<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf_fantasy</genre><author><first-name>Bernhard</first-name><last-name>Hennen</last-name></author><book-title>Die Windg�ngerin</book-title><annotation><p>Noch herrschen die m�chtigen Drachen �ber die V�lker Albenmarks. Doch ein unglaublicher Verrat in ihren eigenen Reihen beginnt zu wirken�� und pl�tzlich m�ssen sich die Drachenelfen entscheiden: Dienen sie weiter ihren Herren oder k�mpfen sie f�r eine neue Zeit, eine Zeit der Elfen��</p></annotation><date>2012</date><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><sequence name="Drachenelfen" number="2"/></title-info><document-info><author><nickname>N/A</nickname></author><date>2015</date><id>38BBC41C-AC93-4D95-B138-F59DD12F6C7F</id><version>1.0</version><program-used>fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used></document-info></description><body><title><p>Bernhard Hennen</p><p>Drachenelfen:</p><p>Die Windg�ngerin</p></title><epigraph id="dedication"><p>F�r Lara,</p><p>die mich in ihr Fjordland einlud und mir zeigte, was wahrer Heldenmut ist.</p></epigraph><epigraph><p>Now this is not the end. It is not even the beginning of the end. But it is, perhaps, the end of the beginning.</p><p>(Dies ist nicht das Ende. Es ist noch nicht einmal der Anfang vom Ende. Aber es ist vielleicht das Ende eines Anfangs.)</p><text-author>Winston Churchill</text-author><text-author>Aus der Rede nach dem britischen Sieg �ber das deutsche Afrika-Korps in der zweiten Schlacht von El Alamein in �gypten, 1942</text-author></epigraph><section><title><p>Erstes Buch</p><p>Die Tiefe Stadt</p></title><section><title><p>Prolog</p></title><p>�Du gibst mir sofort den Stein�, zischte Sina. Sie war einen Kopf gr��er als er und die Tochter des reichsten Bauern von Belbek. Sich ihr zu widersetzen war dumm. Aber Daron dachte gar nicht daran, seinen Schatz aufzugeben. Er hielt den Stein fest umklammert.</p><p>Niemand kam ihm zu Hilfe. Alle anderen Kinder f�rchteten sich vor Sina. Sie standen einfach um sie beide herum und warteten ab, wer das Ringen gewinnen w�rde.</p><p>�Du k�nntest sie in den Arm bei�en�, fl�sterte Tura, der Kleinste in der Schar, die sich hinaus in den Palmhain geschlichen hatte.</p><p>Sina warf ihm einen giftigen Blick zu. �Das hab ich geh�rt.�</p><p>Daron nutzte den Augenblick, den sie abgelenkt war, und trat ihr vors Schienbein. Fluchend lie� sie den Stein los und verpasste ihm gleich darauf eine Ohrfeige. �Behalt das dumme Ding doch. Ein Stein ist gar kein richtiger Schatz!�</p><p>�Doch�, entgegnete er trotzig. �Dieser schon und das wei�t du ganz genau.�</p><p>Daron hielt seinen kostbarsten Besitz fest umklammert. Sein Vater Narek hatte den Stein, am Tag bevor er gegangen war, beim Umgraben ihres kleinen Ackers gefunden und ihm geschenkt. In ganz Belbek gab es keinen zweiten Stein wie diesen. Er war auf einer Seite wei� wie frische Ziegenmilch und auf der anderen so schwarz wie Holzkohle. Daron konnte den Stein mit der Hand nicht ganz umschlie�en. Er war flach und kaum dicker als sein kleiner Finger.</p><p>Es war so unendlich lange her, dass sein Vater davongezogen war, um f�r den Unsterblichen Aaron zu k�mpfen. Waren es wirklich erst drei Monde? Daron kam es vor wie drei Jahre.</p><p>�Fangen wir an.� Sina war immer noch schlecht gelaunt. �Ihr seid die rattengesichtigen Luwier, und wir werden euch aus dem Palmpalast vertreiben.�</p><p>�Wir, die Luwier?�, emp�rte sich Daron. �Das geht nicht!�</p><p>�Und ob das geht! Wir waren gestern erst die miesen Luwier. Heute seid ihr dran.�</p><p>Daron sch�ttelte entschieden den Kopf. �Mein Papa zieht mit dem Heer von Aram. Da kann ich doch keinen Luwier spielen. Das ist gegen die Ehre der Familie.�</p><p>�Und mein Papa sagt, dass dein Vater h�chstens die Pferde�pfel hinter den Streitwagen des Unsterblichen kehrt. Narek ist gar kein Krieger. Das wissen alle hier im Dorf.�</p><p>Daron k�mpfte gegen einen Klo� im Hals. Sina konnte so gemein sein. Genau wie ihr Vater! Nat�rlich wusste er auch, dass sein Papa kein Krieger war, aber er war trotzdem ein Held. Au�er ihm und seinem Freund Ashot hatte sich keiner getraut, mit dem Werber des Unsterblichen zu gehen.</p><p>�Wir k�nnten doch wieder den Stein entscheiden lassen�, schlug Tura vor.</p><p>�Der Stein betr�gt�, grummelte Sina.</p><p>�So ein Quatsch. Wir machen es so!� Daron blickte in die Runde. Alle waren einverstanden.</p><p>�Aber ich werfe diesmal den Stein!�, befahl Sina.</p><p>Widerwillig gab er ihr seinen Schatz zur�ck. �Mach ihn nicht kaputt.�</p><p>�Steine gehen nicht leicht kaputt.� Sie strich �ber die glatte Oberfl�che und betrachtete ihn gierig. �Wenn wei� oben liegt, sind ich und meine Krieger heute die Guten.� Sie streichelte den Stein, als sei er ein junges K�tzchen. Dann warf sie ihn hoch in die Luft. Er drehte sich im Flug, sodass abwechselnd die schwarze und die wei�e Seite zu sehen waren.</p><p>Als er zu Boden fiel, lag schwarz oben.</p><p>Sina seufzte. �Ich sag doch, der Stein betr�gt.�</p><p>Stolz wandte sich Daron an seine kleine Streitmacht. Sie waren zu siebt. Sina hatte genauso viele Gefolgsleute. Aber ihre Freunde waren alle schon etwas gr��er. Von den letzten f�nf Schlachten um den Palmpalast hatte Sina vier gewonnen. Deshalb wollten die meisten lieber in ihrem Heer mitmachen. Sogar wenn sie dann Luwier sein mussten. Wer in der Schlacht siegte, dem geh�rten am n�chsten Tag alle reifen Datteln, die von den Palmen zu Boden fielen. Jedenfalls wenn Sinas Vater die Pl�nderer nicht erwischte, denn der Palmhain geh�rte eigentlich ihm, und er lie� sich nicht gerne berauben.</p><p>�Wir sind heute Daimonen�, erkl�rte Sina pl�tzlich. �Wenn wir schon die B�sen sein sollen, dann sind wir wenigstens so richtig b�se.�</p><p>Alle sahen sie erschrocken an.</p><p>�Meine Tante sagt, wenn man von Daimonen spricht, dann kommen sie auch�, fl�sterte Tura.</p><p>�Wenn du Angst hast, dir gleich in deinen Wickelrock zu pinkeln, dann geh doch nach Hause, Tura.�</p><p>Daron schob sich vor den Kleinen. �Wir haben vor gar nichts Angst!� Allerdings gefiel ihm die Idee mit den Daimonen auch nicht. Es war schon dunkel. Die Erntezeit hatte schon begonnen, deshalb hatten sie alle lange auf den Feldern arbeiten m�ssen.</p><p>�Dann also los!�, rief Sina begeistert. �Folgt mir, Daimonen!�</p><p>�Ihr seid die Angreifer. Verlasst sofort den Palmpalast.� Daron wies auf das Hirsefeld hinter der niedrigen Bruchsteinmauer. �Ihr kommt von da.�</p><p>Sinas Daimonenschar zog willig davon, w�hrend unter Darons Gefolgschaft gedr�ckte Stimmung herrschte.</p><p>�Die werden uns bestimmt verpr�geln�, sprach Tura laut aus, was alle dachten.</p><p>�Warum?�, entgegnete Daron trotzig.</p><p>�Na, weil sie eben Daimonen sind.� Tura sah aus, als w�rde er gleich anfangen zu heulen. �Und dunkel ist es auch schon. Und wenn ich zu Hause erwischt werde, wie ich mich so sp�t in mein Bett schleiche, werde ich gleich noch mal verpr�gelt.�</p><p>�Verteidiger von Belbek�, Daron versuchte mit fester Stimme zu sprechen, so wie ein richtiger Held. �Suchen wir uns Steine zum Werfen. Die Daimonen sollen eine �berraschung erleben, wenn sie kommen.�</p><p>Damit hatte er sie. Seine Freunde verteilten sich im Palmhain.</p><p>�Gehen auch Datteln?�, rief Tura.</p><p>Daron lachte. �Wenn du ein paar besonders harte findest.�</p><p>In der Ferne war ein Ger�usch wie Donnergrollen zu h�ren.</p><p>�Daron!�, erklang Sinas Stimme irgendwo zwischen den Palmen. �Komm schnell! Autsch. Verdammt, h�rt auf, mich mit Steinen zu bewerfen. Komm endlich, Daron! Das musst du sehen! Komm zur Bruchsteinmauer.�</p><p>War das eine Falle? Daron schob sein Holzschwert hinter das alte Hanfseil, das ihm als G�rtel diente. �Kommt alle mit. Und nehmt eure Steine mit, falls die uns hereinlegen.�</p><p>Sie kamen unbehelligt bis zur Mauer. Sinas Gefolgschaft stand oben. Alle blickten sie gen Osten. Das Donnergrollen war jetzt deutlich zu h�ren. Ja, es h�rte gar nicht mehr auf. Da kam kein gew�hnliches Gewitter auf sie zu.</p><p>Hastig kletterte Daron die niedrige Mauer hinauf. Eine Kette aus kleinen Flammen zog �ber die Ebene in Richtung ihres Dorfes.</p><p>�Da seht ihr es, jetzt kommen die Daimonen�, sagte Tura und begann zu weinen.</p><p>Daron lief es eiskalt den R�cken hinab. Er war im Augenblick der Mann im Haus, und er hatte nur ein Holzschwert, um seine Mutter Rahel zu verteidigen. Er kniff die Augen zusammen und versuchte zu erkennen, was drau�en war. Etwas Goldenes funkelte unter den Flammen. Bronzer�stungen! �Das sind Streitwagen �� Ganz sicher war er sich nicht. Aber Streitwagen klang besser als Daimonen.</p><p>�Dann haben die Luwier also gewonnen�, sagte Sina niedergeschlagen. �Mein Vater hat immer gesagt, wenn die Luwier siegen, dann pl�ndern sie das ganze Land. Und dass ein Bauernheer nicht gegen richtige Krieger bestehen kann, hat er auch gesagt.�</p><p>Daron blickte auf den schwarz-wei�en Stein, seinen Schatz. Sein Vater hatte ihm versprochen, dass er wiederkommen w�rde. Ganz bestimmt h�tte er nicht zugelassen, dass die Luwier gewinnen. Aber Streitwagen in der Nacht bedeuteten nichts Gutes, so viel war sicher. �Wir m�ssen das Dorf warnen�, entschied Daron.</p><p>�Du bist also schneller als ein Streitwagen?� Zum ersten Mal an diesem Abend klang Sina nicht k�mpferisch.</p><p>�Das schaffen wir!� So sicher wie er tat, war er sich nicht. �Wir laufen �ber die Felder. Die Wagen m�ssen auf dem Weg bleiben. Los, Tura, gib mir deine Hand. Ich lass dich nicht los, bis wir bei deiner Mutter sind. Und vergesst eure Holzschwerter nicht!�</p></section><section><title><p>Der gefallene Meister</p></title><subtitle>Drei Monde fr�her</subtitle><p>Nandalee hob aufmerksam den Kopf. Der Wind hatte gedreht. Das Wispern der Bl�tter �nderte den Ton. Es erschien ihr dr�ngender, als wollten die Geister des Waldes sie warnen. Ein neuer Geruch lag in der Luft. Nach Rauch, Waffenfett und ungewaschenen Kleidern.</p><p>Aus den Augenwinkeln sah die Elfe zwei Schatten, die sich lautlos durch den Wald bewegten. Fast waren sie eins mit den dunklen St�mmen und der Nacht. Auch sie rochen nach Rauch. Und nach dem Ru�, mit dem sie sich die Gesichter und die H�nde eingerieben hatten, um noch mehr den Schatten zu gleichen.</p><p>Ihre Gef�hrten, Cullayn und Tylwyth, gaben ihr ein Zeichen weiter vorzur�cken. Die beiden Maurawan geh�rten zu den Elfen, die im alten Wald s�dlich des Albenhauptes lebten. Ihr Volk galt als eigenbr�tlerisch und reizbar. Selbst die Trolle vermieden es, mit den Maurawan zu streiten, und f�rchteten ihre �berf�lle. Nandalee war nicht begeistert gewesen, als man ihr die beiden f�r ihre Mission zur Seite gestellt hatte. Sie waren keine Drachenelfen, sondern geh�rten zu den Sp�hern der Blauen Halle. Diese Eskorte war ein Zugest�ndnis Nachtatems an die �brigen Himmelsschlangen, die nicht duldeten, dass diese wichtige Mission allein einer seiner Getreuen anvertraut wurde. Und obendrein noch der einzigen Elfe, in deren Gedanken sie nicht lesen konnten.</p><p>Cullayn, der �ltere der beiden Maurawan, trat an ihre Seite.</p><p>�Ich habe sie gerochen�, sagte sie, damit keine Missverst�ndnisse aufkamen. Es war nicht die Art der Maurawan, viel zu reden, was den Umgang mit ihnen nicht leichter machte.</p><p>Cullayn nickte knapp.</p><p>Nandalee war dankbar, dass er die Kapuze seines Umhangs tief in die Stirn gezogen hatte. Sein Antlitz war entstellt, und es fiel ihr schwer, ihm ins Gesicht zu blicken. Es wirkte verrutscht. Nichts war mehr ganz an dem Ort, an dem es sein sollte, so als habe man ihm Haut und Fleisch vom Sch�del abgezogen und dann nicht mehr an die richtige Stelle bekommen. Angeblich war Cullayn als junger Krieger vom Keulenhieb eines Trolls getroffen worden. Dass er �berhaupt �berlebt hatte, war ein Wunder. Ein Wunder, das er selbst wohl jeden Tag verfluchte, vermutete Nandalee.</p><p>�Was glaubst du, wie viele es sind?�</p><p>Ohne zu z�gern, ballte er die rechte Faust, streckte alle Finger aus, ballte die Faust ein zweites Mal und spreizte Zeige- und Mittelfinger ab.</p><p>�Sieben?� Sie musterte ihn ungl�ubig. Sie wusste, dass es mehrere Zwerge sein mussten. Die Duftnote war zu stark f�r einen gewesen. Aber sie h�tte niemals eine genaue Zahl benennen k�nnen. Scherzte Cullayn etwa? Bislang hatte sie ihn f�r v�llig humorlos gehalten. Ein Fehler? Auch seine Freundschaft zu Tylwyth, den man hinter seinem R�cken <emphasis>den Sch�nen</emphasis> nannte, war ungew�hnlich. Tylwyth war in ziemlich allem das genaue Gegenteil von Cullayn. Er war gutaussehend und legte f�r einen Maurawan au�ergew�hnlich gro�es Augenmerk auf seine Kleidung. Cullayn hingegen wirkte abgerissen. Seine knielangen, weichen Lederstiefel waren mehrfach geflickt. Die linke Sohle hatte sich halb gel�st und wurde von Lederriemen gehalten, die um den Stiefel gewickelt waren. Er trug einen Lendenschurz undefinierbarer, dunkler Farbe, dazu eine speckige Lederweste mit etlichen aufgen�hten Taschen. Sein weiter Kapuzenumhang war so oft gewaschen, dass die ehemals dunkelgr�ne Farbe zu einem scheckigen Muster zwischen Gr�n und Grau verkommen war. Doch was z�hlten solche �u�erlichkeiten schon, wenn man ohnehin die meiste Zeit mit dem Wald verschmolz. Nandalee kannte keinen anderen Elfen, der es Cullayn darin gleichtun konnte. Vielleicht wob der Maurawan unbewusst Magie? Vielleicht hatte es mit seinem entstellten Gesicht zu tun? Er wollte schon seit Langem nicht gesehen werden. Und er hatte einen guten Grund dazu.</p><p>�Folgen wir den Zwergen�, entschied sie. Seit sie auf dem Berg waren, hatten sie zwei Mal Holzf�ller beobachtet. Ansonsten war es ruhig.</p><p>Cullayn nickte. Kaum einen Herzschlag sp�ter war er wieder in den Schatten verschwunden.</p><p>Nandalee nahm erneut Witterung auf. Cullayn schien keinen eigenen Geruch zu haben. Ihn konnte sie hier nicht wahrnehmen. Er roch wie der Wald. Er war der Wald, dachte sie und l�chelte. Ganz anders als die Zwerge. Ob die Zwerge etwas ahnten? Wussten sie, dass Elfen hier waren? Nandalee stieg �ber einen zersplitterten Ast hinweg. Der Wald hier auf dem Berg war nicht gesund. Es gab zu viele Fichten und Kiefern. Wahrscheinlich hatten die Zwerge die schnell wachsenden B�ume gepflanzt, um den Holzbedarf ihrer Stadt zu stillen, die tief verborgen im Berg lag.</p><p>Unvermittelt entdeckte Nandalee die F�hrte der Zwerge. Abdr�cke der plumpen, gro�en F��e in dem Teppich aus Kiefernnadeln, der den Waldboden bedeckte. Mit einem Schaudern dachte sie an die Zeit zur�ck, in der sie selbst in einem Zwergenk�rper gefangen gewesen war. Wie eine Betrunkene war sie kurz nach der Verwandlung durch die Tunnel der Tiefen Stadt getaumelt. Der Gedanke an den ungelenken, gedrungenen K�rper erf�llte sie mit Schrecken. Sie dachte an all die Monde, die sie in der Pyramide im Jadegarten gefangen gewesen war. Lebendig begraben!</p><p>Nandalee hob den Blick zu den Fichtenwipfeln, die sich sanft im Wind wiegten. Sie lauschte dem Lied der B�ume, atmete den Duft des Harzes. Der Gestank nach den verschwitzten Kleidern der Zwerge war kaum noch wahrzunehmen, ganz als wolle der Wald selbst die Erinnerung an sie tilgen.</p><p>Nandalee folgte weiter der Spur. Man h�tte blind sein m�ssen, um sie zu verfehlen. Zwergen nachzustellen war keine Herausforderung, dachte sie mit einem Anflug von �rger. Selbst ihre Freundin Bidayn w�rde diese F�hrte nicht verlieren, obwohl sie in der Wildnis hilflos wie ein Kind war. Bidayn hatte Nandalee �berrascht, als sie sich f�r diese Mission freiwillig gemeldet hatte. Nachdem sie auf Nangog verletzt worden war, h�tte Nandalee nicht erwartet, dass die Zauberweberin sich so bald wieder in Gefahr begeben w�rde. Bidayn war � Nandalee verharrte. Etwas stimmte nicht. Da war etwas im Dunkel. Dicht vor ihrem Gesicht. Mondlicht hatte sich daran gebrochen. Ein Faden, fein wie Spinnweben. Doch er war schwarz wie die Nacht.</p><p>Sie duckte sich. Witterte. Der Harzgeruch �berlagerte alle anderen D�fte. Zu stark, selbst f�r einen Fichtenhain! Nandalee schloss die Augen und konzentrierte sich ganz auf ihren Geruchssinn. Sie versuchte das zu verdr�ngen, was sie am st�rksten best�rmte. Sie roch einen Dachs, ganz in der N�he. Rebh�hner. Hasenk�tel. Rosshaar. Wachs �</p><p>Sie schlug die Augen auf. Der spinnwebfeine Faden war ein Rosshaar. Nein, wahrscheinlich mehrere. Sie waren zusammengeknotet und mit Wachs eingerieben. Nandalee atmete schwer aus. Das war knapp gewesen. Sehr knapp! Was wohl geschehen w�rde, wenn das Haar zerriss? Sie und die beiden Maurawan hatten in dieser Nacht schon etliche Fallen gefunden. Schwere Fu�angeln, die einem den Kn�chel zertr�mmerten, wenn sie zuschnappten, eine Grube voll angespitzter Pf�hle. Sie alle waren plump und leicht zu entdecken gewesen. Diese hier war anders. Das Haar war etwa auf Schulterh�he gespannt. Ein Zwerg konnte diese Falle nicht versehentlich ausl�sen. Sie war f�r gr��ere Gesch�pfe ersonnen worden. Nandalee versuchte zu entdecken, wohin das Rosshaar f�hrte. Es verschwand zwischen Kiefern�sten.</p><p>Das pl�tzliche Gef�hl, angestarrt zu werden, lie� sie herumfahren. Da war jemand im Dunkel unter den Fichten. Tylwyth? Der Schatten winkte ihr zu. Rufen konnte er nicht, solange ungewiss war, wie nahe ihnen die Zwerge waren. Sie konnten �berall �Pl�tzlich f�gte sich f�r Nandalee alles zusammen. Die plumpen Fallen, die F�hrte, die man nicht �bersehen konnte. Sie waren hierher gelockt worden! Wer ein St�ck neben der auff�lligen F�hrte durch den Wald lief, der musste geradewegs in diese Falle laufen. Das schwarze Rosshaar w�re selbst am hellen Nachmittag so gut wie unsichtbar, denn das Dach der Fichten�ste war so dicht verwoben, dass hier stets Zwielicht herrschte.</p><p>Sie hatten die Zwerge untersch�tzt. Sie ahnten, dass die Drachen und mit ihnen die Drachenelfen kommen w�rden. Das war naheliegend, bei dem, was sie getan hatten. Die Ermordung des Schwebenden Meisters konnte nicht unges�hnt bleiben.</p><p>Tylwyth kam auf sie zu. Er wirkte ungeduldig, winkte ihr. Sie gab ihm ein Zeichen, stehen zu bleiben, aber er ignorierte es. Sie musste ihn aufhalten. Nandalee lie� alle Vorsicht fahren. �Bleib ��</p><p>�ste splitterten. Die Wipfel rings um den Maurawan wogten wie von Sturmwind gepeitscht. Tylwyth warf sich zu Boden und rollte zur Seite ab. Ein fassgro�er Baumstumpf, gespickt mit angespitzten �sten, schwang �ber ihn hinweg und verschwand in der Dunkelheit. Keinen Herzschlag sp�ter schnellten Bretter mit fingerlangen N�geln aus dem Waldboden. Der Maurawan sprang auf. Nur ein Hechtsprung rettete ihn vor dem zur�ckschwingenden Baumstumpf.</p><p>Nandalee eilte ihm entgegen. Dabei folgte sie in geducktem Lauf der F�hrte der Zwerge. Dort, wo sie gegangen waren, konnte es keine Fallen geben. Zumindest nicht in Zwergenh�he.</p><p>Tylwyth kauerte mit schreckensweiten Augen vor einem Baumstamm. Seine linke Hand war verletzt, die enge, graue Wildlederhose voller Schmutz und Blut. Von seiner selbstsicheren Eleganz war wenig geblieben.</p><p>�Schlimm?�</p><p>Er blickte auf. In seinem ru�geschw�rzten Gesicht erschienen ihr seine Augen unnat�rlich hell. Die blaugraue Iris war von einem schwarzen Rand eingefasst. Wolfsaugen, dachte Nandalee.</p><p>�Ich werde noch meinen Bogen halten k�nnen.� Seine Stimme klang gepresst. Tylwyth k�mpfte gegen den Schmerz an.</p><p>�Lass mich deine Hand sehen!�</p><p>Widerwillig streckte er sie ihr entgegen. Er musste in eines der Nagelbretter gegriffen haben. Nandalee bezweifelte nicht, dass er seinen Bogen noch halten k�nnte. Aber wie sicher w�rde er noch schie�en?</p><p>�Verbind das. Warum bist du nicht stehen geblieben, als ich dir ein Zeichen gegeben habe?�</p><p>�Sie singt.�</p><p>�Wer?�</p><p>�Bidayn. Sie singt. Die Zwerge m�ssen sie geh�rt haben. Sie gehen genau auf sie zu.�</p><p>Das konnte nicht sein! Nandalee lachte auf. Ein verzweifelter, freudloser Laut. Sie wusste es besser. Die Ereignisse auf Nangog hatten Bidayns Seele verletzt. Alles konnte sein!</p><p>Tylwyth stand auf und klopfte sich mit fahriger Geste den Schmutz von den Kleidern. �Cullayn ist vorausgeeilt. Er wird sie besch�tzen.�</p><p>Nandalee nickte. Sie f�hlte sich der Gegenwart entr�ckt. Ihre Gedanken waren auf Nangog, der verwunschenen Welt. Bidayn hatte dort nach einer Macht gegriffen, die sie fast get�tet h�tte. Wer einen Zauber wob, sollte sich nicht gegen die Magie der Welt stellen.</p><p>Sie warnte Tylwyth vor den Fallen. Dann folgten sie beide in geducktem Lauf der F�hrte der Zwerge.</p><p>Bald wechselte die Spur die Richtung. Nandalee h�rte es. Ein Lied. Ohne Worte. Eine Melodie voller Schmerz und Einsamkeit. Der Wald schwieg. Selbst der Wind hatte aufgeh�rt im Fichtenge�st zu fl�stern. Es gab nur noch diese Stimme. Sie zog sie an wie ein Strudel, der das Wasser verschlingt und in dunkle Tiefen rei�t.</p><p>Nandalee dachte an Gonvalon, rief sich sein Gesicht vor Augen. Nutzte sein Bild, um sich gegen den Zauber aufzub�umen. Endlich war sie frei.</p><p>�Was ist mit dir?� Tylwyth sah sie beunruhigt an. Er schien nicht unter Bidayns Bann zu stehen. Der Maurawan griff nach seinem K�cher und zog einen Pfeil hervor.</p><p>Nandalee entdeckte voraus den verwitterten Felsfinger, der sich aus dem Waldboden erhob. Bleich wie Knochen sah er im Mondlicht aus. Zerfurcht von Wind und Regen. Die B�ume wichen vor ihm zur�ck, als h�tten sie Respekt vor dem uralten Fels. Bidayn stand an seinem Fu�. Gut sichtbar, umwoben vom silbernen Licht der Nacht.</p><p>Die Gruppe der Zwerge war zu einer Kette aufgef�chert. Unruhig sahen sie sich um, drei von ihnen mit der Armbrust im Anschlag.</p><p>Ein wenig seitlich entdeckte Nandalee Cullayn. Der J�ger war fast eins mit dem schattenschwarzen Stamm einer Fichte. Er hatte einen Pfeil auf die Sehne gelegt.</p><p>Immer noch erklang das verwunschene Lied. S�te Melancholie in ihr Herz. Sie durfte sich dem nicht hingeben. Nandalee l�ste den Bogen von ihrem K�cher und zog eine Sehne auf. Verdammte Zwerge! Warum mussten diese Narren geradewegs ihrem Untergang entgegengehen!</p><p>Die Zwerge traten auf die Lichtung ins Mondlicht. Sie wirkten verst�rt. Sahen sich nerv�s um. Ruckartig bewegten sie die K�pfe. Nur zu dem Felsfinger blickten sie nicht.</p><p>Was ging hier vor? Was wollte Bidayn? Nandalee �ffnete ihr Verborgenes Auge und betrachtete die magische Welt. Ein Gespinst d�nner, leuchtender F�den �berzog die kleine Lichtung. Gold und ein warmes Rotorange waren die vorherrschenden Farben. Auch Blau und Lila sah sie. Die purpurnen Auren der Zwerge waren dicht von silbernen F�den durchzogen. Nandalee musste unwillk�rlich an Kokons denken, in die Spinnen Beute einwoben, die sie noch nicht sofort t�ten wollten. All diese silbernen F�den liefen auf Bidayn zu.</p><p>Ein magisches Netz durchdrang die Welt. Lebewesen, B�ume, selbst Steine. Alles war miteinander verbunden. Befand sich in Harmonie. Zauberweber beeinflussten dieses Netz. Ver�nderte man es jedoch zu sehr, so konnte sich die Macht gegen den Zaubernden wenden, wie Bidayn auf Nangog auf schreckliche Art hatte erfahren m�ssen.</p><p>Einer der Zwerge hob seine Armbrust an die Schulter. Nandalee blinzelte und verschloss sich dem magischen Blick auf die Welt.</p><p>Das Licht des Mondes blitzte auf der scharf geschliffenen Spitze des Armbrustbolzens. Nandalee ahnte, dass Bidayn die Sinne der Zwerge manipulierte. Was sie wohl h�rten?</p><p>�Ich nehme den Linken mit der Armbrust�, fl�sterte Tylwyth.</p><p>Nandalee z�gerte. Der vorderste der Zwerge war kaum noch f�nf Schritt von Bidayn entfernt. Ruckhaft bewegte er seinen Kopf. Fast wie eine Marionette. Er sah nicht zu der Stelle, an der die Zauberweberin in einem wei�en Kleid am Fels lehnte.</p><p>Der graub�rtige Anf�hrer hob jetzt die Hand. Die anderen Zwerge verharrten.</p><p>Nandalee hielt den Atem an.</p><p>Tylwyth zog die Sehne seines Bogens durch. Er hatte ein klares Schussfeld auf den Zwerg, den er sich zum Ziel erkoren hatte. Zehn Herzschl�ge, und die Zwerge w�rden tot auf der Lichtung liegen. Mehr w�rden sie nicht brauchen. Bidayn durfte nichts geschehen. Nur sie konnte sie zur�ckbringen. Nur sie vermochte den Drachenpfad zu �ffnen, der sie zur�ck zu den Himmelsschlangen f�hrte.</p><p>�Nicht!� Sie legte Tylwyth die Hand auf den Arm. Wenn sie die Zwerge t�teten, war ihre Mission gescheitert. Sie durften keine Aufmerksamkeit erregen! Sie waren nur Sp�her. Sie sollten die Eing�nge zur Tiefen Stadt erkunden und herausfinden, ob es Luftsch�chte gab, die weit genug waren, dass ein Elf durch sie in die Stadt eindringen konnte.</p><p>Tylwyth zischte etwas Unverst�ndliches. Dann nahm er den Pfeil von der Sehne.</p><p>Nandalee war klar, dass ihre Mission ebenfalls gescheitert war, wenn Bidayn etwas zustie�. Ohne ihre Hilfe w�rden sie hier festsitzen. Nandalee wusste nicht einmal, wie weit der Berg von der Wei�en Halle entfernt war. Unschl�ssig strich sie �ber die Pfeile in ihrem K�cher. Was war die richtige Entscheidung? Bidayn w�rden sie befreien k�nnen, wenn etwas geschah. Mit toten Zwergen hingegen w�rden sie unumkehrbare Tatsachen schaffen. Sie zwang sich, die Hand vom K�cher zu nehmen. Sie durfte nicht schie�en! Sie war die Anf�hrerin. Sie musste beherrscht handeln.</p><p>Bidayn lehnte immer noch singend am Fels. Die Zwerge schienen sie nicht im Mindesten zu beunruhigen. Was wollte sie mit ihrem Zauber bezwecken? Wollte sie die Zwerge t�ten? Sie h�tte Bidayn nicht mitnehmen d�rfen. Nicht so kurz nach den Ereignissen auf Nangog. Ein Netz aus Narben entstellte ihr Gesicht. Feine rote Linien, die nicht verblassen wollten. Sie lie�en die junge Elfe unheimlich erscheinen.</p><p>Der Anf�hrer der Zwerge sagte etwas. Ein undeutlich gemurmelter Befehl. Seine M�nner senkten die Armbr�ste. Der Graubart sch�ttelte den Kopf, als k�nne er sich die Ereignisse nicht erkl�ren. Dann f�hrte er den Sp�htrupp von der Lichtung.</p><p>Nandalee wartete, bis die Zwerge wieder im Wald verschwunden waren. Bidayn sah die ganze Zeit �ber in ihre Richtung. Sie hatte gewusst, dass sie hier waren.</p><p>�rgerlich trat Nandalee schlie�lich aus der Deckung. �Was sollte das?�</p><p>�Mir war langweilig. Ihr h�ttet mich mitnehmen sollen�, entgegnete sie mit aufreizender Gelassenheit.</p><p>�Du bist keine J�gerin. Du bewegst dich nicht leise genug und h�ttest uns nur aufgehalten. Und das wei�t du auch genau!�</p><p>�Was f�r ein Zauber war das?�, mischte sich Tylwyth ein, ganz offensichtlich fasziniert von Bidayn. �Warst du f�r die Zwerge unsichtbar? Und warum konnten wir dich dennoch sehen?�</p><p>Bidayn l�chelte und genoss ganz offensichtlich das Interesse des Maurawan. �Sie konnten nicht in meine Richtung blicken. Unsichtbarkeit � Das �bersteigt meine Kr�fte. Aber einen tumben Zwerg dazu zu zwingen, nur dorthin zu blicken, wohin ich will, ist etwas anderes.�</p><p>�Und dein Lied? Warum musstest du sie darauf sto�en, dass wir hier sind? Wir bem�hen uns, im Verborgenen zu bleiben, und du ��</p><p>�Sie haben kein Lied geh�rt. Mit dem Ger�usch splitternder �ste habe ich sie hierher gelockt. Ansonsten h�rten sie nur Waldesrauschen.� Der �berhebliche Tonfall, in dem sie sprach, war neu. So hatte sie Bidayn noch nicht erlebt.</p><p>�Du hast durch dein eigenm�chtiges Handeln unsere Mission gef�hrdet. Du ��</p><p>�Im Gegenteil, ich habe eine eigene Mission. Ich soll feststellen, ob die Zwerge f�r diese Art Zauber empf�nglich sind. Wir werden wiederkommen, um einige von ihnen zu ermorden. Da mag es wohl hilfreich sein, einen Zauber zu beherrschen, der uns f�r sie so gut wie unsichtbar macht.�</p><p>Nandalee stand wie vom Schlag ger�hrt. �Eine eigene Mission?�</p><p>�Du hast dich ganz und gar Nachtatem verschrieben.� Bidayn sagte das mit einem anz�glichen L�cheln. �Ich habe einen anderen Meister gefunden. Einen, der mich tiefer in die Kunst des Zauberwebens einweihen wird, als du es dir vorzustellen vermagst. Es wird nie wieder so wie auf Nangog sein. In Zukunft werde ich kein Ballast mehr sein, und es wird auch niemand mehr �ber mich lachen ��</p><p>Ihre Reise nach Nangog war geheim gewesen. Es stand Bidayn nicht zu, in Anwesenheit anderer so frei zu sprechen. �Geh zur�ck und beseitige deine Spuren, dort wo du die Falle der Zwerge ausgel�st hast�, fuhr Nandalee Tylwyth schroff an. �So ein Rosshaar k�nnte selbst von einer jagenden Eule durchtrennt werden. Sie d�rfen nicht wissen, dass Elfen auf ihrem Berg waren. In einer Stunde brechen wir auf.�</p><p>Tylwyth sah sie mit seinen Wolfsaugen so durchdringend an, als wolle er in ihren Gedanken lesen. Einen Moment lang schien er etwas sagen zu wollen, doch dann presste er die Lippen zusammen und ging.</p><p>Nandalee fluchte stumm. Sie musste lernen, sich besser zu beherrschen. Sie durfte ihren �rger �ber Bidayn nicht an anderen auslassen.</p><p>�Gibt es noch weitere Missionen, von denen ich wissen sollte?�, fragte sie Bidayn, als Tylwyth au�er H�rweite war.</p><p>�Von denen du wissen solltest? Nein.�</p><p>Was war nur in sie gefahren? Wo war die sch�chterne, zur�ckhaltende Bidayn geblieben? Ihre einzige Freundin. �Was hat dir dein Meister versprochen? Will er dir deine Sch�nheit zur�ckgeben?�</p><p>�Du fandest mich also sch�n?�, entgegnete sie bitter. �Warum hast du mir das fr�her nie gesagt? Warum sprichst du erst davon, nachdem ich meine Sch�nheit f�r immer verloren habe?�</p><p>�So habe ich das nicht gemeint. Ich ��</p><p>�Ich kenne dich, Nandalee. Du bist eine Einzelg�ngerin. Du brauchst keine Freundinnen. Du vertraust dich ohnehin niemandem an. Mein Meister hat mir gar nichts versprochen. Nicht er hat mich ver�ndert. Einsame Entscheidungen zu f�llen und andere nicht einzuweihen habe ich von dir gelernt.� Mit diesen Worten wandte sie sich ab.</p></section><section><title><p>Entehrt</p></title><p>Shaya lauschte auf die h�mmernden Schritte jenseits des Tores. Sie ertappte sich dabei, wie ihre Finger nerv�s auf dem schmalen Kopf der Dornaxt trommelten. �ber sich selbst ver�rgert, ballte sie die Hand zur Faust. Sie musste ein Vorbild sein. Ihre Krieger beobachteten sie. War sie von kalter Ruhe, w�rden auch ihre M�nner gelassen bleiben. Zeigte sie aber Nervosit�t, dann verlor sie zumindest an Ansehen. Als Frau musste sie in allem doppelt so gut wie ein Mann sein, um sich in der Leibwache des Statthalters Kanita Ansehen zu verdienen. Bisher war ihr das gelungen.</p><p>Shaya hielt ihren Helm unter den Arm geklemmt. Der Wind spielte in ihrem Haar. Fr�her w�re es ihr niemals eingefallen, bei einem solchen Anlass offen ihr Gesicht zu zeigen. Trug sie den Helm, sah sie aus wie all die anderen Krieger in der Leibwache des Statthalters. Doch ihre Liebe zum Unsterblichen Aaron hatte sie ver�ndert. Sie sehnte sich nicht mehr danach, ein Mann zu sein.</p><p>Die Prinzessin lauschte auf das Ger�usch der Schritte. Die Treppe hinauf zum Felsplateau, auf dem die Palastbauten des Statthalters aus Ischkuza lagen, z�hlte mehr als 1 400 Stufen. Wer dann endlich vor Kanita trat, tat dies in aller Regel keuchend und in Schwei� gebadet. Es kam nur sehr selten Besuch. Der Palast erhob sich weit im Westen der Goldenen Stadt, jener riesigen Metropole, in der der einzige Zugang in die Welt Nangog lag. Etwa eine Stunde entfernt, im Herzen der Stadt, lag, flankiert von G�tterstatuen, das magische Portal, das sie so oft durchschritten hatte, um �ber den Goldenen Pfad zu gehen. Jene d�nne Nabelschnur, die sie mit ihrer Heimatwelt Daia verband.</p><p>Vor einer Stunde hatte sie ein Bote erreicht, der von der Ankunft einer riesigen, schwer bewaffneten Gesandtschaft aus Ischkuza berichtete. Kanita hatte daraufhin seinerseits Boten ausgeschickt, um herauszufinden, um wen es sich handelte. Es war ungew�hnlich, dass so bedeutender Besuch unangek�ndigt kam. Das verhie� nichts Gutes. Die Boten waren nicht zur�ckgekehrt und w�hrend der Hofstaat Kanitas sich auf den Empfang der G�ste vorbereitete, machte sich eine klamme Stimmung breit.</p><p>Shaya ertappte sich dabei, dass ihre Finger erneut auf den Kopf der Dornaxt trommelten. Sie atmete langsam aus und versuchte sich zu entspannen. Auch wenn ihr Vater, der Gro�k�nig Madyas, nicht f�r seinen Langmut bekannt war, war sie in Sicherheit. Sie war seine siebenunddrei�igste Tochter! Niemand w�rde es wagen, Hand an sie zu legen.</p><p>Der prasselnde Schritt Hunderter F��e verstummte auf einen Schlag. Dr�ckende Stille lag �ber dem Palasthof.</p><p>Eine Ewigkeit schien zu vergehen, bis endlich gegen das Tor geklopft wurde. Schwere, t�nende Schl�ge, die auf dem weiten Hof widerhallten. Einer der Adler schrie auf und schlug mit den Fl�geln, als wolle er in den Himmel fliehen.</p><p>Ein b�ses Omen, dachte Shaya.</p><p>Auf einen Wink des Statthalters wurde das Tor ge�ffnet. Krieger, in schimmernde Bronze gewappnet, marschierten auf den weiten Hof. Shaya wusste, wie sie gegen das Keuchen ank�mpften. Wie sie sich verzweifelt straff hielten. Die lange Treppe hinauf hatte ihre Kraft verbrannt. Sie diente dazu, Stolz zu Asche werden zu lassen. Sie wusste es gut. Sie selbst war die endlose Treppe schon in R�stung hinaufgestiegen. Wer hinaufkam, um vor den Statthalter zu treten, sollte sich schwach f�hlen.</p><p>Die fremden Krieger bildeten ein Spalier. Sie st�tzten sich auf ihre Speere. Dr�ckten die R�cken durch. Wer immer diese Treppe errichtet hatte, kannte die Menschen nicht. Sonst h�tte er gewusst, welchen verzweifelten Hass sie sch�rte. Und welche Angst.</p><p>Eine S�nfte erschien unter dem Tor. Zw�lf schwitzende Sklaven gingen gebeugt unter den Stangen aus rotlackiertem Holz. Die hochroten K�pfe waren nicht unter Helmen verborgen, die schwitzenden Leiber nicht unter R�stungen. Sie hatten ihre Freiheit l�ngst verloren. Sie hatten nur noch wenig zu bef�rchten. Ganz anders als die Krieger. Sie k�mpften gegen ihr Keuchen an. F�rchteten den Augenblick, in dem die gelben Seidenvorh�nge der S�nfte zur�ckgezogen und der Blick ihres Gebieters Zeuge ihrer Schw�che werden k�nnte.</p><p>Zehn Schritt vor Kanitas Thronsitz hielten die S�nftentr�ger inne. Die Krieger, die ihr folgten, verharrten. Wieder herrschte bedr�ckende Stille. Durchbrochen vom gelegentlichen Keuchen jener, die noch um ruhigen Atem rangen.</p><p>Shaya wurde die Kehle trocken. Wer war in der S�nfte? Wer genoss es so sehr, das Geheimnis um seinen Auftritt hinauszuz�gern?</p><p>Eine B� lie� das Pferdekopfbanner hinter Kanitas Pavillon knattern.</p><p>Endlich teilte sich der Vorhang. Ein Mann in flie�endem, rotem Seidengewand stieg aus. Alle senkten den Kopf. Shaya tat es ihnen gleich. Sie sah die breite, mit Perlen geschm�ckte Borte am Saum des Gewandes. Sah weiche Stiefel aus purpurn gef�rbtem Leder.</p><p>Die Prinzessin hob den Blick. Mit einer kurzen Verneigung war der H�flichkeit Gen�ge getan. Sie war die siebenunddrei�igste Tochter des Unsterblichen Madyas. Sie musste sich vor niemandem verbeugen.</p><p>Der W�rdentr�ger, der der S�nfte entstiegen war, war ein hagerer Mann. Sein Gesicht eingefallen. Ein langer, schwarzer Schnurrbart wucherte �ber seiner fleischigen Oberlippe. Die Enden hingen ihm fast bis zum Kinn herab. Die dunklen Augen des Gesandten waren von schwarzer Schminke eingefasst. Wie Wolfsh�hlen sahen sie aus. Shaya kannte diesen Blick. Kannte den Mann. Er sah zu ihr her�ber, nicht zum Statthalter Kanitas. Und da wusste sie, er war ihretwegen gekommen, ganz gleich, was geschehen w�rde. Es war Subai, ihr �lterer Bruder. Der Bruder, der seinen Hund einst darauf abgerichtet hatte, die Puppen der Prinzessinnen zu zerfetzen. Den Hund, der eines Tages sie gepackt hatte, als sie so dumm gewesen war, vor ihm fortzulaufen. Die Narben, die sie an jenem Tag davongetragen hatte, hatten sie dazu bewogen, den Weg als Kriegerin zu w�hlen. Als einzige der T�chter des Unsterblichen Madyas. Und trotz all der K�mpfe, die sie seitdem bestanden hatte, versp�rte sie immer noch den Drang davonzulaufen, wenn sie einen Hund sah. Subai hatte ihr nie verziehen, dass sein b�sartiger K�ter geschlachtet worden war.</p><p>Shaya hielt dem Blick ihres Bruders stand. Sie dachte an die sieben Schalen, die sie von jener Suppe gegessen hatte, in der sein Hund gekocht worden war. Und er hatte ihr dabei zusehen m�ssen.</p><p>Er bedachte sie mit einem unheilvollen L�cheln. Eine wei�e Narbe prangte auf seiner linken Wange. Subai hatte am Seidenfluss gek�mpft und einen der aufs�ssigen Stadtstaaten dort unterworfen. Immer wieder glaubten die Menschen am Gro�en Fluss, sie k�nnten das Joch der Herrschaft der Ischkuzaia abwerfen. Immer wieder wurden sie daf�r bestraft. H�nde, die Seidenstoffe woben, waren nicht dazu geschaffen, die Dornaxt zu f�hren. Nat�rlich hatte Subai am Ende triumphiert. Aber sein Triumph hatte einen schalen Beigeschmack bekommen, als bekannt geworden war, wie viele seiner Krieger gefallen waren. Die Narbe auf der Wange hatte ihr eigener Vater ihm beigebracht. Er hatte ihm mit einer Peitsche ins Gesicht geschlagen, als Subai zur�ckgekehrt war, um in der Wandernden Stadt von seinem Sieg zu berichten. Shaya w�re gern dabei gewesen. Seitdem war sein Ruf als Krieger dahin. So trug er heute auch keine R�stung. In seinem schlichten Lederg�rtel steckten lediglich eine Dornaxt und ein Dolch. Symbole seiner Mannhaftigkeit.</p><p>�Der Unsterbliche Madyas, H�ter der Herden, Licht der Sonne, Sohn des Wei�en Wolfes, schickt mich, weil er von deinen Taten h�rte, Statthalter Kanita�, verk�ndete Subai mit vollt�nender Stimme, die bis in den letzten Winkel des weiten Hofes drang.</p><p>Shaya stutzte. Nur selten wurde ihr Vater mit all seinen Titeln genannt. Fr�her hatte er wenig Wert darauf gelegt. Wie es schien, hatten sich die Gepflogenheiten am Wandernden Hof gewandelt. Auch das verhie� nichts Gutes.</p><p>Kanita blieb vor Subai sitzen. Der Statthalter war alt, aber keineswegs gebrechlich. Er h�tte aufstehen und ihren Bruder damit als gleichrangig oder h�hergestellt anerkennen k�nnen. Stattdessen blickte er mit verbissenem L�cheln zu ihm auf. �Es erfreut mein altes Herz, dass Kunde von mir bis in das Zelt meines geliebten K�nigs gelangte. Und ich hoffe in aller Bescheidenheit, dass die Eilfertigkeit des gesch�tzten Boten nicht auch seiner Zunge Fl�gel verlieh.�</p><p>Shaya war �berrascht. Anzudeuten, dass wom�glich L�gen an das Ohr des Gro�k�nigs getragen worden waren, war mehr als k�hn.</p><p>Subai �berging die Andeutungen des Statthalters. �Der Unsterbliche Madyas, H�ter der Herden, Licht der Sonne, Sohn des Wei�en Wolfes, hat mich beauftragt, dir eine pers�nliche Nachricht zu �berbringen.� Er griff in den weiten �rmel seines Seidengewandes, zog eine Knochentafel hervor, hielt sie Kanita hin und lie� sie dann fallen, wobei er sich nicht die geringste M�he gab, es wie ein Missgeschick aussehen zu lassen.</p><p>Kanita stie� ein leises, keckerndes Lachen aus. Auch Shaya musste schmunzeln. Ihr Bruder dem�tigte den Alten keineswegs mit dieser Geste. Ganz im Gegenteil, er machte sich l�cherlich.</p><p>Der Statthalter beugte sich vor und griff nach der Knochentafel. Im selben Augenblick zog Subai die Dornaxt aus seinem G�rtel. Bevor Kanitas Leibw�chter auch nur an ihre Schwerter greifen konnten, sauste die Axt nieder. Mit einem scharfen, knackenden Ger�usch durchdrang sie den Hinterkopf des Statthalters. Kanita sackte zu Boden.</p><p>�Der Unsterbliche Madyas, H�ter der Herden, Licht der Sonne, Sohn des Wei�en Wolfes, w�nschte Kanitas Tod. So steht es auf der Tafel.�</p><p>Shaya zog ihre eigene Dornaxt. �Tritt zur�ck!�, fuhr sie ihren Bruder an. Sie wollte die Knochentafel sehen. Kanita hatte dem Gro�k�nig lange treu gedient.</p><p>�Durch Kanitas Taten hat der Unsterbliche Madyas, H�ter der Herden, Licht der Sonne, Sohn des Wei�en Wolfes, sein Gesicht verloren.� Subai sah sich herausfordernd um. �Er hat unsere stolzesten Krieger der L�cherlichkeit preisgegeben. Hat euch Aaron, dem Gro�k�nig von Aram, unterstellt, damit ihr mit ihm die Bitternis der Niederlage kennenlernt. Der Unsterbliche Madyas, H�ter der Herden, Licht der Sonne, Sohn des Wei�en Wolfes, war entsetzt, als er h�rte, was hier geschehen ist. Und all dies tat der anma�ende Alte, ohne Nachricht an den Wandernden Hof zu schicken. Ich bin hier, um unsere Ehre wiederherzustellen. Jeder, der sich dem Gebot des Aaron von Aram unterstellt hat, wird Nangog verlassen.� Er sah sie mit geh�ssigem L�cheln an. �Auch meine Schwester ist abberufen. Und nun zeigt mir, dass es an diesem Hof zumindest noch eine Handvoll Krieger gibt, die nicht vergessen haben, wem sie Treue schulden. Ergreift meine Schwester! Nehmt ihr die Waffen ab, bevor meine Krieger es tun.�</p><p>Shaya wurde gepackt. Sie leistete keinen Widerstand. Stolz hielt sie den Kopf aufrecht, als man ihr in die Kniekehlen schlug, um sie vor ihrem Bruder in den Staub zu zerren. Ihr Helm fiel zu Boden. Der Waffeng�rtel wurde ihr von der H�fte gerissen. So viele Monde hatte sie die Leibwache Kanitas befehligt. All dies z�hlte nichts mehr. Ohne zu z�gern hatten ihre Krieger sich gegen sie gewendet. Das schmerzte mehr als der Schlag in die Kniekehlen.</p><p>�Gr��t den neuen Statthalter!�, rief ausgerechnet Kanitas Schildtr�ger.</p><p>Speere wurden vor Schilde geschlagen. Hunderte Krieger riefen Subais Namen.</p><p>Ihr Bruder nahm die Huldigung entgegen, ohne eine Regung zu zeigen. Dabei musterte er die Krieger ringsherum. Das L�rmen nahm kein Ende. Erste Stimmen klangen heiser. Shaya hatte das Gef�hl, dass niemand es wagte, als Erster mit der Lobpreisung des neuen Statthalters aufzuh�ren.</p><p>Nach einer Ewigkeit beugte sich Subai zu ihr herab. �Erinnerst du dich an den Tag, an dem ich dir dabei zusehen musste, wie du meinen Lieblingshund gefressen hast? Damals habe ich mir gew�nscht, dich eines Tages zu t�ten. Aber der Wei�e Wolf hat mir ein gn�digeres Schicksal zugedacht. Ich werde zugegen sein, wenn dein Stolz gebrochen wird. Und ich kann dir versprechen, du wirst dir w�nschen, dich h�tte ein ebenso schnelles Ende ereilt wie den Statthalter Kanita. Ihm war der Wei�e Wolf gewogen.�</p></section><section><title><p>Verwandlung</p></title><p>Nachtatem ruhte am Fu� einer Klippe, das Haupt auf seine verschr�nkten Vorderl�ufe gebettet. Der gro�e, schwarze Drache verschwamm fast vollst�ndig mit den Schatten. Es war erst sp�ter Nachmittag, aber hier bei der Klippe schien es Nacht zu sein. Das Licht mied den riesigen Drachen. Es floh vor der Klippe.</p><p>Nandalee f�hlte sich unwohl. Der Mord am Schwebenden Meister hatte den Erstgeschl�pften ver�ndert. Kalter Zorn spiegelte sich in seinen Augen. Sie hatte ihm von den Patrouillen erz�hlt und von den Fallen.</p><p><emphasis>Ihr seid Euch sicher, dass sie von dort gekommen sind, Dame Nandalee? Oder nehmt Ihr es an, weil die Tiefe Stadt die einzige Zwergensiedlung ist, die Ihr kennt?</emphasis></p><p>Die Worte brannten sich in ihren Kopf, und sein sp�ttischer Unterton verletzte sie. �Nein, ich bin mir nicht sicher.� Sie konnte dem Blick des Drachen nicht l�nger standhalten. Ein Druck lastete auf ihrer Brust, als l�ge dort ein Felsklotz.</p><p><emphasis>Aber vor drei Tagen wart Ihr Euch noch sicher, werte Dame.</emphasis></p><p>Sie wollte aufbegehren. Sie hatte nie gesagt, dass sie sich sicher war! Sie hatte ihre Worte sehr vorsichtig gew�hlt, als sie von den Himmelsschlangen neben dem Kadaver des Schwebenden Meisters befragt worden war. Sie dachte an den ausgeweideten Leichnam ihres Lehrers. Kein Aasfresser hatte sich an den toten Drachen herangewagt. Nicht einmal Fliegen hatten ihre Eier in das zerschundene Fleisch gelegt. Alles, was lebte, f�rchtete die gro�en Drachen.</p><p>Mit Schrecken dachte Nandalee an die Befragung zur�ck. An all die ungez�gelten Emotionen der Drachen. �u�erlich hatten sie ruhig gewirkt, aber ihre Gedanken waren voller Hass und Trauer gewesen. All dies hatte sie �berdeutlich sp�ren m�ssen. Es war ein Gef�hl gewesen, als fl�sse zerriebenes Glas durch ihre Adern � Mehr als nur ein Gef�hl. Zuletzt hatte sie aus den Augen zu bluten begonnen. Nachtatem hatte daraufhin die Befragung abgebrochen.</p><p>Die Zwerge hatten nach ihrem Drachenmord gro�en Wert darauf gelegt, ihre Spuren zu verwischen. Und der Schwebende Meister hatte ihnen dabei noch geholfen. Der Windbruch, die gest�rzten B�ume, unter denen die Zwerge auf der Lauer gelegen hatten, war niedergebrannt. Fast nichts war zur�ckgeblieben, was Aufschluss dar�ber geben konnte, aus welcher Siedlung die M�rder gekommen waren. Sie hatten ihre Beute, Teile des Kadavers des wei�en Drachens, in eine nahe H�hle gebracht, in die ein unterirdischer Fluss m�ndete. Von dort mussten sie in diesen Tauchf�ssern, die sie Aale nannten, gefl�chtet sein. Dieser Spur konnten nicht einmal die Himmelsschlangen folgen. Und deshalb hatte Nachtatem sie geholt.</p><p>Es hatte ihr anfangs geschmeichelt, dass der Erstgeschl�pfte glaubte, sie k�nne etwas entdecken, was ihm, bei all seiner Machtvollkommenheit, entgangen war. Vielleicht lag sein Vertrauen in ihre F�higkeiten daran, dass sie in jenem unzug�nglichen Tal, in dem sie nach einer der Alben gesucht hatten, den Stein mit dem Blutstropfen gefunden hatte.</p><p>Ihr Stolz war bald der Verzweiflung gewichen. Fast einen ganzen Tag hatte sie gesucht. Es gab etliche Spuren, aber nichts hatte Auskunft �ber die Herkunft der Zwerge gegeben. Zuletzt war Nandalee unter den verkohlten Baumst�mmen herumgekrochen und hatte die �berreste der Maschine untersucht, die den Speer geschleudert hatte, der dem Schwebenden Meister zum Verh�ngnis geworden war. Dort hatte es nur ausgegl�hte Eisenbeschl�ge und den verzogenen Stahlbogen gegeben. Und verschiedene halb verkohlte Kisten. In einer von ihnen hatte sie einen merkw�rdigen, wei�en Klumpen gefunden, kaum halb so lang wie ihr Daumen. Eine weiche Masse, die einen �blen Geruch verstr�mte. Ein Duft, den man nicht mehr verga�, wenn man ihn schon einmal gerochen hatte. Koboldk�se!</p><p><emphasis>Hat es Euch die Sprache verschlagen, Dame Nandalee?</emphasis></p><p>Nandalee zuckte zur�ck. Es war ein Gedanke wie ein Peitschenhieb. Sie w�nschte sich, Nachtatem w�rde normal mit ihr sprechen und nicht seine Gedanken in ihren Kopf brennen. Das war so viel intensiver, als Worte es je h�tten sein k�nnen.</p><p>�Ich dachte an den unfreundlichen Zwergenschmied, in dessen H�hle wir bei unserem Besuch in der Tiefen Stadt gewesen sind. Dort gab es solchen K�se. Ein Beweis ist das freilich nicht. Ich wei� schlie�lich nicht, wie �blich es unter Zwergen ist, diese stinkende Sauerei zu essen.�</p><p><emphasis>Seid Ihr Euch dar�ber im Klaren, welche Folgen es haben wird, dass Ihr Euren Verdacht vor meinen Nestbr�dern ausgesprochen habt?</emphasis></p><p>Diesmal empfand Nandalee weniger Schmerzen, als die Gedanken ihres Meisters sie durchstr�mten. Eine Traurigkeit ergriff sie, die sie mit stummer Verzweiflung erf�llte. Es war ein Gef�hl, als m�sse sie allein eine riesige Welle aufhalten, die sich am Horizont auft�rmte. Ein Unterfangen, das schier unm�glich war. Und doch war es ihre Pflicht, es zumindest zu versuchen.</p><p><emphasis>Sie wollen Rache f�r den Tod des Schwebenden Meisters. Ich aber will zun�chst einmal Gewissheit. Wir sind keine R�cher; wir haben uns den Alben gegen�ber verpflichtet, Gerechtigkeit zu �ben. Wenn wir strafen, m�ssen wir uns ganz sicher sein. Wir sind die H�ter ihrer Kinder, und wenn es notwendig ist, dann strafen wir, aber wir sind keine Tyrannen, deren Gnade reine Willk�r ist. Alle Kinder der Alben m�ssen dies tief in ihren Herzen wissen, sonst sind wir an unserer Aufgabe gescheitert.</emphasis></p><p>Nandalee nickte, denn sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Die meisten der Albenkinder hatten Angst vor den Himmelsschlangen. Konnte es wirklich sein, dass Nachtatem dies nicht bewusst war?</p><p><emphasis>Ihr werdet f�r mich in die Tiefe Stadt gehen, Dame Nandalee. Ihr wisst, wo Ihr jenen frechen Schmied suchen m�sst. Findet heraus, ob er der M�rder des Schwebenden Meisters ist und wer ihm geholfen hat. Wer bei ihm war und die Maschine bedient hat, die ersonnen wurde, um uns Drachen zu t�ten. Bringt mir ihre Namen, Dame Nandalee, und ich werde entscheiden, auf welche Weise die M�rder gerichtet werden.</emphasis></p><p>Sie wollte gerade einwenden, dass sie wohl kaum einfach in eine Zwergenstadt marschieren k�nne, als Nachtatem sie mit einer Klaue an der Stirn ber�hrte. Es war eine vorsichtige, z�rtliche Geste, der ein Orkan von Schmerzen folgte. Nandalee brach in die Knie und kippte zur Seite. Kr�mpfe sch�ttelten sie. Ihre Glieder zuckten unkontrolliert, und sie vermochte kaum mehr zu atmen. Ihr Blick tr�bte sich. Blut rann aus ihrer Nase und benetzte ihre Lippen.</p><p>Als sich die Kr�mpfe legten, hob sie einen Arm und blickte verzweifelt auf ihre Finger. Dick und unf�rmig waren sie und von Schwielen bedeckt. Nandalee war wieder im K�rper eines Zwergs gefangen.</p><p><emphasis>Ihr verf�gt �ber alle Erinnerungen eines Zwergenschmiedes aus den Ehernen Hallen. Ihr sprecht mit dem Dialekt dieser Stadt, werte Dame. So k�nnt Ihr Euch unauff�llig unter den Zwergen der Tiefen Stadt bewegen. Um zu vermeiden, dass Ihr wiedererkannt werdet, entspricht Euer �u�eres nicht dem, das ich Euch beim letzten Besuch der Tiefen Stadt geschenkt hatte. Passende Gew�nder f�r Euch liegen bereit, Dame Nandalee. Ihr werdet feststellen, dass Ihr Euch erinnert, wie man sie anlegt, auch wenn es nicht Eure Erinnerungen sind. Euer Bart ist bereits nach der Mode der Ehernen geflochten und mit Eisenringen geschm�ckt. Auch habe ich mir erlaubt, den Albenstern zu �ffnen. Der Weg zwischen den Welten wird Euch direkt zum Albenstern in der Tiefen Stadt f�hren. Bitte verzeiht meine unh�fliche Hast, doch meine Nestbr�der erwarten mich. Die Zeit dr�ngt! Ich muss eilen, um zu versuchen, ihren Zorn zu mildern und um sie von einem unbedachten Vorgehen abzuhalten.</emphasis></p><p>Nachtatem weitete seine Schwingen und glitt aus dem Schatten der Klippe. Einen Moment lang verdunkelte seine Gestalt die Sonne, und alles rings um Nandalee versank in unnat�rlicher Finsternis. Dann erhob er sich mit machtvollen Fl�gelschl�gen in den Himmel.</p><p>Neben dem stechenden Schmerz, der seine Gedanken begleitet hatte, hatte sie auch seine Sorge gesp�rt. Etwas ging unter den Himmelsschlangen vor sich. Er war sich nicht mehr sicher, dass seine Nestbr�der seinem Rat folgen w�rden, und f�rchtete, was geschehen mochte, wenn es so weit kam.</p><p>Nandalee legte die Zwergenkleider an. Der Stoff war aus dicker Wolle, die auf der Haut kratzte. Eine weite Hose und eine sackartige Tunika. Dazu klobige Stiefel. Nachtatem hatte an alles gedacht. Die Kleider sahen nicht nur getragen aus, sie rochen auch so. Nandalee schluckte, band sich aber die schwere Ledersch�rze um und drapierte ihren Bart dar�ber. Einen Moment lang betrachtete sie die Eisenringe, die in die Z�pfe ihres Bartes eingeflochten waren. Verschlungene Muster wanden sich darum, zeigten Schlangen und unnat�rlich langgestreckte W�lfe, die mit ihnen k�mpften. Sie erinnerte sich an die verborgene Bedeutung. Die Schlangen standen f�r die Drachen, die W�lfe f�r Zwerge. Sie war Zeugin der letzten Augenblicke im Leben jenes Zwergs, dessen Wissen und Erinnerungen sie geerbt hatte. Nachtatem hatte ihn nicht get�tet. Aber er hatte ihm alles genommen, was sein Leben ausmachte. Seine Sprache und sein Ged�chtnis. Wie ein leeres Gef�� war er zur�ckgeblieben. Das war die Rache daf�r gewesen, sich heimlich gegen die Drachen verschworen zu haben. Nandalee dachte an all die sch�nen Worte Nachtatems. Sie fand die Strafe, die den Zwerg allein daf�r ereilte, dass er an Verschw�rung gedacht hatte, unangemessen hart, und sie entschied sich, sich Arbinumja zu nennen, was in der Sprache der Zwerge so viel wie Erbe hie�.</p><p>Mit leicht schwankendem Schritt trat sie zum Albenstern. Wie lange w�rde sie dieses Mal in diesem gedrungenen Leib gefangen sein? Ohne auf die Sch�nheit des flie�enden Lichtbogens zu achten, durchschritt sie den Albenstern. Nur wenige Schritte und sie fand sich in der Kammer der kommenden Offenbarungen wieder. Die Kammer war ganz und gar mit wei�em Marmor ausgekleidet. Das Licht zweier �llampen brach sich in den Kristallen, die in die W�nde eingelassen waren. Kleine Statuen verehrter Ahnen kauerten in Wandnischen. Es roch nach Rauch. Die Luft war abgestanden. Nandalee war froh, dass ihre Sinne in diesem Leib abgestumpft waren.</p><p>Auf wackeligen Beinen verlie� sie die Kammer. Mit der Linken st�tzte sie sich an der Wand des Tunnels ab. Ihre Augen gew�hnten sich schnell an das Dunkel der Zwergenh�hlen. In sehr weiten Abst�nden standen Laternen in Wandnischen. Meist nahe Tunneln, die vom Hauptgang abzweigten. Jetzt konnte sie im Gegensatz zu ihrem ersten Besuch die Runen entziffern, die ab und an in die W�nde geschlagen waren. Sie erinnerten an schlagende Wetter, wenn sich Gase, die aus dem Fels drangen, entz�ndet hatten, und warnten vor Tunnelabschnitten, in denen kein offenes Licht brennen durfte. Manche Inschriften erinnerten an Todesf�lle, andere dienten zur Orientierung im Tunnelsystem. Nandalee fand die Zwergenrunen h�sslich. Sie waren ohne jede Eleganz, nur dazu erdacht, mit einem Mei�el leicht in Fels gekratzt werden zu k�nnen.</p><p>Nandalee wurde es schwindelig. Sie gew�hnte sich zwar schneller als beim ersten Mal an diesen fremden K�rper, doch war sie noch weit davon entfernt, sich mit den k�rzeren Gliedma�en, ihren schweren Schritten und dem �blen Geruch ihres Bartes vertraut zu f�hlen. Sie lie� sich an der Tunnelwand niedersacken, schloss die Augen und wartete darauf, dass es ihr wieder besser ging.</p><p>Schritte n�herten sich. Nandalee rappelte sich auf, musste sich aber immer noch an der Tunnelwand abst�tzen. Ein Zwerg mit pr�chtigem, goldenem Bart und langem, zu Z�pfen geflochtenem Haar kam ihr entgegen. Er trug einen Helm mit breitem Nasenschutz und aufgesetzten, goldenen Augenbrauen. Leise klirrte sein Kettenhemd bei jedem Schritt. Er war ein Bild von einem Krieger, dachte Nandalee. Warum konnte mir Nachtatem nicht so eine Gestalt geben?</p><p>Himmelblaue Augen musterten sie.</p><p>�Die tun hier was ins Bier, das nicht hineingeh�rt�, lallte sie schwerf�llig.</p><p>Der Krieger grinste. �Koboldk�se, glaube ich.� Ohne innezuhalten ging er vor�ber.</p><p>F�r einen Zwerg ganz nett, dachte Nandalee und lie� sich wieder auf den Boden sinken. Sie lauschte auf die sich entfernenden Schritte. Etwas war eigenartig daran. Ein leises Knirschen begleitete die Schritte. Oder hatte sie sich das eingebildet? Ihr Geh�r war nicht mehr so scharf wie als Elfe. Sie wollte den Gedanken schon beiseiteschieben, als ihr Blick an einer feinen, wei�en Schramme auf dem Boden haften blieb. Einer der N�gel an den Stiefeln des Kriegers schien vorzustehen!</p><p>Ihr Schwindelgef�hl war augenblicklich vergessen. Das konnte der Zwerg sein, dem sie mit Nachtatem gefolgt war. Jener Unbekannte, der ihnen bei ihrem ersten Besuch in der Tiefen Stadt so knapp entkommen war und der m�glicherweise etwas �ber das Verschwinden der Alben wusste. In ihrer Eile strauchelte sie mehrfach. Der Tunnel verschwamm ihr vor den Augen. Sie biss die Z�hne zusammen. Das Ger�usch der Schritte war verklungen. Blendendes Licht flutete den Tunnel. Dann wurde es pl�tzlich dunkel. Er war durch den Albenstern gegangen.</p><p>Fluchend blieb sie stehen. Was f�r ein eigenartiger Zufall, den Zwerg ausgerechnet jetzt wieder zu treffen. Hatte er vielleicht etwas mit dem Tod des Schwebenden Meisters zu tun? Und wer war er, dass er mit solcher Leichtigkeit den Albenstern �ffnete?</p><p>So knapp, dachte sie �rgerlich und erleichterte ihr Herz mit einigen �blen Fl�chen.</p><p>�Was ist das f�r eine Sprache, Bruder?�</p><p>Nandalee sah auf. Sie war so sehr mit sich selbst besch�ftigt gewesen, dass sie gar nicht bemerkt hatte, dass noch jemand den Tunnel zur Kammer der kommenden Offenbarungen betreten hatte. Ein rotb�rtiger Zwerg, auf dessen Brust die goldene Amtskette eines Ratsmitgliedes prangte, stand vor ihr und musterte sie mit gro�en, grauen Augen.</p><p>�Sprichst du etwa Elfisch?�</p></section><section><title><p>Das Tribunal</p></title><p>Der Goldene lie� sich in die Wolken fallen. Genoss es, den eisigen Wind unter seinen Schwingen zu sp�ren und seine Kraft, die ihm erlaubte, den Elementen zu trotzen. Es lag ein Risiko darin, blind dem Berg entgegenzust�rzen. Er h�tte sein Verborgenes Auge �ffnen k�nnen, um zu sehen, was die Wolken verbargen. Aber er f�hlte sich lebendiger, wenn er Risiken einging. Jede Empfindung wurde intensiver, wenn es wom�glich die letzte war. Es war verr�ckt, blind durch die Wolken den Berg anzufliegen. Ebenso verr�ckt, wie sich gegen die Alben zu verschw�ren, ja, sie sogar zu morden. Aber er wollte der Herr seines Lebens sein, ganz und gar. Frei sein, nach seinen eigenen Regeln zu leben.</p><p>Das Singen des Sturmwindes �nderte sich. Die Felsen waren jetzt ganz nah. Er versuchte aus der Melodie des Windes herauszuh�ren, wo er war. Es gab einen Drachenpfad zum weiten Schneefeld dicht unter dem Gipfel des Albenhauptes. Er h�tte es sich einfach machen k�nnen hierherzugelangen. Aber das war nicht seine Art. Es ging ihm nicht darum, den einfachsten Weg zu finden.</p><p>Der Goldene weitete seine Fl�gel, bremste den Flug. Das flie�ende, graue Wolkenband zerriss, als h�tten die Felsen es zerschnitten. Jetzt sah er die scharfen, steinernen Zacken aus dem ewigen Wei� ragen. Und er sah die grellen Farben seiner Br�der.</p><p>Eine letzte Kehre trug ihn �ber ihre H�upter hinweg, dann landete er elegant, ohne mit einigen H�pfern um seine Balance k�mpfen zu m�ssen. Er faltete seine Fl�gel. Er liebte diese Geste und dachte daran, was der Schwebende Meister ihn einst gelehrt hatte. Es kam nicht nur darauf an, was man tat, sondern auch wie man es tat. Das Leben war eine Inszenierung, und so widrig die Umst�nde auch sein mochten, man war es stets ganz allein, der entschied, ob den eigenen Auftritten W�rde innewohnte.</p><p><emphasis>Du kommst sp�t.</emphasis> Es war Nachtatem, dessen Stimme als erste in seinen Gedanken erklang. Der Erstgeschl�pfte lag ein wenig abseits des unregelm��igen Kreises, zu dem sich die acht Himmelsschlangen eingefunden hatten. Er ruhte am Fu� einer �berh�ngenden Felsstufe. Eiszapfen hingen �ber ihm vom Rand des Felsens, und Schatten umspielten seinen �lteren Bruder. Ein wenig sah es aus, als habe er sich im Rachen eines riesigen Unget�ms niedergelassen. Einer Kreatur, noch gr��er und m�chtiger, als sie es waren. Einer Kreatur, wie es sie nur einmal gegeben hatte und die nun schon seit unz�hligen Jahrhunderten gebannt war. Lebendig begraben in jenem Grabmal, das sie sich selbst errichtet hatte.</p><p><emphasis>Ich bitte um Verzeihung, euch warten gelassen zu haben, Br�der.</emphasis></p><p>Es folgten Augenblicke lastender Stille, in der allein das Heulen des Windes zu vernehmen war. Er w�rde sich nicht rechtfertigen, dachte der Goldene. Damit w�rde er seine Stellung gegen�ber Nachtatem schw�chen. Alles, was er vorbereitet hatte, hing davon ab, aus einer Position der St�rke zu agieren.</p><p><emphasis>Wir sind zusammengekommen, um �ber die Strafe f�r die Zwerge in der Tiefen Stadt zu entscheiden</emphasis>, brach schlie�lich der Himmlische das Schweigen. Er galt als ein Weiser und als Skeptiker. Der Goldene wusste, dass es nicht leicht werden w�rde, seinen Bruder zu �berzeugen. Doch er hatte in der Silberschale gesehen, was sie alle in Zukunft erwarten w�rde, wenn sie nicht den Mut zu k�hnen Taten fanden.</p><p><emphasis>Ich fordere, die Tiefe Stadt zu vernichten. Ich war dort, denn ich wollte nicht allein dem Urteil einer Elfe vertrauen, in deren Gedanken wir nicht lesen k�nnen. Das ist der Grund, warum ich zu sp�t kam, Br�der. Ich war so ersch�ttert von dem, was ich gesehen habe, dass ich alles verga�. Mir fehlen die Worte, um zu beschreiben, was die Zwerge dort unten tun. Seht in meine Gedanken. Teilt meinen Schrecken mit mir und jene Bilder vom ruchlosen Treiben der Zwerge, die bis ans Ende meiner Tage in meine Erinnerung gebrannt bleiben werden.</emphasis></p><p>Er teilte die Gef�hle seiner Br�der, w�hrend sie in seinen Gedanken lasen. Dies war von Anfang an seine Absicht gewesen, um sie besser einsch�tzen zu k�nnen. Selbst Nachtatem war ber�hrt von dem, was er sah. Vielleicht w�rde es doch nicht so schwer, ihn dazu zu bewegen, jene Strafe zu verh�ngen, die die einzig angemessene f�r den Frevel der Zwerge war.</p><p><emphasis>Brennen sollen sie, alle miteinander!</emphasis>, emp�rte sich der Flammende, dessen Temperament gerne mit ihm durchging. Der m�chtige Drache, dessen Schuppen in allen Farbnuancen zwischen dunklem Dottergelb und leuchtendem Karmesinrot changierten, galt als �beraus wankelm�tig. Er war leicht zu gewinnen, doch ebenso leicht �nderte er seine Meinung auch wieder, wobei er stets voller Inbrunst sprach und sich selbst seines unsteten, aufbrausenden Charakters in keinster Weise bewusst war.</p><p><emphasis>Auch mich werden diese Bilder bis ans Ende meiner Tage begleiten</emphasis>, erkl�rte sein Bruder Fr�hlingsbringer in tiefer Niedergeschlagenheit, die so gar nicht zu ihm passte, war doch er derjenige unter ihnen, der sonst jedem Ereignis eine positive Seite abzuringen vermochte. Seine Schuppen, die sonst in allen T�nen des jungen Fr�hlingsgr�ns schimmerten, wirkten nun seltsam matt und farblos. Ihn w�rde er gewinnen, dachte der Goldene.</p><p><emphasis>Was die Zwerge in ihren verborgenen H�hlen treiben, ist eine Kriegserkl�rung an uns!</emphasis>, emp�rte sich der Nachtblaue, der Kriegerischste unter ihnen. <emphasis>Sie f�hlen sich sicher, wenn sie sich unter ihren Bergen verkriechen. Zeigen wir ihnen, dass es keinen Ort auf ganz Albenmark gibt, an dem sie vor unserem Zorn sicher w�ren.</emphasis></p><p><emphasis>Wir sind die Statthalter der Alben und keine R�cher. Unsere Aufgabe ist es, einen k�hlen Kopf zu bewahren und dann Gerechtigkeit zu �ben</emphasis>, warf der Erstgeschl�pfte ein. Der Goldene hatte nur auf diesen Einwand gewartet.</p><p><emphasis>Hast du schon einen Plan gemacht, deine Spitzel geschickt und dich mit den Alben besprochen? Hast du wieder einmal im Stillen f�r dich allein entschieden, ohne mit deinen Br�dern zu beraten, wie du es in der Vergangenheit so gerne getan hast? Mich wundert, dass du dich noch der Strapaze unterziehst, hier in dieser Runde anwesend zu sein, wo dich doch ohnehin nicht interessiert, welcher Meinung wir sind.</emphasis></p><p>Nachtatem fauchte ihn an, und sein m�chtiger Schweif peitschte den Schnee. <emphasis>Welchen Krieg willst du f�hren, Goldener? Einen Bruderkrieg?</emphasis></p><p><emphasis>Er spricht wahr</emphasis>, mischte sich der Himmlische ein. <emphasis>Wir alle wissen, dass du es vorziehst, allein zu entscheiden. Glaubst du, das w�re uns verborgen geblieben? Hat der Goldene recht mit seinen Anschuldigungen? Hast du bereits entschieden, was geschehen soll?</emphasis></p><p><emphasis>Weisheit gebietet M��igung</emphasis>, entgegnete Nachtatem ausweichend. <emphasis>Nur Tyrannen unterscheiden nicht mehr zwischen Schuldigen und Unschuldigen.</emphasis></p><p><emphasis>Doch verf�hrt zu viel M��igung auf einer Seite nicht zu Unm��igkeit auf der anderen Seite</emphasis>, wandte der Rote ein. Seine Schuppen waren dunkel wie frisches Blut. Feiner Rauch stieg von seinen N�stern auf.</p><p><emphasis>Was schl�gst du vor? Sollen wir nicht nur die M�rder richten, sondern auch die M�tter, aus deren Scho� sie gekrochen sind?</emphasis>, entgegnete Nachtatem.</p><p><emphasis>Und die Schmiede, die die Speerspitzen schufen, die unseren Bruder t�teten, und die Tr�ger, die die Waffen zum Versteck brachten, von dem aus der Schwebende Meister heimt�ckisch erschossen wurde</emphasis>, fiel der Flammende ein, dem jegliche Ironie fremd war.</p><p><emphasis>Ich finde, wir sollten sie alle t�ten.</emphasis> Der Goldene bem�hte sich, seinen Br�dern diesen Gedanken klar und ganz ohne Emotion zukommen zu lassen. <emphasis>Wir m�ssen ein Zeichen setzen. F�llt unsere Strafe zu gering aus, dann werden sich die Zwerge nur ermutigt f�hlen, demn�chst einen von uns zu t�ten.</emphasis></p><p>Diesem Gedanken folgte Stille. Er sp�rte, dass der Flammende begeistert, Nachtatem ersch�ttert, andere z�gerlich waren. Doch in fast allen brannte der Wunsch nach Rache.</p><p><emphasis>Wenn wir unsere Drachenelfen schicken und vielleicht zehn Zwergen einen schrecklichen Tod bereiten, glaubt ihr, das wird sie abschrecken? Die zehn werden zu M�rtyrern, und Hunderte andere werden sich ermutigt f�hlen, es ihnen gleichzutun. Was wir brauchen, ist ein eindeutiges, unmissverst�ndliches Zeichen. F�llt unsere Strafe nur hart genug aus, werden es die Zwerge selbst sein, die k�nftig jeden in ihren Reihen verfolgen, der auch nur daran denkt, eine Silberschwinge oder einen Tatzelwurm zu t�ten.</emphasis></p><p><emphasis>Glaubt ihr, die Alben werden dulden, wenn wir uns wie Schl�chter auff�hren? Dazu haben sie uns nicht erschaffen.</emphasis> Der Goldene hatte das Gef�hl, Nachtatem wolle ihn am liebsten anspringen, um Klauen und F�nge in sein Fleisch zu schlagen.</p><p><emphasis>Sind wir nicht hier, um ihnen die Blutarbeit abzunehmen, die sie selbst nicht verrichten wollen? Wollten sie nicht alle unangenehmen Entscheidungen von sich fernhalten?</emphasis>, begehrte der Goldene auf. <emphasis>Wir tun ganz genau das, wozu sie uns erschaffen haben, wenn wir die Zwerge strafen. Wir halten ihre Sch�pfung in Balance. Wir verhindern, dass sich ihre minderen Kinder auflehnen und die von den Alben gesetzte Ordnung zerst�ren.</emphasis></p><p><emphasis>Mich haben die Worte des Goldenen �berzeugt</emphasis>, lie� der Smaragdgr�ne sie an seinen Gedanken teilhaben, der sonst eher ein Zauderer war und m��igend auftrat.</p><p><emphasis>Warum wollt ihr alle einen Weg verlassen, der sich in so vielen Jahrhunderten als gut erwiesen hat?</emphasis>, begehrte Nachtatem auf.</p><p><emphasis>Warum kannst du dich nicht entschlie�en, neue Wege zu gehen, Bruder? Liegt es daran, dass du wieder einmal ohne uns entschieden hast? Sind deine Elfen schon in der Tiefen Stadt, und unser Treffen ist wieder einmal nur eine Farce?</emphasis></p><p>Nachtatem schob seinen m�chtigen Leib aus dem Schatten der Klippe. Seine blauen Augen funkelten kalt. <emphasis>Niemand ist in der Stadt, um zu t�ten. Ich habe nicht vergessen, dass wir ein Rat sind.</emphasis></p><p><emphasis>Dann sollten wir abstimmen.</emphasis> Der Goldene konnte die Gedanken seiner Br�der sp�ren. Er hatte sie �berzeugt. Alle stimmten f�r den Tod der Tiefen Stadt.</p><p><emphasis>Und wie willst du eine ganze Stadt vernichten? Sollen wir uns in die Tunnel der Zwerge zw�ngen? Ist dies nun die Art, wie die Statthalter der Alben auftreten?</emphasis>, spottete Nachtatem.</p><p><emphasis>Nein. Ich w�nsche, dass all unsere minderen Br�der an diesem Strafgericht teilhaben. Und all unsere Drachenelfen. Kein Zwerg dort unten wird �berleben, und wir werden es auf eine Art tun, die sich auf immer in das Ged�chtnis ihres Volkes brennen wird. In f�nf oder sechs Tagen schon k�nnen wir angreifen.</emphasis></p></section><section><title><p>Amalaswintha</p></title><p>Der rotb�rtige Zwerg betrachtete Nandalee misstrauisch. �Ich habe noch nie einen Zwergen getroffen, der die Sprache der Elfen beherrschte.�</p><p>Sie versuchte ein L�cheln. �Ich gebe zu, dass das selbst in der Ehernen Halle selten ist. Mein Vater hat an Elfen Eisen verkauft. Er hat mich oft auf seine Reisen mitgenommen, als ich noch jung war. Dabei habe ich ein wenig die Sprache gelernt. Ihre Fl�che, das war das Erste, was wir zu h�ren bekommen haben, wenn er ihnen seine Preise genannt hat. Du wei�t ja, Kinderohren sind offen f�r alles, was sie nicht h�ren sollten. Au�er ein paar Fl�chen habe ich auch nicht viel von der Sprache der T�uscher behalten.�</p><p>Der Ratsherr spielte nachdenklich mit der Spitze seines Bartes. �Er hat dich als Kind auf Reisen zu den Elfen mitgenommen? Was f�r einen Vater hattest du!�</p><p>�Einen klugen. Er hat sich darauf verlassen, dass sie einem Mann, der mit einem Kind die Wildnis bereist, nichts tun werden. H�tten sie ihn umgebracht, h�tten sie sich um mich k�mmern m�ssen. Und welcher Elf m�chte sich schon mit einem Zwergenbalg abgeben?�</p><p>Der Ratsherr nickte langsam. �Ich verstehe. Ungew�hnlich. Eine Geschichte wie deine habe ich noch nicht geh�rt. Aber einleuchtend �� Er strich sich wieder �ber den Bart. �Und hat dein Vater gute Gesch�fte mit den Elfen gemacht?�</p><p>�Wie man es nimmt. Als ich gr��er wurde, hat er mich nicht mehr mitgenommen. Vor drei Jahren kam er nicht mehr zur�ck. Wir haben nie erfahren, was aus ihm geworden ist.�</p><p>�Mein Beileid�, grummelte der Zwerg in seinen Bart, w�hrend seine gro�en, grauen Augen sie noch immer aufmerksam musterten. �Und was machst du hier, nahe der Kammer der kommenden Offenbarungen? Vermagst du die Tore der Albensterne zu �ffnen?�</p><p>Nandalee schnaubte. �Ich w�nschte, ich k�nnte es. Ich sah hier ein helles Licht und hoffte, ich k�nnte einem Torg�nger begegnen. Ich sch�tze es nicht, in Aalen zu reisen. Und �ber Land mag ich mich auch nicht bewegen �� Sie blickte zu Boden.</p><p>�Wegen der Drachen? Du bist wegen der Versteigerung hier, wie all die anderen, nicht wahr?�</p><p>Nandalee nickte, obwohl sie nicht die geringste Ahnung hatte, was er meinte.</p><p>�Eines Tages werden wir keine Drachen mehr f�rchten m�ssen.� Er l�chelte breit. �Und auch keine Elfen. Du musst unbedingt jemanden kennenlernen. Deine Kenntnis der Sprache der Elfen ist in diesen Zeiten gutes Gold wert. Selbst wenn du nur einige Fl�che beherrschst und was sich Kinder sonst noch so merken. Du wirst sehen, wir werden Albenmark ver�ndern.�</p><p>Nandalee nickte z�gerlich. �Ich hei�e �brigens Arbinumja.�</p><p>�Skorri�, entgegnete der Ratsherr. �Komm, ich bringe dich jetzt an den interessantesten Ort unserer Stadt. Hoffentlich hat deine Sippe dich gut mit Schuldbriefen ausgestattet, sonst wird dir bald das Herz bluten.�</p><p>Wieder verstand Nandalee nicht, was er meinte. Sie schlug einen leichten Plauderton an und unterhielt Skorri mit erfundenen Geschichten �ber den Eisenhandel ihres Vaters, w�hrend der Ratsherr sie in einen Abschnitt der Tiefen Stadt f�hrte, den sie bislang noch nicht betreten hatte.</p><p>Nach einer Weile wurden die Tunnel belebter. Fast alle Zwerge, denen sie begegneten, gingen in dieselbe Richtung wie sie. Die G�nge waren erf�llt von aufgeregtem Gemurmel. Der Geruch nach Fett und Rauch wurde immer intensiver, ebenso der Gestank nach altem Schwei�, der den meisten Zwergen anhaftete.</p><p>Sie durchquerten eine weite Halle, in der Stalaktiten und Stalagmiten miteinander zu baumdicken S�ulen verschmolzen. Nandalee sah sich neugierig um. Die Gr��e der H�hle beeindruckte sie. An den W�nden entlang verliefen Terrassen und schmale Treppen. �berall wimmelte es von Zwergen. Es mussten Hunderte sein.</p><p>Skorri f�hrte sie durch ein hohes Bronzetor und �ber eine weite Treppenflucht in die n�chste Halle. Die W�nde hier schienen mit lilafarbenen Lichtblitzen �berzogen zu sein. Sie musste blinzelnd den Blick abwenden, so hell war es.</p><p>Skorri schob sie in das Gedr�nge, w�hrend er immer wieder Bekannten zunickte oder mit knappen Sp��en auf freundschaftliche Zurufe reagierte. Er war ohne Zweifel ein angesehener Mann. Aber was hatte er mit ihr vor? Nandalee gefiel es gar nicht, an seiner Seite so sehr in den Mittelpunkt des Interesses ger�ckt zu werden.</p><p>Eine dunkle, warme Stimme �bert�nte das Murmeln und Husten Hunderter Zwerge. �Nun, nachdem wir Galar und Nyr f�r ihre Tapferkeit geehrt haben, kommen wir zum eigentlichen Helden, jenem unerschrockenen Zwerg, dessen Visionen und unerm�dlicher Ausdauer der Triumph �ber den Wei�en Drachen in erster Linie zu verdanken ist. Es ist jener Zwerg, dessen Name schon jetzt Legende ist: Hornbori Drachent�ter. Ich sage euch, meine Freunde, eines Tages werdet ihr eure Enkel auf dem Scho� sitzen haben und ihnen ehrf�rchtig erz�hlen: Ich habe einst Hornbori gekannt, der die Drachen lehrte, was es hei�t, das Volk der Zwerge unterdr�cken zu wollen. Nun begr��t ihn, wie es sich f�r einen Helden geh�rt!�</p><p>�Es ist der Alte in der Tiefe, der dort spricht, der F�rst der Tiefen Stadt�, raunte ihr Skorri zu. �Und der, der dort auf die Empore steigt, wird vielleicht eines Tages sein Nachfolger sein.� Nandalee meinte bei den letzten Worten einen Hauch von Unmut mitschwingen zu h�ren.</p><p>Den Redner auf der Empore hatte sie noch nie zuvor gesehen. Sein langer, wei�er Bart reichte dem Alten aus der Tiefe bis fast zu den Knien. Sein ganzes Gesicht schien ein struppiges, wei�es Haarkn�uel zu sein, aus dem lediglich eine unf�rmige, rote Nase hervorragte. Der alte Zwerg st�tzte sich auf einen knotigen Eichenstab. Soweit Nandalee erkennen konnte, trug er keinen Schmuck und keine W�rdenzeichen. F�r sein offenkundig hohes Alter hatte er eine erstaunlich kr�ftige Stimme. Nun trat ein j�ngerer Zwerg neben ihn auf die Empore. Jubel und Fu�getrampel erf�llten die weite Halle.</p><p>Immer mehr Zwerge dr�ngten von hinten nach. Nandalee wurde weiter nach vorne geschoben und war bald so zwischen b�rtigen Leibern eingekeilt, dass sie das Gef�hl hatte, kaum noch atmen zu k�nnen.</p><p>�Bitte, meine Freunde �� Der j�ngere Zwerg versuchte die begeisterte Menge mit ausgestreckten Armen zu beruhigen. Sein Bart war dicht und schimmerte �lig. Kein einziges graues Haar war darin zu entdecken. Er trug einen pr�chtigen Helm, von dessen Seiten goldene Schwingen abstanden. Nandalee war sich sicher, dem Kerl schon einmal in der Werkstatt des verr�ckten Schmiedes begegnet zu sein.</p><p>�Bitte � Ich habe doch nur getan, was auch ein jeder von euch getan h�tte. Wir alle sind unter dem Schatten der Drachenschwingen aufgewachsen. Wir alle wissen um ihre Willk�r. H�ttet ihr dem Wei�en Drachen gegen�bergestanden, keiner von euch h�tte weniger Mut bewiesen als Nyr, Galar und ich. Jeder von euch hat das Herz eines Helden!�</p><p>Tosender Beifall lie� die H�hle erbeben.</p><p>Nandalee k�mpfte gegen aufsteigende Panik an. Sie hasste es, tief unter den Felsen zu sein. Und nie zuvor in ihrem Leben war sie so eingekeilt gewesen wie in dieser gr�lenden Zwergenmenge. Es war ein Albtraum.</p><p>�Reden kann er �� Obwohl Skorri unmittelbar neben ihr stand, musste er schreien, damit sie ihn verstehen konnte.</p><p>�Die Schlacht gegen die Drachen hat gerade erst begonnen. Die Waffe, die den Wei�en get�tet hat, wurde im Kampf zerst�rt. Und wir brauchen viele neue Speerschleudern, wenn wir gegen die tobende Wut der Drachen bestehen wollen. Deshalb bitte ich euch: Spendet! Gebt, was ihr entbehren k�nnt, und beschreitet mit mir den dornigen Weg zur Freiheit. Vor uns liegt eine Schlacht, wie unser Volk sie noch nie schlagen musste. Ich sehe einen Weg von Blut, Schwei� und Tr�nen. Doch wenn wir ihn bis zum Ende gegangen sind, werden unsere Kinder und Kindeskinder dereinst aus ihren H�hlen treten und ohne Angst in den Himmel Albenmarks blicken k�nnen.�</p><p>Neuer Jubel brandete auf. Nandalee sp�rte darin die Begeisterung f�r einen gerechten Kampf, und sie fragte sich, was die Drachen den Zwergen alles angetan haben mochten. Dieser Hornbori verstand es erschreckend gut, den tief verwurzelten Zorn seines Volkes noch weiter anzufachen.</p><p>�Viele unserer Weisen sind der �berzeugung, dass der Leib der Drachen von Magie durchdrungen ist. Wer ihr Blut recht zu nutzen wei�, mag diese Zauberkraft in Waffen flie�en lassen. Aus ihren Schuppen kann man wundert�tige Amulette fertigen. Doch womit wir die heutige Versteigerung er�ffnen wollen, ist etwas Einzigartiges.� Er machte eine dramatische Pause und l�chelte. �Jeder, der es sieht, wird sofort erkennen, welche Magie diesem besonderen K�rperteil innewohnt. Bietet freim�tig, meine Freunde, denn es mag eine ganze Generation von uns dahinscheiden, bevor ein zweites Mal ein so au�ergew�hnliches St�ck zum Verkauf angeboten wird.�</p><p>Es herrschte nun atemlose Stille. Selbst das sporadische Husten war verstummt. Alle blickten gebannt zur Empore, auf die nun ein mit einem wei�en Tuch verh�ngter Tisch getragen wurde. Mit dramatischer Geste zog Hornbori das Tuch zur Seite. Nandalee erkannte erst auf den zweiten Blick, was das fast armlange Objekt war, das dort lag.</p><p>�Wir haben hier den Penis eines gro�en Drachen�, stellte der Zwerg sachlich fest. �Das gute St�ck misst siebenunddrei�ig Zoll und wiegt ann�hernd elf Pfund. Eigentlich hatte ich erwogen, es in mehreren Teilen zu versteigern. Doch von verschiedenen Parteien wurde die Sorge an mich herangetragen, dass die ihm innewohnende Magie Schaden nehmen k�nnte, wenn ich es zerteile. Das Startgebot sind zehntausend Goldkronen. Es ist kein Geringerer als der Alte aus der Tiefe, der dieses Gebot abgegeben hat. M�gen die Alben wissen, welche Pl�ne er damit hegt.�</p><p>Seine Worte wurden mit Gel�chter bedacht, doch Skorri an ihrer Seite fluchte. �Keinen Respekt hat er. Sp��e �ber den Alten in der Tiefe zu machen ist schamlos. Verdammter Empork�mmling.�</p><p>Nandalee h�tte fast entgegnet, dass die ganze Versteigerung schamlos sei. Sie erinnerte sich durchaus mit gemischten Gef�hlen an ihre Zeit in der H�hle des Schwebenden Meisters, doch das hier hatte er nicht verdient! Es war widerlich. Absto�end! Es gab keine Entschuldigung f�r dieses geschmacklose Spektakel. Wenn die Himmelsschlangen w�ssten, was hier vor sich ging, dann w�re ihre Rache ohne Ma�.</p><p>�H�re ich da elftausend?�, rief Hornbori gut gelaunt auf der Empore. �Da wird es wohl in einigen Monden reichlich Nachwuchs bei unseren Freunden in Ishaven geben.�</p><p>�Ich glaube nicht, dass man Magie aus etwas Totem ziehen kann�, sagte Skorri gallig. �Ich wei� ja nicht, wie du dazu stehst, aber ich m�chte dich jemandem vorstellen, der einen anderen Weg gehen wird.�</p><p>Nandalee war sich nicht sicher, wie sie darauf antworten sollte, so nickte sie nur. Sie war froh, dem ordin�ren Spektakel, das die Zwerge hier aufzogen, entfliehen zu k�nnen. Auch verst�rkte das unstet �ber die H�hlenw�nde flackernde Licht ihr Schwindelgef�hl. Wie lange es wohl dauern w�rde, bis sie sich an den neuen K�rper gew�hnt hatte?</p><p>Sie mussten sich regelrecht durch die Reihen der Zwerge k�mpfen. Das Gedr�ngel war unglaublich, und selbst Skorris Prominenz f�hrte keineswegs dazu, dass man ihm bereitwillig Platz machte. Das Gebot war bereits bei siebzehntausend Goldkronen, als sie endlich einen Durchgang in eine benachbarte H�hle erreichten. Jetzt erst erkannte Nandalee, was es mit dem merkw�rdigen Licht hier auf sich hatte. Die W�nde dieser riesigen H�hle waren ganz und gar mit lilafarbenen Kristallen bedeckt. Amethyste. Manche waren nur winzig, andere fast zwei Finger lang. Das Licht brach sich tausendfach in den Kristallen, ja es schien geradezu lebendig zu werden, floss in pulsierenden Wellen �ber die W�nde und schoss immer wieder funkelnde Blitze in die Menge ab. Nandalee hatte die Amethyste nur fl�chtig angeschaut, doch schon wurde ihr Schwindelgef�hl so stark, dass sie bef�rchtete, ihr w�rden die Beine wegknicken. Der Zauber in den Steinen war ihr v�llig fremd. Erschrocken wandte sie sich ab.</p><p>Skorri schien etwas bemerkt zu haben. �Nicht jedermanns Sache, der Amethystsaal. Manche kippen dort einfach um. Keiner kann sagen, woran es liegt. Wenn man Pilz trinkt, wird es schlimmer. Man kann dort drinnen keine Feste feiern, dabei ist es die sch�nste H�hle im ganzen Berg. Manche glauben, es sei die Strafe der Alben daf�r, dass wir versucht h�tten, etwas zu erschaffen, das sch�ner als ihre Sch�pfung ist. Ich halte das f�r Unsinn.�</p><p>Skorri f�hrte sie an zwei W�chtern vorbei, die gro�e Schmetterlings�xte in ihren F�usten hielten. �Das ist Arbinumja aus der Ehernen Halle�, erkl�rte er. �Die Dame Amalaswintha will ihn sehen.�</p><p>Einer der W�chter nickte, musterte sie aber weiterhin misstrauisch. Die H�hle, in die sie traten, war ganz und gar mit wei�em Marmor ausgekleidet, �hnlich der Kammer der kommenden Offenbarungen. In der Mitte der H�hle lag auf einem Sockel aus blutrotem Stein ein Kristall, der strahlend wei� leuchtete. Spiegel lenkten das Licht bis in die entferntesten Winkel der H�hle.</p><p>Eine Treppe f�hrte zu einer etwas h�her gelegenen T�r, die wiederum zur Empore im Amethystsaal f�hrte. Am Fu� der Treppe war eine Reihe von Tischen aufgestellt worden. Dort stand eine kleine Gruppe von Zwergen um eine Gestalt in einem roten Kleid. Sie alle begutachteten die Vielzahl goldener und silberner Kisten und K�stchen mit Fenstern aus Bergkristall, die offensichtlich Leichenteile des Schwebenden Meisters enthielten.</p><p>�Amalaswintha?� Skorri hauchte den Namen.</p><p>Die Zwergin drehte sich abrupt um. Nandalee war von ihrem Anblick �berrascht. Sie wirkte weniger gedrungen als die m�nnlichen Zwerge. Ihr Gesicht war fein geschnitten, auch wenn ihre Augenbrauen ein wenig zu �ppig wucherten, was ihren ebenm��igen Z�gen etwas Animalisches verlieh. Amalaswintha hatte eine kleine Nase und volle, fast sinnliche Lippen. Ihr rotes Kleid betonte ihre Taille und war tief ausgeschnitten. Das Dekollet� brachte ihre �ppigen Br�ste zur Geltung. Rabenschwarzes Haar rahmte ihr Gesicht. Ein Hauch von Blauschimmer lag darin, wie im Gefieder von Elstern. Sie war anders als alle Zwerginnen, die Nandalee je gesehen hatte, und glich auch keiner, an die sich das gestohlene Bewusstsein erinnerte, das Nachtatem ihr eingepflanzt hatte. Amalaswinthas Augen waren von dunklem, fast schwarzem Gr�n. Tief in ihnen glomm ein Licht, �hnlich jenen Geistern, die �ber die W�lder Nangogs wachten. Sie war eine Besessene, dachte Nandalee. Sie sollte sich vor Amalaswintha h�ten.</p><p>�Mein lieber Skorri, was f�r eine entz�ckende Begleitung bringst du mit?� Die Zwergin wandte sich nun direkt an Nandalee. �Darf ich aus dem etwas � exzentrischen Geschmack in Kleidung und Bartmode schlie�en, dass Ihr aus den Ehernen Hallen stammt?�</p><p>�Ganz recht�, erkl�rte Skorri eilfertig. �Dies ist Arbinumja. Und er beherrscht die Sprache der Elfen. Ein wenig zumindest.�</p><p>Amalaswintha hob eine Braue und sah Nandalee absch�tzend an. �Offensichtlich muss ich meine Meinung �ber unsere Br�der aus der Ehernen Halle revidieren. Wie mir scheint, leben dort doch nicht nur langweilige Grubenzwerge.�</p><p>�Wie mir scheint, hatte auch ich ein falsches Bild von den Damen der Tiefen Stadt�, entgegnete Nandalee bissig. �Sie sind zwar so arrogant, wie ich dachte, doch um einiges h�bscher.�</p><p>Amalaswintha nahm die Beleidigung mit einem L�cheln hin, w�hrend Nandalee aus den Augenwinkeln sah, wie Skorri bei ihren Worten zusammenzuckte.</p><p>�Endlich einmal jemand, der nicht versucht, mir nach dem Mund zu reden.� Amalaswintha winkte Nandalee, n�her zu treten.</p><p>Die Zwergin verstr�mte einen schweren, sinnlichen Duft. Ein Hauch von Moschus lag darin, doch dominierte eine Duftnote, die der Elfe g�nzlich unbekannt war.</p><p>�Seit ich meinen Bettgef�hrten versto�en habe, umschwirren sie mich wie Fliegen einen Honigkringel. Es ist erfrischend, jemandem zu begegnen, der bei meinem Anblick nicht gleich daran denkt, mit mir Nachwuchs zu zeugen.�</p><p>Nandalee hatte den Eindruck, dass sie binnen eines Augenblicks ein halbes Dutzend Feinde gewonnen hatte. Die �brigen Zwerge sahen sie jedenfalls an, als w�rden sie ihr am liebsten das Herz herausrei�en.</p><p>�Hast du schon ein Quartier, Arbinumja?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Dann erweise mir doch die Ehre, mein Gast zu sein. Ich werde in zwei Tagen ein Fest geben und w�rde mich freuen, wenn du zugegen sein k�nntest. Wenn du schon bei mir wohnst, kannst du mir zwischenzeitlich nicht verloren gehen.� Bei diesen Worten bedachte sie Nandalee mit einem beunruhigenden L�cheln. �Ich k�nnte mir auch vorstellen ��</p><p>Heraneilende Schritte lie�en sie verstummen. Ein junger Zwerg kam die Treppe hinab, die zur Empore im Amethystsaal f�hrte. �Herrin, das Gebot liegt bei einundvierzigtausend. Wie es scheint, will das keiner mehr �berbieten.�</p><p>Skorri atmete schwer aus. �Ist das wahr? Einundvierzigtausend Goldkronen! Damit kann man ein ganzes Heer aufstellen und ausr�sten.�</p><p>�Erh�he f�r mich das Angebot auf f�nfzigtausend�, sagte Amalaswintha ruhig. �Ich m�chte nicht, dass dieses Schmuckst�ck in die H�nde von M�nnern ger�t, die damit nur eines im Sinn h�tten.� Sie bedachte die umstehenden Zwerge mit einem sp�ttischen L�cheln. �Ihr denkt nur an Kriege. Dabei w�rde dieses Gold doch auch reichen, um eine neue Stadt irgendwo in der Wildnis zu gr�nden. Vielleicht sollten wir das tun. All dem hier den R�cken kehren und von vorne beginnen. Die Magie dort suchen, wo sie am lebendigsten ist � in der Natur.�</p><p>Nandalee war sich unsicher, ob Amalaswintha das nur sagte, um die �brigen Zwerge zu besch�men, oder es wirklich so meinte.</p><p>�Glaubst du nicht auch, dass die Zeit gekommen ist, f�r einen Krieg zu r�sten?� Amalaswintha nickte in Richtung des Amethystsaals. �Sie alle sind davon �berzeugt.�</p><p>Alle Augen ruhten nun auf Nandalee. Was sollte sie tun? Sie konnte doch einem Krieg gegen die Drachen nicht das Wort reden. Aber wenn sie es nicht t�te, w�rde sie sich verd�chtig machen. �Ich glaube, den Weisen erkennt man daran, welche Schlachten er ausficht und welche er meidet.� Sie hoffte, es mit dieser Antwort jedem recht gemacht zu haben. Jedenfalls hatte sie sich damit nicht festgelegt.</p><p>W�hrend einige der Zwerge beif�llig nickten, blitzte in Amalaswinthas Augen der Schalk. �In der Ehernen Halle gibt es auch Weise? Ein Tag voller �berraschungen!�</p><p>�Wie Hornbori bewiesen hat, sind auch Drachen sterblich. Was das angeht, werden sich die Himmelsschlangen gewiss nicht von der �brigen Brut unterscheiden�, erkl�rte Skorri k�mpferisch.</p><p>�Wie viele Zwerge waren eigentlich n�tig, um den gro�en Drachen zu erlegen?�, fragte Nandalee.</p><p>�Drei! So g�ttlich sind sie, die Drachen.� Skorri l�chelte grimmig. �Hornbori, Galar und Nyr. Aber viel aufwendiger, als einen Drachen zu t�ten, ist die Logistik, die dahintersteckt. Eine ganze Flotte von Aalen musste zusammengestellt werden, um das erforderliche Material zu transportieren und die Beute wieder zur�ckzubringen.�</p><p>Damit waren die Namen der Drachenm�rder best�tigt, dachte Nandalee zufrieden. Vielleicht k�nnte sie auch noch herausfinden, wo die drei in diesem Labyrinth aus Tunneln zu finden waren. Skorri h�rte sich gerne reden, wie es schien. Wenn sie das Gespr�ch noch ein wenig fortf�hrte, vermochte sie vielleicht auch die letzten Informationen aus ihm herauszulocken. �Was mir offen gestanden Sorge bereitet, ist die Frage, wie die Alben es aufnehmen, wenn wir uns gegen die Himmelsschlangen wenden. Die Himmelsschlangen sind die Statthalter der Alben. Wenn wir uns gegen sie erheben, m�ssen die Alben das nicht so verstehen, dass wir auch ihnen den Krieg erkl�rt haben? Haben sich Hornbori und die anderen Gedanken dar�ber gemacht? Ehrlich gesagt, w�rde ich mit den dreien gerne einmal reden.�</p><p>Skorri blickte sie an, als habe er gerade in eine vergammelte Wurst gebissen. �Das ist doch absurd. Warum sollten die Alben ��</p><p>�Ganz und gar nicht!�, unterbrach ihn Amalaswintha scharf. �Auch ich habe dich bereits auf diese Gefahr hingewiesen und dich gebeten, dies im Rat zur Sprache zu bringen, wo ich keinen Zutritt habe.�</p><p>Skorri war das Thema sichtlich unangenehm. �Meine Liebe, ich sagte dir doch, dass ich dort nicht in den Verdacht geraten darf, dein Sprachrohr zu sein. Es ist allein die Sache von M�nnern ��</p><p>�Genug!�, unterbrach ihn Amalaswintha scharf. �Das haben wir wirklich oft genug besprochen. Ich frage mich, welchen Nutzen du f�r mich hast, wenn du nicht gewillt bist, mich im Rat zu vertreten.�</p><p>Nandalee hatte den Eindruck, dass bei diesen Worten noch etwas Unausgesprochenes mitschwang. Jedenfalls lief der Ratsherr rot an, w�hrend die �brigen Anwesenden schadenfroh grinsten.</p><p>�Mein lieber Skorri, du kennst mich als eine Freundin des offenen Wortes. Ich hoffe, du wei�t diese Offenheit auch zu sch�tzen, wenn sie dich betrifft. Ich habe in der Vergangenheit gro�e Hoffnungen in dich gesetzt. W�hrend Hornbori von Drachen tr�umte, habe ich deinen Traum geteilt und erhebliche Mittel aufgewendet, um ihn Wirklichkeit werden zu lassen. In zwei Tagen werden wir sehen, ob es kl�ger gewesen w�re, mich an Hornbori zu halten. Ich hoffe sehr, dass dein Freund hier uns helfen wird, unsere letzten Probleme zu l�sen. Er soll mich begleiten.� Sie wandte sich Nandalee zu. �Und du, Arbinumja aus der Ehernen Halle, wohin soll dein Weg dich f�hren? Von welcher Zukunft tr�umst du? Bist auch du ein Mann mit Visionen?�</p><p>�Ich bin hier, um nach der Magie zu greifen. Ich werde jedem Weg folgen, der mich zu ihr f�hrt�, entgegnete Nandalee und blickte auf all die silbernen Kisten und K�sten, in denen die �berreste des Kadavers ihres Lehrers verwahrt wurden. Sie waren Narren, die Zwerge! Da waren sie einem wahrhaft gro�en Zauberweber begegnet, und alles, was ihnen einfiel, war ihn zu t�ten. So w�rden sie niemals finden, wonach sie suchten.</p><p>�Dann sehen wir einmal, ob deine M�glichkeiten reichen, Tr�ume wahr werden zu lassen.� Sie wandte sich ab und ging zum Ausgang. Ohne sich umzublicken, schnippte sie mit den Fingern. �Komm, sei ein braves H�ndchen und folge mir.�</p><p>�Du solltest gehen�, raunte ihm Skorri zu. �Du m�chtest sie nicht erleben, wenn sie zornig ist.�</p><p>Nandalee sah den Ratsherren �berrascht an. Sie h�tte erwartet, in ihm von nun an einen erz�rnten Nebenbuhler zu haben. Stattdessen wirkte er besorgt. �Geh!�, sagte er noch einmal, dr�ngender nun. �Du bist nun in ihrer Hand.�</p></section><section><title><p>Ger�chte</p></title><p>Galar verabscheute das Gedr�nge und den Pomp. Hinter sich h�rte er Hornbori laut auflachen. Der Aufschneider war ganz in seinem Element. Hatte tats�chlich er diesem wei�en Drachen den Todessto� versetzt? Galar konnte sich einfach nicht vorstellen, dass dieser h�ndesch�ttelnde Windbeutel wahrhaftig eine Heldentat vollbracht haben sollte.</p><p>Der weite Amethystsaal erschien dem Schmied jetzt bedr�ckend eng. Er hasste es, inmitten einer Menge eingekeilt zu sein. Dutzende klopften ihm anerkennend auf die Schulter. Zwerge, die er noch nie gesehen hatte, f�hrten sich auf, als seien sie seine Freunde. Schwei� stand Galar auf der Stirn und brannte auf der d�nnen, roten Haut seines Gesichtes, in das der Drachenodem geschlagen war. Er musste hier heraus! Noch ein bl�der Witz, noch ein Spruch �ber das Drachent�ten und er w�rde jemanden erschlagen. Sahen sie denn nicht, was kommen musste? Dieser wei�e Drache war zu gro� gewesen! Sein Verschwinden w�rde auffallen! Seine Br�der w�rden ihn r�chen. Statt zu feiern, sollte man sich besser auf einen Kampf mit den Drachen vorbereiten. Und mit deren niedertr�chtigen Meuchlern, den Drachenelfen. Sie w�rden kommen, daran gab es f�r Galar keinen Zweifel. Und sie w�rden sich in der Tiefen Stadt eine blutige Nase holen.</p><p>�Du siehst aus, als wolltest du gleich jemanden umbringen.� Hornbori war pl�tzlich aus der Menge erschienen und dr�ckte ihm einen Pilzhumpen in die Hand. �Trink�, f�gte er leiser hinzu, �das beruhigt das Gem�t.�</p><p>�Ich will mich nicht beruhigen�, entgegnete Galar streitlustig und so laut, dass es alle ringsherum h�ren konnten.</p><p>�Er hat die schrecklichen Ereignisse noch immer nicht ganz verarbeitet�, erkl�rte Hornbori mit einem breiten L�cheln den Umstehenden, packte ihn am Ellbogen und zog ihn mit sich.</p><p>�Was f�r L�gen verbreitest du �ber mich?� Galar hatte nicht �bel Lust, dem Aufschneider sein blasiertes L�cheln aus dem Gesicht zu schlagen. Sollten alle sehen, was f�r eine Sorte Held Hornbori war, wenn er wimmernd und Z�hne spuckend auf dem Boden lag. Die Vorstellung entspannte Galar ein wenig. Der Anflug eines L�chelns spielte um seine verkrusteten Lippen. Warum eigentlich nicht? Eine muntere Schl�gerei tat immer gut.</p><p>�Na also, du lernst es auch noch�, zischte Hornbori. �Bei Anl�ssen wie diesem muss man immer l�cheln, ganz gleich was geschieht. Kuck nicht so. Weiterl�cheln!�</p><p>Er w�rde damit anfangen, dem Mistkerl das Pilz ins Gesicht zu sch�tten, dachte Galar. Darauf musste Hornbori reagieren. Das w�re ein guter Auftakt. Nicht einmal Hornbori konnte so eine Dem�tigung mit ein paar Worten abtun. Ein Zwerg, der etwas auf sich hielt und von anderen respektiert werden wollte, konnte darauf nur mit den F�usten antworten.</p><p>�Ich werde demn�chst f�r einige Zeit fortm�ssen�, er�ffnete Hornbori ihm im Fl�sterton und schob ihn weiter vor sich her. �In ein paar Tagen ist es so weit und �� Er hielt inne und sch�ttelte ein paar H�nde von Gesandten, die, nach ihren merkw�rdig gezwirbelten Schnauzb�rten zu urteilen, aus einer der St�dte unter den Mondbergen stammen mussten.</p><p>Hornbori wurde erstaunlich schnell mit ihnen fertig, ohne dabei unh�flich zu werden. Das war seine Welt. Galar entschied, dass sich f�r eine z�nftige Pr�gelei auch sp�ter noch ein Anlass finden lie�e. Er musste erst wissen, wohin der Schisser reisen wollte. Und vor allem, warum. Er hatte einen Verdacht, und sollte sich der best�tigen, w�rde er Hornbori in einen Zustand versetzen, der es ihm unm�glich machte, in einem der Aale zu reisen.</p><p>Hornbori bugsierte ihn durch die Menge. Endlich gelangten sie durch ein weites Portal in eine der angrenzenden Gildenhallen. Ein pr�chtiger Bilderfries, der Schmiede bei der Arbeit zeigte, erstreckte sich �ber die Stirnwand. Die Decke war weit weniger hoch als im Amethystsaal. Holzkohle glomm dunkelrot in flachen Gruben, die in den Boden eingelassen waren. Unstetes Licht tanzte �ber die W�nde. Galar atmete tief durch. Auch hier hielten sich einige Dutzend Zwerge auf, aber das war kein Vergleich zum Gedr�nge in der gro�en Halle, der sie entflohen waren.</p><p>Hornbori winkte fl�chtig einer Gruppe von Schmieden, dann wandte er sich wieder ihm zu. �Sie hauen ab�, fl�sterte er.</p><p>Galar runzelte die Stirn und zuckte zusammen. Es hatte sich angef�hlt, als wolle sich seine Haut aufs Neue von der Stirn sch�len. �Von wem redest du?�</p><p>�Die Familien des Rates. Die Sippe des Herrschers in der Tiefe. Alle, die Rang und Namen und gen�gend Gold haben. Kein Aal verl�sst den Hafen mit Drachentroph�en, ohne auch ein paar Mitglieder prominenter Familien an Bord zu haben. Sie f�rchten, dass die Drachen die Elfen schicken werden. Die Meuchler werden sicherlich ein Gemetzel anrichten. Es wird f�rchterlich werden und ��</p><p>�Und du willst dich rechtzeitig verpissen, nicht wahr?� Das war genau, was er zu h�ren erwartet hatte. Aber so w�rde es nicht kommen. Dieser �</p><p>�Nein, verdammt. Ich will bleiben. Du musst mit mir eine Schl�gerei anfangen. Verpr�gel mich. Wenn ich nicht reisef�hig bin, kann ich bleiben. Aber schlag nicht zu fest zu, wenn es geht. Und brich mir nicht die Nase. Ich ��</p><p>Galar w�re fast der Pilzhumpen aus der Hand gefallen. �Ich soll was? Dich verpr�geln?� Das musste ein Scherz sein. Der Schisser verarschte ihn doch!</p><p>�Jeder wei�, dass du cholerisch bist und wir uns nicht gut verstehen, obwohl wir gemeinsam auf Drachenjagd gehen. Niemand wird sich wundern, wenn du mich ��</p><p>�Vergiss es. F�r wie bl�d h�ltst du mich eigentlich?� Galar hatte seine Stimme zu einem Fl�stern gesenkt. Er w�rde dem Drecksack niemals einen Gefallen tun, und wenn es ihn auch noch so sehr in den Fingern juckte. �Wie kommst du darauf, dass die Elfen kommen werden?�</p><p>Hornbori sah sich misstrauisch um. �Lass uns weitergehen. Es ist besser, wenn wir nicht stehen bleiben. Niemand darf uns belauschen.� Er f�hrte ihn aus der Gildenhalle in einen weiten Tunnel, in dem sie immer noch nicht allein waren. Galar staunte �ber die vielen fremden Trachten. Jetzt, bei weniger Gedr�nge, konnte er die Gesandten eingehender mustern. Aus allen Gegenden Albenmarks schienen sie hierhergekommen zu sein. Er erkannte Zwerge aus den Ehernen Hallen und aus Ishaven. Unglaublich, wie schnell sich die Kunde �ber die Versteigerung verbreitet hatte.</p><p>�Dir reicht es also nicht als Indiz, dass die Reichen und M�chtigen ihre Familien fortbringen lassen. Sagt dir der Name Hannar etwas?�</p><p>Galar nickte. �Einer unserer erfahrensten J�ger. Nyr kennt ihn ganz gut.�</p><p>�W�rdest du ihn einen Schisser nennen, so wie mich?� Ein s�ffisantes L�cheln begleitete Hornboris Worte.</p><p>�Im Gegensatz zu dir hat sich Hannar diesen Titel nicht verdient.�</p><p>Hornbori sah ihn auf eine Art an, die Galar bei ihm noch nicht kannte, verletzt und w�tend, aber er ging mit keinem Wort auf die Beleidigung ein. �Gestern habe ich Hannar getroffen. Er war v�llig au�er sich. Er meinte, etwas sei im Wald, oben auf dem Berg. Geister!�</p><p>Galar nahm einen Schluck aus seinem Humpen. Er glaubte nicht an Geister. Bisher hatte er Hannar f�r einen vern�nftigen Kerl gehalten. Wie man sich t�uschen konnte!</p><p>�Es ist nicht so, wie du denkst�, emp�rte sich Hornbori. �Da gab es keine durchscheinenden Gestalten oder �hnlichen Humbug aus Kinderm�rchen. Es war � Eine gut getarnte Falle ist ausgel�st worden, aber es fand sich keine Spur. Auch nicht von Wildtieren. Und er sagt, er habe Stimmen im Wind geh�rt. Wie Gesang. Aber es sei niemand dort gewesen. Und er erz�hlte mir von einer Lichtung, auf der ein riesiger Felsfinger aus dem Boden ragt. Als er mit seiner Patrouille dorthin kam, sei es weder ihm noch irgendeinem seiner Kameraden m�glich gewesen, zum Felsen zu blicken. So als habe eine unsichtbare Macht ihnen die K�pfe verdreht.�</p><p>Galar konnte nicht l�nger an sich halten. Er lachte laut auf. �Eine unsichtbare Macht hat ihnen die K�pfe verdreht! H�rst du eigentlich, was du redest? Was hat Hannar getrunken, bevor er hinaus in den Wald gegangen ist?�</p><p>�Alle M�nner aus seiner Patrouille reden davon!�, beharrte Hornbori. �Etwas stimmt da oben im Wald nicht.� Er verdrehte die Augen zur unregelm��igen Decke des Tunnels, als k�nne er durch Hunderte Schritt massiven Granits bis hinauf zum Wald blicken. �Da oben ist es nicht mehr geheuer. Ich wei� von Nyr, dass du daran gedacht hast, Hannar auf die n�chste Drachenjagd mitzunehmen.�</p><p>�Was ich mir jetzt gut �berlegen werde ��</p><p>�Sei nicht so verbohrt! Wo ist der Galar mit seinen gro�en Visionen? Der Schmied, der es wagt, Dinge zu tun, die andere nicht einmal ertr�umen! Warum sollte Hannar pl�tzlich ein anderer sein? Akzeptiere doch einfach, dass dort oben etwas vor sich geht. Im Wald sind Zauberweber. Elfen sind dort oben! Und es kann nur einen Grund geben, warum sie hierherkommen. Sie wollen Rache f�r den Wei�en Drachen �ben.�</p><p>Galar wollte �ber seinen Bart streichen, wie er es oft tat, wenn er tief in Gedanken war, aber er griff ins Leere. �rgerlich kratzte er �ber die k�mmerlichen Stoppeln auf seinen verbrannten Wangen. Er w�rde es nicht zugeben, aber ganz unrecht hatte Hornbori nicht. Hannar war nie ein Spinner gewesen. Wenn ein gestandener Zwerg wie er seltsame Geschichten erz�hlte, sollte man das nicht einfach abtun, sondern der Sache auf den Grund gehen.</p><p>Hornbori wies zu einem Seitentunnel, der vom Hauptgang abzweigte. Nach ein paar Schritten waren sie endlich allein. Es war ein k�hler, ungem�tlicher Ort. Die Laternen standen hier in sehr weiten Abst�nden in den Wandnischen. In der Ferne h�rte Galar Wasser rauschen. Der Hafen war nicht mehr fern.</p><p>Hornbori hielt das Schweigen nicht l�nger aus. �Wir sollten hinauf in den Wald und herausfinden, was dort vor sich geht�, platzte es aus dem Gro�maul heraus.</p><p>Galar grunzte abf�llig. �Und du willst einmal K�nig sein? Unser Volk anf�hren?�</p><p>�Was hat das denn damit zu tun?�</p><p>�Eine ganze Menge. Stell dir vor, dort oben laufen wirklich Zauberweber der Elfen herum � Drachenelfen. Die schneiden dir so schnell die Kehle durch, dass du gar nicht mitbekommst, dass sie dir die Klinge an den Hals gesetzt haben. Mal angenommen, sie k�nnen tats�chlich einen Zauber wirken, mit dem sie uns zwingen k�nnen, nicht an einen bestimmten Ort zu blicken � und ich sage jetzt nicht, dass ich Hannar glaube, es ist nur ein Gedankenspiel �, dann bringen sie dich um, ohne dass du auch nur gemerkt hast, wie sie in deine N�he kommen. Was gewinnen wir also, wenn wir dort hinaufgehen?�</p><p>�Hannar haben sie doch auch nicht umgebracht.� Hornbori klang jetzt weit weniger enthusiastisch.</p><p>�Und was schlie�t du daraus?�</p><p>�Sie sind eben vorsichtig. Sie wollten uns nicht warnen. Wenn sie Hannar und seine M�nner umgebracht h�tten, w�ssten wir jetzt ganz sicher, dass sie da sind.�</p><p>�Wenn sie so vorsichtig w�ren, w�rden sie wohl kaum Zauber weben, die selbst dem abgebr�hten Hannar Angst machen.�</p><p>Hornbori nickte widerwillig. �Da ist was dran. Aber warum bringen die Ratsmitglieder dann ihre Familien in Sicherheit?�</p><p>�Irgendwann werden die Drachen ihre Elfen schicken. Wenn du in ein paar Tagen eine lange Reise antrittst, ist das sicherlich nicht das D�mmste.�</p><p>Hornbori sah ihn eigent�mlich an. Ungewohnt hart und mannhaft. �Ich bleibe. Ich habe geh�rt, es gibt verborgene Stollen und Fallen, die jeden Angreifer einen schrecklichen Blutzoll bezahlen lassen. Sollen andere davonlaufen � ich k�mpfe in der Schlacht um die Tiefe Stadt!� Hornboris Ausbruch endete mit einem Sto�seufzer, der wieder besser zu ihm passte.</p><p>�Geheime Tunnel und Fallen�, sagte Galar herablassend. �Dummes Geschw�tz. Nichts als Kinderm�rchen.�</p><p>�Da irrst du dich gewaltig, Galar. Das ist mehr als nur Gerede. Meine Familie hat Einfluss. Ich wei� Dinge �ber die Tiefe Stadt, die k�nntest du dir nicht einmal �� Er sch�ttelte den Kopf. �Du glaubst mir ohnehin nicht, oder?�</p><p>Galar l�chelte. �Stimmt.�</p><p>�Und obwohl es dir in den Fingern juckt, dich mit mir zu pr�geln, w�rdest du es nicht tun, wenn du w�sstest, dass du mir damit einen Gefallen tust. Unsere Wege trennen sich nun. Aber verlass dich darauf, ich erreiche immer, was ich will. Ich mag kein genialer T�ftler sein und kein gro�er Held auf dem Schlachtfeld, aber untersch�tze mich nicht, Galar.� Mit diesen Worten wandte er sich ab und eilte mit festem Schritt zum Haupttunnel und den Feierlichkeiten zur�ck.</p><p>Der Schmied sah ihm lange nach. Hornbori hatte es tats�chlich geschafft, Zweifel in ihm zu wecken. Er sollte Hannar suchen und selbst mit dem alten J�ger reden, entschied Galar. Und er musste zu Jari, dem W�chter. Es gab die geheimen Tunnel und Fallen tats�chlich. Aber Hornbori h�tte davon nicht wissen d�rfen. Es gab nur zwei Dutzend Eingeweihte. Und einer von ihnen hatte offensichtlich geplaudert. Das musste geahndet werden! Galar war immer sehr stolz darauf gewesen, zu diesem erlauchten Kreis zu geh�ren. Er hatte einen der Tunnel gebaut, weil der Alte in der Tiefe sein perfides Talent, Fallen zu ersinnen, zu sch�tzen wusste. Sollten die Drachenelfen nur kommen! Sie w�rden sie buchst�blich in St�cke hacken!</p></section><section><title><p>Das Wettrennen</p></title><p>Bleigraue Wolken hingen tief am Himmel. Das Land erstreckte sich in sanften Wellen in schier endlose Weiten. Kalter Wind zerzauste Shayas Haar. So sehr sie die Himmel Nangogs gemocht hatte, nichts kam der gro�en Steppe gleich! Sie hatte ihre Heimat vermisst. Den Geruch des Grases. Sein Wogen, wenn der Wind dar�berstrich.</p><p>Sie streichelte der kleinen, wei�en Stute �ber den Hals. Das Tier war launisch. Es warf den Kopf zur�ck. Shaya l�chelte. Subai hatte das Pferd mit Bedacht f�r sie ausgew�hlt. Er hoffte wohl, dass sie vor aller Augen abgeworfen wurde. Dass sie ihr Gesicht verlor. Aber in den Jahren auf Nangog hatte sie das Reiten nicht verlernt.</p><p>Sie blickte zu ihm zur�ck. �Wer als Erster am Zelt unseres Vaters ist?�</p><p>Subai sah ver�chtlich zu ihr herab. Er ritt eines der pr�chtigen Schlachtr�sser aus den Gest�ten am Seidenfluss. Einen starken, schwarzen Hengst, dazu gez�chtet, einen Krieger in voller Bronzer�stung zu tragen. Seine Schulter �berragte die ihrer Stute um fast drei Hand. Ein eindrucksvolles Pferd und eine Wahl, die davon zeugte, dass Subai immer noch ein Dummkopf war. Es war kein Steppenpferd. Keines, wie es seine Krieger ritten. Ein wahrer Anf�hrer setzte sich nicht auf diese Weise von seinen M�nnern ab.</p><p>Shaya hatte so laut gesprochen, dass es die M�nner im Gefolge ringsherum geh�rt hatten. Alle blickten zu Subai.</p><p>�Wir sind keine Kinder mehr�, murmelte er missmutig.</p><p>�Stimmt. Wir k�nnen mittlerweile richtig reiten.� Sie l�chelte. Keiner der Krieger im Gefolge Subais verzog eine Miene. Aber Shaya konnte in ihren Augen lesen. Sie kannte das Lauern. Den kaum unterdr�ckten Spott in den Blicken.</p><p>Auch Subai entging dies nicht. Er sah missbilligend zu ihr herab. �Wie k�nnte ein Weib sich mit einem Mann messen?�</p><p>�Das dachten auch die M�nner, die unter meiner Dornaxt starben.�</p><p>Subai lachte auf, doch niemand fiel in sein bellendes, zu aufgesetztes Gel�chter ein. �Was f�r M�nner k�nnen das wohl gewesen sein.� Er hob seine kurze Reitpeitsche und deutete auf ihr Gesicht. �Du hast den b�sen Blick, Schwester. Alle wissen das. Nicht deine Waffenkunst verhalf dir zu deinen Siegen, sondern dunkle Magie. Aber diesmal wird sie dir nicht helfen. Es gilt! Reiten wir!�</p><p>Shaya konnte in den Gesichtern der anderen lesen, wie die Worte ihres Bruders wirkten. Wie seine L�gen ihren Kampfesruhm zu Asche werden lie�en. Eben noch war sie widerwillig akzeptiert gewesen, doch jetzt glaubten die Krieger lieber, dass allein Zauberei ein Weib dazu bef�higte, im Zweikampf �ber einen Mann zu triumphieren.</p><p>�Dann los!� Ihre Stimme war ein raues Raunen m�hsam unterdr�ckten Zorns. Sie konnten sie in Frauenkleider stecken, aber sie w�rde niemals eines dieser duckm�userischen, ver�ngstigten Weiber werden, mit denen sich die Steppenf�rsten so gerne umgaben.</p><p>Subai preschte ohne zu z�gern los, und Shaya hieb ihrem Pony die Fersen in die Flanken. Das kleine Tier machte einen erschrockenen Satz, der irgendjemanden hinter ihr auflachen lie�, dann st�rmte es dem pr�chtigen Schlachtross ihres Bruders hinterher.</p><p>In der Nacht zuvor hatte es geregnet, und auf dem schweren, schlammigen Boden konnte Subais Vollblut nicht seine ganze Kraft entfalten. Shaya holte auf. Das Land wogte in sanften H�geln an ihnen vor�ber. Shaya hatte sich dicht �ber den Nacken der Stute gebeugt. Der Wind peitschte ihr die M�hne ins Gesicht.</p><p>Wie ferner Donner folgte ihr der Hufschlag der �brigen Reiter.</p><p>Subai blickte immer wieder zu ihr zur�ck. Er peitschte fluchend nach den Flanken seines Hengstes. Blutige Striemen gl�nzten im pr�chtigen Fell.</p><p>Verdammter Narr, dachte sie. Das war nicht der Weg zu siegen. Ihre Finger krallten sich in die M�hne ihrer Stute. Sie sp�rte die Kraft des Tieres. Seinen Willen, in diesem Rennen zu siegen. Schaumflocken flogen von den N�stern ihrer Stute. Sie sp�rte, wie sich die m�chtigen Lungen des Tieres f�llten und wieder zusammenzogen. Sie sp�rte das Blut pulsieren.</p><p>�Wir k�nnen es schaffen, meine Starke.� Sie war jetzt fast gleichauf mit dem Hengst ihres Bruders. Beide Pferde k�mpften sich eine H�gelflanke hinauf. Der Grund war tr�gerisch. Ihre Stute wurde langsamer.</p><p>Subai stie� einen schrillen Triumphschrei aus und peitschte erneut seinen Hengst. Schmerz und Angst lie�en das gro�e Pferd alle Vorsicht vergessen. Mit zwei L�ngen Vorsprung erreichte es den H�gelkamm.</p><p>�Komm, meine Starke. Komm!� Shaya klopfte mit der flachen Hand auf den Hals der Stute. Deutlich sp�rte sie die dick geschwollenen Adern unter dem Fell.</p><p>Endlich erreichte auch sie den H�gelkamm. Am Fu� des H�gels wand sich ein seichter Fluss in weiten B�gen durch das Grasland. Ein Adler kreiste am grauen Himmel und verfolgte das Rennen. Weit am westlichen Horizont bewegte sich etwas Dunkles durch das Gras. Reiter? Eine Pferdeherde? Shaya trieb ihre Stute den Hang hinab. Subai hatte inzwischen sechs L�ngen Vorsprung. Sein Rappe hatte den Hang fast schon verlassen, als er ins Rutschen kam. Der Hengst warf den Kopf zur�ck und stie� ein schrilles Wiehern aus. Seine Hinterbeine brachen aus. Subai hatte M�he, im Sattel zu bleiben.</p><p>Ihre Stute nahm den Hang vorsichtiger. Sie querte ihn in einer Diagonale, statt geradewegs hinabzust�rmen. Shaya lie� ihr die Z�gel und beobachtete voller Genugtuung, wie Subais Rappe darum k�mpfte, nicht zu straucheln. Endlich hatte er sich gefangen. Unsicher machte er ein paar Schritte am Fu� des H�gels, dann strebte er dem G�rtel aus hohem Gras entgegen, das den Flusslauf s�umte.</p><p>Ihr Schimmel lie� ebenfalls den H�gel hinter sich. Fast gleichzeitig drangen die Pferde in den Wall aus Teichbinsen ein. Die graugr�nen St�ngel �berragten sie. �rgerliches Entengeschnatter ert�nte ganz in der N�he. Shaya konnte kaum einen Schritt weit sehen. Das Dickicht aus fingerdicken Halmen hatte sie verschlungen. Schmatzender Schlamm wich dunkelbraunem Wasser. Unbeirrt strebte ihre Stute voran und gelangte in tieferes Wasser, das Shaya bis �ber die Knie reichte. Es war unangenehm kalt. Schlammspritzer sprenkelten das bl�tenwei�e Fell der Stute.</p><p>Der Wall aus Teichbinsen wich zur�ck. Eine tr�ge Str�mung lie� sie ein wenig abdriften. Vielleicht zwanzig Schritt neben ihr und fast auf gleicher H�he sah sie Subai. W�tend starrte er zu ihr hin�ber. Sein Hengst wirkte abgek�mpft. Wahrscheinlich setzte ihm das kalte Wasser mehr zu als ihrem Pony. Sie l�chelte herausfordernd. Sehr bald w�rde sich zeigen, wer den l�ngeren Atem hatte.</p><p>Als sie den Binseng�rtel des jenseitigen Ufers erreichten, klapperten Shaya die Z�hne. Sie f�hlte sich, als h�tten b�se Flussgeister alle W�rme ihres K�rpers gestohlen. Sie beugte sich vor, bis sie den angenehm warmen Nacken der Stute ber�hrte.</p><p>Endlich fanden sie festen Boden. Mit kr�ftigen Schritten lie�en sie den Fluss hinter sich. Binsenst�ngel schlugen Shaya ins Gesicht. Sie zitterte am ganzen Leib. Die Stute schnaubte, als wolle sie ihr Mut machen.</p><p>Als sie durch den gr�nen Wall brachen und das weite Grasland wieder vor sich liegen sahen, war Subai nirgends zu entdecken. Hei�e Freude durchfuhr Shaya. Sie w�rde es ihm zeigen!</p><p>Die dunklen Gestalten am Horizont waren nun zu erkennen. Es waren Reiter. Hundert oder mehr. Rossschweifstandarten wehten von langen Stangen. Ein ganzer Wald davon. Der Adler kreiste �ber den Reitern. Stie� wie ein Pfeil vom Himmel hinab und verschwand.</p><p>Dort hinten musste ihr Vater sein. Kein F�rst des weiten Graslandes w�rde es wagen, so viele Standarten um sich zu versammeln. Der Unsterbliche Madyas war mit seinem Adler zur Wolfsjagd ausgeritten. Das traf sich gut! Sie w�rde als Siegerin eines Wettreitens vor ihn treten und nicht als gedem�tigte Gefangene ihres Bruders!</p><p>Ein wilder Schrei lie� sie herumfahren. Subai brach mit seinem Rappen aus dem Binsendickicht. Der gro�e Rappe sah zum Erbarmen aus. Schaum troff von seinem Maul. Seine Flanken waren zerschunden von Subais Peitschenhieben. Mit angstweiten Augen preschte der Hengst auf das Grasland hinaus, Madyas Jagdgesellschaft entgegen.</p><p>Shaya wusste, dass sie gewonnen hatte. Sie war unter Pferden aufgewachsen. Fremde spotteten gerne, dass den Ischkuzaia ihre Pferde mehr bedeuteten als ihre Frauen und Kinder. Ganz falsch war das nicht.</p><p>Subais Rappe gab unter den w�tenden Hieben ihres Bruders sein Letztes und k�mpfte sich noch einmal einen kleinen Vorsprung heraus. Entschlossen setzte ihre Stute dem Vollblut nach, als habe das kleine Pony ebenfalls den Ehrgeiz, den gro�en Hengst zu besiegen.</p><p>Das Land stieg sanft an. Der Boden war hier sandiger als auf der anderen Seite des Flusses. Trockener. Bald hatten sie Subai eingeholt. Shaya hielt sich ein gutes St�ck seitlich von ihm, denn sie traute ihm zu, dass er mit der Peitsche nach ihr schlagen w�rde, wenn sie ihm zu nahe k�me. Er wusste, dass er nicht mehr siegen konnte. Und was noch schlimmer war, er w�rde seine Niederlage unter den Augen ihres Vaters erleiden.</p><p>Die Reiterschar hatte auf dem n�chsten H�gelkamm innegehalten. Schweigend verfolgten sie das Wettrennen. Jedem war klar, wie es enden w�rde. Shaya blickte nach hinten. Sie lag nun drei Pferdel�ngen vor Subai. Blut mischte sich in die wei�en Flocken um die N�stern des Rappen. Ihr Bruder hatte den stolzen Hengst zuschanden geritten. F�r nichts! Er w�rde nicht daraus lernen. Wahrscheinlich w�rde er behaupten, ihr b�ser Blick habe sein Pferd verhext. Und die meisten w�rden ihm glauben. Ihr Sieg bedeutete gar nichts, begriff Shaya. Vielleicht sollte sie den Hengst an sich vor�berziehen lassen. Ihrem Bruder vor aller Augen den Sieg schenken. W�rde das etwas �ndern?</p><p>Schweigend starrten die Reiter zu ihnen herab. Sie entdeckte den Adler auf der Faust eines st�mmigen Kriegers, erkannte einige Berater, die schon in ihrer Kindheit zum Gefolge ihres Vaters geh�rt hatten. Die meisten der M�nner jedoch waren ihr fremd. Keine einzige Frau geh�rte der Jagdgesellschaft an.</p><p>Pl�tzlich knickte ihre Stute ein. Shaya wurde aus dem Sattel geschleudert, �ber den Kopf des kleinen Ponys hinweg, das ein erschrockenes, fast menschlich klingendes Keuchen ausstie�. Mit einem harten Schlag landete sie auf dem R�cken. Etwas in ihrer Schulter knackte. Die Luft wurde ihr aus den Lungen gepresst. Grelle Lichtpunkte tanzten vor den bleigrauen Wolken. Benommen sch�ttelte sie den Kopf und sah zu ihrem Pony. Es wand sich im Gras. Wieherte zum Erbarmen und versuchte wieder aufzustehen. Es w�rde nie wieder stehen. Der linke Vorderlauf war gebrochen. Der blanke Knochen ragte aus dem zerschundenen Fleisch.</p><p>�Nein�, stammelte sie. �Nein.�</p><p>Subai ritt im Schritt an ihr vor�ber. �Der Wei�e Wolf wollte nicht, dass du siegst. Dein Hochmut hat selbst die Devanthar gegen dich aufgebracht.�</p><p>Shaya ballte die F�uste. Jetzt erst bemerkte sie das Erdloch. Ihre Stute musste mit dem Vorderlauf in einen Murmeltiertunnel dicht unter der Grasnarbe eingebrochen sein. Das war nicht gerecht. Es war � Sie tastete nach ihrem Messer und zuckte vor Schmerz zusammen. Ihre rechte Schulter musste ausgekugelt sein. Selbst zu atmen schmerzte.</p><p>Ihr Pony hatte die Augen so weit aufgerissen, dass sie ganz von wei�en R�ndern eingefasst waren. Shaya zog ihr Messer mit links und kroch zu ihm hin�ber. Vorsichtig strich sie ihm �ber den Hals. Dann setzte sie die Klinge an eine der dicken Adern, die unter dem Fell am Hals zu erkennen waren. Sie schnitt nicht tief. Warmes Blut rann �ber ihre Hand. Vorsichtig streichelte sie weiter den Hals. Der Atem der Stute ging nun ruhiger.</p><p>�Warum soll es l�nger leiden als notwendig?� Madyas, ihr Vater, stand hinter ihr. In seinen schwarzen Augen zeigte sich keine Regung. Nicht ein graues Haar war unter den Stoppeln auf seinen Wangen. Er war unsterblich � Und so anders als Aaron.</p><p>In der Linken hielt Madyas einen Jagdspeer mit schmalem Stichblatt. Sie schluckte, hob die Linke �</p><p>Bevor ein Wort �ber ihre Lippen kam, wirbelte er den Speer herum und stie� ihn mit aller Kraft durch das Auge der Stute. Die L�ufe des Ponys zuckten. Dann lag es still.</p><p>�Glaubst du, ein langsamer Tod ist ein besserer Tod?�, fragte er ver�chtlich.</p><p>Sie sagte nichts. Es war nicht klug, ihm Widerworte zu geben. Ihr Vater war von gedrungener Gestalt. Er war nicht sehr gro�, aber er verstr�mte eine fast animalische Lebendigkeit. Seine Kinder alterten und wurden grau neben ihm. Er blieb �u�erlich immer derselbe. Mit seinem harten Gesicht und dem zu gro�en Kinn. Den buschigen Brauen, den stets stoppeligen Wangen und der nicht zu b�ndigenden Haarstr�hne, die ihm in die Stirn hing. Er trug ein Wams aus dickem Leder, das bei jeder seiner Bewegungen leise knarzte. Seine Arme waren nackt, sodass man die von Narben zerfurchten Wolfst�towierungen darauf deutlich sehen konnte.</p><p>�Steh auf, wenn du nicht als verweichlichtes Weib gelten willst.�</p><p>Sie sah ihn �berrascht an. Das war doch die Rolle, die er ihr zugedacht hatte! Oder hatte Subai sie belogen?</p><p>Shaya biss die Z�hne zusammen und stemmte sich hoch.</p><p>�Du hast dir die Schulter ausgekugelt.� Er sagte das ohne einen Anflug von Mitleid. �Wenn du dir bei dem Sturz den Hals gebrochen h�ttest, h�tte ich dich in Streifen schneiden und an die Lagerhunde verf�ttern lassen. Ich habe Pl�ne mit dir. Dieser Reitunfall st�rt sie. Rei� dich also zusammen.�</p><p>Sie gehorchte und fragte sich, wo jener warmherzige Vater geblieben war, f�r den sie vor langen Jahren auf der Trommel getanzt hatte.</p><p>�Ich habe eigens f�r dich einen Heilkundigen vom Seidenfluss holen lassen.� Der Unsterbliche deutete auf einen Greis in seinem Gefolge, der in flie�ende, gr�ne Gew�nder gekleidet war. Der Alte sa� ungelenk auf seinem Pferd. Er wirkte deplatziert inmitten der Jagdgesellschaft. Sein langes, abgeh�rmtes Gesicht hatte die Farbe von altem Elfenbein. Er wirkte, als habe er in seinem Leben kaum einen Tag unter freiem Himmel verbracht, wie so viele der Gelehrten, die die gro�en St�dte am Seidenfluss zu Tausenden ausbr�tete.</p><p>Der Heilkundige nickte ihr zu, als er ihren Blick bemerkte. Sein Gesicht mit den schmalen Augen und dem langen, spinnwebfeinen Kinnbart war eine Maske, bar jeder Emotion. Ganz anders wirkten die Berater ihres Vaters. Sie gafften sie unverhohlen an, und in ihren Blicken lag eine l�sterne Boshaftigkeit, als w�ssten sie um ein Geheimnis, das ihr erst noch offenbart werden w�rde.</p><p>Ein Leibw�chter ihres Vaters �berlie� ihr sein Pferd und ging auf die Knie, damit sie auf seinen R�cken treten und leichter in den Sattel steigen konnte. Sie ignorierte die Geste h�ndischer Unterw�rfigkeit und schwang sich ohne Hilfe auf das Pferd. Sengender Schmerz schoss durch ihre Schulter. F�r einen Augenblick wurde ihr schwarz vor Augen, und sie musste sich mit den Fingern in der M�hne des Braunen festkrallen, um nicht aus dem Sattel zu kippen.</p><p>�Die Jagd ist beendet�, verk�ndete ihr Vater mit lauter Stimme. �Wir kehren zur�ck zum Wandernden Hof.�</p></section><section><title><p>Die geheimen Tunnel</p></title><p>Galar lie� den Zeigefinger durch die Furche in der H�hlenwand gleiten. Nur noch Reste von eingetrocknetem �l waren geblieben. Er dachte zur�ck an die unz�hligen Stunden, die er in diesem Tunnel verbracht hatte. Fast drei Jahre hatte es gedauert, ihn vorzubereiten. Damals hatte er in einem Loch von einer H�hle gewohnt. Nicht einmal ein Troll h�tte sich da wohlgef�hlt. Seitdem war viel geschehen. Dem Gold und dem Einfluss Hornboris verdankte er eine pr�chtig ausgestattete Werkstatt und eine stetig wachsende Zahl von Gehilfen, die nach seiner Pfeife tanzen mussten. Vorbei waren die Zeiten, in denen er n�chtelang wach gelegen und sich das Hirn zermartert hatte, wie er an ein paar Eisenstangen oder eine Kupferplatte kommen k�nnte, um eine seiner Ideen umsetzen. Ein Teil des Ruhmes am Tod des Wei�en Drachen war nun sogar mit seinem Namen verbunden. Obwohl sein Bart weggesengt war und er roch wie ein halbgares St�ck Pferdefleisch, spottete niemand mehr �ber ihn. Galar war fast zufrieden, solange er nicht an Hornbori dachte. Wie sie diesen Aufschneider verehrten, war zum Kotzen! Hornbori Drachent�ter nannten sie ihn. Von wegen! Wenn hier einer der Drachent�ter war, dann Nyr, der halb verbrannt vom Odem der Bestie den t�dlichen Speer abgeschossen hatte. Hornbori hatte sich doch blo� an den Kadaver herangemacht. Gut, ein bisschen Leben war noch in dem Drachen gewesen. Aber was f�r eine Kunst war das, einer todwunden Bestie die Kehle durchzuschneiden? Eine Heldentat konnte man das wahrlich nicht nennen. Aber er w�rde die Klappe halten. Er musste sich zusammenrei�en und klar denken! Deshalb hatte er die endlosen Feierlichkeiten verlassen und war hinab zu diesem verborgenen Tunnel gestiegen.</p><p>Die Existenz dieses Tunnels geh�rte zu den bestgeh�teten Geheimnissen der Tiefen Stadt. Bergwerker, die man sonst wo angeheuert hatte, hatten ihn angelegt. Nur eine Handvoll Zwerge wusste um das verborgene Netz von G�ngen. Sie w�rden den Widerstand anf�hren, sollte die Tiefe Stadt tats�chlich angegriffen werden. Die geheimen G�nge lagen parallel zu den Haupttunneln und waren mit m�rderischen Fallen gespickt. Im Fall eines Angriffs w�rden die Haupttunnel mit T�ren verschlossen, die nicht von behauenen Felsw�nden zu unterscheiden waren, und die Eindringlinge w�rden in die Tunnel mit den Fallen umgeleitet.</p><p>Galar tr�ufelte neues �l in die Furche an der Felswand. Wer sich hierher verirrte, w�rde einen schnellen, schmerzlosen Tod erleiden. Diese Falle hatte ihm zu erstem Ruhm verholfen. Dabei war das Prinzip denkbar einfach. Das breite Hackmesser eines Metzgers hatte ihn dazu inspiriert. Durch die steinerne Rinne, die er gerade neu �lte, schnellte ein f�nf Hand breites Hackmesser, so schwer, dass drei Schmiede n�tig waren, es anzuheben. Es glitt der L�nge nach den leicht absch�ssigen Tunnel hinunter. Mit zus�tzlichen Bleigewichten beschwert, gewann es mit jedem Schritt an Geschwindigkeit.</p><p>Galar dachte an das Grubenpony, das man in den Tunnel getrieben hatte, um die Falle zu testen. Das Hackmesser hatte es vorne am Kopf getroffen und von der Stirn bis zum Schweif durchtrennt. Eine eindrucksvolle Sauerei war das gewesen. Danach hatte man ihm die Mittel bewilligt, zwei weitere Fallen dieses Typs in dem Tunnel einzubauen. Dem Fleischmesser mochten die Elfen vielleicht entgehen. Aber ganz gewiss nicht dem, was dann noch folgte!</p><p>Bed�chtig tr�ufelte Galar weiteres �l in die Rinnen. Es w�rde ein Angriff kommen. Was Hornbori behauptet hatte, stimmte �die Ratsherren und Reichen hatten damit begonnen, ihre Anverwandten in andere Zwergenst�dte in Sicherheit zu bringen. Nat�rlich sprach niemand von Flucht, damit unter der Masse der Bergbewohner keine Panik aufkam. Aber es war schon auff�llig, wie viele hochrangig besetzte Handelsmissionen in den letzten Tagen die Tiefe Stadt verlassen hatten. Teile des Kadavers dieses verfluchten Wei�en Drachen wurden bis in die entferntesten Winkel Albenmarks verschachert. Es h�tte ihm egal sein sollen, aber der Gedanke daran, wie viele Schn�sel sich eine goldene Nase daran verdienten, dass er und Nyr ihre Haut hingehalten hatten, brachte Galar zum Kochen. Er hatte diese verdammten Feierlichkeiten verlassen m�ssen. Blendwerk f�r die Dummen. Freies Pilz und Braten und Brot, bis der Wanst platzte. Die einfachen Schmiede, K�fer, Steinmetze und Tunnelbauer sahen schlichtweg nicht, was vor sich ging. Blind fra�en sie sich durch.</p><p>Galar hatte genug Drachenblut, um seine Experimente auf Jahre fortsetzen zu k�nnen. Es w�rde ihm wieder gl�cken, aus dem Blut und Koboldk�se ein Unverwundbarkeitselixier zu brauen. Dass seine Versuche ausgerechnet Hornbori eine unverwundbare Hand beschert hatten, wurmte ihn. Aber es w�rde ihm erneut gl�cken, wenn er es nur oft genug versuchte!</p><p>Galar lie� sich von diesem Traum davontragen, w�hrend er weiter �l in die Furchen entlang der Tunnelwand tr�ufelte. Er stellte sich eine kleine Schar unverwundbarer Zwerge vor. Harte Burschen, angef�hrt von Nyr und ihm. Hornbori w�rde nicht dazugeh�ren! Auf keinen Fall.</p><p>Mit so einer Truppe k�nnte er es sogar mit den Himmelsschlangen aufnehmen. Sie w�rden die Mistviecher in ihren Nestern aufsp�ren und ihnen in den schuppigen Arsch treten. Und dann w�rden sie sie filetieren und die Magie aus ihnen herausdestillieren. Jene Magie, die sie seinem Volk verweigerten und stattdessen die arroganten, unf�rmigen, riesenw�chsigen Elfen lehrten. Kein Zwerg hatte diese Entscheidung der selbstherrlichen Himmelsschlangen begriffen. Aber die Drachen w�rden es bereuen. Sein Volk hatte die Macht, sie zu t�ten. Er hatte es bewiesen. Er, Galar, der so oft verspottete Schmied, Alchemist und Mechanikus. Er l�chelte und zuckte augenblicklich zusammen. Obwohl er sein verbranntes Gesicht dick mit Kr�tenfett eingerieben hatte, schmerzte selbst jetzt nach zwei Wochen noch jede Bewegung der verbrannten Haut. Wie es schien, w�rde sein ohnehin schon j�mmerlicher Bart an einigen der besonders �bel verbrannten Stellen nicht mehr nachwachsen. Stattdessen w�rden rote Narben zur�ckbleiben. Ehrenmale von einem Kampf, den zuvor noch niemand gewagt hatte. Nein, sie w�rden ihn nicht mehr bel�cheln. Auch <emphasis>sein</emphasis> Name war jetzt in aller Munde.</p><p>Galar setzte seinen Gang durch den Tunnel fort. Er versuchte sich vorzustellen, auf welche Weise die Drachen wohl angreifen w�rden. Dass sie angreifen w�rden, stand f�r ihn au�er Frage. Lange schon hatten sich die Zwergenv�lker auf den Kampf mit den Drachen vorbereitet. Sie waren ungerechte Tyrannen, die vermaledeiten Himmelsschlangen! Deshalb war es auch nie eine Frage gewesen, ob sie irgendwann eine der Zwergenst�dte best�rmen w�rden. Nur welche und wann, das vermochte niemand zu sagen. Die Frage, welche es treffen sollte, hatte er durch seine Taten nun entschieden.</p><p>Alle Einfallstunnel in den Berg waren vielfach verwinkelt. Flammenzungen w�rden gebrochen werden und schon nach weniger als hundert Schritt ihre Macht verlieren. Die Tyrannen waren zu gro�, um selbst in die Tunnel zu kriechen. Also w�rden sie ihre gedungenen M�rder, die Elfen, schicken. Und diese arroganten Schn�sel w�rden hier in der Tiefen Stadt lernen, was es hie�, gedem�tigt zu werden. Er hatte die st�hlernen Federn der drei Fallen gepr�ft. Die Zahnr�der, die den Mechanismus in Bewegung setzten, der die Federn spannte. Alles war bereit. Diese Tunnel waren ihre m�chtigste Waffe. Sie waren auf keinem Plan verzeichnet. Nur ein einziger Zwerg kannte sie alle. Jari, der W�chter. Er wartete in einer verborgenen Kammer jahrein, jahraus auf das Signal, die Parallelg�nge zu �ffnen und die Haupttunnel zu blockieren. Die Elfen w�rden erst merken, dass sie in eine Falle getappt waren, wenn es zu sp�t war. Und sollten ein paar dieser langohrigen M�rder �berleben, vermochte die Tiefe Stadt mehr als dreihundert bis an die Z�hne bewaffnete Krieger aufzubieten, um diesen letzten Elfen den Rest zu geben.</p><p>Fleischmesser, Schnitter und Fleischwolf hatte Galar seine drei Fallen genannt. Er blickte zufrieden den langen Tunnel hinab. Dann legte er den steinernen Hebel um, der die Sicherungsbolzen l�ste und die Fallen wieder scharf machte. Wer jetzt hierherkam, war des Todes. Galar l�chelte. Der Schmerz lie� ihn erneut zusammenzucken. Die Elfen w�rden f�r ihren Hochmut b��en. Der Wei�e Drache war erst der Anfang gewesen. Kamen die Drachen hierher, w�rde ein Krieg beginnen, wie ihn Albenmark noch nicht gesehen hatte. Und die Ersten, die ihre blinde Ergebenheit mit dem Leben bezahlten, w�ren die Drachenelfen!</p><p>Hier war alles getan. Jetzt musste er sich um seine kostbare Habe k�mmern. Er war auf Krieg und Verrat vorbereitet. Sollte er im Kampf um die Tiefe Stadt fallen, h�tte er zumindest die Genugtuung, dass seine Sch�tze f�r immer verschollen sein w�rden.</p></section><section><title><p>Vor aller Augen</p></title><p>Voller Missfallen betrachtete Shaya das Kleid, das auf der dunklen Kiste neben ihrer Schlafmatte lag. Sie war in einer Jurte mit festem Holzboden untergebracht. Zwei �ll�mpchen, geformt wie Steppenponys, verstr�mten ein angenehmes, gelbes Licht. Ein Eberfell lag auf dem Boden und zwei kleine Kissen, mehr hatte ihre Unterkunft nicht zu bieten. Und mehr brauchte sie auch nicht. Bis auf eines. Ihre Waffen fehlten. Sie hatte verstanden, dass ihr Vater entschieden hatte, dass ihre Tage als Kriegerin vor�ber waren. Sie w�rde sich seinem Willen f�gen m�ssen. Aber ihre Waffen sollten ihr bleiben! Kein Ischkuzaia verzichtete darauf. Jedenfalls kein Krieger, der sich im Kampf bew�hrt und so viele Feinde erschlagen hatte wie sie. Ihr Volk bestattete seine toten Helden in Erdh�geln, zusammen mit ihren Pferden und eben den Waffen. Wenn sie nun lebendig in solch einer Jurte bestattet sein sollte, ihre Vergangenheit begraben war und sie ein Leben f�hren musste, in dem alles gestorben war, was ihr einmal etwas bedeutet hatte, dann sollte sie wenigstens ihre Waffen behalten d�rfen, auch wenn sie diese niemals mehr tragen w�rde.</p><p>Sie hatte sich eine Rede zurechtgelegt, mit der sie bei ihrem Vater diese Gunst einfordern wollte. Er hielt viel auf Kriegertugenden. Wenn sie ihn in der richtigen Stimmung fand und die rechten Worte w�hlte, w�rde sie ihn vielleicht umstimmen k�nnen.</p><p>Shaya nahm das wei�e Kleid von der Truhe. Der Stoff war wunderbar zart und glatt. Seide. Sie seufzte. Das also war ihre Zukunft. Sie hielt sich das Kleid an den Leib. Es war unten weit ausgestellt und w�rde, wenn alle Verschn�rungen geschlossen waren, von der H�fte aufw�rts so eng anliegen wie eine zweite Haut. Ihr wurde klar, dass sie Hilfe brauchen w�rde, um es anzulegen. Jetzt tat es ihr leid, dass sie die beiden Dienerinnen, die sie bei ihrer Ankunft in der Jurte angetroffen hatte, hinausgeworfen hatte.</p><p>So ein Kleid anzulegen hie�, seinen K�rper �ffentlich feilzubieten, dachte sie zornig. Sie warf es zur�ck auf die Truhe und bezahlte f�r die ruckartige Bewegung mit einem stechenden Schmerz in der Schulter. Shaya fluchte. Die ganze Welt hatte sich gegen sie verschworen! Sie h�tte mit Aaron gehen sollen. Wer h�tte es verhindern k�nnen?</p><p>Die Antwort lag auf der Hand. Die Devanthar. Als Tochter eines Unsterblichen w�rde sie niemals zur Hauptfrau eines anderen Unsterblichen werden. Die Devanthar wollten nicht, dass sich die M�chtigsten der Welt miteinander verb�ndeten.</p><p>Shaya presste ihren Arm eng an den Leib und brachte ihn in eine Position, in der er nicht schmerzte. Sie w�rde niemals ohne Hilfe dieses Kleid anlegen k�nnen, dachte sie verbittert. Und wenn sie nicht herausgeputzt in der Stunde der D�mmerung in der gro�en Jurte ihres Vaters erschien � Sie dachte an ihre Waffen. Sie jemals wiederzubekommen w�rde ihr nur gelingen, wenn sie alles unterlie�, was ihn erz�rnen mochte. Die M�nner seines Hofstaats kannten sie. Viele zumindest. Sie w�rden wissen, dass sie nicht freiwillig in solch einem Aufzug erschien. Nicht sie w�rde ihr Gesicht verlieren. Die Schande, sich wie eine Hure herausgeputzt zu haben, w�rde auf ihren Vater zur�ckfallen.</p><p>Shaya ging zum Eingang der Jurte und schlug das schwere Leder zur�ck. Drei Krieger standen Wache. Drei! Man konnte das als eine Auszeichnung sehen. Nur bedeutende Mitglieder des Hofes hatten das Anrecht, eine dreik�pfige Ehrenwache vor ihrem Zelt aufziehen zu lassen. Selbst der Unsterbliche umgab sich bei Hof nie mit mehr als vier Leibw�chtern, und die meisten ihrer Geschwister geboten �ber keine einzige Wache. Doch Shaya hatte lediglich das Gef�hl, gefangen gesetzt zu sein. Diese M�nner gehorchten allein ihrem Vater.</p><p>Es dauerte nicht lange, bis die Dienerinnen zur�ckkehrten. Auch wenn die beiden dem�tig die Blicke gesenkt hielten und schwiegen, w�hrend sie sie zurechtmachten, sp�rte Shaya deutlich ihre stillschweigende Genugtuung. So schloss sich der Kreis. Sie dienten ihr, die ihrerseits fortan auch nur noch zu dienen hatte.</p><p>Schlie�lich trug sie das Kleid. Nur das Kleid. Keine Stiefel, nichts. Sie f�hlte sich seltsam. Vielleicht w�re sie so zu einem Stelldichein mit Aaron gegangen. Aber so vor den Rat ihres Vaters zu treten � Die Dienerinnen hatten ihre Haare mit Elfenbeink�mmen hochgesteckt, die mit stilisierten Bl�ten geschm�ckt waren. Sie hatten sie geschminkt und Rosenwasser auf ihre Haut getr�ufelt. Sie empfand den Aufzug als schamlos.</p><p>Shaya rieb sich mit der Linken �ber die Stirn. Manchmal f�hlte sie sich wie in einem Traum gefangen. Ihre Wirklichkeit war ihr abhandengekommen. Das hier war nicht ihr Leben.</p><p>�Herrin, der Unsterbliche erwartet Euch.�</p><p>Die beiden jungen M�dchen knieten vor ihr, dem�tig die K�pfe gesenkt. Taten sie das bei jedem Weib, dem sie dienten, oder hatten sie Angst vor ihr?</p><p>Den schmerzenden Arm dicht an den Leib gepresst, verlie� Shaya ihre Jurte. Lieber w�re sie in eine Schlacht gezogen, als zum Spielball von Hofintrigen zu werden. In richtigen K�mpfen kannte sie sich aus. Hier f�hlte sie sich hilflos, ja ausgeliefert.</p><p>Sie befand sich im Inneren Lager. Der Wandernde Hof umfasste Tausende Jurten. Er f�llte ein weites Tal. Es wurde niemals still in diesem riesigen Lager. Eine Stadt, ein K�nigshof und ein Heer waren miteinander zu einem riesigen Lindwurm verschmolzen, der sich rastlos durch die weite Steppe wand. Selten verweilte der Hof l�nger als einige Tage an einem Ort. Dann ging es weiter. Und im Grasland blieb eine Narbe zur�ck, wenn der Hof des Unsterblichen Madyas vor�bergezogen war. Kahlgefressene H�nge, die Herden von Pferden, Kamelen und Ochsen gen�hrt hatten. Eine Furche aus schwarzem Schlamm, wo ungez�hlte F��e und Hufe den Grund aufgew�hlt hatten.</p><p>Shaya atmete tief durch und straffte sich, so gut der Schmerz in ihrer Schulter dies zulie�. Es roch nach dem Rauch von Dungfeuern, gebratenem B�ffelfleisch, Suppen und frisch gegerbtem Leder. Sie sp�rte die Blicke in ihrem R�cken, als sie, eskortiert von ihren Leibwachen, durch das Lager schritt. Das Innere Lager war durch eine niedrige Palisade aus zugespitzten Pf�hlen vom Hauptlager getrennt. Hier weilten nur die Freunde und Berater ihres Vaters mit einer handverlesenen Dienerschaft. Und Shayas zahlreiche Geschwister.</p><p>Endlich erreichte sie die Himmelsjurte, das Palastzelt ihres Vaters. Wie eine Glucke ihre K�ken �berragte sie alle Jurten des Wandernden Hofs. Sie stand auf einer weiten Holzplattform, die von mannshohen R�dern getragen wurde. Der Holzboden und das wuchtige Gel�nder, das ihn umspannte, waren von gl�nzend roter Farbe. Die Pfosten des Gel�nders ragten viele Schritt hoch und waren mit den Haarlocken der Feinde geschm�ckt, die der Unsterbliche Madyas in seinem langen Leben erschlagen hatte. Die Form der Jurte erinnerte an eine durchschnittene Zwiebel. Sie war von dunklem Blau, auf das Hunderte Perlen aufgestickt waren, was ihr den Namen Sternenjurte eingebracht hatte. Nur wenigen Menschen war es verg�nnt, jemals das Innere des Palastzeltes zu sehen. Nahebei weideten die drei�ig wei�en Ochsen, die den Palast ihres Vaters durch das weite Grasland zogen.</p><p>Wer diese Jurte einmal gesehen hatte, der verga� sie nie wieder. Sie war ein Mythos in ihrem Volk. Als Kind war Shaya gerne hierhergekommen. Jetzt fragte sie sich voller Sorge, was sie dort erwartete. Warum hatte ihr Vater Subai geschickt, um sie von Nangog zur�ckzuholen?</p><p>Am Eingang des Palastzeltes kauerte ein gro�er, silberner Wolf. Shaya hatte das Gef�hl, dass er sie aus seinen Rubinaugen anstarrte. Er war ein Geschenk der Devanthar. Sie selbst hatte schon gesehen, wie der Wolf zum Leben erwachte und es duldete, dass ihr Vater auf ihm ritt. Vor langer Zeit war es dieser Wolf gewesen, der sie und die von ihr auserw�hlten Krieger auf magischen Pfaden nach Nangog gef�hrt hatte. Er bewachte ihren Vater. An ihm vorbei w�rde kein Meuchler in die Sternenjurte gelangen.</p><p>Die Klappe der Jurte wurde zur�ckgeschlagen, kaum dass sie einen Fu� auf das rot lackierte Podest gesetzt hatte, auf dem das pr�chtige Zelt errichtet war. Warmer, blaugrauer Rauch zog aus dem Eingang in die k�hle D�mmerung. Shaya kam sp�t, die Sonne war bereits hinter den H�geln versunken, und nur ein letzter, silberner Lichtstreif k�mpfte am Horizont seine verlorene Schlacht gegen die Nacht. Sie herzurichten hatte l�nger gedauert, als sie erwartet hatte.</p><p>Entschlossen, sich keine Unsicherheit anmerken zu lassen, trat Shaya in die Jurte. Das Zelt war unnat�rlich gro�. Seine Kuppel wurde von rot lackierten Holzpfosten getragen. Farbenpr�chtige Teppiche bedeckten den Boden. Einige Feuerschalen mit rot glimmender Glut sorgten f�r W�rme. Ihr Vater und acht weitere M�nner erwarteten sie. Subai war unter ihnen und der Heilkundige vom Seidenfluss. Die meisten anderen kannte sie auch. Sie standen in einer Gruppe zusammen und redeten. Erst als ihr Vater den Kopf hob und sie anblickte, verstummten die Gespr�che. �Du kommst sp�t, Shaya. Die Sonne hat bereits ihr Haupt hinter den H�geln zur Ruhe gebettet. Ist dies deine Art, mir Respekt zu zollen?�</p><p>�Ich bitte um Verzeihung, erhabener Madyas, H�ter der Herden, Licht der Sonne, Sohn des Wei�en Wolfes�, brachte sie mit belegter Stimme hervor. An diesem Abend sollte sie ihn besser um gar nichts bitten.</p><p>�Tritt vor mich!�, befahl er mit harscher Stimme. �Ich will in deine Augen sehen, wenn ich mit dir �ber die ungeheuerlichen Vorw�rfe spreche, die mir zugetragen wurden.�</p><p>Shaya war von seiner Stimme ganz und gar in Bann geschlagen. So rebellisch sie sonst war, ihrem Vater hatte sie sich nie widersetzen k�nnen. Jedenfalls nicht, wenn sie vor ihm stand. Sie war geflohen, war ausgewichen � Das war nun unm�glich. Alle Augen ruhten auf ihr, und sie hatte das niederschmetternde Gef�hl, dass alle anderen wussten, was sie erwartete. Ihr Bruder Subai l�chelte sie sp�ttisch an.</p><p>�Du wei�t, dass eine Prinzessin der Ischkuzaia ihrem Volk geh�rt. Das Volk n�hrt dich. Deshalb musst auch du bereit sein, das Volk zu n�hren, wenn deine Zeit gekommen ist.�</p><p>Sie sah ihren Vater mit schreckensweiten Augen an. Es durfte nicht �</p><p>�Dein schwerer Sturz gestern k�nnte schwerwiegende Folgen f�r deine Zukunft haben. F�r die Zukunft aller Ischkuzaia. Jungfrauen sollten wilde Ritte meiden.�</p><p>Das durfte nicht wahr sein, dachte sie.</p><p>Madyas klatschte laut in die H�nde. �Bringt den Tisch!�</p><p>�Bitte vergebt mir, allweiser Madyas, dass ich es wage, ungefragt das Wort an Euch zu richten�, mischte sich der alte Heilkundige ein. �Mir scheint es geboten, zun�chst die Schulter Eurer Tochter zu behandeln. Sie leidet Schmerzen. Das wird der anderen Untersuchung nicht zutr�glich sein.�</p><p>Ihr Vater zog �rgerlich die Brauen zusammen. �Was hei�t nicht zutr�glich? Sie hat jahrelang das Mannweib gespielt, dann soll sie jetzt gef�lligst nicht zimperlich sein!�</p><p>�Bitte verzeiht, wenn ich Euch missverstanden haben sollte, allgewaltiger Unsterblicher.� Der Heiler wagte es nicht, ihrem Vater in die Augen zu blicken. �Ich hatte gedacht, dieser Abend sei der Suche nach den weiblichen Tugenden Eurer Tochter Shaya gewidmet. Unter dieser Pr�misse w�re es ein Gebot der H�flichkeit, Eure Tochter auch wie eine Dame zu behandeln und nicht wie einen Steppenkrieger, der weder Furcht noch Schmerz kennt. Doch offenbar bin ich einem Missverst�ndnis unterlegen und m�chte unterw�rfigst um Verzeihung f�r meinen Einwurf bitten.� Der Heilkundige sprach mit starkem Akzent, und es war schwer, seinen Worten zu folgen. Shaya war sich nicht ganz sicher, ob sie richtig verstanden hatte. Hatte er es tats�chlich gewagt, zwischen all den sch�nen Worten eine unterschwellige Kritik an ihrem Vater zu verstecken? War der Alte lebensm�de? Was hatte er hier �berhaupt zu suchen? Was wollte man von ihr? Wenigstens starrten die Ratsmitglieder nun nicht mehr sie an, sondern den Heiler, der sich solch ungeheuerliche Freiheiten gegen�ber dem Unsterblichen herausnahm.</p><p>Das Gesicht ihres Vaters zeigte keinerlei Regung. Es herrschte atemlose Stille in der Sternenjurte.</p><p>�Knie nieder, Shaya�, sagte der Unsterbliche schlie�lich sehr leise. �Der gro�e � Miau? So hei�t du doch, nicht wahr? Miau? Belassen wir es dabei. Eure Namen sind immer so unn�tig lang und schwer zu behalten.�</p><p>�Jeder Name, mit dem Ihr mich bedenkt, Unsterblicher, ist ein Ehrenname f�r mich�, entgegnete der Heiler mit einer Verneigung.</p><p>�Knie nieder!�, wiederholte ihr Vater streng.</p><p>Sie gehorchte, widerstrebend. Der Alte trat hinter sie. Seine H�nde tasteten �ber den glatten Seidenstoff. Shaya keuchte. Nicht vor Schmerz. Umringt von diesen alten M�nnern und ihrem Bruder zu knien. In diesem Kleid. W�re sie nackt, h�tte sie sich kaum mehr gedem�tigt gef�hlt. Sie wurde sich bewusst, dass sich ihre Brustwarzen durch den d�nnen Stoff abzeichneten. Besch�mt hob sie den linken Arm, um ihre Bl��e zu bedecken.</p><p>�Bitte haltet still, ehrenwerte Prinzessin.� Die d�rren Finger des Heilers gruben sich mit �berraschender Kraft in ihr Fleisch. Er tastete �ber ihr rechtes Schulterblatt. Die Fingerspitzen folgten den Knochenr�ndern. Ihr traten Tr�nen in die Augen. Gegen ihren Willen. Sie hob den Kopf und starrte in das Antlitz ihres Vaters, den all dies nicht zu r�hren schien.</p><p>�W�ret Ihr so gut, den rechten Arm anzuheben, auch wenn es schmerzt?�</p><p>Shaya presste die Lippen zusammen. Ihre Tr�nen waren versiegt. Sie schwor sich, vor den alten M�nnern keine weitere Schw�che zu zeigen.</p><p>�Es wird weniger wehtun, wenn Ihr ausatmet, wenn ich Euch darum bitte.� Der Heiler legte eine Hand flach auf ihr Schulterblatt und griff mit der anderen nach ihrem rechten Oberarm.</p><p>�Bist du sicher, kr�ftig genug zu sein, um das zu tun, alter Mann?�, fragte ihr Bruder herablassend. �Soll ich nicht lieber an dem Arm ziehen, um ihn einzurenken?�</p><p>�Mein Herz weitet sich vor Freude ob dieses gro�m�tigen Angebots.� Shaya sp�rte den warmen Atem des Heilers in ihrem Nacken, w�hrend er sprach. �Doch diese Aufgabe erfordert mehr Kunstfertigkeit als Kraft, ehrenwerter Prinz Subai.�</p><p>Der Heiler streichelte sanft �ber ihre Schulter. �Gleich, meine Prinzessin.�</p><p>�Ich finde, ein Seidenaffe sollte sich nicht in dieser Art �ber eine Prinzessin beugen�, sagte einer der Berater ihres Vaters in falschem Fl�sterton, sodass jeder der Anwesenden seine Worte deutlich verstehen konnte. �Er sieht aus wie ein R�de, der eine H�ndin bespringt.�</p><p>�Meine Hunde sind h�bscher�, sagte Subai lachend.</p><p>Shaya stellte sich vor, wie sie ihrem Bruder mit einem langen Messer die Kehle durchschnitt. Sie w�rde diesen aufgeblasenen �</p><p>�Ausatmen�, befahl der Heiler, zog an ihrem Arm und dr�ckte zugleich auf das Schulterblatt.</p><p>Shaya stie� einen gepressten Laut aus. Ein unangenehm schnappendes Ger�usch erklang. Schmerz wogte durch die Schulter den Arm hinab und versiegte. Vorsichtig bewegte sie ihren Arm. Sie sp�rte ein unangenehmes Ziehen, doch das war kein Vergleich zu den vorherigen Qualen.</p><p>�So es Euch beliebt, solltet Ihr den Arm in den n�chsten Tagen tunlichst schonen, ehrenwerte Prinzessin Shaya. Das w�re der weiteren Heilung f�rderlich. Es ist noch nicht ganz ��</p><p>�Dies ist also, was du dir unter dem Umgang mit einer Dame vorstellst�, unterbrach ihr Vater den Heiler mit schneidender Stimme. �Vermagst du dir vorzustellen, wie ein Vater bei diesem Anblick empfindet?� Er klatschte laut in die H�nde. �Bringt den Tisch! Wir werden uns nun dem widmen, worum es heute Abend eigentlich geht. Herauszufinden, ob Shaya noch in der Lage ist, ihrem Volk in jener Weise zu dienen, die einer Prinzessin bestimmt ist.�</p><p>Jetzt begriff Shaya endlich, warum ihr Vater sie hierhergerufen hatte. �Du willst doch nicht vor all den ��</p><p>�Was nun geschieht, erfordert die Anwesenheit von Zeugen�, entgegnete Madyas kalt.</p><p>Sie starrte in die schwarzen Augen ihres Vaters. �Das ist nicht n�tig. Ich bin keine ��</p><p>�Schweig!� Madyas� Stimme war wie ein Peitschenhieb. �Du wirst es �ber dich ergehen lassen und kein Wort sagen, solange du nicht gefragt wirst.�</p><p>�Bitte ��</p><p>�Ob du eine Zunge hast, ist von weitaus geringerer Bedeutung als deine Jungfr�ulichkeit, Shaya. Fordere mich nicht heraus. Die meisten M�nner, die ich kenne, sch�tzen stille Frauen.� Er bedachte Subai mit einem �rgerlichen Blick. �Ich bin wahrlich neugierig zu erfahren, ob eine Schlampe oder ein L�gner meinem Samen entsprossen ist.�</p><p>Der Eingang �ffnete sich, und vier st�mmige M�nner trugen einen Tisch herein, wie ihn Shaya noch nicht gesehen hatte.</p><p>�Leistet besser keinen Widerstand, Prinzessin�, hauchte ihr der Heilkundige ins Ohr. �Die vier haben heute Morgen bereits mehrere Frauen auf den Tisch gebunden und � Sie sind st�rker.�</p><p>�Du trittst meiner Tochter nahe, wenn ich es dir befehle�, sagte Madyas mit kalter Ruhe, die furchteinfl��ender war als jedes Geschrei.</p><p>Shaya betrachtete noch immer entsetzt den seltsamen Tisch. Zwei hohe, ledergepolsterte Keile waren darauf befestigt und etliche breite Lederg�rtel.</p><p>�Leg dich hin und spreiz deine Beine.� Die Worte ihres Vaters waren von einer Geste begleitet, als wolle er sie einladen, an einer Festtafel Platz zu nehmen.</p><p>Sie sch�ttelte sich, konnte nicht glauben, was jetzt geschehen sollte. Kein Vater tat so etwas seiner Tochter an.</p><p>�Dein Stolz wird geringeren Schaden nehmen, wenn du es selbst tust, meine Tochter.�</p><p>Sie schluckte hart und sah zu den vier gro�en, muskelbepackten Kerlen. Wenn ihr Widerstand Erfolg haben sollte, war es besser, wenn zun�chst alle glaubten, dass sie sich f�gte. Jetzt zu k�mpfen w�re aussichtslos.</p><p>Shaya setzte sich auf den Tisch.</p><p>�Schwing die Beine hoch, sodass deine Kniekehlen auf den Holzkeilen liegen�, erkl�rte ihr Subai mit anz�glichem L�cheln. �Dann wird allen offenbar werden, was f�r ein Leben du gef�hrt hast.�</p><p>Sie hatte das Gef�hl, als wachse ein riesiger Eisklumpen in ihrem Inneren. Sie musste gehorchen, sonst w�rden die Handlanger ihres Vaters sie mit den Lederb�ndern an den Tisch schnallen. Das war offensichtlich. Doch ihr Kleid w�rde ihr bis zu den H�ften rutschen, wenn sie gehorchte. Sie blickte starr zur hohen Kuppel der Jurte, um nicht in die Gesichter der M�nner sehen zu m�ssen. M�nner, auf deren Knien sie als Kind gesessen hatte. Hinter dem Rauch unter dem Zeltdach funkelten Edelsteine auf dem dunkelblau gef�rbten Fell. Sie fl�chtete in Gedanken zu diesen falschen Sternen und versuchte ihre Seele vor dem zu verschlie�en, was geschah.</p><p>�Bindet sie fest, sie wird sonst nicht liegen bleiben�, befahl ihr Vater.</p><p>Shaya r�hrte sich nicht mehr. Sie wurde an Armen und Beinen gepackt und auf den Tisch gedr�ckt. Es war sinnlos, gegen die �bermacht anzuk�mpfen.</p><p>�Wir brauchen mehr Licht. Holt �llampen.� Das war die Stimme ihres Bruders.</p><p>Ein Lederriemen wurde um ihre H�ften geschlungen und so fest gezurrt, dass er durch das Seidenkleid in ihr Fleisch schnitt.</p><p>Sie sp�rte warmen Atem auf ihren Oberschenkeln. Eine grobe Hand strich �ber ihr Bein. Shaya blickte fest auf einen gro�en Diamanten �ber ihr, in dem sich das helle Licht brach, das man zwischen ihre Schenkel hielt. Sie wollte zumindest in Gedanken fliehen, doch die Stimmen holten sie zur�ck ins Hier und Jetzt. Sie w�rde sich jeden von ihnen merken. W�rde genau darauf achten, wer wenigstens ein letztes bisschen Anstand wahrte. An den anderen aber w�rde sie sich r�chen. Nicht jetzt oder in n�chster Zeit. Sie w�rde �berleben, was sie ihr antaten, und sie w�rde st�rker werden. Und eines Tages w�rde sie zur�ckkehren und sich an jedem von ihnen r�chen.</p><p>Noch w�hrend sie dies dachte, wusste sie, dass es kindliche Tr�ume waren. Aber an diese Tr�ume wollte sie sich klammern, um nicht vollends zu zerbrechen.</p><p>�W�rdet Ihr bitte zur Seite treten, hochwohlgeborener Subai? Wenn ich den Allweisen Madyas nicht falsch verstanden habe, sollte es meine Aufgabe sein, �ber den Zustand der hochwohlgeborenen Prinzessin zu urteilen.�</p><p>Warme H�nde spreizten nun vorsichtig ihre Schenkel. Sie konnte ein Schluchzen nicht l�nger unterdr�cken. Tr�nen traten ihr in die Augen, und sie hasste sich daf�r. Das wollten sie doch, sie jammernd und gef�gig sehen. Wenigstens diesen Gefallen sollte sie ihnen nicht tun. Das war alles, was noch in ihrer Macht lag. Sie musste ihren Stolz als Kriegerin bewahren.</p><p>�Was siehst du, Miau?�</p><p>Der alte Heiler r�usperte sich. �Nun � Es besteht kein Zweifel daran, dass das Tor zum Garten der Freuden ge�ffnet wurde.�</p><p>�Wie ich es dir gesagt habe, Vater. Sie hat es mit den M�nnern getrieben, die unter ihrem Befehl standen. Sie ist eine mannstolle Schlampe. Eine ��</p><p>�Ich m�chte in aller Bescheidenheit darauf hinweisen, dass dies nicht dem entspricht, was ich gesagt habe�, unterbrach der Heiler Subais Beleidigungen.</p><p>�Was soll das hei�en?�, fuhr ihr Vater ihn an. �Ist sie eine Jungfrau, oder ist sie es nicht?�</p><p>�Die zarte Bl�te wurde gebrochen ��</p><p>�Weniger blumig, Heiler! Ich bin ein Mann der klaren Worte.�</p><p>�Sie ist keine Jungfrau, doch m�chte ich zu bedenken geben, dass sie einen schweren Sturz erlitten hat. Ihr selbst wart Zeuge des Unfalls, allm�chtiger Madyas. Und die Narben an ihren Armen und Beinen weisen sie als tapfere Kriegerin aus, die vor keinem Feind zur�ckgewichen ist. Sie ist eine ungew�hnliche Maid, und es w�re �berraschend, wenn das Tor zu ihrem geheimen Garten auf ganz gew�hnliche Weise ge�ffnet worden w�re.�</p><p>�Sie hat in der Tat mehr Narben als die meisten meiner Krieger�, bekundete eine heisere Stimme. �Ich w�rde mir so ein Weib nicht auf mein Lager holen.�</p><p>�Bei Nacht sind alle Katzen grau�, warf eine andere unbekannte Stimme ein.</p><p>Shaya fror. Die K�lte aus ihrem Inneren kroch in ihre Glieder. Sie w�nschte sich, sie w�re tot. Nie wieder w�rde sie die Sternenjurte betreten. Nie wieder einem der Berater ihres Vaters in die Augen blicken. Bis der Tag ihrer Rache gekommen war.</p><p>�Ich habe dich richtig verstanden, Miau? Es gibt keinen Beweis daf�r, dass meine Tochter jemals unkeusch war?�</p><p>�So ist es, Allweiser Madyas. All meine Kunst erlaubt mir nur, mit Sicherheit zu sagen, dass das Siegel der Jungfr�ulichkeit zerbrochen wurde. Wie dies geschah, wird wohl hinter dem Siegel der lieblichen Lippen Eurer Tochter verborgen bleiben.�</p><p>�Ganz ohne Zweifel war es der schwere Sturz heute Mittag�, entschied Madyas.</p><p>�Aber es gibt M�nner, die beschw�ren, dass sie es ��</p><p>�Es finden sich immer M�nner, die einem Herrscher nach dem Mund reden, Subai. Die Weisheit eines gro�en K�nigs besteht darin, jene um sich zu versammeln, die den Mut haben, wahr zu sprechen. Wie stehst du dazu, Arimaspu?�</p><p>�Ich denke�, entgegnete die heisere Stimme, �einem Prinzen und einer Prinzessin sind heute ihre Wege und Grenzen aufgezeigt worden. Und wir sch�tzen uns gl�cklich, eine Wahrheit gefunden zu haben, die zum Nutzen unseres Volkes ist und der Ehrenrettung der Prinzessin Shaya dienen mag. Wer von heute an wagt zu behaupten, sie habe sich jemals unkeusch verhalten, wird mit seinen Worten den Zorn des Rates auf sein Haupt ziehen.�</p><p>Shaya h�rte ihren Bruder nach Luft schnappen. Auch sein Wort fand kein Geh�r. Das zu erleben tat gut.</p><p>Eine Decke wurde �ber ihre Beine gebreitet, aber die Lederriemen wurden nicht gel�st.</p><p>�Miau, du wei�t, was mit ihr zu tun ist. Die Diener werden deine Nadeln bringen und was du sonst noch brauchst.�</p><p>�Lasst es mich nicht heute tun, gro�herziger Madyas. Wir sollten ihr keinen weiteren Schmerz mehr zuf�gen. Ich bitte Euch darum.�</p><p>�Einen Tag noch, Heiler. Einen einzigen schenke ich ihr. Dann endet ihr Leben als Kriegerin.�</p></section><section><title><p>Der Henker</p></title><p>�Wirst du gehorchen?�</p><p>Voller Verachtung sah Gonvalon Lyvianne an. Was erwartete sie, dass er antworten w�rde? Er war ein Drachenelf. Er hatte noch nie einen Befehl verweigert.</p><p>�Deine Antwort, Gonvalon.� Sie hielt seinen Blick gefangen, unerbittlich. So wie er war sie eine Meisterin der Wei�en Halle. Sie trug ein langes, wei�es Gewand, ganz ohne die Stickereien, die ihrem Rang zugestanden h�tten. Ihr schwarzes Haar war gel�st und floss ihr �ber Schultern und R�cken. Einzelne Schneeflocken hatten sich darin verfangen. Nach seiner Begegnung mit Matha Naht hatte sie ihn lange gepflegt. Hatte ihm geholfen, wieder er selbst zu werden. Sonst aber war sie kalt wie diese verschneite Lichtung. Unbarmherzig wie die Bilder, die ihm die Silberschale gezeigt hatte. Er mochte es immer noch nicht glauben, dass Nandalee eine M�rderin sein sollte. Nicht die Nandalee, die er kannte. Was mochte in Zukunft mit ihr geschehen? Was w�rde sie so verbittern lassen, dass sie sich letztlich gegen die Himmelsschlangen wandte und ihren Herrn, Nachtatem, ermordete?</p><p>�Wirst du ihr Henker sein, oder wirst du den Goldenen erneut verraten?�</p><p>Seine Hand fuhr ans Schwert. Lyvianne beeindruckte die Geste nicht im Mindesten. Sie kannte ihn zu gut.</p><p>�Ich kann nicht in den Jadegarten gelangen�, entgegnete er schlie�lich. �Ich bin dort nicht erw�nscht.�</p><p>�Dorthin musst du auch nicht gehen. Der Schwebende Meister wurde ermordet. In zwei Tagen werden wir die Tiefe Stadt angreifen. Alle Drachenelfen und Novizen werden am Angriff teilnehmen. Auch jene Elfen aus dem Jadegarten. Die Tiefe Stadt ist gro�. Wir werden unsere Kr�fte aufteilen. Es sollte dir m�glich sein, Nandalee allein zu treffen und deinen Befehl auszuf�hren. Du wirst die Geschichte Albenmarks zum Besseren wenden, wenn du sie t�test, bevor sie zu dem wird, was du in der Silberschale gesehen hast. Sie vertraut dir. Sie wird nicht argw�hnisch werden, wenn du dich zu ihr gesellst. Und niemand wird Verdacht sch�pfen, wenn sie in der Schlacht f�llt. Dies ist die beste Gelegenheit, sich der Verr�terin zu entledigen.�</p><p>�Ich werde sie suchen �� Seine Stimme klang fremd in seinen Ohren. Das war nicht er, der dort sprach. Sein Fluch hatte ihn wieder eingeholt. Jede seiner Sch�lerinnen aus der Wei�en Halle war gestorben. Doch noch nie hatten sie ihn geschickt, eine von ihnen zu t�ten. Er w�rde in der Tiefen Stadt den Tod suchen. Nachdem er seinen Befehl ausgef�hrt hatte. Nur so konnte er den Fluch brechen.</p><p>�Ich werde in deiner N�he sein, Gonvalon. Ich hege weniger Vertrauen zu dir als der Goldene. Nun geh zur�ck auf den Waldweg. Ein Drachenpfad ist ge�ffnet und wird dich an den Ort bringen, an dem sich jene sammeln, die das Verderben der Tiefen Stadt sein werden.�</p><p>Seine Schritte waren so schwer, als wolle der Waldboden ihn zur�ckhalten. Es war falsch, sich gegen die Himmelsschlangen aufzulehnen. Sie hatten ihm die Familie gegeben, die er nie besessen hatte. Er hatte ihnen Treue geschworen. Stets war er stolz darauf gewesen, dass der Goldene ihn zu seinem Krieger erw�hlt hatte.</p><p>Etwas zerrte an ihm, zog ihn aus der Wirklichkeit. Einen Herzschlag lang f�hlte es sich an, als w�rde er st�rzen. Schwindel ergriff ihn, als sei er wieder und wieder im Kreis gedreht worden. Warmes Blut rann �ber seine Lippen und troff auf sein wei�es Gewand. Blendendes Licht stach in seine Augen.</p><p>Gonvalon sank in die Knie. Es war vor�ber. Seine Nase blutete. Er presste den Handr�cken unter seine Nasenl�cher und sah sich staunend um. Der Drachenpfad hatte ihn in ein enges, karges Tal getragen. Kaum ein Baum oder Busch klammerte sich in das bleiche Karstland. Die Felsh�nge waren von blendendem Wei�, vielfach zerkl�ftet, von Wind und Wasser geformt. Gonvalon wusste nicht, wo er war. Die Himmelsschlangen lagerten auf dem braunen verdorrten Gras der Talsohle. Alle acht waren dort versammelt. Sogar der Dunkle, der sich sonst kaum einmal zeigte, hatte sich dem Heerbann der Drachen angeschlossen.</p><p>Es war lange her, seit Gonvalon zuletzt alle acht Himmelsschlangen an einem Ort versammelt gesehen hatte. Der Anblick lie� ihm das Herz aufgehen. Die Anmut der riesigen Gesch�pfe, die ihren gewaltigen Leibern Hohn sprach, war fleischgewordene Vollkommenheit. Wenn sie ihre Fl�gel spreizten oder falteten, brach sich tausendfach das Sonnenlicht in ihren Schuppen, und glei�ende Lichttupfer spr�hten �ber die knochenbleichen Felsw�nde und das seltsame Heer, das sich rings um sie versammelt hatte.</p><p>Weit �ber hundert mindere Drachen lagerten im Tal, krallten sich in die steilen Felsw�nde oder kreisten mit ausgestreckten Schwingen im warmen Aufwind. Nur ein St�ck von Gonvalon entfernt sonnten sich drei Tatzelw�rmer aus den dunklen Bergw�ldern der Ioliden auf den bleichen Felsen. Gro�e, fassdicke, schlangenhafte Gesch�pfe, die halb dahinglitten, halb auf Stummelbeinen liefen, die in m�chtigen Krallenf��en endeten. Die Tatzelw�rmer sollten offenbar in die Tunnel der Zwergenstadt kriechen, um Tod und Verderben unter das kleine Volk zu tragen.</p><p>Rote Sonnendrachen kreisten �ber dem gegen�berliegenden Ende des Tals, die langen, schlangenartigen H�lse weit vorgestreckt wie fliegende Wildg�nse. Silberschwingen klammerten sich in dichten Gruppen an eine Steilwand.</p><p>Sengende Hitze traf Gonvalon im R�cken, und er beeilte sich, vom Ausgang des Drachenpfades fortzukommen. Eine Kreatur, umspielt von gelbroten Flammenzungen, als seien sie ihr Gefieder, schob sich durch das magische Portal. Lange, flammende Peitschenschn�re wucherten aus N�stern und Stirn des Gesch�pfes, das sich talw�rts wand und dabei einen trockenen Busch in Flammen aufgehen lie�. Gonvalon hatte einen solchen Drachen noch nie gesehen, kannte aber die Geschichten, die sich um diese Ungeheuer rankten. Es war eine Feuerschlange, die ihr Nest im Herzen eines Vulkans verlassen hatte.</p><p>Ein Schwarm braungeschuppter Drachen aus den W�ldern Galveluns erschien �ber einem Bergkamm im Osten und flog in weitem Bogen ins Tal ein, w�hrend immer mehr Drachen durch das magische Tor kamen.</p><p>Nie zuvor hatte Albenmark ein solches Heer sich versammeln sehen. So verschieden all diese Drachen auch waren, eines hatten sie alle gemein, sie waren gef�rchtet f�r ihren Flammenodem. Es fehlten die Klippdrachen von Tanthalia oder die Rosendrachen aus Langollion und all die anderen, die kein Feuer spien. So beeindruckt er war, Gonvalon fragte sich, wie der Goldene und seine Nestbr�der mit all den stolzen Himmelsgesch�pfen eine Stadt angreifen wollten, die tief unter einem Berg verborgen lag und deren Tunnel viel zu eng f�r die meisten dieser Drachen waren.</p></section><section><title><p>Der wei�e Wolf</p></title><p>Shaya lag in der Einsamkeit ihrer Jurte. Sie hielt beide H�nde fest zwischen die Schenkel gepresst, als w�rde es etwas helfen. Auch jetzt noch f�hlte sie sich nackt. Die W�nde der Jurte, das Wolfsfell, das sie ihr als Decke gelassen hatten, das dicke Filzkleid, das die Dienerinnen ihr angezogen hatten, all dies half nichts. Jeder konnte sie sehen. Sie war blo�gestellt f�r alle Zeit. Sie wusste nicht, was dieser Heiler vom Seidenfluss noch mit ihr tun sollte. Immer wieder musste sie daran denken, dass Nadeln geholt werden sollten. Es gab viele Heilzauber, f�r die Nadeln verwandt wurden. Aber sie war nicht verletzt, musste nicht geheilt werden. Wenigstens �u�erlich nicht.</p><p>Shaya hatte einmal eine Geschichte geh�rt, dass man Verwirrten am Auge vorbei haarfeine Nadeln tief in den Kopf hineinstie�, um ihre aberwitzigen Gedanken und den verblendenden Wahn aufzuspie�en und auszul�schen. War es das, was ihr Vater ihr bestimmt hatte? Sollte auf diese Weise ihr Stolz gebrochen werden? War die Dem�tigung des heutigen Tages erst der Anfang? Ihr Vater kannte sie gut. Gewiss wusste er um ihre Rachegel�ste. Wollte er ihr die Aufs�ssigkeit ein f�r alle Mal austreiben lassen? Sie zu einem tumben Weib machen, das nur h�ndischen Gehorsam kannte? Das Kinder gebar, sie s�ugte und sich den R�cken krumm arbeitete, w�hrend der Mann, dem man sie �berlassen hatte, sich eine J�ngere auf sein Lager holte? So viele Frauen hatte sie als Kind diesen Weg nehmen sehen, und sie hatte sich geschworen, dass sie niemals so enden w�rde. Sie war Kriegerin geworden, hatte sich den Respekt der M�nner erk�mpft und einigen den Sch�del eingeschlagen, f�r die Weiber nicht mehr als ein warmes St�ck Fleisch waren.</p><p>Sie sah sich in ihrer Jurte um. Eine winzige, gelbe Flamme tanzte auf dem zur�ckgeschnittenen Docht der einzigen �llampe, die man ihr gelassen hatte. Sturmwind wehte �ber die Steppe und heulte, als w�rde ein Rudel W�lfe �ber den Himmel ziehen. Die Lampe war aus dickem, speckigem Stein geschnitten. Sie w�rde sie nur auf einem anderen Stein zerbrechen k�nnen. Den aber gab es nicht. Die Schale mit den Essensresten war aus Holz, ebenso wie der Becher, der danebenstand. Ihr Vater kannte sie zu gut! Es gab hier nichts, was sie zerbrechen konnte, um sich mit den Scherben die Adern aufzuschneiden. Das Seidenkleid mit den d�nnen Schn�ren hatten die Dienerinnen mitgenommen. Es gab hier nichts, woraus sie eine Schlinge h�tte drehen k�nnen. Nat�rlich auch kein Messer.</p><p>Versonnen betrachtete Shaya die Lampe. Schlie�lich schob sie ihre Decke zur Seite und griff nach dem Licht. Sie sch�ttelte die Lampe. Es war nur wenig �l darin. Wenn sie sich damit �bergoss und dann das �l entz�ndete, w�rde sie sich zwar schlimme Brandwunden zuziehen, aber sie w�rde es �berleben. Auch w�rden die Wachen vor dem Zelt schnell bemerken, was geschah.</p><p>Mit einem leisen Fluch setzte sie die Lampe wieder ab. Sie wollte sich t�ten. Sich zu verst�mmeln war keine L�sung.</p><p>Sie dachte an einen Ungl�cksfall, der sich vor etwa einem Jahr im Palast des Statthalters auf Nangog ereignet hatte. Zwei Krieger ihrer Gardetruppe hatten miteinander gewettet, wer von ihnen als Erster den Boden betreten w�rde. Beide waren an Tentakeln eines Wolkensammlers herabgeklettert, die nach einem Ankerturm griffen. Einer von ihnen war das letzte St�ck gesprungen. Es waren nur vier oder f�nf Schritt, aber er war hart auf den Treppenstufen aufgekommen. Dabei hatte er sich die Zunge durchgebissen. Niemand hatte die Blutung stillen k�nnen. Shaya war dabei gewesen, als er Blut spuckend sein Leben aushauchte.</p><p>Sie fuhr sich mit der Zunge �ber ihre Schneidez�hne. W�rde sie es schaffen? K�nnte sie sich die eigene Zunge durchbei�en? Ein Schauer �berlief sie. Pl�tzlich schien es k�lter zu werden. Sie schob ihre Zunge zwischen die Schneidez�hne. Die Zunge herauszurei�en war keine seltene Strafe am Hof ihres Vaters. Die meisten �berlebten das. Aber sie w�rde keine Hilfe bekommen. Wenn sie die Wunde einfach bluten lie� �</p><p>Sie musste an Aaron denken. An seine leidenschaftlichen K�sse. Sie w�rde ihn niemals wiedersehen! Auch wenn sie am Leben blieb. Wo er jetzt wohl war? W�rde er Muwatta besiegen? Ob er sie auch vermisste? W�rde er ihr helfen, wenn er um ihre Lage w�sste? Trotz des Verbots des Devanthar?</p><p>Es schien noch k�lter geworden zu sein. Viel zu kalt f�r diese Jahreszeit! Weiter im Osten lag noch Schnee. Der Wind trug den Hauch des Winters �ber den Wandernden Hof. Die kleine Flamme der �llampe flackerte. F�rchtete sie sich mehr vor dem Tod, als sie sich eingestehen wollte? Fror sie deshalb?</p><p>Shaya setzte sich genau in die Mitte der Jurte, das Gesicht zum Eingang gerichtet. Sie w�rde es tun. Und sie w�rde keinen Laut von sich geben.</p><p>Der Ostwind r�ttelte an der Jurte. Die Holzverstrebungen der W�nde knarrten leise. Shaya streckte ihre Zunge so weit heraus, wie sie konnte, und k�mpfte gegen den W�rgereiz an, der sie dabei �berkam. Ihr Atem stand ihr in dichten Wolken vor dem Mund. Drau�en war es pl�tzlich totenstill. Der Wind regte sich nicht mehr. Kein Laut drang durch den dicken Filz unter der ledernen Au�enhaut der Jurte. Das war nicht geheuer! Es wurde nie so still am Wandernden Hof. Wo Tausende Tiere und Menschen dichtgedr�ngt beisammenlebten, gab es keine Stille.</p><p>Etwas Wei�es kroch �ber die Holzgitter entlang der Wand, und der Holzboden unter ihr f�hlte sich an, als s��e sie auf blankem Eis. Sie stand auf. Etwas war hier nicht geheuer. Vorsichtig ber�hrte sie den Pfosten in der Mitte der Jurte. Raureif bl�hte auf dem Holz. Welche unheimliche Macht hatten ihren Zorn und ihre Verbitterung heraufbeschworen?</p><p>�Wachen?� Sie erhielt keine Antwort. Etwas schlich um die Jurte. Sie hatte zwar kein Ger�usch geh�rt, aber sie sp�rte, dass dort etwas war.</p><p>Entschlossen trat Shaya zum Eingang. Sie w�rde sich nicht �berrumpeln lassen. Ganz gleich, was dort drau�en lauerte, es war besser, wenn sie die Initiative ergriff, statt abzuwarten, was geschehen w�rde.</p><p>Ein bleicher Mond stand hoch am sternenklaren Himmel. Der Boden vor der Jurte war hart gefroren. Ihre drei Wachen standen erstarrt. Alles schien erstarrt zu sein. Die Rossschweifstandarte vor dem Zelteingang war zur Seite geweht, als greife eine wilde B� nach ihr. Und inmitten dieser Bewegung verharrte sie, als sei die Luft ringsherum zu klarem Eis geworden.</p><p>Blass leuchtender Nebel glitt �ber den Boden. Aus den Augenwinkeln sah Shaya eine Bewegung. Sie fuhr herum, sah, wie sich aus dem Nebel Gestalten formten. Die Krieger, die mit ihr im Kampf bei der Kristallh�hle auf Nangog gefallen waren. Ihre Kinderfrau, die ihr Vater hatte vierteilen lassen, weil sie es gewagt hatte, sie das Bogenschie�en zu lehren. Die Nebel gebaren all die Toten ihrer Vergangenheit, und inmitten der geisterhaften Gestalten kam ein gro�er, wei�er Wolf auf sie zu. Seine Augen waren von kaltem, eindringlichem Blau. Sein Blick hielt sie gefangen.</p><p>�Steig auf meinen R�cken, Shaya. Wir werden eine Reise machen.�</p><p>Beklommen ging sie auf ihn zu. Der Wolf war der Devanthar ihres Volkes. Sie ahnte, dass er wusste, was sie hatte tun wollen. Zwei Schritt vor ihm hielt sie inne. Sie konnte nicht l�nger in seine Augen sehen. Dem�tig warf sie sich vor ihm zu Boden und dr�ckte ihre Stirn fest gegen den von Raureif �berzogenen Boden. �Bitte verzeih mir, mein Gebieter, wenn ich dich erz�rnt habe. Nimm den Fluch von diesem Ort, lass die Geister ruhen und nimm mich, um deinen Zorn zu bes�nftigen.�</p><p>�Sieh mich an, Shaya, Tochter des Madyas.�</p><p>Sie hob den Kopf, scheute aber davor zur�ck, in die Augen des Wolfs zu blicken. Sie hatte das Gef�hl, der Devanthar k�nne bis auf den Grund ihrer Seele blicken. Nichts blieb vor diesen Augen verborgen. Manchmal erschien er ihrem Volk als ein Wei�er Hengst, zu anderen Zeiten als Wolf oder in Gestalt eines Kriegers. Sie erinnerte sich, dass sie als Kind und auch w�hrend ihrer Jugend immer das Gef�hl gehabt hatte, er sei ihr nahe. Erst als sie nach Nangog gegangen war, war das Gef�hl der Verbundenheit mit ihm verblasst.</p><p>�Dein Widerstand gegen die Pl�ne deines Vaters bek�mmert mich, Shaya.�</p><p>�Ich werde mich f�gen�, sagte sie leise.</p><p>�Das ist es nicht, was ich will. Ich will, dass du es aus �berzeugung tust. Mit Freude. Steige auf meinen R�cken, Tochter des Madyas. Ich m�chte dir etwas zeigen.�</p><p>Sie blickte zu den Wachen vor ihrer Jurte. Die drei standen noch immer wie versteinert. �Was ist hier geschehen? Sind sie ��</p><p>�Niemand ist tot. Du bewegst dich au�erhalb ihrer Wahrnehmung. Sie haben dich nicht deine Jurte verlassen sehen. Niemand wird bemerken, dass du mit mir fort warst. Ein Tag f�r uns ist nur ein Herzschlag f�r sie.�</p><p>Sie keuchte. �Das � Tust du das �fter?�</p><p>Der Wei�e Wolf legte den Kopf schief und warf ihr einen schelmischen Blick zu. �Gelegentlich. Doch nun komm! Du bist nicht meine einzige Sorge in dieser Nacht.�</p><p>Z�gerlich trat sie an seine Seite. Er war fast so gro� wie ein Pony. Ganz langsam streckte sie die Hand aus und strich �ber sein Fell. Es war weich wie Seide. Sie griff in seinen Nacken, sa� auf, und im n�chsten Augenblick schien es, als wollten ihr die Sterne entgegenst�rzen, so schnell stiegen sie in den Nachthimmel hinauf.</p><p>Es war, als laufe der Wolf auf dem Sturmwind. Sie eilten gen Osten, dem Sonnenaufgang entgegen und den Bergen. Doch das Licht erschien nicht am Horizont. Die Sterne standen still am Himmel.</p><p>Der Wei�e Wolf wurde langsamer. Vor ihnen ragte ein gewaltiger Berg in den Himmel. Sie landeten auf einem schmalen, schneebedeckten Grat. Wind blies den Schnee �ber den Bergkamm. Auch diese Bewegung war erstarrt. Sie schritten �ber Neuschnee, ohne einzusinken. Tief unten im Schnee erkannte Shaya Pf�hle, an denen bunte Fahnen wehten. Zwei Pferde standen dort. Und halb verborgen von den flatternd erstarrten Fahnen kniete ein Mann.</p><p>�Warum hast du mich hierhergebracht?�</p><p>Der Wolf antwortete nicht. Unbeirrt stieg er weiter in das Tal hinab.</p><p>Endlich erreichten sie den Knienden. Es war ein Mann, in Lumpen gekleidet. Vom Sattel des kleineren Pferdes hing ein mit angelaufenem Silber beschlagener K�cher, wie ihn die Steppenreiter f�r ihre kurzen Jagdb�gen und Pfeile nutzten.</p><p>Jetzt erst bemerkte Shaya, dass keine Fahnen an den Pf�hlen hingen. Dort waren Kleider und Schals angebunden. Einige ausgefranst und von Wind und Wetter gebleicht. Andere sahen neuer aus. Es waren Kinderkleider. Der kniende Mann hielt einen roten Schal in H�nden. Auf seiner Wange schimmerte eine Tr�ne. Sein Antlitz war eine Maske der Trauer.</p><p>�Er ist J�ger. Vor drei Wintern war er hier auf der Pirsch. Er folgte einem Schneeleoparden hier herauf. Er hatte drei T�chter. Die �lteste war vierzehn. Schon im heiratsf�higen Alter. Sein Weib war sechs Jahre zuvor im Kindbett bei der Geburt seiner J�ngsten gestorben. Er hat nie wieder eine andere Frau genommen. Er ist ein guter Mann gewesen. Er hat nicht gehurt oder gesoffen. Er hat alles f�r seine drei M�dchen gegeben. Er wollte sie immer an seiner Seite haben. Sie haben ihn auf der Jagd begleitet. Er hat diesen Platz ausgesucht, um ihre Jurte aufzuschlagen. Die M�dchen w�ren lieber unten im Tal geblieben. Die �lteste wollte dort am Fluss waschen. Wie immer haben sie seinem freundlichen Dr�ngen nachgegeben. Geh hin, Shaya. Ber�hr ihn. Er ist kein Geist. Er ist ein Mann aus Fleisch und Blut.�</p><p>�Ich �� Sie z�gerte.</p><p>�Er wird es nicht merken. Geh.�</p><p>Sie strich �ber sein struppiges, dichtes Haar. Fuhr mit den Fingerspitzen �ber die Falten, die der Kummer in sein Gesicht gegraben hatte. Eine Tr�ne blieb an ihrem Zeigefinger haften. Sie war warm. Der Schal in den H�nden des J�gers war aus feinem Stoff. Seine eigenen Kleider hingegen waren vielfach ausgebessert und zerschlissen. Die Stiefel wurden von Flicken und Lederriemen zusammengehalten.</p><p>�Auf der Spur des Leoparden lie� die Jagd ihn die Welt um sich vergessen. Er konnte nur an das kostbare Fell denken und daran, welche Geschenke er seinen T�chtern machen wollte. Seine �lteste hatte sich in eine Kette aus roten Korallen verliebt, die sie bei einem fliegenden H�ndler gesehen hatte. Er hat sie damit geneckt, so nutzlosem Tand nachzujagen, und heimlich beschlossen, dass sie solch eine Kette zum Neujahrsfest bekommen sollte. Er hat an rote Korallen gedacht, als er h�her und h�her in die Berge stieg, die Augen fest auf die F�hrte des Leoparden geheftet. Dass es ungew�hnlich warm f�r einen Fr�hlingstag wurde, bemerkte er nicht. Erst als er die Lawine h�rte. Der ganze Hang, auf dem wir stehen, kam ins Rutschen. Die Stelle unten am Fluss, dort, wo seine �lteste hatte lagern wollen, hat der Schnee nicht erreicht.</p><p>Mehr als vierzig Tage hat er nach ihnen gesucht. Aber er konnte nichts finden. Keinen Fetzen von der Jurte. Kein Teil ihrer Ausr�stung. Hunderte L�cher hat er in den Schnee gegraben. Manchmal glaubt er die Stimmen seiner T�chter unter sich fl�stern zu h�ren. Wann immer er kann, kommt er hierher. Er glaubt, seine Kinder leben noch. Irgendwo hier unter uns in Schnee und Eis. Und er glaubt, sie frieren entsetzlich, da sie an dem warmen Tag ihre dicken Jacken nicht getragen haben. Wenn er Felle tauscht, dann nimmt er nur so viel Salz und Hirse, wie er unbedingt zum Leben braucht. Alles andere gibt er f�r Kinderkleider aus, die er hierherbringt.�</p><p>Shaya betrachtete all die Kleider an den Pf�hlen. Die fellgef�tterten F�ustlinge. Die Filzstiefel, die halb im Schnee versunken waren. Lange Kleider. Dicke Jacken. Oft bunt und bestickt. Etwas Rotes, das fast aussah wie geronnenes Blut, erweckte ihre Aufmerksamkeit. Es hing an dem gr��ten der drei Pf�hle. Sie trat n�her. Wischte den Schnee ab. Es war eine Kette aus Korallen. Sie schluckte. K�mpfte gegen den Klo� in ihrem Hals an und sah zu dem Mann, der im Schnee kniete. Seine Nasenspitze war blaurot gefroren. Die N�hte seiner F�ustlinge zum Teil aufgeplatzt. Er hatte ein hageres, stoppeliges Gesicht, in dem kein Platz f�r ein L�cheln mehr geblieben war.</p><p>�Wie kann man ihm helfen?�</p><p>�Niemand kann ihm helfen, Shaya. Nicht einmal ich kann ihm zur�ckgeben, was er verloren hat. Er hat sch�ne Erinnerungen. Manchmal ist das alles, was einem bleibt. Du hast einmal F�ustlinge besessen, die mit dem Fell von Wolfswelpen gef�ttert waren. Er hatte die Welpen erlegt.�</p><p>Shaya erinnerte sich. Rote Bl�ten waren auf den Saum der F�ustlinge gestickt gewesen. Drei Winter lang hatte sie sie getragen, bis ihre H�nde hoffnungslos zu gro� f�r sie geworden waren.</p><p>�Wir m�ssen weiter, Prinzessin. Steig wieder auf meinen R�cken.�</p><p>Sie warf einen letzten Blick auf den J�ger. �Ich habe ihm eine der Tr�nen f�r seine T�chter gestohlen�, sagte sie halblaut.</p><p>�Er hat noch viele Tr�nen�, entgegnete der Devanthar. �Er wird es nicht bemerken, wenn eine fehlt.�</p><p>Shaya sa� auf, doch sie traute den Worten des Devanthar nicht. Er blieb f�r sie unberechenbar. Sie dachte wieder an das Gef�hl ihrer Kindheit. Die Ahnung, dass er um sie gewesen war, auch wenn sie ihn nicht sehen konnte. War es vielleicht keine Einbildung gewesen? Wie oft wob er diesen Zauber? Wie oft dehnte er die Zeit so sehr, dass er f�r das menschliche Auge unsichtbar wurde?</p><p>Wieder stiegen sie weit in den Himmel hinauf. Diesmal wandte sich der Wei�e Wolf nach S�den. Sie flogen �ber einsame Bergweiden dunklen Wolken entgegen. Bald waren sie umfangen von Schneeflocken, die still in der Luft standen. Wie tausend Nadeln stachen sie nach ihrem Gesicht, als sie durch den in der Zeit gefrorenen Sturm ritten.</p><p>Endlose W�lder erstreckten sich unter ihnen. Bei einer weiten Lichtung, auf der ein kleines Feuer brannte, stieg der Wei�e Wolf vom Himmel hinab. Drei alte Frauen kauerten um ein Lagerfeuer. Darauf stand ein kleiner Kupferkessel, in dem eine d�nne Suppe k�chelte. Die Gesichter waren faltig und ausgezehrt, sodass ihre Augen riesig wirkten.</p><p>�Was ist mit ihnen?�</p><p>�Ihre Sippe hat sie hier zur�ckgelassen. Ein Packtier mit Wintervorr�ten ist vor einem Mond von einem schmalen Saumpfad abgekommen, in einen Gebirgsbach gest�rzt und von der rei�enden Flut davongetrieben worden. Die Vorr�te reichen nun nicht f�r alle. Die drei �ltesten bleiben hier, damit die �brige Sippe aus den Bergen herabsteigen kann. Sie hatten schon im Herbst Pech. Der Winter kam zu fr�h und hatte die P�sse blockiert. So konnten sie aus den Hochw�ldern nicht mehr in ihr eigentliches Winterquartier zur�ckkehren. Sie sind auf solche Ungl�cksf�lle vorbereitet. Sie haben zwei gro�e Jurten bei sich, und eigentlich hatten sie auch genug Vorr�te �� Er machte eine kurze Pause. �Das wirklich Ironische ist, dass sie genug Honig h�tten, um nicht verhungern zu m�ssen.�</p><p>Shaya h�rte ihm zu und blickte in die drei vom Leben gezeichneten Gesichter. Eine der Alten hatte mit einer milchigen Schicht �berzogene Augen. Der, die im Topf r�hrte, fehlten zwei Finger. Die drei wirkten nicht verbittert oder �ngstlich. Sie schienen den Tod nicht zu f�rchten.</p><p>�Der Honig aus den Bergw�ldern ist besonders kostbar. F�r einen kleinen Krug voll erhalten sie einen ganzen Sack voll Reis. W�rden sie den Honig essen, k�nnten sie keine Vorr�te f�r den n�chsten Winter eintauschen. Der Honig der Bergw�lder gilt als besonders heilkr�ftig. Die Heiler am Seidenfluss benutzen ihn gern. Erinnerst du dich, wie du deinen Hirsebrei oft mit Honig vers��t hast und wie du dir von deinem Vater einen Krug voll Honig als Belohnung f�r deinen Tanz auf der Trommel gew�nscht hast?�</p><p>�Welche von den dreien hat den Honig gesammelt?�, fragte sie mit tonloser Stimme.</p><p>Die blauen Augen des Wolfes zogen ihren Blick an, hielten sie gefangen. �Es war die Blinde. Wei�t du, was ihre Abschiedsworte an ihren Sohn waren?�</p><p>�Dass sie ihn liebt?�</p><p>Die Pupillen des Wolfs verengten sich zu winzigen, schwarzen Punkten. �Sie hat ihm erkl�rt, wo sie den Kupferkessel verstecken werden, damit ihre Sippe ihn wiederfindet, wenn sie im Sp�tsommer in dieses Tal zur�ckkehrt. Der Kessel ist kostbar und kann ihrer Sippe noch viele Jahre lang n�tzlich sein. Beginnst du zu verstehen, warum ich dir all dies zeige?�</p><p>Besch�mt senkte Shaya das Haupt. Nat�rlich verstand sie es. Sie sollte sich f�gen. Sollte akzeptieren, dass ihr Leben nicht wirklich ihr geh�rte. Sie wusste das seit ihrer Kindheit. Und doch vermochte sie sich nicht einfach zu ergeben.</p><p>�Alles im Reich deines Vaters ist mit dem Wandernden Hof verbunden. Von �berall flie�en Abgaben in jeder nur denkbaren Form. Doch dein Vater gibt zur�ck. Er ist das Herz des Reiches. Wie ein Herz treibt er sein Blut bis in die entferntesten Glieder und l�sst das Reich leben. Ihr � du, Shaya, und deine Geschwister, seine Kinder �, ihr seid dieses Blut. In den St�dten am Seidenfluss verspotten sie das Volk der Ischkuzaia oft als Barbaren. Aber die Wahrheit ist, dass Weisheit und Kultur am Seidenfluss nie gekannte Bl�ten treiben, seit dein Vater die St�dte unterwarf und die blutigen Fehden der Stadtstaaten ein Ende haben.�</p><p>�Was also soll ich tun?�</p><p>Der Wei�e Wolf knurrte leise. �Das wei�t du tief in deinem Herzen. Oder muss ich dir noch mehr zeigen? Willst du sehen, wie am Seidenfluss achtj�hrige Knaben kastriert werden und man ihnen die Zunge entfernt, damit sie zu vollkommenen Dienern der Damen des Wandernden Hofes werden? Einer von vieren �berlebt dies und wird erwachsen. Und nat�rlich sucht man f�r diese Behandlung nur die sch�nsten und vielversprechendsten Knaben aus. Ich werde dich zu nichts zwingen, Shaya. Starke Entscheidungen, die jeden Sturm des Zweifels �berstehen, m�ssen aus �berzeugung getroffen werden.�</p><p>Sie blickte zu den drei alten Frauen, die um das kleine Feuer im Schnee sa�en und auf ihren Tod warteten, weil ein Maultier einen Fehltritt getan hatte. �Ich wei�, was ich zu tun habe�, sagte sie leise, und der Klo�, der ihr im Hals sa�, lie� ihre Stimme heiser klingen. �Bitte bring mich zur�ck.�</p></section><section><title><p>Spinnenblick</p></title><p>Nandalee tauchte ihr Gesicht in die Sch�ssel mit kaltem Wasser. Sie hielt den Kopf untergetaucht. Dieser Gestank. Er war einfach unbeschreiblich!</p><p>Sie hatte mit der Dame Amalaswintha Galars H�hle besucht. Diesmal war der Schmied freundlicher gewesen. Er hatte sie sogar wiedererkannt. Er bekannte sich ganz freim�tig dazu, den Wei�en Drachen get�tet zu haben. Ebenso wie sein Kamerad Nyr, den sie ebenfalls besucht hatten. Wahrscheinlich war Galar so redselig gewesen, weil er ganz genau wusste, wie sehr sein Besuch an dem bestialischen Gestank litt. Er hatte Unmengen von diesem widerlichen K�se in seiner H�hle gelagert. Nandalee war schleierhaft, wie der Kerl es in diesem stinkenden Dreckloch aushielt. Nach einer Weile hatte Amalaswintha darauf gedr�ngt zu gehen, und Nandalee war nur zu dankbar darauf eingegangen. Amalaswintha hatte sich die ganze Zeit �ber ein parf�miertes Tuch vor die Nase gehalten, doch selbst das schien nur begrenzt geholfen zu haben.</p><p>Nandalee wusste jetzt, wo Galar und Nyr zu finden waren. Sie hatte sich die Wege zu ihren H�hlen gut eingepr�gt. Sollte Nachtatem sie als Meuchlerin schicken, war sie bereit. Nur Hornbori fehlte ihr noch. Gegen ihn hegte Amalaswintha eine so ausgepr�gte Abneigung, dass Nandalee vermutete, dass der Zwerg vielleicht einmal ihr Liebhaber gewesen war.</p><p>Nandalees Lungen begannen zu brennen. Mit einem langen, wohligen Seufzer hob sie das Gesicht aus der Wassersch�ssel.</p><p>�Entschuldige, wenn ich dich dabei st�re, dich zu ertr�nken, aber die Herrin Amalaswintha w�nscht dich zu sehen.�</p><p>Nandalee fuhr erschrocken herum. Hinter ihr stand Geberic, einer der Leibw�chter der Zwergin. Sie hatte ihn nicht kommen h�ren. Es war leichtfertig, inmitten von Feinden so unaufmerksam zu sein, auch wenn die Zwerge nicht ahnten, wer sich bei ihnen eingeschlichen hatte.</p><p>�Du schleichst wie eine Katze�, murmelte sie �rgerlich und trocknete ihren langen Bart mit einem Tuch. Nandalee hatte es nicht gewagt, die Z�pfe mit den Eisenringen zu l�sen, aus Furcht, sie w�rde die eigent�mliche Barttracht nicht mehr hinbekommen.</p><p>�Es ist keine Kunst, nicht geh�rt zu werden, wenn jemand seinen Kopf ins Wasser h�lt. Hast du zu viel getrunken, Arbinumja?� Er l�chelte bei den letzten Worten �berheblich.</p><p>Nandalee wickelte sich das feuchte Tuch um die Lenden. So wie Geberic roch, war es nicht verwunderlich, dass er nicht auf die Idee gekommen war, dass sie sich wusch. Dabei legte der Leibw�chter durchaus Wert auf sein �u�eres. Er trug eine �rmellose Lederweste, die die T�towierungen auf seinen Armen zur Geltung brachte. Die Bilder zeigten Waffen, einen Zwerg, der mit einem B�ren k�mpfte, und einen Krieger, der triumphierend einen abgeschlagenen Kopf hochhielt. Das Ganze war mit Ranken aus Eiskristallen umgeben. Ein wenig kitschig und unbeholfen ausgef�hrt waren die Bilder. Au�erdem hatte Geberic seinen linken Nasenfl�gel mit einem goldenen Ring durchbohrt. Das hatte Nandalee noch bei keinem anderen Zwerg gesehen. Allein die Vorstellung, ihren K�rper mit L�chern zu versehen, um darin Schmuck zu befestigen, fand sie merkw�rdig.</p><p>Geberic, dem aufgefallen war, wie sie ihn anstarrte, lie� seine Armmuskeln spielen, woraufhin sich der B�r bewegte und es aussah, als wolle er den Zwerg mit einem Prankenhieb angreifen.</p><p>�H�bsch�, bemerkte sie knapp.</p><p>Geberics Miene verfinsterte sich. H�bsch war ganz offensichtlich nicht, was er hatte h�ren wollen. �Die Dame Amalaswintha sch�tzt es nicht zu warten. Beweg deinen mageren Hintern.�</p><p>Nandalee raffte ihre Kleider zusammen und stieg hastig in die kratzende Wollhose. Sie f�rchtete den Zorn Amalaswinthas. Die Zwergin hatte sie den ganzen Tag �ber so eigenartig angesehen. Die Blicke hatten Nandalee an eine Spinne denken lassen, die dar�ber nachdachte, ob sie ein Opfer einspinnen oder sofort verspeisen wollte. Amalaswintha passte nicht in das Bild, das sie sich von Zwergen gemacht hatte. Nandalee war froh, wenn sie aus der Tiefen Stadt fliehen konnte. Nur Hornboris Heim musste sie noch finden. Ein Tag vielleicht noch, dann war ihre Aufgabe hier erledigt!</p><p>Die Elfe schloss den G�rtel und zog ihr Wams zurecht. Dann folgte sie Geberic.</p><p>Er f�hrte sie tiefer hinab in das H�hlensystem. Amalaswintha war die Herrin eines eigenen H�hlenkomplexes, der sich auff�llig von den anderen Tunneln unterschied, die Nandalee bislang in der Tiefen Stadt gesehen hatte. Es gab hier keine scharfen Kanten. Alles war rund oder zumindest abgerundet. Selbst die Decken der Tunnel, die T�ren und Tore. Auch gab es hier mehr Licht und Farben. Neben Steinmetzarbeiten schm�ckten h�ufig farbenfrohe Fresken die W�nde. Sie zeigten W�lder oder weite Wiesen in strahlendem Sonnenlicht. Allein sie anzusehen weckte in Nandalee die Sehnsucht nach dem weiten, blauen Himmel. Sie vermochte sich nicht vorzustellen, wie es sein mochte, ein ganzes Leben tief im Fels zu verbringen. Sie war daf�r nicht geschaffen, und wenn sie die Bilder an den W�nden betrachtete, fiel es wohl auch nicht allen Zwergen leicht.</p><p>�Dort hinein!� Geberic war vor einem runden Durchgang stehen geblieben, der von einem schweren, roten Vorhang verschlossen wurde.</p><p>Der Kerl f�hrte sich auf wie ein Gef�ngnisw�rter, dachte Nandalee, trat mit einem Gef�hl der Beklommenheit durch den Vorhang und fand sich in einer H�hle wieder, wie sie noch keine gesehen hatte. Sie ma� vielleicht zwanzig Schritt und war mit Tischen, Regalen, Kisten und Figuren, auf denen Kleider drapiert waren, vollgestopft. Am auff�lligsten jedoch war das riesige Bett in der Mitte der H�hle. Schwere, dunkelrote Decken lagen darauf, umlagert von bunten Kissen. Goldene Pfosten, um die sich Efeuranken aus Jade wanden, strebten der H�hlendecke entgegen. Die H�hlendecke selbst war vom lichten Blau eines Sommerhimmels. V�gel mit ausgebreiteten Schwingen waren auf die Decke gemalt. An einigen Stellen hingen sogar ausgestopfte V�gel davon herab.</p><p>Nandalee ging die weite Treppe hinab, die zur H�hle f�hrte. Der Boden war unregelm��ig. An manchen Stellen erhoben sich Felssimse wie kleine Inseln. Meist waren sie von Tischen gekr�nt, auf denen sich Schriftrollen und aufgeschlagene B�cher stapelten. Nandalee war verwundert, wie man sich mit so viel Plunder umgeben konnte. Sie k�nnte an einem solchen Ort nicht leben. Wie konnte man schlafen, umgeben von so viel unvollendeter Arbeit? Sie hatte den Eindruck, dass Amalaswintha auf der Suche nach etwas war. All die Schriften � Und dann gab es noch seltsame Metallobjekte, deren Bedeutung Nandalee verschlossen blieb. Gebilde aus ineinandergreifenden Metallringen, an denen unterschiedlich gro�e Kugeln befestigt waren. Ein Messingrohr, in das ein geschliffener Bergkristall eingesetzt war. Metallzylinder. Auf einem Tisch lagen seltsam geformte Messer und Scheren. Alle waren gekr�mmt oder gezackt. Wozu brauchte Amalaswintha all das?</p><p>Nandalee entdeckte ein gro�es Konstrukt aus seltsam gebogenen Dr�hten, auf die in unregelm��igen Abst�nden Steinkugeln aufgezogen waren. Fast in der Mitte dieses merkw�rdigen Objekts war ein gro�er Amethyst angebracht. Direkt daneben eine kleine Kugel aus wei�em Marmor. Nandalee lie� ihre Finger �ber die steifen Dr�hte gleiten. Manche waren aus dickem, von rotbraunem Flugrost verkrustetem Eisen, andere aus Silber oder Kupfer, einige wenige sogar aus Gold. Inmitten der goldenen Dr�hte gab es eine Kugel aus einem hellen, blauen Stein, in den ein in Gold gefasster Rubin eingelassen war. Nandalee stutzte. Sie blickte zur himmelblauen Decke und zu dem roten Bett mit den wuchtigen goldenen Bettpfosten inmitten der H�hle.</p><p>Nandalee versuchte, sich im Geiste den Weg zur Schmiede Galars vorzustellen, und tastete dabei blind entlang der Dr�hte. Als ihre Finger eine raue Kugel ber�hrten, �ffnete sie die Augen. Die Kugel war aus angerostetem Eisen. Neugierig schnupperte Nandalee daran. Sie stank nicht nach Koboldk�se. Passte eine Eisenkugel zu einem Schmied? Ja!</p><p>Fasziniert von dieser Art, das komplexe H�hlensystem der Zwergenstadt darzustellen, studierte Nandalee das Geflecht aus Dr�hten und versuchte sich jede Windung einzupr�gen. Ein gro�er, geschliffener Aquamarin stellte den Hafen der Stadt dar. Aber es schien noch andere, kleinere H�fen zu geben, von denen sie bislang nichts gewusst hatte. Einer lag sogar ganz in der N�he dieser H�hle. Er unterschied sich von allen anderen H�fen dadurch, dass noch eine kleine, gl�serne Linse unter den Aquamarin geh�ngt war. Verwundert studierte sie die Umgebung des Hafens, fand aber keinen Hinweis darauf, was die Linse bedeuten mochte.</p><p>Amalaswinthas unterirdischer Palast war deutlich gr��er, als Nandalee erwartet hatte. Er wurde mit goldenen Dr�hten dargestellt und hob sich deutlich vom �brigen Tunnelplan ab. Dies war die bei Weitem beste Karte der Tiefen Stadt, die sie sich vorstellen konnte, dachte Nandalee. Vielleicht konnte sie ein �hnliches Modell erstellen, wenn sie mit anderen Drachenelfen den Anschlag auf die M�rder des Schwebenden Meisters plante.</p><p>Leise Schritte lie�en die Elfe aufhorchen. Sie f�hlte sich ertappt und trat ein wenig vom Modell der Tiefen Stadt zur�ck. Amalaswintha kam um einen Schrank herum, der den Blick auf den hinteren Teil der H�hle versperrte. Das Haar der Zwergin schimmerte feucht. Sie trug ein langes, seitlich geschlitztes Nachthemd im rauchigen Silberton des ersten Morgenlichts. Amalaswintha bedachte Nandalee mit einem bezaubernden L�cheln. �Sch�n, dass du meiner Einladung gefolgt bist. Dich interessiert das Modell der Tiefen Stadt?�</p><p>�Es ist �beraus eindrucksvoll. Und was die <emphasis>Einladung</emphasis> angeht, war Geberic recht deutlich.�</p><p>Amalaswintha schnalzte mit der Zunge. �Ach, ach, Geberic � Der Gute nimmt seine Aufgaben manchmal ein wenig zu ernst. Es tut mir leid, falls du dich unter Druck gesetzt gef�hlt hast. Du bist mein Gast. Es steht dir frei, zu kommen und zu gehen, wie es dir beliebt.� Die Zwergin stand jetzt dicht vor ihr. Ein Duft wie von s��en Birnen haftete ihr an. Sie bedachte Nandalee mit einem koketten Augenaufschlag. �M�chtest du lieber gehen?�</p><p>Nandalee f�hlte sich unwohl. �Das Modell � zeigt das alle Tunnel und H�hlen der Tiefen Stadt?�</p><p>Amalaswintha wirkte einen Augenblick lang �berrascht, hatte sich aber fast sofort wieder unter Kontrolle. �Es ist unvollst�ndig, Arbinumja. Ich habe seit Jahren nicht mehr daran gearbeitet. Einige Tunnel werden vom Alten in der Tiefe geheim gehalten.� Sie lachte zynisch. �Ich habe sie nicht in das Modell aufgenommen, um mir keinen �rger mit ihm einzuhandeln. Andere sind ganz neu. Zum Beispiel hat dieser uns�glich stinkende Schmied in aller Heimlichkeit und gegen die Gesetze der Tiefen Stadt einen kleinen Seitentunnel angelegt, der unter der Wasseroberfl�che seines Brunnens verborgen liegt. Es gibt sogar eine Anbindung an einen der Luftsch�chte. Wahrscheinlich verbirgt der Stinker dort seine gr��ten Sch�tze. Was immer das auch sein mag. Wirklich wohlhabend ist er nicht.�</p><p>Nandalee empfand die Distanzlosigkeit Amalaswinthas als �beraus unangenehm. Deutlich malten sich die Br�ste der Zwergin durch das Nachthemd ab. Es war un�bersehbar, was sie f�r diesen Abend geplant hatte. Warum tat sie das? Und wie k�nnte sie ihr klarmachen, dass sie keinerlei Interesse an einem Abenteuer mit ihr hatte, ohne sie zu ver�rgern? Am besten, sie fl�chtete sich in belanglose Plauderei! �Dort unter deinem Hafen gibt es eine seltsame Glaslinse. Was bedeutet sie?�</p><p>�Eine Spielerei. Ich nenne diesen Ort den geheimen Garten. Eigentlich liegt er im Hafen meines Palastes, aber ich habe keine M�glichkeit gefunden, es besser darzustellen. Es ist eine Kuppel aus Tausenden kleinen Glasscheiben. Um in sie hineinzugelangen, muss man durch das Becken tauchen. Deshalb werde ich dort nur selten gest�rt. Es gibt nur wenige Zwerge hier in der Tiefen Stadt, die schwimmen k�nnen. Kannst du schwimmen?�</p><p>Nandalee nickte.</p><p>�Ich liebe diesen Ort. Er ist durchtr�nkt von Bl�tenduft. Vielleicht schwimmen wir einmal gemeinsam dorthin.� Amalaswintha beugte sich vor und schnupperte an Nandalees Bart. �Du hast die Seife mit dem Rosenduft benutzt. Wie sch�n.�</p><p>Nandalee r�usperte sich beklommen und wich ein St�ck vor der Zwergin zur�ck. �Woher wei�t du um die geheimen Tunnel?�</p><p>Ihre Gastgeberin blickte zu dem gro�en Bett und l�chelte unzweideutig. �M�nner geben gerne an. Damit, wer den l�ngsten � Bart hat. Und auch damit, was sie sonst f�r tolle Hechte sind. Du w�rdest dich wundern, wenn du w�sstest, was mir in diesem Bett schon alles erz�hlt worden ist.�</p><p>�Du hast mit Galar ��</p><p>Amalaswintha lachte laut auf. �Bei den Alben, nein! Dieser Stinker d�rfte nicht einmal diese H�hle betreten. Manchmal, wenn ich dort im Bett liege und mein Kopf frei von allen anderen Gedanken ist, kann ich den Berg sp�ren. Das h�rt sich seltsam an, nicht wahr? Dieses Modell hier existiert, weil ich meinem Gef�hl nicht vertraute. Ich habe es erschaffen und mir danach alle zug�nglichen Karten zu den Tunneln bringen lassen. Alles stimmt. Auch jene Tunnel, die auf keiner Karte verzeichnet sind, existieren wirklich.�</p><p>Nandalee w�re es lieber gewesen, ein Thema zu finden, das gar nichts mehr mit Amalaswinthas Bett zu tun hatte. �Wie � wie f�hlt sich ein Berg denn an?�</p><p>�Ich sp�re die Wurzeln der B�ume, wenn der Wind sich in den Baumkronen verf�ngt. Ich wei�, wer von meinem Volk durch welchen Tunnel geht. Ich kann f�hlen, wo sie graben. Manchmal kenne ich sogar die Gedanken derer, die im Berg sind.�</p><p>Nandalee musste sich zwingen, dem Blick der Zwergin standzuhalten. Jenen abgrundtiefen, gr�nen Augen. Nicht einmal die Himmelsschlangen vermochten ihre Gedanken zu lesen, ermahnte sie sich in Gedanken. Dieses Zwergenweib w�rde es ganz gewiss auch nicht k�nnen.</p><p>�Du bist ungew�hnlich, Arbinumja. Seit wir uns zum ersten Mal begegnet sind, hattest du f�nf Mal die Gelegenheit, Pilz, Met oder sogar Wein zu trinken, aber ich habe dich nur ein einziges Mal mit einem Bierkrug in der Hand gesehen. Du warst nie beschwipst. Du hast die Waschsch�ssel in deiner Kammer benutzt und sogar die Seife, die ich dazulegen lie�. Du machst keine plumpen Spr�che �ber meine Sch�nheit oder versuchst dich zu pr�geln, um mir zu zeigen, wie m�nnlich du bist. Du bist der unzwergischste Zwerg, dem ich je begegnet bin, Arbinumja. Was bist du?�</p><p>Nandalee wurde es hei� und kalt. Wenn es sein m�sste, k�nnte sie Amalaswintha zum Schweigen, bringen und wahrscheinlich k�me sie auch an Geberic vorbei. Aber wie sollte sie aus der Tiefen Stadt fliehen? Die wenigen Tore, die aus dem Berg f�hrten, waren streng bewacht. Den Albenstern vermochte sie nicht aus eigener Kraft zu �ffnen. Vielleicht w�rde sie an Bord von einem der Aale fliehen k�nnen.</p><p>�So schweigsam, Arbinumja? Du verstehst die Sprache der Elfen, zumindest behauptet das der Ratsherr Skorri. Und wenn du durch den Berg gehst, kann ich dich nicht sp�ren. Manchmal kommen sehr machtvolle Wesen hierher � Es ist mir noch nicht gelungen, einem von Angesicht zu Angesicht zu begegnen. Ich glaube, sie nehmen unsere Gestalt an. Vielleicht sind es die Alben.� Amalaswinthas Augen leuchteten. Sie wirkte wie eine Besessene. Aus den Augenwinkeln sah Nandalee ein kleines Messer zwischen Federkielen auf einem nahen Tisch liegen.</p><p>�Du, Arbinumja, bist wie ein Geist. Bleibst ungreifbar � Aber ich wei�, was du verbirgst und was du in Wahrheit bist.�</p><p>Nandalee wich ein St�ck zur�ck. Das Federmesser war jetzt in ihrer Reichweite.</p><p>�Du bist ein Zauberweber, so wie ich!�</p><p>Nandalee griff nach der Klinge.</p><p>�Seit du ein Kind bist, f�hlst du dich anders als alle anderen um dich herum. Nicht wahr? Manchmal geschehen dir seltsame Dinge. Es wird �ber dich getuschelt. Du hast keine Freunde. Und irgendwann ist es dir zur Natur geworden, dich abseits zu halten. Ich bin reich geworden, weil ich die Sch�tze in den Gebeinen der Erde sp�ren kann. Wer meinem Rat folgt, wenn er eine Mine anlegt, der wird f�ndig. Ich kann alles haben, was es f�r Gold zu kaufen gibt. Aber ich begehre nur noch eines. Ich will die Kunst des Zauberwebens erlernen. Und ich wei�, diese Kunst wird nicht aus dem Blut und den Knochen von Drachen destilliert. Was ist deine Gabe, Arbinumja?�</p><p>Nandalee strich mit der Hand �ber die Federkiele, als habe sie nie nach dem Messer gegriffen. �Manchmal, wenn ich mich sehr stark konzentriere, kann ich Dinge schweben lassen. Aber ich h�te mich, meine Gabe zu zeigen. In der Ehernen Halle f�rchten sie Zauberweber. Sie werden in das riesige M�hlrad geworfen, das zum Zerkleinern des erzhaltigen Gesteins dient. Zauberweber sind gef�hrlich ��</p><p>�Unsinn!�, begehrte Amalaswintha auf. �Kleingeistige Narren denken so! Wir sind die Zukunft unseres Volkes, Arbinumja. Wir sind keine Ungeheuer. Aber wir m�ssen lernen, unsere Kr�fte zu formen, so wie ein Schmied lernt, das Eisen zu formen. Es ist nicht gerecht, dass die Drachen nur ihre Lieblinge, die Elfen, zu Zauberwebern machen. Auch in uns schlummert diese Gabe. Nun verrate mir, was du kannst.�</p><p>Sie wies mit weit ausholender Geste auf die B�cher und Schriftrollen. �In allen V�lkern Albenmarks gibt es Einzelne, die dazu geboren sind, die Welt zu ver�ndern. Bei den Elfen scheint die Gabe besonders h�ufig zu sein. Aber man findet sie auch bei Kobolden, Kentauren und den scheuen Faunen. Selbst Trolle sind manchmal von Magie ber�hrt. Es gibt Hunderte Geschichten dar�ber. Viele Zauberweber werden gef�rchtet und verfolgt. Der Begabung haftet ohne Zweifel eine dunkle Seite an. Aber ich bin �berzeugt, man kann sie beherrschen, wenn man mit der Gabe umzugehen versteht.�</p><p>Nandalee dachte an Sayn, jenen jungen Elfen, der sie so herablassend behandelt hatte, als sie in der H�hle des Schwebenden Meisters darum gerungen hatte, eine Zauberweberin zu werden und nicht nur ein Gef�� f�r eine unkontrollierte Macht zu sein. Nie w�rde sie Sayns letzten Augenblick vergessen. Als seine Rippen sich wie Schmetterlingsfl�gel auffalteten und sein Fleisch durchstie�en. Als sich sein Innerstes nach au�en kehrte. Sie hatte Sayn gehasst. War es dieser Hass, verbunden mit ihrer Gabe, der ihn get�tet hatte? Oder war er es, dem ein Fehler unterlaufen war? Die Antwort w�rde sie nie erfahren.</p><p>�Woran denkst du?�</p><p>�An die Gabe, die in uns wohnt.�</p><p>�Was ist dein Zauber, Arbinumja?�, dr�ngte Amalaswintha erneut.</p><p>Nandalee wollte fort. Sie musste einen Weg aus der Tiefen Stadt finden. Wie lange w�rde es dauern, bis die Zwergin begriff, wer sie wirklich war? �Meine Kr�fte sind schwach.� Sie blickte zu den Federkielen auf dem Tisch und schnitt eine Grimasse, als w�rde sie versuchen, einen schweren Felsbrocken anzuheben. Dabei dachte sie an den Wind, der einst unter den Federn dahingeeilt war. Dachte an seine Kraft und griff nach der Magie, die allen Dingen innewohnte. Sie hob die Hand. Und eine der Federn hob sich um einen Zoll. Sie h�tte sie ohne M�he bis zur Decke schweben lassen k�nnen. Ja, sie k�nnte sogar deren Farbe ver�ndern. Aber sie wollte so wenig wie m�glich von sich preisgeben. Mit einem schweren Seufzer lie� sie in Gedanken die Feder los und sie fiel zur�ck auf den Tisch.</p><p>Amalaswintha wirkte nicht sonderlich beeindruckt. �Daraus k�nnte man gewiss noch mehr machen.�</p><p>�Mehr w�rde mich umbringen�, stie� Nandalee schwer atmend hervor.</p><p>Die Zwergin l�chelte milde. �Morgen Abend wird sich dein Leben f�r immer ver�ndern, Arbinumja. Mit mir gemeinsam wirst du den ersten Schritt zur Beherrschung der Magie gehen. Lass dich �berraschen � Und nun darfst du dich zur�ckziehen, denn wie mir scheint, mangelt es dir an Kr�ften, um mich heute noch angenehm zu unterhalten. Ruhe sanft, mein Zauberlehrling.�</p></section><section><title><p>Die letzte Schlacht</p></title><p>Shaya trat in die Rote Jurte. Noch war niemand hier, doch der Tisch mit den h�lzernen Winkelst�cken und den breiten Lederb�ndern war schon hergebracht worden. Sie stellte sich vor, wie man ihren Kopf festschnallen w�rde.</p><p>Rasch wandte sie den Blick ab. Shaya war zu fr�h gekommen. Sie hatte dieses Zelt gew�hlt. Niemand w�rde sie hier st�ren. Es kam nur sehr selten jemand in die Rote Jurte. Nur, wenn der Wandernde Hof einen neuen Weg nehmen sollte oder wenn ein Kriegszug in unbekannte Gebiete geplant wurde. Als Kind hatte sie die Rote Jurte geliebt. Sie war ihr Zufluchtsort gewesen. Ein Platz, an dem niemand eine Prinzessin suchte. Fast nichts hatte sich hier ver�ndert in all den Jahren.</p><p>Der breite Kartentisch war zur Seite geschoben worden, um jenem Tisch Platz zu machen, auf dem die Shaya, die sie sein wollte, ihrem Vater und ihrem Volk geopfert werden w�rde. Sie schlang sich die Arme um den Leib, als ein Schauer sie �berlief.</p><p>Shaya blickte hinauf zum Dach der Jurte. Der rote Stoff des Zelthimmels war mit den Jahren fadenscheinig geworden. Etliche Lederflicken waren neu hinzugekommen. Warmes, r�tliches Licht drang durch den Stoff. Sie blickte zu den niedrigen Regalen vor den Lattengittern, die die W�nde der Jurte aufrecht hielten. Hier lagen, f�r die Ewigkeit in Ton gebrannt, die Reiseberichte der Gesandten ihres Vaters. Genaue Beschreibungen von Stra�en, P�ssen und Furten. Sie wiesen den Weg in die Reiche ihrer Nachbarn, sollte der Frieden, den die Devanthar erzwungen hatten, eines Tages enden. So viele Stunden hatte sie hier lesend verbracht und von fernen L�ndern getr�umt.</p><p>Shaya kniete neben den bauchigen Amphoren nieder und strich �ber die Deckel aus altem, br�ckelndem Kork. Sie waren in verschiedenen Farben gehalten, sodass selbst jene, die die Schriftzeichen auf den Wachssiegeln nicht entziffern konnten, wussten, welche Karten wo verwahrt wurden.</p><p>Die Prinzessin strich �ber die blassblaue Glasur jener Amphore, in der ihr gr��ter Schatz verborgen lag. Das Wachssiegel war nicht erneuert worden, seit sie das letzte Mal hier gewesen war. Sie hatte es mit einer Knochennadel aufgeritzt und sp�ter versucht, das Wachs mit ihren Daumen wieder zusammenzupressen. Sie legte ihren Daumen in den Abdruck ihrer Kindheit. Breit und lang war er geworden, mit einer feinen Narbe auf dem Gelenk.</p><p>Shaya hob den Korkdeckel ab und streckte den Arm durch den weiten Mund der Amphore. Ihre Fingerspitzen tasteten �ber Knochen. Es waren Schulterbl�tter von Pferden, Ochsen und Kamelen. Sie bekam eines zu packen und zog es empor. Mit einem feinen Knirschen kratzte der Knochen am Amphorenhals.