<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf_fantasy</genre><author><first-name>Bernhard</first-name><last-name>Hennen</last-name></author><book-title>Die letzten Eiskrieger</book-title><annotation><p>In den Flammen von Selinunt ist der Friedenspakt zwischen Elfen und Menschen, Drachen und Devanthar endg�ltig zu Asche geworden. Es herrscht offene Feindseligkeit, und jeder will den ersten Schlag im Kampf um das magische Nangog f�hren. W�hrend der weise Herrscher Aaron Krieger aus allen sieben Menschenreichen um sich schart, macht sich im fernen Albenmark bereits eine kleine Truppe nach Nangog auf. Doch nicht alle spielen mit offenen Karten: Die Drachenelfe Bidayn spinnt eine unglaubliche Intrige, und unter den Augen der Himmelsschlangen marschieren vier Zwerge mit einer ganz eigenen Mission in das ewige Eis.</p><p>Nur eine hat geschworen, nie mehr ein Schwert zu erheben: Nandalee. Auf Befehl ihres Herrn, des m�chtigen Nachtatem, von allen Elfen getrennt, erwartet sie die Geburt ihrer Kinder. Eine Geburt, die von dunklen Vorzeichen begleitet ist��</p></annotation><date>2015</date><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><sequence name="Drachenelfen" number="4"/></title-info><document-info><author><nickname>N/A</nickname></author><date>2015</date><id>3BECE58F-5CAC-494B-BBAB-BC9215575270</id><version>1.0</version><program-used>fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used></document-info></description><body><title><p>Bernhard Hennen</p><p>Drachenelfen:</p><p>Die letzten Eiskrieger</p></title><epigraph id="dedication"><p>F�r die Lotusbl�te im Verborgenen</p></epigraph><epigraph><p>Der Krieg ist darin schlimm, dass er mehr b�se Menschen macht, als er deren wegnimmt.</p><text-author>Immanuel Kant (1724�1804)</text-author></epigraph><section><title><p>Erstes Buch</p><p>Das Traumeis</p></title><section><title><p>Prolog</p></title><p>Die Lider waren ihm schwer. Seit drei N�chten hatte er keinen Schlaf gefunden. M�de beobachtete er, wie der junge Morgen den Himmel in Flammen setzte. Glutrote Wolken flossen um die schroffen Bergspitzen. Schwer wie nie sp�rte er die B�rde der Macht. Die Alben hatten es aufgegeben, um die Welt, die sie erschaffen hatten, zu k�mpfen, und unter seinen Br�dern herrschten Misstrauen und Zwietracht. Die Himmelsschlangen sollten der Schutzwall Albenmarks sein, doch es war eine Mauer mit tiefen Rissen.</p><p>Der Drache streckte sich, dass seine Gelenke krachten. Er war so alt wie die Welt, �ber die er mit seinen Nestbr�dern wachte. Manchmal hatte er das Gef�hl, Albenmark bedeutete nur ihm noch etwas. Rastlos hatte er die Zukunft erkundet. So viele Wege f�hrten ins Dunkel. Er hatte gesehen, wie Burgen, erbaut von Menschenkindern, die P�sse der Mondberge beherrschten. Eine Fahne, die einen toten, schwarzen Baum vor wei�em Hintergrund zeigte, hatte �ber den Zinnen geweht. Die Kinder der Alben waren aus der Welt verschwunden. Ihre Welt war entzaubert worden. Wie hatte es so weit kommen k�nnen?</p><p>Sooft er auch die Zukunft erforschte, vermochte er nicht zu entdecken, wo in der Gegenwart die Wurzel des Unheils lag. War es jener Unsterbliche, der weiser plante als alle anderen und dem es sogar gelingen mochte, die Devanthar dazu zu bringen, nach seinem Willen zu handeln? Oder war es Nandalee, die Drachenelfe, die gegen die hergebrachte Ordnung aufbegehrte? Drei Kinder wuchsen in ihr heran, von denen sie nur zwei geb�ren w�rde. Und doch beeinflussten sie alle die Zukunft von Menschen und Albenkindern. Dies war eines von vielen R�tseln, die er nicht verstand.</p><p>Der flammende Himmel ermahnte ihn, dass er handeln musste und nicht nur beobachten und br�ten durfte. Einmal waren die Devanthar ihnen entwischt, als Nandalee und Gonvalon versagt hatten. Nun galt es, den G�ttern der Menschenkinder erneut eine Falle zu stellen. Nur der vereinte Flammenodem der Himmelsschlangen w�rde sie vernichten. Es war die st�rkste Waffe, die auf allen drei Welten existierte. Und sie war nicht nur dazu geschaffen, mit ihr zu drohen. Sie mussten sie einsetzen, bevor die Devanthar eine �hnlich starke Waffe ersinnen w�rden. Der Krieg zwischen den beiden gro�en M�chten war unabwendbar geworden. Es w�rde unz�hlige Tote geben. St�dte, gar ganze Landstriche w�rden verw�stet werden. Doch die Zeit zu verhandeln war vor�ber. Zu unterschiedlich waren die Ziele, nach denen Albenmark und Daia strebten. Siegen w�rde derjenige, der den Mut hatte, zuerst zuzuschlagen. Auch wenn es ohne Zweifel ein bitterer Sieg sein w�rde.</p><p>Der alte Drache weitete die Schwingen. Er genoss die W�rme des ersten Morgenlichts auf seinem Leib. Mit List und Intrige w�rde es beginnen. Dies waren fast genauso t�dliche Waffen wie der Odem der Himmelsherrscher. Doch zuletzt w�rden Feuer und Schwert entscheiden. Er stie� sich vom Felsen ab und flog dem glutroten Morgen entgegen. Die Zeit zu k�mpfen war gekommen.</p></section><section><title><p>Am Rand der Klippe</p></title><p>Nevenylls Klippe galt als ein verfluchter Ort. Niemand kam bei Nacht hierher. Und schon gar nicht bei Vollmond, wenn die Macht der Geister am gr��ten war. Es war der einsamste Ort bei Uttika, und deshalb liebte Bidayn ihn. Tags�ber war sie das Kinderm�dchen, das nach den beiden T�chtern des Kaufherren Shanadeen sah. Niemand ahnte, was sie in Wirklichkeit war. Man kannte sie nur als eine scheue Elfe unbestimmbaren Alters, die niemandem in die Augen sah und sich stets in jungfr�uliches Wei� kleidete, obwohl ihre Haut bereits zu welken begann, was bedeutete, dass schon Jahrhunderte an ihr vor�bergezogen sein mussten.</p><p>Bidayn stand auf dem steilen Kreidefelsen und blickte hinab auf das Meer. Der Mond zauberte ein Netz silbernen Lichts �ber die dunkle See. Weit im Westen zeichnete sich die Silhouette eines Seglers gegen den Horizont ab, der den Leuchtfeuern des Hafens von Uttika entgegenstrebte. Die n�chtliche Brise griff nach Bidayns hauchzartem, weit geschnittenem �rmellosen Kleid. Sie liebkoste ihre alternde Haut. So schnell hatte sie ihre geschmeidige Spannkraft verloren. Bidayn hatte gehofft, einige Jahre mit der Menschenhaut leben zu k�nnen. Doch wie alle ihre Hoffnungen war auch diese zerbrochen. Sie m�sste bald etwas unternehmen�� Wen sollte sie t�ten? Eines der jungen M�dchen, die Shanadeen ihr anvertraut hatte?</p><p>Donnernd brach sich eine Welle am Fu� der Klippe. Die Elfe sah erneut hinab in die spr�hende Gischt, deren wei�e Finger den knochenbleichen Fels hinaufgriffen. Sollte sie ihrem Leben ein Ende setzen? Sie war eine Drachenelfe, aber seit so vielen Monden hatte sie nichts mehr von dem Drachen geh�rt, dem sie sich verschrieben hatte. Es gab Ger�chte �ber einen Krieg. �berall wurden Albenkinder eingezogen, um auf Nangog zu k�mpfen, so hie� es. Doch hier in Uttika waren noch keine Werber gewesen.</p><p>Sollte es stimmen, dass auf der Verbotenen Welt gek�mpft wurde? Warum schickte der Goldene dann nicht nach ihr? Voller Abscheu sah sie auf ihre H�nde. Selbst im Licht des Mondes vermochte sie das Netz der feinen Falten zu erkennen. War dies der Grund? Empfand auch er Abscheu vor ihr?</p><p>Manchmal glaubte Bidayn, den Geruch des Grabes an sich wahrzunehmen. Zweimal t�glich wusch sie sich. Sie benutzte eine teure Seife, die nach Rosen�l duftete, doch der Geruch kehrte immer wieder. Verwesungsgestank�� Gab es ihn nur in ihrer �berspannten Vorstellung? War es ihr Ekel vor sich selbst, der ihr den Gestank vorgaukelte, oder rochen die anderen es auch?</p><p>Bidayn wusste, dass �ber sie getratscht wurde. �ber die seltsame alte Jungfer, die Shanadeen sich ins Haus geholt hatte. Wieder blickte die Elfe in die sch�umende Gischt hinab. Die Tiefe lockte sie. Zwei Schritt und alle Zweifel und aller Ekel h�tten ein Ende. Sie w�rde ihrer Seele Freiheit schenken und in einen neuen, einen makellosen K�rper wiedergeboren werden. Bidayn machte einen Schritt auf den Abgrund zu. Hinter ihr auf der Wiese am Hang verstummte das Zirpen der Grillen. Kein Windhauch regte sich jetzt. Selbst das Ger�usch der Brandung war leiser geworden, als hielte die Natur den Atem an. Und dann h�rte sie Stimmen und ein grobschl�chtiges, tiefes Gel�chter.</p><p>Bidayn wandte sich vom Abgrund ab. Drei Faune kamen den schmalen Trampelpfad hinauf. Das Mondlicht schimmerte auf dem �ligen Fell ihrer Ziegenbeine. Sie trugen fleckige Lendenschurze, ihre behaarten Oberk�rper waren nackt. Kleine, nach hinten gebogene H�rner wuchsen ihnen aus der Stirn. Der Mittlere von ihnen st�tzte sich beim Gehen auf einen Speer. Bidayn musterte sie voller Missfallen. Die Zwitterwesen, ersonnen vom kranken Verstand des Fleischschmieds, hatte sie immer schon absto�end gefunden.</p><p>�Du stehst zu dicht an der Klippe, meine Sch�ne!�, rief ihr der Speertr�ger zu. �Komm uns doch ein wenig entgegen���</p><p>Seine beiden Gef�hrten verfielen in meckerndes Gel�chter, als w�re ihrem Freund gerade der beste Scherz des Abends gelungen.</p><p>�Ich m�chte allein sein�, sagte sie in dem unterw�rfigen Ton, den sie sich als Kinderm�dchen angew�hnt hatte. Sie senkte den Blick. �Und ich m�chte euch h�flich bitten, meinen Wunsch zu respektieren und nun wieder zu gehen.�</p><p>�Du brauchst keine Angst vor uns zu haben�, erkl�rte der Faun links neben dem Speertr�ger, hob einen Weinschlauch und sch�ttelte ihn. �Wir sind hier, um Spa� zu haben. Und den wirst du auch haben, das verspreche ich dir. Aber zun�chst sollst du wissen, wer gekommen ist.�</p><p>Wieder erklang das meckernde Gel�chter, als w�re ein weiterer Witz auf ihre Kosten gegl�ckt.</p><p>�Nonnos ist der Dichter unter uns�, erkl�rte der Speertr�ger, prustend um Atem ringend. �Ich bin Dion, und der gro�e Schweiger zu meiner Rechten ist Krotos.� Mit diesen Worten stie� er Krotos mit dem Ellenbogen in den Rippen, was sein Kamerad mit einem Grinsen quittierte.</p><p>�Ist dies nicht eine wunderbare Nacht f�r die Liebe�, rief Nonnos in so affektiertem Tonfall, als zitierte er irgendeinen ber�hmten Text. Dabei griff er sich mit der Linken ans Herz, hob seine Augenbrauen und schenkte Bidayn ein durch und durch falsches L�cheln. Nonnos hatte einen spitz zulaufenden Kinnbart, w�hrend die B�rte seiner Kameraden wild wuchernd bis zur Brust reichten. �Du bist viel zu h�bsch, um so eine laue Sommernacht allein zu verbringen, Elfendame.�</p><p>Die drei waren jetzt keine f�nf Schritt mehr von ihr entfernt. Ganz offensichtlich waren sie davon �berzeugt, dass sie sich einfach nehmen k�nnten, wonach ihnen gel�stete, und von dem verhuschten, alternden Kinderm�dchen, das vor ihnen stand, kein ernsthafter Widerstand zu erwarten sei. Bidayn k�mpfte den Zorn nieder, der in ihr aufwallte. Der Goldene hatte ihr befohlen, in Uttika zu warten. Sie durfte nicht aus ihrer Rolle fallen, musste um jeden Preis verbergen, was sie wirklich war. �Ihr wisst, dass dieser Ort verflucht ist. Bitte geht! Ich m�chte nicht, dass euch ein Ungl�ck widerf�hrt.�</p><p>�Es sind doch eher die Elfenweiber, die kein Gl�ck mit dieser Klippe haben�, entgegnete Krotos, der bislang geschwiegen hatte, mit dunkler, etwas heiser klingender Stimme und einem breiten zahnl�ckigen Grinsen. �Aber hab keine Angst, wir sind hier, um gut f�r dich zu sorgen.�</p><p>�Ich kann auf mich alleine aufpassen.�</p><p>Dion sch�ttelte den Kopf, sodass ihm die schwarzen, str�hnigen Haare um die Schultern flogen. �Glaube ich nicht. Wusstest du, dass sie in der Schenke unten an der Klippe Wetten abschlie�en, wann du springst? Du w�rst die dritte Elfe seit Nevenyll. Und es sind Vollmondn�chte wie diese gewesen, in denen sie ihrem Leben ein Ende gesetzt haben. Es hei�t, sie treffen Nevenyll in diesen N�chten.� Er sah sich mit einem Stirnrunzeln um, dann zuckte er mit den Schultern. �Also ich sehe hier keinen Geist. Aber vielleicht muss man ja eine Elfe sein, um ihr zu begegnen.�</p><p>Dion deutete mit seinem Speer auf sie. Jetzt erst sah Bidayn, dass an der Hand, die die Waffe hielt, zwei Finger fehlten. Der Handr�cken und der Unterarm waren mit wulstigen Narben bedeckt, die aussahen, als h�tte ein Wolf oder ein gro�er Hund versucht, ihn zu zerfleischen. �Wei�t du, dass die Wetten in dieser Nacht zehn zu eins gegen dich stehen?�</p><p>�Und da habt ihr gedacht, ihr schaut vorbei, passt auf mich auf und macht einen guten Schnitt, wenn ich lebend von der Klippe zur�ckkehre?� Bidayn bedachte sie mit einem zynischen L�cheln. Nat�rlich wusste sie, dass dies nicht die Absicht der Faune war, aber sie wollte ihnen eine goldene Br�cke bauen. Einen letzten Weg.</p><p>Der Spitzbart r�lpste und rollte mit den Augen. �Daran hatten wir nicht gedacht���</p><p>�Ihr k�nntet doch neue Wetten abschlie�en�, wandte Bidayn ein. �Es ist noch Zeit. Schickt irgendeinen Freund, damit es nicht auff�llt, und werdet reich.� Sie versuchte, nicht allzu herablassend zu klingen. Diese drei Habenichtse k�nnten vielleicht ein paar Kupferst�cke zusammenbringen und mit der Wette in Silber verwandeln. Reich w�rden sie ganz gewiss nicht. Dennoch schien Nonnos ernsthaft dar�ber nachzudenken. Er strich sich �ber den gestutzten Bart. Eine Geste, die im Widerspruch zu seinem grobschl�chtigen �u�eren stand.</p><p>�Wir haben f�r diese Nacht andere Pl�ne�, sagte Dion barsch. �Lass dich von der Elfe nicht einwickeln, Nonnos! Elfen meinen es nie gut mit uns. Schnapp sie dir! Wir sind nicht zum Reden hier.�</p><p>Bidayn atmete aus und lie� die Maske des Kinderm�dchens fallen. Sie w�rde wieder sein, wozu man sie in der Wei�en Halle gemacht hatte: eine M�rderin. Und sie genoss, endlich wieder von der Macht Gebrauch machen zu k�nnen, die ihr geschenkt worden war. �Wie ich sehe, hast du mit deinen H�nden schon schlechte Erfahrungen gemacht, Ziegenarsch. Solltest du versuchen, mich anzufassen, landet die Hand, die du nach mir ausstreckst, unten am Fu� der Klippe. Glaube mir, ich mache keine leeren Worte, Dion. Ich w�rde vorschlagen, ihr drei geht, trinkt noch einen Becher Wein und genie�t, dass ihr am Leben seid.�</p><p>�Du redest hier nicht mit deinen kleinen G�ren, Kinderm�dchen�, fauchte Dion und deutete mit der Spitze seines Speers auf ihre Kehle. �Und jetzt schlage ich dir was vor, alte Jungfer. Wir werden dir zeigen, was die Bestimmung von M�nnern und Weibern ist, und wenn du dich bem�hst, uns zu erfreuen, dann landest <emphasis>du</emphasis> nicht am Fu� der Klippe.�</p><p>�Du bist tot, fingerloser Bock�, entgegnete sie ruhig. Ihre Stimme klang seltsam gedehnt in ihren Ohren. Bidayn sp�rte, wie die Magie dieses d�ster-romantischen Ortes sie durchdrang. Sp�rte die Trauer Nevenylls, die sich wie ein Stempel in das Muster des magischen Netzes gepr�gt hatte, das alles auf dieser Welt durchdrang und miteinander verband.</p><p>Dion lachte auf. �Ein gro�es Maul hast du. Aber das passt zu dem, was wir mit dir vorhaben. Los, packt sie!�</p><p>Nonnos z�gerte und zupfte nerv�s an seinem spitzen Bart. �Und wenn sie���</p><p>�Sei nicht so ein verdammter Schisser�, zischte der schwarzhaarige Krotos und zog seinen Dolch aus dem breiten Lederg�rtel, der seinen Lendenschurz hielt. �Sie ist nur ein Kinderm�dchen, verdammt. Hast du Angst vor Worten? Worte und ein paar Ohrfeigen, das sind all ihre Waffen.�</p><p>Bidayn �ffnete ihr Verborgenes Auge, und die Magie der Welt wurde f�r sie sichtbar. Die vielfarbigen Kraftlinien verwandelten sich rings um die drei Faune in das glei�ende Rot von Zorn und Wollust. Und da war noch etwas�� ein hauchzartes Gespinst um ihre K�pfe. Ein Zauber umgab sie. Fein gewoben, kaum sichtbar.</p><p>Die Spitze von Dions Speer ber�hrte Bidayns Kehle dicht unter dem Kinn. Sie durfte sich nicht in der Betrachtung von Details verlieren. Sie musste handeln. Die drei lie�en ihr keine Wahl. Bidayn hauchte ein Wort der Macht und ver�nderte den Lauf der Zeit. Ihre Bewegungen und ihre Wahrnehmung waren nun beschleunigt. Doch die Welt um sie herum blieb nicht stehen, auch wenn es fast so wirkte. Bidayn sp�rte, wie die Klinge ihre zarte Haut durchdrang und ein Tropfen Blut ihre Kehle hinablief. Das Netz um sie herum begann sich zusammenzuziehen. Es k�mpfte gegen den Zauber an, der die nat�rliche Ordnung der Dinge verh�hnte.</p><p>Bidayn schob den Speer zur Seite und nahm in Kauf, dass die Spitze eine d�nne blutige Linie auf ihrer Kehle hinterlie�. Noch war er nicht zu tief in ihr Fleisch gesto�en.</p><p>�Prescht im Ziegengalopp zur Schenke zur�ck, und ich lasse euch am Leben.�</p><p>Bidayn sagte die Worte langsam und gedehnt, doch vermutlich nahmen die drei Faune nur einen unartikulierten Schrei wahr. Sie war nun zu schnell in allem, was sie tat.</p><p>Mit einer Drehung fort vom Rand der Klippe hebelte sie Dion den Speer aus der Hand und rammte das stumpfe Ende Krotos mit solcher Kraft gegen die Kehle, dass dem zahnl�ckigen Faun das Maul aufklappte und der Dolch seiner Hand entglitt. Langsam wie ein Eichenblatt, das an einem windstillen Herbsttag zu Boden sinkt, fiel die Waffe.</p><p>Bidayn stie� ein weiteres Wort der Macht hervor und beendete ihren Zauber. Sie sp�rte die Bewegung hinter ihrem R�cken und stie� den Speer an ihrer H�fte vorbei nach Dion. Dabei lie� sie Nonnos nicht aus den Augen, der seine Rechte auf den Griff seines Dolches gelegt hatte, es aber nicht wagte, die Waffe zu ziehen.</p><p>Die Welt war entschleunigt. Die Zeit verlief auch f�r Bidayn wieder in gewohnter Bahn: Der schwebende Dolch fiel mit dumpfem Ger�usch in das hohe, sonnenverbrannte Gras; Krotos brach in die Knie und umklammerte mit beiden H�nden seine Kehle, als wollte er etwas Unsichtbares fortrei�en, das ihn w�rgte. Bidayn wusste, dass der Sto� dem Faun die Luftr�hre zerquetscht hatte. Nichts konnte ihn mehr retten. Sein Gesicht wurde rot. Seine Augen traten noch weiter hervor, w�hrend die Elfe auf ihren H�nden das warme Blut sp�rte, das am Schaft des Speeres hinabrann.</p><p>�Wer�� Was bist du?�, stammelte Nonnos und nahm die Hand vom Dolchgriff.</p><p>�Kein Opfer.� Bidayn zog mit einem scharfen Ruck den Speer zur�ck und drehte sich um. Dion kippte zur Seite. Seine gro�en braunen Augen starrten tot in den Nachthimmel. Die Speerspitze hatte ihn unter dem Rippenbogen getroffen und war schr�g nach oben in sein Herz gesto�en.</p><p>Die Elfe lie� die Waffe fallen und wischte ihre blutigen H�nde �ber das Gras. Sie hatte es genossen, zu t�ten und ihre Macht zu nutzen. Sie h�tte die drei auch einfach nur erschrecken und verjagen k�nnen, aber nach den endlosen Wochen als unterw�rfiges Kinderm�dchen hatte sie ihre Macht endlich wieder sp�ren wollen.</p><p>�Wirf die beiden f�r mich �ber den Rand der Klippe�, sagte sie, ohne zu Nonnos aufzublicken. �Die Ebbe wird ihre Leichen aufs Meer hinausziehen, und niemand wird sie je wiedersehen.�</p><p>�Ja, Herrin.� Der kleinlaute Poet schaffte es, zugleich pflichtbeflissen und fragend zu klingen. Er packte Krotos, der noch immer nach Luft japste, bei seinen H�rnern und zerrte ihn zum Rand des wei�en Felsens.</p><p>�Hinab mit ihm!�</p><p>��h�� aber Herrin���</p><p>Krotos hatte die H�nde von seiner Kehle gel�st und umklammerte nun verzweifelt die d�nnen Ziegenbeine seines Gef�hrten.</p><p>�Ich kann doch nicht���, jammerte Nonnos. �Er lebt doch noch. Wir sind zusammen aufgewachsen. Sind���</p><p>�Willst du weiterleben?�, fragte Bidayn und genoss es zu sehen, wie Nonnos sich in Gewissensqualen wand. Die drei waren hierhergekommen, um sie zu vergewaltigen und zu ermorden. Alles, was ihnen nun widerfuhr, hatten sie sich verdient. Sie waren nichts als �bles Pack, und die Welt w�rde ohne sie eine bessere sein. �Befolge meinen Befehl!�</p><p>Nonnos sch�ttelte den Kopf. �Ich kann das nicht�� Er ist mein Freund.�</p><p>Bidayn richtete sich auf. �Er ist das, zu dem ihr mich machen wolltet. Nur noch ein St�ck Fleisch. Sto� ihn hinab!�</p><p>Nonnos zitterte am ganzen Leib, blanker Schwei� rann ihm �ber das Gesicht. �Ich wei� nicht, was mit uns war. Wir sind nicht so. Es ist�� Das alles ist wie ein b�ser Traum.� Die Augen des Fauns waren wie dunkle Spiegel. Bidayn stand nun dicht vor ihm. Nonnos stank nach Ziege. Er sah wieder hinab zu seinem Freund. Die Glieder des Sterbenden zuckten. Dann l�ste sich sein Griff um die d�nnen Beine. �Er war nicht so�, stammelte Nonnos. �Ich versteh das nicht. Wir���</p><p>Was f�r ein Jammerlappen, dachte Bidayn angewidert. Eben noch war er bereit gewesen, mit seinen Freunden �ber sie herzufallen, und jetzt glaubte er sich so herausreden zu k�nnen. �Dann sollte ich dir wohl helfen zu erwachen�, sagte sie freundlich und vollf�hrte, noch w�hrend sie sprach, eine halbe Drehung. Ihr rechter Fu� traf ihn mit m�rderischer Wucht vor die Brust. Der Faun wurde von seinen Ziegenbeinen gerissen und �ber den Rand der Klippe geschleudert.</p><p>Der Tritt hatte ihm die Luft aus der Lunge gepresst. Sein Maul klaffte weit auf, aber er war nicht mehr in der Lage zu schreien, als er st�rzte. Bidayn blickte hinab zum Meer. Nonnos� K�rper verschwand im wogenden Wei� der Gischt, die um die knochenfarbenen Felsen leckte. Sie sollte Uttika verlassen, dachte sie. Vor vier Jahren, als sie in die H�hle des Schwebenden Meisters gebracht worden war, w�re sie ein gutes Kinderm�dchen gewesen und h�tte Erf�llung darin gefunden, nach den T�chtern des Kaufherren Shanadeen zu sehen. Selbst als sie zur Wei�en Halle gekommen war, war sie noch nicht verloren gewesen. Doch die �ngstliche, verhuschte Bidayn von damals gab es nicht mehr. Und sie hatte nicht einmal bemerkt, wann sie aufgeh�rt hatte zu existieren.