>Kurunta funkelte ihn w�tend an. Wieder stie� er vor.</p><p>Der Elf trat auf eines der Kissen und lie� sich nach vorne fallen. Ein erschrockenes <emphasis>Hoppla</emphasis> rundete den Auftritt ab. Er klammerte sich Halt suchend an den rechten Arm des Luwiers, vermied, der Klinge zu nahe zu kommen, und dr�ckte auf einen Nervenknoten unterhalb des Ellenbogens. Die Hand des Kriegers �ffnete sich und sein Dolch fiel klirrend zu Boden.</p><p>Kurunta versetzte Talawain einen heftigen Sto�, doch der Elf nahm dem Treffer die Wucht, indem er mit ihm mitging. Erneut lie� er sich fallen und achtete darauf, dass er so auf der Kante eines der niedrigen Tische aufschlug, dass das andere Ende hochschnellte und Kurunta gegen das Kinn krachte. Talawain ging zwischen zerquetschten Weintrauben, gebratenen T�ubchen und scheppernden Trinkpokalen zu Boden, w�hrend der Luwier benommen zur�cktaumelte. Blut troff von seinem aufgeplatzten Kinn.</p><p>Der Elf setzte sich auf und musste sich ein L�cheln verkneifen. Das sollte ein gro�er Krieger sein? Jeder Novize in der Blauen Halle k�nnte Kurunta besiegen. Die einzige Schwierigkeit bei diesem Kampf bestand darin, so tollpatschig aufzutreten, dass jeder Zuschauer �berzeugt w�re, dass er allein durch Gl�ck gesiegt hatte.</p><p>Ein weiter Kreis hatte sich um sie beide gebildet. Kurunta atmete schwer. Talawain wusste, dass der H�ter der Goldenen Gew�lbe die Rebellion der Priester unterst�tzt hatte. Der Elf hatte mehreren Verh�ren beigewohnt. Er hielt nicht viel von Folter, aber der Name Kurunta war immer wieder gefallen. Angeblich hatte er sich mit Abir Ata�, dem gest�rzten Hohepriester, bereits auf Nangog getroffen. Luwien w�rde es in Zukunft besser ergehen, wenn Kurunta nicht mehr lebte. Jeder hier konnte bezeugen, dass der H�ter der Goldenen Gew�lbe diesen Streit begonnen hatte. Es w�re eine gute Gelegenheit, sich seiner zu entledigen. Aber seine Sorge sollte allein Aram geh�ren. Er konnte Kurunta dem�tigen, seinen Ruf und seinen Stolz t�ten, aber das Leben musste er ihm lassen.</p><p>Talawain w�nschte sich, er w�re so geschickt wie einer der Meuchler der Wei�en Halle. Es musste wie ein Unfall aussehen. So, als ob � Kurunta packte einen der Tische und hob ihn �ber den Kopf. Dieser Barbar! Glaubte der Mistkerl, er k�nnte ihn einfach zerschmettern?</p><p>Der Tisch sauste herab. Talawain warf sich zur Seite, darauf bedacht, nicht zu gewandt zu wirken. Das M�belst�ck schlug zwischen den Kissen hindurch auf den Steinboden.</p><p>Der Elf bemerkte, dass er blutete. Er hatte sich mit der Hand in den Scherben einer zerbrochenen �llampe aufgest�tzt.</p><p>�Stirb endlich!�, schnaufte der Luwier. �Ich zerquetsch dich wie eine Laus!� Der Kerl warf sich ihm mit ausgebreiteten Armen entgegen. Talawain schnellte hoch und hob die F�uste, die, verglichen mit denen seines Gegners, geradezu l�cherlich klein aussahen.</p><p>Kurunta wollte ihn einfach niederschlagen. Der Elf trat auf eine gro�e Tonscherbe und rutschte vor, wobei er fast in einen Spagat ging. Die Faust des Luwiers sauste �ber seinen Kopf hinweg. Talawain boxte ihm gegen ein Knie. Ungeschickt und nicht sonderlich fest. Der Krieger hob einen Fu�, um ihn in den Boden zu stampfen. Talawain aber sprang auf und hielt sich dabei an Kuruntas G�rtel fest. Er schwang scheinbar unkontrolliert hin und her. Der Fu�tritt und zwei Faustschl�ge verfehlten ihn. Gerade wollte er loslassen, als der Luwier ihm einen Kopfsto� verpasste. Mitten ins Gesicht. Talawain konnte h�ren, wie seine Nase brach. Warmes Blut quoll ihm �ber die Lippen. Den Kopf wie eine Keule einzusetzen � Das konnten sich nur Menschen einfallen lassen!</p><p>Der Elf blickte zu Boden. Helle Lichtpunkte tanzten ihm vor den Augen. Kurunta verh�hnte ihn. Er h�rte die Stimme nur undeutlich, so sehr dr�hnte ihm der Kopf. Es ging wieder um seinen Rock.</p><p>Der Boden rings herum war mit den Scherben zerbrochener Tonkr�ge und verbeulten Trinkpokalen bedeckt. �l aus zerbrochenen Lampen bildete eine schl�pfrige Mischung mit vergossenem Anisschnaps und edlem Roten. Dicht vor ihm lag der Boden einer zerschlagenen Lampe. Scharfe Tonzacken ragten vom Gef��boden auf.</p><p>Talawain blickte zu Kurunta. Der H�ter der Goldenen Gew�lbe trug gef�rbte Sandalen mit einer relativ d�nnen Sohle. Sein Gegner hatte seinen Dolch aufgehoben. Stimmengemurmel brandete auf den Elfen ein. Ein schrilles Piepen hatte sich in seinem linken Ohr eingenistet. Der tiefe Bass Kuruntas durchdrang den Ger�uschbrei. Er klang, als dr�nge seine Stimme durch Wasser.</p><p>�Ich schneide dir die Augen heraus und piss dir in dein Hirn, Bartloser!�</p><p>Talawain stie� einen leisen Schreckenslaut aus und wich zur�ck. Die heimt�ckische Scherbe lag nun zwischen ihm und Kurunta. �Bitte, lass mir die Augen!�, jammerte er. �Du kannst mich t�ten, aber lass mir die Augen!� In Aram, Ischkuza und Luwien gab es den Aberglauben, dass Verstorbene, denen die Augen fehlten, in der Welt jenseits des Grabes blind sein w�rden. Eine aberwitzige Vorstellung, dachte der Elf. Aber um in seiner Rolle als Hofmeister zu bleiben, durfte er solche vulg�ren Drohungen nicht ignorieren.</p><p>�Ich werde deine Augen an einen r�udigen Stra�enk�ter verf�ttern! � Kurunta hielt den Blick fest auf ihn gerichtet und lie� seinen Dolch hin und her schwingen. Talawain wich noch ein klein wenig weiter zur�ck. Der Luwier setzte nach und trat in die Scherbe. Sein Fu� knickte um. Der Elf schnellte vor und gab Kurunta eine schallende Ohrfeige. Eine bewusst l�cherliche Geste, aber es ging nicht um den Schlag, sondern um den niedrigen Tisch neben dem Luwier, auf dem besonders viele �ll�mpchen standen. Der H�ter der Goldenen Gew�lbe stie� Talawain zur�ck, kam dabei jedoch endg�ltig aus dem Gleichgewicht. Fluchend strauchelte er und st�rzte auf den Tisch. Kerzenflammen leckten nach seinem Rock. Der teure Stoff fing Feuer.</p><p>�Er � Er brennt�, stammelte Talawain, w�hrend die �brigen noch gafften. Kurunta blickte mehr �berrascht als erschrocken an sich herab. Man k�nnte die kleinen Flammen mit der Hand ausschlagen.</p><p>�Wir m�ssen ihn l�schen!�, rief der Elf und griff nach einem der Tonkr�ge auf dem n�chststehenden Tisch. Er wusste, dass es ein Branntweinkrug war. Mit weitem Schwung sch�ttete er den Schnaps �ber den Luwier. Eine fauchende Stichflamme h�llte Kurunta ein, und der H�ter des Gew�lbes schrie auf. Er schlug mit den H�nden nach den Flammen und warf sich zu Boden.</p><p>�Bei den G�ttern � Das wollte ich nicht�, log Talawain und wich von seinem Gegner zur�ck.</p><p>Endlich kam Bewegung in die Umstehenden. Jemand rief nach Decken, die es in dieser schw�len Sommernacht nat�rlich nicht auf der Terrasse gab. Andere hielten Tonkr�ge in den H�nden und z�gerten. Sie schnupperten daran, voller Sorge, mit einem weiteren Fehler das Feuer noch mehr anzufachen.</p><p>Kurunta schrie. Flammen leckten �ber das Gemisch aus �l und Branntwein am Boden. Das Feuer weitete sich nicht aus. Schon verlosch es an einigen Stellen. Der Geruch von scharf angebratenem Fleisch mischte sich unter den Duft des vergossenen Anisschnapses.</p><p>�ber den D�chern der Stadt schwebte Muwatta, umgeben von einer Aureole aus goldenem Licht. I�ta trug ihn vom Himmel herab zum Tempel auf der Zikkurat. Doch auf der Palastterrasse achtete niemand auf ihn. Alle Augen waren auf Kurunta gerichtet, dessen pr�chtiger Wickelrock zu Asche verbrannt war und der mit schw�cher werdenden Bewegungen gegen die verl�schenden Flammen ank�mpfte.</p><p>Talawain sp�rte einen leichten Anflug von Stolz. Es war ihm ein Vergn�gen gewesen, den Menschensohn vorzuf�hren. Unklug, ohne Zweifel, und dennoch ein Vergn�gen. Ihm war klar, dass er f�r diesen Spa� schon bald w�rde zahlen m�ssen. �ber diesen Abend w�rde viel geredet werden und das w�rde ihm mehr Aufmerksamkeit einbringen, als ihm lieb sein konnte.</p></section><section><title><p>Die W�chter der Unsterblichen</p></title><p>Er hatte M�he gehabt, sie davon abzuhalten, das Schilfh�ttenlager im Hof des Palastes anzugreifen. So war sie schon immer gewesen. Zu aufbrausend!</p><p>Die beiden standen zwischen den uralten Steinen auf dem H�gel vor Isatami, und er sp�rte die Macht des Albensterns.</p><p><emphasis>Dieses Duell wird nicht unges�hnt bleiben!</emphasis></p><p><emphasis>Du wirst nicht mehr tun, als abgesprochen war</emphasis>, entgegnete der L�wenh�uptige ruhig.</p><p>Die Fl�gel seiner Schwester zuckten leicht. Bei ihr musste man auf alles gefasst sein. Die Luwier sahen in ihr die Verk�rperung eines Gewitters in den Bergen. Sie war die G�ttin des Krieges, der Liebe und der Fruchtbarkeit � und sie war eine grausame M�rderin. Ihr Volk kannte sie wahrlich. Sie war launisch bis an die Grenze des Ertr�glichen. So sprunghaft, dass die meisten Devanthar sie mieden. Sie stritt mit jedem, und eine Nichtigkeit gen�gte ihr als Anlass.</p><p><emphasis>Du wirst mir in meinem Reich keine Befehle erteilen! Wir haben deinen Aaron nicht eingeladen. Er selbst hat entschieden, sich uns auszuliefern. Und nach dem Vorfall heute Abend wird sein Gefolge mit Blut bezahlen.</emphasis> Sie legte den Kopf ein wenig schief. Pl�tzlich wirkte sie ganz ruhig. <emphasis>Wei�t du �berhaupt, wer sich im Palast von Ak�u eingeschlichen hat? Wei�t du, was f�r eine Natter ihr unter euch duldet? Dieser Datames � Hast du seine Aura einmal betrachtet? Sie ist gest�rt. Unregelm��ig. Er tr�gt Bleidr�hte in seinen Kleidern. In allen Kleidern. Sie verzerren den Blick auf die Aura. Manchmal decken sie die Aura fast vollst�ndig ab. Was glaubst du, warum er das tut?</emphasis></p><p><emphasis>Weil er ein Elf ist und hofft, sich so vor uns verbergen zu k�nnen.</emphasis></p><p>Seine Schwester sah ihn �berrascht an. Dann �rgerlich. <emphasis>Du wei�t das! Und du duldest, dass er einen der treuesten Diener Muwattas �ffentlich dem�tigt und verst�mmelt!</emphasis></p><p><emphasis>Nach allem, was ich geh�rt habe, hat Datames den Streit nicht angefangen.</emphasis></p><p><emphasis>Du wei�t, wie sie sind!</emphasis>, zischte seine Schwester w�tend. <emphasis>Elfen! Die Sklaven der Drachen. Aufreizend. Arrogant. Ihm war es ein Leichtes, Kurunta zu diesem Streit zu verleiten. Er ist der wahre Schuldige! Ich will sein Herz!</emphasis></p><p>Der L�wenh�uptige nickte. Ihm war klar, dass er auf einem gef�hrlichen Grat balancierte. Wenn sie in Rage geriet, war niemand vor ihr sicher. Sie w�rde selbst ihn angreifen. <emphasis>Du wirst sein Herz bekommen.</emphasis></p><p>Sie nickte zufrieden. <emphasis>Ich selbst werde es mir holen.</emphasis></p><p><emphasis>So sei es.</emphasis> Er wartete noch zwei Herzschl�ge lang. <emphasis>Aber nicht jetzt, Schwester.</emphasis></p><p><emphasis>Du ma�t dir an, mir Vorschriften zu machen? In meinem K�nigreich! Du �</emphasis></p><p><emphasis>Willst du einen Dorn ausrei�en, Schwester, oder lieber den ganzen Dornenbusch?</emphasis></p><p><emphasis>Rede klar, L�we! Und nicht in Orakelspr�chen!</emphasis></p><p><emphasis>Ich wei�, wohin er geht, wenn er sich nach Albenmark zur�ckzieht. Er tut das selten und er ist stets sehr vorsichtig. Aber ich wei�, durch welchen Albenstern er in seine Welt tritt. Und ich wei�, dass es sehr nahe einen Ort gibt, an dem viele seinesgleichen leben. Wenn wir dort zuschlagen, k�nnen wir das �bel bei der Wurzel packen. Was nutzt es, einzelne ihrer Spitzel zu ermorden? Das haben wir schon dutzendfach getan. Ihm bin ich gefolgt, und ich wei� nun, was sie uns nie verraten haben. Ich wei�, wo sie herkommen.</emphasis></p><p><emphasis>Und du w�rdest nach Albenmark gehen und sie dort t�ten, L�we?</emphasis></p><p><emphasis>Wenn die Zeit daf�r gekommen ist, ja. Ich glaube, dass nicht alle unsere Br�der und Schwestern den Mut dazu haben werden. Aber auf dich habe ich gez�hlt. An diesem Tag kannst du dir das Herz des Datames nehmen, und du kannst dich an dem Entsetzen in seinem Antlitz laben, wenn er begreift, dass er es war, der uns an diesen Ort gef�hrt hat.</emphasis></p><p>Jetzt lachte sie vor Freude und aller Zorn war verflogen. <emphasis>Du willst gegen die Alben ziehen? Ich bin dabei!</emphasis></p><p><emphasis>Nicht die Alben. Nur gegen ihre Kinder. Sie schicken seit Jahrhunderten Spitzel gegen uns aus. Sie planen etwas. Wir sollten nicht einfach abwarten. Wir werden Daia in Albenmark verteidigen. Wenn ihre Spitzel vernichtet sind, werden sie es nicht wagen, uns anzugreifen. Es ist entscheidend, dass wir schnell und v�llig �berraschend zuschlagen. Die Alben sind tr�ge, sie werden auf unseren Angriff nicht schnell reagieren. Und wenn wir uns in unsere Welt zur�ckgezogen haben, werden sie uns nicht folgen.</emphasis></p><p><emphasis>Aber ihre Spitzel</emphasis>, wandte seine Schwester ein. <emphasis>Das widerspricht dem, was du sagst. Warum schicken sie Sp�her, wenn sie niemals hierherkommen w�rden?</emphasis></p><p><emphasis>Die Drachen schicken sie � und die Alben dulden das. Aber sie werden nicht dulden, dass es einen offenen Krieg gibt. Ihr Denken ist erfreulich vorhersehbar. Wir riskieren so gut wie nichts, wenn wir den Ort angreifen, von dem uns Datames geschickt wurde. Und wie ich schon sagte � wir tilgen das �bel mit der Wurzel.</emphasis></p><p>Ihre Z�ge verh�rteten sich pl�tzlich. <emphasis>Wo wir von �beln sprechen � Ich wei� darum, dass ein gro�es Streitwagengeschwader von Aram nach Ischkuza eingedrungen ist. Sollte es diesen Kriegern einfallen, die Grenzen Luwiens zu �berschreiten, werde ich Himmelsfeuer auf sie regnen lassen. Ich werde sie �</emphasis></p><p><emphasis>Ich habe Muwattas Piraten auch gew�hren lassen</emphasis>, unterbrach er sie ver�rgert. <emphasis>Es w�re mir ein Leichtes gewesen, ihre Schiffe zu vernichten, noch ehe sie eine der Zinnflotten Arams erreicht h�tten.</emphasis></p><p><emphasis>Sie haben die Grenzen Arams nicht verletzt</emphasis>, entgegnete sie aufgebracht <emphasis>. Das ist etwas v�llig anderes!</emphasis></p><p>Er hielt ihrem Blick stand. <emphasis>Es sind keine Krieger Arams, die euch angreifen. Es sind dieselben Piraten und S�ldner, die ihr gegen die Zinnflotte Aarons geschickt habt. Das �bel, das ihr heraufbeschworen habt, f�llt nun auf euch zur�ck. Aaron hat ihnen befohlen, nicht anzugreifen, bis er aus Isatami zur�ck ist. Er ist hierhergekommen, weil er Frieden wollte. So, wie Muwatta ihn empfangen hat, wird der Krieg nun unvermeidlich sein.</emphasis></p><p><emphasis>Was kein Schrecken f�r uns ist!</emphasis>, entgegnete sie selbstsicher. <emphasis>Wir werden die Heere Arams auf der Ebene von Kush zerschmettern!</emphasis></p><p><emphasis>Ihr seid sicherlich besser bewaffnet. Aber Aaron �berrascht mich immer wieder. Er denkt in ungew�hnlichen Bahnen. Anders als die �brigen Unsterblichen.</emphasis></p><p><emphasis>Wo hast du ihn her, Bruder?</emphasis></p><p>Der L�wenh�uptige l�chelte. <emphasis>Das bleibt mein Geheimnis.</emphasis></p><p>Sie spreizte ihre Fl�gel ein wenig. <emphasis>Ich wei� genug �ber ihn. Ich bin mir sicher, er wird sich in der Schlacht wieder an die Spitze seiner Truppen stellen, und das wird er nicht �berleben. Nicht, wenn zwei Heere aus f�nfzigtausend Kriegern aufeinandertreffen.�</emphasis></p><p><emphasis>�Ich werde mich nicht einmischen</emphasis>, sagte der L�wenh�uptige bestimmt und doch zugleich mit Bedauern. <emphasis>Wenn er wieder einmal in vorderster Reihe k�mpft, muss er die Gefahr alleine tragen. So, wie vor ein paar Wochen, als er sich alleine den Piraten gestellt hat. Allerdings erwarte ich, dass ihn die Ereignisse hier zur Vernunft bringen. Ihm muss klar sein, dass Muwatta in der Schlacht ein Kopfgeld auf ihn aussetzt, vermutlich eine ganze Satrapie.</emphasis></p><p>Sie schenkte ihm ein schmallippiges L�cheln. <emphasis>Ein guter Vorschlag. Ich werde es erw�gen �</emphasis></p><p>Er knurrte gereizt. <emphasis>Du musst mir nichts vormachen. Ich wei�, was hier geschieht. Jetzt in diesem Augenblick, in dem wir miteinander reden, ist sch�ndlicher Verrat im Gange. Muwattas M�rder ziehen durch die Nacht, und du triffst dich mit mir, hier weit au�erhalb der Stadt, damit ich ihnen nicht ins Handwerk pfusche. Warum all dieser Hass? Der Muwatta, der Aarons Schwert zu sp�ren bekommen hat, lebt doch l�ngst nicht mehr. Er w�re nicht in der Lage gewesen, die Himmlische Hochzeit zu vollziehen.</emphasis></p><p>Sie sah ihn hochm�tig an. <emphasis>Du wei�t, wie es um die Unsterblichen bestellt ist. Die Erinnerungen ihrer Vorg�nger leben in ihnen weiter. Auch der Hass. Mein Muwatta erinnert sich so deutlich daran, wie seinen Vorg�nger das Schwert Aarons getroffen hat, als habe er es selbst in den Leib gerammt bekommen. Und was in dieser Nacht geschehen wird, ist die angemessene S�hne.</emphasis></p><p><emphasis>Hass wird stets nur Hass geb�ren, Schwester. Wir k�nnten Besseres bewirken �</emphasis></p><p>Sie spreizte die Fl�gel. <emphasis>Nicht in dieser Nacht!</emphasis></p><p>Der L�wenh�uptige seufzte. <emphasis>Gut, ich lasse dich gew�hren. Aber mische dich nicht ein, wenn Aaron seinerseits Rache nimmt. Ich werde ihn und die Seinen besch�tzen. Und ich verspreche dir, ich werde zu verhindern wissen, dass Feuer vom Himmel f�llt.</emphasis></p></section><section><title><p>Zwei Drachen</p></title><p>Artax erwachte von dem Gef�hl, gew�rgt zu werden. Jemand kauerte neben seinem Lager.</p><p>�Endlich, Erhabener! Bitte, Ihr m�sst aufstehen. Sofort!�</p><p>Artax hustete. Es war ein regelrechter Hustenkrampf, der gar nicht mehr aufh�ren wollte. Tr�nen traten ihm in die Augen. Als er endlich wieder atmen konnte, f�hlte er sich benommen. Verwundert sah er sich um, bis er sich erinnerte, wie er hierhergekommen war. Wie alle anderen hatte er sein Quartier in den Schilfb�ndelhallen bezogen. Er h�tte Gem�cher im Palast haben k�nnen, aber er wollte nicht von seinem Gefolge getrennt werden.</p><p>�Schnell, Herr!� Der Diener, ein schielender Mann mit ergrauendem Haar, hielt seine �llampe hoch. Nebel schien aus den Schilfrohrb�ndeln zu sickern. Er f�llte bereits das obere Drittel der Halle aus und leises Zischen drang aus den Schilfw�nden.</p><p>Artax blinzelte. Seine Augen brannten. Das war nicht Nebel, sondern Rauch. Von drau�en h�rte er ged�mpfte Stimmen. Die dicken Schilfw�nde verschluckten die Ger�usche.</p><p>�Feuer?� Er war noch immer nicht ganz wach. Nach dem Zweikampf zwischen Datames und Kurunta hatte er sich betrunken. Das war nicht klug gewesen und seiner Position nicht angemessen � Und er hatte es trotzdem getan. Er war mit so vielen Hoffnungen hierhergekommen. Er hatte tats�chlich geglaubt, man k�nne den Krieg noch abwenden.</p><p>�Erhabener!�, dr�ngte der schielende Diener erneut. �Bitte �� Er verfiel in bellendes Husten. �� schnell, Erhabener! Ihr seid in Gefahr.�</p><p>Artax blickte geistesabwesend auf die wirbelnden Rauchschleier. Trotz des vielen Rauchs schien es hier kein Feuer zu geben. Der Hofwesir Muwattas hatte ihm eine ganze Halle f�r sich allein �berlassen. Das Protokoll erlaubte niemandem, au�er seinen Haremsdamen, sich in Blickweite des Unsterblichen zu befinden, wenn er zu Bett ging. Artax hatte auch die anderen Schilfb�ndelhallen gesehen. Dort war ein Gitterwerk aus Stangen unter der gew�lbten Decke eingezogen. Schilfmatten, Stoffbahnen und im Harem sogar pr�chtige Teppiche hingen von den Stangen herab und verwandelten die Hallen in kleine Labyrinthe aus ineinander verschachtelten Kammern und schmalen G�ngen.</p><p>�Erhabener!�</p><p>Artax brummte und stemmte sich hoch. Seine Gedanken flossen tr�ge. Er hatte Kopfschmerzen und der schielende Diener war ihm l�stig!</p><p>Kaum dass er sich aufsetzte, wurde es Artax schwindelig. Ein dumpfer Schmerz nistete hinter seiner Stirn. Einen Augenblick lang f�rchtete er, er m�sse sich erbrechen. Er hatte das Gef�hl, nicht allein betrunken zu sein, sondern auch noch einen schlimmen Schnupfen zu haben. Die Sorte Schnupfen, bei der sich Kopf und Hals mit gr�nem Eiter f�llten.</p><p>Er st�tzte sich auf den Diener, der selbst kaum geradeaus gehen konnte. Schwankend gelangten sie zum Ausgang der Schilfb�ndelhalle und zogen den schweren Vorhang zur Seite.</p><p>Der L�rm war nun nicht mehr ged�mpft. �berall gellten Schreie. Todessschreie! Befehle, die Ordnung in das Durcheinander bringen sollten. Voller Verzweiflung gerufene Namen.</p><p>Halb vom Rauch erstickte Flammen erhellten die Nacht. Die Abst�nde zwischen den Schilfb�ndelhallen waren zu eng. �berall dr�ngten sich Menschen, die sich in Sicherheit bringen wollten. Helfer mit Ledereimern voller Wasser wurden niedergetrampelt.</p><p>Husten sch�ttelte Artax. Wie dichter Nebel hing der Rauch �ber dem Hof und wollte nicht abziehen. Die Schilfb�ndel mussten in ihrem Inneren noch feucht sein. Sie schwelten lange, bevor Flammen aus ihnen schlugen.</p><p>Der Diener, der ihn geweckt hatte, st�rzte zu Boden. Artax packte ihn, wollte ihn hochheben, als ein Pferd aus dem Rauch brach. Die M�hne des Tiers stand in hellen Flammen. Wahn gl�nzte in seinen Augen. Artax warf sich zur Seite, da preschte der Hengst schon an ihm vor�ber. Den Diener in den Armen, lehnte er gegen die Wand einer Schilfb�ndelhalle. Zischender Schaum drang zwischen den Schilfrohren hervor. Er drang in seine Kleider, verbr�hte ihm den R�cken.</p><p>Artax schrie vor Schmerz laut auf. Mit Tr�nen in den Augen folgte er dem Pferd in den wogenden Rauch, hoffte, einen Weg aus dem Inferno zu finden. Bald sah er Schatten neben sich, ohne Gesichter erkennen zu k�nnen. Pferde wieherten. Das Feuer musste auf die St�lle �bergegriffen haben.</p><p>Der Unsterbliche erreichte eine Hauswand und folgte ihr. Ein Tor! Eine Gruppe Krieger dr�ngte sich dort und starrte auf den Hof. Ihre Unt�tigkeit erf�llte Artax mit brennender Wut. �Los, helft! Wickelt euch nasse T�cher um den Kopf und helft, verflucht noch mal!�, fuhr er den �ltesten von ihnen an, einen stoppelb�rtigen Kerl, dessen Oberlippe zu einem wulstigen Narbenwulst deformiert war. �Wie hei�t du?�</p><p>�Urija�, entgegnete der Krieger �ngstlich.</p><p>Artax packte einen zweiten der M�nner beim �rmel. �Und du? Wie hei�t du?�</p><p>�Mursil.�</p><p>�Was steht ihr hier einfach nur herum, Urija und Mursil?�</p><p>Sie starrten ihn an. Wie bet�ubt. Erkannten sie ihn nicht? Hatten sie Angst vor ihm? �Los, raus auf den Hof mit euch!� Er stie� den Narbigen von sich. �Geht und helft! Tut etwas, bei den G�ttern! �</p><p>Die Wachen wichen vor ihm zur�ck und bald waren sie im dichten Rauch verschwunden. Artax sah sich nach dem Diener um, der ihn gerettet hatte. Er kauerte an der Innenwand des Tores. V�llig in sich zusammengesunken. Behutsam packte der Unsterbliche seinen Retter unter den Armen und brachte ihn auf den angrenzenden Hof. Einige Dutzend M�nner und Frauen aus seinem Gefolge hatten sich bislang hierher gerettet. Nur wenig Rauch drang durch das Tor. Hier waren sie in Sicherheit.</p><p>Artax legte seinen Diener neben einer Pferdetr�nke zu Boden und benetzte dessen Gesicht mit Wasser. Er lag weiterhin still. Verzweifelt sah Artax sich um. Wo waren die M�nner Muwattas? Warum war niemand hier, um ihnen zu helfen?</p><p>In seinem Herzen wusste er die Antwort.</p><p>Artax riss sich das d�nne Hemd, das er trug, vom Leib, tr�nkte es mit Wasser und wickelte es sich um das Gesicht, sodass nur ein schmaler Spalt f�r seine Augen blieb. Dann kehrte er durch das Tor zur�ck. Die M�nner, die eben noch dort gestanden hatten, waren verschwunden. Vermutlich geflohen.</p><p>Der Unsterbliche st�rmte in den dichten Rauch. Er suchte nach �berlebenden, zerrte sie zum Tor und wies ihnen den Weg. Er fand Datames, der einen kleinen Trupp Dienerinnen f�hrte. Sein Hofmeister war ru�verschmiert, sein Haar versengt. die Augen rot ger�ndert vom Rauch. �Der Harem �� Datames hustete. �Sie sind alle � tot. Erstickt. Alle! Sie sehen aus, als w�rden sie schlafen. Sie ��</p><p>�Komm hier heraus!� Er packte Datames und schob ihn zum Tor. Endlich kamen ihnen H�flinge Muwattas zu Hilfe. Diener und auch einige Wachen. Viel zu sp�t, dachte er bitter. Ganz, wie Muwatta es gewollt hatte. Der Herrscher hatte etwas unternehmen m�ssen, sonst w�rde das Feuer am Ende noch eine Gefahr f�r seinen Palast.</p><p>Die Hilfe war gut organisiert. Bald waren die brennenden Stallungen gel�scht. Gegen das Feuer in den Schilfb�ndelhallen gingen die Helfer nicht vor. Dieser Kampf war aussichtslos. Wo das Schilf einmal Feuer gefangen hatte, war die verzehrende Wut der Flammen nicht mehr zu b�ndigen.</p><p>Bald brachen die brennenden Hallen in sich zusammen und Str�me von Funken stoben �ber die Mauern des Palastes dem Sternenhimmel entgegen. F�r sich genommen ein sch�nes Bild.</p><p>Artax kauerte auf einer Treppe. Sein R�cken schmerzte, wo der siedende Schaum ihn verbr�ht hatte. Er konnte nicht fassen, dass Muwatta das getan hatte! War das die Rache f�r Kurunta? Oder war es von Anfang an geplant gewesen?</p><p>Der Unsterbliche blickte zum Himmel hinauf. Im Osten zeigte sich ein erster Streifen silberblauen Lichts. �ber der Stadt hingen dunkle Regenwolken wie ein himmlisches Leichentuch. Man hatte angefangen, die Toten zu bergen. Sie wurden, in T�cher gerollt, entlang einer Mauer aufgereiht, hinter der sich wohl das Backhaus des Palastes verbarg. Der Duft frisch gebackener Fladenbrote �berlagerte den Geruch von schwelendem Schilfrohr.</p><p>Artax beobachtete, wie die Morgend�mmerung ihre Schwingen �ber den Horizont streckte. Der Anblick tr�stete seine verwundete Seele und lie� ihn zugleich an den G�ttern zweifeln. Die Welt k�nnte ein vollkommener Ort sein! Warum duldeten die Devanthar einen Mann wie Muwatta als Unsterblichen? Welchen Nutzen brachte er ihnen? Und warum hatte der L�wenh�uptige all das nicht verhindert?</p><p>Weil du dich von ihm losgesagt hast, du Narr. Was erwartest du? Du willst neue Wege beschreiten, du willst das Reich ver�ndern, das er in Jahrhunderten geformt hat. St�rzen, was er mit uns aufbaute. Was wunderst du dich da, dass du deine K�mpfe alleine austragen musst? Du solltest dich mit dem L�wenh�uptigen auss�hnen und auf seinen Rat h�ren. Und auch auf das, was wir dir sagen. Wir verk�rpern Jahrhunderte der Erfahrung und du trittst unser Wissen mit F��en. Haben wir dir nicht davon abgeraten, hierherzukommen? Nun h�re auf uns! Mach deinen Frieden mit dem L�wenh�uptigen und dann vergelte Muwatta Gleiches mit Gleichem. Schick ihm Meuchler! Lass Kurunta die Kehle durchschneiden. Schick seinen Haremsdamen Seidenschals, die Pockenkranke in der Stunde ihres Todes in H�nden gehalten haben, auf dass selbst jene, die ihr Leben behalten, f�r immer ihre Sch�nheit verloren haben werden. H�re auf uns! Nur Rache tilgt den Schmerz, den du jetzt f�hlst.</p><p>Artax schloss die Augen und floh dem Grauen. Nie zuvor war er so sehr versucht gewesen, dem Rat Aarons zu folgen. Doch der Qu�lgeist hatte immer nur sein Verderben im Sinn. Er durfte ihm nicht trauen � besonders dann nicht, wenn es s�� und verlockend war, seinem Rat zu folgen. Rache macht blind, hatte seine Mutter ihm immer gesagt, wenn er verpr�gelt nach Hause gekommen war und dar�ber nachgesonnen hatte, wie er es den Siegern von heute an einem anderen Tag heimzahlen w�rde. Seine Mutter war eine einfache Frau gewesen, die nicht lesen konnte und die sich in ihrem ganzen Leben nie weiter als f�nf Meilen von ihrem Dorf entfernt hatte. Aber Wahrheit brauchte keine Gelehrsamkeit und keine gro�en Worte. Er durfte sich nicht von blindem Hass �bermannen lassen. Er w�rde Muwatta bek�mpfen! Mit aller Entschlossenheit, aber ohne Hass.</p><p>Was du tust, ist verbohrt und dumm! Sieh dich um. Sieh dir die Toten an. Und dann jene, die leben. Jeder von ihnen wei�, dass die Toten hier liegen, weil du weichherzig bist. Weil du nicht verstanden hast, wie Unsterbliche miteinander umgehen. Muwatta kann man keinen Vorwurf machen. Er hatte eigentlich keine andere Wahl. Insbesondere nicht, nachdem Kurunta gedem�tigt wurde. Aber du hattest die Wahl! Niemand h�tte von dir erwartet, hierherzukommen. Mit Muwatta kann man nicht reden. Geh hin und sieh dir die Toten an! Merke dir jedes einzelne Gesicht, denn ihr Blut klebt genauso an deinen H�nden, wie an denen von Muwattas Brandstiftern.</p><p>Artax erhob sich. Stumm z�hlte er die in T�cher eingeschlagenen Toten. F�nfunddrei�ig! Dann entdeckte er eine zweite Reihe. Ein zierlicher Fu� in einem roten Pantoffel, der unter einem Tuch hervorlugte, verriet ihm, wer dort lag. Selbst im Tode noch von allen anderen getrennt. Seine Haremsdamen. Alle siebzehn, die Datames ausgew�hlt hatte. Artax ballte die F�uste in hilfloser Wut. Sie waren nur schm�ckendes Beiwerk auf dieser Reise gewesen. Es stand ihm nicht an, ohne Begleitung aus seinem Harem an den Hof eines anderen Unsterblichen zu kommen. Er wusste nicht einmal, wen Datames ausgew�hlt hatte.</p><p>Steif und mit schmerzendem R�cken erhob er sich und ging zu ihnen hin�ber. Er kniete neben jeder von ihnen nieder, schlug die T�cher zur�ck und k�sste sie zum Abschied auf die Stirn. Manche Gesichter waren vom Feuer so sehr entstellt, dass er nicht mehr zu erraten vermochte, wen er k�sste. Andere sahen aus, als seien sie gar nicht in die lange Dunkelheit gereist, sondern w�rden nur schlummern und von seinem Kuss wieder erwachen. Die letzte in der Reihe war Schaptu. Er erinnerte sich noch gut an ihre erste Begegnung im Fliegenden Palast, als sie ihn gemeinsam mit Aya und Mara empfangen hatte. Ihr rotes Haar war fast vollst�ndig verschwunden. Doch ihr Gesicht war nicht entstellt. Ihre Lippen waren leicht ge�ffnet, sodass er ihre makellos wei�en Z�hne sehen konnte. Z�rtlich k�sste er sie auf die Stirn und deckte sie behutsam zu wie ein schlafendes Kind.</p><p>Als Artax sich erhob, wurde er sich bewusst, dass jeder auf dem Hof ihn ansah. Er war einmal mehr aus der Rolle des Unsterblichen geraten! Und er bereute es nicht. Sollte der L�wenh�uptige ihn nur bestrafen! Er war nun einmal nicht der kaltherzige Adelige, der Aaron gewesen war. Und er w�rde sich auch nicht dazu machen lassen.</p><p>Langsam ging er zur gegen�berliegenden Seite des Hofes, wo die anderen Toten aufgebahrt lagen. Die Diener und Soldaten, Pferdeknechte, Mundschenke und N�herinnen. All jene, die namenlos blieben und doch das Reich auf ihren Schultern trugen. Wie die Haremsdamen k�sste er jeden, der dort lag, auf die Stirn. Auch jener Diener, der ihn geweckt hatte, lag nun in der Reihe der Toten. �u�erlich ganz unverletzt � Ihn zu sehen versetzte Artax einen Stich. Der Mann war gestorben, weil er ihn, Artax, den vermeintlich Unsterblichen, aus der Schilfb�ndelhalle gerettet hatte. Er h�tte einfach davonlaufen k�nnen.</p><p>�Bitte, Erhabener. Ihr seht durstig aus.� Eine junge Dienerin war vor ihn getreten. Tief vorgebeugt, die Arme erhoben, bot sie ihm einen schlichten Tonbecher mit Wasser.</p><p>Dankbar nahm er ihn an und trank. Seine Kehle war wie ausged�rrt.</p><p>�Erhabener �� Die Dienerin blickte scheu zu ihm auf und Tr�nen standen ihr in den Augen. �Dort liegt meine kleine Schwester �� Ihre Stimme brach. �Ich � Ich war es, die sie zum Dienst im Palast �berredet hat. Ich habe meiner Mutter versprochen, immer auf sie achtzugeben. Ich ��</p><p>Artax strich ihr sanft �ber die tr�nennasse Wange. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Stumm verfluchte er sich f�r seine Arroganz. Er h�tte auf den L�wenh�uptigen h�ren sollen! Er h�tte niemals hierherkommen d�rfen.</p><p>�Es hat mir viel bedeutet, dass Ihr sie gek�sst habt, Erhabener. Ich �� Sie ergriff seine Hand, presste den Handr�cken gegen ihre Stirn und k�sste ihn dann. �Ich � Danke!�</p><p>Artax konnte es nicht fassen. Er h�tte erwartet, dass sie ihn verfluchte! Noch immer standen alle auf dem Hof still und blickten zu ihm hin�ber.</p><p>�Wir werden deine Schwester nach Hause bringen. All unsere Toten. Noch heute Morgen!� Er sagte es so laut, dass alle auf dem weiten Hof ihn verstehen konnten. Mit den Worten kehrte sein Wille zur�ck, etwas zu unternehmen. Er entdeckte Datames im Toreingang und winkte ihm zu kommen.</p><p>Das M�dchen k�sste noch einmal seine Hand und zog sich zur�ck.</p><p>�Wei�t du, was in der letzten Nacht vorgefallen ist? War es Brandstiftung oder ein Unfall?�</p><p>Der Hofmeister blickte beklommen zu den Dienern, die wieder ihren Arbeiten nachgingen. �Ich habe mir vor allem die Halle angesehen, in der der Harem einquartiert war, Erhabener�, sagte er leise. �Durch den Brand sind viele Spuren verwischt. Und durch den Eifer der Helfer aus dem Palast. F�r mich hat es den Anschein, als sei das Feuer an mehreren Stellen dieser Schilfhalle gleichzeitig ausgebrochen. Ein langsames Schwelen, bei dem viel Rauch ins Innere drang. Der Harem ist die einzige Halle, in der es keine �berlebenden gab. Keine Fl�chtenden. Sie alle sind im Schlaf erstickt � was ungew�hnlich ist. Fast, als habe jemand einen Bannzauber �ber die Schlafenden gelegt.�</p><p>Artax sch�ttelte �rgerlich den Kopf. Er hatte schon viel �ber Zauberei reden h�ren, aber noch nie gesehen, dass jemand Magie anwenden konnte. Au�er in jenem Tal, viel zu nah seinem Heimatdorf. �Willst du andeuten, dass I�ta ��</p><p>�Einen Hofzauberer hat Muwatta jedenfalls meines Wissens nicht.�</p><p>W�tend ballte Artax die F�uste. Was tat der L�wenh�uptige f�r ihn? H�tte er ihn und die Seinen nicht in der letzten Nacht besch�tzen k�nnen? Wo war er jetzt schon wieder? Warum mischte er sich nicht ein?</p><p>�Und unsere Wachen?� Es gelang Artax nicht, seine Wut zu beherrschen, w�hrend er sprach. �Wo waren unsere Wachen?�</p><p>�Man hat ihnen gestern ein sehr opulentes Mahl serviert und etliche Amphoren mit Wein. Nat�rlich nur, weil zum Fest der Himmlischen Hochzeit alle in der Stadt besonders gut gespeist werden. Ich sch�tze, die meisten von ihnen waren betrunken und haben auf ihren Posten geschlafen. Obwohl sie das nat�rlich entschieden abstreiten.�</p><p>Artax fluchte. �Ich sollte sie ��</p><p>�Begnadigen, Erhabener. Oder besser noch, gar nicht erst anklagen. Es sind gute M�nner. Sie wurden get�uscht, so wie wir. Und sie leiden an dem, was geschehen ist. Sie alle haben gestern Nacht versucht zu retten, was noch zu retten ist. Keiner von ihnen ist unverletzt geblieben, vier sind tot. Sie brauchen keine Strafe mehr.�</p><p>�Keine Strafe daf�r, dass sie nicht auf Wache waren? Das ist das Ende der Ordnung!�</p><p>�Und wer bestraft den, der uns wider besseres Wissen hierhergef�hrt hat, Erhabener? Hat er nicht all diese M�nner und Frauen mindestens genauso auf dem Gewissen wie die Wachen, die nicht auf Posten waren?�</p><p>Artax sah den Hofmeister scharf an. Noch nie war Datames ihm gegen�ber so aufs�ssig gewesen. Doch Datames hielt dem Blick stand. Artax war �berrascht, wie viel Selbstsicherheit sein Hofmeister ausstrahlte. Seit der Devanthar ihn zum unsterblichen Aaron gemacht hatte, war er noch keinem Mann begegnet, der seinem Blick standzuhalten gewagt h�tte.</p><p>�Ihr tragt zwei Drachen in Eurem Herzen, Erhabener. Den Drachen Ehrgeiz und den Drachen Romantik. Beide trachten danach, Euer Leben zu beherrschen. Das macht Euch zu einem gef�hrlichen Mann f�r jeden, der dazu verdammt ist, in Eurer N�he zu sein, Freund wie Feind. Der Himmelssturz hat Euch ver�ndert. Der Mann, den ich kannte, hatte nur ein Ziel: sein eigenes Vergn�gen. Der andere Aaron folgt zu vielen Zielen. Besiegt einen der Drachen in Euch, dann werdet Ihr ein gro�er Mann sein.�</p><p>�Welchen Drachen hast du in dir get�tet? Und hat dich das zu einem gr��eren Mann gemacht? Ich werde keinen von beiden aufgeben, denn sie machen mich zu dem, der ich bin. Und nun besorg mir Karren. Wir werden jeden Toten und jeden Verwundeten auf Karren laden. Und wir werden diese verfluchte Tempelstadt noch heute Morgen verlassen!�</p><p>Datames nickte knapp. �Und wie werdet Ihr mit den Wachen verfahren, Erhabener?�</p><p>�Sie werden auf der Ebene von Kush in der ersten Reihe stehen, wenn wir den Heerscharen Muwattas entgegentreten. Dort werden sie ihre verlorene Ehre wiederfinden k�nnen.�</p><p>�Gestattet Ihr, dass ich dann ebenfalls in der ersten Reihe stehe, Erhabener?�</p><p>Artax musterte den H�fling vom Scheitel bis zur Sohle. Datames war zu zart gebaut; er war kein Mann f�r den Kampf. Mit Kurunta hatte er Gl�ck gehabt. F�r ein Schlachtfeld w�rde dieses Gl�ck nicht ausreichen, aber ihn zur�ckzuweisen w�rde ihn besch�men. �Ich lade dich ein, dort an meiner Seite zu stehen.�</p><p>Der Hofmeister l�chelte schmal. �Bitte verzeiht, Erhabener, wenn ich mir die Gunst erbitte, ein paar Schritt entfernt zu stehen. Solange Ihr nicht einen Eurer Drachen besiegt habt, erwartet jeden, der Euch nahe steht, der Tod.� Mit diesen Worten wandte er sich ab.</p><p>Artax war fassungslos �ber so viel Impertinenz. Er sollte ihn ersetzen, dachte er, und wusste doch zugleich, dass er nicht auf ihn verzichten konnte.</p></section><section><title><p>Verzweifelt</p></title><p>Gonvalon rammte seinen Dolch in den verharschten Schnee und zog sich nach vorn. Seine Kleider waren mit Eiskrusten �berzogen, sein K�rper starr vor K�lte, und das war gut so. Die K�lte hatte die Schmerzen getilgt. Zumindest f�r den Augenblick.</p><p>Er blickte nicht an sich hinab. Und er blickte nicht zur�ck. Die Tanne auf der Anh�he voraus war das Ziel seines Lebens. Sie musste er erreichen. Und wenn er das schaffen sollte, dann w�rde er sich ein neues Ziel suchen. Wenn �</p><p>Wieder streckte er die Arme vor. Knirschend fuhr der Stahl des Dolches durch die vereiste Oberfl�che. Es war Nacht. Geisterhaftes Licht tanzte �ber den Himmel und reflektierte gr�n auf dem Schnee. Er wusste nicht, wie lange Matha Naht ihn festgehalten hatte. Waren es Stunden gewesen oder Tage? In der Qual war die Zeit au�er Form geraten. Unmessbar! Er konnte sich nicht mehr erinnern, ob Licht und Dunkelheit �ber den Himmel gewandert waren. Nur an die Wolfsaugen konnte er sich erinnern. Nie w�rde er sie vergessen! Blaue Augen, die Iris eingefasst von einer d�nnen schwarzen Linie.</p><p>Lyvianne hatte gesagt, dass der beseelte Holunder sich von Angst und Schmerz n�hrte. Matha Naht hatte ein Festmahl an ihm gehalten! Wie er entkommen war, daran erinnerte er sich nicht mehr. War er �ber den Drachenpfad gegangen? Wer hatte ihn ge�ffnet? Wollte Matha Naht, dass er floh?</p><p>Er rammte das Messer in den Schnee und zog sich wieder ein St�ck weiter. Auch wenn der fr�hzeitige K�lteeinbruch die Landschaft drastisch ver�ndert hatte, wusste er, wo er war. Es befand sich auf der R�ckseite des H�gels, zu dem er mit Nandalee jeden Morgen gelaufen war. Die Wei�e Halle war nur wenige Meilen entfernt. Er musste durchhalten!</p><p>Wieder zog er sich einen halben Schritt durch den Schnee. Die Erinnerung an die W�lfe � Nie w�rde er die Laute dieser Schreckensnacht vergessen. Das Schnappen der Kiefer, die splitternden Knochen. Matha Naht musste einen Zauber auf ihn geworfen haben. Er war nicht ohnm�chtig geworden. Hatte alles mit angesehen �</p><p>Er war kein Schwertmeister mehr. Er war ein Kr�ppel. In einem jedoch hatte Matha Naht Wort gehalten. Das blasse Band zwischen Piep und Nandalee war nun von einem kr�ftigen, dunklen Rot. Auch hatte der beseelte Holunder die W�lfe vom kleinen Vogelk�fig ferngehalten. Gonvalon legte sein Haupt in den Schnee und tastete nach dem K�fig auf seinem R�cken. Leise meldete sich die Misteldrossel.</p><p>Der verharschte Schnee war ein hartes Kissen. Gonvalon dachte an Nandalee. An ihr helles Lachen, ihr ungeb�ndigtes Temperament. Er hatte es versuchen m�ssen, sie wiederzufinden. Selbst jetzt, wo er wusste, wie die Suche enden musste, w�rde er sie erneut beginnen, h�tte er noch einmal zu entscheiden. Sein Opfer war nicht vergebens gewesen. Das Band zum Vogel war voller Kraft und Gonvalon stellte sich vor, dass der dunkle Zauber Matha Nahts Nandalee ihre verl�schende Lebenskraft zur�ckgegeben hatte. Es hatte geholfen, was er getan hatte. Ganz sicher! Wenn er im Schnee liegen bliebe und starb, w�rde er mit einem L�cheln auf den Lippen gehen.</p><p>In den nahen W�ldern heulte ein Wolf. Hatte Matha Naht sie losgelassen, um ihr Werk zu vollenden? Gonvalon umklammerte den Dolch fester. Er w�rde nicht kampflos aufgeben! Mindestens einen der W�lfe wollte er in die Dunkelheit mitnehmen. Und er w�rde wiedergeboren werden. Vielleicht war es das Beste so? Er konnte Nandalee erneut begegnen. Seine alte Seele in junges Fleisch gewandet. Dann w�re er kein Kr�ppel.</p><p>�Das ist nicht das Ende�, murmelte er trotzig und stemmte sich hoch. Dann tastete er nach dem K�fig auf seinem R�cken. Mit zitternder Hand �ffnete er die T�r, damit Piep entkommen konnte.</p><p>Die Misteldrossel landete neben ihm im Schnee. Mit schief gelegtem Kopf sah ihn der kleine Vogel mit seinen schwarzen Augen an. Erstaunlich, wie treu er war �</p><p>�Flieg fort! Das ist kein Platz f�r dich. Flieg!�</p><p>Piep h�pfte ein wenig zur Seite, verharrte dann und sah ihn erneut an. War sie wieder in ihm? Den Gedanken konnte Gonvalon nicht ertragen! Sie sollte ihn so nicht sehen! Nicht die Beine! Sie sollte den Schwertmeister in Erinnerung behalten, ihren Liebhaber, vielleicht auch noch den Steinmetz, der sich die H�nde blutig gearbeitet hatte, wenn er versuchte, die Last seiner Seele in Stein zu schlagen. Aber nicht so!</p><p>�Flieg weg!�, zischte er den Vogel an. �Weg!� Er warf Klumpen gefrorenen Schnees nach dem Vogel. Piep stie� ein ver�rgertes Zwitschern aus. Dann flog er davon.</p><p>Gonvalon rang mit den Tr�nen. War sie dort gewesen? �Bitte nicht ��, fl�sterte er schwach. �Bitte.�</p><p>Er schob sich ein St�ck weiter den Hang hinauf. Wenn er es bis zur Tanne schaffte und den Baum im R�cken hatte, w�rde er einen besseren letzten Kampf liefern.</p><p>Wie eine h�hnische Herausforderung erklang das Wolfsgeheul. Waren sie auf seiner Spur? Jagten sie ein anderes Wild?</p><p>Er entschied, dass er gar nicht entkommen wollte. Ein guter Abgang, das war alles, was er sich noch w�nschte. Er lachte bitter auf. <emphasis>Abgang!</emphasis> Nein, den w�rde er nicht haben. Er w�rde nie mehr gehen. Matha Naht und die W�lfe hatten ihn zum Kriecher gemacht.</p><p>Mit verbissener Wut rammte er den Dolch durch den Schnee in den gefrorenen Boden und zog sich weiter. St�ck f�r St�ck k�mpfte er sich den Hang hinauf, und die Wut verlieh ihm neue Kraft. Es war das letzte Aufb�umen, das wusste er.</p><p>Allm�hlich erstickte die K�lte das Feuer seiner Wut. Der Baum war nur noch drei oder vier Schritt entfernt. W�rde er es schaffen? Sein Atem ging keuchend. Er dachte an seine Kindheit. Seine fr�hesten Erinnerungen waren jene an die W�lfe im Schnee. Alles was davor lag, war hinter ehernen Pforten verborgen, die sich nie mehr f�r ihn ge�ffnet hatten. Sein bewusstes Leben war ein Kreis, der sich nun schloss. Der Gedanke lie� ihn l�cheln. Stimmte ihn friedlicher. Er war so m�de.</p><p>Mit W�lfen im Schnee hatte es begonnen. Sie hatten ihn zu Gonvalon, dem Winterkind, gemacht. Nun w�rden die W�lfe ihren Fra� doch noch bekommen.</p><p>Er dachte an Nandalee. Hoffentlich hatte sie ihn nicht durch Pieps Augen gesehen, nicht so! Das sollte nicht ihr Abschied sein �</p><p>Endlich erreichte er die Tanne. Ihr dichtes Ge�st hatte den Schnee ferngehalten. Ersch�pft lehnte er sich gegen den Stamm. Die W�lfe schwiegen nun. Sammelten sie sich?</p><p>Aufrecht sitzend sah er auf seine Beine hinab. Auf die zerrissene, blutige Hose. Den Knochen, der dicht unter seinem Knie aus den Lumpen ragte. Erstaunlich, dass er keinen Schmerz sp�rte, dachte er n�chtern. Und dass er nicht l�ngst verblutet war. Das musste der Zauber des Holunderbaums sein! Matha Naht hatte gewollt, dass seine Qual lange w�hrte.</p><p>Er k�nnte ihr den letzten Kampf verweigern. Konnte daf�r sorgen, dass die W�lfe nur noch Aas fanden. Gonvalon blickte auf den Dolch in seiner Hand.</p></section><section><title><p>K�pfe auf Speeren</p></title><p>Volodi sah den Steppenreiter �berrascht an.</p><p>�Du musst das verstehen, Bruder!�, sagte Partatu, ohne ihm dabei in die Augen zu blicken. �Sie ziehen Reiter an der Grenze zusammen. Ein paar Sippenlose und einige unverheiratete M�nner werden sicher bei euch bleiben, aber �� Partatu zuckte mit den Schultern. �Du wei�t, wie das ist.�</p><p>�Willst du sagen damit, dass ich wisse, wie ist Freunde im Stich zu lassen? Willst du beleidigen mich? Oder bist nur dumm? Ich dir werden zeigen ��</p><p>Juba legte ihm die Hand auf die Schulter. �Unser Freund Volodi meint das nicht so. Er kennt deine Sorgen.�</p><p>�Ich nix kenne ��</p><p>Juba dr�ckte mit der Hand fester zu und Volodi schluckte seinen �rger hinunter. Der Feldherr hatte recht. Wenn er Streit mit diesem flachgesichtigen Halsabschneider anfing, w�rden ihnen die Steppenkrieger nicht nur davonlaufen � nein, sie w�rden sich gegen sie stellen. Der Drusnier zwang sich zu einem L�cheln. �Ich haben Spa� gemacht.�</p><p>Sein Gegen�ber schenkte ihm ein noch unehrlicheres L�cheln. �Ich wusste das. Ich gebe dir jetzt einen Rat, der kostbarer als hundert Eisenschwerter ist. Nehmt eure G�ule und rennt! Mit den Luwiern reitet der Tod. Wir werden mit unseren Herden und Familien weit fort sein, wenn sie kommen.�</p><p>�Ich immer denken, ihr seid harte Krieger, gehen nach Luwien pl�ndern.� Volodi gab einen gespielten Seufzer von sich. �Ist sich schlecht, die Welt. Nur L�gen ��</p><p>Verletzter Stolz blitzte in den Augen des Steppenreiters. �Wir �berfallen sie manchmal, das stimmt schon. Stehlen ein paar Weiber und etwas Vieh.� Er hob beide H�nde in einer Geste unschuldiger Verzweiflung. �Ja, manchmal schlagen wir dabei ein paar Sch�del ein und ein paar H�user gehen in Flammen auf. Das kann passieren, wenn M�nner ein bisschen Spa� haben wollen. Aber die Luwier � Sie kennen kein Ma�! Wie die Heuschrecken kommen sie �ber die Steppe. Sie sind ohne Zahl und t�ten alles, was lebt. Wenn sie eines unserer Lager �berfallen, metzeln sie Frauen und Kinder nieder. Das Vieh. Sogar die Hundewelpen erschlagen sie. Sie nehmen nichts von uns. Keine Weiber, um sich mit ihnen zu vergn�gen. Keine Kinder als Sklaven. Kein Vieh. Nichts! Das ist, als w�rden sie einem ins Gesicht schei�en!� Der Steppenreiter ballte seine F�uste. Er zitterte vor Wut. �Ich kann das nicht verstehen! Wir kommen, um zu rauben. Weil wir haben wollen, was sie haben. Aber wenn die Luwier in die Steppe reiten, dann kommen sie nur, um zu t�ten. Manche sagen, ihre Krieger sind gar keine richtigen Menschen. Sie haben sie aus alten Gr�bern geholt.�</p><p>Volodi dachte daran, wie die Mannschaften der Zinngaleeren ermordet worden waren. Er kannte diese Art, Krieg zu f�hren, und sch�mte sich daf�r.</p><p>�Sei nicht mehr hier, wenn sie kommen, Volodi. Das ist der beste Rat, den du in deinem ganzen Leben bekommen hast. Fahrt schnell wie der Wind. Vergesst eure Pl�ne. Sie wissen davon. Sie wissen alles. Flieht!�</p><p>Volodi umarmte den kleineren Steppenkrieger und k�sste ihn auf beide Wangen. Er hatte ihn falsch behandelt. �Ich dir w�nschen guten Ritt, fette K�he und Jurte voll mit Kindern, Partatu.�</p><p>Volodi konnte sp�ren, wie Juba sich neben ihm anspannte. Doch der Steppenkrieger wusste seine Worte richtig zu nehmen. �Wir werden losziehen und ihnen die h�bschesten Weiber klauen, Goldhaar. Ganz wie richtige M�nner! An einem anderen Tag.�</p><p>�Wir werden tun!�</p><p>Partatu wandte sich ab. Man sah ihm den angeschlagenen Stolz an, als er sich in den Sattel zog. Der Steppenreiter hob noch einmal die Hand zum Gru�, dann zog er sein struppiges Pony um den Z�gel und preschte davon. Er nahm fast f�nfhundert Reiter mit sich.</p><p>Volodi sah ihnen schweigend nach. Der laue S�dwind blies ihm ins Gesicht und spielte mit seinem langen Haar. Er mochte den Wind, dachte der Drusnier. Besonders den Fahrtwind, wenn er mit dem Streitwagen �ber die Steppe st�rmte. Das war besser als alles andere! Allerdings vermisste er das Rauschen der B�ume in seiner Heimat. Hier gab es kaum einen Baum. Nur endloses Grasland, das in sanften H�gelwellen bis zum Horizont reichte. Ab und an ragte eine Felsnadel aus der Steppe. Auch gab es vereinzelt vom Wind geducktes Geb�sch. Doch das war alles, woran das Auge verweilen konnte. Es war wie auf dem Meer, nur dass es hier keine K�stenstreifen gab, an denen man zur Nacht die Galeeren auf den Strand zog. Er vermochte sich hier kaum zu orientieren und war ganz auf die F�hrer aus dem Volk der Steppenreiter angewiesen.</p><p>�Man kann M�nnern nicht trauen, die auf Pferden reiten, statt sie vor einen Streitwagen zu spannen, wie es sich geh�rt�, murrte Juba.</p><p>Volodi nickte, aber im Grunde war er der Ansicht, dass es die Pferde waren, denen man nicht trauen konnte. Er hatte einige Male versucht zu reiten, was jedes Mal eine peinliche Angelegenheit geworden war. Er w�rde sich nie wieder auf ein Pferd setzen! Wenn man mit einem Schwert im Ged�rm starb, weil man vor einer Schlacht zu viel gesoffen hatte, dann war das ein passabler Tod. Aber von einem Gaul zu fallen und sich das Genick zu brechen � so sollte kein Krieger sterben!</p><p>�W�hrend du heute Morgen mit unseren treuen Verb�ndeten palavert hast, ist ein Botenreiter vom unsterblichen Aaron eingetroffen. M�gen die Schwingen der gefl�gelten Sonne dem Erhabenen Schatten spenden.�</p><p>Er w�rde sich nie an dieses schw�lstige Hofgefasel gew�hnen, dachte Volodi. �Was er schreiben?�</p><p>Juba zog eine kleine Holzkladde aus seinem G�rtel, klappte sie auf und hielt sie ihm hin. Zwischen vergoldeten Rahmen waren zwei gebrannte Tontafeln eingelassen. �Wir haben den Befehl zum Angriff!�</p><p>�Ja! Endlich ist Ende von Warten gekommen. Endlich!� Volodi betrachtete die Tafeln n�her. Diese Schrift � Das w�rde er genauso wenig lernen wie reiten! Die Tafeln sahen aus, als sei ein kleiner Vogel �ber feuchten Ton gewandert. Einzig der Abdruck des Rollsiegels sagte dem Drusnier etwas. Der Mann im Streitwagen unter der gefl�gelten Sonne, der �ber niedergestreckte Feinde hinwegpreschte. Das war das Siegel des Unsterblichen. Ohne Zweifel. Niemand sonst im Reich w�rde wagen, es zu benutzen.</p><p>�Machst du dich mit den Einzelheiten des Befehls vertraut?�, spottete Juba.</p><p>Volodi l�chelte den Feldherrn an. �Wei�e du, gro�e Krieger hat sich immer einen Diener, der kann lesen ihm vor. Aber Vorleser hat sich selten gro�e Krieger als Diener.�</p><p>Juba entging die Stichelei offensichtlich nicht, aber er wirkte nicht ver�rgert. F�r einen Krieger, der viel Zeit bei Hof verbrachte, war er ein erstaunlich anst�ndiger Kerl. Anfangs hatte Volodi ihn nicht gemocht, doch die Wochen in der Steppe hatten ihn Respekt vor dem bulligen, muskelbepackten Kerl gelehrt, der mehr als einen Kopf kleiner war als er. Juba war ein guter Kriegsmeister. Einer von denen, der mit seinen M�nnern aus demselben Napf fra�. Die M�nner mochten ihn.</p><p>�Nachdem unsere Rangfolge gekl�rt w�re, sollten wir entscheiden, auf welchem Weg wir uns nach Aram durchschlagen. Wir haben hier zu lange gewartet! Der Zeitpunkt f�r einen �berraschenden �berfall ist verstrichen. Wir sind gescheitert.�</p><p>�Nix wir sind!�, entgegnete Volodi aufgebracht. Wie konnte man so leicht alles hinwerfen! �Sind wir gescheitert, wenn liegen in Staub und unsere K�pfe stecken sich auf Speeren von Luwiern!�</p><p>�Und genau das wird geschehen, wenn wir uns nicht zur�ckziehen. �</p><p>�Wir schneller sind!�</p><p>�Wir am Ende unserer Vorr�te sind�, �ffte Juba ihn nach. �Verdammt, sieh es ein! Unser Spiel ist aus. Wir k�nnen die M�nner vielleicht noch f�r f�nf Tage versorgen, und uns sitzt der Feind im Nacken. Wir haben keine andere Wahl. Und glaube nicht, dass ich Angst habe zu k�mpfen. Mir macht es auch keinen Spa�, vor diesen verfluchten Bastarden den Schwanz einzuziehen wie ein gepr�gelter Hund. Sie verspotten Aram! Irgendetwas muss in Isatami geschehen sein. Der unsterbliche Aaron, m�gen die Schwingen der gefl�gelten Sonne ihm Schatten spenden, muss mit seinen Friedensgespr�chen gescheitert sein. Drastisch gescheitert � Er schreibt nichts dar�ber. Aber der Bote berichtet, dass es viele Tote gegeben hat. Er war nicht bei der Gesandtschaft. Nach allem, was er wei�, gab es ein schreckliches Feuer im Quartier der Unsrigen.�</p><p>�Dann ist sich noch wichtiger, wir nicht kneifen Schwanz! Wir machen List!�</p><p>Juba lachte kurz auf. Dann sch�ttelte er den Kopf. �Was f�r eine List?�</p><p>�Machen wir unsichtbar uns! Ich wei�, eine Gro�mutter mit Augen kaputt kann Spur folgen, die wir in Erde dr�cken. Zu viele Pferde. Zu viele R�der. Ich kann verschwinden lassen Spur. Komm, ich zeigen dir!� Er f�hrte Juba zu dem Platz, an dem er sich mit den Sp�hern der Ischkuza besprochen hatte. Sie hatten eine Karte entworfen. Asche zeigte die Wei�e W�ste an, einige Steine die Bergkette, die einen Teil der Grenze nach Luwien abschirmte.</p><p>�Hier wir stehen!� Volodi zeigte auf einen Punkt nahe der W�ste. �Totes Land ist sich halber Tag fort. Bin gewesen dort mit Sp�hern. Ist trocken wie Furz von sich halb verdurstetem Hund. Aber haben wir Verb�ndeten einen Starken, wenn wir gehen dort.�</p><p>Juba wischte sich mit dem Handr�cken den Schwei� von der Stirn. �Wenn wir in die W�ste gehen, verrecken wir. Wir kennen die Wasserl�cher nicht, und in dem Sand kann man unseren Spuren sogar noch leichter folgen.�</p><p>Volodi l�chelte verschw�rerisch. �Kennst du nicht Macht von Freund S�dwind. Ich haben gesehen. Drei Stunden. Dann hat sich alle Spuren gel�scht. Bleibt sich nichts!� Er deutete auf die Karte am Boden. �Gehen wir hier in totes Land. Werden Luwier denken sich, wollen wir zu gro�er Ebene. Aber wir klug. Wir gehen hierher zu Bergen. Ist sich k�rzester Weg. Und �� Er machte eine Pause, um seinen Worten mehr Nachdruck zu verleihen. �Wir sind schneller viel. Sind sich unsere Wagen von Streit leicht. Nicht wie Wagen von Luwier. Kommen wir besser durch Sand. Sie aber stecken sich fest! In totes Land gehen ist viel gro�e List!</p><p>�Nat�rlich werden sie uns dorthin nicht folgen. Jeder, der klar denken kann, wei�, dass man mit Streitwagen kein Gebirge �berqueren kann.�</p><p>�Dann wir hoffen, wir haben Feinde, die sich denken klar! Ich sage dir, ich kenne Weg. Und wenn ich sagen Mist, du darfst nehmen Kopf, das ist von mir, und stecken auf deine Speer! Du schlagen ein?�</p></section><section><title><p>Jenseits der Mauer</p></title><p>Zum ersten Mal seit Langem f�hlte Nandalee sich gut. Sie hatte Angst, die Augen aufzuschlagen und jenen fl�chtigen Moment in der Schwebe zwischen Schlaf und Wachen zu beenden. Sie war sich bewusst, wo sie war. So weit war sie ihren Tr�umen schon entglitten � Vor einem Augenblick noch hatte sie in Gonvalons Armen gelegen. Er hatte sie angel�chelt. Es war dieses besondere L�cheln, geboren aus tiefer Liebe und doch verbunden mit einem Anflug von Schalk. Es machte ihn unwiderstehlich. Und er wusste das.</p><p>Auch Nandalee musste unwillk�rlich l�cheln. Sie streckte sich. Etwas stimmte nicht! Ihr K�rper � Sie schlug die Augen auf. Sie hatte ihren K�rper zur�ck! Ungl�ubig strich sie �ber ihre glatte Haut, tastete nach dem Gesicht, in dem kein Bart mehr wucherte. Sie hatte sich zur�ck! Endlich.</p><p>Vor Gl�ck begann sie hemmungslos zu schluchzen. Der Bart war fort, aber � Sie hielt den Atem an und tastete nach ihrer Nase. Sie war nicht l�nger verst�mmelt! Und ihre Augenbrauen � Sie hatte wieder zwei Augenbrauen! Immer wieder betastete sie sich. Sie kicherte, sie schluchzte. Ihre Gef�hle trugen sie fort. Nie zuvor war sie so gl�cklich gewesen! Jetzt erinnerte sie sich wieder an den Augenblick der beginnenden Verwandlung. An den Schmerz! Das Rei�en in den Gliedern. Das Blut � Sie konnte sich erinnern, ohnm�chtig geworden zu sein. Wie hatte sie es geschafft, den Zauber zu vollenden? Oder hatte sie es gerade deswegen geschafft? Weil sie nicht eingreifen konnte und alles in seinem nat�rlichen Fluss war?</p><p>Sie �ffnete ihr Verborgenes Auge und betrachtete das magische Netz. Sie sah es klarer. Verst�ndiger. Wusste, warum alles miteinander verbunden war. Es war sch�n! Nie hatte sie es unter diesem Aspekt betrachtet. Wenn sie sich bewusst der Magie ge�ffnet hatte, dann war da immer eine unterschwellige Angst gewesen. Die hatte sie nun verloren. Sie f�hlte sich als Teil dieses Netzes. Das hatte sie fr�her nie vermocht. Es war ein Hochgef�hl! Sie verstand ihren Platz in der Welt! Wie hatte sie bislang nur so blind sein k�nnen und �</p><p>Da war ein Makel. Etwas, das die Harmonie st�rte. Die Linie, die sie mit Piep verband, war ver�ndert. Sie war von einem dunklen Rot, das an frisch vergossenes Blut erinnerte. Nandalee �berlegte, die Linie zu durchtrennen. Sollte sie sich nicht frei von verlorenen Bindungen machen? Dieses Band � Seine Magie war von einer Beschaffenheit, die sich deutlich von den Kraftlinien ringsherum unterschied. Jemand Fremdes hatte sich eingemischt. Den Zauber ver�ndert �</p><p>Nandalee entschied, sich nicht zu entscheiden. Sie wollte ihr Hochgef�hl nicht durch Gr�belei tr�ben. Neugierig betrachtete sie alles um sich herum. Die weite Kammer erstrahlte in hellem Licht, ganz anders als das, was sie mit ihren wirklichen Augen wahrnahm. Alles im Thronsaal des Dunklen war von Magie durchdrungen. Selbst die Steine, aus denen die Pyramide erbaut war, waren nicht von Hand behauen. Der Wille des Drachen hatte sie aus dem gewachsenen Fels geschnitten und zu diesem Bauwerk geformt. Und Nandalee entdeckte, dass Firaz die Wahrheit gesagt hatte. Die Form des Bauwerks und der R�ume darin beeinflusste das magische Netz. Es schien, als seien gewisse Zauber leichter zu weben, da die Kraftlinien geb�ndelt wurden. Am hellsten aber leuchtete der <emphasis>Thron</emphasis> des Dunklen. Sie erkannte ein dichtes Netz von Bannzaubern, die in den Fels gewoben waren. Darunter verbarg sich etwas mit einer magischen Struktur, die durch die Bannspr�che bis fast zur Unkenntlichkeit verzerrt war. Es war fremd, noch viel fremder als jener Zauber, der in ihr magisches Band zu Piep eingeflossen war. Was mochte dort liegen? Nandalee war versucht, den Zauber zu durchbrechen, und sie war zuversichtlich, dass ihr dies gelingen w�rde. Bereits seit sie die Fugen im Gestein entdeckt hatte, fragte sie sich, was so bedeutend war, dass der Erstgeschl�pfte es unter seinem <emphasis>Thron</emphasis> verbarg. Auf der anderen Seite � Sie dachte an das Fenster in der Bibliothek der Wei�en Halle und all ihre Neugier versiegte. Einen solchen Fehler w�rde sie nicht wiederholen. Vielleicht verbarg sich unter dem <emphasis>Thron</emphasis> noch eine andere Pforte. Ihr gen�gte es, einmal unbedarft in ein Gef�ngnis gestolpert und dabei fast umgekommen zu sein � und sogar sie konnte aus ihren Fehlern lernen.</p><p>Versonnen betrachtete sie die W�nde ringsherum. Ob sie einen Weg hinaus finden konnte? Nie zuvor hatte sie versucht, einen magischen Fluchtweg zu finden. Sie stieg vom flachen Thronh�gel und watete durch das lauwarme Wasser. Die stickige Hitze war bedr�ckend.</p><p>Im Wasser entdeckte sie die Auren der Kreaturen, die dort lebten. Lange, schlangenartige Gesch�pfe. Vielleicht Aale? Ein blasses blaulila Licht umfing sie. Sie wichen vor ihr zur�ck.</p><p>Als sie in den Gang trat, der vom Thronsaal fortf�hrte, fand sie schon bald einen verschlungenen Wirbel, in dem sich das magische Netz zu einem leuchtenden Tunnel zusammenzog. Sie erkannte die Merkmale der Drachenmagie. Es war ein Zauber, der sich nicht am nat�rlichen Muster des magischen Netzes orientierte, um ihn zu manipulieren. Hier hatte man die Magie in eine Form gezwungen, die im Widerspruch zu den Gegebenheiten des Ortes stand. Man hatte ihr geradezu Gewalt angetan. Nandalee sp�rte, wie tiefgreifend diese Ver�nderung war und dass sie nicht g�nzlich beherrschbar war. Hier konnten unvorhersehbare Dinge geschehen. Der Tunnel k�nnte nach ihr schnappen, als sei sein Ende das weit aufgerissene Maul einer immer hungrigen Schlange. Es lag keine Ruhe in diesem Zauberwerk. Es richtete sich mit derselben aggressiven Kraft, die der Dunkle bei seiner Erschaffung genutzt hatte, gegen Gesch�pfe, die ihm unbedarft nahe kamen. Deutlich konnte sie die zerst�rerische Kraft sp�ren, die in dem Zauber mitschwang. Nandalee musste daran denken, was Gonvalon ihr �ber die Schwerter in der Wei�en Halle erz�hlt hatte. Dieser Makel haftete wohl allem an, was von Drachen erschaffen wurde.</p><p>Die Elfe ging weiter. Fasziniert betrachtete sie das magische Muster, das mit den Wandbildern verwoben war. Nichts in dieser Pyramide schien ohne Zauberei erschaffen worden zu sein. Bald fand sie einen Ort, dessen magisches Gewebe an einander durchdringende R�hren erinnerte. Es gab keine M�glichkeit, die Stelle zu umgehen, es sei denn, sie gab auf und kehrte in die Halle zur�ck. Auch hier sp�rte sie die dunkle Komponente des Zaubers. Lange starrte sie das Kn�uel aus Kraftlinien an. Wozu diente es?</p><p>Nandalee wusste, dass sie auf ihren Streifz�gen schon hier entlanggegangen war. Ihr war nichts geschehen. Wie oft konnte man dieses Zaubergewebe wohl passieren, bevor die verborgene Falle zuschnappte? Oder war sie bereits zugeschnappt? Lag es an diesem Zauber, dass sie keinen Ausgang aus der Pyramide gefunden hatte? Und � konnte sie den Zauber manipulieren? Was tat der Dunkle, wenn er die Pyramide verlie�? W�rde sie das Gewebe des Zaubers zerteilen k�nnen, ohne es zu zerst�ren? So wie man mit der Hand einen Perlenvorhang vor einer T�r zur Seite schob?</p><p>Nandalee richtete die Kraft ihrer Gedanken auf ihre rechte Hand. Sie umschloss sie mit einem Gitterwerk feiner Lichtstr�nge, die sich aus der Matrix der Umgebung hervorwanden, umh�llte sich mit deren Kraft. Dann streckte sie behutsam ihre Hand vor. Die Erinnerung an das mahlende Glas des verwunschenen Fensters in der Bibliothek der Wei�en Halle meldete sich. Wieder konnte sie f�hlen, wie die Glasscherben ihre Fingerkuppen abgehobelt hatten. Und die Spitze ihrer Nase. Erneut durchlebte sie den Augenblick, der sie entstellt hatte.</p><p>Das Knirschen des Glasfensters klang schriller in ihren Ohren. Sie sah die wirbelnden Farben. Nandalee atmete aus. Du musst ruhig sein. Ganz leer, nicht voller Erinnerungen. Sie k�mpfte die Bilder nieder. Nichts durfte ihre Konzentration st�ren. Angst w�rde ihrem Zauber eine neue Note hinzuf�gen, ihn verf�lschen und schw�chen. Starr blickte Nandalee auf das dichte Gitterwerk aus leuchtenden Linien, das nun ihre Hand umschloss, und w�nschte sich, das Gewebe des Drachenzaubers zu ber�hren.</p><p>Licht ging in Licht �ber. Nandalee blinzelte in Erwartung eines pl�tzlichen sengenden Schmerzes, doch er blieb aus. Sie konnte tats�chlich den Zauber des Drachen �berwinden! Wie sie es sich vorgestellt hatte, schob sie die Lichtf�den auseinander und schl�pfte hindurch.</p><p>Mit klopfendem Herzen blieb sie stehen. Es war geschafft, der Bann war durchbrochen! Die Luft, die sie umgab, war frischer und sie atmete tief ein. Endlich hatte sie die stickige, schw�le Hitze ihres Gef�ngnisses hinter sich gelassen. Sie lebte! Sie roch Bl�tenduft!</p><p>Nandalee schloss ihr Verborgenes Auge. Sie befand sich in einem Gang, an dessen Ende ein helles Licht leuchtete. Nie zuvor war sie hier gewesen. Die W�nde waren nackt. Es gab keine Reliefs oder Fresken, nur Mauerwerk, so makellos gesetzt, dass man kaum die Fugen zu erkennen vermochte. Festen Schrittes ging sie auf das Licht zu. Sie war entschlossen, alles Dunkel hinter sich zu lassen. F�r immer!</p><p>Bald musste sie die Augen schlie�en. Nackt, wie sie war, trat sie aus dem Tunnel. Sie genoss die W�rme, reckte sich, atmete tief ein. Es war, als sei sie neugeboren worden.</p><p>�Das war ein langer Weg�, sagte eine vertraute Stimme. Sie drehte sich um. Geblendet sah sie kaum mehr als einen Schemen.</p><p>�Ihr musstet diesen Weg allein gehen, Dame Nandalee. Ich habe auf Euch gewartet. Die ganze Zeit.�</p></section><section><title><p>Am Abgrund</p></title><p>Juba hatte nicht �bel Lust, Volodis Kopf wirklich auf die Spitze seines Speers zu spie�en, aber wahrscheinlich w�rden das die anderen schon �bernehmen, sobald sich in der �ber zwei Meilen lang gezogenen Marschkolonne herumsprach, dass sie gescheitert waren. Anderthalb Tage waren sie durch die W�ste marschiert und nun schon den dritten Tag in den Bergen. Das Gel�nde vernichtete ihre Streitwagen sicherer als jede Schlacht. Juba konnte gar nicht mehr z�hlen, wie viele Achs- und Radbr�che sie in diesen drei Tagen gehabt hatten. Auch neigten sich ihre Vorr�te dem Ende entgegen.</p><p>Die <emphasis>Stra�e</emphasis> �ber die Berge war von Anfang an mehr ein Saumpfad gewesen. Aber jetzt � Verzweifelt blickte der Heerf�hrer auf den schmalen Weg, der aus der Steilwand geschlagen war. Eine H�hlung, die dem rotbraunen Fels abgerungen war, gerade breit genug, dass man ein todesmutiges, nicht zu schwer beladenes Maultier hin�berbekommen konnte. Aber einen Streitwagen � v�llig unm�glich! Ihnen blieb nichts �brig als umzukehren. Und sie hatten zu wenige Vorr�te. Es w�rde sie nicht umbringen, aber sie w�rden die G�rtel enger schnallen m�ssen.</p><p>Volodi kletterte ein St�ck vor ihm auf einen Felsblock, sodass jeder ihn gut sehen konnte. Der Wind spielte mit seinem karmesinroten Umhang und seinem langen, blonden Haar. Der Mistkerl sah gut aus! Er grinste, als habe er gerade eine Schlacht gewonnen.</p><p>�Fast wir haben es geschafft, Freunde. Ist sich nur noch Weg �ber den Saumpfad, dann wir gelangen in fruchtbares Tal. Sind sich noch drei Tage, dann Berge fertig!�</p><p>Juba konnte nicht anders als l�cheln. Volodi mochte aussehen wie ein Held, aber zu einem Redner machte ihn das noch nicht.</p><p>�Hast du in Hirn Schei�e?�, rief einer der Krieger. Der Zug war ins Stocken geraten. Etliche M�nner dr�ngten nach vorne, um sich anzusehen, was los war. �berall wurde geflucht. �Da wir nie nix kommen durch!�</p><p>�Ich dich gesehen habe, Kolja. Kannst nicht verstecken dich zwischen andere. Bist dich nur mit Maul gro�. Ich dich kennen! Du meinst, dass ich mich habe Schei�e in Kopf? Dann ist sich mein Kopf immer noch mehr voll als deiner! Seid ihr alle Kinder? Muss ich mich gehen und zeigen, wie Weg nehmen. Kommt! Und machen sich Augen auf. Besonders du, Kolja! Bist aus Drus, wie bin ich. Musst nicht sprechen schlecht von mich. Jetzt schauen!�</p><p>Volodi sprang von dem Felsen. �Kommst du mich zu helfen, Juba?�</p><p>Juba seufzte. Am liebsten w�re es ihm, nicht in die Sache hineingezogen zu werden. Wenn Volodi es falsch anpackte und er ihn unterst�tzte, w�rden am Ende ihre beiden K�pfe auf Speeren stecken. Wenn er sich jetzt aber offen gegen Volodi stellte, k�nnte die gereizte Stimmung von einem Augenblick zum anderen in offene Rebellion umschlagen. Wie hatte er nur so d�mlich sein k�nnen, diesem Hinterw�ldler zu vertrauen!</p><p>�Ich hoffe, du hast einen guten Plan�, zischte Juba.</p><p>Volodi schenkte ihm ein strahlendes L�cheln. �Habe beste Plan!�</p><p>Der Drusnier ging zu seinem Streitwagen und schirrte die beiden Pferde aus. Dann kniete er nieder und l�ste die R�der von der Achse. Als dies getan war, wandte er sich wieder an die aufs�ssigen Truppen. �Wisst ihr, was sehe ich, wenn ich schaue euch? Von Hals Abschneider seid ihr. R�uber seid ihr. Ist sich hier keiner, der unter Augen von sein Mama treten kann mit Stolz in Herzen. Keiner! Ich auch nicht.� Er deutete zu dem engen Saumpfad. �Der Weg da ist sich eng wie junges M�dchen, das macht erstes Mal Liebe. Der Weg ist sich gef�hrlich wie erstes Mal Liebe. Junge M�dchen nix wissen. Glauben sie noch an sch�ne Augen und sch�ne Worte. K�nnen sich nicht unterscheiden zwischen M�nner mit Ehre und M�nner wie uns. Dieses St�ck Weg ist sich gemacht, uns zu �ndern. Braucht man Mut zu gehen. Hier wir stehen als Halunken. Wer auf andere Seite geht, wird sich gemacht haben zu Held. Werden sich sicher ein paar fallen hinunter. Das ist Preis. Jetzt ich zeigen, was tun.� Er kniete erneut neben dem Streitwagen nieder.</p><p>Juba war sich nicht sicher, was er von dieser Rede halten sollte. Volodi hatte es nicht geschafft, die Herzen der M�nner zu gewinnen, aber immerhin waren sie ruhig. Schweigend sahen sie zu, was der Drusnier tat.</p><p>Volodi stemmte den Streitwagen hoch und setzte ihn sich auf die Schultern, sodass die Deichsel weit zur linken Seite ragte. �Hat sich unsterblicher Aaron tief gedacht, als hat uns geschickt mit diese Wagen. Wagen von Aram sind leicht! Kann sich ein Mann auf R�cken tragen. So kann Wagen �berall hinkommen. Auch �ber Berge! Ihr faul seid, aber nicht schwach. Nehmt Wagen! Folgt mir. Und redet nicht!� Mit diesen Worten trat der Drusnier auf den gef�hrlichen Saumpfad. Die Deichsel ragte weit �ber den Abgrund und man konnte sehen, wie der Wind an den Seitenw�nden aus Rohleder zerrte.</p><p>Juba musste sich eingestehen, dass er den S�ldner falsch eingesch�tzt hatte. Vielleicht lag es an der Art, wie er sprach. Vielleicht auch einfach daran, dass f�r Volodi Loyalit�t eine Frage des Geldes war. Aber ganz ohne Zweifel war er weder dumm noch feige.</p><p>Einige der M�nner schlossen Wetten ab, ob Volodi in den Abgrund st�rzen w�rde. Noch immer war die Sache in der Schwebe. W�rden die Truppen meutern?</p><p>�Ich wei� nicht, was ihr denkt�, rief Juba. �Aber ich wei�, dass ich mir nicht nachsagen lassen will, dass dieser Hinterw�ldler mehr Mut hat als ich. Ich bin an der K�ste aufgewachsen�, log er. �Ich bin allein aufs Meer hinaus, da war ich nicht einmal zehn. <emphasis>Das</emphasis> erfordert Mut!� Er wies seinen Wagenlenker an, die Hengste auszuschirren und die R�der abzunehmen. �Was Volodi macht, erfordert nur Kraft. Folgen wir ihm und erinnern ihn daran.�</p><p>Seine Worte waren kein gro�er Erfolg. Reden zu halten war nie eine seiner St�rken gewesen. Und Ruhm und Ehre waren diesen M�nnern egal. Er hatte einen Fehler gemacht, als er daran appellierte. Noch ein Fehler, und diese Lumpen schlugen sich vielleicht wieder auf die Seite der Luwier.</p><p>Juba kletterte auf den Fels, auf dem Volodi eben gestanden hatte. Er blickte zum Saumpfad. Der Drusnier ging tief gebeugt. Schwankend, aber stetig k�mpfte er sich Schritt um Schritt voran. Ein St�ck tiefer, nah am Steilhang, zog ein gro�er, brauner Raubvogel seine Kreise. War es ein Zeichen der G�tter, ja vielleicht einer der G�tter selbst, der in Vogelgestalt erschienen war, um diesem dramatischen Augenblick beizuwohnen? W�rde Volodi es schaffen? Solange sein Gef�hrte sich vorank�mpfte, sollte er die Truppen bei Laune halten. Zweifelnd blickte er auf die Halunken, die unter seinem Befehl standen.</p><p>�Ich will euch nichts vormachen, M�nner. Ihr seid eine �ble Bande von Halsabschneidern. Euch will man nicht im Dunklen begegnen. Ihr habt wenig zu verlieren.�</p><p>�Und wir nix lassen sagen uns von Sack von Dreck, der hat Macht nur von Namen von Familie!�</p><p>Das war schon wieder Kolja. Verdammter Aufwiegler. Der Drusnier war ein H�ne von einem Mann. Zwei Schritt gro�, mit einem Kreuz wie ein Stier und einem Gesicht, vor dem sich gewiss seine eigene Mutter f�rchtete. Er war von Narben entstellt. Den Narben eines Faustk�mpfers, dem Hunderte Male F�uste ins Gesicht geschlagen hatten, um die mit Bronzescheiben beschlagene Lederriemen geschlungen waren. Seine Nase war nur noch ein formloser Klumpen, ebenso eines seiner Ohren. Kolja bot ihm offen die Stirn. Vielleicht war es ganz gut, wenn er sich nur auf einen dieser Mistkerle konzentrieren konnte. Das war leichter, als mit einer gesichtslosen Masse zu reden.</p><p>�Was wei�t du von mir, Drusnier?�</p><p>�Du tr�gst Ringe von Gold an sich Arme, schmierst in sich Bart �l und kannst du blasen Worte sch�n in sich Ohr von unsterbliches Aaron. Was ich da wissen muss? Du bist Mann leben leicht von Arbeit von andere M�nner. Hast du von ersten Tag auf Welt an geschissen in Seide!�</p><p>�Mein Vater hatte mehr Fl�he in seinem Bett als Sklaven auf den Feldern. War die Ernte schlecht, haben wir uns durch den Winter gehungert wie alle anderen auch. Aber was reden wir von der Vergangenheit � da hat jeder seine eigenen Geschichten. Reden wir lieber von der Zukunft, denn die teilen wir.� Er deutete �ber die K�pfe der S�ldner hinweg auf den Weg, den sie gekommen waren. �Irgendwo hinter uns marschieren ein paar tausend Luwier. Ich wette, die wissen, dass ihr Muwattas Gold genommen und dann die Seiten gewechselt habt. Nat�rlich steht euch frei, Kolja zu folgen und mich hier in die Schlucht zu st�rzen. Kolja ist ein ausgezeichneter Mann. Ich sehe vor mir, wie er vor den Befehlshaber der Luwier tritt und ihn mit seinem h�bschen Gesicht und guten Argumenten �berw�ltigt. Auch bei den Luwiern sind es die hochwohlgeborenen Schei�er, die die Krieger des unsterblichen Muwatta befehligen. Ich wei� nicht, welcher Mann an der Spitze des Heeres steht, das uns verfolgt, aber ich wette, er wird eine hohe Meinung von Kolja haben. Solche M�nner haben immer gro�en Respekt vor Aufr�hrern.�</p><p>Ein Pferd wieherte irgendwo in der Menge. Der Wind zerrte an Jubas Umhang. Die M�nner starrten schweigend zu ihm auf. Ihm war kalt. Viel k�lter, als es einem Sommertag in den Bergen angemessen war. Ihm war klar, dass diese Rede �ber sein Leben entscheiden w�rde. �Ich habe euch Halsabschneider genannt. Und ich f�hle mich unter euch in guter Gesellschaft. Ich habe nicht in Seidenwindeln geschissen. Ich wei�, wie es ist, wenn man das letzte bisschen Brei aus seiner Holzschale leckt und immer noch hungrig unter seine Decke kriecht. Die Zeiten sind lange vorbei. Jetzt bin ich der oberste Halsabschneider des unsterblichen Aaron. Ich habe in sieben Schlachten gek�mpft und in unz�hligen Scharm�tzeln. Ich bin, was ich bin, weil ich nicht verliere. Ihr k�nnt Kolja folgen und den Luwiern in die Arme laufen. Oder ihr k�nnt mir folgen, dorthin, wo die Luwier nicht mit uns rechnen und wo es eiserne Schwerter als Beute gibt. Ohne Kampf wird es auch mit mir nicht abgehen. Aber die Luwier kennen meinen Namen und sie f�rchten ihn. Was aber werden sie wohl denken, wenn sie h�ren, dass der ruhmreiche Kolja euch anf�hrt? Werden sie eine Hand auf ihren Geldbeutel legen und dann ihren Kriegern befehlen, mit euch das zu machen, was die Hochwohlgeborenen schon seit Anbeginn der Zeiten mit Dieben machen? Ich wei� es nicht � und ich will es nicht wissen. Und deshalb folge ich jetzt Volodi.�</p><p>Juba lie� sich von zwei Kriegern helfen, seinen Streitwagen auf die Schultern zu heben. Er war leichter als ein Kornsack. Wie alle anderen Streitwagen in der Armee des Unsterblichen Aaron war er aus Eschenholz gefertigt, das man �ber hei�em Wasserdampf in Form gebogen hatte. Der Kasten, in dem er und sein Wagenlenker Schulter an Schulter standen, war im Grunde nur ein Rahmen aus Holz. Der Boden wurde aus Rohleder gefertigt, ebenso der Frontteil. An den Seiten gab es keinen Schutz. Nur K�cher f�r Pfeile und die kurzen Wurfspeere, die im Streitwagenkampf benutzt wurden. Die Streitwagen waren leicht und schossen schnell wie Falken �ber das Schlachtfeld. Ganz anders als die Wagen der Luwier. Sie trugen drei oder vier Mann Besatzung, waren fast ganz aus Holz gezimmert und wurden von vier Pferden gezogen. Sie waren dazu geschaffen, wie Rammen aus lebendem Fleisch durch die Schlachtreihen der Feinde zu brechen. Die Streitwagen Arams hingegen suchten den Weg um die Flanken, um den Gegner im R�cken zu treffen und seine Reihen durch Pfeile und Wurfspeere in Unordnung zu bringen. Juba wusste, dass sie den Streitwagenschwadronen Luwiens in offener Schlacht ohne die Unterst�tzung von Fu�truppen nicht gewachsen waren. Sie konnten den Luwiern bestenfalls davonfahren. Ihnen blieb gar keine andere Wahl, als diesen verdammten Saumpfad zu nehmen.</p><p>Das Eschenholz dr�ckte ihm auf die Schultern, Wind verfing sich in der Rohlederfront des Streitwagens und es f�hlte sich an, als seien die Geister der Berge auf ihn herabgest�rmt, um ihn mit unsichtbaren Krallen in den Abgrund zu zerren. Holz schrammte �ber die Felswand. Er musste dichter am Abgrund gehen. Zwei Fu� breit trennten ihn vom Tod. Unter ihm flog der gro�e Raubvogel, der auch schon Volodi begleitet hatte. Ein Adler. Der K�nig des Himmels! Das konnte kein schlechtes Omen sein, dachte Juba. Die Spitzen der weit ausgebreiteten Adlerschwingen zitterten im Wind. Wie es wohl war zu fliegen?</p><p>Juba wandte den Blick ab. Dieser Abgrund war verlockend. Er versprach einen Augenblick unvergleichlichen Hochgef�hls, gefolgt von gn�digem Vergessen. Die Berggeister heulten zornig auf und versuchten mit aller Kraft, ihn in die Tiefe zu schleudern. Kalter Schwei� rann Juba �ber Stirn und Wangen. Nur ein Schritt und alle M�hen h�tten ein Ende. Vielleicht war ein langer Sturz ja sein Schicksal? W�re Aaron nicht gewesen, h�tte es sich schon erf�llt, als sie mit dem fliegenden Palast in den Sturm geraten waren. Nun streckte das Schicksal erneut die Hand nach ihm aus und diesmal war kein Unsterblicher hier, um ihn zu retten. Er musste es ganz alleine schaffen.</p><p>Juba biss die Z�hne zusammen und starrte auf den Weg unmittelbar vor seinen F��en. Das war die ganze Welt. Er w�rde sie erobern, Schritt um Schritt. Er schuldete Aaron sein Leben. Er durfte es jetzt nicht einfach wegwerfen. Der Unsterbliche brauchte ihn! Ohne ihn war Aaron hilflos. Wer wagte es schon, einem Unsterblichen die Meinung zu sagen? Wer w�rde die Blutarbeit f�r Aaron erledigen? Dem Unsterblichen fehlte die H�rte, um zu herrschen. Ein Reich musste gef�hrt werden. Das Volk musste einen Weg gezeigt bekommen.</p><p>Wie Aaron wohl seine H�rte verloren hatte? Hatte der lange Sturz sie von ihm genommen? Und was w�rde er wohl verlieren, wenn er st�rzte?</p><p>Vorsichtig blickte er �ber den Wegrand. Der Adler unter ihm war verschwunden. Er sah einen Hang, auf dem m�chtige Zedern wuchsen. Was f�r n�rrische Fragen er sich stellte! Sein Leben w�rde er verlieren, wenn er st�rzte. Das war alles!</p><p>Er musste den verdammten Abgrund ignorieren! Er kniff die Augen leicht zusammen und wandte den Kopf nach rechts, so dass er nur noch Felsen sah. Den Weg unter seinen F��en. Die Steilwand, aus der der Saumpfad geschlagen war. Steine.</p><p>Starren.</p><p>Noch einen Schritt.</p><p>Noch einen �</p><p>�Hast du Spa�, machen Arbeit von Pferd? Ist sich Engpass vorbei. Kannst du rasten.�</p><p>Juba hob den Kopf. �Bl�dmann!� Er blickte zur�ck. Er war ein ganzes St�ck zu weit gegangen. Die anderen folgten ihm. Waren es seine Worte gewesen? Hatte er das Feuer in ihren Herzen neu entfacht? Oder hatten sie einfach nur begriffen, dass sie nicht auf die Gnade der Luwier hoffen durften? Erleichtert setzte er den Streitwagen ab. �Warum hast du mich weiter laufen lassen als notwendig, du Mistkerl?�</p><p>�Sieht man Kriegsmeister selten sich schwitzen.� Er lachte. �Du gewonnen hast. Dachte ich, dass mein Kreuz sich m�ssen brechen entzwei. Dachte ich, willst du mir zeigen, dass kannst du Streitwagen weiter tragen als ich�</p><p>Juba sah ihn fassungslos an. Er glaubte ihm.</p></section><section><title><p>Holunderzauber</p></title><p>Er war so blass. Seine Haut war wei� wie das Bettlaken, auf dem er hingestreckt lag. Ganz, als habe er all sein Blut an Matha Naht und ihre W�lfe gegeben. Unverwandt starrte er auf die Decke hinab, doch wusste sie, dass er noch viel weiter sah. Sein Anblick schmerzte sie mehr als der irgendeines anderen verlorenen Kindes. Sie h�tte ihn niemals zu Matha Naht bringen d�rfen!</p><p>Lyvianne hatte gesp�rt, dass er zur�ckgekommen war, aber zun�chst hatte sie ihrem Gef�hl nicht vertraut. Sie war ihn erst suchen gegangen, als sie die Misteldrossel gesehen hatte. Sie war schneller als die W�lfe gewesen. Und doch nicht schnell genug �</p><p>Sie trat an sein Bett. Er bemerkte sie nicht. Starrte immer nur weiter ins Nichts. Alle trauerten um ihn. Doch keine tat es so wie sie. Z�rtlich strich sie ihm �ber die Stirn. �Mein Winterkind�, fl�sterte sie. �Mein verlorenes Kind.�</p><p>Sie war so stolz auf ihn gewesen. Sie hatte ihn aufgegeben. Und er hatte ihr bewiesen, dass sie sich geirrt hatte. Als Einziger!</p><p>Lyvianne �ffnete ihr Verborgenes Auge. Matha Naht war wahrlich eine Meisterin. Sie war die Dunkelheit! Ihre Lehrerin. H�tte sie nur nie diesen Weg beschritten! Etwas wie diesen Zauber hatte Lyvianne noch nie gesehen. Perfide und zugleich vollkommen. Durch und durch b�se. Unber�hrbar! Er war geradezu ein magisches Spiegelbild Matha Nahts. Lyvianne wagte es nicht, an ihn zu r�hren. Dieses Gespinst zu zerrei�en hie�e, alles zu zerst�ren.</p><p>M�de lie� sie sich neben Gonvalon nieder. Seit sie ihn gefunden hatte, hatte sie kaum geschlafen, und er hatte nie die Augen geschlossen. Kein einziges Mal. Ohne zu blinzeln, starrte er schweigend auf die Decke. Dorthin, wo seine F��e waren. Er war hier und zugleich war er es nicht.</p><p>Er a� kaum. Wie ein Kind f�tterte sie ihn mit einem L�ffel. Manchmal verga� er zu schlucken. Dann lief ihm die Br�he aus den Mundwinkeln.</p><p>�Mein Kind�, fl�sterte sie. Leise summte sie das Gutenachtlied, das er so gern gemocht hatte. Er konnte sich daran nicht erinnern. Sie allein verwahrte all seine Erinnerungen an seine fr�he Kindheit. Sie hatte sie ihm entrissen. Ein Zauber, den sie von Matha Naht gelernt hatte.</p><p>All ihre Traurigkeit legte sie in die Melodie, lie� all ihren Schmerz durch ihre Stimme flie�en. Dann kamen die Worte. Ungewollt.</p><poem><stanza><v>Schattenweber,</v><v>Tr�umegeber,</v><v>wandern durch die Nacht.</v></stanza></poem><p>Ein Ger�usch schreckte sie auf. Ein leises Flattern. Der Vogel! Er war nie weit fort von der Wei�en Halle. Aber wie war er hierhergelangt? War er wieder von Nandalee besessen?</p><p>Die Misteldrossel lie� sich auf einem der Bettpfosten nieder, und Gonvalon drehte ihr den Kopf zu. Es war das erste Mal, dass er sich aus eigenem Antrieb bewegte, seit sie ihn gefunden hatte. Auch sein Blick hatte sich ver�ndert.</p><p>Eine einzelne Tr�ne rann �ber seine Wange.</p><p>�Nandalee�, sagte sie leise. �Nan��</p><p>Er zuckte zusammen wie unter einem pl�tzlichen Krampf. Seine Lippen zitterten und blieben doch unf�hig, ein Wort zu bilden.</p><p>�Nandalee!�, sagte sie jetzt lauter, dr�ngender. �Erinnerst du dich? Du hast sie geliebt. Erinnere dich!�</p><p>Gonvalon wandte den Kopf ab und blickte wieder auf die schneewei�e Decke. Auf das Fu�ende.</p><p>�Bitte, Gonvalon. Du darfst Matha Naht nicht glauben. Sie t�uscht dich!�</p><p>Er reagierte nicht, hatte sich wieder ganz in sein sprachloses Starren zur�ckgezogen.</p><p>�Nandalee.� Sie versuchte erneut, mit dem Zauber dieses Namens den Bann zu brechen. Dem einzigen Zauber, der ihm nicht schaden w�rde.</p><p>�Du wolltest sie suchen. Erinnere dich! Nandalee! Vielleicht ist sie sogar hier. Sieh ihn an. Sieh den Vogel an. Sie ist zu dir gekommen! �</p><p>Er begann zu zittern. �Sie � Sie ist nicht hier!�</p><p>Lyvianne k�sste ihn auf die Stirn. �Komm zur�ck. Komm zur�ck und k�mpfe! Lass dich nicht besiegen. Nicht durch Trugbilder. �</p><p>Er wandte den Kopf und sah sie an. H�tte ein gl�hendes Eisen sie ber�hrt, so h�tte der Schmerz nicht tiefer sein k�nnen als der Schmerz, den ihr dieser Blick bereitete.</p><p>�Wie sollte ich je wieder k�mpfen � ohne Beine?�</p><p>Lyvianne riss die Decke zur�ck. �Da sind sie. Sieh sie dir an! Es ist nicht wahr. Sie hat dich get�uscht!�</p><p>Die Beine waren mit Schorf bedeckt. Die Spuren unz�hliger Bisse zeichneten die blasse Haut. Aber sein Fleisch heilte gut. Er w�rde sich wieder ganz erholen. Sein K�rper �</p><p>�Deck sie wieder zu! Ich kann ihren Anblick nicht ertragen. Bitte deck sie wieder zu.�</p><p>Lyvianne atmete schwer aus. Das war nicht mehr Gonvalon. Matha Naht hatte den Mann, der einmal einer der besten Schwertk�mpfer der Drachenelfen gewesen war, zerbrochen. Er bildete sich ein, ein Kr�ppel zu sein.</p><p>Nach langem Schweigen nahm sie seine rechte Hand und f�hrte sie hinab zu seinem Bein. �Was f�hlst du?�</p><p>Seine Wangenmuskeln zuckten. �Da ist noch der Knochen. Er ist immer noch da! Warum habt ihr die Wunde nicht gut versorgt? Warum ��</p><p>�W�rden wir das tun? W�rden wir dich in die Wei�e Halle holen und deine Beinst�mpfe nicht gut versorgen?�</p><p>Er sah sie fassungslos an. Tiefe dunkle R�nder lagen unter seinen Augen. Kleine Schwei�perlen gl�nzten auf seiner Stirn. �Ich kann es doch f�hlen ��</p><p>�Matha Naht hat dich mit einem Gespinst tr�gerischer Zauber umwoben. Du bist nicht schwer verletzt. Nur deine Seele ��</p><p>�Aber ich kann meine Beine nicht mehr sp�ren�, begehrte er auf. �Sie sind � Wenn ich dort hinsehe, dann sind da nur noch St�mpfe. Wenn ich auf die Decke blicke, dann liegt sie unterhalb meiner Knie flach! Da ist nichts!�</p><p>Was sollte sie noch sagen? Er war vollkommen gefangen in den Trugbildern, die Matha Naht erschaffen hatte. F�r ihn war das seine Wirklichkeit geworden. Lyvianne wusste nur zu gut, wie meisterlich die Zauber des Holunderbaums gewoben waren.</p><p>Ihr Blick wanderte durch das kleine Zimmer, in dem Gonvalon lebte. Obwohl sie beide schon seit Langem Meister an der Wei�en Halle waren, war sie nie zuvor hier gewesen. Die Kammer entsprach ihm. Sie war nur karg m�bliert. Abgesehen von einigen ungew�hnlich geformten Steinen auf der Fensterbank gab es keinerlei Schmuck. Nichts Pers�nliches. Anders als die meisten �brigen Meister hatte er die vorhandenen M�belst�cke nicht mit der Zeit durch sch�nere ersetzt, die seinem Geschmack entsprachen. Eine Kleidertruhe, das Bett, ein Tisch mit zwei St�hlen. Das war seine Welt. Und ein Fenster mit einem sch�nen Blick auf den Park und die Berge.</p><p>Die kleine Misteldrossel zwitscherte aufgeregt. Was wollte sie? Sie h�pfte auf das wei�e Laken. Vor Aufregung hinterlie� sie einen Klecks auf dem makellosen Betttuch. War sie besessen? Lyvianne betrachtete sie durch ihr Verborgenes Auge. Das Rot der Kraftlinie, die den Vogel mit Nandalee verband, erschien ihr wie ein Makel. Sie konnte Matha Naht auch in diesem Zauber sp�ren. Und Gonvalon! Der Zauber zehrte an ihm. Mit jedem Herzschlag trank er von seiner Lebenskraft.</p><p>Wieder betrachtete sie das dichte Gespinst von Kraftlinien, das ihn umgab.</p><p>�Was siehst du?�</p><p>Lyvianne zuckte zusammen, so unerwartet und schroff kam seine Frage. �Den Zauber, den Matha Naht gewoben hat.�</p><p>�Warum brichst du ihn nicht? Ist sie so m�chtig, dass man ihre Werke nicht zerst�ren kann?�</p><p>�Nicht so kraftvoll�, erwiderte sie traurig. �So heimt�ckisch. Sie hat ihre Zauber mit deiner Aura verwoben. Mit deiner Lebenskraft. Zerrei�e ich dieses Gespinst, wirst du Schaden nehmen. Vielleicht w�rde ich dich sogar t�ten. Nur du allein hast die Kraft, gegen den Zauber anzugehen. Du kannst ihn nicht auf magischem Wege �berwinden. Du musst dir bewusst werden, dass sie dir Trugbilder vorgaukelt. Das ist der einzige Weg.�</p><p>�Meine Schmerzen bilde ich mir nicht ein�, sagte er bitter und blickte auf das Betttuch, dorthin, wo seine F��e waren und der kleine Vogel hockte.</p><p>Lyvianne dachte an die Qualen, die der Preis f�r das Wissen gewesen waren, das sie von Matha Naht erlangt hatte. Sie erinnerte sich noch sehr gut, wie meisterhaft der beseelte Holunder die Wirklichkeit verdrehte, bis man selbst die Grenze zum Wahnsinn erreichte. Sie war nicht als Einzige zu dem Holunder gekommen. Manche hatten nicht �berlebt. Andere waren an dem verzweifelt, was Matha Naht aus ihnen gemacht hatte. Pl�tzlich packte sie Wut auf ihren Sohn. Er hatte sie �berrascht. Er war zu etwas Besonderem geworden, nachdem sie ihn aufgegeben hatte. Doch nun hatte er aufgeh�rt zu k�mpfen � Letztlich hatte sie sich also nicht in ihm get�uscht. Der Makel der Schw�che haftete ihm an!</p><p>Lyvianne erhob sich. Ihr Blick fiel auf einen Stiefelschaft, der unter dem Bett hervorlugte. Vielleicht � Sie nahm die Stiefel. Vielleicht konnten sie helfen.</p><p>�Sieh dir die Stiefel an!�</p><p>Gonvalon blickte nicht auf. �rgerlich zog Lyvianne das Betttuch fort. Die Misteldrossel brachte sich protestierend in Sicherheit. �Behalt einfach nur die Stiefel im Auge�, sagte sie und streifte den ersten �ber Gonvalons rechten Fu�. Sie zog ihn nicht hoch, damit der enge Schaft nicht auf die tats�chlich vorhandenen Wunden dr�ckte oder den Schorf abrieb. Sie legte ihm den zweiten Stiefel an. �Und? Was siehst du?�</p><p>Er starrte noch immer, doch in seinem Gesicht arbeitete es.</p><p>�Siehst du keine Stiefel mehr? Blickst du immer noch auf deine St�mpfe? Wie kann das wohl sein? Glaubst du, ich habe die Stiefel verschwinden lassen?�</p><p>Gonvalon beugte sich vor und tastete nach seinen F��en. Er kniff die Augen zusammen. �Sie sind nicht da. Das ist � Ich kann nicht ��</p><p>�Ja, sie ist eine Meisterin. Sie hat dich zum Sklaven ihres Illusionszaubers gemacht. Willst du den Rest deiner Tage ihr Sklave sein?�</p><p>�Ich sehe sie nicht. Ich kann sie nicht ber�hren. Ich sp�re nichts.�</p><p>�Du stehst jetzt auf!� Lyvianne hielt ihm den Arm hin.</p><p>Er z�gerte noch einen Herzschlag, dann schwang er die Beine �ber den Bettrand, st�tzte sich auf sie und richtete sich auf. Seine Beine knickten weg und er fiel ihr in die Arme.</p><p>�Ich f�hle den Boden nicht.�</p><p>Er sagte das ganz n�chtern. Wenigstens jammerte er nicht mehr.</p><p>�Du wirst neu laufen lernen. Du wirst lernen, damit zu leben. Du bist Gonvalon. Dein Name ist Legende. Du gibst nicht auf.� 