</p><p>Ein L�cheln stahl sich auf ihr Antlitz, als sie die Karte erkannte. Sie war ihr einst die liebste gewesen. Sie zeigte die ganze Welt. Vom Gefiederten Haus an den fernen K�sten des �stlichen Meeres bis hin zu den Schwimmenden Inseln tief im Westen, von denen keine der Tontafeln im Zelt ihres Vaters zu berichten wusste. Viele Stunden hatte sie hier gelegen, zum roten Zelthimmel emporgeblickt und vom Sonnenuntergang an fernen Gestaden getr�umt. Sie hatte versucht, sich das Gefiederte Haus vorzustellen. Anfangs war es in ihrer Fantasie eine gro�e Jurte gewesen, auf die man Federn aufgen�ht hatte. Sp�ter, nachdem sie die Pal�ste am Seidenfluss gesehen hatte, stellte sie sich ein Haus aus schillernd glasierten Tonziegeln vor, in die Vogelfedern gepr�gt waren.</p><p>Shaya atmete schwer aus. Wieder �berlief sie ein K�lteschauer. Das Tr�umen w�rde ihr wohl ausgetrieben werden. Sie war weiter gereist, als sie es sich in ihrer Kindheit hatte vorstellen k�nnen. In eine fremde Welt, von der es in der Roten Jurte, zumindest als sie klein gewesen war, noch nicht einmal Karten gegeben hatte. Sie war in Wolkenschiffen �ber den Himmel gesegelt. Hatte das Purpurne Meer mit all seinen Wundern erblickt. Bald w�rden ihre Tr�ume auf die Spitze einer Nadel aufgespie�t werden.</p><p>Sie h�rte, wie die Plane am Eingang zur�ckgezogen wurde. Der Holzboden der Jurte knarrte. Sie sah sich um, um Fassung bem�ht. Sie w�rde ihrem Schicksal, wenn schon nicht mit einem trotzigen L�cheln auf den Lippen, dann doch zumindest in gefasster Ruhe begegnen.</p><p>Zwei Eunuchen hatten das Zelt betreten. Das Zeichen der Echse war ihnen auf die Stirn t�towiert, sodass jeder wusste, sie hatten keine Zunge mehr und konnten allenfalls zischende Laute wie eine zornige Echse hervorbringen. In ihren Wickelr�cken und mit ihren mit schwarzer Tusche umrandeten Augen wirkten sie weibisch. Die Sch�del waren kahl rasiert. Einer nickte ihr freundlich zu.</p><p>Shaya erwiderte den Gru� nicht. Wie konnte der Kerl sich erdreisten, ihr zuzunicken? Solche plumpen H�flichkeiten waren dem Anlass ihrer Begegnung nicht angemessen. Verspottete der Eunuch sie etwa?</p><p>�Ihr erstaunt mich, ehrenwerte Prinzessin.� Der Heiler kam in die Jurte. Er schritt lautlos wie eine Katze. Auf seinem schmalen Gesicht lag ein L�cheln, das nicht hinauf bis zu den Augen reichen wollte. �Ich h�tte nicht erwartet, dass Ihr vor der Zeit zugegen sein w�rdet.�</p><p>�Die Tugend der Pflichterf�llung ist nicht allein am Seidenfluss bekannt�, entgegnete sie k�hl.</p><p>Der Heiler hielt inne und musterte sie eindringlich. Schlie�lich nickte er bed�chtig. �Bitte entschuldigt, wenn ich Euch mit meinen Worten unrecht getan habe. Dies lag niemals in meiner Absicht. Seid versichert, dass Ihr mich bereits am gestrigen Tage beeindruckt habt, Prinzessin Shaya. Und nun vertieft Ihr meine Hochachtung noch weiter. Ergebenheit in sein Schicksal ist tats�chlich eine Tugend, die in meinem Volke ebenso hoch gesch�tzt wie selten erreicht wird.� Er legte ein Bambusrohr mit einem Lederverschluss auf dem Kartentisch ab und lud sie mit formvollendeter Geste ein, sich auf dem zweiten Tisch niederzulassen.</p><p>Shaya legte die Karte zur�ck in die Amphore und verschloss sie mit dem Korkdeckel. Diesmal versuchte sie nicht die Spuren im Wachs verschwinden zu lassen. Wehm�tig betrachtete sie den Abdruck ihres kleinen Daumens, die letzte Spur gl�cklicherer Zeiten. Dann ging sie hin�ber zu dem Tisch.</p><p>Der Heiler zog ein kleines, gr�nes Fl�schchen aus seinem �rmel. �Ich habe einen Schlaftrunk f�r Euch vorbereitet, ehrenwerte Prinzessin. So werdet Ihr von den Unannehmlichkeiten, die ich Euch, zu meinem Bedauern, auf Gehei� Eures Vaters bereiten muss, nichts sp�ren.�</p><p>�Noch bin ich eine Kriegerin, Miau. Ich bin es nicht gewohnt, vor meinen Feinden die Augen zu verschlie�en. Und in meiner letzten Schlacht werde ich ganz gewiss nicht meine Gewohnheiten �ndern.�</p><p>Der Heiler stellte das Fl�schchen auf den Kartentisch. �Es schmerzt mich, dass Ihr in mir einen Feind seht, Prinzessin. Und wenn Ihr Euch schon der Metaphern des Krieges bedienen m�sst, so seid versichert, dass ich diese Schlacht ebenso wenig aus freiem Willen liefere, wie Ihr es tut. Da Ihr, die Ihr mir von allen, die ich fragte, als �beraus ehrenhaft geschildert wurdet, beschlossen habt, mich als Feind zu betrachten, erlaube ich mir, Euch um eine Gunst zu bitten. Bitte nennt mich nicht bei einem Spottnamen. Mein Name als erwachsener Mann, den mir mein ehrenwerter Vater zur Freude meiner Mutter am Abend, an dem ich meine Studien vollendete und mir das gr�ne Ehrengewand des Heilkundigen verdiente, gab, lautet: Shen Yi Miao Shou.�</p><p>Shaya z�gerte. Warum sollte sie dem Mann, der sie verst�mmeln w�rde, Ehre erweisen? Auf der anderen Seite wollte sie ihr Dasein als Kriegerin nicht mit dem Vorwurf beenden, zuletzt ehrlos gehandelt zu haben. �Shen Ji Miau Shou?�, versuchte sie es leise.</p><p>�Nicht vollkommen, doch wiegt der gute Wille den geringen Makel Eurer Aussprache mehr als auf.� Er l�chelte. �Wenn Ihr Euch nun bitte hinlegen w�rdet, ehrenwerte Prinzessin? Ich werde unsere beiden Gehilfen jetzt bitten, Euch an den Tisch zu schnallen, und dar�ber wachen, dass dies mit der gr��tm�glichen Zur�ckhaltung geschieht und nicht einmal der Verdacht einer unsittlichen Ber�hrung einen Schatten auf das strahlende Licht unseres gegenseitigen Respekts werfen wird.�</p><p>�Ich brauche das nicht�, entgegnete sie scharf. �Bislang kann ich mich r�hmen, auch nicht gezappelt zu haben, wenn meine Wunden vern�ht wurden.�</p><p>�Mit Verlaub, ehrenwerte Prinzessin, doch was mir heute zu tun auferlegt wurde, gestattet nicht den Vergleich mit dem Vern�hen einer Wunde im Gefolge eines Gefechtes. Dies ist ein diffiziler Vorgang, der es unbedingt erfordert, dass Ihr stillhaltet.�</p><p>�Wozu ich durchaus in der Lage bin�, entgegnete sie k�hl.</p><p>Shen Yi Miao Shou griff nach dem Bambusrohr auf dem Kartentisch und drehte es unschl�ssig in den H�nden. �Bitte erlaubt mir, auf die vielen Jahrzehnte meiner Erfahrung hinzuweisen und � Oops.� Das Bambusrohr entglitt seinen H�nden und schlug mit der Kante seitlich gegen ihr Knie, woraufhin ihr Bein vorschnellte.</p><p>�Ich bitte vielmals um Entschuldigung.� Er l�chelte, und diesmal bildete sich auch um seine Augen ein feines Netz aus Lachf�ltchen. �Vor allem entschuldige ich mich, mich so billiger Jahrmarktsgaukelei bedient zu haben. Nat�rlich war es kein Unfall, dass mein Bambusrohr vor Euer Knie schlug. Ich wollte Euch lediglich verdeutlichen, dass das Fleisch, das unserer Seele Heimat ist, manchmal Bewegungen ausf�hrt, die nicht der Kontrolle unseres Geistes unterliegen.�</p><p>�Du hast mich �berrascht, Shen Yi. Ein zweites Mal wird dir dies nicht gelingen.� Kaum dass die Worte �ber ihre Lippen waren, schlug er ihr ein weiteres Mal mit dem Bambusrohr vor das Knie, und wieder schnellte ihr Bein vor.</p><p>�Bitte verzeiht mir in unser beider Interesse, so unh�flich zu sein, auf der Richtigkeit meiner Worte zu beharren.� Er nickte den beiden Eunuchen zu, die bislang reglos neben dem Kartentisch gestanden hatten. �Bindet die hochwohlgeborene Prinzessin bitte auf den Tisch.�</p><p>Shaya wollte aufstehen, als der Heiler ihr mit einer kurzen, kr�ftigen Bewegung den Daumen in das Sonnengeflecht unter ihrem Rippenbogen stie�. Ein j�her Schmerz brandete durch ihren Leib bis in die Fingerspitzen. Nach Luft schnappend, knickte sie ein. Einen Herzschlag nur, da packten sie schon die beiden Eunuchen und schnallten ihre Arme und Beine auf den Tisch.</p><p>�Ich bitte erneut vielmals um Entschuldigung f�r mein �beraus despektierliches Vorgehen, verehrte Prinzessin, doch war Euer Vater von unmissverst�ndlicher Deutlichkeit in seiner Forderung, dass ich eine gewisse Eile walten lassen solle.�</p><p>Shaya war unf�hig zu antworten. Immer noch rang sie japsend um Luft. Dabei b�umte sie sich gegen ihre Fesseln auf.</p><p>Shen Yi Miao Shou nahm die Lederkappe vom Bambusrohr und lie� mit feinen Seidenb�ndern geb�ndelte Nadeln daraus hervorgleiten. Sorgsam legte er die B�ndel auf ein Seidentuch auf dem Kartentisch. Die Nadeln waren aus Gold und Silber. Einige waren gebogen, andere hatten linsengro�e Harzk�gelchen auf ihre K�pfe gepresst. Manche der Nadeln waren kurz, einige aber auch mehr als doppelt so lang wie ihr Zeigefinger.</p><p>�Die Anspannung schadet Euch, Prinzessin. Das beste Ergebnis werde ich erzielen, wenn Ihr Euch nicht verkrampft und Ihr ruhig und regelm��ig atmet.� Er blickte zu den Eunuchen auf. �Legt das letzte Lederband um ihre Stirn und schnallt den Kopf der ehrenwerten Prinzessin fest.�</p><p>Die beiden Sklaven machten keinen Hehl daraus, dass sie Freude an ihrer Aufgabe hatten. Shaya war wehrlos, aber sie konnte nicht aufh�ren zu k�mpfen. Sie w�rde �ber sich ergehen lassen, was ihr Vater befohlen hatte, doch sie wollte, dass das Unvermeidliche wenigstens zu ihren Bedingungen geschah. �Ich verspreche Euch, dass ich stillhalte, Meister Shen Yi.� Sie wollte nicht jetzt schon ein willenloses St�ck Fleisch sein. Sie wollte die Freiheit, Herrin ihrer selbst zu sein, bis zum letztm�glichen Augenblick auskosten.</p><p>�Mit Bedauern weise ich Euch darauf hin, dass Ihr mir gerade versprecht, was Menschen nicht m�glich ist. Ich werde Euch nun helfen, Euch zu entspannen, hochgesch�tzte Prinzessin.�</p><p>Etwas stach seitlich in ihren Hals. Ihre Muskeln erschlafften augenblicklich. Ihr Kopf sank zur�ck.</p><p>Der Heiler nahm eine der sehr langen Nadeln vom Seidentuch. Shaya stellte sich vor, wie das Silber an ihrem Auge vorbei bis tief in ihren Kopf drang. Sie ballte die H�nde zu F�usten. Sie wollte das nicht sehen. F�hlte sich m�de. Besiegt. Sie hatte keine Kraft mehr weiterzuk�mpfen. Und sie wollte nicht wissen, wie er es tat. Zum ersten Mal seit Langem ergab sie sich ihrer Angst und kniff die Augen zu, als Shen Yi sich �ber sie beugte.</p><p>Der Heiler legte ihr seine zarte Hand auf die Stirn. �Nur ein Stich noch, Prinzessin, und Ihr werdet nichts mehr sp�ren.�</p></section><section><title><p>Der Weg in den Krieg</p></title><p>Narek sah sich mit weiten Augen um. Er stand auf dem Hof des Palastes des Unsterblichen Aaron. Nie h�tte er sich tr�umen lassen, einmal nach Ak�u zu gelangen. Und wenn er ehrlich war, machte ihm der Grund, aus dem er hier war, Angst. Irgendwo hinter den hohen Mauern, die den Hof umgaben, br�llte ein Raubtier. Ein L�we? Es hie�, hier im Palast g�be es eine L�wengrube, und der Unsterbliche Aaron w�rde die Bestien mit Haremsdamen und Priestern f�ttern, die sein Missfallen erregt hatten. Narek sah sich unsicher um. War der Unsterbliche hier? Vielleicht auf der Terrasse vor dem riesigen Haus mit der Front aus roten S�ulen? Es musste ungem�tlich sein, in so einem Haus zu wohnen, wo die Decke so hoch war, dass man sie nicht einmal dann mit der Hand ber�hren konnte, wenn man sich auf einen Tisch stellte.</p><p>Narek dachte an sein einfaches Lehmhaus. Im Winter, wenn sie L�den vor die beiden kleinen Fenster geh�ngt hatten und ein Feuer aus Ziegendung glomm, war es wunderbar gem�tlich. Er liebte es, mit seinem kleinen Sohn Daron in die Glut zu starren und ihm Geschichten zu erz�hlen. Er war kein guter Erz�hler. Er kannte nur ein paar M�rchen, die er fr�her von seiner Mutter geh�rt hatte. Und manchmal dachte er sich Geschichten �ber seinen Freund Artax aus, der nach Nangog gegangen war, als Daron noch an Rahels Br�sten gelegen hatte. Eines Tages w�rde Artax zur�ckkommen, und er w�rde ein reicher Mann sein. Man konnte drei Mal im Jahr auf Nangog ernten. Und wenn man in die Berge wanderte und keine Furcht vor den Geistern der Wildnis hatte, konnte man dort Gold in den Fl�ssen finden. Artax war immer ein Tr�umer gewesen, der sich ein Leben vorstellte, das anders war, als man es in einem Dorf wie Belbek f�hrte. Er hatte sich sogar ein Weib ertr�umt. Irgendeine d�rre Ziege, mit der er dar�ber stritt, wie man die Welt verbessern konnte. Er hatte sich sogar einen Namen f�r diese Frau, die es nicht gab, ausgedacht: Almitra. Narek schmunzelte. Ein bisschen verr�ckt war Artax schon gewesen. Aber ein guter, zuverl�ssiger Freund. Wenn er Daron von ihm erz�hlte, vertrieb Artax mit seiner Hacke grimmige W�lfe in den W�ldern von Nangog, oder er fand Goldklumpen, gro� wie Taubeneier, musste sich aber gegen die Flussgeister wehren � Weiber mit wundersch�nem, goldenem Haar, bezauberndem L�cheln, aber Herzen, die M�rdergruben waren.</p><p>Wenn Daron in seinen Armen einschlief, tadelte Rahel ihn manchmal, dass er seinem Sohn so schaurige Geschichten erz�hlte. Aber sie war nie lange m�rrisch. Sie hatte ein gro�es Herz. Sie war ganz anders als die Frau, die Artax sich ertr�umte. Ein wenig mollig, mit lockigem Haar und vollen Lippen. Narek seufzte. Ein halbes Jahr w�rde es wohl noch dauern, bis er wieder zu Hause in Belbek sein w�rde. Vielleicht war Artax sogar fr�her wieder zur�ck als er. Dann w�rden sie zusammensitzen und sich von ihren Abenteuern erz�hlen.</p><p>Narek ging zur Nordseite des Hofes. Dort hatten sich, im Schatten einer hohen Mauer, etliche der neuen Krieger niedergelassen. Palastdiener eilten mit Wasserschl�uchen herbei. Narek spuckte den Kiesel, den er lutschte, wenn es nichts zu trinken gab, in seine offene Hand und lie� ihn in einen Beutel an seinem G�rtel fallen. Es war ein guter Kiesel. Fast rund. Ganz ohne Kanten.</p><p>Zwischen den Rastenden entdeckte er Ashot. Er war der einzige andere Krieger aus Belbek. Es war Pech, dass sich ausgerechnet Ashot bei den Werbern gemeldet hatte. Er war ein hagerer, m�rrischer Kerl mit str�hnigem, schwarzem Haar. Er schaffte es irgendwie, immer unrasiert zu sein. Und selbst Leute, die ihn noch gar nicht kannten, gingen ihm aus dem Weg. Er hatte etwas an sich, das �rger verhie�. Dabei war er fr�her ganz anders gewesen. Es lag alles nur an den Schweinen. Ein paar Monde, nachdem Artax gegangen war, hatte Ashots Vater fast all sein Land verkauft und daf�r Schweine ins Dorf geholt. Dutzende! Der Alte war �berzeugt, dass S�ue, Ferkel und Eber ihn reich machen w�rden. Dabei war er schon ein reicher Bauer gewesen! Ein Jahr lang sah alles ganz gut aus. Dann hatten sich die Viecher irgendeine Seuche gefangen. Binnen zehn Tagen verreckten sie alle. Und der Priester befahl, dass ihre Kadaver hinaus ins �dland geschafft wurden. War �ne verdammte Schande um all das sch�ne Fleisch gewesen.</p><p>Ashots Vater hatte die Sache nicht gut verkraftet. Eines Nachts hatte er sich an der Zeder am Dorfbrunnen erh�ngt. Kein halbes Jahr sp�ter war ihm sein Weib ins Grab gefolgt. Angeblich war sie an gebrochenem Herzen gestorben.</p><p>Vielleicht k�nnte er Ashot ja doch ein L�cheln auf die Lippen locken, dachte Narek. Er baute sich vor ihm auf und schlug sich mit der Faust auf die Brust, so wie Krieger es taten, wenn sie einander gr��ten.</p><p>Ashot blickte missmutig auf. �Mach dich nicht l�cherlich, Narek.�</p><p>Das war Ashot, wie er leibte und lebte. Ein verdammter Widerling! Er lie� sich neben ihm nieder und winkte einem Diener, auch ihm Wasser zu bringen. Der Kerl kam tats�chlich! Unglaublich! Als sei er ein F�rst.</p><p>�Habt ihr hier auch Honigkuchen?�</p><p>�Nicht f�r dich!� Der Diener hatte einen ge�lten Bart und eine bl�tenwei�e Tunika. Er war von auff�llig heller Haut. Wahrscheinlich musste er so gut wie nie die Mauern des Palastes verlassen. �F�r euch gibt es nur Wasser aus dem Brunnen, aus dem wir sonst das Vieh tr�nken.�</p><p>Ashot schnappte schneller nach dem Kerl, als eine Schlange zusto�en konnte. Er hatte den Diener genau zwischen den Schenkeln gepackt. Dieser lie� den schweren Wasserkrug fallen und wollte zu einem Schlag ausholen, doch mitten in der Bewegung hielt er inne und stie� ein schrilles Quieken aus.</p><p>�Wir sind hier, um f�r Kerle wie dich auf einem Schlachtfeld am Arsch der Welt den Kopf hinzuhalten. Es ist mir egal, wenn ich Wasser aus einem Viehbrunnen trinke. Aber wenn so ein aufgeblasenes rosa Schweinchen daherkommt und glaubt, meinen Freund Narek wie Vieh behandeln zu m�ssen, werde ich empfindlich. Hast du das verstanden?� Ashot dr�ckte noch einmal zu, und dem Diener traten Tr�nen in die Augen.</p><p>�Bitte aufh�ren. Bitte ��</p><p>�Mein Freund Narek w�rde jetzt gerne eine Entschuldigung h�ren. Etwas, wobei auch mir richtig das Herz aufgeht.�</p><p>Narek blickte zu dem Aufseher. Er sah zu ihnen her�ber. Sicher w�rde er gleich kommen. �Das muss wirklich nicht sein ��</p><p>�Du h�ltst die Klappe, Narek. Hier redet jetzt nur unser kleines Schweinchen.�</p><p>�Ich bitte um Verzeihung � Ich ��</p><p>�Das musst du Narek sagen.� Zum ersten Mal seit Wochen spielte ein L�cheln um Ashots Lippen. Doch es reichte nicht bis zu seinen dunklen Augen. �Und noch etwas ehrerbietiger, wenn ich bitten darf.�</p><p>Der Diener keuchte. Dicke Schwei�perlen standen ihm auf der Stirn. Narek war das Ganze f�rchterlich peinlich. Er w�nschte, er w�rde im Boden versinken.</p><p>�Ich bitte untert�nigst um Verzeihung, dass ich mich Euch gegen�ber im Ton vergriffen habe, ehrenwerter Narek. Und selbstverst�ndlich werde ich Euch gerne einen Honigkuchen holen, um Euch damit zu erquicken.�</p><p>Die M�nner ringsherum lachten und spotteten �ber den Diener.</p><p>Ashot lie� den armen Kerl los. Er japste, schnappte sich den Krug, der zu Boden gefallen war, und machte sich eilig davon.</p><p>�Das wird �rger geben.�</p><p>�Ich glaube nicht, dass unsere Zeit hier f�r �rger reicht�, entgegnete Ashot ruhig.</p><p>�Wie kommst du darauf?�</p><p>Sein Freund nickte in Richtung des Palastes mit den roten S�ulen. �Der L�we ist gekommen. Es geht weiter.�</p><p>Narek fuhr erschrocken herum. Ein silberner L�we schritt die Treppen zum Palast hinab. Er war ganz und gar aus Metall erschaffen und doch lebendig. Gro� wie ein Pferd kam er Narek vor, der unwillk�rlich ein St�ck zur�ckwich. Totenstille lag jetzt auf dem weiten Hof. Alle starrten den L�wen des Unsterblichen an. Jeder hatte schon Geschichten �ber ihn geh�rt.</p><p>�Ich w�nschte, wir w�rden den ganzen Weg zu Fu� hinter uns bringen�, fl�sterte Narek. �Ich gehe gerne zu Fu�.�</p><p>�Ich nicht�, entgegnete Ashot. �Mir haben die letzten Wochen gereicht. Meine F��e sind wund, und bis zur Ebene von Kush sind es noch mehr als tausend Meilen. Oder aber ein paar Schritt.�</p><p>�Wir w�rden so viele wunderbare Orte sehen �� Narek verstummte. Zwei Schlangen aus kaltem, blauem Licht wanden sich aus dem Sand inmitten des Hofes. Ihre Leiber b�umten sich auf und neigten sich einander zu, bis sie einen schillernden Lichtbogen bildeten. Und zwischen ihnen �ffnete sich ein Tor aus Dunkelheit.</p><p>�Schei�e, da gehe ich nicht durch.�</p><p>�Du m�chtest also lieber bei den freundlichen Palastdienern bleiben? Nach dem Auftritt von eben halten sie dir sicher einen Ehrenplatz in der L�wengrube frei.�</p><p>�Du warst es doch! Ich hab gar nichts ��, begehrte Narek auf.</p><p>�Stimmt, wie konnte ich das vergessen. Diese Speichellecker sind ber�hmt f�r ihren Gerechtigkeitssinn. Sie werden dir sicher nichts antun.� Ashot erhob sich.</p><p>Ihre Scharf�hrer riefen Befehle und ordneten die M�nner in eine lange Reihe. Aleksan, der Werber, der in ihr Dorf gekommen war, trat ihnen entgegen. Er war ein bulliger Kerl mit einem Rotstich in seinem dunklen Bart und unfreundlichen Schweins�uglein. �Los, ihr Hasenherzen! Ich bin schon ein Dutzend Mal durch dieses Tor gegangen. Bleibt auf dem Weg, und euch wird nichts geschehen. Aber wenn ihr hierbleibt �� Er hob seinen knotigen, armlangen Stock. �Wer glaubt hierbleiben zu m�ssen, wird mit meinem Kn�ppel tanzen.�</p><p>�Ich kann da nicht durchgehen.� Narek schlotterten die Knie. �Ich geh nicht in die Finsternis.�</p><p>Ashot packte ihn bei der Hand und zerrte ihn hoch. �Du wirst jetzt nicht kneifen, Mann! Was soll denn Daron von dir halten, wenn er h�rt, dass du Angst im Dunkeln hast?�</p><p>Narek schluckte. �Davon haben die Werber nichts gesagt. Ich habe mich gemeldet, um die Luwier zu vertreiben, die zusammen mit den Ischkuzaia in unser K�nigreich einfallen wollen, um unsere Frauen zu sch�nden und unsere Kinder in die Sklaverei zu treiben. Ich bin nicht hier, um �ber den Abgrund zwischen den Welten zu schreiten.�</p><p>�Diese Ammenm�rchen hast du wirklich geglaubt? Du meinst, wir verteidigen die Freiheit unseres Dorfes in Kush? Hast du allen Ernstes gedacht, irgendwelche Pl�nderer w�rden bis nach Belbek kommen?� Ashot zog ihn mit sich. �Ich seh schon, ich muss dein Kinderm�dchen spielen.�</p><p>�Du meinst, die Werber, die im Auftrag des Unsterblichen durch das Land gezogen sind, haben uns angelogen?� Das konnte nicht sein! Narek konnte sich nicht vorstellen, dass jemand, der im Namen des Unsterblichen Aaron sprach, es wagen w�rde, L�gen zu erz�hlen.</p><p>�Was glaubst du, warum niemand mitgekommen ist?�, fragte Ashot. �Du bist der Einzige, der ihnen auf den Leim gegangen ist. Tut mir leid.�</p><p>�Aber du bist doch auch hier.�</p><p>�Ich bin hier, weil mir Belbek nichts mehr zu bieten hatte. Mein Leben ist vor�ber. F�r mich gibt es nichts mehr. Aber ich werde es nicht so machen wie mein Vater � Mir muss schon ein Luwier den Rest geben.�</p><p>�Du willst sterben?�</p><p>�Das ist wohl die einzig vern�nftige Konsequenz, wenn einem das Leben nichts mehr zu bieten hat.�</p><p>�Aber ich bin doch dein Freund. Ich werde dir helfen. Warum sagst du denn nichts zu mir? Freunde sind dazu da, dass man mit ihnen seine Sorgen teilt. Ich werde dich in der Schlacht besch�tzen.� Narek h�rte Ashot scharf einatmen, aber dann sagte sein Gef�hrte doch nichts.</p><p>Sie waren nur noch wenige Schritt von dem unheimlichen Tor entfernt. Die M�nner, die hindurchtraten, verschwanden einfach. Narek sah keine Schattenrisse von ihnen. Nichts. Obwohl er deutlich einen goldenen Pfad erkennen konnte, der durch die Finsternis f�hrte.</p><p>�Weicht nicht vom Pfad ab�, ermahnte ein in Rot und Gold gewandeter Priester jeden, der durch das Tor trat.</p><p>�Denk an die Geschichte, die du Daron erz�hlen kannst�, sagte Ashot pl�tzlich und dr�ckte seine Hand. Dann waren sie an der Reihe.</p><p>Narek sp�rte sein Herz wie rasend schlagen. Ashot zog ihn hinter sich her in die Dunkelheit. Narek blickte hinab auf seine F��e. Da war kein fester Boden mehr. Nur dieses goldene Leuchten, in das er ein wenig einsank, als ginge er �ber schlammigen Grund. Doch nichts haftete an den Sohlen seiner Sandalen. Er staunte. Das eigenartige Licht hatte etwas an sich, das ihn Hoffnung sch�pfen lie�. Vielleicht w�rde der Abgrund zwischen den Welten ihn ja doch nicht verschlingen.</p><p>Sie traten in helles Licht. Jetzt war staubiger Boden unter ihren F��en. Ringsherum kauerten M�nner, w�hlten mit ihren H�nden im Sand und dankten lauthals den G�ttern. Auch Narek sank auf die Knie. Er k�sste den Sand. Als er aufsah, traf ihn Ashots sp�ttisches L�cheln. �Kennst du keine Dankbarkeit mehr?�</p><p>�Warum sollte ich mich bedanken, etwas behalten zu haben, auf dessen Besitz ich keinen Wert mehr lege?�</p><p>�Niemandem ist es gleichg�ltig, ob er lebt oder tot ist. Du kannst mir nichts vormachen.�</p><p>Ashot blieb ihm eine Antwort darauf schuldig.</p><p>�Auf die Beine mit euch�, rief Aleksan und unterstrich seine Worte mit drohend erhobenem Kn�ppel. �Wir m�ssen noch �ber den Fluss. Wenn wir das Heerlager erreicht haben, k�nnt ihr den Sand k�ssen oder mit ihm treiben, was euch sonst noch in den Sinn kommt. Aber jetzt werdet ihr laufen.�</p><p>Die M�nner formierten sich zu einer Kolonne. Narek sah sich um. Was f�r eine trostlose Gegend. In seiner Vorstellung war Kush immer ein gr�nes Tal gewesen, umstanden von schneegekr�nten Gipfeln. Ein paar Meilen n�rdlich erhob sich tats�chlich ein Wall rotbrauner Berge. Reihe auf Reihe stiegen sie immer weiter dem Himmel entgegen, wie eine Treppe, die f�r Riesen erschaffen worden war. Er h�tte so gerne einmal Schnee gesehen! Und sei es nur von ferne.</p><p>Sie passierten eine flache H�gelkette und stiegen in ein ausgetrocknetes Flussbett hinab. Jeder ihrer Schritte wirbelte roten Staub auf. Er lie� die Zunge verdorren und brannte in den Augen. Narek holte den Kiesel aus seinem Beutel und schob ihn in den Mund. Ein wenig Speichel sammelte sich unter seiner Zunge und machte die D�rre ertr�glicher.</p><p>Jenseits des Flussbetts erstreckte sich eine endlose Ebene, �ber die sich vereinzelt flache H�gel erhoben. Nicht weit entfernt entdeckte Narek ein paar B�ume. Dort standen auch Zelte. Er h�rte ein Maultier schreien. Auf einem H�gel, etwa eine Meile entfernt, loderte eine Flamme empor. Eine einzelne Gestalt stand bei dem Feuer. Sonnenlicht brach sich funkelnd auf seinem goldenen Helm. Das musste der Unsterbliche Aaron sein, dachte Narek. Er war gekommen, um sie zu gr��en. Stolz erf�llte den Bauern aus Belbek. Er w�rde seinem Herrscher gut dienen, und in weniger als einem halben Jahr, wenn das alles hier vor�ber war, w�rde er Daron eine wunderbare Geschichte erz�hlen. Eine Geschichte �ber sich, Narek. Und nicht �ber Artax, der nach Nangog gegangen war, oder ein M�rchen von seiner Mutter. Jetzt war es an ihm, ein gro�es Abenteuer zu erleben!</p></section><section><title><p>Von der Gnade, ein Unsterblicher zu sein</p></title><p>Artax beobachtete die Kolonne der neuen Rekruten, die durch das staubige Flussbett zum Lager hinaufmarschierte. Mehr Fleisch f�r den Altar der G�tter, dachte er bitter und blickte auf die Flamme, die er auf dem schlichten Altarstein vor sich entz�ndet hatte. Mochten die G�tter das Leben dieser M�nner besch�tzen, dachte er traurig. Er konnte es nicht. Die Ereignisse hatten ihn �berrollt.</p><p><emphasis>Was z�hlen ein paar Bauern? Sie wachsen nach wie Korn auf den �hren. Sie sind ohne Bedeutung</emphasis>, meldete sich die Stimme Aarons in ihm.</p><p>�Auch ich bin Bauer.�</p><p><emphasis>Dann wei�t du ja jetzt, wie viel du in dieser Welt bedeutest</emphasis>, hallte es in seinen Gedanken.</p><p>Die Flamme auf dem Altar schoss empor, als habe er �l ins Feuer gesch�ttet. Erschrocken wich Artax zur�ck. Eine Gestalt erschien inmitten der Flammen. Ein gro�er, l�wenh�uptiger Krieger. Leichtf��ig sprang er vom Altar. Er war nackt. Seine Muskeln schimmerten im Sonnenlicht, als seien sie soeben erst gesalbt worden. Wohlgeruch ging von dem Devanthar aus, als sei er geradewegs aus einem Garten mit bl�henden Rosen gekommen.</p><p>Artax unterdr�ckte den Impuls, sich zu Boden zu werfen. Er war der Einzige in seinem K�nigreich, dem es zustand, vor dem Gott aufrecht zu stehen. Unter allen Sterblichen hatte der L�wenh�uptige ihn, einen Bauern, der in Nangog sein Gl�ck gesucht hatte, auserw�hlt. Artax wusste, welch g�nstiges Schicksal dies gewesen war, und ihm war auch bewusst, dass der Devanthar ihn ersetzen w�rde, sollte er dessen Missfallen erregen. Fr�her hatte er oft seinen Tr�umen nachgehangen. Nun konnte er Tr�ume Wirklichkeit werden lassen. Er, ein Bauer aus Belbek, hatte die Liebe einer Prinzessin gewonnen.</p><p><emphasis>Nur dass sie nicht wei�, dass du ein Bauer warst.</emphasis></p><p>Artax ignorierte die Stimme. Er konnte die ganze Welt ver�ndern, wenn er nur entschlossen genug daf�r k�mpfte.</p><p>�Du hast mich gerufen, Aaron, Herrscher aller Schwarzk�pfe. Du zweifelst an mir?�</p><p>�Ich brauche g�ttlichen Beistand.� Er blickte in die bernsteinfarbenen Augen des Devanthar. Die geschlitzten Pupillen des L�wenh�uptigen verengten sich zu schmalen Strichen. �Sprich.�</p><p>�Ich m�chte das unsinnige Blutvergie�en verhindern. Diese Schlacht wird Tausende das Leben kosten.�</p><p>�Gib die Provinz Garagum auf. Erkl�re Muwatta zum Sieger in eurem Streit, und kein Blut wird vergossen werden. Dein Stolz wird leiden. Dein Traum, vor den Devanthar im Gelben Turm zu sprechen, wird zu Asche zerfallen. Aber du wirst deine Bauern vor den Eisenschwertern der Luwier gerettet haben. Allerdings hast du mich dann mit deinem wenig k�niglichen Verhalten vor meinen Br�dern und Schwestern zum Gesp�tt gemacht. Auch das hat einen Preis.�</p><p><emphasis>Du wirst doch jetzt nicht deine hehren Prinzipien aufgeben, mein Freund. Was ist schon ein Leben gegen das Leben Tausender</emphasis>, spottete Aarons Stimme.</p><p>�Muwatta ist ein schlechter Herrscher. Warum zieht ihr ihn nicht zur Verantwortung?�</p><p>�Weil sich I�ta, meine gefl�gelte Schwester, von ihm gut unterhalten f�hlt.�</p><p>�Ist das alles, wozu ihr uns Menschen erschaffen habt? Zu eurer Unterhaltung?�</p><p>Der L�wenh�uptige gab einen leisen Kehllaut von sich. �Du glaubst gar nicht, wie langweilig die Ewigkeit sein kann. Sind damit all deine Fragen beantwortet? Wie du siehst, bedarf es zur L�sung deiner Probleme keines Gottes. Dein Schicksal und das deines Reiches liegen allein in deiner Hand, Artax.�</p><p>�Aber die Daimonenkinder kommen nach Nangog!� Artax deutete auf das ferne Feldlager jenseits des trockenen Flusses. �Nicht Muwatta ist die Sorge dieser Welt. Du wei�t, wie �berm�chtig die Daimonenkinder sind. Wir m�ssen uns ihnen vereint entgegenstellen, sonst werden sie uns Nangog entrei�en. Und ohne Nangog wird es in allen sieben K�nigreichen schreckliche Hungersn�te geben.�</p><p>�Was wei�t du schon �ber Zapote oder das K�nigreich der Schwimmenden Inseln! Du glaubst, du kennst die Welt, Artax? Du? Ein Bauer!�</p><p>�Wenn ich eine Ratte beim Vorratsspeicher sehe, dann wei� ich, dass es dort noch mindestens zehn andere gibt, die meinen Blicken verborgen geblieben sind. Und wenn ich nichts unternehme, werden die Ratten einen �ppigen Winter haben und ich einen Fr�hling des Hungers. Wir m�ssen gegen die Daimonenkinder vorgehen. Alle gemeinsam. Und wir m�ssen es fr�h und entschlossen tun.�</p><p>Der Devanthar bleckte die Fangz�hne zur Karikatur eines Lachens. �Glaubst du wirklich, mit solchen Bauernweisheiten beeindruckst du meine Br�der und Schwestern? Sieh dorthin, zu deinem Feldlager. Sieh, wie deine Untertanen voller Verz�ckung und Angst im Staub liegen. Was glaubst du, warum ich durch die Flammen getreten bin? Um sie zu beeindrucken. Und um dein Ansehen zu st�rken. Du sprichst mit einem lebenden Gott und wimmerst nicht vor einem l�cherlichen Altarbild. Keiner von denen dort unten wird bis ans Ende seiner Tage vergessen, was er gerade gesehen hat. Du willst die Aufmerksamkeit der Devanthar, Artax? Leiste dir einen Auftritt, der meine Br�der und Schwestern beeindruckt, und ich werde dich in den Gelben Turm bringen. Fege das Heer Muwattas von dieser Ebene. Nur wenn du hier Gr��e zeigst, werden dir auch die anderen Unsterblichen folgen. Siegt Muwatta, wird er endg�ltig zum M�chtigsten unter euch.�</p><p>Artax sch�ttelte den Kopf. �Was du verlangst, ist unm�glich. Ich kann lediglich f�nftausend ausgebildete Krieger aufbieten. Die �brigen sind Bauern und Handwerker, die noch nie auf einem Schlachtfeld gestanden haben. Muwatta hingegen hat mindestens zwanzigtausend erprobte K�mpfer. Und seine M�nner haben Eisenklingen. Dort unten wird es keine Schlacht geben. Was dort stattfinden wird, ist ein Massaker!�</p><p>�Die Devanthar haben sich noch nie versammelt, weil ein Mensch es w�nschte. Du w�nschst das Unm�gliche von mir, und ich werde deinen Wunsch erf�llen, wenn du vollbringst, was meine Br�der und Schwestern f�r unm�glich halten. G�tter werden dir zusehen, Artax, wenn du dein Heer in die Schlacht f�hrst. Siege, und du wirst erreichen, was noch keinem Menschen vor dir verg�nnt war. Verweigere die Schlacht, und du verwirkst die Gnade, ein Unsterblicher zu sein.�</p><p>Artax blickte zum Feldlager. Es war zu weit entfernt, als dass er h�tte sagen k�nnen, ob seine Untertanen sich vor dem Gott in den Staub geworfen hatten. War das ihr Schicksal, im Staub zu liegen? Was z�hlte ihr Leben gegen die Zehntausenden, die sterben w�rden, wenn Nangog an die Daimonenkinder verloren ging?</p><p>Wollten die Daimonenkinder �berhaupt Nangog an sich rei�en? Doch warum sonst w�re er ihnen dort zwei Mal begegnet? Was hatten sie in der Kristallh�hle zu suchen gehabt? Aaron hatten sie get�tet und ihn beinahe. Er dachte an das Gemetzel, das sie unter seinen und Shayas M�nnern angerichtet hatten. Es war mit ihnen wie mit den Ratten. Bestimmt waren noch mehr von ihnen auf Nangog, und wenn eines gewiss war, dann dass ihnen nicht das Wohlergehen der Menschen am Herzen lag.</p><p>�Ich werde k�mpfen�, sagte Artax leise, aber bestimmt.</p><p>Der L�wenh�uptige schenkte ihm sein schreckliches L�cheln, sprang auf den Altar, hob die Arme gen Himmel und verging in einer Flamme.</p><p><emphasis>Wie selbstlos! Wir sind zutiefst ger�hrt, Artax.</emphasis></p><p><emphasis>Schweig! Du hast nie eine solche Entscheidung getroffen. Was wiegt das Leben einiger Tausend gegen das Schicksal einer Welt?</emphasis> Selbst in Gedanken klang seine Stimme fremd in seinen Ohren. Schrill vor Verzweiflung. <emphasis>Du kennst mich nicht, Aaron!</emphasis></p><p><emphasis>Wir sind mehr als ein Dutzend Leben, Artax. Wie viel Niedertracht oder Gr��e mag es geben, die wir nicht selbst durchlebt haben? Wir alle waren verschieden. Das ist es, was den Devanthar an uns reizt. Er will beobachten, wie die Last der Herrschaft unser Herz und unseren Charakter ver�ndert. Eisen gewinnt seine H�rte unter dem Hammer des Schmiedes, habe ich mir sagen lassen. So ist es auch mit unseren Herzen. Tag um Tag, Stunde um Stunde ist das Herz des Herrschers den Hieben des Schicksals ausgeliefert. Mehr, als ein Bauer es sich je vorstellen k�nnte, Artax. Auch du wei�t nun darum. Und du wei�t auch, dass du l�ngst begonnen hast, dich zu ver�ndern.</emphasis></p><p>�Keiner von euch war je wie ich! Ich habe eine Vision von einer Welt, die ein besserer Ort f�r die einfachen Menschen sein wird. Und von meinem Teil, den ich dazu beitragen kann. Ich wurde nicht in Seidenwindeln geboren. Ich wei�, was es hei�t zu hungern. Ich werde die Welt davor bewahren � und vor der Willk�r von Herrschern wie dir und Muwatta!�</p><p>Nach einer kurzen Pause fl�sterte Aaron s�ffisant: <emphasis>Bist du dir ganz sicher, dass es darum geht? Oder versteckst du dich hinter gro�en Worten und hast dich in Wahrheit nur f�r ein einziges Leben entschieden? Deines!</emphasis></p></section><section><title><p>Am Ende der Welt</p></title><p>Barnaba lehnte an einem hausgro�en Felsblock und blickte keuchend in das weite Tal hinauf. Jetzt war ihm klar, warum niemand hierherkam. Die Monde der Wanderschaft hatten ihn abgeh�rtet, aber der Aufstieg in dieses Tal hatte ihn an die Grenzen seiner Kraft gebracht. Da gibt es nichts au�er dem Regenbogen und Einsamkeit, hatten die Ziegenhirten erz�hlt, die zu den Bergweiden weiter s�dlich von hier gezogen waren. Dabei hatten sie verstohlene Blicke getauscht, als g�be es etwas, das sie verschwiegen. Es waren diese Worte und Blicke, die Barnaba verf�hrt hatten, schon als er sie das erste Mal h�rte. Ein Tal der Einsamkeit mit einem Regenbogen � Er wischte sich mit dem �rmel �ber die Stirn.</p><p>Von ferne h�rte er das Rauschen eines Wasserfalls, sehen konnte er ihn aber noch nicht. Er brauchte Einsamkeit, um eine Entscheidung zu treffen. Dazu musste seine Seele Frieden finden. Seit dem Massaker an den Priestern Arams tr�umte er davon, seine Br�der zu r�chen. Er stellte sich vor, wie er in den Palast des Unsterblichen Aaron schlich und dessen Unverwundbarkeit mit einem langen Dolch auf die Probe stellte.</p><p>Auf seinem Weg hierher hatte er die langen Kolonnen marschierender Krieger gesehen. Es w�rde eine Schlacht auf der Hochebene Kush geben. Einen Kampf, wie ihn die beiden Provinzen Garagum noch nicht gesehen hatten. Hunderttausend M�nner sollten aufeinandertreffen. Bis in die einsamsten D�rfer hatte es sich herumgesprochen, und an jedem Ort, den Barnaba in den letzten Monden durchquert hatte, wurden Vorr�te beschlagnahmt. Das ohnehin schon karge Bergland wurde gepl�ndert, um die Todgeweihten zu f�ttern. Und all dies hatte mit dem Irrsinn begonnen, einem Daimonenkind unbedingt ein Himmelsgrab schenken zu wollen.</p><p>Tr�nen der Wut stiegen dem ausgemergelten Priester in die Augen, wenn er daran dachte. An die Willk�r des Tyrannen Aaron. Ein Leben z�hlte nichts f�r den Unsterblichen. Tausend Leben waren ein Furz. Wie viel Blut musste flie�en, bis Aaron begann, �ber seine Untaten ins Gr�beln zu geraten?</p><p>Wenn er nur an Aaron herank�me! Juba, der Bluthund des Unsterblichen, war fast immer in dessen N�he. Und Juba war es auch gewesen, der das Massaker an den Priestern befehligt hatte. Er war Aarons Feldherr, der Befehlshaber seiner Leibwache, sein Vertrauter. Er wachte �ber jeden, der in die N�he des Herrschers wollte. Wie k�me er an Juba und den Leibwachen vorbei? Dar�ber zermarterte er sich seit Monden den Kopf. Gewiss nicht als Priester, dar�ber war sich Barnaba im Klaren. Die Priesterschaft hatte jegliches Vertrauen des Herrschers verloren. Noch so ein Irrsinn! Wie konnte Aaron glauben, ein Volk lenken zu k�nnen, ohne ihm geistlichen Trost zu gew�hren! Aaron war verr�ckt! Das war die eine Antwort, die all seinen Taten Sinn einhauchte. Aram wurde von einem Wahnsinnigen beherrscht. Aber warum lie�en die Devanthar ihn gew�hren?</p><p>Barnaba stie� einen tiefen Seufzer aus. Was taten die G�tter? Und was trieb ihn, sich anzuma�en, sich als Richter und Henker in ihre Spiele einzubringen? Er war nur ein Priester. Und ganz offenbar kein besonders guter, wenn er �ber einen Mord nachdachte.</p><p>Er stie� sich von dem gro�en Felsblock ab. Seine Beine schmerzten. Seine Kehle brannte. Das Ger�usch des fallenden Wassers machte seinen Durst noch schlimmer.</p><p>Es gab keinen Pfad in diesem Tal. Nicht einmal einen Wildwechsel hatte er bislang entdecken k�nnen. Der Boden war mit losem Ger�ll bedeckt, zwischen dem k�mmerliche Grasb�schel gediehen. Es gab kaum noch Gr�n in dieser H�he. Keinen einzigen Baum. Nur vom Wind geduckte B�sche.</p><p>Es war m�hsam, sich einen Weg �ber das Ger�ll zu erk�mpfen. Er hatte kaum einen Blick f�r die seltsamen Felsw�nde. Breite, blaugraue B�nder liefen durch das r�tliche Gestein. Manchmal auch ein schmaler, wei�er Streifen. Einige der Steilw�nde waren so glatt, als sei das Gestein mit einem riesigen Messer durchtrennt worden.</p><p>Sein Atem ging keuchend. Schwei� rann ihm in die Augen. Endlich erreichte er eine Stelle, an der das Tal einen scharfen Rechtsknick machte. Er umrundete einen in den Himmel ragenden Felsturm, und der Anblick, der sich ihm bot, lie� ihm das Herz aufgehen. Keine hundert Schritt entfernt st�rzte ein Wasserfall ins Tal. Er war kaum zwei Arml�ngen breit, aber das Wasser schien direkt aus dem Himmel zu kommen. Barnaba musste den Kopf weit in den Nacken legen, um die Felskante zu sehen, �ber die sich der wei�e Wasserschleier ins Tal hinabst�rzte. Eine Brise zerrte an dem Gazeschleier aus feinem Dunst, der das hinabschie�ende Wasser umspielte. Und inmitten des Dunstes erbl�hte ein Regenbogen.</p><p>Barnaba mochte sich gar nicht sattsehen an dem Schauspiel. Sein Durst war vergessen. Diesen Ort hatten die G�tter erschaffen, um einen Mann allen Weltschmerz vergessen zu lassen. Hier w�rde er endlich seinen Frieden finden!</p><p>Als er den Blick schlie�lich senkte, schmerzte sein Nacken, so lange hatte er zum Regenbogen hinaufgeblickt. Der Wasserfall ergoss sich in einen kleinen See, um den eine Gruppe B�ume voller wei�er Bl�ten stand. Eine einzelne, wilde Rose klammerte sich an die Felswand.</p><p>Barnaba sah sich skeptisch um. Es gab keine Anzeichen, dass jemals Menschen hier gewesen waren und versucht h�tten, der Wildnis ihren Stempel aufzupr�gen. Abgesehen von den bl�henden B�umen und der Rose. Eigentlich lag das Tal zu hoch, als dass hier B�ume h�tten gedeihen d�rfen.</p><p>Er ging zum Teich, lie� seinen schweren Wanderstab fallen und kniete nieder. Bevor er trank, betete er und dankte dem L�wenh�uptigen und den G�ttern f�r die Gnade, ihn an diesen abgeschiedenen Ort gef�hrt zu haben. Dann tauchte er sein Gesicht ins Wasser. Es war so kalt, dass er erschrocken zur�ckzuckte. Wahrscheinlich kam das Wasser geradewegs von dem Gletscher, der sich wie ein langer, wei�er Bart vom Haupt des Berges, der das Tal �berragte, gen S�den streckte. Irgendwo hinter diesem Berg lag der Gelbe Turm, der Sitz der G�tter.</p><p>Barnaba sch�pfte mit der flachen Hand Wasser aus dem Teich. Er trank nur wenig. Er wusste, dass das kalte Wasser seinem K�rper schaden w�rde, so erhitzt, wie er nach dem langen Anstieg war.</p><p>Ein St�ck abseits des Teiches entdeckte er Ziegenk�tel. Er hob einige auf und zerrieb sie pr�fend zwischen den Fingern. Die meisten waren gut durchgetrocknet, aber nach einigem Suchen fand er auch frischen Kot. Das war gut! Damit war f�r sein Feuer gesorgt. B�sche gab es hier zu wenige, um mit ihrem d�rren Astwerk �ber den Winter zu kommen. Aber die Ziegenk�tel w�rden eine gute Glut geben.</p><p>Barnaba sah sich weiter um. �ber das Tal hatte er nur Ger�chte geh�rt, nichts Konkretes. Nat�rlich sollte es hier auch spuken. Der Priester l�chelte und dachte an seinen Lehrmeister Abir Ata�, den Hohepriester, den Aarons Schergen im Kerker ermordet hatten. Sein Meister hatte ihm gerne erz�hlt, dass es eine seiner Aufgaben gewesen war, sein Leben lang den Geschichten �ber Geister und Daimonen nachzusp�ren. Zwei Mal war Abir Ata� einer Elfe begegnet. Andere Geister hatte er niemals gefunden. Die Spukgeschichten w�rden daf�r sorgen, dass er hier seine Ruhe hatte, dachte Barnaba. Wichtig war, dass er einen gesch�tzten Platz fand. Eine H�hle, eine tiefe Felsspalte, einen Ort, der ein wenig W�rme hielt und an dem er den Winterst�rmen trotzen konnte. Wenn er den fand, dann war dies hier sein Tal.</p><p>Er lie� den Blick �ber die Felsw�nde wandern, streifte umher, beobachtete, wie der wechselnde Stand der Sonne Schatten durch das Tal wandern lie�. Manchmal hatte er das Gef�hl, beobachtet zu werden. Einige Male drehte er sich abrupt um. Doch da war nichts. Barnaba schob dieses irrige Gef�hl darauf, dass er sich an die Einsamkeit erst noch gew�hnen musste. Er war daf�r nicht geschaffen. Bis die Priestermorde ihn zur Flucht gezwungen hatten, war er ein geselliger Mensch gewesen. Er hatte damals keine Wahl gehabt. Und Abir Ata� hatte richtig entschieden! Sie hatten nicht zulassen k�nnen, dass ein Daimonenkind so ehrenvoll wie ein Held der Menschenv�lker bestattet wurde. Es hatte ein Zeichen gegen die Willk�r Aarons gesetzt werden m�ssen. Es war kein Fehler gewesen, dass sie den Flugrahmen vor der Totenfeier beschwert hatten, sodass er mit der Daimonenleiche in den Abgrund st�rzte, statt in den Aufwinden �ber dem Weltenmund zu segeln. Wie h�tte er damals ahnen k�nnen, dass Aaron daf�r Rache an Hunderten Priestern nehmen w�rde!</p><p>Barnaba sah sich zweifelnd in dem engen Tal um. W�rde er die Einsamkeit ertragen? Wahrscheinlich w�nschte er sich tief im Herzen, nicht allein zu sein. Das war der Acker, auf dem der Irrglaube gedieh, beobachtet zu werden. Vielleicht gab es auch irgendwo in den Klippen einen Ziegenbock, der �rgerlich auf den Eindringling in sein Revier hinabblickte. Der Priester l�chelte. Er w�rde lernen, mit diesem Gef�hl umzugehen.</p><p>Endlich fand er am Fu� einer Klippe einen breiten Spalt, den ein Felsklotz gegen den Nordwind abschirmte. Barnaba zw�ngte sich hindurch und stie� einen unvermittelten Freudenschrei aus, als sich der Spalt in eine H�hle weitete. Sie war nicht allzu gro�. An den meisten Stellen m�sste er geduckt gehen. Wie tief sie war, konnte er im Zwielicht nicht absch�tzen. Sie verlor sich im Dunkeln.</p><p>�Hier kommen wir �ber den Winter!� Er schmunzelte, als er sich bewusst wurde, dass er schon wieder Wir gesagt hatte. Das war eine Marotte, die er sich auf seinen langen, einsamen Wanderungen angew�hnt hatte. Er sprach mit sich selbst und dabei verwendete er stets ein Wir. Auch dies half ihm, sich weniger einsam zu f�hlen. Ihm war bewusst, dass er langsam absonderlich wurde. Aber Heiligen M�nnern stand es gut, etwas absonderlich zu sein.</p><p>Wenn er anerkannt absonderlich w�re, h�tte er es auch leichter mit den halb wilden Nomaden in den Bergen. Er brauchte sie, um hier leben zu k�nnen. Die paar Wurzeln hier im Tal w�rden ihn nicht lange n�hren, und er hatte keine Ahnung, ob die B�ume am Teich essbare Fr�chte tragen w�rden. Er w�rde alle zwei oder drei Wochen in die tiefer gelegenen T�ler wandern m�ssen, um Gebete gegen Hirse, Bohnen, Reis und harten K�se einzutauschen. Ein Priester, der zur Gefl�gelten Sonne betete, z�hlte hier nichts, das hatte er schon gelernt. Aber ein absonderlicher, wilder Mann, der mit den G�ttern sprach � Barnaba l�chelte versonnen. �Wir schaffen das!�</p><p>Zu seiner �berraschung fand er eine Feuerstelle in der H�hle. Aber selbst im sp�rlichen Licht war zu erkennen, dass sie seit vielen Jahren nicht benutzt worden war. Beruhigt machte er sich auf die Suche nach ein paar trockenen Grasb�scheln und Ziegendung.</p><p>Bis zur D�mmerung hatte er sich in der H�hle eingerichtet. Neben dem Feuer lag ein beachtlicher Haufen trockenen Reisigs. Zwei Stunden hatte er gebraucht, um ihn zusammenzutragen. Und er hatte das halbe Tal daf�r gepl�ndert. Aber er war neugierig. Er wollte sehen, wo er hier war. Eine Fackel konnte er ohne Lumpen und Lampen�l oder einen harzbedeckten Ast nicht herstellen. Er konnte nur sein Feuer hell auflodern lassen. Ein paar Augenblicke lang.</p><p>Barnaba hatte etwas warmen Hirsebrei gegessen und sich eine Handvoll des streng rationierten Ziegenk�ses geg�nnt. Seit fast einem halben Jahr hatte er kein Fleisch mehr gegessen, weil er geh�rt hatte, dass sich dann der Geist �ffnete. Er wollte den G�ttern nahe sein. Wollte verstehen, was die Welt im Innersten zusammenhielt. Warum ein Mann wie Aaron herrschen durfte.</p><p>Heulender Wind fing sich im H�hleneingang. Barnaba streckte seine Glieder. Er f�hlte sich wohl. �Nun werden wir unserer Neugier huldigen.�</p><p>Er nahm das Reisig, warf es in die Glut aus Ziegendung und richtete sich auf.</p><p>Zwei Herzschl�ge nur, und die Flammen schlugen fast h�fthoch. Die H�hle war lang und schmal. Ein wenig gekr�mmt. Wie ein Horn verj�ngte sie sich nach hinten. Ganz am Ende klaffte ein dunkler Spalt. Die Decke war mit Zeichnungen von Wildziegen und seltsam zotteligen K�hen bedeckt, wie Barnaba sie noch nie gesehen hatte. Dazwischen tauchten als einfache Strichzeichnungen Menschen auf. Wie alt diese Bilder wohl waren? Der K�nstler hatte nur drei Farben besessen, wie es schien � Wei�, Schwarz und ein Rotbraun. F�r diese beschr�nkten Mittel waren die Bilder erstaunlich lebendig und ausdrucksstark geraten.</p><p>Barnaba warf den letzten Rest Reisig ins Feuer. Einem der Menschen sprossen gegabelte H�rner aus dem Kopf. Er trug einen Speer, wie es schien, und sein ausgestreckter Arm wies auf das Ende der H�hle, auf den dunklen Spalt.</p><p>Schon sanken die Flammen erneut in sich zusammen. Barnaba entdeckte einen kaum fingerdicken Ast, um den kleine Flammenzungen spielten. Er zog ihn aus dem Feuer und eilte zum Ende der H�hle. Schon drohte das unstete Licht zu vergehen.</p><p>Der Priester warf sich auf die Knie, zw�ngte sich in den Spalt und hielt den Ast vorgestreckt. Der Spalt setzte sich in die Tiefe des Berges fort. Barnaba hob die Fackel ein wenig h�her und fuhr erschrocken zur�ck. Von oberhalb des Einstiegs starrten ihn zwei riesige Augen an!</p><p>Die winzigen Flammen zogen sich in die rote Glut zur�ck. Mit klopfendem Herzen starrte Barnaba auf den Felsspalt. Dann nahm er all seinen Mut zusammen und kroch noch einmal zur�ck. �Hallo?�</p><p>Seine Stimme brach sich in der Felsspalte. Er erhielt keine Antwort.</p><p>Auch sein k�mmerliches Lagerfeuer war zu dunkler Glut geworden und spendete kaum noch Licht.</p><p>�Ist da jemand?�, rief er.</p><p>Wieder antwortete nur ein Echo.</p><p>Bevor die Glut des Astes vollends verlosch, streckte Barnaba noch einmal seinen Arm in die Spalte und blickte zu den Augen hinauf. Sie waren nur gemalt. Er stie� einen langen Seufzer aus. Die Iris der Augen war von hellem, eindringlichem Gr�n. Wer immer das gezeichnet hatte, schien sich gro�e M�he gegeben zu haben, diese Farbe genau zu treffen. Barnaba hatte dieses Gr�n bei keiner der anderen Zeichnungen bemerkt.</p><p>�Was sind wir doch f�r ein Hasenfu߫, murmelte er halblaut. Was die Augen wohl bedeuteten? Er blickte zur Decke, wo er die Strichfiguren, die mit verkohlten �sten gezeichnet worden waren, mehr erahnen als sehen konnte. �Wer wart ihr? Und wohin seid ihr gegangen? Hat euch etwas vertrieben?�</p><p>Barnaba dachte an das Gef�hl, beobachtet worden zu sein. Dann lachte er laut auf. Selbst wenn es hier einmal irgendein Gesch�pf gegeben hatte, das die ersten Bewohner dieser H�hle ge�ngstigt hatte, musste es doch schon seit Jahrhunderten tot sein. Die Zeichnungen waren uralt!</p><p>�Das Einzige, was hier erschreckend ist, ist unsere bl�hende Fantasie�, sagte Barnaba mit sehr lauter Stimme. Fast h�tten ihn seine Worte �berzeugt.</p></section><section><title><p>Pferdehandel</p></title><p>Als Shaya die Augen aufschlug, blickte sie in das Antlitz ihres Vaters. Er wirkte besorgt! Zum ersten Mal seit so vielen Jahren. Tat sie ihm leid? Oder war sie schon einf�ltig geworden? Ihr Verstand aufgespie�t � Sie blinzelte. Ihre Augen schmerzten nicht. Bedeutete dies, dass nichts geschehen war? Oder dass der Heiler besonders gut sein Handwerk verstand?</p><p>�Ist es gegl�ckt, Miau?�</p><p>�Ich �be meine Kunst seit vielen Jahren aus, allweiser Madyas. Deshalb wurde ich auserw�hlt, um hier behilflich zu sein.�</p><p>�Belehre mich nicht!�, zischte der Unsterbliche. �Ist es gegl�ckt, oder muss ich f�rchten, dass sie Shaya vierteilen?�</p><p>Der Heiler senkte dem�tig das Haupt. �Es lag nicht in meiner Absicht, mich dem Unsterblichen Madyas gegen�ber schulmeisterlich zu verhalten. Ich bitte dem�tig um Verzeihung, sollte meine Wortwahl den Eindruck erweckt haben, dass ��</p><p>�Schei� auf Verzeihung!�, polterte ihr Vater los. �Ich will wissen, ob es der Mistkerl merkt, wenn er seinen Schwanz in sie steckt. Dann verlangt er n�mlich die G�ule zur�ck. Und antworte gef�lligst klar und ohne dein �bliches hochn�siges Getue, Miau! Glaube nicht, ich sei dumm und w�rde den Spott hinter deinen Worten nicht bemerken.�</p><p>Shaya schloss die Augen. Wie hatte sie so dumm sein k�nnen zu glauben, dass sich etwas ge�ndert hatte. Es ging um Pferde und nicht um sie.</p><p>Noch immer lag sie mit Ledergurten festgeschnallt auf dem Tisch. Die Beine gespreizt. Sie k�mpfte gegen ihre Verbitterung an � Und gegen die Tr�nen. Und � Sie musste wissen, was der Heiler ihr angetan hatte. Sie war eine K�mpferin. Sie durfte sich nicht in ihr Selbstmitleid ergeben. Wie es schien, hatte Shen Yi ihr keine Nadel in ihr Hirn gesto�en. Sie sollte ihren Verstand nutzen!</p><p>�Kein Mann, der die Pforte zum geheimen Garten der Prinzessin best�rmt, wird bemerken, dass dieses Tor sich bereits einmal ge�ffnet hatte.�</p><p>Was? Was hatte der Heiler mit ihr angestellt?</p><p>�Es ist nicht irgendein Mann. Es ist ein Unsterblicher, der diese � Pforte best�rmen wird�, sagte ihr Vater ein wenig ruhiger.</p><p>Shaya traute ihren Ohren nicht. Sie schlug die Augen auf. Ihr Herz machte einen Sprung. Hatte Aaron es geschafft? Hatte er die Devanthar �berzeugt, die verbotene Hochzeit letztlich doch zu billigen?</p><p>�Seht, wie die Augen der holden Shaya leuchten, Unsterblicher. Es ist der Glanz der wiedererlangten Jungfr�ulichkeit, der sich darin spiegelt.�</p><p>�Wiedererlangte Jungfr�ulichkeit�, schnaubte ihr Vater ver�chtlich. �Rosst�uscher sind wir. Das kann man nicht sch�nreden. Aber die Zeremonie verlangt nach einer Jungfrau, daran hat der Gesandte keinen Zweifel gelassen.�</p><p>�Und diese Jungfrau haben wir heute erschaffen, allm�chtiger Madyas�, sagte Shen Yi h�flich, aber bestimmt.</p><p>�An wen soll ich verheiratet werden?� Shaya konnte sich nicht l�nger gedulden. Wollte, dass ihre Tr�ume in Worte gerannen. Wollte ihr Gl�ck ausgesprochen h�ren.</p><p>Ihr Vater blickte zu ihr hinab, die Stirn gerunzelt, als �berlege er, ob sie ein Anrecht darauf h�tte, den Namen jetzt schon zu erfahren. �An den Unsterblichen Muwatta, den Herrscher Luwiens.�</p><p>Sie keuchte. Das konnte nicht sein! �Muwatta?�, fragte sie z�gerlich. Wie war das m�glich? Warum hatte er ausgerechnet sie erw�hlt? Sie waren einander noch nie von Angesicht zu Angesicht begegnet.</p><p>�Ja, Muwatta, der Erzk�nig. Unsterblicher Herrscher Luwiens. Der Gebieter �ber eine Armee von Kriegern mit Eisenwaffen. Ein Nachbar, der seine Krieger immer wieder in unser Land einfallen l�sst. Er hat ein weites St�ck Steppe verw�stet, als er nach den S�ldnern des Unsterblichen Aaron suchte.�</p><p>Es schmerzte Shaya, den Namen ihres Geliebten zu h�ren. Sie konnte immer noch nicht fassen, was ihr Vater gesagt hatte. Muwatta! Was wollte der Luwier von ihr?</p><p>�Aber � haben die Devanthar nicht verboten, dass die Kinder der Unsterblichen einander heiraten? Ist das nicht seit urdenklichen Zeiten so?�</p><p>Ihr Vater sch�ttelte bed�chtig den Kopf. Sein Gesicht war wieder die unnahbare Maske, die ihr so vertraut geworden war, bar jeden Gef�hls. �Nein. Der Wei�e Wolf und die gefl�gelte Daimonin I�ta haben der Verm�hlung zugestimmt. Du wirst nicht einfach irgendeines der Weiber Muwattas in seinem Harem. Du wirst die Heilige Hochzeit mit ihm begehen. Er wird als Gott zu dir kommen und mit der jungfr�ulichen Shaya ein Kind zeugen. Du wirst zum Symbol der Fruchtbarkeit Luwiens.� Ein zynisches L�cheln spielte um seine Lippen. �Eine Prinzessin der Ischkuzaia. Wer h�tte das gedacht, dass Pferdediebe und Bauern zueinanderfinden?�</p><p>Shaya wurde schwindelig. Sie musste die Augen schlie�en. Das konnte nicht wahr sein! Das war ein b�ser Traum. Es konnte nicht Wirklichkeit sein, dass Muwatta gegl�ckt war, was sie und Aaron f�r unm�glich gehalten hatten.</p><p>Aaron w�rde eine Provinz seines K�nigreiches f�r sie geben, da war sie sich sicher. Aber so, wie ihr Vater sich auff�hrte, war der Handel mit Muwatta schon beschlossene Sache. Und da wurde ihr klar, warum der Herrscher Luwiens unter allen Frauen ihres Volkes ausgerechnet sie zum Weib haben wollte. Er suchte Rache an Aaron, der ihn einst fast entmannt hatte.</p><p>�Wie viel hat Muwatta f�r mich geboten?�</p><p>�F�nfhundert Pferde aus den k�niglichen Gest�ten. Und er erwartet keine Mitgift f�r dich.�</p><p>�Was wirst du mit den Pferden tun?� Sie schaffte es, jedes Zittern aus ihrer Stimme zu verbannen. Sie klang jetzt genauso k�hl und gesch�ftsm��ig wie ihr Vater.</p><p>�Einige werde ich behalten. Andere verschenke ich an verdiente Berater und Krieger, die sich im Kampf ausgezeichnet haben. Es wird sie bald im ganzen K�nigreich geben. Sie werden frisches Blut in unsere Herden bringen. Sie werden unser Volk st�rker machen.�</p><p>�Spricht etwas dagegen, mich von meinen Fesseln zu l�sen?� Sie wollte wenigstens sitzen, wenn sie ihrem Vater klarmachte, was f�r ein Narr er gewesen war.</p><p>Fast augenblicklich traten die beiden Eunuchen an den Tisch und l�sten die Lederb�nder. Sie sp�rte einen stechenden Schmerz tief zwischen ihren Schenkeln, als sie sich aufsetzte.</p><p>�Ihr solltet in den n�chsten Tagen noch viel liegen, ehrenwerte Prinzessin�, erkl�rte ihr Shen Yi beflissen.</p><p>Ihr Vater hatte sich bereits abgewandt. Er war allein gekommen. Wenigstens diesmal hatte nicht der halbe Hofrat ihrer Dem�tigung beigewohnt. Und weil er fast allein war, konnte sie offen mit ihm reden.</p><p>�Hast du dich nie gefragt, warum die am wenigsten ansehnliche deiner T�chter zur Heiligen Hochzeit auserw�hlt wurde? Ich bin keine vierzehn mehr. Und dass ich nur �ber wenige weibliche Tugenden verf�ge, wird Muwatta sicherlich schon zugetragen worden sein. Was glaubst du? Warum will er mich und keine meiner viel sch�neren Schwestern? Mich, ein Weib, das mehr Narben auf seiner Haut tr�gt als die meisten deiner Krieger?�</p><p>Madyas drehte sich langsam um. Er trug abgewetzte Reithosen aus Hirschleder und ein speckiges Wams. Stoppeln prangten auf seinen Wangen. Er sah nicht wie ein F�rst aus. Er h�tte irgendein Krieger sein k�nnen, w�ren da nicht diese Augen. Hart, unnachgiebig, fordernd. Dunkle Abgr�nde. �Dar�ber habe ich lange mit dem Rat gesprochen. Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass er dich haben will, um mit dir einen Sohn zu zeugen, der ihn stolz machen wird. Manche glauben, dass in dir die Seele eines Kriegsf�rsten unserer Ahnen wiedergeboren wurde, Shaya. Nur dass sie, durch eine Laune der G�tter, nun im K�rper eines Weibes steckt. Wenn du ein Sohn w�rest, w�rdest du an meiner Seite �ber unser Volk herrschen.�</p><p>F�r einen Augenblick ging ihr das Herz auf, meinte sie, ein St�ck seiner alten Zuneigung zur�ckgewonnen zu haben. Dann aber siegte ihr Verstand. Sie glaubte ihm kein Wort. Keiner seiner S�hne hatte je dauerhaft seine Gunst besessen. Gnadenlos hatte er sie immer wieder gegeneinander ausgespielt. Nein, die Liebe f�r keines seiner vielen Kinder war von Dauer.</p><p>�Hast du den Handel mit Muwattas Gesandtem schon abgeschlossen?�</p><p>�Er wird dich bekommen, Shaya. Es ist sinnlos, noch weiter aufzubegehren.�</p><p>�Du wirst f�r mich auch tausend Pferde bekommen, wenn du darauf bestehst.�</p><p>Ihr Vater lachte auf. �Glaubst du nicht, dass du dich ein wenig �bersch�tzt?�</p><p>�Entspr�che das meiner Art? Sind nicht f�nfhundert Pferde schon unangemessen viel f�r eine Prinzessin wie mich? Fordere tausend Pferde. Du wirst sie bekommen!�</p><p>�Warum solltest du so viel wert sein?�</p><p>�Weil es nicht um mich geht. Es geht um einen anderen m�chtigen Mann, der gedem�tigt werden soll, indem Muwatta mich vor den Augen Tausender auf der Spitze eines Tempels zu seinem Weib macht. Das wird Muwatta fast jeden Preis wert sein. Frage den Unsterblichen Aaron, wie viel ich ihm wert bin! Er w�rde dir f�nftausend Pferde f�r mich geben! Ich f�ge mich in diesen Handel f�r mein Volk. Diene auch du unserem Volk und nimm so viel f�r mich, wie du bekommen kannst. Muwatta soll bluten, bevor mein Jungfernblut �ber den Altar flie�t. Er wird jeden Preis zahlen, wenn du andeutest, es gebe noch einen anderen Bewerber.�</p><p>�Lieber halte ich die Grasm�cke in der Hand, als von der Taube auf dem Dach meiner Jurte zu tr�umen. Ich kann es mir nicht leisten, Muwatta herauszufordern. Sein Heer k�nnen wir nicht besiegen.�</p><p>�Das wird Aaron f�r dich auf der Ebene von Kush tun.�</p><p>Madyas lachte laut auf. �Mit seinen Bauern? Du erstaunst mich. Ich h�tte erwartet, dass du mehr vom Krieg verstehst.� Er sch�ttelte �rgerlich den Kopf. �Luwien herauszufordern w�re dumm. Ich werde keinen Boten zu Aaron schicken. Das ist mein letztes Wort.� Er starrte verkniffen vor sich hin.</p><p>Shaya wusste, dass es nichts nutzte, ihm jetzt noch zu widersprechen. Sie musste ihn mit seinen Zweifeln allein lassen. Nur dann durfte sie hoffen, dass er sich noch anders entschied. Bedr�ngte sie ihn hingegen, w�rde er sich allein schon aus Trotz gegen ihren Vorschlag entscheiden.</p><p>Nach langem Schweigen blickte ihr Vater zu ihr auf. �Glaubst du, Muwatta wei�, dass du keine Jungfrau mehr bist?� Ihr Vater sah aus, als w�re ihm nicht wohl bei der Sache. Seine Augen wirkten verkniffen. Seine Schultern waren herabgesackt, und pl�tzlich sah er wie der unendlich alte Mann aus, der er war.</p><p>�Um meine Jungfr�ulichkeit ist es nie gegangen�, entgegnete sie bitter. Diesmal schaffte sie es nicht, das Zittern in ihrer Stimme zu unterdr�cken.</p></section><section><title><p>Ein paar namenlose Weizenk�rner</p></title><p>�Da kann gar nichts passieren�, sagte Aleksan. Der Werber bel�chelte ihn. �Vertrau mir. Pferde scheuen vor Hindernissen. Ihr m�sst einfach nur stehen bleiben, dann geht alles gut. Der Unsterbliche will, dass ihr seht, wie sicher so eine geschlossene Formation ist. In jeder Schenke, in der es Streit gibt, seid ihr in gr��erer Gefahr als hier. Haltet nur sch�n eure Schilde fest.�</p><p>Narek nickte. Aleksan musste es wissen. Er war schon drei Jahre ein Krieger und hatte sogar schon einmal in einer richtigen Schlacht gek�mpft.</p><p>�Ich hoffe, du glaubst ihm kein Wort�, zischte ihm Ashot zu, der neben ihm stand. �Wenn das alles �berhaupt nicht gef�hrlich ist, warum wurde dann ausgelost, wer in diesem Schildwall steht?�</p><p>Das Misstrauen seines Gef�hrten begann Narek zuzusetzen. Ashot witterte �berall Intrigen und Verrat. �Sie haben gelost, damit es nicht nach einer abgesprochenen Sache aussieht. Sie wollen uns doch zeigen, dass jeder so einem Streitwagenangriff standhalten kann. Wenn du oben am Ufer stehen w�rdest und hier einfach eine Truppe Krieger aufmarschiert w�re, h�ttest du ihnen auch nicht geglaubt. Gib�s zu. Dann h�ttest du gesagt, die wollen uns f�r dumm verkaufen und h�tten lauter Veteranen in den Schildwall gestellt.�</p><p>�Denk, was du willst. Ich w�rde jetzt auf jeden Fall lieber oben am Ufer stehen�, sagte Ashot, und dabei klang er f�r seine Verh�ltnisse geradezu kleinlaut.</p><p>Narek blickte zu den Ufern hinauf. Er hatte noch nie so viele Menschen gesehen. Sie dr�ngten sich auf beiden Seiten des trockenen Flusses. Tausende. Dass es �berhaupt so viele M�nner gab, h�tte er nicht gedacht. Sie kamen aus allen Provinzen des Reiches. Nur zweihundert von ihnen standen an diesem Morgen hier unten im Flussbett. Sie standen in vier Reihen, dicht hintereinander. In der vordersten Reihe waren ausschlie�lich Veteranen wie Aleksan. Narek war stolz, dazuzugeh�ren, unter den Auserw�hlten zu sein, die ihren Mut beweisen konnten. Das w�re noch eine Geschichte f�r Daron! Er l�chelte und hielt die lange Stange, die Aleksan ihm gegeben hatte, mit beiden H�nden. Die Krieger der vordersten Reihe trugen mannshohe Schilde. Nareks Stange stellte einen langen Speer da. In einer richtigen Schlacht w�rden in der zweiten und dritten Reihe Speertr�ger stehen, die jeden niederstachen, der versuchte, die Schildtr�ger anzugreifen. Und in der vierten Reihe g�be es Bogensch�tzen, die ihre Pfeile steil in den Himmel schickten, um den Feind zu vernichten, noch bevor er �berhaupt in den Nahkampf kam. Das war schlau ausgedacht, fand Narek. Wahrscheinlich w�rde er nie einem Luwier Auge in Auge gegen�berstehen. Er hatte ja die Schildtr�ger vor sich, die mit spitzen Bronzeschwertern ausger�stet waren, sollte es doch der eine oder andere Feind bis zu ihnen schaffen. Krieg war ein leichteres Gesch�ft, als er erwartet hatte.</p><p>Etwa zweihundert Schritt entfernt von ihnen standen sieben Streitwagen. Sch�ne Pferde waren vor die Wagen geschirrt. Die Wagenlenker hatten die K�pfe der Tiere mit Federn geschm�ckt. Polierte Bronzeamulette hingen vom Geschirr der Pferde. Bei zwei Wagen hatte man lange Klingen auf die Radnaben gesetzt. Es hie�, sie k�nnten ohne M�he ein Bein durchtrennen, wenn der Wagen in voller Fahrt war. Gut, dass er hinter dem Schildwall stand, dachte Narek. Hier war er sicher.</p><p>Die Krieger stiegen auf die Streitwagen. Zwei von ihnen waren in merkw�rdige R�stungen gekleidet, die sie wie gro�e F�sser aussehen lie�en. Der Anf�hrer des Streitwagengeschwaders war ein Krieger, dessen Haupthaar und Bart wie Gold in der Sonne strahlten. Er �berragte alle ringsherum. Ein wahrer H�ne. Gut, dass es solche Krieger in ihren Reihen gab, dachte Narek. Der Kerl w�rde den Luwiern sicher geh�rig Angst einjagen. Er sah zum F�rchten aus.</p><p>Der Goldkopf stie� einen Schrei aus, und alle sieben Streitwagen fuhren an.</p><p>�Setzt die Schilde auf!�, rief Aleksan, und die Krieger in der vordersten Reihe stie�en ihre hohen Schilde auf den Boden, gingen in eine halb geduckte Haltung und lehnten sich mit der linken Schulter gegen die Schilde. �Speere ausrichten!�</p><p>Narek streckte gewissenhaft seinen langen Stock vor. Er sp�rte den Boden unter dem Hufschlag der Pferde erbeben. Ein Gef�hl, das ihm geradewegs in den Magen stieg. Seine H�nde waren schwei�nass. Jetzt w�re er doch lieber oben auf dem Ufer. Er presste die Lippen zusammen.</p><p>Ashot murmelte leise Fl�che. Auch er hielt seinen Holzstab vorgestreckt. Seine H�nde zitterten nicht, stellte Narek erstaunt fest. Irgendwie schaffte sein Freund es, seine Angst besser im Zaum zu halten, als er es vermochte.</p><p>Die Streitwagen waren weniger als f�nfzig Schritt entfernt. Staub und Steine spritzten unter den Pferdehufen auf. Ganz deutlich konnte Narek die Bronzeklingen an den R�dern sehen.</p><p>�Wann drehen diese verdammte G�ule endlich ab?�, fluchte Ashot.</p><p>�Ruhe im Glied�, rief Aleksan. �Haltet stand!�</p><p>Nur noch drei�ig Schritt. Nareks H�nde zitterten so sehr, dass die Spitze seines Holzstabs klappernd auf Aleksans Schildrand schlug.</p><p>Einer der Streitwagen hatte sich aus dem Pulk gel�st und preschte den anderen um zwei L�ngen voraus. Er wurde von zwei gro�en, wei�en Pferden gezogen. Ihre M�hnen flatterten im Wind. Ein junger Krieger, um dessen Schultern ein Leopardenfell geschlungen war, trieb den Wagenlenker an, noch schneller zu fahren. Er hielt sich seitlich an einem Holzb�gel fest, den K�rper nach hinten gelehnt. Sein Fahrer stand tief gebeugt und lie� eine lange Peitsche �ber den K�pfen der Schimmel knallen. Die Augen der Pferde waren weit aufgerissen. Auch sie hatten Angst.</p><p>Der Wagenlenker zerrte an den Z�geln. Langsam schwenkte der Wagen nach links. Er war auf weniger als zehn Schritt heran. Narek klapperten die Z�hne. Das war doch Wahnsinn!</p><p>Ein scharfer Knall ert�nte. Der Streitwagen wurde herumgerissen, als habe ihn die Faust eines unsichtbaren Riesen getroffen. Ein Rad flog ihnen entgegen und schlug keine zwei Schritt links von Narek in die Reihe der Schildtr�ger. Es hatte einen Krieger mit silbernen Str�hnen im Bart getroffen. Der Mann taumelte zur�ck gegen die Speertr�ger. Sein Schild war zerschmettert. Blut rann von seiner Stirn und f�rbte die silbernen Str�hnen. Narek sah all dies so deutlich, als habe sich die Zeit entschieden, langsamer zu verstreichen. Der ausbrechende Wagen riss die Pferde herum. Die Deichsel traf einen der beiden Schimmel in den Bauch und zerbrach. Der Wagenlenker, der die Z�gel nicht losgelassen hatte, wurde zwischen die Pferde gerissen. Er verschwand unter den wei�en Leibern, die dem Schildwall entgegenschlitterten.</p><p>Panik brach unter den Kriegern aus. Sie lie�en Schilde und Holzstangen fallen und dr�ngten nach hinten. Die �brigen Streitwagen versuchten auszuweichen. Doch dort, wo sie am Schildwall h�tten vorbeieilen sollen, versuchten nun M�nner in blinder Panik das Ufer des trocken gefallenen Flusses hinaufzuklettern.</p><p>Narek sah einen jungen Mann, der knapp oberhalb der Knie von den Sichelklingen eines Streitwagens getroffen wurde. Beide Beine wurden abgetrennt. Sie blieben noch einige Herzschl�ge lang stehen und kippten dann langsam, wie gef�llte B�ume, zur Seite.</p><p>�Du bist voller Blut.�</p><p>Ashots Stimme brach den Bann. Schreie brandeten auf Narek ein. Ringsherum geschah jetzt alles erschreckend schnell. Die meisten M�nner aus dem Schildwall waren inzwischen die Uferb�schung hinaufgelangt.</p><p>Keine zwei Schritt vor ihnen hatte der gro�e Krieger mit den goldenen Haaren seinen Streitwagen zum Stehen gebracht. Er br�llte aufgeregt Befehle.</p><p>Narek wischte sich �ber das Gesicht und betrachtete das Blut auf seinen Fingern. �Ich bin nicht verletzt�, sagte er verwundert. Er blickte zu Ashot, der immer noch seine lange Holzstange hielt. Als Einziger.</p><p>�Sch�n�, murmelte sein Freund. Ashot war leichenblass. Eine steile Zornesfalte furchte seine Stirn.</p><p>�Das ist nur eine �bung, haben sie uns gesagt.� Narek sah sich um. Der Krieger, der seine Beine verloren hatte, war tot. Der Bauer hatte noch nie gesehen, wie jemand gewaltsam zu Tode kam. Auf diesen Anblick h�tte er gut verzichten k�nnen. H�tte seine Angst ihn nicht buchst�blich erstarren lassen, dann h�tte er es auch sein k�nnen, der dort lag. �Das ist nicht richtig, was hier passiert! Was �ben wir hier? Wie es sein wird, gegen die Luwier zu verlieren?�</p><p>Ashot lie� seine Stange fallen. �Wir �ben hier, auf Befehl zu verrecken.� Er deutete zu den Uferb�schungen hinauf. Zu den Tausenden, die dort standen. �Von uns Bauern gibt es genug. Wir z�hlen nichts. Wei�t du noch, wie wir fr�her beim W�rfeln ein paar Weizenk�rner gesetzt haben, um die Sache spannender zu machen? Genau das sind wir f�r den Unsterblichen. Ein paar namenlose Weizenk�rner.�</p><p>Narek sah ihn lange an, dann senkte er den Blick. Diese Geschichte w�rde er seinem Sohn besser nicht erz�hlen.</p></section><section><title><p>Von Steinen und M�rtel</p></title><p>Artax blickte die drei M�nner an, denen er am meisten vertraute. Sie waren allein in seinem gro�en Zelt. Selbst die Wachen waren abgezogen. Niemand w�rde h�ren, was an diesem Abend gesprochen wurde.</p><p>Volodi, der gro�e, blonde S�ldner aus Drus, wirkte nerv�s. Er wich seinem Blick aus, nestelte mit den Fingern am Rand seiner Tunika und schien vor Ungeduld f�rmlich platzen zu wollen. Er hatte die Streitwagen bei der �bung im Flussbett befehligt. Er h�tte den Untergrund besser pr�fen sollen.</p><p>Mataan, der Stadtf�rst von Taruad, blickte ihm mit fast aufreizender Gelassenheit entgegen. Der st�mmige Adlige hatte ihn und Juba begleitet, als er nach den Piraten gesucht hatte, die seine Zinnflotten angegriffen hatten. Trotz seiner ausgepr�gten Adlernase war Mataan ein gut aussehender Mann, muskul�s, mit vollem Haar und dichtem Bart. Wind und Salz hatten sein Gesicht gegerbt. Seine dunklen Augen waren unergr�ndlich. Statt der einfachen Tunika, die er bei ihrer ersten Begegnung getragen hatte, hatte er nun einen pr�chtigen Bronzek�rass angelegt. Um seine Schultern war ein mit Perlen bestickter, purpurner Umhang geschlungen. Seinen Helm mit dem hohen Rosshaarbusch hatte er unter den Arm geklemmt. Artax empfand Mataans Gelassenheit als provozierend. Es fiel ihm schwer, sein Temperament im Zaum zu halten. Ihm war danach, jemanden anzuschreien. Den ganzen Tag beherrschte er sich schon, um das Ungl�ck, das geschehen war, nicht noch zu vergr��ern. Ein Unsterblicher, der w�rdelos herumschrie, das war undenkbar!</p><p><emphasis>Keineswegs, du kannst deiner schlechten Laune ruhig Luft machen. Ich finde, du solltest den blonden Trottel hinrichten lassen. Er hat den �bungsangriff versaut. F�r mich ist er der Schuldige. Ich wette, er h�tte sogar Verst�ndnis f�r deine Entscheidung.</emphasis></p><p>Artax ignorierte Aaron, und sein Blick wanderte zum dritten seiner Berater, demjenigen, der in letzter Zeit f�r keine einzige seiner Entscheidungen Verst�ndnis zu haben schien. Datames. Der schlanke, bartlose Hofmeister hatte ein aufdringliches Duftwasser aufgelegt und trug als Einziger im Zelt keine R�stung, sondern lediglich ein langes, wei�es Wickelkleid mit purpurnen Fransen. Er wirkte weibisch und deplatziert in ihrer Kriegerrunde. Datames betrachtete ihn mit k�hler Verachtung, so wie man auf einen Spritzer Kot an einem neuen Paar Stiefel herabblickte, dachte Artax. Datames organisierte das Feldlager sowie den Anmarsch der Truppen und ihre Versorgung.</p><p>�Warum hat mir keiner gesagt, was f�r ein Unsinn da im Gange war?�, fragte der Hofmeister k�hl.</p><p>�Hat sich keiner gedacht, dass du musst wissen!�, entgegnete Volodi trotzig.</p><p>�Es war ein Unfall ��, sagte Mataan und klang nicht �berzeugend.</p><p>�Ein vermeidbarer Unfall! Ist denn keinem von euch in den Sinn gekommen, vorher die Strecke abzuschreiten? Seid ihr euch dar�ber im Klaren, was ihr angerichtet habt? Die Moral unserer Truppen ist ohnehin schon j�mmerlich. Verr�ter im Sold von Muwatta h�tten keinen gr��eren Schaden in unserem Heer anrichten k�nnen!�</p><p>Volodis Hand sank auf das Schwert an seiner H�fte. �Mich du nicht nennst Verr�ter!�</p><p>Datames bedachte den Drusnier mit einem k�hlen L�cheln. �Nichts l�ge mir ferner. Dir mangelt es f�r einen Verr�ter an intellektuellem Horizont.�</p><p>�Das reicht!�, fuhr Artax den Hofmeister an. �Statt uns untereinander zu zerfleischen, werden wir nach einem Weg suchen, den Schaden zu beheben.�</p><p>�Das wird die drei Toten von heute Morgen sehr erfreuen�, bemerkte Datames.</p><p>�Was kann man tun, deinen Zorn zu k�hlen, Hofmeister, damit wir zu einem vern�nftigen Gespr�ch finden?�, fragte Mataan h�flich.</p><p>Diese Worte brachten Datames endlich zur Besinnung. Er senkte den Blick.</p><p>Wie hatte dieser Mann nur Aarons Willk�rherrschaft �berlebt?, dachte Artax.</p><p><emphasis>Na ja, er organisiert wunderbare Feste. Das ist ein zu seltenes Talent, um es einer vor�bergehenden Verstimmung zu opfern. Aber du hast recht. Es gab Tage, da war ich nahe daran, ihn in die L�wengrube werfen zu lassen.</emphasis></p><p>�Wie genau wissen wir eigentlich, gegen wen wir k�mpfen?�, fragte Mataan.</p><p>�Ist sich Muwatta, Unsterblicher von Luwien, du Hirn von Ochse!�</p><p>�Ich glaube, er meinte, wie sich die Truppen Luwiens zusammensetzen. Und ein Lobpreis auf die Ochsen, die etwas besitzen, das dir augenscheinlich fehlt.�</p><p>�Ist sich mein Schwanz, wo er hingeh�rt, du � du Sohn von ��</p><p>�Genug!�, unterbrach Artax den Streit. �Wir wissen fast gar nichts �ber Muwattas Heer. Er hat mehr kampferfahrene Truppen, mehr Streitwagen, und seine besten K�mpfer sind mit eisernen Schwertern ausger�stet. Aber wir haben keine Zahlen.�</p><p>�Wenn du es gestattest, w�rde ich mich gerne darum k�mmern, Spitzel in sein Heerlager einzuschleusen. Einen Feind, den wir besiegen wollen, sollten wir zuallererst gut kennen. Nur so k�nnen wir die richtige Strategie w�hlen.�</p><p>�Werden wir nicht siegen mit Bauern, die haben geschlagen Schlachten nur gegen Feldm�use. Die nur k�mpfen gut, wenn stehen auf eigenem Boden.�</p><p>�Wir sollten sie nicht alle �ber einen Kamm scheren�, widersprach Artax. �Mir ist ein Mann aufgefallen, der seinen Speer noch immer auf die Streitwagenk�mpfer gerichtet hielt, als alle anderen l�ngst ihre Waffen fallen gelassen hatten. Das war ein Bauer.�</p><p>�Aus einem Mann einen Krieger zu machen dauert viele Monde�, sagte Mataan. �Tapferkeit allein gen�gt nicht, um einen Bauern gegen einen erfahrenen K�mpfer bestehen zu lassen. Und ich bin sicher, Muwatta wird seine besten M�nner in die erste Reihe stellen, um schnell unsere Linie zu durchbrechen. Sobald das geschieht, ist die Schlacht verloren.�</p><p>Artax lie� sich auf dem Klappsessel neben dem gro�en Kartentisch nieder. Ihm war, als gebe der Boden unter ihm nach.</p><p>�Ich nehme an, Muwatta kampflos diese Provinz zu �berlassen, ist keine Option?�, fragte Datames.</p><p>�Nein�, entgegnete Artax gereizt und griff nach dem Krug mit Wein, der auf dem Tisch stand. Er wartete auf eine h�hnische Bemerkung von Aaron, doch sein Qu�lgeist schwieg �berraschenderweise.</p><p>�Und du bist dir sicher, dass deine Beweggr�nde es wert sind, ihnen Tausende deiner Untertanen zu opfern?�, warf Datames ein.</p><p>Artax f�llte sich einen Becher und nahm einen tiefen Schluck Wein. Nachdenklich drehte er den Becher in den H�nden. Er hatte die Form eines Hornes, das in einen massigen Fu� mit einem gefl�gelten L�wen endete, sodass man das Horn auf einem Tisch abstellen konnte. Der Becher war aus massivem Gold gearbeitet und mehr wert als das Korn, das er in seinem ganzen Leben als Bauer h�tte erwirtschaften k�nnen. Artax nahm einen weiteren gro�en Schluck und lauschte auf die Ger�usche des Feldlagers. Das Klirren von Metall, ferne Rufe, leises Gel�chter. Er blickte zu seinen Beratern auf. Nein, er war sich nicht sicher. Er hatte neben dem toten Krieger gekniet, dem die Streitwagensicheln die Beine durchtrennt hatten. Hatte sich gezwungen, in dessen Antlitz zu blicken und es sich f�r immer einzupr�gen. Er wollte keinen einzigen weiteren Tod verschulden.</p><p>�Die M�nner werden das, was heute Morgen geschah, als b�ses Omen betrachten�, brach Mataan das lange Schweigen.</p><p>�Dann werden wir f�r gute Omen sorgen!�, entgegnete Artax gereizt. �Ihr seid meine Berater. Beratet mich, statt zu jammern. Wir brauchen mehr richtige Krieger.� Artax dachte an Juba. Sein Feldherr h�tte sicher gewusst, was zu tun war. �Volodi. Du wirst nach Nangog reisen und alle Krieger von dort abziehen. Insbesondere die Zinnernen, die bei deinem Freund Kolja geblieben sind.�</p><p>�Sind sich nicht sehr viele M�nner ��</p><p>�Wir brauchen hier jeden, der schon eine Schlacht geschlagen hat.�</p><p>�Mit Verlaub, Erhabener, aber das ist nur ein Tropfen auf einen hei�en Stein. Was wir wirklich tun m�ssen, ist die M�nner, die hier sind, zu formen. Was sich hier im Lager versammelt hat, ist wie ein Haufen loses Ger�ll. Was du aber brauchst, Erhabener, ist eine Mauer, an der Muwattas Angriffe zerschellen werden.�</p><p><emphasis>Sch�ne Bilder und doch leere Worte.</emphasis></p><p>�Hast du einen Plan, Datames?� Artax setzte seinen Weinbecher wieder ab.</p><p>�Wir m�ssen dein Heer von Grund auf neu strukturieren. Wir m�ssen die Steine erschaffen, die die Mauer bilden werden. Und den M�rtel, der sie miteinander verbindet. Ich schlage vor, wir bilden Gruppen aus jeweils zehn Mann. Und diese zehn sollten einander kennen. Aus demselben Dorf oder demselben Stadtviertel sollten sie kommen. Es ist etwas anderes, ob neben dir in der Schlachtreihe ein Mann steht, den du ein halbes Leben lang kennst oder einer aus einer Provinz, von der du nicht einmal den Namen aussprechen kannst. Und diese zehn sollten sich einen Anf�hrer erw�hlen. Diese Anf�hrer wiederum w�hlen unter sich einen F�hrer f�r hundert. Und die zehn Hundertschaftsf�hrer einen Anf�hrer, der tausend befehligt. Es m�ssen M�nner sein, denen sie vertrauen, und keine Adligen, denen sie unterstellen, dass ihnen das Leben von Bauern und Handwerkern nichts bedeutet. M�nner aus ihrer Mitte, die ihre Sorgen und N�te kennen. Die wissen, wie man sie begeistern kann.�</p><p>�Du willst also die Satrapen entmachten�, warf Mataan ein.</p><p>Datames bedachte ihn mit einem sp�ttischen L�cheln. �Machst du dir Sorgen, Stadtf�rst? Dann lass mich noch ein wenig �l ins Feuer gie�en. Ich sprach davon, dass wir einen M�rtel brauchen, der sie verbindet. Etwas, das sie alle zusammenh�lt. Sie brauchen ein gemeinsames Ziel. Etwas, das es wert ist, daf�r sein Leben zu riskieren. Die Bauern hier kommen aus allen Provinzen des Reiches. Die meisten waren in ihrem ganzen Leben nie weiter als zwanzig Meilen von ihrem Geburtsort entfernt. Kush ist f�r sie nur ein Name. Und was sie hier sehen, ist nur ein Streifen unfruchtbares �dland. Sie begreifen nicht, wof�r sie hier k�mpfen. Und wer f�r etwas k�mpft, das ihm nicht am Herzen liegt, der wird nicht sehr standhaft sein. F�r sie gibt es hier nichts zu gewinnen ��</p><p>�Au�er der M�glichkeit, lebend nach Hause zu kommen�, warf Mataan ein.</p><p>Datames sch�ttelte den Kopf. �Dieses Argument fruchtet hier nicht. Bauern wissen nicht, wie Schlachten verlaufen. Ihnen ist nicht klar, dass, sobald sie fl�chten, das Massaker beginnt, weil ihnen die Luwier nachsetzen werden, um sie niederzumachen. F�r sie ist das Gefecht vor�ber, wenn der Schildwall bricht. Sie brauchen etwas ganz Konkretes, das ihnen Halt gibt. Etwas, das f�r jeden Einzelnen Bedeutung in seinem Leben hat. Und ich rede hier nicht von abstrakten Werten wie Ruhm oder Ehre. Ich muss gestehen, dass es Volodi war, der mich auf meine Idee brachte. Er hat gesagt: <emphasis>Die nur k�mpfen gut, wenn stehen auf eigenem Boden.</emphasis> Das ist es.�</p><p>Artax konnte Datames nicht folgen.</p><p>�Willst du schenken ihnen ein St�ck W�ste hier?�, fragte Volodi grinsend. �Sind sich nur dreckig, aber nicht d�mlich, die Bauern. Wird nicht helfen, sie machen k�mpfen.�</p><p>�Nein, ich hatte eher daran gedacht, ihnen Land zu �berlassen, das sie wirklich nutzen k�nnen. In jedem Dorf, das ich kenne, gibt es ungenutzte Brachfl�chen. Meist Land, das den Reichen geh�rt. Jeder Bauer, der hier in Kush k�mpft, soll als Belohnung in seinem Dorf so viel Land bekommen, wie er an einem Morgen mit einer Handhacke bearbeiten kann. So wird jeder, obwohl wir hier am Ende der Welt stehen, f�r sein eigenes Land k�mpfen.�</p><p>Artax war begeistert. Er selbst h�tte wie ein L�we daf�r gek�mpft, so viel Land hinzugewinnen zu k�nnen. W�ren seine �cker gr��er gewesen, w�re er niemals nach Nangog gegangen.</p><p>Mataan sch�ttelte missbilligend den Kopf. �Das ist verr�ckt. Die Satrapen werden das nicht dulden. Es liegt nicht in ihrem Interesse, dass die Bauern reich und unabh�ngig werden. Wenn wir das tun, werden die Satrapen nicht k�mpfen.�</p><p>�Wer wird die Schlacht f�r uns gewinnen, Mataan? Die Satrapen und ihre f�nftausend erfahrenen Krieger oder f�nfundvierzigtausend Bauern, denen wir die Herzen von L�wen gegeben haben?�</p><p>�Zahlen sind nicht alles, Hofmeister�, entgegnete Mataan ruhig. Er wirkte auf Artax nicht erz�rnt, sondern eher wie ein Vater, der versucht, seinen Sohn von einer dummen Idee abzubringen. �Hundert gut bewaffnete Krieger, die es schaffen, einen Schildwall zu durchbrechen und eine L�cke in die Schlachtreihe zu schlagen, k�nnen einen Kampf wenden. Wenn dies geschieht, ist es v�llig belanglos, wie viele l�wenherzige Bauern rechts und links von ihnen noch stehen. Es sind die erfahrenen Krieger der Satrapen, die solch eine Entscheidung erzwingen k�nnen, nicht deine Bauern, Datames. Und es sind die Streitwagenk�mpfer, die �ber die Fl�gel der Schlachtlinie vorsto�en, um den K�mpfern in den R�cken zu fallen. Auch dies sind M�nner der Satrapen.�</p><p>�Beste Wagenfahrer sind sich meine M�nner�, knurrte Volodi.</p><p>�Wie man heute Morgen sehen konnte�, entgegnete Mataan n�chtern. �Ich zweifele nicht am Mut deiner Krieger, Volodi. Aber an ihrer Disziplin. In einer so gro�en Schlacht, wie sie uns bevorsteht, entscheidet Disziplin. Muwatta hat ohne Zweifel mehr Streitwagen als wir. Deshalb wird es entscheidend sein, dass wir unsere K�mpfer im rechten Augenblick einsetzen. Ungest�me Raufbolde, die lospreschen, wann es ihnen gef�llt, k�nnen wir nicht gebrauchen.�</p><p>Volodi war sichtlich getroffen. Er reckte sein Kinn vor, polterte aber nicht los, wie er es sonst tat. �Wird sich nicht wieder geschehen�, sagte er mit rauer Stimme. �Haben wir gelernt von Tag heute.�</p><p>Artax hatte seine Zweifel. Die S�ldner, die er unter den Piraten rekrutiert hatte, die seine Zinnflotten versenkt hatten, waren wilde Raufbolde. Sie waren wertvolle Krieger, todesmutig und hatten sich bisher stets als ergeben erwiesen. Aber Mataan hatte recht. Gerade, dass sie einem Kampf nicht aus dem Weg gingen, mochte in einer gro�en Schlacht, in der der richtige Einsatz von Reserven �ber Sieg oder Niederlage entscheiden konnte, eine ma�gebliche Schw�che sein.</p><p>�Die Urv�ter unserer Satrapen haben sich ihren F�rstenstand durch Heldentaten auf dem Schlachtfeld verdient�, sagte Datames l�chelnd. �Vielleicht sollte man ihre Enkel daran erinnern, dass ihre Herrschaft auf der Gnade des Unsterblichen beruht und allein ihr Wert auf dem Schlachtfeld die Rechtfertigung liefert, in Pal�sten zu leben.�</p><p>�Gegen wen ziehst du in die Schlacht, Hofmeister? Gegen die Luwier oder gegen die Satrapen von Aram?�</p><p><emphasis>Er hat recht. Ich wei� nicht, was Datames reitet, aber du solltest ihm nicht folgen.</emphasis></p><p>Artax ignorierte Aarons Stimme. Datames sprach ihm aus dem Herzen.</p><p>�Was f�r eine Gerechtigkeit ist das, wenn ein Bauer hier k�mpft und vielleicht stirbt, und der einzige Lohn, den er erwarten kann, ist die Ehre, sich f�r seinen Unsterblichen geschlagen zu haben? Die Satrapen aber, die alles im �berfluss besitzen, ohne einen einzigen Tag auf einem Acker ihren R�cken gekr�mmt zu haben, nehmen sich das Recht heraus, ihren Mitstreitern einen Lohn zu verweigern. Ja, sie drohen wom�glich gar den Kampf, der der Sinn ihres Daseins sein sollte, zu verweigern, wenn andere auch nur einen Bruchteil des Lohnes bekommen, den sie f�r ihr Kriegerleben erhalten. Das ist absurd, und es geh�rt ge�ndert.�</p><p>�Ist sich wahr, leben Satrapen wie Made in Speck�, stimmte Volodi zu.</p><p>�Mataan, es ist an der Zeit, der Wahrheit ins Auge zu blicken�, sagte Artax und suchte nach einem Bild, das den Fischerf�rsten, der einst nur mit ihm und Juba eine ganze Piratenflotte verfolgt hatte, �berzeugen w�rde. �Unsere Lage ist verzweifelt. Wir sitzen in einem sinkenden Boot. Wir k�nnen �ber Bord springen oder nach dem Sch�pfeimer greifen und darauf hoffen, dass wir den Hafen noch erreichen werden.�</p><p>�Ich w�rde eher sagen, dass wir ein Feuer anz�nden, um ein leckendes Boot wieder trocken zu bekommen�, entgegnete der Stadtf�rst resignierend. �Aber wer bin ich, einem Unsterblichen zu widersprechen. Ich sehe, dass ich euch von euren Pl�nen nicht abbringen kann. Aber bitte erwartet nicht von mir, dass ich sie guthei�en werde.�</p><p>�Datames, ich beauftrage dich hiermit, eine Armee aufzubauen, die wei�, wof�r sie k�mpft.� Artax blickte zu Mataan. Der F�rst hatte die Arme �ber der Brust verschr�nkt. Seine Miene zeigte kein Gef�hl. Konnte er ihm noch trauen? �Du, mein Freund, wirst die Satrapen im Auge behalten und mein Ohr unter ihnen sein. Ich m�chte, dass du mir ganz offen berichtest, was sie denken.� Er wandte sich an Volodi. �Und du wirst nach Nangog reisen und mir jeden erfahrenen Krieger hierherholen, der entbehrlich ist. Meine verbliebene Leibwache ebenso wie die Himmelskrieger auf den Wolkensammlern. Wir werden M�nner brauchen, die Erfahrung im Kampf haben und keinem Satrapen verpflichtet sind, um die Reihen unserer Bauernkrieger zu st�rken.�</p><p>�Darf ich um eine letzte Gunst bitten, mein allweiser Herrscher?� Ein merkw�rdiges L�cheln spielte um die schmalen Lippen des Hofmeisters. �Darf ich den Auftrag geben, zwanzigtausend Paar Holzschuhe zu fertigen?�</p><p>Artax lachte unwillk�rlich auf. Das war absurd! Woran Datames wohl wieder dachte? Er k�mmerte sich um �l f�r die Kochkessel des Heeres, S�cke voll Dung, um die Feuer in Gang zu halten, Lederschn�re f�r Sandalen, die Taktik der Schlacht, die Latrinen im Heerlager, die Spitzel, die die Luwier beobachteten, und jetzt das � Artax schien es, als sei es sein Hofmeister, der die Z�gel des Reiches in den H�nden hielt. �Tu, was du f�r richtig h�ltst. Ich gew�hre dir freie Hand, bis die Schlacht gegen Muwatta geschlagen ist.�</p></section><section><title><p>Aufspiel zum Totentanz</p></title><p>Jeder kam f�r sich allein. Nodon fragte sich, ob sie alle die Stimmen ihrer Meister h�rten. Tief in ihrem Kopf. Leise fl�sternd. Eine Stimme, der man sich nicht mehr widersetzen konnte, wenn man sich den Himmelsschlangen verschworen hatte. Sie kamen den Hang hinab, stiegen zwischen den schroffen Felsen tiefer. Ein Hauch von silbernem Licht lag in dieser Nacht �ber dem zerkl�fteten Tal. Es war k�hl. Nodon stand der Atem vor dem Mund. Er hatte zu lange im Jadegarten gelebt. K�lte war er nicht mehr gewohnt. Diese Schw�che �rgerte ihn. Er war der beste unter Nachtatems Schwertk�mpfern. Vielleicht sogar der beste, den die Wei�e Halle je hervorgebracht hatte. Er fl�sterte ein Wort der Macht und h�llte sich in einen Kokon sch�tzender W�rme.</p><p>Die Stimme in seinem Kopf f�hrte ihn zu einem klaffenden Spalt in einer Felswand. Eine Wunde aus Finsternis inmitten mit silbernen Sprenkeln durchsetzten Gesteins. Ohne zu z�gern, duckte er sich in den Spalt. Etwas ber�hrte ihn. K�rperlose H�nde ergriffen ihn. Zerrten ihn nach vorne. Sein Atem stockte. Er hatte das Gef�hl zu fallen.</p><p>Nodon k�mpfte gegen die Panik an. Er wusste, was mit ihm geschah. Es war nicht das erste Mal, dass er einen Drachenpfad beschritt. Jede Reise auf diesen magischen Wegen war ein wenig anders. Nur eins hatten sie alle gemein. Sie jagten ihm Schrecken ein. Drachen mochten es als nat�rlich empfinden, sich auf diese Weise zu bewegen, Tausende Meilen binnen eines Lidschlags hinter sich zu lassen. F�r Elfen waren diese Pfade nicht geschaffen!</p><p>Blauwei�es Licht umfing ihn. Nodon stand in einem weiten, schneebedeckten Krater. Eine Kuppel w�lbte sich �ber ihm. Gro�e Schneeflocken wirbelten dar�ber hinweg. Sie schienen geradezu abgesto�en zu werden. Ein Zauber? Es gab nichts Stoffliches, das sich dem Schneetreiben entgegenstellte. Nur den Willen der Himmelsschlangen.</p><p>Sie alle waren hier. Der Dunkle, jener, der als Erster aus dem Ei geschl�pft war, sein Herr! Er blickte kurz zu ihm auf. In weitem Rund lagen die acht �ltesten Drachen um den Krater.</p><p>Nodon f�hlte sich beklommen. Nie hatte er sie alle an einem Ort versammelt gesehen. Was ging hier vor?</p><p>Am Grund des Kraters standen die Elfen der Wei�en Halle. Meister wie Novizen. Auch jene, die die Halle schon lange verlassen hatten und so wie er bei den Himmelsschlangen lebten, waren gekommen. Weit �ber hundert waren sie.</p><p>Sie alle trugen die Tracht der Schule. Das lange, seitlich geschlitzte Seidengewand, bei den Meistern mit Borten und Stickereien in Silber und Gold geschm�ckt. Dazu bauschige Hosen, die in hohen Stiefeln stecken. Manche der Drachenelfen, die vor Langem die Wei�e Halle verlassen hatten, erg�nzten die Tracht mit seidenen Bauchbinden oder dezentem Schmuck. Niemand trug eine Waffe. Viele der Novizen, die sich ihrer Macht noch nicht sicher waren, hatten sich in schwere Wollumh�nge geh�llt, statt jenen Zauber zu weben, der sie f�r die Eisesk�lte dieses Ortes unber�hrbar machte. Auch Gonvalon trug einen Mantel. Nodon hatte das Ger�cht geh�rt, der Schwertmeister habe durch einen Fluch all seine Zaubermacht verloren. So verfroren, wie der Aufschneider wirkte, schien es wahr zu sein.</p><p><emphasis>Die Zwerge der Tiefen Stadt haben einen machtvollen, alten Drachen get�tet. Den Schwebenden Meister, der euch alle in die Kunst des Zauberwebens eingef�hrt hat. Sie haben ihm heimt�ckisch aufgelauert und mithilfe einer Speerschleuder ermordet.</emphasis></p><p>Die Worte verursachten Nodon Schmerzen. Wie geschmolzenes Metall fra� sich die Stimme in sein Hirn, ohne dass er h�tte sagen k�nnen, welche der acht Himmelsschlangen zu ihm gesprochen hatte. An den gepeinigten Gesichtern der anderen Elfen war abzulesen, dass sie alle diesen Schmerz teilten.</p><p><emphasis>Bislang war es stets unser Bestreben, mit dem geringstm�glichen Einsatz von Gewalt den gr��tm�glichen Nutzen zu erzielen. Wir waren nachsichtige Herrscher. Diese Tage sind nun vor�ber. Das Volk der Zwerge soll lernen, was es bedeutet, den Zorn der Himmelsschlangen zu erwecken. Schon morgen werden wir die Tiefe Stadt angreifen. Wir werden sie vernichten. Kein Zwerg, der sich in den Stollen dort verkrochen hat, soll �berleben. Wir werden sie alle richten. Jene, die den Mord am Schwebenden Meister begangen haben, ebenso wie jene, die sie dabei unterst�tzten oder die diesen feigen Anschlag auch nur billigten.</emphasis></p><p>Der Schmerz, der die Worte des Drachen begleitete, erreichte eine Intensit�t, wie Nodon es noch nie erlebt hatte. Er schloss die Augen. Versuchte die Pein durch sich hindurchflie�en zu lassen, sich ihr nicht entgegenzustemmen. Einer der Novizen schrie auf. Welcher Drache war so unbeherrscht? Die Macht seines Zorns w�rde bald die ersten Toten unter den Drachenelfen fordern, wenn er sich nicht z�gelte!</p><p><emphasis>Wir werden die Weiber der M�rder richten und die Brut, die zwischen ihren Schenkeln hervorgekrochen ist. Wir werden die Gaffer t�ten, die kamen, um die Leichenteile unseres Bruders anzustarren. Die ganze Stadt soll sterben, auf dass nie wieder ein Zwerg es wagt, auch nur den Gedanken zu hegen, einen Drachen zu jagen.</emphasis></p><p>�Brennen sollen sie!�, rief einer der Novizen.</p><p>Auch Nodon f�hlte sich mitgerissen vom flammenden Zorn des Drachen. Es war schon lange an der Zeit, die anma�enden Zwerge zu strafen.</p><p><emphasis>Es ist unser Wunsch, dass keiner der Zwerge seiner Strafe entkommt. Und so soll es geschehen: Lyvianne, zeig es ihnen!</emphasis></p><p>Mit diesen Worten leuchtete ein seltsames Gebilde �ber ihren K�pfen auf. Ein Gespinst aus blauem Licht. Leuchtende Linien, unregelm��ige Halbkugeln. Nie zuvor hatte Nodon etwas Derartiges gesehen.</p><p>�Dies ist ein Plan des H�hlensystems der Tiefen Stadt�, erkl�rte Lyvianne. �Unsere Sp�her haben jeden Eingang, jeden verborgenen Luftschacht, jeden Wasserlauf aufgesp�rt. Kein Weg, der in die Stadt hineinf�hrt, ist uns verborgen.�</p><p>Lyvianne hatte sich seit seinen Tagen in der Wei�en Halle nicht ver�ndert, dachte Nodon. Sie war k�hl, berechnend, unnahbar. Ihr einziger Makel war es, dass sie sich f�r den Goldenen entschieden hatte. Im Grunde h�tte sie viel besser in das Gefolge Nachtatems gepasst.</p><p><emphasis>All unsere Br�der und Schwestern, deren Odem reinigendes Feuer ist, werden Anteil an der Rache f�r den Schwebenden Meister haben. Tatzelw�rmer, Silberschwingen, Sonnendrachen und Dornw�rger, sie werden auf allen Winden herbeieilen und auf den Pfaden der Drachen.</emphasis></p><p>Ein rotes Leuchten umfing die Endpunkte des labyrinthischen H�hlenplans.</p><p><emphasis>Ob Luftschacht oder Felspforte, das gefl�gelte Volk wird jeden Ausgang der Tiefen Stadt besetzen. Wir alle werden im selben Augenblick unseren flammenden Atem in die Zwergenstadt hauchen, auf dass der Fels selbst Tr�nen aus rot gl�hender Lava �ber unseren sch�ndlich gemordeten Bruder vergie�t.</emphasis></p><p>�Nach dem Flammenangriff obliegt es uns, die Rache der Himmelsschlangen zu vollenden�, ergriff Lyvianne erneut das Wort. �Wir werden die Eing�nge st�rmen und uns durch die Luftsch�chte abseilen, um den letzten �berlebenden das Lied zu ihrem Totentanz zu spielen. Meister Dylan und seine Novizen werden daf�r Sorge tragen, dass jeder in der Tiefen Stadt der Melodie unserer Klingen lauschen wird.�</p><p>Lyvianne fand offensichtlich Gefallen an der Planung dieses Massakers. Nodon w�rde sich den Befehlen des Erstgeschl�pften nicht widersetzen, aber ein Gemetzel unter Zwergenweibern und ihrer Brut empfand er als unw�rdig.</p><p>Dylan erhob sich unter den Elfen, die im weiten Krater versammelt waren. Er war hochgewachsen und schlank. Selbst f�r einen Elfen war er ungew�hnlich hellh�utig. Nodon hatte Dylan nie gemocht. Er wirkte wie aus Licht und Wind gesponnen. Unwirklich, �therisch, nicht greifbar. Seine silberfarbene Iris mit himmelblauen Einsprengseln erinnerte Nodon an den T�rkisschmuck der Kobolde von Bainne Tyr, den fruchtbaren Ebenen unweit des Jadegartens. Das wei�e Haar des Elfen war fein wie Spinnweben und reichte ihm �ber die Schultern bis fast zu seinem G�rtel. Dylan war kein Mann des Schwertes. Er war ein Zauberweber, wie es nur wenige unter den Drachenelfen gab. Wenn er ihn sah, �berkam Nodon stets der Gedanke, dass alle Elfen so wie Dylan werden mochten, die sich zu sehr der Magie verschrieben. Diese Kunst zu �ben entr�ckte die Zauberweber aus der wirklichen Welt. Und eines Tages w�rden, so vermutete Nodon, diese Elfen wie die Alben einfach verschwinden.</p><p>�Zwerge sind niedere Gesch�pfe�, begann Dylan mit �berraschend tiefer, melodi�ser Stimme, die so gar nicht zu seiner zarten Erscheinung passen wollte. �Auch wenn ihr Anblick das Auge beleidigt und ihr Geruch eine Verwandtschaft mit Kobolden vermuten l�sst, sollte keiner von euch den Fehler begehen, sie zu untersch�tzen. Sie sind verschlagen und k�mpferisch. In die Enge getrieben, werden sie wom�glich �ber sich selbst hinauswachsen, um ihre Brut zu sch�tzen. Und w�hrend die M�nnchen sich uns voller Todesverachtung entgegenwerfen, werden die Weibchen mit ihren Jungen zu den H�fen der Tiefen Stadt fl�chten.� Dylan blickte zum leuchtenden Plan der Tunnel, der �ber ihren K�pfen schwebte, und neue Linien erschienen. Silbern, gewunden, m�ndeten sie in kleinen Seen. �Es gibt einen Haupthafen und etliche kleinere Nebenh�fen in der Zwergenstadt. Sie ist also wie ein Hasenbau angelegt, aus dem es stets mehr als einen Fluchtweg gibt. Doch morgen wird ihnen dies nichts nutzen. Selbst die Wei�en Schlangen, geboren fern der Sonne in den Abgr�nden �berfluteter H�hlen, werden an unserem Feldzug teilhaben. Ich selbst werde sie gemeinsam mit einigen auserw�hlten Novizen zu den Zwergenh�fen f�hren. Sie werden jedes jener Tauchboote, die von den Zwergen Aale genannt werden, zerschmettern, sobald sie versuchen, in den Schutz der unterirdischen Str�me zu fl�chten. Und sie werden aus den Hafenbecken aufsteigen, um ihr Mahl unter den wenigen zu halten, die es bis zu den Landungsbr�cken der H�fen schaffen. Viele werden es nicht sein! Wenn die Himmlischen ihr Feuer in die Stadt der Verdammten atmen, wird etwas Ungew�hnliches geschehen. Nicht allein die Flammen werden den Tod bringen. Die Luft wird schneller verbrennen, als sie durch die gl�henden Sch�chte von der Oberfl�che nachstr�men kann. Das Feuer wird einen Wind entfachen, so stark, dass er wom�glich auch uns Elfen von den Beinen rei�t. Bitte betrachtet ganz genau die Karte �ber euren K�pfen und vergesst in der Hitze des Gefechtes nicht, was ihr jetzt sehen werdet!�</p><p>Nodon hob den Kopf und sah, wie sich das Gl�hen von den oberen Tunnelenden tiefer fra�. Gleichzeitig ver�nderte sich das Bild der am tiefsten gelegenen Tunnel und H�hlen. Ein silbernes Flimmern durchlief sie und str�mte dem Gl�hen entgegen. Dabei ver�nderten sich auch die unteren Bereiche der Karte aus Licht. Aus dem Blau wurde ein mattes Orange, das sich immer weiter ausbreitete. �Die Luft wird aus den tiefsten H�hlen zum Feuer hingezogen werden�, fuhr Dylan fort. �Wer sich zu Beginn des Flammenangriffs dort unten aufh�lt, wird ersticken. Es gibt keine Rettung f�r die, die dort weilen. Ihr aber d�rft bei eurem Angriff nicht zu schnell vorangehen. Gelangt ihr zu fr�h in diese Bereiche, seid auch ihr des Todes. Geht ruhig und besonnen vor. Und vergesst nicht, die Zwerge sind z�h. Niemand wei�, wie viele dort unten sind. Aber eines ist sicher � jene wenigen, die �berleben, werden k�mpfen. Untersch�tzt sie nicht.�</p><p>�Damit unser Plan gelingen kann�, ergriff nun Lyvianne das Wort, �ist es wichtig, dass ein jeder von euch seinen Befehlen folgt. Jeder soll an einer vorbestimmten Stelle in die Tiefe Stadt eindringen und auf dem Weg vorgehen, den ich euch nun nennen werde. So wird sich das Netz um die Zwerge enger und enger ziehen, und keiner der Drachenm�rder wird seinen t�dlichen Maschen entgehen k�nnen.�</p><p>Nodon war �berrascht, mit welch k�hler Distanz Lyvianne sprach. Unter den Meistern der Wei�en Halle war sie die r�tselhafteste. Es hie�, dass ihre Kenntnis �ber die verschlungenen Pfade der Magie weit �ber das �bliche Ma� hinausreichte. Doch anders als bei Dylan schien sie das Studium dieser Kunst nicht ver�ndert zu haben. Und falls doch, war es weniger offensichtlich als bei dem silber�ugigen Elfen. Es hatte eine Zeit gegeben, in der Nodon Lyviannes Lager geteilt hatte. Dann war sie verschwunden � Ohne ein Wort hatte sie sich davongemacht. Er war �ber sie hinweg. Seit unendlich langer Zeit. Und sie war k�lter denn je. Was auch seinen Reiz hatte �</p><p>Namen f�r Namen rief Lyvianne die Elfen der Wei�en Halle auf und wies jedem einen Platz in dem gro�en, schwebenden Plan der Tiefen Stadt zu. Die Novizen sollten meist in kleinen Gruppen agieren. Die Meister und die Drachenelfen gingen allein.</p><p>Nodon sah zu Gonvalon. Der Schwertmeister hatte den Umhang eng um seine Schultern gezogen. Verfroren stand er etwas abseits der anderen, den Kopf leicht geneigt. Obwohl es Nodon schien, als lausche er nicht den Ausf�hrungen Lyviannes, wirkte der Schwertmeister �u�erst konzentriert. Ob der Goldene zu ihm sprach?</p><p>�Nun zu dir, Nodon.�</p><p>Der Elf blickte zu Lyvianne. Sie war noch sch�ner geworden mit den Jahren. Einmal noch hatte er ihr Avancen gemacht, nachdem sie f�r ein Jahr verschwunden gewesen war. Sie hatte ihn mit so harten, sp�ttischen Worten abgewiesen, dass er sie seither gemieden hatte.</p><p>�Du wirst diesen weiten Luftschacht nehmen, der dich hinab zum gro�en Hafen f�hrt. Er endet etwa drei�ig Schritt �ber den Anlegepl�tzen. Das Wasser ist tief.�</p><p>Etwas in ihrem Tonfall beunruhigte Nodon. �Ich hoffe, die Wei�en Schlangen wissen zwischen Elfen und Zwergen zu unterscheiden.�</p><p>�Wenn du nicht zu lange z�gerst zu springen, wirst du vor ihnen den Hafen erreichen, Nodon.�</p><p>�Ich sorge mich nicht um mich�, entgegnete er sp�ttisch. �Es w�rde mich nur mit gr��tem Bedauern erf�llen, wenn ich einige unserer Verb�ndeten in dieser ruhmreichen Schlacht niederstrecken m�sste, um mich ihrer blinden Fressgier zu erwehren.�</p><p>Die Himmelsschlangen hoben ihre K�pfe und blickten ihn an.</p><p><emphasis>Still, Narr!</emphasis> Der Gedanke des Dunklen durchfuhr ihn wie ein Schwertstich.</p><p>�Du wei�t nun, wo dein Platz ist, Nodon�, fuhr Lyvianne unger�hrt fort. �Ich hoffe, du wirst uns nicht entt�uschen.� Damit wandte sie sich ab. �Nun zu dir, Gonvalon ��</p><p><emphasis>Es ist Euch nicht bestimmt, in diesen Hafen zu springen. Und Ihr werdet auch nicht in die Tiefe Stadt gehen, um Zwerge niederzumachen. Ich habe Euren Widerwillen sehr wohl bemerkt. Deshalb sollt Ihr eine</emphasis><emphasis>besondere Aufgabe erhalten. Ein Zwerg aus der Tiefen Stadt soll �berleben. Und Ihr werdet f�r mich ausziehen, ihn zu holen, bevor Feuer und Schwert die Festhallen des kleinen Volkes in Leichenhallen verwandeln werden. Ihr werdet nun Folgendes tun �</emphasis></p></section><section><title><p>Der verblassende Stein</p></title><p>Nodon hatte es hinausgez�gert. Fast alle waren schon gegangen. Er hatte ein paar Worte mit Gonvalon gewechselt, obwohl er den Kerl nicht ausstehen konnte. Nannte sich Schwertmeister, aber was brachte er seinen Sch�lerinnen bei? Zu sterben! Sie alle verreckten auf ihrer ersten Mission. Wenn sie nur ihm Nandalee �berlassen h�tten � Aus dieser rebellischen Elfe aus Carandamon k�nnte einmal etwas werden. Sie hatte Talent, auch wenn sie immer davon faselte, eigentlich eine Bogensch�tzin zu sein. Sie hatte gute Reflexe. Intuition. Sie ahnte, was der Gegner tun w�rde. Das konnte man nicht lernen. Wenn er ihr Meister w�re, h�tte sie eine gro�e Zukunft vor sich. Er sollte sich keine Gedanken �ber Nandalee machen, dachte Nodon �rgerlich. Sie war Gonvalons Sch�lerin. Was bedeutete, dass sie jetzt schon totes Fleisch war.</p><p>Der leuchtende Plan des Tunnelsystems war verschwunden. An den R�ndern der magischen Kuppel, die den Krater vor dem Sturmwind sch�tzte, lag der Schnee schon mehr als h�fthoch. Nodon starrte in den Himmel hinauf. Es war hell, aber man konnte keine Sonne sehen. Nicht einmal Wolken. Es herrschte dichtes Schneetreiben. Wo sie wohl waren?</p><p>�Pass auf dich auf!� Eine Hand legte sich auf seine Schulter. Ailyn. Sie trug ihr dunkles Haar offen. Ailyn reichte ihm nicht einmal bis zur Schulter. Sie war eine Meisterin im waffenlosen Kampf. So klein und zerbrechlich sie auch aussehen mochte, mit ihr Streit anzufangen war gef�hrlich. Ihr Gesicht war hart. Es gab nur gerade Linien und Winkel. Keine einzige Rundung. Ihr etwas zu langer Hals war hinter dem silberdurchwirkten Stehkragen ihres langen, geschlitzten Kleides verborgen.</p><p>�Im Hafen wird es gef�hrlich sein�, sagte sie und sah ihn auf eine Art an, als wolle sie sich auf immer verabschieden. Glaubte sie etwa, dass er sich nicht gegen ein paar Zwerge wehren konnte?</p><p>�Der Armbrustbolzen, der mich t�ten w�rde, ist noch nicht gefertigt�, antwortete er m�rrisch und dachte zugleich: Was f�r einen Schwachsinn erz�hle ich denn da!</p><p>Sie l�chelte sp�ttisch. �Wenn du es sagst ��</p><p>�Ich habe keine Angst.�</p><p>�Nicht? Mich h�lt die Angst am Leben, wenn ich k�mpfen muss. Sie sch�rft meinen Verstand. Auch wenn ich �u�erlich ganz ruhig wirke � ich bin es nicht. Als wir Nandalee zur Wei�en Halle geholt haben, wurde mein Pegasus get�tet. Ich bin ganz allein unter einem Rudel von Trollen zur�ckgeblieben. Ich dachte, sie w�rden mich bei lebendigem Leib fressen. Du kennst wohl diese Geschichten � Sie haben mich tagelang durch den Schnee gehetzt ��</p><p>Nodon war �berrascht von ihrer Offenheit. Ailyn galt sonst als still. �Diesmal sind es nur Zwerge�, sagte er, mehr aus Verlegenheit denn �berzeugung.</p><p>�Ja.� Sie blickte auf den zerw�hlten Schnee.</p><p><emphasis>Jetzt. Du musst vor ihr �ber den Drachenpfad gehen.</emphasis> Die Worte des Dunklen peitschten unerwartet in seine Gedanken. Nodon wandte sich abrupt von Ailyn ab. �Wir sehen uns in der Tiefen Stadt�, sagte er statt eines Abschieds. Dann schritt er durch die mattschwarze Fl�che am Rand der Kuppel.</p><p>Unsichtbare H�nde zerrten an ihm. Er f�hlte sich emporgehoben. Dann war er umgeben von glei�endem Licht. Er kauerte, obwohl er sich nicht erinnern konnte, in die Knie gegangen zu sein. �Verfluchte Drachenpfade!� Er kniff die Augen zusammen. Es war hei�. Seine H�nde tasteten �ber etwas Weiches � Sand? Vorsichtig blinzelnd sah er sich um. Da war eine schattenhafte Gestalt. Ein Elf?</p><p><emphasis>Ich bin es. Wir haben nur einen Augenblick. Meine Nestbr�der d�rfen nicht bemerken, dass ich den Pfad verlassen habe. Ich entbinde Euch von dem Befehl, den Ihr gerade erhalten habt, Nodon. Ihr werdet nicht durch einen Luftschacht in den Hafen der Tiefen Stadt springen. Ihr werdet jetzt schon in die Zwergenstadt gehen.</emphasis></p><p>�Warum?� Der Elf blinzelte gegen das blendend helle Sonnenlicht an.</p><p><emphasis>Fragt nicht! Ihr werdet einen Zwerg von dort fortholen.</emphasis></p><p>Ein Bild erschien in Nodons Gedanken. Eine gedrungene, b�rtige Gestalt mit wulstiger Nase und buschigen Augenbrauen.</p><p><emphasis>Ihr werdet in einem unbedeutenden Seitentunnel aus dem Drachenpfad treten. Euch bleiben nicht einmal mehr dreiundzwanzig Stunden, um ihn zu finden und �ber den Drachenpfad aus der Stadt zu bringen. Er ist wichtig f�r die Zukunft Albenmarks.</emphasis></p><p>Nie hatte er die Stimme des Erstgeschl�pften so intensiv empfunden. Sie war hei� und kalt zugleich. Voller Gef�hl.</p><p>�Wo werde ich den Zwerg finden?�</p><p><emphasis>Findet die Zwergendame Amalaswintha, dann findet Ihr auch ihn.</emphasis></p><p>�Aber wie soll ich denn ��</p><p><emphasis>Es bleibt keine Zeit f�r Erkl�rungen. Ihr werdet alles neben Euch im Sand finden.</emphasis></p><p>�Wie soll ich tief im Berg, ohne die Sonne oder den Mond zu sehen, wissen, wie die Zeit verrinnt?�</p><p><emphasis>Ihr werdet bei Eurer Kleidung einen Stein finden, von dem ein blasses Licht ausgeht. Mit jeder Stunde, die verstreicht, wird das Leuchten nachlassen und ein Fleck wachsen, der wie ein St�ck eingeschlossene Kohle aussieht. Wenn der Stein ganz zu Kohle geworden ist, wird der Angriff beginnen. Bringt Euch vorher in Sicherheit, Nodon! Ihr habt geh�rt, was mit jenen, die in den tiefen H�hlen weilen, geschieht. Seid fort, bevor Ihr verbrennt oder erstickt.</emphasis></p><p>Sengender Schmerz durchfuhr Nodons Leib. Diesmal war es anders. Die Stimme des Erstgeschl�pften hallte nicht l�nger in seinen Gedanken. Es war ein Schmerz, als w�rde jede einzelne Muskelfaser in seinem Leib zerrei�en. Er schrie auf und kippte von Kr�mpfen gesch�ttelt seitlich in den Sand. Speichel quoll ihm �ber die Lippen, vermischt mit Blut. Seine Knochen schienen sich in seinem Fleisch zu bewegen. Sie zerrten an Muskeln und Nerven.</p><p>Hilflos in der Agonie der Pein, begriff er, was mit ihm geschah. Ich bin verflucht, dachte er. Dann l�schte der Schmerz sein Bewusstsein.</p></section><section><title><p>Die Truhe</p></title><p>Endlich h�rte der Sackpfeifenspieler auf, sein Publikum zu qu�len. Wie Zwerge dieses Gequietsche Musik nennen konnten, w�rde Nandalee f�r immer ein R�tsel bleiben. Sie blickte zu dem Zwerg mit dem gestutzten Bart. Er nickte ihr zu, obwohl er sie nicht kannte, und plauderte dabei mit zwei Graub�rten, die den goldenen Halsschmuck von Ratsherren trugen. Hornbori! Der letzte der drei M�rder. Der Einzige, den sie bislang noch nicht in seinen Privatgem�chern besucht hatte. Soweit sie wusste, war er dort auch so gut wie nie anzutreffen. Er schien st�ndig auf irgendwelchen Festen und Ratsbesprechungen zu sein. Ihm irgendwo allein zu begegnen schien fast unm�glich.</p><p>Nandalee wandte sich ab und schlenderte zu der mit rotem Stoff verh�ngten Truhe in der Mitte der weiten H�hle. Amalaswintha hatte ihr nicht verraten wollen, was sich unter dem Tuch befand. Die Elfe glaubte einen schwachen Geruch von Blut wahrzunehmen. Aber sie war sich nicht sicher. Es gab zu viele andere D�fte. Den Rauch Hunderter Kerzen, den Duft des schweren Rotweins, den Amalaswintha gro�z�gig ausschenken lie�, dazu den Geruch des Bratens, der s��en Kartoffeln und all der anderen K�stlichkeiten, die auf einem Buffet rings um eine der Tropfsteins�ulen arrangiert waren. Es waren kaum drei�ig Zwerge anwesend. Sie alle schienen W�rdentr�ger zu sein oder zumindest Verm�gen zu haben. Es war au�er ihr keiner dort, der sich nicht mit breiten goldenen Armreifen oder anderen Schmuckst�cken beh�ngt hatte.</p><p>Wieder blickte Nandalee zu der Truhe. Was Amalaswintha wohl vorhatte?</p><p>Hornbori kam auf sie zu. Er l�chelte. �Wir sind uns schon einmal begegnet, nicht wahr? Du warst mit einem Ratsherrn aus den Ehernen Hallen in Galars Schmiede zu Besuch. Es ist ein paar Monde her, aber ich vergesse selten ein Gesicht. Galar hat sich damals recht ungeb�hrlich aufgef�hrt. Daf�r m�chte ich mich entschuldigen. Er ist recht � eigen.� Der Zwerg ergriff ihre Hand und dr�ckte sie. Er hatte einen festen, trockenen Griff. Sie hingegen schwitzte.</p><p>�Das stimmt�, brachte sie ein wenig verlegen hervor.</p><p>�Amalaswintha erz�hlte mir, dass du gro�es Interesse daran hast, mich zu sehen.� Er breitete in einladender Geste die Arme aus. �Nun, hier bin ich. Was m�chtest du wissen?�</p><p>Sie bedachte ihn mit einem verschw�rerischen Blick und zog ihn ein wenig zur Seite. �Ich will offen zu dir sein, Hornbori. Der Eherne schickt mich, der F�rst meines Volkes. Er w�rde sich gl�cklich sch�tzen, dich, Galar und Nyr als seine G�ste willkommen zu hei�en�, fl�sterte Nandalee. �Er gedenkt bei der Versteigerung ��</p><p>�Drachenblut, nicht wahr? Darum geht es�, unterbrach Hornbori sie mit g�nnerhaftem L�cheln. �Alle haben von dieser Geschichte geh�rt. Du willst einen Beweis, richtig?�</p><p>Nandalee hatte keine Ahnung, wovon er sprach. Sie nickte z�gerlich.</p><p>�Zieh dein Messer.�</p><p>�Was?� Sie starrte ihn entgeistert an. Sie wusste nicht, was geschehen war, aber irgendetwas schien sie ganz grundlegend falsch gemacht zu haben.</p><p>�Dein Messer,� beharrte Hornbori.</p><p>Nandalee bemerkte, wie sie angestarrt wurden. Die Zwerge, die auf sie aufmerksam geworden waren, grinsten. Sie schienen zu wissen, worum es ging. Nandalee zog ihre Waffe. Kaum dass sie die Klinge gezogen hatte, schlug Hornbori mit der flachen Hand vor die Schneide. �Siehst du, es stimmt.�</p><p>Sie verstand dieses Spiel nicht. Er hatte Gl�ck gehabt, dass er sich nicht geschnitten hatte!</p><p>�Stich mir in die Hand!�</p><p>Amalaswintha war auf das Spektakel aufmerksam geworden. �Hast du tats�chlich noch jemanden gefunden, mit dem du dein kleines Spielchen noch nicht gespielt hast, Hornbori?�</p><p>�Er war neugierig. Er wollte es sehen.�</p><p>�Stich ihm in die Hand, damit wir alle unsere Ruhe haben, Arbinumja.�</p><p>Nandalee gehorchte. Sie stie� zu. So kr�ftig, dass der Arm des Zwergen zur�ckschnellte. Hornboris Hand war unverletzt geblieben.</p><p>�Drachenblut�, erkl�rte die Zwergin. �Galar hat irgendein Elixier gebraut, um das er ein gro�es Geheimnis macht. Immerhin wissen wir, dass ein wesentlicher Bestandteil Drachenblut ist.� Amalaswintha hatte die Stimme erhoben. �Und das l�sst alle Tr�ume, ein Heer unverwundbarer Zwergenkrieger aufzustellen, zerplatzen. Wie viel Drachenblut haben wir? Wann werden wir neues Blut bekommen? Taugt das Blut eines jeden Drachen, um den Zauber zu wirken, der Hornbori unverwundbar macht? Ich habe euch heute eingeladen, um mit euch �ber einen neuen Weg zu sprechen. Jeder von euch hier kennt Galar. Und niemand, der vern�nftig denkt, wird seine Zukunft in die H�nde dieses Wahnsinnigen legen wollen.�</p><p>�Eines Wahnsinnigen, der dir voraushat, dass seinen Worten bereits Taten folgten, meine Liebe�, entgegnete Hornbori l�chelnd. �Sosehr ich dich sch�tze, ich glaube nicht, dass du einem Drachen entgegentrittst, um ihn vielleicht mit einer Nagelfeile zu erschrecken.�</p><p>Nandalee sah einige der Ratsherren grinsen. Wirklich zu lachen und die Dame Amalaswintha zu br�skieren, wagte jedoch niemand.</p><p>Auch Amalaswintha l�chelte, doch ihre Augen blieben kalt. �Dass du Worte wie Armbrustbolzen zu verschie�en vermagst, ist uns allen hinl�nglich bekannt. Doch wie klug bist du in der Wahl deiner Allianzen? Gestern erst war ich in Galars Werkstatt. Und wei�t du, was ich dort nicht gesehen habe? Drachenblut. Mir scheint, dein Freund hat die Gunst der Stunde genutzt, um sich eine goldene Nase zu verdienen.�</p><p>Hornbori sch�ttelte entschieden den Kopf. �Gold interessiert ihn nicht.�</p><p>Amalaswinthas L�cheln wurde breiter. �Sagt er das? Erstaunlich � Obwohl er wahnsinnig ist, scheint er ganz genau zu wissen, wie er dein Vertrauen erlangt. Ich bin noch niemandem begegnet, der nicht seinen Preis gehabt h�tte. Vielleicht solltest du einmal nachschauen, um von deinen Tr�umen zu retten, was noch zu retten ist.�</p><p>Hornbori nahm es gelassen. �Ich wei�, dass es dich wurmt, am Weg in unsere Zukunft nicht beteiligt zu sein, und deshalb wirst du, ganz gleich, was du auch sagst, mein Vertrauen in meine beiden Gef�hrten nicht ersch�ttern k�nnen.�</p><p>�Ein Narr, der sehenden Auges in den Untergang geht.�</p><p>Nandalee sp�rte, dass alle Sympathien bei Hornbori lagen. Die Zwerge, die sich hier versammelt hatten, mochten Amalaswintha nicht. Sie lagen ohne Zweifel gerne in ihrem Bett, aber sobald sie es verlie�en, war sie ihnen unheimlich. Sie war zu reich, zu machtvoll, zu selbstbestimmt f�r ein Zwergenweib.</p><p>Amalaswintha trat an die verh�llte Truhe. �Kommen wir zum H�hepunkt des Abends.� Sie hob einen Zipfel des Tuches an. �Hier verbirgt sich nichts weniger als unsere Zukunft. Und es soll eine Zukunft sein, die auf unseren eigenen Kr�ften aufbaut und nicht auf Drachenblut.� Mit dramatischer Geste zog sie das Tuch beiseite.</p><p>Nandalee stockte der Atem. Keine Truhe, sondern ein K�fig war unter dem Tuch verborgen gewesen. Darin angekettet lag ein Elf. Er war nackt, sein K�rper geschunden, gezeichnet von Schl�gen und Brandwunden. Ein Eisenring war um seinen Hals gelegt. Und eine Kette, die durch eine �se am Ring gezogen war, zwang seinen Kopf auf den Boden des K�figs, sodass er mit einer Wange dort auflag. Seine Arme waren ihm auf den R�cken gebunden, und eine zweite Kette zerrte sie nach oben, was ihm fast die Schultergelenke auskugelte. Das Gesicht des hageren Elfen war von ihr abgewandt, dennoch erkannte Nandalee ihn auf den ersten Blick. Es war Duadan, ihr Ziehvater, der �lteste aus der Sippe der Windg�nger.</p><p>Aufgeregtes Raunen erhob sich rings um sie, doch Nandalee vermochte kein Wort zu verstehen. Sie f�hlte sich, als sei sie in Wasser eingetaucht. Die Welt hatte sich ver�ndert. Alles war auf Distanz ger�ckt. Es gab nur noch sie und Duadan, den Seher ihres Volkes und v�terlichen Freund.</p><p>Nandalee umrundete den K�fig und kniete nieder, um in das Antlitz des J�gers zu blicken, der ihr Leben st�rker beeinflusst hatte als irgendein Drache. Duadans Augen waren fast ganz zugeschwollen, sein Gesicht blau und gr�n von Schl�gen. Verfilzt und schmutzig klebte sein langes, wei�es Haar am Schorf seiner Wunden. Sie hatten ihm die rechte Hand abgehackt. Der Stumpf war entz�ndet und stank nach Verwesung. Lange Schnittwunden zogen sich von seinen Fersen die Schenkel hinauf.</p><p>Unb�ndige Wut wuchs in Nandalee. Der Wunsch, alle zu t�ten, die ihm das angetan hatten. Wie Sayn, den es von innen heraus zerrissen hatte, sollten sie sterben. Nur sollte es langsamer gehen. Qualvoller. Einen schnellen Tod hatten diese Folterer nicht verdient.</p><p>�Ich sp�re dich, meine Tochter.�</p><p>Nandalee traten Tr�nen in die Augen. Sie wollte etwas sagen, doch ein Klo� sa� in ihrem Hals, und es war ihr unm�glich zu sprechen.</p><p>�Ich wusste immer, dass wir uns vor meinem Tod noch einmal wiedersehen.�</p><p>Es war ein Schock, ihn, der immer einen Weg gefunden und der sich vor nichts je gef�rchtet hatte, ja, der gewiss selbst dem Immerwinterwurm aus den dunkelsten Legenden des Nordens mit einem siegessicheren L�cheln auf den Lippen entgegengetreten w�re, nun von seinem Tod sprechen zu h�ren. Duadan hatte immer gewusst, wo sie war, ganz gleich wie tief die Jagd sie in die W�lder f�hrte. Er war es auch gewesen, der sie gefunden hatte, als sie auf der Flucht vor den Trollen gewesen war.</p><p>�Du bist in gro�er Gefahr, Nandalee. Sieh dich an. Du hast deinen Weg verloren. Wenn du diesen H�hlen entkommst, gehe in dich. Besinne dich darauf, wer du bist. Und nun sprich zu den Zwergen. Du musst sie t�uschen � F�r kurze Zeit noch.�</p><p>�Was sagt er?� Amalaswintha stand dicht vor ihr. Wut und Gier hatten ihr Gesicht entstellt. �Rede endlich!�</p><p>Die Worte der Zwergin klangen wie aus weiter Ferne. Nandalee f�hlte sich benommen. Sie rang um Fassung. Jetzt, da sie den Zwergen in ihre h�sslichen Fratzen blickte, wuchs aufs Neue der Zorn in ihr. Nein, sie hatten den Schutz der Drachen wahrlich nicht verdient. Sie waren keine Albenkinder. Sie waren Ungeheuer.</p><p>Amalaswintha wich vor ihr zur�ck. �Was ��</p><p>Einige der Zwerge griffen sich an ihre fetten B�uche. Nandalee dachte an Sayn. An die Knochen, die aus seinem zerfetzten Fleisch geragt hatten, und sein Blut, das durch die Spiralmuster am Boden der H�hle des Schwebenden Meisters geflossen war.</p><p>�Er klagt �ber Schmerzen�, sagte sie mit kalter Stimme.</p><p>Skorri, der Ratsherr, trat zwischen den Zwergen hervor. �Du musst ihn fortbringen! Es bringt Ungl�ck, sich mit Elfen einzulassen. Er wird fliehen und Mord und Verderben in die Tiefe Stadt bringen.�</p><p>�Er geht nirgendwo mehr hin.� Amalaswinthas Stimme klang schrill. �Ich habe ihm die Sehnen an den Fersen durchtrennt und weit bis in seine Schenkel hinauf herausgeschnitten. Wenn er sich bewegen will, wird er kriechen m�ssen.� Sie wandte sich an Nandalee. �Und nun sag uns: Was redet er?�</p><p>�Tu nichts Unbedachtes, meine Tochter. Es ist nicht an dir, Rache zu nehmen.�</p><p>Ein Kribbeln lief durch ihre Glieder. Ein Gedanke nur, und sie w�rde sich in ihre wahre Gestalt zur�ckverwandeln. Aber dann w�re sie f�r einige Augenblicke hilflos. Die Zwerge w�rden sie in St�cke rei�en, wenn sie sahen, was mit ihr geschah. Es sei denn, sie w�ren tot �</p><p>�Er verflucht dich, Amalaswintha.� Ihr Name war wie Galle in Nandalees Mund.</p><p>�Ich gehe!�, sagte Hornbori laut. �Aus dieser Sache wird nichts Gutes erwachsen. Der Alte in der Tiefe sollte wissen, was du hier treibst.� Der Zwerg presste sich eine Hand auf den Leib, als habe er Schmerzen.</p><p>Wieder trat das Bild des sterbenden Sayn vor Nandalees Augen.</p><p>�Er sagt, ihr alle werdet in eurem eigenen Blut ertrinken.� Nandalee sprach mit tonloser Stimme, wie in Trance. Die Worte kamen, ohne dass sie dar�ber nachdachte. Sie hatte immerzu das Bild des Blutes, das durch die Steinspiralen rann, vor Augen. Waren die Spiralen ein Symbol f�r die Tiefen St�dte der Zwerge? Es w�rde Blut flie�en, deshalb war sie hierhergekommen.</p><p>�Tu es nicht!� Duadans Stimme klang wie aus weiter Ferne zu ihr. �Tu es nicht!�</p></section><section><title><p>Schattenm�nner und Betr�ger</p></title><p>Hornbori hatte das Gef�hl, es m�sse ihn zerrei�en. War es nur seine Wut, oder wirkte der verfluchte Elf einen Zauber? Wie hatte Amalaswintha so dumm sein k�nnen! Einen lebenden Elfen hierher in die Tiefe Stadt zu bringen. Sie waren unberechenbare M�rder! Kein Zwerg wusste, was Elfen alles zuzutrauen war.</p><p>Hornbori musste sich an der H�hlenwand abst�tzen. Ihm war �bel. Dieser Druck in ihm � Vielleicht hatte er auf dem Fest auch einfach nur etwas Falsches gegessen. Er hatte in den letzten Tagen zu oft, zu �ppig gespeist. Er w�rde sich m��igen m�ssen! Aber wie sollte er das tun, ohne seine Gastgeber zu beleidigen? Festgelage und �berreichlicher Genuss von Pilz geh�rten dazu, wenn man zum Rat geh�rte. Das mussten die ersten Anzeichen daf�r sein, dass er alt wurde.</p><p>Hornbori passierte das protzige Portal zu Amalaswinthas Palast. Geberic lehnte dort und bedachte ihn mit einem sp�ttischen Blick. �Du gehst schon so fr�h?�</p><p>Wusste der Kerl, was dort drinnen vor sich ging? Wortlos taumelte Hornbori die kurze Treppe vor dem Eingangsportal hinab und lehnte sich an eine gemauerte Br�stung. Direkt vor der H�hle gab es einen tiefen Felsspalt. Was das Gestein hatte aufrei�en lassen, wusste Hornbori nicht. Ein Erdbeben? Vielleicht hatte es auch schon immer so ausgesehen. Jedenfalls hatte dort unten der Grundstock zu Amalaswinthas Verm�gen gelegen. Sie hatte ihre Arbeiter tief in den Spalt geschickt, wo sie auf eine unfassbar ertragreiche Goldader gesto�en waren.</p><p>�Du siehst nicht gut aus, Ratsherr.� Sp�ttisches Gel�chter begleitete die Worte Geberics. Zwei weitere Leibw�chter hatten sich zu ihm gesellt.</p><p>Hornbori richtete sich auf, atmete tief durch und bem�hte sich um einen m�glichst w�rdevollen Abgang. Er hatte Geberic noch nie leiden gemocht. Der Kerl f�hrte sich auf, als sei Amalaswintha seine Tochter oder Schwester. Jeden ihrer Liebhaber geleitete er mit k�hler Herablassung in den Palast seiner Herrin.</p><p>Hornbori dachte an die wenigen N�chte, die er mit Amalaswintha verbracht hatte. Sie war aufregend. Steckte voller ungew�hnlicher Ideen. Und sie war vollkommen gr��enwahnsinnig! Er kannte sich damit aus, er wusste durchaus um seinen eigenen Ehrgeiz. An Amalaswinthas Seite musste jeder Mann zu einem Schatten verblassen. Ihm war schnell klar geworden, dass er an ihrer Seite niemals h�tte aufsteigen k�nnen.</p><p>Wieder gingen ihm ihre Worte durch den Kopf. Hatte Galar ihn verraten? Der Schmied war �berreichlich mit Drachenblut versorgt worden, darauf hatte er pers�nlich geachtet. Drachenblut, das w�re der Schl�ssel zu seiner Zukunft. Hatte Galar es verkauft? Der Schmied war wahnsinnig! Ihm war alles zuzutrauen. Er musste wissen, ob Amalaswintha recht hatte. Aber alleine mochte er sich nicht in Galars H�hle wagen. Ihm gegen�ber w�rde der Schmied nur frech. Aber wenn er Nyr mitbrachte, s�he die Sache ganz anders aus. Wenn Galar in Anwesenheit seines Freundes den Betrug eingestehen m�sste, w�re ihm das gewiss entsetzlich peinlich.</p><p>Hornbori f�hlte sich erleichtert. Der Schmerz in seiner Brust lie� nach. Mit weiten Schritten eilte er am Abgrund entlang und bog in den ersten Tunnel, der ihn n�her zum Herzen der Stadt bringen w�rde. Weit voraus sah er einen Zwerg ihm entgegenkommen. Der Kerl trug ein scharlachrotes Wams. Ungew�hnlich � Vielleicht stammte er aus einer Gesandtschaft aus Ishaven? Die Zwerge aus dem �u�ersten Norden hegten eine eigenwillige Vorliebe f�r aufdringliche Farben. Dazu passte auch das silberblonde Haar des Kerls. Er hatte etwas Ungew�hnliches an sich. Hornbori musste an eine Katze denken, w�hrend er den Zwerg n�her kommen sah. Katzen und Zwerge, das passte nicht zusammen!</p><p>Der Fremde wirkte erleichtert, ihn zu sehen.</p><p>�Ich suche den Palast der Dame Amalaswintha�, sagte er ohne Umschweife. Er sprach mit dem harten Akzent des hohen Nordens.</p><p>Hornbori schreckte zur�ck, als er in die Augen des Ishaveners blickte. Sie waren vollkommen schwarz, ohne erkennbare Iris und ohne Wei�. Er schluckte � Mit wem hatte sich Amalaswintha da schon wieder eingelassen?</p><p>�Deine Augen ��</p><p>Sein Gegen�ber zuckte mit den Schultern. �Das geschieht, wenn man zu lange in das blendende Wei� des Schnees blickt. Manche werden sogar blind davon.�</p><p>Dar�ber hatte Hornbori schon einmal erz�hlen h�ren. �Geh geradeaus, bis der Tunnel an einer weiten Felsspalte endet. Dann h�ltst du dich links. Nach zweihundert Schritt erreichst du ein pr�chtiges Portal, an dem ein Wichtigtuer mit einem goldenen Nasenring Wache steht. Dies ist der Eingang zu ihrem Palast.�</p><p>Der Ishavener bedankte sich und ging z�gig weiter. Einen Moment lang sah Hornbori ihm noch nach. Dann musste er wieder daran denken, ob Galar ihn tats�chlich betrogen hatte.</p></section><section><title><p>Unter den Schwingen der Drachen</p></title><p>Es ist keine Angst, dachte Bidayn und wusste es doch besser. Sie sa� abseits der anderen im Schatten einer windschiefen Zeder und sah ihre Ausr�stung durch. Vor dem Befehl, �ber den Drachenpfad zu gehen, hatte sie das N�tigste in aller Eile zusammengerafft. Ein Kettenhemd und ein Helm mit geschlossenem Visier. Unter dem Helm lugte das kleine Beutelchen aus Hasenfell hervor, in dem sie einen Mondstein verwahrte, ihren Gl�cksbringer. Sie strich �ber das Fell und schluckte. Ihr Mund war staubtrocken. Daf�r waren ihre H�nde schwei�nass. Immer wieder musste sie an ihren letzten Kampf denken. An die entsetzlichen Schmerzen, als sich ihr eigener Zauber gegen sie gewandt hatte und sie in die Gewalt eines leibhaftigen Devanthar geraten war.</p><p>Bidayn streifte ihre d�nnen Seidenhandschuhe ab und betrachtete das Rautennetz aus Narben, das sich �ber ihre Handr�cken zog. Ihr ganzer K�rper war mit diesem unausl�schlichen Narbenmuster bedeckt. Dies war der Preis f�r ihren ersten Kampf gewesen. Der Preis daf�r, dass sie sich gegen die Kraft des magischen Netzes gestemmt hatte, statt mit ihr zu flie�en.</p><p>Bidayn blickte auf das Schwert, das sie schon nach Nangog begleitet hatte. Die Klinge war etwas l�nger als ihr Unterarm, geschmiedet aus makellosem Silberstahl. Eines der verwunschenen Schwerter, das die Drachen erschaffen hatten. Sie sah im spiegelnden Silberstahl die Narben, die ihre Augenbrauen zerteilten, sich �ber ihren Nasenr�cken zogen und ihr Gesicht mit einem Rautenmuster aus d�nnen, wei�en Linien verunzierten. In ihren Augen war sie nie eine Sch�nheit gewesen. M�nner, die ihr gefallen hatten, hatte sie bislang nur aus der Ferne bewundert, wie etwa Sayn in der H�hle des Schwebenden Meisters. Jetzt w�rde sie nicht einmal das wagen. Die Narben verunstalteten auch ihr Gesicht. Sie war ein Ungeheuer geworden.</p><p>Bidayn h�rte hinter sich das leise Knirschen von Ger�ll. Sie musste l�cheln. Das war gewiss Lyvianne. Die Meisterin der Wei�en Halle h�tte sich auch lautlos bewegen k�nnen, aber sie wollte, dass Bidayn sie h�rte.</p><p>Lyvianne war in den langen Monden, die Nandalee verschwunden gewesen war, zu ihrer Vertrauten geworden. Sie war ihre Meisterin, ihre Lehrerin und ihre Freundin. In ihr sah sie eine Seelenverwandte. Auch Lyvianne wurde gemieden, obwohl sie eine atemberaubende Sch�nheit war. Wie gerne w�re sie so wie sie. Sie nahm sich die M�nner und legte sie wieder ab, wenn sie ihrer �berdr�ssig war.</p><p>Bidayn drehte sich um. Lyvianne trug ein langes, wei�es Kleid mit Stehkragen. Ihr Haar war streng zur�ckgek�mmt und zu einem Zopf geflochten, was sie unnahbar wirken lie�. Sie schenkte Bidayn ein freundschaftliches L�cheln. Wie sehr beneidete sie Lyvianne um ihre vollen, sinnlichen Lippen und die geheimnisvollen, gr�nen Augen!</p><p>�Hast du Angst?�</p><p>Bidayn nickte. �Ja.�</p><p>Lyvianne kniete neben ihr nieder und legte ihr schlankes Schwert auf das Ger�ll. �Auch ich bin vor jedem Kampf ein wenig unruhig. Wir werden zusammen hinuntergehen.�</p><p>�Aber ich bin f�r einen anderen Schacht eingeteilt ��</p><p>�Das habe ich ge�ndert.� Lyviannes schmale Hand strich �ber das Kettenhemd, das auf einem Tuch ausgebreitet lag. �Das wirst du nicht brauchen.�</p><p>�Aber wir werden doch ��</p><p>�Das Metall st�rt dich, wenn du eins sein willst mit dem Zauber, der in allem wohnt. Es schirmt dich dagegen ab. Nicht so sehr wie Blei � aber es st�rt dich beim Zauberweben. Ebenso der Helm hier. Auch behindern sie dich im Kampf. Dein Gesichtsfeld wird beschr�nkt, du wirst langsamer durch das Gewicht des Stahls auf deinen Schultern. Es ist nicht klug, so dort hinabzusteigen.�</p><p>�Ich bin keine Meisterin wie du�, wandte Bidayn ein.</p><p>�Du hast dich mir anvertraut, und ich wei�, wo du deine Narben empfangen hast. Du standest einem Devanthar gegen�ber und hast diese Begegnung �berlebt. Au�er dir k�nnen das nur noch Nandalee und Gonvalon von sich behaupten. Sei weniger bescheiden, meine Liebe.� Lyvianne nahm mit spitzen Fingern den Beutel aus Hasenfell hoch. �Das wirst du auch nicht brauchen. Du allein schmiedest dein Gl�ck. Ein St�ck Fell und ein Stein haben nichts damit zu tun, wie deine Zukunft aussehen wird. Nimm dein Schwert! Damit werden Entscheidungen getroffen. Du bist keine Hofdame, du wirst eine Drachenelfe sein. Zeig den anderen deinen Stolz und nicht deine Schw�chen.�</p><p>Worte, dachte Bidayn bitter. Sie waren so wohlfeil, gingen so leicht �ber die Lippen. Aber ihre Angst vermochten sie nicht zu bannen.</p><p>Lyvianne l�ste ihr Kleid. In flie�ender Bewegung glitt es zu Boden. �So werden wir dem Tod entgegentreten, meine kleine Tochter. Ganz so, wie wir in diese Welt getreten sind.� Sie nahm ihr Schwert auf und zog die funkelnde Klinge aus der Scheide. �Du hast gelernt, wie du den Tod auf eine Klingenl�nge Abstand halten kannst, und dich bereits im Kampf bewiesen. Es wird mir eine Ehre sein, an deiner Seite zu fechten.� Sie sagte das so ernst und respektvoll, dass Bidayn ihre Worte nicht l�nger anzweifelte. Auch sie griff nach ihrem Schwert.</p><p>�Leg dein Kleid ab.�</p><p>Bidayn err�tete. Das konnte sie nicht! Ihr Narbennetz zur Schau stellen �</p><p>�Wir werden durch die Flammen der Drachen gehen, meine Tochter. Ihr Feuer wird unser Gewand sein. Es wird uns umflie�en, ohne uns zu verbrennen. Aber alles, was wir mit uns nehmen, geh�rt den Flammen. Unsere Klingen werden gl�hen. Die Kleider werden verbrennen. Lass alles zur�ck. Nur deinen Mut und dein Schwert nimm mit.�</p><p>Sie dachte wieder an die entstellenden Narben. Doch dann fasste sie sich ein Herz. Wenn sie erst einmal in den H�hlen waren, w�re sie mit Lyvianne allein. Und ihre Meisterin wusste ohnehin um das Narbennetz und woher es kam. Wenn sie wenigstens offen �ber ihren Kampf auf Nangog reden k�nnte �</p><p>�Wusstest du, dass viel �ber dich gefl�stert wird?�</p><p>Bidayn seufzte. Nat�rlich wusste sie das. So, wie sie aussah!</p><p>�Die anderen halten dich f�r eine der m�chtigsten Zauberweberinnen, die je die Wei�en Hallen besuchte. Und nachdem du so lange fort warst, sind sie �berzeugt, dass die Himmelsschlangen schon jetzt dar�ber streiten, wem du einst geh�ren wirst. Sie wissen, dass du auf deine erste Mission geschickt wurdest, noch bevor du zur Drachenelfe wurdest. Du beginnst eine Legende zu werden.� Lyvianne schob ihr die Hand unter das Kinn und hob sanft ihren Kopf. �Denke nicht so viel an deine Narben. Du kannst sie nicht verschwinden lassen, also trage sie mit Stolz. Betrachte sie als Ehrenmale. Sie sind Teil deiner Legende. Und heute wirst du der Saga �ber dich viele neue Strophen schenken.�</p><p>Lyviannes Worte taten ihr gut. Stimmte es wirklich? Redeten die anderen gar nicht �ber ihre Narben, sondern �ber ihre Taten?</p><p>Bidayn �ffnete ihr Kleid und lie� es zu Boden sinken. Sie betrachtete das Narbenmuster auf ihrer Haut mit anderen Augen. Lyvianne hatte recht, sie musste sich dem stellen, was sie war, statt vor sich davonzulaufen.</p><p>�Gehen wir!�</p><p>Bidayn blickte zum Himmel, dann sah sie ihre Meisterin verwundert an. �Es ist doch noch viel zu fr�h.�</p><p>�Der Goldene hat entschieden, den Angriff um einige Stunden vorzuverlegen.�</p><p>�Aber warum? Bringt das nicht alle Pl�ne durcheinander?�</p><p>�So k�nnen wir ganz sicher sein, dass wir die Zwerge wirklich �berraschen�, entgegnete Lyvianne mit einem Unterton, der Bidayn an Verrat denken lie�.</p><p>�K�nnten die Zwerge gewarnt worden sein?�</p><p>Lyvianne l�chelte k�hl. �Was immer gerade in der Tiefen Stadt vor sich gehen mag, wir k�nnen ganz sicher sein, wir werden alle dort unten �berraschen.� Mit diesen Worten nahm Lyvianne sie bei der Hand und f�hrte sie �ber einen schmalen Saumpfad ins Tal hinab.</p><p>Sie sah, wie �berall im Tal Elfen aufbrachen und in kleinen Gruppen verschwanden. Die Himmelsschlangen schienen etliche Drachenpfade angelegt zu haben, damit m�glichst alle Krieger zur gleichen Zeit eintrafen. Auch die Drachen verschwanden in den Schatten zwischen den hellen Felsen. Es war unheimlich zu sehen, wie schnell sich das weite Tal leerte. Und alles geschah vollkommen lautlos.</p><p>�Werden die Zwerge uns nicht kommen sehen?� Bidayn hatte ihre Stimme zu einem Fl�stern gesenkt, um die Stille nicht zu st�ren.</p><p>�Wir haben eine Vorhut geschickt, um jeden Zwerg zu t�ten, der sich vielleicht auf dem Berg aufhalten k�nnte. Die �berraschung wird vollkommen sein.� Lyvianne deutete auf einen Spalt zwischen zwei Felsbl�cken. �Dies ist unser Weg.�</p><p>Bidayn musste an das Fenster in der Bibliothek der Wei�en Halle denken. Das mahlende Glas, das jeden erwartete, der einen Fehler machte, wenn er diesen Drachenpfad �ffnete. Sie nahm all ihren Mut zusammen und trat zwischen die beiden Felsen. Etwas zerrte an ihr, dann hatte sie das Gef�hl zu st�rzen. Undurchdringliche Dunkelheit umgab sie, drei Herzschl�ge lang, dann fand sie sich auf weichem Waldboden. Es duftete nach Harz und Kiefernnadeln. Auch hier war es dunkel, doch die Finsternis war nicht so vollkommen wie auf dem Pfad zwischen den Welten. Zwischen B�umen schimmerte der Mond am Himmel. Unmittelbar vor ihr ragte ein massiger alter Baumstumpf auf. Er war gro� wie ein eingest�rzter Turm. Baumpilze wucherten aus dem bleichen Holz, von dem sich l�ngst alle Rinde abgesch�lt hatte. Efeuranken, durchsetzt von pfeilgeraden, jungen Sch�sslingen, umlagerten die Flanken des Baumstumpfs. Aus seinem Inneren aber stieg Rauch empor.</p><p>Pl�tzlich war Lyvianne an ihrer Seite. Ihre Meisterin deutete mit dem Schwert auf den Baumstumpf. �Dort hinauf. Darin verbirgt sich einer der unz�hligen Rauchabz�ge der Tiefen Stadt. Das wird unser Weg zu den Zwergen sein.� Sie trat an das Wurzelwerk und zog ein aufgerolltes Seil darunter hervor.</p><p>Indessen kletterte Bidayn den Stumpf empor und blickte in den von Rauch geschw�rzten Schacht hinab. Was w�rde sie dort unten erwarten?</p><p>Lyvianne knotete das Seil an einer der Wurzeln fest und kam zu ihr hinauf. �Sieh nur.� Die Elfe deutete �ber einen Windbruch hinweg, den Hang des Berges hinab. Die gest�rzten B�ume gaben den Blick auf den Abhang frei. Drachen verdunkelten den Himmel. �berall am Hang sah Bidayn sie landen. Dazwischen, im Halbdunkel der B�ume, huschten helle Gestalten.</p><p>�Einen Angriff wie diesen hat es noch nie gegeben�, sagte Lyvianne voller Stolz. �Bei Sonnenaufgang wird die Tiefe Stadt zur Toten Stadt geworden sein.�</p><p>Ein Schatten fiel auf sie. Wind peitschte in Bidayns Gesicht. Die Baumwipfel ringsherum beugten sich, als ein riesiger Sonnendrache �ber ihnen erschien. Er schien direkt auf sie hinabzust�rzen. Bidayn wollte davonlaufen, doch Lyvianne hielt sie fest.</p><p>�Du musst ruhig bleiben! Er hat uns gesehen und wird uns nicht verletzen. Erst wenn du l�ufst, bist du in Gefahr.�</p><p>D�nne �ste krachten. Staub wirbelte Lyvianne ins Gesicht. Bidayn schloss die Augen, als die Schattengestalt sich �ber ihnen niederlie�. Krallen gruben sich knirschend in das faulige Holz des gro�en Baumstumpfs. Der Wohlgeruch des Sonnendrachens �berlagerte den Gestank des Rauchs, der aus dem Schacht aufstieg.</p><p>Ein schwanengleicher Hals beugte sich neben ihnen hinab. Bidayn blickte in ein goldenes Auge, dessen geschlitzte Pupille l�nger als ihr Mittelfinger war. Die gro�en N�stern des Drachen bl�hten sich.</p><p>Lyvianne sprach ein Wort der Macht und ber�hrte sie an der Stirn. Wohliges Schaudern �berlief Bidayn. Sie sp�rte, wie sich das Netz der Kraftlinien um sie zusammenzog. Nichts Bedrohliches haftete ihm an. Der Zauber umgab sie wie ein sch�tzender Kokon.</p><p>Der rotgeschuppte Drache hob seinen Kopf weit in den Nacken. Er schien auf etwas zu lauschen, das Bidayn nicht zu h�ren vermochte. Den Befehl zum Angriff?</p></section><section><title><p>Ohne Einladung</p></title><p>Nodon dankte den Alben stumm daf�r, den Zwerg mit dem verbrannten Gesicht getroffen zu haben. Obwohl er sein Bestes gegeben hatte, sich das Tunnellabyrinth der Tiefen Stadt einzupr�gen, hatte er sich hoffnungslos verlaufen. Wahrscheinlich lag es auch an diesem fremden K�rper, in den er gezw�ngt war und der alle seine Sinne beschnitt. So viel kleiner zu sein ver�nderte die Wahrnehmung! Die Wege waren pl�tzlich l�nger. Alles erschien ihm h�her und eindrucksvoller.</p><p>Er tastete nach den beiden kurzen Schwertern, die er unter seinem Umhang verborgen hielt. Es waren Drachenklingen. Die sollte besser kein Zwerg zu sehen bekommen. Er zog den seltsamen Stein hervor, den Nachtatem ihm �berlassen hatte. Das Kohlest�ck war gewachsen und machte schon fast die H�lfte des Steins aus. Aber f�nf oder sechs Stunden sollten ihm noch bleiben. Mehr als genug Zeit, um den Zwerg aufzusp�ren, ihn zum Drachenpfad zu bringen und aus diesem Labyrinth zu fliehen.</p><p>Nodon war es schleierhaft, warum Nachtatem unbedingt einen Zwerg aus dieser zum Untergang verdammten Stadt holen wollte. Vielleicht w�re der Kerl ja in Zukunft einmal wichtig. Nachtatem beriet sich immerzu mit den Gazala, die mit ihm in der weiten Halle tief unter der Pyramide im Jadegarten lebten. Diese Seherinnen waren seltsam. Die wenigen Male, die Nodon ihnen begegnet war, hatte er stets das Gef�hl gehabt, dass sie Dinge �ber ihn wussten, die ihm selbst noch unbekannt waren. Sie waren k�hl und abweisend. Sie wussten sicherlich, warum dieser Zwerg noch weiterleben sollte. Er sollte seine Zeit nicht mit unn�tzen Gedanken vergeuden. Es war nicht seine Aufgabe, Fragen zu stellen. Was er zu tun hatte, war klar umrissen. Hoffentlich machte der Zwerg ihm keine Schwierigkeiten. Gut, dass der Kerl gerade ein Fest besuchte. Dort k�nnte er unauff�llig mit ihm ins Gespr�ch kommen.</p><p>Bald erreichte Nodon den Weg entlang der Felsspalte. Eilig schritt er voran und fand das Portal, das ihm beschrieben worden war. Mitten unter dem Tor stand ein Zwerg mit verschr�nkten Armen. Ein breiter, goldener Ring steckte in seiner Nase. Man musste wohl Zwerg sein, um das h�bsch zu finden.</p><p>�Was willst du?�, fragte der Torw�rter barsch. Hinter dem Kerl erschienen noch zwei weitere finster dreinblickende Zwerge, die sich in wohl ge�bter Pose auf mannsgro�e �xte st�tzten.</p><p>�Ich w�nsche das Fest der Dame Amalaswintha zu besuchen.�</p><p>�Das w�nschen viele�, entgegnete der Nasenringtr�ger herablassend.</p><p>�Ich suche einen ihrer G�ste.�</p><p>Der W�chter zog die Brauen zusammen und machte einen Schritt auf ihn zu. �Dann wirst du wohl warten m�ssen, bis er durch dieses Tor kommt. Und du wartest nicht hier, dass das klar ist. Geschmei� wie dich w�nscht die Dame Amalaswintha nicht in der N�he ihres Palastes zu sehen.�</p><p>Nodon wich ein St�ck zur�ck. Er hasste es, bedr�ngt zu werden. �Ich habe eine dringende Nachricht f�r diesen Gast ��</p><p>�Was schert mich das?� Der gro�spurige W�chter r�ckte wieder ein St�ck vor. F�r einen Zwerg roch er erstaunlich dezent.</p><p>Nodon stand jetzt mit dem R�cken zur Br�stung, die den Weg s�umte. �Was muss ich tun, um auf dieses Fest zu gelangen?�</p><p>�Um dieses Portal zu durchschreiten, brauchst du eine Einladung.� Der W�chter musterte ihn absch�tzig. �Und du siehst nicht aus wie jemand, der eine Einladung auf ein Fest Amalaswinthas bekommt. Und �� Jetzt schwang ein wenig Unsicherheit in der Stimme des Zwergs. �Was ist mit deinen Augen?�</p><p>�Sind sie schwarz? Das geschieht immer, wenn ich mich �rgere. Wo wir gerade von einer Einladung sprechen �� Nodon griff unter seinen Umhang. Einen Augenblick lang genoss er den verbl�fften Ausdruck auf dem Gesicht des Leibw�chters. Der Kerl bef�rchtete offensichtlich, einen schrecklichen Fehler begangen zu haben. Unrecht hatte er damit nicht, nur dass es eine andere Sorte Fehler war, als er ahnte. Nodon blickte auf beide Seiten, um sich zu vergewissern, dass niemand auf dem Pfad entlang der Felsspalte unterwegs war.</p><p>Der Torw�chter setzte gerade an, etwas zu sagen, als Nodon sein Kurzschwert zog und ihm die schlanke Klinge durch Mund und Oberkiefer stie�. �Meine Einladung�, sagte der Elf trocken, zog das zweite Schwert und schleuderte es einem der beiden Axttr�ger entgegen. Die Klinge zerteilte dessen Bart dicht unter dem Kinn und grub sich tief in die Kehle des Kriegers.</p><p>Nodon st�rmte vor und nutzte den Augenblick, den ihn der dritte W�chter vor Entsetzen gel�hmt anstarrte. Er warf sich mit aller Wucht gegen den Zwerg und stie� ihn zu Boden. Sofort war er �ber ihm und stie� ihm den ausgestreckten Mittelfinger durch das linke Auge.</p><p>Der Zwerg schrie auf.</p><p>Nodon fluchte. Diese kurzen, stummeligen Zwergenfinger! Als Elf konnte er auf diese Weise t�ten. Er packte den Bart des Zwergs und riss dessen Kopf mit einem scharfen Ruck zur Seite. Das Geschrei verstummte.</p><p>Nodon wischte seine blutigen Finger am struppigen Bart des Toten ab. Erneut sah er sich aufmerksam um. Nichts r�hrte sich. Es hatte kaum zehn Herzschl�ge gedauert, die drei Zwerge zu t�ten. Niemand schien es gesehen zu haben. Nun mussten nur noch die Leichen verschwinden.</p><p>Nodon warf die drei K�rper �ber die Steinbr�stung in den Abgrund. Dann l�schte er die �llampen rings um den Eingang zu Amalaswinthas Palast. Die wenigen Blutspritzer auf dem Fels waren im Dunkeln nicht mehr zu erkennen. Nodon massierte sich den Finger, den er dem dritten Zwerg ins Auge gesto�en hatte. Er hatte ihn sich verstaucht. Verdammter Zwergenleib! Er w�rde sich beeilen, diesen l�stigen Auftrag zu beenden, damit er wieder ein Elf sein konnte.</p></section><section><title><p>Der Bote</p></title><p>�Bitte, Nandalee. Du darfst sie nicht t�ten. Sie haben Fenella! Ich bin verloren, aber f�r Fenella besteht noch Hoffnung. Du musst sie retten.�</p><p>Die Worte erreichten Nandalee kaum. Ihre Wut war zum alles beherrschenden Gef�hl geworden. Sie sp�rte ein Rei�en in ihren Gliedern. Ihr Leib wollte seine urspr�ngliche Form zur�ck. Den verhassten Zwergenk�rper abstreifen.</p><p>�Arbinumja, was geht hier vor?�</p><p>Nandalee wich vor Duadan zur�ck. �Er � Er sagt, es g�be noch eine Elfe hier unten.�</p><p>�Schei�e, nein!�, schrie Skorri auf. �Wie viele von diesen Ungeheuern hast du in die Stadt gebracht?�</p><p>Amalaswintha blieb erstaunlich ruhig. �Sag dem Elfen, dass er aufh�ren soll mit dem, was er gerade tut. Wenn mir etwas geschieht, wird auch das Elfenm�dchen sterben. Sie ist an einem Ort, zu dem au�er mir niemand geht. �bersetz ihm das!�</p><p>�Du musst ihn umbringen, sofort!�, beharrte Skorri. �Elfen bringen nur Ungl�ck. Du siehst es doch. Sieh dir Arbinumja an. Sein ganzer Bart ist voller Blut. Und hattest du nicht auch das Gef�hl, es w�rde dich gleich zerrei�en? Deine Augen sind ganz rot ��</p><p>Nandalee wandte sich wieder an Duadan. �Wie bist du hierhergekommen?�</p><p>�Die Trolle haben unser Lager �berfallen.� Duadan blickte durch sie hindurch, w�hrend er sprach, so als w�rde er geradewegs in die Vergangenheit sehen. �Sie kamen nicht lange, nachdem wir uns zum letzten Mal gesehen hatten � Sie haben uns �berrascht. Sie waren pl�tzlich da. Es gab nicht einmal einen richtigen Kampf. Sie wollten uns lebend. Vorerst. Sie brachten uns zum K�nigsstein und � und �� Duadans Stimme versagte. Sein Blick war aus der Vergangenheit zur�ckgekehrt. Er starrte sie mit bebenden Lippen an. Es lag kein Vorwurf darin. Nur Traurigkeit.</p><p>H�tte sie nur nie den Pfeil auf den Troll abgeschossen, dachte sie voller Reue. Mit diesem Schuss habe ich meine Sippe ausgel�scht.</p><p>�Das Zwergenweib hat mich von den Trollen gekauft. Mich und Fenella. Sie ist mit einer ganzen Karawane von Lastschlitten gekommen. Ich glaube, sie hat mit Trockenfleisch und Met f�r uns bezahlt.� Er l�chelte bitter. �Der Preis f�r ein Elfenleben liegt hoch.�</p><p>Amalaswintha bedr�ngte sie erneut zu �bersetzen, was der Elf zu sagen hatte. Auch die �brigen Zwerge hatten neuen Mut gefasst und scharten sich um sie. Begierig hingen sie an ihren Lippen, als sie ihnen eine L�ge nach der anderen �ber Duadan erz�hlte.</p><p>�Du bist jetzt eine Drachenelfe, nicht wahr?� Es brach ihr schier das Herz, mit wie viel Hoffnung ihr Ziehvater sie fragte. �Eine Zauberweberin und Schwertmeisterin.�</p><p>Lag da Stolz in seinem Blick, oder w�nschte sie sich nur, dass es so w�re?</p><p>�Du kannst Fenella befreien. Bring sie lebend von hier fort und versuche die �berlebenden aus dem K�nigsstein zu befreien.�</p><p>�Es gibt �berlebende?�</p><p>�Als mich die Zwerge holten, waren es noch sieben.� Er z�hlte ihre Namen auf.</p><p>�Was erz�hlt er da?�, mischte sich Amalaswintha ein.</p><p>�Er nennt die Namen der sieben Meister, bei denen er die Kunst des Zauberwebens erlernte.� Nandalee k�mpfte darum, gleichm�tig zu klingen, doch ihre Stimme geriet immer wieder ins Stocken. Zu schwer lastete die Schuld auf ihr, um mit leichter Zunge L�gen erz�hlen zu k�nnen. Sie stellte sich vor, wie die sieben in feuchten H�hlen eingekerkert dahinvegetierten, ohne Hoffnung auf Rettung. Der Willk�r der Trolle ausgeliefert.</p><p>�Wird er mich die Kunst des Zauberns lehren?�, wollte Amalaswintha wissen.</p><p>Nandalee bemerkte, dass diese Frage bei den �brigen Zwergen Verbl�ffung, ja sogar �rger provozierte. Selbst Skorri, der sich sonst so unterw�rfig gab, runzelte die Stirn und sch�ttelte dann den Kopf. Offensichtlich hatte Amalaswintha an ein gro�es Tabu ger�hrt.</p><p>Duadan hatte die ver�nderte Stimmung ebenfalls bemerkt und bedr�ngte Nandalee, ihm zu erkl�ren, was unter den Zwergen vor sich ging.</p><p>�Sie hat also die Gabe, Zauber zu weben�, sagte er nachdenklich und ma� Amalaswintha mit Blicken.</p><p>�Willst du sie wirklich ��</p><p>�Wenn sie den Preis zahlt, den ich fordere. Sie soll die �berlebenden unserer Sippe freikaufen. F�r jedes Leben werde ich sie ein Jahr lang unterrichten.�</p><p>�Aber die Zwerge werden dieses Wissen vielleicht nutzen, um gegen Elfen und Drachen zu k�mpfen�, begehrte Nandalee auf.</p><p>�Das Leben der letzten meiner Sippe ist mir kostbarer als das von Elfen und Drachen, die in die St�dte der Zwerge kommen, um dort Krieg zu f�hren�, sagte Duadan, und jedes seiner Worte traf sie wie ein Dolchsto�. �Du bist auf den Wegen der Magie schon unendlich viel weiter gegangen als ich.� Seine Stimme klang nun vers�hnlicher. �Was kann ich ihr schon beibringen? Einen Jagdzauber, der sie Spuren lesen l�sst, die f�r das Auge nicht mehr sichtbar sind? Einen Zauber, der feuchtes Holz zum Brennen bringt? Ist dieser Preis zu hoch, um die zu retten, die mir teuer sind?�</p><p>�Ich werde Fenella hier herausholen�, beharrte Nandalee. �Und dich! Und gemeinsam befreien wir unsere Freunde ��</p><p>�Du willst dich allein gegen eine Zwergenstadt stellen und danach mit einem Kr�ppel und einem M�dchen als Gef�hrten die Macht der Trolle herausfordern?� Er l�chelte. �Du magst aussehen wie ein Zwerg, Nandalee, aber du hast dich nicht ver�ndert. �bersetze ihr meinen Vorschlag. Ein Jahr f�r ein Elfenleben. Das ist kein zu hoher Preis.�</p><p>Nandalee war �berzeugt, dass es nicht klug war, Amalaswintha so schnell so weit entgegenzukommen. �Er bietet dir an, dich sieben Zauber zu lehren. Sein erster Zauber wird dein Altern beenden. Du wirst sein wie die Elfen. Deine Sch�nheit wird niemals verbl�hen, und dein Leben wird ewig w�hren, solange keiner kommt, um es dir zu nehmen.� Sie sah am Glanz in Amalaswinthas Augen, dass dies der richtige Weg war. �Allerdings verlangt er, dass du auch die �brigen Elfen, die bei den Trollen gefangen gehalten werden, rettest und hierherbringst, damit er sie sehen kann.�</p><p>�Das ist widernat�rlich�, emp�rte sich einer der Graub�rte unter den Zwergen. �Zu altern geh�rt zum Leben. Du darfst dich nicht mit diesem Elfen einlassen! Du bist keine mehr aus unserem Volk, wenn du das tust, Amalaswintha!�</p><p>�Du hast leicht reden, Gadaric, deine Jugend ist verflossen, und nicht einmal Zaubermacht vermag sie zur�ckholen.� Amalaswintha wandte sich den �brigen Zwergen mit herausforderndem Blick zu. �Aber wer von euch w�rde das Geschenk der ewigen Jugend ablehnen, wenn ich es ihm anbieten k�nnte? Wenn ich den Zauber des Elfen erst einmal gemeistert habe, kann jeder von euch Unsterblichkeit erringen. Wer von euch spuckt darauf? Du, Gadaric, wenn du sp�rst, wie die K�lte des Todes unter deinem eisgrauen Bart nach deiner Kehle greift? Oder du, Skorri, wenn die Jahre deine Manneskraft dahinschmelzen lassen? Warum sollten wir nicht begehren, was den Elfen geschenkt ist? Warum sollten wir nicht gegen die Ungerechtigkeit der Sch�pfung aufbegehren?�</p><p>�Weil wir Zwerge sind�, entgegnete Gadaric mit fester Stimme. �Wir sind dazu geboren zu altern. So haben es die Alben entschieden. Was ist ein Jahr noch wert, wenn ein Leben ewig w�hrt? Und was w�ren wir, wenn wir nicht mehr altern? Ganz gewiss keine Zwerge mehr!�</p><p>�Wor�ber streiten sie?�, wollte Duadan wissen.</p><p>�Dar�ber, wer das Gold f�r all die G�ter aufbringen soll, die die Trolle im Austausch f�r die �brigen Elfen verlangen werden�, log sie.</p><p>�Also werden sie sich auf meinen Vorschlag einlassen?�</p><p>Nandalee z�gerte. Noch nie zuvor hatte sie Duadan belogen.</p><p>Ein junger Zwerg betrat die festlich geschm�ckte H�hle. Etwas an der Art, wie er sich bewegte, kam Nandalee vertraut vor. Der Fremde blickte sich um. Seine ganze Haltung hatte etwas Herausforderndes. Er trug ein schreiend rotes Wams, das in starkem Kontrast zu seinem silberblonden Haar stand.</p><p>�Wer bist du?�, fuhr Amalaswintha ihn �rgerlich an. �Ich hatte verboten, diese Zusammenkunft zu st�ren. Wo steckt Geberic? Warum hat er dich hereingelassen?�</p><p>Der blonde Zwerg blickte Nandalee an. Seine Augen! Sie waren vollkommen schwarz!</p><p>�Ich suche ihn�, sagte der Fremde ruhig und deutete dabei auf Nandalee. �Ich habe eine Nachricht f�r ihn.�</p><p>�Du bist hier nicht willkommen.� Skorri trat ihm entgegen. Pl�tzlich verharrte er. Furcht lag in seinem Blick. �Bei den Alben�, keuchte er entsetzt. �Was ist mit deinen Augen? Sie ��</p><p>�Sind sie schwarz?�, fragte der Fremde ironisch. �Das geschieht, wenn man mich erz�rnt. Der Herr von Ishaven hat mich geschickt. Und meine Mission duldet keinen Aufschub.�</p><p>Der graub�rtige Gadaric packte Skorri und zog ihn aus dem Weg. �Der Kerl ist ein Berserker. Reize ihn nicht. Wer schickt so einen Boten?�</p><p>Amalaswintha rief nach ihren Leibwachen.</p><p>Der Fremde stand nun unmittelbar vor Nandalee. Sie kannte diese Augen. Ungez�hlte Stunden hatte sie im Jadegarten diesem kalten Blick standzuhalten versucht. �Nodon?�, fl�sterte sie.</p><p>Der Zwerg runzelte die Stirn.</p><p>�Ich bin es, Nandalee.� Ihre Stimme war nur noch ein Hauch.</p><p>Immer noch rief Amalaswintha nach ihren Leibw�chtern. Sie stand inzwischen am Eingang der Festhalle.</p><p>�Du musst hier fort. Stell keine Fragen.�</p><p>Ja, kein Zweifel, das ist Nodon, dachte Nandalee. Immer direkt, ohne Erkl�rungen. �Ich kann nicht�, zischte sie �rgerlich. �Hilf mir! Sie halten Elfen aus meiner Sippe gefangen. Wir m�ssen sie hier herausholen!�</p><p>Nodon zog einen eigenartigen Stein hervor. Ein Kristall, in den ein St�ck Kohle eingeschlossen war. Pl�tzlich wuchs die Kohle im Kristall an und f�llte ihn nun fast ganz aus. Nodons Hand begann zu zittern. Sein b�rtiges Gesicht war eine Fratze des Entsetzens geworden. �Es beginnt ��, stammelte er.</p></section><section><title><p>Die Spur des Blutes</p></title><p>Nyr war leicht zu finden gewesen. Seit Tagen lungerte er in der N�he der Amethysthalle herum, schlug sich den Wanst voll und und betrank sich. W�hrend der Versteigerung wurde reichlich Essen und Trinken angeboten, und niemand wagte es, einen der Drachent�ter davonzujagen, selbst wenn er sich danebenbenahm.</p><p>Nyr dazu zu bringen, mit ihm Galars H�hle aufzusuchen, war Hornbori wesentlich schwerer gefallen. �Du irrst dich�, lallte sein Gef�hrte. �Galar w�rde uns niemals betr�gen.�</p><p>�Wenn ich danebenliege, kannst du ihm gerne sagen, was f�r ein mieser Kerl ich bin.� Hornbori w�nschte sich, dass er sich irrte. Und er verfluchte Amalaswinthas Worte. Sie wusste zu gut, wie sie ihn treffen konnte. Und jetzt noch dieser Elf! Welche dunklen Pl�ne schmiedete sie? Er dachte an die Beklemmung in seiner Brust, die ihn pl�tzlich �berfallen hatte, als Amalaswinthas �bersetzer mit dem Elfen gesprochen hatte. War das nur seine Angst gewesen? Es war t�richt, sich mit Elfen einzulassen. Fast so t�richt, wie Drachen zu jagen.</p><p>Sie hatten den Tunnel zu Galars H�hle erreicht. Hornbori schob Nyr vor sich her. Der Gesch�tzmeister taumelte bedenklich. Nyr hatte am wenigsten von ihrem Abenteuer profitiert. Galar hatte alles bekommen, was er f�r seine verr�ckten Versuche brauchte. Er selbst war in den Rat aufgestiegen, aber Nyr � Er sollte sich etwas �berlegen. Sie brauchten den Sch�tzen noch.</p><p>Galars H�hle war viel gr��er geworden, seit Hornbori vor vielen Monden hier hinabgestiegen war, um dem Schmied zu erkl�ren, dass man ihm, Hornbori, die Goldenen Schwingen verleihen w�rde. Damals hatte Galar an einer Kette �ber einem riesigen Kessel gehangen. Der Kessel war noch da, aber die H�hle war verlassen. Es herrschte noch immer ein heilloses Durcheinander. Dutzende Tische, beladen mit Kisten und K�sten, Tiegeln und Flaschen, uraltem Brot, K�sest�cken, Kr�utern und halb mumifizierten Gliedma�en von allerlei Tieren. Das war Galars Leben.</p><p>Es stank erb�rmlich hier unten. Kaum zu ertragen. Auf einem der Tische lag ein ganzer Berg schimmelnden Koboldk�ses. Galar hatte immer noch nicht herausfinden k�nnen, was man anstellen musste, um noch einmal jenen Brei aus Drachenblut und Koboldk�se herzustellen, der seine Hand unverwundbar gemacht hatte, als sie zuf�llig damit in Ber�hrung gekommen war. Hornbori mochte gar nicht daran denken, wie viel Gold bereits in diese Experimente geflossen war.</p><p>Er lie� den Blick �ber die Tische schweifen und bedauerte, dass er vergessen hatte, ein parf�miertes Tuch mitzubringen. Der Gestank war kaum zu ertragen. Er atmete in kurzen, hechelnden St��en durch den Mund.</p><p>Bald hatte er das Gef�hl, dass irgendetwas Pelziges auf seiner Zunge wucherte. Nyr schien der Gestank nichts auszumachen. Sein Gef�hrte st�tzte sich schwer auf einen der Tische und blinzelte. �Es ist weg ��</p><p>Der Gesch�tzmeister hatte recht. Der Tisch, auf dem immer die Holzgestelle mit den Phiolen voller Drachenblut gestanden hatten, war leer. Nirgends waren die auff�lligen, kaum fingerdicken Gl�ser mit dem leuchtend roten Blut zu entdecken.</p><p>�Daf�r gibt es eine Erkl�rung�, lallte Nyr.</p><p>Nat�rlich gibt es die, dachte Hornbori. Amalaswintha hatte ihn nicht belogen. Galar verh�kerte ihr Drachenblut! Der verdammte Mistkerl. �Ich werde den Drecksack ��</p><p>�Still�, sagte Nyr und r�lpste leise. Er kniff die Augen zusammen und verharrte v�llig reglos. �Der Brunnen.� Leicht schwankend machte er sich auf den Weg zum ummauerten Brunnenschacht.</p><p>Auch Hornbori hatte etwas geh�rt, einen merkw�rdigen Laut �ber einem der Abzugssch�chte. Es hatte wie ein tiefes Einatmen geklungen, was nat�rlich blanker Unsinn war. Erstaunlich, was f�r seltsame Ger�usche der Wind verursachen konnte. Er folgte Nyr zu dem Schacht. Sein Gef�hrte hatte sich bereits �ber den Brunnenrand gebeugt und starrte hinab. Vielleicht war ihm auch einfach nur �bel.</p><p>�Da ist was�, lallte Nyr und schob sich abenteuerlich weit �ber den Brunnenrand.</p><p>Hornbori packte ihn beim G�rtel. �Ers�uf dich nicht, du Narr. Du �� Hornbori entdeckte einen Handabdruck auf dem Brunnenrand. Jemand war erst vor Kurzem aus dem Schacht heraufgestiegen. Eisensprossen waren in die Brunnenwand eingelassen. Das Wasser war irgendwo in dunkler Tiefe verborgen. Sollte Galar auf diesem Weg geflohen sein? Hatte er dort unten einen kleinen Aal? Zuzutrauen war ihm alles.</p><p>�Ich steig mal da runter�, murmelte Nyr und versuchte sich aus seinem Griff zu befreien.</p><p>Hornbori zog ihn zur�ck und schwang sich selbst auf den Rand der Brunnenummauerung. �Ich steig da hinab. Oder hast du Lust, nass zu werden?�</p><p>Nyr klappte den Mund auf und zu. Er r�lpste noch einmal, und der s��liche Geruch von Met schlug Hornbori ins Gesicht. �N�!�, brummte Nyr, machte dabei aber den Eindruck, als habe er seine �berlegungen noch nicht g�nzlich abgeschlossen. Mit seinem kurzen, versengten Bart und den roten Brandnarben im Gesicht sah er zum Erbarmen aus. Hornbori dachte, was f�r ein Gl�ck er bei der Drachenjagd gehabt hatte, und trat auf die oberste Sprosse. Das Metall war nass und rutschig. Ohne Zweifel war hier erst vor Kurzem jemand heraufgekommen. Aus dem Wasser! Das war ganz und gar unzwergisch! Hornbori hielt die feuchten Sprossen fest umklammert und blickte nach unten. Er konnte kein Wasser sehen. Der Schacht verlor sich im Dunkel. Aber die Feuchtigkeit war zu sp�ren.</p><p>Er konnte nicht schwimmen. Wenn er abst�rzte und es unten an der Brunnenwand keine Sprossen mehr gab � Nicht daran denken, ermahnte er sich stumm und umklammerte die kantigen Eisensprossen so fest, dass sie ihm in die Handfl�chen schnitten.</p><p>Er dachte an Galar und versuchte sich zu erinnern, ob der Schmied je einen gewaschenen Eindruck auf ihn gemacht hatte. Reinlichkeit und Galar, das waren zwei Welten, die nicht zueinanderfanden. Auch der Betrug, den er ihm unterstellte, passte nicht zu dem Schmied. Galar war ein unvertr�glicher Kotzbrocken. Ein egoistischer Mistkerl, durch und durch. Und deshalb w�rde er sich das Blut einfach nehmen und sich nicht in aller Heimlichkeit davonmachen. Das war einfach nicht Galars Stil.</p><p>�Na, haste auch Angst, nass zu werden?� Nyr grinste zu ihm herab. Der Gesch�tzmeister hatte sich wieder bedenklich weit �ber den Brunnenrand gelehnt.</p><p>Hornbori stieg eine vierte Sprosse hinab, um dem feuchtwarmen Met-Atem zu entfliehen. Er war in seinem ganzen Leben noch nicht in einen Brunnen geklettert. Es w�re vern�nftig, hier wieder herauszukommen und einfach oben auf Galar zu warten. Irgendwann w�rde der Schmied schon erscheinen. Ein falscher Tritt � Noch einmal blickte er in die dunkle Tiefe. Nein, f�r solch aberwitzige Abenteuer war er nicht geschaffen. Wenn er jetzt wieder aus dem Brunnen kletterte, dann war das keine Feigheit, sondern ein Sieg der Vernunft!</p><p>�Was war denn das?� Nyr drehte sich um.</p><p>Flammen f�llten den runden Ausschnitt der H�hlendecke, den Hornbori aus dem Brunnenschacht sah. Nyr schrie auf, verlor das Gleichgewicht und fiel ihm entgegen. Die Kleider des Gesch�tzmeisters standen in Flammen!</p><p>Hornbori drehte den Kopf zur Seite. Nyr prallte auf ihn wie ein Felsbrocken. Die Flammen, die aus seinem Wams schlugen, griffen nach Hornboris k�mmerlichen Bartresten. Im Reflex schlug er mit der Hand nach dem Feuer und rutschte von den nassen Eisensprossen ab.</p><p>Schreiend st�rzten sie dem Dunkel entgegen.</p></section><section><title><p>Liuvar</p></title><p>Nodon lie� den pl�tzlich zu Kohle gewordenen Stein fallen und riss sie mit sich. Entsetzt blickte er zur himmelblauen H�hlendecke hinauf. Sein Schreck w�hrte nur einen Augenblick, dann trat ein entschlossener Zug in sein Gesicht. Er ber�hrte sie an der Stirn und murmelte ein Wort der Macht. Dabei zerrte er sie in Richtung des H�hlenausgangs.</p><p>�Was hat das zu bedeuten?� Ein Schauder �berlief Nandalee. Eine angenehme K�hle umfing sie wie an einem Sommermorgen in regendurchn�sstem Wald.</p><p>Sie erreichten den Durchgang, durch den Amalaswintha geeilt war, um nach ihren Leibw�chtern zu suchen. Duadan sah ihnen nach. Im Blick des Sehers lag etwas, das ihr Angst machte. Ein stummer Abschied. Als wisse er ganz genau, was geschehen w�rde.</p><p>�Wir sind inmitten einer Stadt, die sterben wird�, sagte Nodon mit feierlicher Stimme. �Ich glaube nicht, dass wir entkommen k�nnen. Ich werde nicht im K�rper eines Zwerges gefangen sein, wenn der Tod zu mir kommt.�</p><p>Nandalee verstand nicht. Die Stadt sollte sterben? Wovon sprach er? Nachtatem w�rde Meuchler zu den M�rdern des Schwebenden Meisters schicken. Wie sollte eine Stadt sterben?</p><p>Nodon griff unter seinen Umhang und reichte ihr ein Kurzschwert. Sie roch das Blut, das daran haftete, obwohl die Klinge sauber gewischt war. Sie musste ganz genau hinsehen, um die feinen, dunklen Linien in der ziselierten Parierstange der Waffe zu entdecken.</p><p>Nodon brach in die Knie. Sein Mund klaffte auf. Seine Z�hne verschoben sich im Kiefer, das Gesicht schien auf dem Sch�delknochen zu verrutschen. Der Bart verschmolz mit Haut und Fleisch. Gepeinigtes Keuchen entrang sich seiner Kehle.</p><p>�Bei den Alben, Arbinumja, was ist das? Ist er krank? Ist das ansteckend? Ist ��</p><p>Nandalee hob das Kurzschwert und stellte sich breitbeinig vor ihren wehrlosen Gef�hrten.</p><p>�Besessen ist er�, sagte Gadaric. �Habt ihr nicht seine Augen gesehen? Kein Zwerg sieht so aus! Seine Seele hat sich verfinstert. Ihr Schatten scheint selbst durch seine Augen. Du musst ihn t�ten, Arbinumja.�</p><p>Nandalee hob das Schwert mit beiden H�nden, sodass dessen Spitze auf Nodons Brust wies. Seine Zwergengew�nder waren von ihm abgefallen wie die Haut einer Schlange. Die Verwandlung war fast abgeschlossen.</p><p>Ein Hauch ber�hrte sie. K�rperlos, einer Ahnung entsprungen, brachte er eine K�lte, die bis tief in die Knochen drang. Duadan hatte den Kopf zur Seite gewandt und sah sie an. Seine Lippen formten Worte, denen er keine Stimme schenkte. Und doch vermochte sie seinen letzten Gru� zu lesen. �Gehe deinen Weg, Nandalee, die du die Seele meiner Tochter tr�gst. Liuvar.�</p><p>Flammen umfingen Duadans K�fig. Glei�end hell schienen sie geradewegs aus dem blau gemalten H�hlenhimmel hinabzufahren. Nandalee st�rmte vor, das Schwert erhoben, um die eisernen Gitterstangen des K�figs zu zerschlagen. Duadans Gestalt war nur noch ein Schatten inmitten von Flammen.</p><p>Ihre Klinge fuhr nieder und glitt mit schrillem Kreischen �ber das Metall. Ihr Ziehvater kr�mmte sich. Sie griff nach seiner Hand. Die Hand, die sie so lange beh�tet hatte, wurde zu Asche, w�hrend sie sie hielt.</p><p>Das Feuer vermochte Nandalee nicht zu verletzen. Es brannte die Zwergenkleider von ihrem Leib. Ihr Schwert wurde rot gl�hend. Sie sp�rte, wie die Lederb�nder, mit denen der Griff umwickelt war, sich zusammenzogen und dann ebenfalls zu Asche wurden. Tr�nen aus geschmolzenem Eisen rannen die Gitterst�be hinab, dann bogen sich die Stangen, und der K�fig sank in sich zusammen.</p><p>Nandalee tastete ungl�ubig �ber das schmelzende Metall. Konnte nicht fassen, dass Duadan, der immer Rat gewusst hatte, nun nicht mehr war. Und so wenig die Hitze sie zu verbrennen vermochte, so unb�ndig war der Schmerz, der in ihrem Inneren wuchs. Sie b�umte sich mit einem schrillen Schrei auf, der all ihr Ungl�ck und ihre Einsamkeit mit sich trug. Ihr K�rper wollte schier zerrei�en. Sie wand sich wild durch die Pf�tze wei� gl�henden Metalls. L�ngst war ihr Schwert verschwunden, eins geworden mit den Gitterst�ben, denen Duadan nun entflohen war.</p><p>�Liuvar�, fl�sterte Nandalee, als der Schmerz nachlie� und sie begriff, dass Duadan nicht tot, sondern frei war. Seine Seele w�rde wiedergeboren werden. Die Martern durch Trolle und Zwerge hatten ein Ende. �Liuvar�, hauchte sie noch einmal. �Frieden, mein Freund.�</p><p>Nandalee hatte ihre wahre Gestalt angenommen. Geschmolzenes Eisen perlte wie Quecksilber von ihrem Leib, als sie sich erhob. Das Wort der Macht, das Nodon gesprochen hatte, sch�tzte sie vor der Hitze des Feuers.</p><p>Die Flammen waren verschwunden. Ebenso die Zwerge, die gerade noch Amalaswinthas G�ste gewesen waren. Die weite H�hle war vom Ru� geschw�rzt, und der falsche Himmel hatte Risse bekommen. Die Pf�tze aus geschmolzenem Metall schimmerte in mattem Rot. Es war das einzige Licht, das die glei�enden Flammen hinterlassen hatten.</p><p>�Nandalee.� Nodon stand im Durchgang zu dem Tunnel, in den Amalaswintha verschwunden war, um nach ihren Leibwachen zu suchen. Er war nackt wie sie, doch war er weit genug vom Zentrum der Flammen entfernt gewesen, dass sein Schwert nicht geschmolzen war. �Wir m�ssen fort. Schnell.� Seine Stimme klang rau. Sein Atem ging keuchend, als sei er eine weite Strecke gelaufen.</p><p>Auch Nandalee f�hlte sich atemlos. Ein �liger Geschmack lag auf ihrer Zunge. Den Gedanken, woher er stammen mochte, verdr�ngte sie sofort wieder. Sie dachte an die Schuld, die auf ihr lastete. An Fenella und die Gefangenen in den H�hlen beim K�nigsstein. Sie musste Fenella finden, Duadans Nichte! Was hatte Amalaswintha �ber die Elfe gesagt? <emphasis>Sie ist an einem Ort, zu dem au�er mir niemand geht.</emphasis> Nandalee hatte eine Ahnung, wo das sein mochte!</p><p>Nodon hielt sie zur�ck, als sie an ihm vorbeiwollte. �Vorsicht. Noch sind nicht alle Zwerge tot. Diese Furie hat erstaunlich viele Leibw�chter.�</p><p>Nandalee ging in die Knie und sp�hte in den Tunnel. Einzelne ersterbende Lichter flackerten entlang der W�nde. Etwa zwanzig Schritt entfernt stand ein halbes Dutzend Zwerge, die Armbr�ste im Anschlag.</p><p>Sie zog sich vorsichtig zur�ck.</p><p>�Sie werden uns in den R�cken schie�en, wenn wir versuchen, zum Ausgang zu gelangen�, stellte Nodon n�chtern fest.</p><p>�Dann willst du sie also angreifen?� Nach jedem einzelnen Wort rang Nandalee um Atem.</p><p>Statt zu antworten, bedachte Nodon sie mit einem schmallippigen L�cheln.</p><p>�Nur um sicherzugehen � Zwei Krieger, die zusammen ein Schwert besitzen, st�rmen in einem engen Tunnel auf zehn Armbrustsch�tzen zu. Das ist dein Schlachtplan, ja?�</p><p>�So, wie du das schilderst, h�rt es sich nicht sonderlich ausgefeilt an.� Sein L�cheln wurde ein wenig breiter. �Aber ich denke, es ist besser, als sich in den R�cken schie�en zu lassen.�</p><p>�Unbedingt!� Nandalee erhob sich, bog in den Tunnel ein und wurde vom scharfen Klacken der Armbr�ste empfangen.</p></section><section><title><p>Kein Zwergentod</p></title><p>Wasser und Dunkelheit. In blinder Panik ruderte Hornbori mit Armen und Beinen. Er war im Wasser gelandet. Der Sturz hatte ihn in die Tiefe dunkler Fluten gerissen. Um und um sich wirbelnd hatte er alle Orientierung verloren, wusste nicht mehr, wo oben und unten war. Die grausamen Flammen waren verloschen � Oder blickte er einfach nur in die falsche Richtung? Er drehte sich, streckte die H�nde aus. Verfluchtes Wasser! Zwerge waren nicht zum Schwimmen erschaffen. Felsgr�ber waren sie, Steinespalter. Der Erde verschworen. Wasser � Das war nicht ihre Welt.</p><p>Ihm ging die Luft aus. Nicht mehr lange � Seine Finger glitten �ber schl�pfrigen Fels. Eine Wand. Fast h�tte er aufgelacht. Der Brunnen war nicht weit. Man musste ein Idiot sein, um keine der Schachtw�nde zu finden. Aber wo war oben? Dort, wohin die Luftblasen stiegen! Seine Lungen brannten wie Feuer. Er musste atmen! Doch erst musste er ein wenig von seiner kostbaren Atemluft aufgeben. Dann w�rden ihm die Luftblasen den Weg weisen. Er pustete durch seine zusammengepressten Lippen. Spendete ein wenig der Luft, die sein Leben bedeutete. Sie strich seine Hand entlang, mit der er die Silberblasen, die er im Dunkel nicht zu sehen vermochte, ertastete. Luftblasen, gro� wie Taubeneier, strichen �ber seinen Bart, und er stellte sich vor, wie sie seinen F��en entgegeneilten, um dann ganz und gar mit der Dunkelheit zu verschmelzen, in die auch er eingehen w�rde. Sie waren ihm nur ein kleines St�ck voraus, die � Was dachte er da! War er denn von Sinnen? Luftblasen, die seinen F��en entgegenstiegen? Er arbeitete sich in die falsche Richtung die Brunnenwand entlang.</p><p>Erneut �berkam ihn Panik. Er drehte sich. Zu viel?</p><p>Ich bin tot, dachte Hornbori. Tot! Ertrunken! Was f�r ein unw�rdiges Ende. Er w�nschte, er w�re in den Flammen umgekommen oder auf einem blutigen Schlachtfeld. Oder zumindest in einem Steinschlag in den Tiefen des Berges. Ertrinken, das war kein Tod f�r einen Zwerg.</p><p>Seine Sinne l�sten sich von dieser Welt. Er lie� sich treiben, glitt einem Licht entgegen. Was erwartete ihn nach dem Tod? Beklommen dachte er daran, dass niemand seinen Leichnam finden w�rde. Wer suchte schon einen Zwerg am Grund eines Brunnens? Und die letzte Tat seiner Existenz w�rde darin bestehen, das Wasser zu vergiften, in dem er lag. Mist! Was f�r ein j�mmerliches Ende.</p><p>Er hatte keine Kraft mehr. Lie� sich dem Licht entgegengleiten � Nein, nicht gleiten. Er wurde dem Licht entgegengezogen. Etwas hatte ihn gepackt! Erschrocken atmete er aus, und Finsternis umfing ihn.</p><p>�Du wirst jetzt wieder atmen, du schleimiger Haufen Schei�e!� Ein heftiger Schlag traf Hornbori auf der Brust.</p><p>�H�rst du, du � du � du ��</p><p>Hornbori blinzelte.</p><p>�Siehst du, er lebt!�, rief eine andere Stimme. �Hab ich es dir doch gesagt.�</p><p>Ein weiterer Hieb traf Hornbori auf die Brust. �Was lebt, das atmet, Rattenhirn. Atme!�</p><p>�Ratten sind nicht dumm, Galar. Wirklich nicht ��</p><p>Noch ein Hieb. �Glotz nicht! Atme!�</p><p>Hornbori b�umte sich auf und spuckte Wasser. Sehr viel Wasser. Seine Lungen brannten. Ihm war schwindelig. Er f�hlte sich den Toten n�her als den Lebenden. Ein Zittern �berlief ihn, das er einfach nicht zu beherrschen vermochte. Er musste wohl ziemlich elend aussehen, wenn selbst Galar darauf verzichtete, Sp��e zu machen.</p><p>Hornboris Kraft reichte kaum, den Kopf zu heben. �Danke.� Das Wort schob sich wie ein gro�er, runder Stein �ber seine Lippen. Schwer, von Speichel benetzt, unecht.</p><p>�Wir konnten dich ja nicht absaufen lassen�, kam es ein wenig unwirsch von Galar. �Was ist da oben passiert?�</p><p>�Feuer kam von der H�hlendecke�, murmelte Nyr und zog dabei die Augenbrauen zusammen. �Hei� wie Drachenatem! Ja, ich wei�, wie sich das anh�rt. Aber genau so war es ��</p><p>Galar strich sich �ber seine k�mmerlichen Bartreste. �Sie haben uns also gefunden. War nur eine Frage der Zeit.�</p><p>Hornbori lag noch immer am Boden, zu schwach, um sich aufzurichten oder gar an dem Gespr�ch zu beteiligen. Stumm dankte er den Alben daf�r, noch zu leben. Zumindest vor�bergehend noch.</p><p>�Ihr habt unglaubliches Schwein gehabt�, stellte Galar mit dem Anflug eines L�chelns fest. �Hier unten sind wir vor dem Drachenfeuer sicher. Niemand wei� von diesem Tunnel.�</p><p>Hornbori verdrehte die Augen und blickte in den sp�rlich beleuchteten Stollen. Er war mit allerlei Ger�mpel vollgestellt und unterschied sich in seinem Chaos nicht im Mindesten von der Werkstatt des Schmiedes. Auf einer Werkbank lagen Werkzeug und Lederreste durcheinander. Auch hier stank es nach dem gr�sslichen Koboldk�se. Alchemistische Ger�tschaften waren zu un�bersichtlichen Abfolgen von bauchigen Flaschen �ber �llampen aufgebaut, verbunden durch ein Netzwerk in Spiralen gebogener Kupferr�hrchen. Und dann entdeckte er die dunkelroten Glasphiolen. Sauber in kleinen, eigens angefertigten Setzk�sten. Ordentlich mit eng beschriebenen Pergamentstreifen beklebt, ein Hort der Ordnung, der ganz und gar Galars Charakter widersprach. Das Drachenblut! Hierher war es also gekommen. Der Schmied hatte sie nicht bestohlen. Im Gegenteil, er hatte das Blut in weiser Voraussicht in Sicherheit gebracht.</p><p>�Wie haben die denn unter all den Luftsch�chten den zu deiner H�hle gefunden? Und woher wussten die Drachen, dass wir dort unten sind? Das Feuer drang in die H�hle, kaum dass wir eingetreten waren.�</p><p>Galar stie� einen tiefen Seufzer aus und musterte Nyr, als habe er es mit einem Idioten zu tun. �Na, das liegt doch wohl auf der Hand, wie sie das gemacht haben. Mit Drachenmagie! So haben sie uns mitten in der Tiefen Stadt unter Tausenden Zwergen aufgesp�rt.�</p><p>�Wenn da Magie im Spiel ist � m�ssten die dann nicht auch wissen, dass wir noch leben?�</p><p>Hornbori schluckte. �belkeit und Schwindel waren vergessen. Er blickte zu der dunklen Wasserfl�che, auf der sich das Licht der �llampen spiegelte.</p><p>Galar begann wieder �ber die Reste seines Bartes zu streichen. Hektischer nun. �Sie werden uns einen ihrer Drachenelfen schicken. So wie sie es immer tun, wenn jemand es wagt, sich gegen die Tyrannei der Himmelsschlangen aufzulehnen.�</p><p>�W�r vielleicht besser gewesen, uns h�tte das Feuer erwischt�, kr�chzte Hornbori mit brennender Kehle.</p><p>Galar fuhr zu ihm herum. �Dich hat niemand gefragt, Schisser! W�r vielleicht besser gewesen, wir h�tten dich ersaufen lassen.�</p><p>�Einen Drachenelfen k�nnen wir nicht besiegen�, sagte Nyr beklommen. �Die Magie der Himmelsschlangen besch�tzt sie. Sie sind wie Geister, mit ��</p><p>�Halt�s Maul! Wer sagt denn so was? Unbesiegbar, dass ich nicht lache. Niemand hat je einen Drachenelfen gesehen.�</p><p>Hornbori schloss die Augen. Warum hatte er sich nur mit diesem Einfaltspinsel eingelassen? �Begreifst du nicht, dass du gerade Nyr best�tigst? Wer einen Drachenelfen sieht, der kommt nicht mehr dazu, davon zu berichten. Sie sind unbesiegbar.�</p><p>Galar l�chelte auf eigent�mliche Art. �Und ich sage dir, auch Drachenelfen kann es erwischen. Und dann werden sie in kleine St�cke zerschnibbelt. In ganz kleine!� Ein irrer Glanz lag in den Augen des Schmiedes. Er glaubte offensichtlich an den Unsinn, den er da redete!</p><p>�Vielleicht hat er recht.� Nyr deutete zu der Wasserfl�che. Der Ausstieg in die H�hle war nicht sonderlich gro�. Eine kreisrunde �ffnung, kaum mehr als einen Schritt weit. �Wenn ein Drachenelf kommt, m�ssen wir ihn erwischen, wenn er den Kopf aus dem Wasser streckt. Das ist der einzige Augenblick, in dem er vielleicht verwundbar ist.�</p><p>�Das kriegen wir hin!� Galar l�chelte grimmig, ging ein St�ck weit in den Stollen, kramte in einem der Haufen von Plunder, die �berall herumlagen, und stie� bald ein zufriedenes Grunzen aus. Unter Kupferblechen und rostigen Werkzeugen zog er eine riesige Axt hervor.</p><p>�Ich glaube, das hier ist h�rter als ein Drachenelfensch�del!�</p></section><section><title><p>Am Abgrund</p></title><p>Der gro�e Drache beugte seinen Hals vor und spie seine Flammen in den Schacht. Die Luft ringsherum schien zu fl�ssigem Glas zu werden. Sie wirkte dichter, wogte in unnat�rlichen Wellen, und alles wirkte seltsam verzerrt. Ganz so, als blicke man durch eine bewegte Wasseroberfl�che in ein Bachbett.</p><p>Gonvalon sp�rte die Hitze nicht. Lyvianne hatte ein Wort der Macht �ber ihn gesprochen. Sie vertraute ihm. Noch nie hatte er sich einem Befehl des Goldenen widersetzt. Seine Hand schloss sich fester um den Griff seines Schwertes.</p><p>Der Sonnendrache hob sein Haupt und blickte ihn mit gro�en, bernsteinfarbenen Augen an. Die geschlitzte Pupille verengte sich. Er forderte ihn heraus, nun dorthin zu gehen, wohin er selbst nicht gelangen konnte.</p><p>Gonvalon wickelte sich Seident�cher um die H�nde, dann pr�fte er mit einem Ruck das Seil. Zufrieden lie� er es in den Luftschacht hinab, aus dem ihm Rauch und Hitze entgegenschlugen. Das Seil w�rde ihn nicht lange tragen.</p><p>Er schob sein Schwert in eine Lederschlaufe auf seinem R�cken und griff nach dem glatten Seil. Ohne zu z�gern, lie� er sich in den engen Schacht hinab, an dessen fernem Ende rote Glut glomm. Seine F��e gegen das Seil gepresst und es zugleich mit beiden H�nden umklammernd, glitt er in die Tiefe Stadt. Der Schacht war beklemmend eng. Immer wieder stie� er gegen die Felsw�nde. Vor Sch�rfwunden sch�tzte ihn der Zauber Lyviannes nicht. Doch er sp�rte den Schmerz kaum. Das Seil ver�nderte sich. Es wurde trocken und spr�de. Lange w�rde es der Hitze nicht mehr standhalten. Er wusste, was ihn erwartete. Wusste, was geschehen w�rde, wenn es zu fr�h riss. Es w�re einfacher gewesen, sich �ber dem Hafen abzuseilen.</p><p>Lyvianne hatte ein pr�chtiges Portal in der Silberschale gesehen. Einen Ort, der unverwechselbar war. Ganz in seiner N�he w�rde er aus dem Luftschacht gelangen.</p><p>Seilfasern dr�ngten sich zwischen seine Finger. Er versuchte hinabzublicken, aber der Schacht war so eng, dass er den Kopf nicht ohne Gefahr vorbeugen konnte.</p><p>Seine H�nde schmerzten von der Reibung des Seils. Es schnitt in seine Handfl�chen, obwohl es besonders behandelt war und er seine H�nde mit Seident�chern umwickelt hatte. Und es wurde d�nner, weniger belastbar. Er konnte sp�ren, wie es sich aufl�ste.</p><p>Endlich spie ihn der Schacht aus. Er hing �ber einem Abgrund. Einzelne Feuer brannten auf einem Saumpfad. Leichen, wohin das Auge sah.</p><p>Gonvalon sah das Seil �ber die Kante des Schachtes scheuern. Faser f�r Faser rieb es sich durch. Feiner Rauch stieg davon auf. Er blickte zum Saumpfad. Vielleicht hundert Schritt entfernt erkannte er das Portal, sein Ziel. Dort verlief ein zweiter Pfad. Und unter ihm klaffte ein bodenloser Abgrund, der bis hinab ins Herz der Welt zu f�hren schien.</p><p>War es Zufall, dass er durch diesen Schacht geschickt wurde? Es musste doch noch andere Wege geben, die ihn in die N�he des Portals gebracht h�tten. Oder war dies das Schicksal, das der Goldene ihm zugedacht hatte? Sollte auch er einer jener Drachenelfen werden, die bei dieser Schlacht spurlos verschwanden?</p><p>Er spannte die Muskeln, versuchte das Seil in eine Pendelbewegung zu bringen. Unendlich langsam begann es zu schwingen. Er glitt tiefer. Drei oder vier Schritt blieben ihm, dann war er am Ende des Seils. Viel zu weit vom Saumpfad entfernt.</p><p>Fasern, halb zu Asche geworden, rieselten auf sein Gesicht. Der Zauber Lyviannes hatte ihn in einen k�hlen Kokon gewoben. Unm�glich zu sagen, wie hei� es hier war. Aber die Hitze war stark genug, das Seil zu versengen, und hatte jene Zwerge get�tet, die auf dem Saumpfad entlang des Abgrunds gegangen waren.</p><p>Der Gestank von verbranntem Fleisch und Fett machte Gonvalon zu schaffen. Er atmete flach durch den Mund. Jetzt schwang er in weiten Pendelbewegungen �ber dem Abgrund. Das Seil war zu kurz, um festen Boden zu erreichen. Die schwelenden Fasern waren schon zu mehr als der H�lfte durchgescheuert. Einen Herzschlag lang erwog er, es enden zu lassen. Aber er war noch nie vor einer Aufgabe geflohen, ganz gleich, wie schwer sie sein mochte. Er musste Nandalee finden!</p><p>Das Seil w�rde gleich den weitesten Ausschlag der Pendelbewegung erreichen. Jetzt!</p><p>Er lie� los. Streckte sich vor. St�rzte dem Saumpfad entgegen. Fast �</p><p>Er streckte sich verzweifelt. Jeder seiner Muskeln war zum Zerrei�en gespannt. Er w�rde es nicht schaffen. Zwei Handbreit fehlten nur. Nur zwei Hand!</p><p>Hart schlug er auf den Felsen auf. Die Luft wurde ihm aus den Lungen gepresst. Seine H�nde glitten �ber den unebenen Fels. Er rutschte tiefer, dem bodenlosen Abgrund entgegen.</p><p>Seine Finger krallten sich in einen Spalt, kaum tief genug, dass die Fingerkuppen Halt fanden. Mit einem Ruck endete sein Gleiten in die Tiefe. Ein Ruck, der ihm schier die Sehnen in den Armen zerrei�en wollte. Seine Schultergelenke knackten. Brennender Schmerz lief durch seine Arme. W�re er noch ein Zauberweber, k�nnte er sich leicht retten. Wie eine Fliege k�nnte er die Wand hinauflaufen.</p><p>Er stellte sich vor, seine Finger seien Wurzeln, die tief in den Spalt wuchsen. Mit einem Schrei k�mpfte er gegen den Abgrund an. Zog sich h�her, Zoll um Zoll. Seine nackten F��e tasteten �ber den Fels. Endlich fand er einen Halt.</p><p>Keuchend zog er sich auf das Sims, k�mpfte sich auf die Knie und tastete �ber seiner Schulter nach dem Schwertgriff. Seine Arme zitterten, so verkrampft waren sie. Das in der Hitze verschrumpelte Leder zerriss, als er die Klinge zog.</p><p>Wind, der vom Schacht hinabwehte, spielte mit seinem Haar. Er atmete tief durch. Genoss es, am Leben zu sein. Grimmig blickte er zu dem Portal. Nur hundert Schritt trennten ihn von dem Weg, der ihn zu Nandalee f�hren w�rde, der Verr�terin, die eines Tages den Erstgeschl�pften t�ten w�rde. Hundert Schritt, wenn er es schaffte, einen Weg auf die andere Seite des Abgrunds zu finden.</p></section><section><title><p>Das Versprechen</p></title><p>Kaum dass sie das scharfe Klacken der Armbr�ste h�rte, lie� Nandalee sich nach hinten fallen. Es war ein riskantes Man�ver. Der Abstand zu den Zwergen betrug wenig mehr als f�nfzehn Schritt. Die Befiederung eines der Bolzen schlitzte ihre Stirn auf. Hatten sie alle geschossen? Waren sie nerv�s? Oder waren sie schlachterfahren genug, um zu wissen, was es bedeutete, wenn sie nun alle zur gleichen Zeit nachladen mussten?</p><p>Nandalees Schultern ber�hrten kaum den Boden, als sie mit einem Satz wieder auf den Beinen war und den Zwergenkriegern entgegenst�rmte. Sie hatte Gl�ck. Die Zwerge hatten ihre Armbr�ste mit dem Spannfu� zu Boden gerichtet und die Sehnen in die Haken an ihren G�rteln eingelegt. Einen Fu� in den trapezf�rmigen Spannfu� gesetzt, spannten sie die Waffen mit aller Kraft ihrer Beine. Das ging erstaunlich schnell. Gleichzeitig tasteten sie nach Bolzen in den K�chern an ihrer Seite.</p><p>Nandalee erreichte den ersten Zwerg, als dieser die Waffe hob. Sie traf ihn mit einem Fauststo� dicht unter dem Kinn, genau auf dem Kehlkopf. Der Zwerg taumelte zur�ck gegen den Gef�hrten, der hinter ihm stand. Er lie� die Waffe fallen und packte sich mit beiden H�nden an den Hals. Nandalee beachtete ihn nicht weiter. Sie wusste, sein Kehlkopf war durch den Treffer in die Luftr�hre gedr�ckt. F�r ihn gab es keine Hilfe mehr. Er w�rde ersticken.</p><p>Sie fing die fallende Armbrust auf und hieb den st�hlernen Bogen dem n�chsten Zwerg seitlich gegen den Kopf. Mit einem gr�sslichen Knirschen verschwand der Bogen im Sch�del. Nandalee warf sich zur�ck, um einem Axthieb auszuweichen. Die Klinge verfehlte sie um Haaresbreite. Dann war Nodon �ber den Zwergen. Er k�mpfte mit k�hler Selbstbeherrschung, so wie sie ihn aus den Fechtstunden kannte. Jeder seiner Hiebe war ein t�dlicher Treffer. Tausende �bungsstunden hatten ihn zu einem Schwertk�mpfer gemacht, der nur noch unter Drachenelfen gleichwertige Gegner finden mochte. Er schien jeden Angriff im Voraus zu ahnen, parierte selbst Schl�ge, die auf seinen R�cken zielten, und nutzte die Wucht der Angriffe, um die Zwerge gegeneinander auszuspielen.</p><p>Nandalee nahm eine Axt und beteiligte sich am Kampf, wohl wissend, dass Nodon eigentlich keine Hilfe brauchte. Sie hatte wenig �bung mit �xten. Wie die meisten Drachenelfen fand sie diese Waffen plump. Mit kurzen, wuchtigen Hieben machte sie sich den Weg frei.</p><p>Die Zwerge k�mpften verbissen. Die meisten von ihnen hatten keine Zeit gehabt, R�stungen anzulegen oder Schilde mitzunehmen. Sie hatten sich ganz auf ihre Armbr�ste verlassen. Dennoch wandte sich kein Einziger von ihnen zur Flucht. Und in ihren Augen sah Nandalee keine Furcht. Nur Hass! Sie k�mpften bis zum letzten Mann.</p><p>Das Gefecht dauerte weniger als f�nfzig Herzschl�ge. Als Nodon den letzten Zwerg mit einem wuchtigen Hieb enthauptete, hob Nandalee ihre blutbespritzte Axt und salutierte vor den toten Feinden.</p><p>�Sie werden ohnehin alle sterben�, sagte Nodon. Dann hob auch er sein Schwert zum Gru� an die Toten. �Komm jetzt. Wir m�ssen hier fort.�</p><p>�Ich kann nicht.� Nandalee blickte in den Stollen hinab. Die meisten Lichter waren erloschen. Es war totenstill.</p><p>�Dort unten erwartet uns nur der Tod�, sagte Nodon in einem Tonfall, wie man ihn anschl�gt, wenn man ein kleines Kind davon �berzeugen will, von einer Dummheit abzulassen. �Diese Tunnel liegen zu tief. Die Flammen der Drachen verzehren die Luft der tiefen Stollen. Wenn wir diesem Weg folgen, werden wir ersticken.�</p><p>�Ich habe keine Wahl. Die vielleicht letzte �berlebende meiner Sippe wird dort unten gefangen gehalten. Ich muss dort hinab. Ich habe es Duadan versprochen.�</p><p>�Was hast du ihm versprochen?�, fuhr Nodon sie an. �Deine Sippe ganz und gar auszul�schen? Hast du den letzten Funken Verstand verloren? Du kommst mit nach oben. Nachtatem w�nscht, dass du lebst. Ich werde dich zu ihm bringen. Und wenn ich dich tragen muss!� Nackt, �ber und �ber mit dem Blut der Zwerge bespritzt und mit seinen unnat�rlichen, schwarzen Augen sah er wie ein leibhaftiger Daimon aus. Ein Gesch�pf, einzig dazu erschaffen, Krieg und Verderben zu bringen.</p><p>Mit Worten w�re Nodon nicht zu �berzeugen. Nandalee warf sich herum und floh den Tunnel hinab. Nodon war ohne Zweifel der bessere Schwertk�mpfer. Aber sie war die bessere L�uferin. Mit fliegenden Schritten hastete sie in die Dunkelheit. Es war eine Dummheit, ja, aber sie hatte Duadan versprochen, Fenella zu retten.</p><p>Sie h�rte hinter sich das scharfe Klacken einer Armbrust. Nodon konnte doch nicht � Sie warf sich zur Seite. Zu sp�t. Ein Schlag traf sie am linken Oberschenkel. Dumpf. Sie f�hlte keinen Schmerz. Noch nicht.</p><p>Sie lief weiter. Sie durfte nicht aufgeben. Es war ihre Schuld, dass ihre Sippe von den Trollen fast vernichtet worden war. Sie musste Fenella finden!</p><p>Nandalee sp�rte ihr Blut das Bein hinabrinnen. Sie versuchte sich das seltsame Modell der Zwergenstadt in Erinnerung zu rufen. Dass sie einen der Tunnel, die nach links abzweigten, nehmen musste, wusste sie. Aber wie weit war sie schon?</p><p>Ihr Atem ging keuchend, obwohl sie nur eine kurze Strecke gelaufen war. Nodon hatte recht, es war Irrsinn, diesen Weg zu nehmen. Sie hatte Fenella nicht einmal leiden m�gen �</p><p>Sie h�rte ein leises Ger�usch. Nackte F��e auf Felsboden. Nodon folgte ihr.</p><p>Sie musste weiter. Um Atem ringend, k�mpfte sie sich vorw�rts. Endlich erreichte sie einen abzweigenden Tunnel. War sie hier richtig? Im Zwielicht konnte sie keinerlei Markierungen entdecken. Wozu auch? Dieser unterirdische Palast war kein Ort, an den sich ein Gast der Tiefen Stadt ohne Einladung verirren konnte. Und in ihrem eigenen Heim brauchte Amalaswintha keine Wegweiser.</p><p>Ein dunkler Ton erklang aus dem Seitentunnel. Ein Ger�usch, �hnlich einem Glockenschlag, nur dumpfer. Nandalee entschied sich, es hier zu wagen. Einen zweiten Versuch hatte sie nicht, dessen war sie sich bewusst. Taumelnd, am Rande ihrer Kr�fte, schleppte sie sich den Seitentunnel hinab. Jeder Atemzug war jetzt ein verzweifelter Kampf gegen das Ersticken.</p><p>Nebel wogte ihr entgegen. Sie war auf dem richtigen Weg. Nandalee beschleunigte ihre Schritte. Wassertropfen sammelten sich auf ihrem K�rper und perlten ihre glatte Haut hinab. Der Schmerz sprang sie an wie ein Tier, das im Verborgenen gelauert hatte. Ihr Bein pochte, als sei etwas Lebendiges darin gefangen und versuchte durch ihr Fleisch hinauszugelangen. Sie brach in die Knie. Die Wunde im Oberschenkel blutete noch immer. Ein dunkler Armbrustbolzen ragte zwei Fingerbreit aus ihrem Fleisch. Die Befiederung war von ihrem Blut verklebt. Sie sollte die Wunde heilen, doch dazu m�sste sie erst den Armbrustbolzen ziehen. Wenn sie sich damit aufhielt, w�rde Nodon sie einholen, und sie hatte nicht mehr die Kraft, sich ihm zu widersetzen. Sie musste weiter. Um die Wunde konnte sie sich sp�ter noch k�mmern!</p><p>Nandalee biss die Z�hne zusammen. Nicht mehr weit. Die Lichter an den H�hlenw�nden waren nur noch ein mattes Glimmen. Doch vor ihr, mitten im Nebel, war etwas Gro�es, Leuchtendes.</p><p>Sie erreichte den Beckenrand. Benommen, kaum noch sie selbst, lie� sie sich ins Wasser gleiten. Es trug sie. Sie sah einen Aal im Hafenbecken versinken. Eines der Tauchboote der Zwerge.</p><p>Nandalee k�mpfte um Atem. Sie hechelte, versuchte mit aller Kraft ihre Lungen mit Luft zu f�llen. Aber ganz gleich, wie hart sie k�mpfte, das Gef�hl zu ersticken, wollte nicht weichen. Es wurde von Herzschlag zu Herzschlag st�rker.</p><p>Der Nebel schien um sie herum zu tanzen. Sie sp�rte deutlich einen Luftzug, hin zu dem Tunnel, durch den sie gekommen war. Nodon hatte recht gehabt. Es war dumm gewesen hierherzukommen. Und doch hatte sie keine Wahl gehabt. Sie h�tte mit der Schuld nicht l�nger leben k�nnen. Sie war es, die ihrer Sippe den Untergang gebracht hatte. Nun musste sie mit all ihrer Kraft f�r die letzten �berlebenden der Windg�nger k�mpfen.</p><p>Der Gedanke lie� neue Kraft in ihr aufkeimen. Sie stie� sich vom Kai ab und schwamm dem Licht entgegen. Schon nach wenigen Schwimmz�gen stie� sie auf eine unsichtbare, glatte Wand. Das musste die Kuppel sein, von der Amalaswintha gesprochen hatte. Nandalees tastende Finger fanden Fugen, wo Glas mit Glas verschmolzen war.</p><p>�Nandalee�, erklang es keuchend irgendwo im Nebel. Nodon wagte lieber sein Leben, als Nachtatem zu entt�uschen.</p><p>�Du � musst � in � die � Kuppel � tauchen.� Jedes Wort war ein Kampf. Ihr Atem war fast ersch�pft. Sie stie� sich von der Kuppelwand ab und tauchte in die Tiefe, dem Licht entgegen. Der Druck in ihrer Kehle wuchs ins Unertr�gliche. Atmen! Das war alles, was sie noch denken konnte. Tief einatmen und sei es um den Preis, dass sich ihre Lungen mit Wasser f�llten und ihre Seele in den Zyklus von Tod und Wiedergeburt einging.</p><p>Sie stie� mit dem Kopf durch die Wasseroberfl�che. Gierig sog sie die Luft ein. Schillernde Bl�ten umgaben sie. Die Luft war ges�ttigt von ihrem k�stlichen Duft. Nandalee atmete tief durch. F�llte ihre Lungen, bis sie schier platzen wollten. Endlich wieder frei atmen. Schwindelig und ersch�pft zog sie sich auf einen h�lzernen Steg. Hunderte T�pfe und K�bel waren in Gruppen zusammengestellt und beherbergten ein wahres Blumenmeer. Dazwischen erhoben sich einzelne kleine St�mme von Kirsch- und Apfelb�umen. Kugeln, die ein angenehmes gelbliches Licht verstrahlten, ruhten auf niedrigen S�ulen. Nandalee h�rte sogar V�gel zwitschern. Das melancholische Lied einer Nachtigall, begleitet vom aufgeregten Zwitschern von Blaumeisen. Nach all dem Tod und Feuer erschien ihr dieser Ort unwirklich. Er passte nicht in die Tiefe Stadt mit ihrer D�sternis und den bedr�ckenden Felsw�nden.</p><p>M�digkeit umfing Nandalee wie eine warme, weiche Decke. Sie hatte all ihre Kraft gegeben. Jetzt war sie am Ende. Selbst der Schmerz in ihrem Bein war in seltsame Ferne ger�ckt. Er war noch da, behelligte sie jedoch nicht mehr. Sie lag einfach nur auf dem Steg, blickte zu den Bl�ten und dem wunderbaren Licht, unf�hig, auch nur ein einzelnes Glied zu r�hren.</p><p>Nodons Gesicht erschien �ber ihr. Seine Lippen bewegten sich. Er wirkte gar nicht w�tend. Eher besorgt. Nodons Stimme klang wie ein fernes Echo. �Du hast viel Blut verloren. Bleib still liegen.�</p><p>Nandalee musste l�cheln. Zu etwas anderem, als still liegen zu bleiben, war sie gar nicht mehr in der Lage. Sie sp�rte, wie Nodon den scharfkantigen Bolzen in der Wunde bewegte. Doch selbst der Schmerz war etwas weit Entferntes, das nicht mehr zu ihr zu geh�ren schien. Nandalee gab sich der bleiernen M�digkeit hin.</p><p>Ein angenehm warmes Gef�hl strahlte von ihrem verletzten Bein aus. Nodon war ein Mann voller Widerspr�che. Nandalee dachte daran, wie er binnen Augenblicken die Zwerge niedergemacht hatte. Ohne Zweifel war er einer der t�dlichsten Schwertk�mpfer unter den Drachenelfen, doch zugleich war er auch ein begabter Heiler. Seine H�nde schenkten den Tod und das Leben. Alles, was er tat, geschah mit kalter Ruhe. Wer au�er ihm h�tte auf sie geschossen, um sie aufzuhalten!</p><p>�Die Wunde ist nun geschlossen.� Nodons Stimme klang warm, fast mitf�hlend. �Aber der Blutverlust schw�cht dich.� Nach einer Weile f�gte er leise hinzu: �Hierherzukommen war eine gute Wahl, ich h�tte auf dich h�ren sollen.�</p><p>Nandalee lie� sich auf einer Woge des Wohlgef�hls treiben. Nodon hatte ihr noch niemals zugebilligt, eine kluge Entscheidung getroffen zu haben. Sie dachte an seine endlosen Fl�che w�hrend der Fechtstunden und seine Feindschaft zu Gonvalon und � Pl�tzlich tauchte ein Name aus ihrem Unterbewusstsein auf. Fenella! Wie hatte sie sich so gehen lassen k�nnen! Sie war doch nur wegen der Elfe hier. Nandalee setzte sich auf. Von der pl�tzlichen Bewegung wurde ihr schwindelig.</p><p>�Du solltest dich noch schonen. Wir k�nnen hier ohnehin noch nicht wieder hinaus. Es wird dauern, bis die Luft in die tiefen Stollen zur�ckkehrt.�</p><p>Nandalee ignorierte Nodon. Ein wenig unbeholfen richtete sie sich auf. Wo war Fenella? Sollte sie sich get�uscht haben? Was hatte Amalaswintha gesagt? <emphasis>Sie ist an einem Ort, zu dem au�er mir niemand geht.</emphasis> Das musste dieser verborgene Garten sein!</p><p>Nandalee wankte zwischen den Blumen hindurch. Die gl�serne Kuppel war nicht sehr gro�. Vielleicht zehn Schritt im Durchmesser. Davon entfielen allein zwei Schritt auf die �ffnung in der Mitte, durch die man hineintauchte.</p><p>�Fenella!�, rief sie. �Fenella!�</p><p>Hinter zwei gro�en T�pfen, in denen Apfelb�ume sprossen, entdeckte sie ein Lager aus zerkn�llten Decken. Flammend rotes Haar lugte dazwischen hervor. Auf einem Holzteller lagen Essensreste. Ein einfacher, irdener Krug stand neben einem angeschlagenen Becher.</p><p>Fenella hatte rotes Haar! Warum regte sie sich nicht? Mit einem klammen Gef�hl kniete Nandalee neben dem Lager nieder und zog die Decke zur�ck.</p></section><section><title><p>Einsame Wacht</p></title><p>Etwas stimmte nicht. Unruhig ging Jari an der Wand mit den goldenen Ohren auf und ab. Die Ohren waren Horchl�cher, verbunden mit einem Rohr, das weit hinauf in den Berg reichte. Nur wenige Zwerge wussten von diesen Vorrichtungen. Sie waren nicht dazu geschaffen worden, die Bewohner der Tiefen Stadt zu bespitzeln. Es ging lediglich darum, sie zu besch�tzen und �bel abzuwenden. Die meisten h�tten das allerdings nicht verstanden.</p><p>Jari wachte schon seit mehr als drei�ig Jahren in dieser Kammer. Sie war tief in die Wurzeln des Berges getrieben, noch weit unter den Weiberh�hlen verborgen. Nur ein einziger Pfad f�hrte hier hinab, und der war nur einer Handvoll Zwergen bekannt.</p><p>Jari nahm einen tiefen Schluck aus dem Topf mit Kr�utersud, den er sich erst vor einer halben Stunde aufgesetzt hatte. Es war eine einsame Wacht hier unten. So war es immer mit jenen, die Verantwortung trugen. Sie waren einsam. Wehm�tig dachte er daran, wie oft er Festen und Trinkgelagen gelauscht hatte. Manchmal sogar Lustschreien. Er lachte leise vor sich hin. Einige der �ffnungen seiner goldenen Ohren reichten zu pikanten Orten. Er k�nnte Dinge erz�hlen � Der alte Zwerg schmunzelte. Das w�rde er nat�rlich niemals tun. Allerdings h�tte er gerne einmal Amalaswintha gesehen. �ber keine andere Zwergin wurde so viel gesprochen wie �ber sie.</p><p>Waren da Schreie? Was war denn da los? Jari setzte den Topf mit dem Kr�utersud ab. Heute war ein merkw�rdiger Tag. Seit die Versteigerungen begonnen hatten, summte der ganze Berg vor Unruhe. Hunderte G�ste waren gekommen. �berall ert�nten fremde Stimmen. Aber so wie heute war es noch nie gewesen. Da waren wirklich Schreie. Diesmal war sich Jari ganz sicher. Und dann war da noch ein eigenartiges, fauchendes Ger�usch, auf das er sich keinen Reim zu machen wusste. Es schien aus mehreren der goldenen Ohren zu kommen. Was ging da oben vor sich?</p><p>Jari blickte zu dem gro�en Hebel in der Mitte seiner Kammer. Sollte die Tiefe Stadt angegriffen werden, war es an ihm, die geheimen Tunnel mit den Fallen zu �ffnen. Aber gab es einen Angriff? Wenn er diesen Hebel umlegte, w�rde Blut flie�en. Wahrscheinlich auch Zwergenblut. Wer in diese Tunnel kam � Er dachte an all die B�sartigkeiten, die anderthalb Jahrhunderte dunkler Erfindungsgeist ersonnen hatten.</p><p>Nerv�s ging er vor der Wand mit den goldenen Ohren auf und ab. Es gab auch einen Mund. Einen einzigen. Er war mit einem gro�en Stopfen aus Kork verschlossen. Der Mund m�ndete in ein goldenes Ohr in der Schreibstube des Alten in der Tiefe. Im Zweifelsfall konnte er dort anfragen. Aber Jari war auserw�hlt worden, weil er kein Zweifler war. In all den Jahren hier unten hatte er nur dann zur Schreibstube gesprochen, wenn man ihn aufforderte, das Sprachrohr zu pr�fen. Immerhin k�nnte ja vielleicht eine tote Ratte oder etwas anderes darin stecken.</p><p>Jari sp�rte einen Luftzug. Verwundert blickte er zur schweren Eichent�r. Nat�rlich war sie verschlossen, und selbst wenn sie offen gestanden h�tte, h�tte es nicht ziehen d�rfen. Hier, tief unten im Berg, war es schlechterdings unm�glich, dass es zog.</p><p>Die Papiere auf seinem gro�en Arbeitstisch raschelten. Ein Streifen Birkenrinde, aus dem er sich einen Fidibus f�r seine Meerschaumpfeife hatte drehen wollen, flog auf, segelte in Richtung seiner Lauschwand und legte sich quer vor eines der goldenen Ohren.</p><p>Jari war nicht leicht aus der Ruhe zu bringen, aber das hier stank nach Zauberei. Und wenn Zauberei im Spiel war, waren Elfen nicht weit! Aber er musste es ganz sicher wissen. Er trat vor die Wand, um zu lauschen. Ein fremdes Rauschen ert�nte in den Rohren. Seine Ohren schienen zu atmen. Es war, als w�rden sie tief Luft holen. Der Luftzug war jetzt so stark, dass sein Bart zerzaust wurde, und er gewann noch weiter an Kraft. Jari h�rte die Schreie jetzt deutlicher.</p><p>Die Pergamente auf seinem Tisch wirbelten auf und segelten der Ohrenwand entgegen. All seine Skizzen gerieten in heillose Unordnung. Er versuchte gerade einzelne der Pergamente zu schnappen, als das Ende seines Bartes in eines der Ohren gesaugt wurde.</p><p>War er denn in einem Tollhaus! Er packte seinen langen, grauen Bart mit beiden H�nden und zupfte ihn wieder heraus. Dieses Durcheinander machte ihn ganz atemlos. Keuchend taumelte er von der Ohrenwand zur�ck. Ihm war schwindelig. Nicht nur die Bl�tter drehten sich jetzt in der Luft. Auch die W�nde tanzten um ihn herum. Er griff sich an die Kehle.</p><p>Die Bl�tter, die vor die Ohren gesaugt worden waren, fielen zu Boden. Das Ger�usch, das wie Atmen geklungen hatte, wurde leiser. Jari rang um Atem. Er wusste nicht, was hier in der Kammer geschah, in der er sein halbes Leben verbracht hatte und die ihm vertraut war wie kein zweiter Ort. Aber was immer es war, es brachte ihn um.</p><p>Er schleppte sich zu dem gro�en Hebel, der neben seinem Schreibtisch aus dem Boden ragte, und lie� sich dagegensinken. Der Hebel ruckte. Er war noch nie benutzt worden. Wenn er ihn umlegte, schoben sich gut getarnte Steinw�nde vor die Haupttunnel der Tiefen Stadt, und es �ffneten sich Parallelg�nge, die mit Fallen gespickt waren. Fallen, ersonnen, um Elfen zu t�ten. Sie w�rden es bereuen, in seine Stadt gekommen zu sein!</p><p>Jari stemmte die F��e gegen den Boden und dr�ckte seinen Leib gegen den Hebel. Er bekam keine Luft mehr. Bald w�re es vorbei mit ihm.</p><p>Endlich ruckte der Hebel ein zweites Mal und sank dann nach vorn.</p><p>Jari sp�rte ein fernes Beben. Es war vollbracht! Er stie� einen erleichterten Seufzer aus und starb.</p></section><section><title><p>Fenella</p></title><p>Nandalee war erleichtert, Fenella wohlbehalten vor sich zu sehen. Die junge, kaum der Kindheit entwachsene Elfe blickte sie mit ihren weiten, braunen Augen ungl�ubig an. �Du? Wir dachten alle, du seiest tot. Wo ist Duadan?�</p><p>�Er hat mich zu dir geschickt�, antwortete Nandalee ausweichend. �Ich werde dich retten.�</p><p>Fenella runzelte die Stirn. �Wir m�ssen auch ihn retten�, sagte sie zaghaft.</p><p>�Das ist nicht mehr m�glich. Er ist tot�, mischte sich Nodon ein. �Himmelsschlangen und Drachenelfen greifen die Tiefe Stadt an.�</p><p>�Wie �beraus feinf�hlig�, zischte Nandalee ihn an.</p><p>�Ich halte nichts davon, mit der Wahrheit hinter dem Berg zu halten. Besser, sie wei�, woran sie ist.�</p><p>Fenellas gro�e Augen f�llten sich mit Tr�nen. �Wie � Er war so �� Sie schluchzte. �Ich � ich habe immer gedacht, er w�rde niemals sterben. Er wirkte so unbezwingbar � so �� Ihre Stimme ertrank in Tr�nen.</p><p>Nandalee nahm sie in den Arm. �Ich wei�, was du sagen willst. Ich habe genauso gef�hlt. Ich war oft mit ihm auf der Jagd. Nichts konnte ihn aus der Ruhe bringen. Er wusste immer, was zu tun war.� Auch sie k�mpfte mit den Tr�nen. �Sein letzter Wunsch war, dass ich dich und die anderen rette.�</p><p>Fenella l�ste sich aus der Umarmung. �Du willst in den K�nigsstein?� Ihre warmen Augen waren rot umrandet. Tr�nen rannen noch �ber ihre Wangen. Ihre Trauer war blankem Entsetzen gewichen. �Du willst in die Trollh�hlen? Das ist unm�glich! Sie werden uns fangen. Ich gehe dort nie wieder hin. Eher bleibe ich hier. Zu den Trollen � Du kannst dir nicht vorstellen, wie es dort ist, was sie uns angetan haben. So viele Monde war ich ihre Gefangene. Es macht ihnen Freude, uns zu qu�len. Ich musste zusehen, wie sie meine Schwester geschlachtet haben. Und all die anderen.� Fenella wich bis in die �u�erste Ecke ihres Lagers zur�ck und zog die Decke an sich. �Ich gehe nie wieder in den K�nigsstein. Lieber bleibe ich bei den Zwergen.�</p><p>�Hier wird es bald sehr einsam werden�, warf Nodon sarkastisch ein. �Die Tiefe Stadt steht kurz vor dem Untergang. Wir m�ssen hier raus! Sofort!�</p><p>Fenella sah ihn verst�ndnislos an.</p><p>�Das gen�gt! Kannst du uns jetzt bitte alleine lassen?�</p><p>Nodon l�chelte k�hl. �Ich verstehe. Du m�chtest deine Ruhe haben, wenn du sie anl�gst.� Er verbeugte sich elegant und zog sich zur�ck.</p><p>�Wer ist das?�, fragte Fenella.