</p><p>Die Elfe straffte sich und sah zu Krotos. Der schwarzhaarige Faun war tot, erstickt. Seine gro�en H�nde hatten sich in das trockene Gras gekrallt. Tiefbraune, gebrochene Augen starrten zu ihr hinauf. Bidayn verpasste auch ihm einen Tritt, sodass sein Kadaver �ber den Rand der Klippe rollte. Sie f�hlte sich machtvoll und frei. Die Zeit, sich zu verstecken, war vorbei. Sie wollte wieder eine Drachenelfe sein.</p><p><emphasis>Liegt es nicht an mir zu entscheiden, wann Ihr Uttika verlasst, Dame Bidayn?</emphasis></p><p>Die Stimme in ihren Gedanken jagte der Elfe einen wohligen Schauer �ber den R�cken. Auch wenn ein Vorwurf in den Worten lag, �berkam sie ein Gl�cksgef�hl, das nahe an die Ekstase reichte, die sie empfunden hatte, als der Goldene sie unter seine Drachenelfen aufgenommen und sie t�towiert hatte.</p><p>Sie wandte sich vom Abgrund ab. Da war er! Zwischen den Felsen weiter unten am Hang! Gemessenen Schrittes kam er den Weg hinauf. Die Schatten der Nacht flohen vor der schlanken, hochgewachsenen Gestalt, als w�re er ein lebendes Licht, das alle Finsternis bannte. Die Goldstickereien am Saum seiner kurzen, wei�en Tunika funkelten im Mondlicht. Sein wallender Umhang schien aus dem zarten Blau eines morgendlichen Sommerhimmels geschnitten zu sein. Der Goldene trug sein blondes Haar offen, sodass es bis auf seine Schultern hinabwallte.</p><p><emphasis>Viel zu viel Zeit ist vergangen, meine Dame.</emphasis></p><p>�Ja�, hauchte sie und ging dem Drachen in Elfengestalt entgegen. Fast jede Nacht sah sie ihn in ihren Tr�umen. Wilden Tr�umen, in denen sich immer und immer wieder jenes Ritual wiederholte, in dem sie eins gewesen waren.</p><p><emphasis>Einige meiner Nestbr�der zweifeln an Euch, ehrenwerte Bidayn.</emphasis></p><p>Die Elfe blieb erschrocken stehen. Zweifelte auch er?</p><p><emphasis>Das Undenkbare ist geschehen. Es gibt Verrat inmitten unserer Reihen.</emphasis></p><p>�Ich w�rde mich niemals���</p><p><emphasis>Bedenkt wohl, was Ihr sagt, meine Dame. Ich dulde keine L�gen! Ich wei�, dass Ihr dar�ber nachsannt, Uttika zu verlassen und damit gegen meine Befehle zu versto�en.</emphasis></p><p>Sein Zweifel traf sie tief. Seine Gunst zu verlieren w�rde ihr Leben jeden Sinns berauben. �Ja�, gestand sie. �Ich habe daran gedacht, doch Gedanken und Taten sind zweierlei, Licht meines Lebens.�</p><p>Der Goldene schenkte ihr ein L�cheln, das ihr Herz schneller schlagen lie�. <emphasis>Wohl gesprochen, meine Sch�ne.</emphasis> Dann verfinsterte sich sein Antlitz. <emphasis>Ihr wisst vom Angriff auf Selinunt, die Wei�e, jene Stadt, in der sich die Unsterblichen und die Devanthar versammeln wollten, um �ber den Untergang Albenmarks zu beraten?</emphasis></p><p>Bidayn nickte.</p><p><emphasis>Zwei Drachenelfen waren dort als Sp�her. Sie sollten uns ein Zeichen geben, falls die Devanthar zur vorbestimmten Stunde des Angriffs nicht zugegen seien, denn nicht Menschenkinder, sondern G�tter wollten wir t�ten. Sie haben uns get�uscht! Kein einziger unserer Feinde starb im Feuer des Himmels, obwohl Gonvalon das Signal zum Angriff gab.</emphasis></p><p>Sein Zorn war f�r Bidayn k�rperlich sp�rbar. Ihr Magen zog sich zusammen, und ihre Muskeln verspannten sich, w�hrend seine Gedanken wie gl�hende Lohe in ihr brannten. �Aber Gonvalon war doch schon lange von Euch abgefallen�, wandte die Elfe ein. �Warum habt Ihr ausgerechnet ihn als Sp�her geschickt?�</p><p><emphasis>Er begleitete Nandalee. Sie hat den Verrat �berlebt. Er nicht!</emphasis></p><p>Bidayn dachte an die beiden langen Reisen, die sie mit dem Schwertmeister nach Nangog gemacht hatte. An dessen Liebe zu ihrer Freundin Nandalee. An seine stille Kraft. Was hatte ihn zum Verr�ter gemacht?</p><p><emphasis>Es wird ein Krieg kommen, wie ihn unsere Welt noch nicht gesehen hat, meine Dame. Und wir werden nur siegen k�nnen, wenn es keine weiteren Verr�ter oder Zauderer in unseren Reihen gibt.</emphasis></p><p>�Ich werde jeden Eurer Befehle ausf�hren, Licht meines Lebens!�, entgegnete Bidayn voller aufrichtiger Leidenschaft. �Ich werde nicht z�gern.�</p><p>Der Goldene bedachte sie mit einem hintersinnigen L�cheln. <emphasis>Ich bin in dieser Nacht gekommen, um Euch auf die Probe zu stellen, meine Dame. Ich wei�, dass ein Funken von Nandalees rebellischem Geist auch in Euch glimmt. Ich war es, der Euch die drei Faune schickte. Eigentlich waren sie harmlos. Ich habe ihre Lust angestachelt und ihnen den Gedanken eingepflanzt, sich an Euch zu vergehen, meine Dame.</emphasis></p><p>Bidayn war ern�chtert, aber nicht schockiert. Er war der Goldene. Er stand f�r alles, was gut war in dieser Welt. Er musste einen triftigen Grund gehabt haben, so zu handeln.</p><p><emphasis>Ich sagte es bereits, einige meiner Nestbr�der misstrauen Euch, Dame Bidayn. Sie halten Euch f�r schwach. Deshalb habe ich Euch die Faune geschickt. Ich wollte sehen, wie Ihr Euch verhaltet. Ich gestehe, ich war erleichtert zu erleben, dass Ihr mit Leidenschaft t�tet. Ihr seid ein Raubtier in der Gestalt eines K�tzchens. Ihr habt all meine Zweifel zerstreut.</emphasis> Der Goldene machte eine fl�chtige Geste in Richtung des Leichnams von Dion, der noch immer auf der Klippe lag. Wie von Geisterhand bewegt, rollte er zur Abbruchkante und st�rzte in die Tiefe.</p><p><emphasis>Niemand wird die drei in Uttika vermissen. Faune sind unstet und launisch. Man wird glauben, sie h�tten sich einfach davongemacht.</emphasis> Der Goldene trat an ihre Seite und ber�hrte sie zart im Nacken. Ein Gef�hl, als rinne feiner Sand �ber ihre Haut, �berlief Bidayn.</p><p><emphasis>Euch wird nun nicht mehr der Geruch des Grabes anhaften. F�r einige Monde zumindest. Ihr braucht bald eine neue Haut, meine Dame. Ihr solltet weniger z�gerlich sein, was das angeht. Ihr seid eine Drachenelfe. Nehmt Euch, was immer Ihr begehrt. Albenmark liegt Euch zu F��en, denn Ihr seid meine Auserw�hlte, die Erste unter den Drachenelfen, die mir dienen.</emphasis></p><p>Bidayn vermochte kaum noch zu atmen. Seine Auserw�hlte! Endlich w�rde sie Uttika verlassen k�nnen!</p><p><emphasis>Es gibt jemanden, den Ihr f�r mich t�ten sollt. Einen sehr gef�hrlichen Gegner. Viele Tage habe ich damit verbracht, Hunderte Zweige der Zukunft Albenmarks zu erforschen. Mein Nestbruder, der Dunkle, wird ermordet werden, weil er zu leichtfertig sein Vertrauen verschenkt. Ich muss ihn vor der Gefahr sch�tzen, die er nicht sehen will. Ihr, Dame Bidayn, seid auserw�hlt, meinen Willen zu vollstrecken. Ihr werdet meinen arglosen Bruder retten. Es wird Eure gef�hrlichste Mission werden, und Ihr werdet es nicht allein schaffen. Sucht Euch Gef�hrten, die das scheinbar Unm�gliche wagen. Und z�gert nicht, wenn die Stunde der Klingen naht!</emphasis></p><p>Bidayn war wie berauscht. Endlich fort von hier! Und was f�r eine Aufgabe. Sie sollte eine Himmelsschlange retten. Den Erstgeschl�pften! �Ich werde alles tun, was Ihr verlangt, mein Gebieter und Wohlt�ter. Wen soll ich t�ten?�</p><p><emphasis>Wenn ich den Namen nenne, gibt es kein Zur�ck mehr, Dame Bidayn. Ihr seid Euch ganz sicher?</emphasis> Bidayn sp�rte die tiefe Besorgnis des Drachen. Seine Sorge um sie und ihr Seelenheil. Er war so gut zu ihr. So r�cksichtsvoll und einf�hlend. Und doch war sie auch ein klein wenig beleidigt. Wie k�nnte sie jemals z�gern, wenn er sie zu einer Mission berief!</p><p>�Ich bin bereit, mein Gebieter. Wessen Blut soll in Eurem Namen rinnen?�</p><p><emphasis>Es ist jemand, der Euch wohlvertraut ist.</emphasis> Die geschlitzten Pupillen des Drachen schrumpften zu schmalen Strichen, als er sie auf eine Art ansah, die Bidayn die Gewissheit gab, dass er bis auf den Grund ihrer Seele blickte und dass er all ihre geheimen W�nsche und Sehns�chte kannte. <emphasis>T�tet f�r mich die Dame Nandalee!</emphasis></p><p>Bidayn atmete schwer aus. Nandalee! Sie war wie eine Schwester f�r sie gewesen. Bidayn erinnerte sich noch gut, wie sie in der Wei�en Halle ungez�hlte Stunden im Bett neben Nandalee gesessen hatte, um mit ihr dar�ber zu fl�stern, wie schrecklich das Leben einer Novizin in der Wei�en Halle war. Sie dachte an die Gefahren auf Nangog, die sie gemeinsam gemeistert hatten. Und auch daran, wie sie stets nur ein Schatten war, wenn Nandalee zugegen war. Ihre Freundin fing alle Blicke ein. Sie war das Licht.</p><p>�Was Ihr w�nscht, wird geschehen, mein Gebieter!�</p></section><section><title><p>Shanadeens Kammer</p></title><p>Im ersten Morgenlicht kehrte Bidayn zur�ck nach Uttika. Der Rausch der Gef�hle der Nacht war verflogen. Auch wenn der Goldene sie zu seiner Auserw�hlten erkoren hatte, durfte sie nicht an seiner Seite bleiben. Sie sollte in dieser kleinen, abgeschiedenen Hafenstadt bleiben und eine Position erlangen, in der es niemanden verwunderte, wenn sie ein Gefolge um sich sammelte. Sie alle sollten Drachenelfen sein, auch wenn sie sich hier als S�ldner, Zureiter oder Kammerzofen ausgeben w�rden. Bidayn hatte dem Goldenen einige Namen von Drachenelfen genannt, die sie an ihrer Seite haben wollte. Wann sie kommen w�rden, wusste sie nicht.</p><p>Die Elfe passierte das unverschlossene Stadttor. Rechts und links des Tores f�hrten zwei Rampen zu den breiten Wehrg�ngen der Mauer. Uttika war eine seltsame Stadt. Eine Stadt ohne Stufen. Der ganze K�stenstreifen stand unter der Herrschaft der Bronzeschilde. So nannte sich eine Kentaurenhorde, die ganz anders als ihre kleineren Br�der in der Steppe massige Leiber hatten und an schwere Kutschpferde erinnerten. Ihr F�rst Sekander hatte schon vor langer Zeit ein Gesetz erlassen, dass jeder Ort entlang der K�ste f�r Kentauren erreichbar sein musste. Und so baute man St�dte ohne Treppen. Allenfalls in den kleinen H�usern und Wohnh�hlen von Kobolden fanden sich ein paar Stufen. Jeder Ort von Bedeutung aber war durch Rampen zu erreichen. Auch waren fast alle T�ren so bemessen, dass die drei Schritt hohen Pferdem�nner sie m�helos durchqueren konnten.</p><p>Das Morgenlicht �berhauchte die wei� get�nchten W�nde der H�user mit einem zarten rosa Schleier. Ein von Kobolden gef�hrter Karren mit einem riesigen Fass darauf rumpelte an Bidayn vor�ber. Er hielt vor jeder T�r, um den Inhalt der Nachtt�pfe aufzunehmen, die von Hausdienern herausgereicht wurden. In der ersten Morgenstunde geh�rte die Stadt ganz den Kobolden. Und sie entfernten nicht nur den Unrat der Nacht: Auf kleinen Handwagen brachten sie Feldfr�chte auf den Markt, fegten mit Reisigbesen die gepflasterten Stra�en, sprengten Wasser auf die Wege, um die Hitze des Tages ein wenig l�nger zur�ckzuhalten, backten Brot und bereiteten ihren Herrschaften die ersten Speisen des Tages.</p><p>Bidayn w�rdigte die Dienerschaft kaum eines Blickes. Sie haderte stumm damit, weiterhin hier im Verborgenen, am Ende der Welt leben zu m�ssen. Nat�rlich w�rde sie den Befehlen des Goldenen gehorchen, aber ihr Leben als Drachenelfe verlief ganz anders, als sie es sich vorgestellt hatte. Sie hatte Gro�es vollbracht�� doch dar�ber, was sie auf Nangog getan hatten, durfte nicht gesprochen werden. Und so war sie keine strahlende Heldin. Ganz im Gegenteil, in der vergangenen Nacht hatte sie einen weiteren Schritt in die Dunkelheit getan.</p><p>Sie bog in eine Seitengasse ab. Ein streunender Hund mit einer toten Ratte im Maul huschte eilig vor ihr davon. Die Pforte zum Hinterhof von Shanadeens Residenz stand weit offen. Es war der Eingang f�r Personal. Hierher wurden auch die Waren vom Hafen gebracht, die sich in den beiden langen Speicherh�usern, die den Hof flankierten, bis unter die Deckenbalken stapelten. Seidenstoffe aus dem fernen Haiwanan, Trockenfleisch und Felle aus dem Bainne Tyr, Honigf�sser und Bernstein aus Carandamon, Fisch�l aus dem Waldmeer, Korallen, gesammelt von den traumlesenden Apsaras der Lotussee. Sch�tze aus ganz Albenmark wurden hier verwahrt. Graumur, der in die Jahre gekommene Minotaur, der Shanadeens Leibwache befehligte, sa� im Schatten des L�wenbrunnens und sch�rfte mit langsamen Strichen seine Axt. �berrascht sah er ihr entgegen. Seine N�stern bl�hten sich, als er misstrauisch witternd Luft einsog.</p><p>Bidayn fragte sich, ob ihr noch etwas vom Wohlgeruch des Goldenen anhaftete. Graumur konnte nicht wissen, was f�r ein Duft das war. Er w�rde es f�r ein exotisches Parf�m halten.</p><p>�Lange Nacht gehabt, Kleine�, murmelte er, und Schalk spiegelte sich in seinen Augen.</p><p>Die Elfe nickte nur und ging geradewegs auf die T�r zum verbotenen Zimmer des Kontors zu.</p><p>�Du wei�t, dass er das nicht mag�, warnte sie der Minotaur.</p><p>Ihr war egal, was Shanadeen mochte. Sie w�rde von heute an die Herrin dieses Hauses sein. Entschlossen �ffnete sie die T�r. Die eiserne Klinke war noch k�hl vom Odem der Nacht. Sie wusste, dass sie Shanadeen dort finden w�rde. Im Kontor, dem allein ihm vorbehaltenen Raum, mit seinen Rechnungsb�chern und den geheimnisumrankten Sch�tzen, die ihm sein erster Kapit�n Alarion von Reisen in die fernsten Weltengegenden mitbrachte. Shanadeen kam jeden Morgen noch vor Sonnenaufgang hierher. Jene Nevenyll, die sich von der Klippe in den Tod gest�rzt hatte, war vor langer Zeit sein Weib gewesen. Er hatte sie in den Tod getrieben. Bidayn vermutete, dass es nicht einmal b�se Absicht gewesen war. Shanadeen liebte seine Zahlen und Kostbarkeiten mehr als lebendige Dinge, ausgenommen seine beiden T�chter Lydaine und Farella vielleicht.</p><p>Er blickte �rgerlich auf, als sie eintrat. Bidayn, die nie zuvor hier gewesen war, beachtete ihn nicht, sondern sah sich ruhig um. Das Kontor war so gro� wie eine kleine Lagerhalle. Mindestens zehn Schritt lang und etwa vier breit. Ein unheimliches, magisches Licht erf�llte den Raum. Seine W�nde waren bedeckt mit Schr�nken, deren T�ren aus Glas gefertigt waren. Barinsteine, wie sie die Zwerge in ihren unterirdischen St�dten nutzten, leuchteten durch gl�serne Regale. Es gab ausgestopfte Tiere, Drachenz�hne, seltsame Eier, merkw�rdige Waffen. Das verbotene Zimmer war halb Kuriosit�tenkabinett und halb Schatzkammer. Auf dem Tisch in der Mitte des Raumes lagen drei aufgeschlagene B�cher. Lange Reihen mit Zahlen f�llten ihre Seiten.</p><p>Bidayn zog die T�re hinter sich zu. Immer noch betrachtete sie die obskuren Sch�tze des Kaufherrn. In einem Glaszylinder schwamm eine abgeschnittene Hand, gr��er noch als die Hand eines Trolls oder Minotaurs.</p><p>�Du wei�t, dass du nicht hierherkommen darfst!�, stellte Shanadeen sachlich fest. Der Kaufherr hatte �ber den B�chern mit den Zahlen gesessen. Nun erhob er sich. Er war hochgewachsen, doch d�rr. Sein schmales Gesicht war gepr�gt von einem Feuer, das ihn verzehrte. Unter seiner Dienerschaft gab es viel Gerede. Es hie�, er und Alarion h�tten die Apsaras, die Traumleserinnen der Lotussee, besucht und die Eisb�rte, rebellische, blutgierige Kobolde, die den Zwergen von Ishaven ihre Sch�tze raubten. Er sp�rte jedem Mysterium nach! Nie betrat der H�ndlerf�rst f�r seine Reisen das Goldene Netz. Er reiste per Schiff oder in Karawanen �ber das Land. So viele Geschichten hatte Bidayn in den vergangenen Wochen �ber ihn geh�rt. Er kannte die Hexerf�rsten der Lamassu, hie� es, und war angeblich auch in den Hallen des Trollk�nigs der Snaiwamark gewesen. Welches Geheimnis er aber mit solcher Ausdauer suchte, wusste niemand. Freilich wurde gefl�stert. Die meisten vermuteten, es habe mit dem Tod Nevenylls zu tun und damit, dass seine beiden T�chter seit dem Freitod ihrer Mutter nicht mehr wuchsen und auch, trotz ihres stattlichen Alters, ihr kindliches Gem�t nicht ablegten. Es schien, als w�re f�r die beiden die Zeit stehen geblieben.</p><p>Der Kaufherr legte die Feder, die er in der Hand gehalten hatte, auf den Tisch. �Dein Dienst in diesem Hause endet hiermit, Bidayn. Du wirst deine Sachen packen und noch in dieser Stunde aus der Stadt verschwinden. Solltest du meinen Befehlen nicht Folge leisten, wird dir Graumur auf den Weg helfen.�</p><p>Bidayn nahm seinen Rausschmiss mit einem L�cheln entgegen. Sie hob lasziv beide H�nde zum Nacken, hob ihre Haare und �ffnete den Verschluss ihres �rmellosen, wei�en Kleides, sodass es ihr bis auf die H�ften hinabfiel. �Du willst mich nicht gehen lassen, du willst mich heiraten, Shanadeen�, sagte sie mit gurrender Stimme und ging langsam auf ihn zu.</p><p>Auf den Wangen des Kaufherrn zeigten sich rote Flecken. Eine steile Zornesfalte erschien zwischen seinen Brauen. �Bedecke dich!�</p><p>�Ist hier zwischen all diesen Dingen zu sitzen wirklich besser, als bei einer Frau zu liegen?�</p><p>�Du wei�t nicht���</p><p>Sie strich sich �ber ihre kleinen, vollen Br�ste und hob sie mit den H�nden leicht an. �Koste von diesen Fr�chten. Sie werden dich deine Trauer vergessen lassen.�</p><p>Der Kaufherr sch�ttelte sacht den Kopf. Er hatte einen verkniffenen, schmalen Mund, �ber den sich eine Nase erhob, die an einen Raubvogelschnabel erinnerte. Spitz, leicht gekr�mmt. Er schniefte leicht, und ein grausamer Glanz trat in seine grauen Augen. �Hat dir je ein Mann beigelegen, der nicht volltrunken war, Bidayn? Du wei�t um deinen Geruch, nicht wahr? Kannst du dir vorstellen, wie oft Lydaine und Farella mich darum gebeten haben, dich fortzuschicken, weil sie den Verwesungsgeruch, der dich umgibt, kaum ertragen k�nnen. Jeder in diesem Hause spottet �ber dich. Die Kobolde nennen dich die Grabfrau und gehen dir aus dem Weg. Selbst die Rosenseife, mit der du dich so leidenschaftlich w�schst, vermag diesen Geruch nicht zu besiegen. Graumur, der sehr offen wird, wenn er trinkt, hat sich einmal dazu verstiegen, mir anzuvertrauen, dass er lieber ein Astloch ficken w�rde als dich. Ich hatte bisher Mitleid mit dir, Bidayn. Doch das hast du gerade zerst�rt. Offensichtlich ist es dein Hirn, das fault und den �blen Gestank verbreitet. Und nun nimm deine Sachen und mach dich davon, sonst lasse ich dich aus meinem Haus peitschen!�</p><p>�So leidenschaftlich kenne ich dich gar nicht, Shanadeen�, spottete Bidayn. �Hast du dich je gefragt, warum mir der Duft des Grabes anhaftet? Die Antwort ist einfach. Ich bin der Tod.� Mit diesen Worten drehte sie sich um und beobachtete das Gesicht des Kaufherrn in der spiegelnden Glasscheibe vor sich. Erst war er �berrascht vom Anblick der T�towierung. Dann pl�tzlich begriff er, was das pr�chtige Drachenbild auf ihrem R�cken zu bedeuten hatte, und sein Antlitz wurde zu einer Maske blanken Entsetzens.</p><p>�Du bist keine���</p><p>Bidayn wandte sich ihm wieder zu. �Doch, ich bin eine. Schau her!� Sie sprach ein Wort der Macht und hob ihre H�nde vors Gesicht. Sie dachte an Tuwatis, den Bewahrer der Tiefen Gew�lbe, jenen I�ta-Priester aus der Goldenen Stadt, bei dessen Ermordung sie mitgewirkt hatte. Sie w�rde ihn niemals vergessen�� er war der erste Mann, mit dem sie das Lager geteilt hatte. Immer noch �berkam sie Ekel, wenn sie an ihn dachte. Ihre Finger tasteten �ber ihre Gesichtsknochen, pressten, formten. Als sie die H�nde sinken lie�, hatte sich ihr Antlitz v�llig ver�ndert. Sie sah nun aus wie Tuwatis.</p><p>�Es ist der Wunsch des Goldenen, dass ich dein Weib werde. Doch ich sehe schon, dass du kein Mann bist, der den Frauen nachstellt. Ich werde dich t�ten und deine Gestalt annehmen. Und was sagtest du gleich �ber Lydaine und Farella? Sie haben �ber meinen Gestank gespottet? Nun, das Spotten soll ihnen vergehen.� Sie zeigte auf eine der dicken Glasscheiben der Schr�nke. �Ich werde eine Kiste aus Glas fertigen lassen, Lydaine darin einsperren und die Kiste dann langsam voll Wasser laufen lassen. Und die feinf�hlige Farella wird dabei zusehen, wie ihre Schwester ertrinkt. Danach werde ich sie an einen Ort bringen, der ihre Nase weit mehr beleidigen wird als der Geruch, der mir anhaftet. Du wei�t sicher, wie begierig Bromgar, der K�nig der Trolle, darauf ist, sich h�bsche Elfensklavinnen zu halten. Er wird mir Farellas Gewicht in Gold aufwiegen.�</p><p>Shanadeen war binnen Augenblicken um Jahrzehnte gealtert. Seine Augen hatten ihren Glanz verloren. Sein Gesicht wirkte eingefallen, und �berdeutlich trat das Netz der feinen Falten um seine Augen hervor. �Entschuldigt, Herrin. Ich ahnte nicht, wer Ihr seid. Es tut mir leid���</p><p>Bidayn lachte auf. �Du sagst Entschuldigung und glaubst, damit sei es getan? Wie nanntest du mich eben noch? Die Grabfrau? Und du wolltest mich aus deinem vornehmen Haus peitschen lassen.�</p><p>�Bitte, Herrin��� Der stolze Kaufherr kniete vor ihr nieder. �Nehmt mein Leben. Aber verschont meine Kinder. Sie sind unschuldig. Sie���</p><p>�Also willst du mein Ehemann werden und einen jeden in dieser Stadt davon �berzeugen, dass dich unb�ndige Liebe zum Kinderm�dchen deiner T�chter ergriffen hat?