</p><p>�Nandalee �� Er blickte zum Fenster. �Sie ist irgendwo dort drau�en. Ich werde sie finden.� Er versteifte sich und streckte die Arme aus, um die Balance zu halten. �Ich werde sie finden�, sagte er noch einmal mit Nachdruck. Und dann ging er vorw�rts. Einen kleinen, einen winzig kleinen Schritt.</p><p>Lyvianne l�chelte. K�mpfe, mein Sohn, dachte sie. K�mpfe!</p></section><section><title><p>Aus der Balance</p></title><p>Talawain legte die siebzehnte Bl�te in den Bach. Kreiselnd glitt sie im Wasser davon. Der Elf kniete auf einem gro�en Stein am Ufer. Er war allein. Der Palast lag fast einen Tagesritt entfernt. Er straffte sich, dr�ckte den R�cken durch und sah den treibenden Bl�ten nach. Schneewei�. Vollkommen. Jede einzelne von ihnen. Er hatte Stunden damit verbracht, sie auszuw�hlen und � sorgsam auf feuchte Seide gebettet � in Spanschachteln zu verpacken, damit sie unbeschadet die Reise hierher �berstanden. Er hatte mehr Zeit mit der Auswahl der Bl�ten verbracht als mit der Auswahl der Haremsdamen f�r jene verh�ngnisvolle Reise. Er hatte M�dchen ausgesucht, f�r die es etwas bedeutete. Die Sehnsucht danach hatten, den Harem f�r einige Tage zu verlassen. Deren Status dadurch stieg, dass er sie ausw�hlte, zu denen zu geh�ren, die auf dieser Reise vielleicht eine Stunde mit dem Herrscher verbringen durften. Talawain hatte genau gewusst, dass Aaron keine von ihnen zu sich rufen w�rde. Er hatte erraten, nach wem sich das Herz des Herrschers verzehrte. Zumindest glaubte er das. Noch hatte er es nicht gewagt, Aaron darauf anzusprechen.</p><p>Er war hier, um den unsterblichen Aaron auszuspionieren, rief er sich in Erinnerung. Und eine weitere seiner Aufgaben bestand darin, Schaden anzurichten und Unfrieden zu stiften. Eigentlich sollte er mit dem Ausgang der Reise nach Isatami sehr zufrieden sein � Aber als er die jungen M�dchen aufgereiht im Palasthof gesehen hatte, hatte er sich schuldig gef�hlt. Er hatte sie ausgew�hlt und in den Tod gef�hrt. Siebzehn M�dchen voller Tr�ume. Ihre Sehns�chte waren Teil seines zynischen Kalk�ls gewesen � ganz so, wie es bei Aya gewesen war. Er hatte gewusst, dass ihre Tr�ume sich nicht erf�llen w�rden. Doch dass es so kommen w�rde, hatte er nicht ahnen k�nnen!</p><p>Er war nicht schuldig! Er sollte sich nicht so f�hlen. Sollte nicht so sehr seine innere Balance und seinen Abstand verloren haben. Er war dazu ausgebildet worden, so etwas abzutun. Er sollte das abstreifen k�nnen, indem er einige Stunden in seinem Garten verbrachte. Einige �ste stutzte oder hochband, um den Garten weiter zu vervollkommnen �</p><p>Aber das hatte er diesmal nicht getan. Stattdessen hatte er seinen Garten verw�stet. Ihn seiner sch�nsten Bl�ten beraubt. Das sollte mir eine Warnung sein, dachte er.</p><p>Der Garten war ein Spiegel seiner Seele. Innere Harmonie, eine der kostbarsten Bl�ten. Es war nicht angemessen, Rachegedanken wegen einiger toter Menschenkinder zu hegen. Wer waren sie schon? Die Brut der Devanthar! Der Erzfeinde.</p><p>Die siebzehn Bl�ten waren in der Ferne verschwunden. Fortgerissen vom Fluss des Schicksals, so wie die M�dchen. Auch er sollte einfach verschwinden. Er war zu lange an Aarons Hof. Er hatte den Abstand verloren.</p><p>Talawain wusste, dass die Drachen ihm nicht gestatten w�rden, zur Blauen Halle zur�ckzukehren. Alles einfach aufzugeben. Er war zu weit aufgestiegen.</p><p>Dem Elfen war auch bewusst, dass ihm dieser Umstand bald zum Verh�ngnis werden musste. Er verkehrte zu nahe bei den Devanthar. Es war ein Wunder, dass er noch nicht entdeckt worden war. Und Wunder w�hrten nicht ewig � Wie alle, die die Blaue Halle verlie�en, war er darauf vorbereitet, wie er sich den Befragungen entziehen konnte. Noch nie hatte einer von ihnen etwas verraten, und der Tod schreckte ihn nicht. Nur die �beraus un�sthetische Art seines Ablebens war ihm ein Gr�uel. Die Menschenkinder, die es mit ansehen mussten, w�rden es bis ans Ende ihrer Tage nicht vergessen. Aber das war kein Trost!</p><p>Talawain entschied, seine Verbindungen zum luwischen K�nigshof zu nutzen. Nicht alle Spitzel waren Elfen. Er hatte ein Netzwerk aus menschlichen Spionen aufgebaut, die keine Ahnung hatten, dass sie des �fteren auch Albenmark zu Diensten waren. Er wollte wissen, wer das Feuer gelegt hatte.</p><p>Der Elf hegte nicht den geringsten Zweifel daran, dass es auf Befehl des unsterblichen Muwatta geschehen war. Doch dieser Mistkerl war unber�hrbar. Er durfte keinen der Wei�en anfordern, um ihn ermorden zu lassen. Selbst Kurunta, der sicherlich in die Mordpl�ne eingeweiht war, sollte er in Frieden lassen. Der H�ter der Goldenen Gew�lbe w�rde seine Verbrennungen wohl �berleben. Aber er war entstellt. Seine Nase, beide Ohren und ein Auge waren durch das Feuer zerst�rt worden. Er w�rde wie das Ungeheuer aussehen, das er auch war.</p><p>Nein, dachte Talawain, es mussten die Wachen sein. Und sie sollten auf eine Art sterben, die selbst Muwatta mit Schrecken erf�llte. Eine Art, die ihm klarmachte, dass der Tod den Weg selbst zu ihm finden konnte. Wieder sch�ttelte er den Kopf. Nein, genauso durfte es <emphasis>nicht</emphasis> sein. Das w�rde die Aufmerksamkeit I�tas wecken. Und das wiederum k�nnte ungeahnte Folgen haben. Welcher Meister der Wei�en Halle w�re geeignet? Es war gegen die Regeln, einen von ihnen zu rufen, um seine Rachegel�ste zu stillen, aber Talawain w�rde es tun. Er w�rde sich bis hin zu seinem Tod an alle Regeln halten.</p><p>Nur dieses eine Mal nicht.</p><p>Meister Gonvalon war nicht geeignet. Er liebte es, den Tod zu einer Inszenierung zu machen. Auch Lyvianne sollte er besser nicht rufen. Sie war zu d�ster und abgr�ndig, und vielleicht w�rde sie sogar durchschauen, worum es ihm wirklich ging.</p><p>Nodon war vielleicht der beste Schwertk�mpfer unter den Wei�en. Sein Wettstreit mit Gonvalon w�hrte schon Jahrhunderte und hatte Formen angenommen, dass die Drachen Sorge trugen, dass Nodon und Gonvalon nie am gleichen Ort ihren Dienst verrichteten. Auch Nodon w�rde es mit der Klinge erledigen. Das war zu auff�llig! Vielleicht Ailyn? Sie war einfallsreich! Sie w�rde es wie einen Unfall aussehen lassen. Einen Unfall, dem die Ahnung anhaftete, dass es doch mehr als nur ein willk�rliches Ungl�ck gewesen sein k�nnte. Ja, Ailyn war die richtige Wahl. Sie w�rde er an Muwattas Hof schicken.</p></section><section><title><p>Der Mann, der �ber den Adlern schreitet</p></title><p>Volodi betrachtete ruhig die Verteidigungsanlagen. Sie waren neu. Frisch aufgeworfene Erde lag rings um die zugespitzten Pf�hle, die aus dem Boden ragten. Schr�g gestellt, sodass ihre Spitzen auf jeden wiesen, der sich dem Tal n�herte. Es gab keinen Graben, keinen Erdwall, keine Mauer � nur die Pf�hle, die im Abstand von etwa einem halben Schritt zueinander standen. Man konnte zwischen ihnen hindurchlaufen. Aber kein Reiter und schon gar kein Streitwagen w�rde dieses Hindernis �berwinden.</p><p>�Das wird blutig�, sagte Juba.</p><p>In der Mitte der Barriere erhob sich ein h�lzerner Torturm, an dem noch gearbeitet wurde. Einige Krieger patrouillierten hinter der Barriere aus Pf�hlen. Ein St�ck weiter standen drei Streitwagen. Die Pferde waren angeschirrt, doch die Besatzungen der Wagen konnte Volodi nirgends entdecken. Wahrscheinlich lungerten sie irgendwo herum. Die Wagen waren verdammt gro�! Ganz anders als ihre Streitwagen. Die R�der waren fast mannshoch!</p><p>Weiter hinten im Tal erhoben sich einige Lehmh�user. Dichter Rauch stieg auf und wurde vom Wind dem Taleingang entgegengetragen. In der Ferne h�rte Volodi Metall auf Metall schlagen. Sie waren am Ziel!</p><p>�Sie haben mindestens f�nfhundert Krieger im Tal zusammengezogen. � Juba seufzte. �Wir werden sie nicht �berraschen. Zu Fu� �berwinden wir diese Pf�hle, aber der L�rm des Gepl�nkels wird die anderen alarmieren und ihnen genug Zeit lassen, sich tiefer im Tal zu formieren.�</p><p>Juba war ein guter Mann, aber es st�rte Volodi, dass stets eine dunkle Wolke �ber dem Gem�t des Kriegers zu h�ngen schien. Er nahm das Leben zu schwer! �Woher du wissen, dass dort f�nfhundert Mann?�</p><p>�Auf dem Turm steht ein Feldzeichen mit drei silbernen Halbmonden. Nur Einheiten von f�nfhundert Kriegern f�hren den dreifachen Mond.�</p><p>Volodi sch�ttelte den Kopf. �Ich sehe Stock mit drei Monden. Ja. Ich sehe sich nur wenig Krieger. Wei�t du, ich glauben, dass sehr billiger Weg uns denken lassen, viele M�nner dort.�</p><p>�Wenn die Luwier daf�r bekannt w�ren, heimt�ckische Winkelz�ge zu betreiben. Leider sind sie das nicht. Sieh dir an, wie zerw�hlt der Weg vor dem Tor ist. Dort liegt keine kleine Garnison. Ihre Eisenminen und Schmieden sind der gr��te Schatz ihres Reiches, und ganz offensichtlich sind sie gewarnt. Diese Pfahlreihe wurde f�r uns errichtet.�</p><p>�Gut. Kennen wir nun St�rken von Feind. Packen wir ihn bei Schw�chen und hauen ihm Sch�del ein.�</p><p>Juba lachte leise. �Es ist doch immer wieder erfrischend, sich mit einem Meisterstrategen zu unterhalten. Was willst du tun? Hinuntergehen, gegen den Turm pinkeln und mit deinem m�chtigen Strahl das Fundament wegsp�len?�</p><p>Volodi grinste. �Das ist sich guter Plan f�r einen anderen Tag. Ich werde heruntergehen. Brauch ich mich ein paar von unseren Sp�hern. Werde ich packen Luwier bei ihre Arro � Agro � bei ihrer Dings Gans! Und dann ich werde ihnen Hals umdrehen. Du machst sich kampfklar. Ich mache Tor klar. Du musst dich Folgendes tun ��</p><p>Juba widersprach ihm nicht. Der Feldherr hatte schlie�lich auch die einfachere Aufgabe. Sie beide krochen vorsichtig von dem H�gelkamm, auf dem sie gelegen hatten, r�ckw�rts. Das Gel�nde war zu ihrem Vorteil � ihre Streitwagen standen kaum eine Meile von den Stellungen des Feindes entfernt und konnten doch von ihm nicht entdeckt werden. Sie hatten einen ganzen Schwarm Sp�her ausgeschickt, um das Gel�nde zu erkunden. Fast ausschlie�lich Steppenreiter. Ihnen war kein einziger luwischer Sp�her in die H�nde gefallen. Ihre Feinde f�hlten sich so sicher, dass es schon fast eine Beleidigung war.</p><p>In der vergangenen Nacht hatte es geregnet. Das machte ihre Streitwagen langsamer � aber es verhinderte auch, dass ihre vorr�ckenden Truppen eine Staubwolke aufwirbelten, die schon von Weitem zu sehen war. Die G�tter des Waldes waren auf ihrer Seite, dachte Volodi zufrieden. Er w�rde ihre Hilfe brauchen! Heute galt es, unsterblichen Ruhm f�r seinen Namen zu erringen. Und ein Eisenschwert!</p><p>Sein bronzener Schuppenpanzer war voller Schlamm, als er sich erhob. Auch der Feldherr sah nicht besser aus. Volodi rechnete es Juba hoch an, dass er sich auf einem H�gelkamm in den Dreck legte, um den Feind auszusp�hen. Er war anders als die anderen wohlgeborenen Anf�hrer, die ihm bisher begegnet waren.</p><p>�Du bist sicher, dass du das tun willst?�, fragte Juba.</p><p>�Ich will sein Erster in Lager von Feind. Dann ich sein Erster, der nehmen Schwert. Werde bestes finden!� Mit diesen Worten wandte Volodi sich ab und ging zu den wenigen verbliebenen Steppenreitern, die ihr kleines Heer begleiteten. Er hatte ein paar Worte ihrer Sprache erlernt. Und einen betr�chtlichen Haufen Silber in dem Knochenspiel verloren, mit dem sie sich die Stunden am Lagerfeuer verk�rzten. Er war sich fast sicher, dass sie ihn betrogen hatten. Jedes Mal, wenn er glaubte zu gewinnen, r�ckten sie mit neuen Regeln im Spiel heraus, die sie ihm bis dahin verschwiegen hatten. Regeln wie Adlerknochen schl�gt H�hnerknochen. Schlitz�ugige Betr�ger waren sie! Er l�chelte. Und sie konnten reiten, als w�ren sie mit ihren Pferden verwachsen. Darauf kam es nun an.</p><p>Volodi konnte sich ihre Namen nicht merken. Selbst ihre Gesichter waren schwer auseinanderzuhalten. Ihnen ging es mit den �brigen S�ldnern r�tselhafterweise ganz genauso. Dabei unterschieden sich die sehr deutlich voneinander. Der Drusnier war froh, den Kerl mit den schiefen Z�hnen unter den Reitern zu entdecken. Der kleine Krieger empfing ihn mit einem strahlenden L�cheln. �Ich gr��e dich, der �ber den Adlern schreitet! Willst du wieder dein Silber zu uns tragen?�</p><p>Volodi l�chelte. Sie mochten komplizierte Namen. Der ohne gerade Z�hne hatte ihm erz�hlt, dass ein Adler dicht unter dem Saumpfad vorbeigesegelt sei, als er den Streitwagen auf seinen Schultern getragen hatte. F�r die Steppenreiter war das ein gutes Omen!</p><p>�Heute ich bieten besser als Silber. Heute Eisen ist Einsatz. Und Blut.� Er erkl�rte den Ischkuzaia, was er tun wollte. Sie waren zuversichtlich und liehen ihm sogar ein Pferd. Eine alte M�hre, aber die musste gen�gen. Die Stute schnappte nach ihm, kaum dass er sich ihr n�herte. Volodi dachte daran, wie er sich geschworen hatte, nie wieder auf einen verdammten Gaul zu steigen. Die Steppenreiter grinsten, als sie sahen, wie er z�gerte, auf das Pferd zu steigen. Volodi drohte dem Gaul mit der Faust. �Ich machen dich Suppe, wenn nicht mich tragen. Verstanden?�</p><p>Die Stute schnaubte �rgerlich. Entschlossen griff er nach den Z�gel und kletterte ungelenk auf das Pferd. Kaum dass er im Sattel sa�, kamen Volodi Zweifel. Er war kein Reiter, und die Steppenpferde waren so klein, dass seine F��e fast bis zum Boden reichten. Als er an den Z�geln zog, warf das Viech den Kopf herum und versuchte erneut ihn zu bei�en. Es war am besten, es schnell hinter sich zu bringen, dachte Volodi verzweifelt. Er hielt mit einer Hand die Z�gel, mit der anderen klammerte er sich in der M�hne fest. Nur zur Sicherheit. Der verdammte Gaul wieherte und bockte. Volodi war versucht, ihm mit der Faust zwischen die Ohren zu schlagen, um ihm klarzumachen, wer hier das Sagen hatte. Aber die Ischkuzaia liebten ihre Pferde mehr als ihre Frauen. Es w�re nicht gut, wenn sie sahen, dass er eines ihrer Pferde schlug. Er w�rde sich an einem anderen Tag an dem Gaul r�chen. �Kannst du bei�en mich, aber bin ich der, der kann fressen dich. Denken klug Pferd. Sein brav, mich tragen, dann alles gut f�r dich�, raunte er dem Tier ins Ohr und ritt an.</p><p>Bald kamen sie in Sichtweite des Torturms. Sofort ert�nte ein Horn. Volodi presste die Schenkel fest gegen den Pferdeleib, um besseren Halt zu haben. Der bl�de Gaul ging schneller! Warum? Bald war er an der Spitze der kleinen Reiterschar. Das war nie seine Absicht gewesen!</p><p>�Langsam, d�mliche Tochter von Esel!� Die elende M�hre hatte Gefallen daran, das Gegenteil von dem zu tun, was er wollte. Sie folgte dem Weg und brachte ihn direkt auf das Tor zu.</p><p>Volodi dachte daran abzuspringen, aber dann w�rde er f�r immer das Gesicht vor den Steppenreitern verlieren. Stattdessen entschied er gleichzeitig an Z�geln und M�hne zu ziehen. Der Mistgaul blieb so pl�tzlich stehen, dass Volodi fast aus dem Sattel gest�rzt w�re. Ein Pfeil flog sirrend �ber seinen Kopf hinweg.</p><p>�Glaube nicht nix, das ich mich sagen Danke zu dir!�</p><p>Das Pferd erwartete offenbar nichts von ihm. Es blieb stehen und lieferte ihn als Zielscheibe aus � und sich auch, falls die Bogensch�tzen oben auf dem Turm eher mittelm��ig waren. Aber von einem Pferd sollte man wohl nicht erwarten, dass es mitdachte.</p><p>Ein weiterer Pfeil schlug dicht neben ihnen ins Gras. Volodi schwang ein Bein �ber den Nacken des Pferds und wollte absteigen. Die Steppenreiter machten das anders. Sie konnten sich in vollem Galopp �ber die Kuppe gleiten lassen und sicher auf den Beinen landen, aber Volodi wollte m�glichst au�er Reichweite der Hinterl�ufe bleiben.</p><p>Er hatte sein Bein kaum angehoben, als das Pferd stieg. Volodi landete unsanft im Gras. Er fiel auf seine Schwertscheide. Der Gaul machte sich davon und stie� ein Wiehern aus, das an Gel�chter erinnerte.</p><p>Fluchend sprang der Drusnier auf. Das lief ganz und gar nicht nach Plan! Die Steppenreiter schossen nun ihrerseits auf die Turmbesatzung, w�hrend die Feiglinge da oben Deckung hinter der Br�stung suchten. Weit hinter der Verschanzung erscholl ein Horn. Volodi konnte zwischen den angespitzten Pf�hlen hindurch sehen, wie die drei schweren Streitwagen Fahrt aufnahmen.</p><p>�Komm, der �ber den Adlern schreitet!� Der schiefzahnige Kerl, der ihn am frechsten beim Knochenw�rfeln betrogen hatte, hielt auf ihn zu, streckte die Hand vor und wollte ihn hinter sich auf den Sattel ziehen. Doch Volodi wusste, dass sie gemeinsam niemals entkommen w�rden. �Hau dich ab!�, rief er � dann rannte der Drusnier los, direkt auf den Turm zu. Wenn er es richtig anstellte, w�rde er ungeschoren davonkommen.</p><p>Die Krieger auf der Plattform kauerten noch hinter der Br�stung. Sie konnten nicht sehen, was er tat. Sein Freund Schiefzahn schien zu erraten, was er wollte. �M�gen dich die Geister deiner Ahnen sch�tzen!� Er zog sein Pferd um den Z�gel und preschte auf dem Weg zur�ck.</p><p>Volodi rannte weiter auf das Tor zu. Wenn er dicht genug am Turm stand, war er im toten Winkel der Plattform. Die W�chter w�rden ihn dann nicht sehen.</p><p>Der Boden vibrierte unter dem Hufschlag der Streitwagenpferde. Sie waren viel gr��er als die Reittiere der Ischkuzaia. Auch gr��er als die Wagenpferde Arams. Lebende Rammen!</p><p>Volodi dr�ckte sich mit dem R�cken gegen die Turmwand. Wenn er Gl�ck hatte und die Tore nach au�en aufschwangen, w�rde er hinter einem der Torfl�gel verschwinden. Er dachte an den Heiligen Hain im Geisterwald. Dort, wo er die Stimmen seiner Ahnen im Wind und im Raunen der Bl�tter geh�rt hatte. Hoffentlich w�rde sein Geist dorthin zur�ckfinden. Er war zu weit fort von zu Hause.</p><p>Die Torfl�gel schwangen auf. Nat�rlich nach innen! Er dr�ckte sich fest an die Holzwand. Die drei Streitwagen donnerten durch das Tor. Jeder war mit einem Fahrer, einem Krieger und zwei Schildtr�gern bemannt, und sie alle hatten nur Augen f�r die fl�chtenden Steppenreiter. Silbern funkelte das Licht auf den Sicheln an den R�dern der Streitwagen. Fast armlange Eisenklingen! Volodi atmete erleichtert auf, als die Streitwagen vor�ber waren. Er brauchte nur auf dem Fleck stehen zu bleiben, dann war er in Sicherheit. Jedenfalls, wenn sein Plan aufging und Juba alles vorbereitet hatte.</p><p>�Die werden die dreckigen Hundefresser in St�cke schneiden�, erklang be�ngstigend nah eine Stimme.</p><p>�Nur schade, dass wir es nicht sehen werden�, antwortete jemand.</p><p>Der Drusnier schluckte. Warum konnten nicht einmal die einfachen Pl�ne je so klappen, wie er es sich vorgestellt hatte?</p><p>�Die werden sie erst hinter den H�geln kriegen. Asua hat mir mal erz�hlt, dass das Blut bis �ber den Wagen hochspritzt, wenn sie einen mit den Sicheln erwischen.�</p><p>�Das werden wir n�chstes Jahr auf der Ebene von Kush sehen. Hundertfach!�</p><p>Volodi fluchte stumm. Die beiden Krieger, die das Tor ge�ffnet hatten, waren vor den Turm getreten, um den Streitwagen nachzublicken. Sobald sie sich umdrehten, war es unvermeidlich, dass sie ihn bemerkten. Besser, wenn er sie �berraschte! Entschlossen griff er nach seinem Schwert, doch die Klinge wollte nicht aus dem Leder der Scheide gleiten. Das Leder der Scheide knirschte. Endlich kam die Waffe frei. Sein Schwert war nach dem Sturz v�llig verbogen! Unbrauchbar �</p><p>Das Ger�usch des knarrenden Leders lie� die beiden Luwier herumfahren. Einen Moment lag gafften sie Volodi mit offenem Maul an, so �berrascht waren sie.</p><p>Der Drusnier warf sich vor. Er rammte dem Mann links von sich den Kopf in den Bauch und griff nach dessen Schwert. Leise zischend glitt die Klinge aus der ge�lten Lederscheide. Der andere Luwier, der so gern sehen wollte, wie es war, wenn ein Mann von den Sicheln eines Streitwagens getroffen wurde, hatte sich von seinem Schreck erholt und ebenfalls seine Waffe gezogen. Es waren nur Bronzeschwerter! Und der Luwier griff mit mehr Wut als Geschick an.</p><p>Volodi wich aus. Der Mann am Boden regte sich und tastete nach einem Dolch.</p><p>Volodi trat ihm ins Gesicht. Er brach ihm den Kiefer und der Bastard verstummte. W�tend trat Volodi noch einmal nach. Hier musste es Hunderte Krieger mit Eisenschwertern geben, und er erwischte zwei mit Bronzeklingen!</p><p>�Alarm! Wir werden angegriffen! Alarm!� Der zweite Schwertk�mpfer wich in den Eingang des Tors zur�ck. Oben auf der Plattform des Turms wurde wieder das Horn geblasen.</p><p>Volodi lachte. �Was du glauben, was schneller? Kameraden oder ist sich mein Schwert?�</p><p>Der Luwier griff an. Mit wilden Hieben versuchte er Volodi vom Turm fortzudr�ngen. Dem Drusnier war klar, dass er ein gutes Ziel f�r die Bogensch�tzen abgeben w�rde, sobald sie aus dem toten Winkel der Plattform traten.</p><p>Klirrend schlugen die Bronzeschwerter aufeinander. Jeder Hieb hinterlie� eine tiefe Kerbe in dem weichen Metall. Der Luwier war st�rker. Und er war gr��er. Allerdings bewegte er sich ein wenig schwerf�llig. Nach der ersten �berraschung wirkte er jetzt selbstgef�llig. Er wusste, dass er Volodi nur noch ein wenig hinhalten musste, dann w�rden weitere Krieger kommen, um ihm zu helfen.</p><p>Volodi blockte einen plumpen Hieb, der auf seinen Kopf zielte, und versuchte den Luwier zur�ckzudr�ngen. Er trat dicht vor ihn. Sein Schwertarm zitterte vor Anstrengung. Mit der Linken packte Volodi unter die Tunika in den Schritt des Luwiers und dr�ckte mit aller Kraft zu.</p><p>Der Mann schrie wie ein angestochenes Schwein.</p><p>Volodi hakte einen Fu� hinter die linke Ferse seines Gegners und rammte ihn mit der Schulter. Der Luwier st�rzte und kr�mmte sich am Boden.</p><p>Der Drusnier hob schon sein Schwert, um ihm den Gnadensto� zu verpassen, als ihn ein erschreckend vertrautes Ger�usch herumfahren lie�. Das Trommeln schwerer Hufe! Noch ein vierter Streitwagen kam den Weg hinauf und hielt auf das Tor zu. Volodi fluchte. Er war erledigt! Blieb er nah am Tor, w�rden sie ihn gegen eine der Holzw�nde dr�ngen und der Bogensch�tze auf dem Wagen w�rde ihn niederschie�en. Rannte er vom Tor fort, w�rden ihn die Bogensch�tzen oben auf der Plattform erwischen. H�tte er nur sein Maul gehalten und Juba einen Schlachtplan machen lassen. Er h�tte gar nicht hier sein m�ssen!</p><p>Immer noch fluchend packte er den ersten Luwier, den er niedergestreckt hatte bei den Armen. Der Kerl mit dem zerschmetterten Kiefer war kleiner als sein bulliger Kamerad. Volodi hob sich den Krieger auf die Schultern und begann zu laufen. Wenn er es hundert Schritt vom Turm weg schaffte, w�ren die Bogensch�tzen keine gro�e Gefahr mehr.</p><p>Immer lauter wurde das Hufgetrommel. Ein Pfeil verfehlte ihn um mehr als drei Schritt. Er durfte nicht in einer geraden Linie laufen, dachte er. Damit machte er es den Bogensch�tzen und auch dem Streitwagen zu leicht. Er sollte � Ein schwerer Schlag traf ihn in den R�cken, lie� ihn nach vorne taumeln und in die Knie gehen. Der Luwier auf seinem R�cken st�hnte. Volodi sp�rte, wie warmes Blut durch seine Tunika sickerte und an seinen Beinen hinablief. Volodi kam wieder auf die Beine und blickte zur�ck. Der Streitwagen hatte fast den Torturm erreicht. Der Kerl, den er vor dem Turm niedergemacht hatte, k�mpfte sich benommen hoch und versuchte den Pferden auszuweichen. Was f�r Unget�me das waren! Noch nie hatte Volodi so gro�e Pferde gesehen.</p><p>Blut spritzte hoch gegen die W�nde des Tors. Der Trottel war stehen geblieben, als er den Pferden ausgewichen war. Er hatte die Sicheln vergessen!</p><p>Volodi entschied sich, den Krieger, den er mitgeschleppt hatte, liegen zu lassen. Er w�rde ihm kaum noch nutzen. Der Tod haftete ihm nun auf den Fersen. Es w�re besser, schnell rennen zu k�nnen. Haken schlagend hielt er auf den H�gel zu. Dort ragten einige Felsbl�cke aus dem Gras. Die w�rden dem Streitwagen Schwierigkeiten machen.</p><p>Mit einem feinen, singenden Laut schrammte ein Pfeil �ber seinen Schuppenpanzer. Nur ein Streifschuss. Volodi blickte �ber die Schulter. Der Streitwagen war keine zwanzig Schritt mehr entfernt. Er entschied, nicht mehr weiter zu fl�chten. Er w�rde k�mpfen. Hoffentlich sahen seine Ahnen ihm zu. Er wollte einen guten Tod sterben! Der Bogensch�tze neben dem Wagenlenker hatte Schwierigkeiten zu zielen. Der Boden war hier leicht uneben, und jede kleine Welle versetzte dem Wagen einen Schlag. Die Schildtr�ger rechts und links hatten kurze Wurfspeere aus den K�chern an den Seitenw�nden des Wagens gezogen.</p><p>Volodi blickte auf die Sicheln. Sie drehten sich so schnell mit dem Rad, dass sie zu einem bedrohlich schimmernden Schemen verschwammen.</p><p>Noch zehn Schritt.</p><p>Er konnte das Wei�e in den Augen des Bogensch�tzen sehen. Der Sch�tze senkte die Waffe. Er �berlie� es dem Wagenlenker, ihn zu t�ten.</p><p>Volodi vermochte nicht einzusch�tzen, wie schnell der Wagenlenker reagieren konnte. Jetzt hielt er genau auf ihn zu, um ihn unter den Hufen zerstampfen zu lassen.</p><p>Links! Gedanke und Bewegung waren eins. Volodi hechtete nach vorn, warf sich ins Gras. Der Boden unter ihm schwankte unter den Hufen. Zischend zogen die Sicheln �ber ihn hinweg. So dicht, dass er den Luftzug sp�rte.</p><p>Der Drusnier rollte sich zur Seite. Keinen Augenblick zu sp�t! Dort, wo er gerade noch gelegen hatte, bohrte sich ein Wurfspeer in die Erde. Er packte die Waffe und schleuderte sie voller Wut dem Wagen hinterher. Ohne zu zielen. Die Luwier standen so dicht gedr�ngt, dass es fast unm�glich war, sie zu verfehlen.</p><p>Der Wagenlenker! Er hatte den Wagenlenker im R�cken getroffen. Er schwankte, kippte zur Seite, hatte die Z�gel aber immer noch fest in den H�nden. Der Streitwagen wurde langsamer. Mit einem Wutschrei lief Volodi ihnen hinterher. Der unebene Boden. Die unsichere Z�gelf�hrung. Der Streitwagen geriet ins Schlingern! Die Sicheln des linken Rades krachten gegen einen der Felsen, die aus dem Gras ragten, und mit einem hellen Klingen zerbrach die Sichel. Der Wagen machte einen Ruck, kam aus dem Gleichgewicht, fuhr nur noch auf einem Rad und drohte sich zu �berschlagen.</p><p>Volodi holte auf. Das schwebende Rad fand mit einem harten Schlag wieder auf den Boden zur�ck. Einer der Speerwerfer wurde von der Kampfplattform geschleudert und schlug gegen einen Felsen. Der Drusnier ignorierte ihn. Der Streitwagen fuhr jetzt nur noch langsam. Verzweifelt bem�hten sich der Bogensch�tze und der Speerwerfer darum, die Z�gel zu ordnen. Der verwundete Wagenlenker lag zu ihren F��en. Volodi bekam den Griff hinter den Speerk�chern zu packen und zog sich auf den Wagen. Er war unbewaffnet, er war w�tend, und es gab zu wenig Platz, um mit Finessen zu k�mpfen. Den Speerwerfer packte er bei der Tunika und riss ihn einfach nach hinten, sodass er vom Streitwagen purzelte.</p><p>Der Bogensch�tze zog einen Dolch. Er hatte die Z�gel fahren lassen und die Pferde legten wieder an Tempo zu.</p><p>Mit dem Unterarm lenkte Volodi einen Dolchsto� ab, der auf seinen Bauch zielte; die Eisenklinge hinterlie� einen langen Schnitt im Arm und fuhr dann klirrend �ber seinen Schuppenpanzer. Die Eisenklinge!</p><p>Sofort holte der Luwier zu einem neuen Dolchsto� aus. Mit der Linken hielt er sich an einem der Griffe fest und glich mit federnden Knien die ruckenden Bewegungen des Streitwagens aus. In jeder seiner Bewegungen spiegelte sich sein Selbstbewusstsein. Schnell wie eine Viper stie� er zu.</p><p>Volodi versuchte verzweifelt die Stiche abzulenken. Ein zweiter Schnitt leuchtete rot auf seinem Arm. Unbewaffnet, wie er war, w�re es das Kl�gste, vom Wagen zu springen, aber aufgeben mochte er nicht. Nicht jetzt! Er tastete hinter sich. Seine Finger glitten �ber die Sch�fte der kurzen Wurfspeere im K�cher an der Wagenwand.</p><p>Der Luwier erkannte sofort die Gefahr. Er warf sich nach vorne. Klirrend schlugen ihre Schuppenpanzer aufeinander, und Volodi wurde gegen die Seitenwand gedr�ckt. Der K�cher l�ste sich aus seiner Halterung. Die Wurfspeere glitten hinaus. Er war wieder entwaffnet!</p><p>Auch wenn der Streitwagen viel massiger war als jener, den er �ber den Saumpfad getragen hatte, waren die Seitenw�nde nicht daf�r geschaffen, das Gewicht zweier ger�steter M�nner zu tragen. Der obere Rahmen brach, langsam l�ste sich die Verzapfung aus dem Eckpfosten des Frontschildes. Volodi glaubte das Holz knacken zu h�ren. Vielleicht bildete er es sich auch nur ein, denn die donnernden Hufschl�ge h�tten ein solches Ger�usch ausl�schen m�ssen. Vielleicht glaubte er es zu h�ren, weil er sah, wie das Holz splitterte. Weil er f�hlte, wie sich die Seitenwand dem eisenbeschlagenen Rad entgegensenkte. Zwei Handbreit trennten ihn noch vom Rad.</p><p>Der Luwier dr�ckte ihn weiter hinunter. Jeden Augenblick konnte sich sein langes Haar in den wirbelnden Speichen verfangen. So durfte es nicht zu Ende gehen! Volodi verlagerte sein Gewicht. Noch eine Handbreit bis zum Rad. Die Seitenwand des Wagens reichte nicht bis ganz zum Ende der Wagenplattform. Der Drusnier verdrehte die Augen und konnte die wirbelnden Speichen des Rades sehen. �berdeutlich nahm er den Geruch des Grases wahr, das unter den schweren R�dern zerquetscht wurde. Er roch den Schwei� des Luwiers. Ein angenehm herber Duft. Ganz klar sah er jede Schramme auf dem Schuppenpanzer des Kriegers. Die d�nne wei�e Narbe unter dem linken Auge, jedes einzelne Haar im Bart des Mannes. Volodi sp�rte die N�he des Todes. Er wusste, dass es das Abschiedsgeschenk des Lebens war, die Welt ein letztes Mal so deutlich wahrzunehmen wie nie zuvor.</p><p>Das Holz knackte. Ja, er h�rte es wirklich. Trotz des l�rmenden Hufschlags. Sein langes Haar ber�hrte das rasende Rad. Volodi versuchte sich aufzub�umen, doch sein Gegner war zu stark. Eisern hielt er ihn gepackt und dr�ckte ihn tiefer. Volodi stellte sich vor, wie sein Haar in die Speichen geriet. Wie ihm ganze Str�hnen ausgerissen wurden und sein Genick brach, wenn sein Kopf herumgerissen wurde. Kalter Schwei� stand ihm auf der Stirn, als er in die gro�en braunen Augen seines Gegners sah, dessen funkelnde Dolchspitze sich in sein Auge bohren w�rde, wenn sein langes Haar ihn nicht umbrachte. Der Luwier triumphierte nicht. Kein sp�ttisches L�cheln lag auf seinem Gesicht, und er wirkte auch nicht angespannt. Im Gegenteil, er schien ganz ruhig, ganz darauf bedacht, seine Blutarbeit zu Ende zu bringen.</p><p>Volodi kam kurz der absurde Gedanke, dass er sich mit dem Kerl gut verstehen w�rde, wenn sie auf derselben Seite k�mpfen w�rden.</p><p>Der Streitwagen machte einen Satz �ber eine Bodenwelle hinweg und schlug unsanft auf. Das Holz krachte. Volodi bekam den linken Arm frei. Er stie� mit dem Ellenbogen nach dem Kinn des Angreifers. Der Sto� war nicht mit viel Kraft gef�hrt, aber der Luwier wich ein wenig zur�ck. Mit der Linken packte Volodi das Handgelenk oberhalb des Dolches. Einen Augenblick lang tat er das, was der Luwier erwartete � er versuchte mit aller Kraft den Arm zur�ckzubiegen. Doch dann riss er ihn nach vorne. Vorbei an sich, vorbei an der splitternden Seitenwand und hin zu den wirbelnden Radspeichen.</p><p>Es gab einen m�rderischen Ruck und ein klatschendes Ger�usch, als schlage man mit der Faust in ein frisches St�ck Fleisch. Der Luwier schrie auf. Volodi rammte ihm das Knie zwischen die Schenkel und stie� ihn zur�ck. Von der rechten Hand seines Angreifers war nur ein fingerloser, unf�rmiger Klumpen geblieben. Ein zweiter Sto� und der Krieger st�rzte von der Plattform ins Gras.</p><p>Volodi richtete sich auf und blickte zum Himmel. Hoffentlich hatten seine Ahnen ihm zusehen k�nnen. Er war zufrieden mit sich und der Welt. Zufrieden, wie schon lange nicht mehr. L�chelnd nahm er die Z�gel. Die Wagenpferde waren gut dressiert. Sie reagierten auf den leisesten Zug. Er brachte den l�dierten Streitwagen auf ebeneres Gel�nde. Dann wickelte er sich einen der Lederz�gel um seinen Arm und zog ihn straff, bis die Schnittwunden aufh�rten zu bluten. Der Torturm war au�er Sicht. Ein St�ck voraus lagen die Leichen der Krieger von jenen Streitwagen, die als Erste durch das Tor gebraust waren. Dahinter hatte sich sein Heer versammelt. Ein langer Hang, voller Streitwagen. Banner und Rosshaarstandarten wehten im Abendwind. Sie alle warteten auf ihn, die untergehende Sonne im R�cken. Und er w�rde sie in die Festung des Feindes f�hren.</p></section><section><title><p>Morddrohung</p></title><p>Es war eine Frage des Glaubens. Und Gonvalon hatte sich entschieden, lieber Lyvianne zu glauben als seinen eigenen Sinnen, die ihm beharrlich vorgaukelten, seine Beine endeten unterhalb seiner Knie in zerfleischten St�mpfen. Auf zwei Kr�ckst�cke gest�tzt, k�mpfte er sich den Flur entlang. Niemand au�er Lyvianne war in der N�he. Sie hatte die anderen Meister der Wei�en Halle dar�ber unterrichtet, was geschehen war, und diese waren so taktvoll, sich fernzuhalten. Auch keiner der Sch�ler kam in seine N�he.</p><p>Mit verzweifelter Wut setzte er eines seiner gef�hllosen Beine vor. Wieder und wieder und wieder � Es war, als schwebe er. Blickte er an sich hinab, sah er die St�mpfe. Sie ber�hrten den Boden nicht, er f�hlte keine Steinplatten unter seinen F��en. Dennoch hatte er entschieden, dass all dies ein Trugbild war. Er wollte wieder laufen k�nnen � Wollte zu Nandalee. Und das nicht als Kr�ppel!</p><p>�Willst du nicht eine Pause machen und Atem sch�pfen?�</p><p>Er wollte zornig antworten � aber er war zu kurzatmig. Lyvianne hatte recht.</p><p>Resignierend lie� er sich auf einer der gemauerten B�nke entlang der Wand nieder.</p><p>�Warum bist du so sicher, dass Nandalee noch lebt?�</p><p>Die Frage �berraschte Gonvalon. Bislang hatte er angenommen, dass Lyvianne auf seiner Seite stand. �Das Band zwischen ihr und dem Vogel ��, begann er keuchend.</p><p>�� k�nnte ein Trugbild sein�, unterbrach sie ihn. �Du siehst, wie vollkommen dir Matha Naht vorgaukelt, dass du keine Beine mehr hast. Dich mit dieser roten Kraftlinie zu t�uschen w�re gewiss viel einfacher.�</p><p>�Es gab die Linie schon, bevor ich zu diesem verdammten Holunder ging!�</p><p>�Und sie wurde immer blasser.� Lyviannes Stimme war weich, mitf�hlend. �K�nnte es nicht sein, dass sie verloschen ist in der Zeit, in der Matha Naht dich qu�lte?�</p><p>Er setzte zu einer Erwiderung an, doch kein Wort kam �ber seine Lippen. Konnte das stimmen? Er starrte hinab auf die polierten grauen Steinplatten des Flurs � und verlor den Boden unter den F��en. Ein weiteres Mal.</p><p>�Warum sollte sie das tun? Welchen Nutzen bringt das Matha Naht?� Die Frage war ein Aufb�umen. Die Antwort ahnte er bereits.</p><p>�Sie tut es, weil es ihr Freude bereitet, dich zu verletzen. Auf jede nur denkbare Art. Sie hat erkannt, wie tief deine Liebe zu Nandalee ist. Sie wird sich an der Vorstellung erg�tzen, wie unermesslich dein Schmerz sein muss, wenn du dich nach langer Suche get�uscht siehst und vor Nandalees Grab stehst.�</p><p>Gonvalon atmete tief ein. Er war ganz ruhig. �Ich werde Matha Naht t�ten.�</p><p>Lyvianne lachte. �Wie? Glaubst du, du gehst einfach hin und f�llst sie? Ihr H�gel ist bedeckt mit den Gebeinen jener, die sich vor dir dieser Illusion hingegeben haben. Du kannst Matha Naht nicht t�ten. Sie wird dich manipulieren. So wie sie dir vorgaukelt, du h�ttest keine Beine mehr. Im g�nstigsten Fall wirst du unverrichteter Dinge wieder abziehen. Vielleicht aber wirst du deine Klinge auch gegen dich selbst richten ��</p><p>Gonvalon stand auf. Es war ein gr�ssliches Gef�hl, den Boden nicht unter den F��en zu sp�ren. Sofort musste er um seine Balance k�mpfen. Er biss die Z�hne zusammen. Machte einen ersten Schritt, verlor das Gleichgewicht und musste sich taumelnd an der Wand abst�tzen.</p><p>Lyvianne sah zu, ohne ihm zu Hilfe zu eilen, und er war ihr dankbar daf�r. Sie kannte ihn gut. Und auch er f�hlte sich mit ihr erstaunlich vertraut. Fast hatte er das Gef�hl, das alles schon einmal mir ihr erlebt zu haben. Mit ihr laufen gelernt zu haben. Was f�r ein absurder Gedanke!</p><p>Er stie� sich von der Wand ab und versuchte erneut ohne Kr�cken zu gehen. Willenskraft und �bung w�rden ihm zum Erfolg f�hren. So war es stets in seinem Leben gewesen. Matha Naht sollte ihn nicht untersch�tzen. Er war Gonvalon, ein Drachenelf, und vielleicht der beste Schwertk�mpfer Albenmarks. Und er war ihr Feind. Sie sollte sich vor ihm f�rchten! Er w�rde ihr dazu verhelfen, dieses neue Gef�hl tief auszukosten. Er w�rde zu ihr kommen und sie t�ten. Und bevor es so weit war, w�rde sie davon erfahren. Als Holunder konnte sie nicht fortlaufen.</p><p>Sein n�chster Schritt war etwas sicherer. Rachegedanken waren nicht tugendhaft, aber sie halfen ungemein. Gonvalon blickte zu Lyvianne. Was wohl ihr Preis gewesen war? Und warum kannte sie Matha Naht?</p><p>�Ich werde diesen verdammten Holunder vernichten�, wiederholte er mit fester Stimme. Lyvianne sollte seine Botin sein. Ganz sicher w�rde sie Matha Naht wieder aufsuchen.</p><p>Er machte einen weiteren Schritt vorw�rts. �Die Drachen haben viel M�he darauf verwandt, uns zu unvergleichlichen M�rdern zu machen. Ich bin zuversichtlich, dass ich einen Weg finden kann, um mit einem Baum fertig zu werden.�</p></section><section><title><p>�ber den Gro�en Krieg</p></title><p>�� Seit die Welt in Tr�mmer fiel, streiten die Gelehrten, wie es dazu kommen konnte. Hatte der schreckliche Sturm sich schon lange angek�ndigt oder brach er ohne Vorwarnung los, wie ein Gewitter an einem schw�len Sommertag? Gibt es einen Schuldigen an dem, was geschah? Oder war es unvermeidbar? War jene Welt wie ein Baum, der �ber jedes Ma� hinausgewachsen war und einfach st�rzen musste, sobald der Sturm losbrach? Als Bewahrer der Vergangenheit h�te ich mich, all jene wirren Reden hier niederzulegen, die man in diesen Tagen allerorten h�ren kann. Ich bin einzig der Wahrheit verpflichtet und ich sage, es war Aaron, der Unsterbliche von Aram, der Schuld tr�gt an allem Elend! Seine Ma�losigkeit und sein unbeherrschter Zorn waren der Quell allen �bels! Lange schon neidete er Muwatta seinen Reichtum. Doch so verdorben sein Charakter auch war, so war der Unsterbliche des Reiches Aram auch von einer verschlagenen Schl�ue, die ihresgleichen bis dahin nicht kannte. Er war sich bewusst, dass die G�ttlichen einen Krieg unter den gro�en Reichen nicht dulden w�rden, es sei denn, er w�rde nach strengen Regeln gef�hrt, so dass die Reiche am Streit der Unsterblichen keinen �berm��igen Schaden nehmen konnten. So glaubte man, blickt man aber nun, nach all den Jahren, zur�ck, so ist das Bild ungleich deutlicher, als es zu Zeiten jener war, die erlebten, was wir von Ferne und mit dem Wissen der Nachgeborenen betrachten. Heute kann man klar den Tag benennen, der das Leben aller Menschen ver�ndern sollte. Es war jener Tag, an dem Aaron darauf bestand, einem toten Albenkind am Weltenmund Ehren zu erweisen, die allein den gr��ten Helden unter den Menschen vorbehalten waren. Als Muwatta gegen diesen Frevel protestierte, verwundete Aaron ihn schwer, und es wurde vereinbart, dass die beiden Auserw�hlten der G�tter ihren Streit mit ihren Heerscharen auf der Ebene Kush austragen sollten. Nun waren aber die Krieger Luwiens die m�chtigsten in allen sieben Reichen. Selbst der verschlagene Aaron erkannte, dass wohl keine List auf dem Schlachtfelde seine Niederlage abwenden k�nnte. Auch zeigte sich der Unmut der G�tter, als ein schrecklicher Sturm bei den Aegilischen Inseln die Zinnflotten Arams auf den Grund des Meeres hinabriss.</p><p>Da entschied Aaron der Listenreiche, Muwatta zu hintergehen. Er reiste nach Isatami zur Nacht der Heiligen Hochzeit. Jener Nacht, da Frieden und Gottesfurcht die obersten Gebote sind. Und er missachtete sie beide. Er verst�mmelte Kurunta, den H�ter der Goldenen Halle und einen der besten Heerf�hrer Luwiens, und lie� es wie einen Unfall erscheinen. Zur n�mlichen Stunde aber fielen seine Heerscharen �ber eine der Eisenminen an der Grenze zu Ischkuza her. Und seine Mordbrenner raubten nicht nur die eisernen Schwerter und Helme, die dort lagerten. Nein, sie entrissen Familien ihre V�ter und verschleppten die Schmiedemeister und jene kundigen M�nner, die die Meiler schichteten, in denen das Erz dem Stein entrissen wurde. Um seine Tat aber zu verschleiern, wurden die Gefangenen in die Neue Welt gebracht. Dort mussten sie unter seiner Knute eine Eisenmine erschlie�en und nun f�r ihn das kostbare Metall schmieden. Wer sich aber weigerte und die Geheimnisse um das Erz der Erde nicht preisgeben wollte, der wurde auf das Grausamste misshandelt.</p><p>Aaron zog in die Neue Welt, wo zu jener Zeit auch Shaya, die Tempelfrevlerin, Prinzessin von Ischkuza, weilte. Vielleicht floh Aaron in die Goldene Stadt, um ferner vom Gelben Turm und dem Blick der G�tter zu sein. Vielleicht auch, um dort mit den Albenkindern Verbindung aufzunehmen und kommendes Unheil vorbereiten. Es muss dort gewesen sein, dass er sie traf! Niemals h�tten sich die Ausgeburten Albenmarks nach Daia unter die Blicke der Devanthar gewagt. Und w�hrend Muwatta seine Krieger r�stete und sein Reich hegte, ersann Aaron den gro�en Verrat. Anders kann es nicht gewesen sein! Denn alle, die das Verderben der Ordnung auf Daia im Sinne trugen, waren nun in der Neuen Welt versammelt.�</p><cite><text-author>Der Gro�e Krieg, verfasst von: Arapur dem Allweisen, Hoherpriester in Isatami, Bewahrer der Vergangenheit, Buch 3, Kapitel 4, Zeile 54 ff., verwahrt in der Sammlung: Schriften der Menschenkinder, Halle XXVI, Regal CCII, Brett XXIV, Bibliothek von Iskendria.</text-author></cite></section><section><title><p>Drachenlaunen</p></title><p>Der Schwerthieb kam so schnell, dass eine Parade unm�glich war. Nandalee wich zur�ck, ihr Gegner setzte mit einem Sto� nach. Die Elfe schaffte es, die Klinge abzulenken, geriet aber aus dem Gleichgewicht. Gnadenlos nutzte Nodon die Gelegenheit und versetzte ihr einen Sto�.</p><p>Nandalee st�rzte und kaum dass sie am Boden lag, ber�hrte seine Schwertspitze ihre Kehle. Die Klinge dr�ckte auf die zarte Haut dicht �ber der Vertiefung am Halsansatz. Ein Tropfen Blut rann �ber den Stahl.</p><p>�Das gen�gt!�, erklang die Stimme des Dunklen.</p><p>Nandalee keuchte. Etliche Tage waren vergangen, seit sie die Drachenh�hle unter der Pyramide verlassen hatte. Tage voller �bungen, denn der Dunkle hatte entschieden, dass ihre Fechtk�nste den Anspr�chen, die an eine Drachenelfe gestellt w�rden, noch lange nicht gen�gten. Er hatte ihr einen Schwertmeister ausgesucht, der mindestens so schlimm wie Ailyn war. Noch einer, der Gefallen daran fand, sie zu verletzen.</p><p>Am Boden liegend, tastete Nandalee �ber ihren Hals. Zorn wallte in ihr auf. Nodon k�mpfte nicht wie ein Fechtlehrer. Er f�hrte sich auf, als sei er ihr Todfeind. Immer wieder verletzte er sie. Es waren nur kleine, oberfl�chliche Wunden. Aber er wollte ihr Blut sehen.</p><p>�Ihre Beinarbeit ist erb�rmlich�, verk�ndete ihr Meister. �Ich kenne Kobolde, die sich beim Ausmisten eines Schweinestalls mit mehr Anmut bewegen! Aus ihr wird niemals eine gute Schwertk�mpferin werden. Wir sollten sie zur�ck zu den Wilden nach Carandamon schicken.�</p><p>�Wir sollten uns einmal im Bogenschie�en messen�, knurrte sie leise.</p><p>�Diese Kunst ist v�llig irrelevant�, entgegnete er von oben herab. �Kein Drachenelf benutzt einen Bogen. Wir t�ten mit der Klinge in der Hand. Bogensch�tzen sind Feiglinge, die es nicht wagen, ihren Feinden Aug in Aug gegen�berzutreten!�</p><p>�Und Schwertk�mpfer sind Trottel, die verrecken, w�hrend Bogensch�tzen ihre Mission erf�llen.�</p><p>�Diese Aussage beruht auf welchen Erfahrungen, tollk�hne Heldin der W�lder?�</p><p>�Soll dich der Blitz beim Schei�en treffen!�</p><p>Nodon legte in gespielter Betroffenheit seine Hand auf die Brust. �Welche Kraft in deinen Worten liegt! Wahrlich ergreifend. Ich glaube, mit dem ungehobelten Charme deiner Poesie k�nntest du gro�e Erfolge an den H�fen Arkadiens feiern. Du solltest Dichterin werden. Ich w�re dir nicht gram, sollte deine Hand k�nftig nur noch nach der Feder greifen und nicht mehr nach dem Schwert.�</p><p>Eines Tages greift meine Hand nach der Befiederung eines Pfeils und du wirst erfahren, wie der Bogen �ber das Schwert triumphiert, dachte sie w�tend. Was f�r eine Laune der Natur, einen solchen Misthaufen in so edler Gestalt daherkommen zu lassen! Anfangs hatte Nodon einen guten Eindruck auf sie gemacht. Hier drau�en im Jadegarten war er immer in der N�he des Dunklen. Allerdings hielt er immer einen Abstand von etwa zehn Schritt. Nur sie allein durfte sich der �ltesten der Himmelsschlangen so weit n�hern, dass sie ihn ber�hren konnte. Vielleicht war das einer der Gr�nde, warum Nodon kaum eine Gelegenheit auslie�, sie zu beleidigen. Sie hatte ihm etwas voraus, auch wenn sie sich selbst nicht zu erkl�ren vermochte, warum sie dieses Privileg genoss. Der Gedanke lie� sie l�cheln.</p><p>�Steh auf! Unsere Fechtstunde ist noch nicht vor�ber.�</p><p>Nandalee hob ihr Schwert auf und beobachtete Nodon argw�hnisch. Er hatte etwas Katzenhaftes an sich. Es war nicht nur die Art, wie er sich bewegte, es lag auch an seiner Unberechenbarkeit. Er erkl�rte ihr etwas und griff mitten in seinen Erkl�rungen an. Wie eine Katze, die man streichelte und die einen unvermittelt ihre Krallen sp�ren lie�. Dabei hatte er solche Spielchen nicht n�tig. Er war ihr ohnehin unendlich �berlegen.</p><p>So seltsam wie sein Benehmen war auch sein Aussehen. Er war sehr zartgliedrig und ein wenig kleiner als sie. Sein langes Haar trug er offen. Es war wei�blond, fast schon silbrig. Nodon kleidete sich ganz in Rot. Und dann seine Augen. Es waren diese Augen, die ihn nicht ungew�hnlich sondern unheimlich erscheinen lie�en. Sie waren ganz schwarz � man konnte weder Pupille noch Iris erkennen und kein Wei�. Von diesem Blick ber�hrt zu werden lie� Nandalee jedes Mal erschauern. Nie zuvor hatte sie solche Augen bei einem Elfen gesehen.</p><p>Er hob sein Schwert zum Fechtergru� und Nandalee ging in die Grundstellung. Sie war auf der Hut, denn �blicherweise er�ffnete er ihre kleinen Duelle nicht so f�rmlich. Pl�tzlich musste sie an Ailyn denken und daran, wie die Schwertmeisterin sie an ihrem ersten Tag in der Wei�en Halle verpr�gelt hatte. Lag es vielleicht an ihr, dass ihre Lehrer immer wieder so mit ihr umgingen?</p><p>Nodon t�uschte ein Schlag auf den Kopf an. Nandalee riss ihr Schwert hoch. Zu langsam. Als der Schwertmeister seine Schlagrichtung �nderte, vermochte sie nicht mehr darauf zu reagieren. Er versetzte ihr mit der Breitseite der Waffe einen Schlag auf die H�fte, und der Schmerz trieb Nandalee Tr�nen in die Augen.</p><p>�Tot, M�dchen�, sagt er abf�llig. �Zum siebzehnten Mal heute. � Dann wandte er sich an den Dunklen. �Ihren Schwertmeister sollte man in den Kerker werfen! Sie kann gar nichts, au�er Pr�gel einzustecken. Nun, wo ich das sehe, wundert es mich nicht mehr, dass seine Sch�lerinnen regelm��ig ihre erste Mission nicht �berleben. Man sollte ihn aus der Wei�en Halle entfernen!�</p><p>�Gegen wen k�mpft Ihr?�, erwiderte der Dunkle ruhig und sah zwei Schmetterlingen nach, die dem Wald entgegenflogen. �Gegen Nandalee oder gegen Gonvalon?�</p><p>Nodon schob sein Schwert zur�ck in die Scheide und verneigte sich vor dem Dunklen. �Bitte verzeih! Ich verga� mich.�</p><p>�F�r heute bed�rfen wir Eurer Dienste nicht mehr. Wir freuen uns, Euch morgen zu einer weiteren Fechtstunde zu begr��en.�</p><p>Der Drachenelf verneigte sich ein weiteres Mal. In seinem Gesicht spiegelte sich keine Regung. So unbeherrscht er im Kampf gewesen war, so vollkommen hatte er sich nun in der Gewalt. Er war furchteinfl��end, dachte Nandalee, und sie war froh, dass er ging. Allerdings ging er nicht sehr weit. Er bezog Posten. Er befehligte die Drachenelfen, die in einer Festung, hoch in den Bergen verborgen, �ber den Jadegarten wachten. Er war nie weit fort. Nandalee st�rte das. Sie brauchte es, allein zu sein.</p><p>Der Dunkle legte ihr die Hand auf die Schulter. Seine Ber�hrung war ihr unangenehm. Es lag an der Elfengestalt. Sie hatte das Gef�hl, angelogen zu werden, wenn er in dieser Gestalt bei ihr war. Er verschleierte die Wahrheit durch so viele Zauber. Sie wusste um das wahre Aussehen der Krallenhand, die sie ber�hrt hatte. Um ihr Gewicht. Sie wollte ihn sehen, wie er war. Nicht dieses Zerrbild! Das einzig Gute war, dass er in Elfengestalt ganz normal mit ihr sprach und seine Stimme keine gl�henden Pfeile durch ihren K�rper jagte.</p><p>�Ihr habt mich heute einmal mehr �berrascht, Nandalee. Ich hatte bef�rchtet, Nodon w�rde dasselbe Ende nehmen wie Sayn. Aber Ihr seid ganz offensichtlich nicht mehr jene zornige, talentierte Elfe, die vor zwei Jahren vom Schwebenden Meister unterrichtet wurde.�</p><p>Er hatte sie also auf die Probe gestellt! Deshalb diese Fechtstunden. Vielleicht hatte er Nodon sogar befohlen, sie derart zu reizen. 
�Es freut mich, dich nicht entt�uscht zu haben�, entgegnete sie glattz�ngig.</p><p>Er lachte. �Vergesst nicht, ich muss nicht in Euren Gedanken lesen k�nnen, um zu wissen, wann Ihr das Gegenteil von dem sagt, was Ihr denkt, meine Holde.�</p><p>�Wenn du schon wei�t, was ich denke, warum redest du dann noch mit mir? Ist es nicht unglaublich langweilig, sich stets best�tigt zu sehen?�</p><p>Er blieb stehen. Seine Hand glitt von ihrer Schulter. �Mit Eurer Zunge seid Ihr wesentlich treffsicherer als mit dem Schwert.�</p><p>Sie sah ihn aus den Augenwinkeln an. Er wirkte verletzt. Der �lteste der Drachen. Der Statthalter dieser Welt. War sie vollkommen verr�ckt, sich mit ihm anzulegen? Wenn er in Elfengestalt vor ihr stand, verga� sie allzu leicht, dass er ein riesiges Raubtier war. Ein Ungeheuer, das sie mit einem einzigen Schnappen seiner F�nge vernichten konnte. Und obendrein war er launisch. Sie wusste nie, woran sie bei ihm war. Sie sollte vorsichtiger sein und wusste zugleich, dass es gerade seine schiere Unbesiegbarkeit war, die sie immer aufs Neue zu Widerstand reizen w�rde.</p><p>�Langeweile ��, sagte er sinnierend. �Ihr habt es recht gut getroffen, Dame Nandalee. Mein Leben birgt nur wenige �berraschungen und ich kann in den Gedanken eines jeden lesen. Das verst��t gegen die guten Umgangsformen, und manchmal geschieht es ohne Absicht. Gerade wenn jemand seine Gedanken vor mir verbergen will, sp�re ich sie besonders deutlich. Fast als w�rde er sie mir ins Gesicht schreien. Nur bei Euch ist Schweigen. Finsternis. So viele Wochen seid Ihr nun hier, aber ich kenne Euch noch immer nicht. Und was Eure Vorw�rfe anbelangt � Ja, ich studiere Euch. Es war wichtig zu sehen, dass Ihr Euch ver�ndert habt. Dass Euer Zorn sich nicht in einem zerst�rerischen Zauber manifestiert, der Eurer Beherrschung entgleitet. Ich habe Gro�es mit Euch vor!�</p><p>�Wusste Nodon, in welcher Gefahr er war?�</p><p>�Das war nicht notwendig. Dieses Wissen h�tte ihn nur gehemmt. 
� Der Dunkle l�chelte. �Seine Handlungen sind sehr vorhersehbar. �</p><p>�Und irgendwann in der Zukunft werde ich eine wie er f�r dich sein? Eine Figur auf einem Spieltisch, die sich nicht einmal bewusst ist, dass sie fremdbestimmt ist. Die glaubt, sie lebt einfach nur ihr Leben.�</p><p>�Das ist unter Eurem Niveau, meine Holde.�</p><p>�Nie wo? Was soll das hei�en?�</p><p>Er seufzte. �Niveau ist etwas, dass man sich erarbeiten muss. Man erreicht es, wenn man �ber sich hinausw�chst. Sich auf eine neue Stufe erhebt.�</p><p>�Hast du vergessen, dass ich eine Wilde aus Carandamon bin? Von uns kann man alles erwarten. Zum Beispiel, dass wir in langen Wintern unsere j�ngsten Kinder schlachten und verspeisen. Aber Nie wo � Nein, Nie wo passt nicht zu uns Wilden!�</p><p>Seine himmelfarbenen Augen blitzten, als br�che die Mittagssonne hinter einer Wolkenfront hervor. �Vielleicht ist es das, was ich suche? Eine Elfe, die wild, aufs�ssig und niveaulos ist. Leicht erz�rnbar. Gut in jeder erdenklichen Art zu verletzen. Zu gef�hrlich selbst f�r ihre Meister. Ja, sogar f�r sich selbst.�</p><p>Fassungslos sah sie ihn an. War es das, was er wirklich �ber sie dachte? War sie f�r ihn nicht mehr als eine unbeherrschte N�rrin mit hohem Unterhaltungswert? Dazu eine Prise Nervenkitzel, damit es nicht so schnell langweilig wurde? War sie wirklich derart unbeherrscht? Noch immer eine Gefahr f�r sich und andere? Und vor allem � Hatte <emphasis>sie</emphasis> die Macht, <emphasis>ihn</emphasis> zu verletzen?</p><p>�Und was ich noch vergessen habe. Sie ist absolut humorlos!� Er l�chelte. �Geradezu perfekt f�r mich. Balsam f�r meine verstaubte Seele.�</p><p>Es war also ein Scherz gewesen? Nandalee glaubte ihm nicht. Da war etwas an seiner Art zu sprechen, das sie argw�hnisch machte. Immer h�ufiger. Nur benennen konnte sie es nicht. Es war besser, vor ihm auf der Hut zu sein. �Darf ich mir ein paar wilde Blumen ansehen gehen? Allein?�</p><p>Der Dunkle sah sie an, wie ein Habicht den Hasen in seinen Krallen betrachtete. Er nickte. Sie durfte gehen, aber sie sollte besser nicht an Flucht denken, bedeutete das.</p><p>Was sie nat�rlich dennoch tun w�rde!</p></section><section><title><p>Ein Fehler</p></title><p>Gedankenverloren sah er Nandalee nach. Er wusste, dass er einen Fehler machte. Er war geradezu besessen von ihr! Dieser Umstand beunruhigte ihn. Es gab keine vern�nftige Erkl�rung daf�r. Es war nicht nur, dass er ihre Gedanken nicht lesen konnte, es war � ihre ganze Art. Er hatte versucht, sie zu formen. Damit w�rde er aufh�ren. Er wollte sie so, wie sie war. Ungeb�ndigt! Es war erfrischend, jemanden um sich zu haben, der nicht jedes Wort abw�gte.</p><p>Aber er musste seine Obsession in vern�nftige Bahnen lenken. Seit Wochen hatte er den Jadegarten nicht verlassen. Er hatte sie beobachtet, als sie sich im Herzen der Pyramide allein gef�hlt hatte. War Zeuge ihres Ringens mit sich gewesen. Er hatte sich selbst geschworen, in diesen Kampf nicht einzugreifen, selbst wenn sie sich umbringen w�rde, und er war froh, diesem Schwur treu geblieben zu sein. Sie war st�rker geworden.</p><p>Der Erstgeschl�pfte dachte an jenen Blick in die Silberschale der Devanthar, den ihm der Goldene gew�hrt hatte. Ein kurzer Blick nur, der ihm f�r immer den Frieden genommen hatte. Ein Elf oder eine Elfe w�rde ihn t�ten. Jemand, auf den er sich verlassen hatte. Ein Drachenelf! W�rde sie es sein? Sie h�tte beste Aussichten auf Erfolg. Der Arm, den er in der Silberschale erblickt hatte, war mit einer sich windenden Himmelsschlange t�towiert.</p><p>Bis sie ihre T�towierung erhielt, war er sicher vor ihr. Es mochten noch Jahre vergehen, bis Nandalee so weit war. Sie m�sste drei Drachenelfen finden, die sie f�r w�rdig befanden, in ihre Reihen aufgenommen zu werden. Und dann war da noch die letzte Pr�fung � So talentiert sie auch war, mochte diese H�rde un�berwindbar f�r sie bleiben. Sie verstand es zu gut, andere vor den Kopf zu sto�en.</p><p>Er sah ihr nach, wie sie am Ufer des Sees entlangging und schlie�lich zwischen den B�umen verschwand. Der Garten, der die Pyramide umgab, ersteckte sich �ber das ganze Tal. Er war gut gepflegt; mehr als dreihundert Kobolde und Faune hegten ihn. Sie boten ihre ganze Kraft auf, die Illusion aufrechtzuerhalten, dass man durch ein St�ck Wildnis wanderte. Es gab keine Blumenbeete. Keine Alleen. Und doch war jeder Baum, ja, jede Blume mit Bedacht gesetzt. Es war ein �sthetischer Entwurf von Wildnis. Ob er Nandalee auf diese Weise formen k�nnte? K�nnte sie zu einem �sthetischen Entwurf von Wildheit werden? Er musste l�cheln. Wohl kaum. Und sollte es ihm wider Erwarten doch gelingen, sie zu ver�ndern, h�tte er dann nicht zerst�rt, was er so sehr an ihr sch�tzte?</p><p>Er lie� sich auf einem Fels am See nieder. Der Erstgeschl�pfte konnte die N�he Nodons sp�ren. Sehen konnte er ihn nicht. Der Anf�hrer der Drachenelfen des Jadegartens hatte ein unvergleichliches Gesp�r daf�r entwickelt, immer gerade au�erhalb seines Gesichtsfelds zu bleiben. Er w�rde ihm zutiefst misstrauen, h�tte er eine t�towierte Himmelsschlange auf einem seiner Arme, doch seine T�towierung zog sich vom Nacken bis zu seiner linken Wade hinab. Seine Arme waren makellos. Er war nicht der Meuchler, der eines Tages kommen musste.</p><p>Der Dunkle atmete tief ein. Da lag noch eine Spur von Nandalees Witterung in der Luft. Er leckte sich �ber die Lippen. Mehrfach hatte er sich beherrschen m�ssen, sie nicht zu bei�en. Die Vorstellung faszinierte ihn � ihr weiches Fleisch zwischen seinen Z�hnen, seine Zunge, die �ber ihre Haut glitt. Diese Gedanken irritierten ihn. Er kannte sie von der Jagd und doch waren sie anders. Er wollte sie nicht t�ten �!</p><p>Er blickte auf die Fische, die dicht unter der Oberfl�che des Teiches dahinglitten. Auch sie waren ausgew�hlt. Fische, deren Farben ihm nicht gefielen, landeten in den Kocht�pfen der Kobolde. Manchmal brachte er von seinen Reisen einen Fisch mit. Oder einen Flusskrebs, dessen Panzer in besonders intensiven Farben strahlte.</p><p>Jetzt, zu dieser Stunde, trafen sich die �brigen Himmelsschlangen. Er h�tte dort sein sollen. Sie waren es gewohnt, dass er oft nicht kam, aber diesmal �bertrieb er es. Er mochte den Jadegarten einfach nicht verlassen, wollte Nandalee nicht aus den Augen lassen. Nicht einmal f�r einen einzigen Tag.</p><p>Seine einzigen Ausfl�ge in den letzten Monden hatten ihn zu den Alben gef�hrt. Es ging etwas vor sich. Zumindest den S�nger hatte er ebenfalls davon �berzeugen k�nnen. Es waren zu viele Alben verschwunden. Neun in den letzten zwanzig Monden! Und sie waren gewiss nicht alle in dieses verlockende mondhelle Licht getreten. Nicht solche wie der Fleischschmied! Er war Albenmark durch und durch verhaftet gewesen und h�tte sich noch auf Jahrhunderte daran erg�tzen k�nnen, neue Kreaturen zu erschaffen.</p><p>Jemand aus der Anderen Welt kam verstohlen nach Albenmark. Aber wer? So knapp hatten sie sich in der Zwergenstadt verpasst. Seine Spur verlor sich im Goldenen Netz. Wer immer es auch war, er agierte geschickt.</p><p>Der Erstgeschl�pfte mochte sich nicht vorstellen, dass die Devanthar einen versteckten Angriff auf Albenmark begonnen hatten. Aber wer au�er ihnen h�tte die Macht, einen Alben zu t�ten? Und wer h�tte einen Nutzen davon? Wenn die Alben doch nur nicht so lethargisch w�ren! Dass sie nicht von sich aus diesem Geheimnis nachsp�rten, war ihm unbegreiflich. Selbst der S�nger, der zu den weniger Entr�ckten unter ihnen z�hlte, hatte es entschieden abgelehnt, �ber die Grenzen Albenmarks hinaus im Goldenen Netz zu suchen. Manchmal erschienen ihm die Sch�pfer wie eine Herde L�mmer, die auf der Weide darauf warteten, vom Schlachter geholt zu werden. Was hatte sie so werden lassen?</p><p>Er dachte an jene unter den Alben, die von dunklem Charakter waren. Jene wie den Fleischschmied. Sie aufzusuchen war ein Risiko; man konnte nie wissen, was sie tun w�rden. Sie waren launenhaft. Es gab das Ger�cht, dass einer von ihnen den Purpurnen auf eine Mission zu den Devanthar geschickt hatte. Ein Auftrag, der einem Todesurteil gleichkam. Doch man widersetzte sich keinem Alben! Sie hatten sich ihre unvergleichliche Macht erhalten, auch wenn sie diese kaum nutzten. Ihre Lethargie l�hmte ganz Albenmark, dachte der Erstgeschl�pfte verdrossen.</p><p>R�hrte sie daher, dass sie zu viel gesehen hatten? Waren sie ihrer eigenen Welt �berdr�ssig geworden? So wie es auch ihm manchmal erging? Es war Nandalee gewesen, die den erm�denden Gleichklang aufgebrochen, ihn geweckt hatte. Durch sie war ihm bewusst geworden, wie sehr ihm �berraschungen in seinem Leben gefehlt hatten. Nandalee hatte nicht unrecht gehabt, als sie ihm unterstellt hatte, dass er dessen �berdr�ssig war, seine Erwartungen stets erf�llt zu sehen. Nicht �berrascht zu werden. Sie war in dieser Hinsicht Balsam f�r ihn. Launisch und unberechenbar und � einfach nur k�stlich. Wieder leckte er sich �ber die Lippen. Er belauerte sie schon zu lange. Er w�rde sich nicht f�r immer beherrschen k�nnen, das wusste er. Eines Tages w�rde er seiner Lust, sie zu bei�en, nachgeben.</p><p>Es war nicht gut, diesen Gedanken allzu oft nachzuh�ngen. Er konzentrierte sich auf die Fische. In Gedanken formte er ein immer komplexer werdendes Muster aus den Bahnen, die sie durch den Teich schwammen. Dann �berlagerte Nandalees Gesicht dieses Muster.</p><p>Er atmete schwer aus. Warum verfolgte sie ihn bei jedem seiner Gedanken! Sie war n�tzlich � Und das war es auch schon. Er sollte sie von hier fortbringen. Aber w�rde er ruhiger werden, wenn sie nicht mehr hier war? Vielleicht war es doch besser, sie jetzt gleich zu rei�en. Dann w�re es vor�ber? Er wusste es nicht. Die uralten Gesetze der Jagd hatten sich ge�ndert, und das verunsicherte ihn. Er war das m�chtigste Raubtier dieser Welt. Geschaffen, die Feinde der Alben zu vernichten, und er versagte. Jemand war in sein Revier vorgedrungen. Wilderte � Und er konnte ihn nicht stellen. War es wirklich ein Devanthar? Alles deutete darauf hin und doch erschien es ihm zu einfach. Wieder schweiften seine Gedanken zu Nandalee ab, dieser undurchschaubaren Elfe, die ihm seinen inneren Frieden stahl. Die es schaffte, dass er hier im Jadegarten blieb, statt auf die Jagd zu gehen. Er musste das beenden! Er w�rde sie benutzen. Bald schon w�rde er sie auf eine t�dliche Mission schicken und sollte sie wider Erwarten �berleben, dann w�rde er sie rei�en und die Ordnung w�re wiederhergestellt. Zufrieden stellte er fest, dass er ruhiger wurde.</p><p>Er dachte an die Mission. Nandalees Mission, die gegen die Befehle der Alben verstie�. Er sollte jetzt bei seinen Br�dern sein und mit ihnen dar�ber reden. Allerdings war sein Plan so radikal, dass er sich auslieferte, wenn er ihn ihnen vorstellte. Die Alben w�rden nicht dulden, was er plante. Und doch war es das einzig Richtige! Eine kleine Gruppe von Elfen k�nnte das Gleichgewicht zwischen Menschenkindern und Albenkindern wiederherstellen. Nandalee w�rde dabei eine entscheidende Rolle spielen. Die Tatsache, dass man ihre Gedanken nicht lesen konnte, zeichnete sie aus. Allerdings war der Feind, der sie erwartete, �berm�chtig.</p><p>Das war der Zweck der Drachenelfen, ermahnte der Dunkle sich in Gedanken. F�r solche Missionen hatten sie sie erschaffen. Er sollte jetzt nicht sentimental werden. Bevor er den entscheidenden Schritt wagen konnte, w�rde er zun�chst ein paar Sp�her schicken. Ihnen drohte kaum Gefahr. Gef�hrlich wurde es erst f�r jene, die zur�ckgaben, was unter seinem Thron verborgen lag.</p><p>Er dachte an seinen unvergleichlichen Schatz und dessen rechtm��ige Besitzerin. Den Ort, den es zu erreichen galt, kannte er nur aus Erz�hlungen. Das gr��te aller Gr�ber. Ein G�ttergrab! Vielleicht waren es ja auch nur Geschichten �</p></section><section><title><p>Nach dem Fest</p></title><p>Galars Kopf brummte wie ein Wespennest. Ihm war schwindelig, obwohl er noch lag, und er atmete schwer. Manche Schlachten waren weniger schlimm als der Morgen nach so einem Fest, dachte er benommen. Blinzelnd sah er sich um. Es dauerte ein wenig, bis er sich sicher war, in seiner Werkstatt zu sein. �berall lagen Meth�rner herum, und dieser Geruch � Unverwechselbar. Koboldk�se! Eigentlich hatte er sich daran gew�hnt � Aber ein Kater nach einer durchzechten Nacht konnte die seltsamsten Formen annehmen. Pl�tzlich machte ihm der Geruch zu schaffen. Ja, ihm war regelrecht �bel.</p><p>Seufzend setzte er sich auf und biss die Z�hne zusammen. Es war erstaunlich still. Da war nur das vertraute leise Blubbern verschiedener Destillate. War er der Einzige hier? Dunkel erinnerte er sich an die gr�lende Schar trinkfester Kameraden, die mit ihm zur Werkstatt hinabgestiegen war. Einige der schwer Betrunkenen hatten sich noch in der Nacht wieder hinaus in den Verbindungstunnel geschleppt. <emphasis>Damit sie im Schlaf keinen Schaden durch den Geruch hier unten nehmen</emphasis>, hatten sie gesagt. Weicheier, dachte Galar.</p><p>Er blickte auf das Ding, auf das sein Kopf gebettet gelegen hatte. Ein Koboldk�se! Er musste schmunzeln. Wer immer das getan hatte, hatte Sinn f�r Humor. Es w�rde Tage dauern, den Geruch aus den Haaren zu bekommen. Falls er sich damit herumschlagen sollte, seine Haare zu waschen.</p><p>Er runzelte die Stirn. Verfluchte Kopfschmerzen! Nein, er w�rde sich nicht mit Haarewaschen qu�len. Wozu auch? Er stellte keinem Weib nach. Also konnte er seinem Spitznamen alle Ehre machen. Er wusste l�ngst, dass sie ihn hinter seinem R�cken <emphasis>den Duften</emphasis> nannten.</p><p>Galar massierte mit den Fingerkuppen seine Stirn. Verdammte Kopfschmerzen. Er wurde alt. Er konnte sich nicht erinnern, nach dem Trinken jemals solch einen Kater gehabt zu haben. Vielleicht hatten die anderen ja recht und der Gestank des Koboldk�ses schw�chte einen, wenn man ihm zu lange ausgesetzt war?</p><p>In der Werkstatt brannten nur zwei �llampen. Die �brigen mussten im Laufe der Nacht verloschen sein. Wie lange hatte er geschlafen? Galar streckte sich. Seine Glieder knackten und er hatte m�rderischen Durst.</p><p>Neben seinem neuen Destillierapparat, einem Wunderwerk aus Kupferr�hrchen und Glaskugeln, stand eine ganze Reihe von Pilzhumpen. Er sch�ttete die Reste zusammen und trank den halben Humpen in einem Zug leer. Bei Medizin durfte man nicht zimperlich sein! Der Geschmack des schalen Gebr�us verst�rkte das pelzige Gef�hl in seinem Mund, aber der Kopfschmerz w�rde bald nachlassen.</p><p>Galar orientierte sich an dem gro�en kupfernen Druckkessel im hinteren Bereich der H�hle und schlenderte zum Brunnen hin�ber. Dabei musste er �ber einige Lachen Erbrochenes hinwegsteigen. Dass ein kleines, harmloses Fest immer solche Nebenwirkungen mit sich bringen musste! Eines Tages w�rde er nach einem bek�mmlicheren Pilz forschen. Einem Gebr�u, an dem man sich nach Belieben erg�tzen konnte, ohne sich am n�chsten Morgen so krank zu f�hlen.</p><p>Er trat an den Brunnen, der inmitten seiner Werkstatt lag und wollte den Kopf in einen Eimer mit kaltem Wasser stecken. Nat�rlich war der Eimer leer. Gedankenverloren blickte Galar in die dunkle Tiefe. Vor Jahren, als er wieder einmal mit den hirnlosen Tintenpissern, den B�rokraten, die die Tiefe Stadt im Namen des Bergk�nigs verwalteten, im Streit gelegen hatte, war ihm bewusst geworden, dass seine H�hle eine Falle war. Wenn sie ihre B�ttel schickten, um ihn zu ergreifen, dann gab es von hier keinen Fluchtweg. Damals war er �ber den Brunnenrand gestiegen und hatte begonnen, tief unten im Schacht eine verborgene Nische aus dem Fels zu mei�eln. Er hatte niemandem ihre Existenz verraten. Noch ein Vergehen gegen die Gesetze des Bergk�nigs, denn jeder Tunnel, ja selbst jede winzige Wandnische musste gemeldet und genehmigt werden. Er wusste, eines Tages w�rden sie ihn holen kommen. Und wenn sie nicht ganz verbl�det waren, dann w�rden die B�ttel auch in den Brunnen sehen. Nat�rlich lag es an ihm � Er war zu aufs�ssig. Hatte zu viel Spa� daran, sich �ber Vorschriften hinwegzusetzen. Und dass der stinkende Koboldk�se l�ngst alle Nachbarn in diesem Bergabschnitt vertrieben hatte, war ihm eine stille Freude. Er war ein unangepasster Widerling � und er war stolz darauf. Deshalb w�rde er eines Tages gro�en �rger bekommen �</p><p>Galar lauschte auf das Rauschen des Wassers. Der Brunnen speiste sich aus einem unterirdischen Fluss, der zum Aalhafen f�hren musste. Vielleicht floss er durch verborgene Grotten? Eines Tages w�rde er ihn erkunden. Aber vorl�ufig gab es Wichtigeres zu tun! Er ging zu dem Fass hin�ber, das nahe dem Druckkessel stand. Es war eine elende Plackerei gewesen, es gestern Nacht halb betrunken hier hinunterzuschaffen. Ein Fass, gr��er als jeder Zwerg und breiter als der Arsch eines Auerochsen. Sein Fass! Das Zeichen seines Triumphs. Na ja, und auch des Triumphs von Nyr. Der Gesch�tzmeister hatte sich selbst �bertroffen. Gestern Mittag hatten sie die neue Drachenflitsche ausprobiert. Es war ein buchst�blich durchschlagender Erfolg gewesen! Das Gesch�tz war st�rker, der Speer hatte eine bessere Durchschlagskraft. Er hatte das Fass durchdrungen und die R�ckseite zwar nicht durchschlagen, aber zumindest die Daube, die von innen getroffen worden war, zersplittern lassen. Das war eine Waffe, die die Drachen das F�rchten lehren w�rde! Sie w�rden diese Mistviecher vom Himmel holen und ihnen die Magie aus den Knochen destillieren. Diese Waffe l�utete ein neues Zeitalter ein! Jeder, der beim Test anwesend gewesen war, hatte das sofort erkannt. Vor allem Hornbori, der aus dem Stegreif eine seiner hochtrabenden Reden gehalten hatte, die ihre Geldgeber so sehr liebten. Nat�rlich hatte der Drecksack alles so dargestellt, als w�re es vor allem sein Verdienst.</p><p>Allerdings war es Hornbori zu verdanken gewesen, dass es gestern das Fest gegeben hatte und sie mit unersch�pflichen Pilzvorr�ten versorgt worden waren. Sp�ter hatten sie sich den Klugschw�tzern und Gelds�cken entzogen, indem sie die Feierlichkeiten in seine Werkstatt verlegt hatten. Hierher waren nur noch die wirklich Hartgesottenen mitgekommen, und eine stattliche Anzahl an Pilzf�ssern hatten sie dabei gleich mitgenommen. Es war sein erstes Fest seit langer Zeit gewesen. Und es hatte ihm Spa� gemacht. Ver�nderte ihn der Umgang mit Hornbori?</p><p>Galar konnte sich nur noch verschwommen an die Feierlichkeiten erinnern. Neben den �blichen Experimenten, ob F�rze brennbar sind, war es auch zu ausgefalleneren Exzessen gekommen. Mit Schrecken erinnerte sich Galar daran, dass Nyr irgendwann die kleine Armbrust entdeckt hatte. Jene Waffe, die nadeld�nne Bolzen verschoss. Vor Jahren hatte er sie entwickelt, um Ratten zu erlegen, ohne allzu gro�e L�cher in ihr Fell zu schie�en. Es war ein Fehlschlag gewesen, weil die meisten Ratten einen Nadeltreffer �berlebten. Nyr hatte entschieden, dass diese Waffe wie geschaffen zum Ohrlochschie�en war � nat�rlich auf f�nf Schritt Abstand! Zum Gl�ck war das Experiment nach einigen Treffern in Augenbrauen und Nasen abgebrochen worden, bevor jemand ein Auge verloren hatte. Zumindest hoffte er das.</p><p>Der Zwerg l�chelte versonnen. Er mochte solche Feste. Am liebsten jedoch, wenn sie nicht in seinen H�hlenw�nden abgehalten wurden. Er erinnerte sich dunkel an einige Zecher, die auf dem Wassertrog neben der Esse kauerten, ein paar der Briefe verteilt zu haben, in denen ihm versprochen wurde, ihn gegen ein wenig Gold zu den Fresspl�tzen von Drachen zu f�hren. Anfangs war er ein paar Mal darauf hereingefallen. Inzwischen aber erkannte er meist schon daran, wie die Briefe abgefasst waren, dass es sich um Lug und Trug handelte. Die meisten waren die Tinte nicht wert, mit der sie niedergeschrieben waren. Mit einem Seufzer sammelte er die Papier- und Birkenrindenfetzen ein, die neben dem Wassertrog lagen. Das war das Drama mit seinem Volk � bei einem Zechgelage verloren sie jedes Ma�! Naser�mpfend beugte sich Galar �ber den Trog. Zwischen zerkn�lltem Papier trieben die Kadaver ertrunkener M�use. Seiner M�use, die er benutzte, um die Giftigkeit unbekannter Substanzen zu testen. Gestern war irgendjemand auf die Idee gekommen, ein Wettschwimmen mit den M�usen zu veranstalten. Sie hatten Wetten abgeschlossen � Er hatte mehr als nur seine M�use verloren. Gestern, so erinnerte er sich dunkel, hatte er mitgemacht und es lustig gefunden. Er musste verdammt betrunken gewesen sein!</p><p>Galar fluchte und wollte sich schon abwenden, als ihm ein Birkenrindenstreifen auffiel, der rot beschriftet war. Etwa ein Schuldschein, mit Blut geschrieben? Gestern konnte alles passiert sein �</p><p>Er �berflog die Zeilen. Nur ein Drache, dachte er erleichtert. Ein � Er stutzte. Die Farbe des Drachen war ungew�hnlich. Galar las noch einmal. Und diesmal wurde auch kein Gold f�r n�here Ausk�nfte verlangt. In etwas plumpen Worten schilderte ein Prospektor die Sichtung eines Drachen, der einen festen Fressplatz hatte. Hoch in den Bergen, in einer Gegend, wo es weit und breit keine Zwergensiedlung gab. Dort zu jagen w�re eine Herausforderung. Allein das Gesch�tz dorthin zu bringen � Im Grunde war alles vorbereitet, um die Hornisse zu erledigen, wie sie sp�ttisch den gro�en gelbschwarzen Drachen nannten, den sie sich zum Ziel erkoren hatten. Aber die Beschreibung, die er in H�nden hielt, weckte Galars Neugier. Sich einen Drachen mehr anzusehen konnte ja nicht schaden. Au�erdem m�sste er sich dann nicht weiter um die Werkstatt k�mmern. Er w�rde seinen Gehilfen genaue Anweisungen geben, was zu tun war. Noch einmal �berflog er die wenigen Zeilen. Der Drache schien sehr regelm��ig an seinen Fressplatz zu kommen. Mit Schrecken dachte er daran, wie viele Zwerge inzwischen von Hornbori eingeweiht worden waren � und wem sie alles einen Gefallen schuldeten. Das w�rde kein Jagdausflug werden, sondern ein regelrechter Feldzug. Der halbe Berg war in die Sache verwickelt. Es w�re gut, sich f�r ein paar Tage zu verdr�cken und alles noch einmal gut zu durchdenken. Vielleicht k�nnten sie an den anderen Drachen ja noch ein wenig n�her herankommen? Das w�re besser f�r den Schuss. Ja, er w�rde gehen und diesen Drachen etwas genauer unter die Lupe nehmen.</p><p>Galar entschied, Nyr mitzunehmen. Die Sache mit der kleinen Armbrust gestern Nacht war dem Gesch�tzmeister nicht gut bekommen. Er hatte einiges an Pr�gel einstecken m�ssen. Auch Nyr war sicherlich in der Laune, den Berg f�r einige Zeit zu verlassen, bis die Ereignisse von gestern Abend f�r alle Beteiligten nur noch ein launiges Fest waren, an das man mit einem Schmunzeln zur�ckdachte.</p></section><section><title><p>Poesie und L�gen</p></title><p>Artax verneigte sich knapp vor Kanita, dem Statthalter Ischkuzas in der Goldenen Stadt. Der in die Jahre gekommene Steppenkrieger fiel auf die Knie, wie es das Protokoll gebot, wenn ein Unsterblicher seine Aufwartung beendete. Mit beiden H�nden hob er das Eisenschwert empor, das Artax ihm zum Geschenk gemacht hatte. Den Kopf hielt er jedoch gesenkt.</p><p>�M�gen unsere Reiche auf ewig in Frieden verbunden sein, Aaron, Beherrscher aller Schwarzk�pfe, k�hner Krieger und Schlachtenlenker.�</p><p>Artax l�chelte �ber die freie Interpretation seiner Titel. Gut, dass Datames nicht anwesend war. Er h�tte in diese Schmeichelei sicherlich wieder mehr hineingedeutet. Aber sein Hofmeister hatte entschieden darauf bestanden, in Aram zu bleiben, um der Verwaltung des Reiches nicht die Z�gel schleifen zu lassen, wie er sich in unverhohlenem Tadel ausgedr�ckt hatte.</p><p>�M�gest du die Enkel deiner Enkel neben dir reiten sehen�, entgegnete Artax f�rmlich.</p><p>Als der Statthalter sich erhob, konnte er dessen Gelenke knacken h�ren. Bald w�rde Kanita abgezogen werden, daran konnte kein Zweifel bestehen. Artax� W�nsche f�r die Gesundheit des betagten Kriegers waren durchaus eigenn�tziger Natur. Ein neuer Statthalter w�rde wahrscheinlich auch eine neue Palastwache mitbringen und am Wandernden Hof ihres Vaters w�re Shaya vollends unerreichbar f�r ihn.</p><p>Der Abschiedsh�flichkeit war nun Gen�ge getan; Artax wandte sich ab, lie� den Blick �ber den hier versammelten Hofstaat schweifen und ging langsam auf das Tor zu. Sie waren verr�ckt, die Ischkuzaia. Charmant, aber verr�ckt. Ihre <emphasis>Audienzhalle</emphasis> war keine Halle, sondern ein weiter Hof, in dessen Mitte ein pr�chtiges Zelt stand. Gras wuchs hier und Pferde weideten hinter dem Zelt. Einige Krieger aus der Leibwache trugen Adler auf ihren dick mit Leder bewehrten F�usten, als wollten sie bald zur Wolfsjagd ausreiten. Sie hatten ein St�ck ihrer Steppe in den Palast geholt! Um ehrlich zu sein � ihm gefiel das.</p><p>Er richtete den Blick auf das rot lackierte Tor, hinter dem eine weite Treppe lag, deren einziger Sinn darin bestand, selbst den stolzesten Besucher des Statthalters in einen elend keuchenden Jammerlappen zu verwandeln. Der Palast der Ischkuzaia stand auf einer weit im Westen gelegenen Terrasse der Goldenen Stadt, dicht unter dem Rand zum Weltenmund. Wahrscheinlich konnte man von dem Hohen Turm, der sich am Ende des Hofes erhob, auf die fliegenden Helden im weiten Krater blicken. Die goldbeschlagenen Streben, die seitlich aus dem Turm ragten, verrieten, dass er zugleich auch Ankerplatz f�r die Wolkenschiffe des Statthalters war.</p><p>Artax dachte an die endlos lange Treppe, die zu Kanitas Palast f�hrte. Um wie viel einfacher w�re es, sich mit einem Landungsboot aus einem ankernden Wolkenschiff abseilen zu lassen! Aber das war untersagt. Selbst Unsterblichen! Die Ischkuzaia sch�tzten irgendwelche rituellen Gr�nde vor, die angeblich verlangten, dass jeder Besucher diesen Weg auf eigenen F��en bew�ltigte. Ihr Statthalter wurde nur selten in seinem Zelt behelligt.</p><p>Am Tor zur Treppe stand der eigentliche Grund f�r seinen Besuch � Shaya, die siebenunddrei�igste Tochter des Gro�k�nigs von Ischkuza. N�chtelang hatte er sich den Kopf zermartert, wie er sie ansprechen sollte. Es durfte nicht so aussehen, als habe er Interesse an ihr. Ohne die Erlaubnis der Devanthar d�rfte er nicht um die Tochter eines der Unsterblichen werben. Die G�tter wollten nicht, dass zu enge Bande zwischen den sieben gro�en Herrschern entstanden. Sie f�rchteten um das Gleichgewicht der Reiche. Also musste er �beraus vorsichtig vorgehen, damit ein Treffen zwischen ihnen nicht von vornherein verhindert wurde.</p><p>Shaya war voll ger�stet wie bei ihrer ersten Begegnung auf dem Deck des Wolkenschiffes, das steuerlos am Himmel getrieben war. Bei der Erinnerung an all die Toten auf dem Schiff �berlief ihn ein Schauer. Er verschloss sich den ungewollten Gedanken und betrachtete Shaya, wohl darauf bedacht, dass seine Blicke nicht zu einem verr�terischen Starren wurden. Ob sie wohl ahnte, dass sie die Frau seiner Tr�ume geworden war? Er l�chelte. Nein, ganz gewiss tat sie das nicht. Wie h�tte sie darauf kommen sollen?</p><p>Irgendwo im hinteren Bereich des Hofs erklang ein Gongschlag. Die Fl�gel des roten Tores schwangen auf. Doch Artax blieb dicht vor Shaya stehen. Die Kriegerin hatte ihren Helm unter den Arm geklemmt. Ihr schwarzes Haar war hochgesteckt. Die dunklen Augen waren mit Ru� umrandet und wirkten unnat�rlich gro�. Sie strahlten, doch sonst verriet nichts in ihrer Miene, ob das Wiedersehen ihr etwas bedeutete.</p><p>�Haben eure Weisen herausgefunden, woran die Besatzung des Wolkenschiffs starb, das ihr in die Goldene Stadt zur�ckgebracht habt?� Er hoffte, dass diese Frage keinen Verdacht unter den Umstehenden erwecken w�rde.</p><p>�Der Tod der Wolkenschiffer blieb uns ein R�tsel, unsterblicher Aaron, Herrscher aller Schwarzk�pfe. Doch haben wir Kunde von zwei kleineren Frachtschiffen erhalten, auf denen die Besatzung ebenfalls umkam, ohne dass Blut vergossen wurde oder ein Zeichen �u�erer Gewalt zu erkennen gewesen w�re. Unsere Geisterrufer glauben, dass die Gr�nen Geister der W�lder mit dem Geheimnis zu tun haben.�</p><p>�Steigen sie denn auch in den Himmel hinauf?�, fragte Aaron ehrlich �berrascht. Der Gedanke, dass man sich nicht einmal auf den Wolkenschiffen vor ihnen sicher f�hlen konnte, war beklemmend.</p><p>�Noch hat sie dort niemand gesehen, doch muss dies wohl nicht als Beweis daf�r gelten, dass es unm�glich w�re.�</p><p>Was f�r ein gestelzter Satz, dachte er. Aber er war zufrieden, dass das Gespr�ch so verlaufen war, wie er es vorhergesehen hatte. Er wusste l�ngst, dass es noch immer keine Erkl�rung f�r den Tod ganzer Schiffsbesatzungen gab. �So m�ssen wir uns wohl f�gen, dass die gl�ckselig machende Erkenntnis so weit von uns entfernt ist, wie die Monde um Mitternacht von der fernsten Wurzelspitze.�</p><p>Du bist unendlich peinlich, Bauer. Selbst hier in der Goldenen Stadt d�rfte es ein Dutzend Dichter an unserem Hof geben, die das besser hinbekommen h�tten. Es ist uns klar, dass es dir um Heimlichtuerei geht. Um Geheimnisse zu bewahren, gibt es Scharfrichter. Wann wirst du jemals lernen zu herrschen, statt dich zum Gesp�tt von Barbaren zu machen?</p><p>Shaya zog die Brauen ein wenig zusammen, w�hrend einige ihrer Krieger hart gegen ein sp�ttisches Grinsen ank�mpften. �Mir scheint, an Euch ist ein Dichter verloren gegangen, erhabener Unsterblicher. �</p><p>Artax bedankte sich mit einem knappen Nicken f�r das � so hoffte er � Kompliment. �M�ge eure Suche nach Erkenntnis von Gl�ck gekr�nt werden.� Mit diesen Worten wandte er sich ab und trat auf die Treppe hinaus. Es kostete ihn �berwindung, aber l�nger mit Shaya zu reden w�re unschicklich und w�rde Verdacht erregen. Hoffentlich hatte sie den geheimen Hintersinn seiner Worte verstanden.</p><p>Ist sie wert, was du vorhast? Du solltest den �blichen Weg gehen! Sie ist nur eine siebenunddrei�igste Tochter. Glaubst du wirklich, sie sei etwas Besonderes? Wir k�nnen nicht begreifen, was du an ihr findest. Biete ihrem Vater ein paar Dutzend h�bsche G�ule, und du wirst sie bekommen und mit ihr anstellen k�nnen, was immer dir beliebt � was vermutlich h�chst phantasielos sein wird.</p><p>Artax war fest entschlossen, sich sein Hochgef�hl nicht nehmen zu lassen. Nach so vielen Monden ein paar Worte mit Shaya gewechselt zu haben war wundervoll und grausam zugleich gewesen. Er hoffte � Nein, er war sicher, sie hatte die geheime Botschaft verstanden.</p><p>Diese hirnlose Schlampe, die von ihrem Vater unter seine Krieger abgeschoben wurde, weil sie sogar zum Kindermachen zu d�mlich war, wird dich entt�uschen. Glaube uns, wir kennen die Frauen. Was glaubst du, warum Herrscher einen Harem besitzen? Alle! Um sich nicht mit Weibergeschichten herumzuschlagen. Du vergeudest deine kostbare Zeit!</p><p>Artax l�chelte. Je heftiger Aaron protestierte, desto sicherer konnte er sein, f�r sich den richtigen Weg gefunden zu haben. Er musste seinen Weg nur im Geheimen gehen.</p><p>Artax vermutete, dass Juba nicht entgangen war, dass etwas vorging. Er konnte dessen fragende Blicke f�rmlich in seinem Nacken sp�ren. Der Kriegsmeister ging eine Stufe hinter ihm. Artax wusste, dass sein Gef�hrte niemals eine kompromittierende Frage in Anwesenheit anderer Krieger der Leibwache stellen w�rde. Dennoch w�re es besser, ihn auf andere Gedanken zu bringen. Dann verga� er das merkw�rdige Gespr�ch am Tor vielleicht.</p><p>�Wo steckt Volodi? Ich glaube, seit er zum Hauptmann in der Palastwache bef�rdert wurde, habe ich ihn nicht mehr gesehen.�</p><p>�Ich habe Euch vor ihm gewarnt, Erhabener.� Es war un�berh�rbar, dass Juba die Frage unangenehm war. �S�ldner, die ihren Lohn erhalten haben, sind treulos wie Huren. Ich sch�tze, er bringt seine Sch�tze gerade mit ebensolchen durch. Erst wenn er sein letztes Kupferst�ck verprasst hat, wird man ihn wieder mit einer Aufgabe betrauen k�nnen, die verantwortungsvoller ist als der Posten eines Latrinenputzers.� Wie stets in der �ffentlichkeit achtete Juba peinlich genau darauf, ihn f�rmlich anzusprechen.</p><p>Artax war anderer Meinung als sein Kriegsmeister. Er hatte die Piraten schw�ren lassen, ihm in drei Schlachten zu dienen. Und keiner von ihnen war davongelaufen, nachdem sie ihren Lohn f�r die K�mpfe in Luwien erhalten hatten. Er w�rde aus ihnen den Kern einer schlagkr�ftigen Streitwagenschwadron formen. Die meisten der Piraten hatten bei dem �berfall auf Aram eiserne Waffen erbeutet. Nicht einmal seine Himmelsh�ter waren so gut ausger�stet. Die S�ldner w�rden in der kommenden Schlacht gegen Muwatta seine sch�rfste Klinge sein. Aber das hatte noch Zeit � Bedeutender als ihre Waffen waren die Schmiede, Erzkocher und Bergleute, die sie gefangen genommen hatten. Sie hatten Muwatta das Geheimnis der Eisenherstellung entrissen. Bald w�rde man auch in Aram eiserne Klingen fertigen k�nnen. Er machte sich nichts vor � die Zeit bis zur Schlacht war zu knapp. Es w�rde Jahre dauern, sein Heer mit neuen Waffen auszur�sten. Aber wenigstens w�ren sie f�r die Zukunft gewappnet.</p><p>W�hrend Artax die schier endlose, von roten S�ulen ges�umte Treppenflucht zum �u�eren Tor des Palastes hinabstieg, blickte er immer wieder verstohlen zu Juba hin�ber. Er w�rde seinen Feldherrn in dieser Nacht t�uschen m�ssen. Und das w�rde kein leichtes Unterfangen werden.</p></section><section><title><p>Von Liebhabern und zahnlosen W�lfen</p></title><p>Volodi schlug die Augen auf. Ein Schrei hatte ihn geweckt! �berall ringsherum waren Federn. An den W�nden, �ber ihm � Er tastete nach seinem Schwert, ber�hrte nackte Haut und erinnerte sich wieder. Schwer atmete er aus. Er war l�ngst zur�ck aus Luwien. Alles war gut. Sehr gut sogar!</p><p>Der unsterbliche Aaron hatte ihn auserw�hlt, mit in die Neue Welt zu reisen, in die Goldene Stadt. Nie h�tte er sich diese Pracht vorstellen k�nnen. Es war einfach unbeschreiblich. Eines Tages, wenn er wieder in Drus war, w�rde er Bozidar und Vater von all den Wundern hier erz�hlen. Sie w�rden ihn f�r einen Aufschneider halten. Volodi grinste. Endlich hatte sich sein Leben zum Guten gewandt. Und dieses Weib � Sie war wie eine wilde W�lfin gewesen. Jetzt lag sie zusammengerollt neben ihm � klein, zierlich, fremd. Die Farbe ihrer Haut erinnerte an Eicheln. Nein, nicht ganz. Der Ton war etwas dunkler.</p><p>Sie schliefen auf Schilfmatten, und �ber ihnen brannte ein �ll�mpchen in einer Wandnische �ber dem Lager. Eine Decke voller bunter Federn lag zu ihren F��en. Es war angenehm warm. So warm war es in Drus nur in den sch�nsten Sommern�chten.</p><p>Wieder drang ein markersch�tternder Schrei durch die Finsternis. Volodi hielt den Atem an. Es musste einer dieser V�gel sein. Die Kleine war von V�geln und Federn geradezu besessen. �berall unter der Zimmerdecke hingen K�fige. Sie hatte Dutzende V�gel, kleine, schillernde und auch gro�e mit unerfreulich aussehenden Schn�beln, die ihn mit ihren schwarzen Augen angestarrt hatten, als er Quetzalli auf den Schilfmatten geliebt hatte. Selbst die W�nde waren geschm�ckt mit F�chern aus Vogelfedern und grellbunten Vogelbildern, die auf den Lehm gemalt waren. Anfangs hatte er gedacht, dass die Kleine nicht sonderlich verm�gend sein konnte. Ihr Haus war nicht eindrucksvoll. Es gab keine Diener. Aber dann hatte sie ihn �berrascht und ihn vor dem Liebesspiel aus einem goldenen Becher trinken lassen. Sie kam aus Zapote. Bevor er ihr begegnet war, hatte Volodi von diesem Reich noch nie geh�rt.</p><p>�Quetzalli?� Er strich ihr mit den Fingerspitzen �ber die Schultern. Sie schmiegte sich an ihn. Ihre linke Hand lag zwischen seinen Schenkeln. Jetzt regte sie sich, griff zu.</p><p>Volodi schloss die Augen. Was f�r eine Frau! Er war in Dutzenden Hurenh�usern gewesen, aber einer wie ihr war er noch nie begegnet. Dabei konnten sie kaum ein Wort miteinander wechseln. Nur ihre Augen und K�rper sprachen miteinander. So war es schon gewesen, als sie sich das erste Mal begegnet waren, auf dem Vogelmarkt vor drei Tagen. Sie hatte einen Federumhang getragen, der in allen Regenbogenfarben schillerte. Er hatte sie angestarrt, bis er bemerkte, dass sie sein Starren erwiderte. Als er ihr dann geradewegs in die Augen sah, hatte sie ihren Blick nicht etwa gesenkt, nein, sie hatte seinem Blick standgehalten und ihm schlie�lich mit einer kleinen Geste zu verstehen gegeben, dass er zu ihr kommen solle. Mit einem Nicken hatte sie angedeutet, dass er niederknien solle. Und er hatte es getan! Hatte mitten auf dem Marktplatz im Schmutz vor einer Frau gekniet, die er nie zuvor gesehen hatte!</p><p>Sie war ihm mit beiden H�nden durch die Haare gefahren. Sie mochte sein Haar. Seitdem hatte sie es immer wieder getan. Ihre H�nde in seinem langen Haar vergraben. Er verstand nicht, was sie dabei vor sich hin murmelte, und ihm war egal gewesen, dass man �ber sie beide tuschelte. Sie hatte ihn bei der Hand genommen und zu sich nach Hause gef�hrt. Seitdem hatten sie sich an jedem Tag geliebt. Sie brauchten keine Worte.</p><p>Daran, wie sie ihn ber�hrte, konnte Volodi sp�ren, dass sie wieder ganz wach war. Er griff in ihr Haar, bog ihren Kopf ein wenig zur�ck und k�sste sie. Sie machte sich frei, biss ihm sanft ins Ohr und schob sich dann auf ihn. Ihre H�nde glitten �ber seine Brust. Sie spielte mit den feinen blonden H�rchen, kniff ihn in die Brustwarzen. Pl�tzlich verharrte sie. Unten im Haus war ein Ger�usch zu h�ren gewesen. Sie rief etwas und von unten kam eine Antwort.</p><p>Blanke Angst stand in ihren Augen. Sie sprang auf, packte seine Stiefel und warf sie aus dem Fenster. Einen Herzschlag sp�ter folgten seine Kleider. Als sie nach seinen Schwertern griff, packte er ihre Hand. Niemand r�hrte seine Eisenschwerter an! Ihm d�mmerte, was vor sich ging.</p><p>Von unten erklang erneut die fremde Stimme. Volodi verstand kein Wort, aber das war auch nicht n�tig. Er nahm die Waffen, stieg auf das Fenstersims und blickte hinab. F�nf Schritt. Etwa � Er sprang und kam unsanft auf. Seine Gelenke krachten. Ein sengender Schmerz fuhr durch sein linkes Knie. Ein Huhn gackerte ihn emp�rt an.</p><p>Hastig klaubte er seine Kleider zusammen und hinkte zum H�hnerstall. Es war nur ein Dach aus riesigen, verschrumpelten Bl�ttern auf einem Pfostenkarre. Zwischen den Pfosten sa�en die H�hner auf wei�en Stangen. Sie be�ugten ihn misstrauisch. Einige stie�en leise gurrende Laute aus.</p><p>�Seid euch still!�, zischte er sie an. Dann sp�hte er unter dem Dach hinweg zum Fenster hinauf. Deutlich sah er die Silhouette eines Mannes � gro�, die Haare schulterlang. Viel mehr war nicht zu erkennen. Er war nur ein Schatten in einem Fenster.</p><p>Deutlich h�rte Volodi die Frage. Der Tonfall lie� keinen Zweifel, dass es eine Frage war, auch wenn der Drusnier kein Wort verstand. Und es war keine freundliche Frage �</p><p>Volodi lehnte seine Schwerter an einen der Stallpfosten und schl�pfte in seine Hosen. Der Schatten am Fenster war verschwunden. Wieder h�rte er Stimmen. Ein Streit.</p><p>Volodi �berpr�fte, ob er etwas im Zimmer vergessen haben k�nnte. Nein. Es war alles da. Sie hatten aus demselben Becher getrunken. Es gab keinen verr�terischen zweiten Becher. Aber sie w�rde nach ihrer Liebe riechen. W�rde der Kerl an ihr riechen? Wer war er? Ihr Mann? Ihr Bruder? Wenn er doch nur ein Wort verstehen k�nnte! Ihre Sprache war so fremd �</p><p>Seine Schwerter st�rzten zu Boden und er fluchte, w�hrend die H�hner in Panik aus der H�tte stoben. Wieder erschien der Schatten oben am Fenster. Volodi nahm seine Schwerter auf, als der Kerl dort oben auf das Fenstersims kletterte. Er w�rde springen.</p><p>Der Drusnier entschied sich zu fliehen. Er hechtete aus dem H�hnerstall und setzte �ber einen niedrigen Zaun aus ineinanderverflochtenen �sten hinweg. Hinter sich h�rte er den Mann im Hof landen. Der Kerl rief ihm nach. Volodi blickte nicht zur�ck. Er wusste, dass man nicht zur�ckblicken durfte, wenn man floh. Alle Sinne mussten auf den Weg vor einem gerichtet bleiben. Er rannte eine schmale Gasse entlang, durch deren Mitte eine schlammige Rinne lief. Weitere H�hner flogen auf.</p><p>Der Kerl hinter ihm rief etwas. Sehr laut. T�ren �ffneten sich. Verhuschte Gestalten blieben im Schatten. Sahen zu.</p><p>Volodi bog ab. Er sollte oft die Richtung wechseln und zu den Geistern des Waldes beten, dass er sich nicht in eine Sackgasse verirrte. Warum hatte Quetzalli sich ihm hingegeben, wenn sie verheiratet war? Etwas stimmte nicht bei dieser Geschichte. Jungfrau war sie nicht gewesen � und sehr erfahren in der Liebe. Sehr! Er durfte jetzt nicht daran denken. Wieder bog er ab und kam nun in eine etwas breitere Gasse. L�den s�umten die Stra�enr�nder, in einigen brannte sogar noch Licht, und es waren Leute unterwegs. Volodi fluchte. Dies hier war eines der Stadtviertel, in dem Menschen aus allen V�lkern Daias lebten. Keines der Palastviertel, wo die Unsterblichen keine Fremden duldeten. Es lebten hier auch viele Zapoter.</p><p>Wieder ert�nte hinter ihm der Ruf seines Verfolgers. Volodi bog ab. Es war verdammt dunkel hier. Die sch�bigen Lehmh�user standen so schief, dass ihre Giebel einander fast ber�hrten. Es stank nach Jauche und ranzigem Fett. Volodi konnte das Ende der Gasse nicht erkennen. Das Schmutzwasser spritzte seine Beine hoch, w�hrend er immer schneller lief. Seine teuren Stiefel w�rden mit Jauche durchtr�nkt sein.</p><p>Voraus brannte ein einzelnes rotes Licht � eine T�r, mit Federschn�ren verh�ngt. Das war das Ende der Gasse! Im T�rrahmen kauerte eine Eidechse � mit dem Kopf nach unten. Volodi strich sich mit der Hand �ber die Augen. War das ein Traum? Egal � Stillstand war Verderben. Er huschte zwischen den Federschn�ren hindurch in ein Zimmer, das vom roten Licht gl�hender Holzscheite erf�llt wurde. Eine alte Frau mit verwittertem flachen Gesicht blickte zu ihm auf und schenkte ihm ein zahnloses L�cheln, als w�rde sie ihn kennen. Dann r�hrte sie wieder in dem ru�verschmierten Kupferkessel, der vor ihr auf dem Feuer stand. Sie schrie nicht. Weshalb? Egal �</p><p>Volodi eilte weiter und in das n�chste Zimmer. Ein Kind lag hier nackt auf dem Boden und schlief. Er trat vorsichtig auf, um das M�dchen nicht zu wecken. Dabei dr�ckte er sich mit dem R�cken an der Wand entlang. Die Wand gab ihm ein tr�gerisches Gef�hl von Sicherheit und Halt. Weiter! Irgendwo hier musste es ein Fenster geben, das ihn auf eine andere Stra�e brachte! Die n�chste Kammer war mit Vorratskr�gen gef�llt. Hohen, bauchigen Tongef��en. Manche bemalt. Der rote Schein des Feuers drang nur sehr schwach bis hierher. Er dachte an Quetzalli. Was w�rde mit ihr geschehen, nun, da der Mann ihn gesehen und sicherlich die einzig m�glichen Schl�sse aus der Anwesenheit des fremden H�nen in seinem Gefl�gelstall geschlossen hatte?</p><p>Ein Luftzug streifte sein Gesicht. Ein Teil der Wand w�lbte sich auf. Nein, nicht die Wand. Ein Vorhang. Eilig trat er hindurch und stand in einer weiteren Gasse. Unruhig gurrende V�gel dr�ngten sich �ber ihm auf einer Stange, und tief am Himmel stand ein fahler Mond. Viel tiefer, als der Mond je �ber den W�ldern von Drus �ber das Firmament wanderte. Etwas h�her schimmerte der zweite Mond. Noch so eine Sache, die ihm zu Hause in Drus keiner glauben w�rde. Ein Himmel mit zwei Monden! Kein Reisender, der je in die Halle seines Vaters getreten war, war bis in die Neue Welt gewandert.</p><p>Volodi atmete tief aus. Er musste die richtigen Entscheidungen treffen, sonst w�rde er die Halle seines Vaters niemals wiedersehen. Bewegungslos verharrte er und lauschte in die Nacht. Hinter ihm im Haus war es still. Hatte er den Verfolger abgesch�ttelt? Er lehnte eines der Schwerter an die Wand. Bislang hatte er sie auf der Flucht in den H�nden gehalten. Ebenso seine Tunika. Er streifte sie �ber und g�rtete sein Schwert um die H�ften. Das zweite schlang er �ber die Schulter. Es hatte einen sch�nen, mit Bronzescheiben beschlagenen Gurt. Er w�rde es seinem Bruder Bozidar schenken, wenn er in seine Heimat zur�ckkehrte.</p><p>Wieder lauschte er. Es war still. So still, wie es in dieser riesigen Stadt werden konnte. Man h�rte immer etwas � ein fernes Lachen, ein weinendes Kind, den Schrei einer verliebten Katze. Volodi straffte sich, hielt sich dicht an den H�usern zu seiner Linken und folgte der Gasse. Jeden Augenblick war er auf einen �berraschenden �berfall gefasst, aber nichts geschah. Bald fand er einen Platz, in dessen Mitte ein bleicher, toter Baum stand. Er erkannte den Ort wieder. Er war nicht weit von dem Vogelmarkt entfernt, auf dem er Quetzalli zum ersten Mal begegnet war. Von hier aus musste er sich gen S�den halten, wenn er zum Palast des unsterblichen Aaron zur�ckkehren wollte.</p><p>Langsam wurden die Stra�en belebter. Ein junges M�dchen in schneewei�em Kleid l�chelte ihm l�stern zu und er senkte den Blick. Wieder hatte er Quetzalli vor Augen. Was w�rde mit ihr geschehen? Er sollte zur�ckkehren � Aber w�rde er es damit f�r sie nicht noch schlimmer machen? Welches Recht hatte er schon an ihr? H�tte er sie doch nur verstanden! Sie h�tten zum Platz der tausend Zungen gehen sollen. Dort konnte man Sprachgelehrte aus allen L�ndern finden. Sprachprobleme waren nichts Ungew�hnliches in der Goldenen Stadt. Sie waren der Alltag.</p><p>Der Duft von gebratenem Fleisch stieg ihm in die Nase. Ein St�ck die Stra�e hinauf gab es einem Imbiss, wo �ber einer Schale voll gl�hender Kohlen alles M�gliche gebraten wurde. Meist schmeckten die kleinen Fleischspie�e gut, die man an solchen St�nden bekommen konnte. Das Fleisch war mit einer Kruste aus Gew�rzen �berzogen. Solange man sich keine Gedanken dar�ber machte, was man a�, ging alles gut.</p><p>Volodi blickte die Stra�e zur�ck. Seinen Verfolger konnte er nirgends entdecken, und so entschied er sich f�r eine Mahlzeit. Mit leerem Bauch konnte man nicht klar denken. Wenn dieser Kerl Quetzallis Mann war, w�rde er sie nur in noch mehr Schwierigkeiten st�rzen, wenn er zur�ckkehrte. Er sollte sie vergessen �</p><p>Mit drei Fleischspie�en in H�nden ging er weiter die Stra�e hinauf. Solange er auf belebten Stra�en blieb, war er sicher. Hier w�rde gewiss niemand wagen, ihn anzugreifen.</p><p>Er knabberte an einem der Spie�e. Er wollte Quetzalli wiedersehen. Sie liebte ihn, das hatte er gesp�rt. Er h�tte bleiben und dem anderen den Sch�del einschlagen sollen, statt fortzulaufen. Aber Quetzalli hatte ihm diese Entscheidung abgenommen, als sie seine Kleider aus dem Fenster warf.</p><p>Er h�tte auch nackt k�mpfen k�nnen, dachte er �rgerlich. Quetzalli hatte ihn einfach �berrumpelt, und statt zu denken, war er geflohen. Vielleicht auch, weil er sich sofort ertappt und schuldig gef�hlt hatte. Er wusste einfach gar nichts �ber sie und � Volodi verharrte. In dem Fleischspie�, von dem er a�, steckte pl�tzlich ein Holzsplitter. Etwa so lang wie ein Zahnstocher. Am Ende des Splitters hing etwas, das wie ein kleines Kl�mpchen zusammengekn�llte Wolle aussah. Er zog es aus dem Fleisch. Ein Blasrohrpfeil?</p><p>Volodi duckte sich und fluchte. Dieser feige Bastard! Er lief im Zickzack �ber die Stra�e und dann in eine Gasse hinein. Hier w�re es leichter, seinen Verfolger zu stellen. Ein Blasrohr! Was f�r eine feige Memme war das denn! Den Kerl w�rde er kriegen. Er kauerte sich unter eine Holztreppe und wartete. Er w�rde es mit den F�usten erledigen.</p><p>Aber nichts geschah und niemand kam in die Gasse. Wartete der Mistkerl drau�en? Da konnte er lange warten! Volodi nagte seinen letzten Fleischspie� ab. Er hatte immer noch Hunger. Ob Quetzalli wohl mitkommen w�rde, wenn er sie holte? Die meisten der Palastwachen des unsterblichen Aaron langweilten sich. Wenn er ihnen die Geschichte auf die richtige Art verkaufte, w�rde er bestimmt einige zu einem n�chtlichen Ausflug �berreden k�nnen. Er w�rde erz�hlen, dass sie gefangen gehalten wurde und �</p><p>Schritte! Volodi spannte sich. Es war der Kerl, der ihn verfolgt hatte. Eine zweite, schm�chtigere Gestalt folgte ihm. Der Kleinere redete auf den geh�rnten Ehemann ein.