</p><p>�Er hei�t Nodon. Er ist ein Drachenelf. Sie sind nicht alle wie er.�</p><p>�Ein Drachenelf!� Fenella sah Nodon nach, und in ihrer Stimme schwang eine Faszination, die Nandalee unbegreiflich blieb.</p><p>�Und er ist hierhergekommen, um Duadan zu retten?�</p><p>�Nein, er kam, um mich zu holen.�</p><p>Fenella sah sie irritiert an. �Warst du auch eine Gefangene der Zwerge? Wir dachten, die Trolle h�tten dich gefressen.�</p><p>�Ich war keine Gefangene.� Die Fragen wurden Nandalee langsam l�stig. Sie hatte Fenella schon fr�her f�r naiv gehalten.</p><p>�Er ist deinetwegen gekommen ��</p><p>Nandalee konnte f�rmlich sehen, wie es im Kopf der jungen Elfe arbeitete, und sie ahnte, welche Frage als N�chstes kommen w�rde. �Nein, er ist nicht mein Geliebter�, kam sie Fenella zuvor. �Der Erstgeschl�pfte hat ihn geschickt, damit Nodon mich vor dem Angriff auf die Tiefe Stadt zur�ck zu den Drachenelfen bringt.�</p><p>�Was hast du denn bei den Zwergen gemacht? Warst du eine Gesandte?� Fenellas Kiefer klappte herab, und sie starrte sie ungl�ubig an. �Du bist eine Gesandte Nachtatems!�</p><p>Nandalee entschied, dass eine L�ge wesentlich unkomplizierter war als die Wahrheit. Sie w�rde Fenella sp�ter alles erkl�ren. �Ja, ich war eine Gesandte der Himmelsschlangen.�</p><p>�Und die Himmelsschlangen greifen jetzt die Zwerge an�, sinnierte Fenella. �Dann scheinst du ja nicht sonderlich erfolgreich gewesen zu sein.� Sie blickte zu Nodon, der sich ein St�ck entfernt bei einem jungen Apfelbaum niedergelassen hatte. �Er ist ein Zauberweber und ein gro�er Krieger, nicht wahr? Hat er eine Gef�hrtin?�</p><p>Nandalee glaubte nicht recht zu h�ren. �Er liebt nur sein Schwert. Mach dir keine Hoffnungen.�</p><p>�Kein Mann in ganz Albenmark will immer allein sein�, sagte Fenella erstaunlich selbstbewusst und l�chelte auf eine ganz und gar nicht m�dchenhafte Art.</p><p>Nandalee glaubte nicht, dass Nodon Gefallen an ihr finden w�rde. Aber was wusste sie schon von Nachtatems Schwertmeister? Vielleicht irrte sie sich. Sie wusste auch nicht, was sie mit Fenella anfangen sollte. In der Wei�en Halle w�rde sie niemals aufgenommen werden. Aber sie hatte Duadan versprochen, auf sie aufzupassen. An welchen Ort konnte sie Fenella bringen? An einen der F�rstenh�fe Arkadiens? Wahrscheinlich w�re sie dort am besten aufgehoben.</p><p>�Sehe ich noch sehr verweint aus?�</p><p>�Gro�e Helden besch�tzen gerne hilflose M�dchen�, entgegnete sie sarkastisch. �Da werden ein paar Tr�nen eher nutzen als schaden.�</p><p>�Das stimmt.� Fenella stand auf und schlenderte zu Nodon hin�ber. Nandalee konnte nicht h�ren, was sie zu ihm sagte, aber sie schaffte es, ihm mit nur ein paar Worten ein L�cheln zu entlocken. Wie machte sie das? Ihr war es nie so leichtgefallen, einen Mann zu umgarnen.</p><p>Nandalee bediente sich bei dem Obst, das sie bei Fenellas Lager fand, und trank in tiefen Z�gen aus dem Wasserkrug. Im gleichen Ma�e, in dem ihre Anspannung nachlie�, wuchs ihre M�digkeit. Sie w�rden wohl noch eine ganze Weile hierbleiben m�ssen, bis man in den Tunneln wieder halbwegs unbeschwert atmen konnte.</p><p>Einen so idyllischen Garten tief unten im Berg zu hegen, h�tte Nandalee Zwergen nicht zugetraut. Selbst Amalaswintha nicht, die schon au�ergew�hnlich genug war. Wie schwierig musste es gewesen sein, eine Glaskuppel so zu entwerfen, dass sie in diesem kleinen, abgelegen Hafenbecken zu schwimmen vermochte. Amalaswintha hatte sich inmitten des Berges einen Zufluchtsort erschaffen, an dem sie von keinem Zwerg behelligt wurde. Das kleine Volk baute zwar Tauchboote, doch soweit Nandalee wusste, scheuten sie das Wasser. Wer aber hierhingelangen wollte, der musste schwimmen. Sie blickte zu der gew�lbten Glaskuppel. Wie viel Arbeit darin steckte! Die einzelnen Scheiben wurden von goldenem Gitterwerk zusammengehalten, das wie ein riesiges Spinnennetz alles einfasste. Amalaswintha musste unfassbar reich sein.</p><p>Nandalee lie� ihren Blick durch den Garten schweifen. Wie hatte die Zwergin, die dieses Idyll erschaffen hatte, gewissenlos Duadan qu�len k�nnen? So viel Liebe steckte in diesem Ort! Welche M�hen musste es bereitet haben, Blumen, Obstb�ume und selbst Singv�gel hierherzuschaffen und am Leben zu erhalten? Bislang hatte sie geglaubt, dass es Orte wie diesen, die ohne praktischen Nutzen einzig dem Zweck dienten sch�n zu sein, nur in den Elfenpal�sten Arkadiens gab. Wie wenig sie doch �ber die Zwerge wusste.</p><p>Nandalee massierte sich das Bein, dort, wo sie der Armbrustbolzen getroffen hatte. Die Wunde hatte sich geschlossen, ohne dass auch nur eine R�tung auf der Haut zur�ckgeblieben war. Ihr Bein f�hlte sich an, als habe sie eben erst einen schlimmen Krampf gehabt, und sie war so ersch�pft, als w�re sie den ganzen Tag gelaufen.</p><p>Sie sollte Pl�ne f�r die Flucht schmieden, doch sie f�hlte sich einfach nur zu Tode ersch�pft. Sie mussten hierbleiben, bis sie au�erhalb der Glaskuppel wieder atmen konnten. Warum das Feuer wohl nicht hierhergelangt war? Gab es keine Luftsch�chte �ber dem kleinen Hafenbecken? Wenn sie Amalaswintha richtig verstanden hatte, war dieser Ort geheim. Das h�tte er wohl kaum bleiben k�nnen, wenn Sch�chte bis zur Oberfl�che des Berges getrieben worden w�ren.</p><p>Wie hatten die Zwerge nur so dumm sein k�nnen, die Himmelsschlangen herauszufordern! Wussten sie denn nicht um deren Natur? Ja, sie waren weise Herrscher, die Statthalter der Alben, aber sie waren auch Raubtiere. Wer sie reizte, der forderte den Tod heraus. Sie betrachtete den Garten ringsherum. Waren die Zwerge all dessen hier �berdr�ssig gewesen, dass sie auf Drachenjagd gegangen waren, ohne �ber die Folgen nachzudenken?</p><p>Sie blickte zur gl�sernen Kuppel hinauf. Konnte es sein, dass die Drachen diesen Ort �bersehen hatten, als sie ihren Angriff planten? Oder hatten sie sich einfach darauf verlassen, dass jeder ersticken w�rde, der hier unten blieb? Wann sie drau�en wohl wieder atmen konnten? Nandalee streckte sich. Sie mussten abwarten.</p><p>Ihr fielen die Augen zu.</p><p>Erschrocken fuhr sie auf. Sie war eingeschlafen! Und sie vermochte nicht zu sagen, ob es nur f�r einen Moment oder f�r ein paar Stunden gewesen war. Sie �</p><p>Ungl�ubig sah sie zu Fenella und Nodon. Der Schwertmeister sang! Er hatte eine sch�ne Stimme. Wie machte Fenella das? Wie �</p><p>Nandalee sah sich argw�hnisch um. Sie f�hlte sich beobachtet. Aber in dem Garten war niemand au�er ihnen. Die gl�serne Kuppel lag zur H�lfte unter Wasser. Der Eingang war verborgen. Hier w�rde sie niemand behelligen. Sie sollte sich einfach entspannen. In der Tiefen Stadt mochte vielleicht noch gek�mpft werden, aber hier waren sie in Sicherheit.</p><p>Nodon und Fenella blickten pl�tzlich in ihre Richtung. Fenella kicherte. �Ja, sie sah schon immer ein wenig zerzaust aus.� Sie sprach absichtlich so laut, dass Nandalee jedes Wort verstehen konnte.</p><p>Diese kleine Schlange! Um sie zu retten, hatte sie ihr Leben gewagt. Sie h�tte sie hier unten verrecken lassen sollen. Verhungert w�re sie hier, wenn sie nicht gekommen w�re.</p><p>Fenella ging zur Mitte des Gartens und beugte sich vor, um im dunklen Wasser ihr Spiegelbild zu betrachten und ihr Haar zurechtzuzupfen. Unglaublich, wie eitel sie war.</p><p>Die junge Elfe lie� ihr Kleid ein St�ck von der Schulter rutschen und blickte keck zu Nodon zur�ck. Nandalee musste unwillk�rlich l�cheln. In diesen Dingen war Fenella ohne Zweifel die Meisterin und sie nur staunende Sch�lerin.</p><p>Das dunkle Wasser wogte auf, und eine riesige, schlangenhafte Gestalt erhob sich aus den Fluten. Schneewei�e Schuppen bedeckten Kopf und Leib. Kurze, fleischige Fangarme wucherten dort, wo der Kiefer in den Hals �berging. Blutrote Augen starrten auf Fenella hinab. Einen Moment lang nur. Dann stie� die Kreatur hinab und schnappte nach der Elfe. Kopf und Schultern verschwanden im Maul. Es gab ein gr�sslich schmatzendes Ger�usch.</p><p>Nodon sprang auf. Zu langsam. Das Gesch�pf sank ins Wasser. Zur�ck blieb nur der verst�mmelte Torso der Elfe.</p><p>Nandalee schrie auf und eilte zum Wasser. Nodon packte sie und zog sie zur�ck. �Das Vieh wird wiederkommen. Es muss eine der Wei�en Schlangen sein, die von den Drachen gerufen wurden, um sich an dem Vernichtungswerk zu beteiligen. Sie sollen die Aale angreifen und die Zwerge, die sich zu den H�fen der Tiefen Stadt fl�chten.�</p><p>Nandalee starrte auf den K�rper der Toten. Eben noch war Fenella so voller Leben gewesen. Hatte nach der Trauer um Duadan so erstaunlich schnell zu ihrer Unbek�mmertheit zur�ckgefunden. War es Unbek�mmertheit gewesen? Oder hatte sie k�hl entschieden, dass sie sofort einen neuen Besch�tzer brauchte, und deshalb Nodon umgarnt? Nandalee konnte den Blick nicht von der Toten abwenden. Von dem verst�mmelten Torso, dessen Blut hinab ins dunkle Wasser rann. Es war so schnell gegangen. So unerwartet.</p><p>Nodon stand vorgebeugt und mit herabh�ngenden Schultern da. Wie zu einer Salzs�ule erstarrt.</p><p>Ein leises Klirren erklang, dann ein Knirschen. Die ganze Glaskuppel erbebte.</p><p>�Er wird wiederkommen.� Nodon trat einen Schritt auf das Wasser zu.</p><p>Nandalee f�hlte sich wie gel�hmt.</p><p>Dann h�rte sie, wie Glas zersplitterte. Eine Woge dunklen Wassers ergoss sich in den Garten. Der Boden verrutschte. Die gl�serne Insel begann zu sinken. Alle T�pfe und Bottiche gerieten in Bewegung. Etliche st�rzten ins Wasser. Andere schlitterten �ber den Holzboden. �ngstliches Zwitschern erklang, als ahnten die Singv�gel, welches Schicksal sie erwartete.</p><p>Nodon riss Nandalee zu sich und achtete darauf, den schweren Bottichen auszuweichen. Jedes Mal wenn einer der gro�en K�bel, in die B�ume gepflanzt waren, gegen die r�ckw�rtige Wand schmetterte, ert�nte ein beunruhigendes Klirren.</p><p>Ein riesiger, wei�er Schlangenleib glitt �ber den gl�sernen Himmel zu ihren H�uptern.</p><p>�Sie wird die Kuppel zerdr�cken.� Nodon fl�sterte, als habe er Angst, das Ungeheuer k�nne sie belauschen. �Ich gehe hinaus und greife sie an. Du schwimmst in den Hafen. Hoffen wir, dass es dort wieder genug Luft zum Atmen gibt.�</p><p>�Ich lasse dich nicht alleine k�mpfen.�</p><p>�Wir haben nur ein Schwert. Mein Schwert. Du wirst doch nicht etwa mit blanken F�usten gegen die Schlange antreten wollen?�</p><p>�Ich werde jedenfalls nicht zusehen, wie du dich opferst, damit ich feige davonlaufen kann.�</p><p>Weitere Glasscheiben splitterten. Das Wasser reichte ihnen inzwischen bis zu den Knien. �berall trieben Blument�pfe. Nandalee sah eine Nachtigall gegen die Glasscheiben der Kuppel fliegen. Meisen schwirrten durch das Ge�st sinkender B�ume, die von ihren Bottichen hinab ins Hafenbecken gezogen wurden.</p><p>�Uns bleibt keine Zeit zu streiten. Du willst dein Leben riskieren? Dann lass uns wenigstens eine sinnvolle Strategie absprechen. Du springst als Erste ins Wasser. Du bist unser K�der. Das Vieh wird besser schwimmen als du und wendiger sein. W�hrend du es ablenkst, versuche ich ihm an die Kehle zu gehen.�</p><p>Ein lebender K�der. Nandalee h�tte lieber die Schwertarbeit �bernommen.</p><p>Ein Regen von Glassplittern ging auf sie nieder. Sie mussten handeln. �So machen wir es�, sagte sie und tauchte zwischen den treibenden Blumenk�beln unter. Erde und abgerissene Bl�tter tr�bten die Sicht. Die Glaskuppel ruckte noch einmal und legte sich weiter auf die Seite. Nandalee bekam ein St�ck vom untergetauchten h�lzernen Steg zu fassen, der einmal die Umfassung des Ausstiegs in die Kuppel gebildet hatte.</p><p>Sie sah einen bleichen Leib durch das Wasser gleiten. Fenella! �ste und Wasser hatten ihr Kleid halb herabgezogen. Ihr schlanker, blutleerer K�rper trieb inmitten abgerissener Bl�ten davon.</p><p>Nandalee stie� sich vom Steg ab und tauchte aus der Kuppel hinaus. Der Schlangenleib streifte sie. Die Bestie schnappte nach einer der leuchtenden Kugeln, die zu den Sch�tzen in Amalaswinthas Garten geh�rt hatten. Barinsteine, ein Geschenk der Alben!</p><p>Nandalee sah Nodon. Er hatte sein kurzes Schwert zwischen die Z�hne geklemmt und schwamm auf die Wei�e Schlange zu.</p><p>Wie sollte sie inmitten dieses Durcheinanders auf sich aufmerksam machen? Sie versuchte einen Zauber zu weben, stellte sich vor, wie die Seeschlange den Kopf wandte und sie ansah. Pl�tzlich kam ihr eine andere Idee. Wenn ihr Zorn Sayn get�tet hatte, m�sste er doch auch der Seeschlange gef�hrlich werden k�nnen. Falls sie diese dunkle Gabe, �ber die sie so oft schon nachgegr�belt hatte, tats�chlich besa�, dann war dies der Augenblick, sie zu nutzen! Sie dachte an Fenella und deren Tod und versuchte all ihr Entsetzen und ihre Wut in einen einzigen Gedanken zu b�ndeln, der wie blanker Stahl in das Bewusstsein der Wei�en Schlange schneiden sollte.</p><p>Die Bestie schnappte nach einem treibenden Baum. Ihr Schwanz peitschte durch das Wasser. Pl�tzlich warf sie den Kopf herum, und es schien Nandalee, als blicke ihr das Ungeheuer mit seinen blutroten Augen geradewegs ins Herz. Sie sp�rte den Schmerz und die Wut der Wei�en Schlange.</p><p>Nandalee ballte die F�uste, dachte an ein funkelndes Schwert, das in den geschuppten Sch�del fuhr.</p><p>Die Bestie riss ihr Maul auf. Reihen dolchlanger Z�hne, zwischen denen zersplitterte �ste und zerfetztes Fleisch hingen, rahmten die kr�ftigen Kiefer.</p><p>Nandalee ruderte mit den Armen und versuchte zur Wasseroberfl�che zu gelangen. Ihre Lungen brannten. Die Seeschlange war schneller. Viel schneller! Nandalee zog die Beine an. Kaum eine Handbreit unter ihren Sohlen schnappten die Rei�z�hne zusammen.</p><p>Nodon hing unter dem Kiefer der Schlange. Er hatte sich an einen der armdicken Tentakel geklammert, die dort wucherten. Er schwang herum und stie� sein Schwert in die ungesch�tzte Kehle der Bestie. Schwaden dunklen Blutes wogten auf und zogen wie roter Nebel durch das Wasser.</p><p>Die Seeschlange warf sich zur Seite und sch�ttelte den Kopf, um den Angreifer loszuwerden. Doch Nodon lie� nicht locker. Durch die ruckartigen Bewegungen vergr��erte sich der klaffende Schnitt in der Kehle des Ungeheuers.</p><p>Pl�tzlich �nderte die Schlange ihre Strategie. Sie tauchte ab, ins Dunkel des Hafenbeckens. Nandalee sah, wie Nodon loslassen wollte, doch nun hatten ihn mehrere der Kiefertentakel umschlungen. Er hieb mit dem Knauf der Waffe auf die fleischigen Fangarme ein, doch die Bestie lie� nicht los.</p><p>Ein Barinstein, der neben ihnen in die Tiefe sank, beleuchtete den verzweifelten letzten Kampf des Drachenelfen. Er winkte Nandalee, gab ihr Zeichen aufzutauchen. Ihre Lungen brannten, als st�nden sie in Flammen, doch sie folgte ihrem Gef�hrten mit kr�ftigen Schwimmz�gen in die Tiefe. Nodon hatte alles gegeben, um sie zu retten. Jetzt war es an ihr, ihm zu helfen! Er winkte noch immer, machte Gesten, dass sie auftauchen solle, als sie unvermittelt ein Schwanzhieb der Seeschlange traf. Unter der Wucht des Treffers atmete sie aus. Wasser f�llte ihren Mund. Panik ergriff sie. Sie schlug mit Armen und Beinen um sich und prallte gegen eine Mauer. Ihre Finger bekamen einen h�lzernen Pfosten zu packen, um den Tauwerk gewickelt war. Halb ohnm�chtig zog sie sich daran empor. Sie hob ihren Kopf aus dem aufgew�hlten Hafenbecken und spie Wasser. Sie keuchte und prustete. Ihr Hals schmerzte. Benommen kletterte sie auf die Anlegestelle. �berall lagen tote Zwerge. Vor allem Frauen und Kinder. Eng umschlungen, ganz ohne Wunden. Sie waren erstickt.</p><p>Nandalee blinzelte das Wasser aus den Augen und rollte sich zusammen. Es stank nach Rauch und verbranntem Fleisch. Jeder Atemzug kratzte in ihrer Kehle, aber es gab wieder genug Luft, um �berhaupt atmen zu k�nnen.</p><p>Nodon! V�llig entkr�ftet robbte sie zum Rand des Kais und blickte auf das unruhige Wasser, in dem �ste und Blumen tanzten. Dazwischen schaukelten die zerzausten Federleiber ertrunkener V�gel. Das Licht der Barinsteine war in der Tiefe verglommen. Nodon konnte sie nirgends entdecken.</p><p>Kaltes Metall ber�hrte ihre Schl�fe. Aus den Augenwinkeln sah sie eine gespannte Armbrust und einen Zwerg mit einem blutigen Kopfverband. �Jetzt stirbst du, M�rderin.�</p></section><section><title><p>Zwergent�cke</p></title><p>In den Augen des Zwergs war nichts als Hass. T�dlicher, unvern�nftiger Hass. Er stie� mit seinem Dolch nach ihr, so st�mperhaft, dass Bidayn ohne M�he ausweichen konnte. Doch der Kerl setzte sofort nach, versuchte sie zu packen. Seine rote, zerschundene Hand glitt �ber ihren nackten Bauch. Es war eine feuchte Ber�hrung, die Blutschlieren zur�cklie�. Sie stach mit ihrem Kurzschwert zu. Eine knappe, pr�zise Bewegung. Es geschah ohne Nachdenken. Hundertfach hatte sie diesen Stich im Schwertkampf, den Gonvalon die Sch�ler der Wei�en Halle gelehrt hatte, erprobt.</p><p>Ihre Klinge drang durch den Bart des Zwergs, traf ihn am Kehlansatz, zwei Fingerbreit unter dem Halsknorpel, und drang durch seine Brust bis in die Lunge. Als sie ihre Klinge zur�ckzog, sp�rte sie den Stahl �ber Knochen schaben. Der Zwerg starrte sie an. Stie� einen unartikulierten Laut aus und hob seinen Dolch, um erneut zuzusto�en. Blut quoll ihm �ber die Lippen und troff in seinen versengten Bart.</p><p>Er blinzelte sie mit verkniffenen, grauen Augen an. Dann brach er in die Knie, immer noch drohend seinen Dolch erhoben.</p><p>�Er hat es hinter sich�, sagte Lyvianne k�hl. �T�te ihn! Oder soll ich das f�r dich erledigen?�</p><p>Bidayn zog dem Sterbenden ihr Schwert �ber die Kehle.</p><p>�Du musst ihnen nicht nachtrauern. Sie haben die Himmelsschlangen herausgefordert. Das tun nur Narren! Sie h�tten wissen k�nnen, was der Lohn ihrer Torheit sein w�rde.�</p><p>Bidayn nickte und vermied es, zu den Toten hinabzublicken. Sie atmete tief durch und wappnete sich f�r die Schrecken, die noch kommen mochten. Die Luft schmeckte nach Rauch und nach hei�em Fels.</p><p>�Komm!� Lyvianne stieg �ber die Leiber der Zwerge hinweg, die sie erschlagen hatte. Es war erstaunlich, wie viele das Drachenfeuer �berlebt hatten. Es gab offenbar etliche H�hlen ohne Luftsch�chte. Oder ihre Sp�her hatten doch nicht all diese Sch�chte gefunden.</p><p>Lyvianne verfiel in einen geschmeidigen Trab. Sie bewegte sich mit der Anmut eines Raubtieres. In diesem Abschnitt der H�hlen gab es kaum noch Licht. Bidayn �berlegte kurz, dann fl�sterte sie ein Wort der Macht, sorgsam darauf bedacht, den nat�rlichen Fluss der Magie nicht zu stark zu ver�ndern. Ein Fehler wie auf Nangog w�rde ihr nie wieder geschehen!</p><p>Ihre Augen waren empfindlicher f�r das sp�rliche Licht geworden. Sie sah deutlicher, doch lag �ber allem ein graugr�ner Schleier, der die Farben verf�lschte. Auch die gro�e T�towierung auf Lyviannes R�cken trat nun deutlicher hervor, so als reagiere sie auf den Zauber. Sie zeigte das Bild des Goldenen, ihres Meisters. Seine ausgebreiteten Schwingen bedeckten ihre Schulterbl�tter, der schlangenhafte Leib wand sich ihren R�cken hinab. Nebel umspielten den Drachen. Er schien daraus emporzusteigen wie das Licht, das den Morgennebel vertreibt. Seine Augen starrten sie an, als seien sie lebendig.</p><p>Bidayn sch�ttelte den Kopf. Das war Unsinn! Sie war angespannt, hatte Angst. Das war alles. Sie wagte es, ein zweites Mal nach den Augen des Drachen zu blicken. Nun waren sie nur ein Bild, in die Haut ihrer Meisterin gestochen.</p><p>W�rde auch sie selbst eines Tages dem Goldenen geh�ren?</p><p>Lyvianne blieb abrupt stehen. �Vorsicht�, fl�sterte sie und duckte sich.</p><p>Bidayn sah �ber ihre Schultern hinweg eine weite H�hle � Nein, keine H�hle, es war ein Abgrund. Ein gewaltiger Spalt, der inmitten des Berges klaffte. Der Tunnel, dem sie gefolgt waren, m�ndete auf einen schmalen, von einer niedrigen Mauer ges�umten Pfad, der sich entlang des Abgrundes wand.</p><p>�Ich rieche Zwerge.�</p><p>Zwerge? Bidayn roch nur den Gestank verbrannten Fleisches. Sie duckte sich und blickte hinauf, dorthin, wo die H�hlendecke im Dunkel verborgen blieb. An der gegen�berliegenden Steilwand erkannte sie vereinzelte Terrassen. Ein St�ck entfernt schwang sich eine Br�cke in k�hnem Bogen �ber den Abgrund. Auch sie lag h�her und war von ihrem Saumpfad aus nicht zu erreichen.</p><p>�Wo lang gehen wir?�</p><p>Lyvianne zuckte mit den Achseln. �Nach links? Das ist die Seite des Herzens. Du dienst den Himmelsschlangen doch mit ganzem Herzen, oder?�</p><p>�Nat�rlich!� Sie hatte ein wenig zu schnell geantwortet.</p><p>Lyvianne wandte sich zu ihr um.</p><p>�Du bleibst hinter mir. Wir bewegen uns dicht an der Mauer entlang. Und schnell! Wirst du das schaffen?�</p><p>Bidayn nickte.</p><p>�Dann los!�</p><p>Lyvianne schien fast mit den unsteten Schatten in dieser gewaltigen H�hle zu verschmelzen. Ob sie einen Zauber gewoben hatte? Dicht hinter dem Ausgang ihres Tunnels lag ein alter Zwerg, der im Tode beide H�nde auf seine Brust gepresst hatte. Das Gesicht war ganz rot und aufgedunsen. Eine schwere, goldene Kette schimmerte zwischen seinem Barthaar. Ob vor Furcht sein Herz zersprungen war?</p><p>�Schneller�, zischte Lyvianne.</p><p>Bidayn hatte das Gef�hl, beobachtet zu werden. Konnte es hier �berlebende geben? Der Zauber Lyviannes hielt sie noch immer wie ein angenehm k�hler, seidiger Kokon umfangen. Wie hei� es wohl wirklich war?</p><p>Sie stiegen �ber eine Gruppe Toter hinweg. Der Felsboden war schl�pfrig. Lyvianne blieb pl�tzlich stehen. �Dort oben auf den Terrassen sind Zwerge. Sie haben uns gesehen.�</p><p>Bidayn blickte hinauf, konnte aber niemanden entdecken. �Was tun wir jetzt?�</p><p>Lyvianne lachte. �Den Kopf unterhalb der Mauerkrone halten und einen Weg nach oben suchen. Wir sind hier, um Zwergenblut zu vergie�en.�</p><p>Ein tiefes Grollen erklang. Es schien aus dem Felsen unmittelbar hinter ihnen zu kommen. Bidayn blickte zur�ck. Das Licht war zu schlecht, um alles deutlich sehen zu k�nnen. Sie hatte das Gef�hl, ein Teil der Felswand habe sich bewegt. Nat�rlich war das nicht m�glich.</p><p>Der Boden unter ihren F��en erzitterte. Kleine Steine st�rzten klackernd in den Abgrund. Staub senkte sich auf sie herab. Pl�tzlich begann die niedrige Mauer neben ihnen zu schwanken. Fingerdicke Risse klafften in den Fugen.</p><p>�Zur�ck!�, rief Lyvianne.</p><p>Unter lautem Get�se st�rzte ein Teil der Mauer in den Abgrund. Fast im selben Augenblick prasselten Armbrustbolzen auf sie nieder. Einer streifte Bidayns Haar. Klackernd schlugen sie auf die Felsen und den Weg.</p><p>�Sie greifen an, die Wahnsinnigen.� In Lyviannes Stimme schwang ein Anflug von Respekt mit. Sie half Bidayn auf die Beine und deutete den Weg hinunter. Dort st�rmte ihnen schreiend ein halbes Dutzend Zwerge entgegen. Eigentlich keine Bedrohung, w�ren da nicht die Armbrustsch�tzen auf der anderen Seite der weiten Felsspalte, die ihnen in den R�cken schie�en w�rden, sobald sie sich zum Kampf stellten.</p><p>Geduckt fl�chteten sie an der niedrigen Mauer entlang, begleitet vom Sirren der Armbrustbolzen. Lyvianne blieb v�llig ruhig, nicht als sei sie auf der Flucht vor einem Haufen ungewaschener Zwerge, die sie beide in eine Falle gelockt hatten. Selbst auf der Flucht wirkte sie so, als sei sie ganz Herrin der Lage. So wollte Bidayn auch eines Tages sein! Ob sie das wohl jemals schaffen w�rde?</p><p>Pl�tzlich verwandelte sich der Boden unter ihren F��en in eine rutschige Masse. Sie schlitterte ein St�ck, k�mpfte mit den Armen wedelnd um ihr Gleichgewicht, w�hrend ein Armbrustbolzen nur einen Fingerbreit vor ihrer Nase vorbeiflog. Sie zuckte zur�ck. Ihre F��e verloren jeden Halt. Sie st�rzte zwischen die Leichen der Zwerge, �ber die sie eben erst hinweggestiegen waren.</p><p>Der Anf�hrer ihrer Verfolger stie� einen triumphierenden Schrei aus. Lyvianne stieg �ber sie hinweg, hob eine Axt auf, die zwischen den toten Zwergen lag, und stellte sich ihren Verfolgern. Die Zwerge wurden langsamer und blieben stehen.</p><p>Bidayn rappelte sich auf. Sie war �ber und �ber mit wei�lichem, halb geronnenem Fett bedeckt.</p><p>�Lauf zum n�chsten Tunneleingang�, befahl Lyvianne ruhig. �Suche dort Deckung.� Sie lenkte mit dem Blatt der Axt einen Armbrustbolzen ab und schleuderte die Waffe dann ihren Verfolgern entgegen. Mit scharfem Knall grub sie sich in den Schild des Anf�hrers. Der Zwerg taumelte unter der Wucht des Aufpralls zur�ck.</p><p>Lyvianne riss beide Arme hoch und rief ein Wort der Macht in der Sprache der Drachen. Drohend hallte es von den Felsw�nden wider.</p><p>Bidayn hatte das Gef�hl, dass die Dunkelheit ringsherum dichter wurde. Das wenige Licht gerann zu Schlieren, die sich schwingend �ber dem Abgrund bewegten und den Terrassen entgegentanzten. Die Armbrustsch�tzen schrien entsetzt auf und wichen zur�ck.</p><p>Lyvianne lief den Saumpfad hinauf. �Schnell, sie werden nicht lange brauchen, um zu merken, dass dies nichts weiter als ein wenig Spielerei mit Licht ist.�</p><p>Ihre Meisterin zog sie neben sich her, und nahe dem toten Zwerg mit der schweren Goldkette traten sie in einen Tunnel. War der Tunnel, aus dem sie gekommen waren, nicht ein St�ck weiter den Weg hinab gewesen? Sie konnte sich gar nicht erinnern, hier einen Eingang in den Fels gesehen zu haben. Vielleicht irrte sie sich auch � Die Tiefe Stadt war ein einziges Labyrinth, ein Ameisenhaufen, in dem man sich wohl nur zurechtfinden konnte, wenn man darin geboren worden war.</p><p>Angewidert wischte Bidayn �ber die klebrige Masse, die ihre Arme und Beine bedeckte. �Was ist das?�</p><p>Lyvianne bedachte sie mit einem bedauernden Blick. �Du hast dir einen schlechten Platz ausgesucht, um zu st�rzen. Ich an deiner Stelle w�rde ein sehr langes Bad nehmen, wenn wir zur�ck in der Wei�en Halle sind.�</p><p>�Was ��</p><p>�Es ist immer noch sehr hei�. Dein Zauber sch�tzt dich, deshalb merkst du es nicht. Die Toten � Ich wei� nicht, wie ich es dir nett sagen soll. Hast du schon einmal W�rste in einer zu hei�en Pfanne gebraten? Die Pelle platzt auf, und das Fett l�uft heraus. Das ist dort drau�en geschehen. Du hast im Fett der Toten gelegen.�</p><p>�Nein �� Angewidert wischte Bidayn �ber ihre nackten Glieder.</p><p>�Stell dich nicht so an!�</p><p>Bidayn sah das anders. Sie strich mit den H�nden �ber den Fels der Tunnelw�nde, um das Fett loszuwerden. Etliche Furchen waren in das Gestein gegraben. An den scharfen Kanten konnte sie die klebrige Masse abstreifen.</p><p>�Riechst du das?�</p><p>Bidayn roch nichts au�er dem Gestank des Fettes. Es w�rde tief in ihre Haut einziehen, und sie w�rde stinken wie ein toter Zwerg.</p><p>�Hier ist Blut vergossen worden. Elfenblut!� Lyvianne rief ein Wort der Macht, und eine der Lichtschlieren, die �ber dem Abgrund tanzten, wand sich in den Tunnel hinein.</p><p>Deutlich sah Bidayn nun die �ber die W�nde, die Decke und den Fu�boden verlaufenden Furchen. Alle waren vollkommen gerade und schmaler als ihr kleiner Finger.</p><p>Knirschend prallte ein Armbrustbolzen von der Wand hinter ihr ab.</p><p>�Wie es scheint, haben unsere Freunde drau�en frischen Mut gefasst.� Lyvianne winkte ihr. �Komm, gehen wir ein St�ck tiefer. Mit dem Licht, das ich gerufen habe, erleichtern wir ihnen das Zielen. Au�erdem werden wohl gleich ihre Axtschwinger kommen.�</p><p>Bidayn hatte in einer Furche, die etwa auf Brusth�he verlief, etwas Dunkles entdeckt. Sie strich dar�ber. �Hier ist Blut.�</p><p>Lyvianne bedachte ihre blutbenetzten Finger nur mit einem kurzen Blick. �Ich sagte doch, ich rieche Elfenblut. Vielleicht ist weiter oben im Tunnel ein Opferplatz. Zwergen traue ich alles zu.�</p><p>Bidayn blickte die Furchen entlang zum Ausgang. Ein paar Schritt vor dem Ende des Tunnels schwangen sie sich in weitem Bogen der Decke entgegen und verschwanden in einem Schacht. Ein Opferplatz war das hier bestimmt nicht, dachte sie und beeilte sich, den Anschluss an Lyvianne nicht zu verlieren.</p><p>Der Tunnel stieg mit sanftem Gef�lle an. Immer wieder blickte Bidayn zur�ck. �Die Axttr�ger folgen uns nicht.�</p><p>�Denen ist wohl aufgegangen, dass sie hier ohne die Deckung durch ihre Armbrustsch�tzen der sichere Tod erwartet, wenn sie sich zwei Drachenelfen stellen.�</p><p>Wieder blickte Bidayn zur�ck. Sie hatte ein ungutes Gef�hl. �Vielleicht wollten sie, dass wir in diesen Tunnel gehen.�</p><p>�Und wenn? Was h�tten wir beide zu bef�rchten?�</p><p>Bidayn w�nschte sich, sie w�re so selbstsicher wie ihre Meisterin.</p><p>Schweigend folgten sie dem Lauf des Tunnels und entdeckten bald in den Furchen am Boden Rinnsale von Blut. Jetzt verlangsamte auch Lyvianne ihren Schritt. Sie hielt wachsam ihr Schwert erhoben und lie� den Wurm aus blassem Licht den Stollen hinaufeilen. Voraus lag ein blasser, zartgliedriger K�rper.</p><p>�Coleen.� Lyviannes Stimme klang halb erstickt.</p><p>Vorsichtig n�herten sie sich der Toten. Der Wurm aus Licht drehte sich in weiten Spiralen �ber der Elfe. Ihre beiden Arme waren abgetrennt. Der Kopf und ein St�ck ihres Torsos ebenfalls. Sie sah aus, als sei sie vom Schwert eines Riesen in die Brust getroffen worden. Eine gewaltige Klinge hatte mit nur einem einzigen Hieb glatt durch sie hindurchgeschnitten.</p><p>Lyvianne kniete neben der Toten nieder und schloss ihr die Augen.</p><p>Bidayn hatte Coleen kaum gekannt. Sie war eine Sch�lerin der Meisterin Ailyn, die Nandalee an ihrem ersten Tag in der Wei�en Halle so entsetzlich verpr�gelt hatte. Sie mochte Ailyn nicht und alle, die mit ihr zu tun hatten. Sie und ihre Sch�ler interessierten sich kaum f�r die Kunst des Zauberwebens. Sie wollten nur eins: vollkommene Kriegerinnen sein. Umso beklemmender war es, Coleen hier tot zu sehen. Sie war mit einem Ausdruck grenzenlosen Erstaunens auf ihrem Antlitz gestorben. Wer hatte sie get�tet? Oder besser was?</p><p>�Sie hat nicht kommen sehen, was sie umbrachte. Oder zumindest hat sie es zu sp�t bemerkt�, stellte Lyvianne sachlich fest. Der Wurm aus Licht glomm um ein weniges heller, als nutze die Zauberweberin nun all ihre Kraft, um gegen die Dunkelheit anzuk�mpfen. �Ihr Tod war nicht nutzlos. Wir sind gewarnt.� Mit diesen Worten richtete sie sich auf und schickte das sich windende Licht mit graziler Geste weiter den Stollen hinauf.</p><p>Wie eine Antwort auf ihre Worte erklang ein fernes Klirren vor ihnen im Tunnel. Dann ert�nte ein leises, metallisches Zischen. Zwei schwere silberne Klingen zerteilten den Lichtwurm und schossen ihnen mit atemberaubender Geschwindigkeit entgegen. Zu schnell, um vor ihnen fortlaufen zu k�nnen. Sie waren in die steinernen F�hrungsschienen eingelassen und gewannen durch ihr eigenes Gewicht immer mehr an Geschwindigkeit.</p><p>Statt davonzulaufen, tat Lyvianne genau das Gegenteil. Sie lief ihrem Tod entgegen. �Spring!�, schrie ihre Meisterin und machte einen k�hnen Hechtsprung zwischen den Klingen hindurch.</p><p>Bidayn begann am ganzen Leib zu zittern. Sie fluchte. Und dann sprang sie � Sie sp�rte den Luftzug der Klingen und landete schwer auf dem Boden des Tunnels.</p><p>�Du magst es spannend.� Lyvianne half ihr auf. �Ich dachte schon, ich w�rde die talentierteste Zauberweberin, die in den letzten f�nf Jahrhunderten die Wei�en Halle betreten hat, an ein St�ck Zwergenstahl verlieren. Du hast mir einen ganz sch�nen Schrecken eingejagt.�</p><p>Bidayn schlotterten alle Glieder. Sie war nicht einmal mehr in der Lage zu sprechen. Ihr Herz klopfte ihr bis in den Hals hinauf.</p><p>�Ist schon gut.� Lyvianne strich ihr sanft �ber das Haar. �Lerne, Bidayn. Du darfst nie in Panik verfallen. Ganz gleich, was geschieht. Wenn die Angst dein Handeln regiert, hat der Tod dich schon am Kragen gepackt. Bewahre ein ruhiges Herz und einen k�hlen Verstand, und du wirst die meisten Gefahren meistern.�</p><p>Bidayn nickte, zitterte aber noch immer. Es war ihr peinlich, sich so wenig unter Kontrolle zu haben. �Licht und ein bisschen Akrobatik, das gen�gt, um uns hier herauszubringen. Keine Sorge, wir gehen diesen Weg bis zum Ende.�</p><p>Wieder ert�nte ein entferntes Klirren. Lyvianne lachte. �Wie es scheint, f�llt den Zwergen nichts Neues ein. Bist du bereit zu springen?�</p><p>Bidayn nickte, obwohl ihr immer noch die Glieder schlotterten. Ihre Meisterin trieb mit einer Geste den Lichtwurm voran. Funkelndes Metall schnellte den Gang hinab, ihnen entgegen.</p><p>Bidayn schrie auf, und selbst Lyvianne erbleichte.</p><p>Den Zwergen war doch noch etwas Neues eingefallen. Ein Gitterwerk aus messerscharfen Klingen schoss auf sie zu.</p></section><section><title><p>Die nackte Wahrheit</p></title><p>Gonvalon sah zwei Zwerge von einer der Terrassen st�rzen. Endlich begann ein organisierter Angriff gegen die heimt�ckischen Sch�tzen. Er hatte eine Ewigkeit gebraucht, um zu dem Portal auf der anderen Seite zu gelangen, und dort einen Palast vorgefunden. Doch Nandalee war nicht dort gewesen. Die Launen der Schlacht lie�en sie nicht zusammenfinden. Sie konnte jetzt �berall in dieser riesigen Stadt sein.</p><p>Gonvalon duckte sich. Armbrustbolzen prasselten gegen die niedrige Mauer und den Fels hinter ihm. Er hatte Respekt vor den Zwergen. Sie mussten wissen, dass sie auf verlorenem Posten k�mpften. Sie hatten die Himmelsschlangen herausgefordert, und nun war deren Zorn �ber sie gekommen. Allein die Alben h�tten sie noch retten k�nnen. Doch die Sch�pfer dieser Welt schienen sich schon lange nicht mehr f�r die Geschicke ihrer Kinder zu interessieren. Alle Macht lag nun bei den �ltesten Drachen. Wer sich gegen sie stellte, der war des Todes. Und er, Gonvalon, war das Schwert des Goldenen.</p><p>Vorsichtig sp�hte er �ber die Br�stung. In dem weiten Felsspalt, der das Herz des Berges teilte, war Magie gewirkt worden. Licht tanzte in seltsamen Schlieren �ber dem Abgrund. Lebendig gewordene Schatten liefen �ber die Felsen und erschwerten den Zwergen das Zielen.</p><p>Ein St�ck weiter kauerte eine bleiche Gestalt. Ein Elf! Gonvalon sah schon von Weitem das Blut. Zu viel Blut, und er besa� nicht mehr die Zaubermacht, sie zu heilen, noch irgendetwas, um die Wunden zu verbinden. Alles, was er hatte, war sein Schwert. Die Drachen hatten ihre ersten Diener an diesem Tag ganz und gar zu ihren Henkern gemacht. Es gab keinen Schmuck und keine edlen Gew�nder. Nichts, mit dem sie bem�nteln konnten, was sie waren. Ihr Sein war reduziert auf die Klingen in ihren H�nden. Das war die nackte Wahrheit, alles andere nur Blendwerk.</p><p>Gonvalon hatte den Toten erreicht. Durell, ein Novize. Er war nicht nur ein guter Schwertt�nzer gewesen, sondern auch ein begnadeter Fl�tenspieler. Drei Armbrustbolzen steckten in seinem R�cken. Vor ihm auf dem engen Weg lagen sechs tote Zwerge.</p><p>Gonvalon strich sanft mit der Hand �ber Durells Gesicht. �Die Wei�e Halle wird ohne dein Fl�tenspiel ein freudloserer Ort sein, mein Freund.�</p><p>Geduckt eilte er weiter und horchte in sich hinein. Er versuchte die Bilder vergangener Liebesn�chte heraufzubeschw�ren und das Band zu Nandalee wieder zu festigen. Konnte er sp�ren, wo sie war, wenn er nur fest genug an sie dachte? Oder hatten sie sich l�ngst zu weit voneinander entfernt?</p><p>Ein Armbrustbolzen schrammte kreischend �ber sein Schwert. Was tat er da! Er sollte mit allen Sinnen im Hier und Jetzt sein, wenn er �berleben wollte.</p><p>Ein St�ck voraus versperrte ein Trupp Zwerge den Weg. Sie erwarteten ihn mit grimmig erhobenen �xten. Aber all ihr trotziger Mut konnte nicht dar�ber hinwegt�uschen, dass sie dem Tod n�her waren als dem Leben. Die B�rte versengt, die Gesichter von Verbrennungen entstellt, waren sie nur noch ein Schatten des stolzen Volkes aus der Tiefe. Die Hitze t�tete sie. Bald bedurfte es keiner Schwerter mehr, um den Sieg der Drachen und Elfen zu besiegeln.</p><p>Ihr Anf�hrer, ein Kerl mit goldenen Stierh�rnern am Helm, rief ihm eine Herausforderung entgegen und st�rmte los. Gonvalon hob sein Schwert zum Gru� und trat dem Zwerg entgegen. Er w�rde ihm einen schnellen Tod schenken.</p><p>Er passierte eine Tunnel�ffnung und trat mit einem gro�en Schritt �ber einen Zwerg hinweg, der noch im Tod seine goldene Kette auf der Brust umklammert hielt.</p><p>Gonvalon wich einem Axthieb aus. Der Angriff war mit mehr Wut als Geschick ausgef�hrt. Ein Tritt gegen die Brust des Zwergs lie� ihn gegen die Krieger taumeln, die ihm folgten. Gonvalon setzte nach. Seine Klinge durchdrang klirrend das Kettenhemd des Axtk�mpfers und grub sich durch dessen Brust ins Herz. Ein Ruck zur Seite und der K�rper des Sterbenden blockierte den Angriff des Kriegers, der hinter ihm stand. Auf dem engen Saumpfad nutzte den Zwergen ihre �bermacht nichts.</p><p>Ein dumpfer Schlag traf seinen linken Arm. Die Wucht des Treffers lie� ihn nach vorne taumeln und brachte ihn in gef�hrliche N�he einer vorschnellenden Axt. Ein kurzer entschlossener Hieb lie� den Schaft der Axt zersplittern. Gonvalon riss die Klinge hoch, traf seinen Gegner am Kinn, sodass dessen Kopf in den Nacken geworfen wurde. Der Elf lie� sein Gewicht in das Schwert fallen und trieb den Stahl tief in die Kehle seines Gegners. Der Zorn in dessen Augen wich. Er wirkte nur noch ersch�pft.</p><p>Gonvalon machte einen raschen Schritt zur�ck. Ein Armbrustbolzen prallte dicht neben ihm gegen die Felswand. Er war auf dem Weg zu exponiert. Die Sch�tzen auf den Terrassen schreckten nicht davor zur�ck, mit ihren Bolzen wom�glich ihre Kameraden zu treffen. So musste Durell gestorben sein.</p><p>Der Schwertmeister wich einen weiteren Schritt zur�ck und fl�chtete sich in den Tunnel, dessen Eingang er eben erst passiert hatte. Sollten die Zwerge ihm nur hierher folgen. Ohne ihre Armbrustsch�tzen w�rde er einen nach dem anderen niederstrecken.</p><p>Die Zwergenkrieger folgten ihm nicht. Er wich mit ein paar schnellen Schritten weiter zur�ck, um aus dem Schussbereich der Sch�tzen zu gelangen. Jetzt tastete er nach seinem Arm. Der Bolzen hatte ihn nur gestreift. Aber er musste die Wunde abbinden. Er blickte den Tunnel hinauf. Weiter vorne tanzte ein merkw�rdig blasses Licht. Er sah zwei schattenhafte Gestalten. F�r Zwerge waren sie zu gro�. Es schienen Elfen zu sein. Er ging ihnen mit langen Schritten entgegen, als er ein seltsames, zischendes Ger�usch h�rte.</p></section><section><title><p>Unausgesprochenes</p></title><p>Das war der Tod! Bidayn wusste, dass es vor diesem Gitterwerk aus Klingen, das den Gang hinabglitt, kein Entkommen geben konnte.</p><p>Lyvianne rief ein Wort der Macht, d�ster und alt wie die Wurzeln der Welt. Unheilvoll, nicht f�r Elfenzungen geschaffen. Selbst im Angesicht des Todes bewahrte Lyvianne kalten Mut. Ihre Hand fuhr in anmutiger Geste �ber die Felswand zu ihrer Linken. Das Gestein zerfloss unter ihren Fingern, als sei es hei�es Wachs.</p><p>Lyvianne trat einen Schritt zur�ck, verschr�nkte die Arme vor der Brust und wartete. Wie konnte ihre Meisterin nur so ruhig dem Tod ins Auge schauen?, dachte Bidayn.</p><p>Mit infernalischem Krachen kam das Klingengitter unmittelbar vor ihr zum Halt. Feine Metallsplitter prasselten in den Tunnel und stachen wie Nadeln nach Bidayn. �Bei den Alben ��, stammelte sie ungl�ubig. �Wir leben!�</p><p>Sie trat an die Felswand, um das Wunder, das sie gerettet hatte, genauer in Augenschein zu nehmen. Der geschmolzene Fels war in die F�hrungsrinnen des Gitters gelaufen.</p><p>�Wie konntest du wissen, dass das fl�ssige Gestein schnell genug wieder hart werden w�rde?�</p><p>�Ich wusste es nicht.�</p><p>Bidayn war fassungslos. �Aber wie konntest du dann so ruhig bleiben?�</p><p>�Wie h�tte ich anders reagieren k�nnen?� Lyvianne wandte sich um. Feine Rinnsale aus Blut zerteilten ihr Gesicht in Streifen aus Rot und Wei�. Sie hatte dem Gitter viel n�her gestanden und mehr Metallsplitter abbekommen. �Als Drachenelfe musst du akzeptieren, dass du eines Tages eines gewaltsamen Todes sterben wirst. Das ist unser Schicksal. Wir k�nnen ihm nicht entfliehen, aber wir haben die Wahl, wie wir ihm begegnen. Ich h�tte diesen Klingen nicht davonlaufen k�nnen, und es ist nicht meine Art, vor Furcht zu erstarren. Dazu habe ich schon zu vieles gesehen. Um einen Zauber zu weben, der das magische Netzwerk stark verzerrt, blieb mir keine Zeit. Es musste einfach sein und schnell gehen. Nachdem diese Entscheidungen getroffen waren, blieb mir nur noch zu warten und mich dem m�glichen Tod mit W�rde zu stellen.�</p><p>Sie war ehrfurchtgebietend, dachte Bidayn. �Glaubst du, ich kann das auch?�</p><p>Ihre Meisterin l�chelte, was bei ihrem blut�berstr�mten Gesicht schrecklich aussah. �Das entscheidest allein du. Aber ich werde dir helfen, diesen Weg zu beschreiten. Du wirst �� Sie kniff die Augen zusammen.</p><p>�Was werde ich?�</p><p>Lyvianne ging in den tiefen Stand der Schwertk�mpferin, hob ihre Waffe jedoch noch nicht. �Da ist ein Schatten im Tunnel. Wir m�ssen �� Pl�tzlich lachte sie. �Gonvalon!�</p><p>Der Schwertmeister trat in das blasse, pulsierende Licht, das Lyviannes Zauber bewirkte. Sein linker Arm war blut�berstr�mt. Er blickte zu dem Klingengitter und nickte nur.</p><p>�Habt ihr Nandalee gesehen?�</p><p>Bidayn hatte das Gef�hl, dass etwas Unausgesprochenes zwischen Gonvalon und Lyvianne schwang. Sie sahen einander auf eine seltsame Art an.</p><p>�Ich glaube, sie ist gar nicht hier unten�, sagte Bidayn. �Jedenfalls war sie nicht auf dem Kriegsrat. Ich habe sie schon seit Tagen nicht mehr gesehen.�</p><p>�Sie ist hier�, entgegnete Gonvalon mit einer Bestimmtheit, die keinen Widerspruch duldete. Gleichzeitig wirkte er seltsam gehetzt. Er blickte zum Tunnelausgang zur�ck.</p><p>Sie war wohl wieder auf einer ihrer geheimen Missionen, dachte Bidayn ein wenig eifers�chtig. Man k�nnte meinen, dass sie schon eine Drachenelfe sei, so oft, wie sie die Wei�e Halle verlie�. Gewiss hatte Nachtatem sie geschickt. �Wir k�nnten sie gemeinsam suchen�, schlug Bidayn vor.</p><p>�Die Aussichten, sie zu finden, sind doppelt so gut, wenn wir uns aufteilen�, entgegnete ihre Meisterin. �Ist es deine Mission oder deine Liebe, die dich treibt, Gonvalon?�</p><p>Wieder hatte Bidayn das Gef�hl, dass in den Worten eine Botschaft mitschwang, die ihr verschlossen blieb.</p><p>�Ich folge dem Befehl des Goldenen�, entgegnete Gonvalon harsch.</p><p>�Dann werden wir dir helfen, deine Mission zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen. Darf ich deinen Arm einmal sehen?�</p><p>Gonvalon antwortete nicht, hielt aber still, als Lyvianne behutsam die Hand nach ihm ausstreckte und auf seine Wunde legte. Die Z�ge der Elfe wurden weicher, fast m�tterlich. Sie schloss die Augen. Das Blut, das zwischen ihren Fingern hervorgequollen war, versiegte. Bidayn war versucht, ihr Verborgenes Auge zu �ffnen und dabei zuzusehen, wie Lyvianne auf das magische Netz wirkte. Was sie tat, um zu heilen.</p><p>�Nun solltest du f�r jeden Kampf gewappnet sein.� Lyvianne zog ihre Hand zur�ck. Gonvalons Arm war mit Blut verschmiert, aber die Wunde war verschwunden.</p><p>Er sah Lyvianne eigenartig an und fand kein Wort des Dankes f�r sie.</p><p>Bidayn verstand nicht, was zwischen den beiden vor sich ging. Waren sie einmal ein Paar gewesen? So zahlreich die Geschichten �ber Gonvalons Aff�ren auch waren, nie hatte sie davon geh�rt, dass auch Lyvianne seine Geliebte gewesen war. Aber da war ein Band zwischen beiden, das konnte sie deutlich sp�ren. Vielleicht hatte der Goldene sie gemeinsam auf Missionen geschickt? Der Meister des Schwertes und die Meisterin der dunkleren Spielarten der Magie. Wer k�nnte diesen beiden trotzen?</p><p>�Wir sollten jetzt gehen�, entschied Lyvianne.</p><p>�Aber die Armbrustsch�tzen. Sie werden uns t�ten, sobald wir am Eingang des Tunnels erscheinen�, begehrte Bidayn auf.</p><p>�Die Hitze bringt sie langsam um. Bald werden sie nicht einmal mehr ihre Waffen halten k�nnen.� In Gonvalons Stimme schwangen Mitgef�hl und zugleich Verachtung. Sein Antlitz aber blieb ohne jede Emotion. Ein Widerspruch, der Bidayn verwirrte. Sie sah zu Lyvianne, die kurz ver�rgert wirkte, sich aber nichts mehr anmerken lie�, als sie Bidayns Blick bemerkte.</p><p>�Die Zwerge helfen uns, ihnen den Untergang zu bereiten. Komm mit und lerne!� Mit festem Schritt ging sie voraus und winkte dabei das seltsame Licht zu sich, das sich nun vor ihnen dem Ausgang des Tunnels entgegenwand.</p><p>Ein paar Schritte vor dem Ausgang hielt Lyvianne inne und b�ckte sich. Als sie wieder aufstand, lag ein Armbrustbolzen auf ihrer flachen Hand. ��ffne dein Verborgenes Auge, Bidayn.�</p><p>Die junge Elfe gehorchte. Das Halbdunkel des Tunnels wich einem strahlenden Netzwerk aus Linien. Lyvianne aber war ein wahrer Hort des Lichtes. Sie anzusehen schmerzte. Am hellsten leuchteten ihr Kopf und die Hand, auf der der Armbrustbolzen lag.</p><p>�Siehst du das blasse, hellblaue Band? Es f�hrt von meiner Hand durch den Tunnel �ber den breiten Felsspalt hinweg.�</p><p>Bidayn brauchte eine Weile, bis sie die Lichtspur entdeckte, die vor dem hellen Licht der anderen Kraftlinien fast unsichtbar war. �Was hat es damit auf sich?�</p><p>�Sie f�hrt zu dem Zwerg, der diesen Bolzen auf uns abgeschossen hat. Er hat uns den Tod gew�nscht. Starke Gef�hle beeinflussen das magische Netzwerk. Und er hat den Bolzen eine Weile in seinem K�cher mit sich herumgetragen. Alle Dinge, die wir nahe bei unserem K�rper tragen, werden ein wenig von unserer Magie durchdrungen. In ein oder zwei Stunden wird die blaue Linie ganz verschwunden sein, denn es wurde nicht bewusst ein Zauber gewoben. Es ist wie mit einer Spur im W�stensand. Sie ver�ndert die W�ste nicht in ihrem Wesen. Die Sandd�nen, den unerbittlich blauen Himmel. Nach ein paar Stunden hat der Wind sie ausgel�scht, f�r immer. Doch nun wollen wir das blasse Band zu dem hasserf�llten Sch�tzen nutzen.� Lyvianne sprach ein Wort der Macht, das Bidayn schon kannte. Man konnte Wind damit herbeirufen oder verbannen.</p><p>Ihre Meisterin blies �ber ihre Hand, und der Bolzen flog davon, als sei er von einer unsichtbaren Armbrust abgeschossen worden. Sie h�rte einen Schrei von jenseits der Felskluft.</p><p>Lyvianne nickte ernst. �Hass ist ein Gef�hl, das sich gegen einen wenden kann.� Sie sah Bidayn an. �Such dir einen der Bolzen, die uns verfehlt haben, und tu es mir gleich. Aber webe deinen Zauber ohne jedes Gef�hl. Weder Zorn noch Schadenfreude d�rfen dich leiten, denn wie du gesehen hast, mag jede unserer Emotionen gegen uns verwandt werden.�</p><p>Bidayn w�hlte eines der Geschosse, die kaum besch�digt waren. Die steifen Lederfl�gel waren nur leicht verbogen. Die Eisenspitze ein wenig platt gedr�ckt, doch das Holz des dicken, kurzen Schafts nicht gesplittert. Dann suchte Bidayn nach der Verbindung zum Sch�tzen. Nun, da sie wusste, worauf sie achten musste, fand sie die verblassende Kraftlinie schnell. Sie r�usperte sich, konzentrierte sich ganz auf das Geschoss und stellte sich dabei vor, wie es entlang der Kraftlinie zum Sch�tzen zur�ckflog. Leise murmelte sie das Wort der Macht. Es f�hlte sich an, als lie�e sie eine gespannte Bogensehne losschnellen. Der Bolzen schrammte mit den z�hen Lederfl�geln �ber ihre Hand und hinterlie� eine blutige Furche. Die Dunkelheit verschlang das Geschoss. Im n�chsten Augenblick erklang ein gellender Schrei.</p><p>Lyvianne legte ihr eine Hand auf die Schulter. �Fast perfekt, meine Liebe.�</p><p>Gonvalon schwieg. Er wirkte bedr�ckt, als w�rde ihm der Kampf gegen die Zwerge nicht gefallen. Dabei waren sie doch M�rder. Sie waren es doch gewesen, die den Schwebenden Meister gemeuchelt und damit den Zorn der Himmelsschlangen heraufbeschworen hatten!</p><p>�Versuch es noch einmal, Bidayn.� Lyvianne dr�ckte ihr einen weiteren Armbrustbolzen in die Hand. Sie selbst behielt drei Geschosse f�r sich, die sie nebeneinander auf ihre Hand legte und mit einem einzigen Befehl davonschnellen lie�.</p><p>�Das gen�gt!�, sagte Gonvalon harsch. Er st�rmte dem Ausgang entgegen, w�hrend von der anderen Seite der Kluft Schmerzensschreie erklangen.</p><p>�Hoffentlich findet er Nandalee.� Bidayn packte ihr kurzes Schwert fester und wollte ihm folgen, doch Lyvianne hielt sie zur�ck.</p><p>�Wir helfen ihm am besten, wenn wir die Armbrustsch�tzen besch�ftigen.� Sie b�ckte sich, um nach weiteren Geschossen zu suchen.</p><p>�Aber Nandalee!�, begehrte Bidayn auf. �Wir haben versprochen, auch nach ihr zu suchen! Wir k�nnen doch nicht einfach ��</p><p>�Mit einem Armbrustbolzen in der Stirn hilfst du deiner Freundin nicht. Hast du vergessen, was ich gesagt habe? Zauberweber m�ssen kalten Herzens sein! Bek�mpfe deine Gef�hle. W�re ich wie du, h�tte uns das Klingengitter get�tet.�</p><p>�Bedeutet es dir denn gar nichts, dass Nandalee gefunden wird?�</p><p>Lyvianne richtete sich auf und sah sie auf seltsame Art an. Die feinen, braunen Sprenkel in ihren gr�nen Augen schienen von innen heraus zu leuchten. �Du irrst, wenn du glaubst, dass mir Nandalees Schicksal gleichg�ltig ist. Es bedeutet mir sogar mehr, als du dir vorzustellen vermagst.�</p><p>Etwas an ihrem Tonfall jagte Bidayn einen eisigen Schauer �ber den R�cken. Da wusste sie, dass sie Gonvalon folgen musste. Sonst w�rde etwas Schreckliches geschehen. Ihr war klar, dass sie sich schon wieder von ihren Gef�hlen leiten lie�. Sie eilte zum Tunnelausgang.</p><p>Die Zwerge, die den Saumpfad bewacht hatten, waren niedergemacht und Gonvalon im Dunkel verschwunden. Sie musste ihn einholen!</p></section><section><title><p>Wo die Amsel singt</p></title><p>Nandalees Ersch�pfung war wie fortgewischt. Die Armbrust an ihrer Schl�fe belebte noch einmal all ihre Kr�fte. Sie lie� sich nach hinten fallen. Gleichzeitig schlug sie von unten gegen die Armbrust. Der metallische Klang, mit dem sich der Bogen entspannte, stach in ihre Ohren. Ein sengender Schmerz durchfuhr sie. Die Metallspitze des Bolzens pfl�gte durch ihr blondes Haar und riss es in Str�hnen von ihrer Kopfhaut.</p><p>Nandalee hakte einen Fu� hinter die rechte Ferse des Zwergs. Mit dem freien Bein trat sie gegen sein Knie. Ein trockenes Knacken ert�nte, als der Oberschenkelknochen aus dem Gelenk schnappte.</p><p>Die Elfe packte den Dolch eines der toten Zwerge am Kai und sah aus dem Augenwinkel eine Bewegung. Sie schnellte herum und warf aus der Bewegung heraus den Dolch. Er fuhr einem gro�en, rotb�rtigen Zwerg ins Auge. Neben ihm st�rmte dessen Gef�hrte mit drohend erhobener Axt vor. Wie viele hatten sich nur tot gestellt? Nandalee sah vor ihrem geistigen Auge, wie sich alle Zwerge ringsherum erhoben und mit hasserf�llten Augen auf sie losgingen.</p><p>Sie versetzte dem Zwerg mit dem ausgekugelten Knie einen Hieb auf den Kehlkopf, der dessen Luftr�hre zerquetschte. Sie durfte ihn nicht einfach hinter sich lassen. Selbst wenn er nicht mehr laufen konnte, h�tte er immer noch seine Armbrust nachladen k�nnen. Tausendfach war ihr in der Wei�en Halle eingesch�rft worden, niemals einen Feind hinter sich zur�ckzulassen, von dem sie nicht ganz sicher wusste, dass er kampfunf�hig war.</p><p>Ein Axthieb verfehlte sie knapp. Sie machte einen Satz zur�ck, trat auf einen Toten und geriet ins Straucheln. Sofort setzte der Zwerg nach. Hellgraue Augen strahlten hasserf�llt aus einem rot verbrannten Gesicht. Sein Bart war versengt und nur noch ein Schatten seiner einstigen Pracht. Ein R�ckhandhieb der zweibl�ttrigen Axt schnitt �ber ihren Bauch. Es war keine tiefe Verletzung, aber eine deutliche Warnung, wie nahe sie dem Ende ihrer Kr�fte war.</p><p>Nandalee wich weiter zur�ck, der Zwerg folgte ihr keuchend. �Dich weide ich aus, Kindsm�rderin. Gewissenlose Drachenhure. Du Fehlgeburt einer r�udigen H�ndin.� Jeder Fluch wurde von einem Axtstreich begleitet.</p><p>Angst kroch ihr in die Glieder. Eigentlich war der Zwerg kein Gegner, den sie f�rchten m�sste, doch der Blutverlust schw�chte sie. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie eine Gestalt versuchte, in ihren R�cken zu gelangen. Ein weiterer Zwergenkrieger!</p><p>Nandalee beugte sich vor. Mit einem verzweifelten Schrei riss sie einen toten Zwerg hoch und schleuderte ihn dem Angreifer entgegen. Der Axtk�mpfer taumelte zur�ck und st�rzte. Sein Helm fiel ihm vom Kopf und rollte klirrend �ber den Boden. Nandalee packte den eisernen Helm und schlug damit in das Gesicht ihres Gegners. Der erste Hieb verwandelte die Nase in eine unf�rmige, blutige Masse. Sie schlug weiter zu. Und weiter. Wie von Sinnen.</p><p>Ein gellender Schrei ert�nte hinter ihr. Instinktiv duckte Nandalee sich, lie� den Helm fallen und griff nach der Axt des toten Zwergs. Sie warf sich zur Seite und schwang die Axt nach hinten. Sie sp�rte, wie sie etwas traf.</p><p>Mit einem Satz war Nandalee wieder auf den F��en. Sie hob die Axt und drehte sich dabei. Hinter ihr stand eine Zwergenfrau mit einem B�ndel auf dem Arm. In der Rechten hielt sie eine lange Haarnadel. Blut pulste aus einer klaffenden Wunde am Halsansatz, durchtr�nkte ihr schlichtes Leinenkleid und rann die speckige Ledersch�rze hinab, die sie um die H�ften trug. Mit weiten braunen Augen starrte sie Nandalee an. Voller Entsetzen. Die Haarnadel entglitt ihrer zitternden Hand. Ihr hochgesteckter Dutt aus schimmernd blondem Haar hatte sich halb aufgel�st und wurde nur noch von einer Haarnadel gehalten.</p><p>Die Zwergin ging in die Knie. Behutsam legte sie das B�ndel vor sich auf den Boden. Die blaue, mit aufgestickten �xten geschm�ckte Decke war voller Blut. Ein rosiges Gesicht, bedeckt mit zartem, schwarzem Flaum, lugte daraus hervor.</p><p>�Bitte ��, stammelte die Zwergin. �Bitte rette ihn ��</p><p>Nandalee f�hlte sich, als br�che der Boden unter ihr ein. Sie hatte das Kind mit ihrem blinden Hieb nur knapp verfehlt. Fast w�re sie wirklich zur Kindsm�rderin geworden.</p><p>Die Zwergin hob die H�nde. Ihr Blick flackerte. �Hab Gnade �� Das Blut rann nur noch als d�nnes Rinnsal aus der Wunde an ihrem Hals. Ihre Lippen bebten. Sie wollte sprechen, doch ihre Kraft reichte dazu nicht mehr aus. All die ungesagten Worte lagen in ihrem Blick, als ihre Augen glasig wurden und brachen.</p><p>Nandalee k�mpfte gegen Tr�nen. Was hatte sie getan! Sie presste die Linke auf ihren Bauch. Warmes Blut rann zu ihren Schenkeln herab. Nandalee suchte nach dem Wort der Macht, das ihre Wunde schlie�en konnte. Haut und durchtrennte Muskeln wieder zusammenwachsen lie�. Doch sie vermochte sich nicht auf das eine Wort zu besinnen. Sie musste ihre Wunden heilen, oder sie w�rde hier zwischen den Zwergen sterben. Der Tod war nahe.</p><p>Stattdessen starrte sie das Kind an. Es hatte gro�e, graue Augen, ganz wie der Zwerg, der eben mit so verzweifelter Wut versucht hatte, sie zu t�ten.</p><p>Das Kind l�chelte sie an. Sie, die M�rderin seiner Eltern! Ein leiser, unartikulierter Laut kam �ber seine Lippen. Hei�e Tr�nen rannen Nandalee �ber die Wangen. Was hatte sie getan? Was geschah hier? War denn die ganze Welt verr�ckt geworden? Wo waren die Alben! Warum hatten sie die Himmelsschlangen nicht von diesem m�rderischen Gemetzel abgehalten?</p><p>Sie sah sich um. Fast nur Frauen und Kinder lagen auf den Kais von Amalaswinthas verborgenem Hafen. Zerpfl�ckte Bl�ten trieben auf dem Wasser, das nun still lag. Eine nasse, zerzauste Amsel hockte auf einem Holzpfahl, von dem ein zerrissenes Seil hing, und zwitscherte ihren Unmut in die stille H�hle hinein.</p><p>Nandalee sackte der Kopf auf die Brust. Ihr Blick verengte sich. Die Welt wich zur�ck, bis sie nur noch aus grauen Kinderaugen bestand. Die Drachen w�rden den Jungen t�ten, wenn sie hierherkamen. Auch die Drachenelfen. Sie mordeten nicht eine ganze Stadt, um dann ein kleines Kind entkommen zu lassen. F�r ein Zwergenbaby war kein Platz in der Wei�en Halle. Sie konnte es regelrecht vor sich sehen. Wahrscheinlich w�rde es einer ihrer Meister tun. Ein Dolchsto�, ohne Hass, ins Herz des Kindes. Es war genug unschuldiges Blut vergossen worden! Das durfte nicht auch noch geschehen!</p><p>Mit ihrer Verzweiflung kam die Erinnerung zur�ck. Das Wort der Macht fand von allein auf ihre Lippen. W�rme durchlief sie, versiegelte ihre Wunden. Doch all das verlorene Blut konnte sie nicht ersetzen. Sie war schwach. Noch einen Kampf k�nnte sie nicht mehr bestehen.</p><p>Sie schnallte einem der toten Zwerge den Waffengurt ab und warf ihn sich samt des kurzen Schwertes daran �ber die Schulter. Dann hob sie das B�ndel auf und dr�ckte das Kind an sich. Ein kurzer, glucksender Laut war ihr Lohn.</p><p>Beklommen sah sie sich um. Jetzt war sie auf der anderen Seite. Sie mochte noch im K�rper einer Elfe stecken, aber sie w�rde kein Zwergenblut mehr vergie�en. Zumindest nicht in dieser Nacht. Sie musste das Kind in Sicherheit bringen. Aber wo? Welchen Ort w�rden ihre Gef�hrten aus der Wei�en Halle nicht finden?</p><p>Sie schlich sich fort vom Wasser. Suchte die Schatten. Nandalee dachte an das Gebilde aus Dr�hten in Amalaswinthas Studierzimmer. Da war ein Platz � Doch wenn sie diesen Ort aufsuchte, w�rde sie mit den Drachenelfen brechen. Dort w�rden sie sie nicht finden!</p><p>Sie blickte in die gro�en, grauen Augen und fluchte. Das war nicht der Weg, den sie gehen wollte. Aber sie w�rde kein Kind t�ten! Und auch dabei zusehen, wie es get�tet wurde, w�rde sie nicht. Das hatte mit dem Auftrag Nachtatems nichts mehr zu tun. Dass alle Bewohner der Tiefen Stadt, auch die Frauen und Kinder, get�tet wurden, hatte nichts mehr mit gerechtem Zorn zu tun. Das war Tyrannei!</p></section><section><title><p>Elfenblut</p></title><p>Ailyn kniete neben der Toten nieder. Z�rtlich strich sie das blonde, blutverklebte Haar aus dem Gesicht. Ailyn hatte schon viel gesehen, doch der Anblick ihrer Sch�lerin schockierte sie. Ihr Rumpf war auf Brusth�he durchtrennt, beide Arme abgehackt. Was war ihr widerfahren? H�chstens ein Jahr noch, und sie w�re zur Drachenelfe aufgestiegen.</p><p>Mit einem Seufzer stand die Meisterin auf und blickte zu den �brigen Toten. Drei weitere Sch�ler hatten sie bereits hierher in die weite, ru�verschmierte H�hle gebracht. Decke und W�nde waren �ber und �ber mit Amethysten bedeckt. Ein fettiger, schwarzer Schleier lag �ber den meisten Steinen. Es waren wohl viele Zwerge in dieser Halle gewesen, als die Flammenstrahlen durch die Luftsch�chte hinabgefahren waren. Ru� auf Edelsteinen war alles, was von ihnen geblieben war.</p><p>Ailyn ballte w�tend die F�uste. Sie hatten den Angriff schlecht vorbereitet. Von �berall kamen Meldungen �ber Widerstand und Tote. Es waren viel mehr Zwerge in der Tiefen Stadt gewesen, als sie erwartet hatten. Und obwohl die Zwerge �berrascht worden waren und wissen mussten, dass sie auf verlorenem Posten k�mpften, leisteten sie �berraschend hartn�ckigen Widerstand. Es war ein Fehler gewesen, keine Gefangenen zu machen. Die Zwerge wussten darum! Kein Einziger hatte sich bislang ergeben. Sie k�mpften wild und erbarmungslos wie eine verwundete B�rin, die ihr Junges gegen ein Rudel W�lfe verteidigt.</p><p>Dylan betrat die weite H�hle. Er trug einen weiteren Toten auf den Armen. Durell!</p><p>Schweigend brachte der Meister den Leichnam in die Mitte der Halle und legte ihn vorsichtig zu Boden. �Er wurde in den R�cken geschossen�, sagte Dylan mit tonloser Stimme. Nicht anklagend, eher resigniert. Sie alle wussten, dass ihr Angriff auf die Tiefe Stadt noch weit heimt�ckischer als ein Schuss in den R�cken gewesen war.</p><p>�Wo?�</p><p>Dylan blickte zu ihr auf. Seine Augen hatten eine silberfarbene Iris mit himmelblauen Einsprengseln. Ailyn hatte seinen Blick immer schon beunruhigend gefunden. Er war kein Mann des Schwertes, sondern ein Zauberweber, der sich ganz und gar den verborgenen M�chten verschrieben hatte. Eine Hingabe, die seinen K�rper ver�ndert hatte. Er war totenbleich und sein wei�es Haar fein wie Spinnweben.</p><p>�Durell lag auf einem Saumpfad an der gro�en Kluft, die das Herz des Berges zerteilt. Etwa eine Meile von hier. Er hat einen guten Kampf geliefert. Ich habe ihn umringt von toten Zwergen gefunden.�</p><p>Ailyn nickte. Nicht gut genug, dachte sie. Sie waren in der Wei�en Halle zu Meuchlern ausgebildet worden, doch das hier wuchs sich zu einer regelrechten Schlacht aus. Sie h�tten ihre Kr�fte nicht derart aufsplittern d�rfen. Die Zwerge waren nicht in Panik geraten, wie sie erwartet hatten.</p><p>�Wie steht der Kampf um die H�fen?�</p><p>Dylans Blick wurde hart. �Es sind uns zwei oder drei Aale entkommen, f�rchte ich. Aber alle H�fen sind nun besetzt, und die Wei�en Schlangen verfolgen die Fl�chtigen. Meine Sch�ler haben sich gut geschlagen. Insbesondere Eleborn.�</p><p>Ailyn nickte und blickte wieder zu den Toten. Nein, sie hatten sich nicht gut geschlagen, dachte sie und k�mpfte gegen den Zorn an, der in ihr aufzuwallen drohte. Sie hatten die Leben ihrer Sch�ler unn�tig in Gefahr gebracht. Der Angriff war schlecht durchdacht! Nie zuvor hatten die Himmelsschlangen ihnen befohlen, in eine solche Schlacht zu ziehen. Und nie zuvor hatte Ailyn so deutlich gesehen, wie wenig ihre Leben den gro�en Drachen bedeuteten.</p><p>Gonvalon betrat die Amethysthalle. Er sah die Toten und beschleunigte seine Schritte. Sie ahnte, wen er zu sehen f�rchtete.</p><p>�Nandalee ist nicht bei ihnen.� Er wirkte nicht erleichtert, dachte Ailyn.</p><p>�Wundert dich das, Ailyn? Gonvalons Sch�lerin hat doch gar nicht an dem Angriff teilgenommen.� Eine Andeutung von Geringsch�tzigkeit schwang in Dylans Stimme mit.</p><p>�Sie ist hier�, widersprach Ailyn. �Der Goldene sucht ebenfalls nach ihr.�</p><p>�Der Goldene?� Gonvalon l�chelte eigenartig. �Wann war er hier? Und in welche Richtung ist er gegangen?�</p><p>Sie deutete zu einem der Ausg�nge, �ber dem ein Wappen mit einem schweren Hammer prangte. �Nach Westen. Dort, wo die H�hlen der Grobschmiede und Gerber liegen. Er ist noch nicht lange fort.� Ailyn war es ein R�tsel, warum die beiden nach Nandalee suchten, solange der letzte Widerstand der Zwerge noch nicht gebrochen war. Wenn eine der Sch�lerinnen der Wei�en Halle ganz gewiss auf sich alleine aufpassen konnte, war es Nandalee.</p><p>�Die Schlacht um die Tiefe Stadt ist noch nicht entschieden, Gonvalon. In den Pal�sten bei der gro�en Kluft wird noch gek�mpft. Wir k�nnen dort jeden erfahrenen Krieger gebrauchen.�</p><p>�Schick Dylan�, entgegnete er �berraschend barsch. �Der Goldene erwartet, dass ich an seiner Seite bin. Er verlangt nach meinem Schwert.� Gonvalons Gesicht wirkte wie aus Stein geschlagen. Hart und angespannt, zum �u�ersten entschlossen. Was war nur los mit ihm? Mit langen Schritten eilte er dem Ausgang unter dem Wappenschild der Schmiede entgegen.</p><p>�Du solltest ihm seine Sorge nicht ver�beln�, sagte Dylan. �Du wei�t doch um seinen Fluch. All seine Geliebten sterben. Und heute ist wahrlich ein Tag, an dem viel Elfenblut vergossen wird.�</p><p>Ailyn dachte an den Goldenen. Sorgte auch er sich um Nandalee? Sie hatte sich doch Nachtatem verschworen. Die Himmelsschlangen hatten nicht in die Tunnel der Tiefen Stadt hinabsteigen wollen, und dennoch war er hier. Sie hatte das Gef�hl, dass es in diesem Gemetzel um mehr ging als nur darum, die Zwerge zu bestrafen. Wenn hier in den Tunneln eine Elfe starb, w�rde es niemanden wundern �</p><p>Aber sich solche Gedanken zu machen war nicht ihre Aufgabe. Sie sollte den Kampf um die Tiefe Stadt f�hren. Und Nandalee war schon an ihrem ersten Tag in der Wei�en Halle eine Verlorene gewesen. Sie h�tte niemals dorthin kommen d�rfen. F�r eine Drachenelfe war sie zu aufs�ssig, zu schwer zu formen. Rebellen waren keine guten Diener.</p><p>�Wir m�ssen zu den Pal�sten�, wandte sie sich mit fester Stimme an Dylan. �Unterwegs nehmen wir jeden mit, den wir finden. Wir b�ndeln unsere Kr�fte und zerschlagen den letzten Widerstand. In weniger als einer Stunde kann die Schlacht um die Tiefe Stadt entschieden sein.�</p></section><section><title><p>Auf der Flucht</p></title><p>Nandalee kauerte mit angehaltenem Atem in einer Nische und beobachtete die beiden schlanken Gestalten aus Licht, die zwanzig Schritt entfernt durch den weiten Tunnel pirschten. Es gab keine Fackeln oder �llampen in diesem Stollen. Nandalee war ganz auf ihr Verborgenes Auge angewiesen. Es wies ihr den Weg durch die Nacht, die sich in der sterbenden Zwergenstadt ausbreitete. Mehr und mehr Lichtquellen in den Tunneln erloschen, als w�rden sie gemeinsam mit der Stadt sterben.</p><p>Nandalee hatte einen Zauber gewoben, der das Licht ihrer Kraftlinien d�mpfte. Dennoch war ihr schleierhaft, warum die beiden Elfen sie �bersehen hatten. Sie schienen sich ganz auf ihre Augen zu verlassen. Das war t�richt!</p><p>Die Lichtgestalten verschwanden hinter einer weiten Biegung des Tunnels. Nandalee atmete erleichtert auf und lie� sich gegen den Fels sacken. Ein wenig Schlaf � Wie gerne w�rde sie jetzt ausruhen.</p><p>Das Zwergenkind war in ihren Armen einged�st. Eine wohlige W�rme strahlte von ihm aus. Sie konnte sp�ren, wie sich die kleine Brust bei jedem Atemzug hob und wieder senkte. Es hatte etwas Einschl�ferndes, ein schlafendes Kind an der Brust zu halten. Die Versuchung war gro�, die Augen zu schlie�en. Nur f�r einen Moment.</p><p>Nandalee zwang sich aufzustehen. Es war nicht mehr weit bis zur H�hle des Schmiedes. Unten im Brunnen w�rde sie ein sicheres Versteck finden. Dort konnte sie schlafen, und dann w�rde sie �berlegen, was sie mit dem Kind tun w�rde.</p><p>M�de schleppte sie sich voran, bis sie den Einstieg zu Galars Werkstatt fand. Der Gestank nach K�se war dem nach gebratenem Fleisch gewichen, verbranntem Holz und ausgegl�htem Metall. Der Kleine erwachte und suchte mit seinen Lippen nach dem, was sie ihm nicht zu geben vermochte. Wie saugende K�sse f�hlte es sich an. Sein Kopf ruckte hin und her, dann blickte er zu ihr auf, und seine gro�en Augen f�llten sich mit Tr�nen. Nandalee fluchte leise. Womit sollte sie ihn f�ttern?</p><p>Schweren Schrittes ging sie den Tunnel hinab. Sie konnte dem Kind nicht wirklich helfen. Wie oft musste so ein Zwergenbaby essen? Alle paar Stunden?</p><p>Der Kleine begann zu greinen, als sie die Schmiede erreichte. Krusten dunkelroter Glut leuchteten auf halb verbrannten Tischbeinen. Erstickender Rauch zog durch die weite H�hle.</p><p>Das Wimmern des Kindes wurde lauter. Wie hei� es wohl in der H�hle war? Sie war von einem Schutzzauber umwoben, aber der Kleine war der Hitze hilflos ausgeliefert. Eilig trat sie an den Brunnen.</p><p>Ein Ger�usch lie� sie herumfahren. Schwere Schritte. Jemand war im Tunnel, der zur Werkstatt f�hrte. Nandalee legte dem Kind die Hand auf den Mund. Ja, ganz ohne Zweifel, jemand kam zu ihr herab. Sie b�ckte sich nach einem Dolch. In der H�hle unten beim Brunnen war sie in Sicherheit. Bestimmt! Und falls nicht � Sie schob den Dolch in das versengte, schmutzige Tuch, in das das Kind eingewickelt war.</p><p>Beh�nde kletterte Nandalee die Sprossen im Brunnenschacht hinab und lie� sich vorsichtig ins Wasser gleiten. Hier unten h�rte sie keine Schritte mehr. Ein roter Abglanz der ersterbenden Glut oben in der Werkstatt lag auf dem Wasser. Falls jemand in den Brunnen blickte, w�re sie deutlich zu erkennen. Sie musste weiter. Aber wie sollte sie mit dem Kind schwimmen? Was, wenn der Kleine Wasser einatmete?</p><p>Sie nahm die Hand von seinem Mund und versiegelte seine Lippen mit einem Kuss. Sein Atem roch s�uerlich. Nach Milch. Er biss in ihre Lippe und begann daran zu saugen. Nandalee stie� sich von der untersten Sprosse ab und tauchte. Sie hielt das Kind eng an sich gepresst.</p><p>Es war nur ein kurzes St�ck zu schwimmen, aber sie brauchte endlos lange. Das Kind wand sich in ihren Armen und b�umte sich auf. Nandalee konnte nur mit einem Arm vorw�rtsrudern. Schnell fand sie den Einstieg zum verborgenen Tunnel. Sie zog sich mit der freien Hand am rauen Fels entlang.</p><p>Endlich brach sie mit dem Kopf durch das Wasser. Sie schob das Kind hoch, damit es atmen konnte. Im selben Augenblick sah sie die Axt niedersausen.</p></section><section><title><p>Von Zwergenh�lsen und Ziegenh�lsen</p></title><p>Hornbori schrie auf und stie� Galar zur Seite. Die Elfe hielt ein Zwergenkind in den Armen, um sich gegen einen Angriff zu sch�tzen. Galar versuchte die Schlagrichtung zu �ndern. Zu sp�t. Er schrie auf, verriss die Axt und traf dennoch.</p><p>Mit einem scharfen Knacken schmetterte die Axt gegen den Kopf der Elfe. Sie traf mit der flachen Seite, aber mit gro�er Wucht. Augenblicklich lie� die M�rderin das Kind los. Sie �ffnete benommen den Mund und schluckte schwarzes Wasser. Ihre Augen waren verdreht, sodass Hornbori nur noch das Wei�e von ihnen sah. Er packte das weinende Kind und zog es zu sich.</p><p>�Schitt�, fluchte Galar. �Wie kann man nur so gewissenlos sein und ein Kind als Schild missbrauchen!�</p><p>Hornbori wickelte das Baby aus dem triefnassen Tuch. Ein Junge, dachte er l�chelnd. Ganz blaue Lippen hatte der Kleine. Er war unterk�hlt. Das Brunnenwasser war eisig. Hornbori rieb ihm mit der flachen Hand �ber die Brust. Der Kleine weinte bitterlich. Was konnte er nur tun? Er war nie Vater geworden, hatte kaum Kontakt zu Kindern gehabt. Sie aufzuziehen war Frauensache. Sie lie�en die M�nner kaum einmal an die Kinder heran. Erst wenn ihr Barthaar dicht und hart zu werden begann, entlie�en die Weiber ihre Kinder in die Welt der M�nner.</p><p>Der Kleine begann zu weinen.</p><p>�Ist er verletzt?� Galar hatte die Axt zur Seite gelegt und beugte sich �ber das Kind.</p><p>�Ich wei� nicht. Eine Wunde ist nicht zu sehen. Vielleicht sollten wir ihn einmal umdrehen.�</p><p>Galar blickte auf seine gro�en, schwieligen H�nde. �Das machst besser du.�</p><p>�Wieso glaubst du, dass ich das kann?�</p><p>�Weil du ein Weichling bist. Ich � ich mach den noch kaputt. Ich hab noch nie ein Kind ��</p><p>�Ich auch nicht�, entgegnete Hornbori pikiert. Er war dreizehn gewesen, als er die Frauengem�cher verlassen hatte und zu seinem Vater gekommen war. Er konnte sich kaum an seine fr�he Kindheit erinnern.</p><p>�Lasst mich das machen.� Nyr hatte die Elfe aus dem Wasser gezogen und dr�ngte sich nun zwischen sie und Galar. Ohne zu z�gern, hob er den Kleinen hoch und drehte ihn um. �Alles in Ordnung, w�rde ich sagen.�</p><p>�Ich nicht�, zischte Galar. Der Junge pinkelte ihm in flachem Bogen vor die Brust.</p><p>Hornbori lachte auf. �Ich glaube, er mag dich.�</p><p>�Halt�s Maul, Schisser!�</p><p>Irgendwie klang es diesmal ein wenig freundlicher, dachte Hornbori. Jedenfalls f�r Galars Verh�ltnisse.</p><p>�Warum hast du die Elfe aus dem Wasser gezogen? Du bist wohl verr�ckt! Ers�ufen m�ssen wir die. Die wird es uns nicht danken, wenn wir sie am Leben lassen.� Galar stand auf.</p><p>�Tu das nicht.� Hornbori hielt ihn zur�ck. �Wir brauchen sie. Nur f�r kurze Zeit, dann kannst du mit ihr machen, was du willst.�</p><p>Galar sah ihn finster an. Dann blickte er zu Nyr. �Spinnt ihr jetzt beide? Hat euch wohl nicht gutgetan, in den Brunnen zu fallen.�</p><p>�Es ist wegen des Jungen. Wir wissen doch nicht einmal, aus welcher Sippe er stammt. Wir m�ssen erfahren, wo sie ihn gestohlen hat.�</p><p>Galar lachte auf. �Was glaubt ihr, was oben los ist? Ein Kind wurde gestohlen. Die halbe Stadt wird in heller Aufregung sein. Dass die Drachen meine Werkstatt abgefackelt und versucht haben uns drei umzubringen, wird sich vermutlich noch nicht herumgesprochen haben, aber dass ein Kind gestohlen wurde, ist ganz gewiss schon Stadtgespr�ch. Bestimmt wimmelt es da oben nur so von aufgescheuchten Weibern, die wilde Verd�chtigungen aussto�en. Und ich wette, Amalaswintha f�hrt die Horde an.� Er zog den Dolch aus seinem G�rtel. �Der Elfenschlampe werde ich die Kehle durchschneiden. Dann haben wir eine Sorge weniger. Das ist eine Drachenelfe. Die ist hier, um uns zu t�ten. Wenn wir die nicht schleunigst abmurksen, wird uns das noch leidtun.�</p><p>Nyr steckte dem Kleinen seinen Daumen in den Mund und legte ihn sich in die Armbeuge. Hornbori war verbl�fft, �ber welch verborgene Talente der Richtsch�tze verf�gte. Dem Jungen gefiel es. Er schloss die Augen, runzelte die Stirn und nuckelte mit einer Ernsthaftigkeit an Nyrs Daumen, die Hornbori schmunzeln lie�.</p><p>Galar beugte sich �ber die Elfe, um es zu Ende zu bringen. Er packte ihr blutverklebtes Haar und riss ihren Kopf hoch. Deutlich sah Hornbori ihre halb ge�ffneten Lider durch das herabh�ngende Haar. Ihre Pupillen waren nach oben verdreht. Speichel troff von ihrem Mund. Wahrscheinlich war es gar nicht mehr n�tig, sich mit ihr noch M�he zu geben. Sie war ohnehin mehr tot als lebendig. Galar f�hrte das Messer zur Kehle der Elfe, als sie �berraschend ihren Kopf nach hinten riss und unter sein Kinn h�mmerte. Gleichzeitig schlug sie mit der Faust nach Galars Messerarm. Die Klinge schwang zur Seite.</p><p>Ein Schlag in die Armbeuge lie� den Unterarm des Schmieds hochschnellen. Das Messer streifte seinen Oberarm. Er fluchte, und ein Ellbogen h�mmerte dumpf in seine Magengrube.</p><p>Galars rechter Arm zuckte unkontrolliert. Seine Finger �ffneten sich, und das Messer fiel zu Boden. All dies hatte kaum drei Herzschl�ge gedauert.</p><p>�Die Armbrust�, stammelte Galar, von dessen Lippen Blut troff. �Dort hinten!�</p><p>Die Elfe blickte zu Hornbori. Ihre Augen waren immer noch verdreht. Eines starrte ihn geradewegs an, w�hrend das andere zur H�hlendecke zu blicken schien.</p><p>Galar versuchte davonzukriechen, doch die Elfe packte ihn mit be�ngstigender Kraft, rammte ihn mit dem R�cken gegen die Wand und stach ihm den Dolch in die Kehle.</p><p>�Steh still!�, herrschte sie Galar an, der entsetzt auf den Dolch hinabblickte. �Ihr habt eine Armbrust? Wirf sie ins Wasser. Und die Axt da vorne auch.� Sie sprach zwergisch mit dem Dialekt der Ehernen Halle.</p><p>�H�r nicht auf sie, Schisser!�, brachte Galar gepresst hervor. �Die hat mir ein Messer in den Hals gerammt. Ich bin so gut wie tot. Tu mir einen letzten Gefallen. Nimm die verdammte Armbrust und leg sie um.�</p><p>Die Elfe lie� Hornbori nicht aus den Augen. �Bedeutet dir der Kerl hier etwas? Die Klinge steckt zwischen seiner Luftr�hre und zwei gro�en Adern. Da, wo ich herkomme, �ben wir das mit Ziegen. Wie du dir vorstellen kannst, essen wir oft Ziegenfleisch. Es dauert eine Weile, bis man es beherrscht, die richtige Stelle zu treffen. Ich hoffe, ein Zwergenhals unterscheidet sich nicht grundlegend von einem Ziegenhals. Es ist eine heikle Angelegenheit, jemandem ein Messer in den Hals zu sto�en. Wenn meine Hand nur ein wenig zittert, ist er tot. Wenn mir �bel wird, weil er mir fast den Sch�del eingeschlagen hat, und ich umkippe, ist er tot. Solltest du auf die Idee kommen, die Armbrust zu spannen, statt sie ins Wasser zu werfen, ist er tot.�</p><p>�Wenn du sie gehen l�sst, holt sie Verst�rkung, und wir alle vier sind tot�, r�chelte Galar. �Mit mir ist es vorbei. Rette den Kleinen!� Mit diesen Worten versuchte er sich, ohne R�cksicht auf das Messer, aus der Umklammerung der Elfe zu winden.</p><p>Hornbori sah sich nach der Armbrust um, vermochte sie jedoch in dem Durcheinander der H�hle nicht zu entdecken. �Wo ist sie?�</p><p>Galar stie� ein unverst�ndliches Gestammel aus.</p><p>�Lass es�, sagte Nyr. �Sie hat das Kind hierhergebracht. Vielleicht ist sie gar keine M�rderin.�</p><p>Hornbori versuchte zu erraten, wo die Armbrust stecken mochte. Mit Logik brauchte er es nicht zu versuchen, das lag auf der Hand. Hier gab es keine Ordnung, und das sp�rliche Licht machte es ihm nicht gerade leichter. Ihm war bewusst, dass ihre Aussichten zu gewinnen nicht gut standen. Nat�rlich durfte man einer Elfe keinesfalls trauen, aber vielleicht war es im Augenblick kl�ger zu verhandeln. Er blickte zur�ck. Galar war in sich zusammengesunken. �Sie hat ihn umgebracht!�</p><p>�Hat sie nicht. Beruhig dich. Sie hat irgendetwas an seinem Hals gemacht. Irgendwo gedr�ckt.�</p><p>�Woher willst du wissen, dass Galar nicht tot ist? So wie er da h�ngt ��</p><p>�Wollte ich ihn ermorden, h�tte ich wohl das Messer benutzt�, unterbrach ihn die Elfe.</p><p>Das war nicht ganz von der Hand zu weisen. Nur konnte man Elfen einfach nicht trauen. Sie �</p><p>Der Fels erbebte. Irgendetwas sehr Schweres schien sich �ber ihnen zu bewegen. Und dann erklang ein Schrei, wie ihn Hornbori noch nie geh�rt hatte. Wild, voller Schmerz und Zorn. Er war sich sicher, dass weder Zwergen noch Elfen einen solchen Laut von sich geben konnten.</p><p>Der Kleine begann leise zu wimmern. �Was ist das?�, fl�sterte Hornbori.</p><p>Selbst die Elfe wirkte eingesch�chtert. Sie hob den Kopf zur Decke. Eines ihrer Augen war ganz wei�, als sei sie halb erblindet. �Ich wei� es nicht. Es muss mit dem Untergang der Tiefen Stadt zu tun haben. Ich ��</p><p>�Wovon redest du da?�, zischte Hornbori.</p><p>Sie fixierte ihn mit schielendem Blick. �Du bist Hornbori, und deine beiden Gef�hrten hei�en Galar und Nyr. Richtig?�</p><p>Woher zum Henker wusste sie das? Nat�rlich antwortete er nicht. So leicht w�rde er es ihr nicht machen. Das musste sie geraten haben, schlie�lich waren sie einander noch nie begegnet.</p><p>�Wieso kennst du uns?�, fragte Nyr einf�ltig, w�hrend �ber ihnen ein Get�se anhob, als w�rden die Tische der Werkstatt gegen die Felsw�nde geschleudert.</p><p>�L�scht alles Licht!� Die Elfe sagte das in einem Tonfall, der selbst Hornbori �berzeugte. Sie hatte Angst! Das war nicht gespielt! �Was immer dort oben w�tet, darf keinen Lichtschein im Brunnenwasser sehen.�</p><p>Hornbori gehorchte. Doch als die letzte kleine Flamme verlosch, f�hlte er sich v�llig ausgeliefert. Wie konnte die Elfe im Dunkeln sehen? Sicher erm�glichte ihr ihre Zaubermacht, noch immer alles deutlich zu erkennen. Als Zwerg war er zwar an die Finsternis der Tunnel tief im Berg gew�hnt, aber dazu brauchte er ein wenig Zeit. Die Lichter, die er eben gel�scht hatte, hatten seine Nachtsicht getr�bt.</p><p>War die Elfe an ihrem Platz geblieben? Schlich sie auf ihn zu, nachdem sie Galar lautlos die Kehle durchtrennt hatte? War all dies nur ein Gaukelspiel gewesen, um sie wehrlos zu machen? Es gab viele Geschichten �ber Drachenelfen. In allen waren sie seelenlose M�rder. Dass solch eine Elfe ein Zwergenkind rettete, war undenkbar.</p><p>Wieder erbebte der Fels, und ein Rumoren war zu vernehmen, als bewegte sich irgendetwas Riesiges in Galars Werkstatt. Wie gro� musste eine Kreatur sein, damit sie Ger�usche verursachen konnte, die durch drei Schritt gewachsenen Fels drangen? Gro� wie eine Silberschwinge? Gr��er? Drachen w�rden niemals durch die engen Tunnel in die Stadt gelangen, versuchte sich Hornbori zu beruhigen. Aber wenn dort oben kein Drache in der Werkstatt war, was dann? Ein Troll? Wen hatte diese Elfe im Gefolge? Woher kannte sie ihre Namen? Und was faselte sie vom Untergang der Stadt?</p><p>Die Angst gab ihm das Gef�hl, dass sich sein Blut langsam in Eiswasser verwandelte. Es begann bei seinen F��en, die sich anf�hlten, als sei er barfu� durch ein Schneefeld gelaufen. Dann sprang die K�lte �ber in seine Wirbels�ule und breitete sich �ber seine Rippen aus, bis jeder Atemzug wie eisige Dolche in seine Lungen stach.</p><p>Oben war es still geworden. Ob die Kreatur die Werkstatt verlassen hatte? Oder kauerte sie inmitten der Tr�mmer und lauschte ihrerseits? Warum kam niemand, um die Bestie zu bek�mpfen? Man musste sie doch weithin im Berg geh�rt haben. Von hier aus konnten sie nichts unternehmen. Wer �ber die Sprossen aus dem Brunnen stieg, war hilflos ausgeliefert. Man m�sste Galars H�hle durch den engen Stollen st�rmen, der vom Hauptgang abzweigte. Das war freilich auch ein Unternehmen, das Todesmut verlangte.</p><p>�Ich glaube, es ist fort.� Die Stimme der Elfe war nur ein leises Wispern. Es schien, als habe sie sich nicht von der Stelle bewegt.</p><p>�Was war das?�, fragte Nyr.</p><p>�Vielleicht ein Tatzelwurm � Ich wei� es nicht. Ich habe geh�rt, dass sich Tatzelw�rmer am Angriff auf die Tiefe Stadt beteiligt haben.�</p><p>Hornbori traute seinen Ohren nicht. Ein Angriff auf die Tiefe Stadt? Was f�r eine M�r war das denn? Mit wachsendem Unglauben lauschte er der verworrenen Geschichte der Elfe.</p><p>�Ihr, die ihr die M�rder des Schwebenden Meisters seid, und dieses unschuldige Kind seid die einzigen �berlebenden in den Tunneln der Tiefen Stadt�, schloss sie ihre Geschichte.</p><p>�Glaubst du ihr, Nyr?�</p><p>�Ich wei� nicht �� Die Stimme des Richtsch�tzen klang heiser. �Ich � Das kann doch nicht sein. Oder?�</p><p>�Glaubst du, sie w�rden alle umbringen, um ausgerechnet uns am Leben zu lassen? Das ergibt doch keinen Sinn! Das ist eine ganz und gar unglaubw�rdige Geschichte. Sie ist nichts als eine freche L�gnerin.�</p><p>�Was w�rde ich mit dieser L�ge erreichen?� Die Stimme der Elfe klang schwach und gebrochen. Vielleicht war das der Grund, warum er die Lichter hatte l�schen sollen. Er sollte nicht sehen, wie schwer verletzt sie war und wie ihre Kraft sie verlie�. Sie waren zu dritt, sie allein und geschw�cht. Sollten sie es wagen, sie anzugreifen?</p><p>�Du l�gst, weil du Gefallen daran findest, uns zu qu�len, bevor du uns t�test. So wie du Galar den Dolch durch die Kehle gesto�en hast, ohne ihn umzubringen. Wozu lernt man so etwas? Um seine Gegner zu qu�len und zu dem�tigen. Du bist eine Drachenelfe, und du glaubst, wir h�tten einen Drachen get�tet. Welche Gnade h�tten wir von dir zu erwarten? Nicht einmal einen schnellen Tod.�</p><p>Ein pl�tzliches Ger�usch lie� Hornbori zusammenzucken. Eine Hand legte sich um seine Kehle. �Nyr! Sie ist bei �� Der Druck kr�ftiger Finger brachte ihn zum Verstummen.</p><p>�Du willst mir nicht glauben � Gut. Das ist deine Entscheidung, Hornbori. Aber halte mich nicht f�r dumm.� Sie griff unter sein Wams. Ihre H�nde waren eiskalt.</p><p>Mit einem Ruck zerriss sie das Lederband, an dem das Amulett hing, das er bei dem wei�en Drachen gefunden hatte.</p><p>�Das hier geh�rt mir. Der Schwebende Meister hat es mir einst abgenommen. Wenn du es tr�gst, musst du ihm wohl begegnet sein.�</p><p>Er wollte leugnen, doch sie dr�ckte ihm noch immer die Kehle zu. �Spar dir deinen Atem, Zwerg. Ich wei�, was geschehen ist. Und ich gebe euch einen Rat. Verhaltet euch ruhig. Verlasst die n�chsten zwei oder drei Tage diese H�hle nicht. Hier seid ihr sicher. Ich werde euch nicht verraten. Wenn diese Frist verstrichen ist, dann flieht, so weit euch eure kurzen Beine tragen. Und wagt euch nicht aus euren H�hlen heraus. Nehmt einen eurer Aale, denn oben auf dem Berg werden sicher noch Drachen lauern. Ihr schuldet mir vier Leben. Vielleicht werde ich eines Tages wiederkehren, um diese Schuld einzutreiben. Und versucht nie wieder einen Drachen zu t�ten. Wenn ihr aus diesem Loch kriecht, dann seht euch gut um in eurer Stadt und �berlegt, ob das Gold f�r Drachenschuppen und Drachenblut diesen Preis wert gewesen ist.�</p><p>Sie lie� ihn los. Die Eindringlichkeit, mit der sie gesprochen hatte, lie� Hornbori zweifeln. Konnte es stimmen, was sie behauptete?</p><p>�Warum l�sst du uns leben?�</p><p>�Meine Sippe ist fast ausgel�scht. Die Letzten von ihnen sind in einer H�hle gefangen, so wie ihr es seid. Vielleicht hoffe ich darauf, dass das Schicksal auch ihnen gn�dig ist, wenn ich nicht das Blut Wehrloser vergie�e.�</p><p>Das klingt ganz sch�n bescheuert, dachte Hornbori. Wahrscheinlich hatte Galars Axthieb mehr Schaden angerichtet, als er anfangs gedacht hatte. Aber er w�rde sich h�ten, das laut auszusprechen.</p><p>�Wir sind nicht wehrlos, Elfe�, r�chelte Galar. �Ich sitze hier und halte einen Dolch in der Hand. Und der wird gleich in deiner Kehle stecken. Mach Licht, Schisser, damit ich das Luder sehen kann.�</p><p>Hornbori tastete nach seinem G�rtel. In einem Lederbeutel verwahrte er Feuerstein, Stahl und Zunder. Bald hatte er einen Holzspan entz�ndet und damit wiederum den Docht einer �llampe.</p><p>Die Elfe war verschwunden. Kleine Wellen schwappten �ber den Rand des Loches, das zum Brunnenschacht f�hrte.</p><p>�Hah, verpisst hat die sich. Wusste wohl, dass jetzt Schluss mit lustig ist.� Galar hielt den Dolch in seiner Rechten. Die Linke presste er auf seine Kehle. �Die h�tte ich fertiggemacht.�</p><p>�Glaubst du, es stimmt, was sie gesagt hat?�, fragte Nyr beklommen.</p><p>�War nicht ganz bei mir�, kr�chzte Galar. �Sie hat was gesagt? Elfen l�gen, wenn sie das Maul aufmachen. Das ist die einzige Wahrheit, an die man sich bei ihnen halten kann.�</p></section><section><title><p>Gefunden</p></title><p>Mit letzter Kraft zog sich Nandalee �ber den Brunnenrand und lie� sich zu Boden fallen. Sie war froh, den Zwergen entkommen zu sein. Sie f�hlte sich schwindelig, und mit ihren Augen stimmte etwas nicht. Sie hatte das Gef�hl, zwei Bilder zu sehen statt einem. Beide �berlagerten einander. Das machte sie ganz verr�ckt! Immer wieder kniff sie die Augen zusammen und blinzelte, aber es wurde nicht besser.</p><p>Sie tastete nach dem Brunnenrand und zog sich hoch. Verdammte Zwerge! Sie hatte den Axthieb zu sp�t kommen sehen. Ohne das Kind auf dem Arm w�re ihr das nicht passiert. Wer griff eine Frau mit � Sie! Unvermittelt schossen ihr Tr�nen in die Augen. Heute war ihre Welt aus den Angeln geraten. Der Angriff auf die Tiefe Stadt war barbarisch gewesen. Ein Verbrechen. Und ganz gleich, wie sehr sie �ber die Zwerge fluchen mochte, nicht sie waren es, die dieses Verbrechen begangen hatten. Die Himmelsschlangen hatten jedes Ma� verloren. Wie hatten seine Nestbr�der Nachtatem nur die Zustimmung zu diesem Massaker abringen k�nnen?</p><p>Schwankend k�mpfte sie sich dem Tunnel entgegen. Alles, was in der Werkstatt nicht verbrannt war, war zerschmettert worden. Der Boden war mit Glas und zersplittertem Holz bedeckt.</p><p>Es wurde schlimmer mit ihren Augen. Sie sah alles doppelt. Nichts f�gte sich mehr zusammen. Die Welt war zerbrochen in jene, die sie kannte, und eine neue, dunklere Welt, die heute geboren worden war.</p><p>Nandalee war froh, als sie den Tunneleingang erreichte und sich an der Wand entlangtasten konnte. Sie schloss die Augen. Stechende Schmerzen peinigten sie. Es f�hlte sich an, als sei ein St�ck der Zwergenaxt abgesplittert und stecke mitten in ihrem Kopf.</p><p>Sie versuchte sich gegen alles zu verschlie�en und dachte an die N�chte im Wald mit Gonvalon. Daran, wie sie sich auf dem Lager aus Moos geliebt hatten, und an seine K�sse auf ihrer Haut. Sie erinnerte sich, wie oft sie mit den Fingern �ber die gro�e T�towierung auf seinem R�cken gestrichen hatte. Das Bild des Goldenen, der sich um ein Schwert wand. Warum hatte sich Gonvalon ausgerechnet ihm verschrieben?</p><p>Sie schob den Gedanken von sich. Ihr K�rper war ihr Last genug, sie musste sich nicht auch noch mit Fragen qu�len, die sie nicht beantworten konnte. Sie lie� sich treiben. Wie eine Schlafwandlerin irrte sie durch die Tunnel, hatte jedes Gef�hl f�r Raum und Zeit verloren.</p><p>Pl�tzlich f�hlte sie sich leicht. Die Erinnerung an die Schrecken war in weite Ferne ger�ckt. Heute war ein Tag, an dem sich Albenmark f�r immer ver�ndert hatte. Und sie hatte einen Anteil daran gehabt. Die Herrschaft der Drachen war gefestigt. Das war gut so!</p><p>Nandalee schlug die Augen auf. Helles Licht blendete sie. Sie befand sich in einer weiten Halle, deren Decke von mit Wappen geschm�ckten S�ulen getragen wurde. Nur ein paar Schritt vor ihr stand ein hochgewachsener Elf mit langem Haar, golden wie die Sommersonne.</p><p><emphasis>Mir scheint, die Zwerge haben Euch �bel mitgespielt, Dame Nandalee.</emphasis></p><p>Sie blinzelte heftig und versuchte die beiden Bilder, die ihre Augen ihr vorgaukelten, zu einem werden zu lassen. Vergebens.</p><p>Es war nicht Nachtatem, der zu ihr sprach. Ihr Gegen�ber unterschied sich vom Erstgeschl�pften wie der Tag von der Nacht. Seine Stimme war Verhei�ung. Er w�rde den Schmerz von ihr nehmen. Allein ihn anzublicken linderte ihre Schmerzen. Wer ihn sah, wusste, die Zukunft war ein Land von Milch und Honig, wenn man mit ihm ging. Und Nandalee wurde klar, wer dort in Elfengestalt vor ihr stand.</p><p><emphasis>Ihr seid eine Gefahr f�r meinen �ltesten Bruder, meine Dame. Vielleicht liegt es an Eurem bewundernswerten Willen weiterzuk�mpfen, wo jeder andere sich l�ngst in seine Niederlage gef�gt h�tte. Wie mir scheint, habt Ihr dies auch heute getan.</emphasis></p><p>Sein Zweifel an ihr brach ihr Herz und machte seine Worte zu einem schleichenden Gift. �Ich war Nachtatem immer treu�, sagte sie mit einer Inbrunst, die ihrer v�lligen Ersch�pfung Hohn sprach.</p><p><emphasis>Ihr werdet ihn in Zukunft hintergehen, Nandalee. Seinen Glauben an Euch auf die niedertr�chtigste Weise zerst�ren. Ihr k�nntet nat�rlich auc</emphasis><emphasis>h mich erw�hlen. Das w�rde meinen Bruder retten, und uns w�re eine</emphasis><emphasis>ganz andere Zukunft bestimmt. Kommt mir einen einzigen Schritt entgegen, und unser Pakt ist besiegelt.</emphasis></p><p>Alles w�rde sich zum Besten aufl�sen, wenn sie ihm folgte. Sie musste ihn nur ansehen, um das zu wissen. Ansehen � Nandalee schloss die Augen. Sie konnte Nachtatem doch nicht einfach so hintergehen! Er hatte sie erw�hlt. Er wollte sie unter seinen Drachenelfen aufnehmen, das wusste sie ohne jeden Zweifel. Und sie w�rde ihm immer treu sein! Der Goldene wollte sie versuchen. Sie w�rde Nachtatem niemals hintergehen. �Wie k�nntest du mir jemals trauen, wenn unser B�ndnis mit einem Verrat beginnen w�rde?�</p><p><emphasis>Wie k�nnte ich Euch nicht vertrauen, wenn Ihr mir durch Euren Schritt beweist, dass Ihr f�r mich bereit seid aufzugeben, was Euch am meisten bedeutet, Dame Nandalee?</emphasis></p><p>Nie hatte sie in Gegenwart Nachtatems so empfunden wie jetzt. Sie wollte sich unterwerfen. Dem Goldenen zu folgen w�rde sie gl�cklich machen! Oder wob er einen Zauber? Nein, wie konnte sie das unterstellen!</p><p><emphasis>Was ist Eure �berzeugung? Wof�r sollte eine Drachenelfe einstehen, Dame Nandalee?</emphasis></p><p>�F�r eine Welt, in der es Tage wie diesen nicht geben darf�, antwortete sie, ohne zu z�gern.</p><p><emphasis>Ihr meint eine Welt, in der M�rder nicht f�rchten m�ssen, dass ihre Taten bestraft werden?</emphasis></p><p>�Heute sind Hunderte Unschuldige gestorben. Ist das die Gerechtigkeit der Himmelsschlangen?�</p><p><emphasis>Wie lange w�hrt Euer Leben bereits? Drei�ig Winter? Oder sollten es gar f�nfzig sein? Ich lebe seit mehr als drei�ig Jahrhunderten. Und Ihr wollt mich lehren, was Gerechtigkeit ist?</emphasis> Er lachte. Ein perlender Schauer, der ihr durch die Glieder tanzte. <emphasis>Liegt der Widerspruch in diesem Unterfangen nicht auf der Hand?</emphasis></p><p>�Nur wenn man nach drei�ig Jahrhunderten aufgegeben hat, noch Neues lernen zu wollen.�</p><p><emphasis>Es ist die Arroganz der Jugend zu glauben, dass es Neues in der Welt gibt, Dame Nandalee. Das Alter wird Euch lehren, wie grundlegend Ihr Euch irrt.</emphasis></p><p>Sie war �berrascht, wie gelassen er ihre Vorw�rfe aufnahm. Ja, in seinen Gedanken lag nun eine Melancholie, die ihr Herz ber�hrte. Doch wie konnte ihn das Massaker kaltlassen? �Welchen Nutzen hatte dieser Tag? Ist eine Welt, in der die Furcht regiert, das Ziel, f�r das wir streiten?�</p><p><emphasis>F�rchtet Ihr das Feuer?</emphasis></p><p>Die Frage brachte sie durcheinander. �Nein�, antwortete sie z�gerlich.</p><p><emphasis>Und doch w�rdet Ihr nicht hineingreifen, weil Ihr wisst, dass Ihr Euch verbrennen w�rdet. Das ist das Bild unserer Herrschaft, meine Dame. Wir schenken denen, die uns folgen, Licht und W�rme. Eine sichere Welt mit festen Regeln, in der jeder auf unseren Schutz vertrauen darf, der sich an diese Regeln h�lt. Seht mich an. Bin ich ein Tyrann? Auch ich bedauere, was heute geschehen musste.</emphasis></p><p>Nandalee wusste, sie w�rde aufh�ren seine Gedanken zu hinterfragen, wenn sie ihn noch einmal ansah. Sein Glanz w�rde sie blenden. Wie konnte ein so wundervolles Gesch�pf, wie er es war, irren? Ein W�chter, dem die Alben ihre Welt anvertraut hatten! Wenn er irrte, hatten dann nicht auch die Sch�pfer Albenmarks einen Fehler begangen, indem sie es ihm �berlie�en zu entscheiden, was Recht und was Unrecht war? War das m�glich?</p><p>�Ist nicht das Ende aller Freiheit erreicht, wenn jeder, der Euch zu nahe tritt, verbrennen muss?�</p><p><emphasis>Was f�r ein Unsinn!</emphasis></p><p>Sein Zorn traf sie wie ein sengender Blitzschlag. Sie taumelte zur�ck, brach in die Knie.</p><p><emphasis>Freiheit! Das ist nichts als eine absurde Idee von Sch�ngeistern. Was die Kinder Albenmarks wirklich wollen, ist Sicherheit. Und das bedeutet, sich in Regeln zu f�gen. Die Zwerge haben sich die Freiheit genommen, den Schwebenden Meister zu t�ten. Jenen Drachen, dem Ihr Euer erstes Verst�ndnis um die Magie in dieser Welt verdankt. Er war eines der �ltesten Gesch�pfe dieser Welt. Er war weise. Einzigartig. Wie steht es um seine Freiheit zu leben, Dame Nandalee? Haben die Zwerge ihm dieses Recht zugestanden? Haben sie durch ihren feigen Mord nicht all ihre Rechte verwirkt?</emphasis></p><p>Sein Zorn umh�llte sie wie Flammen, gegen die kein Schutzzauber half.</p><p><emphasis>Ihr stellt Euch auf Seiten dieser M�rder, Dame Nandalee? Ihr, die Ihr einmal eine Drachenelfe sein wollt! Ihr seid eine Entt�uschung. Ich begreife nicht, was mein Nestbruder in Euch sieht. F�r mich seid Ihr eine Verr�terin.</emphasis></p><p>Es war mehr das Gef�hl, das die Worte begleitete, als deren Inhalt, das Nandalee in einen Abgrund der Verzweiflung st�rzte. Was hatte sie getan? Wie hatte sie es wagen k�nnen, sich gegen die Himmelsschlangen aufzulehnen? Seine Abneigung und Entt�uschung zu sp�ren nahm ihrem Leben jeglichen Sinn. Alle Kraft, mit der sie sich w�hrend der K�mpfe in der Tiefen Stadt gegen den Tod aufgeb�umt hatte, wich von ihr. Sie sank g�nzlich in sich zusammen. Als sie Schritte hinter sich vernahm, brachte sie nicht einmal mehr den Willen auf, sich umzusehen.</p><p>�Ich gr��e Euch, Schwertmeister. Ihr habt ein unvergleichliches Gesp�r f�r den Auftritt im rechten Augenblick. Nun k�nnt Ihr den Auftrag, den ich Euch erteilte, gleich unter meinen Augen erf�llen.� Der Goldene hatte in die Sprache der Elfen gewechselt. Seine Stimme war vollt�nend und weich.</p><p>�Eure W�nsche sind mein Leben, Meister�, h�rte sie Gonvalon ohne jede Emotion antworten. Sie brauchte sich nicht umzusehen, um zu wissen, dass er jetzt sein Schwert hob. Er w�rde nur einen Hieb ben�tigen. Sie w�rde es kaum sp�ren.</p></section><section><title><p>Am Ende des Weges</p></title><p>Gonvalon hob die Klinge, bereit zum Schlag. Er nahm den tiefen Stand des erfahrenen Schwertk�mpfers ein, leicht in den Knien federnd. Er hatte seine Entscheidung getroffen. Sch�tzend stellte er sich vor Nandalee. �Diesen einen Befehl muss ich verweigern, Meister. Ich wei�, dass Nandalee sich nicht gegen die Himmelsschlangen gestellt hat. Sie ist eine Novizin der Wei�en Halle, und ich bin ihr Meister. Ich bin verpflichtet, sie zu sch�tzen. Und ich liebe sie. Eher richte ich mein Schwert gegen mich als gegen sie. Denn wenn sie stirbt, wird auch mein Leben zu Asche geworden sein.�</p><p>Er sah den Goldenen herausfordernd an, wohl wissend, dass seine Macht im Vergleich zu der des Drachens der eines welken Blattes gleichkam, das sich entschlossen hatte, den St�rmen des Herbstes zu trotzen.</p><p>Zu seiner gro�en �berraschung spiegelte sich in den Z�gen des Goldenen eher Verwunderung als �rger. <emphasis>Ihr rebelliert gegen mich, Meister Gonvalon? Ihr, mein Schwert? Ein Gedanke von mir, ein gefl�stertes Wort der Macht, und Euer Arm wird Euch nicht mehr gehorchen. Dann enthauptet Ihr die Frau, die Ihr liebt. Ganz gleich, was Euer Herz Euch gebietet.</emphasis></p><p>Ein Schmerz wie ein pl�tzlicher Krampf stach in seinen Schwertarm. Die Klinge senkte sich um eine Handbreit. Er k�mpfte dagegen an und war doch machtlos.</p><p><emphasis>Ich helfe Euch, mir ein guter Diener zu sein.</emphasis> Die Worte schmerzten nicht, und dennoch wohnte ihnen eine Macht inne, die ihn ganz erf�llte.</p><p>�Wenn diese Klinge Nandalees Leben stiehlt, werde ich sie, noch bevor das Blut meiner Geliebten darauf erkaltet, gegen mein Herz richten. Ich werde nicht ohne sie leben. Ich h�tte allen Wert f�r Euch verloren, mein Gebieter.�</p><p>�Das also ist das Wunder der Liebe �� Der Goldene sprach nicht l�nger in Gedanken zu ihm. Er l�chelte distanziert. Das Licht, das ihn umfloss, war klar wie an einem eisigen Wintermorgen. Jetzt strahlte er eine K�lte aus, wie Gonvalon sie noch nie zuvor in seinem Leben empfunden hatte. Nicht einmal in jener fernen Winternacht, als er als Kind allein inmitten eisiger Ein�de den W�lfen �berlassen worden war.</p><p>�Zeigt mir etwas von der Macht dieses Wunders, Schwertmeister. Ihr redet so viel vom Tod. Erpresst mich damit � Wendet nun Eure Klinge gegen Euren Leib. Schneidet Euch das Herz aus der Brust und bringt es zu mir, um es in meine Hand zu legen. Wenn Euch das gelingt, schenke ich Nandalee das Leben.�</p><p>�Nein!�, st�hnte Nandalee. Sie griff nach seinem Fu�, doch er l�ste sich von ihr. Er w�rde jeden Preis f�r ihr Leben zahlen. Mit elegantem Schwung setzte er die Klinge auf seine Brust und schnitt, ohne zu z�gern, in sein Fleisch.</p><p>�Das gen�gt.� Das Licht, das den Goldenen umspielte, verlor an Kraft. Seine Stimme klang matt, als er sprach.</p><p><emphasis>Ich habe Euch also verloren, Meister Gonvalon. Nach so vielen Jahren �</emphasis> Es war wie ein letzter Gru�, dem klare, kalte Worte folgten. �Ich entbinde Euch von allen Eiden, die Ihr mir einst geleistet habt. Ihr seid nicht l�nger ein Drachenelf!� Die letzten Worte hallten laut wie Donnergrollen von den W�nden der H�hle wider, und ein Schmerz fuhr in Gonvalons R�cken, als tr�fen ihn tausend Nadeln, um seine Haut vom Fleisch zu fetzen. Er schrie auf und brach neben Nandalee in die Knie. Der Schmerz dauerte an, zerrend, tief unter seiner Haut. Staubfeiner Spr�hregen benetzte Gonvalon. Blut und Farbe!</p><p>�Die T�towierung, die einst unseren Bund besiegelte, ist gel�scht. Ihr seid frei, Euch ganz und gar der Illusion ewiger Liebe zu ergeben. Ich werde Euch beobachten, Nandalee, die Ihr mit Eurem J�hzorn Eure ganze Sippe ins Ungl�ck gef�hrt habt, und Gonvalon, dessen Liebe stets der Schatten des Todes anhaftet. Wie lange mag eine Liebe w�hren, auf der so ung�nstige Omen lasten? Wie stark werden eure Herzen sein, wenn das Schicksal sie auf die Probe stellt? Oder aber ich.�</p><p>Gonvalon legte den Arm um Nandalees Schultern. Sie zitterte vor Schw�che. Er w�rde sie hier herausbringen, aus diesen verfluchten Tunneln. W�rde sie ans Licht tragen und pflegen. W�rde alles tun, um sie die Schrecken dieses Tages vergessen zu lassen und ihre Narben an K�rper und Seele zu heilen.</p><p>Sein R�cken war ein einziger, brennender Schmerz, doch sein Herz war so weit, dass er das Gef�hl hatte, dass es vor Gl�ck zerspringen k�nnte. Er war frei! Er hielt Nandalee in seinen Armen, und vielleicht endete mit seinem Bund an den Goldenen auch das Verh�ngnis, das bislang stets dem Geschenk seiner Liebe angehaftet hatte.</p><p>Nandalee w�rde die letzte Liebe in seinem Leben sein. Er w�rde sie sch�tzen mit all seiner Kraft. Entschlossen stand er auf. Ihr Kopf lehnte kraftlos an seiner Brust. Ihre Lippen zitterten, doch wollten keine Worte dar�ber kommen. Stattdessen rannen hei�e Tr�nen �ber ihre Wangen, und auch er konnte seine Tr�nen nicht l�nger zur�ckhalten.</p><p>Sein Schwert war auf dem Boden liegen geblieben. Es verk�rperte das Leben, das in dieser Stunde ein Ende gefunden hatte.</p><p>�Wir werden in die W�lder gehen, sobald du zu Kr�ften gekommen bist. Wir lassen alles hinter uns. Wir werden frei sein!�</p><p>Sie blinzelte und sah zu ihm auf. In ihrem Blick lag Angst. Was hatte er Falsches gesagt?</p></section><section><title><p><emphasis>Von Drachen und Elfen</emphasis></p></title><p>�Was in der Tiefen Stadt geschah, entfremdete nicht nur die Schlangen des Himmels von ihren Sch�pfern, den Alben; es ver�nderte auch die Elfen der Wei�en Halle auf immer. Nie waren sie alle gemeinsam in den Kampf gezogen. Jeder, der in die Reihen der Drachenelfen aufgestiegen war, hatte schon ruchlose Bluttaten begangen, doch zu sehen, wozu sie alle gemeinsam f�hig waren, war etwas anderes, als auf sich allein gestellt zu morden. Nicht siegestrunken kehrten sie in die Wei�e Halle zur�ck, niedergeschlagen waren sie. Und als die Waffen der Drachen wieder in der weiten Halle aufgeh�ngt wurden, da mussten elf neue Bronzetafeln geschaffen werden, denn so viele von ihnen waren gegangen. Von Eleborn, f�r den dies die letzten Tage in der Wei�en Halle waren, habe ich davon erfahren. Sosehr die Meister der Halle sich auch bem�hten, den alten Geist, die �berzeugung, f�r mehr Gerechtigkeit zu k�mpfen, wieder aufleben zu lassen, gab es etwas, das auch f�r die Elfen f�r immer verloren gegangen war: die Gewissheit, dass sie auf Seiten des Lichtes fochten und ihre Klingen die Gerechtigkeit mehrten. Tief in seinem Herzen wusste ein jeder von ihnen, dass die Schlangen des Himmels nicht Recht gesprochen, sondern Rache genommen hatten. Und ihre Rache war noch nicht vor�ber. Auf die besch�digten und halb gesunkenen Boote, mit denen die Zwerge einst die Fl�sse im Fels befuhren, legten sie einen Zauberbann, auf dass jedes dieser Gef�hrte die Aufmerksamkeit der Wei�en Schlangen auf sich ziehen musste, sollte es instand gesetzt und benutzt werden. Auch lie�en sie einige Tatzelw�rmer in der Tiefen Stadt zur�ck, die in den weiten Tunneln ihre neue Heimat finden sollten, und Silberschwingen segelten im kalten Wind �ber dem Berg, der sich �ber die Tiefe Stadt erhob, denn nie wieder, so war es der Wille der Schlangen des Himmels, sollte ein Zwerg seinen Fu� in die Tiefe Stadt setzen. Dieser Ort war verflucht bis ans Ende aller Zeiten.</p><p>Die Macht b�ser Taten vermag den Zauber zu ver�ndern, der unserer Welt innewohnt. Ich selbst habe den geisterhaften Wald gesehen, der sich heute �ber den verfluchten Hallen erhebt. Einen Wald, �ber den kein Vogel fliegt und in dem keine Maus ein Nest gr�bt. Und obwohl die Augen der Zwerge gl�nzen, wenn sie von den Reicht�mern der Tiefen Stadt sprechen, wagt es doch keiner, je wieder dorthin zu ziehen, um nach den verlorenen Sch�tzen zu suchen.</p><p>Ein Gutes jedoch folgte aus diesen Taten, denn ohne es zu ahnen, hatten die Schlangen des Himmels doch den Acker bereitet, auf dem bald schon der Geist der Rebellion erste Fr�chte treiben sollte. (�)�</p><cite><p>Randnotiz: Meliander verbrachte einen Teil seiner Jugend gemeinsam mit seiner Schwester Emerelle in der Obhut von Zwergen. Es ist anzuzweifeln, ob er als ein objektiver Berichterstatter gelten kann. <emphasis>Galawayn, H�ter der Geheimnisse</emphasis></p><text-author>Von Drachen und Elfen, Seite 34 ff., Eine Sammlung loser Pergamentseiten aus dem Nachlass des Meliander, F�rst von Arkadien, verwahrt in der Bibliothek von Iskendria, im Saal des Lichtes, in einer Amphore vergraben an einem Ort, der nur Galawyn, dem H�ter der Geheimnisse, bekannt ist.</text-author></cite></section><section><title><p>Das Recht der Steppe</p></title><p>Kurunta war diese verfluchte Zeltstadt ebenso leid wie diesen Palast, der nach Pferdemist stank. Diese Barbaren blieben nie an einem Ort. Sie schufen nichts von Bestand. Er l�chelte dem Unsterblichen Madyas zu, als er dessen Blick bemerkte.</p><p>�Und? Gef�llt dir, was du siehst?� Madyas benutzte die Sprache der G�tter. Kurunta war �berrascht. Es war das erste Mal, dass der Herrscher der Ischkuzaia ihn in dieser Zunge ansprach. Von einem Steppenbarbaren h�tte er nicht erwartet, dass er die Sprache der F�rstenh�fe beherrschte.</p><p>Kurunta nickte beil�ufig, ganz darauf bedacht, sich seine Verwunderung nicht anmerken zu lassen. �Erstaunlich geschickt, diese jungen Reiter.�</p><p>�Nicht wahr? Die Heere der Stadtstaaten vom Seidenfluss waren gr��er als meine Armeen, aber wir besiegten sie jedes Mal, wenn sie sich hinter ihren Mauern hervorwagten.� Madyas sprach in leichtem Plauderton, aber die Botschaft war bei Kurunta angekommen. Der Feldherr musste an sich halten. Sich von so einem verlausten Steppenhund beleidigen zu lassen � Wie tief war er doch gesunken, dass er vor diesem kleinen, dicklichen Kerl buckeln musste!</p><p>Der Unsterbliche hatte ein hartes Gesicht mit breitem, m�nnlichem Kinn. Doch wirkte er stets ungepflegt. Stoppeln wucherten auf seinen Wangen, die tiefliegenden Augen wurden von struppigen Brauen verborgen, und ungeb�ndigte Haarstr�hnen hingen ihm in die Stirn. Im Gegensatz zu den W�rdentr�gern, mit denen er sich umgab, trug er keine Seide, sondern eine speckige Weste, die seine Arme nicht bedeckte. Madyas stellte gern die Wolfst�towierungen und Narben auf seinen Armen zur Schau. Er galt als guter J�ger und ausdauernder Schwertk�mpfer. Und er stank, als h�tte er in einer Schweinesuhle geschlafen.</p><p>Ein weiterer Reiter preschte am gro�en Palastzelt vorbei, drehte sich mitten im Galopp um, hob seinen kurzen Bogen und schoss einen Pfeil ab, der mit dumpfem Ger�usch in die Scheibe aus geflochtenem Stroh schlug, die gut drei�ig Schritt entfernt stand.</p><p>Kurunta griff nach dem klebrigen Honiggeb�ck, das auf einem gro�en Silberteller neben ihm auf dem Boden stand. Obwohl ein Junge mit einem Federf�cher den Teller h�tete, klebten schon mehrere Fliegen auf dem Honig. Erstaunlich, mit welcher Begeisterung sich diese Tiere in den Tod st�rzten.</p><p>Der Gesandte griff eine der honigtriefenden Kugeln aus goldgelbem Geb�ck, zupfte die dicke, gr�n schillernde Fliege herunter und zerdr�ckte sie zwischen seinen Fingern, w�hrend ein weiterer Bogensch�tze vor dem Zelt vorbeipreschte und seine Kunstfertigkeit zur Schau stellte. Einen Herzschlag lang war Kurunta versucht, mit dem Geb�ck nach dem Sch�tzen zu werfen. Er stellte sich vor, wie der junge Krieger den Bogen verriss und sein Pfeil einen der stinkenden Kerle traf, die Madyas vor dem Zelt versammelt hatte. Die meisten seiner H�flinge waren in Seide gekleidet. Angeber! Es hie�, dass er jeden Mond tausend Seidenballen als Tribut empfing, dazu pr�chtige Gew�nder, Kisten voller Perlen, Gew�rze und Weihrauch. Das meiste davon verschenkte er mit vollen H�nden unter seinem Gefolge. Aber was half es, in einem perlenbestickten Seidengewand zu stecken, wenn man dazu Stiefel voller Pferdedung trug, auf denen sich die Fliegen paarten.</p><p>�Ich w�rde mich sehr gl�cklich sch�tzen, wenn ich der Prinzessin Shaya einmal von Angesicht zu Angesicht begegnen k�nnte. Nat�rlich in Eurer Anwesenheit, huldvoller Madyas.�</p><p>Der Unsterbliche sah ihn ver�rgert an. �Ich soll die sch�nste meiner T�chter der Fr�hlingssonne aussetzen? Das w�rde deinem Herrn nicht gefallen.�</p><p>�Mein Herr erwartet, dass ich ihm vom Liebreiz der Prinzessin berichte. Es w�re von Vorteil, wenn ich sie einmal gesehen h�tte.�</p><p>Madyas strich sich �ber die Bartstoppeln auf seinen Wangen. �Sie hat einen Hintern wie das M�dchen, das dir gestern Nacht geschickt wurde.�</p><p>Kurunta blickte missbilligend zu der Hure an seiner Seite. Er hatte nicht viel Spa� an ihr gehabt. Er mochte keine Weiber mit kleinen Br�sten und schmalem Hintern. Sie war erfreulich unterw�rfig gewesen. Allerdings hatte sie sich so viel M�he gegeben, ihm vorzuspielen, wie begeistert sie von seinen Liebesk�nsten war, dass ihm jeglicher Spa� vergangen war. Vielleicht hatte sie das absichtlich getan. Sie hatte kluge Augen.</p><p>Er griff nach dem honiggetr�nkten Geb�ck und nahm das einzige St�ck, auf dem zwei Fliegen klebten. Mit einem kurzen Stups mit seinem Fu� brachte er das M�dchen dazu, sich zu ihm umzudrehen. Dem�tig blickte sie zu ihm auf. Ohne zu z�gern, �ffnete sie den Mund, als sie das Geb�ck sah. Er schob es �ber ihre rot bemalten Lippen und sah l�chelnd zu, wie sie gehorsam kaute und schluckte.</p><p>�Gef�llt dir die kleine Hure, Kurunta? Sie war einmal eine Prinzessin in einer der St�dte am Seidenfluss. Prinzessinnen gibt es dort so viele wie Fliegen im Hochsommer hier im Grasland.�</p><p>Kurunta �berlegte, was wohl mit ihr geschehen w�rde, wenn er schlecht von ihr sprach. Er betrachtete die Reste der Fliege, die er eben zwischen seinen Fingern zerdr�ckt hatte. �Sie hat mir eine Erfahrung ganz neuer Art beschert.�</p><p>Madyas fuhr sich mit der Zunge �ber die Lippen. �Wirklich? Erz�hl!�</p><p>�Nun �� Kurunta h�stelte. �Sie schaffte es, dass ich meinen Liebesakt nicht zur Vollendung brachte. Und ich kann Euch versichern, Unsterblicher, dass diese Erfahrung singul�r ist und nicht in der Verantwortung mangelnder Hingabe meinerseits lag.� Der Gesandte hielt die Sklavin im Blick. Sie wirkte v�llig unbeteiligt. Sie konnte die G�ttersprache ganz offensichtlich nicht verstehen.</p><p>�Ich hoffe, du hast dies nicht als eine gezielte Beleidigung aufgefasst, Kurunta. Man hat mir versichert, dass dieses M�dchen sehr gef�gig ist.�</p><p>�Gef�gig ja, aber uninspiriert. Es war, als habe ich ein billiges Hurenhaus aufgesucht, um meine Geilheit an irgendeiner Schlampe abzuarbeiten, f�r die ich an diesem Tag der zehnte Kunde bin.�</p><p>Madyas bedachte die Sklavin mit einem vernichtenden Blick. �Sie ist also so nutzlos wie ein zerbrochenes Schwert in einer Schlacht.�</p><p>�Schlimmer�, sagte Kurunta gut gelaunt. �Sie zerbricht das Schwert eines Kriegers, bevor die Schlacht geschlagen ist.�</p><p>�Mir war bislang verborgen geblieben, dass sich ein Poet unter der rauen Schale des Feldherren Kurunta verbirgt�, sagte Madyas in der Sprache seines Volkes und applaudierte. Sofort reagierten die H�flinge rings herum und begannen ebenfalls zu klatschen. Sogar die kleine Sklavin, deren Leben durch seine L�gen wohl bald ein vorzeitiges Ende nehmen w�rde, applaudierte ihm.</p><p>Madyas hob die H�nde, und der Applaus verebbte. �Nun, da unser Gast die Geschicklichkeit unserer Krieger bewundern konnte, soll er sehen, wie wir mit jenen verfahren, die sich gegen die Gesetze der Steppe vergehen. Bringt die Verurteilten!�</p><p>Kurunta warf dem Unsterblichen einen besorgten Blick zu. Was sollte damit demonstriert werden? War das eine Drohung?</p><p>Madyas wandte sich ihm zu. �Ich habe geh�rt, dass es ein bartloser Eunuch war, der die Sch�nheit aus deinem Gesicht brannte. Datames, der Hofmeister des Unsterblichen Aaron. Ich verstehe nicht, warum Aaron diesem Hund nicht die Haut abziehen lie�. Ich finde, wenn man einem Mann den Schwanz abschneidet, verliert er unwiederbringlich auch ein St�ck seines Verstandes. Solche Gesch�pfe kann man nicht mehr verstehen. Allein harte Strafen halten sie im Zaum. Du sollst sehen, wie ich mit solchen Halbm�nnern umgehe, wenn sie mich entt�uschen.�</p><p>Kurunta hasste es, auf den Zwischenfall bei der Himmlischen Hochzeit des Unsterblichen Muwatta angesprochen zu werden, als ihn der t�lpelhafte Hofmeister in einem Zweikampf verst�mmelt hatte. Er war nie besiegt worden! Durch einen Unfall war ein Feuer ausgebrochen, und sein Gesicht und noch viel mehr waren zum Opfer der Flammen geworden. Seitdem verzehrte er sich danach, Datames in seine H�nde zu bekommen. Kein Tag verstrich, an dem Kurunta seine Brandnarben nicht peinigten. Sein einziger Trost war, sich auszumalen, was er Datames antun w�rde. Der Hofmeister w�rde einen sehr langsamen Tod sterben.</p><p>Zwei gro�e, ein wenig weibisch wirkende M�nner wurden auf dem Platz vor dem Palastzelt vorgef�hrt. Beide hatten ein Bild auf die Stirn t�towiert, das Kurunta an eine sich windende Eidechse erinnerte. Einer der beiden versuchte sich zu Boden zu werfen, doch die Wachen des Unsterblichen hielten ihn fest. Schwarze Tr�nen rannen �ber die Wangen des Mannes. Er war geschminkt. Der Zweite hielt sich besser. Er stand aufrecht und bedachte den Unsterblichen mit w�tenden Blicken.</p><p>�Diese beiden Eunuchen haben einer meiner Haremsdamen ein Perlenarmband gestohlen�, erkl�rte Madyas und lachte. �Man muss wohl Eunuch sein, um ein Armband so sehr zu begehren, dass man daf�r sein Leben riskiert.�</p><p>Der Eunuch, der aufrecht stand, stie� unartikulierte Laute aus.</p><p>�Den Auserw�hlten, denen es gestattet ist, mein Zelt zu betreten, schneiden wir die Zungen heraus, damit sie nichts weitererz�hlen k�nnen, sollten sie einmal Zeugen eines Gespr�chs geworden sein, das nicht f�r ihre Ohren bestimmt war.�</p><p>Kurunta beobachtete interessiert, wie den beiden M�nnern breite Lederb�nder um die Fu�- und Handgelenke geschlungen wurden. Einer Vierteilung hatte er noch nie beigewohnt.</p><p>An den Lederb�ndern wurden Hanfseile befestigt, sodann f�hrte man acht Pferde herbei, von denen ein jedes wie ein Ackergaul aufgez�umt war. Je zwei Pferde wurden an eines der Gliedma�en geschirrt. Dem Eunuchen, der sein Schicksal w�rdig nahm, wurde die Ehre zuteil, als Erster an die Reihe zu kommen.</p><p>Der Scharfrichter, ein kleiner, buckliger Mann, der ein gebogenes Messer in seinem G�rtel trug, streifte dem Verurteilten den Wickelrock ab. Anschlie�end �berpr�fte er alle Seile.</p><p>�Es erfordert eine erstaunliche Kraft, einen Menschen zu zerrei�en�, erkl�rte Madyas gut gelaunt. �Manchmal muss der Scharfrichter ein wenig nachhelfen.�</p><p>Kurunta fragte sich, was der Bucklige wohl tun konnte, wenn die Kraft der Pferde versagte. Der Kerl sah nicht sonderlich kr�ftig aus. Er hob seinen Arm und gab ein lautes Kommando. Die Seile spannten sich. Der Eunuch wurde mit einem Ruck von den Beinen gerissen und schwebte, von den Seilen gehalten, etwa einen halben Schritt �ber dem zerstampften Boden.</p><p>Atemlose Stille herrschte. Der ganze Hofstaat verfolgte gebannt das Spektakel. Einige der Krieger hatten ihre S�hne in die vorderste Reihe geschoben, damit sie besser sehen konnten und ihnen nichts entging.</p><p>Der Eunuch b�umte sich auf. Seine H�nde hatten sich um die Seile geschlossen, und er k�mpfte gegen die Kraft der Pferde an.</p><p>�Guter Mann�, murmelte Madyas. �Er nimmt es tapfer. Was glaubst du, Kurunta? Wird er zuerst einen Arm oder ein Bein verlieren?�</p><p>�Rei�en ihm wirklich alle vier Gliedma�en ab?�, fragte der Gesandte, ohne seinen Blick von dem Schauspiel abzuwenden. Jeder Muskel des Eunuchen war nun angespannt. Er war ein kr�ftig gebauter Mann. Schwei� rann �ber seinen Leib. Das Gesicht war eine Grimasse aus Schmerz und Zorn.</p><p>�Es rei�en nur drei Gliedma�en ab. Das vierte Pferd zieht mit dem davon, was �brig geblieben ist. Es ��</p><p>Ein deutlich vernehmliches Knacken unterbrach Madyas. Der Eunuch schrie auf. Sein rechtes Bein war unnat�rlich verdreht.</p><p>�Es beginnt!�, erkl�rte Mayas begeistert. �Zuerst werden Arme und Beine ausgekugelt. Die Gelenke sind der schw�chste Punkt. Dann beginnen Haut und Muskeln zu rei�en. Zuletzt die Sehnen.�</p><p>Stallburschen zerrten am Geschirr der Pferde und lie�en Peitschen �ber ihre K�pfe knallen. Die Tiere stemmten die Hufe in den weichen Boden und zogen mit aller Kraft. Die Seile waren zum Zerrei�en gespannt.</p><p>�Mein Hofarzt behauptet, dass die Anspannung selbst die Bauchmuskeln zerrei�t und die inneren Organe. Er hat einmal den Leichnam eines Gevierteilten aufgeschnitten und n�her untersucht.�</p><p>Kurunta konnte sehen, wie ein Ruck durch das verdrehte Bein lief. Risse bildeten sich in der Haut des Oberschenkels. Noch immer hielt der Eunuch die Seile umklammert, die an seinen Handgelenken befestigt waren.</p><p>Ein weiterer Ruck. Blut quoll aus der Lendengegend. Das Muskelfleisch zerriss. Kurz hing das Bein noch an blutigen Faserstr�ngen, dann wurde es ganz abgetrennt. Der Eunuch warf in seiner Pein seinen Kopf hin und her, schrie aber nicht mehr.</p><p>Die drei anderen Gespanne zerrten noch weiter, w�hrend der Boden vom Blut des Beinstumpfes durchtr�nkt wurde.</p><p>Die H�nde des Eunuchen l�sten sich von den Seilen. Fast augenblicklich war ein Knacken zu h�ren, als ihm der linke Arm ausgekugelt wurde. Der Eunuch keuchte. Dies und das Schnauben der Pferde waren die einzigen Ger�usche, die sich vernehmen lie�en.</p><p>Madyas erhob sich. �Der Mann hat gut gek�mpft�, rief er. �Mag er auch ein Dieb gewesen sein, er hat seine Ehre wiederhergestellt. Mach es ihm leichter zu gehen, Buckliger.�</p><p>Beif�lliges Gemurmel begleitete seine Worte. Kurunta fand es inkonsequent, eine Bestrafung abzu�ndern, weil der zu Bestrafende sich tapfer zeigte. Zeigte man dadurch nicht, dass man sich bei der Verurteilung geirrt hatte? Gnade war f�r die Z�gerlichen! Ein wirklicher Herrscher stand zu den Entscheidungen, die er getroffen hatte. So wie der Unsterbliche Muwatta.</p><p>Der Scharfrichter zog das Messer aus seinem G�rtel. Mit einem tiefen Schnitt durchtrennte er Sehnen und Muskeln der linken Achsel. Fast augenblicklich gab der Arm der Kraft des ziehenden Gespanns nach und wurde abgerissen.</p><p>Der Eunuch schien ohnm�chtig geworden zu sein. Er reagierte nicht mehr, als der Bucklige auch bei seinem rechten Arm einen Schnitt setzte, der das Schauspiel beendete. Der Kadaver wurde von jungen Pferdeknechten eingesammelt. Der Scharfrichter verkaufte einem hageren H�fling den Wickelrock des Toten.</p><p>Acht neue Pferde wurden vor das Palastzelt gef�hrt.</p><p>Madyas legte Kurunta die Hand auf die Schulter. �Komm mit mir, ich m�chte dich meiner Tochter Shaya vorstellen, damit du und dein K�nig mich nicht f�r einen Rosst�uscher halten. Du wirst sehen, sie ist eine der edelsten Blumen, die je auf der Steppe erbl�hten.�</p><p>Kurunta war �berrascht vom pl�tzlichen Sinneswandel des Unsterblichen. Er st�tzte sich auf die kleine Sklavin und kam mit einem Schnaufen auf die Beine. In den Monden, die er darniedergelegen hatte, um sich von den Verbrennungen zu erholen, die ihm der Hofmeister des Unsterblichen Aaron beigebracht hatte, war er fett geworden. Er brauchte dringend einen Feldzug, um sich die �berz�hligen Pfunde vom Leib zu schwitzen. Bald w�rde er wieder an der Seite seines Herrschers stehen und ihm helfen, die Heerscharen Arams auf der Ebene von Kush zu zerschmettern.</p><p>�F�r den winselnden Lumpen dort unten gibt es keine Gnade, Scharfrichter�, rief Madyas mit lauter Stimme. �Und wenn du mit ihm fertig bist, dann richtest du diese kleine Hure hier!� Er deutete mit ausgestrecktem Arm auf die Sklavin an Kuruntas Seite. �Sie hat unseren Gast beleidigt und unserem Hof Schande gemacht. Ihr Blut soll diesen Makel von uns waschen.�</p><p>Die Kleine drehte sich um. Mit weit aufgerissenem Mund stierte sie Kurunta an. Dann spuckte sie vor ihm aus.</p><p>Madyas lachte. �Ganz ohne Feuer scheint sie doch nicht zu sein.�</p><p>Kurunta versetzte ihr eine Ohrfeige, die sie zu Boden schmetterte. Seine Ringe hatten blutige Male auf ihrer Wange hinterlassen. �M�gen die acht Hengste reichlich Vergn�gen an dir haben.�</p><p>�Auf jeden Fall sind sie mehr Mann als du, Rundauge!�</p><p>Madyas schnalzte mit der Zunge und winkte nach seinen Wachen. �Sorgt daf�r, dass sie schweigt, bevor sie noch mehr Dinge �ber unseren Gast erz�hlt, die eigentlich keiner wissen m�chte.�</p><p>�Diese Hure l�gt!�, emp�rte sich Kurunta, wurde zugleich aber rot.</p><p>�Nat�rlich�, beschwichtigte ihn Madyas l�chelnd. �Wir alle wissen doch, dass Huren l�gen, wenn sie nur das Maul aufmachen.�</p><p>Der Gesandte biss sich auf die Lippen. Ihm war klar, dass, ganz gleich was er noch sagte, seine Schande nur wachsen w�rde. Das Kl�gste war es zu schweigen, und so folgte er Madyas in den Schatten der Sternenjurte.</p><p>Inmitten des gro�en Zeltes erwartete sie eine zierliche Frau in einem langen, wei�en Kleid. Ihr schwarzes Haar war mit goldenen K�mmen hochgesteckt. Sie wandte sich zu ihnen um, als sie das Zelt betraten. Ihre Augen waren schwarz wie die Nacht und wirkten riesig. Sch�n war sie nicht, dachte Kurunta, aber man musste nur in ihre Augen blicken, um zu erkennen, dass sie zum Herrschen geboren war.</p><p>�Dies ist Shaya, meine siebenunddrei�igste Tochter, Stolz meines Herzens und Sonne meiner Tage.�</p><p>Kurunta verneigte sich vor der Prinzessin. Sie wirkte herrisch und hart. Der Unsterbliche Muwatta w�rde nicht viel Freude an ihr haben. Ger�chten zufolge hatte sie als Kriegerin die Truppen Ischkuzaias auf Nangog befehligt und in drei Schlachten gegen die Himmelspiraten des Verr�ters Tarkon Eisenzunge gek�mpft.</p><p>Sie verneigte sich knapp vor ihm. �Es ehrt mich, dass der Unsterbliche Muwatta einen Feldherren und nicht einen seiner H�flinge schickt, um um mich werben zu lassen.�</p><p>Dich einkaufen zu lassen, w�rde es wohl eher treffen, dachte Kurunta, verneigte sich knapp und erwiderte ihr L�cheln. �Die Ehre ist ganz auf meiner Seite. Wie mir zu Ohren kommt, reicht Euer Verst�ndnis um das Handwerk des Krieges tiefer, als es bei Weibern sonst �blich ist.�</p><p>�Genug der F�rmlichkeiten.� Der Unsterbliche Madyas nickte zum Ausgang des Zeltes. Von drau�en waren die schrillen Schreie des zweiten Eunuchen zu h�ren. �Ich m�chte sehen, wie die Sklavin vom Seidenfluss von uns geht. Du konntest dich davon �berzeugen, dass meine Tochter nicht wie ein r�udiges Kamel mit eingefallenen H�ckern aussieht. Nun wollen wir gehen.�</p><p>Kurunta r�hrte sich nicht. �Bringen wir ��, fast h�tte er es ein Gesch�ft genannt. �Bringen wir doch das Werbungsgespr�ch zum Abschluss. Mein Herr wird mit Freuden f�nfhundert seiner besten Pferde an die besten Reiter dieser Welt verschenken, wenn ihm das Geschenk zuteilwird, mit der sch�nsten Bl�te des Graslandes das Lager teilen zu d�rfen.�</p><p>�Nun, Kurunta, da du darauf zu sprechen kommst, reden wir doch gleich ganz klar und �berlassen es denen, die f�r uns den Schriftkeil f�hren, Wahrheiten hinter sch�nen Worten zu verstecken. Shaya ist mir von all meinen T�chtern die liebste. Sie mir zu rauben hat seinen Preis. Und der ist mit f�nfhundert Pferden aus den St�llen des Unsterblichen Muwatta nicht beglichen. Ich verlange tausend Pferde. Und wenn du wiederkommst, dann bringe f�nfzehnhundert mit, denn ich will die Besten unter den Besten ausw�hlen. Und versuche nicht, mich zu hintergehen. Du wei�t, Diebstahl und Betrug werden an diesem Hof mit schwersten Strafen bedacht, denn sie zeugen von einem Mangel an Respekt. Und mit dem Mangel an Respekt beginnt der Untergang von K�nigreichen.�</p><p>Kurunta war einen Augenblick lang sprachlos �ber die Frechheit dieser stinkenden Barbaren. Tausend Pferde, das war doppelt so viel, wie urspr�nglich als Brautpreis besprochen worden war. Er sah die drahtige Prinzessin an, die seinem Blick mit einem herausfordernden L�cheln standhielt. Ihm w�re sie keine drei Pferde aus seinen St�llen wert!</p><p>Er dachte daran, was mit ihr geschehen w�rde, falls sie in der Nacht der Heiligen Hochzeit kein Kind empfing, und schaffte es zur�ckzul�cheln.</p><p>�Wahre Sch�nheit ist unbezahlbar, ich stimme Euch darin zu, Unsterblicher Madyas. Doch da diese Forderung erheblich von unseren urspr�nglichen Vereinbarungen abweicht, werde ich meinen Herrscher �ber diese Wendung unterrichten m�ssen. Ich hoffe, ich werde bald mit g�nstiger Nachricht zur�ckkehren.�</p><p>Ein Anflug von Sorge spiegelte sich auf dem Gesicht von Madyas. Sollte er nur dar�ber nachdenken, was ihm aus seiner Frechheit erwachsen mochte.</p></section><section><title><p>Abschied</p></title><p>Nandalee blickte zum Fenster. Piep war gekommen. Die Misteldrossel, die sie aufgezogen und die Gonvalon zu ihr in den Jadegarten gef�hrt hatte. Piep hatte drei kleine Drosseln und sein Weib mitgebracht. Sie pickten von den Kr�meln auf der Fensterbank. Hinter ihnen stand die Sonne hell am wolkenlosen Himmel. Irgendwo drau�en erklang ein melancholisches Lied.</p><p>Nandalee stie� einen tiefen Seufzer aus. Sie lebte! Gegen alle Erwartungen war sie dem Massaker in der Tiefen Stadt entkommen. Aber so viele waren geblieben. Gonvalon hatte ihr die Namen der Sch�lerinnen und Sch�ler aufgez�hlt � So viele!</p><p>Sie strich �ber die wei�en Laken ihres Betts. Sie f�hlte sich schuldig, noch zu leben. Was zeichnete sie aus? Ein besonders harter Sch�del?</p><p>Von dem Zwergenkind hatte sie niemandem erz�hlt. Ob die Drachenm�rder wohl entkommen waren? Sie l�chelte zynisch. Eine ganze Stadt war gestorben. Nur die, die den Tod verdient gehabt h�tten, lebten noch. Und Nandalee bedauerte es nicht. So hatte sie zumindest im Kleinen gegen ein gro�es Unrecht angek�mpft.</p><p>Die T�r �ffnete sich, und Gonvalon trat mit einem gro�en Holztablett auf den Armen ein. �Es tut gut, dich l�cheln zu sehen, meine Sch�ne.�</p><p>Gingen ihr die Komplimente nur auch so leicht von den Lippen.</p><p>Ihr L�cheln wurde breiter, als er ein Tuch zur�ckzog, unter dem frisch gebackenes Brot, ein kleiner, runder K�se und eine halbe Wurst lagen. Sie mochte es deftig und einfach. Er kannte sie so gut.</p><p>�Du solltest den Bannfluch gegen Kobolde von deiner T�rschwelle wischen, oder du schaffst es noch, mitten in der Wei�en Halle zu verhungern.�</p><p>Sie griff nach seiner Hand und dr�ckte sie sanft. �Nicht, solange du atmest.�</p><p>�Du legst dein Schicksal in die H�nde eines M�rders. Ist das klug?� Es lag ein bitterer Unterton in seinen Worten, obwohl das L�cheln nicht von seinen Lippen schwand.</p><p>�Seit ich einen Axthieb auf den Kopf bekommen habe, habe ich eine gute Ausrede, wenn ich Dinge tue, die nicht sonderlich klug sind.�</p><p>Er lachte leise. �Du hast gro�es Gl�ck gehabt.�</p><p>�Ich habe dich gehabt, als kein Gl�ck der Welt mehr h�tte helfen k�nnen.�</p><p>Er senkte den Blick. �Du musst essen ��</p><p>Sie dr�ckte seine Hand fester. �Wir sind ihm entkommen, Gonvalon. Er hat uns freigegeben.�</p><p>Der Schwertmeister sch�ttelte den Kopf. �Er hat lediglich seinen Plan ge�ndert�, sagte er sehr leise. �Du musst zu Kr�ften kommen. Und dann werden wir �berlegen, wohin wir fliehen k�nnen.�</p><p>�Ich werde nicht fliehen. Ich werde ��</p><p>Er k�sste sie, lang und leidenschaftlich. Sie schloss die Augen. Genoss den Geruch des Sommers, der seinem Haar anhaftete, und das wohlige, warme Gef�hl, das von ihrem Bauch in ihren ganzen K�rper str�mte.</p><p>Als Gonvalon seine Lippen wieder l�ste, sah er sie streng an. �Ich wei�, was du willst. Und dabei werde ich dich nicht unterst�tzen.�</p><p>�Aber wir m�ssen ��</p><p>�Wir m�ssen dar�ber heute nicht reden. Wir �� Ein Ger�usch an der T�r lie� ihn verstummen.</p><p>Nandalee traute ihren Augen nicht. Dort stand Nodon. Sie wollte aufspringen, doch Gonvalon hielt sie sanft zur�ck. �St�rmische Begr��ungen m�ssen noch ein paar Tage warten. Du musst erst zu Kr�ften kommen, bevor ��</p><p>Sie wollte von diesem Unsinn nichts h�ren. Sie f�hlte sich gut genug. Und ohne Nodon w�re sie nicht mehr hier. Sie schob das Holztablett zur Seite, ignorierte Gonvalons �rgerlichen Blick und schwang die Beine aus dem Bett.</p><p>Kaum dass sie stand, wurde ihr schwindelig. Sie schwankte. Der Schwertmeister war sofort an ihrer Seite, um sie zu st�tzen. Dankbar lehnte sie sich an ihn. �Ich dachte, du ��</p><p>Nodon zwinkerte. �Hast du etwa gedacht, dass ich mich von einer Schlange ertr�nken lassen w�rde?� Der Blick seiner schwarzen Augen wurde hart. �Es war knapp. Ein Novize hat mich gerettet.� Nodon schnitt eine Grimasse. �Mit einem Kuss. Er hat seinen Atem mit mir geteilt. Wenn du in den Jadegarten zur�ckkehrst, wirst du das niemandem weitererz�hlen.�</p><p>Sie grinste. �Glaubst du nicht, dass die Gazala um jeden deiner K�sse wissen?�</p><p>Kurz wirkte er nachdenklich. Dann sch�ttelte er den Kopf. �Nein, die Orakel Nachtatems interessieren sich nur f�r Weltuntergangsgeschichten. Von K�ssen habe ich sie noch nie reden h�ren.�</p><p>Ihr lag eine schl�pfrige Antwort auf den Lippen, doch sie entschied sich zu schweigen. Sie hatte ihn noch nie zuvor so locker erlebt. Sonst wirkte er immer k�hl und unnahbar. Scherze �ber K�sse waren eigentlich ganz und gar nicht seine Art.</p><p>�Vor deiner T�r steht noch einer. Der Kerl, der mich gek�sst hat. Er wird heute die Wei�e Halle verlassen, so wie ich. Ich werde im Jadegarten lieber nicht berichten, wie viele M�nner sich hier um dich scharen.� Er nickte. �Wir sehen uns im Jadegarten. Deine Schwerttechnik l�sst noch immer sehr zu w�nschen �brig. Ich erwarte dich auf dem Fechtplatz bei der Pyramide.� Mit diesen Worten verbeugte er sich formvollendet und ging.</p><p>Nandalee sah neugierig zur T�r. Sie h�rte Nodon kurz auf dem Gang mit jemandem sprechen, verstand die Worte aber nicht.</p><p>�Wenn du dich nicht wieder hinlegst, �berlasse ich dich der Obhut der Kobolde.� Gonvalon schob sie sanft zu ihrem Lager zur�ck. Ihr war noch immer schwindelig. Sie leistete keinen Widerstand.</p><p>Auf dem Gang erklang herzhaftes Gel�chter. Es war das erste Lachen, das sie seit ihrer R�ckkehr in die Wei�e Halle vernommen hatte. Sie kannte es, und Trauer �berkam sie. Das war unverkennbar Eleborn, einer der wenigen echten Freunde, die sie hier gefunden hatte. Ausgerechnet er musste gehen!</p><p>�Eleborn?� Nandalee war �berrascht, wie schwach ihre Stimme klang. Kurz zu stehen hatte sie ersch�pft.</p><p>�Deine Wunden sind geheilt, aber du hast viel Blut verloren. Dies zu ersetzen, hilft die Zauberkraft unserer Heiler kaum. Du musst einige Tage ruhen, um wieder zu Kr�ften zu kommen. Wenn du dich daran h�ltst, wirst du bald wieder auf den Beinen sein.�</p><p>Mit einem ungeduldigen Seufzer lie� sie sich in ihr Kissen sinken. Einfach herumzuliegen war nicht ihre Art. Sie dachte an die letzten �berlebenden ihrer Sippe, die jetzt irgendwo in einer stinkenden Trollh�hle gefangen waren. Wie viele Tage blieben ihnen wohl noch? Sie ballte die F�uste. Bald � Sie w�rde das Versprechen erf�llen, das sie Duadan kurz vor dessen Tod gegeben hatte � oder bei dem Versuch sterben.</p><p>Eleborn sp�hte ins Zimmer. �Darf ich eintreten?�</p><p>�Eigentlich ist sie zu schwach, um eine Audienz nach der anderen zu gew�hren�, murrte Gonvalon.</p><p>Eleborn verbeugte sich tief. �Verzeiht, meine hochwohlgeborene Dame, wenn ich ungelegen komme, doch stehe ich hier in Angelegenheiten, die keinen Aufschub dulden.�</p><p>�H�r nicht auf Gonvalon. Ich freue mich, dich zu sehen.�</p><p>�Sie freut sich noch zu Tode�, kam es von Gonvalon.</p><p>Eleborn war sichtlich verunsichert. Er strich sich sein langes, wei�blondes Haar aus dem Gesicht. �Ich dachte, sie sei nicht schwer ��</p><p>�Ich bin nur schwach.� Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch. Selbst zu l�cheln kostete sie M�he. Was war das? Noch nie hatte sie sich so ersch�pft gef�hlt.</p><p>�Ich verlasse die Wei�e Halle f�r immer. Ich wurde als Drachenelf berufen und werde schon in den n�chsten Tagen auf eine erste Mission gesandt. Ich � ich habe etwas f�r dich.� Er l�ste eine sch�n ziselierte, kleine Silberflasche von seinem G�rtel, stellte sie auf den Tisch und �ffnete den Verschluss. Eine Font�ne aus hellem Licht und Wasser schoss daraus hervor.</p><p>Piep und die anderen Misteldrosseln flogen erschrocken auf.</p><p>�Ein Zauber aus Mondlicht und Quellwasser gewoben�, erkl�rte Eleborn stolz. �Vollkommen nutzlos. Nur sch�n anzuschauen. Ein einfacher Befehl gen�gt, und das Licht vergeht. Ich f�rchte allerdings, dass man sich nur zwei oder drei Mal daran erg�tzen kann, bevor die Macht der Magie verlischt.�</p><p>Nandalee standen Tr�nen in den Augen. Sie hatte die Zauberkunstst�cke Eleborns immer gemocht. Er war anders als die �brigen Sch�ler der Wei�en Halle. Er konnte sich ganz und gar in seinem Studium von Licht und Wasser verlieren. Einige spotteten, dass ihm eines Tages noch Schwimmh�ute zwischen den Zehen wachsen w�rden.</p><p>�Und wie hei�t dieses Wort, das den Zauber beendet? Du kannst es mir ja in einer anderen Sprache nennen.�</p><p>��hm �� Eleborn hob ein wenig hilflos die H�nde. �Mir ist da ein Missgeschick geschehen, Gonvalon. Es ist ganz gleich, in welcher Sprache du es aussprichst. Es l�sst das Licht sofort verl�schen. Ich kann es dir gerne drau�en auf dem Gang nennen. Es sei denn, Nandalee w�nscht die Zauber zu beenden.�</p><p>�Nein�, sagte sie schwach. Sie lag mit halb geschlossenen Lidern in ihr Kissen gesunken und betrachtete verzaubert das Spiel des Lichtes. Kein einziger Tropfen aus der Font�ne fiel hinab auf die Tischplatte. Sie fanden alle zur�ck in den tanzenden Wasserstrahl, den ein blasses, silbernes Leuchten umspielte. Das Sonnenlicht aber, das durch das Fenster fiel, brach sich in den feinen Tropfen und warf Lichttupfer in allen Regenbogen auf die Wand gegen�ber von Nandalees Bett. Sie versank ganz in das Spiel der Farben und lie� sich von ihrer Ersch�pfung in tiefen Schlaf davontragen.</p></section><section><title><p>In den Gassen der Goldenen Stadt</p></title><p>Volodi hatte keinen Wert darauf gelegt, mit gro�em Gefolge zu reisen. Als er durch die Goldene Pforte trat, begleitete ihn keine Eskorte. Wer nicht genau hinsah, mochte ihn f�r einen der S�ldner halten, die die Karawane begleiteten, der er sich angeschlossen hatte. Nur dass S�ldner keine zwei Eisenschwerter trugen.</p><p>Er hatte auf eine kostbare R�stung und teure Gew�nder verzichtet. Auch waren die Scheiden seiner Waffen aus einfachem, schmucklosem Leder gefertigt. Aber Eisenklingen waren besser als Schwerter aus Bronze. Und l�nger waren sie auch. Erfahrene Fechter w�rden das sofort bemerken.</p><p>Volodi scherte aus der Reihe der Lastentr�ger aus und betrachtete das turmhohe Tor mit seinen Fl�gelt�ren aus massivem Gold, das sich inmitten der steilen Felswand erhob. Dies war der einzige Weg nach Nangog. Wer immer die fremde Welt betreten wollte, kam durch dieses Tor. Es wurde niemals verschlossen. Tag und Nacht zogen die Handelskarawanen der sieben Gro�reiche durch diese Pforte. Auf dem Platz reihten sich bereits neue Lastentr�ger, die Nangog verlassen w�rden. Hagere kleine M�nner, die schwere K�rbe mit einem Stirnband schleppten. M�nner aus Zapote, wie die Muster ihrer R�cke und die federgeschm�ckten Armb�nder verrieten.</p><p>Er dachte an Quetzalli, jene Frau, die er einst geliebt und die ihn fast ins Verderben geschickt hatte. Sein Blick schweifte �ber die Stadt, die in endlosen Terrassen am Steilhang des Weltenmundes lag, eines riesigen Kraters, in dem die Helden der sieben K�nigreiche, in Flugrahmen geh�ngt, im Himmel bestattet wurden.</p><p>Der Rauch Tausender Herdfeuer f�rbte das Firmament bleigrau, und �ber den Ger�uschen der Stadt lag, gleichsam als Leitmelodie, das Klappern und Pl�tschern der gro�en Wasserr�der, die die Zisternen f�llten und das Wasser vom Fluss �ber Meilen den Berghang hinaufhoben.</p><p>Verschwommen im Abenddunst entdeckte er das Palastviertel der Zapote mit seinen hohen W�llen, �ber die sich lediglich die Stufenpyramiden erhoben, auf denen die Zapote zu ihren G�ttern beteten. Auf einer dieser Pyramiden h�tte er geopfert werden sollen. Nur weil er blondes Haar hatte und damit ein besonders kostbares Geschenk an die Himmlischen geworden w�re. H�tte Quetzalli es getan? H�tte sie ihn in diesen Bluttempel gef�hrt? Oder war ihre Liebe so echt gewesen, wie sie sich f�r ihn angef�hlt hatte? Wenn er Quetzalli doch nur ein einziges Mal noch sehen d�rfte! Ihre Liebe hatte ohne Worte auskommen m�ssen, denn die Sprache der Zapote war ihm v�llig fremd, ebenso wie Quetzalli ihn nicht hatte verstehen k�nnen. War sie noch hier? Hatte man sie bestraft, weil sie ihn nicht bis zum Opferstein gebracht hatte?</p><p>�Kann ich Euch helfen, edler Krieger?� Ein schlaksiger Kerl mit sch�tterem Haar und einem Ziegenbart, der aus einem verkniffenen Gesicht hervorstach, stand pl�tzlich vor ihm. Volodi war so sehr in Gedanken versunken gewesen, dass er dem Mann keine Beachtung geschenkt hatte. �Ihr seid zum ersten Mal auf Nangog, nicht wahr? Seid gewarnt, hier in den Gassen tummelt sich der �belste Auswurf aller Reiche.� Der Fremde sprach seine Muttersprache, obwohl er nicht aussah, als k�me er aus Drus.</p><p>�Bevor die Nacht einbricht, solltet Ihr in einer Karawanserei oder einem der gro�en Gasth�user am roten Markt untergekommen sein. Dort kann man auch vorz�glich speisen. Gerne werde ich Euer F�hrer sein und Euch von den Wundern und Schrecken Nangogs berichten.�</p><p>Volodi dachte an die Kristallh�hle, die Gr�nen Geister und seine Reise im Wolkenschiff. Wunder und Schrecken dieser Welt hatte er schon reichlich zu sehen bekommen. Wahrscheinlich mehr als sein ziegenb�rtiger F�hrer.</p><p>�Bring mich zur Schwebenden Halle. Dorthin, wo die freien Lotsen sich treffen.� Er wollte den Lotsen Nabor aufsuchen und mit ihm �ber die Himmel Nangogs und seine Sch�tze plaudern. Und er wollte sich besaufen. Die Lotsen kamen aus allen K�nigreichen, und er hatte noch keinen getroffen, der einem guten Schluck abgeneigt gewesen war, wenn er auf festem Boden stand. Die Schwebende Halle war ein gesch�tzter Ort. Sein Rang als Kommandant der Palastwache w�rde ihm Zutritt verschaffen. Dort konnte er sich volllaufen lassen, ohne dar�ber nachdenken zu m�ssen, wie sein Erwachen werden w�rde. Ganz gewiss gab es dort Met.</p><p>Volodi lief das Wasser im Munde zusammen. So lange hatte er schon keinen Honigwein mehr getrunken. Nur das w�ssrige Bier, das in Aram gebraut wurde, und sauren Wein. Er seufzte. Der Abend w�rde wunderbar werden! Und morgen w�rde er Kopfschmerzen haben, aber das war ihm heute egal.</p><p>�Mit Verlaub, gro�m�chtiger Krieger, aber es gibt in der Stadt keinen Ort, den man die Schwebende Halle nennt�, sagte sein selbsternannter F�hrer in einem Tonfall, der klarstellte, dass er es war, der sich hier auskannte. �Was Ihr jetzt braucht, Herr, ist eine Schenke, in der man Euch alle W�nsche von den Augen abliest, damit Ihr die Schrecken des Goldenen Pfades und der ewigen Finsternis hinter Euch lassen k�nnt.�</p><p>Volodi deutete zu jenem Ort, an dem etliche Wolkensammler den Himmel f�llten und sich mit ihren langen Fangarmen an den Rundh�lzern der Ankert�rme festhielten. Zwar schwebten auch einige der furchteinfl��enden Kreaturen �ber den Pal�sten der Goldenen Stadt und �ber den gr��ten Handelskontoren, doch nirgends ankerten so viele wie an dem Platz, der den freien Lotsen geh�rte.</p><p>Der Anblick der Wolkensammler erf�llte Volodi stets aufs Neue gleicherma�en mit Schrecken wie mit Staunen. Diese schwebenden Ungeheuer sahen aus wie eine Kreuzung aus Kraken und Quallen, nur am Himmel schwebend und unendlich viel gr��er. Schiffsr�mpfe waren mit drahtverst�rkten Seilen unter ihre aufgedunsenen Leiber gebunden. Die Wolkensammler zogen mit dem Wind �ber Nangog, und von ihren Wanderrouten hing es ab, wo neue St�dte entstanden.</p><p>�Dort hinten finden wir die Schwebende Halle.� Volodi wies zu den Ankert�rmen der Freih�ndler. �Und wenn wir unterwegs etwas essen k�nnten, was nicht von Ratten stammt, w�re das nett.�</p><p>Der F�hrer musterte ihn vom Scheitel bis zur Sohle. �Ihr seid also nicht neu hier, Herr?�</p><p>Volodi l�chelte nur, sagte aber nichts.</p><p>�Ihr m�sst Eure Schwerter besser verbergen, Herr, oder man hat Euch noch vor Morgengrauen die Kehle durchgeschnitten.�</p><p>H�rte sich ganz so an, als ob Kolja inzwischen die dunklen Gassen der Stadt regierte. �Erz�hl mir ein wenig. Ich war schon eine Weile nicht mehr hier. Und sag mir, wie du hei�t. Ich wei� gerne, mit wem ich rede.�</p><p>Der Ziegenbart des F�hrers zuckte nerv�s. �Ich bin ��</p><p>�Bel�g mich nicht, ich merke so etwas sofort.�</p><p>Das l�cherliche B�rtchen zuckte noch st�rker. �Ilmari ist mein Name.�</p><p>�Ein Name aus dem Grenzland. Daher sprichst du also meine Sprache. Was hat dich hierher verschlagen?�</p><p>Ilmari ging voraus und f�hrte ihn durch das Gedr�nge auf dem weiten Platz, vorbei an den riesigen Getreidesilos. �Bin gekommen, um reich zu werden. So wie alle. Anfangs war ich Wolkenschiffer. Dann habe ich Angst vor den weiten Himmeln bekommen.�</p><p>�Ist was passiert?�, fragte Volodi aufger�umt. Sie folgten einer der Hauptstra�en und passierten eine schier endlose Kolonne von M�nnern, die Reisk�rbe auf ihren K�pfen balancierten.</p><p>�Diese Dinger �� Ilmari hielt kurz und deutete zu einem Wolkensammler, der hoch �ber dem Ankerturm eines valesischen Handelskontors schwebte. �Habt Ihr einmal die Fangarme betrachtet? Da gibt es welche mit langen Haken dran. Seit ich die bemerkt habe, hatte ich keine Ruhe mehr an Bord. Die Viecher sind nicht friedlich. Diese Arme sind dazu geschaffen zu t�ten. Irgendwann werden sie sich gegen uns auflehnen! Ich jedenfalls bin lieber Fu�g�nger als Wolkenschiffer.�</p><p>Volodi dachte an die Schlacht im Himmel. Er musste sich nicht vorstellen, was diese Fanghaken anstellen konnten, er hatte es gesehen. �Wo geht man hin, wenn man als Mann Spa� haben will?�, wechselte er abrupt das Thema.</p><p>�Es gibt einen einarmigen Drusnier, dem mehrere Hurenh�user geh�ren sollen, aber die kann ich nicht empfehlen.�</p><p>�Warum? Weil du einen Vetter hast, der ein Hurenhaus betreibt?�</p><p>Ilmari warf ihm einen boshaften Blick �ber die Schulter zu und winkte ihn in eine enge Gasse, die von der Hauptstra�e abzweigte. Es stank hier nach Urin und angebranntem Brot. Abgetragene W�sche hing auf Dutzenden Leinen kreuz und quer, sodass Volodi kaum noch ein St�ck Himmel sehen konnte.</p><p>�Der Drusnier bringt �rger.� Ilmari hatte seine Stimme gesenkt. �Er ist neu in der Stadt und schert sich einen Dreck um die, die vor ihm da waren. Man munkelt �� Er wurde noch leiser. �Die anderen Luden haben sich zusammengetan. Alle. Sie wollen ihn weghaben. F�r immer. Wenn das beginnt, m�chte ich nicht Gast in einem seiner H�user sein.�</p><p>�Eine kleine Schl�gerei. Dagegen habe ich nichts einzuwenden. Bring mich doch in eines dieser H�user.�</p><p>Ilmari sah ihn an, als sei er vollkommen verr�ckt.</p><p>�K�nnt Ihr mich vielleicht jetzt schon bezahlen, Herr?�</p><p>Volodi angelte eine Kupferm�nze aus seiner B�rse. �Die hier hat einen silbernen Bruder, wenn du mich in eines der drusnischen Hurenh�user bringst.� Er blickte sich in der Gasse um. Zur Not w�rde er den Weg alleine finden, aber mit seinem F�hrer ging es gewiss schneller.</p><p>�Kann ich den silbernen Bruder einmal sehen, Herr?�</p><p>Volodi lachte. �Du misstraust mir!�</p><p>Ilmari breitete in �bertrieben verzweifelter Geste die H�nde aus. �Das kommt von einem Leben voller schlechter Erfahrungen.�</p><p>Der Drusnier zeigte ihm die M�nze. Der alte Nabor w�rde warten m�ssen. Die G�tter hassten ihn, dachte Volodi verzweifelt. Alles, was er gewollt hatte, war ein Abend, an dem er in friedlicher Runde einen Met trank, �ber harmlose Dinge plauderte, um zuletzt unter der Bank, auf der er gezecht hatte, einzuschlafen, ohne sich Sorgen dar�ber machen zu m�ssen, dass ihm jemand die Kehle durchschnitt.</p><p>Ilmari war still geworden. Er beschleunigte seinen Schritt und f�hrte Volodi in der schnell hereinbrechenden D�mmerung �ber Seitenstra�en tief hinein ins Labyrinth der Goldenen Stadt. Es ging �ber steile Treppen bergauf und bergab. An Wasserr�dern vorbei und unter den Br�cken der Aqu�dukte hindurch, quer �ber einen Viehmarkt, auf dem im Schein von Fackeln zwei Bullen geschlachtet wurden.</p><p>Eine schw�le Hitze hatte sich zwischen den Mauern der Stadt eingenistet. Flederm�use glitten dicht �ber ihren K�pfen hinweg durch die Dunkelheit. Es roch nach Moder, feuchtem Leinen und Kohlsuppe. Kinder h�pften in einem Netzwerk von Linien, das sie mit Kreide auf das Pflaster gemalt hatten. Mehrere Frauen wachten strengen Blickes �ber sie, denn Kinder waren ein seltener Anblick in Nangog. Frauen verloren ihre Fruchtbarkeit, wenn sie in diese Welt kamen, und soweit Volodi wusste, war den neuen Siedlern noch nie ein Kind geboren worden.</p><p>Sie passierten eine wackelige Br�cke aus Fu�brettern und Seilen, die zwischen zwei T�rmen eine Felsspalte �berspannte. Die Gegend kam dem Drusnier vertraut vor. Hier war er schon einmal gewesen. Die Gassen, durch die sie nun schritten, waren stiller. Nur einzelne Gestalten duckten sich lauernd in Hauseing�nge. Ein wahrer Dschungel an Pfeifenkrautbl�ttern hing an Seilen zum Trocknen. Dar�ber waren breite Segeltuchbahnen gespannt, um etwaigen Regen fernzuhalten.</p><p>Der Tabakduft lastete schwer in den Gassen, in die sich kaum ein Lichtstrahl der Zwillingsmonde verirrte. �Jemand folgt uns�, fl�sterte Ilmari.</p><p>Auch Volodi hatte die beiden Gestalten hinter ihnen bemerkt, die sich nun deutlich gegen das Licht einer Laterne abzeichneten. Der Drusnier tastete nach seinem Schwert und lockerte es in der Scheide, als zwei weitere M�nner aus einem Hauseingang st�rmten, um ihnen den Weg zu versperren. Ein einzelner Lichtstrahl lie� eine Bronzeklinge aufblitzen. Mit ihren Dolchen waren diese Halsabschneider gegen sein Schwert in der engen Gasse klar im Vorteil, dachte Volodi und zog blank.</p></section><section><title><p>Wirtschaftsmacht</p></title><p>Der Halsabschneider lie� seine Waffe sinken. �Wir sind Freunde, Hauptmann! Kolja hat uns geschickt, um dich sicher zu ihm zu bringen.�</p><p>Volodi konnte das Gesicht des Mannes nicht erkennen, aber er benutzte die Sprache Arams, untermalt vom Akzent der aegilischen Inseln. Er musste einer der Zinnernen sein, der S�ldner, die sich Aaron angeschlossen hatten, nachdem er und sein Feldherr Juba allein die Piraten der Aegilen besiegt hatten.</p><p>�Hauptmann?�, fragte Ilmari verwirrt.</p><p>�Du gehst mit dem, der �ber den Adlern schreitet, und wei�t nicht einmal, wen du begleitest?�, zischte eine der Gestalten im Halbdunkel der Gasse.</p><p>�Er wirklich nicht wissen�, beruhigte Volodi den Zinnernen und bedauerte, dass er sich nun wieder der Zunge Arams w�rde bedienen m�ssen. Der Drusnier wollte nicht, dass noch mehr �ber ihn gesprochen wurde. Er wollte geheim halten, wer er war und was er hier tat. Wenn bekannt w�rde, dass der Unsterbliche Aaron gezwungen war, seine Krieger aus Nangog abzuziehen, um die Reihen seiner Heerscharen auf der Ebene von Kush zu verst�rken, w�rde der Herrscher sein Gesicht verlieren. Es lie�e ihn schwach aussehen, und niemand konnte wissen, was geschehen w�rde, wenn sich herumsprach, dass die Besitzungen Arams auf Nangog nicht mehr verteidigt wurden.</p><p>�Wir m�ssen in den Untergrund�, erkl�rte der Zinnerne und schob den Dolch in seinen G�rtel. �Kolja ist �beraus erfreut, dass du gekommen bist. Genau im richtigen Augenblick!�</p><p>Mit R�cksicht auf Ilmari verkniff sich Volodi zu fragen, was das hei�en sollte. Sollte Kolja zu der Ansicht gelangen, dass sein ziegenb�rtiger F�hrer zu viel �ber die Verwicklung der Palastwache Arams in den Kampf um die Hurenh�user der Goldenen Stadt mitbekommen hatte, w�rde Ilmari in den Abgr�nden der Stadt verschwinden.</p><p>�Hier entlang!� Der Krieger winkte ihn zu dem Hauseingang, aus dem er so unvermittelt aufgetaucht war. �Was machen wir mit dem Kerl?� Er nickte knapp in Ilmaris Richtung.</p><p>�Hat sich getan, was war sich zu tun�, k�mpfte sich Volodi durch die verwickelte Grammatik der Sprache Arams und schnippte Ilmari das versprochene Silberst�ck zu. �Du solltest zusehen, dass du so schnell wie m�glich so weit wie m�glich von hier fortkommst�, f�gte er in seiner Muttersprache hinzu. Dabei klopfte er dem kleineren Mann auf die Schulter. �Wie es aussieht, stecke ich hier bis zum Kinn in der Schei�e, was bedeutet, dass f�r dich die Luft zum Atmen knapp wird, wenn du weiter mit mir gehst.�</p><p>Ilmari biss auf die Silberm�nze und schnalzte mit der Zunge. �Viel Gl�ck, der �ber den Adlern schreitet.� Mit diesen Worten dr�ngte er sich zwischen den beiden Kriegern hindurch, die hinter ihnen die Gasse hinabgekommen waren, und verschwand fliegenden Schrittes in der Nacht.</p><p>�Wir h�tten dich abgeholt, Hauptmann, wenn du eine Nachricht geschickt h�ttest�, sagte der Anf�hrer der S�ldner und trat in den Hauseingang. Von dort f�hrte eine Treppe in den gewachsenen Fels hinab.</p><p>�Wollte ich �berraschen Freund Kolja�, sagte Volodi.</p><p>�Kolja ist ein Mann, der schwer zu �berraschen ist.� Der Krieger nahm eine Blendlaterne auf, die weiter unten auf der Treppe stand. Jetzt sah Volodi zum ersten Mal sein Gesicht. Es war schmal, von Wind und Wetter gegerbt. Auf den Stoppeln seiner Wangen lag schon reichlich Grau. Eine Narbe verlief quer �ber seine Stirn, die Nasenwurzel und hinab bis auf seine linke Wange. Wache graue Augen blickten zu Volodi auf. Er stand Eurylochos gegen�ber, dem einstigen Steuermann auf dem Schiff des Aigolos, jenes Piratenf�rsten, den Volodi im Zweikampf get�tet hatte.</p><p>�Du schon lange tr�umst davon, mit mir in stillen Keller gehen?�, fragte er ruhig.</p><p>Eurylochos hielt seinem Blick stand. Keinerlei Regung spiegelte sich in seinen Z�gen. �Nur weil mein Kapit�n ein Narr war, bedeutet das nicht, dass auch ich einer bin. Wer fordert ohne Not einen Mann heraus, der die Gunst eines Unsterblichen genie�t und der �ber den Adlern schreitet?�</p><p>Volodi l�chelte. �Du nicht b�se bist, wenn ich bitte dich gehen vor mir.�</p><p>Eurylochos lachte. �W�rden wir es anders machen, w�rden wir uns in den Kellern verlaufen.�</p><p>Der Mann hatte Humor. Volodi mochte ihn, aber er wusste, dass auch M�nner, die gerne lachten, anderen M�nnern die Kehle durchschneiden konnten. Seine Rechte ruhte auf dem Knauf des Schwertes, als er Eurylochos durch die Katakomben folgte.</p><p>Der Steuermann hatte nicht gelogen. Es war ein wahres Labyrinth, das sie durchschritten. Volodi sah Keller voller bauchiger Vorratsamphoren, es roch nach �l und Wein und frisch geschlagenem Holz. In einem Seitentunnel lag Werkzeug.</p><p>�Ist sich neu, dies Mausenest?�</p><p>�Wir bauen es weiter aus. Kolja hat den Wunsch, dass jedes unserer H�user in dieser Stadt auch unterirdisch zu erreichen sein soll. Ich glaube nicht, dass dies zu schaffen ist, aber du wei�t ja, wie er ist, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat.�</p><p>Das wusste Volodi allerdings. Kolja hatte das Talent, immer ein kleines St�ck weiter zu gehen, als gut war.</p><p>Das Rumoren vieler M�nner lie� den Drusnier aufhorchen. Bald erreichten sie einen langen Keller, in dem sich Dutzende Krieger dr�ngelten. Fast alle von ihnen kannte er. Kolja hatte die Zinnernen versammelt. Fast alle der K�mpfer hier trugen zwei polierte Zinnm�nzen auf der Brust. Eingefasst in Leder, trugen sie die M�nzen als Ehrenzeichen. Die erste zeigte zwei gekreuzte Schwerter und auf der R�ckseite einen Pferdekopf. Sie hatten sie f�r den Feldzug erhalten, auf dem sie mit ihren Streitwagen weit ins Hinterland Luwiens vorgedrungen waren, um dem Unsterblichen Muwatta das Geheimnis seiner Klingen zu entrei�en. Dort hatten sie ihre eisernen Schwerter erbeutet, die sie vor allen anderen Kriegern Arams auszeichneten. Die zweite M�nze zeigte einen Wolkensammler, der ein Himmelsschiff trug, und auf der R�ckseite das Gesicht einer Daimonin mit langen Ohren. Sie war eine Auszeichnung f�r die Schlacht �ber den Wolken gegen den Piraten Tarkon Eisenzunge und den Kampf gegen die Daimonenkinder, den sie tief in den W�ldern Nangogs gefochten hatten.</p><p>Etliche der Krieger klopften Volodi freundschaftlich auf die Schulter, als er vor�berging. Sie ahnten ja noch nicht, weshalb er hier war. Er sollte sie zu ihrer dritten Schlacht auf die Ebene von Kush holen. Danach w�re alle Schuld getilgt, die sie als Piraten auf sich geladen hatten. Sie w�ren freie M�nner. Aber Volodi wusste nur zu gut, dass h�chstens eine Handvoll von ihnen �berleben w�rde. Er war hier, um sie in den sicheren Untergang zu f�hren.</p><p>�Volodi, mein Bruder!� Kolja brach mit der Gewalt eines Tropensturms zwischen den M�nnern hervor. Er �berragte Volodi um mehr als Hauptesl�nge. Alles an ihm war gr��er, er hatte die Statur eines B�ren, nein eher einer hochschwangeren B�rin, dachte Volodi, denn er hatte gut angesetzt, seit sie einander zuletzt begegnet waren.</p><p>Kolja schlang ihm seinen m�chtigen rechten Arm um die Schultern und zog ihn an seine Brust. Sein mit Bronzeschuppen beschlagener Brustpanzer roch nach vergossenem Wein. �Dich schicken die G�tter, Bruder. Du l�sst wahrlich keinen Kampf aus!� Kolja blickte zu ihm herab, nahm Volodis Gesicht in seine vernarbten H�nde und k�sste ihn herzhaft auf die Wangen. �Gut, Junge. Wirklich gut!�</p><p>Kolja war der mit Abstand h�sslichste Kerl, dem er jemals begegnet war. Er hatte gro�e, blaue Augen unter fleischigen Lidern, die jenen, die ihn nicht besser kannten, oft den Eindruck kindlicher Einf�ltigkeit vermittelten. Sie vermochten es, einen in ihren Bann zu schlagen und das �brige Gesicht vergessen zu machen. Die rote, mehrfach gebrochene Nase, die nur noch ein formloser Klumpen war. Das verwachsene Narbengewebe, das seine Augenbrauen ersetzte. Das linke Ohr, das zu einer unf�rmigen Kugel geschrumpft war, deren Form an das zur Faust geballte H�ndchen eines Neugeborenen erinnerte. Kolja war einer der erfolgreichsten Faustk�mpfer Luwiens gewesen. Jahrelang war er in allen gro�en St�dten aufgetreten. Es war jene Sorte von K�mpfen gewesen, in denen man mit Bronze beschlagene Lederriemen um seine F�uste wickelte, um seinem Gegner regelrecht das Fleisch vom Angesicht zu rei�en. Kolja hatte dabei nicht durch ausgefeilte Technik gegl�nzt. Er hielt lediglich mehr aus als jeder andere. Der Preis seiner Siege war ein Gesicht, dem abgesehen von den Augen nur noch wenig Menschliches anhaftete.</p><p>Im Kampf gegen die Daimonenkinder hatte Kolja seinen linken Unterarm verloren. Er trug eine Prothese aus geh�rtetem Leder, die in einer Faust m�ndete, um die ein bronzebeschlagener Riemen gewickelt war. Kolja war ein K�mpfer, durch und durch. Man m�sste ihm den Kopf abschneiden, damit er eine Schlacht verloren gab.</p><p>�Was geht hier vor sich?� Volodi blickte zu den Zinnernen.</p><p>�Moment.� Kolja winkte Eurylochos. �Nett, dass du dich pers�nlich darum gek�mmert hast, dass mein Blondschopf zu mir gefunden hat. Jetzt ruft die Schlacht. Nimm dir zwanzig Mann. Du wei�t, wo dein Platz ist. M�nner!� Seine Stimme rollte wie Donnerhall durch den weiten Keller. �Volodi ist zur�ckgekehrt, um heute an unserer Seite zu k�mpfen. Ein Hoch auf den verdammten Bastard, der �ber den Adlern schreitet!�</p><p>Die Krieger begr��ten ihn mit Jubelrufen. Aber Volodi wollte nichts davon wissen. �Was f�r eine Schlacht?�, zischte er Kolja an.</p><p>�Lasst eure Zinnm�nzen verschwinden, M�nner�, rief Kolja. �Unsere Feinde sollen noch lange r�tseln, wer wir wirklich sind. Die M�nzen w�rden euch verraten. Wenn wir mit denen fertig sind, werden wir uns alle besaufen. Hier unten lagert eine ganze Schiffsladung vom besten aegilischen Roten. Also macht schnell! Tretet denen oben in den Arsch, dass sie nicht mehr wissen, ob sie M�nnlein oder Weiblein sind.� Er packte Volodi beim Arm und zog ihn eine Treppe hinauf.</p><p>�Am besten siehst du dir an, was vor sich geht.� �ber ihnen ert�nte ged�mpfter L�rm.</p><p>�Von was f�r einer Schlacht redest du!�</p><p>Kolja knuffte ihn mit seiner Lederfaust, was sich wie ein freundschaftlicher B�rentatzenhieb anf�hlte. �Du wei�t doch, ich �bertreibe gerne. In Wirklichkeit erwartet uns nicht einmal ein kleines Scharm�tzel. Unsere Waffen�bungen sind gef�hrlicher als dieser n�chtliche Spaziergang.�</p><p>Jetzt waren deutlich dumpfe Schl�ge zu vernehmen, dazu ged�mpftes Geschrei.</p><p>Kolja grinste. �Hat ordentlich dicke Mauern, dieses Haus. Und keine Fenster im Erdgeschoss. Daran war mir sehr gelegen, als ich es ausgesucht habe. Eine richtige kleine Festung.�</p><p>�Werden wir etwa belagert?�</p><p>Sie erreichten das Ende der Treppe, und Kolja stie� eine schwere T�r auf. �Von einer Belagerung zu sprechen hie�e, den Idioten da drau�en zu schmeicheln. Im �brigen ist eine Belagerung eine Angelegenheit, die sich �ber eine gewisse Zeit erstreckt. Der ganze Spuk hier hingegen wird in weniger als einer Stunde vor�ber sein.�</p><p>Kolja schlug einen schweren, roten Vorhang zur Seite und f�hrte ihn in ein gro�es Zimmer, in dem seidenbespannte Diwane standen. Sch�ne Karaffen auf niedrigen Tischen, protzige Trinkpokale und anz�gliche Bilder an den W�nden rundeten das Ambiente ab. Blaugrauer Weihrauch sank aus einer gro�en Bronzeampel unter der gew�lbten Decke und erf�llte den Raum mit Wohlgeruch.</p><p>Unter das Poltern der dumpfen Schl�ge mischte sich das Ger�usch von splitterndem Holz. Kolja ber�hrte das nicht im Mindesten. Er nahm sich einen Pokal und sch�ttete sich Wein ein. �Der ist gut, du solltest davon kosten.�</p><p>�Was zum Henker ist hier los? Rede, verdammt noch mal!�</p><p>�Mit dem Aufbau unseres Gesch�ftes haben wir uns nicht nur Freunde gemacht. Nat�rlich gab es in der Goldenen Stadt schon Freudenh�user � h�rt sich viel besser an als Hurenh�user, nicht wahr? Also Freudenh�user gab es schon, bevor wir kamen. Nur sind unsere besser. Was die Betreiber der anderen H�user ver�rgerte � Aber wer will schon altbackenes Brot, wenn er anderswo f�r dasselbe Geld Kuchen haben kann? Sie haben drei Mal versucht mich umzubringen. Zuletzt sogar mit Gift, was ich ihnen ernstlich �bel genommen habe. Gift! So t�ten Frauen! Stellt sich ein Kerl mit einem Messer in der Hand vor mich und versucht mich aufzuschlitzen, dann ist das eine ehrliche Angelegenheit unter M�nnern. Aber Gift �� Kolja nahm einen tiefen Schluck aus dem Weinpokal. �Das geh�rt sich nicht.�</p><p>�Was im Namen der G�tter hast du getan?�</p><p>Kolja setzte den Pokal ab und l�chelte unschuldig. �Niemanden umgebracht. Ich habe gelernt. Ich habe unsere Schreiber gerufen. Da ich nicht wusste, wer verantwortlich war, habe ich an jeden Freudenhausbesitzer in dieser Stadt ein Tont�felchen schicken lassen, auf dem geschrieben stand, dass ich bis morgen die Schl�ssel seines Hauses erwarte oder vorbeikommen w�rde, um ihm die Ohren abzuschneiden und dabei zuzusehen, wie er sie fr�hst�ckt. Wie mir scheint, hat das die Luden ein wenig aufgebracht ��</p><p>�Du hast ihnen allen gleichzeitig den Krieg erkl�rt?� Volodi sch�ttelte den Kopf. �War das n�tig?� Er machte sich keine Sorgen, aber er h�tte sich gew�nscht, dass Kolja ihre Gesch�fte in der Goldenen Stadt mit ein wenig mehr Fingerspitzengef�hl angegangen w�re.</p><p>�So ist alles in einem Aufwasch erledigt�, entgegnete der Faustk�mpfer gut gelaunt. �Komm, sehen wir uns die Sache von oben an.� Er winkte Volodi zu einem Vorhang, hinter dem eine schmale Treppe verborgen lag. Indessen splitterten immer mehr Bohlen der T�r.</p><p>Volodi konnte jetzt deutlich verstehen, was die Menge drau�en rief.</p><p>�H�ngt den Fleischkopf!�</p><p>�Einen netten Namen haben sie sich f�r dich ausgedacht.�</p><p>Die Treppe m�ndete auf einen schmalen Flur. Durch die T�r am Ende sah Volodi Bogensch�tzen, die sich auf einer Galerie versammelt hatten, die �ber dem Innenhof des Hauses lag. Eine zweite T�r lag unmittelbar vor ihnen. Kolja stie� sie auf, und ohrenbet�ubender L�rm brandete ihnen entgegen.</p><p>Der h�nenhafte Faustk�mpfer trat hinaus auf einen Balkon. Am Gel�nder lehnte sein Schwert. Offensichtlich hatte er diesen Auftritt genau geplant.</p></section><section><title><p>Schwarz und Wei�</p></title><p>Volodi folgte Kolja auf den Balkon hinaus. Unter ihnen vor dem Tor dr�ngte sich bis weit die Stra�e hinauf der aufgebrachte Mob. Fast alle dort unten trugen Fackeln. Das Licht der Flammen spiegelte sich auf langen Bronzedolchen und metallbeschlagenen Kn�ppeln. Einen Schild oder gar eine R�stung trug kein Einziger von ihnen. M�nner aus allen sieben K�nigreichen dr�ngten sich dort, vereint in ihrem Hass auf Kolja. Finstere Gestalten. Die meisten von bulliger Statur. T�rsteher, Geldeintreiber, Halsabschneider. Fast durchweg waren es M�nner, denen man nicht gerne in einer dunklen Gasse begegnen mochte. Aber sie haben keine Ahnung, mit wem sie sich einlassen, dachte Volodi.</p><p>�Da oben steht der Fleischkopf!�, schrie einer aus der Masse.</p><p>Kolja winkte wie ein F�rst, der sein Volk gr��t. �Was f�r eine Freude zu sehen, welcher Beliebtheit sich dieses Haus erfreut.� Ein Stein flog zu ihm hinauf. Er schnappte ihn mitten im Flug und legte ihn neben sich auf das Gel�nder. �Nicht einmal an einen Rammbock haben sie gedacht, diese Idioten�, sagte er leise zu Volodi gewandt.</p><p>�Komm runter, Fleischkopf, und k�mpf wie ein Mann, sonst brennen wir dir das Dach �ber dem Kopf ab. Wir kriegen dich auf jeden Fall!� Diesmal erkannte Volodi den Sprecher. Es war ein gro�er, leicht beleibter Kerl mit sch�tterem Haar und einem l�cherlichen Oberlippenb�rtchen. Er trug eine himmelblaue Tunika, die mit breiten, silbernen Borten bestickt war.</p><p>�Das ist Leon�, erkl�rte Kolja. �Er kommt aus Truria und hat hier im Gesch�ft mit den M�dchen eine Menge zu sagen.�</p><p>�Ich mache ein Gegenangebot.� Sein Freund wandte sich an die aufgebrachte Menge. �Ihr lasst auf der Stelle die Waffen fallen und legt die H�nde auf den Kopf, sodass ich sie gut sehen kann. Dann trifft nur jeden Zehnten von euch mein Zorn.�</p><p>�Der Fleischkopf ist vor Angst verr�ckt geworden�, rief Leon mit heiserer Stimme. �Holt ihn mir da runter! Ich will ihm den Schwanz abscheiden und ihn zu meinem Hofeunuchen machen!� Er hob sein Messer, eine lange, schlanke Bronzeklinge. �Dieses Haus hat nur einen Eingang, Fleischkopf. Du wirst uns nicht entkommen.�</p><p>Volodi h�rte, wie unter ihnen die T�r aufflog. In den Mob kam Bewegung.</p><p>�Bogensch�tzen!� Koljas Stimme �bert�nte den L�rm der Angreifer.</p><p>Volodi sah, wie sich auf den H�usern entlang der Stra�e Bogensch�tzen erhoben, die hinter den niedrigen Umfassungsmauern der Flachd�cher gekauert hatten. Gleichzeitig erschienen an beiden Enden der Stra�e Krieger mit mannshohen Turmschilden, hinter denen zwei Reihen von Speertr�gern folgten. Es war vorhersehbar, wie das enden w�rde.</p><p>In die Menge unten kam Bewegung. Einige versuchten zu fliehen und liefen auf die blockierten Stra�enenden zu, andere dr�ngten sich dicht an die H�userfassaden, um Deckung zu finden. All das w�rde kaum helfen. Volodi sah, dass die Bogensch�tzen so verteilt waren, dass es f�r sie kaum einen toten Winkel gab.</p><p>�Schie�t auf den Hauseingang!�, befahl Kolja. Dutzende Sehnen sirrten. Volodi h�rte den Aufschlag der Pfeile in den Leibern, dann setzte das Geschrei ein. R�cksichtslos versuchten die Luden aus der t�dlichen Falle zu entkommen. Verwundete wurden niedergetrampelt oder gar als lebende Schutzschilde missbraucht.</p><p>�Woran erkennt man einen Luden aus Truria?�, fragte ihn Kolja l�chelnd.</p><p>Volodi verstand nicht ganz. Was sollte diese Frage?</p><p>�Er f�ngt nur mit einem Messer in der Hand einen Krieg an.� Sein Kamerad verfiel in ein bellendes Gel�chter, das die Schreie der Sterbenden �bert�nte.</p><p>Volodi konnte diesen Sinn f�r Humor nicht teilen. Sein Freund war immer schon ein harter Bursche gewesen, aber das hier war selbst f�r Koljas Ma�st�be eine neue Dimension.</p><p>Der Faustk�mpfer nahm sein Schwert. �Sind wir alte M�nner, die nur zusehen, wo es Gelegenheit gibt, ein paar Sch�del einzuschlagen? Komm, wir mischen mit, bevor es vorbei ist!� Mit diesen Worten schwang er sich �ber die Br�stung des Balkons und sprang mitten in die Menge der verwirrten Angreifer. Er landete leicht federnd und lie� sein Eisenschwert kreisen. Sofort hatte er Platz.</p><p>Volodi zog seine beiden Klingen. Ohne R�ckendeckung war Kolja dort unten in Gefahr, ganz gleich, wie gut er k�mpfte. �Verdammter Idiot�, zischte er zwischen zusammengebissenen Z�hnen und sprang ebenfalls. Sein Aufprall war hart. Er knickte ein und musste sich nach vorne werfen, um einem Messerstich auszuweichen.</p><p>Die Hand, die die Klinge hielt, purzelte vor seiner Nase auf den Boden. �Jetzt muss ich auch noch auf dich aufpassen�, murrte Kolja und schlitzte dem schreienden Angreifer mit einem R�ckhandhieb die Kehle auf. Der Faustk�mpfer blockte mit seiner Prothese einen Keulenhieb und trieb einen weiteren Angreifer zur�ck.</p><p>Inzwischen war Volodi auf den Beinen. Ringsherum lagen Tote und Sterbende auf dem Boden. Er musste diesem Massaker ein Ende bereiten! �Die Waffen nieder!�, schrie er aus Leibeskr�ften. �Lasst sie fallen und legt die H�nde auf den Kopf!�</p><p>Klirrend fielen Dolche auf das Stra�enpflaster. Etliche der M�nner knieten dem�tig nieder und bettelten um ihr Leben.</p><p>Kolja bedachte ihn mit einem finsteren Blick. �Das w�re eine gute Gelegenheit gewesen, diese Sache ein f�r alle Mal zu Ende zu bringen.� Er schwenkte sein Schwert �ber dem Kopf. �Bogensch�tzen! Schie�t nur noch auf die, die eine Waffe halten. Wer sich jetzt ergibt, den werde ich nicht umbringen.�</p><p>Erleichtert sah Volodi, dass niemand so dumm war, noch Widerstand zu leisten. Er ahnte, dass Kolja am liebsten keine �berlebenden gehabt h�tte. Niemanden, mit dem es noch �ber Freudenh�user zu verhandeln galt.</p><p>Der Faustk�mpfer rammte sein Schwert in die Scheide. �Komm, wir trinken. Blutvergie�en macht mich immer durstig.� Ohne sich noch einmal nach ihm umzublicken, stapfte Kolja �ber die Leichen hinweg ins Haus.</p><p>�Ihr versorgt die Verwundeten und setzt all diese Kerle in einem sicheren Keller fest�, befahl er dem n�chststehenden ihrer M�nner.</p><p>�Jawohl, Hau ��</p><p>�Heute Nacht habe ich keinen Namen�, fuhr er den Veteranen an. �Wir alle haben keine Namen. Verstanden?�</p><p>�Jawohl!� Der Krieger grinste und zeigte ihm dabei seine braunen Schneidez�hne. Eine Narbe lief quer �ber seine Lippe. Volodi erinnerte sich an ihn. Er war verwundet worden, als sie die Schmiede aus Muwattas K�nigreich entf�hrt hatten. Der Kerl war ein guter Wagenlenker.</p><p>�Vermisst du deine Pferde?�</p><p>�Ich wei� es auch zu sch�tzen, auf Weiber�rsche zu starren�, entgegnete er grinsend.</p><p>�Aber Weiber gehen selten brav im Geschirr.�</p><p>Das Grinsen wurde breiter. �Wohl wahr.�</p><p>�Sorg daf�r, dass die Gefangenen anst�ndig behandelt werden. Ich verlass mich auf dich. Und nicht vergessen: keine Namen nennen.�</p><p>�Jawohl!� Der Krieger salutierte.</p><p>Volodi erwiderte den Gru� und ging ins Haus. Er wusste, dass ihm der schwerste Kampf des Abends noch bevorstand.</p><p>Er fand Kolja im offenen Innenhof des Hauses. Das pr�chtige L�wenmosaik auf dem Boden war mit Blut verschmiert. Ein halbes Dutzend der Angreifer war durch die geborstene T�r bis hierher vorgedrungen. Auf der umlaufenden Galerie im ersten Geschoss hatten Bogensch�tzen sie erwartet.</p><p>Kolja drehte die Toten um und blickte in ihre Gesichter.</p><p>�Wen suchst du?�</p><p>�Leon, verdammt noch mal!� Kolja blickte ihn mit hochrotem Gesicht an. �Du � Komm! Wir reden nicht vor den M�nnern. Komm!� Er f�hrte ihn �ber den Hof in ein kleines, luxuri�s eingerichtetes Zimmer, das von einem riesigen Bett beherrscht wurde. Auch hier stand eine Karaffe mit Wein auf dem Tisch.</p><p>Kaum hatten sie die Kammer betreten, als Kolja die T�r zuknallte. Die Halsadern des H�nen zeichneten sich deutlich als dunkle, pochende Str�nge unter seiner Haut ab. �Du wirst dich nie, nie wieder einmischen, wenn ich eine Schlacht f�hre!� Er machte hinter jedem Wort eine kurze Pause, offensichtlich darum bem�ht, nicht loszuschreien.</p><p>�Ist dir klar, was wir heute Nacht getan haben? Wir haben ein Rattennest ausgehoben! Hast du schon mal ein Rattennest ausgegraben? Das sind listige Biester. Man l�sst keine von ihnen laufen! Die fressen die Kornspeicher leer und bringen Hungerwinter. Verdammter Narr! Dieser Krieg h�tte heute Nacht enden k�nnen. Jetzt wird er weitergehen, und unsere Leute werden f�r deinen Edelmut bluten.�</p><p>�Das wird nicht geschehen�, entgegnete Volodi ruhig.</p><p>�Nicht? Glaubst du, die Geister unserer Ahnen sch�tzen uns? Eine Schlacht wie heute wird es nicht mehr geben. Diese Ratten haben gelernt. Sie werden uns einzeln auflauern in den Gassen. Und sie werden hinter unser Geheimnis kommen.�</p><p>�Nein, denn ich habe Befehl vom Unsterblichen, euch alle nach Kush zu holen. Seine Lage ist verzweifelt. Er braucht jedes Schwert.�</p><p>�Bockmist! Dort k�mpfen f�nfzigtausend. Es macht keinen Unterschied, ob wir dort sind oder nicht. Wir sind zu wenige, um die Schlacht wenden zu k�nnen.�</p><p>�Aber wir haben einen Eid geschworen�, beharrte Volodi. �Wir m�ssen gehen, wenn er uns ruft. Wir k�mpfen um die dritte Zinnm�nze. Danach sind wir frei.�</p><p>Kolja stie� einen Seufzer aus und griff nach der Weinkaraffe. Diesmal machte er sich nicht mehr die M�he, einen der pr�chtigen Pokale zu f�llen. Er setzte die Karaffe an den Mund und nahm einen tiefen Schluck, wobei der Wein in Str�men von seinen Mundwinkeln hinab auf seine Brust floss. Als er absetzte, stie� er einen lauten R�lpser aus. �Ich mag dich, Volodi. Wirklich. Wenn diese Welt ein Ort ohne Gestalten wie mich oder Leon w�re, w�rden M�nner wie du herrschen. Aber so ist diese Welt nicht. Vielleicht � werde ich dich eines Tages umbringen m�ssen.� Er sagte das ganz ohne Zorn. Eher mit Bedauern.</p><p>Volodi �berlief es kalt. Er wusste, dass Kolja nicht scherzte.</p><p>�Wir haben Aaron einen Eid geschworen, aber du hast auch eine Verantwortung gegen�ber den M�nnern. Wie viele werden die Schlacht in Kush �berleben? Weniger als hundert? Und dann haben wir noch Gl�ck gehabt. Es kann auch sein, dass Muwatta uns alle hinrichten l�sst. Er hat gewiss nicht vergessen, wer ihm die Schmiede entf�hrt hat und das Geheimnis der Eisenverh�ttung nach Aram brachte. Ist es unser Wort, das wir Aaron gegeben haben, wert, all diese wunderbaren M�nner dort drau�en zu opfern? Wenn es wenigstens eine Aussicht g�be, in der Schlacht zu gewinnen � Ich wei�, wie die Stimmung im Heer und im K�nigreich ist. Niemand glaubt an einen Sieg. Warum schl�gt Aaron eine Schlacht, die er nicht gewinnen kann? Du kommst, um uns auf dem Altar seiner Arroganz zu opfern. Und nun sag mir: Wer von uns beiden ist der Schl�chter?�</p><p>�Und was, glaubst du, geschieht, wenn wir uns den Befehlen Aarons widersetzen?�, entgegnete Volodi aufgew�hlt. Die Worte seines Gef�hrten hatten ihn tief getroffen. Nicht die Morddrohung � das war Kolja, wie er ihn immer schon kannte �, es war der Vorwurf, seine Kameraden bedenkenlos dem Ehrgeiz des Gro�k�nigs zu opfern, der ihm zu schaffen machte. Kolja hatte nicht unrecht. �Ein Wort vom Unsterblichen Aaron, und wir sind nicht mehr seine Leibwache, sondern Ge�chtete. Glaubst du, du k�nntest deine Freudenh�user hier f�hren, wenn Aaron einen Preis auf deinen Fleischkopf aussetzt?�</p><p>�Ach, Volodi � Die Welt ist nicht nur schwarz und wei�. Meistens ist sie grau. Nat�rlich schicken wir einige M�nner. Aber mindestens hundert brauche ich, damit die Gesch�fte hier laufen. Vor allem, wenn ich diese Brut da drau�en wieder laufen lassen muss. Dank deiner Milde erwartet uns ein langer Krieg um die Freudenh�user der Stadt.�</p><p>�Ist es das denn wert? Sollten wir es nicht lieber fahren lassen und ��</p><p>Kolja hieb mit der Faust auf den kleinen Tisch, auf dem die Karaffe stand. �Verdammt noch mal! Was ist denn los mit dir? Meinst du, ich tue das, weil es mir so gro�en Spa� macht, den Luden zu spielen? Sieh mich an! Was siehst du? Einen Kerl, der kein Gesicht mehr hat, weil er nicht mitbekommen hat, wann er mit den Faustk�mpfen h�tte aufh�ren sollen. Und das war so, weil ich keinen Plan f�r danach hatte. Das wird mir in meinem Leben nie wieder passieren. Was wird aus alten Kriegern, denen ein Arm fehlt, die lahm oder von Krankheiten ausgezehrt sind? Welcher Herrscher gibt ihnen ein Gnadenbrot? Aaron wird uns vergessen, wenn wir nicht mehr von Wert f�r ihn sind. Ein zerbrochenes Bronzeschwert ist dann mehr wert als wir, denn man kann es wieder einschmelzen. Wir aber, wir sind nur noch Abschaum. Alte Krieger verrecken irgendwo in der Gosse, ohne dass ihnen jemand eine Tr�ne nachweint. Aber mit den Zinnernen wird es anders sein. F�r uns gibt es einen Ort, an den wir gehen k�nnen. Hierher, in die Goldene Stadt kommen wir. Es wird uns an nichts fehlen. Und wenn unsere letzte Stunde kommt, sitzt eine h�bsche Hure auf unserem Totenbett und h�lt uns die Hand, und in der anderen Hand halten wir einen goldenen Becher mit dem besten Wein. Das ist der Eid, den ich mir geschworen habe, und der wiegt schwerer f�r mich als jede Verpflichtung gegen�ber dem Unsterblichen Aaron. Ich bin nicht zum Helden geboren, Volodi. Ich komme nicht aus einer F�rstenhalle wie du. Wenn Kinder mich sehen, fangen sie an zu weinen. Du wirst nie erfahren, wie das ist, stolzer Held mit dem goldenen Haar. Du ��</p><p>Volodi hob die H�nde. �Es ist gut, ich habe verstanden. Was also willst du tun? Ich kann nicht ohne Krieger zur�ckkehren. Und Aaron kann z�hlen. Wenn ich mit zu wenig M�nnern komme, wird er wissen wollen, wo der Rest steckt.�</p><p>Kolja fuhr sich mit seiner riesigen Pranke �ber den verunstalteten Sch�del und seufzte. �Gib mir drei Tage. Mir wird etwas einfallen. Ich finde jemanden, der mit dir kommt, um in deinem Heldenspiel zu verrecken.�</p></section><section><title><p>Blondes Haar</p></title><p>Kolja wischte sich mit einem feuchten Tuch �ber die Stirn. Schw�le Hitze lag �ber der Stadt und machte jeden Atemzug zur Qual. Die wei�en Steine, mit denen der weite Platz gepflastert war, reflektierten das Sonnenlicht, dass es in den Augen schmerzte. Er blinzelte und nahm einen Schluck aus seinem Ziegenlederschlauch. Heute enthielt er keinen Wein. Nur Wasser mit einem Spritzer Essig darin. Er lie� das lauwarme Nass durch seinen Mund kreisen. Was f�r eine �ble Br�he. Am liebsten h�tte er es ausgespuckt, aber das h�tten sie als Beleidigung auffassen k�nnen.</p><p>Er sah zu dem riesigen, wei�en Tor. Wohl drei�ig Schritt war es hoch. Es gab keine T�rfl�gel. Man konnte einen Teil der Residenz des Statthalters aus Zapote dahinter sehen. Es war eine Stadt in der Stadt. Etwa hundert Schritt entfernt erhob sich eine Stufenpyramide. Feiner grauer Rauch stieg dort in den Himmel. Kein Windsto� zerrte am Rauch. Schei� Hitze, dachte Kolja.</p><p>Er wusste, dass sie ihn beobachteten. Die ganze Zeit schon. Jede seiner Gesten wurde bewertet. Sie machten sich ein Bild von ihm. Auch wenn sie sehr zur�ckhaltend waren und man fast nie einen ihrer Priester in den Stra�en der Goldenen Stadt sah, wussten die Zapote genau, was geschah. Er w�rde nie wieder den Fehler machen, diese federgeschm�ckten Wilden zu untersch�tzen. Voller Unbehagen dachte er daran, wie es auf diesem Platz zur Schlacht gekommen w�re, h�tte das Wolkenschiff sie nicht im letzten Augenblick gerettet. Volodi war gut darin, Pl�ne zu machen. Kolja schmunzelte. Er mochte diesen blonden Narren. Irgendwann w�rde er ihn umbringen m�ssen, weil seine Ehre dem allgemeinen Nutzen im Weg stand. Gern w�rde er es nicht tun �Aber vielleicht hatte er ja Gl�ck und ihm wurde diese Arbeit auf dem Schlachtfeld von Kush abgenommen.</p><p>Es begann zu d�mmern. Kolja trank erneut einen Schluck. Die Zapote lie�en ihn gerne schmoren. Aber sie w�rden kommen. Sie w�rden wissen wollen, warum er hier war.</p><p>Der Blick des Faustk�mpfers schweifte �ber die Reliefs, die in die wei�en Bodenplatten des Platzes geschnitten waren. Die Steine waren so wei� wie frisch gefallener Schnee. Selbst jetzt, bei abnehmendem Licht, konnte man sie nicht lange ansehen, ohne dass die Augen schmerzten. Beunruhigende Bilder waren das. Sie zeigten Krieger, die als Adler oder Jaguare maskiert waren und ihren Feinden die K�pfe abschnitten. Seltsame Tiere streckten ihre K�pfe hinter dichtem Gestr�pp hervor. Eine gefiederte Schlange wand sich um die Sonne. Diese Bilder anzuschauen machte einen ganz kirre. Sie waren eine unverhohlene Drohung. Dort hinter dem wei�en Tor, dessen war er sicher, lag eine Welt, die mit der, die er kannte, nur noch wenig gemein hatte. Die Krieger der Zapote waren unheimlich. Sie schienen eins zu sein mit den Schatten.</p><p>Die Sonne verschwand schnell hinter dem Horizont. Das letzte Abendlicht tauchte den Platz in weiches Rosa. Aber das lie� das Priesterrelief drei Schritt vor ihm nicht weniger schrecklich aussehen. Mit ausgestreckten Armen hielt der Zapote einer stilisierten Sonne einen unf�rmigen Klumpen entgegen.</p><p>Kolja blickte zum Himmel auf. Die Zwillingsmonde standen hoch �ber dem Kraterrand. In den letzten Monden hatte mehrfach die Erde gebebt. Einige H�user waren eingest�rzt und einer der Ankert�rme. Vielleicht war die Flanke eines Kraters kein guter Ort, um dort eine Stadt zu errichten. Er war nun der Gebieter �ber dreiundf�nfzig Freudenh�user. Wie viele w�rden �brig bleiben, wenn es zu einem starken Beben kam? Er sollte sich Gedanken dar�ber machen, seine Gesch�fte auch auf andere St�dte auszuweiten.</p><p>Kolja blickte durch das wei�e Tor. In seinen Schatten hatte sich gerade etwas bewegt. Dicht �ber dem Boden. Von dort waren sie letztes Mal gekommen, die Jaguarm�nner. Sie � Eine Gestalt stand unter dem Tor! Vor einem Herzschlag war da noch niemand gewesen. Der Kerl sah nicht aus, als sei er hastig herangehuscht. Er strahlte eine selbstbewusste Ruhe aus. Gemessenen Schrittes trat er auf den Platz hinaus. Er war von zierlicher Gestalt und trug einen Federmantel, dessen Kragen aufgestellt war und nicht weniger farbenfroh schillerte als das Rad eines Pfaus. Ein wei�es Tuch war um seine H�ften geschlungen und kunstvoll verknotet. Breite, t�rkisbesetzte Armreife umfingen seine Handgelenke. Er trug keine Waffe bei sich, soweit Kolja sehen konnte.</p><p>Einen Schritt vor ihm blieb der Zapote stehen. Er hatte ein schmales, hartes Gesicht mit einer Nase wie ein Geierschnabel. Eine seltsame T�towierung prangte auf seiner Brust. Eine sich windende Schlange, die ein Federkleid statt Schuppen zu tragen schien. Es war derselbe Zapote, der den Dolch zur�ckgenommen und ihren Tod befohlen hatte.</p><p>�Nun, Mann, den sie Fleischkopf nennen, welcher Wahn blendet deinen Verstand, dass du es wagst, noch einmal hierherzukommen?� Der Priester sprach ihn in seiner Muttersprache an. Er hatte zwar einen grausamen Akzent, dennoch war er einigerma�en zu verstehen.</p><p>�Ich habe dir ein Angebot zu machen, das du nicht ablehnen solltest�, entgegnete Kolja ruhig. Der Priester war fast zwei K�pfe kleiner als er. Wie schaffte es ein solcher Zwerg, mit solcher Arroganz aufzutreten? Wahrscheinlich k�nnte er ihm ebenso leicht mit seiner Faust den Sch�del einschlagen, wie er eine Amphore zerschlug. �Ich schlage dir ein Gesch�ft vor, bei dem es um Blut und Tod geht, also zwei Dinge, mit denen du dich bestens auskennst.�</p><p>�Und was veranlasst dich dazu zu glauben, dass ich dich auch nur anh�ren werde?�</p><p>�Du meinst neben der Tatsache, dass du vor mir stehst?� Kolja l�ste eine lange, blonde Haarstr�hne von seinem G�rtel und reichte sie dem Priester.</p><p>Der Zapote strich sanft �ber das Haar. �Wie viele?�</p><p>�Siebzehn. Allesamt kr�ftige M�nner. Sechs von ihnen sind verwundet. Aber das ist nichts Ernstes. Die erholen sich schon wieder.�</p><p>Der Priester wand die Haarstr�hne um seinen Arm. �Du wei�t, dass sie freiwillig das wei�e Tor durchschreiten m�ssen. So verlangen es unsere Gesetze.�</p><p>�Das bekomme ich hin. Keine Sorge. Sie werden mit Freuden zu euch kommen. Es hat sich ja noch nicht allgemein herumgesprochen, dass ihr �� Kolja stockte. Eigentlich h�tte er es gerne ganz direkt angesprochen. Er mochte es nicht, wenn man die Dinge nicht beim Namen nannte. Aber die Zapote waren da erstaunlich zimperlich. � � dass ihr blonden M�nnern und Frauen eine ganz besondere Gastfreundschaft angedeihen lasst.�</p><p>�Sie treten unseren G�ttern gegen�ber. Das ist die h�chste aller Ehren�, sagte der Priester in einem Tonfall, als w�rde er gerne mit ihnen tauschen wollen.</p><p>Verlogener Bastard, dachte Kolja und l�chelte. �Denkst du, dass wir ins Gesch�ft kommen?�</p><p>�Das h�ngt davon ab, was du m�chtest.�</p><p>Kolja schilderte es ihm. Diesmal ganz direkt und ohne Ausfl�chte.</p></section><section><title><p>Der K�nigsm�rder</p></title><p>Barnaba war in Schwei� gebadet. Die Sonne brannte gnadenlos auf die Felsen. Seine wunden Fingerkuppen dr�ngten in einen Felsspalt. Sie w�rden das ganze Gewicht seines K�rpers halten m�ssen. Einen Herzschlag lang nur, aber er war ersch�pft.</p><p>Vorsichtig hob er den rechten Fu�. Er kam nicht hoch genug, um den n�chsten sicheren Tritt zu erreichen. Nur die Kraft seiner Arme konnte noch helfen. Er keuchte. Presste sich an den hei�en Fels. Spannte die Armmuskeln mit aller Kraft. Endlich fanden seine Zehen einen Halt. Wieder nur ein schmaler Spalt, aber das musste gen�gen. Er schob den rechten Arm vor, schaffte es, �ber den Grat eines Felssimses zu greifen, und fand diesmal einen guten Halt. Mit letzter Kraft zog er sich hoch.</p><p>Keuchend lag er ausgestreckt auf dem Ger�ll, das sich auf dem Sims gesammelt hatte. �Wir sind verr�ckt�, sagte der Priester leise und blickte zur Sonne hinauf, die wie eine gelbwei�e Wunde im stahlblauen Himmel prangte.</p><p>Er hatte es mit Beten versucht. Hatte versucht, sich tief in Meditation zu versenken und den G�ttern nahe zu sein. Doch ihm blieb stets nur er selbst. Seine aufgew�hlten Gef�hle. Der Zorn �ber die Priestermorde Aarons und dass der L�wenh�uptige so gleichm�tig darauf reagierte, dass man seine treusten Diener ermordet hatte. Was f�r G�tter waren die Devanthar? War es zu viel verlangt, von ihnen Anteilnahme zu erwarten und Schutz? Waren solche Gedanken G�ttern fremd?</p><p>�Lass uns ehrlich sein. Es sind nicht die G�tter allein.� Er drehte sich um und blickte ins Tal hinab. Da war niemand. Nat�rlich nicht! So war es immer. Und doch � Er h�tte jeden Eid geschworen, dass ihn etwas beobachtete.</p><p>�Ja, etwas! Aus Fleisch und Blut ist es nicht! Es ist unsichtbar. Aber es ist hier! Die ganze Zeit �ber.�</p><p>Vielleicht gab es ja doch Geister? Er hatte so lange mit Steinen auf die Augen in seiner H�hle eingeschlagen, bis sie spurlos vom Fels verschwunden waren. Diese unheimlich gr�nen Augen. Aber nichts war besser geworden. Manchmal lie� das Gef�hl, beobachtet zu werden, f�r Stunden oder sogar einen ganzen Tag nach. Dann war es wieder da. Vor allem, wenn er versuchte zu meditieren. Vielleicht waren seine Sinne dann empf�nglicher f�r das Verborgene. Wenn er auf seinem Lieblingsfelsen sa� und ganz in sich selbst versunken nach einem Band zu den G�ttern suchte, war das Gef�hl, angestarrt zu werden, am st�rksten. Wenn er sich hingegen die steilen Felsen hinaufk�mpfte, dem Tod ins Antlitz lachte, indem er gef�hrlichere Aufstiege suchte und bis zur v�lligen Ersch�pfung mit den Steilw�nden rang, fand er endlich seinen Frieden und war allein mit sich.</p><p>Vielleicht war das ja die Antwort der G�tter? Keine Flammenschrift auf einer Wand, keine Stimmen im Dunkel, kein Devanthar, der in seiner �bermenschlichen Pracht vor ihm erschien. Einfach nur die Tatsache, dass er allein beim Klettern Frieden fand, das war die Botschaft. Und jener Gedanke, der ihn seit Tagen umtrieb. Er k�nnte an Aaron herankommen, wenn er es �ber die westliche Palastmauer versuchte. Sie war zwar sehr hoch, aber nicht gut in Schuss. Der Putz war von den Lehmziegeln abgebr�ckelt. Man k�nnte im Winkel zwischen einem der Wacht�rme und der Mauer hinaufsteigen, wenn man mutig war und die Kraft und das Geschick hatte, mit Fingern und Zehen allein in den Fugen Halt zu finden. Von dort war es nicht weit zur westlichen Palastterrasse, an der die Gem�cher des Unsterblichen Aaron lagen. Im Schlafgemach musste Aarons Schwert sein. Eine Waffe, dazu geschaffen, selbst das Leben eines Unsterblichen zu beenden.</p><p>�Wir sind hier, um zu �ben�, murmelte Barnaba und setzte sich. �Das ist das ganze Geheimnis. Dieses Tal ist daf�r ideal. Wenn wir diese Felsw�nde erklimmen k�nnen, wird der Aufstieg an der Palastmauer ein Leichtes sein.� Er war dazu geboren, ein K�nigsm�rder zu sein! Und dieses Tal w�rde ihm die F�higkeiten schenken, die er brauchte, den Mord zu begehen.</p><p>Barnaba betrachtete den n�chsten Abschnitt der Felswand. Es gab hier weniger Griffe, daf�r war die Wand leicht geneigt. Er w�rde sich gut an sie dr�cken k�nnen. Der Priester ballte seine H�nde zu F�usten und streckte die Finger dann, bis die Gelenke knackten. Dieses St�ck noch, dann w�rde er sich einen leichten Abstieg suchen und ein k�hles Bad unter dem Wasserfall nehmen. Er hatte sich an das eisige Wasser gew�hnt. Er war h�rter geworden und entfernte sich immer weiter von seinem alten Dasein als Priester.</p><p>Barnaba streckte sich der Wand entgegen. Seine Linke ertastete einen Spalt. Einen guten Griff. Er stie� sich ab, zog sich mit Schwung hoch. Sein rechter Fu� fand einen kleinen Vorsprung. Der linke Arm schnellte vor. Seine Finger schlossen sich um eine kugelige Felsnase. Es war fast zu leicht. Schnell arbeitete er sich weiter. Doch pl�tzlich gab es keinen Griff mehr. Er blickte zur�ck und stellte fest, dass er in seinem Eifer von der Route abgewichen war, die er geplant hatte.</p><p>Ein St�ck �ber seinem Kopf gab es eine Delle im Fels. Nicht ideal, aber besser als nichts. Es reichte, wenn er einen Wimpernschlag lang genug Halt fand, um sich h�herzustemmen. Links �ber ihm gab es eine Bruchkante im Gestein. Dort w�rde er sich hochziehen.</p><p>Barnaba blickte zur�ck. Abw�rtszuklettern fand er stets schwieriger. Ihm wurde bewusst, dass er in seinen Tagtr�umen immer nur so weit geplant hatte, bis er Aaron das Schwert in die Brust stie�. Eine Flucht war nie vorgekommen. Er k�mmerte sich nicht gut genug um das Zur�ck.</p><p>�Das erledigen wir sp�ter. Was z�hlt, ist die Tat. Wenn sie uns danach entdecken, was bedeutet das schon.�</p><p>Er stie� sich ab. Schnellte hoch und rammte seinen linken Handballen in die Delle im Fels, um sich sofort ein zweites Mal abzusto�en. Sein rechter Arm schnellte hoch, griff nach der Bruchkante. Wind und Eis hatten die Delle glatt geschliffen. Seine verschwitzte Hand rutschte aus der flachen H�hlung, bevor er mit der rechten sicheren Halt fand.</p><p>Er schlug mit der Brust vor den Fels, schlitterte eng an die Wand gepresst abw�rts. Er versuchte irgendwo Halt zu finden, fluchte. Jetzt rutschte er schneller. Ein kleiner Vorsprung rammte seinen Rippenbogen. Er drehte sich ein St�ck zur Seite.</p><p>Vielleicht f�nf Schritt unter ihm war das Sims, auf dem er eben gerastet hatte. Dort w�rde er sicher landen � Redete er sich ein. Feine Furchen zwischen den Gesteinsschichten schmirgelten seine Haut fort. Sein ganzer Brustkorb war ein brennender Schmerz. Immer noch versuchte er verzweifelt, mit H�nden und F��en einen Halt zu finden. Aus den Augenwinkeln sah er die rote Schleifspur, die er auf der Felswand zur�cklie�.</p><p>Sein linker Fu� landete auf dem Sims. Ger�ll rutschte zur Seite und st�rzte klackernd in die Tiefe. Sein Fu� knickte um. Mit rechts fand er auch keinen Griff. Er rutschte mit den Gesteinstr�mmern. Glitt vom Sims, drehte sich ein wenig und st�rzte r�ckw�rts, ohne dass er noch Gelegenheit fand, nach einem Halt zu greifen.</p><p>Er schlug mit der Schulter gegen die Felswand. Drehte sich ein St�ck, blickte nach hinten. Er war fast � Der Aufprall presste ihm die Luft aus den Lungen. Er versuchte zu atmen, doch sein K�rper verweigerte sich ihm. Er japste. Die Luft wollte nicht in seine Lungen! Es war, als wolle er schlucken, doch der Bissen sa� unverr�ckbar im Hals.</p><p>Dann kam der Schmerz. Ein bohrender Schmerz, als fahre eine hei�e Klinge durch seinen ganzen Leib. Nie zuvor hatte er etwas gef�hlt, was diesem Schmerz auch nur entfernt �hnlich gewesen w�re. Er b�umte sich in seiner Pein auf und sah sein Bein. Zwei blutige Knochen ragten aus seinem Fleisch, wo sein Schienbein h�tte sein sollen.</p><p>Er schrie. Schrie, dass sein Schmerz bis in den letzten Winkel des Tals hallte. Und mit den Schreien kam der Atem zur�ck. Keuchend. Blut und Geifer rannen ihm �ber die Lippen. Hei�e Tr�nen benetzten seine Wangen. Er versuchte sich herumzudrehen. Sein ganzer K�rper schien in Flammen zu stehen, so marterte ihn die Pein der geschundenen Glieder. Und alle Kraft hatte ihn verlassen. Er konnte sich nicht hochstemmen. Seine Gelenke waren gestaucht, sein rechter Ellenbogen ausgekugelt, sodass sein Unterarm in einem unnat�rlichen Winkel verdreht war. Die G�tter hatten ihn zerbrochen. Nein � Er wusste es besser. Sein eigener Hochmut hatte ihn zu Fall gebracht. Er w�rde hier zwischen den Felsen liegen und sterben. Niemand w�rde ihn je finden. Die Sonne w�rde seine Knochen bleichen. Und wenn er nicht verblutete, w�rde sie das Leben aus ihm herausbrennen.</p><p>Er drehte den Kopf zur Seite. Zwanzig Schritte w�ren es bis zum Teich. So wenig � Erneut versuchte er sich hochzustemmen. Er sp�rte im linken Arm, auf dem er sich aufst�tzte, zwei Knochen gegeneinanderreiben, und sackte zur�ck. Er musste es schaffen. Am Wasser w�rde er �berleben! Bestimmt! Und die Wilden aus den Bergen w�rden ihn suchen kommen. Er hatte n�chste Woche ein Treffen in einem tiefer gelegenen Tal vereinbart. Sie brachten ihm ihre Kranken, und sie lauschten gerne seinen Worten �ber Russa, den Herren der Blitze und St�rme. Sie w�rden ihn suchen, wenn er nicht kam � Nein, er wusste es besser. Sie w�rden es nicht wagen, ihn in der Einsamkeit dieses Tals zu st�ren. F�r sie war dies ein verfluchter Ort. Er musste zum Wasser kommen, seine Wunden k�hlen � Er musste es aus eigener Kraft schaffen! Er versuchte sich hochzustemmen. Erneut schrammten die gesplitterten Knochenenden �bereinander. Er stie� ein schrilles, tierhaftes Kreischen aus und sackte in sich zusammen. Tr�nen standen ihm in den Augen. Er atmete flach und hechelnd, betete, dass die Pein endlich enden m�ge.</p><p>Doch der Schmerz hielt an, obwohl er den Arm nicht mehr belastete. Rollte wie eine Woge durch ihn, ertr�nkte sein Bewusstsein und riss ihn hinab in die Dunkelheit.</p></section><section><title><p>Schuld</p></title><p>Volodi blickte zur�ck zu der breiten Stra�e, die ihn zum Ankerplatz der Lotsen gebracht hatte. Es war fr�her Abend, erste Lichter wurden entz�ndet. �berall waren Menschen. Nacktrattenf�nger, die ihre Beute auf langen Ruten zur Schau stellten und an die Dienerinnen reicher Damen verkauften, die damit die verw�hnten Hauskatzen und Hunde f�tterten. Wasserh�ndler und Brotb�cker, die ihre Sesamkringel auf Holzger�sten auf dem R�cken trugen. Abwasser in schillernden Regenbogenfarben umfloss Volodis F��e. Weiter oben an der Stra�e hatten sich F�rber niedergelassen, die ihre bunten Leint�cher in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne zum Trocknen aufgespannt hatten.</p><p>Volodi konnte nichts Verd�chtiges entdecken, und doch hatte er das Gef�hl, verfolgt zu werden. Dass man ihn zusammen mit Kolja beim Kampf gegen die Luden gesehen hatte, mochte reichen, um ihm die Aufmerksamkeit von Meuchlern einzubringen. Heute Nacht lief die Frist f�r seinen Freund ab. Dann w�rde er bei ihm die Zinnernen einfordern. Noch vor dem Morgengrauen wollte er die Goldene Pforte passieren und zum Heerlager des Unsterblichen Aaron auf die Ebene Kush zur�ckkehren.</p><p>Nangog war ihm unheimlich. Er hatte im Palast davon geh�rt, dass die Gr�nen Geister mit verzweifeltem Zorn die magischen W�lle der Goldenen Stadt best�rmten. Es hatte in den Provinzen mehrere schwere Erdbeben gegeben, und eine Sturmflut hatte die K�ste im Norden verheert. Auch waren in den letzten Monden drei Wolkenschiffe verschwunden. Dies war ein Grund, warum er den Lotsen Nabor aufsuchen wollte, bevor er die Stadt verlie�. Es ging etwas vor sich. Volodi konnte das mit jeder Faser seines Leibes sp�ren. Eine Spannung lag in der Luft, die er nicht empfunden hatte, als er Nangog verlassen hatte.</p><p>Er trat vor das einzige Tor in der hohen Mauer, die den Lagerplatz der Freih�ndler abschirmte. Aus schweren Eichenbohlen gezimmert und mit N�geln zusammengef�gt, deren faustgro�e Bronzek�pfe schimmernd aus dem dunklen Holz ragten, war es abweisend und eindrucksvoll zugleich. Mit Speeren bewaffnete Krieger standen im Schatten des Tores. Sie strahlten die Gelassenheit jener aus, die seit Langem den Tod zum Gesch�ft hatten und niemanden mehr mit ihrem Auftreten beeindrucken wollten.</p><p>Volodi ging geradewegs auf sie zu. Blicke taxierten ihn. Er war bewaffnet, trug einen Bronzek�rass und einen federgeschm�ckten Helm unter den Arm geklemmt. Um seine H�ften war ein Leopardenfell geschlungen, seine Sandalen waren mit dem Schleim der Purpurschnecken gef�rbt. Sein Bart und sein goldenes Haar waren frisch gestutzt. Er hatte sogar Duftwasser aufgelegt. All dies folgte einzig dem Zweck, dass sich das Eichentor f�r ihn �ffnen sollte, denn �blicherweise wurden nur Lotsen zur Schwebenden Halle vorgelassen.</p><p>Eine der Torwachen, ein st�mmiger, in die Jahre gekommener Krieger mit sch�tterem Silberhaar und den Narben vieler K�mpfe auf den blo�en Armen, trat ihm entgegen. �Wohin f�hrt Euer Weg, Herr?�, fragte ihn der Hauptmann in der Sprache Arams.</p><p>�Bin mich Volodi, Hauptmann von Palastwache von Unsterblichen Aaron. Will ich sehen Lotsen Nabor. Ist sich in Schwebender Halle, ich wei�!� Wie er es hasste, sich in dieser fremden Sprache die Zunge zu verbiegen!</p><p>�Ich werde dem Lotsen diese Nachricht �berbringen lassen. Er wird sich sicherlich schon morgen im Palast Arams einfinden.�</p><p>�Muss ich sprechen ihn sofort! Ist sich Wunsch von Unsterblichen. Duldet das keinen Einschub!�</p><p>�Da Ihr meines Wissens nicht zur Zunft der Lotsen geh�rt, ist es mir nicht gestattet, Euch zur Schwebenden Halle vorzulassen.�</p><p>Volodi musterte den alten Krieger vom Scheitel bis zur Sohle. �Wie lautet sich sein Name? Muss ich wissen, Namen von Mann, der Wunsch von Unsterblichem Aaron tritt sich mit F��en.�</p><p>Der Krieger gab sich M�he, unbeeindruckt zu wirken. �Ich kann einen Boten schicken. Sollen die Lotsen entscheiden, ob sie Euch Eintritt gew�hren wollen. Es liegt mir fern, den Unsterblichen Aaron ver�rgern zu wollen, doch bin ich durch Eid gebunden, nur Lotsen und von ihnen geladene G�ste dieses Tor passieren zu lassen.�</p><p>�Dann mach er sich schnell. Ist mich Zeit nicht ganze Nacht.�</p><p>Der Kommandant der Wache presste die Lippen zusammen. Er drehte sich auf dem Absatz um und ging zum Tor, in dem kurz eine Mannpforte ge�ffnet wurde, eine kleine T�r innerhalb des Tores, durch die eine der Wachen davoneilte.</p><p>Volodi konnte sich gut vorstellen, was die M�nner von ihm hielten. Er hatte sich wie ein ausgemachter Mistkerl aufgef�hrt. Sich hinter dem Namen des Unsterblichen versteckt. Aber er wollte Nabor sehen. Eine Sache musste er wissen, bevor er nach Nangog zur�ckkehrte. Was aus Mitjas Tochter geworden war. Der Tochter des �bersetzers vom Platz der tausend Zungen, dem er so viel Unheil gebracht hatte.</p><p>Es dauerte eine Ewigkeit, bis sich die Mannpforte wieder �ffnete. Eine Zeit eisigen Schweigens.</p><p>Schlie�lich wurde Volodi hindurchgewunken, ohne dass einer der Krieger auch nur ein einziges Wort mit ihm sprach. Er ging auf das gro�e rote Zelt zu, das auf seinen Stelzen inmitten der Berge von Frachtgut auf dem weiten Platz gleichsam zu schweben schien. Die Lichter in seinem Inneren lie�en es wie eine gro�e, rote Laterne strahlen. Die Schatten der Lotsen zeichneten sich auf den Zeltw�nden ab. Gel�chter hallte zu ihm her�ber. Ein breiter, goldener Lichtstrahl fiel vom Eingang des Zeltes auf den Platz hinab. Und inmitten des Lichtes stand ein kleiner Mann von f�lliger Gestalt, auf dessen Schulter ein Affe balancierte.</p><p>�Volodi, es ist sch�n, dich zu sehen.�</p><p>Der Drusnier schluckte. Mit diesen Worten, so warmherzig gesprochen, war er schon lange nirgendwo mehr empfangen worden. Kolja hatte er nie abgekauft, dass er sich freute, ihn zu sehen. Volodi musste schmunzeln. Nein, sein Waffenbruder konnte ihn hier in Nangog so gut brauchen wie einen Furunkel am Arsch.</p><p>Nabor kam ihm entgegen. Das kleine �ffchen hielt sich an einem der goldenen Ohrringe des Lotsen fest und griente frech. �Du hast dir hier heute Nacht keine Freunde gemacht�, sagte Nabor nachsichtig. �Die anderen Lotsen wollen nicht, dass du nach oben kommst. Ihnen gef�llt nicht, auf welche Weise du dir hier Zugang verschafft hast. Ich muss gestehen, ich mochte es anfangs auch nicht glauben. Das ist nicht der Volodi, den ich kannte.� Er musterte ihn nachdenklich. �Du hast dich wirklich sehr ver�ndert, Volodi, der �ber den Adlern schreitet.�</p><p>Er wollte ihm erkl�ren, dass dieser Aufzug nur dem Zweck diente hierherzugelangen, doch sein Stolz versiegelte ihm die Lippen. �Wollt ich mich wissen, was ist sich geworden aus Tochter von �bersetzer.�</p><p>�Aus Negoshka? Sie hat einen Namen, Junge. Mir gegen�ber hat sie jedenfalls diesen Namen genannt. Auf dich ist sie nicht so gut zu sprechen. Sie findet, dass du die Schuld tr�gst am Tod ihres Vaters.�</p><p>Volodi senkte den Kopf. Das hatte er nicht anders erwartet. �Und wie geht es sich ihr? Ist sie sich nicht nix in Palast. H�tte sie haben k�nnen gutes Leben dort, wenn sich ��</p><p>�H�tte sie? Nur weil f�r einen gesorgt ist, hat man noch kein gutes Leben, Junge. Es gibt Dinge, die schlimmer sind als Hunger oder Schwielen, die man von ehrlicher Arbeit an den H�nden hat. Hast du je dar�ber nachgedacht, wie man �ber sie geredet h�tte, wenn du sie im Palast untergebracht h�ttest? Alle dort h�tten Negoshka f�r dein Liebchen gehalten.�</p><p>Der kleine Affe keckerte jedes Mal aufgeregt, wenn ihr Name fiel.</p><p>�Hab ich sich nie so gesehen�, gestand Volodi zerknirscht.</p><p>Nabor hob den Affen von seiner Schulter und t�tschelte ihm �ber den Kopf. �Sie f�ttert ihn mit N�ssen, deshalb hat er sich ihren Namen gemerkt. Sie ist auf meinem Schiff, und es geht ihr gut. Wenn ich die Starrk�pfe dort oben im Zelt �berzeugen kann, wird sie vielleicht eines Tages die erste Lotsin an den Himmeln von Nangog sein. Sie kennt meine Karten, und sie versteht sich sehr gut darauf, den Wind einzusch�tzen. Sie hat ein Gef�hl f�r das Schiff. Und der Baum wei� um sie.�</p><p>�Sie f�hrt sich �ber den Himmel?� Volodi traute seinen Ohren kaum. Nach all dem, was geschehen war, h�tte er nicht geglaubt, dass sie jemals wieder einen Fu� an Bord eines Wolkenschiffes setzen w�rde. Schlie�lich war es ein Wolkensammler, der f�r den Tod ihres Vaters verantwortlich war!</p><p>�Ihr geht es gut, Volodi. Du musst dir keine Sorgen um sie machen.� Nabor l�chelte ihn v�terlich an. �Mir scheint, unter der pr�chtigen R�stung ist doch noch etwas von dem Volodi �brig geblieben, den ich kannte. Und nun erz�hl mir von Aaron. Wie geht es dem Unsterblichen? Ich w�nschte, er w�rde mit mir noch einmal �ber den Himmel fahren. Wei�t du, das ver�ndert den Blick auf die Dinge. Alle F�rsten sollten gelegentlich tausend Schritt �ber dem festen Boden reisen. Das ist gut f�r den �berblick und lehrt zugleich Demut.�</p><p>Volodi berichtete ihm von den Vorbereitungen auf die Schlacht, und je mehr er erz�hlte, desto tiefer wurden die Falten um die Augen des alten Lotsen, bis Nabor ihm schlie�lich mit einem Kopfsch�tteln Einhalt gebot. �So eine Verschwendung�, murmelte er verdrossen. �Diese Schlacht auszufechten ist Mord! Ich w�nschte, ich k�nnte ihn sprechen und ihm das ausreden. Dieser Krieg wird Wasser auf die M�hlen Tarkon Eisenzunges sein.�</p><p>�Denke ich mich, M�hlr�der von einem Toten stehen still. Ist sich gleich, wie viel Wasser darauf l�uft.�</p><p>�Ich bin M�nnern begegnet, die mir geschworen haben, dass sie Tarkon gesehen haben.�</p><p>�Sind sich L�gner!�, entgegnete Volodi aufgebracht. Er selbst hatte gesehen, wie der Unsterbliche Aaron Tarkon erschlagen hatte und wie der Leichnam des Himmelspiraten von einem Wolkensammler verschlungen worden war.</p><p>�Einige dieser M�nner sind dort oben.� Nabor nickte in Richtung des roten Zeltes. �Aber mit dir werden sie nicht sprechen.�</p><p>�Will ich nichts h�ren von ihren L�gen!�</p><p>�Urteile nicht vorschnell, Volodi. Ich kenne sie seit Jahren. Wer so viel von dieser Welt gesehen hat wie der Lotse eines Wolkenschiffes, der wei�, dass hier Dinge geschehen k�nnen, die auf Daia undenkbar sind.�</p><p>Der Alte schien durch ihn hindurch in weite Ferne zu blicken. Sosehr er Nabor mochte, er konnte nicht akzeptieren, dass Tote ins Leben zur�ckkehrten. Als Geister vielleicht wie seine Ahnen, deren Stimmen an st�rmischen Tagen in den Bl�ttern der W�lder Drusnas fl�sterten. Aber niemals kehrten sie in Fleisch und Blut zur�ck. Das war gegen die Gesetze der G�tter.</p><p>�Tarkon hat mehr Anh�nger denn je�, sagte Nabor leise. �Sie reden davon, dass Nangog die Unw�rdigen und Fluchbeladenen absch�tteln wird. Und jedes Mal, wenn die Erde bebt, glauben ihnen mehr. �berall in der Stadt kannst du das Zeichen der Gr�nen Geister sehen.�</p><p>Volodi waren die verwaschenen, gr�nen Kreideflecke an einigen H�userecken bereits aufgefallen. Allerdings hatte er sich bislang keine Gedanken �ber deren Sinn gemacht.</p><p>�Wir m�ssen diese Welt in unser Herz schlie�en�, sagte Nabor voller Leidenschaft. �Dann wird sie uns als G�ste aufnehmen. Aber was tun wir stattdessen? Wir rauben sie aus. Es wird der Tag kommen, da wird Nangog sich gegen uns wenden. Tarkon mag ein verblendeter Fanatiker sein, aber nicht alles, was er sagt, ist falsch.�</p><p>�Malst auch du dich mit Kreide an Ecken von Haus?�</p><p>Nabor antwortete darauf nicht, und Volodi, der das eigentlich nur im Scherz gesagt hatte, wurde unwohl bei dem Gedanken, dass die Lotsen vielleicht langsam von Tarkons Worten vergiftet wurden. Sie f�hrten die Schiffe �ber die Himmel Nangogs. Ohne sie w�rde der Handel zusammenbrechen, und es w�rde in den gro�en St�dten Daias zu Hungersn�ten kommen.</p><p>�Du musst mit Aaron reden�, sagte der Alte schlie�lich. �Es ist wichtig, dass der Unsterbliche hierher zur�ckkehrt. Er hat einen wacheren Verstand als die meisten, und er hat die Macht, etwas zu ver�ndern. Er kann diese Welt auf einen besseren Weg f�hren, bevor sie sich gegen uns wendet.