� Bidayn schnalzte mit der Zunge. �Ich glaube, �ber uns beide wird schon bald sehr viel getratscht werden. Und ich hoffe, du bist gut im Bett. Sonst muss ich dir schon bald H�rner aufsetzen. Was den Tratsch noch einmal befeuern wird���</p><p>Wieder schoss ihm das Blut in die Wangen. Er war pr�de und langweilig, dachte Bidayn �rgerlich. Der alte, geile Bock und das Kinderm�dchen. Diese Geschichte w�rden die Leute der Stadt nur allzu gerne glauben. Und sie w�rde �ber Nacht zu Macht und Einfluss gelangen. Niemand w�rde sich wundern, wenn sie bald einige eigene Bedienstete anstellte und sich so heimlich ihren Zirkel von M�rdern erschuf.</p><p>�Ich schlage vor, wir gehen nun ins Haus und verk�nden unsere Hochzeitspl�ne. Was denkst du, wann sollen wir heiraten, Liebster? In drei Tagen? Oder in einer Woche?�</p><p>�Bitte�� ich�� Es w�re nicht klug, es zu �berst�rzen.� Shanadeen wirkte nun etwas gefasster. �Versteh mich nicht falsch. Ich bitte nur um Zeit, damit unsere Geschichte glaubw�rdiger erscheint. Ich wei� nicht, was dich hierher nach Uttika gef�hrt hat, und ich will es auch gar nicht erfahren, aber ich vermute doch, dass du kein Aufsehen erregen willst. Ich habe hier viele Gesch�ftsfreunde, und sie kennen mich als einen Mann, der schon seit Langem den Frauen nicht mehr zugetan ist. Wenn ich nun pl�tzlich heirate, dann mag das einigen seltsam vorkommen.�</p><p>�Du bevorzugst also meinen anderen Vorschlag?� Bidayn genoss es, ihn erneut erbleichen zu sehen. �Ich glaube, ich k�nnte recht �berzeugend deinen Platz einnehmen.�</p><p>�Es gen�gt nicht, allein auszusehen wie ich!�, entgegnete Shanadeen �berraschend k�mpferisch. �Ohne zu wissen, was ich wei�, wirst du keinen Tag bestehen. Meine Gesch�ftsfreunde werden schnell merken, dass sich Shanadeen pl�tzlich nicht mehr an vergangene Gespr�che und an alte Absprachen erinnert. Und sie werden sich fragen, warum das so ist. Und dann werden sie deinen Geruch bemerken���</p><p>Bidayn sch�rzte die Lippen. �Es ist nicht nett, immer auf dem Duft deiner Zuk�nftigen herumzureiten. Und was das �brige angeht: Hast du vergessen, was ich bin? Ich nehme mir nicht nur dein Aussehen. Ich werde auch jede deiner Erinnerungen stehlen. Wir Drachenelfen sind die auserw�hlten Diener der Himmelsschlangen. Wir sind vollkommen in allem, was wir tun. Und glaube mir, Shanadeen, du kannst dir nicht einmal in deinen wildesten Albtr�umen ausmalen, wozu wir in der Lage sind. Also reize mich nicht! Ich werde meine Warnung nicht wiederholen.� Sie bedachte ihn mit einem freundlichen L�cheln. �Genug der Unerfreulichkeiten. Gehen wir nun hinaus und lassen wir deine Dienerschaft von unserem neuen Liebesgl�ck wissen. Mach nicht so ein Gesicht. Bedenke, du hast mir gerade dein Herz geschenkt. Du willst doch �berzeugend sein, nicht wahr?�</p><p>�Nat�rlich!� Der Kaufherr zwang sich zu einem recht kl�glichen L�cheln und ging zur T�r.</p><p>�Du sch�tzt Graumur, nicht wahr? Er steht schon lange in deinen Diensten und tr�gt die Narben mancher Schlacht auf seinen Armen und in seinem Gesicht. Er ist einer, der bei Gefahr nicht davonl�uft. Warne ihn nicht! Es t�te mir leid, ihn zu t�ten.�</p><p>Shanadeen richtete sich auf.</p><p>Hatte sie mit ihrem Verdacht richtiggelegen? Die T�r schwang auf. Helles Morgenlicht �berflutete den Hinterhof. Der Minotaur stand an die gegen�berliegende Mauer gelehnt. Er hielt seine massige Streitaxt l�ssig gegen die Schulter gelehnt, doch Bidayn vermochte er nicht zu t�uschen. Sie sah seine Anspannung. Den fragenden Blick. Nie zuvor hatte jemand seinen Herrn in dessen Schatzkammer st�ren d�rfen. Jeder im Haus wusste, dass f�r dieses Vergehen die schwersten Strafen angedroht worden waren.</p><p>�Morgen, Graumur�, sagte Shanadeen steif. �Sch�ner Tag, nicht wahr?�</p><p>Der Minotaur legte den Kopf schief. Es war offensichtlich, dass sein Herr ihn so noch nie begr��t hatte.</p><p>Shanadeen reichte ihr den Arm, und Bidayn hakte sich �berrascht ein. Der Alte machte seine Sache besser, als sie erwartet hatte.</p><p>�Bald wird sich im Haus einiges �ndern�, erkl�rte der Kaufherr dem sichtlich verwunderten Krieger. �Es wird ein gro�es Fest geben, und ich verspreche dir ein Fass Met f�r dich ganz allein.�</p><p>Graumur sah ihnen verwundert nach, w�hrend sie durch die kleine T�r traten, hinter der ein langer Flur tief ins Herrenhaus f�hrte. Shanadeen l�ste seinen Arm. Es war hier zu eng, als dass sie bequem h�tten nebeneinander gehen k�nnen.</p><p>Er hielt sich noch immer sehr gerade. Keine Geste verriet, was er dachte, doch Bidayn war sich ganz sicher, dass er sie hintergehen w�rde, sobald sich Gelegenheit dazu bot. �ber kurz oder lang w�rde sie ihn loswerden m�ssen. Aber erst einmal w�rden sie eine Weile das verliebte Paar spielen.</p><p>Sie erreichten die T�r zur K�che. Die M�dchen fr�hst�ckten meist hier. So oft hatte Bidayn in den letzten Wochen hier gesessen und den immer gleichen kindlichen Scherzen gelauscht. �ber Kruppa, die kleine, rundliche Koboldk�chin, die die unumschr�nkte Herrscherin der K�che war, �ber Maya, ihre zierliche Tochter, die seit sie Kentauren in den Weg gekommen war, die sich in den engen Gassen der Stadt ein wildes Wettrennen geliefert hatten, ein Holzbein besa�. �ber Graumur, der durch das kleine Fenster zum Hof jeden Morgen schwei��berstr�mt nach einem Humpen Bier fragte, wenn er seine Schattenkampf�bungen mit der gro�en Axt abgeschlossen hatte. Und jeden Morgen zeterte Kruppa, dass er ein nichtsnutziger S�ufer sei, nur um ihm zuletzt doch seinen Humpen zu geben.</p><p>Bidayn war ein Teil von alldem geworden. Es war fast ein Zuhause. Sie schob den sentimentalen Gedanken zur Seite. Dies alles hier war nur ihre Tarnung. Etwas, das sie und ihre wirklichen Absichten verbarg, so wie sie ein dunkler Umhang bei Nacht verbarg. Sie sollte keine Gef�hle f�r diesen Ort und seine Bewohner empfinden.</p><p>Shanadeen trat als Erster in die K�che und wurde mit Gekicher und fr�hlichen Morgengr��en von Lydaine und Farella empfangen. �Ich habe euch eine wichtige Mitteilung zu machen�, unterbrach er seine T�chter in feierlichem Tonfall. �Ich wei� nicht, ob es den wachsamen Augen meines Personals nicht ohnehin schon offenbar wurde.� Bei diesen Worten bedachte er die K�chin Kruppa mit einem scharfen Blick. �Seit einigen Wochen sind Bidayn und ich uns sehr zugetan, und ich gestehe freim�tig, dass es weniger ihre Referenzen als vielmehr ihre Sch�nheit war, die mich dazu veranlasst hatte, ihr eine Anstellung in diesem Hause zu geben.�</p><p>Kruppa und ihrer Tochter Maya klappte vor Staunen der Mund auf, wohingegen die beiden M�dchen noch nicht begriffen, worauf diese Rede hinauslaufen w�rde.</p><p>�Wie ihr wisst, bin ich kein Mann vieler Worte, und Heimlichkeiten sind mir ein Gr�uel. Bevor es Gerede dar�ber gibt, ob ich z�rtliche Bande zu unserem Kinderm�dchen unterhalte, sage ich es lieber offen heraus: Wir sind verliebt und werden heiraten.�</p><p>�Wunderbar! Ganz wunderbar!�, platzte es aus Maya heraus, die auf ihrem Holzbein quer durch die K�che stakste und sich erst im letzten Augenblick bewusst wurde, dass es einer Kobolddienerin nicht zustand, begeistert die Beine ihres Elfenherren zu umarmen.</p><p>Bidayn war zufrieden. Shanadeen hatte tats�chlich schauspielerisches Talent bewiesen. Kruppa musterte sie zwar misstrauisch, wagte aber kein Wort zu sagen.</p><p>�Sie wird dann unsere Mutter?� Die blonde Lydaine lie� den L�ffel in ihre Schale mit Hirsebrei fallen und schnitt eine Grimasse. �Du kannst sie nicht heiraten, Vater. Sie stinkt schlimmer als ein toter Fisch. Ich m�chte nicht, dass sie in deinem Bett liegt und du auch so riechst.�</p><p>Shanadeen r�usperte sich verlegen und suchte noch nach Worten, als Bidayn ihm zuvorkam. �Wei�t du, meine Kleine, es sind L�gen, die uns h�sslich machen und manchmal sogar stinken lassen. Von nun an sagen wir uns immer nur noch die Wahrheit.� Sie ging in die Hocke und weitete die Arme. �Komm her, und du wirst feststellen, dass mein Gestank verflogen ist.�</p><p>Lydaine sch�ttelte den Kopf. �Du bist nicht meine Mutter. Ich will dich nicht!�</p><p>�Und du, Farella?� Bidayn stand auf. Das M�dchen sa� an der ihr zugewandten Seite des gro�en K�chentischs. Sie war die stillere der beiden, mit schwarzem Haar und Augen wie Abgr�nde. Sie liebte es, Wei� zu tragen, wohingegen Lydaine sich gar nicht bunt genug anziehen konnte. Bidayn hatte Farella immer lieber gemocht. Sie trat an ihre Seite und strich ihr sanft �bers Haar. �Und, stinke ich noch?�</p><p>Das M�dchen schnupperte �bertrieben laut, als w�re sie ein Jagdhund, der Witterung aufgenommen hatte. Dann sch�ttelte sie den Kopf. �Du riechst gut�, sagte sie verbl�fft. �Sehr gut!� Sie legte den Kopf an ihre Brust und schnupperte weiter. �Toll!�</p><p>Offenbar haftete ihr noch etwas von dem Wohlgeruch des Goldenen an, dachte Bidayn zufrieden. Nun stand auch Lydaine auf und kam zu ihr her�ber. Obwohl sie sonst immer eher st�rmisch war, n�herte sie sich vorsichtig, �bertrieben laut atmend. Verwundert runzelte sie die Stirn. Schlie�lich umarmte sie Bidayn, vergrub das Gesicht unter ihrer Achsel und gab gurrende Laute, wie eine zufriedene Taube, von sich. �Du riechst wirklich so gut!�</p><p>Die Elfe streichelte die Kinder �ber die nackten Arme. Ihre Haut war so zart! Bald schon geh�rten sie ihr. Nat�rlich w�rde sie die beiden niemals ertr�nken oder an den Trollk�nig Bromgar verschachern. Dazu waren sie zu kostbar! Sie hatten so wunderbar zarte Haut.</p></section><section><title><p>�ber den Wolken</p></title><p>Der Sturm lie� die Scheiben in den Bleifassungen klirren. Nabor hielt den Blick gesenkt, starrte auf die viel zu gro�en, unf�rmigen Stiefel, in die er gekrochen war und die die K�lte des Himmels doch nicht fernhalten konnten. Der alte Lotse vermochte sich nicht zu erinnern, jemals in seinem Leben so sehr gefroren zu haben. Aber es war nicht die K�lte allein, die ihm ins Mark gedrungen war. Da drau�en war etwas am Himmel. Etwas, das man besser nicht zu Gesicht bekam. Es blieb verborgen hinter den von Eisblumen �berzogenen Scheiben, durch die nur ab und an das Licht ferner Blitze drang.</p><p>Es war Eitelkeit, die ihn hierhergebracht hatte. Dabei war er nie ein eitler Mensch gewesen. Die Himmelspiraten von Tarkon Eisenzunge hatten sein Schiff gekapert und ihn in die Wolkenstadt gebracht, das geheime Versteck, nach dem die Unsterblichen schon so lange suchten. Die Piraten hatten ihn mit ausgesuchter H�flichkeit behandelt. Tarkon pers�nlich hatte ihn zu einem Abendmahl geladen. Der Piratenf�rst war ganz anders gewesen, als er ihn sich vorgestellt hatte: kultiviert, umg�nglich, ein Mann, der gerne lachte und die Musik liebte. Jetzt, im Nachhinein, war Nabor klar, dass Tarkon ihn umgarnt hatte wie eine sch�ne Frau, die man zu einer leidenschaftlichen Nacht verf�hren wollte. Zu sp�ter Stunde, als sie schon reichlich Wein getrunken hatten, war der Pirat mit seiner Bitte herausger�ckt. Nabor sollte einen anderen Lotsen ersetzen, Veccio, einen unsympathischen Valusier, der nicht viele Freunde in der Gilde hatte.</p><p>Einem Lotsen sein Kommando zu stehlen war so ziemlich der schlimmste Affront, den man als Wolkenschiffer begehen konnte. Nabor hatte gez�gert und sich Bedenkzeit ausgebeten, die Tarkon ihm auch gro�z�gig gew�hrte, allerdings nicht ohne die Besonderheiten dieser Reise in den schillerndsten Farben zu schildern. Es sollte hoch in den Norden gehen. In Gebiete, die nicht kartographiert waren und in die noch niemals zuvor eine Expedition vorgesto�en war. Er behauptete sogar, Nangog selbst, die Gro�e G�ttin, wolle diese Reise und habe sie unter ihren Segen gestellt. Barnaba, ihr wichtigster Prediger, sollte die Expedition anf�hren.</p><p>Am n�chsten Morgen hatte Nabor mit eigenen Augen gesehen, wie sich diesem Barnaba die Schreckenskreaturen, die nach dem gro�en Beben �berall auf der Welt erschienen waren, unterwarfen, als w�ren sie zahme H�ndchen. Eine Bestie, halb Weib, halb Geier, war st�ndig um den Prediger herum und be�ugte jeden misstrauisch, der sich ihm n�herte.</p><p>Auch Barnaba war voller Enthusiasmus gewesen. Sie w�rden eines der gr��ten Geheimnisse der G�ttin aufdecken.</p><p>Aber es war <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont im Fr�hlingsmorgenlicht �ber dem Gr�nen Meer</emphasis> gewesen, der den Ausschlag gegeben hatte. Der Wolkensammler, mit dem sie reisen sollten, war einer der ganz alten unter jenen riesigen Gesch�pfen, die lautlos durch die Himmel der Neuen Welt glitten. Nabor hatte schon oft von ihm geh�rt. Er galt als weise. Und <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> hatte auch von ihm schon geh�rt. Verfluchte Eitelkeit! Der Wolkensammler hatte ihn freundlich willkommen gehei�en, als er an Bord des Schiffes gekommen war, um mit ihm Kontakt aufzunehmen. Nabor war �berw�ltigt gewesen, als er feststellen musste, dass <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> ihn kannte. Der Lotse hatte sich nie f�r sonderlich bedeutend gehalten, auch wenn er gelegentlich das Palastschiff des Unsterblichen Aaron durch den Himmel Nangogs gef�hrt hatte. Die Wolkensammler hatten ihm sogar einen Namen gegeben. <emphasis>Herz voller Lieder</emphasis> war die Kurzfassung davon, denn die riesigen Himmelsreisenden liebten es, Namen zu vergeben, die zwar meist �beraus treffend waren, aber so lang, dass kein Menschenkind sie sich merken konnte. Als <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> ihn bat, als Lotse an Bord zu kommen, war Nabor eingeknickt und hatte willig den immerw�hrenden Groll des Valusiers Veccio in Kauf genommen. Der Lotse war, begleitet von Tarkon, ohne ein b�ses Wort von Bord gegangen. Doch in einem Augenblick, als er sich unbeobachtet f�hlte, hatte er Nabor mit Blicken bedacht, in denen blanke Mordlust gestanden hatte. Veccio war es hier nicht um ein Abenteuer oder um das Erstellen neuer Karten gegangen. Er hatte von dem Ruhm getr�umt, den diese Reise bringen w�rde.</p><p>Eine neuerliche Sturmb� lie� die Scheiben der kleinen Lotsenkanzel unter dem Schiffsrumpf klirrend erbeben. Gabott, sein kleiner Affe, stie� einen schrillen Schrei aus und kletterte von seiner Schulter hinab zur Armbeuge. Zitternd schob er seinen Kopf unter Nabors Achsel. Auch Gabott wusste, dass man nicht hinsehen durfte. Er gab leise, wimmernde Laute von sich. Er sp�rte sie�� Die dort drau�en im Himmel, wo es eigentlich nichts geben d�rfte au�er Wind und Wolken.</p><p>Nabor h�tte ahnen m�ssen, dass diese Reise unter keinem guten Stern stand, als die Geierfrau vor zwei Tagen das Schiff verlassen hatte. Sie hatte ganz ihren Instinkten gehorcht und war nicht von Eitelkeit, Gier oder was sonst auch verblendet. Nicht wie die M�nner der Besatzung dieses verfluchten Schiffes. Sie alle hofften im hohen Norden etwas zu finden, das ihr Leben wieder in die rechte Bahn lenken w�rde.</p><p>Nabor rieb fr�stelnd seine H�nde �ber die Arme. Eiskristalle begannen nun sogar auf der Innenseite der kleinen, runden Glasscheiben im Gitterwerk aus Blei zu wuchern. Pl�tzlich war da ein Ger�usch�� Etwas, das nicht in das Muster der wohlvertrauten Ger�usche des riesigen Wolkenschiffes passte, zum Heulen des Windes in der Takelage und zum Knacken des Holzes, das in der eisigen K�lte arbeitete. Es war ein Laut, den es viele tausend Schritt �ber dem Boden nicht h�tte geben d�rfen. Etwas kratzte �ber das Eis der Scheiben hinter Nabor.</p><p>Nabor drehte sich hastig um. Vier dunkle, parallel verlaufende Linien zerteilten direkt vor ihm die Eiskruste auf dem Bleiglasfenster. Er keuchte. �Daf�r gibt es eine Erkl�rung�, stammelte er, nur um eine Stimme zu h�ren. �Ein St�ck Eis hat sich vom Rumpf gel�st und ist hier vorbeigeschrabbt.� Er wusste nur zu gut, dass er Unsinn redete. Niemals w�rde so ein St�ck Eis vier d�nne, parallel laufende Schrammen wie von einer Krallenhand auf dem Fenster hinterlassen. Aber hier oben durfte es auch nichts mit Krallen geben!</p><p>Gabott stie� einen schrillen, fiependen Laut unter seiner Achsel aus.</p><p>Die Linien wurden l�nger! Dahinter lag nichts als die Schw�rze der Nacht!</p><p>Erschrocken wich Nabor zur�ck, soweit das in der engen Lotsenkanzel m�glich war. Die Linien trafen auf einen der d�nnen Balken der Bleifassung. W�lbte sich das Blei nach innen? Dr�ckte da etwas die Fassung heraus?</p><p>Nabor riss sich von dem Anblick los und sah wieder auf seine Stiefel. Alte Erinnerungen beschlichen ihn. Geschichten aus seiner Kindheit. Erz�hlungen von b�sen Meeresgeistern, die auf dem Sturmwind ritten und nur dann Gestalt annahmen, wenn der Himmel so in Aufruhr war wie in dieser Nacht. Geboren aus Sturmwind und Blitzen zogen sie dicht �ber die Gischtkronen der Wellen, um Unheil zu stiften. Mal zeigten sie sich nur als flackerndes Licht an Schiffsmasten, mal kamen sie, um den Steuermann �ber Bord zu zerren oder einen leichtfertigen Schiffsjungen von seinem Ausguck auf dem Mast zu sto�en. Angst lie� sie m�chtiger werden. Das Schlimmste war, sie anzuschauen. Ihr Anblick lie� ein Herz so sehr verzagen, dass es aufh�rte zu schlagen.</p><p>Wieder kratzte etwas �ber die Scheibe. Nabor sah diesmal nicht hin! Der Sturm w�rde vor�berziehen und mit ihm das Gesch�pf dort drau�en, das keine Armesl�nge entfernt hinter einer d�nnen Glaswand auf ihn wartete.</p><p>Nabor streckte seine Hand tastend zur Seite. Dort war die Leiter, die hoch in den wuchtigen Rumpf des Wolkenschiffs f�hrte. Er m�sste sich ein wenig drehen, um in die Sprossen zu greifen und hinaufzusteigen, wie er es schon unz�hlige Male getan hatte, seit sein Leben dem Himmel �ber Nangog geh�rte. Aber Nabor konnte nicht. Etwas l�hmte seinen Willen. Dieses Ding dort drau�en wollte ihn hier in der Lotsenkanzel behalten, denn hier konnte es zu ihm gelangen. Es wollte ihn holen�� Sie alle hier an Bord wollte es holen. Aber ihn hatte es als sein erstes Opfer erw�hlt!</p><p>Beklommen dachte er an die einzige unheimliche Geschichte, die er �ber die Reisen am Himmel dieser fremden Welt geh�rt hatte: �ber Schiffe, die voller Toter lagen, von denen kein einziger eine sichtbare Wunde aufwies. Sein Blick glitt zu den Schrammen im Eis. Dieses Gesch�pf w�rde Wunden hinterlassen!</p><p>Weiter oben im Rumpf w�re er vielleicht in Sicherheit. Nabors Rechte tastete �ber den glatt polierten Holm der Leiter. Unter den Fingerkuppen f�hlte er die Wurzel des Schiffsbaums, die an der Leiter hinabgewachsen war. Sp�rte die Anwesenheit von <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont,</emphasis> jenes riesigen, aufgebl�hten Gesch�pfs, das an ihr Schiff gefesselt war und es durch den Himmel trug. Der Kreatur, die �ber ihrer aller Leben wachte, jenem Wolkensammler, der sich stundenlang in der Betrachtung des Blaus des Himmels �ber ihnen verlieren konnte und der doch von den wenigen Schiffern und Passagieren, die f�r diese Reise an Bord gegangen waren, mit beinahe �ngstlichem Respekt behandelt wurde.</p><p><emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> stand mit dem Baum, der auf ihrem Schiff wuchs, in Verbindung; er beherrschte sein Wachstum. Die Wurzeln, die sich zwischen den Planken bis in die entferntesten Winkel des Schiffes gezw�ngt hatten, waren wie Nervenenden. Der Wolkensammler sp�rte alles, was hier an Bord geschah. Und wenn Nabor die Wurzeln ber�hrte, dann teilte er mit <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> seine Furcht. Das war Nabors Gabe, allerdings erschien sie ihm in Stunden wie diesen wie ein Fluch. Nur wenige Lotsen erfuhren, was ihr Wolkensammler dachte, wenn sie die Wurzeln ber�hrten. Als er nun Kontakt zu den Gedanken des Wolkensammlers aufnahm, f�hlte er augenblicklich dessen Furcht vor dem, was dort drau�en war. Auch <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> kannte die Kreatur nicht, die im Dunkel des Himmels lauerte.</p><p>Die Ger�usche der Nacht hatten sich ver�ndert: Das Lied des Windes in der Takelage des Schiffes, zwischen den Seilen und den lebenden Tentakeln, die den Schiffsrumpf und den Wolkensammler miteinander verbanden, hatte einen unheimlichen, d�steren Ton angenommen. Einen Ton, der Nabors Herz schneller schlagen lie�. Der alte Lotse atmete hechelnd. Das lag zum Teil an der d�nnen Luft hier hoch oben im Himmel, das wusste er. Doch mehr noch war es seine Angst, die ihn hecheln lie�.</p><p>Das Glas knirschte in den Bleifassungen, obwohl diesmal keine Sturmb� gegen die kleine Kanzel angerannt war. Etwas dr�ckte auf das Fenster, das er um keinen Preis der Welt ansehen mochte.</p><p>Ein Blitz zerteilte den Horizont. Fahles Licht stach durch die Lotsenkanzel und lie� die unf�rmigen, braunen Stiefel, auf die der Lotse fest seinen Blick geheftet hatte, so aussehen, als w�ren auch sie schon von Raureif �berzogen. Und inmitten des glei�enden Lichts zeichnete sich deutlich ein Schatten am Boden der Kanzel ab. Eine schmale Hand mit vier �berlangen, gekr�mmten Fingern. Sie glitt an ihm hoch. Hinweg �ber den zitternden Leib des �ffchens, das seinen Kopf immer noch unter seiner Achsel verborgen hielt. Hin zu seinem Herzen!</p><p>Nabor schrie auf. Das glei�ende Licht verblasste, und allein der gelbe Schein der �llampe �ber seinem Kopf erhellte noch das kleine Glasgef�ngnis hoch im Himmel. Die Scheiben waren blind vom Frost. Der Schatten verschwunden.</p><p>�Nabor?