</p><p>Volodi wartete. Sie sollten ganz nah kommen. Im Schatten der Treppe konnten sie ihn nicht sehen. Ein wenig noch. Mit einem gellenden Schlachtruf sprang er aus seinem Versteck und rammte dem Mann vom Fenster seine Faust in den Magen. Der Kerl war v�llig �berrumpelt. Er knickte ein. Volodi packte ihn, zog ihn hoch und versetzte ihm einen Leberhaken. Aus den Augenwinkeln sah der Drusnier, wie der Kleinere ein Blasrohr an die Lippen hob, und zog den geh�rnten Ehemann sch�tzend vor sich. Als der Sch�tze z�gerte, stie� er ihm dessen Kameraden entgegen. Beide prallten gegen die Hauswand. Noch bevor der Kleinere sich aufrappeln konnte, war Volodi �ber ihm. Er packte das Blasrohr und stie� es mit der Spitze auf den Boden. Mit der Linken dr�ckte er den heimt�ckischen Sch�tzen nieder. Der schrie und zappelte, schaffte es aber nicht, sich ihm zu entwinden. Er hatte ein t�towiertes Gesicht und schnitt nun verzweifelt Grimassen.</p><p>Mit spitzen Fingern hob Volodi den kleinen Pfeil auf, der aus dem Blasrohr geglitten war. Sein Gegner gab jeglichen Widerstand auf und glotzte ihn nur mit gro�en Augen an.</p><p>�Haben viel Spa� damit, Drecksack!� Mit diesen Worten dr�ckte er ihm den Blasrohrpfeil in den Hals. Der Sch�tze l�chelte. Er wirkte fast dankbar. Verr�ckter Kerl!</p><p>Volodi wandte sich ab und b�ckte sich �ber den anderen. Der Zapoter war von kr�ftiger Statur, sein leichter Bauchansatz k�ndete von einem guten Leben. Es gab keine Schwielen an seinen H�nden. Ein Krieger oder einfacher Arbeiter war er also nicht. Die Tunika des Mannes war zerrissen und gab den Blick auf eine Brustt�towierung frei. Neugierig zog Volodi den Stoff weiter auseinander. Im Dunkel der Gasse konnte er das Bild nicht deutlich erkennen. Ein Aal mit Fl�geln? So ein Zeichen hatte Volodi noch nie gesehen.</p><p>Der Zapoter sah ihn hasserf�llt an. Er murmelte etwas. Wahrscheinlich eine Verw�nschung. �Du mich machen Liebesnacht kaputt. Das nicht nett! Ich auch nicht nett!� Er verpasste ihm einen Kinnhaken. Sein Verfolger sackte in sich zusammen. Volodi hob erneut die Faust. Er hatte Lust, dem Arschloch wieder und wieder ins Gesicht zu schlagen. Ihn zu Brei zu machen, aber dann hielt er inne. Er hatte kein Recht dazu. Immer noch w�tend lie� er die Faust sinken und tastete den Bewusstlosen ab. Unter den Kleidern verborgen entdeckte er ein Messer in einer bunt bemalten Scheide mit einem Griff aus dunklem Holz und Gold. Wenn er die Waffe verscherbelte, w�rde sie sicherlich ein ansehnliches S�mmchen einbringen. So nahm er sie mit und schlich sich aus der Gasse. Trotz der Aussicht, etwas Geld aus der Sache zu schlagen, blieb seine Stimmung bedr�ckt. Warum hatte Quetzalli sich mit ihm eingelassen, wenn sie verheiratet war? Weil es ihr mit ihrem Mann nicht gefiel? Der Kerl war nicht gut darin sich zu pr�geln. Vielleicht war er auch schlecht im Bett? Vielleicht w�rde Quetzalli ja mit ihm durchbrennen, wenn er sie danach fragte?</p><p>Volodi entschied, zum Platz der tausend Zungen zu gehen. Er musste einen �bersetzer finden. Mit ihm w�rde er zu Quetzalli zur�ckkehren. Ihr Ehemann w�rde sicherlich noch eine Stunde oder l�nger brauchen, bis er wieder auf den Beinen war. Er musste sich nur beeilen. Volodi orientierte sich an den hohen T�rmen, an denen die Wolkenschiffe ankerten. Sie waren auch in der Nacht gut beleuchtet. Deutlich konnte er die riesigen, aufgebl�hten Leiber der Kreaturen sehen, die die Schiffe durch den Himmel trugen. Niemals w�rde er sich diesen Dingern anvertrauen! Nie!</p><p>Es dauerte nicht lange, bis er den Platz der tausend Zungen erreichte. Er war von vier langen S�ulenhallen eingefasst, die in unz�hlige Kammern unterteilt waren, welche sich alle zum Platz hin �ffneten. Das honiggelbe Licht von �ll�mpchen zeigte an, in welchen Kammern noch �bersetzer warteten. Es war sp�t geworden und viele Kammern waren leer.</p><p>Volodi fragte sich durch, bis er zu einem �lteren, recht korpulenten Mann gelangte, der aus einer Holzschale Fischsuppe l�ffelte. Er hatte keinen Tisch und keinen einzigen Stuhl in der Nische, die ihm f�r seine Arbeit zugewiesen war. Der �bersetzer sa� auf einem abgewetzten grauen Fell. Vielleicht von einem Wolf. Lachfalten nisteten um seine Augen und seine rote Nase lie� ahnen, dass er einem guten Trunk nicht abgeneigt war. Der Mann blickte zu Volodi auf. �Du hast einen weiten Weg gemacht, Bruder.�</p><p>Es tat gut, endlich wieder einmal seine Muttersprache zu h�ren. Volodi l�chelte. �Wenn du w�sstest, wie weit er war.� Wie wunderbar, sich einmal nicht als stammelnder Idiot zu f�hlen! �Beherrschst du die Sprache des Volkes der Zapote?�</p><p>Der Alte schl�rfte seine Suppe und nickte. �Ein hartes Brot. Es gibt unz�hlige Dialekte. Aber die Sprache der Priesterschaft wird von den meisten verstanden. Kannst du dir denn meinen Rat leisten? Bitte verzeih mir, wenn ich ein wenig direkt bin, aber nichts ist fl�chtiger als das gesprochene Wort, und ich habe schon des �fteren unangenehme Erfahrungen gemacht. Deshalb muss ich darauf bestehen, mich im Voraus bezahlen zu lassen.�</p><p>Na wunderbar, dachte Volodi. S�ldner, die in die Schlacht zogen, hatten auch unangenehme Erfahrungen in Aussicht und wurden trotzdem erst hinterher bezahlt, was die Sache f�r ihre Auftraggeber deutlich g�nstiger machte. Missmutig �ffnete er seine Geldkatze. �Was kosten mich deine Dienste?�</p><p>�Da es mitten in der Nacht ist, wird es etwas teurer. Fangen wir mal mit einem Silberst�ck an.�</p><p>�Das ist Wucher!�, emp�rte sich Volodi.</p><p>Der Alte setzte die Suppenschale ab. �Es steht dir nat�rlich frei, dir einen anderen �bersetzer zu suchen. Aber ich f�rchte, um diese Stunde wirst du niemanden au�er dem alten Mitja finden, der unsere Zunge und die Sprache der Zapote beherrscht.� Er l�chelte breit. �Aber vielleicht kann dein Anliegen ja bis morgen warten. Tags�ber koste ich auch nur die H�lfte.�</p><p>Volodi konnte ihm ansehen, dass der �bersetzer genau wusste, dass er es eilig hatte. Warum sonst sollte er mitten in der Nacht hierherkommen. �Mitja hei�t du also � W�rdest du mit mir kommen? Ich brauche deine Dienste nicht hier.�</p><p>�Worum genau geht es denn?�</p><p>�Ich m�chte eine Frau verstehen.�</p><p>Der Alte lachte laut auf. �Da wird dir der beste �bersetzer der Welt nicht weiterhelfen k�nnen.�</p><p>Volodi war nicht nach Scherzen zumute. �Kommst du nun mit?�</p><p>�Du willst mich allen Ernstes jetzt mitten in der Nacht zu deiner Geliebten schleppen, um mit ihr zu reden? Glaubst du, das ist eine gute Idee? Was ist denn passiert? Hat sie dich hinausgeworfen? �</p><p>Er war verbl�fft, wie genau der Alte den Punkt getroffen hatte. �Wirst du nun mitkommen?�</p><p>Statt zu antworten, streckte der �bersetzer die Hand vor.</p><p>Volodi gab ihm sein Silberst�ck. �Wir holen jetzt noch ein paar Freunde von mir. Dann kann es losgehen.�</p><p>Mitja runzelte die Stirn. �Wird es zu Blutvergie�en kommen?�</p><p>�Vielleicht.� Falls der Kerl in der Gasse schneller als erwartet wieder auf die Beine kam, wollte er den R�cken frei haben. �W�rdest du dann kneifen?�</p><p>�Nein. Ich mag vielleicht nicht so aussehen, aber es gab eine Zeit, zu der ich selbst ein Krieger war wie du. Allerdings werde ich dich das Doppelte kosten, wenn um mich herum Schwerter klirren.� Er erhob sich mit einem Seufzer und griff nach einem Stock, der neben ihm an der Wand lehnte. Humpelnd trat er aus der Nische, in der er seine Dienste anbot. �St�rt dich, was du siehst, Junge? Das ist das Alter. Ich war leider nicht so klug, mir den Bauch aufschlitzen zu lassen, als ich noch voll im Saft stand.�</p><p>Volodi h�tte am liebsten laut geflucht. Er blickte sich um. Vielleicht k�nnte er ja noch einen anderen �bersetzer finden? Einen, der besser zu Fu� war!</p><p>�Vergebliche Liebesm�h, Junge. Aber ich kann verstehen, wenn du mir nicht glaubst und dich lieber umh�ren m�chtest. Allerdings beschwere dich nicht, wenn du am Ende unn�tz Zeit verloren hast. Du machst den Eindruck, als sei deine Zeit knapper als dein Silber.�</p><p>Volodis Gedanken �berschlugen sich. Eile war das erste Gebot der Stunde. Wenn er noch zum Palast lief, w�rde zu viel Zeit verloren gehen. Er musste eine S�nfte rufen. Sie konnten sich in die N�he von Quetzallis Haus bringen lassen � Nicht bis direkt davor. Das w�rde zu viel Aufsehen erregen. Noch waren die Aussichten ganz gut, dass sie allein war!</p><p>�Wir brauchen eine S�nfte!�</p><p>�Willst du etwa ohne deine Freunde zu diesem Haus? Ist das eine gute Idee?�</p><p>�Wenn wir schnell dort sind, ganz sicher. Noch weitere Fragen?�</p><p>Der Alte kratzte seinen Bart. �Wenn ich sehe, dass es �rger gibt, verdr�cke ich mich.�</p><p>Volodi l�chelte k�hl. �Du solltest besser nur gehen, wenn du dir ganz sicher bist, dass der �rger, den du mit mir haben wirst, wenn du im letzten Augenblick davonl�ufst, geringer ist als der, der dich im Haus meiner Geliebten erwartet.�</p><p>�Glaubst du, dir mit Gewaltandrohung meine Treue sichern zu k�nnen?�</p><p>Volodi zuckte mit den Schultern. �Ehrlich gesagt, ist es mir egal. Ich spreche nur aus, was sein wird, wenn du mich hintergehst. Und ich hoffe darauf, dass du klug genug bist, nicht zu glauben, dass du als Mann auf Kr�cken irgendeinem �rger davonlaufen k�nntest.�</p><p>Mitja runzelte die Stirn, dann nickte er. �Meine Dienste sind soeben um f�nf Silberst�cke teurer geworden.�</p><p>�Du verdammter Halsabscheider. Du ��</p><p>Der Alte hob gebieterisch die Hand. �Deinen Reden entnehme ich, dass die Aussicht besteht, dass ich heute Nacht noch dank durchgeschnittener Kehle den Lasten eines allzu hohen Alters entgehen werde. Ich muss daf�r Sorge tragen, dass meine Tochter morgen wenigstens gen�gend Silber in meiner Truhe findet, um im Geisterwald daf�r beten zu lassen, dass meine Seele zur�ck zu unseren Ahnen findet.�</p><p>�Es gibt hier einen Geisterwald?� Volodi war aufrichtig �berrascht.</p><p>�Jedes der gro�en V�lker hat seine eigenen Tempel und Totenst�tten in der Goldenen Stadt.�</p><p>Er konnte einem alten Mann nicht verwehren, dass er sich darum sorgte, dass sein Geist zu seinen Ahnen fand. Er �ffnete erneut die Geldkatze. �Wenn du morgen wohlbehalten wieder auf diesem j�mmerlichen Fell sitzt, bekomme ich mein Silber zur�ck.�</p><p>�Abz�glich der Unkosten f�r meine Arbeit.� Der �bersetzer nahm das Geld und hinkte in seine Nische zur�ck. Dort hob er ein Tuch, das �ber einem Stapel Kissen ausgebreitet lag. Zwischen den Kissen lagerten einige Schriftrollen und ein kleines, bronzebeschlagenes K�stchen. Darin verstaute er das Silber.</p><p>�Du l�sst dein Geld hier auf dem Platz? Willst du es nicht gleich auf die Stra�e werfen?�</p><p>Mitja klappte die Kiste zu. Sie konnte nicht einmal abgeschlossen werden. �Man merkt, dass du noch neu hier bist. Hier ist mein Verm�gen bedeutend sicherer verwahrt als in einem Beutel an meinem G�rtel. Vor einigen Jahren haben alle �bersetzer auf dem Platz der tausend Zungen ihre Arbeit eingestellt, weil wir so h�ufig bestohlen wurden. Drei Tage sp�ter haben die Statthalter der sieben Unsterblichen gemeinsam ein Gesetz erlassen, dass f�r jeden Diebstahl, der auf diesem Platz begangen wird, hundert Misset�ter hingerichtet werden, die in den Kerkern gefangen sitzen. Um zu zeigen, wie ernst es ihnen war, erfolgten noch am selben Tag die ersten hundert Hinrichtungen. Seitdem achten s�mtliche Schurken dieser Stadt darauf, dass hier niemand lange Finger macht. Ich k�nnte das Silber ganz offen sichtbar auf dem Wolfsfell liegen lassen und es w�rde nicht gestohlen werden.�</p><p>�Solche Macht habt ihr �bersetzer?�</p><p>Der Alte rieb �ber einen Fettfleck auf seiner Tunika und l�chelte. �Ja, solche Macht haben wir. Ohne uns kommt das Gesch�ftsleben dieser Stadt zum Erliegen. Hier werden zu viele Sprachen gesprochen. Ohne uns Dolmetscher ist man verloren.� Mitja blickte auf und sah Volodi direkt in die Augen. �Du kannst dir also vorstellen, was jemandem geschieht, der so einf�ltig ist, einem �bersetzer auch nur ein Haar zu kr�mmen.�</p><p>�Nett, dass du mich aufgekl�rt hast. So gesehen ist es ziemlich frech, eine Gefahrenzulage f�r einen Auftrag zu verlangen�, entgegnete der Krieger ruhig. Er wies zum S�dende des Platzes, wo gerade ein hagerer Kaufmann mit zwei Begleiterinnen aus einer grell bemalten S�nfte stieg. Die gelben Wickelr�cke der Tr�ger wiesen sie als eine der freien S�nften der Stadt aus, deren Dienste man gegen ein paar Kupferst�cke in Anspruch nehmen konnte. �Halte die S�nfte auf. Ich komme gleich nach.�</p><p>�Und was machst du derweil?�</p><p>�Nichts, das dir Sorgen bereiten m�sste.�</p><p>Der Alte musterte ihn. �Hast du Angst?�</p><p>Volodi t�tschelte den Griff des Schwertes an seiner H�fte. �Es gibt nicht viel, wovor ich Angst haben m�sste. Nicht alles hat einen Hintersinn. Meine Blase dr�ckt mich�, log er. �Das ist alles. � Ohne weitere Worte zw�ngte er sich durch die schmale Gasse, die neben der Nische des �bersetzers auf die R�ckseite des Geb�udes f�hrte. Ein infernalischer Gestank schlug ihm entgegen. Einige Nacktratten be�ugten ihn misstrauisch. Von der Pracht des Platzes war hier nichts mehr zu erkennen. Der verf�rbte Putz bl�tterte vom Mauerwerk ab, �berall lag M�ll herum. Eine armlange Natter wand sich durch den Abfall. Volodi zog den Dolch des geh�rnten Ehemanns unter seinen Gew�ndern hervor. Es w�re kl�ger, die Waffe nicht mit zu Quetzalli zu nehmen. Falls sie sie durch Zufall entdeckte, w�rde das nur zu unangenehmen Fragen f�hren. Vielleicht w�rde sie sich sogar wieder f�r ihren Gatten erw�rmen, wenn sie bef�rchtete, dass er ihm die Kehle durchgeschnitten hatte. Weiber waren in solchen Angelegenheiten v�llig unberechenbar. Besser, er h�tte den Dolch nicht bei sich!</p><p>Er dr�ngte sich wieder in den schmalen Durchgang und blickte fasziniert �ber den weiten Platz. Alles hier war aus wei�em Stein erbaut. Kein Schmutz war zu sehen. Eine andere Welt! So nah waren die Nacktratten und Nattern.</p><p>Der Alte strebte rufend der S�nfte entgegen und blickte nicht zur�ck. Hastig trat Volodi in die Nische des �bersetzers, lie� den Dolch zu Boden fallen und schob ihn unter das abgewetzte Wolfsfell. Hoffentlich hatte Mitja recht, dass sich hier keine Diebe hinwagten. Der Dolch war sicherlich ein kleines Verm�gen wert. Volodi wandte sich um und eilte der S�nfte entgegen. Mitja hatte inzwischen Platz genommen. �Was hast du in meiner Kammer gemacht?�</p><p>�Mir den toten Wolf angesehen.�</p><p>�Wozu?�</p><p>�Ich fand, er h�tte ein wenig mehr W�rde verdient. Zu seiner Zeit war er sicher einmal ein listenreicher J�ger. Du h�ttest ihm seine Z�hne lassen sollen.�</p><p>Der �bersetzer runzelte verst�ndnislos die Stirn. �Spielst du damit auf mich an?�</p><p>�Sehe ich aus wie jemand, der spielt?� Volodi rief den Tr�gern zu, wohin sie die S�nfte bringen sollten, und lehnte sich zur�ck. Er dachte an Quetzalli. Er w�rde ihr Herz erobern, dachte er zuversichtlich.</p></section><section><title><p>Das Totenschiff</p></title><p>Artax sp�rte den leichten Ruck, mit dem die S�nfte abgestellt wurde. �Sollen wir die Kiste mit den Logb�chern in die Schwebende Halle bringen, Herr?� Es musste einer der Tr�ger sein, der fragte. Das fr�hliche, leise Summen des Lotsen, das ihn auf dem Weg durch die Stadt begleitet hatte, brach ab. �Lasst die Kiste nur stehen. Zun�chst einmal brauche ich nur dieses Buch.�</p><p>Artax kam die Stimme des Lotsen weniger gelassen als sonst vor. Nabor war der Einzige, den er in seinen Plan eingeweiht hatte, und der Luftschiffer hatte verzweifelt versucht, ihm den Unsinn wieder auszureden. Aber Artax war fest entschlossen. Shaya war das Leuchtfeuer in der Finsternis der Niedergeschlagenheit, die ihn umfangen hatte, nachdem sein Besuch in Isatami auf so spektakul�re Weise fehlgeschlagen war. Er war nicht dazu geschaffen, ein Herrscher zu sein. Zu vieles schlug ihm fehl und zerst�rte Leben. Vielleicht, so dachte er, war seine Sehnsucht nach der Prinzessin nur eine weitere Narretei. Liebe konnte man es wohl nicht nennen, denn schlie�lich waren sie einander kaum begegnet, und beim Besuch im Palast des Statthalters hatte Shaya ihn durch nichts in seinen Hoffnungen best�rkt. H�flich und distanziert war sie gewesen. Ganz so, wie es der Befehlshaberin der Palastwache zukam. Sie hatte ihn mit Heilkundigen und sogar einem Geisterrufer besucht, als er nach seinem Kampf mit Muwatta schwer verwundet darniedergelegen hatte. Und er hatte ihr nicht den Salut vergessen, mit dem sie und ihre Krieger ihn verabschiedet hatten, als er die Goldene Stadt verlie�. Dies war einer der stolzesten Momente seines Lebens gewesen.</p><p>Doch all das war ein schwaches Fundament f�r den Palast seiner Liebe. Er seufzte. Nein, nicht Liebe. Es war eine Narretei. In seinen Tr�umen war Shaya ihm das Bindeglied zwischen seinem alten und seinem neuen Leben geworden. Die Almitra des unsterblichen Bauern Artax. Vielleicht w�rde sie nie so sein wie in seinen Tr�umen. Vielleicht w�rde sie auch neue Tr�ume in ihm wecken. Er war bereit, dieses Abenteuer einzugehen.</p><p>Artax konnte h�ren, wie sich der alte Lotse erhob und aus der S�nfte stieg. �Dort dr�ben in der Schenke habe ich Kredit, Jungs. Ihr sollt auch nicht leben wie die Hunde! Trinkt einen auf mich. Ich werde die Zeche zahlen. Aber wehe, ihr lauft nicht mehr geradeaus, wenn ich nach Hause m�chte.�</p><p>Die S�nftentr�ger bedankten sich ausgelassen. Dann h�rte Artax ihre Schritte verklingen. Nabor klopfte auf den Deckel der Kiste. �Ihr k�nnte herauskommen, Erhabenster.� Der schwere Deckel hob sich, Artax streckte erleichtert seine Glieder und sah sich um. �N�chstes Mal m�ssen wir uns etwas anderes einfallen lassen als diese Kiste.� Etwa hundert Schritt entfernt erhob sich auf h�lzernen Stelzen ein hell erleuchtetes Kuppelzelt aus roter Seide. Sie befanden sich auf einer aus dem Fels geschlagenen Terrasse am Rand der Goldenen Stadt. Hunderte Frachtkisten und allerlei Ausr�stung f�r Wolkenschiffe lagerten hier. Etliche Steint�rme s�umten die Terrasse und die nahe gelegenen H�nge. Hier ankerten die Wolkenschiffe der Freih�ndler, die nicht in Diensten eines der sieben Gro�reiche standen. Hier lag auch das Totenschiff vor Anker, wie man jenes Wolkenschiff inzwischen nannte, das er einst herrenlos treibend gefunden hatte.</p><p>�Ich mache das nicht noch einmal mit, Erhabener�, knurrte Nabor m�rrisch. �Ich �� Er fluchte. �Ihr habt doch alle Macht, die man sich nur w�nschen kann. Wenn Ihr dieses M�dchen in Euren Harem holen lasst, werden sich die Ischkuzaia ja wohl nicht str�uben. Das ist doch eine Ehre, verdammt noch mal. Und das hier �� Er hob hilflos die H�nde. �Dazu fehlen mir einfach die Worte. Flieht heimlich aus dem eigenen Palast, als sei er ein Dieb. Unfassbar! Das ist eine Dummheit ohnegleichen! Ihr wisst, diese Welt ist nicht f�r Liebe erschaffen!�</p><p>Statt auf die Klagen Nabors einzugehen, grinste Artax. �Ich bin in drei Stunden wieder zur�ck in der Kiste.�</p><p>�Ja, ja �� Nabor murmelte noch etwas Unverst�ndliches, dann ging er zu dem beleuchteten Zelt, in dem sich die Lotsen versammelten und einander ihre kostbaren Karten zeigten. Ein anderes Mal w�rde er mitkommen, dachte Artax. Er war neugierig auf diese Welt. Und auch auf jene, deren Leben es war, auf Nangog hinabzublicken. Vielleicht gab es niemanden, der diese Neue Welt so tief verstand wie die Lotsen der Wolkenschiffe. Sie sollten ihr Wissen verbreiten, statt sich in einer geheimen Loge zusammenzutun.</p><p>Der Unsterbliche schlich zum Ankerturm des Totenschiffes. Am Fu� des Turms waren nirgendwo Wachen zu sehen und so begann er mit dem langen Aufstieg. Ob Shaya wirklich auf ihn warten w�rde? Ihm gingen die Worte des alten Lotsen durch den Kopf. <emphasis>Ihr wisst, diese Welt ist nicht f�r Liebe erschaffen!</emphasis></p><p>Artax wusste, dass hier auf Nangog so gut wie nie Kinder gezeugt wurden. So selten, dass es daf�r keine andere Erkl�rung geben konnte als die, dass sich die Welt selbst gegen sie wehrte. Sie wollte keine Menschen auf sich tragen. Gleichzeitig ver�nderte sie das Gem�t. Wer hierherkam, wurde friedlicher. Krieger mussten nach sp�testens zwei oder drei Jahren ausgetauscht werden. Er war den Ankerturm vielleicht f�nfzig Schritt weit hinaufgestiegen und verharrte kurz, um den Ausblick auf sich wirken zu lassen. Nichts auf ihrer Heimatwelt Daia kam dieser Stadt auch nur ann�hernd gleich. Tausende Lichter funkelten im Dunkel. In sch�bigen Gassen und an den breiten Prachtalleen. Wie gefrorene Wolken schwebten die gewaltigen Himmelsschiffe an ihren Ankerpl�tzen, getragen von jenen r�tselhaften Kreaturen, die untrennbar mit den Schiffen verbunden waren und friedlich durch Nangogs Himmel trieben. Die Wolkensammler griffen Menschen nicht an, und doch hatte die Kreatur, die �ber ihm schwebte, eine ganze Schiffsbesatzung ausgel�scht. Niemand hatte bisher eine Erkl�rung gefunden, warum das geschehen war, oder wie. Er musste verr�ckt sein, sich ausgerechnet hier mit Shaya zu treffen. Falls sie denn verstanden hatte, was er mit seinem R�tselspruch gemeint hatte. <emphasis>So m�ssen wir uns wohl f�gen, dass die gl�ckselig machende Erkenntnis so weit von uns entfernt ist wie die Monde um Mitternacht von der fernsten Wurzelspitze.</emphasis> Ihm selbst erschien der Satz nun gestelzt und unverst�ndlich. Er hatte so sein m�ssen, damit die Umstehenden nicht errieten, welche geheime Botschaft er enthielt. F�r ihn w�re <emphasis>die gl�ckselig machende Erkenntnis</emphasis> die Antwort auf die Frage, ob er auf ihre Liebe hoffen durfte. <emphasis>Die Monde um Mitternacht</emphasis> war eine Angabe �ber die Zeit, wann er sie zu treffen hoffte. N�mlich um Mitternacht. Und die fernste Wurzelspitze gab in Verbindung mit dem Gespr�ch �ber das verfluchte Wolkenschiff den Ort an, an dem er auf sie warten w�rde. Die Lotsenkanzel unter dem Rumpf des Schiffes. Jener Ort, zu dem die <emphasis>fernsten Wurzelspitzen</emphasis> des Lebenden Baums hinabreichten, der auf dem Wolkenschiff wuchs und dessen Wurzelwerk das Holz durchzog, wie die Wurzeln anderer B�ume ins Erdreich drangen. Aber hatte sie das verstanden? Schlie�lich war sie nur eine Kriegerin aus einem Barbarenvolk!</p><p>Wieder blickte Artax auf die Stadt. Jedes der sieben gro�en Reiche hatte hier versucht, sein Bestes zu geben. So vieles w�re m�glich, wenn es nicht M�nner wie Muwatta g�be. Warum duldeten die Devanthar ihn? Welchen Zweck erf�llte er? Welcher unbekannte Zweck war ihm beschieden, dachte er verzweifelt. Es war m��ig, die Gedanken von G�ttern verstehen zu wollen!</p><p>Er lauschte auf das Klappern und Pl�tschern der riesigen Holzr�der, die das Wasser dem Gipfel entgegenhoben. Dies war die Melodie der Goldenen Stadt. Das Ger�usch, das niemals verstummte und sie von allen anderen St�dten unterschied, die er je betreten hatte. Stunden schwieg er, was ein seltenes Gl�ck war. Fast war er ihm dankbar daf�r.</p><p>Jenseits der Kan�le flackerte ein gr�nes Licht auf. Einen Lidschlag lang nur. Ein Schaudern �berlief Artax. War es einer jener Geister, die in dem dunklen Tal nahe seinem Heimatdorf w�teten? Er kniff die Augen zusammen, sp�hte in die Ferne und tastete unwillk�rlich nach seinem G�rtel. Da war kein Schwert. Nicht einmal ein Dolch. Zu diesem Treffen hatte er nicht mit einer Waffe kommen wollen. Schon gar nicht mit dem Schwert � schon gar nicht mit <emphasis>seinem</emphasis> Schwert. Nur selten dachte er an das unheimliche gr�ne Licht, das um die Klinge gespielt hatte, als er den Anf�hrer der Piraten t�tete. Er hatte die Erinnerung tief in sich vergraben wie auch die Erinnerungen an das dunkle Tal. Andere hingegen trugen die Geschichte weiter. Gegen seinen Willen und doch war er machtlos, es zu unterbinden. Er hatte es nicht einmal versucht. Von Juba wusste er, dass jener Name, den Volodi ihm auf Kyrna gegeben hatte, l�ngst in aller Munde war, obwohl man sich h�tete, ihn in seiner Gegenwart auszusprechen. K�nig Geisterschwert.</p><p>Ob der Name schon bis zu Shaya vorgedrungen war? So wollte er nicht vor sie treten. Nicht als der Unsterbliche, als der von den G�ttern Erw�hlte, dessen Macht keine Grenzen kannte. Er wollte Artax sein. Der Bauer! Der, der nichts zu vergeben hatte, au�er seinem Herzen. Der, bei dem man sich nichts erhoffen konnte, au�er aufrichtiger Liebe.</p><p>Er erwartete eine sp�ttische Bemerkung, doch Aaron schwieg noch immer. Lag es vielleicht daran, wie er aussah? Alle Insignien seiner Macht hatte er im Palast zur�ckgelassen, trug lediglich eine einfache Tunika und ein Paar abgewetzter Sandalen, die er einem seiner Diener gestohlen hatte. Nichts von dem, was er am Leibe trug, war f�r den Unsterblichen erschaffen worden. Wenn er sich von allen �u�erlichkeiten seines Amtes trennte, wurde er dann auch seinen Qu�lgeist los? War er vielleicht an die Dinge gebunden, die einst Aaron geh�rt hatten? Er w�rde dem nachgehen, sobald er in den Palast zur�ckkehrte. Aber jetzt sollte seine neue Freiheit allein Shaya geh�ren. Wenn sie denn kam.</p><p>Sein Herz schlug schneller, als er zu dem m�chtigen Wolkenschiff emporblickte. Wartete sie dort? Sie hatte ihm kein Zeichen gegeben, dass sie ein Treffen mit ihm w�nschenswert fand. Sie hatte es auch nicht gekonnt! Nicht am Hof des Statthalters unter einem Dutzend neugieriger Augenpaare. Er sah zu der Kanzel des Lotsen, die wie ein gro�er schwarzer Edelstein aus dem Rumpf des Wolkenschiffes wuchs. Kein Licht war dort. Nichts wies darauf hin, dass sie gekommen war. Ein Seil hing in weitem Bogen von dort herab. Es war an einem der zahllosen Holzpfosten vert�ut, die wie Stacheln seitlich aus dem Ankerturm wuchsen. Eines von gewiss hundert Seilen. Ob es oben an Deck Wachen gab? Artax wusste, dass dieses Wolkenschiff unter den Ischkuzaia als verflucht galt. Es w�rde schwer sein, M�nner zu finden, die eine Nacht an Bord durchstehen w�rden. Selbst unter den tapfersten Kriegern.</p><p>Artax dachte an den weiten Saal voller Toter, den er dort vor mehr als zwei Jahren entdeckt hatte. Er schluckte. Das Wolkenschiff war wahrlich kein romantischer Ort f�r ein Stelldichein, aber nirgends sonst in der Goldenen Stadt durften sie beide auf ein paar ungest�rte Stunden hoffen. Es brachte nichts, seine Zeit mit endlosem Gr�beln zu verbringen! Entschlossen stieg er die breite Au�entreppe des Ankerturms empor, bis er jene Leine erreichte, die zur Lotsenkanzel f�hrte. Beklommen blickte er in die Tiefe. Weit unter ihm leuchtete das Zelt der Lotsen wie eine Laterne, die ein Riese zwischen den Ankert�rmen abgestellt hatte.</p><p>Artax packte den rauen Hanf des Seils, streckte sich und lie� die Sicherheit der steinernen Stufen hinter sich. Er hakte seine Fersen �ber das Seil und zog sich Hand um Hand vorw�rts. Bald begannen die Muskeln in seinen Armen zu brennen. Er hatte sich versch�tzt, wie viel Kraft diese Kletterei kostete. Einmal mehr drehte er den Kopf, hin zur Lotsenkanzel. Sie war noch mehr als zehn Schritt entfernt � und er hing kopf�ber im Nichts! Wenn jetzt einer der Lotsen das Zelt verlie� und nach oben blickte � Artax presste die Lippen zusammen. Es brachte nichts, sich auszumalen, was alles passieren mochte. Er k�nnte auch einen Krampf bekommen und � Er lachte zynisch. Schwarzzusehen war ohne Zweifel eines seiner gro�en Talente. Entschlossen zog er sich weiter das Seil entlang. Hand �ber Hand. Er blickte nicht mehr nach unten. Nicht mehr zur Kanzel. Es gab nur noch ihn und das Seil und den brennenden Schmerz in seinen Armen. Weiter! Weiter � Sein Kopf stie� gegen die Scheibe der Kanzel. Er konnte sp�ren, wie das Glas zur�ckschwang. Jemand packte ihn unter den Armen und zog ihn in die Lotsenkanzel.</p><p>�Du kletterst wie einer der Baumm�nner.�</p><p>Artax h�tte die Stimme unter Tausenden erkannt. Dankbar und ungl�ubig zugleich blickte er zu Shaya auf. Ihr Gesicht war kaum mehr als ein Schattenriss in der Dunkelheit. Er wollte etwas Geistreiches antworten � Den ganzen Abend �ber war er in Gedanken immer wieder diesen Augenblick durchgegangen, hatte sich sch�ne Worte zurechtgelegt. Doch alles, was er jetzt zustande brachte, war ein verlegenes R�uspern. Bei den G�ttern!</p><p>�Ich sehe, du bist auch etwa so gespr�chig wie ein Baummann.�</p><p>�Aber nicht so haarig.� Nein! War er denn von allen guten Geistern verlassen? Was redete er da nur!</p><p>�Dann besteht ja noch Hoffnung �� Sie lachte.</p><p>Hoffnung worauf, dachte er, und r�usperte sich erneut. �Sch�n, dass du hier bist. Ich �� Was hatte sie nur an sich, dass er wie ein bartloser J�ngling stammelte? �Also � Ich meine � War es schwer f�r dich, hierherzukommen?�</p><p>�Nein. Ich musste nur sagen, wohin ich will, und konnte sicher sein, keine Begleiter zu haben. Ich habe vorgegeben, ich wolle hier oben die Geister der Toten zu mir rufen.�</p><p>�Das kannst du?� Es war zu dunkel, um in ihren Z�gen zu lesen.</p><p>�Vielleicht.� Ein Hauch schalkhaften Spotts schwang in ihrer Stimme mit. �Manche Geister sind gespr�chiger als du, unsterblicher Aaron, Beherrscher aller Schwarzk�pfe.�</p><p>�So bin ich nicht immer � Das hei�t �� Er seufzte. �Ich ��</p><p>Sie legte ihm die Hand auf den Arm. Ihre Ber�hrung lie� ihn erschauern.</p><p>�Ich hatte bef�rchtet, einem selbstsicheren Unsterblichen zu begegnen, der mich gro�spurig dazu auffordert, mit ihm das Tier mit den zwei R�cken zu machen. Ich bin angenehm �berrascht.�</p><p>�Oh � Wenn � Dann � Danke.� Ihm war schleierhaft, was man an seinem Gestammel angenehm finden konnte. �Das Tier mit den zwei R�cken?�</p><p>�Ein Philosoph deines Volkes hat diese Redewendung gepr�gt. Aber ich h�rte schon, dass du dich lieber in waghalsige Abenteuer st�rzt als in Stapel alter Schriften. Der Philosoph wollte damit zum Ausdruck bringen, wie M�nner und Frauen miteinander verkehren, wenn sie Nachwuchs zeugen wollen. Ein recht treffendes Bild, fand ich immer.�</p><p>Artax sp�rte, wie ihm das Blut in die Wangen stieg, und war froh, dass Shaya ihn in der Dunkelheit nicht err�ten sehen konnte. Er brauchte dringend einen Plan! Er hatte jegliche Kontrolle �ber die Situation verloren. �Wir sollten die Lotsenkanzel verlassen�, sagte er mit heiserer Stimme.</p><p>�Wohin willst du gehen? Hier sieht man uns genauso wenig wie im Schiff, solange wir kein Licht entz�nden.�</p><p>�In die Kammer unter dem Baum �� Er sagte das nur, weil er das Wolkenschiff nicht kannte und ihm kein anderer Ort einfiel.</p><p>�Dort w�rdest du hingehen?� Zum ersten Mal schwang Unsicherheit in ihrer Stimme.</p><p>Eigentlich wollte er nicht dorthin gehen. Er wollte einfach bei ihr sein. Ihre N�he genie�en. Reden � Weiter hatte er nicht gedacht. Aber das konnte er ihr wohl kaum geradeheraus ins Gesicht sagen! Er wollte sie auch nicht anl�gen. Und das w�rde er tun, wenn er ihr vorgaukelte, dass es ihm nichts ausmachte, in jenen weiten Saal zu gehen, den er voller Toter gesehen hatte. Am besten w�re es, er wechselte das Thema. �Die Geisterrufer � K�nnen sie wirklich die Toten zur�ckrufen, um mit ihnen zu sprechen?�</p><p>�Zweifelst du daran?� Sie klang beleidigt.</p><p>Er z�gerte zu antworten, doch schon sein Schweigen war beredt genug.</p><p>�Ausgerechnet du, K�nig Geisterschwert? Das h�tte ich nicht erwartet.�</p><p>�Ich habe noch nie einen Geist gesehen ��</p><p>Shaya deutete mit weit ausholender Geste hinab zu den Kan�len. �Du kennst die Gr�nen Geister Nangogs, die in diese Stadt eindringen und uns aus ihrer Welt vertreiben wollen. Es hei�t, du h�ttest einen von ihnen mit Zaubermacht in dein Schwert gezwungen. Wie kannst du da glauben, dass von meinen Ahnen nichts bleibt, wenn ihre Seele sie verl�sst! Manche f�hlen sich ihrem Volk so sehr verbunden, dass sie bleiben, um den Lebenden zu helfen, wenn sie es verm�gen. Mit ihnen sprechen die Geisterrufer. Auch die Priester der Geisterhaine in Drus verm�gen das.�</p><p>Artax sah sich beklommen um. Die Vorstellung, zu jeder Zeit von den Geistern seiner Ahnen umgeben zu sein, behagte ihm nicht.</p><p>Shaya lachte leise, als habe sie ihn durchschaut. �Die Geister sind schwach in dieser Welt. Sie fliehen Nangog. Sie wissen, dass wir alle nicht hierhergeh�ren.�</p><p>�Warum ist dein Volk hier, wenn ihr der �berzeugung seid, nicht hierherzugeh�ren?�</p><p>Sie schnaubte. �Wir w�rden unser Gesicht verlieren, wenn wir nicht hier w�ren. Wir sind nicht feige! Aber unsere Geisterrufer sind von gro�er Sorge erf�llt. Sie sagen, die Geister sp�ren ein gro�es Unheil nahen. Ein Unheil, das alle Welten ersch�ttern und selbst die G�tter Demut lehren wird.�</p><p>Das war nun endg�ltig blanker Unsinn, dachte Artax. �Dieser Gedanke ist in sich nicht schl�ssig. Wie k�nnten die G�tter, die die Welten erschaffen haben und alles, was darauf lebt, ein sich anbahnendes Unheil �bersehen, das sie und ihre Sch�pfung gef�hrdet? Das ist unwahrscheinlich. Das muss auch dir einleuchten.�</p><p>�Deine Annahme setzt voraus, dass die G�tter vollkommen sind. Was, wenn das ein Irrtum ist? Was, wenn auch ihre Taten von Eigennutz und falschem Stolz beherrscht werden? Warst du noch nie von den G�ttern entt�uscht? Hast du dich noch nie ihrer Willk�r ausgeliefert gef�hlt?�</p><p>Artax dachte an den Brand der Schilfb�ndelhallen und wie verzweifelt er damals gew�nscht hatte, der L�wenh�uptige w�rde helfen. Ja, er kannte den Zweifel an den G�ttern! Aber was w�rde bleiben, wenn er den Glauben an den letztlich guten Willen des L�wenh�uptigen verlor? Und wie lange w�rde er �berleben, wenn der Devanthar es bemerkte? Er musste sich gegen dieses giftige Gedankengut, diesen Irrglauben sperren! �Welche Gefahr sehen die Geisterrufer hier in Nangog?�, wechselte er abrupt das Thema.</p><p>�Ist ein Wolkenschiff voller Toter keine deutliche Warnung? Keiner wei�, wie sie gestorben sind. Doch alle kennen ihr Schicksal. Und wer immer mit einem Wolkenschiff eine neue Reise beginnt, tut dies mit dem Herzen voller Furcht. Und die Gr�nen Geister � Heute Nachmittag erst entdeckten die Wachen an den Flusst�rmen einen besessenen Schiffer. In seinem Leib w�re fast einer der Geister durch den magischen Wall gedrungen. Es ist nicht das erste Mal, dass so etwas geschah. Die Geisterrufer sagen, dass die Gr�nen Geister versuchen, sich in unsere Seelen festzukrallen. Aber es ist, als wolle man sich an polierten Stein klammern. Sie finden selten Halt. Und selbst wenn es gelingt, gleiten sie nach wenigen Augenblicken wieder aus unseren Seelen. Doch was wird geschehen, wenn sie eines Tages einen finden, der anders ist? Einen, in dem sie verweilen k�nnen? Unsere Geisterrufer haben gro�e Angst vor ihnen. Sie haben Angst, dass ihre Gabe vielleicht das sein k�nnte, was die Gr�nen Geister suchen. Ein Halt, der es ihnen erlaubt zu bleiben. Unerkannt. Deshalb verlassen sie die Goldene Stadt nicht und verweilen selten l�nger als f�r einige Stunden hier auf Nangog.�</p><p>Und wenn es schon geschehen ist, dachte Artax. Was w�rden die Gr�nen Geister tun? Was war ihr Ziel? Konnten sie vielleicht sogar von einem Unsterblichen Besitz ergreifen? Nein, ganz gewiss nicht. Nicht von einem Unsterblichen! Das w�rden die Devanthar niemals zulassen. Aber gab es andere? Er fand die Vorstellung zutiefst beunruhigend und entschied sich, lieber daran zu glauben, dass die Devanthar keinen einzigen Menschen den Geistern �berlassen w�rden. Nicht weil sie so edelm�tig waren, sondern lediglich, weil sie nicht dulden w�rden, dass irgendein Geist etwas stahl, das ihnen geh�rte.</p><p>Shaya sah ihn unverwandt an. Las sie an seinem Antlitz ab, was er dachte? �Und, Prinzessin � Hast du einen Plan, wie wir die Welt retten k�nnen?� Die Frage war ihm einfach so herausgeplatzt. Es war eine Almitra-Frage. Eine Frage f�r lange N�chte am Kamin bei Kohlsuppe und Brunnenwasser. Auch Shaya hatte er diese Frage im Geiste schon gestellt. Jetzt, so wurde Artax mit einem Mal bewusst, w�rde sich erweisen, wie viel die Shaya seiner Tr�ume mit der wirklichen Shaya gemein hatte. Was w�rde er darum geben, jetzt ihr Gesicht zu sehen und nicht nur einen Schattenriss!</p><p>�Hast du schon einmal im Himmel getanzt?�</p><p>Was sollte das jetzt? Jedes Mal, wenn er glaubte, sie ein wenig zu verstehen, brachte sie ihn wieder aus der Fassung. Die Barbarenprinzessin, die eine Kriegerin war und die Texte von Philosophen las, die an Geister glaubte, aber an ihren G�ttern zweifelte. Immerhin, sie hatte ihn nicht ausgelacht. Das war gut, dachte er. Das war sehr gut. Das war fast schon ein Anfang.</p><p>�Hast du?�</p><p>�Ich � Nein.�</p><p>Sie nahm seine Hand und zog ihn zu der Sprossenleiter, die hinauf ins Wolkenschiff f�hrte. Sie hatte einen festen Griff. Ihre Handfl�che war ein wenig feucht. Sie war sich also auch nicht so sicher, wie sie wirkte.</p><p>�Wohin gehen wir?�</p><p>�Ein Philosoph aus meinem Volk hat einmal gesagt: Erst wenn du keinen Weg mehr siehst, der dich zu deinen Zielen f�hren wird, bist du v�llig frei.�</p><p>Das war Artax zu hoch.� Ich verstehe nicht ��</p><p>�Das ist doch leicht�, sagte sie. �Du bist frei, weil du erst dann jeden Weg gehen kannst.�</p><p>Sie lachte. Es klang nicht verletzend oder herablassend. Ganz gleich, was die Nacht noch bringen w�rde � allein f�r dieses Lachen hatte sich alles gelohnt. F�r ein Lachen von ihr w�rde er den Zorn des L�wenh�uptigen herausfordern.</p></section><section><title><p>Am Ende der Stiege</p></title><p>Volodi war gereizt. �Gleich�, entgegnete er, als der Dolmetscher �Wann gehen wir?� fragte. Zum vierten Mal bereits. Mindestens.</p><p>Volodi sp�hte durch die Vorh�nge zu dem kleinen Haus in der Mitte der Stra�e. Er wusste, dass ihnen im Grunde keine Zeit blieb. Durch das obere Fenster fiel Licht. In jenem Zimmer hatten sie sich geliebt. Volodi hatte gehofft, Quetzallis Schattenriss zu sehen, aber da war nur das Licht.</p><p>�Gut, gehen wir�, murrte Volodi, schob den Vorhang der S�nfte zur Seite und dr�ckte dem vordersten Tr�ger einige Kupferst�cke in die Hand. Hinter ihm schob sich der �bersetzer aus der S�nfte und st�tzte sich schwer auf seinen Gehstock. Volodi sah sich nicht nach ihm um. Sein Blick wanderte von der T�r zum Fenster. Sein Kriegerinstinkt sagte ihm, dass es falsch war, noch einmal hierher zur�ckzukommen. Was konnte er hier noch gewinnen? Nur ein paar Worte. Es war vorbei! Dennoch lief er entschlossen auf die T�r zu � leicht geduckt, als w�rde das helfen, seine h�nenhafte Gestalt in der Gasse verschwinden zu lassen. Seine Hand lag am Griff des Schwertes an seiner H�fte.</p><p>Mit der Schulter dr�ckte er die T�r auf. Sie war unverschlossen, so wie sie es immer gewesen war. Wieder umfingen ihn die Ger�che, die ihm in den wenigen Tagen so vertraut geworden waren. Der Duft von Federn und dem wei�en Baumharz, das sie in ihren R�ucherschalen verbrannt hatte. Auch all die anderen D�fte, die er lieben gelernt hatte, ohne dass er sie zu benennen vermochte. Und er roch sie. Sie war noch hier.</p><p>Hinter ihm schob sich leise knarrend die Eingangst�r auf. Erschrocken fuhr Volodi herum, das Schwert in der Hand.</p><p>�Ruhig, Junge�, sagte Mitja und schob mit zwei Fingern sehr langsam die Spitze der Klinge zur Seite, die auf seine Kehle zeigte.</p><p>Volodi l�chelte verlegen. Er machte sich ja zum Narren! �Warte einen Moment�, sagte er mit einem entschuldigenden L�cheln.</p><p>Oben erklang eine Stimme. Ihre Stimme. Sie hatte auf ihn gewartet! Er hatte es gewusst.</p><p>Immer zwei Stufen auf einmal nehmend st�rmte er die Treppe hinauf.</p><p>�Nicht!�, rief Mitja ihm nach.</p><p>Volodi stie� die T�r zu dem Zimmer auf, in dem er so viele gl�ckliche Stunden verbracht hatte. Quetzalli sa� auf ihrem Lager, inmitten der federgeschm�ckten W�nde. Blaugrauer Rauch wogte um sie und ihre Augen waren weit aufgerissen. Etwas stimmte nicht �</p><p>Ein Schlag traf ihn auf den Hinterkopf. Er taumelte nach vorn. Das Schwert entglitt seinen Fingern.</p><p>Quetzalli sprang auf. Sie schloss ihn in die Arme. Im selben Augenblick traf Volodi ein zweiter Schlag. Wie wunderbar sie duftete, dachte er noch. Dann schwanden ihm die Sinne.</p></section><section><title><p>Im Himmel tanzen</p></title><p>Shaya streckte ihm die Hand entgegen. �Es ist nicht so schlimm, wie es aussieht. Du darfst einfach nicht nach unten schauen.�</p><p>Artax atmete unregelm��ig. Nach unten hatte er leider schon geschaut, und dass es f�r eine Kriegerin, die daran gew�hnt war, an einem Luftsack mit Tentakeln gebunden zwischen den Wolken herumzuturnen, nicht weiter schlimm war, glaubte er sofort. Aber er hatte gern festen Boden unter den F��en � oder zumindest Planken. Am Seil zur Lotsenkabine zu klettern war schon �bel gewesen. Aber das hier �</p><p>Die Seile, die als ein weites Netz um den Leib des Wolkensammlers geschlungen waren, waren samt und sonders mit z�hem Schleim bedeckt, sie waren glitschig, und fast jedes Mal, wenn er danach griff, rutschte seine Hand ein St�ck am Seil entlang, bis sie dann irgendwann Halt fand. Oder auch nicht. Dann rutschte er ein paar Schritt tiefer und k�mpfte darum, mit den F��en Halt in einem der querlaufenden Seile des weiten Netzes zu finden. Es war kein Spa�, an diesem verdammten Vieh hinaufzuklettern, und er konnte nicht begreifen, was sie ihm zeigen wollte oder was das hei�en sollte, <emphasis>im Himmel zu tanzen.</emphasis></p><p>Er begann wieder zu rutschen. Sofort griff er nach Shayas Hand. Sie war erstaunlich stark. Scheinbar ohne M�he zog sie ihn hoch. Er machte den Fehler hinabzublicken. Das Lotsenzelt lag unendlich weit unter ihm. Er hing nur an Shayas Hand und �</p><p>Endlich fanden seine F��e Halt. Schwer atmend klammerte er sich an eines der quer gespannten Taue.</p><p>�Bald sind wir �ber die Mitte hinweg. Wenn sich der Leib erst einmal zum Zenit hin kr�mmt, kommt man viel leichter voran.�</p><p>�Alles Klasse�, log er wenig �berzeugend. �Mir geht es gut.�</p><p>�Ich wei�, Unsterblicher. Um dich muss ich mir keine Sorgen machen. Selbst wenn du aus dem Himmel st�rzen solltest, w�re das ja nicht das erste Mal f�r dich.�</p><p>Er vermochte nicht einzusch�tzen, ob sie das ernst oder ironisch meinte. Sie schaffte es, ihn zu verunsichern. Manchmal �rgerte ihn das, aber alles in allem war es eine Eigenschaft, die er an ihr sch�tzte.</p><p>Schweigend kletterte er weiter. Er war inzwischen �ber und �ber mit dem Schleim bedeckt, den der Wolkensammler absonderte. Das Sekret war fast geruchlos. Ihm haftete nur ein ganz leichter Duft nach feuchtem Waldboden an. Gar nicht einmal unangenehm. Trotzdem, so dachte Artax, w�rde er ein langes Bad nehmen, wenn er endlich in seinem Palast zur�ck war. Er musste einen anderen Weg ersinnen, sich mit Shaya zu treffen. Am aufgebl�hten Leib eines Wolkensammlers hinaufzuklettern passte definitiv nicht zu seiner Vorstellung von einem romantischen Stelldichein � auch wenn man sicherlich Zugest�ndnisse machen musste, wenn man sich mit einer Barbarenprinzessin traf, die in ihren freien Stunden verdrehte philosophische Schriften las.</p><p>Als sie endlich den �quator der riesigen kugelf�rmigen Kreatur hinter sich lie�en, ging es in der Tat viel schneller voran. Die Haut des Wolkensammlers ver�nderte sich. Sie f�hlte sich jetzt wie weiches, feuchtes Moos an und der Schleim war verschwunden. Die Hand am Seil, st�rmten sie dem Zenit der gewaltigen Kreatur entgegen, die ohne M�he ein palastgro�es Schiff in den Himmel zu heben vermochte.</p><p>Am h�chsten Punkt fanden sie eine flache Senke, etwa hundert mal hundert Schritt gro�. Shaya lie� sich mit einem gen�sslichen Seufzer fallen, streckte Arme und Beine weit von sich und blickte zu den Zwillingsmonden empor, die in dieser Nacht sehr nahe beieinanderstanden.</p><p>Sie winkte ihm. �Komm, leg dich neben mich!�</p><p>�Ist das Tanzen?�</p><p>�Nein, das ist: <emphasis>die Welt atmen</emphasis>. Hier gibt es nur uns, den Himmel und die beiden Monde. Alles andere ist in diesem Augenblick bedeutungslos. Wir sind die Welt.�</p><p>Artax zog es vor, zu schweigen. Ihre Gef�hle waren ihm fremd. Nicht unangenehm, aber unvertraut. Er vermutete, dass es an den Worten lag, die sie w�hlte. Er h�tte gern nachgefragt, sp�rte aber zugleich, dass jedes Wort von ihm den Zauber des Augenblicks zerst�ren k�nnte. Im Grunde hatte er es so haben wollen � sie beide allein unter den Monden. Es h�tte nur nicht hoch unter den Sternen auf dem R�cken eines Wolkensammlers sein m�ssen.</p><p>Er streckte sich neben ihr auf der moosigen Haut des Himmelsriesen. Artax sp�rte den m�chtigen K�rper unter sich sacht vibrieren. Ein angenehmes Gef�hl. Fast, als w�rde man in den Schlaf gewiegt. Tief unter ihnen ert�nte sehr leise eine seltsame Abfolge von T�nen. Ein Zischen und Pfeifen. Nicht willk�rlich � Beinahe eine Melodie.</p><p>Shaya drehte sich auf den Bauch, st�tzte den Kopf auf die H�nde und blickte auf ihn hinab. Jetzt, wo der Himmel nicht mehr vom riesigen, aufgebl�hten Leib des Wolkensammlers verschlungen wurde, reichte das Licht der Zwillingsmonde, um ihre Augen deutlich zu erkennen. Brennend dunkle Augen. Augen, die viel gesehen hatten. Voller Weisheit und zugleich auch wild.</p><p>�Ich bin schon Fischen begegnet, die gespr�chiger waren als du, Unsterblicher.�</p><p>�Wenn man alte M�nner dazu bringt, auf berggro�e Ungeheuer zu klettern, muss man damit rechnen, dass ihnen die Puste ausgeht.�</p><p>Sie runzelte die Stirn. �Du siehst immer noch aus wie ein junger Mann. Bist du sehr alt?�</p><p>�So alt wie die G�tter.� Er grinste.</p><p>�Dann hattest du wohl schon sehr viele Frauen ��</p><p>Artax dachte an die vergangenen beiden Jahre. Daran, wie er im Harem nicht hatte finden k�nnen, was er gesucht hatte. Eine wirkliche Gef�hrtin! �Vielleicht h�ltst du das, was ich dir jetzt sagen werde, nur f�r sch�ne Worte, aber glaube mir, es die Wahrheit. Von ganzem Herzen die Wahrheit! Einer Frau wie dir bin ich noch niemals begegnet.�</p><p>Sie l�chelte versonnen. �Ich glaube dir.� Pl�tzlich legte sich ein Schatten auf ihr Gesicht. �Du hast deinen Harem aufgel�st.� Ihre Stimme klang fast bitter.</p><p>�Ja.�</p><p>�Die Menschen reden viel �ber dich. Du bist anders. Manche haben Angst vor dir. Andere sagen, du seiest fast so gro� wie ein Gott. Sie sagen auch, dass du keinen Harem brauchst, weil du jedes Weib besitzen kannst, auf das dein Blick f�llt.�</p><p>�Wer sagt das?�</p><p>�Dieselben, die erz�hlen, dass du nur mit deinem Blick tausend blutd�rstige Piraten zum Niederknien gezwungen hast und dass du einen Geist in deinem Schwert gefangen h�ltst, der dir alle Gedanken deiner Feinde zufl�stert, sodass du im Zweikampf unbesiegbar bist.�</p><p>�Du hast an meinem Krankenlager gestanden. Habe ich da unbesiegbar ausgesehen?�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf. �Nein. Ich habe um dein Leben gef�rchtet. �</p><p>�Warum?�</p><p>�Weil �� Sie setzte sich auf. �Weil � Weil! Gen�gt es nicht, dass es ist, wie es ist? Muss man immer hinter die Dinge blicken?�</p><p>�Unsterbliche m�ssen das.�</p><p>Sie schnaubte. �Jetzt hast du zum ersten Mal etwas gesagt, was von meinem Vater h�tte sein k�nnen.�</p><p>�Magst du ihn nicht?�</p><p>�Kann man einen Unsterblichen m�gen? Als ich klein war, war er sehr nett zu mir. Und dann pl�tzlich, in meinem siebten Jahr, kurz nach der Sommersonnenwende, war er von einem Tag auf den anderen v�llig ver�ndert. Er interessierte sich nicht mehr f�r mich.� Sie sa� jetzt ganz steif. Ihre H�nde ruhten zu F�usten geballt auf ihren Schenkeln. �Es hat lange gedauert, bis ich verstanden habe, dass ich damals zu seinen bevorzugten Kindern geh�rt habe. Dass er den �lteren gegen�ber schon immer so k�hl gewesen war, wie er mir von diesem Tag an begegnete. Ein paar Jahre sp�ter ist es noch einmal geschehen. Und das gilt nur f�r die Kinder, die am Wandernden Hof bleiben durften. Ich bin keineswegs seine siebenunddrei�igste Tochter. Es gibt unendlich viel mehr! Am Wandernden Hof z�hlen sie nur die Kinder, die von Prinzessinnen geboren werden. Fr�her hatte er immer an mir gemocht, dass ich wie ein Junge war. Dass ich reiten konnte und mit dem Bogen schie�en. Ich bin diesen Weg weitergegangen, auch nachdem ich seine Gunst verloren hatte. Er hat mich letztlich hierher gef�hrt. Ich habe darauf gewartet, dass ich verheiratet werde. Das ist das Los von uns Prinzessinnen.� Sie lachte bitter auf. �Aber wer will schon ein Weib, das sich darauf versteht, mit einer Dornaxt Sch�del einzuschlagen? Das hatte ich nicht bedacht, als ich mich entschieden habe, eine Kriegerin zu werden. Ich verf�ge �ber keinerlei Tugenden, die eine Prinzessin auszeichnen sollten. Ich spiele kein Instrument. Ich habe zu schmale H�ften, um leicht Kinder zu geb�ren und wenn ich singe, bleibt den Nachtigallen im Palastgarten vor Schreck das Herz stehen.�</p><p>Ihre Worte erf�llten Artax mit Schmerz. Wie gern h�tte er ihr den Kummer genommen. H�tte ihr zumindest erkl�rt, dass sie nicht die Gunst ihres Vaters verloren hatte, sondern ihr Vater damals gestorben war � und auch wieder nicht. Dass er an jenem Tag, als er ihr noch einmal nahe gewesen war, zur�ckgefunden hatte an die Oberfl�che jenes Mannes, der jetzt ihr Vater war � nur um einen Augenblick an ihrer Seite zu verbringen. Er musste sie sehr geliebt haben. Auch er, Artax, liebte ihre Andersartigkeit; liebte sie gerade weil sie nicht so war wie all jene, die sie als gute Partie beschrieb. Doch nichts davon kam �ber seine Lippen. Aus Furcht. Aus Scham. Und weil er sich sicher war, dass er die Geduld des Devanthar mit dem Verrat des Geheimnisses um die Unsterblichkeit deutlich �berfordern w�rde. Er konnte ihr nicht helfen. Nicht so. Nicht jetzt. Nicht hier. Er musste einen anderen Weg finden, sie aufzuheitern. �Du wolltest mit mir im Himmel tanzen�, erinnerte er sie.</p><p>�Falls du auf eine Art Tanz hoffst, die den M�nnern das Blut zwischen die Schenkel treibt, wirst du entt�uscht sein. Ich tanze f�r mich. Um mich zu vergessen. Mich frei zu f�hlen von allem. Ich bin ein altes Weib. Ich habe schon silberne Haare.�</p><p>�Darf ich dein Silberhaar im Mondlicht sehen?�</p><p>Sie blickte ihn entsetzt an. �Kein gutes Kompliment! Ich rei�e sie aus, sobald ich sie entdecke.�</p><p>�Wie alt bist du denn, du Greisin?�</p><p>Sie presste die Lippen zusammen und eine steile Zornesfalte erschien zwischen ihren Brauen. �So etwas fragt man nicht.�</p><p>�Unsterblichen ist alles erlaubt.� Kaum waren die Worte �ber seine Lippen, da er h�tte er sich am liebsten die Zunge abgebissen. Das war nicht witzig. Das war nur frech! Sprach etwa Aaron aus ihm?</p><p>In ihren Augen loderte ihr ganzes Temperament. �Vierundzwanzig! � So wie sie es sagte, klang es wie eine Herausforderung.</p><p>�Kannst du ermessen, wie jung das f�r einen Unsterblichen ist?�</p><p>Auf diese Antwort war sie sichtlich nicht gefasst gewesen. Er konnte f�rmlich sehen, wie ihr Zorn verrauchte. Lange sahen sie einander wortlos an. Das Licht der Zwillingsmonde schmeichelte ihr. Er h�tte bis zum Morgengrauen einfach nur zu ihr aufblicken k�nnen. Ein leichter Wind war aufgekommen und spielte mit ihrem Haar. Sie war die Frau, nach der es ihn immer verlangt hatte, das wusste er nun ganz sicher. Sie war Almitra � und noch unendlich viel mehr. Bislang war Shaya nur ein Gef�� gewesen, das er mit seinen Tr�umen und Wunschvorstellungen gef�llt hatte. Er war hierhergekommen, um der Wirklichkeit zu begegnen. Und was er sah, gefiel ihm besser noch als alle Bilder seiner Tr�ume.</p><p>Sie streckte ihm die Hand entgegen. �Komm, tanz mit mir�, sagte sie leise.</p><p>�Ich f�rchte, ich tanze etwa so gut, wie du singst.�</p><p>Sie l�chelte. �Au�er mir und den beiden Monden wird es niemand wissen.�</p></section><section><title><p>Der Dolch</p></title><p>Volodi hatte einen unangenehmen metallischen Geschmack im Mund. Blut? Nein. Etwas dr�ckte gegen seinen Gaumen. Etwas war in seinem Mund. Was f�r ein seltsamer Traum, dachte er benommen. Stimmen redeten in einer fremden Sprache. Er sch�ttelte den Kopf und etwas schnitt in seinen Mundwinkel. Erschrocken riss er die Augen auf. Er hatte ein Messer im Mund! Blut troff sein Kinn hinab auf die Brust!</p><p>Er blickte in das Antlitz des kleinen Mistkerls von einem Blasrohrsch�tzen, der auf ihm hockte, das Messer hielt und ihn geh�ssig angrinste.</p><p>�Du solltest jetzt nichts Unbedachtes tun�, nuschelte Mitja.</p><p>Volodi schielte am Messer vorbei. An der gegen�berliegenden Wand kauerte Mitja. Sein Gesicht erinnerte an einen Klumpen rohen Fleischs. Sein Kopf war nach vorne gesackt, die Augen zugeschwollen. Seine H�nde hielt er vor die Brust gepresst. Sie umklammerten etwas.</p><p>Jemand redete in einer fremden Sprache. Dr�ngend.</p><p>Volodi wollte den Kopf drehen, doch sofort dr�ckte die Messerspitze gegen seinen Gaumen und schnitt in das weiche Fleisch.</p><p>Der Drusnier verdrehte die Augen. Dicht neben der T�r stand Quetzallis Mann. Auch sein Gesicht war zerschlagen und er st�tzte sich auf einen Holzkn�ppel.</p><p>�Sie wollen wissen, wo du das Messer gelassen hast. �berleg dir gut, was du sagst. Ich glaube, wenn sie das Messer haben, sind wir tot, Arschloch.� Beim Sprechen quoll Mitja Blut aus dem Mund.</p><p>Volodi wollte etwas antworten, doch das Messer ritzte seine Zunge.</p><p>Quetzallis Mann sagte etwas in scharfem Tonfall und die Klinge glitt aus Volodis Mund. Die Messerspitze senkte sich jetzt auf sein linkes Augenlid. Sie dr�ckte auf die zarte Haut.</p><p>�Pass auf, Idiot!�</p><p>�Auf ein Auge kommt es denen nicht an�, nuschelte Mitja und streckte seine H�nde vor. Auf jedem Handteller lag ein gro�es, fleischiges Ohr.</p><p>�Das ��</p><p>�Das wird dich deine beiden Eisenschwerter kosten, wenn wir das �berleben, du hirnloser Haufen Schei�e! Hast du �berhaupt eine Ahnung, worauf du dich eingelassen hast?�</p><p>�Einen Ehemann mit einem harten Sch�del ��</p><p>�Du hast wirklich nichts begriffen � Nichts.� Mitja schloss seine Finger um die abgeschnittenen Ohren und dr�ckte die H�nde wieder gegen die Brust, als mache es noch irgendeinen Sinn, die Ohren aufzuheben. �Dein M�dchen � Die hat dich ausgesucht, nicht wahr? Hat dir sch�ne Augen gemacht, bis dein Schwanz das Denken �bernommen hat. Richtig?�</p><p>�So war das nicht. Nicht ganz � Sie � hat mich gewollt � Aber ich ��</p><p>�Sie hat dich hierhergebracht, nicht wahr? Und du w�rdest f�r sie bis ans Ende der Welt gehen, oder?�</p><p>Volodi mochte nicht, dass der alte �bersetzer so von Quetzalli sprach. Wenn da nicht dieses Messer vor seinem Auge w�re und der Kerl nicht seine abgeschnittenen Ohren in seinen Wurstfingern halten w�rde �</p><p>�Du bist gro�, blond und gut aussehend�, nuschelte Mitja. �Ich hab das immer f�r eine wilde Kneipengeschichte gehalten. Kerle wie du verschwinden immer wieder. Es hei�t, eine Priesterin der gefiederten Schlange ��</p><p>Der geh�rnte Ehemann unterbrach Mitja. Seine Stimme klang �rgerlich, als er im unverst�ndlichen Kauderwelsch der Zapote auf den �bersetzer einredete. Auf den Alten wirkten die Worte wie Schl�ge. Er sank regelrecht in sich zusammen.</p><p>�Du musst ihm seinen Dolch zur�ckbringen, Volodi. Unbedingt! War die Klinge aus Stein?�</p><p>Der Drusnier nickte und Mitja fluchte leise. �Das ist ein Ritualmesser. Verdammt, Junge. Die werden uns umbringen.� Er hob den Kopf und versuchte seine zugeschwollenen Lider zu �ffnen. �Kurz bevor wir mit der S�nfte losgezogen sind � Da hast du diesen Dolch versteckt, nicht wahr? Du hast eine Stunde, ihn zur�ckzubringen. Wenn du dann nicht wieder hier bist, werden sie mir die Hand zerschlagen. Jeden einzelnen Knochen darin, bis nur noch Splitter und zerquetschtes Fleisch bleiben. Er hat es mir gesagt ��</p><p>�Und du glaubst, wenn ich den Dolch bringe, werden sie uns verschonen?�</p><p>�Nein. Aber es wird schneller gehen ��</p><p>�Was ist mit dem M�dchen?� Volodi wollte zu dem Ehemann blicken, doch sofort verst�rkte sich der Druck des Messers auf sein Augenlid. Er konnte sp�ren, wie die Klinge die Haut aufritzte. �Was werden sie mit ihr machen?�</p><p>�Du hast es immer noch nicht begriffen. Sie ��</p><p>Der Mann an der Treppe unterbrach Mitja barsch.</p><p>�Du sollst gehen und den Dolch holen. Sofort!�, �bersetzte der Alte. �Bitte lass mich hier nicht h�ngen. Bitte ��</p><p>Der Kerl mit dem Messer erhob sich und deutete mit der Klinge auf die Treppe.</p><p>�Hast du ihnen gesagt, wo das Messer ist?�</p><p>�Nein, noch nicht. Ich �� Seine blutverschmierten Wangen zuckten. Er schluchzte. �Der kleine Kerl begleitet dich.�</p><p>Der Blasrohrsch�tze schien verstanden zu haben, dass von ihm die Rede war. Er l�chelte kurz, dann zog er mit flie�ender Bewegung ein Messer und schleuderte es Volodi entgegen. Zitternd blieb die Bronzeklinge einen Fingerbreit neben seinem Gesicht in der lehmverputzten Wand stecken. Der Kleine hatte bereits ein weiteres Messer in der Hand und sagte etwas, das sich f�r Volodis Ohren wie Schlangenzischen anh�rte.</p><p>�Er wird dich umbringen, wenn du versuchst, ihn hereinzulegen�, �bersetzte Mitja. �Er behauptet, die Messer sind vergiftet. Es gen�gt, wenn sie ganz leicht deine Haut ritzen, und du stirbst wie ein Hund.�</p><p>Volodi blickte auf die Klinge in der Wand. Das Metall schimmerte �lig.</p><p>�Ich werde wiederkommen�, sagte er mit fester Stimme.</p></section><section><title><p>Das Vibrieren im Bauch</p></title><p>Er ist wirklich kein guter T�nzer, dachte Shaya. Ob er ein guter Mann war? Zumindest sah er gut aus. Und er schien Sinn f�r Humor zu haben. Leider war er etwas zu sch�chtern. War sie nicht deutlich genug gewesen? Noch nie hatte sie ein Mann angesehen, wie er es tat. Sie sah nicht schlecht aus, das wusste sie. Sie wusste auch um die Wirkung ihres L�chelns und ihrer tiefen Blicke. Und doch war sie immer zur�ckhaltend gewesen. Selbst wenn sie ein Gesicht h�tte, bei dessen Anblick die Milch sauer wurde, h�tten ihr die M�nner in Scharen den Hof gemacht. Es ging dabei nicht um sie. Wer sie heiratete, der geh�rte zur Familie des Unsterblichen. Deshalb konnte sie sich bei Liebesschw�ren niemals sicher sein. Selbst wenn sie den Kopf voller wei�er Haare h�tte, w�re sie immer noch ein attraktives Tauschobjekt. Aaron hingegen hatte sie geglaubt, als er ihr gesagt hatte, dass sie f�r ihn etwas Besonderes war. Er war selbst ein Unsterblicher. Es gab f�r ihn keinen Grund zu l�gen � Und trotzdem war es nicht klug, mit ihm hier oben zu sein! Wie er sie ansah! Als Kind hatte sie einmal einen Hund gehabt, der sie immer so angesehen hatte, bis er gro� genug war, um in den Kochtopf zu kommen. Dieser Blick passte nicht zu einem Unsterblichen! Er war seltsam. Sie hatte erz�hlen h�ren, dass er die Toten in Isatami auf die Stirn gek�sst habe. Die einfachen Palastdienerinnen! Und nun tanzte er f�r sie auf dem federnden R�cken des Wolkensammlers, die Arme seitlich ausgestreckt, um auf dem unsicheren Grund die Balance zu halten. Manchmal sch�ttelte er dabei �berraschend den Kopf, als glaube er selbst nicht, was er dort tat.</p><p>Auch sie tanzte nun. Mit kurzen, kr�ftigen Spr�ngen; die Augen geschlossen und ganz in ihre Erinnerungen versunken. So hatte sie fr�her f�r ihren Vater getanzt. In jener l�ngst vergangenen Zeit, als er noch manchmal ein L�cheln f�r sie gehabt hatte. Sie dachte an die gro�e Trommel im Zelt des Unsterblichen. Daran, wie ihre kleinen F��e den Rhythmus zu ihrem Tanz gestampft hatten. An das Vibrieren des straff gespannten Trommelfells unter ihren Sohlen. Den dumpfen Laut des Instruments, der tief in ihren Bauch gefahren war. Die Arme eng an den K�rper gelegt, hatten ihre F��e immer schneller gestampft. Man musste sich sehr in Acht nehmen beim Trommeltanz. Ein falscher Schritt auf dem schwingenden Fell und man wurde von dem Instrument abgeworfen. Vor den Augen ihres Vaters war ihr das zum Gl�ck nie passiert. Stets hatte sie den Tanz damit beendet, in seine Arme zu springen.</p><p>Wenn sie in einsamen N�chten zu einem der Wolkensammler schlich, um im Himmel zu tanzen, dann war die Erinnerung an jenen freundlichen Vater, der sie gerne in seine Arme geschlossen hatte, so nah, als sei seit dem letzten Tanz f�r ihn nur ein Augenblick verstrichen und nicht viele Jahre.</p><p>Shaya blinzelte und blickte zu Aaron. Er wirkte auf charmante Art unbeholfen. Sie wusste, dass er sich bem�hte, ihr zu gefallen. Seit der letzten Umarmung ihres Vaters hatte kein Mann sie mehr z�rtlich ber�hrt. Sie war ein Schatz des Reiches. Die Tochter eines Unsterblichen! Leider ein Schatz, dessen Wert von Tag zu Tag schwand. Sie w�rde eine s�uerlich riechende alte Jungfer werden! Es gab keine Zukunft f�r Aaron und sie, denn es war den T�chtern von Unsterblichen verboten, ein Eheb�ndnis mit einem anderen Unsterblichen einzugehen. So sollte verhindert werden, dass zwei Reiche eine zu enge Allianz eingingen und das empfindliche Gleichgewicht zwischen den Gro�reichen gest�rt wurde. Nur wenn die g�ttlichen Devanthar einer solchen Hochzeit zustimmten, mochte das eherne Gesetz aufgehoben werden. Doch warum sollten sie ihre eigenen Gesetze aufheben? Nein, sie durfte sich nicht in Aaron verlieben! Durfte sich nicht davon geschmeichelt f�hlen, wie offensichtlich er sich um sie bem�hte! Es w�re besser, wenn sie ihn nicht mehr wiedersah.</p><p>Wolken zogen vor die Zwillingsmonde und tranken deren Licht. Regentropfen, fein wie Staub, umfingen sie. Der moosige Untergrund wurde rutschig. Sie konnte sehen, wie Aaron mehr und mehr M�he hatte, sich auf den Beinen zu halten. Seine Tunika klebte nass an seinem K�rper. Er war gut gebaut. Ein starker Mann. Wirre Haarstr�hnen hingen in sein Gesicht. Wer ihn jetzt sah und nicht kannte, w�re niemals auf die Idee gekommen, vor einem der m�chtigsten Herrscher der Menschheit zu stehen. Er sah aus wie ein ganz normaler Mann.</p><p>Sie konnte sp�ren, wie ihr Herz wilder schlug.</p><p>Ihre alte Sehnsucht war erwacht. Jenes warme, schmerzliche Gef�hl, das sie seit so vielen Jahren verdr�ngte. Mit Kampf�bungen verdr�ngte, mit wilden T�nzen oder der geistigen Askese durch das Studium alter Philosophen. Und doch kehrte es beharrlich immer wieder, stets zu unpassender Zeit. Die Sehnsucht, umarmt zu werden. Die Sehnsucht, eine ganz normale Frau zu sein. Keine Prinzessin. Kein � Sie rutschte aus.</p><p>Aaron schnellte vor, griff nach ihrer Hand, zog sie zu sich heran � und glitt ebenfalls aus. Er st�rzte, ohne sie loszulassen. Hart fiel sie auf seine Brust und sp�rte seinen warmen Atem auf ihrem Gesicht. Er hielt sie immer noch fest. Sein Blick war tief, voller unausgesprochener W�nsche. Und dann hob er den Kopf � langsam, fast als wolle er ihr die Gelegenheit geben, ihn abzuweisen. Seine Lippen fanden die ihren � und verweilten dort. Es war ein langer Kuss. Ganz anders als jeder Kuss, der ihr zuvor geschenkt worden war. Seine Arme umfingen sie und Shaya sp�rte ein Vibrieren tief in sich, so wie damals, als sie auf der Trommel getanzt hatte. Doch diesmal wurde es von einer unbekannten W�rme begleitet. Von einem s��en Schmerz �</p><p>Sie zuckte zur�ck. Sofort l�ste sich die Umarmung. Aaron setzte sich auf. Er l�chelte, versuchte aber nicht, sie erneut an sich zu ziehen.</p><p>�Das ziemt sich nicht�, sagte sie leise und war sich mehr als bewusst, dass der Klang ihrer Stimme eine andere Sprache sprach. Sie hatte sich geborgen gef�hlt und mehr � es durfte nicht wieder geschehen!</p><p>Er sah sie lange an � aufmerksam, offen. Und <emphasis>verletzbar</emphasis>, erkannte sie.</p><p>�Wir sind allein. Hier entscheiden nur wir, was sich ziemt und was nicht.�</p><p>�Wir d�rften aber nicht hier sein ��</p><p>�Und doch sind wir es. Jeder aus freien St�cken.� Er sah sie unverwandt an. Nicht fordernd, doch seine Sch�chternheit war gewichen. Sie dachte an die Geschichten, die man sich �ber ihn erz�hlte. Daran, dass er immer wieder Dinge tat, die niemand von einem Unsterblichen erwartete. W�rde sie einen Mann wollen, der immer wieder Dinge tat, die sie nicht von ihm erwartete? �Die Devanthar verbieten ��</p><p>�Es ist mir gleich, was die G�tter verbieten, denn sie sind nicht gerecht. Deshalb unterwerfe ich mich nicht ihren Gesetzen. Die einzige Macht, die mich aufhalten kann, bist du.�</p><p>Sie starrte ihn mit weiten Augen an, war tief ger�hrt und zugleich entsetzt. Sie glaubte ihm. Aaron wollte sie. Sie war sich nicht sicher, warum er so stark f�r sie empfand. Aber die G�tter herausfordern � An der Seite eines solchen Mannes w�rde es niemals Frieden geben.</p><p>Tief unter ihnen erklang ein Trinklied. Es war eine br�chige, alte Stimme, die sang. Eine Stimme, der man anh�rte, dass die Kehle, der sie entsprang, in dieser Nacht in Wein gebadet hatte.</p><p>�Der Mann, der mich heimlich zur�ck in den Palast bringen soll�, sagte Aaron.</p><p>�Wir haben einen langen Abstieg.� Sie war erleichtert, sich nicht entscheiden zu m�ssen. Shaya stand auf, doch Aaron r�hrte sich nicht.</p><p>�Willst du mich wiedersehen?�</p><p>�Das ist nicht leicht. Ich kann nicht so schnell noch einmal hierherkommen. Es w�rde auffallen �� Was f�r alberne Ausfl�chte! Sie dachte an das Vibrieren in ihrem Bauch. Daran, wie sehr sie sich danach gesehnt hatte, noch einmal umarmt zu werden. �Ja, ich will�, sagte sie entschieden.</p><p>Ihm war seine Erleichterung anzusehen. �Dann werde ich einen Weg finden.�</p><p>Und ich auch, dachte sie. Wir werden einen Weg finden. Gemeinsam.</p></section><section><title><p>Gesch�fte</p></title><p>Volodi blickte die Stra�e zur�ck. Der feine Regen hatte aufgeh�rt. Strahlend hell standen die Zwillingsmonde �ber der Stadt. Viel zu hell f�r eine Nacht dunkler Gesch�fte.</p><p>Zu dieser Stunde war kaum noch jemand unterwegs. Obwohl der schmierige kleine Kerl mit den Wurfmessern sich stets im Schatten hielt, war er auf der offenen Stra�e leicht auszumachen. Er folgte ihm mit etwas mehr als zehn Schritt Abstand.</p><p>Der Drusnier blickte zu den hohen Steinfassaden. Dies war eines der reicheren Stadtviertel. Manche H�user schm�ckten sich mit Figuren aus gegossener Bronze. Sie schimmerten l�ngst nicht mehr golden, aber dennoch zeigten sie, dass die Bewohner reich genug waren, um ein kleines Verm�gen f�r den Schmuck ihres Hauses auszugeben. Hier ein Haus zu erwerben war ziemlich teuer gewesen. Volodi war erst zweimal zuvor hierhergekommen. Nicht weil er es nicht mochte � Im Gegenteil! Es tat ihm leid, an diesem wunderbaren Gesch�ft nicht beteiligt zu sein.</p><p>Der Drusnier stieg die schmale Treppe zum Eingang hinab. An der T�r lungerte ein hagerer, stoppelb�rtiger Kerl herum. �Na, Atmos? Bist dich froh, wieder ein Tag nicht glotzen auf Pferdearsch? �</p><p>Der T�rsteher grinste ihn an und zeigte einen Oberkiefer ohne Z�hne. �Verdammt froh, von den Streitwagen fort zu sein. Und die �rsche, die es hier zu sehen gibt, sind nun mal h�bscher als die von den Pferden.�</p><p>�Ist sich Kerl hinter mir, mit Gesicht wie Ratte, das sich ist halb tot. Wenn sich kommt, lass ihn rein. Nicht nix fragen was will.�</p><p>Atmos nickte und �ffnete Volodi die schwere Holzt�r.</p><p>Der Drusnier durchquerte einen kurzen Flur, in dem Hunderte von Perlschn�ren von der Decke hingen und den Blick versperrten. Der Duft von Rosen�l und roten Kirschbl�ten umfing ihn. Irgendwo jenseits der Schn�re aus schillernd bunten Tonperlen erklang leises Fl�tenspiel. Es war warm hier drinnen. Zu warm. Gro�e, hellblaue Augen schimmerten zwischen den Perlschn�ren. Ein goldhaariges M�dchen begr��te ihn mit einem vieldeutigen L�cheln. Sie trug nur einen Rock. Er schien aus denselben Perlschn�ren gefertigt zu sein wie die Vorh�nge. �Womit kann ich dir dienen, mein Sch�ner?� Sie beherrschte seine Muttersprache!</p><p>Volodi musterte sie. �Du bist neu hier, nicht wahr? Wie hei�t du?�</p><p>�Djamile.� Ihr Blick hatte nun etwas Herausforderndes, als habe er einen Fehler gemacht.</p><p>�Ich will zu Kolja.�</p><p>�Der ist nicht hier�, antwortete sie ein wenig zu schnell.</p><p>�Djamile, ich bin der Mann, der die Freiwachen f�r Kolja einteilt. Damit bin ich auf ganz Nangog wohl derjenige, der am besten dar�ber unterrichtet ist, wo sich dieser ungewaschene Hurenbock aufh�lt und wo nicht. Richte ihm aus, Volodi m�chte ihn sehen.�</p><p>Er trat an ihr vorbei in einen Raum, der mit Bedacht im Halbdunkel lag. Mit anz�glichen Szenen bemalte Wandschirme sorgten f�r Sichtschutz und schufen verwinkelte Nischen. In der Mitte des Raums stand ein Brunnen, um den ein halbes Dutzend sp�rlich bekleideter M�dchen kauerte. Alle blickten pflichtbewusst zu ihm auf. Ihr L�cheln war m�de. Blassgraue Rauchschwaden hingen in der Luft. Der Rauch kratzte im Hals, aber irgendwie sorgte er schnell f�r ein wohliges, warmes Gef�hl im Bauch. Obwohl er der alles beherrschende Geruch war, konnte er die anderen D�fte nicht ganz verdr�ngen. Den Odem von schwerem, s��em Wein und Schwei�geruch von M�nnerleibern. Ein paar Stunden zuvor musste es hier noch sehr voll gewesen sein. Der Gedanke daran versetzte Volodi einen leichten Stich. Der Laden war wirklich ein gutes Gesch�ft. Ein Gesch�ft, an dem er nicht teilhatte, obwohl er es unterst�tzte. Als sie erfahren hatten, dass sie mit dem Unsterblichen nach Nangog in die Goldene Stadt gehen w�rden, war Kolja mit der Idee gekommen, den M�nnern ihre Beute aus der Minenstadt abzuquatschen und das Gold in Lustsklavinnen zu investieren. Keine billigen Kneipenhuren, sondern jene kostbaren Gesch�pfe, die dazu ausgebildet wurden, in den Frauengem�chern der Satrapen zu verschwinden. M�dchen, die jede der sechsunddrei�ig K�nste der Verf�hrung beherrschten. Jeder wusste, dass es zu wenige Frauen auf Nangog gab. Deshalb war ihnen auch von Anfang an klar, dass sie gewiss nicht die Ersten waren, denen es einfiel, ein Freudenhaus in der Goldenen Stadt zu er�ffnen. Ihres aber sollte besonders sein. Ein Ort, an den die reichen H�ndler und die W�rdentr�ger der Pal�ste kamen, um ihre geheimen Tr�ume auszuleben. M�nner, die bereit waren, ein Goldst�ck f�r eine besondere Nacht auszugeben. Kein billiger Puff f�r die Lastentr�ger der Ankert�rme oder die Schiffer der Flussk�hne.</p><p>Volodi war �berzeugt, dass jeder, der sein Gold in dieses Gesch�ft gesteckt hatte, sehr reich werden w�rde. Er war nicht daran beteiligt, weil dem verdammten Kriegsmeister nicht verborgen geblieben war, was vor sich ging. Auch nach dem gemeinsamen Sieg in Luwien misstraute er den S�ldnern und Piraten, und Juba hatte ihm unmissverst�ndlich zu verstehen gegeben, dass es sich f�r einen Hauptmann der Palastwache nicht ziemte, in solche anr�chigen Gesch�fte verwickelt zu sein.</p><p>Volodi w�rde die Art, wie die Adeligen Arams dachten, niemals begreifen. Es war in Ordnung, wenn man Kinder zum Arbeiten in Kupferminen schickte oder sein Geld im Sklavenhandel investierte. Aber ein h�bsches Bordell � das war undenkbar f�r sie. Es war heldenhaft, auf dem Schlachtfeld mit Speeren bewaffnete Bauern niederzumachen, die gegen die gut ger�steten und ein Leben lang im Kampf ge�bten Adelskrieger hoffnungslos unterlegen waren. Aber hier an der T�r zu stehen und einem besoffenen Mistkerl, der die M�dchen schlug, die Z�hne in den Rachen zu schieben, war ehrenr�hrig. Volodi seufzte. Es musste daran liegen, dass er ein Barbar war, dass er die feinen Unterschiede nicht begriff.</p><p>Er blickte zur T�r. Sein Schatten hatte sich noch nicht hereingewagt. Wahrscheinlich wurde das kleine Rattengesicht mit jedem Herzschlag unruhiger. Musste er doch bef�rchten, dass Volodi durch einen Hinterausgang verschwand.</p><p>Der Drusnier l�chelte versonnen. Dieser Blasrohrfurzer hatte nicht die mindeste Ahnung, worauf er sich hier eingelassen hatte. Kaum drei Tage nachdem Kolja diesen Laden aufgemacht hatte, hatte er Besuch bekommen und die deutliche Botschaft, dass er hier unerw�nscht war. Noch so ein Kerl, der keine Ahnung gehabt hatte.</p><p>Eine Hand legte sich auf Volodis Schulter. Er zuckte zusammen und drehte sich um. Hinter ihm ragte Kolja auf. Ein H�ne von einem Mann. Wer es nicht selbst erlebt hatte, w�rde nicht glauben, dass sich dieser Fleischberg lautlos wie eine Katze bewegen konnte.</p><p>�Du hast dich lange nicht blicken lassen, Kamerad.� Ein Unterton in seiner Stimme lie� Volodis Nackenhaare zu Berge stehen. Kolja sah zum F�rchten aus. Fast zwei Schritt gro�, mit der Statur eines B�ren. Hellblaue Augen blickten unter schweren, fleischigen Lidern hervor. Seine Nase war mehrfach gebrochen und nur noch ein formloser Klumpen; das Gesicht von Narben entstellt. Kolja hatte keine Augenbrauen mehr. Sein linkes Ohr war eine verschrumpelte Kugel, deren Form an die zur Faust geballte Hand eines Neugeborenen erinnerte. Der Drusnier war jahrelang Faustk�mpfer gewesen � ein Meister in jenen K�mpfen, in denen sich die Streiter mit Bronze beschlagene Lederriemen um die F�uste wickelten. Kolja war nicht ber�hmt f�r eine besonders ausgefeilte Technik gewesen. Er hatte einfach mehr Treffer einstecken k�nnen als jeder andere, wohingegen in der Regel ein einziger Treffer von ihm gen�gte, um seine Gegner Blut spuckend zu Boden zu schicken.</p><p>�Du warst tagelang nicht im Palast, Kamerad.�</p><p>Kolja l�chelte, was kein erfreulicher Anblick war. �Gesch�fte�, raunte er vielsagend. �Juba schn�ffelt also herum. Du solltest dich wieder dem Gesch�ft des Wachpl�neaufstellens widmen und diesem hochwohlgeborenen Pisser vorgaukeln, dass die H�lfte von uns krank ist und die anderen deshalb doppelte Wachschichten schieben. Das kann doch nicht schwer sein, oder?�</p><p>Volodi ignorierte den drohenden Unterton. �L�uft dein Gesch�ft schlecht?�</p><p>�Nein, verdammt. Es l�uft sehr gut. Ich brauche mehr M�nner. Wir haben drei andere L�den �bernommen.�</p><p>��bernommen?�</p><p>�Es hat mit diesem d�mlichen Dirnenschinder aus Truria angefangen. Nach dem kleinen �rger, den wir mit ihm hatten, hielt er es f�r eine gute Idee, hier mit sieben Schl�gern aufzukreuzen und mir zu drohen.� Wieder schenkte Kolja ihm sein unvergessliches L�cheln. �Nachdem wir mit ihm fertig waren, mussten wir den Laden einen Tag lang zumachen und die W�nde neu t�nchen lassen.�</p><p>�Ich hoffe ��</p><p>�Es wird keinen �rger mehr wegen dieses Truriers geben. Er und seine Kumpane sind einfach verschwunden. Ich hab sie Atmos �berlassen. Er hat sie in kleine St�cke zerlegt. Sehr kleine � Und diese St�cke hat er an ein paar von diesen Stra�enbr�tern verkauft.�</p><p>Volodi musste an den Fleischspie� denken, den er vor ein paar Stunden gegessen hatte. An die dicke Gew�rzkruste, unter der man das Fleisch gar nicht mehr sehen konnte. Er schwor sich, nie wieder etwas an so einem Stra�enstand zu essen.</p><p>�Danach konnten wir zwei Gesch�fte �bernehmen, weil die Besitzer eingesehen haben, dass sie kaum etwas wert sind und es kl�ger ist, die Stadt zu verlassen. Aber jetzt gibt es Ger�chte, dass sich die Luden zusammenrotten und uns demn�chst einen Besuch abstatten wollen.�</p><p>Volodi sah sich um. �Noch eine Schl�gerei? Das wird die Kundschaft nicht begeistern ��</p><p>�Nein.� Kolja hob abwehrend seine riesigen, vernarbten H�nde. �Du verstehst das Gesch�ft einfach nicht. Die wollen den Laden �bernehmen, nicht ruinieren. Die werden sehr sp�t in der Nacht kommen. So etwa zu dieser Stunde vielleicht.� Er sah Volodi durchdringend an. �Und dann werden sie uns lang machen und an die Hunde verf�ttern. Oder an die Kerle, die sich Fleischspie�e bei Stra�enbr�tern kaufen. Ich brauche mehr M�nner, Volodi. Du musst die Wachpl�ne noch einmal umstellen. Ich hab schon mit den Kameraden gesprochen. Alle sind bereit, doppelte Wachen zu schieben, damit wir hier mehr von unseren Jungs zusammenziehen k�nnen. Es wird nur f�r ein paar Tage sein.�</p><p>Volodi fragte sich, wie lange es wohl dauern w�rde, bis die Zuh�lter und Schl�ger der Goldenen Stadt begriffen, dass Kolja anders war. Und dass hinter ihm fast siebenhundert schlachterprobte S�ldner standen. Und wie lange w�rde es dauern, bis Juba durchschaute, in was f�r Gesch�fte der zwielichtigere Teil der Palastwache verwickelt war.</p><p>�Besteht eine Aussicht, deine Gesch�fte ohne weiteres Blutvergie�en zu regeln?�</p><p>�Was ist das denn f�r eine Frage? Glaubst du, ich hab keine Ahnung? Hab ich vielleicht dumme Fragen gestellt, als du mich damals vor diesem verfluchten Pass um einen Gefallen gebeten hast? Wir sind Landsm�nner, Volodi. Vergiss das nicht.�</p><p>Volodi seufzte. Nein, er w�rde es sicherlich nicht vergessen. Kolja w�rde ihn gewiss ein Leben lang daran erinnern, dass er ihm einen Gefallen schuldete. Bevor es �ber den Pass ging, hatte er Kolja gebeten, als Wortf�hrer der Zweifler aufzutreten. Volodi war bewusst gewesen, dass die S�ldner vor dem gef�hrlichen Saumpfad zur�ckschrecken w�rden. Und er hatte Juba nicht zugetraut, sie mit einer flammenden Rede zu �berzeugen. Juba war ein guter Kriegsmeister und ein treuer Gefolgsmann, aber ein Redner war er einfach nicht. H�tte jemand gegen Juba gesprochen, der sich darauf verstanden h�tte, die Herzen der M�nner zu gewinnen, w�re alles in einer Katastrophe geendet. Kolja hatte sich bewusst nicht allzu gut geschlagen und am Ende �berzeugen lassen.</p><p>�He, Bruder, mach nicht so ein Gesicht.� Kolja schien bemerkt zu haben, dass er es mit dem Einfordern von Gef�lligkeiten �bertrieb. �Dieser kleine Ludenkrieg wird nicht lange dauern. Wenn die Zuh�lter hier erst einmal begriffen haben, dass ein frischer Wind weht und es kl�ger ist, nicht gegen den Sturm zu steuern, dann ist auch mit dem Blutvergie�en Schluss.�</p><p>Als Volodi die Idee gehabt hatte ein Freudenhaus aufzumachen, hatte er nicht mit dem Ehrgeiz des Faustk�mpfers gerechnet. Aber das hatte wohl niemand. �Wann ist denn f�r dich Schluss?�</p><p>�Willst du den Schwanz einkneifen? Es h�rt nie auf! Aber zun�chst einmal reicht es, wenn wir das Gesch�ft mit den M�dchen �bernehmen.�</p><p>�In der ganzen Stadt?�</p><p>�Nat�rlich! Frieden kann es nur geben, wenn jeder Widerstand gebrochen ist. Es ist auch besser f�r die M�dchen. Wir sind netter zu denen. Ich habe einen eigenen Koch hier. Jede bekommt zu essen, was sie gerne mag. Das macht sonst niemand.�</p><p>Volodi blickte zum Brunnen. �Die M�dchen hier sehen m�de aus. Ist es nicht besser, wenn du sie ein bisschen mehr schlafen l�sst? Dann kommen sie besser an.�</p><p>Kolja strich sich nachdenklich �ber das Kinn. �Aus dir wird man nicht schlau, Kamerad. Sagst du das jetzt, weil du ein romantischer Trottel oder weil du ein eiskalter Lude bist?�</p><p>Volodi l�chelte mit schmalen Lippen. �Eines Tages wirst du es herausfinden �� Er fragte sich, ob er aus den Verstrickungen mit Kolja und den anderen jemals wieder herausfinden w�rde. Es war alles so schnell gegangen. Und so anders geworden, als er sich das vorgestellt hatte.</p><p>Der Perlvorhang am Eingang klickte leise. Volodi blickte auf. Ein d�rrer, gro� gewachsener Kerl torkelte herein. Er legte dem M�dchen am Eingang die Arme um den Hals und die beiden verschwanden fl�sternd hinter einem der Wandschirme.</p><p>Kolja war seinem Blick gefolgt. �Erwartest du jemanden?�</p><p>�Ich nehme kein Geld f�r die Gefallen, die ich dir tue�, entgegnete Volodi. �Allerdings hei�t das nicht ��</p><p>�Ah, jetzt kommt die Rechnung. Da du aussiehst, als w�re ein Streitwagen �ber dich hinweggeprescht, nehme ich an, wir tauschen nun Gefallen gegen Gefallen. Wen soll ich umbringen?�</p><p>Volodi erz�hlte von dem kleinen Mann, der ihm folgte. Den Rest der Geschichte verschwieg er.</p><p>�Soll er schnell oder langsam sterben?�</p><p>�Am meisten n�tzt er mir, wenn du ihn mir lebend bringst. Und am besten in einem Zustand, dass er noch auf seinen eigenen Beinen stehen kann.�</p><p>Kolja l�chelte verschlagen. �Das hei�t, wir k�nnen ihm die Arme brechen?�</p><p>�Bring ihn mir in einem St�ck. Und nimm dich in acht � der Kleine ist wieselflink. Er ist gut mit Messern und benutzt au�erdem ein Blasrohr mit vergifteten Pfeilen.�</p><p>Der Faustk�mpfer stie� einen grunzenden Laut aus. �Sieh mich an. Wieselflink war noch nie genug gegen gro� und gemein.�</p><p>�Es ist besser, wenn ihr nicht durch die Vordert�re ��</p><p>Kolja erhob sich. �Ich mache so etwas nicht zum ersten Mal. Stell dich einfach unauff�llig an ein Fenster und sieh zu.� Mit diesen Worten verschwand der H�ne.</p></section><section><title><p>Drachen und Elfen</p></title><p>Gonvalon strich �ber die warmen, weichen N�stern seines Pegasus und Nachtschwinge schnaubte leise. Er hatte den schwarzen Hengst lange nicht mehr gesehen. Sie standen auf einer einsamen Wiese, ein St�ck von der Wei�en Halle entfernt. Es war ein frostiger Morgen. Feiner Schneegriesel trieb mit dem Wind.</p><p>�Sieh mich nicht so an.� Gonvalon hatte das Gef�hl, der Pegasus wusste, dass etwas mit ihm nicht stimmte.</p><p>�Er hat mehr Verstand als du�, sagte Lyvianne bei�end.</p><p>�Dann ist es wohl gut, dass er bei mir ist, um auf mich aufzupassen. �</p><p>�Spricht da noch der Gonvalon, den ich einst kannte? Der beherrschte Schwertmeister? Ewiger Rivale von Nodon? Immer gut f�r eine Aff�re mit einer Sch�lerin? Selten humorvoll, doch meist stilsicher?�</p><p>�Dieser Gonvalon ist auf dem H�gel Matha Nahts geblieben.� Er sagte das ohne Bitternis. Es war eine Tatsache, mit der er sich in den letzten Wochen abzufinden gelernt hatte.</p><p>�Aber diese Reise � wohin soll sie f�hren? Du wei�t nicht einmal, ob Nandalee noch lebt.�</p><p>�Ich bin zu Matha Naht gegangen, damit sie verhindert, dass die magische Verbindung zwischen Nandalee und Piep verblasst. Sie hat ihren Teil unseres Paktes erf�llt. Wenn ich meine Suche nicht fortsetze, dann war mein Opfer vergebens.�</p><p>�Man macht einen Fehler nicht ungeschehen, indem man den n�chsten begeht�, entgegnete Lyvianne. In ihrer Stimme klang ein Hauch von Resignation.</p><p>�Ich w�rde wieder zu diesem b�sartigen alten Holunderweib gehen, wenn ich daf�r hoffen d�rfte, Nandalee zu finden.�</p><p>�Ich wei�.�</p><p>Die Art, wie sie es sagte, ber�hrte Gonvalon. Er hatte das absurde Gef�hl, dass sie stolz auf ihn war, obwohl es daf�r objektiv gesehen keinen Grund gab. Er war gerade dabei, eine Dummheit, die ihn f�r sein Leben gezeichnet hatte, durch eine noch gr��ere Dummheit zu �bertrumpfen. Er konnte nicht einmal wirklich reiten. Mit einem Anflug von Selbstmitleid blickte er zum Geschirr, das auf den R�cken von Nachtschwinge geschnallt war. �blicherweise gab es nur einen flachen Sattel, in den Lederschlaufen eingelassen waren, damit der Reiter stehen konnte und seine Beine nicht den Fl�gelschlag des Pegasus behinderten, doch sein neuer Sattel war ganz anders. Zwei Holzstangen ragten �ber der Kuppe des Hengstes auf. D�nne Lederriemen waren dazwischen gespannt, sodass die ganze Konstruktion an eine lange, schmale Stuhllehne erinnerte. Und genau das war ihr Zweck. Er musste stehen w�hrend des Fluges. Oder kauern. Beides ging nicht, wenn man seinen Beinen nicht mehr vertraute. Sie nicht mehr f�hlte! Sosehr er sich bem�ht hatte, er war ein Kr�ppel. Er bewegte sich unsicher. Er strauchelte leicht, selbst wenn er Kr�cken benutzte. Ihm war klar, dass es nur eine Illusion war und dass seine Beine nicht unterhalb der Knie zerfleischt waren. Sie waren vollkommen gesund. Aber seine Wahrnehmung war es nicht mehr! Er konnte es einfach nicht beherrschen, sosehr es auch versuchte. Also musste er sich w�hrend des Fluges zur�cklehnen k�nnen. Er brauchte Halt. Eine Kr�cke, selbst im Sattel!</p><p>�Du nimmst wenig Proviant mit�, bemerkte Lyvianne.</p><p>�Die Reise wird nicht sehr lange dauern.�</p><p>�Du wei�t also, wohin dich diese rote Kraftlinie f�hren wird?�</p><p>Er nickte. �Sagen wir es so � ich habe einen Verdacht.�</p><p>Lyvianne hob fragend eine Braue, doch er ignorierte es. Sosehr sie sich auch um ihn bem�ht hatte, in dieser Angelegenheit konnte er ihr nicht trauen. Er vertraute niemandem in der Wei�en Halle.</p><p>F�r Gonvalon lag es auf der Hand, dass Nandalee sich � wenn sie noch lebte � bei einer der Himmelsschlangen befinden musste. Wer durch das Fenster trat, gelangte zu einem der gro�en Drachen. So war es immer gewesen. Das musste zwar nicht stimmen, wenn sich das Fenster durch einen ungl�cklichen Zufall ge�ffnet hatte � aber daran wollte Gonvalon nicht glauben. Je l�nger er dar�ber nachgedacht hatte, desto mehr war er zu der �berzeugung gelangt, dass eine der Himmelsschlangen Nandalee zu sich gerufen hatte. Nur die Regenbogenschlangen hatten die Macht, dieses Fenster zu �ffnen. Es war naiv zu glauben, dass Nandalee es allein getan hatte! Und Gonvalon hatte auch eine ganz bestimmte Himmelsschlange in Verdacht.</p><p>�Du willst mir nicht sagen, wohin du reisen wirst?�</p><p>�Ich danke dir daf�r, wie du mir in den vergangenen Wochen geholfen hast.� Lyvianne hatte unz�hlige Stunden mit ihm verbracht. Aber er traute ihr nicht. Er wusste nicht einmal sicher, welcher der Himmelsschlangen sie sich verschrieben hatte, argw�hnte allerdings, dass auch sie dem Goldenen diente, so wie er es tat. Wenn ein Sch�ler der Wei�en Halle seine letzte Pr�fung bestanden hatte, dann wurde er von einer der Himmelsschlangen erw�hlt. Beide zogen sich dann zur�ck, um einander tief kennenzulernen. Waren sie im Geiste eins miteinander, stach die Himmelsschlange ein Bild in den K�rper des Elfen. Das Ritual konnte viele Tage dauern und war nicht vom Willen der beiden gelenkt. Und jedes Bild sah anders aus. Es spiegelte ihrer beider Charakter und die Art des Bundes, den sie eingingen. Manche Bilder waren von einfacher Art und erschlossen sich auf den ersten Blick, so wie das, das er auf seinem R�cken trug. Andere wiederum erstreckten sich �ber Arme und Beine, und es war unm�glich sie mit einem einzigen Blick zu erfassen. War das Bild aus Blut, Schmerz und gemeinsamer Hingabe vollendet, war der Bund zwischen Elf und Drache besiegelt. Es war ein Bund, der nur durch den Tod gel�st werden konnte.</p><p>Lange schon hatte der Goldene Gonvalon nicht mehr gerufen. Seit Nandalee verschwunden war. Ob sein Meister billigen w�rde, was er getan hatte? Falls Lyvianne dem Goldenen diente � hatte sie ihn dann verraten? Welches Bild wohl in ihre Haut gestochen war? Er w�rde es nie erfahren. Der Bund mit den Himmelsschlangen war etwas, wor�ber man nicht sprach. Nicht einmal mit anderen Drachenelfen. Denn es gab R�nkespiele zwischen den Himmelsschlangen, und manchmal wurden die Elfen darin verstrickt. Allein deshalb war es nicht klug, preiszugeben, auf wessen Seite man stand. Es war auch m�glich, dass er sich irrte und Lyvianne sich genau jener Himmelsschlange verschrieben hatte, zu der er nun reisen w�rde. Auch er w�re ein angemessener Meister f�r sie. Machtvoll, d�ster und undurchsichtig.</p><p>Lyvianne l�chelte zynisch. Es war nicht schwer zu erraten, warum er �ber sein Reiseziel schwieg. �Du willst vor eine der Himmelsschlangen treten und kannst dich kaum auf den eigenen Beinen halten?�</p><p>�Ich brauche sogar jemanden, der mir in den Sattel hilft.�</p><p>�Ich glaube, es haben nicht nur deine Beine, sondern vor allem dein Verstand Schaden genommen.�</p><p>�Sagt man nicht, dies sei eine der Gefahren der Liebe? Und sieh es einmal von der anderen Seite. Welche Zukunft habe ich hier? Ich hasse es, bemitleidet zu werden. Nicht nur ich gehe den anderen aus dem Weg, umgekehrt ist es ebenso. Sie vermeiden es, mir in die Augen zu sehen, wenn wir uns zuf�llig begegnen. Meister wie Sch�ler. Ist es nicht besser, heldenhaft in einer Schlacht unterzugehen, die zu schlagen sich lohnt, als ein Leben vor gesenkten Blicken zu f�hren?�</p><p>Statt zu antworten, verschr�nkte Lyvianne ihre H�nde ineinander. Gonvalon griff nach einer der Fu�schlaufen des Sattels, setzte einen Fu� auf Lyviannes H�nde und zog sich hoch.</p><p>Nachtschwinge schnaubte, als wolle der Hengst ihn willkommen hei�en. Er stand ganz still.</p><p>Gonvalons Finger krallten sich in die Lederriemen der Lehne, die sich �ber den Sattel erhob. Verbittert zog er sich daran hoch.</p><p>Lyvianne half ihm, die F��e, die er weder sehen noch f�hlen konnte, in die Schlaufen auf dem Sattel zu f�hren. Dann blickte sie zu ihm auf. �Ich w�nsche dir eine gute, letzte Schlacht. Einer Himmelsschlange trotzen zu wollen ist so verr�ckt wie ehrenvoll. Ich bin stolz, einen Teil deines Weges mit dir gegangen zu sein. Lebe wohl, Winterkind.�</p><p>Der Pegasus hob sich in die L�fte und Gonvalon sp�rte den Nachtwind auf seinem Gesicht. Unter ihm wurde Lyviannes helle Gestalt schnell kleiner. Lyvianne hatte recht. Er zog nicht aus, um Nandalee zu finden, er ritt sehenden Auges in seinen Untergang.</p></section><section><title><p>Adler und Jaguare</p></title><p>Volodi stand nun schon eine halbe Stunde am Fenster im dritten Stock und noch immer hatte sich nichts getan. Bald w�rde die D�mmerung ihre fahlen Finger nach den Gassen der Stadt ausstrecken. Der Blasrohrsch�tze wartete auf ihn immer noch dort. Er lauerte im Schatten eines Hauseingangs. Wenn er sich bewegte, konnte Volodi manchmal einen Herzschlag lang das harte, hagere Gesicht des Mannes sehen. Ja, er hatte das absurde Gef�hl, sein Verfolger k�nne auch ihn sehen. Dabei war das schlechterdings unm�glich! Volodi sp�hte durch den Spalt eines Fensterladens, der kaum einen Fingerbreit ge�ffnet war. Und er verhielt sich v�llig ruhig. Er war ein Schatten unter Schatten. Unsichtbar! Auch f�r diesen kleinen, Blasrohrpfeile verschie�enden Mistkerl!</p><p>Lautes Gr�len erklang weiter die Stra�e hinauf. Warum dauerte das alles so lange? Was zum Henker tat Kolja? Volodi musste an Mitja denken. Er hatte ihm versprochen, in einer Stunde zur�ck zu sein. Die Stunde war l�ngst vor�ber.</p><p>Drei schwankende Gestalten n�herten sich; sie sangen aus voller Brust und herzzerrei�end schief eine bekannte Ballade aus seiner Heimat. Das Lied eines S�ufers und Weiberhelden. Der Gr��te in der Mitte der Zecher, ein wahrer H�ne, war unverkennbar Kolja.</p><p>Der Blasrohrsch�tze dr�ckte sich tief in den Schatten des Hauseingangs und gab sich alle M�he nicht aufzufallen. Das Trio kam unaufhaltsam n�her. Sie torkelten von einer Stra�enseite zur anderen. Einer von ihnen st�rzte. Atmos! Verdammt! Warum hatte Kolja ihn mitgenommen? Weil er gut mit Messern war. Konnte dieser verdammte Hurenbock nicht denken? Wahrscheinlich hatte der kleine Schei�er aus Zapote den T�rsteher in der letzten Stunde ein halbes Dutzend Mal gesehen. Er k�nnte sich denken � Der Blasrohrsch�tze rannte los. Im selben Augenblick spurtete auch das Trio vor und weitere M�nner kamen vom anderen Ende der Stra�e. Es gab keine Gasse, keinen Abzweig. Etwas Schimmerndes sirrte durch die Luft. Ein Messer! Einer der Schl�ger aus der zweiten Gruppe ging zu Boden. Dem Kleinen flog derweil ein Kn�ppel zwischen die Beine; er st�rzte und kam erstaunlich schnell wieder hoch. Jetzt hatte er sein verdammtes Blasrohr an den Lippen. Einer von Koljas Halsabschneidern schlug fluchend nach seinem Hals, als habe ihn eine M�cke gestochen. Dann lachte er. Hatte Kolja sie nicht gewarnt? Wussten sie nicht, was es mit den Pfeilen auf sich hatte?</p><p>Der Meuchler aus Zapote duckte sich unter einem Dolchsto� und trat einem von Koljas Schl�gern in die Kniekehle. Diesmal wehrte er sich wesentlich effektiver als in der Gasse, wo er ihn gestellt hatte, dachte Volodi. Hier war auch mehr Platz. Und vor allem schien der Kleine nicht �berrascht zu sein. Wahrscheinlich hatte er l�ngst mit einem Angriff gerechnet.</p><p>Wieder schoss ein Messer durch das helle Licht der Zwillingsmonde. Ein Mann schrie auf, dann war Kolja �ber dem Kleinen. Er t�uschte einen rechten Haken an. Der Zapoter wich aus und bewegte sich direkt in eine linke Gerade, die ihn mitten ins Gesicht traf. Sein Kopf wurde hart nach hinten gerissen. Er schlug schwer auf das Stra�enpflaster auf.</p><p>Volodi verlie� seinen Beobachtungsposten. Immer zwei Stufen auf einmal nehmend, st�rmte er die Treppen hinab und rannte hinaus auf die Stra�e. Keuchend griff er dem Zapoter an den Hals. Das Gesicht des Kleinen war eine formlose, blutige Masse. Volodi fand keinen Puls mehr. Der Blasrohrsch�tze war tot.</p><p>Volodi blickte zu Kolja auf. Der H�ne hatte bronzebeschlagene Lederriemen um seine F�uste gewickelt. �Du h�ttest mir sagen m�ssen, dass das Kerlchen Vogelknochen hat. Au�erdem hat er ziemlichen �rger gemacht. Sieh dir mal unsere M�nner an. Das war nicht ��</p><p>�Warum hat das so lange gedauert?�, zischte Volodi w�tend.</p><p>Kolja streckte bedrohlich die F�uste vor. �Meine Riemen � Ich musste jemanden in unser Quartier im Palast schicken, sie zu holen. Sie bringen mir Gl�ck.�</p><p>Volodi schluckte seine Wut herunter. Sie mussten los. �Einen Bruder aus Drus wird dein Aberglaube Kopf und Kragen kosten. Ich h�tte den Kleinen als Geisel gebraucht, um ihn auszutauschen. �</p><p>�So was musst du vorher sagen�, murrte Kolja. �Und der Kerl, um den es geht, kommt wirklich aus Drus?�</p><p>�Ja � und sie haben ihm verdammt noch mal schon die Ohren abgeschnitten. Die machen ihn fertig ��</p><p>Kolja rollte mit den Augen. �Du verkehrst in seltsamen Kreisen, Hauptmann. Atmos!� Er winkte dem Messerstecher. �Atmos! Schneid dem Kleinen die Ohren ab. Wir brauchen sie.�</p><p>�Was wird das?�</p><p>�Volodi, du h�ttest mir alles sagen sollen. Wie man mit verdammten Dreckschweinen umgeht, wei� ich. Irgendwie habe ich Pech in meinem Leben und treffe immer wieder welche. Mein Fluch � Wenn du mit solchen Kerlen verhandelst, geht es manchmal Ohr um Ohr und Zahn um Zahn. Wir sagen ihnen, dass wir den Kleinen festhalten. Und als Beweis legen wir die Ohren vor. Dann nehmen wir unseren Mann mit. Vertrau mir, Volodi. Ich wei�, wie man so was regelt.�</p><p>Er blickte in das vernarbte Gesicht des Faustk�mpfers, in dessen kalte Augen. Nein, Vertrauen war das Letzte, was er ihm entgegenbringen w�rde. �Was immer du tust, ich bin an deiner Seite. � Volodi konnte sehen, dass Kolja genau verstanden hatte, wie diese Worte gemeint waren.</p><empty-line/><p>Das erste Morgenlicht war nicht mehr fern, und ein wolkenloser Himmel spannte sich �ber ihnen. Es w�rde ein hei�er Tag werden. In der Gasse, an der Quetzallis Haus lag, roch es nach frisch gebackenem Brot und Hirsebrei. Ein kleiner, wei�er Hund mit schwarzen Schlappohren spielte im M�ll. Neugierig strich er um die Sandalen der zw�lf M�nner, die den Zugang zur Gasse an beiden Enden abriegelten.