�</p><p>�Was kann sich Nangog tun?� Volodi hielt den Gedanken, dass eine Welt sich wehrte, f�r dumm. G�tter, die musste man f�rchten, aber nicht die Erde, auf der man stand. �Haben sich keine Macht, Gr�ne Geister. Aber haben wir Macht. Du hast gesehen, als Daimonenkinder gekommen sind, war sich gekommen auch Devanthar mit Eberkopf, um zu sch�tzen uns.�</p><p>�Tarkons Leute behaupten, dass die G�ttin dieser Welt schl�ft. Noch haben wir von ihrer Macht fast nichts zu sp�ren bekommen. Aber du erinnerst dich daran, als die Wolkensammler gek�mpft haben? Sie k�nnen t�dliche Feinde werden, wenn sie ihr friedfertiges Wesen verlieren. Und es hei�t, auch die Gr�nen Geister werden das Geschenk der Macht erhalten, wenn die G�ttin erwacht. Auch habe ich einmal von ferne den Meerwanderer gesehen, der ein Sohn der G�ttin sein soll. Jetzt ist die Zeit, die Zeichen zu sehen und unseren Weg zu �ndern, Volodi. Deshalb ist es so wichtig, dass der Unsterbliche Aaron hierher zur�ckkehrt. Du musst ihm von unserem Gespr�ch berichten.�</p><p>Volodi nickte, hatte jedoch Zweifel, dass Aaron ihm zuh�ren w�rde. Nicht bevor die Schlacht um Kush geschlagen war. �Was ist sich Meerwanderer?�</p><p>Nabor machte eine vage Geste. �Eigentlich nur eine von vielen Legenden hier. Manche nennen sie auch Walhirten oder Seeherrscher. Welcher Name ihnen gerecht wird, vermag ich nicht zu ermessen. Der, den ich gesehen habe, stieg im Delta des Sepano aus den Fluten, und ich war froh, dass wir mehr als tausend Schritt hoch geflogen sind. Er war riesig. Halb ein Krake und halb � Er hat zwei Beine, gro� wie T�rme. Seine untere K�rperh�lfte hat etwas entfernt Menschliches � Aber dar�ber sieht er einfach nur monstr�s aus. Manchmal sehe ich ihn in meinen Tr�umen. Ich bin froh, dass ich nicht am Meer lebe, sondern die meiste Zeit hoch am Himmel verbringe. Dabei sind die Ozeane manchmal sehr sch�n. Es gibt N�chte, da kann man meilenlange Prozessionen von Lichtern unter dem Wasser beobachten. Als g�be es ein Volk, das am Grunde des Meeres lebt.�</p><p>Volodi �berlegte, dass man so einen Meerwanderer von Bord eines Wolkenschiffes vermutlich gefahrlos bek�mpfen k�nnte, aber er h�tete sich, diese Gedanken mit Nabor zu teilen. Der alte Lotse lebte schon zu lange auf Nangog. Er hatte verlernt, dass man sich Gefahren stellen musste, anstatt darauf zu hoffen, dass sie vor�berzogen oder dass das Ungl�ck immer die anderen traf.</p><p>�Du redest mit dem Unsterblichen?�</p><p>Volodi hob seine Hand, als wolle er einen Eid schw�ren. �Ich versprechen dich!�</p><p>Nabor schmunzelte. �Eigentlich wollte ich nicht mit Aaron verm�hlt werden.�</p><p>Der Krieger �berging das. Er mochte es nicht, veralbert zu werden. Volodi l�ste einen Lederbeutel von seinem G�rtel und dr�ckte ihn dem Lotsen in die Hand.</p><p>�Was soll ich damit?�</p><p>�Ist sich f�r Negoshka. F�r sch�ne Kleider.�</p><p>Nabor sch�ttelte den Kopf. �Sie wird kein Geld von dir haben wollen.�</p><p>Volodi l�chelte verschmitzt. �Deshalb ist sich dein Gold jetzt. Wirst du wissen, wenn sie braucht etwas, und helfen.�</p><p>Der Lotse schob die B�rse hinter den breiten Lederg�rtel, der seinen Wickelrock hielt. �Du hast ein weiches Herz f�r einen Krieger. Gib auf dich acht, Volodi.�</p><p>Der Alte dr�ckte ihm die Hand. �Vor dem Morgengrauen wird der Wind auf S�d drehen, und ich muss meinen Kurs noch mit zwei anderen Lotsen besprechen, die mit mir im Konvoi fliegen werden. Ich w�nsche dir eine gute Reise, Volodi. Komm aus Kush zur�ck, Junge. Diese W�ste ist es nicht wert, dort zu sterben.�</p><p>�Ist sich nicht leicht, mich tot machen.�</p></section><section><title><p>Ersatz</p></title><p>Volodi war in gereizter Stimmung, als er sich auf den Weg zu Koljas Freudenhaus machte. Die letzten Tage hatte er den Umgang mit seinem Kameraden gemieden und sich darum gek�mmert, dass diejenigen der Zinnernen, die er im Palast angetroffen hatte, sich abmarschbereit machten. Die Stimmung unter den S�ldnern war schlecht. Sie alle wussten, was sie auf der Ebene von Kush erwartete. Keiner wollte dieses Schlachtfeld mit dem bequemen Quartier im Palast tauschen. Er hatte sie zusammen mit einem Gro�teil der regul�ren Palastwachen abgezogen und nach seinem Treffen mit Kolja pers�nlich bis zur Goldenen Pforte begleitet. Seit heute war er nicht mehr ihr Held. Und bei Kolja w�rde es schlimmer werden. Etwa hundert M�nner fehlten noch. Er wusste, es w�rde �rger geben. Kolja w�rde sein Gesch�ft nicht aufgeben, und er w�rde seinen Eid nicht brechen. Er hatte geschworen, ihm so viele erfahrene Krieger wie m�glich zu bringen. Der Palast des Unsterblichen wurde jetzt nur noch von Alten und Kranken geh�tet und von einer Hundertschaft Diener, die er in den letzten Tagen darin unterrichtet hatte, sich wie erfahrene K�mpfer in einer R�stung zu bewegen. Ihnen den Schwertkampf oder den Umgang mit Speeren beizubringen, hatte er gar nicht erst versucht.</p><p>Volodi war �berrascht zu sehen, wie gr�ndlich die Spuren des Kampfes vor Koljas Freudenhaus getilgt worden waren. Selbst die massive Holzt�r war bereits ersetzt.</p><p>Noch bevor er den T�rklopfer ber�hren konnte, wurde ihm ge�ffnet. Kolja stand im Eingang, die Arme vor der Brust verschr�nkt. �Du bist sp�t!�, sagte er m�rrisch.</p><p>�Ich wollte euch gen�gend Zeit lassen, bereit zu sein. Wo sind die M�nner?�</p><p>Kolja bat ihn mit �bertriebener Geste einzutreten. Ein seltsamer Geruch lag in der Luft. Nach Fellen und Gew�rz und kaltem Rauch. Etwas daran kam Volodi vertraut vor, ohne dass er im Augenblick zu benennen vermochte, warum. Weder M�dchen noch G�ste waren im Haus zu sehen.</p><p>�Ich habe dich um hundert M�nner gebeten, um unser aller Zukunft zu sichern�, sagte Kolja herausfordernd. �Ich biete dir zwei erfahrene Krieger als Ersatz f�r jeden, den ich behalte. Alle machen ein Gesch�ft, wenn du zustimmst.�</p><p>�Was nutzen S�ldner, deren Loyalit�t fraglich ist?�, entgegnete Volodi ver�rgert. �Der Unsterbliche wird so einen Handel nicht anerkennen.�</p><p>�Warte doch erst einmal, bis du sie gesehen hast. Ich verspreche dir, dass ihre Treue �ber jeden Zweifel erhaben ist. Die M�nner, die ich ausgesucht habe, werden niemals zum Unsterblichen Muwatta �berlaufen. Im Gegenteil! Allein ihr Anblick wird Entsetzen in die Herzen unserer Feinde s�en.� Kolja war vor einem Vorhang stehen geblieben, hinter dem, wie Volodi wusste, der Durchgang zum Innenhof des Hauses lag. �Sie erwarten dich. Lass erst einmal ihren Anblick auf dich wirken. Das ist das Einzige, worum ich dich bitte. Und wenn du ehrlich glaubst, dass hundert unserer M�nner es mit ihnen aufnehmen k�nnten ��, er l�chelte verschlagen, � �werde ich mich f�gen, und wir alle werden dir nach Kush folgen.� Mit diesen Worten zog er den blutroten Vorhang zur�ck, und Volodi verschlug es tats�chlich die Sprache, ja, er wich einen Schritt zur�ck bei dem Anblick, der sich ihm bot.</p><p>Der Hof, die umlaufende Galerie und alle Durchg�nge zu den angrenzenden R�umen standen gedr�ngt voller Jaguarm�nner, jener unheimlichen Schattenkrieger, die sie auf dem wei�en Platz vor dem Statthalterpalast Zapotes angegriffen hatten. Die Krieger weiter hinten schienen mit dem Dunkel zu verschwimmen. Nur die Vordersten waren deutlich zu erkennen. Sie waren in ein Gewand aus schwarzem Fell gekleidet, das nur H�nde und F��e unbedeckt lie�. Ihr Gesicht ragte aus dem Maul eines Jaguarkopfes, der t�uschend echt nachgebildet war. Gelbliche Raubtierf�nge in den aufgerissenen Kiefern verbargen zum Teil ihr Antlitz, das sie ebenso wie ihre H�nde und F��e mit schwarzer Farbe eingeschmiert hatten. Die einzigen Farbtupfer ihrer merkw�rdigen R�stung waren die bernsteinfarbenen Augen im Jaguarkopf. Selbst ihre Waffen, kurze Speere und Keulen, die mit messerscharfen Obsidiansplittern besetzt waren, hatten sie schwarz gef�rbt.</p><p>�Sind sie nicht furchteinfl��end?�, fragte Kolja mit h�mischem Unterton.</p><p>�Das geht nicht ��, stammelte Volodi, noch immer �berw�ltigt vom Anblick der fremdartigen Krieger.</p><p>�Warum? W�rdest du dich einen Feigling nennen? Sicherlich nicht, aber sie machen dir Angst, nicht wahr? Genauso wird es unseren Feinden ergehen. Diese Krieger hier sind viel besser als alles, was wir aufbieten k�nnen. Und du hast gesehen, wie sie sich im Kampf bewegen. Sie verstehen sich mindestens genauso gut auf das Gesch�ft des Halsabschneidens, wie wir es tun! Es waren diese M�nner, die Atmos aus seiner Kammer holten, w�hrend dort noch drei andere M�nner schliefen, die nichts von seiner Entf�hrung mitbekommen haben.�</p><p>Das war es ja gerade, �berlegte Volodi. Er erinnerte sich nur zu gut, wie knapp sie diesen unheimlichen Halsabschneidern auf dem Platz vor ihrer Tempelstadt einst entkommen waren. Ausgerechnet sie sollten jetzt die Seiten wechseln? Warum?</p><p>�Das geht nicht�, wiederholte Volodi. �Der Unsterbliche wird das nicht akzeptieren.�</p><p>�Ich denke, er befindet sich in einer Lage, in der er jeden erfahrenen Krieger mit Freuden in seinem Heer aufnehmen wird.�</p><p>Das lie� sich nicht von der Hand weisen. Volodi vermochte den Blick nicht von den schattenhaften Gestalten abwenden. Vielleicht w�rden sie helfen, die Moral ihrer Bauernarmee zu heben? Muwatta verf�gte �ber viele kampferfahrene Einheiten, von denen manche wahrlich ungew�hnlich waren. Aber nun h�tten auch sie Krieger, die ihresgleichen suchten. Allerdings wollte er das nicht alleine verantworten. Wenn Kolja ein krummes Ding drehte, sollte er gef�lligst auch seinen Kopf daf�r hinhalten. �Gut, ich akzeptiere deinen Vorschlag, allerdings unter einer Bedingung. Und ich warne dich, die ist nicht verhandelbar.�</p><p>Koljas vernarbtes Gesicht erstrahlte in furchteinfl��endem L�cheln. �Es ist immer eine Freude zu erleben, dass die Vernunft siegt. Dann lass mal h�ren. Was ist diese Bedingung?�</p><p>�Du kommst mit. Und du bist es, der Aaron erkl�ren wird, wie wir an diese Krieger gekommen sind.�</p><p>Das L�cheln war wie weggewischt. �Ich kann hier nicht fort. Ich bin der Kopf von allem. Hier bricht alles zusammen, wenn ��</p><p>�Das ist ein Grund, warum du mit mir kommen sollst�, entgegnete Volodi k�hl. �Wenn hier alles allein auf dich zugeschnitten ist, sind wir zu verwundbar. Wir werden viel st�rker sein, wenn es mehr als einen Mann gibt, der unser kleines Imperium der Freuden f�hren kann. Wir werden immer Feinde haben, denn hier l�sst sich viel Gold machen. Und unsere Feinde werden irgendwann wissen, dass hier alles mit dir steht und f�llt. Eine solche Schw�che kann ich im Interesse unserer Kameraden nicht dulden. Erinnerst du dich, was du mir gesagt hast? Dies hier soll das Paradies jener ausgedienten Krieger werden, die keiner mehr braucht und die in der Gosse verrecken w�rden, wenn wir nicht mit unser aller Gold diesen Ort erschaffen, an den sie kommen k�nnen. Du gehst mit mir, Kolja! Das ist mein letztes Wort. Du suchst deinen besten Mann aus und �bertr�gst ihm deine Gesch�fte. In einer Stunde brechen wir auf.�</p></section><section><title><p>Wasser</p></title><p>Kolja sah sich in dem gro�en Zimmer um, das er zu seinem Audienzsaal gemacht hatte. Selbst auf den Sitzb�nken an den W�nden lagen kostbare Felle. Alles hier war aus Gold und Silber gefertigt oder dem seltenen, schwarzen Holz, das aus den Dschungeln s�dlich der Glasw�ste kam. Nangog hatte ihn einen Arm gekostet, aber es hatte ihn auch reich gemacht. Aber nichts davon w�rde er mitnehmen k�nnen. All das war in einer einzigen Nacht wieder verloren gegangen. So war es ihm schon immer in seinem Leben ergangen. Mal lebte er einige Monde in Pal�sten und war der Bettgef�hrte einer intriganten Satrapenwitwe oder eines gelangweilten Kaufmannsweibs, das sich mit ihm die Zeit vers��te, solange ihr geh�rnter Gatte in irgendeiner Provinz am Ende der Welt seinen Reichtum mehrte. Und dann landete er �ber Nacht wieder in der Gosse.</p><p>Kolja nahm einen Schluck Wein. Er hatte einen ekelhaften Geschmack im Mund, ganz so, als habe er brackiges Wasser getrunken. Wieder lie� er den Blick �ber all seine Sch�tze wandern. Die G�tter liebten es, mit ihm zu scherzen! Er h�tte sich nicht tr�umen lassen, in dieser Nacht alles zu verlieren. Jetzt ging es also wieder steil bergab. Er lachte bitter. Mit Volodi brauchte er nicht zu verhandeln. Er kannte diesen goldhaarigen Mistkerl gut genug, um zu wissen, dass er nicht davon abzubringen w�re, ihn mit auf die g�tterverfluchte Hochebene von Kush zu nehmen. Ihm war auch klar, dass Volodis Argumente mit dem Schutz ihrer Interessen nur vorgeschoben waren. Das F�rstens�hnchen wollte nicht, dass er, Kolja, hier zu m�chtig wurde. Wie man dieses Spiel spielte, hatte Volodi sicher schon mit der Muttermilch aufgesogen. Einzig und allein deshalb musste er nun all das hier aufgeben.</p><p>Kolja nahm noch einen tiefen Schluck Wein. Es war m��ig, mit dem Schicksal zu hadern. Wenigstens gab es diesmal einen Ort, an den er zur�ckkehren konnte. Kush und Muwatta w�rden ihn nicht umbringen, da war er sich ganz sicher. Wahrscheinlich w�rde er ein paar neue Narben abbekommen, aber daran war er gew�hnt. Er war schwer umzubringen. Das war das Einzige, worauf er sich in seinem Leben wirklich verlassen konnte. Alles andere �nderte sich unentwegt, egal wie sehr er sich anstrengte, es zu bewahren.</p><p>Kolja hatte nicht viel zu packen. Er nahm den neuen Bronzepanzer, der eigens f�r ihn gefertigt worden war, und sein Eisenschwert. Dazu noch einen Lederschlauch mit dem Roten, den er hier so sehr zu sch�tzen gelernt hatte. Vielleicht war es nicht ganz schlecht, wenn er f�r ein paar Monde nach Kush ging. Das gute Leben hier hatte ihn weich gemacht. Zu viele Weiber, zu viel Wein und kein Kampf, der eine Herausforderung gewesen w�re. Sich mit Luden herumzuschlagen war nicht seine Sache. Er betrachtete die lederne Prothese an seinem linken Arm. Ein Messerstich hatte eine Schramme darauf hinterlassen. Kolja grinste. Seine erste Narbe, die nicht schmerzte. Mehr hatte er im Kampf auf der Stra�e nicht abbekommen. Ziemlich ungew�hnlich f�r ihn.</p><p>Kolja h�rte Schritte auf der Treppe. Er legte seinen Brustpanzer aufs Bett. Wenn man unter Gesindel lebte, war es besser, seine H�nde frei zu behalten, wenn Besuch kam. Seine Hand, verbesserte er sich in Gedanken. Manchmal juckte sie, obwohl sie gar nicht mehr da war. Noch so ein Scherz, den die G�tter mit ihm trieben.</p><p>Eurylochos trat ein. Irgendwann hatte einmal jemand versucht, dem ehemaligen Steuermann das Gesicht durchzuschneiden. Eine eindrucksvolle Narbe verlief quer �ber dessen Stirn und reichte hinab bis auf die linke Wange. Kolja mochte M�nner mit Narben, auch wenn Eurylochos, verglichen mit ihm, immer noch verdammt gut aussehend war. Der Steuermann hielt seine H�nde so, dass Kolja sie gut sehen konnte. Er wusste, dass er einem misstrauischen Mann gegen�berstand, und er stellte nur sehr wenige Fragen. Mit ihm konnte man etwas anfangen.</p><p>�Ich m�chte, dass du unsere Gesch�fte hier auf Kurs h�ltst, solange ich in Kush bin, um mich f�r Aaron zu schlagen. Wirst du das hinbekommen?�</p><p>Eurylochos beobachtete ihn mit wachen, grauen Augen. Sollte er von dem Angebot �berrascht gewesen sein, so hatte er sich nichts anmerken lassen.</p><p>�Als Erstes musst du dich um unsere G�ste im Keller k�mmern�, sagte Kolja nach einer Weile. �Ich habe Volodi versprochen, dass ich nicht Hand an sie legen werde. Und weil er nicht dumm ist, hat er mich ein wenig sp�ter versprechen lassen, dass keiner von uns Hand an sie legen wird.�</p><p>Eurylochos l�chelte. �Wollen die Zapote die anderen nicht auch haben?�</p><p>�So leicht wird es leider nicht. Die haben nur Interesse an Blonden. Aber komm mal mit ans Fenster. Die L�sung liegt ganz nahe.�</p><p>Der Steuermann hob verwundert die Brauen. Einen Herzschlag lang z�gerte er, als habe er Angst, mit ihm am Fenster zu stehen. Wahrscheinlich hatte er irgendeine kleine Betr�gerei laufen und f�rchtete, dass er ihm auf die Schliche gekommen war. Unter anderen Umst�nden h�tte Kolja ihn vielleicht wirklich auf Verdacht aus dem Fenster gesto�en. Aber jetzt war Eurylochos der beste Mann, den er hier hatte. Er w�rde gro�z�gig mit ihm sein, bis er aus Kush zur�ckkam.</p><p>�Was macht man bei dir zu Hause, wenn man ein Loch voller Ratten findet?�</p><p>�Ausgraben�, entgegnete der Steuermann beklommen und trat an seine Seite.</p><p>�Wir ers�ufen sie.� Kolja deutete die Stra�e hinauf. �Siehst du dort oben das Wasserreservoir? Ich finde, die Mauer sieht verdammt br�chig aus. K�nnte sein, dass die einfach so in sich zusammenbricht. Was meinst du?�</p><p>�K�nnte sein.�</p><p>�Und dann w�rde das Wasser wie ein Sturzbach die Stra�e hinabschie�en, und uns w�rde bis unter die Decke der Keller volllaufen.�</p><p>Eurylochos nickte z�gernd. �Ja, das w�rde wohl passieren.�</p><p>�Man muss immer darauf achten, dass man nichts Wertvolles im Keller hat. Wenn man vorbereitet ist, kann man von solchen kleinen Ungl�cken manchmal sogar einen Nutzen haben. Meistens sind dann alle Ratten ersoffen.�</p><p>�Die Mauer des Reservoirs sieht wirklich sehr br�chig aus.�</p><p>Kolja l�chelte. �Es ist immer sch�n, wenn man sich versteht. Du wirst dich hier um alles k�mmern, solange ich fort bin. H�r dich nach Leon um. Mir ist ein R�tsel, wie es dieser trurische Drecksack geschafft hat zu entkommen. Lass ihn suchen und umbringen. Vor Truriern hat man erst Ruhe, wenn man sie begraben hat. Vorher begreifen die einfach nicht, dass sie verloren haben.�</p><p>�Ich bin mir sicher, dass ich ihn finden werde.�</p><p>Kolja lie� seinen Blick ein letztes Mal durch das pr�chtige Zimmer schweifen. So kurz hatte all das gew�hrt. �Du kannst das hier haben. Ich richte mich neu ein, wenn ich zur�ckkehre.� Kolja nahm seinen Bronzek�rass vom Bett. Jetzt, wo er nichts mehr besa�, f�hlte er sich erleichtert.</p><p>�Hilfst du mir, meine R�stung anzulegen?�</p><p>Eurylochos wirkte eher misstrauisch als erfreut. Er trat an seine Seite und zurrte die Lederb�nder an den Seiten der R�stung fest.</p><p>�So schnell kann man ein reicher Mann werden, wenn man mit mir zieht. Und ich sage dir, es gibt viel mehr Gold f�r uns in Nangog. Wenn ich zur�ckkehre, werde ich dir zeigen, wo man danach suchen muss.� Kolja schlang den Schwertgurt um seine H�ften. Er konnte Eurylochos ansehen, wie es hinter seiner Stirn arbeitete. Gier war ein �beraus erfreulicher Charakterzug, dachte der Drusnier zufrieden. Sie machte M�nner berechenbar. Jetzt war er sich sicher, dass der Steuermann ihr Gesch�ft gut f�hren w�rde und er nicht mit unangenehmen �berraschungen rechnen musste, wenn er aus Kush zur�ckkehrte.</p></section><section><title><p>Von Maulw�rfen</p></title><p>Nandalee wurde es immer noch leicht schwindelig. Drei Tage lang hatte sie geruht und doch nur wenige Stunden Schlaf gefunden. Es war falsch, hier zu sein! Das Versprechen, das sie Duadan gegeben hatte, ging ihr nicht aus dem Sinn. Sie musste zum K�nigsstein, um die Letzten ihrer Sippe zu retten. In einem Bett zu liegen und darauf zu warten, dass ihre Kr�fte zur�ckkehrten, das war nicht sie! Sie musste hinaus. Musste zu Ende bringen, was sie an jenem Tag begonnen hatte, an dem sie auf den Troll geschossen hatte, der ihre Jagdbeute gestohlen hatte.</p><p>Nerv�s blickte sie zu der dunklen T�r. Drei Meister der Wei�en Halle w�rden sie in der Kammer, die hinter der T�r lag, empfangen und �ber ihre Bitte entscheiden. Sie wusste, dass die Trolle die gefangenen Elfen nicht freiwillig herausgeben w�rden. Und allein w�rde sie es nicht schaffen, die letzten �berlebenden zu befreien. M�glichst unauff�llig in die H�hlen der Trolle einzudringen und mit dem geringstm�glichen Waffeneinsatz die Gefangenen zu befreien war eine Mission f�r Drachenelfen.</p><p>�Du kannst dich auch setzen�, sagte Gonvalon freundlich. �Stehen musst du erst, wenn du vor die Meister berufen wirst.�</p><p>�Ich kann nicht.� Sie war viel zu nerv�s, um still zu sitzen. W�re sie besser bei Kr�ften, w�rde sie jetzt den wei� get�nchten Gang auf und ab marschieren.</p><p>Gonvalon stand auf und nahm ihre Hand. Sie war ihm dankbar, dass er nichts sagte. Obwohl sie nur so wenig Zeit miteinander gehabt hatten, kannte er sie besser als jeder andere. Zumindest seit Duadan tot war, dachte sie bitter. Selbst die m�chtigen Himmelsschlangen konnten nicht in ihren Gedanken lesen. Aber Gonvalon musste sie nur ansehen und wusste, was in ihr vorging. Wusste, wann sein Schweigen besser half als alle Worte.</p><p>Sie dr�ckte seine Hand. Sie war warm und schwielig. Eine starke Hand, die alles f�r sie tun w�rde. Sie dachte daran, wie er sich dem Goldenen entgegengestellt hatte. Nichts als den Tod hatte er in diesem Augenblick erwarten k�nnen. Er hatte seine Liebe zu ihr �ber seine Loyalit�t zu den Himmelsschlangen gestellt und war um ihretwillen zum Ausgesto�enen geworden. Noch wurde er in der Wei�en Halle geduldet, aber alle Drachenelfen hatten gesehen, dass er seine T�towierung verloren hatte, die Siegel des Bundes zwischen ihm und dem Goldenen gewesen war. Und nun, da sie die Loyalit�ten der Drachenelfen herausforderte, war er erneut an ihrer Seite. Sie lehnte sich an ihn, erlaubte sich einen Augenblick der Schw�che. Mit ihm an ihrer Seite w�rde sie die ganze Welt herausfordern, dachte sie.</p><p>Die T�r �ffnete sich, und Lyvianne trat aus der Kammer hinaus auf den Flur. Sie trug ihr Haar straff zur�ckgebunden und wirkte unnahbarer denn je. �Wir sind nun bereit, dich anzuh�ren�, sagte sie und deutete mit einer Geste vollkommener Eleganz auf die offene T�r.</p><p>Nandalee dr�ckte noch einmal Gonvalons Hand. Dorthin w�rde er sie nicht begleiten. Sie musste f�r sich allein einstehen. Doch obwohl ihr Ansinnen � in ihren Augen � uneigenn�tzig war und von edler Gesinnung zeugte, f�hlte sie sich, als w�rde sie vor ein Tribunal gebeten.</p><p>Lyvianne schloss hinter ihr die T�r und nahm an dem rotbraunen Tisch Platz, an dem die beiden anderen Meister, die sie anh�ren sollten, bereits sa�en. Es waren die zierliche Ailyn, die fast von den Trollen get�tet worden w�re, als sie gemeinsam mit Gonvalon gekommen war, um sie unter die Novizen der Drachenelfen zu erw�hlen, und der bleiche Dylan, der aussah, als sei er allein aus Licht und Nebel erschaffen. Seine Augen mit der eigent�mlichen, silberfarbenen Iris schienen sie zu durchdringen.</p><p>�Nandalee, schildere uns, was dein Begehr ist�, er�ffnete Dylan f�rmlich das Gespr�ch.</p><p>Nandalee erz�hlte davon, wie sie Duadan in der Tiefen Stadt als Gefangenen der Zwerge vorgefunden hatte, mied es dabei aber zu erw�hnen, unter welchen Umst�nden sie dorthin gelangt war. Sie erz�hlte von ihrer Kindheit, davon, wie Duadan ihr Mentor und Besch�tzer gewesen war und wie gnadenlos das Leben in der Eisw�ste Carandamon war. Sie wollte, dass den Meistern klar war, dass eine Sippe nur �berleben konnte, weil jeder bedingungslos f�r jeden einstand. Hoffentlich w�rden sie begreifen, dass das Schicksal eines jeden Einzelnen untrennbar mit dem aller anderen verbunden war. Sie erz�hlte von langen Jagden und der Bedrohung durch die Trolle � und dann kam sie zu dem Teil, von dem zu sprechen ihr am schwersten fiel. Zu ihrer Schuld.</p><p>Sie berichtete davon, wie sie den wei�en Sechzehnender aufgesp�rt hatte und ihm tagelang gefolgt war. Wie der Troll das stolze Tier mit seiner Keule zermalmte und sie auf den Frevler geschossen hatte. Eigentlich vermochte ein einzelner Pfeil einen Troll nicht zu t�ten. Schon gar nicht, wenn er quer �ber eine weite Lichtung geschossen wurde. Doch sie hatte ihn ins Auge getroffen. Er war auf der Stelle tot gewesen. Sie erz�hlte, wie die Trolle sie gehetzt hatten, denn es war der �lteste Sohn ihres K�nigs gewesen, den sie get�tet hatte. Als sie dem Tode nahe gewesen war und alle Spuren getilgt hatte, die R�ckschl�sse darauf zulie�en, zu welcher Sippe sie geh�rte, hatten Gonvalon und Ailyn sie gerettet.</p><p>An dieser Stelle unterbrach Nandalee ihren Bericht und blickte die zierliche Elfe an, die in der Mitte der drei sa�. Doch statt etwas zu sagen, gab die Waffenmeisterin ihr nur ein Zeichen fortzufahren. Nandalee senkte den Blick. Sie vermochte nicht von ihrer Schuld zu sprechen und die Meister dabei anzusehen.</p><p>�Ich wei� nicht, ob ich einen Pfeil verloren habe oder mein Bogen im Feuer nicht verbrannte. Etwas muss jedoch geblieben sein, das das Bild des Hirsches trug. Er ist das Totem meiner Sippe, der Windg�nger. Er n�hrt uns und ist unser Vorbild in Stolz und Erhabenheit. Es war meine Tat, die die Trolle zu den Windg�ngern f�hrte.�</p><p>Sie erz�hlte, wie es misslungen war, Duadan und Fenella zu retten.</p><p>�Doch noch leben einige der Meinen. Gefangen im K�nigsstein. Ohne jede Hoffnung. Sie zu retten ist mein Anliegen. Und um dies zu tun, erbitte ich eure Hilfe.�</p><p>Es kostete Nandalee �berwindung, nun aufzusehen und sich den Blicken der drei zu stellen.</p><p>�H�re ich aus deinen Worten eine Anklage heraus, Nandalee?�, fragte Dylan mit dunkler, wohlklingender Stimme. �Wie du sehr wohl wei�t, war ich es, der die Wei�en Schlangen rief und den Angriff durch die Fl�sse im Fels f�hrte.�</p><p>�Es geht mir nicht darum, Anklage zu erheben�, entgegnete sie hastig und erschrocken, dass sie so sehr missverstanden worden war. �Wisst ihr, was die Trolle mit den Gefangenen tun werden?�</p><p>�Sie werden sie fressen.� Nun sprach Lyvianne. �Nur Teile von ihnen. Von den Tapferen begehren sie das Herz, von den Klugen das Hirn. Ein schneller L�ufer wird seiner Schenkel beraubt werden. Es ist ein Ritual. Und soweit ich geh�rt habe, k�nnen die Opfer dabei zusehen, wenn ihnen nicht Wunden beigebracht werden, die t�dlich sind.�</p><p>Die kalte, sachliche Art, in der Lyvianne dies schilderte, trieb Nandalee Zornesr�te ins Gesicht. �Du sprichst von Elfen, die dieses Schicksal erwartet. Von meiner Sippe. Von Gef�hrten, mit denen ich den gr��ten Teil meines Lebens verbrachte.�</p><p>�Gef�hrten?� Lyvianne sah sie herausfordernd an. �Du hast keine Sippe mehr, Nandalee. Als du in die Wei�e Halle kamst, um eine von uns zu werden, hast du jegliche Bande durchtrennt. Du willst unsere Leben riskieren, um jene zu retten, die du l�ngst hinter dir gelassen haben solltest.�</p><p>�Aber stehen wir denn nicht f�r Gerechtigkeit? Sind wir nicht die Hoffnung der Schwachen und der Schrecken all jener, die ihre Macht willk�rlich aus�ben?�, entgegnete Nandalee aufgebracht. �Welchen Wert haben unsere Taten, wenn wir jegliches Mitgef�hl aufgeben?�</p><p>�Du wirst unsachlich, Nandalee�, ermahnte Ailyn sie. �Wenn ich deine Geschichte nicht falsch deute, so haben die Trolle sehr wohl Anlass, deiner Sippe zu z�rnen. Was sie tun, geschieht, um den Tod ihres Thronfolgers zu r�chen. Nicht Willk�r regiert ihre Taten. Damit erheben sie sich �ber dich, Nandalee. Du warst es, die willk�rlich mordete, als dir ein Troll bei der Jagd zuvorkam.�</p><p>�Dann bringt mich zu ihnen und tauscht mich gegen die Gefangenen aus.�</p><p>Lyvianne sah sie mit ihren unergr�ndlichen gr�nen Augen an. Erwog sie den Austausch?</p><p>�Du geh�rst nun zu uns�, sagte Ailyn. �Wir werden dich nicht preisgeben. Wir werden aber auch nicht zu Handlangern in einer Fehde, die mit uns nichts zu tun hat.�</p><p>�Sie werden unseresgleichen t�ten�, beharrte Nandalee verzweifelt. �Was k�nnte mehr mit uns zu tun haben? Wir k�nnen sie retten. Wir haben die Macht dazu!�</p><p>�Du verkennst, was wir sind, Nandalee. Die Schwerter der Himmelsschlangen.� Dylan verschr�nkte die H�nde ineinander und sah zu ihr auf. �Ein Schwert muss gezogen werden, es f�hrt nicht von allein aus der Scheide. Und weil es so ist, sind wir keine M�rder. Auch wenn es unter den Novizen einige geben mag, denen es schwerf�llt, das zu akzeptieren. Was immer wir tun, es geschieht ohne Hass. Wir f�hren Befehle aus. Nicht wir entscheiden �ber Leben und Tod. Wir vollstrecken. Damit sind wir lediglich Instrumente der Macht, der wir uns unterworfen haben.�</p><p>Nandalee sah voller Verachtung auf ihn herab. Er sah so edel aus. So unnahbar. Fast schon dieser Welt entr�ckt. Und doch war all dies nur Blendwerk. �So beruhigst du dein Gewissen, Meister Dylan? L�sst dich das die toten Kinder der Tiefen Stadt vergessen?�</p><p>�Wir sind nur die Schwerter der Himmelsschlangen. Uns steht es nicht zu zu urteilen. Wir k�nnen die Gerechtigkeit der Alben und ihrer Statthalter nicht ermessen. Oder ma�t du dir an, ihnen gleich zu sein, Nandalee?�</p><p>�Ich bin nur eine Novizin, Meister. Und doch bin ich so viel mehr als ein kaltes St�ck Stahl. Ich werde nie wieder tun, wof�r ich nicht selbst einstehen kann. Ich will nicht lernen, ein Gesch�pf ohne eigene Werte zu werden. Ist es das, was die Wei�e Halle aus uns Elfen machen will? Gewissenlose Kreaturen?�</p><p>Dylan bedachte sie mit einem schmallippigen L�cheln. �Was wir wollen, ist, uns �ber unseren beschr�nkten Horizont zu erheben. Und dazu musst du zuallererst lernen, dein selbsts�chtiges Bild von der Welt abzulegen. Glaubst du, das Ma� aller Dinge zu sein, Nandalee?�</p><p>�Es gibt Werte, die nicht zur Diskussion stehen�, entgegnete sie aufgebracht.</p><p>�Warum? Wer stellt diese Werte auf? Dein Gewissen? Und wenn es so ist, wer formte dein Gewissen? Wem vertraust du mehr als den Statthaltern der Alben? Wer ist es, der dir die Arroganz gab, entscheiden zu k�nnen, was gut und was b�se ist?�</p><p>�Ist es nicht unsere Aufgabe, jede unserer Taten zu hinterfragen und einen Weg zu suchen, der aus der Dunkelheit ins Licht f�hrt?�</p><p>�Gro�e Worte, Nandalee. Du erinnerst mich an einen Maulwurf, der in mondloser Nacht zum ersten Mal dem Dunkel der Erde entkommt, einige Sterne am Himmel sieht und behauptet, er habe eine lichtdurchflutete Welt gefunden.�</p><p>�Lieber bin ich dieser Maulwurf, der wenigstens einen Funken sah, Meister Dylan, als ein Maulwurf, der ein Leben lang im Finsteren verharrt und Tunneln folgt, die andere gegraben haben.�</p><p>�Meine Liebe, diesen Disput werden wir ein anderes Mal weiterf�hren. Kommen wir zum eigentlichen Thema zur�ck. Wir Drachenelfen stehen nicht zur Verf�gung, um Fehden auszutragen, die zwischen den Kindern Albenmarks bestehen. Wir stehen �ber solchen Dingen. Wer ohne Befehl der Himmelsschlangen sein Schwert zieht, Nandalee, der geh�rt nicht l�nger zu unserer Gemeinschaft. Solltest du dich also entscheiden, zum K�nigstein zu gehen, bist du hier nicht mehr willkommen.�</p><p>Sie wollte etwas erwidern, doch Lyvianne gebot ihr mit einer Geste zu schweigen. �Urteile nicht vorschnell. W�ge die Worte Dylans ab. Ziehe in Erw�gung, dass darin mehr Weisheit liegen k�nnte, als du mit deinem aufgew�hlten Herzen in diesem Augenblick zu erfassen vermagst. Du darfst nun gehen. Es ist alles gesagt, was zu sagen war.�</p><p>Sie ma� die drei mit Blicken und wusste nicht, ob sie Verachtung oder Mitleid f�r sie empfinden sollte. Schlie�lich verbeugte sie sich formvollendet, ging zur T�r und verlie� das Zimmer.</p><p>Gonvalon erhob sich, kaum dass sie auf den Flur hinaustrat. �Wie ist es gelaufen?�</p><p>Sie atmete schwer aus, bem�ht, ihrem �rger nicht freien Lauf zu lassen. �Ich wei� nun, dass ich eine andere Sorte Maulwurf bin als Meister Dylan.�</p></section><section><title><p>Der Mann in der Truhe</p></title><p>Eurylochos lauschte auf den Klang der H�mmer und Hacken. Selbst durch das verschlossene Fenster am Ende des Flurs war der L�rm deutlich zu h�ren. Seine Henker legten sich ins Zeug.</p><p>Er �ffnete die rote T�r, hinter der sein Zimmer lag. Vor ein paar Stunden noch hatte er es gro�artig gefunden. Jetzt kam es ihm nur l�cherlich klein vor.</p><p>Der Steuermann trat ans Fenster und schloss die L�den. Seine Kammer lag im Erdgeschoss. Von hier aus konnte er das Wasserreservoir nicht sehen. Sein Blick war durch eine Mauer aus Trockenziegeln versperrt, von der der Putz abbr�ckelte.</p><p>All das war nun Vergangenheit! Kolja war fort. Vorher noch hatte er den M�nnern eine pathetische Rede gehalten, dass er in Kush k�mpfen m�sse, um ihr kleines Imperium aus Freudenh�usern zu verteidigen, und er im Herbst zur�ckkehren w�rde. Dann hatte er erkl�rt, dass bis zu diesem Zeitpunkt er, Eurylochos, das Kommando f�hren w�rde. Der Steuermann konnte sein Gl�ck immer noch nicht fassen. Aber er war sich bewusst, dass er noch in dieser Stunde etwas zu tun hatte, um es zu festigen.</p><p>Er entz�ndete eine �llampe, setzte sich auf sein Bett und lauschte. Selbst durch die W�nde war der L�rm der Hacken zu h�ren. Eurylochos schloss die Augen. Sein Atem ging ruhig. Irgendwo im Zimmer summte eine Biene. Dann herrschte Stille. Nichts wies auf sein Geheimnis hin.</p><p>Er blickte auf die gro�e Holztruhe neben dem Fenster. Sie war mit einem breiten Riegel verschlossen. Die Kanten waren mit verschrammten Bronzebeschl�gen eingefasst. Viele Jahre lang begleitete sie ihn schon.</p><p>Er kniete davor nieder, zog seinen Dolch und legte ihn neben der Truhe auf den Boden, dann schob er den Riegel zur�ck. Zwei schwarze Augen starrten ihn, ohne zu blinzeln, an. In der Truhe lag ein beleibter Mann mit sch�tterem Haar und einem B�rtchen �ber der Oberlippe. Stoppeln wucherten auf seinen Wangen. Schwei�perlen standen auf seiner Stirn. Um den linken Arm war ein blutdurchtr�nktes Tuch gewickelt. Seine himmelblaue Tunika war �ber der Brust zerschnitten. Die Haut darunter war wei� wie ein Fischbauch.</p><p>�Du kommst sp�t�, murrte Leon in einem Tonfall, als habe er hier etwas zu sagen.</p><p>Eurylochos griff nach dem Dolch neben der Truhe. Er hatte den Kerl nie gemocht. Dass er ihn am Ende der K�mpfe heimlich hierhergebracht hatte, lag einzig und allein daran, dass er sich von Leon ein f�rstliches L�segeld erhofft hatte. Und tats�chlich hatte der Trurier ihm versprochen, er w�rde die Truhe, in der er lag, mit Silber f�llen.</p><p>�Ich glaube, unsere Gesch�ftsvereinbarung hat sich � �berlebt.�</p><p>Leon wollte sich aufrichten, doch Eurylochos packte ihn bei der Kehle und dr�ckte ihn in die Truhe zur�ck. Er hob seinen Dolch, bereit zuzusto�en.</p><p>�Ich habe mehr Silber ��, keuchte Leon. Er warf den Kopf hin und her und versuchte sich dem W�rgegriff zu entwinden.</p><p>�Ich ben�tige dein Silber nicht mehr.� Er lie� den Dolch sinken, bis dessen Spitze wenig mehr als zwei Zoll �ber Leons linkem Auge schwebte. �Da ich in aufger�umter Stimmung bin, gebe ich dir Gelegenheit, dich mit einem letzten Wort zu verabschieden. Ein Wort nur! Erringst du damit mein Interesse, magst du ein wenig l�nger leben.�</p><p>Der Trurier h�rte auf, gegen den W�rgegriff anzuk�mpfen. Er starrte ihn an. Der Blick st�rte Eurylochos. Er wollte, dass es vor�ber war. Nun sah er ganz klar, was f�r eine �beraus einf�ltige Idee es gewesen war, den Trurier leben zu lassen. Leon w�rde nichts als �rger machen.</p><p>Eurylochos lie� den Dolch langsam tiefer sinken. Mut hatte Leon. Er starrte, ohne zu blinzeln. Erst als die Spitze des Dolches seinen Augapfel ber�hrte, flatterten seine Lider. �Eisenzunge�, sagte er.</p><p>�Was interessiert mich ein toter Pirat?� Der Steuermann verst�rkte den Druck. Das Auge wurde in die Augenh�hle gepresst. Er zog die Klinge ein wenig zur Seite, ohne mit dem Druck nachzulassen. Leon stie� ein scharfes Zischen aus. Blut f�llte das Wei� des Augapfels.</p><p>�Er lebt. Tarkon ist nicht tot. Ich habe einen Mann getroffen, der ihm begegnet ist. Tarkon ist ein Unsterblicher geworden. Er wird der k�nftige Herrscher Nangogs sein, und wer nicht mit ihm geht, den wird er von dieser Welt hinfortfegen, wie der Herbstwind welke Bl�tter vor sich hertreibt.�</p><p>Eurylochos schob die Spitze des Dolches in den Augenwinkel und versuchte mit ihr unter den Augapfel zu gelangen, um ihn aus der H�hle zu dr�cken.</p><p>Leon st�hnte auf. Seine H�nde krallten sich um die Truhenr�nder. �Bitte � Du musst �.�</p><p>�Was sollte ich von einem Mann wollen, den ich sterben gesehen habe? Du musst mich f�r sehr einf�ltig halten, Trurier.�</p><p>�Und wenn ich nicht l�ge?� Die Stimme war vor Schmerz zu einem heiseren Zischen geworden. �Ich bringe dich zu einem Mann, der das Geheimnis entdeckt hat, von den Toten wiederzukehren. Ich wei�, dass K�nig Geisterschwert ihn erschlagen hat. Aber ich vertraue auch dem Mann, der ihm begegnet ist. Tarkon Eisenzunge lebt. Er ist zum Unsterblichen von Nangog aufgestiegen. Ganz ohne einen Devanthar. Ich glaube denen, die sagen, dass er einst der Herrscher dieser Welt sein wird.�</p><p>Eurylochos zog den Dolch zur�ck und wischte die Klinge an der Tunika des Truriers sauber. �Und du kennst Tarkon und bist einer seiner Freunde?�</p><p>Leon nickte. Ein wenig zu hastig. Eurylochos glaubte ihm nicht. Er betrachtete das zerst�rte Auge des Truriers. Es w�rde nicht mehr heilen. Leon w�rde es herausnehmen lassen m�ssen. Der Zuh�lter w�rde sich jeden Augenblick in seinem Leben daran erinnern, wie er ihn gefoltert hatte.</p><p>�Wie kommt es, dass du Verbindungen zu diesem Rebellen hast?�</p><p>Der Trurier rang sich trotz der Schmerzen, die ihm sein Auge bereiten musste, ein L�cheln ab. �Ich habe, was er braucht. Ihr seid nicht als Einziger auf die Idee gekommen, Sklavinnen hierherzubringen. Tarkon kauft Weiber und Waffen aus Eisen. Er bezahlt mit Klumpen aus gediegenem Gold. Sehr gro�z�gig. Die Hurenh�user sind nur ein kleiner Teil meines Gesch�ftes. Lass uns zusammen reich werden.�</p><p>Eurylochos betrachtete nachdenklich die Spitze seines Dolches. Vielleicht h�tte er nicht so vorschnell sein sollen. �Er belohnt seine M�nner also mit Weibern ��</p><p>�Nicht nur das. Er hat ganz andere Pl�ne. Die Frauen bekommen Kinder. Er z�chtet sich sein eigenes Volk.�</p><p>Noch so eine L�ge, dachte Eurylochos �rgerlich. Wenn ein Weib auf Nangog ein Kind empfing, grenzte das an ein Wunder. Frauen und M�nner wurden hier unfruchtbar. Leon hatte keinen Wert f�r ihn. Durch die Folter hatte er ihn sich f�r immer zum unvers�hnlichen Feind gemacht. Sollte er tats�chlich Verbindungen zu Tarkon haben und sollte der Himmelspirat noch leben, w�rde ihm daraus nur �rger erwachsen.</p><p>Eurylochos rammte seinen Dolch mit aller Kraft in das gesunde Auge Leons. Mit einem Knacken durchdrang es den d�nnen Knochen hinter dem Augapfel und drang tief in den Sch�del des Zuh�lters. �Du hast deine N�tzlichkeit �berlebt.� Er s�uberte die Klinge ein zweites Mal und lauschte. Drau�en war der L�rm der Hacken verstummt. Das Reservoir war also aufgebrochen.</p><p>Der Widerstand war gebrochen. Die Hurenh�user der Goldenen Stadt geh�rten ihm. Er w�rde reicher werden, als er sich das je ertr�umt hatte. Und das war erst der Anfang. Sollte Tarkon tats�chlich noch leben, w�rden sich seine M�nner bei ihm melden, sobald er neue M�dchen brauchte.</p><p>�beraus zufrieden klappte Eurylochos den Deckel seiner alten Truhe zu. Er w�rde sie zum Stadtpalast Leons bringen lassen, damit am Ende nicht auch �ber den Zuh�lter Geschichten verbreitet wurden, dass er von den Toten zur�ckgekehrt war.</p></section><section><title><p>Der Tr�pfler</p></title><p>Nyr schob den Dolch zu ihm her�ber. Hornbori sch�ttelte den Kopf. �Ich kann nicht schon wieder.� Das Kind, das die Elfe ihnen gebracht hatte, quengelte.</p><p>�Du bist an der Reihe�, zischte Galar gereizt. �Du wei�t, er wird nicht aufh�ren, bevor er getrunken hat. Er hat Hunger.�</p><p>�Ich auch!�, zischte Hornbori nicht weniger gereizt zur�ck. �Der kleine Hosenschei�er wird uns alle umbringen. Wir k�nnen so nicht weitermachen.�</p><p>�Du bist dran.� Galar hob den Dolch auf und trat vor ihn. �Lamentier nicht. Worte helfen dir jetzt nicht. Soll ich dir vielleicht helfen?�</p><p>Hornbori nahm den Dolch, setzte die Klinge auf seinen linken Daumen, der voller verkrusteter Schnitte war, und dr�ckte zu. Sein Blut floss weit weniger stark als bei den ersten Schnitten. Nyr reichte ihm den Jungen, und er steckte dem Kleinen den Daumen in den Mund. Sofort begann das Kind heftig daran zu saugen.</p><p>�Es ist nicht gut, Kinder auf diese Art zu ern�hren.�</p><p>�Ist mit deinem Blut was nicht in Ordnung?�, fragte Nyr besorgt.</p><p>�Kinder sollten Milch trinken, verdammt!�</p><p>�Dann mach mal einen Vorschlag, wo wir Milch herbekommen, du Pfeife.� Galar stand noch immer unmittelbar vor ihm. Der Schmied hatte Lust, sich zu pr�geln, aber den Gefallen w�rde er ihm nicht tun.</p><p>�Nyr k�nnte es noch mal mit dem K�se versuchen.�</p><p>�Auf keinen Fall!�, protestierte der Richtsch�tze. �Beim letzten Mal hat der Kleine sich fast die Seele aus dem Leib gekotzt. Dieser Koboldk�se ist nichts f�r ihn. Du isst ihn doch auch nicht.�</p><p>�Ich leg mich auch nicht an eine Brust, um Milch zu trinken. Was ich mag und was der kleine Hosenschei�er da mag, das hat nichts miteinander zu tun.� Hornboris Daumen schmerzte. Der Kleine saugte immer heftiger daran. Offenbar gen�gte ihm das Blut nicht, das herauskam.</p><p>�Gib mir etwas von meinem Anteil am Drachenblut.� Er blickte zu Galar auf. �Soll er davon trinken.�</p><p>�Drachenblut? Wir sind fast verreckt, um es zu bekommen. Es ist das Hundertfache seines Gewichtes in Gold wert. Das willst du doch nicht diesem kleinen Stinker in den Rachen sch�tten! Was, wenn er das auch auskotzt?�</p><p>�Mein Blut vertr�gt er jedenfalls�, entgegnete Hornbori. �Und was nutzt mir das Versprechen, einmal reich zu werden, wenn der Kleine mich vorher aussaugt? Wie lange wollen wir noch hier unten bleiben? Wann gehst du nach oben, um nachzusehen, ob sie fort sind, Galar?�</p><p>�Geh doch selbst, Schisser.�</p><p>�W�rde ich, wenn ich schwimmen k�nnte! Leider ersaufe ich, bevor ich die Sprossen an der Brunnenwand erreiche. Aber vielleicht ist das ja in Erw�gung zu ziehen, wenn ich mich daf�r nicht von dieser kleinen Laus hier aussaugen lassen muss.� Er zog dem Kind den Daumen aus dem Mund.</p><p>Der Kleine glotzte ihn mit seinen gro�en, blauen Augen �berrascht an und schmatzte, um deutlich zu machen, dass er noch nicht satt war. �Schluss f�r heute. Von Onkel Hornbori gibt es kein Blut mehr.�</p><p>Der Junge ignorierte das und machte Saugbewegungen mit den Lippen. Als Hornbori darauf nicht einging, begann er zu weinen.</p><p>�Du bist genauso dran wie alle anderen auch, du Mistkerl�, emp�rte sich Nyr. �Er wird bei dir trinken, bis er genug hat. Gib ihm wieder deinen Daumen, oder ich werde daf�r sorgen, dass dein Blut flie�t.�</p><p>Galar stellte sich dem Richtsch�tzen in den Weg. �Lass ihn. Soll er ihm von seinem Drachenblut geben. Und auch wenn er ein Drecksack ist, ganz unrecht hat er nicht. Wir k�nnen so nicht weitermachen. Wir haben nur Koboldk�se und Brunnenwasser. Unsere Kr�fte lassen mit jedem Tag nach. Wenn wir ihm immer weiter von unserem Blut zu trinken geben, werden wir irgendwann sterben. Und wenn wir tot sind, wie lange wird der Kleine dann noch �berleben?� Der Schmied ging zu dem gro�en Haufen an Ger�mpel, das er aus seiner H�hle hier hinab in das geheime Versteck im Brunnen geschafft hatte. Er nahm eine der Phiolen mit Drachenblut und reichte sie Hornbori. �Versuch es. Wir haben mehr als sechzig.�</p><p>�Was ist, wenn das Blut giftig ist!�, emp�rte sich Nyr.</p><p>�Wie sollte der Drache leben, wenn giftiges Blut durch seine Adern fl�sse?�, bemerkte Hornbori spitz und nahm das kleine Fl�schchen.</p><p>�Ich probiere es zuerst!� Nyr hatte eine Eisenstange gepackt und hob sie drohend �ber den Kopf. �Her mit dem Drachenblut!�</p><p>Der Kleine hatte inzwischen begonnen lauthals zu schreien. Hornbori stopfte ihm seinen unverletzten Daumen in den Mund. �Du trinkst von deinem Drachenblut. Nicht von meinem Vorrat!�</p><p>�Wenn ich dir die Eisenstange �ber den Sch�del ziehe, hast du es hinter dir. Das geht schneller, als sich f�r ein Kind aufzuopfern! Ist es das, was du erreichen willst?� Er winkte Galar mit der freien Hand. Mit der anderen hielt er weiterhin drohend die Eisenstange erhoben. �Gib mir das Fl�schchen! Ich koste von dem Blut!�</p><p>Galar gehorchte.</p><p>Nyr entkorkte das Fl�schchen und nahm hastig einen Schluck, ohne die drohend erhobene Eisenstange sinken zu lassen.</p><p>�Und, wie schmeckt es?�, fragte Galar in unverhohlener Neugier.</p><p>�Es prickelt auf der Zunge.� Nyr schluckte. �Es hat etwas Belebendes � Ist angenehm.�</p><p>�F�hlst du dich irgendwie ver�ndert?�, setzte Galar nach.</p><p>Hornbori seufzte. �Glaubst du, man wird zum Zauberweber, nur weil man Drachenblut trinkt?�</p><p>�Wissen wir es?�, fuhr der Schmied ihn an. �Wer hat je Drachenblut gekostet?�</p><p>�Dann sichern wir unserem Kleinen wom�glich eine gro�e Zukunft.� Hornbori blickte zu Nyr. �Bist du davon �berzeugt, dass ich den Jungen nicht vergiften werde, wenn ich ihm von meinem Drachenblut zu trinken gebe?�</p><p>Der Richtsch�tze lie� die Eisenstange sinken. �Ich musste es wissen�, sagte er trocken. Dann reichte er Hornbori die Phiole.</p><p>Der Kleine trank das Blut genauso gierig, wie er zuvor an Hornboris Daumen genuckelt hatte. Als die Phiole leer war, r�lpste er zufrieden.</p><p>�Wir sollten es beim n�chsten Mal anw�rmen�, meinte Nyr. �Muttermilch ist auch warm. Das kann nicht gut f�r ihn sein, kaltes Zeug zu trinken.�</p><p>�L�sst du dir demn�chst noch Br�ste wachsen?�, fragte Galar. �Hornbori hat recht. Wir k�nnen hier nicht ewig bleiben. Hat einer von euch eine Vorstellung, wie lange wir schon hier unten sind? Drei Tage? F�nf? Vielleicht sogar zehn?�</p><p>�H�ttest eine Sanduhr herunterbringen sollen.� Nyr nahm Hornbori das Kind aus den Armen und zog sich beleidigt zur�ck. Wobei zur�ckziehen in der engen H�hle bedeutete, dass er sich keine drei Schritt entfernt niederlie�.</p><p>�Wir k�nnen nicht weiter hier unten bleiben�, stellte Hornbori fest. �Hier erwartet uns der sichere Tod.�</p><p>Er sah, wie es im Gesicht des Schmiedes arbeitete. Er war oben gewesen, eine Weile, nachdem die Elfe verschwunden war. Galar hatte ihr nicht geglaubt. Er war �berzeugt, dass es nur einen �berfall auf seine Werkstatt gegeben hatte.</p><p>Als der Schmied zur�ckkehrte, war er nicht mehr derselbe gewesen. Galar war nicht lange fort gewesen. Zwei oder drei Stunden vielleicht. Das hatte ausgereicht, um ihn zu zerbrechen.</p><p>�Du wei�t nicht, wie es oben ist. Der Gestank des Todes � Es ist alles wahr. Ich habe sogar einen Tatzelwurm gesehen, der von � der � der � gefressen hat.�</p><p>�Wir haben also die Wahl, hier unten zu bleiben und ganz sicher zu sterben oder eine Flucht zu wagen und wahrscheinlich zu sterben. Und die Entscheidung liegt allein bei dir. Ich kann nicht schwimmen. Nyr auch nicht. Ohne dich kommen wir nicht einmal lebend aus dem Brunnen heraus.�</p><p>�Was macht dich pl�tzlich so mutig, Schisser?� In den Augen Galars funkelte der Zorn. �Du hast das nicht gesehen. Das Grauen � die ganze Stadt. Sie alle sind tot. Unseretwegen! Verstehst du das? Wir sind es, die sie auf dem Gewissen haben.�</p><p>�Ich bin nicht mit blutigem Schwert in der Hand durch die Stadt gezogen, um Frauen und Kinder abzuschlachten!� Hornbori schaffte es nicht, ruhig zu antworten. Das Selbstmitleid des Schmiedes widerte ihn an. Da war ihm ja der alte Raufbold noch lieber gewesen. �Ja, wir haben den Drachen get�tet. War das falsch? Haben wir nicht eine der Bestien erledigt, die das dort oben angerichtet haben? Willst du hier sitzen und jammernd und wehklagend verrecken? Oder willst du dir ein Herz fassen, hinausgehen und versuchen, den n�chsten Drachen zu t�ten, bis irgendwann keiner von diesen tyrannischen Mordbrennern mehr �brig ist?�</p><p>�Nicht wir werden die Drachen besiegen�, sagte Nyr voller Inbrunst. �Wir sind nur die H�ter. Er wird es sein. Der Kleine. Seht ihr das nicht? Er hat das Massaker �berlebt. Als Einziger von allen dort oben. Er wurde von einer von denen gerettet, die gekommen sind, um ihn zu t�ten. Und jetzt s�ugen wir ihn mit Drachenblut. Er wird es sein, der die Drachen vom Himmel vertreibt.�</p><p>Was f�r ein pathetischer Unsinn, dachte Hornbori. Aber n�tzlicher Unsinn. �Da ist etwas dran. Er ist vom Schicksal auserw�hlt. Und wir drei sind seine H�ter.�</p><p>�Dem Alten in der Tiefe ist ein Sohn geboren worden�, fuhr Nyr fort, und seine Augen strahlten, w�hrend er sprach. �Bestimmt ist es der Kleine hier. Ein Kind von k�niglichem Gebl�t. Der k�nftige Herrscher aller Zwerge.�</p><p>�Geht es euch beiden noch gut?�, emp�rte sich Galar. �Der Kleine ist irgendein namenloser Wicht. Seht euch doch die Sachen an, in denen uns die Elfe ihn gebracht hat. Billiges Leinen. Ich habe seine verschissenen Windeln gewaschen. Da war nirgendwo eine Krone eingestickt.�</p><p>Nyr runzelte die Stirn. Hornbori wusste, er w�rde den Richtsch�tzen jeden Augenblick verlieren. �Der vergisst, wer ihn uns gebracht hat. Eine intrigante Elfe. Bestimmt hat sie die Sachen vertauscht. Sie will nicht, dass wir wissen, dass er der Sohn des Alten aus der Tiefe ist. Elfen sind so.�</p><p>�Genau!�, bekr�ftigte Nyr.</p><p>�Sah die so aus, als sei sie auf T�uschung aus? Die war doch v�llig fertig. Die h�tte sich keine Zeit mehr genommen, irgendwelche Windeln zu wechseln, nur um uns zu t�uschen.�</p><p>�Hast du sie dir so genau angesehen?�, konterte Hornbori. �Ich hatte den Eindruck, dass du den Blick kaum von dem Dolch abgewandt hast, der in deiner Kehle steckte.�</p><p>�Seid ihr v�llig verr�ckt? Was soll dieser Unsinn? Ich kenne dich, Hornbori. Du glaubst doch selber nicht, was du da sagst. Und dir, Nyr, hat der Kleine den Verstand verdreht. Aber wenn wir hier lebend herauskommen wollen, dann brauchen wir vor allem eins � einen klaren Verstand.�</p><p>�Du hilfst uns also, durch den Brunnen zu kommen.�</p><p>�Ja, verdammt. Hier noch l�nger zu sitzen ist dumm. Wir gehen. Aber wir machen es so, wie ich sage. Vorsichtig! Mit einem hast du recht, Hornbori. Die Toten der Tiefen Stadt haben uns ein Verm�chtnis hinterlassen. Wir m�ssen sie r�chen!�</p><p>�Und den Jungen retten�, erg�nzte Nyr.</p><p>Der Schmied seufzte. �Ja, das auch ��</p><p>�Wisst ihr, wie der Alte in der Tiefe seinen Sohn genannt hat?�</p><p>�Wir wissen doch gar nicht, ob er sein Sohn ist!�, begehrte Galar auf. �K�nnt ihr mit diesem Unsinn aufh�ren?�</p><p>�Wir wissen auch nicht, dass er es nicht ist�, schmollte Nyr. �Ich bin davon �berzeugt, dass die Elfe die Windeln und T�cher vertauscht hat, um uns hereinzulegen.�</p><p>�Ich glaube, der Alte aus der Tiefe hat noch kein Namensfest gefeiert. Dazu w�re ich bestimmt eingeladen gewesen�, sagte Hornbori. �Aber der Junge sollte trotzdem einen Namen haben.�</p><p>�Gute Idee!�, stimmte Nyr sofort zu.</p><p>Galar verdrehte nur die Augen.</p><p>�Wie w�re es mit Sindri?�, schlug Hornbori vor.</p><p>�Ich kannte mal einen Schmied, der so hie߫, brummte Galar. �Hat sehr besondere Ringe gemacht.�</p><p>Nyr sch�ttelte den Kopf. �Nein, kein Schmiedename. Das ist nicht das Richtige f�r einen K�nigssohn.�</p><p>�Draupnir, der Tr�pfler. Das passt doch gut zu einem Windelschei�er�, schlug Galar vor.</p><p>�Ich finde, sein Name sollte etwas aussagen�, griff Hornbori die Idee auf. �Tr�pfler nennen wir ihn nat�rlich nicht. Wie w�re es mit � Frar, der Voranschreitende. Den Zwergenv�lkern stehen schwere Zeiten bevor. Das w�re ein Name, der Hoffnung in sich tr�gt.�</p><p>�Ich finde den Namen gut.�</p><p>�Man merkt, dass Sch�nschw�tzen dein Gesch�ft ist�, brummte Galar.</p><p>�Er braucht auch einen Heldennamen. So was wie Bluttrinker!� Nyr hob den Jungen begeistert hoch. �Frar Bluttrinker. Das ist ein Name, der seine ganze Kindheit in sich tr�gt.�</p><p>Hornbori r�usperte sich. �Ich will ja nicht mosern, aber findest du nicht, dass man das falsch verstehen kann?�</p><p>Nyr sah ihn indigniert an. �Inwiefern?�</p><p>�Bluttrinker h�rt sich irgendwie nach einem Tyrannen an. Wie w�re es mit � Drachenhammer � oder Drachen ��</p><p>�Drachentod!�, rief Nyr. �Frar Drachentod, K�nig der Tiefen Stadt.�</p><p>Hornbori wiederholte den Namen ein paar Mal, schmeckte ihn auf der Zunge und stellte sich vor, wie man ihn in den Hallen von Ishaven und anderen Zwergenst�dten rief. �H�rt sich gut an�, stimmte er zu. Nat�rlich w�rde der Kleine niemals ein K�nig werden. Er, Hornbori, w�rde einmal herrschen. Aber der Junge mochte ein n�tzliches Werkzeug auf dem Weg zum Thron sein.</p><p>Nyr hielt ihn hoch. �Wir werden dich retten, Frar Drachentod. Und du wirst dereinst alle Zwergenv�lker retten.�</p><p>Es tr�pfelte aus der Windel auf das Gesicht des Richtsch�tzen.</p><p>Galar lachte sp�ttisch. �Ich finde immer noch, Draupnir w�re der richtige Name f�r ihn.�</p></section><section><title><p>Gegen jede Vernunft</p></title><p>Gonvalon strich �ber den rauen Sandstein. Er hatte eine ungew�hnlich blassrote Farbe. Der Stein war weich. Er hatte sich gut bearbeiten lassen, aber er w�rde auch schnell verwittern. Kein halbes Jahrhundert und Wind und Regen h�tten Nandalees Z�ge weicher werden lassen k�nnen. Wahrscheinlich geschah das deutlich schneller, als das Leben Nandalee ver�nderte.</p><p>Er hatte sie nach dem Gespr�ch mit den Meistern alleine gelassen. Obwohl sie so viele R�tsel barg, begann er zu sp�ren, wann sie etwas mit sich allein ausmachen musste.</p><p>Er wickelte die Lumpen von seinen H�nden und begann die Werkzeuge einzusammeln, die er achtlos hatte fallen lassen, w�hrend er den Stein geformt hatte. Erste Konturen f�r die Skulptur waren angelegt. Es sollte eine B�ste werden.</p><p>Je l�nger er den bearbeiteten Stein betrachtete, desto deutlicher erkannte er, ein wie unvollkommener K�nstler er war. Die Proportionen stimmten. Er hatte keine groben Fehler gemacht. Auch hatte er den Stein richtig eingesch�tzt. Er war nicht gerissen, und es gab keine Unregelm��igkeiten. Aber die B�ste w�rde nicht das Herz des Betrachters ber�hren, wenn sie vollendet war, das wusste er schon jetzt. Nicht wie die Skulpturen aus Licht und Wasser, die Eleborn erschuf, oder eines der Lieder Lyviannes. Er w�rde nur ein Abbild erschaffen, kein Kunstwerk.</p><p>�Der Stein sieht aus wie ich.�</p><p>Gonvalon fuhr herum. Sie machte sich einen Spa� daraus, sich an ihn anzuschleichen.</p><p>Nandalee grinste und biss in einen Apfel, den sie mitgebracht hatte. Die Wut und Verzweiflung, die sie ausgestrahlt hatte, als sie die Besprechung mit den Meistern verlassen hatte, waren wie weggewischt.</p><p>Sie trug das wei�e Kleid einer Novizin. Schmucklos, ohne Stickerei und doch elegant. Es war ma�geschneidert, modellierte ihren schlanken K�rper nach. Es sa� so eng, dass Gonvalon nicht verborgen bleiben konnte, dass sie au�er dem Kleid nichts trug.</p><p>�Wirst du mir wieder erz�hlen, dass dieses Bild von mir schon immer in diesem Stein gesteckt hat und du es nur noch befreien musstest?� Sie grinste ihn frech an.</p><p>�Ich glaube, ich werde mit jemandem, f�r den auch das Bogenschie�en zur Kunst z�hlt, nie wieder ernsthaft �ber den Schaffensprozess eines Bildhauers reden. Und �brigens ist das eine Skulptur von dir und kein Bild.�</p><p>�Und warum nennst du dich dann Bildhauer?� Sie biss noch ein St�ck aus dem Apfel und legte ihn dann auf den behauenen Stein. Nandalee trat dicht vor ihn und l�chelte ihn auf ihre unvergleichliche Art an. Unschuldig und doch sinnlich.</p><p>Sie strich ihm mit ausgestrecktem Zeigefinger �ber die Brust. �Ich mag es noch immer, wenn du verschwitzt und voller Steinstaub bist.� Ihr Finger wanderte tiefer, bis zu seinem Lendenschurz. �Seit wann arbeitest du nicht mehr nackt?�</p><p>�Wenn ich mit Besuch rechne, versuche ich ein z�chtiges Verhalten an den Tag zu legen. Das bin ich meinem Rang als Meister der Wei�en Halle schuldig. Es k�nnte eine Novizin vorbeikommen ��</p><p>�So z�chtig �� Sie l�chelte. �Dabei dachte ich, Ihr genie�t einen gewissen Ruf, gerade was Novizinnen angeht.�</p><p>�Und Ihr wagt Euch hierher, obwohl Ihr um meinen Ruf wisst.� Er legte seinen Arm um ihre H�ften und zog sie an sich. Sie roch nach Wald, als sei sie lange unter den B�umen gewandert, bevor sie hierhergekommen war.</p><p>�Ihr ruiniert mein Kleid�, protestierte sie l�chelnd.</p><p>�Nun, wie ich h�rte, erwarten die Kobolde, die es waschen werden, ohnehin nur das Schlimmste von Euch.�</p><p>�Wollt Ihr damit andeuten, dass ich keinen guten Ruf genie�e?� Ihre Hand fuhr unter seinen Lendenschurz.</p><p>�Dann passen wir wohl gut zusammen.� Lachend nahm er sie auf den Arm und trug sie zu dem Lager aus Moos und Bl�tenbl�ttern, das er vorbereitet hatte. Er hatte gewusst, dass sie kommen w�rde.</p><p>Ihr warmer Atem streichelte seine Haut.</p><p>�Ich brauche dich�, fl�sterte sie.</p><p>�Sind wir jetzt beim Du, holde Dame?�, neckte er sie.</p><p>Ihre Antwort war ein langer, leidenschaftlicher Kuss auf seinen Hals. Eine Welle hei�er Glut verschlang ihn. Er ging in die Knie, legte sie ins Gras und begann die seidenbespannten Kn�pfe ihres Kleids zu �ffnen.</p><p>�Nun tr�gst du mein Zeichen�, sagte sie und strich �ber seinen Hals. �Damit die anderen Novizinnen nicht auf dumme Gedanken kommen.� Noch w�hrend sie sprach, l�ste sie seinen Lendenschurz.</p><p>Er gab den Kampf mit den Kn�pfen auf und schob ihr Kleid hoch.</p><p>Nandalee zog ihn zu sich herab, k�sste ihn erneut. Ihre Zunge strich �ber seine Lippen, drang tiefer. Sie presste sich gegen ihn, nahm ihn in sich auf. Ihre H�nde krallten sich um seine Schultern. Er st�hnte auf, genoss ihre wilde Liebe. Sich ihr hinzugeben war eine Offenbarung. Sie war eine erfahrene Liebhaberin. Mal sinnlich lasziv, mal ungez�gelt und fordernd. Nicht sehr romantisch. Ihre Liebe war wie ein wilder Bergbach, der einen erbarmungslos mit sich zu Tal riss, wenn man hineinst�rzte. Und so, als sei er �ber Meilen durch Stromschnellen �ber ein felsiges Bachbett gezogen worden, f�hlte er sich auch, als sie nach einem letzten Schrei auf seine Brust sank. Zerschlagen, voller blauer Flecke, tauchte er auf aus dem Fluss der Leidenschaft, der ihn alles andere hatte vergessen machen.</p><p>Er strich z�rtlich durch ihr Haar. Sie war eingeschlafen. Ihr Atem ging schwer. Er mochte es, ihr Gewicht auf sich zu sp�ren, ihre warme, bl�tenzarte Haut.</p><p>Gedankenverloren blickte er zum Nachthimmel und w�nschte, dieser Augenblick w�rde ewig w�hren. Er zog ihr d�nnes Kleid �ber sie, um sie zuzudecken. Es war voller Grasflecken. Es w�rde nie mehr so wei� wie frisch gefallener Schnee erstrahlen.</p><p>Nandalee erwachte viel zu schnell. Sie gingen schwimmen, schreckten eine Entenfamilie auf, die kein Verst�ndnis f�r n�chtliche Liebende hatte.</p><p>�Es ist ungewohnt, dich ohne deine T�towierung zu sehen�, sagte sie pl�tzlich und strich �ber seinen R�cken. �Das Schwert und der Drache � sie passten gut zu dir.�</p><p>Er drehte sich um, nahm sie in die Arme und k�sste sie. �Ich habe jemanden gefunden, der viel besser zu mir passt.�</p><p>Pl�tzlich war ihr Blick voller Melancholie, voll unausgesprochenem Schmerz, der sein Herz ber�hrte.</p><p>�Liebe mich noch einmal�, fl�sterte sie und schlang die Arme so fest um ihn, als wolle sie ihn nie wieder loslassen.</p><p>Er hob sie aus dem Wasser und brachte sie zu ihrem Lager. Sie war wie ausgewechselt. Diesmal �berlie� sie sich ganz ihm. Sie liebten sich lange, z�rtlicher als beim ersten Mal. Er z�gerte den letzten Augenblick hinaus, bis es zu s��er Qual wurde.</p><p>Danach lagen sie lange eng umschlungen und blickten durch das schwarze Astwerk zum Sternenhimmel hinauf, vereint, in beredtem Schweigen.</p><p>Er war fast eingeschlafen, als sie sich vorsichtig aus seinen Armen l�ste. Gonvalon hielt seine Augen geschlossen. Er sp�rte, wie sie �ber ihm verharrte und ihn lange anblickte, sich dann tief vorbeugte und einen Kuss zu ihm hinabhauchte, ohne dass ihre Lippen die seinen ber�hrten.</p><p>�Verl�sst du die Wei�e Halle sofort oder erst im Morgengrauen?� Er schlug die Augen auf. Sie wirkte �berrascht, ertappt, verlegen.</p><p>�Sag nichts.� Er l�chelte und stand auf. �Ich wusste, dass du gehen wirst.�</p><p>�Ich muss �� Sie schlug die Augen nieder. �Ich kann die Meinen nicht den Trollen �berlassen.�</p><p>�Ich werde mit dir kommen. Alles ist vorbereitet. Ich werde dich nicht aufhalten. Waffen, Kleider und Ausr�stung liegen dort vorne im Geb�sch versteckt.�</p><p>Sie sah erschrocken aus. Entschieden sch�ttelte sie den Kopf. �Das geht nicht! Wenn du mit mir gehst, wirst du aus der Wei�en Halle verbannt. Ich will dein Leben nicht zerst�ren. Ganz gleich, was du sagst, ich wei�, du bist gerne hier, und du ��</p><p>�Ich werde nicht zur�ckbleiben, um vor Sorge um dich zu vergehen.�</p><p>�Aber ich werde ��</p><p>�Du wirst dich ganz allein in den K�nigssitz der Trolle schleichen und vermutlich selbst bei dem Versuch umkommen, die letzten �berlebenden deiner Sippe zu retten.�</p><p>Ihr Antlitz verh�rtete sich. Sie schob herausfordernd das Kinn vor, bereit, mit ihm zu streiten. �H�rt sich nicht sonderlich vern�nftig an, wenn man dich reden h�rt. Deshalb werde ich alleine gehen.�</p><p>�War es vern�nftig, sich zwischen dich und den Goldenen zu stellen?�</p><p>Sie schluckte. �Du kannst nicht ��</p><p>�Gew�hne dich besser daran, dass ich von nun an immer an deiner Seite sein werde. Ich bin kein Drachenelf mehr. Mein Band mit den Himmlischen ist f�r immer gel�st, und ich werde auch die Wei�e Halle verlassen. Aber ich bin immer noch ein M�rder. Eine schlechte Wahl f�r einen Hofball in Arkadien, aber genau der Mann, den du an deiner Seite brauchen wirst, wenn du in die H�hlen der Trolle hinabsteigst.�</p><p>Sie sah ihn qualvoll lange an, ohne ihn ahnen zu lassen, was sie dachte. Nun war es an ihr zu entscheiden. Er w�rde nicht noch einmal darum bitten, von ihr erw�hlt zu werden.</p><p>Eine einzelne Tr�ne rann �ber ihre Wange. Wortlos streckte sie ihm ihre Hand entgegen.</p><p>Nebel stieg vom Waldboden auf, als sie sich schweigend ankleideten und ihre Waffen nahmen. Der Wald h�llte sich in feuchte Schleier. Vertrautes wurde fremd.</p><p>Gonvalon hatte nun endg�ltig mit allem gebrochen, was ihm in seinem Leben etwas bedeutet hatte. Es gab nur noch Nandalee. Und noch nie hatte er sich so frei gef�hlt wie in dieser Nacht inmitten des Nebels, als er ihr gen Norden folgte, um gegen jede Vernunft das Schicksal herauszufordern.</p></section></section><section><title><p>Zweites Buch</p><p>Die Windg�ngerin</p></title><section><title><p>Bei Nacht und Nebel</p></title><p>Bidayn schlug das Herz bis zum Hals. Sie wusste, was mit ihr geschehen w�rde, wenn sie erwischt wurde. Sie stand mitten auf dem Flur, und jede einzelne Bodendiele schien sich gegen sie verschworen zu haben. Tags�ber war kaum ein Ger�usch zu vernehmen, wenn sie hier entlangging, aber jetzt wurde jeder ihrer Schritte von einem Knarren begleitet, das ihr laut wie ein Donnerschlag vorkam. Noch k�nnte sie umkehren. Wenn sie hier auf dem Flur erwischt w�rde, w�re es ein Leichtes, sich eine Ausrede auszudenken.</p><p>Sie dachte an Nandalee, die jetzt irgendwo im Wald auf sie wartete. Sie konnte ihre Freundin nicht im Stich lassen! Ohne ihre Hilfe konnte Nandalee nicht zum Albenhaupt gelangen. Beim Gedanken an den vereisten Gipfel, auf dem sich die Drachenelfen vor ihrem Angriff auf die Tiefe Stadt versammelt hatten, �berlief sie ein Schauer. Nandalee wollte in die W�lder, die sich von den Flanken des verwunschenen Berges bis zu den Grenzen der Snaiwamark erstreckten. Wen oder was sie dort suchte, hatte sie ihr nicht verraten wollen. Von dort waren es noch Hunderte Meilen bis zum K�nigsstein.</p><p>Schritt um Schritt pirschte Bidayn vorw�rts, die Stiefel in der Hand. Die Dielen waren unangenehm k�hl. Es hing ein leichter Geruch von Waffenfett in der Luft. Noch ein paar Schritte bis zur Treppe, die hinab in die Halle der Schwerter f�hrte. Sie hatte es fast geschafft.</p><p>Ein lautes Knarzen lie� sie innehalten. Stumm verfluchte sie den Holzfu�boden. Sie k�nnte einen Zauber weben, der alle Ger�usche um sie herum verschlang. Aber das w�re t�richt! Hier inmitten der Wei�en Halle nach den Kraftlinien zu greifen, w�rde noch weit mehr Aufmerksamkeit erregen als ihr st�mperhafter Versuch, lautlos �ber diesen verfluchten Flur zu schleichen. Sollte jemand anders gerade einen Zauber weben, w�rde er mit hoher Wahrscheinlichkeit bemerken, dass sie nach dem magischen Netz griff. Einem Zauber des Verbergens, mitten in der Nacht gesprochen, w�rde jeder Meister der Wei�en Halle nachgehen.</p><p>Bidayn machte einen weiteren Schritt. Diesmal waren die Dielen auf ihrer Seite. Noch zwei lautlose Schritte, und sie erreichte das Gel�nder der Galerie, die die Halle der Schwerter einfasste. Nur ein einzelnes Licht brannte unten. Eine Kerze, deren Flamme sich geisterhaft in einigen der Schwertklingen an den W�nden spiegelte.</p><p>Bidayn wollte auf die Treppe treten, als unten eine T�r knarrte. Sie verharrte mitten im Schritt. Waren da Stimmen? Bidayn duckte sich. Das Gel�nder bot kaum Deckung. Aber es war dunkel. Wer nicht genau hinsah, w�rde sie nicht entdecken.</p><p>�Ich wette, wir sehen sie nie wieder�, sagte eine hohe Stimme.</p><p>�Sollen die Trolle sie fressen�, entgegnete ein knurriger Bass. �Sie hat es tausendmal verdient. Wisst ihr noch, wie sie meine Hose in Brand gesetzt hat, nur weil ich den verdammten Vogel auf ihrem Tisch fressen wollte?�</p><p>�Hab dich nie wieder so gut tanzen sehen�, sagte ein Dritter kichernd.</p><p>Drei Kobolde traten in die Schwerthalle. Sie hatten dunkle, ledrige Haut, lange, spitze Nasen und �bergro�e M�nder. Ihr str�hniges Haar verbargen sie unter roten Kappen. Sie reichten einem Elfen nicht einmal bis zum Knie. Bidayn wusste nicht, wie viele es von ihnen in der Wei�en Halle gab. �blicherweise beachtete sie die Kobolde kaum. Wie in den Pal�sten Arkadiens verrichteten sie auch hier die niederen Dienste. F�r sie gab es hinter den W�nden verborgen eigene Wege, sodass sie die meiste Zeit �ber unsichtbar blieben. Wo tags�ber viele Elfen anzutreffen waren, erschienen sie bevorzugt bei Nacht.</p><p>Zwei der Kobolde waren mit kleinen Eimern und Putzlappen ausger�stet. Der dritte trug lediglich eine langstielige Pfeife. F�r einen Kobold war er ungew�hnlich korpulent. �Da vorne bei der T�r�, kommandierte er mit Bassstimme. �Die treten sich nie die F��e ab. Soll der Fleischschmied sie alle holen, verdammte Elfenbande.�</p><p>Bidayn traute ihren Ohren nicht. Sie hatte noch nie Kobolde belauscht. Zwar wusste sie, dass manche als aufs�ssig galten, aber dass es sich so anh�rte, h�tte sie nie gedacht.</p><p>�Der Fleischschmied ist zu gut f�r diese Nandalee�, sagte der mit der hohen Stimme, w�hrend er sich niederkniete und damit begann, den Boden am Eingang aufzuwischen. �Elf in Honigkruste gebraten, das ist das passende Ende f�r die. Die hat mir Pickel an den Arsch gehext, dieses verdammte Mistst�ck, als sie gemerkt hat, dass ich jeden Morgen in den Wasserkrug gespuckt habe, den ich ihr aufs Zimmer brachte.�</p><p>�Sie war die Einzige hier, die sich unsere Namen gemerkt hat�, bemerkte der zweite Kobold, w�hrend er sich hinhockte und zwei B�rsten unter seine nackten F��e schnallte.</p><p>�Um uns besser verhexen zu k�nnen, du hirnloser K�rbissch�del�, polterte der Dicke mit seiner Bassstimme los und blies eine Wolke Tabakrauch zur Galerie hinauf. Bidayn duckte sich tiefer. Hatte er sie gesehen?</p><p>�Also mir hat Nandalee nie etwas getan�, beharrte der zweite Kobold und glitt dabei auf seinen Handb�rsten �ber den Steinboden wie ein Eisschuhl�ufer. �Sie hat mir sogar einmal einen Apfel geschenkt.�</p><p>�Da steckte doch bestimmt ein Wurm drin.�</p><p>�Na und? Ich mag �pfel, wenn sie ein bisschen m�rbe sind und ein, zwei Bewohner haben. Ich finde, die schmecken besser.�</p><p>Der dicke Kobold blickte noch immer zur Galerie hinauf. Bidayn hielt den Atem an. Sah er sie? Oder hatte er nur ein Ger�usch geh�rt? �Macht hin, ihr beiden�, murrte er, ohne sich nach seinen Kameraden umzusehen. Dann sagte er noch etwas, aber so leise, dass Bidayn es nicht verstand.</p><p>Die Kobolde beeilten sich nun sichtlich fertig zu werden. Ob der Dicke sie erkannt hatte? W�rden sie einen der Meister rufen? Seit dem Zwischenfall in der Bibliothek, bei dem Nandalee durch das verwunschene Buntglasfenster gezogen worden war, war es Novizen bei Strafe verboten, nachts umherzuschleichen.</p><p>Die drei Kobolde packten ihre Lappen, Eimer und B�rsten und zogen schweigend weiter. Warteten sie darauf, dass sie herunterkam? Bidayn verhielt sich still. Sie z�hlte stumm bis f�nfhundert. Als dann immer noch nichts zu h�ren war, wagte sie sich die Treppe hinab.</p><p>Am ersten Absatz verharrte sie erneut und lauschte. Alles blieb still. Sie wagte sich weiter und durchquerte fliegenden Schrittes die Halle. Die T�r nach drau�en war gut ge�lt. Sie �ffnete sich ohne Laut. Voller Sorge blickte sie zum Himmel hinauf. Der Mond stand schon tief. Sie hatte Nandalee versprochen, eine Stunde vor Morgengrauen beim Albenstern zu sein, und es lag noch ein weiter Weg vor ihr.</p><p>Nur wenige Wolken zogen �ber den Himmel. Es war zu hell, dachte Bidayn verzweifelt. Sollte einer der Meister schlaflos am Fenster seines Zimmers stehen, war sie unm�glich zu �bersehen. Vor der Wei�en Halle lag eine Parklandschaft aus Hecken, Blumenbeeten und weiten Wiesen.</p><p>Bidayn hielt sich dicht an der Mauer des Hauses, hastete �ber ein schmales Wiesenst�ck und kauerte sich in den Schatten einer alten Buchsbaumhecke. Ein kleiner Vogel zwitscherte erschrocken irgendwo im dichten Ge�st. Bidayn blickte zu den Fenstern auf. Das Mondlicht spiegelte sich darauf, so dass sie nicht ausmachen konnte, ob es vielleicht irgendwo einen Beobachter gab.</p><p>Sie hielt sich weiter im Schatten und folgte dem Labyrinth der Hecken, bis sie zu dem von Rosen �berwachsenen Gang gelangte, der zum Pavillon am Rand des Parks f�hrte. Die Luft hier war schwer vom Bl�tenduft. Zum ersten Mal, seit sie ihr Zimmer verlassen hatte, f�hlte sie sich halbwegs sicher.</p><p>Als sie den Pavillon erreichte, war sie fast f�nfhundert Schritt von der Wei�en Halle entfernt. Sie blickte versonnen �ber die mondhelle Wiese zur schwarzen Wand des Waldes. Nebel zog unter den B�umen hindurch. Es war totenstill.</p><p>Bidayn entschied sich, einen Zauber zu wagen. Sie war weit genug von der Wei�en Halle entfernt, hoffte sie. Leise sprach sie ein Wort der Macht und rief den Nebel vom Waldrand herbei. Wie von einer leichten Brise getrieben, streckte er seine bleichen Arme �ber die Lichtung aus. Auch aus dem hohen Gras erhob sich nun Nebel. Geduldig wartete Bidayn, bis der Nebel Lichtung und Pavillon umfing, dann lief sie los. Bald war ihr Kleid bis �ber die Knie vom taufeuchten Gras durchn�sst.</p><p>Als sie den Waldrand erreichte, kniete sie nieder und zog die Stiefel an. Sie hatte es geschafft! Jetzt war es egal, ob Steine unter den dicken Sohlen knirschten oder d�nne �ste knackten. Erleichtert ging sie in den Wald hinein. Der Nebel verbarg zwar den Weg vor ihr, doch sie wusste, wo sie langgehen musste. Sie sp�rte die pulsierende Macht eines Albenpfades ganz nah. Er w�rde sie zu dem Albenstern f�hren, durch den Nandalee gen Norden fl�chten wollte.</p><p>Nicht fern rief ein K�uzchen ihr einen n�chtlichen Gru� zu. Verglichen mit den wilden W�ldern Nangogs war dieser Wald die reinste Idylle. Nahe der Wei�en Halle gab es nur wenig Unterholz, denn die Kobolde rodeten das Buschwerk, um es in der K�che zu verfeuern.</p><p>Bidayn kam gut voran. Sie mochte fast eine Meile gegangen sein, als hinter ihr eine wohlvertraute Stimme erklang.</p><p>�Ein ungew�hnlicher Ort f�r einen Spaziergang zu so fr�her Stunde, nicht wahr?�</p></section><section><title><p>Kein Freundschaftsdienst</p></title><p>Lyvianne am�sierte es zu sehen, wie Bidayn zusammenzuckte, als sie die Novizin ansprach. Beinahe h�tte sie die junge Elfe verfehlt. Die Nacht war wie geschaffen, um sich davonzuschleichen. Hell genug, dass man nicht die Orientierung verlor, aber dunkel genug, um sich zu verbergen. H�tte Bidayn nicht den Nebel �ber die Wiese gerufen, sie w�re ihr entschl�pft. Lyvianne hatte an der falschen Stelle auf sie gewartet.</p><p>�Ich hoffe, du beleidigst nicht unser beider Intellekt, indem du mir irgendeine haarstr�ubende Geschichte erz�hlst, warum ich dich zu dieser Stunde im Wald antreffe.�</p><p>Bidayn hatte sich erstaunlich schnell gefasst. Sie erwiderte ruhig ihren Blick. Ihre Zeit auf Nangog und die Schlacht in der Tiefen Stadt hatten die junge Elfe ver�ndert. Sie war h�rter geworden. Und mit dem Netzwerk aus feinen Narben auf ihrem Gesicht sah sie irritierend aus. Fremd. Fast zum F�rchten, w�rde sie Bidayn nicht gut kennen. Eines Tages w�rde sie eine machtvolle Zauberweberin sein.</p><p>�Ich bin um eines Freundschaftsdienstes willen hier.�</p><p>�Ich muss sagen, Nandalee hat mich auch beeindruckt, als sie vor den Meistern sprach. Sie hat Visionen, die weit �ber die �blichen Ziele einer Novizin hinausreichen. Sie hatte den Mut, offen von einer Zeit zu sprechen, in der die Elfen den Drachen nicht mehr untertan sind. Sie genie�t meinen Respekt. W�re sie nur nicht so �rgerlich impulsiv. Zum K�nigsstein zu gehen ist eine au�erordentliche Dummheit. Dieser Weg bringt sie im g�nstigsten Fall in die Verbannung. Willst du etwa mit ihr gehen, Bidayn?�</p><p>�Das war urspr�nglich nicht meine Absicht.�</p><p>�Was veranlasst dich dazu, diesen Unsinn nun doch in Erw�gung zu ziehen?� Lyvianne legte einen harschen Ton in ihre Stimme, obwohl sie innerlich jubilierte. Bidayn reagierte ganz so, wie sie es sich erhofft hatte.</p><p>�Nun, Meisterin. Da offenbar wurde, dass ich entgegen dem Gebot der Meister der Wei�en Halle Nandalee geholfen habe, bin ich wohl von Stund an keine Novizin der Wei�en Halle mehr. Dann kann ich auch mit Nandalee gehen.�</p><p>Lyvianne sch�ttelte den Kopf. �Du verhandelst erst gar nicht?�</p><p>�Ich bettele nicht. Ich bin aus freien St�cken hier und war mir des Risikos bewusst, das ich eingehe.�</p><p>�Hast du in deine �berlegungen auch einbezogen, dass ich dich vielleicht nicht als Sch�lerin verlieren m�chte?�</p><p>Bidayn hob �berrascht die Brauen. �Ihr w�rdet f�r mich l�gen?�</p><p>�Wenn zu schweigen schon zu l�gen bedeutet?� Sie sah die aufkeimende Hoffnung im Blick Bidayns. �Du versprichst mir, dass du nicht mit Nandalee gehst, und ich verspreche dir, dass die Meister der Wei�en Halle nichts von deinem Ausflug erfahren werden.�</p><p>�Aber warum seid Ihr hier?�</p><p>Lyvianne l�chelte, obwohl Bidayns Misstrauen sie �rgerte. �Um sicherzugehen, dass du keine Dummheit machst und dich aus falsch verstandener Freundschaft zusammen mit Nandalee ins Ungl�ck st�rzt.�</p><p>�Das w�rde ich nicht tun. Ich � Es bedeutet mir viel, auserw�hlt zu sein, eine Drachenelfe zu werden. Ich w�rde diese Gunst nicht so leicht aufgeben wie Nandalee.�</p><p>�Das beruhigt mich zu h�ren. Wohin wird Nandalee gehen? Es gibt einen Albenstern inmitten des K�nigssteins, doch er liegt hoch in einer H�hle. Wer ihn benutzt und nicht zu fliegen vermag, der wird sich zu Tode st�rzen.�</p><p>�Sie will zum Albenhaupt. Warum sie ihre Reise so weit entfernt vom K�nigsstein beginnt, hat sie mir nicht gesagt.�</p><p>Lyvianne war �berrascht. Verfolgte Nandalee heimlich ganz andere Ziele, als sie alle hatte glauben machen wollen? War sie vielleicht erneut auf einer Mission f�r den Erstgeschl�pften?</p><p>�Du gehst nicht mit ihr, und du sprichst zu niemandem von unserem Treffen, auch nicht zu Nandalee. Sollte herauskommen, dass ich deinen Ausflug gedeckt habe, w�rde selbst ich in Schwierigkeiten geraten. Dar�ber hinaus schuldest du mir einen Gefallen.�</p><p>Bidayn nickte dankbar.</p><p>�Und nun beeile dich. Ich bin sicher, Nandalee wartet schon voller Ungeduld auf dich.�</p><p>�Danke, das werde ich Euch nicht vergessen.�</p><p>Lyvianne l�chelte freundlich. �Wenn dir das ernst ist, solltest du weniger f�rmlich mit mir reden, wenn wir allein sind. Du hast mich jetzt in der Hand. Ich habe mich mit dir gegen die Meister der Wei�en Halle verschworen.�</p><p>Bidayn wirkte unglaublich erleichtert. Sie bedankte sich noch einmal �berschw�nglich und eilte dann davon. Sie war immer noch erstaunlich naiv, dachte Lyvianne. Ohne sich dessen bewusst zu werden, hatte sie ihre beste Freundin verraten.</p><p>Die Meisterin ging nachdenklich zur Wei�en Halle zur�ck. Nun w�rde sie das Vertrauen von Bidayn verraten. Ob ihre Novizin es jemals erfahren w�rde? Wohl kaum. Dass Nandalee ihre Reise �berlebte, war mehr als unwahrscheinlich. Und nicht die Trolle waren die gr��te Gefahr, die sie in der Snaiwamark erwartete.</p><p>In der Wei�en Halle angelangt, stieg sie hinab in die gro�e Bibliothek, die so wenig genutzt wurde. Lyvianne mochte die staubige Stille hier unten, den Geruch der Ledereinb�nde und des Pergaments. Nur sehr wenige Lampen brannten. Aus den Augenwinkeln sah sie den Schatten eines Kobolds davonhuschen. Sie h�teten den Wissensschatz der Wei�en Halle und sorgten daf�r, dass immer Lichter brannten. Ob sie wohl manchmal in den Schriften lasen?</p><p>Eiligen Schrittes durchma� die Elfe die B�chers�le, bis sie zu jener verbotenen Kammer kam, die zu betreten den Novizen streng untersagt war. Der Raum war k�hler als die �brigen S�le. Es gab hier weniger Regale. Hier wurden Folianten und Schriftrollen �ber die dunkleren Spielarten der Magie verwahrt. Staub lag auf dem Lesetisch. Auch die Kobolde betraten diesen Raum nur, wenn es ihnen befohlen wurde.</p><p>Lyvianne blickte zu dem gro�en, runden Buntglasfenster, das fast eine ganze Wand einnahm. Mattes Licht fiel durch die tausend Glasfacetten, obwohl die Bibliothek unter der Erde lag und es hinter dem Fenster kein weiteres Zimmer gab. Lyvianne war immer wieder aufs Neue von dem Fenster fasziniert. Es gab keine zwei Glasst�cke darin, die von derselben Farbe waren. Sie waren in einem unregelm��igen Muster arrangiert, und wenn sie sie l�nger betrachtete, ergriff sie ein Schwindelgef�hl.</p><p>Ein leises Knirschen lie� Lyvianne aufschrecken. Das Buntglasfenster war von Drachenmagie durchdrungen, und wie alles, was die Himmelsschlangen erschufen, haftete ihm etwas Dunkles an. Es schien lebendig zu sein, ja einen eigenen Willen zu haben. Wer mutig und erfahren genug war, konnte es auf vielf�ltige Weise nutzen. Dachte man zum Beispiel an einen Ort, den man einmal gesehen hatte, und sprach laut ein Wort der Macht, so konnte man beobachten, was dort vor sich ging.</p><p>Wieder knirschte es. Lyvianne konnte sehen, wie sich eine der goldenen Fassungen verzog. Ein Glassplitter ver�nderte seine Form, wurde l�nglicher. Es wurde schlagartig k�lter. Lyvianne stand nun der Atem vor dem Mund. Bidayn hatte sie hier vor etlichen Monden gefunden. Damals hatte sie das Wiegenlied f�r ihre Kinder gesungen. Auch ihm haftete ein Zauber an. Sang sie das Lied vor dem Fenster, konnte der Goldene sie h�ren, ganz gleich wo er sich gerade aufhielt. Er wollte wissen, wann Nandalee die Wei�e Halle verlie�. Er hatte vorhergesehen, dass sie nicht lange bleiben w�rde.</p><p>�Es ist nicht klug, eine Himmelsschlange herauszufordern, Nandalee�, sagte sie tief in Gedanken. Sie mochte die junge Elfe. Doch das war kein Grund, sie zu schonen. Lyvianne hatte sich dem Goldenen verschworen. Sie war seine erste Drachenelfe. Dieser Bund war f�r die Ewigkeit geschlossen, und ihre Sympathie f�r Nandalee endete, wo sie in Konflikt mit ihrer Loyalit�t zum Goldenen geriet.</p><p>Leise begann Lyvianne zu singen, w�hrend das Buntglasfenster sich weiter verzog. Schneller und schneller wanderten die Glassplitter und wellten sich die Fassungen, bis das Fenster schlie�lich zu einem Kreis aus wirbelndem Licht zerschmolz und Lyviannes Lied fast im Kreischen des mahlenden Glases unterging.</p><poem><stanza><v>Schattenweber,</v><v>Tr�umegeber,</v><v>wandern durch die Nacht.</v><v>Schleichen sacht, sacht, sacht.</v></stanza><stanza><v>Sie sind Freunde, wohlvertraut,</v><v>haben in dein Herz geschaut,</v><v>f�hren dich durch Schlafes Pforte,</v><v>fern, an wunderbare Orte.</v></stanza></poem></section><section><title><p>Wallbrecher</p></title><p>Kurunta versuchte seine fleischige Hand unter seiner Achsel durch einen Spalt in seinen Leinenpanzer zu schieben. Es juckte dort gr�sslich. Eine Folge der Verbrennungen, die er im Kampf mit Aarons Hofmeister Datames erlitten hatte.</p><p>Eben erst war er durch das Magische Tor auf die Ebene von Kush getreten. Die trockene Hitze sprang ihn an wie ein Tier, obwohl es Nacht war. Schwei� rann ihm unter den Achseln und den R�cken hinab und peinigte ihn. Es war erstaunlich dunkel hier. Keine Fackel erleuchtete die Nacht. Nur einige wenige �ll�mpchen brannten entlang des Weges und bildeten einen Lichterpfad, der zum Feldlager des Unsterblichen Muwatta f�hrte. Kommandos wurden nicht gerufen. Es wurde nur gefl�stert. Und die Menschenmengen, die durch das Tor geschritten kamen, bewegten sich stockend vorw�rts.</p><p>Kurunta war lediglich mit einer kleinen Gruppe von Leibw�chtern gereist. Er hatte eine weite Strecke durch die Steppe zur�ckgelegt, weil er nicht durch eines der magischen Portale der Ischkuzaia schreiten wollte. Er traute diesen verdammten, nach Pferdeschei�e stinkenden Bastarden nicht. Das Brautgeld einfach zu verdoppeln! Das war selbst f�r stinkende Barbaren eine au�ergew�hnliche Frechheit.</p><p>�Aus dem Weg, dreckiger Abschaum! Macht Platz f�r den H�ter der Goldenen Gew�lbe!� Der Befehlshaber seiner Leibwache stie� einen Lastentr�ger, der vor ihnen in die Hocke gegangen war, zu Boden und hob drohend seinen schweren Eichenstab, um auf den n�chsten einzudreschen.</p><p>�Lass sie, Labarna. Wir haben Zeit.� Kurunta kam es gelegen, wenn es sich noch etwas verz�gerte, bis er vor seinen Hochk�nig trat. Er wusste immer noch nicht, wie er Muwatta die Frechheit der Barbaren beibringen sollte. Auch das war ein Grund, warum er es auf seiner Reise nicht eilig gehabt hatte.</p><p>Labarna stie� �rgerlich seinen Stab in den Staub. Der Hauptmann war ein Baum von einem Kerl. Er �berragte alle anderen in seiner Leibwache um mehr als Hauptesl�nge, und Kurunta w�hlte f�r seine Eskorte nur gro�gewachsene M�nner. Labarna nahm seinen Helm ab und wischte sich den Schwei� von der Stirn. Sein Sch�del war kahl geschoren, bis auf zwei lange Haarstr�hnen, die von seinen Schl�fen hingen.</p><p>�Nicht mehr lange, und du kannst wie der Blitz in die Schlachtreihen Arams niederfahren�, beschwichtigte Kurunta. �Diese Lastentr�ger sind deines Zornes nicht w�rdig.�</p><p>�Ich habe I�ta geschworen, dass ich zu ihren Ehren drei Dutzend Feinde erschlagen werde�, erkl�rte er feierlich.</p><p>Kurunta betrachtete seinen Hauptmann wohlwollend. Er k�nnte es schaffen. Labarna zog mit einer gewaltigen Keule in die Schlacht, deren wuchtige Hiebe alles zerschmetterten. Schilde, Knochen, selbst Eberzahnhelme. Nichts war der urw�chsigen Gewalt seiner Angriffe gewachsen.</p><p>�Ich werde an deiner Seite sein und die Erschlagenen mit dir zusammen z�hlen�, erkl�rte Kurunta l�chelnd. �Und wenn du deinen Schwur wahr machst, werde ich daf�r sorgen, dass du der lebenden G�ttin selbst begegnest. Ich werde ihr deinen Namen nennen, und sie wird von deinem Mut und deiner K�hnheit erfahren.�</p><p>Labarnas Augen weiteten sich. Kurunta las Begeisterung, aber auch eine Spur von Furcht im Antlitz seines Hauptmanns. Labarna kniete nieder. �Ich bin nur ein unw�rdiger Wurm. Ich habe nicht verdient ��</p><p>�Du bist ein Held Luwiens.� Kurunta erhob seine Stimme, sodass alle in weitem Umkreis ihn h�ren konnten. �Wenn der Tag der Schlacht vor�ber ist, werden wir drei Meilen weit �ber die K�rper der erschlagenen Feinde schreiten, ohne dass unser Fu� nur ein einziges Mal staubigen Boden ber�hrt.� Leiser f�gte er hinzu: �Und wenn du mir den Kopf des Hofmeisters Datames bringst, Labarna, dann werde ich dir als Belohnung meinen Stadtpalast in Isatami schenken.� Er hatte die Stadt seit dem Tag, an dem er dort verst�mmelt worden war, ohnehin nicht mehr betreten. Kurunta stellte sich vor, wie er den Sch�del des bartlosen Hofmeisters in Gold einfassen lassen w�rde, um ihn k�nftig als Tafelschmuck bei seinen Festen zu verwenden. Er l�chelte bei dem Gedanken, wie er den Sch�del vor jenen G�sten aufstellen lassen w�rde, denen er eine Warnung zukommen lassen wollte.</p><p>Endlich bewegte sich die Marschkolonne. Die Tr�ger wurden zur Seite gewunken und in einen weiter s�dlich gelegenen Teil des riesigen Heerlagers geleitet. Kurunta war �berrascht, sich schon bald zwischen den Reihen lagernder Krieger wiederzufinden. Nirgends brannten Feuer. Was war hier los? Deutlich konnte er am Horizont den orangeroten Lichtschein �ber dem Heerlager Arams erkennen, das sich �ber Meilen entlang des ausgetrockneten Flussbetts erstreckte. Aber hier bei den Luwiern war alles dunkel. Warum?</p><p>Es ging jetzt z�gig voran. Voraus erkannte er die Schatten riesiger Zelte. Gr��er als selbst das Zelt des Unsterblichen Muwatta.</p><p>�Zu welcher Satrapie geh�rt ihr?�, wurden sie von einem Wachposten scharf angerufen.</p><p>�Vor dir steht der H�ter der Goldenen Gew�lbe!�, kam es �rgerlich von Labarna. �Und wie hei�t du, dass du es wagst, dich der rechten Hand des Unsterblichen Muwatta in den Weg zu stellen, wenn er eilt, seinem Herrn zu begegnen?�</p><p>Das Schweigen im Dunkel lie� Kurunta schmunzeln. Er �berlegte, ob er auch die Strafe des Vierteilens einf�hren sollte. Bislang war diese Art der Hinrichtung in Luwien nicht verbreitet.</p><p>�Bitte verzeiht, dass ich Euch bei dieser Finsternis nicht erkannte. Es ist zu viel Bewegung im Heerlager in dieser Nacht, und dieser Weg hier steht nur jenen frei, die zum unmittelbaren Gefolge des Unsterblichen geh�ren. Der Unsterbliche Muwatta weilt bei den �� Der W�chter stockte erneut, ganz so, als habe er einen weiteren Fehler gemacht. �Der Erzk�nig besichtigt die neuen Truppen. Ich werde Euch zu ihm bringen lassen.�</p><p>Zwei Krieger mit den hohen Rosshaark�mmen der k�niglichen Leibwache traten aus dem Dunkel. Schweigend winkten sie Labarna, ihnen zu folgen. Sie passierten eine Br�cke aus dicken St�mmen, die �ber einen Graben f�hrte, hinter dem eine hohe Erdschanze aufgesch�ttet worden war. Dieser Teil des Lagers war ganz neu. �berall standen Wachen.</p><p>Kurunta sah sich neugierig um, konnte aber nicht entdecken, was hier so schwer bewacht wurde. Es standen ausschlie�lich Krieger aus Muwattas Leibgarde auf Posten.</p><p>Sie wurden zwischen einigen der riesigen Zelte hindurchgeleitet bis zu einer Palisade aus hohem Bambusrohr, hinter der Licht brannte. Ein seltsamer Geruch lag in der Luft. Nach Tierkot. Kurunta konnte ihn nicht zuordnen. Pferdemist war es jedenfalls nicht.</p><p>�Taubenflug!�, rief einer ihrer beiden F�hrer, als sie ein Tor in der Bambuswand erreichten.</p><p>Kurunta hatte noch nie erlebt, dass an einem Ort, den die Leibwache des Erzk�nigs so streng kontrollierte, Passw�rter benutzt wurden.</p><p>Die Wachen winkten sie hindurch. Unmittelbar hinter dem Tor stand Muwatta. Er betrachtete einen Elefanten, dem gerade eine Beinpanzerung aus breiten Lederlamellen angelegt wurde. Das gro�e, graue Unget�m war mit einer schweren Decke gepanzert, auf die Hunderte von schimmernden Bronzescheiben aufgen�ht waren. Auch sein R�ssel wurde von einem Lamellenpanzer gesch�tzt, und eine wuchtige Bronzemaske, die von einem Kamm langer, roter Federn geschm�ckt wurde, sch�tzte den Kopf des Elefanten. Auf seine Sto�z�hne waren eiserne Klingen aufgesteckt, deren leicht geschwungene Form an Sicheln erinnerte.</p><p>Der Koloss stampfte unruhig mit den F��en. Es war offensichtlich, dass ihm diese Lasten unangenehm waren. �ber seinem R�cken schwebte an Seilen ein Konstrukt, das wie ein kleiner, h�lzerner Turm aussah. Breite Lederriemen hingen von ihm herab. Ein Trupp von Kriegern stand an einer Seilwinde und lie� den Turm langsam herabsinken, w�hrend ein dunkelh�utiger Kerl, der nur mit einem Lendenschurz bekleidet war, beruhigend auf den Elefanten einredete.</p><p>�Kurunta!� Der Erzk�nig hatte ihn bemerkt und kam ihm mit offenen Armen entgegen. �Gut, dass du endlich zur�ckkommst. Bringst du Nachricht von meiner Braut?�</p><p>Das war der Augenblick, vor dem er sich seit Tagen gef�rchtet hatte. �Ich � Wir sollten unter vier Augen sprechen.�</p><p>Muwatta trug seinen Maskenhelm. Seine Augen waren schwarze Abgr�nde in einem Gesicht aus spiegelndem Silber. Auf dem Helm war ein L�wenfell befestigt, sodass die silberne Stirn von gelblichen Fangz�hnen gerahmt wurde. Der Unsterbliche trug einen silbernen Glockenpanzer, �ber den ein breiter, rotgoldener Schwertgurt lief. Ein purpurner Wickelrock war um seine H�ften geschlungen. In all dieser Pracht sah er mehr wie ein Gott denn wie ein Mensch aus.</p><p>�Die Barbaren machen also �rger �� Dem Tonfall seiner Stimme war nicht zu entnehmen, ob er ver�rgert war. Einen Augenblick lang herrschte beklemmendes Schweigen, dann endlich deutete der Unsterbliche mit gro�er Geste auf den Elefanten. �Was h�ltst du davon, Kurunta?�</p><p>�Er sieht �beraus eindrucksvoll aus, mein Gebieter.� Kurunta bem�hte sich enthusiastisch, aber nicht unterw�rfig zu klingen.</p><p>�Wir haben vierzig davon. Sie alle werden R�stungen bekommen. Wir m�ssen sie allerdings noch daran gew�hnen.�</p><p>Kurunta betrachtete den Elefanten mit einiger Skepsis. Noch nie hatte jemand diese Ungeheuer in einer Schlacht eingesetzt. Jedenfalls nicht in halbwegs zivilisierten Gegenden. Er kannte Muwattas Elefanten aus Isatami, der bei den feierlichen Prozessionen der Heiligen Hochzeit durch die Stra�en der Tempelstadt gef�hrt wurde. Das Vieh galt als ausgesprochen launisch. Die Stallburschen, die sich um ihn k�mmern mussten, hatten eine Heidenangst vor dem Elefanten. Er hatte schon mehrere von ihnen umgebracht.</p><p>�Was f�r eine Schlachtlinie w�rdest du aufstellen, wenn du wie Aaron ein Heer aus Bauern in den Kampf f�hren m�sstest?�, fragte ihn Muwatta.</p><p>Kurunta sp�rte, wie ihm der Schwei� den R�cken hinabrann. Er k�mpfte gegen den Reflex, sich zu kratzen. Nicht in Anwesenheit des Unsterblichen! �Ich w�rde einen Schildwall bilden, mit m�glichst hohen Schilden. Meine erfahrensten Krieger w�rde ich in die vorderste Reihe stellen und die Bauern mit langen Speeren ausr�sten, damit m�glichst viele von ihnen den Kampf um den Schildwall mit Speerst��en unterst�tzen k�nnen.�</p><p>Muwatta deutete ein Nicken an. �Aaron hat kaum eine andere Wahl. Meine Elefanten werden wie Rammb�cke durch seine W�lle brechen. Eine einfache Linie erfahrener K�mpfer wird nie und nimmer ausreichen, sie aufzuhalten. Sie werden wie wandernde Festungst�rme sein. Auf ihren R�cken werden Bogensch�tzen und M�nner mit langen Speeren stehen. Und hinter den Elefanten folgen in Gruppen zu jeweils hundert meine besten Krieger, um durch die L�cken zu sto�en, die von den Elefanten geschlagen wurden. Das wird keine Schlacht, das wird ein Massaker. Das Ganze wird in weniger als einer Stunde vor�ber sein. Die meiste Arbeit wird es machen, die Fl�chtenden niederzustechen und danach H�gel aus ihren K�pfen zu schichten. Ich will einen zehn Schritt hohen H�gel, und auf seiner Spitze soll der Kopf Aarons liegen.�</p><p>Kurunta fr�stelte es. Es war verboten, einen Unsterblichen zu t�ten. Nicht einmal Aaron hatte es gewagt. Er hatte Muwatta in ihrem Duell einen Stich tief in den Unterleib versetzt. Es gab sogar Ger�chte, dass der Erzk�nig bei dem Zweikampf in Nangog kastriert worden war. Aus der Heiligen Hochzeit war im letzten Jahr kein Kind erwachsen. Das hatte die Ger�chte zus�tzlich angefacht. Wenn Muwatta Aarons Kopf wollte, dann w�rde er am Tag der Schlacht entt�uscht werden, ganz gleich, wie glorreich ihr Sieg sein mochte. Kurunta entschied, dass er sich nach der Schlacht nicht in die N�he seines Herrschers begeben w�rde. Wenn Muwatta zornig wurde, war er unberechenbar.</p><p>�Du siehst besorgt aus, mein Freund.�</p><p>Kurunta fluchte stumm und setzte ein L�cheln auf. �Ich traue den Elefanten nicht. Das sind st�rrische Biester. Ich hoffe, sie werden am Tag der Schlacht dahin laufen, wo wir sie haben wollen.�</p><p>�Das werden sie!� Muwatta klang so sicher und selbstbewusst, wie nur ein Unsterblicher klingen konnte. �I�ta wird an unserer Seite sein. Die Devanthar sind uns gn�dig gestimmt. Sie sch�tzen Aaron nicht. Und die Elefanten werden f�r Aaron eine �berraschung werden. Ich habe sie mit Bedacht in einer mondlosen Nacht hierherholen lassen und befohlen, die Feuer im Lager zu l�schen. Nur wenige haben sie kommen sehen. Und vor Tagesanbruch werden sie in ein nahes Tal getrieben, wo sie vor allen Blicken verborgen sind. Dreihundert ausgew�hlte J�ger bewachen das Tal und die Berge ringsherum. Niemand wird meinen Wallbrechern nahe kommen, bis zum Tag der Schlacht. Dem Tag, an dem sie die Linien Arams zerschmettern werden.�</p><p>Kurunta war nicht �berzeugt. Er war zu lange Feldherr, um daran zu glauben, dass ein Geheimnis wie dieses gewahrt werden konnte. Er vertraute lieber auf die Kraft ihrer Schwerter und darauf, dass sie weit mehr erfahrene Krieger ins Feld f�hren konnten als der Unsterbliche Aaron. Sie w�rden gewinnen, daran gab es keinen Zweifel. Aber sie w�rden es auf die altmodische Art tun. Schwert gegen Schwert, Speer gegen Speer, Mann gegen Mann.</p><p>�Aaron muss ziemlich verzweifelt sein�, sagte Muwatta gut gelaunt und klatschte in die H�nde. �Bringt den Spitzel!�</p><p>Der Elefant stellte die Ohren auf und stie� einen seltsamen Laut aus, als wolle er zum Angriff �bergehen. Offensichtlich hatte ihn das H�ndeklatschen aufgeschreckt. Der Treiber redete heftiger auf ihn ein. Die Anspannung unter den Leibwachen ringsherum war un�bersehbar. Einige der Krieger hoben Speer und Schild, was in Anbetracht des schwer gepanzerten Elefanten eine fast l�cherliche Geste war. Keiner von ihnen wich auch nur einen Zoll zur�ck. Muwatta h�tte jeden Leibw�chter auf der Stelle hinrichten lassen, der sich angesichts einer Gefahr feige verhielt.</p><p>Ein schlaksiger Kerl in einer schmutzigen Tunika wurde vorgef�hrt. Er hielt sich provozierend aufrecht, fand Kurunta, so als wolle er ihnen allen zeigen, dass er sich unter seinesgleichen bewegte. Mit seinem sch�tteren Haar, dem Ziegenb�rtchen und seinen �berlangen Gliedma�en sah er aus wie eine Witzfigur.</p><p>�Ilmari ist der Kopf meines Spitzelnetzes in Nangog�, erkl�rte Muwatta. �Er spricht f�nf Sprachen, verkleidet sich geschickter als selbst meine eitelsten H�flinge, und sein Messer ist t�dlicher als ein Skorpionstachel. Sei so gut, Ilmari, und erz�hle dem H�ter der Goldenen Hallen, was du gesehen hast.�</p><p>Kurunta war beunruhigt, diesen Spitzel nicht zu kennen. Er selbst bezahlte Dutzende wie Ilmari. Wie hatte seinen M�nnern entgehen k�nnen, dass der Erzk�nig ein eigenes Netzwerk von Spitzeln in Nangog unterhielt?</p><p>Der Kerl erz�hlte eine krause Geschichte dar�ber, dass Aaron seine Palastwachen aus Nangog abgezogen hatte. Jene S�ldnertruppe, die bis zu den Minen des K�nigreichs vorgedrungen war. Au�erdem hatte er sogar Krieger aus Zapote angeworben. Das war ungew�hnlich! Kurunta hatte noch nie davon geh�rt, dass sich Zapote als S�ldner verdingten.</p><p>Ein metallisches Lachen erklang hinter der silbernen Maske des Unsterblichen. �Ilmari ist sogar schneller hier als Aarons S�ldner. Seine Krieger wurden auf dem Platz vor der Goldenen Pforte aufgehalten, damit sie nicht gleichzeitig mit meinen Elefanten hierherkommen. Aaron muss sehr verzweifelt sein, wenn er selbst seine Palastwachen aufmarschieren l�sst. Ich w�sste gern, wie er die Zapote gewonnen hat. Andere S�ldner kann er schwerlich noch anwerben, ganz gleich, ob Drusnier, Ischkuzaia oder Valesier. Niemand folgt seinem Ruf, ganz gleich, wie viel Gold er bietet. Sie alle wissen, dass sein Heer vernichtet werden wird und jeder, der mit ihm streitet, hier auf der Ebene von Kush seinen Tod findet.�</p><p>Der Erzk�nig nickte dem hageren Kerl wohlwollend zu. �Du �bernimmst nun das Kommando �ber die Spitzel, die wir im Heerlager Arams haben. Mach deine Sache gut und nutze das Messer wohl, das ich dir gegeben habe. Ihm vermag nicht einmal die R�stung eines Unsterblichen zu widerstehen. Hast du Erfolg, lasse ich dich in Gold aufwiegen, Ilmari.�</p><p>�Ich werde Euch nicht entt�uschen, Allweiser Muwatta.� Er verbeugte sich tief und zog sich dann zur�ck.</p><p>�Und nun zu den Ischkuzaia!� Muwatta sah ihn durchdringend an. �Welchen �rger gibt es dort?�</p><p>�Vielleicht sollten wir unter vier Augen ��</p><p>Muwatta stie� ein unwilliges Schnauben aus. Er machte eine Geste, ihm zu folgen, und ging ein St�ck an der Bambuspalisade entlang. �Was also wollen sie?�</p><p>�Sie haben den Brautpreis verdoppelt und fordern auch noch, Pferde zur Auswahl gestellt zu bekommen. Ich soll mit mindestens zw�lfhundert R�ssern aus den k�niglichen St�llen zur�ckkehren, erhabener Muwatta.�</p><p>�Sie werden also frech.� Er schnalzte mit der Zunge. �Bring ihnen die Pferde!�</p><p>�Tausend Pferde? Kein Weib ist so viel ��</p><p>�Ich will Shaya haben. Sie wird die Heilige Hochzeit mit mir feiern. Mein Hofstaat soll sehen, wie die kleine Ischkuzaia-Prinzessin f�r mich die Beine breitmacht.�</p><p>Kurunta wagte es nicht, ein weiteres Mal zu widersprechen. �Ihr Leib ist voller Narben, hat man mir gesagt.�</p><p>�Hast du es gesehen?�</p><p>Es schwang ein Ton in dieser Frage, der Kurunta fr�steln lie�. �Selbstverst�ndlich habe ich sie nicht nackt gesehen, Allweiser Muwatta. Aber sie wurde mir vorgestellt. Sie ist ein wenig d�rr � ihr Gesicht erschien mir zu hart. Sie soll als Kriegerin in Nangog gek�mpft haben.�</p><p>�Und wenn sie schielen w�rde und einen Buckel h�tte, ich will sie haben�, beharrte Muwatta. �Bring den Barbaren ihre Pferde und hole mir Shaya! Kehre nicht ohne sie zur�ck! Bring sie zu den Priesterinnen und sorge daf�r, dass sie auf die Heilige Hochzeit vorbereitet wird. Und was die Barbaren angeht: Es gibt hier in Garagum, nahe dem Gelben Turm, einen Pass, der zu den s�dlichen Hochebenen Ischkuzas f�hrt. Wir werden uns im n�chsten Fr�hjahr schadlos halten, indem wir die Seidenkarawanen �berfallen, die zum Wandernden Hof ziehen. Verglichen mit den Sch�tzen, die wir dort erbeuten k�nnen, sind tausend Pferde ein geringer Preis.�</p><p>Kurunta schenkte seinem Herrscher ein falsches L�cheln. �Ich bewundere Eure Weisheit, mein unsterblicher K�nig.� Mit diesen Worten verbeugte er sich und zog sich zur�ck. Er w�rde es schnell hinter sich bringen. Genauso schnell, wie Muwatta die Heilige Hochzeit hinter sich bringen w�rde, wenn er sah, f�r was f�r ein Gerippe er die besten Pferde seiner St�lle hingegeben hatte.</p><p>Kurunta beschloss, in diesem Jahr zu den Feierlichkeiten der Heiligen Hochzeit verhindert zu sein und dringende Aufgaben hier im Heerlager �bernehmen zu m�ssen.</p></section><section><title><p>Lebendig gewordene Finsternis</p></title><p>�Herr, Ihr solltet dringend sehen, was im Heerlager vor sich geht.�</p><p>Artax hob �rgerlich den Kopf. Datames stand am Eingang zum Zelt. Sein blonder Hofmeister wirkte erz�rnt. Artax hatte das Rumoren drau�en vernommen, aber er war nicht in der Stimmung, sein Quartier zu verlassen. Sein Bart war zerzaust, vermutlich waren seine Augen ger�tet. So wollte er sich nicht seinen M�nnern zeigen. F�r sie musste er stark und unbesiegbar wirken. Ihre Moral war schon schlecht genug. Sie mussten ihn nicht noch in diesem �bern�chtigten Zustand sehen.</p><p>Artax lie� den Blick durch das Zelt schweifen. Hunderte von Tont�felchen bedeckten die Tische und jeden freien Fleck auf dem Boden. Berichte aus den Satrapien, Listen �ber die Lebensmittel, die sein riesiges Heer verschlang, Beschreibungen von ruhmreichen Schlachten aus der Vergangenheit.</p><p><emphasis>Du solltest uns vertrauen</emphasis>, meldete sich die unwillkommene Stimme in seinen Gedanken. <emphasis>Wir erinnern uns an Hunderte von Gefechten.</emphasis></p><p><emphasis>Wann habt ihr je in der ersten Reihe gestanden, um eine Schlacht zu f�hren?</emphasis></p><p><emphasis>Nie, du Narr! In der ersten Reihe fehlt einem Feldherrn der �berblick, um zu f�hren.</emphasis></p><p>Artax griff an seine Schl�fen. Er w�nschte, er k�nnte diese verfluchte Stimme zum Verstummen bringen. Er w�rde sie sich aus dem Kopf schneiden, wenn es die M�glichkeit dazu g�be!</p><p><emphasis>Tu es und du bist f�r immer mit uns vereint!</emphasis></p><p>�Eines Tages werde ich einen Weg finden, euch loszuwerden�, zischte er. �Dieser Tag wird kommen. Verlasst euch darauf.�</p><p>�Vorher solltet Ihr sehen, was im Heerlager vor sich geht�, entgegnete Datames k�hl.</p><p>�Ich rede nicht mit dir, Datames!� Er straffte sich. Der Hofmeister musste ihn f�r verr�ckt halten. �Also gut. Zeig mir, was vor sich geht.� M�de erhob er sich vom Faltstuhl hinter dem Tisch und strich sich mit fahriger Geste �ber den Bart. �Wie sehe ich aus?�</p><p>Datames ma� ihn mit absch�tzendem Blick. �Es ist dunkel drau�en, daf�r gen�gt es.�</p><p>Artax duckte sich unter der Zeltplane hindurch. Obwohl es mitten in der Nacht war, lag immer noch eine trockene, staubige Hitze �ber der weiten Ebene. Kein L�ftchen regte sich. Die meisten Lagerfeuer waren l�ngst erloschen. Es gab nur wenig Holz hier. Es wurde nur zum Kochen benutzt. Zusammen mit allem anderen, was brannte. Getrockneter Pferdedung, d�rres Strauchwerk. Vor einigen Tagen waren Krieger erwischt worden, die vertrocknete Leichen aus einem Gr�berfeld gescharrt hatten, um d�rre braune Arme und Beine zwischen ihr Anmachholz zu stecken. Artax hatte einen der M�nner �ffentlich hinrichten lassen. Er wollte nicht, dass seine Krieger von den Bewohnern der Provinz als ein Heer von Grabsch�ndern angesehen wurden. Er brauchte die Bogensch�tzen aus Garagum. Nicht dass sie bei der Schlacht ins Gewicht fallen w�rden. Dazu waren es zu wenige. Er brauchte sie als Sp�her. Keiner seiner M�nner, die er ausschickte, um das Lager Muwattas auszukundschaften, kehrte zur�ck. Er brauchte die Hirten und J�ger, die ihr Leben in diesen Bergen und auf den Hochebenen verbracht hatten, um Erfolg zu haben. Aber sie mieden ihn. Sie wussten, was alle �ber den Ausgang der Schlacht dachten, und wollten sich den k�nftigen Herrscher des vereinten Garagum nicht zum Feind machen.</p><p>�Volodi ist aus Nangog zur�ckgekehrt�, sagte Datames, und dem sonst so besonnenen und k�hlen Hofmeister gelang es kaum, den Zorn in seiner Stimme zu beherrschen.</p><p>�Unsterblicher!� Ein alter Mann in langem wei�en Gewand, auf dessen Brust eine goldene Fl�gelsonne prangte, kam ihm entgegengelaufen. Die H�rnerkrone, das W�rdezeichen seines Amtes, war ihm auf dem Kopf verrutscht. Der neue Hohepriester! Artax war dessen Name entfallen. Er mochte den alten Schw�tzer nicht. Seit dem Verrat des Abir Ata� vertraute er keinem Priester mehr.</p><p><emphasis>Rusa hei�t dieser Schw�tzer. Du solltest dir seinen Namen merken. Ohne die Priester wirst du unser Reich nicht regieren k�nnen.</emphasis></p><p>�Herr! Ihr m�sst das Geisterschwert holen und sie zur�ck durch die verwunschene Pforte treiben. Diese verfluchten Heiden, die M�nner deiner Leibwache, haben eine Daimonenschar in unser Heerlager gef�hrt! M�ge Feuer vom Himmel fallen, um sie auszul�schen!�</p><p>Artax blickte zu Datames.</p><p>�Er �bertreibt, aber nur ein klein wenig�, sagte der Hofmeister ernst.</p><p>Artax gab dem Hohepriester ein Zeichen, an seine Seite zu treten. �Ich bin ein Unsterblicher, Rusa, vergiss das niemals! Ich f�rchte weder Geister noch Daimonen und brauche nicht die Macht eines Schwertes, um mich diesen Gesch�pfen zu stellen.�</p><p>�Ich wollte Euch nicht beleidigen, Erhabener �� Der Priester schob seine H�rnerkrone zurecht und straffte sich. Seine Haltung strafte seine Worte L�gen. Er war sich seiner Macht bewusst, und er w�rde nicht einfach aufgeben.</p><p>Artax ging weiter. Ein Trupp seiner Leibwache schloss sich ihm an. Pr�chtig anzuschauende Krieger in schneewei�en Umh�ngen und mit hohen Bronzehelmen.</p><p>Immer lauter erklangen die Rufe vor ihnen in der Dunkelheit. Deutlich h�rte er Fl�che und Bannspr�che aus dem Geschrei heraus. Eine Mauer aus Leibern versperrte den Weg. Hunderte, vielleicht Tausende waren zusammengelaufen. Und von �berall kamen noch weitere Schaulustige herbei.</p><p>�Platz f�r den Unsterblichen!�, rief der Anf�hrer seiner Wachen. Seine Stimme ging im Geschrei fast unter. Er winkte seinen M�nnern, mit ihren Speersch�ften eine Gasse zu schaffen, und wiederholte seinen Ruf.</p><p>Jene, die sich umdrehten und Aaron erkannten, knieten ehrerbietig nieder.</p><p>�Der Unsterbliche ist gekommen, um die Daimonenkinder zu vertreiben!�, rief jemand in der Menge. �Der K�nig ist hier!�</p><p>Der Ruf wurde aufgenommen. Artax winkte seine Wachen zur�ck. Es bildete sich eine Gasse. Immer mehr Krieger und Bauern knieten nieder. Am Ende der Gasse standen Volodi und Kolja, und hinter ihnen war lebendige Finsternis. Artax brauchte eine Weile, bis er begriff, was er dort sah. Er dachte an den Abend, an dem er mit Shaya nach Westen gesegelt war, um den Himmelspiraten Tarkon Eisenzunge zu stellen. �ber dem Wei�en Platz vor der Tempelstadt der Zapote hatten sie Seile hinabgelassen, um einen Teil seiner Leibwache an Bord zu holen, die von diesen Schatten umringt gewesen war.</p><p>�Was im Namen der G�tter geht hier vor, Volodi?�</p><p>Kolja schob sich nach vorne und kniete dicht vor ihm nieder. Trotz der ledernen Armprothese sah er immer noch einsch�chternd aus.</p><p>�Allweiser Aaron, Beherrscher aller Schwarzk�pfe, Ihr hattet meinen Bruder Volodi geschickt, um all Eure Palastwachen in Euer Heerlager zu rufen. Doch viele von ihnen sind krank. Ausgezehrt von Fieber und Durchfall, w�ren sie M�nner, die Euch zur Last fallen w�rden, statt einen Nutzen zu bringen. So habe ich mir erlaubt, f�r jeden Kranken zwei Krieger aus der Tempelwache der Zapote anzuwerben. Sie sind herausragende K�mpfer und werden viele Eurer Feinde t�ten.�</p><p>�Sie sehen aus wie Daimonen. Sie machen den Bauern und Handwerkern Angst�, zischte Artax �rgerlich.</p><p>Kolja sah zu ihm auf und l�chelte. �Ich verspreche Euch, sie k�mpfen auch wie Daimonen.�</p><p>Artax betrachtete die fremden Krieger. Es war schwer, sie im Dunkel zu erkennen. Sie schienen mit der Nacht zu verschmelzen. Nur die Krieger im Gewand der Adlerfedern konnte er deutlich erkennen. Aus den aufgerissenen Schn�beln ihrer Helme blickten ihn harte Gesichter an. Manche waren t�towiert. Sie w�rden von Nutzen sein, wenn er sie richtig einsetzte.</p><p>Artax zog sein Schwert. Blassgr�nes Licht spielte um die verwunschene Klinge. Der Anblick des Schwertes machte ihn zuversichtlicher. Er wollte die Schlacht. Und er konnte sie gewinnen. Er w�rde in der ersten Reihe stehen, mit seinen M�nnern k�mpfen und das Blut seiner Feinde vergie�en. Viel Blut!</p><p>�M�nner von Aram!�, rief Artax mit lauter Stimme, und das �ngstliche Gemurmel ringsherum erstarb. �Diese Krieger sind aus dem fernen Zapote gekommen, um f�r unsere Sache zu k�mpfen. Sie sehen aus wie Daimonen. Allein sie anzuschauen, l�sst selbst das Herz eines tapferen Mannes erzittern. Aber sie sind <emphasis>unsere</emphasis> Daimonen!�</p><p>Jetzt war es totenstill geworden.</p><p>�Kniet nieder, Krieger Zapotes. Verneigt euch vor der Macht, der ihr dienen werdet, bis das Heer Luwiens zerschlagen ist.� Artax hielt das Schwert nun auf die Schattenkrieger gerichtet. Sie standen reglos, bis einer in ihrer vorderen Reihe ein Zeichen gab und selbst als Erster sein Knie beugte.</p><p>Erleichtert atmete Artax auf. �Ich hei�e euch willkommen auf der Erde Arams, Daimonen vom anderen Ende der Welt. Doch h�rt mein Gebot. Ihr werdet keinem der Meinen ein Leid zuf�gen. Ihr werdet euch den Gesetzen Arams unterordnen und werdet weder durch Worte noch durch Taten die G�tter meiner V�lker beleidigen. Versto�t ihr gegen dieses Gebot, wird dieses Schwert euch richten.� Er hob die Klinge erneut hoch �ber sein Haupt, sodass ihr magisches Leuchten weithin zu sehen war.</p><p>�Folgt ihr aber den Gebr�uchen und Gesetzen Arams, wird dies Schwert euch sch�tzen, so wie es jeden meiner Untertanen sch�tzt, solange ich atme. Nun erhebt euch und seid willkommen in meinem Heer. Seid <emphasis>unsere</emphasis> Daimonen!�</p><p>�Ja, seid unsere Daimonen!�, rief Datames hinter ihm, der augenblicklich begriffen hatte, was er erreichen wollte.</p><p>�Seid unsere Daimonen�, riefen nun weitere Krieger rings- herum, doch bei Weitem nicht so viele, wie Artax sich gew�nscht h�tte.</p><p>�Seid der Schrecken unserer Feinde!�, rief der Unsterbliche laut.</p><p><emphasis>Rhetorisch nicht wirklich brillant</emphasis>, spottete die Stimme Aarons in seinen Gedanken. <emphasis>Wie w�re es mit: Seid der Albtraum Muwattas.</emphasis></p><p>�Seid der Albtraum Muwattas!�, rief Artax.</p><p>Jetzt waren es Tausende, die seinen Ruf aufnahmen. Er hatte es geschafft, die Angst aus den Herzen seiner M�nner zu vertreiben. F�r heute Nacht zumindest.</p><p>Artax schob sein Schwert zur�ck in die Scheide, w�hrend die Krieger noch immer die Schattenkrieger Zapotes hochleben lie�en. �Bring sie nach dort hinten, hinter die H�gel. Mindestens eine Meile vom Lager fort und au�er Sicht. Ich m�chte nicht, dass meine M�nner diese Daimonenbrut Tag f�r Tag vor ihren Augen haben und sich die Angst in ihre Herzen zur�ckschleicht.�</p></section><section><title><p>Von Schafen, L�wen und L�gnern</p></title><p>Datames hatte sich schlichter gekleidet, als es sonst �blich war. Auch wenn Aaron sich letzte Nacht ganz gut geschlagen hatte, war die Moral in seinem Heer eine Katastrophe. Die erfahrenen Krieger sahen auf die Bauern und Handwerker herab, die dem Ruf zu den Waffen gefolgt waren. Sie hielten sich getrennt von den anderen, statt ihnen zu helfen, zu richtigen K�mpfern zu werden. Die meisten M�nner lungerten den ganzen Tag herum. Sie hatten nichts zu tun, au�er sich auszumalen, wie schrecklich die Krieger Muwattas waren und dass sie alle hingemetzelt werden w�rden. Eine Stimmung �ngstlicher Gereiztheit lag �ber dem riesigen Heerlager. Es kam st�ndig zu Schl�gereien. Kaum ein Tag verstrich, ohne dass es Tote gab. Manchmal griffen die Satrapen ein. Alles, was ihnen einfiel, waren �ffentliche Hinrichtungen. Das war kein Mittel, um Angst und Missmut zu bek�mpfen. Bis zum Tag der Schlacht w�rde dieses Heer sich selbst besiegen, wenn er nichts unternahm.</p><p>Er zog ein Maultier hinter sich her, das mit Hacken beladen war. Der Blattrand der Hacken war mit Bronze verst�rkt, damit das harte Holz nicht so schnell splitterte. Nach den Ma�st�ben von Elfen eher ein primitives Werkzeug, aber das Beste, was hier zu bekommen war.</p><p>Datames war sich der Aufmerksamkeit bewusst, die er auf sich zog. Selbst in schlichtem Gewand war er f�r einen Mann, der ein Maultier mit Werkzeug hinter sich herzog, viel zu gut gekleidet. Auch war er sich bewusst, dass er als der Bartlose mit dem goldenen Haar aus dem Gefolge des Unsterblichen vermutlich vielen schon aufgefallen war.</p><p>Er blieb stehen. Sah sich unter den M�nnern um, die ihn angafften. Einer, ein hagerer Kerl, sah besonders feindselig und verschlossen aus. �Du da!�</p><p>Ein kalter Blick war die einzige Antwort.</p><p>�Wie hei�t du?�</p><p>�Wer bist du, dass dich das interessiert?� Der hagere Kerl kam auf ihn zu. Er war unrasiert. Das schwarze Haar str�hnig. Ein �berheblicher Drecksack. Genau der Richtige! Wenn er den herumbekam, w�rde er sehr schnell auch andere �berzeugen.</p><p>�Ich bin Datames, der Hofmeister des Unsterblichen Aaron. Nun sag mir, wie du hei�t, denn ich will einen reichen Mann aus dir machen.�</p><p>Ein sp�ttisches L�cheln war die einzige Antwort.</p><p>Datames wies zum Maultier. �Kannst du mit einer Hacke umgehen?�</p><p>Der Hagere verschr�nkte die Arme vor der Brust. �F�r die Dauer des Feldzugs bin ich ein Krieger. Du kannst mir keine Fronarbeit befehlen. Zieh weiter, Hofmeister.�</p><p>Datames erinnerte sich an den Kerl. Er hatte ihn schon einmal gesehen, wusste aber nicht mehr, wann. �blicherweise hatte er ein gutes Ged�chtnis f�r Gesichter. Aber hier gab es einfach zu viele Menschenkinder.</p><p>�Sei doch nicht so unfreundlich, Ashot!� Ein kleiner, etwas pummeliger Mann mit freundlichem, rundem Gesicht gesellte sich zu dem Hageren. �Was k�nnen wir f�r Euch tun, Hofmeister Datames?�</p><p>�Wie hei�t du?�</p><p>Der Kleine stellte sich in Positur, als sei er ein Schauspieler auf einer billigen Stra�enb�hne. �Ich bin Narek aus Belbek. Vater des Daron. Und mein Weib Rahel ist die h�bscheste ��</p><p>�Quatsch ihn nicht voll�, grollte Ashot und bedachte Datames mit einem finsteren Blick. �Das interessiert diesen feinen H�fling, der sich in seinem ganzen Leben noch nicht die H�nde schmutzig gemacht hat, einen Dreck. Er ist es nicht wert zu wissen, wie dein Sohn und dein Weib hei�en. Und ich wette mit dir, von Belbek hat er in seinem ganzen Leben noch nicht geh�rt.�</p><p>�Belbek liegt in der N�he der Mine Um el-Amad in der Satrapie Nari�, sagte Datames schmunzelnd. Er k�mmerte sich schon so lange um die Gesch�fte des Hofes, dass er wohl fast jedes Dorf des Reiches kannte. Zumindest dem Namen nach. �Eine gute Gegend f�r die Ziegenzucht. Weniger geeignet f�r Rinder und Schweine.�</p><p>Narek strahlte, wohingegen Ashot ein Gesicht machte, als habe er ihm ans Bein gepinkelt.</p><p>�Wir sind ber�hmt�, jubelte Narek. �Die kennen uns sogar bei Hof!�</p><p>�Nur der Kerl kennt unser Dorf�, murrte Ashot gallig. �Glaub nur nicht, dass irgendjemand anders es kennt. Ich habe dir gesagt, f�r die sind wir nur ein paar namenlose Weizenk�rner. Ohne Bedeutung.�</p><p>�Aber <emphasis>er</emphasis> kennt Belbek�, beharrte Narek.</p><p>Jetzt erinnerte sich Datames, wo er den m�rrischen Kerl schon einmal gesehen hatte. �Du warst bei dem Unfall mit den Streitwagen dabei. Du hast deinen Stock nicht fallen lassen, als andere fortgelaufen sind, Ashot. Du hast das Herz eines Kriegers, das hast du bewiesen.�</p><p>Deutlich sah Datames, wie sich Ashot bem�hte, seine �berraschung hinter einer m�rrischen Grimasse zu verbergen. �Du hast also ein gutes Ged�chtnis, Hofmeister. Das beweist noch lange nicht, dass du dich wirklich f�r uns Bauern interessierst.�</p><p>Einige andere Bauern gesellten sich zu ihnen, neugierig zu sehen, was ein H�fling von ihnen wollte. Datames war zufrieden. Sein Plan schien aufzugehen. �Wer ist euer Anf�hrer?�</p><p>Narek deutete auf Ashot.</p><p>Der Hofmeister l�chelte. �Das h�tte ich mir denken k�nnen.�</p><p>�Kommen wir zur Sache. Was willst du?� Als Sprecher f�r eine Gruppe trat Ashot noch grimmiger auf.</p><p>�Nun, wie ich schon sagte, m�chte ich gerne reiche M�nner aus euch machen. Wenn euch daran gelegen ist.� Jetzt hatte er die volle Aufmerksamkeit aller. Nur Ashot runzelte misstrauisch die Stirn.</p><p>�Was glaubt ihr, worum die Unsterblichen in dieser Schlacht k�mpfen?�</p><p>�Um diese Satrapie�, sagte Narek eifrig.</p><p>�Genau. Um Land, denn Land ist Macht. Es ist ewig. Und worum k�mpft ihr?�</p><p>�Wir bekommen Sold. Mehr, als wir bei der Feldarbeit verdienen�, antwortete einer aus der Gruppe.</p><p>�Und wie lange werden die M�nzen reichen? Einen Winter? Zwei? Was macht ihr damit? Ein paar Ziegen kaufen? Etwas H�bsches f�r eure Frauen und Kinder?�</p><p>�Also ich werde Rahel eine Glasperlenkette schenken�, erkl�rte Narek. �Und dann werde ich �� Der Bauer sah �berrascht seine Kameraden an. Alle anderen schwiegen.</p><p>�Ganz gleich, wie achtsam ihr mit eurem Sold auch umgeht�, fuhr Datames fort, wohl wissend, auf wie d�nnem Eis er sich bewegte. Die Bauern argw�hnten, dass er sie verspotten wollte. �Von den M�nzen wird in ein paar Jahren nichts mehr geblieben sein. Wem von euch geh�rt eigenes Land?�</p><p>�Mir�, sagte Narek stolz.</p><p>�Gibt es in euren D�rfern gutes Land, das nicht bestellt wird? Land, das den Reichen geh�rt und auf dem nur Ziegen weiden, obwohl es ein guter Acker sein k�nnte?�</p><p>Die meisten nickten grimmig.</p><p>Datames zog eine Tontafel aus dem breiten Tuch, das er als G�rtel um seine H�ften geschlungen hatte. Sie war eng mit keilf�rmigen Schriftzeichen bedeckt und am unteren Rand mit dem Rollsiegel des Unsterblichen Aaron gesiegelt. �Dies hier ist eine Kopie des Erlasses, der euch allen etwas geben wird, was Bestand f�r die Ewigkeit hat. Etwas, das euren Kindern und Kindeskindern noch Nutzen bringen wird. Die Tafel wurde erst gestern Nacht gebrannt, zusammen mit Dutzenden, auf denen derselbe Text steht. Er wird an alle Satrapen des Reiches geschickt werden.� Er reichte die Tontafel Narek.</p><p>Der Bauer nahm sie mit spitzen Fingern entgegen, als habe er Furcht, er k�nne sie zerbrechen. Datames beobachtete, wie die M�nner das Schriftst�ck herumreichten. Wie sie �ber die Schriftzeichen strichen und das Siegel, das den Unsterblichen Aaron neben dem L�wenh�uptigen zeigte, bestaunten. Ganz offensichtlich konnte keiner von ihnen lesen. Darauf hatte er gehofft, denn was sie dort in H�nden hielten, war nicht mehr als eine Liste mit Vorr�ten, die aus den k�niglichen Kornspeichern angefordert wurden. Aaron hatte ihn zwar beauftragt, eine Armee aufzubauen, die wusste, wof�r sie k�mpfte, aber er hatte sich seit Tagen nicht entschlie�en k�nnen, seinem Vorsatz Taten folgen zu lassen. Die Tafeln mit dem Erlass, der den Bauern Land versprach, hatte er bis heute nicht brennen lassen. Er f�rchtete einen Aufstand der Satrapen und der Grundbesitzer. Vielleicht wurde er sogar von den Satrapen erpresst � Datames war lange genug Hofmeister, um zu wissen, wie unfrei selbst der Unsterbliche manchmal war. Aber den Bauern Land zu �berlassen war die einzig richtige Entscheidung!</p><p>Ashot nahm den anderen die Tontafel ab und gab sie ihm zur�ck. �Darauf k�nnte alles stehen. Wir sind nur Bauern und Tagel�hner. Du wei�t, dass wir das hier nicht lesen k�nnen. Und jetzt nenn mir einen Grund, warum wir einem bartlosen H�fling trauen sollten, von dem es hei�t, dass er Unzucht mit Schafen treibt, weil die Weiber von ihm nichts wissen wollen.�</p><p>Ashot w�rde nicht alt werden, dachte Datames, verbarg seinen Zorn aber hinter einem L�cheln. Er musste gelassen und freundlich bleiben, wenn er die Bauern f�r sich gewinnen wollte. �Mit Schafen?� Er lachte sp�ttisch. �Glaubst du, im Palast von Ak�u halten wir Schafe? Ihr alle seid auf eurem Weg nach Kush dort gewesen. Sah der Palast aus wie ein Schafstall?�</p><p>Die M�nner blickten auf ihre staubigen, nackten F��e. Ganz offensichtlich f�rchteten sie, dass sie jetzt alle f�r die Unversch�mtheit Ashots bestraft werden w�rden.</p><p>�Ganz unrecht hast du allerdings nicht. Die Damen meiden mich wirklich. Und ich meide sie. Ich suche Gespielinnen mit goldenem Haar. Deshalb sind Schafe nichts f�r mich. Ich nehme L�winnen.�</p><p>Narek glotzte ihn mit weit offenem Mund an. �Nein! L�winnen?�</p><p>Datames grinste frech. Dann deutete er zu den Hacken. �Das Gesetz des Unsterblichen besagt, dass jeder von euch, der die Schlacht �berlebt, so viel Land bekommen wird, wie er an einem Fr�hlingsmorgen zwischen Sonnenaufgang und der Mittagsstunde mit einer Handhacke umgraben kann. Da ich Satrapen und reiche Fetts�cke nicht leiden kann, dachte ich mir, ich sehe mir einmal an, wie gut ihr mit der Hacke umgehen k�nnt.�</p><p>�Und das ist wirklich wahr?�, fragte Ashot.</p><p>Datames sp�rte, wie der Widerstand des Bauern zu br�ckeln begann. �Nun, ihr m�sst die Schlacht schon �berleben. Tausende von euch werden alles geben und am Ende nur so viel Land bekommen, wie man f�r eine Grube braucht, in die eure Leiche gelegt wird. Aber ich will, dass ihr um nicht weniger k�mpft als die Unsterblichen. Um Land! Und dass der Lohn f�r euren Mut etwas ist, das f�r immer Bestand hat. Und nun nehmt die Hacken! Ich will sehen, wie viel ihr in einer Stunde schafft.� Datames trat zu dem Maultier und zog f�r sich selbst eine Hacke aus dem B�ndel.</p><p>�Willst du auch graben?�, fragte Ashot argw�hnisch.</p><p>�Nat�rlich. Ich erwarte von euch, dass ihr am Tag der Schlacht an meiner Seite kalten Mutes dem Tod entgegenseht. Da vergebe ich mir nichts, wenn ich an eurer Seite ein St�ck trockenes Land umgrabe. Oder glaubt ihr etwa, ich sei zu d�mlich, eine Hacke zu schwingen, weil ich seit Jahren in einem Palast lebe?�</p><p>�Also �� Narek kratzte sich am Kopf. �Das ist doch nicht richtig. Du bist ein feiner Herr. Du musst das nicht tun. Du willst uns ein Feld umgraben sehen? Das machen wir auch so.�</p><p>�Ich wette um eine Amphore voll Wein, dass ich in einer Stunde mehr Land umgrabe als ihr.�</p><p>Narek sch�ttelte den Kopf. �Wir wollen dich nicht ausrauben. Auch wenn du sicher sehr feinen Wein ��</p><p>Ashot unterbrach ihn. �Wir nehmen diese Wette an. Oder hat irgendjemand au�er Narek Bedenken, einen reichen H�fling mit einem frechen Mundwerk um eine Amphore Wein zu erleichtern?�</p><p>Die �brigen Bauern sch�ttelten grinsend den Kopf. Erst jetzt fiel ihm auf, dass die Gruppe zu klein war. Sie waren nicht zehn, sondern nur neun. �Ist einer von euch krank?�</p><p>Narek sch�ttelte den Kopf. �Nee. Die Leute aus Belbek sind wohl eher Bauern als Krieger. Wir haben nicht genug gefunden, um auf zehn zu kommen. Und wir sollten doch alle aus derselben Gegend sein.�</p><p>�Sucht bei den Lastentr�gern, die jeden Tag ins Lager kommen. Vielleicht findet ihr da euren zehnten Mann.�</p><p>Ashot lachte sp�ttisch. �Die sind doch nicht bl�d und lassen sich hier den Sch�del einschlagen.�</p><p>Datames wies �ber die Ebene, auf der das Heer lagerte. �Glaubst du, die alle hier sind bl�d? Ich denke, auch unter Lastentr�gern kann man M�nner mit dem Herzen eines L�wen finden. Und bestimmt auch jemanden, der aus der Provinz Nari kommt. Komm zur Mittagsstunde in mein Zelt, Ashot. Ich gebe dir ein Handgeld, um euren fehlenden Mann anzuwerben. Ein paar Kupferm�nzen sollten als zus�tzlicher Anreiz gen�gen.� Er sah die M�nner der Reihe nach an. Unrasierte, grobschl�chtige Kerle mit einem Grinsen im Gesicht waren sie. Er hatte sie f�r sich gewonnen, dachte Datames zufrieden. Blieben nur noch Neunundvierzigtausendneunhundertneunzig. Er nickte ihnen zu. Ihr Grinsen wurde breiter. Er konnte es fast f�hlen, das Band, das zwischen ihnen bestand. Bis zur Schlacht w�rde es zu einer Kette aus Eisen werden, die dieses Bauernheer zusammenhielt und zu einem Kampf bef�higte, den ihnen Muwatta niemals zutrauen w�rde.</p><p>�Eine Bitte habe ich noch an euch. Ich brauche in der Nacht vor der Schlacht f�r drei Stunden lang die Kraft eurer Arme. Und das sollt ihr nicht herumerz�hlen, denn ich werde unter f�nfzig in diesem Heer jeweils nur einen auserw�hlen, um mit mir zu gehen. Seid ihr dabei?�</p><p>Alle sahen Ashot an. Erstaunlich, wie sehr die Bauern diesem m�rrischen Kerl vertrauten.</p><p>�Ich gehe mit dir, Hofmeister, und die anderen werden auch mitkommen. Doch jetzt zu deiner Wette. Bleibt es bei deinem Einsatz?�</p><p>Ashot bot ihm die Hand an, und Datames schlug erleichtert ein. �Die Wette gilt.� Der erste Schritt war getan, aus diesem verlorenen Haufen ein Heer zu schmieden, das wusste, wof�r es k�mpfte. Jetzt brauchte er nur noch die endg�ltige Zustimmung des Unsterblichen. Im Herzen war er auf seiner Seite. Da war sich Datames sicher, und Aaron hatte es ja auch bereits mehr als deutlich gezeigt. Auch wenn es bisher noch keine Urkunden f�r die Landreform gab. Nun w�rde Aaron keine andere Wahl mehr bleiben, als sie ausstellen zu lassen oder seinen Hofmeister als einen Betr�ger zu entlarven �</p></section><section><title><p>Der verlorene Traum</p></title><p>Artax war au�er sich, als er das Zelt des Hofmeisters betrat. Datames stand �ber eine Wasserschale gebeugt und wickelte sich blutige Stoffstreifen von den H�nden. Er war �ber und �ber mit Schmutz bedeckt. Nie zuvor hatte er den Hofmeister in einem so verwahrlosten Zustand gesehen.</p><p>�Nenne mir einen Grund, warum ich dich nicht heute Abend noch hinrichten lassen sollte. Vor dem Zelt wartet die Wache, die dich abf�hren wird! Was hast du dir dabei gedacht?�</p><p>Der Hofmeister blickte von der Wassersch�ssel auf. Seine Augen waren blutunterlaufen. �Gen�gt es dir, dass ich f�r heute zu m�de f�r eine Hinrichtung bin?�</p><p><emphasis>Wir schlagen vor, du l�sst diesen bartlosen Sch�nling direkt vor seinem Zelt k�pfen. Jetzt. Auf der Stelle!</emphasis></p><p>�H�ltst du dich f�r unsterblich, Datames?� Artax schaffte es kaum, seine Stimme im Zaum zu halten. Was dieser Bastard getan hatte, war unverzeihlich. In den n�chsten Stunden w�rde es zu einer Revolte kommen, wenn er, Artax, nun keine Zeichen setzte. Und das deutlichste Zeichen w�re, den Kopf dieses Kerls auf einer Stange mitten im Lager aufzuspie�en.</p><p>Datames trocknete sein Gesicht mit einem Tuch. �Sehe ich unsterblich aus? In meinem ganzen Leben habe ich mich noch nie so zerschlagen gef�hlt.�</p><p>�Was hast du dir dabei gedacht, als du den Bauern Land versprochen hast? Was glaubst du, wie das bei den Satrapen ankommt? Sogar Mataan ist au�er sich. Auf seiner Insel gibt es gar kein Ackerland, das verschenkt werden k�nnte, selbst wenn er solche Geschenke guthei�en w�rde.� Artax war anfangs von der Idee, den Bauern Land zu versprechen, verf�hrt gewesen. Aber hatte er sich nicht vielleicht gerade deshalb daran begeistert, weil er selbst einst ein Bauer gewesen war? Er durfte solche Entscheidungen nicht leichtfertig treffen. Sie mussten wohldurchdacht sein! Deshalb hatte er trotz seiner anf�nglichen Zustimmung kein Gesetz erlassen. Es war eine bewusste, wohlbegr�ndete Entscheidung gewesen, die Datames einfach ignoriert hatte!</p><p>Der Hofmeister lie� sich auf seinem Bett nieder. Er hatte tats�chlich ein richtiges Bett in seinem Zelt stehen, kein einfaches Feldbett wie Artax. Der Unsterbliche sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Dort drau�en lagern f�nftausend Krieger. Die M�nner der Satrapen und deine Leibwache. Beantworte du mir eine Frage. Werden sie f�r dich die Schlacht gewinnen? Oder die f�nfundvierzigtausend Bauern und Tagel�hner?�</p><p>�Die Satrapen sind die St�tze des Reiches. Wenn ich sie ver�rgere, kommt es zu einem B�rgerkrieg.�</p><p>Datames hob eine einzelne Braue und sah ihn ver�chtlich an. �Wie gut kennst du dein Reich, Unsterblicher Aaron?� Er machte eine ausholende Bewegung und wies auf die Tont�felchen und Schriftrollen, die �berall im Zelt herumlagen. �Ich bekomme t�glich ihre Listen �ber Abgaben. Bitten um Unterst�tzung. Nari zum Beispiel hat Werkzeuge, f�nfhundert Maultiere und eine Befreiung von Abgaben erbeten, um einen gro�en Damm zu bauen, der die Felder vor der Stadt vor �berflutungen sch�tzen soll. Wei�t du, was der Satrap dort bauen lie�? Einen neuen Palast. Der Damm, f�r den er drei Jahre von allen Abgaben befreit worden war, war noch keine hundert Schritt lang. Nat�rlich hatte der Gute alle m�glichen Ausfl�chte. Deine Satrapen sind gierige Ausbeuter. Sie betr�gen dich und das Reich. Sie haben nur ihren eigenen Nutzen im Sinn. M�nner wie Mataan sind eine Ausnahme. Aber wie viele gibt es von ihnen? Drei? Und ihnen, die dich ohne auch nur ein schlechtes Gewissen zu haben betr�gen, willst du meinen Kopf bringen?�</p><p><emphasis>Er ist ein Sch�nschw�tzer. Das ist sein gr��tes Talent. Aber lass dich von ihm nicht blenden. Er ist es, der dich hintergangen hat! Er hat die Bauern belogen und dich betrogen.</emphasis></p><p>Datames sa� schweigend auf seinem Bett und blickte ihn herausfordernd an. Der Hofmeister hatte ihm immer gut gedient und ihn klug beraten. Aber was heute geschehen war, durfte nicht ungeahndet bleiben. �Was hast du getan, dass du so aussiehst?� Artax wusste, dass der Hofmeister zusammen mit Bauern ein riesiges St�ck totes Land umgegraben hatte. Ein v�llig nutzloses Unterfangen. Dort w�rde nie etwas wachsen. Keiner k�me je auf die Idee, dort zu s�en.</p><p>�Ich wollte die M�nner kennenlernen, die hierhergekommen sind, um f�r dich und Aram ihr Leben zu wagen. Die daran glauben, dass dieses Reich es wert ist, es mit ihrem Blut zu verteidigen, obwohl ihnen Aram kaum etwas zu bieten hat. Als ein H�fling h�tte ich niemals gleich zu gleich mit ihnen sprechen k�nnen. Aber zusammen auf dem Feld, wenn man aus derselben Wasserflasche trinkt, da schwinden die Standesgrenzen irgendwann. Man versteht sich � Nat�rlich kannst du das nicht wissen, Unsterblicher. Das dort drau�en auf den Feldern ist eine andere Welt als die innerhalb der Palastmauern.� Die letzten Worte sprach Datames mit Bitternis. Er stand auf. �Wenn du meinen Kopf forderst, habe ich eine letzte Bitte. Verkaufe meinen Besitz! Ich habe keine Erben. Ich m�chte, dass alle Bauern, mit denen ich heute gegraben habe, ein St�ck Land bekommen, wenn sie die Schlacht �berleben. Sie sind aus Belbek und aus Nari, aus ��</p><p>�Belbek!� Der Name traf ihn wie ein Schlag. Sein Dorf! Konnte Datames etwas wissen?</p><p><emphasis>Zuzutrauen w�re ihm das. Er ist der geborene Schn�ffler. Wir sollten ihn uns vom Hals schaffen. Er bringt uns kaum mehr Nutzen, k�nnte aber noch viel �rger machen.</emphasis></p><p>Der Hofmeister sah ihn nachdenklich an. Er schien �berrascht von seiner heftigen Reaktion. Artax w�nschte sich, er h�tte den Mund gehalten. Aber tausend Erinnerungen an sein verlorenes Leben machten ihm das Herz schwer. Er dachte an die sorglose Zeit in Belbek. An seine Freunde und wie gut die meisten von ihnen ein eigenes St�ck Land gebrauchen k�nnten. Dachte an seine Tagtr�ume von einem einfachen Leben mit Almitra an seiner Seite.</p><p><emphasis>Du hast das Dorf verlassen, weil du so arm warst, dass du niemals eine Frau abbekommen h�ttest. Verkl�r deine Hungerjahre nicht zu einer sch�nen Zeit, du Narr. Und jetzt ruf den Henker.</emphasis></p><p>�Unter den M�nnern aus Belbek ist einer, der Ashot hei�t. Den solltest du einmal erleben. Er gibt einen guten Anf�hrer ab. Trotz seiner m�rrischen Art trauen ihm die Bauern was zu. Der nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er redet.�</p><p>Artax musste unwillk�rlich l�cheln. Das hatte Ashot noch nie getan. Er hatte oft mit ihm gestritten.</p><p>�Darf ich ein offenes Wort an dich richten?�</p><p><emphasis>Nein! H�r nicht weiter zu. Der spinnt dich ein.</emphasis></p><p>�Rede.�</p><p>�Seit du in Nangog aus dem Himmel gest�rzt bist, hast du dich sehr ver�ndert. Die Priestermorde konnte ich nicht guthei�en. Aber anderes � Du bist nicht mehr derselbe Mann, Aaron. Du hast mir von deinen Visionen erz�hlt. Davon, wie du das Land ver�ndern willst. Wie du gegen die Ungerechtigkeit ank�mpfen m�chtest. Was h�lt dich auf? Warum nicht jetzt beginnen? M�nner wie Ashot oder sein Freund Narek sind die St�tzen dieses Reiches. Nicht die Satrapen. Sie sind wie Blutegel. Du kannst ihnen nicht trauen. Sie sind nur hier, weil sie deinen Zorn f�rchten. Sie k�mpfen nicht mit dem Herzen f�r Aram. Aber M�nner wie Narek w�rden sich f�r dich in St�cke schneiden lassen. Du schuldest ihnen etwas, Aaron. Was l�sst dich z�gern, auf ihrer Seite zu stehen?�</p><p><emphasis>Wann reicht dir das Gew�sch? Wir haben schon lange genug. Pack ihn und schaff ihn zum Henker.</emphasis></p><p>W�rde er noch etwas im Reich ver�ndern, wenn er nicht mehr auf sein Herz als Bauer h�rte? Sein K�nigreich war f�r Satrapen geschaffen und f�r reiche Kaufherren. Wenn er ihrem Rat folgte, dann w�rde alles bleiben, wie es war. Er hatte sich von ihren Einfl�sterungen von seinem Weg abbringen lassen. Und ausgerechnet der verweichlichte, eitle Hofmeister war der Sache der Bauern treu geblieben. Hatte sich nicht beirren lassen. Dennoch konnte er seine Anma�ung nicht einfach so hinnehmen! �Du wirst nie wieder etwas in meinem Namen verk�nden, was du nicht mit mir abgesprochen hast�, sagte Artax mit harter Stimme. �Und nun sag mir, was du als N�chstes planst. Das ist ja wahrscheinlich noch nicht alles.�</p><p>�Wird es eine Landreform geben?�</p><p>�Ich werde dar�ber weiter nachdenken.� Eigentlich hatte er sich entschieden. Dass einige wenige Familien neun von zehn Feldern in einem Dorf ihr Eigen nannten und die anderen ihre Fronarbeiter waren, w�hrend fruchtbares Land nicht genutzt wurde, war eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Wie oft hatte er mit Narek und Ashot zusammengesessen und diese verr�ckte Welt verflucht. Und nun, da er die Macht hatte, all dies zu �ndern, kam er in dieses Zelt mit der Absicht, den Mann hinrichten zu lassen, der endlich angepackt hatte, was er vers�umt hatte. Begann seine Machtf�lle ihn zu ver�ndern? Er sollte auf der Hut sein.</p><p>Datames erz�hlte ihm, wie er plante, die Herzen der Bauern einzufangen. Seine Pl�ne waren verr�ckt! Sie geziemten sich in keinster Weise f�r einen Herrscher, und die Stimme all der Aarons, die vor ihm geherrscht hatten, schrie auf in ihm. Aber er, Artax, der in die Rolle des Aaron geschl�pft war, wusste, dass die Pl�ne des Hofmeisters aufgehen konnten. W�re er noch ein Bauer, h�tte Datames ihn auf diese Weise gewonnen. Artax musste l�cheln, als er an Narek dachte. Sein Herz w�rden sie so auch gewinnen, und Ashot w�rde immer etwas auszusetzen haben, ganz gleich, was man auch tat.</p><p>Als Artax aus dem Zelt trat, f�hlte er sich so frei wie schon seit Monden nicht mehr. Er hatte das Joch wohlmeinender Einfl�sterungen abgeworfen. Er w�rde wieder er selbst sein. Ein Bauer! Zumindest im Herzen.</p><p>Mataan, der Fischerf�rst, und Bessos, der Satrap des Teiles von Garagum, der zu Aram geh�rte, erwarteten ihn vor dem Zelt.</p><p>�Wo ist er, Erhabener?�, fragte Bessos ungeduldig. �Welche Strafe hast du ihm zugedacht?�</p><p>Artax blickte auf den drahtigen, kleinen Mann herab. Bessos war gepflegt. Sein Bart wohlge�lt und sein Haar zu langen, schwarzen Locken gedreht. Er trug ein Seidengewand, das kunstvoll mit stilisierten Adlern bedruckt war und auf das nach Art der Ischkuzaia flache, goldene Amulette aufgen�ht waren. Mataan hingegen war in eine schlichte Tunika gewandet und trug dazu allein einen Schwertgurt. Er ging sogar barfu�. Wer ihn nicht kannte, h�tte ihn f�r einen einfachen Krieger gehalten.</p><p>�Ich habe ihn f�r seine Verfehlungen getadelt. Er wird nie wieder einen Erlass von mir verbreiten, bevor ich ihn damit beauftrage. Meine Strafe f�r ihn wird �ber diesen Tag hinaus andauern. Er soll weiterhin an der Seite von Bauern einfachste Arbeiten verrichten.�</p><p>Bessos sch�ttelte fassungslos den Kopf. �Das kann doch nicht alles sein!� Seine Augen verengten sich. �Ihr werdet den Bauern wirklich Land schenken, Allweiser Aaron?� Ein Muskel zuckte in seiner Wange. So stark, dass es selbst durch den dichten Bart hindurch zu sehen war.</p><p>�Das wird das ganze K�nigreich ver�ndern�, sagte Bessos. Er beherrschte sich wieder, schaffte es sogar, ihm in die Augen zu blicken. �Das wird nicht gut aufgenommen werden.�</p><p>�Wenn ich mich recht erinnere, Bessos, war dein Urgro�vater ein Mann, der zum Steinrat von Garagum geh�rte. Ein gottesf�rchtiger Mann, der Blumen zur einzig wahren Statue Russas trug. Ein Mann, der gegen alle Aussichten den Kampf gegen eine Bande pl�ndernder Ischkuzaia f�hrte und sich selbst aufopferte, um Frauen und Kinder zu retten, die nicht zu seinem Stamm geh�rten. Er wurde sieben Mal in diesem Kampf verwundet und konnte danach nie wieder laufen. Daf�r habe ich ihn zum Satrapen gemacht. Er war ein Vorbild, Bessos. Ein Mann, wie selbst ich ihn nur selten treffe. Jetzt erinnere mich daran, womit du dich hervorgetan hast. Es ist mir entfallen.�</p><p>�Wenn die Schlacht vor�ber ist, wirst du wissen, dass das Blut meines Urgro�vaters stark in mir ist.�</p><p>Artax blickte �ber das Heerlager. So weit sein Auge reichte, hockten M�nner an kleinen Feuern und versuchten sich aus ihren schmalen Rationen ein k�rgliches Mal zu bereiten. �Wei�t du, Bessos, ich bin mir ganz sicher, dass hier unter uns noch einige M�nner vom Schlage deines Urgro�vaters sitzen. Diese Bauern und Handwerker, die dem Ruf zu den Waffen folgten, sind hier, obwohl sie nichts zu gewinnen haben. Sie sind meinem Ruf gefolgt, ohne dass ich ihnen je Macht und Reicht�mer �berlassen h�tte, damit sie mir in Kriegszeiten treu zur Seite stehen. Ich wei� das zu sch�tzen.�</p><p>�Ihr werdet sehen, dass ich und meine Br�der nicht zu k�mpfen verlernt haben, Allweiser Aaron.� Bessos verneigte sich �berschw�nglich und bat um Erlaubnis, sich zur�ckziehen zu d�rfen.</p><p>Artax blickte zum Fischerf�rsten, der all dem schweigend zugesehen hatte. �Und was denkst du?�</p><p>�Ein Sturm zieht auf�, entgegnete er knapp und ging, ohne um Erlaubnis zu fragen.</p></section><section><title><p>Iku�ka</p></title><p>Barnaba lag so weich wie schon lange nicht mehr. Auch war es angenehm k�hl. Das musste ein Traum sein! Er wollte ihn noch ein wenig hinausz�gern. Sobald er die Augen aufschlug, w�rde er sich in einem kargen, von Menschen gemiedenen Tal wiederfinden.</p><p>Wann hatte er sich schlafen gelegt? Er konnte sich nicht erinnern. Er hatte klettern gehen wollen � Vielleicht hatte er es verschoben � Es roch nach Bl�ten. Was f�r ein wunderbarer Traum!</p><p>Sein selbstgew�hltes Asyl begann ihn langsam zu zerm�rben. Wie lange w�rde er noch durchhalten? Ob Aarons M�rder ihn immer noch suchten? Er hatte sich sehr ver�ndert, war drahtig und hager geworden. Es w�re schwer, in ihm den Mann zu erkennen, der er einmal gewesen war. Den Vertrauten des Hohepriesters Abir Ata�, der sich gegen den Unsterblichen Aaron verschworen hatte.</p><p>Die Hirten und J�ger aus den angrenzenden T�lern w�rden ihn wohl vermissen. Sein letztes Treffen mit ihnen lag schon eine Weile zur�ck. F�r sie war er vermutlich eine Mischung zwischen Heiligem und Wunderheiler. Sie brauchten ihn. Er war �berrascht gewesen, wie n�tzlich seine eigentlich geringen Kenntnisse �ber die Heilkunst und Kr�uterkunde gewesen waren. Vielleicht hatte er ja wirklich heilende H�nde. Er l�chelte.</p><p>Da war etwas, an das er sich erinnern sollte � Heilen. Verletzungen. Er war klettern gegangen. Jetzt erinnerte er sich ganz deutlich. Die Felsen waren hei� gewesen. Er hatte einen neuen, gef�hrlichen Aufstieg gew�hlt. Kein Wunder, dass er so tief schlief! Die Kletterei hatte all seine Kr�fte aufgezehrt.</p><p>Genug des M��iggangs! Er hatte lange genug geschlafen. Barnaba atmete tief durch. Genoss den wunderbaren Duft nach Bl�ten und Gras.</p><p>Er schlug die Augen auf. �ber ihm spannte sich ein blauer Himmel, �ber den Schafswolken zogen. Es war immer noch angenehm k�hl. �berrascht sah er sich um. Er lag auf einer Wiese zwischen Wildblumen. Flaches Weideland umgab ihn. Nirgends war ein Berg zu sehen. Das war unm�glich! Eine solche Landschaft gab es nirgends in Garagum. Er konnte sich nicht erinnern, wie er hierhergelangt war.</p><p>Verwirrt setzte er sich auf. Nicht weit entfernt lag ein kleiner, von B�umen �berschatteter Teich. Im Wasser bewegte sich etwas � Eine Frau! Nackt, nur in ihr langes, goldenes Haar gewandet. Sie sah zu ihm hin�ber, stieg aus dem Wasser und ging geradewegs zu ihm. Er hatte sie noch nie zuvor gesehen.</p><p>Barnaba atmete auf. Er tr�umte noch immer! Das war eindeutig. Diese Frau � Sie war zu sch�n. Makellos. Ihre Haut so wei� wie Stutenmilch. Das Haar wie gesponnenes Gold. Sie bewegte sich mit der Anmut einer T�nzerin. In ihrem Antlitz jedoch spiegelte sich Sorge.</p><p>Pl�tzlich war sie neben ihm. Er runzelte die Stirn. Eben noch war sie zwanzig Schritt entfernt gewesen. Ein Traum! Nat�rlich. Alles nur ein Traum.</p><p>�Endlich k�nnen wir reden!� Ihre Stimme wurde von einem seltsam melodischen Akzent begleitet, wie er ihn noch nie zuvor vernommen hatte. Die Augen der Frau waren von einem Gr�n, wie es der Sommerhimmel manchmal kurz vor einem Gewitter annahm. Ein leichter Vanilleduft hing jetzt in der Luft. Was f�r eine Frau! W�re sie ihm im wirklichen Leben begegnet, es h�tte einen anderen Weg genommen.</p><p>�Sprich mit mir�, dr�ngte sie und ergriff seine Hand.</p><p>�Du � hast sch�ne Augen.� Verdammt! So fing man so ein Gespr�ch doch nicht an. Gut, dass es nur ein Traum war.</p><p>�Du auch�, entgegnete sie, offensichtlich nicht ver�rgert. �Man kann deine Seele in deinen Augen lesen. All deine Liebe und auch deinen Hass.�</p><p>Barnaba schluckte. Was sollte das denn? Er liebte das offene Wort, aber das war selbst ihm ein wenig viel des Guten.</p><p>�Du musst nun eine schwere Entscheidung treffen. Ich bin so direkt, weil uns nur noch wenig Zeit bleibt, denn du liegst im Sterben.�</p><p>�Das gen�gt! Ich drehe mich um und werde aufwachen. Das ist alles nur ein Traum, das ist ��</p><p>�Die Wahrheit! Horche in dich hinein, und du wei�t es. Du musst die Schmerzen f�hlen k�nnen, obwohl ich sie ged�mpft habe.�</p><p>Barnaba wollte aufstehen, doch sie hielt ihn mit eisernem Griff. Sie war �berraschend stark.</p><p>�Du wirst mir zuh�ren. Ich habe dich beobachtet, seit du ins Tal gekommen bist. Es war eine angenehme Abwechslung nach den endlosen Jahrzehnten der Einsamkeit. Ich sah dich die steile Felswand erklimmen, hatte aber an dem Nachmittag andere Dinge im Kopf. Erst am n�chsten Tag wunderte ich mich, dass ich dich nicht mehr sah. Ich verlasse meinen Teich nur selten. Und wenn ich es tue, gehe ich nie weiter als ein paar Schritt. Ich musste �ber zweihundert Schritt tun, um dich zu finden. Am Fu� der Steilwand. Du sahst f�rchterlich aus. In deinen offenen Wunden nisteten Maden. Du � Ich habe alles getan, um dich zu retten. Ich bin keine gro�e Zauberweberin. Meine Kraft reichte nicht aus. All die Wunden, die gebrochenen Knochen � Seit Tagen k�mpfe ich um dein Leben. Ich werde verlieren, denn du bist zu schwach. Dein K�rper vermag sich nicht mehr selbst zu heilen. Deine Wunden haben sich entz�ndet, und das Gift deines faulenden Fleisches wird dich t�ten.�</p><p>Barnaba stie� ein halb ersticktes Lachen aus. Was war das f�r ein verr�ckter Traum? Da begegnete er der sch�nsten Frau, die er je erblickt hatte, und sie erz�hlte ihm solchen Unsinn. Er war frei zu tun, was immer er wollte. Warum genoss er es nicht? Er brauchte nicht auf irgendwelche Anstandsregeln zu achten. Es gab keinen Grund, vor Verlegenheit zu stammeln.</p><p>�Du bist unbeschreiblich sch�n. Ich bin nicht in Gefahr durch irgendwelche Wunden. Aber mein Herz wird brechen, wenn du mir keinen Kuss schenkst.�</p><p>Sie runzelte die Stirn. �Du hast Fieber.�</p><p>Er grinste. �Ja, ich verbrenne vor Sehnsucht nach dir.� Er zog sie zu sich herab und k�sste sie. Es war leicht, im Traum ein leidenschaftlicher Liebhaber zu sein.</p><p>Einen Herzschlag lang lie� sie ihn gew�hren, dann machte sie sich los. Sie war st�rker als er! Dabei sah sie so zierlich und zerbrechlich aus.</p><p>�Du bist nicht ganz bei dir.� Ihre Stimme klang sehr ern�chternd, sachlich, obwohl er kurz das Gef�hl gehabt hatte, dass sie seinen Kuss erwiderte.</p><p>�F�r so etwas ist keine Zeit�, fuhr sie noch sachlicher fort. �Die Flamme deines Lebens wird umso schneller verl�schen, wenn du dich deiner Leidenschaft hingibst. Ich kann keine gro�en Zauber weben, damit w�re unser beider Leben verwirkt � Aber es gibt da etwas.�</p><p>�Du bist eine Zauberweberin?� Das klang etwas sp�ttischer, als er es beabsichtigt hatte.</p><p>�Was glaubst du, warum du mich in all den Monden in diesem Tal nicht zu sehen bekommen hast? F�r Menschenkinder bin ich nur einen einzigen Tag im Jahr sichtbar.� Sie l�chelte. �Und ausgerechnet an jenem Fr�hlingstag warst du nicht hier.�</p><p>�Menschenkinder?� Er legte den Kopf schief und musterte sie eindringlich. �Wie meinst du das?�</p><p>�Ich bin eine Xana. Ich stamme nicht aus deiner Welt. Ich ��</p><p>Er lachte auf. Nat�rlich, eine Xana. Jetzt f�gte sich alles. Die Geschichte, die ihm der Steuermann in seiner Kindheit erz�hlt hatte. So viele Jahre spukte sie ihm schon durch den Kopf. Er war in der irrigen Hoffnung hierhergekommen, eine Xana in dem einsamen Quellteich zu finden. Da war es nur folgerichtig, dass er irgendwann von der Quellnymphe tr�umte.</p><p>�Ich hei�e Barnaba, meine Sch�ne. Es freut mich ��</p><p>�Bitte, Barnaba, h�r mir zu. Es ist ein Zauber, der mich in deine Tr�ume getragen hat. In der wirklichen Welt liegst du in meinen Armen, und dein Herzschlag wird immer schw�cher. Obwohl ich dich auf den k�hlen Grund des Sees geholt habe, gl�hst du noch immer vor Fieber.�</p><p>�Bitte nenn mir deinen Namen. Ich m�chte eine Ode auf deine Sch�nheit verfassen, mein Augenstern.�</p><p>�Du wirst ��</p><p>�Mir deinen Namen nicht zu nennen ist so, als w�rdest du einem Verdurstenden das Wasser verweigern. Ich werde nicht ��</p><p>�Iku�ka.�</p><p>�Iku�ka?� Es w�rde nicht leicht werden, darauf Reime zu finden, dachte er. �Klingt ein wenig wie Kush. Das Hochtal � Stammst du von dort?�</p><p>�Den ersten Menschenkindern, die mich entdeckten, habe ich meinen Namen genannt. Sie haben mich wie eine G�ttin verehrt. Aber sie hatten immer auch Angst vor mir. Sie haben meinen Namen falsch ausgesprochen und ihn hinausgetragen in die Welt. Nicht ich hei�e nach dem Tal. Sie haben es nach mir benannt.�</p><p>Barnaba musste l�cheln. �Nat�rlich.�</p><p>�Dein Herzschlag wird schw�cher, Barnaba. Es gibt nur eines, was ich noch tun kann. Ich muss mein Fleisch mit dem deinen verbinden. Ein Zauber, den ich vor langer Zeit von einer Apsara, einer Nymphe aus der Lotussee tief im S�den Albenmarks, erlernt habe. Wenn ich dies tue, werde ich all deine Geheimnisse kennen. Unsere Seelen werden sich vereinen. Du wirst auf immer ein Teil von mir. Und ich ein Teil von dir.�</p><p>Sie sprach wie eine Dichterin. Ihr Fleisch mit dem seinen verbinden � Dass Frauen so offen dar�ber redeten, was sie wollten, hatte er noch nie erlebt. Er betrachtete sie, streckte die Hand aus und strich �ber ihr seidenweiches Haar. �Ja, ich will. Lass uns unser Fleisch miteinander verbinden.�</p></section><section><title><p>Die Tafel des Himmels</p></title><p>Bamiyan schwang sich vom Pferder�cken. Ein Schauder �berlief ihm beim Anblick des Schwarzen Zeltes. Es lag im Schatten einer Steilwand aus rotem Sandstein. Zwei Ziegen waren neben dem Zelt angepflockt, und ein alter, brauner Hund hob m�rrisch den Kopf und blinzelte Bamiyan entgegen. Leichter, s��licher Verwesungsgeruch hing in der Luft. Der J�ger blickte die Steilwand zur Tafel des Himmels hinauf. Ein einzelner Geier kreiste �ber dem abgeflachten Felsen.</p><p>Hazrat trat aus dem Zelt und st�tzte sich auf seine gro�e Axt. Der Vogelrufer war ein kleiner Mann mit Schultern wie ein B�r. Und haarig wie ein B�r war er auch. Er roch nach Verwesung, so wie alles rings um die Tafel des Himmels.</p><p>�Wen bringst du?�, fragte der Vogelrufer.</p><p>�Masud, meinen Bruder.�</p><p>Der kleine Mann nickte. �Ein guter J�ger.�</p><p>Bamiyan sagte nichts. Seine Stimme h�tte seine Gef�hle verraten, und er wollte nicht wie ein weinerliches Weib wirken. Masud war sein gr��erer Bruder gewesen. Sie beide waren die einzigen der acht Jungen ihrer Mutter, die �berlebt hatten. Das Leben war hart in den Bergen Garagums. Nur wenige Kinder vollendeten das erste Jahr.</p><p>�Kommst du mit?�</p><p>Bamiyan sch�ttelte den Kopf. Er wollte es nicht sehen. Das war nicht mehr sein Bruder, was der Vogelrufer zur Tafel des Himmels hinauftragen w�rde. Masud war voller Kraft gewesen und immer zu einem Scherz aufgelegt. Solange Bamiyan sich erinnern konnte, hatte er zu seinem Bruder aufgeblickt, ihn bewundert. Masud war ein kluger und ausdauernder J�ger gewesen. Er konnte saufen wie ein Loch, drei Tage im Sattel sitzen, ohne einmal zu schwanken, und er war ein erfolgreicher R�uber und T�rkissucher gewesen. Wann immer er zum Lager heimkehrte, folgten ihm die Blicke der Weiber. Masud war ihm in allem �berlegen gewesen, bis ihn das Blutfieber gepackt hatte.</p><p>Masud hatte einen Schneeleoparden hoch in den Bergen entdeckt und versucht, die Raubkatze lebend zu fangen. Lebend w�re das Tier sein Gewicht in Gold wert gewesen. Der Leopard war ihm in eine Schlinge gegangen. Aber als Masud sich ihm n�herte, hatte ihm das Mistvieh einen Prankenhieb versetzt und sich anschlie�end auch noch befreit. Masud hatte �ber die Schrammen und sein Missgeschick gelacht und war ins Lager tief im Tal zur�ckgekehrt. Bei seiner Ankunft hatte er schon Fieber gehabt.</p><p>In der Nacht war Masud aus dem Zelt gelaufen, hatte Wasser �ber sich gesch�ttet und laut geschrien, dass er verbrennen w�rde. Als Bamiyan ihn ins Zelt zur�ckholte, hatte er die Schrammen am Arm bemerkt und die beiden dunkelroten Linien, die von dort den Arm hinaufgekrochen waren, bis fast zu Masuds Achselh�hle.</p><p>Sie hatten alles versucht. Hatten sein Fieber mit kalten T�chern bek�mpft. Ihn bluten lassen, damit das Gift aus seinem K�rper floss. Den Gott des Windes angerufen und die Mutter der Erde. Doch alles hatte nicht geholfen. Sein Bruder war von innen heraus verbrannt.</p><p>Hazrat hob den in T�cher geschlagenen Leichnam vom Pferd.</p><p>So leicht war sein Bruder zuletzt gewesen, dachte Bamiyan. Das Fieber hatte sein Fleisch und sein Fett zerschmelzen lassen. Er blickte zum Himmel hinauf, wo noch immer der Geier kreiste.</p><p>�Trage mir die Axt hinauf�, befahl Hazrat schroff. �Ich m�chte nicht zwei Mal gehen. Und ich hoffe, du hast das Wolfsfell dabei.�</p><p>Bamiyan holte das Fell aus dem Tuchsack, der von seinem Sattel hing. Er rollte es auf und hielt es dem Vogelrufer hin. Es war ein gutes Fell. Dicht und von sch�ner, graubrauner Farbe. Masud hatte den Wolf zu Beginn des letzten Winters erlegt.</p><p>�Gut�, sagte Hazrat. �Leg es vor mein Zelt und nimm die Axt.�</p><p>Voller Widerwillen betrachtete Bamiyan die Axt. Ihr Schaft reichte ihm bis zur Brust. Das Holz war dunkel und von den H�nden des Vogelrufers glatt poliert. Um einen T�rkis, gro� wie ein Kinderkopf, kr�mmte sich eine halbmondf�rmige, handbreite Sichelklinge aus Bronze. In die Bronze waren Figuren graviert. Deutlich erkannte Bamiyan Russa, den Blitzsch�tzen, inmitten einer Fl�gelsonne. Er trug den langen Bogen und hatte einen K�cher umgeschnallt. Mit einer Hand gr��te er eine Wolke, aus der ein Blitz herniederfuhr. Unter dem Gott waren Berge, ein Tempel und Ziegenherden abgebildet. Alle Figuren hoben sich deutlich hervor, denn die tiefen Linien, die einst ein K�nstler in das Blatt der Axt geschlagen hatte, waren mit dunklem Blut verklebt.</p><p>�Kommst du?�, rief Hazrat. Der Vogelrufer war schon ein St�ck vorausgegangen. Den Leichnam Masuds hatte er sich �ber die Schultern geworfen.</p><p>Der Aufstieg zur Tafel des Himmels war steil und m�hsam. Ein schmaler Saumpfad wand sich seitlich der Steilwand hin zur abgeflachten Spitze. Hier und dort waren Stufen in den Fels geschlagen worden, um den Weg zu erleichtern. Die Tafel des Himmels war eine knapp zwanzig Schritt hohe S�ule, die seitlich aus der ger�llbedeckten Flanke des Mulawa, des h�chsten Gipfels weit und breit, aufragte.</p><p>Endlich erreichten sie das Plateau. Es war �ber und �ber mit Knochen bedeckt. Menschenknochen. Hazrat legte behutsam den Leichnam Masuds auf den Fels und schlug die Decken zur�ck. Bamiyan blickte ein letztes Mal in das schmale, ausgezehrte Antlitz seines Bruders. �Schlafe wohl, gro�er J�ger. M�ge deine Seele zu den G�ttern fliegen�, sagte er feierlich.</p><p>Hazrat reichte ihm die Decken und nahm die schwere Axt. �Noch etwas?�</p><p>Bamiyan sah zum Himmel hinauf, wo der Geier kreiste. �Ich w�nschte, ein Adler w�rde ihn holen.�</p><p>�Dabei kann ich vielleicht helfen.� Der Vogelmann rieb Daumen und Zeigefinger aneinander.</p><p>�Ich habe ein Schneeleopardenfell. Wenn ein Adler kommt, ist es dein.�</p><p>Hazrat hob die Brauen. �Ein f�rstlicher Lohn.�</p><p>�Du kriegst es nur, wenn ein Adler kommt.� Bamiyan wollte es nicht verkaufen, und behalten wollte er das Fell auch nicht. Nach dem Tod seines Bruders war er in die Berge gestiegen und erst zur�ckgekehrt, nachdem er den Leoparden erlegt hatte, der Masud get�tet hatte.</p><p>�Geh nun besser.� Hazrat spuckte sich in die Handfl�chen und verrieb den Speichel. Dann hob er die Axt.</p><p>Bamiyan beeilte sich. Noch bevor er den Abstieg erreichte, h�rte er den ersten dumpfen Schlag, begleitet von einem gr�sslichen Knacken. Mein Bruder ist nur noch totes Fleisch, sagte er sich stumm und dachte an Masud, wie er stets lachend von der Jagd heimgekommen war. Das da oben hatte nichts mehr mit ihm zu tun!</p><p>In den Bergen war es schwer, einen geeigneten Platz f�r ein Gr�berfeld zu finden. Die Orte, an denen man tiefer als einen halben Fu� graben konnte, waren rar. Nicht so wie auf den Hochebenen, wo die Bauern den Toten richtige Lehmh�user errichteten. Auch Holz gab es zu wenig, um die Leichen zu verbrennen. Also trug man sie in den Himmel hinauf, zu besonderen Felsnestern, wo nur die Adler und die gro�en Geier sie finden konnten. So hatte ihr Fleisch einen Nutzen. Die blanken Knochen brachte der Vogelrufer vor Einbruch des Winters in eine geheime H�hle.</p><p>Wieder hallte ein dumpfer Axthieb vom Hochplateau. Bamiyan kauerte sich auf eine der Treppenstufen, die aus dem Fels geschlagen waren, und blickte auf das weite, von rotbraunen Bergen ges�umte Tal. Im Westen wand sich ein schmaler, silberner Strom durch das Ger�ll. Nur dort gab es ein wenig Gr�n. Es war ein trockener Fr�hling gewesen, und die Alten waren sich sicher, dass ein hei�er Sommer folgen w�rde. Ein schlechtes Jahr f�r die Herden.</p><p>Er dachte an die gro�en Heere, die sich drei Tagesreisen entfernt auf der Hochebene von Kush versammelten. Es wurde viel dar�ber gesprochen. Einige J�ger hatten die fremden Krieger von ferne beobachtet. Niemand verstand, warum sich die Unsterblichen von Luwien und Aram ausgerechnet hier eine Schlacht liefern wollten. Sie w�rden das trockene Land mit Str�men von Blut tr�nken. Das war gut. Die G�tter mochten es, wenn Blut vergossen wurde. Bamiyan hoffte, dass Russa dann endlich die Wolken zusammentreiben und einen langen Regen schicken w�rde.</p><p>Laute Schreie schreckten Bamiyan aus seinen Gedanken auf. Der Geier �ber ihm am Himmel kr�chzte �rgerlich. Dann tauchte er �ber den linken Fl�gel ab und schoss keine zehn Schritt von Bamiyan entfernt dem weiten Tal entgegen.</p><p>Schwere Schritte kamen den Saumpfad hinab. Hazrat. Schwei� gl�nzte auf der Stirn des Vogelrufers. Die blutige Schneide der Axt ragte hoch �ber seiner Schulter auf. Bamiyan versuchte nicht hinzublicken.</p><p>�Der Geier ist fort.� Hazrat lie� sich mit einem Seufzer auf dem Saumpfad nieder. �Musste ihn mit Steinw�rfen vertreiben. Die G�tter m�gen es nicht, wenn wir Menschen uns in dieses Gesch�ft einmischen.�</p><p>Bamiyan schwieg. Die, die ein Adler holte, w�rden mit Russa eine Nacht lang �ber den Himmel st�rmen und im glei�enden Licht von Blitzen auf den Winden reiten. Diejenigen aber, an denen zun�chst Geier nagten, waren ein Nichts. Auf sie w�rde der Gott der Berge niemals hinabblicken.</p><p>Hazrat holte eine wei�e Fl�te unter seinem speckigen Lederwams hervor. Seine H�nde waren voller Blut.</p><p>�Es ist nicht, was du denkst ��</p><p>Es waren diese Worte, die Bamiyan genauer hinsehen lie�en. Die Fl�te war aus einem Oberschenkelknochen gefertigt! Einem Menschenknochen.</p><p>�Du hast ��</p><p>�Nein�, grunzte Hazrat. �Ich sagte doch, es ist nicht, was du denkst. Das stammt von irgendeinem Fremden. Ich hab seine Leiche im letzten Sommer dort unten bei dem kleinen W�ldchen an der weiten Flussschleife gefunden. Er war keiner von hier. Vielleicht ein verirrter H�ndler. Hatte allerdings kein Lasttier bei sich. Nat�rlich auch kein Wolfsfell. Ich hab ihn nach hier oben auf die Tafel des Himmels gebracht.� Hazrat klopfte sich mit der Knochenfl�te auf den Oberschenkel. �Das hier war sein Lohn f�r meine M�hen. Ein Fremder w�re ohnehin niemals mit Russa �ber den Himmel geritten. Es macht nichts, wenn ihm ein Knochen fehlt.�</p><p>Bamiyan nickte. Was Hazrat sagte, stimmte. Fremde w�rde Russa nicht an seiner Seite dulden. Er ritt allein mit den J�gern und Hirten der Berge. Selbst die Bauern auf den Hochebenen verachtete er.</p><p>Nicht weit entfernt segelte der Geier in weiten Kreisen �ber dem Tal. Bamiyan beobachtete den Vogel. Wollte er zur�ckkehren?</p><p>�Sind klug, diese Geier�, sagte Hazrat und strich �ber die Knochenfl�te. �Er wei�, dass ich ihn jetzt nicht hier haben will. Er will keinen �rger mit mir. Ist ein guter Fressplatz.� Er setzte die Fl�te an die Lippen und brachte ein paar schrille T�ne hervor. �rgerlich runzelte er die Stirn und murmelte etwas, um den Geist des toten Reisenden zu bes�nftigen. �Sind viele gestorben in diesem Fr�hjahr�, sagte der Vogelrufer unvermittelt. �Der Wunderheiler fehlt � Was wohl aus ihm geworden ist?�</p><p>Erneut setzte er die Fl�te an. Vorsichtig blies er sie an. Diesmal klang es besser. Er lockte eine Reihe aufsteigender T�ne aus dem Beinknochen, dann begann er eine melancholische Weise zu spielen.</p><p>Bamiyan sa� auf der steinernen Stufe, starrte auf die Berge auf der anderen Seite des Tals. Er dachte an seinen Bruder. An all die wunderbaren Augenblicke, die sie miteinander geteilt hatten. Obwohl das Lied sein Herz ber�hrte, half es ihm, die Erinnerung zu ertragen. Und die Gewissheit, dass sie nie wieder miteinander lachen w�rden.</p><p>Die Sonne stand als flammend rote Kugel �ber den Bergen im Westen, als ein Steinadler kam. Der Geier drehte ab, als er den K�nig des Himmels bemerkte.</p><p>Hazrat spielte weiter, ohne Unterlass, und der Adler landete �ber ihnen auf der Tafel des Himmels. Bamiyan konnte h�ren, wie sich der gro�e Vogel zwischen den bleichen Knochen bewegte. Erleichtert stand der junge J�ger auf. Masud w�rde in der n�chsten Gewitternacht mit Russa �ber den Himmel reiten. Sein Bruder w�rde gl�cklich sein.</p><p>Langsam stieg Bamiyan den steilen Pfad hinab. Vor dem schwarzen Zelt angekommen, nahm er das Schneeleopardenfell aus dem Tuchbeutel und legte es in den Eingang. Hazrat hatte es sich verdient!</p><p>Der J�ger strich seiner Stute �ber die Stirn und blickte ihr in die gro�en, dunklen Augen. �Du musst mich zum verfluchten Tal tragen. Ich werde herausfinden, was mit dem Wunderheiler geschehen ist.�</p></section><section><title><p>F�chse und W�lfe</p></title><p>Artax hatte eine einfache Tunika angelegt. Freilich, sie war aus gutem Tuch gefertigt, doch wies nichts an ihm darauf hin, dass er der Hochk�nig Arams war. Gut, wenn man die Leibwache zu �bersehen vermochte, die ihm mit zwei Schritt Abstand folgte. Aber f�r einen Unsterblichen waren sie eine ungew�hnliche Garde. Der einarmige Kolja, Volodi, der Tr�umer, und all die anderen zwielichtigen Gestalten. Sie trugen Bronzer�stungen und Helme mit pr�chtigen Rosshaarschweifen, aber all der Prunk vermochte nicht dar�ber hinwegzut�uschen, was sie einmal gewesen waren. Piraten, Halsabschneider, S�ldner. K�nigliche Leibwachen steckten sich nicht den G�rtel voller Dolche, trugen zwei Schwerter auf den R�cken geschnallt oder tauschten ihre Speerspitzen gegen Stichbl�tter aus, lang wie Kurzschwerter. Artax musste grinsen. Und dann noch die Jaguarm�nner und Adlerritter aus Zapote, die jenseits der H�gel au�er Sichtweite des Heeres lagerten. Das war wahrlich keine Truppe, wie man sie in zivilisierten L�ndern auf ein Schlachtfeld f�hrte. Mit diesen M�nnern k�nnte er siegen, auch wenn seine Feinde nicht daran glaubten.</p><p>Sie gingen mehr als eine halbe Meile durch das Lager. Tausende Blicke folgten ihnen. Und die, deren Neugier st�rker war als die l�hmende Hitze des Nachmittags, folgten ihnen, um zu sehen, was f�r ein Spektakel der inzwischen wohlbekannte Hofmeister heute veranstalten w�rde. Artax hatte bemerkt, wie beliebt Datames bei den M�nnern geworden war. Noch immer wurde �ber den bartlosen Sch�nling gespottet, doch in einem anderen Ton. Er war fast einer der Ihren geworden.</p><p>In der vergangenen Nacht war ein Meuchler in das Zelt von Datames gekommen. Der Hofmeister hatte gro�es Gl�ck gehabt. So wie er erz�hlte, war der Mann in seinen eigenen Dolch gest�rzt, als Datames von seinem Bett aufgefahren war und versucht hatte, sich mit einem Bronzespiegel zur Wehr zu setzen. Wahrscheinlich hatten die Satrapen den Mann geschickt. Aber nun konnte er nicht mehr reden.</p><p>�Mit denen dort versuchen wir es�, erkl�rte der Hofmeister gut gelaunt und deutete auf ein Gr�ppchen von M�nnern, die unter einem Sonnendach aus zwei alten Decken Zuflucht vor der Hitze gesucht hatten.</p><p>Artax fand es erstaunlich, wie unbek�mmert sich Datames gab, obwohl man ihm nach dem Leben trachtete.</p><p>�Das sind die M�nner aus Belbek�, erkl�rte er. �Genau die richtigen f�r das, was ich heute vorhabe.�</p><p>Artax fluchte innerlich. Alle, aber nicht die. Er wollte Ashot nicht begegnen. Sich nicht der Gefahr aussetzen, dass einer der M�nner aus seinem Dorf ihm nahe genug kam, um sein Geheimnis zu erahnen. �Lass uns eine andere Gruppe suchen�, sagte er.</p><p>Im selben Augenblick kroch eine schlanke, drahtige Gestalt unter dem Sonnendach hervor. Ashot! Er bedachte Datames mit einem abf�lligen L�cheln und schlenderte ihnen entgegen. �Willst du wieder eine Amphore Wein verlieren, Hofmeister?�</p><p>�Diesmal dachte ich daran, den Einsatz zu erh�hen. Wie w�re es mit einem Silberst�ck, Ashot?�</p><p>Der Bauer blickte misstrauisch. �Wir werden wieder ein Feld umgraben?�</p><p>�Nein, heute geht es darum, gegen den Unsterblichen und seine Leibgarde anzutreten.� Datames deutete �ber seine Schulter hinweg. �Wie du siehst, habe ich sie gleich mitgebracht.�</p><p>Ashot fand zu seinem Selbstbewusstsein zur�ck. �Das ist der Unsterbliche?� Er blickte Artax zweifelnd an. Misstrauisch wie eh und je, aber noch etwas unversch�mter als fr�her, dachte Artax grinsend.</p><p>�Auf die Knie, oder ich mach dich Wurm!�, rief Volodi aufgebracht.</p><p>Artax seufzte. Solange der Drusnier nicht redete, war er eine imponierende Gestalt.</p><p>Ashots Grinsen wurde breiter. Allerdings blieb er tats�chlich stehen. Hinter ihm versammelte sich der Trupp, der unter seinem Kommando stand. Artax erkannte Narek unter ihnen. Die �brigen waren ihm unbekannt. Artax musste schmunzeln. Er hatte den etwas pummeligen Bauern immer gemocht. Narek hatte fr�her immer gute Laune gehabt, ganz gleich, was auch geschah, und man konnte keine f�nf S�tze mit ihm reden, ohne dass er von seinem Weib Rahel zu schw�rmen begann.</p><p>�Der B�rtige da vorne ist tats�chlich der Unsterbliche Aaron, Herrscher aller Schwarzk�pfe, Gro�k�nig von Aram. Ohne seinen Maskenhelm und das Geisterschwert sieht er aus wie ein ganz normaler Mann, nicht wahr?�</p><p><emphasis>Wie lange willst du den noch weitermachen lassen? Als N�chstes erz�hlt er diesen R�benk�pfen noch, dass du auch nicht besser als irgendein Bauer bist.</emphasis></p><p><emphasis>Schon vergessen? Ich bin ein Bauer,</emphasis> antwortete er seinem Qu�lgeist in Gedanken.</p><p><emphasis>Das bist du nicht, denn du hast uns. Wir machen den Unterschied!</emphasis></p><p>Artax versuchte den Klugschw�tzer zu ignorieren.</p><p>�Was sollen wir tun?�, wollte Ashot wissen.</p><p>�Euch um dieses Silberst�ck schlagen.� Datames lie� eine gro�e Silberm�nze wie ein Jahrmarktsgaukler zwischen seinen Fingern hin und her h�pfen. �Dabei werdet ihr gegen die Leibwache des Unsterblichen antreten und gegen ihn selbst.�</p><p>Ashot sch�ttelte den Kopf. �Was soll das? Willst du uns alle verpr�geln lassen, weil wir dich um eine Amphore Wein erleichtert haben? Das k�nntest du einfacher haben. Du br�uchtest doch nur ��</p><p>�Einfach wird es in der Tat nicht.� Datames winkte Kolja, und der H�ne mit dem vernarbten Gesicht brachte einen Lederbeutel.</p><p>�Ich f�lle den hier jetzt mit Sand und dem Silberst�ck. Dann werden wir daf�r sorgen, dass wir Platz auf einem zwanzig Schritt langen Feld haben.� Datames sah zu Artax. �Alles �brige wird dir der Unsterbliche erkl�ren.� Er kniete nieder und begann mit der Hand Sand in den Beutel zu schieben.</p><p>Ashot sah Artax durchdringend an. Erkannte er ihn? Sie hatten so viele Stunden miteinander verbracht. Der L�wenh�uptige hatte sein Gesicht ver�ndert. Aber nur wenig.</p><p>�Ihr seid wirklich �� Die herablassende Art Ashots war Unsicherheit gewichen.</p><p>�Das bin ich�, sagte er, um Ruhe bem�ht. Ashot sah noch d�rrer aus als fr�her. Tiefe Falten f�hrten von seiner Nase zu den Mundwinkeln und verst�rkten den m�rrischen Eindruck, den er schon immer gemacht hatte.</p><p>Ashot kniete nieder. Die �brigen Bauern seiner Gruppe taten es ihm gleich. Sie alle hielten den Blick gesenkt. Dass Datames ihn ausgerechnet zu dieser Gruppe gef�hrt hatte! Wusste der Hofmeister etwas? Unm�glich!</p><p><emphasis>Vielleicht auch nicht? Er hat sich ver�ndert. Du bringst seine schlech</emphasis><emphasis>ten Seiten ans Tageslicht. Er steckt jetzt seine lange Nase gerne in Dinge, die ihn nichts angehen. Du h�ttest ihn hinrichten lassen sollen. Noch ist es nicht zu sp�t.</emphasis></p><p>�Steh auf, Ashot! Und auch du, Narek. Und all die anderen. F�r die Dauer eines Spiels sind wir gleich.� Er blickte zu seinen Leibw�chtern. �Ich brauche neun von euch. Ihr legt Waffen und R�stungen ab. Wir spielen um eine Silberm�nze.�</p><p>�Wozu?�, wollte Ashot wissen.</p><p>Artax musste schmunzeln. Sein Jugendfreund war noch ganz wie fr�her. �Ihr sollt Dinge �ben, die auch im Krieg wichtig sind. Macht gemeinsam einen Plan. Arbeitet zusammen. Verlasst euch aufeinander. Seid selbstlos und bereit, euch f�r eure Sache aufzuopfern. Einer von euch bekommt den sandgef�llten Lederbeutel in die Hand gedr�ckt. Er startet an einem Ende des Spielfelds, �berquert das Feld, legt den Beutel auf die Linie auf der anderen Seite, und ihr habt gewonnen. Ihr d�rft den Beutel auch werfen. Es kommt auf Zusammenarbeit an. Und ihr m�sst flink sein.�</p><p>Ashot blieb misstrauisch. �Ich kann nicht erkennen, was das mit einer Schlacht zu tun hat. Treibt Ihr Scherze mit uns?� Er kniete noch immer und hielt dabei den Kopf gesenkt, doch klang seine Stimme alles andere als unterw�rfig. Aaron h�tte ihn gewiss k�pfen lassen.</p><p>�Du wirst auf dem Schlachtfeld erleben, wie wichtig es ist, seine Kameraden zu kennen und sich auf sie verlassen zu k�nnen. Heute wirst du sie kennenlernen.�</p><p>�Und bei diesem Spiel � ist es normalen Sterblichen erlaubt, Euch zu ber�hren?�</p><p>�Ihr d�rft mich sogar anrempeln�, entgegnete er mit einem L�cheln.</p><p>�Ich bespreche das mit meinen Leuten. Darf ich mich zur�ckziehen, allweiser Aaron?�</p><p>Artax h�tte fast losprusten m�ssen. <emphasis>Allweiser Aaron!</emphasis> Wenn Ashot w�sste, wen er vor sich hatte!</p><p>�Geh zu deinen Kameraden, Ashot aus Belbek, und rede mit ihnen.�</p><p>Artax sah ihm nach. Narek ging an Ashots Seite und redete aufgeregt auf ihn ein. �Er kannte meinen Namen! Hast du das geh�rt? Er kannte meinen Namen! Du wirst das best�tigen m�ssen, sonst wird das niemand im ganzen Dorf glauben, wenn ich erz�hle, dass der Unsterbliche Aaron mich, Narek aus Belbek ��</p><p>�H�r auf zu schw�tzen�, sagte Ashot und klang dabei f�r seine Verh�ltnisse erstaunlich warmherzig.</p><p>Artax f�hlte pl�tzlich eine gro�e Leere in sich. Er beherrschte ein riesiges Reich, aber es gab nichts, was ihm die Abende mit Ashot und Narek ersetzte.</p><p><emphasis>Du h�ttest ein paar unserer Haremsblumen mitnehmen sollen. Die S�fte eines Mannes geraten durcheinander und vergiften den Verstand, wenn er zu lange nicht bei einem Weib liegt. W�rest du noch klar im Kopf, w�rdest du nicht irgendwelche Bauernbes�ufnisse vermissen.</emphasis></p><p>Artax seufzte. Aaron hatte keine Ahnung. Vermutlich hatte sein Qu�lgeist nie in seinem Leben richtig gute Freunde gehabt. Er wandte sich zu seinen M�nnern um. Volodi, Kolja und sieben andere seiner Zinnernen hatten ihre Waffen und R�stungen abgelegt. Sie trugen nur noch Lendenschurz und Sandalen. Selbst so sahen sie noch furchteinfl��end aus. Narbenbedeckt, muskul�s und mit hartem Blick. Artax �berkamen Zweifel, ob es gut war, erfahrene Krieger auf ein paar Bauern loszulassen.</p><p>�Ihr werdet sie nicht zusammenschlagen. Es ist nur ein Spiel. Verstanden?�</p><p>Kolja bedachte ihn mit einem furchteinfl��enden L�cheln. �Datames hat sich verkl�rt uns alles.�</p><p>�Erkl�rt�, zischte Volodi und warf Kolja einen verwunderten Blick zu. �Ist sich Sprache von Aram, durcheinander zu sehr�, entschuldigte er sich bei Artax. �Ist sich schwer f�r M�nner aus Drus.�</p><p>Auch Artax betrachtete Kolja erstaunt. Eigentlich beherrschte der Faustk�mpfer die Sprache Arams besser. Was ging da vor sich? Er deutete auf die lederne Armprothese. �Ich hoffe, da drin ist kein Messer versteckt.�</p><p>�Doch, ist sich. Aber keine Sorgen haben. Kann sich nicht nix kommen heraus aus Versehen. Muss sich verschieben Verschluss.� Er l�ste eine Schnalle und zog eine dicke Lederlasche zur Seite, die �ber dem abgerundeten Ende der Prothese lag. Darunter kam ein schmaler Schlitz zum Vorschein. Kolja bewegte den Arm ruckartig zur Seite, und eine zehn Zoll lange Klinge schnellte hervor.</p><p><emphasis>Halsabschneider! Du hast eine Leibwache aus Halsabschneidern, du Bauerntrottel. Du kannst dich darauf verlassen, eines Tages wird dir das leidtun.</emphasis></p><p>�Lass die Klinge verschwinden! Ich hoffe, du wei�t, was das bedeutet, wenn ich dir sage, dass das hier nur ein Spiel ist.�</p><p>Kolja nickte ernst. �Klar ganz! Habe mich viele Jahre in Arena gespielt. Spiel zu Ende, wenn steht sich nicht mehr auf einer.�</p><p>�Er macht sich Scherz!�, beeilte sich Volodi zu sagen und bedachte Kolja mit einem finsteren Blick.</p><p>�Und warum redet er so verquer?�, wollte Artax wissen. �Er spricht doch sonst ganz ordentlich.�</p><p>�Heute bin ich mich viel b�ses, gro�es Barbar. Und b�ses Barbar spricht sich b�se falsch dumme Sprache von Aram. Das erwarten sich Bauern von uns�, feixte der Faustk�mpfer gut gelaunt. �Das mach ich mich immer so.�</p><p>Artax konnte Volodi ansehen, dass dieser das nicht ann�hernd so komisch fand wie Kolja.</p><p>�Wie nehmen die Herausforderung an�, rief Ashot ihnen zu.</p><p>Kolja l�chelte.</p><p>Datames f�hrte sie hinab zu dem ausgetrockneten Flussbett, an dem ihr Lager lag. Dort war eine Strecke von etwas mehr als siebzig Schritt von Steinen und Ger�ll freiger�umt. Der Boden war sandig. Die sanft ansteigenden Ufer lagen etwa drei�ig Schritt auseinander.</p><p>Artax nahm mitten auf dem Platz Aufstellung. Die Zinnernen gruppierten sich rechts und links um ihn. Kolja und Volodi besprachen etwas in ihrer Muttersprache.</p><p>Als Volodi seinen besorgten Blick bemerkte, hob er beschwichtigend die H�nde. �Nichts Sorgen. Wei� sich Kolja, ist dies nicht Spiel wie Arena.�</p><p>Artax blickte zu den Ufern, die dicht bev�lkert von Schaulustigen waren. Hoffentlich wusste Datames, was er tat. Es durfte keinen zweiten Unfall wie bei dem Schaugefecht mit den Streitwagen geben.</p><p>Der Hofmeister gab Ashot den sandgef�llten Lederbeutel und zog sich auf das Steilufer zur�ck. Ein Hornsignal erklang. �Das Spiel beginnt!�, rief Datames mit wohlt�nender Stimme. �M�ge der Bessere gewinnen.�</p><p>Die Bauern hatten sich um Ashot geschart. Sie wirkten nerv�s.</p><p>�Gehen vorw�rts�, sagte Volodi ruhig.</p><p>Kolja nickte und winkte den M�nnern vorzugehen.</p><p><emphasis>Wirklich beeindruckend, deine F�hrungsqualit�ten.</emphasis></p><p>Artax versuchte die Stimme zu ignorieren. Er ging mit den Zinnernen vor.</p><p>�Zum Angriff!�, rief Narek pl�tzlich, und alle Bauern zugleich st�rmten vor. Aber nicht in einer Linie. Sie kamen auf ihn zugelaufen! Artax stemmte die F��e in den Boden und wappnete sich f�r den Angriff, als der pummelige Bauer ihn mit der Schulter rempelte.</p><p>�Entschuldigung, Allererhabenster�, murmelte Narek mit hochrotem Kopf und rempelte ihn erneut an.</p><p>Ein hagerer Kerl sprang vor und umklammerte die Beine von Artax. Noch ein Rempler. Der Unsterbliche st�rzte.</p><p>�Wir haben ihn!�, schrie jemand. Im selben Moment fiel Narek auf ihn.</p><p>Artax k�mpfte um Luft und versuchte seinen alten Freund zur Seite zu schieben, als sich noch ein Leib auf ihn warf und noch einer und noch einer � Der blaue W�stenhimmel verschwand hinter zuckenden Armen.</p><p>Jemand �ber ihm fluchte. Artax versuchte verzweifelt, sich zu befreien. Sein rechter Arm wurde gepackt und zur Seite gezogen. Seine Knie wurden zusammengedr�ckt. Er konnte sich kaum noch r�hren.</p><p>Das Signalhorn wurde ein zweites Mal geblasen. �Die Sieger �� Mehr verstand Artax nicht, weil ihn ein Knie am Ohr traf.</p><p>Endlich erhoben sich die M�nner, die ihn zu Boden gepresst hatten. Als Artax sich leicht schwankend erhob, f�hlte er sich, als ob eine Pferdeherde �ber ihn hinweggetrampelt w�re. Volodi kniete breit grinsend mit dem Lederbeutel auf der Linie der Bauern. Ein St�ck vor ihm stand Kolja �ber Ashot. Der Faustk�mpfer hatte dem Bauern in Siegerpose den Fu� in den Nacken gestellt. Auf den Ufern war es still. Keiner jubelte den Zinnernen zu. Artax seufzte innerlich. Dieses Spiel hatte die Stimmung im Heer ganz gewiss nicht verbessert.</p><p>�Tschuldigung�, murmelte Narek verlegen und wagte es nicht, ihm in die Augen zu blicken. Mit h�ngenden Schultern machte er sich davon. Die �brigen Bauern folgten ihm. Als Letzter erhob sich der Kerl, der seine Beine umklammert gehalten hatte. Eine hagere Gestalt mit einem bleichen Hautstreifen unter dem Kinn und frisch rasiertem Sch�del.</p><p>�Ich bitte vielmals um Entschuldigung f�r die Unannehmlichkeiten�, erkl�rte er mit theatralischer Verbeugung. Ein fremder Akzent lag in seiner Stimme, obwohl er die Sprache Arams fl�ssig beherrschte. Ihm schien es nicht viel auszumachen, besiegt worden zu sein.</p><p>�Du kommst nicht aus der Gegend von Belbek, nicht wahr?�</p><p>Der Mann sah zu ihm auf. War da Furcht in seinem Blick?</p><p><emphasis>Nat�rlich f�rchtet er sich vor dir. Wenigstens dieser eine noch, nachdem du dich vor ein paar tausend Bauern oben auf den Ufern als T�lpel aufgef�hrt hast.</emphasis></p><p>�Ich habe ein paar Jahre in einem Dorf nahe der Stadt Nari gelebt. Ashot hat mich angeworben. Er fand, dass das genug sei, um mich den Belbeker L�wen anzuschlie�en.�</p><p>�Belbeker L�wen?�, fast h�tte Artax aufgelacht. �Was ist das?�</p><p>Der Hagere blickte zu seinen Kameraden. �So nennen wir uns. Viele der neuen Kriegergruppen haben sich Namen gegeben.�</p><p>�Und wie hei�t du?�</p><p>�Lamgi.�</p><p><emphasis>Du wirst ihm jetzt nicht auch noch die Hand geben, Bauerntrampel. Du bist der Gro�k�nig!</emphasis></p><p>Artax scherte sich einen Dreck um Aarons Beschwerden und griff nach Lamgis Unterarm, um sich mit dem Kriegergru� zu verabschieden. �Nimm dich in Acht, Lamgi�, sagte er l�chelnd. �Das n�chste Mal werfe ich dich zu Boden.�</p><p>Ashot kam zu ihm her�ber. Er ging schief und hielt sich eine Hand auf den Bauch. �Was war das? Keiner Eurer Leibw�chter ist Euch zu Hilfe gekommen, erhabener Aaron! Was f�r Kerle sind das?�</p><p>�Kerle, die wissen, dass ihr mir nicht wirklich etwas tun werdet. Was war dein Plan? Alle werfen sich auf mich, und meine Leibw�chter versuchen deine Leute zur Seite zu zerren, w�hrend du mit dem Ledersack zur anderen Spielfeldseite l�ufst?�</p><p>�In etwa so�, kam es m�rrisch von Ashot.</p><p>�Kein schlechter Plan.� Er klopfte dem Bauern auf die Schulter. �Deine Leute haben sich gut geschlagen.�</p><p>�Das war es noch nicht�, kam es gereizt von Ashot. �Ich will noch ein Spiel.�</p><p>Kolja hatte das geh�rt. Er kam breit grinsend auf ihn zu. �Hat sich spitze Rippen, Junge.� Er sch�ttelte seine linke Hand. �Aber du glauben, die noch einen Schwinger von mir vertragen?�</p><p>�Pass du nur auf, dass du dir nicht noch einen Lederarm holst!� Ashot war mehr als einen Kopf kleiner als der Faustk�mpfer und wog h�chstens die H�lfte von ihm, aber er wich vor dem H�nen um keinen Zoll zur�ck.</p><p>Kolja schob die Lederlasche zur�ck und lie� die Klinge aus dem Arm fahren. �Unseren Lohn, Volodi.�</p><p>Wenn es um Geld ging, h�rte Koljas Sinn f�r Humor wohl auf. Jedenfalls sprach er nun fast akzentfrei und in richtiger Reihenfolge.</p><p>Der Hauptmann der Wache warf Kolja den Lederbeutel zu, den dieser l�ssig mit der Hand fing und mit seinem Messer aufschlitzte. Er holte das Silberst�ck aus seinem Bett aus Sand und lie� Ashot den Sack vor die F��e fallen. �Wir spielen nat�rlich wieder um Geld. Ich setze ein Goldst�ck auf unseren Sieg. Kannst du mithalten, Bauer?�</p><p>�Ich treibe das Geld auf.� Ashot war blass vor Wut.</p><p>Artax �berlegte, seinem Jugendfreund das Gold anzubieten, doch zum einen w�re dieser wahrscheinlich zu stolz, es anzunehmen. Und zum anderen h�tte es sehr seltsam ausgesehen, wenn er eine Wette auf seine Niederlage unterst�tzte. Damit w�rde er dem Sieg der Bauern allen Glanz nehmen, falls sie gewinnen sollten.</p><p>Ashot ging zu seinen Kameraden zur�ck und redete mit ihnen. Artax konnte sehen, wie sie M�nzen zusammenlegten und z�hlten. Und wieder redeten.</p><p>�Wenn wir noch ein Spiel machen, w�re es sch�n, wenn ihr verhindern w�rdet, dass ich noch mal in den Boden gestampft werde. Dabei biete ich nicht gerade einen k�niglichen Anblick.�</p><p>�Ist sich z�her kleiner Fuchs, dieser Ashot, was, Volodi?� Der Hauptmann war zu ihnen her�bergekommen, und Kolja gefiel sich wieder in seiner Rolle als stammelnder Barbar. �Wird sich bestimmt nicht noch einmal versuchen mit dieselbe Trick.�</p><p>Volodi wirkte nicht am�siert. �Wird sich nicht nix helfen. Fuchs niemals gewinnt Kampf mit W�lfen.�</p><p>Kolja lachte. �Stimmt.�</p><p>Lamgi trennte sich von der Gruppe der Bauern und stellte sich in die Mitte des Flussbetts. �Freunde�, rief er mit lauter Stimme. �Wir wollen noch einmal gegen die Leibwachen des Unsterblichen Aaron antreten und unsere Niederlage in einen Sieg verwandeln. Aber die Krieger haben das Preisgeld so hoch gesetzt, dass wir nicht noch einmal antreten k�nnen. Werdet ihr uns helfen? Oder werdet ihr nur dort oben stehen und mit uns die Schande der Niederlage teilen?�</p><p>Es herrschte betretenes Schweigen.</p><p>Dann fiel etwas neben Lamgi auf den Boden. Artax kniff die Augen zusammen. Eine kleine Kupferm�nze. Noch eine wurde geworfen und noch eine weitere.</p><p>�Macht sie fertig!�, rief einer vom gegen�berliegenden Ufer. Ein kleiner, unrasierter Kerl, der so aussah, als habe es das Leben noch nie gut mit ihm gemeint.</p><p>Weitere M�nzen fielen in den Sand.</p><p>�Zeigt es ihnen�, rief ein anderer.</p><p>Narek begann das Geld einzusammeln, w�hrend immer mehr M�nzen von den Ufern geworfen wurden. Auch wenn es nur Kupfer war, reichte der Wert bestimmt schon an ein Goldst�ck heran.</p><p>�Wir sind die L�wen von Belbek!�, rief Narek stolz. �H�rt ihr? Die L�wen von Belbek. Und wir werden sie zerfleischen.�</p><p>Kolja schmunzelte. �Zerfleischen? Ist sich kleines Mann mit gro�es Mund.�</p><p>�Du wirst ihn dir nicht vornehmen, wenn wir noch einmal spielen�, sagte Artax harsch.</p><p>Der Faustk�mpfer schnitt eine Grimasse. �H�tte nur ein bisschen gestreichelt.� Er lie� die Klinge in den Lederarm fahren.</p><p>�Kommt jetzt!� Artax winkte den beiden, ihm zu folgen, und ging an die Schlusslinie seiner Seite zur�ck. �Du sagst, sie werden sich nicht noch einmal alle auf mich werfen?�</p><p>Kolja blickte ihn an und zuckte dann mit den Schultern. �Kann mich nicht sehen in Kopf von Bauern.� Er zog seine vernarbten Brauen zusammen. �Wollen wir lassen gewinnen Bauern? Wegen Moral?�</p><p>Artax sch�ttelte den Kopf. �Zu viele Zuschauer. Wenn die den Verdacht haben, wir spielen falsch, dann ist das Gift f�r die Moral.�</p><p>Datames kam ihnen entgegen. �Tut mir leid, was Euch geschehen ist, Erhabener. Geht es Euch gut?�</p><p>Artax konnte ihm an den Augen ansehen, dass es ihm nicht leidtat. �Was machen wir? Wenn wir noch einmal gewinnen und die Bauern verpr�gelt werden, ist das eine Katastrophe. Wie hattest du dir das vorgestellt?�</p><p>�Bisher l�uft alles nach meinem Plan. Ich hatte geahnt, dass Ashot noch einmal spielen will, wenn er verliert.�</p><p>Ich h�tte das nicht erwartet, dachte Artax. Und ich kenne ihn l�nger als du. �Was sollen wir tun?�</p><p>�Ihr werdet nat�rlich wieder siegen. Aber es sollte nicht ganz so schnell geschehen. Der Kampf muss ein wenig dauern. Jeder da drau�en wei�, dass diese L�wen von Belbek nicht gewinnen k�nnen. Wichtig ist, wie sie besiegt werden. Lass sie nicht das Gesicht verlieren.�</p><p>Artax wandte sich an Kolja und Volodi. �Ihr habt es geh�rt. Sagt es den M�nnern. Diesmal dauert das Spiel ein wenig l�nger.�</p><p>Ashot winkte vom anderen Ende des Feldes. �Wir stecken die M�nzen in einen Wasserschlauch. Der Ledersack ist v�llig zerschnitten. Wir k�nnen ihn nicht mehr benutzen.� Er hielt einen l�nglichen, braunen Ziegenlederschlauch hoch, der am unteren Ende ausgebeult war.</p><p>�Gut�, entgegnete Artax. �Wann seid ihr bereit?�</p><p>�Wir f�llen noch mehr Sand hinein.� Ashot kniete nieder, sodass sie deutlich sehen konnten, wie er Sand aus seiner Hand in den Wasserschlauch rinnen lie�. Als er halbwegs prall gef�llt war, ging er zu seinen M�nnern zur�ck. Sie gruppierten sich im Kreis um ihn, wohl um ihren Schlachtplan zu besprechen.</p><p>Artax wandte sich an seine Zinnernen. �Wir bilden eine Linie, quer �ber das Spielfeld. Ihr achtet darauf, dass der Kerl mit dem Wasserschlauch auf keinen Fall durchkommt. Wir werden langsam vorgehen und sie auf ihre Linie zur�ckdr�ngen. Und verpr�gelt niemanden. Es ist nur ein Spiel. Habt ihr das verstanden?�</p><p>Koljas Augen funkelten am�siert. Die M�nner nickten.</p><p>�Du wirst Ashot nicht die Rippen brechen.�</p><p>Kolja nickte.</p><p>�Und auch keinen anderen Knochen.�</p><p>�Und wenn sich f�llt ungl�cklich der Bauernt�lpel?�</p><p>�Dann bist du besser nicht in der N�he, Kolja.�</p><p>Der vernarbte H�ne sah ihn bek�mmert an. �Das ist sich kein Spa�.�</p><p>�Wir sind bereit�, rief Ashot. Er dr�ckte sich den Wasserschlauch an die Brust.</p><p>�Linie bilden!�, befahl Artax mit lauter Stimme. Die Zinnernen gehorchten. Volodi und Kolja hielten sich auf seinen beiden Seiten. Diesmal w�rde er nicht zu Boden geworfen werden.</p><p>Die Bauern bildeten einen Kreis um Ashot.</p><p>�Sie besch�tzen sich Anf�hrer�, sagte Volodi. �Wir machen Kreis um Kreis und holen sich Ziegenschlauch.�</p><p>�L�wen!�, erklang ein Ruf von den Ufern und wurde dutzendfach aufgenommen. �L�wen!�</p><p>Artax und die Zinnernen hatten die H�lfte des Feldes �berquert. Sie waren schon nah genug, dass er die Angst in Nareks Augen sehen konnte. Sein Jugendfreund stand halb geduckt. Er hatte immer schon versucht, sich aus �rger herauszuhalten. Was mochte ihn nur geritten haben, dass er sich freiwillig gemeldet hatte?</p><p>�Vorw�rts, L�wen!�, rief Ashot, und seine M�nner st�rmten den Zinnernen entgegen.</p><p>�L�-wen! L�-wen! L�-wen!� Jetzt feuerten sie Tausende an.</p><p>Artax presste die Lippen zusammen. Das war mutig und hoffnungslos. Sie w�rden niemals die Linie der Zinnernen durchbrechen. Er hob die Arme auf Brusth�he, ballte die F�uste und wappnete sich f�r den Aufprall.</p><p>Ein vierschr�tiger Kerl versuchte Artax mit der Schulter zu rammen. Der Unsterbliche wich leicht zur Seite aus, sodass der Angreifer ihn nur streifte, und brachte ihn dann seinerseits mit einem Sto� aus dem Gleichgewicht. Kurz war er versucht, einen Fausthieb folgen zu lassen, beherrschte sich aber. Datames sollte sich Regeln f�r dieses Spiel ausdenken, die verhinderten, dass es in eine wilde Schl�gerei ausartete.</p><p>Sein Angreifer wich zur�ck. Drei oder vier der Bauern lagen am Boden. Seine Zinnernen waren ganz offensichtlich weniger zimperlich gewesen, was das Austeilen von Fausthieben anging. Er entdeckte auch Narek unter den Gest�rzten. Der Bauer hatte die H�nde um den Bauch geschlungen und wimmerte herzerweichend. Volodi b�ckte sich nach ihm.</p><p>Artax atmete scharf ein, doch der Drusnier erkundigte sich nur, ob alles in Ordnung sei. Narek brachte ein Nicken zustande.</p><p>Von den Ufern waren vereinzelte Buhrufe zu h�ren. Der Angriff der Bauern war ganz und gar gescheitert. Diejenigen, die wieder auf den Beinen waren, zogen sich zu Ashot zur�ck und versuchten ihn gegen den unvermeidlichen Gegenangriff zu sch�tzen.</p><p>�In Boden stampft sie sich!�, rief Kolja gut gelaunt und st�rmte den Bauern entgegen. Die Zinnernen stie�en einen wilden Schlachtruf aus und folgten ihm. Artax lie� sich von der Begeisterung seiner M�nner mitrei�en. Zugleich war der Unsterbliche �berrascht, mit welchem Mut sich die Bauern um Ashot scharten. Keiner lief davon. Im Gegenteil! Sie empfingen seine Leibwache mit einem grimmigen L�cheln.</p><p>Artax blockte einen Fausthieb mit dem Arm und versetzte seinem Gegen�ber einen Schwinger. Er war wieder an Lamgi geraten. Der hagere Lastentr�ger drehte den Kopf zur Seite, sodass der Fausthieb ihn nur streifte, und antwortete mit einem Aufw�rtshaken, der Artax am Rippenbogen traf.</p><p>Artax konterte mit einem Kopfsto�. Seine Stirn schlug gegen die Nase Lamgis. Der Lastentr�ger taumelte zur�ck und st�rzte �ber einen Mann, der hinter ihm zu Boden gegangen war.</p><p>�Hab ihn, sich Schlauch!�, schrie Volodi und hielt den Ziegenlederbeutel triumphierend hoch. Die Mehrzahl von Ashots M�nnern lag am Boden.</p><p>�Zur�ck!�, rief Kolja. �Aber wir gehen uns langsam. Wird nicht nix folgen uns Pack von Staubfressern.�</p><p>Kaum waren die Worte �ber die Lippen des Faustk�mpfers gekommen, da erscholl das Horn. Auch Datames schien begriffen zu haben, dass diese zweite Runde entschieden war. Es gab niemanden mehr, der seine Zinnernen aufhalten k�nnte.</p><p>Als Artax zur�ckblickte, entdeckte er Narek an der Seite seines Hofmeisters. Der Bauer hielt einen Lederschlauch hoch und grinste breit.</p><p>Verbl�fft sah Artax zu Volodi, der ebenfalls zu Narek hin�berstarrte.</p><p>�Ihr nicht nix gewinnen�, �ffte Ashot die beiden Drusnier nach.</p><p>�Was �?�, begann Artax.</p><p>�Ist sich klar�, grollte Kolja und packte Ashot.</p><p>�Lass ihn!� Artax trat an die Seite des Faustk�mpfers.</p><p>�Ich brauche niemanden, der f�r mich spricht!�, sagte Ashot k�mpferisch, obwohl auf einen Blick deutlich war, wie aussichtslos ein Kampf gegen Kolja war.</p><p>�Hast du dich Wasserschlauch vertauscht und mit sich zwei gespielt?�</p><p>Ashot runzelte kurz die Stirn. �Das k�nnte man sicherlich sch�ner sagen, aber darauf l�uft es hinaus.�</p><p>Kolja brach in schallendes Gel�chter aus und lie� den Bauern los. �Bist sich Mann mit Ohr im Schlitz! Sehr gut! Wenn du dich �berlebst Schlacht, dann zu mir kommen. Nangog macht sich M�nner wie dich reich. Gehen wir zusammen hin. Kann mich dich gut brauchen dort.�</p><p>Ashot war sichtlich �berrascht von dieser Wendung.</p><p>Artax atmete auf. Und von den Ufern brandete Jubel f�r die L�wen von Belbek, die gezeigt hatten, dass ein paar Bauern die Leibwache des Unsterblichen zu besiegen vermochten.</p></section><section><title><p>Das verwunschene Tal</p></title><p>Bamiyan stocherte mit einem verkohlten Ast in der Asche der Feuerstelle. Hier war seit vielen Tagen kein Essen mehr zubereitet worden.</p><p>Nachdenklich betrachtete er die armseligen Besitzt�mer des heiligen Mannes. Man musste wahrlich von den G�ttern ber�hrt worden sein, wenn man es aushielt, freiwillig unter solch erb�rmlichen Verh�ltnissen zu hausen. Wie ein Tier in einer H�hle!</p><p>Der Wanderstab des Wunderheilers lehnte am Eingang der H�hle. Drinnen hatte Bamiyan Essensvorr�te gefunden und eine d�nne Wolldecke. Es sah nicht so aus, als habe der Heiler das Tal verlassen. Aber ohne Zweifel war er auch seit vielen Tagen nicht mehr bei seinem Lagerplatz gewesen. Das waren schlechte Nachrichten.</p><p>Der junge J�ger warf den verkohlten Ast in die Feuerstelle und sah sich um. Er lauschte auf das Ger�usch des Wasserfalls. Etwas an diesem Tal war unheimlich. Er hatte keine Tiere gesehen. Es war ungew�hnlich still. Manchmal hatte er das Gef�hl, beobachtet zu werden.</p><p>Bamiyan blickte die Felsw�nde empor. Er konnte die Sonne nicht entdecken. Der hintere Teil des Tals, dort, wo der Wasserfall rauschte, lag bereits im Halbdunkel.</p><p>Wo konnte der Heiler nur stecken? Hatte ihn hier etwas so sehr erschreckt, dass er einfach davongelaufen war, ohne irgendetwas von seinen k�mmerlichen Habseligkeiten mitzunehmen? Je l�nger er hier war, desto besser konnte Bamiyan sich das vorstellen. Er w�re selbst am liebsten gegangen. Aber er hatte sich geschworen, noch bis zum Einbruch der D�mmerung nach dem Heiler zu suchen. Bei Nacht allerdings w�rde er hier nicht bleiben. Um keinen Preis der Welt!</p><p>Ein kleiner Stein rollte klackernd �ber einen Hang. In dem engen Tal klang das Ger�usch unnat�rlich laut. Bamiyan legte die Hand auf den Griff des langen Bronzedolches an seinem G�rtel. Er war kein Feigling, aber dieser Ort hier machte ihm zu schaffen. Seit seiner Kindheit hatte er unz�hlige Geschichten �ber das Tal geh�rt. Ein b�ser Geist hauste hier. Aber in jeder Geschichte wurde er anders beschrieben. Mal war es eine Gestalt, so schrecklich, dass das Herz aufh�rte zu schlagen, wenn man sie erblickte. Mal eine wundersch�ne Frau, die Wanderer verf�hrte, zu ihr ins Wasser zu steigen, um die Arglosen dann zu ertr�nken. Dann wieder eine Hexe, die einen mit einem magischen Schlummer belegte und alle Lebenskraft raubte, w�hrend man verstrickt in sinnliche Tr�ume dem Tod entgegenschlief. Sein Gro�vater hatte behauptet, der Geist w�rde jeden mit eisigen H�nden packen, der es wagte, unter den Wasserfall zu treten. Die Unvorsichtigen wurden gegen den Wasserstrom die Felswand hinaufgezerrt, und dann, wenn sie ganz oben angelangt waren, l�sten sich die H�nde aus kaltem Wasser auf, und man st�rzte sich zu Tode.</p><p>Bamiyan ging dem Rauschen des Wasserfalls entgegen. Er musste den Kopf weit in den Nacken legen, um die Stelle zu sehen, an der das Wasser �ber den Rand der Klippe st�rzte. B�iger Wind zerrte Geister aus wei�er Gischt aus dem tosenden Nass. Der Anblick lie� den jungen J�ger fr�steln. Manche Geschichtenerz�hler behaupteten, dass der Geist, der hier hauste, �berall sei. In jedem Fels, jedem verdorrten Grashalm, selbst in der Luft, die man atmete.</p><p>Bamiyan dachte an seinen toten Bruder. Masud h�tte �ber die Geistergeschichten gelacht. Sein Bruder hatte keine Angst gekannt. Er w�nschte, er w�re noch hier. Vorsichtig, halb geduckt, jederzeit bereit zur Flucht, n�herte sich Bamiyan dem See. Da war es wieder, das Gef�hl, angestarrt zu werden. Jetzt wusste er sogar, wo der Beobachter war. Hinter dem Schleier des Wasserfalls. Sehen konnte Bamiyan ihn nicht. Aber er sp�rte, dass die Blicke von dort kamen. Ganz sicher!</p><p>Er sollte jetzt gehen. Er war kein Schamane und kein heiliger Mann. Er war nicht daf�r gewappnet, sich mit einem Geist anzulegen. Aber wenn er jetzt floh, dann w�rde er sich den Rest seiner Tage fragen, was mit dem Wunderheiler geschehen war. Und schlimmer noch, er w�rde im Innersten seines Herzens wissen, dass er ein Feigling war, wenn es darauf ankam.</p><p>Bamiyan presste die Lippen fest aufeinander und ging entschlossen auf den Teich zu. Sein Herz raste. Schwei� perlte von seiner Stirn. Der eisige Hauch des Spr�hwassers wehte ihm entgegen. Die Hand, die seinen Dolchgriff umklammerte, zitterte. Aber er ging weiter!</p><p>Eine B� heulte durch die Klippen �ber ihm und riss einen Gischtgeist aus dem Wasserfall. Wie ein Leichentuch breitete sich die Wolke aus feinem Spr�hwasser �ber ihm aus und senkte sich langsam herab. Er glaubte Gesichter in dem Dunst zu sehen, schreiende Fratzen. Bamiyan war unf�hig, sich zu r�hren. Er starrte nach oben.</p><p>Die Ber�hrung war eisig. Die K�lte durchdrang seinen K�rper und fra� sich bis tief in seine Knochen. Das war die letzte Warnung des Geistes, der �ber das Tal wachte. Bamiyan hatte verstanden. Er blickte zum Wasserfall. Hatte sich dort hinter dem Schleier aus Gischt etwas bewegt? Eine durchscheinende Gestalt, umflossen von langem Haar? Er blinzelte. Nein, da war nichts! Nur Wasser.</p><p>Der J�ger zog seinen Dolch. Nur drei Schritt trennten ihn noch vom Rand des Teichs. Er musste ins Wasser blicken. Das war er seiner Ehre schuldig. Dann konnte er fliehen. Und nie, nie wieder w�rde er an diesen verfluchten Ort zur�ckkehren.</p><p>Bamiyan machte drei hastige Schritte. Das Wasser des Teichs war aufgew�hlt und voller wei�er Gischt. Er konnte nur undeutlich sehen, doch der Wunderheiler lag nahe beim Ufer. Reglos, ganz und gar vom Wasser �bersp�lt. Etwas L�ngliches, Hautfarbenes wand sich �ber seinen Bauch. Eine Schlange? Fra� sie von seinem Kadaver?</p><p>Der J�ger wollte schon zur�ckweichen, als der Mann im Wasser unvermittelt die Augen aufschlug. Er sah zu ihm auf. Er lebte! Das war � der Geist des Tals. Er musste den heiligen Mann verhext haben. Bamiyan beugte sich vor, als das Wasser pl�tzlich zu brodeln begann. Er konnte nicht l�nger auf den flachen Grund des Sees hinabsehen. Etwas Durchscheinendes schnellte hoch.</p><p>Erschrocken wich Bamiyan zur�ck. Das Wasser sch�umte auf. Eine Schreckensgestalt wuchs daraus empor. Der Geist eines Weibes, mit langem Haar. Das Gesicht vor Zorn verzerrt.</p><p>�Lauf um dein Leben, J�ger!� Die Stimme klang, als k�me sie tief aus dem Wasser.</p><p>Eisige K�lte lie� das Wasser knistern. Eine d�nne Haut aus Eis bildete sich �ber dem See und wurde vom st�rzenden Wasser sofort wieder zerschlagen.</p><p>Bamiyan stand in dichten Wolken der Atem vor dem Mund. Er taumelte weiter zur�ck, st�rzte fast.</p><p>Ein Wort, kalt und unmenschlich, drang aus den Tiefen des Teichs. Ein Wort, das nicht f�r Menschenzungen geschaffen war. Die drohend erhobenen Arme des Geistes zersplitterten, und Tausende messerscharfe Eisst�cke st�rmten Bamiyan entgegen.</p><p>Der J�ger riss sch�tzend die Arme vor sein Gesicht, als ihn der Eissturm traf. Scharfe Kanten zerschnitten seine Haut und das Leder seiner Weste. Eissplitter fuhren durch sein Haar und schrammten �ber seinen Kopf. Warmes Blut rann ihm in die Augen. Sprachlos vor Entsetzen, wich er weiter zur�ck. Das Eis umtanzte ihn. Stie� immer wieder zu. Versuchte ihm die Augen aus den H�hlen zu sch�len.</p><p>Geblendet von seinem Blut, fuhr Bamiyan herum. Immer noch sch�tzend die Arme vor das Gesicht gehoben, rannte er los, wie er noch nie zuvor in seinem Leben gerannt war.</p></section><section><title><p>K�nig Geisterschwert</p></title><p>Rauch brannte in Bamiyans Augen. Er hielt den Blick gesenkt, starrte in die Glut des Feuers. Der Steinrat hatte ihn gerufen. Es war eine seltene Ehre, dass ein so junger J�ger wie er vor die neun trat, die in ihrer Gemeinschaft die Nachfolger des Heiligen Zarud waren. Selbst sein Bruder Masud war nie vor den Steinrat berufen worden.</p><p>�Deine Geschichte, Bamiyan, erf�llt uns alle mit tiefer Sorge�, erkl�rte Gatha, ein zahnloser Schamane, dem das zottelige wei�e Haar bis zu den H�ften hing. �Wir k�nnen diesen Geist nicht l�nger in unseren Bergen dulden. Der Heilige Mann muss aus dem See gerettet werden. Er ist zu uns gekommen, um uns in unserer Not zu helfen. Wir w�ren ohne Ehre, wenn wir ihn nun in seiner Not im Stich lassen w�rden.�</p><p>Die �brigen Mitglieder des Steinrates nickten zustimmend. Bamiyan sah es nur aus den Augenwinkeln. Er vermied es, sie direkt anzusehen. Vor allem den Schamanen Gatha. Es hie�, der Alte k�nne einem allein durch einen Blick seinen Willen aufzwingen. Und Bamiyan wollte nicht zur�ck ins Tal der Geister.</p><p>�Wie sollen wir gegen einen Geist k�mpfen, Gatha?�, fragte ein rotb�rtiger J�ger, den Bamiyan nicht mit Namen kannte. �Wir haben keine Waffen, um ihn zu besiegen. Und schau dir den Jungen an. Er hat Gl�ck gehabt, dass er keines seiner Augen verloren hat.�</p><p>�Dass er lebend davongekommen ist, gilt mir als Beweis, dass der Geist schwach ist�, entgegnete Gatha ruhig. �Wir werden ihn �berwinden.�</p><p>�Und, wirst du auch dabei sein?�, beharrte der Rotbart.</p><p>�Wir alle sollten mitgehen.� Gatha schob sein verfilztes Haar beiseite, sodass man den Messergriff sehen konnte, der aus seinem breiten G�rtel ragte. Er zog die Waffe und legte sie neben die Feuerstelle. Die breite Klinge des Dolches war gr�n angelaufen, der Knochengriff mit den Jahren gelb geworden.</p><p>�Erinnert ihr euch, warum wir diese Messer tragen?�, fragte Gatha. �Zeigt sie mir. Legt sie neben das Feuer. Und sollte einer unter euch nicht bereit sein, in das Tal der Geister zu gehen, dann m�ge er seinen Dolch liegen lassen und diesen Ort verlassen, denn er ist nicht w�rdig, dem Steinrat anzugeh�ren, den der Heilige Zarud begr�ndete.�</p><p>Acht weitere Dolche wurden neben die Feuerstelle gelegt. Und keiner der M�nner erhob sich.</p><p>Ehrf�rchtig betrachtete Bamiyan die Griffe. Sie alle waren aus den Knochen des Heiligen Zarud gefertigt. Einst war Zarud ein einfacher J�ger wie er gewesen. Aber dann wurde er in den Bergen von einem Blitz getroffen. Der Heilige �berlebte, doch lag er eine Woche lang in tiefem Schlaf. Als der Blitz ihn traf, begegnete er Russa. Der Gott sprach zu ihm und erw�hlte Zarud zu seinem Boten. Fortan r�hrte der Heilige keine Waffe mehr an. Sein Ansehen wuchs �ber die Jahre, und schlie�lich h�rten alle wilden St�mme der Berge auf sein Wort. Es war das einzige Mal in der Geschichte Garagums, dass ein einzelner Mann die V�lker der Berge unter seinem Willen vereinte. Weil Zarud wusste, dass dieser Bund nicht �ber seinen Tod hinaus Bestand haben w�rde, berief er noch auf seinem Totenlager neun Weise und J�ger und begr�ndete den Steinrat. Er verf�gte, dass ein jeder von ihnen einen Dolch erhalten sollte, in den seine Gebeine eingearbeitet waren. Und jeder der neun sollte aus eigenem Ermessen einen Nachfolger w�hlen, wenn seine Zeit gekommen war, aus dem Steinrat zu scheiden.</p><p>�Bamiyan?� Es war Gatha, der ihn angesprochen hatte. �Du wirst uns zu dem See bringen. Wir m�ssen den Geist �berraschen, wenn wir ihn mit den heiligen Dolchen t�ten wollen.�</p><p>�Ich � ich glaube nicht, dass man ihn �berraschen kann�, antwortete er verlegen. �Er � Ich glaube, es ist ein Weib. Es war eine Gestalt mit langem Haar, die aus dem Wasser stieg.�</p><p>Gatha lachte. �Auch ich bin eine Gestalt mit langem Haar, aber noch lange kein Weib. Wenn es ein Weib ist, wird es umso leichter sein, sie zu �berw�ltigen. Ich hatte schon gedacht, dass es ein schwacher Geist sein muss. Schlie�lich bist du lebend davongekommen.�</p><p>Bamiyan schoss das Blut in die Wangen, aber er sagte nichts. Er war davongelaufen, daran lie� sich nicht r�tteln. Nur schwach, das war dieser Geist ganz gewiss nicht! Immer noch war er �ber und �ber mit Schnittwunden bedeckt.</p><p>�Wenn du dich irrst, Gatha, dann vernichtest du den Steinrat�, gab der Rotbart zu bedenken. �Wir sollten K�nig Geisterschwert um Hilfe bitten. Dieser Teil Garagums geh�rt zu seinem K�nigreich. Es ist seine Pflicht, uns zu helfen.�</p><p>�Der Unsterbliche war, solange ich lebe, noch nie zuvor in dieser Provinz.� Gatha kratzte sich unter seinem Bart. �Wie kannst du glauben, er w�rde kommen, wenn du ihn rufst? Er hat andere Dinge im Kopf, als uns zu helfen. Er will hier seine Schlacht schlagen. Und wir hatten auf unserem letzten Rat beschlossen, keinen der beiden Unsterblichen zu unterst�tzen. Die G�tter allein wissen, wer bald unser Herrscher sein wird. Wenn wir jetzt eine falsche Entscheidung treffen, werden unsere St�mme es bald bereuen.�</p><p>�Und was geschieht mit unseren St�mmen, wenn der Geist im Teich m�chtiger ist, als du glaubst? Sieh dir Bamiyan an. Sieh hin! Er kann von Gl�ck sagen, dass er nicht geblendet wurde. Wenn der Geist einen Sturm von Eissplittern gegen den Jungen schleuderte, warum sollte er das nicht auch gegen neun alte M�nner tun k�nnen? Glaubst du etwa, unsere Dolche werden uns besch�tzen? Willst du wirklich wagen, dass unser Volk in diesem Jahr voller Krieg und Ver�nderung den Steinrat verliert?�</p><p>Der Schamane funkelte den Rotb�rtigen w�tend an. �Du bist erst zum dritten Mal in dieser Runde, Ormu, und f�hrst schon das gro�e Wort. Du solltest besser sitzen, schweigen, lernen und erfahreneren M�nnern das Reden �berlassen.� Er machte in Bamiyans Richtung eine Geste, als w�rde er eine l�stige Fliege verscheuchen. �Geh den H�gel hinunter, Junge, bis wir dich wieder rufen. Es ist nicht notwendig, dass du dem Gez�nk alter M�nner zuh�rst.�</p><p>Bamiyan war erleichtert, gehen zu k�nnen. Der Mond stand hoch am Himmel, sodass er den felsigen Weg vor sich gut sehen konnte. Er f�hrte hinab zu der H�hle, in der Zarud vor langer Zeit gelebt hatte. Es war ein magischer Ort. Zwei Mal war Bamiyan in seinem Leben bereits hier gewesen.</p><p>Neben dem H�hleneingang war eine Nische aus dem Fels geschlagen worden. Darin stand eine Statue Russas. Zarud hatte sie mit eigenen H�nden erschaffen. Das Bildnis zeigte den Gott der Berge, wie er dem Heiligen erschienen war, als der Blitz ihn traf. Er war ein gro�er, b�rtiger Mann, der einen Bogen vor seiner Brust hielt und ein seltsames Fischschuppenhemd trug. Bamiyan hatte das Gef�hl, dass Russas Augen geradewegs auf ihn gerichtet waren.</p><p>Ergriffen kniete der junge J�ger nieder und bedankte sich mit einem Gebet voller Inbrunst daf�r, dass Russa seine sch�tzende Hand �ber ihn gehalten hatte, als das Geisterweib die Eissplitter auf ihn niederprasseln lie�.</p><p>Der Mond war bis fast zum Horizont gewandert, als Gatha den H�gel hinabstieg. Er hielt ein in Leder eingeschlagenes B�ndel in seinen H�nden und wirkte ver�rgert. �Der Steinrat hat entschieden, was zu tun ist�, sagte er mit gepresster Stimme. �Du wirst in das Heerlager von Aaron Geisterschwert reiten und den K�nig bitten, uns zu helfen.