�</p><p>Der Lotse konnte sich nicht r�hren. Seine Knie schlotterten. Er war nicht mehr l�nger Herr seiner Glieder. Da drau�en war etwas�� Und es war gekommen, um ihn zu holen!</p><p>�Nabor?� Kolja, der vernarbte Leibw�chter des Priesters Barnaba, steckte den Kopf durch das Luk, in das die Leiter m�ndete. �Was ist los mit dir? Du schreist, als w�rdest du auf dem Spieߠ� Bei den G�ttern, Mann! Wie siehst du denn aus?�</p><p>Kolja streckte ihm seine verbliebene Hand entgegen, doch Nabor war noch immer unf�hig, sich zu bewegen. Sein ganzer K�rper zitterte. Er musste die Angst bezwingen, die dieses gr�ssliche Ungeheuer hinter der Scheibe nur noch weiter n�hrte!</p><p>�Deine Hand, verdammt! Reich mir deine Hand!�</p><p>Nabor konnte nicht.</p><p>Fluchend kam Kolja die Leiter hinab, schlang ihm seinen gesunden Arm um den Leib und schob ihn hoch. Er h�tte sich festhalten sollen. H�tte helfen sollen, Nabor wusste das, aber er konnte einfach nicht. Knirschend l�sten sich seine Stiefel vom h�lzernen Boden der Aussichtskanzel. Die Sohlen waren festgefroren. Er hatte kein Gef�hl mehr in seinen F��en, und als er die Zehen kr�mmen wollte, gehorchten sie ihm nicht. Es war, als w�ren sie gar nicht mehr da.</p><p>Endlich schaffte Kolja es, ihn durch das Luk zum untersten Frachtdeck zu schieben. Nabors Atem ging immer noch hechelnd. Tr�nen standen ihm in den Augen. Er sch�mte sich f�r seine Hilflosigkeit.</p><p>Der h�nenhafte Drusnier stieg durch das Luk und sah ver�chtlich auf ihn herab. �Rei� dich zusammen, Mann! Was ist los mit dir?�</p><p>Nabor sch�ttelte nur den Kopf. Da traf ihn eine schallende Ohrfeige.</p><p>�Komm zu dir!�, schimpfte Kolja.</p><p>Statt zu reden, dr�ckte Nabor nur seinen kleinen Affen. Gabott war ganz steif. Sein Fell struppig. Auch er war v�llig ausgek�hlt. Der Lotse strich ihm �ber den R�cken. �Es wird alles wieder gut. Das Ungeheuer ist fort. Hier im Wolkenschiff sind wir in Sicherheit. Es kann uns nichts tun.�</p><p>�Du sollst mit mir reden und nicht mit diesem verfluchten Affen!�, grollte Kolja.</p><p>�Da war ein Ding, drau�en vor den Scheiben���, begann Nabor stockend. �Ein Geist mit Krallenh�nden. Ein Lebensdieb. Ein Aufhocker oder Wiederg�nger. Ein Sturmgeist�� Er wollte ins Schiff hinein.�</p><p>Der narbengesichtige Krieger ging neben ihm in die Knie und sah ihn ernst an. �Du siehst wirklich aus, als h�ttest du einen Geist gesehen. Du bist wei� wie Neuschnee.� Er zog die Narbenw�lste zusammen, die seine Brauen ersetzten. Dann streckte er die Hand nach Gabott aus. �Der Affe ist tot.�</p><p>Nabor sch�ttelte den Kopf. �Das kann nicht sein. Das Ding ist nicht durch das Glas gekommen. Es hat uns nicht ber�hrt. Es geht ihm gut.�</p><p>�Er hat dir den Wanst vollgeschissen, als er gestorben ist. Hast du das nicht gemerkt?�</p><p>�Es geht ihm gut!�, wiederholte Nabor aufgebracht.</p><p>Kolja packte das �ffchen und riss es an sich. �Sieh ihn dir an! Der ist stocksteif. Komm zu dir, verdammt!�</p><p>Gabotts Augen waren von Raureif �berzogen. Nabor schluchzte. Er konnte die Tr�nen nicht zur�ckhalten. Sieben Jahre hatte das kleine �ffchen ihn bei seinen Reisen �ber die Himmel Nangogs begleitet. Unz�hlige Stunden der Einsamkeit in den gl�sernen Lotsenkanzeln unter den Wolkenschiffen hatte Gabott mit ihm geteilt. Wie konnte es sein, dass er tot war? War sein kleines Herz vor Furcht zersprungen?</p><p>Nabor dachte an den Schatten der Krallenhand. Er war auf den kleinen Affen gefallen. War das genug gewesen, um Gabotts Leben auszul�schen? Und h�tte der Affe nicht auf seiner Brust gekauert und der Schatten w�re �ber sein Herz hinweggeglitten, w�rde er dann tot in der Lotsenkanzel liegen?</p><p>�Der Sturm l�sst nach�, sagte Kolja leise.</p><p>Es stimmte. Der unheimliche Gesang des Windes in der Takelage war fast verstummt.</p><p>�Die Geister ziehen davon.� Nabor nahm dem Drusnier den kleinen Affen ab und dr�ckte ihn sich an die Brust. �F�r heute sind sie fort. Aber sie werden wiederkommen. Wir sind zu weit nach Norden geflogen. Dieser Himmel ist nicht f�r Menschen geschaffen. Wir sollten umkehren.�</p><p>Kolja seufzte. �Das wird Barnaba nicht gerne h�ren.�</p></section><section><title><p>Wanu</p></title><p>Barnaba schlug sich die Arme vor die Brust. Trotz des langen Pelzmantels, den er �bergestreift hatte, drang ihm die K�lte des Himmels bis ins Mark. Das Wolkenschiff war in einen fliegenden Eispalast verwandelt. Spr�der Raureif hatte das Deck und die Reling �berzogen, die Taue, ja, selbst die Tentakel des Wolkensammlers, die das Schiff umschlungen hielten. Hunderte Eiszapfen hingen von der Takelage. Sobald der Wind auffrischte, wurde der Weg �ber Deck zum Rumpf zu einem tollk�hnen Abenteuer. Jeden Augenblick konnten sich Eiszapfen l�sen und in senkrechtem Sturz die Wolkenschiffer durchbohren wie Speere.</p><p>Anfangs hatten sie noch gegen die Eiszapfen angek�mpft. Barnaba hatte Schiffer hinauf in die Takelage gehetzt, um sie loszuschlagen. Aber nachdem drei Mann verungl�ckt waren, hatte er aufgegeben. Jetzt musste jeder, der �ber Deck ging, von einem Schildtr�ger begleitet werden. Sein Schildtr�ger war der m�rrische Drusnier Kolja. Ihm schien die K�lte nicht viel auszumachen. Er erz�hlte gerne von den Wintern seiner Heimat und dass dort in einer einzigen Nacht so viel Schnee fallen konnte, dass die T�ren der H�user sich nicht mehr �ffnen lie�en und man durch den Rauchabzug im Giebel steigen musste, um hinauszugelangen. Barnaba war sich nicht sicher, ob er das glauben sollte. Der Priester sp�rte, dass der einarmige Krieger etwas vor ihm verbarg. Aber Barnaba vertraute auf den Schutz der Gr�nen Geister, der G�ttin und des Wolkensammlers, der sie so weit nach Norden getragen hatte, obwohl auch er die K�lte und die eisigen Winde f�rchtete.</p><p>Der Priester blickte zum Horizont. Bald schon w�rde es wieder d�mmern. Die Tage hier im Norden waren viel zu kurz. Irgendwo n�rdlich von hier lag der Abgrund, in dem er das Traumeis finden w�rde. Es w�rde die ganze Welt ver�ndern. Er durfte jetzt nicht nachgeben. Nur ein einziges Mal mussten sie diese Reise schaffen! Er w�rde ein paar hundert Kristalle ernten, und dann w�rde er Nangog in ein Paradies verwandeln. Die Menschen und die Kreaturen der Riesin k�nnten in Eintracht nebeneinander leben. Und die Devanthar und ihre Handlanger, die Unsterblichen, w�rden f�r immer von hier verbannt werden.</p><p>Wehm�tig dachte er an Iku�ka. Er hatte sein Paradies gefunden und das Gl�ck, das ihm widerfahren war, f�r einen Traum gehalten. Hei�e Tr�nen stiegen ihm in die Augen, wenn er an die wundersch�ne Xana dachte und daran, wie sie von den Schergen des Unsterblichen Aaron ermordet worden war. Aaron st�rzen zu sehen, daf�r w�rde er jeden Preis zahlen.</p><p>Die Tr�nen gefroren in seinem Bart, so wie sein Atem das dichte Haar mit wei�en Eiskristallen �berzog. Nun war nicht die Zeit, alte Wunden zu beweinen! Er musste vorangehen. Und dazu brauchte er den Lotsen, der ganz vorne im Rumpf stand und �ber das verschneite Land tief unter ihnen blickte. Barnaba beobachtete den Alten voller Misstrauen. Nabor weigerte sich, wieder in seine gl�serne Kanzel unter dem Schiffsrumpf zu steigen, und das alles wegen eines toten Affen, der auf den Armen seines Herrn erfroren war. Er h�tte den Lotsen nicht f�r so abergl�ubisch gehalten! Nabor war zwar eigenwillig, aber bislang doch stets vern�nftig gewesen. Er hatte sich �berreden lassen, dieses fremde Wolkenschiff zu �bernehmen, und hatte sie zwar murrend, aber doch sicher in den hohen Norden gebracht. Nabor wusste, wie einzigartig dieses Reise war, und gewiss wollte auch er insgeheim seinen Teil am Ruhm dieses Unternehmens.</p><p>Barnaba stellte sich neben den Lotsen, der, die Arme vor der Brust verschr�nkt, bewegungslos verharrte. Kolja, der mit ihm Schritt gehalten hatte, schirmte ihn mit einem schweren, bronzebeschlagenen Schild gegen die Eiszapfen in der Takelage ab. Schweigend sah der Priester �ber die Reling. Unter ihnen zogen kleine Wolken wie Schafe �ber den Himmel, und noch viel tiefer erstreckte sich eine tief verschneite Ebene. Weit im Westen zeigte sich das graue Meer. Die Sonne stand nur noch drei Handbreit �ber dem Horizont. Allzu schnell w�rde eine weitere der endlosen N�chte des Nordens beginnen.</p><p>�Wann erreichen wir Wanu?�</p><p>�Kurz nach Einbruch der Nacht.�</p><p>Nabor sah ihn nicht an. Unverwandt blickte er in die Ferne. Seit sein Affe tot war, schien er allen Mumm verloren zu haben. Drei Mal hatte er Barnaba aufgefordert, Befehl zur Umkehr zu geben. Er mochte einfach nicht einsehen, dass sie schon viel zu weit gereist waren, um noch aufzugeben.</p><p>�Wie kannst du dir bei dieser eint�nigen Landschaft so sicher sein, wo wir sind?�, fragte Kolja.</p><p>�Eint�nig?� Jetzt drehte Nabor sich doch um. �Das Muster der flachen H�gel verr�t mir, wo ich bin. <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> hilft mir, mich zu orientieren, aber ganz unverwechselbar ist das, was dort am Horizont wie eine Nebelbank aussieht. Es ist der <emphasis>Ku�i Unu</emphasis>. Das ist ein Name aus der Sprache der Zapote. Soviel ich wei�, hei�t es warmes Wasser. Der Ku�i Unu wird von warmen Quellen gespeist, und er ist der Grund, dass es hier die Stadt Wanu gibt.�</p><p>Kolja nickte. �Verstehe, der warme Fluss macht das Leben in der Eisw�ste ertr�glicher. Deshalb haben sie diesen Ort ausgesucht, um hier ihre Stadt zu bauen.�</p><p>�Du verstehst es nicht, mein Freund. Die Dinge sind selten so einfach. Auch hier nicht. Die Zapote sind ein seltsames V�lkchen. Sie haben auch eine ganz eigene Art von Humor. Das werdet ihr schon noch merken.� Nabor fasste nach seiner Schulter. Ein Muskel unter seinem linken Auge zuckte, als ihm bewusst wurde, was er tat. Dort sa� kein Affe mehr, den er streicheln konnte.</p><p>Barnaba machte sich Sorgen um den Alten. Ihm war sehr bewusst, dass sie ohne ihn und seinen Einfluss auf <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> niemals an das Ziel ihrer Reise gelangen w�rden. Er musste ihn nehmen, wie er war, und bei Laune halten. �Du warst schon einmal hier, Lotse?�</p><p>Nabor sch�ttelte den Kopf. Misstrauisch blickte er nach oben. Ein leises Klirren lief durch die Eiszapfen �ber ihnen. Nabor hatte sich nicht mit einem Schild gesch�tzt. Es schien, als wollte er das Schicksal herausfordern.</p><p>�Wind?� Kolja klang gehetzt. Und so f�hlte sich auch Barnaba. Wenn eine B� durch die Takelage fuhr, mochten Hunderte Eiszapfen fallen.</p><p>�Es ist <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis>. Er schrumpft. Die K�lte macht ihn kleiner. Das Fluggeschirr passt nicht mehr richtig.� Wieder griff der Alte geistesabwesend nach seiner Schulter. �Unter anderen Umst�nden w�rde ich befehlen, die Seile zu straffen, aber so wie die Dinge stehen, sollten wir davon wohl Abstand nehmen. Vielleicht k�nnen wir in Wanu etwas tun. Wir sollten das Schiff �berholen lassen, bevor wir zur�ckkehren.� Bei den letzten Worten sah er Barnaba herausfordernd an.</p><p>�Wohin wir weitersegeln, zeigt sich dann�, entgegnete der Priester ruhig. �Du wolltest uns mehr von dieser Stadt erz�hlen?�</p><p>�Wie Wanu so ist, zeigt sich dann, wenn wir dort ankommen�, wiederholte Nabor sarkastisch.</p><p>�Du magst mich nicht?�, fragte Barnaba geradeheraus.</p><p>�Es ist ein Fehler, noch weiter in den Norden zu segeln. Du hast mir gesagt, dort, wo du hinwillst, seien die Tr�ume Nangogs gefroren. Das h�rte sich an wie ein M�rchen�� Wenn es aber stimmt, dann werden diese K�lte weder Mensch noch Tier �berleben. Dein Ehrgeiz wird alle hier an Bord t�ten.�</p><p>Barnaba legte seine Hand auf die dick von Eis �berkrustete Reling. Er sp�rte die Wurzel des Schiffsbaums, die durch das Holz gewachsen war. Der Baum hatte in den letzten Tagen all seine Bl�tter verloren. Er stellte sich auf den Winter ein, der ihn inmitten des Sommers ereilt hatte. Und durch den Baum sp�rte Barnaba <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont im Fr�hlingsmorgenlicht �ber dem Gr�nen Meer</emphasis>. Der Priester musste l�cheln. Selbst das war noch eine Kurzform des wirklichen Namens des Wolkensammlers. Er kannte ihn. Hatte in ihm getr�umt, war von ihm geheilt worden. Er wusste, <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> w�rde ihn bis an sein Ziel bringen, auch wenn Nabor sich das nicht vorstellen konnte. Selbst jetzt, wenn er die Wurzel in der Reling ber�hrte, konnte er die stille Zustimmung der riesigen Kreatur sp�ren. <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> hatte die Notwendigkeit akzeptiert, das Traumeis zu finden, koste es, was es wolle.</p><p>Barnaba sp�rte, wie der Wolkensammler sank. Bald schon glitten sie durch die wenigen Wolken. Die Eisw�ste lag vielleicht noch zweitausend Schritt unter ihnen. Schnell breitete die Nacht ihre weiten Fl�gel �ber den Horizont. Im westlichen Abendrot erkannte der Priester zwei Ankert�rme. Das war wenig, auch f�r eine kleine Stadt.</p><p>Tr�ge glitten die Nebelschwaden �ber den Ku�i Unu. Barnaba konnte darunter kaum das dunkle Wasser erkennen. Daf�r entdeckte er eine feine, schlammfarbene Linie, die sich in weitem Bogen von den Ankert�rmen hin zum Fluss schwang und an seinem jenseitigen Ufer weiter nach Osten f�hrte. �Eine Stra�e?�, sagte er halblaut.</p><p>�Sie f�hrt zu einem Weltentor�, antwortete Nabor knapp.</p><p>�Ich dachte, alle Wege f�hren durch das Tor in der Goldenen Stadt�, mischte sich Kolja ein, der immer noch den schweren Schild hochhielt.</p><p>�Fast alle.� Nabor wollte erneut nach seiner Schulter greifen, doch diesmal wurde er sich bewusst, was er tat, und zupfte verlegen mit Daumen und Zeigefinger an seiner Nasenspitze, als w�re dies das Ziel seiner unruhigen Hand gewesen. �Einige wenige Orte liegen zu weit abseits der Karawanenrouten, schiffbarer Seewege oder der weiten Himmelsstra�en der Wolkensammler. Zu ihnen haben die G�tter Tore ge�ffnet. Wanu ist so ein Ort. Normalerweise kommen Wolkensammler nicht hierher, deshalb gibt es nur zwei Ankert�rme. Und doch ist die Stadt von gr��ter Bedeutung f�r die Zapote. Alle Bergst�mme m�ssen Arbeiter stellen, die hierhergebracht werden, um das Wei�e Gold zu ernten.�</p><p>�Wei�es Gold?� Kolja wirkte pl�tzlich �beraus interessiert.</p><p>�Ich glaube nicht, dass du dir daran die H�nde schmutzig machen w�rdest�, entgegnete der Lotse hintersinnig l�chelnd und h�llte sich wieder in Schweigen.</p><p>Ihr Flug dauerte noch mehr als eine Stunde, und die Sonne war hinter dem Horizont verschwunden, als sie schlie�lich am s�dlichen der beiden Ankert�rme anlegten. Der dunkle Ruf von Muschelh�rnern hie� sie willkommen. Dutzende Fackeln waren auf den Querstreben des Turms entfacht worden, und ein grauhaariger Krieger in einem leuchtend roten Federmantel hie� sie auf dem obersten Absatz der Treppe willkommen, die sich in weiten Spiralen entlang der Au�enmauer des Ankerturms hinabwand.</p><p>Als Barnaba als Erster �ber eine breite Laufplanke das Schiff verlie�, bemerkte er, in welch schlechtem Zustand die Fangarme des Wolkensammlers waren. Deutlich waren Frostbeulen zu erkennen. Die Tentakel schlangen sich nur langsam um die dicken Querbalken, die aus den Seiten des Gem�uers strebten. Ganz offensichtlich litt <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> Schmerzen.</p><p>�Es ist selten, hier im Norden Besuch zu bekommen�, begr��te ihn der Rotmantel in �berraschend gutem Luwisch. Mit einer Geste forderte er Barnaba und seine Mannschaft auf, die Treppen hinabzusteigen.</p><p>�Du wei�t, wer wir sind?� Misstrauisch folgte Barnaba ihm. Erwarteten ihn auch hier schon die Schergen der Unsterblichen? Konnte es sein, dass die Nachrichten �ber ihn schon bis zu diesem entlegenen Au�enposten gelangt waren?</p><p>Der Zapote grinste ihn an. �Eure B�rte. So sehen nur Luwier oder M�nner aus Aram aus.�</p><p>Barnaba strich sich �ber den eisverkrusteten Vollbart und nickte. �Wohl wahr.�</p><p>�Bringt ihr Decken?�</p><p>�Nein.�</p><p>Der Zapote hielt einen Moment inne. �Ihr seid nicht zum Handeln gekommen? Wir h�tten Robbenfleisch und Felle. Den Tran brauchen wir selbst.�</p><p>Barnaba blieb stehen und hob entschuldigend die H�nde. �Wir sind keine H�ndler.�</p><p>�Weitergehen�, zischte der Zapote. �Ihr habt eine ung�nstige Zeit gew�hlt. Wir m�ssen schnell den Turm hinab. Hinter feste W�nde.� Besorgt blickte er zu den Fackeln zur�ck, die sich im sanften Abendwind neigten.</p><p>�Wird ein Sturm aufziehen?�</p><p>Der Rotmantel winkte ab. �Kein Sturm. <emphasis>Sie</emphasis> kommen. Zwei Stunden nach Sonnenuntergang bl�st in dieser Jahreszeit der Nordwind. Und sie reiten auf ihm�� die Geister des Nordens. Man sollte nicht drau�en sein, wenn sie kommen. Ihre Ber�hrung bringt den Tod. Weder warme M�ntel noch R�stungen sch�tzen vor ihnen.�</p><p>Nabor hatte also keinen Unsinn zusammengesponnen! Jetzt erst fiel Barnaba auf, wie angespannt alle wirkten. Die Fackeltr�ger, Wachen und Lastentr�ger, die auf den Querbalken des Turms standen und ihrer Befehle harrten. Sie alle blickten immer wieder nach Norden. Manche machten verstohlen das Zeichen des sch�tzenden Horns.</p><p>�Man kann sie nicht aufhalten?�</p><p>�Sie m�gen Feuer nicht. Leider ist Holz hier ziemlich knapp, und so zwingen sie uns dazu, wie Ratten zu leben.� Der Zapote zog die Nase hoch und spuckte an der Au�entreppe vorbei in die Finsternis. �Als w�re es hier in Wanu nicht schon schlimm genug.�</p><p>Barnaba verstand nicht, was der verbitterte alte Krieger meinte, aber er fragte auch nicht nach. Schweigend und schnellen Schrittes eilten sie die Stufen hinab. Sie erreichten einen weiten Platz, bedeckt mit zertrampeltem, eis�berkrustetem Schnee, der jeden Schritt mit einem m�rrischen Knirschen begleitete. Die flachen H�user am Platz wirkten verlassen. In keinem Fenster brannte ein Licht. Aufgegebene Zelte waren unter der Last des Schnees auf ihren Planen zusammengest�rzt.</p><p>Der Zapote f�hrte sie zu einem Haus, das vielleicht einmal ein Palast gewesen war. B�rte aus mannslangen Eiszapfen hingen von den vorkragenden D�chern. Das weite Eingangsportal war halb hinter einer Schneewehe verschwunden. Sie umrundeten die m�chtigen Mauern und erreichten einen Abstieg zum Keller. Ein H�gel aus aufgeworfenem Schnee sch�tzte den Eingang vor dem Wind. Sand war auf die breiten Stufen gestreut. Rauch zog zu ihnen hinauf und brannte Barnaba in den Augen. Als sie das Ende der Treppe erreichten, blickten sie auf ein loderndes Feuer. Der alte Zapote ging unbeirrt darauf zu und setzte mit einem Sprung �ber die Flammen hinweg. Dann drehte er sich um. �Kommt! Das ist der einzige Wall, der uns vor den Schrecken der Nacht sch�tzen kann. Nur hier seid ihr in Sicherheit.�</p><p>Z�gerlich n�herte sich Barnaba dem Feuer. Jenseits der Flammen entdeckte er einen halbnackten Mann mit gr�sslich t�towiertem Gesicht, der sich eine Knochennadel durch die Nase gesto�en hatte. Er tunkte ein B�ndel aus langen Schwungfedern in ein Fass und schwenkte es �ber die Flammen, die zischend Kapriolen schlugen. Dabei rief er laut in seiner Muttersprache irgendwelche Beschw�rungen.</p><p>Hinter Barnaba dr�ngten sich etliche M�nner auf der Treppe zum Keller. Unerfreutes Murren und leise gemurmelte Fl�che lie�en ihn schlie�lich durch die Flammen springen. Kurz tastete ihr hei�er Atem nach seinem Gesicht, dann landete er sicher neben dem T�towierten.</p><p>Sein F�hrer im roten Federmantel bedeutete ihm, ein paar Schritte nach vorn zu machen, damit die anderen folgen konnten. �Hier kannst du mit deiner Mannschaft die Nacht verbringen, Himmelsreisender. Die G�tter m�ssen euch lieben! Anders ist nicht zu erkl�ren, dass ihr es bis hierher geschafft habt.�</p><p>Ohne auf eine Antwort zu warten, f�hrte ihn der alte Krieger tiefer in den Gew�lbekeller hinein, der offensichtlich fr�her einmal als Lagerraum genutzt worden war. Ein seltsamer Geruch hatte sich in den unregelm��igen, wei�en W�nden festgesetzt. Die Gew�lbe schienen direkt aus dem Gestein geschlagen zu sein.</p><p>Schlie�lich erreichten sie eine ger�umige Nische, in der eine �llampe brannte, �ber deren kleiner Flamme ein schmieriger, schwarzer Rauchfaden aufstieg. Bunte Decken lagen dort, und eine Schale mit salz�berkrustetem Fisch stellte wohl ihr Abendmahl dar.</p><p>Der Zapote bedeutete ihm, sich niederzulassen. Barnaba setzte sich und sah zu, wie auch seine M�nner in den Wandnischen des weiten Kellers Platz nahmen. Die Zapote, die in dem Keller Zuflucht gesucht hatten, beachteten sie kaum. In bunte Decken geh�llt, kauerten sie entlang der W�nde, starrten vor sich hin oder schliefen. Kaum einer sah zu ihnen auf. Es waren weit �ber hundert M�nner.</p><p>Kolja lie� sich unaufgefordert neben Barnaba nieder und griff nach der Schale mit dem Fisch. Ihr Gastgeber bedachte ihn mit einem finsteren Blick und wollte gerade etwas sagen, als Barnaba die Hand hob. �Bitte sei nachsichtig mit ihm. Er ist Drusnier.�</p><p>Der alte Krieger gab einen grunzenden Laut von sich.</p><p>�Er ist mein Leibw�chter. Er hat geschworen, nicht von meiner Seite zu weichen.�</p><p>Bei diesen Worten blickte Kolja auf und schenkte dem Zapote ein herausforderndes L�cheln.</p><p>Barnaba griff nach einer der Decken aus kratziger Wolle. �Danke f�r deine Gastfreundschaft��� Er sah den Alten an.