</p><p>Volodi konnte die Blicke aus dem Schatten der Fenster sp�ren. Au�er dem leisen Hecheln des kleinen H�ndchens erklang kein Laut in der Gasse. Der Kerl, der oben auf sie wartete, hatte sicher schon bemerkt, dass etwas nicht stimmte, dachte Volodi. Es war egal! Er konnte es nicht mehr �ndern. Quetzallis Haus hatte, mal abgesehen vom Fenster ihres Schlafgemachs, nur einen Ausgang. Vielleicht w�rde sich ihr Mann ja am Fenster zeigen und verhandeln? Vielleicht nutzte er auch die letzten Augenblicke, die ihm blieben, um Mitja umzubringen.</p><p>�Worauf warten wir?�, fragte Kolja ruhig.</p><p>Der Faustk�mpfer hatte recht. �Gehen wir hinein!�</p><p>Kolja winkte Atmos. �Du kommst auch mit. Und vergiss die Ohren nicht. Der Kerl da oben soll gleich wissen, woran er ist.�</p><p>Volodi blickte aus den Augenwinkeln zu Kolja. Die Ohren mitzunehmen war �berfl�ssig. Wer dem h�nenhaften Faustk�mpfer gegen�berstand, wusste auch so, woran er war.</p><p>Zu dritt traten sie in das kleine Haus. Alles war still. Volodi stieg die schmale Treppe hinauf und schob mit klammem Gef�hl die T�r zu dem Zimmer auf, in dem er sich mit Quetzalli so leidenschaftlich geliebt hatte. Mitja sa� auf dem Lager; der Zapotepriester war verschwunden.</p><p>Der �bersetzer regte sich nicht. Er lehnte mit dem R�cken an der Wand, seine Augen waren geschlossen, das Gesicht eine Maske aus geronnenem Blut. Fliegen krochen auf den Wunden, die einmal seine Ohren gewesen waren.</p><p>�Das V�glein ist also ausgeflogen�, stellte Kolja fest.</p><p>�Er ist nicht weit.� Mitjas Stimme war leise, br�chig.</p><p>Volodi kniete sich neben den �bersetzer. �Was hat er dir angetan? �</p><p>�Nachdem du fort warst, nichts mehr. Er hat mir gesagt, dass du nicht wiederkommen w�rdest. Und er hat mir sein Beileid daf�r ausgesprochen, Freunde wie dich zu haben.� Feine Risse bildeten sich in dem geronnenen Blut auf Mitjas Wangen. �Bist du ein Freund?�</p><p>Volodi wusste nicht, was er antworten sollte.</p><p>�Was faselt der Alte da?� Kolja ging ebenfalls neben dem Lager in die Hocke. �Manche werden verr�ckt, wenn man sie foltert. Gib nichts auf sein Geschw�tz.� Er sah sich um. �Hast du hier deine Tage verbracht, als du verschwunden warst, Kamerad?�</p><p>Volodi war es unangenehm, den Faustk�mpfer in diesem Zimmer zu haben, in dem er sich seinen Tr�umen von der gro�en Liebe hingegeben hatte.</p><p>�Er hat mir aufgetragen, dir etwas auszurichten. Er wird die Jaguare und Adler loslassen. Sie werden zur�ckholen, was du gestohlen hast, Volodi.�</p><p>�Gestohlen?�, zischte Kolja. �Ich glaube, mir fehlt ein St�ck von der Geschichte. Worum geht es hier eigentlich?�</p><p>�Nur ein Steinmesser�, wiegelte Volodi ab.</p><p>�Ein Opfermesser der Zapote. Eine Klinge, die Hunderte Leben genommen hat und von unermesslichem Wert f�r sie ist. Sie werden nicht ruhen, bis sie das Messer zur�ckhaben.�</p><p>�Solche Gesch�fte machst du also!� Kolja stand auf. �Mir scheint, du hast nicht daran gedacht, mit den M�nnern zu teilen, die ihr Blut f�r dich gegeben haben.�</p><p>�Du kannst das Messer gerne haben. Ich werde dir zeigen, wo es ist.�</p><p>�Ihr m�sst es zur�ckgeben!�, hauchte Mitja. �Ihr m�sst es tun, bevor die Adler und Jaguare kommen!�</p><p>�Wei�t du, wie man unseren Hauptmann hier bei den Ischkuzaia nennt? Der Mann, der �ber den Adlern schreitet. Ich glaube nicht, dass er Angst vor Gefl�gel und ein paar Katzen hat. Ich habe es jedenfalls nicht.� Kolja wandte sich zur Stiege um. �Ich warte unten auf dich, Hauptmann. Und versuch nicht noch mal, mich aufs Kreuz zu legen.�</p><p>�Was soll ich mit den Ohren machen?�, fragte Atmos, der die ganze Zeit schweigend an der T�r gestanden hatte.</p><p>�Verf�ttere sie an den kleinen Kl�ffer drau�en.� Mit diesen Worten stieg Kolja die Treppe hinab.</p><p>Volodi nickte Kolja zu, beugte sich zu dem Dolmetscher hinab und ber�hrte ihn sanft an der Schulter. �Kannst du gehen?�</p><p>Mitja seufzte. �Eine S�nfte w�re mir lieber. Sei nicht so dumm wie dieser narbige Narr. Die Adler und die Jaguare sind keine M�rchengestalten. Es gibt sie wirklich, auch wenn sich viele m�rchenhafte Geschichten um sie ranken! Es sind die besten Krieger der Zapote. Man sagt, sie haben vom Fleisch der Gefiederten Schlange gegessen. Sie sind eins mit ihren Totemtieren. Schleichen lautlos wie die Jaguare und zerfetzen ihre Feinde mit messerscharfen Krallen. Ja, sie erheben sich sogar in die L�fte wie Adler.�</p><p>�Mit Krallen zerfleischen �� Das mochte Volodi beim besten Willen nicht glauben. Mitja war offensichtlich nicht mehr ganz bei sich.</p><p>�Was f�r eine Art Hauptmann bist du denn? Ein R�uberhauptmann? �, kr�chzte der Alte.</p><p>�Hauptmann in der Leibwache des unsterblichen Aaron, Beherrscher aller Schwarzk�pfe. Und das, alter Mann, ist kein M�rchen. �</p><p>Der �bersetzer sah ihn mit gro�en Augen an. �Du bist doch Drusnier. Wie kommst du in die Leibwache des unsterblichen Aaron? Sind ihm in seinem eigenen K�nigreich die Halsabschneider ausgegangen?�</p><p>Volodi stand auf. Er w�rde sich nicht weiter beleidigen lassen.</p><p>�W�rdest du mich wirklich zur�cklassen. Einen alten Mann, der deinetwegen die Ohren verloren hat und �bel zusammengeschlagen wurde?�</p><p>�Ich hatte den Eindruck, du unterh�ltst dich lieber mit Priestern, die Menschen opfern, als mit Halsabschneidern.�</p><p>�Stell dich nicht so an, Junge! Verdammt. Du und dein Kamerad Kolja, ihr seht nun wirklich nicht gerade aus wie strahlende Helden. Jetzt hilf mir hoch.� Er stemmte sich an der Wand empor, kam aber nicht aus eigener Kraft auf die Beine. �Wenn du ein Hauptmann bist, kannst du mir doch sicher ein Quartier im Palast Arams verschaffen. Und meiner Tochter. Sie ist jung und hat Haar so golden wie Sommerweizen.�</p><p>�Was hast du vor, Alter? Sie mit einem von uns Halsabschneidern zu verkuppeln?�</p><p>Mitja lie� sich mit einem lauten Seufzer auf das Lager zur�cksinken. �Du hast immer noch nicht begriffen, was hier geschieht, nicht wahr? Du glaubst, diese Quetzalli ist in dich verliebt? Einen Dreck ist sie! Du glaubst, du hast ihr Herz erobert? Dich hat sie geangelt. Und das nicht, weil du ein unwiderstehliches L�cheln oder so ein einnehmendes Wesen hast. Es ging ihr allein darum, dass du jung und blond warst.�</p><p>�Diesen Unsinn h�re ich mir nicht mehr l�nger an!� Volodi fuhr hoch, doch Mitja sch�ttelte nur schwach den Kopf. �Bleib! Deinetwegen habe ich keine Ohren mehr. Zuzuh�ren ist das Mindeste, was du mir schuldest. Und zwar bis ich alles gesagt habe und dann bringst du mich in die Sicherheit des Palastes von Aram! Glaubst du, es ist normal, im Bett miteinander zu landen, ohne dass man ein einziges Wort miteinander reden kann? Was wei�t du �ber sie? Hast du dich nie gefragt, warum sie ein eigenes Haus hat? Oder warum sie ohne Schutz in einer Stadt auskommt, in der sich kein Rock auf der Stra�e blicken lassen kann, weil die meisten M�nner hier auf Nangog von Frauen nur tr�umen k�nnen? Hast du �berhaupt einmal �ber etwas nachgedacht, seit du ihr begegnet bist? Oder hat sich zu viel von deinem Blut an anderer Stelle versammelt, als dass dein Hirn zu gebrauchen w�re?�</p><p>Volodi ballte w�tend die F�uste. Jedem anderen h�tte er die Z�hne eingeschlagen. Aber dem Alten schuldete er etwas. Und einige der Dinge, die er sagte, stimmten. Die Sache mit Quetzalli war wirklich sehr ungew�hnlich gewesen. Nur sollte Mitja besser achtgeben, welchen Ton er anschlug.</p><p>�Die Zapote glauben, dass Menschen mit goldenem Haar etwas sehr Besonderes sind � die Lieblinge der Sonne, durchdrungen von ihrer Kraft, lebendiger als andere Menschen. Deshalb schenken sie die Goldhaarigen ihrem sterbenden Gott, der Gefiederten Schlange, damit sie sich von ihrem Blut n�hrt. Als Lohn schenkt die Gefiederte Schlange den auserw�hlten Kriegern der Zapote etwas von ihrem Fleisch und erhebt sie damit �ber alle anderen Menschen. Und jetzt kommen wir zu deinem unschuldigen M�dchen, in das du so sehr verliebt bist. Damit die G�tter das Opfer annehmen, m�ssen die Blonden freiwillig in den Tempel kommen. Werden Sklaven gekauft oder Opfer entf�hrt, haben sie keinen Wert f�r den Schlangengott. Er will nur die, die aus freien St�cken seinen Tempel betreten. Und jetzt sag mir, dass du deinem Zapote-M�dchen nicht �berallhin gefolgt w�rest, wenn sie dich darum gebeten h�tte.� Die Stimme des Alten war immer leiser geworden. Er war entschlossen, aber er war schwach und hatte viel Blut verloren.</p><p>Volodi hatte das Gef�hl, dass ihm der Boden unter den F��en weggezogen wurde. Das konnte nicht stimmen. �Sie hat mich nicht in den Tempel gebracht�, beharrte er. �Sie hat mich sogar gewarnt, als der Priester kam, um mich zu holen.�</p><p>�Und du bist sicher, dass das nicht Teil ihres Plans war? W�rest du ihnen nicht gefolgt, wenn du geglaubt h�ttest, dass sie dein M�dchen verschleppen? Denkst du nicht selbst jetzt noch dar�ber nach, was du tun kannst, um die Priesterin wiederzusehen? Merkst du nicht, wie das Gift immer weiter wirkt, das sie in deinen Verstand getr�ufelt hat?�</p><p>�Es ist nicht so, wie du sagst ��</p><p>�Dann erkl�r es mir, Volodi.�</p><p>�Liebe kann man nicht erkl�ren! Was wei�t du schon davon!�</p><p>�Ich habe eine Tochter, die wurde nicht einfach aus der Erde geboren. Glaube mir, ich wei� um die Liebe und um den Schmerz von Verlust. Allerdings muss ich eingestehen, dass ich nicht wei�, wie es ist, sich in eine Menschen mordende Schlangenpriesterin zu verlieben.� Der Alte versuchte erneut sich hochzustemmen. Diesmal half Volodi ihm. Mitja machte ein paar schwerf�llige Schritte, dann st�tzte er sich auf das Fenstersims und blickte �ber den Hof hinweg zur Gasse, wo Kolja mit seinen M�nnern wartete. Volodi sah, wie es im Gesicht des Alten arbeitete. Mitja war zutiefst aufgew�hlt.</p><p>�Sie werden wiederkommen�, sagte der �bersetzer. �Das hat mir der Priester versprochen. Sie werden uns beobachten und sich den Dolch zur�ckholen. Vielleicht wissen sie jetzt schon, dass ich eine Tochter habe. Eine blonde Tochter.� Er seufzte. �Ich will deine Eisenschwerter nicht, die ich gestern Nacht eingefordert habe. Ich will, dass du meine Tochter in Sicherheit bringst. Und dass du nicht diesen Kerl da unten schickst, um sie zu holen. Der Priester hat mir erz�hlt, dass sie den G�ttern manchmal auch Gefangene opfern. Ein schlechtes Opfer sei immer noch besser als gar kein Opfer. Er hat mir genau beschrieben, was sie mit ihnen machen. Wie sie die Brust �ffnen, nachdem sie ihnen ein Rauschmittel gegeben haben, das die Schmerzen bet�ubt, sodass die Opfer mit ansehen, wie ihnen das schlagende Herz aus dem Leib gerissen wird. Dann dr�cken sie es den Sterbenden in die Hand, auf dass sie es der Gefiederten Schlange selbst zum Geschenk darbieten. Ihr Blut wird in goldenen Schalen aufgefangen, um den Leib der Schlange zu erneuern. Und man schert ihnen den Kopf kahl, um die goldenen Haare sp�ter auf die Glut ihrer getrockneten Knochen zu streuen und ihren Rauch den G�ttern zu senden, damit das Licht der Sonne niemals verl�schen m�ge. Die Sch�del aber legt man in ein Regal und man sperrt die Seelen ihrer Opfer darin ein, denn ihre immerw�hrende Angst ist ein Labsaal f�r die gefiederte Herrin.�</p><p>Volodi schnaubte angewidert. �Das sind doch alles nur Geschichten. �</p><p>�Ganz gleich, was davon stimmt, Volodi, du bist im Krieg mit diesem Priester.� Mitja sah ihn zweifelnd an. �Du siehst aus wie ein Held aus einer unserer Geschichten. Einer, von dem die B�ume in den Geisterhainen noch nach Jahrhunderten fl�stern werden. � Er deutete nach unten auf den Hof. �Und zugleich bist du der Anf�hrer von denen da unten. Ich habe von Kolja schon geh�rt. Er hat sich sehr schnell einen Namen gemacht in dieser Stadt. Sag mir, dass meine Tochter weder unter dem Opfermesser noch in einem von Koljas H�usern landen wird. H�rst du, du musst mir das versprechen! Du musst versprechen, dass du einer von den Guten bist.� Mitjas Atem ging zusehends schwerer und er schwankte leicht.</p><p>�W�rdest du dem Anf�hrer von denen da unten ein solches Versprechen denn glauben?�</p><p>Mitja seufzte. �Habe ich eine Wahl? Versprich mir, ein Held zu sein! Bei den Geistern deiner Ahnen!�</p><p>�Ich f�rchte, dass f�r die Zapoter der Priester und auch Quetzalli Helden sind, weil sie den G�ttern gut und hingebungsvoll dienen. Wir sind in ihren Augen bestenfalls Diebe. Helden sind immer die, die am Ende einer Geschichte �brig bleiben, Mitja. Und die entscheiden, was man erz�hlt und was man besser verschweigt.�</p><p>�Mich interessiert allein, dass du der Held meiner Tochter wirst. Rette sie und mich alten, fu�kranken �bersetzer. Sorge daf�r, dass wir es sind, die am Ende der Geschichte �brig bleiben.�</p><p>�Ja�, sagte der Drusnier feierlich. �Ich werde dich besch�tzen. Und bei den G�ttern, ich werde ein verdammter Held sein.�</p></section><section><title><p>Ein Feldzug f�r die Liebe</p></title><p>Der Statthalter blickte zu dem wunderbaren wei�en Hengst, der ein St�ck vom Zelt entfernt angepflockt stand. Es war un�bersehbar, wie sehr er das Pferd begehrte. Ganz so, wie Artax es sich erhofft hatte.</p><p>�Vielleicht gibt es keinen zweiten Hengst wie diesen auf ganz Nangog�, sagte Kanita ehrfurchtsvoll.</p><p>�Und es gibt wohl kaum einen zweiten Mann auf Nangog, der die Sch�nheit eines Pferdes so zu w�rdigen wei� wie du, ehrenwerter Kanita. Es w�re mir eine Freude, wenn du den Hengst als Geschenk annimmst.�</p><p>�Wahrhaft die Gabe eines Unsterblichen!� Der Statthalter strich sich gedankenverloren �ber den d�nnen, eisgrauen Kinnbart. Eine einzige Str�hne aus Haaren, fein wie Seidenf�den, die ihm bis auf die Brust hinabreichten. �Und Ihr w�nscht also, gegen die Pl�nderer des Rebellen Tarkon Eisenzunge vorzugehen. Bisher haben sie noch kein Wolkenschiff meines Volkes �berfallen. Wir treiben nur wenig Handel im Norden.�</p><p>�Ist es klug zu warten, bis man den Dieb in seinem Hof stehen sieht, ehrenwerter Kanita?�</p><p>Statt zu antworten, blickte der Statthalter wieder zu dem Hengst.</p><p>�Ich werde zwei kleine Frachtschiffe ausr�sten lassen. H�ndler. Sie sollen harmlos wirken.� Artax bem�hte sich um ein verschw�rerisches L�cheln. �Aber wenn die Piraten uns finden, werden sie in Zukunft kein Problem mehr sein.�</p><p>�Mir ist immer noch nicht ganz klar, warum Ihr selbst dieses Unternehmen anf�hren wollt, Unsterblicher Aaron.�</p><p>Sogar die Wilden wissen besser, was die Pflichten eines Unsterblichen sind als du. Aber mach nur weiter. Wir hei�en deine Pl�ne gut. Die Sorte Spa�, um die es dir geht, haben wir allzu lange vermissen m�ssen.</p><p>Artax wurde sich bewusst, dass er den Statthalter ungeb�hrlich anstarrte, so sehr war er darum bem�ht, dem Geschwafel in seinem Kopf Einhalt zu gebieten. Artax h�stelte und blickte nun seinerseits zu dem pr�chtigen Schimmel. �Bei uns in Aram gibt es eine Redewendung, die lautet: Wenn du willst, dass etwas gut gemacht wird, dann mach es selbst.�</p><p>Kanita l�chelte. �Spielt Ihr darauf an, dass im Norden sehr viel Land liegt, das dem K�nigreich Luwien zugesprochen wurde? Wollt Ihr vielleicht selbst in Augenschein nehmen, wo ihre Eisenminen liegen?�</p><p>�Du wei�t, dass alle sieben Unsterblichen schon vor vielen Jahren einen Vertrag gebilligt haben, der die Freiheit der Himmel festschreibt. Es ist also ohne Belang, �ber wessen Land wir fliegen. Wenn wir aber die Himmelspiraten besiegen, werden wir eine noble Tat vollbracht haben, die uns Ansehen in allen sieben Reichen bringen wird.�</p><p>Nicht Ansehen, sondern Argwohn wird es dir einbringen. Kein einziger Unsterblicher glaubt an edelm�tige Taten. Wer das Wissen vieler Leben in sich tr�gt, gibt sich nur noch selten Illusionen hin.</p><p>Der Statthalter hob eine Braue und bedachte ihn mit einem skeptischen L�cheln. �Ich w�rde eher sagen, es bringt Euch Ansehen bei den Handelsh�usern auf Nangog. Ich bin schon zu lange hier, um mich der Illusion hinzugeben, dass die Unsterblichen an mehr interessiert sind als an den Sch�tzen dieser Welt.�</p><p>Aaron jubilierte. Habe ich es nicht gesagt?</p><p>�Also m�sste ihnen doch daran gelegen sein, dass man die K�pfe jener, die diese Sch�tze rauben, auf Speere steckt, nicht wahr? Und w�re eine solche Tat nicht ein dringender Anlass, h�chstselbst an den Wandernden Hof zu reisen, um dem Unsterblichen Madyas von den Ereignissen zu berichten?� Artax sah die Sehnsucht in den Augen des Statthalters. Er wusste, wie sehr sich der alte F�rst w�nschte, die weiten Steppen Ischkuzas wiederzusehen.</p><p>�Und es gibt noch etwas, das zu bedenken ist�, fuhr der Unsterbliche fort. �Die Himmelspiraten haben irgendwo einen St�tzpunkt. Einen Ort, um den sich immer mehr Legenden ranken. Du wei�t, wie viele M�nner n�tig sind, um ein Wolkenschiff mit allem Notwendigen zu versorgen, und wie es scheint, besitzen sie schon jetzt mindestens drei Himmelsschiffe. An ihrem Ankerplatz wird bald eine regelrechte Stadt entstehen. Eine freie Stadt, die keinem der sieben K�nigreiche angeh�rt. Sie wird zum Traum aller Unzufriedenen werden. Und wie es mit phantastischen Tr�umen so ist, wird sich die Kunde von dieser Stadt schneller als ein Steppenfeuer ausbreiten. Nangog ist zu gro�. Zu wenige Menschen leben hier, und diese Welt ver�ndert sie. Wenn sich hier ein rebellischer Geist ausbreitet, wird es uns schwerfallen, ihn mitsamt der Wurzeln wieder auszurei�en.�</p><p>Das h�tten unsere Worte sein k�nnen. Du �berraschst uns, Barbar. Wenn wir nicht um deine wirklichen Absichten w�ssten, w�ren wir entz�ckt!</p><p>Kanita blieb gelassen. Er blickte wieder zu dem wei�en Hengst. Fr�her einmal hatte der Statthalter den Ruf gehabt, ein arger Menschenschinder zu sein. Ein Mann, der Diener k�pfen lie�, weil sie seine Trinkschale nicht genau in die Mitte seiner Tischseite gestellt hatten. Von diesem Tyrannen schien nicht mehr viel geblieben zu sein. Er war schon sehr lange auf Nangog.</p><p>�W�rdet Ihr mir noch einmal erkl�ren, warum genau Ihr ausgerechnet meine Leibwache ben�tigt, um Euren Feldzug zu f�hren, Erhabener Aaron, Beherrscher alle Schwarzk�pfe? Ihr habt den Wunsch vorgetragen, dass ich Euch mit meinen Kriegern unterst�tze. Aber mir ist immer noch nicht klar, warum es ausgerechnet die M�nner aus Ischkuza sein sollen. Soweit ich unterrichtet bin, verf�gt Ihr durchaus selbst �ber gen�gend K�mpfer f�r ein solches Unternehmen.�</p><p>�Ich brauche deine Palastgarde, weil sie fliegen kann. Sie werden die Spitze unseres Angriffs f�hren und die Schiffe der Himmelspiraten entern. Ich will ehrlich zu dir sein � ohne deine M�nner f�rchte ich einen Misserfolg.�</p><p>�Haben nicht auch die Zapoter Krieger, die fliegen k�nnen? Adlerm�nner nennt man sie, glaube ich.�</p><p>�Aber wer hat sie je gesehen, werter Kanita? Ich bin ein Feldherr. Ich plane nicht mit Truppen, deren Kampfkraft ich nicht kenne. Aber deine Palastwache habe ich selbst schon im Angriff gesehen. Sie ist diszipliniert, furchtlos und stellt sich, ohne zu z�gern, jedem Feind.�</p><p>Dem Statthalter war die Spitze nicht entgangen. �Es tut mir leid, dass es damals zu jenem Missverst�ndnis kam, Erhabener Unsterblicher, als Ihr so freundlich wart, unser treibendes Wolkenschiff zu bergen. Ich hoffe, Ihr tragt uns dies nicht nach.�</p><p>�S��e ich dann nun vor dir in diesem Palast, um dich um die Hilfe ebenjener Krieger zu bitten, die mir so eindrucksvoll zeigten, wie man ein fliegendes Schiff entert?�</p><p>Kanita winkte den Kriegern um Shaya, die bei Juba und Volodi am Tor des weiten, grasbewachsenen Hofes warteten. �W�rdet Ihr der hochwohlgeborenen Prinzessin Shaya Euren Plan noch einmal unterbreiten? Wie Ihr ja wisst, befehligt sie meine Palastwache. � Er schaffte es, bei diesen Worten einen Ton anzuschlagen, der nur gerade eben erahnen lie�, dass er nicht davon erbaut war, dass eine Frau eine Kriegerschar befehligte.</p><p>Artax vermied es, zu Shaya zu blicken, denn er f�rchtete, zu err�ten oder sich auf eine andere Art zu verraten. Stattdessen griff er nach der Trinkschale, die vor ihm auf dem niedrigen Tisch stand, und nippte an der sauren Milch, mit der sie gef�llt war. Allein der Geruch der Milch war dazu angetan, jeglichen romantischen Gedanken verk�mmern zulassen.</p><p>Artax erl�uterte den Plan erneut. Ab und zu blickte er kurz auf � Shaya gar nicht anzusehen w�re auch auff�llig gewesen, vermied es aber, ihr in die Augen zu blicken. Sie hingegen schien gar kein Problem damit zu haben zu �berspielen, was in der vergangenen Nacht geschehen war. Sie verhielt sich ihm gegen�ber k�hl, fast schon herablassend.</p><p>�Nun, verehrte Prinzessin, was denkst du?�, fragte Kanita, nachdem Artax seine Ausf�hrungen beendet hatte. �Ist der Plan des unsterblichen Aaron durchf�hrbar?�</p><p>�Ohne Zweifel.�</p><p>�Und wird es unserem Volke zum Ruhme gereichen, wenn wir uns an diesem Kampf gegen die Wolkenpiraten beteiligen?�</p><p>�Meine M�nner haben zu lange kein Blut mehr vergossen. Eine Klinge, die nicht genutzt wird, wird stumpf und rostig.�</p><p>�Du w�rdest also unbedingt empfehlen, an der Seite des unsterblichen Aaron in die Schlacht zu ziehen?�</p><p>�Ich w�rde es nicht eine Schlacht nennen, eher ein Scharm�tzel. Doch ich stimme zu, dass dieses aufkeimende �bel bei der Wurzel gepackt werden muss, und es w�re mir eine Ehre, eine Abteilung der Palastwache in diesen Kampf zu f�hren.�</p><p>�Dann folge ich deinem Rat, hochwohlgeborene Shaya.�</p><p>Alter Fuchs, dachte Artax. Sollte das Unternehmen ein Fehlschlag werden, konnte er nun alle Schuld daran Shaya anlasten, die empfohlen hatte, sich zu beteiligen. Wenn es aber ein Erfolg wurde, dann w�rde Kanita den Ruhm gewiss f�r sich allein beanspruchen.</p><p>�Damit unser Feldzug einen gl�cklichen Verlauf nehmen kann, m�ssen die Vorbereitungen schnell und in aller Heimlichkeit getroffen werden�, erkl�rte Artax. Er h�tte jauchzen k�nnen vor Gl�ck. Alles f�gte sich so, wie er es sich erhofft hatte. �Ich habe bereits zwei Handelsschiffe ausgew�hlt. Wir k�nnen in zwei Tagen zum Aufbruch bereit sein.�</p><p>�Wir werden unser eigenes Schiff ausw�hlen�, sagte Shaya bestimmt.</p><p>Er sah auf und sein Blick traf ihre brennend braunen Augen. Sein Mund wurde trocken. Er sehnte sich danach, sie zu ber�hren.</p><p>�Ich schlage vor, wir nutzen den Nordwind, der gew�hnlich in der Stunde vor der D�mmerung weht. Wir werden bereit sein, unsterblicher Aaron.�</p><p>Und wir werden uns von nun an jeden Tag sehen, dachte er triumphierend. Die Wolkenpiraten waren ihm im Grunde genommen v�llig gleichg�ltig. Nur Shaya z�hlte.</p></section><section><title><p>Der Schrank</p></title><p>Volodi f�hlte sich v�llig zerschlagen. Er hatte das Gef�hl, er habe sich gerade erst zur Ruhe gelegt, aber am Stand der Zwillingsmonde konnte er sehen, dass er mindestens zwei Stunden geschlafen haben musste. Zum Kampf ger�stet eilten sie durch die n�chtlichen Stra�en und das Pflaster hallte unter dem Tritt der genagelten Sandalen. Er hatte zwanzig Mann in voller Ausr�stung mitgenommen. Seine Krieger waren zum �u�ersten entschlossen, keiner von ihnen murrte. Er hatte ihnen nur gesagt, dass es um Koljas H�user ging, und sie alle hatten Geld in dieses Gesch�ft gesteckt. Den Dolch hatte er verschwiegen. Dabei hatte der Bote, der ihn geweckt hatte, nur davon gesprochen. Er solle sofort zu Kolja kommen. Es ginge um einen Dolch. Er solle ihn unbedingt mitbringen.</p><p>Unruhig blickte Volodi zu den D�chern. Er hatte sich �ber die Jaguarm�nner erkundigt. Die meisten hielten sie f�r ein Ammenm�rchen. Wer aber etwas �ber sie zu berichten hatte, sprach nur im Fl�sterton. Und alle waren sich einig, dass jemand, der den Zorn der Jaguarm�nner erregte, so gut wie tot war.</p><p>Wieder sp�hte Volodi unruhig in die Schatten. Verdammt, er war kein Feigling, aber diese Jaguarm�nner � Es hie�, sie w�rden durch die Schatten gehen, als seien es verwunschene Pforten. Man sah sie nicht kommen! Sie waren einfach pl�tzlich �ber einem! Verdammter Dolch! H�tte er ihn doch blo� nie anger�hrt.</p><p>�Eilschritt!�, rief er und beschleunigte sein Marschtempo. Der Laut der genagelten Sandalen klang jetzt wie schwerer Hagelschlag. Seine Jungs waren Veteranen � S�ldner und Piraten. Jeder von ihnen hatte sich bei den K�mpfen in Luwien ein Eisenschwert erstritten. �blicherweise waren sie es, vor denen man Angst hatte.</p><p>Endlich erreichten sie die Stra�e, an der Koljas Tempel der L�ste lag. Vor der Treppe hinab zum Eingang stand etwas Gro�es auf der Stra�e. Eine Kiste? Volodi gab seinen Kriegern ein Zeichen zu halten. �Drei Mann sichern den Eingang zur Stra�e ab. Bogensch�tzen in die Mitte der Stra�e. Achtet auf die D�cher! Die �brigen: Schilde hoch und Vorsicht!�</p><p>Der Drusnier ging auf die Kiste zu. Nein. Es war ein Schrank! Als er ihn fast erreicht hatte, schob sich ein gro�er Schatten die Treppe hinauf. Volodi hatte bereits die Hand am Schwert, als er Kolja erkannte.</p><p>�Was geht hier vor?�</p><p>�Mach den Schrank auf, dann wirst du sehen. Es ist Licht drinnen, damit man auch alles gut erkennen kann.�</p><p>Erst jetzt bemerkte Volodi das Licht, das durch die schmalen Ritzen der Schrankt�r fiel. Der Schrank war etwa anderthalb Schritt hoch. Er schien aus soliden Holzbohlen gezimmert zu sein. Die T�r war mit Schnitzarbeiten geschm�ckt, die an Federn erinnerten.</p><p>Er zog am Griff. Die T�r schwang leicht auf.</p><p>Entsetzt machte Volodi einen Schritt zur�ck. Zwei �llampen auf dem Schrankboden leuchteten das Innere gut aus. Atmos kniete dort. Ein Lederriemen, der unter seinen Achseln durchlief und an der R�ckwand befestigt sein musste, verhinderte, dass er aus dem Schrank fiel. Sein Gesicht war in einem irren Grinsen erstarrt, das seinen zahnlosen Oberkiefer pr�sentierte. Etwas steckte in seinen Mundwinkeln � Angelhaken? Schn�re liefen von den Haken �ber die Wangen zum Hinterkopf. Sie waren straff gespannt und sorgten f�r das irre L�cheln.</p><p>So wie Mitja hatte man auch Atmos die Ohren abgeschnitten. Der Tote hielt die Arme vor der Brust angewinkelt, seine Finger umschlossen einen gro�en, blutigen Fleischklumpen. In der kauernden Haltung sah es aus, als wolle er das Fleisch dem�tig als Geschenk �berreichen.</p><p>�Er h�lt sein Herz in den H�nden�, sagte Kolja mit belegter Stimme.</p><p>Volodi senkte den Blick. Auf dem Schrankboden lag ein kleiner Hund. Sein wei�es Fell war jetzt von Blut durchtr�nkt. Er hatte schwarze Schlappohren und etwas Rosiges ragte aus seiner Schnauze hervor. Der Drusnier kniete nieder und schob die Lefzen des Hundes zur�ck. Zwischen den spitzen, kleinen Z�hnen steckten Menschenohren.</p><p>��bel ��</p><p>�Dieses Gemetzel macht mir keine Angst�, sagte Kolja leise. �Es ist etwas anderes. Atmos hat in einer Kammer mit drei anderen M�nnern geschlafen. Keiner von ihnen hat geh�rt, wie sie ihn geholt haben. Und ich versichere dir, sie haben allesamt nicht gesoffen. Sie h�tten diese Schei�er h�ren m�ssen! Als kleines Geschenk haben sie noch jedem der Schl�fer eine rote Feder auf die Kehle gelegt. Ziemlich unmissverst�ndlich ��</p><p>Beide starrten sie schweigend auf Atmos. Endlich schloss Volodi die Schrankt�re.</p><p>�Es hat nicht einmal jemand geh�rt oder gesehen, wie sie den Schrank hier abgestellt haben. Einen ganzen Schrank, verdammt! Mit �llampen darin. Das Ding ist so schwer und gro� wie ein Fels! Und keiner hat gesehen, wie es hierhergekommen ist.�</p><p>�Was schl�gst du vor?�, fragte Volodi.</p><p>�Du bist hier der Hauptmann! Was sollen wir tun? Ich bin nur einer von denen, die den Kopf hinhalten, wie man mir ja unschwer ansehen kann.�</p><p>�Gestern hast du dich noch anders angeh�rt ��</p><p>Wieder schwiegen sie eine Weile. Blut tr�pfelte leise aus dem Schrank.</p><p>�Wir sollten ihnen ihren Dolch zur�ckgeben�, sagte Volodi endlich.</p><p>�Bist du verr�ckt? Der Dolch ist alles, was wir haben. Der ist unsere Geisel. Solange wir ihn besitzen, k�nnen wir sie erpressen. �</p><p>Volodi sah ihn zweifelnd an. �So, k�nnen wir das?�</p><p>�Wir drohen ihnen, dass wir ihn zerbrechen. Man muss ihn nur auf das Stra�enpflaster hauen, dann bricht die Klinge ab.�</p><p>�Und dann?�</p><p>�Bist du bl�d? Die werden eine Heidenangst haben, dass wir ihren kostbaren Dolch zerst�ren.�</p><p>�Du hast meine Frage nicht beantwortet. Und dann? Gegen was willst du den Dolch tauschen?�</p><p>�Gegen Frieden!�</p><p>Volodi sch�ttelte m�de den Kopf. �Und du glaubst den M�nnern, die Atmos so zugerichtet haben, dass sie Frieden wahren werden? M�nnern, die lautlos in ein Zimmer voller Schlafender eindringen k�nnen, um einen unserer Kameraden zu entf�hren? Was sollte sie davon abhalten, uns alle so zuzurichten wie Atmos, wenn sie erst einmal ihren Dolch haben?�</p><p>�Wir k�nnten den Dolch behalten ��</p><p>�Was sollte sie dann davon abhalten, uns einen nach dem anderen abzumurksen, bis wir weich werden und ihnen den Dolch geben?�</p><p>�Kannst du auch einmal einen vern�nftigen Vorschlag machen, statt nur herumzumosern?� Nie hatte er Kolja so aufgew�hlt gesehen. Die Zapoter hatten dem Faustk�mpfer das Geschenk der Angst gemacht. Wie w�rde es weitergehen? Volodi seufzte. �Du hast das Gesch�ft mit den <emphasis>Geiseln</emphasis> nicht verstanden, Kolja. Nur ein Idiot nimmt eine einzige Geisel. Womit willst du die anderen bedrohen? Wenn wir den Dolch zerbrechen, haben wir kein Druckmittel mehr und ihr ganzer Zorn wird uns treffen. Wenn wir sie damit bedrohen, werden sie uns nicht ernst nehmen.�</p><p>�Aber ihr Dolch w�re futsch.�</p><p>�Das ist er jetzt schon.�</p><p>Kolja seufzte. �Was also sollen wir tun? Den Schwanz einziehen und uns verpissen?�</p><p>�Das k�nnen wir nicht. Wir sind keine freien M�nner. Wir schulden dem unsterblichen Aaron noch zwei Schlachten.�</p><p>�Das ist mir schei�egal!�, zischte Kolja.</p><p>�Hast du lieber einen Unsterblichen mit einem Geisterschwert zum Feind oder ein paar Jaguare und Adler?�</p><p>Kolja fluchte leise. �Du meinst, wir haben die Wahl zwischen Sterben und Verrecken?�</p><p>�Ich meine, wir m�ssen daf�r sorgen, dass uns die Priester der Zapote genauso f�rchten, wie wir sie f�rchten. Dann werden sie Frieden mit uns schlie�en.�</p><p>Koljas Schultern sackten nach unten. �Nur leider haben wir keine verzauberten Krieger ��</p><p>Volodi blickte zu den D�chern empor. Er war sich sicher, dass sie beobachtet wurden. Sie mussten auch am Morgen in der kleinen Gasse gewesen sein. Deshalb hatten sie Atmos und den kleinen Hund als Opfer ausgew�hlt.</p><p>�Morgen, in der Stunde vor Morgengrauen, bringe ich euch den Dolch zum Portal eures Palastes. Ich erwarte, dass danach Frieden zwischen uns herrscht!� Volodi rief, so laut er konnte, und hoffte, dass unter den Spitzeln der Zapoter jemand war, der seine Sprache verstand.</p><p>�Ich bin unglaublich beeindruckt�, murrte Kolja. �Siehst du, wie mir die Knie schlottern?�</p><p>�Wirst du morgen dabei sein?�</p><p>�Siehst du die Narben in meinem Gesicht? Sehe ich aus wie jemand, der einem Kampf aus dem Weg geht? Aber wenn du erlaubst, werde ich noch vierzig weitere K�mpfer mitbringen. Ich glaube n�mlich nicht, dass sich die Sache mit ein paar freundlichen Worten erledigt haben wird. Und sollte ich mit meinem Herz in der Hand enden, dann verspreche ich dir, werde ich deine Sippe in Drus als r�chender Geist heimsuchen. Und ich werde ��</p><p>Volodi winkte ab. �Ich wei�, Kolja. Ich habe es verdient.�</p><p>Und er meinte es so. Er war ein Narr! Wie hatte er sich nur je mit dieser Frau einlassen k�nnen?</p></section><section><title><p>Das Ende einer Liebesgeschichte</p></title><p>Volodi blickte zum Himmel. Die Zwillingsmonde neigten sich zum Horizont. Es war beklemmend still und er konnte das Atmen der M�nner hinter sich h�ren. Er stand in der Mitte eines weiten Platzes, dessen wei�e Steinplatten merkw�rdige Tiere und G�ttergestalten zeigten. Riesige Schlangen, die sich um die Sonne wanden. Krieger in Federgew�ndern, die �ber den Leibern enthaupteter Feinde dahineilten. Einen Priester, der ein Messer zum Himmel emporstreckte. H�tte Quetzalli ihn am Ende hierher gebracht, damit sein Herz ihren grausamen G�ttern geschenkt wurde? Sein Verstand stimmte zu, sein Herz sagte Nein. Immer noch. Volodi seufzte. War es wirklich nur Magie, die ihn und seine Gef�hle narrte?</p><p>Der Drusnier blickte zu dem gro�en, schmucklosen Portal, hinter dem das weite Areal des Statthalterpalastes von Zapote lag � eine kleine Stadt innerhalb der Stadt. Keine Menschenseele zeigte sich, und doch sp�rte er, dass sie beobachtet wurden.</p><p>Hinter ihm erklangen Schritte. Kolja trat an seine Seite. �W�re es nicht klug, langsam die verdammten Fackeln zu l�schen? Wenn sie hier Bogensch�tzen ��</p><p>�Soweit ich wei�, haben sie keine Bogensch�tzen. Und was w�rde es helfen? Wir stehen hier auf einem Platz, so hell wie ein Schneefeld, und beide Monde sind voll.�</p><p>�Die M�nner w�rden sich aber besser f�hlen, wenn ��</p><p>�Die M�nner werden mir noch dankbar sein. Mehr habe ich dazu jetzt nicht zu sagen.�</p><p>�Dann leg wenigstens den Dolch vor das Tor. Wir haben lange genug gewartet. Soll das Gemetzel endlich beginnen.�</p><p>Volodi nickte. �Was das angeht, hast du wohl recht.� Er hob den Dolch hoch �ber seinen Kopf, sodass er f�r jeden deutlich zu sehen sein musste. Dann ging er langsam auf das Tor zu. Es war riesig! Mehr als drei�ig Schritt hoch. Man f�hlte sich unbedeutend, wenn man vor diesem gewaltigen Rahmen aus sorgsam gegl�ttetem Stein stand. Ein Zwerg an einem Ort, der f�r G�tter erschaffen worden war.</p><p>Durch das Licht der Zwillingsmonde warf das Tor einen doppelten Schatten. Es war dieser Schatten, der ihn schon die ganze Zeit �ber beunruhigte. Da war etwas, dicht �ber dem Boden, ganz nahe am Tor, wo die beiden Schatten miteinander verschmolzen. Wenn man direkt hinsah, schien alles in Ordnung zu sein. Aber wandte man den Kopf ein wenig und beobachtete aus den Augenwinkeln, dann war da pl�tzlich Bewegung! Es sah aus, als triebe schwarzer Rauch �ber den Boden.</p><p>Etwa zehn Schritt vor dem Durchgang durch das Tor blieb er stehen. Volodi blickte kurz �ber die Schulter. Die M�nner hatten sich aufgeteilt. Trotz der Anspannung standen sie still. Kolja hatte nur Krieger ausgesucht, die besonders eindrucksvoll aussahen. Hochgewachsene M�nner mit breiten Schultern und harten Gesichtern. S�ldner! Jeder einzelne von ihnen. M�nner, die entschieden hatten, davon zu leben, das Blut anderer zu vergie�en.</p><p>Mit gro�er Geste legte Volodi den Dolch nieder. �Ich gebe euch zur�ck, was ich im Kampf erbeutet habe. Ihr habt gestern ein Leben f�r ein Leben genommen. Wir werden diesen Tod nicht r�chen. Damit erkl�re ich unsere Fehde f�r beendet!�</p><p>Wieder blickte Volodi zum Himmel, dann trat er vom Dolch zur�ck, ging r�ckw�rts und lie� dabei das Tor nicht aus den Augen.</p><p>Wie aus dem Nichts erschien ein zierlicher Mann in einem weiten Federmantel unter dem Torbogen. Sein Kragen war aufgerichtet, sodass ein Rad aus schillernd buntem Gefieder hinter seinem Kopf aufragte. Ein Tuch aus wei�em Stoff war um seine H�ften geschlungen. Breite Armreife, besetzt mit T�rkisen, umfingen seine Handgelenke. Dunkle T�towierungen bedeckten seine Brust. Volodi hatte diesen Mann noch nie zuvor gesehen.</p><p>Der Drusnier blieb stehen und beobachtete, wie der Priester vor dem Dolch in die Hocke ging. Stumm zog der Zapoter die steinerne Klinge aus der weiten Holzscheide und pr�fte sie sorgsam.</p><p>�Du glaubst, du kannst dir einfach nehmen, was dir nicht geh�rt? �</p><p>Volodi war �berrascht. Der Priester sprach Drusnisch, zwar mit starkem Akzent, aber doch zu verstehen.</p><p>�Du hast gestohlen und get�tet. Und nun glaubst du, dass alles vorbei ist? Um den Preis von ein paar Worten? Bei Sonnenaufgang werden wir eure Herzen der gefiederten Schlange zum Geschenk machen. <emphasis>Dann</emphasis> endet diese Fehde!� Der Priester streckte in dramatischer Geste seine Arme aus. �Schatten, erhebt euch! Beendet die Leben der Hochm�tigen, die glauben, uns herausfordern zu k�nnen! T�tet sie alle!�</p><p>Was Volodi eben noch wie Rauch erschienen war, schwoll nun an, wurde k�rperlich. Gestalten wuchsen aus den Schatten � Kreaturen, wie der Drusnier sie noch nie zuvor gesehen hatte. Tief geduckt schlichen sie wie Katzen und gingen doch nicht auf allen vieren. Sie bewegten sich flie�end, st�rmten jedoch nicht geradlinig vor, sondern t�nzelten nach rechts und links und kamen dabei langsam n�her. Schwarze Felle bedeckten die lebenden Schatten. Volodi sah fingerlange F�nge im Dunkel blitzen. Rei�z�hne in weit aufgerissenen M�ulern!</p><p>�Bildet einen Kreis!�, rief Kolja. �Niemand soll sich Gedanken machen, was in seinem R�cken geschieht. Los, Jungs! Schnell!�</p><p>Volodi sah, wie auch rings um den weiten Platz die Schatten zum Leben erwachten. Es mussten weit �ber hundert Jaguarm�nner sein, die auf sie gewartet hatten. Und sie hatten keinen dieser verdammten Bastarde zuvor gesehen. Es war, als h�tten die Schatten sie ausgespuckt. Und nun fluteten sie wie eine Woge aus lebendig gewordener Finsternis von allen Seiten auf den Platz. Sie trugen keine Schwerter oder Dolche. Ihre Arme endeten in langen, schwarzen Krallen. Manche der schwarzen Krieger fauchten, als seien sie leibhaftige Wildkatzen. Sie trugen Helme, die an Jaguark�pfe erinnerten. Auch diese waren schwarz wie die Nacht. Zwischen weit aufgerissenen Kiefern starrten geschw�rzte Gesichter. Was f�r eine Brut, dachte Volodi. Zugleich war er sich sicher, dass diese M�nner nicht f�r eine offene Feldschlacht taugten. Sie waren Meuchler, die �berraschend aus dem Hinterhalt sprangen. Hier, auf dem offenen Platz, w�rden seine S�ldner einen guten Stand gegen diese Bastarde haben!</p><p>�Haltet die Fackeln hoch!�, befahl der Drusnier mit ruhiger Stimme.</p><p>�Was f�r einen verdammten Nutzen soll das haben?�, zischte Kolja. �Was wir brauchen �� Ein lautes Klirren brachte ihn zum Schweigen.</p><p>Der Zapoter stand jetzt knapp zwanzig Schritt entfernt. Er war langsam in Richtung des gro�en Tors zur�ckgewichen. Nun aber stand er still und starrte auf die rotbraunen Scherben eines zerschellten Topfes, der etwa in der Mitte zwischen ihm und Volodi auf den wei�en Steinplatten zerschellt war.</p><p>Fl�ssigkeit war gegen Volodis Beine gespritzt. Golden schimmerndes Lampen�l floss durch die Fugen zwischen den Steinplatten. Der Priester sah ihn nun geradewegs an. Hatte der Kerl begriffen, was vorging?</p><p>Ringsherum zerschellten weitere T�pfe auf dem Platz. Gepresstes St�hnen verriet, dass auch einige der Jaguarm�nner getroffen worden waren, doch keiner von ihnen schrie auf. Noch immer f�hrten sie ihren seltsamen Tanz auf � wichen vor und zur�ck, hielten sich seitlich, folgten in ihren Bewegungen keinem nachvollziehbaren Muster und kamen doch langsam n�her.</p><p>Volodi hatte keinen Zweifel, dass ein einziger Wink des Priesters sie wie eine schwarze Flut gegen den Kreis aus Schwertern und Fackeln anbranden lassen w�rde.</p><p>Durchdringender �lgeruch hing nun in der Luft, Pf�tzen aus �l flossen ineinander und noch immer st�rzten T�pfe aus dem Himmel �ber ihnen.</p><p>Volodi blickte nicht auf. Er wusste, was er sehen w�rde. Ein Wolkenschiff, vielleicht hundert Schritt �ber dem Platz. Ein Kauffahrer ohne Banner, durch das man ihn einem der sieben K�nigreiche h�tte zuordnen k�nnen. Ein schmutziges, stinkendes Schiff. Das Tauwerk dunkel vom Alter, die Segel vielfach geflickt. Dutzende solcher Schiffe lagen an den Ankert�rmen der Goldenen Stadt vert�ut. Die Arbeitspferde der L�fte. Ihr Anblick war so vertraut in der Goldenen Stadt, dass keiner ihnen besondere Beachtung schenkte, wenn diese Schiffe �ber den Himmel glitten.</p><p>Eine ganze Reihe T�pfe zerschellte nahe dem gro�en Tor. Eine �lpf�tze sammelte sich um die F��e des Priesters.</p><p>�Ruf deine Jaguare zur�ck und ich schenke dir und deinen M�nnern das Leben.�</p><p>Der Priester erwiderte seinen Blick mit kalter, beherrschter Wut. �Ihr lasst die Fackeln nicht fallen. Denn dann w�ret auch ihr des Todes.� Die zischenden Jaguarm�nner waren jetzt bis auf f�nf Schritt an den Kreis der Krieger heran. �Siehst du ihre Krallen? Sie werden euch zerrei�en, noch bevor die Flammen sie t�ten.�</p><p>Volodi hob die Rechte und winkte. Kaum einen Herzschlag sp�ter schnellten Taue vom Himmel hinab. �Nehmt die Seile, M�nner. Wickelt sie euch um die Arme. Und ich warne euch � wer seine verdammte Fackel fallen l�sst, den lassen unsere Jungs da oben fallen. Wir wollen hier kein Massaker!�</p><p>�Ihr habt geh�rt, Kameraden!�, rief Kolja mit einer Stimme, die weit �ber den Platz hallte. �Wir ziehen uns zur�ck, nach oben!� Er lachte. �Los!�</p><p>Eine Geste des Priesters lie� die Jaguarm�nner innehalten. �Du glaubst, es endet damit?�</p><p>�Es liegt in deiner Hand. Ich bin ein S�ldner. Ich k�mpfe nicht aus Leidenschaft � ich k�mpfe, weil ich klar vor mir sehe, was ich gewinnen kann. In diesem Fall aber sehe ich f�r keine von beiden Seiten einen Gewinn. Ich zweifele nicht daran, dass es deine M�nner schaffen k�nnen, noch weitere Schr�nke mit unerfreulichem Inhalt auf irgendwelche Stra�en zu stellen. Und ich wei�, wir werden mit Feuer und Schwert �ber dich und deine Leute kommen, wenn dies geschieht. Aber was ist der Gewinn, den uns diese K�mpfe bringen?� Aus den Augenwinkeln sah er, wie die ersten seiner M�nner hochgezogen wurden.</p><p>�Du hast meinen Gott beleidigt, als du den Dolch gestohlen hast.�</p><p>�Und nun ehre ich deinen Gott und schenke ihm das Leben eines bedeutenden Priesters und vieler seiner Krieger.� Volodi griff nach einem der Taue. Mit einer leichten Drehung wickelte er es um seinen Unterarm, blickte fl�chtig �ber seine Schulter und sah, dass er der letzte S�ldner war, der noch mit den F��en auf dem Boden stand.</p><p>Der Priester winkte seine Jaguarm�nner zur�ck. W�tendes Zischen erklang.</p><p>�H�tte Quetzalli mich zum Opferstein gebracht?� Diese Frage ging Volodi einfach nicht mehr aus dem Kopf, seit Mitja ihm offenbart hatte, welche Rolle Priesterinnen wie sie spielten.</p><p>Der Priester im Federmantel l�chelte. �Folge mir durch dieses Tor und sie selbst wird dir die Antwort geben, Drusnier.�</p><p>Volodi z�gerte. Er verlor den Boden unter den F��en. Die Muskeln seines Arms spannten sich. Er wurde schnell hochgezogen. Unter ihm erstreckte sich der Palast der Zapote. Er sah weitl�ufige Blumeng�rten, in deren Mitte ein kreisrunder See lag. Wie ein schwarzes Auge sah er aus. Das Wasser musste wohl sehr tief sein. Auf einigen Hausd�chern entdeckte er blumengeschm�ckte Alt�re. Regale mit Sch�deln gab es nirgends zu sehen. Die Palastanlage wirkte friedlich.</p><p>Die Jaguarm�nner zogen sich in die Schatten zur�ck und verschwanden im Dunkel, als habe die Finsternis sie verschlungen. Nur der Priester stand jetzt noch auf dem Platz. Er blickte zu Volodi empor. War ihr Streit beendet? Der Priester war ihm eine Antwort auf diese Frage schuldig geblieben.</p><p>Volodis Blick wanderte zur�ck zu dem Palast voller Blumen. Stand irgendwo dort unten Quetzalli und sah zu, wie er immer weiter in den Himmel hinaufgezogen wurde? War sie erleichtert?</p><p>Der Drusnier wurde bei den Armen gepackt und �ber die Reling gezogen. Juba erwartete ihn mit finsterem Blick. �Was war da unten los?�</p><p>�Ist sich Ende von einer Geschichte von Liebe.� Volodi seufzte. Er hasste es, in der Sprache Arams reden zu m�ssen. Er wusste, er h�rte sich dann an wie ein Idiot.</p></section><section><title><p>Kein �berraschender Besuch</p></title><p>Der Dunkle streckte seinen Drachenleib in der Sonne und blickte zum Himmel. Den Morgen und fast den ganzen vorangegangenen Tag hatte er mit den Gazala verbracht. Jene Prophezeiungen, die er schon so lange f�rchtete, begannen sich immer h�ufiger in ihren Sprechges�ngen zu wiederholen. Meist war dies ein Indiz daf�r, dass die Ereignisse, von denen die Orakel sprachen, n�herr�ckten. Sehr nahe! �rgerlicherweise gab es so gut wie nie konkrete Hinweise in den Orakelspr�chen, wann genau Ereignisse eintreten w�rden. Noch komplizierter wurde es dadurch, dass die Zukunft nicht festgeschrieben war. Es war, als st�nde man an einem Baum und blickte zum Ge�st hinauf. Die n�chsten paar Stunden, das war der Stamm. Und dann begannen sich die Wege zu teilen, abh�ngig von den Entscheidungen, die man traf.</p><p>Die Dinge entwickelten sich schlecht. Er wusste, dass etwas unter seinen Drachenbr�dern vor sich ging. Sie sponnen Intrigen � so wie sie es stets taten. Er war des endlosen Geredes m�de, dessen Resultat meist nur halbgare Kompromisse statt klare Entscheidungen waren. Der Dunkle war sich sicher, dass die Alben dieses R�nkespinnen vorausgesehen hatten, und sie, die Drachen, genau deshalb ihre Entscheidungen gemeinsam treffen sollten. So mochte man verhindern, dass einer von ihnen sich zum Tyrannen aufschwang. Doch der Preis, so zu herrschen, war Mittelma�.</p><p>Das Bild der Zukunft, das die Orakelstimmen immer deutlicher zeichneten, verlangte nach Entscheidungen, auf die er sich mit seinen Drachenbr�dern niemals w�rde einigen k�nnen. Und noch weniger mit den Alben. Die Devanthar w�rden nach Albenmark kommen! Er wusste nicht, wo und wann. Er wusste nicht, was sie im Schilde f�hrten. Aber sie w�rden kommen. Damit w�rde der alte Vertrag zwischen den Alben und den Devanthar ein weiteres Mal gebrochen! Weder Alben noch Devanthar sollten auf Nangog sein. Und auch nicht ihre Kinder! Und am allerwenigsten sollten sich die Devanthar selbst hierherwagen. Er musste diese Entwicklung aufhalten oder es w�rde zu jenem Krieg kommen, von dem die Gazala so Grauenhaftes zu berichten wussten.</p><p>Der Dunkle hatte viel �ber die Reise nachgedacht, die er mit Nandalee unternommen hatte. Hatte sich endlos den Kopf zerbrochen, um in das Wenige, das er wusste, einen Sinn zu bringen. War ein Devanthar nach Albenmark gekommen und hatte Alben gemordet? War es �berhaupt m�glich, dass so etwas ohne das Wissen der Alben geschah? Warum sonst hatten sie nichts dagegen unternommen? War ihre Agonie schon so weit fortgeschritten, dass sie nicht mehr gegen den eigenen Untergang ank�mpften? Oder vertrauten sie den Himmelsschlangen blind, dass diese jedes Unheil abwenden w�rden?</p><p>Ein Krieg stand bevor! Ein Krieg, der auf drei Welten ausgetragen werden w�rde, wenn niemand den Mut fand, zur rechten Zeit einsame Entscheidungen zu treffen.</p><p>Wieder blickte der Dunkle zum Himmel hinauf. Sie waren in einer verzweifelten Lage. Es w�re ehrenhaft, wenn sie sich an die alten Vertr�ge halten w�rden. Aber derjenige, der bei dem Konflikt, der kommen w�rde, zuerst losschlug, hatte die besten Aussichten zu gewinnen. Nein, es war keine Schlacht, an deren Ende es einen strahlenden Sieger geben w�rde �</p><p>Mit Schrecken dachte er an die Prophezeiungen dieses Morgens. Alle Welten w�rden sich ver�ndern. Und wer diesen Kampf verlor, w�rde nie wieder sein Haupt erheben. Der w�rde vernichtet werden.</p><p>Der Dunkle wusste, welchen Preis er zu zahlen h�tte, wenn seine Pl�ne vor der Zeit bekannt wurden. Und dennoch war er entschlossen.</p><p>Ein lauter Fluch riss ihn aus seinen Gedanken. Er blickte hinab auf den breiten Weg, der zum Eingang der Pyramide f�hrte. Jenen Ort, der nun schon seit Tagen Schauplatz der Fechtlektionen war, die Nodon Nandalee gab.</p><p>Die junge Elfe hatte ihr Schwert fallen lassen. Die Linke presste sie gegen ihren rechten Oberarm. Blut sickerte durch ihre Finger. Nodon �bertrieb! Es war absolut nicht notwendig, dass er sie immer wieder verletzte! Er hatte den Schwertmeister vor den kaum beherrschten magischen Talenten seiner Sch�lerin gewarnt. Ihm sehr anschaulich beschrieben, was mit ihm geschehen mochte, wenn er sie zu sehr reizte. Doch das schien ihn nur umso mehr angestachelt zu haben. Auf seine Art war Nodon genauso unbeherrscht wie Nandalee. Deshalb duldeten die Meister der Wei�en Halle ihn auch nicht unter sich, obwohl er vielleicht der beste Schwertk�mpfer unter den Drachenelfen war.</p><p>Weit �ber ihm erklangen Rufe. Der Dunkle blickte auf. Ein nachtschwarzer Pegasus glitt �ber den Jadegarten hinweg, legte die Fl�gel an und schoss in tollk�hnem Sturzflug der Pyramide entgegen, dicht gefolgt von drei weiteren Pegasi. Sie hatten ihn also entdeckt, aber nicht aufhalten k�nnen, dachte der Dunkle und �rger wallte in ihm auf. Er hatte gewusst, dass seine Liebe den Elfen hierherbringen w�rde. Er hatte ihn in seine Pl�ne einbezogen und doch erz�rnte ihn sein Erscheinen, machte ihn auf unerkl�rliche Weise gereizt, und er musste gegen den Impuls ank�mpfen, einen glei�enden Flammenstrahl gen Himmel zu fauchen.</p><p>Sollte er seinen Wachen befehlen, in Zukunft Bogen zu benutzen? Dass sie Gonvalon nicht hatten aufhalten k�nnen, �rgerte ihn genauso wie das �berraschende Auftauchen des Elfen. Eines Tages w�rde einer wie er kommen � Nein, schlimmer noch, jemand, der sein volles Vertrauen genoss. Und dies w�rde der Tag sein, an dem er starb. Er hatte es in der Silberschale des Goldenen gesehen und auch die Gazala hatten es ihm schon seit Langem prophezeit.</p><p>Mit funkenspr�henden Hufen landete der Pegasus auf dem Weg vor der Pyramide. Gonvalon stieg schwerf�llig vom R�cken seines Hengstes � und strauchelte! Nur unbeholfen kam er auf die Beine. Nodon eilte dem Meister aus der Wei�en Halle mit gezogenem Schwert entgegen. Die drei anderen Pegasi schwebten nieder. Zwei der Reiter sprangen aus ihren S�tteln, kaum dass die Hufe ihrer Reittiere den Boden ber�hrten. Die Drachenelfen kreisten Gonvalon ein, noch ehe dieser sich ihm auf hundert Schritte n�hern konnte.</p><p>Nandalee hatte einen Augenblick lang erstarrt zugesehen. Dann eilte auch sie dem Schwertmeister entgegen. Der Dunkle bemerkte, dass der Arm der Elfe nicht mehr blutete. Auch das vermochte sie also, wenngleich sie es vermutlich unbewusst getan hatte. Wunden zu schlie�en, ohne dass eine Narbe zur�ckblieb, erforderte einige Kunstfertigkeit. Nur wenige Zauberweber meisterten dies. Wenn sie aufgefordert w�rde, es zu wiederholen, w�rde es ihr vermutlich nicht gelingen. Der Dunkle �berlegte, was er noch zu tun vermochte, um ihr ihre M�glichkeiten zu erschlie�en. Vermutlich war Geduld der einzige Schl�ssel zum Erfolg.</p><p>Er glitt von seinem Ruheplatz an der der Sonne zugewandten Flanke der Pyramide. Seine Schuppen schabten �ber Fels. Immer enger schloss sich der Kreis der Drachenelfen um Gonvalon. Nandalee war zu ihm durchgebrochen und stand nun mit blankem Schwert an der Seite ihres Meisters.</p><p>Der Dunkle war versucht, ein Duell zwischen Gonvalon und Nodon zuzulassen. Es w�re gewiss kurzweilig, den beiden Schwertmeistern im Zweikampf zuzusehen. Aber etwas stimmte nicht mit Gonvalon. Die Art, wie er sich bewegte.</p><p>In Gedanken sandte der Drache seinen Wachen den Befehl zur�ckzuweichen. Nodon gehorchte ihm als Letzter. Nur widerwillig schob der rot gewandete Elf sein Schwert in die Scheide. Eines Tages w�rden die beiden wohl endg�ltig auf verfeindeten Seiten stehen, dachte der Dunkle. Er wusste um eine Zukunft, in der Elf gegen Elf stehen w�rde. Eine Zukunft, in der jede der Himmelsschlangen Loyalit�t einfordern w�rde. Und Gonvalon hatte sich dem Goldenen verschrieben. Aber vielleicht, so dachte er, w�rde es ja gelingen zu verhindern, dass dieser dunkle Ast am Baum der Zukunft jemals austrieb.</p><p><emphasis>Wer hat Euch dies angetan?</emphasis>, fragte er Gonvalon in Gedanken. Deutlich sp�rte er, wie aufgew�hlt der Schwertmeister war. Wie viel es ihm bedeutete, Nandalee wiedergefunden zu haben. Das Gef�hlsleben Gonvalons weckte sein Interesse, und er studierte es noch etwas l�nger. W�rde er, wenn er Nandalees Gedanken lesen k�nnte, �hnliche Gef�hle bei ihr finden? �u�erlich jedoch blieb der Schwertmeister k�hl und gelassen. Ja, er erschien in seiner Steifheit fast schon abweisend. Er war ein wahrer Meister darin, seine Gef�hle zu verbergen.</p><p>�Meine Beine waren der Preis, den ich bezahlen musste, um hierherzugelangen�, gab Gonvalon zur Antwort. Es �rgerte den Dunklen, dass sich der Elf erdreistete, ihm mit gesprochenem Wort zu antworten. Es war offensichtlich, dass Gonvalon wollte, dass Nandalee Zeugin dieses Gespr�chs war.</p><p>Der Drache betrachtete den Zauber, der die Beine des Elfen umfing. Ein perfides Meisterst�ck! Auf fremdartige Weise gewoben, ohne Zweifel kunstvoll und zugleich von erschreckender Boshaftigkeit. Nandalees Blick riss ihn aus seinen Betrachtungen. Sie war zornig. Auf ihn! Das irritierte ihn zutiefst. Glaubte sie etwa, <emphasis>er</emphasis> habe Gonvalon das angetan? Was w�rde er darum geben, jetzt ihre Gedanken lesen zu k�nnen! Ihr so klar und unmissverst�ndlich zu verstehen zu geben, dass er mit diesem Unheil nichts zu schaffen hatte, wie es nur m�glich war, wenn man sich in Gedanken einander �ffnete.</p><p>�Wer hat dich verst�mmelt?� In Drachengestalt ging ihm die Sprache der Elfen nur schwer von der Zunge. Die Worte waren undeutlich, verzerrt von Zischlauten. �rger stieg in ihm auf. W�re Nandalee nicht anwesend, w�rde er sich von diesem Elfen nicht aufzwingen lassen, auf diese Weise miteinander zu kommunizieren. Doch vor ihr wollte er nicht als ein selbstherrlicher Tyrann erscheinen � und auch diese Erkenntnis verwunderte ihn. War er ihr Rechenschaft schuldig? Nein. Aber ihm war daran gelegen, ihr zu gefallen. Der Gedanke �berw�ltigte ihn. So durfte es nicht weitergehen. Er musste sich von ihr befreien!</p><p>Nandalee blickte Gonvalon erschrocken an. Augenscheinlich hatte sie das Ausma� der Ver�nderung an ihrem Geliebten bislang noch nicht erfasst.</p><p>Als Gonvalon ihren Blick auf sich sp�rte, gab er seinen Widerstand auf. Er erz�hlte von Matha Naht, und als er endete, war der Dunkle mehr als �berrascht. Er wusste, dass die beseelten B�ume machtvolle Gesch�pfe waren. Einmal hatte er einen ganzen Herbst lang mit einer jungen Eiche geplaudert, die sich Atta Aikhjarto nannte. Ein angenehmes Gespr�ch. Der Baum war �berraschend geistreich und humorvoll gewesen. Zuletzt hatte er ihm eine Eichel zum Geschenk gemacht. Die beseelten B�ume geh�rten zu den fr�hen Sch�pfungen der Alben. Sie waren nur um weniges j�nger als die Drachen und hatten ein tief greifendes Weltverst�ndnis. Dass einer dieser B�ume b�sartig sein k�nnte, w�re ihm nie in den Sinn gekommen. Ein Baum, der die Macht der Blutmagie entdeckt hatte � Erstaunlich. Aber auch Gonvalons Verhalten verwunderte ihn. Hier fand er Parallelen zu dem, was Nandalee ihm in seiner H�hle erz�hlt hatte. Gonvalon hatte diesen Verlust auf sich genommen und sich dem Baum ausgeliefert, um Nandalee wiederzusehen. War das Liebe? Nein, berichtigte der Dunkle sich, Nandalees Liebe war anders gewesen. Sie hatte nichts f�r sich gewollt. Gonvalon aber hatte sich verst�mmeln lassen, weil er sie hatte wiedersehen wollen. Noch einmal studierte er die Gedanken des Elfen, Freude, Scham, Erleichterung, Furcht, Zorn und der Wunsch, bei ihr zu liegen und sich zu paaren. Nein, beschloss er. Mit der Liebe w�rde er sich sp�ter weiterbesch�ftigen. Stattdessen studierte er das magische Muster des Zaubers. Er war mit der Aura des Elfen verbunden. So kunstvoll, dass man den Zauber nicht brechen konnte, ohne dass Gonvalons magische Aura Schaden nahm.</p><p>�Weshalb bist du hierhergekommen, Gonvalon? Du wei�t, dass es den Elfen verboten ist, dieses Tal zu betreten, ohne dass ich sie eingeladen habe. Selbst den Drachenelfen!�</p><p>�Ich bin gekommen, um Nandalee zur�ck in die Wei�e Halle zu holen. Ich bin ihr Meister. Es ist meine Pflicht, mich um meine Sch�lerin zu sorgen.� Der Elf stockte. Selbst ihm musste klar sein, wie durchsichtig diese Behauptung war. �Und ich bin hier, weil ich sie liebe und nicht ohne sie sein kann.�</p><p>�Ich sch�tze Aufrichtigkeit.� Er wusste seit Stunden, dass Gonvalon kommen w�rde. Noch nie hatte sich ein Elf dem Jadegarten auch nur n�hern k�nnen, ohne dass die Gazala ihn rechtzeitig vorwarnten. Seine Gedanken schweiften zu der Prophezeiung ab, dass er eines Tages durch einen Elf get�tet w�rde. Alles deutete daraufhin, dass es Nandalee sein w�rde. Er k�nnte sie t�ten � und Gonvalon dazu. Es w�re ein Leichtes. Aber er wollte Nandalee f�r sich gewinnen � sie so sehr an sich binden, dass ein solcher Verrat undenkbar w�re. Deshalb hatte er Gonvalon gew�hren lassen. Nandalee sollte das Gef�hl haben, tief in seiner Schuld zu stehen.</p><p>�Ihr wusstet um das Verbot, hierherzukommen, und habt Euch dar�ber hinweggesetzt, Gonvalon. Das ist kein geringes Vergehen.�</p><p>Er verneigte sich und rang dabei um sein Gleichgewicht. �Ich hoffe auf deine Gnade.�</p><p>Der Dunkle richtete sich zu seiner vollen Gr��e auf. Es zeigte den Elfen, wie klein und zerbrechlich sie waren, und verfehlte seine Wirkung nie.</p><p>Nandalee trat vor und kniete dem�tig nieder. �Ich bitte f�r ihn, Erstgeschl�pfter. Bitte lass ihn ziehen. Er kam nicht, um dich zu erz�rnen. Nun, da er gesehen hat, dass es mir gut geht, wird er gewiss in die Wei�e Halle zur�ckkehren. Bitte verzeih ihm.� Nie zuvor hatte er die rebellische Elfe so unterw�rfig gesehen. Auch das war also Liebe.</p><p><emphasis>Ich erwarte von Euch, dass Ihr mir einen Dienst erweist</emphasis>, fuhr sein Geist in Gonvalons Gedanken. <emphasis>Ich werde nicht darum feilschen. � Es gibt nur ein Ja oder Nein. Und der Goldene wird niemals erfahren, was Ihr f�r mich getan habt. Weder er noch sonst jemand.</emphasis></p><p>Der Schwertmeister nickte kaum merklich.</p><p>�Ihr werdet zum Sonnenuntergang zu mir in die Pyramide kommen!�, sagte der Dunkle laut.</p><p>Als die Gazala ihm Gonvalons baldige Ankunft prophezeit hatten, hatte er entschieden, dass es an der Zeit war, seine ersten Sp�her nach Nangog zu schicken. Keinen Spitzel aus der Blauen Halle � sie hatten sich den Drachen nicht eng genug verschworen. Jeder seiner Br�der konnte einen von ihnen schicken. Jeder konnte sie befragen. Geheimnisse waren bei ihnen nicht aufgehoben. Seit er begonnen hatte, �ber seinen Plan nachzudenken, hatte er gewusst, dass er Drachenelfen schicken musste. Gonvalon w�re eine gute Wahl! Der Schwertmeister war erfahren und hatte in vielen Missionen f�r den Goldenen gestritten. So viel wusste er, auch wenn die Einzelheiten �ber Gonvalons Taten ein Geheimnis blieben. Es war ihm eine Freude, den Pakt, den der Schwertmeister mit seinem Bruder eingegangen war, zu unterh�hlen. Dass Gonvalon f�r Nandalee alles tun w�rde, hatte er bereits unter Beweis gestellt � und er w�rde sich dieses Wissen zunutze machen. Bevor der Elf gehen konnte, w�rde er ihm einen weiteren Schwur abverlangen � etwas, das Gonvalon noch tiefer in seiner Schuld stehen lassen w�rde. K�nftig w�rde der Schwertmeister ihm von den Geheimnissen des Goldenen berichten.</p><p>Ihm war bewusst, dass Gonvalon an diesem Verrat zerbrechen w�rde. Doch selbst das w�re noch ein Gewinn � denn mit Gonvalon w�rde sein Bruder einen seiner besten Streiter verlieren.</p></section><section><title><p>Der Pakt der Himmelsschlangen</p></title><p>ER sp�rte die Unruhe SEINER Nestbr�der, als sie sich in der weiten Halle unter den Klippen versammelten. ER hatte sie ausgesandt, nach jenen Alben zu suchen, die ER in den letzten Monden ermordet hatte. Darin hatte ein gewisses Risiko gelegen. Doch es war an der Zeit, Wagnisse einzugehen! Bevor ER den gro�en Plan angehen konnte, musste ER sie alle hinter sich wissen.</p><p><emphasis>Ihr habt gesehen, was unter den Alben vor sich geht?</emphasis></p><p><emphasis>Wir haben gesehen, dass etwas vor sich geht!</emphasis>, antwortete IHM der Himmlische. <emphasis>Allein, es fehlt uns an Wissen, die Ereignisse zu deuten. Und was mich angeht, bin ich �berrascht, wie genau du wusstest, wohin du uns schicken musstest. Ich habe mir erlaubt, auch andere Alben aufzusuchen. Nur jene, die du uns nanntest, waren verschwunden.</emphasis></p><p>Der Himmlische galt als der weiseste unter ihnen. Ein Skeptiker. Wenn ER ihn f�r sich gewann, w�rden die �brigen Himmelsschlangen umso williger folgen. <emphasis>Vor zwei Jahren bemerkte ich das Verschwinden einer Albe, die mir von allen die Teuerste war. Seither habe ich viele Reisen unternommen. Ich glaube, ich habe sie alle besucht. Jedenfalls jene, die zulassen, dass man sie noch findet. Die Stimmung unter ihnen bereitet mir gro�e Sorge. Sie wenden sich ab von dieser Welt. Das Mondlicht lockt sie, und sie scheinen Albenmarks �berdr�ssig zu werden. Gerade jene unter ihnen, die ich als die Tatkr�ftigsten eingesch�tzt habe, sind nun unauffindbar. Es ist unabdingbar, dass wir eine Entscheidung treffen, wie wir dieser Lage begegnen. Uns obliegt der Schutz Albenmarks! Und ich bin der �berzeugung, wir werden durch eine unbekannte Macht angegriffen!</emphasis></p><p><emphasis>Dem kann ich nur zustimmen!</emphasis> Der Flammende war f�r sein aufbrausendes Temperament gef�rchtet. Die Farben seiner Schuppen changierten zwischen dunklem Gelb und leuchtendem Karmesin. Allerdings war er auch wankelm�tig. <emphasis>Es sieht so aus, als w�rde Albenmark angegriffen. Wir m�ssen unsere Feinde stellen und zur�ckschlagen!</emphasis></p><p><emphasis>Dazu m�ssten wir allerdings erst einmal wissen, wer uns angreift</emphasis>, wandte der Fr�hlingsbringer ein. Die m�chtige Himmelsschlange, deren Schuppen alle Gr�nt�ne des Fr�hlings trugen, galt als ruhiger Pragmatiker. ER war sich bewusst, dass sein Nestbruder nur schwer zu radikalen Schritten zu bewegen sein w�rde. Vielleicht schwerer noch als der Himmlische.</p><p>Kurz erwog ER, SEINEM Bruder zu antworten, doch dann entschied ER, dass es kl�ger w�re, zun�chst jeden in der Runde zu Wort kommen zu lassen.</p><p><emphasis>Ihr werdet bemerkt haben, dass die nahe gelegenen Albensterne ge�ffnet wurden und dass Besucher kamen, die nicht aus dieser Welt stammten</emphasis>, erkl�rte der Nachtblaue, der kriegerischste unter ihnen. Bei ihm war ER sich ganz sicher, einen Verb�ndeten zu finden.</p><p><emphasis>Besucher, die von Nangog kamen</emphasis>, mischte sich der Himmlische ein. <emphasis>Dass sie von dort durch das Goldene Netz gingen, ist allerdings kein zwingender Beweis daf�r, dass sie nicht letztlich doch aus Albenmark stammen.</emphasis></p><p><emphasis>Wenn dem so w�re, dann h�tten sie gegen den alten Pakt versto�en!</emphasis>, entgegnete der Nachtblaue gereizt. <emphasis>Wer w�rde die Alben und Devanthar zugleich herausfordern?</emphasis></p><p><emphasis>Das herauszufinden haben wir uns hier versammelt</emphasis>, erwiderte der Himmlische ruhig. <emphasis>Und was mich angeht, werde ich meine Entscheidungen gewiss nicht auf unsachlichen Behauptungen begr�nden. Wir k�nnten die Elfen der Blauen Halle als Sp�her ausschicken. Wir haben sie erschaffen, um unsere verborgenen Augen zu sein.</emphasis></p><p><emphasis>Unsinn! Diese Sache ist zu bedeutend, um sie den Elfen zu �berlassen! Ich lade dich ein, in meinen Gedanken zu lesen, Bruder!</emphasis> IHM gefiel nicht, in welche Richtung der Disput lief. ER wollte keine Sp�her, ER wollte Ergebnisse. Noch heute!</p><p>Der Nachtblaue schob sich aus der H�hle, die seinen Leib beherbergte, in die Mitte des Rundes und ER sp�rte, wie sein Nestbruder nach SEINEN Gedanken griff.</p><p><emphasis>Jeder von euch mag dies tun! Ich bin den magischen Spuren gefolgt! Ich wei�, wohin sie f�hren. Sie enden nicht in Nangog, sondern auf Daia. Sie f�hren nach Zapote, wo die Devanthar sich im Gefiederten Haus versammeln, und in die Berge von Kush, in denen der Gelbe Turm verborgen liegt, wie wir wissen.</emphasis> Auf diese Offenbarung folgte atemlose Stille. ER sp�rte, wie nun alle �brigen Himmelsschlangen nach den Erinnerungen des Nachtblauen griffen, um zu sehen, was er gesehen hatte.</p><p>Es war der Rote, der als Erster die Sprache wiederfand. <emphasis>Du h�ttest dies nicht ohne Absprache mit uns tun d�rfen!</emphasis>, emp�rte er sich. <emphasis>Du hattest Gl�ck, doch w�rest du entdeckt worden, h�tten deine Taten Konsequenzen f�r uns alle haben k�nnen.</emphasis></p><p><emphasis>Nur dass er nicht gemordet wurde wie einst der Purpurne, bedeutet nicht, dass die Devanthar seine Anwesenheit nicht bemerkt h�tten</emphasis>, gab der Himmlische zu bedenken. <emphasis>Deine Tat zeugt nicht gerade von Weisheit. Und noch weniger von Verbundenheit mit uns!</emphasis></p><p><emphasis>Ich f�hle mich in der Tat nicht mit jenen verbunden, die lieber hier sitzen und abwarten, als zu handeln, w�hrend die Welt, die uns anvertraut wurde, zerbricht</emphasis>, entgegnete der Nachtblaue k�mpferisch.</p><p><emphasis>Wir sollten unseren Bruder Nachtatem hinzuziehen</emphasis>, meldete sich der Rote zu Wort. <emphasis>Diese Erkenntnisse sind zu bedeutend, als dass wir eine Entscheidung ohne ihn treffen k�nnten.</emphasis></p><p><emphasis>K�nnen wir nicht?</emphasis>, warf ER sarkastisch ein. ER wusste darum, wie sehr der Rote dem Erstgeschl�pften verbunden war. Ihn zu gewinnen w�rde schwer werden. Vielleicht kam ER nicht umhin, SEINEN Bruder als Letzten der Klinge der Devanthar zu �berantworten, bevor ER das Messer f�r immer verschwinden lie�. <emphasis>Der Erstgeschl�pfte ist seit vielen Monden nicht mehr zu unseren Versammlungen gekommen. Er steht den Alben n�her als uns! Wen mag es da noch wundern, dass sein Interesse f�r die Belange dieser Welt mehr und mehr verblasst, so wie dies auch bei unseren Sch�pfern der Fall ist.</emphasis></p><p><emphasis>Vielleicht ist auch er diesen seltsamen Ereignissen auf der Spur</emphasis>, bemerkte der Himmlische.</p><p><emphasis>W�re sein Erscheinen hier dann nicht noch zwingender?</emphasis>, entgegnete ER in wohldosiertem �rger. <emphasis>M�sste er uns nicht in sein Vertrauen ziehen? Was sind wir f�r ihn? Br�der? Oder f�hlt er sich schon so weit �ber uns, dass wir ihn nicht mehr interessieren? Ihr alle kennt seine Arroganz! Seinen Hang zu Alleing�ngen.</emphasis> SEINE Worte wirkten, stellte ER zufrieden fest. Schweigen legte sich �ber ihre Runde. Niemand erhob mehr die Stimme gegen IHN.</p><p>Es war der Smaragdgr�ne, der bislang nur zugeh�rt hatte, der schlie�lich in die Stille sprach. Ein Nestbruder, der meist m��igend einzuwirken versuchte und deshalb oft gegen IHN stand. <emphasis>Was immer wir tun � die Ereignisse sind so schwerwiegend, dass wir eine einm�tige Entscheidung treffen m�ssen. Ganz gleich, was dort drau�en geschieht � wir m�ssen ihm Schulter an Schulter entgegentreten.</emphasis></p><p>ER schloss die Augen, bem�ht, sich SEINE Erleichterung nicht anmerken zu lassen. ER hatte gehofft, dass ihr Disput zuletzt zu diesem Konsens f�hren w�rde. SEIN Ziel war zum Greifen nahe ger�ckt. Und tats�chlich � niemand widersprach dem Smaragdgr�nen!</p><p><emphasis>Ich m�chte euch etwas zeigen, meine Br�der! Etwas, das einer meiner Elfen den Menschenkindern gestohlen hat. Ein Geschenk der Devanthar an sie. Ein Artefakt von unermesslichem Wert.</emphasis> In Gedanken befahl ER Lyvianne, die oben in der Klippenfestung gewartet hatte, hinab zur H�hle zu steigen und die Silberschale zu bringen. Dass die Schale in Wahrheit aus der Halle eines Zwergenk�nigs stammte, wollte ER lieber nicht preisgeben. Das h�tte nur zu neuer Unruhe gef�hrt.</p><p>Nach wenigen Augenblicken erschien die Elfe. Lyvianne trug die Schale auf beiden H�nden. Ganz in Wei�, gekleidet in das Gewand einer Meisterin der Wei�en Halle, ihr Haar streng zur�ckgek�mmt und zu einem Zopf geflochten, wirkte sie unnahbar und selbstbewusst. Mit einer vollendeten Verbeugung setzte sie die Schale in der Mitte der Halle ab und zog sich wieder zur�ck.</p><p><emphasis>Geht hin und schaut in das Wasser der Schale. Sie zeigt Bilder aus der Zukunft. �berzeugt euch! Ihr werdet sehen, was geschehen wird, wenn wir nicht mit aller Entschiedenheit handeln. Und bedenkt bei allem, was ihr seht, dass unser Bruder Nachtatem �ber etliche Gazala verf�gt, die ihm prophezeien. Er muss um all das wissen, das euch nun offenbart wird. Und erneut stellt sich die Frage: Warum teilt er dieses Wissen nicht mit uns?</emphasis></p><p>Der erste, der in die Silberschale blickte, war der Nachtblaue. ER konnte sehen, wie SEIN Bruder zunehmend verst�rter wurde. Dann folgte der Himmlische und auch in seinem schuppigen Antlitz spiegelte sich bald blanker Schrecken.</p><p>ER lie� ihnen viel Zeit. ER kannte die Silberschale und ihre Macht gut und wusste, dass sie stets nur die dunklen Aspekte der Zukunft zeigte. Sie w�rde IHM helfen, den letzten Widerstand zu brechen.</p><p>W�hrend der Stunden, in denen SEINE Br�der die Bilder des Schreckens schauten, wandelte ER unter ihnen und sprach mit jedem Einzelnen �ber das, was sie in dem Wasser der Schale sahen. �ber die Drachen, die von Elfen und Zwergen gejagt wurden und kaum mehr als wilde Tiere zu sein schienen ohne magische Macht � ja sogar ohne Verstand! Nie sahen sie sich selbst. Es waren nur die niederen Drachenrassen, die im spiegelnden Wasser erschienen. Oft hingegen sah man eine K�nigin, die aus dem Volk der Elfen stammte und mit kaltem Herzen regierte. Ein anderes Mal wappneten sich Menschen ganz in schimmernden Stahl und hielten unter dem Banner eines toten Baumes ein totes Land besetzt. Asche und Rauch zogen im Wind �ber Albenmark und das Land selbst hatte seine Magie verloren.</p><p><emphasis>All dies kann abgewendet werden</emphasis>, sagte ER schlie�lich mit fester Stimme. <emphasis>Die Zukunft ist nicht festgeschrieben! Wir k�nnen sie ver�ndern. Was ihr gesehen habt, wird sich ereignen, wenn wir weiterhin unentschlossen sind. Was die Silberschale zeigt, wird unsere Zukunft sein, wenn wir darauf warten, dass die Alben handeln. L�ngst haben die Devanthar die alten Vertr�ge gebrochen. Ihre Sklaven, die Menschenkinder, unterwerfen Nangog. Und ihr habt gesehen, dass es dieser Welt schon jetzt so ergeht, wie es einst Albenmark ergehen wird. Die Menschen w�hlen sich in die Erde. Sie vernichten W�lder. Legen die Kreaturen dieser Welt in Fesseln und h�ngen fliegende Schiffe an sie! Wie ihre Herren, die Devanthar, kennen sie keinen Respekt vor fremder Sch�pfung. Sie machen alles ihrem Willen untertan � und betrachten es als eine Tugend! Und nun kommt schon einer der Devanthar hierher und t�tet Alben. Was aber noch viel ungeheuerlicher ist � unsere Sch�pfer widersetzen sich alldem nicht! Sie haben uns und unsere Welt aufgegeben! Ihre Kinder! Dies ist ein Verrat, der mich noch unendlich viel mehr entsetzt als der Verrat der Devanthar. Wir wurden erschaffen, um den Alben als Statthalter in Albenmark zu dienen. Doch wie sollen wir dienen, wenn sie uns nicht l�nger den Weg weisen? Unsere Aufgabe war der Schutz Albenmarks. Lasst uns nicht l�nger auf Befehle warten, die nicht kommen werden. Lasst uns wahre Herrscher werden! Bestimmen wir unsere Geschicke und den Weg Albenmarks selbst!</emphasis></p><p><emphasis>Was ist mit dem Erstgeschl�pften?</emphasis>, warf der Himmlische ein.</p><p>F�r einen Augenblick war ER kurz davor, seine Beherrschung zu verlieren. ER wollte in feierlicher Stimmung einen Bund der Himmelsschlangen schmieden. Die Zeit zu reden war vor�ber. Nun mussten endlich Taten folgen! <emphasis>Siehst du ihn hier?</emphasis>, entgegnete ER scharf. <emphasis>Hast du ihn in den letzten Monden gesehen?</emphasis> ER deutete auf die Silberschale. <emphasis>Alles, was ihr heute gesehen habt, muss er l�ngst durch die Prophezeiungen der Gazala erfahren haben. Warum hat er uns daran nicht teilhaben lassen? Wenn er kommt, bin ich der Erste, der ihn begr��t. Doch sieh der Wahrheit ins Auge, Bruder � der Erstgeschl�pfte hat uns schon l�ngst verlassen.</emphasis></p><p><emphasis>Er war immer schon mehr den Alben zugetan als uns!</emphasis>, zischte der Flammende.</p><p><emphasis>So ist es, Bruder! Gibt es noch einen unter uns, der Zweifel hat?</emphasis> ER war angespannt. ER blickte zum Roten und zum Himmlischen. Bei diesen beiden rechnete er am ehesten mit Widerspruch, doch sie schwiegen.</p><p><emphasis>Dann lasst uns einen Pakt schlie�en, dass wir alle Albenmark dienen wollen mit all unserer Macht, und dass wir die Devanthar bek�mpfen wollen, um das �bel von unserer Welt abzuwenden. Ihr habt gesehen, wie es Albenmark ergehen wird, wenn die Feinde obsiegen. Es wird eine Welt ohne Magie sein! Und ohne Drachen.</emphasis></p><p>ER blickte noch einmal in die Runde, dann sagte er feierlich: <emphasis>Ich schw�re, Albenmark zu sch�tzen, Unheil von ihm abzuwenden und seinen Nutzen zu mehren, koste es auch mein eigenes Leben!</emphasis></p><p>Der Nachtblaue war der erste, der den feierlichen Eid wiederholte. Dann folgten die anderen. Der Himmlische legte als letzter den Schwur ab.</p><p><emphasis>Das Schicksal hat uns als Br�der vereint, doch heute haben wir uns �ber das Schicksal erhoben und sind aus freiem Willen einen Bund eingegangen, der uns f�r immer aneinanderkettet. Jeder von uns tr�gt eine andere Farbe. Jeder hat ein anderes Temperament. Besiegeln wir unseren Pakt damit, dass wir etwas teilen, in dem wir alle gleich sind.</emphasis> ER sprach ein Wort der Macht und �ber ihren H�uptern erschienen die sieben Steine, die er aus den ermordeten Alben erschaffen hatte.</p><p><emphasis>Diese Steine sind so, wie unsere Welt sein wird, wenn unsere Feinde siegen. G�nzlich ohne Magie.</emphasis> Ein Gedanke von IHM lie� einen der Steine zu IHM hinabschweben. <emphasis>Nie will ich vergessen, welches Schicksal unserer Welt droht. Wie ein steinerner Gedanke soll unser Schwur f�r mich sein. Unverr�ckbar in mir. F�r alle Zeit.</emphasis></p><p>Mit diesen Worten �ffnete ER seine Stirn, ergab sich dem Schmerz, als SEIN Knochen zur�ckwich, und legte den Stein in SEINE Stirnh�hle, wo bereits die Essenz der Mammutkuh zwischen wucherndem Knochengewebe verborgen war.</p><p>SEINE Br�der reagierten sehr unterschiedlich. Einige waren erschrocken, der Nachtblaue fasziniert, der Fr�hlingsbringer wandte sich voller Ekel ab. Doch zuletzt gewann ER sie alle. Und keiner von ihnen ahnte, wie tief ER sie in seine Intrige hineingezogen hatte. Dass sie nun die Essenz eines Alben in sich trugen. Eines gefallenen Weltensch�pfers.</p><p>ER l�chelte. Es war getan. Der gro�e Pakt war geschlossen. Von nun an w�rde die Welt eine andere sein.</p></section><section><title><p>Drache und Holunder</p></title><p>Gonvalon hatte nicht darum gebeten, dass der Dunkle ihm helfen sollte. Er hatte sich nicht dem Erstgeschl�pften, sondern dem Goldenen verschrieben � und nicht einmal ihn h�tte er um Hilfe gebeten. Er hatte mit Matha Naht einen Pakt geschlossen. Sie hatte ihm gegeben, worum er sie gebeten hatte, auch wenn der Preis, den er zu zahlen gehabt hatte, h�her ausgefallen war als erwartet, war ihm die Tatsache, Nandalee wieder in den Armen halten zu k�nnen, alle Qualen mehr als wert. Sie lebte! Und nicht nur das � er hatte sie gefunden. Mithilfe ihres Vogels und mithilfe der Liebe, die sie f�r ihn in ihrem Herzen trug. Und, ja � auch mithilfe dieses verfluchten Baumes. Dennoch konnte er sich einer gewissen Genugtuung nicht erwehren, als er hinter dem Dunklen �ber den Drachenpfad auf jenen einsamen H�gel trat, auf dem der Holunder stand. Es war sein Wunsch gewesen, ohne Nandalee hierherzukommen. Sie sollte den Ort, an dem er so sehr gelitten hatte, nicht sehen. Sollte nicht in Versuchung geraten, etwas Unbedachtes zu tun. Er kannte sie gut. Sie w�re auf Matha Naht losgegangen. Aber dazu waren sie nicht hier. Der Holunder sollte den Fluch von ihm nehmen. Ganz gewiss w�rde Matha Naht sich dem Wunsch des Erstgeschl�pften nicht widersetzen! Erwartungsvoll blickte Gonvalon zu dem dunklen Baum.</p><p><emphasis>Bitte verzeih, wenn ich mich nicht vor dir verneige, Erstgeschl�pfter, aber meine Beschaffenheit erlaubt es mir nur, mich dem Wind zu beugen.</emphasis> Ihre Stimme in seinen Gedanken lie� ihn erschaudern. Er hatte das Gef�hl, dass sie dem Dunklen noch andere Dinge sagte.</p><p>Pl�tzlich entfaltete der Drache seine weiten Schwingen. Wie riesige F�cher bewegten sie sich vor und zur�ck und erzeugten einen Sturmwind, der Gonvalon taumeln lie�.</p><p><emphasis>Gerne helfe ich Euch, mir Ehre zu erweisen, Matha Naht.</emphasis> Nun war es die Stimme des Dunklen, die seine Gedanken f�llte, und der Zorn, der in ihr schwang, lie� den Elfen erzittern. Eine Furcht ergriff ihn, die ihm schier das Herz zerspringen lassen wollte. Deutlich sp�rte er die Macht des Drachen. Sein Zorn reichte weit �ber ihn hinaus. Feiner blauer Rauch stieg von den N�stern des Ungeheuers. Nie hatte Gonvalon so deutlich gesp�rt, dass die Himmelsschlangen fleischgewordene Urgewalten waren. Weltenformer, die allein von den Alben an Macht �bertroffen wurden.</p><p>Die Zweige des Holunders beugten sich im Sturmwind der Fl�gelschl�ge. Etliche splitterten und wurden ins Dunkel der Nacht hinfortgerissen.</p><p><emphasis>Warum qu�lt Ihr diesen Elfen?</emphasis></p><p><emphasis>Weil ich Macht aus seinem Leid ziehe. So wie seine Geliebte mit der Misteldrossel verbunden ist, ist Gonvalon mit mir verbunden. Seine Leiden mehren meine Zauberkraft. Dies ist die Beschaffenheit meiner Magie, von der ich sehr wohl wei�, dass sie auch dir nicht unvertraut ist, Erstgeschl�pfter.</emphasis></p><p>Gonvalon erschrak. Niemand, der den Zauber Matha Nahts untersucht hatte, hatte etwas Derartiges entdeckt. Hatte sie ihre Magie so geschickt verborgen? Oder belog sie den Erstgeschl�pften? Aber welchen Nutzen k�nnte sie aus dessen Zorn ziehen? Mehrte auch Zorn ihre Zaubermacht?</p><p>Gonvalon blickte auf den vom Wind gebeugten Holunder. Er hasste Matha Naht. Er w�nschte sich, dass auch sie leiden sollte wie er. Aber was machte es einem Baum schon aus, wenn man ihm ein paar �ste abschnitt? Konnte er �berhaupt Schmerz empfinden?</p><p><emphasis>Ich verlange, dass Ihr den Zauber aufhebt, mit dem Ihr den Elfen belegt habt.</emphasis></p><p><emphasis>Ich habe einen Pakt mit ihm geschlossen</emphasis>, entgegnete Matha Naht st�rrisch. <emphasis>Und er kam aus freien St�cken hierher. Ich habe ihn zu nichts gezwungen.</emphasis></p><p><emphasis>Dieser Elf hat sich den Regenbogenschlangen verschrieben. F�gt Ihr ihm Schaden zu, wendet Ihr Euch auch gegen uns.</emphasis> Schwarzer Rauch quoll aus seinen N�stern. Flammen schlugen aus seinem Rachen und setzten einige der d�nneren �ste in der Krone des Holunders in Brand. <emphasis>Meine Langmut endet nun, Matha Naht. Gehorcht meinen Befehlen!</emphasis></p><p><emphasis>Dazu m�sste dein Sch�tzling sich noch einmal unter meine �ste begeben.</emphasis></p><p>Gonvalon z�gerte. Er vertraute dem Holundergeist nicht. Und doch musste der Zauber gebrochen werden, wenn er jemals wieder der Schwertk�mpfer werden wollte, der er einmal gewesen war.</p><p><emphasis>Ihr werdet ihm kein Leid zuf�gen. Nehmt Euren Zauber von ihm und ich werde vergessen, was Ihr ihm angetan habt.</emphasis></p><p>Das Feuer in den d�nnen �sten der Baumkrone war verloschen, die Glut in den Astspitzen verglomm und Asche rieselte hinab. <emphasis>Ich schw�re, ich werde ihm keine Schmerzen zuf�gen,</emphasis> versicherte Matha Naht.</p><p>Gonvalon trat nahe an den Stamm heran. An jene Stelle, an der der Holunder erst vor wenigen Wochen von seinem Blut getrunken hatte. Ein d�rrer Ast strich ihm durch das Haar. Ihn schauderte.</p><p><emphasis>Ein Paktbrecher also bist du.</emphasis></p><p>Gonvalon ahnte, dass Matha Naht diesmal nur zu ihm sprach.</p><p><emphasis>Dabei ist Lyvianne so stolz auf dich. So gro�e St�cke h�lt sie auf dich. Bist ihr liebster Spr�ssling, wusstest du das?</emphasis></p><p>Dem Elfen war nicht klar, wie das zu verstehen sein sollte. Er war nie Lyviannes Sch�ler gewesen. Wie konnte der Holunder ihn da als ihren Spr�ssling bezeichnen? Aber wer vermochte schon die Gedanken eines Baumes zu verstehen?</p><p>Pl�tzlich war da ein Gef�hl, als w�rde in sein Innerstes gegriffen. Gonvalon taumelte zur�ck. Und zum ersten Mal sp�rte er seine F��e wieder. Erleichtert seufzte er auf. Der Bann war von ihm genommen. Endlich!</p><p><emphasis>Tretet zur�ck, Gonvalon</emphasis>, fuhr der Dunkle mit unerwarteter Hitze in seinen Kopf.</p><p>Der Elf konnte den Zorn der Himmelsschlange sp�ren. Hei�e, kaum noch gez�gelte Wut. Nachtatem schien mit dem Holunder zu streiten.</p><p><emphasis>Ich habe mich an meinen Eid gehalten</emphasis>, h�rte er nun Matha Naht in seinen Gedanken. <emphasis>Ich habe ihm keine Schmerzen zugef�gt, ganz wie ich es versprochen habe. Nun halte auch du dein Wort. Geh.</emphasis>Holunder. �ste</p><p>Ein Schwanzhieb des Drachen fuhr in den Holunder. �ste splitterten. Gonvalon riss sch�tzend die Arme hoch und wich noch weiter zur�ck.</p><p><emphasis>Gilt f�r dich kein Eid, Himmelsschlange? Gibt es kein Recht, an das du dich halten m�sstest? Wie willst du dann herrschen?</emphasis></p><p>Der Drache richtete sich zu seiner ganzen Gr��e auf. Mit ausgeweiteten Fl�geln war er massiger als der Torturm einer Festung. Seine Augen funkelten wie kalte blaue Sterne.</p><p><emphasis>Nein, ich kann es nicht mehr r�ckg�ngig machen. Das wei�t du genauso, wie du um die Gefahr wusstest</emphasis>, protestierte Matha Naht. <emphasis>Ich habe nur getan, was du von mir verlangt hast.</emphasis></p><p>Gonvalon sah zweifelnd an sich herab. Der Zorn des Drachen war wie eine hei�e, �tzende Ber�hrung. Warum sprach Nachtatem nicht in seinen Gedanken? Was sagte er dem Holunder? <emphasis>Was</emphasis> war verloren?</p><p>Erneut peitschte der Schwanz des Drachen den Boden und schleuderte Font�nen fauligen Laubs und tiefschwarzer Erde durch die Nacht. Im aufgew�hlten Erdreich kamen Knochen zum Vorschein. Ein Koboldsch�del, an dem noch krauses schwarzes Haar haftete, rollte vor Gonvalons F��e.</p><p><emphasis>Ich kann es nicht mehr umkehren</emphasis>, beharrte Matha Naht. <emphasis>Es wird ihn begleiten, auch �ber den Seelenhort hinaus. Es wird sein Makel sein, f�r alle Zeiten.</emphasis></p><p>�Was?�, fragte der Elf, doch keiner der beiden h�rte ihm zu. Ein Prickeln �berlief seine Haut. Wind heulte auf. Die Knochen in der Erde begannen sich zu regen. Zersplitterte Rippen und Schienbeine prasselten wie Pfeile gegen die Schuppen des Drachen. Ein Wurzelstrang versuchte den peitschenden Schwanz zu ergreifen � Matha Naht wuchs! Sie stieg aus der Erde empor. Ihr m�chtiger Stamm hatte sich im Untergrund verborgen. Sie war mehr, als sie zu sein schien. Viel mehr als nur ein Holunder.</p><p>Glei�endes Licht umh�llte den Stamm. Gonvalon wich mit einem Schreckensschrei weiter zur�ck. Er war nur ein Elf. Nie zuvor war er vor einem Kampf geflohen. Doch dies hier � Voller Entsetzen wich er weiter zur�ck � Auf dem H�gel k�mpften zwei Urgewalten. Gonvalon wandte sich ab und rannte, so schnell seine F��e ihn trugen. Seine F��e, die ihm endlich zur�ckgegeben waren.</p><p>Er war mehr als drei�ig Schritt vom Stamm entfernt, da traf die Hitze ihn wie ein Schlag. Seine Gesichtshaut spannte sich, feiner Rauch stieg aus seinen Kleidern und selbst durch seine Stiefelsohlen sp�rte er die Hitze. Er vermochte nicht mehr zu atmen, so hei� war die Luft, die ihn umgab. Voller Entsetzen blickte er zur�ck. Der Holunder stand in hellen Flammen, mit einem scharfen Knall riss der Stamm, die �ste wogten wie winkende Arme � und dann fuhr ihre Stimme erneut in seinen Kopf, dr�ngte sich dicken Wurzeln gleich in sein Fleisch und seinen Verstand und lie� ihn laut aufheulen vor Schmerz.</p><p><emphasis>Ich verfluche dich, Gonvalon und alle K�rper, die nach dir diese Seele tragen. So wie ich jetzt, wirst auch du durch Feuer sterben, sooft du auch wiedergeboren wirst. Bis deine Seele eines Tages f�r immer verlischt.</emphasis></p><p>Gonvalon brach in die Knie � und mit ihm fiel auch der Holunder. Sein Stamm war nur noch schwelende Glut. Ein zweiter Flammensto� des Drachen verwandelte selbst die schwarze Erde in gl�hende Lohe. Die Erde schmolz! Nie zuvor hatte Gonvalon so etwas gesehen.</p><p>Dann senkte der Drache sein Haupt, sch�ttelte sich, als sei seine Wut immer noch nicht gestillt. Nun wandte der Dunkle sich erneut ihm zu. <emphasis>Sie ist vernichtet. Verbrannt bis in die feinsten Wurzelspitzen. Nie wieder wird sich dieses �bel erheben.</emphasis></p><p>�Was hat dich so erz�rnt?� Wieder sah Gonvalon an sich herab. Er konnte keine Ver�nderung feststellen. Abgesehen davon, dass er seine Beine wieder sp�rte.</p><p><emphasis>Ihr Hochmut. Ihr Glaube, sich mir ungestraft widersetzen zu k�nnen. Sie hat nicht nur den Bannspruch von Euch genommen, Gonvalon. Euer Verborgenes Auge wird von nun an geschlossen bleiben. Sie hat einen Teil Eurer Aura ver�ndert. Ihr habt die F�higkeit verloren, Zauber zu weben. Es tut mir leid, Elfensohn. Ich h�tte nicht erwartet, dass sie dies wagen w�rde.</emphasis></p><p>Gonvalon sp�rte den weichen Waldboden unter seinen F��en. Er war ein Schwertk�mpfer, kein Zauberweber. Es war wichtiger, dass er wieder gehen konnte � und er w�rde nicht mit seinem Schicksal hadern. Als er zum ersten Mal hierhergekommen war, hatte er gewusst, dass er einen Preis w�rde zahlen m�ssen. Ihr Fluch lie� ihn unber�hrt. Sterben w�rden sie letztlich alle. Welche Bedeutung hatte es, ob es durch einen Axthieb oder durch Flammen geschah? Wichtig war allein, dass er ein Leben gewonnen hatte. Ein Leben mit Nandalee.</p></section><section><title><p>Der n�chtliche Besucher</p></title><p>Bidayn erwachte, als sich ihr eine Hand auf den Mund legte. Sie wollte hochfahren, wurde jedoch im gleichen Augenblick kraftvoll zur�ck in ihr Bett gepresst. Verzweifelt versuchte sie sich aufzub�umen. Eine Schattengestalt beugte sich �ber sie. Es war zu dunkel, um das Gesicht zu erkennen. Schwacher Bl�tenduft haftete dem Fremden an.</p><p>�Ich bin nicht dein Feind�, sagte eine unvertraute Stimme. Sie klang nicht gerade freundlich.</p><p>Bidayn entschied, ihren Widerstand aufzugeben. Vorl�ufig. Ihre Gedanken �berschlugen sich. Ein M�rder war der Fremde wohl nicht, denn dann w�re sie schon tot. Wenn es ihr gel�nge zu rufen � In den Kammern in H�rweite schliefen noch ein halbes Dutzend andere Sch�ler der Wei�en Halle. Wer immer �ber ihr stand, w�rde niemals entkommen! Hier waren die besten Krieger der Elfen versammelt. Wer war so tollk�hn, hier einzudringen?</p><p>�Der Erstgeschl�pfte schickt mich�, sagte der Fremde leise. �Er w�nscht dein Erscheinen noch in dieser Stunde. Wir werden hinab zur Bibliothek gehen.�</p><p>Entsetzt b�umte sie sich auf. Er wollte sie zu dem Fenster bringen! Dem Fenster, das Nandalee zerfetzt hatte. Niemals w�rde sie diese Pforte durchschreiten! Nie �</p><p>�Ich sehe schon, dass es nicht hilft, dich freundlich zu bitten.� Sie sp�rte einen Druck im Nacken. Im n�chsten Augenblick erschlafften ihre Glieder. Ihr Verstand war nicht getr�bt, aber sie war unf�hig, sich zu bewegen.</p><p>Der Fremde trat von ihrem Bett zur�ck. Sie konnte h�ren, wie er in ihrem Zimmer herumging. Ihre Truhe wurde ge�ffnet. Sie vermochte nicht einmal die Augen zu bewegen. Sie h�tte schreien m�gen vor Zorn, so w�tend war sie, aber alles, was ihr blieb, war innerlich zu fluchen.</p><p>Sie �berlegte, ob sie einen Zauber kannte, mit dem sie ihre Hilflosigkeit beenden konnte. Aber f�r jeden Zauber h�tte sie zumindest ein Wort der Macht fl�stern m�ssen. Meist w�ren auch noch begleitende Gesten notwendig gewesen. Sie war also v�llig hilflos!</p><p>Was der Kerl wohl wollte? Und wer war er? Ein Drachenelf?</p><p>Nach einer Weile kam er zu ihr zur�ck, packte sie und warf sie sich wie einen Sack �ber die Schulter. �Leicht bist du nicht gerade�, murrte er, griff aber zugleich nach einer Tasche, die er mit ihren Kleidern vollgestopft hatte. An der T�r lehnten Nandalees Bogen, ein K�cher voller Pfeile und der gro�e Bidenhander aus der Eingangshalle. Todbringer. Geschickt nahm er die Waffen auf und verlie� das Zimmer. V�llig lautlos bewegte er sich �ber die Flure und die Treppe hinab zur Bibliothek. Im bernsteinfarbenen Licht der Barinsteine sah sie sein Haar. Es war silberwei�. Er trug rote Gew�nder. Ein schlankes Schwert und ein langer Dolch hingen vom G�rtel um seine H�ften. Er bewegte sich, ohne zu z�gern, durch das Labyrinth der Bibliothek, als w�rde er sich hier auskennen, aber Bidayn war sich sicher, ihn noch nie in der Wei�en Halle gesehen zu haben.</p><p>Dann erreichten sie � das Fenster! Leise schleifend bewegten sich die Glasscherben �bereinander. Sie musste an all das Blut denken, das sie hier in der Nacht von Nandalees Verschwinden gesehen hatte, und blankes Entsetzen packte sie. Nicht dieses Fenster. Nicht!</p><p>Ihr Entf�hrer sagte etwas � mehr ein Laut als ein Wort. K�lte senkte sich auf die B�cherkammer und biss in ihre erschlafften Glieder. Das Ger�usch der schleifenden Scherben ver�nderte sich. Es wurde schriller, bis Bidayn glaubte, eine hei�e Nadel dringe durch ihre Ohren direkt in ihr Gehirn. Gleichzeitig sp�rte sie einen Sog zum Fenster hin. Ihre Haare bewegten sich im kalten Luftzug, Str�hnen wehten vor ihr Gesicht und bedeckten ihre starren Augen.</p><p>Da war noch ein Laut! Aus weiter Ferne. �hnlich dem, den ihr Entf�hrer von sich gegeben hatte. Sie � Sie wurden gerufen!</p><p>Mit sicherem Schritt n�herte sich ihr Entf�hrer dem Fenster. Sie wollte schreien, mit ihren Armen und Beinen strampeln, sich losmachen. Kalter Schwei� rann �ber ihren Leib. Jede Faser ihres K�rpers k�mpfte gegen den Bann an, der sie wehrlos machte. Zu einem Objekt, das man einfach so mit sich nahm.</p><p>Ohne zu z�gern trat ihr Entf�hrer durch das wirbelnde Glas. Bidayn wollte sich ducken, erwartete zerfetzt zu werden, doch kein Haar wurde ihr gekr�mmt. Finsternis l�schte ihren Blick. Ein Ger�usch wie Sturmwind, der sich unter Hausd�chern verf�ngt, umgab sie. Dann pl�tzlich �nderte sich alles. Der Wind erstarb. Schw�le Hitze umfing sie. Huschende Gestalten, gerade eben noch aus den Augenwinkeln zu sehen, eilten davon. Ihr Entf�hrer ging durch Wasser.</p><p>Sie wurde vor einer dunklen Mauer niedergelegt.</p><p>�Dies ist die Elfe, die du mir zu holen befahlst. Sie scheint mir sehr �ngstlich zu sein. Ich musste sie ruhigstellen, um sie hierherbringen zu k�nnen.�</p><p>Der Mistkerl, der sie geraubt hatte, bekam keine Antwort. Zumindest keine, die sie geh�rt h�tte. Und was hie� hier �ngstlich! Sie h�tte ihn mal sehen wollen, wenn er mitten in der Nacht davon wach wurde, dass sich ihm eine Hand auf den Mund legte. Aber wahrscheinlich hatte jemand wie er immer einen Dolch griffbereit. Selbst in seinem Bett. Ihm w�rde das einfach nicht passieren, dass man ihn �berraschte und entf�hrte. So etwas passierte nur ihr.</p><p>Bidayn konnte h�ren, wie sich Schritte durch das Wasser entfernten. Noch immer war sie unf�hig, sich zu bewegen. Sie kannte diesen verdammten Trick. Alle Kraft ihres K�rpers wurde in das magische Netz abgeleitet. Aber es hatte nichts mit Magie zu tun. Es war einfach nur ein leichter Druck auf einen bestimmten Punkt im Nacken � und es war im h�chsten Ma�e unehrenhaft, so zu k�mpfen! Und �u�erst wirksam, wie sie zugeben musste. So etwas sollte man sie in der Wei�en Halle lehren. So k�nnte sie Gegner au�er Gefecht setzen, ohne sie t�ten zu m�ssen.</p><p>Bidayn stellte sich vor, wie sie selbst Gonvalon mit diesem Trick �berwinden k�nnte, als sich eine Falte in der schwarzen Mauer neben ihr bildete. Eine Falte?</p><p>Sie versuchte vergebens den Kopf zu drehen, um besser zu sehen. Aus den Augenwinkeln konnte sie vage erkennen, dass etwas mit dem schwarzen Mauerwerk nicht stimmte. Es hatte eine unregelm��ige Oberfl�che und es bewegte sich.</p><p>Etwas ber�hrte sie im Nacken. Es f�hlte sich h�lzern an. Und doch ging W�rme von der Ber�hrung aus.</p><p><emphasis>Ihr m�sst keine Angst haben, Elfentochter</emphasis>, meldete sich eine fremde Stimme warm in ihren Gedanken. Und sie bewirkte das Gegenteil von dem, was sie zu beabsichtigen vorgab. Bidayn <emphasis>hatte</emphasis> Angst! Ihr Herz raste. Sie hatte das Gef�hl zu sp�ren, wie es mit jedem Schlag gegen ihre Rippen dr�ckte. Ihr Mund war trocken, ihre Kehle eng. Wohin hatte ihr Entf�hrer sie gebracht?</p><p>Die W�rme der Ber�hrung durchdrang Bidayns K�rper. Es war ein angenehmes Gef�hl. Ein Gef�hl, als habe man von einem nicht allzu scharfen Branntwein gekostet, dessen wohlige W�rme langsam vom Magen ausstr�mte. Sie f�hlte sich ein wenig benommen. Ihre Angst lie� nach. Es war einfach unm�glich, sich gleichzeitig wohlzuf�hlen und zu f�rchten.</p><p><emphasis>Ich brauche Eure Hilfe, meine Holde. Wie ich h�rte, seid Ihr eine der begabtesten jungen Zauberweberinnen. Und vor allem habt Ihr noch keine Wahl getroffen, welcher der Farben des Regenbogens k�nftig Eure Treue geh�ren soll. Ich m�chte Euch bitten, Eurer Schwester Nandalee zu helfen.</emphasis></p><p>Nandalee! Sie blickte auf, �berrascht, sich wieder bewegen zu k�nnen. Und jetzt erkannte sie, was die <emphasis>schwarze Wand</emphasis> mit Falten war! Der Leib eines riesigen Drachen! Himmelblaue Augen blickten auf sie hinab und dann war da wieder die Stimme in ihrem Kopf. Sie lie� all ihre Furcht zerflie�en und erf�llte sie mit Stolz.</p><p><emphasis>Ich bin Euer Freund, Dame Bidayn, und will Euer Lehrer sein. Ich war es, der einst den Schwebenden Meister das Zauberweben lehrte. Vertraut mir. Nie zuvor habe ich eine Elfentochter gelehrt. Mein Preis f�r diese Gunst sind Eure Treue und Euer Schweigen.</emphasis></p><p>Sie w�rde alles f�r ihn tun. Sie ahnte, wer das sein musste � Nachtschwinge, der Erstgeschl�pfte! Der �lteste aller Drachen. Und er hatte sie zu seiner Sch�lerin erw�hlt. Bidayn war �berw�ltigt. Tr�nen des Gl�cks rannen ihr �ber die Wangen.</p><p>�Und Nandalee�, brach es pl�tzlich aus ihr heraus. �Sie lebt?�</p><p><emphasis>Sie lebt und braucht Euch, Dame Bidayn. Ihr sollt sie auf eine Mission begleiten, von der niemand erfahren darf � nicht einmal die Meister der Wei�en Halle. Ihr steht allein unter meinem Befehl. Und Ihr, meine Elfentochter, werdet zum Schl�ssel f�r den Erfolg werden.