�</p><p>Bamiyan sah den Schamanen entsetzt an. �Ich? Warum ich?�</p><p>�Du hast den Befehlen des Rates zu gehorchen und keine dummen Fragen zu stellen, Junge.�</p><p>�Aber K�nig Geisterschwert ist gekommen, um hier eine Schlacht zu schlagen. Das wei� jeder. Er wird nicht in dieses Tal reiten. Ich werde ihn mit meiner Bitte erz�rnen, und er wird mir den Kopf abschlagen lassen.�</p><p>Gatha sah ihn ohne Mitleid an und kratzte sich am Bart. �Ja, das k�nnte geschehen. Aber man sagt, er sei in den letzten Monden nachsichtiger geworden. Es besteht Hoffnung f�r dich. Au�erdem kannst du ihm ein Angebot machen, wenn er uns hilft. Wir kommen nicht als Bettler!� Gatha erl�uterte ihm die Pl�ne des Rates, dann dr�ckte er ihm das in Leder eingeschlagene B�ndel in die Hand.</p><p>Bamiyan tastete �ber das Leder. �Pfeile?�</p><p>�Sie sind von Ormu. Er glaubt auch nicht, dass K�nig Geisterschwert in dieses Tal reiten wird. Er hatte einen � ungew�hnlichen Einfall.�</p><p>Die Art, wie Gatha die letzten Worte betont hatte, gefiel Bamiyan gar nicht.</p><p>�Wenn der K�nig nicht mit dir kommt, wirst du ihn um Folgendes bitten ��</p><p>Bamiyan h�rte mit wachsendem Entsetzen zu. �Ich bin ein toter Mann.�</p><p>Gatha nickte. �Das habe ich Ormu auch gesagt. Aber der Rat hat entschieden, dass du es versuchen sollst. Und wenn es nicht gut ausgeht, werde ich daf�r sorgen, dass dein Leichnam zu den Adlern kommt. Dann wirst du gemeinsam mit deinem Bruder Russa begleiten, wenn er auf dem Sturmwind �ber die Berge reitet.�</p></section><section><title><p>Das Gesicht im Schatten</p></title><p>Gonvalon zog seinen Umhang enger um die Schultern und war sich zugleich bewusst, wie nutzlos diese verzweifelte Geste war. Er war tropfnass, und unabl�ssig prasselte der Regen auf das dichte Laubdach des uralten Waldes, durch den sie seit Tagen irrten. Selten hatte er den Verlust seiner Zaubermacht so bedauert wie in diesen Tagen. Kaum dass eine Stunde vergangen war, seit sie durch den Albenstern getreten waren, hatte dieser verfluchte, eisige Regen eingesetzt und seitdem nicht mehr aufgeh�rt.</p><p>Nandalee hob das Eichh�rnchen an, das sie vor ein paar Stunden erlegt hatte. �Willst du nicht doch etwas? Es ist jung und zart.�</p><p>Gonvalon sch�ttelte den Kopf. Rohes Eichh�rnchen! Bis er so weit war, w�rde er noch etliche Tage hungern m�ssen. Misstrauisch sah er sich um. Die D�mmerung lie� den Wald in Schatten versinken. Sie lagerten dicht beim Stamm einer alten Eiche. Ihr Laubdach hielt einen Teil des Regens ab. Aber ein angenehmer Lagerplatz war es deshalb noch immer nicht. Wenn sie wenigstens ein Feuer machen k�nnten! Aber Nandalee war strikt dagegen. Der Wald zu F��en des Albenhauptes war das Land der Maurawani. Hier galten ihre Gesetze, und die waren so verdreht und unerbittlich, wie es dieses Elfenvolk war.</p><p>Soweit Gonvalon wusste, war nie ein Maurawan unter die Novizen der Wei�en Halle aufgenommen worden. Sie waren zu unbeugsam und undiszipliniert, um in den Dienst der Himmelsschlangen treten zu k�nnen. Auch verlie�en sie nur ungern f�r l�ngere Zeit ihren Wald. Ein jeder Maurawan hatte dort ein Revier, so wie W�lfe. Sie h�teten den Wald und alles, was darin lebte. Und da Feuer ihren B�umen schaden k�nnte, mochten sie es nicht, wenn Reisende ein Lagerfeuer entz�ndeten. Nicht einmal auf Felsboden, wo es im Umkreis von zehn Schritt keine Wurzel gab.</p><p>Der Schwertmeister seufzte. Er hatte sich seine Reise mit Nandalee anders vorgestellt. Romantischer.</p><p>Sie setzte sich an seine Seite und legte ihren Arm um ihn.</p><p>Wieder seufzte er. Sie besch�tzte ihn! Was f�r eine verdrehte Welt!</p><p>�Lass uns meine W�rme teilen�, sagte sie mit diesem anz�glichen L�cheln, das er so sehr mochte. Sie �ffnete die Brosche seines Umhangs.</p><p>Gonvalon tastete hinter sich. Keine Wurzeln. Nur feuchter Waldboden. Wenigstens war der weich.</p><p>Nandalee k�sste ihn st�rmisch. Es waren K�sse, die nach Eichh�rnchenblut schmeckten.</p><p>�Verhalte dich ganz nat�rlich�, fl�sterte sie, als sie zwischen zwei K�ssen Atem holte.</p><p>�Was ��</p><p>�Leise�, hauchte sie und biss in sein Ohrl�ppchen. �Wir werden beobachtet.�</p><p>Schon wieder, dachte er verzweifelt. Es war das siebte oder achte Mal, dass sie behauptete, jemand sei in der N�he. Er hatte nie einen der Maurawan zu sehen bekommen. Ihr Talent, in einem Wald fast unsichtbar zu bleiben, war legend�r. Deshalb wurden sie auch gerne als Sp�her f�r die Blaue Halle rekrutiert. Doch keiner blieb je l�nger als zwei oder drei Monde. Aber die Blaue Halle war anders. Sie passte sich in ihren Vorschriften an ihre Novizen an. Sie hatten sogar versucht, Nandalee anzuwerben, als sie wegen ihrer verr�ckten Eskapaden um ihren Bogen im Streit mit den Meistern der Wei�en Halle gelegen hatte.</p><p>�Etwas mehr Leidenschaft k�nnte nicht schaden�, fl�sterte sie.</p><p>Gonvalon fragte sich, ob sie ihn zum Narren hielt. Sollte sie nur. Er griff unter ihr Wams nach ihren Br�sten und erwiderte ihre K�sse �bertrieben st�rmisch. Sie dr�ckte ihn nach hinten in das feuchte Laub des Vorjahrs. Der w�rzige Duft halb vermoderter Bl�tter umfing ihn. Sie sa� auf ihm. Das tat sie gerne.</p><p>Ganz unbefangen streifte Nandalee ihr Wams ab. W�rde sie das tun, wenn es wirklich Beobachter gab?</p><p>�St�ren wir?�, erklang eine Stimme irgendwo aus den Schatten der B�ume.</p><p>�Nur wenn ihr mitmachen wollt�, entgegnete Nandalee keck.</p><p>Gonvalon stieg die Schamesr�te ins Gesicht. Das durfte doch nicht wahr sein! Er versuchte sich aufzurichten, doch sie dr�ckte ihn sofort wieder zur�ck. �Bleib liegen. Die beiden haben B�gen�, zischte sie. �Ich kann sie nicht genau erkennen. Ich glaube, es sind die, die ich erwarte.�</p><p>Ein Elf erschien neben ihnen, so pl�tzlich, als sei er aus dem nassen Laubboden gewachsen. Er war ganz und gar in helles Leder gekleidet. Gonvalon war schleierhaft, wie es der Kerl schaffte, damit im Wald unsichtbar zu bleiben. Nicht ein einziges nasses Blatt haftete an seinen knielangen, weichen Stiefeln. Er hielt den Bogen gesenkt, hatte aber den Pfeil nicht von der Sehne genommen.</p><p>�Sch�n, dich zu sehen, Tylwyth.� Nandalee sa� noch immer auf ihm. Die Br�ste unbedeckt. Gonvalon w�re am liebsten im Waldboden versunken. Was bildete sie sich ein! Dachte sie denn gar nicht an seine W�rde?</p><p>�Schicken euch die Himmelsschlangen?� Diese Stimme war dunkler. Etwas Kaltes, Unbarmherziges lag in ihr.</p><p>Nandalee erhob sich, und Gonvalon war nur einen Augenblick sp�ter auf den Beinen.</p><p>Der Elf, den Nandalee Tylwyth genannt hatte, wirkte nun angespannt. Er hatte seinen Bogen ein wenig angehoben.</p><p>Der Schwertmeister sah den Bogensch�tzen l�chelnd an. �Du wei�t, wer ich bin?�</p><p>Tylwyth nickte.</p><p>Gonvalon beugte sich vor und zog sein nasses Hemd aus. �Sieh dir meinen R�cken an. Mich wird nie wieder eine Himmelsschlange schicken.�</p><p>Ein Schatten trat unter den B�umen hervor. Eine Gestalt, deren Antlitz von einer tief ins Gesicht hinabgezogenen Kapuze verborgen wurde. Gonvalon hatte von ihm geh�rt. Als er den Namen Tylwyth vernommen hatte, hatte er gewusst, wer noch im Schatten lauerte. Cullayn hatte selbst unter Drachenelfen einen Ehrfurcht gebietenden Ruf. Allerdings galt er als kalt und v�llig unberechenbar.</p><p>Wenn er gewusst h�tte, dass Nandalee sich mit diesem M�rder treffen wollte, w�re er nicht mit ihr in den Wald der Maurawan gekommen. Nein, er w�re doch mit ihr gekommen, aber er h�tte versucht, es ihr auszureden. W�hrend der Tage ihrer Wanderschaft durch den Wald hatte sie ihm nicht verraten wollen, wen oder was sie hier suchte, so weit entfernt vom K�nigsstein, ihrem eigentlichen Ziel. Er hatte nicht dagegen aufbegehrt, weil er den Tag f�rchtete, an dem sie die Trollfestung erreichten. Er kannte den K�nigsstein nur aus Geschichten. Aber er wusste, dass es dort Hunderte Trolle gab. Ihre Aussichten, dort lebend wieder herauszukommen, waren gering. All seine Hoffnungen richteten sich darauf, dass sie es nicht einmal schaffen w�rden hineinzukommen, sodass sie irgendwann unverrichteter Dinge wieder abziehen m�ssten. Nat�rlich hatte er Nandalee davon nichts gesagt.</p><p>�Du kannst dein Hemd wieder anziehen, Schwertmeister. F�r mich z�hlt nicht, was ich sehe. Ich wei�, dass ihr alle Zauberweber seid, die Dinge zu tun verm�gen, die ich mir noch nicht einmal vorzustellen vermag.� Er nahm den Pfeil vom Bogen. �Das Einzige, was f�r mich z�hlt, ist Nandalees Wort. Ihr kommt nicht von den Himmelsschlangen.�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf. �Nein, wir sind vor ihnen davongelaufen.�</p><p>Tylwyth wirkte erschrocken, Cullayn aber lie� sich nichts anmerken. �Dein Jagdgef�hrte wirkt verfroren, Nandalee. Mach bitte ein Feuer f�r uns, Tylwyth.�</p><p>�Ein Feuer!� Gonvalon war entgeistert. �Ich dachte ��</p><p>�Sieh und schweige!�</p><p>Nandalee legte ihm die Hand auf den Arm. �Bitte. Er ist eigentlich gar nicht so, wenn du ihn n�her kennenlernst.�</p><p>Gonvalon glaubte ihr kein Wort, aber er hielt sich zur�ck. Sie erz�hlte dem Maurawan von der Schlacht um die Tiefe Stadt, von Duadans Tod und auch davon, wie Fenella gestorben war.</p><p>Noch w�hrend sie redete, holte Tylwyth einen Rucksack aus dem Wald. Er legte einige Steine zusammen und stellte eine eiserne Schale darauf. In ihr stapelte er trockenes Holz und entfachte ein Feuer.</p><p>Gonvalon rang nur kurz mit seinem Stolz. Dann hockte er sich davor und hielt die H�nde den Flammen entgegen. Es tat gut, endlich wieder W�rme zu sp�ren.</p><p>Nachdem Nandalee ihre Geschichte beendet hatte, legte Cullayn seine H�nde an den Saum seiner Kapuze. �Du willst also zu den Trollen?�</p><p>�Das schulde ich meiner Sippe�, antwortete Nandalee mit fester Stimme.</p><p>�Dann sieh, was dich dort erwartet.� Mit diesen Worten schlug der Maurawan seine Kapuze zur�ck.</p></section><section><title><p>Wohin keiner geht</p></title><p>Gonvalon hatte in seinem Leben schon viele Narben gesehen, aber Cullayns Gesicht war so grausam entstellt, dass er sich zwingen musste, nicht wegzublicken. Er hatte das Gef�hl, dass der Maurawani auf diese Reaktion wartete.</p><p>Das ganze Antlitz wirkte verrutscht. Der Sch�delknochen selbst war deformiert. Sein Kopf hatte eine unnat�rliche Form. Dass der J�ger diese Verletzung �berlebt hatte! Eine Gnade war es mit Sicherheit nicht.</p><p>Gonvalon dachte an seine kl�glichen Versuche, Bronzeskulpturen herzustellen. Stets hatte er damit begonnen, ein Modell aus weichem Ton zu fertigen, von dem dann sp�ter eine Abgussform genommen werden sollte. Meist waren es B�sten gewesen, an denen er sich versucht hatte. Er erinnerte sich gut, wie er den Ton zusammengedr�ckt hatte, wenn er mit seinen Modellen nicht zufrieden gewesen war. Cullayn erinnerte ihn an einen dieser zusammengedr�ckten K�pfe aus weichem, rotem Ton.</p><p>�Das ist, was jene erwartet, die sich mit Trollen anlegen�, erkl�rte der Elf bitter. �Vor sehr langer Zeit haben sie meine Geliebte get�tet. Ich war auf der Jagd mit ihr tief in die Snaiwamark vorgedrungen. Trollland. Wir beide wussten das. Ein Trupp ihrer J�ger hat uns gestellt. Sie haben Sybelle get�tet. Und ich t�tete sie. Nicht ohne meinen Preis zu zahlen. Wie es kam, dass ich den Keulenhieb �berlebte? Ich wei� es nicht. Warum ich nicht im Schnee erfroren bin, obwohl ich f�r mehrere Tage bewusstlos gewesen sein muss?� Er zuckte mit den Schultern. �Vielleicht haben die Alben mich gerettet. Oder sollte ich sagen, bestraft? In mein Antlitz zu blicken f�llt selbst den Tapfersten nicht leicht.�</p><p>�Und trotzdem hast du niemals aufgegeben, die Trolle daf�r zu strafen, was sie dir angetan haben�, sagte Nandalee k�mpferisch. �Kaum einer kennt die Snaiwamark wie du. Du hast mir erz�hlt, wie du mit Tylwyth hinaus auf die weiten Eisebenen segelst und die Trolle jagst.�</p><p>Cullayn nahm einen d�rren Zweig aus dem Holzvorrat neben der Feuerschale, brach ihn durch und stocherte damit in der Glut. �Vielleicht tue ich es, weil ich von boshaftem Charakter bin. Vielleicht ist mein Antlitz ja ein Spiegel meiner Seele. Ganz gleich, wie viele Trolle ich t�te, Sybelle wird davon nicht wieder lebendig. Und wenn ihre Seele dereinst wiedergeboren wird, glaubst du, ich k�nnte je wieder ihre Liebe gewinnen, mit diesem Gesicht? Wenn ich in die Snaiwamark gehe, dann ist mein eigentlicher Grund vielleicht, dass ich den Tod suche.�</p><p>Gonvalon fragte sich, was Tylwyth wohl dazu bewog, mit diesem Verzweifelten gemeinsam zu jagen. Er schien in allem das genaue Gegenteil von Cullayn zu sein. Gepflegt, h�bsch anzuschauen und von fr�hlichem Naturell.</p><p>�Ich werde in den K�nigsstein gehen und dort nach den �berlebenden Windwanderern suchen�, sagte Nandalee mit eisiger Entschlossenheit.</p><p>�Wie gro� sind die Aussichten, dort noch �berlebende zu finden?�, entgegnete Cullayn n�chtern. �Wie lange ist es her, dass sie Duadan und Fenella von dort fortgebracht haben? Sechs Wochen? Zwei Monde? Wenn wir mit dir gehen sollten, wagst du vier Leben. F�r was? Treibt dich der Wunsch nach Rache an? Oder ist es wirklich die Hoffnung, noch �berlebende zu finden?�</p><p>Nandalee schluckte. �Es ist � Ich k�nnte nicht mit der Ungewissheit leben. Sie sind meinetwegen dort. Ich schulde es ihnen, alles versucht zu haben�, sagte sie ungew�hnlich kleinlaut.</p><p>�Und deshalb willst du in den K�nigsstein?� Cullayn sch�ttelte sacht den Kopf. �Wei�t du, was dich dort erwartet? Der Eingang zu den H�hlen liegt am Ende einer kurzen Schlucht, flankiert von steilen Felsw�nden. Es gibt dort keine Deckung. Und es tummeln sich in der Schlucht immer reichlich Trolle. Es ist so gut wie unm�glich, dort ungesehen hineinzukommen.�</p><p>Gonvalon war erleichtert. Vielleicht schaffte Cullayn ja, was ihm nicht gelungen war � Nandalee diesen Unsinn auszureden.</p><p>�Du hattest von einer Jagd erz�hlt, die dich bis zur Nordflanke des K�nigssteins gef�hrt hat �� Nandalee sah den Maurawani erwartungsvoll an. �Du erinnerst dich doch?�</p><p>Tylwyth und Cullayn tauschten einen langen Blick. Wieder fragte sich Gonvalon, welches Band zwischen den beiden bestand. Es war un�bersehbar, dass sie keine Worte ben�tigten, um ihre Gedanken und Gef�hle auszutauschen.</p><p>�Ich h�tte von diesem Ort nicht erz�hlen sollen, Nandalee. Ich f�rchte, ich war in der Stimmung, ein wenig bei dir anzugeben. Es gibt hoch am Nordhang einen gefrorenen Wasserfall. Dar�ber liegt der Eingang zu einer H�hle �� Cullayn streckte die H�nde dem Feuer entgegen, als sei ihm pl�tzlich kalt. �Niemand, der noch bei Verstand ist, geht dorthin. Selbst die Trolle f�rchten diesen Platz. Es gibt nur Ger�chte, was dort haust � Eine Kreatur des Fleischschmiedes. Etwas Gro�es, Un�berwindliches.�</p><p>�Wir haben einen riesigen Haufen Knochen unten an der Steilwand gefunden. Gebeine von Trollen, aber auch einen Mammutsch�del�, sagte Tylwyth, der bislang schweigend dem Gespr�ch gelauscht hatte. �Es ist ein b�ser Ort.�</p><p>�Die Trolle werden also niemals damit rechnen, dass jemand von dort in den K�nigsstein eindringt.�</p><p>�Weil es unm�glich ist, Nandalee�, mischte sich nun Gonvalon ein. �Du hast doch geh�rt, was sie sagen.�</p><p>�W�rdet ihr mich zu dem gefrorenen Wasserfall bringen?�</p><p>�Manchmal m�ssen wir akzeptieren, dass Dinge, die geschehen sind, unumkehrbar sind�, sagte Tylwyth einf�hlend. �W�ge ab, was du gewinnen kannst und was du zu verlieren hast, wenn du dorthin gehst.�</p><p>�Ich habe mich entschieden.�</p><p>Gonvalon schlug die Augen nieder. Diesen Tonfall kannte er an ihr. Es gab nichts mehr zu bereden. Sie w�rde sich nicht umstimmen lassen. Im Zweifelsfall w�rde sie auch alleine gehen. Doch das w�rde er niemals zulassen. Er w�rde an ihrer Seite bleiben. F�r immer. Selbst wenn <emphasis>f�r immer</emphasis> in ihrem Fall vielleicht nur noch ein paar Tage bedeutete.</p><p>Cullayn l�chelte, was sein Gesicht nur noch mehr verzerrte. Gonvalon hatte den Eindruck, dass der J�ger gewusst hatte, dass dieses Gespr�ch so enden w�rde. �Ich bringe dich bis zum Wasserfall, dann entscheiden wir, was m�glich ist.�</p><p>Er musste das verhindern, dachte Gonvalon. Wenn sie dorthin gelangte, war sie so gut wie tot. Und wenn er sie aufhielt � Er wusste, dass ihre Liebe das nicht �berleben w�rde.</p></section><section><title><p>Wei�es Licht</p></title><p>�Siehst du das wei�e Licht?� Gonvalon zeigte mit ausgestrecktem Arm zum Horizont, dorthin, wo Wolken und Himmel an diesem strahlenden Morgen zu diffusem Licht verschwammen. �Dort m�chte ich mit dir hin. Ich stelle mir immer vor, dass die Welt dort vollkommen ist. Erreicht man das wei�e Licht, dann hat man Frieden gefunden.�</p><p>Nandalee blickte auf das weite Wolkenmeer. Sie waren vom Wald der Maurawani hoch hinauf in die Slangaberge gestiegen, um einem Pass nach Osten zur Snaiwamark zu folgen. Ihr Weg hatte sie weit �ber die Baumgrenze hinaus ins ewige Eis gef�hrt. Nun war der schwerste Teil geschafft. Es war ein strahlender Morgen. Sie standen �ber den Wolken auf einem sanft abfallenden Gletscher.</p><p>Nandalee lehnte sich an Gonvalons Schulter. Sie hatte ihm das Amulett, das sie an Bord des Blauen Sterns erhalten hatte, �berlassen, um ihn vor der t�dlichen K�lte der Berge zu sch�tzen. Ihr selbst fiel es inzwischen leicht, jenen Zauber zu weben, der ihren K�rper in einen Kokon warmer Luft h�llte. Sie genoss es, mit der Welt und dem magischen Netz in Einklang zu sein.</p><p>�Wie sollten wir je dorthin gelangen, zu dem wei�en Licht?� Gonvalon war seit Tagen in ungewohnt tr�umerischer Stimmung. Er sprach immerzu davon, was sie gemeinsam tun sollten, wenn all dies hier vor�ber war. Sie hatte ihn so v�llig anders kennengelernt. Immer ganz konzentriert auf das Hier und Jetzt. Auf seine Aufgaben als Lehrmeister. Auf den n�chsten Auftrag der Drachenelfen. Er fing sein Leben neu an. War auch sie dazu bereit?</p><p>�Du wirst deinen Pegasus erw�hlen. Wir werden nach Bainne Tyr gehen. Du wirst auf den saftigen Weiden des Milchlandes die Pegasi beschleichen und nach dem richtigen Reittier f�r dich suchen.�</p><p>�Ich dachte, einen Pegasus zu reiten sei allein den Drachenelfen vorbehalten�, entgegnete sie.</p><p>Gonvalon l�chelte verschw�rerisch. �Nicht, wenn es dir gelingt, einen zu fangen und zu z�hmen.�</p><p>Cullayn winkte ihnen von weiter unten auf dem Gletscher, ihm zu folgen. Er und Tylwyth waren erfreulich zur�ckhaltend. Sie bem�hten sich, ihnen Freiraum zu schaffen. Sie wussten, wie jung ihre Liebe war und welcher Schatten dar�ber lag.</p><p>�Komm, Gonvalon. Wir m�ssen gehen.�</p><p>Er hielt sie am Arm fest. �Einen Augenblick noch. Sieh mit mir zum wei�en Licht. Lass uns diesen Traum gemeinsam tr�umen. Getragen auf den Schwingen der Pegasi dorthin zu reisen.�</p><p>Nandalee hielt das f�r eine romantische Tr�umerei. Sie glaubte nicht, dass man diesen Ort je erreichen k�nnte. Ebenso wenig, wie man das Ende eines Regenbogens fand. Was wollte er ihr damit sagen, dass er sie dazu anhielt, mit ihm gemeinsam das Unm�gliche zu versuchen? Wollte er ihr Hoffnung machen, dass sie den Kampf gegen das Ungeheuer, das �ber dem gefrorenen Wasserfall auf sie wartete, bestehen w�rden? Manchmal kam sie sich an seiner Seite ungebildet und dumm vor. Er war in einem Palast aufgewachsen. War an die sch�nen K�nste herangef�hrt worden. Er kannte sich aus in der Dichtung und der Geschichtsschreibung. Er beherrschte etliche Sprachen. Und f�r ein Palastkind kam er auch erstaunlich gut in der Wildnis zurecht. Sie hingegen konnte so weniges. Sie war eine J�gerin aus Carandamon, eine M�rderin, und gerade begann sie sich die Kunst des Zauberwebens zu erschlie�en. Sein Leben w�hrte schon seit Jahrhunderten. Verglichen mit ihm war sie ein Kind. Nandalee musste l�cheln. Ein gef�hrliches Kind.</p><p>�Wenn du l�chelst, siehst du unwiderstehlich aus.�</p><p>Sie grinste. �Du wirst mir aber widerstehen m�ssen. Ich f�rchte, ein Gletscher ist nicht ganz der richtige Ort, um meinen Reizen zu erliegen.�</p><p>Er runzelte die Stirn. �Du ver�nderst dich. Vor gar nicht allzu langer Zeit h�ttest du dich weit weniger gew�hlt ausgedr�ckt.�</p><p>�Keine Sorge, das habe ich nicht verlernt. Aber der Umgang mit dir hinterl�sst Spuren.� Sie l�chelte ihm zu und hoffte, dass er sie nicht falsch verstand. Manchmal war er einfach zu d�nnh�utig.</p><p>Nandalee ging voran. Sie h�rte seine Schritte hinter sich im Schnee knirschen. Sp�rte seinen Blick in ihrem R�cken. Immer wieder musste sie daran denken, wie er sich in der Tiefen Stadt zwischen sie und den Goldenen gestellt hatte. Er hatte alles f�r sie gewagt. Wenn sie ihn in ihrer N�he wusste, f�hlte sie sich unbesiegbar.</p><p>Bald erreichten sie die Wolken. Sie h�llten den Gletscher in dichten Nebel. Cullayn bestand darauf, dass sie einander anseilten. Nandalee konnte kaum die Hand vor Augen sehen. Das Seil an ihrem G�rtel hing durch und verschwand im Nichts. Gonvalon hinter ihr war kaum mehr als ein Schemen, wenn sie zur�ckblickte. Der Schnee hier war nass. Er klebte an den Stiefeln, und das Knirschen, das weiter oben am Hang ihre Schritte begleitet hatte, war zu einem schmatzenden Ger�usch geworden.</p><p>Als Kind hatte sie sich vorgestellt, wie es w�re, auf Wolken zu laufen. In ihrer Fantasie war sie bis zu den Knien in weichen Daunen eingesunken. Nun war sie am Ziel dieser Kindertr�ume, und nichts als Nebel umfing sie. W�re es mit dem Wei�en Licht am Horizont genauso? Vielleicht war es besser, wenn manche Tr�ume f�r immer unerf�llt blieben.</p><p>Gonvalons Hand streifte ihre Schulter. Sie wandte sich um, und er stahl ihr einen Kuss.</p><p>�Cullayn sagte, wir sollen nicht zu dicht beieinandergehen. Vielleicht gibt es unter dem Schnee Gletscherspalten. Es ist kl�ger, unser Gewicht zu verteilen.�</p><p>Er sah sie seltsam an. Ein wenig melancholisch. �Manchmal ist es besser, nicht zu klug zu sein.�</p><p>Nandalee traute ihren Ohren kaum. War das Gonvalon, der da sprach? Der umsichtige, stets auf die Vermeidung unn�tiger Risiken bedachte Schwertmeister?</p><p>�Sieh dich um, wie klein unsere Welt geworden ist. Au�er uns beiden ist alles verschwunden. Tr�umst du nicht auch davon, dass es so einfach sein k�nnte?�</p><p>Daher also wehte der Wind. �Lass uns erst aus dem K�nigsstein zur�ckkehren!�</p><p>�Ich gehe f�r dich dort hinein.�</p><p>Die Leine ruckte. �Was ist los, Nandalee?�, rief Tylwyth aus dem Nebel.</p><p>Sie beeilte sich weiterzugehen.</p><p>Gonvalon blieb an ihrer Seite. �Ich gehe an deiner Stelle�, beharrte der Schwertmeister. �Ich habe mehr Erfahrung in solchen Missionen, und ich schleppe nicht diese verfluchte Waffe mit mir herum.� Er deutete auf den gro�en Zweih�nder, den sie in einem Ledergurt auf ihrem R�cken trug. �Ich werde keine Ruhe haben, wenn du mit diesem Schwert in den Kampf ziehst. Es hat seinen fr�heren Besitzern Ungl�ck gebracht.�</p><p>�Und ihren Feinden auch! Es ist die ideale Waffe, um Trolle zu t�ten�, entgegnete sie angespannt.</p><p>�In einer Feldschlacht vielleicht. Aber in den H�hlen wird dich der Zweih�nder eher behindern, als dass er dir nutzt.�</p><p>�Liebster, du kannst mich durch nichts umstimmen, ganz gleich, was du auch sagst. Wenn ich nicht gehe, w�re ich nicht mehr ich selbst. Und auch nicht die Nandalee, in die du dich verliebt hast. Ich muss es tun. Ich schulde es meiner Sippe.�</p><p>�Dann gehe ich mit dir ��</p><p>Sie griff nach seinen H�nden. �Bitte � Ich muss es allein tun. Ich wei� �� Sie stockte. Wie sollte sie das sagen? Ihr war bewusst, dass ihr Vorhaben ihm als blanker Leichtsinn erscheinen musste und wie gering ihre Aussichten waren, lebend aus dem K�nigsstein herauszukommen, falls sie entdeckt w�rde. �Wenn du etwas f�r mich tun willst, dann lass uns nicht mehr dar�ber reden. Du kannst mich nicht umstimmen. Aber ich brauche deine Liebe. Gerade jetzt �� Bei den letzten Worten brach ihre Stimme.</p><p>�Wie du willst�, entgegnete er mit einer H�rte, die sie von ihm nicht gewohnt war. �Dann habe auch ich eine Bedingung. Ich werde dieses Biest, das den verborgenen Eingang bewacht, ablenken, damit du in den K�nigsstein hineinkommst. Davon wirst <emphasis>du</emphasis><emphasis>mich</emphasis> nicht abbringen k�nnen. Ich sorge f�r einen guten Anfang.�</p><p>Sie wollte noch etwas sagen, doch er sch�ttelte so entschieden den Kopf, dass �berdeutlich wurde, dass er von seinem Entschluss ebenso wenig abweichen w�rde wie sie von dem ihrigen.</p><p>Sie schluckte. Wieder stand ihr das Bild vor Augen, wie er sich zwischen sie und den Goldenen gestellt hatte. So pathetisch seine Worte auch klangen, sie wusste, es gab nichts, was er f�r sie nicht wagen w�rde. Sie hatte so etwas noch nicht erlebt. Staunend stellte sie fest, dass es sie verlegen machte.</p><p>Er griff ihre Hand, dr�ckte sie und rang sich ein L�cheln ab, das seinen Schmerz nicht verbergen konnte. �Lass uns den Augenblick genie�en. Das ist alles, was uns bleibt.�</p><p>Ihn das sagen zu h�ren, schnitt ihr ins Herz. Es klang wie eine Totenrede auf ihre Liebe. �Ich werde zur�ckkehren. Und dann werde ich mit dir das wei�e Licht suchen. Wir werden es erreichen.�</p><p>Er l�chelte. Diesmal gl�ckte es ihm ein wenig besser. �Ich liebe dich, Nandalee.� Er zog sie an sich und k�sste sie.</p><p>Das Seil um ihre H�ften ruckte.</p><p>�Was macht ihr da oben?� Diesmal war es Cullayn, der rief. Und seine Stimme klang, als h�tte er nicht das geringste Verst�ndnis f�r die N�te zweier Liebender.</p><p>Schweigend gingen sie den Hang hinab. Er hielt ihre Hand, lie� sie nicht mehr los, doch sie wusste, er hatte sich in das Unvermeidliche gef�gt. Er w�rde sie ziehen lassen, nicht mehr hinterfragen, warum sie ging.</p><p>Bald schon lie�en sie den Nebel hinter sich, und am fr�hen Nachmittag erreichten sie die Baumgrenze. Der Winter hielt die Westseite der Slangaberge fest in seinem Griff. Die Sonne blieb hinter dichten, grauen Wolken verborgen, und eisiger Nordwind beugte die schneebeladenen Wipfel.</p><p>Gonvalon bem�hte sich, sich nichts mehr anmerken zu lassen. Er erz�hlte davon, wie kl�glich er gescheitert war, als er sich als Dichter versucht hatte. Falls er diese Geschichte nicht erfunden hatte, hatte er seine lyrischen Versuche heimlich den Kobolden der Wei�en Halle vorgetragen, weil er es nicht wagte, damit vor die anderen Elfen zu treten. Und die Kobolde waren eingeschlafen �</p><p>Er schaffte es, sie zum Lachen zu bringen. So gerne h�tte sie eines seiner Gedichte geh�rt. Er behauptete, alle vergessen zu haben. Nandalee glaubte ihm nicht.</p><p>�Du hast nichts aufgeschrieben?�</p><p>Er l�chelte. �Ich war einmal ein angesehener Meister der Wei�en Halle.� Er schaffte es, bei diesen Worten nicht verbittert zu klingen. �Ich habe doch keine Beweise meines peinlichsten Scheiterns �berdauern lassen. Sie sind alle verbrannt.�</p><p>�Wirst du eines Tages f�r mich ein Gedicht schreiben?�</p><p>Er sah ihr tief in die Augen. �Wenn wir so lange miteinander gelebt haben, dass nichts mehr geblieben ist, was wir nicht miteinander teilen k�nnten, und ich selbst vor peinlichen Augenblicken keine Furcht mehr habe.�</p><p>Sie w�nschte sich so sehr, dass sie diesen Tag erleben w�rden. Dass sich sein Fluch, seine Liebsten stets zu verlieren, nicht in den Trollh�hlen erf�llen w�rde.</p><p>Cullayn f�hrte sie einen steilen Hang hinab. Vorbei an einem Wildwasser, dessen Ufer B�rte aus grauem Eis s�umten. Unter ihnen lag ein Tal mit einem weiten, gefrorenen See. Nandalee bemerkte die F�hrte eines Fuchses. Sie sehnte sich nach den langen Jagdausfl�gen, die sie mit Duadan unternommen hatte. Sein Gesicht stand ihr ganz klar vor Augen. Sein letzter Augenblick, der ganz der Sorge um andere gegolten hatte. Sie w�nschte sich, dass er Gonvalon noch begegnet w�re. H�tte er den Schwertmeister gemocht? Den M�rder, den seine Liebe zum Rebellen gemacht hatte?</p><p>Cullayn f�hrte sie �ber das Eis des Sees, auf dem dichter Schnee lag. Sie durchquerten einen Birkenhain, so fahl wie dieser Winterabend, und erreichten schlie�lich eine steile Felswand, an deren Fu� schneebest�ubtes Brombeerdickicht wucherte.</p><p>�Hier ist es�, verk�ndete Cullayn. �Den schwersten Teil des Weges haben wir hinter uns. Von nun an werden wir auf den Fl�geln des Windes reisen.�</p><p>Nandalee musste schmunzeln. Ein solch poetischer Ausbruch passte so gar nicht zu Cullayn in seinen abgerissenen Gew�ndern, die nun auch noch nach dem B�renfett stanken, mit dem er und Tylwyth sich eingerieben hatten, um sich vor dem Nordwind zu sch�tzen.</p><p>Der J�ger legte Bogen, K�cher und den G�rtel mit dem langen Jagdmesser ab. Dann zw�ngte er sich in eine H�hlung unter dem Dickicht, die aussah wie der Eingang zu einem Dachsbau.</p><p>Neugierig folgte Nandalee ihm. Dornenranken zerrten an ihrem Haar und schrammten �ber das Leder ihres Wamses. Vor langer Zeit hatte ein Bach den Fu� der Steilwand unterh�hlt. Dort lag hinter Eisz�hnen verborgen etwas L�ngliches, das mit gut gefettetem Leder eingeh�llt war.</p><p>Cullayn, dem die Dornen die Kapuze vom Kopf gezerrt hatten, bedachte sie mit seinem schrecklichen L�cheln. �Gut, dass du mitgekommen bist. Das hier durch die Dornen herauszuschaffen wird kein Spa�.�</p><p>Er sollte recht behalten. Cullayn bestand darauf, dass sie sich nicht mit ihren Messern den Weg durch die Ranken hackten. Er wollte das Versteck noch nutzen k�nnen, wenn sie zur�ckkehrten. Und so dauerte es �ber eine Stunde, die mehr als drei Schritt lange Lederrolle hinaus auf das Eis zu bringen.</p><p>�Wie schaffst du es, dass dieses Ding nicht zum M�usefra� wird?�, fragte Gonvalon verwundert. �Und: Was ist es �berhaupt?�</p><p>�Wirst du gleich sehen.� Gemeinsam mit Tylwyth l�ste er die Verschn�rung.</p><p>Gleich war mehr als nur ein wenig untertrieben. Der Mond stand als blasse Laterne hoch am Himmel hinter den Wolken, als die beiden Maurawani ihr Werk vollendet hatten. In der Lederrolle waren st�hlerne Kufen verborgen gewesen, ein Mast, der sich in drei Teile zerlegen lie�, und etliche h�lzerne Querstreben. Das Ganze setzten sie mit Geduld und einigen Fl�chen zu einem Eissegler zusammen.</p><p>�Das ist das seltsamste Boot, das ich je gesehen habe. Das ist doch ein Boot � Oder?� Gonvalon sah ganz so aus, als sei er wenig davon begeistert, sich diesem Gef�hrt bald anvertrauen zu m�ssen.</p><p>Nandalee kannte Eissegler und Windschlitten aus Carandamon, obgleich sie noch keinen mit Stahlkufen, schmal wie Schwerter, gesehen hatte. Neugierig umrundete sie den Segler. Er hatte einen ungew�hnlich hohen Mast, von dem ein gro�es, schmutzig wei�es Segel hing. Die untere H�lfte des Gef�hrts sah mehr wie ein Schlitten aus. Aus den Kufen ragten Streben auf, die aus B�ndeln von Barten bestanden. Fast einen Schritt �ber dem Boden lag das Deck. Es wurde an der Unterseite von Holzstreben und Hanfseilen gest�tzt und bestand aus der Lederh�lle, in die das zerlegte Boot eingeschlagen gewesen war.</p><p>�Wir haben es zwar gro� gebaut�, erkl�rte Tylwyth, �damit wir darauf auch Jagdbeute transportieren k�nnen, aber zu viert wird es wohl doch ein wenig eng werden an Bord. Ihr solltet euch besser anseilen. Es wird ein wilder Ritt werden.�</p><p>Gonvalon betrachtete das Gef�hrt noch immer mit un�bersehbarer Skepsis. �Und warum wagen sich nicht mal M�use an dieses Leder?� So wie er das sagte, klang es ganz so, dass Elfen vollkommen verr�ckt sein m�ssten, wenn sie sich etwas anvertrauten, das selbst Nager verabscheuten.</p><p>Cullayn hob einige der Schn�re auf, die um die Lederh�lle gewickelt gewesen waren. �Du hast zwar verlernt, Zauber zu weben, Schwertmeister, aber vielleicht vermagst du doch zu erkennen, was das hier ist.�</p><p>Nandalee reckte sich neugierig vor. An den Schn�ren hingen Amulette, die aus Horn gefertigt waren. In die Scheiben waren verschlungene Schriftzeichen geschnitten, die Gesichter b�rtiger M�nner und eine merkw�rdige gefl�gelte Kreatur.</p><p>�Lamassu!� Gonvalon blickte ungl�ubig zu Cullayn auf.</p><p>Cullayn schnitt eine Grimasse, die sein Gesicht so entsetzlich aussehen lie�, dass Nandalee sich abwenden musste. Sie hatte das Gef�hl, dass er es diesmal absichtlich getan hatte. �Ich bin weit herumgekommen, Schwertmeister, und kenne mehr als nur meinen Wald und die Snaiwamark. Ich habe Freunde, wo du sie niemals vermuten w�rdest.�</p><p>�Ich wollte nicht herablassend erscheinen�, murmelte Gonvalon wenig �berzeugend.</p><p>Nandalee �ffnete ihr Verborgenes Auge und bewunderte die komplexe Struktur des Zaubers, der die Amulette umgab. Ihnen haftete etwas an, das Unbehagen, ja Furcht verursachte. Vielleicht war Gonvalon deshalb dieser seltsame Segler nicht geheuer. Vielleicht reagierte auch er auf den Zauber.</p><p>W�hrend ihrer Zeit in der H�hle des Schwebenden Meisters hatte sie von den Lamassu geh�rt. Es hie�, dass sie mehr K�nstler als Zauberer waren und verr�ckt. Angeblich wurden sie in pr�chtigen Grabm�lern lebendig eingemauert, wenn ihr Wahnsinn begann gef�hrlich zu werden. Sie hatten den Leib von Stieren, den Kopf eines b�rtigen Mannes, und gro�e Adlerschwingen wuchsen aus ihren Flanken. Da sie keine Arme hatten, bedurften sie selbst f�r so allt�gliche Dinge wie Essen und Trinken der Magie oder der Hilfe von Dienern. Und Diener fanden sie nur schwer, da sie als launig bis j�hzornig galten.</p><p>Nandalee blickte zu Cullayn und Tylwyth, die ihre Ausr�stung mit Riemen am Deck des Seglers festschnallten. Was die beiden wohl zu den Lamassu gef�hrt hatte?</p><p>Gonvalon half, das wenige an Gep�ck zu verstauen. Es war mehr eine Geste als eine Notwendigkeit. Und auch, wenn die beiden kein Wort miteinander wechselten, sp�rte Nandalee, dass Cullayn diese Art Frieden zu schlie�en akzeptierte.</p><p>Endlich war alles fertig, und gemeinsam schoben sie den Segler auf das Eis des Sees hinaus. Nandalee schwang sich an Bord und griff nach einem der Haltetaue. Sie stand ganz vorne auf der Plattform aus Leder, die das Deck bildete. Gonvalon war an ihrer Seite. Als Tylwyth und Cullayn aufsa�en, federten die Streben aus Walbein unter ihrem Gewicht. Das Gef�hrt knarrte, und Gonvalon seufzte. �Hoffen wir, dass die beiden uns nicht umbringen werden.�</p><p>�Sie wissen, was sie tun�, entgegnete Nandalee zuversichtlich.</p><p>Er l�chelte. �Sie sind Maurawani. Denen sollte man niemals ganz vertrauen.�</p><p>Sie hoffte, dass Cullayn das nicht geh�rt hatte.</p><p>Ihre beiden Gef�hrten zerrten an einem Tau. Rasselnd glitt das gro�e, dreieckige Segel den Mast hinauf und bauschte sich im Nordwind. Knirschend begann ihr Segler Fahrt aufzunehmen. Langsam erst, doch als sie die Mitte des Sees erreichten, war er schon so schnell wie ein galoppierendes Pferd. Ein bockiges Pferd! Wenn sie �ber Unebenheiten im Eis glitten, machte er manchmal kleine Spr�nge. Dann knirschten die Streben unter ihnen, und das lederne Deck gab federnd nach. Sie liebte den Ritt �ber das Eis. Selbst Gonvalon schien mit der Zeit Gefallen daran zu finden.</p><p>Cullayn stand am Heck. Er hatte ein Seil unter seinen Achseln hindurch um den R�cken geschlungen und schien den Eissegler dadurch zu steuern, dass er sein Gewicht verlagerte. Tylwyth blieb nahe beim Mast. Auch er hatte ein Seil um seinen Leib geschlungen, und wenn Cullayn ein allzu k�hnes Segelman�ver wagte und ihr Segler nur noch auf einer einzelnen Kufe dahinschoss, eilte er zur Deckseite, die in die H�he ragte, und beugte sich so weit hinaus, wie es nur eben m�glich war, um durch sein Gewicht die zweite Kufe wieder auf das Eis zu bringen.</p><p>Der See, auf dem sie dahineilten, erstreckte sich �ber mindestens zehn Meilen. Sie legten die Strecke in weniger als einer Stunde zur�ck. Als sie die Enge am Ende des Tals erreichten, lie� der Wind ein wenig nach. Ihre Fahrt verlangsamte sich, als sie auf die weite Ebene der Snaiwamark hinausglitten. Das Land war von breiten Str�men und Seen durchzogen, zwischen denen sich einzelne, schroffe Felsen erhoben, die im Mondlicht wie die zersplitterten S�ulen aus dem Palast eines Riesen anmuteten.</p><p>Cullayn brachte sie �ber vereiste Fl�sse zu einem breiten Strom, auf dessen Eis sie nach Westen glitten.</p><p>Gonvalon stand die ganze Zeit �ber an ihrer Seite. Er hatte einen Arm um ihre Schulter gelegt und sie so eng an sich gedr�ckt, dass sie auch durch die Kleider hindurch die W�rme seines K�rpers sp�rte. Es war ein unvertrautes Gef�hl. Sie f�hlte sich beh�tet und geborgen. Das Herz wurde ihr schwer. So schnell, wie sie mit Cullayns Segler durch die Nacht glitten, blieben ihr nur noch vier oder f�nf Tage mit Gonvalon, bevor sich am K�nigsstein ihr Schicksal erf�llen w�rde.</p></section><section><title><p>Nur eine gro�e Fleischwurst</p></title><p>�Unten bleiben!� Galar dr�ckte sich so eng an die Mauer, dass die Phiolen in seinem Rucksack leise klirrend aneinanderstie�en. Mit zusammengekniffenen Augen blickte er durch einen Mauerspalt auf die andere Seite des gro�en Grabens, der die H�hlen der reichen Sippen vom Rest der Stadt trennte. Dort dr�ben, wo die Werkst�tten und der Hafen lagen, wand sich ein be�ngstigend gro�er Schatten �ber den Saumpfad am Abgrund. Ein fassdickes, schlangenhaftes Gesch�pf glitt �ber den Weg. Die untere H�lfte wurde durch die Br�stung verdeckt, doch deutlich konnte Galar das Klicken der m�rderischen Klauen auf dem blanken Fels h�ren. Vor einer halben Stunde noch waren sie dort gewesen, wo nun der Tatzelwurm kroch. Die Bestie lie� sich Zeit. Konnte sie ihre F�hrte wittern wie ein Jagdhund, der seiner Beute nachstellte? Wie gut sah und h�rte die Kreatur? Galar wusste fast nichts �ber diese Bestien. Dreimal hatte er sie von ferne gesehen, als er in die Tunnel hinaufgegangen war, um Nahrung zu suchen und auszusp�hen, mit welchen Feinden sie zu rechnen hatten. Er hatte gesehen, wie die Ungeheuer von den Toten fra�en. Wenn er nur eine Waffe h�tte �</p><p>�Ich kann Frar nicht ewig den Mund zuhalten. Ich ersticke ihn noch�, beschwerte sich Nyr.</p><p>�Dann lass ihn durch die Nase atmen�, mischte Hornbori sich ein.</p><p>�Er dreht und windet sich.�</p><p>�Wenn du mir erz�hlen willst, dass du im Begriff bist, von einem S�ugling �berw�ltigt zu werden, st�rze ich dich in den Abgrund.� Galar mochte den Kleinen auch, aber f�r das Aufhebens, das Nyr um den Jungen machte, hatte er nur wenig Verst�ndnis.</p><p>�Hat das Biest da hinten unsere Witterung?�, fragte Hornbori.</p><p>�Ich wei� es nicht, aber wenn ihr beiden noch weiterschwafelt, wird es uns ganz sicher bald h�ren.�</p><p>Als h�tte er ihn geh�rt, hob der Tatzelwurm seinen Kopf und blickte in ihre Richtung. Seine dolchlangen Fangz�hne waren selbst im Halbdunkel des Tunnels deutlich zu sehen. Die Kreatur hatte einen schmalen, keilf�rmigen Kopf. Dicke, fleischige Ausw�chse wucherten um seine N�stern. Von Weitem mochte man sie f�r Z�pfe halten, doch Galar hatte schon vor Langem alle Schriften �ber die unterschiedlichen Drachenv�lker studiert, die er in der Tiefen Stadt hatte auftreiben k�nnen. Er wusste, dass diese Dinger aus Fleisch waren. Manche glaubten, sie dienten der Kreatur zur Witterung, andere behaupteten gar, sie k�nnten �ber Schwingungen in der Luft Bewegung wahrnehmen. Wahrscheinlich waren die Augen des Tatzelwurms eher schlecht, aber Galar w�rde es nicht darauf ankommen lassen.</p><p>Der Schmied sp�hte den Saumpfad entlang. Es waren vielleicht noch dreihundert Schritt bis zum H�hlenkomplex von Hornboris Sippe. Er blickte den Klugschw�tzer an, der ihm von dem geheimen Mechanismus erz�hlt hatte. �Du bist sicher, dass es funktionieren wird?�</p><p>�Es hat meinen Schwager ein Fass voller Gold gekostet. Da ist gute Arbeit geleistet worden.�</p><p>�Aber die Steinmetze waren aus Ishaven�, hakte Galar nach.</p><p>�Nat�rlich. Wir wollten nicht, dass es in der ganzen Stadt herumerz�hlt wurde. Da h�tten wir auch gleich �ffentlich erkl�ren k�nnen, dass wir kein Vertrauen in das Wort des Alten aus der Tiefe haben.�</p><p>�Ich denke, wir wollten leise sein�, zischte Nyr.</p><p>Galar nickte grimmig. Er hoffte inst�ndig, dass Hornboris Sippe vern�nftig gezahlt hatte. Er kannte Handwerker, die ihre eigenen Arbeiten sabotierten, wenn die Bezahlung am Ende nicht dem entsprach, was man vereinbart hatte. Und Hornboris Sippe galt selbst f�r Zwergenverh�ltnisse als unanst�ndig geizig.</p><p>�Wir sollten hier nicht l�nger bleiben.� Hornbori winkte den beiden und schlich geduckt an der Br�stung entlang. Selbst wenn dieser verfluchte Tatzelwurm ihre Witterung aufnahm, hatten sie einen ganz guten Vorsprung. Er w�rde ihnen �ber die Br�cke folgen m�ssen, was f�r ihn einen gewaltigen Umweg bedeutete. Auch wenn sie jetzt kaum zwanzig Schritt Luftlinie voneinander entfernt waren, konnte die Kreatur ihnen nichts anhaben. Wenn sie nur eine Armbrust h�tten! Nyr w�rde dem Biest auf diese Entfernung ohne Schwierigkeiten ins Auge schie�en k�nnen.</p><p>�Das ist nur eine gro�e Fleischwurst�, fl�sterte Nyr. �Siehst du?�</p><p>Das durfte nicht wahr sein! Der Irre hielt Frar hoch, sodass der Kopf des Kleinen �ber die Br�stung ragte.</p><p>�Wenn du gro� bist, schneidest du solche W�rste in Scheiben.�</p><p>�Lass den Schei�, oder wir vier enden als F�llung deiner Fleischwurst.�</p><p>Nyr bedachte ihn mit einem b�sen Blick. �Nein, Frar, Onkel Galar musst du nicht in Scheiben schneiden. Manchmal ist er auch nett. Wenn er schl�ft oder wenn er betrunken ist zum Beispiel.�</p><p>�Du wirst �� Das klickende Ger�usch der Krallen des Tatzelwurms hatte sich ver�ndert. Galar wagte einen Blick �ber die Br�stung.</p><p>�Schei�e � Rennt!� Die Bestie machte nicht den Umweg �ber die Br�cke, sie kletterte die H�hlenwand hinauf. Nach unten verlor sich der breite Spalt, der die Tiefe Stadt zerteilte, ins Bodenlose. Aber hier, an dieser Stelle, spannte sich nur zehn Schritt �ber ihnen eine H�hlendecke aus rauem Granit. Wenn der Tatzelwurm so gut wie ein Tausendf��ler kletterte, w�re er in ein paar Augenblicken hier.</p><p>�Lauft um euer Leben!� Galar zog die Axt aus seinem G�rtel, die er einem der Toten auf dem Weg hierher abgenommen hatte, und winkte die beiden anderen an sich vorbei.</p><p>Der Tatzelwurm war im Dunkel �ber ihnen verschwunden, aber er h�rte immer noch das Klicken der Krallen auf dem Fels. Nur wenige Barinsteine an den W�nden spendeten noch Licht. Alle Feuer und Laternen der Tiefen Stadt waren verloschen. Sie war zu einer riesigen Gruft geworden.</p><p>Galar ging r�ckw�rts, den Blick fest auf das Dunkel �ber sich gerichtet. Wo war das Mistviech? War die Decke hier doch h�her, als er in Erinnerung hatte? Hastig sah er �ber seine Schulter. Hornbori und Nyr waren ein gutes St�ck voraus. Sie rannten, dass ihnen die Rucks�cke auf den R�cken tanzten.</p><p>Es w�re heldenhaft, hier auszuharren. Und dumm! Sie brauchten ihn. Hornbori hatte behauptet, dass auf der Werft seiner Sippe ein fast vollendeter Aal lag. Was genau fast vollendet bedeutete, hatte der Gro�schw�tzer nicht sagen k�nnen. Sicher war, dass sich daran besser ein guter Handwerker zu schaffen machte. Sie brauchten ihn!</p><p>Galar blickte noch einmal in das Dunkel �ber ihm. Das Klicken war verstummt. Was machte der Tatzelwurm? Hatte er die Orientierung verloren? Er w�rde nicht abwarten, um es herauszufinden.</p><p>Galar drehte sich um und begann zu laufen, so schnell ihn seine F��e trugen.</p><p>Hornbori erwartete ihn an dem pr�chtigen Portal, hinter dem die H�hlen seiner Sippe lagen. Es war ein Weg in die Finsternis. Hier gab es keine Barinsteine mehr.</p><p>�Gibt es irgendwo beim Hafen Vorratslager?�</p><p>�Nat�rlich nicht! Wer w�re schon so d�mlich, nahe bei einer feuchten Hafengrotte Vorratslager anzulegen? Wor�ber du dir den Kopf zerbrichst � Greif nach meinem G�rtel, damit du im Dunklen nicht verloren gehst. Nyr ist schon vorausgegangen.�</p><p>�Und wie schafft er es, sich ohne Licht nicht zu verirren?�</p><p>�Er hat einen Barinstein drau�en aus dem Fels gebrochen.�</p><p>�Er hat <emphasis>was</emphasis>?� Galar traute seinen Ohren nicht. Einen Barinstein zu stehlen war ein Verbrechen, auf das der Tod stand. Die leuchtenden Steine waren ein Geschenk der Alben an ihre V�lker. Sie waren selten und unermesslich kostbar. In der Tiefen Stadt waren sie fast nur an den W�nden der Haupttunnel zu finden. Nur die Reichsten hatten in ihren Wohnh�hlen einige der kostbaren Lichtsteine.</p><p>�Reg dich nicht auf. Die Drachen und Elfen haben aus unserer Heimat eine Geisterstadt gemacht. Niemand hier wird Nyr f�r diesen Diebstahl richten.�</p><p>Nat�rlich hatte Hornbori recht. Dennoch � Einen Barinstein aus der Wand brechen, das tat man einfach nicht. Er griff nach dem G�rtel des Gro�schw�tzers, dem diese H�hlen so vertraut waren, dass er sich auch blind darin orientieren konnte.</p><p>�Wir brauchen etwas zu essen, wenn wir uns in die Werft zur�ckziehen. Gibt es irgendein Vorratslager, das am Weg liegt?�</p><p>�Vielleicht haben wir den Wurm auch abgeh�ngt ��</p><p>�Hast du vergessen, was wir tun werden? Entweder suchen wir jetzt etwas zu essen, oder wir haben keine Gelegenheit mehr, etwas zu finden.�</p><p>Hornbori fluchte leise. �Das wird kein kleiner Umweg. Wir sollten eine Laterne suchen. Wenn wir Licht haben, sind wir schneller.�</p><p>�Wir k�nnten auch nach dem Tatzelwurm rufen, damit er es nicht so schwer hat, uns zu finden.�</p><p>�Diese Viecher leben �blicherweise in der Finsternis unbewohnter Stollen�, entgegnete Hornbori gereizt. �Du glaubst doch nicht etwa im Ernst, dass er uns nicht sieht, wenn wir uns im Dunkeln verstecken. Wenn wir Licht machen, sehen wir unseren Weg besser und kommen schneller voran.�</p><p>Galar war �berrascht, dass Hornbori einiges �ber Tatzelw�rmer zu wissen schien. Offensichtlich hatte er sich besser auf ihre Drachenjagden vorbereitet, als er gedacht hatte. Aber wahrscheinlich nur, um hinterher besser Reden schwingen zu k�nnen. �Wir schaffen das ohne Licht. Jetzt sag mir nicht, dass du dich in den Tunneln deiner Sippe nicht blind zurechtfindest. Du bist hier schlie�lich aufgewachsen!�</p><p>Hornbori antwortete nicht. Er stapfte in die Dunkelheit, und Galar folgte ihm, eine Hand stets am G�rtel des Klugschw�tzers. Dabei lauschte er in den Tunnel hinter ihnen. Das verr�terische Klicken der Krallen war verstummt. Vielleicht hatten sie ja Gl�ck gehabt?</p><p>Hornbori bog in einen kleineren Seitentunnel mit sanftem Gef�lle. Sie folgten ihm eine Weile und stiegen dann eine breite Treppe hinab. Die Dunkelheit, die sie umgab, war nahezu vollkommen. Obwohl Galar an ein Leben in Stollen gewohnt war, vermochte er ganz ohne Licht kaum etwas zu sehen. Am Hall ihrer Schritte erkannte er immerhin, dass sie einen gro�en Saal passierten.</p><p>�Wie weit ist es denn noch?�</p><p>�Ein ganzes St�ck�, kam es k�hl zur�ck. �Wir pflegen unsere Vorratsspeicher nicht neben unseren Fests�len anzulegen.�</p><p>Galar fluchte leise. Sie waren zu weit von Nyr und dem Kind entfernt. �Wo liegt denn der Hafen?�</p><p>�Wir nehmen gleich einen anderen Weg. Ich w�rde sagen, es sind drei- bis vierhundert Schritt.�</p><p>�Lass uns einen Moment still stehen.� Er zog Hornbori am G�rtel zu sich heran. �Leise jetzt!�</p><p>Angespannt lauschte Galar in die Stille. Kein Klicken. Wo steckte der verdammte Tatzelwurm? War er Nyr gefolgt? Sie mussten so schnell wie m�glich zum Hafen. Aber sie brauchten auch etwas zu essen. Es gab nur diese eine Gelegenheit.</p><p>�Mach Licht�, sagte Galar schlie�lich widerstrebend. Er brauchte Hornboris Gesicht nicht zu sehen, um sich das triumphierende Grinsen des Klugschw�tzers vorstellen zu k�nnen. Es w�rde ein Rennen werden. Jeder Augenblick war kostbar, und sollte der Tatzelwurm in der N�he sein, dann w�rde das Licht ihn zu ihnen locken, fort von Nyr und dem Kind.</p><p>Hornbori brachte ihn zu einer Wand, tastete daran entlang, bis er eine Fackel fand, die nicht niedergebrannt war, und entz�ndete sie umst�ndlich.</p><p>Galar behielt den Weg im Blick, auf dem sie gekommen waren. Nichts!</p><p>Hornbori hatte es jetzt auch eilig. Er f�hrte sie durch enge G�nge, �ber steile Treppen bis zu einem langen Korridor, an dem etliche, mit schweren Schl�ssern verriegelte T�ren lagen. �Hier ist es! Hier lagern wir die Vorr�te. Wir sind von hinten herangekommen. Die Gark�chen liegen am anderen Ende des Ganges.�</p><p>Galar interessierte es einen Schei�dreck, wo Hornboris Brut einst gekocht hatte. Er hob die Axt und hieb mit aller Kraft auf das aus dunklem Eisen gefertigte Vorh�ngeschloss an der ersten T�r. Beim dritten Schlag zersprang es.</p><p>Ungeduldig zerrte der Schmied die schwere T�r auf. Die Kammer war nur drei Schritt tief. Es lagen lediglich zwei S�cke auf dem Boden, ansonsten gab es nichts. Keine Regale mit Vorratst�pfen, keine Haken, von denen Schinken und W�rste hingen. Galar hatte sich das hier anders vorgestellt. Ein merkw�rdiger Geruch hing in der Luft, den er nicht zuordnen konnte. Er packte einen der S�cke und warf ihn sich �ber die Schulter. Erstaunlich leicht, dachte er. �Bisschen geizig, deine Leute, was?�</p><p>�Wir stehen in der hintersten Vorratskammer�, entgegnete Hornbori gereizt. �Spiel dich mal blo� nicht auf. Ich erinnere mich noch gut an einen Blick in deine Vorratskammer. Verschimmeltes Brot und verschrumpelte Heringe, die wahrscheinlich schon vor deiner Geburt gefangen wurden, so wie die aussahen. Das hier sind getrocknete Datteln. Haltbar und schmackhaft.� Er packte den zweiten Sack, schwang ihn sich �ber die Schulter und stie� dabei gegen seinen Rucksack, in dem es leise klirrte.</p><p>�Pass mit den Drachenblutphiolen auf, du Tropf!�</p><p>Hornbori fluchte etwas Unverst�ndliches. Dann verfiel er in Schweigen. Die Fackel hoch �ber den Kopf erhoben, stapfte er voraus. Bald schnaufte er wie ein altes Maultier. Richtige Arbeit war der Maulheld nicht gewohnt. Galar machte es nichts aus, den Rucksack und den Sack mit den Datteln zu tragen. Seine Muskeln waren durch Plackerei in der Schmiede gest�hlt.</p><p>Bald begann die Fackel zu blaken. Die Flamme schrumpfte, bis sie kaum noch so gro� wie ein Finger war.</p><p>�Ist es noch weit?�</p><p>Hornbori deutete voraus auf das Ende des Ganges. �Dort kommen wir zur�ck zum Haupttunnel, der zum Hafen f�hrt.� Bei diesen Worten verlosch die Fackel.</p><p>Galar lie� eine Hand an der Tunnelwand entlanggleiten. Beide verlangsamten ihren Schritt nicht. Der Schmied versuchte sich einzureden, dass der Tatzelwurm wahrscheinlich ihre F�hrte verloren hatte. Die Viecher waren nicht sonderlich klug. Gar keine richtigen Drachen waren das. Konnten nicht denken. Nur fressen. Alles w�rde gut werden.</p><p>Als sie den Haupttunnel erreichten, konnten sie in der Ferne das warme, bernsteinfarbene Licht eines Barinsteins sehen.</p><p>�Galar?� Das war Nyrs Stimme. Alles w�rde gut werden! Dem Schmied fiel ein Stein vom Herzen. Er machte sich zu viele Sorgen. Alles <emphasis>war</emphasis> gut!</p><p>Nyr hielt den leuchtenden Stein hoch und schwang ihn hin und her. �Hier sind wir! Wir haben uns schon gefragt, ob ihr euch in der Speisekammer erst mal selbst den Wanst vollschlagt.�</p><p>Etwas Schleimiges tropfte auf Galars Gesicht. Verwundert sah er nach oben. Da war etwas. Das ferne Bernsteinlicht spiegelte sich auf schwarzen Schuppen. Ein Maul voller dolchlanger Fangz�hne klaffte auf und stie� zu ihm herab.</p></section><section><title><p>Drachenblut</p></title><p>Galar lie� sich auf den Boden fallen, als das Drachenmaul hinabstie�. Er h�rte es knacken und splittern, als die Fangz�hne zupackten. Der Schmied wurde emporgerissen. Der Tatzelwurm sch�ttelte ihn wie einen Hund, der eine Ratte gepackt hatte und ihr das Genick brechen wollte.</p><p>�Lauf, Hornbori! Lauf und schlie� das Hafentor!� Blut rann ihm �ber den R�cken und troff zum Boden hinab.</p><p>Das h�tte er dem Schisser nicht zweimal sagen brauchen. Hornbori rannte, so schnell er konnte, dem Licht entgegen.</p><p>Galar versuchte mit seiner Axt �ber die Schulter zu schlagen, w�hrend die Bestie ihn weiter durchsch�ttelte. Noch hatte sie nur seinen Rucksack gepackt. Die Phiolen mit Drachenblut waren dahin. Das Ungeheuer hatte ein Verm�gen vernichtet!</p><p>�Ich mach dich kalt!�, schrie Galar und versuchte noch einmal mit der Axt zuzuschlagen. Es war zwecklos! So hatten seine Hiebe keine Kraft.</p><p>Er wurde gegen die Tunnelwand geschlagen. Die Axt entglitt seinen H�nden. Galar tastete nach den Riemen des Rucksacks. Noch ein Schlag gegen die Tunnelwand. Wollte ihn wohl weichklopfen, das Vieh. �Nicht mit mir�, zischte er benommen.</p><p>Ein Riemen �ffnete sich. Er kam frei, genau in dem Moment, als der Tatzelwurm Schwung f�r einen weiteren Schlag gegen die Tunnelwand holte. Galar wurde durch die Luft gewirbelt, prallte gegen den Granit und rutschte an der Wand hinab. Grelle Lichter tanzten vor seinen Augen. Er tastete nach der Axt und kroch von der Bestie fort, die immer noch einen wilden Kampf mit dem Rucksack focht. Vielleicht hatte ihm das Drachenblut das Leben gerettet, dachte Galar benommen. Sein Rucksack blutete. Er schmeckte wie etwas Lebendiges, deshalb war die Kreatur so versessen darauf, ihn zu zerfetzen und zu verschlingen.</p><p>Galar hielt sich dicht an der Wand. Schwankend kam er auf die Beine. Er hielt die Axt fest umklammert. Seine H�nde zitterten vor Schw�che. Ein schleifendes Ger�usch drang an seine Ohren. Nicht sehr laut.</p><p>Hinter ihm verstummten das Fauchen und die Schnappger�usche. Auch der Tatzelwurm hatte bemerkt, dass etwas vor sich ging.</p><p>Galar hatte fast schon den Durchgang zum Hafen erreicht, als er sah, woher der schleifende Laut stammte. Eine Felsplatte, so breit wie der Tunnel, senkte sich langsam von der Decke hinab. Qu�lend langsam. Zoll um Zoll.</p><p>�Komm!� Hornbori stand am Durchgang zum Hafen und winkte ihm. �Mach schnell!�</p><p>Galar blickte zur Decke. Es gab keinen Grund, sich zu beeilen. �Was f�r ein Schei� ist das?� Er sah zur�ck zu dem Tatzelwurm. Die Bestie packte den Rucksack mit einem ihrer Krallenf��e, schlug ihre F�nge hinein und zerfetzte ihn nun ganz. Glas klirrte auf den Boden. Flaschen aus Silberblech klapperten auf dem Stein. Ein paar Pergamente flatterten durch die Luft. Sein Lebenswerk war vernichtet.</p><p>�Los!�</p><p>Galar trat durch den Eingang. Der Hafen von Hornboris Sippe lag in einer nat�rlichen H�hle. Er war nicht wirklich gro�. Auf einem Holzger�st am Rand des Beckens ruhte ein Aal. Auf den ersten Blick sah es so aus, als sei das Tauchboot vollendet.</p><p>Nyr stand nahe dem Durchgang dicht gegen die Wand geduckt und schirmte mit seinem Leib das Licht des Barinsteins ab. Frar war munter. Er hatte eine seiner kleinen H�nde in die k�mmerlichen Reste von Nyrs Bart gekrallt und zog mit gro�er Begeisterung daran.</p><p>Dicht neben dem Richtsch�tzen quoll feiner, wei�er Sand aus einem Loch in der Felswand. Auf der anderen Seite des Durchgangs gab es noch ein zweites Loch, aus dem sich Sand ergoss.</p><p>�Was ist das f�r ein verfluchtes Tor? Wieso geht das nicht schneller?�</p><p>Hornbori hob in hilfloser Geste die H�nde. �Daran kann man nichts machen. Das ist eine drei�ig Zoll dicke Felsplatte aus bestem Granit. Hast du eine Ahnung, was die wiegt? Das ist ein Fluttor. Es wird nur geschlossen, wenn der Pegelstand im Hafenbecken bedenklich ansteigt und Anlass zur Sorge besteht, dass unsere H�hlen �berflutet werden. Das muss sich nicht schnell schlie�en. Es muss vor allem stabil und wasserdicht sein. Wenn das wie ein Fallgatter herunterschie�en w�rde, lie�e der Aufprall den ganzen Berg erzittern.�</p><p>Galar seufzte. Die schwere Steinplatte hatte sich noch nicht einmal zur H�lfte gesenkt. Eine L�cke von mehr als zwei Schritt war noch frei. �Ich halt das Vieh auf�, sagte er leise und umklammerte die Axt. �Pass auf Nyr und den Kleinen auf.�</p><p>�Aber du kannst doch nicht ��</p><p>Galar �berh�rte ihn und trat durch das Tor in den Tunnel. Der Tatzelwurm hob sein Haupt und bleckte die Z�hne in Vorfreude auf sein n�chstes Mahl. Zwischen den Fangz�hnen des Oberkiefers sah Galar ein verbogenes Silberfl�schchen schimmern. Er erinnerte sich, wie es Teil seiner Gesellenpr�fung gewesen war, diese fein ziselierten Fl�schchen herzustellen. Er hatte nur gerade eben bestanden. Sie waren seinem Meister nicht gut genug gewesen. Das lag ein halbes Leben zur�ck.</p><p>�Komm her, du Wurm, und ich stecke dir meine Axt gleich neben das Silberfl�schchen.�</p><p>Der Tatzelwurm legte seinen Kopf leicht schief und starrte ihn mit gro�en, gelben Augen an.</p><p>�Glaubst du, ich habe Angst vor dir?� Galar hob die Axt. �Ich habe schon weit gr��ere Drachen in St�cke gehackt. Wenn du Feuer spucken k�nntest, h�ttest du vielleicht geringe Aussichten zu �berleben. Kannst du das?�</p><p>Der Tatzelwurm starrte ihn verwundert an. Er schien es nicht gew�hnt zu sein, dass seine Beute freche Reden schwingend auf ihn zuging, statt panisch schreiend vor ihm wegzulaufen. Galar h�rte, wie das Steintor hinter ihm knirschend tiefer sank. Wenn er den Wurm noch ein bisschen hinhalten k�nnte, schaffte er es vielleicht sogar zur�ck zu seinen Kameraden.</p><p>�Ich mach dir ein Angebot. Wenn du jetzt verschwindest, vergebe ich dir, dass du meinen Schatz verschlungen hast.� Er blieb stehen. Es trennten ihn kaum mehr als zehn Schritt von dem Ungeheuer. Galar lie� den Schaft der Axt in seine offene Hand klatschen. �Wenn du allerdings versuchst mich anzugreifen, bin ich das Letzte, was du in deinem Leben siehst.�</p><p>Der Tatzelwurm stie� einen leisen Schnaufer aus. Seine Krallen klackten nerv�s auf dem Boden, und er schwang den Kopf hin und her. Galar dachte daran, wie Hornbori es wohl anstellen w�rde, ihm den Ruhm f�r diesen letzten Kampf zu stehlen.</p><p>Pl�tzlich st�rmte der Tatzelwurm vor. Das Maul weit aufgerissen, um ihn mit einem einzigen Happen zu verschlingen.</p><p>Galar hob die Axt. V�llig �berrascht von dem pl�tzlichen Angriff, wusste er einen Augenblick lang nicht, was er tun sollte. Zur�ckzuweichen kam nicht infrage. Dieses verdammte Tor war immer noch nicht weit genug unten. Die Bestie war fast �ber ihm. Er w�rde sich nicht einfach so fressen lassen, dachte er w�tend und machte einen Satz nach vorn.</p><p>Hinter ihm schnappten die Kiefer zusammen. Geifer troff ihm in den Nacken. Er lie� sich auf die Seite fallen und rollte auf den R�cken, in der Hoffnung, einen Hieb gegen die Kehle des Tatzelwurms f�hren zu k�nnen.</p><p>Die Bestie riss den Kopf hoch, als habe sie in seinen Gedanken gelesen. Gleichzeitig griff sie mit den Krallen an. Sie waren lang wie Elfenschwerter. Galar rollte zur Seite und f�hrte einen Hieb gegen den Bauch des Ungeheuers. Die Axt zerteilte die Schuppen, drang aber nicht tief ein.</p><p>Die Bestie stie� ein w�tendes Fauchen aus und bog ihren schlangenhaften Leib zur�ck, um sich au�er Reichweite der Waffe zu bringen.</p><p>Galar rollte �ber die Schulter ab und kam auf die Beine. �Wenn du jetzt abhaust, laufe ich dir nicht hinterher.�</p><p>Ein Prankenhieb war die Antwort. Galar wich zur�ck und stie� mit dem R�cken gegen die Tunnelwand. Ein zweiter Hieb folgte. Es gab kein Zur�ck mehr. Galar hob die Axt, um sich zu wehren, und ging gleichzeitig in die Knie, um den Krallen so gut wie m�glich auszuweichen.</p><p>Seine Axt wurde einfach beiseitegefegt. Eine Kralle traf seine Schulter, durchschnitt Fleisch und lie� sein Schl�sselbein splittern.</p><p>�Ich liege schwer im Magen�, murmelte er mit zusammengepressten Lippen.</p><p>Ein gellender Schrei lenkte das Ungeheuer ab. Sein Kopf fuhr herum. Ein Armbrustbolzen schlug in die Lefzen des Tatzelwurms.</p><p>Hornbori hatte sich unter dem Steintor hindurchgeduckt und kam mit einem Speer in den H�nden schreiend auf das Ungeheuer zugelaufen. Nyr kniete unter der T�r und lud eine Armbrust nach. Neben ihm lag Frar und versuchte dem Tatzelwurm entgegenzukrabbeln, kam jedoch nicht von der Stelle, weil Nyr einen Fu� auf einen Zipfel des langen Hemdes gestellt hatte, das der Kleine trug.</p><p>�Hau ab, Schisser.� Galars Stimme war nur noch ein schwaches Kr�chzen. Ihm standen Tr�nen in den Augen.</p><p>Der Tatzelwurm lie� von ihm ab und wandte sich fauchend Hornbori zu. Der Klugschw�tzer schien alle Angst vergessen zu haben. Er erwischte das Ungeheuer in der Drehung. Sein Speer traf den vorderen Arm. Das st�hlerne Blatt durchdrang die Schuppen. Dunkles Blut spritzte aus der Wunde. Mit einem Tatzenhieb zersplitterte der Wurm den Schaft des Speers. Hornbori stand der Bestie jetzt nur noch mit einem Stock bewaffnet gegen�ber und schrie sie trotzig an.</p><p>Die Bestie hob den gesunden Arm, um Hornbori mit einem einzigen Hieb zu zerfetzen.</p><p>Galar stie� sich von der Wand ab. Der Schmerz raubte ihm fast die Sinne. Er zog die Axt hinter sich her, unf�hig, die Waffe noch anzuheben.</p><p>Der Wurm stie� einen eigenartigen, jaulenden Laut aus. Statt Hornbori zu zerfetzen, riss er die Tatze zum Kopf hinauf. Ein Armburstbolzen steckte in seinem rechten Auge.</p><p>�Weg hier!�, rief Hornbori, packte ihn und zerrte ihn mit erstaunlicher Kraft neben sich her.</p><p>Die schwere Steinplatte war nur noch zwei Ellen vom Tunnelboden entfernt. Sie mussten auf den Knien hindurchkriechen. Nyr hatte seine Armbrust zur Seite gelegt und zog ihn zu sich hoch.</p><p>�Musst du dir bei jedem Kampf irgendetwas in den Leib sto�en lassen, du Idiot?� Er bem�hte sich um einen unbeschwerten Tonfall, aber in seinen Augen stand Sorge.</p><p>�Ich glaube, den n�chsten Kampf lasse ich aus�, murmelte Galar. Er schob Nyr zur Seite und versuchte aus eigener Kraft zu stehen.</p><p>Eine Tatze schob sich unter der Steinplatte hindurch und zerfetzte den Zipfel von Frars Hemdchen. Die keilf�rmige Schnauze folgte. Fauchend schob sich der Tatzelwurm unter dem Steintor hindurch. Seine Schuppen kratzten �ber die Unterseite der m�chtigen Granitplatte.</p><p>Hornbori schlug ihm mit der blanken Faust auf die Schnauze.</p><p>Ein Kopfsto� fegte den Zwerg zur Seite. Dann heftete sich das eine gesunde Auge auf Galar. Das riesige Maul klaffte auf. Geifer floss zwischen den Fangz�hnen hinab, hinter denen eine dunkle Zunge unruhig zuckte.</p><p>�Sehe ich so k�stlich aus?� Der Schmied trat auf den Spannfu� der Armbrust, die Nyr auf den Boden gelegt hatte. Die Waffe schnellte hoch. Er griff nach den beiden Kurbeln seitlich am Waffenschaft und begann die Sehne zu spannen. Dabei tanzten ihm grelle Lichter vor den Augen. Ihm war schwindelig. Nur der Gedanke an seine Rache hielt ihn noch auf den Beinen. Der Tatzelwurm schnappte nach ihm, doch die F�nge verfehlten Galar um einige Zoll.</p><p>�Schwer, dieses Tor, nicht wahr?�</p><p>Die Bestie fauchte. Feuchtwarmer Atem schlug ihm entgegen. Die Krallen des Tatzelwurms hinterlie�en Furchen im Stein, als die Bestie mit aller Kraft versuchte sich nach vorne zu ziehen und freizukommen.</p><p>Die Sehne rastete ein. Galar b�ckte sich und tastete nach einem der Armbrustbolzen, die auf dem Boden verstreut lagen. Blut floss von seiner Schulter den Arm hinab. Seine Finger waren glitschig. Er brauchte mehrere Versuche, bis es ihm gelang, einen der Bolzen aufzuheben und ihn auf die F�hrungsschiene der Armbrust zu legen.</p><p>�Ich hatte dir gesagt, ich werde das Letzte sein, was du in deinem Leben siehst, wenn du nicht abhaust, du bl�des Vieh.� Er musste sich setzen, weil seine H�nde zu sehr zitterten, um einen sicheren Schuss abzugeben.</p><p>Der Tatzelwurm versuchte sich nun r�ckw�rtszubewegen, doch er war hoffnungslos unter dem schweren Tor eingeklemmt. Seine Bewegungen wurden immer hektischer. Blut tr�pfelte aus seiner Schnauze.</p><p>�Na, bricht dir der Stein das R�ckgrat?� Galar zog seine Knie an und st�tzte den Schaft der Armbrust darauf auf. Sein Finger tastete nach dem Abzug.</p><p>Die Bestie schrie, und der Geifer spritzte ihm entgegen.</p><p>Galar zog den Abzug durch. Der Bolzen verschwand im offenen Maul des Ungeheuers und stanzte ein Loch in das rote Fleisch des Oberkiefers. Der Tatzelwurm riss den Kopf weit zur�ck. Ein Zucken durchlief seinen K�rper. Das verbliebene gelbe Auge starrte ihn hasserf�llt an. Dann sank das Lid �ber die geschlitzte Pupille.</p><p>Die Armbrust entglitt Galars kraftlosen H�nden.</p><p>�Das war wie in einer der alten Sagas!�, rief Hornbori begeistert.</p><p>Der Schmied blickte zu seinem Gef�hrten auf. �Ich werde dich wohl nicht mehr Schisser nennen ��</p><p>Sein Gef�hrte grinste.</p><p>�Nicht deshalb �� Galar kniff die Augen zusammen. Alles verschwamm vor seinem Blick. �Ich glaube, ich verblute.�</p></section><section><title><p>Wenn Boten bei Nacht kommen</p></title><p>Shaya f�hlte sich einsam inmitten des turbulenten Festes. Kurunta war zur�ckgekommen und hatte die Pferde gebracht. So viele Pferde. Noch nie war ein solcher Brautpreis gezahlt worden. Tausend Pferde aus den k�niglichen St�llen Luwiens.</p><p>Die Seitenw�nde der Sternenjurte waren aufgerollt, sodass man von weit her ins Innere des hell erleuchteten Zeltes blicken konnte. Auch das hatte es noch nie zuvor gegeben! Bislang hatte ihr Vater, der Unsterbliche Madyas, immer ein gro�es Geheimnis darum gemacht, wie es in seinem Palastzelt aussah, und in die Sternenjurte geladen zu werden war die h�chste Auszeichnung gewesen, die man im Reich der Ischkuzaia erlangen konnte. Wer diese pr�chtige Jurte betreten durfte, der geh�rte zum Inneren Kreis des Hofes.</p><p>Aber heute war alles anders.</p><p>Ihr Vater hatte vor seinem Zelt eine riesige Koppel einrichten lassen, in der in langen Reihen angepflockt die neuen R�sser standen. Es waren gro�e Tiere. Ihr Stockma� lag um zwei Handbreit und mehr �ber dem der Steppenpferde. Seit dem Morgen schon zogen die Bewohner des Wandernden Hofs an ihnen vor�ber und bestaunten die pr�chtigen Tiere. Shaya h�tte stolz sein sollen.</p><p>Stattdessen f�hlte sie sich von allem seltsam entr�ckt. Sie geh�rte hier nicht mehr hin. Ihr Vater hatte den ganzen Tag kein Wort mit ihr gesprochen. Er hatte nur Augen f�r die Pferde gehabt. Wie vereinbart war Kurunta, der H�ter der Goldenen Gew�lbe, mit zw�lfhundert Pferden gekommen. Und es war kein einziges darunter gewesen, das nicht voller Kraft und Anmut war. Edel im Wuchs und mit stolzem Gebaren, begannen die Tiere doch unruhig zu werden. Zu lange wurden sie nun schon angegafft. Zu viele Menschen tummelten sich um sie herum, und zu fremd klang das L�rmen des Festes in ihren Ohren. Dazu kamen noch der Geruch nach Blut und das Bl�ken der Hammel, die an diesem Festtag geschlachtet wurden. Die Pferde aus Luwien schnaubten, scharrten mit den Hufen in der schlammigen Erde. Immer wieder warfen einzelne den Kopf in den Nacken und keilten aus.</p><p>In ihrem Volk gab es keinen, der nicht mit Pferden gro� geworden war, dachte Shaya �rgerlich. Sie alle h�tten sehen m�ssen, dass nicht gut war, was dort geschah. Die Tiere brauchten Ruhe. Sie waren gestern �ber einen der goldenen Pfade, die sich durch die Dunkelheit zwischen den Welten spannten, getrieben worden. Sie hatten genug Schrecken erlebt. Was sie brauchten, war eine stille Weide, irgendwo in den Bergen, und nicht den Trubel des Wandernden Hofes.</p><p>Aber die Krieger und H�flinge �berboten sich gegenseitig, in Anwesenheit ihrer Weiber ihren Mut zu zeigen, indem sie auf die gro�en Pferde zugingen, ihre N�stern t�tschelten und ihnen auf den Hals klopften. Es war nur eine Frage der Zeit, bis ein Ungl�ck geschehen w�rde.</p><p>Eine Gruppe halb nackter T�nzerinnen wirbelte zum Klang von Trommeln, Beinfl�ten und Zimbeln im Kreise, angefeuert vom betrunkenen Kurunta. Der Botschafter mit den h�sslichen Brandnarben sa� wieder inmitten von Lustsklavinnen und betatschte sie schamlos in aller �ffentlichkeit. W�rde das auch ihr Schicksal sein? Eine Hure Muwattas zu werden, gedem�tigt vor versammeltem Hofstaat durch dessen z�gellose Begierden? Sie zwang sich, den Blick nicht von dem Botschafter zu wenden und von den Frauen mit den leeren Augen und dem falschen Lachen. W�rde sie es schaffen, sich selbst so fremd zu werden, dass sie dies ertrug? Sie hatte ihrem Volk gut gedient. Bald schon w�rden die Pferde als Geschenke weit �ber die Steppe verteilt werden. Ihr Blut w�rde sich mit dem der kleineren, drahtigen R�sser ihres Volkes mischen, und es w�rde eine neue Rasse ausdauernder, sch�ner Pferde entstehen. Sie w�rden noch �ber die endlosen Weiden Ischkuzas ziehen, wenn sie selbst l�ngst in Vergessenheit geraten war. Wer hatte ihrem Volk je ein solches Geschenk gemacht? Was z�hlte da ihr Schicksal! Sie sollte stolz sein. Aber sie vermochte es nicht.</p><p>Die Musik in der Sternenjurte verebbte, und die T�nzerinnen zogen sich zur�ck, begleitet von anz�glichen Angeboten. Vielleicht sollte sie mit einer von ihnen reden? Sie wussten gewiss, wie es war, bei einem Mann zu liegen, den man nicht liebte.</p><p>Shaya bemerkte, wie viele junge Reiterf�hrer ihr Vater in sein Zelt geladen hatte. M�nner, die nichts von dem wussten, was man ihr angetan hatte.</p><p>Die gro�e Trommel wurde in die Jurte getragen. Der Anblick versetzte ihr einen Stich. Sie war aus rot lackiertem Holz gefertigt. Das fleckige Fell, mit dem sie bespannt war, ma� fast anderthalb Schritt. Auf dieser Trommel hatte sie einst f�r ihren Vater getanzt. Vor unendlich langer Zeit, wie es ihr nun erschien.</p><p>Ein junges M�dchen trat zwischen den Leibwachen des Unsterblichen Madyas hervor. Ihr Haar war zu Dutzenden Z�pfen, d�nn wie Peitschenschn�re, geflochten. Ein wenig blass sah sie aus. Ihre Augen standen sehr schr�g. Wahrscheinlich war ihre Mutter irgendeine Prinzessin vom Seidenfluss. Shaya erinnerte sich dunkel, die Kleine fr�her schon einmal gesehen zu haben. Ihren Namen hatte sie vergessen. Nachdem sie selbst in Ungnade gefallen war, hatte es sie nicht mehr interessiert, wer k�nftig der Liebling ihres Vaters sein w�rde. Sie selbst war die siebenunddrei�igste Tochter des Unsterblichen. Wie viele es inzwischen waren, wusste sie nicht. Es gab Ger�chte, dass T�chter, die nicht unter einem g�nstigen Stern geboren wurden oder nur den geringsten Makel in den Augen des Madyas aufwiesen, an seine Jagdhunde verf�ttert wurden. Ger�chte � Davon gab es immer viele am Wandernden Hof. Die Z�hlung der S�hne jedenfalls lag bei �ber hundertdrei�ig. Vielleicht stimmte das Ger�cht? Oder der Samen des Unsterblichen war so stark, dass ihm weit �fter S�hne als T�chter geboren wurden. Sie selbst war ja ein Mannweib geworden. Vielleicht lag auch das am Samen ihres Vaters? Sie lachte bitter. Nein, unter seinen T�chtern nahm sie eine besondere Stellung ein. Ihre Schwestern waren nicht so wie sie.</p><p>Das kleine M�dchen wurde auf die Trommel gehoben. Sie trug eine weite, rote Reithose und eine mit silbernen Seidenf�den bestickte, �rmellose Weste.</p><p>Shaya sch�ttelte den Kopf. Das war � als ob sie in die Vergangenheit blicken w�rde. Auch sie hatte so eine Weste getragen, als sie f�r ihren Vater auf der Trommel getanzt hatte.</p><p>Die Kleine stampfte fest mit dem Fu� auf, und ein dunkler Ton erklang. Alle Gespr�che in der Sternenjurte verstummten. Jeder wusste, das M�dchen tanzte jetzt nur f�r den Unsterblichen Madyas und den Wei�en Wolf. Fr�her hatte ihr Volk diese Trommel benutzt, um den Wolf zu rufen, ihren Besch�tzer, den wahren Herrscher der weiten Steppen.</p><p>Shaya erinnerte sich noch so gut. An die vielen Stunden, die sie auf dem festen Holzboden der Sternenjurte den Tanz ge�bt hatte. Die sicheren, stampfenden Schritte. Die H�pfer, die sie immer weiter in die H�he hoben. Ihre Arme mal vor der Brust verschr�nkt, dann wieder weit ausgestreckt, als sei sie ein Vogel, der sich mit ausgebreiteten Schwingen in die L�fte erheben wollte.</p><p>Sie erinnerte sich an die gestrenge Stimme ihrer Lehrerin. An ihre Aufregung, als sie zum ersten Mal vor dem ganzen Hof auf der Trommel getanzt hatte. Ihre Angst, einen Fehler zu machen, und ihren unb�ndigen Stolz, als ihr Vater sie zuletzt von der gro�en Trommel gehoben hatte, um sie fest in die Arme zu schlie�en und an sich zu dr�cken. Hei�e Tr�nen rannen ihr �ber die Wangen.</p><p>Ihre kleine Schwester, deren Namen sie nicht einmal kannte, machte ihre Sache gut. Sie hatte ihren Rhythmus gefunden, und der Hall der riesigen Trommel trug weit in die Nacht hinaus. Auch vor der Sternenjurte waren jetzt alle verstummt und lauschten der Trommel. Nur die luwischen Pferde waren noch unruhig, schnaubten und starrten mit weit aufgerissenen Augen.</p><p>Shaya wandte sich ab. Die Vergangenheit war tot. Die Tage, an denen sie auf der Trommel getanzt hatte, waren vor�ber. Die Tage, an denen der ganze Hof zu ihr aufgeblickt hatte. Sie geh�rte hier nicht mehr hin. Sie war eine Ausgesto�ene, auf jede nur denkbare Art. Das narbenbedeckte Mannweib, die unber�hrbare Braut eines Unsterblichen. Sie nur anzusprechen mochte schon den Tod bringen. Und wer sollte noch etwas von ihr wollen? In ein paar Stunden w�rde Kurunta sie mit sich nehmen.</p><p>Shaya stieg von dem h�lzernen Podest herab, auf dem die Sternenjurte stand. Sie hatte einen schwarzen Umhang um ihre Schultern gelegt, um das mit T�rkisen geschm�ckte, viel zu enge Brautkleid zu verbergen, in dem sie fr�her am Abend dem Gesandten vorgef�hrt worden war. Es dr�ckte ihre kleinen Br�ste hoch und war tief ausgeschnitten. Ein Vorgeschmack darauf, was sie in Luwien erwartete.</p><p>Auch ihr hatten sie das Haar zu vielen kleinen Z�pfen geflochten wie ihrer Schwester, die auf der Trommel tanzte.</p><p>Sie schob sich zwischen den Schaulustigen hindurch. Man machte ihr Platz. Sie hielten sie f�r irgendeine Hofdame. Jemanden von Bedeutung.</p><p>Shaya wusste nicht, wohin sie gehen sollte. Sie hatte am Hof keine Freunde. Es gab keinen Ort mehr f�r sie au�er ihrer bewachten Jurte, und dorthin wollte sie nicht in dieser letzten Nacht in Freiheit.</p><p>Die stampfenden F��e der Prinzessin schlugen immer schneller auf das Trommelfell. Shaya blickte zur�ck. Sie war eifers�chtig. Das war ein Wesenszug, den sie an sich noch nicht gekannt hatte.</p><p>Im Gew�hl winkte ihr jemand zu. Eine zierliche Gestalt in gr�nem Seidenmantel. Der Heiler vom Seidenfluss. Er hatte weit mehr M�he als sie, sich durch die Menschenmenge zu schieben. Er war un�bersehbar ein Fremder. Vor ihm hatte man keinen Respekt. Shaya �berlegte kurz, ob sie sich davonmachen sollte. Aber wohin? Sie sollte sich anh�ren, was er wollte.</p><p>Als er endlich bis zu ihr vorgedrungen war, hatte seine W�rde ein wenig gelitten. Die breite Bauchbinde, die den Mantel verschloss, war leicht verrutscht. Der seltsame, schwarze Lederw�rfel, den er �ber seine zu einem Dutt hochgesteckten Haare gest�lpt hatte, sa� leicht schief, und sein d�nner Bart war zerzaust. Etwas au�er Atem verneigte er sich knapp. Nicht zu tief, um kein Aufsehen zu erregen.</p><p>�Es ist sch�n, dass ich Euch gefunden habe, meine Dame.�</p><p>�Warum?� Sie war ihm dankbar, dass er sie nicht mit ihrem Titel angesprochen hatte. Dennoch versp�rte sie keine allzu gro�e Lust, sich mit ihm abzugeben. Am liebsten h�tte sie ihre Krieger aus Nangog um sich geschart und mit ihnen gezecht. Jene tapferen Draufg�nger, die mit ihr �ber die Himmel der Neuen Welt gesegelt waren und die Wunder gesehen hatten, die sich die einfachen Hirten nicht einmal vorstellen konnten.</p><p>�Ich habe Euch schon fr�her am Abend beobachtet, teure Dame. Ihr wirktet �� Er stockte, sah sie zweifelnd an. Er hatte bemerkt, in welcher Stimmung sie war und dass sie ihn fortschicken w�rde, wenn er jetzt die falschen Worte w�hlte. �Ihr wirktet verloren, meine Dame. Ihr erschient mir genauso fremd wie ich an diesem Hof.�</p><p>Ein L�cheln stahl sich auf ihre Lippen. Vielleicht war es besser, ihm ein wenig ihrer Zeit zu schenken, statt ziellos bis zum Morgengrauen durch das Lager zu streifen.</p><p>�Erscheint dir die Annahme nicht abwegig, dass ich an dem Ort, an dem ich geboren wurde, eine Fremde sein k�nnte?�</p><p>�Nun, werte Dame, ohne abf�llig klingen zu wollen, aber mir erschien es so, als sei die Schar der Freunde, die Euch umringt, durchaus um ein weniges geringer als die Zahl der Bl�ten, die ein Pfirsichbaum in seinem allerersten Fr�hling tr�gt.�</p><p>Aus Shayas zaghaftem L�cheln wurde ein Grinsen. �Wom�glich habe ich sie fortgeschickt, um meinen letzten Abend hier allein mit meinen Erinnerungen zu verbringen.�</p><p>Der Heilkundige nickte ernsthaft. �Wom�glich haben auch jene Wilden in den Bergen von Garagum recht, die glauben, dass es keine Sterne gibt, sondern einer ihrer Bergg�tter an jedem Abend seinen schwarzen Umhang vor der Sonne aufspannt. Und jene Lichter, die wir irrt�mlich Sterne nennen, stammen von L�chern, die Pfeile in seinen Umhang geschlagen haben, denn die G�tter Garagums sind alle kriegerisch. Auch wenn die Weisen meines Volkes solche Geschichten milde bel�cheln, so m�chte ich den Wilden doch zumindest aus rein poetischer Betrachtung recht geben. Diese Erkl�rung f�r die Sterne am Firmament ist zu sch�n, um nicht wahr zu sein.�</p><p>�Deutest du gerade an, dass ich, rein poetisch betrachtet, vorhin die Unwahrheit �ber meine zahlreichen Freunde gesagt haben k�nnte?�</p><p>Er blickte in gespielter Entr�stung auf. �Ich bin entsetzt, wenn Ihr mich so verstanden habt, werte Dame. Es muss wohl daran liegen, dass sich meinem bescheidenen Verstand die Feinheiten Eurer � bestechend einfach und folgerichtig strukturierten Sprache noch immer nicht erschlossen haben.�</p><p>�Ich habe entschieden, mir ein wenig Zeit zu nehmen, um auszuloten, wo bei dir die Grenzen zwischen abgr�ndigem Humor und abgrundtiefer Verachtung f�r mein Volk liegen.�</p><p>Der Heiler gestattete sich den Anflug eines L�chelns. �Ihr wollt mich ausloten, erhabene Dame? Es ist mir ein Vergn�gen, Euer Diener zu sein. Allerdings sollten wir uns vielleicht einen ruhigeren Ort suchen, um unser Gespr�ch fortzusetzen. Mir scheint, wenn diese Prinzessin aufh�rt, die Trommel mit ihren F��en zu bearbeiten, dann wird es hier wieder recht laut und ungem�tlich werden.�</p><p>Sie nickte. �Gehen wir.�</p><p>�Wenn es Euch vielleicht belieben w�rde, sich mit mir in die Rote Jurte zu begeben? Ich denke, am heutigen Abend werden wir dort v�llig ungest�rt sein.�</p><p>Shaya war erstaunt, dass er diesen Ort w�hlte. Obwohl er sie dort an einem Tag voller Schrecken wieder zur Jungfrau gemacht hatte, hatte die Rote Jurte nichts von ihrer alten Faszination f�r sie verloren. Sie war seitdem mehrmals dort gewesen, um die alten Karten zu betrachten und ihren Tr�umen und Erinnerungen nachzuh�ngen. �Was mein Vater wohl sagen w�rde, wenn er h�ren k�nnte, dass du mich an einen Ort einl�dst, an dem du ganz sicher ungest�rt mit mir bist?�</p><p>Er ging darauf nicht ein, sondern wies mit formvollendeter Geste in die Richtung, in der das Kartenzelt lag. �Wenn Ihr vielleicht vorangehen m�gt, edle Dame? Euch erweist man Respekt, und man weicht Euch aus. Ich hingegen werde mich beeilen, Euch dichtauf zu folgen, bevor die Menschenfluten hinter Euch wieder zusammenflie�en.�</p><p>Sie war ein wenig �berrascht �ber die f�r Ischkuzaia zwar immer noch �beraus umst�ndliche, f�r einen Weisen vom Seidenfluss aber schon fast unh�flich direkte Aufforderung, sich mit ihm in die Jurte zu begeben. Ein Umstand, der sie nur umso neugieriger machte. Sie war dankbar, von ihren melancholischen Gef�hlen abgelenkt zu sein, und ging ohne Umschweife zur Roten Jurte, die ein gutes St�ck entfernt vom Palastzelt lag. Weit genug, dass der Jubel, der nach dem Trommeltanz folgte, nicht allzu sehr st�rte. Wie erwartet, war die Jurte verlassen. Shaya kniete sich vor einen niedrigen Tisch und entz�ndete zwei �llampen, w�hrend der alte Heiler sich im Sitz der Himmelsblume niederlie�.</p><p>�Ich danke Euch f�r Euren Gro�mut, mir an Eurem letzten Abend hier ein wenig Eurer kostbaren Zeit zu schenken, Prinzessin Shaya.�</p><p>Sie quittierte den Dank mit einem kurzen Nicken.</p><p>Der Heiler blickte eine Weile in die Flamme einer der beiden Lampen. Seine Z�ge wurden weicher. Er atmete tief und regelm��ig. Es schien, als sei er eingeschlafen. Shaya wollte ihn schon ansprechen, als er von sich aus zu reden begann. �Es erf�llt mich mit tiefer Scham, welche Rolle ich bei der Schlie�ung der Pforte zu Eurem geheimen Garten spielte. Obwohl ich in meinem Leben so manche Pforte verschlossen habe, geschah dies bislang doch stets auf Wunsch von Damen, die Ungemach vermeiden wollten. Doch was sollte ich tun, nachdem dringliche Boten Eures Vaters zu meinem Haus kamen? Sie �berreichten mir ein Pergament mit dem Siegel des Unsterblichen Madyas, in dem mir befohlen wurde, mich unverz�glich in der Wandernden Stadt einzufinden. Ich war wie die Maus, die bereits im Maul der Katze steckt. Mein Leben war verwirkt. Ungewiss war allein, wie viel Zeit bis zur Stunde meines Todes bleiben w�rde.�</p><p>Sein Gesicht war ein Spiegel seiner Seelenqual. Und doch erschien Shaya die Geschichte seltsam. Sie glaubte zwar nicht, dass der alte Mann sie anlog, aber was er sagte, erschien ihr nicht schl�ssig. �Warum gingst du davon aus, in Gefahr zu sein? Es ist doch eine Ehre, an den Wandernden Hof gerufen zu werden. Mein Vater versammelt hier nur die Besten einer jeden Zunft, Shen Yi Miao Shou.�</p><p>Er seufzte. �Es waren die Umst�nde, scharfsinnige Prinzessin, die mein Herz mit Angst erf�llten. Die Boten kamen in aller Heimlichkeit inmitten der Nacht. Und obwohl sie einen Brief mit dem Siegel des Unsterblichen bei sich trugen, waren sie gewandet wie einfache Reisende. Und sie bestanden darauf, dass ich noch in ebenjener Nacht mit ihnen k�me, ohne Aufsehen zu erregen. Mir blieb gerade noch die Zeit, mich mit meinem �ltesten Sohn zu besprechen und ihm aufzutragen, meine Familie an einen Ort zu bringen, an dem niemand uns kennt. Und ich sch�rfte ihm ein, nie wieder in unsere Heimatstadt zur�ckzukehren. Danach kehrte ich zu den Boten zur�ck. Sie erlaubten mir nur, zwei Taschen mit meinen Nadeln und Messern und einigen der wichtigsten Tr�nke, Tinkturen und Kr�uter mitzunehmen. Ich durfte nicht einmal in einer geschlossenen S�nfte reisen, wie es einem Mann meines Standes geziemt, und weder meine Leibsklaven noch meinen hochgesch�tzten Koch durfte ich mitnehmen.�</p><p>Shaya musste sich beherrschen, um nicht zu schmunzeln. Ganz offensichtlich war dem Alten nicht bewusst, dass es bei den Ischkuzaia selbstverst�ndlich war, dass selbst h�chste W�rdentr�ger ohne Sklaven und andere Annehmlichkeiten reisten. �Bei allem Respekt, Shen Yi Miao Shou, halte ich deine Vorsicht doch f�r �bertrieben. Warum sollte deine Familie in Gefahr sein, wenn selbst du nicht wusstest, aus welchem Grund du zum Wandernden Hof gerufen wurdest?�</p><p>Shen Yi strich sich �ber seinen d�nnen Bart. �In meinem Volk sagt man: Es stirbt die Taube, auf die der Schatten des Adlers f�llt. Der Schatten deines Vaters ist auf mein Haus gefallen. Ich wurde in eines der gro�en Geheimnisse seines Hofes hineingezogen, verehrte Prinzessin, und meine Familie mit mir. Am Seidenfluss sind die Herrscher sehr darauf bedacht, dass kein Licht in die tiefen Schatten ihrer F�rstenh�fe f�llt. Allein <emphasis>vielleicht</emphasis> zu wissen, wohin ich gehe, gen�gt, um des Todes zu sein. Denn da meine F�higkeiten wohlbekannt sind, k�nnte, wer immer davon erf�hrt, wohin man mich gebracht hat, erraten, was ich dort tun w�rde. Insbesondere in Verbindung mit Eurer unmittelbar bevorstehenden Hochzeit, verehrte Prinzessin. Ein F�rst aus meinem Lande w�rde ohne zu z�gern den Tod meiner ganzen Familie befehlen. Und ich bin �berzeugt, dass Euer Vater in den vielen Jahrzehnten seit der Eroberung der K�nigreiche am Seidenfluss nicht nur unsere kostbaren Stoffe sch�tzen lernte, sondern auch die Art, wie unsere alten Herrscher dachten.�</p><p>Auch Shaya hatte sich im Sitz der Himmelsblume niedergelassen. Sie blickte dem Alten geradewegs in seine dunklen Augen. �Das Volk der Steppe ist einfacher in den Dingen, die es tut. Intrigenspiele sind nicht unsere Sache.�</p><p>Shen Yi bedachte sie mit einem milden, v�terlichen L�cheln. �Nicht? Dann bitte ich Euch, einige der Ereignisse der letzten Tage zu bedenken. Wer war zugegen, als � als Euer Zustand begutachtet wurde? Euer Vater, einer Eurer Br�der, zwei Beschnittene und eine Gruppe alter M�nner, die allesamt seit vielen Jahren Vertraute des Unsterblichen sind.�</p><p>Die Erinnerung an diese Nacht trieb ihr das Blut in die Wangen. �Und?�, fragte sie k�hl, vor allem �ber sich selbst ver�rgert, weil der Heiler ihr so deutlich ansehen konnte, wie unangenehm ihr das Thema war. Ihre Zurschaustellung vor den W�rdentr�gern des Hofes wog f�r sie im Nachhinein wesentlich schwerer als die ungewollte Wiederherstellung der Pforte zu ihrem geheimen Garten, wie Shen Yi es so bildhaft nannte.</p><p>�Kurz nach diesem Ereignis wurden die beiden Eunuchen, die diesem Hof ein Leben lang treu gedient hatten, eines sch�ndlichen Diebstahls �berf�hrt, �ber den sie selbst im Angesicht des Todes, da sie nicht nur ihre M�nnlichkeit, sondern auch ihre Zungen verloren hatten, nicht mehr Zeugnis ablegen konnten. Findet Ihr dieses Zusammenspiel von Ereignissen nicht auch ein wenig ungew�hnlich, scharfsinnigste Tochter des Unsterblichen Madyas?�</p><p>Sie war nicht sicher, ob sie seine Komplimente annehmen sollte oder ob sich ein versteckter Spott dahinter verbarg. Der Zweifel spornte sie an, sich auch einmal eines der Sinnspr�che aus der Muttersprache des Heilers zu bedienen. �Sagt dein Volk nicht: Das Leben ist wie ein Fluss, es str�mt nie auf dem k�rzesten Wege zum Meer, sondern ist voller seltsamer Wendungen?�</p><p>Er neigte sanft das Haupt. Eine Geste der Anerkennung?</p><p>�Mein Volk sagt auch: Wer die Drossel �ste sammeln sieht, muss ihr Nest nicht schauen, um zu wissen, welchem Zweck ihr Tagwerk dient. Ich w�rde Euch zustimmen, Prinzessin, w�re nicht vor drei Tagen einer der Berater des Unsterblichen bei einem Sturz vom Pferd ums Leben gekommen und ein weiterer heute angeblich den Anstrengungen einer Liebesnacht mit zwei jungen Konkubinen erlegen. Bald wird das Geheimnis um Euch nur noch innerhalb Eurer Familie bewahrt werden.�</p><p>Shaya hatte �ber den Liebestod tratschen h�ren. Von dem Reitunfall wusste sie nichts. �Du glaubst, dass auch du ermordet werden wirst?�</p><p>�Ich bin mir sicher, werte Prinzessin. Ich wusste es, als ich mein Haus verlassen hatte, um mich den Boten Eures Vaters anzuvertrauen. Mein Werk ist verrichtet. Mein Leben birgt keinen Nutzen mehr f�r den Unsterblichen. Mein Ableben hingegen schon. Doch ich bin nicht hier, um zu klagen. Ich wollte mit Euch �ber Eure Zukunft sprechen, ehrenwerte Shaya, und ich wollte Euch meine Hilfe anbieten.�</p><p>Der Alte erstaunte sie, und Shaya fragte sich, ob er noch klar bei Verstand war. �Wie willst du mir helfen, wenn du davon ausgehst, den Wandernden Hof nicht mehr lebend zu verlassen?�</p><p>�Durch meine Erfahrung, verehrte Prinzessin. Allerdings m�sstet Ihr mir vertrauen. Mir ist durchaus bewusst, worum ich bitte, ist mein Volk doch unter dem deinen als intrigant und rachs�chtig verschrien.� Er atmete schwer aus und wirkte pl�tzlich, als koste es ihn M�he, noch l�nger den Gleichmut zu wahren. �Ich wei� um das, was Euch erwartet. Eine Hochzeit, die nicht aus Liebe geschlossen wurde. Eine Nacht � wie sie nie eine Frau erleben sollte.�</p><p>Shaya stand auf. Das war das Letzte, wor�ber sie reden wollte. Und schon gar nicht mit dem Mann, der es m�glich gemacht hatte, dass die Heilige Hochzeit stattfinden konnte, obwohl sie keine Jungfrau mehr war.</p><p>�Bitte, Prinzessin. Der Ruf meiner Kunstfertigkeit brachte mir den Besuch mancher Dame ein, der mit Gewalt geraubt worden war, was nur in Liebe geschenkt werden sollte. Einige der Damen haben mit mir �ber ihre Erfahrungen gesprochen. Ich vermag das Unheil, das Euch erwartet, nicht abzuwenden, doch wenn Ihr meinem Rat folgt, dann wird der Schaden, den Ihr an K�rper und Seele nehmt, ein geringerer sein. Ich bitte Euch zu bleiben, verehrte Prinzessin. Ich bin ein Freund.�</p><p>Shaya z�gerte. Sie sah den zerbrechlichen alten Mann nachdenklich an. Was bewegte ihn? Und was hatte sie schon zu verlieren? �Warum solltest du mir helfen wollen? Mein Vater hat dein Volk unterworfen, er hat deine Familie zerst�rt, und vielleicht wird er dich bald ermorden lassen. Warum solltest du mir helfen wollen?�</p><p>�Weil ich aus tiefstem Herzen M�nner verabscheue, die Frauen Gewalt antun. Ein Leben lang habe ich gesehen, was ihre Taten anrichten. Zu oft vermochte ich das Fleisch zu heilen, doch konnte ich die Wunden der Seele nie wieder verschlie�en. Man kann auch an solchen unsichtbaren Wunden sterben, meine Prinzessin. Es ist ein langer, uns�glich trauriger Tod.�</p><p>Shaya sp�rte, wie sich in ihr etwas zusammenzog. Sie f�rchtete die Nacht der Heiligen Hochzeit, auch wenn sie, seit sie davon wusste, versuchte, es vor sich selbst zu leugnen. Der Gedanke, dass in dieser Nacht alles Sch�ne, das sie mit Aaron erlebt hatte, zerst�rt w�rde, machte ihr Angst. Nur darum ging es. Ihr Gl�ck und das von Aaron zu vernichten.</p><p>Sie ging zur�ck und setzte sich Shen Yi Miao Shou gegen�ber. �Was kannst du mich lehren?�</p><p>�Ihr k�nnt dieser Nacht entfliehen. Nicht k�rperlich, aber es liegt in Eurer Macht, Eure Seele vor dem Unsterblichen Muwatta zu retten. Ich will Euch die Kunst lehren, Eure Seele abzuschirmen gegen das B�se. Seht in die Flamme der �llampe dort!�</p><p>Shaya gehorchte.</p><p>�Denkt an etwas Sch�nes. An einen Spaziergang an einem See im Fr�hling. An das Funkeln des Wassers im Sonnenlicht. Streift alles andere ab, bis Ihr nur noch diesen einen Gedanken in Euch tragt, er Euch ganz und gar ausf�llt und Ihr Euren K�rper nicht mehr f�hlt. Lasst Euch hinforttragen von sch�nen Erinnerungen. Verweigert Euch dem Hier und Jetzt.� Shen Yi sprach mit ruhiger, einf�hlsamer Stimme.</p><p>Seine Worte ber�hrten eine tief in ihr begrabene Sehnsucht. Sie dachte nicht an einen See. Sie gab sich ganz der Erinnerung an Aaron hin, an ihre wenigen gestohlenen N�chte auf dem R�cken des Wolkensammlers, hoch im Himmel, nah bei den Sternen und den Zwillingsmonden von Nangog.</p><p>�Seid dort�, riet die weiche Stimme Shen Yis, �wenn sie Euch in den Tempel bringen. Verweigert ihnen Eure Seele und lasst alles andere �ber Euch ergehen. Alles Fleisch ist verg�nglich, doch Eure Seele ist ewig. Jene M�nner, die Gefallen daran finden, Frauen Gewalt anzutun, weiden sich am Schrecken ihrer Opfer und an ihren Schreien. Liegt Ihr ganz ruhig und lasst es �ber Euch ergehen, beraubt Ihr sie ihres kranken Vergn�gens. Es wird dann schneller vor�ber sein. So schrecklich es auch immer noch ist ��</p><p>Shen Yis Stimme klang wie von weit fort, obwohl er ihr gegen�bersa�. Shaya f�hlte sich leicht. Sie dachte daran, wie sie f�r Aaron �ber den Wolken getanzt hatte, klammerte sich ganz und gar an diesen gl�cklichen Augenblick. Fast glaubte sie den Wind wieder auf ihrem Gesicht zu sp�ren. Sie war weit fort �</p><p>�Wenn Ihr ein Licht seht, Shaya, dann kommt ihm nicht zu nahe. So verlockend es ist, dies ist ein Ort ohne Wiederkehr. Wenn Ihr dorthin geht, gebt Ihr f�r immer Eure fleischliche H�lle auf.�</p><p>Sie blickte zu den Zwillingsmonden auf. Ihr klares Licht schien sie einzuladen. Aber sie wollte bei Aaron sein. Stellte sich vor, wie sie in seinen Armen gelegen hatte.</p><p>�Ihr k�nnt noch tiefer in Trance fallen. Erwachen werdet Ihr, sobald Ihr ber�hrt werdet und Licht auf Euer sch�nes Antlitz f�llt. Doch nun folgt meiner Stimme. Ich werde langsam von hundert r�ckw�rts z�hlen. Und mit jeder Zahl kommt Ihr dem v�lligen Frieden einen Schritt n�her.�</p><p>Shaya hielt an dem Bild der Zwillingsmonde fest. Die monotone Stimme Shen Yi Miao Shous machte sie m�de. Es war tats�chlich so, wie er gesagt hatte. Sie f�hlte sich entr�ckt von ihrem K�rper. Sie war nicht mehr wirklich hier. Irgendwo zwischen ihren Tr�umen von Nangog und der Wirklichkeit hatte sie einen sicheren Ort gefunden, zu dem kein Schmerz und kein Kummer vordringen konnten.</p><p>Doch dann h�rte Shen Yi Miao Shou auf zu z�hlen. Und er nutzte ihre Trance entgegen seiner Versprechen. Er sprach von Dingen, die ihr v�llig fremd waren. F�llte ihren Kopf mit seinen Tr�umen und Gedanken, und sie hatte keine andere Wahl, als sich vom Strom der Worte gefangen nehmen zu lassen, die sie immer weiter fort von Nangog und Aaron trugen.</p></section><section><title><p>Das Haus des Himmels</p></title><p>�Hier ist sie. Ganz wie ich dir gesagt habe, Kurunta. Sie ist schon als Kind oft hierhergekommen.�</p><p>Helles Morgenlicht fiel auf Shayas Gesicht. Sie blinzelte benommen. Ein stechender Schmerz nistete hinter ihrer Stirn, dicht �ber ihren Augenbrauen.</p><p>�Was hat der Alte mit ihr gemacht? Wie kann sie es wagen, die ganze Nacht allein mit einem Mann zu verbringen? Das ist unerh�rt! Sie sollte ��</p><p>�M��ige dich, Kurunta! Erinnere dich, mit wem du sprichst! Nutze deinen Verstand zu deuten, was deine Augen dir zeigen, bevor deine Zunge Unrat verbreitet. Ich k�nnte mich sonst gezwungen sehen, deine Zunge getrennt von dir in einem goldenen K�stchen zur�ck zu deinem Herrn zu schicken.�</p><p>Shaya blickte verwundert auf Shen Yi Miao Shou. Der alte Heiler sa� unmittelbar vor ihr im Sitz der Himmelsblume. Er hatte ihre H�nde in die seinen gelegt. Ein L�cheln lag auf seinem Gesicht, doch seine Augen waren leer, die fleckigen, alten Finger kalt. Er war tot.</p><p>Vorsichtig zog Shaya ihre H�nde zur�ck. Sie erinnerte sich an die Zwillingsmonde von Nangog. Und an die Warnung des Alten, dem Licht nicht zu nahe zu kommen. Wie es schien, war er ganz bewusst diesem Licht entgegengegangen, um ihrem Vater das grausame Vergn�gen zu rauben, einen dem�tigenden Tod f�r ihn zu w�hlen.</p><p>�Was ist hier geschehen, Shaya?�</p><p>Sie blickte trotzig zum Unsterblichen Madyas auf. �Er hat mir Gedichte vom Seidenfluss vorgetragen, damit ich die Sch�nheit der Liebe nicht vergesse, obwohl ich versteigert wurde wie eine Stute auf dem Pferdemarkt.�</p><p>Madyas� Schlag kam ohne Vorwarnung. Er traf sie mit solcher Wucht, dass sie zu Boden gerissen wurde. Ihre Wange brannte, doch st�rker noch schmerzte die Verachtung in seinen Augen.</p><p>�Junge Stuten brauchen manchmal die Gerte, Kurunta. Ich bin sicher, du wei�t das. Sie geh�rt nun dir. Ich m�chte sie nie wieder sehen noch je von ihr h�ren. Ich habe keine Tochter mehr, die Shaya hei�t.� Der Unsterbliche wandte sich abrupt ab und verlie� die Rote Jurte.</p><p>Der h�ssliche Unterh�ndler sah mit einem grausamen L�cheln auf sie hinab. �Es gibt M�glichkeiten, jemandem sehr wehzutun, ohne dass es Spuren hinterl�sst. Ich werde dich gerne in dieser Kunst unterrichten, wenn du mich dazu herausforderst. Wir verlassen in einer Stunde das Lager. In deiner Jurte sind Reitgew�nder bereitgelegt. Ich w�nsche, dass du dich umgehend ankleidest und dort wartest. Du wirst heute noch eine sehr weite Reise machen, Prinzessin.�</p><p>Kurunta rief zwei Wachen hinein, die Shaya aufhalfen. Ihre Beine waren wie tot. Sie hatte zu lange im Sitz der Himmelsblume verweilt. Sie konnte sich nicht ohne Hilfe aufrecht halten.</p><p>�Bringt sie in ihr verdammtes Zelt�, herrschte Kurunta die Wachen an. �Und sorgt daf�r, dass ihre Dienerinnen sie ankleiden!�</p><p>Die beiden Wachen, die ohne Zweifel auch die Worte ihres Vaters geh�rt hatten, packten sie grob bei den Armen und nahmen sie in ihre Mitte. Sie trugen sie halb, halb humpelte sie, geb�ckt wie ein altes Weib.</p><p>Shaya hielt ihr Gesicht gesenkt. Sie w�rde niemanden hier je wiedersehen, es sollte ihr gleichg�ltig sein, was man bei Hof von ihr dachte. In den Tagen, die sie hier gewesen war, hatten ihre Geschwister es tunlichst vermieden, mit ihr Umgang zu haben. Auch die wenigen Freunde ihrer Kindheit waren ihr aus dem Weg gegangen. Alle wussten, dass sie ihrem Vater nichts mehr galt, und wer in Verbindung mit ihr stand, der lief Gefahr, ebenfalls das Missfallen ihres Vaters zu erregen. Und dennoch gl�hten ihre Wangen vor Scham, als sie so zu ihrer Jurte gezerrt wurde.</p><p>Hatte Shen Yi Miao Shou das vorhergesehen? War es Teil seiner Rache an den Ischkuzaia, die sein Volk unterjocht hatten? Ihm musste klar gewesen sein, dass sie nicht w�rde laufen k�nnen, wenn sie die ganze Nacht im Sitz der Himmelsblume gesessen hatte. Er hatte gewiss geahnt, dass sie auf diese sch�ndliche Weise in ihre Jurte gebracht wurde. Und was hatte er ihr noch gesagt? Sie war sich dunkel bewusst, dass er Stunden auf sie eingeredet hatte. Seine Stimme hatte sie aus ihren Wolkentr�umen gezerrt. Welche giftige Saat hatte er in ihr Ged�chtnis gepflanzt? Sie konnte sich nicht erinnern!</p><p>Shaya verfluchte sich daf�r, Shen Yi Miao Shou vertraut zu haben. Wie hatte sie nur so dumm sein k�nnen! War es ihre Sehnsucht nach einem v�terlichen Freund gewesen? Einem Mann, der ihr den Vater ersetzte, den sie so lange schon vermisste?</p><p>In ihrer Jurte erwarteten sie drei Dienerinnen, die wortlos damit begannen, sie auszukleiden. Shaya lie� es ohne Gegenwehr �ber sich ergehen. Ihr Haar wurde ge�lt und gek�mmt. Sie wurde mit feuchten T�chern abgetupft und unter den Achseln und im Schritt mit Rosen�l benetzt. Dann zog man ihr eine weite Hose aus wei�er Seide an. Dar�ber ein Hemd und dann ein weites, seitlich geschlitztes Kleid. Beides mit rosa schimmernden Perlen bestickt. Die Gew�nder waren kostbar, doch entsprachen sie ganz und gar nicht ihrem Geschmack. Die Frauen legten ein Seidentuch �ber ihr Haar und befestigten es mit langen Nadeln. Eine Maske aus steifem Stoff, von innen mit Seide unterf�ttert, wurde auf ihr Antlitz gelegt und festgesteckt. Dann folgte ein durchscheinender Schleier, der die Maske verdeckte. So war es also, Muwatta zu geh�ren, dachte sie. Kein anderer Mann sollte sie mehr zu Gesicht bekommen. Das war ihr nur recht! Sie hatte bef�rchtet, vorgef�hrt zu werden und dass der Unsterbliche sie so behandeln w�rde, wie es Kurunta mit der ungl�cklichen Prinzessin vom Seidenfluss getan hatte.</p><p>Sie seufzte. Sie machte sich etwas vor. Die Heilige Hochzeit zu feiern bedeutete, dass sie auf der Spitze einer Zikkurat, in dem Tempel, der die Stufenpyramide kr�nte, vor den Augen einer ganzen Stadt vergewaltigt werden w�rde.</p><p>�Bist du fertig?� Der schwere Filzvorhang am Eingang ihrer Jurte wurde zur�ckgezogen, und Kurunta trat ein. Er betrachtete sie absch�tzend. Wieder f�hlte sie sich wie ein St�ck Vieh auf dem Markt.</p><p>�Das sieht ordentlich aus. So hatte ich mir das vorgestellt.� Er zog eine kleine Silberm�nze hinter seinem G�rtel hervor und schnippte sie einer der Dienerinnen zu. �Komm nun, Prinzessin! Drau�en wartet dein Reittier auf dich.� Er hielt den Filzvorhang hoch.</p><p>Shaya trat ins Freie. Unmittelbar vor der Jurte kniete ein wei�es Kamel, das von zwei Sklaven gehalten wurde. Statt eines Sattels war etwas, das an einen kleinen bunten Turm erinnerte, auf seinem R�cken errichtete. Vier vergoldete Pfosten, an ihren oberen Enden durch ein Quergest�nge miteinander verbunden, ragten �ber den H�ckern in die H�he. Zwischen den Pfosten war schwarzer, mit Wei� und Gold bestickter Stoff aufgespannt, der Pfauen in einem Palmengarten zeigte.</p><p>�Ich kann reiten �� Shayas Stimme war kraftlos.</p><p>�Und das z�hle ich nicht zu deinen Vorz�gen�, entgegnete Kurunta gallig. �Unter euch Barbaren mag das ja ein Vorzug sein, aber in zivilisierten Gegenden empfindet man den Anblick einer Frau, die breitbeinig auf einem Pferd sitzt, als �beraus anst��ig.�</p><p>Widerwillig stieg Shaya auf das Kamel. Sie wollte den Wandernden Hof so schnell wie m�glich hinter sich lassen. Jetzt w�rde sie noch keinen Widerstand leisten. Aber wenn sie erst einmal drau�en im Grasland waren, sollte sie dieser h�ssliche Fettwanst kennenlernen. Was konnte er ihr schon tun! Er musste sie unversehrt zu seinem Herrscher bringen. Das konnte sie gegen ihn einsetzen.</p><p>�Bindet sie!�, befahl Kurunta.</p><p>Die beiden Sklaven packten ihre Handgelenke, kaum dass sie sich auf dem Kamel niedergelassen hatte, und banden sie an den vergoldeten Holzpfosten fest. Shaya trat nach ihnen, doch geschah alles zu schnell. Sie war gefesselt, ehe sie es sich versah.</p><p>�Was soll das, Kurunta? Hast du vergessen, was ich bin? Ich werde dich auspeitschen lassen, sobald wir den Hof des Unsterblichen Muwatta erreichen.�</p><p>�Ich wei� vor allem, <emphasis>was</emphasis> du bist, Prinzessin. Ein St�ck Fleisch � Der Unsterbliche Muwatta sieht in dir unbegreiflicherweise einen Leckerbissen, aber ich glaube kaum, dass du mehr sein wirst als das Mahl einer einzigen Nacht. Ich hingegen genie�e seit vielen Jahren das Vertrauen meines Herrschers. Spar dir deinen Atem, Shaya. Ich habe mir sagen lassen, dass es in so einem Gef�ngnis aus kostbaren Stoffen sehr stickig werden kann.�</p><p>W�tend zerrte sie an ihren Fesseln. Die Stangen wackelten zwar, gaben aber nicht nach. Pl�tzlich wurde sie nach vorne geschleudert. Das Kamel erhob sich.</p><p>�Vorw�rts!�, rief Kurunta mit befehlsgewohnter Stimme. �Wir haben schon zu viel Zeit verloren. Bis zum Abend werden wir keine Rast mehr einlegen.�</p><p>Shaya traute ihren Ohren nicht. �Was � was geschieht, wenn ich ��</p><p>�Wenn du pissen musst? Ich versichere dir, es st�rt das Kamel nicht, wenn du nicht an dich halten kannst. Tu dir also keinen Zwang an, Prinzessin. Ich habe eine Dienerin mitgenommen, die dich abends waschen wird. Und wir haben gen�gend Kleider f�r dich. Wegen solcher Kleinigkeiten wird die Karawane nicht anhalten. Du hast unsere Reise schon genug verz�gert.�</p><p>Shaya malte sich in Gedanken aus, wie sie diesen fetten Drecksack erw�rgte. Ganz langsam. Wie sein verbranntes Gesicht noch r�ter wurde. Seine kalten Augen aus den H�hlen hervorquollen und ihm die Zunge aus dem Maul hing.</p><p>Kurunta rief nach seinem Pferd und lie� sich von den beiden Sklaven, die sie gefesselt hatten, beim Aufsitzen helfen. Ihr Kamel setzte sich in Bewegung, und sie schlossen sich der kleinen Karawane an, die sich ganz in der N�he auf dem Hammelmarkt versammelt hatte. Von dort zogen sie gen Westen. Shaya konnte durch den bestickten Stoff der Vorh�nge kaum etwas sehen. Dunkler Stoff. Welcher Dummkopf hatte sich das ausgedacht! Was f�r � Nein, das war keine Dummheit, sondern Absicht, wurde ihr klar. Das niedrige Dach ihres Gef�ngnisses aus Stoff war sogar ganz schwarz. Die Hitze w�rde sich hier drinnen stauen und die Reise zu einer einzigen Tortur machen. Schon jetzt war es warm, und der Morgen war noch jung. Zur Mittagsstunde w�rde jeder Atemzug hier drinnen zur Qual werden.</p><p>Aber sie w�rde sich keine Bl��e geben. Sie w�rde weder um Wasser betteln noch darum, dass sie befreit wurde, um ihre Notdurft zu verrichten. Sie war eine Ischkuzaia, ein Kind des weiten Graslandes. Sie w�rde die H�rten der Reise ertragen. Besser als dieser fette Luwier, der glaubte, er k�nne in diesem Gef�ngnis ihren Willen brechen.</p><p>Shaya dachte an die Zwillingsmonde von Nangog. Sie versuchte alles um sie herum zu vergessen. Rief sich Aaron in Erinnerung und die Nacht, in der sie f�r ihn getanzt hatte. Ihr K�rper wiegte sich sanft im Rhythmus der Schritte des Kamels. Sie versuchte sich vorzustellen, wie sie im gleichen Rhythmus auf dem R�cken des Wolkenf�ngers auf und nieder sprang, getragen von einer Melodie aus ihrer Kindheit, als sie f�r ihren Vater auf der Trommel tanzte. Sie glitt tiefer in die Trance, konnte Aarons Atem auf ihrem Gesicht sp�ren, der dicht vor ihr tanzte, und entfloh ihrem Gef�ngnis, so wie Shen Yi Miao Shou es sie gelehrt hatte.</p><p>Shaya hielt bis zum Abend durch. Ihr Kopf f�hlte sich an, als h�tten sich Hunderte der gro�en, schillernden Aasfliegen darin eingenistet. Ihre Zunge war geschwollen, ihre Lippen gerissen, aber sie hatte nicht um Wasser gebeten. Sie war so schwach, dass sie sich auf die Dienerin st�tzen musste, um zu ihrer Jurte zu gehen. Kurunta beobachtete sie dabei, kam aber nicht zu ihr her�ber. Es w�rde also am n�chsten Tag so weitergehen, dachte Shaya.</p><p>Sie duckte sich durch den Eingang und lie� sich ersch�pft auf das vorbereitete Lager sinken. Ihre Seidengew�nder waren mit dem Salz des getrockneten Schwei�es auf ihrer Haut verbacken. Beim Versuch, sie auszuziehen, zerriss das Hemd, das sie unter dem Kleid getragen hatte.</p><p>�Ihr m�sst etwas essen, Herrin.�</p><p>Shaya richtete den Blick auf die Dienerin. Die Prinzessin kannte die kleine, drahtige Frau nicht. Sie stand auf der Schwelle zum Alter. Erste Silberstr�hnen schimmerten in ihrem Haar. Ihre Z�hne waren fleckig, und die Falten, die im Kranz um ihre Augen lagen, waren so tief, dass sich an ihrem Grund der dunkle Staub des Graslands abgesetzt hatte.</p><p>Shaya wollte sie fortschicken, aber ihre geschwollene Zunge gehorchte ihrem Willen nicht mehr. Sie schaffte es lediglich, leicht die Lippen zu �ffnen.</p><p>�Ich lasse ein frisch geschlachtetes Huhn f�r Euch kochen, Herrin. Mit viel Salz. Ich werde Euch sp�ter die Br�he bringen. Ihr d�rft jetzt noch nicht trinken. Ich tr�ufele nur ein wenig Wasser mit einem Tuch auf Eure Lippen.�</p><p>Shaya war zu ersch�pft, um sich zu bedanken. Sie lie� es einfach geschehen.</p><p>Behutsam fl��te die Dienerin ihr Wasser ein und tupfte ihr das Gesicht ab. Sehr langsam kehrten ihre Lebensgeister zur�ck.</p><p>�Kurunta ist ein b�ser Mann�, fl�sterte die Dienerin und hielt dabei ihre Augen fest auf den Eingang zur Jurte gerichtet. �Es macht ihm Freude, Frauen zu qu�len. Ich musste das schon oft mit ansehen. Er hat meine Tochter �� Sie presste die Lippen zusammen, und ihr Gesicht wurde eine Grimasse des Schmerzes. Die Dienerin lie� das feuchte Tuch sinken. Sie atmete schwer, erhob sich und verlie� eilig die Jurte.</p><p>Shaya fiel in leichten Schlaf. Sie hatte das Gef�hl in warmem Wasser zu treiben. Schwerelos. Ganz nah spiegelte sich der Mond auf den sanften Wellen des Sees. Ein blendendes, silbernes Licht. Ein oder zwei Schwimmz�ge nur, und sie k�nnte dort sein �</p><p>Etwas Salziges benetzte ihre Lippen. Shaya schlug die Augen auf. Die Dienerin war zur�ckgekehrt und versuchte ihr aus einer flachen Schale Br�he einzufl��en. �Ihr m�sst Euch unterwerfen, Herrin. Er wird Euch t�ten. Er ist ein b�ser Mann!�</p><p>Ob Kurunta das Weib geschickt hatte? Ihm war klar, dass er den Machtkampf heute verloren hatte. Und viel weiter konnte er nicht mehr gehen! Ganz gleich, wie viel er Muwatta bedeutete. Wenn ihr etwas geschah, dann war auch sein Leben verwirkt.</p><p>Nachdem sie eine zweite Schale mit Suppe getrunken hatte, schlief Shaya ersch�pft ein.</p><p>Am n�chsten Morgen fand sie einen Lederschlauch mit Wasser zwischen den Decken auf dem Kamelr�cken genau so versteckt, dass sie ihn trotz der gefesselten Handgelenke gerade noch erreichen konnte. Sie teilte sich das Wasser sorgsam ein, und als die Karawane am sp�ten Nachmittag hielt, war sie viel besser bei Kr�ften als am Tag zuvor. Doch entschied sie, dies zu verheimlichen. Im Grunde war sie zwar �berzeugt, dass in dieser Karawane nichts geschah, wovon er nicht wusste. Aber sollte sie sich mit dieser Annahme irren, w�rde ihrer Dienerin �bel mitgespielt werden.</p><p>Die Diener, Tr�ger und Karawanenwachen drau�en sprachen mit ged�mpften Stimmen. Auch die Tiere waren ungew�hnlich still. Es lag eine unheimliche Spannung in der Luft. Was war geschehen? Bedrohten R�uber den Zug? Nein, das war unm�glich, nur anderthalb Tagesritte vom Wandernden Hof entfernt. Es sei denn � Ein L�cheln huschte �ber ihre Z�ge. Es sei denn, ihr Vater h�tte diese <emphasis>R�uber</emphasis> geschickt, um sie zu befreien. Aber eher w�rde die Sonne vom Himmel st�rzen, als dass ihr Vater etwas unternahm, um sie vor Muwatta zu sch�tzen. Im Gegenteil, er w�rde daf�r sorgen, dass diese Reise ohne Zwischenf�lle verlief.</p><p>Shaya streckte sich, soweit es ihre Fesseln zulie�en. An die Pfosten ihres Gef�ngnisses gefesselt, fast zu v�lliger Bewegungslosigkeit verurteilt, waren ihre Glieder wie taub, und ein Schmerz, als w�rden ihr Hunderte Nadeln durch die Haut gesto�en, durchlief ihre Arme, als sie sich vorstreckte, um durch die Vorh�nge zu blicken.</p><p>Vergeblich. Der Stoff lie� zwar Licht hindurch, erlaubte ihr aber nicht, irgendetwas zu erkennen, was drau�en vor sich ging. Sie sah die Schemen von einigen Kamelen und Lastentr�gern, das war alles.</p><p>�Holt die Prinzessin�, erklang Kuruntas grobe Stimme. �Und schlagt ein Lager auf. Wir werden hier die Nacht verbringen.�</p><p>Ihr Kamel kniete nieder, und die Dienerin, die ihr in der letzten Nacht die Suppe gekocht hatte, stieg zu ihr hinauf, um ihre Fesseln zu l�sen. Mit verschw�rerischem L�cheln lie� sie den Wasserschlauch unter ihrer Sch�rze verschwinden. �Ich w�nsche Euch Gl�ck, Prinzessin�, fl�sterte sie. �Und einen guten Mann, der Eurer w�rdig ist.�</p><p>Diese letzten Worte lie�en einen Klo� in Shayas Hals aufsteigen. Sie schalt sich eine N�rrin wegen ihrer sentimentalen Gef�hle, vermochte sie aber nicht zu beherrschen. Nur mit M�he gelang es ihr, Tr�nen zu unterdr�cken. Auf sie wartete kein Gl�ck mehr in ihrem Leben, und den Mann, den sie liebte, w�rde sie niemals wiedersehen.</p><p>Schmerzhaft durchbohrten die Strahlen der Nachmittagssonne ihre Augen. Sie musste das Gesicht abwenden und vermochte kaum etwas zu sehen, so geblendet war sie, nachdem sie den ganzen Tag im stickigen Halbdunkel ihres Gef�ngnisses verbracht hatte. Shaya st�tzte sich auf die Dienerin. Sie h�tte aus eigener Kraft gehen k�nnen, doch zog sie es vor, Kurunta glauben zu machen, sie w�re genauso gebrechlich wie am gestrigen Tag.</p><p>So wenig sie auch sehen konnte, nahm sie mit jedem anderen ihrer Sinne die Spannung wahr, die um sie herum herrschte. Die unruhigen Laute der Tiere. Den Geruch der Angst.</p><p>�Bringt sie her!�, rief Kurunta ungeduldig.</p><p>Shaya hielt immer noch den Kopf gesenkt. Vor ihr war etwas, das in silbernes Licht getaucht war. Leises, metallisches Klirren begleitete seine Bewegungen. Dicht daneben erkannte sie eine Fl�che aus Dunkelheit.</p><p>�Du kennst die magischen Tore, die uns die Devanthar geschenkt haben�, sagte Kurunta. �Du musst sie schon oft durchschritten haben und solltest dich nicht so f�rchten wie diese Karawane hasenherziger Nichtsnutze! Wir gehen nun an einen Ort, an dem man dich auf deine Hochzeit vorbereiten wird. Man wird deine Haut striegeln, bis der Pferdegestank gewichen ist, und dein Haar so lange b�rsten, bis es weich wie Seide ist.�</p><p>Shaya blickte erschrocken auf. Die Sonne stach ihr in die Augen, sodass Tr�nen �ber ihre Wangen rannen. �Es ist schon so weit.�</p><p>Kurunta lachte. �Fast, Barbarenprinzessin. Fast.� Er winkte zwei seiner Leibwachen. �St�tzt sie, damit sie nicht vom Goldenen Pfad abweicht.�</p><p>Shaya lie� widerstandslos �ber sich ergehen, dass die beiden Kerle sie grob packten und mit sich zerrten. Ihre H�nde waren nass von kaltem Schwei�. Sie hatten Angst. Sie schritten durch das magische Tor in den leeren Raum zwischen den Welten. In der Dunkelheit ber�hrte sie ein k�hler Windhauch. Nach der Hitze des Graslands war er Shaya willkommen. Es war ein seltsames Gef�hl, auf dem Goldenen Pfad zu gehen, der sie sicher zum n�chsten Portal f�hren w�rde. Shaya erinnerte sich noch gut an die Schrecken ihrer ersten Reise durch das Nichts.</p><p>Nur wenige Schritte, und sie traten in das milde Licht der Abendd�mmerung. Es war unm�glich zu sch�tzen, wie weit die Reise durch das Nichts sie gebracht hatte. Neugierig sah sie sich um. Sie stand auf einem felsigen Hang, hoch �ber einem Tal, das von einem schmalen See fast g�nzlich ausgef�llt wurde. Die Sonne war hinter den Bergen im Westen untergegangen. Das Licht hier stach nicht mehr schmerzhaft in ihre empfindlichen Augen.</p><p>Eine Gruppe von etwa zwanzig Frauen stand nicht weit entfernt. Sie alle trugen lange, tieforangene Kleider. Ihre Haare waren hochgesteckt. Soweit Shaya erkennen konnte, trugen sie keinen Schmuck. Einige st�mmige Frauen st�tzten sich auf lange, wei�e Wanderst�be. Shayas Blick wanderte den Berg hinauf. Weiter oben am Hang lagen gro�e, wei�e H�user, die, ineinander verschachtelt, geradewegs aus dem Fels zu wachsen schienen. Ihre Flachd�cher wurden von farbigen Br�stungen eingefasst. Masten wie auf Schiffen ragten �ber den D�chern auf, und von einem Gespinst an Seilen, das sich zwischen ihnen spann, flatterten Hunderte bunter F�hnchen im Abendwind. Das Knattern der T�cher war bis zu ihnen zu h�ren.</p><p>Eine schlanke, kleine Frau mit ausgezehrtem, m�rrischem Gesicht trat aus der Gruppe der Priesterinnen.</p><p>�Ich gr��e dich, Tabitha, Herrin �ber das Haus des Himmels.� Kurunta deutete eine knappe Verbeugung an. F�r seine Verh�ltnisse verhielt er sich geradezu ehrerbietig.</p><p>�Auch ich gr��e dich, Kurunta, H�ter der Goldenen Gew�lbe. Ein Jahr ist vergangen, seit wir uns das letzte Mal sahen. Es erf�llt mich mit Freude zu sehen, dass du dich von den Verwundungen erholt hast, von denen ich erz�hlen h�rte.�</p><p>Ein Muskel zuckte im verbrannten Gesicht des Gesandten, dicht unter seinem linken Auge. �Ich muss dich vor der Braut, die sich der Unsterbliche Muwatta erw�hlt hat, warnen, Mutter der M�tter. Sie ist eine Barbarin und �u�erst widerspenstig. Noch hat sie nicht begriffen, welches Gl�ck es ist, vom Unsterblichen erw�hlt worden zu sein.�</p><p>Tabitha warf ihr einen absch�tzenden Blick zu. Sie hatte sch�ne, haselnussbraune Augen mit hellen Sprenkeln darin. Daher der Name, dachte Shaya. Sie wusste, das Tabitha im Luwischen so viel wie Reh bedeutete. Allerdings waren die Augen das Einzige, was diese Frau von einem Reh hatte. Ansonsten erinnerte sie eher an ein St�ck Trockenfleisch.</p><p>�Ich bin mir sicher, dass wir in der verbleibenden Zeit eine f�gsame und gl�ckliche Braut aus ihr machen werden. Ich gehe davon aus, dass mir erlaubt sein wird, sie zu z�chtigen, wenn ich die Notwendigkeit dazu sehe.�</p><p>Kurz spielte ein L�cheln um Kuruntas Lippen. �Ich bin mir sicher, dass sich die Notwendigkeit ergeben wird. Doch sollte sie am Tag ihrer Hochzeit nicht mit blauen Flecken und Striemen bedeckt sein. Du kennst die Vorlieben des Unsterblichen.�</p><p>Shaya fragte sich, wovon die beiden sprachen und was sie auf der Zikkurat erwartete.</p><p>Die Mutter der M�tter sch�rzte ihre Lippen. �In den letzten Jahren bevorzugte er M�dchen mit einer Haut so wei� wie Stutenmilch.� Sie bedachte Shaya mit einem abf�lligen Blick. �Ich verstehe nicht, was er an diesem Barbarenm�dchen findet. Es geht um ein B�ndnis, nehme ich an.�</p><p>Kurunta hob in zweifelnder Geste die H�nde. �Die Wege der Unsterblichen sind unergr�ndlich.�</p><p>Tabitha trat nun dicht vor sie. �Sie stinkt�, sagte sie �rgerlich, wobei Shaya ihren s�uerlichen Atem roch. �Und sie sieht nicht gut aus. Was ist mit ihren Lippen geschehen?�</p><p>Kurunta seufzte. �Sie hat sich geweigert zu trinken. Ich sagte ja schon, sie hat noch nicht begriffen, welche Ehre ihr dadurch zuteilwurde, dass der Erzk�nig sie erw�hlte.�</p><p>Ihre k�nftige Aufseherin kniff sie in die Arme, den Bauch und den Hintern. �Ihr Fleisch ist zu fest. Das k�nnen wir in der kurzen Zeit nicht mehr �ndern. Und warum redet sie nicht? Hat sie keine Zunge?� Die Augen Tabithas weiteten sich vor Schrecken. �Jetzt sag mir nicht, dass dieses Unweib auch noch stumm ist!�</p><p>Kurunta winkte ab. �Nur st�rrisch, Mutter der M�tter. Doch bitte verzeih, ich muss mich nun zur�ckziehen, bevor sich das Tor wieder schlie�t. Es steht mir nicht zu, die Kr�fte des Silbernen L�wen �ber Geb�hr zu beanspruchen.�</p><p>Die Priesterin bedachte Kurunta nur mit einem fl�chtigen Blick. �Ich w�nsche dir eine gute Reise und einen sicheren Tritt auf den Goldenen Pfaden.� Sie bohrte ihren Zeigefinger in Shayas Kinn und zwang ihren Kopf hoch. �Du klug, M�dchen?� Sie betonte jedes Wort �berm��ig und sprach sehr langsam. �Dann gut gehorchen. Gut dienen machen!�</p><p>�Obwohl ich eure Sprache so schroff und kalt wie eure Berge finde, habe ich mich der M�he unterzogen, sie zu erlernen, werte Gro�mutter. Das ist �brigens das Wort, das man in meiner Sprache f�r die Mutter einer Mutter benutzt.�</p><p>Zwei steile Falten stachen �ber Tabithas Nasenwurzel empor. �Du sch�tzt also das offene Wort, Prinzessin. Dann lass dir sagen, dass man eine wie dich in unserer Sprache Hure nennt. Ein Weib, das sich vor aller Augen nehmen l�sst, eine Geliebte f�r eine einzige Nacht. Mehr wird es nicht werden, das kann ich dir versprechen, kleines Flittchen. Und solltest du kein Kind empfangen, werde ich drei Schritt neben dir stehen, wenn man dir die Kehle durchschneidet, um mit deinem Blut die G�tter zu bes�nftigen und um Fruchtbarkeit f�r unsere �cker zu bitten.�</p><p>Shaya hatte ein Gef�hl, als wachse eine Kugel aus Eis in ihren Ged�rmen. Jedes dieser Worte war wahr. Sie wusste es, auch wenn nie jemand in dieser Deutlichkeit mit ihr dar�ber gesprochen hatte.</p><p>�Da steht sie nun, unsere scharfz�ngige Barbarin, und glotzt wie ein Fisch auf dem Schlachtbrett.� Tabitha winkte den Frauen. �Kommt und versetzt ihr ein paar Hiebe, damit ihr meine Worte auch in Erinnerung bleiben und sie die Demut lernt, die eine Hure zeigen sollte, der es gestattet wird, unter Priesterinnen zu leben.�</p><p>Die Priesterinnen gehorchten der Mutter der M�tter ohne einen Augenblick des Z�gerns. Eine junge, pausb�ckige Frau war die Erste, die an sie herantrat und ihr einen z�gerlichen Schlag mit der flachen Hand versetzte.</p><p>�Du sollst sie nicht streicheln, Kara. Es geht darum, sie zu bestrafen, um sie auf den Weg der Demut zu f�hren. Malnigal, komm her und zeige ihr, was ich meine. Zwing sie auf die Knie!�</p><p>Eine kr�ftige Priesterin mit einem wei�en Eschenstab l�ste sich aus der Gruppe. Ihr stand die Vorfreude auf das Kommende in die Augen geschrieben. �Knien soll die Barbarenhure?� Ihre Stimme klang so grotesk hoch, dass Shaya unwillk�rlich l�cheln musste. Ihre Stimme passte ganz und gar nicht zu diesem Weib, das aussah, als k�nne es einen Ochsen in die Knie zwingen.</p><p>�Du darfst ihr nur nicht ins Gesicht schlagen, Malnigal. Schlie�lich wollen wir nicht das letzte bisschen Sch�nheit dieser Schlampe zerst�ren.�</p><p>Die Priesterin lie� spielerisch ihren Eschenstab herumwirbeln, dann holte sie aus. Mitten im Schwung packte Shaya ihr Handgelenk, nutzte die Kraft der Bewegung, um sie gegen Malnigal zu wenden und ihr Handgelenk zu verdrehen, bis es mit einem trockenen Krachen brach.</p><p>Shaya nahm den Stab aus der kraftlosen Hand und stie� mit seinem Ende leicht gegen Tabithas Brust, die erschrocken vor ihr zur�ckwich. �H�rt mir alle gut zu, denn ich sage dies nur ein Mal.� Sie hatte ihre Stimme erhoben und sprach im gleichen Tonfall, in dem sie inmitten von Schlachtenl�rm ihren Kriegern Befehle zugerufen hatte. �Kurunta hat vergessen, euch einige Dinge �ber mich zu sagen. Ich bin eine Kriegerprinzessin. Ich habe in sieben gro�en Schlachten gek�mpft und in Dutzenden Scharm�tzeln. Ich habe M�nnern die Kehlen aufgeschlitzt, ihnen meinen Speer in die Eingeweide gerammt und mit meiner Dornaxt ihre Sch�del aufgeschlagen wie gekochte H�hnereier.� Sie lie� ihren Blick von Priesterin zu Priesterin wandern. �Ich sehe hier niemanden, den ich nicht mit blo�en H�nden t�ten k�nnte. Ich bin mehr Barbarin, als ihr euch vorzustellen verm�gt. Ich habe die Herzen tapferer M�nner gegessen und aus ihren Hirnschalen Kelche machen lassen, aus denen ich vergorene Stutenmilch trank. Ich bin hier, weil es der Wille zweier Unsterblicher ist, und dem f�ge ich mich. Nicht f�gen werde ich mich euch. Ihr folgt <emphasis>meinen</emphasis> Regeln.�</p><p>Shaya deutete mit dem Eschenstab zu den wei�en H�usern hinauf. �Ich bewohne ein Haus f�r mich allein. Niemand n�hert sich diesem Haus, ohne von mir gerufen worden zu sein. Niemand wagt es, von hinten an mich heranzutreten. Wer sich daran nicht h�lt, den betrachte ich als Meuchler, und ich werde ihm einen langen Tod schenken. Niemand spricht mich an, ohne dazu aufgefordert zu sein. Ich werde euer Leben als Betschwestern nicht st�ren. St�rt auch meinen Frieden nicht, und ihr werdet noch leben, wenn ich den Tag der Himmlischen Hochzeit begehe.�</p></section><section><title><p>Priestertr�ume</p></title><p>Die Apsara hatte sie nicht darauf vorbereitet, was geschehen w�rde, wenn sie ein Band aus Fleisch mit einem Menschensohn kn�pfte, dachte Iku�ka. Nun war es zu sp�t! Sie hatte Teil an allem. Alle Erinnerungen und Gef�hle des Menschensohns lagen offen vor ihr. Barnaba war kein schlechter Mann, auch wenn sie die Anlage, B�ses zu tun, deutlich in ihm sp�rte. Da war ein unb�ndiger Hass auf den Unsterblichen Aaron, der sein Leben zerst�rt hatte, wie er w�hnte. Wie sehr er selbst daran mitgewirkt hatte, indem er sich ganz und gar dem Hohepriester Abir Ata� verschrieben hatte, vermochte Barnaba nicht zu erkennen.</p><p>Der junge Priester war ihr ein R�tsel. Sie wusste von der Begegnung mit dem Steuermann, der ihm von der Xana erz�hlt hatte. Dieser eine Nachmittag hatte das Leben Barnabas gepr�gt. Die Geschichte war dem Jungen nie mehr aus dem Kopf gegangen. Er hatte sich nie in eine Menschentochter verliebt und stets davon getr�umt, einer Xana zu begegnen. Obwohl er sie als Priester h�tte verfolgen und t�ten m�ssen, wusste Iku�ka, dass er das niemals tun w�rde. Dabei hatte er sich ganz und gar den Idealen der Priester verschrieben. Er war ein Mann voller Widerspr�che!</p><p>Z�rtlich strich sie �ber seine Brust. Barnaba war ausgezehrt. Er war nicht f�r ein Leben in der Wildnis geschaffen, auch wenn er sich das wohl selbst nicht eingestehen w�rde. Er verf�gte �ber eine bemerkenswerte Sturheit, die es ihm erlaubte, einen einmal gew�hlten Weg beizubehalten, selbst wenn er an die Grenzen seiner k�rperlichen M�glichkeiten stie�. Er w�re ein bedeutender Mann geworden, wenn er am Hofe des Unsterblichen Aaron geblieben w�re.</p><p>Nachdenklich betrachtete sie das schmale, asketische Gesicht des Priesters. Es war erstaunlich, wie viele Haare den Menschens�hnen sprossen und an welchen Stellen. Sie l�chelte versonnen. Sie hatte seinen K�rper erkundet, �u�erlich wie innerlich. Wenn sie sich tief in Gedanken versenkte und in ihn hineinf�hlte, sp�rte sie, wie der Muskel seines Herzens arbeitete, sie konnte sehen, wie die Leber sein Blut reinigte, wie seine Wunden heilten. Er genas nur sehr langsam von seinen Verletzungen. H�tte sie nicht das Band aus Fleisch gekn�pft, er w�re l�ngst tot. Als sie es tat, war es vor allem Eigennutz gewesen, der sie bewegte. Sie hatte der Einsamkeit entfliehen wollen. Zu lange lebte sie schon hier, und sie wagte sich nicht fort, denn fern ihrer Quelle w�rde sie sich mit einem Schutzzauber umh�llen m�ssen, damit ihre empfindliche Haut nicht unter den Strahlen der unbarmherzigen Sonne verdorrte. Jeder Zauber aber war ein Risiko! Wer �ber das Verborgene Auge verf�gte, w�rde erkennen, was sie war. Eine heimatlose Seherin, die vor ihrer Gabe und den Himmelsschlangen geflohen war. Eine Fremde in der Welt der Devanthar und Menschenkinder. Sie w�rden sie hier nicht dulden, wenn sie erfuhren, wo sie war.</p><p>Iku�ka dachte an den J�ger, der sich an den See herangewagt hatte. Sie h�tte ihn t�ten sollen � Aber das war nicht ihre Art. �blicherweise gen�gte ein wenig Zauberei, um Menschenkinder so sehr zu erschrecken, dass sie f�r immer das Weite suchten. Aber dieser hier � Sie hatte seine Gedanken gesehen. Er hatte die Nabelschnur f�r eine Schlange gehalten! Warum schafften es die Menschen, die Dinge ins B�se zu verdrehen? Sie half Barnaba! Aber dieser J�ger hatte geglaubt, sie habe eine Schlange gerufen, die den Priester am Grund des Sees gefangen hielt.</p><p>So wie der Menschensohn gerannt war, w�rde er nicht wiederkommen. Sie dachte an die anderen Bewohner des Tals. Jene Sippe, die hier vor vielen Jahrhunderten gelebt hatte. F�r sie war sie eine G�ttin gewesen. Sie hatte ihnen ihren Namen verraten. Aber auch mit ihnen hatte sie nicht auf Dauer in Harmonie leben k�nnen. Die Menschen hatten immer mehr von ihr erwartet. Und je weiter sich die Geschichte von der G�ttin im See verbreitet h�tte, desto gr��er w�re die Gefahr geworden, dass die Devanthar auf sie aufmerksam geworden w�ren. Irgendwann hatte sie sich ihren Gefolgsleuten nicht mehr gezeigt. Zwei Jahre sp�ter hatten sie das Tal verlassen. Ein Trupp Wilder, in Felle gekleidet und zutiefst niedergeschlagen, weil sie ihre G�ttin verloren hatten. Was wohl aus ihnen geworden war? Sie wusste, sie waren in ein Hochtal gewandert, das man heute die Ebene von Kush nannte. Und war sich fast sicher, dass diese Ebene ihren Namen trug. In abgewandelter Form �</p><p>Iku�ka lachte laut auf. Eitelkeit, das war schon immer einer ihrer Fehler gewesen. Und Stolz. Sie schloss die Augen und konzentrierte sich ganz darauf, an den Tr�umen Barnabas teilzuhaben. So wundersch�ne Tr�ume. Er liebte sie darin, z�rtlich und doch voller Leidenschaft, sa� mit ihr am See und redete oder sah sie manchmal einfach nur an. So viel Liebe war in ihm. Aber er hielt alles nur f�r einen Traum. Seinen Sturz, ihre Begegnung, seinen Schlaf hier unter dem See. Ein paar Wochen noch, dann k�nnte sie die Nabelschnur durchtrennen.</p><p>Sie mochte es, mit ihm zusammen zu tr�umen. Es w�rde schwer werden von ihm zu lassen. Aber wenn sie es wagte, k�nnten sie seine Tr�ume leben. Vielleicht.</p><p>Konnte die Wirklichkeit so sch�n werden? Er hatte sein Leben lang nach einer Xana gesucht. Er war ein hoffnungsloser Romantiker. Sie glaubte, dass es diese Sehnsucht nach ihr gewesen war, die er seit seiner Kindheit in seinem Herzen trug, die ihn letztlich gegen jede Wahrscheinlichkeit zu ihr gef�hrt hatte. Es war sein Schicksal gewesen, sie zu finden. Er w�rde nicht gehen, wenn sie die Nabelschnur durchtrennte.</p><p>Sie beugte sich �ber ihn, am Grund des Sees, und k�sste ihn voller Sehnsucht. Bald schon w�rde er ihre K�sse erwidern. Iku�ka schloss ihn in ihre Arme und schmiegte sich eng an seinen ausgemergelten Leib. In seinen Tr�umen bettete er sein Haupt auf ihren Scho�, und sie sang f�r ihn. Sie w�rde ein Lied f�r ihn ersinnen. Ein Lied �ber ihre Liebe und die Einsamkeit, die er von ihr genommen hatte. Sein Traum sollte sich erf�llen. Und ihrer auch!</p></section><section><title><p>Der Immerwinterwurm</p></title><p>Nandalee blickte zu dem gr�nen Licht hinauf, das in weit geschwungenen Bahnen �ber den Nachthimmel wogte. Sie lag in Gonvalons Armen, der mit ihr zum Himmel hinaufblickte. Sie waren nicht mehr weit vom K�nigsstein entfernt. Der Eissegler stand hinter einem Felsen verborgen. Cullayn und Tylwyth hatten vor Stunden erkl�rt, auf die Jagd gehen zu wollen. Die beiden konnten �berraschend einf�hlsam sein f�r Maurawan. Hier inmitten der Ein�de war es so gut wie unm�glich, irgendein Wild aufzusp�ren. Sie alle wussten das, ebenso wie sie wussten, dass die beiden ihnen eine letzte gemeinsame Nacht schenken wollten.</p><p>�Als ich noch klein war, habe ich mir manchmal vorgestellt, gleich hinter dem Horizont st�nde ein Riese, dessen Haupt bis zum Mond hinaufreicht�, sagte Nandalee. �Und dass er den Vorhang aus Licht f�r uns zur Seite ziehen will, um uns all die Geheimnisse zu zeigen, die jenseits der Sterne verborgen liegen.� Sie stockte und dachte an Nangog. Daran, was sie tief im Herzen dieser fremden Welt gesehen hatte.</p><p>�Du denkst an die Riesin.� Es war keine Frage, eher eine n�chterne Feststellung.</p><p>�Nachtatem will, dass ich dorthin zur�ckkehre.�</p><p>�Gut!� Gonvalon drehte sich zu ihr um. �Dann solltest du nicht in den K�nigsstein gehen.�</p><p>Sie l�chelte matt. �Du gibst niemals auf, nicht wahr?�</p><p>�Nicht, wenn es um dein Leben geht.�</p><p>�Ich werde dort wieder herauskommen.� Sie sagte das mit aller Entschlossenheit und wusste doch nur zu gut, wie wenig �berzeugt sie klang.</p><p>�Wenn nicht, komme ich dich holen.�</p><p>�Ich m�chte nicht, dass du dort �� Er brachte sie mit einem Kuss zum Schweigen. Sie wusste, dass er ihr folgen w�rde. Sie wollte es nicht. Wollte ihn nicht in Gefahr bringen. Und doch tat diese Gewissheit gut.</p><p>Ein leises R�uspern lie� sie auffahren. �Die beiden sind zur�ck.� Sie griff nach ihren Kleidern.</p><p>Gonvalon hielt ihre Hand zur�ck und sah ihr tief in die Augen. �Du solltest dort nicht hingehen.�</p><p>�Ich habe keine Wahl.� Nandalee machte sich mit einem Ruck los. Ihr musste niemand erkl�ren, wie t�richt ihre Tat war.</p><p>�Und wenn keiner mehr lebt?�</p><p>Sie l�chelte. �Hast du jemals gegen Trolle gek�mpft? Sie hassen uns Elfen. Sie t�ten uns, wo immer sie k�nnen.�</p><p>�Ich dachte, sie fressen unsere Herzen, weil sie unseren Mut bewundern�, entgegnete er mit aufreizender Ruhe.</p><p>�Glaubst du, das zu wissen, ist dir ein Trost, wenn dich ein Troll erschl�gt?�</p><p>�Ich glaube nicht, dass es in der Macht eines einzelnen Trolls steht, mich zu erschlagen.�</p><p>Manchmal war er schlimmer als die Pest, dachte Nandalee. �Jeder Troll, der stirbt, macht das Leben der J�ger in Carandamon ein wenig sicherer.�</p><p>�Glaubst du nicht, dass jeder Tote nur den Hass best�rkt, den sie gegen uns hegen? Dann w�rdest du genau das Gegenteil von dem erreichen, was du sagst. Sie werden sich nur umso mehr anstrengen, die Elfen Carandamons zu t�ten.�</p><p>Er hatte ein ungew�hnliches Talent, ihr die Worte im Mund herumzudrehen. �Ich ziehe mich jetzt an�, sagte sie gereizt und streifte die ledernen Beinlinge �ber, die sie sich von Tylwyth geliehen hatte. Sie genoss es, wieder in Leder gekleidet zu sein wie eine J�gerin.</p><p>�Enge Hosen stehen dir�, sagte Gonvalon und zwinkerte ihr zu. Sie sp�rte, dass er keinen Streit mit ihr ausfechten wollte. Nicht an ihrem letzten Tag.</p><p>�Keine Hosen anzuhaben steht dir gut�, entgegnete sie mit einem anz�glichen L�cheln. �Irgendwie habe ich das Gef�hl, Cullayn und Tylwyth werden diesen Anblick auch zu sch�tzen wissen.�</p><p>Gonvalon griff nach seiner Hose. Nandalee war immer wieder aufs Neue �berrascht, wie leicht es ihr fiel, den Schwertmeister aus der Fassung zu bringen.</p><p>Nur einen Augenblick sp�ter kamen die beiden J�ger. �Ihr beide solltet versuchen, ein wenig Schlaf zu finden, wenn wir drau�en auf dem Eis sind. Ihr macht nicht den Eindruck, als sei die Nacht sehr erholsam f�r euch gewesen�, erkl�rte Tylwyth und warf einen erlegten Schneehasen auf das lederne Deck des Eisseglers. �Es bleibt keine Zeit mehr, ein Feuer zu machen. Wir essen ihn unterwegs.�</p><p>Gonvalon schnitt eine Grimasse, sagte aber nichts. Sie l�sten die Anker und nahmen ihre Pl�tze an Bord ein. In den letzten Tagen hatten sie sich gut aufeinander eingespielt.</p><p>Als sie um den sch�tzenden Felsen herum auf das offene Eis hinausglitten, befolgte Nandalee Cullayns Rat. Sie nahm sich eine Decke und schnallte sich mit zwei breiten Lederriemen an Deck fest. Der zischende Laut der st�hlernen Kufen sang ihr ein Schlaflied. Sie blickte zum Himmel, zum wogenden gr�nen Licht, das bald schon der Morgend�mmerung weichen w�rde.</p><p>Gonvalon kauerte sich neben sie. Er griff nach ihrer Hand, sagte aber nichts mehr. Sie war dankbar f�r das Schweigen. Es gab nichts mehr zu besprechen. Ihr Entschluss war unumst��lich.</p><p>Den Blick zum Himmel gerichtet, schlief sie bald ein und tr�umte von einer Riesin, die den Vorhang des Himmels zerteilte. Sie wollte ihr, Nandalee, etwas zeigen. Nur deshalb zog sie das Gr�ne Licht zur Seite. Doch bevor sie erkennen konnte, was es war, entglitt Nandalee, ihr Traum. Gonvalon weckte sie mit einem leichten R�tteln an der Schulter. �Von nun an geht es zu Fu� weiter.�</p><p>Ein wolkenverhangener, grauer Himmel spannte sich �ber ihnen. Es hatte zu schneien begonnen. Sie streckte sich und dehnte ihre steifen Muskeln. �Wo sind wir?�</p><p>�In einem Seitental, an der Nordflanke des K�nigssteins�, sagte Cullayn hinter ihr. �Von hier ist es ein Aufstieg von vier Stunden bis zu dem gefrorenen Wasserfall. Vielleicht f�nf, wenn das Schneetreiben noch dichter wird.�</p><p>Nandalee blickte zum Himmel hinauf. Das Wetter war g�nstig. Sollten wider Erwarten Trolle so nahe bei der H�hle des Ungeheuers auf die Pirsch gehen, w�rde das Schneetreiben sie vor deren Blicken verbergen. Sie griff nach ihrem Schwert und kam nicht umhin, den sorgenvollen Blick Gonvalons zu bemerken.</p><p>�Willst du nicht wenigstens darauf verzichten, Todbringer mitzunehmen? Ich w�rde mich besser f�hlen, wenn du ohne diese verfluchte Waffe gehen w�rdest. Nimm mein Schwert stattdessen. Es wird dir in den Tunneln weniger hinderlich sein als der Zweih�nder. Ich wiederhole mich. Ich wei�.�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf. �Mit Todbringer kann ich Trolle mit einem einzigen Hieb t�ten. Und in Tunneln, durch die Trolle passen, werde ich mich ganz sicher nicht beengt f�hlen.�</p><p>�Tu es um unserer Liebe willen�, beharrte Gonvalon.</p><p>Sie z�gerte. Sie wusste, wie sehr er unter dem Glauben litt, auf ihm und dieser Waffe laste ein Fluch. Sie schob ihm das gro�e Schwert hin�ber. �Damit wirst du das Ungeheuer aus der H�hle �ber dem Wasserfall f�r mich in St�cke hacken.�</p><p>Gonvalon l�chelte gezwungen. �Ja, das werde ich.�</p><p>�Seid ihr Turteltauben bald fertig?�, murrte Cullayn. �Der Schneefall l�sst nach. Wir werden leichter am Hang zu entdecken sein.� Er blickte zu Nandalee. �Nimm das mit.� Der J�ger warf ihr eine wei�e Wolldecke zu. �Damit bist du im Schnee fast unsichtbar. Du wirst dich an den Plan halten, den wir besprochen haben?�</p><p>Sie nickte.</p><p>�Dann los!�</p><p>Sie versteckten den Eissegler in einem Tanndickicht und begannen mit dem Aufstieg. Die beiden Maurawani gingen voran. Wie Ziegen erklommen sie den schneebedeckten Felshang. Nandalee hatte M�he, mit ihnen Schritt zu halten. W�hrend sie schweigend zwischen grauen Granitbl�cken wanderten, klarte der Himmel immer weiter auf. Sie durchquerten eine Klamm, in der ein Bach zu funkelnden Eiskaskaden erstarrt war.</p><p>Nandalee sp�rte das Wasser unter der tr�gerischen Kruste. Der Grund der Klamm lag schon im Dunkel. Das Ger�usch ihrer Schritte auf dem knarrenden Eis hallte von den Felsw�nden wider. Keiner sprach ein Wort. Immer wieder blickte Nandalee zu den Schneewechten, jenen t�ckischen Schneeablagerungen, die sich auf Klippenr�ndern t�rmten und nicht selten einen Spalt zwischen festem Grund �berdeckten. Eiszungen waren daraus hervorgewachsen. Ein lautes Ger�usch, und die Schneemassen mochten in die enge Schlucht st�rzen, um sie lebendig zu begraben.</p><p>Ihr schweigender Marsch w�hrte l�nger als einer Stunde. Als sie endlich aus der Klamm herausstiegen, tauchte die Abendsonne das Schneefeld auf dem Hang �ber ihnen in zartes Rosa.</p><p>Der Bach aus der Klamm wand sich in weiten Kurven durch ein flaches Bett einem Steilhang entgegen, der in einen Panzer aus durchscheinendem Kristall geh�llt zu sein schien. Der gefrorene Wasserfall. Er reichte mehr als drei�ig Schritt in die H�he. �ber ihm entdeckte Nandalee eine dunkle �ffnung unter einem vorspringenden Felssims. Die H�hle, die sie in den Berg f�hren w�rde.</p><p>Eisiger Wind fegte �ber den Hang und wirbelte den Schnee auf dem nackten Felsen auf. Trotz ihres Zaubers fr�stelte es Nandalee. Es war hier deutlich k�lter als in der Klamm. Nur wenige Schritt entfernt ragten eisverkrustete Rippenb�gen aus dem Schnee. Ein Troll oder ein gro�er Hirsch, dachte die J�gerin. Ihr Blick wanderte aufmerksam das Bachbett hinauf. Nun entdeckte sie �berall Knochen. Der Schnee lag wie ein riesiges Leichentuch dar�bergebreitet, doch hier und dort ragten Schenkelknochen daraus hervor, und was f�r den fl�chtigen Beobachter wie gro�e Steine im Bachbett wirken konnte, waren Sch�del.</p><p>Cullayn trat an ihre Seite. Er wies den Bach hinauf zu einer Stelle, an der fast mannshohe B�gen aus dem gefrorenen Wasserlauf ragten. �Die Sto�z�hne von Mammuts�, sagte er leise. �Was immer hier jagt, muss gro� wie ein Drache sein. Du h�ltst dich genau an unseren Plan. Du wirst es nicht angreifen!�</p><p>Sie nickte und rieb sich die rot gefrorenen H�nde. Warum sch�tzte ihr Zauber sie nicht? War es die K�lte der Angst, die ihr in die Knochen gefahren war? Sie dachte an eine der Geschichten ihrer Kindheit. Ein M�rchen, vor dem sie sich lange Zeit gef�rchtet hatte. �Als ich klein war, hat man in meiner Sippe eine Geschichte �ber ein Ungeheuer erz�hlt. Angeblich stammte sie von den Trollen. Es ging um ein Gesch�pf, das sie in ihrer Sprache den Immerwinterwurm nannten. Wo es war, herrschte eisige K�lte. Und wen sein Atem traf, der wurde zu Eis. Es lebte weiter im Norden und hat die Trolle von dort vertrieben.�</p><p>Cullayn runzelte die Stirn. �Und wie sah dieser Wurm aus?�</p><p>Nandalee zuckte mit den Schultern. �Das wei� keiner. Wer dem Immerwinterwurm begegnet, der �berlebt das nicht.�</p><p>�Ungemein beruhigend�, murmelte Tylwyth. �Genau die Sorte Geschichte, die ich zu h�ren sch�tze, bevor ich ein Ungeheuer jagen gehe. Findet ihr es nicht auch ungew�hnlich kalt hier?� Er legte seine H�nde zusammen und blies seinen Atem darauf.</p><p>�Wir stehen an einem Berghang, fast schutzlos dem Nordwind ausgeliefert�, sagte Gonvalon. �Dort ist es f�r gew�hnlich k�hl. Mit oder ohne M�rchen, die sich irgendjemand ausgedacht hat, um Kinder zu erschrecken.�</p><p>Cullayn nickte zustimmend. �Also los! Holen wir das Vieh aus seiner H�hle.�</p><p>�Ich frage mich nur, wie es jagt, wenn es so riesig ist.� Tylwyth zog sich den Umhang enger um die Schultern. �Und warum gibt es hier keine Spuren im Schnee? Kann es vielleicht fliegen?�</p><p>Gonvalon rollte mit den Augen. �ber seiner Schulter ragte der lange Griff des Zweih�nders auf. Jetzt bedauerte Nandalee, ihm das Schwert �berlassen zu haben. Allein die Gr��e der Waffe gab schon Zuversicht, dass man mit ihr jeden Feind besiegen k�nnte. �Pass auf dich auf�, sagte sie ein wenig beklommen. Sie war nicht gut im Abschiednehmen. Sie wusste nie, was sie sagen sollte.</p><p>�Wenn du morgen fr�h nicht zur�ck bist, komme ich dich holen�, sagte er so ernst, dass ihr schwer ums Herz wurde. �Und kein Troll in ganz Albenmark wird mich aufhalten k�nnen. Sollen wir nicht doch gleich gemeinsam gehen?�</p><p>�Ich bin besser allein.� Ihre Stimme klang belegt.</p><p>�Dann sehen wir uns morgen.� Er schaffte es, bei diesen Worten eine solche Zuversicht auszustrahlen, als hege er daran nicht den geringsten Zweifel, dass sie sich am n�chsten Tag wiedersehen w�rden.</p><p>Sie k�sste ihn, hastig und ungelenk. Dann schlang sie sich die wei�e Decke um die Schultern und ging davon, ohne sich noch einmal umzusehen. Fast h�tte er es geschafft, sie umzustimmen.</p><p>Erst als Nandalee sich hinter einen Mammutsch�del nahe dem Wasserfall kauerte, blickte sie zur�ck. Ihre Gef�hrten hatten auf der anderen Seite des Bachbettes einen sanft ansteigenden Hang erklommen. Als habe er ihren Blick bemerkt, gab Cullayn ein Zeichen zu halten. Die drei waren fast auf einer H�he mit dem Eingang zur H�hle und nur etwas mehr als hundert Schritt Luftlinie von ihr entfernt.</p><p>Die beiden Maurawani zogen die Sehnen auf ihre B�gen. Tylwyth schoss als Erster. Sein Pfeil stieg in steilem Bogen in den Himmel. Ein schrilles, pfeifendes Ger�usch begleitete seinen Flug. Ein Heuler, dachte Nandalee. Hinter der Stahlspitze steckte ein d�nnes Metallr�hrchen auf dem Schaft des Pfeils. Im Flug verursachte es einen schrillen Ton. Fast wie eine Fl�te.</p><p>Der Pfeil verschwand im Dunkeln der H�hle. Sie hatten das Ungeheuer aufschrecken wollen, doch nichts geschah. Nun verschoss Cullayn einen Heuler, der mit einem dunkleren Pfeifton durch den Himmel zog. Nandalee hatte davon gelesen, wie solche Pfeile gegen Kavallerie eingesetzt wurden. Sie brachten die Pferde dazu, zu scheuen und ihre Reiter abzuwerfen. Den Immerwinterwurm, oder was auch immer in dieser H�hle hauste, beunruhigten sie allerdings nicht. Vielleicht war das Ungeheuer auf Beutesuche?</p><p>Ihre drei Gef�hrten berieten sich kurz. Dann sah sie Cullayn Stoffstreifen um einen Pfeil wickeln. Kurz darauf flog ein Brandpfeil in die H�hle. Nandalee hielt den Atem an.</p><p>Das Eis des gefrorenen Wasserfalls knirschte und knackte. Der letzte rote Abglanz der Sonne verblasste, und Dunkelheit kam �ber die Berge. Nandalee hatte das Gef�hl, dass es noch k�lter wurde. Sie rieb ihre H�nde gegeneinander und richtete sich in ihrem Versteck auf.</p><p>Eissplitter rutschten den gefrorenen Wasserfall hinab. Wahrscheinlich war es der Druck des Wassers, der das Eis arbeiten lie�.</p><p>Ihre Gef�hrten entz�ndeten einen zweiten Brandpfeil. Diesmal schoss Tylwyth. Eine B�e dr�ckte den ohnehin schon kopflastigen Pfeil hinab. Er verfehlte den H�hleneingang, schlug gegen den Eispanzer am Hang und st�rzte in die Tiefe.</p><p>Nandalee h�rte ein Rumoren unter dem Eis. Jeden Augenblick w�rde das Wasser die Eiskruste sprengen und sich in das gefrorene Bachbett ergie�en. Hastig zog sie sich zur�ck, um h�heres Gel�nde zu erreichen.</p><p>Cullayn hatte einen dritten Brandpfeil entz�ndet, verharrte aber abwartend.</p><p>Deutlich konnte Nandalee jetzt Risse im Eis sehen. Aus dem anf�nglichen Klicken herabfallender Splitter war lautes Get�se geworden. Gro�e Brocken l�sten sich und donnerten ins Bachbett hinab.</p><p>Pl�tzlich kam die ganze Eiswand ins Rutschen. Etwas l�ste sich daraus. Nandalee suchte instinktiv Schutz hinter einem Felsen. Eine Wolke aus Eissplittern und Spr�hwasser wogte das Bachbett hinab. Und mitten darin erhob sich der Immerwinterwurm.</p></section><section><title><p>Lebendes Eis</p></title><p>Gonvalon blickte auf die Gestalt, die sich aus dem gefrorenen Wasserfall erhoben hatte. Nein, so gro� wie sie war, musste sie ein wesentlicher Teil des Wasserfalls gewesen sein.</p><p>Cullayn neben ihm stie� den Brandpfeil in den Schnee. �Lauf, Schwertmeister!�</p><p>�Wir haben Nandalee versprochen, die Kreatur von ihr abzulenken�, entgegnete er ruhig und griff nach dem Zweih�nder, den er �ber den R�cken geschnallt trug. Mit leisem Zischen glitt die Waffe aus der ge�lten Lederscheide.</p><p>Das L�rmen im Tal verebbte. Nur vereinzelte Eisbrocken st�rzten noch in den Bach. Acht tellergro�e, fahlgelbe Augen blickten zu ihnen den Hang empor. Nie hatte Gonvalon eine Kreatur wie diese gesehen. Sie schien aus lebendigem Eis erschaffen zu sein oder aus Kristall. Dutzende Beinpaare s�umten einen schlangenartigen Leib. Oder nein, er erinnerte eher an einen Tausendf��ler. Nur dass die obersten Beinpaare in Klauen m�ndeten wie bei einer Fangheuschrecke, die vier Augenpaare wie eine Spinne hatte. Das Ungeheuer hatte sich halb aufgerichtet. Es war acht oder neun Schritt hoch. Etliche seiner Arme ruderten in der Luft. Irgendwie wirkte es benommen, fand Gonvalon, ganz als sei es aus langem Schlaf erwacht.</p><p>�Die Brandpfeile haben es geweckt, nicht wahr?�, fl�sterte Tylwyth.</p><p>�Das war gut so.� Gonvalon stellte sich vor, was geschehen w�re, wenn Nandalee beschlossen h�tte, die Eiswand zu erklimmen, nachdem die Heuler kein Ungeheuer in der H�hle aufgescheucht hatten. �Ihr beiden geht jetzt besser. Ich danke euch daf�r, dass ihr uns hierhergebracht habt.�</p><p>Der Immerwinterwurm bewegte sich beh�big in ihre Richtung.</p><p>�Der ist zu gro� f�r dein Schwert�, sagte Cullayn grimmig und zog seine Bogensehne bis weit hinter das Ohr. Zischend schnellte der Pfeil davon.</p><p>�Wir gehen jetzt langsam r�ckw�rts und locken ihn, damit er Nandalee nicht bemerkt.�</p><p>�Irgendwie h�rt sich das nach einer unglaublichen Dummheit an, so ein Vieh anzulocken, statt einfach die Beine in die Hand zu nehmen�, bemerkte Cullayn. Sein Pfeil war wirkungslos am Eispanzer des Ungeheuers abgeprallt. Er spannte erneut seinen Bogen. �Schie�en wir auf die Augen, Tylwyth.�</p><p>Zwei weitere Pfeile schnellten dem Immerwinterwurm entgegen. Die Kreatur blinzelte und stie� einen gellenden Schrei aus. Dann lie� sie sich vorn�bersinken und eilte erschreckend schnell durch das Bachbett dem sanften Hang entgegen.</p><p>�Jeder in eine andere Richtung!�, rief Gonvalon, blieb selbst aber stehen.</p><p>Auch die beiden Maurawani r�hrten sich nicht. �Wir laufen doch nicht davon, wo wir gerade herausgefunden haben, wo wir ihm wehtun k�nnen�, bemerkte Cullayn trocken und zog einen weiteren Pfeil aus seinem K�cher. Tylwyth wirkte weniger zuversichtlich. Seine Hand zitterte, als er den Bogen hob.</p><p>Gonvalon atmete aus und lie� allen Schrecken von sich abgleiten. Er machte einen Schritt nach vorn und hob Todbringer �ber den Kopf, bereit zu Angriff wie Verteidigung. Das Gewicht der Klinge war ungewohnt. Aber er war zuversichtlich. Dieses Schwert war dazu erschaffen worden, Ungeheuer zu t�ten, die un�berwindlich wirkten. Selbst die Devanthar f�rchteten diese Waffe.</p><p>Der Immerwinterwurm w�hlte kaum den Schnee auf, als er den Hang hinaufglitt. Er war wahrlich ein Gesch�pf des Winters, und vermutlich war er zu dumm, um sich zu f�rchten, dachte Gonvalon.</p><p>Als sie noch drei Schritt entfernt war, richtete sich die Kreatur auf. Ihre Klauen klickten gegeneinander, als sie sich zu ihm hinabbeugte. Gonvalon machte einen Schritt nach vorn. Todbringer fuhr in blitzendem Bogen nieder und durchtrennte eines der unz�hligen Beine. In flie�ender Bewegung riss er die Waffe wieder hoch. Eine Klaue glitt �ber den Silberstahl und verfehlte seinen R�cken.</p><p>Der Schwertmeister bewegte sich wie im Klingentanz, den er an der Wei�en Halle gelehrt hatte. Sein Atem ging gleichm��ig. Todbringer wob blitzende B�gen aus silbernem Licht durch die Nacht. Gonvalon duckte sich, griff an, t�uschte, stie� zu. Dicht wie Hagelschlag prasselten die Hiebe auf die Kreatur hinab. Die magische Klinge vermochte die kristallklaren Klauen des Ungeheuers nicht zu verletzen. Lang und gebogen wie Sichelbl�tter waren sie und sa�en auf d�nnen Armen mit mehreren Gelenken. Sie vermochten aus �berraschenden Winkeln zuzusto�en. Es war, als m�sste er gegen ein Dutzend Schwertk�mpfer zugleich antreten. Dabei strahlte der Wurm eine durchdringende K�lte aus. Auch sie war eine Waffe! H�tte Nandalee ihm nicht ihr Amulett �berlassen, w�rde sein Eisodem ihn langsam l�hmen und kampfunf�hig machen.</p><p>Cullayn und Tylwyth waren ein St�ck zur�ckgewichen. Noch immer schossen sie mit ihren Pfeilen nach den gro�en, fahlgelben Augen. F�nf der Augen hatten sich geschlossen. Eine z�he, durchscheinende Fl�ssigkeit troff aus den Wunden herab.</p><p>Todbringer schrammte �ber den kristallenen Leib des Ungeheuers. Der Hieb hinterlie� eine Kerbe. Gonvalon wusste, dass er mit aller Kraft zustechen musste, wenn er die Bestie ernsthaft verwunden wollte. Aber wenn die Klinge in den Leib des Ungeheuers glitt, w�rde er die Angriffe der Sensenklauen nicht mehr parieren k�nnen. Sie w�rden beide sterben. Er brauchte einen besseren Plan.</p><p>�Wir haben nur noch drei Pfeile�, rief Tylwyth.</p><p>�Schie�t auf sein Maul.� Noch ging sein Atem regelm��ig, aber Gonvalon wusste, dass er dieses Duell nicht mehr lange durchhalten w�rde. Das Ungeheuer zeigte nicht das geringste Anzeichen von Ersch�pfung. Auch variierte es seine Angriffe nicht. Die Sensenklauen stie�en in immer gleichem Rhythmus auf ihn hinab. Seine Paraden hatten sich dem angepasst. Klauen und Stahl woben eine sich wiederholende Melodie. War die Kreatur intelligent?</p><p>An der Wei�en Halle hatte Gonvalon seine Sch�ler gelehrt, dass ein Weg zum Sieg sein konnte, einen guten Schwertk�mpfer zu narren, indem man ihn immer wieder auf dieselbe Art angriff. Es musste eine schnelle Folge von Hieben sein, die ihn nicht zum Gegenangriff kommen lie�. Sobald sich aber ein Rhythmus zwischen beiden K�mpfern einspielte, sollten sie mit einer Attacke aus dem Muster ausbrechen. Fast immer vermochte so ein �berraschender Angriff die Abwehr zu durchdringen und den Kampf zu beenden.</p><p>Der Schwertmeister blickte zu dem Maul der Bestie empor. Es war fast kreisrund und von kleinen Armen umgeben, die in klickenden Hummerscheren endeten. Nur dass diese Scheren gro� wie Trollf�uste waren.</p><p>Gonvalon wurden die Arme schwer. Immer deutlicher sp�rte er das Gewicht des Bidenh�nders. Seine Bewegungen wurden langsamer. Er wich ein St�ck zur�ck. Der Kampf hatte ihn bis dicht an den Rand der Klamm gef�hrt. Er dachte an die tr�gerischen Schneewechten.</p><p>�Zieht euch zur�ck!�, rief er den Maurawani zu.</p><p>�Wir lassen dich nicht im Stich!�, entgegnete Cullayn trotzig.</p><p>Aus den Augenwinkeln sah Gonvalon, dass der Maurawan sein langes Jagdmesser gezogen hatte.</p><p>�Nandalee braucht euch lebend f�r ihre Flucht. Lauft, verflucht noch mal!�</p><p>Cullayn lie� sich von Tylwyth ein zweites Jagdmesser zuwerfen und griff an. Der J�ger bewegte sich geschickt zwischen den Beinen der Bestie, doch sein Kampf war aussichtslos. Seine Klingen hinterlie�en nur flache Schrammen im Eispanzer des Ungeheuers.</p><p>�Wir schaffen das gemeinsam!� Cullayn hieb erneut auf die Beine der Bestie ein. Nur knapp entging er dabei dem Angriff einer Sensenklaue. Sie waren nur noch ein paar Schritt von der Klamm entfernt. Der Boden war hier leicht absch�ssig. Der Schnee reichte Gonvalon mittlerweile bis fast zu den Knien. Sie alle w�rden hier sterben, dachte er. Dieser Kreatur waren sie nicht gewachsen. Nicht, wenn sie alle am Leben bleiben wollten. Einer hatte den Preis zu zahlen.</p><p>Er lie� Todbringer herumwirbeln und rammte es mit der Spitze voran in den Leib des Immerwinterwurms. Im selben Augenblick traf ihn ein Hieb im R�cken. Er sp�rte die Sensenklaue zwischen seinen Rippen hindurchgleiten, w�hrend Todbringer bis zum Heft im Leib des Ungeheuers verschwand. Eisige K�lte breitete sich in seinem K�rper aus. Die Kralle schob sich aus seiner Brust. Das zerfetzte Fleisch gefror.</p><p>Cullayn sah ihn entsetzt an.</p><p>�Bitte verzeih � Nandalee.� Er blickte zum wogenden, gr�nen Licht am Himmel und dachte an die vergangene Nacht. Er l�chelte. Ein blauer Stern stand �ber ihnen. Wie in jener Nacht, als er Nandalee zum ersten Mal begegnet war. Der Kreis schloss sich, dachte er. Dann machte er die Augen zu. Es war vorbei.</p></section><section><title><p>Jagdzauber</p></title><p>Er lockte es hinter sich her. Nandalee sah einen Augenblick lang zu. Er war ihm gewachsen. Als Einziger. In silbernen B�gen wirbelte ihr Schwert. Es war die richtige Entscheidung gewesen, ihm Todbringer zu �berlassen. Sie lockten das Ungeheuer fort, ganz wie es besprochen war. Sie musste die Zeit nutzen, die sie ihr erkauft hatten. Selbst Gonvalon w�re der Bestie auf Dauer nicht gewachsen.</p><p>Nandalee warf die wei�e Decke zur�ck und st�rmte los. Unter dem geborstenen Eispanzer, seitlich des Wasserfalls, waren Stufen im Fels. Zu gro� und unregelm��ig, um das Werk von irgendwelchen anderen Kreaturen als Trollen zu sein. Sie schienen diesen Eingang zum K�nigsstein h�ufig genutzt zu haben, bevor der Immerwinterwurm hierhergekommen war.</p><p>Die meisten Stufen waren noch von Eis verkrustet. Spr�hwasser machte sie schl�pfrig. Sie f�hlte sich wie ein Kind, als sie diese zu gro�e Treppe erklomm. Eilig, ohne zur�ckzublicken. Das w�tende Fauchen der Bestie hallte durch das Tal. Sie hatten die Kreatur verletzt.</p><p>Sie schuldete es Gonvalon und den anderen, keine Zeit zu vergeuden. Nicht einmal f�r einen einzigen Blick. Tylwyth und Cullayn w�rden ihm helfen, sich abzusetzen, dachte sie und bereute zugleich, die drei auf diese Suche mitgenommen zu haben. Sie hatte sie in t�dliche Gefahr gebracht.</p><p>Endlich erreichte sie den Eingang zur H�hle. Ein blasses, weit entferntes Licht spendete gerade genug Helligkeit, um die Umrisse des Tunnels zu erkennen. Gleich hinter dem Eingang verengte er sich. Die Trolle hatten hier wohl geduckt gehen m�ssen. F�r den Immerwinterwurm gab es keine M�glichkeit, von hier in den Berg einzudringen.</p><p>Nandalee zog Gonvalons Schwert. Er hatte nie viel von seiner Waffe erz�hlt. Alle Drachenelfen machten aus ihren Schwertern ein Geheimnis, und es geschah so gut wie nie, dass sie ihre Klingen verliehen.</p><p>�Wirst du mir gut dienen?� Sie blickte auf den verwunschenen Silberstahl. Ein fahler Glanz umspielte ihn, selbst in der Dunkelheit des Tunnels. Sie dachte an den t�dlichen Kampf, den Gonvalon in diesem Augenblick zu bestehen hatte. Sie durfte hier nicht zaudern. Schnell und lautlos eilte sie weiter. Bald fand sie ein fast herabgebranntes Feuer. Hatten hier Wachen gestanden? Der Tunnel w�lbte sich zu einer weiten H�hlung. Der Rauch und der Gestank verbrannten Fells �berdeckten den Gestank der Trolle. Wohin waren die Wachen gegangen? Meldeten sie dem Trollk�nig, dass der Immerwinterwurm erwacht war?</p><p>Aus der H�hle f�hrten mehrere Tunnel tiefer in den Berg. Das Licht der Glut spiegelte sich r�tlich auf Gonvalons Klinge. War das fahle, silberne Licht des Stahls ein wenig heller geworden?</p><p>In einem der Tunnel brannte eine ferne Flamme. Die �brigen waren vollkommen dunkel. Sollte sie damit gelockt werden? Nandalee l�chelte. Ganz sicher nicht. Die Trolle konnten nicht wissen, dass sie kam.</p><p>Sie folgte dem Licht. Lautlos huschte sie �ber den gewachsenen Fels. Irgendwo voraus tr�pfelte Wasser. Ein kehliges Lachen erklang, vielfach von den Felsen gebrochen. Es war ihr unm�glich zu sagen, wo der Troll steckte, der seiner Heiterkeit so freien Lauf lie�. Ein lachender Troll, das passte nicht in ihr Bild der grausamen Ungeheuer.</p><p>Das Licht, das sie angelockt hatte, stammte von einer Fackel, deren Stiel in einen Felsspalt gerammt war. Die H�hlenw�nde ringsherum waren mit Ru� beschmiert. Primitive Zeichnungen zeigten Hirsche, Mammuts und Wollnash�rner. Jagende Trolle trieben ein Rudel Rehe �ber den Rand einer Steilklippe. So einfach die Zeichnungen auch waren, hatte der K�nstler die st�rzenden, verdrehten K�rper der Tiere doch erstaunlich ausdrucksstark gestaltet. Die Proportionen der Tiere stimmten nicht, aber irgendwie hatte es der Troll geschafft, die verzweifelte Todesangst der st�rzenden Rehe in diesem Bild einzufangen. Angewidert wandte sie sich ab. Sie war selbst J�gerin, sie hatte hundertfach get�tet. Aber sie hatte sich nie am Anblick des Todes geweidet, so wie dieser unbekannte Maler es getan hatte.</p><p>Der Tunnel weitete sich zu einer Tropfsteinh�hle. Das tanzende Licht der Fackel lie� Schatten hinter den gewachsenen S�ulen �ber die H�hlenw�nde huschen. �berall waren Bilder. Manchmal waren es nur Handabdr�cke in einem dunklen Rotbraun oder Geschmiere, dem sie keinen Sinn zu entlocken vermochte. Eine der Zeichnungen zeigte zwei Trolle, die eine kleinere Gestalt an H�nden und F��en festhielten. Einen Elfen?</p><p>Es stank nach ranzigem Fett. Sie wusste, dass die Trolle gerne ihre haarlose, steingraue Haut einfetteten, um ihr Glanz zu verleihen. Die Bilder an den W�nden beunruhigten sie. Sie hatte nicht erwartet, dass Trolle malen konnten. F�r sie waren sie bislang lediglich m�rderische, gro�e Bestien gewesen. Ganz gleich, ob sie primitive Waffen herstellten und einen der Ihren einen K�nig nannten.</p><p>Aber Bestien malten ihre H�hlen nicht aus �</p><p>Der Geruch wurde st�rker. Da war etwas. Ein schlurfendes Ger�usch. Angespannt blickte sie in die tanzenden Schatten. Und dann pl�tzlich erlosch die Fackel. Zu schnell!</p><p>Nandalee presste sich mit dem R�cken gegen einen baumdicken Stalagmiten. Die Fackel war gel�scht <emphasis>worden</emphasis>. Allein von ihrer Schwertklinge ging nun noch ein fahles Licht aus. Zu schwach, um die Dunkelheit auch nur einen Fu� weit zur�ckzudr�ngen. Aber hell genug, um gesehen zu werden. Hastig schob sie die Klinge in die Scheide zur�ck.</p><p>Der Geruch nach ranzigem Fett wurde st�rker. Aber sie h�rte nichts! Lag es allein daran, dass die Tatsache, dass sie nichts mehr sah, ihre �brigen Sinne sch�rfte?</p><p>Nandalee �ffnete ihr Verborgenes Auge. Die Wandbilder flammten in leuchtenden Linien auf. Sie waren von Magie durchdrungen. Jagdzauber, gewoben aus Blut und wilder Leidenschaft, so kraftvoll, dass sie pl�tzlich die weite H�hle von einem gro�en Feuer erleuchtet sah, um das die J�ger tanzten. Sie riefen die Alben und Himmelsschlangen an, ihnen eine erfolgreiche Jagd zu schenken. Sie sah, wie Fleisch mit primitiven Steinmessern durchtrennt wurde. Sah Krieger, die sich �ber und �ber mit dem Blut ihrer Beute einrieben, in Ekstase entr�ckt tanzten und sich bei dem Wild entschuldigten, dessen Fleisch sie genommen hatten, damit ihnen k�nftig keine Tiergeister folgten und Ungl�ck auf ihre F�hrte lockten. Nandalee schloss ihr Verborgenes Auge, um der Flut der Bilder zu entgehen, die auf sie einstr�mte. Zu viele T�nzer. Zu viel Blut. Und sie war mit all dem verbunden gewesen!</p><p>Es dauerte einige Herzschl�ge, bis sie sich wieder gefasst hatte und bemerkte, dass etwas nicht gewichen war. Der Trommelschlag, den sie in ihrer Vision geh�rt hatte. Er war noch da. Leiser und dumpfer jetzt, aber er war geblieben.</p><p>Sie entschied sich, den Trommeln entgegenzugehen. Sie musste die Trolle aussp�hen, wenn sie herausfinden wollte, wo die Gefangenen waren. Blindlings durch die Tunnel und H�hlen zu streifen war sinnlos. Der Trommelschlag w�rde sie zu ihrem Ziel f�hren!</p><p>Sie wagte es nicht noch einmal, Gonvalons Schwert zu ziehen. Die Kraftlinien hatten ihr �berdeutlich die Umrisse dieser H�hle der Jagdzauber gezeigt. So fand sie auch in v�lliger Dunkelheit den Ausgang.</p><p>Ihre H�nde ertasteten eine grobe, unregelm��ige Wand. Dieser Tunnel musste von den Trollen erweitert worden sein. Er war leicht absch�ssig. Und er f�hrte sie dem Trommelschlag entgegen.</p><p>Sie mochte f�nfzig Schritt gegangen sein, als sie noch ein anderes Ger�usch wahrnahm. Leises Wimmern! Das war kein Troll! Sie beschleunigte ihren Schritt. Es stank nach Urin und kaltem Rauch. Das Wimmern wurde lauter. Eine Elfenstimme!</p><p>Nandalee sp�rte, wie der Tunnel weiter wurde. Unter das Miasma �bler Ger�che mischte sich der Gestank von Verwesung. Auch roch sie wieder das ranzige Fett, mit dem die Trolle sich einrieben. Sie hielt inne und �ffnete noch einmal ihr Verborgenes Auge. Eine weite, nat�rliche H�hle erstreckte sich vor ihr. Es gab etliche Zug�nge. Weit entfernt erkannte sie Gestalten, die am Boden kauerten und lagen. Trolle! Sie schienen zu schlafen oder zu d�sen.</p><p>Unmittelbar vor ihr in der Senke verdichtete sich das Netz der magischen Kraftlinien zu einem Gespinst aus dunkelrotem Licht, durchsetzt mit feinen Goldf�den. Dort wirkte ein Zauber von gro�er Macht, der in Verbindung mit einer der Tunnel�ffnungen und mit ihr stand.</p><p>Aus der Senke erklang auch das leise Wimmern, das sie hierhergelockt hatte. Entsprang das Gespinst aus Kraftlinien einem intuitiven Zauber? Lag dort unten ein Normirga? Ein Elf aus der Sippe der Windwanderer?</p><p>Der Trommelschlag tiefer im Berg wurde schneller, dr�ngender.</p><p>Nandalee hatte das Gef�hl, dass sie in eine Falle gelockt werden sollte. Sie wich ein St�ck zur�ck und verschloss sich dem magischen Blick auf die H�hle. Sie k�nnte sich lange im Berg verbergen. Er schien von Tunneln und nat�rlichen Grotten durchzogen zu sein. Bestimmt konnte sie einen Platz finden, an dem die Trolle sie nicht aufzusp�ren vermochten. Sie musste nur in eine Felsspalte klettern, die f�r Trolle zu eng war.</p><p>�Nandalee �� Die Stimme ging ihr durch Mark und Bein. Als Kind hatte diese Stimme ihr Nachtlieder gesungen. Sie geh�rte Elleyna, die lange mit Duadan zusammengelebt hatte. Sie war dort unten. Dort, wo der Zauber wirkte.</p><p>�Bitte ��</p><p>Aus einem nahen Tunnelausgang erklang ein kratzendes Ger�usch, als schabe Stein auf Stein. Sie konnte die Trolle riechen! Sie waren hier und warteten auf sie. Wie konnte das sein?</p><p>Jetzt erklang auch hinter ihr im Tunnel ein Ger�usch. Schlurfende, schwere Schritte bewegten sich auf sie zu. Auf diesem Wege w�rde sie nicht mehr entkommen k�nnen. Wer immer dort ging, gab sich nicht die geringste M�he, sich lautlos zu bewegen. Die Trolle wollten, dass sie wusste, dass sie umzingelt war.</p><p>Nandalee griff nach dem Schwert. Sie war fast eine Drachenelfe! Vielleicht war sie nicht so t�dlich wie Ailyn oder Gonvalon, aber sie war bei Weitem nicht mehr die einfache J�gerin, die von den Trollen durch die verschneiten W�lder Carandamons gehetzt worden war.</p><p>Nandalee eilte in die Senke hinab, dorthin, wo Elleynas Stimme erklungen war. Sie w�rde sie hier herausbringen. Auch wenn die Trolle sie aufgesp�rt hatten, konnten sie nicht darauf vorbereitet sein, was sie nun erwartete.</p><p>Gonvalons Schwert war ganz von silbergrauem Licht umflossen. Es schien die Dunkelheit kaum zu durchdringen und entriss ihr keinerlei Farben. Nur Grau und Schwarz waren zu sehen. Ein St�ck voraus erhob sich ein eigenartiger Fels. Darauf lag etwas von der Gr��e eines Wasserkrugs. Gehetzt sah Nandalee sich um. Wo war Elleyna? Hinter dem Stein? �ber sich h�rte sie kehlige Stimmen fl�stern.</p><p>Nandalee erreichte den Stein. Darauf lag ein abgeschnittener Kopf. Elleyna! Ihre Augen waren in den H�hlen verdreht und starrten zu ihr hinauf. �Erl�se mich �� Ihre Lippen zuckten, der Mund war halb ge�ffnet. Etwas steckte darin.</p><p>Nandalee dachte an einen fernen Fr�hling, als sie sich beim Klettern in B�umen den Arm gebrochen hatte. Die Windwanderer waren keine gro�en Zauberweber. Duadan hatte ihr den Arm geschient und ihr befohlen, sich ruhig zu verhalten und sein Zelt nicht zu verlassen. Die Entscheidung war ihr damals ungerecht vorgekommen. Sie h�tte doch auch drau�en still sitzen k�nnen � Der Fr�hling war so kurz in Carandamon, und sie war in einem Zelt gefangen. Heute wusste sie es besser. Drau�en w�re sie der Versuchung erlegen, durch die W�lder zu streifen und die Wunder des Fr�hlings zu bestaunen.</p><p>In dieser Zeit war Elleyna mit ihr im Zelt geblieben. Sie hatte ihr Geschichten erz�hlt von gro�artigen Jagden, entt�uschter Liebe, von den Alben, die manchmal zu den Elfen kamen, die ihre liebsten Kinder waren. Von Ny Rin aus der Sippe der Wolfsz�hne, die auf dem R�cken einer Regenbogenschlange hinauf zum Blauen Stern geritten war und eine Gef�hrtin des Alben wurde, den alle den S�nger nannten. Elleyna hatte es geschafft, ihr die Tage im Zelt wie einen langen, wunderbaren Traum erscheinen zu lassen. Und was f�r seltsame Geschichten sie kannte! Von den Elfen Arkadiens, die in Pal�sten von kalter Pracht lebten, die ihre Herzen so sehr verh�rtet hatten, dass sie die Sch�nheit der Natur nicht mehr zu begreifen vermochten. Von den Himmelsschlangen und ihren Todfeinden, den schrecklichen Devanthar, die in einer fernen Welt darauf lauerten, das Werk der Alben zu vernichten.</p><p>�Was haben sie dir angetan?� Sie lehnte ihr Schwert an den Stein, hob Elleynas Haupt auf und lie� es fast wieder fallen. Der dunkle Zauber, der es umgab, wollte auf sie �bergreifen, sie einspinnen in Kraftlinien aus dunklem Rot und strahlendem Gold.</p><p>Wieder bewegten sich die Lippen Elleynas. Sie waren aufgeplatzt. Sie war geschlagen worden. Nandalee zwang die Finger in den Mund der Toten und bekam etwas Glitschiges zu packen, das verzweifelt versuchte, sich ihr zu entwinden. Die Elfe zerrte eine kleine, schwarzrote Kr�te aus dem Mund der Toten. �Erl�se mich!�</p><p>Es war die Kr�te, die mit Elleynas Stimme sprach. Sie sah die Angst in den Augen des Tiers, das verzweifelt aus ihrer Hand zu entkommen versuchte. In dem abgetrennten Kopf war immer noch Leben.</p><p>Nandalee setzte die Kr�te behutsam auf den Stein. Sie blickte in Elleynas aschfahles Antlitz. Das Ger�usch der F��e war verstummt. Die J�gerin sp�rte, wie sie angestarrt wurde. Sie konnte die Trolle atmen h�ren. Der Gestank nach Fett und ungewaschenen Leibern war �berw�ltigend.</p><p>Z�rtlich k�sste sie die Stirn der Toten. �Du hast mir gezeigt, wie gro� und wunderbar unsere Welt ist, ohne dass wir daf�r auch nur unser Zelt verlassen h�tten. Das werde ich dir nie vergessen.� Ein Wort der Macht brach den Zauber, lie� die dunkle Macht zu ihrem Ursprung zur�ckschnellen. Sie h�rte einen erschrockenen Schrei.</p><p>Kalte Wut erfasste sie. Sie wollte sich ihren Gef�hlen nicht hingeben, wie an jenem Tag, an dem Sayn gestorben war. Aber sie w�rde die Trolle daf�r b��en lassen, was sie Elleyna angetan hatten.</p><p>�Du also bist Nandalieh.�</p><p>Einer der Trolle sprach elfisch! Zwar mit starkem Akzent, aber doch verst�ndlich. Verbl�fft blickte sie zum Rand der Felsmulde hinauf. Sie vermochte nur Schatten zu erkennen. Gro�e Schatten!</p><p>�Wir sind vor deinem �berfall gewarnt worden.�</p><p>Nandalee meinte eine Spur H�me aus der Stimme herauszuh�ren, die sich so sehr mit dem Elfischen abm�hte.</p><p>�Ich wusste, dass du kommen w�rdest. Ich habe einen starken Jagdzauber gewoben, der dich hierher zur�ckf�hren musste. Irgendwann � Du bist kleiner, als ich erwartet hatte. Aber um mit Pfeilen zu t�ten, braucht man weder Mut noch Kraft. Holt sie mir. Lebend!�</p><p>Die Schatten st�rmten die Felsmulde.</p></section><section><title><p>Trolltrauer</p></title><p>Nandalee ging in den tiefen Stand der Schwertmeister und hob ihre Klinge schr�g �ber den Kopf. Das Licht, das von Gonvalons Schwert ausging, war ein wenig heller geworden. Doch immer noch trank es die Farben. Alles, was es der Dunkelheit entriss, sah grau und leblos aus. Sieben Trolle st�rmten in die Senke hinab. Sie w�rden sich gegenseitig bei ihren Angriffen behindern, dachte Nandalee und machte einen Schritt auf den vordersten Angreifer zu. Er war ein bulliges Ungeheuer, das sie um mehrere Hauptesl�ngen �berragte. Seine Haut hatte die Farbe von hellem Granit, mit dunklen Einsprengseln. Schmucknarben, die wohl einen stilisierten Wolfskopf darstellen sollten, bedeckten Bauch und Brust ihres Angreifers. Wenn sie ihm Gl�ck bringen sollten, hatte ihr Zauber versagt. Sie unterlief seinen Keulenhieb und zog ihm die Klinge �ber den fettgl�nzenden Bauch. Als er zur�cktaumelte, quollen ihm die Eingeweide aus dem Leib, und er brachte zwei seiner Gef�hrten zu Fall.</p><p>Nandalee setzte nach, hechtete zwischen den Beinen eines Angreifers hindurch und hieb ihm im Aufstehen das Schwert in die Kniebeuge. Die Trolle waren ungelenke Gesch�pfe, mit zu langen Armen und kurzen, muskul�sen Beinen. Kein Haar wuchs auf ihren K�rpern, und sie trugen kaum Kleidung, allenfalls einen Lendenschurz oder ein Fell, um die H�ften geschlungen. Viele hatten sich mit Ru� bemalt. Muster aus Streifen und Punkten bedeckten Arme und Beine. Geschw�rzte Lider lie�en ihre Augen riesig erscheinen. Ihre M�nder erinnerten an kurze Hundeschnauzen und ragten leicht aus dem Profil des Kopfes hervor.</p><p>Eine Steinaxt sauste nieder. Sie wich seitlich aus, gerade so weit, dass sie der Hieb verfehlte, dann stie� sie dem Angreifer das Schwert in den Bauch. Sie wollte den Troll, der zu ihr gesprochen hatte, den K�nig. Wenn sie ihn t�tete, dann w�re die Blutfehde endlich beendet.</p><p>�Wie viele deiner Krieger willst du f�r dich sterben lassen?�, schrie sie und wich einem Fausthieb aus, der ihr die Rippen h�tte zerschmettern k�nnen. Sie wiederholte die Worte in der Sprache der Trolle. Ungelenk. Kein Elf war in der Lage, diese Laute nachzuahmen, die sie eine Sprache nannten.</p><p>Sie sp�rte einen Angreifer hinter sich, lie� sich zu Boden fallen und rollte zur Seite. Ein Troll versuchte nach ihr zu treten. Ihre Klinge schnellte vor. Er verlor drei Zehen.</p><p>�Komm hier herunter und k�mpf mit mir allein, wenn du ein Krieger bist!� Diesmal bediente sie sich gleich der Sprache der Trolle. Alle sollten es h�ren. Sie wollte, dass dieser K�nig all sein Ansehen verlor. Seine tumben Gefolgsleute sollten klar erkennen, dass er ein Feigling war. Das musste auch in ihre dicken Sch�del gehen.</p><p>Ihr Schwertgriff war rutschig vom Blut geworden. Sie wechselte aus dem beidh�ndigen Griff nach links, duckte sich und dr�ckte ihre Rechte in einen Sandstreifen am Rand der Mulde.</p><p>�Zur�ck!�, rief der Trollk�nig. �Zur�ck! Sie hat einen Daimon in sich!�</p><p>�Diesen Daimon habt ihr beschworen, als ihr meine Sippe gemordet habt! Gebt die Meinen heraus! Das ist der einzige Weg, mich zu bannen.�</p><p>�Steine! Werft Steine nach ihr! Aber t�tet sie nicht.�</p><p>Hastig gehorchten seine Krieger. Sie zogen sich zur�ck. Doch Nandalee blieb an ihrer Seite. <emphasis>L�se dich nicht von einem fliehenden Feind, bis er endg�ltig geschlagen ist.</emphasis> Der Satz ging ihr durch den Kopf. Eine der zahllosen Kriegsweisheiten, die ihr in der Wei�en Halle eingetrichtert worden waren. Sie hieb nach den Trollen, ihr Schwert zerteilte Fleisch, spaltete Knochen. Schreckensschreie begleiteten jeden ihrer Hiebe. Wer in ihrer N�he war, versuchte auszuweichen. Gleichzeitig formierten die Trolle sich in ihrem R�cken neu.</p><p>Ein Stein verfehlte sie und traf einen Troll neben ihr. Gonvalons leuchtende Klinge wob t�dliche Runen in die Luft. Sie zuckte auf und nieder, stie� vor.</p><p>�Erschlagt sie!�</p><p>�Wo steckt der Schwertdaimon?�</p><p>�K�mpft, ihr Feiglinge!�</p><p>Sie schrien durcheinander.</p><p>Nandalee wich einem Speersto� aus. Ein rascher Hieb kappte die steinerne Spitze vom Schaft. Ein Keulenhieb verpasste sie. Zu knapp! Sie verlor ihre innere Ruhe! Klirrend lenkte sie mit der Klinge einen Stein ab, der fast ihren Kopf getroffen h�tte. Riesige H�nde griffen nach ihr und zuckten wieder zur�ck, als zwei Fingerkuppen zu Boden purzelten.</p><p>Sie trat in eine Pf�tze aus Blut und rutschte leicht zur Seite. Der Speer ohne Spitze stach erneut nach ihr. Sie warf sich herum, rutschte weiter, schlitterte ein St�ck in die Senke zur�ck und wurde von einem Stein in den R�cken getroffen. Pfeifend wich ihr die Luft aus den Lungen. Sie duckte sich unter einem Keulenhieb, vermochte einem Tritt aber nicht mehr auszuweichen. Noch im Fallen lie� sie das Schwert in blitzendem Kreis um sich wirbeln. Eine Hand packte ihr Haar und schlug ihren Kopf auf den Boden. Nandalee stach ihre Klinge in eine Wade, dann wurde ihr Arm herabgedr�ckt. Ein schwerer Fu� presste ihn auf den Felsboden.</p><p>�Bringt sie nicht um! Sie geh�rt mir!�</p><p>Nandalee wurde emporgerissen. Etwas Stumpfes schlug auf ihre Schwerthand. Sie sp�rte, wie Knochen brachen. Die Waffe entglitt ihr. Wieder wurde an ihrem Haar gezerrt. Ihr Kopf ruckte hart zur Seite, schlug gegen einen eingefetteten Wanst.</p><p>Ein Troll schwang grinsend eine goldene Haarstr�hne vor ihrem Gesicht, an dem ein blutiger Fetzen ihrer Kopfhaut hing.</p><p>�Genug! Ihr bekommt alle etwas von ihr! Sp�ter.�</p><p>�Ich will ihre Schwerthand�, t�nte eine schmerzverzerrte Stimme. �Sie hat zwei Finger von meiner guten Hand abgeschlagen.�</p><p>�Ich will ihre Augen. Ich will ��</p><p>�Zur�ck! Keiner von euch wird einen Lappen ihres Fleisches bekommen, wenn ihr nicht gehorcht. Sie hat euch alle besch�mt! Ein Elfenweibchen, das hierherkam in meinen K�nigssitz und so viele von euch verletzte!� Ein breites Gesicht beugte sich �ber sie. Ein Schwerthieb hatte vor langer Zeit die Oberlippe des Trolls zerteilt und ihn einen seiner Rei�z�hne gekostet. Wucherungen bedeckten seine Wangen. Beulen aus Fleisch, die an gro�e Tr�nen erinnerten. Seine N�stern w�lbten sich. Er schnupperte an ihr, nahm Witterung auf.</p><p>�Das also ist dein Geruch. Hast gut gek�mpft. Das beruhigt mich. Es macht Schande, von einem Weibchen get�tet zu werden. Mit der Waffe der Feiglinge. Dem Tod, der auf dem Wind reitet. Du h�ttest ihn auch mit dem langen Lichtmesser besiegt. Warum nicht?�</p><p>Er w�rde nicht verstehen, warum sie seinen Sohn get�tet hatte. Dass der einzige Grund ihr J�hzorn gewesen war und der Zufall, dass ein ungezielt geschossener Pfeil das Auge des Trolls durchbohrt hatte.</p><p>Einer der Krieger versetzte ihr einen Tritt. �Rede!�</p><p>�Lasst sie. Bringt sie zum Fressplatz und macht Feuer.�</p><p>Nandalee wurde auf die Beine gerissen. Je ein Troll hielt einen ihrer Arme.</p><p>�Was hat mich verraten?�</p><p>Der Trollk�nig blickte sie ver�chtlich an. �Warum starb mein Sohn?�</p><p>Sie erz�hlte ihm von der Jagd nach dem wei�en Hirsch. Wie lange sie ihm gefolgt war und wie sein Sohn einen Herzschlag, bevor sie den perfekten Schuss versuchen konnte, das edle Tier zerfetzt hatte.</p><p>�Ein Kampf um Beute �� Er nickte. �Du bist eine kluge J�gerin. Ich werde deinen Verstand fressen. Von dir lernen.� Er fuhr ihr mit einem ausgestreckten Finger �ber die Stirn. �Da scheidet das Sch�delmesser. Erst die Haut. Wir ziehen deine Haare zur�ck. Dann scheide ich den Knochen. Du wirst noch leben, wenn meine Hand in deinen Kopf greift. Wenn du nicht schreist, macht das Ehre. Dann bleiben deine Knochen hier. Unsere Welpen spielen damit. Wenn du schreist, lege ich deine abgeschnittenen H�nde und deinen leeren Sch�del in das Grab meines Sohns. Du wirst ihm in der Dunkelheit immer dienen.�</p><p>�Wie hast du meine Sippe gefunden? Was habe ich zur�ckgelassen?�, fragte sie verzweifelt. �Und wo sind sie jetzt?� Sie musste es wissen. Das Ausma� ihrer Schuld erkennen. Verstehen, wof�r sie sterben w�rde. Wof�r die Windwanderer gestorben waren.</p><p>Der Troll sah sie verst�ndnislos an. �Wir haben deine Sippe ohne dich gefunden.�</p><p>�Aber woher wusstet ihr, dass es die Windwanderer waren, von denen ich kam? Was habe ich �bersehen, das euch auf diese Spur gebracht hat?�</p><p>Der Trollk�nig sch�ttelte den Kopf. �Ich verstehe nicht.�</p><p>�Wo habt ihr das Zeichen des Hirschs gefunden? Das Totem meiner Sippe. War es auf einem meiner Pfeile?�</p><p>Er schnaufte. �Wir Trolle sind nicht dumm. Ihr seid dumm, weil ihr das glaubt. Wir sind J�ger, wie ihr es seid. Und unsere Schamanin kann dunkle Zauber kn�pfen. Kann Tote reden machen. Und sie kann Spuren sichtbar machen mit ihrer Zaubermacht. Wir folgten der Spur des Windschlittens. Ein sehr weiter Weg. Der alte Mann hat mich zu deiner Sippe gef�hrt, Nandalieh.�</p><p>�Duadan �� Sie konnte nicht glauben, was sie geh�rt hatte. �Wie � das kann nicht � Ich bin es doch gewesen!�</p><p>�Trolle sind nicht dumm! Der Zauber hat die Spur des Windschlittens gezeigt. Und der Jagdzauber hat dich hierher zur�ckgerufen. Ich wusste, dass du kommen w�rdest. Und wir wurden gewarnt vor dir. Bist brav dem Licht gefolgt, das wir f�r dich aufgestellt haben. Bist die Letzte.� Er fuhr sich �ber die seltsamen W�lste im Fleisch seiner Wangen. �Alle sind hier. Von jedem rechten kleinen Finger ein Knochen. Deine Sippe ist tot, f�r immer. Alle! Sie werden nicht wiederkommen. Ihre Seelen sind f�r immer im Dunkel. An mich gebunden. Auch wenn ich im Grab liege. Sehr starker Zauber! Nur du darfst gehen. Wenn du nicht schreist.�</p><p>Nandalee blickte schockiert auf die W�lste. Unter zwei von ihnen sah sie frisch verkrustete Schnitte. Hatte er sich wirklich Fingerknochen unter die Haut geschoben? Sie �ffnete ihr Verborgenes Auge. Im selben Augenblick traf sie ein Schlag ins Gesicht, so hart, dass ihr Kopf in den Nacken gerissen wurde.</p><p>�Nicht Zauber kn�pfen!�</p><p>Nandalees Lippen waren aufgeplatzt. Blut troff �ber ihr Kinn. �Wo sind meine Leute?�</p><p>Der Trollk�nig wandte sich ab. �Du gehst zu ihnen. Bald. Jetzt ist genug geredet. Bereitet sie vor. Wir wollen ein Ende machen.�</p></section><section><title><p>Von Pferde�pfeln und vollkommener Macht</p></title><p>Der Goldene blickte auf die verschneite Nordflanke des K�nigssteins hinab. Er stand an der Reling des Blauen Sterns, jenes verwunschenen Schiffes, auf dem der S�nger �ber die Himmel reiste. Der Alb war nicht an Bord. Und niemand wollte ihm sagen, wo er war. Ob der S�nger etwas wusste? War er vor ihm geflohen? Zwei Tage war er schon an Bord des Himmelsschiffes. Seit seinem Besuch am Hof Bromgars, des Trollk�nigs. Er war ihm in seiner Gestalt als Elf erschienen, was f�r einige Unruhe gesorgt hatte, bis er seinen Charme hatte spielen lassen.</p><p>Tief in Gedanken strich sich der Goldene �ber sein Gesicht. Es f�hlte sich fremd an. Dabei hatte er diese Elfengestalt schon oft angenommen, wenn er unter den Albenkindern wandelte. Sein Gesicht kribbelte, als liefen Fliegen dar�ber. War ihm ein Fehler unterlaufen? Er l�chelte. Nein! Es war nur fremd.</p><p>Selbstzufrieden betrachtete er die drei Elfen neben der Klamm. Sie hatten ihn �berrascht. Es war ein schwerer R�ckschlag, Gonvalon als seinen Schwertmeister verloren zu haben. Er hatte das Ungeheuer des Fleischschmieds tats�chlich erschlagen. Aber um welchen Preis! Die beiden Maurawani kauerten neben ihm und versuchten die Sensenklaue abzus�gen, die seinen Leib durchschlagen hatte. Noch lebte Gonvalon �</p><p>Der Goldene konnte h�ren, was die Elfen besprachen. Wie sie sich verzweifelt berieten und um Gonvalons schwindendes Leben k�mpften. Von Norden zogen schwarze Sturmwolken auf. Sie mussten in die Klamm hinab, um Schutz zu suchen. Aber sie wollten Gonvalon nicht im Stich lassen. Tapfere Narren. Schade, dass er sich an dieser Trag�die nicht bis zu ihrem Schluss w�rde erg�tzen k�nnen.</p><p>Der Goldene vermochte auch zu h�ren, was die Trolle in ihrem Berg besprachen. Sie redeten nicht viel. Meist �ber ihr Essen oder eine Jagd. Nandalee hatte sich erstaunlich schnell fangen lassen. Sie war wohl doch nicht so besonders, wie sein Bruder Nachtatem dachte. Alles war mehr oder minder so gekommen, wie er es vorhergesehen hatte. Nun stand ein Festmahl nach Art der Trolle an. Er war noch nie Zeuge ihrer makabren Rituale geworden. Man musste schon ein Troll sein, um zu glauben, dass man die Weisheit seines Feindes �bernahm, wenn man sein Hirn fra�. Er l�chelte. Ob Nandalee wohl schreien w�rde?</p><p>Das Deck hinter ihm knarrte. Er blickte zur�ck, und seine gute Laune verflog. Eine vermummte Gestalt kam auf ihn zu. Sie trug ein gelbes Kleid mit roten Blumen, dar�ber eine dick gesteppte, schreiend gr�ne Weste. Eine spitze, rotbraune Nase lugte �ber einen mottenzerfressenen lila Schal hinweg. Stechende, schwarze Knopfaugen fixierten ihn aus dem Halbschatten eines rosafarbenen Kopftuchs. Sata, die Personifikation des schlechten Geschmacks und der Impertinenz. In Abwesenheit des S�ngers f�hrte sie das Kommando auf dem Blauen Stern. Kurz spielte er mit dem Gedanken, eine B�e zu rufen, die das Koboldweib von Deck fegte. Er w�rde niemals begreifen, wie man einem solchen Gesch�pf die Befehlsgewalt �ber mehr als nur ein paar Putzlappen geben konnte. Die Alben begannen verr�ckt zu werden. Anders war es nicht zu erkl�ren. Er h�tte den S�nger auf seine Liste nehmen sollen.</p><p>�Wir werden h�her steigen, um dem Sturm auszuweichen.� Durch den Schal vor ihrem Mund klang die Stimme der Koboldin dumpf und undeutlich. Vielleicht nuschelte sie auch, um ihn zu �rgern. Erstaunlicherweise war sie gegen seinen Charme v�llig immun. Vorgestern erst war er in Elfengestalt in die Festung der Trolle marschiert, und obwohl diese hirnlosen H�nen Elfen abgrundtief hassten, waren sie zahm wie Welpen gewesen. Sie hatten ihn sogar zu dem kleinen Mahl einladen wollen, das sie veranstalteten, nachdem sie seine Nachricht erhalten hatten.</p><p>�Euer Schwertmeister stirbt.�</p><p>Er blickte zur aufziehenden Sturmfront und dachte wieder an eine pl�tzliche Windb�e. Er schloss die Augen und konzentrierte sich ganz auf die drei Elfen oberhalb der Klamm. Gonvalon war aus seiner Ohnmacht erwacht. Er bestand darauf, dass sie in den K�nigsstein gingen, um Nandalee zu holen. Herrlich! R�chelnd, mit einer Sensenklaue in der Brust ein Heer von Trollen herausfordern zu wollen. Gonvalon war immer schon ein wenig weltfremd gewesen, aber heute �bertraf er sich selbst. Und die sonst so n�chternen und eigenn�tzigen Maurawani dachten ernsthaft dar�ber nach. Der letzte Akt dieses Dramas w�rde unterhaltsamer werden, als er erwartet hatte.</p><p>�Kleinliche Rachsucht und Voyeurismus stehen einem von den Alben ernannten Weltenh�ter, der von manchen gar Licht des Himmels genannt wird, schlecht zu Gesicht.�</p><p>�Von ferne zu beobachten und sich nicht in die Geschicke der Albenkinder einzumischen, habe ich von meinen Sch�pfern gelernt.�</p><p>�W�hnen die Himmelsschlangen, ein Ebenbild ihrer Sch�pfer zu sein und sich folglich wie diese verhalten zu k�nnen?�</p><p>Seine Konzentration war dahin. Er drehte sich zu der Koboldin um, die stoisch seinem zornigen Blick standhielt. �F�r ein kleines, altes Weib, dessen Aufgabe es ist, Pferde�pfel vom Flugdeck zu fegen, f�hrst du ein erstaunlich freches Mundwerk.�</p><p>�Da Ihr ganz richtig erkanntet, dass es meine Aufgabe ist, mich um Schei�haufen an Deck zu k�mmern, ahnt Ihr vielleicht schon, warum ich das Gespr�ch mit Euch suche.�</p><p>Der Goldene war verbl�fft. Eine Weile blickte er ungl�ubig auf die Koboldin herab, dann brach er in schallendes Gel�chter aus. Langsam begann er zu begreifen, warum sich der S�nger diese Kreatur hielt. Sie war am�sant! Er war fast so alt wie die Welt, und noch nie hatte es jemand gewagt, so zu ihm zu sprechen. Das war eine neue Erfahrung. Und Tage, an denen er noch etwas Neues erlebte, waren �beraus selten geworden. Er w�rde sich revanchieren und ihr ein unerwartetes Schauspiel bieten. �Du findest also, ich sollte unseren strahlenden Helden heilen, damit er der bedrohten Maid im letzten Augenblick zu Hilfe eilt.�</p><p>�Darin w�rde ich in der Tat eine gewisse Gr��e sehen.�</p><p>�Nandalee ist eine j�hzornige M�rderin, die das Schicksal in die H�nde des Vaters spielte, dessen Sohn ihr Opfer wurde. Auch wurde prophezeit, dass sie wom�glich die Ordnung dieser Welt zerst�ren wird. Und du findest, sie sollte leben.�</p><p>�Betrachtet Ihr Euch als Verk�rperung der Ordnung dieser Welt?�, fragte Sata ruhig.</p><p>�Hast du keine Angst, dass du mich erz�rnen k�nntest, kleines Koboldweib? Du wei�t, dass ich kein Elf bin.�</p><p>�Ich wei�, dass ich in Euren Augen nicht mehr bedeute als die Pferde�pfel, die ich von Deck fege, Licht der Sonne. Nun bedenkt, aus welcher H�he ein solcher Pferdeapfel f�r gew�hnlich herabf�llt. Wie viel tiefer st�rzt die Sonne, wenn sie f�llt? Was habe ich schon zu verlieren im Vergleich zu Euch?�</p><p>Der Goldene musste lachen. �Ich werde den S�nger bei Gelegenheit fragen, ob ich dich einmal ausleihen kann.�</p><p>�Um vor Eurer T�r zu fegen?�</p><p>�Erwartest du dort Misthaufen?�</p><p>Dieses Mal blieb sie ihm eine Antwort schuldig.</p><p>�Also gut. Ich gebe dem Schicksal der beiden eine andere Wende. Aber bitte bedenke, dass selbst der gr��te Poet eine Trag�die im letzten Akt nicht mehr in eine Kom�die umzudichten vermag.�</p></section><section><title><p>Geteilte Erinnerungen</p></title><p>Eleborn wurde mit jedem Tag unruhiger. Er hatte geglaubt, der Himmlische habe ihn berufen, um ihn unter seine Drachenelfen aufzunehmen. Er war gl�cklich gewesen, dass der Himmlische durch einen Boten an ihn herangetreten war. Der Drache galt als die weiseste der Himmelsschlangen, besonnen und so unermesslich stark wie das Wasser, das auf die Dauer selbst den h�rtesten Fels zerm�rbte.</p><p>Doch statt ihn zum Drachenelfen zu machen, hatte er ihn in die Blaue Halle geschickt. Dort musste er lesen, sich Geschichten �ber die Menschen aus Drus und Aram erz�hlen lassen. Stundenlang, jeden Tag. Es schien, als solle er auf eine Mission vorbereitet werden. Aber dazu musste er doch erst ein Drachenelf sein!</p><p>Jetzt hatten sie ihn in einen Hain etwa eine Meile westlich der Blauen Halle bestellt. Er sa� auf einem Stein inmitten einer Lichtung. Die Oberfl�che des gro�en Steins war zerfurcht. In den tiefen Rillen schimmerte es rotbraun. Rost? Vielleicht war Eisenerz in dem Stein enthalten? Getrocknetes Blut?</p><p>Eleborn sah sich nerv�s um. War das hier ein Richtplatz? Wussten sie es? Er hatte beim Kampf um die Tiefe Stadt zwei dieser seltsamen Tauchf�sser der Zwerge entkommen lassen. Es waren Frauen und Kinder an Bord gewesen, und er hatte die Wei�en Schlangen zur�ckgehalten.</p><p>Der junge Elf straffte sich und atmete tief ein. Er betrachtete die Birken, die die Lichtung umstanden, die feuerroten Mohnbl�ten auf der Wiese, die Bienen, die summend von Bl�te zu Bl�te huschten. Es war ein sch�ner Ort, voller gesch�ftiger Harmonie. Nur von dem Felsen, auf dem er sa�, ging etwas Dunkles aus.</p><p>Er w�rde wieder so entscheiden. Immer wieder, wenn er die Wahl h�tte, einem zu grausamen Befehl zu gehorchen oder sich dagegen aufzulehnen. Vielleicht hatte er seinen Unmut �ber das Massaker zu deutlich in der Wei�en Halle gezeigt? War zu nah mit Nandalee befreundet. Wie es ihr wohl ergangen war? War sie genesen?</p><p>Zwischen den B�umen erschienen zwei Gestalten. Eine in Bl�tenwei�, die andere in lichtem Blau gekleidet. Sein Tribunal? Mit Schrecken erkannte er jetzt die Elfe in Wei�. Lyvianne! Was tat sie hier? Sie nickte ihm zu. Ihr schwarzes Haar war zur�ckgek�mmt und zu einem einzelnen Zopf geflochten. Sie wirkte streng und unnahbar. Ihr Kleid mit hohem Stehkragen war mit goldenen Borten bestickt, was ihren Rang als Meisterin der Wei�en Halle unterstrich.</p><p>Sie schien gut gelaunt. Ein anz�gliches L�cheln spielte um ihre vollen Lippen, das auf ihrem schmalen, unnahbaren Antlitz deplatziert wirkte. �Ich gr��e dich, Eleborn, und begl�ckw�nsche dich zu der besonderen Mission, die dich erwartet. Ich kenne nur wenige, die diesen Schmerz und solche M�hsal auf sich genommen h�tten. Der Auftakt wird dir allerdings gefallen, sch�tze ich.�</p><p>Wie meinte sie das? Und was wusste sie �ber seine Mission? Sie war eine Dienerin des Goldenen. �blicherweise unterrichteten sich die Himmelsschlangen nicht untereinander �ber die Eins�tze ihrer Drachenelfen. Sofort wurde ihm der Fehler in diesem Gedanken bewusst. Er war ja noch nicht einmal ein Drachenelf.</p><p>�Ich gr��e auch dich, Lyvianne�, entgegnete er mit wenig Enthusiasmus.</p><p>�Darf ich dir Shianne Lyn vorstellen.� Sie bedachte die kleine, braunhaarige Elfe in ihrem Gefolge mit einem freundlichen L�cheln. �Sie arbeitet in den Archiven der Blauen Halle. Unbegreiflicherweise! Ihr gro�es Talent ist das Harfenspiel. Sie vermag mit ihren Melodien die Seelen ihrer Zuh�rer zu ber�hren. Sie ist einzigartig, Eleborn. Es ist ein Privileg, ihr lauschen zu d�rfen.�</p><p>Shianne Lyn err�tete. �Ich vermag mich in Euren Worten nicht wiederzuerkennen, Meisterin. Gewiss werde ich Eleborn nun entt�uschen.� Die Harfenspielerin l�chelte ihn an. �Erwartet bitte nicht zu viel. Dieses Instrument ist neu und wir beide sind noch nicht wirklich miteinander verwachsen.� Sie strich leicht mit den Fingerspitzen �ber die Saiten.</p><p>Eleborn sah verwundert auf das Instrument. Schon diese kurze Tonfolge hatte etwas Ber�hrendes. Er f�hlte sich leichter, als habe der Klang der Harfe seine Sorgen von ihm genommen. �Erstaunlich �� Er �ffnete sein Verborgenes Auge. Shianne Lyn hatte keine Magie in ihr Harfenspiel gewoben. Auch das Instrument war nicht mit einem Zauber belegt. Es erschien ihm ein wenig zu gro�, um es w�hrend des Spiels im Arm zu halten. Aus rotbraunem Holz gefertigt, war es mit schlichtem Schnitzwerk geschm�ckt. Verschlungene Linien, die spielerisch ineinander �bergingen. Es gab keine Intarsien, kein Gold oder Silber.</p><p>�Mir ging es genau wie dir, als ich diese Harfe zum ersten Mal h�rte�, sagte die junge Elfe. �Ihr Klang machte mir das Herz frei. Dabei scheint dem Instrumentenbauer sogar ein Fehler unterlaufen zu sein. Sie hat nur siebenundzwanzig Saiten, was sehr wenig ist.� Wieder lie� sie ihre Fingerspitzen �ber das Instrument gleiten.</p><p>�Du solltest ihr deinen Platz anbieten, Eleborn�, ermahnte ihn Lyvianne. �Das Instrument ist schwerer, als es aussieht. Shianne Lyn sollte es abst�tzen, wenn sie darauf spielt.�</p><p>Eleborn r�usperte sich verlegen. �Nat�rlich. Entschuldigung.� Er erhob sich von dem Stein, mochte sich aber nicht an Lyviannes Seite stellen. Ihre Anwesenheit hier war ihm unheimlich. Sie � Ein Schatten glitt �ber die Lichtung. Das Summen der Bienen verstummte. Das Harfenspiel verklang mit einem dissonanten Akkord. Totenstille legte sich �ber das Land.</p><p>Pl�tzlich sp�rte Eleborn, wie das magische Netz sich zusammenzog. Lyvianne drehte sich zu ihm um. Auch sie hatte es bemerkt. �Er kommt�, sagte sie schlicht.</p><p>Eleborn wusste pl�tzlich nicht, wo er seine H�nde lassen sollte. Ein Schatten zeigte sich zwischen den Birken. Noch immer war kein Laut zu h�ren.</p><p>�Mir scheint, er m�chte zun�chst mit dir allein sprechen.� Lyvianne bedeutete ihm mit einer Geste, die Lichtung zu verlassen. �Bis gleich.�</p><p>Ihre letzten Worte wurden wieder von einem sinnlichen L�cheln begleitet. Was sollte das? Was wusste sie, was ihm verborgen war? Eleborn war das Ganze unheimlich. Was hier geschah, verstie� gegen alle Regeln! Warum war sie in etwas eingeweiht, das ihn betraf?</p><p>Mit klammem Gef�hl ging er dem Waldrand entgegen. Er sp�rte die Aura der Macht, noch bevor er den Himmlischen sah. Der Schatten war verschwunden.</p><p>Eleborn stieg einen sanft abfallenden Hang zu einem Bachlauf hinab. Ein seltsames, diffuses Licht fra� alle Schatten. Es schien von �berallher zugleich zu kommen.</p><p><emphasis>Warum f�rchtet Ihr mich, Edler Eleborn?</emphasis> Die Stimme war pl�tzlich in seinem Kopf. <emphasis>Ich wei�, was Ihr in der Tiefen Stadt getan habt. Meine Br�der auch. Im Gegensatz zu den meisten von ihnen sch�tze ich es, dass Ihr Erbarmen gezeigt habt. Dies ist der Grund, der mich bewog, Euch aus der Wei�en Halle abzuberufen.</emphasis> Die Stimme durchdrang ihn mit sanfter, warmer Kraft, sie f�llte ihn aus wie Wasser ein leeres Gef��. Seine Angst verflog.</p><p><emphasis>Steigt zum Bach hinab und haltet Euch links, Edler Eleborn. Ihr findet mich bei der Quelle.</emphasis></p><p>Der Elf gehorchte. Er fand einen von Moos �berwucherten Felsspalt, aus dem der Bach entsprang. Dicht daneben war eine Nische in das Gestein geschlagen worden. Dort stand eine handgro�e Figur aus T�rkis, die einen schlanken Mann mit �bergro�en Augen darstellte. Girlanden aus geflochtenen Blumen waren darum gelegt. L�wenzahn und G�nsebl�mchen, welke Mohnbl�ten. Am h�ufigsten Kornblumen.</p><p>Ein schlanker Elf in einer himmelblauen Tunika sa� in der Nische und lie� eine Blumengirlande gedankenverloren durch seine Finger gleiten. Obwohl er sa�, begegnete sich ihr Blick auf gleicher H�he.</p><p><emphasis>Ich wei�, ich verlange Euch viel ab, Edler Eleborn. Euch ist bekannt, dass die Elfen der Blauen Halle uns gute Dienste in der Anderen Welt leisten. Einer von ihnen scheint sein Ziel aus den Augen zu verlieren. Er ist zu lange dort und beginnt zu denken wie ein Mensch. Ihr sollt ihn ersetzen. Doch dies ist ein langer und gefahrvoller Weg, der Euch abfordern wird, Euch selbst zu verleugnen, und Euch in Abgr�nde f�hren wird, wie Ihr sie Euch nicht vorzustellen verm�gt. Werdet Ihr diesen Weg f�r mich gehen?</emphasis></p><p>Eleborn z�gerte. �Was hat Lyvianne damit zu tun? Dient sie nicht einem Eurer Br�der?�</p><p>Der Himmlische l�chelte, und ein Gef�hl grenzenloser Zuversicht kam �ber Eleborn. Wie hatte er so dumm sein k�nnen zu glauben, dass sein Meister nicht wusste, was er tat.</p><p><emphasis>Ist Euch der Unterschied zwischen einer Illusion und einer Verwandlung bewusst?</emphasis></p><p>�Eine Illusion gaukelt etwas vor. Eine Verwandlung hingegen erschafft eine neue Wirklichkeit.�</p><p><emphasis>Ich sehe mit Zufriedenheit, dass Ihr ein aufmerksamer Sch�ler des Schwebenden Meisters wart. Eine Illusion gaukelt etwas vor. Sie muss</emphasis><emphasis>durch einen permanenten Zauber aufrechterhalten werden. Wer sie durch</emphasis><emphasis>sein Verborgenes Auge betrachtet, kann das Gl�hen des magischen Netzes und die widernat�rliche Struktur, die erschaffen wurde, nicht �bersehen. Eine Verwandlung hingegen ist ein tiefer Eingriff. Sie erschafft eine neue Wirklichkeit. Der Vorteil ist, dass die magische Struktur sehr schnell unauff�llig wird. Darin liegt allerdings ein Risiko f�r den Verwandelten. Er kann sein wahres Selbst verlieren, wenn die Verwandlung zu lange andauert.</emphasis></p><p>Eleborn ahnte, worauf dies hinauslief. �Und eine Verkleidung?�</p><p><emphasis>Eine Verkleidung ist gef�hrlich. Wer dich mit dem Verborgenen Auge betrachtet, der wird den Elf in dir erkennen, wenn sein Misstrauen geweckt wurde.</emphasis></p><p>�Ich � ich soll also so menschlich werden, dass ich kein Aufsehen errege.� Nandalee hatte ihm von den Menschen erz�hlt. Von dem Schmutz und Gestank. Davon, wie sie die Welt, in der sie lebten, zerst�rten und alles Sch�ne besudelten. So sollte er werden! Eleborn war fassungslos. Wie konnte der Himmlische ihm das abverlangen? Ihm, der danach trachtete, die Welt sch�ner zu machen? Der es liebte, verg�ngliche Skulpturen aus Licht und Wasser zu erschaffen, deren einziger Zweck darin bestand, Auge und Herz des Betrachters zu erfreuen?</p><p><emphasis>Ich will Euch, Edler Eleborn, weil Ihr ein Zweifler seid. Weil Ihr</emphasis><emphasis>die Sch�nheit sch�tzt. Weil Ihr nicht leichtfertig t�ten werdet und doch dazu ausgebildet wurdet, es um so vieles besser zu tun als ein Elf der Blauen Halle, solltet Ihr dazu aufgerufen werden. Ich verhehle Euch nicht, dass der Tag kommen mag, an dem Ihr unseren Spitzel t�ten und seine Leiche verschwinden lassen m�sst. Denn sollte er lebend den Devanthar in die H�nde fallen, w�re der Schaden, der daraus erwachsen k�nnte, um ein Unendliches gr��er als der Nutzen, den Euer Vorg�nger uns brachte.</emphasis></p><p>Eleborn hatte das Gef�hl, von den Worten des Himmlischen hinabgezogen zu werden in die lichtlosen Tiefen seiner Seele. Es bereitete dem Drachen Kummer, einen Elfen, der den Himmelsschlangen lange Zeit treu gedient hatte, wom�glich t�ten lassen zu m�ssen. Doch er w�rde es tun.</p><p><emphasis>Wir k�nnen kein Band zwischen Euch und mir kn�pfen, so wie es �blich ist, wenn eine Himmelsschlange einen Elfen der Wei�en Halle erw�hlt. Es w�re ein Zauber, den ich zerst�ren m�sste, um Eurer Tarnung willen. Es sei Euch auch erlassen, einen Pegasus zu finden und zu z�hmen, wie es alte Sitte ist. All dies muss warten, denn die Zeit dr�ngt. Werdet Ihr Eure Mission annehmen, Edler Eleborn?</emphasis></p><p>Ohne seine Antwort abzuwarten, legte der Himmlische ihm seine Hand auf die Brust. Sie f�hlte sich schwer und k�hl an, und sie griff in sein Innerstes, ohne auch nur seine Haut zu ritzen. Er verharrte eine Weile. Es schien, als w�rde er einem fernen Gespr�ch lauschen. Schlie�lich l�chelte er, und Eleborn f�hlte sich unglaublich erleichtert.</p><p><emphasis>Das war alles, was ich wissen musste. Ihr seid der Mann, f�r den ich Euch gehalten habe. Kommt mit mir. Ich wei� jetzt, Ihr werdet mich nicht entt�uschen. Wir gehen nun zu Lyvianne.</emphasis></p><p>�Darf ich erfahren, was sie mit meiner Mission zu tun hat, Himmlischer?� Er war bem�ht, einen dem�tigen Ton anzuschlagen. Eleborn war sich bewusst, dass es ihm nicht zustand, so sehr auf dieser Auskunft zu beharren. Doch er vertraute der Meisterin der Wei�en Halle nicht.</p><p><emphasis>Ihr wisst um jenen Zauber, mit dem wir uns die Erinnerungen von Menschenkindern aneignen k�nnen?</emphasis></p><p>Eleborn nickte. Es war einer jener Zauber, die er ganz gewiss nie weben w�rde. Er n�hrte sich von der Lebenskraft der Menschenkinder und lie� einen jungen Mann binnen einer Nacht zum Greisen werden.</p><p><emphasis>Ich sp�re Euren Widerwillen, Edler Eleborn, doch m�sst Ihr Euch damit abfinden, dass alles seinen Preis hat. Die Devanthar sinnen auf unseren Untergang. Sie zwingen uns dazu, uns dagegen mit allen Mitteln zu wehren. Im Gegensatz zu den Devanthar sind wir jedoch durch die Fesseln moralischen Handelns gebunden. Stiehlt einer unserer Krieger die Erinnerungen eines Menschenkindes, so ist er aufgerufen, dar�ber Rechenschaft in der Blauen Halle abzulegen und einen Bericht mit den wichtigsten Erkenntnissen abzufassen. Shianne Lyn hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass Lyvianne �ber Erinnerungen verf�gt, die f�r Eure Mission �beraus n�tzlich sein k�nnten. Ihr werdet f�r viele Monde in die Welt der Menschenkinder gehen, Edler Eleborn. Wenn alles gut geht, sogar f�r Jahre. Doch die Zeit dr�ngt, deshalb k�nnt ihr die Sprachen und all das andere Wissen nicht auf dem �blichen Wege erlernen, auch wenn dies Euren hehren moralischen Anspr�chen gen�gen w�rde. Es ist die Not, die uns zwingt, alle unsere M�glichkeiten zu nutzen.</emphasis></p><p>Er dachte daran, wie Lyvianne versucht hatte ihn auszuhorchen, als Nandalee aus der Wei�en Halle verschwunden war. Es war schwer, ihr zu widerstehen, wenn sie etwas wollte, und er hasste die Vorstellung, ihr nun etwas schuldig zu sein.</p><p><emphasis>Ihr werdet ihr k�nftig nicht mehr oft begegnen, Edler.</emphasis></p><p>Eleborn zuckte zusammen, als die Stimme in seinem Kopf erklang. Er hatte vergessen, dass keiner seiner Gedanken dem Himmlischen verborgen blieb.</p><p><emphasis>Macht Euch keine Sorgen, Edler. Ihr habt nichts zu bef�rchten. Shianne Lyn wird auf der Harfe spielen. Ihr habt Euch ja bereits von ihrer Kunstfertigkeit �berzeugen k�nnen. Sie ist hier, damit Ihr all Eure �ngste und Sorgen loslasst. W�hrend sie spielt, werde ich mit der Verwandlung beginnen. Danach �berlasse ich Euch Lyvianne.</emphasis></p><p>�Was wird sie mit mir tun? Wie �bertr�gt man die Erinnerungen eines Menschensohns?�</p><p>Der Himmlische l�chelte. <emphasis>Dieser Zauber wird nicht schmerzen. Wenn ich mich richtig erinnere, geht es um einen Schweinehirten und einen F�rstensohn. Sie gibt die Erinnerungen auf demselben Wege weiter, auf dem sie sie an sich gerissen hat. Nur dass Ihr nicht altern werdet.</emphasis></p></section><section><title><p>Das Ende der Jagd</p></title><p>Nandalee blickte auf die stilisierte Rose auf der Felswand. Wer hatte sie dorthin gemalt? Wer immer es gewesen sein mochte, hatte seine letzte Stunde damit verbracht, etwas Sch�nes zu erschaffen. Sie war mit Blut gemalt. Ihr St�ngel eine wei�e Quarzader in der Granitwand.</p><p>Sie versuchte, nicht zur Seite auf die gespaltenen Brustk�rbe zu sehen. Auf die Sch�del in den Nischen der Felswand und die zersplitterten Knochen, aus denen das Mark gesogen worden war.</p><p>Sie hielten sie in einer Nische der gro�en H�hle fest, in der sie gefangen worden war. Es war ihr Beinhaus. Wer hierherkam, der wusste, dass er seinen Weg bis zum Ende gegangen war.</p><p>Die Trolle hatten ihr eine Schlinge aus schmutzigem Hanf um den Hals gelegt. Sie lag am Boden, die H�nde auf den R�cken gebunden, und einer der W�chter hatte seinen Fu� auf ihre Brust gesetzt. Sie konnte die Angst der W�chter riechen. Eine Gefangene wie sie hatten sie noch nicht gehabt. W�re es nach den einfachen Kriegern und J�gern gegangen, dann w�re sie schon tot. Sie begriffen nicht, warum K�nig Bromgar sie nicht sofort nach ihrer Gefangennahme erschlagen hatte.</p><p>Trommelschlag setzte ein. Viele Trommeln. Die H�hle wurde von ihrem Dr�hnen erf�llt. In ihre Wachen kam Bewegung. Sie wurde aufgehoben. Die Stricke schnitten in ihre Arme. Sie trug nur noch ihr langes Lederhemd; alle �brigen Kleidungsst�cke hatten sie ihr vom Leib gerissen. Der Troll, der vor ihr ging, ein gedrungener Krieger mit Narben von Raubtierkrallen auf dem R�cken, trug ihre Hose. Er hatte sich die Hosenbeine wie einen G�rtel um seine f�lligen H�ften gebunden. Nandalee hatte nicht verstanden, warum er das tat. Hatte er eine Wette gewonnen? Glaubte er, ihre Hose w�rde ihm Gl�ck bringen oder Ansehen? Wer begriff schon Trolle.</p><p>Nandalee leistete keinen Widerstand. Sie hoffte darauf, dass die Wachen glaubten, sie sei gebrochen, ohne Hoffnung.</p><p>Das Dr�hnen der Trommeln fuhr ihr tief in den Bauch. Sie hatte Angst. Ihr war klar, dass sie nicht mehr entkommen konnte. Aber vielleicht h�tte sie noch Gelegenheit, einem der Trolle die Kehle durchzuschneiden, wenn sie unvorsichtig wurden.</p><p>Sie h�tte auf Gonvalon h�ren sollen! Sie w�rde nicht lebend zur�ckkehren. Das Einzige, was sie gewonnen hatte, war die Gewissheit, dass sie nicht allein am Massaker an ihrer Sippe die Schuld trug.</p><p>Der Troll hinter ihr riss ihre gefesselten Arme hoch, dass ihre Schultergelenke krachten. �Da, Weib. Da! Kriech auf den Stein!�</p><p>Unsanft wurde sie auf einen flachen, tiefschwarzen Felsblock geschoben. Immer noch t�nten die Trommeln, dass ihr das L�rmen durch Mark und Bein fuhr. Eine schwere Hand dr�ckte sie fest auf den Stein.</p><p>�berall ringsherum brannten Fackeln. Es war hei� und stank nach Trollen. Nandalee erkannte einzelne Weiber zwischen den J�gern. Auch junge Trolle. Bromgars ganzes Volk schien sich versammelt zu haben, um das Ende der Jagd zu erleben, die mit dem Tod seines Sohnes begonnen hatte.</p><p>�Sie denkt an deinen Tod, Bromgar�, zischte eine Stimme ganz in der N�he.</p><p>Nandalee wollte den Kopf zur Seite drehen, um zu sehen, wer da sprach. Doch kaum dass sie sich bewegte, wurde ihr Hinterkopf gepackt und ihr Gesicht so fest auf den Fels gepresst, dass ihr Blut aus der Nase quoll.</p><p>�Sie ist voller giftiger Gedanken, Bromgar. Iss nicht ihr Hirn. Nimm ihr Herz.�</p><p>�Red nicht!�, grollte der Trollk�nig. �Fang ihre Seele ein.