</p><p>�Chullunku Walla�, entgegnete dieser. Nun lie� auch er sich nieder. �In deiner Sprache hei�t das so viel wie Krieger aus dem Eis. Wie die meisten M�nner hier komme ich aus den Bergprovinzen Zapotes, und ich f�rchte, es war mein Name, der mir die zweifelhafte Ehre einbrachte, der Statthalter in dieser Stadt im ewigen Eis zu sein.� Er nahm eines der Fischst�cke und reichte es Barnaba.</p><p>Der Priester versuchte, die leicht gelbliche Salzkruste zu ignorieren, und biss einfach hinein. Als er auf dem z�hen Fisch kaute, hatte er das Gef�hl, seine Zunge m�sse verdorren. Jeder Tropfen Speichel wurde von dem Salz gebunden, und er vermochte kaum zu schlucken.</p><p>Chullunku reichte ihm eine K�rbisflasche. �Trink das.� Er l�chelte. �Fisch muss schwimmen.�</p><p>Das Gebr�u war wie fl�ssiges Feuer. Aber es tilgte den Salzgeschmack. Mit einiger �berwindung a� Barnaba weiter. Als er das Fischst�ck hinunter hatte, nickte Chullunku anerkennend. Kolja schien weniger Schwierigkeiten zu haben. Er nahm sich gerade ein zweites St�ck und winkte nach der K�rbisflasche.</p><p>�Dein Leibw�chter f�hrt sich auf, als w�re er ein gro�er Herr.�</p><p>�Das Privileg der Krieger. Er ist gut.�</p><p>�Gut darin, sich schlagen zu lassen? Er sieht aus, als h�tte er eine Menge abbekommen.�</p><p>�Weniger als die M�nner, die mich herausgefordert haben�, sagte der Drusnier schneidend.</p><p>Legte der alte Zapote es etwa darauf an, sich mit Kolja zu pr�geln? Barnaba hatte in seinem Leben genug Beispiele f�r absurden Kriegerstolz gesehen, um beunruhigt zu sein. �Du fragst dich sicherlich, warum wir hier sind, Chullunku.�</p><p>�Stimmt�, entgegnete er, ohne Kolja aus den Augen zu lassen.</p><p>Barnaba hatte den ganzen Weg dar�ber nachgesonnen, was er antworten sollte, denn die Frage nach dem Grund ihrer Reise war unausweichlich. Er hatte zwischen dreisten L�gen und einer Geschichte geschwankt, die der Wahrheit zumindest nahe kam. Niemals k�nnte er sich als Priester der G�ttin Nangog vorstellen. Jeder halbwegs loyale Diener der Unsterblichen h�tte gar keine andere Wahl, als sein Feind zu sein. Und die Zapote waren nicht gerade daf�r ber�hmt, z�gerlich zu sein. Es musste also eine Halbwahrheit sein��</p><p>�Wir sind auf einer Schatzsuche. Der Unsterbliche Aaron schickt uns.�</p><p>�Der Unsterbliche Aaron?�</p><p>Kolja verdrehte die Augen, als h�tte er Chullunku gerade etwas Falsches gesagt.</p><p>�<emphasis>Der</emphasis> Aaron, der die Tempel meines Volkes in der Goldenen Stadt angreifen lie�?� Chullunku schnaubte. �Ich dachte, ihr w�rt H�ndler. Ich h�tte euch drau�en auf dem Wolkenschiff lassen sollen, als Fra� f�r die Sturmgeister.�</p><p>�Wir werden weiter nach Norden reisen�, sagte Barnaba so leise, dass es au�er Kolja keiner seiner M�nner h�ren konnte. �Wenn ich deinen Worten glaube, werden wir ohnehin alle sterben. Du kannst ja behaupten, du h�ttest uns nicht gewarnt und in den Tod geschickt. Vielleicht w�rde es deinen Priestern gefallen, das zu h�ren.�</p><p>�Ganz sicher w�rde es das. Doch du hast Gl�ck, Himmelsreisender, noch h�her sch�tzen wir hier das Gesetz der Gastfreundschaft. Ihr werdet heute mit allem versorgt. Und ich w�nsche, dass ihr morgen sehr fr�h aufbrecht.�</p><p>Barnaba nickte und nahm noch ein St�ck Salzfisch. Schweigend kaute er vor sich hin und betrachtete die winzige, tanzende Flamme der �llampe.</p><p>�Wo findet ihr denn das Wei�e Gold?�, fragte Kolja nach einer Weile.</p><p>Der Zapote legte den Kopf schief und sah den vernarbten Krieger eindringlich an. �Du interessierst dich f�r das Gold von Wanu?� Ein s�ffisantes L�cheln spielte um die Lippen des Alten. �Willst du uns helfen, es abzubauen? Du siehst kr�ftig aus. Auch wenn du nur einen Arm hast, w�rst du eine willkommene Hilfe. Wir bringen das Wei�e Gold �ber die Br�cke zu einem Weltentor auf der anderen Seite des Flusses. Es ist ein Marsch von zehn Meilen. Wenn die Tage so kurz sind, ist das gef�hrlich. Wir m�ssen das Tor vor Einbruch der Nacht erreichen. Vor drei Monden haben wir eine ganze Karawane verloren.� Er hob die K�rbisflasche an die Lippen und nahm einen tiefen Schluck. �Ihr solltet nicht weiter in den Norden reisen.� Chullunku sah Barnaba eindringlich an. �Ein Anf�hrer tr�gt die Verantwortung f�r das Leben seiner M�nner. Kehr um!�</p><p>�Wie k�nnen du und deine M�nner dann hierbleiben?�</p><p>�Wir alle sind Freiwillige. Unser Land braucht uns hier.� Er sah wieder zu Kolja. �Wegen des Wei�en Goldes. Du hast breite Schultern, Krieger. Wenn du mir drei Monde dienen willst, bekommst du am Ende einen Sack mit so viel vom Wei�en Gold, wie du tragen kannst.�</p><p>Die Augen des Drusniers weiteten sich.</p><p>�Du hast mir geschworen, mit mir nach Norden zu reisen�, erinnerte Barnaba ihn.</p><p>�Wenn ich wiederkomme���, begann Kolja, als pl�tzlich hinter ihnen eine Stimme ert�nte.</p><p>�Pass auf, du machst gerade ein Schei�gesch�ft!� Nabor, der Lotse, war zu ihrem Lagerplatz gekommen. �Ich hatte dich doch gewarnt, dass Zapote einen eigenwilligen Sinn f�r Humor haben, du Depp. Schlag blo� nicht ein! Wei�t du, was Wanu bedeutet? Es ist das Wort f�r Vogelschei�e in ihrer Sprache. Ihr Wei�es Gold ist nichts als Berge von Schei�e. Schau mich nicht so an. Das ist buchst�blich wahr!�</p><p>�Stimmt das?�, brauste Kolja auf.</p><p>Chullunku prostete ihm mit der K�rbisflasche zu. �Jedes Wort. Und doch ist Wanu auch unser Wei�es Gold. Keine Woche vergeht hier, in der nicht Arbeiter sterben, um es zu gewinnen. F�nfhundert Sack f�llen wir jeden Tag. Auch bei Schneesturm oder wenn uns die verdammten Geister bedrohen. Wir k�mpfen f�r Schei�e��� Er begann auf eine Art zu kichern, dass Barnaba sich fragte, ob er noch bei Verstand war.</p><p>�Wozu, zum Henker, braucht man Vogelschei�e?�, polterte Kolja los und nahm dem Zapote die Flasche ab.</p><p>�Als D�nger, Narbengesicht. Die Felder in den Bergen, dort, wo ich herkomme, geben nicht allzu viel her. Und auch die B�den im Dschungel sind nicht gut. Wenn wir Wanu benutzen, dann bringt ein Feld, auf dem fr�her zehn Sack Mais geerntet wurden, vierzehn Sack. Es ist das gr��te Geschenk Nangogs f�r uns. Einen halben Tagesmarsch entfernt, an der Flussm�ndung, liegen Felsinseln, auf denen das ganze Jahr �ber V�gel leben. Im warmen Wasser finden sie reiche Nahrung, und es h�lt den �rgsten Frost fern. Seit Jahrtausenden kommen die V�gel schon dorthin. M�wen, aber auch komische Viecher, die nicht mehr fliegen k�nnen, daf�r aber gute Taucher sind. Ihre Schei�e liegt viele Schritt hoch auf den Felsen. Ein Teil meiner Arbeiter f�hrt dort in Lederbooten hinaus, um es zu ernten. Wusstest du, dass Wanustaub blind macht, wenn man ihn zu oft in die Augen bekommt? Und immer wieder kommt es vor, dass Schnabelwale ihre Boote angreifen. Aber sie halten durch, genauso wie meine Lastentr�ger. Weil sie hier leiden, stirbt in Zapote niemand mehr vor Hunger.� Er sah Kolja herausfordernd an. �Sag selbst, ist das nicht viel besser als eine Goldmine?�</p><p>�Du wolltest mich mit einem gro�en Sack voll Schei�e bezahlen?�</p><p>�Wei�es Gold, mein Freund!� Chullunku kicherte erneut. �Wei�es Gold! Denk noch einmal dar�ber nach. Mein Lohn ist viel gro�z�giger als alles, was der Diener des Unsterblichen Aaron dir zu bieten hat. Wenn du f�r ihn weiter nach Norden gehst, dann findest du nur den Tod!�</p><p>Es war still geworden in dem weiten Kellergew�lbe. Der Zapote hatte die letzten Worte so laut gesprochen, dass jeder sie hatte h�ren k�nnen.</p><p>�Alles nur Aberglaube�, sagte Barnaba mit fester Stimme. �Es gibt einen t�dlichen Feind dort drau�en, das will ich nicht leugnen. Es ist die K�lte! Aber dagegen werden wir uns wappnen.� Er wagte es nicht, in Anwesenheit der Zapote von der Gro�en G�ttin zu sprechen. �Ihr werdet Helden sein, wenn wir mit unserem Schatz heimkehren. Und ein jeder von euch wird seinen Anteil vom Schatz bekommen.�</p><p>Doch diesmal reichten seine Worte und sein Enthusiasmus nicht, um Angst und Zweifel aus den Gesichtern der Wolkenschiffer zu verbannen. Und wie um ihn zu verh�hnen, ert�nte von drau�en ein unheimliches Geheul, als der Nordwind ohne Vorwarnung �ber die Stadt am Ende der Welt herfiel. Barnaba sah, wie sich die Zapote in ihre Decken kauerten, w�hrend der Wind am Treppenabstieg jaulte und mit den Flammen im Eingang spielte. Er w�rde diesen Geistern trotzen, dachte er entschlossen. Nangog besch�tzte ihn. Er war ihr Auserw�hlter! Ihm konnte nichts geschehen!</p></section><section><title><p>Pfeile im Dunkel</p></title><p>Diesmal w�rde er landen, entschied Nodon und legte seinem Pegasus Mondschatten sanft die Hand auf den Hals. Der gro�e Hengst verstand, schnaubte aber unruhig. Sie flogen im letzten Abendlicht �ber eines der Seitent�ler jener lang gezogenen Bergkette, in deren Mitte sich der Jadegarten verbarg. Der Ort, den der Erstgeschl�pfte auserkoren hatte, um dort seinen Thron zu errichten. Der �lteste der Drachen, sein Gebieter, sehnte sich nach Nachricht �ber Nandalee. Nodon wusste es, auch wenn der Dunkle ihn nicht beauftragt hatte, nach ihr zu suchen. Die Versessenheit seines Meisters auf Nandalee war Nodon unbegreiflich. Sicher, die rebellische junge Elfe aus den Eisw�sten Carandamons war etwas Besonderes, aber traf das nicht auf jeden einzelnen Drachenelfen zu? Sie alle hatten sich weit von dem Leben entfernt, das die �brigen Elfen f�hrten. Sie wussten um die Geheimnisse der Welten, wussten um das Dunkel hinter der strahlenden Herrschaft der Himmelsschlangen. Wussten um all die Gefahren, die anderen jede Hoffnung auf die Zukunft geraubt h�tten.</p><p>Mondschatten war eine weite Kehre geflogen, um nun in das enge Tal hinabzusto�en, das Nandalee sich als Versteck erw�hlt hatte. Fast ber�hrten die Schwungfedern seiner Fl�gel die dunklen Felsw�nde. Das Licht der Abendsonne reichte nicht mehr hinab bis zum Talgrund. Die Baumkronen waren nur Schattenrisse im Zwielicht. Nodon sp�rte, wie nerv�s sein Hengst war. Dies war kein guter Ort, um zu fliegen. Der Pegasus spreizte die Fl�gel und verringerte so sein Tempo, doch es war kein geeigneter Platz zum Landen zu entdecken. Er w�rde mindestens zwanzig Schritt freie Fl�che brauchen, um auszulaufen.</p><p>Vom Grund des Tals erklang ein herausforderndes Wiehern. Das musste Sternauge sein, der gro�e Pegasusrappe, den Nandalee ritt. Er sah in Mondschatten wohl einen Eindringling in sein Revier.</p><p>Der Hengst schnaubte nerv�s. Das Tal verengte sich vor ihnen noch weiter. Mondschatten schlug kr�ftig mit den Fl�geln, um wieder H�he zu gewinnen, als ein Pfeil zwischen den Baumkronen hervorschoss und Nodons Wange streifte. Der Elf lie� sich nach hinten fallen, rollte �ber die Kruppe seines Hengstes ab und st�rzte den Baumkronen entgegen. Sein Fall w�hrte kaum zwei Herzschl�ge, als er mit ausgestreckten Armen im d�nnen Astwerk der Baumkronen landete. Die splitternden Zweige verlangsamten seinen Sturz. Nodon schaffte es, nach einem dickeren Ast zu greifen. Mit einem Ruck, der ihm fast die Arme aus den Schultergelenken kugelte, endete sein Sturz. Einen Teil der Kraft konnte er in einen Aufw�rtsschwung lenken. Er pendelte zur�ck, stemmte sich hoch und schwang ein Bein �ber den Ast. Er wagte es nicht zu verharren. Jeden Augenblick k�nnte ihn ein weiterer Pfeil treffen. Sich nicht mehr zu bewegen erh�hte die Wahrscheinlichkeit deutlich. Seine Arme brannten, seine Muskeln waren gezerrt. Mit zusammengebissenen Z�hnen ging er in die Hocke und eilte den wippenden Ast entlang dem Stamm des Baumes entgegen. Dort lie� er sich tiefer gleiten. Sprang von Ast zu Ast, landete mit einem letzten, federnden Satz auf dem weichen Waldboden und zog sein Schwert. Wer hatte auf ihn geschossen? Ganz gewiss war es nicht Nandalee gewesen. Sie h�tte ihn nicht verfehlt!</p><p>Nodon duckte sich hinter einen Stamm und sp�hte ins Zwielicht. Immer noch prasselten �ste und Bl�tter zu Boden. Er war ein paar Schritt von der Stelle entfernt, an der er in die Baumkronen gefallen war. Ein St�ck voraus bewegten sich die Bl�tter des K�nigsfarns, der an den lichteren Stellen den Waldboden bedeckte.</p><p>Es wurde still. Nodon schob die Klinge seines Schwertes flach in den weichen Waldboden, damit kein verirrter Lichtstrahl den Elfenstahl aufblitzen lie�. Vorhin hatte er Gl�ck gehabt. Er sollte nicht darauf hoffen, dass ihn auch der n�chste Pfeil verfehlte.</p><p>Der Elf �ffnete sein Verborgenes Auge und hoffte, die Aura seines Gegners zu entdecken. Wer war heimlich hierhergekommen, so nah zur Pyramide des Dunklen? Und wen duldete Nandalee, die so viele Wochen jeden Bewohner der Oase gemieden hatte, in ihrer N�he?</p><p>Nodon entdeckte die Auren kleiner V�gel im Ge�st. Etwa drei�ig Schritt entfernt bewegte sich etwas Gro�es zwischen den B�umen. Goldenes Licht umspielte die Gestalt. Das musste Nandalees Pegasus sein.</p><p>Vorsichtig, ganz darauf bedacht, keinen Laut zu verursachen, drehte Nodon sich um. Wer immer ihn jagte, w�rde sich gewiss nicht in der N�he des Pegasus aufhalten. Stattdessen w�rde der Angreifer den Hengst nutzen, um ihn abzulenken, und sich aus einer anderen Richtung n�hern.</p><p>Der Elf fl�sterte ein Wort der Macht. Er war ganz in Schwarz gewandet. Der Zauber, den er wob, w�rde ihn mit den Schatten des Waldes verschmelzen lassen. Er w�re so gut wie unsichtbar�� au�er f�r einen J�ger, der wie er sein Verborgenes Auge �ffnete, um seiner Beute nachzustellen. Die Aura, das leuchtende Netz aus haarfeinen Kraftlinien, das alles, was lebte, umgab, zu verzerren oder gar ganz verschwinden zu lassen war ungleich schwerer, als mit den Schatten des Waldes zu verschmelzen. Solch einen Zauber zu weben lag au�erhalb seiner Macht.</p><p>Lautlos schob Nodon sein Schwert zur�ck in die ge�lte Lederscheide. Dann huschte er zum n�chsten Stamm. Er bewegte sich fort von Sternauge. Der gro�e Hengst stampfte nerv�s mit den Hufen. Er durfte nicht mehr in seine N�he kommen. Ganz gleich, wie gut er sich versteckte, Sternauge w�rde ihn wittern und unruhig werden. So w�rde er ihn verraten. Nodon entfernte sich gerade noch weiter, als ihm die Idee kam, dass er den Hengst in diesem t�dlichen Spiel auch zu seinem Vorteil nutzen konnte.</p><p>Er hob einen Ast und schleuderte ihn in Richtung des Pegasus. Es war der �lteste Trick der Welt, aber er war so alt, weil er meist klappte. Der Ast schlug ins Geb�sch. Im selben Moment sprang Nodon auf, um sein Versteck zu wechseln.</p><p>Ein Schlag, als h�tte ihn ein Pferd getreten, traf ihn auf der Brust. Hart schlug er mit dem R�cken gegen den Baum, der ihm eben noch als Deckung gedient hatte. Ein Pfeil hatte ihn eine Handbreit unter dem Schl�sselbein getroffen. Dunkles Blut schoss den Schaft entlang und benetzte die Befiederung. Nodon sp�rte keinen Schmerz. Noch bewahrte ihn der Schock davor. Der Pfeil hatte ihn gegen den Baumstamm genagelt! Er musste ihn durchbrechen, musste sich befreien��</p><p>�Heb deine Hand und du bist tot�, zischte eine Stimme aus dem Dunkel. Sie war voller Hass, und Nodon zweifelte nicht daran, dass der n�chste Pfeil sein Leben beenden w�rde. Er verharrte bewegungslos. Wer war das? Die Stimme klang rau und wild. Doch da war ein vertrauter Unterton.</p><p>�Nandalee?�</p><p>Ein Schattenriss erschien vor ihm unter den B�umen. Die Gestalt ging leicht geduckt. Deutlich sah Nodon den Bogen. Ein neuer Pfeil lag auf der Sehne.</p><p>�Es gibt keine Nandalee mehr. Sie ist tot.�</p><p>Die Stimme klang nicht wie die seiner Gef�hrtin in Nangog. Etwas Zerbrochenes lag in ihr. So h�rte sich eine Stimme an, die den ganzen Tag auf dem Schlachtfeld lauthals Befehle gegeben hatte.</p><p>Jetzt kam der Schmerz. Wie fl�ssiges Feuer lief er durch seinen Leib. Er k�mpfte dagegen an zu st�hnen. Nandalee verachtete Schw�che. Was war mit ihr geschehen, dass sie in ihm einen Feind sah? �Ich will dir helfen�, �chzte er gegen den Schmerz an.</p><p>Sie hob den Bogen, zog die Sehne durch und schoss.</p><p>Nodon riss den Arm hoch. W�re er nicht an den Baum genagelt gewesen, h�tte er dem Pfeil vielleicht ausweichen k�nnen. W�re er vorbereitet gewesen, h�tte er einen Zauber gesponnen, der es ihm erlaubte, Geschosse im Flug aus der Bahn zu schlagen. Doch das hier war zu schnell. Zu �berraschend. Seine letzte Hoffnung war, dass der Pfeil durch seine vorgestreckte Hand in seinen Arm eindringen w�rde und er Zeit gewann bis zum n�chsten Schuss.</p><p>Glei�endes Licht wie von einem Blitzschlag l�schte die Dunkelheit. Nodon wurde nicht getroffen, aber er war geblendet. Ein Schauder �berlief ihn. Seine Augen tr�nten. Er war unf�hig, etwas zu sehen, doch mit jeder Faser des Leibes sp�rte er die Anwesenheit eines der gro�en Drachen. Ein so �berw�ltigender Wohlgeruch umfing ihn, dass selbst der Schmerz zerfloss. Er war einfach nicht mehr da.</p><p>Schlagartig verschwand das Licht. Jetzt war es noch dunkler als zuvor.</p><p>�Es reicht, Nandalee!�, sprach jene Stimme aus der Finsternis, der Nodon sein Leben gewidmet hatte.</p><p>Der Elf h�rte das Sirren der Sehne. Sie musste ein weiteres Mal geschossen haben�� auf ihn! Ihren Herrn und Gebieter!</p><p>Es folgte ein Ger�usch, als w�re der Pfeil auf Stein getroffen. Ein scharfes Kreischen von Metall, begleitet von splitterndem Holz. Nodon griff nach dem Schaft des Pfeils, der ihn durchbohrt hatte, und brach ihn durch. Er sp�rte das Holz durch sein Fleisch gleiten, als er sich vorbeugte. Ein Schwall von Blut schoss aus der Wunde, und ihm wurde schwindelig. Er presste die Hand auf die Verletzung, taumelte und ging in die Knie.</p><p>Als er wieder aufsah, stand der Dunkle vor ihm. Er hatte Elfengestalt angenommen, die Erscheinung eines melancholischen J�nglings mit schwarzem Haar. Nur seine Augen waren hart und unerbittlich. Nodon erkannte den �rger darin und zuckte vor seinem Gebieter zur�ck. Deutlich sp�rte er den kaum beherrschten Zorn des Drachen. Er war um ihn herum�� in der Luft, in allem, was in diesem Tal existierte. Hei� und versengend. Nodon begriff, dass er einen Fehler gemacht hatte, denn dieser Zorn richtete sich nicht allein gegen Nandalee, die der Dunkle �ber der Schulter trug.</p><p>Jetzt erst konnte Nodon die J�gerin richtig erkennen. Sie war bewusstlos und sah dennoch zum F�rchten aus: Ihr K�rper war�� abgesehen von ihrem Bauch�� v�llig abgemagert, ihre Haare zerzaust und voller Schmutz. Sie stank, hatte sich ganz offensichtlich seit Wochen nicht gewaschen. Das linke Auge war zugeschwollen, die Wange darunter dunkelrot verf�rbt. Deutlich sah Nodon die Finger, die sich auf dem Gesicht der Elfe abgemalt hatten. Der Dunkle musste sie geohrfeigt haben. Was war nur mit Nandalee geschehen? War sie wahnsinnig geworden? Nat�rlich wusste er um ihren Verlust. Aber war das ein Grund, sich so sehr gehen zu lassen?</p><p>�Ihr h�ttet nicht hierherkommen sollen, Schwertmeister. Das war nicht in meinem Sinn. Es hat nicht viel gefehlt und sie h�tte Euch get�tet.�</p><p>Der Tadel des Dunklen schmerzte Nodon mehr als seine Wunde. Er war �berzeugt gewesen, im Sinne des Erstgeschl�pften zu handeln. Wie hatte er sich, nachdem er ihm schon Jahrhunderte diente, so sehr irren k�nnen?</p><p>�Nehmt meine Hand, Schwertmeister!� Er streckte ihm die Linke entgegen. Es war ein Gef�hl, als schl�sse sich Stein um seine Finger, als der Dunkle ihn ergriff und hochzog. Der alte Drache sprach ein Wort der Macht, und es �ffnete sich einer jener magischen Wege abseits des Goldenen Netzes, die nur die Himmelsschlangen erschaffen konnten. Ein einziger Schritt, und sie standen in der halb �berfluteten Grotte tief unter der Stufenpyramide im Jadegarten, in der der Erstgeschl�pfte umringt von den Gazala zur�ckgezogen residierte.</p><p>Mit einer harschen Geste entlie� der Drachenherrscher ihn. Doch Nodon war kaum in der Lage, aus eigener Kraft zu stehen. Schlie�lich erbarmten sich zwei der Gazellenfrauen, die dem Herrscher als Orakel dienten, packten ihn unter den Armen und brachten ihn fort aus der stickigen, schw�lwarmen Grotte.</p></section><section><title><p>Das Tier</p></title><p>Nandalee erwachte in einer Kammer, die sie nie zuvor gesehen hatte. Sie war allein. Der Dunkle hatte nicht ein Wort mit ihr gesprochen, als er sie geohrfeigt und niedergeschlagen hatte. Doch die Kammer vermittelte eine �berdeutliche Botschaft. Um ihren Hals lag ein schwerer, eiserner Ring, den eine lange Kette mit einem weiteren Ring in der Wand verband. Eine schwere Eichent�r mit einem kleinen, verschlossenen Gitterfenster war der einzige Zugang zu ihrem Gef�ngnis.</p><p>Auf der einen Seite der Kammer lag Stroh auf dem Boden, und in zwei flachen Schalen sah sie Wasser und rohes Fleisch, auf dem Fliegen hockten. Auf der anderen Seite befand sich ein mit wei�en Laken bespanntes Bett. Daneben standen ein Tisch und ein Stuhl. Ein Krug neben einem schlichten Becher enthielt vermutlich Wasser. Auf einer flachen Schale lagen �pfel und Trauben. Ein Teller lockte mit verf�hrerisch duftendem Brot und K�se. Sie konnte sich also aussuchen, ob sie wie ein Tier leben oder in die Zivilisation zur�ckkehren wollte.