</emphasis></p></section><section><title><p>Das Gl�ck halten</p></title><p>Endlich waren sie allein! Nandalee dr�ckte Gonvalon gegen den Fels und �berh�ufte ihn mit K�ssen. So viele Monde hatten sie einander nicht gesehen, und als er zu ihr gefunden hatte, war er gezeichnet gewesen. Kaum wiedererkannt hatte sie ihn. Sein schwankender Schritt hatte ihr das Herz gebrochen.</p><p>Doch all das war nun vorbei. Jetzt wollte sie ihn verschlingen, eins mit ihm werden und ihn nie wieder loslassen. Bevor er mit dem Dunklen gegangen war, hatten sie kaum Zeit f�reinander gehabt. Jetzt hatte sie ihn endlich f�r sich. Endlich!</p><p>Er war zur�ckhaltender als sie. Genoss sie. Ihren �berfall. Seine Rechte fand den Weg unter ihr Kleid, ruhte warm auf ihrer Brust, dicht bei ihrem Herzen. Sie biss ihn in die Lippe und beugte den Kopf zur�ck. Wie wunderbar seine Augen waren! All das, was nicht �ber seine Lippen kam, konnte sie darin lesen. Seine Sehnsucht, seine Liebe � und seine Angst. Er hatte kein Wort davon gesprochen, seit er in den Jadegarten gekommen war, doch sie sp�rte, dass er sich immer noch vor seinem Fluch f�rchtete.</p><p>�Ich bin nicht leicht totzukriegen�, fl�sterte sie. �Ich werde nicht �� Er zog sie an sich und k�sste sie. Voller Leidenschaft. Sie schloss die Augen. Genoss seine H�nde auf ihrem Leib. Er verstand es, ihren K�rper zu lesen wie kein anderer. Wusste, wann er sie wo ber�hren musste. Er vermochte es, ihr Feuer zu sch�ren, sie hinzuhalten, um dann ihre Glut nur noch st�rker zu entfachen. Er genoss das Liebesspiel. Genoss es, sie so zu kennen wie kein anderer. Ihr die F�hrung zu �berlassen, ohne ihr je ausgeliefert zu sein.</p><p>Doch pl�tzlich z�gerte sie und l�ste sich von ihm. Atemlos. Sie hatte Sorge, dass alles zu schnell gehen k�nnte. Sie wollte genie�en nach all den Monden � und f�hlte sich unsicher. War etwas von ihrem Zwergenk�rper geblieben, was sie bisher nicht bemerkt hatte? Ein Geruch oder vielleicht ein paar Haare an verborgener Stelle? Konnte er auch das in ihr lesen, was mit ihr geschehen war? Der Dunkle sagte, sie habe sich von Grund auf ver�ndert. Hatte sie etwas verloren, was Gonvalon liebenswert an ihr gefunden hatte?</p><p>Sie trat ein St�ck von ihm zur�ck und musterte ihn.</p><p>�Habe ich etwas falsch gemacht?� Er fragte zwar, aber in einem Tonfall, der deutlich machte, dass er nicht an sich zweifelte.</p><p>Nandalee sch�ttelte den Kopf. Seine Kleider rochen nach Rauch, Gesicht und H�nde waren ger�tet. Er hatte ihr nicht sagen wollen, wohin er mit dem Erstgeschl�pften gegangen war, und viel Zeit zu reden hatte sie ihm auch nicht gelassen. Auf dem Weg durch den Garten, bis hier hinauf zu dem zwischen den Felsen verborgenen Becken, hatte sie ihm von all ihren Erlebnissen in den vergangenen Monden erz�hlt. Er war ein geduldig l�chelnder Zuh�rer gewesen. Es war ein aufmerksames L�cheln, nicht das abwesende, das sich so leicht auf die Lippen schlich, wenn man in den Gedanken ganz woanders war. Manchmal hatte er kurze Fragen gestellt, Anteil genommen, ohne mitleidig zu sein. Er schaffte es, dass sie sich stolz f�hlte. Nur eins machte ihr zu schaffen. Sie hatte nicht so aufopfernd um ihn gek�mpft wie er um sie. Dass er nicht �ber das, was ihm widerfahren war, sprechen wollte, machte es noch schlimmer. Er musste Schreckliches durchgemacht haben.</p><p>Pl�tzlich f�hlte sie sich besch�mt. So vehement sie versucht hatte, ihre Gestalt zur�ckzugewinnen und einen Weg aus der Pyramide zu finden, so wenig hatte sie darum gek�mpft, vor Ablauf des Jahres, das der Erstgeschl�pfte von ihr gefordert hatte, in die Wei�e Halle zur�ckzukehren. Ja, in ihrem Streit mit Nodon hatte sie in den letzten Tagen manchmal gar nicht mehr an Gonvalon gedacht. Stattdessen hatte sie st�ndig dar�ber gebr�tet, mit welchen Finten sie wohl die schier un�berwindliche Abwehr ihres neuen Fechtlehrers durchbrechen k�nnte.</p><p>�Es ist gut, dich zu sehen.� Er sprach nur leise, doch lag in seinen Augen eine Sehnsucht, die all ihre Zweifel hinwegfegte. �F�r dich gehe ich bis ans Ende aller Zeiten, bis der Himmel f�llt und nur das Mondlicht bleibt.�</p><p>Z�rtlich strich sie �ber Gonvalons Wange. Die Narben, die ihr das Glasfenster geschlagen hatte, waren v�llig verschwunden. Sie hatte wieder Gef�hl in den Fingerspitzen. Deutlich sp�rte sie, wie unnat�rlich warm seine Haut war. �Das sind ja Verbrennungen!�</p><p>�Das ist nichts. Mach dir keine Sorgen.�</p><p>�Ich k�nnte dich heilen!�</p><p>Er l�chelte auf eine Art, der man ansah, dass es ihm Schmerzen bereitete. �Lieber nicht. Ich werde die Verbrennung mit Fett einreiben. In ein paar Tagen ist das ausgestanden. Ich ��</p><p>Seine Worte versetzten ihr einen Stich. �Es ist nicht wie fr�her. Ich bin besser im Zauberweben. Nachtschwinge sagt, ich mache gro�e Fortschritte. Ich k�nnte wirklich ��</p><p>Er l�chelte, so wie nur er es konnte. Unschuldig und beredt. �Es ist mein Herz, das du heilen musst. Und diesen Zauber musst du nicht von einem Drachen erlernen. Den hast du schon immer beherrscht.� Er hob die Hand und strich ihr sanft eine Haarstr�hne von der Wange. �So sehr hat sich mein Herz nach dir verzehrt ��</p><p>Sie griff nach seiner Hand, f�hrte seine Finger an ihre Lippen, k�sste sie. Auch ihnen haftete der Geruch von Rauch an. �Du solltest dich waschen. Du riechst wie ein R�ucherschinken.� Sie nickte in Richtung des gemauerten Beckens.</p><p>Er grinste und der lang vermisste Schalk stahl sich zur�ck in seine Augen. �Das hat sich also nicht ge�ndert, meine unwiderstehliche Wilde aus den W�ldern. Noch nie hat mich jemand mit einem R�ucherschinken verglichen. Allerdings ��</p><p>Er runzelte auf �bertriebene Weise die Stirn und zuckte zusammen. Seine Verbrennungen waren wohl doch nicht ganz so harmlos, wie er behauptete.</p><p>�� allerdings entdecke ich auch eine neue Raffinesse an dir. Fr�her h�ttest du kein Bad vorgesch�tzt, sondern mir einfach ins Gesicht gesagt, dass du mich nackt sehen m�chtest.� Sein Blick nahm seinen Worten den Stachel. Er verschlang sie mit seinen Augen.</p><p>Sie trat dicht vor ihn. �Nicht nur sehen. Ich m�chte dich nackt f�hlen. Dich nackt schmecken. Ich will dich, Gonvalon. Ich �� Sie streifte ihre Tunika ab. Dann griff sie nach seinem Hosenbund. �Du kannst dich auch sp�ter waschen. Ich ��</p><p>Er k�sste sie. Diesmal mit all der Leidenschaft, die er ihr in den heimlichen N�chten in ihrem Waldversteck geschenkt hatte. Es tat so gut, ihn zu ber�hren. Seine schlanken H�nde auf ihrem Leib zu sp�ren.</p><p>Er packte sie, zog sie an sich und k�sste sie mit wilder Kraft. Nichts hatte sich ge�ndert! Es war wie ein Rausch. Sie liebten einander ungest�m. Ausgehungert. Sie versuchte das Ende hinauszuz�gern. Wollte nicht, dass es nach all den Monden so schnell vorbei war. Und doch war sie machtlos. Mit einem wilden Schrei sank sie auf seine Brust. Von einem Herzschlag zum anderen f�hlte sie sich zu Tode ersch�pft.</p><p>Gonvalon hielt sie fest in den Armen. Es war ein gutes Gef�hl. So als wolle er sie nie wieder gehen lassen.</p><p>�Glaubst du, dass man das Gl�ck festhalten kann?�, fragte sie leise.</p><p>�Nein.� Er sagte das auf jene melancholische Art, die ihr bei ihm so vertraut geworden war. Wenn man ihn so h�rte, h�tte man meinen m�gen, er w�rde um sein Gl�ck nicht k�mpfen wollen. Und doch war er es gewesen, der jeden Preis zu zahlen bereit gewesen war, um zu ihr zu finden, und sie diejenige, die sich zuletzt in ihr Schicksal der Trennung gef�gt hatte.</p><p>�Ich bin gl�cklich, jetzt in diesem Augenblick.�</p><p>Er k�sste sie z�rtlich. �Danke.�</p><p>�Danke wof�r?�</p><p>�Dass du ganz und gar im Hier und Jetzt bist.� Seine Augen strahlten. �Meistens ist der gl�ckliche Augenblick bereits vor�ber, wenn man sich seines Gl�ckes bewusst wird. Als w�rde das Gl�cklichsein jeden anderen Gedanken ausl�schen. Jede Reflexion �ber das, was gerade geschieht, jedes ��</p><p>Sie seufzte leise. Er musste sich ihr nicht mit klugen Reden beweisen. Er hatte sie doch l�ngst gewonnen. Und sie, sie wollte einfach nur in seinen Armen liegen, sich warm und geborgen f�hlen. Ihn stumm genie�en. Nandalee k�sste ihn, um ihn zum Schweigen zu bringen. �Refleksion? Lass uns das sp�ter tun und jetzt einfach nur gl�cklich sein.�</p></section><section><title><p>Eine neue Welt</p></title><p>Nandalee tat einen tiefen Atemzug. Hinter ihnen verblasste das bl�uliche Licht der magischen Pforte. Die Welt roch fremd. Ein Schauer �berlief die Elfe. Ein angenehmes Gef�hl der Anspannung ergriff sie. Es war wie auf der Jagd, wenn man ahnte, dass man nicht als Einziger der Beute nachstellte, sondern ein Rudel W�lfe im kalten Nebel lauerte.</p><p>Sie standen an einem felsigen Hang. Eine einzelne, unbehauene Felsnadel ragte neben ihnen auf. F�nf oder sechs Schritt hoch. Sie markierte den Albenstern. Dabei schien der Fels nat�rlichen Ursprungs zu sein. Er erhob sich aus dem von Wind und Regen glatt geschliffenen Gestein. Ein Dorn, aus den Gebeinen der Erde gewachsen.</p><p>�Lass uns gehen. Man k�nnte den Lichtschein des Albensterns gesehen haben�, sagte Gonvalon. Seine Stimme war ruhig, gelassen. Beeindruckte ihn diese Welt denn gar nicht? Eine Welt, die noch nie ein Elf betreten hatte?</p><p>Nat�rlich hatte Gonvalon recht, aber manchmal st�rte sie seine trockene, sachliche Art. Wie anders er sein konnte, wenn sie allein miteinander waren! Er trug zwei Gesichter. Statt zu gr�beln, sollte sie das, was er gesagt hatte, einfach so nehmen, wie es war. Schlicht vern�nftig. Und etwas zu trocken.</p><p>Sie standen auf einem Osthang. Der letzte Abglanz der untergehenden Sonne lie� die Felsen r�tlich ergl�hen. �ber das tiefer gelegene Waldland kroch bereits der Schatten der Nacht. Der Hang war kahl, Felsen und einzelne Baumst�mpfe boten nur sp�rliche Deckung. Sollte jemand das Licht bemerkt haben und nun den Hang beobachten, mochte er sie entdecken.</p><p>Gonvalon ging einfach los, warf keinen Blick zur�ck und schwieg. Er stieg zu einer Senke hinab, die in s�dlicher Richtung verlief.</p><p>Nandalee folgte ihm. Kurz war sie in m�rrischer Stimmung. Warum war er so ver�ndert? Er hatte nicht hierherkommen wollen. Und schon gar nicht mit ihr und Bidayn! Hatte der Befehl des Erstgeschl�pften alle Leidenschaft von gestern Nacht erstickt? War sie zu empfindlich? Schuldbewusst blickte sie zu Bidayn. Sie hatte zu ihrer Freundin auch noch kein Wort gesagt. �Du warst gut�, murmelte sie ein wenig verlegen.</p><p>Bidayn l�chelte sie an. �Er hat mir meine Angst genommen�, sagte sie voller Begeisterung. �Ich hatte immer Angst, einen Albenstern zu �ffnen, weil ich wusste, was alles geschehen kann. Angst verdirbt das Muster des Zauberwebers. Wir sind in einer anderen Welt. In Nangog, wo noch nie vor uns ein Elf gewesen ist. Ich bin noch nicht einmal eine Drachenelfe und der Dunkle schickt mich auf eine der wichtigsten Missionen, zu denen je Elfen auserw�hlt wurden.� Sie strahlte �ber das ganze Gesicht. �Ich bin begeistert!� Mit weiten Augen sah sie sich um. Sie schien wirklich v�llig unbeschwert. Und Nandalees �rger verflog. Endlich war sie dem Jadegarten entflohen. All den Regeln, den endlosen �bungsstunden mit Nodon. Sie war frei! F�r ein paar Wochen zumindest. Endlich wieder in der Wildnis! Bidayn hatte recht. Sie waren f�r ein wunderbares Abenteuer auserw�hlt worden. Und Gonvalon w�rde auch schon wieder werden. Vielleicht, wenn er dar�ber hinweg war, dass er den Goldenen betrog, indem er einem anderen Drachen diente.</p><p>Schweigend folgten die drei einem trockengefallenen Bachbett, das sich tief in den weichen Fels gegraben hatte. Treibholz, bleich wie Knochen, hing im Ge�st der B�sche, die aus Felsspalten wucherten. Es roch nach Beeren und Sp�tsommer. Vom Bach war nur ein wenig Feuchtigkeit geblieben. Genug, um hier und dort ein paar Moospolster auf dem Fels wuchern zu lassen. Letzte Schwalben zogen �ber ihnen ihre weiten Schleifen durch den Abendhimmel. An h�her gelegenen Stellen, die das Wasser auch nach einem Sturzregen nicht mehr erreichen konnte, klammerten sich graue Lehmnester an den Fels des Steilufers.</p><p>Nandalee beobachtete Gonvalon. Er ging ein paar Schritt voraus und obwohl er nicht in der Wildnis aufgewachsen war, bewegte er sich geschickt. Seine weichen Stiefel verursachten kaum ein Ger�usch auf dem losen Gestein des Bachbetts. Ganz anders Bidayn. Eine tr�chtige Mammutkuh w�re ihnen vermutlich lautloser gefolgt, dachte Nandalee.</p><p>Die J�gerin r�ckte den Schultergurt ihres Schwertes zurecht. Die riesige Waffe lag schwer auf ihrem R�cken. Nodon hatte Todbringer neben Pfeil und Bogen auf ihren ausdr�cklichen Wunsch aus der Wei�en Halle mitgebracht. Was diesen Zweih�nder anging � und nur darin �, waren sich Gonvalon und Nodon einig. Sie hielten es f�r v�llig verr�ckt, diese verfluchte Waffe mitzunehmen. Nandalee l�chelte in sich hinein. Sie hoffte, dass sich auf dieser Mission erweisen w�rde, wie nutzlos sie als Schwertk�mpferin war. Deshalb hatte sie Nodon aufgetragen, f�r sie das gr��te und sperrigste Schwert aus der Wei�en Halle mitzubringen. Todbringer! Wenn sie als Schwertk�mpferin versagte, w�rden die Meister der Wei�en Halle � wenn sie in einigen Monden dorthin zur�ckkehrte � sie vielleicht in Zukunft mit Pfeil und Bogen losziehen lassen.</p><p>Trotz seiner Verbrennungen hatte sie gesehen, wie Gonvalon bleich geworden war, als Nodon ihr diese Waffe brachte. Er hatte nicht dar�ber reden wollen. Wahrscheinlich ging es um Talinwyn, seine letzte Sch�lerin. Ihr Name hatte als letzter auf dem Messingschild unter dem Schwert gestanden. Ob Gonvalon es f�r ein schlechtes Omen hielt, dass nun sie Todbringer trug? Vielleicht war er deshalb so stumm und zur�ckweisend geworden. Sie musste l�cheln. Er machte sich Sorgen um sie!</p><p>Gonvalon winkte sie zu sich heran. Dort, wo er stand, war das Steilufer des Baches eingebrochen, und es bot sich ihnen ein atemberaubender Blick. Vor ihnen �ffnete sich ein enges Tal, durch das sich ein breiter Strom wand. Ringsherum stiegen dichte Nadelw�lder an Bergflanken empor. Eine Rotte Bachen mit Frischlingen war am Ufer zu sehen. Nandalee �berlegte, wie lange sie kein Wildschwein mehr gegessen hatte. Sie w�rden hier keinen Hunger leiden, dachte sie, und von den angeblichen Gefahren, vor denen der Dunkle sie gewarnt hatte, vermochte sie bislang nichts zu entdecken.</p><p>Die drei folgten weiter dem trockenen Bachlauf. Lange war das Abendrot verblasst und sie bewegten sich inmitten von Schatten. Das Licht der Sterne und der beiden schmalen Mondsicheln reichte kaum, um den Weg der Dunkelheit zu entrei�en. Nandalee war angespannt. Etwas hatte sich ver�ndert. Sie f�hlte sich beobachtet. Aber da war noch etwas � Etwas fehlte. Aufmerksam sp�hte sie zu den Felskanten hinauf und lauschte angespannt. Gonvalon war langsamer geworden und bewegte sich vorsichtiger. Nandalee schloss dichter zu ihm auf. Er war stehen geblieben und deutete auf den Flusslauf. Nicht weit vom Ufer konnte man zwischen den B�umen einige Lagerfeuer sehen.</p><p>Der Ruf eines Nachtvogels hallte von den Felsen wider. Nandalee zuckte zusammen. Und im selben Augenblick wusste sie, was fehlte. Bidayn! Der L�rm ihres n�chtlichen Marsches war verstummt! Vor einer Weile schon. Erschrocken fuhr Nandalee herum. Ihre Freundin stand dicht hinter ihr. Sie schien zu grinsen, soweit das in der Dunkelheit zu erkennen war. Dann hob sie einen Fu� und stampfte auf den felsigen Boden. Kein Ger�usch war zu vernehmen.</p><p>�Was soll das?�, murrte Gonvalon. �Ein Zauber?�</p><p>Vermutlich antwortete Bidayn, denn ihre Lippen bewegten sich, doch kein Wort war zu vernehmen.</p><p>�H�r auf damit!�, zischte Gonvalon. �Hast du alles vergessen? Nangog ist anders! Wenn du hier zauberst, ist das, als w�rdest du ein Signalfeuer entfachen, damit man uns auch auf jeden Fall findet!�</p><p>Ihre Freundin schnitt eine Grimasse und machte eine fl�chtige Geste. Immer noch bewegten sich ihre Lippen. �� das Tor durch den Albenpfad auch gesehen. Das muss ein regelrechter Leuchtturm gewesen sein!�</p><p>�Deshalb ist es umso wichtiger, dass wir uns unauff�llig verhalten�, beharrte Gonvalon.</p><p>�Wovor verstecken wir uns eigentlich?�, fragte Nandalee, ver�rgert �ber die ganze Geheimniskr�merei. �Vor denen da unten?�</p><p>�Die sollten sich besser auch verstecken�, entgegnete Gonvalon k�hl. �Ich kann dir nicht erkl�ren, was ich selbst nicht verstehe. Ich kann euch beiden nur raten, �u�erst vorsichtig zu sein. Nangog ist eine Welt, die nicht f�r uns Elfen erschaffen wurde. Wir geh�ren hier nicht hin. Und ich bin mir ganz sicher, dass wir hier nicht erw�nscht sind. Also h�tet euch! Und was dich betrifft, Bidayn. Es ist allemal besser, wie ein betrunkener Kobold herumzutapsen, als zu zaubern. Halte dich daran.� Mit diesen Worten wandte er sich ab und folgte weiter dem Lauf des Bachbetts.</p><p>Nandalee warf Bidayn einen kurzen, entschuldigenden Blick zu, und die Freundin l�chelte. Schon gut, schienen ihre Augen zu sagen, aber Nandalee war noch immer erstaunt. Gonvalon war kaum wiederzuerkennen. Wehm�tig dachte sie an die Felsen �ber dem Jadegarten, an ihre gefl�sterten Liebesschw�re und seine Leidenschaft. All das schien einfach verflogen zu sein. Sie fragte sich, was er wusste. Was war hier in dieser Welt so gef�hrlich? Und warum redete er nicht dar�ber?</p><p>Sie lie� sich ein wenig zur�ckfallen und blieb an Bidayns Seite.</p><p>�Das magische Netz ist hier anders�, fl�sterte ihre Gef�hrtin, nachdem sie eine Weile schweigend durch das Bachbett gestiegen waren. �Es ist sehr aufregend. Es ist einfacher, einen Zauber zu weben. Die Muster der Lichtf�den sind komplexer und dichter. Alles ist noch enger miteinander verwoben als in Albenmark! Du solltest es dir ansehen! Es ist einfach unglaublich und wundersch�n! �</p><p>Nandalee versp�rte keinerlei Versuchung, Nangog durch ihr Verborgenes Auge zu betrachten. Auch wenn sie in der Kunst der Zauberweberei deutliche Fortschritte gemacht hatte, w�rde sie daf�r nie dieselbe Begeisterung aufbringen wie Bidayn. Immer noch musste Nandalee an Sayns Unfall denken. Wenn es denn ein Unfall gewesen war �</p><p>Bidayn bemerkte ihre Stimmung nicht und redete einfach weiter. �Diesen Zauber, der alle Ger�usche verschlingt. Ich habe einfach daran gedacht, was ich erreichen wollte, und alles hat sich gef�gt. Es war � als w�rde jemand dabei helfen.�</p><p>Nandalee hatte wieder das Gef�hl, dass sie jemand beobachtete. Sie drehte sich ruckartig um. Hatte sich gerade ein Schatten vom Rand des Steilufers zur�ckgezogen, oder gaukelten ihr ihre Augen Dinge vor, die es gar nicht gab?</p><p>�Kennst du die Geschichten �ber Nangog?�, raunte Bidayn.</p><p>�Was f�r Geschichten?�, entgegnete Nandalee gereizt. Sie �berlegte, den Rand der B�schung zu erklimmen, und sich zu vergewissern, dass dort nichts war.</p><p>�Eigentlich sind es nur M�rchen � Angeblich haben Alben und Devanthar die Welt gemeinsam aus dem Leib einer schlafenden Riesin erschaffen.�</p><p>�Das klingt in der Tat wie ein M�rchen.�</p><p>�Du hast gefragt.� Bidayn klang beleidigt.</p><p>Schweigend folgten sie Gonvalon weiter abw�rts. Endlich verlie�en sie die tiefe Bachrinne und tasteten sich durch einen dichten Fichtenwald. Kein Sternenlicht drang hinab bis auf den Waldboden. Sie schritten �ber dicke Nadelpolster und selbst Bidayn bewegte sich jetzt lautlos.</p><p>Sie kamen nur langsam voran. Einmal h�rten sie nicht weit entfernt lautes Rumoren. Wildschweine, dachte Nandalee, die mit ihren Hauern den Boden aufrei�en. Sie f�hlte sich nicht fremd in dieser neuen Welt. Sie mochte Nangog.</p><p>Der Wald wurde lichter. H�fthoher Farn strich �ber ihre Beine. Irgendwo, unsichtbar unter dem Gr�n, eilte ein kleines Tier davon, das sie aufgeschreckt hatten. Wei�e Birkenst�mme leuchteten fahl im Dunkel. Nandalee h�rte den Fluss. Das leise Fl�stern des Wassers am Kiesufer.</p><p>Sie erreichten eine sanfte Erhebung, die von einem Ring von B�umen umschlossen war. Von hier hatte man einen guten Blick �ber den breiten Strom. Am anderen Ufer sah man den matten Glutschein heruntergebrannter Lagerfeuer.</p><p>�Hier lagern wir�, entschied Gonvalon. �Es gibt kein Feuer! Und wir teilen Wachen ein. Ich �bernehme die erste, Nandalee die zweite. Bidayn wird vom Morgengrauen bis zur Mittagsstunde wachen. Wir werden die Menschenkinder beobachten und ergr�nden, was sie hier tun.�</p><p>Nandalee sagte nichts, obwohl sie recht offensichtlich fand, was dr�ben am anderen Ufer geschah. Deutlich konnte sie die Baumst�mme sehen, die sich auf dem Kies t�rmten. Sie hatten ein Holzf�llerlager gefunden, vermutete sie. Da gab es gewiss nichts Besonderes zu beobachten. Die Menschenkinder w�rden aufstehen, essen und dann ihr Tagwerk verrichten. Allerdings war Nandalee neugierig, wie Menschen aussahen. Sie wusste nur wenig �ber das Volk, das den Devanthar untertan war. Ungeschickt, streitlustig und h�sslich wie Kobolde sollten sie sein � und noch schlimmer stinken als das kleine Volk.</p><p>�Sollten wir nicht aussp�hen, wie viele es sind?� Nandalee war nicht m�de, und Gonvalon wahrscheinlich auch nicht. Vermutlich hatte er wegen Bidayn entschieden, dass sie lagern sollten.</p><p>�Wir bleiben hier�, befahl er knapp. �Und da dies eine Welt voller unbekannter Gefahren ist, wird keiner von euch beiden seinen Wachposten verlassen, w�hrend die anderen schlafen.�</p><p>Nandalee f�hlte sich ertappt � Gonvalon kannte sie zu gut. Die m�chtigsten Zauberweber Albenmarks vermochten nicht in ihren Gedanken zu lesen, doch er konnte es. Ganz ohne Magie. Er musste ihr daf�r nicht einmal ins Antlitz blicken. Er wusste einfach, wie sie dachte.</p><p>Der Dunkle hatte ihr verraten, was Matha Naht ihm angetan hatte. Gonvalon selbst hatte mit keinem Wort davon gesprochen. Sie w�nschte, er w�re ihr gegen�ber so offen, wie sie es zu ihm war. War das f�r Liebende nicht eine Selbstverst�ndlichkeit?</p><p>Als sie den Blick hob, begegnete sie seinem sp�ttischen L�cheln. Er wusste genau, dass er mit seiner Vermutung richtig gelegen hatte. Manchmal war er eine Spur zu arrogant.</p><p>�Ich vertraue euch�, sagte er in vers�hnlichem Tonfall. �Sucht euch nun einen guten Platz zum Schlafen. Die Zeit, die Menschenkinder auszusp�hen, wird kommen. Und glaub mir, Nandalee, sie sind kein besonderes Wild. Du wirst sie bald unangenehm und langweilig finden.�</p><p>Sie fragte sich, woher er die Menschen so genau kannte. Ob er wohl schon oft in ihrer Welt gewesen war? Sah es dort aus wie hier oder ganz anders?</p><p>Sie schnallte den wuchtigen Zweih�nder ab und lehnte ihn neben ihrem Bogen an einen Baum. Schweigend a�en sie ein wenig Brot und K�se. Manchmal blickte sie kurz zu Gonvalon. Sie sehnte sich nach ihm, aber sie waren �bereingekommen, in Bidayns Gegenwart Zur�ckhaltung zu �ben. Eine bl�de Vereinbarung, dachte sie jetzt. Bidayn wusste ohnehin, dass sie beide ein Paar waren. Aber Gonvalon wollte ihre Verbindung noch immer geheim halten, so wie er es auch in der Wei�en Halle getan hatte. F�r ihn schien es kein Widerspruch zu sein, zwei Gesichter zu haben. Tags�ber war er ihr gestrenger, unnahbarer Lehrmeister, um nachts zu einem leidenschaftlichen Liebhaber zu werden. Was war sein wahres Gesicht, fragte sie sich manchmal. Wenn sie doch nur ohne Bidayn hier w�ren! Ein paar Wochen mit ihm allein, ohne dass er sich gezwungen sah, sich zu verstellen. W�rde sie das jemals erleben?</p><p>Nandalee seufzte. Der Dunkle hatte Bidayn vermutlich einzig und allein deshalb mitgeschickt, damit sie jemanden hatten, der ihnen einen Weg in das Goldene Netz �ffnete. Ihr vertraute der Drache nicht, wenn es um das Zauberweben ging; Bidayn hingegen war begabt und hatte sich noch f�r keinen Drachen entschieden. Ob der Erstgeschl�pfte auch daran dachte, Bidayn schon jetzt f�r sich zu gewinnen? F�r sie war der lange Marsch sicher eine einzige Strapaze. Soweit Nandalee wusste, hatte ihre Freundin noch nie l�nger als zwei Tage in der Wildnis verbracht. Bidayn w�rde sie und Gonvalon aufhalten.</p><p>Noch einmal blickte Nandalee zu ihrem Liebsten. Kurz �berlegte sie, einfach aufzustehen und sich an seine Seite zu setzen. Aber sie wusste, dass er es nicht dulden w�rde. Nicht, wenn er auf Wache stand, und nicht, wenn eine weitere Sch�lerin der Wei�en Halle in der N�he war und ihnen zusehen konnte. Nandalee seufzte und rollte sich in ihren Umhang. Zu wach zum Schlafen, sah sie den tanzenden Gl�hw�rmchen �ber dem Farn zu. Sie erstrahlten in einem matten gelbgr�nen Schein. Wenn man die Augen halb schloss, sah es aus, als malten sie Striche aus Licht in das Dunkel der Nacht.</p><p>Bidayn brauchte lange, bis sie einen Platz f�r die Nachtruhe fand. Sie murrte vor sich hin, fluchte leise �ber Dreck und Wurzeln und �ber die grobe Kleidung, die sie tragen mussten. Der Dunkle hatte gro�en Wert darauf gelegt, dass ihre Ausr�stung den Menschenkindern nicht auffallen sollte. So waren sie in grobe Wollstoffe und schlecht verarbeitetes Leder gekleidet. Die Schwertscheiden waren mit Leder umwickelt. Die Griffe mit Dreck und Ru� eingeschmiert. Nur wenn sie die Klingen blankz�gen, dann w�re alle Tarnung dahin. Mit Sicherheit hatten die Menschenkinder noch nie eine Waffe gesehen, die einem Drachenschwert auch nur nahekam.</p><p>Nandalee schloss die Augen ganz, �ffnete ihren Geist und gab sich den Ger�chen des Waldes hin. Dem Duft des feuchten Farns, dem s�uerlichen Geruch des vermodernden Birkenlaubs vom Vorjahr. Einmal h�rte sie lautes Lachen vom anderen Ufer. Nandalee dachte an ihre langen Jagdausfl�ge in Carandamon. An ihre Sippe, in der sie sich fremd gef�hlt hatte. Vielleicht war sie nicht dazu geschaffen, in Gesellschaft zu sein? Eine einsame J�gerin, die irgendwann allein im Wald sterben w�rde. So w�rde ihr Leib zuletzt zum Fra� der Wildnis, von der sie ein Leben lang genommen hatte, was sie brauchte. Sie fand den Gedanken nicht absto�end. Damit schloss sich ein Kreis. Es w�re ein gutes Ende.</p><p>Schlie�lich schlief sie ein. In ihren Tr�umen wurde sie gejagt. Sie lief durch einen Wald. Etwas Gro�es, Gestaltloses war hinter ihr her. Und obwohl es nah war, gelang es ihr nicht, einen Blick darauf zu erhaschen. Es war sehr nah! Sie wachte auf, setzte sich ruckartig auf. Ihre Hand fuhr zu ihrem Jagdmesser.</p><p>�Ruhig!�</p><p>Der Schatten vor ihr wich zur�ck.</p><p>�Ruhig, ich bin es. Ich wollte dich gerade wecken. Du hast einen leichten Schlaf.�</p><p>Sie r�usperte sich. Es war ihr peinlich. Sie fand keine Worte. Sich entschuldigen wollte sie nicht. Wozu auch! Sollte er sich nicht an sie heranschleichen, wenn sie schlief!</p><p>�Ich schlaf jetzt ein wenig. Du bleibst beim Lager?�</p><p>Sie nickte.</p><p>�Bei unserem Lager.�</p><p>�Ja!� Sein Misstrauen �rgerte sie. In verdrossener Stimmung verlie� sie den H�gel und suchte sich eine durch B�sche gedeckte Stelle am Ufer. Von dort hatte sie einen guten Blick zum Lager der Menschenkinder. Und sie w�rde schon mitbekommen, was hinter ihr geschah! Auf ihre Sinne konnte sie sich verlassen. Nicht einmal eine Wildkatze w�rde sich in ihre N�he schleichen k�nnen, ohne dass sie es bemerkte. Lange, einsame Wachen war sie als J�gerin gewohnt. Gonvalon sollte sich nicht so anstellen!</p><p>Im Lager am anderen Ufer herrschte jetzt Stille. Die Nacht war frisch, aber nicht unangenehm k�hl. Nandalee konnte den Rauch der verglimmenden Feuer und den Dung der Pferde riechen. Die Elfe wurde eins mit den Ger�uschen des Waldes, dem leisen Rauschen der Bl�tter, dem Knarren sich wiegender �ste, dem Rascheln von M�usen und anderen Nagetieren, die durch das trockene Laub huschten. Sie h�rte eine jagende Eule und einen Karpfen, der aus dem Fluss sprang. Pl�tzlich schrak sie auf. Die Worte des Schwebenden Meisters waren ihr wieder in den Sinn gekommen. Auch das war eine Art Magie, obwohl sie es v�llig unbewusst tat. Ihre Verbundenheit mit dem Land ging weit �ber das hinaus, was ihre Sinne erlaubten.</p><p>Schuldbewusst sah sie sich um. Etwas floss zwischen den B�umen am Ufer dahin, ein gr�nes Licht. Eine Wolke aus Gl�hw�rmchen?</p><p>Lautlos erhob sie sich und folgte dem Licht ein paar Schritt, dann hielt sie inne. Sie durfte ihren Posten nicht verlassen! War es ein Versuch, sie fortzulocken?</p><p>Nandalee war es pl�tzlich kalt. Sie rieb sich die nackten Oberarme und stieg den H�gel zum Lager ihrer beiden Gef�hrten empor. Gonvalon blinzelte kurz zu ihr auf � auch er hatte einen erstaunlich leichten Schlaf. Nur dass er sich besser beherrschte, dachte sie bitter. Sie musste sich eingestehen, dass sich ihr Lehrmeister wahrscheinlich genauso gut in der Wildnis zurechtfinden w�rde wie sie, auch wenn er kein J�ger war.</p><p>Bidayn schlief tief und fest. Ihre Stirn war gerunzelt, als �rgere sie sich selbst in ihren Tr�umen noch dar�ber, in einem Bett aus feuchtem Laub zu liegen.</p><p>Nandalee blickte zur�ck. Das gr�ne Leuchten war verschwunden. Hatte sie es angelockt? Durch die Art, wie sie eins mit dem Wald werden konnte? Durch den Zauber, den sie gewoben hatte? Sie entschied, den Baumkreis, der das Lager sch�tzte, nicht mehr zu verlassen. Gonvalon hatte recht � hier gab es etwas zutiefst Fremdes. Und wieder hatte sie das Gef�hl, von etwas beobachtet zu werden. Etwas, das gerade au�erhalb ihres Gesichtskreises lauerte und sich meisterhaft darauf verstand, g�nzlich zu verschwinden, sobald sie den Kopf drehte.</p><p>Am anderen Ufer wieherte ein Pferd. Es klang furchtsam. Dann h�rte Nandalee Hufschlag. Ein eisiger Wind wehte �ber den Fluss. Der pl�tzliche Temperaturabfall lie� die �ste knacken und ihren Atem in Wolken aufsteigen. Blasser Nebel trat aus dem Waldboden, als w�rde auch die Erde atmen. Bidayn w�lzte sich unruhig im Schlaf und murmelte etwas Unverst�ndliches.</p><p>Das gr�ne Licht war wieder da! Jetzt wogte es durch den Wald am anderen Ufer. Dort, wo das Lager der Menschenkinder lag. Und es hatte sich ver�ndert. Jetzt erinnerte es an einen gr�nen Nebel, der �ber den Boden dahinkroch. Ein Nebel, der von innen heraus leuchtete.</p><p>Nandalee �berlegte. Sollte sie Gonvalon wecken? W�rde sie sich l�cherlich machen? War das nur eines der abweichenden Naturph�nomene dieser Welt? Ging von diesem Nebel eine Gefahr aus? War er schuld an der K�lte?</p><p>Im Lager der Menschenkinder war kein Laut mehr zu h�ren. Sie hatten bestimmt auch Wachen aufgestellt! Wenn der Nebel gef�hrlich w�re, h�tte es dort dr�ben gewiss Unruhe gegeben! Aber es blieb still. Selbst die Pferde h�rte sie nicht mehr. Der matte Schein der Feuer war verloschen. Auch das war nicht ungew�hnlich. Die Lagerfeuer waren vermutlich einfach herabgebrannt. Und dennoch � Etwas stimmte da dr�ben nicht! Sie sp�rte es mit jeder Faser ihres Leibes!</p><p>Nandalee kniete sich neben Gonvalon. Als sie ihn sanft ber�hrte, war er sofort hell wach. Sie erz�hlte vom Nebel. Ein Herzschlag nur und ihr Liebster war auf den Beinen. Das andere Ufer lag im Dunkel. Das gr�ne Licht war verschwunden. Sie stand da wie eine N�rrin!</p><p>�Morgen werden wir hin�bergehen. Wir machen einen weiten Bogen, suchen eine Furt und beobachten die Menschenkinder. Vielleicht haben sie dieses Licht erschaffen? Vielleicht k�nnen sie Zauber weben? Behalt ihr Lager weiter im Auge.� Er sah zu der schlafenden Bidayn, dann beugte er sich vor und k�sste sie. Es war ein langer, leidenschaftlicher Kuss. �Ich vermisse dich�, fl�sterte er. �Ich w�nschte, wir w�ren allein.� Er schenkte ihr noch ein L�cheln, dann zog er sich zu seinem Schlafplatz zur�ck.</p><p>Das w�nschte ich auch, dachte sie.</p></section><section><title><p>Das jenseitige Ufer</p></title><p>Nandalee tastete nach ihrem K�cher. Lautlos zog sie einen Pfeil heraus und legte ihn auf die Sehne ihres Bogens. Es war zu still! Sie gab Gonvalon ein Zeichen, dass sie weiter vorgehen w�rde. Es war sp�ter Nachmittag und sie hatten Bidayn mehr als hundert Schritt hinter sich zur�ckgelassen. Nandalee hatte ein schlechtes Gewissen deshalb, aber ihre Freundin war einfach zu laut!</p><p>Sie duckte sich und pirschte vorw�rts. Ein St�ck voraus entdeckte Nandalee ein Menschenkind! �berall auf seinem Gesicht sprossen Haare. Es trug Kleider, aber Nandalee fand, dass es mit diesem struppigen Fell einem Tier �hnlich sah. Nicht einmal Kobolde hatten Haare im Gesicht! Es schien m�nnlich zu sein. Der Menschensohn sa� reglos an einen Baum gelehnt. Er blickte in ihre Richtung, aber sie war sich ganz sicher, dass er sie nicht gesehen hatte. Nandalee kauerte hinter einem dichten Brombeerbusch. Seltsam, wie reglos er blieb �</p><p>Gonvalon pirschte ein St�ck rechts von ihr weiter vor. Hinter einem dicken Eichenstamm hielt er inne. Er nickte ihr zu.</p><p>Nandalees Stiefel waren noch nass. Das Leder quietschte leise, als sie in die Hocke ging. Sie hatten einen sehr weiten Bogen schlagen m�ssen, um eine Stelle zu finden, an der sie den Fluss �berqueren konnten. Und auch dort hatte ihnen das Wasser noch bis zur Brust gereicht. Bidayn w�re fast abgetrieben worden. Sie hatte ihre Tasche mit den Vorr�ten verloren. Im Gegensatz zum vorherigen Tag hatte sie allerdings nicht gejammert. Nandalee wusste, was das bedeutete. Wenn Bidayn still wurde, ging es ihr wirklich schlecht. Ihre zierliche Freundin war f�r lange Wildnism�rsche nicht geschaffen. Solche Strapazen hatte sie nie zuvor in ihrem Leben auf sich genommen. Es w�re besser gewesen, eine andere Zauberweberin f�r dieses Abenteuer zu suchen.</p><p>Nandalee verlie� ihre Deckung. Dabei behielt sie den W�chter im Blick. Etwas stimmte nicht mit ihm! Niemand konnte so reglos sitzen! Ein St�ck voraus sah sie etliche in Decken geh�llte Gestalten am Boden liegen. Als schliefen sie alle noch. Am sp�ten Nachmittag!</p><p>All das konnte nur eines bedeuten. Die Elfe entschied sich, alle Vorsicht fahren zu lassen. Hier war es nicht mehr n�tig zu schleichen. Keines der Menschenkinder w�rde sie mehr bemerken. Sie waren tot!</p><p>Sie nahm den Pfeil von der Sehne.</p><p>Nandalee trat neben den Mann am Baum. Sie konnte keine Wunde bei ihm entdecken und tastete vorsichtig nach seinem Hals. Lebte er vielleicht doch noch? Seine Haut war trocken, einen Pulsschlag fand sie nicht. Sie tastete �ber das b�rtige Gesicht. Es wirkte alt und ausgezehrt. Ein Kranz tiefer Falten umgab die Augen, die Lippen waren spr�de und rissig. Verwundert betrachtete Nandalee das Erdreich bei dem Toten. Keinerlei Leichenfl�ssigkeit! Es waren nicht einmal Fliegen gekommen, um ihre Eier in dem Leichnam abzulegen.</p><p>Ein wenig erschrocken wich Nandalee vor dem Mann zur�ck.</p><p>�Bei den Alben!�, h�rte sie Gonvalon rufen. Er kniete neben einem Toten, der mit etlichen anderen bei einem erloschenen Lagerfeuer lag. �Komm! Komm und sieh dir das an! Ich habe versucht, einen von ihnen umzudrehen ��</p><p>Nandalee ging zu ihm hin�ber. Zun�chst verstand sie nicht, was er meinte.</p><p>Gonvalon versuchte erneut den Mann herumzudrehen, der vor ihm, in eine Decke geh�llt, auf dem Boden lag. Er vermochte ihn kaum anzuheben. �Sieh unter seine Hand!�</p><p>Ein Netzwerk wie d�nne Adern lief aus der Hand in den Boden.</p><p>�Er ist mit dem Boden verwachsen�, sagte Gonvalon, h�rbar um Fassung ringend. �Als habe etwas seine Adern aus seinem Fleisch in die Erde hinabgezogen! Sein Leib ist v�llig ausgetrocknet. �</p><p>Nandalee h�rte Bidayns Schritte. Sie wollte ihrer Freundin den Anblick ersparen, doch Bidayn hatte bereits den toten W�chter am Baum erreicht. Sie zwackte der Leiche in die Wange!</p><p>�Der wird nicht mehr wach�, sagte Gonvalon n�chtern. �Wir sollten gehen!�</p><p>�Ich finde, wir sollten wissen, wie sie gestorben sind, damit uns kein �hnliches Schicksal widerf�hrt.� Bidayn kam zu ihnen her�ber. Ganz offensichtlich schien ihr der Anblick von Toten nichts auszumachen. Nandalee war �berrascht, wie kaltbl�tig ihre Freundin blieb. Sie hatte sie wieder einmal falsch eingesch�tzt. Bidayn betrachtete den Toten unter der Decke, w�hrend ihr Gonvalon auseinandersetzte, dass man sich wohl kaum davor sch�tzen konnte, dass die Erde einem die Adern aus dem Leib zog.</p><p>Bidayn zupfte eine der feinen Adern unter der Handfl�che des Toten fort und zerrieb sie zwischen Daumen und Zeigefinger. Sie schnupperte an ihren Fingern. Dann legte sie den Kopf in den Nacken. �Ich widerspreche zwar nur ungern einem Lehrmeister�, sagte sie in einem Tonfall, der das Gegenteil vermuten lie�, �aber ich glaube, du irrst, Gonvalon. Habt ihr beide euch schon mal die B�ume angesehen? Insbesondere die Bl�tter.�</p><p>Nandalee blickte auf. Die Adern der Bl�tter zeichneten sich dunkel gegen das Blattgr�n ab. �berall, rings um den Lagerplatz!</p><p>�Es sind keine Adern aus den K�rpern der Toten ausgetreten, sondern feine Haarwurzeln in sie eingedrungen. Sie wurden leer getrunken.�</p><p>Gonvalon keuchte. �Das ��</p><p>Nandalee sah ihn zittern. Er ballte die F�uste, damit es aufh�rte. Sie dachte an das, was der Dunkle ihr �ber Matha Naht erz�hlt hatte. Was der Holunder Gonvalon angetan hatte. Am liebsten w�rde sie ihn in die Arme nehmen. Aber er w�rde das nicht wollen. Nicht im Angesicht von Bidayn. Nandalee ahnte, dass er nur um ihretwillen zu Matha Naht gegangen war, auch wenn sie nicht wusste, was der Holunder ihm h�tte geben k�nnen.</p><p>�Aber warum haben wir sie nicht schreien geh�rt?� Gonvalon hatte sich wieder im Griff. �Es kann doch nicht schnell gegangen sein. Ich � Sie m�ssen einen langsamen Tod gestorben sein.�</p><p>�Ihre Gesichter wirken ganz friedlich�, entgegnete Bidayn. �Ich glaube nicht, dass sie bemerkt haben, was ihnen widerfahren ist. Sie sind in den Tod hineingeschlafen. Wer immer hierf�r verantwortlich ist, h�tte sie auch grausamer hinrichten k�nnen.�</p><p>�Von Wurzeln durchbohrt zu werden soll schmerzlos sein?� Nandalee dachte an die Geschichten, die man sich �ber die W�lder am Fu� des Albenhauptes erz�hlte. Dort, wo das Elfenvolk der Maurawan lebte. Auch von diesen W�ldern hie� es, dass sie Eindringlinge t�teten. Selbst Trolle f�rchteten sich davor, und Wild, das es schaffte, vor den h�nenhaften J�gern in die Schatten der alten Eichen zu fl�chten, war vor jeder weiteren Verfolgung sicher.</p><p>�Das kann sehr wohl schmerzlos sein�, beharrte Bidayn. �Hast du einmal zugesehen, wenn eine M�cke ihren Stachel in deine Haut sticht?�</p><p>�Ich pflege M�cken nicht die Gelegenheit zu geben, mich zu stechen.�</p><p>�Daraus kann man aber lernen. Es ist erstaunlich. Es tut nicht weh, wenn sie den Stachel benutzen. Man sieht ihn eindringen, aber man sp�rt nichts. Vielleicht ist er mit einem Gift benetzt, durch das jeder Schmerz bet�ubt wird? Vielleicht war es bei den Wurzeln genauso? Wer wei߅�</p><p>Nandalee sah zu all den gef�llten B�umen und einer Reihe von fast drei Schritt hohen Erdkegeln, die von den Menschenkindern errichtet worden waren. Ihr Blick wanderte �ber das weite Feld von Baumst�mpfen. Nur ein Teil der St�mme war zum Fluss geschafft worden. Der Rest und ein Gro�teil der �ste waren verschwunden. Neugierig geworden, untersuchte die Elfe einen der Kegel. Unter einer Decke aus Erde, Gras und Moos fand sie Holz. Auch entdeckte sie einen mit Reisig gef�llten Feuerschacht. Man hatte Holz unter der Erde wohl abbrennen wollen, doch zu welchem Zweck, war ihr schleierhaft.</p><p>Nandalee untersuchte noch zwei weitere H�gel. Sie alle waren �hnlich angelegt. Dann entdeckte sie jenseits des Holzschlags im Schatten einer Linde zwei massige Pferde. Beide trugen noch ihr Zaumzeug. Beruhigend auf die Tiere einredend, ging sie hin�ber. Sie waren nicht scheu. Das Maul der Pferde war zerschunden. Dicht �ber dem Widerrist war ihr Fell aufgescheuert und voller Narben. Vorsichtig nahm die Elfe den beiden das Zaumzeug ab. Das gr��ere Pferd, eine rote Stute mit vertrauensseligen Augen, dr�ckte ihr die Schnauze gegen die Hand. Nandalee �berlegte, ob die beiden wohl in der Wildnis �berleben konnten. Wieder blickte sie auf das zerschundene Fell. Wenn sie frei waren, w�rde es ihnen besser gehen. Sie l�ste das Zaumzeug, dann ging sie zu ihren Gef�hrten zur�ck.</p><p>�� werden wir niemals erfahren, was hier geschehen ist!�, brachte Bidayn aufgebracht hervor.</p><p>�Keine Magie!�, entgegnete Gonvalon mit fast schon feindseliger Entschiedenheit. �Es liegt doch auf der Hand, dass hier ein Zauber gewirkt wurde. Was willst du noch untersuchen?�</p><p>�Wenn wir w�ssten, wie er gewirkt wurde, w�rden wir mehr dar�ber erfahren, wer es getan hat. Jeder Zauber ver�ndert das nat�rliche magische Muster. Mit jeder Stunde, die verstreicht, erholt sich die Matrix. Es ist so, als ob man �ber Gras schreitet. Nach ein paar Stunden hat es sich wieder aufgerichtet und man kann nichts mehr ��</p><p>�Genug! Ich war auch einmal ein Sch�ler des Schwebenden Meisters. Du musst mir keine Vortr�ge �ber Magie halten. Wir gehen jetzt! Wir brauchen nur den Spuren der Menschenkinder zu folgen, dann werden wir schon sehen, wen sie sich zum Feind gemacht haben.�</p><p>Bidayn setzte zu einer Antwort an, als Nandalee sie am Arm packte und zu sich zog. �Lass ihn. Du solltest nicht mit ihm streiten. Er hat recht. Wir m�ssen gehen.�</p><p>�Aber dieses gr�ne Licht, von dem du erz�hlt hast. Wahrscheinlich hat es den Zauber begleitet. Manche Zauberweber verursachen als einen Nebeneffekt ihrer Kunst lumineszierende K�rper. Ich habe es selbst schon gesehen. Eleborn macht das sogar absichtlich. � Sie sah in Gonvalons Richtung. �Im �brigen k�nnen wir hier nicht einfach gehen! Nur Trolle lassen Tote einfach herumliegen. �</p><p>�Trolle, meine Liebe�, fuhr er sie an, �<emphasis>fressen</emphasis> Tote. Rede nicht von Dingen, von denen du keine Ahnung hast. Wer immer das getan hat, wollte den Menschenkindern eine Botschaft schicken. Und wir mischen uns in diesen Streit nicht ein. Wir werden hier nichts ver�ndern! Wir sind nur Kundschafter.�</p><p>�Er hat wirklich recht�, sagte Nandalee beschwichtigend. Sie war erstaunt, wie sehr sich Bidayn f�r ihren Standpunkt einsetzte. Fr�her war sie nicht so gewesen. Auch sie hatte sich in den vergangenen Monden ver�ndert.</p><p>Nandalee bemerkte, wie Gonvalon sie mit einem ebenso �berraschten wie dankbaren Blick bedachte. �Verlassen wir das Lager. Wenn wir flussabw�rts gehen, werden wir herausfinden, was hier geschehen ist.�</p><p>�Siebenundzwanzig Tote, und er l�sst sie einfach liegen�, zischte Bidayn. �Er ist nicht besser als ein Troll.�</p><p>Nandalee musste schmunzeln. �Wir sollten ihm vertrauen. Er wei�, was zu tun ist.�</p><p>�Woher will er wissen, was in einer Welt, die noch kein Elf betreten hat, zu tun ist?�</p><p>�Er kennt die Menschenkinder. Und er ist ein Drachenelf. Er ist nicht leicht umzubringen, falls dir das Sorge bereitet.�</p><p>Bidayn sah sie zweifelnd an. �Aber ich bin keine Drachenelfe. Ich bin leicht umzubringen, f�rchte ich. Und ich werde ganz sicher nicht mehr in der N�he von B�umen schlafen!�</p><p>Nandalee verzichtete auf eine Antwort. Sie wusste, wann es keinen Sinn mehr machte, mit Bidayn zu diskutieren.</p><p>Schweigend folgten sie dem Fluss, und Gonvalon sollte recht behalten. Kaum zwei Meilen flussabw�rts fanden sie einen weiteren, noch viel gr��eren Kahlschlag. Auch entdeckten sie gro�e Aschekreise, umgeben von zerw�hlter Erde. Wie es schien, hatten die Menschenkinder hier die Feuerh�gel abgebrannt, die sie in dem anderen Lager nur vorbereitet hatten. Die Gef�hrten fanden keine Gr�ber und keine Spuren, die darauf hinwiesen, dass es hier einen �hnlichen �berfall gegeben h�tte. Also wanderten sie weiter.</p><p>In den n�chsten Tagen fanden sie noch mehr als ein Dutzend Kahlschl�ge. Nandalee empfand sie wie Narben im Land. F�r sie waren die Zerst�rungen umso schlimmer, da sie keinen Nutzen darin erkennen konnte. Warum verbrannte man B�ume in Erdh�geln?</p><p>Die Landschaft ver�nderte sich mit jedem Tag, den sie dem Fluss folgten. Die Berge wurden schroffer. Sie wanderten durch eine weglose Wildnis. Es w�re ein Leichtes gewesen, ein Flo� zu bauen, um sich auf dem Fluss mit der Str�mung treiben zu lassen, aber Gonvalon war strikt dagegen. Nandalee verstand nicht, warum er eine pl�tzliche Begegnung mit den Menschenkindern f�rchtete. Ihre Tarnung war gut, und es waren doch noch niemals Elfen auf Nangog gewesen, oder nicht? Warum also sollten die Menschenkinder ihnen feindselig begegnen? Doch Gonvalon lie� sich nicht �berzeugen und schlie�lich f�gten sie sich, sich Tag um Tag ihren Weg durch die Wildnis zu erk�mpfen.</p><p>Vor allem Bidayn litt. Oft war sie schon zur Mittagszeit so ersch�pft, dass sie sich kaum noch voranschleppen konnte. Sie jammerte wenig. Sie war sich dessen bewusst, dass sie ihre beiden Gef�hrten aufhielt.</p><p>Zu den Strapazen des Marsches kam das stete Gef�hl, beobachtet zu werden. Tiere sahen ihnen auf eine Weise nach, wie es Tiere nicht tun sollten. Einmal hatte Nandalee sogar das Gef�hl gehabt, dass ein Baum sie anstarrte. Sie hatte den anderen davon nichts gesagt � zum einen, weil sie sich l�cherlich vorgekommen w�re, und zum anderen, weil Bidayn eine geradezu absurde Angst vor B�umen entwickelt hatte. Jeden Abend mussten sie einen Lagerplatz suchen, der weit weg von B�umen und Wurzelwerk lag, was in der Regel bedeutete, dass sie auf nacktem Fels �bernachteten.</p><p>Aus R�cksicht auf Bidayn legten sie jeden Mittag eine lange Rast ein und beendeten ihren Marsch abends schon zwei Stunden vor Sonnenuntergang. Nandalee hatte sich mit Gonvalon darauf geeinigt, dass er in den Mittagsstunden als Sp�her vorauseilte. Sie hingegen ging abends auf die Jagd. So nannten sie es gegen�ber Bidayn. Doch mindestens genauso wichtig wie die vorgeschobenen Gr�nde war es beiden, ein paar Stunden allein zu sein.</p><p>Einmal entdeckte Nandalee Boote auf dem Fluss. Es waren leichte Gef�hrte aus Weidenruten und Leder. Sie wirkten unf�rmig und waren fast rund. Die Ruderer in den Booten k�mpften hart gegen die Str�mung des Flusses an. Ob die Menschenkinder auf der Suche nach den Holzf�llern waren?</p><p>Nur zwei Mal gerieten sie auf ihrer Wanderschaft in kurze Schauer. Meist war den Gef�hrten das Wetter wohlgesonnen. Wolken schirmten die Sonne ab.</p><p>Es war an einem sonnigen Nachmittag, als Bidayn gro�e zwischen den Wolken treibende Schatten entdeckte. Etwas Massiges, zu fern, um es deutlich zu erkennen. Klar war nur, dass es riesig sein musste! Waren es fliegende Schiffe? Oder Tiere, die es auf wunderbare Weise vermochten, sich ohne Fl�gel in der Luft zu halten? Nangog gab ihnen immer neue R�tsel auf! �ber eine Stunde beobachteten sie die Schatten. Doch die Wolken zerrissen nicht. Vielleicht war es ja auch besser, wenn ihnen verborgen blieb, was die Weiten des Himmels bev�lkerte.</p><p>Am sechsten Abend ihrer Reise war Nandalee wieder einmal alleine auf Jagd. Die Sonne neigte ihr Haupt hinter die Berge und erste Schattenfinger krochen aus den T�lern den Gipfeln entgegen. Nandalee kauerte hinter einem Fels verborgen oberhalb eines Wildwechsels und hoffte darauf, eine der wilden Ziegen erlegen zu k�nnen, die sie am Nachmittag �ber ihrem Weg an der steilen Bergflanke beobachtet hatte. Doch der Wind stand schlecht. Er trieb ihre Witterung zu den Ziegen und die Tiere wanderten weiter.</p><p>Ein gro�er, graubrauner Raubvogel kreiste �ber ihr. Mit weit ausgebreiteten Fl�geln trieb er auf dem Wind. Er sah sie an und Nandalee war versucht, nach ihrem Bogen zu greifen. Nangog zehrte an ihren Nerven. Sie war nicht �ngstlich, aber nicht zu wissen, wer oder was ihr nachstellte, war eine neue Erfahrung.</p><p>Die Elfe l�ste die Sehne aus der oberen Bogennocke, rollte sie auf und verstaute sie in einem kleinen Lederbeutel. F�r heute w�rde sie die Jagd aufgeben. Gonvalon hatte am Nachmittag Pilze und sogar ein paar Zwiebeln gefunden. Sie brauchten kein Fleisch.</p><p>Da stie� der Raubvogel einen schrillen Schrei aus, legte seine Fl�gel an und kam im Sturzflug auf sie zu. Erschrocken wich sie zur�ck und riss die Arme hoch, um ihr Gesicht vor den Krallen zu sch�tzen, doch statt sie anzugreifen, landete er auf einem Felsen, drehte den Kopf zur Seite und starrte sie durchdringend an. Nandalee wich ein St�ck weiter zur�ck. Mit dem Vogel war eine unerkl�rliche K�lte gekommen. Er beugte sich vor, weitete die Fl�gel. Es schien, als wolle er schreien. Doch kein Laut drang aus dem weit aufgerissenen Schnabel. Er spie gr�nen, leuchtenden Nebel! Wie ein Wurm wand sich dieses Ding aus dem Greifvogel und sickerte den Fels hinab.</p><p>Eisige K�lte schlug Nandalee ins Gesicht, und auf den Federn des Vogels wucherte Raureif. Der R�uber stie� einen befreiten Schrei aus, sch�ttelte sich, schlug mit den Fl�geln und erhob sich in die L�fte. Das gr�ne Leuchten aber blieb.</p><p>Nandalee wich weiter zur�ck. Mit dem R�cken gegen einen Steilhang hatte sie keine andere Wahl, als seitlich auf dem schmalen Saumpfad auszuweichen. Ohne den Blick von diesem Wurm aus gr�nem Licht zu lassen, balancierte sie �ber den engen Steig. Sie war von dem Weg abgeschnitten, �ber den sie gekommen war.</p><p>Zoll um Zoll tastete sie sich zur�ck. Ger�ll machte den Boden unsicher.</p><p>Der seltsame Lichtwurm wand sich mal in Spiralen, dann wieder zerfloss er zu einer Wolke. Das Licht wechselte an Intensit�t. Nandalee ahnte, was die Kreatur wollte. Sie besitzen. Ausf�llen, so wie den Greifvogel. Sie presste die Lippen zusammen.</p><p>Die Elfe sp�rte, dass etwas hinter ihr war. Gro�, massig. Aber sie wagte es nicht, sich umzudrehen. Die Lichtwolke wurde wieder zu einem langen, sich windenden Strang. Wie eine Schlange, dachte Nandalee.</p><p>Sie trat noch einen Schritt zur�ck. Ihre Ferse streifte Fels. Sie tastete mit der Linken hinter sich. Ein Felsblock, eine Steilwand � Etwas Gro�es versperrte den Weg. Sie wagte es immer noch nicht, hinter sich zu blicken. Sie durfte dieses gr�ne Licht nicht aus den Augen lassen. Nicht einen Herzschlag lang! Ihr Fu� tastete zur Seite. Da war kein Pfad mehr. Aus den Augenwinkeln sah sie den Hang hinab. Zu steil, dachte sie. Sie w�rde sich den Hals brechen! Sie w�rde � Der Lichtwurm richtete sich auf. Wie eine Viper, die zusto�en wollte.</p><p>Sie schlug mit dem Bogen nach der Kreatur. Die Waffe glitt widerstandslos durch die Erscheinung. Etwas Eisiges streifte ihre Wange und K�lte floss an ihr hinab. Erschrocken schrie sie auf. Das war ein Fehler.</p></section><section><title><p>Die gro�e Dienerin</p></title><p>�� Aber es gen�gte der gro�en Dienerin nicht, sich auf den Dienst f�r ihre beiden Herren zu bescheiden. Und so floh sie in die Weite des endlosen Dunkels. Dort kauerte sie sich zusammen und sie war einsam. Und sie dachte daran, was sie f�r die anderen vollbracht hatte und was sie auf den beiden Welten gesehen hatte. Und sie wollte es besser machen als ihre gestrengen Herren. So dachte sie an einen vollkommenen Baum von ebenm��igem Wuchs und kr�ftigen Wurzeln. Und so wie unsereins ein Haar auf dem Handr�cken w�chst, so wuchs aus ihrer Haut ein Baum, wohl hundert Schritt hoch. Die gro�e Dienerin erfreute sich an ihm und erschuf nach seinem Bilde noch hundert mal hundert seinesgleichen. Dann dachte sie, dass ihre B�ume einsam sein mochten, und sie erschuf einem jeden von ihnen tausend mal tausend kleinere Gef�hrten. Diese aber unterschieden sich und waren von vielf�ltiger Art. Die ersten B�ume der gro�en Dienerin �berragten sie, wie eine Mutter ihre Kinder �berragt. Und gleich einer Mutter wachten die �lteren �ber die J�ngeren.</p><p>So schuf die gro�e Dienerin noch viele Pflanzen. Gr�ser und B�sche und Moose und seltsam fleischiges Kraut, das auf dem Grunde der Meere gedieh. Danach aber dachte die gro�e Dienerin an all die Tiere, die sie auf den anderen Welten gesehen hatte, und ein Gedanke lie� sie aus ihrem Fleisch wachsen. Zuletzt wollte sie Neues erschaffen. Gesch�pfe, wie sie noch keiner gesehen hatte. Kreaturen, die mit den Wolken ziehen sollten, und Donnerwanderer mit Schlangenh�lsen, so lang, dass sie aus den Wolken trinken k�nnten, und Beinen so m�chtig, dass sie durch die W�lder wanderten, wie auf den anderen Welten die B�ffel durch hohes Gras wandern. Und sie lie� jene nah bei ihrem Herzen reifen, die ihre Kinder sein sollten. Sie sollten die sch�nsten unter ihren Gesch�pfen werden. Friedfertige Hirten, die �ber ihre Welt wanderten und sie hegten wie jene G�rtner, die �ber die Rosenb�sche im Palastgarten von Ak�u wachen und ihnen so sehr verschrieben sind, dass sie kein Weib zur Ehe nehmen und sich bei den Wurzeln ihrer Rosen bestatten lassen, wenn ihre letzte Stunde gekommen ist. Als aber die gro�e Dienerin ihren Kindern den Atem des Lebens einhauchen wollte, um unsterbliche Seelen in sie zu pflanzen, da wurden ihre Herren gewahr, was sie tat. Und sie bestraften sie. Und der Atem der gro�en Dienerin strich �ber die Welt, ohne ihre Kinder zu finden. Ihre Herren aber erkannten, was der Grund f�r die Taten ihrer Dienerin war, litt sie doch an einem �berma� an Gef�hl. Und so nahmen sie ihr das Herz, das der Sitz aller Gef�hle ist. Daraufhin f�gte sich die gro�e Dienerin und sie tat wieder ihre Arbeit und verga� ihre Kinder. Ihr Herz aber wurde in zwei H�lften geteilt und an zwei verschiedenen Orten verborgen. Und bis auf den heutigen Tag vermochte niemand ihr Herz wiederzufinden ��</p><cite><text-author>Vermutlich von den auf Nangog lebenden Menschen �berlieferter Sch�pfungsmythos, niedergeschrieben von Meliander von Arkadien, Blatt XVII Der Sammlung Nangog, verwahrt in der Bibliothek von Iskendria, im Saal des Lichtes vergraben an einem Ort, der nur Galawayn, dem H�ter der Geheimnisse, bekannt ist.</text-author></cite></section><section><title><p>Die Unber�hrbaren</p></title><p>Sie war zu lange fort! Immer wieder blickte Bidayn vom Feuer auf und sah zum Waldrand hinab. L�ngst herrschten dort die Schatten. Nichts r�hrte sich, soweit sie sehen konnte. Bisher war Nandalee stets kurz nach Einbruch der D�mmerung zur�ckgekehrt, aber jetzt war sie zu lange fort! Diese Welt machte Bidayn Angst. Die B�ume, die mordeten. Das Gef�hl, in jedem Augenblick beobachtet zu werden. Und das strikte Verbot zu zaubern. So musste sich Gonvalon f�hlen, wenn man ihm sein Schwert abnahm.</p><p>Ihre Gef�hrten machten ihr auch zu schaffen. Sie fanden nichts dabei, allein loszuziehen, doch Bidayn w�rde tausend Tode sterben, wenn sie in dieser Wildnis allein w�re. Es war ja schon schlimm genug, wenn nur einer von den beiden auf sie aufpasste. Elfen hatten in dieser Welt nichts verloren! Sie hatte nicht einmal begriffen, warum sie hier waren! W�rden sie die Menschenkinder t�uschen k�nnen, falls sie einmal Lebenden begegnen sollten? Die Welt Nangog konnten sie ganz gewiss nicht t�uschen! Hier ging etwas vor. Bidayn dachte daran zur�ck, als sie den Zauber gewoben hatte, der um sie herum einen Bereich der Stille erschaffen hatte. Es war so leicht gewesen. Diese Welt war dazu geschaffen, hier zu zaubern. Warum, wenn es keine Zauberweber gab? Keine vernunftbegabten Wesen? Offensichtlich konnten hier B�ume zaubern, dachte sie mit einem Schaudern. Vielleicht auch Tiere? Alles war hier anders. Alles beobachtete sie! Wenn sie wenigstens mit ihren Gef�hrten dar�ber reden k�nnte! Wenn die beiden ihr nur f�r einige Augenblicke gestatten w�rden, ihr Verborgenes Auge zu �ffnen, um die Matrix dieser Welt besser zu verstehen! Bidayn seufzte und starrte zum Waldrand. Nandalee war noch immer nicht zur�ck. Wo blieb sie nur so lange? Sie nahm einen Stock und stocherte damit im Feuer herum. Am liebsten w�re sie aufgesprungen und h�tte nach Nandalee gerufen, aber sie wollte sich nicht auff�hren wie ein Kind.</p><p>�Du verdirbst dir die Nachtsicht, wenn du immer wieder ins Feuer blickst.� Gonvalon war so sehr um einen unverbindlichen Tonfall bem�ht, dass seine Anspannung nur umso greifbarer wurde.</p><p>�Ich wei�, sie kann ganz gut auf sich aufpassen �� Bidayn schob das Ende des Holzstocks unter den Henkel des kleinen, ru�geschw�rzten Topfes, hob ihn vorsichtig vom Feuer und stellte ihn auf einen flachen Stein nahe der Glut. So blieb ihr Essen warm, bis Nandalee zur�ckkam.</p><p>�Wo bleibt sie nur?� Bidayn blickte zu Gonvalon auf, der den Waldrand nicht aus den Augen lie� und in die Nacht hinaus lauschte � und dann sp�rte auch sie es. Dort drau�en war etwas Unheimliches, f�r das sie keine Worte hatte. Eine Gefahr, die es nur auf dieser Welt gab, die nicht f�r Elfen oder Menschen geschaffen war. Nangog wehrt sich, dachte sie.</p><p>Am schlimmsten war die Gewissheit, dass sie sich nicht wehren konnte. Sie war ausgeliefert. Alles was ihr blieb, war, zu warten. Warten � Sie w�rde noch wahnsinnig! Bidayn zog den langen Holzl�ffel aus Gonvalons B�ndel und begann in der d�nnen Suppe zu r�hren. Alles war besser, als nur tatenlos dazusitzen. Die Suppe roch gut, aber das Schaben des L�ffels auf dem Metall des Topfes erschien ihr unnat�rlich laut. Es war � Sie verharrte mitten in der Bewegung. Nein, nicht das Scharren war unnat�rlich. Die Stille, die sie umgab, war es. Kein Laut drang aus dem nahen Wald. Nie hatte sie so deutlich gesp�rt, belauert zu werden.</p><p>�ngstlich blickte sie zu Gonvalon, doch der Schwertmeister wirkte jetzt ganz entspannt. Er streckte sich und g�hnte. Merkte er denn nichts? Wie beil�ufig sank seine Rechte auf den Griff seines Schwertes. �Mach weiter�, fl�sterte er. �K�mmer dich um das Abendessen.� Seine Lippen bewegten sich kaum, w�hrend er sprach.</p><p>Bidayn schluckte hart, dann griff sie nach Nandalees B�ndel, in dem ihre Vorr�te verpackt waren. Ein Vogelschrei drang durch die Nacht und Nandalees B�ndel fiel ihr aus den H�nden. Der letzte Kanten Brot rollte �ber den felsigen Boden zu ihren F��en.</p><p>Schweres Fl�gelschlagen entfernte sich. Sie w�rde nicht schreien!</p><p>Gonvalon wirkte immer noch ganz ruhig. Abgesehen von der Hand am Schwert. Er w�rde auf sie aufpassen, beruhigte sie sich. Und wenn etwas passierte, w�rde sie dieses verdammte Zauberverbot ignorieren. Sie w�rde mit ihren Waffen k�mpfen. Deshalb hatte sie der Dunkle mitgeschickt. Ganz bestimmt.</p><p>Der Entschluss zu zaubern tat gut. Sie b�ckte sich und hob den Kanten Brot auf. Es war steinhart, aber in die Suppe getunkt w�rde sie es herunterbekommen.</p><p>Pl�tzlich war die Nacht voller Fl�gelschlagen. Hunderte V�gel brachen aus dem Wald und stiegen in den Nachthimmel empor. Ein Fauchen erklang. Ganz nah an ihrem Lager st�rmte ein gro�er Hirsch vorbei. Die ganze Welt schien in Bewegung geraten zu sein. Selbst unter ihren F��en. Sie blickte zu Boden und sah den Suppentopf. Konzentrische Ringe liefen �ber die d�nne Wassersuppe. Ein Laut wie ein tiefes Seufzen erklang.</p><p>Ringe tanzten im roten Licht des Feuers auf der d�nnen Suppe. Dann war ein Laut zu h�ren, �hnlich einem Seufzen. So tief, dass er Bidayn bis in den Bauch fuhr. Sie sp�rte, wie sich der Fels unter ihren F��en bewegte. Es war nur ein schwaches Vibrieren.</p><p>Voller Panik sprang sie auf. Gonvalon war schon auf den Beinen. Aus dem nahen Wald klang ein Krachen und Splittern. Loses Ger�ll rutschte grollend den Hang hinab.</p><p>Ein Stein, fast so gro� wie ihr Kopf, kollerte nur einen halben Schritt entfernt vorbei. Bidayn war wie gel�hmt. Sie wollte fl�chten � Aber wohin?</p><p>Gonvalon zog die Elfe an sich und nahm sie in die Arme. �Gleich h�rt es auf�, sagte er mit fester Stimme. �Das ist nur ein Erdbeben.�</p><p>�<emphasis>Nur</emphasis> ein <emphasis>Erdbeben</emphasis>!� Ihre Stimme war ein peinlich schrilles Kreischen. Was sollte das hei�en � <emphasis>nur ein Erdbeben</emphasis>? Es war ihr erstes Erdbeben und es geh�rte ganz fraglos zu der Sorte Erfahrungen, die sie nicht h�tte machen wollen.</p><p>Der L�rm erstarb so pl�tzlich, wie er gekommen war. Der Wald lag wieder still. Nur ab und an h�rte man noch einen einzelnen Stein den Hang hinabrollen. Wo Nandalee nur war? Hoffentlich hatte das Beben sie nicht im Wald �berrascht.</p><p>�Du warst sehr tapfer.�</p><p>W�re sie nicht Zeuge ihrer Angst gewesen, h�tte sie ihm geglaubt, so bestimmt sprach der Schwertmeister.</p><p>�Man f�hlt sich v�llig hilflos. Es ist eine schreckliche Erfahrung.�</p><p>Eben war es noch <emphasis>nur ein Erdbeben</emphasis>, dachte Bidayn bitter und sch�mte sich f�r ihre Angst.</p><p>Gonvalon l�chelte. �Du warst sehr tapfer�, sagte er. �Als ich zum ersten Mal ein Erdbeben erlebt habe, bin ich herumgerannt wie ein aufgescheuchtes Huhn. Ziemlich peinlich.�</p><p>Er schaffte es tats�chlich, sie zum L�cheln zu bringen. Bidayn lie� den Kopf gegen seine Brust sinken und genoss es, im Arm gehalten zu werden. Zum ersten Mal, seit sie Nangog betreten hatten, f�hlte sie sich sicher und geborgen. Es war gut, und � Wenn jetzt Nandalee k�me! Bidayn zuckte zur�ck.</p><p>Gonvalon �ffnete seine Umarmung. Er r�usperte sich ein wenig verlegen. �Ich wollte deine Angst nicht ausnutzen, um mich �� Er l�chelte entwaffnend.</p><p>Bidayn dachte an die Ger�chte �ber den Schwertmeister. Er sollte schon viele Aff�ren gehabt haben. Meist mit Sch�lerinnen. Dieses L�cheln � Ihm war leicht zu erliegen. Wie es wohl war, seine Geliebte zu sein? Nandalee wurde immer sehr wortkarg, wenn Bidayn sie auf den Schwertmeister ansprach. In ihrer Gegenwart hielten sich die beiden zur�ck. Aber sie sah ihre Liebe deutlich in den Blicken, die sie miteinander wechselten, wenn sie sich unbeobachtet f�hlten. Allerdings las sie in den Blicken auch, wie sie einander stumm ihr Leid dar�ber klagten, mit einer fu�kranken Reisegef�hrtin geschlagen zu sein, die so gar nicht f�r ein Abenteuer wie dieses geschaffen war. Ob Gonvalon sich jemals in sie verlieben k�nnte? Oder sah er nur eine verz�rtelte, �ngstliche Elfe in ihr? Eine, die bei den Drachenelfen nichts zu suchen hatte und mit ihrer Schw�che die ganze Mission in Gefahr brachte?</p><p>Ein Schatten l�ste sich aus der schwarzen Wand des Waldes. Bidayn machte erschrocken einen Schritt in Gonvalons Richtung. Dann erkannte sie Nandalee. �Endlich bist du zur�ck! Wir haben uns Sorgen gemacht. Wir ��</p><p>Jetzt hatte Nandalee den Lichtkreis des Feuers erreicht. Sie war blass, ihre Kleider voller Staub und der K�cher an ihrem G�rtel war nicht verschlossen. Etwas stimmte nicht mit ihr! Hatte ihre Freundin gesehen, wie sie in Gonvalons Armen gelegen hatte?</p><p>Achtlos lie� Nandalee Bogen und Schwert fallen und hockte sich auf einen Stein nahe beim Feuer.</p><p>�Geht es dir gut?�, fragte Gonvalon und n�herte sich ihr, aber sie hob abwehrend die Hand.</p><p>�Mit mir ist alles in Ordnung.� Sie sah nicht einmal auf, als sie ihm antwortete.</p><p>Obwohl Gonvalon f�r gew�hnlich seine Gef�hle sehr gut verbergen konnte, sah Bidayn ihm dieses Mal an, wie ihm Nandalees kalte, abweisende Art zusetzte. Auch er zog sich zur�ck, trat an den Rand des Lichtkreises, den ihr kleines Lagerfeuer in die Dunkelheit schnitt, und beobachtete Nandalee.</p><p>Bidayn r�usperte sich. �Wir haben auf dich gewartet. Ich werde dir eine Sch�ssel ��</p><p>Die Bogensch�tzin wandte ihr den Kopf zu. Ihr Blick war seltsam eindringlich. Sie wirkte ver�ndert, ohne dass Bidayn h�tte in Worte fassen k�nnen, was genau nicht mehr so war wie zuvor. Sie war � unheimlich!</p><p>�Ich habe keinen Hunger.�</p><p>So m�rrisch hatte sie Nandalee selten erlebt. �Wir jedenfalls sind froh, dich lebend wiederzusehen, nachdem die Welt Kopf gestanden hat.�</p><p>�Nicht f�r uns.� Sie deutete nach Osten, wo hinter den Bergen ein blassroter Schimmer am Nachthimmel zu sehen war. �F�r sie hat die Welt Kopf gestanden. Dort werden wir die Menschenkinder studieren k�nnen. Oder besser das, was von ihnen nach dem Erdbeben noch �brig geblieben ist. Dort muss wohl eine Stadt liegen.�</p><p>Bidayn blickte zum Horizont. Sie glaubte Wolken zu sehen, deren Unterseite rot erstrahlte. Wie weit die Stadt wohl entfernt lag? Und wie gro� mochte sie sein? Und woher wusste Nandalee davon? Sie konnte unm�glich so weit gewandert sein.</p><p>Als sie sich nun erneut zu ihr umdrehte, hatte sich Nandalee in ihren Umhang eingerollt und schlief � oder gab es zumindest vor.</p><p>Gonvalon kam zu ihr her�ber, kniete sich nieder und nahm etwas von der Suppe. Er wirkte tief verletzt. Am liebsten h�tte Bidayn ihn in die Arme genommen, aber sie wusste, dass er es nicht dulden w�rde. Es w�rde falsch aussehen. Bestimmt schlief Nandalee nicht! Was war nur los mit ihr? Sonderlich feinf�hlig war sie ja noch nie gewesen, aber dieser Auftritt �bertraf alles.</p><p>�Sie bauen ihre H�user nicht sehr fest�, sagte Gonvalon pl�tzlich und nickte gen Osten, wo man immer noch ein bedrohliches, rotes Gl�hen unter den Wolken sah. �Ich glaube, es sind Luwier, die hier leben. Jedenfalls sahen die B�rte und die Tuniken der Holzf�ller so aus, als seien sie Luwier gewesen. Wir haben Gl�ck gehabt.�</p><p>Bidayn traute ihren Ohren kaum. Seitdem der Dunkle ihnen ihren Auftrag gegeben hatte, hatte Gonvalon nicht mehr so viel �ber die Welt der Menschenkinder gesprochen. Offenbar sandten die Drachen schon seit geraumer Zeit Spitzel in die Welt der Menschen. Obwohl Meister wie Lyvianne sie in den Sprachen und Gebr�uchen der Menschen unterrichteten, wurde in der Wei�en Halle nicht dar�ber gesprochen welche Missionen die Elfen auf Daia ausf�hrten. Warum das so war, konnte sich Bidayn nicht erkl�ren. Die meisten Sp�her kamen wohl aus der Blauen Halle � Aber war das ein Grund, so gar nicht dar�ber zu reden?</p><p>�Du warst schon oft in der Welt der Menschenkinder?�</p><p>�Einige Male�, entgegnete Gonvalon vage. Pl�tzlich l�chelte er. �Sie stinkt, wei�t du. Und sie ist � zu voll.�</p><p>�Und warum haben wir Gl�ck gehabt? Ich dachte, wir sollten uns als Menschenkinder aus Aram ausgeben und nicht als Luwier?�</p><p>�Es gibt sowohl in Luwien als auch in Aram eine Provinz Garagum. Der Name bedeutet <emphasis>schwarze W�ste</emphasis>. Die beiden Gro�reiche streiten sich seit langer Zeit um diesen unwirtlichen Landstrich. Im S�den grenzt die W�ste an ein Gebirge, dessen Gipfel bis weit �ber die Wolken aufragen. Sie nennen diese Berge Deva Kush. Manche glauben, ihre G�tter, die Devanthar, leben dort. Ganz sicher aber gedeiht dort Kush, eine vielseitig nutzbare Pflanze. Aus ihren Fasern kann man sehr haltbare Kleidung machen und sie ist ein begehrtes Handelsgut. Man kann ihre getrockneten Bl�tter auch rauchen. Dann schenken sie einem Tr�ume, in denen man nahe bei den G�ttern ist.�</p><p>�Rauchen?� Bidayn wusste nicht ganz, was sie sich darunter vorstellen sollte. Auch war sie verwundert, dass Gonvalon pl�tzlich so gespr�chig war. Wobei er ihre Fragen nicht wirklich beantwortete, und statt �ber seine Erlebnisse �ber irgendwelche Pflanzen sprach. Dennoch wollte sie, dass er weiterredete. �Wirft man sie ins Feuer und atmet den Rauch ein?�</p><p>Gonvalon lachte. �Nein. Das musst du nicht wissen. Du legst doch sicherlich keinen Wert darauf, nahe bei den Devanthar zu sein. Sie w�rden es nicht sch�tzen, wenn sie uns in ihrer Welt entdeckten. �</p><p>�Aber steckt hinter all deinen Reisen in die Welt nicht die Absicht, eine verwundbare Stelle der Devanthar zu finden?�</p><p>�Du machst dir zu viele Gedanken.� Gonvalon wandte den Blick vom Himmel ab und begann seine Suppe zu essen. Das Licht, das von unten auf sein Gesicht fiel, lie� ihn geheimnisvoll aussehen. Und auch ein wenig bedrohlich. Bidayn entschied, dass es wohl kl�ger w�re, keine Fragen mehr �ber die Devanthar zu stellen.</p><p>�Wir wussten nicht, welches Menschenvolk wir hier antreffen w�rden, nicht wahr?�</p><p>�Wir wissen gar nichts �ber Nangog�, sagte Gonvalon so entschieden, dass seine Antwort Zweifel in Bidayn aufkommen lie�. �Nangog ist Menschen und Albenkindern verboten. Wir w�rden mit Sicherheit den Zorn der Alben auf uns ziehen, wenn sie w�ssten �� Er sch�ttelte den Kopf und zum ersten Mal, seit sie ihn kannte, wirkte er ratlos. �Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, warum der Dunkle mich ausgerechnet mit euch beiden hierhergeschickt hat. Ihr seid zu � unerfahren. Wir sollten nicht hier sein!�</p><p>�Vielleicht hat er Nandalee und mich ausgew�hlt, weil wir einen unbefangeneren Blick haben?�</p><p>�Ja, vielleicht �� Es war nicht zu �berh�ren, dass er ganz und gar nicht ihrer Meinung war.</p><p>�Und warum geben wir uns ausgerechnet als Menschen aus Garagum aus? Und warum als Bewohner Arams?�</p><p>�Ich habe Aram schon einige Male bereist. Dort kann man sich freier bewegen als in Luwien. Auch beherrsche ich ihre Sprache besser. In Luwien ist die Gesellschaft nach den Gesetzen des Gro�en Hauses organisiert. Es ist sehr fremd. Es gibt f�nf St�nde, die sich nicht miteinander vermischen. Garagum ist noch eine junge Provinz. Dort ist das System des Gro�en Hauses noch nicht gefestigt. Wenn wir sagen, wir kommen von dort, gelten wir nur als Fremde. Bei jeder anderen Provinz w�rde man uns, so wie wir aussehen, f�r Unber�hrbare halten.�</p><p>Bidayn fand, dass es sich gar nicht so schlecht anh�rte, als unber�hrbar zu gelten. Das klang erhaben. Sie entschied sich, lieber nicht nachzufragen, aus Sorge, sie k�nnte den pl�tzlichen Redefluss Gonvalons durch die falschen Fragen zum Versiegen bringen.</p><p>�Die meisten Menschenkinder werden schon einmal von Garagum und den Deva Kush geh�rt haben. Wegen der G�tter, der Stoffe und der Drogen. Aber kaum jemand ist je dort gewesen. Das Volk von Garagum gilt als hart und eigenbr�tlerisch � Nomaden, Oasen- und Bergbauern, J�ger und Goldsucher. In ihrem Land ist der Tod stets nahe. Sei es durch Hitze, K�lte, Steinschlag oder Hunger. Niemand wird sich wundern, wenn wir seltsam und fremd erscheinen. Wir werden also sicher reisen, solange man uns glaubt, dass wir von dort kommen.�</p><p>Gonvalon erz�hlte noch lange von der Welt der Anderen. Vom Gro�en Haus und der Gesellschaft der f�nf St�nde. Von der Himmlischen Hochzeit, die der Unsterbliche, der Gottk�nig von Luwien, zur Sommersonnenwende in der Zikkurat der Heiligen Stadt Isatami feierte, oder von den Geisterw�ldern der Drus. Bidayn lauschte ihm voller Begeisterung. Diese Geschichten �bertrafen all ihre Tr�ume von der Anderen Welt und sie sehnte den Tag herbei, an dem auch sie so wie Gonvalon dorthin geschickt w�rde. Als Bidayn schlie�lich einschlief, folgten ihr die wunderbaren Bilder aus den Erz�hlungen des Schwertmeisters noch bis in die Tr�ume. Am n�chsten Morgen erwachte sie voller Vorfreude. Es war der erste Tag auf Nangog, an dem ihre Neugier gr��er als ihre Furcht war.</p><empty-line/><p>Nandalee blieb m�rrisch und wortkarg. Bidayn schob es auf die �blichen Launen ihrer Freundin. Sie hatte l�ngst aufgegeben, Nandalee verstehen zu wollen. Sie wusste, dass sie sich auf Nandalee verlassen konnte, wenn es darauf ankam � und das allein z�hlte.</p><p>An diesem Morgen fiel Bidayn der Marsch leichter. Nachdem Gonvalon so lange mit ihr gesprochen hatte, f�hlte sie sich nicht mehr als ein �berfl�ssiges Anh�ngsel, und so war es an diesem Morgen Nandalee, die den Abschluss ihrer kleinen Gruppe bildete.</p><p>Sie waren kaum zwei Stunden gegangen, als sie Spuren der Menschenkinder entdeckten. Eine Feuerstelle, eine aufgegebene Wetterschutzh�tte. Gegen Mittag kreuzten sie einen Weg, in dem Baumst�mme, die wohl von Pferdegespannen gezogen worden waren, tiefe Schleifspuren hinterlassen hatten. Bald entdeckten sie weite Kahlschl�ge. Ganze H�nge waren nur noch mit Baumst�mpfen und k�mmerlichem Buschwerk bedeckt. An vielen Orten war die d�nne Erdschicht fortgesp�lt und Fels ragte gleich bleichen Knochen aus dem geschundenen Boden.</p><p>Bidayn konnte nicht verstehen, wie man einen Ort, den man sich zum Leben gew�hlt hatte, so herunterwirtschaften konnte. Sie w�rden diese Berge in eine karge Steinw�ste verwandeln, wenn sie so weitermachten. Sahen sie das denn nicht? Oder schlimmer noch, war es ihnen egal? W�rden sie einfach weiterziehen, wie ein Schwarm Heuschrecken, der ein Feld kahl gefressen hatte? War dies das Schicksal, das Nangog drohte? Und dann Albenmark?</p><p>Gonvalon entschied, dass sie dem Weg weiterfolgten. Bald entdeckte Bidayn auf einem Felsen eine plumpe Ritzzeichnung, die eine gefl�gelte Gestalt zeigte. Darunter lagen Scherben von zerbrochenen Gef��en. Eine G�ttin? Waren nutzlose Gef��e ein Geschenk f�r G�tter? Obwohl die Zerst�rungen der Landschaft sie zutiefst aufw�hlten und gegen die Menschen einnahmen, fieberte sie doch dem Augenblick entgegen, in dem sie zum ersten Mal lebenden Menschenkindern begegnen w�rde.</p><p>Etwa eine Meile weiter fanden sie den Weg durch einen Steinschlag blockiert. Vorsichtig kletterten sie �ber die Felsbrocken hinweg, die bedrohlich unter ihren F��en knirschten. Es war bei dieser Gelegenheit, dass Bidayn die wei�en Ascheflocken bemerkte. Es waren nicht viele. Wie Schnee tanzten sie im Sonnenlicht. Am Horizont stieg immer noch Rauch auf und wies ihnen den Weg zu ihrem Ziel.</p><p>Der Duft von Gebratenem stieg Bidayn mit dem Wind in die Nase. Wie Schwein roch es! Als sie eine scharfe Wegkehre hinter sich lie�en, entdeckten sie die erste Siedlung. H�user aus Bruchstein mit graubraunem Lehmverputz, die D�cher aus schweren Balken zum Teil eingest�rzt. Die wenigen Menschenkinder umringten ein gro�es Feuer. Einen Scheiterhaufen aus halb verkohlten Balken und armdicken �sten. Sie schienen ihre Toten zu verbrennen. Alles hier wirkte schmutzig und heruntergekommen. Selbst Kobolde waren reinlicher als die Menschenkinder.</p><p>Die Trauernden schenkten ihnen kaum Beachtung, als sie vor�berkamen. Die Menschenkinder waren hager, ihre Gesichter abgeh�rmt und mit Ru� verschmiert. Sie trugen einfache Kleidung in Erdfarben. Oft geflickt. Bidayn war �berrascht, in der Menge keine Frauen und Kinder zu sehen. Hatte man sie versteckt? Durften sie der Totenzeremonie nicht beiwohnen?</p><p>Dichter, �liger Rauch stieg auf und wurde vom Wind �ber die niedrigen H�user hinweg gegen die Bergflanke gedr�ckt. Der Geruch von schmorendem Fleisch verursachte Bidayn nun, da sie wusste, was dort im Feuer lag, �belkeit. Sie atmete nur noch flach durch den Mund und beschleunigte ihre Schritte. Nandalee hingegen sah sich alles sehr genau an. Erst als Gonvalon sie rief, folgte sie ihnen widerwillig. H�tte sie Nandalee nicht besser gekannt, Bidayn h�tte gedacht, dass sie am Leid der Menschenkinder Gefallen fand.</p><p>In der Bergflanke oberhalb der Siedlung klaffte ein gro�es Loch. �berall ringsherum lag Ger�ll. Ein Stapel grob behauener Balken war durch einen Steinschlag fast versch�ttet. Wie viel Mut es wohl erforderte, sich in den Berg zu graben und das Wissen zu ertragen, welch ungeheure Masse Stein �ber einem aufragte? Ob es auch Tote im Berg gegeben hatte? Sie wirkten erb�rmlich, die Menschenkinder, und nicht bedrohlich. Alles, was Bidayn entdecken konnte, war unvollkommen. Nichts war auf Dauer angelegt. Die Mauern der H�user schlecht gef�gt, die Kleidung h�sslich � ja, die Menschen schienen sich nicht einmal zu waschen oder ihre Haare zu k�mmen. Was trieb sie an? Was bedeutete ihnen etwas? Wof�r taten sie all das hier? Bidayn konnte sich nicht vorstellen, dass es ihnen v�llig egal war, wie sie aussahen und lebten. War Sch�nheit ihnen denn gar kein Bed�rfnis?</p><p>Noch als sie wieder die Passstra�e hinaufstiegen, blickte die Elfe wieder zur�ck zu den �rmlichen H�usern und der Gruppe, die reglos um den Scheiterhaufen stand. Die Menschen waren ihr ein R�tsel. Auf Bidayn wirkten sie nicht bedrohlich, sondern v�llig abgestumpft.</p><p>Die Gef�hrten durchquerten noch weitere Minend�rfer, die unterschiedlich schwer vom Beben betroffen waren. Bidayn wollte den Menschen helfen, doch beharrte Gonvalon darauf, dass sie sich auf keinen Fall einmischten. Er erinnerte sie an das Gro�e Haus, die strenge Unterteilung in St�nde, die es den Menschenkindern versagte, sich untereinander zu helfen. Kein Wissender h�tte sich je dazu herabgelassen, einen Schaffenden anzufassen oder gar einen Unber�hrbaren aus dem niedersten Stand der Bettler, des fahrenden Volks und anderer nicht Sesshafter. Bidayn f�gte sich, aber es brach ihr das Herz.</p><p>Die Stra�e, der sie durch die Berge folgten, war inzwischen belebter. Sie passierten eine Maultierkarawane, die Brennholz, schwere F�sser und S�cke transportierte. Bidayn bemerkte, dass sie angestarrt wurden. Etwas mit ihrer Verkleidung schien grundlegend nicht in Ordnung zu sein. Die Vorstellung, dass einer dieser ungewaschenen und wahrscheinlich auch noch verlausten Kerle sie ber�hren k�nnte, erf�llte sie mit blankem Entsetzen. Wo waren die Frauen? Nirgends auf den Stra�en oder Feldern hatte sie eine gesehen.</p><p>Einmal h�rte sie zwei Haarige miteinander tuscheln. Sie erkannte einzelne Worte, vermochte aber dem Sinn nicht zu folgen. Die beiden schienen sich �ber leckere Schnecken zu unterhalten. Merkw�rdig!</p><p>Besonders unangenehm war es Bidayn, wie man ihr nachblickte. Manche der M�nner vermochten ihre L�sternheit kaum zu verbergen. Einer zeigte ihr seine Faust und bewegte dabei seinen Daumen auf obsz�ne Weise zwischen Zeigefinger und Mittelfinger.</p><p>Bidayn wusste nicht, wie sie darauf reagieren sollte. Sie wurde rot und schaute weg. Obwohl die M�nner Nandalee ebenso hinterherstarrten wie ihr, erlaubte sich bei ihrer Freundin niemand solche Frechheiten. Kannten diese haarigen Ungeheuer denn kein Benehmen? Sie stellte sich vor, wie sich einer von ihnen an Nandalee heranmachte. Sie musste schmunzeln. Der Kerl, der so dumm w�re, nach ihrer Freundin zu grapschen, w�rde vermutlich die gr��te �berraschung seines Lebens erleben.</p><p>Pl�tzlich f�hlte sie sich einsam. Nandalee hatte den ganzen Tag noch kein Wort mit ihr gesprochen. Was war nur mit ihr los? Bidayn konnte ihr ansehen, dass sie niemanden in ihrer N�he haben wollte. Sie wirkte kalt und abweisend. Ver�ndert � Nun waren es nicht mehr allein die B�ume oder Tiere � jetzt war es Nandalee, die sie unverwandt anzusehen schien. Und Bidayn konnte sich auch vorstellen, warum. Bestimmt hatte ihre Freundin gesehen, wie Gonvalon sie in den Arm genommen hatte. Sie mussten reden � Aber nicht jetzt. Am Abend vielleicht. Bidayn schluckte trocken. Sie dachte an Sayn. Es war nicht klug, Nandalee zu ver�rgern. Beherzt beschleunigte sie ihre Schritte und hielt sich nun dicht an Gonvalons Seite. Bei dem Schwertmeister f�hlte sie sich sicherer.</p><p>Es war sp�ter Nachmittag, als die gewundene Bergstra�e sie endlich an das Ziel ihrer Reise f�hrte � die Stadt der Menschenkinder. Nie zuvor hatte Bidayn einen solchen Ort gesehen oder auch nur davon geh�rt, und der Anblick erf�llte sie gleicherma�en mit Staunen und Schrecken. Sie hatte den Gestank der Menschensiedlung � eine Mischung aus Rauch und F�kalien � seit einer Weile riechen k�nnen, doch nun blickte Bidayn von der letzten H�gelkuppe aus auf ein weites Flusstal und eine Welt, die sich der Sch�pfung entfremdet hatte. Die tiefer gelegenen H�nge des Tals waren terrassiert worden. Scheibe auf Scheibe schoben sie sich �bereinander. Mauern aus Bruchstein fassten die R�nder ein. Zum Fluss hin standen alle Felder unter Wasser. Zarte Sch�sslinge erhoben sich aus dem gelbbraunen Nass. Weiter oben wurde Gem�se angebaut und Obstg�rten waren angelegt. Ein Labyrinth steiler Treppen f�hrte zwischen den Feldern hindurch. Riesige, h�lzerne R�der hoben Wasser aus dem Fluss den Hang hinauf. Es wurde in gro�en Becken gesammelt, von denen gemauerte Rinnen zu den Feldern und G�rten verliefen. Noch weiter den Hang hinauf schmiegten sich H�user an den Fels. Dicht ineinander verschachtelt, ohne eine erkennbare Ordnung. �ber etliche der D�cher erhoben sich Masten, von denen Fahnen wehten. Manche H�user waren von einer steilen Kuppel gekr�nt. Von Ferne sahen sie aus, als stecke ein riesiges Ei in einem Mauergeviert.</p><p>H�hlen wie klaffende M�uler �ffneten sich im graubraunen Fels. Manche waren von Reliefs flankiert, die h�ufig eine gefl�gelte Frau zeigten, der neben den Fl�geln Waffen aus dem R�cken zu sprie�en schienen. Nahe den H�hlen hatten die Menschenkinder Rampen in den Fels geschlagen, die die H�nge hinab zu gro�en Halden aus Abraum f�hrten.</p><p>Nahe der Abraumhalden ragten ru�geschw�rzte Kamine dicht an dicht auf wie steinerne W�lder. Sie spien ihren dunklen Odem in das Tal, und der Rauch zog wie ein Schleier dahin. Besonders seltsam erschienen Bidayn m�chtige T�rme, aus deren oberen Geschossen dicke Rundh�lzer sprossen wie Stacheln aus Kakteen. Welchen Zweck die T�rme wohl erf�llten, vermochte sie sich nicht zu erkl�ren. Alles hier war unerkl�rlich und fremd! Warum hatten die Menschen das getan? Warum hatten die Menschen diesem Ort seine urspr�ngliche Gestalt geraubt? Sogar der Fluss am Talgrund war mit Mauern eingefasst. Mehrere gro�e Staubecken, aus denen die Wasserr�der sch�pften, hatten das urspr�ngliche Flussbett ersetzt. Bidayn nahm an, dass es sich wohl um einen Seitenarm des Stroms handelte, dem sie auf ihrer Reise so lange gefolgt waren. Weit entfernt konnte sie einen ungeb�ndigten, wei� sch�umenden Wildbach erkennen, der aus den Bergen hinabschoss. Jenseits der Staubecken war davon nur ein k�mmerliches Rinnsal geblieben, in das offene Kan�le den Unrat der Stadt erbrachen.</p><p>Die Menschenkinder hatten Nangog steinerne Fesseln angelegt, dachte Bidayn. Doch die Welt hatte sich dagegen aufgeb�umt. Das Erdbeben hatte Schneisen der Verw�stung in die von den Menschenkindern nach ihren W�nschen geordnete Natur geschlagen. Einige der Terrassenfelder waren abgerutscht. Dicht bei einem umgest�rzten Wasserrad, das einige kleinere Geb�ude unter sich begraben hatte, war der Hang auf einer Breite von mehr als hundert Schritt ein Durcheinander entwurzelter B�ume, gesplitterter St�mme und zerschmetterter Kronen. Dutzende H�user waren an den h�her gelegenen H�ngen in sich zusammengebrochen oder gar in die Tiefe gest�rzt, wobei sie alles, was unter ihnen lag, unter Lawinen aus Bruchstein und Balken mit sich fortgerissen hatten. Steinerne Zungen der Verw�stung leckten die H�nge hinab. Der Gestank von verbranntem Fleisch hing auch hier in der Luft. Dort, wo die H�user am dichtesten beisammenstanden, w�teten noch immer Br�nde. Flammens�ulen erhoben sich aus eingesunkenen D�chern und best�ndig rieselte Asche vom Himmel. Selbst dort, wo die Br�nde erstickt waren, stieg immer noch Rauch aus den Ruinen.</p><p>�berall sah Bidayn Fl�chtlinge. Manche hatten sogar inmitten der �berfluteten Felder Zuflucht gesucht. Schreie, der Klang von H�rnern und das Kl�ffen herrenloser Hunde brandeten aus dem Tal herauf. Ein L�rm, ebenso �berw�ltigend und unerfreulich wie der Gestank, den die Menschen verbreiteten. Sie hatte noch mit keinem von ihnen gesprochen und doch verachtete sie die Menschenkinder und ihr Treiben bereits aus tiefstem Herzen. Dem, was hier geschah, musste Einhalt geboten werden. Sie hatten genug gesehen! Wenn es nach ihr ginge, k�nnten sie nach Albenmark heimkehren.</p><p>�In dem Durcheinander werden wir nicht auffallen�, sagte Gonvalon, den der Anblick des Tals nicht weiter zu ber�hren schien, und stieg den Weg zur Stadt hinab. Auch in Nandalees Z�gen spiegelte sich keine Regung � weder Mitleid noch Abscheu. Sie blieb unnahbar.</p><p>�Ich finde, wir haben hier nichts verloren�, fl�sterte Bidayn.</p><p>�Hierherzukommen ist, als w�rde man mit voller Absicht in einen Haufen Schei�e treten�, entgegnete Nandalee. Ihre Linke lag dabei auf dem Griff des langen Jagdmessers, das von ihrem Umhang nur halb verborgen wurde. In der Rechten hielt sie ihren Bogen, auf den keine Sehne aufgezogen war. Sie hatte Stofffetzen um die Nocken an den Bogenenden gewickelt, sodass die Waffe wie ein eigenwilliger Wanderstab aussah. Bidayn beneidete ihre Freundin um deren kriegerische Ausstrahlung. Nandalee sah gef�hrlich aus und zugleich attraktiv. Das lange, blonde Haar floss offen �ber ihren Umhang und die spitzen Ohren, die sie so deutlich von den Menschenkindern unterschieden, waren unter einem breiten, mit bunten Mustern bestickten Stirnband verborgen. Sie wirkte wie jemand, der sich vor nichts f�rchtete. Pl�tzlich musste Bidayn l�cheln. Sie erinnerte sich an etwas, das der Schwebende Meister ihr einmal erz�hlt hatte: <emphasis>Ein Mangel an Furcht zeugt lediglich von einem Mangel an Phantasie. Es ist die Furcht, die einen in der Gefahr wach und am Leben erh�lt.</emphasis></p><p>Au�erhalb der Stadt lagen Hunderte von Verletzten auf Feldern und Abraumhalden, die man aus der unmittelbaren Umgebung der einsturzgef�hrdeten H�user geschafft hatte. Eine alte, zahnlose Frau zog an Bidayns Arm und deutete wimmernd auf ein verletztes M�dchen mit blutverschmiertem Gesicht. Bidayn verstand kein einziges Wort, doch das Flehen in ihren Augen und die Geb�rden der Alten waren unmissverst�ndlich.</p><p>Gonvalon fuhr sie in einer kehligen Sprache an, und die Frau zog sich erschrocken zur�ck. Bidayn ballte ihre F�uste. Sie sah zu dem M�dchen. Sie h�tte ihr helfen k�nnen! Selbst ohne Magie. So vielen hier ringsherum k�nnte sie helfen! Sie mochte die Menschenkinder nicht, aber das war noch lange kein Grund, einfach zuzusehen, wie sie verreckten! Vergeblich versuchte sie, sich gegen das Elend zu verschlie�en. Sich so hart zu machen, wie ihre Gef�hrten waren, aber es wollte ihr nicht gelingen.</p><p>�Wir d�rfen nicht auffallen�, sagte Gonvalon. �Das hier sind Unber�hrbare. Nur ihresgleichen darf sich um sie k�mmern. Wenn wir uns hier aufhalten, dann �� Er zuckte mit den Schultern. �Dann wird uns das nicht gut bekommen. Wir sinken auf ihren Stand hinab, wenn wir ihnen helfen.�</p><p>�Und was sind wir?�, fragte Bidayn gereizt.</p><p>�Fremde. Leute, denen man misstraut, die aber noch �ber den rechtlosen Unber�hrbaren stehen. Wir d�rfen nicht Partei ergreifen. Die Gesellschaft der Luwier ist zu � undurchsichtig und ungerecht. Zur�ckhaltung ist das Gebot der Stunde!�</p><p>Ein St�ck entfernt sah Bidayn, wie Verletzte von einer Gruppe von M�nnern von der Stra�e gepr�gelt wurden. Wie konnte man nur so grausam zu seinesgleichen sein, dachte sie. Sie w�rde niemals eine Waffe gegen einen Elfen erheben. Niemals! Das war vielleicht der gr��te Unterschied zwischen Menschenkindern und Elfen.</p></section><section><title><p>Widerstand</p></title><p>Er liebte Nangog. Frei durch die W�lder zu wandern. Seine Br�der und Schwestern zu vergessen. Das Spiel um die Macht. Er hielt nicht viel davon, was ihn in den Augen mancher suspekt erscheinen lie�. Der Ebermann lachte. Es war ein rauer, kehliger Laut. Er lebte. Mittags hatte er ein Wildschwein gerissen. Die Reste lagen noch auf der Lichtung verstreut. Es war ein starker Eber gewesen. Er hatte sich zum Kampf gestellt. Ein gutes Mahl!</p><p>Der Devanthar h�tte nicht essen m�ssen. Er stand �ber solchen banalen Dingen. Aber im Gegensatz zu seinen Br�dern und Schwestern liebte er es, darin zu schwelgen. Sich in der Welt zu suhlen!</p><p>Er sa� mit dem R�cken an einem Fels gelehnt und lauschte auf das Rauschen des nahen Flusses. Am Rand der Lichtung schn�rte ein Fuchs entlang. Er hielt etwas in der Schnauze. Eine Maus? Nein, es war heller � Ein Finger!</p><p>Neugierig erhob sich der Devanthar. Er w�rde dem kleinen J�ger seine Beute nicht streitig machen. Aber er wollte wissen, woher er kam.</p><p>Ohne M�he folgte er der F�hrte des Fuchses. Etwas stimmte allerdings nicht. Da war kein Geruch von Blut oder Aas!</p><p>Die F�hrte f�hrte den Devanthar zum Fluss, und bald entdeckte er Spuren von Menschen. Sie hatten mit Kreide B�ume markiert. Verschlungene, unleserliche Zeichen. Er entdeckte ein gro�es Pferd zwischen den B�umen, das eilig die Flucht ergriff, als es ihn bemerkte.</p><p>Dann erreichte er die Rodung. Sie lag dicht beim Flussufer. Mehrere Kohlenmeiler waren errichtet worden. St�mme, die zur n�chsten Stadt gefl��t werden sollten, lagen im Uferkies. Es war totenstill.</p><p>Ein St�ck entfernt sah er einen Mann, der regungslos an einem Baum hockte. Feine �ste waren in seinen R�cken eingedrungen. Der Baum hatte sein Blut getrunken!</p><p>�berrascht blickte der Ebermann hinauf zur Krone. Er konnte die Magie sp�ren, die hier gewirkt hatte. Die Gr�nen Geister. Der Baum war besessen gewesen, so wie die anderen ringsherum auch. Nangog begann sich gegen die Menschen zu wehren. Die Geister lie�en es nicht mehr dabei bewenden, den Menschen Angst zu machen. Sie hatten einen Weg gefunden zu k�mpfen, obwohl sie k�rperlos waren. Faszinierend!</p><p>Wohin das wohl f�hren w�rde? Der Ebermann glaubte nicht, dass sie letztendlich siegen konnten. Nangog hatte sich noch nie wirklich wehren k�nnen. Er dachte an das Strafgericht. An das Schicksal Nangogs. Ein Zeitalter war seitdem vergangen. Dass die Neue Welt pl�tzlich Widerstand leistete, w�rde es interessanter machen. Menschen gab es ohne Zahl. Wenn ein paar Tausend von ihnen hier verreckten, spielte das keine Rolle.</p><p>Er bemerkte die Spuren beim Stamm. Jemand war also schon vor ihm hier gewesen. Neugierig sah er sich im Lager um. Am auff�lligsten waren die Spuren der Holzf�ller und K�hler. Doch nach dem Ungl�ck waren noch drei Besucher gekommen. Auch sie hatten die Leichen betrachtet. Zwei von ihnen bewegten sich so geschickt, dass ihre F�hrten kaum zu entdecken waren. Die dritte Spur aber war sehr deutlich. Zwei J�ger, dachte er. Aber wen hatten sie mitgenommen? Und was noch ungew�hnlicher war, sie hatten die Leichen weder bestattet noch ausgepl�ndert! Etwas stimmte hier nicht. Es w�re leicht gewesen, einen der Kohlenmeiler als Scheiterhaufen zu nutzen. �blicherweise bestatteten Menschen ihre Toten. Sogar ihre toten Feinde! Nat�rlich gab es auch Menschen, die sich um die Totenbr�uche nicht scherten. Aber h�tten die nicht jede Tasche aufgeschnitten und die Leichen beraubt? Allein das Werkzeug, das hier herumlag, war ein kleines Verm�gen wert. Und dann noch die Arbeitspferde � Das passte alles nicht zusammen.</p><p>Er war einem R�tsel auf die Spur gekommen, dachte er erfreut. Und er w�rde es l�sen. Ohne M�he fand er die Spur, die aus dem Lager f�hrte. Er begann zu laufen. Er war ungeduldig, das geh�rte zu seinen Charakterschw�chen. Und er brannte darauf, sich diese seltsamen J�ger anzusehen. Sie verhielten sich ganz und gar nicht menschlich! Ob es den Gr�nen Geistern gelungen war, von menschlichen K�rpern Besitz zu ergreifen? Bisher waren sie bei diesen Versuchen stets gescheitert. Sollte es ihnen nun doch gelingen, dann w�re das eine �rgerliche neue Entwicklung.</p></section><section><title><p>Besessen</p></title><p>Nandalee horchte in sich hinein. Ununterbrochen. Sie war vollkommen in sich gekehrt und bemerkte kaum, wenn ihre Gef�hrten sie ansprachen. Dieser leuchtende gr�ne Nebel war in ihr. Sie war besessen! Sie hatte keine Ahnung, was mit ihr geschehen w�rde. Und sie hatte Angst, es ihren Gef�hrten zu sagen. Verzweifelt br�tete sie dar�ber, wie sie diesen Geist oder was immer es war, wieder loswerden konnte.</p><p>Es war nicht in ihren Gedanken. Es teilte ihr nichts mit. Manchmal aber drehte sie den Kopf, obwohl sie es nicht wollte, oder sie heftete den Blick auf Dinge, denen sie sonst keine Aufmerksamkeit geschenkt h�tte. Gerade eben starrte sie auf einen Stein am Wegrand, auf den eine formlose, halb verwaschene Kontur mit gr�ner Kreide gemalt war. Einige Reisk�rner lagen um den Stein verstreut. Was war daran so interessant?</p><p>Jeden Augenblick f�rchtete Nandalee, dass ihre Gef�hrten etwas bemerkten. Was w�rden sie mit ihr tun? Sie konnte es sich nicht vorstellen, aber wahrscheinlich w�rden sie sie nicht mit zur�ck nach Albenmark nehmen. Nein, sie konnte sich ihnen nicht offenbaren. Aber durfte sie zulassen, dass dieses Ding durch sie nach Albenmark gelangte? Nichts von allem, was sie gelernt hatte, hatte sie auf so etwas vorbereitet. Hatte der Dunkle gewusst, was geschehen w�rde? War sie deshalb f�r diese Mission ausgew�hlt worden? Sch�ler schickte man nicht auf eine Mission. Weder Bidayn noch sie sollten hier sein. Es waren die Meister, die in Diensten der Himmelsschlangen standen!</p><p>Was, so fragte sie sich, ging auf dieser Welt vor sich? Das Ausma� der Verw�stung durch die Menschen schockierte sie und der Gr�ne Geist schien zu wollen, dass sie sich alles ganz genau ansah. Er zwang sie dazu, lie� ihren Blick l�nger verweilen, als sie es wollte. Bidayn hatte etwas gemerkt. Sie drehte sich immer wieder nach ihr um, und dass ihre Freundin mit ihr reden wollte, konnte sie sp�ren. Gonvalon hingegen war k�hl. Gestern Nacht am Lagerfeuer war sie nicht sie selbst gewesen. Sie hatte zur�ckkommen m�ssen, damit die beiden nicht in den Wald kamen, um nach ihr zu suchen, aber am liebsten h�tte sie sich ganz in sich selbst verkrochen. Sehns�chtig sah sie Gonvalon nach. Sie wollte nicht kalt zu ihm sein. Sie vermisste ihn. Seine fl�chtigen Ber�hrungen. Die verstohlenen Blicke. Manchmal, wenn Bidayn sie nicht hatte sehen k�nnen, hatten sie sich am Anfang der Reise gek�sst. Auch das wagte Nandalee nicht mehr. K�nnte dieses gr�ne Licht bei einem leidenschaftlichen Kuss in den K�rper des Schwertmeisters gelangen? Gonvalon war ihre Zur�ckhaltung aufgefallen. Am Morgen hatte er versucht, sie auf ihre Zur�ckhaltung hin anzusprechen, doch sie war schroff und abweisend gewesen. Seitdem wich er ihr aus. Ihr zerriss es schier das Herz, wenn sie ihn sah. Sie sehnte sich so sehr nach ihm. Aber sie durfte ihn nicht in Gefahr bringen. Er hatte schon zu viel um ihretwillen erduldet. Wenn sie dieses Ding nicht loswurde, durfte sie nicht in ihre Heimat zur�ckkehren! Ob sie sich hier in dieser schmutzigen Stadt von ihren Gef�hrten trennen sollte? Dann w�rde sie Gonvalon nie mehr wiedersehen. Nein, dachte sie, vielleicht gab es ja noch Hoffnung. Bisher war die Kreatur in ihr friedlich. Aber Nandalee war sich dar�ber im Klaren, in welchem Ausma� sie nicht mehr Herrin ihrer selbst war. Das Wesen k�nnte sie zwingen, ihr Jagdmesser zu ziehen und Bidayn niederzustechen. Auf der anderen Seite �</p><p>Die Elfe fluchte leise. Es gab keinen Ausweg!