�</p><p>Nandalee sp�rte einen kalten Hauch. Ein Wort der Macht wurde gefl�stert. Fremd, bizarr. Es geh�rte nicht zur Sprache der Drachen. Sie konnte die kalte Boshaftigkeit des Zaubers, der sich zu entfalten begann, mit all ihren Sinnen wahrnehmen. Ein fauliger Geschmack kroch ihr in Nase und Mund. Ihr Kopf wurde in den Nacken gerissen, und sie blickte in die wei�en Augen eines uralten Trollweibs. Es war blind. Verkr�mmte Finger, deren N�gel zu gelblichen Krallen verformt waren, tasteten �ber ihr Gesicht.</p><p>Die Alte hob eine flache Schale aus grauem Stein an ihre Lippen, in der eine �bel stinkende, dunkle Fl�ssigkeit schwappte. �Trink, Elfenkind. Trink.� Die Worte stachen wie Nadeln in ihr Hirn.</p><p>�Was � ist � das?� Sie musste jedes Wort dem Schmerz abringen, der sie zu �berw�ltigen drohte.</p><p>�Ich kann deinen Kiefer brechen. Dann klafft dein Maul auf wie bei einem Fisch auf dem Trockenen. Willst du das?�</p><p>Nandalee presste trotzig die Lippen zusammen. Eine gro�e Hand legte sich auf ihre Kehle, sodass sich die Finger um ihren Unterkiefer schlossen. Ein kurzer Befehl, und die Hand dr�ckte zu. Langsam, die Kraft mit jedem Herzschlag ein wenig steigernd.</p><p>Nandalee �ffnete den Mund. Widerstand zu leisten war zwecklos.</p><p>Die dunkle Br�he schwappte �ber ihre Lippen. Sie war bitter wie Galle. Widerwillig schluckte sie ein wenig davon. Ein taubes Gef�hl kroch �ber ihre Zunge und dann ihre Kehle hinab. Ihr Blick verschwamm leicht. Sie f�hlte sich seltsam entr�ckt, als sei dies alles nur ein Traum, von dem nichts bliebe, sobald sie nur aufwachte.</p><p>Die Trollschamanin rief etwas, das Nandalee nicht verstand, dann wandte sie sich an Bromgar. �Jetzt!�</p><p>Der K�nig hob einen Krug und sch�ttete eine klebrige, rotbraune Fl�ssigkeit �ber ihren Kopf. Sie roch nach Blut und Honig. Das Haar hing Nandalee in dicken Str�hnen ins Gesicht. Sie japste nach Luft und versuchte zugleich, nichts mehr von diesem Gebr�u zu schlucken.</p><p>�Ihre Seele wird diesen Leib nicht mehr wiedererkennen�, erkl�rte die alte Vettel feierlich und mit so lauter Stimme, dass sie selbst das Get�se der Trommeln �bert�nte. �Sie kann nicht als Wiederg�ngerin zur�ckkehren. Sie geh�rt dir, Bromgar. R�che deinen Sohn!�</p><p>Der Trollk�nig griff in ihr schmutzverklebtes Haar und riss ihr den Kopf in den Nacken. Sie f�hlte keinen Schmerz. Sie betrachtete die regelm��igen Abschlagspuren an der Schneide des Steinmessers und verdrehte die Augen nach oben, als die Klinge an ihrem Haaransatz in ihre Stirn schnitt.</p><p>Sie w�rde nicht schreien. Sie sp�rte die Klinge Haut und Fleisch durchtrennen, aber sie empfand dabei keinen Schmerz. Blut rann �ber ihre linke Braue, troff die Wange hinab und f�llte ihren Mundwinkel. Die Trolle riefen etwas. Sie schrien!</p><p>Sie w�rde nicht schreien � Nandalee wiederholte es immer wieder in Gedanken, und doch griff das Grauen nach ihr, als sie sich erinnerte, was als N�chstes folgen w�rde.</p></section><section><title><p>Der Schwertmeister</p></title><p>Pl�tzlich lag Bromgars Hand vor ihr auf dem flachen Stein. Die Finger zuckten. Der steinerne Dolch entglitt ihnen.</p><p>Nandalee blinzelte. Etwas war in diesem Trank gewesen. Irgendeine Droge, die ihre Sinne bet�ubte und verwirrte. Dort lag die Hand, die in ihren Sch�del greifen wollte. War sie in Wirklichkeit dort und dieses Bild nur gn�diger Wahn, bevor sie in die Dunkelheit glitt?</p><p>Sie wurde hochgerissen. Wohlgeruch umfing sie. Da war ein blitzendes Schwert. Todbringer! Die Trollschamanin wich angstvoll davor zur�ck. Neben ihr waren Krieger, die Bromgar in die Sicherheit ihrer dicht gedr�ngten Leiber zerrten. Der Trollk�nig presste seinen Armstumpf gegen die Brust.</p><p>Nandalee blickte an sich hinab. Zu ihren F��en auf dem Stein lag immer noch die abgehackte Hand. �Ich hol dich hier heraus�, fl�sterte ihr eine wohlvertraute Stimme zu. Gonvalon! Er war gekommen, wie er es ihr versprochen hatte.</p><p>Um sie herum schloss sich eine Mauer aus grauem Fleisch. Die Trommeln der Trolle hatten aufgeh�rt zu schlagen. Hasserf�llt starrten die H�nen sie an. Es waren Hunderte. Ganz gleich, wohin sie blickte. �berall hoben Trolle Keulen, Steinmesser und Speere.</p><p>�Lasst uns ziehen, und ich schenke euch eure Leben.� Gonvalon sagte das mit einer Gelassenheit, die beunruhigender wirkte als Drohungen oder Geschrei. Einige Trolle wichen tats�chlich vor ihm zur�ck.</p><p>�Ihr �ngstlichen Welpen!�, ereiferte sich die Schamanin. �Das ist nur ein Elf. Ein einziger Elf! Zerrei�t ihn!�</p><p>Gonvalon lie� sie auf den Stein zur�cksinken, dann sprang er ohne Hast hinab und ging der Schamanin entgegen.</p><p>�T�tet ihn!� Das blinde Weib zeigte mit seinen gichtkrummen Fingern auf den Elfen. �Los!�</p><p>Einzelne Steine wurden geworfen. Gonvalon wurde getroffen, ignorierte es aber einfach. Ja, es kam Nandalee so vor, als prallten die Steine v�llig wirkungslos von ihm ab, als sei er selbst aus Stein gemacht. Dabei bewegte er sich mit der zielstrebigen Eleganz einer Raubkatze auf der Pirsch.</p><p>Zwei Trolle mit Speeren st�rmten Gonvalon entgegen, um ihn aufzuhalten. Ein Schwerthieb wie ein Blitzschlag kappte die Steinspitzen von den armdicken Sch�ften, sodass sie durch die Luft wirbelten. In flie�ender Bewegung traf die Klinge mit einem R�ckhandhieb den linken Troll und �ffnete ihm mit einem wuchtigen Schlag den Brustkorb. Ohne an Kraft verloren zu haben, glitt das Schwert h�her und durchtrennte dem zweiten Krieger die Kehle. Dabei hatte Gonvalon nicht einen Augenblick innegehalten. Immer noch ging er zielstrebig der Schamanin entgegen.</p><p>Nandalee wurde von hinten gepackt und an einen nach ranzigem Fett stinkenden Leib gezogen. Sie h�tte aufschreien und sich dem Griff entwinden sollen, doch sie vermochte den Blick nicht von Gonvalon zu wenden, ganz als sei sie durch Zauberbann an den blonden Elfenkrieger gefesselt.</p><p>Gonvalon fing eine der abgetrennten Speerspitzen im Flug, wirbelte auf dem Absatz herum und schleuderte ihr das steinerne Stichblatt entgegen. Die Waffe verfehlte sie nur um eine Handbreit. Ein kehliges R�cheln erklang hinter ihr. Die Hand, die sie gepackt hatte, sank herab. Sie konnte sp�ren, wie der Leib, an den sie gepresst worden war, erschlaffte. Gonvalon hatte sich bereits wieder der Schamanin zugewandt. Obwohl Hunderte Trolle in der weiten Grotte versammelt waren, war es totenstill geworden.</p><p>Die blinde Vettel wich vor Gonvalon zur�ck. Sie packte die Krieger, die rechts und links von ihr standen, und sprach dabei ein Wort der Macht. Es war ein kurzer, harter Laut.</p><p>Gonvalon hatte die Schamanin fast erreicht, als sie ihr Maul weit aufriss und schwarzer Nebel daraus hervorquoll. Gleichzeitig ver�nderten sich die beiden Trollkrieger, die sie gepackt hielt. Ihre Haut schrumpelte, sah bald aus wie die Haut eines alten Apfels. Sie sackten in sich zusammen. Das Fleisch schmolz ihnen von den Knochen, ihre Augen sanken tief in den Sch�del zur�ck und wurden zu dunklen L�chern.</p><p>Todbringer schnellte vor. Die lange Klinge des Bidenh�nders zerteilte den Nebel, und unstetes Licht flackerte um den Stahl wie fernes Wetterleuchten in einer schw�len Sommernacht. Die Alte stie� einen hohen, erschreckten Schrei aus. Gonvalon trennte mit einem einzigen, eleganten Hieb ihren Kopf vom Rumpf. Er packte ihn bei einem der Ohren und hielt ihn hoch, sodass alle Trolle ihn sehen konnten.</p><p>�Gibt es hier noch jemanden, der glaubt, er k�nne mich aufhalten? Ich habe den Immerwinterwurm erschlagen, und eure Schamanin vermochte mich nicht aufzuhalten. Gibt es jemanden, der es versuchen will? Ich bin ein Drachenelf. Ich bin der fleischgewordene Zorn der Himmelsschlangen. Wer will mich herausfordern?�</p><p>Nie war er ihr so un�berwindlich erschienen. Gonvalon schien von innen heraus zu strahlen. Er war nicht einfach nur ein Elf mit einem Schwert. Was er gesagt hatte, war wahr. Er verk�rperte den Zorn der Himmelsschlangen.</p><p>Achtlos schleuderte er den Kopf der Schamanin zur Seite und ging zum Opferstein zur�ck, ohne sich noch einmal umzuschauen. Er streckte ihr die Hand entgegen. �Komm, Nandalee, wir gehen.�</p><p>Als er sie ber�hrte, durchflutete sie ein Abglanz seiner Kraft. Sie wollte ihn umarmen, k�ssen, ihn lieben, aber sie wusste, dass sie noch nicht au�er Gefahr waren. Sollten die Trolle ihren Mut wiedererlangen und alle gemeinsam angreifen, w�rde Gonvalon all seine Schwertkunst nichts mehr nutzen. Die schiere Masse der Feinde w�rde am Ende auch ihn besiegen. Sie mussten den Augenblick des Schreckens und der Verwirrung nutzen, um zu fliehen.</p><p>Doch Gonvalon schien keine Eile zu haben. Er half ihr liebevoll auf und st�tzte sie. �Bringt meiner Geliebten ihr Schwert zur�ck�, forderte er mit einer Stimme, in der die Gelassenheit vollkommener Macht mitschwang. Nandalee war erstaunt, wie sehr er sich verstellen konnte. Oder war das einfach nur eine Seite, die sie noch nie an ihm gesehen hatte? H�tte er so auch auf Nangog gehandelt, wenn Bidayn nicht beschlossen h�tte, ihnen den Weg freizuk�mpfen?</p><p>In die Trolle kam Bewegung. Es wurde getuschelt. Nandalee glaubte Bromgars Stimme zu erkennen.</p><p>Sie lehnte sich an Gonvalon und f�hlte sich einfach nur gl�cklich. Es war absurd, das wusste sie in einem fernen Winkel ihres Hirns, denn sie waren der Gefahr noch nicht entkommen, aber ihr Gef�hl entzog sich jeglicher Vernunft. Es war einfach wunderbar, dem Tod entronnen und wieder mit Gonvalon vereint zu sein.</p><p>Ein Troll trat aus der Reihe der Gaffer. Er hielt das verlorene Schwert auf eine Art, als sei es ihm unangenehm, die Waffe zu ber�hren. Vorsichtig legte er die Klinge auf den Boden und zog sich hastig in die Sicherheit der Menge zur�ck.</p><p>�Glaubst du, du kannst es tragen?�</p><p>Seine F�rsorge r�hrte sie, aber diese Frage war schon ein wenig �bertrieben. Sie hob die Waffe auf. Es war gut, wieder eine Klinge in der Hand zu halten. Nandalee verdr�ngte die Erinnerung an Dem�tigung und Misshandlung. Herausfordernd blickte sie die Trolle an. Kalte Blicke begegneten ihr und machten ihr deutlich, dass nicht sie es war, die den Hofstaat im Zaum hielt.</p><p>�Gehen wir�, sagte Gonvalon leichthin, als w�rden sie ein Sommerfest an einem der F�rstenh�fe Arkadiens verlassen.</p><p>In dem Wall aus grauen Leibern bildete sich eine Gasse. Weiter hinten, wo man sie beide nicht sah, begann es zu rumoren. Stimmen wurden laut. Der Bann drohte zu brechen, doch Gonvalon beschleunigte nicht etwa seinen Schritt, er l�chelte die Trolle an. Und so unfassbar es war, einige l�chelten zur�ck, als seien auch sie durch seinen Glanz geblendet.</p><p>Endlich erreichten sie den Eingang eines Tunnels, der sie tiefer in den Berg f�hren w�rde. Gonvalon setzte die Spitze von Todbringer auf den gewachsenen Fels und zog knirschend eine d�nne Linie auf dem Boden. �Wer diese Linie vor dem Morgengrauen �berschreitet, um uns zu folgen, der wird sterben.� Mit diesen Worten wandte er sich ab und ging weiter in die Dunkelheit. Dabei hielt er Nandalee bei der Hand. Sie f�hlte sich geborgen wie an der Hand eines Vaters. Er schien ihr un�berwindlich, viel m�chtiger, als er sich ihr je gezeigt hatte. Gonvalon hatte es nicht n�tig, Zauber zu weben. Er war der Schwertmeister Albenmarks, der beste Fechter, den ihre Welt je gesehen hatte. Sie war unendlich stolz auf ihn. Und sie begehrte ihn wie nie zuvor.</p><p>Sie waren noch nicht lange gegangen, als sich der Tunnel gabelte. Gonvalon f�hrte sie nach links in einen Gang, der steil abw�rts f�hrte. Nandalee war verwirrt. �Wollen wir nicht zu Cullayn und Tylwyth?�</p><p>�Wir werden die Trolle ein wenig in die Irre f�hren und von unserer Spur abbringen.�</p><p>Nandalee r�usperte sich verlegen. �Sie � �hm � Sie werden unserer Witterung folgen. Was in meinem Fall wohl nicht sonderlich schwer sein wird.�</p><p>Er wandte sich zu ihr um, und obwohl er nicht mehr als ein Schattenriss im Dunkel des Tunnels war, wusste sie, dass er sie anl�chelte. Sie konnte es sp�ren, und ein geradezu euphorisches Gl�cksgef�hl ergriff sie. Sie war dem Tod entronnen, und an ihrer Seite war ein Mann, der alles f�r sie wagte.</p><p>�Ich muss gestehen, du hast heute ein Parf�m aufgelegt, das deinen Reizen wenig f�rderlich ist, meine Sch�ne.� Er lachte leise. �Und dennoch finde ich dich so begehrenswert wie nie zuvor. Seltsam, welchen Zauber die Liebe aus�bt, nicht wahr?�</p><p>Er mochte das nett gemeint haben, aber sie f�hlte sich verlegen. Sie wusste nicht, was die Trolle ihr �ber den Kopf gesch�ttet hatten, aber sie stank wie ein toter Iltis und sah mit ausgerissenen Haarb�scheln und dem tiefen Schnitt am Haaransatz wohl auch kaum besser aus.</p><p>�Nicht weit von hier werden wir warme Quellen finden. Wenn wir gebadet haben, werden die Trolle unserer Spur nicht mehr so leicht folgen k�nnen.�</p><p>Sie war ihm dankbar daf�r, dass er ein <emphasis>Wir</emphasis> benutzte, obwohl v�llig klar war, dass nur einer von ihnen dringend ein Bad ben�tigte. Doch dann stutzte sie. �Woher wei�t du von den Quellen? Warst du schon einmal hier?�</p><p>�Ich habe dich eine Weile gesucht, meine Sch�ne.�</p><p>�Und der Immerwinterwurm?�</p><p>Er lachte. �Der hat sich als erstaunlich schlechter Schwertk�mpfer erwiesen.�</p><p>Seine Unbeschwertheit war ansteckend. Auch sie l�chelte, w�hrend er sie immer weiter in die Tiefe f�hrte. Es wurde w�rmer, und bald schlug ihnen stickige, feuchte Luft entgegen, der ein Hauch von Schwefelgestank anhaftete.</p><p>Endlich erreichten sie eine niedrige H�hle, in der sich ein langgezogener Teich befand. Gr�n und blau fluoreszierendes Licht ging von dem Wasser aus und reflektierte in einander durchdringenden Wellen an der nassen H�hlendecke. Gro�e Blasen stiegen auf und zerplatzten mit sattem Blubbern.</p><p>Gonvalon streifte seine Kleider ab und stieg in das Wasser. Er winkte ihr zu. �Komm, es ist herrlich!�</p><p>Sie zog das lange Lederhemd �ber den Kopf. Ihr Haar war steif vor Schmutz und Blut. Z�gerlich streckte sie den Fu� aus. Dann blickte sie zu dem Weg zur�ck, den sie gekommen waren. �Und wenn die Trolle uns �berraschen?�</p><p>�Der Tunnel ist eng. Wenn sie uns hier angreifen, sind sie noch d�mmer, als ich dachte. Ihre �bermacht hilft ihnen hier nicht. Sollten sie uns zum Kampf stellen, dann wird das in einer gr��eren H�hle oder im Freien geschehen. Gewiss werden sie ohnehin noch eine Weile ben�tigen, um sich von ihrem Schreck zu erholen, jetzt, da sie wissen, was es bedeutet, einen Drachenelfen herauszufordern. Wir sollten diese Gelegenheit zu einer Rast nutzen. Bald werden auch wir wieder all unsere Kr�fte brauchen.�</p><p>Wieder winkte er ihr. Er sah unglaublich gut aus! Den Kampf mit dem Immerwinterwurm hatte er ohne eine einzige Schramme �berstanden. Gonvalon hatte recht! Sie sollte die Trolle vergessen. Mit ihm an ihrer Seite konnte ihr nichts geschehen. Die Trolle w�rden es bereuen, falls sie ihr Bad st�ren sollten!</p><p>Nandalee stieg in das warme Wasser und seufzte vor Erleichterung. Ihr K�rper war bedeckt mit Prellungen und Schrammen. Das seltsame Licht in dieser Grotte schien ihre Verletzungen noch zu betonen, w�hrend ihre Haut unnat�rlich blass aussah. Sie tastete nach den leuchtenden Schlieren im Wasser, die sich unter ihrer Hand zerteilten, ohne dass es ihr m�glich war, etwas davon zu fassen zu bekommen.</p><p>Nandalee ging in die Knie und tauchte dann ganz unter. Das Wasser brannte in der Schnittwunde an ihrer Stirn.</p><p>Als sie auftauchte, troff der Schmutz an ihr herab. Pl�tzlich war ihr zum Weinen zumute. Die Erleichterung, noch am Leben zu sein, und die Gewissheit, dass ihre ganze Sippe ermordet worden war, das alles war zu viel. Sie konnte die Tr�nen nicht l�nger zur�ckhalten.</p><p>Gonvalon kam zu ihr, nahm sie in die Arme und strich z�rtlich �ber ihr besudeltes Haar. Er sagte nichts, und sie war ihm unendlich dankbar daf�r. Sie wollte nicht reden, nicht denken. Sie konnte es nicht. Nicht jetzt. Von ihm gehalten zu werden tat so gut. Sie hatte alles falsch gemacht. Seit jenem verfluchten Tag, an dem sie auf Bromgars Sohn geschossen hatte. Am liebsten w�rde sie sich f�r immer in dieser H�hle verkriechen.</p><p>�Ich hatte solche Angst um dich�, sagte Gonvalon leise. �Ich habe mich in den Tunneln verirrt. Dann h�rte ich die Trommeln �� Er stockte. �Ich dachte, ich h�tte dich f�r immer verloren.�</p><p>Sie begann unkontrolliert zu schluchzen. Sie wollte es nicht, doch je mehr sie dagegen ank�mpfte, desto schlimmer wurde es. Sie war immer eine Einzelg�ngerin gewesen, hatte immer alles mit sich allein ausgemacht. Sie war es nicht gewohnt, gerettet zu werden, sich anlehnen zu k�nnen, sich fallen zu lassen. Nandalee ballte die F�uste. Sie wollte sich wieder beherrschen k�nnen.</p><p>Gonvalon k�sste sie z�rtlich auf die Stirn. �Du musst leben, Nandalee. Ich brauche dich.� Seine H�nde strichen z�rtlich �ber ihren R�cken. Wohlige Schauer durchliefen sie. Sie wollte sp�ren, noch am Leben zu sein, mit allen Sinnen!</p><p>Ihre Lippen suchten die seinen. Wie gut er roch! Das war ihr noch nie aufgefallen. Sie k�sste ihn fordernd, wollte ihn verschlingen.</p><p>Gonvalon hob sie hoch, und ihre Beine umschlangen seine H�ften. Als er in sie eindrang, schrie sie auf. Sie biss ihm in den Nacken und genoss, mit jeder Faser ihres Leibes zu sp�ren, wie sehr er sie begehrte. Nie hatte das Liebesspiel sie so erf�llt. Und nie zuvor hatte sie Gonvalon so leidenschaftlich erlebt.</p></section><section><title><p>Der Todgeweihte</p></title><p>Dieser Narr w�rde sich umbringen, dachte Cullayn, und zugleich hatte er Respekt vor ihm. Es war ein Wunder, dass Gonvalon sich �berhaupt noch auf den Beinen zu halten vermochte. Seine Lunge war durchbohrt! Von der Sensenklaue, die in seiner Brust steckte, ging eine t�dliche K�lte aus. Wahrscheinlich lebte der Schwertmeister nur deshalb noch, weil er das Amulett Nandalees trug, das ihn vor dem Atem des Winters hatte sch�tzen sollen und nun wohl verhinderte, dass sich der Frost tief in seine Glieder fra�. So bewirkte die unnat�rliche K�lte, die von der Sensenklaue ausging, nur, dass die Blutung der schweren Wunde fast augenblicklich aufgeh�rt hatte.</p><p>Entschlossen stemmte sich der Schwertmeister hoch. �Wir haben genug Zeit verloren. Gehen wir!� Er hustete. Blutiger Schaum perlte von seinen Lippen.</p><p>Tylwyth sah ihn zweifelnd an. Cullayn wusste, was sein Gef�hrte dachte. Der Schwertmeister brachte sich um. Es war ein Wunder, dass er �berhaupt noch lebte! Ein Wunder, dass die Sensenklaue sein Herz verfehlt hatte. Sie hatten gar nicht erst versucht, sie aus Gonvalons Brust zu ziehen. Cullayn kannte solche Wunden. Er hatte einmal erlebt, wie ein Maurawan von einem Kentaurenspeer durchbohrt worden war und noch eine halbe Stunde lang weiterk�mpfte, obwohl die Speerspitze tief in seinem R�cken steckte. Als die Schlacht vor�ber war und sie die abgebrochene Waffe aus seinem Fleisch zogen, war er verblutet. Gonvalon w�rde es nicht anders ergehen, wenn sie an dieser Sensenklaue r�hrten. Der Schwertmeister war dem Tod geweiht. Wahrscheinlich war es die verzweifelte Sorge um Nandalee, die ihn noch auf den Beinen hielt.</p><p>Anfangs hatte er Gonvalon nicht sonderlich leiden m�gen. Er hatte ihn f�r arrogant gehalten und f�r verweichlicht wie all die anderen Elfen aus Arkadien, die ihr Band zur Natur verloren hatten und lieber in warmen Betten in ihren Pal�sten schliefen als unter dem Sternenhimmel. Aber Gonvalon war anders. Er bestand in der K�lte zwar nur, weil er Nandalees Amulett trug, aber er hatte eine H�rte an sich, der Cullayn Respekt zollte, ebenso wie dem Mut des Elfen, sich allein dem Immerwinterwurm zu stellen. Er h�tte ihnen allen die Flucht erm�glicht. Ihm nun zu helfen war er ihm schuldig. Auch wenn Gonvalons letzte Tat die reine Unvernunft war. Sie sollten nicht in die Trollh�hlen gehen, ganz gleich, was Gonvalon Nandalee versprochen hatte.</p><p>Cullayn l�chelte. Er tat meistens nicht, was die Mehrheit f�r vern�nftig hielt. Seit eine Trollkeule ihm das Gesicht eines Ungeheuers geschenkt hatte, war er nicht mehr Teil der Mehrheit. Er besa� seither die Freiheit, zu tun und zu lassen, was immer er wollte. Niemand versuchte mehr auf ihn einzureden. Dass er nicht mehr bei Sinnen sein konnte, wusste jeder, der ihm ins Antlitz sah.</p><p>Gonvalon schleppte sich bereits den Weg aus der Klamm hinauf. Er st�tzte eine Hand in die H�ften, als f�nde er dort Halt, um auf den Beinen zu bleiben. Alle paar Schritte hielt er inne und hustete. Es war zum Erbarmen.</p><p>Tylwyth wartete immer noch auf seine Entscheidung. �Komm, gehen wir mit ihm.�</p><p>Cullayn runzelte die Stirn.</p><p>�Kannst du einem sterbenden Helden den letzten Wunsch abschlagen? Ich kann es nicht. Aber dir steht nat�rlich frei, beim Eissegler auf uns zu warten.�</p><p>Tylwyth griff nach dem Bogen, der an der Felswand lehnte. Dann folgte er ihm. Cullayn hatte es nicht anders erwartet. Sie waren jetzt schon seit Jahren Jagdgef�hrten, aber was Tylwyth in seinem Innersten bewegte, wusste er immer noch nicht. Nur so viel: Er vermied es, eigene Entscheidungen zu treffen. Warum auch immer � Cullayn hatte ihn nie danach gefragt. Es war ein Gl�cksfall gewesen, einen Gef�hrten zu finden, mit dem er sich ohne gro�e Worte verstand. Er w�rde ihre Freundschaft nicht mit neugierigen Fragen auf die Probe stellen.</p><p>Sie folgten Gonvalon, und als sie ihn erreichten, griffen sie ihm unter die Arme und st�tzten ihn. Der Schwertmeister duldete die Hilfe. Gonvalon musste wissen, wie wenig Kraft ihm noch verblieben war und dass er sich in seinen letzten Stunden keinen falschen Stolz mehr leisten konnte.</p><p>Der Sturm war �ber sie hinweggezogen, w�hrend sie in der Klamm Schutz gesucht hatten. Der Schnee fiel noch immer dicht, doch der eisige Nordwind, vor dessen rauem Atem die W�rme des Lebens floh, war zu einer schwachen Brise abgeebbt.</p><p>�Das Schwert ��, brachte Gonvalon hustend hervor. �Wir brauchen es.�</p><p>Voller Sorge sah Cullayn die feinen Blutspritzer auf der Hand des Schwertmeisters. �Ich werde es holen. Geht weiter hinauf zum Wasserfall. Ich hole euch ein.�</p><p>Er eilte die Klamm entlang, an der sie vor wenigen Stunden noch verzweifelt um ihr Leben gek�mpft hatten. Der Sturm hatte den Schauplatz des Dramas ver�ndert. Dort, wo der Kadaver des Immerwinterwurms lag, erhoben sich nun sanfte H�gel, die nicht ahnen lie�en, was f�r ein Ungeheuer sie verbargen. Cullayn hatte das beklemmende Gef�hl, dass sich etwas ver�ndert hatte. Er vermochte es nicht zu greifen. Aber es war mehr als nur der Schnee, der sich als kaltes Leichentuch �ber die Bestie gelegt hatte. Instinktiv duckte er sich. Im dichten Schneetreiben konnte er kaum zwei Schritt weit sehen.</p><p>Er hielt den Atem an, zwang sich zu v�lliger Ruhe. Sein Puls wurde langsamer. Er lauschte. Die Zeit verrann. Schnee sammelte sich auf seinen Schultern und der Kapuze. Sein Atem war ein fast unsichtbarer Nebelhauch vor seinem Mund. Er wurde eins mit der verschneiten Landschaft. Bald w�re auch er nur ein sanfter H�gel im Schnee, so wie der Immerwinterwurm. Er konnte Gonvalon und Tylwyth nicht so lange alleine lassen. Wahrscheinlich hatten sie schon den Wasserfall erreicht und warteten auf ihn. Und der Schwertmeister konnte es sich nicht leisten zu warten.</p><p>Sein Instinkt warnte Cullayn. Er hatte sein ganzes Leben in der Wildnis verbracht. Er hatte erlebt, wie seine Sinne ihn get�uscht hatten. Aber seinem Instinkt hatte er immer vertrauen k�nnen.</p><p>Der Maurawan erhob sich. Unendlich langsam. Die Schneekruste auf seinem R�cken riss. Er brauchte das Schwert. Es musste noch im Kadaver stecken. Irgendwo zwischen den mittleren Beinpaaren der Kreatur. Dort, wo Gonvalon gelegen hatte. Cullayn schob den Neuschnee zur Seite. Darunter fand er das gefrorene Blut des Schwertmeisters. Er strich den Schnee von den d�nnen, insektenartigen Beinen des Wurms. Da war nichts. Er konnte die Waffe nicht finden. Nicht einmal die t�dliche Wunde, die Gonvalon der Bestie beigebracht hatte, konnte er entdecken. Wahrscheinlich suchte er beim falschen Beinpaar. Vielleicht hatte sich der Kadaver durch den Frost zusammengezogen.</p><p>Er klopfte weiteren Schnee von der Bestie, doch da war nichts. Kein Schwert und auch keine Wunde. Verwundert blickte er auf den Blutfleck im Schnee. Hier hatte Gonvalon gelegen. Das Schwert musste hier sein � Es sei denn, jemand war gekommen, um es zu holen. Bestimmt waren es keine Trolle gewesen. Ihre tiefen Spuren h�tte auch der neue Schnee nicht v�llig verwischt. Auch vermieden sie es, Metall zu ber�hren.</p><p>Der Maurawan betrachtete den Schnee. Er verriet ihm nichts. Konnte es sein, dass ein Drachenelf gekommen war, um die verlorene Klinge zu holen? Er kannte einige Geschichten, die man sich �ber diese verwunschenen Schwerter erz�hlte. Sie kehrten immer in die Wei�e Halle zur�ck.</p><p>Ein leises Klicken erklang in der Stille des fallenden Schnees. Cullayn fuhr herum. Das Ger�usch kam von weiter vorne. Er legte eine Hand auf den Griff seines Jagdmessers und ging zum Kopf der toten Bestie.</p><p>Der Schnee war von einem der kleinen Arme, die an Hummerscheren erinnerten und die rings um das Maul des Ungeheuers wucherten, herabgerutscht. Diese eine Schere �ffnete und schloss sich. Immer wieder. Cullayn hatte gesehen, wie die L�ufe von erlegtem Wild noch zuckten, obwohl das Leben sie schon verlassen hatte. Er hatte erlebt, wie Kadaver laut furzten, weil sich in ihrem Ged�rm faulige Gase bildeten. Aber das hier war anders.</p><p>Das ganze Vieh ist anders als alles, was du bisher in deinem Leben gesehen hast. Es wurde durch Zauberkunst erschaffen, ermahnte er sich stumm. Du musst dir keine Sorgen machen!</p><p>Als wolle es seine Gedanken verh�hnen, �ffnete sich eines der gro�en, fahlgelben Augen. Das waren keine zuckenden Muskeln. Er sah es im Blick der Kreatur. Sie erinnerte sich an ihn!</p><p>Ein Zittern durchlief die unz�hligen Beine des Immerwinterwurms, und einer der gro�en Arme mit den langen Sensenklauen erhob sich.</p><p>Cullayn wich zur�ck. Das konnte nicht sein! Das Vieh war tot gewesen, als sie die Kralle, die Gonvalons Leib durchdrungen hatte, abgetrennt hatten.</p><p>Immer mehr Schnee rutschte von der Kreatur. Ein langer Seufzer, schauriger als alles, was der Maurawan je in seinem Leben geh�rt hatte, entrang sich dem Schlund der Bestie. Ein Laut, der nicht in diese Welt geh�rte. Der Wurm kehrte ins Leben zur�ck!</p><p>Cullayn wandte sich ab und begann zu laufen. Sie mussten fort von hier. Wenn sie Nandalee in die Trollh�hlen folgten, s��en sie in der Falle. Noch schien der Wurm nicht ganz bei sich zu sein, wie ein Zecher, der nach zu kurzer Nacht nur langsam aus seinem Rausch in die Wirklichkeit zur�ckfand. Aber er erinnerte sich daran, wer ihn get�tet hatte. Vor�bergehend get�tet �</p><p>Der Neuschnee erschwerte seine Flucht. Cullayn strauchelte �ber Steinbrocken, als er die flache Senke durchquerte, in die die Klamm auslief. Er folgte dem Lauf des Baches, der inzwischen wieder gefroren war, bis er den Wasserfall erreichte, in dem sich die Bestie verborgen gehalten hatte.</p><p>Gonvalon und Tylwyth waren nicht hier. Er sah ihre Spuren im Schnee. Sie endeten vor der zerkl�fteten Eiswand. Cullayn entdeckte einen blutigen Handabdruck auf dem Eis, wo der Schwertmeister sich abgest�tzt hatte. Die beiden mussten oben bei der H�hle sein! Er fluchte. Tylwyth hatte ein Seil bei sich gehabt. Wahrscheinlich hatte er Gonvalon hinaufgezogen.</p><p>Der Maurawan blickte den Wall aus Eis hinauf, der sich im dichten Schneegest�ber verlor. Er hatte nur die Wahl, den beiden zu folgen oder sie im Stich zu lassen. Mit einem leisen Fluch r�ckte er den Bogen auf seiner Schulter zurecht und stieg in die Eiswand ein. Sorgf�ltig mied er das d�nne Rinnsal, das sich seinen Weg durch die Spalten bahnte und sie langsam mit neu gewachsenem Eis f�llte. Als er endlich das Felssims erreichte, von dem die Eiskaskaden in die Tiefe wuchsen, k�mpfte sich bereits graues Morgenlicht durch das Schneegest�ber. Cullayns H�nde waren taub vor K�lte. Er schlug sie sich vor die Brust, bis ihm ein kribbelnder Schmerz in die Finger kroch.</p><p>�Wo warst du so lange?� Tylwyth trat aus dem Dunkel des H�hleneingangs. Gonvalon st�tzte sich schwer auf seinen Gef�hrten. Der Schwertmeister sah entsetzlich aus. Sein Gesicht war fahl wie der Tod. Er hatte nicht mehr die Kraft zu sprechen. Er zitterte am ganzen Leib. Viel Zeit w�rde ihm nicht mehr bleiben, dachte Cullayn. Wenn er den beiden erz�hlte, dass der Wurm noch lebte, w�rde Gonvalon jede Hoffnung verlieren, dass sie mit Nandalee von hier entkommen konnten.</p><p>�Hab das Schwert nicht gefunden�, sagte er m�rrisch. �Zu viel Schnee dort. Wir m�ssen es bei Tageslicht noch einmal versuchen.�</p><p>Tylwyth kannte ihn zu gut, um nicht zu bemerken, dass etwas nicht stimmte. Er bedachte ihn mit einem skeptischen Blick. Gonvalon jedoch glaubte die L�ge. Er nickte matt.</p><p>�Gehen wir Nandalee suchen!� Cullayn setzte sich an die Spitze der Gruppe. Er f�hrte sie ins Dunkel und war erleichtert, als die H�hle sich zu einem Tunnel verengte, in den ihnen der Immerwinterwurm kaum w�rde folgen k�nnen.</p><p>Gonvalons Atem ging laut und unregelm��ig. Immer wieder hielt er inne und hustete. So w�rden sie keinen �berraschen. Blieb nur zu hoffen, dass die Trolle tiefer im Berg waren und sie noch nicht bemerkt hatten.</p><p>�Ich gehe vor�, sagte Cullayn entschieden. �Sollte sich der Tunnel verzweigen, wartet ihr auf mich. Mit mir als Sp�her sind unsere Aussichten besser, unbemerkt zu bleiben.�</p><p>�Ja�, kr�chzte Gonvalon mit rauer Stimme. Er klang ersch�pft und vollkommen resigniert. Auch ihm schien inzwischen klar zu sein, dass er sie in eine hoffnungslose Lage gebracht hatte.</p><p>�Vielleicht sollten wir einfach hier auf Cullayn warten�, sagte Tylwyth. Man musste ihn schon gut kennen, um den angespannten Unterton in seiner Stimme zu bemerken.</p><p>Gonvalon nickte und lie� sich mit einem ersch�pften Seufzer gegen die Tunnelwand sinken. Es ging zu Ende. Cullayn hatte genug Sterbende gesehen, um zu wissen, wie nah der Tod des Schwertmeisters war.</p><p>Tylwyth winkte ihm, und sie entfernten sich ein St�ck von Gonvalon. �Was machen wir jetzt?�</p><p>�Ich gehe Nandalee suchen. Bleib du bei ihm. Er soll nicht alleine sein, wenn �� Cullayn stutzte. Da war etwas. Ein fernes Ger�usch, wie schwere Schritte.</p><p>�Ein Troll?�</p><p>Cullayn sch�ttelte den Kopf. Es war etwas Gr��eres. Jetzt konnte er sp�ren, wie der Felsboden vibrierte. Kleine Steine fielen von der Decke. Was immer es war, es wollte, dass sie es kommen h�rten. Und es war nicht mehr weit entfernt.</p></section><section><title><p>Der Fremde</p></title><p>Tylwyth hatte noch nie erlebt, dass Cullayn Angst hatte. Er ging mit Cullayn auf die Jagd, weil er sich bei ihm immer sicher gef�hlt hatte. Bis jetzt.</p><p>Cullayn nahm seinen Bogen von der Schulter und legte einen Pfeil auf die Sehne.</p><p>Tylwyth glaubte nicht, dass sie das, was dort kam, mit Pfeilen aufhalten konnten. Dennoch nahm auch er seinen Bogen. Zwei Pfeile steckten noch in seinem K�cher. Dies w�rde ihre letzte Jagd werden.</p><p>Der Boden vibrierte immer st�rker. Nerv�s leckte sich Tylwyth �ber die Lippen. �Na los, zeig dich�, murmelte er. �Komm schon.�</p><p>Ein warmes, gelbes Licht flammte weit vor ihnen im Tunnel auf. Cullayn drehte sich �berrascht zu ihm um. Es war, als habe das, was auf sie zukam, die gefl�sterten Worte geh�rt. Ein Schattenriss sch�lte sich aus der Mitte des Lichts. Ein Elf? Ein Troll war es jedenfalls nicht, daf�r war die Gestalt zu klein.</p><p>�Es ist gut, euch beide wohlbehalten zu sehen.�</p><p>Tylwyth lie� seinen Bogen sinken und atmete erleichtert auf. Ein Freund! Alle Anspannung wich von ihm. Doch Cullayn nahm den Pfeil nicht von der Sehne. Was war los mit seinem Gef�hrten? Sie hatten nichts zu bef�rchten! Der Fremde war ein Freund, das konnte Tylwyth f�rmlich sp�ren. Allerdings war es schon ein wenig seltsam, hier am K�nigssitz der Trolle einen Elfen anzutreffen.</p><p>Langsam f�llte sich der Schattenriss mit Farbe und Form. Der Fremde war nun weniger als zwanzig Schritt entfernt. Ein hochgewachsener Elf, der ein langes Schwert l�ssig �ber der Schulter trug. Nur seine Schritte � Er stampfte mit den F��en nicht auf den Boden, doch der Fels vibrierte bei jedem seiner Schritte. Nicht einmal ein Mammut war so schwer. Was war das? Ein Erdbeben? Ein Erdbeben im Einklang mit seinen Schritten?</p><p>Jetzt war das Gesicht des Fremden deutlich zu erkennen. Er sah genauso aus wie Gonvalon. Unwillk�rlich blickte Tylwyth hinter sich. Der Schwertmeister war in sich zusammengesackt. Er lehnte mit dem R�cken an der Tunnelwand. Sein Kopf war auf die Schulter abgekippt, der Mund offen.</p><p>Tylwyth blickte zur�ck zu der Gestalt im Tunnel und erkannte sofort seinen Fehler. Der Elf sah Gonvalon nur <emphasis>�hnlich</emphasis>! Und der Boden vibrierte auch nicht mehr unter seinen Schritten.</p><p>�Was bist du?� Cullayn hatte seinen Bogen gehoben und zog die Sehne zur�ck.</p><p>�Nicht!�, entfuhr es Tylwyth. Was war denn los mit seinem Freund? Vor dem Fremden mussten sie sich nicht f�rchten. Das sah man doch auf den ersten Blick!</p><p>Der goldhaarige Elf nahm das Schwert von der Schulter und lehnte es an die H�hlenwand. Dann hob er seine H�nde auf Kopfh�he, sodass die Handfl�chen zu ihnen wiesen. �Ihr m�sst euch nicht vor mir f�rchten. Ich bin gekommen, um euch zu retten.�</p><p>�Dann besteht ja kein Grund, uns zu verheimlichen, wer du bist�, beharrte Cullayn.</p><p>�Ich bin der, der Gonvalon retten kann, wenn du mich zu ihm l�sst. Wohingegen du dich zu seinem M�rder machst, wenn du mich mit Waffengewalt daran hinderst, Cullayn.�</p><p>Der Fremde sprach mit solcher Ruhe und solchem Gleichmut! Tylwyth war ganz ergriffen von seinen Worten. Warum konnte Cullayn das nicht sehen? Er war ihr Freund! Tylwyth griff seinem Gef�hrten in den Arm, sodass dieser den Bogen senkte.</p><p>�Wir k�nnen jede Hilfe gebrauchen. Lass ihn. Bitte!�</p><p>Widerwillig nahm Cullayn den Pfeil von der Sehne. �Niemand kann Gonvalon mehr retten�, sagte er bitter.</p><p>�Aber ein Versuch ist erlaubt?� Das L�cheln des blonden Elfen nahm der ironischen Bemerkung die Spitze. Er ging zu Gonvalon und kniete neben ihm nieder. �Ich h�tte nicht gedacht, dass ein einzelner Elf den Immerwinterwurm besiegen k�nnte. Gonvalon ist wahrlich ein Schwertmeister.�</p><p>�Der Wurm ist wieder zum Leben erwacht�, bemerkte Cullayn gallig. �Wir kommen auf diesem Weg nicht mehr aus dem K�nigsstein hinaus.�</p><p>�Was?� Tylwyth war fassungslos. �Aber ��</p><p>�Er hat es um Gonvalons willen nicht gesagt.� Der Elf legte seine Hand auf die Brust des Schwertmeisters, und goldenes Licht umfing sie. �Der Nordwind hat den Wurm wieder lebendig werden lassen. Er ist ein Gesch�pf der K�lte und mit dem Land verbunden. Eine wahrhaft einzigartige Kreatur. Er macht unsere Welt nicht sch�ner, aber man muss dem Fleischschmied schon zubilligen, dass er immer wieder den Mut hat, etwas ganz Neues zu erschaffen. Den Wurm kann man nur dann endg�ltig besiegen, wenn man sein Herz herausschneidet und es im Licht der Mittagssonne schmelzen l�sst. Gelingt dies nicht, wird ihn der Nordwind immer wieder neu erstehen lassen.�</p><p>W�hrend der Elf sprach, verschwand die Sensenklaue. Sie schien im Licht zu vergehen, das die Hand des Fremden umspielte.</p><p>Cullayn kniete nieder, dem�tig das Haupt gesenkt. �Bitte, verzeiht mir, Herrscher des Himmels.�</p><p>Der Fremde lachte. Es war ein gut gelauntes, ansteckendes Lachen, und Tylwyth konnte nicht anders, als einzufallen, obwohl er nicht begriff, was vor sich ging.</p><p>�Du wei�t nun, wer ich bin?�, fragte der Fremde.</p><p>�Nicht wer, aber was.� Cullayn wagte nicht aufzublicken.</p><p>Tylwyth l�chelte immer noch. Er konnte nicht anders, obwohl er sich zugleich zu f�rchten begann. Aber etwas an der Ausstrahlung des Fremden zwang ihm dessen gute Laune auf. Es war unm�glich, sich dieser Macht zu widersetzen.</p><p>Gonvalon schlug die Augen auf. Die Wunde auf seiner Brust hatte sich geschlossen. Nichts zeugte mehr von seiner t�dlichen Verletzung. Doch der Schwertmeister schien sich dessen gar nicht bewusst zu werden. Er starrte mit weit aufgerissenen Augen den Fremden an. �Ihr ��</p><p>�Du bist m�de, Gonvalon.� Der goldhaarige Elf ber�hrte den Schwertmeister sanft an der Schl�fe. �Du musst dich ausruhen und neue Kr�fte sammeln.�</p><p>Noch bevor er ein weiteres Wort herausbringen konnte, fielen Gonvalon wieder die Augen zu. Tylwyth verstand das! Das war nur folgerichtig. Nach dieser schweren Verletzung musste ihr Gef�hrte sich ausruhen. Wie sehr der Fremde doch auf ihrer aller Wohl bedacht war. Er hatte sie gerettet, v�llig selbstlos. Gewiss war er einer der Meister unter den Drachenelfen. Tylwyth konnte seine Macht sp�ren. Sie war fast greifbar.</p><p>�Cullayn, du solltest nun Nandalee holen. Folge diesem Tunnel, bis er sich nach etwa sechzig Schritt gabelt. Halte dich dort links. Bei der n�chsten Gabelung gehst du wieder links. Du gelangst in einen Gang, der steil in die Tiefe f�hrt. An seinem Ende findest du eine Grotte mit einer hei�en Quelle. Dort wirst du Nandalee finden und �� Er richtete sich auf und sah pl�tzlich so niedergeschlagen aus, dass Tylwyth nicht anders konnte, als zu ihm zu eilen und ihm voller Sorge die Hand auf den Arm zu legen.</p><p>�Was ist geschehen, Bruder?� Im selben Augenblick wurde er sich bewusst, was f�r einen Fehltritt er sich erlaubt hatte. Wenn Cullayn vor diesem vermeintlichen Elfen kniete, dann war er eins ganz gewiss nicht, ein Bruder. Der J�ger h�tte niemals vor einem anderen Elfen das Knie gebeugt. Wie hatte er sich in seiner Ergriffenheit nur so gehen lassen k�nnen?</p><p>�Es ist gut zu wissen, ganz und gar auf eure Hilfe vertrauen zu k�nnen, meine Freunde.�</p><p>�Wir sind ganz die Deinen.� Cullayn hielt unbegreiflicherweise noch immer sein Haupt gesenkt. Vielleicht wollte er dem Fremden den Anblick seines entstellten Gesichts ersparen, dachte Tylwyth, der zugleich erleichtert war, dass sein Fehltritt keine Folgen hatte.</p><p>�Ich stehe in Gonvalons Schuld und bin gl�cklich, dass sich heute endlich die Gelegenheit fand, ihm seine Treue zu vergelten. Ich konnte Nandalee aus den H�nden der Trolle befreien. Aber mir war auch bewusst, wie sehr diese Tat vielleicht eines Tages auf ihrer beider Liebe lasten k�nnte. Ich wei�, sie sind ein Paar und gl�cklich. Aber wo war Gonvalon in ihrer h�chsten Not? Die Trolle hatten sie gefangen und wollten sie regelrecht schlachten. H�tte sie Gonvalon jemals verziehen, dass nicht er es war, der kam, um sie zu retten? Gewiss, dar�ber gesprochen h�tte sie wohl nicht, und doch w�re es ein schleichendes Gift f�r ihre Liebe gewesen, wenn ein anderer als der Mann, dem ihr Herz geh�rt, alles gewagt h�tte, um sie zu retten. Um diesen Schaden abzuwenden, habe ich Gonvalons Gestalt angenommen. Und ich bitte euch, weiht nur den Schwertmeister ein, sagt Nandalee aber nichts von meiner kleinen List, auf dass die Liebe der beiden auch fortan von keinem Misston gest�rt werden mag.�</p><p>W�hrend er sprach, hatte der Goldhaarige Tylwyth bei den H�nden gefasst.</p><p>�Nat�rlich werden wir nichts verraten!� Was f�r eine Bitte, dachte Tylwyth. Nie zuvor war ihm jemand begegnet, der so selbstlos war. Er w�rde diese edle Tat doch nicht zerst�ren, indem er sie verriet. �Du kannst auf unser Schweigen vertrauen! Eher w�rde ich mir die Zunge herausrei�en lassen, als dass ein Wort dar�ber �ber meine Lippen kommt.�</p><p>�Und du, Cullayn?�</p><p>�Ich werde Nandalee nicht sagen, was in dieser Nacht vorgefallen ist.� Seine Stimme klang bitter wie Galle, was Tylwyth emp�rte. Was hatte Cullayn nur?</p><p>�Bleib du bei Gonvalon und wache �ber ihn.� Der Fremde wandte sich ab und griff nach dem gro�en Bidenh�nder. �Ich werde den Immerwinterwurm aufhalten.�</p><p>�Ganz allein?�, fragte Tylwyth ehrf�rchtig.</p><p>�T�ten werde ich ihn genauso wenig wie ihr. Aber er wird � ruhen. Mehr wage ich nicht. Ich will mir schlie�lich nicht den Zorn des Fleischschmiedes zuziehen.� Bei den letzten Worten zwinkerte der Fremde Tylwyth zu, was den Elfen verwunderte. Nat�rlich w�re es dumm, einen Alben zu ver�rgern, indem man eines seiner bevorzugten Gesch�pfe t�tete.</p><p>�Wir alle werden hier lebend herauskommen!� Der Fremde strahlte eine solche Zuversicht aus, dass auch Tylwyth keinerlei Zweifel daran hegte, dass alles gut ausgehen w�rde.</p></section><section><title><p>Die Botschaft des Unsterblichen</p></title><p>�Herr?�</p><p>Datames schreckte aus dem Schlaf auf. Er tastete nach den B�ndern, die sein Haar hoch hielten und ihm viel heimlichen Spott einbrachten. Seine verr�terischen Ohren waren darunter verborgen.</p><p>�Tritt ein!�</p><p>Die Plane am Eingang des Zeltes wurde zur�ckgeschlagen, und Aleksan, der Hauptmann, der das Kommando �ber die Wachen entlang des trockenen Flussbettes hatte, trat ein. Er war ein leicht untersetzter Krieger mit struppigem, rotstichigem Bart. Dunkle Ringe lagen unter seinen unstet huschenden Schweins�uglein. Er wirkte �bern�chtigt und verst�rt. Unter den Arm geklemmt trug er eine l�ngliche Truhe aus kostbarem, rotem Holz.</p><p>Datames seufzte. Es war die dritte Truhe dieser Art, die ihm geschickt wurde. Er erhob sich von seinem Lager. Dass er, abgesehen von den B�ndern, die sein Haar in Form hielten, unbekleidet war, brachte den Hauptmann sichtlich in Verlegenheit. Er wusste nicht mehr, wohin er schauen sollte.</p><p>�Wer wei� davon?�</p><p>�Nur zwei Bauernl�mmel. Die Truhe stand an derselben Stelle wie die beiden anderen. Sie haben mich sofort gerufen. Sie werden mit niemandem dar�ber reden.�</p><p>Datames glaubte das nicht. Aber ob die beiden Geschichten erz�hlten oder nicht, spielte auch keine Rolle, solange sie nicht wussten, wohin die Truhe gebracht worden war. �Stell sie dort auf den Tisch.�</p><p>Aleksan gehorchte.</p><p>Datames fuhr mit dem Zeigefinger �ber den Namen, der mit Muschelkalksplittern in den Truhendeckel eingelassen war. �Konnte einer der beiden lesen?�</p><p>Der Hauptmann grinste und zeigte dabei gelbfleckige Z�hne. �Zwei Bauern aus einem Dorf am Ende der Welt? Nein, Herr. Macht Euch keine Sorgen. Niemand wei�, wessen Namen auf dieser Truhe steht. Aber �� Aleksan r�usperte sich.</p><p>�Ja?�</p><p>Der Krieger hob seine linke Hand, die mit halb geronnenem Blut besudelt war. �In der Kiste steckt etwas, das blutet.�</p><p>�Wei�t du, warum ich dich vom Werber zum Hauptmann bef�rdert habe, Aleksan?�</p><p>Die Schweins�uglein des Kriegers starrten geradewegs zur Decke des Zeltes. �Weil ich lesen kann, Hofmeister?�</p><p>Datames musste schmunzeln. �Das auch.� Es erstaunte den Elfen immer wieder, wie wenige Menschenkinder lesen und schreiben lernten. �Ich habe dich ausgesucht, weil ich dich f�r klug und verschwiegen halte. Zwei Eigenarten, die einen Mann noch �ber den Rang eines Hauptmanns hinaustragen k�nnen. Was meinst du, Aleksan? Steckt in dir noch mehr?�</p><p>Der Krieger blickte weiterhin zur Zeltdecke. �Das werdet Ihr sicher herausfinden, Herr.�</p><p>Schwang da ein Hauch Ironie oder gar Rebellion mit? Nein, zu Ironie war Aleksan nicht f�hig. Und aufs�ssig war er auch nicht, dazu war er viel zu ehrgeizig. Er hatte sich lediglich missverst�ndlich ausgedr�ckt, entschied Datames. �Du darfst dich nun zur�ckziehen, Hauptmann. Ich bin sicher, du bist sehr m�de. Danke f�r den Dienst, den du mir erwiesen hast.�</p><p>Aleksan verneigte sich ein wenig �bertrieben und ging ohne ein weiteres Wort.</p><p>Datames trommelte mit den Fingern der Linken auf dem Truhendeckel. Er ahnte, was f�r ein <emphasis>Geschenk</emphasis> er da bekommen hatte, und war nicht gerade erpicht darauf, es sich anzusehen. Er roch es durch den geschlossenen Deckel hindurch, das Blut und das Fleisch, dem in der Hitze des beginnenden Tages bereits erster Verwesungsgeruch anhaftete. Er war es seinen M�nnern schuldig, entschied er. Sie waren f�r ihn gestorben. Dies war die letzte Ehre, die er ihnen erweisen konnte.</p><p>Datames schob den Bronzeriegel zur�ck, klappte die Truhe auf und st�hnte auf. Ein Schwarm von Fliegen, die er bei ihrem Festmahl gest�rt hatte, stieg auf und verteilte sich im Zelt. Vier tote Augen blickten ihn an. Einer seiner Sp�her und Ashira. Er klappte abrupt den Deckel wieder zu. Ashira! Woher wussten sie � Er hatte in den letzten Wochen ein gro�es Lager organisiert, in dem die Bauern und Krieger des Heeres alle erdenklichen Dienstleistungen bekommen konnten. Es gab W�scherinnen und K�chinnen, es gab Zelte mit Badezubern, etliche Tavernen, und die meisten der Frauen dort standen auch f�r andere Gef�lligkeiten zur Verf�gung. Er hatte all dies unter seine Obhut genommen, um besser Kontrolle aus�ben zu k�nnen. Wer sich bei den �bungen hervortat, die jeden Tag abgehalten wurden, um aus den Bauern K�mpfer zu machen, bekam eine eigens gepr�gte Kupferm�nze und konnte sie gegen Dienstleistungen eintauschen. In den meisten F�llen lief das auf k�ufliche Liebe hinaus. Aber darauf kam es ihm nicht an. Es gab keinen Unfrieden deshalb, keine z�gellosen Bes�ufnisse, bislang keinen einzigen Mord und nur sehr selten Schl�gereien.</p><p>Bislang.</p><p>Ashira war in den letzten N�chten in sein Zelt gekommen, um ihn zu massieren, wenn seine Muskeln verkrampft waren und sein Leib bedeckt mit Prellungen, die er sich in den Kampfspielen zuf�gen lie�, damit nicht auffiel, dass er zu geschickt f�r einen Menschensohn war. Er hatte Ashira gemocht. Sie war keines dieser vollbusigen, frechen Weiber gewesen, die sich sonst mit Kriegern abgaben. Eine kleine, verhuschte Gestalt mit pockennarbigem Gesicht und einem fast knabenhaften K�rper.</p><p>Kurunta hatte also Spitzel und M�rder in ihrem Lager. Wollte er mit dem Tod Ashiras andeuten, dass er auch ihn h�tte ermorden lassen k�nnen? Datames lie� sich auf dem Faltstuhl neben seinem Arbeitstisch nieder. Er durfte sich jetzt nicht von seinen Gef�hlen �bermannen lassen. Er hatte alles gut machen wollen � Hatte gewollt, dass die Frauen nicht erpresst und verpr�gelt wurden, dass sie einen gerechten Lohn f�r ihre Arbeit bekamen, ganz gleich, welcher Art sie war. Und er hatte nicht geduldet, dass sich irgendwelche zwielichtigen Gestalten zu ihren Besch�tzern aufschwangen.</p><p>Kolja hatte mehrfach versucht, den Schutz der Frauen zu �bernehmen. Er konnte diesen Fleischkopf nicht leiden! Wenn das alles hier vor�ber war, sollte er sich die Gesch�fte des Drusniers in Nangog einmal n�her anschauen. Dass so viele der S�ldner aus Aarons Leibwache krank waren, mochte er nicht glauben. Irgendetwas lief dort hinter seinem R�cken � Aber das war das Gesch�ft eines anderen Tages.</p><p>Datames klappte die Truhe wieder auf und zwang sich erneut hineinzusehen. F�r den Sp�her hatte er nur einen fl�chtigen Blick. Er war irgendwo in den Bergen gestellt und ermordet worden. Aber was war mit Ashira geschehen? Ein glatter Schnitt hatte ihre Kehle durchtrennt und reichte fast bis zur Wirbels�ule. Am hinteren Hals sah der Wundrand ganz anders aus. Zerfasert � Wahrscheinlich hatte der M�rder nur einen Dolch besessen und einige M�he gehabt, den Kopf ganz vom Rumpf zu trennen. Und wo war ihr Leib? Es gab zu viele Hunde, um ihn nahe beim Lager irgendwo im Sand zu verscharren. Der M�rder w�rde die Leiche auch kaum herumgetragen haben. Er hatte Ashira zu einem Stelldichein an einen Ort bestellt, an dem er ihre Leiche sofort verschwinden lassen konnte. Wo mochte das gewesen sein?</p><p>Datames nahm das Innere der Truhe genauer in Augenschein. Sie war mit gewachstem Stoff ausgeschlagen, in dem sich das Blut der beiden Toten zu halb geronnenen Pf�tzen gesammelt hatte. Und da war noch etwas. Er hatte es zun�chst �bersehen, weil es fast v�llig in einer Blutlache versunken gewesen war.</p><p>Mit spitzen Fingern zog er es hervor. Es war glitschig, kaum zu packen. Ein T�felchen aus ungebranntem Ton, halb so gro� wie seine Hand.</p><p>Endlich lag es vor ihm auf dem Tisch. Die Schriftzeichen, tief mit dem Griffel in den weichen Ton gedr�ckt, waren mit Blut vollgelaufen. Im unteren Drittel war das Bild einer gefl�gelten I�ta in den Ton gepr�gt. Sie hatte die Arme seitlich ausgestreckt und hielt in jeder Hand ein B�ndel Blitze. Auf dem Boden um sie herum lagen enthauptete Feinde. Etwas undeutlich, ganz an der linken Seite, war eine kleine Pyramide aus runden Steinen aufgeschichtet. Oder sollten es K�pfe sein?</p><p>Sorgf�ltig las er die Nachricht aus geronnenem Blut.</p><cite><p>Auf das Land ohne Wiederkehr setze ich dich, auf dass Erdstaub und Steine deine Speise seien und du in Dunkelheit sitzest, wohin kein Licht kommt und wo nie das Lied eines Vogels deine Ohren erfreuen wird.</p><p>Ich selbst werde dich f�hren durch die sieben Tore zum Land ohne Wiederkehr.</p></cite><p>Datames schlang die Arme um seinen Leib. Pl�tzlich war ihm kalt. Er ging zu seinem Lager und nahm seine Decke, um sie sich um die Schultern zu legen. Hatte wirklich I�ta diese Tontafel verfasst? Hatte er die Aufmerksamkeit einer Devanthar auf sich gelenkt? Wenn sie seinen Kopf wollte, spielte es keine Rolle mehr, wie die Schlacht ausging. Sie w�rde kommen und ihn holen � Und sie w�rde erkennen, wer er wirklich war!</p><p>Immer wieder hatten ihn die anderen Meister der Blauen Halle gewarnt, dass er das Schicksal zu sehr herausfordere. Es war an der Zeit zu gehen. Er war hier nicht mehr sicher. Selbst wenn nur irgendein Handlanger Muwattas diese Zeilen verfasst hatte.</p><p>Er kehrte an den Tisch zur�ck und blickte auf die blutige Schrift. Wenn er fortlief, w�rde Ashiras M�rder niemals bestraft werden. Und niemand w�rde nach ihrem Leib suchen, um sie in ein w�rdiges Grab zu betten. Den Menschenkindern bedeutete das sehr viel. Sie gaben ihren Toten Speisen mit f�r jenes Land, in dem es nur Erdstaub und Steine zu essen gab, Vogelk�fige und manchmal gingen die wichtigsten Diener und die Geliebten eines bedeutenden Toten sogar mit ihm zusammen ins Grabhaus, damit ihr Herr auch im Land ohne Wiederkehr ihr Gebieter sein konnte.</p><p>�Ich werde daf�r sorgen, dass auch dein M�rder in das Land ohne Licht und Vogelstimmen geht, Ashira�, sagte er bitter. Dann nahm er ihr Haupt, legte es in die Truhe zur�ck und verschloss den Deckel.</p><p>Er w�rde nicht fortlaufen. So viele Jahre lebte er nun schon am Hofe Aarons, und er hatte erlebt, wie der Unsterbliche sich ver�ndert hatte. Diese ganze Welt konnte sich �ndern, wenn er den Tyrannen Muwatta besiegte. Datames bildete sich nicht ein, dass er ausschlaggebend f�r Sieg oder Niederlage war. Aber wenn er jetzt davonlief, dann w�rden die Aussichten f�r Aaron schlechter werden. Um das zu verhindern, musste er den Herrscher um etwas bitten, das er ihm nur ungern gew�hren w�rde. Und das gleich zwei Mal.</p><p>Der Elf erhob sich und griff nach seinem Wickelrock.</p><p>�Datames? Musst du dich heben aus weichem Bett. Warten wir auf dich�, erklang es vor dem Zelt.</p><p>Datames musste unwillk�rlich l�cheln. Das also waren die Menschen, f�r die er bleiben wollte, statt nach Albenmark zur�ckzugehen. Er musste verr�ckt geworden sein!</p></section><section><title><p>Am Ende des Weges</p></title><p>Nandalee erwachte von dem Gef�hl, beobachtet zu werden. Alle ihre Sinne waren schlagartig wach. Nicht sofort die Augen �ffnen, dachte sie. Wer immer dort war, sollte noch nicht wissen, dass sie nicht mehr schlief. Wo steckte Gonvalon? Sie konnte ihn nicht in ihrer N�he sp�ren. Wo war ihr Schwert?</p><p>Da war ein vertrauter Geruch. B�renfett? Hatten die Trolle sie gefunden?</p><p>�Nandalee? Komm, wir m�ssen gehen.�</p><p>�Cullayn?� Sie richtete sich auf. Ein St�ck entfernt lehnte Gonvalons Schwert an einer Tropfsteins�ule. Mehr konnte sie im fluoreszierenden Licht der H�hle nicht erkennen. Nicht einmal Cullayn. Er stand irgendwo im Schatten. Warum?</p><p>Sie war nackt. Nandalee musste l�cheln. Erstaunlich, wie verklemmt der Maurawan war. Sie streifte ihr langes Lederhemd �ber. �Was machst du hier? Wo ist Gonvalon?�</p><p>�Er schickt mich. Er macht sich Sorgen wegen der Trolle.�</p><p>Sie nahm das Schwert und schnallte den Waffengurt um ihre H�ften. �Warum sagt er mir das nicht selbst?� Jetzt sah sie Cullayn. Er stand nahe dem Ausgang aus der niedrigen Grotte.</p><p>�Er � er k�mpft uns den R�ckweg frei.�</p><p>�Haben die Trolle dich und Tylwyth gefunden?�</p><p>�Frag nicht so viel!�, herrschte er sie an. �Komm einfach mit. Es ist sp�ter Zeit zu reden.� Er drehte sich um und verschwand in den Tunnel.</p><p>Nandalee sah ihm verwundert nach. So hatte sie Cullayn noch nie erlebt. Ob er sich mit Gonvalon gestritten hatte?</p><p>Schweigend folgte sie ihm. Es war seltsam still im Berg, als seien alle Trolle gefl�chtet. Nach Gonvalons Kampf in der Nacht w�re das nicht verwunderlich. Nie hatte sie ihn so fechten sehen! Ein warmes, wohliges Gef�hl breitete sich in ihr aus, als sie an ihn dachte. Und nie zuvor hatte sie ihn so leidenschaftlich geliebt wie gestern.</p><p>Sie folgte dem Ger�usch von Cullayns Schritten durch die Dunkelheit, bis sie in den Tunnel gelangten, der zum gefrorenen Wasserfall f�hrte. Dort erwarteten sie Gonvalon und Tylwyth. Ihr Geliebter sah zum Erbarmen aus. Seine Kleider waren zerrissen und mit Blut verschmiert. Das Gesicht wirkte eingefallen und ausgezehrt.</p><p>Sie dr�ngte sich an Cullayn vorbei und schloss Gonvalon in die Arme.</p><p>�Mir geht es gut�, sagte er mit tonloser Stimme.</p><p>Sie schob ihn ein wenig von sich und betrachtete ihn skeptisch. Er war verwundet worden, aber jetzt zeigte sich, abgesehen von den zerrissenen und besudelten Kleidern, keine Spur der Verletzungen mehr.</p><p>�Ich habe ihn geheilt, so gut ich konnte�, erkl�rte Cullayn hinter ihr.</p><p>Nandalee drehte sich zu dem J�ger um. <emphasis>So gut er konnte</emphasis> war eine Untertreibung ohnegleichen. Gonvalon musste ernsthaft verwundet worden sein, w�hrend sie schlief.</p><p>�Das ist nicht ��, begann Tylwyth.</p><p>�Wir sollten hier nicht l�nger Zeit vergeuden, sondern schnellstm�glich aufbrechen�, unterbrach ihn Cullayn. �Steigen wir schnell zum Segler hinab. Der Immerwinterwurm erwacht, wenn der Nordwind kommt. Gehen wir!�</p><p>Nandalee sah ihn verwirrt an. �Wovon redest du?�</p><p>�Gonvalon hat ihn zwei Mal erschlagen.� Cullayn tauschte einen gehetzten Blick mit Tylwyth. �Aber man kann ihn nicht endg�ltig t�ten. Er erwacht wieder zum Leben, wenn der Nordwind �ber seinen Kadaver streicht.�</p><p>Eine Spannung lag in der Luft. Irgendetwas Unausgesprochenes. Nandalee sp�rte es ganz deutlich. Die drei verschwiegen ihr etwas. Etwas, das nichts mit dem Ungeheuer zu tun hatte.</p><p>�Beeilen wir uns besser�, dr�ngte nun auch Gonvalon.</p><p>Wo war der Zauber der letzten Nacht? Kein Kuss. Nicht einmal ein z�rtlicher Blick. Sie folgte ihm, versuchte ihn zu ber�hren. Doch er entzog sich ihr. �Sp�ter ��, murmelte er.</p><p>Ihr wurde kalt. Die wohlige W�rme in ihrem Bauch war gewichen.</p><p>Vorsichtig stiegen sie die steile Treppe mit den zu gro�en Stufen am Wasserfall hinab. Inmitten des schmalen Bachlaufs lag der Kadaver des Immerwinterwurms. Der Schnee war zerw�hlt. Sie konnte an den Spuren sehen, dass der Kampf anders abgelaufen sein musste als am Vortag. Einige der Gliedma�en des Wurms waren abgehackt. Sie versuchte sich vorzustellen, mit welch unb�ndiger Kraft Gonvalon zugeschlagen haben musste.</p><p>Vor dem Kadaver ragte Todbringer aus einem Schneehaufen. Der Bidenh�nder war von Eis verkrustet. Sie nahm das gro�e Schwert an sich. Sein vertrautes Gewicht in ihren H�nden zu sp�ren gab ihr ein Gef�hl von Sicherheit. Sie l�ste ihren Schwertgurt und gab Gonvalon seine Waffe zur�ck. Er sah sie so eigenartig an.</p><p>Der Schwertmeister zeigte zum Hang hinauf, auf dem er gestern gegen den Immerwinterwurm gek�mpft hatte. Dort standen Hunderte riesiger Gestalten. Die Trolle des K�nigssteins. Schweigend blickten sie zu ihnen herab. Sie mussten sich vorhin noch im tiefen Schnee verborgen gehalten haben. Anders konnte Nandalee sich nicht erkl�ren, sie beim Abstieg nicht bemerkt zu haben.</p><p>�Was wollen die?�, fragte Tylwyth beklommen.</p><p>Nandalee stie� Todbringer in den Boden.</p><p>�Was hast du vor?� Gonvalon war sofort an ihrer Seite.</p><p>�Ich gehe dort hinauf. Allein. Ich habe diese Sache begonnen. Ich muss sie zu Ende bringen.�</p><p>Der Schwertmeister presste die Lippen zusammen. Er wirkte so ersch�pft und verletzt, dass sie ihn am liebsten in die Arme genommen h�tte. Sie war erleichtert, dass er nicht versuchte sie aufzuhalten. Er kannte sie zu gut.</p><p>�Du l�sst sie gehen?�, h�rte sie Tylwyth hinter sich sagen. �Nach allem, was wir getan haben, um sie zu retten? Das ist �� Der Protest brach ab. Wahrscheinlich hatte Cullayn seinen Freund mit ein paar barschen Worten zum Schweigen gebracht. Nandalee wandte sich nicht um. Sie hielt den Blick fest auf die Trolle gerichtet und stieg aus dem Bachbett den Hang hinauf.</p></section><section><title><p>H�te dich vor dem Mann mit dem Goldhaar</p></title><p>Keiner der Trolle r�hrte sich. Manche von ihnen waren mit Speeren und Keulen bewaffnet. Aber es waren auch ihre Weiber und deren Welpen gekommen. Welpen, so nannten sie selbst ihre Kinder. Nandalee hatte ihr Leben lang nichts als Verachtung f�r die ungeschlachten H�nen empfunden. Dabei waren auch sie J�ger. Und auch sie behaupteten sich in den eisigen Ein�den der Snaiwamark und Carandamons.</p><p>Sie entdeckte Bromgar. Er stand auf einer Felsnase, die sich aus dem Schneefeld schob. Seinen rechten Arm hielt er dicht an den Leib gepresst. Der Stumpf war nicht verbunden. Er sah aus, als habe er ihn ins Feuer gehalten, um die Blutung zu stillen.</p><p>�Du hast Mut, Elfenweibchen.� Sosehr er auch versuchte sich zu beherrschen, Schmerz schwang in Bromgars Stimme. Soweit Nandalee wusste, wurde unter den Trollen der Kr�ftigste oder der beste K�mpfer K�nig. Nachdem er eine Hand verloren hatte, waren Bromgars Tage als Herrscher vermutlich gez�hlt.</p><p>Die Elfe hielt ihren Blick gesenkt, so wie man es bei Raubtieren vermied, ihnen direkt in die Augen zu sehen. �Ich bin gekommen, um mich bei dir f�r den Mord an deinem Sohn zu entschuldigen, Bromgar, Herrscher des K�nigssteins.� Sie sprach mit lauter Stimme, sodass ihre Worte weit �ber den Hang hallten. �In meiner Tat lag keine Ehre. Ich ermordete deinen Sohn, weil er das Wild stellte, das ich lange gejagt hatte. Er war der bessere J�ger von uns beiden. Die Blutfehde, die ich beschworen habe, soll enden. Hier, auf diesem Hang.� Sie kniete nieder. �Ich lege mein Leben in deine Hand.�</p><p>Aus den Augenwinkeln beobachtete sie den Troll. In dem plumpen Gesicht war kaum eine Regung abzulesen. Kurz hatte sie den Eindruck, dass seine Augen feucht schimmerten.</p><p>�Geh!�, sagte er mit rauer Stimme. �Du bist die Letzte deiner Sippe. Du sollst allein jagen. Die Einsamkeit kosten. Das ist meine Rache. Unsere Fehde ist zu Ende. Geh! H�te dich vor dem Mann mit dem Goldhaar. Er ist nicht, was er zu sein scheint. Und warne die Elfen vom Albenhaupt. Wir t�ten Fremde, die in unseren Jagdgr�nden wildern. Es wird ein Tag ohne Wind kommen. Und wenn ihre gro�en Windschlitten stehen bleiben, dann werden sie lernen, dass wir ausdauerndere L�ufer sind als sie.�</p><p>Nandalee sah ihn jetzt direkt an. F�rchtete er Gonvalon so sehr? Lie� er sie deshalb ziehen?</p><p>�Geh!� Er deutete mit seinem Armstumpf in Richtung ihrer Gef�hrten.</p><p>Wer verstand schon, was in Trollk�pfen vor sich ging. Sie erhob sich. �Liuvar. Frieden!�, sagte sie beklommen. Sie hatte sich das Ende der Fehde anders vorgestellt. Mit ihrem Tod hatte sie gerechnet oder mit einem Zweikampf. Darauf hatte sie insgeheim gehofft. Aber dass ein Troll auf die Idee kommen k�nnte, sie mit dem Leben zu bestrafen �</p><p>Gonvalon kam ihr entgegen. Erleichtert schloss er sie in seine Arme. �Ich h�tte sie �� Seine Stimme klang erstickt. �Ich ��</p><p>�Gehen wir�, riet Cullayn. �Bevor sie es sich anders �berlegen.�</p><p>Sie folgten dem J�ger die Klamm hinab und weiter bis zum Versteck des Eisseglers. Nandalee sagte kein Wort mehr. Sie sp�rte eine Leere in sich wie nie zuvor in ihrem Leben. Sie hatte gehofft, dass alles vor�ber sein w�rde, wenn sie ein paar �berlebende ihrer Sippe gefunden oder zumindest Rache genommen hatte. Aber als sie die Trolle auf dem Hang gesehen hatte, war ihr klar geworden, dass diese Fehde niemals enden w�rde, wenn sie den Weg des Blutes ging. Sie m�sste wieder und wieder t�ten, und die Trolle w�rden nicht aufgeben, nach ihr zu suchen oder nach anderen, die ihr etwas bedeuteten. Eine endlose Spirale des Todes.</p><p>Nun war es vor�ber. Aber sie f�hlte sich nicht befreit. Sie f�hlte gar nichts mehr.</p><p>Gonvalon blieb immer in ihrer N�he. Manchmal streiften seine Finger kurz ihre Hand. Er war da, ohne aufdringlich zu sein. Er st�rte ihr Schweigen nicht, stellte keine Fragen, auf die sie keine Antworten wusste.</p><p>Cullayn und Tylwyth setzten ihren Eissegler allein zusammen. Auch sie kamen ohne Worte aus. Als sie fertig waren, senkte sich die D�mmerung auf das weite Land. Sie schoben den Segler gemeinsam aufs Eis, verstauten ihre wenigen Habseligkeiten und vertrauten sich dem Wind an.</p><p>Bald f�llte sich das Segel. Mit leisem Zischen glitten sie �ber den gefrorenen Fluss, der sich in weiten Kehren durch die Ebene wand. Dunkle Wolken flohen vor dem Nordwind �ber den tiefen Himmel. Kein gr�nes Licht wogte von Horizont zu Horizont. Kein Stern war zu sehen. Sie reisten in die Dunkelheit.</p><p>Ihre Trauer erf�llte sie mit s��em Schmerz. Es bedeutete nichts, dass es der Windschlitten von Duadan gewesen war, der die Trolle zu ihrer Sippe gef�hrt hatte. Ihr Pfeil war es gewesen, der das Ungl�ck heraufbeschworen hatte. Ein Pfeil, in blindem J�hzorn von der Sehne gelassen, hatte letztlich ihre ganze Sippe get�tet.</p><p>Gonvalon trat hinter sie und legte einen Arm um ihre Taille. Er zog sie zu sich heran. Sie lie� ihren Kopf gegen seine Schulter sinken. Und pl�tzlich rannen ihr Tr�nen �ber die Wangen. Sie weinte still. Ohne Schluchzer. Stand reglos und k�mpfte nicht mehr. Und ein einziger Gedanke erf�llte sie ganz und gar. Sie war nun die letzte Windwanderin.</p></section><section><title><p>Freudengeld und Geheimnisse</p></title><p>Der Unsterbliche Aaron blickte �bellaunig auf, als er das Zelt betrat. Datames �berlegte kurz, ob er sich unter irgendeinem Vorwand sofort wieder zur�ckziehen sollte, entschied sich aber dagegen. Was er wollte, duldete keinen Aufschub.</p><p>Er durchma� das Zelt und stellte die l�ngliche Truhe, die er geschickt bekommen hatte, auf den mit Tontafeln bedeckten Tisch. �Ein Geschenk an mich, edler Unsterblicher, aber der Inhalt betrifft auch Euch.�</p><p>Datames sah, wie Aaron darum rang, seine schlechte Stimmung zu unterdr�cken.</p><p>�Worum geht es?�, fragte der Herrscher bem�ht sachlich.</p><p>�Bitte �ffnet die Truhe. Der Inhalt sagt mehr als viele Worte.�</p><p>Aaron kam seinem Wunsch nach und wandte sich mit angewidertem Blick ab, als er die abgetrennten K�pfe sah.</p><p>�Dies sind eine Wache und die junge Dame, die in mein Zelt kam, um mich zu massieren. Der Tod der Wache ist traurig, doch geh�rt das noch zum Vorpostengepl�nkel. Ashiras Tod nicht. Das ist eine Botschaft, dass sich Meuchler in unserem Lager befinden. Sie wissen um den Tagesablauf deiner W�rdentr�ger, wahrscheinlich wissen sie auch, was Ihr zu jeder Stunde des Tages tut. Sie k�nnen jederzeit jemanden t�ten, der uns nahesteht. Ja, vielleicht k�nnte ein Meuchler sogar bei Nacht in Euer Zelt eindringen, Unsterblicher.�</p><p>Aaron strich sich nachdenklich �ber den Bart. Dann sch�ttelte er den Kopf. �Mein Zelt ist Tag und Nacht bewacht. Ich bin nicht in Gefahr. Es geht um die anderen ��</p><p>�Bitte, Erhabener, weist das nicht so leicht von Euch. Ein betr�chtlicher Teil Eurer Leibwache besteht aus S�ldnern, aus ehemaligen Piraten. Seid Ihr Euch der Loyalit�t jedes einzelnen dieser M�nner sicher? Ich halte es durchaus f�r m�glich, dass sich ein Meuchler bereits unter Euren Vertrauten befindet.�</p><p>�Dann ist der Plan unserer Feinde, Zweifel und Unfrieden zu s�en, bei dir ja bereits aufgegangen, Datames.� Er klappte die Truhe zu.</p><p>�Selbst wenn es keinen Verr�ter unter Euren Leibwachen gibt: Ihr seid jeden Tag unter den M�nnern im Lager. Ihr grabt mit ihnen. Ihr nehmt an den Wettk�mpfen teil. Jeder in diesem Lager, der es nur will, kann auf Dolchesl�nge an Euch herankommen, Herr.�</p><p>�Ich erwarte von jedem meiner M�nner, dass er am Tag der Schlacht sein Leben f�r mich einsetzt, und jetzt soll ich mich wie ein Feigling ducken? Es war dein Vorschlag, dass ich ins Lager gehe, um den Bauern und Kriegern nahezukommen. Und nun willst du, dass ich das Gegenteil tue? Nein! Du hast mich auf den richtigen Weg gebracht. Das sehe ich umso deutlicher, weil Muwatta versucht, mich davon wieder abzubringen. Ich werde gar nichts �ndern.�</p><p>Datames stie� einen tiefen Seufzer aus. Er sch�tzte Aaron, weil er solche Dinge sagte. �Ich kann Euch nicht besch�tzen, wenn Ihr unvorsichtig seid, Herr.�</p><p>Aaron l�chelte ihn an. �Dann entbinde ich dich von dieser Verantwortung.� Er sagte das warmherzig, ganz ohne Arroganz und h�rbar bem�ht, auch nicht beleidigend zu klingen. �Ich werde auf mich selbst aufpassen.� Er legte die Hand auf die Truhe. �Aber wir m�ssen besser darin werden, die Unsrigen zu sch�tzen. Hast du Vorschl�ge, Datames?�</p><p>�Wir haben f�nfzigtausend Bauern und Krieger hier und einen Tross, der nach etlichen Tausend z�hlt. Au�erdem kommt t�glich ein Heer von Lastentr�gern, die uns mit allem N�tigen versorgen. Vielleicht k�nnen wir es schaffen, den Meuchlern, die sich eingeschlichen haben, ihr blutiges Handwerk zu erschweren. Aber aufhalten k�nnen wir sie nicht.�</p><p>�Dann machen wir es so gut wir k�nnen�, entgegnete Aaron, den die Aufgabe mit neuem Enthusiasmus zu erf�llen schien. �Die Frauen zum Beispiel, die das Freudengeld nehmen. K�nnen wir sie nicht alle in einem Lager zusammenfassen, das mit einem Graben und einem Erdwall umgeben wird? An die Zug�nge stellen wir Wachen. Wer dort hineinwill, muss seine Waffen abgeben und sein Freudengeld zeigen. Dann kann nicht jeder zu jeder beliebigen Zeit zu ihnen.�</p><p>Datames versuchte einzusch�tzen, f�r wie viel Unruhe das unter den M�nnern sorgen w�rde. Er wusste, manche flanierten einfach nur gerne zwischen den Zelten der Frauen, um sie anzugaffen.</p><p>�Wir sollten eine Erkl�rung liefern, warum das geschieht.�</p><p>�Seien wir offen�, entgegnete der Unsterbliche. �Reden wir �ber den Mord an Ashira. Wenn die M�nner verstehen, was geschieht, wird es weniger Unmut geben. Und �brigens, dein Einfall mit dem Freudengeld war ausgezeichnet. Die M�nner legen sich mehr ins Zeug. Die Stimmung ist besser. Es gibt weniger Schl�gereien. Ich danke dir f�r deine Dienste, Datames. Auch wenn wir manches Mal aneinandergeraten � Du bist meine rechte Hand. Ohne dich w�rde hier das Chaos regieren.�</p><p>Datames sah seinen Herrscher �berrascht an. An Lob aus seinem Munde war er wirklich nicht gew�hnt, obwohl der Unsterbliche sich in den letzten beiden Jahren sehr zu seinem Vorteil ver�ndert hatte. �Danke, Herr.�</p><p>Die Sache mit dem Freudengeld war nur eine Kleinigkeit. Jeder, der sich bei seiner Arbeit oder bei den Kampf�bungen besonders auszeichnete, bekam eine besondere M�nze als Lohn, das Freudengeld. Jeden Tag wurden Tausende davon verteilt. Nur wer so eine M�nze vorweisen konnte, durfte die Dienste der k�uflichen Damen in Anspruch nehmen. Er zahlte damit, und die Damen wechselten die M�nzen in richtiges Geld. Nat�rlich hielten sich nicht alle daran, aber in der Gesamtheit war sein Plan aufgegangen. Die M�nner strengten sich nicht mehr nur an, weil sie Land versprochen bekamen, das sie vielleicht erhalten w�rden, wenn sie die Schlacht �berlebten. Die M�nzen waren viel greifbarer. Jeder konnte sie noch am selben Tag gegen ein paar sch�ne Stunden eintauschen.</p><p>�Wir sollten die Wachen au�erhalb des Lagers verst�rken�, fuhr der Herrscher fort. �Es muss m�glich sein, den Feind an seinen Bewegungen zu hindern.�</p><p>�Es w�re g�nstig, wenn wir die Hirten und J�ger aus Garagum enger an uns binden k�nnten. Die Bauern der Provinz hat sich Muwatta schon zu Feinden gemacht. Er erlaubt seinen M�nnern, sich zu holen, was sie haben wollen. Die meisten D�rfer auf der anderen Seite des trockenen Flussbettes sind gepl�ndert und niedergebrannt. Es ist eine Bitte an mich herangetragen worden, die Euch nicht gefallen wird, Unsterblicher Aaron, aber wenn wir ihr nachkommen, wird sich die Waagschale in dieser Provinz endg�ltig zu unseren Gunsten neigen.�</p><p>Aaron h�rte ihm aufmerksam zu und sch�ttelte den Kopf. �Das gef�llt mir nicht.�</p><p>�Ihr wisst, dass man Euch im Volk K�nig Geisterschwert nennt. Dieser Name eilt Euch bis in die entferntesten Provinzen voraus. Nun bietet sich die Gelegenheit, einen gro�en Nutzen daraus zu schlagen. Ihr wollt ein Herrscher sein, der dem Volk nahe ist? Dann geht auf diese Bitte ein.�</p><p>�Lass mich einen Tag �berlegen, was ich tun werde. Ich sollte das Heerlager nicht verlassen. Au�erdem will ich den Mann sehen. Kommen wir nun auf das Problem mit den get�teten Wachen zur�ck. Hast du einen Vorschlag?�</p><p>Datames r�usperte sich. �Mehr als das. Aber ich f�rchte, auch diesmal wird Euch mein Rat nicht gefallen. Ich pl�diere daf�r, dass wir alle Wachen abziehen und unter unseren M�nnern verbreiten, dass es gef�hrlich ist, in der Nacht das Lager zu verlassen, weil Muwatta Meuchler schickt. Alle m�ssen begreifen, wie riskant Spazierg�nge au�erhalb des Lagers sind. Das ist wesentlich, denn wenn wir tun, was ich mir �berlegt habe, ist jeder in gro�er Gefahr, der diesem Rat nicht folgt.�</p><p>Aaron strich �ber die Truhe auf seinem Tisch. �Ist das nicht schon jetzt der Fall?�</p><p>Datames konnte nicht widersprechen. �Es wird schlimmer werden. Bislang ist es unseren Sp�hern unm�glich gewesen herauszufinden, was in dem Tal hinter dem Heerlager Muwattas vor sich geht. Wir sind blind. Nun werden wir auch ihn blenden. Das verspreche ich Euch.�</p><p>�Dann tun wir es!�, entschied Aaron.</p><p>Datames war erleichtert. Er hatte nicht damit gerechnet, dass sich der Herrscher entschlie�en w�rde, seinem Rat zu folgen. Es war ein radikaler Weg, den sie nun beschreiten w�rden. Der Hofmeister nahm die Truhe an sich. �Wenn Ihr es erlaubt, werde ich nach der Leiche von Ashira suchen lassen.�</p><p>�Nat�rlich.� Der Unsterbliche nickte. Er wirkte, als seien seine Gedanken nicht mehr bei der Sache.</p><p>Datames zog sich zur�ck. Es gab viel zu tun!</p><p>�Hast du etwas �ber Prinzessin Shaya geh�rt?�</p><p>Er hatte bef�rchtet, dass Aaron nach ihr fragen w�rde. Ihm war zu Ohren gekommen, dass Kanita, der Statthalter des Unsterblichen Madyas in Nangog, hingerichtet worden war. Angeblich hatte auch Teile seiner Leibwache dieses Schicksal ereilt. Und Shaya war die Befehlshaberin der Leibwachen gewesen.</p><p>�Sie ist eine Prinzessin�, antwortete er vorsichtig. �Ich halte es f�r sehr unwahrscheinlich, dass ihr etwas zugesto�en ist. Wahrscheinlich wurde sie an den Hof des Unsterblichen Madyas gebracht.�</p><p>Aaron fuhr sich mit der Hand �ber die Stirn und vergrub sie in seinem Haar. �Ich muss wissen, wo sie ist�, sagte er gequ�lt. Er blickte auf die Tontafeln vor sich auf dem Tisch. �Ich kann keinen klaren Gedanken mehr fassen. Ich ��</p><p>�Es ist schwierig, Verbindung zum Wandernden Hof zu halten, Unsterblicher. Ihr wisst, dass er selten l�nger als drei oder vier Tage an einem Ort bleibt. Meist ist kein magisches Tor in der N�he der Zeltstadt, und es ist f�r Fremde gef�hrlich, die Steppen der Ischkuzaia zu bereisen.�</p><p>�Ich wei߫, entgegnete Aaron unwirsch. �Ich wei� aber auch, dass du �berall deine Spitzel hast. Du musst doch etwas in Erfahrung bringen k�nnen.�</p><p>�Nicht etwas in Erfahrung zu bringen bereitet Schwierigkeiten, Herr. Diese Nachricht vom Wandernden Hof nach hier zu bringen ist unser Problem.�</p><p>�Schick ihnen eine Gesandtschaft! Erfinde irgendeinen Grund! Sie sollen herausbekommen, was aus ihr geworden ist. Diskret!�</p><p>Datames verbeugte sich. �Nat�rlich, Herr. Ich werde noch heute eine Gesandtschaft zusammenstellen.� Mit diesen Worten zog er sich zur�ck. So eilig, dass es fast schon offensichtlich eine Flucht war. Prinzessin Shaya war kein Thema am Hofe Arams, aber er ahnte, was vorgefallen sein musste. Sie hatte Aaron an seinem Krankenlager besucht, nachdem er von Muwatta verwundet worden war. Und sie war mit ihm gegen den Himmelspiraten Tarkon Eisenzunge gezogen. Seit seiner R�ckkehr aus Nangog hatte Aaron jene Damen, die trotz der Aufl�sung des Harems aus freien St�cken am Hof verblieben waren, nur zwei Mal besucht, um mit ihnen ein gemeinsames Essen einzunehmen. Wenn jetzt der falsche H�fling an den Wandernden Hof geschickt wurde, um unauff�llig Erkundigungen �ber Shaya einzuziehen, w�rde es nicht mehr lange dauern, bis in Aarons Palast Ger�chte die Runde machten, warum sein Interesse an den Haremsdamen erloschen war.</p><p>Was sollte er tun? Er wollte nicht, dass Aaron die Nachricht erhielt, die kommen w�rde. Datames war bekannt, dass Shaya auf eine Hochzeit vorbereitet wurde. Auch wenn es schwierig war, Nachrichten vom Wandernden Hof zu erhalten, unm�glich war es nicht. Aber Aaron sollte davon nichts wissen. Er musste mit seinen Gedanken bei der Schlacht sein. Er war der Unsterbliche von Aram. Wenn er Shaya haben wollte, w�rde er Madyas gewiss schnell �berzeugen k�nnen. Madyas w�rde sicherlich nicht z�gern, ein Hochzeitsversprechen aufzul�sen, wenn er eine M�glichkeit sah, seine Tochter zu einem besseren Brautpreis zu verschachern. Schwieriger w�re es, die Zustimmung der Devanthar zu bekommen, denn Hochzeiten zwischen den Familien der Unsterblichen waren nicht gern gesehen.</p><p>Der Hofmeister blickte �ber das weite Feldlager. Das hier waren seine dr�ngendsten Sorgen. Shaya konnte noch ein wenig warten.</p></section><section><title><p>Von M�dchen und Huren</p></title><p>Ashot streckte den R�cken und wischte sich den Schwei� von der Stirn. �Verdammte Plackerei! Sind wir Krieger oder W�hlm�use?�</p><p>�Also ich grabe lieber L�cher in die Erde, als anderen einen Speer durch den Leib zu sto�en�, bemerkte Narek.</p><p>Ashot seufzte. Was sollte er darauf noch sagen? Er hatte zwar gerade gro�e Lust, jemanden zu verpr�geln, aber � Sein R�cken schmerzte, die frisch verheilten Blasen an seinen H�nden hatten sich wieder ge�ffnet, und sein Grabstock taugte kaum dazu, das mit Ger�ll durchsetzte Erdreich umzugraben, aber wo Narek recht hatte, hatte er recht. Manchmal �berraschte ihn sein Freund.</p><p>Ashot blickte zu dem gro�en, blonden S�ldner, der unter einem Sonnensegel am Eingang des Hurenlagers zusammen mit zwei anderen Kriegern Wache stand. Warum bekam er nicht so eine Aufgabe, dachte Ashot zornig und sah auf seine zerschundenen H�nde. Er taugte nicht zum Bauern. Ihm fehlten die Gen�gsamkeit und stille Duldsamkeit Nareks und all der anderen, die ohne zu murren gruben.</p><p>Sie sollten einen tiefen Graben um das Lager der Huren ziehen und einen breiten Erdwall aufsch�tten. Was f�r ein Irrsinn! Die Huren bekamen eine Festung gebaut. Sollte Aaron doch lieber das Ufer des trockenen Flusses befestigen lassen! Damit w�rde er am Tag der Schlacht vielen Bauern das Leben retten.</p><p>Beim Gedanken an die Schlacht wurde es Ashot mulmig. Das Fest der Sommersonnenwende stand unmittelbar bevor. Danach dauerte es nicht mehr lange. Pl�tzlich war sein Mund ganz trocken. Er nahm noch einen Schluck aus dem Wasserschlauch.</p><p>�Hast du f�r mich auch einen Schluck?�, fragte Narek.</p><p>Er reichte ihm wortlos den Wasserschlauch.</p><p>�Dass wir immer so ein Pech haben�, murrte Ashot. �Das n�chste Mal, wenn die Dreckarbeit verlost wird, ziehst du den Stein f�r unsere Gruppe.�</p><p>Narek sch�ttelte l�chelnd den Kopf. �Ganz sicher nicht. Du bist unser Anf�hrer. Und du machst das gut so. Wenn wir jetzt �fter Pech haben, bleibt mehr Gl�ck f�r den Tag der Schlacht �ber.�</p><p>Ashot verdrehte die Augen. Er wusste nur zu gut, dass es aussichtslos war, gegen diesen dummen Aberglauben anzureden. Wahrscheinlich dachten alle hier so. Jedenfalls hatte sich keiner aus seiner Gruppe beschwert, als er das Los gezogen hatte, das sie zum Grabenbau verdammte. Sie alle waren mehr Bauern als er. Sie fanden nichts dabei, in der Erde zu w�hlen.</p><p>Narek gab ihm seinen Wasserschlauch zur�ck. �Du solltest jetzt auch wieder graben. Du wei�t doch, dass die Gruppe, die das l�ngste St�ck gr�bt, Freudengeld bekommt.�</p><p>�Wenn Rahel dich jetzt h�ren k�nnte�, stichelte Ashot.</p><p>Narek sah ihn verst�ndnislos an. �Warum sollte sie das nicht h�ren?�</p><p>�Ich glaube nicht, dass sie sehr begeistert w�re, wenn sie mitbek�me, wie sehr du dich ins Zeug legst, um etwas Hurengeld zu bekommen.�</p><p>Narek legte seinen Grabstock zur Seite, stemmte die H�nde in die H�ften und sah ihn vorwurfsvoll an. �Du als unser Anf�hrer solltest nicht so respektlos von den M�dchen da oben im Lager reden. Die sind wirklich nett. Einige k�nnen sogar ganz ausgezeichnet kochen. Und dass ich gerne bei ihnen esse, w�rde Rahel bestimmt nicht ver�rgern. Sie wei�, dass sie keine tolle K�chin ist. Trotzdem ist sie eine wunderbare Frau.�</p><p>Die meisten aus der Gruppe blickten zu ihnen her�ber und grinsten.</p><p>�Dir ist schon klar, dass diese <emphasis>M�dchen</emphasis> auch andere Dinge tun, als zu kochen.�</p><p>�Nat�rlich. Ich bin auch schon mit ihnen in eines der Zelte gegangen. Sie lassen dann die Seitenw�nde herunter und massieren einem den Nacken und den R�cken, so hart, dass man quiekt wie ein Schwein.�</p><p>Ashot war fassungslos. Foppte sein Freund ihn? Das war sonst ganz und gar nicht seine Art. Narek war v�llig arglos. Aber ging das so weit �</p><p>�Die massieren dir auch noch ganz andere Stellen, dass du quiekst wie ein Schwein, wenn du danach fragst�, bemerkte Lamgi schmunzelnd.</p><p>Einige ihrer Kameraden lachten. Die M�nner mochten den hageren Kerl, obwohl er nicht einmal aus der Gegend um Belbek stammte. Er hatte sich als umg�nglicher Gef�hrte erwiesen, der sich nie beschwerte, einen guten Humor hatte und trotz seiner ausgemergelten Gestalt ein ausdauernder Arbeiter war.</p><p>�Was ist so lustig?�, fragte Narek arglos.</p><p>Ein Blick Ashots sorgte daf�r, dass keiner seinen Freund noch weiter verspottete. Narek war einfach zu gut f�r diese Welt.</p><p>�Wisst ihr, diese M�dchen sind wirklich toll!�</p><p>Ashot seufzte. Dass Narek nie ein Ende finden konnte.</p><p>�Die sind immer freundlich. L�cheln einen an und wollen einen in ihr Zelt einladen. Unglaublich! Ihr solltet einmal die Frauen in unserem Dorf erleben. Da reicht es manchmal schon, sie nur anzuschauen, und ein Donnerwetter geht hernieder, wie � wie �� Er sah Ashot Hilfe suchend an. �Na, ihr wisst schon, was ich meine. Und da geht irgend so ein seelenloser Schurke hin und schneidet einem dieser wunderbaren M�dchen den Kopf ab. Ich finde es nur gut, dass wir jetzt einen Graben um ihr Lager ziehen und besser auf sie aufgepasst wird. Das h�tten wir schon fr�her tun sollen.�</p><p>�Wovon redest du denn da?�, fragte Lamgi.</p><p>�Ja, hast du es denn noch nicht geh�rt? Gestern Abend haben sie in einer der Latrinengruben die Leiche eines enthaupteten M�dchens gefunden. Dieser blonde Kerl hatte nach ihr suchen lassen. Ich hab mit einem der S�ldner gesprochen, die dabei gewesen sind, als das M�dchen gefunden wurde. Das ist kein Tratsch. Das ist wirklich passiert. Und dieser Blonde, D�nne, dem kein Bart w�chst, der soll geweint haben, als sie das M�dchen aus der Grube holten.�</p><p>�Du meinst den Hofmeister Datames?�, fragte Ashot. So detailliert hatte er die Geschichte auch noch nicht geh�rt. Er wusste lediglich, dass gestern eine tote Hure gefunden worden war.</p><p>�Ja, Datames. Genau. So hei�t der Bartlose. Ich h�tte nicht gedacht, dass ihm der Tod eines einfachen M�dchens so zu Herzen gehen w�rde. Ich hatte ihn immer f�r ziemlich k�hl und etwas hochn�sig gehalten.�</p><p>Inzwischen hatten alle M�nner der Gruppe aufgeh�rt zu arbeiten und sich um Narek geschart, der es sichtlich genoss, im Mittelpunkt des Interesses zu stehen.</p><p>�Machen wir Pause, Jungs. Und zwar im Schatten.� Ashot deutete auf das Sonnensegel, unter dem die drei S�ldner standen. �Da ist Platz genug f�r uns alle. Ich m�chte nicht, dass ihr in der Sonne sitzt.�</p><p>�Und du glaubst, die lassen uns da einfach so sitzen?�, fragte Lamgi. �Ich finde, es ist kl�ger, diesen Kerlen aus dem Weg zu gehen.�</p><p>�Ich regele das.� Ashot ging zu den Wachen hinauf.</p><p>�Kenne ich dich�, sagte der Blonde und l�chelte. �Bist dich guter Anf�hrer. War sich ein guter Sieg.� Jetzt grinste der Kerl frech. �Wird sich nicht noch mal gelingen.�</p><p>Ashot ignorierte das Gestammel. �Meine M�nner brauchen eine Rast. Im Schatten, sie ��</p><p>�Dann bringt euch her. Ist sich genug Platz f�r alle hier.�</p><p>�Das �� Er sah den gro�en Krieger ungl�ubig an. �Das ist sehr gro�z�gig.�</p><p>Der blonde H�ne tat das mit einem Schulterzucken ab. �Sind wir uns Waffenbr�der.�</p><p>Ashot winkte seinen M�nnern. Sie wirkten befangen, beobachteten ihn und den blonden Krieger und wagten kein Wort zu sagen, als sie sich im Schatten des Sonnensegels niederlie�en.</p><p>�Gibt es etwas Neues �ber das tote M�dchen?�, brach Lamgi schlie�lich das Schweigen.</p><p>��ber die Hure �� Der Blonde sch�ttelte den Kopf. �Nichts.�</p><p>Narek r�usperte sich, aber Ashot schaffte es, seinen Freund mit einem Blick dazu zu bringen, den Mund zu halten.</p><p>Narek sah so aus, als wollte er gehen.</p><p>Ashot sch�ttelte den Kopf, aber der Kleine blieb stur. Er trat unter dem Sonnensegel hervor.</p><p>Ashot folgte ihm und packte ihn beim Arm. �Mach jetzt keinen Mist.�</p><p>�Mit so einem Arschloch will ich nichts zu tun haben.�</p><p>�Hast du doch auch nicht. Wir sitzen noch ein bisschen herum, und dann gehen wir.�</p><p>Narek stand auf. �Ich nicht. Mit dem Kerl will ich nichts zu schaffen haben.�</p><p>�Gibt sich �rger?� Der S�ldner schlenderte zu ihnen her�ber und musterte Narek eindringlich. �Hat sich kleiner Mann mehr Freude an Sonne als an Schatten?�</p><p>Ashot sah die Griffe der beiden Schwerter, die �ber den Schultern des Kriegers aufragten, und konnte sich lebhaft vorstellen, wie dieser Barbar �rger aus der Welt schaffte.</p><p>Narek st�tzte seine H�nde in die H�ften. Das tat er immer, wenn er etwas besonders Dummes sagen wollte.</p><p>�Du darfst nicht auf ihn h�ren�, sprudelte es aus Ashot heraus. �Mein Freund war zu lange in der Sonne. Der wei� nicht mehr, was er redet. Er ist eigentlich ��</p><p>Der Barbar unterbrach ihn mit einer harschen Geste. �Dein Freund will sich reden jetzt.� Er blickte auf Narek hinab. Er war fast zwei K�pfe gr��er.</p><p>Blanker Schwei� stand auf Nareks Stirn. Ashot konnte sehen, wie seinem Freund die Knie schlotterten. Zugleich lag aber auch ein Ausdruck verzweifelter Entschlossenheit in dessen Gesicht. �Ich verbringe meine Zeit nicht gern mit Arschl�chern, die von netten M�dchen als Huren reden.�</p><p>Die Augen des Barbaren verengten sich. �Bin ich Loch von Arsch?� Seine Stimme klang eisig.</p><p>Ashot stellte sich sch�tzend vor Narek. �Er meint das nicht so. Er ��</p><p>�Stinke ich mich?� Der Blonde hob einen Arm und schnupperte unter seiner Achsel. �Riecht sich nicht wie Loch von Arsch.�</p><p>�Das ist alles nur ein Missverst�ndnis. Ich kann ��, versuchte es Ashot.</p><p>Der S�ldner zog sein Schwert, zu schnell, als dass Ashot der funkelnden Klinge noch ausweichen konnte.</p></section><section><title><p>Nicht f�r alles Gold der Welt</p></title><p>Die Schwertklinge des S�ldners stoppte einen Fingerbreit vor Ashots Kehle. �Setzen!�</p><p>�Ich bin schuld.� Narek versuchte nach dem Schwert zu greifen, doch der blonde Krieger schlug seine Hand nieder.</p><p>�Setzen!� Diesmal klang seine Stimme ganz so, als w�rde gleich ein Kopf in den Staub fallen.</p><p>�Du willst sehen Loch von Arsch? Wirst du dich bekommen.�</p><p>Ashot griff nach seinem Arm und zog ihn zur�ck unter das Sonnensegel.</p><p>�Was habe ich nur getan? Ich wollte das nicht. Ehrlich. Ich dachte ��</p><p>�Ist schon gut.� Ashots Tonfall strafte seine Worte L�gen.</p><p>Die S�ldner besprachen sich leise miteinander. Dann ging einer von ihnen in das Lager der Frauen.</p><p>�Hast du eine Ahnung, was der von uns will?�, fl�sterte Lamgi.</p><p>Ashot zuckte mit den Schultern.</p><p>Narek f�hlte sich elend. Mit seiner Dickk�pfigkeit hatte er all seine Gef�hrten in Gefahr gebracht. Er musste das in Ordnung bringen! Der Blonde hatte sein Schwert wieder in die Scheide auf dem R�cken geschoben. Vielleicht war er ja bereit zu reden, und er konnte sich entschuldigen.</p><p>Narek erhob sich.</p><p>Der S�ldner drehte sich zu ihm um.</p><p>��hmm � Herr Krieger ��</p><p>Eine steile Falte bildete sich zwischen den Augenbrauen des Blonden.</p><p>�Ich meine � ehrenwerter Herr Krieger ��</p><p>�Was ist sich das? Erst du nennst mich Loch von Arsch, und jetzt willst du dich kriechen hinein in Loch? Setzen!�</p><p>Narek z�gerte. Der Barbar trommelte mit den Fingern auf dem Griff seines Dolches im G�rtel. Gut, dachte Narek. Er hatte verstanden. Was konnte er von einem Wilden, der wahrscheinlich in einer B�renh�hle aufgewachsen war, auch anderes erwarten. Reden konnte man mit diesen Barbaren nicht. Sie standen hier und wollten von jedem, der ins Lager der Frauen ging, das Freudengeld sehen. Der hatte bestimmt in seinem ganzen Leben noch keinen Acker umgegraben oder sonst etwas Sinnvolles gearbeitet.</p><p>Der S�ldner, der gegangen war, kam mit einer gro�en Holzplatte wieder, auf der ein ganzer Berg von Sesamkringeln aufgeh�uft war. Ringsherum standen flache Schalen mit So�en auf dem Brett, es gab einige etwas schrumpelige Gurken und sogar ein paar dunkle Weintrauben. Der Krieger setzte das Brett mitten zwischen ihnen ab.</p><p>�Wir warten. Ihr G�ste�, erkl�rte der Blonde. �Essen!�</p><p>Seine Kameraden gehorchten. Ihre Anspannung lie� nach, als sie sich bei dem knusprigen Sesambrot bedienten. So gut a�en sie �blicherweise nicht. Hirsebrei war ihr Hauptgericht. Morgens und abends, tagaus, tagein. Wer etwas anderes haben wollte, musste ins Lager der Frauen gehen und sein Freudengeld benutzen.</p><p>�Iss auch was!�, zischte Ashot ihm zu. �Oder willst du ihn noch mehr beleidigen? Der Kerl ist Hauptmann in der Leibwache des Unsterblichen. Erinnerst du dich noch, wie wir gegen ihn gespielt haben? Hast du �berhaupt eine Vorstellung, wie tief wir deinetwegen im Schlamassel stecken?�</p><p>Narek konnte sich an den Kerl nicht erinnern. F�r ihn sahen diese Wilden aus dem Norden alle gleich aus. Eine Traube w�rde er essen. Als Geste � Mehr nicht! Er w�rde sich der Gewalt des Barbaren nicht beugen!</p><p>Die Traube schmeckte k�stlich. S�� und saftig. Eine zweite w�re kein gro�es Zugest�ndnis. Er griff noch einmal zu, genoss sie mit geschlossenen Augen und merkte erst jetzt, dass er einen Wolfshunger hatte. Die Mittagsstunde war vor�ber, und au�er einer Sch�ssel Hirsebrei im Morgengrauen hatte er nichts gegessen. Er dachte an Rahel. Wann immer es ihr m�glich war, besorgte sie Honig f�r ihn und mischte etwas davon in seinen Brei. Sie wusste, wie sehr er s��e Speisen liebte. Narek nahm sich noch eine Traube.</p><p>�Du solltest etwas von dieser roten So�e versuchen�, sagte Lamgi, tauchte einen Hirsekringel in die So�e und biss herzhaft hinein.</p><p>Narek z�gerte. Er wollte von diesem Barbaren keine Geschenke! Aber wem nutzte es, wenn er als Einziger hungrig blieb. Au�erdem hatte er ja auch nicht laut verk�ndet, dass er nichts anr�hren w�rde. Genau betrachtet k�nnte man es auch so auslegen, dass er Frieden wollte, wenn er a�, und weiter auf �rger bestand, wenn er die Gastfreundschaft des Barbaren zur�ckwies. Er musste etwas essen! Allein um seine Freunde vor dem unberechenbaren Zorn des Blonden zu sch�tzen! Es w�re seine Art, f�r seine Gef�hrten zu k�mpfen! Und das Essen sah einfach zu gut aus! Das war eine Schlacht ganz nach seinem Geschmack.</p><p>Narek nahm sich zwei Sesamkringel, dippte sie in die So�e und biss herzhaft hinein. Er opferte sich! Eigentlich w�re er seinen Grunds�tzen treu geblieben, dachte er kauend. Aber �ber allem stand die Freundschaft. Er durfte die anderen nicht in Gefahr bringen � Er dippte den angebissenen Sesamkringel noch einmal in die So�e.</p><p>Der Barbar sah ihnen bei ihrem Mahl zu und l�chelte. �Essen wie L�wen.�</p><p>�Wir sind L�wen�, erkl�rte Narek. �Die L�wen von Belbek.�</p><p>Ihr Gastgeber l�chelte noch immer. �Ich nicht vergessen.�</p><p>Diese Antwort fand Narek ein wenig beunruhigend. Sie hatten die Leibwache des Unsterblichen bei dem Spiel mit den Wasserschl�uchen hereingelegt. Ein sauberer Sieg war das nicht gewesen.</p><p>�Jetzt trinken, ja?� Der Barbar wandte sich an einen seiner Kameraden und schickte ihn erneut ins Lager der Frauen.</p><p>Ashot r�usperte sich. �Ich m�chte mich im Namen meiner M�nner f�r deine Gastfreundschaft bedanken. Sollten wir dich vorhin beleidigt haben, so tut uns das aufrichtig leid. Wir m�ssen jetzt aber wieder an unsere Arbeit. Wir werden sonst �rger ��</p><p>Der Barbar wedelte mit der Hand. �Nicht nix �rger. In mein Land erst sich essen, dann trinken, dann �rger �� Er pustete auf seine Faust und �ffnete sie dabei. �Dann �rger wird sich Luft. So wir machen.�</p><p>�Wir lassen ihn besser machen�, fl�sterte Lamgi. �Hier stimmt etwas ganz und gar nicht. Wir sind in irgendeinen ziemlich gro�en Schlamassel geraten. Um uns geht es hier gar nicht.�</p><p>Narek r�ckte an die Seite seines hageren Kameraden. �Der Kerl hat Ashot eben ein Schwert an die Kehle gehalten. Ich dachte, er schneidet ihm den Hals durch. Nat�rlich geht es um uns. Wie deutlich muss das denn noch werden?�</p><p>Lamgi stie� einen Seufzer aus, wie Narek ihn h�ufiger zu h�ren bekam, wenn er mit Leuten sprach, die er noch nicht lange kannte. �Dieser Kerl ist der Hauptmann der Leibwache des Unsterblichen. Glaubst du, er hat nichts Besseres zu tun, als hier den ganzen Tag herumzustehen? Da steckt was dahinter. Irgendein gro�es Ding. Und wir sitzen mittendrin im Schlamassel. Ich sag dir �� Pl�tzlich senkte Lamgi den Kopf. �Er schaut zu uns r�ber�, fl�sterte er �ngstlich. �H�ren wir lieber auf zu reden. Es ist niemals gut, die Aufmerksamkeit solcher M�nner zu wecken.�</p><p>�Da kommt in der Tat etwas Gro�es auf uns zu.� Ashot stie� ihn mit dem Ellenbogen und deutete auf das Lager der Frauen. Der dritte S�ldner kehrte zur�ck. Er trug ein gro�es, pilzf�rmiges Tongef��. Ihm folgten drei Schankmaiden. Zwei schleppten sich mit einem Krater, einem fast einen Schritt hohen Tongef�� ab. Ein bauchiges Gef��, das sich �ber einem Fu� erhob, der wie ein umgest�lpter Becher aussah. Zwei Henkelpaare auf beiden Seiten, die dicht am Gef�� anlagen, erlaubten es, den Krater zu tragen. Die dritte trug ein Holzbrett voller Trinkbecher.</p><p>Narek wollte aufstehen, um den beiden M�dchen zu helfen, die sich mit dem offensichtlich sehr schweren Krater abm�hten, doch Ashot hielt ihn zur�ck. �Lass das. F�r heute hast du genug angestellt.�</p><p>Der Krater wurde zwischen ihnen auf dem sandigen Boden abgestellt. Es war ein Prachtst�ck. Noch nie zuvor hatte Narek ein so sch�nes Mischgef�� f�r Wasser und Wein gesehen. Bei ihm zu Hause nutzten sie daf�r den dickwandigen Tontopf, in dem Rahel sonst Fleisch und Gem�se schmorte, was dem Geschmack des Weins nicht immer ganz gut bekam und schon f�r manch hitziges Gerede gesorgt hatte.</p><p>Dieser Krater hier aber war aus rotem Ton gemacht und mit Bildern von Streitwagen und Kriegern bemalt. Die Streitwagen fuhren in zwei Reihen um den dicken Bauch des Gef��es. Sie wurden jeweils von einem Paar sehr schlanker Pferde gezogen. Weiter oben, auf gleicher H�he mit den Henkeln, wand sich ein Schmuckband mit marschierenden Kriegern um den Krater.</p><p>Kaum dass der Krater abgestellt war, setzte der S�ldner, der ins Frauenlager gegangen war, sein seltsames, pilzf�rmiges Gef�� hinein. Ashot beugte sich neugierig vor. Narek hingegen z�gerte, obwohl er neugierig war.</p><p>Das Holzbrett mit den Trinkbechern wurde auf den Boden gestellt. Jeder Becher hatte zwei gro�e, geschwungene Henkel an den Seiten, sodass man ihn mit beiden H�nden greifen konnte. Sie alle waren mit schwarzen Figuren bemalt. Kampfszenen zeigten Krieger auf Streitwagen, zu Fu� und auf einem Schiff, das von Krakenarmen umschlungen wurde.</p><p>�Das sind wir�, sagte der Krieger, der ins Frauenlager gegangen war. Er war ein drahtiger gro�er Kerl, die Wangen voller schwarzer Stoppeln. Fettiges Haar hing ihm in die Stirn. �Wir haben f�r den Unsterblichen in Luwien gek�mpft, die weiten Steppen Ischkuzas durchquert und sind �ber die Himmel Nangogs gesegelt. Die Kantharoi, die Henkelbecher, die ihr dort seht, wurden von den besten K�nstlern am Hof des Unsterblichen gefertigt. Jeder Kantharos tr�gt den Namen eines unserer Krieger auf seinem Fu�. Und jedes der Bilder auf den Kantharoi zeigt eine Heldentat aus dem Leben des Mannes, dessen Namen sie tragen.� Er hob einen der Henkelbecher hoch. Das Bild zeigte einen Mann, der einen Streitwagen auf seinen Schultern trug.</p><p>�Das ist unser Hauptmann Volodi, der �ber den Adlern schreitet�, fuhr der Krieger voller Stolz fort und deutete auf den blonden Barbaren. �Er hat seinen Streitwagen �ber ein Felssims getragen, das kaum so breit wie zwei nebeneinander gelegte H�nde war. Vorbei an einem Abgrund, so tief, dass unter ihm Wolken lagen und ein Adler flog. Es ist eine gro�e Ehre, wenn ihr eingeladen seid, aus diesen Gef��en zu trinken. Und solchen Wein hat euch noch keiner eingeschenkt. Es ist ein exzellenter Roter von den Aigilischen Inseln.� Der Blick des Kriegers schweifte in weite Ferne. �Viele der Zinnernen kommen von dort.�</p><p>�Genug Worte�, sagte der Hauptmann. Er trat an den Krater und nahm das pilzf�rmige Gef�� hinaus. Darin war der Wein. Er goss den Wein in den Krater. Er war so dunkel, dass er Narek fast schwarz erschien.</p><p>Volodi nahm einen Kantharos mit dem Bild eines Kriegers, der mit abgebrochenem Speer in seiner Seite und am Boden liegend immer noch weiterk�mpfte. Er tauchte ihn in den Krater und reichte ihn Narek. Merkw�rdige Klumpen schwammen in dem Wein.</p><p>�Auf die Helden, die gegangen sind, und jene, die noch kommen werden�, sagte der Hauptmann feierlich. Es war das erste Mal, dass Narek ihn einen Satz ganz richtig sagen h�rte. Er musste ihn schon oft gesprochen haben.</p><p>Der Bauer nahm den Henkelbecher mit beiden H�nden. Er wusste, dass er jetzt nicht z�gern durfte, auch wenn ihm die Klumpen in dem Wein nicht ganz geheuer waren. �Auf die Helden, die gegangen sind, und jene, die noch kommen werden.� Bei ihm h�rte sich das leider nicht halb so feierlich an wie bei dem Barbaren.</p><p>Narek setzte den Kantharos an die Lippen und trank. Das Gef�� war k�hl! Der Wein, der durch seine Gurgel rann, eisig. Fast h�tte er sich verschluckt.</p><p>Der Hauptmann l�chelte. �Ist sich Schnee von den Bergen.� Er deutete auf die hohen Gipfel im Nordosten. �Und Quellwasser. Kommt sich von Quelle, hoch wie Wolken schlafen.�</p><p>Narek blickte in den Henkelbecher und tippte einen der Klumpen an, die darin trieben. Schnee! Eigentlich gar kein schlechter Einfall an so einem hei�en Tag. Daron w�rde ganz sch�n staunen, wenn er ihm die Geschichte erz�hlte, dass ein Barbarenf�rst an einem hei�en Tag Schnee aus den Bergen hatte holen lassen, um mit ihm k�hlen Wein zu trinken. Er l�chelte. Und Rahel w�rde mit ihm maulen, weil er dem Jungen eine Geschichte �ber ein Saufgelage erz�hlte. Narek seufzte. Er vermisste die beiden.</p><p>�Nicht gut?�</p><p>�Der beste Wein, den ich je getrunken habe�, beteuerte Narek eilig. Er schmeckte s��. Sogar ein wenig nach Honig. �Ich � es tut mir leid. Du besch�mst mich ��</p><p>Der Barbar winkte ab. �Setzen und trinken.�</p><p>Narek gehorchte. Mochten die G�tter diesen Wilden verstehen! Vielleicht hatte Volodi kein anderes Wort f�r M�dchen gewusst als Huren. Er beherrschte ja kaum ihre Sprache. Und er war ein S�ldner. Da redete man wohl etwas ruppiger.</p><p>Der Hauptmann sagte ihnen nicht, warum er sie nicht gehen lie�. Narek beobachtete seine Kameraden. Obwohl sie tranken und sich faul im Schatten rekelten, konnte er ihre Sorge sp�ren. Es war, wie Lamgi gesagt hatte. Irgendetwas stimmte hier nicht. S�ldner tranken nicht einfach so mit Bauern.</p><p>Lamgi hielt sich immer von den drei Kriegern abgewandt.</p><p>Nach einer Weile nickte Narek ein. Dabei hatte er gar nicht so viel von dem Wein getrunken. Selbst mit Wasser verd�nnt, machte einem dieser dunkle Rote die Glieder schwer.</p><p>Narek d�ste leicht betrunken im Schatten und beobachtete die drei S�ldner. Sie lie�en sich von jedem, der das Frauenlager betreten wollte, das Freudengeld zeigen. Au�erdem sorgten sie daf�r, dass niemand mit Waffen das Lager betrat. Bald stapelte sich eine stattliche Sammlung von Bronzedolchen, Schwertern und Dorn�xten unter dem Sonnensegel. Manche gingen lieber fluchend davon, als sich von ihren Waffen zu trennen. Die meisten jedoch f�gten sich. Niemand wagte es, sich mit dem S�ldnerhauptmann anzulegen.</p><p>Der Nachmittag verging, und immer mehr kamen, um die M�dchen zu besuchen. Narek war inzwischen angenehm beschwipst. Ihm war ein wenig schwindelig, aber seine Laune war besser geworden. Es war das erste Mal seit sehr Langem, dass er einen ganzen Nachmittag lang faulenzen konnte. Eigentlich nicht schlecht. Vielleicht war es ein Geschenk der G�tter?</p><p>Er staunte, wer alles zu den M�dchen ging. Priester, Heilkundige, Bauern, Adlige. Aber wer mochte auch kein gutes Essen oder dass einem nach einem harten Tag der R�cken durchgeknetet wurde?</p><p>Jetzt kam ein ganzer Tross aus dem Heerlager, angef�hrt von einem b�rtigen Kerl, dessen langes Gewand �ber und �ber mit goldenen Amuletten geschm�ckt war. Ein Sklave hielt einen Sonnenschirm mit langen Fransen �ber ihn, obwohl die hei�esten Tagesstunden l�ngst vor�ber waren. Ein anderer Sklave trug zwei lange Schwerter f�r ihn. Ein dritter einen Bogen. Schreiber, H�flinge und Krieger begleiteten diesen F�rsten. Sein Bart war mit kostbarem �l eingerieben. Sein langes Haupthaar wurde von einem roten Stirnband zur�ckgehalten und war an den Schl�fen zu kunstvollen Locken gedreht.</p><p>Narek grinste. Die K�chinnen im Frauenlager mussten verdammt gut sein, wenn so ein feiner Herr zu ihnen kam. Der hatte bestimmt einen eigenen Koch aus seinem Palast mitgebracht.</p><p>�Was ist hier los?� Der W�rdentr�ger sprach in so herablassendem Tonfall zum Goldhaarigen, als habe er einen Sklaven vor sich.</p><p>�Ist sich geschehen ein Mord�, entgegnete der S�ldner ein wenig steif. �M�ssen sich besser besch�tzen Hu � Weiber.� Er warf Narek einen kurzen Blick zu.</p><p>Der Bauer war verwirrt. Welche Rolle spielte er bei dieser Sache? Was wollte Volodi von ihm?</p><p>�Hoffentlich war es keine der H�bschen.� Der F�rst l�chelte d�nn. �Gibt ohnehin nur wenige Huren in diesem Lager, deren Anblick einem nicht die Lust aus den Lenden saugt.� Er wollte an Volodi vorbei, doch der Hauptmann stellte sich ihm in den Weg.</p><p>�Was?�, herrschte der W�rdentr�ger den S�ldner an.</p><p>Narek f�hlte sich schlagartig ein wenig n�chterner. Er r�ckte in den hintersten Winkel des Sonnensegels zur�ck. Mit diesem Streit wollte er nichts zu tun haben. Das war ein F�rst! Mit solchen M�nnern legte man sich nicht an.</p><p>�Musst du dich lassen deine Waffen hier, Bessos.� Jetzt war es Volodi, der l�chelte. Narek war unbegreiflich, woran der S�ldner seinen Spa� hatte.</p><p>�Du wei�t also, wer ich bin�, sagte der F�rst eisig. Einige seiner Gefolgsleute griffen nach ihren Schwertern. Doch noch wurde keine Klinge gezogen. �Ich bin der Satrap dieses Teils von Garagum. Es ist mein Land, auf dem du stehst. Hier gilt mein Gesetz. Weiche zur Seite, oder dein Leben ist verwirkt!�</p><p>�Ich mich richtig verstehe � F�r dich gilt sich nicht Befehl von Aaron, Unsterblicher von Aram und Herrscher aller Schwarzk�pfe? Und ist mich totmachen deine Absicht, wenn ich mich nicht weiche und Befehl von Aaron ausfolge.�</p><p>Der Satrap wurde bleich vor Zorn, gab aber seinen M�nnern ein Zeichen, die H�nde von den Waffen zu nehmen. �Nat�rlich w�rde ich mich niemals gegen das Wort des Unsterblichen stellen, obwohl dir allein schon f�r das, was du unserer Sprache antust, der Kopf abgeschnitten geh�rte!�</p><p>In Narek wuchs der �rger. So etwas war also ein Satrap. Ein Mann, f�r den keine Regeln galten und der glaubte, dass er jeden Aufrechten beleidigen und in den Staub treten konnte. Der Bauer war froh, dass sein Dorf zu unbedeutend war, als dass es dort solche M�nner gab. Gleichzeitig empfand er Respekt vor Volodi, der das Gesetz des Unsterblichen durchsetzte und dem Satrapen die Stirn bot.</p><p>�Lasst eure Waffen hier�, befahl Bessos seinen M�nnern. Er griff nach seinem Schwert, z�gerte, doch dann zog er die kostbare Klinge und legte sie neben den anderen Waffen in den Sand.</p><p>�Auch Dolche�, sagte Volodi, der die Situation sichtlich genoss.</p><p>Bessos stie� ein Zischen aus, riss den Dolch aus seinem G�rtel und lie� ihn mit der Spitze voran fallen. Nur zwei Fingerbreit neben dem Fu� des Hauptmanns bohrte er sich in den weichen Sand.</p><p>Narek zuckte zusammen. Wie machte das dieser S�ldner? Er sah diesem parf�mierten Aufschneider unverwandt ins Gesicht. Narek w�nschte sich, er k�nnte auch so kaltbl�tig bleiben. Er stellte sich vor, wie er mit verschr�nkten Armen vor seinem Pachtherren stand und ganz ruhig sagte: �Ohne Wasser w�chst auf deinen �ckern nichts. Du h�ttest die Kan�le auch f�r mich �ffnen sollen. Ich habe Staub von dir bekommen, und mit Staub vergelte ich dir deinen Geiz.� Mit diesen Worten w�rde er eine Handvoll Staub vor den Augen seines Pachtherren herabrieseln lassen. Narek seufzte. Er wusste nur zu gut, dass er das nie wagen w�rde. Aber fr�her h�tte er sich nicht einmal getraut, davon zu tr�umen.</p><p>�Lass mich durch!�, forderte Bessos mit befehlsgewohnter Stimme.</p><p>�Ist sich noch etwas, Herr.� Volodi streckte ihm die offene Hand entgegen. �Musst du geben mich Freudengeld. Das ist sich Gesetz von Unsterblichem Aaron.�</p><p>Der Satrap wandte sich zu seinem Gefolge um. �Gebt ihm eine Silberm�nze, damit Aarons Kettenhund endlich aufh�rt zu kl�ffen.�</p><p>Volodi hob abwehrend die Hand. �Ist sich Freudengeld, das dir Freuden bringt.�</p><p>�Du d�mlicher Barbar. Ich wollte dir eine Silberm�nze �berlassen. Daf�r bekommst du zehn von diesen Kupferm�nzen oder noch mehr.�</p><p>�Darum geht es aber nicht�, mischte sich Ashot ein.</p><p>�Lass das!�, zischte Narek und war doch gleichzeitig stolz auf seinen Freund. �Das bringt nur �rger.�</p><p>Ashot erhob sich. �Ich glaube, Ihr seid es, der nicht begriffen hat. Das Freudengeld muss verdient werden. Man bekommt es nicht wegen der Leistungen seiner Ahnen. Im Schwei�e Eures Angesichts m�sst Ihr es Euch erarbeiten, hoher Herrscher!� Die letzten Worte sprach sein Freund voller Verachtung.</p><p>�Barbaren, die an die Ketten gelegt sind, und Bauern, die sich f�r Philosophen halten.� Der Satrap klatschte in die H�nde. �Ein treffliches Narrenst�ck, das ihr hier auff�hrt. Doch Worte sind billig, Bauer. Nun lass mich pr�fen, welches Gewicht sie wirklich haben.� Er wandte sich zu einem Grauhaarigen in seinem Gefolge um. Die beiden besprachen kurz etwas, dann dr�ckte der Alte seinem Herrscher etwas in die Hand.</p><p>Bessos trat nun unter das Sonnensegel und baute sich dicht vor Ashot auf. Er hob die Hand. Zwischen Daumen und Zeigefinger hielt er eine gro�e M�nze, die golden im Licht der tief stehenden Sonne schimmerte. �Ein Goldst�ck, B�uerlein. Ich sch�tze, es ist mehr wert als die Ernte eines ganzen Jahres. Ich tausche sie gegen dein Freudengeld. Nun? Wie viele Monde musst du auf deinem Acker schwitzen, um dir ein Goldst�ck zu verdienen? Nie wieder wirst du so leicht reich werden k�nnen.�</p><p>Ashot schob eine Hand in seine Geldkatze, und Narek sank das Herz. Eine Goldm�nze � Das war wirklich zu verlockend!</p><p>Sein Freund holte das Freudengeld hervor, das er sich vor ein paar Tagen damit verdient hatte, einen ganzen Tag lang wie ein Besessener mit einem h�lzernen Spie� nach einem strohgef�llten Sack zu sto�en und sp�ter sogar gegen einen S�ldner anzutreten, der sich hinter einen mannshohen, mit Kuhhaut bespannten Schild geduckt hatte.</p><p>�Das hier ist mit Schwei� und Mut erworben.� Ashot l�chelte abf�llig. �Versucht es doch auch einmal, edler F�rst. �berrascht Euch damit, dass vielleicht ein Mann in Euch steckt, den Ihr noch gar nicht kennt.�</p><p>�Dieses Lager hier steht unter dem Befehl des Unsterblichen�, entgegnete Bessos eisig. �Doch eines Tages wirst du es verlassen m�ssen, Bauer, und dann stehst du auf meinem Land und unter meiner Herrschaftsgewalt. So wie du das Unkraut auf deinen Feldern entfernst, werde ich dich aus dieser Welt entfernen lassen. Gepf�hlt an dem Ort, an dem man dich aufgreift. Aufs�ssige Bauern sind die Pest. Und ich werde nicht dulden, dass M�nner wie du den Geist der Rebellion dorthin tragen, wo ich herrsche.� Er wandte sich von Ashot ab und musterte die �brigen Bauern aus ihrer Gruppe.</p><p>Narek sank das Herz in die Hose, als der Blick des Satrapen auf ihm ruhte. Am liebsten h�tte er dem Kerl rechts und links eine gewatscht. Aber das sollte er nicht einmal denken! Bessos war ein Satrap und er nur ein Bauer.</p><p>�Und du, Dickerchen? Hast du dir auch Freudengeld verdient?�</p><p>Narek nickte.</p><p>�Gib es mir!� Bessos schnippte die Goldm�nze in die Luft und fing sie wieder auf. �Nie wieder in deinem Leben wirst du so reich entlohnt werden, kleiner Mann.�</p><p>Es war der Gesichtsausdruck des F�rsten, der Narek bis aufs Blut reizte. Man konnte an seinen Z�gen ablesen, dass er vollkommen davon �berzeugt war, dass ein Dickerchen niemals Widerstand leisten w�rde. Ein Dickerchen konnte man beleidigen. Man konnte darauf herumtrampeln, und am Ende w�rde es sich noch artig daf�r bedanken. Narek war schon oft in seinem Leben so behandelt worden. Damals war er nur Bauer gewesen. Aber jetzt war er auch Krieger. Und was noch wichtiger war, wenn er jetzt nachgab, dann w�rde er es immer wieder tun. Jetzt musste sich sein Leben �ndern, oder eines Tages w�rde sein Sohn Daron danebenstehen, wenn er so behandelt wurde, und der Junge w�rde f�r immer alle Achtung vor ihm verlieren. Narek konnte sich die gro�en Augen seines Sohnes ganz deutlich vorstellen, und pl�tzlich war eine nie gekannte Wut in ihm.</p><p>�Du glaubst, ich w�rde dein Gold nehmen, du aufgeblasener, in Duftwasser getr�nkter Haufen Satrapenschei�e? Nicht f�r alles Gold der Welt bekommst du mein Freudengeld!�</p><p>Bessos griff an seinen G�rtel, doch da waren keine Waffen mehr. Die Leibw�chter aus seinem Gefolge dr�ngten vor. Pl�tzlich hatte Volodi seine beiden Schwerter gezogen. �Hier r�hrt sich niemand an meinen Freund!�</p><p>Bessos b�ckte sich nach seinen Waffen. Er war ganz ruhig. Das machte Narek viel mehr Angst, als wenn der Adlige ihn mit dem Tod bedroht h�tte.</p><p>�Wir gehen�, sagte Bessos, w�hrend seine Eskorte ebenfalls ihre Waffen einsammelte.</p><p>Ashot trat zu Narek und legte ihm die Hand auf die Schulter. Es war erstaunlich, wie sehr eine solche Kleinigkeit alles ver�ndern konnte. Ihm schlotterten nicht mehr die Knie.</p><p>�Ich bin stolz auf dich.�</p><p>Narek seufzte. Das hatte er in seinem Leben noch nicht oft zu h�ren bekommen. Er war niemand Besonderes, das wusste er �</p><p>�Sich in Duftwasser getr�nkter Haufen von Satrapenschei�e �� Volodi schob seine Schwerter in die Scheiden zur�ck. �Das ist sich Bessos! Ist sich genau so ein Kerl. Hast du dich gut gesprochen.�</p><p>Narek wurde ganz verlegen. Auch die �brigen Bauern sahen ihn an und grinsten verschw�rerisch. Wenn jetzt doch Rahel und Daron hier w�ren und ihn sehen k�nnten!</p><p>�Du hast uns hierhergeholt, damit das passiert, nicht wahr, Volodi?�, sagte Ashot pl�tzlich. �Du wolltest uns auf die Probe stellen. Und wahrscheinlich war dir auch v�llig egal, wer hier wartet. Es ging nie um uns. Es ging um die Bauern, Tagel�hner und Handwerker im Allgemeinen.�</p><p>Narek seufzte. Warum musste Ashot nur so sein? H�tte der Augenblick des Triumphs und des gemeinsamen, zufriedenen Grinsens und Schulterklopfens nicht ein wenig l�nger dauern k�nnen?</p><p>Das L�cheln war aus Volodis Z�gen gewichen. �Stimmt sich. Aber kenne ich L�wen von � Beckbeck � �hm � Kenne ich euch. War ich mich stolz, mit euch zu machen das.�</p><p>�Warum tust du das?�, fragte der hagere Lamgi verst�ndnislos.</p><p>�Muss ich mich wissen, mit wem k�mpfe ich.� Er klopfte sich auf die Brust. �Ist sich hier ein Herz, kein Stein, auch wenn ich mich bin S�ldner. K�mpfe ich f�r Unsterblichen Aaron, f�r Gold und f�r alte Schuld. Ist nicht mehr lange, bis kommt sich der Tag von Schlacht. Muss ich mich wissen, was sind f�r M�nner mit mir. Wer ist sich an meiner Seite? F�r wen gebe ich mich mein Blut.� Er sah Narek an, und pl�tzlich grinste er wieder. �Werde ich gut k�mpfen an Seite von kleinem Mann mit Herzen von L�wen. Viel besser als mit sich in Duftwasser getr�nkter Haufen von Satrapenschei�e.�</p><p>Narek sp�rte einen dicken Klo� im Hals. Er war zu leicht ger�hrt. Er wusste das � Aber die Worte von diesem riesigen, stammelnden, goldhaarigen Barbaren hatten ihn im Innersten ber�hrt. Der Kerl hatte gerade erkl�rt, er w�rde f�r ihn sein Blut vergie�en. Was sollte er dazu sagen? Das w�rden sie ihm in Belbek niemals glauben, wenn er zur�ckkehrte. Wenn er diesen Kerl doch nur f�r einen einzigen Tag mit ins Dorf nehmen k�nnte!</p><p>�Ist sich genug geschwatzt jetzt. Endet sich meine Wache hier, wenn Sonne sich schlafen geht. Macht ihr mich Ehre? Geht ihr euch trinken Wein mit Volodi? Heute ist sich Tag von Wein! Tag von Blut muss sich noch warten.�</p><p>Ein Schaudern �berlief Narek. Er hatte Angst vor dem Tag der Schlacht.</p></section><section><title><p>In den Slanga-Bergen</p></title><p>Tylwyth mochte diese Gegend nicht. Ihre Reise durch die Snaiwamark war ohne Zwischenf�lle verlaufen. Am Morgen hatten sie f�r den Eissegler ein sicheres Versteck gefunden. Nun aber drangen sie in den Wei�en Wald in den s�dlichen Ausl�ufern der Slanga-Berge vor. Niemand, der bei Verstand war, ging freiwillig in dieses Tal! Einmal war er mit Cullayn bereits hier gewesen. Das war mehr als genug gewesen. Nur Dummk�pfe forderten ihr Gl�ck unn�tig heraus.</p><p>Sie folgten einem Wildwechsel durch einen Wald, der an eine weite, von S�ulen getragene Halle erinnerte. Eigentlich war es schon Nacht. Aber nicht hier. Immer wieder strich ein geisterhaftes, wei�es Licht zwischen den St�mmen umher. Es hatte keinen deutlich zu erkennenden Ursprung, war unstet, verlosch manchmal, um dann pl�tzlich an anderer Stelle wieder aufzutauchen.</p><p>Es war w�rmer hier. Der Schnee unter ihren F��en schmatzte bei jedem Schritt. Schlamm sickerte von unten in die Spuren, die sie hinterlie�en.</p><p>Es gab kein Unterholz in diesem Wald. Die Baumst�mme ringsherum erhoben sich wie unregelm��ig geformte S�ulen. Noch bevor erste �ste abzweigten, verschwanden die St�mme in dem dichten Dunst, der stets �ber diesem verwunschenen Tal hing.</p><p>Kein Laut war zu vernehmen, als g�be es nichts Lebendiges hier. Aber Tylwyth wusste, dass das nicht stimmte. Angespannt sah er sich um. Er hatte das Gef�hl, belauert zu werden. Auch Gonvalon und Nandalee wirkten nerv�s. Sie hielten sich dicht beieinander. Manchmal beneidete er die beiden, gl�cklich verliebt, wie sie waren, und besch�tzt von einer Himmelsschlange. F�r sie gab es nichts, was sie in dieser Welt f�rchten mussten.</p><p>Ein Ger�usch lie� ihn herumfahren. Ein wei�er Schemen glitt durch den Dunst �ber ihnen. Tylwyth ahnte die Bewegung mehr, als dass er sie sah. Es war unm�glich zu sch�tzen, was dort �ber sie hinweggeflogen war. Eine Schneeeule? Etwas Gr��eres? Sein Blick fiel auf einen Felsblock, der aus dem Waldboden ragte. Eine dicke, wei�e Quarzader zog sich durch das graue Gestein. War sie letztes Mal auch schon da gewesen? Sie waren auf demselben Weg gekommen, da war er sich ziemlich sicher, auch wenn Jahre seitdem verstrichen waren. Er suchte nach anderen Zeichen <emphasis>ihrer</emphasis> Anwesenheit, doch noch konnte er nichts entdecken.</p><p>Er f�rchtete sie, die sich zur W�chterin des Albensterns in diesem Tal gemacht hatte. Sie war die Einzige im Umkreis von Hunderten von Meilen, die ein Tor �ffnen konnte. Doch nur wenige kamen je her, um sie um diese Gunst zu bitten.</p><p>Es gab Ger�chte, dass einigen der Bittsteller �bles geschah. Aber keine Beweise! Nur viele Gr�nde, auf immer zu verschwinden, wenn man sich auf die Goldenen Pfade wagte, die sich durch das Nichts spannten.</p><p>Cullayn hob warnend die Hand. Augenblicklich verharrten sie alle. Vor ihnen ging der Schneematsch in einen rotbraunen Boden aus verrottendem Laub �ber. Etwa zwanzig Schritt voraus hockte ein wei�er Wolf und beobachtete sie reglos.</p><p>Tylwyth war versucht, seinen Bogen aus seiner ledernen Schutzh�lle zu holen und eine Sehne aufzuziehen.</p><p>�Keine Waffen!�, fl�sterte Cullayn, als habe er seine Gedanken gelesen.</p><p>Tylwyth sah, dass Gonvalons Rechte auf dem Knauf seines Schwertes ruhte.</p><p>Das umherstreifende Licht verschwand. F�r einige Herzschl�ge senkte sich Finsternis auf den verwunschenen Wald. Dann war das Licht pl�tzlich hinter ihnen.</p><p>Der Wolf aber war verschwunden, als habe es ihn nie gegeben.</p><p>�Vorw�rts! Beeilen wir uns.� Cullayns Stimme klang gehetzt. Es kam selten vor, dass sein Freund die Ruhe verlor. Etwas war hier, ganz nah und doch vor ihrem Blick verborgen. Er sah einen wei�en K�fer �ber die Rinde der Buche neben sich klettern. Ein Mistk�fer? Nur dass er zu gro� war, nicht h�tte wei� sein d�rfen und am allerwenigsten in dieser Jahreszeit h�tte herumkrabbeln sollen.</p><p>Die B�ume erschienen Tylwyth nun fahler. Er wusste, dass es nicht an dem umherstreifenden Licht lag. Bald sah er eine bleiche Wurzel aus dem fauligen Laub ragen. Dann entdeckte er bleiche Linien in der Rinde der B�ume, als sei sie aufgeplatzt, um den Blick auf das Kernholz freizugeben.</p><p>Nandalee b�ckte sich pl�tzlich und hob etwas auf. �Das Blatt hier ist ja ganz wei�!� Sie zeigte ihnen ein halb zersetztes, l�chriges Eichenblatt, wei� wie Schnee. �So etwas habe ich noch nie gesehen.�</p><p>Ich schon, dachte Tylwyth beklommen. Im Gegensatz zu ihm wussten die beiden nur, dass Cullayn sie alle zu einem Albenstern f�hrte. Wer dort auf sie wartete, hatte sein Gef�hrte wohlweislich nicht erz�hlt.</p><p>Die wei�en Bl�tter auf dem Boden wurden mehr. Auch ver�nderten sich die St�mme der B�ume nun deutlich. Sie erinnerten an Birken. Wei� mit Streifen von Schwarz und gelegentlichen wulstf�rmigen Wucherungen ganz normaler Rinde. Das Normale sah an diesen B�umen schon aus wie etwas Widernat�rliches. Sie ver�ndert das ganze Tal, dachte Tylwyth. Und sie macht jedem deutlich, hier nicht willkommen zu sein.</p><p>Um einen Baum nahe dem Wildwechsel wand sich wei�er Efeu. Der Boden unter seinen F��en war jetzt trocken. Es war angenehm warm wie an einem Fr�hlingsmorgen. In einer Senke kauerte ein halbes Dutzend Schneehasen. Sie sahen zu ihnen her�ber und schienen keinerlei Angst zu haben. Warum auch? �ber Leben und Tod in diesem Tal entschied ganz allein die Wei�e Frau. Er war sich sicher, sollte er einen Pfeil auf die Sehne legen und auf die Hasen anlegen, der Schuss w�rde fehlgehen.</p><p>�Denk nicht einmal daran�, murmelte Cullayn. �Wenn wir hier heraus sind, gehen wir auf die Jagd.�</p><p>Nandalee sah zu ihm zur�ck. Sie wirkte angespannt, aber nicht �ngstlich. Sie vertraute ganz und gar auf Cullayn, der ihr versprochen hatte, dass sie von hier aus in den Jadegarten gelangen w�rden. Sein Gef�hrte hatte ihr sicherlich nicht viel �ber die Wei�e Frau erz�hlt. Sonst w�re sie weniger gelassen.</p><p>Sie gingen an einer Fichte vor�ber, deren Nadeln wei� wie frischer Schnee erstrahlten. Der Boden unter ihren F��en war hart. Er schob mit dem Fu� ein wenig Laub beiseite, das inzwischen �berwiegend aus wei�en Bl�ttern bestand. Darunter war blanker Fels. Und auch der war wei�.</p><p>Er konnte jetzt ihre Anwesenheit sp�ren. Es war ein Gef�hl, als habe ihn eine kalte Hand im Nacken ber�hrt. Ein St�ck voraus �ffnete sich eine H�hle im Abhang. Sie war von wei�en Felsen gerahmt. Die B�ume standen dort unnat�rlich dicht. Ihre St�mme waren wei� wie Knochen.</p><p>Das Vorankommen wurde zunehmend schwieriger. Der Boden war vollkommen mit �bereinanderwuchernden Wurzeln bedeckt, die der H�hle entgegenstrebten. Manche der Wurzelstr�nge waren dick wie Oberschenkel.</p><p>�Dort drinnen liegt der Albenstern�, erkl�rte Cullayn seinen Gef�hrten.</p><p>�Und was ist da noch?� In Nandalees Stimme schwang nun Zweifel mit.</p><p>�Die H�terin dieses Tals. Sie wird euch helfen, ganz gewiss. Nachtatem erwartet dich, Nandalee. Sie wird es nicht wagen, den Zorn des Erstgeschl�pften herauszufordern, indem sie eure R�ckkehr verz�gert.�</p><p>Nandalee und Gonvalon tauschten einen Blick, sagten aber nichts mehr.</p><p>In der H�hle leuchtete milchig wei�es Licht. Feuchtwarme Luft schlug ihnen entgegen, als sie eintraten. Boden und W�nde waren ganz und gar unter Wurzeln verborgen. Der Ort erschien ihm, als w�rde er nicht zur Sch�pfung der Alben geh�ren. Tylwyth sp�rte den kalten Griff im Nacken hier noch deutlicher als drau�en. Das Licht in der H�hle zitterte wie Pulsschlag. Es lie� bizarre Schatten �ber die lebendig erscheinenden H�hlenw�nde huschen.</p><p>Tylwyth h�tte jeden Eid geschworen, dass sich einige der Wurzeln bewegten.</p><p>Der Gang m�ndete in eine weite H�hle, in der auf einem Knoten ineinanderverschlungenen Wurzelwerks eine wei�e Gestalt thronte. Ein Kleid, das wie aus feinen, wei�en Haarwurzeln gesponnen wirkte, fiel von ihren Schultern herab, lag eng an ihrem zierlichen Oberk�rper an und war von den H�ften abw�rts ausgestellt. Wie ein Tuch lag es �ber einem Teil des Wurzelknotens und lie� den Betrachter im Ungewissen, wie weit die Wurzeln wohl reichen mochten.</p><p>Die Gestalt sa� v�llig reglos. Ihr Gesicht war hart und scharf geschnitten und so wei� wie das Wurzelwerk. Ihre Augen waren geschlossen. Langes, bl�tenwei�es Haar fiel von ihren Schultern herab und reichte ihr fast bis zu den H�ften. Sie h�tte aus Stein gehauen sein k�nnen, so wie sie da sa�. Ihre H�nde ruhten auf ihren Knien, die Handfl�chen nach oben gestreckt. Es h�tte ein Bild der Harmonie sein k�nnen, w�re da nicht dieses pulsierende, wei�e Licht.</p><p>�Du also bist Nandalee. Der Wind raunt deinen Namen, und selbst die B�ume wissen um dich.� Die Stimme war selbst nur ein Raunen. Tylwyth h�tte nicht sagen k�nnen, ob sich die Lippen der Wei�en Frau bewegt hatten. Das flackernde Licht verwischte Bewegungen.</p><p>�Wer bist du?� Nandalees Stimme war beneidenswert fest, so als beeindrucke sie diese H�hle nicht im Mindesten.</p><p>�Hier im Norden nennt man mich die Wei�e Frau. Mein wirklicher Name ist f�r dich nicht von Belang. Du hast die Gefesselte G�ttin gesehen.�</p><p>Tylwyth fragte sich, was das bedeuten mochte. Eine Gefesselte G�ttin? Davon hatte er noch nie geh�rt.</p><p>Die Wei�e Frau schlug die Augen auf. Sie waren ganz und gar schwarz. Selbst die Aug�pfel. Tylwyth konnte diesen Anblick nicht ertragen. Er sah auf seine F��e. Die Wurzeln bewegten sich! Ganz sicher. Sie w�rden ihn hier festhalten, wenn die Wei�e Frau es w�nschte.</p><p>�Die Gefesselte G�ttin tr�umt von dir, Nandalee. Sie wartet auf dich.�</p><p>�Bitte �ffne mir ein Tor in den Jadegarten. Auch dort werde ich erwartet, Herrin.�</p><p>Ein Wort der Macht erklang, dunkel und fremdartig. Aus dem wei�en Wurzelgeflecht erhoben sich zwei vielfarbig schillernde Schlangen aus Licht. Ihr Strahlen lie� selbst das wei�e Leuchten verblassen. Die Schlangen neigten sich einander zu und verschmolzen zu einem funkelnden Torbogen. Dahinter lag ein Goldener Pfad, der in die Dunkelheit des Nichts f�hrte.</p><p>�Ich danke dir, Wei�e Frau�, sagte Nandalee und verbeugte sich vor der Herrin der H�hle. Sie wandte sich um, und zum ersten Mal, seit Tylwyth sie kannte, wirkten ihre Gesichtsz�ge weich. �Ich danke auch euch, Cullayn und Tylwyth, die ihr Gonvalon und mich sicher durch gro�e Gefahr gef�hrt habt. Ich stehe tief in eurer Schuld.�</p><p>Cullayn nickte nur knapp. Abschied zu nehmen war nicht seine Sache, dachte Tylwyth ein wenig besch�mt. So konnten sie die beiden doch nicht ziehen lassen. �Es war mir eine Ehre, mit euch gewandert zu sein. Ich werde nie vergessen, was wir erlebt haben und ��</p><p>Cullayn r�usperte sich scharf.</p><p>Manchmal war er ein ungehobelter Klotz, dachte Tylwyth. In den Geschichten der Alten endete ein Abenteuer, wie sie es erlebt hatten, mit einem Fest, nicht in einer unheimlichen H�hle. Es sollten wenigstens ein paar feierliche Worte gesprochen sein, dachte er ver�rgert und schwieg doch.</p><p>�Gonvalon!� Die Wei�e Frau hielt ihren schwarzen Blick auf den Schwertmeister gerichtet. �Wisse, dort, wo Nandalee schreitet, ist der Tod stets nahe. Nicht du bist der Verfluchte. Wenn du jetzt hier bleibst, wird das Schicksal dreier Welten einen anderen Lauf nehmen.�</p><p>�Weiser Rat hat mich zu einem seelenlosen M�rder werden lassen.� Gonvalon ergriff Nandalees Hand. �In Zukunft werde ich allein der Stimme meines Herzens folgen.�</p><p>Nandalee sah ihren Schwertmeister voller Stolz und Liebe an. Seite an Seite traten sie durch das glei�ende Portal.</p><p>Tylwyth sah ihnen nach, bis das Tor sich schloss. Er sollte ein Lied �ber die beiden dichten! Eine Liebe wie die ihre sollte unsterblich sein.</p><p>�Komm.� Cullayn legte ihm eine Hand auf die Schulter. �Dies ist kein Ort zum Verweilen.�</p><p>Die Wei�e Frau hatte ihren unheimlichen Blick nun auf ihn gerichtet. Wusste sie um seine Zukunft? Eine Prophezeiung, wie sie sie f�r Gonvalon ausgesprochen hatte, wollte er nicht h�ren. Wie Cullayn wandte er sich wortlos ab und folgte seinem Freund aus der H�hle ins Freie. Selbst dort hatte er noch das Gef�hl, dass sie ihm nachsah.</p><p>Erst als der Wald ohne unnat�rliche Spuren von Wei� war, f�hlte er sich wieder ganz frei. �Die beiden sind ein sch�nes Paar, nicht wahr?�</p><p>Cullayn stie� einen knurrenden Laut aus, der alles bedeuten konnte. Manchmal war sein Freund wirklich zu einsilbig! Tylwyth konnte es nicht ertragen, jetzt einfach schweigend durch den winterlichen Wald zu gehen.</p><p>�Der Goldene scheint Gonvalon verziehen zu haben. Ohne ihn w�ren wir den Trollen und dem Immerwinterwurm niemals entkommen.�</p><p>Wieder knurrte Cullayn.</p><p>�Du wirst Zeuge einer Liebesgeschichte, die so anr�hrend ist, dass selbst der Goldene seinen Groll aufgegeben hat und den beiden zu Hilfe geeilt ist, und alles, was du dazu zu sagen hast, ist ein Knurren, das sich nach verstimmtem Magen anh�rt?�</p><p>Cullayn blieb abrupt stehen. Als er sich umwandte, sah sein entstelltes Gesicht noch schrecklicher aus als sonst. �Du glaubst wirklich, du warst Zeuge edler Taten? Bist du blind? Hast du nicht gesehen, welche Gestalt der Goldene angenommen hatte, als er zu uns kam? Er war <emphasis>Gonvalon</emphasis>. Alles, was er getan hat, diente einzig und allein dem Zweck, den Schwertmeister zu vernichten.�</p><p>�Das ist doch widersinnig!�, emp�rte sich Tylwyth. �Ohne die Hilfe des Goldenen w�re Gonvalon gestorben. Warum h�tte er ihn heilen sollen, wenn er ihn vernichten will?�</p><p>�Das liegt doch klar auf der Hand! Um sich daran zu weiden, wie er zerbricht. Nicht aus Barmherzigkeit. Er hat eine <emphasis>Liebesnacht</emphasis> mit Nandalee verbracht. Und ich bin mir sicher, er hat all seine Macht aufgeboten, damit sie unvergesslich wird. Gonvalon wei� all das, und doch wird er schweigen, um Nandalee vor der Wahrheit zu sch�tzen. Sie aber wird sich fragen, was aus dem wunderbaren Liebhaber jener Nacht wurde, in der Gonvalon sie vor den Trollen rettete. Hast du die Distanz nicht gesp�rt, die schon jetzt zwischen den beiden herrscht? Das schleichende Gift des Goldenen hat bereits zu wirken begonnen.�</p><p>�Davon habe ich in der Tat nichts gesehen, als die beiden durch den Albenstern gingen�, entgegnete er beleidigt und wusste es doch besser.</p><p>Cullayn sch�ttelte stumm den Kopf und ging weiter. Tylwyth wusste, dass sein Freund nichts mehr sagen w�rde. Er hatte ohnehin schon ungew�hnlich viel gesprochen. Er war kein Mann der Worte. Was ihn aufw�hlte, machte er mit sich allein aus.</p><p>Tylwyth f�gte sich in das frostige Schweigen des winterlichen Waldes und seines Gef�hrten. Aber er dachte immer noch an das Lied, das er dichten wollte. In einem Lied durfte die Welt besser sein, als sie es in Wirklichkeit war. Bei ihm w�rde es nur eine alles �berwindende Liebe und ein gro�es Abenteuer geben. Und den Goldenen w�rde er verschweigen. Er l�chelte. Das war der Weg eines Dichters, eine Himmelsschlange zu besiegen.</p></section><section><title><p>Der Sohn des Schweinez�chters</p></title><p>Marwad kauerte hinter einem Felsen und beobachtete das trockene Flussbett, das die beiden Heere voneinander trennte. Es war eine gute Nacht. Der Mond war schmal wie eine Meuchlerklinge. Er gab genug Licht, dass M�nner wie er ihrem Gesch�ft nachgehen konnten, und zugleich war es so dunkel, dass sie nicht leicht zu entdecken waren.</p><p>Nur wenige Wolken zogen �ber den Himmel. Tausende Sterne strahlten am Firmament wie glei�ende Augen. Sie waren die einzigen Zeugen des kleinen Krieges, der schon seit Wochen zwischen den beiden Heerlagern tobte. Ein Krieg, der ihn zu einem reichen Mann machte. F�r den Kopf eines jeden Spitzels, den er vorweisen konnte, bekam er zehn Goldst�cke. Und hier musste er nicht einmal f�rchten, dass ihn die Verwandten eines seiner Opfer tags�ber in seinem Versteck aufsp�rten. Wenn er in Muwattas Heerlager zur�ckkehrte, war er vollkommen sicher. Auch war es seine Entscheidung, in welchen N�chten er hinausging. Er schritt seit fast zwanzig Jahren auf dem Pfad des Blutes, doch so erfolgreich wie in den letzten Monden war er noch nie gewesen. Wenn das hier vor�ber war, dann k�nnte er sich zur Ruhe setzen. Marwad dachte an den Geldbeutel, den er drei Meilen vom Heerlager entfernt in einer felsigen Senke vergraben hatte. Er war ein gemachter Mann. Nach Isatami w�rde er nicht mehr zur�ckkehren. Die Heilige Stadt hatte ihn viele Jahre lang ern�hrt, doch dort hatte er inzwischen zu viele Feinde. Es war schon erstaunlich, wie die Reichen und M�chtigen miteinander umgingen. Es hatte immer Bedarf f�r Meuchler gegeben. Ganz besonders zur Zeit der Heiligen Hochzeit, wenn die Satrapen, Adligen und gro�en Kaufherren des ganzen K�nigreichs sich dort versammelten.</p><p>Eine Wolke schob sich vor die Mondsichel. Marwad nutzte den Augenblick des Dunkels, um das Flussbett zu durchqueren. Er kannte die Gegend gut. Er hatte bei Tag wie bei Nacht endlose Stunden damit verbracht, das Terrain auszusp�hen. Und er wusste, wie die J�ger auf der anderen Seite dachten. Es machte einen Unterschied, ob man W�lfen und Schneeleoparden nachstellte oder Menschen. Wieder l�chelte Marwad. Selbstsicher duckte er sich in eine flache Mulde und verschmolz mit dem Gel�nde. Er hatte Grasb�schel auf seine erdfarbene Tunika gen�ht und seinen Leib mit Ru� eingerieben. Seine Silhouette verschmolz in N�chten wie dieser vollst�ndig mit der Landschaft. Er brauchte nicht einmal eine Senke. Er musste sich nur auf den Boden legen und reglos bleiben, dann war er so gut wie unsichtbar.</p><p>Im Lager bel�chelten sie ihn. Diese Narren! Nur der Zahlmeister l�chelte nicht mehr, wenn er ihn sah. Er wusste, was Marwad nachts tat und wie gut er darin war.</p><p>Marwad kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen, damit ihn das Wei� seiner Aug�pfel nicht im Dunkel verraten konnte. Er hatte sich in der D�mmerung gr�ndlich gewaschen. Er verstr�mte keinen Geruch. Er war ein St�ck �dland, solange er sich nicht bewegte. Er musste jetzt nur liegen bleiben. So hatte er es auch in den N�chten zuvor getan. Irgendwann kam einer ihrer W�chter in seine N�he. Bevor sie noch begriffen, wie ihnen geschah, hatte er ihre Kehle durchschnitten. Daf�r musste er darauf warten, dass sie so nahe kamen, dass sie fast auf ihn traten.</p><p>Marwad lauschte in die Nacht hinaus. Der L�rm im Lager Arams verebbte langsam. Er h�rte das schrille Lachen einer Frau. Ein Esel schrie.</p><p>Waren da Schritte gewesen? Nein � Die Zeit verstrich. Manchmal war es schwer, nicht einzud�sen. Wenn er schl�frig wurde, dachte er an seinen Vater. Die Erinnerung machte ihn immer noch zornig. Selbst nach all den Jahren. Das half. Die Erinnerung an die Hungerwinter hielt ihn wach. Er konnte ihn noch sp�ren, den bohrenden Schmerz in seinen Eingeweiden. So oft war er damals hungrig auf sein Lager gekrochen. Die ganze Familie hatte sein Vater darben lassen, um seine Schweine zu m�sten. Denen hatte es nie an etwas gemangelt.</p><p>Er dachte an seinen kleinen Bruder, der vom Fieber gesch�ttelt verreckt war. Bis zuletzt hatte er dessen Hand gehalten. Sein Vater war im Schweinestall gewesen und hatte sich vor allem darum gesorgt, dass es diese Mistviecher warm hatten und sich nicht auch ein Fieber holten. Seine Schweine waren die besten der Satrapie Nari gewesen. Wenn sein Vater sie zum Markt in der Hauptstadt gebracht hatte, bekam er Preise, von denen andere Schweinez�chter nur tr�umen konnten. Aber von dem Geld kam fast nichts zu Hause an. Wenn sein Vater die Schweine verkauft hatte und ihm jeder auf die Schulter geklopft und ihn gelobt hatte, war er stets in Feierlaune gekommen. Aber nicht mit seiner Familie � Er hatte gesoffen, gespielt und bei Huren gelegen. Und wenn er dann heimgekehrt war, war er verkatert und �bellaunig gewesen, und seine Geldb�rse war leer. Und wieder lag ein Jahr voller Entbehrungen vor ihnen und die Hoffnung, dass beim n�chsten Mal vielleicht alles anders w�rde.</p><p>Es waren zwei S�tze gewesen, die Marwads Leben f�r immer ver�ndert hatten. Er w�rde sie niemals vergessen, selbst wenn er durch ein Wunder bis ans Ende aller Zeiten leben sollte.</p><p>Sein Vater hatte sie gesagt, an dem Morgen, als Marwad mit seinem toten Bruder in den Armen aus dem Haus getreten war, um ihn zu begraben.</p><p><emphasis>Du willst ihn jetzt also an die W�rmer verf�ttern. Findest du nicht, dass das sinnlose Verschwendung ist?</emphasis></p><p>Marwad hatte daraufhin seinen Bruder zu Boden gelegt und seinen Vater mit dem Grabstock fast zu Tode gepr�gelt. Dann hatte er ihn in den Stall gebracht und zugesehen, was die Schweine mit dem Mann taten, der sie mehr geliebt hatte als seine eigene Familie. Weder seine Mutter noch seine Br�der waren gekommen, um etwas dagegen zu unternehmen. Aber sie hatten ihn M�rder genannt. Ihn! Und was war sein Vater gewesen?</p><p>Marwad hatte danach sein Dorf verlassen m�ssen. Er war nach Isatami gegangen, um Priester zu werden und sich von seiner Schuld reinzuwaschen. Er l�chelte, wenn er daran dachte, wie dumm er gewesen war. Er hatte ihnen gebeichtet, was er getan hatte. Und sie hatten ihn nicht haben wollen. Er war Bettler gewesen, hatte wieder Hunger gelitten, bis ein B�cker ihn anheuerte, einen Konkurrenten mit dem Kopf voran in seinen Erdofen zu sto�en. Niemand hatte ihn dabei beobachtet. Es war als Unfall durchgegangen. Es hatte ihm zehn Fladenbrote und ein paar Kupferm�nzen eingebracht. Damals hatte er endg�ltig begriffen, dass er weder zum Schweinez�chter noch zum Priester berufen gewesen war. Er hatte ein gutes Leben gehabt, auch wenn er immer wieder gejagt worden war. All das hatte ihn darauf vorbereitet, hier auf der Ebene von Kush reich zu werden.</p><p>Die Ger�usche des Lagers waren inzwischen fast verstummt. Es musste weit nach Mitternacht sein. Seltsam, dass noch immer keine Wache vorbeigekommen war. Er hatte nicht in jeder Nacht Gl�ck. Manchmal kamen die Wachen nicht nahe genug, um sie �berraschend angreifen zu k�nnen, oder sie gingen in Gruppen von zwei oder mehr Mann. Heute aber war noch niemand in seine N�he gekommen. Das war eigenartig. Fast konnte man meinen, der Unsterbliche Aaron h�tte nun g�nzlich darauf verzichtet, Wachen aufzustellen.</p><p>Marwad k�mpfte die Versuchung nieder, sein Versteck aufzugeben und umherzustreifen. Das w�re t�richt! Nur die Ruhe. Eine Stunde noch oder zwei � Und wenn keiner kam, dann w�rde er sich eben zur�ckziehen. Er musste nicht in jeder Nacht einen Kopf erbeuten.</p><p>Der Himmel hatte sich zugezogen. Es war noch dunkler geworden. Das w�rde seinen R�ckzug beg�nstigen, dachte Marwad zufrieden. Er w�rde � Ein halb erstickter Laut erklang links von ihm. Ein Ger�usch, das ihm bestens vertraut war. Das R�cheln eines Mannes mit durchschnittener Kehle, dem ein Schwall Blut in die Luftr�hre drang.</p><p>Der Meuchler spannte seine Muskeln, bereit aufzuspringen. Wahrscheinlich war ganz nah einer der anderen Menschenj�ger auf Pirsch, die jeden Abend aus Muwattas Lager aufbrachen. Oder hatten die Wachen Arams dazugelernt? Marwad wusste, dass einige seiner Konkurrenten in den letzten Wochen erwischt worden waren. Meist die jungen, unvorsichtigen, die schnelles Geld suchten. Aber man konnte immer Pech haben, ganz gleich, auf wie viele Jahre Erfahrung man zur�ckblickte.</p><p>Er lauschte in die Nacht. Das R�cheln war verstummt. Es folgte kein leises Tuscheln. Der andere J�ger war also auch allein. Marwad sp�rte, wie seine Handfl�chen feucht wurden. Er hatte keine Angst, aber er war angespannt.</p><p>Er dr�ckte die H�nde auf den sandigen Boden und lauschte in die Stille. Der Sichelmond trat hinter den Wolken vor. Es war, als habe jemand ein Licht in einer dunklen Kammer entz�ndet. Deutlich konnte er die St�mpfe des abgeschnittenen Buschwerks ringsherum erkennen, dessen Ge�st l�ngst in den Feuern des Heerlagers vergl�ht war. Er musterte die Silhouetten der wenigen Felsen, die durch den sandigen Boden brachen. Der gr��te unter ihnen erinnerte an ein auf den Strand gezogenes Fischerboot. Der Felsen direkt daneben an die Gestalt eines zusammengerollten Hundes. Der n�chste erinnerte ihn an die gemauerte Feuerstelle vor dem Haus seiner Eltern.</p><p>Marwad musste unwillk�rlich an seine Geschwister denken. Wie sie alle manchmal auf einer Bergweide beieinandergelegen und in die Wolken geblickt hatten. Und so wie er jetzt auf seiner einsamen Wacht den Felsen Namen gab, hatten sie dar�ber gestritten, welche Bilder in den Wolken zu erkennen waren.</p><p>Nachdem er Vater get�tet hatte, war niemand von ihnen mehr verhungert. Ihre Schweine waren bald nicht mehr so ber�hmt gewesen, aber ihr Leben war leichter geworden. Er hatte Erkundigungen �ber sie eingezogen und ihnen manchmal auf verschlungenen Wegen Geld zukommen lassen. H�tten sie gewusst, dass es von ihm kam, h�tten sie es wohl nicht angenommen. So aber freuten sie sich, dass sie ihr Vieh manchmal mit erstaunlichem Gewinn verkauften.</p><p>Ein Skorpion krabbelte ihm entgegen. Einer der gro�en, schwarzen, so massig wie eine M�nnerhand. Ihr Stich war schmerzhaft, wenn auch nicht t�dlich. Das Tier lie� sich von ihm nicht aus der Ruhe bringen. Es marschierte dicht an seiner Wange vorbei. Sie waren einander �hnlich. Beide waren sie verfemte J�ger. Beide � Marwad stutzte. Der Felsen, der wie ein zusammengerollter Hund aussah, hatte jetzt einen Buckel! Da war jemand! Oder t�uschte er sich? Der Buckel bewegte sich nicht. Er lie� ihn nicht aus den Augen. Die Zeit verrann. Er h�tte niemals an einen Hund gedacht, w�re der Buckel vorhin schon dort gewesen.</p><p>Er sollte zur�ck ins Lager schleichen. Er sah schon Gespenster. Langsam stemmte er sich hoch. Der Skorpion eilte an ihm vorbei. Etwas hatte ihn aufgeschreckt.</p><p>Marwad warf sich herum und zog in flie�ender Bewegung das Messer in der Scheide an seinem Oberarm. Nicht der Hundefelsen, sondern der Felsen schr�g hinter ihm ver�nderte sich. Sein Schatten zerschmolz und kam ihm entgegen.</p><p>Marwads Arm schnellte vor. Das Wurfmesser blitzte golden im Mondlicht. Der Schatten strauchelte. Augenblicklich setzte der Meuchler nach. Er z�ckte den Krummdolch, dessen Klinge aus kostbarem, luwischem Eisen gefertigt war.</p><p>Krallen schlugen nach Marwad. Zu langsam! Sein Dolch stie� vor, grub sich in weiches Fleisch. Die Kreatur b�umte sich auf, Kr�mpfe sch�ttelten sie, aber kein Laut kam �ber ihre Lippen. Die Krallen sanken zu Boden. Ein Gesch�pf wie dieses hatte Marwad noch nie gesehen. Eine Mischung aus einem Mann und einer gro�en, schwarzen Katze. Nein � Ein Krieger, der sich, so wie er selbst, mit Ru� eingerieben hatte. Doch der Meuchler trug das Fell einer gro�en, schwarzen Katze. Sein Kopf steckte in einem eigenartigen Helm, der �</p><p>Die Krallenhand zuckte hoch. Marwad wich zur�ck und hob seinen Dolch. Schwarze Steinkrallen trafen auf Eisen. Zugleich traf ihn ein Stich in der Ferse, und sengender Schmerz kroch seine Wade hinauf.</p><p>Marwad st�hnte auf, w�hrend die Krallenhand des Katzenmanns zu Boden sank. Wahrscheinlich war es nur ein letztes Aufb�umen dieses sterbenden Kriegers gewesen. Einen stummen Fluch auf den Lippen, drehte Marwad sich um. Er war auf den schwarzen Skorpion getreten, der eben noch an ihm vorbeigekrabbelt war.</p><p>Marwad schloss die Augen und k�mpfte gegen den Schmerz an. Es f�hlte sich an, als w�te ein Feuer in seiner Wade. Er musste fort von hier. Sofort! Er lie� sich auf alle viere nieder und kroch. Verzweifelt biss er auf seine Unterlippe. Er durfte nicht st�hnen. Der Schrei eben war schon unverzeihlich gewesen. Dieser seltsame Katzenmann war sicher nicht allein.</p><p>War da etwas in den Schatten? Marwad versuchte aufzustehen, doch sein verletztes Bein knickte sofort unter ihm weg. Er musste es nur bis zum trockenen Fluss schaffen. Auf der anderen Seite patrouillierten Wachen aus Muwattas Lager. Dort w�re er in Sicherheit.</p><p>Das Feuer kroch weiter in seine Kniekehle. Dieses Gift t�tete nicht, dachte er und schmeckte Blut in seinem Mund. Er hatte sich die Lippe aufgebissen.</p><p>Sein Blick streifte den Hundefelsen. Der Buckel war verschwunden!</p><p>Ein Fluch entglitt ihm. Er verlor die Selbstbeherrschung. Er hatte so etwas schon oft erlebt als J�ger. Es geschah kurz vor dem Ende. Kurz bevor die Beute gestellt wurde. Wenn jemand wusste, dass sich die Schlinge um ihn zuzog.</p><p>Ihm w�rde das nicht passieren. Er schaffte es, auf die Beine zu kommen. Das Feuer w�tete jetzt auch in seinem Oberschenkel. Er musste sich beherrschen! Er taumelte vorw�rts, blieb aber wenigstens auf den Beinen. Nicht an den Schmerz denken. Er rief sich das Bild seines Vaters in Erinnerung. <emphasis>Du willst ihn jetzt also an die W�rmer verf�ttern. Findest du nicht, dass das sinnlose Verschwendung ist?</emphasis> Die Worte seines Vaters waren so klar in seiner Erinnerung, als habe er sie eben erst geh�rt. Als sei er noch hier �</p><p>Er hatte damals das Richtige getan, dachte Marwad. Das Richtige! Der Schmerz war vergessen. Er sah sich wieder mit dem Grabstock auf seinen Vater einschlagen, und ein anderer, unausl�schlicher Schmerz hielt ihn auf den Beinen, als er dem Flussbett entgegenwankte.</p></section><section><title><p>Ein einsamer Mann</p></title><p>�Herr! Herr, bitte! Ihr m�sst kommen.�</p><p>Muwatta hasste diesen winselnden Tonfall. Er blinzelte. Ein schlanker Arm lag �ber seiner Brust. Drau�en d�mmerte der Morgen. Er h�rte den L�rm des erwachenden Heerlagers. Der Rauch von Feuern hing in der Luft und der Duft von frisch gebackenem Brot.</p><p>�Herr!� Wieder diese winselnde, hohe Stimme vor dem Zelt.</p><p>Der Unsterbliche schob den Arm zur Seite und betrachtete das zierliche M�dchen. Sie und die beiden anderen hatten sich alle M�he gegeben letzte Nacht. Wie sehr er das hasste. Er wollte kein bem�htes Schauspiel. Er wollte echte Leidenschaft. Niemals h�tte er gedacht, dass er all dessen hier so schnell �berdr�ssig werden w�rde. Als er Muwatta geworden war, hatte ihn seine pl�tzliche Macht vollkommen erf�llt.</p><p>Er griff nach seinen Schl�fen. Da waren sie wieder, die Stimmen in seinem Kopf, die unabl�ssig auf ihn einredeten. Er musste sich betrinken, um sie zum Schweigen zu bringen. Wenn er die Wahl h�tte, w�rde er wieder in sein altes Leben zur�ckkehren wollen. Aber er wusste, es gab kein Zur�ck. Wenn sie merkte, dass er seiner Machtf�lle �berdr�ssig wurde, w�rde sie ihn ersetzen.</p><p>�Herr!�</p><p>Diese schreckliche Stimme! Er stand auf und warf einen letzten Blick auf die M�dchen. Sicher waren sie alle drei schon wach. Sie f�rchteten seine Launen. Und er hasste es, dass alle, die ihn umgaben, ihm etwas vorspielten.</p><p>Er schlug die Zeltplane zur�ck. Sein Mundschenk stand dort, ein schwitzender, kleiner, dicker Kerl, dessen rote Nase deutlich verriet, dass er sich an Wein vergriff, der ihm nicht zugedacht war. �Herr, die gefl�gelte I�ta befahl mir, Euch zu rufen. Ihr sollt zum Flussbett kommen. Sie sagte, ich solle Euch rufen.�</p><p>Wie er schwitzte, einfach widerlich. �Deinen Umhang, Kerl.�</p><p>Der Mundschenk l�ste mit zitternden H�nden den blauen Umhang mit der breiten roten Borte von seinen Schultern, der Zeichen seines Amtes war. Muwatta schlang ihn sich um die H�ften und wandte sich an die Wachen neben dem Zelt. �Schneidet ihm den Schwanz ab. Seine Stimme missf�llt mir.�</p><p>Der Mundschenk stie� ein �ngstliches Quieken aus, als die Krieger ihn ohne zu z�gern packten. �Herr, bitte � Ich bin ein Eunuch. Deshalb die Stimme � Bitte verzeiht.�</p><p>Muwatta sah ihn �rgerlich an. �Dann schneidet etwas anderes von dem fetten Kerl ab. Ein gro�es St�ck. Und werft es ins Zelt zu den M�dchen, um sie zu wecken.�</p><p>Keiner der Krieger zuckte auch nur mit der Wimper. Sie w�rden seine Befehle ausf�hren. Die Schreie des Eunuchen am�sierten ihn � kurz. Er durchquerte das Lager. Kaum jemand wagte es, zu ihm aufzublicken. Er war nicht beliebt, das wusste er. Sie f�rchteten ihn. So sollte Herrschaft sein! Wenn er einen Befehl gab, dann wurde er ohne zu z�gern ausgef�hrt.</p><p>Der Morgen war noch jung, ein erster blutroter Hauch lag hinter den Bergen im Osten. Es war schon warm. Der Tag w�rde wieder unertr�glich hei� werden. Wenn er auf die Berge blickte, ergriff ihn Sehnsucht. Dort im Osten lag der Gelbe Turm. Der Palast der G�tter. Das Heim der Devanthar. Zu gerne h�tte er die Felsenburg in der Einsamkeit gesehen. Wie lebten G�tter? Welch ein �berma� an Luxus musste es dort geben! Welch exquisite Freuden erwarteten den Besucher? Er musste Aaron besiegen und zum Ersten unter den Unsterblichen aufsteigen, dann w�rde er vielleicht dorthin gelangen.</p><p>Er ging an einer langen Grube voller Leichen vorbei. Seuchen suchten sein Heerlager heim. T�glich starben �ber hundert Krieger und noch weit mehr Sklaven. Seine Berater bekamen das einfach nicht in den Griff, ganz gleich, womit er ihnen auch drohte. Er wusste von Spitzeln, dass Aaron dieses Problem nicht hatte. Auf Kriegsz�gen waren Seuchen die steten Begleiter der Heere. So war es immer! Warum blieb Aaron verschont? Sch�tzte der L�wenh�uptige die M�nner Arams?</p><p>Ungel�schter Kalk war �ber die Leichen in der Grube gestreut. Bleich und verdreht lagen sie da in Schichten �bereinander. Etwas bewegte sich. Ein streunender Hund zerrte am Arm eines stattlichen Mannes. Ver�rgert wandte Muwatta den Blick ab. Kerle wie der da unten sollten f�r ihn Aarons Bauern erschlagen! Was fiel ihm ein, einfach so zu verrecken!</p><p>Seine schlechte Laune kehrte zur�ck. Er wusste um die Zahlen, auch wenn er es gerne verdr�ngte. Es war ein Fehler gewesen, hier so lange zu lagern. Einige Tausend seiner erfahrenen Krieger waren inzwischen ebenso verreckt wie der dort unten im Graben. Der Kampf um Garagum hatte ihn schon jetzt mehr M�nner gekostet, als in den letzten zehn Jahren in den Grenzscharm�tzeln mit Ischkuza gefallen waren. Dabei stand die Schlacht noch bevor!</p><p>Was lief bei Aaron anders? Alle Spitzel best�tigten, dass es in seinem Heerlager viel weniger Tote gab.</p><p>Auf der B�schung des trockenen Flusses stand die gefl�gelte I�ta. Sie sah hin�ber zum feindlichen Heerlager. Der Wind spielte in den Federn ihrer schwarzen Schwingen. Sie trug ein fast kn�chellanges, wei�es Gewand. Gekreuzte Waffengurte lagen �ber ihren H�ften, von denen pr�chtige Schwerter hingen. Kein Sterblicher wagte sich in ihre N�he. Das Ufer war verwaist. Das Lager in ihrer unmittelbaren N�he verlassen.</p><p>So sch�n sie war, so Furcht einfl��end wirkte sie zugleich.</p><p>�Du hast dir viel Zeit gelassen�, empfing sie ihn k�hl, ohne sich zu ihm umzudrehen.</p><p>�Mein Mundschenk hat vers�umt, mir zu sagen, wie dringlich dein Wunsch ist, mich zu sehen.�</p><p>Sie wandte sich abrupt um. Hinter ihr stoben V�gel auf, erschrocken �ber die pl�tzliche Bewegung. Geier! Mit schwerf�lligem Fl�gelschlag strebten sie dem Himmel entgegen.</p><p>�Du ben�tigst es, daran erinnert zu werden, dass du unverz�glich zu erscheinen hast, wenn es mein Wunsch ist, dich zu sehen?�</p><p>�Das habe ich wohl ungl�cklich ausgedr�ckt ��</p><p>�Ich fand es klar verst�ndlich.�</p><p>Muwatta vermochte ihrem Blick nicht standzuhalten. Ihr Zorn war von geradezu k�rperlicher Intensit�t. Mit einem Mal sah er sich selbst bei vollem Bewusstsein in dem Graben mit den Leichen liegen. �tzkalk verbrannte seine Haut. Ratten fra�en sich in seine Eingeweide. Er konnte nicht schreien, konnte sich nicht bewegen, aber er war lebendig.</p><p>�Erinnerst du dich wieder an deine Sterblichkeit?�</p><p>Muwatta kniete nieder. �Bitte verzeiht, wenn ich Euch entt�uscht habe, Herrin der Blitze und des Todes.�</p><p>�Steh auf!� Sie deutete zum Fluss hinab. �Ich wollte, dass du das hier siehst.�</p><p>Er trat auf die Uferb�schung. Unter ihnen war eine Reihe von Pf�hlen ins Flussbett gerammt. Auf jedem steckte ein Kopf. Nackte Leichen lagen im Staub.</p><p>�Das sind alle siebzehn Meuchler, die gestern dein Lager verlassen haben, um wie in jeder Nacht Unruhe unter die Wachen des Feindes zu tragen.�</p><p>�War das der L�wenh�uptige?�, fragte er sehr leise und darauf bedacht, sie nicht noch weiter zu erz�rnen.</p><p>�Nein. Mein Bruder mischt sich nicht ein. Er ist anders als ich. Das waren ihre neuen Wachen. S�ldner aus Zapote. Jaguarm�nner, die sonst nur f�r die Priesterschaft der Gefiederten Schlange k�mpfen.�</p><p>Jaguarm�nner? Darunter konnte Muwatta sich nichts vorstellen. �Was tun wir?�</p><p>�Wir �berlassen ihnen das andere Ufer�, entgegnete die gefl�gelte G�ttin leichthin.</p><p>�Aber ��</p><p>�Ziehst du mein Urteil in Zweifel?� Sie l�chelte ihn an, aber er musste an das offene Grab denken.</p><p>�Wir geben diese Schlacht also verloren?�</p><p>�Sie ist nicht verloren. Sie ist einfach beendet. Wir wissen alles, was wir �ber sie wissen m�ssen.�</p><p>�Und diese M�rder? K�nnen uns die M�nner, die meine Meuchler get�tet haben, nicht gef�hrlich werden? Werden sie den Ausgang der Schlacht ver�ndern?�</p><p>Sie lachte. �Es sind nur zweihundert. Ich wei�, du machst dir Sorgen wegen deiner Toten, aber selbst die M�nner, die du als Reserven aufbietest, haben mehr Kampferfahrung als Aarons Bauern. Es gibt keinen Zweifel daran, wie diese Schlacht enden wird. Allerdings erweckt sie viel Aufmerksamkeit unter meinen Br�dern und Schwestern. Deshalb kann ich nicht auf das andere Ufer gehen und unsere Meuchler r�chen. Aber sollten die Jaguarm�nner auf unsere Seite kommen, dann werden sie das nicht �berleben.�</p><p>Sie war sch�n, voller Macht und ganz ohne Skrupel. Muwatta bewunderte sie. Er w�rde sie auch anbeten, wenn sie keine G�ttin w�re. Warum konnte er kein Weib wie sie finden?</p><p>�Lass diese M�nner dort nicht lange h�ngen. Das ist schlecht f�r die Moral deiner Truppen. Ihre Leichen sollen in die Massengr�ber geworfen werden. Und du solltest dich noch heute nach Isatami begeben. Es sind nur noch drei Tage bis zur Heiligen Hochzeit. Es ist gut, wenn du ein Auge auf jene Satrapen hast, die lieber beim Fest weilen, als hier bei ihren Truppen zu sein.�</p><p>�Und diese Pferdeprinzessin?� Er konnte nicht fassen, dass Aaron bislang noch nichts unternommen hatte, um sie befreien zu lassen. Bedeutete sie ihm weniger, als er erwartet hatte?</p><p>�Du denkst an Shaya?�</p><p>Er schluckte. Er schaffte es nie, in I�tas Anwesenheit seine Gedanken zu beherrschen. Sie wusste, dass er sie begehrte � Wahrscheinlich lachte sie insgeheim �ber seine einf�ltigen Fantasien.</p><p>�Im Gegenteil. Ich w�re entt�uscht, wenn du mich nicht begehrenswert f�ndest.� Sie schenkte ihm ein L�cheln, das sein Herz aufgehen lie�. �Allerdings werde ich immer nur ein Traum f�r dich bleiben. Daf�r verspreche ich dir, dass du an Shaya sehr viel Freude haben wirst. Ich wei�, du bist entt�uscht von den Frauen, die in letzter Zeit dein Lager teilten. Shaya wird dein Feuer entfachen. Nach dieser Heiligen Hochzeit werden alle Ger�chte, dass du nach der Verwundung durch Aaron vielleicht kein ganzer Mann mehr seist, f�r immer verstummen.�</p></section><section><title><p>Dong, Dong</p></title><p>Das kratzende Ger�usch verstummte nicht. Nie. Nicht einen Herzschlag lang. Niemals h�tte es Galar f�r m�glich gehalten, dass ihn ein einfaches Ger�usch so zerm�rben k�nnte. Er kauerte an der massigen Granitplatte, die den Zugang zum Hafen im H�hlenpalast von Hornboris Sippe abriegelte. Der Felsplatte, die den Tatzelwurm get�tet hatte.</p><p>Auf der anderen Seite fuhren Krallen �ber den Fels. Und ihr unabl�ssiger Einsatz begann Wirkung zu zeigen. Erste feine Haarrisse breiteten sich an drei verschiedenen Stellen der Granitplatte aus.</p><p>Galar betrachtete den abgetrennten Teil des Tatzelwurms, der ein kleines St�ck neben ihm lag. Den schmalen, langen Kopf und die m�rderischen Krallen. Sie besa�en Verstand, diese Tatzelw�rmer! Der Schmied konnte sich sehr genau vorstellen, was auf der anderen Seite vor sich ging. Sie kratzten an verschiedenen Stellen der Platte. Und es war auf jeden Fall mehr als nur ein Tatzelwurm. Es w�rde nicht so kommen, dass sie ein einfaches Loch durch den Granit brachen und dann m�hsam erweiterten, bis es gro� genug war, um ihren schlangenhaften Leib hindurchzuzw�ngen. Wenn die Granitplatte brach, w�re die �ffnung sofort gro� genug.</p><p>Galar betrachtete die Risse. Jetzt kratzten sie oben links. Er konnte sehen, wie sich das Netz der feinen Risse ausbreitete. Nicht mehr lange � Eine Stunde? Vielleicht weniger.</p><p>Er hob Frar auf, der neben ihm in einem aufges�gten Fass geschlafen hatte. Der Junge stank erb�rmlich. Seit sie versuchten, ihn mit einem Brei aus vorgekauten Datteln zu f�ttern, hatte er Durchfall. Seiner Laune schien das aber keinen Abbruch zu tun.</p><p>Er blinzelte, als Galar ihn auf den Arm nahm. Es tr�pfelte aus dem Tuch, das sie um seine H�ften gewickelt hatten. Sie h�tten ihn doch Draupnir nennen sollen.</p><p>Frar griff nach seinem Bart und krallte eine Hand hinein. Es war erstaunlich, wie viel Kraft der Junge hatte. Und er selbst war kaum mehr in der Lage, dieses Fliegengewicht zu tragen. Seine Wunde war zwei Mal aufgebrochen, als er mitgeholfen hatte, den Aal f�r den Tauchgang vorzubereiten. Danach hatten Nyr und Hornbori daf�r gesorgt, dass er kein Werkzeug mehr in die Hand nahm.</p><p>Hinter ihm fiel mit leisem Klicken ein St�ck Stein zu Boden. Es war aus dem Netzwerk von Haarrissen herausgesprungen. Ein schlechtes Zeichen!</p><p>Galar beschleunigte seine Schritte. Seine Wunde spannte. Er hatte Nyr auf die Finger gesehen, als er sie vern�ht hatte. Sch�n war es nicht geworden, aber es w�rde halten. Der Richtsch�tze hatte irgendwo ein Kn�uel aus dem starken Garn aufgetrieben, mit dem die Frachts�cke hier im Hafen vern�ht wurden. Diesmal war die Wunde mit vielen, eng gesetzten Kreuzstichen vern�ht.</p><p>�Sie kommen!�, rief er und war entsetzt, wie schwach seine Stimme klang. Sie ging im L�rm der Hammerschl�ge von Nyr und Hornbori unter. Die beiden verst�rkten den h�lzernen Rumpf des Aals mit Kupferblechen. Galar hatte es so gewollt. Das Boot musste sehr stabil sein, wenn er es steuerte. Er wusste, dass er an Felsen entlangschrammen w�rde und dass die starken, im Bogen geschwungenen Eisenb�gel, die vom Rumpf zum Einstiegsluk und den beiden Schwimmflossen an den Seiten verliefen, vermutlich nicht reichen mochten, um sie vor Schaden zu bewahren.</p><p>�Dong, Dong!�, rief Frar begeistert. Der Junge konnte zwar kein Wort sprechen, aber das Ger�usch des Hammerschlags auf dem hohlen, metallverst�rkten Rumpf ahmte er schon recht �berzeugend nach. Vielleicht w�rde tats�chlich ein Schmied aus ihm werden, dachte Galar mit einem Anflug von Stolz. Er blickte zur�ck zum steinernen Tor. Einer der Risse war jetzt so breit, dass er ihn selbst auf diese Entfernung noch sehen konnte! Jeden Moment war es so weit.</p><p>�Aufh�ren!�, schrie er mit all seiner Kraft und �bert�nte das Dong, Dong von Frar ebenso wie den L�rm der H�mmer. �Sie kommen!�</p><p>Hornbori blickte skeptisch zum Tor, dann wieder zu ihm.</p><p>�Verdammt, glaub es mir, Schisser. Sie werden jeden Augenblick durch den Granit brechen.�</p><p>�Unsere Steinmetze haben vier Jahre gebraucht, um diese Platte zu fertigen. Das ist bester Granit aus den Mondbergen. Der wird nicht ��</p><p>Galar reichte das Geschw�tz. �Nyr, steig da runter! Wir lassen das Boot zu Wasser. Oder willst du mit ansehen, wie die Drachen Frar zerfleischen?�</p><p>Augenblicklich kletterte der Richtsch�tze vom kupfern schimmernden Rumpf des Bootes. Der Aal ruhte auf einer schr�g ansteigenden Rampe aus massigen Kanth�lzern. Er wurde von drei Keilen und zwei starken Seilen in Position gehalten.</p><p>�Schlie� das Einstiegsluk und komm da runter, oder wir lassen dich mit dem Aal zusammen zu Wasser, Schisser!�, fluchte Galar, wobei seine Stimme mit jedem Wort ein wenig schw�cher wurde.</p><p>Vom Portal ert�nte ein gewaltiger, dumpfer Schlag. Die Tatzelw�rmer sp�rten wohl, dass ihnen ihre Beute zu entkommen drohte. �Los! An die Winden!�, schrie Galar. �Nyr, zieh die Keile. Und du schlie�t das verdammte Luk, Hornbori.�</p><p>Endlich gehorchte der Klugschw�tzer. Er balancierte �ber den runden Rumpf und schlug die schwere Eisenklappe zu, die den Einstieg in den Aal versiegelte. Dann beeilte er sich, vom Ger�st zu steigen.</p><p>Nyr schlug mit einem schweren Holzhammer auf die Keile ein. Jeder seiner Hiebe wurde mit einem begeisterten Dong, Dong von Frar gefeiert.</p><p>Galar eilte zum linken Spill, dem gro�en, h�lzernen Drehkreuz, mit dessen Hilfe der Aal zu Wasser gelassen werden konnte. Polternd st�rzte der erste Holzkeil zu Boden. Frar kommentierte den L�rm mit einem begeisterten Glucksen. Er mochte Krach, so viel war sicher, dachte Galar.</p><p>Hornbori erreichte endlich das zweite Spill. Er zog den Sicherungshebel zur�ck. Der Aal machte einen Ruck auf dem Ger�st und neigte sich mit der rechten H�lfte dem Wasser entgegen.</p><p>�Nicht!�, schrie Galar verzweifelt. Sie mussten zugleich drehen, und vor allem mussten sie warten, bis Nyr seinen Kopf eingezogen hatte. Er stand mit dem Hammer inmitten des h�lzernen Ger�stes, dicht unterhalb des Schiffsrumpfs. Wenn der Aal zu fr�h ins Wasser glitt, w�rde er enthauptet werden!</p><p>�Der Sicherungshebel! Kipp ihn wieder zur�ck.�</p><p>Galar sah, wie sich Hornbori mit aller Gewalt gegen den Hebel stemmte. �Er greift nicht mehr!�</p><p>Der Schmied fluchte. Seit sie hier waren, hatte Hornbori damit angegeben, dass hier unten in der Werft seiner Sippe alles vom Besten war, und jetzt lie� sich ein einfacher Sicherungshebel nicht zur�ckstellen. �Nyr, komm hierher an mein Spill!�</p><p>Wieder ert�nte ein dumpfer Donnerschlag vom steinernen Tor. Galar konnte deutlich ein ganzes Netzwerk fingerdicker Risse erkennen. Er l�ste nun auch den Sicherungshebel an seinem Spill. Sobald der letzte Keil freigeschlagen wurde, w�rde nichts mehr den Aal halten. Das Gangspill w�rde sich wie rasend im Kreise drehen, w�hrend das Seil von der Trommel lief. Und die Spaken, die langen Hebelarme, w�rden alles zerschmettern, was ihnen zu nahe kam. Sie mussten das Tauchboot so schnell wie m�glich zu Wasser bekommen. Das war seine Aufgabe! Er war verletzt und so gut wie am Ende seiner Kr�fte, dachte Galar. Er war der Entbehrlichste unter ihnen.</p><p>�Hornbori will mich wohl umbringen�, murmelte Nyr w�tend, als er das Spill erreichte.</p><p>Galar dr�ckte ihm das Kind in die Arme. �Pass auf Frar auf. Ich schlag den letzten Keil heraus.�</p><p>�Aber ��</p><p>�Kein Geschw�tz!�, fuhr Galar ihn an. Er schob den Richtsch�tzen zur Seite und kletterte unter das Holzger�st. Wenn das Halteseil nicht im selben Augenblick gel�st wurde, in dem der letzte Keil wegrutschte, konnte sich der Aal beim Abw�rtsgleiten auf dem Ger�st halb um seine eigene Achse drehen. Dabei mochte er sich an den Kanth�lzern verhaken, oder schlimmer noch, er tauchte mit dem Heck zuerst ins Wasser ein und schlug mit der Antriebsschraube gegen die Kaimauer. Dann w�re es mit jeglicher Hoffnung auf Flucht vorbei.</p><p>Da aber die Sperre gel�st war, w�rde der Aal sofort die Rampe hinabgleiten, wenn der letzte Keil herausgeschlagen war. Schlecht f�r den, der mit dem Hammer in der Hand zwischen dem Ger�st stand. Der Aal w�rde zwar nicht vorschriftsm��ig zu Wasser gehen, aber die Gefahr, dass er Schaden nahm, war so deutlich am geringsten.</p><p>Galar hob den schweren Holzhammer. Die Narbe auf seiner Brust spannte. Ein weiterer Donnerschlag ert�nte beim steinernen Tor. Stein schlug auf Stein. Galar blickte auf und sah, wie sich ein gro�es St�ck der Granitplatte vorneigte. Unglaublich langsam erst. Dann pl�tzlich, als sei ein unsichtbares Seil gerissen, st�rzte sie mit Get�se zu Boden, und durch den Schleier von Steinstaub schob sich der lange, schlanke Kopf eines Tatzelwurms.</p><p>Galar schlug seitlich gegen den Holzkeil. Viel zu schwach! Der Keil bewegte sich kaum unter dem Treffer. Nicht zum Tor blicken, ermahnte Galar sich in Gedanken. Nur ans Zuschlagen denken! Ein zweiter Hieb lie� den Keil ein wenig zur Seite rucken. �ber ihm bewegte sich knirschend der schwere Rumpf des Aals. Ein Schlag noch � Vielleicht zwei. Der Aal w�rde sehr pl�tzlich freikommen. Galar schluckte. Er hatte keine Zeit zu z�gern. Der n�chste Hieb traf den Holzkeil. Er glitt noch einen Fingerbreit zur Seite. Er w�rde einen weiteren Schlag brauchen. Nur noch � Knirschend kam der Rumpf in Bewegung. Galar duckte sich.</p><p>Fast w�re er schnell genug gewesen. Der h�lzerne Rumpf traf ihn an der Stirn. Er taumelte nach hinten. Einige Haarstr�hnen kamen zwischen die Holzstreben des Ger�sts und den abw�rts gleitenden Aal. Sein Gesicht wurde nach oben gezogen, dem dunklen Holz entgegen. Das Tauchboot w�rde ihm das Antlitz vom Sch�del hobeln, dachte Galar und war zugleich unf�hig, irgendetwas zu unternehmen. Er sah wieder den riesigen wei�en Drachen vor sich, w�hrend ihm ganze Haarb�schel zusammen mit Hautfetzen vom Kopf gerissen wurden. Er hatte bewiesen, dass diese Ungeheuer sterblich waren. Ihm w�rden andere folgen. Sie w�rden die Drachen vom Himmel holen. Es war nur eine Frage der Zeit.</p><p>Das geteerte Holz dr�ckte ihm die Nase ein. Blut rann in seinen Mund. Ein Herzschlag noch � Der gew�lbte Rumpf kr�mmte sich nach oben! Das Heck rutschte �ber ihn hinweg. Galar blickte mit angstweiten Augen zur H�hlendecke, w�hrend hinter ihm der Aal mit einem lauten Platschen ins Hafenbecken schlug. Er lebte! Immer noch! Die Alben waren gn�dig mit ihm! Sein Gesicht f�hlte sich an, als habe ein Troll es als Fu�abtreter benutzt, aber er lebte!</p><p>Ein w�tendes Fauchen lie� seine Freude ersterben. F�r einen Augenblick hatte er die Tatzelw�rmer vergessen. �Ins Boot mit euch!�, schrie er seinen Gef�hrten zu.</p><p>Hornbori stand bereits am Kai. Von dem Schisser hatte er nichts anderes erwartet. Mit Frar auf dem Arm kletterte er zum Aal hinab, der nach dem Aufprall noch immer unruhig im Wasser schaukelte.</p><p>Nyr stand neben dem Ger�st, auf dem das Tauchboot gelegen hatte. �Glotz nicht so!�, schnarrte Galar ihn an. �Ins Boot! Ich komme nach! Schnell jetzt! Du wirst doch Frar nicht mit dem Schisser allein lassen!�</p><p>�Du � du bist verletzt.�</p><p>�Geh und k�mmere dich um Frar. Ich kann schon auf mich alleine aufpassen.�</p><p>Der erste Tatzelwurm, der durch die geborstene Steinplatte gekrochen war, eilte am Hafenbecken entlang. Er war erschreckend schnell. Ein zweiter wand sich gerade durch die Bresche.</p><p>Galar hob den Holzhammer und schlug auf das Ger�st ein, das ihn umgab. �Hier, ihr hirnlosen Raupen! Hier bin ich. Hier ist das Futter. Kommt!� Immer wieder drosch er auf die Kanth�lzer um sich herum ein. Das Ger�st, das bis zum Rand der Mole reichte, umgab ihn wie ein gro�er, h�lzerner K�fig. Er machte sich keine Illusionen dar�ber, wie lange die Kanth�lzer den Hieben von Tatzen widerstehen w�rden, deren Krallen Stein ritzten. Aber ein paar Augenblicke w�ren genug, um Nyr, Frar und Hornbori Gelegenheit zur Flucht zu verschaffen.</p><p>�Hier bin ich!� Ein weiterer Hieb mit dem Holzhammer lie� das Ger�st erbeben.</p><p>Der Tatzelwurm beim Hafenbecken wandte ihm den Kopf zu. Das Scheusal hatte gro�e, gelbe Augen mit geschlitzten Pupillen. Seine Schnauze war mit Schrammen bedeckt. Einer der Rei�z�hne war ausgebrochen. Unruhig peitschte der Drachenschweif �ber das Pflaster am Pier. Eine zweite Bestie n�herte sich entlang der Wand der weiten Hafenh�hle dem Ger�st, auf dem das Tauchboot gebaut worden war. Ein dritter Tatzelwurm kroch durch das zerst�rte Tor.</p><p>Galar zog die Nase hoch. Klumpen halb geronnenen Blutes klebten an seinem Gaumen. Er spuckte in Richtung der Drachen. �Kommt! Riecht ihr das Blut? Hier gibt es ein Fresserchen. Kommt!�</p><p>Der Tatzelwurm mit der zerschrammten Schnauze hob den Kopf. Galar konnte sehen, wie sich die geschlitzten N�stern des Ungeheuers w�lbten. Es hatte Witterung aufgenommen. Vielleicht roch die Bestie wirklich das Blut. Sie kam n�her. Ihre Krallen klickten bei jedem Schritt auf dem Pflaster.</p><p>Aus den Augenwinkeln sah Galar, wie Nyr hinter der Hafenmauer verschwand. Die drei hatten es also geschafft. F�r ihn w�rde es schwieriger werden. Narbenschnauze schlich an dem Ger�st entlang. Auch der zweite Tatzelwurm hatte ihn jetzt fast erreicht.</p><p>�Komm!�, k�derte Galar ihn und wich in Richtung des Hafenbeckens zur�ck. �Komm!�</p><p>Der Tatzelwurm, der die Wand entlanggeschlichen war, warf sich pl�tzlich auf das Ger�st, als vermutete er in der Holzkonstruktion eine lohnende Beute. Die Balken knirschten. Ein Kantholz splitterte unter einem wuchtigen Prankenhieb.</p><p>Narbenschnauze zw�ngte seinen schmalen Kopf zwischen den Streben hindurch. Er kam ihm bedrohlich nahe. Galar wich ein St�ck zur�ck und hob den Holzhammer. Ihm war bewusst, wie l�cherlich diese Waffe war. Er k�nnte die H�hlendrachen damit nicht einmal verwunden.</p><p>Der Schmied musste sich ducken. Ihn trennten nur zwei Schritt vom Wasser, aber die Rampe war hier so niedrig, dass er nicht mehr aufrecht stehen konnte. Auch er w�rde zwischen den Verstrebungen nicht hindurchkommen. Der Spalt zwischen den niedrigsten Balken am Rand des Hafenbeckens und der steinernen Mole war zu schmal f�r ihn.</p><p>Galar wog den Holzhammer in der Hand. Wenn er nur kr�ftig genug zuschlug, w�rde es Narbenschnauze vielleicht noch ein oder zwei Z�hne kosten. Das war alles, was er erreichen konnte. Hoffentlich brachte Hornbori den Aal sicher aus dem Hafen. Galar konnte das Tauchboot von seiner Position aus nicht sehen. Es lag zu dicht an der Mauer. Sicher hatten die beiden schon begonnen, die Ballasttanks zu fluten.</p><p>Der Tatzelwurm am anderen Ende des Ger�stes warf sich erneut mit aller Kraft gegen die dicken Kanth�lzer. Mit scharfem Knall splitterte einer der Balken. Ein Ruck ging durch die ganze Konstruktion.</p><p>Narbenschnauze fauchte den anderen Tatzelwurm an. Dann blickte er wieder auf Galar. Dieses Vieh ist nicht dumm, dachte der Schmied beklommen. Er konnte ihm geradezu ansehen, wie es nachdachte. Dar�ber gr�belte, wie es ihn zu packen bekam. Pl�tzlich hieb es mit einer seiner Tatzen auf ein Querholz ein. Holzsp�ne prasselten Galar entgegen. Mit einem einzigen Hieb hatte es mindestens drei Zoll Holz zerfetzt. Der n�chste Hieb w�rde den Balken splittern lassen.</p><p>Wieder warf sich der andere Drache gegen das Holzger�st. Ein weiterer scharfer Knall und ein schweres Schaben erklangen. Die Balken, durch die daumendicke Halterungsbolzen in den Boden der H�hle getrieben waren, barsten. Bald w�rde das Ger�st verrutschen und ins Hafenbecken fallen. Wie weit das Tauchboot wohl sein mochte?</p><p>Mit einem trockenen Krachen zerbrach der Balken. Narbenschnauze schob sich weiter vor. Er fauchte den Schmied an. Der warme Drachenodem stank nach Verwesung. Galar hielt den Holzhammer hoch. �Es wird wehtun, wenn du n�her kommst!�</p><p>Wieder erbebte das Holzger�st unter dem Ansturm der zweiten Bestie. Jetzt kam Bewegung in das ganze Ger�st. Es rutschte mehr als einen Fu� weit dem Hafenbecken entgegen. Galar konnte ein St�ck weiter zur�ckweichen. Der Aal! Er lag noch am Kai. Das Luk stand offen. Bei den Alben, was trieben Nyr und Hornbori? Warum hatten sie nicht l�ngst abgelegt?</p><p>Narbenschnauze zerfetzte einen weiteren Querbalken. Sein Kopf schnellte vor. Kaum eine Handbreit vor Galars Gesicht schnappten die Kiefer zusammen. Der Schmied schlug mit dem Holzhammer zu. Er traf den Drachen auf eine seiner N�stern.</p><p>Die Bestie fauchte und fuhr ein St�ck zur�ck. Ihr schlangenhafter Leib bog sich hoch. Nicht weit. Sie war inmitten der Holzverstrebungen der Rampe gefangen. Mit w�tenden Hieben drosch Narbenschnauze auf den letzten Querbalken ein, der ihn noch von Galar trennte.</p><p>Das Ger�st verrutschte erneut. Narbenschnauze kam aus dem Gleichgewicht und wurde zusammen mit dem Ger�st dem Hafenbecken entgegengeschoben. Der Tatzelwurm fauchte. In Galars Ohren klang es, als verfluche er die zweite Bestie, die sich blindlings gegen die h�lzerne Rampe warf.</p><p>Galar warf sich zu Boden und robbte dem Rand der Hafenmole entgegen. Weitere Splitter prasselten auf ihn nieder. Der Schmied warf sich herum und hielt den Stiel des Holzhammers sch�tzend vor seine Brust.</p><p>Narbenschnauze beugte sich langsam vor. Es gab kein Hindernis mehr zwischen ihm und Galar.</p><p>�Heute kneifen wir ein Auge zu�, erklang pl�tzlich Nyrs wohlvertraute Stimme neben ihm. �F�r immer!� Dann folgte das scharfe Klacken des Abzugshebels einer Armbrust. Der Bolzen traf Narbenschnauze ins linke Auge. Die Bestie fauchte, warf sich nach hinten und fuhr mit ihrer Tatze �ber das verletzte Auge.</p><p>Die ganze Rampe ruckte nach oben, als der verwundete Tatzelwurm sich in seinem Schmerz aufb�umte. W�hrend Galar noch voller Genugtuung zu der Bestie aufblickte, wurde er bei seinem Wams gepackt und unsanft unter den Holzstreben hindurchgezogen. Nyr und Hornbori standen nebeneinander auf dem Rumpf des Aals. Sie schoben ihn durch das Luk in das kleine Tauchboot. Galar w�re fast die Sprossenleiter hinabgest�rzt.</p><p>�Verwechselt mich nicht mit Frar!�, giftete er die beiden an. �Ich kann alleine klettern.� Er blickte �ber den Rand des Luks und sah den dritten Tatzelwurm, der sich durch das geborstene Steintor geschoben hatte. Die Bestie umrundete gerade die h�lzerne Rampe.</p><p>�Schnell jetzt!�, dr�ngte Hornbori, schwang sich in das Luk und trat Galar dabei fast ins Gesicht.</p><p>Der Schmied lie� sich die Sprossenleiter hinabrutschen. Dabei sah er Frar. Seine Gef�hrten hatten den Jungen in eines der Netze geschoben, die unter der Decke des Aals hingen, um leichte Frachtg�ter aufzunehmen.</p><p>�Nyr, schlie� das Luk!�, kommandierte Galar und machte sich an den Hebeln im Bug zu schaffen. �Hornbori, an die Kurbelwelle. Nyr, du auch. Wir m�ssen vom Kai fort, bevor das Ger�st ins Hafenbecken st�rzt.�</p><p>Galar entriegelte die Antriebsschraube, dann rutschte er herum, sodass er sich mit dem R�cken an der Bordwand abst�tzte, und schob die F��e in die Lederriemen der Pedale, mit deren Hilfe die Kurbelwelle angetrieben wurde.</p><p>Mit einem Ger�usch wie ein Glockenschlag fiel das kupferne Luk zu. Nyr rutschte die Leiter hinab und nahm ebenfalls an den Pedalen Platz.</p><p>Galar stemmte sich mit aller Kraft gegen die Antriebswelle. Er selbst hatte sie vorgestern erst gefettet. Langsam begann sie sich zu drehen. Der Schmied konnte sp�ren, wie das kleine Tauchboot Fahrt aufnahm. Sie hatten es geschafft! Er stie� einen ersch�pften Seufzer aus. Jetzt erst sp�rte er die Schmerzen. Er hatte das Gef�hl, sein ganzer Kopf sei eine einzige Wunde.</p><p>Er blickte zur gew�lbten Decke des Tauchbootes. Dort hing neben Frar der Sack mit den Datteln. Nie wieder w�rde er eine Dattel anr�hren, wenn sie die Fahrt durch die unterirdischen Str�me und Seen �berlebten. Eine Tatzelwurmkralle, zwei Rucks�cke mit vielleicht vierzig Phiolen Drachenblut. Etwas Werkzeug, eine Armbrust, das war alles, was ihnen geblieben war.</p><p>Ein Schlag traf den Aal. Das kleine Boot tanzte wild hin und her. Frar jauchzte vor Vergn�gen. Ein weiterer Hieb lie� das Boot erbeben. Er wurde von einem metallischen Laut begleitet und von einem leisen Knacken.</p><p>Galar hob den Barinstein an, der im Bug bei den Steuerhebeln lag. Im Holz der Decke klaffte ein feiner Spalt. Ein weiterer Hieb traf die Kupferbleche, die sie oben auf dem Aal angebracht hatten.</p><p>�Dong, Dong�, sagte Frar und l�chelte Galar an.</p></section><section><title><p>Das Yngwi-Man�ver</p></title><p>�Die Ballastbeh�lter fluten�, befahl Galar. �Den sind wir gleich los. Tatzelw�rmer schwimmen nicht!�</p><p>�Woher wei�t du das?�, fragte Hornbori. Ein neuer Tatzenhieb traf das Tauchboot.</p><p>Galar griff nach der Kurbel links neben sich und begann sie zu drehen. Eine runde Metallscheibe dr�ckte die Luft aus einem Ballasttank an der Seite des Aals und sog zugleich Wasser an. �Wenn der Tatzelwurm da oben nasse Krallen bekommt, dann haut er ab�, erkl�rte er und bem�hte sich, zuversichtlich zu klingen. �Die leben in H�hlen, so wie wir. Und schwimmen wir vielleicht gerne?�</p><p>�Das stimmt!� Nyr nickte �berzeugt. Hornbori hingegen sch�ttelte nur skeptisch den Kopf.</p><p>Ein weiterer Krallenhieb dellte das Kupferblech ein. Der n�chste Treffer w�rde es rei�en lassen. Und sie konnten nichts gegen die Bestie tun. Alles was blieb, war, hier zu sitzen und ihr Schicksal abzuwarten.</p><p>Galar kurbelte ohne Unterlass. Er hatte ein wenig �ber Aale gelesen und sich erkl�ren lassen, wie sie gebaut wurden. Aber er wusste nicht in allen Einzelheiten, wie sie funktionierten. Um einen Aal durch die unterirdischen Fl�sse zu steuern und immer auf neue Reisen zu gehen, musste man vollkommen verr�ckt sein. Kein Zwerg mit einem bisschen Verstand lieferte sich auf Gedeih und Verderb dem nassen Element aus. Das war nichts f�r ihn. Jetzt aber w�nschte er sich, er h�tte sich mehr f�r die Tauchboote interessiert. Er h�tte � Der Aal bekam Schlagseite! Alles in der d�steren H�hle des Rumpfes verrutschte. Hornbori schrie auf. Nyr fluchte.</p><p>Galar zog die Beine an, um nicht in die sich drehende Kurbelwelle zu geraten. Ein metallisches Kreischen ert�nte, als z�ge jemand einen Mei�el mit aller Kraft �ber ein Blech. Es folgte ein schweres Platschen. Dumpfe Schl�ge trafen den Rumpf des Bootes, das sich nicht wieder aufrichtete, sondern weiterhin mit etwa zwanzig Grad Schlagseite im Wasser trieb.</p><p>Ged�mpfte Schreie drangen durch die dicke Bordwand. Dann seltsam verzerrte Laute und ein Gurgeln, tief im Wasser. Frar begann leise zu wimmern. Bald war dies der einzige Laut, der noch zu h�ren war.</p><p>Hornbori r�usperte sich. �Wie es scheint, k�nnen Tatzelw�rmer wirklich nicht schwimmen. Tut mir leid, dass ich an dir gezweifelt habe.�</p><p>�K�nnten wir vielleicht wieder gerade fahren? So schief im Wasser zu liegen kann doch nicht in Ordnung sein. Ich kann auch nicht richtig treten, wenn ich so gegen die Wand gedr�ckt bin �� Nyr hatte einen jammernden Ton angeschlagen, den Galar nicht von ihm kannte. Wahrscheinlich machte es ihm Angst, in diesem Aal zu stecken. Kein Zwerg steckte gerne in einer solchen Tonne. Ein paar Verr�ckte mal ausgenommen.</p><p>�Es w�re wirklich ertr�glicher, wenn das Boot wieder richtig im Wasser liegen w�rde�, griff nun auch Hornbori das Gen�rgel auf.</p><p>�M�chte einer von euch den Aal steuern?�, entgegnete Galar gereizt. Er hatte keine Ahnung, was zu tun war, um das Tauchboot zu stabilisieren. Aber wenn er das offen zugab, w�rde Panik ausbrechen. Sie mussten es irgendwie schaffen. �So zu fahren nennt man das Yngwi-Man�ver. In Schr�glage passiert man Engstellen, in denen sich das Boot verkanten k�nnte. Im �brigen w�re ich euch dankbar, wenn sich jemand um Draupnir k�mmern k�nnte. Wir haben schon genug undichte Stellen. Da muss es nicht auch noch von der Decke tr�pfeln. Setzt euch an die Kurbelwelle. Wir m�ssen mehr Fahrt machen!�</p><p>�Aber ��, begann Nyr.</p><p>�Du kannst gleichzeitig Amme spielen und in die Pedale treten�, fuhr Galar ihm �ber den Mund.</p><p>Der Schmied blickte verzweifelt auf die Hebel im Bug. Mit einem Seufzer legte er sich zwischen die Steuerhebel, sodass er durch die dicken Glasaugen ins tr�be Wasser hinausblicken konnte. Galar dachte an den Steuermann der Unyleh, der immer ein Huhn als Gl�cksbringer mit an Bord genommen hatte. Ob er dem Massaker entkommen war? Hatte er Gl�ck gehabt und war mit der Unyleh auf Fahrt gewesen, als die Drachen kamen? Bestimmt! Sein Gl�ck war sprichw�rtlich. Immerhin war die Unyleh in dreizehn Jahren erst zwei Mal gesunken!</p><p>�L�scht die Lichter, damit ich die Barinsteine drau�en sehen kann!� Er versuchte selbstbewusst zu klingen, dabei wusste er nicht einmal, welcher der Hebel das Tiefenruder und welcher das Seitenruder bediente. Er w�rde es einfach ausprobieren.</p><p>Es wurde dunkel im Inneren des Aals. Galar presste sein Gesicht gegen die Scheibe des mittleren Auges. Drau�en war nichts zu erkennen. Er zog am Hebel links neben sich. Neigte sich das Boot? Warum gab es nicht irgendetwas, woran man das ablesen konnte?</p><p>�Tretet in die Pedale! Wir machen zu wenig Fahrt! So kommen wir nie aus der H�hle.� Galar dachte an die Berichte �ber t�ckische Str�mungen auf einigen der Routen. Ihr Aal war f�r acht Mann an den Pedalen der Kurbelwelle ausgelegt. Ein ungew�hnlich kleines Boot. Doch f�r sie war es immer noch viel zu gro�.</p><p>Galar zog an dem Hebel rechts von ihm. Drehte der Aal? Ein blasser Lichtfleck kam in sein Gesichtsfeld. Er hielt den Hebel angezogen. Noch ein Licht erschien. Die beiden Barinsteine, die die Ausfahrt aus dem Hafenbecken markierten. Jetzt musste er nur noch zwischen beiden hindurchkommen. Vorsichtig schob er den rechten Hebel wieder zur�ck, bis er in seiner Ausgangsposition einrastete. Jetzt noch der linke �</p><p>�Du wei�t doch, wie man einen Aal steuert?�, fragte Hornbori.</p><p>�Wollen wir die Pl�tze tauschen, Schisser?� Dass der Kerl nie wusste, wann er besser den Mund halten sollte! Schwei� rann Galar zwischen den Augenbrauen herab auf die eingeschlagene Nase. Die Wunden auf seinem Kopf kribbelten. Seine Narbe spannte. Er war ein Wrack, und trotzdem war er es, der sie hier herausbringen musste. Er hatte die Karten studiert und eine Route geplant, die sie mit der Muskelkraft von nur vier Beinen vielleicht bew�ltigen w�rden.</p><p>Sie w�rden den Ausgang aus dem Hafen nicht genau treffen. Galar korrigierte ihren Kurs. Ein wenig zu viel � Er schob den Hebel ganz nach vorne. Knirschend schrammte die rechte Flanke des Aals �ber Felsgestein. Das Ger�usch ging durch Mark und Bein.</p><p>Der Schmied blickte �ber die Schulter nach oben, konnte aber nichts erkennen. Nahm das Boot mehr Wasser?</p><p>�Das ist das Yngwi-Man�ver ��, sagte Hornbori leise.</p><p>�Genau so wird das durchgef�hrt�, brummte Galar. Es kam kein Widerspruch mehr. Galar verstellte das Tiefenruder, und das schleifende Ger�usch verstummte. Wie w�rde diese Fahrt nur enden? Die Hafenausfahrt zu treffen war noch das leichteste Man�ver gewesen, das ihn erwartete.</p></section><section><title><p>Blutige Pfeile</p></title><p>Bamiyan sa� unter einem Sonnensegel und beobachtete das Zelt des Unsterblichen Aaron, des K�nigs Geisterschwert, der ihnen ihren weisen Mann zur�ckgeben konnte, wenn er denn wollte. Bamiyan war seit elf Tagen in dem Heerlager, und von dem Augenblick an, in dem er es zum ersten Mal gesehen hatte, hatte er begriffen, wie aussichtslos sein Auftrag war. Nie h�tte er sich tr�umen lassen, dass es so viele Menschen gab. Und jenseits des Flusses lag noch ein weiteres Heerlager. Er war hineingeritten, hatte jedoch nicht wirklich Hoffnung gehabt, bis vor den Unsterblichen zu gelangen. Aber der Herr aller Schwarzk�pfe war nicht unerreichbar. Er war ein guter Hirte. Er sorgte sich um seine Herde. Acht Tage lang war Bamiyan von einem Hofbeamten zum n�chsten verwiesen worden. Dabei war er dem pr�chtigen Zelt des Unsterblichen Aaron immer n�her gekommen. Zuletzt hatte man ihn zu diesem bartlosen, weibischen Kerl gebracht. Bamiyan hatte zwar schon davon geh�rt, dass es M�nner geben sollte, denen kein Bart spross, aber er hatte nie zuvor einen gesehen. Und dann gleich ein Kerl, der sich mit Duftwasser einrieb. Aber der Mann mit dem Goldhaar hatte immerhin daf�r gesorgt, dass man ihn heute Morgen hier unter das Sonnendach, nahe dem Zelt des K�nigs Geisterschwert, geholt hatte.</p><p>Bald w�rde es d�mmern. Einzelne M�nner waren schon ins Zelt gerufen worden. Manche mussten nicht warten und bekamen sofort Zutritt. Meist Krieger in pr�chtigen R�stungen. Sie trugen jene Pelze, f�r die sein Bruder gestorben war. Selbst bei dieser Hitze! Es waren Zeichen ihrer W�rde. So wie die schweren goldenen Armreifen und die kostbaren Schwerter, die gewiss aus Eisen gefertigt waren. Es waren richtige M�nner! M�nner mit B�rten, von denen viele auch Narben trugen, die bewiesen, dass sie keine Feiglinge waren, wenn es hart auf hart kam. Einer von ihnen hatte Bamiyan besonders beeindruckt. Ein wahrer Riese! Sein Gesicht war voller Narben, und ihm fehlte eine Hand. Vielleicht sogar ein halber Arm, so genau hatte er das nicht erkennen k�nnen. Mit diesem Krieger kam der Tod, man musste ihn nur kurz anblicken und wusste es.</p><p>Ein wenig irritierte es Bamiyan, wie oft der weibische Kerl in das Zelt des Unsterblichen ging. Dass der Herr aller Schwarzk�pfe so einen in seiner N�he duldete � Er versuchte sich vorzustellen, worin dieser Mann mit dem Goldhaar gut sein mochte.</p><p>Bamiyan schloss die Augen und d�ste vor sich hin. Wie lange der Unsterbliche wohl noch Bittsteller empfangen w�rde? Man versorgte sie hier gut unter dem Sonnensegel. Es wurde frisches Brot gebracht, kaltes Hammelfleisch, mit Wasser verd�nnter Wein und wunderbar s��e �pfel. Es w�re nicht schrecklich, hier noch einen weiteren Tag zu warten, dachte der J�ger. Aber der Steinrat hatte ihn gedr�ngt, schnell zur�ckzukehren. Sie sorgten sich um das Leben des heiligen Mannes. Wie lange w�rde er dem Zauber des Wassergeistes trotzen k�nnen? Wann war all seine Lebenskraft aufgebraucht? Gatha, der Schamane, war �berzeugt, dass der Wassergeist den heiligen Mann langsam auszehrte.</p><p>Bamiyan strich �ber den Lederbeutel mit den Pfeilen, der neben ihm lag. Sie mussten den Geist besiegen! Er durfte nicht versagen. Aber wie sollte er den Unsterblichen �berzeugen? Was z�hlte f�r den Herrscher Arams die Bitte eines einfachen J�gers?</p><p>Ein Raunen unter den Bittstellern lie� den J�ger die Augen aufschlagen. Eine seltsame Gestalt eilte dem Zelt entgegen. Sie lie� Bamiyan an einen aufrecht gehenden Schneeleoparden denken. Eine Kreatur halb Mann, halb Raubtier. Er trat in das Zelt des Unsterblichen.</p><p>Der J�ger sprang auf. Warum unternahmen die Wachen nichts? Wie konnte man so ein Ungeheuer einfach passieren lassen?</p><p>Bamiyan zog seinen Dolch und st�rmte dem Zelt entgegen.</p><p>Auf ihn reagierten die Wachen augenblicklich. Sie senkten ihre Speere. �Der Unsterbliche!�, rief er aufgebracht. �Ihr m�sst ihn besch�tzen.�</p><p>�Leg die Waffe nieder!�, herrschte ihn einer der Krieger an. Ein langer, drahtiger Kerl, so d�rr, als h�tte er W�rmer.</p><p>�Aber da ist ein Ungeheuer im Zelt. Nicht gegen mich sollt ihr die Speere richten. Dort drinnen ��</p><p>�Die Waffe nieder!� Der Krieger tippte ihm mit der Spitze des Speers auf die Brust.</p><p>�Ich bin kein Ungeheuer!�, beschwerte sich Bamiyan lautstark, lie� seinen Dolch vorsichtshalber aber fallen.</p><p>Der D�rre setzte einen Fu� auf den Dolch und senkte seinen Speer. �So was kannst du nicht machen. Ein anderer h�tte dich einfach aufgespie�t, ohne gro� zu fragen. Wir sind ��</p><p>Die Plane am Eingang des Zeltes wurde zur�ckgeschlagen, und der goldhaarige H�fling blickte heraus. �Was ist das f�r ein Geschrei? Was geht hier vor?�</p><p>Der D�rre grinste und zeigte auf Bamiyan. �Der wollte das Ungeheuer t�ten, das sich gerade ins Zelt geschlichen hat.�</p><p>Bamiyan konnte nicht verstehen, was der Leibw�chter daran so lustig fand.</p><p>�Du bist der J�ger, den der Steinrat geschickt hat, nicht wahr? Bamiyan � Richtig?�</p><p>�Ja.�</p><p>Der bartlose H�fling winkte ihm. �Komm ins Zelt. Du sollst deinen Wunsch dem Unsterblichen vortragen. Er war so ausgefallen, dass ich noch nicht f�r dich vorgesprochen habe.�</p><p>�Aber ��</p><p>�Das Ungeheuer?� Der Goldhaarige l�chelte. �Ja, nat�rlich. Das werde ich dir auch vorstellen.� Er blickte zu dem hageren Leibw�chter. �Gib unserem Freund seinen Dolch zur�ck. Der Unsterbliche ist nicht in Gefahr.�</p><p>Bamiyan nahm seine Waffe und schob sie in den G�rtel zur�ck. Dabei lie� er eine Hand auf dem Griff. Er wollte auf jeden Fall bereit sein, wenn er diesem Katzenwesen gegen�bertrat.</p><p>Das Zelt des Unsterblichen war in Halbdunkel getaucht. Es brannte nur eine einzige �llampe. Bamiyan fand das Quartier �berraschend karg. Es gab keinen Luxus. Kein Bett mit Seidenlaken. Keine goldenen Becher und Karaffen. Auf einem Holzbrett, das auf dem Sandboden stand, lagen Brot und K�se. Die Tische waren mit Schrifttafeln und gro�en, vollgeschriebenen Pergamentseiten bedeckt. Einzig der Waffenst�nder neben dem Nachtlager war au�ergew�hnlich. Darauf war eine pr�chtige Leinenr�stung drapiert, auf deren Brustst�ck ein L�wenhaupt prangte. Bronzene Beinschienen, deren Knieschutz einen L�wen zeigten, lehnten an einem gro�en, rechteckigen Schild, auf den das Bild eines b�rtigen Mannes vor einem Feueraltar gemalt war. Dem Mann gegen�ber stand der L�wenh�uptige, der Schutzherr Arams. Auf den Waffenst�nder war ein Maskenhelm gesetzt, der einem L�wenkopf nachempfunden war. Wer diese R�stung trug, musste darin aussehen wie ein Gott, dachte Bamiyan ehrf�rchtig.</p><p>Ohne R�stung hingegen wirkte der Unsterbliche ganz und gar nicht Ehrfurcht gebietend. Er war nicht sonderlich gro�, allerdings muskul�s, und sein ge�lter Bart war dicht und zeigte kein einziges graues Haar. Der Herr aller Schwarzk�pfe trug eine schmucklose Tunika. Seine Arme waren voller blauer Flecken und einer der Ellenbogen aufgesch�rft. Bamiyan hatte davon geh�rt, dass der Herrscher Arams mit seinen Bauern und Kriegern ein Kampfspiel um einen sandgef�llten Ledersack ausfocht. Nat�rlich hatte Bamiyan diesen Unsinn nicht geglaubt! Doch jetzt kamen ihm Zweifel. Raufte sich dieser Herrscher mit seinen M�nnern? Der J�ger musste unwillk�rlich l�cheln. Er fand die Vorstellung nicht unsympathisch.</p><p>�Was ist dein Begehr?�, fragte der Unsterbliche. Seine Stimme klang fest, befehlsgewohnt, herrschaftlich. Pl�tzlich erschien es Bamiyan unm�glich, auch nur ein einziges Wort �ber die Lippen zu bringen. Er konnte Aaron nur anstarren.</p><p>�Mir scheint, man hat Euch einen Stummen als Boten gesandt�, erklang eine Stimme hinter ihm.</p><p>Der J�ger sah sich um. Dort stand der Katzenmann, dicht beim Eingang des Zeltes. Wie hatte er ihn �bersehen k�nnen! Selbst jetzt schien diese Kreatur mit dem Zwielicht zu verschwimmen. Und wie kam es, dass solch ein Ungeheuer sprach?</p><p>�Darf ich dir Necahual vorstellen? Er ist ein Zapote und der Anf�hrer der Jaguarm�nner, die sich unserem Heer angeschlossen haben�, sagte der Bartlose. �Er verf�gt �ber einige sehr besondere Eigenschaften.�</p><p>Bamiyan konnte den Blick nicht von dieser Kreatur abwenden. Da war ein Mann, der zwischen den Fangz�hnen einer Raubkatze hervorblickte. Konnte es sein, dass er nur einen Helm und Fell trug? Dort, wo die H�nde sein sollten, befanden sich schwarze Krallen. Sie schienen aus behauenem Stein zu sein.</p><p>�In meinem Volk gilt es als unh�flich, wenn man Fremde so unverhohlen anstarrt.�</p><p>Die Bestie konnte sprechen! Zwar mit starkem Akzent, aber doch verst�ndlich.</p><p>Der Katzenmann bedachte ihn mit einem L�cheln, das Bamiyan einen Schauder �ber den R�cken jagte. Die Eckz�hne des Katzenmanns waren unnat�rlich spitz.</p><p>�Was ist dein Begehr, J�ger?�, fragte der Unsterbliche scharf.</p><p>�Ich � Ein Geist sucht ein Tal in den Bergen heim. Er h�lt einen Wunderheiler gefangen. Wir brauchen Eure Hilfe, Herrscher aller Schwarzk�pfe. Die Geschichten um Euch sind selbst bis in unsere Berge gedrungen. Ihr erschlagt Geister, Herr. Bitte, gebt uns unseren Heiler zur�ck!�</p><p>Der Unsterbliche wechselte einen Blick mit dem Goldhaarigen.</p><p>�Ich kann dieses Heerlager nicht verlassen. Ich werde kommen, wenn die Schlacht gegen Muwatta geschlagen ist.�</p><p>Bamiyan wusste, dass Gatha mit dieser Antwort nicht zufrieden sein w�rde. Der alte Schamane wollte sofort losschlagen. Niemand konnte wissen, wie lange es dauerte, bis der Geist dem Wunderheiler alle Kraft gestohlen haben w�rde. Der J�ger nahm all seinen Mut zusammen. �Wenn wir unserem Heiler nicht schnell helfen, wird er sterben.�</p><p>�Das bedauere ich�, entgegnete der Unsterbliche ruhig. �Dennoch kann ich nicht von hier fort. Wenn dein einziges Anliegen ein Wunsch ist, den ich nicht zu erf�llen vermag, ist die Audienz nun beendet.�</p><p>�Es g�be da vielleicht noch eine andere M�glichkeit�, mischte sich der Goldhaarige ein. �Bamiyan hat mir von Pfeilen berichtet, die den Geist vielleicht t�ten k�nnten.�</p><p>Der J�ger kniete nieder. Vor diesem Augenblick hatte er sich gef�rchtet. Wie konnte er den Unsterblichen um das bitten, was Gatha sich w�nschte? Mit klopfendem Herzen zog Bamiyan das B�ndel Pfeile aus der Ledertasche und hielt es dem Unsterblichen entgegen. �Herr aller Schwarzk�pfe, K�nig Geisterschwert, ich bitte dich, gib mir von deinem Blut, um diesen Pfeilen die Kraft zu schenken, einen Geist f�r immer aus der Welt der Lebenden zu bannen.�</p><p>�So soll es sein.�</p><p>Bamiyan blickte �berrascht auf. Nie und nimmer hatte er damit gerechnet, dass der Unsterbliche sein Blut f�r sie vergie�en w�rde.</p><p>�Heute gebe ich dir von meinem Blut�, sagte der Herrscher aller Schwarzk�pfe feierlich, �doch wenn der Tag der gro�en Schlacht kommt, dann erwarte ich von dir, dass du mit deinem Blut f�r meine Krieger einstehst. Der Ruhm der Bogensch�tzen aus den Bergen Garagums reicht bis zu den Pal�sten am Meer. Es gibt niemanden in meinem Reich, der sich mit euch messen kann. Bringe mir so viele von euren Bogensch�tzen, wie dir folgen m�gen, und begleiche deine Blutschuld.�</p><p>�Ja, Herr ��, stammelte Bamiyan, �berw�ltigt von Stolz und Freude.</p><p>Der Unsterbliche nahm ein Messer und trat um den Tisch herum. Er setzte die silberne Klinge auf seinen Handballen und dr�ckte sie ohne zu z�gern in sein Fleisch. Dunkles Blut troff auf die Pfeilspitzen.</p><p>�Ich w�nsche dir und dem Steinrat Gl�ck bei eurer Jagd, Bamiyan�, sagte der Unsterbliche feierlich.</p><p>Der J�ger erhob sich und bedankte sich voller Inbrunst. �Mein Bogen geh�rt dir, Herrscher aller Schwarzk�pfe. Und es wird nicht der einzige sein, den ich dir bringe.�</p></section><section><title><p>Der Tag der Schlacht</p></title><p>Artax sah dem jungen J�ger nach. Was f�r ein Geist das wohl sein mochte, fragte er sich. Vielleicht sollte er doch das Heer f�r ein paar Tage verlassen? Er blickte zu Necahual. Der Anf�hrer der Zapote schien selbst inmitten seines Zeltes kaum mehr als ein Schatten zu sein. Kurz war Artax versucht, weitere Lichter zu entz�nden, aber das w�re ein Zeichen der Schw�che.</p><p><emphasis>Du solltest ihn gar nicht in deiner N�he dulden,</emphasis> meldete sich Aarons Stimme. <emphasis>Man kann diesen Zapote nicht trauen.</emphasis></p><p>�Du wolltest mir erl�utern, warum wir das Tal hinter dem Heerlager Muwattas nicht erkunden k�nnen�, griff Artax ihr Gespr�ch an jener Stelle wieder auf, an der es abgerissen war, als Datames den J�ger ins Zelt geholt hatte.</p><p>�Der gefl�gelte Tod wacht jenseits des trockenen Flusses. Ich habe in der letzten Nacht zwei meiner Krieger verloren. Es ist aussichtslos. Ich werde keinen weiteren Mann opfern.�</p><p>�Der gefl�gelte Tod?�</p><p>�Necahual meint I�ta�, mischte sich Datames ein. �Mir scheint, Muwatta steht sehr hoch in ihrer Gunst. Sie ist ihm eine gro�e Hilfe.�</p><p>Artax hatte verstanden, was unausgesprochen geblieben war. Der L�wenh�uptige half ihnen nicht. Er war nur ein einziges Mal nahe dem Heerlager erschienen. Nachdenklich betrachtete er Necahual. Die Zapote hatten nur eine einzige Nacht ben�tigt, um daf�r zu sorgen, dass Muwatta keine Sp�her und Meuchler mehr �ber den Fluss schickte. Ihnen allein oblagen nun die Nachtwachen, und seit sich das im Heer herumgesprochen hatte, verlie� niemand mehr bei Nacht das Lager.</p><p><emphasis>Es ist nicht klug, sich diesen Daimonen ganz und gar anzuvertrauen</emphasis>, warnte Aarons Stimme.</p><p>�Du und deine M�nner, ihr solltet an den �bungen teilnehmen, damit das Band zu meinen Kriegern st�rker wird. Sie m�ssen euch in der Schlacht vertrauen.�</p><p>Necahual sch�ttelte den Kopf. �Nein, Unsterblicher Aaron. Dieser Bitte k�nnen wir nicht Folge leisten.�</p><p><emphasis>Unsterbliche bitten nicht, sie befehlen. Lass dir von diesem Wilden nicht auf der Nase herumtanzen!</emphasis></p><p>�Du widersetzt dich meinem Willen, Necahual?�</p><p>�Ich denke nur an das Wohl deiner Krieger�, entgegnete der Zapote glattz�ngig. �Wir �ben das T�ten nicht. Wenn die Tempelwachen der Gefiederten Schlange ihre Waffen erheben, dann muss Blut flie�en oder wir verlieren unsere Ehre unter den Augen der G�tter.�</p><p>�Wie wollt ihr mit meinen Kriegern k�mpfen, wenn ihr nie gemeinsam ge�bt habt?�</p><p>�Meine M�nner w�rden niemals an der Seite von Bauern k�mpfen.�</p><p><emphasis>Wie lange willst du dich noch von diesem Katzenmann verh�hnen lassen? Lass dem Kerl den Kopf abschlagen und noch ein paar anderen dazu, dann werden selbst diese Wilden lernen zu gehorchen.</emphasis></p><p>Artax blickte zu Datames. Sollte <emphasis>er</emphasis> reden! Artax war nicht l�nger geneigt, sich beleidigen zu lassen.</p><p>�Wie w�rdest du deine Krieger denn einsetzen, h�ttest du die Wahl, dich frei zu entscheiden? Die Frage ist nat�rlich rein theoretisch, denn �ber die Befehle eines Unsterblichen wird hier ebenso wenig diskutiert wie in Zapote.�</p><p>Artax musste sich h�ten, nicht zu l�cheln. Manchmal war Datames einfach brillant!</p><p>Die Warnung in den Worten des Hofmeisters war unmissverst�ndlich gewesen, doch Necahual zeigte sich nicht im Mindesten beeindruckt. �Meine M�nner verstecken sich nicht hinter hohen Schilden. Wir bilden eine weite Linie. Jeder k�mpft f�r sich allein, zu Ehren der gefiederten Schlange. Wir w�ren am besten eingesetzt, wenn wir eine der beiden Flanken verteidigen k�nnten.�</p><p><emphasis>Der Kerl ist gr��enwahnsinnig! Da hilft nur k�pfen!</emphasis></p><p>�Ihr wollt eine Flanke verteidigen? Ganz allein?� Jetzt war auch Aaron au�er sich. �Wisst ihr, was das bedeutet? Vielleicht kann Muwatta zweitausend Streitwagen in die Schlacht f�hren. Er wird sie auf einer der beiden Flanken einsetzen. Ihr seid zweihundert. Wie wollt ihr da siegen?�</p><p>�Wie wir immer siegen. Wir werden sie t�ten. Erst die Pferde, dann die M�nner.�</p><p><emphasis>Verr�ckt! Vollkommen verr�ckt, der Kerl!</emphasis></p><p>Artax w�nschte sich, er k�nnte im Antlitz des Zapote lesen, doch es war fast v�llig durch den Jaguarhelm verdeckt. Die Stimme des Kriegers hatte nicht so geklungen, als ob er scherzte. Er schien von dem �berzeugt zu sein, was er sagte. �Und ihr wollt keine Unterst�tzung?�</p><p>�Nicht Zahlen entscheiden �ber den Ausgang von Schlachten�, entgegnete Necahual ruhig. �Mut und Geschick der Krieger bringen Sieg oder Niederlage. Und die F�higkeit der M�nner, im Angesicht des Feindes ein kaltes Herz zu bewahren. Unser Vorteil ist, dass uns nicht alle zweitausend zur gleichen Zeit angreifen k�nnen. Sie werden einander behindern. Und wir werden sie t�ten. Die Flanke, auf der wir stehen, wird gehalten werden.�</p><p>Artax fand die Selbstsicherheit des Zapote zunehmend verunsichernd. �Ich werde mich mit Datames �ber deinen Vorschlag beraten. Du darfst nun gehen.�</p><p>Necahual ging ohne Gru� und ohne eine Geste der Ehrerbietung. Artax fragte sich, warum diese Krieger hierhergekommen waren. Dies war nicht ihr Kampf, das zeigten sie �berdeutlich. Was hatten Volodi und Kolja getan, um die Zapote in diesen Krieg hineinzuziehen?</p><p>�Du solltest ihm nicht z�rnen. Er war n�tzlich, um die Spitzel und Meuchler Muwattas zu vertreiben. Wenn sie �ber uns wachen, kann jeder im Lager ruhiger schlafen.�</p><p>Artax kannte die Geschichten, die sich die M�nner im Heer �ber die Daimonen erz�hlten. Er bezweifelte, dass jemand ruhiger schlief.</p><p>�Am Nachmittag hat ein Gesandter Muwattas eine Botschaft �berbracht.�</p><p>Artax blickte auf. �Warum erfahre ich erst jetzt davon?�</p><p>�Mit Verlaub, du warst besch�ftigt. Du warst bei den M�nnern.�</p><p><emphasis>Du solltest ihm nicht l�nger gestatten, dich nach Lust und Laune zu duzen. Auch nicht, wenn es sonst niemand h�rt. Mir scheint, dass er langsam glaubt, dass er der Herrscher Arams sei. Du h�ttest ihm nie erlauben d�rfen, mehr zu tun, als Feste zu organisieren und die Listen mit den Abgaben der Satrapien zu verwalten.</emphasis></p><p>Artax bekam Kopfschmerzen. Die st�ndigen Sticheleien Aarons, die Eigenm�chtigkeiten des Hofmeisters und die trockene Hitze, die selbst nachts kaum nachlie�, zerm�rbten ihn. Er vertraute Datames dahingehend, dass der Hofmeister nur das Beste f�r Aram wollte. Aber es w�re gut, wenn er sich besser mit ihm absprechen w�rde. Sobald die Schlacht geschlagen war, w�rde er seine Zust�ndigkeiten wieder etwas zur�ckstutzen. Datames war zu eigensinnig geworden.</p><p>�Was will Muwatta?�</p><p>�Er m�chte einen Tag f�r die Schlacht festlegen. Die bisherigen Absprachen diesbez�glich sind zum Teil widerspr�chlich. Mal wurde gesagt, es w�rde im Mond nach dem Mittsommerfest gefochten, dann wieder, dass die Schlacht drei�ig Tage nach dem Mittsommerfest ausgetragen werden soll. Er schl�gt den zehnten Tag nach dem Fest vor.�</p><p>�Dann nehmen wir an�, sagte Artax m�de. Er wollte allein sein und einfach nur schlafen.</p><p>�Das w�re nicht gut!�</p><p>�Warum?�, fragte der Unsterbliche gereizt und versuchte gegen die sp�ttische Stimme in seinem Kopf anzuk�mpfen. Wann w�rde er diesen Qu�lgeist endlich loswerden? Wann durfte er Frieden finden?</p><p>�Zum einen w�re es ein Zeichen von Schw�che, wenn wir uns von Muwatta den Tag der Schlacht diktieren lassen. Zum anderen nutzt es uns, wenn wir die Schlacht so weit wie m�glich schieben. Der drei�igste Tag des Mondes nach Mittsommer w�re der beste f�r uns! Erst f�nf Tage nach dem Fest beginnt der neue Mond. Wir k�nnten also insgesamt f�nfunddrei�ig Tage gewinnen und w�rden uns noch g�nzlich innerhalb der zuvor getroffenen Absprachen bewegen.�</p><p>Artax stellte sich vor, wie es w�re, noch weitere f�nf Wochen in dieser Ein�de zu verbringen. Es wurde mit jedem Tag hei�er. Schon jetzt war das Wasser knapp. Jeder Tropfen musste durch das magische Portal herangeschafft werden. Der Aufwand daf�r war ungeheuerlich! Und sollte die Versorgung abbrechen, w�rden ihre Vorr�te kaum mehr als einen Tag reichen. �Ich halte es nicht f�r sinnvoll, unsere Truppen unn�tig lange den Strapazen dieses Lagers auszusetzen. Du wei�t, was dem Bauern geschieht, der zu lange wartet, seinen Weizen einzufahren?�</p><p>Datames sah ihn stirnrunzelnd an.</p><p><emphasis>Eines Tages wird er darauf kommen, dass du in Wirklichkeit ein Bauer bist</emphasis>, h�hnte Aarons Stimme.</p><p>�Er verliert die halbe Ernte in einem Sommersturm.�</p><p>�Tja �� Es war offensichtlich, dass Datames nicht wusste, was er darauf sagen sollte. �Ihr wisst aber, was wir gewinnen, denke ich. Muwatta verliert jeden Tag Hunderte Krieger, denn sein Lager ist eine stinkende Kloake. Seuchen gehen um, und es wird schlimmer. Um sein Heer bei den angestrebten f�nfzigtausend Mann zu halten, muss er t�glich neue Truppen nachziehen. Jeder Tag, den wir warten, ist eine gewonnene Schlacht, die uns kein Blut kostet.�</p><p>Artax strich sich nachdenklich �ber den Bart. �So will ich nicht gewinnen.�</p><p><emphasis>Jetzt bist du wohl verr�ckt!</emphasis>, t�nte es in seinem Kopf. <emphasis>Datames hat recht! Wir m�ssen die Schlacht hinausz�gern.</emphasis></p><p>�Herr, bei aller M�he, die wir uns geben, die Kampfkraft und die Moral unserer M�nner zu st�rken, letztlich bleiben es Bauern. Wir d�rfen keine Wunder erwarten. Wir werden nur dann auf einen Sieg hoffen k�nnen, wenn wir jeden Vorteil nutzen, der sich uns bietet. W�rden wir heute k�mpfen, wir w�rden aus dem Feld geschlagen. Aber in f�nf Wochen wird Muwattas Heer nur noch ein Schatten seiner urspr�nglichen St�rke sein.�</p><p>Artax lie� sich auf dem Faltstuhl hinter dem Tisch voller Tontafeln nieder. So viel Arbeit. Egal, wie viel er davon erledigte. Der Tisch wurde niemals leer. �Du hast dich so sehr f�r die Bauern eingesetzt, Datames. Du wolltest ihnen ein Ziel geben und hast mich �berzeugt, eine Landreform durchzuf�hren, die mir die Mehrzahl meiner Satrapen zu Feinden macht. Auch wenn nur wenige es wagen, mir so offen die Stirn zu bieten wie Bessos. Aber nun vernichtest du alles, was du erreicht hast. Du bist kein Bauer, auch wenn ich nicht abstreiten will, dass du sie von ganzem Herzen unterst�tzt. Dir ist gar nicht klar, was du verlangst, wenn wir noch f�nf Wochen warten. Oder irre ich?�</p><p>�Du meinst die Ernte?� Datames sagte das in einem Tonfall, dem anzuh�ren war, dass er daran noch keinen Gedanken verschwendet hatte, obwohl er sonst immer alles bis ins Letzte plante.</p><p>�Was glaubst du, wie lange werden sie vom Tag der Schlacht an brauchen, bis unsere M�nner wieder in ihren D�rfern sind? Und ich meine jetzt nur jene Gl�cklichen, die ohne jede Schramme die Schlacht �berleben?�</p><p>Der Hofmeister nickte bed�chtig. Er begann zu begreifen. �Die Tontafeln, die ihnen ihr Land garantieren, m�ssen gefertigt werden. Sie k�nnen nur in Gruppen zur�ck. Proviant muss zusammengestellt und ein Handgeld gezahlt werden, damit sie, wenn sie durch das Palasttor treten, bis in ihre Heimat gelangen k�nnen, ohne unterwegs Hunger zu leiden. Bei manchen mag es zwei Wochen dauern, bis sie ihr Heim wiedersehen. Aber das werden nur wenige sein. Die meisten werden einen Mond und l�nger f�r den R�ckweg brauchen.�</p><p>�Ihnen l�uft die Zeit davon, Hofmeister. Die M�nner sind bereits unruhig. Sie reden von daheim und von der bevorstehenden Ernte. Die meisten waren noch nie so lange von zu Hause fort. Wir k�nnen es uns genauso wenig leisten, noch lange hier zu lagern, wie Muwatta. Ich m�chte den Tag, den er f�r die Schlacht vorschl�gt, annehmen. Bringen wir es hinter uns!�</p><p>�Wir k�nnen nicht�, beharrte Datames mit einer f�r ihn ungew�hnlichen Entschiedenheit.</p><p>Artax war es m�de zu streiten. �Meine Geduld ist am Ende. Wir werden Muwattas Angebot annehmen. Ich ��</p><p>�Bitte, Herr. Bitte h�rt mich bis zum Ende an und dann entscheidet frei.� Datames sank vor ihm auf die Knie. Das hatte er seit einer Ewigkeit nicht getan.</p><p>�Sprich!�</p><p>�Die vierzehnte Nacht nach Mittsommer haben wir Neumond. Wir m�ssen mindestens so lange warten. Ihr erinnert Euch an die zwanzigtausend Holzschuhe, die ich in Auftrag gegeben habe? Damit hat es folgende Bewandtnis ��</p></section><section><title><p><emphasis>Legenden des Nordens, erlauscht bei Kobolden und Trollen</emphasis></p></title><poem><stanza><v>� � F�r Nandalee, die Goldene,</v><v>focht Gonvalon, der Wei�e.</v><v>Und ritt er hin auf Winterwind,</v><v>als ihm entrissen ward sein Weib.</v><v>Und schnitt sein Schwert so kalt</v><v>wie Frost das Herz des Winterwurmes.</v><v>Gro� war sein Zorn, als er da sah</v><v>die Goldene auf dem Opfersteine.</v><v>Und schnitt sein Schwert so kalt</v><v>wie Frost der Trolle Herz und Beine.</v><v>Und wie er kam, so ritt er fort geschwind</v><v>und wieder auf dem Winterwind.</v><v>Noch ahnt er nichts vom Schrecken fremd,</v><v>der hoch am Himmel lauert.