</p><p>Nandalee kroch in die Ecke mit dem Stroh. Sie w�rde sich nicht unterwerfen. Sie wollte nie wieder etwas mit den Himmelsschlangen zu tun haben. Das Bett zu nutzen und von den k�stlichen Speisen zu essen hie�e, wieder eine Drachenelfe zu sein. Da war sie lieber ein Tier! Sie schloss die Augen und rollte sich auf dem Lager aus Stroh zusammen. Nandalee sp�rte, dass sie beobachtet wurde. War der Dunkle hier? Gab es Guckl�cher in den W�nden? Es war ihr egal.</p><p>Der herrliche Duft des Brotes peinigte sie. Sie hatte Hunger. Es war lange her, dass sie ein gekochtes Mahl zu sich genommen hatte. Als sie sich in ihr kleines Tal zur�ckgezogen hatte, war sie anfangs einfach nur zu ersch�pft gewesen, um sich ein ordentliches Essen zu bereiten. Es war weniger k�rperliche Schw�che, es war ihre Seele, die ermattet war. Sie konnte sich zu nichts aufraffen. Alles war ihr zu viel. So hatte sie sich von Wurzeln und Beeren ern�hrt.</p><p>Nandalee hatte sich auch nicht mehr gewaschen oder ihre Kleider gereinigt. Die meiste Zeit hatte sie einfach nur dagesessen und vor sich hin gestarrt. Ihre Gedanken waren bei Gonvalon. Er hatte sich f�r sie geopfert. Er musste geahnt haben, dass die Himmelsschlangen sie verraten hatten und ihre Reise nach Selinunt ein Todeskommando war. Weder der Dunkle noch der Goldene hatten sie lebend wiedersehen wollen. Es war ihnen bestimmt gewesen, im Drachenfeuer zu vergehen.</p><p>W�re sie nur bei ihm gewesen! Nichts anderes sehnte Nandalee jede Stunde an jedem Tag herbei, der seitdem vergangen war. Ohne Gonvalon war ihr Leben leer und wertlos. Nie wieder w�rde sie so geliebt werden! Und wie hatte sie seine Hingabe belohnt? So oft hatte sie Gonvalon mit ihren Launen gequ�lt, w�hrend er f�r sie jedes Opfer gebracht hatte. Er hatte sich gegen seinen Herrn, den Goldenen, gestellt. Ihm war die W�rde als Drachenelf genommen worden, die T�towierung, die ihn mit seinem Meister verbunden hatte. Gonvalon war versto�en worden, weil er sie nicht hatte ermorden wollen. Und wie hatte sie ihm das vergolten��</p><p>Nandalee k�mpfte gegen das Gef�hl an, dass ihre Kehle zu eng wurde, um noch atmen zu k�nnen. Sie weinte schon lange nicht mehr, sie hatte all ihre Tr�nen vergossen. Aber der Schmerz hatte nicht nachgelassen. Gonvalon verloren zu haben hatte eine Wunde in ihr Herz gerissen, die nie wieder heilen w�rde.</p><p>Erneut �ffnete sie die Augen und blickte zu den W�nden. Sie war sich sicher, dass er hier war. Sie wusste um seine Leidenschaft, und sie sp�rte seine Macht. Nat�rlich brauchte er kein Loch, verborgen zwischen den Fugen des Mauerwerks. Er k�nnte durch die Wand sehen, wenn er es wollte. Er sp�rte, was sie f�hlte, da war sich Nandalee ganz sicher. Sie waren einander zu nahe gewesen, als er das Bild in ihren R�cken gestochen hatte. Es war eine Orgie aus Schmerz und Lust gewesen. Nie hatte sie etwas Vergleichbares erlebt. Gonvalon war zu klug gewesen, um nach diesen N�chten zu fragen, von denen Nandalee nicht wusste, wie viele es gewesen waren. Unten in der Grotte unter der Pyramide gab es weder Tag noch Nacht. Nur schw�le Hitze und Fackelschein und seine Macht, von der alles dort unten durchdrungen war.</p><p>Sie griff nach dem eisernen Halsband. Glaubte er, sie sei so leicht zu halten? Nandalee schloss die Augen und schob beide Daumen unter den Ring. Er sa� sehr lose, scheuerte nicht. Sie sprach ein Wort der Macht, um ihn zu zerbrechen. Sie stellte sich vor, wie sich Rost durch das dicke Eisen fra�, bis es so spr�de war, dass sie es mit einem Ruck auseinanderrei�en konnte.</p><p>Die Elfe legte all ihre Macht in den Spruch. Sie sp�rte, wie das Metall unter ihren Fingern warm wurde. Und dann zog es sich zusammen. Erschrocken lie� sie los. Ihre H�nde waren rot vom Rost, der sich gebildet hatte. Doch er hatte sich nicht tief in das Metall gefressen, sondern war nur an der Oberfl�che aufgebl�ht.</p><p>Der Dunkle musste einen Zauber auf den Eisenring gelegt haben, der ihn jedes Mal, wenn sie versuchte, sich zu befreien, ein wenig schrumpfen lie�.</p><p>In jenen Stunden in seiner Grotte hatte er eine animalische Saite in ihr zum Schwingen gebracht. Nandalee hatte nicht einen Augenblick lang an Gonvalon gedacht, w�hrend sie sich dem Dunklen hingegeben hatte. Erst sp�ter war die Reue gekommen.</p><p>Ein Krampf tief in ihren Eingeweiden lie� sie zusammenzucken. Es f�hlte sich an, als w�rde etwas an ihrem Innersten kratzen. Hunger! Viel zu oft hatte sie die einfachsten Bed�rfnisse ihres K�rpers missachtet. Sie blickte auf die Sch�ssel mit dem rohen Fleisch, dann sah sie wieder auf und l�chelte. Er sollte mit ansehen, was er aus ihr gemacht hatte. Sollte mit ihr leiden.</p><p>Sie verscheuchte die Fliegen vom Fleisch und nahm sich einen Klumpen. Ohne den Blick von der gegen�berliegenden Wand zu wenden, begann sie zu essen. Nein�� essen konnte man das nicht nennen. Gierig schlug sie ihre Z�hne in das blutige Fleisch und schlang es fast ohne zu kauen hinunter.</p><p>Der Schmerz in ihren Eingeweiden lie� nach.</p><p>�Sieh, was du aus mir gemacht hast�, fl�sterte sie. Er konnte von ihren Lippen lesen. Sie musste nicht laut werden. �Ich w�re f�r immer auch die Deine gewesen, wenn du mir Gonvalon nicht genommen h�ttest. Was ohne ihn von mir geblieben ist, willst du nicht haben.�</p></section><section><title><p>Der Dritte</p></title><p>Vorsichtig schob Nodon die kleine Blende vor dem Gitterfenster in der schweren Holzt�r zur Seite. Er sollte nicht hier sein. Au�er einigen Gazala und dem Dunklen hatte niemand Zutritt zum Kerker Nandalees.</p><p>Die J�gerin musste ihn bemerkt haben. Mit hasserf�llten Augen sah sie zur T�r. Dann nahm sie einen der rohen Fleischklumpen und begann, wie ein Tier zu fressen. Das hatte sie jedes Mal getan, wenn er gekommen war. Was ging nur in ihr vor? Was hatte ihren Verstand zerst�rt? Hatte sie zu sehr geliebt?</p><p>Der Dunkle hatte sie angekettet wie ein Tier, aber sie h�tte das Bett benutzen k�nnen, die Waschsch�ssel�� War das ihre Art, den Erstgeschl�pften zu bestrafen? Und wie lange w�rde dieses unsinnige Duell andauern?</p><p>Der Schwertmeister konnte es nicht ertragen, Nandalee auf diese Art zu sehen. Er �ffnete sein Verborgenes Auge, und der Blick auf die magische Welt tilgte, was ihm seine Augen zeigten. Nandalees Aura gl�hte rot. Ungeb�ndigter Zorn regierte sie. Und er durchdrang auch die kleinen Auren. Sie trug Drillinge in ihrem Leib! Drillinge!</p><p>Sie waren unschuldig. Ihre Aura h�tte golden sein sollen, doch der Zorn ihrer Mutter hatte schon auf sie �bergegriffen. Statt Gold sah er einen dunklen Kupferton. Die Auren der Kinder waren von ungew�hnlicher St�rke. Sie hatten jetzt schon Macht. Sie w�rden bedeutende Zauberweber werden. Doch da war noch etwas, das er nicht zu deuten vermochte. Es haftete ihnen ein Makel an. Gewiss, er hatte in seinem Leben nicht viele Schwangerschaften beobachtet. Aber hier schien die Harmonie gest�rt. Es sah aus, als w�rden die Kinder gegen ihre Mutter ank�mpfen. Und als w�rden sie das wissen�� Aber sie konnten doch noch keinen Verstand haben, oder?</p><p>Sp�rten sie vielleicht, wie ihnen Nandalees Zorn ihre Unschuld nahm? Oder trugen sie auf r�tselhafte Weise zu diesem Zorn bei? Er hatte eine Koboldschamanin einmal �ber Schwangerschaftswahn reden h�ren. Manche Frauen waren nicht dazu geschaffen, Kinder auszutragen. Galt das auch f�r Nandalee?</p><p>Nodon sah zu Firaz, der blinden Gazala, die heute als Wache bei Nandalees Kerker eingeteilt war. �Hast du sie dir angesehen?�</p><p>Die Seherin blickte mit ihren blinden Augen zu ihm auf. Sie kauerte an der Au�enwand des Kerkers und genoss die Sonne. Lange, in Spiralen gedrehte H�rner kr�mmten sich �ber ihren Kopf hinweg zum R�cken hin. Ihr Oberk�rper und ihr Gesicht waren elfen�hnlich. Die Beine aber waren die von Gazellen. Wenn sie sich aufrichtete, �berragte sie ihn. Der Blick der blinden Augen war Nodon unangenehm. Wie hatte er sie fragen k�nnen, ob sie Nandalee angesehen habe?</p><p>�Ich meine���, begann er.</p><p>�Du musst dich nicht entschuldigen. Im Gegenteil. Sch�n, dass du einen Moment lang vergessen konntest, dass ich ein blinder Kr�ppel bin. Ich habe sie durch mein Verborgenes Auge gesehen. Ihr Zorn wird sie und die Kinder zerst�ren.�</p><p>�Aber��� Nodon war schockiert, wie unbeteiligt Firaz klang. �Ist dir das egal? Hast du ihr das gesagt? Wei� der Dunkle darum?�</p><p>�Ich bin eine Seherin, Nodon. Ich nenne die Dinge ungesch�nt beim Namen. Das allein gen�gt schon, um sich viele Feinde zu machen. Ich greife niemals ein. Der Erstgeschl�pfte hat selbst gesehen, was dort geschieht. Ich kann dir nicht sagen, warum er nichts unternimmt. Es scheint, als w�re es eine Art Zweikampf zwischen den beiden. Ich habe ihn nie so aufgew�hlt und unbeherrscht erlebt wie in der N�he dieser Elfe. Sie tut ihm nicht gut. Es ist besser, wenn sie und ihre Kinder sterben.�</p><p>Nodon war sprachlos. Das war mehr Offenheit, als er gewollt hatte.</p><p>Firaz l�chelte. Sie musste seiner Aura angesehen haben, welche Wirkung ihre Worte auf ihn gehabt hatten. �Entschuldige, ich habe l�ngst alles Gef�hl f�r die Gegenwart verloren. Das ist der Preis daf�r, wenn man die Zukunft sieht. Nandalee ist gef�hrlich, Nodon. Sieh dir ihre Aura an! Sie ist ein loderndes Feuer. Wer ihr nahe ist, der verbrennt. Selbst ihre eigenen Kinder. Sie kann sich niemandem unterwerfen. Sie begehrt gegen jede Ordnung auf! Wenn sie �berlebt, dann wird sie die Ordnung der Welt, wie wir sie kennen, zerst�ren. Der Dunkle hat mir verboten, zu anderen �ber die Zuk�nfte, die ich sehe, zu sprechen. Aber glaube mir, unsere Welt wird Asche sein, wenn Nandalee lebt. Sie wird die Herrschaft der Himmelsschlangen zerbrechen, und die Menschenkinder werden nach Albenmark kommen, um das Banner eines toten Baumes zu hissen, den sie anbeten, als w�re er ein Gott.�</p><p>�Die Menschen kommen nach Albenmark?� Das konnte Nodon sich nicht vorstellen. Diese unvollkommenen, schw�chlichen Kreaturen. �Wie sollten sie die Albenkinder je besiegen?�</p><p>�Erst m�ssen wir uns selbst besiegen. Sie werden kommen, wenn es keine Himmelsschlangen mehr gibt, die Albenmark sch�tzen. Und auch keine Drachenelfen mehr.�</p><p>Sie hatte zu viele Zuk�nfte gesehen, dachte Nodon �rgerlich. Firaz war verr�ckt! Er wandte sich ab und sah erneut durch das kleine, vergitterte Fenster. Nandalee kr�mmte sich, als h�tte sie Schmerzen. Da war Blut im Stroh. Bei den Alben! Er griff nach dem Riegel. Und wenn es ihn den Kopf kostete, er w�rde nicht einfach nur zusehen. �Ruf den Dunklen! Es geht ihr schlecht! Schnell!�</p><p>�Er wird es wissen�, entgegnete die Gazala ruhig. �Sie ist eine Drachenelfe. Er wei� um euch alle. Auch, dass du gerade seine Befehle missachtest.�</p><p>Nodon schob den Riegel zur�ck. Ihm waren die Befehle egal. Er war mit Nandalee auf Nangog gewesen und hatte gegen die goldk�pfige Schlange gek�mpft, gegen Jaguarm�nner und Adlerritter. Er hatte an ihrer Seite das schreckliche Beben �berlebt, das die Goldene Stadt in ein riesiges Feld aus zerbrochenem Gestein verwandelt hatte. Er w�rde jetzt nicht drei Schritt von ihr entfernt vor einer verschlossenen T�r stehen bleiben und zusehen, wie sie blutete.</p><p>�Und wenn sie mit deinem Mitleid rechnet, Nodon? Wenn es nur ein Trick ist, um sich zu befreien?�</p><p>Er riss die T�r auf.</p><p>Nandalee presste sich jetzt beide H�nde auf den Unterleib. Dabei kr�mmte sie sich vor Schmerzen. Nodon wusste, wie man Verwundete auf dem Schlachtfeld versorgte. Aber das hier�� Pl�tzlich verlor das Licht, das durch die T�r fiel, seine Strahlkraft. Nur ein Wimpernschlag, und der Dunkle kniete neben ihr. Er zog ihre H�nde zur Seite. Die Luft in der Kammer begann zu vibrieren, als er ein Wort der Macht rief.</p><p>�Du wirst ihnen nichts tun!�, schrie Nandalee. �R�hr sie nicht an!� Sie schlug ihm ins Gesicht. Er ignorierte es.</p><p>�Halt ihre H�nde�, befahl er Nodon ruhig.</p><p>Der Drachenelf z�gerte, trat dann aber zu den beiden.</p><p>�Ich bin hier, um ihr zu helfen! Sie schadet sich nur selbst, wenn sie dagegen ank�mpft. Und ihren Kindern���</p><p>Wieder schlug Nandalee dem Dunklen ins Gesicht.</p><p>Aus den Augenwinkeln sah Nodon, was mit ihr nicht stimmte. Entsetzt griff er nach ihren H�nden und zog diese mit aller Kraft an sich.</p><p>�Hilf ihm nicht!�, schrie Nandalee verzweifelt. �Trau deinen Augen nicht! Er t�uscht dich! Glaub nicht, was er dich sehen l�sst!�</p><p>Der Dunkle zerriss ihr fadenscheiniges Kleid und griff ihr zwischen die Schenkel.</p><p>Nandalee b�umte sich verzweifelt auf. �Er will an die Kinder! Er will alles vernichten, was von Gonvalon noch geblieben ist.�</p><p>Sie musste sich irren! Wenn es stimmte, was sie sagte, dann w�re der Dunkle einfach nur b�se. Sein Gebieter hatte Nodon oft auf Missionen geschickt, deren Hintergr�nde der Elf nicht durchschaut hatte. Nodon hatte f�r ihn M�nner und Frauen get�tet, die auf den ersten Blick ehrbar wirkten. Es gab etwas Gr��eres�� etwas, das nur eine Himmelsschlange im Blick haben konnte, weil es das Verstehen einfacher Albenkinder bei Weitem �berschritt. Dieser Glaube hatte es Nodon erm�glicht, seine Befehle auszuf�hren. Wenn er ihn aufgab, dann war er verloren.</p><p>�Sorg daf�r, dass sie still h�lt.� Der Dunkle klang nun besorgt.</p><p>Da war etwas, dicht unter der Bauchdecke Nandalees, das heraus wollte. Er sah, wie sich Fleisch ausbeulte, und z�gerte nicht l�nger. Seine schlanken Finger fanden sich in ihrem Nacken, w�hrend sie sich verzweifelt wand, um ihnen beiden zu entkommen. Er dr�ckte den Nervenpunkt, der alle Muskeln erschlaffen lie�. Nandalee stie� einen erschreckten Laut aus, dann sackte sie in sich zusammen. Ihre Augen waren auf ihren Leib gerichtet.</p><p>Der Dunkle hatte ihren Bauch blo�gelegt. Seine zierliche, wei�e Hand strich �ber die helle Haut der Elfe.</p><p>Tr�nen traten in Nandalees Augen. Sie hatte keine Stimme mehr, Zunge und Lippen gehorchten nicht l�nger ihrem Willen. Doch ihre Augen sagten mehr als tausend Worte. Sie flehten, es nicht zu tun.</p><p>Die Hand zerteilte ihr Fleisch. Es floss kein Blut. Zun�chst.</p><p>Nodon schnappte nach Luft, als der Dunkle einen winzigen, abgetrennten Kinderarm aus der Wunde zog. Hastig legte der Schwertmeister Nandalee die H�nde auf die Augen, damit sie nicht sah, was dort geschah.</p><p>Wieder griff der Dunkle in ihren Leib. Diesmal holte er etwas Gro�es, Blutiges hervor. Nun wandte auch Nodon erschaudernd den Blick ab. Dieses Ding hatte Krallen und einen geschuppten Schwanz. Bernsteinfarbene Augen mit geschlitzten Pupillen �ffneten sich, kaum dass es dem Mutterscho� gewaltsam entrissen war. Es fauchte. Der Schwanz wand sich um den Unterarm des Dunklen, und es schnappte mit spitzen, kleinen Z�hnen nach dessen Fingern.</p></section><section><title><p>Der schlechte L�gner</p></title><p>Als sie erwachte, war sie von goldenem Licht umfangen. Nandalee sah verschwommen ein schmales Gesicht �ber sich. Jemand hielt ihr die Hand. Gonvalon?</p><p>�Bist du zur�ck��� Sie hatte kaum die Kraft zu sprechen. Er antwortete ihr nicht, aber es tat gut, seine warme Hand zu sp�ren, als sie erneut in tiefen, traumlosen Schlaf glitt.</p><p>Als sie das n�chste Mal die Augen �ffnete, war Nodon an ihrer Seite. Er wirkte m�de. Dunkle Ringe hatten sich unter seine Lider gegraben. Es kostete ihn sichtlich M�he, sie anzul�cheln.</p><p>�Hast du Hunger?�</p><p>Ein galliger Geschmack lag ihr auf der Zunge. Verwundert sah sie sich um. Sie war nicht mehr in der h�sslichen Kammer mit den grauen Steinw�nden. Dieses Zimmer war wei� get�ncht. Ein gro�es Fenster gab den Blick frei auf den Himmel und scharf gezackte Berge. Sie lag in einem Bett mit Seidenlaken, die nach Vanille dufteten. Auch die Kette, mit der der Dunkle sie wie einen wilden Hund gefesselt hatte, war verschwunden.</p><p>Sie blinzelte. In Nodons Augen stand Furcht. Was erschreckte ihn? Warum war er hier?</p><p>Die Erinnerung traf sie wie ein Dolchsto� ins Herz. Entsetzt richtete sie sich auf, zog die Decke zur Seite und tastete �ber ihren Bauch. Er war noch gro�, aber sie sp�rte nichts mehr.</p><p>�Sie leben�, sagte der Schwertmeister leise.</p><p>Sie erinnerte sich an den winzigen, abgetrennten Arm, den sie in der Hand des Dunklen gesehen hatte. Wieder strich sie �ber ihren Bauch, horchte verzweifelt in sich hinein. Da war nichts. Sie wollte schreien, doch das Entsetzen schn�rte ihr die Kehle zu.</p><p>�Es geht ihnen gut!� Nodon sagte das in jenem beschw�renden Tonfall, hinter dem sich L�gen verstecken.</p><p>Nandalee lie� sich zur�cksinken. Sie hatte keine Kraft mehr. Deutlich erinnerte sie sich, wie der Dunkle in ihren Bauch gegriffen hatte, um ihre Kinder darin zu zerrei�en. Sie hatte es gesehen! Den winzigen Arm��</p><p>�Geh!�, stie� sie schlie�lich hervor. Sie wollte Nodon nicht l�nger sehen. Den erfahrensten M�rder des Dunklen, der geholfen hatte, ihre Kinder zu t�ten.</p><p>�Es ist nicht so, wie du denkst�, sagte er matt.</p><p>Sie drehte sich von ihm fort. Starrte die wei�e Wand an. Sie w�nschte, sie h�tte weinen k�nnen, doch selbst dazu fehlte ihr die Kraft.</p><p>�Du hattest drei Kinder�, sagte der M�rder mit tonloser Stimme. �Eines von ihnen war�� anders. Es war gr��er�� und h�tte seine beiden Geschwister get�tet. Es ist schneller gewachsen. Als wir dich in deinem verborgenen Tal gefunden haben, habe ich seine Aura noch nicht sehen k�nnen. Es ist sehr schnell gewachsen. Der Dunkle sagt, du h�ttest es mit deinem Hass gen�hrt.�</p><p>Zorn wallte in ihr auf. �Das hei�t, ich bin schuld?�</p><p>�Dein Temperament beg�nstigte ohne Zweifel, was geschehen ist�, entgegnete Nodon hart. �Ich sehe, wie sich jetzt in diesem Augenblick deine Aura �ndert. Wie die Wut wieder in dir w�chst. Glaubst du, deine Kinder bleiben davon unber�hrt? Du sp�rst die beiden lebenden Kinder nicht�� vielleicht liegt es daran, wie er das dritte geholt hat��� Nodon stockte. �Vielleicht ist noch nicht alles verheilt. Manche Wunden bleiben lange taub. Aber sieh hin! �ffne dein Verborgenes Auge und sei nicht blind daf�r, wie deine Aura auf sie �bergreift und sie ver�ndert. Sei nicht blind f�r das, was du tust. Ich kann dir nicht erkl�ren, was mit deinen Kindern vor sich geht. Sie sind von besonderer Art. Ja, du hast eines verloren. Aber zwei leben noch! Denk an sie und vergiss das dritte!�</p><p>Es widerstrebte ihr zutiefst, von Nodon irgendwelche Befehle anzunehmen. Er hatte ihr nichts zu sagen, dieser Mordgehilfe! Allerdings hatte er recht damit, dass ein Blick durch das Verborgene Auge ihr zeigen w�rde, ob ihre verbliebenen Kinder noch lebten. Behutsam legte sie beide H�nde auf ihren Bauch. Sie sp�rte keine Bewegung. Kein Lebenszeichen. Aber hie� das wirklich, dass sie tot waren? Warum hatte sie sich lieber ihrer Verbitterung hingegeben, als selbst nachzusehen?</p><p>Nandalee schloss die Lider und �ffnete sich der magischen Welt. Sie waren da! Sie st�hnte vor Erleichterung. Aber�� Was Nodon behauptet hatte, stimmte. Mit der Gewissheit, dass zumindest zwei ihrer Kinder noch lebten, wich das Rot des Zorns aus ihrer Aura, aber es gl�hte in ihren Kindern noch nach. Das zu sehen schmerzte fast so sehr wie das, was ihr der Dunkle angetan hatte. Warum war sie blind daf�r gewesen? Oft hatte sie die Auren ihrer Kinder betrachtet. Das dritte hatte sie erst sp�t bemerkt. Seine Aura war schwach und unstet gewesen. Stets hatte sie sich Sorgen um dieses Kind gemacht. Erst hier im Kerker war es gewachsen und bald kr�ftiger als seine beiden Geschwister geworden. All das stimmte. Doch hatte es ihr keine Sorge bereitet. Im Gegenteil, sie war erleichtert gewesen, dass ihr Kind nicht mehr kr�nklich gewirkt hatte.</p><p>Nandalee drehte sich um und sah Nodon an. Seine schwarzen, obsidiangl�nzenden Augen wirkten leer. Sie kannte diesen Blick. So sah man aus, wenn man einen schweren Kampf gefochten hatte. Sie dachte daran, wie sie in ihrem J�hzorn auf ihn geschossen hatte. Er hatte das nicht verdient gehabt. Er war als Freund gekommen.</p><p>�Wie hat es ausgesehen, das Kind, das er geholt hat? War es ein M�dchen? War es sein Arm���</p><p>Nodon r�usperte sich leicht. �Ich habe es nicht gesehen. Ich habe dich festgehalten.�</p><p>Er war ein schlechter L�gner. �Hat es gelebt?�</p><p>�Ich sagte doch, ich hab es nicht gesehen!�</p><p>�Aber du hast es doch vielleicht geh�rt�, beharrte Nandalee. �Hast du es geh�rt?�</p><p>Der Schwertmeister nickte. �Ja. Es�� es hat geweint.�</p><p>Wieder hatte sie das Gef�hl, dass er sie anlog. �Also lebte es. Was ist mit ihm geschehen?�</p><p>�Er hat es weggetragen. Ich wei� nicht, was er mit deinem�� Kind getan hat.�</p><p>Was fiel ihm so schwer zu sagen? Was f�r ein Geheimnis verbarg er vor ihr? �Es ist jetzt also irgendwo und lebt.�</p><p>Nodon seufzte. �Es wurde viel zu fr�h geboren, Nandalee. Es wurde mit Gewalt aus deinem Leib gerissen, auch wenn keine sichtbare Wunde oder Narbe geblieben ist. Es kann nicht leben. Es war noch nicht so weit�� Es�� Du willst dieses Kind nicht sehen. Es ist tot und begraben.�</p><p>Sie sah ein, dass weitere Fragen zwecklos waren, so vehement, wie Nodon, der sonst eher ein gro�er Schweiger war, sich widersetzte. Doch wollte sie nicht aufgeben. Sie w�rde herausfinden, was mit dem Kind geschehen war. Um das erreichen zu k�nnen, musste sie sich aber anders verhalten. Nodon und vor allem der Dunkle mussten �berzeugt sein, dass ihr Widerstand gebrochen war, dass sie sich endlich f�gte.