</p><p>Gegen ihren Willen beschleunigte sie ihre Schritte. Sie dr�ngte sich zwischen zwei stinkenden Menschenkindern hindurch. Sie stanken nach Kot und Urin. Nach Angstschwei�, Rauch und altem Fett, nach gebratenen Zwiebeln und billigem, saurem Wein. Wie verk�mmert musste ihr Geruchssinn sein, dass sie es aushalten konnten, so dicht beieinander zu leben?</p><p>Nandalee hasste diese Stadt. Sie war zutiefst widernat�rlich. Natur gab es hier nicht mehr. Alles hatten die Menschenkinder in Fesseln geschlagen. Sie konnten sich nicht anpassen. Wo sie hinkamen, machten sie sich die Welt untertan. Der Dunkle hatte recht � man musste die Menschen aussp�hen und etwas gegen sie unternehmen. Schon Nangog war ihnen verboten gewesen. Wie lange w�rde es dauern, bis sie auch nach Albenmark kamen? Nein, es war besser, man bek�mpfte sie gleich hier.</p><p>Sie stie� einem blau gewandeten, fetten Kerl, der ihr im Gedr�nge zu nahe kam, den Ellenbogen in die Seite. Weit heftiger, als es n�tig gewesen w�re, um ihn zum Ausweichen zu bewegen. Der Mann keuchte auf. Er fluchte in seiner kehligen, unverst�ndlichen Sprache.</p><p>Nandalee ging einfach weiter, als sie pl�tzlich bei ihrem Umhang gepackt und zur�ckgerissen wurde. Fast w�re sie gestrauchelt und im Dreck der Stra�e gelandet. Sie fuhr herum. Ihre Hand lag jetzt auf dem Griff ihres Dolches.</p><p>Der Fettwanst stand vor ihr und schimpfte auf sie ein. Sein m�chtiger, fettig schimmernder und penetrant nach Rosen�l stinkender Bart bebte vor Zorn. Ein seltsames gro�es Amulett hing vor seiner Brust � fast quadratisch und mit T�rkisen besetzt. Sein langes, himmelblaues Gewand sah auf l�cherliche Weise wie ein Kleid aus und auf der Spitze seiner merkw�rdigen hoch aufragenden M�tze aus steifem Stoff steckte ein schwarzer Vogelfl�gel. Seine Augen hatte der Dicke mit einer schwarzen Paste umrandet, sodass sie gr��er und bedrohlicher aussahen.</p><p>Neben dem Schreihals erschien, wie aus dem Nichts entsprungen, ein hochgewachsener, muskelbepackter Kerl, der einen mit Messingn�geln beschlagenen Kn�ppel in H�nden hielt.</p><p>Der Dicke rief etwas mit vollt�nender Stimme. Ringsherum wichen die Menschenkinder zur�ck, sodass sich auf der �berf�llten Stra�e pl�tzlich ein Kreis bildete, in dessen Mitte Nandalee stand. Alle gafften sie jetzt an. Es waren ausnahmslos b�rtige M�nner unterschiedlichsten Alters. Die meisten sch�big bekleidet. Fast alle trugen irgendwelche Amulette an Lederschn�ren um den Hals oder das Handgelenk. Durchbohrte Steine, Federn, Tierpfoten oder rot lackierte Holzscheiben. Wieder erhob der Dicke die Stimme. Er sah Nandalee herablassend an. Speichel spr�hte aus seinem Mund, als er auf sie einschrie.</p><p>�Knie nieder, sofort�, herrschte Gonvalon sie in ihrer Sprache an. �Was hast du nur getan!� Der Schwertmeister warf sich auf die Knie und verneigte sich so tief, dass seine Stirn fast einen frischen Pferdeapfel ber�hrte. Dabei stie� er laut unverst�ndliches Gebrabbel in der Sprache der Menschen hervor.</p><p>�Bevor ich vor dem niederknie, lernen Fische laufen�, murmelte Nandalee. Sie griff nach dem Schwert auf ihrem R�cken, bekam aber nur d�nne �ste zu packen. Die Waffe war ebenso wie ihr K�cher in einem gro�en Reisigb�ndel versteckt. Gonvalon hatte auf dieser Tarnung bestanden, da die Frauen Luwiens niemals Waffen trugen.</p><p>Auch Bidayn warf sich nun unterw�rfig in den Schmutz der Stra�e. Zwischen den Gaffern erschien eine Gruppe Bewaffneter, deren Bronzehelme Kr�nze aus stehendem Rosshaar kr�nten. Ihre R�stungen waren aus Hunderten �bereinanderliegenden Metallschuppen gefertigt, sodass sie ein wenig aussahen wie gro�e, goldene Fische auf Beinen.</p><p>Nandalee schluckte hart. Sie blickte in das Antlitz des Fettwanstes. �berdeutlich sah sie jede Pore seiner Haut, die leicht verlaufene Schminke unter den Augen und die k�rzeren grauen Haare in seinem Bart, die verrieten, dass er diese Boten des Alters verschwinden lie�, wenn ihm Zeit dazu blieb � und dann sank Nandalee in die Knie. Gegen ihren Willen! Sie hatte sich noch nie unterworfen � nie! Aber es war nicht sie, die niederkniete. Sie k�mpfte dagegen an. Vor Wut schossen ihr Tr�nen in die Augen, aber sie vermochte nicht zu verhindern, dass sie sich ebenso tief verneigte wie Gonvalon. Sie kroch auf den t�rkis gewandeten Mann zu und k�sste ihm die stinkenden Sandalen. Immer noch sah sie jede Einzelheit unnat�rlich deutlich. Verschmierter Ru�, Schlamm und rotbraunen Kot. Das Leder der Sandalen war rau. Sie schmeckte den Unrat auf ihren Lippen und ihre Zunge begann Worte zu formen, die ihrem Verstand fremd waren.</p></section><section><title><p>Gezeichnete</p></title><p>Gonvalon traute seinen Ohren nicht. Nandalee sprach Luwisch! So gut, als sei sie mit der Sprache aufgewachsen. Wortreich entschuldigte sie sich f�r ihr Ungeschick und lobte den Wissenden, der offenbar ein hochrangiger Priester war.</p><p>Auf dem Boden liegend, konnte Gonvalon das Mienenspiel des Mannes kaum erkennen. Der Kerl hob den Fu�! Gonvalon spannte sich an. Er h�rte das leise Klirren der R�stungstr�ger und �berlegte, wen er zuerst angreifen w�rde und auf welchem Wege sie am besten entkommen konnten. Wenn der Dicke Nandalee trat, war alles vorbei. Das w�rde ihr Stolz nicht dulden.</p><p>Der Priester setzte seinen Fu� auf Nandalees Nacken und dr�ckte ihr Gesicht in den Schlamm der Stra�e. So verharrte er einige Herzschl�ge lang.</p><p>�Fremde!�, stie� er schlie�lich laut hervor. �Sie werden aus dem Dreck der Stra�e geboren und dort verbringen sie ihr Leben. � Einige der Umstehenden lachten h�misch. �Zuru, bring sie dorthin, wo Fremde hingeh�ren, und sorge daf�r, dass man k�nftig sofort erkennt, was sie sind!� Mit diesen Worten wandte sich der Priester ab.</p><p>Gonvalon richtete sich auf und klopfte sich, so gut es ging, den Schlamm von den Kleidern. Bidayn blickte �ngstlich zu ihm auf, Nandalee hingegen schien geradezu unnat�rlich ruhig. Sie �ffnete ihren Wasserschlauch und reinigte ihr Gesicht. Dabei starrte sie zu Boden.</p><p>Die Menge rings herum begann sich zu zerstreuen. Einige der Krieger trieben sie mit ihren Speersch�ften an.</p><p>�Woher kommen du und diese Weiber?�</p><p>�Garagum�, stie� Gonvalon hervor. Er schnitt eine Grimasse. �Entschuldigt meinen Akzent, Herr.�</p><p>Der Hauptmann musterte ihn eindringlich. Ein breiter goldener Armreif mit einem gro�en T�rkis verriet, dass er sich im Kampf ausgezeichnet hatte. �Ihr tragt viele Waffen�, stellte der Krieger n�chtern fest. �Und ihr habt ungew�hnlich viele Weiber. Hier kommt eine Frau auf hundert M�nner. Nur F�rsten nennen hier zwei Weiber ihr Eigen. Bist du vielleicht ein F�rst in Garagum?�</p><p>Gonvalon �berlegte kurz, ob er die Gelegenheit nutzen sollte, sich zu bef�rdern. Aber vielleicht waren die F�rsten Garagums namentlich bekannt oder sie waren inzwischen alle ermordet und durch Luwier ersetzt. Er wusste einfach zu wenig �ber die Menschenkinder, um sich dreiste L�gen erlauben zu k�nnen. �Ich stehe in meiner Heimat einem Dorf vor. Und dies sind nicht meine Weiber, sondern meine T�chter. Als ich zur Reise in die Neue Welt berufen wurde, entschied ich, meine T�chter mit mir zu nehmen, damit niemand ausnutzt, dass sie nicht mehr unter der Obhut des Familienoberhaupts stehen.�</p><p>Der Krieger l�chelte breit. Seine oberen Schneidez�hne fehlten. Fauliger Atem drang aus seinem Mund. �Bei der gefl�gelten Herrin, da warst du schlecht beraten, Mann.� L�chelnd sah er zu Nandalee und Bidayn. �Sie sind ein bisschen d�nn, deine M�dchen. Du l�sst sie zu viel durch die Berge laufen. Und sie sehen sehr verschieden aus.� Das L�cheln verschwand. �Was habt ihr da drau�en in der Wildnis eigentlich gesucht?�</p><p>�Gold, Erhabener. In meiner Heimat bin ich bekannt f�r mein Geschick Gold zu finden.�</p><p>Die Augen des Hauptmanns verengten sich ein wenig. �Und, habt ihr welches gefunden?�</p><p>Gonvalon klopfte auf den schweren Lederbeutel an seinem G�rtel. �Ja. Wir entdeckten einen Ort, an dem man Goldbrocken in einem Flusslauf findet. Fast so gro� wie Taubeneier.�</p><p>�Gro� wie Taubeneier � Ist das weit fort?� Der Hauptmann schenkte ihm jetzt ein kameradschaftlich verschw�rerisches L�cheln.</p><p>�Nein�, entgegnete er knapp. �Aber ich darf dir nicht verraten, wo es ist, Erhabener. Das darf ich nur dem H�ter der Feuer sagen. Mir ist befohlen, wenn ich einen lohnenden Goldfund mache, sofort heimzukehren.�</p><p>Der Krieger blickte auf den Lederbeutel an Gonvalons G�rtel. Dann sch�ttelte er den Kopf. �Entweder bist du unglaublich gerissen oder unglaublich dumm. Ich f�rchte fast, Letzteres. Auf jeden Fall bist du ein Gl�ckskind, Fremder. Mit zwei Frauen und einem Beutel voller Gold hierherzukommen � Wenn du meinen Rat h�ren willst � du solltest nicht so offen reden. Und deine M�dchen solltest du so verkleiden, dass man ihnen nicht ansieht, was sie sind. Komm mit mir. Ich werde dir helfen. Vielleicht verlierst du ja als Dank eines deiner Taubeneier, wenn ich in der N�he bin.�</p><p>Gonvalon folgte dem Hauptmann durch die verw�stete Stadt. Sie wurden von drei Bewaffneten begleitet, die keinen Hehl daraus machten, dass es eigentlich unter ihrer W�rde lag, Fremde zu eskortieren. Dem Elfen entging nicht, wie viele feindselige Blicke ihnen folgten. Auf allen gro�en Pl�tzen, die sie passierten, schwelten Scheiterhaufen. �berall sah man Verletzte. Es war bedr�ckend, kaum eine Frau in dem Menschengew�hl auf den Stra�en zu sehen. Und nie ein Kind! In einer engen Seitengasse entdeckte er �ber ein Dutzend Gehenkte, die man an einem der Balken aufgekn�pft hatte, mit denen sich die windschiefen H�user gegenseitig abst�tzten. Gro�e, rot lackierte Holzscheiben hingen den Toten �ber der Brust. Es sah aus, als seien sie noch nicht sehr lange tot. Eine junge Frau stahl einem von ihnen die eingen�ssten Stiefel. Der Hauptmann der Wache unternahm nichts dagegen.</p><p>Hauptmann Zuru bemerkte seinen Blick. �Es w�re doch eine Schande zu warten, bis der Leichengeruch in das Leder eingezogen ist.� Er zuckte mit den Schultern. �Wir bem�hen uns, die Fremden zu besch�tzen. Manche von ihnen sind ja wahrlich wertvoll. Es war klug von dir, dass du das Glutmal abgelegt hast. Allerdings seht ihr auch ohne das Zeichen recht fremd aus. Ein Gl�ck, dass wir dich gefunden haben.�</p><p>Gonvalon verstand immer wieder einzelne Worte in der Rede des Kriegers nicht. Zuru redete zu schnell und in einem unvertrauten Dialekt. Meinte der Hauptmann es aufrichtig? Oder war da ein Unterton in seiner Stimme, der nichts Gutes erwarten lie�? Sie sollten sich davonmachen, sobald sich eine Gelegenheit dazu bot. Bidayn schien ver�ngstigt zu sein, Nandalee jedoch hatte etwas Herausforderndes an sich. Er w�rde mit ihr reden m�ssen. Warum hatte sie ihm nicht anvertraut, dass sie die luwische Sprache besser beherrschte als er? Wann hatte sie die Sprache gelernt? Und welche �berraschungen hielt sie noch bereit?</p><p>Gonvalon sah aus den Augenwinkeln eine Bewegung. Er riss den Arm hoch und fing einen halb verfaulten Apfel im Flug. Das Geschoss h�tte ihn an der Schl�fe getroffen. Auf einem Flachdach stand eine Gruppe b�rtiger M�nner. Zwischen ihnen lagen Tote, die in wei�e T�cher eingeschlagen waren. Der Kerl, der den Apfel geworfen hatte, drohte ihm mit der Faust.</p><p>�Gottesfrevler!�, rief einer von ihnen mit sich �berschlagender Stimme. �Weil wir euch unter uns dulden, werden wir vom Ungl�ck heimgesucht! Ihr seid es, die die b�sen Geister anlockt.�</p><p>Zuru schob Gonvalon weiter. �Bleibt nicht stehen. H�rt nicht auf sie.�</p><p>�Seht, wie unsere eigenen Wachen die Frevler sch�tzen und die gro�e I�ta erz�rnen!�</p><p>Andere Stimmen wurden laut. Passanten blieben stehen. Einige b�ckten sich und sammelten Lehmklumpen und F�kalien auf.</p><p>�Lasst uns ein Strafgericht halten, damit I�ta uns wieder gn�dig gesonnen ist.�</p><p>Zuru dr�ngte sie in eine Gasse. �Los, lauft! Biegt am Ende des Weges nach links ab.�</p><p>Ein wahrer Hagel von Geschossen folgte ihnen.</p><p>Der Hauptman hetzte sie durch das Labyrinth aus j�mmerlichen H�tten. Hinweg �ber zusammengest�rzte Mauern, an Scheiterhaufen vorbei und an unz�hligen Trauernden. Sie �berquerten einen Gefl�gelmarkt und erreichten endlich einen gro�en, von Bogeng�ngen eingefassten Hof. Berge von Waren stapelten sich dort. Kisten und F�sser, Ballen von Fellen aller Art und fast armdicke Eisenbarren, die von rotbraunem Rost �berzogen waren.</p><p>�Schlie�t das Tor!�, herrschte Zuru seine M�nner an und Gonvalon half ihnen, den schweren Sperrbalken in die Verankerungen an den Torfl�geln zu wuchten. Von drau�en h�rte man aufgebrachtes Geschrei. Bidayn blickte ihn aus angstweiten Augen an. �Hier sind wir sicher, oder? Die werden nicht hier hereinkommen.�</p><p>�Zuru h�lt uns f�r Diener des H�ters der Feuer, einem der wichtigsten Beamten am Hof des Unsterblichen Muwatta. Er wird uns besch�tzen.� Er sah Bidayn an, dass sie nur allzu bereit war, jede L�ge zu glauben. Nandalee hingegen war von kalter Selbstsicherheit. Aufmerksam sah sie sich um und Gonvalon tat es ihr gleich. Sie schienen sich in einer Karawanserei zu befinden, doch konnte er weder Tiere noch St�lle entdecken. Am gegen�berliegenden Ende des Hofes erhob sich einer der r�tselhaften T�rme, aus dessen obersten Geschossen dicke Rundh�lzer sprossen. Eine Wendeltreppe f�hrte an der Au�enmauer des Turms hinauf. Vereinzelt waren Bilder auf den hellen Putz gemalt, die sich von hier unten nicht deutlich erkennen lie�en. Unter einem der Bogeng�nge erschienen Krieger. Der Tumult hatte sie augenscheinlich �berrascht. Sie g�rteten ihre Schwerter und schnallten Helme fest, w�hrend sie liefen. Zuru trat ihnen entgegen. Offensichtlich kannten sie ihn. Ein hagerer Krieger mit einer Nase wie ein Raubvogelschnabel blieb stehen, w�hrend er seine M�nner antrieb, die Mauern beim Tor zu besetzen.</p><p>Zuru verhandelte lautstark mit dem Befehlshaber der Wachen. Wieder h�rte Gonvalon mehrfach das Wort Glutmal. Meinten sie damit die lackierte Holzscheibe? Der Kerl mit der Adlernase musterte sie. Er trug einen kostbaren Bronzek�rass und mehrere goldene Armreife. Seine Schwertscheide war mit T�rkisen geschm�ckt. Es war un�bersehbar, dass der Krieger besser besoldet wurde als Zuru. Er wirkte feindselig.</p><p>Aus den Augenwinkeln sah Gonvalon, wie einige der Wachen mit ihren langen Speeren von den Mauern der Karawanserei hinabstachen. Der Tumult vor den Toren flaute ab.</p><p>Endlich endete der Disput und Adlernase nickte. Zuru kehrte zu Gonvalon zur�ck. �Du wirst zwei kleine Goldsteine abgeben m�ssen. Einen f�r mich und einen f�r den Hauptmann der Wachen auf diesem Hof. Du solltest dich darauf einlassen, Fremder. Mit den Mauern ist hier auch die Ordnung aus den Fugen geraten, wie du gesehen hast. Du und deine T�chter, ihr braucht Schutz. Es w�re klug, das Handelshaus nicht zu verlassen. Man erwartet hier die Ankunft mehrerer Wolkenschiffe. Auf einem von ihnen werdet ihr sicher Platz finden. Sie tragen euch in die Goldene Stadt. Von dort ist es nur noch ein kurzer Weg an den Hof des unsterblichen Muwatta, wo du dem H�ter der Feuer von deinen Funden berichten kannst.� Ein ironisches L�cheln begleitete die Worte Zurus, so als glaube er nicht, dass er in Diensten des Hofes stand.</p><p>Gonvalon erwiderte das L�cheln und legte, von seinem Umhang verdeckt, vier kleine Goldbrocken auf den Deckel eines nahe stehenden Fasses. Ihm war klar, dass man sie beide beobachtete und es die seltsamen Gebr�uche der Luwier nicht gestatteten, dass ein Fremder einen Angeh�rigen vom Stand der Krieger ber�hrte.</p><p>Der Menschensohn wirkte �berrascht. Dann nickte er und nahm das Gold. �Ich bin davon �berzeugt, dass du und deine beiden T�chter eines der wenigen Gastzimmer des Handelshauses bekommen werden.� Mit diesen Worten ging er zum Befehlshaber der Wachen zur�ck. Gonvalon aber wandte sich an Nandalee. Er hatte nicht vergessen, wie sie mit dem Priester in luwischer Sprache gesprochen hatte. Er dachte an die Warnung des Schwebenden Meisters, der ihm dringend empfohlen hatte, sie bei der ersten Gelegenheit zu t�ten. Sie steckte voller unbekannter, ungez�gelter Kr�fte. Sie war eine Gefahr f�r jeden in ihrer N�he. Doch obwohl ihm all das nur zu bewusst war, w�rde er niemals die Hand gegen sie erheben. Jetzt aber f�hlte er sich von ihr hintergangen. War sie am Ende vielleicht viel besser �ber die Ziele dieser Mission unterrichtet als er? Offensichtlich war sie ja besser vorbereitet.</p><p>Nachdenklich strich Gonvalon �ber den Knauf seines Schwertes. Dass er auf Befehl des Dunklen hier war, bedeutete, dass er seinen Meister, den Goldenen, verriet. Drachenelfen dienten immer nur einem Herrn. Manchmal wurden sie verliehen, doch das geschah nur selten. Allein die Entscheidung zu treffen, sich in den Dienst einer anderen Himmelsschlange zu stellen, war ihnen nicht erlaubt. Und doch war er hier, um ihr nahe zu sein. Weil er es nach all den Monden der Trennung nicht h�tte ertragen k�nnen, sie schon wieder zu verlieren und sie, nur begleitet von Bidayn, auf eine so gef�hrliche Mission ziehen zu lassen.</p><p>�Nandalee, wir haben zu reden!� Kurz blickte er zu Bidayn. �Du bleibst hier!�</p><p>Zuru und der Befehlshaber auf diesem Hof tuschelten miteinander und sahen immer wieder zu ihnen her�ber. Niemand unternahm Anstalten, sie zu dem versprochenen Zimmer zu bringen, und Gonvalon war bewusst, dass es vern�nftig w�re, mit seiner Aussprache bis zur Nacht zu warten � bis sie allein miteinander waren. Aber er war zu w�tend. Er musste <emphasis>jetzt</emphasis> mit ihr reden!</p><p>�Warum beherrschst du ihre Sprache?�, fuhr er sie auf Elfisch an. F�r die Krieger auf dem Hof waren sie einf�ltige Hinterw�ldler aus dem fernen Garagum! Niemand w�rde sich wundern, wenn man kein Wort von dem verstand, was �ber ihre Lippen kam.</p><p>Nandalee wirkte verlegen und dann pl�tzlich halsstarrig. �Ich beherrsche nicht nur die Hochsprache Luwiens, ich beherrsche auch noch die Sprache Arams und drei der h�ufigsten Dialekte, die man in beiden Reichen spricht, denn ich bin schon seit Jahrzehnten gezwungen, diesen Wilden zuzuh�ren.�</p><p>Gonvalon war immer der �berzeugung gewesen, dass er nicht leicht aus der Fassung zu bringen war. Jetzt aber starrte er sie fassungslos an. Nandalees Tonfall lie� keinen Zweifel daran aufkommen, dass sie ernst meinte, was sie sagte. Nur etwas an ihrer Stimme klang falsch. Ja, fremd.</p><p>�Warum seid ihr hier?�, wollte sie wissen.</p><p>�Wovon redest du, Nandalee?�</p><p>�Was wollt ihr auf Nangog? Dieses M�dchen will es mir nicht verraten. Ich vermag nur einige sehr oberfl�chliche Gedanken von ihr zu erhaschen. Meistens geht es um Gewalt oder darum, dass sie sich danach sehnt, dich zu k�ssen. Alles andere bleibt vor mir verborgen. Also sag du mir, weshalb ihr gekommen seid.� Sie sprach mit be�ngstigender Ernsthaftigkeit.</p><p>Nein � sie redete irr! Sie sprach von sich in der dritten Person! Was bei den Alben ging mit ihr vor? Hatte Nangog ihren Verstand verwirrt? �Ich f�rchte, ich verstehe nicht, was du mir gerade sagen willst. Ich ��</p><p>�Nangog wei�, dass ihr hier seid. Jede Wurzelspitze wei� es. Die W�rmer in der Erde unter deinen F��en wissen es. Die Mutterb�ume. Nur die Menschen sind blind. Sie sehen euch, setzen den Fu� in euren Nacken und wissen doch nicht, wie nahe sie dem Tode sind. Ihr seid Sp�her und keine Feinde. Doch ist auch ungewiss, ob ihr Freunde seid. Ich bin zu ihr gekommen, um euch einzuladen, Euch zu f�hren. Ihr m�sst sehen. Ihr m�sst tief verstehen � und dann wird sich entscheiden, was ihr seid.�</p><p>Die Intensit�t, mit der Nandalee sprach, begann Aufmerksamkeit zu erregen. Einige der Umstehenden starrten sie an � l�stern. Manche auch einfach nur interessiert. Vielleicht war das Elfische auch zu fremd, um als ein seltener Dialekt aus dem fernen Garagum durchzugehen.</p><p>�Sie sind alle verderbt�, fuhr Nandalee unger�hrt fort. �Alle die du hier siehst. Sie fallen �bereinander her, rauben, morden und betr�gen. Es dauert Jahre, ihr Temperament zu z�geln. Sie friedlicher zu stimmen. Sie m�ssen fort von hier! Aber ohne Hilfe vermag die Gro�e Mutter sie nicht abzusch�tteln.�</p><p>Etwas mit Nandalees Augen stimmte nicht. Ein eigent�mlich gr�ner Schimmer lag in ihnen. Nur einen Herzschlag lang. Dann war er verflogen. Gonvalon sah sich um, suchte nach einem gr�nen Licht, das sich vielleicht in ihren Augen gespiegelt haben mochte, aber da war nichts.</p><p>�Was du suchst, ist in ihr.�</p><p>Ein eisiger Hauch ber�hrte ihn und unwillk�rlich wich er einen Schritt vor Nandalee zur�ck.</p><p>�Du glaubst mir nicht? Ich bin eins mit allem, was Nangog hervorgebracht hat. Ich werde es dir beweisen. Sieh nach Westen zu den Bergen und beginne leise zu z�hlen. Wenn du bei dreiundsiebzig anlangst, wirst du den ersten Wolkensammler �ber die Berge kommen sehen.�</p><p>Das alles war so absurd, dass er sich am besten darauf einlie�, dachte Gonvalon. Er blickte �ber die Schulter und begann leise zu z�hlen, w�hrend Nandalee weitersprach.</p><p>�Sie sind die F�rsten des Himmels �ber Nangog. Friedliche Gesch�pfe. Die Menschen aber haben sie zu ihren Sklaven gemacht. Sie zwingen sie, Schiffe zu tragen. Sie nehmen sich alles, zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Und es wird der Tag kommen, an dem sie auch in die verbotenen Tiefen vordringen. Sie werden nicht verstehen, was sie sehen. Dann werden sie f�r immer alles zerst�ren. Es ist ihre Gier, die sie treibt. Und ihre ma�lose Vermehrungswut. �</p><p>Gonvalon war bei dreiundsiebzig angelangt. Und etwas wuchs hinter der Bergkette in den Himmel. Selbst m�chtig wie ein Berg. Eine riesige schwebende Gestalt. Eine Kreatur, irgendwo zwischen Oktopus und Qualle. Tentakel hingen von dem gewaltigen Leib herab � einem riesigen aufgedunsenen Fleischsack. Sie umklammerten ein schiff�hnliches Gebilde. Diesem Himmelsschiff wuchsen die Masten aus den Seiten. Schmutzig gelbe Segel bl�hten sich im Wind. Ein schimmernder Kristall ragte aus dem Kiel. Gro� wie ein kleines T�rmchen.</p><p>Gonvalon entging nicht, dass er der Einzige war, der so starrte. F�r die Menschenkinder waren diese Kreaturen offenbar ein vertrauter Anblick.</p><p>�An Bord dieser Wolkenschiffe wirst du in sehr schlechter Gesellschaft sein. Dennoch m�sst ihr an Bord des ersten dieser Schiffe gehen, ansonsten droht euch t�dliche Gefahr. Ich werde euch an einen Ort bringen, an dem ihr Nangog tief zu verstehen lernt.�</p><p>Gonvalon entschied, dass er sich auf Nandalee einlassen w�rde. Was auch immer gerade mit ihr geschah. War sie besessen? Sprach wirklich eine Kreatur dieser Welt durch ihren Mund? Hatte der Dunkle all das vorhergesehen? Jetzt endlich hatte ihre Reise ein Ziel! So wie Gonvalon den Drachen urspr�nglich verstanden hatte, sollten sie Nangog lediglich als Sp�her erkunden. Sie sollten die Natur kennenlernen, die W�lder. Sehen, was anders war als in Albenmark. Und sie sollten die Menschenkinder beobachten. Sch�tzen, wie viele gekommen waren. Ob sie ihre St�dte befestigten und Krieger hierherbrachten. Hatte der Dunkle von Anfang an gewusst, dass es so kommen w�rde? Dass eine Kreatur Nangogs Besitz von Nandalee ergreifen w�rde? Der Schwertmeister �berlegte. �Gut, wir nehmen eines der Schiffe. Ich vertraue dir. Und Menschenkinder f�rchte ich nicht�, sagte er schlie�lich.</p><p>�Das hei�t nur, dass du die Menschen nicht wirklich kennst.�</p><p>�Welche andere Gefahr droht uns? Warum ist es so wichtig, dass wir an Bord des ersten Wolkenschiffes gehen?�</p><p>�Das musst du jetzt noch nicht wissen, Elf. Vertraue mir. Wir haben dieselben Feinde.� Nandalees Gesichtsausdruck �nderte sich. Pl�tzlich wirkte sie erschrocken. �Du wei�t es!� Ihre Stimme war ver�ndert. Wieder ganz so, wie er sie kannte. Ihre Angst vor dem, was er sagen w�rde, war so deutlich sp�rbar, dass er nicht anders konnte, als sie in den Arm zu nehmen. Sie hielt ihn fest umschlungen. Nie hatte er sie so verzweifelt erlebt.</p></section><section><title><p>Alte Narben</p></title><p>Artax lag in der Mulde auf dem R�cken des Wolkensammlers. Die Zwillingsmonde am Himmel w�ren bald wieder halb voll. Er war einer der m�chtigsten M�nner der Welt und vollkommen machtlos. Die Zeit lief ihm davon. Er hatte die gl�cklichsten Wochen seines Lebens erlebt. Er l�chelte versonnen. Dachte an die N�chte, die sie hier oben verbracht hatten. Den anderen so nah und doch unerreichbar. Seit er die Reise begonnen hatte, zermarterte er sich den Kopf dar�ber, wie er es fortsetzen k�nnte. Es schien unm�glich. Er w�rde sich selbst gegen den L�wenh�uptigen stellen und um seine Liebe k�mpfen. Aber wie? Womit erpresste man einen Gott?</p><p>Die schwarze Silhouette eines jungen Wolkensammlers erschien am Nachthimmel. Shaya hing im Fluggeschirr. Seit Beginn ihrer Reise �bernahm sie regelm��ig Nachtwachen. Zu ihrem Rang geh�rte das Privileg, dass niemand h�her fliegen durfte als sie.</p><p>Einem langen Gespr�ch mit dem Lotsen Nabor hatte Artax den Einfall zu verdanken, aus dem diese Reise geboren war. Wenn Wolkenschiffe gemeinsam flogen, gab es strenge Regeln f�r die Positionen zueinander. Das Schiff, auf dem die rangh�chste Pers�nlichkeit reiste, war immer das Schiff, das am h�chsten flog. Es musste nicht das erste in der Formation sein. Manchmal war es auch nicht das gr��te. Und doch war es leicht schon von ferne auszumachen, weil es sich �ber alle anderen hob. Das bedeutete, dass niemand sehen konnte, was auf der Oberseite des Wolkensammlers geschah, auf dem er reiste. Au�er vielleicht eine der Wachen der Ischkuzaia, die in ihren Fluggeschirren mit den jungen Wolkensammlern aufstiegen.</p><p>Shaya l�ste ihr Fluggeschirr und landete federnd neben der Strohpuppe. Sie hakte das Geschirr der Puppe an ihrem Wolkensammler fest und setzte ihren Helm auf das Strohhaupt. Dann pr�fte sie die Sicherungsleine und lie� den Wolkensammler wieder aufsteigen. Bei Nacht vermochte niemand, der vom Deck der Schiffe zu den Wachen am Himmel aufblickte, einen Unterschied zu bemerken.</p><p>L�chelnd kam Shaya auf ihn zu. Sie hielt eine K�rbisflasche hoch. �Die N�chte werden k�lter.�</p><p>�Das wird helfen.� Er meinte das doppeldeutig. Nie waren sie weiter als bis zu einem Kuss gekommen. Er hatte Sehnsucht nach ihr und doch Angst, sie zu verlieren, falls er sie zu sehr bedr�ngte. Ihre K�sse waren voller Leidenschaft und doch begann sie immer wieder davon, dass sie dem Reich Ischkuza geh�rte und sie sich nicht hingeben d�rfe. Es war ein qualvolles Spiel zwischen Lust und schlechtem Gewissen. Shaya hatte keines ihrer geheimen Treffen vers�umt, aber er verzweifelte an der Aussichtslosigkeit ihrer Lage.</p><p>Wir werden sehr erleichtert sein, wenn dieses kindliche Gepl�nkel endlich vor�ber ist. Ein Mann wird krank, wenn zu viele S�fte in ihm aufsteigen, ohne flie�en zu d�rfen. Das ist schlecht f�r den R�cken und die Nieren. Im �brigen m�gen Weiber es, wenn man ein wenig fordernder vorgeht. Du musst sie erobern. Lass uns f�r dich reden und wir versprechen dir, noch heute ist dieses kindliche Spiel vor�ber.</p><p>Stimmt, ein paar Worte von dir und alles ist vor�ber, dachte Artax. Sie wird mich nie mehr wiedersehen wollen. Dann ging er Shaya entgegen und nahm sie z�rtlich in die Arme. Er wusste, wie sehr sie es liebte, einfach nur gehalten zu werden. Seltsam f�r eine Kriegerin, die ohne Furcht zwischen Himmel und Erde schwebte.</p><p>�Ich vermisse es zu reiten�, sagte sie nach einem fl�chtigen Kuss.</p><p>Fast h�tte er aufgeseufzt. Sie sprach mit ihm �ber alles M�gliche, nur nicht �ber ihre Liebe. War sie sich bewusst, wie sehr man ihre Bemerkung missverstehen konnte?</p><p>Nat�rlich wei� sie das! Du musst endlich zum Eroberer werden, du Bauerntrottel. Noch viel deutlicher wird sie nicht werden.</p><p>Sie erz�hlte von dem ersten Pferd, das sie als Kind geschenkt bekommen hatte. Zu jener Zeit, als ihr Vater noch voller G�te zu ihr gewesen war. Einmal mehr �berlegte Artax fieberhaft, ob er ihr offenbaren sollte, warum Unsterbliche manchmal �ber Nacht ihren Charakter ver�nderten und scheinbar ihre eigenen Kinder nicht mehr liebten � und wieder schwieg er.</p><p>�Einmal hat es mich abgeworfen und ich bin mit dem Kopf gegen einen Stein geschlagen. Davon habe ich immer noch eine Narbe. Man kann sie nicht sehen, aber f�hlen.� Sie nahm seine Hand und f�hrte sie in ihr Haar, dicht �ber der Stirn. �Wie ein angestochenes Schwein habe ich geblutet.�</p><p>�Letzten Sommer hat mein Feldherr Juba mich bei einem �bungskampf verletzt. Hier oben am Arm. Die Wunde musste mit sieben Stichen gen�ht werden.� Er schob den �rmel der Tunika zur�ck. �Die Narbe ist nicht gerade ein Schmuckst�ck. Sie ist immer noch ganz rot und sieht aus, als h�tte man einen Wurm auf mich aufgen�ht.�</p><p>Sie lachte. Ihre Ber�hrung lie� ihn erschauern.</p><p>�Das ist gar nichts! In meinem sechzehnten Sommer habe ich an einem Kriegszug gegen luwische Pl�nderer teilgenommen. Dabei habe ich einen Hieb mit einer Dornaxt abbekommen. War meine eigene Schuld � Eigentlich w�re der Angriff leicht zu parieren gewesen. Aber statt mich zu wehren, habe ich einfach nur die Axt angestarrt. Sie hat mich hier, dicht unter dem Schl�sselbein, getroffen. Bis zur Wintersonnenwende hat es gedauert, bis ich wieder auf den Beinen war. Im ersten Mond waren die Geisterrufer �berzeugt, ich w�rde zu den Ahnen gehen. Ich hatte Fieber und die Wunde hatte sich entz�ndet. Aber dann haben die Maden das faulige Fleisch weggefressen. Die Narbe ist seltsam. Eine Mulde. Sieht nicht sehr h�bsch aus. Das wird mein Vater sicher verheimlichen, wenn er mich irgendwann verheiratet.� Sie sah ihn auf eine scheue Art an, die so gar nicht zu ihr passte. �Wenn du die Augen schlie�t ��</p><p>�Ja.�</p><p>Er h�rte, wie sie ihr Wams l�ste und das scharlachrote Hemd hochschob. Dann nahm sie seine Hand und f�hrte sie. Ihre Haut kam ihm zart wie Seide vor. Dann ertastete er die Mulde. Auch konnte er ihren Herzschlag sp�ren. Ganz langsam lie� er die Hand ein wenig tiefer gleiten.</p><p>Na endlich. Weiter so. Und mach die Augen wieder auf. Wir wollen sehen, in was du dich verguckt hast. Ein Weib voller Narben. Du bist wohl auch als Kind auf den Kopf gefallen, Bauer.</p><p>Fahr zum Henker, Aaron, dachte er.</p><p>Er hielt die Augen geschlossen und gab sich ganz dem Augenblick hin. Z�rtlich umfasste er ihre kleine Brust. Shaya hielt ihn nicht zur�ck. Die Brustwarze dr�ckte gegen seinen Handteller. Er sp�rte, wie sich Schwei� in seiner Hand sammelte. Wie peinlich!</p><p>Shaya legte einen Arm um seine H�fte, zog ihn zu sich heran und er k�sste sie.</p><p>Pl�tzlich l�ste sie sich. �Und jetzt will ich die Narbe sehen, die dir der unsterbliche Muwatta beigebracht hat.�</p><p>�Darf ich die Augen �ffnen?�</p><p>�Nein, ich glaube nicht, dass das notwendig ist, um eine Tunika abzulegen. Ich kann dir auch helfen.�</p><p>�Geht schon.� Eigentlich wollte er sich seine Entt�uschung nicht anmerken lassen, aber das missgl�ckte ihm gr�ndlich.</p><p>�Fast dieselbe Stelle, an der mich die Dornaxt getroffen hat.� Sie ber�hrte ihn mit den Fingerspitzen. �Eine ziemlich verr�ckte Idee, ein Schwert mit seiner Brust aufzufangen, um es zu binden.�</p><p>�Etwa so verr�ckt, wie einfach still stehen zu bleiben, wenn man mit der Axt erschlagen werden soll.�</p><p>�Nein, schlimmer�, sagte sie ernsthaft. �Ich war vor Angst wie gel�hmt. Aber du hast es mit voller Absicht getan. Du hast dein Leben beinahe weggeworfen, um deinen Feind mit dir in den Tod zu ziehen. Ich bin froh, dass die G�tter dir gn�dig waren.�</p><p>Artax dachte daran, dass der L�wenh�uptige nichts unternommen hatte, um ihn zu heilen. Nein, die G�tter waren ihm nicht gn�dig.</p><p>Shaya nahm ihn in die Arme. �Ich bin froh, dass du das Wundfieber �berlebt hast�, fl�sterte sie. �Froh, dass wir jetzt hier sind.�</p><p>Auch er legte die Arme um sie. Lauschte auf den Wind, der leise in der Takelage weit unter ihnen sang. Nahm ihre W�rme in sich auf. W�nschte, der Augenblick m�ge nie vergehen.</p><p>�Wir sollten etwas trinken.� Sie zog sich aus seiner Umarmung zur�ck und rieb sich fr�stelnd mit den H�nden �ber die Oberarme. �Ganz sch�n frisch�, murmelte sie, wurde sich dessen bewusst, dass er ihre Br�ste anstarrte, und r�usperte sich verlegen. Doch sie wandte sich nicht ab.</p><p>Ertappt sah Artax ihr in die Augen und fand darin ein L�cheln. �Was � �hm � ist denn das f�r ein Branntwein?�</p><p>Sie grinste breit. �Wenn ich dir verrate, woraus er gemacht ist, wirst du ihn nicht mehr trinken.�</p><p>Die Narbe �ber ihrem Herzen sah aus wie eine stilisierte rote Sonne. Wenn er diesen Luwier in die Finger kriegen w�rde � Obwohl � wahrscheinlich hatten das l�ngst die Stammeskrieger erledigt.</p><p>Sie hielt ihm die K�rbisflasche hin. Er widerstand der Versuchung, daran zu riechen, und setzte sie sofort an die Lippen. Wie fl�ssiges Feuer rann ihm der Schnaps die Kehle hinab. Er k�mpfte einen pl�tzlichen Hustenreiz nieder, konnte aber nicht verhindern, dass ihm Tr�nen in die Augen traten. �Gut�, heuchelte er.</p><p>Sie lachte. �Du bist ein schlechter L�gner.� Shaya nahm ihm die Flasche aus der Hand und tat einen tiefen Zug. Bei ihr waren keinerlei Nebenwirkungen zu sehen. Er sollte sich niemals bei Hofe auf ein Zechgelage mit ihr einlassen. Sie w�rde ihn wahrscheinlich unter den Tisch trinken. Und er � Er w�rde sich Aaron �berlassen, wenn er zu viel trank. Das durfte nie wieder geschehen!</p><p>Shaya setzte die Flasche ab und fuhr sich mit dem Handr�cken �ber die Lippen. �Was machen wir jetzt?�</p><p>Er grinste. �Ich h�tte da noch ein paar Narben, mit denen ich angeben k�nnte.�</p><p>�Ich auch. Mein �lterer Bruder, Subai, hatte einmal einen Wolfshund, den er darauf abgerichtet hatte, unsere Puppen zu zerfetzen. Subai war ein ausgemachter Mistkerl. Und sein Hund war ein Seelenbruder von ihm. Als er eine Puppe von mir holte, schlug ich ihm mit einem Kochl�ffel �ber die Schnauze. Er lie� los. Und dann entschied er, dass ich eigentlich auch nicht viel gr��er als eine Puppe war. Ich wollte weglaufen. Noch ein Fehler von mir. Er packte mich �� Sie rieb sich den Hintern. �Hab ein halbes Jahr nicht mehr reiten k�nnen. Aber Subais Hund kam in die Suppe. Ich habe sieben Schalen von dieser Suppe gegessen!�</p><p>Artax musste lachen. �Damit kann ich wahrlich nicht aufwarten. Ich habe noch nie jemanden gefressen, dem ich eine Narbe verdanke. Ich ��</p><p>Sie hob einen Finger an Lippen. Weit entfernt erklang ein Horn.</p><p>Shaya fluchte. Dann raffte sie ihr Hemd und ihr Wams an sich.</p><p>�Was ist los?�</p><p>�Ein Wolkenschiff n�hert sich. Sie blasen das Horn, damit es nicht zu einer Kollision kommt. Ich muss zur�ck auf meinen Posten.�</p><p>Artax nickte und beobachtete, wie sie den Wolkensammler zu sich herabzog, sich anschirrte und in die L�fte stieg. Er sah ihr lange nach. W�rden die G�tter ihnen jemals eine ungest�rte Liebesnacht schenken? Wohl nicht. Allein ihre Liebe war ja schon ein Frevel an den Gesetzen der G�tter. Welche Strafe sie beide wohl letztlich erwartete?</p></section><section><title><p>Duftwasser und Drachenschwingen</p></title><p>Das endlose Warten zehrte an Hornboris Nerven. Ebenso, wie der Gestank. Am ersten Tag hatte er noch geglaubt, er k�nne sich daran gew�hnen. Jetzt wusste er, das w�rde niemals geschehen. Nur seinen beiden Gef�hrten schien es gar nichts auszumachen. Galar hatte das, was er anfangs f�r einen verr�ckten Scherz gehalten hatte, wahr gemacht. Sie hatten sich mit Wolfsschei�e eingeschmiert. Und wann immer sie glaubten, der Gestank ebbte ab, legten sie nach. Galar hatte ein kleines Fass voll davon mitgebracht. Hornbori betrachtete seinen str�hnigen Bart. Ihn hatte er nicht eingeschmiert � ihn nicht! Nur nicht nachdenken, dachte er sich. Einen ganzen Tag w�rde er baden, wenn er zur�ck war. �Wie lange m�ssen wir denn noch warten?�</p><p>�Geduld ist die erste Tugend des J�gers�, murmelte Nyr, ohne sich nach ihm umzudrehen. Der Gesch�tzmeister stand �ber die Drachenflitsche gebeugt und sp�hte zum Fressplatz des Drachen hin�ber. Ein Gebeinfeld, das mehr als hundert mal hundert Schritt ma�. Sie hatten es nicht gewagt, dorthin zu gehen, aus Sorge, der Drache w�rde ihre Witterung aufnehmen, wenn er zum Fressen kam. Selbst mit der Wolfsschei�e in den Kleidern.</p><p>Sechs Tage lang konnte Hornbori jetzt schon auf dieses Knochenfeld starren. Sechs verfluchte, endlose Tage, in denen unendlich viel Zeit gewesen war, sich auszumalen, wie gro� der Drache sein mochte. In seiner Vorstellung jedenfalls wuchs das Ungeheuer t�glich.</p><p>Auf dem Fressplatz lagen riesenhafte Knochen � Rippenb�gen von Mammuts, vermutete er. Wie gro� war ein Tier, das ein Mammut tragen und dabei noch fliegen konnte? Hornbori hatte einmal gesehen, wie ein Adler ein Lamm auf einer Bergweide geschlagen hatte. Er hatte dieses Bild immerzu vor Augen, wenn er an den Drachen und das Mammut dachte.</p><p>�Du kannst gerne zu den anderen in die Grotte gehen�, sagte Galar.</p><p>Hornbori h�rte diesen Spruch schon zum hundertsten Mal. Ihm war bewusst, dass die beiden gut auf ihn verzichten konnten. Nur leider war es f�r ihn keine Option, sich zur�ckzuziehen. Zum einen musste er dabei sein, wenn der Drache get�tet wurde, um seinen Teil vom Ruhm an dieser Tat einzufordern. Der zweite Grund allerdings wog noch wesentlich schwerer. Sie waren mit acht Aalen in einem unterirdischen See angelandet. Die Tauchboote hatten die Drachenflitsche, ausreichend Vorr�te und jene Tr�ger transportiert, die beim Ausweiden des Drachen helfen w�rden. Was weder Galar noch Nyr wussten, war, dass einen Tag sp�ter eine weitere Flotte aus elf Aalen in der Grotte vor Anker gegangen war. Mit diesen Booten war Sviur eingetroffen, der die Drachenjagd seit mehr als zwei Jahren mit Material und Gold unterst�tzte. Hornbori war sich bewusst, wie viel Gold Sviur inzwischen in dieses Unternehmen gesteckt hatte. Bei einem letzten Treffen vor der Reise hatte der Werftenbesitzer sehr deutlich gemacht, dass er einen Erfolg erwartete. Wenn sie hier keinen Drachen zur Strecke brachten und Sviur nicht den Hauptteil der Beute bekam, w�rden sie alle drei in einem Sack mit Steinen auf dem Grund des Sees in der Grotte enden. Galar und Nyr waren v�llig weltfremd. Sie hatten keine Ahnung, mit wie harten Bandagen im Spiel um die Macht gek�mpft wurde.</p><p>Seit dem �berfall einer Wei�en Seeschlange in einem der H�fen war die Nachfrage nach neuen Aalen zur�ckgegangen. Sviur steckte in Schwierigkeiten. F�r Schuppen, Knochen, Z�hne oder Blut eines gro�en Drachen, k�nnte er phantastische Summen verlangen. War diese Expedition ein Fehlschlag, stand auch sein Werftenimperium am Rande des Ruins.</p><p>Hornbori seufzte. Es war unn�tig, dass Galar und Nyr sich mit solchen Gedanken belasteten. Sie hatten f�r das Materielle zu wenig Verst�ndnis, auch wenn Galar gerne alle Gaben f�r seine Werkstatt und Gelder f�r seine Reisen angenommen hatte.</p><p>Immerhin, dachte Hornbori � wenn ihnen die Jagd gelang, w�rde ihr Erfolg in aller Munde sein. Galar und Nyr waren schon einmal hier gewesen, sie hatten den Eisdrachen � wie sie ihn nannten � beim Fressen beobachtet und ihren ersten Plan mit der Hornisse aufgegeben. Der Eisdrache war gr��er. Viel gr��er! Und so hatten sie die Drachenflitsche in einem Windwurf unter einer entwurzelten Fichte aufgebaut, kaum hundertf�nfzig Schritt vom Fressplatz entfernt. Der Schussplatz lag g�nstiger als bei der Hornisse. Der riesige Bolzen w�rde den Drachen vermutlich durchschlagen � behauptete Nyr.</p><p>Wenn der verdammte Drache doch nur endlich erscheinen w�rde!</p><p>Hornbori sah zu Galar hin�ber. Der lag inmitten des Durcheinanders abgeknickter Fichtenst�mme � ein perfektes Versteck. Durch das dichte Unterholz des Berges waren sie in guter Deckung anmarschiert. Man musste bis an den Waldrand kommen, um den Fressplatz, der ein wenig tiefer am Hang lag, �berhaupt zu entdecken.</p><p>Galar lag auf einem Lager aus Fichtennadeln, hatte die H�nde im Nacken verschr�nkt und d�ste. Ihm machte die Warterei scheinbar gar nichts aus. Ja, Hornbori hatte den Verdacht, dass es Galar sogar Spa� machte, ihn zu beobachten. Zu sehen, wie er immer ungeduldiger wurde.</p><p>Nyr hingegen beobachtete den Fressplatz. Seine Aufmerksamkeit schien nie nachzulassen. Ihn hatte das Jagdfieber gepackt. Wenn man seinen Worten trauen durfte, hatte niemand je zuvor einen so gro�en Drachen erlegt.</p><p>Hornbori zwang sich zur Ruhe. Er blickte in das Gewirr toter �ste hoch �ber ihnen, durch das der Himmel wie ein blaues Bleiglasfenster aussah. Ein Bleiglasfenster ohne Drachen.</p><p>Stunde um Stunde verstrich. Hornbori nahm sich ein z�hes St�ck Schinken und kaute es in kleinsten Happen mit der Gr�ndlichkeit eines Rindes zu s�migem Schinkenschleim. Er tr�umte von dem Bad, das ihn erwartete. Er w�rde den Geruch nach Wolfskot mit Lavendelwasser bek�mpfen. Er hatte auch eine lavendelfarbene Tunika. Vielleicht sollte er sie nach dem Bad anlegen. Noch nie zuvor hatte er daran gedacht, dass Kleidung und Duftnote miteinander harmonieren k�nnten. Eine aufregende Idee! Vielleicht ging das auch mit Pfirsich? Er hatte ein Lederwams, das fast pfirsichfarben war �</p><p>Pl�tzlich fuhr ein Wind �ber den Wald. Ein seltsames Ger�usch begleitete ihn. Fl�gelschlagen!</p><p>Sofort war Galar auf den Beinen. Hornbori h�tte den Schinken am liebsten in die Fichtennadeln gespuckt. Er war nicht wirklich feige, fand er. Sein Problem war, dass er sich so bildhaft vorstellen konnte, wie er besiegt wurde. Wie der Drache ihn mit einer Tatze zu Boden dr�ckte und ihm ein Bein abbiss.</p><p>�An die Kurbel, du Traumt�nzer!�, herrschte Nyr ihn an. Das Gesch�tz musste gespannt werden. Um die Spannkraft des Stahlbogens nicht zu verringern, hatte Nyr verboten, die Drachenflitsche w�hrend der tagelangen Warterei schussbereit zu halten.</p><p>Hornbori eilte an seinen Platz und begann zu kurbeln. Mit leisem Klacken bewegte sich das eiserne R�derwerk der Waffe. Hornbori kurbelte um sein Leben. Nicht nachdenken, befahl er sich immer wieder, nur nicht nachdenken!</p><p>Ein Hirsch fiel aus dem Himmel und schlug krachend inmitten der ausgebleichten Knochen auf. Nur einen Augenblick sp�ter landete der Drache. Hornbori war �berrascht, mit welcher Eleganz das gewaltige Tier sich bewegte. Es w�re eine Freude gewesen, ihn zu beobachten, w�re er nicht so verdammt gro� und so verdammt nah gewesen.</p><p>Der kleine Metallschlitten, der die Sehne �ber die F�hrungsschiene der Drachenflitsche zur�ckgezogen hatte, rastete mit einem leisen Klicken in seine Arretierung ein.</p><p>�Macht Platz!�, zischte der Gesch�tzmeister und legte einen anderthalb Schritt langen Bolzen auf die F�hrungsschiene. Dann begann er mit zwei kleinen Kurbeln, die H�hen- und Seitenausrichtung des Gesch�tzes vorzunehmen.</p><p>�Fast kein Wind�, fl�sterte Galar.</p><p>Nyr brummte etwas Unverst�ndliches.</p><p>Hornbori f�hlte sich, als habe er einen kopfgro�en Klumpen Eis verschluckt. Er biss die Z�hne zusammen, damit sie nicht klapperten. Wie gebannt starrte er den Drachen an. Das Vieh war <emphasis>zu</emphasis> gro�! Sie waren wahnsinnig, sich mit so einer Kreatur anzulegen.</p><p>Der Drache war ganz wei�, und seine Vorderbeine erstaunlich klein. Sie erinnerten an �rmchen, mit Krallenh�nden. Aber dieser Kopf �! Bis zu ihrem Versteck konnten sie die Knochen des Hirsches splittern h�ren, als der Drache seine Beute aufbrach. Jetzt war er ganz Raubtier � er zerrte und warf den Kopf hin und her, bis ein gro�er Brocken Fleisch aus dem Kadaver riss. Dann legte der Drache den Kopf in den Nacken, um besser schlucken zu k�nnen. �berdeutlich sah Hornbori die blutbefleckten Rei�z�hne. Jeder einzelne war so lang wie ein Schwert. Und wieder �berfielen Hornbori seine gr�sslichen Phantasien � der Drache hetzte ihn �ber den Berghang. Der Drache spielte mit ihm, wie eine Katze mit einer Maus.</p><p>�Jetzt hab ich ihn�, murmelte Nyr. Der Gesch�tzmeister griff nach dem Abzugshebel.</p><p>�Wo steckt ihr verdammten Bastarde?�, rief eine allzu vertraute Stimme hinter ihnen im Wald.</p><p>Sviur!</p><p>Genau in dem Augenblick riss Nyr den Gesch�tzhebel zur�ck. Zischend schnellte der lange Bolzen davon.</p><p>Der wei�e Drache hob den Kopf. Der Bolzen traf ihn seitlich � dort, wo der rechte Fl�gel aus dem Rumpf erwuchs. Hornbori h�rte den Aufschlag. Die Wucht des Treffers riss den Drachen herum.</p><p>�Was f�r ein Arschloch ist ��, begann Galar.</p><p>�Spannt das Gesch�tz�, schrie Nyr. �Schnell!�</p><p>Der Drache hatte sich von seinem Schock erholt. Er blickte jetzt genau in ihre Richtung!</p><p>Der Eisklotz in Hornboris Bauch wuchs binnen weniger Herzschl�ge zur Gr��e eines Eisbergs an. �Wir sind tot�, murmelte er, griff aber nach der Kurbel.</p><p>�Wo zum Henker seid ihr verdammten Nichtsnutze! F�nf Tage habe ich mir jetzt den Arsch platt gesessen. Ich werde euch an die Wei�en Wasserschlangen verf�ttern, ihr Betr�ger!� Sviur musste irgendwo links von ihnen sein. Vielleicht zehn Schritt entfernt. Durch das Tr�mmerfeld gesplitterter St�mme im Windbruch konnte er den Drachen wohl nicht sehen.</p><p>Hornbori h�rte Waffen klirren. Sviur kam nicht allein. Bestimmt brachte er einige Totschl�ger mit, die daf�r sorgen w�rden, dass seine Drohungen wahr wurden.</p><p>Hornbori kurbelte weiter. Unendlich langsam, so schien es ihm, glitt der Metallschlitten �ber die F�hrungsschiene.</p><p>Glei�endes Licht l�schte alle Farben. Hitze brandete �ber sie hinweg. Feuer prasselte in den Wald. Hornboris Augen tr�nten. Seine Haut spannte sich. Es stank nach verbranntem Horn. Sein Bart schwelte. Aber er lie� die Kurbel nicht los!</p><p>�Weitermachen�, sagte Nyr, erstaunlich ruhig, so als sei das alles nur eine �bung.</p><p>Links von ihnen stand der Wald in Flammen. Sviurs Rufe waren verstummt. Baumst�mme zerbarsten in der Hitze des Drachenfeuers.</p><p>Hornbori sah, wie Galar von einem armlangen Splitter getroffen wurde. Der Baumeister kurbelte noch einige Herzschl�ge lang, dann sackte er vorn�ber.</p><p>�Nicht aufh�ren�, murmelte Nyr. Er peilte �ber die F�hrungsschiene und begann an den Kurbeln zu drehen, mit denen die Drachenflitsche ausgerichtet wurde. Er war v�llig in seine Arbeit versunken.</p><p>�Ein bisschen tiefer noch. Noch etwas ��</p><p>Eine lange Schraube hob den hinteren Teil der Drachenflitsche langsam h�her.</p><p>�Noch etwas. Er kommt genau auf uns zu. Gleich ��</p><p>Hornbori traute seinen Ohren nicht. Er hielt inne und sp�hte durch das tote Ge�st. Der wei�e Drache hatte seinen Fressplatz verlassen. Dunkelrotes Blut rann �ber seine Schuppen und er taumelte ein wenig. Dann bog er seinen geschuppten Hals zur�ck. Es sah aus, als atme er tief ein.</p><p>�Ja, tue es�, murmelte Nyr.</p><p>Der Schlitten rastete mit einem Klacken ein.</p><p>�Los, tu es! Rei� dein Maul auf und spuck noch einmal Feuer!�</p><p>Hornbori lie� die Kurbel los. Der Gesch�tzmeister war irre geworden. Wenn dieses Monster noch einmal Feuer spie, waren sie tot. Gegrillt, so wie Sviur und seine Leibw�chter.</p><p>Er wandte sich ab und wollte davonlaufen, als etwas nach seinem Fu� griff. Er strauchelte und fiel zu Boden.</p><p>�Sch�n hiergeblieben, Drachenj�ger�, st�hnte Galar. �Das ziehen wir gemeinsam ��</p><p>Den Rest des Satzes verstand Hornbori nicht mehr. Die Stimme seines Kameraden ging in einem infernalischen Fauchen unter.</p></section><section><title><p>Die Maske f�llt</p></title><p>Gonvalon lauschte auf das Horn, das voraus im Dunkel erklang. Das Signal schien vom vordersten der Wolkensegler zu kommen. Die drei Himmelsschiffe flogen leicht versetzt zueinander in einer Reihe. Zwischen jedem der Wolkensammler lag ein Abstand von etwas mehr als f�nfhundert Schritt, sch�tzte er. Das Licht der Zwillingsmonde verwandelte die Schiffe in schwarze Silhouetten vor dem Nachthimmel.</p><p>Murrend erhoben sich einige der Schiffer. Gonvalon hatte mit Nandalee und Bidayn auf dem Vordeck �bernachtet. Ebenso wie die Mannschaft. Es gab wohl auch kleine Kabinen an Bord, aber man hatte ihnen einen eigenen Raum verweigert, obwohl er bereit gewesen war, daf�r mit Gold zu zahlen. Anfangs hatte er es f�r verschroben gehalten, dass man ihnen ein vern�nftiges Quartier verwehrte. Er hatte �berlegt, ob sie als Fremde von zu niederem Stand waren und ihnen nach der verdrehten Logik des Gro�en Hauses einfach keine eigene Kabine zustand � ganz gleich, wie viel sie daf�r zu bezahlen bereit waren. Inzwischen war er zu der �berzeugung gelangt, dass es gar keine Quartiere gab, sondern nur Lader�ume.</p><p>An Deck waren sie durch den riesigen Leib des Wolkensammlers vor Regen gesch�tzt. Die N�chte waren angenehm warm. Der gr��te Teil der Mannschaft verhielt sich zum Gl�ck zur�ckhaltend. Nur ein oder zwei Gaffer st�rten. Viel beunruhigender fand Gonvalon das riesige Tier, das dieses Schiff trug. Nie zuvor hatte er so etwas gesehen. Hunderte von Tentakeln umklammerten den m�chtigen Schiffsrumpf. St�ndig war irgendwo etwas in Bewegung. Manchmal troff Schleim von den Fangarmen. Einmal hatte ihn ein kaum fingerdicker Tentakel im Schlaf ber�hrt.</p><p>Nandalee hingegen lie� diese Kreatur v�llig kalt.</p><p>Gonvalon hatte Bidayn nicht erz�hlt, was mit ihr Freundin geschehen war, denn allein schon die Kreatur, die das Schiff trug, �ngstigte Bidayn zu Tode. St�ndig verkroch sie sich zwischen den Frachtballen. Drei Tage hatte sie kein Auge zugetan, bis sie heute Morgen v�llig ersch�pft eingeschlafen war.</p><p>Wieder erklang das Horn.</p><p>Er kniete sich neben Nandalee nieder und ber�hrte sie sanft an der Schulter. Die Elfe war sofort hellwach.</p><p>�Bitte weck Bidayn. Irgendetwas geht vor. Wir sollten auf der Hut sein.�</p><p>F�r einen Herzschlag lang lag ein gr�nlicher Schimmer in ihren Augen. Diese Besessenheit war unheimlich. Wohin w�rde die Geistgestalt sie bringen? Seit dem Gespr�ch in der Karawanserei hatte sie keinen Kontakt mehr zu ihm aufgenommen.</p><p>Nandalee ging zu Bidayn, die zwischen zwei Frachtballen in ihren Umhang eingemummt schlief. Behutsam r�ttelte sie ihre Freundin wach und fl�sterte ihr etwas zu. Bidayn wirkte benommen und hatte offensichtlich Schwierigkeiten zu begreifen, wo sie war. Nandalee ging sehr behutsam mit ihr um. Sie streichelte sie, versuchte ihr die Angst zu nehmen. So hatte Gonvalon sie noch nie gesehen. Diese Nandalee war ganz anders als die wilde J�gerin aus dem ewigen Eis. Nein, dachte er dann, dieser Gr�ne Geist war ganz anders als Nandalee. Er mochte die sanfte Art des Wesens, aber er wollte den wilden Geist der J�gerin zur�ck. Wenn er doch nur �</p><p>Wieder h�rte er in der Ferne das Signalhorn. Die Wolkenschiffer versammelten sich auf dem Vordeck. Die meisten von ihnen waren jetzt bewaffnet. Ein gro� gewachsener Mann trat vor. Er war Gonvalon bereits zuvor aufgefallen, und da ihm die anderen Menschenkinder mit Respekt begegneten, vermutete der Elf, dass es sich um den Kommandanten des Luftschiffes handeln k�nnte. Der Mann hatte dichtes schwarzes Haar und ein schmales Gesicht, das durch seinen langen Bart noch betont wurde. Dunkle Ringe lagen unter seinen Augen, die Wangen waren eingefallen. Er hatte etwas Asketisches an sich, wie Gonvalon fand.</p><p>�Eure Reise endet nun, Fremder. Ich biete dir ein Goldst�ck f�r jede deiner T�chter und verspreche dir, dich in der n�chsten Stadt, in der wir ankern, ziehen zu lassen.�</p><p>Gonvalon sah aus den Augenwinkeln, wie Nandalee die Verschn�rung, die ihr Reisigb�ndel zusammenhielt, aufkn�pfte. Sie hatte bereits die Stoffstreifen von den Bogennocken gestreift. Ein paar Augenblicke noch und sie w�re kampfbereit. Aber niemand beachtete Nandalee und Bidayn. Alle sahen nur ihn an, als hinge alles von ihm ab.</p><p>Gonvalon hob in hilfloser Geste die H�nde. �Ich kann doch nicht meine M�dchen verkaufen. Was f�r ein Vater w�re ich da!� Er sprach in weinerlichem Ton.</p><p>Sie waren jetzt umringt von einem Dutzend M�nnern mit Bronzeschwertern, �xten und Keulen. Die meisten von ihnen grinsten.</p><p>�Du bist wirklich ein Dummkopf!� Der Wortf�hrer der Himmelsschiffer seufzte. �Wir brauchen Frauen in der Wolkenstadt. Dich brauchen wir nicht. Ich kann dir versprechen, dass es ihnen dort gut gehen wird. Besser als irgendwo anders auf Nangog. In der Wolkenstadt werden Kinder geboren. Nur dort!�</p><p>�Kann ich nicht mitkommen in die Wolkenstadt?�</p><p>Der Dunkelhaarige zog seinen Dolch, ohne den Blick von ihm abzuwenden. �Nein. Du hast dem H�ter der Feuer deine Treue gelobt. Kein Mann kann zwei Herren dienen und wir wollen niemanden, der dem Unsterblichen Muwatta nahesteht, in unserer Stadt. Dein Weg endet hier. Doch du sollst in der Gewissheit sterben, dass es deinen T�chtern gut gehen wird.�</p><p>�Wollen wir anfangen?�, fragte Nandalee auf Elfisch.</p><p>Etwas an dem Tonfall ihrer Stimme schien den Wortf�hrer der Wolkenschiffer zu verunsichern. �Was sagt sie? Was war das f�r eine Sprache?�</p><p>�Sie hat noch einen dritten Vorschlag gemacht. Ihr werft eure Waffen �ber Bord und wir lassen euch am Leben. Was h�ltst du davon?�</p><p>Der Wolkenschiffer runzelte die Stirn, dann l�chelte er. �Wir sind mehr als vierzig gegen einen bartlosen Wilden und zwei Weiber. Was sollten wir da wohl bef�rchten? Am Ausgang dieses Kampfes besteht kein Zweifel. Bevor sie unter das Beil kommen, gackern H�hner immer am sch�nsten.�</p><p>Gonvalon verneigte sich. �Ich stimme dir zu, Menschensohn. Am Ausgang dieses Kampfes besteht in der Tat kein Zweifel.� Der Elf zog Langschwert und Jagdmesser.</p><p>Nandalee zerrte den riesigen Zweih�nder zwischen dem Reisig hervor.</p><p>Der Dunkelhaarige hatte Mut. Statt zur�ckzuschrecken, st�rmte er vor, schlug eine Finte und versuchte einen Stich in die Kehle. Gonvalon lenkte den Angriff zur Seite und rammte dem Menschensohn seinen Dolch in den Magen. Er stie� die Klinge hoch unter die Rippen, drehte sie leicht. Warmes Blut sprudelte �ber seine linke Hand. Die braunen Augen des Mannes weiteten sich ungl�ubig. Er riss den Mund auf, brachte einige unzusammenh�ngende Laute hervor und rief dann �berraschend deutlich � <emphasis>Bogensch�tzen!</emphasis></p><p>Gonvalon befreite seine Klinge, duckte sich unter einem Kn�ppelhieb. Er konnte die Krieger um sich herum sp�ren. Es war keine Magie! Und doch schienen seine Sinne erweitert. Er tanzte den Klingentanz, den er in der Wei�en Halle gelehrt hatte. K�mpfte ohne Zorn. Zog das Schwert �ber eine Kehle. Lenkte einen Stich so ab, dass er einen anderen Menschensohn an seiner statt traf. Duckte sich tief, stie� den Dolch in ein Fu�gelenk und sp�rte Knochen und Knorpel an der Klinge entlangschrammen.</p><p>Fl�chtig sah er zu Nandalee. Sie focht ohne Eleganz. Der riesige Zweih�nder Todbringer war die falsche Waffe f�r sie! Ihm war unbegreiflich, warum sie dieses Schwert gew�hlt hatte. Sie schwang es wie eine Sense. Und er musste ihr zugestehen, sie focht effektiv. Ja, sie verbreitete mehr Schrecken als er. Todbringer trennte ganze Glieder ab, Sterbende krochen schreiend von ihr fort. Ein Mann hielt seinen Arm fest, w�hrend er verblutete, so als best�nde Hoffnung, dass das Glied ihm noch einmal anwachsen k�nnte.</p><p>Ein Pfeil schlug dicht neben Nandalee ins Deck. Sieben Bogensch�tzen hatten sich inzwischen in der Takelage postiert. Gonvalon bewegte sich so, dass er kein Ziel bot, dass immer Menschenkinder zwischen ihm und den Sch�tzen standen. Zweimal hatten die Bogner bereits Kameraden getroffen und waren vorsichtig geworden. Nandalee hingegen war ein gutes Ziel. Ihr kreisendes Schwert hatte einen Bannkreis geschaffen, den keiner der Menschens�hne mehr zu betreten wagte. Dieses verfluchte Schwert! H�tte sie nur auf ihn geh�rt! Oder wenigstens Nodon, den er beschworen hatte, ihr nicht diese Klinge mitzubringen. Dass Nandalee noch nicht getroffen worden war, grenzte an ein Wunder.</p><p>Bidayn stand mit dem R�cken zu einer Frachtkiste. Sie hielt ihren Dolch in der Hand. Vor ihr lag ein toter Menschensohn. Die Elfe zitterte am ganzen Leib und es sah nicht so aus, als w�rde sie noch weiter am Kampf teilnehmen.</p><p>�Zur�ck!�, rief da ein dicker Kerl mit h�ngenden Wangen. �Zur�ck!�</p><p>Gonvalon war klar, dass auch er zur Zielscheibe w�rde, sobald er allein stand. Er eilte an Nandalees Seite und zog sie in Deckung hinter die Kisten auf dem Vordeck. Keinen Augenblick zu sp�t � ein Pfeil schoss so dicht an seinem Hals vorbei, dass er den Luftzug sp�rte.</p><p>Nandalee sah schrecklich aus! Sie war �ber und �ber mit Blut bedeckt.</p><p>�Runter mit dir�, rief er Bidayn zu, die immer noch an ihrer Kiste stand. �Zieh den Kopf ein!�</p><p>Doch die Zauberweberin h�rte ihn nicht. Stattdessen schien ihr Zittern immer schlimmer zu werden.</p><p>Nandalee nahm ihren Bogen und zog die Sehne auf. �K�mmere dich um Bidayn!�</p><p>�berrascht registrierte Gonvalon, dass sie ganz selbstverst�ndlich das Kommando �bernommen hatte. Er erhob sich aus der Deckung. Zwei Pfeile verfehlten ihn um mehr als einen halben Schritt � auf den seitlich aus dem Schiffsrumpf strebenden Masten gab es kleine Plattformen, auf denen die Bogensch�tzen einen sicheren Stand fanden. Zum Gl�ck waren sie keine sonderlich guten Sch�tzen.</p><p>Der gr��ere Teil der Besatzung war inzwischen in die Takelage geflohen. Niemand stellte sich ihm mehr in den Weg. Einem t�dlich Verwundeten, der vor ihm davonkroch, versetzte er im Vor�bergehen einen Hieb mit der Breitseite des Schwertes, sodass er bewusstlos auf Deck sank. Er tat das so beil�ufig, wie er atmete. Seine Konzentration galt den Bogensch�tzen. Er konnte sp�ren, dass drei auf ihn zielten.</p><p>Ein Schrei. Nandalee hatte ihre Arbeit begonnen! Gonvalon duckte sich unter einem Pfeil, und endlich erreichte er Bidayn. Sie stand noch immer aufrecht vor der Kiste.</p><p>�Du musst Deckung suchen.� Er hatte keinerlei Verst�ndnis f�r ihr Versagen! Sie war zum Kampf ausgebildet worden. Sie war eine kostbare Waffe der Himmelsschlangen. Doch nun, da es darauf ankam, schien sie alles vergessen zu haben.</p><p>�Ich � kann nicht�, stie� sie mit zittriger Stimme hervor. Sie presste ihre Linke seitlich auf den Bauch. Dicht �ber der H�fte. �Haben � mich � getroffen. Es tut mir leid.�</p><p>Gonvalon sah das viele Blut und sch�mte sich, Bidayn so falsch eingesch�tzt zu haben. Vorsichtig schob er ihre Hand zur Seite. Sie schrie auf. Ein weiterer Pfeil hatte sie gestreift und eine blutige Schramme auf ihrer Wange hinterlassen.</p><p>�Du musst hier fort�, dr�ngte er. �Ich werde dich tragen.�</p><p>�Geht � nicht.� Sie deutete auf einen abgebrochenen Pfeil zu ihren F��en. �Ich � wollte ihn herausziehen.� Sie rang um jedes Wort. �Ist abgebrochen ��</p><p>Gonvalon begriff. Er fluchte leise. Der Pfeil hatte sie gegen die Kiste genagelt. Und beim Versuch, ihn aus der Wunde zu ziehen, hatte sie ihn zerbrochen. Er richtete sich auf, um sie mit einem K�rper gegen weiteren Beschuss abzuschirmen. Hastig blickte er �ber die Schulter zu den Masten. Die Mehrzahl der Bogensch�tzen war damit besch�ftigt, Deckung zu suchen. Nandalee hingegen stand aufrecht mitten auf dem Deck. Ein Pfeil lag auf der Sehne, doch sie hatte den Bogen nicht gespannt. Sie wirkte furchteinfl��end, so gelassen, wie sie dort stand. Zutiefst davon �berzeugt, dass kein Pfeil der Gegner sie treffen w�rde.</p><p>Gonvalon legte seine H�nde auf Bidayns Schultern. Er war sich bewusst, dass der abgebrochene Schaft in der Wunde die Blutung verminderte, aber so konnte sie nicht hier stehen bleiben. Bald w�rde man auf den anderen Wolkenschiffen bemerken, dass hier etwas nicht stimmte. Dann bek�men sie es mit noch mehr Bogensch�tzen und Entermannschaften zu tun. Sie mussten fort von hier! Aber wie floh man von einem Segler, der mehr als tausend Schritt hoch flog?</p><p>�Du musst jetzt die Z�hne zusammenbei�en, Bidayn.�</p><p>�Bist du sicher � Ich � Ich hatte Angst, ich w�rde verbluten, wenn ��</p><p>�Vertrau mir�, sagte er z�rtlich und strich ihr �ber die blutverschmierte Wange. Er war sich keineswegs sicher, die richtige Entscheidung zu treffen, aber hier konnte er sie nicht stehen lassen, das stand fest. �Leg deine Arme um mich, ganz fest. So wie an dem Abend am Lagerfeuer, als das Erdbeben uns erschreckt hat. Ich werde dich besch�tzen.�</p><p>Sie sah ihn mit tr�nenschweren Augen an. Dann schlang sie die Arme um ihn und hielt ihn wie eine Ertrinkende, die um ihr Leben f�rchtete.</p><p>Gonvalon zog sie zu sich heran. Bidayn stie� einen halb unterdr�ckten Schrei aus � dann sackte sie in seinen Armen zusammen. Aus der Kiste hinter ihr ragte der blutige Pfeilschaft. Er war aus schlechtem Holz gefertigt und �bel gesplittert. Vielleicht schon beim Aufschlag. Sollten Splitter in der Bauchwunde stecken, w�rde sie nicht �berleben!</p><p>Wie er bef�rchtet hatte, blutete ihre Wunde jetzt st�rker. Bidayn war ohnm�chtig geworden. Vorsichtig legte er sie auf das Deck. Er war nie ein besonders guter Heiler gewesen. Selbst wenn er seine Zauberkr�fte nicht verloren h�tte, w�rde er ihr nicht helfen k�nnen.</p><p>Gonvalon riss einen Streifen vom Saum ihres Hemdes, zupfte die losen Fasern fort, kn�llte ihn zusammen und presste ihn fest auf die Wunde. Er war sich bewusst, dass die Gefahr f�r eine t�dliche Entz�ndung noch gr��er wurde, indem er Stofffetzen in die Wunde stopfte. Aber wenn er nichts unternahm, w�rde sie innerhalb der n�chsten halben Stunde verbluten.</p><p>Das Ger�usch verstohlener Schritte lie� ihn herumfahren. Nandalee! Sie hielt den Bogen schussbereit.</p><p>�Wie geht es ihr?�, fragte sie, ohne den Blick von den M�nnern in der Takelage abzuwenden.</p><p>�Schlecht.�</p><p>�Was k�nnen wir tun?�</p><p>�Ich wei� es nicht. Ich � Vielleicht kann dieser Geist in dir uns helfen. Werden die Menschenkinder uns in Ruhe lassen?�</p><p>�Das glaube ich nicht. Siehst du den Kerl im Wickelrock mit den gr�nen Fransen?�</p><p>Gonvalon blickte auf. �Was ist mit ihm?�</p><p>�Er versucht, sie zu einem neuen Angriff auf uns zu ermuntern. Er redet die ganze Zeit auf sie ein. Soll ich ihn zum Schweigen bringen? Ich habe nur noch drei Pfeile.�</p><p>Ein St�ck entfernt lag ein toter Bogensch�tze auf Deck. �Kannst du nicht einen Bogen der Menschenkinder benutzen?�</p><p>Nandalee verzog das Gesicht zu einer Grimasse. �Das ist etwa so, als w�rdest du mich fragen, ob ich statt eines Drachenschwerts einen Faustkeil benutzen wollte. Da gibt es keinen einzigen Pfeil, der gerade fliegt! Das ist so �� Sie stockte. Und als sie weitersprach, klang ihre Stimme ver�ndert. �Wir m�ssen zum Schiffsbaum! Komm. Sofort! Oder Bidayn wird sterben.�</p><p>Gonvalon dachte an das Holzf�llerlager, das sie zu Beginn ihrer Reise entdeckt hatten. Die Gr�nen Geister Nangogs und die B�ume dieser Welt schienen einen unheilvollen Bund geschlossen zu haben. Doch welche Wahl blieb ihm schon? Hier sitzen, mit Bidayn im Arm, die langsam verblutete? Nach dem, was sie bei den Holzf�llern gesehen hatte, hatte sich Bidayn vor den B�umen zu Tode gef�rchtet. Wie konnte er sie da jetzt zu einem Baum bringen?</p><p>Ohne seine Antwort abzuwarten, ging Nandalee los. Keines der Menschenkinder wagte mehr, sie anzugreifen. Ja, schon die Blicke der Bogensch�tzin gen�gten, um sie �ngstlich Deckung suchen zu lassen. Gonvalon nahm Bidayn und folgte ihr. Ihre N�he versprach Schutz.</p><p>Wie ein Turm erhob sich der Schiffsbaum �ber Deck, so m�chtig war der Stamm. Seine Rinde bildete beunruhigende Wulste aus, die an verzerrte Gesichter erinnerten. Ein wahres Konzert von Vogelstimmen empfing sie! Gonvalon entdeckte auch Affen im Ge�st. Die Tiere wirkten ver�ngstigt.</p><p>Weit entfernt zerteilte ein vielfach gegabelter Blitz den Himmel. Das glei�ende Licht hatte einen gr�nlichen Schimmer. Besorgt blickte Gonvalon zu dem aufgedunsenen Leib des Wolkensammlers hinauf � und in diesem Augenblick setzte der Sturzregen ein. Schon bald rann Wasser in B�chen seinen Leib hinab und ergoss sich in schillernden Kaskaden an der Bordwand vorbei in die Tiefe. Was w�rde geschehen, wenn ein solches Ungeheuer von einem Blitz getroffen wurde?</p><p>�Leg Bidayn neben mich. Die Erde wird sie sch�tzen.� Nandalee kauerte in der schwarzen Erde, in die der Schiffsbaum gepflanzt war, und sie sprach noch immer mit seltsam ver�nderter Stimme.</p><p>Gonvalon z�gerte. Es gab keine deutliche Abgrenzung zwischen Planken und Erde. Nahe dem Baum wirkte das Holz faulig. Es war so schwarz wie die Erde. Seine Oberfl�che zerfaserte und Erde drang in die Ritzen zwischen den Planken. Wurzeln durchdrangen das tote Holz des Schiffes. Sie schienen bis in den letzten Winkel des Rumpfes zu reichen � als habe sich der Baum das ganze Himmelsschiff erobert. Ein Teil des Astwerks reichte an den Flanken des Wolkensammlers hinauf, w�hrend sich etliche Tentakel um den Stamm wanden. Der Baum, das Schiff und der Wolkensammler, sie alle schienen einander zu durchdringen und zu einem gro�en Ganzen verschmolzen zu sein.</p><p>Er hatte keine Wahl, dachte Gonvalon bitter und legte Bidayn vorsichtig auf die dunkle Erde. Dabei beobachtete er misstrauisch das Wurzelwerk. Nichts regte sich. Nichts griff nach ihr. Bidayn war immer noch ohne Bewusstsein. Ihre Kleidung von Blut durchtr�nkt. Er f�hlte ihren Puls. Kalte Wut stieg in ihm auf. Sie h�tte nicht hier sein sollen! Bidayn fehlte eine grundlegende Voraussetzung, um eine Drachenelfe zu werden � die F�higkeit, Feinde mit kaltem Herzen zu t�ten.</p><p>Verzweifelt blickte er zu Nandalee. Es war kalt. K�lter, als es selbst so weit im Himmel h�tte sein sollen. Gonvalon konnte sp�ren, dass sie sich ver�ndert hatte. Die feinen Haare in seinem Nacken richteten sich auf. Dieses Ding, das von ihr Besitz ergriffen hatte, schien an Macht zu gewinnen. Lag es an dem Baum oder an dem Unwetter, in dem die Urgewalten dieser fremden Welt entfesselt waren? Blitz auf Blitz peitschte vom Himmel herab. Immer n�her beim Schiff. Das Donnergrollen lie� das Deck erbeben. Die V�gel oben im Baum waren verstummt.</p><p>Nandalee presste beide H�nde gegen den dunklen Stamm. Ihre Lippen bewegten sich lautlos. Sie war v�llig in sich versunken.</p><p>Besorgt blickte Gonvalon nach den Menschenkindern. Dann nahm er Nandalees Bogen. Er konnte damit nicht umgehen. Aber das wussten ihre Feinde ja nicht. Breitbeinig stellte er sich vor seine beiden Gef�hrtinnen. Einen Pfeil auf die Sehne gelegt, blickte er nach oben. Es schien zu wirken!</p><p>Rascheln lief durch das Blattwerk des Schiffsbaums. Ein Laut, zu intensiv selbst f�r den Sturmwind, der an dem riesigen Schiff zerrte. Es schien Gonvalon ganz so, als fl�stere der Baum Nandalee etwas zu! Dumpfes Grollen drang aus dem Leib des Wolkensammlers. Dann ein lang gezogenes Zischen. Wie ein Warnlaut einer gereizten Schlange. Was tat Nandalee da?</p><p>�Du musst Bidayn helfen! Sie wird sterben. Bitte, Nandalee, komm zur�ck! Erinnere dich an deine Freundin. Bidayn!�</p><p>Die J�gerin wandte ihm den Kopf zu. In ihren Augen lag jener unheimliche gr�nliche Schimmer, den er schon einmal bemerkt hatte. Sie sch�ttelte den Kopf.</p><p>Die Planken des Decks knarrten. Eines der Menschenkinder stie� einen erschrockenen Ruf aus. Jetzt sp�rte es auch Gonvalon. Das riesige Schiff begann zu sinken! Schnell! Dabei driftete es mit dem Wind nach Norden ab.</p><p>Und Gonvalon verstand. Der Gr�ne Geist hatte ihn betrogen! Sie w�rden im grenzenlosen Wald zerschellen.</p></section><section><title><p>Der Beobachter</p></title><p>Der Ebermann lehnte an der Reling des Wolkenschiffes, das die kleine Luftflotte anf�hrte. Am Bug blies der W�chter ein zweites Mal ins Horn und warnte die Schiffe, die einige Meilen voraus h�her am Himmel schwebten. Die beiden Schiffe �ber ihnen liefen einen anderen Kurs. Offenbar trieben sie mit einer gegenl�ufigen Luftstr�mung.</p><p>Interessiert beobachtete der Ebermann, wie immer mehr M�nner an Deck kamen. F�r Handelsschiffe waren die drei Segler au�ergew�hnlich gut bemannt. Sie hatten ihn an Bord genommen, weil er ihnen Gold geboten hatte. Vor vier Tagen schon, als er in dichter besiedelte Gebiete gekommen war, hatte er die Gestalt eines hageren, kleinw�chsigen H�ndlers angenommen. Der Mann war ihm vor Jahren begegnet. Ein Temperamentb�ndel, immer gut aufgelegt und mit einem Selbstvertrauen, das in eklatantem Gegensatz zu seiner K�rpergr��e stand. Der H�ndler hatte ihn so sehr fasziniert, dass er ihn letztlich ermordet und ihn all seiner Erinnerungen beraubt hatte. Seither reiste er h�ufig in seiner Gestalt, wenn er sich unter Menschen bewegte. Der Devanthar liebte Gegens�tze. Und gegens�tzlicher konnte eine Gestalt kaum sein � verglichen mit dem Leib des gro�en Ebermannes, den er sonst so gerne w�hlte, wenn er sich in Fleisch kleidete.</p><p>Es war nicht zu �bersehen, dass eine Schurkerei im Gange war. M�nner bewaffneten sich mit Bogen und stiegen in die Takelage des Wolkenschiffs. Entlang der Reling wurden Enterhaken bereitgelegt. Unter dem Hauptdeck sch�tteten die M�nner Sand aus Ballastk�rben, damit das Wolkenschiff h�her in den Himmel stieg.</p><p>�Gleich wirst du was erleben, Zwerg!�, raunte ihm ein gro�er, glatzk�pfiger Krieger zu und schob ihn dann zur Seite, um das Seil eines Enterhakens an der Reling festzuknoten.</p><p>Der Ebermann konnte sp�ren, wie das Schiff h�her stieg. Man wollte also den beiden anderen Wolkenschiffen den Weg verlegen. Das versprach eine nette Abwechslung auf dieser �beraus langweiligen Reise zu werden. Er blickte zum dritten Wolkenschiff, das in der letzten halben Stunde etwas zur�ckgefallen war. Hoffentlich geschah den drei Elfen nichts. Er hatte sie auf dem Stapelhof beim Ankerturm eingeholt. Gerade als sie sich einschifften.</p><p>Zu nahe hatte er sich nicht an sie herangewagt, aus Angst, dass sie seine Anwesenheit sp�ren k�nnten. Alle drei waren mit Drachenschwertern bewaffnet. Diese Waffen konnten ihn verletzen, vielleicht sogar t�ten. Wenn er sie �berw�ltigen wollte, musste er vorsichtig taktieren. Mithilfe von Magie h�tte er sie wahrscheinlich leicht besiegen k�nnen, aber wenn er nur einen kleinen Fehler machte, war es vorbei. Dann w�rde er nicht herausbekommen, warum sie gekommen waren. Missmutig stocherte der Ebermann mit einem Fingernagel zwischen seinen fauligen Menschenz�hnen, um ein St�ck Trockenfleisch herauszuzupfen, das sich in sein Zahnfleisch gebohrt hatte. Diese Drachenelfen waren von ihren Herren darauf vorbereitet worden, den Devanthar in die H�nde zu fallen. Man konnte ihnen nicht einfach ihre Gedanken stehlen � nicht einmal unter Folter redeten sie. Meistens begingen sie Selbstmord, bevor man ihrer habhaft werden konnte. Eine �rgerliche Brut war das! Aber wenn er sie von ferne beobachtete, w�rde ihm gewiss nicht lange verborgen bleiben, was das Ziel ihres Besuchs auf Nangog war.</p><p>Die Segel des Wolkenschiffs begannen im Wind zu schlagen, der massige Rumpf neigte sich ein wenig zur Seite und Tentakel glitten dicht an der Reling vorbei, als der Wolkensammler seinen Griff �nderte. Irgendwo �ber ihm erklang ein zischendes Ger�usch. Das Tier reagierte auf die ver�nderte Flugh�he. Schleim troff von seinem wulstigen Leib. Der Devanthar konnte sp�ren, dass der Wolkensammler erschrocken und aufgeregt war. Der Pulsschlag der sieben gro�en Herzen beschleunigte sich. Doch all dies interessierte den Devanthar nicht. Er hielt den Blick auf das dritte Wolkenschiff geheftet und je l�nger er es beobachtete, desto unruhiger wurde er. Es fiel weiter zur�ck und war schon zu weit entfernt, um noch irgendetwas an Deck erkennen zu k�nnen. Der Devanthar erwog, einen Zauber zu weben, verwarf den Gedanken aber wieder. Sollte einer der Elfen sein Verborgenes Auge ge�ffnet haben, w�rden sie bemerken, was er tat. Gewiss waren sie sehr vorsichtig. Was sie hier nur wollten? Soweit er wusste, waren seit dem Mordanschlag auf den unsterblichen Aaron keine Albenkinder mehr nach Nangog gekommen. Aber vielleicht war es ihnen nur entgangen. Vielleicht �</p><p>�Tut mir leid, Kleiner! F�r das, was jetzt kommt, brauchen wir keine Zeugen.� Und mit diesen Worten packte der Glatzkopf ihn und warf ihn �ber Bord!</p><p>Das Ganze kam so �berraschend, dass der Devanthar schon dem Wald entgegenst�rzte, bevor er noch recht begriffen hatte, wie ihm geschah.</p></section><section><title><p>Ein Held, aus Flammen geboren</p></title><p>Hornbori h�rte ein leises metallisches Singen. Die Arme des Gesch�tzes mussten vorgeschnellt sein. �berall rings um ihn war Feuer. Der Windwurf brannte lichterloh. Er packte Galar, der leise vor sich hin fluchte.</p><p>�Wir m�ssen hier raus. Los, schnell!�</p><p>�Was ist mit Nyr?�</p><p>Hornbori blickte auf. Ihr Gef�hrte lag zusammengesunken auf seinem Gesch�tz. Rauch stieg aus seinen Kleidern auf.</p><p>�Nyr?�</p><p>Er regte sich nicht. Hornbori zog ihn zu sich heran. Gesicht und H�nde des Gesch�tzmeisters waren grausam verbrannt. Aber er atmete noch. Ein L�cheln spielte um seine aufgeplatzten Lippen. �Getroffen�, hauchte er. �Hab ihn � getroffen.�</p><p>�Trag ihn!�, rief Galar �ber das Fauchen der Flammen hinweg.</p><p>Voller Panik sah Hornbori sich um. �berall brannte das trockene Holz des Windwurfs. Selbst der Boden schwelte. Aus dem dicken Polster von Fichtennadeln stieg dichter wei�er Rauch auf.</p><p>Galar wartete nicht ab, ob er ihm folgte. Der Schmied b�ckte sich unter einem Stamm hindurch und kroch davon. Er lie� ihn zur�ck! Einen Augenblick lang war Hornbori versucht, Nyr liegen zu lassen und sich auf eigene Faust einen Weg aus dem Flammenmeer zu suchen. Aber wenn Galar �berlebte und begriff, dass er Nyr zur�ckgelassen hatte, w�rde dieser Irre ihn umbringen.</p><p>Er packte den Gesch�tzmeister bei den Armen � die bis auf das nackte Fleisch verbrannten H�nde wagte er nicht zu ber�hren � und zerrte ihn �ber den Boden. Mit einem scharfen Knall zerbarst ein brennender Baumstamm. Ein Funkenregen prasselte auf Hornbori hinab. Sein Bart! Hektisch schlug er auf einen Schwelbrand in seinem Haar. Er w�rde wie eine Jammergestalt aussehen, wenn er hier herauskam. <emphasis>Falls</emphasis> er herauskam.</p><p>Vor ihm erschien Galar im dichten Rauch. �Hier!�, stie� er hustend hervor. �Hier kommen wir heraus.� Der Schmied half ihm, den nunmehr bewusstlosen Nyr unter einem gest�rzten Baum hindurchzuziehen.</p><p>Zweifelnd sah Hornbori sich um. �berall waren Flammen und Rauch. Der Schmied hatte sie in eine Sackgasse gef�hrt! Es gab kein Entkommen. Sie w�rden hier verrecken. Die Erkenntnis, hier zu sterben, �berkam Hornbori mit solch niederschmetternder Macht, dass er aufh�rte, die Schwelbr�nde in seinem Bart auszuklopfen. Er w�rde sterben. Und er hatte seinen gefl�gelten Helm neben dem Gesch�tz liegen gelassen. Die Schwingen seines Ruhmes w�rden zu formlosen Goldklumpen zerschmelzen.</p><p>�Da geht es hinaus!� Hornbori deutete auf einen Baumstamm, der mitsamt seinen Wurzeln vom Sturm aus dem Erdreich gerissen worden war. Nahe beim Wurzelstock war ein knapp einen halben Schritt hoher Durchgang � doch diesen versperrte ein schlanker Fichtenstamm, der in Flammen stand.</p><p>�Da kommen wir niemals durch. Es ist aus�, schluchzte Hornbori.</p><p>�Rei� dich zusammen�, fuhr Galar ihn an. �Ich �bernehme <emphasis>da kommen wir niemals hindurch</emphasis> und du tr�gst Nyr. Und du machst hurtig, verstanden.�</p><p>Galar ging auf den brennenden Stamm zu, als w�rde die Hitze ihm nichts anhaben k�nnen. Er war ja auch ein Schmied, dachte Hornbori. Er hatte sein ganzes Leben vor offenen Feuern verbracht. Galar warf sich auf den Boden und kroch unter den brennenden Fichtenstamm. Dort stemmte er sich langsam hoch. Sein R�cken dr�ckte gegen den brennenden Stamm. Er ging in die Knie, dr�ckte die Beine durch. Der Stamm hob sich um einige Handbreit. Funken prasselten herab. Galars Haar stand in Flammen.</p><p>�Gaff nicht, mach hin!� Blut quoll ihm �ber die Lippen.</p><p>Hornbori zerrte Nyr zu dem Durchlass. Die Hitze der Flammen versengte seine Augenbrauen und die letzten Reste seines ramponierten Bartes. Auf allen vieren kroch er unter dem Stamm hindurch und zerrte dann den Gesch�tzmeister durch die L�cke in der Flammenwand.</p><p>Kaum waren sie hindurch, stie� Galar einen animalischen Schrei aus, brach unter dem Stamm zusammen und regte sich nicht mehr.</p><p>Hornbori kroch zur�ck. Er mochte den Schmied nicht sonderlich, aber er w�rde keinem Drachen den Triumph lassen, einen Zwerg gemordet zu haben. Au�erdem brauchte er den Schmied noch!</p><p>Die Hitze beim Stamm war so gro�, dass Hornbori nicht mehr zu atmen vermochte, ohne sich die Lungen zu verbrennen. Er zog Galar unter dem Stamm hervor. Dort, wo sein Gef�hrte von dem Baumsplitter getroffen worden war, sickerte Blut aus seinem abgewetzten Wams.</p><p>Immer abwechselnd trug er Nyr und Galar. Hinter dem Windwurf wucherte dichter Farn. Hier gab es kein trockenes Holz, das dem Feuer Nahrung lieferte � es sei denn, es griff auf die hohen, rotbraunen Fichtenst�mme �ber. Funkenflug und Rauch begleiteten Hornbori. Sein K�rper war eine einzige Wunde. Zumindest f�hlte es sich so an. Seine Haut war ger�tet, an manchen Stellen aufgeplatzt; die Kleider versengt und mit Ru� beschmiert. Einzig die Hand, mit der er in den Brei aus Drachenblut und Koboldk�se gegriffen hatte, war v�llig unversehrt.</p><p>Galar und Nyr hatten all ihre Haare verloren. Ihre K�pfe gl�nzten rot und schwarz von Blut und Asche. Hornbori wagte es nicht, nach seinem Kopf zu tasten. Er ahnte, dass er nicht besser aussehen w�rde.</p><p>Sie mussten fort von den B�umen, entschied er. Auf den Hang, an dem der Fressplatz des Drachen lag. Er lie� Nyr und Galar zwischen den hohen Farnwedeln verborgen zur�ck und pirschte bis zum Rand des Waldes. Der Drache lag keine zwanzig Schritt vor der Stellung ihrer Speerschleuder. Ein Bolzen war ihm durch das offene Maul gedrungen und dicht unter seinem Kopf wieder ausgetreten. Der Drache lebte noch. Mit seinen l�cherlich kleinen Vorderbeinen versuchte er, den Bolzen aus seinem Schlund zu ziehen. Seine Bewegungen waren kraftlos und fahrig. Er war keine gro�e Gefahr mehr und w�rde es nicht mehr lange machen, entschied Hornbori. Jetzt galt es, seine Kameraden zu retten. Ohne noch weiter auf seine Deckung zu achten, ging er in den Wald zur�ck, holte erst Nyr und dann Galar und bettete sie auf die Lichtung.</p><p>Der Drache wollte einfach nicht sterben! Jetzt versuchte er nicht mehr, den langen Bolzen zu packen zu bekommen. Stattdessen starrte er zu ihnen her�ber. Seine Augenlider flatterten; hin und wieder zuckte sein schlangengleicher Schwanz. Je l�nger Hornbori den Drachen beobachtete, desto w�tender wurde er. Diese Kreatur hatte seine Tr�ume zu Asche verbrannt und seinen Fl�gelhelm vernichtet! Bartlos war er kein Held, sondern eine Witzfigur. Er w�rde niemals ein bedeutender Bergf�rst werden.</p><p>Hornbori zog die kleine Handaxt aus seinem G�rtel. Entschlossen ging er auf den Drachen zu.</p><p><emphasis>Wenn Ihr mir helft, werde ich Euch all Eure Tr�ume erf�llen</emphasis>, erklang eine verlockende Stimme in seinem Kopf. In seinem Kopf! Sie war warm, diese Stimme. Der Drache sprach zu ihm! Das war erstaunlich, dachte Hornbori. Davon, dass Drachen sprechen konnten, hatte Galar ihm nichts erz�hlt. Und dann noch in seinem Kopf! Vielleicht wurde er ja verr�ckt � wer wusste das schon so genau? Wie gut, dass es keine Zeugen gab! Nyr und Galar waren noch immer bewusstlos � er konnte also getrost Antwort geben.</p><p>�H�ltst du mich f�r d�mlich? Jedes Kind wei�, dass man Drachen nicht vertrauen kann.� Entschlossen stapfte er weiter und achtete darauf, nicht in gerader Linie auf die Schnauze zuzumarschieren.</p><p><emphasis>Ich kann den Kopf noch drehen.</emphasis> W�hrend die Stimme sich erneut in seinen Kopf stahl, bewegte sich der Drache ein wenig.</p><p>�Ich habe gesehen, dass du den Kopf zur�ckbeugen musstest, um dein Feuer zu spucken. Ich glaube nicht, dass dir das gelingen wird, solange zehn Zoll Zwergenstahl aus deinem Genick ragen.�</p><p><emphasis>Ihr m�chtet K�nig sein � Ich k�nnte Euch dabei helfen.</emphasis></p><p>Hornbori lachte schrill auf � ein Laut, der selbst in seinen Ohren zum F�rchten klang. �Als h�tte jemals ein Drache einen Zwerg auf einen Thron gesetzt. Das ist Unsinn!�</p><p><emphasis>Seid Ihr Euch da ganz sicher?</emphasis></p><p>Hornbori stand jetzt unmittelbar vor dem Ungeheuer. Der felsige Boden war durchtr�nkt von dunklem Drachenblut. Die Kreatur hob ihre zierliche Krallenhand, um ihn zur�ckzuhalten. Sie zitterte. Ein Amulett � eine Schneeflocke aus reinstem Bergkristall � hing an einem Lederriemchen vom schuppigen Handgelenk.</p><p><emphasis>Wenn Ihr mich t�tet, werden meine Br�der mich r�chen. Sie werden schreckliches Leid �ber Euer Volk bringen. Ich bitte Euch �</emphasis></p><p>Hornbori schlug mit der Axt nach der Klauenhand. Knochen splitterten. Ein Glied, das in einer dolchlangen Kralle endete, fiel zu Boden. �Du drohst mir, du bescheuerte Echse? <emphasis>Mich</emphasis> bedrohst du? Du wirst keinen Zwerg mehr ermorden. Mistvieh!�</p><p>Er schlug nach dem Kopf des Drachen, doch der Sch�del war hart wie Stein. Dann duckte er sich unter dem klaffenden Kiefer hinweg und grub die Axt in das faltige Fleisch am Hals. Wieder und wieder schlug er zu. Wie ein Rasender. Die Stimme des Drachen dr�ngte nicht mehr in seine Gedanken. Das Ungeheuer bewegte sich nicht mehr. Hornbori lie� die Axt sinken, weil seine Arme m�de waren. Sein Zorn war noch lange nicht verraucht.</p><p>�Du bist Hornbori Drachent�ter, nicht wahr?�</p><p>Der Zwerg fuhr herum. Hinter ihm standen zwei Zwerge in langen, ru�geschw�rzten Kettenhemden. Voller Neid sah er, dass ihre B�rte nicht verbrannt waren. �Und wer seid ihr Trauerkl��e? Ihr kommt sp�t! Die Drachenjagd ist vor�ber.�</p><p>�Wir sind Leibw�chter von Sviur�, sagte der kleinere von beiden.</p><p>�Ex-Leibw�chter�, erg�nzte der andere.</p><p>Hornbori blinzelte. Er war �ber und �ber mit Drachenblut besudelt, das ihm auch in die Augen rann. Mit einer fahrigen Geste fuhr er sich �ber die Stirn, um das Blut fortzuwischen, und bereute es sofort. Seine Haut war so verbrannt, dass selbst die leiseste Ber�hrung brennende Schmerzen verursachte.</p><p>�Sviur ist tot�, sagte der kleinere der beiden Leibw�chter und blickte zum Drachenmaul empor. �Ganz sch�n lange Z�hne.�</p><p>Hornbori f�hlte sich ein wenig schwindelig. Er lehnte sich gegen den Drachenkadaver. �Holt unsere Kameraden aus der Grotte! Und k�mmert euch um meine Freunde dort dr�ben. Die hatten nicht so viel Gl�ck wie ich.�</p><p>Die beiden Leibw�chter nickten stumm, dann machten sie sich auf den Weg. Hornbori war �berrascht, dass sie ihm ohne Widerspruch gehorchten. Genau genommen hatte er ihnen gar nichts zu sagen. Solchen S�ldnern konnte man nicht trauen. Erstaunlich, dass sie ihm nicht die Kehle durchgeschnitten hatten, um den Ruhm, den Drachen get�tet zu haben, f�r sich zu beanspruchen. Vielleicht verstrahlte er auch ohne Bart noch eine gewisse Autorit�t. Er l�chelte. Sie hatten ihn Hornbori Drachent�ter genannt. Vielleicht bestand trotz all der Toten auf dieser Jagd ja doch noch ein wenig Hoffnung, dass er eines Tages zum F�rsten einer der Tiefen St�dte aufsteigen w�rde.</p><p>Zufrieden betrachtete er den toten Drachen. Dann schnitt er das Amulett von der Krallenhand. Dieses Beutest�ck sollte ihm ganz allein geh�ren! Ein Drachenamulett � das war genau das Richtige f�r einen Drachent�ter.</p></section><section><title><p>Vom Wind der Freiheit</p></title><p>Artax beobachtete, wie die Enterhaken griffen und die Piraten die Seile straff zogen. Er stand hinter einer Luke im lang gestreckten Kaj�tenbau, der dicht vor dem Schiffsbaum lag. Der Raum roch nach Schwei�, ungewaschenen Kleidern und Waffenfett. Drau�en goss es wie aus K�beln. Der Wind hatte aufgefrischt und peitschte den Regen �ber Deck. Artax war �berrascht, dass die Himmelspiraten bei diesem Sturm �berhaupt ein Enterman�ver wagten. Er k�mpfte gegen seine Wut an. Die Drecks�cke hatten alles verdorben. Das Horn hatte das Nahen ihrer Schiffe angek�ndigt.</p><p>Anderseits � w�ren sie nicht gewesen, h�tte das Unwetter sein Stelldichein mit Shaya beendet. Grelle Blitze zuckten �ber den Horizont und tauchten Deck und Takelage in blendend wei�es Licht, um es einen Herzschlag sp�ter wieder der Finsternis zu �berlassen. Die ersten Piraten kamen an Bord. Im Licht der Blitze sahen ihre Gesichter wie Masken aus. Ihre Bewegungen wirkten seltsam abgehackt.</p><p>�Werden sich erleben gr��te �berraschung von ihr Leben�, sagte Volodi in gewohnter Ignoranz jeglicher Grammatikregeln. Man h�rte ihm die freudige Erwartung auf das kommende Gefecht an.</p><p>�Wir warten noch!�, sagte Artax entschieden.</p><p>Auch wenn niemand murrte, konnte er sp�ren, dass seine Entscheidung bei den M�nnern nicht gut ankam. Volodis Truppe aus S�ldnern und Piraten war nicht die richtige Wahl f�r lange Reisen auf einem Wolkenschiff. Zwei Wochen, in denen sie kaum mehr hatten tun k�nnen, als auf die Landschaft unter sich zu blicken, waren ihnen nicht gut bekommen. Immer wieder hatten die Himmelsh�ter unter Jubas Kommando die S�ldner trennen m�ssen, wenn sie wegen eines W�rfelspiels oder irgendwelcher � tats�chlicher oder eingebildeter � Beleidigungen stritten. Sie sehnten einen Kampf herbei. Und sie waren sich v�llig sicher, dass sie den Wolkenpiraten unendlich �berlegen waren. Woher sie dieses Selbstbewusstsein nahmen, war Artax schleierhaft. Schlie�lich wussten sie so gut wie nichts �ber ihre Gegner.</p><p>Die Angreifer schwangen sich an Seilen auf ihr Schiff. Im Licht der Zwillingsmonde konnte Artax sie nicht ganz deutlich erkennen, doch die Trachten, die sie trugen, waren so verschieden, als stammten sie aus allen Weltengegenden.</p><p>Verwundert, auf keinerlei Widerstand zu sto�en, verharrten sie an Deck und sahen sich um. Ein hagerer Krieger deutete mit seiner Axt auf das Kaj�tenhaus. �Kommt heraus!�, rief er in der Sprache Luwiens. �Wer mit uns geht, wird eine Freiheit kennenlernen, von der er bislang noch nicht einmal zu tr�umen gewagt hat.� Der Mann hatte ein schmales, gut aussehendes Gesicht und dunkle Augen. Ein rotes Stirnband b�ndigte sein ergrauendes Haupthaar. Er trug keinen Bart, was Artax ein wenig befremdlich fand. Ebenso wie der Auftritt des Himmelspiraten. Dieses Angebot von Freiheit � Das war nicht, was er erwartet hatte. Dar�ber wollte er mehr wissen. Er hatte einen Verdacht, wer dort stand und die Angreifer anf�hrte.</p><p>�Ihr bleibt noch hier�, sagte Artax zu Juba. �Ich regele das alleine.�</p><p>Der Kriegsmeister seufzte, sagte aber nichts.</p><p>Artax hatte, nachdem er vom R�cken des Wolkensammlers hinabgestiegen war, jene R�stung angelegt, die ihn als einen Unsterblichen kenntlich machte. Den pr�chtigen Maskenhelm und Leinenpanzer, den angeblich keine Waffe zu durchdringen vermochte. Er trat auf das Hauptdeck. Noch immer war keiner der Angreifer in die lange Kaj�te eingedrungen oder durch die Luken zu den Frachtr�umen hinabgestiegen. Niemanden an Deck zu sehen war ganz augenscheinlich eine Situation, die die Himmelspiraten verunsicherte.</p><p>�Und was geschieht mit denen, die deine Freiheit nicht w�hlen? � Artax� Ohren dr�hnten ihm von seiner Stimme, die blechern im Helm widerhallte.</p><p>�Wer bist du, Silberkopf?�, fragte der Bartlose mit dem roten Stirnband. Er hatte eine dunkle, sympathische Stimme. Ein Teil der Entermannschaft umringte ihn sch�tzend.</p><p>Das selbstbewusste Auftreten des Anf�hrers der Piraten �rgerte Artax. Erkannten sie denn nicht, wer er war? Auf der anderen Seite � wer sollte mit Unsterblichen auf einem heruntergekommenen Frachtschiff irgendwo �ber der Wildnis von Nangog rechnen? �Ich bin der, der hier �ber Leben und Tod entscheidet.� Ein Donnerschlag unterstrich seine Worte. Der Wind zerrte so stark an seinem Umhang, dass die Brosche unangenehm auf seinen Hals dr�ckte.</p><p>Der Bartlose wirkte erstaunt. �Bist du ein Satrap?�</p><p>�Ich bin der Unsterbliche Aaron, Herrscher aller Schwarzk�pfe. Und ich biete dir dein Leben, wenn du dein Schwert niederlegst. Sofort!�</p><p>Nur die N�chststehenden konnten ihn im Sturmgebr�ll verstehen.</p><p>�Du bist ein L�gner�, entgegnete der Pirat selbstsicher.</p><p>Artax �berging seine Worte. �Werde ich auch deinen Namen erfahren?�</p><p>�Ich bin Tarkon Eisenzunge, der Freiheitsbringer. Feind der Tyrannen und Unterdr�cker. Und du bist ein toter Mann!� Mit diesen Worten griff er an.</p><p>Der Axthieb war von unten gef�hrt. Artax versuchte auszuweichen, wurde jedoch an der Wange getroffen. Der Maskenhelm dr�hnte, dass ihm die Ohren klangen. �ber den metallischen Glockenlaut hinweg h�rte er die Kriegsrufe seiner K�mpfer.</p><p>Artax sah die Panik in Tarkons Augen. Der Pirat hatte begriffen, dass er in eine Falle gegangen war. �Zur�ck, M�nner! Zur�ck auf das Schiff! Und kappt die Enterseile!� Der Sturmwind war ein wenig abgeflaut und seine dunkle Stimme trug weit �ber Deck.</p><p>Artax setzte Tarkon Eisenzunge nach. Um seine Klinge ein unheimliches blassgr�nes Licht. Es wirkte lebendig und pulsierte im gleichen Rhythmus wie sein Herz!</p><p>Tarkon stie� ein erschrockenes Keuchen aus. Geschickt wich er dem Schwert aus und verschaffte sich mit einem wuchtigen Axthieb Raum. Ein Pfeil traf den Unsterblichen in der Brust. Das Geschoss vermochte die R�stung der Devanthar nicht zu durchdringen, doch der Aufprall lie� Artax zur�cktaumeln. Weitere Pfeile gingen um ihn herum nieder.</p><p>�Packt den hier!�, schrie Tarkon, dem wohl klar geworden war, wie aussichtslos seine Sache war. �Packt ihn, und die anderen werden sich uns ergeben!�</p><p>Artax wich einem weiteren Axthieb aus. Er wollte Tarkon lebend! Wollte, dass aus dem Rebellenf�hrer kein M�rtyrer wurde. Schon als Bauer hatte er von Tarkon Eisenzunge geh�rt. F�r manche war er ein Held, f�r andere ein blutd�rstiger Irrer, der jeden Gefangenen, der ihm nicht die Treue geloben wollte, dem Wolkentod �bergab. Artax war entschlossen, herauszufinden, was die Wahrheit war.</p><p>Weitere Piraten eilten an die Seite ihres Anf�hrers, statt sich in die vermeintliche Sicherheit ihres Wolkenschiffes zu bringen.</p><p>�Werft ihn nieder! Bringt ihn nicht um!�, beschwor Tarkon seine M�nner.</p><p>Artax wehrte einen wuchtigen Speersto� ab, blockte mit der Armschiene einen Messerstich und stie� einem Piraten sein Schwert in den Oberschenkel. Ein weiterer Hieb traf den Maskenhelm. Sie wollten ihm wohl unbedingt den Sch�del einschlagen! Artax schwang sein Schwert in weitem Kreis und sp�rte, dass er gleich mehrfach traf. Sehen konnte er es allerdings nicht. Grelle Lichter tanzten vor seinen Augen. Niemand griff ihn mehr an, stellte er mit Verwunderung fest. Ihm war �bel. Er trat zur�ck. Seine Hand tastete nach hinten, bis er die Kaj�tenwand fand. Er musste sich daran lehnen, der Boden schwankte unter seinen F��en � aber immerhin konnte er jetzt wieder klarer sehen, dachte Artax. Ein h�nenhafter Krieger drosch auf Tarkon ein. Der Mann sah gr�sslich aus. Sein Gesicht war eine Maske aus Narben. Artax erinnerte sich an ihn. Er geh�rte zu den Piraten. Zu <emphasis>seinen</emphasis> Piraten.</p><p>�Lass ihn �� Artax� Stimme war kaum mehr als ein raues Fl�stern. Zu sp�t. Der Angreifer rammte Tarkon sein Schwert in den Bauch. Eisenzunge entglitt die Axt. Er starrte den Narbigen an, der ihm einen Fu� auf die Brust setzte und sein Schwert mit einer leichten Drehung aus der Wunde zog.</p><p>Artax st�hnte auf, als sei er selbst getroffen worden. Er hatte das nicht gewollt! Er hatte mit Tarkon reden wollen! Immer noch benommen torkelte Artax �ber Deck, kniete sich neben den sterbenden Piraten und nahm seinen Helm ab.</p><p>Tarkon Eisenzunge atmete schwer. �Du hast verloren�, keuchte er.</p><p>Artax blickte �ber die Reling. Er sah, wie die Frachtklappen an der Seite des Schiffs der Ischkuzaia aufschwangen und die kleinen Wolkensammler herausschw�rmten, die in Fluggeschirren die Himmelskrieger des Reitervolkes trugen. Sie schwangen Enterhaken und zogen sich zur Takelage des zweiten Wolkenseglers hin�ber, w�hrend Bogensch�tzen ihnen vom Deck ihres Schiffes Deckung gaben. Es war der Kampf der Himmelspiraten, der verloren war.</p><p>Tarkons Z�ge waren entspannt. Er l�chelte sogar!</p><p>�Hast du nicht gewusst, dass es so kommen musste? Warum hast du dich nicht ergeben?� Tarkon sterben zu sehen ber�hrte ihn.</p><p>Der Himmelspirat lag im Lichtschein eines der Positionslichter. Die kleine Flamme hinter dem milchigen Glas lie� seine Z�ge weicher erscheinen. �Die Freiheit kann niemals verlieren. Sie w�chst immer weiter�, fl�sterte er.</p><p>Artax l�chelte zynisch. �Welche Freiheit hatten die Wolkenschiffer, die deine M�nner gefangen genommen haben?�</p><p>�Sie hatten die Wahl, Silberkopf. Die meisten sind mit uns gegangen. Und die anderen � Sie haben wenigstens die Wahl gehabt. Das ist mehr, als die Bauern in deinem Reich haben und all die anderen, denen die Geburt den Verlauf ihres Lebens bestimmt. Nangog ist eine neue Welt. Hier kann alles anders sein. Die alten Gesetze m�ssen hier nicht mehr gelten. Viele denken so ��</p><p>�Ich denke ebenso�, entgegnete er traurig. �Wir h�tten die Welt gemeinsam ver�ndern k�nnen.�</p><p>�Du musst einen Sterbenden nicht anl�gen, Priesterm�rder. Einige deiner Tempeldiener haben Zuflucht bei mir gefunden. Sie haben mir viel �ber dich erz�hlt. M�nner wie du k�nnen den Wind der Freiheit nicht ertragen, denn ihr wisst, dass er zu einem Sturm anwachsen wird, der euch aus euren Pal�sten fegt. Und ihr k�nnt ihn nicht aufhalten. Er wird kommen. Und mit uns kommen die Gr�nen Geister!�</p><p>Artax lachte auf. �Unm�glich! Die Gr�nen Geister paktieren mit niemandem!�</p><p>Tarkons Augen wurden weit, als blicke er dem Tod bereits ins Antlitz. Dennoch l�chelte er. �In unserer Stadt gibt es Kinder! Ich habe zwei S�hne. Die Geister wissen, dass wir ihrer Welt nicht schaden. Wir sind nicht gierig � Wir haben unseren Frieden mit ihnen gemacht.