</v><v>Und Unheils Saat ist schon gepflanzt</v><v>inmitten seines Lebens,</v><v>denn wer des K�nigs Opfer stiehlt,</v><v>darf nimmermehr sich Gl�ck erhoffen.�</v></stanza></poem><p>So �berliefern die Kobolde der Mondberge die Sage von Gonvalon und Nandalee. Die Verse sind nur unvollkommen in ihre Sprache �bertragen, und doch sp�re ich ihr Alter in jedem der Worte. Aus ihrem Volk waren einst Hunderte Sklaven in den K�nigsstein verschleppt worden, um dort f�r die Trolle die nat�rlichen H�hlen zu erweitern, als das Volk der grauen H�nen stark geworden war. F�r viele Jahre lebten sie zusammen mit den Trollen, und so fanden auch einige der �ltesten Geschichten der Trolle Zugang in den Schatz der Sagen und Mythen, die man sich in den Mondbergen erz�hlt. Beklemmender noch empfand ich jedoch eine Geschichte, die ich in den weiten Steppen des Windlands bei Kentauren h�rte, die ihr Winterlager am Lauf des Mika aufgeschlagen hatten.</p><p>�Gonvolon und Nodolon, so hie�en zwei Br�der, dem Schwerte verschworen. War der eine wie Gold, der andere aber dunkel wie die Nacht. Beide liebten sie Andalee, die Bogensch�tzin, geboren zu Mittwinter im Eisrachen Carandamons. Und sie freiten um sie, der eine bei Tage, der andere aber in der Nacht. Doch ehe die Sch�tzin entschied, schickte der K�nig der Trolle den Immerwinterwurm, um die Elfe vor seinen Thron in den K�nigsstein zu schaffen. Er wollte die k�hne J�gerin mit seinem Sohne verm�hlen und Frieden stiften zwischen den V�lkern der Elfen und Trolle. Andalee aber erschlug seinen Sohn beim Hochzeitsbankett.</p><p>Gonvolon und Nodolon indes zogen aus, ihre Geliebte zu befreien. Und sie versprachen einander, sich zu helfen, bis Andalee gerettet sei, denn war Gonvolon unbezwingbar bei Tage, so galt Gleiches f�r Nodolon bei Nacht. Sie wussten, dass der Kampf gegen den Immerwinterwurm lange w�hren w�rde, da das Ungeheuer seine Kraft aus dem Nordwind sch�pfte und sie zu einer Zeit des Jahres zum K�nigsstein zogen, da der Nordwind der K�nig unter den Winden war. So versprachen sie einander, sich im Kampfe jeweils in der D�mmerung abzul�sen, sodass ein jeder von ihnen nur focht, wenn er am st�rksten war, und beide Gelegenheit h�tten, sich von ihren Wunden und ihrer Ersch�pfung zu erholen. Drei Tage w�hrte der Kampf. In der dritten Nacht aber verriet Nodolon seinen Bruder, denn statt Gonvolon abzul�sen, schlich er sich in den K�nigsstein, und er befreite Andalee, als der K�nig ihr das Herz entrei�en wollte, um sie in der Welt der Geister zur Sklavin seines gemordeten Sohnes zu machen. Da schenkte Andalee Nodolon ihr Herz, nach dem der Troll hatte greifen wollen, denn sie wusste nichts vom einsamen Kampf des Gonvolon. Nodolon aber brachte sie weit in den S�den in ein Tal, umstanden von gr�nen Bergen, und er bezog mit ihr das gro�e Haus, das er dort errichtet hatte. Gonvolon aber k�mpft noch heute gegen den Immerwinterwurm, und lauscht man dem st�rmenden Nordwind, so vermag man in mancher Nacht den Klang seines Schwertes zu vernehmen, wie es auf die eisigen Schuppen des Ungeheuers schl�gt.�</p><cite><text-author><emphasis>Meine Schwester und ich,</emphasis> Seite 73 ff., Eine Sammlung loser Pergamentseiten aus dem Nachlass des Meliander, F�rst von Arkadien, verwahrt in der Bibliothek von Iskendria, im Saal des Lichtes, in einer Amphore vergraben an einem Ort, der nur Galawayn, dem H�ter der Geheimnisse, bekannt ist.</text-author></cite></section><section><title><p>Drachendialektik</p></title><p>Gonvalon wusste, dass Nachtatem ihn nicht auf Dauer im Jadegarten dulden w�rde. Ihn, der einmal der Schwertmeister des Goldenen gewesen war. Niemals w�rde der Erstgeschl�pfte ihm vertrauen. Zugleich war der Jadegarten jedoch der sicherste Ort f�r Nandalee. Hier musste sie die Nachstellungen des Goldenen nicht f�rchten.</p><p>Der Schwertmeister blickte �ber die pr�chtige Gartenlandschaft. Kunstvoll gestutzte B�ume breiteten ihr Schatten spendendes Astwerk �ber kleinen Teichen aus. Ganz gleich, wo man sich aufhielt, immer schmeichelte das Ger�usch pl�tschernden Wassers dem Ohr. Es war ein Ort voller Frieden und Harmonie. Hier k�nnte Nandalee endlich zur Ruhe kommen. Sie h�tte die Mu�e, um ihre Toten zu trauern. Wie gern w�rde er in diesen Stunden bei ihr sein �</p><p>Gonvalon blickte zu den Bergen auf, die das Tal einfassten und vor der W�ste sch�tzten. Wie sollte er es anstellen zu gehen, ohne dass sie ihm folgte? Sie wollte ihn nicht verlieren. Noch nicht � Aber der Goldene hatte ihrer beider Liebe den Glanz genommen. Gonvalon glaubte nicht mehr, dass er und Nandalee f�r immer zusammenbleiben w�rden. Auch wenn er es wollte �</p><p>Pl�tzlich war es unnat�rlich still. Noch immer erklang das Ger�usch des Wassers, doch die Vogelstimmen und das Zirpen der Grillen waren verstummt. Auf einer Bank unter dem F�cherwerk der �ste einer Trauerweide entdeckte Gonvalon eine schattenhafte Gestalt. Eben noch war dort niemand gewesen, da war sich der Schwertmeister ganz sicher.</p><p><emphasis>Ich w�nsche Euch zu sprechen, Meister Gonvalon.</emphasis> Es ging ein Zwang von den Worten aus, dem er nicht zu widerstehen vermochte. Er wusste, wer ihn dort erwartete. Ihre Begegnung war unausweichlich gewesen. Es war besser, es schnell hinter sich zu bringen.</p><p>Gonvalon b�ckte sich unter den niedrigen �sten hindurch und trat in den Schattenk�fig der Trauerweide. Nachtatem hatte Elfengestalt angenommen. Er war schlank und doch muskul�s. Sein langes, schwarzes Haar wurde von einem mattierten Silberreif zur�ckgehalten. Der Erstgeschl�pfte hatte lederne Jagdkleidung angelegt. Er sah aus wie ein Maurawan.</p><p><emphasis>Ihr wollt uns also verlassen, Meister Gonvalon</emphasis><emphasis>.</emphasis></p><p>Der Schwertmeister hasste es, wenn die Himmelsschlangen in seinen Gedanken lasen. Gonvalon versuchte nicht, dieses Gef�hl zu unterdr�cken.</p><p>�Ihr bevorzugt also ein Gespr�ch von Mann zu Mann, Meister Gonvalon.� Die Stimme des Drachen klang dunkel und ein wenig zu laut, so als sei er es nicht gewohnt, sich auf diese Weise mitzuteilen. Der ironische Unterton seiner Worte lie� trotz des vermeintlich gro�z�gigen Angebotes gar nicht erst den Gedanken aufkommen, dass sie von Gleich zu Gleich sprachen.</p><p>�Ihr wisst nat�rlich bereits, dass ich kein Meister der Wei�en Halle mehr bin�, entgegnete Gonvalon. �Ich m�chte mir keinen Titel anma�en und w�re Euch dankbar, wenn Ihr mich nicht mehr an diesen Teil meiner Vergangenheit erinnern w�rdet, indem Ihr mich Meister nennt.�</p><p>�Ich wei� aus Euren Gedanken, Schwertmeister, dass Ihr erw�gt, das Tal zu verlassen. Ich wei� auch, was Ihr Euch einredet, um Euch die Trennung von Nandalee zu vers��en. Doch wovor flieht Ihr letztlich wirklich? M�chtet Ihr denn nicht Vater werden?�</p><p>Gonvalon k�mpfte gegen seine Bitternis an. �Nicht ich werde Vater werden. Ihr wisst, was der Goldene getan hat!�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�Seine Rache an mir wird vollkommen sein, wenn Nandalee sein Kind bekommt.�</p><p>Nachtatem sah ihn durchdringend an. �Ihr gebt einen Kampf so schnell verloren? Ich hatte Euch anders eingesch�tzt, Gonvalon.�</p><p>Der Schwertmeister vermochte dem Blick der himmelblauen Augen nicht standzuhalten. Er sah zu Boden, auf das verwirrende Schattenmuster, das die �ste der Trauerweide zeichneten. Seit ihm der Goldene im K�nigsstein begegnet war, hatte er geahnt, dass es mit der Liebesnacht allein noch nicht zu Ende sein w�rde. Dass Nandalee ein Kind bekommen w�rde.</p><p>�Seid Ihr an Nandalees Seite, wenn ihr Kind geboren werden wird?�</p><p>Gonvalon starrte weiterhin zu Boden. Er wusste es nicht.</p><p>�Glaubt Ihr, mein Nestbruder w�rde an jenem Tag zu Nandalee kommen?�</p><p>Was sollte diese Frage? �Gewiss nicht!�, entgegnete der Schwertmeister gereizt.</p><p>�Dann seid Ihr der Meinung, dass es gut f�r Nandalee sein w�rde, am Tag ihrer Niederkunft allein zu sein.� Es lag kein Vorwurf in der Stimme des Dunklen. Er klang ganz und gar sachlich.</p><p>Gonvalon versuchte seiner widerstreitenden Gef�hle Herr zu werden. Er wollte sich nicht vom Erstgeschl�pften manipulieren lassen, wollte eine eigene Entscheidung treffen.</p><p>�Wer ist bei euch Elfen mehr der Vater eines Kindes? Der Mann, der es zeugt, oder der Mann, der an seiner Seite ist, wenn es aufw�chst? Der es pr�gt, der sein Vorbild ist und zugleich all das verk�rpert, das es einst �bertreffen will?�</p><p>Gonvalon war nicht danach zumute zu philosophieren. Es ging nicht in erster Linie um das Kind. Der Goldene hatte ihre Liebe zerst�rt! Seit sie die Trollh�hlen verlassen hatten, konnte Gonvalon sp�ren, wie Nandalee ihn im Stillen an der Nacht im K�nigsstein ma�, auch wenn sie ihn noch nicht darauf angesprochen hatte. Er wusste, dass sie daran verzweifelte, dass sich nichts mehr so anf�hlte wie in dieser einen Liebesnacht. Wie sollte er auch mit einem der acht Himmlischen mithalten k�nnen! Er w�rde sie immer mehr entt�uschen, und er w�rde es nicht ertragen, mit anzusehen, wie ihre Liebe verging. Je mehr der Erstgeschl�pfte ihn bedr�ngte, desto sicherer wurde sich Gonvalon, dass er Nandalee verlassen musste.</p><p>�Ich wei� um die Nacht, in der Ihr im Schnee ausgesetzt wurdet, Schwertmeister, damit die W�lfe Euch holen. Es �berrascht mich, dass Ihr dasselbe tun w�rdet. Aber vielleicht irrte ich ja in meiner Annahme, dass das Blut der Eltern weniger bedeutend sei als die Summe aller Erfahrungen eines Lebens. Vielleicht seid Ihr doch so wie Eure Mutter, obwohl Ihr Euch immer geschworen habt, anders zu sein. Vielleicht k�nnt auch Ihr ein Kind einfach hinter Euch zur�cklassen und Eurer Wege ziehen.�</p><p>Gonvalon vermochte seine Gef�hle nicht l�nger zu beherrschen. Er st�hnte auf. Pl�tzlich war er wieder der kleine Junge, der allein im Schnee stand und die W�lfe heulen h�rte. Der nicht fassen konnte, dass seine Mutter ihn zur�ckgelassen hatte. Gonvalon versuchte sich an ihr Gesicht zu erinnern, wie schon unz�hlige Male zuvor. Er hatte sie sch�n gefunden � Er wusste, sie hatte langes, schwarzes Haar gehabt, das wunderbar duftete. Doch wie stets blieben die Z�ge ihres Gesichtes nur vage. Sie hatte geweint, als sie von ihm ging. Aber sie war gegangen.</p><p>�W�rdet Ihr ein Kind, das Euch braucht, im Stich lassen, Schwertmeister?�</p><p>Ungeweinte Tr�nen erstickten seine Stimme. Er sch�ttelte den Kopf. Nein, das k�nnte er nicht.</p><p>�Gut. Ich bezweifele zwar, dass ein M�rder ein guter Vater sein kann, aber Ihr seid allemal besser als gar kein Vater.�</p><p>Gonvalon blickte entr�stet zum Himmlischen auf. Sie waren es doch, die aus Elfen M�rder machten! Wie konnte er ihm das nun vorhalten! �Ich habe niemals Wehrlose get�tet.�</p><p>�Und Adamu?�</p><p>�Er war ein Lamassu. Der m�chtigste Zauberweber seines Volkes. Adamu begehrte gegen Eure Herrschaft auf. Er lie� verk�nden, den Himmel seiner Schlangen berauben zu wollen. Er wollte Euch und Eure Nestbr�der st�rzen. Und mehr und mehr Lamassu schlossen sich seiner Sache an. Er war der Einzige, der sie alle h�tte einen k�nnen. Er war grausam und verschlagen, und er war ��</p><p>Ein Blick Nachtatems lie� Gonvalon schweigen. �Ihr m�sst mir nicht aufz�hlen, was wir Euch sagten, um Euch f�r Eure Mission zu wappnen, Schwertmeister. Ich war dabei, als dar�ber beratschlagt wurde, wie wir argumentieren sollten, damit Ihr Euren Mord mit kaltem Herzen begehen k�nnt. Erinnert Ihr Euch noch, wie Ihr schlie�lich vor Adamu gestanden habt? Vor einem riesigen, gefl�gelten Stier mit einem M�nnerhaupt? Einer Kreatur ganz ohne Arme, mit denen sie sich gegen Euch h�tte wehren k�nnen?�</p><p>�Er war ein unvergleichlicher Zauberweber�, wandte Gonvalon emp�rt ein.</p><p>�Ich kann in Euren Gedanken lesen, Schwertmeister. Ich wei�, was Adamu im letzten Augenblick seines Lebens war. Eine erb�rmliche Kreatur, gel�hmt vor Angst, als sie sich pl�tzlich inmitten eines Palastes, besch�tzt von �ber hundert Wachen, einem Drachenelfen gegen�bersah. Die Angst hat Adamu seiner Stimme beraubt, als er Eure Augen und Euer Schwert sah. Und Ihr wart nicht so dumm zu warten, bis er seine Stimme wiederfand.�</p><p>Gonvalon erinnerte sich gut. Es hatte ihn Tage gekostet, an den Wachen vorbei bis in den Inneren Palast zu gelangen Und dass er lebend wieder hinausgelangt war, war reines Gl�ck gewesen.</p><p>�Seid Ihr unter Euren Opfern jemals jemandem begegnet, der Euch im Schwertkampf gleichgekommen w�re oder der Euch gar �bertroffen h�tte?�</p><p>�Ich lebe noch. Das ist wohl Antwort genug.�</p><p>�Und dennoch sagt Ihr, Ihr h�ttet nie einen Wehrlosen get�tet.�</p><p>Wie konnte der Erstgeschl�pfte so reden? Er und seine Nestbr�der hatten ihn, Gonvalon, zu Adamu geschickt.</p><p>�Bisher, Schwermeister, haben meine Br�der und ich Euch stets klare Befehle gegeben. Ihr habt sie nie hinterfragt. Das Einzige, was in Eurem Leben von Bedeutung war, war, unsere Missionen zu erf�llen. Ihr habt Euch nichts erhofft. Ihr wart an niemanden gebunden. Und Ihr habt Euer eigenes Leben gering geachtet. Das machte Euch besonders t�dlich, denn Ihr wart ohne zu z�gern stets bereit, das h�chste Risiko einzugehen. Ein Schwertk�mpfer aber, der etwas zu verlieren hat, denkt �ber den Tod nach. Das bringt ihn dem Tod n�her. Ich m�chte nicht weniger, als dass Ihr ein anderer werdet. Verwundbar auf der einen Seite, aber weil Ihr einem eigenen Ziel folgt, werdet Ihr mit einer Ausdauer und Verbissenheit Eure neue Aufgabe angehen, die kein Drachenelf je aufbringen w�rde.�</p><p>Gonvalon verstand nicht. �Was erwartet Ihr von mir? Wollt Ihr mich nicht aus dem Tal verbannen?�</p><p>Zum ersten Mal l�chelte Nachtatem. �Nat�rlich werde ich Euch verbannen. Im Jadegarten gibt es keinen Platz f�r Euch.� Er blickte zu den nahen Bergen. �Aber endet ein Tal nicht am Fu� der Berge?�</p><p>�Ich �� Ein kalter Blick brachte Gonvalon zum Schweigen.</p><p>�Ich w�nsche, dass Ihr sehr nahe bleibt, Schwertmeister. Aber ich w�nsche Euren Aufenthaltsort nicht zu kennen. Ihr wisst, meine Nestbr�der k�nnten in meinen Gedanken lesen. Nandalee braucht Euch. Keiner vermag sie so zu sch�tzen wie Ihr.�</p><p>Gonvalon war verwundert. Die Argumente des Himmlischen erschienen ihm wirr. Nachtatem verachtete ihn, weil er ein M�rder war, und zugleich w�nschte der Drache sich, dass er Nandalee besch�tzte? Ja, dass er, der M�rder, ihr Kind aufzog! Das war � �Ihr wisst um Nandalees Zukunft!�, entfuhr es Gonvalon. So ergab es einen Sinn. Es w�rde etwas geschehen, das seine Anwesenheit zwingend notwendig machte.</p><p>Der Erstgeschl�pfte l�chelte, doch anders als beim Goldenen hatte Gonvalon nicht teil an den Gef�hlen des Dunklen. �Ich w�nschte, es g�be nur eine Zukunft. Doch die Zukunft ist wie ein Baum mit unendlich vielen �sten. Nandalees Aussichten, ihre Kinder zur Welt zu bringen, sind sehr viel besser, wenn Ihr an ihrer Seite bleibt.�</p><p>�Kinder? Sie wird mehr als ein Kind bekommen?�</p><p>�Und das von mehr als einem Vater.� Wieder l�chelte Nachtatem. Ein Hauch von Spott lag in seiner Stimme. �Dies wird jedoch nicht geschehen, wenn Ihr Nandalee heute verlasst.�</p><p>�Was wisst Ihr?�</p><p>�Wenn Ihr heute geht, Schwertmeister, dann wird Euch ein langes Leben beschert sein. Ihr werdet Euch neu verlieben, und der Fluch, an den Ihr immer geglaubt habt, wird von Euch abfallen. Ihr werdet ein gl�cklicher Mann sein. Der Zweifel, ob es nicht im Grunde Feigheit war, dass Ihr Nandalee verlassen habt, wird der einzige Schatten sein, der �ber diesem Leben liegen wird.�</p><p>�Und wenn ich bleibe ��</p><p>�Dann wird Euer Leben nicht mehr lange w�hren.�</p><p>�Wie werde ich sterben?�</p><p>Nachtatem lachte auf. �Diese Frage ist naiv. Die Gazala haben mir Dutzende verschiedene Tode zugeraunt, die Ihr erleiden m�gt. Ihr wollt sie nicht wissen. Ihr w�rdet ein Leben in Angst f�hren, wenn ich Euch davon erz�hlte. Nur so viel � Es gibt eine Zukunft, da wird ein Kind, das Eurem Samen entsprossen ist, �ber ganz Albenmark herrschen. In einer Zeit, in der die Himmelsschlangen und die Alben nur noch Legende sein werden. Es ist Eure Entscheidung, ob es sich lohnt, daf�r zu bleiben.�</p><p>�Ich werde nicht gehen�, entgegnete er, ohne zu z�gern. Er w�rde f�r sich einen Platz in den Bergen suchen. Wenn er nahe war, musste Nandalee dieses Tal nicht verlassen. Gonvalon war �berrascht, dass Nachtatem ihn hier dulden wollte. Allerdings war unmissverst�ndlich gewesen, dass dies nichts mit Sympathie zu tun hatte. �Warum bin ich von Bedeutung? Wenn Nandalee hier im Tal unter Eurem Schutz steht, wozu braucht Ihr mich?�</p><p>�K�nnte es sein, dass Ihr nicht davon �berzeugt seid, dass ich euer beider Bestes will?�</p><p>Gonvalon vermied es, darauf zu antworten. Sollte Nachtatem doch in seinen Gedanken lesen, wenn er unbedingt wissen wollte, wie er dazu stand.</p><p>�Ich mache Euch nichts vor, Schwertmeister. Wenn Ihr geflohen w�rt, dann w�re Nandalee Euch gefolgt. Doch ich brauche sie. Bald schon soll sie f�r mich nach Nangog gehen und etwas tun, womit sie sich sowohl die Devanthar als auch die Mehrzahl meiner Nestbr�der zu unvers�hnlichen Feinden machen wird.�</p><p>�Und sollte ich mich entscheiden, mit Nandalee von hier zu fliehen?�</p><p>�Eure Flucht w�rde mich sehr ver�rgern.�</p><p>Diesmal sp�rte Gonvalon die Gef�hle des Dunklen. Es war eine kalte, wohl beherrschte Wut. Nachtatem w�rde sie jagen lassen. Und wie entkam man einem Drachen, der in Gedanken lesen konnte und dessen Seherinnen ihm die Zukunft vorhersagten?</p><p>�Ich sehe, Ihr stellt Euch die richtigen Fragen. Wir schlie�en einen Pakt der Vernunft, Schwertmeister, der uns beiden Nutzen bringen mag. Kann ich mich nun darauf verlassen, dass Ihr nicht fortlaufen, sondern treu an Nandalees Seite stehen werdet?�</p><p>�Eines muss ich noch verstehen, bevor ich Euch mein Wort gebe. Ihr sagtet, dass wir gr��ten Gefahren ausgesetzt sein werden. Nandalee braucht also einen Besch�tzer. Sie bedeutet mir mehr als mein Leben, ich w�rde alles f�r sie tun, doch wenn ich recht verstanden habe, schw�cht mich das, denn etwas zu verlieren zu haben, macht mich zu einem weniger entschlossenen Schwertk�mpfer. Warum bin ich dann die beste Wahl, wenn es darum geht, sie zu besch�tzen?�</p><p>�Liegt das nicht auf der Hand? Wenn sie bedroht wird, k�mpft Ihr mit vollem Einsatz. Doch wenn es allein um Euch geht, werdet Ihr Schw�che zeigen. Ihr werdet das Gl�ck, von dem Ihr gekostet habt, nicht mehr missen wollen. Es gibt eine Zukunft, in der ich Euren Tod w�nschen werde, Meister Gonvalon. Und wenn es sich ergeben sollte, dass ich Nodon zu Euch schicken werde, dann m�chte ich, dass er Euch besiegt.�</p></section><section><title><p>Ein Kind von dunkler Leidenschaft, ein Kind von kaltem Herzen</p></title><p>Nachtatem dachte an sein Gespr�ch mit Gonvalon. Der Schwertmeister hatte sich aufs�ssiger gezeigt, als er erwartet h�tte. Er wusste, dass der Elf dar�ber nachsann, wie er ihn hintergehen k�nnte, um mit Nandalee zu fliehen. Dieser neue Geist der Aufs�ssigkeit unter den Drachenelfen musste ausgemerzt werden. Vielleicht sollten sie einige der Drachenelfen t�ten? Er malte sich aus, wie Gonvalon sich verzweifelt mit seinem Schwert zu wehren versuchen w�rde. Wie er ihn in Drachengestalt vor sich herscheuchte und zuletzt seine Krallen in dessen zerbrechlichen Leib hieb. Der Gedanke an warmes Blut lie� Geifer von den Lefzen des Dunklen tropfen. Er hatte zu lange nicht mehr gejagt! Und ihm blieb auch jetzt keine Zeit zu einem solchen Vergn�gen. Er sollte mit seinen Nestbr�dern �ber die Drachenelfen sprechen. Der Angriff auf die Tiefe Stadt hatte die Moral der Elfen ersch�ttert. Zum ersten Mal, seit es sie gab, stellten sie die Entscheidungen der Himmelsschlangen infrage. Es war die logische Konsequenz aus dieser ma�losen Racheorgie. Bislang hatten sich die Drachenelfen als H�ter der Gerechtigkeit empfunden. Dieses Gef�hl war f�r immer verloren. Es war auch nutzlos, mit der Vergangenheit zu hadern. Sie mussten entscheiden, wie sie ihre Meuchler wieder zu dem Werkzeug machen konnten, das sie jahrhundertelang gewesen waren. Vielleicht sollten sie jene mit rebellischem Geist auf Missionen schickten, von denen sie nicht zur�ckkehren w�rden. Das mochte kl�ger sein, als sie vor den Augen aller zu zerfleischen.</p><p>Ganz gleich, was sie taten, es sollte wohl�berlegt sein. Bemerkten die Drachenelfen, was vor sich ging, mochten sie sich ganz und gar von den Himmelsschlangen abwenden. Nicht dass sie eine Bedrohung f�r die Herrschaft der Himmelsschlangen waren. Aber sie waren einfach zu n�tzlich, um sie leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Und konnte er darlegen, welcher Schaden durch den unbedachten Angriff auf die Tiefe Stadt entstanden war, w�rde es die Stellung des Goldenen schw�chen, der in letzter Zeit allzu eifrig danach trachtete, den ersten Platz in ihrem Rat einzunehmen.</p><p>Nachtatem streckte sich auf dem Thronstein tief unter seiner Pyramide. Er hatte Drachengestalt angenommen. Der Elfenk�rper war ihm unangenehm. Diese Gestalt war ein Zugest�ndnis an Gonvalon gewesen. Er wusste, wie sehr es die Albenkinder qu�lte, wenn eine Himmelsschlange in Gedanken zu ihnen sprach. Sie empfanden jede Emotion vielfach st�rker. Ein freundlicher Gedanke st�rzte sie in Euphorie, ein zorniger hingegen gab ihnen das Gef�hl, von innen heraus zu verbrennen. Jetzt, auf seinem Thron, war er frei von aller R�cksichtnahme. Er w�rde Gonvalon f�r seine Zwecke nutzen. F�r kurze Zeit �</p><p>Das Gespr�ch mit dem Elfen hatte ihn tief ver�rgert. Er musste dar�ber nachdenken, seine eigenen Emotionen ergr�nden. Deshalb hatte er die Gazala fortgeschickt. Ihr best�ndiges Murmeln in Trance h�tte ihn zu sehr abgelenkt. Es galt, einsame Entscheidungen zu treffen.</p><p>Dass der Goldene ein Kind mit Nandalee gezeugt hatte, empfand er als befremdlich. Noch nie hatte sich eine Himmelsschlange mit einer Elfe gepaart. Sollte sie tats�chlich empfangen haben, was f�r eine Kreatur w�rde sie geb�ren? In all ihren Prophezeiungen hatten die Gazala nie von der Gestalt der Kinder Nandalees gesprochen. Sie blieben vieldeutig, wie meist.</p><p><emphasis>Zwei Kinder wird sie einst geb�ren. Ein Kind von dunkler Leidenschaft, ein Kind von kaltem Herzen.</emphasis> Das hatte Firaz erst gestern prophezeit. Eines von ihnen w�rde nach dem Thron Albenmarks greifen. W�rde das Kind von dunkler Leidenschaft der Spross des Goldenen sein? War es nicht seine Pflicht, ein Gleichgewicht herzustellen? Wusste sein Goldener Bruder etwas �ber die Zukunft, was ihm noch unbekannt war? Hatte er deshalb das Kind gezeugt?</p><p>Gonvalon zeigte keinerlei Anlagen, die einen Herrscher ausmachten. So au�ergew�hnlich seine Schwertkunst war, er war kein Eroberer. Niemand, der sich etwas nahm. Macht schien ihm nichts zu bedeuten. Selbstlosigkeit mochte ein edler Charakterzug sein, doch bei den Intrigen, die an einem K�nigshof zu erwarten waren, w�rde diese Eigenschaft einen Herrscher nur fr�h in sein Grab bringen. W�re das zweite Kind Nandalees wie Gonvalon, w�rde es vermutlich nie nach der Krone streben. Und dann h�tte sein Nestbruder schon jetzt entschieden, wer einst in Albenmark herrschen w�rde.</p><p>Nachtatems Krallen fuhren �ber den Fels, unter dem das Herz Nangogs ruhte. Er konnte nicht einfach aufgeben. Er w�rde Nandalee t�uschen, so wie es sein Bruder getan hatte. Das zweite Kind sollte seines sein! Eine besondere Eigenart der Elfenfrauen kam ihm dabei zugute. Der Tag, an dem sie ein Kind empfingen, war nicht zwingend der erste Tag ihrer Schwangerschaft. In unruhigen Zeiten ruhte das befruchtete Ei und begann erst zu reifen, wenn die Elfe ein friedlicheres Leben f�hrte und die Aussichten, eine unbeschwerte Schwangerschaft zu erleben, g�nstiger waren. Er musste Nandalee also nur erneut auf eine Mission schicken, dann w�rde sich ihre Schwangerschaft verz�gern.</p><p>Er w�rde es wie der Goldene machen und Nandalee in der Gestalt Gonvalons erscheinen. Danach m�sste Gonvalon sterben, damit er ganz sicher sein konnte, dass er ihr niemals verraten k�nnte, dass auch mit dieser Liebesnacht etwas nicht stimmte.</p><p>Nachtatem blickte �ber das spiegelnde Wasser, das den Boden des weiten Gew�lbes bedeckte. Es missfiel ihm, Nandalee zu hintergehen. Er dachte an die Zeit, die sie gemeinsam verbracht hatten. Er hatte ein starkes Gef�hl f�r sie empfunden. Es war anders als die Gef�hle, die er f�r seine �brigen Drachenelfen hegte. Es w�rde ihm besser gefallen, sie nicht zu hintergehen. Aber w�rde sie ein Kind mit ihm zeugen wollen? Wohl kaum! Jedenfalls nicht, solange Gonvalon lebte.</p><p>Er hatte Hunger. Nein, er gierte nach Blut. Er sollte eine der Gazala rufen. Eine der weniger begabten. Zum Jagen blieb jetzt keine Zeit.</p></section><section><title><p>Petersiliensamen</p></title><p>Die Priesterinnen hatten sie tats�chlich in Frieden gelassen. Shaya blickte �ber die weiten G�rten, die zum Haus des Himmels geh�rten. Jeden Tag kam sie in eine Laube auf der R�ckseite ihres Hauses und verbrachte Stunden damit, die Terrasseng�rten und die Berge zu betrachten. Sie hatte ihren Frieden mit sich gemacht und entschieden, was sie tun wollte. Wann sie in die Tempelstadt Isatami gebracht w�rde, wusste sie nicht, aber es konnte nicht mehr lange dauern. Die N�chte waren nur noch kurz, Mittsommer konnte nicht mehr fern sein.</p><p>Sie wusste nicht, was nach der Nacht auf der Zikkurat mit ihr geschehen w�rde. Sie w�rde �ber sich ergehen lassen, was immer Muwatta ihr antat, aber sie w�rde niemals ein Kind von ihm bekommen. Ihr war klar, was das f�r sie bedeutete. Lieber w�rde sie sterben, als ein Leben in Gefangenschaft zu f�hren. Die Hoffnung, dass Aaron sie befreien w�rde, hatte sie aufgegeben. Er konnte nicht. Sie beide waren in den Machtkampf der Devanthar verstrickt worden. Zu der �berzeugung war sie in den Stunden der Einsamkeit in der Laube gelangt. Andernfalls h�tte Aaron nichts unversucht gelassen, den Brautpreis Muwattas zu �berbieten oder sie zu befreien.</p><p>Vielleicht w�rde sie nach der Nacht auf der Zikkurat nicht mehr so viele Freiheiten genie�en. Keine der Priesterinnen hier sprach mit ihr. Ganz so, wie sie es ihnen befohlen hatte. Shaya wusste nicht, was kommen w�rde. Sie musste vorbereitet sein. Und es durfte nicht auffallen, dass sie das Kind t�tete, das sie vielleicht empfangen w�rde. Ansonsten w�re der Heiratsvertrag mit ihrem Vater hinf�llig, und sie h�tte ihrem Volk f�r immer Schande bereitet.</p><p>Wieder schweifte ihr Blick �ber den weiten Garten. Nicht weit entfernt stand Malnigal, die st�mmige Priesterin, der sie das Handgelenk gebrochen hatte. Sie st�tzte sich mit der Linken auf ihren Eschenstab. Die Rechte war immer noch bandagiert. Malnigal lie� sie nicht aus den Augen.</p><p>In der Laube gab es eine Steinbank. Wenn Shaya sich dort hinstreckte, verschwand sie aus dem Gesichtsfeld der Priesterin. Malnigal musste dann drei Terrassen hinaufsteigen und ein weites St�ck Garten durchqueren, um nachzusehen, ob sie noch da war. Sie vers�umte das niemals. Aber es verschaffte Shaya ein wenig Zeit, um sich die eine Information zu verschaffen, die ihr noch fehlte, um ihr Schicksal selbst in H�nden halten zu k�nnen.</p><p>Die Prinzessin blickte zum Himmel hinauf. Die Sonne stand im Zenit. Bald w�rde Kara kommen. Die junge, pausb�ckige Priesterin betreute den Kr�utergarten. Jeden Tag zur Mittagsstunde kam sie unterhalb der Laube vorbei.</p><p>Shaya trat an die Mauer, die die Terrasse einfasste. Ein St�ck der Mauer war eingebrochen und von Weinranken �berwuchert. Die Stelle war f�r Malnigal nicht einsehbar. Ein paar Augenblicke w�rde sie mit Kara haben, mehr nicht. Es musste reichen.</p><p>Shaya wusste viel �ber Kr�uter. Viel mehr, als sie je gelesen oder geh�rt hatte. Sie vermutete, dass dies ein Geschenk Shen Yi Miao Shous war. Sie wusste nicht, was er in der Nacht seines Todes mit ihr getan hatte, der Nacht, in der sie entr�ckt gewesen war. Sie konnte sich dunkel erinnern, dass er gesprochen hatte. Endlos auf sie eingeredet � Hatte er sein Wissen �ber Kr�uter an sie weitergegeben? Und was vielleicht noch? Sie wusste, dass sie Petersiliensamen brauchte, um sie zu zersto�en und einen Sud daraus herzustellen. Es mussten Petersilien mit glatten Bl�ttern sein! Shaya war auch klar, dass sie bei der Herstellung des Suds sorgf�ltig auf die Dosierung achten musste. Geriet er zu stark, w�rde der Trank ihre Leber zerst�ren. Machte sie aber alles richtig, w�rde es zu einer starken Blutung kommen, und sie w�rde das ungeborene Kind verlieren. Sie wollte es tun, sobald sie sicher wusste, dass sie schwanger war.</p><p>Kara erschien am Ende des langen Weges, der auf die Terrasse f�hrte. Hoffentlich bog sie nicht ab. Shaya trat von der Mauer zur�ck. Sie wollte die Priesterin nicht erschrecken. Sie wusste, dass die Kr�uterkundige sie nach dem, was am Tag ihrer Ankunft im Haus des Himmels geschehen war, f�rchtete. Kara hatte danebengestanden, als Shaya Malnigal das Handgelenk gebrochen, sie entwaffnet und Tabitha, die Mutter der M�tter, mit dem Eschenstab bedroht hatte. Sie war wie ein Tiger, den man mit Gazellen zusammensperrte, dachte Shaya selbstzufrieden und streckte sich �bertrieben, sodass Malnigal es auf keinen Fall �bersehen konnte. Gewiss war im Haus des Himmels noch nie eine Kriegerprinzessin auf die Himmlische Hochzeit vorbereitet worden.</p><p>Wieder streckte sich Shaya. Malnigal wusste, dass sie dies stets tat, bevor sie sich auf die Steinbank legte. Die Prinzessin konnte sehen, wie ihre W�chterin unruhig wurde.</p><p>Shaya legte sich auf die Steinbank, rollte sofort wieder herunter und kroch in der Deckung der Br�stung zum Loch in der Mauer. Neben den Weinranken wuchs ein alter Lebensbaum. Er w�rde sie vor den Blicken Malnigals sch�tzen.</p><p>Als die Prinzessin Karas Schritte h�rte, schl�pfte sie durch das Loch. Ehe Kara wusste, wie ihr geschah, hatte sie die pausb�ckige Priesterin gepackt und hinter den Lebensbaum gezerrt. �Du sagst mir sofort, wo ich glattbl�ttrige Petersilie finde!� Shaya wusste alles �ber die Pflanze, nur eines nicht: wie sie aussah!</p><p>Kara starrte sie mit angstweiten Augen an. Es waren ungew�hnliche Augen. Gr�n wie das junge Gras auf der Steppe mit einzelnen, hellbraunen Einsprengseln.</p><p>�Sag mir, wo ich diese Pflanze finde, oder ich breche dir das Handgelenk, so wie ich es bei Malnigal getan habe.�</p><p>�Ihr werdet die Samen nicht brauchen, Prinzessin. Ihr d�rft sie nicht nehmen. Sie sind gef�hrlich!�</p><p>Sie h�tte sich denken k�nnen, dass die Kleine durchschauen w�rde, was sie wollte. Schlie�lich war sie die Kr�uterkundige des Klosters. Aber Shaya war fest entschlossen, sich nicht von ihrem Plan abbringen zu lassen. Sie griff nach Karas Handgelenk und verdrehte es.</p><p>Kara stie� einen erstickten Schrei aus. �Bitte! Ihr braucht die Samen nicht, Herrin. Seit Ihr ins Haus des Himmels gekommen seid, l�sst die Mutter der M�tter Eurem Essen ein Salz beimengen, das Euch unfruchtbar macht. Ihr werdet heute Nacht nicht empfangen.�</p><p>Shaya lie� sie los. �Heute Nacht?�</p><p>Die Priesterin sah sie �berrascht an. �Wisst Ihr es denn nicht? Heute ist Mittsommer. Nach dem Mittagsmahl sollen wir Euch baden und schm�cken, Herrin. Am fr�hen Abend wird die Leibwache des Unsterblichen kommen, um Euch und die Mutter der M�tter �ber den G�tterweg nach Isatami zu bringen.�</p><p>Shaya lie� sie los. Pl�tzlich war alle Kraft aus ihren Gliedern gewichen. Heute schon!</p><p>Malnigal kam um die Ecke der Terrassenmauer. �Was geht hier vor! Du wei�t, dass du mit ihr nicht reden darfst, Kara. Die Mutter der M�tter wird ��</p><p>�Ich wollte von ihr wissen, wo ich Petersilie finde�, sagte Shaya matt. �Ich habe ihr damit gedroht, ihr das Handgelenk zu brechen wie dir. Aber sie hat nichts verraten.�</p><p>Die Tempelw�chterin sah sie misstrauisch an. �Petersilie?� Sie schob Kara mit ihrem Eschenstab zur Seite. �Geh! Und Ihr, Prinzessin, geht bitte zur�ck in Eure Laube und genie�t diesen wundersch�nen Sommertag.� Bei den letzten Worten gelang es Malnigal nicht ganz, einen geh�ssigen Unterton zu unterdr�cken.</p></section><section><title><p>Das Meer der schwarzen Schnecken</p></title><p>Diesmal gab es nur ein leises Scharren, als sie an dem Felsen vorbeiman�vrierten, der wie ein Schwert aus der dunklen Tiefe aufragte. Ich werde besser, dachte Galar und l�ste seine verkrampften H�nde von den Steuerhebeln. Das Boot war in einem erb�rmlichen Zustand. Wasser tr�pfelte durch das undichte Luk und von dem kleinen Leck, das nach dem Angriff des Tatzelwurms zur�ckgeblieben war. Von au�en sah der Aal vermutlich noch �bler aus. Gut, dass sie die Kupferplatten auf der oberen H�lfte des Rumpfes angebracht und die Schutzb�gel vor dem Luk und den Seitenflossen verst�rkt hatten.</p><p>Sie fuhren immer noch mit Schlagseite. Galar war sich sicher, dass Nyr und Hornbori nicht mehr an seine Geschichte vom Yngwi-Man�ver glaubten, aber sie redeten nicht dar�ber. Der Schmied rieb sich �ber die Augen. Sie brannten vom angespannten Starren in die Finsternis. Licht gab es nur dort, wo Barinsteine in den Felsen eingelassen waren. Wie Leuchtt�rme wiesen sie ihm den Weg. Wenn er nur einen einzigen von ihnen verpasste, w�ren sie rettungslos in der Weite der unterirdischen Gew�sser verloren.</p><p>Galar zog kurz den kleinen Barinstein aus seiner Lederh�lle und betrachtete die Karte, die er neben dem Steuerplatz an die Wand gepinnt hatte. Der Schwertfels war darauf eingezeichnet. Hinter dem Felsen sollten sie dreitausendzweihundertsiebzig Kurbelumdrehungen geradeaus fahren, dann k�me ein Barinstein in Sicht. Dort mussten sie dreiundzwanzig Grad nach rechts abbiegen.</p><p>Hinter ihm z�hlte Hornbori leise die Umdrehungen der Kurbelwelle. Galar hatte ihn daf�r eingeteilt, damit er keinen Unsinn redete. Hornboris Schandmaul war damit zwar gestopft, aber es half nicht wirklich beim Navigieren. Entweder stimmte etwas mit dem Aal nicht, oder die Karte war falsch. Jedenfalls brauchten sie jedes Mal deutlich mehr Umdrehungen der Kurbelwelle als angegeben. Mit der geringeren Besatzung allein war das nicht zu erkl�ren. Daf�r war der Aal ja auch viel leichter. Dieses Tauchfass blieb Galar einfach ein R�tsel.</p><p>Sie befanden sich inmitten eines weiten H�hlensees, der von den Zwergen <emphasis>Meer der schwarzen Schnecken</emphasis> getauft worden war. Solche Seen waren gef�hrlich. Wenn die Angabe bei einer Richtungs�nderung nur um einen Grad falsch war, w�rden sie bei einer Distanz von einigen Meilen bis zum n�chsten Barinstein diese Navigationsmarke weit verfehlen und rettungslos im Dunkel verloren gehen. Im Westen war keine Begrenzung des H�hlensees auf der Karte verzeichnet. Kein Zwerg hatte ihn je ganz erkundet. Gewiss war nur, dass dort, wo sie jetzt fuhren, das Wasser bis zur Decke der H�hle reichte. Sie k�nnten also hier nicht auftauchen. Erst beim n�chsten Barinstein. Dort gab es ein flaches Riff.</p><p>Galar blickte zu dem Stundenglas, das �ber dem Steuerplatz hing. Der Sand war schon mehr als zur H�lfte durchgelaufen. Bald w�ren acht Stunden vergangen, seit sie das letzte Mal aufgetaucht waren, frische Luft durch das Luk gelassen und Wasser gesch�pft hatten. In den Papieren zu diesem Aal hatte gestanden, dass sie alle sieben Stunden frische Luft brauchen w�rden. Aber auch das stimmte nicht. Es stank zwar erb�rmlich � vor allem dank Frar, der allzu regelm��ig seine Windel f�llte �, aber atmen lie� sich die Luft noch ganz gut. Wahrscheinlich weil sie eine viel kleinere Besatzung waren, als f�r den Betrieb dieses Aals vorgesehen war.</p><p>�Sind wir noch auf Kurs?�, fragte Nyr. Hornbori z�hlte zwar unbeirrt weiter, sah ihn aber ebenfalls sorgenvoll an.</p><p>�Alles bestens�, log Galar. Man musste sich nur das Wasser ansehen, das schon wieder acht Zoll hoch im Rumpf schwappte, um zu wissen, dass es nicht sonderlich gut um sie stand.</p><p>Der Schmied verschr�nkte die Finger ineinander und streckte sie vor, bis die Gelenke knackten.</p><p>�Wir sind im Meer der schwarzen Schnecken. Etwa anderthalb Stunden noch, dann erreichen wir einen Ankerplatz.� Galar machte nicht mehr den Fehler zu sagen, wie viele Umdrehungen es noch waren. Auch war die Zeitangabe mehr als gro�z�gig bemessen. Aber besser, sie erreichten ihr Ziel etwas fr�her, das w�rde die Stimmung der beiden heben. Sie wurden jedes Mal unruhig, wenn er auf die Karte sah.</p><p>Er schob den Barinstein in seine Lederh�lle, und es wurde dunkel im Boot. Leise pl�tscherte Wasser herab. Die Kurbelwelle machte ein schabendes Ger�usch. Er konnte sie nicht vern�nftig gefettet halten, wenn so viel Wasser im Boot stand. Wenn sie diese Tauchfahrt �berleben sollten, w�rde er nie wieder einen Fu� in einen Aal setzen, schwor sich Galar.</p><p>Der Schmied streckte sich zwischen den beiden Steuerhebeln aus und lag halb im Wasser. Es war eisig. Bald begannen ihm die Z�hne zu klappern. Wenigstens w�rde er so nicht einschlafen. Endlos ins Dunkel zu starren machte m�de. Selten einmal huschte etwas Helles an einem der drei gl�sernen Augen vorbei. Galar wusste, dass die meisten Fische in den lichtlosen H�hlen wei� waren. Aber hier lebten nicht nur Fische. Manchmal sah er in der Ferne Lichter. Anfangs hatte er sie f�r Barinsteine gehalten. Aber sie bewegten sich! Er erz�hlte seinen Gef�hrten besser nichts davon und versuchte sich lieber auch nicht vorzustellen, was Lichter durch die Seen tief unter den Bergen tragen mochte.</p><p>Galar lauschte auf das monotone Z�hlen Hornboris.</p><p>�Dreitausendeinhundertelf, dreitausendeinhundertzw�lf ��</p><p>Bald sollte der n�chste Barinstein in Sicht kommen. Der Schmied rieb die H�nde aneinander, doch seine klammen Finger wollten nicht warm werden.</p><p>Was war das? Etwas L�ngliches war durch das Gesichtsfeld des linken Bullauges gehuscht. Galar dr�ckte seine Nase gegen die kalte Scheibe. Tief unter ihm zog eines der wandelnden Lichter durch den See. War da ein Schatten voraus? Ein nicht eingezeichnetes Riff?</p><p>Er kniff die Augen zusammen und starrte. Nein, kein Riff. Etwas kam ihnen entgegen. Schnell! Galar zuckte unwillk�rlich zur�ck, als dicht vor dem gl�sernen Auge ein Kiefer mit dolchlangen Z�hnen erschien. Eine Wei�e Schlange!</p><p>Ihr Leib schrappte den Rumpf entlang. Der Aal ruckte. Galar konnte sp�ren, wie sie vom Kurs abwichen. Aber um wie viel? Zwei Grad oder vielleicht drei?</p><p>Ein Schlag lie� das Boot erzittern. Frar wachte auf und begann zu quengeln.</p><p>�Was war das?� Hornboris Stimme war schrill vor Angst.</p><p>�Z�hl weiter, oder wir werden in diesem verdammten Schneckenmeer verloren gehen!�</p><p>�Aber was ��</p><p>�Tretet in die Pedale.� Es war sinnlos, die beiden zu bel�gen. �Uns greift eine Wei�e Schlange an!�</p><p>Ein langer, wei�er Schemen zog am vorderen Auge vor�ber. Die Schlange umkreiste sie. Wie hatte dieses verdammte Mistviech sie nur in diesem endlosen Dunkel gefunden? Und was versprach es sich davon, ein gro�es Fass anzugreifen? Hatten diese Seeschlangen genug Verstand, um zu wissen, dass in diesem Fass ein paar saftige Bissen steckten?</p><p>Ein Schlag traf das Boot von unten, so heftig, dass alle an Bord durchgesch�ttelt wurden, als seien sie mit einem Karren durch ein tiefes Schlagloch gefahren. Die dicken Holzdauben knackten bedenklich. Wie vielen solcher Angriffe w�rde der Aal noch standhalten?</p><p>�Wir werden in dieser Tonne ersaufen wie die Ratten, nicht wahr?� Hornbori hatte aufgeh�rt, in die Pedale zu treten.</p><p>�Wir werden k�mpfen�, entgegnete der Schmied entschlossen.</p><p>�Womit denn? Der Aal hat keine Waffen!�</p><p>Ein weiterer Sto� traf das Boot und r�ttelte sie alle durch. Aus dem Leck in der Decke, aus dem es bislang nur getr�pfelt hatte, spritzte eine fingerdicke Wasserfont�ne.</p><p>�Nyr! Hol Kork! Mach das Leck dicht. Hornbori, du h�ltst die Kurbelwelle in Gang. Wir m�ssen wenigstens ein bisschen Fahrt machen!� Die beiden durften nicht denken, dass er sich genauso hilflos f�hlte wie sie.</p><p>Galar zog den Barinstein aus der Lederh�lle und blickte auf die Karte. Sie mussten auftauchen, doch laut Karte reichte das Wasser hier noch immer bis zur Decke der H�hle. Bald h�tten sie so viel Wasser genommen, dass sich die Frage des Auftauchens gar nicht mehr stellen w�rde. Dann gab es nur noch eine Richtung. Abw�rts!</p><p>Nyr m�hte sich ab, das Leck mit einem Korkst�ck zu stopfen. Zwischendurch t�tschelte er mit einer Hand Frar. Der Kleine war in m�rrischer Stimmung. Er war nass, und ganz gewiss fror er wie alle. Sein Leben hatte noch nicht einmal richtig angefangen. Er hatte keinen Stollen gegraben, nie mit einem Hammer in der Hand an einer Esse gestanden oder mit einer langen Saufeder ein Wildschwein erlegt. Es war der bevorstehende Tod des Jungen, der in Galar eine verzweifelte Wut sch�rte. Sie w�rden auftauchen! Manchmal gab es L�cher in der H�hlendecke. Vielleicht hatten sie ja Gl�ck!</p><p>Entschlossen packte der Schmied die Kurbel neben den Hebeln f�r das Seiten- und Tiefenruder und begann sie zu drehen. Er sp�rte den Widerstand des Wassers in den Ballasttanks. Durch die dicken Glasaugen konnte er nichts mehr erkennen. Das Licht des Barinsteins hatte seine Nachtsicht ruiniert.</p><p>�Hinten ist noch eine Kurbel�, sagte Nyr, dem eisiges Wasser durch den Bart rann. �Das Loch hier krieg ich nicht zu.�</p><p>Die zweite Kurbel! Galar st�hnte auf. Das Boot hatte zwei Ballasttanks. Wenn man in beide gleich viel Wasser einlie�, hielt sich der Aal auf Tauchfahrt wahrscheinlich in der Waage.</p><p>�Lass die Finger von der Kurbel. Benutz sie lieber, um das Leck zu stopfen�, entgegnete Galar unwirsch. Wie hatte er nur die zweite Kurbel vergessen k�nnen!</p><p>Ein Schlag gegen den Rumpf brachte ihn auf andere Gedanken. Das Boot ruckte zur Seite. Wie weit sie wohl schon vom Kurs abgewichen waren? Sie mussten bald �</p><p>Eine Daube an der Seite brach, und ein dicker Schwall dunklen Wassers ergoss sich in den Aal.</p><p>�Wir werden ersaufen�, schrie Hornbori. �Ersaufen wie die Ratten!�</p><p>Der Aal schwang noch st�rker hin und her als vorhin. Hatten sie die Wasseroberfl�che erreicht? Stimmte die Karte wieder nicht? Die Glasaugen lagen zu tief im Rumpf. Durch sie konnte er nicht sehen, ob sie aufgetaucht waren.</p><p>�Wir steigen aus�, entschied Galar. Das Wasser im Aal reichte ihm schon fast bis zum Knie.</p><p>�Sind wir denn aufgetaucht?� Nyr hatte Frar aus dem Frachtnetz genommen und dr�ckte sich den Jungen an die Brust.</p><p>�Klar sind wir aufgetaucht. Sonst w�rde ich den Befehl wohl kaum geben�, log Galar. �Ich gehe vor.� Er griff sich die Armbrust, ihre einzige Waffe an Bord, und kletterte die kurze Leiter zum Luk hinauf. Wenn sie noch auf Tauchfahrt waren, w�rde es zumindest schnell gehen. Lieber schnell das Boot mit Wasser fluten, als noch eine Stunde langsam abzusaufen. Der Schmied l�ste den Riegel am Luk und dr�ckte es auf. Ein Schwall Wasser spritzte ihm ins Gesicht.</p></section><section><title><p>Glamirs Turm</p></title><p>Ein Maul voller dolchlanger Z�hne schnappte nach ihm. Galar lie� sich nach unten in den Aal fallen. Die Schnauze der Seeschlange schmetterte gegen das Einstiegsluk, dass es im Boot wie in einer Glocke dr�hnte. Gischt spritzte die Leiter hinab.</p><p>Das Ungeheuer stie� einen langen, heulenden Laut aus und bekam Antwort. Tief im Wasser erklang ein seltsamer, an- und abschwellender Ruf. Galar hatte so etwas in seinem ganzen Leben noch nicht geh�rt. Es klang be�ngstigend fremd. Und es schien aus mindestens zwei verschiedenen Richtungen zu kommen.</p><p>Nyr hob etwas Helles auf, das durch das Luk in den Aal gefallen war. Die Spitze eines Fangzahns. �Der hast du es gegeben, Galar. Diese Mistschlange wird sich noch lange an dich erinnern.�</p><p>�Und das war noch nicht alles�, murmelte der Schmied und fischte die Armbrust aus dem Wasser, das ihm inzwischen bis �ber das Knie reichte.</p><p>�Wir sind tot�, sagte Hornbori tonlos. �Wir k�nnen w�hlen zwischen ersaufen oder gefressen werden. Es ist vorbei.�</p><p>Galar spannte die Armbrust. �An die Pedale mit euch. Wir fahren, solange wir Kraft in den Beinen haben. Ich k�mpfe bis zum letzten Atemzug. Mich hinzuhocken und mein Ungl�ck zu bejammern ist nicht meine Art.�</p><p>�Und was hilft das?�, fuhr ihn Hornbori erbost an. ��ndert das vielleicht etwas daran, dass wir hier verrecken werden?�</p><p>�Ja, f�r mich �ndert es in der Tat etwas. Wenn ich schon sterbe, dann wenigstens in der Gewissheit, bis zuletzt um mein Leben gek�mpft zu haben.� Er legte einen Bolzen auf die F�hrungsschiene der Armbrust, trat �ber die Kurbelwelle hinweg, griff nach der Leiter und zog sich ein St�ck hoch. Mit einer Hand die Armbrust balancierend, zielte er auf das offene Luk, w�hrend er sich mit der anderen an einer Sprosse festhielt. �Heh, Schlange, willst du nicht noch mal versuchen, deinen Kopf durch das Luk zu stecken? Wir sind noch da! H�rst du mich?�</p><p>Alles blieb still.</p><p>�Wenn du schon nicht in die Pedale trittst, dann hol wenigstens den Barinstein und halt ihn hier hoch. Ich will, dass das Biest das Licht sieht. Dann wird es kommen.�</p><p>Hornbori gehorchte ganz ohne einen seiner �blichen Kommentare.</p><p>Immer noch waren die seltsamen Laute im Wasser zu h�ren. Sie klangen jetzt n�her.</p><p>�Da sammelt sich eine ganze Herde von den Biestern�, stie� Hornbori mit klappernden Z�hnen hervor.</p><p>�Seeschlangen sind Einzelg�nger�, entgegnete Galar mit einer Entschiedenheit, als habe er sein halbes Leben dem Studium der Familienverh�ltnisse der Schlangen gewidmet. �Wenn mehr kommen, ist das gut. Die werden sich um ihre Beute streiten. Dann haben wir bessere Aussichten zu entkommen. Aber vorher soll noch eine von denen schmecken, wie das so ist, wenn man einen Armbrustbolzen im Gaumen stecken hat.�</p><p>Hornbori l�chelte, obwohl die Hand zitterte, mit der er den Barinstein hochhielt. Nass und ausgemergelt sah er immer noch ziemlich gut aus. Genauso wie sich jeder Zwerg einen Helden vorstellte. Wenn er nur nicht so ein verdammter Schisser w�re, dachte Galar!</p><p>�Sorgen wir daf�r, dass Zwerg im Aal nicht ihr Leibgericht wird!� Zwerg im Aal, den Spruch w�rde er sicher noch oft zu h�ren bekommen, wenn sie das hier �berlebten. Hornbori klang schon fast so, als �be er an einer Siegesrede.</p><p>Galar blickte zum Luk hoch. �Noch da, Schlange?� Er wollte nicht noch einmal den Kopf herausstrecken. Diesmal w�rde das Vieh vorsichtiger sein.</p><p>Etwas Gro�es traf den Aal und lie� ihn auf dem Wasser tanzen, sodass Galar sich an die Leiter klammern musste, um nicht zu st�rzen. Fangz�hne erschienen im Dunkel �ber dem Luk und schimmerten gelb im Licht des Barinsteins.</p><p>Der Schmied richtete die Armbrust auf das weit aufgerissene Maul. �Friss das!�</p><p>Ein dumpfer Schlag erklang. Ungew�hnlich laut. Blut tr�pfelte in das Boot hinab. Der Kopf des Ungeheuers sank auf den Aal. Aus dem Tr�pfeln wurde ein fast armdicker Sturzbach von Blut.</p><p>Galar blickte verwirrt auf die Armbrust, dann zu Hornbori.</p><p>�Was f�r ein Schuss!�, sagte Nyr.</p><p>�Wenn uns das Vieh weiter so das Boot vollblutet, saufen wir trotzdem noch ab�, stellte Hornbori sachlich fest.</p><p>Galar stieg die Leiter hinauf und wurde dabei vom Blut der Seeschlange durchn�sst. Er stemmte sich mit dem R�cken gegen den Kopf, der �ber dem Luk lag. Zoll um Zoll bewegte sich der Kadaver. Dann pl�tzlich geriet er ins Rutschen.</p><p>Der Schmied schob den Kopf ins Freie. Als die Seeschlange vom Aal ins dunkle Wasser rutschte, sah er gerade noch den Schaft eines Speeres seitlich aus dem Kadaver ragen. Verwundert sah er sich um. Er konnte kaum �ber den Bug des Tauchbootes hinausblicken. Die Finsternis war nahezu vollkommen. Das einzige Licht weit und breit war der Schimmer des Barinsteins, der durch das offene Luk fiel. Etwa zwei Schritt �ber sich konnte er die feucht schimmernde Decke der H�hle erkennen. Noch nie war er so gl�cklich �ber eine fehlerhafte Karte gewesen.</p><p>�Heh, Aal! Da sind noch zwei Schlangen, die Kurs auf euch halten.�</p><p>Durch die Akustik der H�hle klang die Stimme verzerrt. Galar konnte nicht entscheiden, aus welcher Richtung der Ruf gekommen war. Aber den Dialekt erkannte er sofort. Es war ein Zwerg aus den Ehernen Hallen, der gerufen hatte.</p><p>�Wir liegen f�nfzehn Grad voraus. Legt euch in die Pedale! Oder sie erwischen euch.�</p><p>Galar legte die H�nde an den Mund, um einen Trichter zu bilden. �Wir sind leckgeschlagen. Nur zwei Mann k�nnen noch treten. Wir brauchen Hilfe.� Jetzt konnte er eine flache, wei�e Welle auf dem Wasser erkennen, die sich auf sie zubewegte.</p><p>�Wer ist da drau�en?�, fragte Hornbori vom Fu� der Leiter.</p><p>�Freunde und Feinde.�</p><p>�Geht das ein bisschen klarer?�, kam es ungehalten von unten.</p><p>�Das w�nschte ich mir.� Hornbori konnte jetzt den Schattenriss der Seeschlange ausmachen.</p><p>�Kopf einziehen!� Das scharfe Klacken einer Speerschleuder schallte �ber das Wasser.</p><p>Galar duckte sich. Fast im selben Augenblick schmetterte etwas gegen das Boot. Ein Seil rutschte �ber die Kupferplatten. Galar stie� sich von den Sprossen ab und schnellte aus dem Luk. Gerade eben bekam er das Seil noch zu packen, bevor es ins Wasser glitt. Ein starkes, mehr als daumendickes Tau. Er zog es zu sich heran.</p><p>�Unten bleiben!�, befahl der unbekannte Helfer. Galar h�rte das leise Klicken der Winden, mit denen Speerschleudern gespannt wurden. Ganz deutlich konnte er auch die Silhouette der Wei�en Schlange sehen, die auf sie zuhielt. Weiter steuerbord n�herte sich ein zweites der Ungeheuer.</p><p>Der Schmied fand am Ende des Seils einen eisernen Enterhaken. Er befestigte ihn am Schutzb�gel vor dem Luk. �Holt uns ein!�, rief er aus Leibeskr�ften.</p><p>Speere zogen leise zischend �ber das Wasser.</p><p>Das Seil straffte sich. Wasser troff aus dem Hanf. Ihr Aal machte einen Ruck, schwang nach steuerbord und nahm Fahrt auf.</p><p>Auch die Seeschlange schien schneller zu werden.</p><p>Galar wusste, dass er an Deck nichts mehr tun konnte. Er zog sich durch das Luk zur�ck und verschloss es.</p><p>Hornbori stand noch immer am Fu� der Leiter und hielt den Barinstein hoch. Sein Mienenspiel lag zwischen Bangen und Hoffen.</p><p>Galar erz�hlte seinen Gef�hrten, was geschehen war.</p><p>�Zwerge aus den Ehernen Hallen?� Hornbori machte keinen Hehl daraus, wie wenig begeistert er war. �Die sind aber weit weg von zu Hause.�</p><p>�Mir ist alles recht, was weder Schuppen noch einen Schlangenschwanz hat.� Nyr trat noch immer wacker in die Pedale, obwohl es l�ngst nicht mehr n�tig gewesen w�re. Dabei hielt er Frar auf dem Arm, der verzaubert das Licht des Barinsteins bewunderte.</p><p>Ein Schwanzhieb traf ihren Aal.</p><p>Galar wurde gegen die Bootswand geschleudert. Hornbori st�rzte und rutschte halb unter die sich drehende Kurbelwelle.</p><p>Der Schmied h�rte, wie die Knochen des Klugschw�tzers brachen.</p><p>Nyr stemmte sich gegen die Pedale, um jede weitere Drehung der schweren Eisenwelle zu stoppen.</p><p>Eine weitere Daube ihres Aals brach. Immer schneller f�llte sich ihr kleines Tauchboot mit Wasser.</p><p>Galar versuchte, seinen Gef�hrten unter der Welle hervorzuziehen. Hornbori presste die Lippen zusammen und k�mpfte dagegen an aufzuschreien. So viel Mannhaftigkeit h�tte er dem Schisser gar nicht zugetraut.</p><p>Als er Hornbori endlich freibekam, sah er, dass dessen linkes Bein dicht �ber dem Fu�kn�chel um fast neunzig Grad verdreht war. Der Fu� hing schlaff herab wie eine welke Blume von einem kraftlosen St�ngel.</p><p>�Ich rede mit unseren Rettern�, stie� Hornbori gepresst hervor.</p><p>Galar sah ihn nachdenklich an. �Bist du ��</p><p>�Reden ist das Einzige, was ich wirklich gut kann. Wortgepl�nkel, das sind meine Schlachten.� Er blickte auf sein Bein. �Das �ndert nichts an unseren Pl�nen. Wir werden genau das tun, was wir ��</p><p>Ein dumpfer Schlag. Metall kreischte auf. Galar duckte sich instinktiv. Diesmal hatte es ganz anders geklungen.</p><p>�Schei�e ��, stie� Nyr hervor. �Bist du sicher, dass wir willkommen sind?�</p><p>Der Schmied drehte sich um. Hinter ihm ragte eine verbogene Speerspitze in den Bootsraum. Sie hatte ihn um gut einen Fu� verfehlt. Aber h�tte er Hornbori nicht aufgeholfen �</p><p>�Die schie�en auf die Wei�en Schlangen. Der Speer war nicht f�r uns bestimmt.�</p><p>Keiner der beiden sagte etwas darauf. Sie alle starrten auf den verzogenen Stahl.</p><p>Der Rumpf des Bootes schrammte �ber Fels.</p><p>�Festhalten!�, rief Galar und st�rzte selbst fast.</p><p>Ihr Aal ruckte, als k�mpfe er dagegen an, an Land gezogen zu werden.</p><p>Hornbori st�hnte vor Schmerz. Frar gab eigenartige Laute von sich, als wisse er nicht, ob er wimmern oder jauchzen sollte.</p><p>Das Tauchboot blieb liegen. Drei Hiebe wie Hammerschl�ge trafen die Au�enwand. �Ihr k�nnt herauskommen! Ihr seid in Sicherheit!�</p><p>Galar stieg als Erster die Leiter hinauf. Er entriegelte das Luk. Um den Aal herum stand ein Dutzend Zwerge mit Fackeln in den H�nden. Ihr Aal lag auf einem flachen Felsen, in dessen Mitte sich ein schwarzer Turm erhob, der bis zur H�hlendecke reichte. Etwas mehr als vier Schritt hoch, sch�tzte Galar.</p><p>Auf fest am Boden verankerten Drehkreuzen standen f�nf Speerschleudern. Richtsch�tzen blickten aufmerksam auf den schwarzen See hinaus. Mehr als sch�umendes Wasser vermochte Galar dort drau�en nicht zu erkennen. Wie viele Seeschlangen dort wohl noch lauerten? �Kommt her und verreckt!�, rief er ihnen entgegen und war froh, endlich wieder festen Boden unter den F��en zu haben.</p><p>�Wer zum Henker seid ihr?� Zwischen den Zwergenkriegern schob sich ein graub�rtiger Alter hindurch. Er st�tzte sich schwer auf eine Kr�cke. Sein rechtes Bein endete in einem narbigen Stumpf, der aus einer abgeschnittenen Lederhose ragte. Es war dicht �ber dem Knie amputiert. Auch von seinem rechten Arm waren ihm nur wenige Zoll geblieben. Das rechte Auge war unter einer schwarzen Klappe verborgen, auf die mit Goldfaden ein strahlendes Auge aufgestickt war. Die rechte Gesichtsh�lfte war von tiefen Narben entstellt.</p><p>�Starr mich nicht an, du Wicht! Wie hei�t du? Und woher kommt ihr? Und warum folgt euch ein verdammtes Rudel von Wei�en Schlangen? Was habt ihr getan? Von den Mistviechern habe ich noch nie mehr als zwei zusammen gesehen.�</p><p>�Wir kommen aus der Tiefen Stadt�, sagte Galar stockend. Sie hatten im Boot lange dar�ber gesprochen, was sie erz�hlen w�rden. Auf keinen Fall die Wahrheit! Niemand w�rde die drei Zwerge bei sich aufnehmen, um derentwillen eine ganze Stadt vernichtet worden war.</p><p>�Und weiter?�, herrschte ihn der halbe Zwerg an.</p><p>�Du hast es noch nicht geh�rt?�</p><p>�Was geh�rt?�</p><p>�Ein ganzes Heer von Drachen hat die Tiefe Stadt �berfallen. Alle sind tot � alle �� Galar stockte die Stimme. Es war anders, zu jemandem zu sprechen, der nicht dabei gewesen war. Schlimmer!</p><p>�Es gibt keine Drachenheere, du Wicht!�</p><p>�Ebenso wenig wie es Rudel von Wei�en Schlangen gibt, nicht wahr, <emphasis>halber</emphasis> Wicht!�</p><p>�Du � Du �� Sein Gegen�ber sah aus, als w�rde er vor Aufregung gleich von seiner Kr�cke kippen.</p><p>�Ich entschuldige mich � f�r ihn.� Hornbori schob sich mit schmerzverzerrtem Gesicht durch das Luk. �Mein Gef�hrte Onar ist nur ein Werftarbeiter. Ich f�rchte, es mangelt ihm an �berblick und den sprachlichen M�glichkeiten, die Sachlage richtig darzustellen.�</p><p>�Wer bist denn du, Wortefurzer?�</p><p>Galar konnte sich ein L�cheln nicht verkneifen. Der Einbeinige hatte Hornbori auf Anhieb richtig eingesch�tzt. Das machte ihn in den Augen des Schmieds sofort sympathischer.</p><p>Hornbori lie� auch diese Beleidigung, wie stets, unger�hrt �ber sich ergehen. �Mein Name ist Hreidmar. Ich leitete das Kontor der ehrenwerten Dame Amalaswintha.� Er st�hnte. �Und es w�re �beraus freundlich, wenn deine M�nner mich aus dem Aal ziehen k�nnten. Ich f�rchte, ich habe mir unter der Kurbelwelle wohl den Fu� gebrochen.�</p><p>Der Einbeinige bedeutete einigen seiner Leute, Hornbori zu helfen, und wandte sich wieder an Galar. �Mich w�rde doch sehr interessieren, wie Drachen eine Stadt tief unter einem Berg angreifen k�nnen.� Er fixierte den Schmied mit seinem verbliebenen Auge. Es war ein stechender, unangenehmer Blick.</p><p>�Sie haben Flammen durch die Luftsch�chte gespien. �berall zugleich � Dann konnte man pl�tzlich tief im Berg nicht mehr atmen. Und es kamen noch ihre Elfenm�rder und mindere Drachen. Ich glaube, wir haben als Einzige �berlebt.�</p><p>�Feiglinge seid ihr also ��</p><p>�Sehe ich aus wie ein Feigling?� Galar griff nach der Lederweste des Einbeinigen, wurde aber sofort von dessen M�nnern zur�ckgezerrt. Der Schmied riss sein Wams auf, sodass die mit groben Kreuzstichen vern�hte frische Narbe zu sehen war. �Sieht so ein Feigling aus? Schau im Aal nach, da liegt die Kralle eines Tatzelwurms, den ich erlegt habe. Ich bin ��</p><p>�Genug�, knurrte sein Gegen�ber und musterte ihn immer noch absch�tzend. �Wie habt ihr diesen Turm gefunden?�</p><p>Hornbori war inzwischen aus dem Luk gehoben worden. Man hatte ihm ein Seil unter den Achseln hindurchgezogen und lie� ihn seitlich am Boot herab. �Ich sch�tze, wir sind vom Kurs abgekommen�, stie� er st�hnend hervor. �Vielleicht durch die Angriffe der Wei�en Schlangen. Wir wollten ein flaches Felsriff ansteuern, das auf unserer Karte eingezeichnet ist, dort frische Luft in den Aal lassen und uns ein wenig die Beine vertreten.�</p><p>�Ihr habt das Riff um Meilen verfehlt.� Der Einbeinige wandte sich Hornbori zu und musterte auch ihn mit verdrie�lichem Blick. �Geradezu ein Wunder, dass ihr hier gelandet seid.�</p><p>�Leih uns ein paar deiner M�nner, mach unseren Aal wieder seet�chtig, und wir verschwinden umgehend, Glamir von den Ehernen Hallen.� Hornbori hatte eine H�rte in diese Worte gelegt, die ihm Galar gar nicht zugetraut h�tte.</p><p>�Du kennst mich also�, entgegnete der Griesgram.</p><p>�Du bist unverwechselbar, Glamir, wenn man einmal von dir geh�rt hat. Glamir der Schmied, der halbe Mann, der immer noch unvergleichliche Klingen erschafft. Glamir Schlangent�ter. Glamir Eisenhand, der einsame Glamir. Es gibt viele Namen, die man dir gegeben hat. Vielleicht wird bald noch Glamir Kindst�ter dazukommen.�</p><p>�Wie meinst du das, Wortefurzer?�</p><p>�Wir haben ein Kleinkind an Bord. Vielleicht das einzige �berlebende Kind der Tiefen Stadt. Du wei�t genau, was geschehen wird, wenn du uns mit dem Aal wieder hinausschickst.�</p><p>Genau in diesem Augenblick erschien Nyr mit Frar auf dem Arm in dem Luk. Der Kleine sah gut gelaunt aus. Augenscheinlich war er froh, der Enge des Aals zu entkommen und ein wenig frische Luft zu schnappen. Er blickte zu den Zwergen, die um das Tauchboot standen, und gr��te sie mit einem fr�hlichen Dong, Dong.</p><p>Glamir schnitt eine Grimasse, aber der kleine Frar hatte seinen Widerstand gebrochen. �Kommt in den Turm�, sagte er immer noch m�rrisch. �Und ihr anderen. L�scht die Fackeln! Wir m�ssen die Schlangen nicht noch mehr reizen.�</p><p>Hornbori musste von zwei Kriegern gest�tzt werden. Er st�hnte bei jedem Schritt.</p><p>�Ich denke, wir werden dem Sch�nschw�tzer den Fu� abschneiden m�ssen�, sagte Glamir leise. �Ich kenne mich mit so etwas aus.�</p><p>Galar hatte keinen Zweifel an diesen Kenntnissen. �Er wird eher verrecken, als etwas von sich abschneiden zu lassen.�</p><p>�Dann soll er es so bekommen.�</p><p>Nur eine einzige Fackel brannte noch. Sie gingen auf eine T�r zu, die gr�n angelaufen war. Kupfer wahrscheinlich, dachte der Schmied. Jetzt sah er auch zwei schmale Fenster, die ebenfalls mit Metallluken verriegelt waren. Gr�nes Kupferoxid hatte sich darunter in Schlieren auf dem Gem�uer abgesetzt.</p><p>�Hier sollte das Wasser eigentlich bis zur H�hlendecke stehen ��</p><p>Glamir ignorierte diese Bemerkung einfach.</p><p>Sie hatten eine kurze Treppe erreicht. Die Kupfert�r �ffnete sich vor ihnen. Galar trat �ber die Schwelle und blieb einen Augenblick lang �berrascht stehen. Er blickte in einen weiten Brunnen! Hinter der T�r f�hrte ein kaum einen Schritt weites Sims zu einer Treppe, die entlang der Innenwand des Turms nach oben f�hrte.</p><p>Ein h�lzernes Gel�nder, von dem die Farbe abbl�tterte, sicherte Sims und Treppe. Neugierig blickte Galar in den Brunnenschacht. Etwa vier Schritt unter ihnen glitzerte schwarzes Wasser im Fackellicht. Entlang des Mauerwerks zeigten dunkle Linien aus abgestorbenen Algen und Schmutz die Wasserst�nde der Vergangenheit, und Galar wurde klar, welches Gl�ck sie gehabt hatten. Die Wassermarken reichten bis weit �ber sein Haupt hinaus. Es war Sp�tsommer im n�rdlichen Arkadien. Die Jahreszeit, in der es am trockensten war. All die B�che und Fl�sse, die die unterirdischen Seen speisten, f�hrten nur wenig Wasser. Also war ihre Karte nicht falsch gewesen. Bei normalem Pegelstand reichte das Wasser tats�chlich bis zur H�hlendecke, und dieser Turm war ganz und gar unauffindbar. Was f�r ein Versteck! Von diesem Ort wussten nicht einmal die Himmelsschlangen. Er war auf keiner Karte verzeichnet.</p><p>Jetzt begriff Galar, warum sich Glamir so ungastlich verhielt. Von diesem Ort sollte niemand wissen! Wie weit w�rde er gehen, um sein Geheimnis zu wahren? Und warum hatte er sie vor den Wei�en Schlangen gerettet, wenn er sich damit verriet? War er doch nicht der beinharte Kerl, f�r den er sich ausgab und von dem die Geschichten �ber ihn erz�hlten?</p><p>Glamir hatte M�he, die Treppe hinaufzukommen. Einer seiner Handlanger hatte ihm die Kr�cke abgenommen, und der Schmied zog sich entlang des Handlaufes Stufe um Stufe h�her.</p><p>Endlich stiegen sie durch ein Luk, �hnlich dem der Aale, in eine weite Kammer, die aus dem Felsen geschlagen worden war. Fasziniert betrachtete Galar die Vielzahl von Riegeln, mit denen das Luk gesichert werden konnte. Hielt es nicht dicht, wenn das Wasser bis zur H�hlendecke stieg, w�rden alle in Glamirs Turm ersaufen wie die Ratten. Ob es wohl einen Ausstieg nach oben gab? Wohl eher nicht. G�be es einen so leichten Zugang, w�re der Turm nicht ann�hernd so geheim. Aber mindestens Entl�ftungssch�chte musste es geben.</p><p>�Da staunt ihr, was? So was wie diesen Turm habt ihr noch nicht gesehen.�</p><p>Galar nickte geistesabwesend. �ber dem Luk hingen gut gefettete Eisenketten von der Decke. Dem Ausstieg gegen�ber standen f�nf eigenartige Tonnen nebeneinander aufgereiht. Dicke Glasst�cke waren in sie eingesetzt, und aus ihren Seiten ragten je zwei kurze Lederschl�uche. Galar begriff. Unglaublich! Glamir hatte die Idee des Aals weitergesponnen. Das waren Einmannaale. Und die Zwerge, die so verr�ckt waren, dort hineinzusteigen, konnten ihre Arme in die Lederschl�uche stecken!</p><p>�M�chtest du gerne in eines der F�sser steigen?� Kaum verhohlene Boshaftigkeit lag in Glamirs Stimme.</p><p>Galar dachte ernsthaft dar�ber nach. Was gab es in diesem riesigen Brunnenschacht, dass die Zwerge der Ehernen Hallen solchen Aufwand betrieben, um es heraufzubef�rdern?</p><p>�Onar w�rde niemals in so ein Fass steigen�, mischte sich Hornbori mit br�chiger Stimme ein. Er hatte die kurze Treppe hochh�pfen m�ssen, und sein Gesicht war von Schwei� �berstr�mt. �F�sser schleppen, das ist seine Welt. In ein Fass zu steigen, um in diesen Brunnen hinabgelassen zu werden, w�rde Onar im Leben nicht einfallen. Und mir und Fundin nat�rlich auch nicht!�</p><p>�Was holt ihr aus dem Brunnen herauf?�</p><p>Glamir deutete auf Weidenk�rbe, die zwischen den beiden einzigen T�ren, die aus der Kammer f�hrten, entlang der Wand gestapelt standen. �Das ist kein gro�es Geheimnis. Geh hin und sieh nach.�</p><p>Galar z�gerte keinen Augenblick. Die meisten K�rbe waren leer. In zweien jedoch wanden sich fingerdicke, etwa zehn Zoll lange W�rmer. Sie waren schwarz wie die Nacht. Neugierig ber�hrte der Schmied einen von ihnen. Schwarzer Schleim haftete an seinen Fingern.</p><p>�Das sind die schwarzen Schnecken, die dem Meer seinen Namen gegeben haben�, erkl�rte Glamir. �Wir gewinnen aus ihnen schwarze Farbe, mit der sich Leinen einf�rben l�sst. Wenn man es richtig anstellt, verblasst die Farbe nie. Auch Tinte kann man daraus herstellen. Wenn sie trocknet, beh�lt sie einen feinen, samtigen Glanz. Viel besser als jede Eisengallus-Tinte.�</p><p>Galar glaubte ihm nicht, dass das schon alles war. Hier ging es um mehr als nur um Schnecken.</p><p>�Und ich dachte, alle Viecher in den unterirdischen Seen seien ganz wei�.� Hornbori war un�berh�rbar um einen entspannten Plauderton bem�ht. �Wie fangt ihr eigentlich die Schnecken?�</p><p>�Mit Mut!� Glamir hob seinen Armstumpf. �Das ist dort unten im Brunnen passiert. Und ich habe noch Gl�ck gehabt. Dieses Meer verbirgt mehr Kreaturen als mancher Wald. Tats�chlich sind viele der Gesch�pfe, die hier leben, wei�, aber die Laternentr�ger zum Beispiel schillern in allen Regenbogenfarben. Sie sind so sch�n, dass man alles vergisst, wenn man sie anschaut. Vor allem, dass man nicht zu weit in die Tiefe hinabdarf.�</p><p>�Laternentr�ger?�, fragte Nyr. �Was ist das?�</p><p>�Schlangenartige Gesch�pfe, so zart, dass dein Kleiner ihnen mit seiner Faust ein Loch in den Leib schlagen k�nnte. Sie haben nadeld�nne, hohle Giftz�hne und jagen Quallen. Rechts und links ihres Kiefers h�ngt ein langer Fleischstrang herab, an dessen Ende wiederum eine kleine Kugel h�ngt, die im Dunkeln leuchtet wie ein Barinstein. Damit locken sie die Quallen an.�</p><p>�Und die haben dich deinen Arm gekostet?�</p><p>�Das waren die Smaragdspinnen � Seespinnen mit Leibern gro� wie Grubenpferde. Ein eigenartiges gr�nes Licht umspielt sie. Wenn du dieses Licht am Grund des Brunnen siehst, wei�t du, der Tod ist zu Besuch gekommen. Sie k�nnen sogar W�nde hinaufklettern.�</p><p>Galar blickte auf das dunkle Wasser hinab. Au�er dem Licht einer Fackel, das sich darin spiegelte, und einigen silbernen Luftblasen, die aus der Tiefe aufstiegen, war nichts Bemerkenswertes zu sehen.</p><p>�Und diese Grubenpferdspinnen kommen bis hierher in den Turm?�, fragte Hornbori beklommen.</p><p>Glamir wies auf die beiden T�ren. �Dahinter seid ihr sicher. Folgt mir jetzt. Wir haben genug geschw�tzt. Ihr bekommt jetzt ein sch�nes Quartier und etwas zu essen.�</p><p>�Habt ihr auch Milch?�, erkundigte sich Nyr.</p><p>�Nat�rlich. Und Rehr�cken in Tr�ffelso�e.�</p><p>Glamir f�hrte sie durch die linke Kupfert�r und eine weitere Treppe hinauf an einer Kochstelle vorbei in eine Kammer, die nach Kohlsuppe und Schwei�f��en roch. Einige graue Decken lagen in Wandnischen. Ein Holzeimer stand in einer Ecke.</p><p>�Hier bleibt ihr f�rs Erste. Ich lasse euch Essen bringen.� Mit diesen Worten schloss Glamir die Metallt�r der Kammer, und es wurde dunkel. Galar h�rte, wie ein Riegel vorgeschoben wurde.</p><p>�Wir sind gefangen�, stellte Nyr entgeistert fest. �So darf man mit seinen G�sten aber nicht umgehen.�</p><p>�Der l�sst uns auch wieder raus.� Hornbori lie� sich mit einem tiefen Seufzer auf den Boden sinken.</p><p>Galar tastete �ber den Boden, bis er eine klamme Decke fand, lie� sich ebenfalls nieder und wickelte sich darin ein. �Ich bin mir nicht so sicher, dass er uns wieder gehen l�sst. Diesen Turm gibt es nicht wegen der Schnecken. Und Glamir schmeckt gar nicht, dass wir hierhergefunden haben.�</p><p>�Auf jeden Fall ist es hier besser als in einem leckenden Aal�, stellte Nyr fest.</p><p>Galar sch�ttelte den Kopf. Dann wurde er sich bewusst, dass ihn in der Finsternis dieses Verlieses keiner seiner Gef�hrten sehen konnte. �Das muss sich erst noch zeigen. Ich traue diesem Glamir einiges zu.� Der Schmied dachte an die F�sser mit den Lederarmen. Zu gerne w�re er in so einem Ding in den Brunnen hinabgestiegen, um zu sehen, was es dort au�er schwarzen Schnecken noch zu finden gab.</p></section><section><title><p>Die Himmlische Hochzeit</p></title><p>Der helle Klang der Zimbeln war selbst in diesem Gew�lbe tief unter der Erde zu h�ren. Shaya war herausgeputzt. Sie trug ein Kleid aus roter Seide, das nur von zwei Fibeln auf ihren Schultern gehalten wurde. Um ihre H�ften lag ein schwerer G�rtel aus geh�mmertem Gold, in den unz�hlige Rubine eingefasst waren. Die Narben auf ihren nackten Armen waren unter Goldstaub verborgen, mit dem sie eingepudert worden war, nachdem Sklavinnen sie gewaschen und ihren K�rper mit Duft�len eingerieben hatten.</p><p>Die Haut zwischen ihren Schenkeln brannte. Mit scharfen Muschelschalen waren dort und unter ihren Achseln alle Haare entfernt worden.</p><p>Shaya hatte Angst. Nie hatte sie sich so ausgeliefert gef�hlt. Auf nichts von dem, was nun geschehen mochte, hatte sie noch Einfluss. Lieber h�tte sie einer Horde Krieger mit nichts als einem Kn�ppel in der Hand gegen�bergestanden, als diesen Weg gehen zu m�ssen.</p><p>�Er wird dich zerbrechen�, sagte die Mutter der M�tter k�hl. �Es ist die h�chste Ehre f�r ein Weib, zur Himmlischen Hochzeit erw�hlt zu werden. Er wird es merken, dass du voller Widerwillen bist, und grausam zu dir sein.�</p><p>�Sehe ich aus, als w�rde ich leicht brechen?�, entgegnete sie mit so viel Stolz, wie sie noch aufbringen konnte.</p><p>�Ich habe schon viele M�dchen in diesen Tunnel gehen sehen, Barbarenprinzessin. Jede kam ver�ndert zur�ck. Jene, die mit Freuden die Begegnung mit dem Unsterblichen erwarteten, waren bei ihrer R�ckkehr von seiner Kraft durchdrungen. Die anderen aber, die Unwilligen, zerst�rte diese Nacht. Sie lebten noch, aber ihnen wurde ihr Geist genommen. Was zur�ckkehrte, war lediglich eine leere H�lle. Nun wei�t du, was dich erwartet.�</p><p>Shaya blickte in das Gesicht der schlanken, alten Frau. Es war abgeh�rmt und von Falten zerkl�ftet. Dort lag kein Mitleid. Tabitha wollte nur eines � ihr noch mehr Angst machen.</p><p>�Ich werde auch diesen Kampf �berleben, Tabitha, wie all meine anderen Schlachten. Und wenn ich zur�ckkehre, werde ich erneut die eine im Haus des Himmels sein, �ber die du nicht gebieten kannst.�</p><p>Ein L�cheln spielte um die schmalen Lippen der Priesterin. �Ganz gleich, was geschieht, in einem Jahr wird dein Blut den trockenen Boden Luwiens getr�nkt haben, und deine Asche wird �ber die �cker verstreut worden sein. Ich aber werde dann wieder die uneingeschr�nkte Herrin im Haus des Himmels sein. Und ich werde in der Gewissheit weiterleben, in der Gunst der gefl�gelten I�ta zu stehen und meinem Leben einen Sinn gegeben zu haben, der tiefer reicht, als lediglich Dung f�r �cker zu sein. Und nun geh! Deine Stunde ist gekommen, Barbarin.�</p><p>Shaya blickte in die feisten, aufgedunsenen Gesichter der Eunuchen der Tempelwache. Sie w�rden sie hinauf zum Altar auf der Zikkurat zerren, wenn sie sich widersetzte. Auch wenn sie ihre M�nnlichkeit verloren hatten, waren sie keine Schw�chlinge. Sie w�rde im Kampf gegen sie nicht gewinnen k�nnen. Das Einzige, was sie mit Widerstand erreichen w�rde, w�re gepr�gelt und gedem�tigt dem Unsterblichen Muwatta entgegenzutreten.</p><p>Shaya trat in den Eingang des engen, von Fackeln erleuchteten Tunnels, der unter dem Palast hindurch zur Zikkurat f�hrte. Nur als sie durch das magische Portal getreten war, hatte sie einen kurzen Blick auf Isatami, die Stadt der Tempel, erhascht. Seitdem war sie durch Tunnel und unterirdische Kammern gef�hrt worden, vorbei an Priestergr�bern, aus denen es nach Myrrhe und Weihrauch duftete, bis hin zu einem unterirdischen Bad, ganz aus Marmor, das einzig dem Zweck diente, dass sich dort einmal im Jahr die Jungfrau wusch, die vom Unsterblichen zur Heiligen Hochzeit erw�hlt worden war.</p><p>Ihr letzter Weg nun f�hrte durch einen Tunnel, dessen W�nde mit blutrotem Porphyr ausgekleidet waren. Erhabene Bilder waren in den Stein geschnitten. Alle zeigten einen Mann und eine Frau beim Liebesspiel auf der Spitze einer Zikkurat. Die Frauengestalten waren mit goldener Farbe hervorgehoben. Die M�nner erstrahlten in Silber.</p><p>Shaya war angewidert von dem, was sie sah. Die dargestellten Paare taten Dinge, die sie sich nicht hatte vorstellen k�nnen. Es war keine Liebe in diesen Bildern. Sie zeigten lediglich Herrschaft und Unterwerfung. Oft war das Gesicht der Frau von Schmerz verzerrt. Jeder Schritt, der sie vorantrug, erf�llte sie mit neuem Entsetzen.</p><p>Bald erreichte Shaya eine Treppe. Tabitha hatte ihr davon erz�hlt. Mehr als zweihundert Stufen erwarteten die Kriegerin. Die alte Frau, die aussah, als habe sie in ihrem ganzen Leben noch bei keinem Mann gelegen, hatte gen�sslich berichtet, dass das Treppensteigen die Jungfrauen erhitzen sollte, damit sie danach schneller zum Liebesspiel bereit seien.</p><p>Shaya richtete den Blick geradeaus und ignorierte die Reliefs an den W�nden. Sie dachte an Aaron und an den Rat, den Shen Yi Miao Shou ihr gegeben hatte. Sie war eine Kriegerin, sie w�rde auch diesen Kampf �berstehen.</p><p>Der L�rm des Festes in der Stadt war mit jedem Schritt deutlicher zu vernehmen. Es war dr�ckend hei� im Tunnel. Der bei�ende Rauch der Fackeln w�rgte sie und brannte ihr in den Augen. Sie hielt sich ganz gerade, das Kinn stolz vorgereckt, die Arme an die Seiten gepresst. Als sie aus dem Tunnel auf die Spitze der Zikkurat trat, war sie in Schwei� gebadet. Das Seidenkleid haftete an ihrem K�rper und zeichnete jede Linie ihres Leibes nach.</p><p>Dicht vor ihr stand ein Altarstein. Auch er war aus rotem Porphyr geschnitten, geschm�ckt mit Szenen der Himmlischen Hochzeit. Auf den Ecken der Plattform standen kupferne Feuerschalen, in denen hohe Flammen loderten und den Altarstein in unstet tanzendes Licht tauchten.</p><p>Shaya konnte weit �ber die Stadt blicken. �berall brannten Lichter. Die Stra�en waren gedr�ngt voll Besuchern, die aus allen Winden angereist waren, um dem gr��ten Fest Luwiens beizuwohnen � ihrer Vergewaltigung. Und alle starrten sie zu ihr hinauf. So empfand sie es zumindest.</p><p>Rings um die Zikkurat lagen die Pal�ste der W�rdentr�ger des Reiches. Auf den flachen D�chern wurden rauschende Feste gefeiert. Manche der Pal�ste waren so nah, dass sie im Licht der Tausenden von �llampen die Gesichter der Feiernden erkennen konnte: die angemalten Fratzen der Weiber, die sich dort ohne Scham hingaben, und deren Lustschreie das Get�se der Zimbeln, Trommeln und Fl�ten �bert�nten. Und dieses Pack wagte es, sie eine Barbarin zu nennen!</p><p>Shaya blickte zum Sternenhimmel auf und dachte an Nangog. Ein Schatten erschien zwischen den fernen Himmelslichtern. Ein gro�er Vogel? Nein � Es war die Gefl�gelte I�ta! Sie trug den Unsterblichen in ihren Armen, als sei er ein Kind.</p><p>Ringsherum erschollen auf den h�chsten D�chern Posaunen. Der L�rm der Feste ebbte ab, bis nur noch ein Raunen zur Spitze der Zikkurat drang.</p><p>�Sei willkommen, Shaya, Prinzessin aus dem weiten Grasland der Ischkuzaia.� Muwattas Stimme war voller Macht. Sie durchdrang sie, ohne dass er geschrien h�tte. Shaya war sicher, dass diese Worte bis weit in die Stadt hinaus deutlich zu verstehen waren. Vielleicht ein Zauber I�tas?</p><p>�Dies ist der l�ngste Tag im Jahr, die Zeit der gro�en Sommerhitze steht bevor. Eine Zeit, die �ber die Ernte dieses Landes entscheidet und dar�ber, ob der Hunger im Winter in H�tten wie Pal�sten Einzug halten wird. Als Unsterblicher bin ich ein Kind des Himmels, und so, wie ich in dieser Nacht vom Himmel herabsteige, so kam ich einst, um nach der Krone Luwiens zu greifen. Du aber, Shaya, meine Braut, verk�rperst das Land vom Oberen bis zum Unteren Meer, von dort, wo die Zeder w�chst, bis hin zur Ebene des Wei�hauptgrases. In dich will ich meinen Samen ergie�en, auf dass du fruchtbar wirst, wie auch das Land fruchtbar werden wird, wenn der Zauber, den wir wirken werden, die trockenen B�den ber�hrt.�</p><p>Muwatta l�ste sich aus den Armen I�tas und landete federnd auf dem Altar. Er streckte ihr eine Hand entgegen.</p><p>Shaya wusste, was von ihr erwartet wurde. Sie ergriff die angebotene Hand, und Muwatta zog sie zu sich auf den Altar. Wohlgeruch umfing den Unsterblichen. Er war mit Rosen�len eingerieben, und seine Haut gl�nzte silbern im Mondlicht.</p><p>Muwatta griff nach ihren Schultern und zerriss das Kleid, statt die Schmuckfibeln zu l�sen. Seine H�nde strichen �ber ihren Leib, doch seine Augen blieben kalt.</p><p>�Knie nieder!� Diesmal sprach er leise. Er packte sie erneut bei den Schultern, versuchte sie herabzudr�cken, doch sie leistete Widerstand.</p><p>�Glaube nicht, dass in dieser Nacht etwas nach deinem Willen geschehen wird. F�ge dich, Menschenkind!� I�ta landete neben dem Altar. Sie ber�hrte Shayas Bein, und alle Kraft wich von ihr. Sie sank nieder.</p><p><emphasis>Du bist mein in dieser Nacht, genauso, wie du ihm geh�rst.</emphasis> Die Stimme der G�ttin erklang in ihrem Kopf. <emphasis>Du verk�rperst mich. Einige dort unten zweifeln an Muwattas Manneskraft. Wenn diese Nacht vor�ber ist, wird es keine Zweifler mehr geben!</emphasis></p><p>�Lass mich das Gef�� deiner Liebe sein, Unsterblicher!� Es waren Shayas Lippen, �ber die diese Worte kamen, doch hatte sie sie nicht gew�hlt. Diesmal lag auch in ihrer Stimme der Zauber, der jede Silbe weit hinaus in die Stadt trieb.</p><p>Wie zur Antwort ert�nte ringsherum Zimbelklang.</p><p>Shaya rang um ihren K�rper. Sie wollte Muwatta verfluchen, doch diesmal bekam sie den Mund nicht auf. Stattdessen l�sten ihre H�nde sein Lendentuch. Ein verz�ckter Laut kam �ber ihre Lippen, die ihr nicht l�nger gehorchten. Tr�nen der Wut und Verzweiflung rannen �ber ihre Wangen.</p><p><emphasis>Du wirst Dinge f�r ihn tun, die die meisten Huren nicht t�ten. Und die ganze Stadt wird dir dabei zusehen.</emphasis></p><p>Shaya versuchte, sich gegen die Stimme in ihrem Inneren zu verschlie�en, w�hrend ihre H�nde Muwatta liebkosten. Wieder dachte sie an Shen Yi Miao Shou. Er hatte ihr gezeigt, wie sie entfliehen konnte. Sie konnte nicht gegen eine G�ttin ank�mpfen, entschied sie und griff in ihrer Erinnerung nach dem Bild der Zwillingsmonde am Himmel von Nangog. Sie lie� ihren Geist ganz und gar in die Erinnerung eintauchen. Lie� das Hier und Jetzt von sich abfallen.</p><p>Sie konnte Aaron riechen. Den Duft seines mit �l bestrichenen Bartes. Sie dachte an jene Nacht, in der sie einander ihre Narben gezeigt hatten, in der sie sich so nahe gewesen waren wie nie zuvor. Deutlich sah sie seine g�tigen Augen, seine sinnlichen Lippen. Sie hatte jegliches Gef�hl f�r ihren K�rper verloren. War ganz und gar in ihre Erinnerung eingekehrt.</p><p>Aarons Gesicht gl�nzte silbern im Licht der Zwillingsmonde. Seine Z�ge wirkten weicher, verschwammen, sein Bart war pl�tzlich verschwunden. Shaya blickte in das Antlitz I�tas.</p><p><emphasis>Es gibt keinen Ort, an den du vor mir fliehen k�nntest.</emphasis></p><p>Shaya dachte daran, was Shen Yi Miao Shou ihr �ber das Licht gesagt hatte. Dass sie ihm nicht zu nahe kommen durfte, wenn sie leben wollte. Dieses Leben war vor�ber. Allen Dem�tigungen zu entfliehen und ins Licht zu gehen w�re ihr letzter Triumph.</p><p><emphasis>Das Einzige, was entfliehen wird, ist dein Verstand, Shaya.</emphasis> Die G�ttin l�chelte grausam. <emphasis>Das ist die Wahl, die ich dir lasse. Sei mit all deinen Sinnen hier und erlebe, was Muwatta mit dir tut, oder ergib dich dem Wahnsinn.</emphasis></p></section><section><title><p>Helme und H�hner</p></title><p>Narek betrachtete den Helm in seinen H�nden. Er war aus dicken aneinandergen�hten Lederstreifen gefertigt. Mitten �ber den Kopf verlief ein wulstiger Kamm, wo das Leder aneinanderstie�. In die Naht waren wei�e Federn gesteckt. Er w�rde aussehen wie ein gro�er, fetter Hahn, wenn er dieses Ding aufsetzte. Eine tiefe Kerbe war �ber dem linken Auge in das Leder geschnitten. Die linke Wangenklappe war voller dunkler Flecke. Seinem vorherigen Besitzer hatte dieser Helm kein Gl�ck gebracht, so viel war sicher.</p><p>Narek sah sich unter seinen Gef�hrten um. Die meisten blickten etwas hilflos auf die Speere, Helme und Schilde, die unter ihnen ausgeteilt worden waren. Nur Lamgi schien damit gut klarzukommen.</p><p>Wochenlang hatten sie ge�bt, Krieger zu sein. Es war wie ein gro�es Abenteuer gewesen. Aber jetzt, da richtige Waffen verteilt wurden, war ihnen allen der Tod einen gro�en Schritt n�her gekommen. Gestern noch auf dem Mittsommerfest hatten sie gezecht und gescherzt. Das ganze Heerlager hatte gefeiert. Nun kam die Ern�chterung.</p><p>Narek w�nschte, Ashot w�re hier. Vor drei Tagen war er zum Anf�hrer einer Hundertschaft gew�hlt worden. Ashot hatte nicht gerade viele Freunde, aber er strahlte etwas aus, das den meisten Bauern fehlte. Im Dorf war Narek das nie aufgefallen. Ashot hatte hierherkommen m�ssen, um aufzubl�hen. Er war eine Pflanze, die auf dem Boden von Schlachtfeldern gedieh. Er w�rde niemals aufgeben. Er hatte die L�wen von Belbek geformt. Hatte den Trick ersonnen, mit dem sie die Leibwache des Unsterblichen besiegt hatten. Das hatte sich herumgesprochen im Heerlager. Dabei legte es Ashot gar nicht darauf an, irgendjemanden anzuf�hren. Er wollte das nicht � Seit er f�r hundert M�nner verantwortlich war, war er noch �bellauniger und m�rrischer als sonst.</p><p>�Das Ding setzt man auf den Kopf, Narek. Hineinzustarren wird dich nicht kl�ger machen.�</p><p>Aleksan schlug ihm kameradschaftlich auf die Schulter, aber in seinen kleinen Schweins�uglein funkelte der Spott. �Komm, Dickerchen, auf den Kopf damit. Du wirst zum ersten Mal aussehen wie ein richtiger Mann, wenn du den Helm aufsetzt.�</p><p>Narek bedachte den Hauptmann der Nachtwache mit einem finsteren Blick. Wenn er beleidigt wurde, fiel ihm nie eine passende Antwort ein. Immer erst hinterher, wenn er dar�ber nachdachte. Ihm war unbegreiflich, wie er damals in Belbek auf das gro�spurige Getue des Werbers hatte hereinfallen k�nnen.</p><p>Narek zwang sich zu einem L�cheln und setzte den Helm auf. Er passte nicht! Er war viel zu klein. Er versuchte, ihn sich auf den Kopf zu zw�ngen. Die Wangenklappen standen zur Seite ab.</p><p>�Oh! Was haben wir denn hier?�, prustete Aleksan. �Narek aus Belbek, das Kampfhuhn!�</p><p>Narek sp�rte, wie er rot wurde. Alle ringsherum sahen ihn an. Einige fielen in das Gel�chter ein. Keiner ihrer L�wen.</p><p>�Gock, gock, gock!� Aleksan ahmte mit angewinkelten Armen das aufgeregte Fl�gelschlagen einer Henne nach. �Komm, mein Kampfhuhn! Gock, gock, gock!�</p><p>�Nimm den Helm hier, der m�sste dir passen. Mir ist er viel zu gro�.� Lamgi, der als Letzter in die Gruppe der L�wen gekommen war, blickte k�hl zum Hauptmann der Wache. �Du gibst auch ein gutes Huhn ab.�</p><p>Narek war es ein bisschen peinlich, gerettet zu werden, aber seinen Helm gab er gerne her. Lamgis Kopfschutz war ebenfalls aus dickem Leder gefertigt, doch auf ihm prangten ein paar gr�n angelaufene Messingpl�ttchen, und es gab keinen albernen Federschmuck. Narek probierte ihn aus. Das Leder stank nach altem Schwei�. Aber der Helm passte.</p><p>�Du kannst wohl keinen Spa� verstehen, du Knochenger�st.�</p><p>Lamgi bedachte den Hauptmann der Nachtwache mit einem Blick wie ein Dolchsto�. Nie hatte Narek so kalte, harte Augen gesehen. Er w�nschte sich, er k�nnte so blicken, dann w�rden sie weniger �ber ihn spotten.</p><p>�Suchst du Streit, Kerl?�</p><p>Lamgi wandte sich einfach ab, was Aleksan noch mehr in Rage brachte. �Heh, Kerl. Ich bin der Hauptmann der Nachtwache. Und du � Du bist nicht mehr wert als der Dreck zwischen meinen Zehen.�</p><p>�Wenn du es sagst, Nachtw�chter.�</p><p>Aleksan schnappte nach Luft. Die Adern an seinem Hals schwollen an, bis sie dick wie Schn�re waren, und seine kleinen Schweins�uglein schienen ihm aus den Augenh�hlen quellen zu wollen. �Du drehst dich sofort wieder um, Bauer, oder ich lasse den Kn�ppel auf deinem R�cken tanzen, bis du Blut spuckst. Ich bin ein <emphasis>Hauptmann</emphasis>!�</p><p>Lamgi gehorchte, aber er drehte sich so langsam um, dass Aleksans Zorn nur noch weiter angefacht wurde. �Er meinte das nicht so�, versuchte Narek zu schlichten. �Er hat doch nur den Helm mit mir getauscht.�</p><p>Der Hauptmann schob ihn zur Seite und musterte Lamgi vom Scheitel bis zur Sohle. Er suchte etwas, um noch mehr �l ins Feuer zu gie�en.</p><p>�Ich kann auch meinen alten Helm wieder nehmen, wenn ��</p><p>�Halt den Mund, Depp!�, zischte Aleksan ihn an. Dann deutete er auf das Messer an Lamgis G�rtel. �Was ist das? Was hast du da mit deinem Messer gemacht? Es festgebunden?�</p><p>Narek blickte auf das Messer in der schmuddeligen Lederscheide, das in Lamgis G�rtel steckte. Zwei d�nne Riemchen waren �ber Kreuz um die Querstange zwischen Griff und Klinge geschlungen und durch L�cher in der Lederscheide gezogen. Man w�rde das Messer nicht ziehen k�nnen, solange die Riemen nicht entfernt waren. Von beiden hingen aus Horn geschnittene Amulette, die einen stilisierten L�wenkopf zeigten.</p><p>�Es soll nicht gezogen werden�, entgegnete der hagere Bauer ruhig.</p><p>In Aleksans Augen funkelte es triumphierend. �So ist das! Du wirst vom Unsterblichen Aaron, dem Herrn aller Schwarzk�pfe, zum Krieger berufen und willst deine Waffe nicht ziehen, um in der Schlacht deinen Herrscher zu verteidigen. Das ist Verrat!� Die letzten Worte hatte er so laut gerufen, dass sie in weitem Umkreis zu h�ren waren.</p><p>�So ist es nicht. Du stellst es falsch dar.�</p><p>�Jetzt bin ich, Aleksan, Hauptmann der Nachtwache und Vertrauter des Hofmeisters Datames, auch noch ein L�gner, ja? Dir muss man den Kopf zurechtr�cken, Bauer.�</p><p>�Ich habe das Messer im L�wentempel von Nari weihen lassen. Ich werde in der Schlacht gut k�mpfen, hat mir der Priester dort gesagt, wenn die Klinge nicht aus der Scheide f�hrt, bevor ich den Feinden des Unsterblichen Aaron gegen�berstehe.�</p><p>�Da hast du deine Antwort�, erklang eine vertraute Stimme. Ashot! Narek h�tte jubeln m�gen. Einen besseren Augenblick h�tte sein Freund nicht aussuchen k�nnen, um zur�ckzukehren.</p><p>Ashot wirkte blass. Er dr�ckte ein ungew�hnlich langes Schwert an seine Brust, das in einer goldgepr�gten, roten Lederscheide steckte. Wo hatte er das nur her? Sie hier hatten Speere mit krummen Sch�ften, und er bekam so was �</p><p>�Du erteilst mir keine Befehle, Ashot. Auch wenn du �ber hundert Mann gebietest, stehe ich als Befehlshaber der Nachtwache ��</p><p>�Ich befehlige seit einer Stunde das Bauernaufgebot der s�dlichen H�lfte der Provinz Nari�, erkl�rte Ashot feierlich und zog sein Schwert. Die Klinge war silbern, nicht bronzen wie die Spitzen ihrer Speere. �Dies Eisenschwert ist das Zeichen meiner Befehlsgewalt. Die L�wen von Belbek sind von nun an meine pers�nliche Leibwache, und in der Schlacht werden wir an der linken Seite des Unsterblichen Aaron Aufstellung nehmen. So wurde es soeben beschlossen.�</p><p>Aleksan gaffte zuerst das Eisenschwert an, dann Ashot. Narek konnte sehen, wie dem bulligen Krieger der Schwei� aus allen Poren trat. Auch schien der ehemalige Werber pl�tzlich kleiner geworden zu sein.</p><p>�Du bist in diesem Teil des Lagers nicht mehr erw�nscht, Aleksan! Nicht unter den L�wen von Belbek und nicht mehr unter den L�wen von Nari, die wir von heute an sein werden.� Er hob das Schwert empor, sodass die silberne Klinge im Licht der hellen Mittagssonne erstrahlte. �Habt ihr mich geh�rt, L�wen von Nari?�</p><p>Narek sah seinen Freund verwundert an. Ashot war wie ausgewechselt. Er rief mit einer Stimme, so laut wie die eines Sch�fers, dem gerade die Herde auseinanderlief.</p><p>�H�rt ihr mich, L�wen? Wir sind die Auserw�hlten des Unsterblichen Aaron. Die M�nner an seiner Seite. Wir, die L�wen von Nari! Wer sind wir? Ich will es h�ren!�</p><p>�Die L�wen von Nari!� Narek war einer der Ersten, die es riefen. Er hatte Sorge, dass niemand in Ashots Schlachtruf einstimmen w�rde. Schlie�lich war er nur ein Bauer! Aber die M�nner schienen das vergessen zu haben. Sie schrien wie verr�ckt, immer wieder. Und Narek schrie mit ihnen, bis er heiser wurde. Es war seltsam mit dieser Schreierei. Sie ver�nderte ihn. Er f�hlte sich stark wie ein L�we. Und je �fter er herausbr�llte <emphasis>Wir sind die L�wen von Nari</emphasis>, desto fester war er �berzeugt, dass sie auf dem Schlachtfeld bestehen w�rden, ganz gleich, welche M�nner der Schurke Muwatta ihnen entgegenschickte. Sie waren L�wen! Furchtlos und k�hn! Und sie waren aus Nari! Sie konnten gar nicht verlieren.</p><p>Ashot steckte das Schwert wieder in die Scheide, und langsam ebbte das Geschrei ab. Unz�hlige M�nner begl�ckw�nschten ihn, klopften ihm auf die Schultern oder scherzten mit ihm, als seien sie alte Freunde.</p><p>Narek war entt�uscht. All die anderen schienen Ashot nun wichtiger zu sein. Er wandte sich ab, um sich einen der Schilde auszusuchen, die man ihrer Gruppe gebracht hatte.</p><p>�Danke.� Lamgi kniete sich neben ihn und betrachtete ebenfalls die neuen Schilde. �Ich wei� zu sch�tzen, dass du unseren Nachtw�chter beschwichtigen wolltest.�</p><p>Narek winkte ab. �Das war doch nicht der Rede wert. Wir sind die L�wen von Belbek. Wir helfen uns gegenseitig.�</p><p>Lamgi bedachte ihn mit einem schmalen L�cheln. �Nur dass die anderen L�wen das vorhin vergessen hatten.�</p><p>�Die h�tten dir sicher auch ��</p><p>�Nein, das h�tten sie nicht. Du bist ein netter Kerl. Solche wie dich gibt es selten. Ich werde in der Schlacht auf dich aufpassen.� Mit diesen Worten nahm er den kleinsten der Schilde. Einen, der aussah wie ein gro�er Brotfladen, aus dem jemand ein St�ck herausgebissen hatte.</p><p>Narek f�hlte sich etwas verlegen. Dann betrachtete er wieder die Schilde. Lamgi schien etwas von Waffen zu verstehen. Dass er den kleinsten Schild genommen hatte, wunderte Narek. Er z�gerte, dann nahm er doch einen gro�en, mit Kuhhaut bespannten Schild, dessen Form an zwei ineinandergeschobene Schalen erinnerte.</p><p>�Den wirst du nicht brauchen.�</p><p>Narek fuhr herum. Ashot! Endlich! Sein Freund hatte ihn doch nicht vergessen. �Wie muss ich dich jetzt anreden? Kriegsherr?�</p><p>Ashot machte ein so missmutiges Gesicht, wie es wohl kein zweiter Mann im ganzen Heer zustande gebracht h�tte, nachdem er gerade zum Befehlshaber einer Tausendschaft bef�rdert worden war. �Lass den Unsinn! Ich bin Ashot. Gar nichts hat sich ge�ndert. Komm mit mir, wir m�ssen in Ruhe reden.�</p><p>�Feiern m�ssen wir�, entgegnete Narek ausgelassen. �Ich habe noch zwei M�nzen. Freudengeld. Eigentlich wollte ich sie Daron als Andenken mitbringen. Aber heute ist ein Tag f�r Freudengeld. Ich bring ihm einen luwischen Helm oder ein sch�nes Messer mit.�</p><p>�Leg den Schild weg.� Ashots Stimme zitterte.</p><p>Was hatte er denn? Er war auch immer noch leichenblass.</p><p>�Das ist der beste von allen Schilden hier. Er sch�tzt mich vom Knie bis zum Kinn.� Mit diesen Worten klemmte Narek ihn sich unter den Arm. Wenn er ihn nicht mitnahm, dann w�rde ihn sich einer der anderen L�wen schnappen.</p><p>Ashot lie� ihn gew�hren, dann f�hrte er ihn bis zum trockenen Flussbett. Unter ihnen lie� ein Hauptmann eine seltsame �bung durchf�hren. Jeder seiner M�nner musste einen anderen auf den R�cken nehmen, und dann bek�mpften sie einander, als seien sie Reiter. Das sollten sie auch mal machen, fand Narek. Die Kerle dort unten hatten Spa�, auch wenn sie ganz sch�n ins Schwitzen gerieten.</p><p>�Ich wollte das nicht�, begann Ashot unvermittelt. �Ich habe nichts dazu getan. Ich musste zu der Abstimmung gehen. Alle Anf�hrer der Hundertschaften waren dorthin befohlen � Ich hatte wirklich keine Ahnung!�</p><p>Narek verpasste ihm einen freundschaftlichen Knuff in die Rippen. �Jetzt �bertreibst du aber. Du bist ein bedeutender Mann geworden. Freu dich doch!�</p><p>�Dar�ber, an der Seite des Unsterblichen zu k�mpfen?� Jetzt klang ein Anflug von Panik in Ashots Stimme. �Ja, begreifst du denn nicht? Die Luwier werden seinen Kopf wollen. Dort, wo der Unsterbliche steht, wird am h�rtesten gek�mpft werden. Bestimmt wird Muwatta seine Leibgarde schicken, um uns niederzumachen!�</p><p>Jetzt wurde auch Narek ein wenig mulmig. �Wir schaffen das schon�, sagte er, ohne seinen eigenen Worten zu glauben.</p><p>�Du wirst dich hinten halten, hast du verstanden?�</p><p>Er sch�ttelte ver�rgert den Kopf. St�ndig wollten ihn alle besch�tzen. Erst Lamgi, dann Ashot. Was dachten die sich? Dass er ein Feigling war? �Ich k�mpfe wie alle anderen auch!�</p><p>�Du willst doch Daron und Rahel noch einmal wiedersehen.�</p><p>�Ich will nicht haben, dass mich jeder im Dorf einen Hasenfu� nennt ��</p><p>�Und ich habe Rahel versprochen, dich lebend nach Hause zu bringen! Du wirst eine ehrenvolle Aufgabe bekommen. Und wenn du dich meinen Befehlen widersetzt, dann sorge ich daf�r, dass du die Schlacht in Fesseln im Lager der Weiber verbringst.�</p></section><section><title><p>Die den G�ttern trotzte</p></title><p>Kara schob den Riegel zur�ck und hielt inne. Sie wappnete sich f�r den Anblick, der sie erwartete. Dann �ffnete sie die T�r und betrat das Zimmer der Prinzessin. Shaya kauerte in einer Ecke. Der ganze Raum stank nach F�kalien.</p><p>�Ich bringe Euer Essen, Prinzessin.�</p><p>Die Barbarin hob den Kopf. Ihr linkes Auge war noch immer zugeschwollen, wie vor drei Tagen, als sie zur�ckgekommen war. Sie l�chelte Kara an. Aber es war ein unheimliches L�cheln, in dem kein Verstand mehr lebte. Shaya zog den roten Seidenfetzen zur Seite, den sie an ihren Leib gedr�ckt hatte, und spreizte ihre Beine. Die Innenseiten ihrer Schenkel waren voller Bluterg�sse. �Willst du Liebe mit mir machen?�</p><p>Kara stellte die Sch�ssel mit Hirsebrei ab und floh zur T�r zur�ck.</p><p>�Komm, liebe mich!� Ein anz�gliches St�hnen begleitete die Worte der Prinzessin.</p><p>�Was haben sie Euch nur angetan ��</p><p>Nichts erinnerte mehr an die stolze Kriegerprinzessin, die ihr erst vor vier Tagen im Garten aufgelauert hatte. Rotz troff aus Shayas Nase, ihre Lippen waren aufgesprungen, ihr ganzer Leib mit Goldstaub und getrocknetem Blut bedeckt. Und ihr Blick � Er hatte nichts Menschliches mehr. Kara hatte einmal sagen h�ren, die Augen seien die Fenster zur Seele. Seitdem achtete sie besonders auf die Augen der Menschen. Und es war wahr! Man konnte in ihren Augen ihre Seele sehen.</p><p>Bei Shaya gab es nichts mehr zu sehen. Ihre Seele hatte sie verlassen.</p><p>�Komm!� Die Prinzessin strich sich mit der rechten Hand �ber ihren geschundenen Leib und lie� sie zuletzt auf ihrer blutverkrusteten Scham ruhen. Ganz gleich, was f�r Anz�glichkeiten sie von sich gab, sobald man sie ber�hrte, begann sie zu kreischen wie ein Tier. Es war unm�glich, sie zu waschen.</p><p>�Ihr m�sst essen, Herrin�, sagte die Priesterin traurig.</p><p>Statt zu antworten, presste sich Shaya das Kleid an den Leib und senkte den Kopf, sodass ihr str�hniges Haar ihr Gesicht verbarg.</p><p>Die Mutter der M�tter trat hinter Kara in die T�r. �Sieh gut hin, mein Kind! Das geschieht, wenn man die G�tter herausfordert! Sie glaubte, sie k�nne I�ta trotzen, diese N�rrin.�</p><p>�Aber wenn wir sie pflegen und sie hier ihren Frieden findet ��</p><p>�Nur wer Verstand hat, kann Frieden oder Unfrieden empfinden. Sie ist weit jenseits davon�, entgegnete Tabitha, und ein hartes L�cheln lag auf ihren schmalen Lippen. �Ich wusste schon am ersten Tag, dass es so enden w�rde. Sie ist kein Mensch mehr. Du wirst sie von hier fortbringen und zu den Ziegen stecken. Von heute an soll sie ein Tier unter Tieren sein.�</p><p>�Aber �� Kara war fassungslos. �Sie ist die Braut des Unsterblichen. Wir werden ihn erz�rnen, wenn wir ��</p><p>�Sie ist gar nichts mehr!�, sagte die Hohepriesterin voller Genugtuung. �F�r den Unsterblichen w�re sie von Bedeutung, wenn sie sein Kind empfangen h�tte. Aber wir beide wissen, dass sie nicht schwanger sein kann. Tu also nicht weiter so entr�stet. Du hast an ihrem Schicksal mitgewirkt.�</p><p>Kara neigte dem�tig das Haupt. Sie w�rde die Mutter der M�tter nicht weiter erz�rnen.</p></section><section><title><p>Schlachtpl�ne</p></title><p>Artax beugte sich �ber den Tisch, den Datames f�r diesen Abend vorbereitet hatte. Aus Sand und Steinen war darauf das Gel�nde der Hochebene modelliert. Bemalte Steine stellten die beiden Heerlager dar. Muwattas war schwarz, ihr eigenes wei�. Aaron musste �ber die Verteilung der Farben schmunzeln. Am Rand des Tisches lagen Dutzende schwarzer und wei�er Holzkl�tze, auf die Symbole aufgemalt waren. Offensichtlich sollten sie die verschiedenen Truppen darstellen.</p><p>Mataan, der Fischerf�rst, und Volodi traten in das Zelt. Sie alle trafen sich bei Datames. Es musste fast schon Mitternacht sein. In vier Tagen w�rde die Schlacht geschlagen werden. Heute wollte Artax sich nur mit seinen engsten Vertrauten beraten. Erst am Abend vor der Schlacht w�rde er alle Satrapen und die neu gew�hlten Anf�hrer der Tausendschaften hier versammeln, um ihnen seine Pl�ne darzulegen. So sp�t, dass es hoffentlich unm�glich war, Muwatta diese Pl�ne zu verraten. Artax ging davon aus, dass der Unsterbliche Spitzel in sein Heerlager eingeschleust hatte. Dieses Mal sollten sie Muwatta nicht von Nutzen sein!</p><p>Bislang hatte Artax alle Schlachtpl�ne nur mit Datames besprochen, um alles so geheim wie m�glich zu halten. Und er hatte das Gef�hl, dass Datames einige Dinge betrieb, die er nicht einmal ihm, seinem Herrscher, verraten hatte.</p><p>Mataan, der gro�e, sonnengebr�unte Krieger, der Juba hatte ersetzen sollen, blieb distanziert. �u�erlich hatte er sich nicht ver�ndert. Er trug nur einen einfachen Wickelrock und Sandalen. Er h�tte ein reicher Bauer sein k�nnen. Wie ein Satrap sah er nicht aus. Und doch hatte das Gesetz �ber die Landreform f�r die Bauern Mataan von ihm entfremdet. Er war k�hl und distanziert geworden.</p><p>Ganz anders Volodi. Der Drusnier l�chelte gut gelaunt. Seine grellblaue Tunika war mit breiter, roter Borte abgesetzt. Zwei goldbeschlagene G�rtel kreuzten sich �ber seiner Brust, und �ber den Schultern ragten zwei Schwertgriffe auf. Artax bemerkte die beiden mit �sen versehenen Zinnm�nzen, die an einem d�nnen Lederriemen vom Hals des S�ldners hingen. Es waren die Ehrenzeichen f�r zwei Schlachten, die der Drusnier f�r ihn geschlagen hatte. Ein Kampf noch, dann war seine Schuld abgetragen, und er sowie die meisten anderen der Zinnernen waren wieder frei.</p><p>�Ich habe noch einen weiteren Gast eingeladen�, er�ffnete Datames. �Ich fand, dass in unserer Runde die Meinung der Mehrheit unserer Krieger etwas zu schlecht vertreten sei.�</p><p>Mataan blickte stirnrunzelnd zu Artax.</p><p>Artax hasste diese Art von �berraschungen, mit denen Datames in letzter Zeit allzu gerne aufwartete, versuchte sich seine Gef�hle jedoch nicht anmerken zu lassen. �Es geschah auf meinen Wunsch hin�, log Artax, um vor den beiden Kriegern nicht das Gesicht zu verlieren.</p><p>�Vielleicht mag einer der Herren einen Wein?�, bem�hte sich Datames die Stimmung aufzulockern. �Ich habe einen ganz exquisiten Roten von den Aegilischen Inseln. Ein Wein, wie es ihn nur ein Mal in einem Jahrzehnt gibt.�</p><p>Volodi nahm an und lie� sich einen goldenen Pokal einschenken. Mataan hingegen stand schweigend mit �ber der Brust gekreuzten Armen am Tisch und blickte auf das Schlachtfeld.</p><p>Volodi nahm einen tiefen Schluck und machte eine ausholende Bewegung, die den ganzen Tisch umschloss. �Ist sich h�bsche Sandkarte.� Mit diesen Worten stellte er den Pokal zwischen die schwarzen Steine, die Muwattas Heerlager symbolisierten.</p><p>Datames r�usperte sich. �Wenn du ihn ein wenig nach links r�ckst, k�nnte er das magische Portal darstellen. Das habe ich ganz vergessen.�</p><p>Der Drusnier r�ckte einige der Steine zur Seite, die die flache H�gelkette auf der anderen Seite des trockenen Flusses darstellten, stellte den Weinpokal ab, verr�ckte ihn zweimal ein wenig und nickte dann zufrieden. �Ist sich Stelle von Tor hier!�</p><p>In diesem Moment betrat Ashot das Zelt. Er hatte sich herausgeputzt, trug seinen Glockenk�rass und den Helm unter den Arm geklemmt. Als er erkannte, wie formlos die anderen erschienen waren, legte sich ein grimmiger Ausdruck auf sein Gesicht. �Hier ist der Bauer, den ihr zu sehen w�nschtet�, sagte er frostig anstelle einer Begr��ung.</p><p>Artax war es unangenehm, seinen alten Freund neben sich stehen zu haben. Er f�rchtete, Ashot k�nnte erraten, wer er war.</p><p>�Ich habe euch rufen lassen, um euch meinen Schlachtplan vorzustellen. Ich m�chte euch bitten, an diesem Abend frei zu sprechen und mir Bedenken und Verbesserungsvorschl�ge ohne Z�gern mitzuteilen. Wir alle wissen, dass Muwatta viel mehr schlachterprobte Krieger aufbieten kann als wir. Deshalb m�ssen wir jeden noch so kleinen Vorteil nutzen, den wir erringen k�nnen. Datames, stell unsere Schlachtlinie auf.�</p><p>Der Hofmeister legte einen langen, d�nnen Ast an das Ufer des trockenen Flusses. Dahinter legte er eine Reihe der wei�en Holzkl�tze.</p><p>�Wir werden uns entlang des Ufers des trockenen Flusses aufstellen und so Muwattas Krieger zwingen, die B�schung hinaufzust�rmen, wenn sie k�mpfen wollen. Das verschafft uns einen Vorteil. Allerdings wird es ihnen leichter fallen, mit ihren Speeren nach den Beinen unserer M�nner zu sto�en. Deshalb wird jeder in der ersten Reihe Beinschienen und einen gro�en Schild tragen.� Artax deutete auf den d�nnen Ast. �Unsere erste Linie wird aus zweitausend erfahrenen Kriegern bestehen und den zweitausend Besten von unseren Bauernkriegern. Jede Zehnergruppe w�hlt ihren besten Krieger, um ihn in die vorderste Schlachtreihe zu bringen. Nur jeder zweite wird genommen werden. Unsere Schlachtlinie soll eng aufgestellt sein und viertausend Mann lang sein. Das werden fast zwei Meilen sein. Wir werden zehn Mann tief stehen. Jeder Zehnertrupp reiht sich hintereinander auf.�</p><p>Artax blickte zu Ashot, der nachdenklich den Kopf wiegte. �Irgendwelche Anmerkungen?�</p><p>�Ich halte es nicht f�r klug, sie alle hintereinander aufzustellen. Das bedeutet, dass jeder rechts und links Fremde neben sich stehen hat. Das wird die M�nner verunsichern. Sie werden besser k�mpfen, wenn sie in kleinen Bl�cken stehen. Drei Mann breit und drei tief. Wir haben doch miteinander ge�bt, um die Gef�hrten in unseren Zehnergruppen besser zu kennen. Das war alles vergebens, wenn jeder umgeben von Fremden k�mpft.�</p><p>Datames st�hnte leise. �Ein guter Einwand, aber es wird viel schwerer werden, so die Schlachtlinie aufzubauen. Nach unserem alten Plan lassen wir einfach die Zehnergruppen nebeneinander aufmarschieren. Wir wissen nicht, wie schnell Muwatta angreift. Er marschiert gedeckt durch die H�gelkette am anderen Ufer auf. Wenn sein Heer gut gef�hrt ist � und daran habe ich keinen Zweifel �, dann wird er die Gelegenheit nutzen und angreifen, w�hrend wir noch versuchen, eine Schlachtlinie zu formen.�</p><p>�Wir �ben ab morgen, die Linie zu bilden�, entschied Artax. �Sollte sich herausstellen, dass Ashots Vorschlag nicht umzusetzen ist, bleiben wir beim alten Plan.�</p><p>�Es ist ganz gleich, wie viel wir �ben. Wenn nur jeder zweite Mann in der Front ein erfahrener K�mpfer ist, werden Muwattas Krieger durchbrechen�, sagte Mataan. �Der Vorteil, dass wir h�her stehen, reicht nicht aus, um ihre Kampferfahrung aufzuwiegen.�</p><p>�Ich glaube nicht ��</p><p>�Ihr wolltet ein offenes Wort, Unsterblicher. Und ich sage, es wird nicht gelingen. Habt ihr schon einmal im Schildwall gek�mpft?�</p><p>Artax horchte in sein Inneres.</p><p><emphasis>Der Platz f�r einen Feldherren ist auf einem H�gel, von dem aus er die Schlacht �berblicken kann. Oder in einem Streitwagen, mit dem er einen k�hnen Angriff �ber die Flanke f�hrt. Wir waren niemals im Gedr�nge eines Schildwalls!</emphasis></p><p>Artax deutete auf die Mitte des d�nnen Astes. �Bisher habe ich noch nie im Schildwall gek�mpft. In vier Tagen wird sich das �ndern. Dann werde ich dort stehen. Ich denke, das wird die Moral der M�nner heben.�</p><p>�Das ist nicht klug�, entfuhr es Datames.</p><p>Mataan sah ihn nur absch�tzend an, w�hrend Ashot nickte. �Meine M�nner werden besser k�mpfen, wenn sie wissen, dass Ihr unter ihnen seid.�</p><p>�Es �ndert nichts daran, dass die erfahrenen Krieger es nicht sch�tzen werden, einen Bauern an ihrer Seite zu haben. Ihre Moral wird untergraben sein, bevor die Schlacht beginnt. Man muss dem Mann neben sich in der Schlachtlinie vertrauen k�nnen. Das ist kein guter Plan, Unsterblicher.�</p><p>Artax setzte drei gro�e wei�e Holzkl�tze in gleichm��igen Abst�nden hinter die Schlachtlinie. �Jeder dieser Bl�cke stellt tausend erfahrene K�mpfer dar. Du, Mataan, Bessos und Kolja werden je eine Tausendschaft befehligen. Sollte unsere Schlachtlinie brechen, seid ihr unsere Reserven. Ihr m�sst den Feind zur�ckwerfen.�</p><p>�Und wo ist sich mein Platz?�</p><p>Artax legte einen ovalen Holzklotz hinter die Reserven. �Du befehligst die Streitwagen, Volodi. Sobald sich Muwattas Streitwagen in Bewegung setzen, werden sie so viel Staub aufwirbeln, dass wir wissen, wo sie sind, auch wenn die H�gelkette die Wagen selbst noch vor unseren Blicken verbirgt. F�nf Meilen westlich von hier ist das Ufer niedrig. Dort werden sie wahrscheinlich den trockenen Fluss passieren. Du musst sie aufhalten. Wahrscheinlich wird Muwatta selbst den Befehl f�hren, und er wird mindestens doppelt so viele Streitwagen haben wie wir.�</p><p>Volodi nahm die schwarze Holzscheibe, die f�r die luwischen Streitwagen stand, legte sie auf das Schlachtfeld und spuckte darauf. �Ich mich zerschmettern sie! Habe ich besiegt ihre Wagen, als ich war zu Fu�. Was glaubst du dich wird geschehen, wenn ich auf Wagen mit Sichelr�der stehe? Mache ich klein die Luwier. Sehr klein!�</p><p>�Was tut Ihr, wenn Muwatta seine Streitwagen aufteilt, Unsterblicher?�, fragte Ashot.</p><p>�Dann werden auch wir unsere Streitmacht in zwei Wagenschwadronen teilen. Aber seine Macht zu teilen ist nicht �blich. Die Streitwagen sind dazu geschaffen, um an einer Stelle mit allen Kr�ften den Todessto� zu f�hren. Deshalb f�hrt sie �blicherweise der Herrscher selbst an. Wo die Streitwagen k�mpfen, wird �ber Sieg oder Niederlage entschieden.�</p><p>�Aber Ihr seid in der Schlachtlinie�, sagte Mataan vorwurfsvoll.</p><p>�Diese Schlacht wird anders verlaufen.� Artax war zutiefst davon �berzeugt, dass sie es schaffen konnten. �Wir werden am Steilufer siegen, wo Muwatta glaubt, dass er leichtes Spiel haben wird. Was denkst du, wie er dort angreifen wird, Mataan?�</p><p>Der Fischerf�rst nahm die schwarzen Kl�tze, die noch auf dem Tisch lagen, und bildete eine schwarze Linie gegen�ber der wei�en. �Er wird versuchen, seinen Schildwall l�nger zu strecken als wir, und seine Linie d�nner aufstellen, um uns zu �berfl�geln.�</p><p>�Die Reserven sch�tzen unsere Fl�gel�, entgegnete Artax ruhig. �Und ist sein Schildwall l�nger als unserer, dann wird er nicht den Druck aufbauen k�nnen, um unsere Linie zu durchbrechen. Dazu m�ssen seine M�nner viele Reihen tief stehen.�</p><p>Mataan nickte, sichtlich widerstrebend. �Das ist wahr. Wenn unser Schildwall aus Bauern h�lt ��</p><p>�So wie du redest, habe ich eher das Gef�hl, dass wir uns Sorgen machen m�ssen, dass unsere Krieger fortlaufen�, mischte sich Ashot ein. �Die L�wen von Nari werden standhalten.�</p><p>�Worte sind billig. Mich �berzeugen Taten!�</p><p>�K�nnen wir nicht uns machen ein paar Tricks? Ist sich immer gut, den Feind sich zu �berraschen. Sich schmei�en K�pfe von toten Luwiern in Reihen von Muwatta wird sich sein gut sehr!�</p><p>Datames stie� einen tiefen Seufzer aus. �Und woher sollten diese K�pfe kommen?�</p><p>�Schicken wir unsere Katzen sich holen. Zapote-M�nner machen sich gerne K�pfe abschneiden.�</p><p>�Wir haben andere �berraschungen parat.� Datames fuhr mit ausgestrecktem Finger �ber das gegen�berliegende Ufer. �Wir werden hier die B�schung abgraben. Sie steiler machen. Muwattas M�nner sollen sie noch passieren k�nnen, aber wehe, einer strauchelt. Dann geraten die Reihen der Feinde in Unordnung.�</p><p>Volodi sch�ttelte den Kopf. �Ein paar M�nner fallen sich um? Ist sich nicht nix gro�er Trick. Gar nicht voll von Eindruck.�</p><p>�Wir haben Pl�nkler im trockenen Fluss. Bogensch�tzen, Speerwerfer und Schleuderer. Es werden mehr als nur ein paar M�nner straucheln, wenn Muwattas Heer �ber die B�schung herabsteigt.�</p><p>Volodi klopfte sich auf die Brust. �War ich mich oft in erste Reihe von Schlacht. Hast du dich gro�en Schild und guten Helm, macht dich nicht nix kaputt ein Pfeil.�</p><p>�Unsere Sch�tzen schie�en �ber die erste Reihe hinweg auf die gut Ger�steten weiter hinten. Wir werden ��</p><p>�Ist sich egal, was hinten ist. Musst du dich erste Reihe aufhalten, wenn du Schlacht willst gewinnen, Hofmeister. Ist sich Hundeschiss-Trick, den du willst dich machen. Werden Muwattas M�nner dich deine Bogensch�tzen tot machen und dann B�schung hinaufsteigen.�</p><p>�Wir ziehen die Pl�nkler durch unsere Linie zur�ck und ��</p><p>�Du willst den Schildwall �ffnen? Bei allen G�ttern, Hofmeister!�, emp�rte sich Mataan. �Du solltest Feste planen und keine Feldschlachten. Unsere Feinde werden den Fl�chtenden nachsetzen und durch die L�cken st�rmen. Wenn du das tust, ist in weniger als einer Stunde alles vor�ber.�</p><p>Volodi nickte selbstgef�llig. �Hat er sich recht!�</p><p>Artax wusste, was nun kommen w�rde. Der Plan des Hofmeisters war so einfach wie genial.</p><p>�Unsere Pl�nkler werden schneller sein, weil sie alle Holzschuhe tragen. Ebenso wie jeder Krieger in den ersten drei Reihen des Schildwalls.�</p><p>�Seid Ihr schon mal in Holzschuhen gelaufen?�, fragte Ashot ver�chtlich. �Wisst Ihr, was Ihr da redet?�</p><p>Datames wandte sich um und �ffnete eine der Truhen neben seinem Bett. Dann warf er einen Stern aus vier fast fingerlangen Bronzedornen auf den Tisch. Die Dornen waren so versetzt, dass, ganz gleich, wie dieser Bronzestern fiel, immer einer der Dornen nach oben zeigte. �Wenn Tausende hiervon im Flussbett liegen, glaubt mir, dann werden M�nner in Holzschuhen das Rennen gegen Barf��ige und Sandalentr�ger gewinnen.�</p><p>Volodi nahm den Stern in die Hand und pr�fte mit dem Daumen eine der Spitzen. �Das ist sich gro�er Trick�, sagte er respektvoll.</p></section><section><title><p>Erwachen</p></title><p>Barnaba sank zur�ck ins weiche Gras und blickte zu Iku�ka auf. Nie war sein Leben so erf�llt gewesen. Er ber�hrte z�rtlich ihre wei�en Br�ste. �Meine wundersch�ne Traumfrau�, sagte er l�chelnd. Er war sich wohl bewusst, dass dies nicht die Wirklichkeit war. Sie konnte es nicht sein. Das Leben war nicht so sch�n. Eine solche Vollkommenheit erreichte es nur im Traum. Allerdings war er sich auch bewusst, was f�r ein ungew�hnlicher Traum es war. Er w�hrte so wunderbar lange. War so intensiv!</p><p>�So melancholisch, mein Liebster?� Mit einer Fingerspitze zeichnete sie die Linien seiner Lippen nach. Die Ber�hrung kitzelte. Er musste lachen.</p><p>�So gef�llst du mir viel besser!�</p><p>�Und das ist alles, was ich in meinem Leben noch will. Dir gefallen!� Er seufzte. �Wenn du nur Wirklichkeit w�rst!�</p><p>Eine steile Falte erschien zwischen ihren Brauen. �Warum glaubst du nicht an mich?�</p><p>�Weil dies alles zu sch�n ist, um wahr zu sein. Ich bin Priester. Ich kenne die Welt � Und du bist nicht aus dieser Welt.�</p><p>Iku�ka lachte. Es war ein helles, perlendes, ansteckendes Lachen, dem sich Barnaba nicht entziehen konnte. Er fiel ein und lachte, wie er seit seinen Kindertagen nicht mehr gelacht hatte. Schlie�lich standen ihm Tr�nen in den Augen, und sein Bauch schmerzte so sehr, dass er glaubte, dass es ihn zerrei�en m�sse.</p><p>�Was war an meinen Worten so komisch?�, stie� er um Atem ringend hervor.</p><p>�Dass man vor einem Priester nicht die Wahrheit verbergen kann�, entgegnete sie schelmisch grinsend.</p><p>�Du bist der Welt meiner Tr�ume entsprungen. Es gibt dich, weil ich als Junge einst die Geschichte einer Xana geh�rt habe und von ihr derart verzaubert wurde, dass sie mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf ging. Sag selbst, wie gro� ist die Wahrscheinlichkeit, ein Gesch�pf wie dich zu finden? Ich k�nnte zehn Leben lang wandern und nach einer Xana suchen, ohne jemals eine zu finden.�</p><p>Sie l�chelte noch immer, doch nun wirkte sie dabei traurig. �Du glaubst also, du hast mich erschaffen? Bist du so m�chtig? W�re es da nicht wahrscheinlicher, dass uns von Anbeginn der Zeiten bestimmt war, einander zu finden?�</p><p>�In meinen Tr�umen bin ich wie ein Gott! Ich kann ganze Welten erschaffen. Nur dass sie leider im Augenblick meines Erwachens vergehen.�</p><p>�Wenn du erwachst, werde ich immer noch hier sein.� Sie l�chelte milde. �Und ich freue mich auf dein Erstaunen, Barnaba, wenn du siehst, dass Tr�ume manchmal wahr werden. In einem jedoch irrst du nicht. Ich komme tats�chlich aus einer anderen Welt. Ich bin ein Gesch�pf Albenmarks. Dein Lehrer Abir Ata� h�tte mich ein Daimonenkind genannt und mich mit gl�henden Eisen foltern lassen. Ich bin gl�cklich, dass es ihm in all den Jahren nicht gelungen ist, dein gutes Herz zu vergiften. Er war ein schrecklicher Mann � Und auch du k�nntest werden wie er.� Ihre Augen blickten in weite Ferne. Pl�tzlich wirkte sie entr�ckt und hatte etwas an sich, das Barnaba fr�steln lie�.</p><p>�Was siehst du?�</p><p>�Eis �� Ihre Stimme hatte sich ver�ndert. Sie sprach wie im Traum. Iku�kas Pupillen waren nur noch winzige, schwarze Punkte inmitten von strahlend hellem Gr�n. �So kalt � Du wirst das Traum-Eis suchen. Etwas, das die meisten f�r ein Kinderm�rchen halten. Wer es findet und wer fest in seinem Glauben ist, der kann damit eine Welt ver�ndern. Du wirst hoch im Himmel stehen. H�her als selbst ��</p><p>�Genug!� Er griff nach ihren Armen. Ihre Augen ver�nderten sich. Sie sah ihn an. Wirkte aber immer noch verwirrt.</p><p>�Was redest du da?�</p><p>�Eine Vision�, sagte sie leise. �Sie entgleitet mir schon. Sie ist � traurig.�</p><p>�Wie meinst du das?�</p><p>�Du wirst mich verlassen.� Tr�nen standen in ihren tiefen, lindgr�nen Augen. �Dort, an diesem Ort aus Eis, warst du ohne mich. Ich �� Iku�ka schenkte ihm ein gezwungenes L�cheln. �Es ist nicht klug, sich in einen Menschensohn zu verlieben. Das habe ich immer gewusst.�</p><p>Barnaba gefiel diese neue Wendung des Traumes nicht. So sollte es nicht weitergehen! Er konnte Tr�ume in andere Bahnen zwingen. Manchmal � Es gen�gte, sich vorzustellen, was sein sollte. So wie im wirklichen Leben, wenn man ein Ziel hatte, an das man glaubte, und mit aller Kraft darum k�mpfte, es zu erreichen. Dann konnte man die Welt ver�ndern. Er hatte seine Ziele verloren, dachte er fl�chtig. Nein! Falsch! Er hatte sein Gl�ck gefunden. Und er w�rde es festhalten. Mit aller Kraft!</p><p>�Ich werde niemals von dir fortgehen. Nichts kann uns trennen!�</p><p>�Eben sagtest du noch, ich sei nur ein Traum. Du wirst erwachen. Irgendwann �� Es lag eine schreckliche Endg�ltigkeit in ihrer Stimme.</p><p>�Ich werde ��</p><p>Iku�ka legte ihm sanft die Hand auf die Lippen und brachte ihn zum Schweigen. �Lass uns nicht dar�ber streiten. Ich wei�, was kommen wird. Ich bin eine Seherin. Du wirst gehen � Das ist deine Zukunft.�</p><p>�Wenn du eine Seherin bist, dann sag mir, warum ich gehen sollte.�</p><p>Sie senkte den Blick. �Meine eigene Zukunft kann ich nicht sehen. So bleibt mir auch der Grund verborgen, warum du mich verl�sst. Ich wusste auch nicht, dass ich hierherkommen w�rde, um mit dir noch einmal dem Gl�ck zu begegnen. In die Zukunft zu sehen ist ein Fluch, Barnaba. Wir sollten uns am Augenblick erfreuen, denn eine Zukunft f�r uns sehe ich nicht.�</p><p>Das mochte er nicht hinnehmen. Und es war widerspr�chlich! Er war viele Jahre darin geschult worden, in Gespr�chen wie diesem die Oberhand zu behalten. �Wenn du deine Zukunft nicht sehen kannst, m�sste dir doch auch verborgen bleiben, wenn wir noch viele Jahre zusammen sind. Vielleicht gar ein ganzes Leben!�</p><p>�Ich werde mit dir nicht streiten, Barnaba. Ich ��</p><p>�Weil du die Logik meiner Argumente nicht widerlegen kannst. Und weil ��</p><p>Sie zog ihn an sich und k�sste ihn. �Lass den Priester in dir schweigen. Ich bin in den Jungen verliebt, der ohne Vorbehalte den Geschichten eines Seemanns Glauben schenkte. Der Junge lebt noch immer in dir, auch wenn du ihn manchmal sehr gut versteckst. Du kannst �� Pl�tzlich blickte sie auf, und flammender Zorn lag in ihren Augen. Ihr Leib ver�nderte sich, wurde zu Wasser, einer Woge, die auffuhr, um zu zerst�ren. Pfeile schossen durch den klaren Himmel, verschwanden in sch�umender Gischt. Spuren von Rot wurden zu breiten Streifen. Dann f�rbten sie den wei�en Schaum.</p><p>Barnaba sp�rte einen festen Griff. Er wurde emporgezogen. �berall waren H�nde. Sie zerrten an ihm, zerrissen seinen Traum. Er wollte aufwachen, wollte dem gr�sslichen Alb entfliehen. Ein Fels rollte auf seine Brust. Unsichtbar? Um ihn herum waren nur H�nde. Weit fort verschwommene Grimassen. Ihm wurde die Luft abgedr�ckt, als sei etwas Riesiges auf ihn gerollt. Barnaba b�umte sich auf. Er musste sich erbrechen, spie Wasser.</p><p>Keuchend rang er um Luft. Seine Lungen brannten. Er f�hlte sich entsetzlich schwach. Um ihn herum brandeten Stimmen durcheinander. Den Worten konnte er keinen Sinn abringen.</p><p>�Sie sind verbunden!�</p><p>�Schnell ein Messer! Gebt mir ein Messer!�</p><p>�Bei den G�ttern!�</p><p>Ein dumpfer Schmerz fuhr in seinen Bauch. Tr�nen blendeten ihn. Wieder verschwammen die Gesichter.</p><p>�Ist sie tot?�</p><p>�Sie zuckt noch ��</p><p>�Lasst euch nicht von ihr t�uschen!�</p><p>�Ja, so ist�s gut! Spie�t sie auf!�</p><p>Barnaba blinzelte gegen die Tr�nen an. Zottelige wei�e Haare streiften sein Gesicht. Ein zahnloser, von Falten umkr�nzter Mund klaffte unter harten Augen, die von roten Adern durchzogen waren. �Komm zu uns zur�ck, Heiliger Mann! Wir haben die Daimonin besiegt. Du bist gerettet.�</p><p>Barnaba erkannte die Stimme. Gatha, der Schamane. Er war einer der Anf�hrer der Bergst�mme. Ein Mitglied des Steinrates. Erst als Gatha ihn zu einem Heiligen Mann erkl�rt hatte, war er durch die St�mme unterst�tzt worden.</p><p>Barnaba versuchte sich aufzusetzen. Er f�hlte sich schwach wie ein Kind. �Was ist geschehen?�</p><p>�Sie hatte dich verhext, aber ihr Zauber ist f�r immer gebrochen.�</p><p>Der Schamane half ihm in eine aufrechte Position. Obwohl Barnaba nur sa�, wurde ihm sofort wieder schwindelig. Er blickte zu den wohlvertrauten Bergen seines kleinen Tals auf. Jetzt erinnerte er sich an den Sturz � und sah an sich herab. Es waren Narben geblieben, wo seine gesplitterten Knochen durch Fleisch und Haut gesto�en waren. Vorsichtig bewegte er ein Bein. Er hatte keine Schmerzen. Aber er war unglaublich schwach.</p><p>Blut rann zwischen seinen Schenkeln hinab. Ein d�nnes, versiegendes Rinnsal. Sein Bauchnabel war aufgeschnitten. Verwundert tastete er nach der Wunde. Sie schmerzte kaum.</p><p>J�ger, bewaffnet mit B�gen, standen in engem Kreis um ihn. Die meisten grinsten und feixten. Einige erkannte er. Den jungen Bamiyan, dem er zwei Mal begegnet war, als er das Tal verlassen hatte, um neue Vorr�te zu besorgen. Und den rotb�rtigen Ormu, der ihm vor vielen Monden in der Einsamkeit der Wildnis begegnet war und mit dem er zwei N�chte lang ein Lager geteilt hatte.</p><p>�Macht Platz!�, verlangte Gatha. �Macht schon! Er soll die Daimonin sehen, von der wir ihn befreit haben, die sich von seinem Blut und seiner Seele n�hrte.�</p><p>Die J�ger wichen zur�ck und gaben ihm den Blick frei auf den geschundenen Leib einer nackten Frau. Ein halbes Dutzend Pfeile hatte sie durchbohrt. Weit aufgerissene, gr�ne Augen starrten Barnaba an. Ein Zittern lief durch ihren Leib. Mit letzter Kraft streckte sie ihm eine Hand entgegen. Er erstarrte. Iku�ka war kein Traum gewesen!</p><p>�Gebt ihr den Rest!�, befahl Gatha.</p><p>Barnaba warf sich mit einem gellenden Schrei nach vorne und versuchte Iku�ka vor den grausamen J�gern zu besch�tzen. �T�tet sie nicht! Sie hat mich gerettet.�</p><p>Die M�nner hielten inne, blickten fragend zum Schamanen.</p><p>�Er ist doch noch besessen�, sagte Gatha ver�rgert. �Schlagt ihn mit den B�gen. Daimonen f�rchten Schmerz. Sie wird seinen Leib bald verlassen.�</p><p>Hiebe prasselten auf Barnaba nieder. Er hielt Iku�kas Hand, versuchte mit seinem Leib ihren K�rper zu sch�tzen.</p><p>Die J�ger wollten ihn fortzerren, doch er lie� seinen Griff nicht locker. Nicht einmal, als ein Stiefel auf seine Hand niederfuhr.</p><p>�Rette dich!� Ihre Stimme war nur noch ein kraftloser Hauch. Er las die Worte mehr von ihren Lippen, als dass er sie h�rte. Ihr Blick brach. Aus ihren wundersch�nen, gr�nen Augen war alles Leben gewichen.</p><p>Barnaba schluchzte auf, versuchte sie zu sich heranzuziehen. Immer noch schlugen die J�ger mit ihren B�gen auf ihn ein. Sein ganzer Leib war von roten Striemen gezeichnet.</p><p>Ormu nahm eine Axt und hackte Iku�kas Hand ab, die Barnaba immer noch hielt.</p><p>�Schafft ihn fort von ihr!�, befahl Gatha. �Das wird das Band der Daimonin l�sen.�</p><p>Ein Schlag traf Barnaba quer �bers Gesicht. Er hatte den metallischen Geschmack von Blut im Mund. Seine Kr�fte schwanden. Irgendjemand entwand ihm Iku�kas Hand.</p><p>�H�re mich, Daimonin�, rief Gatha mit lauter Stimme. �Deine Macht ist gebrochen. K�nig Geisterschwert will dich gebannt sehen. Er gab von seinem Blut, damit unsere Pfeile deinen Leib t�ten k�nnen. Fliehe, solange du noch kannst. Denn wirst du bleiben, wird er kommen, um deinem Sein f�r immer ein Ende zu bereiten!�</p><p>Barnaba traute seinen Ohren nicht. �Aaron?�</p><p>�Ja, der Unsterbliche selbst wird dich bannen, Daimonin! Flieh! Es wird keine zweite Gelegenheit mehr geben!�</p><p>Ein Hieb traf Barnaba so heftig in den R�cken, dass er vorn�bersackte. �Aaron�, wiederholte er ungl�ubig. War sein Leben denn verflucht? War es ihm bestimmt, dass der Unsterbliche immer wieder sein Gl�ck zerst�rte?</p><p>Weitere Hiebe lie�en Barnaba aufst�hnen. Er hob die Arme. �Sie ist geflohen. Ich bin wieder ich selbst. Ich � ich danke euch�, kam es matt �ber seine Lippen.</p><p>Gatha sah ihn misstrauisch an. �Die Daimonin ist listenreich. Wir m�ssen ganz sicher sein, dass wir sie ausgetrieben haben.� Er deutete auf Iku�kas Leichnam. �Verbrennt ihren Leib! Und mit gl�henden H�lzern aus diesem Feuer werden wir sie auch aus dem Leib unseres Heiligen Mannes vertreiben.�</p><p>Mit Entsetzen sah Barnaba zu, wie sie d�rres Holz aus seinem Wintervorrat holten, �l dar�bergossen und Iku�kas Leib in die Flammen warfen.</p><p>�Ich bin gel�utert�, beteuerte er, doch Gatha sch�ttelte nur den Kopf.</p><p>�Noch sind es die Worte der Daimonin, die in dich gefahren ist, die �ber deine Lippen kommen. Aber wir werden dich retten. Vertrau mir, mein Freund.�</p><p>Die J�ger zogen gl�hende �ste aus dem Feuer.</p><p>�Holt ihn zur�ck! Lasst die Daimonin die Glut f�hlen.�</p><p>Von allen Seiten drangen sie auf ihn ein, peinigten ihn, bis er schreiend seine Liebe verleugnete und in die Flammen auf den Leib Iku�kas spuckte.</p><p>Innerlich aber schwor er Aaron Rache, der ein zweites Mal sein Leben zerst�rt hatte. Der Unsterbliche sollte erfahren, wie es war, alles zu verlieren, was dem Leben einen Sinn gab.</p></section><section><title><p>Zweifel und Kr�henf��e</p></title><p>�Achtet darauf, dass die Spitzen nicht zu weit aus dem Sand ragen.�</p><p>Ashot lag ein Fluch auf der Zunge. Diesen Rat hatte Datames ihnen schon zum hundertsten Mal gegeben. Der Hofmeister ging unruhig im trockenen Flussbett auf und ab. Sie waren nur eine Handvoll Bauern. Alle trugen sie dunkle Tuniken und hatten sich mit Schmutz eingerieben. Kein Mond stand in dieser Nacht am Himmel. Ashot sah kaum die Hand vor Augen, wie sollte er da beurteilen, wie weit diese verfluchten Dinger aus dem Sand lugten?</p><p>�Ist er nicht gro�artig?�</p><p>Ashot seufzte. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Manchmal hatte er das Gef�hl, dass Narek einfach jeden bewunderte, der mehr als nur seinen eigenen Arsch befehligte. �Warum?�, fragte er gereizt.</p><p>�Na h�r mal, der Hofmeister k�nnte jetzt in seinem eigenen Bett liegen und schlafen. Und was tut er? Er ist mit uns hier unten. Hast du die Geschichten �ber sein Bett geh�rt? Es soll so gro� wie meine H�tte in Belbek sein. Und die Kissen sind mit duftendem Frauenhaar gef�llt und ��</p><p>�Quatsch so weiter, und bald steht die verdammte ganze luwische Armee dort oben am Ufer und sieht uns zu.�</p><p>�Meinst du?� Narek klang ernsthaft verunsichert. �Die Hacken sind doch viel lauter ��</p><p>Ashot schloss kurz die Augen. So war Narek eben, so ehrlich und aufrichtig, dass es schon wehtat. �Da hast du wohl recht�, murmelte er in vers�hnlichem Tonfall. �Wundert mich eh, dass die sich noch nicht haben blicken lassen.�</p><p>�Das sind bestimmt die Katzenm�nner. Die schneiden jedem den Kopf ab.�</p><p>�Aber nicht auf dem anderen Ufer. Das betreten sie nicht.�</p><p>�Woher willst du das wissen? Ich glaube �� Narek stockte. �Entschuldige. Ich wollte dich nicht beleidigen. Ich kann mich einfach nicht daran gew�hnen, dass du jetzt ein Heerf�hrer bist.�</p><p>�Das bin ich auch nicht!� Es war wirklich nicht leicht, mit Narek die Fassung zu bewahren.</p><p>Ashot hasste seine neue Pflicht. Sie hatten ihn �berrumpelt, als er zum Anf�hrer der Tausendschaft aus dem s�dlichen Nari gew�hlt worden war. Er f�hlte sich dem nicht gewachsen. Er f�rchtete nicht die Luwier. Er f�rchtete die schreckliche Verantwortung. Er musste ein Vorbild f�r tausend sein. Dazu taugte er nicht! Morgen w�rden M�nner, die seinen Befehlen gehorchten, sterben! Wenn er nur daran dachte, wurde ihm schon jetzt ganz schlecht. M�nner, die er nicht einmal vom Sehen kannte, w�rden in den Tod gehen. Und wenn er Fehler machte, dann w�rde es ein Massaker werden. Und er w�rde Fehler machen, da war er sich ganz sicher. Er wusste nicht, wie man tausend Krieger f�hrte. Erst vor wenigen Wochen hatte er selbst das erste Mal ein Schwert in H�nden gehalten, und jetzt sollte er Schlachten lenken.</p><p>Ashot griff in den dicken Lederbeutel, der um seine H�ften geschlungen war, und zog eine der bronzenen Fu�angeln heraus. Er lie� sie vor sich auf den Boden fallen und dr�ckte sie mit dem rechten Fu� vorsichtig in den Sand. Er trug Holzschuhe wie alle, die von Datames in das Flussbett geschickt worden waren.</p><p>Eine Weile gingen sie beide schweigend ihrer Arbeit nach. Ashot dachte daran fortzulaufen. Wenn er sich jetzt davonschlich, w�rde ihn vor der Schlacht gewiss keiner mehr finden. Und danach � Wahrscheinlich w�rde Muwatta siegen. Dann interessierte nicht mehr, wer fortgelaufen war.</p><p>Ashot blickte aus den Augenwinkeln zu Narek. Der Narr w�rde ganz bestimmt bleiben. Ihn brauchte er erst gar nicht zu fragen, ob er abhauen wollte. Er dachte daran, wie sehr Rahel ihn bedr�ngt hatte, auf ihren Mann aufzupassen. Um ihn hingegen hatte sie sich keine Sorgen gemacht. Dabei war auch er kein Krieger, und ein Kerl wie Volodi k�nnte ihn ohne M�he in weniger Zeit in St�cke schneiden, als man brauchte, um einen Bissen trockenen Fladenbrots zu kauen.</p><p>�Ich w�nschte, es w�re schon morgen Nacht�, sagte Narek leise. �Ich habe Angst.�</p><p>�Du wirst einen sicheren Platz ��</p><p>�Das will ich nicht�, unterbrach ihn sein Freund �berraschend heftig. �Ich stehe meinen Mann wie jeder andere auch. Du wirst mich nicht unter irgendeinem Vorwand ins Lager abschieben!�</p><p>�Du solltest mich ausreden lassen. Morgen fr�h wird der Unsterbliche uns ein Feldzeichen �berreichen. Einen goldenen L�wenkopf auf einer Stange. So wei� jeder, wo die L�wen von Nari stehen. Und sollte die Linie durchbrochen werden, r�cken wir alle um den L�wen zusammen. Es ist eine Aufgabe f�r einen Mann von Mut und Ehre, dieses Feldzeichen zu tragen. Meine Wahl ist auf dich gefallen. Ich w�sste keinen Besseren. Du wirst es mit deinem Leben verteidigen! Bestimmt werden die Luwier versuchen, es uns zu entrei�en.� Was er ihm nicht sagte, war, dass der Standartentr�ger in der dritten oder vierten Reihe stehen w�rde. Also in relativer Sicherheit, sofern es auf einem Schlachtfeld �berhaupt einen sicheren Ort gab.</p><p>�Ich wei� nicht � Sollte das nicht lieber ein richtiger Krieger machen? Was, wenn ich angegriffen werde? Du wei�t, dass ich mich bei den Kampf�bungen nicht gerade hervorgetan habe.�</p><p>�Ich brauche f�r die Standarte einen Mann mit dem Herzen eines L�wen. Einen, dem ich zutraue, dass er noch steht, wenn alle anderen weichen w�rden. Das traue ich allein dir zu, Narek.�</p><p>Sein Freund stie� einen verzweifelten Seufzer aus. �Wenn du meinst, dass ich wirklich der Einzige bin � Aber pass bitte auf mich auf. Mir scheint, du hast mehr Vertrauen in mich, als ich selbst es habe.�</p><p>�Du wirst sehen, unsere Aufgabe heute Nacht ist gef�hrlicher als das, was dich morgen erwartet.� Ashot versuchte so zuversichtlich wie m�glich zu klingen, dabei hatte er selbst kaum Hoffnung. Aaron w�rde inmitten seiner Tausendschaft stehen, und die Luwier w�rden sie heimsuchen wie Fliegen einen frischen Haufen Schei�e.</p><p>�Wusstest du, dass sie diese Dinger Kr�henf��e nennen? Die Fu�angeln�, setzte Narek nach, als er nicht sofort eine Antwort bekam.</p><p>�Hab noch nie Kr�hen mit goldenen F��en gesehen�, murmelte Ashot und trat eine weitere Fu�angel in den Sand.</p><p>�Wenn du einer Kr�he die mittlere Kralle abschneiden w�rdest, w�rde ihr Fu� tats�chlich so �hnlich aussehen. Wer sich so was nur ausdenkt � Diese Fu�angeln, meine ich. Ganz sch�n heimt�ckisch. Morgen Abend werden nicht wenige Luwier hinken. Arme Kerle.�</p><p>Ashot traute seinen Ohren nicht. Ihm w�re es im Traum nicht eingefallen, Mitleid mit irgendeinem Luwier zu haben. Die waren hier, um Narek und ihm die Kehle durchzuschneiden. Was sie brauchten, w�ren noch mehr solcher heimt�ckischer Tricks. Und �berhaupt, wer morgen Abend noch hinken konnte, geh�rte zweifellos zu denen, die sich gl�cklich sch�tzen durften. Ashot beneidete Narek um dessen Gabe, sich die Dinge sch�nzureden. Sicherlich lebte sein Freund in einer gl�cklicheren Welt.</p><p>Schweigend legten sie die letzten Kr�henf��e aus und zogen sich dann aus dem Flussbett zur�ck. Die Arbeiten an der Uferb�schung waren abgeschlossen. Sie war nicht steiler geworden, aber die Erde und das Ger�ll waren aufgelockert, sodass man keinen festen Stand fand. Wer �ber die B�schung angriff, w�rde es nicht leicht haben.</p><p>Pl�tzlich musste Ashot grinsen. Das war seine Welt! Ihm gefiel, was er sah. Er mochte es, wenn seine Feinde litten. Sollten sie verrecken, die verdammten Luwier!</p></section><section><title><p>Die Ehernen Hallen</p></title><p>Hornbori blickte �ber den Hafen der Ehernen Halle. �ber eine Stunde warteten sie nun schon auf dem Kai. Sie waren mit einem Aal, der Glamirs Turm mit Vorr�ten versorgt hatte, hierhergekommen, nachdem sie dort einige Tage eingekerkert gewesen waren. Anders konnte man es beim besten Willen nicht nennen! Sie waren eingesperrt gewesen und hatten nur miserables Essen bekommen.</p><p>Hornbori hatte die Zeit genutzt, um seinen beiden Gef�hrten einzubl�uen, wie wichtig es war, dass ihre erfundenen Geschichten zusammenpassten. Immer wieder war er ihre erdachten Lebensl�ufe mit ihnen durchgegangen. Hornbori, Galar und Nyr waren in der Tiefen Stadt gestorben. Sie waren jetzt Hreidmar, Onar und Fundin. Kein Bergf�rst, der noch bei Verstand war, w�rde die drei Zwerge, um derentwillen die Tiefe Stadt vernichtet worden war, bei sich aufnehmen. Wenn sie viel Gl�ck h�tten, w�rden sie lediglich in die Wildnis verbannt. Wahrscheinlicher aber w�rde man sie an die Himmelsschlangen ausliefern.</p><p>Hornboris Blick wanderte �ber die weiten Hafenanlagen. Die Ehernen Hallen waren ganz anders als die Tiefe Stadt. Der Hafen war dunkel, zur Beleuchtung dienten Fackeln und �llaternen. Ru� hing in der Luft, der bald schon in der Kehle kratzte. Der Rauch lie� die Augen tr�nen. Die Decke der Grotte, die mit Wasser geflutet worden war, erhob sich kaum zwei Schritt �ber ihre K�pfe. Alles hier wirkte beklemmend und schmutzig. Rotbraune Schlieren zogen sich �ber den hellen Stein. Die Zwergenstadt war ber�hmt f�r ihre reichen Erzvorkommen. Auch lieferten die umliegenden W�lder reichlich Bauholz und Wild. Doch reich waren sie nicht, die Zwerge, die hier lebten.</p><p>Hornbori war froh, dass seine Familie kaum Handelsbeziehungen hierher unterhalten hatte. Er war nur ein einziges Mal hier gewesen, und er war sich ganz sicher, dass sich niemand mehr an ihn erinnerte. Das war auch gut so.</p><p>Nyr hatte Frar einen Finger in den Mund gesteckt. Der Kleine hatte wieder Hunger. Es war erstaunlich, wie gut die beiden miteinander auskamen. Um sie musste Hornbori sich keine Sorgen machen. Nyr bekam ohnehin kaum die Z�hne auseinander. Er w�rde nichts ausplaudern. Ganz anders als Galar. Der Schmied kauerte auf einer dicken Taurolle und blickte missmutig in das schmutzige Hafenwasser. Hoffentlich beherrschte er sich. Es war schwer gewesen, ihm klarzumachen, dass er in absehbarer Zeit wohl kaum seine Forschungen �ber Koboldk�se und Drachenblut wieder w�rde aufnehmen k�nnen.</p><p>Hornbori betrachtete nachdenklich seine unverwundbare Hand. Es gab niemanden, der es mehr bedauerte als er, wenn es mit Galars Versuchen nicht weiterging. Aber sie w�rden sich verraten, wenn sie diesen Weg beschritten. Sie mussten warten. Ein paar Jahre wahrscheinlich. Hornbori seufzte. Seine Hoffnungen auf den Thron der Tiefen Stadt waren zusammen mit der H�hlenstadt gestorben. Hier, in den Ehernen Hallen, war er nur ein mittelloser Niemand.</p><p>Endlich kehrte der Steuermann ihres Aals zur�ck, ein m�rrischer, glatzk�pfiger Zwerg mit breiter, schiefer Nase. �Eikin, der Alte in der Tiefe, will euch sehen. Er m�chte aus erster Hand h�ren, wie euch die Flucht aus der Tiefen Stadt gelang. Er will wissen, ob ihr Helden oder Feiglinge seid.�</p><p>�Feiglinge erschlagen keine Tatzelw�rmer�, murmelte Galar bedrohlich und wies auf die Kralle, die auf ihren beiden Rucks�cken lag.</p><p>�Stimmt�, entgegnete der Steuermann streitlustig. �Sie schneiden sie von Kadavern ab.�</p><p>�Noch so eine Frechheit, und du wirst sehen, was ich von dir alles abschneide, bevor du zum Kadaver wirst.� Galar war aufgestanden.</p><p>Hornbori kannte das rauflustige Glitzern in den Augen seines Gef�hrten nur zu gut. Er dr�ngte sich zwischen die Streith�hne. �Ich bin mir sicher, dass Eikin nicht gerne wartet.�</p><p>Ihr Steuermann grummelte etwas Unverst�ndliches, dann wandte er sich von Galar ab. �Kommt. Der Alte in der Tiefe erwartet euch in einem der Erzlager.�</p><p>Sie gingen die Hafenmauer entlang. Wieder staunte Hornbori, wie viele Anlegepl�tze f�r Aale es hier gab. �berall stapelten sich Waren. Kisten, die mit ihrer seltsamen Form dem ovalen Rumpf der Tauchboote angepasst waren. Kleine S�cke f�r die Netze unter der Decke der Boote. Hornbori strich im Vor�bergehen �ber einen der S�cke. Er schien mit Erbsen oder Bohnen gef�llt zu sein. Damit trieb man keinen Handel! Jedenfalls nicht, wenn die Waren in Aalen transportiert werden mussten. Das war viel zu kostspielig! Das waren gewiss Vorr�te f�r irgendeinen Au�enposten. Er blickte wieder �ber die Flotte der Aale, die an den ausgedehnten Kaianlagen der Grotte vor Anker lagen. Was f�r eine Politik verfolgte der hiesige Alte in der Tiefe? Gr�ndeten die Zwerge der Ehernen Halle etwa Siedlungen? Oder gab es noch mehr verborgene T�rme wie den von Glamir?</p><p>Der Steuermann bog scharf nach links ab und brachte sie an ein gro�es, von braunem Flugrost �berzogenes Eisentor. Er klopfte drei Mal mit dem Knauf seines Dolches gegen das Tor. Hornbori bemerkte, wie einige Hafenarbeiter sie neugierig beobachteten.</p><p>Knirschend schwang das Tor einen Spaltbreit auf.</p><p>�Ich warte hier�, erkl�rte der Steuermann mit ausdrucksloser Miene.</p><p>Hornbori tauschte einen Blick mit Galar. Augenscheinlich missfiel dem Schmied diese Wendung ebenso sehr wie ihm. Was sollte diese Geheimnistuerei? So h�tte man in der Tiefen Stadt keine Fl�chtlinge empfangen!</p><p>Beklommen trat er durch den Spalt in eine H�hle, in der Tausende Eisenbarren lagerten. Drei Zwerge erwarteten sie im gelben Licht einiger Blendlaternen. Alle st�tzten sie sich auf gro�e, zweih�ndig zu f�hrende H�mmer. Der mittlere war ein Graubart unbestimmten Alters. Sein langes Haupthaar war an den Schl�fen zu d�nnen Z�pfen geflochten. Tabakflecken verunzierten seinen Bart. Vor�berziehende Jahrzehnte hatten sein Gesicht verwittern lassen, doch trotz der Falten lag eine unnachgiebige Kraft und H�rte in diesem Antlitz, beherrscht von einem Paar stahlblauer Augen. Die beiden Zwerge an seiner Seite mochten Leibw�chter sein. Sie hatten eine gewisse �hnlichkeit mit dem Graubart, doch war ihr Haar noch schwarz. Einer von ihnen trug die Sch�rze eines Schmiedes, der zweite ein knielanges Kettenhemd.</p><p>Hinter Hornbori schloss sich das Tor mit einem metallischen Dr�hnen. Beklommen blickte der Zwerg zur�ck. Nyr und Galar waren ihm gefolgt.</p><p>�Ihr kommt also aus der verfluchten Stadt�, stellte der Graubart fest.</p><p>�Solltet Ihr damit meine vom Ungl�ck heimgesuchte Heimat, die Tiefe Stadt, meinen, so kann ich nur zustimmen�, entgegnete Hornbori h�flich. Dieser Empfang war deutlich k�hler, als er erhofft hatte.</p><p>�Ich habe bereits Kunde von den Ereignissen in der Tiefen Stadt. Was mich wundert, ist, dass jetzt, so lange nach der Katastrophe, �berlebende hierherfinden. Ich w�re euch sehr verbunden, wenn ihr mir erkl�ren k�nntet, wer ihr seid und wie ihr hierherkamt.�</p><p>�Selbstverst�ndlich werde ich gerne Auskunft �ber ��</p><p>�Nein, nicht du�, unterbrach ihn der Graubart. �Dir gehen die Worte allzu leicht von den Lippen. Ich m�chte eure Geschichte von ihm h�ren.� Er deutete auf Nyr.</p><p>Der Richtsch�tze r�usperte sich nerv�s und sah erst zu Galar, dann zu ihm. �Wir haben nichts zu verbergen, Fundin�, sagte Hornbori und hoffte, dass sich sein Freund noch an die L�gengeschichte erinnerte, die sie ersonnen hatten. Sie wollten, so nah es ging, bei der Wahrheit bleiben.</p><p>Nyr war kein guter Erz�hler. Er berichtete stockend und sah immer wieder zu Galar, so als wolle er sich vergewissern, dass der Schmied seinen Worten zustimmte. Er blieb bei ihren falschen Namen und behauptete, sie seien bei Arbeiten im Inneren eines Aals auf der Werft von Hornboris Sippe von dem Angriff �berrascht worden. Er schilderte, wie sie das Tor der Werft verschlossen, den Aal instand setzten und knapp den Tatzelw�rmern entkamen.</p><p>Die drei Zwerge h�rten zu, ohne ihn zu unterbrechen.</p><p>Hornbori lie� den �ltesten nicht aus den Augen. Die Miene des Graubarts zeigte keinerlei Regung. Es war unm�glich, an ihr abzulesen, ob er Nyr glaubte.</p><p>�Und was ist das f�r ein Kind?�, fragte der j�ngere Zwerg in der Schmiedesch�rze, nachdem Nyr geendet hatte.</p><p>�Mein Sohn.�</p><p>Hornbori zuckte innerlich zusammen. Das war so nicht vereinbart gewesen. Daf�r gab es keine plausible Erkl�rung.</p><p>�Du nimmst deinen Sohn, ein Kleinkind, mit in einen undichten Aal, an dem du Reparaturen ausf�hren musst?� Der Graubart sch�ttelte den Kopf. �Ungew�hnlich. Das ist ��</p><p>�Mein Kleiner liebt das Ger�usch von H�mmern. Er war krank. Er hatte Fieber. Und ich wollte ihm eine Freude machen.� Nyr t�tschelte Frar �ber den Kopf. �Du liebst es, wenn Papa Dong, Dong macht, nicht wahr?�</p><p>Der Kleine gab ein freudig glucksendes Ger�usch von sich, und dann sagte er zufrieden: �Dong, Dong.�</p><p>�Er m�chte Schmied werden, wenn er gro� ist�, erkl�rte Nyr so �berzeugt, dass Hornbori sich fragte, ob der Richtsch�tze sich inzwischen vielleicht wirklich f�r den Vater des Jungen hielt.</p><p>Der Alte schmunzelte. �Schmiede haben wir hier nie genug. Willkommen in meiner Stadt, Fundin. Du und deine Freunde, ihr werdet hier ehrliche Arbeit und Unterkunft finden. Ich bin Eikin, der Alte in der Tiefe der Ehernen Halle.� Er gab dem Zwerg im Kettenhemd einen Wink, woraufhin dieser sich entfernte.</p><p>�Wir sind erleichtert, dass unsere Flucht nun endlich ein gl�ckliches Ende gefunden hat�, erkl�rte Hornbori. �Wir werden Euch Euren Gro�mut niemals vergessen, edler Eikin.�</p><p>Freundlich erkundigte sich der Bergf�rst, wie ihre Wunden heilten, und t�tschelte Frar, den zuk�nftigen Schmied. Hornbori war erleichtert. Zum ersten Mal, seit man sie auf dem Kai festgehalten hatte. Sie w�rden mit ihrer Geschichte durchkommen und ein neues Leben beginnen. Es war, als seien sie ein zweites Mal geboren worden.</p><p>�Hornbori?�</p><p>Der Zwerg im Kettenhemd war zur�ckgekehrt. An seiner Seite ging eine Zwergin in einem roten Kleid, das ihre Taille betonte und dessen tiefes Dekollet� ihre �ppigen Br�ste zur Geltung brachte. Amalaswintha! Sie strich sich eine Str�hne ihres rabenschwarzen Haars aus dem Gesicht und schenkte ihm ein L�cheln, das ihn bezaubert h�tte, h�tte sie ihn nicht gerade mit einem einzigen Wort vernichtet.</p><p>Der Bergf�rst fixierte ihn mit seinen stahlblauen Augen. �Du hast mich belogen! Du hei�t nicht Hreidmar, sondern Hornbori Drachenfaust.�</p></section><section><title><p>Wie eine Blume an einem schattigen Ort</p></title><p>Der Alte aus der Tiefe stie� �rgerlich seinen Hammer auf den Boden. �Ihr kommt in meine Stadt und l�gt mich schamlos an. Gut, dass ich euch hier und nicht in meinem Thronsaal empfangen habe.�</p><p>Amalaswintha hatte ihn gewarnt, sie hatte sich die drei auf dem Kai angesehen und ihm gleich gesagt, wer sie waren. Und sie hatte ihn davor gewarnt, dass sie ihn bel�gen w�rden. Eikin hatte ihr nicht geglaubt. Warum sollte der gro�e Hornbori Drachenfaust sich hinter L�gen verstecken? Er war wahrscheinlich der bedeutendste lebende Held aller Zwergenv�lker. Jeder hier in den Ehernen Hallen kannte die Geschichte, wie er den gro�en, wei�en Drachen erschlagen hatte.</p><p>Einen solchen Helden in der Stadt zu haben h�tte ein �rgernis werden k�nnen, wenn das n�chste Mal dar�ber abgestimmt wurde, wer auf zehn Jahre der Alte in der Tiefe sein sollte. Aber durch seine L�gengeschichten hatte sich der Trottel ihm ganz und gar ausgeliefert.</p><p>�Ihr glaubt also, ihr k�nnt hierherkommen und mich mit euren L�gen verh�hnen?�</p><p>�Das war nicht im Mindesten unsere Absicht, ehrw�rdiger ��</p><p>�Schweig!�, herrschte er Hornbori an. �Ich sollte euch in Ketten legen oder besser noch auf irgendeiner einsamen Insel in einem abgelegenen H�hlensee aussetzen lassen. Wenn bekannt wird, dass ihr hier seid, werden die Himmelsschlangen vielleicht auch �ber diese Stadt herfallen.�</p><p>�Wir wollten nicht ��, wagte der Schmied mit dem k�mmerlichen B�rtchen ihn zu unterbrechen.</p><p>�Keine Sorge, ich werde euch ganz gewiss nicht an die Himmelsschlangen ausliefern. Zwerge regeln ihre Angelegenheiten unter sich. Alle Welt h�lt euch f�r tot. Wenn ich euch in Ketten geschlagen in einem tiefen H�hlensee versenken lasse, wird euch niemand vermissen.�</p><p>�Du wirst den gr��ten Schatz unseres Volkes versenken�, entgegnete Hornbori mit einer Selbstsicherheit, die ihrer verzweifelten Lage ganz und gar nicht angemessen war.</p><p>�Du h�ltst dich f�r so wertvoll? Etwa weil deine Hand unverwundbar ist?�</p><p>�Ich spreche nicht von mir.� Er deutete auf den Schmied. �Ich wei�, dass meine Talente ersetzbar sind. Aber ein Mann wie Galar wird unseren V�lkern vielleicht einmal in zehn Generationen geboren. Er hat einen der gro�en Drachen vom Himmel geholt. Und er kann es wieder tun. Wie stellt Ihr Euch die Zukunft unserer V�lker vor, Eikin? Werden wir den Himmelsschlangen das Massaker in der Tiefen Stadt verzeihen? Werden wir uns dem�tig ihren Befehlen beugen? Entspricht das dem Charakter der Zwerge aus den Ehernen Hallen?�</p><p>�Meinem Charakter entspricht es, meine Stadt um jeden Preis zu besch�tzen, und sollten meine Ehre und mein Gewissen dabei Schaden nehmen, so nehme ich das in Kauf.�</p><p>�Bitte, Eikin, sie sind die Letzten meines Volkes.� Amalaswintha ging vor ihm in die Knie, wohl darauf bedacht, ihr tief ausgeschnittenes Dekollet� zur Geltung zu bringen. Eine Zwergin wie sie war ihm noch nie untergekommen. Vollkommen sittenlos und fast unwiderstehlich. Ihr war es bestimmt zu herrschen. Erst vor drei Tagen hatte sie eine Gruppe von Sch�rfern zu einer Goldader nur einen Tagesmarsch entfernt gef�hrt. Niemand hatte je zuvor in der N�he der Ehernen Halle Gold gefunden. Ihr w�rde ein Drittel der Einnahmen dieser Mine geh�ren. Eikin wusste, welche Rolle sie in der Tiefen Stadt gespielt hatte. Wie m�chtig sie geworden war. Sie w�rde diesen Weg auch hier nehmen. Wenn sie blieb, w�rde sie unvermeidlich seine Autorit�t untergraben.</p><p>�Was genau w�re denn dein Wunsch, meine Liebe?� Eikin l�chelte. Sie schaffte es, in ihm ein Feuer zu sch�ren, das er l�ngst verloschen gew�hnt hatte. Er mochte ihre vollen Lippen und das Versprechen, das in ihren Blicken lag. Die Ahnung, dass sie ihm Freuden bereiten k�nnte, von denen er bislang noch nicht einmal zu tr�umen vermocht hatte. Ihre ruchlose Art faszinierte ihn, dabei h�tte sie ihn absto�en sollen. Er war ein Greis! Nicht hinf�llig, nicht vom Alter gebeugt, aber doch gezeichnet. Er sollte nicht mehr an Abenteuer zwischen feinen Leinenlaken denken.</p><p>�Gew�hre ihnen Unterschlupf! Sie werden dich nicht entt�uschen, das verspreche ich dir.�</p><p>Der Alte aus der Tiefe �berlegte. Vielleicht w�ren sie ihm wirklich noch von Nutzen. Aber nicht hier. Er w�rde die Fehler, die zur Zerst�rung der Tiefen Stadt gef�hrt hatten, ganz gewiss nicht wiederholen. �Sie kehren zur�ck in Glamirs Turm. Dort kann kein Drache sie finden. Sie werden alles bekommen, was sie f�r ihre Forschung ben�tigen.�</p><p>Hornbori verschlug es schier die Sprache, wohingegen der Schmied nicht ungl�cklich �ber diese Entscheidung zu sein schien.</p><p>�Das Kind sollte nicht in den Turm�, sagte Amalaswintha, der das Schicksal ihrer Gef�hrten, die in Verbannung in den einsamsten aller T�rme gehen w�rden, augenscheinlich nicht sehr naheging.</p><p>Nyr dr�ckte den Kleinen fest an sich. �Frar bleibt dort, wo ich bin.�</p><p>�Liebst du das Kind?�</p><p>Eikin seufzte innerlich. Er liebte die rauchige Stimme der Zwergin.</p><p>�In dem Turm wird er keine Milch bekommen, keine frische Nahrung, und, was am wichtigsten ist, Kinder brauchen eine Mutter�, fuhr Amalaswintha fort. �Ich sehe, wie gut und aufopfernd du dich um ihn k�mmerst. Aber ohne eine Mutter wird er wie eine Blume sein, die an einem zu schattigen Ort aufw�chst. Ihre Bl�ten werden nie so gro� und leuchtend wie die jener Blumen, die im vollen Licht der Sonne wachsen. Wenn du ihn liebst, Nyr, dann musst du ihn hierlassen.�</p><p>Eikin fragte sich, was Amalaswintha mit dem Kind wollte. Wollte sie Mutter sein, ohne sich an einen Mann zu binden? Diese pl�tzliche Kindesliebe passte ganz und gar nicht zu ihr. Gewiss f�hrte sie etwas im Schilde.</p><p>Nyrs Lippen zitterten. Seine Augen waren feucht. Wie es schien, hatte Amalaswintha ihn �berzeugt.</p><p>�Du hast vollkommen recht, meine Liebe.� Eikin legte der Zwergin sanft die Hand auf den R�cken. Er roch den Duft ihres Haares. Sie hatte ein schweres, sinnliches Parf�m aufgelegt. Einmal mehr erinnerte er sich an seine Tr�ume von weichen Laken und Seidenhaut. �Du wirst mit ihnen gehen. Ein Kind braucht eine Mutter. Ich finde es gro�artig, dass du bereit bist, dich aufzuopfern. Ich werde noch heute einen Aal ausr�sten lassen, der euch alle zu Glamirs Turm bringt.�</p><p>Er bedeutete Amalaswintha mit einer herrischen Geste zu schweigen und wandte sich an die drei Drachent�ter. �Ihr erschafft mir eine Waffe, die Himmelsschlangen zu t�ten vermag. Glamir ist auf der Suche nach etwas, das euch dabei helfen k�nnte. Wenn ihr wiederkehrt, werden wir die Himmel Albenmarks von den gefl�gelten Tyrannen befreien.�</p></section><section><title><p>Die Staubfahne</p></title><p>Volodi blickte mit einem mulmigen Gef�hl zur blutroten Sonne, eingefasst von den hohen Bergen im Osten. Es w�rde schwer werden, diese Schlacht zu gewinnen. Jeder seiner M�nner wusste das. Konnte er sich auf sie verlassen? Die meisten von ihnen geh�rten nicht zu den Zinnernen. Die Streitwagen kamen aus dem Gefolge der Satrapen. Was wog f�r diese Krieger schwerer? Die Tr�ume des Unsterblichen oder die Befehle ihrer Herren?</p><p>Volodi wusste, er sollte jetzt eine Rede halten, die die M�nner anspornte, die den Zweifel aus ihren Herzen riss wie der Herbstwind die welken Bl�tter von den B�umen. Aber sollte er das tun in einer Sprache, die ihm selbst nach all den Monden im Dienste Aarons noch immer nicht glatt von den Lippen gehen wollte? Er wusste, es waren gerade die Krieger von adliger Geburt, die �ber ihn schmunzelten, wenn er, der �ber den Adlern schritt, �ber einfache Worte stolperte.</p><p>Volodi lie� seinen Blick �ber die Masse der Streitwagen gleiten. Es waren �ber tausend! Schnelle, leichte Wagen, gezogen von je zwei Pferden. Die Tiere sp�rten die Anspannung, scharrten unruhig mit den Hufen oder warfen schnaubend den Kopf zur�ck. Sie waren ein Heer f�r sich. Wenn ihn jetzt nur sein Bruder oder sein Vater sehen k�nnten! All diese Pracht! Die Adligen boten ein Verm�gen auf, um sich gegenseitig zu �berbieten. Sie trugen schwere Bronzer�stungen, die in der ersten Morgensonne golden funkelten. Etliche f�hrten seidene Banner, die tr�ge in der leichten Brise schwangen, die von den Bergen im Westen kam.</p><p>Das Geschirr der Pferde war mit goldenen Amuletten und kleinen, silbernen Gl�ckchen geschm�ckt. Bunte Federn waren auf die H�upter der Tiere gesteckt oder in ihre M�hnen eingeflochten. Die Streitwagen standen �blicherweise unter dem direkten Kommando des Unsterblichen, und die Krieger hatten sich herausgeputzt, als seien sie selbst K�nige. Sie mochten es nicht, von einem S�ldner aus Drus befehligt zu werden. Volodi wusste, dass er sich allein auf die kleine Schar der Zinnernen verlassen konnte.</p><p>Volodi stieg auf seinen Wagen. Die Ebene vor ihm gl�nzte wie dahinrinnendes Gold. Tausende Krieger und Bauern marschierten in Kolonnen zu den Positionen, die ihnen ihre Hauptleute anzeigten. Glitzernd brach sich das Licht auf Speeren, die so dicht standen wie die �hren eines Kornfeldes. Alles war in Bewegung. Tagelang hatten sie diese Man�ver ge�bt. Jeder Mann wusste, wo sein Platz war.</p><p>Der Drusnier blickte auf die H�gelkette jenseits des trockenen Flusses. Wie w�rde sich Muwatta aufstellen? Auf den H�geln standen einzelne Krieger, die kleine Fahnen an langen Stangen schwangen. Sie gaben Signale an ihr Heer, verrieten, wie die Krieger Arams sich zur Schlacht aufstellten, w�hrend die Truppen Luwiens vor Blicken verborgen blieben.</p><p>Doch eins vermochten selbst die H�gel nicht zu verstecken. Eine gewaltige, braune Staubfahne stieg vor den Bergen am Horizont auf. Muwattas Streitwagengeschwader hatten sich in Bewegung gesetzt. Sie zogen nach Westen, ganz wie Volodi es erwartet hatte. Dort, wo �ber Monate die Karawanen vom Goldenen Tor hergekommen waren, gab es einen Streifen von mehr als hundert Schritt Breite, an dem die Uferb�schung auf beiden Seiten des trockenen Flusses eingebrochen war. Dort w�rden die Streitwagen leicht her�berkommen. Es war der beste Platz. Doch nutzte ihnen an dieser Stelle ihre �bermacht nichts. Wenn er die Enge hielt, w�re die Flanke von Aarons Heer gerettet.</p><p>Volodi l�chelte voller Zuversicht und wandte sich seinen eigenen Truppen zu. Er zog eines seiner Eisenschwerter und hielt es hoch �ber den Kopf. �M�nner Arams!�, rief er. �Wenn sich steht ein Mann in T�r, ist sich egal, wenn vor T�r sind sich tausend M�nner. Kann k�mpfen immer nur einer. Heute sind wir sich M�nner in T�r von Aram. Lassen wir Feinde nicht nix hindurch. T�ten sich alle!�</p><p>Die Ansprache war gut, fand er. Klar und mit einer Botschaft. Er gab seinem Wagenlenker das Zeichen zum Aufbruch und griff nach dem Halteb�gel an der Seite, an dem zwei K�cher voller Wurfspeere hingen.</p><p>Kaum einer jubelte ihm zu. Aber was scherte ihn das! Sie w�rden gut k�mpfen und ihre Stellung halten. Sein Jubel war das dumpfe Donnergrollen Tausender Hufe in seinem R�cken. Arams Streitwagen folgten ihm in die gr��te Schlacht, die er in seinem Leben schlagen w�rde.</p></section><section><title><p>Pfeile aus Menschen</p></title><p>Kurunta blickte dem Heer aus Sklaven nach, die mit Palmwedeln �ber den ausged�rrten Boden fegten und langsam gen Westen zogen. Von der anderen Seite des Flusses musste es aussehen, als bewege sich dort ein ganzes Heer.</p><p>Muwatta trat aus dem wirbelnden Staub. Er trug einen Glockenpanzer, auf dessen R�cken lange, schwarze Schwingen geheftet waren, die sich hoch �ber seinen Kopf erhoben. Er sah aus wie I�tas leibhaftiger Sohn. Lange hatte Kurunta ihn nicht so gut gelaunt gesehen.</p><p>�Wir werden sie zerschmettern, Kriegsmeister!� Muwatta schlug sich mit der Faust in die flache Hand. �Zerschmettern! Ich werde die Streitwagen auf dem linken Fl�gel f�hren. Wie es scheint, stehen dort kaum Truppen.� Er deutete l�chelnd auf die Staubfahnen am Horizont. �Und der Unsterbliche Aaron beginnt die Schlacht mit einem Fehler. Er wird ein leeres Flussbett bewachen, w�hrend wir sein Bauernheer niedermetzeln. Ich will ein Massaker, Kurunta. Str�me von Blut sollen flie�en, und das Schlachtfeld soll so dicht voller Leichen liegen, dass ich es von einem Ende zum anderen �berqueren kann, ohne dass mein Fu� den Boden ber�hrt.�</p><p>Kurunta nickte. Er hielt nichts davon, sich Siege auszumalen, die noch nicht erstritten waren. Er konnte sich nicht vorstellen, dass es einfach werden w�rde, einen Unsterblichen zu besiegen, auch wenn Aaron nun an der Spitze seiner Streitwagen zu jener Flanke eilte, auf der es keine K�mpfe geben w�rde.</p><p>Der Kriegsmeister blickte �ber das Fu�volk, das in achtzig Kolonnen angetreten war. Jede zehn Mann breit und f�nfzig tief. Sie waren wie Pfeile aus Menschen, die er gegen den Schildwall Aarons abschie�en w�rde. Sie w�rden die L�cken erweitern, die von den Kriegselefanten gerissen wurden. Kurunta hatte lange an dem Schlachtplan gefeilt. Sie w�rden gewinnen, daran hatte er keinen Zweifel. Aber er war lange genug Feldherr, um zu wissen, dass kein Plan die Konfrontation mit der Wirklichkeit �berstand. Ganz gewiss hatte auch Aaron einige �berraschungen f�r sie bereit, und die w�rden ihn treffen, wenn er die Spitze des Angriffs f�hrte.</p><p>Er blickte zu den Elefanten, die vor den H�geln aufmarschiert waren. Wandernde T�rme waren sie. Die K�pfe von Bronzemasken mit breiten Federk�mmen geschm�ckt, Vorderbeine und R�ssel mit z�hen Lederschuppen gesch�tzt. An ihre Sto�z�hne waren lange Eisensicheln gebunden. Fast hundert dieser Kolosse warteten auf seinen Befehl zum Angriff. Er hatte Muwatta mehrfach davon abgeraten, sie einzusetzen. Sie waren eine unerprobte Waffe im Heer des Unsterblichen. Damit wagte man keine Entscheidungsschlacht. Aber der Herrscher war ganz versessen darauf, die riesigen Tiere im Kampf zu sehen.</p><p>�Lass die Hunde des Krieges los!�, befahl Muwatta begeistert.</p><p>Kurunta gab seinem Hornbl�ser ein Zeichen. Drei gezogene Hornst��e erschollen und wurden von allen Hornbl�sern entlang der Frontreihe aufgenommen. Auf der H�gelkette wurden gelbe Fahnen geschwungen. Das Zeichen zum Angriff f�r die Elefantentreiber, die mit spitzen St�cken auf die Nacken der Kolosse einstachen, um ihre riesigen Reittiere voranzutreiben. Die gr��ten der Dickh�uter trugen kleine h�lzerne T�rme auf ihren R�cken, in denen sich zwei Bogensch�tzen und ein Krieger mit einer vier Schritt langen Lanze dr�ngten.</p><p>Muwatta ergriff die Z�gel seines Streitwagens, um ihn pers�nlich den n�chsten H�gel hinaufzulenken. Er w�rde es sich nicht nehmen lassen, dem Angriff beizuwohnen, bevor er sich den Streitwagen anschloss, die einige Meilen entfernt im Osten warteten, wo der Feind sie nicht vermutete. Sie hatten dort schon in der Nacht Aufstellung genommen. Bei Neumond hatte niemand den Staub, den sie aufwirbelten, sehen k�nnen. Es war ein kluger Zug gewesen, diese Nacht abzuwarten.</p><p>Kurunta wandte sich an Labarna, den riesigen Hauptmann seiner Leibwache. �Die Truppen bleiben hier unten. Ich m�chte, dass sie f�r den Feind au�er Sicht bleiben. Sobald die roten Signalfahnen gezeigt werden, greifen zwanzig Kolonnen an, so wie es besprochen wurde. Die Zauderer und Schwachen sollen den Angriff f�hren, damit der n�chste Hieb diesen Bauernhaufen dort dr�ben umso h�rter trifft.�</p><p>Labarna trug zwar Beinschienen und einen Bronzek�rass, aber statt eines Helmes ruhte der Kopf eines Wolfes auf seinem Haupt, von dem ein struppiges Fell weit hinab auf seinen R�cken reichte. Der Befehlshaber seiner Leibwache war au�erordentlich gro�. Er �berragte jeden anderen Mann im Heer. Labarna lehnte l�ssig auf einer m�chtigen, mit rostigen Eisenn�geln verst�rkten Keule. Es gab nichts, das deren wuchtigen Hieben zu widerstehen vermochte. Wenn es darauf ankam, w�rde Labarna ganz allein eine Bresche in den gegnerischen Schildwall schlagen. Muwatta brauchte daf�r keine Elefanten!</p><p>Der Hauptmann seiner Leibwache nickte knapp. Er war kein sonderlich gespr�chiger Mann. Aber er fieberte der Schlacht entgegen. Er liebte es, zu k�mpfen, den namenlosen Schrecken in den Augen jener Ungl�cklichen zu sehen, die ihm gegen�berstanden.</p><p>Kurunta folgte Muwatta den H�gel hinauf.</p><p>Das Heer Arams hatte in einem langen Schildwall am jenseitigen Ufer Aufstellung genommen, ganz wie Muwatta es vorausgesagt hatte. Hinter der Linie waren drei Bl�cke von Kriegern als Reserven aufgestellt. Der Kriegsmeister war entt�uscht. Wie es schien, war die einzige �berraschung des Tages, dass es keine �berraschungen gab.</p><p>Der Unsterbliche winkte ihm. �Siehst du ihn?� Muwatta deutete mit ausgestrecktem Arm auf die Mitte der feindlichen Schlachtlinie. �Dort, bei der goldenen Standarte.�</p><p>Kurunta kniff die Augen zusammen. Er sah nicht mehr so gut, auch wenn er gemeinhin ein Geheimnis daraus machte. Jetzt konnte er nicht erkennen, was der Unsterbliche meinte. Nicht einmal das Feldzeichen vermochte er zu entdecken. F�r ihn war das feindliche Heer nur eine lange Linie von gro�en, mit Kuhhaut bespannten Schilden, �ber der bronzene Helme funkelten.</p><p>�Aaron steht dort, inmitten seiner M�nner.�</p><p>Kurunta sch�ttelte den Kopf. �Das ist dumm! Da hat er keinen �berblick. Er ist der Feldherr. Wie will er sein Heer lenken, wenn er inmitten des Durcheinanders der Nahk�mpfe steckt?�</p><p>�Vielleicht tut er es, damit seine Bauern nicht schon bei unserem Anblick davonlaufen�, mutma�te der Unsterbliche. �Wom�glich werden die Elefanten allein schon ausreichen, um diese Schlacht zu gewinnen.�</p><p>Kurunta verschr�nkte die Arme vor der Brust und beobachtete, wie die grauen Kolosse zwischen den H�geln hervorkamen und auf das trockene Flussbett zumarschierten. Langsam, aber unerbittlich. Er war froh, nicht zu den M�nnern zu geh�ren, die diesen Ungeheuern standhalten mussten.</p></section><section><title><p>Fast dieselben Worte</p></title><p>Narek blickte zu Ashot auf. Die L�wen von Belbek hatten ihn auf ihre Schultern gehoben, damit alle M�nner in der dichtgedr�ngten Schlachtlinie ihn gut sehen konnten.</p><p>Sein Freund sah aus wie ein Satrap, dachte Narek stolz. Ashots R�stung gl�nzte gro�artig. Er trug einen Bronzehelm mit langem, schwarzem Rosshaarschweif, und obwohl es ein hei�er Tag werden w�rde, hatte er ein Fell von irgendeiner gefleckten Raubkatze um seine H�ften gewickelt. Wenn die Frauen von Belbek ihn nur so sehen k�nnten! Der Sohn des ruinierten Schweinez�chters war ein Feldherr geworden! Wahrscheinlich hatte noch nie ein Mann aus Belbek so prachtvoll ausgesehen. Narek grinste. Und er war der beste Freund dieses Helden. Auch er durfte sich in Ashots Ruhm sonnen, wenn sie heimkehrten. Er war der Standartentr�ger des Feldherrn. Der H�ter des goldenen L�wen, der hoch �ber ihren H�uptern auf einer rot lackierten Stange steckte.</p><p>�M�nner�, rief Ashot. �Viele von euch werden den Abend nicht erleben. Wir sind V�ter, Br�der, Bauern. Unser Blut und unser Schwei� haften an dem Land, das wir beackern. Wir k�mpfen jeden Tag, an dem wir hinaus auf unsere steinigen �cker gehen. Wir k�mpfen �fter und h�rter als die Krieger, denen wir uns heute entgegenstellen. Ihr habt sie gesehen, die M�nner des Krieges. Ihr habt mit ihnen ge�bt. Sie sind nicht st�rker als wir. Nur in einem sind sie uns voraus. Sie haben Erfahrung darin, Kehlen durchzuschneiden. Ganz gleich, was heute geschieht und welche Schrecken uns erwarten, vergesst nicht eure St�rke. Haltet aus! Flieht nicht, r�ckt enger zusammen, wenn die Angst euch �berw�ltigt. Es sind die, die fliehen, die zu Hunderten sterben, die keinen Freund an ihrer Seite mehr haben, der sie mit seinem Schild besch�tzt. Die, denen der Feind im Nacken sitzt, dem ein Leben nichts gilt, der nie aufgebaut hat, der nur f�r Mord und Gewalt k�mpft. Bleibt standhaft! R�ckt zusammen! Besch�tzt den Mann an eurer Seite! Das ist alles, was ich von euch erwarte. Vertraut meinen Worten, und wir werden als stolze M�nner auf die �cker Naris zur�ckkehren.�</p><p>Irgendwie machte Ashot den Eindruck, als seien ihm gerade die Worte ausgegangen, dachte Narek. Das war kein guter Zeitpunkt. Da musste noch etwas kommen. Er sp�rte die Spannung. Ashot hatte mit allem recht, aber er sollte noch etwas sagen, was alle anfeuerte.</p><p>�Hebt mich hoch, M�nner!�, befahl der Unsterbliche, der mit ernster Miene Ashots Worten gelauscht hatte. Dann griff er Ashots Faden auf. �Manche sagen, als Unsterblicher sei ich der Vater meines Landes. Alt genug dazu bin ich wahrlich, euer Vater zu sein. Aber wenn ich an meinen Vater denke, erinnere ich mich vor allem daran, wie er mich verdroschen hat, wenn ich irgendetwas tat, was ihm nicht gefiel.�</p><p>Narek sah den hageren Lamgi neben sich grinsen. Einige M�nner lachten leise. Auch er erinnerte sich noch gut an so manche Tracht Pr�gel, die sein Vater ihm verabreicht hatte.</p><p>�Manches Mal hab ich zu Unrecht den Hintern verdroschen bekommen. Es waren jene Male, als ich die bittersten Tr�nen vergossen habe, denn Ungerechtigkeit schmerzt mehr als ein paar Hiebe.�</p><p>Narek erinnerte sich an eine Tracht Pr�gel f�r ein H�hnerei, das er angeblich gestohlen hatte. Hinterher war herausgekommen, dass das bl�de Huhn es nur gut versteckt hatte. Tagelang hatte ihm der Hintern gebrannt.</p><p>�Hinter den H�geln�, fuhr der Unsterbliche fort, �stehen ein paar tausend Luwier, die glauben, sie k�nnten uns den Hintern versohlen, weil sie stolze Krieger sind und wir nur dreckige Bauern. Aber wir sind keine Kinder mehr. Wir lassen uns nicht herumschubsen und verpr�geln!�</p><p>�Genau!�, rief Aleksan, der Hauptmann der Nachtwachen.</p><p>�Manche fragen sich, warum ich, der Unsterbliche Aaron, lieber inmitten von Bauern stehe, als mich mit meiner Leibgarde zu umgeben. Die Antwort ist ganz einfach. Was tut ein Krieger, wenn er merkt, dass eine Schlacht verloren geht? Er l�uft davon! Was aber macht ein Bauer, dem ein Sturm die Ernte ruiniert? L�uft er fort?� Der Unsterbliche blickte auf sie herab, als erwarte er eine Antwort.</p><p>�Mir ist einmal ein Kornfeld abgebrannt�, rief Narek. �Ich musste den ganzen Winter alle meine Nachbarn anschnorren. War �bel ��</p><p>�Und was hast du im n�chsten Fr�hjahr getan?�, fragte Aaron.</p><p>�Ich hab das Feld neu bestellt.� Narek wunderte sich ein wenig. Wozu diese Frage? Es lag doch auf der Hand, was ein Bauer im Fr�hjahr tat.</p><p>�Genau deshalb bin ich hier!� rief der Unsterbliche. �Ihr seid keine M�nner, die weglaufen. Wenn das Schicksal euch niederwirft, dann r�ckt ihr in den D�rfern enger zusammen. Ihr helft einander wieder auf die Beine. Ihr haltet durch, ganz gleich welche �blen �berraschungen das Leben auch bereith�lt. Und genau das werden wir tun, wenn die Luwier hinter ihren H�geln hervorkommen. Zusammenr�cken, sie kommen lassen. Und dann will ich in der ersten Reihe stehen, wenn wir ihnen die �berraschung ihres Lebens bereiten. Wenn wir sie verdreschen. Ich will in ihre Augen sehen, wenn sie mit Schrecken erkennen, mit was f�r einer Sorte M�nner sie sich hier angelegt haben. Dass wir h�rter sind als sie. Dass sie uns nicht von diesem Ufer vertreiben k�nnen, ganz gleich, wie oft sie es auch best�rmen. Und sie werden ihr ganzes Leben lang den Tag nicht vergessen, an dem sie auszogen, um ein paar Bauern niederzumachen, und den L�wen Arams begegneten! Werdet ihr das heute f�r mich sein? Meine L�wen?�</p><p>Jubel brandete auf. Seltsam, dachte Narek. Der Unsterbliche hatte fast dasselbe gesagt wie Ashot, aber ihm jubelten sie zu. Wieder dachte er an seinen Freund Artax, der nach Nangog gegangen war, um sein Gl�ck zu suchen. Wenn er etwas erkl�rt hatte, hatte es auch jeder verstanden.</p><p>�Wer seid ihr?�, rief Aaron.</p><p>�Deine L�wen! Deine L�wen!�, brandete es von �berall auf den Unsterblichen ein.</p><p>Pl�tzlich hatte Aaron es eilig, von den Schultern seiner M�nner herunterzukommen.</p><p>Ashot war schon unten. Er machte ein m�rrisches Gesicht.</p><p>�Sie kommen�, rief der Unsterbliche. �R�ckt zusammen! Seid tapfer!�</p><p>Die letzten Worte sprach Aaron in einem Tonfall, der Narek Angst machte. Und dann h�rte er die Entsetzensschreie der M�nner in der ersten Schlachtreihe.</p><p>�Sie schicken uns Ungeheuer. Wandelnde T�rme!�</p></section><section><title><p>Elefanten</p></title><p>Elefanten! Artax fluchte. Hundert! Vielleicht sogar noch mehr. Er h�tte es ahnen k�nnen. Muwatta hatte ihn im vergangenen Jahr zum Fest der Heiligen Hochzeit auf dem R�cken eines Elefanten thronend empfangen. Nat�rlich nutzte er diese grauen Kolosse auch, um sein Heer zu verst�rken.</p><p>Artax dr�ngte sich durch die Reihen seiner M�nner nach vorne, um besser sehen zu k�nnen, was da auf sie zukam. Er trug unf�rmige Holzschuhe, die mit Stroh ausgepolstert waren. Sie machten jeden seiner Schritte schwer und ungelenk.</p><p>�Wir m�ssen schnell handeln�, raunte Datames an seiner Seite. �Die Panik greift schon um sich.�</p><p>Die Pl�nkler, die sie im Flussbett postiert hatten � Krieger, bewaffnet mit Steinschleudern, B�gen und leichten Wurfspeeren �, dr�ngten gegen den Schildwall, der sich aufzul�sen begann. Schon hatten die ersten Elefanten das gegen�berliegende Ufer erreicht. Behutsam suchten sich die Tiere einen Weg hinab. Die T�rme auf ihren R�cken schwankten dabei so stark hin und her, dass die Bogensch�tzen darauf nicht schie�en konnten.</p><p>�Sie d�rfen nicht bis zum Schildwall kommen�, rief Artax und eilte, so schnell es die Holzschuhe zulie�en, die B�schung hinab. �Folgt mir, M�nner!�</p><p>Die ersten Elefanten waren im trockenen Fluss angelangt. Einer kam direkt auf Aaron zu. Sein Treiber schlug mit einem spitzen Haken auf den Nacken des Tieres ein. Die kleinen Augen der Kreatur waren angstweit.</p><p>Pl�tzlich b�umte sich der Elefant auf, riss seinen R�ssel zur�ck und stie� ein schrilles, durchdringendes Trompeten aus. Artax sah Kr�henf��e in den dicken Sohlen des Tieres stecken. Der Turm auf dem R�cken des Elefanten kam ins Rutschen. Er kr�ngte zur linken Seite und riss den Elefanten zu Boden. Die Turmbesatzung wurde in den Sand geschleudert. Der Treiber, der im Nacken des Elefanten gesessen hatte, lag halb eingeklemmt unter dem Tier, das verzweifelt versuchte, sich wieder auf die Beine zu k�mpfen.</p><p>�berall ringsherum b�umten sich die Elefanten auf. Ihre Trompetenst��e k�ndeten von Schmerz, Schrecken und Panik. Sie stiegen auf die Hinterbeine wie scheuende Hengste. Andere wandten sich um und st�rmten die gegen�berliegende B�schung hinauf. Manche jedoch rannten einfach nur vorw�rts, blind vor Schmerz und Schrecken.</p><p>Ein Pfeil prallte von Artax� Brustpanzer ab. Die Wucht des Treffers lie� ihn nach hinten taumeln. Er hatte darauf verzichtet, seinen L�wenhelm aufzusetzen, um besser sehen zu k�nnen. Das bedauerte er jetzt. Auf der Uferb�schung der Luwier erschienen Bogensch�tzen, um den Angriff der Elefanten zu unterst�tzen, und leicht bewaffnete Pl�nkler st�rmten zum Flussbett hinab.</p><p>�Schreit sie an!�, rief Datames. �Lauft auf sie zu und schwenkt die Arme, dann werden sie scheuen.� Mit diesen Worten st�rmte er selbst einem Elefanten entgegen. Der Hofmeister trug eine leichte Leinenr�stung und schwang ein seltsames, schlankes Eisenschwert, wie Artax noch keines gesehen hatte.</p><p>Der Elefant wich nicht aus. Er schlenkerte w�tend mit dem Kopf. Die Sichelklingen an seinen Sto�z�hnen schnitten zischend durch die Luft. Datames duckte sich unter dem Angriff hinweg und hackte nach dem R�ssel des Elefanten. Sein Schwert durchschnitt das sch�tzende Leder und durchtrennte den R�ssel, der eine Blutfont�ne hinter sich herziehend durch die Luft wirbelte. Die riesige Kreatur schrie vor Schmerz gepeinigt auf, versuchte Datames zu zerstampfen, doch der Hofmeister wich jedem der Angriffe aus und stie� seine Klinge tief in die Kehle des Tiers.</p><p>�Treibt sie zur�ck!�, schrie Artax, der Datames� Heldenmut bewunderte, und st�rmte nun seinerseits einem der Elefanten entgegen, die drohten, bis zum Schildwall zu gelangen. Es waren nicht mehr viele, die geradewegs auf sie zust�rmten. Weniger als zwanzig. Aber es waren genug, um ihre Menschenmauer zu zerschmettern.</p><p>Die Krieger auf den Holzt�rmen zogen kurze Wurfspeere aus K�chern, die von den h�lzernen Zinnen hingen, und schleuderten sie auf die wenigen Tapferen herab, die die B�schung hinabliefen, um die Ungeheuer aufzuhalten.</p><p>Artax fegte einen der Wurfspeere mit seinem Schwert beiseite. Der Elefant neigte sein Haupt, sodass die m�rderischen Sichelklingen an seinen Sto�z�hnen dicht �ber den Boden fegten.</p><p>Artax versuchte nach dem R�ssel zu schlagen, doch wollte ihm kein Treffer gelingen. Immer wieder musste er den Sichelklingen ausweichen und zur�ckspringen, denn der Elefant marschierte unerschrocken weiter vorw�rts und lie� sich von Schreien und wilden Fl�chen nicht beeindrucken.</p><p>Artax strauchelte �ber einen der Toten. Mit den Armen rudernd, versuchte er die Balance zu halten, als ein weiterer Wurfspeer auf ihn niederging und er sich nach hinten st�rzen lie�, um dem t�dlichen Geschoss auszuweichen. Er meinte, in den kleinen �uglein des Elefanten Triumph zu sehen, als er am Boden lag und die Bestie einen ihrer Vorderf��e hob, um ihn zu zermalmen.</p><p>Artax tastete nach seinem Schwert, das ihm im Sturz aus der Hand geglitten war, unf�hig, den sich langsam senkenden Elefantenfu� aus den Augen zu lassen. Er bekam einen Kr�henfu� zu packen, rammte den Bronzedorn in den Ballen des Elefanten und rollte sich zur Seite ab.</p><p>Das riesige Tier zuckte zur�ck, stie� einen schrillen Trompetensto� aus. Den Fu�, der ihn hatte zermalmen sollen, setzte es nicht wieder auf.</p><p>Artax kam auf die Beine und griff sein Schwert, als ihn ein Lanzensto� in die Flanke traf. Die eiserne Spitze vermochte die R�stung der Devanthar nicht zu durchdringen, doch lie� ihn der Treffer erneut taumeln. Er blickte zu dem Krieger auf, der ihn von der Howdha, dem Turm auf dem Elefantenr�cken, aus mit einer wohl vier Schritt langen Lanze angriff. Mit seinen w�tenden Attacken behinderte er die Speerwerfer.</p><p>Artax wich einem Lanzensto� aus, packte mit beiden H�nden den Schaft der Waffe und zog mit einem heftigen Ruck daran, doch der Krieger im Turm war stark. Es gelang Artax nicht, ihm die Waffe zu entwinden. Aus den Augenwinkeln sah der Unsterbliche, wie der Elefant mit dem R�ssel nach seinem verletzten Fu� tastete und sich bem�hte, mit dem finger�hnlichen Auswuchs an der �u�ersten R�sselspitze den Kr�henfu� aus seiner Sohle zu ziehen. Vergeblich. Pl�tzlich stie� er den verwundeten Fu� in einem Wutausbruch zu Boden. Mit funkelnden Augen fixierte er Artax und wandte sich langsam um.</p><p>Pfeile gingen auf den Elefanten nieder. Der Krieger mit der Lanze sackte auf die Br�stung der Howdha. Ein gefiederter Schaft ragte aus seinem Nacken. Artax entwand dem Toten die Waffe.</p><p>�Komm, Grauer! Ich f�rchte dich nicht!� Er tippte mit der Spitze der Lanze gegen eine der Klingen an den Sto�z�hnen. �Bringen wir es zu Ende!�</p><p>W�tend schwang der Elefant den Kopf zur Seite und versuchte ihn mit seinem R�ssel zu packen. Artax lie� sich auf die Knie fallen und stie� die Lanze am R�ssel vorbei ins aufgerissene Maul des Elefanten. Er sp�rte, wie die Spitze durch Fleisch drang und schlie�lich auf Knochen traf. Blut troff aus dem Maul des Elefanten, der ruckartig den Kopf nach hinten warf.</p><p>Artax wurde emporgerissen. Er lie� die Lanze los, segelte ein St�ck durch die Luft und schlug schwer auf den Boden. Ein Kr�henfu� grub sich in seinen Oberschenkel. Artax biss die Z�hne zusammen und versuchte den Schmerz zu ignorieren.</p><p>Der Elefant warf seinen Kopf hin und her. Dann packte er mit dem R�ssel nach dem Speerschaft. Das Holz splitterte, doch vermochte er die Waffe nicht aus seinem Maul zu rei�en.</p><p>�Seid Ihr verletzt?� Datames kniete neben ihm.</p><p>Artax sch�ttelte den Kopf und stemmte sich hoch. Der Elefant hatte ihn vergessen, er besch�ftigte sich nur noch mit der gesplitterten Lanze in seinem Schlund.</p><p>�Wir m�ssen zur�ck, Aaron. Die Schlachtlinie bricht. Die M�nner m�ssen dich sehen, oder es ist alles verloren.�</p><p>Artax fuhr herum. Ein Dutzend oder mehr der Kolosse hatte es die B�schung hinaufgeschafft und warf sich wie lebende Rammb�cke gegen den Schildwall.</p></section><section><title><p>Lebende T�rme</p></title><p>Allein die Schreie zu h�ren machte ihn schon wahnsinnig. Da starben M�nner, und irgendwelche Kreaturen stie�en Laute aus, wie Narek sie noch nie vernommen hatte. Er war nicht der Gr��te und stand erst in der vierten Linie der Schlachtreihe. Er konnte nichts sehen au�er den R�cken der M�nner vor ihm.</p><p>Aber rechts neben ihm stand ein gro�er Kerl, den er nicht kannte. Er war muskul�s und hatte kein sehr einnehmendes Gesicht. Und selbst ihm zitterten die H�nde so sehr, dass er kaum seinen Speer halten konnte.</p><p>�Was siehst du?�</p><p>Der Kerl antwortete nicht. Er schien ihn gar nicht geh�rt zu haben. Da war wieder so ein Tierlaut. Ein bisschen wie ein Trompetensto�.</p><p>Die Krieger in der vordersten Reihe wichen zur�ck. Nicht viel, nur zwei oder drei Schritt. Der Mann neben ihm begann zu beten. Sein Gesicht war aschfahl.</p><p>�Was kommt da auf uns zu?� Narek w�nschte, Ashot w�re bei ihm, aber sein Freund stand in der ersten Reihe des Schildwalls. Vor Ashot gab es nur noch die Pl�nkler, die man nun so schrecklich schreien h�rte. Und den Unsterblichen. Er war einfach nach vorne gegangen, um sich der Gefahr zu stellen. Aaron war so mutig. Ashot w�rde jetzt sagen, dass es keine Kunst war, mutig zu sein, wenn man eine von G�ttern erschaffene R�stung trug und unsterblich war. Narek seufzte. Sich Ashots Boshaftigkeiten vorzustellen half. Er kannte ihn sein ganzes Leben lang. Schon als Kind war er ziemlich unausstehlich gewesen. Au�er ihm und Artax hatte Ashot keine Freunde gehabt.</p><p>Ein kaum zw�lfj�hriger Junge kroch zwischen den Beinen der Schildtr�ger in der vordersten Reihe hindurch. Sein Gesicht war eine mit Blut bespritzte Maske des Schreckens. Er musste zu den Schleuderern geh�rt haben, die nur mit Lederschlingen und Steinen bewaffnet versucht hatten, den Vormarsch der Luwier zu verlangsamen. Der Junge kroch weiter, ohne sich um die Fl�che der M�nner zu k�mmern, die er anrempelte. Erst als er an ihm vorbeikroch, sah Narek, dass der R�cken des Jungen aufgeschlitzt war, bis auf die Rippen hinab.</p><p>Der Anblick war wie ein Schlag in den Magen. �belkeit wallte in Narek hoch. Pl�tzlich sp�rte er eine Hand auf der Schulter. Lamgi, der hagere Bauer aus der N�he von Nari. Er wirkte v�llig ruhig.</p><p>�Hast du keine Angst?�</p><p>Statt zu antworten, l�chelte Lamgi nur. �Du darfst nicht zur�ckweichen. Du tr�gst das Feldzeichen. Wenn du zur�ckgehst, geht die ganze Schlachtlinie mit dir. Und wir wollen doch hier darauf warten, dass Aaron zur�ckkehrt. Wir haben es ihm versprochen.�</p><p>Narek nickte besch�mt. �Wie schaffst du es, keine Angst zu haben? Kannst du mir den Trick verraten? Ich will wirklich kein Feigling sein, aber ich habe solche Angst, dass meine Beine nicht mehr auf das h�ren, was ich eigentlich will.�</p><p>Lamgi lachte. �Ich verspreche dir, dich festzuhalten, falls du fortlaufen willst.� Sein Kamerad trug keinerlei R�stung. Als Einziger aus Ashots Leibwache! Er war einfach nicht dazu zu �berreden gewesen. Nur mit einer Tunika bekleidet, stand er hier zwischen all den Gewappneten. Er hielt einen kleinen Schild und einen Speer. Kein Helm sa� auf seinem Kopf, aber er hatte die Lederschn�re mit den Amuletten, die sein Messer umschlungen hatten, ge�ffnet. Heute war der Tag, an dem Lamgi sich ganz unter den Schutz des Tempelsegens stellen w�rde. Wenn er an Lamgis Seite blieb, wirkte sich der Segensspruch der Priester vielleicht auch auf ihn aus. Er k�nnte �</p><p>Pl�tzlich ragte ein Turm �ber den H�uptern in der ersten Reihe auf. Narek blickte entgeistert zu den drei Kriegern in dem h�lzernen Gebilde auf, das dem Erdboden entwachsen zu sein schien. Zwei schossen mit B�gen auf die M�nner der Schlachtlinie. Der dritte stie� mit einer langen Lanze.</p><p>�Ruhig!�, rief irgendwo hinter ihm einer der Hauptleute. �Steht!�</p><p>Wieder meldeten sich Nareks Beine mit dem dringenden Wunsch zu laufen. Er stampfte mit seinen Holzschuhen fest auf den Boden. Das hier war sein Platz! Er hielt die Standarte. Er durfte nicht fliehen!</p><p>�Die Speere nieder!�, schrie jemand vor ihm.</p><p>Hundert Mal hatte Narek diesen Befehl in den letzten Tagen geh�rt. Er senkte die Standarte, als sei sie ein Speer. Vor der ersten Reihe erklang ein gr�sslicher Schrei. Ein zerschundener K�rper wirbelte �ber die erste Schlachtlinie hinweg. Ein kopfloser Torso. Er krachte in die Schilde, riss M�nner nieder, brachte die Reihen ins Wanken.</p><p>Narek riss seine Standarte hoch. Und dann erschien der Kopf des Ungeheuers, das den Turm trug. St�hlerne Z�hne ragten krumm aus seinem Maul, und eine goldgeschuppte Schlange wand sich mitten in seinem Gesicht.</p><p>Mit einem Kopfschlenkern zerschmetterte die Bestie die erste Reihe. Eisen kreischte auf Bronze, zerfetzte das goldschimmernde Metall, riss Leiber auf. Abgebrochene Pfeile ragten aus den Flanken des Ungeheuers, doch nichts schien es aufhalten zu k�nnen.</p><p>Rings um Narek lie�en M�nner ihre Speere und Schilde fallen und wandten sich zur Flucht. Doch in den dichtgedr�ngten Schlachtreihen gab es kein schnelles Entkommen.</p><p>Das Ungeheuer stieg �ber die B�schung. Wieder zerschmetterten die langen Eisensicheln, die aus seinem Maul ragten, Schilde und Brustpanzer. Ein aufgerissener Eberzahnhelm fiel vor Nareks F��e. Die bleichen Hauer waren gesplittert und glitten von den Lederschn�ren, die sie gehalten hatten.</p><p>Das Geschrei ringsherum war unbeschreiblich. M�nner fluchten, flehten um Gnade, schrien vor Schmerz und Angst. Und weiter unten ert�nten noch weitere der tierischen Trompetenst��e, als wolle eine ganze Horde dieser Ungeheuer gleich die B�schung hinaufkommen.</p><p>Ein Verzweifelter griff nach einem der breiten Lederriemen, die den Turm hielten, der auf den R�cken der Bestie geschnallt war. Er zog sich hoch, um den baumdicken Beinen des Ungeheuers zu entgehen, die die letzten Standhaften in den Boden zu trampeln drohten. Der Mann war schon ein ganzes St�ck hinauf, als ihn ein kurzer Wurfspeer durchbohrte.</p><p>Das Ungeheuer schwenkte den Kopf. Jetzt sah Narek aus n�chster N�he, was die Sichelklingen anrichteten. Blut spritzte ihm ins Gesicht. Die M�nner in der Reihe vor ihm starben binnen eines Herzschlags. Sie zu t�ten kostete das Monstrum nur ein �rgerliches Kopfschwenken. Es gab nun niemanden mehr, der zwischen ihm und dem Ungeheuer stand. Der Boden vor Narek war bedeckt von sich windenden Leibern. Die Bestie setzte einen Fu� auf einen Glockenk�rass, und mit einem �chzen, das fast wie ein verzweifelter Seufzer klang, verbog sich das Metall.</p><p>Narek hielt seine Standarte dem Ungeheuer entgegen. Den L�wen von Nari. Er durfte nicht weichen. Die Worte Lamgis und die Bitten Ashots klangen ihm noch in den Ohren. Wenn er zur�ckging, w�rde die Linie zerbrechen.</p><p>Rinnsale aus Blut perlten von der zerfurchten, grauen Haut des Ungeheuers. Einer der gest�rzten Krieger erhob sich. Ein Mann mit einem pr�chtigen Rosshaarbusch auf dem verrutschten Helm. Ashot! Sein Freund streifte seinen Schild vom Arm, zog das Eisenschwert aus der roten Lederscheide und hieb auf eines der Beine des Ungeheuers ein. Ashot schrie ihm etwas zu, doch die Worte verklangen im Get�se der Schlacht.</p><p>Das Ungeheuer lie� sich von der Schramme an seinem Bein nicht aufhalten. Es stand nun unmittelbar vor Narek.</p><p>�Der L�we von Nari weicht nicht vor dir zur�ck�, sagte Narek ziemlich kleinlaut.</p><p>Die goldgeschuppte Schlange schnellte vor, um nach ihm zu greifen, als er zur Seite gerissen wurde. Lamgi!</p><p>Narek hielt mit beiden H�nden seine Standarte. Seine F��e gehorchten ihm nicht mehr. Sie waren wie gel�hmt. Er vermochte sich keinen Zoll zu bewegen. Das Ungeheuer st�rmte an ihm vorbei.</p><p>Ashot war jetzt bei ihm. Auch er griff nach dem Schaft der Standarte und st�tzte sich schwer darauf. �Gasse bilden!�, schrie er aus Leibeskr�ften. �Lasst das Ungeheuer durch! Versucht nicht es aufzuhalten.�</p><p>Tats�chlich �ffnete sich die Schlachtlinie, und als h�tten Ashots Worte einen Zauberbann auf die Kreatur gelegt, versuchte sie nicht nach links oder rechts auszubrechen, sondern st�rmte mit einem lauten Trompetensto� durch den Hohlweg, der sich inmitten der Menschenmassen gebildet hatte.</p><p>�Zur�ck, M�nner! Zur�ck zur B�schung!�, rief Ashot.</p><p>Narek hielt sich an der Seite seines Kameraden. Auf der anderen Seite flankierte ihn Lamgi. Beide beschirmten ihn mit ihren Schilden. Narek schwenkte stolz den goldenen L�wen auf der Stange. �Folgt mir, L�wen von Nari�, rief er mit rauer Stimme. Sein Mund war trocken, Schwei� brannte ihm in den Augen, und die Knie wurden ihm weich, als er in das Flussbett blickte. Dutzende der Ungeheuer st�rmten in blinder Panik den Flusslauf entlang oder rannten ihren eigenen Truppen entgegen. Einige waren allerdings auch durch den Schildwall gebrochen. �berall lagen Tote und Verwundete.</p><p>Der Unsterbliche erklomm vor ihnen die B�schung. Datames ging an seiner Seite, ein schmales, bluttriefendes Schwert in H�nden. Narek h�tte niemals gedacht, dass der bartlose Hofmeister auch ein Krieger war.</p><p>�Gut, dass du die Schlachtreihe gehalten hast�, sagte der Unsterbliche und klopfte Ashot auf die Schulter. �Du, Narek, bleibst dicht bei mir. Alle sollen wissen, dass ich dort bin, wo der goldene L�we steht.� Aaron nickte ihm anerkennend zu. �Du bist ein tapferer Mann, Narek aus Belbek. Ich bin stolz, an deiner Seite zu stehen.�</p><p>Narek seufzte. Der Unsterbliche hatte sich seinen Namen gemerkt. Unter all diesen M�nnern! H�tte das nur Rahel h�ren k�nnen! Sie w�rde ihm niemals glauben, wenn er das erz�hlte. Niemand im ganzen Dorf w�rde diese Geschichte glauben! Aber er w�rde sie trotzdem erz�hlen.</p><p>�H�r auf, so d�mlich zu grinsen�, sagte Ashot mit einem L�cheln. �Das passt nicht zu einem Helden.�</p><p>�Meinst du, wir k�nnen ihn mit nach Belbek nehmen? F�r eine Stunde vielleicht?�</p><p>Sein Freund runzelte die Stirn. �Wen?�</p><p>�Den Unsterblichen �� Die Worte waren kaum �ber seine Lippen, da bereute er sie und begriff, was f�r einen Narren er gerade aus sich machte. �Ich meine � Keiner wird uns glauben. Das ist doch �� Er machte eine weit ausholende Geste zum Flussbett hin. �Das wird sich keiner im Dorf vorstellen k�nnen.�</p><p>Statt zu antworten, sah Ashot ihn nur mit weiten Augen an. Nein, er blickte leicht an ihm vorbei. Narek wandte den Kopf. Der Unsterbliche stand hinter ihm. Er hatte alles geh�rt.</p><p>�So sei es�, sagte er majest�tisch. �Wenn dieser Tag vor�ber ist, werde ich mit euch beiden nach Belbek gehen und von euren Heldentaten berichten, auf dass es niemals jemand wage, euch L�genm�uler zu nennen. Doch jetzt helft mir, diese Schlacht zu gewinnen.�</p><p>Ein junger H�fling dr�ngte sich durch die Reihen der Krieger und reichte dem Unsterblichen dessen L�wenhelm. Aaron setzte ihn auf, und sein menschliches Antlitz verschwand hinter der Fratze des Raubtiers. Aaron b�ckte sich und hob den Schild eines Toten auf. Dann hieb er mit seinem Schwert auf den bronzenen Schildbuckel. Es war eine trotzige Geste. Sie hatten gelitten, aber sie waren nicht geschlagen. Es brauchte mehr als ein paar graue Ungeheuer, um sie von der B�schung zu vertreiben. �Schildwall!�, rief der Unsterbliche. Seine Stimme klang dumpf durch das Metall.</p><p>�Schildwall�, rief nun auch Narek und hob einen Schild auf. Andere taten es ihm gleich, und auch sie schlugen mit der flachen Seite ihrer Schwerter auf die Schilde. Es war ein L�rm, der bis zum G�tterhimmel zu h�ren sein musste.</p><p>�Schildwall!� �berall entlang der Uferb�schung wurde der Ruf aufgenommen, und so weit Narek blicken konnte, schloss sich die Mauer aus Menschen wieder.</p></section><section><title><p>Keine Magie</p></title><p>Kurunta traute seinen Augen nicht. Er war skeptisch gewesen, ob der Einsatz der Elefanten ein Erfolg werden k�nnte, aber das, was sich dort unten im trockenen Fluss abspielte, �berstieg seine schlimmsten Bef�rchtungen. Er sah es zwar nur verschwommen, aber die Elefanten waren so riesig, dass selbst ein halb blinder Greis sie nicht h�tte �bersehen k�nnen. Sie stoben auseinander und geb�rdeten sich wie toll. Was Kurunta nicht erkennen konnte, war, warum es geschah. Er musste n�her heran!</p><p>�Labarna! Ich brauche ein paar Schildtr�ger und Bogensch�tzen!� Er winkte dem Hauptmann seiner Leibwache und stieg den H�gel hinab. Er w�rde selbst ins Flussbett hinabsteigen und nachsehen, was dort unten vor sich ging.</p><p>Ein Elefant st�rmte ihm mit aufgestellten Ohren entgegen. Ein furchterregendes Ungeheuer mit einer schweren Bronzemaske, die von einem breiten Kamm rot gef�rbten Rosshaars gekr�nt wurde, hinter dem der Mahout, der Elefantenf�hrer, im Nacken des Tieres sa�. Der Treiber versuchte verzweifelt, das Tier mit seinem Haken zum Halten zu bringen. Er schlug die Eisenspitze immer wieder in Nacken und Hals des Elefanten. B�che roten Blutes str�mten �ber die zerfurchte Haut, doch das Tier schien es kaum zu bemerken. In den schwarzen Augen des Elefanten standen Panik und Entsetzen. Er h�rte die verzweifelten Schreie des Treibers nicht, sp�rte dessen Hiebe nicht.</p><p>Kurunta beeilte sich, dem rasenden Ungeheuer aus dem Weg zu kommen. Es st�rmte den Kolonnen entgegen, die dicht gedr�ngt hinter den H�geln standen. Der Kriegsmeister fluchte. Nichts w�rde das Mistvieh aufhalten. Es w�rde vielleicht noch Dutzende Krieger zu Tode trampeln. Die M�nner in den Angriffskolonnen k�nnten ihm kaum ausweichen. Wenn er je wieder Elefanten in eine Schlacht f�hrte, w�rde er daf�r sorgen, dass die Mahouts ein Mittel besa�en, die Untiere zum Halten zu bringen, wenn sie sich gegen ihre eigenen Leute wandten. Vielleicht einen Dolch oder besser noch einen scharfen Mei�el, den die Mahouts mit einem kr�ftigen Hammerschlag zwischen die Nackenwirbel der Tiere treiben konnten. Das w�rde auch einen Elefanten aufhalten.</p><p>Labarna erreichte ihn mit einem Gefolge von Kriegern. Sofort hielten sie sch�tzende Schilde vor ihn. Der Hauptmann seiner Leibwache bedachte ihn mit einem tadelnden Blick, weil er sich ohne Eskorte in die N�he des Elefanten begeben hatte.</p><p>�F�hr dich nicht auf wie eine Glucke, Labarna. Wir sind noch fast hundert Schritt von der feindlichen Schlachtlinie entfernt.�</p><p>�Aber ihre Bogensch�tzen, Herr!�</p><p>�Die haben jetzt anderes im Sinn, als auf einen halb verbrannten Kr�ppel zu schie�en. Folgt mir!� Kurunta f�hrte die M�nner zur Uferb�schung. Die Mehrzahl der Elefanten war au�er Gefecht. Er sah, wie einige der Tiere mit ihren R�sseln nach ihren F��en tasteten.</p><p>Inzwischen waren die Pl�nkler Aarons vor die Schlachtlinie zur�ckgekehrt. Die wenigen L�cken, die die Elefanten in den Schildwall gerissen hatten, schlossen die Bauern bereits wieder. Nur auf dem linken Fl�gel, wo mehrere Tiere durchgebrochen waren, herrschte noch Unordnung. Und das w�rde sich auch nicht schnell �ndern, dachte er mit aufkeimender Zuversicht. Er h�tte mehr Pl�nkler zum Schutz der Elefanten abstellen sollen. Seine Bogensch�tzen und Speerwerfer schlugen sich zwar tapfer, aber sie w�rden bald aus dem Flussbett zur�ckgedr�ngt sein.</p><p>�Wir sollten nicht n�her herangehen, Herr. Wir sind in Reichweite ihrer Bogensch�tzen.�</p><p>�Ich bin nicht Kriegsherr geworden, weil ich mich wegen ein paar Pfeilen anpisse�, entgegnete Kurunta unwirsch und stieg die B�schung herab. Er musste herausfinden, was dort unten geschehen war, sonst konnte er keine weiteren Angriffe f�hren. Er wollte nicht mit ansehen, wie die Angriffskolonnen auseinanderbrachen und in Panik gerieten.</p><p>Labarna nahm einem der Speertr�ger aus der Eskorte den Schild ab und beschirmte Kurunta damit, w�hrend die Bogensch�tzen auf der B�schung blieben und dar�ber wachten, dass ihnen niemand zu nahe kam. Die Sch�tzen geh�rten zur Leibgarde Muwattas und trugen knielange Schuppenpanzer aus Bronze. Ihr Haar war mit breiten, purpurnen B�ndern zur�ckgebunden. Solche Krieger konnte Aaron einfach nicht aufbieten, dachte Kurunta stolz. Sie w�rden das Heer von Aram zerschmettern. Er h�tte gleich mit seinen Speertr�gern angreifen sollen.</p><p>Der Blick des Kriegsmeisters schweifte �ber das Flussbett. Einige Pl�nkler Aarons kauerten hinter einem toten Elefanten und schleuderten mit Lederschlingen Steine nach ihm, doch Labarna sch�tzte ihn mit dem Schild, und die Bogensch�tzen sorgten schnell daf�r, dass sich die Schleuderer nicht mehr hinter der Deckung des gefallenen Kriegselefanten hervorwagten.</p><p>Ein funkelnder Dorn im Sand erweckte die Aufmerksamkeit des Kriegsmeisters. Er b�ckte sich danach und zog eine der Fu�angeln aus dem Sand. Vier dreikantige Stacheln, so gegeneinander versetzt, dass stets einer von ihnen nach oben wies, ganz gleich wie die Fu�angel auf den Boden fiel. Kurunta war erleichtert. Insgeheim hatte er bef�rchtet, es sei irgendeine Art von Magie gewesen, die seine Elefanten verr�ckt gemacht hatte und vielleicht auch seine Krieger in blinden Wahn getrieben h�tte, sobald sie ins Flussbett hinabstiegen. Mit etwas so Handfestem wie Fu�angeln hingegen w�rde er fertigwerden. Er hielt sie Labarna hin. �Das ist ihr Geheimnis. So besiegt man Elefanten. Und wenn wir unsere Speertr�ger schicken, werden alle Kolonnen in Unordnung geraten.�</p><p>Sein Leibw�chter betrachtete den Fund abf�llig. �Eine Waffe f�r Feiglinge. Wir sollten Feiglinge nutzen, um sie unbrauchbar zu machen. Die Krieger aus den K�stenprovinzen taugen nicht viel. Vor allem die, die in den letzten Wochen gekommen sind. Schickt sie voraus! Sollen sie mit ihren Leichen das Flussbett f�llen. Dann k�nnen unsere Garden unbeschadet �ber sie hinwegschreiten.�</p><p>Kurunta lachte herzhaft. Vor zwanzig Jahren h�tte er noch genauso gedacht. Seitdem war er nicht zum Menschenfreund geworden, aber er hatte begriffen, dass die Moral von Truppen mehr z�hlte als Waffen und starke Arme. �Es ist nicht gut, wenn unsere M�nner �ber die Leichenberge von Kameraden hinwegsteigen. Es gibt eine viel einfachere L�sung. Wir lassen sie schlurfend vorr�cken. Dann k�nnen ihnen die Fu�angeln nichts anhaben.�</p><p>Der Kriegsmeister blickte zum Himmel. Muwatta m�sste nun bei den Streitwagen sein. Er musste sich beeilen, wenn er den Schildwall durchbrechen wollte. Aber noch wollte er die Garde nicht einsetzen. Es war kl�ger, sie f�r den letzten, vernichtenden Schlag aufzusparen. �Ruf die Raben. Alle!�</p><p>Labarna nickte ergeben. Es war klug, die S�ldner einzusetzen, solange noch harte K�mpfe zu erwarten waren. Jeder, der verreckte, sparte Muwattas Gold. Bezahlt wurden sie erst nach der Schlacht. Ein Goldst�ck f�r jeden Kopf, den sie brachten. Sollten sie sich anstrengen! Hetzte er sie auf einen zerschlagenen Schildwall und fliehende Truppen, w�rde er den Unsterblichen arm machen.</p></section><section><title><p>Im Schildwall</p></title><p>Kolja blickte auf die Menschenmassen von Aarons Heer, die vom rechten Fl�gel davonliefen. Die Elefanten waren l�ngst durchgebrochen. Die Gefahr war vor�ber, aber die Panik griff unter den K�mpfern immer weiter um sich. Selbst erfahrene Krieger warfen einfach ihren Schild und ihren Speer fort und rannten. Und Bessos, der die Verst�rkungen hinter dem linken Fl�gel befehligte, tat nichts, um die Fl�chtlinge aufzuhalten und wieder Ordnung herzustellen.</p><p>Fluchend winkte Kolja seinen Streitwagenfahrer herbei. Er sprang auf, damit seine Truppen ihn gut sehen konnten. Etwa jeder vierte der Krieger geh�rte zu den Zinnernen. Das waren die, denen er vertraute. Der Rest kam aus den Leibwachen verschiedener Satrapen. Allerdings stand kein einziger der Provinzf�rsten unter seinem Kommando. Sie alle hatten es abgelehnt, Befehle von einem S�ldner entgegenzunehmen.</p><p>�Die ersten zehn Reihen folgen mir!�, schrie er. �Im Laufschritt marsch!� Mit diesen Worten sprang er vom Streitwagen. Er hielt nicht viel davon, sich in einem pr�chtigen Wagen herumfahren zu lassen und auf andere Krieger herabzublicken. Manchmal waren die Wagen n�tzlich, aber im Allgemeinen zog er es vor, auf seinen eigenen F��en zu stehen.</p><p>Eine halbe Meile trennte ihn von Bessos.</p><p>Kolja trug volle R�stung. Einen Glockenk�rass, Arm- und Beinschienen und einen Rock aus z�hen Lederstreifen. Aber kein Schmuck prangte auf seinem Helm. Zu oft hatte er gesehen, wie Klingen in eitlen Helmputz schlugen und den Helm vom Kopf rissen oder der pl�tzliche Ruck seinem Tr�ger das Genick brach.</p><p>Bessos hingegen war nicht zu �bersehen. Er stand auf einem Streitwagen, dessen R�sser herausgeputzt waren wie die Stiere, die zu den Opferalt�ren des gro�en Seefestes gef�hrt wurden. Und nicht anders sah Bessos aus. Der eitle Geck hatte sich ganz und gar in Scharlachrot und Gold gewappnet. Sein Leinenpanzer war rot eingef�rbt und mit einem goldenen L�wenhaupt geschm�ckt. Ein langer, roter Rossschweif wehte von seinem Helm, und in der ersten Reihe seiner Truppen gab es mehr L�wenstandarten als Speere. Der Idiot glaubte wohl, er w�rde zur Parade eines Tempelfestes kommen!</p><p>Koljas Atem ging schwer, als er den Streitwagen des Satrapen erreichte. Er war aus der �bung gekommen, hatte zu lange nicht mehr gek�mpft. Die Monde auf Nangog hatten ihn fett gemacht.</p><p>�Du musst den rechten Fl�gel retten! Befiehl deine M�nner nach vorn!�</p><p>�Du vergisst wohl, wer vor dir steht, Barbar.�</p><p>Man musste in Seidenlaken geboren sein, um diesen hochn�sigen Tonfall zu beherrschen. �Wenn es Euch nichts ausmachen w�rde, hochwohlgeborener Bessos, w�rde es zur Rettung des Sieges wohl von Vorteil sein, wenn Ihr Euren Kriegern befehlt, den Schildwall zu verst�rken.�</p><p>�Ich wei�, wie Schlachten gewonnen werden. Es gibt eine Befehlskette. Nur Narren handeln danach, wie ihnen gerade der Sinn steht. Ein kluger Befehlshaber wartet auf seine Befehle. Und du, Barbar, hast gerade deinen Posten in der Mitte der Schlachtlinie verlassen.� Er winkte seinen Kriegern. �Packt den Kerl! Der Unsterbliche Aaron wird nach der Schlacht seinen Kopf wollen.�</p><p>�Bogensch�tzen!�, rief Kolja. Er hatte geahnt, dass sich Bessos weigern w�rde. Ein Dutzend seiner Zinnernen legten auf den Satrapen an. �Sollte auch nur einer seiner Krieger Hand an mich legen, legt ihr dieses Schwein in Scharlach um.� Er wandte sich an die K�mpfer der Satrapen. �M�nner Arams, der Unsterbliche Aaron braucht euch. Jetzt! Rettet die Schlacht f�r ihn. Folgt mir!�</p><p>�Wir warten auf die Befehle des Unsterblichen!�, rief Bessos herrisch. �Seid keine Narren! Der Sieg h�ngt einzig davon ab, dass ihr zur Stelle seid, wenn ihr gerufen werdet.�</p><p>Koljas Blick wanderte �ber die Gesichter der Krieger. Manche wirkten unentschlossen, doch die Mehrheit vertraute dem Satrapen.</p><p>�Wir sehen uns nach der Schlacht, Bessos. Dann komme ich mit einem Befehl des Unsterblichen, und der wird lauten, dir deinen Leib aufzuschlitzen und dich vor den Augen dieser Memmen hier mit deinen eigenen Ged�rmen zu erw�rgen.� Er wandte sich ab. �Bogensch�tzen, ihr behaltet Bessos und seine Krieger im Auge. Ich will nicht mit einem Pfeil im R�cken verrecken. Ihr geht langsam zur�ck.� Kolja zog sein Schwert und lie� die schlanke Klinge aus der ledernen Prothese fahren. �Speertr�ger! Folgt mir!�</p><p>Er lief am Kadaver eines gest�rzten Ungeheuers vorbei. Der Elefant war erst zusammengebrochen, nachdem er durch die Linien gelangt war. Etliche Pfeile und abgebrochene Speere ragten aus den Flanken des Tieres. Die M�nner im Kampfturm waren niedergemetzelt worden.</p><p>Kolja l�chelte. Wenn er das hier �berstand, wollte er auch einen Elefanten haben. Sie waren gro� und h�sslich und hart im Nehmen, genau wie er.</p><p>�Wovor flieht ihr?�, schrie er die M�nner an, die ihm entgegenkamen. �Die Elefanten sind hier hinten. Vorne gibt es keine mehr. Zur�ck mit euch!�</p><p>Seine Worte hatten so gut wie keine Wirkung. Die M�nner schienen ihn nicht einmal zu h�ren. Kaum einer kam zur�ck. Aber wenigstens fassten jene, die geblieben waren, neuen Mut.</p><p>�Wir bilden einen Schildwall!�, rief er seinen Kriegern zu. �Die Ersch�pften und Verwundeten gehen zur�ck.�</p><p>Kolja stieg �ber abgetrennte Gliedma�en und zerschmetterte K�rper. Noch nie hatte er ein solches Massaker gesehen. Er konnte verstehen, warum die Bauern davonliefen. Er nahm einem Bauern eines der goldenen Feldzeichen aus den H�nden, das Aaron an die Truppen hatte verteilen lassen. Am Rand der Uferb�schung rammte er es in den sandigen Boden. �Hier stehen die Zinnernen�, br�llte er �ber den Fluss hinweg. �Und wir werden nicht weichen!�</p><p>Drei Kolonnen aus Speertr�gern kamen ihnen gegen�ber die Uferb�schung hinab. Schw�rme von Bogensch�tzen unterst�tzten ihren Vormarsch. Sie alle gingen seltsam schlurfend wie alte M�nner.</p><p>Kolja fluchte, als ihm klar wurde, warum sie das taten. Kaum einer von ihnen strauchelte, weil er in eine Fu�angel getreten war.</p><p>Der Hauptmann der Zinnernen duckte sich hinter den Schild seines Nebenmannes, als die ersten Pfeile auf sie niedergingen. �Haltet den Schildwall�, befahl er ruhig. �Lasst sie kommen. Und dann stecht sie ab.�</p><p>Kolja war sich bewusst, wie verwundbar er in der ersten Reihe ohne einen Schild war. Aber mit der Lederprothese w�rde er keinen Schild halten k�nnen. Er wusste, was auf sie zukam. Sie hatten diese Art des Kampfes ge�bt, aber nichts kam der Wirklichkeit auch nur nahe.</p><p>�Senkt die Speere!� Die vorderen Reihen der drei Angriffskolonnen hatten fast den Fu� der B�schung erreicht. Klappernd senkten sich Speere auf bronzeverst�rkte Schildr�nder. Auch die Angreifer senkten ihre Waffen. Die Speerspitzen der zweiten Reihe reichten noch ein gutes St�ck �ber die Schilde hinweg. Das waren die M�nner, die das meiste Blut vergie�en w�rden.</p><p>Kolja kannte die schwarzen Federkr�nze, die die Bronzehelme umschlossen. Rabenfedern. S�ldner. Ein halbes Jahr lang hatte er zu ihnen geh�rt, dann hatte er entschieden, dass er kein Aasfresser war. Die Raben verdingten sich an jeden. Ihr Ruf war schlecht. Ihre Soldvertr�ge auch. Dennoch gab es etliche harte Kerle unter ihnen.</p><p>�Halten!�, beschwor Kolja noch einmal seine M�nner, dann prallten die Schilde aufeinander. Er stemmte sich gegen den Schildrand des Kriegers, der ihn besch�tzte und stach nach dem Gesicht eines Raben. Gleichzeitig wurde seine Beinschiene von einem Speersto� getroffen. Die M�nner in der zweiten Reihe suchten nach L�cken in der Deckung. Sie stachen �ber und unter den Schilden hinweg. �berall stie�en Speerspitzen vor. Schnell wie angreifende Schlangen. Stie�en gegen Schilde, schrammten �ber Helme.</p><p>Die Schilde der vorderen Reihen rieben gegeneinander. Jeder versuchte den Feind zur�ckzudr�ngen. Der Mann hinter ihm dr�ckte Kolja den Schild in den R�cken. Von vorne pressten die Raben. Der Hauptmann war froh, einen Glockenpanzer zu tragen. Wenn der Druck zu stark wurde, bekam man kaum noch Luft.</p><p>Er hatte M�he, seinen Schwertarm freizubekommen. Er hieb mit aller Kraft seitlich an seinem Kopf vorbei. Doch er traf nur einen Schildrand. Ein Speer zielte auf sein Gesicht. Er riss den Kopf zur Seite. Das Stichblatt schrammte �ber die Wangenklappe seines Helms.</p><p>�Halten�, beschwor er seine M�nner.</p><p>Pfeile stie�en in steilem Winkel vom Himmel hinab. Die Pl�nkler! Sie schossen wohl aufs Geratewohl in den Himmel hinauf und vertrauten darauf, dass sie in dem dichten Gedr�nge etwas treffen w�rden. Um das Leben der Raben schienen sie sich dabei nicht sonderlich zu k�mmern.</p><p>Etwas zuckte auf ihn zu. Kolja senkte im Reflex das Kinn auf die Brust. Eine Speerspitze traf auf seinen Helm und glitt nach oben hin ab. Fast h�tte sie sein Gesicht getroffen.