</p><p>�Wahrscheinlich ist es besser, dass ich es nicht gesehen habe�, sagte Nandalee leise. �Wo bin ich hier?�</p><p>�Dort, wo du hingeh�rst�, entgegnete der Schwertmeister feierlich. �In der Felsenburg der Drachenelfen, hoch �ber dem Jadegarten, bei deinen Br�dern und Schwestern. Es ist der beste Ort, um deine Kinder zur Welt zu bringen. Hier sind sie in Sicherheit. Und wenn sie w�rdig sind, werden sie dereinst in unsere Reihen aufgenommen werden.�</p><p>Das war das Letzte, was Nandalee wollte. Ihre Kinder sollten keine M�rder in Diensten der Himmelsschlangen werden! In einem aber hatte Nodon recht. Hier waren sie in Sicherheit. �berall anders in Albenmark w�rde der Goldene ihr nachstellen, um den Verrat, den Gonvalon an ihm begangen hatte, auch an dessen Kindern zu r�chen. Sie konnte gar nicht fort von hier.</p></section><section><title><p>Ohne Zweifel</p></title><p>Er hatte sie so lange nicht zu sich rufen lassen�� Lyvianne war sich zum ersten Mal ihrer Gef�hle gegen�ber dem Goldenen nicht sicher. In der Vergangenheit hatte sie sich oft f�r lange Zeit zur�ckgezogen. Jedes Mal, wenn sie ein Kind geboren hatte und es pr�fte. Manchmal war sie f�r Jahre nicht vor ihn getreten, aber das war anders gewesen. Er hatte sie ziehen lassen, und es hatte niemanden gegeben, der ihren Platz stahl. Doch dann hatte er zugelassen, dass Bidayn vor die Himmelsschlangen trat und �ber die Ereignisse auf Nangog berichtete. Ihre Sch�lerin!</p><p>Lyvianne schritt zwischen den kahlen, schwarzen B�umen der Lichtung entgegen. Sie konnte sp�ren, dass er dort wartete. Kalter Nebel umspielte ihre blo�en F��e. Sie trug ein schneewei�es Kleid von so zartem Stoff, als w�re es selbst aus Nebel gewoben. Sie war sch�n, Lyvianne hatte das hundertfach in den Blicken von M�nnern gelesen. Sie war machtvoll. <emphasis>Sie</emphasis> lebte nicht in der Haut einer Fremden, um sich vor ihren Narben zu verstecken. Was hatte Bidayn ihm bieten k�nnen? Worin vermochte sie diese undankbare kleine Schlampe nicht zu �bertreffen?</p><p>Sie trat auf die weite Lichtung hinaus. Der Goldene erwartete sie in Elfengestalt. Er hob l�chelnd die Hand zum Gru�, und Lyvianne ging das Herz auf. So sehr hatte sie vermisst, sich in seinem L�cheln zu sonnen. Sie war ihm ergeben, ganz und gar. Nicht mehr seine Favoritin zu sein verzehrte sie!</p><p>Sanftes Licht umspielte die Gestalt des verwandelten Drachen. Sein langes, blondes Haar bewegte sich sacht im Wind, der auch mit dem wei�en Seidenumhang spielte. Er trug einen wei�en, taillierten Leinenpanzer, der auf der Brust eine goldene Sonne zeigte. Ein Langschwert und ein pr�chtiger Dolch hingen von seinem Waffengurt. Rubinkn�ufe, in denen ein unstetes Licht gl�hte, schm�ckten die Schwerter. Sein L�cheln verbannte den Groll aus Lyviannes Herz. Jetzt, in diesem Augenblick, war er ganz bei ihr, das las sie in seinen Augen. Nichts anderes auf der Welt war mehr von Bedeutung f�r ihn.</p><p><emphasis>Euer �rger umf�ngt Euch wie eine h�ssliche, rostende R�stung, meine zauberhafte Lyvianne. Sie steht Euch schlecht zu Gesicht, diese Wehr. Was muss ich tun, um Euch dazu zu bringen, sie abzulegen?</emphasis></p><p>Seine Worte waren in ihr, tief in ihrem Kopf. Sie waren wie Seide, der Sand anhaftete. Weich, aber nicht zart. Nicht tief verletzend, aber keinesfalls schmeichelnd.</p><p>Lyvianne stand nun nur noch drei Schritt vom Goldenen entfernt. So oft war sie ihm begegnet, doch nie war es gewesen wie heute. Sie sp�rte durch die Freundlichkeit hindurch, dass sie seinen Groll erweckt hatte. Aber womit? Er war es doch, der sich von ihr abgewandt hatte! Er hatte geduldet, dass Bidayn vor dem Rat der Drachen von den Ereignissen auf Nangog berichtet hatte. W�re es wenigstens noch Nandalee gewesen�� Sie war die Anf�hrerin der Mission gewesen. Aber warum war Bidayn, die von allen am wenigsten zum Gelingen beigetragen hatte, die h�chste Ehre zuteilgeworden?</p><p><emphasis>Es ist Eifersucht, die Euch qu�lt? Horcht in Euch hinein! Findet Ihr wirklich nicht die Antwort, warum nicht Ihr vor den Himmelsschlangen willkommen wart?</emphasis></p><p>Lyvianne war verzweifelt. Sie wollte seine Gunst zur�ckgewinnen. Sie hatte unter seiner Missachtung mehr gelitten, als sie sich je h�tte vorstellen k�nnen. Und nein, sie wusste nicht, warum sie bestraft wurde.</p><p><emphasis>Die Dame Bidayn hat mich und meine Br�der in ihren Gedanken lesen lassen. Wir alle sahen, dass Ihr einen Feind geheilt habt, Lyvianne. Den Unsterblichen Aaron! Er war verletzt. Vielleicht h�tte er ohne Euch auf immer sein Augenlicht verloren.</emphasis></p><p>�Ganz gewiss h�tte er das nicht!�, brach es aus Lyvianne heraus. �Wie konntet Ihr nur denken, ich sei eine Verr�terin! Er steht unter dem Schutz des L�wenh�uptigen. Der Devanthar h�tte ihn ohnehin geheilt. Aber so hatte ich Gelegenheit, in seinen Gedanken und Erinnerungen zu lesen, und ich habe erstaunliche Dinge erfahren. Dieses Wissen k�nnte den Verlauf des Krieges ver�ndern. Es w�re wichtig gewesen, dass ich vor dem Rat berichte.�</p><p>Der Goldene l�chelte sie an, doch seine Augen blieben hart, und �berdeutlich sp�rte sie seine Missbilligung. <emphasis>Ihr meint das falsche Spiel, das die Devanthar mit ihren Herrschern treiben? Ich bitte Euch, meine Dame. Glaubtet Ihr wirklich, das sei uns �ber all die Jahrhunderte, die es nun schon w�hrt, verborgen geblieben? Wir wissen, was f�r ein Gaukelspiel die Devanthar mit ihren V�lkern treiben. Wissen, dass sie die Erinnerungen aller Unsterblichen hin und wieder auf einen j�ngeren Mann �bertragen, um dann den vorherigen Herrscher spurlos verschwinden zu lassen.</emphasis></p><p>Lyvianne war �berrascht. Sie versuchte gar nicht erst, es sich nicht anmerken zu lassen. Der Goldene konnte in ihren Gef�hlen wie in einem aufgeschlagenen Buch lesen. �Es gibt noch etwas, das ich in den Erinnerungen Aarons gefunden habe. Und das ist wom�glich noch wichtiger. Es geht um ein Erlebnis, das er hatte und das ihn noch heute manchmal in seinen Alptr�umen qu�lt.�</p><p>Nun war es der Goldene, der �berrascht war, als er in den gestohlenen Erinnerungen las und sah, was Aaron hinter einer hohen Mauer verborgen hatte. So �berrascht, dass er nicht weiter in Gedanken zu ihr sprach. �Habt Ihr irgendjemandem davon berichtet, meine Dame?�</p><p>�Selbstverst�ndlich nicht. Ich diene allein Euch, mein Gebieter. Mir war sofort klar, dass dieses Wissen zu bedeutend war, um es mit anderen zu teilen.� Ganz besonders mit dieser falschen Schlange Bidayn, dachte Lyvianne.</p><p>Als der Goldene sie an seinen Gef�hlen teilhaben lie�, waren diese so intensiv, dass es ihr den Atem abschn�rte und ihr die Brust eng wurde. Die Bitternis der verstrichenen Monde wurde hinweggebrannt. Es tat ihm leid, sie jetzt erst zu sich gerufen zu haben, ja, er empfand Respekt vor ihr. <emphasis>Es war �beraus klug, sich auf diesem Wege Zugang zu seinen Erinnerungen zu verschaffen, meine Sch�ne. Ich h�tte es wissen m�ssen, dass Ihr niemals unbedacht oder aufgrund sentimentaler Regungen handelt, verehrte Lyvianne. Ihr seid die Meisterin unter all meinen Dienerinnen. Verzeiht, dass ich mich von Bidayn habe blenden lassen.</emphasis></p><p>Jedes einzelne Wort war Balsam f�r ihre Seele. Zugleich aber f�hlte Lyvianne sich besch�mt, ihn dazu gedr�ngt zu haben, sich bei ihr zu entschuldigen. Er war ein Himmlischer! Er stand �ber Entschuldigungen, und ihn in eine solche Lage zu bringen war respektlos. Best�rzt �berlegte sie, wie sie diesen unverzeihlichen Fehler wiedergutmachen konnte. Sie vermochte ihm nicht l�nger in seine bernsteinfarbenen Augen zu sehen. Besch�mt senkte sie den Blick.</p><p>�Es ist alles gut.� Seine warme, m�nnliche Stimme lie� sie erschauern. Er legte ihr eine Hand auf die Schulter und hob mit der anderen ihr Kinn, sodass sie nicht anders konnte, als ihm ins Angesicht zu blicken. In dieses stolze, herrschaftliche Antlitz mit den edel geschwungenen Lippen. Jenen Lippen, die sie, w�hrend er sie t�towiert hatte, so leidenschaftlich liebkost hatten.</p><p>�Auch mir mag es geschehen, dass ich eine Lage falsch einsch�tze. Ich bitte darum, dass Ihr mich auch in Zukunft darauf hinweist, wenn ich Bedeutendes �bersehe.� Er l�chelte warmherzig. �Und wartet�� falls es noch einmal geschieht�� bitte nicht wieder viele Monde, bis Ihr vor mich tretet, um mich auf meinen Irrtum hinzuweisen. Wir kennen einander nun schon so lange, Dame Lyvianne. Ihr solltet wissen, wie sehr ich Euer Urteil sch�tze und dass sich niemals jemand zwischen uns dr�ngen kann.�</p><p>Lyvianne wusste, dass sein ganzes Wesen von Magie durchdrungen war. Einer Magie, die selbst das Licht, das ihn umfing, dazu brachte, heller zu leuchten, und die die Luft mit Wohlger�chen erf�llte, wo immer er weilte. Es war Zauberwerk, wenn allein ein freundlicher Blick von ihm gen�gte, einem das Herz aufgehen zu lassen. All das wusste die Elfe, aber sie wollte sein L�cheln und seine freundlichen Worte nicht hinterfragen. Es stimmte, sie war ganz und gar die Seine. Sie hatte sich entschieden, sich f�r ihn in St�cke schneiden zu lassen, wenn es darauf ank�me, als er sie als eine seiner Drachenelfen ausw�hlte. Nie w�rde sie vergessen, welch unb�ndiger Stolz sie erf�llt hatte, als der Goldene sie in der Wei�en Halle zur Seinen gemacht hatte. So wie damals, so f�hlte sie noch jetzt. Und sie war ihm dankbar, dass sein L�cheln und seine Worte alle Zweifel aus ihrem Herzen gebrannt hatten.</p><p>�Ich werde Euch nun um etwas bitten m�ssen, meine Dame, was Euch in h�chste Gefahr bringen wird. Eine Tat, deren Ruhm niemals auf Euch abstrahlen wird, denn niemals darf offenbar werden, dass wir es waren, die den k�hnen Schritt wagten, sich gegen meine Br�der und die Devanthar zugleich zu stellen. Geht an den Ort, den Ihr in den Erinnerungen des Unsterblichen Aaron gesehen habt. Und wenn Ihr dort findet, was wir dort vermuten, dann bringt es mir. Ihr werdet das Schicksal dreier Welten in Eure H�nde nehmen, meine Dame. Und es gibt niemanden, den ich mit mehr Zuversicht auf diese schier aussichtslose Mission schicken w�rde als Euch, meine unbeugsame Lyvianne. Ihr seid die Einzige, die es schaffen kann.�</p><p>Lyvianne war�� gegen alle Vernunft�� �berw�ltigt. Es war ein Todeskommando. Und sie freute sich darauf, f�r ihre Himmelsschlange das Unm�gliche zu wagen.</p></section><section><title><p>Ein hei�er Tag</p></title><p>Die Hitze verwandelte den Horizont in Schlieren von fl�ssigem Glas. Zumindest sah es so aus. Die Luft tanzte in der unbarmherzigen Sonne. Lyviannes Streitwagen zog eine Staubfahne hinter sich her, die in der von flachen H�geln durchsetzten Ebene auf viele Meilen zu sehen sein musste. Sie war vom Weg abgewichen, denn bevor sie sich der t�dlichen Gefahr des Geheimnisses stellte, das sie aus Aarons Erinnerungen gestohlen hatte, wollte sie sich den Ort ansehen, der den Herrscher Arams verwundbar machte.</p><p>Sie hatte den Goldenen nicht um Erlaubnis gefragt. Jetzt, da sie seinem Zauberbann entwichen war, sah sie die Begegnung mit ihm in einem anderen Licht. War es wirklich Vertrauen gewesen, das ihn dazu bewogen hatte, sie hierherzuschicken, weil ihr das Unm�gliche gelingen mochte? Oder hatte er sie ausgesandt, um zu sterben? Es w�re nicht das erste Mal, dass er seine Drachenelfen wie Pfeile einsetzte, die man abschoss und verga�. Wenn sie ihr Ziel fanden und t�teten, hatten sie ihre Aufgabe erf�llt. So war es Talinwyn ergangen, der Sch�lerin Gonvalons, die gleich auf ihrer ersten Mission umgekommen war, nachdem sie den Unsterblichen Aaron von seinem Wolkenschiff gesto�en und daf�r gesorgt hatte, dass heimlich ein Bauer zum Herrscher �ber eines der sieben Gro�reiche wurde. Lyvianne hatte die Elfe in den Erinnerungen Aarons gesehen. Und in ihren Augen gelesen�� Talinwyn hatte gewusst, dass sie sterben w�rde. Aber wenigstens hatte sie ihre eigene R�stung getragen, als sie in ihren letzten Kampf gegangen war.</p><p>Lyvianne hasste die R�stung, die sie tragen musste, noch mehr als die M�nnergestalt, die sie angenommen hatte. Es war eine plumpe Tonne, nur eine schmucklose Brustplatte zusammen mit einem R�ckenpanzer, der �ber ihre Schulterbl�tter scheuerte. Daran waren drei breite Metallstreifen geheftet, die sich wie quergelegte Fassdauben um ihre Taille, den Schritt und die obere H�lfte der Oberschenkel schlossen. Um ihren Hals war eine Berge gelegt, die bis zu ihrer Nasenspitze reichte. Und auf ihrem Kopf sa� ein Eberzahnhelm mit einem langen Pferdeschweif, der von dessen Spitze wippte. Eberz�hne! Diese Barbaren sch�tzten sie als besonders hart. Man musste schon ein Menschenkind sein, um sich solcher Torheit zu verschreiben. Sie spalteten die Z�hne, bohrten L�cher hinein und n�hten sie dicht an dicht auf den Helm. Von innen war ihr Helm mit Filz gef�ttert, der sich in der Hitze mit ihrem Schwei� vollgesogen hatte, sodass er auf ihrer Stirn scheuerte. Ebenso wie seine Lederriemen ihre stoppeligen Wangen wundrieben.</p><p>Das mit Abstand �belste Ungemach, das ihr ihre Verwandlung beschert hatte, war jedoch ihr juckender Bart. Wie hielten M�nner es nur aus, dieses Gestr�pp im Gesicht zu tragen? Unbegreiflich!</p><p>Die Elfe strich sich Schwei� von der Stirn. In der R�stung kochte sie in dieser Hitze. Staub haftete auf der Bronze, ihren H�nden und in ihrem Haar. Staub war ihre Standarte, die weit hinter ihrem Streitwagen herwehte. F�nf Tage schon fuhr sie durch das karge Land. Sie gab sich als Krieger aus, der aus Nangog heimkehrte, um seinem sterbenden Vater die letzte Ehre zu erweisen. Eine gute Geschichte, denn so sah man ihr nach, wenn sie finster blickte und es vorzog zu schweigen.</p><p>Endlich erhoben sich die Wipfel von Dattelpalmen aus den Schlieren geschmolzenen Himmels, die �ber das gl�hende Land flossen. Es war schwer, in der tanzenden Luft Entfernungen zu sch�tzen. Eine Meile oder doch noch zwei? Lyvianne dachte sehns�chtig an das schattige Brunnenhaus, das es dort geben musste. Ein einziges Wort der Macht w�rde gen�gen, um einen Kokon aus angenehm k�hler Luft um sich zu weben. Auch diese Welt war durchdrungen vom magischen Netz. Doch wenn sie danach griff, w�rde sie sich verraten. Keine Stunde w�rde vergehen, bis die Devanthar sie aufsp�ren w�rden. Sie waren die Spinnen in diesem Netz, und nur einen einzigen Faden vibrieren zu lassen rief sie herbei. Also schwitzte sie und ertrug es, wie diese verfluchte R�stung ihren K�rper wundscheuerte.</p><p>Alles, was sie an sich trug, war tats�chlich von Menschenkindern geschaffen. Kriegsbeute aus Nangog. Und den Streitwagen hatte sie mit gehacktem Silber gekauft, wie es diese Barbaren gerne verwendeten. Allein das Gewicht des Silbers z�hlte. Es war in kleine Barren gegossen, von denen sie St�cke abhackten, wenn das Gewicht den angemessenen Preis �bertraf. Lyvianne wusste, dass sie f�r den Streitwagen zu viel gezahlt hatte. Aber er war brauchbar nach den Ma�st�ben, die f�r Menschenkinder galten. Seine Achse und die R�der waren stark. Der Boden aus geflochtenem Leder federte bei jedem Schlagloch, durch das sie fuhr. Der Wagen war leicht und schnell. Er erlaubte ihr, z�gig voranzukommen. Und die beiden Roten, die ihn zogen, waren kr�ftig und ausdauernd. Dutzende verdreckte Messingamulette klirrten an ihrem Geschirr. Zerzauste Schwanenfedern flatterten in ihren M�hnen. So reiste ein Kriegerf�rst in dieser Welt.</p><p>Lyvianne tastete nach dem Schwert, das zu ihrer Rechten neben dem K�cher mit den kurzen Wurfspeeren an die Seitenwand des Wagens geschnallt war.</p><p>�Kriegsherr!�, erklang eine helle Stimme. Ein kleiner Junge sprang �ber die Mauer aus Bruchsteinen, die den Weg s�umte. �Bitte, Herr, rettet mich!� Er strengte sich an, um den Streitwagen einzuholen, doch es war offensichtlich, dass er bald zur�ckfallen musste. Mit seinen kurzen Beinen w�rde er mit ihren Pferden, auch wenn sie erm�det waren, nicht Schritt halten k�nnen.</p><p>Lyvianne zog an den Z�geln, streckte dem Jungen die Hand entgegen und zog ihn zu sich auf den Streitwagen. �Halt dich gut fest�, sagte sie streng und verabscheute zugleich die dunkle, raue Stimme, die sie nun hatte. �Wer verfolgt dich?�</p><p>�Daimonen!�, stie� der Junge keuchend hervor.</p><p>�Daimonen?� Erschrocken blickte Lyvianne �ber die Schulter. Waren andere Albenkinder hier?</p><p>Eine Schar von Jungen und M�dchen kam �ber die Mauer gesprungen. Alle waren sie mit St�cken und Lehmklumpen bewaffnet. Schreiend liefen sie hinter dem Streitwagen her.</p><p>�Du hast nicht viele Freunde, wie mir scheint.�</p><p>�Das liegt daran, dass mein Vater ein Held ist und der Freund des Unsterblichen Aaron war.�</p><p>Lyvianne sah den Knaben scharf an. Sie hatte sich unwissend den Erinnerungen von mehr als einem Dutzend Herrschern ge�ffnet, als sie Aaron geheilt hatte. Tausende von Gesichtern waren auf sie niedergeprasselt wie Regentropfen, wenn man in einem Sturm sein Gesicht dem Himmel entgegenstreckte. Da war ein Kind gewesen, das von Bedeutung war. Aber sie konnte sein Antlitz nicht mehr vor ihrem geistigen Auge heraufbeschw�ren.</p><p>�Wie hei�t du, Junge?�</p><p>�Daron, Sohn des Narek von Belbek.�</p><p>Narek von Belbek. Das war ein Name, an den sie sich erinnerte und mit dem sie ein Gesicht verband, das dem des Jungen vor ihr �hnlich sah. Etwas zu voll, mit kurzem Kraushaar. Ein pummeliges Kind. Nicht fett, aber nicht so gertenschlank wie seine Kameraden Artax und Ashot. Sie waren durch diese Felder gestreift, hatten in dem Palmenhain, der nun ganz deutlich zu sehen war, Datteln gestohlen. Hier hatte der Unsterbliche seine Kindheit verbracht.</p><p>Der Streitwagen erreichte eine flache H�gelkuppe. Eine halbe Meile entfernt lag ein staubfarbenes Dorf aus flachen Lehmh�tten. Felder, auf denen Gerste und Hafer wuchs, duckten sich unter der Hitze des Mittags. Dazwischen ein Netz ausgetrockneter Kan�le, deren lehmiger Grund zu Schollen zersplittert war, deren R�nder sich dem Himmel entgegenw�lbten, als flehten sie um einen Regenguss.</p><p>Daron umklammerte ihre Taille, statt sich an der Seitenwand des Streitwagens festzuhalten. Seine Gestalt hatte etwas Weiches, Weibisches, aber zugleich war er offensichtlich bereit, sich mit der ganzen Dorfjugend anzulegen, wenn es um seinen Vater ging. War das Mut oder Dummheit?</p><p>Auf den Feldern rings um das Dorf zeigte sich kein Mensch. Alle waren vor der Hitze geflohen. Auch auf der breiten Stra�e, die das Dorf zerteilte, war niemand zu sehen. Auf einem Platz, etwa in der Mitte dieser Ansammlung armseliger H�tten, erhob sich eine m�chtige Zeder, in deren Schatten das Brunnenhaus stand. Lyvianne sp�rte, wie sie aus den dunklen Fenstern der H�user beobachtet wurde, als sie in das Dorf einfuhr. An der Zeder angelangt, hielt sie und sah sich herausfordernd um. Daron lief zum steinernen Wassertrog und sch�pfte gierig mit der Hand daraus. Dann spritzte er sich Wasser ins Gesicht und in die Haare. Als er damit fertig war, sch�ttelte er sich wie ein nasser Hund und sah sie l�chelnd an. �Das hat gutgetan! Willkommen in Belbek, Kriegerf�rst.�</p><p>�Ich bin nur Krieger, kein F�rst�, entgegnete Lyvianne. �Du musst mir etwas von diesem Ort und deinem Vater erz�hlen. Vielleicht erinnere ich mich an ihn, wenn ich mehr �ber Narek wei�.� Sie sah die Hoffnung, die ihre L�ge in dem Jungen geweckt hatte. Er nickte eifrig. �Mein Vater hat auf der Hochebene von Kush gek�mpft, zusammen mit seinem Freund Ashot, der nun einer der wichtigsten Berater des Unsterblichen ist.�</p><p>Lyvianne l�ste das Sichelschwert aus der Lederschlaufe am Streitwagen und lehnte es an die Tr�nke. Die Waffe war schwer und schlecht ausbalanciert. Obwohl der Goldene selbst sie erschaffen hatte, fehlte es ihr an Vollkommenheit, denn die Himmelsschlange hatte eines jener wuchtigen Schwerter kopiert, die von den st�rksten Kriegern Arams und Luwiens genutzt wurden. Die Waffe hatte einen mehr als vier Hand langen, lederumwickelten Griff. Nur zwei Drittel der Waffe machte die Klinge aus. Die H�lfte der Klinge war gerade wie bei einem gew�hnlichen Schwert und m�ndete in den Griff. Das letzte Drittel der Waffe formte einen fast vollkommenen Halbkreis. Es erinnerte an eine Handsichel, nur dass hier nicht die Innenseite geschliffen war, sondern die Au�enseite des Halbkreises. Ein Muster, das an Federn erinnerte, war in diesen oberen Teil der Klinge ziseliert. Der Stahl war fleckig und t�uschte das minderwertige Eisen vor, das die Menschenkinder f�r ihre Waffen nutzten.</p><p>Lyvianne war zugegen gewesen, als der Goldene die Waffe schmiedete. Sein Drachenodem hatte das Metall durchdrungen, und drei Tropfen seines Blutes waren in dem Wasser gewesen, in dem er den Stahl gek�hlt hatte. Es war ein Zauber an die Klinge gebunden, der die Wunden, die sie schlug, umso t�dlicher werden lie�, je machtvoller der Gegner war, gegen den sie zum Einsatz kam.