�</p><p>Der Unsterbliche blickte auf die gro�e Blutlache. �Du h�ttest mit mir reden sollen. Dann h�ttest du aus deinen S�hnen M�nner werden sehen.�</p><p>�Nicht M�nner � Sklaven. So wachsen sie in Freiheit auf. Wenn sie M�nner sind, werden sie mein Geschenk zu sch�tzen wissen.�</p><p>�Wir werden eure Stadt finden�, sagte Artax mit Nachdruck. �Sag mir, wo sie ist. Ich kann deine Kinder besch�tzen. Andere werden mit Feuer und Schwert dorthin ziehen. Ich will das nicht. Ich komme mit ausgestreckter Hand. Ich wollte auch diesen Kampf nicht!�</p><p>Blut rann aus Tarkons Mundwinkel. �Und deshalb bist du mit zwei Schiffen voller Krieger gekommen? Aber unsere Stadt werdet ihr niemals finden! Eure Schiffe werden euch nicht dorthin tragen. Nie �� Seine H�nde zitterten. �Ich bin jetzt wie du. Ein Unsterblicher. Ich bin ein Mann, der f�r seine �berzeugungen gestorben ist. Ein Held. Alle werden meinen Namen kennen. Alle! Und der Wind der Freiheit wird zu einem Sturm anwachsen. Einem Sturm � Ich sehe ihn. Er wird dich �� Seine Augen wurden weit. Er starrte in die Laterne. Der Sturm flaute ab. Die Zwillingsmonde traten hinter den Wolken hervor.</p><p>Artax dr�ckte ihm sanft die Augen zu. �Du warst schon zu Lebzeiten unsterblich, auch wenn du es nicht sehen konntest.�</p><p>Erspar uns dein Pathos! Schneid ihm die Kehle durch. Er hat dir den Abend mit Shaya verdorben. Dieser Verwirrte hat Gl�ck gehabt. Er h�tte in der Goldenen Stadt �ffentlich hingerichtet werden sollen. Einer wie er �</p><p>Etwas Fleischiges schnellte vom anderen Schiff her�ber. Zwei Tentakelarme griffen nach Tarkon und hoben den sterbenden Piraten von Deck. Sein linker Arm schwenkte durch die Luft, sodass es aussah, als winke ihm Tarkon zu.</p><p>Eine unheimliche Ver�nderung ging mit den beiden Wolkensammlern, die die Schiffe von Tarkons Himmelspiraten trugen, vor sich. Dutzende Tentakel l�sten ihren Griff von den R�mpfen und peitschten durch die Luft. Ein gebogener Sto�zahn traf einen von Jubas Himmelsh�tern mit solcher Wucht, dass dem Krieger ein Bein abgetrennt wurde. Andere Tentakel pfl�ckten Shayas Reiter aus ihren Haltegeschirren und schleuderten die schreienden Krieger in die Tiefe.</p><p>�Durchtrennt die Enterseile�, schrie Artax und eilte zur Reling. �Bringt die Schiffe auseinander!� Mit einem einzigen wuchtigen Hieb durchtrennte er eines der Seile. Volodi kam ihm mit einer Axt zu Hilfe.</p><p>�Holt die Halteleinen ein�, rief Artax �ber den Kampfl�rm hinweg. Immer mehr Tentakel griffen sie an und ihre eigenen Schiffe unternahmen nichts, um sie zu verteidigen.</p><p>�ngstlich blickte er zu den Kriegern aus Ischkuza. Shaya war mit Sicherheit die Erste gewesen, die das Deck verlassen hatte, um das andere Piratenschiff zu entern. War sie in Sicherheit? Artax sprang auf einen der Masten, die waagerecht aus dem Schiffsrumpf ragten, und balancierte �ber das nasse Holz. Er sah sie nicht!</p><p>Hinter sich h�rte er Volodi und Juba Befehle br�llen. Ihr Schiff begann vom Wolkenschiff der Piraten fortzudriften. Holz splitterte, wo sich Masten und Takelage ineinander verfangen hatten. Ein heftiger Schlag lie� den Mastbaum erzittern, auf dem Artax stand. Er griff nach einer Sicherungsleine, die parallel zum Mast lief. Ihr Segler begann zu steigen.</p><p>Gellende Schreie hallten durch die Nacht. Die Tentakel des Wolkenschiffes packten seine M�nner und schleuderten sie in die Tiefe. Einige Fangarme wanden sich um die Masten. Als wollten sie sein Schiff zur�ckhalten. Andere hieben auf die Segel und die Takelage ein. Tuchfetzen flatterten wie geisterhafte V�gel in die Dunkelheit davon. Artax duckte sich unter einem Tentakelhieb. Verzweifelt blickte er in die Tiefe zum Wolkenschiff der Ischkuzaia und versuchte Shaya in dem Durcheinander der kleinen Wolkensammler zu entdecken. Deutlich konnte er das Surren der Seiltrommeln h�ren, mit denen die Halteleinen eingeholt wurden. Hoffentlich hatten sie Shaya zur�ckgeholt. Hoffentlich �</p><p>Entsetzt sah er, wie sich die Flanke des Wolkensammlers, der sein eigenes Schiff angriff, �ffnete. Ein fleischiger Mund klaffte pl�tzlich dort, wo eben nur schleimbedeckte Haut gewesen war. Dutzende kleinerer Fangarme wogten um die �ffnung, als tanzten sie nach einer f�r Menschen unh�rbaren Melodie. Was bei den G�ttern geschah dort?</p><p>Tarkon wurde zu dem Mund emporgehoben. Ein geisterhaft gr�nes Licht umfing ihn, als er in den Schlund geschoben wurde. Es war kein gieriges Schlingen. So befremdlich die Szenerie auch war, wirkte sie feierlich, friedlich. Artax hatte das Gef�hl, Zeuge zu sein, wie ein toter Herrscher bestattet wurde.</p><p>Ein Tentakel, der sich kaum einen Schritt entfernt um den Mast schlang, schreckte ihn auf. Das Holz erzitterte unter der Zugkraft des Fangarms.</p><p>Ja, geh hin, bek�mpfe ihn, raunte die Stimme in seinen Gedanken und Artax wusste, dass es kein guter Rat war. Dennoch hob er sein Schwert. Seine Linke umklammerte die Sicherungsleine. Zoll um Zoll schob er sich auf dem nassen Holz vorw�rts. Der Mast unter ihm knirschte immer bedrohlicher. Kurz dachte er an einen Bogen, der gespannt wurde.</p><p>Mit aller Kraft stie� er zu. Die magische Klinge durchdrang den Fangarm und stie� bis ins Mastholz hinab. Der Tentakel zuckte und wand sich, sodass die Wunde noch gr��er wurde. Das Fleisch des Wolkensammlers warf Blasen, als w�rde es mit einem gl�henden Eisen verbrannt. Z�her schwarzer Rauch str�mte aus der Wunde. Schlie�lich kam der Fangarm frei. Er schnellte zur�ck. Der Wolkensammler zog all seine Tentakel zur�ck. Dabei stie� er ein leises, aber durchdringendes Zischen aus.</p><p>Das Himmelsschiff der Piraten sackte tiefer, als g�be der Wolkensammler sich gr��te M�he, aus Artax� Reichweite zu gelangen. War es die Magie seiner Waffe, die dieses gewaltige Ungeheuer bezwungen hatte? Sprachlos blickte Artax dem schwindenden Wolkenschiff nach.</p><p>Shayas Schiff war immer noch in einen verzweifelten Kampf verwickelt. Die meisten der kleinen Wolkensammler, die Krieger zum Enterman�ver getragen hatten, waren eingeholt worden. Einige klammerten sich seitlich an den Leib der riesigen Kreatur, die das Schiff trug. Etliche Fangarme des Piratenschiffes griffen in die offenen Frachtr�ume, aus denen die kleinen Flieger aufgestiegen waren, und Artax sah, wie Wolkenschiffer in die Tiefe geschleudert wurden. Nirgends vermochte er Shaya zu entdecken. Die Takelage ihres Schiffes hing in Fetzen. Von den acht Hauptmasten waren drei zersplittert. Ihr Schiff w�rde vollst�ndig zerst�rt werden, wenn er nichts unternahm.</p><p>Ein verzweifelter Gedanke keimte in ihm. Vielleicht k�nnte er ja auch das zweite Schiff vertreiben, wenn es ihm nur gelingen w�rde, einen der Tentakel anzugreifen? Er kletterte weiter den Mast entlang, duckte sich unter schlagenden Segelfetzen hinweg und lie� dabei keinen Herzschlag lang Shayas Schiff aus den Augen. Es glitt unter seinem Wolkenschiff hinweg, w�hrend sein Schiff immer h�her stieg. Artax schob sein Schwert in die Scheide. Es war nicht gut hinabzublicken. Es war so entsetzlich tief. Sein Mut sank. Er dachte an all die wunderbaren Stunden, die er mit Shaya verbracht hatte. An seine Tr�ume, sie eines Tages in seinen Palast zu holen.</p><p>Genau, wir finden auch, wenn du ihr nicht zu Hilfe eilst, verr�tst du all deine Ideale.</p><p>Auf diese innere Stimme zu h�ren war falsch. Artax wusste das genau. Aaron und die anderen hofften auf seinen Tod. Sie wollten ihn dazu aufstacheln, eine Dummheit zu begehen. Doch dieses eine Mal hatten sie fast recht. Er w�rde zwar nicht seine Ideale, daf�r aber seine Tr�ume verraten, wenn er nicht alles wagte. Er musste Shaya finden! Vielleicht lag sie l�ngst zerschmettert im Urwald tausend Schritt unter ihnen, doch auch wenn die Hoffnung noch so gering war � er musste es wagen, es zumindest versuchen. Oder er w�rde nie mehr in seinem Leben Frieden finden. Jetzt!, dachte er.</p><p>Mit einem verzweifelten Schrei sprang Artax in die Tiefe.</p><p>Sein Sturz schien endlos zu w�hren. Waren es f�nfzig Schritt? Oder mehr? Er schlug auf die Oberseite des Wolkensammlers auf. Das aufgedunsene Gewebe gab unter ihm nach. Es war, als schlage man mit der Faust auf einen halb vollen Weinschlauch, nur dass die Haut des Wolkensammlers viel weicher und nachgiebiger als Leder war.</p><p>Bitterer Schleim drang ihm in Mund und Nase. Er prustete und spuckte. Benommen k�mpfte Artax sich hoch. Ihm zitterten die Knie, doch die Sorge um Shaya peitschte ihn voran. Er tastete nach einer der Sicherungsleinen, die sich wie ein gro�es Netz �ber die Oberseite des Wolkensammlers spannten. Immer noch w�rgte er Schleim heraus, als er eines der Seile fand. Geduckt, eine Hand immer am Seil, eilte er zur Flanke der riesigen Kreatur. Zwar hatten seine heimlichen Treffen mit Shaya seine F�higkeiten als tollk�hner Kletterer zwischen Himmel und Erde deutlich verbessert, doch Regen und Schleim machten es schwer, einen sicheren Halt zu finden. Dennoch z�gerte er keinen Herzschlag, sich entlang der Flanke des Wolkensammlers abzuseilen.</p><p>In fliegender Hast, stie� er sich mit den F��en ab, w�hrend er tiefer und tiefer am Seil entlangrutschte. Endlich konnte er in die Takelage einsteigen. Er fand eines der Sicherungsseile und glitt daran hinab. Obwohl der Hanf nass war, schnitt er ihm in die Handfl�chen.</p><p>Das ganze Wolkenschiff erbebte unter den Tentakelhieben des Piratenseglers. Segelzeug st�rzte neben ihm in die Tiefe. Pl�tzlich begann das Seil, an dem er hing, zu pendeln. Es musste irgendwo unter ihm zerrissen sein.</p><p>Das Deck war nicht mehr allzu fern. Von Sorge getrieben, wagte er den Sprung. Er kam hart auf. Sein rechter Fu� knickte um. Sengender Schmerz brannte in seinem Kn�chel. Das Schwert wie eine Kr�cke benutzend, stemmte er sich hoch. Ein Tentakelhieb zerschmetterte die Reling neben ihm. Er zog blank, taumelte �ber das bebende Deck � und kam zu sp�t. Der Fangarm war wieder in der Dunkelheit verschwunden. Warum wehrten sich ihre eigenen Wolkensammler nicht? Warum lie�en sie zu, dass die Schiffe, die sie so viele Jahre durch die Himmel Nangogs getragen hatten, unter ihnen zerschmettert wurden? Was hatten er und seine M�nner getan, die sonst so friedlichen Himmelswanderer zu solcher Raserei zu treiben? Besch�tzten diese Kreaturen etwa Tarkons Piraten?</p><p>Ein w�tender Schrei schreckte ihn auf. Eine Stimme, die er unter Tausenden erkannt h�tte. Shaya! Der Schrei kam von irgendwo weiter vorne, wo das Deck des Wolkensammlers in Tr�mmern lag.</p><p>Er st�rmte vorw�rts, jeder Schritt ein flammender Schmerz. Zerschlagene Planken schwankten unter seinen Schritten. Durch die klaffenden L�cken blickte er hinab in den Frachtraum. Junge Wolkensammler dr�ngten sich dort.</p><p>Artax hastete weiter, bis er eine weite L�cke im Deck erreichte. Er konnte die Tentakelarme sehen, die unter ihm w�teten. Jene Arme mit den gebogenen Elfenbeinz�hnen an ihren Enden.</p><p>Artax fand eine �ffnung, die gro� genug war, um hindurchzuschl�pfen. Wieder h�rte er ihre Stimme. Etwas traf auf Metall und ein Laut wie ein Gongschlag hallte durch das Schiff. Die jungen Wolkensammler stie�en ein �ngstliches Zischen aus. Rauch stieg vom Frachtraum auf. Ein Feuer musste ausgebrochen sein.</p><p>Artax sprang durch die L�cke. Er prallte auf einen der Wolkensammler � ein Tier, gro� wie ein Elefant �, glitt seitlich ab und knickte ein, weil ihn sein verstauchter Kn�chel nicht mehr tragen wollte. Im selben Augenblick schoss ein langer Tentakel �ber ihn hinweg und verfehlte ihn nur um Haaresbreite. Artax riss sein Schwert aus der Scheide. Die kleineren Wolkensammler um ihn herum gaben zischende Laute von sich und wichen zur�ck, doch der Tentakel, der ihn so knapp verfehlt hatte, bog sich �ber ihm auf, wie eine Schlange, die eine Maus gestellt hatte. Blut troff von dem gekr�mmten Zahn am Ende des Fangarms. Artax versuchte sich hochzustemmen, knickte jedoch sofort wieder ein.</p><p>�Komm her�, schrie er dem Tentakel trotzig entgegen, als k�nne dieser ihn verstehen.</p><p>Was h�ltst du davon, die Waffe deines Gegners mit deinem K�rper zu fangen?, h�hnte Aaron.</p><p>Der Tentakel wand sich hin und her. Bereit, jeden Augenblick zuzusto�en. Zwischen den kleineren Wolkensammlern hindurch sah Artax Shaya. Umringt von einigen ihrer Krieger, stand sie mit dem R�cken gegen eine Holzwand und versuchte sich der angreifenden Tentakel zu erwehren. Einige ihrer M�nner trugen runde Bronzeschilde, doch vermochten diese vor den wuchtigen Angriffen des Ungeheuers nicht wirklich zu sch�tzen.</p><p>Artax griff nach den herabh�ngenden Tentakeln eines der kleinen Wolkensammler. Gleichzeitig hob er sein Schwert und ber�hrte mit der flachen Seite die Flanke des Tieres. Die Kreatur zuckte empor und riss ihn hoch. So auf die Beine gekommen, hieb er nach dem gro�en Tentakel. Die Klinge schnitt durch den beindicken Greifarm. Polternd schlug der m�rderische Sto�zahn auf das Deck. Das gr�ne Leuchten um seine Klinge wallte auf und f�llte einen Moment lang das Frachtdeck.</p><p>Der Angriff auf Shayas Schiff endete augenblicklich. Die Fangarme zogen sich zur�ck. Es war vor�ber. Sie f�rchteten sein Schwert, dachte Artax �berrascht. W�rde er von einem Gr�nen Geist besch�tzt? Gewiss nicht!</p><p>Artax lie� den kleinen Wolkensammler los und glitt zu Boden. Wieder benutzte er sein Schwert als Kr�cke und hinkte zur R�ckwand des Frachtraums. Shaya sah aus wie eine Furie. Ihr Schuppenpanzer war �ber und �ber mit Blut besudelt. Sie hielt ihre Dornaxt erhoben, als rechne sie jeden Augenblick mit einem neuen Angriff. Um sie herum lagen die Krieger ihrer Leibwache. Faustgro�e L�cher waren durch die Bronzeschilde einiger der Toten gesto�en. Zwischen ihnen lagen drei abgetrennte Fangarme.</p><p>�Es ist vor�ber�, sagte Artax mit rauer Stimme.</p><p>Shaya sah ihn mit wildem Blick an. Zwei � drei Herzschl�ge vergingen, bis sie einen Seufzer ausstie� und ihre Waffe sinken lie�. �Was ist da geschehen? Noch nie hat ein Wolkensammler in einen Kampf eingegriffen. Nie!�</p><p>Auch Artax wusste keine Antwort.</p><p>�Wir steigen. Kannst du es f�hlen? Die Wolkenschiffe haben sich getrennt. Es ist wirklich vorbei.� Sie nahm ihn in die Arme und k�sste ihn. Vor aller Augen!</p><p>�Dir geht es gut?�, hauchte er.</p><p>�Ich bin unverletzt�, entgegnete sie knapp. Auf dem Weg zur offenen Frachtluke in der Bordwand zog sie seinen Arm �ber ihre Schulter und st�tzte ihn.</p><p>Die beiden Wolkenschiffe der Piraten lagen bereits mehr als hundert Schritt unter ihnen und sie stiegen schnell h�her. Eine breite Wolkenbank zog auf die beiden Sichelmonde zu. B�iger Wind heulte um das Schiff. Eine neue Sturmfront zog herauf. Doch das Wetter machte Artax keine Sorgen. Nie zuvor hatte er erlebt, dass ein Wolkenschiff so schnell in den Himmel gestiegen war. Ein ungutes Gef�hl �berkam ihn.</p><p>�Du bist wie ein Held aus den M�rchen meiner Kindheit. Kommst und rettest deine Geliebte vor dem gr�sslichen Ungeheuer. � Sie k�sste ihn erneut. L�nger, leidenschaftlicher jetzt. �Nichts wird uns mehr trennen�, sagte sie voller Euphorie. �Die G�tter sind uns gn�dig!�</p><p>Artax schwieg. An gn�dige G�tter glaubte er nicht mehr.</p></section><section><title><p>Der in den Sternen liest</p></title><p>Schwerer Regen hatte eingesetzt. Immer noch kauerte Nandalee neben dem Schiffsbaum. Die Himmelspiraten hatten sich aus der Takelage zur�ckgezogen und waren irgendwo im Schiffsbauch verschwunden. Gonvalon hatte nicht das Gef�hl, dass von ihnen noch eine Gefahr ausging. Der Ausgang ihres Kampfes war sehr eindeutig gewesen. Dennoch blieb er wachsam, aber viel mehr beunruhigte ihn, was Nandalee � oder besser gesagt, das Ding in ihr � tat.</p><p>Die Lippen der Elfe bewegten sich unabl�ssig, ohne dass ein Laut zu h�ren war. Sie hielt die H�nde fest gegen den Stamm des Schiffsbaums gepresst. Das Krachen von splitterndem Holz mischte sich unter das best�ndige Rauschen des Regens. Die Doppelmonde waren l�ngst hinter den Regenwolken verschwunden. Jenseits der Lichtkreise der Positionslampen des Schiffes herrschte schw�rzeste Nacht. Aber Gonvalon hatte f�hlen k�nnen, wie das Schiff immer tiefer gesunken war. Pl�tzlich gerieten die riesigen Tentakelarme in Bewegung, schwangen an der Reling vorbei, kr�mmten sich und griffen ins Leere.</p><p>Nandalee sprang abrupt auf. Gleichzeitig kam der Wolkensegler mit einem Ruck zum Stillstand. Gonvalon strauchelte, aber Nandalee blieb einfach stehen, als habe sie genau gewusst, was kommen w�rde. �Wir gehen�, sagte sie mit ihrer unheimlichen ver�nderten Stimme. �Nimm Bidayn und gib mir meinen Bogen.�</p><p>Gonvalon sah sie fragend an. �Wohin gehen wir?�</p><p>�Zur gro�en Mutter�, antwortete sie, als sei damit alles gesagt. Nandalee nahm ihm den Bogen aus der Hand und trat an die Reling.</p><p>Gonvalon beugte sich zu Bidayn. Er hatte sie mit seinem Umhang zugedeckt. Das war alles, was er f�r sie hatte tun k�nnen. Er versuchte sie aufzunehmen. Es gab einen Widerstand, als w�rde sie festgehalten, dann erklang ein leises, trockenes Knacken.</p><p>Er tastete �ber ihren R�cken. Etwas H�lzernes ragte aus ihrer Wunde! Das konnte nicht sein! Niemals h�tte er einen so gro�en Splitter vom Pfeilschaft �bersehen! Vorsichtig brachte er sie in eine sitzende Position, um sich Bidayns R�cken ansehen zu k�nnen.</p><p>Etwas Kugeliges ragte aus der Wunde, das aussah, wie ein knorriges St�ck Wurzelholz! Eine helle Bruchstelle entsprach einem hellen Fleck auf den Planken des Schiffes.</p><p>Gonvalon sp�rte, wie sich sein Magen zusammenzog. Bidayns Albtraum, der sie verfolgt hatte, seit sie die Toten im Holzf�llerlager entdeckt hatten, war Wirklichkeit geworden! Wurzeln waren in sie hineingewachsen!</p><p>Ungl�ubig tastete Gonvalon �ber die Wunde. Er konnte das Wurzelwerk unter der Haut der Elfe sp�ren! Er strich �ber die Stelle �ber der H�fte, wo die Eintrittswunde lag. Auch dort Wurzeln! Hier lagen sie sogar auf der Haut Bidayns!</p><p>�Sie w�re l�ngst tot, wenn ich ihr nicht geholfen h�tte�, sprach die fremde Stimme aus Nandalees Mund. �Die Wurzeln haben alle feinen Gef��e abgeschn�rt und so die Blutungen gestillt. Sie haben ihr das Leben gerettet.�</p><p>Das mochte stimmen, dennoch war Gonvalon entsetzt. �Warum hast du nichts ��</p><p>�Gesagt? Und dann? Was h�tte es genutzt? Du h�ttest protestiert, ohne zu wissen, wogegen du dich emp�rst, Elf. Was wei�t du schon von dieser Welt!�</p><p>�Ich habe Menschenkinder gesehen, die von Baumwurzeln get�tet worden sind.� Er dachte an Matha Naht. Nie wieder w�rde er B�ume f�r harmlos halten!</p><p>Sie l�chelte. �Wenn du der gro�en Mutter begegnest, wirst du verstehen.� Ein Tentakelarm schwang �ber die Reling und legte sich um ihre H�ften. �Komm! Der in den Sternen liest wird uns auf den Waldboden hinabsetzen.�</p><p><emphasis>�Der in den Sternen liest?�</emphasis></p><p>�Eine ziemlich k�mmerliche �bersetzung in deine Sprache, ich wei�. Jetzt komm, wir m�ssen uns beeilen! Menschenkinder und ein Devanthar verfolgen uns. Uns bleibt nicht mehr viel Zeit.� Sie wurde vom Deck gehoben und ein zweiter Tentakel streckte sich in Gonvalons Richtung. Der Fangarm m�ndete in ein breites, abgeflachtes Ende. Er verharrte ein St�ck vor ihm. Schleim troff von der z�hen, r�tlichen Haut.</p><p>Der Elf blickte zu dem riesigen, aufgedunsenen Leib, der �ber ihm den Blick auf den Nachthimmel versperrte. <emphasis>Der in den Sternen liest</emphasis>? Wer hatte sich wohl solch einen Namen f�r diese Kreatur ausgedacht?</p><p>Vorsichtig hob er Bidayn auf und machte einen Schritt auf den Tentakel zu. Der Fangarm des Himmelsgesch�pfes schlang sich um seine H�ften. Die Kreatur hielt ihn fest gepackt. Es w�re ihr sicherlich ein Leichtes, ihn zu zerquetschen! Doch der Wolkensammler setzte seine Kraft behutsam ein und hielt ihn gerade so fest, dass er nicht rutschte. Mit einem kraftvollen Schwung wurden er und Bidayn �ber die Reling gehoben. In atemberaubendem Tempo schossen sie zwischen m�chtigen �sten hinab, ohne dabei einen einzigen zu ber�hren. Regen prasselte auf das dichte Bl�tterdach. Nach wie vor konnte Gonvalon kaum einen Schritt weit sehen.</p><p>Er wurde auf schlammigem Waldboden abgesetzt. Nandalee kauerte auf einer Wurzel, die dick wie ein Pferdeleib war. Wieder hielt sie ihre beiden H�nde gegen das Holz gepresst.</p><p>Der nasse Boden atmete dichten Nebel aus. Gonvalon sp�rte den Wald ringsherum mehr, als dass er ihn sah. Einen Wald aus uralten B�umen. Ein St�ck entfernt glitt ein geisterhaftes gr�nes Licht durch den Nebel, wie eine Forelle, die dicht unter der Oberfl�che eines Teichs dahineilte.</p><p>Es wurde k�lter. In seinen Armen seufzte Bidayn im Schlaf.</p><p>Nandalee wirkte alarmiert. �Schnell�, sagte sie mit einem Anflug von Panik in der Stimme. �Er ist wieder wach. Er wird nicht lange brauchen, um hierherzugelangen!�</p></section><section><title><p>Schmerzen</p></title><p>Der Devanthar erwachte und sogleich flutete der erlesene Schmerz, der ihm zuvor das Bewusstsein geraubt haben musste, seine Sinne. Noch immer steckte er in dem K�rper des kleinw�chsigen H�ndlers. Dieser verdammte Pirat hatte ihn wirklich �berrascht. Ihn einfach �ber Bord zu werfen!</p><p>Er versuchte sich aufzurichten, gab aber sofort wieder auf. Der Schmerz war zu �berm�chtig. Ein Ast hatte seine rechte Achselh�hle durchsto�en, war unter seinem Schulterblatt entlanggeschrammt und dann irgendwo aus seinem R�cken ausgetreten. Ob er h�tte sterben k�nnen?</p><p>Eigentlich war ein solcher Sturz kein Problem, wenn er vorbereitet war. Er h�tte sich in einen Vogel verwandeln oder einfach wie eine Feder schweben k�nnen. Es h�tte tausend M�glichkeiten gegeben � und genau das war ihm zum Verh�ngnis geworden. Man musste einen Plan haben. Er war �berrascht worden. Einige kostbare Augenblicke waren verstrichen, weil er nicht hatte fassen k�nnen, was geschehen war. Und dann hatte ihn Panik erfasst. Es war ein neues, �berraschendes Gef�hl gewesen. Zum allerersten Mal in seinem Leben hatte er dem Tod ins Antlitz geblickt. Er war sich nicht sicher gewesen, ob er sterben w�rde, wenn der K�rper, den er sich erw�hlt hatte, v�llig zerst�rt w�rde. Mit aller Deutlichkeit erinnerte er sich an seine besch�mend konfusen Gedanken. Er hatte sich in einen Vogel verwandeln wollen, den Zauber aber nach nur einem Atemzug wieder abgebrochen, als ihm klar wurde, dass ihm nicht genug Zeit bleiben w�rde, ihn zu vollenden. Eine Transformation dauerte, aber das Wolkenschiff war nicht viel mehr als tausend Schritt �ber dem Wald geflogen. Er h�tte die Verwandlung nicht rechtzeitig abschlie�en k�nnen. Das Gr�n des Laubdachs war rasend schnell n�her gekommen. Zu viele Gedanken gleichzeitig hatten ihn daran gehindert, eine klare Entscheidung zu treffen. Dann endlich hatte er ein Wort der Macht gesprochen. Es hatte die Luft um sich zusammengezogen, sie dichter gemacht und so seinen Fall gebremst. Dann war er durch das Laubdach des Waldes gebrochen, �ste hatten den zerbrechlichen Menschenleib gepeitscht. Er hatte versuchte, den Fall zu kontrollieren, mit den F��en voran aufzukommen � Dann war ihm der Ast durch die Achsel gesto�en.</p><p>Verschwommen erinnerte er sich noch an den Aufschlag auf den Waldboden. Daran, wie die Knochen seiner Beine wie trockenes Reisig gesplittert waren.</p><p>Wieder versuchte er sich zu bewegen. Unm�glich. Die kleinste Bewegung b��te er mit flammendem Schmerz. Er musste diesen geschundenen Leib heilen, bevor er von hier fortkonnte.</p><p>Regen prasselte ihm ins Gesicht. Der Himmel hatte sich zugezogen. Die Zwillingsmonde waren hinter Wolken verschwunden. Wie viel Zeit mochte verstrichen sein, seit er gest�rzt war? Soweit er das durch das dichte Laubdach erkennen konnte, waren die Wolkenschiffe verschwunden und mit dem Wind weitergezogen.</p><p>Er konzentrierte sich auf das rechte Bein. Kraft seines Willens bewegte er die Knochensplitter im geschundenen Fleisch. Der Schmerz brachte ihn erneut an den Rand einer Ohnmacht. Splitter f�gten sich wieder zusammen, verwuchsen zu einem Ganzen. Ihm kam es wie eine Ewigkeit vor. Dann heilte er sein linkes Bein. Mit geschlossenen Augen konzentrierte er sich auf den zerbrechlichen Menschenk�rper, suchte nach weiteren Verletzungen, renkte ausgekugelte Gelenke ein. Dann zog er den Ast aus der Achsel.</p><p>Er machte seinem Schmerz mit einem Schrei Luft. Lie� ihn aus sich herausflie�en. Endlich konnte er sich aufrichten! Ein machtvoller Gedanke setzte eine weitere Verwandlung in Gang � er w�rde den schw�chlichen Menschenleib abstreifen. Wieder zum Ebermann werden. Und dann w�rde er jagen! Er hatte die drei Elfen lange genug beobachtet. Jetzt w�rde er sie sich holen. Und zumindest eines der Albenkinder w�rde er an den Schmerzen teilhaben lassen, die er erlitten hatte. Vielleicht den Mann. Wenn die beiden Weiber sahen, was seine Krallenh�nde vollbringen konnten, dann w�rden sie reden! Sie w�rden ihm alles erz�hlen!</p></section><section><title><p>Ruhm</p></title><p>Galar sa� mit dem R�cken gegen ein Fass voller Drachenblut gelehnt und war zufrieden. Er war v�llig zerschlagen, konnte aus eigener Kraft kein Glied mehr r�hren. Auch hatte er viel Blut verloren und so, wie es sich anf�hlte, hatte er mindestens eine Rippe gebrochen. Aber er hatte gesiegt! Seine Vision, einen wahrlich gro�en Drachen zu erlegen, war Wirklichkeit geworden. Er hatte seinem ganzen Volk bewiesen, dass Zwerge sich nicht tief unter den Bergen verkriechen mussten, um der Tyrannei der Drachen zu entfliehen. Sie konnten sich erheben und die selbstherrlichen Himmelsw�chter st�rzen.</p><p>Dutzende Fleischhauer waren damit besch�ftigt, den Drachen zu zerlegen. Er war zu gro�, um alles mitzunehmen, aber auch so w�rde es gen�gen, um jeden, der an dieser Jagd teilgenommen hatte, reich zu machen. Aus diesen Drachenz�hnen k�nnte man K�nigszepter schnitzen. Die Schuppen f�r Prunkr�stungen verwenden. Dolche aus Drachenkrallen, Pfeifenrohre aus den d�nnen Fl�gelknochen. Es gab unz�hlige M�glichkeiten, den Kadaver zu verwerten. Aus dem Drachenfleisch und -blut w�rde er die Zauberkraft des Drachen herausdestillieren. Und aus seinem Gehirn.</p><p>Galar schnippte nach einem der Tr�ger. �Bring mir ein Pilz! Das Drachenjagen macht durstig.�</p><p>�Arbeiten auch�, murrte der Angesprochene, machte sich aber auf den Weg zu dem Fass, das nahe dem Kadaver aufgebockt stand.</p><p>Galar hatte geh�rt, dass Sviur beim Angriff des Drachen umgekommen war. Ein Verlust, der ihn nicht traurig stimmte. Dieser verdammte Narr h�tte sie mit seiner Schreierei im Wald fast alle umgebracht. Das Schicksal hatte Sinn f�r Humor, �berlegte Galar gut aufgelegt. Sviur hatte immer schon ein gro�es Maul gehabt. Das hatte ihn letztlich umgebracht.</p><p>Sein Pilz kam. Galar konnte den Humpen mit seinen verbrannten H�nden kaum halten, aber er riss sich zusammen. Jammern war nicht seine Art. Er blickte zu Nyr. Der Gesch�tzmeister lag ein St�ck den Hang hinab auf einer Trage. Es stand schlecht um ihn. Niemand konnte sagen, ob er die n�chsten Stunden �berleben w�rde. Sein Gesicht war �bel verbrannt. Was f�r ein Kerl! Nicht einmal sengender Drachenodem hatte ihn davon abhalten k�nnen, den perfekten Augenblick f�r seinen Schuss abzuwarten. Er sollte die Goldenen Schwingen tragen, nicht Hornbori.</p><p>Galar legte den Kopf in den Nacken und sah den treibenden Wolken zu. W�rde es eine Zeit geben, in der der Himmel frei von Drachen war? Eine Zeit der Freiheit f�r alle V�lker Albenmarks? Mit einem gerechten Herrscher? Nat�rlich m�sste das ein Zwerg sein. Keines der anderen V�lker hatte einen so ausgepr�gten Sinn f�r Recht und Ordnung.</p><p>�Wenn ich es dir doch sage. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen, wie er den Drachen nur mit einer Handaxt besiegt hat!�</p><p>Galars Tagtr�ume zerstoben. Er drehte sich um. Ein Krieger in einem ru�geschw�rzten Kettenhemd redete auf den Tr�ger ein, der ihm eben erst das Pilz gebracht hatte.</p><p>�Sieh mich an. Ich habe an Hornboris Seite gek�mpft. Aber gegen ihn bin ich nur ein kleines Licht. Der f�rchtet gar nichts. Sein Blut ist wie Eis, obwohl er zum Berserker werden kann, wenn man ihn reizt.�</p><p>Galar traute seinen Ohren nicht. Wie konnten sie die Wahrheit so schnell so gr�ndlich verzerren? Hornbori und Blut wie Eis? Das war l�cherlich. H�tte er den Mistkerl nicht gepackt, w�re er in den Wald stiften gegangen, als der Drache sie angriff.</p><p>�Ich sag dir�, fuhr der Aufschneider fort, �einem wie Hornbori und seinen beiden Gehilfen w�rde ich bis in den Jadegarten folgen, um dort den eingebildeten Regenbogenschlangen in ihren Drachenarsch zu treten, dass die sich an ihrem eigenen Feuerodem verschlucken.�</p><p><emphasis>Gehilfe!</emphasis> Galar traute seinen Ohren nicht. Hornbori hatte es also geschafft. Er war auch aus dieser Sache herausgekommen. Wahrscheinlich w�rden seine Taten bald auf den gro�en Steinstelen in den K�nigshallen verewigt werden. Und wenn er und Nyr viel Gl�ck hatten, w�rde man ihrer beider Namen als <emphasis>Gehilfen</emphasis> des ruhmreichen Hornbori Drachent�ter erw�hnen.</p><p>Galar nahm einen tiefen Schluck Pilz. Es war m��ig, dagegen anzuk�mpfen. Irgendwie hatte Hornbori es geschafft, den Ruhm des Tages allein zu ernten. Wenn er dagegen aufbegehrte und versuchte die Wahrheit zu verbreiten, w�rde man ihn vermutlich f�r einen Aufschneider halten. Galar nahm noch einen weiteren Schluck, und als er den Humpen geleert hatte, schaffte er es sogar, sich ein fatalistisches L�cheln abzuringen. Das Schicksal hatte in der Tat Sinn f�r Humor � und es liebte offensichtlich, Gecken zu Helden zu machen.</p></section><section><title><p>Unter dem Schiffsbaum</p></title><p>Artax fror j�mmerlich. Er hatte sich eine Decke um die Schultern geschlungen und blickte auf die d�steren Wolkenb�nke hinab, die unter ihnen dahintrieben. Das Wolkenschiff war durch die Ausl�ufer der Sturmfront hindurch immer h�her gestiegen.</p><p>Sein Herz schlug so schnell, als sei er ein weites St�ck Weg gelaufen, sein Atem ging keuchend, und bohrende Kopfschmerzen qu�lten ihn. Er sah auf ein Gewitter hinab. Die Wolken unter ihm erstrahlten immer wieder in glei�endem Licht. Deutlich konnte er die gezackten Arme erkennen, die hinab zum Wald griffen. G�tterarme, dachte er. Und er stand nun �ber den G�ttern.</p><p>Artax sch�ttelte den Kopf. Nein, dachte er, er stand sicherlich nicht �ber den G�ttern, denn er f�hlte sich durch und durch menschlich. Ihm war �bel vor Schmerz und sein Kopf f�hlte sich an, als wolle er zerplatzen. Als seien die Gedanken, die ihn bewegten, zu gro� f�r ihn.</p><p>Einer von Shayas Kriegern torkelte an ihm vor�ber und erbrach sich �ber die Reling. Es war bereits der dritte, seit sie durch die Wolkendecke gesto�en waren. Die Erkenntnis, dass die Wolkensammler sich gegen sie wenden konnten, machte sie krank, dachte Artax. Diese Krieger mussten sich ihren Wolkensammlern bedingungslos anvertrauen. Wie sollten sie sich noch hinaus in den Himmel wagen, wenn sie bef�rchten mussten, dass die Tentakel, die sie halten sollten, sich um ihren Hals legen k�nnten, um sie zu strangulieren?</p><p>Artax verschr�nkte seine Finger ineinander, hob sie vor den Mund und blies seinen warmen Atem zwischen die Handfl�chen. Was f�r eine K�lte! Wie hoch sie wohl waren?</p><p>Ein Blitzschlag erleuchtete die Wolken. Er konnte stumm bis f�nf z�hlen, bevor der Donner zu ihm heraufklang. Kurz stellte er sich vor, auf den dunklen Wolken unter sich zu wandern. �ber den Blitzen. Wie es wohl war, auf die Wolken zu fallen? Je l�nger er hinabblickte, desto verlockender erschien ihm die Vorstellung. Er w�rde die Arme ausbreiten, als sei er ein Adler. Vielleicht k�nnte man auf einem Blitz reiten, wenn er es schaffte, einen zu packen zu bekommen? Er beugte sich weit �ber die Reling. Konnte man vorher erkennen, an welcher Stelle ein Blitz aufflammen w�rde? Sammelte sich vielleicht Sternenlicht, um dann vom Himmel zu fahren?</p><p>Ein Schatten trat neben ihn. �Wir sind nur noch siebenunddrei�ig�, sagte Shaya mit belegter Stimme. �Siebenunddrei�ig von achtundachtzig. Und wir haben unseren Lotsen verloren. Die Glaskanzel ist nur noch ein Scherbenhaufen. Die Tentakel haben sogar ihn angegriffen.� Sie seufzte. Aus den Augenwinkeln sah Artax, wie sie sich mit der Hand �ber die Stirn fuhr.</p><p>�Kopfschmerzen?�</p><p>�Ja�, stie� sie gepresst hervor. �Wie noch nie in meinem Leben. Mir wird immer wieder schwindelig, und mein Atem pfeift, als sei ich ein altes, zahnloses Weib. Au�erdem bei�t mir die K�lte bis ins Mark der Knochen. Wir sollten nach drinnen gehen, zu den anderen. Ich habe einige Feuerschalen aufstellen lassen. Dort ist es warm.�</p><p>Artax blickte zu den Doppelmonden, die ihm in dieser Nacht zum Greifen nahe erschienen. Ein St�ck voraus flog das zweite Wolkenschiff. Wie es seiner Mannschaft wohl ergangen war? Er schluckte. Es knackte in seinen Ohren und einen Augenblick lang lie� der Kopfschmerz nach. In dieser Nacht w�rden sie nicht mehr viel unternehmen k�nnen. Vielleicht kamen sich die beiden Wolkenschiffe ja morgen nahe genug, dass man sich Schleppleinen zuwerfen konnte.</p><p>Er war m�de, w�re aber dennoch gerne l�nger mit Shaya an Deck geblieben. Fl�chtig ber�hrten seine Fingerspitzen ihre Hand. Sie ergriff seine Hand. Dr�ckte sie fest. Auch wenn sie ihm im Frachtraum geschworen hatte, dass sie sich nie mehr trennen w�rden, wussten sie beide, dass dies nicht Wirklichkeit werden konnte. Sie konnten nicht gegen die Gesetze der G�tter aufbegehren. Alles was blieb, waren ein paar gestohlene Stunden. Nichts hatte sich ge�ndert � und doch war alles anders. Sie hatte ihn ihren M�rchenprinzen genannt! Sie hatte ihn gek�sst. Vor den Augen der anderen. Sie liebte ihn, das wusste er jetzt. Und sie lebte! Er hatte sie gerettet. Er hatte es wirklich geschafft. Stumm hoffte er, dass es mehr als ein paar Stunden waren, die er ihr geschenkt hatte.</p><p>Artax sp�rte, wie sie zitterte. Es war so kalt, dass ihnen der Atem in dichten wei�en Wolken vor dem Mund stand. Sie musste ins Warme, auch wenn sie es nicht wollte. Dort war keine N�he mehr m�glich. Sie durften sich nicht noch einmal gehen lassen. Nicht vor so vielen Zeugen.</p><p>Kurz entschlossen zog er sie an sich und stahl ihr einen Kuss. Sie hielt ihn fest, erwiderte seinen Kuss, so leidenschaftlich und verzweifelt, als w�re sie sich sicher, dass es das letzte Mal war, dass sie einander in den Armen lagen. Pl�tzlich musste sie husten, l�ste sich, kr�mmte sich und hielt dabei immer noch fest seine Hand.</p><p>�Wir sollten hineingehen�, sagte er leise.</p><p>Sie nickte. Tr�nen standen in ihren Augen. Es war das erste Mal, dass er sie weinen sah.</p><p>Shaya bemerkte, wie er sie anblickte, und wischte sich mit der freien Hand �ber das Gesicht. �Der Husten�, entgegnete sie mit kratziger Stimme, die die Wahrheit nicht zu verbergen vermochte. �Nur der Husten.�</p><p>�Nat�rlich.� Er dr�ckte noch einmal ihre Hand. Dann musste er sie loslassen. Sie betraten die enge Stiege, die hinab in den Rumpf des Wolkenschiffes f�hrte. Hier herrschte �berall Platzmangel. Mit seinem Palastschiff hatte dieser Frachter wenig gemein. Sein Hauptzweck bestand darin, m�glichst viele Waren fassen zu k�nnen. Artax war zuvor nie zu Besuch auf diesem Schiff gewesen, aber er unterstellte, dass es ganz �hnlich gebaut sein w�rde wie jenes, auf dem er reiste.</p><p>Sein verstauchter Fu� schmerzte bei jedem Schritt, doch er biss die Z�hne zusammen und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Vom Ende der Treppe drang mattgelbes Licht aus einer Hornlaterne herauf. Die W�nde waren mit Ru� bemalt � wandernde Herden in weiten Graslandschaften; ein stilisierter Adler, allein im Himmel; ein Steppenreiter, der �ber die K�rper erschlagener Feinde hinwegpreschte.</p><p>Am Ende der Treppe schob Shaya eine T�r auf. Sie zw�ngten sich durch einen engen Gang, bis sie an eine weitere T�r gelangten, die ganz in Rot und Gold bemalt war. Verschlungene Schriftzeichen wanden sich �ber das Holz. Shaya schob ihn durch einen Vorhang aus Perlschn�ren und Artax war �berrascht, wie gro� die Kammer war, die sie betraten. Trotz der Feuerschalen, die aufgestellt waren, roch es ein wenig feucht und muffig.</p><p>In der Mitte der Kammer erhob sich ein Pfahl aus dem Holzboden. Bunte Tuchstreifen waren darum gewickelt und er wurde von einem bemalten Pferdesch�del gekr�nt. Ringsherum kauerten die �berlebenden Wolkenschiffer und Krieger. Sie wirkten apathisch, einige summten einen monotonen Kehrreim. Unmittelbar vor dem Pfahl kauerte ein grauhaariger Mann und streute Weihrauchkl�mpchen in eine Kupferschale. Artax kam das alles beklemmend vertraut vor. Er blickte zur Decke hinauf. Sie war ganz und gar von dichtem Wurzelwerk �berwuchert!</p><p>�Wo sind wir hier?�</p><p>�Unter dem Schiffsbaum. Hier sind uns unsere G�tter nah und unsere Ahnen.�</p><p>Artax blickte zum Perlvorhang zur�ck, dann zu dem Pferdesch�del und erneut zur Decke. Es war wie auf dem Todesschiff! Kleiner, weniger pr�chtig, aber ansonsten war es gleich.</p><p>�Wir werden hier sterben�, keuchte er, und ein Schmerz fuhr durch seinen Kopf, als habe man ihm einen gl�henden Dolch ins Auge gesto�en. �Der Saal voller Toter. Das alles war wie hier!�</p><p>�Aber was sollte uns hier denn umbringen?�, wandte Shaya �rgerlich ein. �Unsere Ahnen und G�tter wachen hier �ber uns.�</p><p>�Geht es dir etwa gut? Hast du nicht auch diese Kopfschmerzen? Versp�rst du keine �belkeit?� Artax� Herz schlug so wild, dass er das Gef�hl hatte, es m�sse jeden Augenblick zerspringen. Sein Atem ging keuchend. Langsam wich er zu dem Perlvorhang zur�ck. �Wir m�ssen fort von hier, oder wir alle werden sterben!�</p><p>Shaya l�chelte traurig. �Wohin willst du denn gehen? Wir schweben drei- oder viertausend Schritt �ber dem Wald. Wir k�nnen uns hier oben nur dem Schutz durch unsere Geister anvertrauen. �</p><p>Artax sah sie fassungslos an. Offenbar hatte sie nicht verstanden. Es gab keine sch�tzenden Geister f�r sie. Nicht auf Nangog. Er hatte all das schon einmal gesehen und wusste, hier erwartete sie der Tod.</p></section><section><title><p>Die H�hle</p></title><p>Gonvalon stand der Atem vor dem Mund. Als die Sonne unterging, war es noch nicht Winter gewesen, doch jetzt sah er an einigen der alten B�ume Eiskristalle wuchern. Lichter wanderten durch den Nebel. Mal waren sie fern, gerade eben noch zu erkennen, dann wieder kamen sie bis auf wenige Schritt heran.</p><p>Nandalee eilte ihnen schweigend voraus. Es gab nur wenig Unterholz. Die dichten Baumkronen erstickten jeden Bewuchs am Waldboden. Jedenfalls soweit er das in dem Nebel sehen konnte. Der wei�e Dunst reichte ihm bis �ber die H�ften. Alles hier erinnerte ihn an Matha Naht. Nur die Lichter � Wieder sah er eines ganz nah durch den Nebel gleiten. Er empfand K�lte. So pl�tzlich und stark, dass es fast wie eine Ber�hrung war. Unter seinen F��en sp�rte er dichtes Wurzelwerk. Manchmal hatte er das Gef�hl, dass sich die Wurzeln streckten oder seinen Tritten auswichen. Als wollten sie ihm den Weg erleichtern.</p><p>�ber ihnen dr�hnte das Laubdach vom Regen. Das Wasser verteilte sich ungleichm��ig auf dem Weg nach unten. Dicht bei den St�mmen blieb der Boden fast trocken, an anderen Orten st�rzte es in Kaskaden hinab. Alles hier atmete Fremdartigkeit. Gonvalon hatte das beklemmende Gef�hl, dass alles, was er sah, miteinander verbunden war. Und es beobachtete ihn. Die B�ume � und noch etwas, f�r das er keinen Namen hatte. Etwas, das so machtvoll war, dass es Wurzeln bewegte und den Lauf des Wassers von ungez�hlten Regentropfen lenkte. Er konnte diese Macht sp�ren. Mit jedem Schritt, den er tat, wurde sie pr�senter.</p><p>Wieder glitt ein gr�nes Licht ganz nah durch den Nebel. Etwa auf H�he seiner Knie. Gonvalons Atem ging sto�weise und jede Faser seines K�rpers war angespannt. Er wusste nicht, wie er sich gegen die Gefahr verteidigen sollte, die immer greifbarer wurde. Er trug Bidayn auf seinen Schultern. Sie kam ihm leicht wie eine Feder vor. Immer noch war sie ohne Bewusstsein doch manchmal st�hnte sie. Der Marsch schadete ihr. Wieder dachte Gonvalon an das Wurzelgeflecht, das in sie eingedrungen war, um angeblich ihre Blutung zu stillen. Ihn schauderte bei dem Gedanken. Hoffentlich erreichten sie bald ihr Ziel, was immer es auch sein mochte.</p><p>�Wie lange m�ssen wir noch gehen? Bidayn braucht eine Rast.�</p><p>Nandalee antwortete nicht. Sie wirkte gehetzt. Die gr�nen Lichter umringten sie jetzt in weitem Kreis. Mindestens acht! Umzingelten diese Kreaturen sie? Oder wollten sie sie vor etwas sch�tzen?</p><p>Es ging einen Hang hinab. Der Boden war schl�pfrig vom Regen. Gonvalon kam nur langsam voran. Nandalee fluchte. Immer wieder blickte sie zu ihm zur�ck.</p><p>Irgendwo im Dunkel ert�nte ein Schrei. Ein Laut, wie ihn der Elf noch nie zuvor geh�rt hatte. Ein Tier war das nicht! Pl�tzlich durchschnitt glei�end helles Licht den Nebel. Wie tausend strahlende Finger tastete es durch die Dunkelheit und zerteilte die wogenden Dunstschwaden, bewegte sich und f�llte den Wald mit unheimlichen Schatten. Es war zu hell, um direkt hineinzuschauen � und es schien aus dem Abhang zu kommen. Nandalee st�rmte den Hang hinauf und nahm ihm Bidayn von den Schultern. �Schnell jetzt!�</p><p>Die verwundete Zauberweberin st�hnte.</p><p>�Halt dich an meinem Arm fest und schlie� die Augen. Wenn du in das Licht schaust, wirst du erblinden!� Die Fremdheit ihrer Stimme �berraschte ihn immer aufs Neue. Ihre Worte klangen rau und waren von einem bizarren Akzent durchdrungen. Ihn �berfiel die Vorstellung, wie die fremde Kreatur immer tiefer in Nandalee drang, sich in ihrem Wesen verwurzelte, �hnlich den Wurzeln, die ganz stofflich in Bidayns Wunde gedrungen waren. Folgte ihnen wirklich ein Devanthar, so wie der Gr�ne Geist behauptet hatte? Das Ding, das Nandalee besessen hatte, hatte Angst � so viel stand au�er Zweifel. Aber war ihr Verfolger wirklich ein Devanthar? Ein Weltensch�pfer, so wie die Alben? Ganz gleich, was es war � es war kl�ger, nicht zur�ckzufallen. Offenbar gab es ja Hoffnung, an einen Ort zu gelangen, an dem ihr Verfolger ihnen nichts anhaben konnte.</p><p>Gonvalon folgte Nandalee mit geschlossenen Augen. Jetzt sp�rte er gar keine Wurzeln mehr unter den Sohlen, obwohl die B�ume hier am Hang dicht an dicht gestanden hatten. Ringsherum h�rte er das Holz knistern und knacken. Das war die K�lte, sagte er sich. Nur die K�lte �</p><p>Er trat auf Felsboden. Das Licht war so intensiv, dass er es auf seinem Gesicht f�hlen konnte. Etwas glitt nahe an ihm vorbei. Er musste an die unheimlichen Gr�nen Geister denken.</p><p>�Du kannst die Augen wieder �ffnen.�</p><p>Gonvalon tat wie ihm gehei�en und fand sich in einer H�hle, wie er noch keine gesehen hatte. Die W�nde waren ganz und gar mit gr�nen Kristallen bedeckt. In Form achteckiger St�be wuchsen sie aus dem Fels, manche dicker als sein Oberschenkel, andere nicht einmal so gro� wie ein Finger. So dicht wucherten sie, dass an W�nden und Boden kein St�ck Gestein mehr zu entdecken war, und sie alle glommen in unstet pulsierendem Licht. In der Mitte der H�hle wuchs eine riesige Kristalls�ule aus dem Boden. Sie ragte schr�g empor, so massig, dass er und Nandalee sie mit ausgestreckten Armen nicht h�tten umfassen k�nnen.</p><p>Die J�gerin bettete Bidayn vor der S�ule auf den Boden, nahm die Arme ihrer Freundin und streckte diese am Kopf vorbei, sodass Bidayns H�nde den Kristall ber�hrten. Dann blickte sie zu Gonvalon auf. �Leg dich hin wie sie.�</p><p>�Warum? Was wird hier mit uns geschehen?�</p><p>�Tu es einfach. Bitte. Jetzt ist nicht die Zeit f�r kleinliches Misstrauen. Er ist schon sehr nahe. Er darf euch nicht finden! Wir m�ssen uns beeilen. Ich gebe nun den Leib deiner Geliebten auf. Bitte vertrau mir. Ich wei�, dass ihr hierhergekommen seid, um diese Welt zu <emphasis>erfahren</emphasis>. Du wirst alles sehen k�nnen. Mehr, als du in Jahrzehnten des Reisens h�ttest entdecken k�nnen. Du musst mir vertrauen. Ich will dir nichts B�ses. Im Gegenteil! Ihr seid unsere Hoffnung.�</p><p>Gonvalon vertraute dem Licht nicht. Es war zu fremd. Unm�glich einzusch�tzen, ob es ihn belog oder die Wahrheit sagte.</p><p>Pl�tzlich verdrehte Nandalee die Augen, bis fast nur noch das Wei�e zu sehen war. <emphasis>Gr�nes Licht</emphasis> von be�ngstigend dichter Konsistenz quoll aus ihrem Mund!</p><p>Die J�gerin schwankte, dann starrte sie ihn an. Wie irre. Ihre Augen huschten rastlos. Schrecken spiegelte sich in ihrem Gesicht. �Wo bin ich?�</p><p>Er nahm sie mit beiden H�nden. Irgendwo drau�en erklang der Schrei, den er im Wald schon einmal geh�rt hatte. Nur n�her jetzt. Vielleicht gab es gar keine Gefahr? Vielleicht war es eine T�uschung durch die Gr�nen Geister, um sie unter Druck zu setzen und zu einer falschen Entscheidung zu verleiten? Aber als er Nandalee hielt und sie zur�ckbekommen hatte, entschied der Fechtmeister, den Geistern Nangogs zu glauben.</p><p>�Wir m�ssen uns zu dem Kristall legen. Ganz so, wie Bidayn dort liegt. Sp�ter werde ich dir alles erkl�ren. Vertrau mir.�</p><p>Nandalee wirkte immer noch verst�rt, doch dann l�chelte sie ihn scheu an. �Ist er weg? Heraus aus mir?�</p><p>Gonvalon nickte. �Komm, lass es uns versuchen ��</p><p>Die J�gerin blickte zu ihrer Freundin. �Was ist mit ihr?�</p><p>�Sp�ter.� Gonvalon kniete nieder und sie tat es ihm gleich. Seine Angst �berspielte er mit einem L�cheln. Sie w�rden den Gr�nen Geistern nicht entkommen k�nnen. Es blieb ihnen kein anderer Weg, als zu vertrauen.</p><p>Das Licht in den Kristallen an den W�nden wurde blasser. Gonvalon legte sich hin und sp�rte, wie seine Handfl�chen nass vor Schwei� wurden. Auf der Kristalls�ule erschienen kreisrunde Lichtflecken, wanderten unruhig �ber die Oberfl�che und dann entwuchsen ihnen tanzende Lichtbogen. Wie Schlangen wanden sie sich und unterschieden sich g�nzlich vom Sonnenlicht, das pfeilgerade vom Himmel stie�. Ein leises Summen begleitete die Erscheinung, und die Kristallh�hle f�llte sich mit einem Geruch, als sei ganz in der N�he ein Blitz eingeschlagen.</p><p>Seine Lider wurden ihm schwer. Er presste die H�nde gegen den Kristall. Glei�end gr�nes Licht durchdrang ihn. Zerschmolz ihn. Verwandelte ihn selbst in gr�nes Licht. Und dann st�rzte er, gebettet in einen Lichtstrahl, durch eine weite Finsternis.</p></section><section><title><p>Wolkentod</p></title><p>Sie folgten ihm. Wenigstens ein Teil von ihnen. Zweiunddrei�ig der Ischkuzai vertrauten sich ihm an. Vor allem aber Shaya. Er sah ihr ihre Angst und ihr Misstrauen an. Sie hatten die kleinen Wolkenf�nger im Frachtraum bereitgemacht. Drei w�rden ohne einen Reiter in den Himmel st�rzen. Die Tiere waren ebenso unruhig wie sie. Ob Wolkensammler die Gef�hle von Menschen sp�ren konnten?</p><p>�Bist du wirklich sicher, dass du das Richtige tust?�, fl�sterte Shaya.</p><p>�Ich bin sicher, dass wir sterben werden, wenn wir auf dem Schiff bleiben�, antwortete er. Er wich ihr aus, und sie wusste es.</p><p>�Unsere Wolkensammler sind zu klein, um zwei M�nner zu tragen.� Sie blickte durch das offene Frachtluk zu dem Schiff, das vor ihnen am Himmel trieb. Im klaren Mondlicht war es deutlich zu sehen und schien zum Greifen nahe.</p><p>�Ich kann meine M�nner nicht im Stich lassen. Wir m�ssen es versuchen. Wir werden die Gewichte ausgleichen. Die R�stungen m�ssen zur�ckbleiben. Wir h�ngen immer einen gro�en und einen kleinen Mann in ein Tragegeschirr.�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf, dann grinste sie verschlagen. �Komm blo� nicht auf die Idee, Kolja an mich zu h�ngen!�</p><p>Er lachte leise. �Ganz sicher nicht.�</p><p>�Was werden wir tun, wenn es dort oben mehr M�nner als Pl�tze in den Tragegurten gibt?�</p><p>Er hatte das bereits bedacht, aber dar�ber wollte er nicht reden. Nicht jetzt und nicht mit ihr. Er wusste, dass sie seine L�sung nicht m�gen w�rde. �Sie haben genauso hart gek�mpft wie ihr. Ich f�rchte, dass es nicht viele �berlebende gibt.� Er trat an die Schwelle der Frachtluke. Eisiger Wind zupfte an seinen Kleidern und linderte die stechenden Schmerzen in seinem Kopf ein wenig. Sie alle waren mit einer langen Leine miteinander verbunden. Nur der Letzte, der abspringen w�rde, hatte eine Sicherungsleine zum Schiff. Artax wusste, dass die meisten der Ischkuzaia Angst vor diesem Sprung hatten. Er sollte nicht l�nger z�gern. Sie taten das Richtige!</p><p>Er tat den letzten Schritt und vertraute sein Leben dem Himmel an. Es gab einen Ruck im Gurtzeug. Die Tentakel des Wolkenf�ngers bewegten sich unter seinen Achseln. Er hasste es, die schleimbedeckten Fangarme zu sp�ren und sich diesen Kreaturen anzuvertrauen. Vor allem nach dem v�llig �berraschenden Angriff der Wolkensammler. Aber sie hatten keine Wahl.</p><p>Einer nach dem anderen sprangen die Ischkuzaia in den Himmel. Die F�hrungsleine hielt sie zusammen. Wie eine Perlschnur aus Wolkensammlern stiegen sie in den Himmel hinauf, seinem Schiff entgegen.</p><p>Artax hechelte wie ein Hund. Egal wie viel er atmete, er hatte st�ndig das Gef�hl, dass ihm die Luft ausging. Er blickte hinab. F�nf Schritt hinter ihm, als n�chste an der Leine, hing Shaya. Sie fuhr sich mit der Hand �ber das Gesicht, ihr Antlitz eine Grimasse des Schmerzes. Diese verfluchten Kopfschmerzen! Waren sie denn alle krank geworden? Er konnte sich nicht erkl�ren, woher die Schmerzen kamen. Es musste irgendeine Art Seuche sein. Hatten die Piraten sie mit irgendetwas krank gemacht?</p><p>�Heho!�</p><p>Artax entdeckte eine Gestalt an der �u�ersten Mastspitze seines Schiffes. Ein st�mmiger Kerl ohne Haare. Kolja! Der h�nenhafte Drusnier lie� ein Seil kreisen und beobachtete ihren Aufstieg. Eine sanfte Brise trieb sie nach Osten ab. Wenn sie nichts unternahmen, w�rden sie das Wolkenschiff verfehlen und immer h�her in den Himmel hinauf steigen. Einige der Krieger aus Ischkuzaia hielten kleine Wurfanker bereit.</p><p>Kolja wandte sich von ihnen ab, doch seine Stimme war weit �ber den Himmel zu h�ren. �Sieht sich aus, als hat dich gemacht Nacht eine reiche Mann, Juba. Er ist sich lebendig!�</p><p>Artax seufzte. Diese Bastarde. Wie es schien, hatten seine S�ldner Wetten �ber seinen Tod abgeschlossen.</p><p>Kolja warf ihm das Seil zu. Erst beim dritten Versuch bekam er es zu packen und der Drusnier zog sie zum Schiff her�ber. Noch bevor er den Mast erreichte, sah Artax einen st�mmigen, schwarzb�rtigen Krieger durch die Takelage klettern. Juba.</p><p>Der Kriegsmeister dr�ngte Kolja zur Seite und bestand darauf, ihn pers�nlich zum Mast hinaufzuziehen. �Du lebst!�, keuchte er, au�er sich vor Freunde. �Du lebst!� Tr�nen standen ihm in den Augen.</p><p>Artax war ger�hrt. �Ich bringe euch nach unten�, versprach er. �Wie viele leben noch?�</p><p>�Es war schlimm.� Juba machte Platz, damit er an ihm vorbeikam und �ber den waagerechten Mast zum Hauptdeck gelangen konnte. �Wir sind noch neunundvierzig.� Der Kriegsmeister sprach abgehackt und keuchend, als habe die Schlacht um das Schiff gerade erst ein Ende gefunden.</p><p>Artax schloss die Augen und hielt einen Moment lang inne. Das Rechnen fiel ihm schwer, und dreimal �berpr�fte er das Ergebnis. Es gab mehr �berlebende, als er erwartet hatte, und das war kein Segen. Noch einmal rechnete er. Dann schickte er Juba in die Kaj�te.</p><p>Als er das Hauptdeck erreichte, erwarteten ihn hoffnungsfrohe Gesichter. Auch die, die vielleicht ihr letztes Hemd bei den Wetten gegen ihn verloren hatten, strahlten. Sie erwarteten, dass er sie retten w�rde. Er war der Unsterbliche, der Herrscher aller Schwarzk�pfe, ein Gott unter Menschen.</p><p>Volodi war da. Mitja mit seiner jungen Tochter. Nabor, der alte Lotse. Ein ganzer Trupp seiner Himmelsh�ter hatte �berlebt. In ihren verbeulten Brustpanzern und zerfetzten wei�en Umh�ngen erschienen sie ihm stolzer als je zuvor.</p><p>Artax gr��te einige der M�nner mit Namen. Krieger, S�ldner und auch einfache Wolkenschiffer. W�hrend der letzten beiden Wochen hatte er es sich unter anderem zur Aufgabe gemacht, jeden Tag zehn Namen zu lernen. Er wollte wissen, wer ihm diente und wer f�r ihn sein Leben wagte. Mehr als die H�lfte der �berlebenden an Deck kannte er, zumindest namentlich.</p><p>Artax hockte sich neben Nabor. Der Lotse war sichtlich am Ende seiner Kr�fte, hielt den Mund weit offen und wirkte wie ein sterbender Fisch am Ufer. �Was geht hier vor, Nabor? Was geschieht mit uns?�</p><p>�Wir sind in den h�heren Himmel aufgestiegen.� Nabor brauchte nach jedem einzelnen Wort eine Pause, in der er um Atem rang. �Dies ist ein Ort f�r G�tter. Menschen k�nnen hier nicht leben.�</p><p>Das konnte nicht stimmen, dachte Artax. �Dann w�ren die Wolkensammler ja G�tter ��</p><p>�Wei�t du, dass sie es nicht sind?�</p><p>Das wollte er nicht glauben! Diese tumben Kreaturen sollten G�tter sein? Das war v�llig absurd. Artax erhob sich und musste sich an der Reling aufst�tzen, als ihn starker Schwindel erfasste. Ununterbrochen h�mmerte ein dumpfer, qu�lender Schmerz in seinem Kopf. Das einzig Gute daran war, dass der Schmerz die Stimme Aarons zum Verstummen gebracht hatte. Juba kehrte zur�ck und Artax sah ihm an, dass sein Kriegsmeister wusste, was kommen w�rde.</p><p>�Ihr d�rft das nicht tun, Erhabener.�</p><p>�Du sprichst mich nicht mehr mit dem Du an?�</p><p>Juba wirkte verwirrt. Er hatte einen kleinen Kupfertopf geholt, ganz wie Artax es ihm aufgetragen hatte.</p><p>�Als du mich an Bord willkommen gehei�en hast, hast du mich geduzt.� Artax l�chelte. �Das hat gut getan.�</p><p>�Ich kann � Das war die Freude. Vor all den anderen ist das Du nicht angemessen.� Er stockte. Als er weitersprach, war seine Stimme ein Fl�stern. �Ich bitte Euch, Erhabener � tut es nicht.� Er sch�ttelte den Topf und Artax h�rte es darinnen klappern. Er war sich sicher, dass Juba seinen Befehl ausgef�hrt hatte.</p><p>�Ich stehe nicht �ber allen Menschen, mein Freund. Wir alle hier an Bord sind gleich.�</p><p>�Das ist doch Unsinn!�, brauste Juba auf, so laut, dass man zu ihnen hin�bersah. �Ihr seid auserw�hlt. Ich sehe, welchen Kampf Ihr k�mpft, Erhabener. Wie Ihr Aram besser machen wollt. Das Leben der Menschen, aller Menschen, erleichtern wollt. Der Himmelssturz hat Euch ver�ndert. Die G�tter m�ssen Euch erleuchtet haben. Es gab nie zuvor einen Herrscher wie Euch. Ihr m�sst gerettet werden.�</p><p>Artax nahm den Topf. �Wenn die G�tter mich besch�tzen, dann bin ich doch gewiss nicht in Gefahr. Und wenn ich umgekehrt nun von allen verlange, was ich selbst nicht zu geben bereit bin, dann ist mein Werk vielleicht nicht zerst�rt, aber ich habe meine Glaubw�rdigkeit verloren. Ich muss es tun! Vergib mir, mein Freund.�</p><p>Nabor sah sie beide verwirrt an. Ihm war nicht klar, was kommen w�rde.</p><p>Artax richtete sich auf, hielt den Topf hoch und legte all seine verbliebene Kraft in seine Stimme. �Wir m�ssen dieses Schiff verlassen. Etwas hier macht uns krank, und es wird uns t�ten. Es gibt nur eine Hoffnung � wir m�ssen auf den Erdboden zur�ckkehren. Wir sind keine Gesch�pfe des Himmels, und wir sind an einen Ort gelangt, der uns nicht bestimmt ist. Ich kann euch nicht versprechen, dass wir alle unbeschadet davonkommen werden. Aber ich habe Hoffnung. Die Ischkuzaia, die mit ihren kleinen Wolkensammlern zu unserem Schiff aufgestiegen sind, erwarten uns. Jeder von ihnen wird einen von euch in sein Fluggeschirr nehmen. Die Last wird zu schwer sein f�r die kleinen Wolkensammler. Sie werden der Erde entgegenst�rzen. Aber wenn wir Gl�ck haben, wird es ein langsamer Sturz sein und wir �berleben. Hier an Bord des Himmelsschiffes brauchen wir auf kein Gl�ck mehr zu hoffen. Hier werden wir sterben.�</p><p>Die M�nner starrten ihn an. Die meisten hatten nicht verstanden, wovon er sprach. Einige wirkten apathisch. Die Ank�ndigung, dass sie vielleicht sterben w�rden, hatte kaum Wirkung auf sie. Nur Mitja, der Dolmetscher, hatte seine Tochter in den Arm genommen und dr�ckte sie an sich.</p><p>�Es gibt nicht f�r jeden von uns einen Platz in den Fluggeschirren. Einige werden zur�ckbleiben.� Artax sch�ttelte den Topf, dass es leise klapperte. Er h�rte das Ger�usch kaum. �belkeit �berrollte ihn und er schwankte einen Augenblick. Er musste sich zusammenrei�en! Jetzt durfte er sich nicht gehen lassen. �Die Ischkuzaia sind mit f�nfunddrei�ig Wolkensammlern gekommen. Drei haben keinen Reiter, ein vierter hat mich getragen. Das hei�t, f�r unser Schiff wird es siebenunddrei�ig Pl�tze f�r neunundvierzig �berlebende geben. Ich werde nicht entscheiden, wer es wert ist zu leben und wer sterben soll. Es bleibt uns auch keine Zeit zu reden. In diesem Topf sind neunundvierzig Bohnen, zw�lf wei�e und siebenunddrei�ig rote. Wer eine rote Bohne zieht, bekommt einen Platz auf einem Wolkensammler. � Artax griff in den Topf. Mit spitzen Fingern tastete er �ber die glatten Bohnen, nahm eine heraus und hielt sie in seiner Faust verborgen. Dann reichte er den Topf an Juba weiter. �Lass jeden eine Bohne ziehen, Kriegsmeister. Ergeben wir uns dem Schicksal.�</p><p>Artax schloss die Augen. Er wollte nicht mitansehen, was sich nun abspielen w�rde, doch seine Ohren konnte er nicht verschlie�en. Er h�rte Keuchen und Fl�che, erleichtertes St�hnen. Mitja, der seiner Tochter versicherte, dass er sie niemals zur�cklassen w�rde. Kolja, der in einer fremden Sprache dr�ngend auf jemanden einredete. Ein w�tender Aufschrei. Kaum unterdr�cktes Schluchzen.</p><p>Der dumpfe, ununterbrochene Schmerz in seinem Kopf blendete langsam alles aus. Artax h�rte nichts mehr, f�hlte nichts. Er lie� sich vom Schmerz forttreiben.</p><p>�Erhabener!�</p><p>Benommen schlug er die Augen auf. Er sah nur verschwommen. Ein b�rtiges Gesicht war dicht vor ihm.</p><p>�Erhabener!� Die Stimme klang dumpf und fremd.</p><p>�Wer ��</p><p>�Ich bin es, Erhabener. Juba. Du warst ohnm�chtig. Es ist jetzt alles bereit. Die Ischkuzaia stehen entlang des Hauptmastes. Wir haben alle, die eine rote Bohne gezogen haben, angeschirrt. Shaya sagt, dass alle zugleich springen sollen. Sie meint, dass es dadurch sicherer wird.�</p><p>Artax bemerkte Blut auf dem Deck. �Was ist hier geschehen?�</p><p>�Nicht alle konnten die Entscheidung des Schicksals mit W�rde tragen. Kolja hat jemanden gefunden, der ihm eine rote Bohne verkauft hat. Andere glaubten, sie k�nnten sich rote Bohnen nehmen. Ich habe das mit den Himmelsh�tern unterbunden. Einige haben friedlich getauscht. Ein Platz wurde frei, weil einer der S�ldner starb. Er ist einfach zusammengebrochen.�</p><p>Artax sah verschwommen einige Gestalten, die etwas entfernt an Deck standen.</p><p>�Ihr m�sst nun Euren Platz einnehmen, Erhabener. Ich werde Euch st�tzen.�</p><p>Es war ihm peinlich, dass er Hilfe brauchte, um auf die Beine zu kommen, und er konnte sich nicht einmal erinnern, wann er gest�rzt war. Unbeholfen erklomm er den Mast und tastete sich mit der Linken entlang der Sicherungsleine.</p><p>Juba legte ihm das Fluggeschirr an. Er teilte seinen Wolkensammler mit dem alten Lotsen. Bauch an Bauch hingen sie zusammen. Der Alte stank nach Erbrochenem. Das Wei� seiner Augen war voller roter Adern. Er wirkte benommen.</p><p>Artax hatte das Gef�hl, dass etwas nicht stimmte. Er blickte �ber die Schulter zu Juba. Der Kriegsmeister nickte ihm feierlich zu. �Geht Euren Weg, Erhabener. Ihr seid wahrlich ein Gott unter Menschen. Es war mir eine Ehre, an Eurer Seite gefochten zu haben.�</p><p>Seine Hand. Seine Rechte war immer noch zur Faust geballt. Was f�r eine Bohne hatte er gezogen? Mit einem unguten Gef�hl �ffnete er die Hand. Seine Bohne war wei�.</p><p>�Ich hatte gehofft, Ihr w�rdet es vergessen, Erhabener.�</p><p>Artax starrte den Kriegsmeister an. �Du hast es gewusst?�</p><p>�Ich kann z�hlen. Eine wei�e Bohne fehlte.�</p><p>�Du musst mich losmachen!�</p><p>�Ist alles bereit?�, rief Shaya vom Ende des Mastes.</p><p>�Nein�, begehrte Artax auf. �Nicht!� Er griff nach dem Gurtzeug und versuchte die Schnallen zu �ffnen. Seine H�nde zitterten. Er konnte immer noch nicht deutlich sehen.</p><p>Juba l�chelte. Sanft. Traurig. Aufrichtig. Der Kriegsmeister war ein Freund. Ein wirklicher Freund. Er kannte den �neuen Aaron�, wie er ihn immer nannte, wohl besser als irgendein anderer. Und trotzdem � oder vielleicht gerade deshalb � hatte er stets zu ihm gestanden. �So wie ich Euch kenne, werdet Ihr wohl nicht mit Euch reden lassen, Erhabener�, sagte er.</p><p>�Ich befehle dir, mich loszumachen, Juba. Das Schicksal hat mir meinen Platz bestimmt. Ich werde dir nicht ��</p><p>Juba sch�ttelte den Kopf. �Vor vielen Monden habt Ihr mein Leben gerettet, als ich aus dem Himmel st�rzen sollte. Ich bin es, der seinem vorbestimmten Schicksal entrissen wurde. Ich bedaure, meinen Dienst f�r Euch mit einem verweigerten Befehl zu beenden. Doch gr��er noch ist mein Stolz, Aram einen unvergleichlichen Herrscher zu schenken. Lebe wohl, Aaron, Beherrscher aller Schwarzk�pfe � mein Freund.� Mit diesen Worten trat Juba einen Schritt zur�ck. Er st�rzte! Noch im Fallen rief er seinen letzten Befehl. �Flieg, Shaya! Alle sind bereit.�</p><p>�Juba!�, rief Artax. �Mein Freund �� Artax wurde vom Mast gerissen. Das Gurtzeug schnitt in seine Brust. Tentakel griffen nach seinen Armen. Sie fielen viel zu schnell. Zu viele Menschen hingen an den kleinen Wolkensammlern.</p></section><section><title><p>Von r�chenden Geistern</p></title><p>Mursil zog seinen Umhang enger um die Schultern. Ein eisiger Wind pfiff �ber die Mauern. Drei Stunden war er auf Wache gewesen und die K�lte war ihm bis tief in die Knochen gedrungen. Jetzt endlich konnte er sich zur�ckziehen.</p><p>Er wanderte hin�ber zum Westturm, wo er gemeinsam mit den anderen im Erdgeschoss einquartiert war. Sie geh�rten zur Leibwache des K�nigs, aber ihre Umh�nge waren auch nicht w�rmer als die irgendeines beliebigen Kriegers. Manche M�nner glaubten, dass das Eisen ihrer Waffen die K�lte anzog. Mursil hielt das f�r Unsinn. Er stie� die niedrige T�r auf, und wohlige W�rme umfing ihn. Die meisten seiner Kameraden hatten sich in ihre M�ntel eingerollt und schliefen. Nur Urija sa� beim Feuer in der Mitte der Turmkammer und schnitzte an einem Stock. Die rauchgeschw�ngerte Luft in der niedrigen Stube brannte Mursil in den Augen. Hastig zog der Krieger die T�r hinter sich zu und lehnte seinen Speer an die Wand neben der T�r. Erleichtert nahm er den schweren Helm mit dem Rosshaarbusch ab. Dort, wo der bronzene Wangenschutz aufgelegen hatte, war seine Haut taub von der K�lte der Nacht.</p><p>�Alles ruhig?� Urija blickte bei seiner Frage nicht einmal auf.</p><p>Nat�rlich war alles ruhig. Wer sollte es schon wagen, in den Palast des unsterblichen Muwatta einzudringen?</p><p>Mursil streifte die Wollm�tze ab, die er unter dem Helm getragen hatte, und trat �ber einen seiner schlafenden Kameraden hinweg. Urija hatte ihm einen Platz beim Feuer frei gehalten. Es gab immer einen Platz f�r den, der von drau�en kam.</p><p>�War alles ruhig?� Jetzt blickte der Alte doch auf. Ihm fehlten die Schneidez�hne und seine Oberlippe war nur noch ein unf�rmiger Narbenwulst. Er hatte nie erz�hlt, wo er sich die Verletzung zugezogen hatte. Alle anderen prahlten mit den Narben aus ihren K�mpfen. Urija war anders. Er betrachtete jede Narbe als eine schmerzhafte Erinnerung an einen Fehler. Vielleicht lag es an seinem Alter? Er war schon �ber drei�ig und in seinem Bart wucherten etliche wei�e Stoppeln.</p><p>�Alles ruhig. Keiner der Hunde hat angeschlagen. Da drau�en ist nichts au�er Wind und Finsternis.�</p><p>�Da drau�en ist mehr�, raunte er.</p><p>Mursil seufzte leise. Jetzt ging das schon wieder los! Seit sechs Tagen behelligte Urija jeden, der es nicht h�ren wollte, mit seiner Geschichte.</p><p>�Du hast auch nicht vergessen, nach oben zu blicken?�, dr�ngte der Alte. �Du musst nach oben sehen! Von dort kommt das �bel, das wir f�rchten sollten. Nicht von unten. Nicht von dort, wo wir mit ihm rechnen.�</p><p>�Ja, ich habe auch nach oben gesehen. Da ist nichts. Es ist viel zu dunkel.�</p><p>�Dass die Wolfshunde nicht anschlagen, bedeutet gar nichts. Die legen sich nur mit den Lebenden an. Wenn sie besonders still sind, muss man besonders wachsam sein, Mursil. Dann sind sie nah, die Geister!�</p><p>�Ja, ja.�</p><p>Der Alte legte zwei Holzscheite in die Glut und Mursil sah zu, wie Schaum zischend aus den Schnittkanten des Holzes quoll. Sie hatten schlechtes Holz geliefert bekommen. Die H�lfte davon war verfault. Er streckte die H�nde dem Feuer entgegen.</p><p>�Ich habe sie so deutlich gesehen, wie ich dich jetzt vor mir sehe�, sagte Urija unvermittelt. �Sie war ganz wei�. Das Gewand fremdartig. Harte, kalte Augen hat sie gehabt. Und binnen eines Herzschlages war sie verschwunden. Sie ist �ber den Mauerkranz gesprungen und hat sich in Nichts aufgel�st.�</p><p>�Das hast du mir schon drei Mal erz�hlt ��</p><p>Urija ignorierte den Einwand. �Zart wie ein junges Zicklein war sie, ganz so wie die Haremsweiber. Ich sag dir, sie war ein Geist. Keiner der Hunde hat angeschlagen. Die sind kl�ger als wir � kl�ffen nichts an, was sie nicht bei�en k�nnen.�</p><p>�Dann sei doch mal so klug wie die Hunde und sei auch still!�</p><p>Der Alte blickte ihn finster an. Seine Augen waren rot entz�ndet vom bei�enden Rauch. �Die kommen unseretwegen, die Geister�, sagte er noch. Dann wandte er sich wieder seiner Schnitzarbeit zu. Einem angespitzten Stock, in dessen dunkle Rinde magische Symbole geritzt waren.</p><p>Mursil war froh, dass er sich den Unsinn nicht mehr anh�ren musste. Er glaubte nicht an Geister. Wer tot war, kam nicht noch einmal zur�ck. Nur vor Lebenden musste man sich f�rchten, und deshalb schnitt er auf dem Schlachtfeld jedem verwundeten Feind die Kehle durch. Daran war nichts Ehrenr�hriges. Er hatte in drei Feldz�gen gegen die verfluchten Pl�nderer aus Ischkuza gek�mpft. Die trieben es wesentlich schlimmer. Wer denen in die H�nde fiel, der durfte nicht auf einen schnellen Tod hoffen.</p><p>Der Krieger dachte an die Toten, die man aus den brennenden Schilfb�ndelhallen geholt hatte. Vor allem die Erinnerung an die Frauen verfolgte ihn. Ihre Kleider waren verrutscht gewesen, die Schminke verlaufen. Die wundersch�nen Frauen des Harems. Dort hatten sie zuerst Feuer legen m�ssen � Er war nicht stolz auf das, was er getan hatte. Aber er geh�rte zur Leibwache des Unsterblichen, und er konnte sich darauf verlassen, dass es f�r jeden Befehl, den sie bekamen, einen guten Grund gab. Man musste sich nicht hinterher den Kopf zermartern, warum etwas geschehen war. Aram war der Feind! Der unsterbliche Aaron ein grausamer Schl�chter, der Muwatta eine schreckliche Wunde beigebracht hatte. Aaron hatte bestraft werden m�ssen!</p><p>Und trotzdem gingen die toten Frauen ihm nicht aus dem Kopf. Es hatte noch so viele andere gegeben, die verbrannt und erstickt waren. Aber sie � Mursil seufzte. Er hatte kein Weib, und gerne h�tte er eine von ihnen genommen. Sie h�tten gewiss auch lieber ihn gew�hlt als den Tod. Immerhin war er ein stattlicher Krieger!</p><p>Zweiunddrei�ig Tage noch, dann konnte er f�r einen Mond die Truppe verlassen. Er w�rde seinen Bruder in den Bergen besuchen. Der hatte eine ansehnliche Kinderschar. Sein Weib war nicht h�bsch, aber fruchtbar. Mursil musste grinsen. Wie ein guter Acker brachte sie jedes Jahr neue Frucht hervor. Neun Kinder hatten die beiden bekommen � sechs davon lebten immer noch. Die G�tter waren ihnen gn�dig gestimmt. Er w�rde Geld dalassen. So wie jedes Mal. Der steinige Boden brachte nicht genug hervor, um sie alle zu ern�hren. Mursil freute sich darauf, mit den Kindern zu spielen und ihnen Geschichten zu erz�hlen. Er w�rde von der Himmlischen Hochzeit berichten. Aber nicht von dem Duell � Er hatte damals auf der Terrasse Wachdienst gehabt und konnte immer noch nicht glauben, dass der m�chtige Kurunta dem schw�chlichen Hofmeister des Unsterblichen Aaron unterlegen war. Er hatte auf zwei Feldz�gen unter Kurunta gedient. Als Feldherr war er nie besiegt worden! Dieses Duell � Aber Kurunta w�rde Rache nehmen! Er w�rde das Zentrum der Schlachtlinie auf der Ebene von Kush befehligen. Und er, Mursil, w�rde mit ihm marschieren.</p><p>Langsam kehrte die W�rme in Mursils Knochen zur�ck. Heute pfiff kein Wind unter der T�rspalte hindurch. Er f�hlte sich angenehm schl�frig. Ein wenig Kopfschmerzen hatte er. Das lag am vielen Gr�beln! Er sollte sich diese toten Weiber aus dem Kopf schlagen. Die hatten eh die Nase hoch getragen. Von denen h�tte ihn keine auch nur angeschaut, als sie noch lebten.</p><p>�Sie war ein Geist�, sagte Urija pl�tzlich ganz deutlich. �Ein Rachegeist!�</p><p>�Halt�s Maul, Alter! Wir wollen schlafen�, t�nte es erbost aus einer der Ecken.</p><p>�Ich wei�, was ich wei߫, entgegnete Urija, leiser nun, und g�hnte. Schwei�perlen standen ihm auf der Stirn, er legte den Stock, an dem er geschnitzt hatte, zur Seite und streckte sich neben dem Feuer aus. �Das war keine Kriegerarbeit. Ihre Rachegeister werden uns heimsuchen. H�rt, wie still die Wolfshunde sind. Wir sollten unsere T�r gut verschlossen halten. Sie sind hier!�</p><p>Mursil blickte unwillk�rlich zur T�r. Die letzten Worte Urijas waren so leise gemurmelt, dass er gewiss der Einzige war, der sie verstanden hatte.</p><p>Nat�rlich war niemand bei der T�r! Alles war gut. Die W�rme lullte ihn ein. Er dachte an seinen Bruder und die Kinderherde, die sich dort in den Bergen ums Feuer dr�ngte. Zweiunddrei�ig Tage noch. Nicht mehr lange! Sein Bruder w�rde das Geld brauchen. Er war zu stolz zu fragen, aber Mursil wusste, dass dort Hunger Einzug halten w�rde, wenn er nicht kam. Vielleicht Schlimmeres!</p><p>Sein Herz schlug schneller. Die Vorfreude! Schwitzend schob er seinen Umhang zur�ck. Gut, dass sie es hier warm hatten. Nur zweiunddrei�ig Tage. Am Tag, an dem er ins Dorf kam, w�rde er einen fetten Hammel kaufen und schlachten. Das w�rde ein Fest werden!</p></section><section><title><p>Der J�ger</p></title><p>Ver�rgert lie� der Ebermann den Menschen zur�cksinken. Gurgelnde Laute drangen aus seiner Kehle. Die Schl�ge hatten ihm die Rippen zerbrochen und Knochensplitter waren in seine Lunge eingedrungen. Er w�rde an seinem eigenen Blut ertrinken.</p><p>Er hatte Unsinn �ber Daimonen geredet, die sich zu ihnen an Bord geschlichen hatten! Wahrscheinlich hatte er es nicht besser gewusst. Die Elfen waren geflohen. Ein Tentakelarm hatte sie von Bord gehoben.</p><p>Er blickte zu dem Wolkenschiff, das in den Baumkronen vor Anker lag. Der Wolkensammler hatte den Elfen geholfen. Das waren keine guten Neuigkeiten. Er hatte diese Kreaturen bislang bestenfalls f�r einf�ltig gehalten.</p><p>Der Devanthar konnte sp�ren, dass sich noch drei weitere Menschen ganz in der N�he versteckten und weitere oben auf dem Wolkenschiff waren. Aber es w�re Zeitverschwendung, sie zu befragen. Vermutlich w�rde er nur wieder und wieder denselben Unsinn �ber Daimonen h�ren. Er legte den Kopf in den Nacken und stie� einen w�tenden Schrei aus. Er konnte h�ren, wie die Menschen tiefer in den Wald flohen. Wie weit mochten die Elfen wohl sein? Eine von ihnen war verwundet. So schwer, dass sie getragen werden musste. Er sollte sie einholen k�nnen. In weniger als einer halben Stunde.</p><p>Vielleicht hatten sie ihn geh�rt. Das w�re gut! Sie sollten Angst haben. Wer sich f�rchtete, traf �bereilte Entscheidungen.</p><p>Wurzelwerk zersplitterte unter seinen Keilerhufen. Der Wald wandte sich gegen ihn. Es war nicht das erste Mal, dass er das auf Nangog erlebte. Die Gr�nen Geister sammelten sich. Sie konnten ihn nicht aufhalten! Sie sollten das wissen.</p></section><section><title><p>Glaubensangelegenheiten</p></title><p>Artax blickte zwischen seinen F��en hinab auf das dunkle Land. Ab und zu, wenn das Licht der Doppelmonde durch die Wolken fiel, konnte er den Wald unter ihnen sehen. Die Baumwipfel wogten wie die aufgew�hlte See und immer noch fiel dichter Regen, auch wenn keine Blitzfackeln mehr zwischen den Wolken tanzten. Der Unsterbliche war v�llig durchn�sst, aber er konnte wieder frei atmen und die unertr�glichen Kopfschmerzen waren verschwunden. Nur ein Schw�chegef�hl war zur�ckgeblieben.</p><p>Die miteinander vert�uten Wolkensammler flogen in langer Kette �ber den Wald. Steuerlos waren sie Spielb�lle des Windes, ohne eine M�glichkeit zu beeinflussen, wohin sie flogen. Ein St�ck voraus sahen sie die Positionslichter eines Wolkenschiffs. Es bewegte sich nicht von der Stelle. Vielleicht war es das dritte Piratenschiff, das vor ihrem Angriff zur�ckgefallen war. Artax fluchte. Sie w�rden weniger als eine halbe Meile entfernt daran vorbeitreiben. Das Schiff war so nah und doch unerreichbar. Noch schwebten sie zu hoch, um ihre Wurfanker nach dem Ge�st der B�ume auszuwerfen.</p><p>Sie hatten gro�es Gl�ck gehabt. So wie ihr Sturz aus dem Himmel begonnen hatte, war Artax �berzeugt gewesen, sie w�rden alle umkommen. Doch als sie erst einmal durch die Wolken hindurch waren, wurde ihr Sturz stetig langsamer. Die kleinen Wolkensammler waren aufgequollen. Nicht viel. Gerade genug, um sie tragen zu k�nnen.</p><p>Wieder blickte der Unsterbliche zu dem Schiff. Auf Deck war keine Wache zu entdecken. �Es muss doch eine M�glichkeit geben, dort herunterzukommen.�</p><p>�Ich glaube, es ist kein Zufall, dass wir nicht n�her herankommen, Herr�, sagte Nabor. Der alte Lotse hing kraftlos in den Tragegurten. �Die Wolkensammler m�chten nicht dorthin ��</p><p>Nabor war ihm vor die Brust gebunden und der Alte hatte seinen Kopf gegen ihn sinken lassen, sodass er dessen Gesicht nicht sehen konnte.</p><p>�Was soll das hei�en? Die Wolkensammler <emphasis>m�chten</emphasis> nicht?�</p><p>�Wir sollten nicht versuchen, ihnen unseren Willen aufzuzwingen. Sie m�gen es nicht, wenn wir so etwas tun.�</p><p>�Wen meinst du? Wer sind <emphasis>sie</emphasis>?�</p><p>Nabor lie� den Kopf in den Nacken sinken und blickte zu ihm auf. �Die Schiffsb�ume. Die Wolkensammler � Wolkenschiffer, die so etwas tun, verlieren ihr Gl�ck. Und man braucht Gl�ck, wenn man den gr��ten Teil seines Lebens mehr als tausend Schritt �ber dem Erdboden verbringt. Denkt an das Totenschiff, Herr! Ich glaube nicht, dass der Wolkensammler die Ischkuzaia ermorden wollte. Vielleicht wollte er sie sogar retten und dem Sturm ausweichen? Vielleicht wissen sie nicht, dass Menschen nicht in den h�heren Himmel aufsteigen d�rfen, weil er allein den G�ttern vorbehalten ist? Manchmal habe ich auch �berlegt, ob sie vielleicht einfach ihr Gl�ck verloren hatten.�</p><p>�Ist das nicht etwa nur Aberglaube?�</p><p>Der Alte grunzte �rgerlich. �Was wisst Ihr von diesen Schiffen, Unsterblicher? Ihr habt bereits viele Wochen an Bord von Wolkensammlern verbracht, aber was glaubt Ihr, wie man sie segelt? Wie schafft man es, sie zu den Ankerpl�tzen zu bringen?�</p><p>Artax blickte zu dem Wolkenschiff in der Ferne. Sie glitten unaufhaltsam daran vor�ber. Er war ver�rgert, von dem Lotsen das Gespr�ch diktiert zu bekommen. �Ich denke, man braucht Erfahrung, um sie zu steuern. Man man�vriert geschickt. Wirft Ballast ab ��</p><p>�Ja, ja, der Ballast. Wenn wir ihn abwerfen, gewinnen wir an H�he und so k�nnen wir in andere Luftstr�me wechseln. Aber wie bekommt man das Schiff wieder herunter? Oben in den Wolken kann man schlie�lich schlecht neuen Ballast aufnehmen.�</p><p>Der Unsterbliche sah ihn an, �ffnete den Mund � und schloss ihn wieder. Nabor hatte recht. Er hatte sich noch nie Gedanken dar�ber gemacht, wie sie aus dem Himmel wieder herunterkamen. Und dass es keineswegs selbstverst�ndlich war.</p><p>�Wisst Ihr, Herr � Ich bin nun schon sehr lange auf dieser Welt. Ich liebe Nangog. Ich m�chte nicht mehr fort. Und doch ist mir in jeder Stunde bewusst, dass wir hier nur ungeliebte G�ste sind. Die meisten von uns. Diese Welt k�mpft gegen uns an. Sie � ist so grundlegend anders als unsere Heimat und � ich bin der �berzeugung, wir k�nnen sie nur mit unserem Herzen verstehen. Unserem Verstand widersetzt sie sich.�</p><p>�Was hat das damit zu tun, wie ein Wolkenschiff aus dem Himmel hinabsinkt?� Artax hob abrupt den Kopf. Er hatte etwas gesehen. Tief unten im Wald. Zwischen den Baumkronen �</p><p>�Ich glaube, es hat mit Gedanken zu tun. Die meisten Lotsen glauben das. Jedenfalls die erfahrenen unter ihnen. Wir beeinflussen die Wolkenschiffe mit unseren Gedanken, Herr. Ich stelle mir vor, wohin wir reisen wollen. Und den Weg, den wir nehmen sollten. Dabei ist es wichtig, dass man sich alles so vorstellt, wie es hoch oben aus der Luft betrachtet aussieht. Sonst erkennen sie die Ziele nicht.�</p><p>Artax blickte auf. Er wollte dem Lotsen ins Gesicht sehen, um sicherzugehen, dass Nabor nicht scherzte.</p><p>�Ihr habt richtig verstanden, Herr. Man steuert die Wolkensammler durch Gedanken�, wiederholte dieser trocken.</p><p>�Wie?�</p><p>�Das Holz des Schiffes. Ihr wisst, dass die feinsten Wurzelspitzen des Schiffbaumes bis in die entlegensten Winkel der Wolkenschiffe reichen. Ich muss eine der Wurzeln ber�hren und denke dann den Weg. Das Holz tr�gt die Nachricht weiter zum Schiffsbaum und dessen �ste reichen bis in den Leib des Wolkensammlers. So wei� der Wolkensammler um meine Gedanken.�</p><p>�Aber das � das ist verr�ckt!�</p><p>�Vor Jahren ist ein Wolkenschiff von einem Blitz getroffen worden. Dabei wurde der Schiffsbaum zerst�rt. Danach war das Wolkenschiff unsteuerbar. Man musste es aufgeben und den Wolkensammler freilassen.�</p><p>�Und das ist alles?� Artax mochte den Alten. Aber das hier war zu viel! Es war einfach Unsinn! �Und das ist alles?�, fragte er zweifelnd.</p><p>�Es gibt keine Beweise. Wie immer in Glaubensangelegenheiten. � Nabor sagte das geradezu herausfordernd.</p><p>�Und die anderen Lotsen glauben das auch?�</p><p>�Die guten. Jene, die an ihr Gl�ck glauben und es nicht leichtfertig riskieren. Die, die Nangog respektieren.�</p><p>�Das hei�t, ein Gedanke von dir k�nnte unseren kleinen Wolkensammler dazu bringen, zu sinken und in den Baumkronen vor Anker zu gehen?�</p><p>�Normalerweise ja �� Nabor wand sich vor Unbehagen. �Aber er will nicht. Ich kann es sp�ren. Da unten, irgendwo bei dem Schiff, ist etwas, wovor er sich f�rchtet.�</p><p>Artax seufzte. Das war endg�ltig genug. Der Alte war verr�ckt. Wie hatte er sich nur so lange in ihm t�uschen k�nnen? Er wandte sich erneut ab und blickte zum Wald hinab. �Du kannst also auch die Gef�hle des Wolkensammlers wahrnehmen?�</p><p>�Wenn sie sehr stark sind und ich mit ihm in Verbindung stehe, ja. Hier im Fluggeschirr ist es etwas anderes, obwohl der Wolkensammler mich ber�hrt. Wir verstehen uns nicht vollst�ndig. Der Schiffsbaum ist wichtig. Er ist so etwas wie ein Dolmetscher. Ohne ihn besteht die Gefahr von Missverst�ndnissen. Wir k�nnen auch ��</p><p>Artax h�rte nicht mehr zu. Er starrte auf die wogenden Baumwipfel. Das Licht der Zwillingsmonde war � Nein, das Licht kam von unten. Zwischen den B�umen hervor! Dutzende Lichter. Hunderte! Von �berall her. Sie glitten durch den Wald und erleuchteten ihn mit ihrem gr�nen Licht. Und alle schienen sie sich auf einen Punkt hin zu bewegen, der n�rdlich des ankernden Wolkenschiffes lag. Genau in jener Richtung, in der auch ihre Wolkensammler trieben.</p><p>�Bei den G�ttern! Das m�ssen Hunderte sein�, fl�sterte nun auch Nabor. �Ich habe noch nie so viele Gr�ne Geister gesehen.�</p></section><section><title><p>Erleuchtet</p></title><p>Nandalee st�rzte. Um sie herum war Finsternis, aber sie glitt geborgen in einem Strom aus Licht. Auch wenn sie sich an die Ereignisse nach dem Kampf an Bord des Wolkenseglers nicht mehr erinnern konnte wusste sie doch, dass der Gr�ne Geist gegangen war. Hatte der Geist sie alle in eine Falle gelockt? In einen bodenlosen Abgrund, der ihren Verstand verschlingen w�rde? Das Gef�hl zu fallen machte ihr zu schaffen. Es gab nichts um sie herum, das ihr einen Anhaltspunkt daf�r gab, wie schnell sie st�rzte. Wie tief. Wie lange � Es kam ihr vor wie eine Ewigkeit.</p><p>Pl�tzlich wich die Finsternis. Kurz sah sie eine Wand voller riesiger gr�ner Kristalle. Dann war sie vor�ber. Jetzt wusste sie, dass sie schnell st�rzte. Sehr schnell! Und sie war in etwas gefangen. Nein � Sie war wie ein Pfeil, den man von einem Bogen abgeschossen hatte. Aber auf welches Ziel?</p><p>Sie st�rzte durch eine H�hle, so weit wie der Himmel. Nur dass dieser Himmel von blassgr�ner Farbe war. Wieder hatte sie die vage Ahnung, dass sie in etwas steckte. Aber der einzige Sinn, der ihr erhalten geblieben war, war ihr Gesichtssinn. Sie konnte nichts riechen oder ertasten. Nur sehen und warten konnte sie.</p><p>Pl�tzlich hatte sie das Gef�hl, nicht mehr allein in diesem weiten, gr�nen Himmel zu sein. Weit unter sich entdeckte sie tanzende Lichtbogen, ganz �hnlich jenen, die sie in der Kristallh�hle gesehen hatte. Nur gr��er. Sie waren weit wie Regenbogen und kannten doch nur eine Farbe � ein helles Gr�n.</p><p>Nandalee entdeckte Kristalls�ulen. Sie kamen aus allen Richtungen und strebten einem gemeinsamen Ziel entgegen.</p><p>Der Sturz verlangsamte sich.</p><p>Jetzt erkannte sie, wo sie war � <emphasis>in</emphasis> einer Kristalls�ule! Unter ihr, bei dem Quell der tanzenden Lichtbogen, lag etwas in gr�nen Nebelschleiern verborgen. Etwas Lauerndes, Verbittertes �</p><p>Nandalee konnte sp�ren, dass sie erwartet wurde. Was dort unten im Nebel war, hatte ihr Kommen herbeigesehnt, seit sie Nangog betreten hatte. Es hatte ihr den Gr�nen Geist geschickt. Es gebot �ber die Winde und St�rme dieser Welt. Es wusste alles, war mit allem verbunden. Und doch �</p><p>Ein weiter Lichtbogen streckte sich nach der Kristalls�ule, die sie umschloss. Sie wollte zur�ckweichen, stellte sich vor, durch die S�ule hinaufzust�rzen. Sie wusste, dass dieses Licht alles ver�ndern w�rde.</p><p>Der Lichtbogen ber�hrte den Kristall � und jetzt konnte Nandalee durch den Nebel sehen.</p><p>Sie sah das Verborgene und Demut �berkam sie.</p></section><section><title><p>Schlafende Daimonen</p></title><p>Artax beobachtete die Gr�nen Geister genau. Sie schienen etwas zu umkreisen, wie ein Rudel W�lfe auf der Jagd. Er war unendlich erleichtert, als die Wolkensegler schlie�lich nach Westen hin abdrifteten und dabei tiefer sanken. Kurz hatte er bef�rchtet, die Kreaturen w�rden sie ausliefern, sie den Geistern �berlassen. Stattdessen segelten sie nun dicht �ber den Baumkronen einen Hang hinab. Ihre Tentakel griffen hinab ins Astwerk, Holz brach, nasses Laub raschelte. Immer mehr der Fangarme griffen hinab. Bald kam die Kette der treibenden Wolkensammler zum Stillstand. W�hrend sie �ber den Wald getrieben waren, hatte sich ihre Kette aus Himmelsfl�chtlingen gedreht. Artax war jetzt der Erste. Der Wind hatte ihn wieder zum Anf�hrer gemacht.</p><p>Du warst nie ein Anf�hrer. Du bist nur ein Bauer, der sich auf den Thon von Aram geschlichen hat. Vergiss das nie.</p><p>Artax seufzte. Er hatte gehofft, der h�here Himmel h�tte ihn von Aaron befreit. Ein Wunschtraum. Nat�rlich. Schlie�lich lebte er nur, um Aaron eine H�lle zu geben. Artax sch�ttelte den Kopf und wie stets beeindruckte das seine innere Stimme nicht im Mindesten.</p><p>�Nicht Angst, ich mir nix nicht brechen Hals!�</p><p>Ein St�ck entfernt machten Volodi und Kolja sich aus ihren Fluggeschirren los. Artax h�rte d�rres Ge�st brechen; ein dickerer Ast folgte mit einem scharfen Knall. Jemand purzelte durch einen Baum hinab. Ein dumpfer Schlag. Dann Stille. Schlie�lich erklang eine gepresste Stimme. �Ist sich alles gut. B�ume sind gro�.�</p><p>Artax tastete nach den Schnallen des Fluggeschirrs. Lie�e er sich herunterhelfen, w�rde er sein Gesicht verlieren. Es war schon schlimm genug, dass er an Bord des Wolkenschiffes ohnm�chtig geworden war, als die anderen zu den kleinen Wolkensammlern gingen. Als Anf�hrer sollte er voranschreiten.</p><p>�Seid blo� vorsichtig, Herr. Diese B�ume sind sehr hoch�, mahnte ihn Nabor.</p><p>Aber es waren nicht die B�ume, die Artax Sorgen machten. Die Gr�nen Geister waren vielleicht eine Meile entfernt. Er musste seine Leute von hier fortbringen � und das schnell!</p><p>Die letzte Schnalle �ffnete sich. Artax konnte nicht wirklich sehen, was unter ihm war. Alles, was er erkennen konnte, war ein dichtes Bl�tterdach.</p><p>Und B�ume haben an den Spitzen stets d�nne �ste. Dazu kennst du doch bestimmt auch eine Bauernweisheit. Wir w�nschen dir viel Vergn�gen dabei, dich umzubringen.</p><p>Artax fluchte und lie� sich fallen. �ste peitschten auf ihn ein. Er griff um sich, versuchte Halt zu finden, doch das Astwerk war nicht einmal fingerdick. Er st�rzte tiefer, schlug gegen einen st�rkeren Ast und st�rzte wieder. Er hatte die Augen geschlossen. Gesplitterte �ste schrammten �ber sein Gesicht. Er h�tte seinen Helm anlegen sollen, statt ihn am G�rtel zu tragen. Er schlug sich das linke Knie auf, wurde halb herumgerissen und st�rzte nun mit dem R�cken voran. Der Aufprall presste ihm alle Luft aus den Lungen. Grelle Lichter tanzten vor seinen Augen. Eine Hand wedelte vor seinem Gesicht.</p><p>�Sind sich Knochen noch ganz?�</p><p>Artax war noch immer benommen. Sein Brustkorb f�hlte sich an, als sei ein Elefant auf ihn getreten. St�hnend setzte er sich auf.</p><p>�Sind h�rter wir als B�ume, nicht?� Volodi packte ihn beim Arm und zog ihn hoch. �Sind wir nicht nix allein.� Er deutete auf den bewaldeten Hang. Zwischen den m�chtigen Baumst�mmen glomm ein blasses gr�nes Licht.</p><p>�Da ist sich H�hle. Kolja ist sich hin.�</p><p>�Hol ihn zur�ck!� Artax fluchte innerlich. Die Gr�nen Geister waren also schon hier. Er dachte an das Dunkle Tal. An die Schrecken, die dort lauerten. Er war sich ganz sicher, dass die Gr�nen Geister und die finstere Magie dort von Nangog gekommen waren. Und er wusste, dass nur er allein sich dem entgegenstellen konnte.</p><p>�Hol Kolja zur�ck! Ich sehe mir die H�hle an. Ihr helft den anderen aus den B�umen. Wir m�ssen hier schnell verschwinden. Du hast auf dem Flug sicherlich auch die Gr�nen Geister gesehen. Wenn sie uns einholen, sind wir tot. Wir m�ssen schnell machen!�</p><p>�Aber ist sich nicht klug, haben Mann in R�cken in Gefahr?�</p><p>Artax schnallte den Maskenhelm von seinem G�rtel. �Manchmal ist man st�rker allein. Geh nun. Hilf den anderen.�</p><p>Volodi sah ihn missbilligend an, doch dann entfernte er sich.</p><p>Artax misstraute dem Drusnier. Er erwartete keinen Verrat von Volodi und ganz gewiss war er auch kein Feigling. Aber er war nicht so loyal wie Juba. Niemand w�rde ihm Juba je ersetzen k�nnen.</p><p>Kurz dachte er daran, darauf zu warten, dass Shaya den Erdboden erreichte, doch dann entschied er sich dagegen. Er wollte sie keiner unbekannten Gefahr aussetzen. Er verfluchte sich f�r den Einfall, ganz allein zu seinem Vergn�gen zu dieser Reise aufgebrochen zu sein. Die Himmelspiraten hatte er nie finden wollen. Es war ihm nur um die N�chte mit Shaya gegangen. Juba war tot, weil er, Artax, bei der Prinzessin hatte liegen wollen!</p><p>Voller Zorn zog der Unsterbliche sein Schwert. Blassgr�nes Licht floss �ber die Klinge. Was auch immer ihn in der H�hle erwartete � er w�rde sich ihm stellen.</p><p>Der nasse Waldboden schmatzte unter seinen Schritten. Er war zerw�hlt, als sei ein ganzes Heer hier vor�bermarschiert. Manchmal hatte er den Eindruck, dass sich die Wurzeln der B�ume bewegen. Nat�rlich war das Unsinn. Wurzeln bewegten sich nicht. Jedenfalls nicht so, dass man es mit blo�em Auge sehen konnte. Es war das Spiel von Mondlicht und Schatten, das ihn t�uschte, dachte er.</p><p>Je n�her er der H�hle kam, desto k�hler wurde es. Artax konnte die Macht sp�ren, die von diesem Ort ausging. Ein Prickeln lief ihm �ber die Haut und der Magen zog sich zusammen. Vielleicht w�re es kl�ger, nicht dort hineinzugehen. Aber er musste die Gefahr kennen, die ihnen drohte, wenn er die Seinen besch�tzen wollte. Er hatte keine Wahl.</p><p>Du bist der Unsterbliche. Du hast immer die Wahl, Bauer. Schick einen der drusnischen Trottel in die H�hle. Die beiden sind entbehrlich.</p><p>�Ich dachte, das bin ich auch�, sagte er leise.</p><p>Entschlossen trat er durch den Eingang und blieb wie versteinert stehen. Nie zuvor hatte er etwas so Pr�chtiges gesehen. Die W�nde waren �ber und �ber mit gr�nen Edelsteinen bedeckt, in denen lebendes Licht gefangen zu sein schien. Die H�hle war nicht sehr gro�. In ihrer Mitte erhob sich eine schr�g aus dem Boden wachsende Kristalls�ule. Artax blinzelte gegen das Licht an. Dort lagen drei Gestalten, mit den K�pfen zur S�ule hin. Die Arme ausgestreckt, ber�hrten sie den Kristall. Sie schliefen!</p><p>Vorsichtig trat er n�her. Alle drei trugen abgerissene, sch�bige Kleidung. Einfaches Wollzeug und billiges Leder. Drei Frauen. Ihre Gesichter waren hell und von ebenm��iger Sch�nheit. Sie mussten sehr jung sein. Keine einzige Falte zeigte sich in ihren Gesichtern.</p><p>Sie waren erstaunlich schwer bewaffnet! Frauen mit Schwertern und langen Dolchen waren ihm � von Shaya einmal abgesehen � noch nicht begegnet. Wie Prinzessinnen sahen diese drei nicht aus. Obwohl sie schliefen, hatten sie etwas Bedrohliches.</p><p>Artax kniete neben dem schwarzhaarigen M�dchen nieder. Sie war kleiner und zarter gebaut als die beiden anderen. Etwas unter ihren Kleidern bewegte sich. Eine Maus? Der Stoff w�lbte sich auf. Blutiges Wurzelwerk, gro� wie eine Faust, quoll durch einen Riss �ber ihrer H�fte unter ihrem Gewand hervor.</p><p>Erschrocken wich Artax zur�ck. Was f�r Kreaturen waren das? Sein Blick fiel auf das riesige Schwert, das neben einer der beiden blonden Frauen lag. Etwas daran �</p><p>DAS SIND ELFEN!</p><p>Artax fuhr zur�ck. Nie hatte Aaron in ihm einen solchen Aufschrei getan. Er versuchte, die Macht �ber seinen K�rper an sich zu rei�en. Deutlich sah Artax den Angriff der Elfe auf den unsterblichen Aaron. Wie sie von ihrem fliegenden Pferd gesprungen war und die Himmelsh�ter niederhieb, die sich ihr in den Weg stellten. Das schlafende M�dchen sah seiner M�rderin in der Tat �hnlich. Dieses ebenm��ige Gesicht! Ihr Haar hatte einen anderen Blondton, doch sonst �</p><p>Es ist das Schwert! Es ist meine M�rderin, glaub es mir. Sie hat sich von den Toten erhoben! Ich erkenne ihre Waffe. Niemand sonst besitzt ein solches Schwert, gro� wie ein Mann. Das ist die Klinge, vor der ich geflohen bin! Du musst den Elfen die Kehlen durchschneiden. Es sind Daimonenkinder. Sie kommen aus der Anderswelt, um uns zu t�ten. Schnell! Wenn sie erst erwachen, werden sie dich umbringen! Sie sind hier, um uns zu holen. Sie wollen unseren Tod. Nicht nur k�rperlich. Sie wollen uns ganz und gar vernichten, auch unsere Seelen! Deshalb ist die M�rderin zur�ckgekehrt. Die Gr�nen Geister haben sie ins Leben zur�ckgeholt.</p><p>Artax glaubte ihm nicht. Er hatte die tote Elfe lange betrachtet. Diese hier waren anders. Aber es schien wirklich das Schwert zu sein, das er �ber Bord geworfen hatte. Wie war es hierhergekommen? Und was wollten die drei?</p><p>Aarons Stimme in seinem Kopf �berschlug sich. Was gibt es da zu �berlegen? Die wollen unser Leben! Deshalb haben dich die Wolkensammler hierhergebracht. Die Kreaturen haben dich ausgeliefert. Es geht hier um uns! Geht das denn nicht in deinen verfluchten Bauernsch�del, verdammt? Au�er uns gibt es hier nichts von Bedeutung! Weshalb sonst sollten sie hier sein?</p><p>Es widerstrebte Artax zutiefst, Schlafenden die Kehle durchzuschneiden. Selbst wenn es Meuchler sein mochten. Er hatte siebzig Mann hinter sich. Es sollte keine Schwierigkeiten bereiten, die drei gefangen zu nehmen.</p><p>�Braucht sich Hilfe Erhabener?� Volodis Stimme kam von au�erhalb der H�hle.</p><p>Die Dunkelhaarige schlug die Augen auf. Sie sah ihn durchdringend an. Ein wenig �berrascht, aber ohne Angst. Ihr Blick war faszinierend. Er zog an ihm. Er f�hlte sich seltsam. Aus den Augenwinkeln sah er gerade noch eine Bewegung.</p><p>Schnell!</p><p>Die Blonde mit dem riesigen Schwert war mit einem Satz auf den Beinen und schwang ihre gewaltige Waffe. Er riss seine Waffe hoch und wich zur�ck. Mit schrillem Klang prallte Stahl auf Stahl, und die Wucht des Hiebes lie� ihn zur�cktaumeln.</p><p>Eine Dornaxt schnellte an ihm vorbei. Die Elfe fing sie mit einem Schwerthieb ab. Artax wich r�ckw�rts durch den H�hleneingang zur�ck und die Kriegerin setzte ihm nicht nach.</p><p>Drau�en erwarteten ihn Shaya und Volodi.</p><p>�Wer bei den G�ttern ist das?� Shaya hatte ein kurzes Bronzeschwert gezogen. Eine Waffe, die wohl kaum gegen die drei Meuchler helfen w�rde.</p><p>�Das da drinnen sind Elfen�, stie� er hervor. �Es sind drei.�</p><p>Und die werden euch alle umbringen, du Trottel! Warum bei den G�ttern kannst du nicht ein einziges Mal auf uns h�ren?</p><p>�Wir brauchen hier Bogensch�tzen.� Artax hatte sich wieder gefasst. �Und trockenes Holz brauchen wir. Wir werden ein Feuer machen. Ein sehr gro�es Feuer, sodass sie aus der H�hle nicht herauskommen. Und dann werden wir fliehen.�</p></section><section><title><p>Unsichtbar</p></title><p>�Darf ich zaubern?� Bidayn fragte nur der Form halber. Als sich dieser b�rtige Kerl �ber sie gebeugt hatte, hatte sie bereits begonnen, einen Zauber zu weben, doch Nandalees �berraschender Angriff hatte sie abgelenkt und alles zunichtegemacht.</p><p>�Wozu brauchen wir Zauber? Gehen wir hinaus und schneiden ihnen die K�pfe ab!�</p><p>Bidayn sch�ttelte den Kopf. �Wir sollten mit ihnen reden, bevor wir ��</p><p>�Reden?�, unterbrach Nandalee sie aufgebracht. �Was willst du mit einem b�rtigen Menschensohn, der mit gezogenem Schwert �ber dir kauert, bereden? Ob er dir die Kehle von rechts oder von links durchschneidet?�</p><p>Bidayn gab sich nicht geschlagen. �Aber er hat doch gar nicht ��</p><p>�Weil Nangog uns im letzten Augenblick zur�ckgeschickt hat! Sie besch�tzt uns. Ohne sie w�ren wir alle tot. Habt ihr das Schwert gesehen? Dieses Leuchten? Es ist eine verwunschene Waffe. Der Kerl ist gef�hrlich. Wir sollten hinausgehen und ��</p><p>�Genug, Nandalee.� Gonvalon wirkte ersch�pft und verst�rt.