</p><p>Sein Schwert schlug eine Kerbe in den Schild des Raben vor ihm. Das Gesicht seines Gegners war kaum drei Handbreit entfernt. Er starrte ihm mit harten, schwarzen Augen entgegen. Ein silberner Schwei�tropfen hing von seiner Nasenspitze.</p><p>�Ich mach dich kalt, Rotgesicht!� Wieder schnellte die Speerspitze vor.</p><p>�Haltet eure Speere tief. Sto�t nach ihren Beinen�, rief Kolja nach hinten.</p><p>Der Mann vor ihm senkte den Schild ein wenig, um sich zu sch�tzen. Diesmal holte Kolja mit seinem Schwert nicht zu einem Hieb aus. Er setzte einen geraden Stich und jagte dem Mann vor ihm die Klinge durch die zusammengepressten Lippen tief in den Mund. Er h�rte das Eisen �ber die gesplitterten Z�hne knirschen, als er sein Schwert zur�ckzog. Blut quoll in pulsierenden St��en aus dem Mund des Sterbenden. Voller Hass starrte der Rabe ihn an. Seine Augen brachen, aber er st�rzte nicht. Der Tote war zwischen den dr�ckenden und schiebenden Schildw�llen eingekeilt.</p></section><section><title><p>Das Herz des Heeres</p></title><p>�Das reicht! Wir gehen �ber den Fluss!�</p><p>Muwatta war zufrieden. Alles war gekommen, wie er es geplant hatte. Er gab dem Boten Kuruntas ein Zeichen, sich zur�ckzuziehen. Der junge Reiter hatte berichtet, dass die Elefanten erste Breschen in den Schildwall Aarons geschlagen hatten und der Angriff der Speertr�ger begonnen hatte.</p><p>Der Unsterbliche blickte �ber die B�schungen, die von seinen Sklaven eingeebnet worden waren. Mehr als zweihundert Schritt auf jeder Seite des trockenen Flusses. Er hatte seine Streitwagenschwadrone schon in der Nacht hierher verlegt. Der Ort, den er f�r die �berquerung ausgew�hlt hatte, lag hinter der weiten Biegung, dort, wo das trockene Flussbett sich nach Norden schwang. Die Stelle lag au�er Sicht der Truppen Arams.</p><p>Muwatta hatte Sp�her ans andere Ufer geschickt. Dort war niemand. Erst Meilen entfernt lagerte eine kleine Truppe schwarz gewandeter Krieger, die die �u�erste rechte Flanke von Aarons Schlachtlinie sch�tzten. Vielleicht zweihundert Mann. Das war l�cherlich. Die Streiter Luwiens w�rden wie ein pl�tzlicher Sommersturm �ber das Heer Arams kommen. Und so wie w�tende Sturmb�en den Weizen flachdr�ckten, w�rden sie die Schlachtreihe niederwalzen. Die zweihundert Krieger konnten sie nicht aufhalten. Auf jeden von ihnen k�men mehr als zehn Streitwagen.</p><p>Muwatta nahm die Z�gel seines Wagens selbst in die Hand. Es war ein schwerer Sichelwagen, von vier pr�chtigen R�ssern gezogen. Er lenkte ihn einen H�gel hinauf, sodass er die Streitmacht �berblicken konnte, die er zum Sieg f�hren w�rde. Streitwagen aus allen Provinzen seines Reiches. Die Frontlinie w�rden die schweren Sichelwagen bilden. Auf die Flanken k�men die leichteren Wagen, die von je zwei Pferden gezogen wurden. Dort stand ein Bogensch�tze neben dem Wagenlenker, der selbst bei voller Fahrt sicher sein Ziel zu treffen vermochte. Diese leichten Wagen hatten sich vor allem im Krieg in der Steppe bew�hrt und selbst den Reiterscharen der Ischkuzaia manche Niederlage beigebracht. Sie waren schnell wie der Wind und die Bogensch�tzen darauf jedem Steppenreiter �berlegen. Die leichten Wagen w�rden die Flanken des Gegners �berfl�geln und in seinen R�cken fallen. Unabl�ssig w�rden sie den Feind mit Pfeilen eindecken und dabei jedem Nahkampf ausweichen. Die schweren Sichelwagen aber w�rden die Frontlinie durchbrechen.</p><p>Stolz erf�llte Muwatta beim Anblick seiner Streitwagen. Dort unten gab es keinen einzigen Mann, der sich nicht schon in Schlachten bew�hrt hatte. Sie waren das Herz seines Heeres.</p><p>Pl�tzlich ging ein Raunen durch die Menge. Alle blickten zum Himmel hinauf.</p><p>Muwatta folgte den Blicken. �ber ihm sank I�ta in langsamem Flug aus dem wolkenlosen Blau herab. Sie hielt mit beiden H�nden einen langen Speer.</p><p>�Muwatta, mein Auserw�hlter.� Ihre Stimme wogte wie Donner von Horizont zu Horizont. �Diesen Speer hat mein Bruder Langarm f�r dich erschaffen. Er wurde geschmiedet, einen Unsterblichen zu t�ten. Aaron r�ttelt an der Ordnung der Welt. Stelle ihn und nimm Rache f�r Nangog. Du hast meinen Segen, seinen Kopf zu nehmen. Aaron hat uns alle herausgefordert. Lass ihn heute f�r seinen Hochmut b��en. Die Augen meiner Br�der und Schwestern ruhen auf dir und den Deinen, Muwatta. Sie sind alle hier. Im Wind, in den Steinen, im Staub des Landes. Sie sind zugegen, um zu sehen, wie du die Ordnung unserer Welt bewahrst.�</p><p>Muwatta nahm den Speer aus den H�nden der gefl�gelten G�ttin. Ein unbeschreibliches Hochgef�hl �berkam ihn. Nichts und niemand w�rden ihm widerstehen. Er hob den Speer hoch �ber den Kopf, sodass all seine Streitwagenkrieger ihn sehen konnten. �M�nner, folgt mir zum Ruhm. Heute werden wir alle unsterblich. Die Namen der Sieger dieses Tages werden bis ans Ende aller Zeiten in das Ged�chtnis aller V�lker eingebrannt sein!�</p><p>Mit diesen Worten nahm er die Z�gel auf, lenkte den Wagen den H�gel hinab und passierte an der Spitze seiner Schwadronen die eingeebnete Uferb�schung.</p></section><section><title><p>Die Garde vor!</p></title><p>Kurunta stand auf einem H�gel nahe am Steilufer und beobachtete die Schlacht. Nur eine der Reserveeinheiten war noch hinter der Linie Arams verblieben, und ihr Schildwall wankte. Die M�nner in den ersten Reihen waren durstig und ersch�pft. Der Kampf w�hrte nun schon fast zwei Stunden. Obwohl die Mittagsstunde noch lange nicht erreicht war, war es schon unertr�glich hei�. Verbissen rangen die M�nner um jeden Fu�breit Boden, schoben und dr�ckten. Wie Speere schleuderte er seine Angriffskolonnen gegen den Schildwall, griff immer an denselben Stellen an und zerm�rbte die Verteidiger. Zwei Drittel der Krieger Aarons hatten noch gar nicht gek�mpft. Aber sie konnten ihren Platz nicht verlassen, ohne den Schildwall aufzul�sen.</p><p>Aufgewirbelter Staub lag wie ein gelbbrauner Nebelschleier �ber den K�mpfenden. Sie litten Durst, Kurunta wusste das. Allein ihnen zuzusehen machte auch ihn schon durstig. Er schnippte nach einem seiner Leibw�chter und lie� sich einen Schlauch mit Essigwasser reichen. Nichts l�schte den Durst besser bei dieser Hitze.</p><p>Der Kriegsmeister verzog das Gesicht, als er den ersten sauren Schluck nahm. Im Osten stieg eine riesige Staubwolke auf. Muwatta hatte also den Fluss �berschritten. Er sollte nicht allen Ruhm allein ernten.</p><p>Kurunta winkte seinen Hauptleuten und deutete auf die Mitte der Schlachtlinie. �Dort bei der L�wenstandarte im Zentrum steht der Unsterbliche Aaron. Ruft die Garde! Wir werden f�nfzig Schritt rechts und links von ihm durchbrechen und ihn einkreisen. Sein Schildwall ist an beiden Stellen nur noch schwach. Wir werden die Schlacht entscheiden.�</p><p>Labarna deutete auf einen gro�en Block von Kriegern, der sich hinter der Kampflinie hielt. �Noch haben sie Reserven, Herr. Sollten wir nicht noch ein wenig warten, bevor die Garde eingreift?�</p><p>Ver�rgert blickte er zu dem h�nenhaften Krieger. Was erdreistete er sich, ihm in Anwesenheit anderer Ratschl�ge zu erteilen! �Jetzt ist unser Augenblick! Seht ihr die Staubwolke im Osten? Dort r�ckt Muwatta vor. In einer halben Stunde ist alles vor�ber. Wenn wir jetzt nicht k�mpfen, wird keine Gelegenheit mehr bleiben, unsere Speere zu nutzen, und nichts vom Ruhm dieses Tages wird auf die besten Krieger Luwiens entfallen. Das dulde ich nicht. Die Garde vor! Ich selbst werde sie anf�hren.�</p><p>Kurunta setzte seinen Helm auf. Eine einfache Bronzeschale ohne �berfl�ssigen Schmuck. Es war der erste Helm, den er in seinem Leben getragen hatte. Gleich in seiner ersten Schlacht hatte er einem schweren Hieb standgehalten. Noch heute war die tiefe Kerbe in der Bronze zu sehen. Der Helm hatte ihm damals das Leben gerettet. Seitdem trug er ihn in jedem Kampf. Den Helm eines einfachen Soldaten. Er hatte ihm immer Gl�ck gebracht.</p><p>Kurunta verschn�rte die Lederriemen unter dem Kinn und blickte zur Garde, die rechts und links am H�gel vorbei in vier Kolonnen zum trockenen Flussbett marschierte. Zweitausend Mann. Jeder einzelne ein handverlesener Veteran. Sie trugen scharlachrote Umh�nge und wuchtige, rechteckige Schilde in derselben Farbe. Um ihre spitz zulaufenden Bronzehelme hatten sie Seident�cher in Scharlach gewickelt. Jeder besa� ein eisernes Schwert, und auch ihre Speerspitzen waren aus Eisen. Ihnen folgten die Bogensch�tzen der Garde in ihren langen, bronzenen Schuppenpanzern. Sie w�rden aus den hinteren Reihen den Angriff mit einem Pfeilhagel unterst�tzen.</p><p>�Sie tragen viele Standarten�, bemerkte Labarna. �Jedes der Feldzeichen kostet uns einen Speer, der zusto�en kann.�</p><p>Kurunta wusste, dass Labarna seit Langem einen Groll gegen die Garde des Unsterblichen hegte. Sie hatten ihn vor langer Zeit abgelehnt, weil sie keinen H�nen unter sich haben wollten, der alle anderen neben ihm klein aussehen lie�.</p><p>�Ein einfacher Krieger z�hlt Speere, Labarna�, entgegnete er seinem Leibw�chter mit einem s�ffisanten L�cheln. �Ein Feldherr aber denkt weiter.�</p><p>Gestern Abend erst hatte er die neuen Ehrenzeichen an die Garde austeilen lassen. Jede Hundertschaft trug eine Standarte, von deren Querstange ein scharlachrotes Tuch hing, auf das in Gold die gefl�gelte G�ttin aufgestickt war.</p><p>�Wenn wir durch den Schildwall brechen, werden unsere Feinde auch im dichtesten Kampfget�mmel sehen, wie die Feldzeichen an ihnen vor�berziehen. Im Handgemenge kann keiner sehen, was auch nur f�nf Schritt entfernt geschieht. Aber die Standarten wehen deutlich erkennbar �ber allen H�uptern. Aaron und seine Leibwache werden wissen, wenn sie eingekreist werden. Und das wird ihre Kampfmoral tiefer treffen, als zwanzig zus�tzliche Speere es k�nnten.�</p></section><section><title><p>Die Linie bricht</p></title><p>Artax hatte kaum noch die Kraft, seinen Schild zu halten. Mit einem Schlag aus dem Handgelenk wischte er eine feindliche Speerspitze zur Seite und versuchte dann �ber einen Schildrand hinwegzustechen. Doch sein Gegner war auf der Hut, duckte sich, und die Klinge traf nur seinen Helm. Eberz�hne splitterten, das z�he Leder darunter war zerteilt. Der getroffene Krieger schrie auf, versuchte zur�ckzuweichen, doch die ineinander verkeilten Reihen der K�mpfer erlaubten keinen R�ckzug. Artax setzte nach, stach ein zweites Mal zu und traf den Mann diesmal �ber dem Wangenschutz ins Auge.</p><p>Im hellen Sonnenschein war das feine, gr�ne Licht, das um die Klinge seines Schwertes spielte, fast nicht zu sehen. Artax ahnte, dass sein Schwert etwas von jedem nahm, der unter seiner Schneide starb. Mehr als nur ein Leben. Es war eine verfluchte Waffe. Sie hatte ihm den Namen K�nig Geisterschwert eingebracht. Er sollte die Klinge in der Scheide ruhen lassen, aber ihre Lage war viel zu verzweifelt, um auf irgendeinen Vorteil verzichten zu k�nnen.</p><p>Der Schildwall war durchbrochen. Rechts und links konnte er die Feldzeichen von Muwattas Leibgarde sehen. Ein St�ck voraus k�mpfte ein h�nenhafter Krieger mit einer Keule und zerschmetterte Schilde wie Helme, so leicht, als seien es nur Eierschalen. Zwei Mal schon hatte Artax versucht, zu dem Krieger durchzubrechen, aber in dem Gedr�nge kam er nicht voran.</p><p>Datames wehrte einen Speersto� ab, der auf Artax� Gesicht gezielt hatte. Der Hofmeister schien nie zu erm�den. Kein Tropfen Schwei� stand auf seinem Gesicht, und er k�mpfte mit einer Leichtigkeit, als sei die Schlacht nur ein Tanz, bei dem sein Schwert schillernde, silberne F�cher in die Luft wob, die kein Angriff zu durchdringen vermochte. Nie zuvor hatte Artax einen Mann so fechten sehen. Datames war ein Krieger! Warum hatte er das bislang verborgen?</p><p>Etwas schlug hart gegen seinen Helm. Die Wucht des Treffers riss ihm den Kopf in den Nacken, er sah nur noch das makellose Blau des Himmels und tanzende Lichtpunkte. Aber er st�rzte nicht. Er stie� mit dem R�cken gegen Narek, der hinter ihm die Standarte hochhielt.</p><p>�Bitte, Herr, Ihr m�sst besser auf Eure Deckung achten. Sie zielen mit den Speerst��en auf Eure Augen. Selbst dieser Helm der G�tter vermag nicht allen Schaden von Euch abzuwenden.� Die Stimme von Datames ging fast im Schlachtenl�rm unter.</p><p>Artax sch�ttelte den Kopf. Immer noch flackerten die Lichtpunkte in seinem Gesichtsfeld. Ashot hatte sich vor ihn geschoben und schirmte ihn, so gut es ging, mit seinem Schild ab. Artax drehte den Kopf, so weit er konnte. Der H�ne mit der Keule arbeitete sich immer weiter voran. Keiner wagte es mehr, sich ihm in den Weg zu stellen. Vor ihm wich die Linie zur�ck.</p><p>�Siehst du den Riesen dort hinten, Datames? Du musst ihn aufhalten! Er ist gef�hrlicher als ein Kriegselefant.� Ein Pfeil traf seinen Helm. Das Metall t�nte wie eine Glocke und l�schte alle anderen Ger�usche der Schlacht aus.</p><p>W�tend warf Artax sich nach vorne. Sein Schwert schnitt durch einen Schild und zerteilte den Arm des Kriegers vor ihm. Ein R�ckhandhieb zerteilte den dichten Bart und drang in die Kehle seines Gegners. H�nde packten nach dem Sterbenden und zerrten ihn in Sicherheit. Ein Krieger, der sich eine nackte Frau, die zwei Schlangen hielt, auf seinen Schild gemalt hatte, nahm den Platz des t�dlich Verwundeten ein. Sie k�mpften mit verbissenem Mut, diese Luwier. Sie wussten, dass der Sieg nahe war.</p><p>�Narek!�, rief Artax aus Leibeskr�ften.</p><p>Hinter sich h�rte er eine Antwort, die in Schreien und Waffengeklirr nicht deutlich zu verstehen war. Artax wusste, dass sein Helm seine Stimme d�mpfte, aber er wagte es nicht, ihn abzunehmen. Er war das Ziel der meisten Angriffe. Wenn er zu Boden ging, w�re die Schlacht entschieden. Er konnte ihn nicht abnehmen.</p><p>�Such einen flinken L�ufer und schick ihn zu Bessos. Jetzt ist die Zeit, die letzten Reserven in die Schlacht zu werfen. Er muss sich durchschlagen, bevor wir umzingelt werden. Die Zeit dr�ngt. Wenn du mich verstanden hast, dann sto� mir deinen Ellenbogen in den R�cken.� Artax wehrte einen erneuten Speersto� nach seinem Helm ab. Der Kerl mit der nackten Frau auf dem Schild geb�rdete sich wie ein Irrer. Er h�pfte auf der Stelle, wiegte den Oberk�rper nach links und rechts, soweit das im Gedr�nge m�glich war, und lie� immer wieder seinen Speer vorzucken.</p><p>Artax trennte mit einem w�tenden Hieb das Stichblatt vom Speerschaft, als ihn ein Ellenbogensto� in den R�cken traf. Er atmete erleichtert auf. In dem Moment traf der Speerschaft auf den Sehschlitz seines Maskenhelms. Er kniff die Augen zusammen. Zu sp�t. Ein sengender Nadelstich brannte in seinem linken Auge.</p></section><section><title><p>Get�uscht?</p></title><p>Volodis H�nde schlossen sich fest um die B�gel an der Seitenwand des Streitwagens. L�nger als eine Stunde starrte er nun schon auf die H�gel auf der anderen Seite des trockenen Flussbettes. Seine Streitwagen blockierten den �bergang, der hier durch die zahllosen Karawanen geschaffen worden war, die in den letzten Wochen durch das Goldene Tor gekommen waren.</p><p>Auf den H�geln standen Bogensch�tzen und blickten zu ihnen her�ber. Irgendwo dort hinten waren Muwattas Streitwagen. Die Staubwolke war bis zur anderen Seite der H�gelkette gelangt. Dann hatte sie sich gelegt. Ein seltsames, graues Ungeheuer mit einem Turm auf dem R�cken war durch das Flussbett gelaufen. Die Satrapen hatten einige Pfeile auf das Untier abgeschossen, bis Volodi es ihnen verboten hatte. Er wollte nicht, dass die Bestie zu ihnen heraufkam. Die Pferde hatten Angst vor dieser Kreatur. Ein Ungeheuer zu reizen, das einen nicht beachtete, war dumm!</p><p>Volodi w�nschte sich, der Unsterbliche h�tte nicht all diese Satrapen bei den Streitwagen gelassen. Sie tuschelten �ber ihn. So laut, dass er es h�ren konnte.</p><p>Wieder wanderte sein Blick �ber die kargen H�gel. Sollte er angreifen? Sie waren weit in der Unterzahl. Wenn hinter der H�gelkette doppelt so viele Streitwagen warteten, wie sie selbst aufbieten konnten, und sie beim Angriff noch durch die Bogensch�tzen dezimiert wurden, gab es keine Hoffnung mehr auf Sieg.</p><p>�Volodi, schau!� Sein Wagenlenker deutete nach Osten, wo weit hinter Aarons Heer eine Staubwolke aufstieg.</p><p>Der S�ldner fluchte. Hatte Muwatta seine Streitwagenschwadronen aufgeteilt? War es ein Trick, um ihn vom �bergang fortzulocken?</p><p>Unter den Satrapen lachte jemand auf. Sp�ttisch, herablassend klang das Gel�chter. Volodi wusste, dass es ihm galt.</p><p>Wenn er hier abzog und die Hauptmacht Muwattas hinter den H�geln lauerte, dann hatte er diesen Fl�gel kampflos dem Feind �berlassen. Blieb er hier und dort hinten nahte Muwatta, hatte er den Unsterblichen Aaron dem Feind �berlassen.</p><p>�Wir gehen dorthin, wo Hufe Staub aufwirbeln�, sagte er leise und suchte in seinen eigenen Worten die Kraft f�r den Befehl.</p><p>�Sollen wir nicht einen Sp�her hin�berschicken?�, fragte Mikayla. �Zu den H�geln, meine ich ��</p><p>Volodi sch�ttelte den Kopf. �Ein einzelner Sp�her w�re nicht genug. Die Bogensch�tzen w�rden ihn nicht durchkommen lassen. Wir m�ssten zwanzig oder drei�ig Streitwagen opfern.�</p><p>�Vielleicht die Satrapen?�</p><p>Zum ersten Mal, seit sie hier angekommen waren, l�chelte Volodi. Mikayla war ein guter Kamerad. Er hatte den blonden Drusnier vom ersten Augenblick an gemocht. Ein paar Tage vor Mittsommer war er in ihr Lager gekommen. Kolja hatte ihn angemustert. Vor allem, weil der junge Krieger Drusnier war. Er war ein bisschen zu schlank, aber er bewegte sich wie ein erfahrener K�mpfer. Jeden Augenblick war er im Gleichgewicht. Immer auf der Hut. Mikayla erinnerte Volodi daran, wie er einst gewesen war, als er sich den Piraten der Aegilischen Inseln angeschlossen hatte.</p><p>Volodi seufzte. Wie wunderbar war sein Leben doch gewesen, als er nur ein einfacher Krieger gewesen war und keine Entscheidungen treffen musste, die den Ausschlag �ber Sieg oder Niederlage geben mochten. Er blickte versonnen zu der Staubwolke. Keine Entscheidung zu treffen machte es nicht besser. Er hatte lange genug gez�gert. Er w�rde dorthin gehen, wo gek�mpft wurde!</p><p>�Wir kehren um, Mikayla! Treib die Pferde an!� Volodi schwenkte den Arm. �Folgt mir!�</p><p>Er blickte nicht zur�ck.</p></section><section><title><p>Der L�gner</p></title><p>Bessos ging unruhig vor seinen M�nnern auf und ab. Er beobachtete die scharlachroten Feldzeichen. Warum ging es so langsam voran? War der Angriff zum Halten gekommen?</p><p>Hunderte Augen lasteten auf seinem R�cken. Er hatte die M�nner so antreten lassen, dass seine Treuesten in der vordersten Reihe und an den Flanken des gro�en Blocks standen. Die er nicht kannte und auch die Zweifler standen tief in der Menschenmasse. Sie konnten nicht sehen, wie die Verwundeten vom Schildwall wegkrochen. Manchmal nur ein paar Schritt weit, um dann zu verrecken.</p><p>Bessos leckte sich �ber die Lippen. Sie waren trocken. Die Luft war voller Staub. Weit im Osten nahten Streitwagen. Ihnen standen nur noch die paar Heiden im Weg. Nicht mehr lange, und alles w�re vor�ber. Der Unsterbliche Aaron hatte verloren! Bauern taugten eben nicht als Krieger.</p><p>Wieder blickte Bessos auf die scharlachroten Feldzeichen.</p><p>�Herr, wir m�ssen ihnen helfen�, rief einer seiner eigenen Leibw�chter. Ein Mann mit buschigen Augenbrauen und einer eigent�mlich kurzen Nase. Bisher war er immer loyal gewesen.</p><p>Bessos hob resignierend die Arme. �Ich habe dem Unsterblichen geschworen, nichts ohne seine Befehle zu unternehmen. Es sind dieser Barbar und Mataan, die uns in diese Lage gebracht haben. Sie haben vor der Zeit ihren Posten verlassen und den Schlachtplan durcheinandergebracht. Seht, was durch ihre Schuld geschehen ist! Wir werden es besser machen. Wir werden diejenigen sein, die diese Schlacht entscheiden. Habt noch ein wenig mehr Geduld.�</p><p>Einige der M�nner nickten. Die meisten jedoch blickten besch�mt zu Boden. Er verlor sie. Bessos konnte es regelrecht sp�ren. Was war nur pl�tzlich mit ihnen los? Wenn durch die neuen Gesetze des Unsterblichen die Bauern reich wurden, dann w�re es bald vorbei mit der Pracht des niederen Kriegeradels. Aaron wollte sie vernichten, und trotzdem wollten sie sich f�r ihn in die Schlacht werfen.</p><p>Ein junger Krieger, dem kaum der erste Flaum wuchs, taumelte aus der Schlachtreihe hervor. Er blickte direkt zu ihm her�ber. Sein linker Arm blutete. Etwas im Blick des Jungen verriet Bessos sofort, dass es der war, dessen Ankunft er gef�rchtet hatte. Er ging dem Krieger entgegen. Seine M�nner sollten nicht h�ren, was gesprochen wurde!</p><p>�Bessos?�, rief der junge Krieger. Seine Stimme war nur ein trauriges Kr�chzen.</p><p>Der Satrap versteifte sich und reckte das Kinn vor. Er beschleunigte seine Schritte. Jetzt durfte er sich keinen Fehler leisten. Wieder blickte er auf die luwischen Feldzeichen. Waren sie ein St�ck zur�ckgedr�ngt worden?</p><p>�Seid Ihr Bessos, Herr?�</p><p>�Vergeude deine Kraft nicht, um zu schreien, Junge, ich verstehe dich gut. Du bist verletzt.� Er sagte das in einem v�terlichen Tonfall. �Hast du gek�mpft?� Bessos blickte fl�chtig �ber seine Schulter. Er war weit genug von seinen M�nnern entfernt.</p><p>�Ich �� Der junge Krieger blickte seinen Arm an, als bemerkte er erst jetzt, dass er verwundet war. �Der Unsterbliche schickt mich. Ihr m�sst mit Euren M�nnern ��</p><p>�Erz�hl mir keine Geschichten, Junge. Du musst mich nicht bel�gen. Du l�ufst fort.� Bessos stemmte die Arme in die H�ften und schob mit den Ellenbogen seinen Umhang auseinander. Er stand jetzt so dicht vor dem Jungen, dass er seinen M�nnern die Sicht auf ihn nahm. Bessos hatte n�chtelang wach gelegen und sich �berlegt, was er in dieser Situation tun w�rde.</p><p>�Ich bin kein Feigling. Ich ��</p><p>�Zeig mir dein Schwert�, zischte der Satrap. �Zeig mir das Blut auf der Klinge! Beweise mir, dass du gek�mpft hast! Ich wette, es ist unbefleckt von luwischem Blut. Ich erkenne einen Feigling, wenn ich ihn sehe.�</p><p>Der �berraschte Gesichtsausdruck des Jungen wich nun Zorn. �Wie k�nnt Ihr mich einen L�gner nennen!�</p><p>Bessos drehte sich leicht zur Seite, sodass seine Krieger gut sehen konnten, was nun geschah. Wie der Junge mit zornigem Gesicht sein Schwert zog.</p><p>Der Satrap griff nach seiner Waffe. Es war ein gutes, luwisches Eisenschwert. Nicht so eine j�mmerliche Bronzeklinge, wie der Junge sie in der Hand hielt. Bessos schnellte vor. F�r einen Beobachter musste es so aussehen, als pariere er einen Angriff.</p><p>Seine Leibw�chter schrien auf.</p><p>Der Satrap machte einen Ausfallschritt und stie� dem Jungen sein Schwert in die Kehle. �Ein Meuchler!�, rief Bessos. �Die Luwier haben einen Meuchler geschickt!�</p><p>Seine M�nner umringten ihn. Zwei stie�en ihre Speere in den Bauch des sterbenden Jungen, um ganz sicherzugehen, dass er nicht aufstehen w�rde.</p><p>�Wir k�nnen nicht l�nger auf einen Boten warten!�, rief Bessos. �Du da!� Er deutete auf den Krieger mit der zu kurzen Nase. �Such nach dem Unsterblichen! Hol uns unseren Angriffsbefehl!�</p><p>Der Krieger verneigte sich und eilte ins Kampfget�mmel.</p><p>Bessos blickte zu den scharlachroten Feldzeichen. Sie waren wieder vorger�ckt. Nicht mehr lange. Sein Bote w�rde nicht mehr zur�ckkommen. Bald w�re Aaron eingekreist.</p><p>Bessos schloss die Augen. Wenn das Warten nur schon vor�ber w�re! Hoffentlich kam nicht noch ein Bote. Ein zweites Mal k�nnte er diese Scharade nicht auff�hren. Er schob sein Schwert zur�ck in die Scheide. Blut war auf seine H�nde gespritzt.</p><p>Morgen w�rde er Satrap von ganz Garagum sein. Das war der Preis, den er bei Kurunta daf�r eingefordert hatte, seine Truppen zur�ckzuhalten. Der Kriegsmeister hatte ihm geraten, Scharlach zu tragen wie die Garde des Unsterblichen Muwatta. So w�rden die Luwier erkennen, dass er auf ihrer Seite stand. Und er w�rde verschont werden, wenn die Schlacht verloren ging und das Massaker begann.</p></section><section><title><p>Todessto�</p></title><p>Muwatta konnte sehen, dass seine Garden den Schildwall durchbrochen hatten. Die scharlachroten Feldzeichen r�ckten vor, und die letzte Reserve Arams r�hrte sich nicht vom Fleck. Ihre Streitwagen waren Meilen entfernt. Eine halbe Stunde h�chstens, und alles w�rde entschieden sein.</p><p>Nur einige schwarzgewandete Gestalten standen noch zwischen ihm und dem Sieg. Ein H�uflein Verlorener, das beim Anblick der Streitwagen auseinanderlief. Sie w�rden sie gnadenlos niedermachen. Die Front, auf der die Streitwagen vorr�ckten, war doppelt so lang wie die dieses letzten Tr�ppchens.</p><p>Muwatta blickte auf die funkelnde Sichel, die in der Radnabe steckte. Er hatte noch nie jemanden auf diese Weise get�tet. Dabei war er ein erfahrener Wagenlenker.</p><p>Der Unsterbliche l�chelte. Nun war die Stunde gekommen.</p><p>Er hob seinen Speer hoch �ber den Kopf. �Freie Jagd!�, rief er aus Leibeskr�ften und stellte sich vor, wie die Pl�nkler unter donnernden Hufen zermalmt wurden, von Sicheln niedergemetzelt, und wie die Bogensch�tzen in den leichten Wagen die letzten �berlebenden zu Tode hetzten, w�hrend er das Gros der Truppe zur Flanke des Schildwalls f�hrte, um Aarons Bauernheer den Todessto� zu verpassen.</p><p>Es war ein guter Gedanke.</p></section><section><title><p>Jaguare</p></title><p>Die Zahl ihrer Feinde war eindrucksvoll, doch keiner seiner M�nner zeigte Angst. Sie waren die Jaguare der Gefiederten Schlange. Ihnen kamen allenfalls noch die Adlerritter gleich, die er am Ende ihrer allzu kurzen Schlachtlinie aufgestellt hatte. Sie waren es, die Angst und Schrecken verbreiteten. Sie selbst f�rchteten nichts.</p><p>�Die Gefiederte Schlange ist hier�, rief Necahual seinen M�nnern zu. �Atmet den Duft des Himmels und riecht sie. Nie zuvor haben Krieger Zapotes auf fremdem Boden gek�mpft. Die G�tter selbst blicken zu uns herab. Vergie�t das Blut vieler Luwier, um sie zu ehren, und sterbt wie Jaguare! Die F�nge in die Kehlen unserer Feinde geschlagen. Ich w�nsche euch eine gute Jagd, Br�der. Und ich bin stolz, euer Anf�hrer gewesen zu sein.�</p><p>Seine M�nner liefen davon, um sich m�glichst weit zu verteilen. Die Streitwagen w�rden wie eine Flutwelle gegen einen Felsen branden, wenn sie heran waren. Necahual l�ste den schwarzen Lederriemen, den er um seine H�ften geschlungen hatte. Er pr�fte das Gewicht der beiden schwarzen Steine an den Enden des Riemens der Bola. Jeder von ihnen war fast faustgro�. Die Schnur selbst hatte er aus verschiedenen Lederstreifen geflochten. Sie war stark.</p><p>Der Anf�hrer der Jaguarm�nner und Adlerritter atmete tief aus. Er dachte an seine Schwester Quetzalli, die so gro�e Schande �ber seine Familie gebracht hatte. Die Priester hatten ihr verziehen, denn sie war lange Zeit eine gute Spinnenfrau gewesen, in deren Netzen sich viele goldhaarige Fremde verfangen hatten. Doch der letzte, dem sie begegnet war, musste einen starken Zauber besessen haben. Necahual hatte den Mann aus der Ferne im Lager beobachtet. Er war gro� und stattlich, und doch hielten die Adligen dieses K�nigreichs ihn f�r einen Dummkopf. Er beherrschte nicht einmal die Sprache seiner Herren. Necahual konnte nicht begreifen, was seine Schwester an diesem Kerl gefunden hatte. Vielleicht musste man mit ihm eine Liebesnacht verbracht haben, um dieses Geheimnis zu ergr�nden.</p><p>Der Hauptmann hob die Bola und lie� sie �ber seinem Kopf kreisen. Der Boden zitterte unter Tausenden Hufen. Seine Feinde sahen gro�artig aus. Ihre Wagen wurden von sch�nen Pferden gezogen. Gold und Silber schm�ckten ihre Kleidung und Waffen. Es war ein w�rdiger Kampf. Die Besten aus Luwien waren ihre Feinde.</p><p>Necahual konnte f�hlen, dass die Gefiederte Schlange ganz nah war. Er w�rde ihr einen guten Kampf schenken.</p><p>Ohne Kampfschrei und ohne Zorn im Herzen lief er los, den Streitwagen entgegen.</p></section><section><title><p>Sichelwagen</p></title><p>Muwatta lie� die Z�gel �ber den Pferden hinwegknallen. In rasendem Lauf schossen sie �ber die Ebene dahin. Der harte, ausgetrocknete Boden war das ideale Gel�nde f�r Streitwagen. Wie ein Orkan w�rden sie �ber diese Schattengestalten hinwegfegen. Die Formation der Streitwagen begann sich aufzul�sen. Es war ein wilder Wettlauf darum, wer zuerst bei diesen Ungl�cklichen ankam.</p><p>Muwatta gab die Z�gel an seinen Wagenlenker ab und griff nach einem der Wurfspeere im K�cher neben sich. Diese Gestalten hatten sich wie Katzen angezogen. Der Unsterbliche lachte laut auf. Was f�r ein albernes Gewand, um darin zu sterben! Die Verr�ckten st�rmten den Wagen jetzt entgegen. Dabei schwenkten sie einen Arm �ber dem Kopf. Aber sie hielten keine Waffe darin. Jedenfalls konnte er nichts erkennen. Vielleicht war es ein Gru� an ihre G�tter, denen sie gleich entgegentreten w�rden.</p><p>Pl�tzlich brach eines der Pferde im Gespann zusammen. Der Wagen scherte nach links aus und kam ins Trudeln. Der benachbarte Streitwagen wich ebenfalls aus und prallte mit dem Wagen links von ihm zusammen, der nach rechts ausgeschert war.</p><p>Muwatta klammerte sich mit beiden H�nden an die vordere Wagenwand, w�hrend sein Wagenlenker verzweifelt versuchte, den Streitwagen wieder in seine Gewalt zu bekommen. Sie wurden zwar langsamer, doch schlingerten sie dabei hin und her. Die Wagen hinter ihnen waren be�ngstigend dicht aufgefahren. Das n�chste Pferdegespann war keine zwei Schritt mehr entfernt.</p><p>Muwatta sah das Sonnenlicht auf den Sicheln des Wagens hinter sich funkeln.</p><p>Sein Wagenlenker schrie auf.</p><p>Der Katzenmann kam ihnen entgegengelaufen und sprang zwischen den Pferden hindurch auf die Deichsel. Er griff mit links in eine Pferdem�hne und hieb dem Ross mit der freien Hand einen gedrungenen schwarzen Dolch ins Ohr. Das Pferd sackte zusammen wie vom Blitz getroffen.</p><p>Muwatta schleuderte seinen Wurfspeer nach dem Katzenmann, doch der Wagen machte einen wilden Schlenker, und der Speer verfehlte sein Ziel. Der Katzenmann sprang seitlich ab, als die Deichsel, von dem toten Hengst niedergedr�ckt, in den Boden rammte.</p><p>Der Streitwagen �berschlug sich.</p><p>Muwatta wurde hinausgeschleudert. Pferde rasten auf ihn zu, kaum dass er auf den harten Boden aufschlug. Er kam auf die Knie und schwenkte die Arme, um die Tiere zu erschrecken. Der Wagenlenker zerrte mit schreckensweiten Augen an den Z�geln, als er erkannte, wen er zu �berrollen drohte.</p><p>Das Gespann verfehlte Muwatta knapp.</p><p>Die Sichel an der Radnabe nicht.</p></section><section><title><p>Die Linie halten</p></title><p>Narek stand R�cken an R�cken mit dem Unsterblichen. Sie waren eingekreist. �berall ringsherum ragten die Scharlachstandarten von Muwattas Garde auf. Die Verst�rkung war nicht gekommen. Vielleicht hatte der Bote es nicht geschafft, sich durchzuschlagen.</p><p>Immer dichter wurden sie von den Speertr�gern Muwattas zusammengedr�ngt. Allein vor dem Unsterblichen war der Druck nicht so gro�. Sein Geisterschwert war zum Schrecken der Luwier geworden. Immer wieder h�rte Narek die Schreie der M�nner, die unter Aarons Klinge geraten waren. Das ganze Schlachtfeld hallte von den Schreien Verwundeter und Sterbender, doch jene, die von diesem verwunschenen Schwert getroffen wurden, schrien anders.</p><p>Narek konnte es nicht mehr ertragen. Er w�nschte, er w�re niemals dem Werber Aleksan gefolgt. Wie dumm er gewesen war zu glauben, eine Schlacht sei glorreich und ein Tummelplatz f�r Helden. Mit beiden H�nden umklammerte er die Standarte mit dem L�wen. Wenn er an all das Gerede von den L�wen, die sie angeblich waren, dachte, wurde ihm ganz schlecht. Er war ein Lamm, das sich in ein Rudel W�lfe verirrt hatte. Und selbst diese W�lfe waren halb verr�ckt vom Schrecken der Schlacht.</p><p>�Haltet die Linie!�, rief Ashot wohl schon zum hundertsten Mal.</p><p>Dass er es nicht m�de wurde � Es gab keinen Platz mehr zum Weglaufen. Sie waren eingekreist, wurden von der Mauer aus scharlachroten Schilden immer enger zusammengeschoben. Der Unsterbliche w�rde sicher �berleben. Sonst wohl niemand. Sie hatten zu gut gek�mpft, um auf Gnade hoffen zu d�rfen. Wenn einer ihrer M�nner fiel und Narek durch die L�cke in der Linie einen kurzen Blick auf die Luwier erhaschte, sah er stets nur hasserf�llte Gesichter. Sie w�rden niemanden verschonen! Besonders einer war ihm aufgefallen. Ein Riese, der mit einer Keule k�mpfte und wie besessen auf Helme und Schilde eindrosch. Wer ihm begegnete, der starb.</p><p>Narek schluckte. Nie hatte er den Tod so nahe gef�hlt. Er wollte nicht zerschmettert werden. Ein glatter Stich w�re gut. Etwas, das schnell ging. Ringsherum schrien Tausende. Er hatte Geschichten dar�ber geh�rt, was nach den Schlachten geschah. Erst hier im Heerlager. Drau�en in der Welt, wo Schlachten die Angelegenheit von Helden waren, erz�hlte man nicht dar�ber, wie Knochens�ger Glieder abtrennten, die aufgedunsen von Eiter waren, vom Schlachtfeldfieber, das Hunderte dahinraffte, obwohl das T�ten l�ngst aufgeh�rt hatte.</p><p>�Haltet die Linie!�, rief Ashot erneut. �Verst�rkung kommt! Seht die Staubwolke im Westen. Unsere Streitwagen kommen zur�ck. Haltet die Linie!�</p><p>Narek sch�mte sich. Er stand mit dem R�cken zu dem Unsterblichen, aber mit dem Herzen hatte er die Linie verlassen, die inzwischen ein Kreis geworden war, in dem sie alle gefangen waren. Aber Volodi war auf dem Weg zu ihnen. Wenn es einen gab, der diesen Kerl mit der Keule aufhalten konnte, dann der Drusnier. Der Mann, der �ber den Adlern schritt.</p><p>Lamgi drehte sich zu ihm um. Wer nicht in den ersten beiden Reihen k�mpfte, blickte zur Staubwolke. Sein Kamerad hatte seinen Dolch gezogen. Jene Waffe, die im Tempel gesegnet worden war. Die Klinge gl�nzte silbern, nicht golden. Es war eine Waffe aus Eisen! Er musste reich sein! Klug, den Dolch zu ziehen. Bald w�re das Gedr�nge so gro�, dass niemand mehr ein Schwert schwingen k�nnte. Hoffentlich half der Segen aus dem Tempel. Sie konnten jede Hilfe gebrauchen.</p><p>�Ich �bernehme deinen Platz�, rief er, um den Schlachtenl�rm zu �bert�nen.</p><p>Narek sch�ttelte den Kopf. �Mir geht es gut. Volodi kommt. Ich habe keine Angst mehr.�</p><p>Lamgi beugte sich zu ihm vor, sodass seine Lippen fast Nareks Ohr ber�hrten. �Ich muss Aaron etwas sagen. Es ist wichtig. Lass mich hinter ihn.�</p><p>Lamgis Augen wirkten noch h�rter als sonst. Seine Lippen waren zu einem schmalen Strich zusammengepresst, als k�mpfe er gegen Schmerzen an.</p><p>Narek trat zur Seite.</p><p>Sein Kamerad hielt den Dolch irgendwie seltsam. Er presste die Waffe eng an sein Bein. Niemand hatte sie gesehen. Er � Narek lie� die Standarte los und fiel Lamgi in den Arm. �Was tust du da?�</p><p>Lamgi war erstaunlich stark, obwohl er so hager war. Er dr�ckte Nareks Arm langsam zur Seite. Er w�rde das Kr�ftemessen gewinnen, es sei denn �</p><p>Narek riss den Arm seines Gef�hrten mit einem Ruck auf sich zu. Er trug einen Bronzepanzer, was konnte schon geschehen. Er �</p><p>Die Klinge schnitt so leicht durch die Bronze, als tr�ge er nur eine Tunika. Das Messer fuhr ihm in den Bauch. Dunkles Blut quoll �ber die goldene R�stung. Lamgi wirkte genauso best�rzt wie er. Er hatte das Messer losgelassen. Aber er w�rde es sich zur�ckholen, das wusste Narek. Dies war eine besondere Klinge. Sie war dazu geschaffen, die R�stung eines Unsterblichen zu durchdringen.</p><p>Er packte den lederumwickelten Griff und zog die Waffe mit einem Ruck aus der Wunde. F�r eine weitausholende Bewegung war kein Platz. Er riss den Arm einfach gerade hoch, sodass der Dolch in steilem Winkel �ber ihn hinwegflog. Zwei Schritt hinter ihm standen die Luwier, die Aaron best�rmten. Wenn der Dolch dorthin fiel, war er f�r Lamgi au�er Reichweite.</p><p>Lamgi war nicht au�er sich. Er erschien ihm eher traurig als zornig. Er trat auf ihn zu und versetzte Narek einen kurzen, heftigen Schlag auf den Hals. �Es tut mir leid!�</p><p>Narek rang um Luft. Er bekam keinen Atem mehr. Warmes Blut rann seine Beine hinab.</p><p>Lamgi nahm die Standarte auf, stellte sich dicht neben ihn und hielt ihn fest.</p><p>Narek lehnte noch immer mit dem R�cken gegen den Unsterblichen. Er warf den Kopf schwach zur Seite. Es f�hlte sich an, als stecke ihm ein Klumpen im Hals. Er musste nur feste genug einatmen, damit sich dieser Klo� bewegte. Dann bek�me er wieder Luft.</p><p>Die Staubwolke, die von Westen kam, war schon ganz nah. Volodi kam. Alles w�rde gut enden.</p><p>Narek dachte an Rahel und Daron. So gerne h�tte er den beiden von seinen Abenteuern erz�hlt. Davon, wie er R�cken an R�cken mit dem Unsterblichen gek�mpft hatte.</p><p>�Die Linie halten!�, h�rte er Ashot rufen.</p><p>Nareks Augen wollten ihm nicht mehr gehorchen. Sie rollten nach oben, sodass er in den wunderbar blauen Himmel blickte.</p><p>Er hatte die Linie gehalten, dachte er.</p><p>Und keiner hatte es gesehen.</p></section><section><title><p>Nach S�den</p></title><p>Volodi sah die Speertr�ger von Bessos in guter Ordnung hinter der Schlachtlinie stehen. Wie es schien, war der Schildwall durchbrochen, doch die Reserven w�rden jeden Augenblick zur�ckschlagen. Im dichten Handgemenge waren seine Streitwagen eher hinderlich als von Nutzen. Die leichten Wagen waren dazu geschaffen, ungedeckte Flanken anzugreifen. Doch dort w�rden die Schlachtlinien bald zu einem unentwirrbaren Kn�uel werden. Seine Aufgabe war es, sich der �bermacht Muwattas zu stellen und zu verhindern, dass der Erzk�nig bis zum Schildwall Aarons gelangte.</p><p>�Nach S�den ausweichen!�, befahl er Mikayla.</p><p>Der Wagenlenker bedachte ihn mit einem skeptischen Blick, sagte aber nichts.</p><p>Sie passierten das Frauenlager. Auf den Erdw�llen standen Hunderte Weiber und jubelten ihnen zu. Weit im Osten sah er Muwattas Wagen als eine feine dunkle Linie �ber dem ockerfarbenen Boden. Sie mussten die Jaguarm�nner bereits niedergem�ht haben.</p><p>Der Fahrtwind spielte mit seinem langen Haar. Schaum flog von den M�ulern der Wagenr�sser. Sie mussten ihr Tempo zur�cknehmen oder die Pferde w�ren zu ausgepumpt f�r den Angriff auf Muwatta.</p><p>Er riss den Arm hoch. �Langsamer!�, rief er gedehnt.</p><p>Mikayla zog an den Z�geln. Einer der Hengste wieherte. Die Tiere brauchten etwas zu saufen. Diese Ein�de war kein Land f�r Pferde. Muwattas G�ulen w�rde es auch nicht besser gehen.</p><p>In langsamem Trab zogen sie unter den Erdw�llen hindurch. Manche der Damen warfen Blumen zu ihnen herab. Volodi musste unvermittelt l�cheln. Das waren Huren da oben. Jedenfalls die meisten. Und er nannte sie in Gedanken Damen. Das war Nareks Werk. Am�siert dachte er daran, wie sehr der Bauer darauf bestanden hatte, dass er nicht von Huren sprach. Hatte er wirklich nicht begriffen, was im Frauenlager vor sich ging? Oder wollte er einfach nur die Welt sch�ner reden, als sie war?</p><p>Ashot hatte Volodi erz�hlt, dass Narek die Standarte der L�wen von Nari tragen w�rde. Der Drusnier blickte hin�ber zum Kampfgew�hl. Der Unsterbliche hatte an jede der Tausendschaften ein Feldzeichen ausgeben lassen. Viele wurden nicht mehr hochgehalten. Hoffentlich ging es dem kleinen Bauern gut. M�nner wie er geh�rten nicht auf ein Schlachtfeld.</p></section><section><title><p>Geschmolzene Luft</p></title><p>Der Unsterbliche zog sich an einem zersplitterten Wagenrad hoch. Jeder Atemzug wurde von einem stechenden Schmerz begleitet. Mindestens eine seiner Rippen war gebrochen, und seine Brust f�hlte sich an, als sei ein Lederriemen darum geschlungen, der langsam enger gezogen wurde.</p><p>Sein Helm war verrutscht. Er sah kaum noch etwas, h�rte aber um sich herum das St�hnen Verwundeter und die kl�glichen Laute sterbender Pferde.</p><p>Muwatta l�ste den Kinnriemen und nahm seinen Helm ab. Er war umgeben von zerschmetterten Streitwagen und Pferdekadavern. Ein St�ck vor ihm lag ein Schimmel, dem durch die Sichelr�der die Vorderl�ufe abgehackt worden waren. Er w�lzte sich auf dem Torso in seinem Blut und versuchte immer wieder hochzukommen, obwohl es keine Beine mehr gab, die ihn tragen konnten.</p><p>Muwatta blickte an sich herab. L�ngs �ber seinen Brustpanzer, dicht unter dem Rippenbogen, verlief eine Delle, so tief, dass er einen Finger hineinlegen konnte. Die R�stung der Devanthar hatte ihm das Leben gerettet. Aber jetzt dr�ckte sie unertr�glich auf seine geprellten Rippen.</p><p>Ein paar Schritt entfernt lag der Speer, den ihm I�ta geschenkt hatte. Er nahm die kostbare Waffe wieder an sich. Der Schaft war aus Elfenbein gefertigt und mit Schnitzarbeiten verziert, die Kampfszenen zeigten. Das Stichblatt der Waffe war fast zwei Hand lang und ungew�hnlich schmal.</p><p>Er ging zu dem sterbenden Schimmel, hob die Waffe und stie� sie dem Hengst durch die Stirn. Das Stichblatt glitt leicht durch den dicken Knochen, tief in den Sch�del. Muwatta malte sich aus, wie er Aaron aufspie�en w�rde.</p><p>�Der Erzk�nig lebt!�, erklang hinter ihm ein Jubelruf. Ein Krieger auf einem gro�en Sichelwagen winkte ihm zu.</p><p>Muwatta gr��te ihn w�rdevoll mit seinem Speer. Er musste seine Wagenschwadronen neu aufstellen. Diese S�ldner aus Zapote hatten einen erstaunlichen Schaden angerichtet. Er konnte es noch nicht genau �berblicken, doch es schien, als sei fast ein Viertel seiner Wagen au�er Gefecht. Sie waren zu nahe beieinander gefahren.</p><p>Der Krieger, der ihm gerade noch zugewunken hatte, schrie entsetzt auf. Eine Schattengestalt war zu ihm auf den Streitwagen gesprungen und zerfetzte ihm mit langen Krallen die Kehle.</p><p>Muwatta fluchte. Lebten noch immer einige der Katzenm�nner?</p><p>Der Erzk�nig lief auf eine Gruppe unbesch�digter Streitwagen zu. �Weicht nach S�den aus!�, rief er. �Wir sammeln uns im S�den.� Es mochte vielleicht noch eine Handvoll Zapote leben. Sie waren es nicht wert, sich jetzt mit ihnen aufzuhalten.</p><p>Muwatta lief auf einen der leichten Streitwagen zu und sprang auf. Seinen Helm hatte er auf dem Schlachtfeld zur�ckgelassen. Er w�rde ihn nicht mehr brauchen.</p><p>Es war inzwischen unertr�glich hei�. Die Sonne stand hoch am Himmel, als er seine Streitmacht neu ordnete. Diesmal stellte er die Wagen mit mehr Abstand zueinander auf. Es waren immer noch mehr als genug, um die geschw�chten �berreste von Aarons Bauernheer zu zerschmettern. Und mehr Zapoter gab es nicht. Eine solche �berraschung w�rde er kein zweites Mal erleben.</p><p>�Herr�, sprach ihn sein Wagenlenker zaghaft an, als die Reihen der neu geordneten Schwadronen abfuhren. Es war ein st�mmiger, kleiner Kerl, in dessen krausem Haar wei�e Schuppen schimmerten. �Dort hinten, Herr. Da ist etwas.� Er deutete mit ausgestrecktem Arm nach S�den.</p><p>In der Hitze der sp�ten Morgenstunde zogen flimmernde Schlieren �ber die Ebene. Es sah aus, als w�rde die Luft zerschmelzen, wo sie den Boden ber�hrte. Verlockende Seen erschienen, wo es in Wahrheit nur Sand und Felsen gab. Und zwischen den verwirrenden Zerrbildern bewegte sich etwas. Es war unm�glich zu sagen, ob da nur einzelne M�nner oder ganze Kolonnen kamen. Auch war sich Muwatta unsicher, wie weit diese zerflie�enden Gestalten entfernt waren. Eine halbe Meile? Weniger?</p><p>Hatte Aaron noch eine zweite S�ldnertruppe der Jaguarkrieger angeworben? Unentschlossen blickte der Unsterbliche nach Westen. Eine Staubwolke n�herte sich. Die Streitwagen Arams. Sie waren sein Ziel. Vielleicht standen dort hinten auch nur Sklaven, die aus dem Feldlager geflohen waren.</p><p>Pl�tzlich erf�llte ein erschreckend vertrautes Sirren die Luft. Pfeile! Der Himmel f�llte sich mit Schauern von Geschossen. �Abr�cken!�, schrie Muwatta und griff selbst nach den Z�geln des Streitwagens. �Abr�cken!�</p><p>Woher kamen die Bogensch�tzen? Sie mussten auf hundert Schritt oder sogar weniger herangekommen sein. Verfluchtes �dland!</p><p>Ringsherum schlugen Pfeile ein. Pferde b�umten sich auf. Die Schwadronen, die er gerade erst geordnet hatte, gerieten erneut durcheinander.</p><p>Ein schwarzer Pfeilschaft ragte aus der Kehle seines Wagenlenkers. Der Krieger kippte nach hinten. Muwatta schenkte ihm keinen Blick mehr. Er trieb die Pferde an, der Staubwolke entgegen. Jetzt musste die Entscheidung fallen.</p></section><section><title><p>Wagenkampf</p></title><p>Volodi griff nach dem Bogen. Er war ein miserabler Sch�tze, aber so k�mpfte man nun einmal von einem leichten Wagen aus. �Geht �ber die Flanken!�, rief er seinen Leuten zu.</p><p>Muwattas schwere Streitwagen fuhren in weitem Abstand zueinander. Sie wollten sie dazu verlocken, zwischen ihnen hindurchzupreschen.</p><p>��ber die Flanken!�, rief Volodi noch einmal mit aller Kraft und war sich doch bewusst, dass seine Stimme im Donnern der Hufe unterging. Die Ebene hier war wie geschaffen f�r eine Streitwagenschlacht.</p><p>Sein Wagenlenker Mikayla zog an den Z�geln. Langsam scherten sie nach links aus. Die Front von Muwattas Streitwagen war vielleicht noch f�nfhundert Schritt entfernt. Sie war erschreckend breit! Und sie kam rasend schnell n�her.</p><p>Beide Seiten peitschten ihre Pferde zum Galopp. Volodi blickte �ber die Schulter. Die meisten Wagen folgten ihm. Die Zinnernen lie�en sich auf die hintersten Positionen der Formation zur�ckfallen. Volodi war zufrieden. Alles lief wie geplant. Auf seine Leute war Verlass. Doch dann sah er, dass etliche der Satrapen und ihrer Adelskrieger entgegen seinem Befehl geradewegs auf die Wagenfront des Feindes zuhielten. Verdammte Narren! Sie waren es gewohnt, gegen Zweisp�nner zu k�mpfen. Leichte Wagen, deren Waffen Pfeile und Wurfspeere waren. Aber die Streitwagen im Zentrum von Muwattas Streitmacht waren ganz anders. Es waren klobige Gef�hrte mit Seitenw�nden aus Holz und gro� genug, um drei oder sogar vier Mann zu tragen. Und dann die Sichelklingen! Sie w�rden versuchen, die leichteren Wagen zu rammen.</p><p>�Es wird knapp�, schrie Mikayla gegen den L�rm an. Er schlang sich die Z�gel geschickt um die H�ften und griff nach dem Bogen neben sich.</p><p>�Was tust du da?� Ein Wagenlenker sollte im Gefecht die Z�gel niemals aus den H�nden lassen.</p><p>�Wir m�ssen durchbrechen. Das schaffen wir nur mit zwei Bogensch�tzen an Bord�, gab Mikayla unger�hrt zur�ck.</p><p>Mit Schrecken sah Volodi, dass die Wagenfront vor ihnen kein Ende nahm. �Dort bei den leichten Wagen versuchen wir es.� Er zog einen Pfeil aus dem K�cher und beobachtete fasziniert, wie Mikayla mit einem leichten Schritt zur�ck und einer H�ftbewegung die Z�gel so f�hrte, dass ihre beiden Pferde genau auf die leichten Wagen zuhielten.</p><p>Der Boden war zwar eben, aber jeder Stein, jede leichte Bodenwelle lie� den Wagen emporspringen. Volodi schaffte es erst beim dritten Versuch, die Nocke in die Sehne einzuhaken.</p><p>Mikayla hatte damit weniger Probleme. Er legte den Pfeil auf, hob den Bogen und spannte gleichzeitig die Sehne in flie�ender Bewegung. Nie hatte Volodi einen Sch�tzen gesehen, der sich so elegant und vollkommen bewegte.</p><p>Mikaylas Pfeil schnellte davon. Drei Herzschl�ge sp�ter strauchelte eines der Pferde vor den luwischen Wagen, die ihnen entgegenkamen.</p><p>�Unglaublich!�, rief Volodi dem Drusnier begeistert zu. �Wie machst du das?�</p><p>�Du musst eins werden mit deinem Ziel. Du musst es sp�ren!�</p><p>Volodi sch�ttelte ungl�ubig den Kopf. �Wer erz�hlt denn so einen Unsinn?�</p><p>�Eine gute Freundin. Es gibt keine bessere Bogensch�tzin als sie.�</p><p>�In Drusna?�</p><p>�Nein!�</p><p>Volodi war erleichtert. Es geh�rte sich nicht f�r Frauen, sich mit einem Bogen zu besch�ftigen. Weiber k�mmerten sich um das Kleinvieh, das Kochen und die Kinder. So war die Ordnung der Welt. Er dachte an Shaya. Die Prinzessin aus dem Grasland war eine ausgezeichnete Kriegerin gewesen. Irgendwie unheimlich � �Deine Freundin � kam sie aus Ischkuza?�</p><p>�Ja�, entgegnete Mikayla einsilbig und lie� noch einen Pfeil von der Sehne schnellen.</p><p>Das erkl�rte alles! Volodi zog den Bogen durch. Der n�chste Wagen war noch drei�ig Schritt entfernt. Nein, eher zwanzig. Volodi schoss und wartete kurz. Nichts! Scheinbar hatte er nicht getroffen.</p><p>Jetzt sirrten auch ihnen Pfeile entgegen. Mikayla lehnte sich leicht zur Seite, augenscheinlich darauf bedacht, die Z�gel um seine H�fte nicht zu bewegen. Ein Geschoss verfehlte ihn nur knapp. Der Wagen rumpelte �ber einen Stein hinweg. Es gab einen Schlag, der Volodi fast von der Plattform geworfen h�tte. Er griff nach der Seitenwand.</p><p>Sie passierten den ersten luwischen Streitwagen. So nah, dass er den anderen Wagenlenker mit einem langen Speer h�tte treffen k�nnen. Der Mann hatte sich eine schillernde Feder in seinen Schl�fenzopf geflochten. Ein Gl�cksbringer?</p><p>Weitere Wagen kamen ihnen entgegen. Im aufgewirbelten Staub waren sie nur undeutlich zu sehen. Hinter ihnen schrien Krieger auf. Er h�rte Holz splittern.</p><p>Ein kurzer Wurfspeer bohrte sich in die lederne Seitenwand ihres Wagens. Die eiserne Spitze hatte das Leder ganz durchdrungen. Zwei Fingerbreit weiter, und sie h�tte sein Knie getroffen.</p><p>Pl�tzlich brach ein Wagen aus dem Staub hervor, keine zehn Schritt von ihnen entfernt. Er raste genau auf sie zu.</p><p>Volodi fluchte. Er wollte nach den Z�geln greifen, doch solange sie um Mikaylas H�ften geschlungen waren, konnte er das Gespann nicht richtig lenken. Nur einfach in die Z�gel zu greifen war zu gef�hrlich.</p><p>�Ich hasse gr��enwahnsinnige Drusnier�, fluchte er, kletterte �ber die Wagenfront hinweg und sprang auf die Deichsel. Er warf sich vor und griff mit beiden H�nden in die M�hnen der Pferde, um sie zur Seite zu lenken. Das war eine Verzweiflungstat, aber immer noch besser, als sein Leben weiter den H�ftschw�ngen von Mikayla anzuvertrauen.</p><p>Der Pferde schwenkten nur langsam nach links. Es w�rde knapp werden, dem Wagen auszuweichen.</p><p>Volodi sah, wie der luwische Bogensch�tze auf ihn zielte. Der Streitwagen konnte nicht ausweichen. Sein Lenker lag vorn�bergesunken auf der Frontwand des Wagens. Volodi duckte sich so gut es ging zwischen die R�sser, um ein kleineres Ziel zu bieten.</p><p>Die beiden Gespanne verfehlten einander nur um eine Handbreit. Sie fegten so dicht am anderen Wagen vorbei, dass sich die R�der kurz ber�hrten und Funken aus den eisernen Radreifen schlugen.</p><p>�Du bist ein guter Wagenlenker�, schrie Mikayla und grinste frech. �Ich w�rde vorschlagen, ich �bernehme das Schie�en, und du bringst uns aus dem Get�mmel heraus.�</p><p>Volodi lachte auf und w�re fast von der schwankenden Deichsel gerutscht. Er klammerte sich in den M�hnen fest und hielt die Pferde auf einem geraden Kurs. Mikayla schoss wie ein Daimon, und als sein K�cher leer war, bediente er sich bei den leichten Wurfspeeren.</p><p>Vor ihnen kl�rte sich der Staub. Volodi lie� die Pferde langsamer werden und sprach beruhigend auf sie ein. Schaum troff von ihren M�ulern. Ihre Augen waren angstweit.</p><p>�Wir haben ihre Linie durchbrochen�, rief Mikayla. �Ich sehe keine Wagen mehr vor uns. Aber da kommen Krieger gelaufen.�</p><p>Volodi fluchte. Kamen denn immer noch mehr Luwier! Die Pferde blieben stehen. Rechts und links von ihnen tauchten weitere ihrer Streitwagen aus der Staubwolke auf. Es waren weniger, als Volodi gehofft hatte. Nicht viele hatten es geschafft, die Luwier auf den Flanken zu umgehen.</p><p>Mikayla zog einen Wurfspeer aus dem K�cher. �Wer ist das?�, fl�sterte er und deutete voraus.</p><p>Volodi blickte auf abgerissene Gestalten mit langen Jagdb�gen. Er sah in hagere, harte Gesichter. Die Krieger trugen abgewetzte Tuniken und waren �ber und �ber mit Staub bedeckt. Sie n�herten sich in einem ausdauernden Trott. Zwischen ihnen entdeckte Volodi einen Greis mit langem, zotteligem Bart, der offensichtlich keine M�he hatte, mit den anderen L�ufern mitzuhalten. Die fremden Krieger hatten etwas W�lfisches an sich.</p><p>Der Greis hob den Arm und gr��te Volodi. �Ist der Kampf schon vor�ber?� Er keuchte schwer und st�tzte sich mit seinen H�nden auf die Knie.</p><p>Volodi hatte Schwierigkeiten, den Alten zu verstehen. Der Greis sprach mit einem seltsamen Akzent.</p><p>�Wer bist du dich?�</p><p>Er klopfte sich auf seine Brust. �Ich bin Gatha, der H�ter dieser Berge. K�nig Geisterschwert hat sein Blut vergossen, um uns zu helfen. Wir sind hier, um unsere Schuld zu begleichen und unser Blut f�r seines zu geben. Wir sind hier, um Luwier zu t�ten.�</p><p>Volodi hatte nicht alles verstanden, aber sie schienen Verb�ndete zu sein. �Wir k�nnen eure Hilfe gut gebrauchen. Wir werden gemeinsam ihre Streitwagen vernichten.�</p><p>Mikayla neben ihm h�stelte leise. �Sie sind durchgebrochen�, sagte er in der Zunge Drusnas. �Sie werden l�ngst den Schildwall erreicht haben.�</p><p>�Sind sie geflohen?�, fragte der Alte entt�uscht. �Was sagt der Kerl?�</p><p>�Hast du dich keine Sorgen. Geh dich mit deinen M�nnern geradeaus. Ich nehme mich meine Wagen und von Seiten.� Volodi ballte die Rechte langsam zur Faust. �Werden wir sie zerquietschen.�</p><p>�Zerquetschen? Das ist gut.� Der Alte zupfte zerstreut eine Klette aus seinem Bart, dann atmete er tief durch und schrie aus Leibeskr�ften: �Mir nach!�</p><p>�Aufsitzen!�, rief Volodi den �brig gebliebenen Kriegern seiner zusammengeschmolzenen Streitmacht zu. �Geht euch �ber Flanken! Los!� Mit diesen Worten stieg er auf seinen eigenen Wagen und griff nach den Z�geln.</p><p>�Was verstehe ich nicht, Volodi?�, hakte Mikayla nach. �Die Luwier sind l�ngst bei unserer Schlachtlinie angekommen.�</p><p>Volodi lie� die Z�gel knallen. �Als wir zum Angriff gefahren sind, waren die Zinnernen in der letzten Reihe unserer Schwadronen. Was glaubst du warum?�</p><p>�Um aufzupassen, dass sich von den Adeligen niemand verdr�ckt?�</p><p>�Auch, aber vor allem, um zu verteilen, was ich Datames gestern Abend gestohlen habe.�</p><p>Mikayla sah ihn �berrascht an. �Du hast den Hofmeister bestohlen?�</p><p>�Ich habe einige Tausend seiner Fu�angeln auf die Seite geschafft. Er hatte so viele aufgeh�uft. Ich glaube, er hat es nicht einmal gemerkt. Die Zinnernen haben sie auf ihren Wagen gehabt und hinter sich ausgestreut, als Muwattas Streitwagen in Sicht kamen.� Volodi lachte. �Ich glaube, er wird nicht viel Freude daran gefunden haben, unsere Wagenlinie zu durchbrechen. Und ganz sicher werden nicht viele seiner Streitwagen bis zum Schildwall durchgekommen sein. Pferdehufe und Fu�angeln, das vertr�gt sich nicht.� Volodi wechselte gut gelaunt in die Sprache Arams. �Auch Mann von Drusna kann sich machen Tricks.�</p></section><section><title><p>Eine neue Welt</p></title><p>Artax stie� sein Schwert durch den Brustpanzer eines Gardisten und zog den Arm zur�ck. Nicht schnell genug. Ein Speer schrammte �ber die ungesch�tzte Stelle oberhalb seiner Armschiene. Er war ersch�pft und hatte das Gef�hl, dass die Schlacht schon einen ganzen Tag dauerte. Dabei hatte die Sonne noch nicht einmal den Zenit erreicht.</p><p>Seine Schar war auf vielleicht hundert Mann zusammengeschrumpft. Sicher k�mpften noch andere Teile seines Heeres, aber er war von den �brigen Truppen abgeschnitten worden, als die Gardisten Muwattas rechts und links von seiner Stellung den Schildwall durchbrochen hatten.</p><p>Ashot an seiner Seite machte den M�nnern immer wieder Mut und hielt sie dazu an, die Reihe zu halten. Selbst wenn jemand h�tte fliehen wollen � es gab keinen Weg zu entkommen.</p><p>Sie hatten einen Kreis gebildet und widersetzten sich verzweifelt den unabl�ssigen Angriffen der Luwier. Ihre Feinde wussten, wie nahe der Sieg war. Immer enger wurde sein letztes Tr�ppchen Aufrechter zusammengedr�ngt. Nur vor ihm war ein wenig mehr Platz. Zu viele M�nner waren unter seinem verwunschenen Schwert gestorben.</p><p>Auch vor Datames hatten die Luwier Respekt. Sein Hofmeister hatte sich als ein �berragender Krieger erwiesen. Doch nicht einmal ihm war es gelungen, sich bis zu dem H�nen mit dem Wolfsfell durchzuschlagen. Auch ihre Feinde hielten die Reihen geschlossen.</p><p>Artax fegte mit seinem Schwert flach �ber die Vorderseite seines Schilds, um die Spitzen der gesplitterten Speere zu entfernen, die im z�hen Leder steckten. Sein Schild kam ihm schwer wie eine gro�e Weinamphore vor. Selbst ohne den Ballast der Speerspitzen.</p><p>Pl�tzlich wichen ihre Feinde zur�ck.</p><p>�Endlich haben sie begriffen, dass sie sich hier nur blutige Nasen holen�, sagte Ashot matt.</p><p>Die Luwier bildeten einen weiten Ring um sie. Sie waren auf etwa zehn Schritt Abstand gegangen und hatten damit immer noch nicht die B�schung erreicht. Artax und seine M�nner waren Schritt um Schritt zur�ckgedr�ngt worden.</p><p>Hinter der Schildwand der Luwier wurden die Speertr�ger der zweiten Reihe abgezogen.</p><p>Artax erkannte, was vor sich ging. �Die Schilde hoch�, rief er mit rauer Kehle.</p><p>�Kniet!�, ert�nte im selben Augenblick ein Befehl in den Reihen der Luwier.</p><p>Die Schildtr�ger kauerten sich nieder. Hinter ihnen standen Bogensch�tzen in langen, bronzenen Schuppenpanzern. Wie ein Mann hoben sie ihre Waffen, und ein Hagel von Pfeilen ging auf Artax und seine Kampfgef�hrten nieder.</p><p>Eiserne Spitzen bohrten sich durch das Leder. M�nner, die all die Stunden des Schreckens �berlebt hatten, schrien auf. Es ist vorbei, dachte Artax. Die Schlacht war verloren. Er sollte sich der Wirklichkeit stellen und dem Sterben ein Ende machen.</p><p>Er lie� seinen Schild sinken und sah, wie die Bogensch�tzen aufs Neue anlegten.</p><p>Er blickte auf die Toten, die zwischen den Linien lagen. Es waren so viele, dass er den rotbraunen Boden an keiner Stelle mehr sehen konnte.</p><p>Die Sonne funkelte unertr�glich hell auf einem polierten Brustpanzer. Aus dem Licht erwuchs eine Flamme, die binnen eines Augenblicks zu einer lodernden S�ule erbl�hte.</p><p>�Legt die Waffen nieder!�, befahl eine Stimme, die keinen Widerspruch duldete. Aus den Flammen trat der L�wenh�uptige. �Euer Herrscher Muwatta ist von Bogensch�tzen umzingelt, so wie ihr den Unsterblichen Aaron gestellt habt. Es gibt keinen Sieger in dieser Schlacht. Nur Besiegte. Die Unsterblichen werden die Entscheidung in einem Duell suchen.�</p><p>Artax hatte das Gef�hl, als weiche auf einen Schlag alle Kraft aus seinen Gliedern. Ein Zweikampf war das, was er von Anfang an gewollt hatte. Und nun endete es so. Tausende waren f�r nichts gestorben.</p><p>Er lie� den schweren Schild von seinem Arm gleiten und st�tzte sich auf die Kante. Er hasste die G�tter!</p><p><emphasis>Deine Gedanken sind mir nicht verborgen</emphasis>, durchfuhr es ihn kalt. <emphasis>Komm mir nun mit aufrechtem Haupt und festem Schritt entgegen. Dein Auftritt entscheidet dar�ber, wie sich deine Krieger f�hlen werden. Jetzt sind sie erleichtert, mit dem Leben davongekommen zu sein. Streite mit mir, sprich von vergeblichen Toden, und du wirst ihnen den Stolz rauben, mit dem sie in Zukunft auf diesen Tag zur�ckblicken werden. Sie haben vollbracht, was niemand f�r m�glich hielt. Auch meine Br�der und Schwestern nicht. Sieh dich um, wer noch steht! Deine Bauern haben der Garde Muwattas widerstanden. Sie sind tapfere M�nner. Sie haben all das nur f�r dich getan. Wende dich mit einem geh�ssigen Wort an mich, euren Gott, und du bist es, der alles zunichtemachen wird.</emphasis></p><p>Artax straffte sich. An seinem Hass hatte sich nichts ge�ndert, aber er erkannte die Wahrheit in den Worten des L�wenh�uptigen, und so gab er sich M�he, w�rdevoll, ja wie ein Sieger auszusehen. Erhobenen Hauptes ging er auf den Devanthar zu, und als er ihn erreichte, wandte er sich zu seinen Kriegern. Kaum einer von ihnen war unverletzt. Sie st�tzten sich schwer auf ihre Speere und Schilde, aber er konnte den Stolz in ihren Gesichtern lesen und auch die Erleichterung, noch zu leben.</p><p>�M�nner von Aram�, rief Artax. �Ihr habt vollbracht, was keiner glauben wollte. Ihr habt der Welt gezeigt, dass Bauern, Tagel�hner und Handwerker, die mit ganzem Herzen f�r ihre �berzeugung einstehen, selbst einer �bermacht aus Kriegern widerstehen k�nnen. Ganz gleich, wie das Duell mit Muwatta ausgehen wird � ihr habt die Welt ver�ndert. Ab morgen wird nichts mehr so sein, wie es war. Aram wird ein K�nigreich sein, in dem mehr Gerechtigkeit einzieht.</p><p>Ihr seid das Fundament dieses Reiches, nicht die Satrapen in ihren Pal�sten. Und ich werde daf�r sorgen, dass Aram auf einem starken Fundament steht.� Artax verneigte sich. �Es macht mich stolz, an eurer Seite gek�mpft zu haben, L�wen von Aram.�</p><p><emphasis>Es ist erstaunlich mit anzusehen, wie du dir noch mitten auf einem</emphasis><emphasis>Schlachtfeld neue Feinde machst. Ich glaube nicht, dass viele meiner Br�der und Schwestern es sch�tzen werden, wenn ein Sterblicher sich anma�t, die Welt zu ver�ndern.</emphasis></p><p>Glaubt Ihr, mein Tod k�nnte aufhalten, was heute begonnen hat?, dachte Artax.</p><p><emphasis>Es wird gen�gen, wenn ein einziger Devanthar daran glaubt, es aufhalten zu m�ssen. Besiege Muwatta, und du hast dir das Recht erstritten, vor meinen Br�dern und Schwestern zu sprechen. Aber sei vorsichtig, Artax. Erliege nicht dem Gr��enwahn, nur weil sich deine M�nner heute gut f�r dich geschlagen haben.</emphasis></p><p><emphasis>Wir werden auf ihn aufpassen und verhindern, dass er es zu toll treibt,</emphasis> mischte sich Aaron ein.</p><p><emphasis>Schweigt</emphasis>, gebot der Devanthar. <emphasis>Artax hat mich in den drei Jahren seiner Herrschaft besser unterhalten als ihr in Jahrhunderten.</emphasis><emphasis>St�rt mich nicht, wenn ich bei ihm bin, oder ich werde eure Stimmen</emphasis><emphasis>f�r immer aus seinem Kopf rei�en.</emphasis></p><p>Das ist m�glich?, dachte Artax verbl�fft, und zum ersten Mal seit drei Jahren keimte Hoffnung in ihm auf, die Stimmen all der anderen Aarons k�nnten eines Tages verstummen.</p><p><emphasis>Ich bin ein Gott. Und nun lass uns gehen. Das Duell wird ein St�ck vom Schlachtfeld entfernt im trockenen Flussbett stattfinden.</emphasis></p><p>�Wir werden einfach �ber das Schlachtfeld gehen.� Artax war �berrascht, dass er seinen Gedanken laut aussprach. Das klang ziemlich unspektakul�r.</p><p><emphasis>Wir k�nnten auch in einem goldenen Streitwagen, der von vier gefl�gelten L�wen gezogen wird, �ber den Himmel reiten. Aber ich dachte, ein solcher Auftritt w�re nicht dein Stil. Er birgt das Risiko, dass sich deine Untertanen k�nftig vor lauter Ehrfurcht vor dir auf den Boden werfen. Ich glaube nicht, dass dir das gefallen w�rde.</emphasis></p><p>Sie schritten nebeneinander her, und erst jetzt erkannte Artax wirklich das Ausma� der Schlacht. So viele Tote, Verst�mmelte, Sterbende � Manche M�nner schienen verr�ckt geworden zu sein. Sie sa�en zwischen den Leichen und lachten auf eine Art, die Artax eisige Schauer �ber den R�cken jagte. Hatte der L�wenh�uptige gewollt, dass er all das sah?</p><p><emphasis>Mein Bruder Langarm hat f�r Muwatta einen Speer erschaffen, der in seine Hand zur�ckkehrt, nachdem er sein Ziel getroffen hat.</emphasis></p><p>�Dann hoffe ich mal, dass Muwattas Arm ersch�pft ist und er mich verfehlt.�</p><p><emphasis>Es ist ein Speer, der niemals sein Ziel verfehlt.</emphasis></p><p>Artax blieb stehen. �Und welche verwunschene Waffe werdet Ihr mir geben?�</p><p><emphasis>Du hast dein Schwert. Das muss gen�gen.</emphasis></p><p>�Er wird mich umbringen!�</p><p><emphasis>Das liegt durchaus im Bereich des M�glichen.</emphasis></p><p>�Verdammt, ist Euch denn gar nichts an mir gelegen?�</p><p><emphasis>Doch, deshalb warne ich dich ja. Dein Charme besteht f�r mich vor allen Dingen darin, dass du immer wieder das Unm�gliche schaffst. Deshalb kann ich dir nicht helfen. Es w�rde die ganze Sache verderben.</emphasis></p><p>Na gro�artig, dachte Artax. Einfach wunderbar, das Interesse dieses Gottes erregt zu haben. Es w�rde ihn umbringen.</p><p><emphasis>Du wirst dir mit Muwatta ein Streitwagenduell liefern.</emphasis></p><p>�Was? Warum?�</p><p><emphasis>Weil es aufsehenerregender ist. Tausende eurer Krieger werden euch zusehen. Und denk daran, was du deinen M�nnern versprochen hast. Du willst eine neue Welt erschaffen. Willst ihnen Gerechtigkeit schenken. Das alles kann es nur geben, wenn du siegst.</emphasis></p></section><section><title><p>Das Duell</p></title><p>Volodi kniete nieder und rieb seine H�nde �ber den trockenen Sand.</p><p>Artax ging neben ihm in die Hocke und tat es ihm gleich. �Angst?�</p><p>�Sind sich nur meine H�nde feucht. Ist nicht gut f�r sich halten Z�gel.�</p><p>Artax wusste, was ihn erwartete. Er hatte Angst und hoffte, dass er sie w�rde �berspielen k�nnen. Das feierliche Getue, das Gerede von Ehre � all dies diente nur einem Zweck. Es gab den Rahmen ab f�r die Hinrichtung eines Unsterblichen.</p><p>Seiner Hinrichtung.</p><p>Der L�wenh�uptige war recht deutlich geworden. Was Artax erreichen wollte, gefiel den Devanthar nicht. Sie gaben Muwatta einen magischen Speer. Und f�r ihn gab es ein paar Worte.</p><p>Artax blickte auf. Die Sonne neigte sich dem Himmel im Westen zu. Die fernen Berge hatten sich in rotgoldene Wolken geh�llt. Garagum war ein karges Land, die Hochebene von Kush fast eine W�ste. In all den Wochen, die er hier war, hatte er nie einen Blick f�r die wilde Sch�nheit des Landes gehabt. So war es mit vielen Dingen in seinem Leben gewesen, dachte er wehm�tig. Wie oft hatte er im Sommer das satte Gelb der Felder bestaunt? Viel zu selten. Wie oft mit seinen Freunden in Belbek gefeiert und sich daran erg�tzt, jung, gesund und voller verr�ckter Tr�ume zu sein? Nicht oft genug. Wie viel Zeit hatte er in den Armen der Frau verbracht, die er liebte? Nicht eine einzige Nacht von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang. Und nun war er auf einer Hochebene am Ende der Welt angelangt, und das Einzige, was er noch erwarten durfte, war, von einem Zauberspeer durchbohrt zu werden und elendig zu verrecken. Ach, Shaya, dachte er, schloss die Augen und versank in der Erinnerung an ihre st�rmischen K�sse.</p><p>�Muwatta steigt sich auf Wagen.�</p><p>Artax nickte. Dann stand er auf. Er f�hlte sich seltsam schwer. Es war nicht allein durch den langen Kampf im Schildwall zu erkl�ren.</p><p>Tausende Krieger aus beiden Heeren waren entlang der Uferb�schungen aufmarschiert, um dem Spektakel beizuwohnen. Und inmitten der Menschen standen die gefl�gelte I�ta und der L�wenh�uptige. Auch die anderen Devanthar waren hier, vor den Blicken der Menschen verborgen. Der L�wenh�uptige hatte ihm kurz einen Blick auf seine Br�der und Schwestern gew�hrt. Noch eine Gunst, um die Artax nicht gebeten hatte.</p><p>Sie waren unheimlich � Der riesige Wei�e Wolf, der von einem toten Elefanten gefressen hatte. Die Sturmruferin mit dem sich windenden Schlangenhaar. Diese Kreatur, halb Mensch, halb Eber. Der gedrungene, h�ssliche Kerl mit den unnat�rlich langen Armen, der den Speer f�r Muwatta erschaffen hatte. Und all die anderen.</p><p>Artax t�tschelte �ber die N�stern der beiden Hengste, die ihren Streitwagen zogen. Ihre Flanken waren von Staub bedeckt. Der linke hatte eine lange, von getrocknetem Blut �berzogene Schramme auf der Schulter. Die Lederw�nde des Wagens wiesen schmale L�cher von Pfeilen und Speerspitzen auf.</p><p>Artax stieg auf und blickte zur anderen Seite des Kampffeldes. Der Streitwagen Muwattas h�tte unterschiedlicher nicht sein k�nnen. Er war gro� und aus schneewei�em Holz gefertigt. Auf die Frontwand war mit Gold eine gefl�gelte G�ttin gemalt. Sie zierte auch das Seidenbanner, das an einer langen Stange hinter dem Fahrer wehte. Vier pr�chtige Schimmel zogen den Streitwagen. Ihr Ledergeschirr war scharlachrot gef�rbt, und scharlachrote Federn waren in die M�hnen der Tiere geflochten.</p><p>Muwatta blickte geradewegs zu ihnen her�ber. Er hob seinen Speer zum Gru�. Der Unsterbliche war zu weit entfernt, um seine Gesichtsz�ge zu erkennen, aber Artax war �berzeugt, dass Muwatta siegessicher l�chelte.</p><p>�Warum hast du diesen Wagen ausgew�hlt, Volodi?�</p><p>�Bringt er sich Gl�ck. Ist sich wichtig das.�</p><p>�Das wei�t du sicher?�</p><p>�Bin ich gefahren mich in Schlacht mit Wagen. Und ist mich nicht nix kaputt.� Er sch�ttelte den Kopf, und seine Augen blickten in unerreichbare Fernen. �H�ttest du dich sehen m�ssen Schlachtfeld von Wagen �� Er klopfte mit der flachen Hand auf den Griff an der Vorderfront. �Ist sich viel guter Wagen.�</p><p>Artax nahm den Rundschild auf, den er auf dem Schlachtfeld gefunden hatte, und schob den Arm durch die breiten Lederschlaufen. Auf den Schild war ein L�wenkopf gemalt. Vielleicht w�rde das den L�wenh�uptigen gn�dig stimmen.</p><p>�Wird sich eng in Wagen mit Schild. Musst du dich stehen links von mir�, beschwerte sich Volodi.</p><p>�Wenn ich rechts von dir stehe, kann ich dich mit dem Schild beschirmen.�</p><p>�Und wie soll ich benutzen Z�gel? Das ist nicht nix guter Einfall.�</p><p>Artax wechselte die Position im Wagen. Er zog einen der Wurfspeere aus dem K�cher an der Wagenseite. Die Spitze war aus Eisen und funkelte, als sei sie frisch geschliffen. Wie es schien, �berlie� Volodi nicht alles dem Gl�ck.</p><p>�Musst du dich werfen Speer auf Pferd�, fl�sterte ihm der Drusnier zu. �Dann nicht nix nutzt gro�es Wagen.�</p><p>�Das ist nicht ehrenhaft.�</p><p>Volodi seufzte und sagte nichts mehr.</p><p>Ein Fanfarensto� hallte �ber das trockene Flussbett. Der Drusnier lie� die Z�gel knallen. Die beiden Hengste gaben ihr Bestes, aber sie waren noch ersch�pft von der Schlacht.</p><p>Muwattas Streitwagen war viel schneller. Der Unsterbliche hatte auf einen Schild verzichtet. Auf dem Wagen war er vor dem Geisterschwert sicher. Er hob seinen schweren Wurfspeer und hielt sich mit der Linken am Wagenkleid fest.</p><p>�Fahr rechts an ihm vorbei, so nah du kannst�, befahl Artax. Er hoffte darauf, vielleicht doch in Schwertreichweite zu gelangen. Zumindest f�r einen Hieb. Er schob den Wurfspeer in den K�cher zur�ck und zog seine verwunschene Klinge.</p><p>Muwatta schleuderte den Speer.</p><p>Volodi fluchte und riss die Z�gel herum. Die Pferde wichen nach links aus.</p><p>Der Speer �nderte seine Flugrichtung, beschrieb einen leichten Bogen und schlug dem Hengst mit der verwundeten Schulter durch den Hals. Einen Augenblick lang rannte das Wagenross einfach weiter. Dann ruckte der Speer in der Wunde, glitt aus dem Hals des Hengstes und kehrte wieder in die Hand seines Besitzers zur�ck.</p><p>Blut schoss in pulsierenden St��en aus der Wunde und spritzte bis zum Wagen. Der Hengst sch�ttelte den Kopf, als wolle er l�stige Fliegen vertreiben. Immer noch lief er weiter, wurde aber langsamer. Mit verzweifelter Entschlossenheit stemmte er sich in sein Geschirr. Dann brach er zusammen. Seine L�ufe zuckten. Er spuckte blutigen Schaum.</p><p>�So viel zu sich ehrenhaft k�mpfen�, knurrte Volodi.</p><p>Artax klopfte dem S�ldner auf die Schulter. �Du hattest recht. Nun ist es allein meine Sache. Bring dich in Sicherheit!� Mit diesen Worten sprang er vom Streitwagen.</p><p>Muwattas Streitwagen hatte sie passiert und wendete hinter ihnen im weiten Flussbett.</p><p>Artax ging ihm entgegen. �Steig ab!�, rief er. �Bringen wir es zu Ende! Mann gegen Mann!�</p><p>Statt zu antworten, schleuderte Muwatta erneut seinen Speer.</p><p>Artax blieb stehen. Er wusste, dass es sinnlos w�re, fortzulaufen oder sich zur Seite zu werfen. Der Speer war f�r ihn kaum zu sehen. Nur ein Funkeln der st�hlernen Spitze verriet, wie er n�her kam. Er flog viel weiter, als ein menschlicher Arm ihn h�tte schleudern k�nnen. Es war der Zorn der G�tter, der nun auf ihn herniederfuhr, dachte Artax. Er musste sich dem stellen. Davor gab es keine Flucht.</p><p>Ein sorgenvolles Raunen ging durch die Reihen seiner Leute. Einige M�nner riefen, er solle sich hinwerfen. Manche st�rmten schreiend die B�schung hinab. Doch keiner vermochte das trockene Flussbett zu betreten. Es war, als habe ihn ein unsichtbarer Wall von der Welt der Menschen getrennt. Er war jetzt unerreichbar f�r die Seinen.</p><p>Artax riss seinen Schild hoch. Der Speer traf ihn mit einer Wucht wie ein Pferdetritt. Er hatte den Schild weit von sich gehalten, doch der Treffer lie� seinen Arm einknicken. Der Schild wurde auf seine Brust gepresst. Die Speerspitze durchdrang die Lederschichten und selbst seinen Brustpanzer. Der kalte Stahl schnitt in seine Brust, dicht unterhalb der Schulter. Einen Augenblick lang bekam er durch die Wucht des Treffers keine Luft mehr.</p><p>Alles schien von ihm fortgleiten zu wollen. Er erhob sich �ber das Schlachtfeld. Sah die jubelnden Luwier und seinen niedergestreckten K�rper. Blut rann von seinen Lippen. So also endet es, dachte er.</p></section><section><title><p>I�tas Zorn</p></title><p><emphasis>F�hlst du Schmerzen?</emphasis></p><p>Es war die Stimme des L�wenh�uptigen. Was f�r ein Hohn! Nat�rlich sp�rte er Schmerzen!</p><p><emphasis>Dann lebst du noch. I�ta gaukelt dir vor, was du siehst. Bleib lie</emphasis><emphasis>gen, und du wirst wirklich sterben. Muwatta wird deinen Kopf holen</emphasis><emphasis>und auf seinen Speer spie�en.</emphasis></p><p>Artax blinzelte. Er lag noch immer im Flussbett. Die Luwier jubelten, doch er sah sich nicht mehr von oben.</p><p>Der Speer in seiner Brust ruckte. Schon glitt er aus der Wunde, war aber noch im Schild verfangen.</p><p>Unb�ndiger Zorn ergriff Artax. Er w�rde nicht dulden, dass es so endete. Er schuldete es seinen Toten zu k�mpfen, solange noch Leben in ihm war. Mit der Rechten griff er nach dem Schaft des Speeres, der in seiner Hand aufbockte, als sei er ein lebendiges Wesen. Einen Herzschlag lang dachte er daran, den Speer, der nie sein Ziel verfehlte, nach Muwatta zu werfen. Doch seine Ehre verbot es ihm. Auf diese Weise wollte er nicht siegen.</p><p>Artax zwang die verwunschene Waffe zu Boden, schob seine Knie �ber den Schaft aus Elfenbein und griff nach seinem Schwert.</p><p>Muwattas Streitwagen war noch knapp f�nfzig Schritt entfernt. Der Unsterbliche hatte den Arm vorgestreckt, bereit, seinen Speer aufzufangen.</p><p>Artax legte all seine Wut in einen einzigen Hieb und lie� sein Geisterschwert auf den Speerschaft niedersausen. Das Elfenbein splitterte. Der Schaft war hohl. Eine dunkle Fl�ssigkeit sickerte in den Sand. Das wei�e Elfenbein wurde gelb, dann braun und zerfiel zu Staub. Nur das Stichblatt des Speeres blieb im Sand zur�ck.</p><p>Muwattas Streitwagen war nur noch zwanzig Schritt entfernt. Der Luwier wollte ihn von den Pferden in den Boden stampfen lassen.</p><p>Artax sprang auf, packte seinen Schild und lief dem Streitwagen entgegen. Er wollte sich nicht einfach den Sichelklingen oder Hufen ausliefern. Er hielt genau auf die Mitte des Gespanns zu. Dort, wo die Deichsel zwischen den vier Pferden aufragte. Im letzten Augenblick lie� er sich nach vorn fallen, drehte sich auf den R�cken und hob den Schild �ber sich. Rechts und links von ihm w�hlten Hufe den trockenen Boden auf. Er schob den Schild �ber den Bauch. Der Boden des Streitwagens war �ber ihm. Mit beiden H�nden griff er nach einer der Querstreben, die den federnden Lederboden st�tzten. Er wurde vom fahrenden Wagen fortgerissen. Seine Fersen und Waden schleiften �ber den Sand. Er wurde halb herumgerissen, kam den Speichen der Wagenr�der gef�hrlich nah. Artax biss die Z�hne zusammen, arbeitete sich weiter vor, w�hrend Muwatta im nunmehr staubverhangenen Flussbett wendete. Artax griff um die Kante des Bodens, packte die Fahnenstange. �ber ihm schwang der scharlachfarbene Umhang Muwattas. Artax packte ihn mit beiden H�nden.</p><p>Muwatta verlor das Gleichgewicht und st�rzte vom Wagen.</p><p>Artax lag lang auf den Boden gestreckt. Er keuchte. Er war fast am Ende seiner Kr�fte. Die Wunde in seiner Schulter blutete und seine Fersen und Waden waren tief aufgesch�rft. Er stemmte sich hoch. Muwatta war schon auf den Beinen. Der Luwier griff nach seinem Schwert, doch die Klinge hatte sich beim Sturz in der Lederscheide verbogen und wollte nicht hinausgleiten.</p><p>Artax� Schwert lag zu weit entfernt, dort wo er Muwattas Speer zerst�rt hatte. Er st�rmte vor, rammte dem Unsterblichen die unverletzte Schulter gegen die Brust und packte dessen G�rtel. Er musste sich mit beiden H�nden daran festhalten, um auf den Beinen zu bleiben.</p><p>Muwatta lie� von seinem Schwert ab. Er versuchte nicht, sich aus dem Griff zu l�sen, sondern hob die Rechte und stie� mit steifen Fingern nach Artax� Schulterwunde.</p><p>Der sengende Schmerz lie� den Unsterblichen aufschreien.</p><p>�Du bist tot!�, rief Muwatta, legte ihm die H�nde um die Kehle und dr�ckte mit aller Kraft zu.</p><p>Artax dachte an die schmutzigen Kampftricks, mit denen Kolja so gerne angab, und stie� Muwatta seinen Kopf ins Gesicht. Er h�rte das Nasenbein des Unsterblichen brechen. Artax blinzelte benommen. Grelle Lichtpunkte tanzten ihm vor den Augen. Das kam in Koljas Erz�hlungen nie vor.</p><p>Blut schoss aus Muwattas Nase, doch er lockerte seinen Griff nicht. Artax� Lungen schienen in Flammen zu stehen. Seine Finger l�sten sich von Muwattas G�rtel und streiften den Griff seines Dolches. Entschlossen packte er zu, zog die Waffe und stie� sie Muwatta in die Taille.</p><p>Sofort lockerte sich der W�rgegriff um seinen Hals.</p><p>Artax stie� ein zweites Mal zu und wich von Muwatta zur�ck. Der Unsterbliche brach in die Knie. Blut rann in Str�men aus seiner Nase.</p><p>Artax packte das lange Haar des Luwiers, riss dessen Kopf nach hinten und setzte ihm den Dolch an die Kehle.</p><p>�Genug!�, rief I�ta.</p><p>�Dein Leben liegt in meiner Hand, Muwatta�, rief Artax. �Ich bin des Streitens mit dir m�de. Tausende waren Zeugen deiner Niederlage. Die G�tter erlauben nicht, dass ein Unsterblicher den Tod findet. Ich f�ge mich ihrem Gebot. Doch ich erkl�re dich f�r tot. Du bist nur noch ein Schatten. Du herrschst nur noch dank meiner Gnade.� Artax trat zur�ck und schleuderte den Dolch von sich. Er taumelte, konnte sich kaum noch auf den Beinen halten.</p><p>Muwatta hob den Kopf. �Du glaubst, du hast gesiegt. Dabei hast du das verloren, was dir am meisten bedeutet.�</p><p>Artax wandte sich ab. Er wollte dieses erb�rmliche Geschw�tz nicht h�ren. Wollte allein sein.</p><p>�Ich habe deine Prinzessin bestiegen. Und mein halbes K�nigreich hat zugesehen. Du h�ttest h�ren sollen, wie sie geschrien hat. Sie konnte gar nicht genug davon bekommen.�</p><p>�Du l�gst�, zischte Artax angewidert und zugleich erschrocken dar�ber, dass Muwatta offenbar von Shaya wusste.</p><p>�Willst du wissen, wie es war? Zwei Stunden lang habe ich sie auf jede erdenkliche Art genommen. Sie hat geschrien, bis ihre Kehle wund war. Vor lauter Leidenschaft hat sie den Verstand verloren. Als ich von ihr ablie�, war sie nur noch eine brabbelnde Irre, die mich darum gebeten hat weiterzumachen. Erst habe ich nicht verstanden, was du an diesem hageren, narbigen Weib gefunden hast. Aber als ich mit ihr fertig war, wusste ich es.�</p><p>Artax drehte sich langsam um. Er sollte gehen und sich dieses Gerede nicht weiter anh�ren. Es konnte nicht stimmen. �Die G�tter erlauben nicht, dass ein Unsterblicher die Tochter eines anderen Unsterblichen zum Weib nimmt.�</p><p>Muwatta kniete noch immer. Er presste eine Hand auf die Wunden in seiner H�fte. Blut rann durch seine sehnigen Finger. Hatten diese H�nde Shaya ber�hrt? Unm�glich!</p><p>�Du glaubst mir nicht? Soll ich dir ihre Narben beschreiben? Besonders h�sslich war eine dicht unter ihrem Schl�sselbein. Ich musste immer wieder darauf starren, als sie f�r mich die Beine breitgemacht hat. Es ist eine rote Mulde voller runzligem Narbengewebe zur�ckgeblieben.�</p><p>Artax war wie vom Donner ger�hrt. Er dachte an die Nacht unter den Zwillingsmonden Nangogs, als sie ihr Wams ge�ffnet und seine Hand unter ihre Tunika gef�hrt hatte. So weich war ihre Haut gewesen. Zart wie Fr�hlingsbl�ten. Er hatte die Narbe ber�hrt. Sie befand sich genau an der Stelle, die Muwatta gerade beschrieben hatte, dicht unter dem Schl�sselbein. Eine luwische Dornaxt hatte sie dort getroffen, als sie erst sechzehn gewesen war.</p><p>�Jetzt glaubst du mir. Ich sehe es in deinen Augen.� Muwatta stand schwankend auf. �Und, K�nig Geisterschwert � wie schmeckt dir dein Sieg jetzt?�</p><p>�Du hast recht�, sagte Artax ruhig. �Unsere Fehde endet noch nicht.�</p><p>Aller Schmerz war vergessen. Kalter Zorn gab ihm neue Kraft. Sein Schwert lag etwa zwanzig Schritt entfernt. Er w�rde Muwatta t�ten. Ganz gleich, was geschah. Er w�rde �</p><p>�Aaron von Aram!�, rief I�ta mit Donnerstimme. �Du verl�sst diesen Richtplatz nicht! Ich klage dich des Betrugs an.�</p><p>Artax achtete nicht weiter auf die Worte der G�ttin. Er wollte sein Schwert. Wollte Muwattas Kopf. Wollte � Tr�nen schossen ihm in die Augen. Was hatte der Luwier Shaya angetan? Wie hatten die G�tter das dulden k�nnen!</p><p>�Sieh mich an!�, sagte I�ta ein wenig leiser, und doch hatte Artax keinen Zweifel daran, dass jeder auf den beiden Ufern sie deutlich verstand.</p><p>Ein Zauberbann l�hmte seine Beine. Gegen seinen Willen drehte er sich zu der G�ttin um.</p><p>�Du hast dir deinen Sieg heimt�ckisch erschlichen, Aaron von Aram, indem du mehr Krieger auf dieses Schlachtfeld gef�hrt hast, als dir von den G�ttern zugebilligt worden waren. F�nfzigtausend h�tten k�mpfen d�rfen, doch du hast noch ein Aufgebot von Bogensch�tzen aus den Bergen Garagums in den Kampf befohlen. Und jene M�nner waren es, die die Streitwagen Luwiens aufgehalten haben.�</p><p>Artax blickte zu der zornigen G�ttin auf, unf�hig etwas zu sagen. Er sah den Hass in ihren Augen. Den unbedingten Willen, die Niederlage Luwiens nicht hinzunehmen und ihn zu vernichten.</p><p>�Ich klage dich an, die G�tter betrogen zu haben, die festgelegt hatten, zu welchen Bedingungen diese Schlacht ausgetragen werden sollte. Und ich fordere deinen Tod!�</p><p>Sie zog ihr Schwert, l�ste sich aus der Menge und trat dicht vor ihn hin.</p><p>Artax wollte etwas sagen, doch seine Zunge war steif wie Holz.</p><p>�Genug, Schwester.� Wie aus dem Nichts erschien der L�wenh�uptige neben I�ta und griff ihr in den Schwertarm.</p><p>�Ich werde nicht dulden, dass ein G�tterfrevler ohne Strafe bleibt�, keifte I�ta au�er sich vor Zorn. �Lass von mir ab, Bruder!�</p><p>�War es nicht so, Schwester, dass Muwatta schon vor der Schlacht den Satrapen Bessos und dessen Krieger auf seine Seite gezogen hat? War nicht er derjenige, der versucht hat, die von uns gesetzte Ordnung zu hintergehen? Alle J�ger und Hirten zusammen, die der Schamane Gatha in die Schlacht f�hrte, gleichen noch immer nicht die Zahl der M�nner aus, die dem Unsterblichen Aaron durch Verrat gestohlen wurden. Es ist also ganz gewiss nicht Aaron, dem unser Zorn gelten sollte.� Der L�wenh�uptige blickte das Flussbett hinab, als g�be es dort etwas, das vor Artax� Blicken verborgen blieb. �Sollen unsere Br�der und Schwestern entscheiden, wer von den beiden Unsterblichen ein Betr�ger ist.�</p><p>I�ta folgte dem Blick des L�wenh�uptigen. Sie verharrte reglos, dann pl�tzlich verh�rtete sich ihr Antlitz. �So sei es�, sagte sie leise, wirbelte herum und trennte Muwattas Haupt mit einem einzigen Hieb vom Rumpf.</p><p><emphasis>Da hast du deine Rache</emphasis>, erklang die Stimme des L�wenh�uptigen in Artax� Gedanken. <emphasis>Und nun vergiss die Ischkuzaia-Prinzessin.</emphasis></p><p>�Niemals�, murmelte Artax.</p><p><emphasis>Du hast heute eine Provinz f�r dein Reich hinzugewonnen und dir erstritten, im Gelben Turm vor die G�tter treten zu d�rfen. Lass ab von Shaya oder all deine K�mpfe waren vergebens.</emphasis></p><p>�Warum habt ihr sie Muwatta �berlassen? Ein Unsterblicher darf doch nicht ��</p><p><emphasis>Er wollte sie nur f�r eine Nacht.</emphasis></p><p>Artax blickte zu I�ta, doch sie antwortete ihm nicht.</p><p><emphasis>Es war ein Ritual. Und es ging darum, dich zu dem�tigen. Muwatta wollte kein Kind von ihr. Wollte keine Dynastie aus dem Blut Unsterblicher begr�nden.</emphasis></p><p>�Das will ich auch nicht!�</p><p><emphasis>Und doch w�rde es so kommen. Du willst ein Leben mit ihr, und ihr w�rdet Kinder haben. Dies darf nicht geschehen!</emphasis></p><p>Artax f�hlte sich, als w�rde ihm die Kehle zugeschn�rt. Er brachte kein Wort mehr heraus. Tr�nen lie�en seinen Blick verschwimmen. Er dachte an die eine Nacht unter den Zwillingsmonden auf dem R�cken des Wolkensammlers. An Shayas Lachen. Den seltsamen H�pftanz, den sie ihm gezeigt hatte. An ihre zarte Haut und ihre K�sse.</p><p><emphasis>Du hast Tausende Familien an diesem Tag ihrer V�ter beraubt, um deine Schlacht zu schlagen. Du hast deinen Bauern Versprechungen gemacht, die diese Welt ver�ndern werden, wenn du dein Wort einl�st. Sie hoffen auf dich. Nur du kannst ihre Tr�ume wahr werden lassen. Wiegt all das leichter als deine Liebe zu dieser Prinzessin? Suche sie, und ich werde dich durch einen anderen ersetzen.</emphasis></p><p>I�ta deutete mit ihrem blutigen Schwert auf die Reihen der Luwier. �Muwatta hat gegen das Wort der G�tter aufbegehrt. Er hat Luwien Schande gemacht. Doch sehe ich einen unter euch, der wie ein strahlender Stern in finsterster Nacht ist. Einen, dessen Ruhm heute �ber das Ma� der Sterblichkeit hinausgewachsen ist. Komm zu mir herab, Labarna. Du wirst k�nftig der Unsterbliche sein, der Luwien zu neuem Ruhm f�hrt und uns diesen Tag vergessen lassen wird.�</p><p>Jubel brandete unter den Luwiern auf. In den Augen seiner Leute hingegen sah er die Angst. Artax verstand sie. Der Mann, der nun vor I�ta trat, war jener grauenvolle H�ne, der Dutzende seiner Bauern erschlagen hatte. Labarna also hie� er. Er w�rde sein Reich sicherlich nicht in eine �ra des Friedens f�hren.</p><p>Der L�wenh�uptige sah ihn noch immer abwartend an. <emphasis>Wirst du all die M�nner, die um deinetwillen starben, verraten?</emphasis></p><p>Artax blickte erneut zu den �berlebenden, die auf der B�schung standen. Zu Mataan, dem Fischerf�rsten, Ashot, seinem Jugendfreund, den Barbaren Kolja und Volodi, der sich gleichfalls zu den Schaulustigen gesellt hatte, und all den anderen. Ihrer aller Blicke ruhten auf ihm. Er konnte sich nicht gegen sie wenden! Durfte keine Entscheidung treffen, die den Opfergang Tausender sinnlos werden lie�.</p><p>�Ich werde Shaya niemals vergessen�, sagte er und hatte dabei das Gef�hl, dass jedes seiner Worte wie scharfkantiges Glas war, das bis tief in seine Seele schnitt. �Aber ich verspreche, ich werde nicht nach ihr suchen.�</p></section><section><title><p>D�mmerung</p></title><p>Shaya kauerte zwischen den Ziegen und beobachtete, wie das letzte Rot der D�mmerung hinter den Bergen weit im Westen vergl�hte. Nie zuvor in ihrem Leben hatte sie die Mu�e gehabt, jeden Abend den Sonnenuntergang zu betrachten. Zuzusehen, wie das Licht dem Dunkel wich, und dar�ber nachzugr�beln, dass dies die Geschichte ihres Lebens war. Muwatta hatte sie ins Dunkel gest�rzt. Sie hatte all das, was er ihr angetan hatte, mit wachem Verstand erlebt und danach entschieden, die Verr�ckte zu spielen. So wurde sie in Frieden gelassen und nicht mehr st�ndig beobachtet.</p><p>Mit der Nacht kam die K�lte. Sie schlang die Arme um die Knie und wippte auf und ab. Die Ziegen, mit denen sie eingesperrt war, dr�ngten sich enger zusammen. Die Tiere mieden sie.</p><p>Sie rieb sich mit den flachen H�nden �ber die Arme. Es half nicht viel. Die N�chte waren schlimm. Aber sie w�rde auch das �berstehen. Die Wunden der Nacht auf der Zikkurat waren verheilt. Zumindest die �u�erlichen � Sie kam wieder zu Kr�ften.</p><p>Leise Schritte n�herten sich. Kara. Shaya sah die Schattengestalt der jungen Priesterin. Jeden Abend, wenn es dunkel war, schlich Kara sich zum Ziegenstall und brachte ihre eine Holzschale mit Essen. Mal Brei, mal Brotreste und K�se oder etwas gekochtes Gem�se. Vor Sonnenaufgang holte sie die Schale wieder zur�ck.</p><p>Anfangs hatte die Priesterin noch versucht, mit ihr zu sprechen. Inzwischen aber hatte sie es aufgegeben. Sie stellte das Essen ab und eilte wieder davon. Sie konnte sich f�r eine Priesterin erstaunlich leise bewegen.</p><p>Shaya holte sich die Schale. Eine dicke Fleischbr�he schwappte darin. Sie setzte das Holz an die Lippen und trank in gierigen, langen Z�gen. Die Br�he war sogar noch ein wenig warm. Sie w�rde ihr helfen, �ber die Nacht zu kommen.</p><p>Zuletzt leckte sie die Schale aus und war immer noch nicht satt, als sie damit fertig war.</p><p>Obwohl es dort am k�hlsten war, kauerte sie sich vor das Gatter, das den Stall verschloss, und sp�hte zwischen den Holzst�ben zu den Bergen, die sich als schwarze, gezackte Linie unter dem Licht der Sterne und der schmalen Mondsichel abzeichneten. Sie w�rde fliehen, wenn sie noch ein wenig mehr zu Kr�ften gekommen war. In zwei Wochen, vielleicht auch in drei.</p><p>Zu lange hatte sie darauf gehofft, doch noch gerettet zu werden. Sie hatte gewusst, dass es unwahrscheinlich war. Und dennoch war die Hoffnung nicht ganz erloschen, bis sie zur Spitze der Zikkurat gestiegen war.</p><p>Sie wusste, welches Schicksal sie hier erwartete. Luwien wollte sie nicht mehr. Muwatta hatte sie nur benutzt, um Aaron dem�tigen zu k�nnen. Sie w�rden sie im n�chsten Fr�hjahr opfern. Und niemand w�rde ihr eine Tr�ne nachweinen, au�er Kara vielleicht. Und Aaron konnte sie nicht holen. Sie zweifelte nicht daran, dass der Unsterbliche sie liebte. Aber ihre Liebe konnte niemals Erf�llung finden. Er w�rde nicht kommen. Sie war auf sich allein gestellt. Sie schuldete niemandem mehr etwas.</p><p>Sie blickte zu der Schattenlinie der Berge. Zwei Wochen noch, vielleicht drei � Wie w�rde das Leben aussehen, das sie erwartete?</p></section><section><title><p>Kriegsbeute</p></title><p>Volodi b�ckte sich unter dem Schutzdach aus Segeltuch hinweg und trat in die D�mmerung hinaus. Er hatte einige Verwundete besucht. �berall entlang der Uferb�schung waren Sonnensegel aufgestellt worden, um den Verwundeten Schatten zu spenden.</p><p>Der Drusnier war ersch�ttert, wie viele der Zinnernen in dieser letzten Schlacht gefallen waren. Nicht einmal die H�lfte der M�nner w�rde nach Nangog zur�ckkehren. Wenn sie �berhaupt dorthin wollten. Gerade unter den Verwundeten sprachen viele davon, zur�ck ans Meer zu gehen. Das Versprechen Koljas, in der Goldenen Stadt einen Ort zu erschaffen, an dem kein S�ldner in der Gosse landen w�rde, um wie ein r�udiger Hund zu verrecken, schien in der Gluthitze der Ebene von Kush an Verlockung verloren zu haben.</p><p>Auch Volodi wusste nicht, wohin er gehen sollte. Manchmal dachte er an Quetzalli. Aber war es nicht n�rrisch, nach einem Weib zu suchen, das hinter hohen Tempelmauern versteckt wurde und nicht ein einziges Wort seiner Sprache beherrschte? Womit wollten sie ihr Leben ausf�llen, wenn sie sich nicht auf ihrem federgeschm�ckten Lager liebten? Er vermisste Drusna. Die endlosen W�lder. Das Raunen des Windes in den Wipfeln. Den Geruch von frisch gem�hten Wiesen.</p><p>Er ging nach S�den, fort vom Schlachtfeld und dem Gestank nach Verwesung, der sich bereits ausbreitete. Tausende Fliegen summten. Zwielichtige Gestalten huschten zwischen den Toten umher, obwohl Aaron Wachen hatte aufstellen lassen. Pl�nderer. Darunter viele Weiber aus dem Frauenlager. Wehe den Verwundeten, die noch keiner gefunden hatte und die zu schwach waren, um Hilfe zu rufen. F�r sie w�rde es eine schreckliche Nacht werden. Vielleicht k�nnte er ein paar Kameraden �berreden, mit ihm auf dem Schlachtfeld nach �berlebenden zu suchen. Viel Hoffnung hatte er allerdings nicht. Nach diesem Tag waren sie alle zu Tode ersch�pft.</p><p>Volodi beschleunigte seine Schritte, um dem Gestank des Schlachtfelds zu entgehen. Entlang des Weges zum Magischen Tor waren Fackeln und �llampen aufgestellt worden. Schon verlie�en die Ersten das Schlachtfeld.</p><p>Ein wenig abseits entdeckte er eine Schattengestalt auf einem flachen H�gel. Einer der Jaguarm�nner? Er wollte ihnen danken. Ihr selbstloser Einsatz hatte ihm die Zeit erkauft, Muwattas Streitwagen doch noch zum Kampf zu stellen.</p><p>Er wandte sich von den Lichtern ab und ging ein St�ck gen Westen, bis er an eine flache Mulde gelangte. Dorthin hatte man am sp�ten Nachmittag bereits Hunderte Tote gebracht. Aaron hatte befohlen, dass jeder Mann in der Erde bestattet werden sollte. Tief genug, dass die Toten nicht von streunenden Hunden und F�chsen ausgescharrt werden konnten.</p><p>Volodi seufzte. Und wieder hatte ihn der Geruch des Schlachtfeldes eingeholt. Und das Summen der Fliegen.</p><p>Die Lichtverh�ltnisse waren schlecht. Es stand nur ein schmaler Sichelmond am Himmel. In manchen Gegenden sprach man in solchen N�chten vom Meuchlermond.</p><p>Entlang der Senke mit den Toten kauerten halb nackte Gestalten, denen S�cke �ber die K�pfe gezogen worden waren.</p><p>�Es ist sch�n dich zu sehen, Hauptmann. Ich hatte schon nach dir gesucht.� Eine dunkel gekleidete Gestalt erhob sich zwischen den Kauernden und kam auf ihn zu. Ein Katzenmann, der die Sprache Arams zwar mit seinem schrecklichen Akzent verunstaltete, aber ganze, richtige S�tze bildete.</p><p>�Du bist Nika � Nakhu ��</p><p>�Necahual�, half ihm der Zapote aus. �Es zeugt von wenig Respekt, wenn man sich die Namen seiner Verb�ndeten nicht merkt.� Der Krieger bleckte die Lippen, und seine spitz gefeilten Eckz�hne leuchteten fahl im Mondlicht.</p><p>Volodi straffte sich. Er w�rde mit diesen Zapote nie warm werden. Gut, wenn sie bald verschwunden w�ren! �Ich mich wollen sagen Danke. Habt ihr euch gut gek�mpft�, sagte er mit wenig Enthusiasmus.</p><p>Necahual lachte. �Du willst dir daf�r danken, dass wir uns bek�mpft haben? Wie f�hrst du deine M�nner, wenn du so redest? Tun sie manchmal, was du m�chtest? Oder befolgen sie genau deine Worte?�</p><p>Das war genug! Dieser Kerl � Wof�r hielt er sich? Er w�rde gehen, entschied Volodi. Mit diesem Wilden konnte man nicht vern�nftig reden. �Nur eine Sache noch.� Er deutete auf die kauernden Gestalten. �Wer ist sich das?�</p><p>�Unsere Kriegsbeute�, erkl�rte Necahual freim�tig. �Blonde M�nner, die auf den Streitwagen k�mpften. Leider gibt es im Heer Luwiens nur sehr wenige Krieger mit Goldhaar. Wir ziehen ihnen Tuchbeutel �ber den Kopf, die in ein Kaktusgift getaucht sind. Es l�hmt den eigenen Willen. So kommen sie mit uns, ohne �rger zu machen.�</p><p>�Das geht sich nicht. Das wird der Unsterbliche nicht nix wollen. Das ��</p><p>�Ich hatte auch nicht vor, ihn mit einer Entscheidung �ber unsere Beute zu belasten. Niemand wird nach diesem Tag drei�ig M�nner vermissen.� Der Zapote deutete auf den Leichenhaufen in der Senke. �Keiner hat nachgez�hlt, wie viele diesen Tag �berlebt haben. Eure Helden werden zu Tausenden in namenlosen Gr�bern liegen.�</p><p>�Ihr wollt sie sich zu euren Blutalt�ren bringen und schneiden auf ihr Herz? Barbaren ihr!�</p><p>Necahual gab einen zischenden Laut von sich. �Du wagst es, mich einen Barbaren zu nennen? Nach <emphasis>diesem</emphasis> Tag?� Der Zapote deutete gen Norden zum Schlachtfeld. �Was dort heute geschehen ist, nenne ich Barbarei! Mein Volk kennt solche Gemetzel nicht. In unseren Schlachten k�mpfen nur ein paar Hundert M�nner. Allesamt Krieger. Wir w�rden nicht die Bauern unseres Reiches in ein solches Massaker schicken.�</p><p>�Der Unsterbliche wird sich �� Volodi wurde von hinten gepackt und zu Boden gezerrt. Er wand sich, b�umte sich auf, doch etliche starke H�nde hielten ihn. Dann zog ihm jemand einen Sack �ber den Kopf. Das Tuch roch unangenehm s��. Es war ein Duft, wie ihn der Drusnier noch nie gerochen hatte. Er dachte an die Worte des Zapote und hielt den Atem an.</p><p>�Dein Freund Kolja hat uns die Blonden unter unseren Gefangenen als Lohn versprochen. Hat er vergessen, dir das zu sagen, Volodi?�</p><p>Das musste eine L�ge sein, dachte Volodi und versuchte seine Peiniger abzusch�tteln. Doch er wurde gnadenlos auf den Boden gedr�ckt. Es waren zu viele. Wie hatte er sich so �bert�lpeln lassen k�nnen? Auch von Kolja! War er von Anfang an ein Teil der versprochenen Beute gewesen? Kolja hatte ihn erst vor einer Stunde dazu ermuntert, sich bei den Zapote zu bedanken. War das Zufall?</p><p>�Du wirst meine Schwester Quetzalli wiedersehen, Volodi. Sie ist gut im Umgang mit Herzen.� Necahual lachte. �Aber das wei�t du ja. Du wirst freiwillig zum Altar der Gefiederten Schlange gehen. Am Ende begreifen alle, welches Gl�ck es ist, von der G�ttlichen Schlange erw�hlt zu sein.�</p><p>Volodi vermochte nicht l�nger gegen das Erstickungsgef�hl anzuk�mpfen. Er atmete ein. Ein pelziger Geschmack legte sich auf seine Zunge. Noch einmal b�umte er sich auf. Vergebens.</p><p>�Kauere dich zu den anderen und ruh dich ein wenig aus�, sagte Necahual und klang nun viel freundlicher. �Bald gehen wir durch das Nichts zur�ck zur Goldenen Stadt. Noch vor dem Morgengrauen wirst du dort sein, Volodi, und Quetzalli l�cheln sehen. Dein Leben wird voller neuer Freuden sein.�</p><p>M�de hockte Volodi sich hin, als ihm auf die Schulter gedr�ckt wurde. Er f�hlte sich hilflos. Gut, dass jemand mit freundlicher Stimme hier war, der ihm sagte, was zu tun war.</p></section><section><title><p>Das letzte Versprechen</p></title><p>�Was soll mit Bessos geschehen?�</p><p>Artax blickte m�de auf. Er sa� auf dem Klappstuhl hinter dem gro�en Tisch in seinem Zelt. Er wollte allein sein. Bis Sonnenuntergang war er bei den Verwundeten gewesen, hatte den M�nnern Mut zugesprochen und zuletzt seine eigene Wunde versorgen lassen. Sein linker Arm lag in einer Schlinge, um die Wunde in seiner Brust zu entlasten. Jeder Atemzug versetzte ihm einen leichten Stich.</p><p>Datames r�usperte sich leise. �Bessos ��, sagte er noch einmal.</p><p>�Brich ihm Arme und Beine und leg ihn zu den toten Pferden. Er ist ein St�ck Aas. Sollen ihn die Aasfresser holen�, brach es aus Artax heraus. �Seinetwegen sind viele gute M�nner gestorben.�</p><p>�Wollt Ihr die Entscheidung vielleicht noch einmal �berdenken? Das klingt nicht wie der besonnene Aaron, den ich zu sch�tzen gelernt habe.�</p><p>Doch, es klingt ganz genau wie Aaron, dachte Artax und starrte seinen Hofmeister an. Datames trug wieder einen Wickelrock. Nichts erinnerte mehr an den t�dlichen Krieger, der er noch vor ein paar Stunden gewesen war. Er war unverletzt, obwohl er stets im dichtesten Kampfget�mmel gefochten hatte.</p><p>�Du hast recht�, gestand Artax ihm m�de zu. �Lass Bessos in meinen Palast bringen. Sperrt ihn in den tiefsten Kerker! Ich werde sp�ter �ber ihn richten. Und nun lass mich bitte allein. Ich bin nicht mehr ich selbst. Ich � Morgen fr�h werde ich wieder einen klaren Kopf haben.� Artax bezweifelte das, aber er konnte den Staatsgesch�ften nicht l�nger als ein paar Stunden davonlaufen. Das wusste er nur zu gut.</p><p>�Ich wei�, Ihr seid ersch�pft, Unsterblicher, aber vor Eurem Zelt steht Hauptmann Ashot. Es ist dringend.�</p><p>Artax seufzte. �Dann soll er hereinkommen.�</p><p>�Ich glaube, es w�re besser, wenn Ihr hinausgeht.�</p><p>Der Unsterbliche erhob sich. Wieder versetzte die Wunde ihm einen Stich. Vor dem Zelt hatten sich die L�wen von Belbek versammelt. Sie alle hatten ihre R�stungen poliert und standen stramm, als seien sie zu einer Parade auf dem Hof seines Palastes angetreten. Die H�lfte von ihnen trug Fackeln. Sie wirkten seltsam feierlich. Ashot hatte ger�tete Augen. Ein h�sslicher Schnitt lief quer �ber sein Gesicht, und ein blutiger Verband war lose um seinen rechten Oberschenkel geschlungen.</p><p>�Hauptmann Ashot, was ist dein Begehr?� Artax hatte das Gef�hl, dass auch er sich f�rmlich geben sollte.</p><p>Sein Freund aus Belbek trat zur Seite. Auf einem gro�en Schild, in die scharlachroten Umh�nge von Muwattas Leibgarde eingeh�llt, lag ein Toter.</p><p>�M�chtiger Aaron�, Ashots Stimme zitterte, als er sprach. �Herrscher aller Schwarzk�pfe, Ihr habt meinem Freund heute Morgen ein Versprechen gegeben. Ich wei�, wie vermessen es ist, Euch daran zu erinnern �� Ashot rang mit den Tr�nen. �Ihr sagtet: <emphasis>Wenn dieser Tag vor�ber ist, werde ich mit euch beiden nach Belbek gehen und von euren Heldentaten berichten, auf dass es niemals jemand wage, euch L�genm�uler zu nennen</emphasis>. Es h�tte ihm viel bedeutet �� Seine Stimme brach. Er setzte noch zwei Mal an zu sprechen, brachte aber kein Wort mehr hervor.</p></section><section><title><p>Epilog</p></title><p>Streitwagen jagten �ber die n�chtliche Ebene. Ashot glaubte es immer noch nicht. Der Unsterbliche hatte es wirklich getan! Er w�rde Nareks Wunsch erf�llen. Der Hofmeister war entsetzt gewesen. Und ganz unrecht hatte Datames nicht. Es hatte Tausende Tote gegeben. Wenn Aaron einen von ihnen mit allen Ehren pers�nlich in ein kleines Dorf brachte, w�rde es Gerede geben. Warum dieser Mann? Warum nicht unser Ehemann, Vater, Bruder, Freund? Und dennoch hatte der Unsterbliche nicht einen einzigen Augenblick gez�gert. Ashot war �berrascht gewesen, wie betroffen Aaron gewirkt hatte, als er den toten Narek gesehen hatte. Man h�tte glauben m�gen, die beiden w�ren Freunde gewesen.</p><p>Narek war auf einem gro�en, vierr�drigen Wagen aufgebahrt worden. Und f�nfzig Streitwagen folgten ihm als Eskorte. Etliche Krieger aus der Garde der Himmelsh�ter befanden sich in ihrem Gefolge. Pr�chtige Gestalten mit wehenden, wei�en Umh�ngen, Bronzepanzern und hohen Helmen, die mit wei�en Pferdeschweifen geschm�ckt waren. Sie waren Aarons Leibwachen, wenn er in seinen schwebenden Pal�sten �ber die Himmel von Nangog zog. Zumindest hatte man es Artax so erz�hlt. Doch wirklich vorstellen konnte er sich schwebende Pal�ste nicht. Auch alle �berlebenden der L�wen von Belbek waren dabei. Zwei Verwundete hatten auf dem gro�en Wagen einen Sitzplatz gefunden.</p><p>Die Krieger neben den Wagenlenkern hielten Fackeln. Es herrschte feierliches Schweigen. Nur das Trommeln der Hufe und das Klirren des Zaumzeugs waren zu h�ren.</p><p>Aaron hatte sie durch das magische Tor gef�hrt, und wenn Ashot richtig verstanden hatte, war das Portal, durch das sie hinaustraten, schon seit sehr langer Zeit nicht benutzt worden. Es hatte den gro�en, silbernen L�wen, der ihr F�hrer war, einige M�he gekostet, es zu �ffnen. Als sie das Nichts verlie�en, waren sie in die Abendd�mmerung getreten. Sie hatten ein zweites Mal an einem Tag die Sonne untergehen sehen! Aaron hatte ihm erkl�rt, dass es daran lag, dass Belbek so weit im Westen von Kush lag, dass sie im Nichts den Lauf der Sonne �berholt hatten. Ganz verstanden hatte er das nicht, aber Ashot wollte sich nicht die Bl��e geben nachzufragen.</p><p>Sie fuhren jetzt am Palmenhain vorbei, der eine halbe Meile vor dem Dorf lag. Der Weg machte hier einen weiten Bogen. �ber die Felder kam man viel schneller nach Belbek. Ashot trommelte unruhig mit den Fingern auf die Wand des Streitwagens. Er wusste immer noch nicht, was er Rahel sagen sollte, wenn er vor ihr stehen w�rde. Er w�nschte, der Weg h�tte noch l�nger gedauert.</p><p>Bald passierten sie die ersten H�tten. Sie kamen an der verfallenen, uralten Mauer bei der Zeder vorbei. Dort hatte er viele Abende mit Narek und ihrem verlorenen Freund Artax beisammengesessen. Er verdr�ngte den Gedanken.</p><p>Der Fackelzug passierte den Marktplatz. Alle Stra�en des Dorfes waren wie ausgestorben. Die L�den vor den Fenstern geschlossen. Kein Licht brannte.</p><p>Aaron fuhr an der Spitze des Zuges. Er trug seinen unheimlichen L�wenhelm. Die ganze Reise schon. Nun gab er das Zeichen zum Halten. Woher wusste er, dass Rahels Haus am Marktplatz lag?</p><p>Der Unsterbliche winkte ihn zu sich. �Bringe mich zu Nareks Haus�, klang es dumpf unter dem Maskenhelm.</p><p>Ashot war erleichtert, dass ihr Herrscher doch nicht alles wusste. Nareks Leichnam wurde vom Wagen gehoben. Er war wohlhergerichtet und mit duftenden Harzen behandelt worden. Lamgi und f�nf weitere der L�wen von Belbek hoben den Schild mit dem Toten vom Wagen. Um sie herum postierten sich die Himmelsh�ter.</p><p>Ashot konnte sp�ren, wie sie durch Fensterritzen beobachtet wurden. Sicher f�rchteten sich die einfachen Bauern zu Tode.</p><p>Er ging auf das kleine Lehmhaus am nord�stlichen Ende des Marktplatzes zu und klopfte an die graue, von Wind und Wetter gezeichnete T�r. Ashot konnte drinnen ein Rascheln h�ren.</p><p>�Ich bin es, Rahel. Ashot.�</p><p>Es dauerte eine Weile, bis sich die T�r einen winzigen Spaltbreit �ffnete.</p><p>�Wer bist du?�, fragte eine �ngstliche Frauenstimme.</p><p>Ashot nahm seinen Helm ab und winkte einem Fackeltr�ger, n�her zu kommen, sodass Licht auf sein Gesicht fiel.</p><p>Rahel z�gerte. Endlich sagte sie verwundert: �Du bist es tats�chlich. Du � Wo ist Narek?�</p><p>�Bitte �ffne deine T�r. Der Unsterbliche Aaron, Herrscher aller Schwarzk�pfe, ist gekommen, um mit dir zu sprechen.�</p><p>�Ich wei� nicht, worum es hier geht, Ashot, aber das ist kein guter Scherz.�</p><p>�Er sagt die Wahrheit, Rahel von Belbek.� Die Stimme des Unsterblichen klang rau und dunkel. Auch er hatte jetzt seinen Helm abgenommen.</p><p>Rahel sah an Ashot vorbei. Er konnte sehen, wie alle Farbe aus ihrem Gesicht wich.</p><p>Sie �ffnete ihnen weit die T�r und trat in das kleine Zimmer zur�ck, in dem sie lebte und schlief. Daron stand in einer Ecke des Zimmers und beobachtete sie �ngstlich. Er hielt einen seltsamen schwarz-wei�en Stein in H�nden und hatte ein Holzschwert durch einen G�rtel geschoben, der aus einem St�ck altem Seil gemacht war. Den Jungen zu sehen brach Ashot nahezu das Herz. Wie sollte er es sagen? Er wusste immer noch nicht �</p><p>Die Totentr�ger kamen herein und legten den m�chtigen Schild in der Mitte der Kammer ab.</p><p>Daron lief zu seiner Mutter und klammerte sich an sie.</p><p>Rahel sagte immer noch kein Wort. Sie blickte auf die in scharlachfarbenes Tuch geh�llte Gestalt. Sie hatte verstanden, auch ohne dass er etwas gesagt hatte.</p><p>�Er war ein Held�, sagte der Unsterbliche, und man h�rte, wie er mit seinen Gef�hlen rang. �Es war mir eine Ehre, ihm ��</p><p>�Schweig!�, fuhr Rahel den Herrscher an. �Du hast kein Recht, �ber ihn zu reden. Du kanntest ihn nicht!�</p><p>�Rahel, er ist der Unsterbliche. Er ist ��</p><p>�Er ist der Mann, in dessen Krieg mein Narek gestorben ist. Der Mann, der Bauern gerufen hat, um zu k�mpfen. Was wei� er �ber Narek? Ich dulde nicht, dass er hierherkommt und glaubt, mit ein paar sch�nen Worten sei es getan. Scher dich zu deinen Huren in deinem Harem, du � du Ungeheuer!�</p><p>�Rahel�, emp�rte sich Ashot. �Bist du von Sinnen?�</p><p>�Ja, ich bin von Sinnen, denn mein Leben ist zerst�rt. Was soll ich ohne meinen Narek machen?�</p><p>Daron hatte angefangen zu weinen und vergrub sein Gesicht im groben Kleid seiner Mutter.</p><p>�Ich wollte ��, begann der Unsterbliche. Er hielt Nareks Schwert in H�nden.</p><p>�Du willst ein Schwert in meinem Haus lassen? Sollen dich die Daimonen holen!�</p><p>Einige der Himmelsh�ter wollten Rahel packen und zum Schweigen bringen, doch der Unsterbliche wies sie aus dem Haus. �Bitte ��, begann er noch einmal und hob das Schwert, um das ein sch�ner, mit Silber beschlagener G�rtel gewickelt war.</p><p>�Es wird hier kein Schwert geben! Und keine falschen Geschichten von glorreichen Schlachten und Heldenmut.� Sie packte Daron, zerrte ihn zu dem Eingeh�llten und zog das Tuch zur Seite, das �ber Nareks Gesicht geschlagen war. �Siehst du? Sie bringen deinen Papa. Das geschieht, wenn man mit Helden loszieht. Wenn ��</p><p>Der Kleine starrte fassungslos auf das Gesicht seines Vaters. Datames selbst hatte sich darum gek�mmert, wie der Leichnam hergerichtet wurde. Er sah gut aus. Auf Nareks Wangen lag sogar ein leichter Hauch von Rot. Er wirkte sehr friedlich.</p><p>Daron beugte sich �ber seinen Vater. �Papa?� Er k�sste ihn auf die Stirn. �Endlich bist du zur�ck. Sina wollte mir den Stein stehlen, den du mir geschenkt hast. Aber ich habe es nicht zugelassen. Ich habe �� Er stupste seinen Vater. �Papa?�</p><p>Rahel stie� einen herzzerrei�enden Schrei aus. Hei�e Tr�nen rannen �ber ihre Wangen.</p><p>Der Unsterbliche zog sich zur�ck. Auch Ashot wollte sich zur T�r hinausstehlen.</p><p>�Du bleibst�, fuhr Rahel ihn an. �Du hast mir versprochen, dass du auf ihn aufpassen w�rdest. Du �� Sie st�rzte sich auf ihn. Trommelte mit den F�usten auf seine Brust. �Du hast es <emphasis>versprochen</emphasis>!�</p><p>�Es tut mir leid.� Er konnte selbst nicht l�nger die Tr�nen zur�ckhalten. Er wusste, wie hohl seine Worte waren. Wie wenig Trost sie spendeten.</p><p>Rahels Hiebe wurden schw�cher. Schlie�lich lie� sie ihren Kopf auf seine Brust sinken und weinte.</p><p>Ashot hielt sie im Arm, dr�ckte sie fest an sich und zog auch Daron zu sich heran. Er hatte immer versucht, Narek aus jeder Gefahr herauszuhalten. Es war ihm immer noch ein R�tsel, wie sein Freund, umgeben von ihren Kriegern, gestorben war. Niemand hatte gesehen, wie er die t�dlichen Wunden empfangen hatte.</p><p>�Du solltest Daron zu dem Unsterblichen gehen lassen, Rahel�, sagte er nach langer Zeit leise.</p><p>�Damit er ihm mit seinen Geschichten den Kopf verdreht?�</p><p>�Das wird er nicht tun. Er ist ein guter Herrscher. Bald wird sich vieles �ndern ��</p><p>�Bist du das, Ashot?�, fragte sie bitter. �Ashot der Sp�tter? Ist die Macht dieses Herrschers so gro�, dass er selbst dir Honig ins Maul tr�ufeln konnte?�</p><p>�Daron wird eines Tages Fragen stellen, Rahel. Er wird wissen wollen, wie sein Vater gestorben ist. Warum wir auf der Ebene von Kush waren ��</p><p>�Dann sagst du es ihm eben.�</p><p>Ashot sch�ttelte den Kopf. �Das werde ich nicht k�nnen. Ich werde nicht da sein.�</p><p>�Du willst zur�ck, zu diesem �� Ihr versagte die Stimme.</p><p>Ashot sah sie lange an. Dann nickte er. �Ja, Rahel, ich will weiterhin an Aarons Seite stehen. Ich glaube an ihn.�</p><empty-line/><p>Artax war zu der Zeder bei der verfallenen alten Mauer gegangen. Die Menschen im Dorf waren aus den H�usern gekommen. Sie hatten die Heimgekehrten empfangen und ihnen Geb�ck und sauren Wein angeboten. Lachen klang in den kleinen Stra�en. Die meisten L�wen von Belbek waren unverletzt zur�ckgekehrt. Sie prahlten mit ihren Heldentaten und damit, zur Leibwache des Unsterblichen geh�rt zu haben. Die Dorfbewohner lauschten and�chtig und waren stolz, dass auch zwei der Ihrigen dazugeh�rt hatten � Narek und Ashot �, w�hrend die heimgekehrten Krieger, die jetzt das gro�e Wort schwangen, immerhin noch allesamt aus der n�heren Umgebung stammten.</p><p>Viele Blicke folgten Artax. Doch sie wagten nicht ihn anzusprechen. Den Unsterblichen. Den Auserw�hlten des L�wenh�uptigen.</p><p>Artax kannte jedes Haus. Fast jeden auf den Stra�en h�tte er mit Namen ansprechen k�nnen. Aber sie erkannten ihn nicht mehr. Er geh�rte nicht mehr hierher.</p><p>Er lehnte sich an die alte Mauer und blickte zum Sichelmond empor. Datames hatte ihm heute gesagt, dass er nun der m�chtigste Mann Daias sei. Der Erste unter den sieben Unsterblichen. Artax dachte daran, wie oft er mit Narek und Ashot hier bei dieser Mauer gesessen hatte und wie sie gemeinsam von ihrer Zukunft getr�umt hatten. Was w�rde er darum geben, noch einen solchen Abend mit den beiden zu haben. Aber diesen Wunsch w�rde er sich bei all seiner Macht nicht mehr erf�llen k�nnen.</p><p>Artax h�rte leise Schritte. Daron kam die Stra�e hinab. Ein St�ck entfernt stand Ashot. Dankbar nickte er seinem Freund zu, und Ashot zog sich wieder zur�ck.</p><p>Daron sah ihn mit gro�en, verweinten Augen an. Er war ein wenig pummelig und sah aus wie sein Vater, als er noch ein Junge gewesen war.</p><p>�Ist das wirklich das Schwert von meinem Papa?�</p><p>Artax nickte. �Ja. Es ist eine Klinge aus luwischem Eisen. Ein sehr besonderes Schwert.� Er zog die Waffe aus der Scheide. Mondlicht spiegelte sich auf der Schneide. Vorsichtig tastete Daron nach dem Griff, doch Artax zog die Waffe zur�ck. �Ich werde den Willen deiner Mutter respektieren. Sie hat recht. Es ist nicht gut, ein Schwert im Haus zu haben. Ich nehme es mit in meinen Palast. Dort wird es f�r dich verwahrt werden. Und eines Tages, wenn du zum Manne gereift bist, wirst du es bekommen. Wenn du es dann noch haben willst �� Er hielt inne. Hinter der Mauer hatte es geraschelt.</p><p>Artax blickte �ber das br�ckelnde Mauerwerk hinweg. Auf der anderen Seite kauerten ein d�nnes M�dchen in einem teuren, blauen Kleid und ein kleiner Junge. Beide starrten ihn erschrocken an. An das M�dchen erinnerte er sich noch. Aber der Junge � Er war schon zu lange fort, um die kleinen Kinder noch zu kennen.</p><p>�Du hei�t Sina, nicht wahr?�</p><p>Ihre Augen wurden noch etwas weiter, als er sie mit ihrem Namen ansprach. Sie nickte.</p><p>�Und wie hei�t du?�, fragte er den Jungen.</p><p>�Tura�, erklang es mit zitternder Stimme.</p><p>�Sina und Tura, ihr wollt also gerne wissen, was ich Daron zu sagen habe. Aber er hat euch nicht eingeladen. D�rfen sie bleiben, Daron?�</p><p>Nareks Sohn z�gerte ein wenig. Dann nickte er. �Ja.�</p><p>�Dann kommt um die Mauer herum. Aber verhaltet euch still, denn diese Stunde geh�rt allein Daron. Wenn ihr st�rt, werde ich euch davonjagen.�</p><p>Die beiden kamen um die Mauer herum und lie�en sich ein St�ck von ihnen entfernt auf den Wurzeln der Zeder nieder. Es war gut, wenn Daron Zeugen f�r dieses Gespr�ch hatte. Ohne Vater w�rde er eine schwere Jugend haben. Er brauchte diese Nacht. Er w�rde noch lange davon zehren m�ssen.</p><p>Sie sahen einander lange Zeit schweigend an, bis Daron sich ein Herz fasste und die n�chste Frage stellte. �War mein Papa wirklich dein Leibw�chter?�</p><p>�Wir haben in der Schlacht auf der Ebene von Kush R�cken an R�cken gek�mpft, und er hat f�r mich mein Feldzeichen mit dem goldenen L�wen getragen.� Artax� Stimme war rau. Er konnte immer noch nicht fassen, dass Narek tot war.</p><p>�Aber deine anderen Krieger sind alle viel gr��er und st�rker als mein Vater.�</p><p>�Das stimmt. Aber dein Vater hatte Eigenschaften, die weit seltener sind als M�nner mit einem kr�ftigen Schwertarm.�</p><p>Der Junge sah ihn mit weiten Augen an. �Was ist denn besser, als ein gro�er Krieger zu sein?�</p><p>�Narek hatte ein tapferes Herz. Er stand treu zu mir, als wir von Feinden umzingelt waren und mich selbst einer meiner Satrapen verraten hat. Das gilt f�r viele M�nner. Eine Eigenschaft an deinem Vater aber war so selten, dass ich keinen anderen benennen kann, der sie besitzt. Diese Gabe h�tte ihn zu einem besseren K�nig gemacht, als ich es bin.�</p><p>Daron hing an seinen Lippen. �Konnte er Daimonen t�ten?�, fl�sterte er, als spr�che er ein Geheimnis aus, f�r dessen Verrat die Nacht selbst ihn verschlingen k�nnte.</p><p>Artax l�chelte, dann beugte er sich vor. Auch seine Stimme war nur noch ein vertrauliches Fl�stern.</p><p>�Nein, Daron. Nareks Gabe war noch kostbarer. Er wusste immer Richtig von Falsch zu unterscheiden. Wenn du �lter wirst, wirst du erfahren, dass das manchmal nicht so leicht ist, wie es sich anh�rt. Dein Vater aber hat sich darin niemals geirrt.�</p><empty-line/><subtitle>Fortsetzung folgt. . .</subtitle></section></section><section><title><p>Anhang</p></title><section><title><p>Dramatis Personae der �Drachenelfen�-saga</p></title><subtitle>Die Devanthar und andere G�ttergleiche</subtitle><p><strong>Alben</strong> Die Sch�pfer der Welt <emphasis>Albenmark</emphasis>. Ihre Beweggr�nde sind ihren Gesch�pfen unergr�ndlich. Sie ziehen sich immer weiter aus ihrer Welt zur�ck und verzichten auf einen Gro�teil ihrer Macht, wie es scheint.</p><p><strong>Devanthar</strong> Weltensch�pfer �hnlich den <emphasis>Alben</emphasis>. Von den Alben und den meisten ihrer Kinder als Verk�rperung des B�sen betrachtet. Sie beherrschen <emphasis>Daia</emphasis>, die Welt der Menschen, und lenken die Geschicke der dort lebenden V�lker. Sie lieben den Wandel und stehen damit im Gegensatz zu den Alben, die nach Vollkommenheit streben, um diesen Zustand dann f�r immer zu erhalten.</p><p><strong>Anatu</strong><emphasis>Devanthar</emphasis>, die sich mit dem <emphasis>Purpurnen</emphasis>, einer der <emphasis>Himmelsschlangen</emphasis>, einlie� und ihn verf�hrte, nach <emphasis>Daia</emphasis> zu kommen. <emphasis>I�ta</emphasis> wollte nicht, dass die Feindschaft zwischen <emphasis>Drachen</emphasis> und Devanthar endete. Deshalb, so sagt es die Legende, erschlug sie den Drachen und lie� Anatu einkerkern.</p><p><strong>Ebermann</strong> Oder auch <emphasis>Manneber</emphasis>. Name, den die Menschen einem der <emphasis>Devanthar</emphasis> gaben, da er h�ufig in einer Gestalt halb Eber und halb Mensch auftritt. (Siehe auch das Buch: �Die Elfen�.)</p><p><strong>Fleischschmied</strong><emphasis>Albe</emphasis>. Seine Vorliebe ist das Erschaffen von Chim�ren (Zwitterwesen) wie <emphasis>Minotauren</emphasis> oder <emphasis>Lamassu</emphasis> (Gesch�pfe mit Stierleib, Adlerfl�geln, b�rtigem Kopf und magischen F�higkeiten).</p><p>Die <strong>Gefl�gelte</strong> Synonym f�r <emphasis>I�ta</emphasis>.</p><p>Die <strong>Gefesselte G�ttin</strong> Synonym f�r <emphasis>Nangog</emphasis>.</p><p><strong>I�ta</strong> Einer der Namen der Menschen f�r die <emphasis>Gefl�gelte</emphasis>. Sie wacht �ber den Unsterblichen <emphasis>Muwatta</emphasis>, den Herrscher <emphasis>Luwiens</emphasis>. I�ta gilt als M�rderin des <emphasis>Purpurnen</emphasis>.</p><p><strong>Langarm</strong><emphasis>Devanthar</emphasis>, der meist in gedrungener, haariger Gestalt auftritt. Ein begnadeter Schmied, der die R�stungen und Waffen der Unsterblichen anfertigt.</p><p>Der <strong>L�wenh�uptige</strong><emphasis>Devanthar</emphasis>, der das K�nigreich <emphasis>Aram</emphasis> besch�tzt. Tritt als Mentor des Unsterblichen <emphasis>Aaron</emphasis> auf.</p><p><strong>Manneber</strong> Siehe <emphasis>Ebermann</emphasis>.</p><p><strong>Nangog</strong> Im Sch�pfungsmythos der <emphasis>Zwerge</emphasis><emphasis>Albenmarks</emphasis> eine Riesin, die von den <emphasis>Devanthar</emphasis> und den <emphasis>Alben</emphasis> gemeinsam erschaffen wurde. Sie formte die Welten der Menschen, der Albenkinder und eine dritte Welt f�r sich selbst und ihre Kinder. Wurde vor der Vollendung ihres Werkes von Alben und Devanthar mit einem m�chtigen Bannzauber belegt und ihres Herzens beraubt. Auch <emphasis>Die Gefesselte G�ttin</emphasis> genannt.</p><p><strong>Russa</strong> Berggott. Auch der Blitzsch�tze genannt. Wird von den Hirtenst�mmen <emphasis>Garagums</emphasis> verehrt und h�ufig in einer Fl�gelsonne abgebildet. Die Geister der Toten, deren Fleisch von einem Adler gefressen wurde, reiten w�hrend Gewittern�chten mit Russa auf den Sturmwinden, so glauben die Hirten und J�ger Garagums.</p><p>Der <strong>S�nger</strong><emphasis>Albe</emphasis>, einer der Weltensch�pfer. Lebt mit seinem Gefolge aus <emphasis>Albenkindern</emphasis> auf einem Wolkenschiff, das wegen seiner Farbe von den <emphasis>Elfen</emphasis> und anderen der <emphasis>Blaue Stern</emphasis> genannt wird.</p><p>Die <strong>Sturmruferin</strong><emphasis>Devanthar</emphasis>, erscheint meist als verf�hrerisch sch�ne Frau mit Schlangenhaar. Gebietet �ber die Winde, ist frei und launisch und an keines der sieben Gro�reiche gebunden. Verschenkt ihre Gunst ebenso leicht, wie sie sie den Sterblichen auch wieder entzieht.</p><p>Der <strong>Wei�e Wolf</strong><emphasis>Devanthar</emphasis>, erscheint meist in Gestalt eines Wei�en Wolfes. Tritt als Mentor des Unsterblichen <emphasis>Madyas</emphasis> auf.</p><subtitle>Die Drachen</subtitle><p><strong>Drachen</strong> Ein Sammelbegriff f�r verschiedene Drachengattungen. Die <emphasis>Himmelsschlangen</emphasis>, die �ltesten unter den Drachen, sind die Statthalter der <emphasis>Alben</emphasis>. Ihnen haben sie ihre Welt anvertraut, in der Hoffnung, sie seien weise Herrscher. Die �brigen Drachen stehen in der Hierarchie tiefer. W�hrend die Himmelsschlangen intelligente Gesch�pfe von gro�er Macht sind, sind etliche andere Gattungen wenig mehr als besonders gef�hrliche Raubtiere.</p><p>Der <strong>Dunkle</strong> Synonym f�r <emphasis>Nachtatem</emphasis>. Der Dunkle, ein <emphasis>Elf</emphasis> mit Augen vom Blau des Winterhimmels, ist eine der Gestalten, die der �lteste <emphasis>Drache, Nachtatem</emphasis>, annimmt, wenn er sich unter Elfen mischt.</p><p><strong>Erstgeschl�pfter</strong> Ein Name, den die <emphasis>Himmelsschlangen Nachtatem</emphasis>, dem �ltesten unter ihnen, gegeben haben.</p><p>Der <strong>Flammende</strong><emphasis>Himmelsschlange</emphasis> mit gelb-karmesinrot changierender Schuppenfarbe; gilt als aufbrausend, sehr nachtragend und wankelm�tig. Kann seine �berzeugung binnen Augenblicken �ndern und vertritt jeden neuen Standpunkt wieder mit hitziger Vehemenz.</p><p>Der <strong>Fr�hlingsbringer</strong><emphasis>Himmelsschlange</emphasis> (Letztgeborener unter ihnen). Seine Schuppen leuchten im hellen Gr�n des Fr�hlings; gilt als ruhig und pragmatisch.</p><p>Der <strong>Goldene</strong><emphasis>Himmelsschlange</emphasis>. Verk�rpert Macht und Sch�nheit in vollkommener Harmonie. Seine Schuppen erstrahlten urspr�nglich in warmen Gelbt�nen, wurden von ihm jedoch mit goldenem Glanz verfeinert, um seinen Anspr�chen von �sthetik zu gen�gen. Seine Eifersucht auf den <emphasis>Erstgeschl�pften</emphasis> ist ebenso grenzenlos wie sein Ehrgeiz.</p><p>Der <strong>Himmlische</strong><emphasis>Himmelsschlange</emphasis> mit strahlend hellblauer Schuppenfarbe; gilt als der Weiseste der acht.</p><p><strong>Nachtatem</strong><emphasis>Himmelsschlange</emphasis>, �ltester Drache Albenmarks. Manche nennen ihn auch ihren K�nig. Residiert im <emphasis>Jadegarten</emphasis> und nimmt nur selten an den Zusammenk�nften der anderen Himmelsschlangen teil. Jeder neue <emphasis>Drachenelf</emphasis> muss als letzte Pr�fung Nachtatem begegnen, der in den Herzen der <emphasis>Elfen</emphasis> lesen kann.</p><p>Der <strong>Nachtblaue</strong><emphasis>Himmelsschlange</emphasis>. Liebt es, sich wie ein Raubtier zu geb�rden, was so weit geht, dass er besiegte Gegner frisst. Gilt als der Kriegerischste der acht.</p><p>Der <strong>Purpurne</strong><emphasis>Himmelsschlange</emphasis>. Er geh�rte zu den erstgeschl�pften <emphasis>Drachen</emphasis>. Im Goldenen Netz begegnete er der <emphasis>Devanthar</emphasis><emphasis>Anatu</emphasis>. Die Liebe zu ihr kostete ihn das Leben.</p><p>Der <strong>Rote</strong><emphasis>Himmelsschlange</emphasis>. Liebt es, sein Leben mit allen Sinnen zu genie�en, nimmt gelegentlich Elfengestalt an und versucht sich als Verf�hrer, womit er bei seinen Nestbr�dern auf blankes Unverst�ndnis st��t. Manchmal neigt er zu �berraschender Grausamkeit.</p><p>Der <strong>Smaragdfarbene</strong><emphasis>Himmelsschlange</emphasis>. Er strebt Harmonie und Ausgleich zwischen den Himmelsschlangen an. Oft ist er derjenige, der den Kompromiss findet, dem letztlich alle folgen.</p><p>Der <strong>Schwebende Meister</strong> Name der <emphasis>Elfen</emphasis> f�r jenen <emphasis>Drachen</emphasis>, der die Auserw�hlten die Kunst des Zauberwebens lehrt. Er gilt als schrullig und manchmal willk�rlich grausam. Zu seinen Verschrobenheiten geh�rt es, sich mit dem Kopf nach unten von einem Fels h�ngen zu lassen, als sei er eine Fledermaus.</p><p>Der <strong>Sommergoldene</strong> Synonym f�r den <emphasis>Goldenen</emphasis>.</p><subtitle>Die Elfen</subtitle><p><strong>Elfen</strong> Das letzte der V�lker, die von den <emphasis>Alben</emphasis> erschaffen wurden. (So behaupten die Elfen.) Sie sind etwa menschengro�, von schlankerer Gestalt und haben l�ngliche, spitz zulaufende Ohren. Die meisten von ihnen sind magiebegabt. Sobald sie ausgewachsen sind, scheinen sie nicht mehr zu altern. Die Mehrzahl von ihnen lebt zwar �nur� einige Jahrhunderte, manche erreichen aber auch ein Alter von weit �ber tausend Jahren. Die Seelen der Elfen werden wiedergeboren, bis sie ihre Bestimmung finden und ins <emphasis>Mondlicht</emphasis> eingehen.</p><p><strong>Drachenelfen</strong> Elfen im Dienst der Himmelsschlangen. Werden von den Drachen geholt, sind oft Au�enseiter oder gar Ausgesto�ene in ihren Sippen. Sie kommen als Sch�ler in die <emphasis>Wei�e</emphasis> oder <emphasis>Blaue Halle</emphasis>. Wenn sie die Ausbildung und alle Pr�fungen �berstehen, werden sie zu Meisterinnen und Meistern, um Auftr�ge f�r die <emphasis>Himmelsschlange</emphasis> auszuf�hren, der sie sich verschrieben haben.</p><p><strong>Ailyn</strong><emphasis>Drachenelfe</emphasis> und Meisterin der <emphasis>Wei�en Halle</emphasis> � die Erfahrenste unter ihnen. Ausgezeichnete Schwertk�mpferin mit unglaublichen Reflexen. Unerreicht ist sie im waffenlosen Kampf.</p><p><strong>Alvias</strong> Lange Zeit Haushofmeister von <emphasis>Emerelle</emphasis>, der ersten K�nigin Albenmarks. Auch ber�hmt f�r seine Sammlung von Schriften aus der Epoche des Dritten Trollkriegs. Legte bemerkenswerterweise den Schwerpunkt auf Texte, in denen die Herrschaft der Elfen angefeindet wurde.</p><p><strong>Bidayn</strong> Sch�lerin der Wei�en Halle. Kennt <emphasis>Nandalee</emphasis> seit ihrer gemeinsamen Zeit bei dem <emphasis>Schwebenden Meister</emphasis>. Begabte Zauberweberin mit wenig Talent f�r den Kampf. Seit ihrer ersten Mission als angehende Drachenelfe von entstellenden Narben �berzogen. Sie ist ein Sch�tzling <emphasis>Lyviannes</emphasis>.</p><p><strong>Cullayn</strong> Maurawan. Lebende Legende. Gilt als der beste J�ger und F�hrtensucher seines Volkes. Verletzungen, die er im Kampf gegen einen Troll davontrug, haben ihn grausam entstellt. Sucht die Einsamkeit; <emphasis>Tylwyth</emphasis> ist sein einziger Gef�hrte und Freund.</p><p><strong>Duadan</strong> Windg�nger aus dem Elfenvolk der Normirga. Sippen�ltester. Erkannte in <emphasis>Nandalee</emphasis> die wiedergeborene Seele seiner verstorbenen Tochter und wurde ihr zu einem Ziehvater.</p><p><strong>Eleborn</strong> Sch�ler der Wei�en Halle. Gilt als versponnen und erschafft Kunstwerke aus Wasser und Licht. Sp�ter einmal wird er einer der gro�en Herrscher Albenmarks sein. Hat sich dem <emphasis>Himmlischen</emphasis> verschrieben und besucht in seiner ersten Mission unter dem Namen <emphasis>Mikayla</emphasis> die Welt der Menschen.</p><p><strong>Elleyna</strong> Windg�ngerin aus dem Elfenvolk der Normirga. Eine Zeit lang war sie die Gef�hrtin <emphasis>Duadan</emphasis>s. Wird als eine der letzten �berlebenden ihrer Sippe von Trollen in die H�hlen des K�nigssteins verschleppt.</p><p><strong>Fenella</strong> Windg�ngerin aus dem Elfenvolk der Normirga. Etwas naiv. <emphasis>Duadan</emphasis>s Nichte.</p><p><strong>Galawayn</strong><emphasis>Elf</emphasis> aus der Schar der Verbannten aus Valemas. F�hrt den Titel �H�ter der Geheimnisse� und gilt als einer der bedeutendsten K�pfe in der Bibliothek zu Iskendria. (Siehe auch das Buch: �Elfenlicht�.)</p><p><strong>Gonvalon</strong><emphasis>Drachenelf</emphasis> und lange Zeit Meister der <emphasis>Wei�en Halle</emphasis>. Ein exzellenter Schwertk�mpfer mit Hang zu theatralischen Auftritten. Geliebter von <emphasis>Nandalee</emphasis>. Ohne es zu wissen, ist er der Sohn von <emphasis>Lyvianne</emphasis>, die ihn einst aussetzte. Sein Name bedeutet w�rtlich �bersetzt Winterkind. Hat sich dem <emphasis>Goldenen</emphasis> verschrieben.</p><p><strong>Lyvianne</strong><emphasis>Drachenelfe</emphasis> und Meisterin der <emphasis>Wei�en Halle</emphasis>. Lehrerin von <emphasis>Bidayn</emphasis>. Verfolgt sehr radikale Ideen �ber die Vervollkommnung des Volkes der <emphasis>Elfen</emphasis>. Hat sich dem <emphasis>Goldenen</emphasis> verschrieben.</p><p><strong>Meliander von Arkadien</strong> Bruder <emphasis>Emerelles</emphasis>, der ersten K�nigin von <emphasis>Albenmark</emphasis>. Begr�nder des Elfenf�rstengeschlechts von Arkadien. Meliander war ein ber�hmter Forscher und Philosoph, der ausgedehnte Reisen an verborgene Orte Albenmarks unternahm. Er sp�rte den Werken der <emphasis>Alben</emphasis> nach, studierte die Sch�pfungsmythen der V�lker und verfasste eine bedeutende wissenschaftliche Abhandlung �ber die <emphasis>Albenpfade</emphasis>.</p><p><strong>Nandalee</strong> Sch�lerin der <emphasis>Wei�en Halle</emphasis>. Entstammt der Sippe der <emphasis>Windg�nger</emphasis> aus dem Elfenvolk der <emphasis>Normirga</emphasis> in <emphasis>Carandamon</emphasis>, erst Sch�lerin und sp�ter Geliebte <emphasis>Gonvalon</emphasis>s, Freundin <emphasis>Bidayn</emphasis>s. T�tete den Sohn des Trollk�nigs und wurde zur Sippenlosen. Hat ein ausgepr�gtes magisches Talent, sieht sich selbst aber vor allem in der Rolle der J�gerin. Gewinnt das Vertrauen von <emphasis>Nachtatem</emphasis>, dem �ltesten unter den Drachen. Laut einer vom <emphasis>Goldenen</emphasis> propagierten Prophezeiung soll sie es sein, die <emphasis>Nachtatem</emphasis> einst t�ten wird.</p><p><strong>Nodon</strong><emphasis>Drachenelf</emphasis> und Erster unter den <emphasis>Elfen</emphasis> des <emphasis>Jadegartens</emphasis>. Ber�hmt f�r seine Heilkunst. Gilt dem Schwertmeister <emphasis>Gonvalon</emphasis> als ebenb�rtig. Eine Jahrhunderte andauernde Rivalit�t der beiden Krieger f�hrte dazu, dass die <emphasis>Drachen</emphasis> Sorge trugen, dass sich die beiden nie am selben Ort aufhielten. Hat sich <emphasis>Nachtatem</emphasis> verschrieben.</p><p><strong>Ny Rin</strong><emphasis>Elfe</emphasis> aus der Sippe der <emphasis>Wolfsz�hne</emphasis> in <emphasis>Carandamon</emphasis>. Eine mythologische Gestalt. Angeblich fuhr sie auf dem R�cken der Regenbogenschlangen zum <emphasis>Blauen Stern</emphasis> hinauf und wurde zur ersten Elfe, die der <emphasis>S�nger</emphasis> (ein Albe) wegen ihres Mutes und ihres Geschicks als Leibw�chterin in sein Gefolge aufnahm.</p><p><strong>Sayn</strong> Sch�ler des <emphasis>Schwebenden Meister</emphasis>s. Starb w�hrend seiner Ausbildung eines r�tselhaften Todes. Es blieb ungewiss, inwieweit <emphasis>Nandalee</emphasis> in diesen Tod verwickelt war.</p><p><strong>Shianne Lyn</strong> Archivarin der <emphasis>Blauen Halle</emphasis>. Verwaltet die Protokolle gestohlener Erinnerungen. Ihre wahre Berufung jedoch ist das Harfenspiel.</p><p><strong>Talawain</strong> Meister der <emphasis>Blauen Halle</emphasis>. Er geh�rt zu den erfolgreichsten Spitzeln der <emphasis>Himmelsschlangen</emphasis> in der Welt der Menschen und ist als <emphasis>Datames</emphasis> bis zum Hofmeister des Unsterblichen <emphasis>Aaron</emphasis>, Herrscher von <emphasis>Aram</emphasis>, aufgestiegen.</p><p><strong>Talinwyn</strong> Sch�lerin der <emphasis>Wei�en Halle</emphasis>. Von <emphasis>Gonvalon</emphasis> ausgebildet. Wird unter die Auserw�hlten aufgenommen. Ihre erste Mission ist es, den Unsterblichen <emphasis>Aaron</emphasis> zu t�ten, wobei sie selbst den Tod findet.</p><p><strong>Tylwyth</strong><emphasis>Maurawan</emphasis>. Ber�hmt f�r seine Sch�nheit und engster Vertrauter <emphasis>Cullayn</emphasis>s.</p><subtitle>Die Menschen</subtitle><p><strong>Aaron</strong><strong>Einer der sieben Unsterblichen.</strong> Der Erleuchtete, Herrscher aller Schwarzk�pfe, Wanderer zwischen den Welten, K�nig der K�nige. Herrscher von <emphasis>Aram</emphasis>, dem eine Fahrt auf seinem Palastschiff, am Himmel von <emphasis>Nangog</emphasis>, zum Verh�ngnis wurde (siehe <emphasis>Artax</emphasis>). Sch�tzling des <emphasis>Devanthar</emphasis><emphasis>Der L�wenh�uptige</emphasis>.</p><p><strong>Abir Ata�</strong> Hohepriester des Gro�reiches <emphasis>Aram</emphasis>. War vor der Verschmelzung von <emphasis>Aaron</emphasis> mit <emphasis>Artax</emphasis> einer der einflussreichsten W�rdentr�ger im Gefolge des Unsterblichen Aaron. Abir ist ein �beraus ehrgeiziger Mann und vermag kaum zu verwinden, dass der <emphasis>L�wenh�uptige</emphasis> mehr Umgang mit Aaron pflegt als mit den rangh�chsten Priestern seines Kultes. Abirs Traum ist es, aus Aram einen Gottesstaat zu machen.</p><p><strong>Aigolos</strong> Junger Piratenf�rst von den <emphasis>Aegilischen Inseln</emphasis>. In einem Zweikampf gegen den Drusnier <emphasis>Volodi</emphasis> versucht er den Tod seines Bruders zu r�chen und stirbt dabei.</p><p><strong>Aleksan</strong> Werber in Diensten des Unsterblichen <emphasis>Aaron</emphasis>. Er verf�hrt einfache Bauern wie <emphasis>Narek</emphasis> oder <emphasis>Ashot</emphasis> mit pathetischen L�gen dazu, sich dem Heer anzuschlie�en, das auf der Hochebene <emphasis>Kush</emphasis> gegen die <emphasis>Luwier</emphasis> k�mpfen wird.</p><p><strong>Arapur der Allweise</strong> Chronist aus den fr�hen Jahren des Dunklen Zeitalters. Hoher Priester in Isatami, Bewahrer der Vergangenheit, gilt als tendenzi�s, bleibt aber dennoch bei dem allgemein schlechten �berlieferungsstand eine unverzichtbare Quelle. Sein Hauptwerk ist �Der gro�e Krieg�, eine Beschreibung des Kriegs der Welten in einunddrei�ig B�nden.</p><p><strong>Arcumenna</strong><emphasis>Laris</emphasis> (F�rst) von <emphasis>Truria</emphasis>, ein begnadeter Kriegsherr.</p><p><strong>Arimaspu</strong> F�rst der <emphasis>Ischkuzaia</emphasis>, viele Jahre treuester Diener und Berater des Unsterblichen <emphasis>Madyas</emphasis>. Ein alter, ein�ugiger Kriegerf�rst.</p><p><strong>Artax</strong> Ein Bauer aus <emphasis>Belbek</emphasis> und einst guter Freund von <emphasis>Narek</emphasis> und <emphasis>Ashot</emphasis>. Wird nach dem �berraschenden Tod von <emphasis>Aaron</emphasis> durch den Devanthar, den man den <emphasis>L�wenh�uptigen</emphasis> nennt, in Aaron verwandelt und nimmt von den Menschen unbemerkt dessen Platz ein. Artax �bernimmt vollst�ndig Ged�chtnis und F�higkeiten Aarons, versucht aber einen eigenen, gerechteren Regierungsstil durchzusetzen. Verliebt in <emphasis>Shaya</emphasis>, die seine Liebe auch erwidert.</p><p><strong>Ashira</strong> Eine pockennarbige junge Frau, Masseuse und Hure im Heerlager <emphasis>Arams</emphasis>. Dass sie das Herz des Hofmeisters <emphasis>Datames</emphasis> ber�hrt, wird ihr zum Verh�ngnis.</p><p><strong>Ashot</strong> Ein verarmter Bauer aus <emphasis>Belbek</emphasis>. Schlie�t sich gemeinsam mit <emphasis>Narek</emphasis> dem Werber <emphasis>Aleksan</emphasis> und dem Heer des Unsterblichen <emphasis>Aaron</emphasis> an, um auf der Hochebene von <emphasis>Kush</emphasis> zu k�mpfen. Im Gegensatz zu Narek glaubt er nicht den pathetischen Reden des Werbers, sondern verl�sst Belbek, um der Armut zu entfliehen.</p><p><strong>Asua</strong> Streitwagenlenker aus dem Heer <emphasis>Luwiens</emphasis>. Ber�hmt f�r sein Geschick, fliehende Feinde mit den Sicheln des Streitwagens zu erwischen.</p><p><strong>Aya</strong> Eine der drei Konkubinen, die der Unsterbliche <emphasis>Aaron</emphasis> in der Nacht nach seinem Himmelssturz ausw�hlt, um mit ihm das Lager zu teilen. Sp�ter versucht Aya, den Hofmeister <emphasis>Datames</emphasis> zu erpressen. Eine verh�ngnisvolle Entscheidung.</p><p><strong>Bamiyan</strong> J�ger aus den Bergen <emphasis>Garagums</emphasis>, der sich auf die Suche nach dem verschwundenen Wunderheiler <emphasis>Barnaba</emphasis> macht und dabei der <emphasis>Xana</emphasis><emphasis>Iku�ka</emphasis> begegnet.</p><p><strong>Barnaba</strong> Ein junger Priester aus <emphasis>Aram</emphasis>, Vertrauter von <emphasis>Abir Ata�</emphasis>. Stammt aus der Provinz <emphasis>Nari</emphasis>, in der sein Vater das Amt eines Hohen Priesters bekleidet. Im Rahmen der Priesterverfolgung durch den Unsterblichen <emphasis>Aaron</emphasis> flieht er in ein verrufenes Tal in der Provinz <emphasis>Garagum</emphasis>, wo er unter den Bergst�mmen bald als Heiliger Mann und Wunderheiler gilt. Tr�umt seit seiner Kindheit davon, einer <emphasis>Xana</emphasis> zu begegnen (siehe auch unter Albenkinder: <emphasis>Iku�ka</emphasis>).</p><p><strong>Bessos</strong> Der Satrap jener H�lfte von <emphasis>Garagum</emphasis>, die zu <emphasis>Aram</emphasis> geh�rt. Ein stolzer Mann, der auf die Rechte seiner adligen Geburt besteht. Ganz anders als sein Urgro�vater, der noch ein Nomade aus den Bergen war und dem Steinrat angeh�rte.</p><p><strong>Bozidar</strong> F�rst aus <emphasis>Drus</emphasis>, der im Geisterwald eine verh�ngnisvolle Begegnung mit der Elfe <emphasis>Lyvianne</emphasis> hat. Bruder <emphasis>Volodi</emphasis>s.</p><p><strong>Daron</strong> Sohn des Bauern <emphasis>Narek</emphasis> aus <emphasis>Belbek</emphasis>.</p><p><strong>Datames</strong> Hofmeister des Unsterblichen <emphasis>Aaron</emphasis>. Der ergebene Vertraute begleitet Aaron auch auf seinen ausgedehnten Reisen und k�mmert sich dort um die Logistik. In Wahrheit ist Datames der Elf <emphasis>Talawain</emphasis> und einer der Meister der <emphasis>Blauen Halle</emphasis>. Obwohl er ein Spitzel ist, kommt seine Liebe zu den Menschen von Herzen.</p><p><strong>Eurylochos</strong> Einst Steuermann auf dem Schiff des <emphasis>Aigolos</emphasis>, den <emphasis>Volodi</emphasis> im Zweikampf get�tet hatte. Gefolgsmann von <emphasis>Kolja</emphasis>.</p><p><strong>Gatha</strong> Schamane. Einer der Anf�hrer der Bergst�mme und Mitglied des Steinrates. Erkl�rt <emphasis>Barnaba</emphasis> zum Heiligen Mann und etabliert ihn so bei den Bergst�mmen.</p><p><strong>Hazrat</strong> Einer der <emphasis>Vogelrufer</emphasis>, wie man unter den Bergv�lkern <emphasis>Garagums</emphasis> jene von den St�mmen Ausgesto�enen nennt, die �ber die <emphasis>Tafeln des Himmels</emphasis> wachen � Begr�bnispl�tze, auf denen die Leichen der Toten zerteilt und zur Speise der Adler und Geier ausgelegt werden.</p><p><strong>Ilmari</strong> Anf�hrer der Spitzel auf <emphasis>Nangog</emphasis>, die unmittelbar <emphasis>Muwatta</emphasis> unterstehen. Er ist Muwatta ganz und gar ergeben und w�rde dessen Ziele und Motive niemals hinterfragen. Die Krieger <emphasis>Aaron</emphasis>s kennen ihn unter dem Namen <emphasis>Lamgi</emphasis>.</p><p><strong>Jitro</strong> Entstammt dem K�nigreich <emphasis>Aram</emphasis>. Er ist der Schmelzmeister der Schacht�fen und oberster Aufseher der Kupfermine bei <emphasis>Um el-Amad</emphasis>. Dem Unsterblichen <emphasis>Aaron</emphasis> treu ergeben, begreift er nicht, in welchem Ausma� seine Schacht�fen zur Zerst�rung des Landes beitragen.</p><p><strong>Juba</strong> B�rtiger Kriegsmeister des Herrschers von <emphasis>Aram</emphasis>, <emphasis>Aaron</emphasis>s engster Vertrauter und gelegentlich derjenige, der die blutigen Gesch�fte der Herrschaft �bernimmt, wie etwa die Zerschlagung der Verschw�rung unter der Priesterschaft. Wurde auch <emphasis>Artax</emphasis> zum Vertrauten und Freund.</p><p><strong>Kanita</strong> Kanita war Statthalter des Unsterblichen <emphasis>Madyas</emphasis> in Nangog. Er wurde von <emphasis>Subai</emphasis> hingerichtet, angeblich hat auch Teile seiner Leibwache dieses Schicksal ereilt. <emphasis>Shaya</emphasis> war die Befehlshaberin seiner Leibwache.</p><p><strong>Kara</strong> Priesterin im <emphasis>Haus des Himmels</emphasis>, jenem einsamen Bergkloster, in dem <emphasis>Muwatta</emphasis>s Auserw�hlte auf die <emphasis>Heilige Hochzeit</emphasis> vorbereitet werden. Kara betreut den Kr�utergarten des Klosters.</p><p><strong>Kolja</strong> Neben <emphasis>Volodi</emphasis> gleichberechtigter Anf�hrer der Zinnernen und Hauptmann in der Leibwache des Unsterblichen <emphasis>Aaron</emphasis>. Leitet die Freudenh�user der <emphasis>Zinnernen</emphasis>. Der einst ber�hmte Faustk�mpfer in den K�stenst�dten entlang der Aegilischen See schloss sich vor�bergehend den Piraten im Sold <emphasis>Muwatta</emphasis>s an. Sein Gesicht ist von Faustk�mpfen entstellt. Den linken Unterarm verlor er in einer Schlacht auf <emphasis>Nangog</emphasis> und tr�gt seitdem eine Prothese aus geh�rtetem Leder, in der er eine Klinge verbirgt.</p><p><strong>Kurunta</strong> H�ter der <emphasis>Goldenen Gew�lbe</emphasis> und einst Schatzmeister Luwiens. Wahrscheinlich der einflussreichste Mann am Hof des Unsterblichen <emphasis>Muwatta</emphasis>. Ein ehemaliger Krieger, der seine Lorbeeren im Kampf gegen <emphasis>Ischkuza</emphasis> gesammelt hatte.</p><p><strong>Labarna</strong> Hauptmann der Leibwache <emphasis>Kurunta</emphasis>s. Ein au�ergew�hnlich gro� gewachsener Krieger, der mit einer m�chtigen Keule bewaffnet in die Schlacht zieht.</p><p><strong>Lamgi</strong> Spitzel und eingekaufter Meuchelm�rder im Auftrag des Unsterblichen <emphasis>Muwatta</emphasis>. Schleicht sich im Heerlager <emphasis>Aaron</emphasis>s auf der Ebene von <emphasis>Kush</emphasis> ein. Sein wirklicher Name ist <emphasis>Ilmari</emphasis>.</p><p><strong>Leon</strong> Kommt aus <emphasis>Truria</emphasis> und ist in der <emphasis>Goldenen Stadt</emphasis> im Bordellgewerbe ein scharfer Konkurrent <emphasis>Koljas</emphasis>.</p><p><strong>Madyas</strong><strong>Einer der sieben Unsterblichen</strong>. Gro�k�nig von <emphasis>Ischkuza</emphasis>, H�ter der Herden, Licht der Sonne, Sohn des Wei�en Wolfes, Vater <emphasis>Shayas</emphasis> und <emphasis>Subai</emphasis>s. Ein korpulenter Lebemann, der mit dem <emphasis>Wandernden Hof</emphasis> eine �K�nigsstadt� auf R�dern ersonnen hat, um seinen �Palast� nie verlassen zu m�ssen und doch sein Reich bereisen zu k�nnen. Sch�tzling des <emphasis>Devanthar</emphasis><emphasis>Der Wei�e Wolf</emphasis>.</p><p><strong>Malnigal</strong> Tempelw�chterin im <emphasis>Haus des Himmels</emphasis>, jenem einsamen Bergkloster, in dem <emphasis>Muwatta</emphasis>s Auserw�hlte auf die <emphasis>Heilige Hochzeit</emphasis> vorbereitet werden.</p><p><strong>Mara</strong> Eine der drei Konkubinen, die der Unsterbliche <emphasis>Aaron</emphasis> in der Nacht nach seinem Himmelssturz ausw�hlt, um mit ihm das Lager zu teilen.</p><p><strong>Marik</strong> Ein Lastentr�ger aus <emphasis>Aram</emphasis>, der das Pech hat, in die Augen eines <emphasis>Drachen</emphasis> zu blicken.</p><p><strong>Masud</strong> J�ger aus den Bergen <emphasis>Garagums</emphasis>. �lterer Bruder des <emphasis>Bamiyan</emphasis>. Stirbt an einer Blutvergiftung.</p><p><strong>Mataan</strong> Satrap von <emphasis>Taruad</emphasis>, einer winzigen Insel im Gro�reich <emphasis>Aram</emphasis>. Einer der engsten Vertrauten <emphasis>Aaron</emphasis>s. Ein bescheidener Mann, der den Pomp gro�er H�fe verabscheut und lieber mit seinen Fischern hinaus aufs Meer f�hrt. Begleitete <emphasis>Artax</emphasis> bei seinem Abenteuer mit den Piraten der <emphasis>Aegilischen Inseln</emphasis>.</p><p><strong>Mikayla</strong> Der falsche Name, unter dem sich der Elf <emphasis>Eleborn</emphasis> als Drusnier unter den <emphasis>Zinnernen</emphasis> einschleicht.</p><p><strong>Mursil</strong> Krieger aus der Leibwache des Unsterblichen <emphasis>Muwatta</emphasis>, der sich an den Morden w�hrend der <emphasis>Heiligen Hochzeit</emphasis> beteiligte.</p><p><strong>Muwatta</strong><strong>Einer der sieben Unsterblichen</strong>. Erzk�nig <emphasis>Luwiens</emphasis>. Ein Herrscher mit gro�en Ambitionen, entschlossen, das Gebiet seines Reiches zu vergr��ern, und deshalb st�ndig bereit, eine Fehde mit seinen Nachbarn zu provozieren. Wurde von <emphasis>Aaron</emphasis> in einem Kampf einst fast entmannt und sinnt auf Rache. Da Aaron f�r ihn unerreichbar bleibt, r�cht er sich an <emphasis>Shaya.</emphasis> Sch�tzling der Devanthar <emphasis>I�ta</emphasis>.</p><p><strong>Nabor</strong> Lotse des Palastschiffes des Unsterblichen <emphasis>Aaron</emphasis>. Einige halten ihn f�r seltsam, da er st�ndig leise Melodien summt und einen kleinen Affen auf seiner Schulter tr�gt.</p><p><strong>Narek</strong> Bauer aus dem Dorf <emphasis>Belbek</emphasis>, der gemeinsam mit <emphasis>Ashot</emphasis> dem Werber <emphasis>Aleksan</emphasis> folgt und sich dem Heer des Unsterblichen <emphasis>Aaron</emphasis> anschlie�t. Er will auf der Hochebene von <emphasis>Kush</emphasis> k�mpfen, weil er sich dem Unsterblichen Aaron verpflichtet f�hlt und den L�gen des Werbers Aleksan glaubt, dass in Kush auch das kleine Dorf Belbek verteidigt wird.</p><p><strong>Necahual</strong><emphasis>Zapote</emphasis>. Anf�hrer der Jaguarm�nner, die dem Unsterblichen <emphasis>Aaron</emphasis> in der Schlacht auf der Hochebene von <emphasis>Kush</emphasis> zur Seite stehen. Bruder der Priesterin <emphasis>Quetzalli</emphasis>.</p><p><strong>Obalit</strong> Sklave, der in der <emphasis>Goldenen Stadt</emphasis> dem Haushalt des <emphasis>Datames</emphasis>, des Haushofmeisters des Palastes von <emphasis>Ak�u</emphasis>, vorsteht.</p><p><strong>Partatu</strong> Anf�hrer einer Nomadensippe aus dem Volk der <emphasis>Ischkuzaia</emphasis>. Sehr angesehen in seinem Volk. Er gilt als erfolgreicher Anf�hrer von Raubz�gen in die Grenzgebiete <emphasis>Luwiens</emphasis>. Wenn er zu einem �berfall aufruft, kann er sich darauf verlassen, dass ihm Krieger aus vielen verschiedenen Sippen folgen werden.</p><p><strong>Quetzalli</strong><emphasis>Zapote</emphasis>. Priesterin, die junge, goldhaarige M�nner dazu verf�hrt, ihr in den Tempel zu folgen, wo sie der Gefiederten Schlange geopfert werden. Einst Geliebte <emphasis>Volodi</emphasis>s. Schwester des <emphasis>Necahual</emphasis>.</p><p><strong>Rahel</strong> Frau des Bauern <emphasis>Narek</emphasis> aus <emphasis>Belbek</emphasis>. Mutter von <emphasis>Daron</emphasis>.</p><p><strong>Schaptu</strong> Eine der drei Konkubinen, die der Unsterbliche <emphasis>Aaron</emphasis> in der Nacht nach seinem Himmelssturz ausw�hlt, um mit ihm das Lager zu teilen.</p><p><strong>Shaya</strong> Siebenunddrei�igste Tochter des <emphasis>Madyas</emphasis>, Gro�k�nig von Ischkuza; Schwester von <emphasis>Subai</emphasis>, lange Zeit Anf�hrerin der Palastwache des Statthalters <emphasis>Kanita</emphasis> in der <emphasis>Goldenen Stadt</emphasis>. Verliebt in <emphasis>Artax</emphasis>, der ihre Liebe in Gestalt des Unsterblichen <emphasis>Aaron</emphasis> erwidert (und um dessen Geheimnis sie nicht wei�).</p><p><strong>Shen Yi Miao Shou</strong> Ein betagter, jedoch begnadeter Heiler vom Seidenfluss. Wird vom Unsterblichen <emphasis>Madyas</emphasis> an dessen Hof gerufen, wo er eine Aufgabe an <emphasis>Shaya</emphasis> zu erf�llen hat, die ihm selbst ganz und gar nicht behagt.</p><p><strong>Sina</strong> Tochter des reichsten Bauern von <emphasis>Belbek</emphasis>.</p><p><strong>Subai</strong> Missg�nstiger �lterer Bruder <emphasis>Shaya</emphasis>s. Machthungriger Sohn des Unsterblichen <emphasis>Madyas</emphasis>.</p><p><strong>Sulumal</strong> Hauptmann der Wache im <emphasis>Palast der Morgenr�te</emphasis> des Unsterblichen <emphasis>Aaron</emphasis> von Aram. In seine �Obhut� wurden jene Damen gegeben, die Aaron aus seinem Harem entfernte.</p><p><strong>Tabitha</strong> Als �Mutter der M�tter� Herrin �ber das <emphasis>Haus des Himmels</emphasis>, jenem in einem einsamen Tal <emphasis>Luwiens</emphasis> gelegenen Kloster, in dem <emphasis>Muwatta</emphasis>s auserw�hlte Jungfrauen auf die <emphasis>Heilige Hochzeit</emphasis> vorbereitet werden. Missg�nstig, rachs�chtig und grausam.</p><p><strong>Takis</strong> Pirat von den <emphasis>Aegilischen Inseln</emphasis>. Geh�rt zu jenen, die die Zinnflotten <emphasis>Arams</emphasis> versenken und sp�ter im Heer des Unsterblichen <emphasis>Aaron</emphasis> dienen. Takis ist von rebellischem Geist und ber�chtigt f�r sein lockeres Mundwerk.</p><p><strong>Tarkon Eisenzunge</strong> Anf�hrer der Himmelspiraten auf <emphasis>Nangog</emphasis>, dem Unterst�tzung durch die <emphasis>Gr�nen Geister</emphasis> nachgesagt wird. Wurde in einer Schlacht gegen den Unsterblichen <emphasis>Aaron</emphasis> erschlagen, doch rei�en die Ger�chte nicht ab, dass er von den Toten zur�ckgekehrt sei.</p><p><strong>Umar</strong> Ein Lastentr�ger aus <emphasis>Aram</emphasis>, der einem Drachen zu einer neuen Gestalt verhalf.</p><p><strong>Urija</strong> Alternder Krieger aus der Leibwache des Unsterblichen <emphasis>Muwatta</emphasis>, der an den Morden w�hrend der Feier der <emphasis>Heiligen Hochzeit</emphasis> beteiligt war. Seitdem f�rchtet er sich vor r�chenden Geistern.</p><p><strong>Volodi</strong> F�rstensohn aus <emphasis>Drus</emphasis>, heute einer der engsten Vertrauten des Unsterblichen <emphasis>Aaron</emphasis>. Ehrenname: �Der �ber den Adlern schreitet�. Bruder <emphasis>Bozidar</emphasis>s. Einst einer der Piraten, die im Dienste <emphasis>Muwattas</emphasis> die Zinnflotten <emphasis>Arams</emphasis> versenkten. Gemeinsam mit <emphasis>Kolja</emphasis> steigt er zu einem der Anf�hrer der <emphasis>Zinnernen</emphasis> auf. Den blonden H�nen verband einst eine kurze, leidenschaftliche und unheilvolle Aff�re mit der Zapote <emphasis>Quetzalli</emphasis>.</p><p><strong>Zarud</strong> Legend�rer Schamane der Bergst�mme aus <emphasis>Garagum</emphasis>. Er verf�gte auf seinem Sterbebett die Gr�ndung des Steinrates. Zarud wurde als junger Mann von einem Blitz getroffen und �berlebte. Bei diesem Ereignis will er den Gott <emphasis>Russa</emphasis> in all seiner Pracht erblickt haben. Zarud gilt �ber die Grenzen <emphasis>Garagums</emphasis> hinaus als Heiliger Mann.</p><p><strong>Zuru</strong> Name eines luwischen Hauptmanns auf <emphasis>Nangog</emphasis>.</p><subtitle>Die Zwerge</subtitle><p><strong>Zwerge</strong> In alten M�rchen auch <emphasis>Twerge</emphasis> oder <emphasis>Getwerg</emphasis> genannt, sind die Zwerge eines der �ltesten V�lker <emphasis>Albenmarks</emphasis>. Sie sind Meister des Bergbaus und leben unter der Erde oder im Fels. Dort f�hlen sie sich sicherer vor den <emphasis>Drachen</emphasis>, mit denen sie seit langer Zeit in Fehde liegen. Die Elfen verachten sie, denn sie sehen in ihnen willf�hrige Diener der <emphasis>Alben</emphasis>.</p><p><strong>Der Alte in der Tiefe</strong> H�ufig genutzter Titel f�r Zwergenf�rsten. Manchmal, wie in der <emphasis>Tiefen Stadt</emphasis>, benutzt kein <emphasis>Zwerg</emphasis> mehr den wirklichen Namen des Herrschers, sondern man spricht nur noch durch Nennung des Titels �ber ihn.</p><p><strong>Amalaswintha</strong> Eine ebenso beg�terte wie einflussreiche Zwergin aus der <emphasis>Tiefen Stadt</emphasis>, die auf Anregung des Ratsherren <emphasis>Skorri</emphasis> ganz eigene Wege beschreitet, um ihrem Volk den Schl�ssel zur Kunst des Zauberwebens zu erstreiten.</p><p><strong>Arbinumja</strong> Name, den <emphasis>Nandalee</emphasis> annimmt, als sie sich als <emphasis>Zwerg</emphasis> aus der <emphasis>Ehernen Halle</emphasis> ausgibt.</p><p><strong>Eikin</strong> F<strong>�rst,</strong><emphasis>der Alte in der Tiefe</emphasis> in den <emphasis>Ehernen Hallen</emphasis>.</p><p><strong>Frar</strong> Baby aus der <emphasis>Tiefen Stadt</emphasis>. Wurde von der Elfe <emphasis>Nandalee</emphasis> verschont und den Zwergen <emphasis>Nyr</emphasis>, <emphasis>Hornbori</emphasis> und <emphasis>Galar</emphasis> �bergeben, die sich seiner annahmen und ihm den Namen Frar Drachentod gaben. �berlebte als einer der wenigen den Untergang der <emphasis>Tiefen Stadt</emphasis>. Spitzname: Draupnir (zwergisch f�r �Tr�pfler�).</p><p><strong>Fundin</strong> Falscher Name, unter dem <emphasis>Nyr</emphasis> dem Zwergenschmied <emphasis>Glamir</emphasis> aus der <emphasis>Ehernen Halle</emphasis> als Hafenarbeiter vorgestellt wird.</p><p><strong>Galar</strong> Von unb�ndiger Neugierde getriebener Forscher, Schmied und Alchemist aus der <emphasis>Tiefen Stadt</emphasis>, der auch schon mal zur Axt greift, wenn die Umst�nde es erfordern. Erfand den Schie�mechanismus, mit dem der <emphasis>Schwebende Meister</emphasis> get�tet wurde. Sucht nach dem Mittel, Zwergenhaut mithilfe von Drachenblut unverwundbar zu machen. Einmal ist es ihm durch Zufall gelungen � leider nur an seinem von ihm m��ig gesch�tzten Kumpel und F�rderer <emphasis>Hornbori</emphasis>. Siehe auch: <emphasis>Onar</emphasis>.</p><p><strong>Geberic</strong> Einer der Leibw�chter der Zwergendame <emphasis>Amalaswintha</emphasis>.</p><p><strong>Glamir</strong> Schmied aus der <emphasis>Ehernen Halle</emphasis>. Hat im <emphasis>Meer der Schwarzen Schnecken</emphasis> einen Turm errichtet, in dem er seinen eigenwilligen Forschungen nachgeht. Er verlor im Kampf gegen die <emphasis>Smaragdspinnen</emphasis> ein Bein, einen Arm und ein Auge.</p><p><strong>Grungi</strong> Ein streits�chtiger <emphasis>Zwerg</emphasis> aus der <emphasis>Tiefen Stadt</emphasis>, der sich mitunter als Steuermann auf einem <emphasis>Aal</emphasis> verdingt. Er ist f�r sein Temperament ber�chtigt, bis er sich eines Tages an dem Falschen vergreift.</p><p><strong>Hannar</strong> Erfahrener J�ger aus der <emphasis>Tiefen Stadt</emphasis>. Hat eines Nachts eine seltsame Begegnung im Bergwald �ber der <emphasis>Tiefen Stadt</emphasis>.</p><p><strong>Hornbori</strong> Gl�ckskind aus der <emphasis>Tiefen Stadt</emphasis>. Optisch der Traum jedes Zwergen-Heldenepos, leider aber nur bedingt mutig. Trotzdem sorgen sein �u�eres und sein selbstbewusstes Auftreten bei Zechgelagen immer wieder daf�r, dass ihm die Heldentaten anderer zugeschrieben werden. Proteg� <emphasis>Galar</emphasis>s, Freund <emphasis>Nyr</emphasis>s. Versetzte dem <emphasis>Schwebenden Meister</emphasis> den letzten Todessto�. Sein Ziel: eines Tages <emphasis>Alter in der Tiefe</emphasis> und somit Herrscher seiner Heimatstadt zu werden. Siehe auch: <emphasis>Hreidmar</emphasis>.</p><p><strong>Hreidmar</strong> Falscher Name, unter dem sich <emphasis>Hornbori</emphasis> dem Zwergenschmied <emphasis>Glamir</emphasis> aus der <emphasis>Ehernen Halle</emphasis> als Kontorleiter vorstellt.</p><p><strong>Nyr</strong> Gesch�tzmeister aus der <emphasis>Tiefen Stadt</emphasis>. In seinem Volk ber�hmt daf�r, die Drachenflitsche entwickelt zu haben, ein zerlegbares Gesch�tz, das die Drachenjagd erheblich erleichtert. Freund <emphasis>Galar</emphasis>s. Siehe auch: <emphasis>Fundin</emphasis>.</p><p><strong>Onar</strong> Der falsche Name, unter dem sich <emphasis>Galar</emphasis> dem Zwergenschmied <emphasis>Glamir</emphasis> aus der <emphasis>Ehernen Halle</emphasis> als Hafenarbeiter vorstellt.</p><p><strong>Skorri</strong> Ratsherr aus der <emphasis>Tiefen Stadt</emphasis>, der <emphasis>Amalaswintha</emphasis> die Inspiration gab, ganz neue Wege auf der Suche nach dem Schl�ssel zur Kunst des Zauberwebens zu beschreiten.</p><p><strong>Sviur</strong><emphasis>Zwerg</emphasis> aus der <emphasis>Tiefen Stadt</emphasis>. Er besa� eine Werft f�r <emphasis>Aale</emphasis>, jene langgestreckten F�ssern �hnlichen H�hlenschiffe, die von den Zwergen f�r Reisen und Transporte genutzt werden.</p><p><strong>Yngwi</strong> Ein legend�rer Kapit�n jener Tauchboote, die die Zwergenv�lker <emphasis>Aale</emphasis> nennen. Ihm dichtet <emphasis>Galar</emphasis> das Yngwi-Man�ver an, bei dem ein Tauchboot in Schr�glage Engstellen passiert.</p><subtitle>Albenkinder und andere</subtitle><p><strong>Albenkinder</strong> Sammelbegriff f�r alle V�lker, die durch die Alben erschaffen wurden (Elfen, Trolle, Kobolde, Kentauren etc).</p><p><strong>Bromgar</strong> K�nig der <emphasis>Trolle</emphasis>. Residiert in den H�hlen des <emphasis>K�nigssteins</emphasis> in der Snaiwamark. F�r einen Troll erstaunlich weise. Nach dem Tod seines Sohnes entfesselt er eine Blutfehde gegen die Elfensippe der <emphasis>Windg�nger</emphasis>, der auch <emphasis>Nandalee</emphasis> und <emphasis>Duadan</emphasis> entstammen.</p><p><strong>Elija Glops</strong> Als <emphasis>Lutin</emphasis> ein Angeh�riger der Koboldv�lker <emphasis>Albenmarks</emphasis>. Ber�hmt f�r seine Hetzschriften gegen die Herrschaft der <emphasis>Elfen</emphasis> und sein au�erordentliches demagogisches Talent. Stieg w�hrend der Herrschaft der Trolle zur geheimen Macht hinter dem Thron auf und verschwand am Tag der Wiederwahl Emerelles zur Herrscherin Albenmarks spurlos. (Siehe auch das Buch: �Elfenk�nigin�.)</p><p><strong>Firaz</strong> Schamanin aus dem Volk der <emphasis>Gazala</emphasis>. Sie lebt in der Fels-Oase, die als <emphasis>Jadegarten</emphasis> bekannt ist, und geh�rt zum Orakel <emphasis>Nachtatem</emphasis>s.</p><p><strong>Iku�ka</strong> Eine <emphasis>Xana</emphasis>, die aus <emphasis>Albenmark</emphasis> in die Welt der Menschen floh. Lebte �ber Jahrhunderte in einem Teich in den Bergen <emphasis>Garagums</emphasis> verborgen, bis sie dort eines Tages dem Priester <emphasis>Barnaba</emphasis> begegnet.</p><p><strong>Immerwinterwurm</strong> Eine Kreatur, die von dem <emphasis>Alben</emphasis>, der gemeinhin <emphasis>Fleischschmied</emphasis> genannt wird, erschaffen wurde. Sie jagt am Nordhang des <emphasis>K�nigssteins</emphasis>, ist aus Eis und Magie erschaffen und erinnert entfernt an einen riesigen Tausendf��ler. Wird sie get�tet, erweckt der Nordwind sie alsbald zu neuem Leben.</p><p><strong>Matha Naht</strong> Beseelter Holunderbaum. Matha Naht ist von Finsternis durchdrungen. Schwarz wie ihre Rinde ist auch ihre Magie. Wenn es ihr nutzt, paktiert sie mit der Elfe <emphasis>Lyvianne</emphasis>, die von ihr in der Lehre der Blutmagie unterwiesen wurde. Nahm <emphasis>Gonvalon</emphasis> seine Magie und wurde durch <emphasis>Nachtatems</emphasis> Eingreifen in ihrer urspr�nglichen Form zerst�rt. In sp�teren Zeiten wird Matha Naht die Lehrerin der bedeutendsten Schamanin der Trolle, Skanga, sein. (Siehe auch das Buch: �Elfenwinter�.)</p><p><strong>Nachtschwinge</strong> Der Pegasus <emphasis>Gonvalon</emphasis>s. Ein Rappe.</p><p><strong>Sata</strong> Kobolddienerin auf dem <emphasis>Blauen Stern</emphasis> des <emphasis>S�ngers</emphasis>, die unter ihresgleichen an Bord des Himmelsschiffes gro�es Ansehen genie�t.</p><p><strong>Silberzunge</strong> Eine <emphasis>Bl�tenfee</emphasis>, nicht nat�rlich geboren, sondern von einer <emphasis>Albe</emphasis> erschaffen. Sie geh�rt zu den Ersten ihrer Art und ist sehr viel robuster, als ihr feingliedriger K�rper vermuten l�sst.</p><p>Die <strong>Wei�e Frau</strong> Seherin, W�chterin des <emphasis>Albensterns</emphasis> in den <emphasis>Slanga-Bergen</emphasis></p><p>sowie</p><p><strong>Piep</strong> Misteldrossel, mit der sich <emphasis>Nandalee</emphasis> in der <emphasis>Wei�en Halle</emphasis> anfreundet. Das Band der Freundschaft zwischen Piep und Nandalee erlaubte es <emphasis>Gonvalon,</emphasis> seiner Geliebten nachzusp�ren, als diese als verloren galt.</p><subtitle>Schaupl�tze</subtitle><p><strong>Aegile</strong><strong>n</strong><strong>/Aegilische Inseln</strong> Region auf <emphasis>Daia</emphasis> mit �ber hundert weit verstreuten Inseln. Ber�chtigtes Piratenversteck. Wie steinerne G�rten liegen die Inseln inmitten des Meeres, gr�n von Zedern, so alt wie die Welt und reich an wunderbaren Weinbergen.</p><p><strong>Ak�u</strong> Palaststadt von <emphasis>Aaron</emphasis>, des Gro�k�nigs von <emphasis>Aram</emphasis>.</p><p><strong>Albenpfad, Albenstern</strong> Siehe Glossar</p><p><strong>Andere Welt</strong> Name der <emphasis>Albenkinder</emphasis> f�r die Welt der Menschen.</p><p><strong>Aram</strong> Eines der sieben Gro�reiche in der Welt der Menschen, beherrscht von dem Unsterblichen <emphasis>Aaron</emphasis>, der den Titel Herrscher aller Schwarzk�pfe f�hrt. Das Banner mit der gefl�gelten Sonne ist das Feldzeichen des Reiches, w�hrend des Feldzugs in <emphasis>Kush</emphasis> kommen auch Standarten mit goldenen L�wen auf.</p><p><strong>Bainne Tyr</strong> Die Heimat der <emphasis>Pegasi</emphasis> in <emphasis>Albenmark</emphasis>, auch das Milchland genannt. Hier siedeln auch verschiedene gro�e Koboldst�mme, die in der weiten Steppenlandschaft Viehwirtschaft betreiben. Inmitten der Steppe befindet sich ein W�stenstreifen, der von den <emphasis>Himmelsschlangen</emphasis> mit Zaubern belegt wurde. An diesem lebensfeindlichen Ort legen die <emphasis>Drachenelfen</emphasis> ihre letzten Pr�fungen ab. Dort befindet sich auch der legendenumrankte <emphasis>Jadegarten</emphasis>.</p><p><strong>Belbek</strong> Ein kleines Dorf in der Provinz <emphasis>Nari</emphasis>, im K�nigreich <emphasis>Aram</emphasis> gelegen. Der Geburtsort von <emphasis>Artax, Narek, Ashot</emphasis> und <emphasis>Daron</emphasis>.</p><p><strong>Berghem</strong> Gro�e Zwergensiedlung in den Bergen von <emphasis>Ischemon</emphasis>. Ber�hmt f�r die Aalwerften der unterirdischen Stadt. Allerdings hat der Schiffsbau der <emphasis>Zwerge</emphasis> nach dem sogenannten <emphasis>Massaker von Berghem</emphasis> einen argen D�mpfer erhalten.</p><p><strong>Blaue Halle</strong> Neben der <emphasis>Wei�en Halle</emphasis> der einzige Ort, an dem <emphasis>Elfen</emphasis> zu Dienern der <emphasis>Himmelsschlangen</emphasis> ausgebildet werden. In der <emphasis>Blauen Halle</emphasis> liegt der Schwerpunkt des Lernens auf der Entfaltung der Magie. Ihre Sch�ler steigen in aller Regel nicht in die Reihen der <emphasis>Drachenelfen</emphasis> auf, sondern dienen als Spitzel auf <emphasis>Daia</emphasis> und <emphasis>Nangog</emphasis>.</p><p><strong>Carandamon</strong> Elfenf�rstentum in <emphasis>Albenmark</emphasis>. Die Hochebene im Ewigen Eis ist eingefasst von m�chtigen Bergketten. Carandamon ist die urspr�ngliche Heimat des Elfenvolkes der <emphasis>Normirga</emphasis>. Es liegt westlich der <emphasis>Snaiwamark</emphasis>, des K�nigreichs der <emphasis>Trolle</emphasis>.</p><p><strong>Daia</strong> Archaischer Name f�r die Welt der Menschen. Man findet ihn vor allem in �lteren Schriften <emphasis>Albenmarks</emphasis> wie etwa dem Sch�pfungsmythos, wie ihn die Kinder der <emphasis>Dunkelalben</emphasis> �berliefern.</p><p><strong>Das Nichts</strong> Die gro�e Leere zwischen <emphasis>Daia,</emphasis> der Welt der Menschen, <emphasis>Albenmark</emphasis> und <emphasis>Nangog</emphasis>. <emphasis>Das Nichts</emphasis> wird durchzogen vom goldenen Netz der <emphasis>Albenpfade</emphasis>.</p><p><strong>Der Wandernde Hof</strong> Bezeichnung f�r den K�nigshof des Unsterblichen <emphasis>Madyas</emphasis>, des Herrschers �ber das Gro�reich <emphasis>Ischkuza</emphasis>. Der Hof besteht aus zum Teil riesigen Wagen sowie gro�en Jurten, die auf Plattformen mit R�dern aufgeschlagen sind. Dieses Lager, das sich K�nigshof nennt, bewegt sich st�ndig �ber die weiten Steppen <emphasis>Ischkuzas</emphasis> und verweilt nie l�nger als drei bis vier Tage an einem Ort.</p><p><strong>Deva Kush</strong> Gebirge im s�dlichen Teil der beiden Provinzen <emphasis>Garagum</emphasis> auf der Welt <emphasis>Daia</emphasis>. Viele Menschen glauben, dass die Berge, die sich weit �ber die Wolken erheben, der Sitz der <emphasis>Devanthar</emphasis> sind. In den Bergt�lern wird die Nutzpflanze <emphasis>Kush</emphasis> angebaut, die Tr�ume schenkt, die einen den G�ttern n�herbringen. Die Berge sind auch ber�hmt f�r die besonders gro�en T�rkise, die man hier finden kann.</p><p><strong>Die Goldene Pforte</strong> Name des gro�en <emphasis>Albensterns</emphasis> in der <emphasis>Goldenen Stadt</emphasis> auf der Welt <emphasis>Nangog</emphasis>. Dieser Albenstern ist fast ununterbrochen ge�ffnet. Er ist der Umschlagplatz f�r alle Karawanen, die Nangog verlassen.</p><p><strong>Die Goldene Stadt</strong> �beraus pr�chtige Stadt und gemeinsame Residenz aller sieben Gro�k�nige, der Unsterblichen von <emphasis>Daia</emphasis> auf der Welt <emphasis>Nangog</emphasis>.</p><p><strong>Drashnapur</strong> Region <emphasis>Albenmarks</emphasis>, in der <emphasis>Kobolde</emphasis> wohnen, die ber�chtigt f�r ihren K�se sind. Mithilfe dieses K�ses forscht der Zwerg <emphasis>Galar</emphasis> nach einem Unverwundbarkeitselixier.</p><p><strong>Drus, auch Drusna</strong> Eines der sieben Gro�reiche auf <emphasis>Daia</emphasis>, der Welt der Menschen. Heimat der S�ldner <emphasis>Volodi</emphasis> und <emphasis>Kolja</emphasis>.</p><p><strong>Eherne Hallen</strong> Zwergenstadt im Nordwesten der W�lder von Galvelun. <emphasis>Nandalee</emphasis> behauptet als Zwerg <emphasis>Arbinumja</emphasis>, aus den Ehernen Hallen zu kommen.</p><p><strong>Garagum</strong> Der Name zweier Provinzen auf <emphasis>Daia</emphasis>. Die Provinzen sind benachbart und geh�ren zu den Gro�reichen <emphasis>Aram</emphasis> und <emphasis>Luwien</emphasis>. Garagum bedeutet �bersetzt Die Schwarze W�ste. Siehe auch: <emphasis>Deva Kush</emphasis>.</p><p><strong>Gefiedertes Haus</strong> Versammlungsort der <emphasis>Devanthar</emphasis> im Reich der <emphasis>Zapote</emphasis>. Hier werden in einem besonderen Ritual handverlesene Krieger und J�ger der Dschungelst�dte in die Reihen der Gotteskrieger aufgenommen. Einer Legende zufolge liegt hier auch der Leib jener Himmelsschlange aufgebahrt, die man den <emphasis>Purpurnen</emphasis> nannte.</p><p><strong>Der Gelbe Turm</strong> Ein sagenumwobener Palast der <emphasis>Devanthar</emphasis>, der verborgen in den himmelhohen Bergen am Rande <emphasis>Garagums</emphasis> liegen soll. Es hei�t, dorthin brachte die Devanthar <emphasis>I�ta</emphasis> das Drachenhaupt des <emphasis>Purpurnen</emphasis>, den sie ermordet hatte. Und dort erschufen die Devanthar der <emphasis>Anatu</emphasis>, der Geliebten des Purpurnen, ein Gef�ngnis aus dem Sch�del der Himmelsschlange. Aus der Wunde in ihrer Brust blutend, gefangen im Gebein ihres Geliebten, unf�hig zu sterben, versto�en von ihresgleichen, leidet Anatu noch heute im Gelben Turm. Und manchmal tr�gt der Wind ihr Wehklagen bis hinaus in die Schwarze W�ste.</p><p><strong>Glamirs Turm</strong> Ein Turm, der auf einem Riff im <emphasis>Meer der Schwarzen Schnecken</emphasis> liegt. Bei normalem Pegelstand des Sees versinkt der Turm ganz im Wasser. Hier sp�ren die Zwerge der <emphasis>Ehernen Halle</emphasis> unter der F�hrung des Schmiedes <emphasis>Glamir</emphasis> einem der gro�en Geheimnisse <emphasis>Albenmarks</emphasis> nach.</p><p><strong>Haus des Himmels</strong> Einsames Bergkloster im K�nigreich <emphasis>Luwien</emphasis>. Hier werden die Jungfrauen, die zur <emphasis>Heiligen Hochzeit</emphasis> erw�hlt werden, auf das gro�e Fest in der Tempelstadt <emphasis>Isatami</emphasis> vorbereitet.</p><p><strong>Isatami</strong> Uralte Tempelstadt im K�nigreich <emphasis>Luwien</emphasis>. Auf der <emphasis>Zikkurat</emphasis> von Isatami wird jedes Jahr zur Sommersonnenwende das Fest der <emphasis>Heiligen Hochzeit</emphasis> gefeiert. Dabei vereinigt sich der Unsterbliche <emphasis>Muwatta</emphasis> mit einer Jungfrau, um dem Land f�r das kommende Jahr eine reiche Ernte zu schenken. Isatami liegt auf einer abgelegenen Hochebene unweit eines gro�en <emphasis>Albensterns</emphasis>.</p><p><strong>Ischemon</strong> Eine gro�e Insel, �stlich der K�ste <emphasis>Arkadiens</emphasis> gelegen. Heimat der roten <emphasis>Sonnendrachen</emphasis>.</p><p><strong>Ischkuza</strong> Eines der sieben Gro�reiche in der Welt der Menschen, beherrscht von dem Unsterblichen <emphasis>Madyas</emphasis>. Gro�k�nig ist der Titel des Herrschers �ber das weite Steppenreich und ein Banner mit einem stilisierten Pferdekopf sein Feldzeichen. Die Bewohner des Reiches werden <emphasis>Ischkuzaia</emphasis> genannt.</p><p><strong>Ishaven</strong> Eine der gro�en Zwergenst�dte <emphasis>Albenmarks</emphasis>, im Nordosten der <emphasis>Walbucht</emphasis> gelegen.</p><p><strong>Kammer der kommenden Offenbarungen</strong> H�hle in der <emphasis>Tiefen Stadt</emphasis>, in der sich ein <emphasis>Albenstern</emphasis> befand und die ganz mit wei�em Marmor ausgekleidet worden war, in den Dutzende, kaum handgro�e Wandnischen geschnitten waren, in denen winzige Skulpturen standen � Bildnisse der Erstgeborenen der Sippen dieser Stadt.</p><p><strong>K�nigsstein</strong> Name der <emphasis>Trolle</emphasis> f�r eine H�hlenfestung in den Bergen an der Grenze zu <emphasis>Carandamon</emphasis>. Seit Anbeginn der Zeiten liegt hier der K�nigssitz des Volkes der Trolle. Der Stein, der der H�hlenfestung und auch dem Berg seinen Namen gab, ist Thronstein des Trollk�nigs.</p><p><strong>Kush</strong> Hochebene und Schauplatz der Entscheidungsschlacht zwischen <emphasis>Aram</emphasis> und <emphasis>Luwien</emphasis>. Hoch in den Bergen nahe der Grenze zwischen den beiden Provinzen <emphasis>Garagum</emphasis> gelegen. Vor der Schlacht vor allem f�r die gleichnamige Nutzpflanze bekannt, die hier angebaut wird.</p><p><strong>Kyrna</strong> Eine der <emphasis>Aegilischen Inseln</emphasis>. Als nach einem Erdbeben alle Quellen versiegten, wurde sie von ihren Bewohnern verlassen. Eine Bucht auf der Insel ist, durch Felsen gesch�tzt, ein idealer Ankerplatz. Hier sammelten sich die aegilischen Piraten vor ihren �berf�llen auf die Zinnflotten <emphasis>Arams</emphasis>.</p><p><strong>Luma</strong> Mythischer Berg, angeblich im Gro�reich <emphasis>Luwien</emphasis> in der Welt der Menschen gelegen. Auf seinem Gipfel soll sich, erschaffen aus Mondenlicht, der Palast der Devanthar <emphasis>Anatu</emphasis> erheben, die von <emphasis>I�ta</emphasis> mit Duldung der anderen <emphasis>Devanthar</emphasis> in einen Kerker im <emphasis>Gelben Turm</emphasis> gesperrt wurde.</p><p><strong>Luwien</strong> Eines der sieben Gro�reiche in der Welt der Menschen, beherrscht von dem Unsterblichen <emphasis>Muwatta</emphasis>. Es ist das erste der Menschenreiche, in dem in gr��erem Umfang Eisenerz verh�ttet wird, wodurch es zur milit�risch st�rksten Macht aufsteigt.</p><p><strong>Meerlunge</strong> Meer auf <emphasis>Daia</emphasis>, in dem die <emphasis>Zinninseln</emphasis> liegen. F�r die Seefahrer aus <emphasis>Luwien</emphasis> und <emphasis>Aram</emphasis> ein Ort unergr�ndlicher Schrecken, wo schwimmende Berge und t�ckische Nebel schon mancher Galeere zum Verh�ngnis wurden.</p><p><strong>Meer der schwarzen Schnecken</strong> Ein gro�er unterirdischer See in <emphasis>Albenmark</emphasis> s�dlich jener Zwergensiedlung gelegen, die als die <emphasis>Eherne Stadt</emphasis> bekannt ist.</p><p><strong>Mulawa</strong> Einer der h�chsten Berge in der Provinz <emphasis>Garagum</emphasis> in der Welt der Menschen. An seiner Flanke liegt auf einer einzeln stehenden Felss�ule einer jener Orte, den die Bergst�mme <emphasis>Tafel des Himmels</emphasis> nennen. Ein �Begr�bnisort� f�r ihre Toten.</p><p><strong>Nangog</strong> Die Welt, die von der gleichnamigen Riesin erschaffen wurde, ohne dass <emphasis>Devanthar</emphasis> und <emphasis>Alben</emphasis> ihre Zustimmung gegeben hatten. <emphasis>Nangog</emphasis> ist eine Hohlwelt, in der die gleichnamige Riesin durch Zauberbann gefangen ist. Nach dem Sieg �ber sie schlossen Alben und Devanthar einen Pakt, der besagt, dass ihre Kinder diese Welt niemals betreten sollten. So wurde Nangog zu einem verwunschenen Ort, der sp�teren Generationen nur noch als die <emphasis>Zerbrochene Welt</emphasis> bekannt sein wird.</p><p><strong>Nari</strong> 1. Provinz im K�nigreich <emphasis>Aram</emphasis>. Die Provinz ist ber�hmt f�r den Kupferbergbau, der hier betrieben wird.</p><p>2. Hauptstadt der gleichnamigen Provinz und Sitz des Satrapen.</p><p><strong>Palast der Morgenr�te</strong> In <emphasis>Urat</emphasis> gelegener Palast des Unsterblichen <emphasis>Aaron</emphasis>. Verbannungsort f�r Haremsdamen, die in Ungnade gefallen waren.</p><p><strong>Satrapien</strong> Bezeichnung f�r die Provinzen <emphasis>Arams</emphasis> und <emphasis>Luwiens</emphasis>, denen ein Satrap, ein Gro�f�rst, vorsteht.</p><p><strong>Seelenhort</strong> Die Seelen der Elfen gehen in den Seelenhort ein, bis sie aufs Neue wiedergeboren werden. Alle anderen Seelen vergehen einfach.</p><p><strong>Selinunt</strong> Auch das <emphasis>Wei�e Selinunt</emphasis> genannt. Eine Palaststadt, die der Unsterbliche von <emphasis>Valesia</emphasis> in einem abgelegenen Tal erbauen l�sst. Selinunt wurde nur aus kostbarsten Materialien errichtet. Die Pal�ste und Tempel waren aus makellos wei�em Marmor erbaut, die D�cher mit Goldbeschl�gen geschm�ckt. In Selinunt schlossen die sieben Unsterblichen ihren Bund zum Kampf gegen die Albenkinder. Und hier kam es zum ersten Angriff der Drachen. (Siehe auch das Buch: �Elfenk�nigin�.)</p><p><strong>Snaiwamark</strong> Landstrich hoch im Norden <emphasis>Albenmarks</emphasis>, gepr�gt durch weite Tundra-Landschaften. Die Snaiwamark wurde den <emphasis>Trollen</emphasis> einst von den <emphasis>Alben</emphasis> geschenkt und gilt als ihr Stammland.</p><p><strong>Taruad</strong> Eine kleine Felsinsel, nicht einmal f�nfhundertmal f�nfhundert Schritt gro�. Der am weitesten westlich gelegene Hafen des K�nigreichs <emphasis>Aram</emphasis>, in dessen nat�rlichem Hafenbecken bis zu drei�ig Schiffe ankern k�nnen. Liegt nur eine Meile vom Festland entfernt.</p><p><strong>Tiefe Stadt</strong> Zwergenstadt im Norden <emphasis>Arkadiens,</emphasis> in <emphasis>Albenmark</emphasis> gelegen. Die Heimatstadt der Helden <emphasis>Galar</emphasis>, <emphasis>Nyr</emphasis> und <emphasis>Hornbori</emphasis>, des Zwergenbabys <emphasis>Frar</emphasis> und der Zwergendame <emphasis>Amalaswintha</emphasis>.</p><p><strong>Truria</strong> F�rstentum des Gro�reichs <emphasis>Valesia</emphasis>. An der Grenze zum Gro�reich <emphasis>Drus</emphasis> gelegen. <emphasis>Arcumenna</emphasis>, der <emphasis>Laris</emphasis> (F�rst) von <emphasis>Truria</emphasis>, gilt als begnadeter Feldherr und ist der Schrecken seiner Nachbarn.</p><p><strong>Um el-Amad</strong> Name einer gro�en Kupfermine und der dazugeh�rigen, von Schacht�fen umgebenen Bergwerkssiedlung in der Satrapie <emphasis>Nari</emphasis> im K�nigreich <emphasis>Aram</emphasis>. Der Name ist aus einem regionalen Dialekt abgeleitet und bedeutet so viel wie Mutter aller S�ulen.</p><p><strong>Urat</strong> Hier liegt der Palast der Morgenr�te, eine der K�nigsresidenzen <emphasis>Aaron</emphasis>s von <emphasis>Aram</emphasis>. Ber�chtigt als ein Ort, an den Haremsdamen abgeschoben werden, an denen der Herrscher sein Interesse verloren hat. <emphasis>Sulumal</emphasis>, der Hauptmann der Palastwache von <emphasis>Urat,</emphasis> sorgte daf�r, dass manche der Damen f�r immer verschwanden.</p><p><strong>Valesia</strong> Eines der sieben Gro�reiche in der Welt der Menschen, beherrscht von einem Unsterblichen. S�dlich von <emphasis>Drus</emphasis> gelegen.</p><p><strong>Wei�e Halle</strong> Neben der <emphasis>Blauen Halle</emphasis> der einzige Ort, an dem Elfen zu Dienern der Himmelsschlangen ausgebildet werden. In der Wei�en Halle liegt der Schwerpunkt des Lernens auf der Kunst des Schwertkampfes, obwohl auch die Kunst des Zauberwebens weiter gef�rdert wird. Nur die besten unter den Absolventen der Wei�en Halle steigen zu <emphasis>Drachenelfen</emphasis> auf.</p><p><strong>Weltenmund</strong> Ein riesiger Krater, der in unergr�ndliche Tiefen reicht. An seiner Flanke liegt die <emphasis>Goldene Stadt</emphasis>. Ein schwacher, warmer Wind steigt vom Grund des Kraters auf, der f�r eine ungew�hnliche Thermik sorgt. Die Himmelsfahrer nutzen die Eigenarten des Kraters, um hier, an Fluggestelle geschnallt, ihre F�rsten und Helden zu bestatten. Die Leichen mumifizieren in der warmen, trockenen Luft und segeln manchmal �ber Jahre, bis sie schlie�lich an den Felsen zerschellen oder in den Abgrund st�rzen.</p><p><strong>Zapote</strong> Eines der sieben Gro�reiche in der Welt der Menschen, beherrscht von einem Unsterblichen.</p><p><strong>Zikkurat</strong> Gestufter Tempelturm. Gleicherma�en in <emphasis>Luwien</emphasis> und <emphasis>Aram</emphasis> verbreitete Tempelform. Besonders ber�hmt ist die Zikkurat von <emphasis>Isatami</emphasis>, auf der der Unsterbliche <emphasis>Muwatta</emphasis> zum Mittsommerfest die <emphasis>Heilige Hochzeit</emphasis> zelebriert.</p><p><strong>Zinnk�ste</strong> Weit im Westen, nahe der <emphasis>Meerlunge</emphasis> gelegene K�ste. Ber�hmt f�r seine Zinnminen. Wird von den Zinnflotten des K�nigreichs <emphasis>Aram</emphasis> angelaufen.</p></section><section><image l:href="#1"/><p>Karte: Andreas Hancock</p></section><section><title><p>Glossar</p></title><p><strong>Aal</strong> Bezeichnung der Zwerge f�r die primitiven Tauchboote, mit denen sie unterirdische Fl�sse und Seen befahren. Das Boot gewinnt Fahrt mithilfe einer Kurbelwelle, die l�ngs durch den Rumpf l�uft und von allen Besatzungsmitgliedern mit Ausnahme des Steuermanns durch Muskelkraft angetrieben wird.</p><p><strong>Alben</strong> Die Sch�pfer der Welt <emphasis>Albenmark</emphasis>. Ihre Beweggr�nde sind ihren Gesch�pfen unergr�ndlich. Sie ziehen sich immer weiter aus ihrer Welt zur�ck und verzichten anscheinend auf einen Gro�teil ihrer Macht.</p><p><strong>Albenkinder</strong> Sammelbegriff f�r alle V�lker, die durch die <emphasis>Alben</emphasis> erschaffen wurden (<emphasis>Elfen</emphasis>, <emphasis>Trolle</emphasis>, <emphasis>Kobolde</emphasis>, <emphasis>Kentauren</emphasis> etc.).</p><p><strong>Albenpfade</strong> Ein Netzwerk magischer Pfade, die durch die <emphasis>Alben</emphasis> erschaffen wurden, so besagt es die �berlieferung. Es verbindet <emphasis>Albenmark</emphasis>, <emphasis>Nangog</emphasis> und <emphasis>Daia</emphasis> miteinander.</p><p><strong>Albenstern</strong> Schnittpunkt von zwei bis sieben <emphasis>Albenpfaden</emphasis>. An Albensternen kann man die Albenpfade betreten und auf ihnen sogar in andere Welten gelangen.</p><p>Der <strong>Alte in der Tiefe</strong> Bezeichnung f�r den Herrscher einer Zwergensiedlung. Gew�hnlich residiert er in den tiefsten H�hlen und entstammt einer der f�nf gro�en Familien, die ihre Herkunft bis auf den Sch�pfungstag zur�ckverfolgen k�nnen.</p><p><strong>Apsaras</strong> Wassernymphen, deren Heimat in der Lotussee tief im S�den <emphasis>Albenmarks</emphasis> liegt. Es hei�t, sie schreiben sich ihre geheimsten W�nsche mit rotbrauner Farbe aus dem Saft des Dinko-Busches auf den Leib, und wer die arkane Schrift zu entschl�sseln vermag, dem bleiben sie treu, bis der Weg ins Mondlicht die Entr�ckten auf immer von den Suchenden trennt. (Siehe auch das Buch: �Elfenritter � Das Fjordland�.)</p><p><strong>Auenfeen</strong> Synonym f�r <emphasis>Bl�tenfeen.</emphasis></p><p><strong>Barinstein</strong> Meist honigfarbene Steine, die ein warmes, nie verl�schendes Licht spenden.</p><p><strong>Beinplatz</strong> Bezeichnungen f�r jene verborgenen Orte, an die sich die minderen Drachen zur�ckziehen, wenn sie den Tod nahen f�hlen. Dort haben sich �ber die Jahrhunderte gro�e Mengen von Drachenknochen angesammelt.</p><p>Der <strong>Blaue Stern</strong> Ein Wolkenschiff, in dem ein Alb, von den <emphasis>Albenkindern</emphasis> der <emphasis>S�nger</emphasis> genannt, �ber den Himmel zieht.</p><p><strong>Blodmarkt</strong> Zwergenbegriff, der Blutmarkt bedeutet. Allen <emphasis>Zwergen</emphasis> ist der Tag des Blutmarktes tief ins Ged�chtnis eingebrannt. W�hrend eines gro�en Jahrmarktes, der unter freiem Himmel abgehalten wurde, griff eine <emphasis>Silberschwinge</emphasis> an und verursachte mit mehreren Feuerst��en ein schreckliches Gemetzel. Mehr als f�nfzig Marktbesucher starben im Feuer und im Gedr�nge der anschlie�enden Panik. Den Zwergen ist nicht bekannt, dass der Drache aus dem Grund angriff, weil auf dem Markt die Z�hne seines toten Bruders feilgeboten wurden. Zwerge hatten diese von einem der Beinpl�tze der <emphasis>Drachen</emphasis> gestohlen.</p><p><strong>Bl�tenfeen</strong> Eine andere Bezeichnung f�r <emphasis>Auenfeen</emphasis>. Gesch�pfe von knapp Fingerl�nge mit elfen�hnlichem �u�eren, mit Schmetterlings- oder Libellenfl�geln.</p><p><strong>Daimonen</strong> Sammelbegriff der Menschen f�r alle Gesch�pfe <emphasis>Albenmarks</emphasis>.</p><p><strong>Daimonenohren</strong> Menschenwort f�r Elfenohren.</p><p><strong>Devanthar</strong> Weltensch�pfer, �hnlich den <emphasis>Alben</emphasis>. Von den Alben und den meisten ihrer Kinder als Verk�rperung des B�sen betrachtet. Sie beherrschen <emphasis>Daia</emphasis>, die Welt der Menschen, und lenken die Geschicke der V�lker. Sie lieben den Wandel und stehen damit im Gegensatz zu den Alben, die nach Vollkommenheit streben, um diesen Zustand dann f�r immer zu erhalten.</p><p><strong>Drachen</strong> Ein Sammelbegriff f�r verschiedene Drachengattungen. Die �ltesten Drachen sind die <emphasis>Himmelsschlangen</emphasis>, die Statthalter der <emphasis>Alben</emphasis>. Die �brigen Drachen stehen in der Hierarchie tiefer. W�hrend die Himmelsschlangen intelligente Gesch�pfe von gro�er Macht sind, sind etliche andere Gattungen wenig mehr als besonders gef�hrliche Raubtiere.</p><p><strong>Dschinne</strong> Luftgeister mit gro�er magischer Macht. Es hei�t, dass sie einen eigenen K�nig haben, aber sie mischen sich selten in die Angelegenheiten anderer <emphasis>Albenkinder</emphasis> ein. So selten, dass manche nicht an ihre Existenz glauben.</p><p><strong>Dunkelalben</strong> Eine Bezeichnung f�r jene Alben, die als Sch�pfer jener V�lker gelten, die es vorziehen, unter der Erde zu leben, oder als Gesch�pfe zweifelhaften Charakters angesehen werden, wie zum Beispiel die <emphasis>Zwerge</emphasis>. Gebraucht wird dieser Begriff in Abgrenzung zu den <emphasis>Lichtalben</emphasis>, die nach der Mythologie die Elfen erschaffen haben.</p><p><strong>Elfenapfel</strong> Eine apfel�hnliche Frucht, die man in den W�ldern <emphasis>Nangogs</emphasis> finden kann. Bei Genuss verursacht sie starke Halluzinationen.</p><p><strong>Erstgeschl�pfter</strong> Ein Name, den die <emphasis>Himmelsschlangen</emphasis><emphasis>Nachtatem</emphasis>, dem �ltesten unter den Drachen <emphasis>Albenmarks</emphasis>, gegeben haben.</p><p><strong>Gazala</strong> Seherinnen, die auf Wunsch des <emphasis>Erstgeschl�pften</emphasis>, des Drachen <emphasis>Nachtatem</emphasis>, erschaffen wurden. Die Gazala haben schmale, langgezogene Gazellenh�upter mit sehr auff�lligen, weit nach hinten gebogenen und in sich gedrehten H�rnern. Sie gelten als launisch, was auch daran liegen mag, dass sie die gro�e Pyramide im <emphasis>Jadegarten</emphasis> nie verlassen d�rfen.</p><p><strong>Geisterwald</strong> Bezeichnung f�r die Heiligen Haine in <emphasis>Drusna</emphasis>, einem der sieben gro�en Reiche auf <emphasis>Daia</emphasis>. Die Drusnier bestatten in den B�umen der Haine ihre Toten und glauben daran, dass man in den Windspielen, die in die �ste geh�ngt werden, die Stimmen der Ahnen raunen h�ren kann.</p><p><strong>Getwerg</strong> Anderer Begriff f�r das Volk der <emphasis>Zwerge</emphasis>. Wird oft in M�rchen und Sagen �ber dieses rebellische Volk verwandt.</p><p><strong>Glutmal</strong> Eine rot lackierte, runde Holzscheibe, die in der strikt gegliederten Gesellschaft des K�nigreiches <emphasis>Luwien</emphasis> die Fremden und manchmal auch die Unber�hrbaren tragen m�ssen.</p><p><strong>Goldene Schwingen</strong> Hohe Auszeichnung bei <emphasis>Zwergen</emphasis>. Nur den Tapfersten wird erlaubt, Goldene Schwingen an ihren Helmen zu tragen.</p><p><strong>Das Gro�e Haus</strong> Bezeichnung f�r das St�ndesystem im Gro�k�nigreich <emphasis>Luwien</emphasis> in der Welt der Menschen. Es untergliedert sich in die Unber�hrbaren (Bettler, fahrendes Volk, nicht Sesshafte), die Schaffenden (alle Handwerksberufe, aber auch H�ndler), die K�mpfenden (alle Krieger), die Wissenden (die Priesterschaft) und die Herrschenden (die Adelsschicht). �ber allen steht der Gottk�nig, der Unsterbliche <emphasis>Muwatta</emphasis>.</p><p><strong>Gr�ne Geister</strong> Gesch�pfe der Riesin <emphasis>Nangog</emphasis>. Es sind die Seelen der Kreaturen, die sie noch erschaffen wollte, bevor sie von den <emphasis>Devanthar</emphasis> und <emphasis>Alben</emphasis> verzaubert wurde. Es hei�t, sie waren kaum mehr als einen Herzschlag von ihrer Fleischwerdung entfernt. Sie sind die k�rperlosen Schutzgeister der Welt <emphasis>Nangog</emphasis>.</p><p><strong>Himmelsh�ter</strong> Elitetruppe unter den Kriegern auf den Palastschiffen des Unsterblichen <emphasis>Aaron</emphasis>, des Herrschers von <emphasis>Aram</emphasis>.</p><p><strong>Himmelsschlangen</strong> Glaubt man den <emphasis>Drachen</emphasis>, dann sind die Himmelsschlangen die �ltesten unter ihnen. Sie beanspruchen f�r sich, dass sie die ersten Gesch�pfe waren, die von den <emphasis>Alben</emphasis> erschaffen wurden, nachdem <emphasis>Nangog</emphasis> ihr Werk vollendet hatte.</p><p><strong>Himmlische Hochzeit</strong> Fruchtbarkeitsritual zwischen dem Unsterblichen <emphasis>Muwatta</emphasis> von <emphasis>Luwien</emphasis> und einer Jungfrau.</p><p><strong>H�ter der Feuer</strong> Der Titel des luwischen Wesirs, der die Oberaufsicht �ber alle Bergwerke, Gie�ereien und Waffenschmieden hat, die sich in <emphasis>Luwien</emphasis> samt und sonders in Staatsbesitz befinden. Das macht ihn nach dem <emphasis>H�ter der</emphasis><emphasis>Goldenen Gew�lbe</emphasis> zum zweitm�chtigsten Wesir des Gro�k�nigreichs.</p><p><strong>H�ter der Goldenen Gew�lbe</strong> Der Titel des luwischen Wesirs, der �ber die Schatzkammern des Reiches, alle Einnahmen und Ausgaben wacht. Damit ist er nach dem Unsterblichen <emphasis>Muwatta</emphasis> der zweitm�chtigste Mann im Staat.</p><p><strong>Ischkuzaia</strong> Steppenreitervolk auf <emphasis>Daia</emphasis>. Die Ischkuzaia sind das Herrschervolk in einem der sieben Gro�reiche. Sie sind als Barbaren verschrien, die angeblich Menschenopfer bringen und f�r ihre F�rsten grausige Totenriten zelebrieren. Als Krieger gelten sie als unbesiegbar, solange sie vom R�cken ihrer Pferde aus k�mpfen.</p><p><strong>Kush</strong> Eine Pflanze, die in den beiden Provinzen <emphasis>Garagum</emphasis> in den Hocht�lern des <emphasis>Deva Kush</emphasis> angebaut wird. Aus den Fasern der Pflanze l�sst sich sehr widerstandsf�hige Kleidung herstellen. Raucht man die getrockneten Bl�tter, kommt man in seinen Tr�umen den G�ttern nahe.</p><p><strong>Kinder der Dunkelalben</strong> D�monisierender Begriff, der f�r die <emphasis>Zwerge</emphasis> benutzt wird und in sp�teren Zeiten verschleiert, um welches Volk <emphasis>Albenmarks</emphasis> es sich dabei genau handelt.</p><p><strong>Kobolde</strong> Eine Sammelbezeichnung f�r eine ganze Gruppe verschiedener V�lker oder St�mme wie etwa die <emphasis>Lutin</emphasis> oder die <emphasis>Holden</emphasis>. Die Kobolde sind, nach den Ma�st�ben eines Menschen gesch�tzt, etwa knie- bis h�fthoch. Viele Kobolde sind magiebegabt. Die meisten gelten als hervorragende Handwerker. Andere Albenkinder bedienen sich der Kobolde gerne als Diener oder Sklaven. Man sagt ihnen einen eigenwilligen Sinn f�r Humor und eine ausgepr�gte Neigung nach, anderen Streiche zu spielen.</p><p><strong>Lamassu</strong> Volk in <emphasis>Albenmark</emphasis> aus dem fernen Schurabad, riesige Gesch�pfe mit einem Stierleib, gro�en Adlerfl�geln und einem b�rtigen Kopf. Sie gelten als sehr weise und als bedeutende Zauberer.</p><p><strong>Laternentr�ger</strong> Raubfische mit schlangenhaftem Leib, die in den unterirdischen Seen <emphasis>Albenmarks</emphasis> anzutreffen sind. Ihre Namen haben sie aufgrund zweier fluoreszierender Leuchtk�rper erhalten, die sie an langen Antennen vor sich her tragen.</p><p><strong>Lichtalben</strong> Eine Bezeichnung f�r jene <emphasis>Alben</emphasis>, die als Sch�pfer der <emphasis>Elfen</emphasis> gelten. Gebraucht in Abgrenzung gegen die <emphasis>Dunkelalben</emphasis>, die nach der Mythologie jene V�lker erschaffen haben, die es vorziehen, unter der Erde zu leben, oder als Gesch�pfe zweifelhaften Charakters gelten, zum Beispiel <emphasis>Zwerge</emphasis>.</p><p><strong>Lutin</strong> Fuchsk�pfiges Koboldvolk. Die Lutin sind sehr begabte Zauberer und ber�chtigt f�r ihren schwarzen Humor und ihre �blen Streiche. Sie gelten auch als gute Gesch�ftsleute und Hehler. Die Lutin sind wohl das launischste unter den Koboldv�lkern. Manche gelten auch als erfahrene Reisende im Netz der <emphasis>Albenpfade</emphasis>.</p><p><strong>Luwier</strong> Bewohner von <emphasis>Luwien</emphasis>, einem der sieben Gro�reiche auf Daia, der Menschenwelt.</p><p>Das <strong>Massaker von Berghem</strong> Ein Gefecht zwischen <emphasis>Elfen</emphasis>, einem <emphasis>Sonnendrachen</emphasis> und einem gro�en Holzf�llertrupp der <emphasis>Zwerge</emphasis>. Der Hintergrund waren Rodungsarbeiten der Zwerge, die immer gr��ere Mengen von Holz f�r ihren Stollenbau und ihre unterirdischen Werften ben�tigen. Bei dem Massaker wurden �ber einhundert Zwerge niedergemacht.</p><p><strong>Maurawan</strong> Elfenvolk, das hoch im Norden <emphasis>Albenmarks</emphasis> in den unwirtlichen W�ldern am Fu� der <emphasis>Slanga-Berge</emphasis> lebt. Ber�hmt f�r seine Bogensch�tzen. Die Maurawani gelten als unberechenbar, verschlagen und eigenbr�tlerisch. Selbst <emphasis>Trolle</emphasis> z�gern, die W�lder dieses streitbaren Elfenvolks zu betreten. Zwei bekannte Maurawani sind <emphasis>Tylwyth</emphasis> und <emphasis>Cullayn</emphasis>.</p><p><strong>Meuchlermond</strong> Wenn der Mond als eine schmale Sichel am Himmel steht, die kaum noch Licht spendet, spricht man in manchen Gegenden <emphasis>Luwiens</emphasis> und <emphasis>Arams</emphasis> vom Meuchlermond, denn die N�chte, in denen er den Nachthimmel regiert, sind wie geschaffen f�r dunkle Taten.</p><p><strong>Minotauren</strong> Stierk�pfige H�nen. Ihr Leib �hnelt dem von <emphasis>Trollen</emphasis>, wobei sie im Gegensatz zu diesen den Kontakt mit Metall nicht als unangenehm empfinden. Allgemein f�r ihre griesgr�mige Religiosit�t verschrien, die kein L�cheln oder gar lauten Jubel duldet.</p><p><strong>Obersteiger</strong> Ein Titel unter <emphasis>Zwergen</emphasis>. Der Amtsinhaber entscheidet �ber den weiteren Ausbau regionaler Tunnelsysteme.</p><p><strong>Pegasus</strong> Gefl�geltes Pferd. Pegasi leben in der Steppe <emphasis>Bainne Tyr</emphasis>. Einen Pegasus zu fangen und als sein Reittier zu gewinnen, geh�rt zu den abschlie�enden Pr�fungen f�r Sch�ler der <emphasis>Wei�en Halle</emphasis>, die zum <emphasis>Drachenelfen</emphasis> aufsteigen wollen. Besteht einmal ein Band zwischen einem <emphasis>Elfen</emphasis> und einem Pegasus, h�lt es f�r den Rest ihres Lebens.</p><p><strong>Pilz</strong> Bezeichnung der Zwerge f�r ein alkoholhaltiges Gebr�u, das sie aus Pilzen herstellen. Jede ihrer St�dte hat mindestens eine Brauerei, und die Zwerge machen gro�es Aufhebens darum, welches Pilz wohl das beste ist.</p><p><strong>Pfade der Unsterblichen</strong> Albenpfade zwischen <emphasis>Nangog</emphasis> und <emphasis>Daia</emphasis>.</p><p><strong>Regenbogenschlangen</strong> Ein anderer Begriff, der f�r die <emphasis>Himmelsschlangen</emphasis> verwendet wird, jene m�chtigen, erstgeschl�pften Drachen, die als Statthalter der <emphasis>Alben</emphasis> auftreten. Der Begriff spielt darauf an, dass sie alle verschiedene Schuppenfarben haben. Glaubt man den <emphasis>Drachen</emphasis>, dann sind die Regenbogenschlangen die �ltesten unter ihnen. Sie beanspruchen f�r sich, dass sie die ersten Gesch�pfe waren, die von den Alben erschaffen wurden, nachdem <emphasis>Nangog</emphasis> ihr Werk vollendet hatte.</p><p><strong>Rufer</strong> Alarmhorn auf einem Wolkenschiff.</p><p>Die <strong>Schlacht �ber dem Brennenden Berg</strong> Ein Gefecht, das der Unsterbliche <emphasis>Aaron</emphasis> gegen eine Reihe von Renegaten f�hrte, die den Wolkenhandel auf <emphasis>Nangog</emphasis> st�rten. Die Rebellen hatten mehrere kleine Wolkenschiffe gekapert. Dies war die erste Schlacht an den Himmeln Nangogs.</p><p><strong>Sichelschwalbe</strong> Das Wappen der Zunft der Himmelslotsen auf Nangog.</p><p><strong>Silberner L�we</strong> Diese Kreaturen wurden von dem <emphasis>Devanthar</emphasis><emphasis>Langarm</emphasis> gebaut. Dabei verwendete er Splitter des Herzens der <emphasis>Nangog</emphasis> und erschuf Wesen, die nicht lebendig, aber auch nicht tot waren. Sie dienen den Menschen als F�hrer auf den <emphasis>Albenpfaden</emphasis> und haben die Macht, ein Tor in einem <emphasis>Albenstern</emphasis> zu �ffnen. Sp�ter erschufen die Devanthar auch gefl�gelte L�wen, auf denen die Unsterblichen in die Schlacht um Nangog ziehen sollten.</p><p><strong>Silberschwinge</strong> Eine der kleineren Drachenarten <emphasis>Albenmarks</emphasis>.</p><p><strong>Sippenlose</strong> Eine Bezeichnung der <emphasis>Elfen</emphasis> f�r jene, die den Dienst bei den <emphasis>Himmelsschlangen</emphasis> gew�hlt haben. Oft handelt es sich bei den <emphasis>Drachenelfen</emphasis> tats�chlich um Ausgesto�ene. Wenn dies nicht der Fall ist, leisten sie den <emphasis>Drachen</emphasis> Eide, die st�rker sind als jedes Sippenband.</p><p><strong>Smaragdspinnen</strong> Eine Seespinnenart, deren Leib so gro� wie ein Grubenpferd wird. Man trifft sie nur im <emphasis>Meer der</emphasis><emphasis>Schwarzen Schnecken</emphasis> in der N�he von <emphasis>Glamir</emphasis>s <emphasis>Turm</emphasis> an. Sie stehen in Verbindung mit dem Geheimnis, dem die <emphasis>Zwerge</emphasis> der <emphasis>Ehernen Hallen</emphasis> dort nachsp�ren.</p><p><strong>Spinnenfrau</strong> Einer der Namen f�r jene Priesterinnen aus dem Volk der <emphasis>Zapote</emphasis>, die dazu auserw�hlt sind, goldhaarige M�nner zu verf�hren, ihnen in die Tempel der Gefiederten Schlange zu folgen.</p><p><strong>Springsucht</strong> Eine seltsame Verz�ckung, die manche Wolkenschiffer �berkommt, wenn sie in die Tiefe blicken. Es ist die Lust, hinab auf die Wolken zu springen, um auf ihnen zu wandern. Bei anderen ist es die Sehnsucht nach dem Gef�hl des Fallens. Manche Gelehrte behaupten, dass die Springsucht nichts mit Todessehnsucht zu tun h�tte. Allerdings konnte man noch keinen Springer nach der Wahrheit dieser These befragen.</p><p><strong>Steinrat</strong> Eine Ratsversammlung verdienter M�nner aus den Bergst�mmen <emphasis>Garagums</emphasis>. Nur neun M�nner geh�ren dem Rat an. Ein jeder von ihnen tr�gt einen Dolch, dessen Griff aus den Knochen des Weisen <emphasis>Zarud</emphasis> gefertigt wurde. Sie entscheiden �ber Fragen, die die Wilden St�mme betreffen.</p><p><strong>Schwarze Schnecken</strong> Eine H�hlenschneckenart, die einem gro�en unterirdischen See <emphasis>Albenmarks</emphasis> den Namen <emphasis>Meer der Schwarzen Schnecken</emphasis> eingebracht hat. Diese im Wasser lebenden Schnecken werden von den <emphasis>Zwergen</emphasis> der <emphasis>Ehernen Hallen</emphasis> gejagt, die aus ihnen einen besonders haltbaren, schwarzen Farbstoff gewinnen.</p><p><strong>Sonnendrache</strong> Drachenart, die vor allem in <emphasis>Ischemon</emphasis> beheimatet ist. Ihre Schuppenfarbe ist meist rot. Einer von ihnen war am <emphasis>Massaker von Berghem</emphasis> beteiligt. Geh�ren zu den feuerspeienden <emphasis>Drachen</emphasis>.</p><p><strong>Tafel des Himmels</strong> Name, den die Bewohner von <emphasis>Garagum</emphasis> ihren Begr�bnisorten geben. Es handelt sich um hohe, abgeflachte Felsen, auf denen die Toten vom <emphasis>Vogelrufer</emphasis> bestattet werden.</p><p><strong>Torg�nger</strong> Name der <emphasis>Zwerge</emphasis> f�r jemanden, der die F�higkeit besitzt, die magischen Pforten der <emphasis>Albensterne</emphasis> zu �ffnen.</p><p><strong>Trolle</strong> Das kriegerischste Volk <emphasis>Albenmarks</emphasis>. Mehr als drei Schritt gro� und von gedrungener Statur, weisen sie eine graue Haut auf, die in ihrer Farbe Steinen �hnelt. Trolle scheuen vor der Ber�hrung von Metall zur�ck.</p><p><strong>Unsterbliche</strong> Gemeinsamer Titel der sieben Gro�k�nige, die in der Welt der Menschen herrschen und f�r die <emphasis>Devanthar</emphasis> den Krieg um <emphasis>Nangog</emphasis> f�hren.</p><p><strong>Unyleh</strong> Name eines der <emphasis>Aale</emphasis> der <emphasis>Zwerge</emphasis>. Es galt als besonders zuverl�ssig, weil es in dreizehn Jahren erst zweimal gesunken war und es selbst dabei noch �berlebende gegeben hatte.</p><p><strong>Verborgenes Auge</strong> Alle Gesch�pfe <emphasis>Albenmarks</emphasis> besitzen das Verborgene Auge, doch nur wenige erlangen die F�higkeit, es zu nutzen. Wer sein Verborgenes Auge �ffnet, vermag die magische Beschaffenheit der Welt zu sehen, jene leuchtenden Kraftlinien, die alles und alle durchdringen.</p><p><strong>Vogelrufer</strong> Bezeichnung der Bewohner <emphasis>Garagums</emphasis> f�r ihre �Totengr�ber�. Der Vogelrufer zerhackt auf der <emphasis>Tafel des Himmels</emphasis> die Leichname der Verstorbenen und bietet das Fleisch den Geiern und Adlern zum Fra� an.</p><p><strong>Wei�e Schlangen</strong> Eine Unterart von Seeschlangen, die in den unterirdischen Str�men und Seen <emphasis>Albenmarks</emphasis> heimisch ist. Da sie nie Tageslicht sehen, wurde ihre Schuppenhaut wei�. Neben Riffen sind sie der gr��te Schrecken der <emphasis>Zwerge</emphasis>, die sich in ihren zerbrechlichen Aalen den unterirdischen Gew�ssern anvertrauen.</p><p><strong>Windg�nger</strong> Name der Elfensippe aus dem Volk der <emphasis>Normirga</emphasis>, der unter anderem <emphasis>Nandalee</emphasis> entstammt.</p><p><strong>Wolfsz�hne</strong> Name der Elfensippe aus dem Volk der <emphasis>Normirga</emphasis>, der unter anderem die legendenumwobene <emphasis>Ny Rin</emphasis> entstammt.</p><p><strong>Wolkensammler</strong> Riesige Gesch�pfe, die am Himmel <emphasis>Nangogs</emphasis> schweben. Sie erinnern vage an Oktopoden, nur dass sie weit mehr als acht Fangarme besitzen. Die gr��ten dieser Gesch�pfe erreichen einen Rumpfdurchmesser von mehr als zweihundert Schritt. Mithilfe der <emphasis>Devanthar</emphasis> gelang es den Menschen, einige der Wolkensammler zu fangen. Sie konstruierten Schiffe und Flugplattformen, die mit den gewaltigen R�mpfen der Wolkensammler durch Seile und Netze verbunden wurden. Wie intelligent Wolkensammler sind, ist umstritten. Nach einer Weile scheinen sie die Himmelsschiffe und deren Mannschaften als Teil ihres eigenen K�rpers zu betrachten.</p><p><strong>Xana</strong> Wassernymphen mit seherischen Gaben, die aus <emphasis>Alben</emphasis><emphasis>mark</emphasis> in die <emphasis>Andere Welt</emphasis> verbannt wurden, weil sie nach dem Geschmack der <emphasis>Himmelsschlangen</emphasis> zu aufs�ssig waren und anderen gegen�ber zu frei �ber m�gliche Zuk�nfte sprachen.</p><p><strong>Zapote</strong> Bewohner des gleichnamigen Gro�reichs auf <emphasis>Daia</emphasis>, der Menschenwelt.</p><p>Die <strong>Zinnernen</strong> Eine Eliteeinheit im Heer des Unsterblichen <emphasis>Aaron</emphasis>. Diese S�ldnertruppe rekrutiert sich urspr�nglich aus den Piraten, die sich Aaron auf den <emphasis>aegilischen Inseln</emphasis> ergeben haben. Sp�ter werden auch andere S�ldner aufgenommen. Ihre Anf�hrer sind <emphasis>Volodi</emphasis> und <emphasis>Kolja</emphasis>.</p></section></section><section><title><p>Danksagung</p></title><p>Ein Buch von diesem Umfang zu schreiben, ist ein wenig wie ein Marathonlauf, und ich h�tte niemals mein Ziel erreicht, wenn ich nicht Unterst�tzung gehabt h�tte. Ganz besonders von meinen Lesern! Es sind die Eintr�ge im G�stebuch meiner Internetseite (bernhard-hennen.de), die Diskussionen im Forum und die Kommentare bei Facebook, die mir an Tagen, an denen das Schreiben schwer f�llt, neue Kraft geben. Auch wenn ich meist nur als schweigender Leser folge, bin ich auf diesen Seiten doch oft zu Gast, und ich m�chte mich bei all denen bedanken, die in den letzten zw�lf Monaten nicht m�de wurden, �ber meine B�cher zu schreiben und �ber das weitere Schicksal der Drachenelfen zu spekulieren.</p><p>Meine langen Schreibreisen nach Albenmark werden besonders anstrengend f�r jene, die mir am n�chsten stehen, und deren Pl�ne ich nur allzu oft mit spontanen Sonderschichten am Computer durchkreuze. Daf�r gesorgt, dass ich mein Band zu dieser Welt nicht g�nzlich verliere, haben: Xinyi, die meine t�glichen Launen mit stiller Geduld ertragen hat und mich im Finale regelm��ig mit Qi-rettenden Zaubertr�nken versorgte, meine Tochter Melike, die mich, wann immer Probleme un�berwindlich schienen, daran erinnerte, dass nichts so hart ist wie das zweite Schuljahr und ich mich nicht so anstellen soll, und mein Sohn Pascal, der mich, wenn ich zu lange hinter dem Schreibtisch sa�, regelm��ig zu einem Latexschwerterduell forderte.</p><p>�ber vergessene Kommas, Logikfehler und schr�ge Bilder wachten erneut Karl-Heinz und Elke, die manche Nachtschicht einlegten, damit ich meine Abgabetermine halten konnte.</p><p>Auch diesmal versorgte mich Maite Itoiz mit ihrer wunderbaren Musik, die mich beim Schreiben inspiriert, und wie schon beim letzten Buch, durfte ich viele Lieder schon lange bevor sie ver�ffentlicht wurden, h�ren.</p><p>Hinter jedem Schriftsteller stehen die Lektoren des Verlages, ohne die B�cher nicht mehr als nur Tr�ume von Autoren sein w�rden, deren Namen jedoch oft im Dunkel bleiben. Ins Licht geholt seien Momo Evers, die nie m�de wurde, meinen Helden den rechten Weg zu zeigen, und Martina Vogl, die den Drachenelfen, wieder einmal, ein paar Tage �ber den eigentlichen Abgabetermin hinaus erstritten hat und so erm�glichte, dass das Buch den letzten Schliff bekam.</p><cite><text-author>Bernhard Hennen</text-author><text-author>Im Jahr des Drachen (August 2012)</text-author></cite></section></body><binary id="cover" 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