</p><p>Sie waren �bereilt in ihre K�rper zur�ckgekehrt. Dabei hatte Nangog gerade erst begonnen, mit ihnen zu sprechen. Bidayn fragte sich, ob sie den beiden anderen etwas anderes gezeigt hatte. Vielleicht war das der Grund, warum Gonvalon so kraftlos wirkte.</p><p>�Was f�r einen Zauber willst du weben, Bidayn?�</p><p>Sie z�gerte kurz. Es war ihr ein wenig peinlich, ihm einzugestehen, was sie bei den Fechtstunden getan hatte, auch wenn er es wahrscheinlich schon ahnte. �Ich beherrsche einen Zauber, durch den ich mich schneller bewegen kann. Ich k�nnte hinausgehen und sie aussp�hen. Und sehr nahe gibt es einen Albenstern. Ich sp�re seine Macht. Ich k�nnte den Weg zur�ck in unsere Welt �ffnen.�</p><p>�Der B�rtige hat drau�en nach Bogensch�tzen gerufen, glaube ich �� Nandalee blickte fragend zu Gonvalon, der die Sprache der Menschenkinder besser verstand. Der Schwertmeister nickte. Sie sah Bidayn besorgt an. �Bist du schnell genug, um Pfeilen auszuweichen? Du bist doch verletzt. Du solltest hierbleiben und mich das erledigen lassen. Blutvergie�en ist nicht deine Sache.�</p><p>Bidayn tastete nach ihrer Wunde. Ihr Wollgewand war zerrissen. Der Pfeil! Vorsichtig tastete sie sich �ber den Bauch. Da war noch der Riss in ihrem Obergewand, der rundherum mit Blut durchtr�nkt war, aber darunter war ihre Haut glatt. Es gab keine Wunde!</p><p>Verst�rt sah sie sich um. Etwas Kugeliges lag nahe der Kristalls�ule auf dem Boden. Bidayn b�ckte sich danach. Ihre Hand zitterte, als sie erkannte, wonach sie griff. Wurzeln! Erschrocken blickte sie auf. Deutlich standen ihr die Bilder der toten Holzf�ller vor Augen.</p><p>Gonvalon wich ihrem Blick aus.</p><p>Nandalee nicht. �Das war in dir. Der gro�e Baum auf dem Schiff, auf dem wir waren, hat geholfen, dich zu heilen. Diese Wurzeln haben deine Blutung gestillt.�</p><p>Ungl�ubig blickte Bidayn auf den Wurzelklumpen. �Das war in mir �?�</p><p>�Das hat dich gerettet. Ohne die Hilfe des Baumes w�rest du tot.�</p><p>Bidayn atmete schwer. Die Vorstellung, dass Wurzeln in ihren K�rper gewachsen waren, war ein Albtraum. Aber sie musste das jetzt verdr�ngen, es einfach hinter sich lassen. Sonst w�re sie nicht in der Lage, einen Zauber zu weben. Entschlossen schob sie die Wurzelkugel in eine Tasche ihres Gewandes.</p><p>�Ich werde jetzt da hinausgehen und unsere Flucht vorbereiten. � Ihre Stimme zitterte leicht.</p><p>Gonvalon und Nandalee tauschten einen langen Blick. Bidayn konnte sp�ren, wie die beiden ohne Worte und Zauber miteinander sprachen. Bidayn w�nschte sich, dass sie diese Magie der Liebe auch einmal erleben w�rde.</p><p>�Geh�, sagte Gonvalon schlie�lich. �Ich vertraue dir. Gib uns ein Zeichen, wann wir uns hinauswagen sollen.�</p><p>�Die haben Gl�ck, dass wir nicht hinauskommen�, murrte Nandalee. �Hinaus<emphasis>wagen</emphasis> �� Sie schnaubte abf�llig.</p><p>Bidayn schloss die Augen. Dies war die Gelegenheit, den beiden zu zeigen, dass sie kein nutzloser Ballast war. Sie wusste, dass Gonvalon sie ziehen lie�, damit sie sich beweisen konnte. Er verstand sie! Sie w�rde sich ihm beweisen. Sie war eine machtvolle Zauberweberin.</p><p>Voller Zuversicht �ffnete sie ihr Verborgenes Auge. Wie beim ersten Mal war sie fasziniert davon, wie andersartig die magische Matrix von Nangog war. Die H�hle war ein Fokus. Unz�hlige Kraftlinien kamen hier zusammen. Ein Ort geb�ndelter Macht, ganz anders als die gro�en Albensterne. Dieser Platz war dazu geschaffen, Magie zu wirken.</p><p>Bidayn dachte an das, was sie erreichen wollte. Ihr Wille verformte das magische Gef�ge � und etwas b�umte sich gegen sie auf. Das hatte sie in dieser Form in Albenmark noch nicht erlebt. Sie zwang es nieder, dann �ffnete sie die Augen. Nandalee und Gonvalon sahen sie an. Sie standen schweigend da. Hatte sie einen Fehler gemacht?</p><p>�Was ist los?�</p><p>Sie erhielt keine Antwort. Erleichtert atmete sie auf. Die beiden hatten sie nicht verstanden. Ihr Zauber war gelungen.</p><p>Sie trat aus der H�hle. Die Menschenkinder bewegten sich. Bogensch�tzen beobachteten den Eingang. Eine junge Kriegerin rief etwas. Ihre Stimme war ein dumpfer, unartikulierter Ton und ihre Hand bewegte sich langsam zur Pfeiltasche an ihrer H�fte.</p><p>Bidayn ging in aller Ruhe zu ihr her�ber. Sie erreichte sie, noch bevor die Finger der Kriegerin die Befiederung eines ihrer Pfeile ber�hrten.</p><p>�Du hast Gl�ck, dass ich aus der H�hle gekommen bin und nicht Nandalee.�</p><p>Sie zog die Pfeile aus dem K�cher der Kriegerin und verstreute sie ringsherum auf dem Boden. Dann z�ckte Bidayn ihr Messer und ging zum n�chsten Sch�tzen. Mit einem schnellen Schnitt durchtrennte sie die Bogensehne.</p><p>Dann eilte sie zum n�chsten Krieger. Es war befl�gelnd zu sp�ren, wie die Macht Nangogs sie durchstr�mte. Sie verformte die Matrix weiter, zog mehr Kraft an sich, wurde schneller. Wie die Menschenkinder sie wohl sahen? Sahen sie sie �berhaupt noch? War sie noch ein schnell dahingleitender Schemen oder schon unsichtbar? Nie zuvor hatte sie einen so starken Zauber gewirkt, so tief in das Gef�ge der Natur eingegriffen.</p><p>Bald waren alle Bogensehnen durchtrennt und die Kriegerin hatte gerade erst damit begonnen, sich nach den verlorenen Pfeilen zu b�cken. Sie k�nnte noch mehr tun, dachte Bidayn. Sie packte die zersplitterten �ste, die Menschenkinder zum H�hleneingang trugen, und brachte sie zur�ck in den Wald. Als sie damit fertig war, ber�hrten die Fingerspitzen der Kriegerin gerade erst den Boden. Bidayn lachte. Sie f�hlte sich allm�chtig. Sie k�nnte all diese Menschenkinder t�ten. Ihnen die Kehlen durchschneiden. Aber sie mochte nicht. Sie fand diese b�rtigen M�nner belustigend. Sie ging zu einem und flocht ihm einen Zopf in den Bart. Sie hatte so viel Zeit, wie sie nur wollte � und sie konnte noch schneller werden. Ihr Wille stemmte sich gegen die Macht der Matrix. Verzerrte sie weiter.</p><p>Ein kahlk�pfiger Krieger fiel ihr auf. Selbst nach den sehr geringen Ma�st�ben, die sie f�r Menschenkinder in Belangen der �sthetik anlegte, war er ausnehmend h�sslich. Sein Gesicht war v�llig vernarbt. Er hatte keine Augenbrauen mehr. Wie es wohl sein mochte, so leben zu m�ssen? Sie nahm eine Handvoll Schlamm, rieb sie ihm ins Gesicht und strich den Schlamm dann sorgf�ltig glatt. Vielleicht k�nnte sie die Erde zu Fleisch werden lassen? So w�rde er deutlich besser aussehen. Aber vielleicht gefiel er sich ja, wie er war?</p><p>Sie trat zur�ck. Etwas in der Matrix bedr�ngte sie. Hatte da etwas an ihren Kleidern gezupft?</p><p>Erneut �ffnete sie ihr Verborgenes Auge. Str�me von Licht flossen zum H�hleneingang. Um sie herum hatte sich ein Wirbel gebildet. Das Netz der Kraftlinien schien sich enger zu ziehen. Sie schl�pfte hindurch und lie� noch ein letztes Mal den Blick in die Runde schweifen. Von den Menschenkindern drohte keine Gefahr mehr.</p><p>Etwas Warmes streifte ihre Wange. Sie wedelte mit der Hand, wie um eine l�stige Fliege zu verscheuchen. Sie musste den Albenstern �ffnen. Es w�re besser, wenn alles zur Flucht bereit w�re.</p><p>Sie konnte die Albenpfade sp�ren. Sie geh�rten nicht zur nat�rlichen Matrix der Welt. Sie f�gten sich nicht in die Matrix ein wie in Albenmark. Sie waren ihr aufgezwungen worden. Der Wirbel hingegen war nat�rlich.</p><p>Wieder ber�hrte sie etwas Unsichtbares. Gab es noch andere wie sie, die dem tr�gen Fluss der Zeit davonschwammen? Vielleicht noch schneller? Waren sie ihr feindlich gesonnen? Ich sollte mich beeilen, dachte Bidayn.</p><p>Der Albenstern lag weniger als eine Meile entfernt. Als sie ihn erreichte, konnte Bidayn nichts entdecken, was das Tor markierte. Keine Felsnadel, keinen Steinkreis, nicht einmal einen Pilzkreis. Als solle verborgen werden, was es hier gab. Das war nat�rlich Unsinn, schalt sie sich, denn niemand, der sein Verborgenes Auge zu benutzen wusste, w�rde je einen gro�en Albenstern �bersehen. Sieben goldene Pfade kreuzten hier einander und wer sich darauf verstand, ihre Magie zu nutzen, der konnte ein Tor in jede der drei Welten �ffnen.</p><p>Bidayn kniete sich auf den weichen Waldboden und presste ihre H�nde in die dunkle Erde. Sorgf�ltig sprach sie das Wort der Macht und verwob die Str�nge der Matrix zu zwei aufsteigenden Lichtschlangen. Sie wollte zur�ck in den Jadegarten. Zum Dunklen. Auch wenn die Regenbogenschlange ihr unheimlich war, wollte sie ihren Schutz. Etwas war hier. Um sie herum. �berall!</p><p>Das Tor �ffnete sich. Bidayn wollte zu ihren Gef�hrten zur�ck. Sie musste noch schneller sein, wenn sie dem, was hier war, entkommen wollte. Sie b�umte sich auf, sprang los � und strauchelte. Sie hatte sich in etwas verfangen. Gl�hende Linien zogen sich um sie zusammen. Feiner als Haare. Sie versuchte sie zu zerrei�en. Es war ein magisches Netz. Ein Netz aus den Kraftlinien Nangogs � und es h�llte sie ganz und gar ein. Sie roch angesengtes Haar. Ihre Kleidung! Auf dem groben Wollstoff zeichnete sich ein schwarzes Netzmuster ab. �berall! Es brannte sich in den Stoff.</p><p>Bidayn schrie auf, und wurde sich im selben Augenblick bewusst, dass niemand kommen w�rde. Sie war immer noch zu schnell. Selbst f�r die Ohren ihrer Gef�hrten war ihr Hilferuf unh�rbar.</p><p>Entsetzt versuchte Bidayn, das Netz zu zerrei�en, aber es gelang ihr nicht. Es zog sich nur enger. Und enger. Bis es ihr den Atem nahm.</p></section><section><title><p>Eine verborgene Kraft</p></title><p>Die Gr�nen Geister konnten ihn nicht aufhalten. Was dachten sie? Dass er sich vor ihnen f�rchtete? Der Devanthar lachte laut auf. Ob sie sp�ren konnten, was er getan hatte? Wo er die letzten Monde verbracht hatte?</p><p>Sie waren hilflos � hilflos, wie diese ganze Welt es war. Ausgeliefert! Ein Zeitalter lang war Nangog eine Wildnis gewesen. Ungenutzt, eine Verschwendung ohnegleichen. Das w�rde sich �ndern, und nichts und niemand w�rde ihm und seinen Geschwistern dabei in den Weg kommen.</p><p>Der Ebermann stie� seinen Kampfschrei aus. Er hatte die Witterung der Elfen aufgenommen. Sie waren ganz nahe. Endlich! Das Licht der Gr�nen Geister verwirrte ihn, das musste er ihnen zugestehen. Warum kamen sie alle hierher? Sie mussten doch wissen, dass sie ihn nicht lange aufhalten konnten. Welchem Zweck also diente das alles?</p><p>Er �ffnete sein Verborgenes Auge. Er hatte die Kraftlinien l�ngst gesp�rt. Sie liefen auf einen Knotenpunkt zu. Sieben von ihnen. Ein gro�er Albenstern! Ein Ort, an dem selbst unbegabte Zauberweber leicht in das magische Netz treten konnten. Ganz gewiss war dies das Ziel der Elfen.</p><p>Er hielt inne und betrachtete jenen Teil der Matrix n�her, der zu der nat�rlichen Magie Nangogs geh�rte. Die Muster der Kraftlinien hier waren fremdartig, durchdrungen von der Macht der alten G�ttin. Zerbrochene Macht, dachte er. Sie war so naiv und � Erstaunt hielt er inne. Da war etwas Fremdes. Etwas, das er so noch nie zuvor gesehen hatte. Er schloss sein Verborgenes Auge und betrachtete den Wald. Die uralten B�ume erschienen wie Schattenrisse vor dem unsteten Licht der Gr�nen Geister. Raureif lag auf ihren St�mmen. Er betrachtete die B�ume eine Zeit lang, stellte sich vor, wie sie aussehen mussten, wenn man sie vom Himmel aus betrachtete. Ihre Anordnung � Sie bildeten eine Spirale! Viele Meilen weit.</p><p>Der Ebermann starrte auf den Boden. Selbst die Wurzeln waren in dieses verborgene Muster eingewoben. Sie alle gaben einen Teil ihrer Kraft weiter, einen Bruchteil ihrer Aura, und erzeugten damit in der Masse einen magischen Strom. Einen Strudel. Wohin floss diese Macht, und welchem Zweck diente sie?</p><p>Er folgte der Spirale, seine Haare stellten sich auf � es wurde immer k�lter. Hunderte der Gr�nen Geister hatten sich versammelt. Sie tauchten den Wald in ein beklemmend fremdartiges Licht. Auf den B�umen lag jetzt ein dichter Pelz aus Raureif. Fassungslos blickte der Ebermann auf eine der Wurzeln. Selbst die Eiskristalle richteten sich nach der Spirale aus.</p><p>Er konnte sp�ren, wie der Kraftstrom um ihn herum zunahm. Das magische Netz setzte sich gegen etwas zur Wehr. Er sp�rte eine Ersch�tterung der Matrix. Ein starker Zauber wurde gewoben. Magie, die sich gegen die nat�rliche Ordnung stemmte. Jemand versuchte, den Fluss der Zeit zu ver�ndern.</p><p>Der Devanthar blieb stehen. Wer wagte das? Was ging dort vorne vor sich?</p><p>Jetzt ber�hrte der Zauberweber das Netz der Albenpfade. Der Ebermann fluchte. Sie w�rden ihm entkommen! Im letzten Augenblick.</p><p>Er lie� alle Vorsicht fahren. Die Magie Nangogs behinderte ihn kaum mehr. Ihre Kraft floss davon. Das Netz zog sich zusammen. Wen hatten die Drachen da geschickt? Wussten ihre Elfen denn nicht, was geschah, wenn man versuchte, die Gesetze von Raum und Zeit auf den Kopf zu stellen? Die Matrix wandte sich gegen solches Zauberwerk und auch gegen jeden, der es wirkte. Das magische Netz war so gewoben, dass es die Ordnung der Welt <emphasis>sch�tzte</emphasis>. Wo sie gest�rt war, versuchte das Netz von sich aus, den Schaden zu beheben. Nat�rlich war es m�glich, Zauber zu wirken, die den Naturgesetzen Hohn sprachen � doch dazu musste man m�chtig genug sein, um sich gegen die Matrix zur Wehr zu setzen. Solche Magie war Weltensch�pfern vorbehalten.</p><p>Ein gellender Schrei hallte durch den Wald. Er war verzerrt. Und nah. Das Netz zog sich mit aller Macht zusammen. Obwohl es sich nicht gegen ihn wandte, konnte er es deutlich sp�ren. Er rief ein Wort der Macht � jenes dunkelste aller W�rter, das die Welt entzauberte, Magie verzehrte und einen toten Fleck erschuf, zu dem Kraftlinien der Matrix niemals mehr zur�ckkehrten. Der Wald um ihn erbebte. Ein Rascheln lief durch das Ge�st Tausender B�ume, Vogelschw�rme stiegen mit schrillem Geschrei von ihren Schlafpl�tzen in den n�chtlichen Himmel. Nangog selbst musste gesp�rt haben, was er getan hatte � er hatte die Welt verwundet.</p><p>Zehn Schritt um ihn herum war die Matrix verloschen. Der Wirbel an magischer Macht war zur�ckgewichen, so wie die Ebbe das Meer von den Ufern fl�chten l�sst. Er hatte das Aufbegehren Nangogs zerbrochen. So wie damals, als sie die Riesin bestraft hatten. Der Ebermann atmete schwer aus. Es war eine dunkle Tat gewesen und zugleich das einzig Richtige. Der Devanthar blickte auf. Die Gr�nen Geister waren verschwunden. Nichts versperrte mehr seine Sicht. Keine zehn Schritt entfernt lag eine sich windende Elfe am Boden. Es roch nach gebratenem Fleisch, so stark, dass ihm unwillk�rlich das Wasser im Maul zusammenlief. Sie hatte es noch geschafft, den Albenstern zu �ffnen. Er ging zu ihr hin�ber. Ein Netzmuster war in ihr Gesicht gebrannt. Ihre Kleider schwelten. Sie starrte ihn an. Er war �berrascht, dass sie noch bei Bewusstsein war. Ja, sie versuchte sogar erneut einen Zauber zu weben, denn ihre Lippen bewegten sich.</p><p><emphasis>Das Zaubern l�sst du lieber bleiben. Einen Mangel an Macht sollte man durch Feingef�hl ausgleichen. Du bist nicht dazu geboren, dir die Welt untertan zu machen. Hat man dich das nicht gelehrt, Albenkind?</emphasis> Er kniete neben ihr nieder. <emphasis>Ich h�tte eine ganze Reihe von Fragen an dich. H�rst du mir zu?</emphasis></p><p>Sie hielt nicht inne. Versuchte noch immer, ihren Zauber zu weben und ihm im letzten Augenblick zu entfliehen.</p><p>Er strich ihr mit den Krallenfingern �ber die Hand. <emphasis>Wei�t du denn nicht, dass ich dich gerettet habe, Albenkind? W�re ich nicht gekommen, h�tte das magische Netz dich get�tet. Du bist �beraus unh�flich und kennst weder die Grenzen deiner Macht noch gutes Benehmen.</emphasis> Es kostete ihn nur ein Schnippen, ihr zwei Finger abzutrennen � und sie verstummte. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie auf die verlorenen Finger und war derart geschockt, dass sie nicht einmal schrie.</p><p>Der Ebermann zog die Lefzen hoch und l�chelte. <emphasis>Wirst du mir jetzt antworten, Albenkind? Oder spielen wir weiter? Acht Finger hast du noch, wie ich sehe.</emphasis></p><p>Sie starrte ihn noch immer an, und er weidete sich an ihrer Furcht. Er mochte Gef�hle. Starke, klare Gef�hle. Diese Elfe, das sp�rte er, w�rde ihm nicht nur vieles verraten, sie w�rde ihm auch Freude bereiten, w�hrend sie starb.</p></section><section><title><p>Todbringer</p></title><p>�Wir sollten jetzt ausbrechen�, dr�ngte Nandalee, aber Gonvalon r�hrte sich nicht. �Wir werden warten, bis Bidayn uns ein Zeichen gibt. Sie wird ihre Sache gut machen.�</p><p>Nandalee schnaubte. Manchmal war seine Ruhe zum aus der Haut fahren! Bidayn hatte irgendetwas angestellt, das lag doch auf der Hand, denn drau�en herrschte ein wahrer Tumult unter den Menschenkindern. Diese Verwirrung zu nutzen � <emphasis>das</emphasis> w�re klug. Und deshalb sollten sie nicht l�nger � Nandalee keuchte auf und brach in die Knie. Sie f�hlte sich, als habe ihr ein unsichtbarer Riese seine Faust in den Magen gerammt. In einer flie�enden Bewegung griff sie nach ihrem Schwert. Die Matrix war ersch�ttert. Etwas Schreckliches war geschehen!</p><p>Gonvalon sah sie verst�ndnislos an. Er hatte gar nichts gesp�rt, das war offensichtlich.</p><p>Ein gellender Schrei hallte durch die Nacht. Bidayn!</p><p>Augenblicklich war Nandalee auf den Beinen und st�rmte aus der H�hle. Ihr war egal, was Gonvalon tun w�rde. Sie musste zu Bidayn!</p><p>Eine junge Kriegerin stellte sich ihr in den Weg, ein l�cherliches Bronzeschwert in der Hand. Nandalee lie� Todbringer kreisen � das gro�e, ungeliebte Schwert. Metall kreischte. Die Menschenkinder schrien auf, als die Klinge Bronze, Fleisch und Knochen zerteilte.</p><p>Das Bronzeschwert der K�mpferin war zerbrochen. Ein h�sslicher, kahlk�pfiger Kerl, der versucht hatte, ihr einen Dolch in den R�cken zu sto�en, lag am Boden und wand sich vor Schmerzen. Erneut warf sich ihr die Kriegerin entgegen und versuchte sie mit blo�en H�nden aufzuhalten. Hinter sich h�rte sie Gonvalon. Die Menschenkinder waren erstaunlich mutig. Statt zur�ckzuweichen, versuchten sie, ihre �bermacht zu nutzen.</p><p>Die Menschentochter mit den schwarz umrandeten Augen hatte ihre Klinge unterlaufen. Sie griff nach dem Jagdmesser an ihrem G�rtel. Nandalee stie� den Knauf ihrer schweren Waffe hinab und traf die Angreiferin an der Schl�fe. Wie vom Blitz gef�llt brach sie zusammen.</p><p>Jemand stie� einen wilden Schrei aus. Blechern, unmenschlich. Der Krieger mit dem Maskenhelm dr�ngte durch die Schar der Angreifer. Er bewegte sich geschickt und griff sie voller ungest�mer Verzweiflung an. Kreischend schlugen ihre beiden Schwerter aufeinander. Ein unheimliches gr�nes Licht flackerte um seine Klinge. Er stie� ihr den Kopf ins Gesicht. Der Angriff traf sie unerwartet. Stechender Schmerz zuckte durch ihre Nase. Blut quoll ihr �ber die Lippen.</p><p>Sie rammte dem Angreifer ein Knie zwischen die Beine, parierte einen Schwerthieb von einem muskelbepackten Blondschopf und wich einen Schritt zur�ck. Sie musste durchbrechen, dachte sie verzweifelt. Etwas war mit Bidayn geschehen. Ihre Freundin brauchte sie!</p><p>Wieder lie� sie die Klinge kreisen und trat nach dem Krieger mit dem Maskenhelm, der versuchte, die Frau zur Seite zu ziehen. Er k�mpfte so verbittert f�r die Schwarzhaarige, wie sie f�r Bidayn stritt. Wenn er starb, w�rden die anderen fliehen.</p><p>Sie f�hrte einen Hieb gegen seinen Helm. Die Wucht des Treffers schleuderte den Menschensohn zur Seite. Ein Aufschrei ging durch seine K�mpfer. Sie h�rte einen Namen rufen: Aaron.</p><p>Nandalee nutzte die Panik unter ihren Gegnern, um durchzubrechen. Ein hastiger Blick zur�ck zeigte ihr, dass Gonvalon ihr folgte. Und sie sah, was er getan hatte. �berall lagen Tote. Krieger, die versucht hatten, in ihren R�cken zu gelangen. Er hatte sie gerettet, und sie hatte es nicht einmal bemerkt. Deutlich konnte sie den Lichtbogen der magischen Pforte zwischen den B�umen sehen. Ein St�ck entfernt kauerte eine unf�rmige Gestalt. Eine Kreatur, wie Nandalee sie nie zuvor gesehen hatte.</p><p>�Bei den Alben�, fl�sterte Gonvalon. �Zur�ck! Lass uns fliehen. Das ist ein Devanthar.�</p><p>Nandalee sah, dass dieser Ebermann eine blasse, blutverschmierte Hand hielt. Bidayns Hand!</p><p>Mit einem wilden Schrei st�rmte sie vorw�rts. Es war ihr egal, was Gonvalon sagte. Es war ganz gleich, was vern�nftig war oder ob sich der Fluch, der auf diesem Schwert lag, erneut erf�llen w�rde. Sie w�rde niemals ihre Freundin hilflos in den Klauen eines Ungeheuers lassen. Nie!</p><p>Sie h�rte Schritte hinter sich. Gonvalon folgte ihr. Das war nicht gut! Es war ihre Sache, nicht die seine.</p><p>Der Devanthar erhob sich. F�r seine massige Gestalt bewegte er sich erstaunlich geschickt. Er hatte den Kopf eines Ebers. Blutunterlaufene Augen starrten sie an. Er hob die Krallenh�nde.</p><p>Todbringer schnitt einen silbernen Halbkreis � und verfehlte ihn! Er war � Verwirrt sah Nandalee sich um. Er hatte den Ort gewechselt! Nun stand er vor einem Baum drei Schritt links von ihr. Aber er hatte sich nicht bewegt! Nicht wie ein Wesen aus Fleisch und Blut.</p><p>�Ich hab sie�, rief Gonvalon hinter ihr. �Schnell, zum Albenstern! Schnell! Diesen Kampf k�nnen wir nicht gewinnen!�</p></section><section><title><p>Der Pakt</p></title><p>Der Devanthar z�gerte anzugreifen. Etwas hielt ihn zur�ck! Diese Elfe war es nicht, denn er hatte schon einige Drachenelfen get�tet. Sie war draufg�ngerisch und furchtlos, aber er k�mpfte mit der Erfahrung von Jahrhunderten und w�rde sie besiegen. Nur das Schwert � Er sp�rte seine dunkle Macht. Es hatte etwas an sich, das ihn an sich zweifeln lie�. Diese Waffe war erschaffen worden, um Unsterbliche zu t�ten. �belste Drachenmagie war in die Klinge geflossen. Vielleicht reichte schon eine kleine Wunde durch diese Klinge aus, um ihn zu t�ten.</p><p>Und dann war da noch die Kreatur, die unmittelbar hinter der magischen Pforte lauerte. Vor einem Augenblick war sie noch nicht dort gewesen, doch jetzt sp�rte er ihre Pr�senz. Er konnte nicht sagen, was es war. Eine Regenbogenschlange? Vielleicht sogar einer der Alben? Er wusste es nicht, aber er hatte das Gef�hl, dass dieses Gesch�pf durch das Tor schreiten w�rde, wenn er die Elfe angriff.</p><p>Die Kriegerin lie� ihn nicht aus den Augen. Das Schwert erhoben, wich sie langsam zum Albenstern zur�ck. Sie wusste, was er war, denn ihr Gef�hrte hatte sie gewarnt. Dennoch zeigte sie keine Angst. Der Ebermann z�gerte noch immer. Diese Waffe � Wenn er sie anblickte, stellte er sich vor, wie sie ihm Glieder abtrennte, ihn durchbohrte. War das Teil der Drachenmagie oder seine Phantasie?</p><p>Der Elf, der die verr�ckte Zauberweberin trug, hatte nun den Albenstern erreicht und wartete auf seine Gef�hrtin. Die Kriegerin forderte ihn mit Blicken heraus und er erkannte, dass sie sich geradezu w�nschte, er m�ge sie angreifen. Also gut, dachte er. Er sprach ein Wort der Macht, verschwand und erschien fast im selben Augenblick drei Schritt neben ihr.</p><p>Be�ngstigend schnell schwang sie herum. Die Spitze des langen Schwertes zeigte genau auf sein Herz. Er wollte sie t�ten, wollte ihr seine langen Krallen in die Brust sto�en und ihr noch schlagendes Herz herausrei�en. Er k�nnte es schaffen! Sie war nur eine Elfe.</p><p>Jetzt wich sie vor ihm zur�ck, Schritt um Schritt. W�rde er dem, was hinter der magischen Pforte lauerte, entkommen k�nnen? War es das Risiko wert?</p><p>Die Elfe trat auf den Goldenen Pfad. Immer noch zeigte die lange Klinge drohend auf sein Herz. Dann pl�tzlich war sie verschwunden. Der Lichtbogen zerbrach in zwei sich windende Schlangen, die im dunklen Waldboden versanken. Er war erleichtert und zugleich besch�mt. Diese Elfe hatte etwas an sich � Sie war furchteinfl��end. Dass sie keine Angst vor ihm gehabt hatte, machte ihm zu schaffen. Wahrscheinlich war sie zu dumm gewesen, um wirklich zu begreifen, wer vor ihr gestanden hatte.</p><p>Langsam b�ckte er sich und hob die Finger der dunkelhaarigen Elfe auf. Vielleicht mochten sie ihm eines Tages helfen, sie aufzusp�ren und Macht �ber sie zu erlangen. Er war sich sicher, dass dort, wo die Zauberweberin war, auch die blonde, kriegerische Elfe zu finden sein w�rde � und mit ihr war er noch nicht fertig. Er w�rde sie aufsp�ren und Rache nehmen. Bei ihrer n�chsten Begegnung w�re er auf dieses Schwert vorbereitet.</p><p>Der Devanthar stieg den Hang hinab und folgte dem Blutgeruch, der in der Nachtluft hing. Der Wald versuchte nun nicht mehr, ihn zu behindern. Nangog war gez�chtigt. Die Menschenkinder stoben �ngstlich schreiend auseinander, als er den Waldrand erreichte. Nur ein b�rtiger Kerl und ein h�nenhafter, blonder Krieger blieben. Beide waren vern�nftig genug und versuchten erst gar nicht, ihn anzugreifen.</p><p>Der Eingang zu einer H�hle erweckte seine Aufmerksamkeit. Blassgr�nes Licht fiel durch den Spalt im Fels. Dort musste der Mittelpunkt der Spirale aus B�umen liegen. Er wagte es nicht, sein Verborgenes Auge zu �ffnen. Er sp�rte die Macht des Ortes.</p><p>Ohne weiter auf die Menschenkinder zu achten, trat er zum H�hleneingang. Der Spalt war eng und nur mit M�he gelang es ihm, hindurchzuschl�pfen.</p><p>Verwundert sah er sich um. Dies war ein Ort der Macht, der entstanden war, nachdem sie Nangog in Fesseln gelegt hatten. Ihre Kraft wirkte also weiter. Schwach und unscheinbar zwar, aber sie war nicht g�nzlich gebrochen, wie sie bislang vermutet hatten.</p><p>Er sp�rte, wie die Macht des Waldes in der gro�en Kristalls�ule geb�ndelt und in die Tiefe geleitet wurde. Gab es mehr als nur einen dieser Orte? Erholte sich die gefesselte G�ttin? Seine Br�der und Schwester mussten davon erfahren. Sie sollten diese Kristallh�hle zerst�ren.</p><p>Ein Ger�usch am H�hleneingang weckte seine Aufmerksamkeit. Der Devanthar konnte wittern, wer dort stand. <emphasis>Du hast eine besondere Gabe, dich an gef�hrlichen Orten aufzuhalten, Unsterblicher.</emphasis></p><p>�Was wollten die Elfen hier? Was f�r ein Ort ist das?�</p><p>Der Ebermann sah sich um. Das waren zwei Fragen, auf die er keine Antworten hatte. Aber er schuldete Aaron auch keine Antworten. <emphasis>Die Gr�nen Geister sind hier m�chtig. Hast du wieder einen erschlagen?</emphasis></p><p>Der Herrscher Arams war �bel zugerichtet. Seine linke Gesichtsh�lfte war blaurot verf�rbt. Das linke Auge g�nzlich zugeschwollen. Und dennoch gab er keine Ruhe. �Warum sind hier Elfen? Warum haben sie uns angegriffen?�, beharrte er.</p><p>Der Ebermann bleckte die Z�hne. <emphasis>Ich sch�tze, weil ihr euch bewaffnet in ihren Weg gestellt habt.</emphasis></p><p>�Und warum waren sie auf Nangog?� Der Unsterbliche hob seinen Helm, der fast auf ganzer L�nge eingedellt war. �Du wei�t, wer ich bin. Warum greifen sie Aaron zum zweiten Mal an? Wie es aussieht, habe ich Gl�ck, dass ich noch lebe. Warum bist du nicht fr�her gekommen? Ihr Devanthar habt uns nach Nangog gef�hrt und nun, da wir euch brauchen, helft ihr uns nicht!�</p><p><emphasis>Mein Bruder Langarm wird nicht erfreut sein, wenn er diesen Helm sieht. Er hat ihn erschaffen. Und was die Elfen angeht � Warst nicht du es, der zu ihnen gekommen ist? Ich habe die Spuren drau�en vor der H�hle und im Wald gesehen. Und was glaubst du, warum sie den Kampf abgebrochen haben? Weil sie mich kommen sp�rten! Wenn ich nicht hier w�re, w�ret ihr alle tot</emphasis>, log er. <emphasis>Du solltest dankbarer sein.</emphasis></p><p>Der Unsterbliche senkte den Kopf. �Sie waren Sp�her, nicht wahr?�</p><p><emphasis>Vielleicht � Wenn sie Sp�her waren, dann werden mehr von ihnen kommen.</emphasis></p><p>Aaron fluchte. �Wie sollen wir uns gegen sie wehren? Dort drau�en liegen einige meiner besten Krieger � tot. Es ist aussichtslos.�</p><p><emphasis>Sie sind wenige, Aaron. Ihr Menschen seid unz�hlig. Wenn ihr alle f�r dieselbe Sache k�mpft, seid ihr unbesiegbar. Die Elfen wissen das und f�rchten euch.</emphasis></p><p>Die Zweifel Aarons waren un�bersehbar. Doch was scherte ihn der Menschensohn? Er musste zu seinen Br�dern und Schwestern. Sie mussten erfahren, was hier geschehen war. Er ging zum Ausgang, doch Aaron verstellte ihm den Weg.</p><p><emphasis>Was willst du?</emphasis>, zischte der Ebermann gereizt. <emphasis>Du hast heute schon einmal Gl�ck gehabt. Fordere es nicht ein zweites Mal heraus.</emphasis></p><p>�Ich erbitte nichts f�r mich. Eine Prinzessin aus Ischkuza braucht dringend deine Hilfe. Sie ist bedeutend. Sie ��</p><p><emphasis>Wenn sie bedeutend w�re, w�rde sich mein Bruder, der �ber Ischkuza wacht, um sie k�mmern.</emphasis></p><p>�So wie der L�wenh�uptige sich um mich k�mmert?�</p><p>Die Augen des Menschen funkelten vor Zorn. Seine Impertinenz war wirklich erstaunlich. Er hatte Unterhaltungswert. <emphasis>Es gibt nichts im Leben ohne einen Preis. Was w�rdest du mir bieten?</emphasis></p><p>�Ich schulde dir einen Gefallen, wenn du sie heilst.�</p><p>Der Ebermann lachte auf. <emphasis>Das ist gut. Welchen Gefallen k�nntest du mir wohl tun, Sterblicher?</emphasis></p><p>Aaron sch�ttelte pl�tzlich den Kopf. Was wohl mit ihm los war? Einen eigenartigen Kerl hatte sich sein Bruder da als Herrscher ausgesucht.</p><p>�Ich bin der Unsterbliche von Aram. Eines der sieben Gro�reiche. Jeder siebente Mensch ist also mein Untertan. Du sagst, ein Krieg mit den Daimonenkindern der Anderswelt wird kommen. Vielleicht brauchst du eines Tages sehr viele Schwerter. Ich gebiete �ber Zehntausende Krieger. Ist das eine Macht, die dir eines Tages von Nutzen sein k�nnte?�</p><p>Er war nicht auf den Mund gefallen, dachte der Devanthar. Was kostete es ihn schon, ihm einen Gefallen zu tun? <emphasis>Zeig sie mir!</emphasis></p><p>Eilig brachte Aaron ihn nach drau�en. Au�er dem blonden Krieger hatten sich alle Menschen, die noch laufen konnten, zum Waldrand zur�ckgezogen. Der Ebermann genoss es, ihre Angst zu sp�ren. Er hatte diese Gestalt erw�hlt, weil sie Furcht einfl��te. So wanderte er, wenn er in Ruhe gelassen werden wollte.</p><p>Die Prinzessin war ein junges M�dchen und wenig eindrucksvoll. Sie trug eine grellrote Hose und hatte sich eine Paste aus Asche unter die Augen geschmiert. Nicht sonderlich h�bsch, wie er fand. Unter dem wachsamen Blick des blonden Kriegers kniete er neben ihr nieder. Eine farblose Fl�ssigkeit, durchsetzt mit Blutschlieren, troff aus ihrer Nase. Ihre Augenh�hlen waren eingeblutet. Er strich ihr mit der Krallenhand �ber den Kopf, und sie st�hnte leise.</p><p><emphasis>Ihr Sch�delknochen ist gebrochen. Ich denke, sie wird ohne starke Schmerzen in den n�chsten Stunden sterben.</emphasis></p><p>�Du musst sie retten!�</p><p>Er blickte zu dem Unsterblichen auf. Es war erstaunlich, wie sehr er wegen dieser Frau litt. Liebe war eine giftige Frucht, dachte der Ebermann. Es w�rde ihn keine gro�e M�he kosten, sie zu heilen, aber er war neugierig, worauf sich Aaron einlassen w�rde, um sie zu retten. <emphasis>Ich muss gar nichts f�r dich tun</emphasis>, sagte er k�hl.</p><p>�Bitte. Hilf ihr. Ich ��</p><p>Er schnitt ihm mit einer harschen Geste das Wort ab. <emphasis>Wenn ich ihr helfe, schuldest du mir einen Gefallen. Eines Tages werde ich kommen und ihn einfordern. Und ich rate dir, dann nicht zu z�gern. Wenn ich sie rette, liegt ihr Leben von nun an in meiner Hand. Und wenn du dich weigerst, deine Schuld zu begleichen, wenn ich zu dir kommen werde, wird sie im selben Augenblick aufh�ren zu atmen.</emphasis></p><p>�Was wirst du von mir fordern?�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. <emphasis>Alles zu seiner Zeit. Das wirst du erst erfahren, wenn ich zu dir komme.</emphasis></p><p>Wahrscheinlich w�rde er niemals kommen, dachte er. Was konnte ein Mensch schon f�r einen Devanthar tun?</p><p>Der Blonde zischte Aaron etwas zu. Vermutlich riet er seinem Herrscher davon ab, sich auf diesen Handel einzulassen, doch dieser sch�ttelte den Kopf und streckte ihm die Hand entgegen. �Ich nehme an.�</p><p>Der Devanthar war von der Geste �berrascht. Dass man auf einen Handel einschlug, kam ihm erstaunlich b�uerlich vor, und er unterlie� es. <emphasis>Mir reicht dein Wort.</emphasis></p><p>Zu heilen war eine Spielart der Magie, mit der er sich nur selten besch�ftigte. Aber heute hatte er ja bereits reichlich Erfahrungen mit gebrochenen Knochen und der Anatomie von Menschen sammeln k�nnen.</p><p>Er wurde im Geiste eins mit der Prinzessin, stimmte sich ganz auf ihren K�rper und dessen Verletzungen ein. Den Knochen zusammenwachsen zu lassen war nicht genug. Die Haut, die ihr Hirn umgab, war eingerissen und einige kleinere Blutgef��e waren geplatzt. Auch musste er den Verlust an Gehirnfl�ssigkeit ausgleichen. Er dachte sich ganz in sie hinein, erf�hlte sie, tiefer, als sie es selbst jemals verm�gen w�rde. Sie hatte erstaunlich viele Narben auf ihrem K�rper.</p><p>Als sein Werk vollendet war, f�hlte er sich ersch�pft. Ein neuer Tag d�mmerte herauf. Erstes Morgenlicht sickerte durch das dichte Laubwerk. Zufrieden mit sich blickte er in das Antlitz der Prinzessin. �Wenn sie erwacht, wird sie wieder v�llig gesund sein.�</p><p>�Ich danke dir!� Der Unsterbliche kniete vor ihm nieder und k�sste ihm die Krallenhand. �Danke!�</p><p>Er konnte ihm ansehen, dass Aaron noch etwas anderes als Dank auf der Zunge lag.</p><p><emphasis>Ja?</emphasis></p><p>�Wir �� Der Unsterbliche strich sich nerv�s �ber den Bart. �Wie kommen wir hier fort?�</p><p>Der Ebermann lachte auf. <emphasis>Das ist nicht meine Sorge. Und ich f�rchte, es gibt nichts mehr, was du mir noch zu bieten h�ttest.</emphasis></p><p>�Wir wissen nicht einmal, wo wir sind. Dieser Wald erstreckt sich mehr als zweihundert Meilen in jede Richtung. Wie kommen wir in die Goldene Stadt zur�ck?�</p><p>Der Ebermann schnaubte am�siert. <emphasis>Wenn du meinem Bruder etwas bedeutest, dann wird er dich finden. Oder er wird ein Schiff schicken. Genie�e die Zeit, die dir hier im Wald bleibt, Aaron von Aram. Vielleicht werden es deine letzten friedlichen Tage sein.</emphasis></p></section><section><title><p>Ein unermesslicher Schatz</p></title><p>Artax hatte sich in die Kristallh�hle zur�ckgezogen. Er kam immer wieder hierher, wenn er allein sein wollte, denn die meisten der �berlebenden mieden diesen Ort. Drei Tage warteten sie nun schon darauf, dass jemand kam, und langsam fragte er sich, ob der L�wenh�uptige einen anderen unsterblichen Aaron erschaffen hatte.</p><p>Dann w�ren wir nicht mehr hier, Dummkopf!</p><p>Es sei denn, er h�tte entschieden, dass ihr genauso entbehrlich seid wie ich, dachte Artax mit boshafter Freude.</p><p>Undenkbar! Wir dienen Aram seit Jahrhunderten. Wir sind unverzichtbar.</p><p>Ganz in seine Gedanken verloren, betrachtete Artax das unstet flackernde Licht, das durch die Kristalle glitt. Manchmal hatte er das Gef�hl, dass es auf seine Stimmungen reagierte. War er aufgeregt, flackerte es st�rker, war er aber so ruhig wie jetzt, glitt es einfach durch die W�nde. Er konnte ihm stundenlang zusehen und br�ten.</p><p>Konnte er es sich leisten, sich aus Nangog zur�ckzuziehen? Dutzende Male hatte er sich diese Frage gestellt. Und die Antwort blieb immer gleich. Nein! Sollte er es tun, w�rde der L�wenh�uptige ihn ersetzen. Und falls das nicht geschah, w�rde er jegliches Ansehen bei den anderen Unsterblichen verlieren. Sie w�rden ganz gewiss nicht gehen. Sie konnten es sich l�ngst nicht mehr leisten. Genauso wenig wie Aram. Wenn er alle Besitzungen und Anspr�che seines Reiches aufgab, w�rde eine schreckliche Hungersnot ausbrechen. L�ngst schon waren sie abh�ngig von dem Korn und dem Reis, das aus dieser Welt kam. Zehntausende w�rden verhungern, wenn die Goldene Pforte sich f�r Aram verschloss und keine Lebensmittel mehr aus der Neuen Welt kamen. Also, dachte Artax, musste er k�mpfen. Sie alle mussten das � und zwar am besten gemeinsam. Wenn die sieben Unsterblichen ihre kleinlichen Rivalit�ten �berwinden und alle vereint fechten w�rden, h�tten sie eine gewaltige Macht. Ihre Bogensch�tzen k�nnten den Himmel mit Pfeilen verdunkeln. Dicht wie Hagelschlag w�rden die Geschosse auf die Daimonen der Anderswelt niedergehen. Dem konnten nicht einmal die Elfen gewachsen sein.</p><p>Ja, dachte Artax, das war es, was er erreichen wollte. Er musste einen Weg finden, um Muwatta an den Verhandlungstisch zu zwingen. Wenn sie beide in wenigen Monden ihre Heere auf der Ebene von Kush aufmarschieren und das Schlachten beginnen lie�en, w�re das nichts als eine sinnlose Verschwendung von Menschenleben. Aber wie sollte er die Schlacht vermeiden? Trat er seine Provinz einfach an Muwatta ab, w�rde er unter den anderen Unsterblichen nichts mehr gelten. Wer w�rde ihm dann noch folgen, wenn er sie alle zu einem gro�en Rat einberief, um sie auf eine gemeinsame Zukunft einzuschw�ren? Niemand! Um anerkannt zu sein, brauchte er also einen Sieg. Und da biss sich die Katze in den Schwanz.</p><p>Er seufzte. Wenn nur Juba noch an seiner Seite w�re! Der Kriegsmeister h�tte wahrscheinlich auch keinen Rat gewusst, aber seine unersch�tterliche Zuversicht w�re tr�stlich gewesen.</p><p>Ein leiser, bewundernder Pfiff riss ihn aus seinen Gedanken. �Ist sich das Pr�chtigste, das je gesehen ich habe. Hat sich nicht einmal K�nig so ein Zimmer. Kann mich verstehen, dass du bist so viele Stunden hier.� Volodi und sein Freund Kolja hatten sich durch den Spalt in die H�hle gedr�ngt. Mit weit aufgerissenen Augen sahen sie sich um. Kolja, der im Kampf gegen die Elfen seinen linken Arm verloren hatte, hatte sich den Stumpf mit Lederb�ndern eng an den Leib geschn�rt. Eigentlich sollte er nicht herumlaufen, dachte Artax.</p><p>�Wird sich machen viel Arbeit, zu holen von W�nden all das. Aber wir schaffen!� Volodis Augen spr�hten vor Tatendrang. �Machen wir dich sch�nes Zimmer in sich deinem Palast. D�rfen wir uns behalten ein oder zwei von die gro�e Glitzersteine?�</p><p>�Ihr r�hrt hier nichts an!�, herrschte er sie erschrocken an. �Diese Steine sind verwunschen. Ein Fluch liegt auf ihnen. Die Gr�nen Geister werden sich gegen jeden wenden, der es wagt, einen der Steine fortzubringen. Alles bleibt hier, wie es ist. Geht jetzt hinaus.�</p><p>Die Drusnier schienen kein Verst�ndnis f�r seine Entscheidung zu haben.</p><p>�Ist sich unermesslicher Schatz ��, versuchte es Kolja noch einmal.</p><p>�Und er bleibt hier�, sagte Artax entschieden.</p><p>Die beiden gingen ohne weiteren Widerspruch. Als er allein war, trat Artax an die baumdicke S�ule in der Mitte der H�hle. Er legte beide H�nde auf den Kristall und eine ihm bis dahin unbekannte Melancholie �berfiel ihn. Ganz gleich, wie sehr er sich bem�hte, die Welt zu verbessern, gab es doch mehr R�ckschl�ge als Erfolge, ganz so, als sei es das Schicksal selbst, das ihn in Fesseln geschlagen hielt.</p><p>Was wunderst du dich? Es ist nicht unsere Aufgabe, die Welt zu verbessern. Wir sind Diener der Devanthar. Wann hast du den L�wenh�uptigen je gefragt, was er von dir erwartet? Du tust die verr�cktesten Dinge, du scherst dich einen Dreck um unseren Rat und jetzt stehst du hier und jammerst. Verreck doch endlich, Bauer! Du bist Herrscher! Dich erwartet keine Dankbarkeit. Das ist unvereinbar mit Herrschaft. Im besten Fall bist du mit Speichelleckern umgeben, die dir nach dem Mund reden. Den beiden Irren, die gerade gegangen sind, trauen wir �brigens nicht. Du h�ttest sie �ber Bord werfen und stattdessen Juba behalten sollen. Du machst einen Fehler nach dem anderen. Selbst hier und jetzt sitzt du nur fest, weil du unter hundert Weibern in deinem Harem keine finden wolltest und stattdessen dieser ungewaschenen Ischkuzaia-Prinzessin nachstellst. Verrecke, Artax! Verreck endlich! Wir haben es so satt, dir hilflos zusehen zu m�ssen!</p><p>Ha!, dachte Artax. Am Ende all der Beleidigungen Aarons stand zumindest ein kleiner Sieg. Sein Qu�lgeist war hilflos und verzweifelt. Sch�n, dass die Aarons dieses Gef�hl auch einmal kennenlernten.</p><p>�Brauchst du Gesellschaft?� Shaya stand im Eingang zu H�hle. Misstrauisch betrachtete sie die Kristalle und die geisterhaften Lichter darin. �Deine beiden drusnischen Totschl�ger halten Wache am Eingang und verscheuchen jeden, der auch nur in die N�he der H�hle kommt. Das machen sie jedes Mal, wenn du dich hierher zur�ckziehst.�</p><p>�Und du durftest hinein?�</p><p>�Volodi hat nach mir gesucht. Er macht sich Sorgen um dich.� Sie sah ihn forschend an. �Gibt es Grund, sich Sorgen zu machen?�</p><p>Er l�chelte. Es war gut, sie hier zu haben. Artax war �berrascht, wie feinf�hlig Volodi war. Sie zu schicken war eine gute Entscheidung gewesen. Der Ebermann hatte Shaya geheilt, und ganz gleich, welchen Preis er eines Tages fordern mochte � ihr Leben war ihm alles wert. �Vielleicht sollte man sich um meinen Geschmack, was Leibw�chter angeht, Sorgen machen?� Er l�chelte.</p><p>�In der Tat. Als ich hereinkam, konnte sich das Narbengesicht nicht verkneifen, mich darauf hinzuweisen, diese H�hle sei genau der richtige Ort f�r Leute, die mit einem goldenen Pisspott unter dem Arsch auf die Welt gekommen seien. Ich kann nicht begreifen, wie du jemanden, der sich solche Frechheiten herausnimmt, in deiner Leibwache dulden kannst.�</p><p>�Diese Frechheiten sind das Salz eint�niger Tage.�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf. �Du bist zu leichtfertig!�</p><p>Er deutete auf die Kristallw�nde. �Und das hier beeindruckt dich nicht im Mindesten?�</p><p>Sie schenkte dem Zauber der H�hle keinen Blick, sondern sah ihn unverwandt an. �Du wei�t doch, dass mein Volk sich nicht viel aus Steinen und Pal�sten macht. Was ist das hier schon im Vergleich zum Anblick der bl�henden Steppe im Fr�hling? <emphasis>Das</emphasis> ist ein Anblick, der Leben verhei�t. Hier um uns herum ist alles tot.�</p><p>Er ging auf sie zu, nahm ihre Hand und legte sie auf seine Brust. �Was du hier f�hlst, lebt. Mein Herz schl�gt f�r dich. So stark und verzweifelt. Ich muss dich verlassen. In unserer Heimat ist der Mittwinter nahe. Ich muss beginnen, meine Heere zu versammeln, um eine Schlacht zu schlagen, die mir aufgezwungen wird und in der Tausende Krieger sterben werden. Tausende Krieger, die wir nur allzu bald hier auf Nangog brauchen werden, wie es scheint. Und die, an der mir am meisten liegt in meinem Leben, muss ich zur�cklassen. Ich bin ein Unsterblicher, einer der sieben M�chtigsten unserer Welt � und meine Entscheidungen liegen in Fesseln. In der Schlacht �ber den Wolken habe ich diesen Piraten Tarkon Eisenzunge einen Moment lang beneidet, als er von seiner Freiheit sprach.�</p><p>Shaya runzelte die Stirn. �Ich beneide niemals Tote!�, sagte sie entschieden. Dann k�sste sie ihn. �Lass uns die wenigen Tage, die uns noch bleiben, nicht mit schweren Gedanken vergeuden.�</p><p>Artax sah sie verwundert an. Das bevorstehende Massaker schien sie nicht zu ber�hren. Wie konnten ihr Tausende, die sterben w�rden, egal sein? Zum ersten Mal w�nschte er sich, sie h�tte mehr von der Almitra seiner Tr�ume. Almitra h�tte sich mit ihm an den Esstisch ihres Bauernhauses gesetzt und die ganze Nacht mit ihm gemeinsam nach einer L�sung gesucht. Aber war es gerecht, Shaya an einer Traumfrau zu messen? Er versuchte seine Entt�uschung zu �berspielen und nahm ihre H�nde. �Ich werde zu dir zur�ckkommen. Ganz gleich, ob die G�tter unsere Liebe verbieten!�</p><p>Sie l�chelte. �Ich wei�, denn du bist unvern�nftig. Und genau das liebe ich an dir.�</p></section><section><title><p>Schulden</p></title><p>Volodi blickte zum Horizont, wo die Abendsonne in einem Himmel aus Blut versank. F�nf Tage hatten sie im Wald bei der Kristallh�hle warten m�ssen, bis ein Wolkenschiff erschienen war, um sie zu holen. Es war eines der kleinsten Himmelsschiffe des Unsterblichen gewesen. Eines, das kein Aufsehen erregte, wenn es die Goldene Stadt verlie�, um zu einer vermeintlichen Patrouillenfahrt aufzubrechen. Dennoch bot es unendlich mehr Luxus als die K�hne, auf denen sie vorher �ber den Himmel gezogen waren. Es gab gro�e Mannschaftsquartiere, keiner musste an Deck schlafen und das Essen war gut. Dennoch blieb die Stimmung an Bord bedr�ckt. Sie waren zwar froh, noch am Leben zu sein, aber das Gef�hl der doppelten Niederlage lie� sie nicht los. Besiegt von den Piraten und von den Daimonenkindern. Trotz ihrer zahlenm��igen �berlegenheit!</p><p>Sie alle waren auserw�hlte Krieger, bew�hrt in Dutzenden K�mpfen. Aber was z�hlte das, wenn sie gegen Ungeheuer und Daimonen antreten mussten? Und sie alle ahnten, dass es solche K�mpfe in Zukunft erneut geben w�rde. Die Daimonen waren Sp�her gewesen; weitere ihresgleichen w�rden folgen. Ja, dachte Volodi, die blutroten Wolken am Himmel waren ein Spiegelbild ihrer Zukunft. Die Himmel und W�lder Nangogs w�rden in Blut getr�nkt werden. Er seufzte. Im Grunde war es m��ig, sich �ber eine Zukunft den Kopf zu zerbrechen, die er ohnehin nicht �ndern konnte.</p><p>Seine Gedanken schweiften zu Quetzalli. Er konnte sie einfach nicht vergessen und er wollte nicht glauben, dass sie ihn auf einen Opferstein gezerrt h�tte. Sie war so herrlich anders gewesen als alle Frauen, die er kannte. War auf ihn zugegangen, hatte ihn begehrt, und dann hatten sie einander bis zur Bewusstlosigkeit geliebt. Das war doch prima, dachte Volodi. So erfrischend einfach und geradeaus und ohne dieses st�ndige Gerede. Dass sie ihn wollte, nein, das war sicherlich nicht vorgespielt gewesen. Ebenso wenig wie ihre Liebe zu ihm. Wenn sie einander doch noch einmal wiedersahen, w�rde er gleich einen �bersetzer dazu holen � nur am Anfang und nur, um ein paar Dinge zu kl�ren.</p><p>Volodi dachte an Mitja. Er hatte dem �bersetzer kein Gl�ck gebracht. Ob sich das auf dem Platz der tausend Zungen herumsprechen w�rde? W�rde er jemals wieder einen �bersetzer finden, der f�r ihn arbeiten wollte? Mitja hatte seinen Platz auf den kleinen Wolkensammlern der Ischkuzaia seiner Tochter �berlassen. W�hrend Juba das M�dchen mit Gewalt in ihr Fluggeschirr hatte schnallen lassen, war der �bersetzer zu ihm, Volodi, gekommen. Er hatte ihm erneut das Versprechen abgenommen, sich um das M�dchen zu k�mmern und Kolja von ihr fernzuhalten, und er hatte zugesagt. Aber das M�dchen wollte nichts von ihm wissen. Sie gab ihm die Schuld am Ungl�ck ihres Vaters. Ver�beln konnte er ihr das nicht. Wieder seufzte er, denn er wusste beim besten Willen nicht, was er mit ihr anfangen wollte. Im Palast bleiben wollte sie nicht, aber in der Goldenen Stadt konnte er sie kaum besch�tzen.</p><p>�Hochn�siges Arschloch verdammtes �� Kolja kam zu ihm her�ber, lehnte sich an die Reling und spuckte �ber Bord.</p><p>Volodi kam eine Ablenkung von seinen d�steren Gedanken gerade recht. Kolja war im Moment zwar keine gute Gesellschaft, aber immer noch besser als gar keine Gesellschaft. Es ging seinem Kameraden nicht gut. Er war schwach und ein schleichendes Fieber zehrte an ihm. Koljas Verband war von Blut durchtr�nkt. Die Wundn�hte an seinem Armstumpf �ffneten sich immer wieder. Bislang hatte noch kein Heilkundiger danach gesehen. Es gab keinen hier an Bord. Ebenso wenig wie es einen im Wald gegeben hatte. Es war Volodi gewesen, der die Wunde gemeinsam mit dem Lotsen Nabor versorgt hatte � so gut sie es konnten. Und das war nicht sonderlich gut. Kolja versuchte seine Schmerzen zu �berspielen, aber er war kein guter Schauspieler. Er war immerzu gereizt und fluchte halblaut vor sich hin.</p><p>��ber Bord sollte man den schmei�en, wie einen Ballastsack! Verdammter eingebildeter Dreckskerl!�, murrte Kolja.</p><p>�Von wem sprichst du?�</p><p>�Von dem Lotsen von diesem Mistkahn nat�rlich! M�gen die L�use seinen Bart niemals verlassen! Ich wollte ihm den Arsch vergolden und er hat mich nicht einmal zu Ende reden lassen! Ich wollte dieses Schiff <emphasis>leihen</emphasis>. Niemand wird diesen Kahn in der Goldenen Stadt vermissen. Der Unsterbliche hat ein halbes Dutzend Wolkenschiffe wie dieses. Aaron h�tte seinen Teil abbekommen. Stattdessen wird das Schiff �ber der Stadt vor Anker liegen und ihn jeden Tag Gold kosten, statt welches einzubringen. Es sind Kleingeister wie dieser Lotse, die den Unsterblichen eines Tages noch ruinieren werden!�</p><p>�Du wolltest ein ganzes Wolkenschiff anmieten?� Volodi traute seinen Ohren nicht. �Wozu?�</p><p>�Liegt das nicht auf der Hand?� Kolja sah sich misstrauisch um. Dann hob er kurz seine Tunika und zog etwas darunter hervor, das in ein schmutziges Tuch gewickelt war. Vorsichtig zog er den Stoff auseinander. Darin verborgen lag ein faustgro�er gr�ner Kristall. �Wir sind �ber den gr��ten Schatz dieser verdammten Welt gestolpert, und was tut unser Herrscher? Er l�sst alles im Wald liegen! Ich fasse das nicht ��</p><p>Volodi beugte sich dicht �ber den Kristall. Er hatte kein gutes Gef�hl bei dieser Sache. �Das Licht in dem Ding ist verloschen.�</p><p>�Ja, das ist �rgerlich. Aber er ist auch so noch ein Verm�gen wert.�</p><p>�Der Unsterbliche glaubt doch, dass die Steine verhext sind. Du wirst dir damit nur �rger holen ��</p><p>Kolja lachte. �Das sagt der Mann, der es f�r eine gute Idee hielt, einem Zapote-Priester einen Opferdolch zu stehlen und dann mich in die ganze Angelegenheit hineinzuziehen? Du hast noch Schulden bei mir, Volodi. Normalerweise bin ich nicht kleinlich � Aber ich kann es nicht leiden, wenn man Schulden bei Kameraden einfach abtut. Und was das verdammte Wolkenschiff angeht � das brauchen wir, um hierher zur�ckzukommen und diesen Riesenhaufen Klunker abzuholen! Ich merke mir jeden Baum auf dem Weg hierher. Jeden einzelnen. Ich bin im Wald aufgewachsen, wie du. Ich kenn mich aus mit B�umen, ganz gleich, auf welcher Welt sie stehen. Und ich schw�re dir, ich werde diese H�hle wiederfinden.�</p><p>Volodi blickte �ber das Meer aus Wipfeln, �ber das sie hinwegglitten. Er selbst w�rde den Weg niemals zur�ckfinden.</p><p>�Und? Bist du dabei? Oder stellst du dich auf die Seite der hochwohlgeborenen Arschl�cher, die sich edel und klug f�hlen, wenn sie ein Verm�gen im Wald liegen lassen?�</p><p>Volodi seufzte. Was sollte er dazu sagen? Kolja hatte recht. Er hatte wirklich noch Schulden. Ihm nicht zu helfen w�re klug, aber ehrlos. Als sonderlich klug hatte er noch nie gegolten � was w�rde von ihm bleiben, wenn er seine Ehre verlor?</p><p>�Ich bin dabei�, sagte er mit dem mulmigen Gef�hl, gerade den gr��ten Fehler seines Lebens begangen zu haben.</p></section><section><title><p>Neue Ziele</p></title><p>Nachdenklich betrachtete ER den Dolch. Mit seinen Menschenh�nden fuhr er �ber das bl�uliche Wellenmuster auf der Klinge, den kostbar gearbeiteten Griff. Eine wunderbare Waffe! Nicht nur ein T�tungswerkzeug, nein, auch ein Schmuckst�ck. Mit Hingabe geschaffen. Anders als den Drachenwaffen schien ihm kein Makel anzuhaften. Jedenfalls deutete die magische Matrix nicht darauf hin. Aber es war etwas anderes � Mit der Waffe waren dunkle Taten vollbracht wurden.</p><p>ER dachte an SEINEN ersten Mord. Sie war die Unschuldigste von allen gewesen. ER h�tte sie verschonen m�ssen.</p><p>Der Drache blickte auf das weite Meer. ER hatte Menschengestalt angenommen. Es war ein einsamer K�stenstrich. Eine Meile entfernt lag ein kleines Fischerd�rfchen. Marcilla hie� es. Unbedeutend, aber in guter Lage. Vielleicht w�rde irgendwann einmal eine Stadt daraus erwachsen. Doch jetzt war dieser K�stenstrich fast menschenleer.</p><p>Tage hatte ER damit verbracht, seinen Weg hierherzufinden. ER war durch mehr als ein Dutzend Albensterne getreten und sorgsam darauf bedacht gewesen, willk�rlich zu reisen und keinem erkennbaren Muster zu folgen. Keine F�hrte zu hinterlassen! Seit der Dunkle IHN in der Zwergenstadt fast aufgesp�rt hatte, nahm ER nie zweimal denselben Weg. Warum SEIN Bruder dieser Elfe Nandalee wohl so viel seiner kostbaren Zeit widmete? M�glicherweise hatte er sie sogar in das Geheimnis um die verschwundenen Alben eingeweiht. In das Wenige, das er wusste �</p><p>In den vergangenen Monden war diese Elfe n�tzlich gewesen. Aber nun hatte sie ihre N�tzlichkeit �berlebt. Es war besser, sie auch verschwinden zu lassen. Es war nicht mehr notwendig, dass sein Bruder abgelenkt wurde.</p><p>ER hatte seine Schlachtreihen geordnet, dachte der Drache zufrieden. Die Himmelsschlangen waren hinter IHM vereint. Ausnahmslos alle waren �berzeugt, dass man gegen die Devanthar vorgehen musste. Sein Bruder, der Erstgeschl�pfte, war isoliert, die Alben geschw�cht. Nun konnte der eigentliche Kampf beginnen. Die Vernichtung der Devanthar. Wenn ER sie ausl�schte, w�rde Albenmark f�r alle Zeiten in Frieden weiterbestehen. Die Menschen w�rden von Nangog verschwinden und der alte Vertrag w�re wieder erf�llt.</p><p>Aber wie mochte er an die Devanthar gelangen? Sie zu t�ten w�rde nicht leicht werden. Sie waren argw�hnischer als die Alben. Verschlagen! Man m�sste sie alle zur gleichen Zeit erwischen � sie so sehr bedr�ngen, dass sie sich versammelten. ER l�chelte. Ein Plan reifte in IHM! Bald schon w�rde der Tod SEINES purpurnen Nestbruders ger�cht sein.</p><p>Nun blieb nur noch der Dolch. Das Meer unter der Klippe war tief. Niemand w�rde diese Waffe dort suchen. Sie w�rde f�r alle Zeiten verschwinden. Ein letztes Mal betrachtete ER das bl�uliche Wellenmuster auf der Klinge. Vollendete Schmiedekunst! Eine Waffe, um G�tter zu t�ten. SEINE dunklen Taten hatten sie ver�ndert. Wenn sie in die H�nde von Menschen fiel � Nein, dachte ER, das w�rde nicht geschehen! ER holte aus und warf den Dolch in weitem Bogen ins Meer. Nun war er f�r immer verschwunden. Niemand w�rde ihn je dort unten finden.</p><p>ER wandte sich ab. Ein langer Weg lag vor IHM, und ER w�rde sehr vorsichtig sein m�ssen. Erneut durch viele Albensterne schreiten, lange Wanderschaften �ber Land machen und alles tun, um SEINE Spur zu verwischen. Sobald ER zur�ck war, w�rde ER einen anderen Dolch nutzen. Einen aus Fleisch und Blut � den besten SEINER Elfenm�rder! Es war an der Zeit, andere f�r IHN morden zu lassen.</p></section><section><title><p>Ein junger Trieb</p></title><p>Das Erdreich war zu Glas zerschmolzen! Lyvianne streifte ziellos �ber den H�gel, auf dem sie so viele schreckliche Stunden verbracht hatte. Es war unverkennbar, wessen Zorn Matha Naht auf sich herabgerufen hatte. Wie hatte sie nur mit einer der Himmelsschlangen in Streit geraten k�nnen? Und welche mochte es gewesen sein? Gewiss nicht der Goldene!</p><p>Lyvianne suchte nach einem Stumpf, nach irgendetwas, das geblieben war. Doch da war nichts. Wer auch immer hierhergekommen war � er war sehr gr�ndlich gewesen.</p><p>Hatte der Goldene gewusst, was geschehen w�rde? Er hatte ihr im letzten Fr�hjahr dazu geraten, Matha Naht um einen ihrer jungen Triebe zu bitten. Sie hatte das falsch verstanden, als ein Zeichen von Unterwerfung und v�lliger Hingabe aufgefasst. Und sie hatte sie gedem�tigt, ehe sie Lyvianne ihre Bitte erf�llt hatte.</p><p>Die Elfe dachte an Gonvalon. Wohin ihn seine Reise wohl f�hrte? Er sollte jetzt hier bei ihr stehen, auf dem gl�sernen Grab seiner Peinigerin. Lyvianne empfand zugleich Bedauern und Genugtuung �ber das Schicksal des Holunders. Sie hatte eine kundige Lehrerin verloren. Sie kannte niemand anderen, der sie auf die dunklen Pfade der Blutmagie f�hren w�rde. Aber ihr Sohn war nun ger�cht! Wo Gonvalon jetzt wohl war? Konnte er wieder gehen? Sie hatte den Verdacht, dass er Nandalee gefunden hatte, denn Nandalees bevorzugtes Schwert, der Todbringer, sowie ihre Freundin Bidayn waren eines Nachts aus der Wei�en Halle verschwunden. Unter den Sch�lern kursierten die phantastischsten Ger�chte, was geschehen sein mochte. Nur einer war auff�llig still, Eleborn, der so gerne Zauber um Wasser und Licht wob. Sie sollte sich seiner annehmen.</p><p>Lyvianne lie� den Blick �ber den verw�steten H�gel schweifen. Bald schon w�rde sie in die Snaiwamark reisen und ein unwirtliches Tal suchen, in dem es warme Quellen gab. Dort w�rde sie den Holunder den Launen der Natur �berlassen. In dem jungen Trieb hatte sie nichts von Matha Nahts b�sartiger Pr�senz sp�ren k�nnen. Vielleicht dauerte es Jahrhunderte, bis sie zu ihrer alten Macht zur�ckfand? Vielleicht war sie auch f�r immer gegangen?</p><p>Lyvianne war schleierhaft, wie sich der Baumgeist mit einem so �berm�chtigen Gegner hatte anlegen k�nnen. Hatte Matha Naht nicht gewusst, was sie erwarten w�rde? In einer Welt, f�r die sich die Alben nicht mehr zu interessieren schienen, waren die Himmelsschlangen m�chtig wie G�tter. Und sie war eine der wenigen Auserw�hlten dieser G�tter. Wer sich den Drachenelfen in den Weg stellte, der war verdammt � ganz gleich, wie m�chtig er sein mochte. Lyvianne hob einen der schwarzen Glasklumpen auf. Er sollte sie k�nftig daran erinnern, dass sie �ber Kreaturen wie Matha Naht hinausgewachsen war.</p></section><section><title><p>Hochzeitspl�ne</p></title><p>Muwatta betrachtete die toten Wachen in dem engen Turmzimmer. Sie waren rings um das verloschene Feuer eingeschlafen und nie mehr erwacht. Einer von ihnen war von seinem Hofarzt ausgekleidet worden und lag auf dem Bauch. Der R�cken hatte sich leuchtend rot verf�rbt.</p><p>�Was ist mit ihm?�, fragte der Unsterbliche in jenem einstudierten Tonfall, der eher Langeweile als wirkliches Interesse suggerierte.</p><p>�Leichenflecken, Erhabenster�, sagte der Hofarzt unterw�rfig. �Sie entstehen dort, wo sich das Blut sammelt. Ich habe ihn auf den Bauch gedreht, deshalb kann man sie jetzt besser studieren. Sie sind nicht so dunkel wie sonst ��</p><p>�Wurden sie vergiftet?�</p><p>�Ich habe an ihren M�ndern gerochen, und ich glaube nicht, dass Gift verwendet wurde. Es gibt auch keine Verf�rbungen, die auf eine Vergiftung hindeuten. Freilich m�sste ich noch ihre Innereien ��</p><p>Muwatta unterbrach ihn mit einer Geste. �Ich will nicht wissen, was du in ihren Eingeweiden suchst. Unterrichte mich, falls du etwas finden solltest!�</p><p>Angewidert wandte sich der Unsterbliche ab. Was dachte sich dieser Kerl? Konnte er �berhaupt denken? Ihn mit solchem Schmutz zu behelligen!</p><p>Der Hofarzt verbeugte sich tief und vermied es, ihn anzublicken. Er schien bemerkt zu haben, dass er einen Fehler gemacht hatte.</p><p>Muwatta verlie� die Turmkammer. Es war ein kalter Sp�therbsttag. Graue Wolken hingen tief am Himmel. Solche Tage dr�ckten ihm auf das Gem�t. Und diese zehn Toten! M�nner seiner Leibwache. Man hatte ein Schwalbennest im Rauchabzug des Turmzimmers gefunden. Es hatte sich vom Mauerwerk gel�st, war tiefer gesackt und hatte so den Abzug verstopft. Es war nur ein Unfall gewesen � nur ein Unfall! Muwatta h�tte es damit auf sich beruhen gelassen, h�tte er nicht jenen ausgesucht h�sslichen Kerl unter den Toten gesehen. Den mit der v�llig vernarbten Oberlippe. Er erinnerte sich an ihn. Das war einer der Krieger gewesen, die das Feuer an die Schilfb�ndelhallen gelegt hatten � und nun war er ebenso erstickt wie die Mehrzahl der Gefolgsleute Aarons, die in der Nacht der Himmlischen Hochzeit den Tod gefunden hatten. War das wirklich ein Zufall? Oder hatte jemand nachgeholfen, damit das Schwalbennest den Rauchabzug verstopfte? Sollte es so gewesen sein, dann hatte sich ein M�rder in seinen Palast gewagt! Vielleicht war er sogar noch hier! Wer w�rde dann wohl sein n�chstes Opfer sein? Seine inneren Stimmen, die ihn sonst so gerne �ber seine Pflichten und die Staatsgesch�fte belehrten, blieben diesmal stumm. Nicht einmal auf sie konnte er sich verlassen, dachte Muwatta �rgerlich.</p><p>Pl�tzlich warfen sich alle H�flinge rings um ihn herum zu Boden und seine Leibwachen knieten ehrerbietig nieder. I�ta hatte den Hof betreten. Sie ging mit weiten Schritten, ohne eilig zu wirken. Er starrte auf ihre schlanke H�fte und die sanft wippenden Br�ste. Mit ihr die Himmlische Hochzeit zu feiern war sein Traum. Ein dummer Traum! Wenn sie seine Gedanken las � Er blickte zu der offenen T�r des Turms. Deutlich sah er den nackten Toten mit seinem rotfleckigen R�cken. Rote Flecken, dachte Muwatta.</p><p><emphasis>Du wirkst bedr�ckt</emphasis>, erklang ihre Stimme in seinen Gedanken. Er hasste es, wenn sie in ihm las und er ihr v�llig ausgeliefert war.</p><p><emphasis>F�rchtest du, Aaron hat dir einen Meuchler geschickt?</emphasis></p><p>Er konnte darauf nicht antworten! Nicht umgeben von H�flingen und Leibwachen. Er war der unsterbliche Muwatta! Er kannte keine Furcht! Nicht, wenn gemeine Sterbliche in H�rweite waren!</p><p><emphasis>Du kannst ruhig schlafen.</emphasis> Sie trat vor die T�r, die zum Turmzimmer f�hrte, und b�ckte sich. Mit spitzen Fingern pfl�ckte sie einen wei�en Faden von den verzogenen T�rbrettern, hielt ihn kurz hoch und schnippte ihn dann davon. Muwatta hatte begriffen. Jemand hatte die T�r abgedichtet, damit der Tod schneller zu den Wachen kam. Sie mussten im Schlaf am Rauch erstickt sein. Er schluckte. So wie die Haremsdamen Aarons.</p><p><emphasis>Angst?</emphasis></p><p>Er sch�ttelte den Kopf.</p><p>I�ta schnippte erneut mit den Fingern � diese eine fl�chtige Geste gen�gte, und alle, die sich in der Turmkammer befanden, beeilten sich, den stickigen Raum zu verlassen.</p><p><emphasis>Komm her! Ich will mit dir reden. Ich will deine Antworten h�ren und sie mir nicht im Durcheinander deiner Gedanken zusammensuchen!</emphasis></p><p>Muwatta schaffte es, zu l�cheln und in selbstbewusster Haltung in die Kammer voller Toter zu treten. Die H�flinge zogen sich noch weiter zur�ck. Sie alle hatten verstanden, schien es ihm.</p><p>Wie von unsichtbarer Hand bewegt, schloss sich die T�r.</p><p><emphasis>Hast du Angst?</emphasis>, f�llte ihre Stimme seine Gedanken. Er wusste, dass sie ihn ganz und gar durchdrang. Sie kannte die Antwort � und noch viel mehr. Sie kannte jede Facette seiner Angst.</p><p>�Ja, ich habe Angst. Aber ich vertraue auf dich.�</p><p>Sie l�chelte, und er hatte das Gef�hl, sein Herz w�rde aussetzen zu schlagen. Hei� und kalt �berlief es ihn. Sie schaffte es, im selben Augenblick angsteinfl��end und unwiderstehlich zu sein. Er wusste, wenn er sie nicht von sich �berzeugte, dann w�rde sie ihn ersetzen. Noch in dieser Stunde!</p><p><emphasis>Die Meuchlerin, die das getan hat, ist fort. Du musst dich also nicht weiter f�rchten.</emphasis></p><p>Er hatte das Gef�hl, dass sie ihm etwas verheimlichte. Etwas �ber diese M�rderin. �Wir m�ssen diese Morde r�chen! Wir sollten auch ��</p><p><emphasis>Es hat nie Morde gegeben. Das hier ist ein Unfall. Es gibt keinen Zusammenhang mit dem Mittsommerfest. Ich w�nsche, dass du jegliche Bedenken deiner Lakaien zerstreust! Wenn du hier hinausgehst, dann wirst du ganz der un�berwindliche Muwatta sein!</emphasis></p><p>�Aber wir werden uns doch r�chen ��</p><p><emphasis>Wir werden keine Meuchler schicken.</emphasis> Sie wirkte in sich gekehrt. Nachdenklich. <emphasis>Ich glaube nicht, dass mein Bruder, der L�wenh�uptige, wei�, was hier geschehen ist. Vielleicht wird uns das eines Tages von Nutzen sein. Bewahre alles, was du hier siehst, sorgf�ltig in deinen Erinnerungen.</emphasis></p><p>Muwatta f�hlte sich, als sei er f�r sie nicht mehr als ein ungebranntes Tont�felchen, auf das sie sich Notizen machte. Und er war sich bewusst, dass all seine Erinnerungen an seinen Nachfolger �bergehen w�rden. Er musste gut sein in seiner Rolle. Und sie unterhalten. Nur dann w�rde er lange herrschen.</p><p><emphasis>Aaron hat deinen Vorg�nger entmannt. Du hast ihn mit den Morden in der Nacht der Himmlischen Hochzeit sozusagen entweibt, und sein sofortiger Aufbruch war die Reaktion eines hitzigen Bauerntrampels. Als Unsterblicher muss er �ber den Dingen stehen. Er h�tte sich nicht angreifbar zeigen d�rfen. Stattdessen h�tte er darauf eingehen m�ssen, dass das Feuer ein bedauerliches Ungl�ck war. Wir wissen nun um seine Schwachstelle. Und wenn wir dieses Wissen nutzen, k�nnen wir ihn dazu bringen, so zu handeln, wie wir es wollen. Wenn der L�wenh�uptige das erkennt, ist Aaron tot. Der Herrscher Arams ist seine Kreatur. Er wird nicht mit ansehen, wie wir uns seiner bedienen.</emphasis></p><p>Das lie� tief blicken, wie sie �ber ihn dachte! �Gibt es andere Frauen, durch deren Tod wir ihn treffen k�nnen?�</p><p><emphasis>Ich habe Spitzel an seinem Hof und ich wei�, dass er fast nie seinen Harem betritt. Sein Interesse an Weibern scheint nur von begrenzter Natur zu sein. Jetzt weilt er in der Goldenen Stadt in Nangog. Im Palast des Herrschers von Ischkuza.</emphasis></p><p>�Plant er mit dem Strolch noch weitere �berf�lle?�</p><p><emphasis>Madyas trifft er dort nicht. Der Unsterbliche weilt irgendwo in den Steppen an seinem Wandernden Hof. Aaron verhandelt in der Goldenen Stadt mit Kanita, dem Statthalter des unsterblichen Madyas � obwohl er diesen auch selbst besuchen k�nnte. Mir scheint, sein wahrer Grund f�r den Aufenthalt dort ist ein anderer. Die Palastwache wird von einer jungen Frau befehligt. Von der siebenunddrei�igsten Tochter des Madyas. Ein etwas burschikoses M�dchen �</emphasis></p><p>�Du glaubst, er geht ihretwegen dorthin?�</p><p><emphasis>Bisher ist das nur ein Verdacht, ja. Aber ich lasse die beiden beobachten.</emphasis></p><p>�Und wenn er sie begehrt? Sollen wir sie dann t�ten?�</p><p>Sie zog �rgerlich die Brauen zusammen. <emphasis>Zu einfach! Auch wenn es letztlich darauf hinauslaufen mag. Ich wollte stattdessen vorschlagen, dass du mit dem M�dchen die Himmlische Hochzeit zum n�chsten Mittsommerfest feierst. Ich glaube, das w�rde den unsterblichen Aaron noch wesentlich tiefer treffen. Wir sollten alle Vorbereitungen im Geheimen angehen und nicht verk�nden, wer die n�chste Himmelsbraut sein wird. Der beste Zeitpunkt, ihn erfahren zu lassen, dass du sie bestiegen hast, w�re kurz vor der Schlacht.</emphasis> Sie l�chelte ihn an. <emphasis>Du wirst ihn zu einem l�ufigen Hund machen! Und dann wird er in seiner blinden Wut sein Heer h�chstselbst gegen dich zum Angriff f�hren. Dort werden wir seine Unsterblichkeit auf die Probe stellen.</emphasis> Sie l�chelte erneut, so wie nur G�ttinnen l�cheln k�nnen.</p><p>Muwatta erschauerte bei dem Gedanken an seine Rache. Sie hatte recht, das w�rde Aaron vernichten! Der Herrscher Arams war ein Tr�umer! Deshalb war er in der Hoffnung auf Frieden zur Himmlischen Hochzeit gekommen. Ja, dachte Muwatta, mit I�tas Hilfe w�rde er den Herrscher aller Schwarzk�pfe zerbrechen! Allerdings hatte der Plan eine Schw�che. �Madyas hat vor wenigen Wochen erst die S�ldner Arams unterst�tzt. Warum sollte er mir seine Tochter �berlassen? Noch dazu, wo er um die Gefahr wissen wird, die mit dieser Hochzeit verbunden ist. Sollte seine Tochter nicht ��</p><p><emphasis>Sie wird ganz gewiss nicht geb�ren! Ein Kind aus einer Verbindung zwischen den Unsterblichen von Luwien und Ischkuza � Das bringt nur �rger! Wenn wir ihr das Richtige zu trinken geben, wird sie ganz gewiss kein Kind austragen, selbst wenn sie eines empfangen haben sollte. Ihr Blut wird den trockenen Acker des Tempels benetzen. Das steht bereits jetzt, vor dem Hochzeitsritual, fest.</emphasis></p><p>�Aber warum sollte Madyas sie uns �berlassen?�</p><p><emphasis>Weil er Pferde liebt. Und weil er noch ein Dutzend andere T�chter hat. Wir m�ssen ihm nur die richtigen Pferde anbieten. Und genug davon. Dann wird er der Hochzeit mit Freuden zustimmen � selbst einer Himmlischen Hochzeit.</emphasis></p><p>Muwatta nickte, und einmal mehr versank er in I�tas wundervollen Augen. Sie war so weise, so sch�n, so wunderbar. Und er selbst so schwach und makelbehaftet. Er hatte nur einen Ehrgeiz � ihr vollkommenes Werkzeug zu sein. Nein, ganz stimmte das nicht. Er wollte auch noch Aaron vernichten. Voller Vorfreude dachte er an das, was er mit der Steppenprinzessin tun w�rde.</p></section><section><title><p>Das Herz</p></title><p>Gonvalons Bericht war sehr n�chtern gewesen. Anfangs hatte Nandalee sich nur gewundert, doch je l�nger er sprach, desto mehr �rgerte sie sich. Er hatte doch dasselbe durchlitten wie sie und Bidayn! Ein Blick zu ihrer Freundin zeigte ihr, dass Bidayn wohl ganz �hnlich dachte. Ihre Hand war dick bandagiert und ein Gitterwerk von Narben lief �ber ihr Gesicht. Immer noch hielt sie den blutigen Wurzelknoten auf ihre Brust gepresst, den sie gefunden hatte, als sie aus der Ohnmacht erwacht waren. Oder der Trance. Oder der Geistreise � Wie auch immer man das nennen wollte, was mit ihnen in der Kristallh�hle geschehen war.</p><p>Sie alle drei standen in der weiten Halle unter der Pyramide. Der Dunkle lag in Drachengestalt auf seinem Thron. F�nf Tage lang hatte er sie nach ihrer R�ckkehr warten lassen, w�hrend Nodon und die �brigen Drachenelfen sich um sie gek�mmert hatten, so gut es ging. Nandalee war zu Tode ersch�pft gewesen, als sie zur�ckkehrten, und Bidayn hatte den Schock ihrer mehrfachen Verwundungen bis zum heutigen Tag nicht �berwunden. Immer wieder zuckte sie unwillk�rlich zusammen und sah sich dann gehetzt um, als f�rchte sie, der Ebermann h�tte sie wiedergefunden. Gonvalon sprach von ihren K�mpfen, von den seltsamen Kreaturen, die durch die Himmel Nangogs flogen, aber das in ihren Augen bedeutsamste Ereignis hatte er kaum erw�hnt. Sie alle hatten in der Kristallh�hle denselben Traum gehabt. Sie waren in das gr�ne Licht gest�rzt. Und tief im Kristall hatte der m�chtigste aller Gr�nen Geister sie erwartet. <emphasis>Das</emphasis> war Wirklichkeit gewesen. Aber wenn man Gonvalon sprechen h�rte, war es nur eines von vielen seltsamen Ereignissen.</p><p><emphasis>Ich danke Euch f�r Eure wohlgesetzten Worte, Schwertmeister Gonvalon</emphasis></p><p>Die Stimme des Dunklen drang ungewohnt k�hl in ihren Geist. Nandalee vermutete, dass der Drache zu ihnen allen zugleich sprach. Gonvalons Bericht hatte sie entt�uscht. Sie hatte ihn ausreden lassen, doch nun konnte sie sich nicht l�nger zur�ckhalten. 
�Aber da war etwas�, platzte es aus ihr heraus. �Da unten, tief im Licht � Es hat uns um Hilfe gebeten.�</p><p>�Hast du es denn mit deinen eigenen Augen gesehen?�, fragte Gonvalon.</p><p>Nandalee war �berrascht, wie traurig er klang. �Aber wir alle haben es doch gesehen!�, beharrte sie.</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. �Wir haben getr�umt.�</p><p>�Wie k�nnen wir alle denselben Traum gehabt haben? Und was ist mit Bidayn? Das Wurzelholz ist aus ihrer Brust gewuchert. Sie war geheilt, als wir in der Kristallh�hle erwachten. Das wirst du doch nicht als einen Traum abtun wollen, Gonvalon! Das war dieses Wesen, dort unten im Licht! Das hat sie geheilt!�</p><p>�Oder jemand, der in die Kristallh�hle kam, als wir � schliefen. Noch bevor die Menschenkinder kamen�, entgegnete Gonvalon ruhig. �Wahrscheinlich waren es die Gr�nen Geister. Du wei�t von uns allen am besten, wie machtvoll sie sind, Nandalee. Ich glaube sogar, dass sie uns diesen Traum eingegeben haben. Diese Welt ist fremd. Wir begreifen nicht alles, was uns widerfahren ist. Deshalb ist es besonders wichtig, dass wir uns allein an die Fakten halten. Aus Tr�umen kann man keine folgerichtigen Schl�sse ziehen.�</p><p>�Da war etwas, dort unten, tief im Kristall�, beharrte Nandalee. �Ich wei�, was ich wei�!�</p><p>�Und woher wei�t du das?�, fragte Gonvalon eisig. �Du hast dich nicht gesehen. Du warst besessen. Du warst nicht mehr du selbst. Es war tagelang in dir! Wer wei�, ob nicht sogar etwas zur�ckgeblieben ist? Dieser Gr�ne Geist hat uns zu der H�hle gebracht. Das war von Anfang an sein Ziel. Sei doch nicht so verdammt leichtgl�ubig!�</p><p>�Und warum hat er das getan? Um uns Nangog zu zeigen! Welchen Sinn h�tte unsere Reise sonst gehabt?�</p><p>�Der Sinn war, uns an einen Ort der Macht zu f�hren. An einen Ort, an dem er in uns alle drei fahren konnte, um uns etwas vorzugaukeln. Mein Verborgenes Auge ist f�r immer verschlossen und ich habe die Gabe zu zaubern verloren, aber selbst ich konnte sp�ren, welche M�chte in dieser H�hle wirkten. Lass dich nicht t�uschen, Nandalee. Du und Bidayn, ihr beide wart nicht bereit f�r eine solche Mission, und ihr beide habt einen schrecklichen Preis daf�r gezahlt. Die Welt Nangog ist uns nicht freundlich gesonnen. Man will uns in einen Krieg gegen die Menschenkinder hineinziehen. Das ist das ganze Geheimnis!�</p><p>Nie zuvor hatte Nandalee den Fechtmeister so aufgebracht gesehen. War es seine Sorge um sie und ihr Wohlergehen? War er wirklich �berzeugt von dem, was er sagte?</p><p>�Was hast du denn in der Kristallh�hle gesehen, Bidayn?� Nandalee blickte zu ihrer Freundin, voller Hoffnung, wenigstens von ihr R�ckhalt zu bekommen.</p><p>�Ich kann mich nicht klar an diesen Traum erinnern ��</p><p>�Aber es war kein Traum!�, begehrte Nandalee auf.</p><p><emphasis>Ich danke Euch allen, f�r die M�hen, die Ihr f�r mich auf Euch genommen habt</emphasis> Nun lag wieder die wohlvertraute Hitze in seinen Worten, der Schmerz, der eine stete Mahnung an die Macht der Drachen war. <emphasis>Ihr alle habt viel durchgemacht. Ihr m�sst euch erholen und neue Kr�fte sammeln. Ich gestatte Euch, dass Ihr Euch zur�ckzieht.</emphasis></p><p>Nandalee konnte es nicht fassen. �Das war es jetzt? Nichts wird geschehen? Wozu waren wir dann �berhaupt auf Nangog?�</p><p>Der Drache richtete sich auf seinem Thron auf. Er fixierte sie von oben herab. Und sie schrak vor dem Raubtierglanz in seinen Augen zur�ck. <emphasis>Haltet Ihr das f�r den richtigen Tonfall mir gegen�ber, Dame Nandalee?</emphasis></p><p>Ohne zu z�gern, trat Gonvalon zwischen sie und den Drachen. �Sie wei� nicht, was sie tut!�</p><p>Nandalee wusste nicht mehr, was sie von dem Fechtmeister halten sollte. Eben noch behandelte er sie wie eine N�rrin, die nicht wusste, was sie gesehen hatte, und nun forderte er den Zorn des �ltesten aller Drachen heraus und versuchte, sie zu besch�tzen.</p><p><emphasis>Nandalee bleibt!</emphasis> Die Stimme des Drachen war ein stechender Schmerz in ihren Gedanken.</p><p>Lange hatte Nandalee die Macht Nachtatems nicht mehr so deutlich empfunden � wie etwas K�rperliches, das sie ganz und gar ausf�llte. Die Farben, die in seiner Gegenwart stets verblassten und alles ein wenig grauer und trostloser aussehen lie�en, schienen noch fahler zu werden. Gonvalon und Bidayn wirkten totenbleich. Doch all das interessierte Nandalee nicht mehr. Mit einem Mal war sie nur noch von einem einzigen Gedanken durchdrungen � sie wollte ihm gefallen. Ihn nicht entt�uschen. In einem fernen Winkel ihres Bewusstseins ahnte sie, dass es die Magie des Drachen war, die sie so empfinden lie�, doch hatte Vernunft keinen Einfluss mehr auf ihre Gef�hle.</p><p>Sie w�rde bleiben und sie war stolz, die Auserw�hlte des Erstgeschl�pften zu sein.</p><p>Gonvalon zitterte stark. Mehr noch als Bidayn! Was sp�rte er? Schwei� stand ihm auf der Stirn. Er k�mpfte �</p><p><emphasis>Ich werde ihr nichts tun.</emphasis> Blassgrauer Rauch quoll aus den N�stern des Drachen; sein Duft erzeugte ein Wohlgef�hl tief in ihrem Bauch und machte sie auch ein wenig benommen.</p><p>�Ich warte drau�en auf dich�, sagte Gonvalon schlie�lich, und Nandalee konnte sp�ren, welche �berwindung es ihn kostete nachzugeben. Bidayn hingegen ging, ohne sich noch einmal nach ihr umzublicken. Sie trug es ihrer Freundin nicht nach. Zu gut wusste die J�gerin um die Macht des Drachen und darum, wie unm�glich es war, seinem Willen zu widerstehen.</p><p>Bald schon waren die Schritte ihrer Gef�hrten in dem Tunnel, der aus der halb �berfluteten Halle f�hrte, verklungen.</p><p><emphasis>Ich glaube Euch, denn ich wei�, was dort unten im Licht ist und was es will.</emphasis></p><p>Nandalee war erst �berrascht, dann wurde sie zornig. �Warum konntest du das nicht vor den anderen sagen?�</p><p><emphasis>Weil Ihr Eure Gedanken verbergen k�nnt, Eure Gef�hrten aber nicht. Weil Gonvalon nicht mir die Treue geschworen hat, sondern dem Goldenen. Weil ich noch nicht wei�, wie ich entscheiden soll.</emphasis></p><p>�Wor�ber entscheiden?�</p><p>Der Schwanz des Drachen glitt scharrend �ber den Fels seines <emphasis>Throns</emphasis>. <emphasis>Das, was da im Licht war � Was haltet Ihr davon?</emphasis></p><p>Nandalee verstand die Frage nicht. Sie sah ihn einfach nur mit gro�en Augen an.</p><p><emphasis>Ihr standet in Kontakt mit � ihr. Wie f�hlte es sich an?</emphasis></p><p>�Ihr?�</p><p>Der Drachenschweif schlug mit einem Knall auf das Wasser. <emphasis>Beantwortet meine Frage! Wie f�hlte es sich an, ihr zu begegnen?</emphasis></p><p>�<emphasis>Sie</emphasis> war verzweifelt.�</p><p><emphasis>Habt Ihr Bosheit in ihr gesp�rt?</emphasis></p><p>Pl�tzlich war sich Nandalee nicht mehr sicher, ob ihre Erlebnisse vielleicht doch nur ein Traum gewesen waren. Alles erschien ihr so unwirklich. �Bosheit nicht � Aber sie war zornig. Sie hasst, was die Menschenkinder tun.�</p><p>Der Drache richtete sich noch etwas h�her auf. Er dr�ckte auf den vorderen Teil der steinernen Insel, die ihm als Thron diente. Ein durchdringendes schleifendes Ger�usch erklang. Tief unter ihnen. Das Wasser in der Halle floss ab.</p><p>Nandalee sp�rte den Boden unter ihren F��en beben. Immer lauter wurde das Ger�usch. Der Drache glitt von seinem <emphasis>Thron</emphasis>. Keinen Augenblick zu sp�t! Hausgro�e Bl�cke aus behauenem Stein bewegten sich und ein glei�end gr�nes Licht erf�llte die weite Halle. Ein Licht, wie sie es beim Sturz in den Kristall gesehen hatte.</p><p><emphasis>Kennt Ihr die Geschichte der Riesin Nangog, Nandalee? Der Weltenbauerin? Sie ist wahr. Die Devanthar und die Alben haben ihr das Herz herausgerissen und es untereinander aufgeteilt. Was unter diesem Thron verborgen liegt, ist die H�lfte des Herzens, das die Alben genommen haben. Sie haben es mir anvertraut.</emphasis></p><p>Die Elfe trat an die �ffnung, die dort im Boden klaffte, wo eben noch die steinerne Insel gewesen war. Sie blickte hinab, doch das Licht war so blendend hell, dass sie nichts erkennen konnte.</p><p><emphasis>Wollt Ihr Nangog ihr Herz zur�ckbringen, meine Holde?</emphasis></p><p>Nandalee sah fassungslos zu dem Dunklen auf. �Und dann? Was wird dann geschehen?�</p><p><emphasis>Ich wei� es nicht. Aber ich kann Euch versprechen, dass diese eine Tat eine ganze Welt von Grund auf ver�ndern wird. Und Ihr werdet danach Feinde haben, die m�chtiger sind, als Ihr Euch vorzustellen verm�gt.</emphasis></p></section></section><section><title><p>Epilog</p></title><p>Gonvalons schwerer Atem �berlagerte jedes andere Ger�usch. Er blickte auf seine H�nde. Sie waren voller Blut. Und zum ersten Mal seit Langem war es ausschlie�lich sein Blut. Zerschunden waren sie, hinab bis auf das rohe Fleisch. Er blinzelte die Tr�nen aus den Augen. Noch immer war sein ganzer K�rper wie bet�ubt. Er f�hlte kaum Schmerz.</p><p>Gonvalon taumelte ein St�ck zur�ck und mied es, sein Werk zu betrachten. Feiner Steinstaub verklebte ihm Mund und Nase. Seine Lippen mussten rissig sein. Sein Mund war eine W�ste. Verloren blickte der Elf zum Himmel. Es war Nacht. Die wievielte Nacht? Der Rausch war vor�ber. Er hatte keinen Trost gefunden, und die Erl�sung des Vergessens war von ihm genommen. Seine Flucht war nun zu Ende. Er war wieder ganz Herr seiner Erinnerung.</p><p>Benommen betrachtete er den gro�en Stein. Er hatte ihn tagelang gesucht � einen Granitbrocken, der einsam zwischen bemoosten B�umen lag. Als er ihn zum ersten Mal ber�hrt hatte, hatte er die Spannung in dem Stein gesp�rt. Wasser und Eis waren tief in ihn eingedrungen. Hatten feine Spalten geweitet.</p><p>Der Elf lachte bitter. Er hatte sich in dem Stein wiedererkannt. Seinen Seelenzustand. Seine Spannung. Er war ein lausiger Bildhauer, auch wenn er mit gro�er Leidenschaft arbeitete. Andere, die sich so wie er f�r diesen Weg entschieden hatten, sprachen gern davon, dass sie eine Struktur im Stein f�hlen konnten. Dass sie die Skulpturen nur befreiten. Dass sie schon immer da gewesen seien.</p><p>Bei ihm war es anders. Er hatte dem Stein die Form aufgezwungen, hatte sich an ihm abgearbeitet. Stunde um Stunde, Tag um Tag. Das Ergebnis war eine Form zwischen Flamme und Frauenleib. Dem Leib der Frau, die er liebte. Seinem Abgrund, vor dem er nun stand.</p><p>�berall auf der Skulptur waren Blutspuren. Dunkle, geronnene Flecken, die das Licht der Sterne verschluckten. Die steinerne junge Elfe wand sich. Tanzte sie? Stand sie in Flammen? War es eine Flamme, die ihm vorgaukelte, eine Frau zu sein? Alles zugleich?</p><p>Gonvalon seufzte. Nein, er war kein K�nstler. Was war er? Man hatte ihn zum Meister in der Wei�en Halle gemacht. Ihm dieses Dasein aufgezwungen, so wie er den Stein in seine neue Form gezwungen hatte. Er war ein schlechter Lehrer. Nein, schlimmer, er war ein Fluch f�r seine Sch�ler. Sie starben. Alle � Seit er vor mehr als dreihundert Jahren begonnen hatte. Er konnte sie nicht retten, was immer er auch versuchte. Er war kein K�nstler und kein Lehrer � Wieder betrachtete er seine H�nde. All das Blut. Blut zu vergie�en, das war seine einzige Begabung. Darin war er wirklich gut. Darum w�hlte <emphasis>er</emphasis> immer wieder ihn � und Gonvalon hatte ihn noch nie entt�uscht.</p><p>Sein Atem ging jetzt wieder ruhiger. Er h�rte Wasser flie�en. Das �berm�tige Murmeln eines Bergquells. Wasser! Noch immer benommen, tastete er sich durch den Wald. Ein Schattenlabyrinth, durchdrungen von Bahnen blassen Sternenlichts. Der warme, modrige Boden atmete Nebel. Schwerelos floss der Dunst um seine Kn�chel, wei� wie ein Leichentuch.</p><p>Am Bach kniete Gonvalon nieder und hielt seine H�nde in das Wasser. Kurzer, kristallener Schmerz verlor sich in langsam bet�ubender K�lte. Er verharrte viel l�nger, als n�tig war, um den Steinstaub aus den Wunden zu waschen. Endlich trank er, peitschte mit beiden H�nden Wasser in sein Gesicht, wieder und wieder. Stieg nackt, wie er war, in den Bach und wusch sich. Zu lange � Suchte jeden Vorwand zu verweilen, bis ihm vor K�lte die Z�hne klapperten. Wenn er nicht zur�ckkehrte, w�rde <emphasis>er</emphasis> ihn holen. Der Elf wusste das. <emphasis>Er</emphasis> w�rde ihm nicht gestatten, ihn zu entt�uschen. Seine Herrschaft und die seiner Br�der duldete keinen Widerspruch. Ihnen zu dienen hatten die Alben die Elfen erschaffen. Sie alle waren den Himmelsschlangen untertan.</p><p>Gonvalon stieg aus dem Bach und kehrte zur Lichtung zur�ck. Ersch�pft lie� er sich auf einer dicken Wurzel nieder. Die Lichtung lag ein wenig h�her, der Nebel hatte sie noch nicht erreicht. Sie war mit Steinsplittern �bers�t. �berall lagen seine Werkzeuge verteilt. Das Beizeisen, der scharfe Flachmei�el, mit dem er dem Granitblock die ersten Kanten der Skulptur abgerungen hatte. Die anderen Schlag- und Spitzeisen. Die F�ustel � die verschiedenen H�mmer �, deren Hiebe die Mei�el und Eisen den Granit sch�len lie�en, bis endlich die Form freigelegt war, die seinem Seelenzustand entsprach.</p><p>Wie �hnlich die Eisen den Dolchen und Schwertern waren, die er sonst nutzte �</p><p>Gonvalon ging durch den Steinschutt zu dem flachen Fels, auf dem die d�nne Jadescheibe lag. Die Botschaft, die sein Leben beenden w�rde. Ein einzelnes verschlungenes Symbol war in die tiefgr�ne Jade geschnitten. So klar und scharfkantig, dass es selbst seine geschundenen Finger noch zu ertasten vermochten. Es war das Zeichen des Goldenen, unverwechselbar in der Form.</p><p>Die Jadescheibe kam von seinem Meister und sie gebot ihm, vor das verborgene Fenster in der Bibliothek zu treten. Er h�tte diesem Befehl unverz�glich folgen sollen, als er die Scheibe nach den morgendlichen Fechtstunden in seiner Kammer gefunden hatte. Wann? Waren seitdem zwei Tage vergangen? Drei? Noch nie war er einem Befehl nicht sofort nachgekommen. Dies war der letzte Befehl, den er erhalten w�rde. Er musste gehen. Er h�tte nicht z�gern d�rfen. Allein das war schon ein unausl�schlicher Makel in einem Leben voll treuer Pflichterf�llung. Er war noch nie davongelaufen, hatte niemals die W�nsche seines Meisters in Frage gestellt. Bis die Reise nach Nangog alles ge�ndert hatte.</p><p>Gonvalon entschied zu retten, was von seiner Ehre noch verblieben war. Ein letztes Mal blickte er zu der Skulptur, die er erschaffen hatte. Der Flammenelfe. Nandalee w�rde sie finden. Sie w�rde die Gef�hle erkennen, die in sein letztes Werk geflossen waren. Seine verzweifelte Liebe.</p><p>Er hatte erwogen, zu ihr in den Jadegarten zu fliehen, als der Befehl des Goldenen ihn erreichte. Aber es gab keinen Ort, an dem er sicher war. Im �brigen w�rde der Dunkle gewiss keinen Verfemten in seinem Refugium dulden. Einen Rebellen gegen die Ordnung der Himmelsschlangen. Der Dunkle h�tte ihn an den Goldenen ausgeliefert oder selbst gerichtet, daran hatte Gonvalon nicht den geringsten Zweifel. Sein Schicksal war besiegelt gewesen, als er ohne Zustimmung des Goldenen auf die Mission nach Nangog gegangen war. Der Erstgeschl�pfte hatte das gewusst. Hatte gewusst, dass auf Verr�ter der Tod wartete. War dies von Anfang an der Plan des Erstgeschl�pften gewesen? Dass er, Gonvalon, sterben sollte?</p><p>Ohne Hast kleidete er sich an, pr�fte den Sitz des wei�en Gewandes, wischte ein wenig Steinstaub von seinen Stiefeln und g�rtete sein Schwert. Er strich das nasse Haar zur�ck und gl�ttete es mit den H�nden, dann sah er wieder an sich herab. Sein Gewand war makellos. Das kalte Wasser des Bachs hatte das Blut von seinen zerschundenen H�nden gesp�lt. Er straffte sich. Es gab keinen Grund mehr, l�nger zu verweilen.</p><p>Mit festen Schritten ging er der Wei�en Halle entgegen. Niemand begegnete ihm, als er hinab in die Bibliothek stieg und ihn der unverwechselbare Geruch von Pergament, Staub und Verfall umfing. Einen Herzschlag lang z�gerte er, als er einen Saal mit Stehpulten durchquerte. H�tte er Nandalee einen letzten Brief schreiben sollen? Nein, mit der Skulptur war alles gesagt, besser, als er es h�tte in Worte fassen k�nnen.</p><p>Er fand das Fenster. Leises Knirschen lief durch das goldgefasste Glas. Ob das Fenster seine Hinrichtung �bernehmen w�rde? Nein, das w�rde der Goldene h�chstselbst tun. Vor langer Zeit hatte Gonvalon mit angesehen, wie der Schwebende Meister im Zorn einer Sch�lerin den Kopf abbiss. Das Bild hatte sich ihm eingebrannt. Das Blut, das in Font�nen aus dem Halsstumpf schoss, hatte sie alle benetzt, und noch viele Wochen lang hatte er es in der weiten, offenen H�hle gerochen. W�rde er so enden? Oder w�rde sich die Prophezeiung Matha Nahts erf�llen und er w�rde in Flammen vergehen?</p><p>Gonvalon h�rte den wortlosen Ruf seines Meisters. Ohne zu z�gern, trat der Elf durch das wirbelnde Glas.</p><empty-line/><p>Ein eisiger Windsto� empfing Gonvalon in einem Winterwald. Er stand auf einem schmalen, von Wurzeln �berwucherten Weg. Schneegriesel stach ihm ins Gesicht. �ber ihm spannte sich ein Himmel, dunkel wie altes Blei. Hinter schwarzen B�umen lugte die Morgensonne wie ein dunkelrotes Auge �ber den Horizont. Abgesehen vom Ger�usch des Windes war es totenstill. Gonvalon war nie zuvor in diesem Wald gewesen. Er wusste nicht einmal, in welche Region Albenmarks ihn das Glasfenster gebracht hatte.</p><p>Er folgte dem Weg. Schnee knirschte unter seinen Schritten, und als er schlie�lich eine Lichtung erreichte, streckte die Sonne bereits Arme blutroten Lichts durch den Wald. Dort erwartete ihn Lyvianne, neben einem niedrigen Felsen, auf dem eine Schale ruhte.</p><p>�Du kommst sp�t.� Es lag keinerlei Emotion in ihrer Stimme, kein �rger, kein Vorwurf.</p><p>�berrascht sah Gonvalon sich um. Der Goldene war nicht hier. Er h�tte die Gegenwart seines Meisters gesp�rt!</p><p>�Du hast ihn tief entt�uscht�, sagte Lyvianne. Auch sie trug das wei�e Gewand der Meisterin, schlicht, ganz ohne die Borten, die ihr der Rang erlaubt h�tte. Das schwarze Haar floss ihr offen �ber Schultern und R�cken. Schwarz und wei�, das waren ihre Farben. Kein Grau. Keine Zwischent�ne.</p><p>Gonvalon ging ihr festen Schrittes entgegen. W�rde sie seine Henkerin sein?</p><p>�Der Goldene hat entschieden, sich durch seinen Bruder nicht seines besten Kriegers berauben zu lassen. Er wei�, du hattest keine Wahl. Du wurdest gerufen, weil er eine neue Aufgabe f�r dich hat.�</p><p>�Wo ist er?�</p><p>�Er will dich nicht sehen. Der Stachel der Entt�uschung sitzt zu tief. Nie habe ich ihn so erlebt. Sch�tze dich gl�cklich, dass er nicht hier ist, Gonvalon. Und nun, sieh in die Silberschale! Sie enth�llt uns die dunkelsten Stunden der Zukunft.�</p><p>Gonvalon gehorchte, aufgew�hlt von gegens�tzlichen Gef�hlen. Er war erleichtert. So sehr, dass ihm die Knie weich wurden. Er war ein zweites Mal geboren. Gegen jede Hoffnung war ihm sein verwirktes Leben geschenkt worden. Zugleich war er aufgebracht, dass sein Meister sich ihm verweigerte. Traurig und zornig zugleich. Und befreit. Er w�rde Nandalee wiedersehen. Nur das allein z�hlte!</p><p>Auf dem Wasser lag sein Schatten und das blasse Rot des Morgenlichtes. Die Farben flossen ineinander, formten Bilder. Er sah die weite Halle des Erstgeschl�pften. Der Dunkle lag in Drachengestalt auf seinem flachen Thron. Er war verletzt. Pl�tzlich hob er das Haupt. Eine Elfe betrat die Halle. Mit festem Schritt eilte sie dem Thron entgegen. �ber den R�cken geschnallt trug sie Todbringer und ein t�towierter Drachenschweif wand sich um den linken Arm der Kriegerin.</p><p>War es Nandalee? War es wirklich die Zukunft, die er sah? Gonvalon war erleichtert. Wenn dies kein Trugbild war, bedeutete es, dass sein Fluch gebrochen war. Es w�rde noch Jahre dauern, bis Nandalee die T�towierungen einer Drachenelfe trug. Sie w�rde also �berleben.</p><p>Der Blickwinkel �nderte sich. Jetzt sah er ihr Gesicht. Es wirkte h�rter, auf unbestimmte Weise fremd. Was hatte sie so werden lassen? Ihr verkniffener Mund schnitt wie eine Narbe in ihr Gesicht und in den harten Augen glomm keine Liebe. Mit flie�ender Bewegung zog sie den Bidenhander und stie� ihn dem Dunklen bis zum Heft in die Brust.</p><p>Erschrocken trat Gonvalon von der Schale zur�ck. Das konnte nicht sein! Nie hatte ein Drachenelf seine Waffe gegen einen Meister erhoben.</p><p>�Das ist �� Er verstummte und blickte emp�rt zu Lyvianne. Was er gesehen hatte, war undenkbar!</p><p>�Wir haben eine Natter an unserem Busen gen�hrt�, sagte Lyvianne mit kalter Stimme. �Du musst sie t�ten, Gonvalon � sobald du Gelegenheit dazu hast. Der Goldene hat lange die Wege der Zukunft erforscht. Du bist der Einzige, dem es gl�cken kann; der Einzige, dem sie ganz und gar vertraut. Wenn es ihr gelingt, den Dunklen zu ermorden, wird Albenmark, wie wir es kennen, aufh�ren zu bestehen. Sie wird unsere Welt zerst�ren.�</p><p>Fassungslos blickte Gonvalon auf das Wasser in der Sch�ssel. Er f�hlte sich taub, als sei jeder Nerv in seinem K�rper abgestorben. Das Bild in der Schale war zerflossen. Rotes Sonnenlicht spiegelte sich. Es sah aus, als sei die Silberschale mit Blut gef�llt.</p><p>�Sie ist im Jadegarten. Bei dem Dunklen.� Die Worte waren wie gesplittertes Glas in seiner Kehle. �Ich kann dort nicht hingehen, wenn ich nicht gerufen werde.�</p><p>�Sie wird wieder zu dir kommen�, sagte Lyvianne voller Gewissheit. �Sie liebt dich.�</p><p>Gonvalon blickte zu der Drachenelfe auf. Er wusste, dass es aussichtslos w�re zu bitten. Der Goldene hatte eine Strafe f�r ihn gefunden, die schlimmer war als der Tod.</p><p>�Wirst du gehorchen?�</p><p>Voller Verachtung sah er Lyvianne an. Was erwartete sie, dass er antworten w�rde? Er war ein Drachenelf. Er hatte noch nie einen Befehl verweigert.</p><empty-line/><subtitle>FORTSETZUNG FOLGT ...</subtitle></section><section><title><p>Danksagung</p></title><p>Es war eine 18 Monate lange Reise durch die drei Welten Nangog, Albenmark und Daia, und auch dieses Mal hatte ich viele Begleiter auf meinem Weg, ohne die der Roman �Drachenelfen� nicht vollendet worden w�re. Xinyi, die �ber mein Qi wachte, wenn ich allzu sorglos damit umging; Melike, die meine Phantasie mit einem Florett aus einem R�ucherst�bchen und einem St�ck Knetgummi befl�gelte; Pascal, der mir immer mindestens einen wachsamen Ritter neben meinen Bildschirm stellte; Karl-Heinz, den W�chter �ber die innere Logik der immer komplexeren Welten; Elke, die mich immer wieder aufs Neue mit ihrem unersch�pflichen Wissen �berrascht; Till, der meinem Computer wieder Leben einhauchte, als ihn selbiges zu verlassen drohte, und Wendel, der seine Stapel zu korrigierender Klassenarbeiten gleich zu Ferienbeginn gegen Stapel zu korrigierender Manuskriptseiten tauschte.</p><p>Ein unvergleichliches Geschenk machten mir Maite Itoiz, die Lyvianne ihre Stimme lieh und deren wunderbare Lieder mich durch lange Schreibn�chte begleiteten, und John Kelly, der in einer anderen Zeit ein vollkommener Ritter gewesen w�re. Einen Schatz ganz anderer Art verdanke ich den beiden Magiern John Howe und Michael Welply, die aus Buchstaben Bilder zu zaubern vermochten, die mehr als Worte sagen. Es war eine neue Erfahrung, mit so vielen anderen K�nstlern zusammenzuarbeiten, und sie haben nicht nur dieses Buch, sondern auch mein Leben reicher gemacht.</p><p>Hinter jedem Autor stehen die Lektoren des Verlages, deren Wirken oft im Dunkel bleibt und die doch so gro�en Einfluss auf die Geschicke eines Buches haben. Es war Momo Evers, die unerm�dlich f�r die W�rde der Drachen focht und Artax seine innere Stimme schenkte, und Martina Vogl, die so oft ein paar zus�tzliche Tage erstritt, um dem Buch mehr Glanz zu verleihen.</p><p>Zuletzt noch ein paar Worte an all jene Leserinnen und Leser, die im G�stebuch auf meiner Internetseite (<a l:href="http://www.bernhard-hennen.de">www.bernhard-hennen.de</a>) geschrieben haben. Obwohl ich � gelinde gesagt � selten antworte, besuche ich das G�stebuch doch fast jeden Tag.</p><p>Es sind Ihre und eure Texte, die mir neue Kraft geben, wenn das Allt�gliche meine Phantasie zu ersticken droht. Danke!</p><cite><text-author>Bernhard Hennen</text-author><text-author>August 2011</text-author></cite></section></body><body name="notes"><section id="fn1"><p>Abdruck zitiert nach: Dieter Bellmann (Hrsg.): Der Rosengarten, 1, Von der Lebensweise der K�nige. Carl Sch�nemann Verlag, Bremen 1982 (�bersetzung durch Karl Heinrich Graf)</p></section></body><binary id="cover" 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