</p><p>Lyvianne musterte Daron k�hl. Sein Tod w�rde den Unsterblichen aufw�hlen, aber kl�ger w�re es, den Kleinen verschwinden zu lassen. Ohne Leiche hielt sich immer noch ein Funken Hoffnung. Ganz sicher w�rde Aaron hierherkommen und die Suche nach dem Sohn seines Freundes pers�nlich anf�hren. Wenn die Zeit der Schlachten auf Nangog kam, w�re dies eine gute M�glichkeit, den Aufmarsch der Truppen Arams zu st�ren. Und es w�re schlecht f�r die Moral der Krieger, wenn ihr Anf�hrer in der Heimat war, w�hrend sie in einer fremden Welt f�r ihn bluteten.</p><p>Lyvianne strich Daron durch sein struppiges Haar. �Ich bin sicher, eines Tages wirst du die ganze Aufmerksamkeit des Unsterblichen genie�en. Du bist etwas Besonderes.� Sobald der Krieg begonnen hatte, w�rde sie zur�ckkehren und ihn sich holen, entschied die Elfe.</p><p>Die anderen Kinder hatten inzwischen die Dorfstra�e erreicht. Sie kamen gerade z�gerlich n�her, als Rufe aus den H�usern erklangen. M�tter winkten sie durch hastig aufgerissene T�ren. Was machte die Dorfbewohner so unruhig? Stimmte etwas nicht mit ihrer Maskerade? Lyvianne war auf ihrer Reise einigen Kriegern begegnet. Sie hatten ganz �hnlich ausgesehen.</p><p>�Du wolltest mir mehr �ber deinen Vater erz�hlen�, sagte sie und wandte sich wieder Daron zu. Er schien der Einzige hier zu sein, der sie nicht f�rchtete. Er mochte weich aussehen und ein unvollkommenes Menschenkind sein, aber er hatte das Herz eines L�wen. Sie lehnte ihr Schwert an die Tr�nke und trat dann zu den Pferden.</p><p>�Mein Vater hat in der Schlacht auf der Hochebene von Kush R�cken an R�cken mit dem Unsterblichen Aaron gek�mpft. Als die Elev Wanten der Luwier die Schlachtlinie durchbrochen haben, hat er sich die goldene L�wenstandarte gegriffen und sie gegen die Feinde verteidigt.�</p><p>�Elev Wanten?�, wiederholte sie skeptisch, w�hrend sie die Pferde ausspannte und zur Tr�nke f�hrte.</p><p>�Hier zu Lande kennen nur die weisesten der Weisen diese schrecklichen Tiere.� Man merkte Daron an, dass er diese Geschichte schon oft erz�hlt hatte. Voller Stolz und in leicht �berheblichem Ton fuhr er fort. �Es sind Ungeheuer, so gro� wie ein Haus, die ihren Schwanz im Gesicht tragen. Sie besitzen nur zwei Z�hne, aber die wachsen ihnen so lang wie Speere aus dem Maul heraus. Und wenn sie angreifen, dann packen sie die Ungl�cklichen, die sich ihnen in den Weg stellen, mit ihrem Schwanz, heben sie hoch und spie�en sie auf ihren langen Z�hnen auf. Manchmal tragen sie drei oder vier Tote auf ihren Z�hnen, aber dann wird ihnen der Kopf so schwer, dass sie nicht mehr weitergehen k�nnen.�</p><p>W�hrend die Pferde tranken, sah Lyvianne den Jungen durchdringend an. Daron redete immer noch. Von der L�wenstandarte und den Ungeheuern mit dem Schwanz im Gesicht. Er glaubte diese Geschichten tats�chlich! Pl�tzlich unterbrach er sich und sah sie an. �Hast du dort auch gek�mpft?�</p><p>�Es war ein blutiger Tag�, sagte sie nur. Sie kannte die Bilder aus Aarons Gedanken. Die Elefanten, die durch das trockene Flussbett gest�rmt waren, und das Gemetzel, das die wenigen Dickh�uter angerichtet hatten, die durchgekommen waren.</p><p>Eine Bewegung vor ihr auf der Stra�e lie� sie aufblicken. Ein hagerer, hellbrauner Hund war erschienen. Neugierig hob er den Kopf und sah zu ihnen her. Dann schien er etwas geh�rt zu haben. Er blickte zum Tor in einer nahen Mauer und machte sich eilends davon.</p><p>Lyvianne stellte sich etwas n�her an die Tr�nke, sodass sie leicht nach dem Schwert greifen k�nnte.</p><p>F�nf M�nner traten durch das Tor auf die Stra�e. Sie trugen Dreschflegel und sahen so aus, als k�nnten sie damit umgehen. Lyvianne konnte sie riechen, obwohl sie noch etwa zwanzig Schritt entfernt waren. Sie stanken nach Schwei� und zu lange getragenen Kleidern, was in Einklang mit den speckigen Tuniken stand, die sie trugen. Mit Ausnahme ihres Anf�hrers waren es gedrungene, bullige Kerle mit kurzen, speckigen H�lsen. Jener hingegen war schlanker und trug einen halbwegs gestutzten, spitzen Bart, der sein Gesicht noch l�nger erscheinen lie�, als es ohnehin schon war. Erstes Grau umfing seine Schl�fen. Er trug eine himmelblaue Tunika mit breitem, rot besticktem Saum, und im Gegensatz zu seinen Handlangern steckten seine F��e in Sandalen.</p><p>�Das ist Sinas Vater�, fl�sterte Daron, als w�re damit alles gesagt. �Er glaubt, er kann hier allen sagen, wo es langgeht, nur weil er der reichste Bauer Belbeks ist.�</p><p>Die kleine Abordnung blieb etwa zehn Schritt vom Brunnenhaus entfernt stehen. �Wer bist du? Und was willst du hier?�, rief Sinas Vater ihr entgegen.</p><p>Lyvianne griff nach ihrem Schwert, legte es l�ssig �ber die Schulter und trat auf den sonnendurchgl�hten Platz. Der Geruch der Angst mischte sich unter den Gestank des Bauernp�bels. Die Dummk�pfe standen so, dass sie die Sonne blenden w�rde, wenn es zu einem Streit k�me.</p><p>Lyvianne l�ste mit der Linken den Kinnriemen ihres Helms. Dann packte sie ihn beim Rosshaarschweif und zog ihn sich vom Kopf. Der Goldene hatte ihr ein hartes, kantiges Gesicht f�r diesen Ausflug gegeben. Ein Gesicht, gezeichnet von Schlachten, der unbarmherzigen Sonne und der offensichtlichen Abwesenheit jeglicher Herzensg�te. �Wer bist du, mich auf offener Stra�e anzuschreien? Ist das die Gastfreundschaft von Belbek? Da bin ich auf manchem Schlachtfeld freundlicher empfangen worden. Oder ist das hier etwa ein Schlachtfeld?� Sie genoss es zu sehen, wie jegliche Farbe aus dem Antlitz des Anf�hrers wich. Eigentlich sollten solche Spielchen unter ihrer W�rde sein, aber es war zu hei�, sie hatte zu lange auf dem Streitwagen gestanden und sie versp�rte Lust darauf, dieses unhandliche Schwert in Fleisch zu versenken.</p><p>�Ich hei�e Behruz�, entgegnete der Anf�hrer des Trupps und schaffte es, weder ver�rgert noch �ngstlich zu klingen. �Die letzten Krieger, die in dieses Dorf kamen, brachten einen Toten. M�nner in R�stungen verhei�en nichts Gutes. Was also f�hrt dich hierher?�</p><p>�Mein Durst.�</p><p>�Deine R�stung. Solche R�stungen tragen die Krieger Luwiens.�</p><p>Lyvianne l�chelte k�hl. �Seit wir sie auf der Hochebene von Kush von ihren Streitwagen gezerrt haben, kann man sie auch h�ufig in Aram sehen.�</p><p>Einer der Bauern in Behruz� Gefolge lachte.</p><p>�Wir haben hier keine Schenke und keine liederlichen Weiber. Ich f�rchte, Belbek hat wenig Abwechslung zu bieten.�</p><p>�Willst du mich beleidigen, Bauer?�</p><p>�Ich m�chte dich nur vor Entt�uschungen bewahren. All diese Dinge wirst du bei der Mine Um El-Amat finden. Du k�nntest sie noch vor Einbruch der Nacht erreichen. Deine Pferde sehen stark aus���</p><p>Lyvianne war erneut versucht, �l ins Feuer zu sch�tten. Warum war sie so auf Streit aus? Lag es wirklich an der Hitze oder daran, dass sie Angst vor dem hatte, was sie am n�chsten Tag erwartete. �Bring mir Brot und K�se. Lasst mich im Schatten des Brunnenhauses ruhen. Ich bin keine Gefahr f�r euer Dorf. Ich bin nur ein durchreisender, m�der Krieger, der an das Sterbebett seines Vaters gerufen wurde.�</p><p>Behruz strich sich nachdenklich �ber den Bart, dann straffte er seine Schultern. �Ihr seid selbstverst�ndlich mein Gast. Bitte entschuldigt unser Misstrauen. Dieses Dorf liegt am Ende der Welt. Es kommen nur sehr selten Fremde hierher.� Bei diesen Worten wirkte er verlegen. �Wir haben wohl keine guten Umgangsformen���</p><p>�Ich esse beim Brunnen�, entschied Lyvianne. Ein Festmahl bei dem Bauern w�rde alles nur verz�gern. Sie wollte schnell fort von hier. Das Dorf zu besuchen war nur eine Ausflucht, um das Unausweichliche hinauszuschieben. Eigentlich hatte sie damit gerechnet, dass der Goldene ihr das Kommando �ber eine ganze Gruppe von Drachenelfen geben w�rde. Sie allein zu schicken war der Bedeutung ihrer Entdeckung nicht angemessen. Es sei denn, er wollte, dass sie umkam.</p><p>�Wie Ihr w�nscht, Herr. Ich werde Euch sogleich die besten Speisen bringen lassen, die unser Dorf zu bieten hat. Es gibt einen ausgezeichneten Ziegenk�se, und wir haben auch���</p><p>�Macht Euch keine Umst�nde�, entgegnete sie knapp und wandte sich ab. Die Unterhaltung war ihr l�stig. Sie wollte zur�ck in den Schatten.</p><p>�Komm her, Daron, und bel�stige unseren Gast nicht.� Behruz� Stimme �berschlug sich, als er den Jungen zu sich befahl. Lyvianne hatte ganz den Eindruck, dass Daron �rger bekommen w�rde, weil sie mit ihm beim Brunnen zu stehen einem <emphasis>Festmahl</emphasis> mit diesem Dorfk�nig vorgezogen hatte.</p><p>�Daron hat mir erz�hlt, dass sein Vater ein Freund des Unsterblichen Aaron war���</p><p>�Der Kleine ist ein Aufschneider�, entgegnete Behruz abf�llig. �Vergeudet nicht Eure Zeit mit ihm, Herr. Und du kommst jetzt her, Daron. Deiner Mutter wird es nicht gefallen, wenn du Fremde bel�stigst. Du solltest dich besser um sie k�mmern, statt dich den ganzen Tag herumzutreiben!�</p><p>Daron kam aus dem Brunnenhaus. Er hielt den Kopf gesenkt. �Sie merkt nicht mal mehr, ob ich da bin oder nicht�, murmelte er mit halb erstickter Stimme.</p><p>�Was hat deine Mutter?�</p><p>�Das Sommerfieber�, antwortete Behruz an Stelle von Daron.</p><p>�Und wer pflegt sie?�</p><p>Der reiche Bauer zuckte mit den Schultern. �Da kann man nicht viel machen. Sie bekommt kalte Wickel. Die H�lfte der Weiber stirbt daran. Manche werden auch nur wahnsinnig, sodass man sie an die Kette legen muss. Sie war eine dumme Kuh, und die G�tter strafen sie. Zweimal hat der Unsterbliche ihr Geschenke geschickt. Sie h�tte die reichste Frau im Dorf werden k�nnen, aber sie hat alles abgelehnt und zur�ckgeschickt. Und nun liegt sie allein mit ihrem Fieber in einem dreckigen Bett. Das ist der Lohn f�r Hochmut. Sie ist���</p><p>Lyviannes m�chtige Klinge schwang herum und trennte die Hand ab, mit der Behruz seinen Dreschflegel gehalten hatte. �Ihr sprecht von der Frau eines Freundes des Unsterblichen.�</p><p>Behruz starrte fassungslos auf seinen blutenden Armstumpf. Keiner der anderen M�nner bedrohte Lyvianne oder sagte auch nur ein Wort. Im Gegenteil, sie wichen vor ihr zur�ck, sodass ihr Anf�hrer nun ganz allein stand.</p><p>�Merkt Euch meine Worte gut, Bauer. Die H�lfte der M�nner, die meinen Zorn erregen, stirbt sofort. Ihr habt heute also Euren Gl�ckstag, auch wenn es Euch im Augenblick nicht so erscheinen mag. Sobald ich meine Angelegenheiten erledigt habe, werde ich wiederkommen. Ist Darons Mutter dann tot, endet auch Euer Gl�ck. Ihr m�gt der reichste Bauer des Dorfes sein, doch Ihr werdet feststellen, dass das nicht gen�gt, um Euch vor meinem Zorn zu sch�tzen. Und seid froh, dass weder Aaron noch Ashot hier sind. Sie sind weit weniger langm�tig als ich.� Sie legte Daron die Hand auf die Schulter. Der Junge zuckte unter ihrer Ber�hrung zusammen. Er starrte unverwandt auf den Armstumpf, den Behruz gegen seine Brust dr�ckte. �Dies ist die Gerechtigkeit der Krieger, Daron. Sie bedarf nicht vieler Worte. Sie ist schnell und blutig. �berlege dir gut, ob du den Weg des Schwertes gehen willst. Er wird dich so machen, wie ich bin.�</p><p>Lyvianne ging auf einen der Bauern zu, der augenblicklich seinen Dreschflegel fallen lie�. �Tut mir nichts, ich bin nicht freiwillig hier!�</p><p>Sie griff nach dem d�nnen Lederriemen, den er als G�rtel um die Taille trug, und �ffnete ihn. Dann wandte sie sich an Behruz. �Euren Arm!�</p><p>Blut spritzte in pumpenden St��en aus dem Stumpf. Sie schlang ihm den Riemen um den Unterarm und drehte ihn zu, bis die Blutung gestillt war. �Ich empfehle Euch, Daron zu behandeln, als w�re er Euer Erstgeborener. Das Auge des Unsterblichen liegt auf dem Jungen. Ihr k�nnt Euch nicht vorstellen, was geschehen wird, wenn er erf�hrt, dass Daron schlecht behandelt wurde. Und nun schert Euch davon. Ein Sandkorn im Auge ist angenehmer als Euer Anblick.�</p><p>Behruz starrte sie voller Hass an. Er zog sich zur�ck, w�hrend einer seiner M�nner die abgehackte Hand aufhob, als w�re sie noch zu irgendetwas zu gebrauchen.</p><p>�Geh zu deiner Mutter, Daron. In dieser einen Sache hatte er recht. Du solltest an ihrer Seite sein. Sie wird es sp�ren. Es wird ihr Kraft geben. Ein richtiger Mann zu sein hei�t, f�r die Schwachen einzustehen. Du willst doch ein Mann sein, oder?�</p><p>�Sicher!� Daron war offensichtlich erleichtert, einen guten Grund zu haben davonzulaufen. Er nahm die Beine in die Hand und verschwand in eine der staubigen Gassen. Nur der hagere Hund war noch da. Als Lyvianne zum Brunnenhaus zur�ckging, kam er, um gierig das Blut aus dem Staub zu lecken.</p><p>Vielleicht h�tte sie sich m��igen sollen, dachte sie, aber so konnte sie sicher sein, dass Daron und seine Mutter �berleben w�rden. Die beiden mochten eines Tages wichtig werden. Sie w�ren hervorragend geeignet, den Unsterblichen Aaron zu erpressen. Wenn die Zeit gekommen war, w�rde sie zur�ckkehren.</p><p>Lyvianne f�llte ihren Wasserschlauch und schirrte die Pferde an. Dann verlie� sie das Dorf, das sie in Angst versetzt hatte, um jenen Ort aufzusuchen, der ihr Angst machte.</p></section><section><title><p>Sie waren hier!</p></title><p>Eine m�chtige Mauer versperrte den Zugang zum Verbotenen Tal. In den Erinnerungen, die sie Aaron gestohlen hatte, hatte es keine Mauer gegeben. Nur Angst�� Und diese Angst empfand nun auch Lyvianne. In dem Tal lauerte B�ses.</p><p>Sie war fast eine Meile von der Mauer entfernt, aber sie konnte die d�stere Aura dieses Ortes dennoch sp�ren. Anderthalb Tage hatte sie von Belbek bis hierher gebraucht. Im letzten Abendrot, das unter blutroten Wolken �ber den Bergen vergl�hte, hatte sie den Streitwagen hinter einem Felsvorsprung verborgen und die Pferde an einer abgestorbenen Kiefer so angebunden, dass sie reichlich Raum hatten, sich zu bewegen und zu grasen. Auch die Tiere waren nerv�s. Sie stampften mit den Hufen und peitschten mit ihren Schweifen.</p><p>Lyvianne hielt sich im Schatten der Felsen und n�herte sich vorsichtig der Mauer. Sie wirkte neu. Wei� verputzt, blieb sie selbst im Zwielicht der beginnenden Nacht deutlich zu sehen. Mehr als zehn Schritt erhob sie sich. Drei m�chtige Wehrt�rme verst�rkten die Mauer. Auf der ihr zugewandten Seite gab es Stallungen und ein gro�es, befestigtes Haus. Bei jeder anderen Befestigung h�tten diese Geb�ude auf der anderen Seite der Mauer gelegen, wo sie durch die Felsw�nde des Tals gesch�tzt gewesen w�ren. Doch diese Festung war dazu errichtet worden, das, was sich hinter den Mauern verbarg, gefangen zu halten. Zudem sollte niemand, ob mit Absicht oder aus Versehen, das Verbotene Tal betreten.</p><p>Es brannte kein Feuer auf dem Wehrgang oder in den T�rmen. Kein einziges Licht zeigte sich im Wohnhaus. War die Festung verlassen?</p><p>Lyvianne blieb weiterhin in Deckung und n�herte sich vorsichtig. S��licher Verwesungsgeruch hing in der Luft. Im Sand sah sie eine Fuchsf�hrte, die zum Tor in der Mauer f�hrte. Sie entschied, auf ihre Tarnung zu vertrauen. Sie war immer noch als Krieger ger�stet und k�nnte sich als Bote des Unsterblichen ausgeben. Aber sie hatte den Verdacht, dass das nicht n�tig sein w�rde.</p><p>Lyvianne trat aus den Schatten. Hinter ihr schob sich der Mond �ber den Horizont. Sein silbernes Licht spiegelte sich auf den breiten Eisenbeschl�gen des m�chtigen Tors in der Mauer. Es stand einen Spalt offen.</p><p>Kein Wachposten rief sie an, als sie n�her kam. Sie kreuzte immer mehr F�hrten, je geringer der Abstand zur Festungsmauer wurde. Neben dem Fuchs waren auch Wildhunde hier gewesen. Vielleicht auch W�lfe. Die Spuren f�hrten zum dunklen Haus, zu den St�llen und den T�ren der T�rme. Keine einzige zum Tor.</p><p>Der Geruch des Todes wurde st�rker. Und mit ihm wuchs das beklemmende Gef�hl, an einem Ort zu sein, der nicht f�r Sterbliche geschaffen war. Auch nicht f�r Albenkinder! Was f�r M�nner mochten das gewesen sein, die inmitten der Einsamkeit auf dieser Mauer Wacht gehalten hatten? Was hatte sie hier gehalten?</p><p>Ein scharrendes Ger�usch lie� Lyvianne innehalten. Sie zog ihr Sichelschwert. Vorsichtig drehte sie sich zu der langen Baracke um, in der die St�lle untergebracht waren. In der T�r bewegte sich etwas, umwoben von Schatten.</p><p>Die Elfe verharrte bewegungslos. Sie wagte nicht einmal zu atmen. Jetzt h�rte sie ein ungeduldiges Knurren, das Schnappen von Kiefern und wieder das scharrende Ger�usch. Langsam erkannte sie einen Umriss, fast verschlungen vom Dunkel der T�r�ffnung. Da war ein gro�er Hund.</p><p>Sie atmete aus, schalt sich stumm eine N�rrin und ging auf den Stall zu. Leise�� Ihre Schritte waren nicht lauter als Daunenfedern, die zu Boden sanken. Der Hund bemerkte sie nicht. Erst als ein silberner Lichtstrahl zwischen den Wolken hindurchstach, blickte der Hund auf. Ein gro�es, hageres Biest mit struppigem, schwarzem Fell, der am Arm eines Toten zerrte. Ganz offensichtlich war die Leiche schon von anderen Aasfressern aufgesucht worden. Ein Speer war ihr durch die Brust gerammt worden.</p><p>Der Hund knurrte sie an. Lyvianne hob ihr Schwert. Die Geste gen�gte, um den Streuner in den Stall hineinzuscheuchen.</p><p>Die Elfe stieg �ber den Leichnam hinweg. Fast w�re sie auf einen schweren Hammer mit armlangem Stiel getreten. Sie wartete einige Herzschl�ge lang in der T�r zu den Stallungen, bis ihre Augen sich ein wenig an die Dunkelheit gew�hnt hatten. Sie war anders als drau�en�� Das klang verr�ckt, und sie h�tte das niemals gegen�ber einem anderen behauptet. Aber hier schien das Dunkel geronnen zu sein. Vielleicht lag es an dem bestialischen Verwesungsgestank, der aus dem Stall zog. Oder an dem Gef�hl, dass sich hier etwas B�sartiges eingenistet hatte.</p><p>Sie h�rte das leise Scharren der Hundekrallen auf dem Steinboden. Ob der Streuner es wagen w�rde, sie anzugreifen? Sie sollte gehen�� Noch w�hrend sie das dachte, wurde ihr bewusst, was fehlte. Und was den Eindruck, dass hier etwas zutiefst Widernat�rliches vorging, unbewusst verst�rkt hatte: Sie h�rte keine Fliegen. In den Wunden des Toten an der T�r wanden sich keine Maden. Dabei h�tte die Luft erf�llt sein m�ssen vom Summen tausender Fliegen, die hier ihr Festmahl hielten, ihre Brut in die Leichen ablegten und den Stall zu ihrem Palast machten.</p><p>Lyvianne war versucht, ihr Verborgenes Auge zu �ffnen. Der Blick in die magische Welt enth�llte oft, was den richtigen Augen verborgen blieb. Aber einen Zauber zu wirken w�re, wie ein Leuchtfeuer zu entz�nden. Das B�se, das sie hier sp�rte, war nicht von fleischlicher Gestalt. Es w�rde sie augenblicklich bemerken, wenn sie einen Zauber wob.</p><p>Mit einem unguten Gef�hl sah sie auf das Schwert in ihren H�nden. Es war von Magie durchdrungen. Der Goldene hatte sich zwar bem�ht, seine Aura zu verh�llen, sodass es in der magischen Welt nicht auffallen w�rde. Doch vollkommen war dies nicht gegl�ckt. Es mochte sie verraten.</p><p>Alles in ihr schrie danach, diesen Ort wieder zu verlassen. Sie sollte aus dem Stall fliehen und dem Verbotenen Tal den R�cken kehren. Stattdessen setzte sie vorsichtig einen Schritt nach vorn. Dann noch einen. Sie sah nun die Umrisse der Pferdeboxen. Schw�rze, die noch dichter war als die Finsternis im Stall. Sah die Tiere am Boden liegen.</p><p>Lyvianne kniete nieder. Strich �ber den Kopf eines Pferdes und zuckte zur�ck. Der Sch�del war unf�rmig�� und weich! Vorsichtig tastend, erkundeten ihre Finger, was sich ihren Augen entzog. Der Sch�del des Pferdes war mit etwas Stumpfem eingeschlagen worden. Dicht �ber den Augen war der Stirnknochen zerschmettert. Mindestens zwei Hiebe mussten es getroffen haben. Sie dachte an den schweren Hammer, den sie bei dem Toten am Eingang gesehen hatte. Warum? Die Taten der Menschenkinder waren oft nur schwer nachvollziehbar, aber das hier��</p><p>Ein leises, r�chelndes Ger�usch lie� sie aufhorchen. Es klang wie ein undichter Blasebalg in einer Schmiede, war kaum wahrnehmbar. Unregelm��ig und schwach. Lebte eines der Pferde noch? Was hatte den Irren am Eingang dazu gebracht, dieses Massaker zu veranstalten? So gro� wie der Stall war, mussten hier mindestens vierzig Pferde gestanden haben.</p><p>Ein gieriger, grollender Laut �bert�nte das R�cheln. Der Streuner! Offenbar hatte er ein anderes Aas gefunden und erneut sein Mahl begonnen.</p><p>Lyvianne erhob sich. Sie hatte hier im Stall nichts verloren. Es war eine letzte Ausflucht. Ihr Weg f�hrte durch das Tor. Sie sollte sich nicht l�nger davor dr�cken. Sie k�nnte nicht zur�ck, ohne es versucht zu haben. Der Goldene w�rde in ihren Gedanken lesen, wie feige sie gewesen war, und das w�rde sie nicht ertragen!</p><p>�Bitte��� Die Stimme war kaum mehr als ein Hauch. Sie wurde �berlagert von den w�tenden Fressger�uschen des Hundes. Lyvianne blickte zum gegen�berliegenden Verschlag. Dort, ganz in der Ecke, noch hinter einem weiteren toten Pferd, sa� eine in sich zusammengesunkene Gestalt.</p><p>Lyvianne stieg �ber das Pferd hinweg und ging vor dem Mann in die Hocke. Sein b�rtiges Gesicht war ausgezehrt. Sein Mund stand offen. Sie beobachtete, wie allein zu atmen ein Kampf f�r ihn war, den er kaum noch zu gewinnen vermochte. Seine Brust hob und senkte sich nicht. Tief aus seiner Kehle erklang das R�cheln, das sie eben schon geh�rt hatte. Er trug eine helle Tunika, die schmutzig, aber nicht blutdurchtr�nkt war. Zwei Flecke auf seiner Brust fielen ihr auf. Sie hatten die Gr��e eines Hammerkopfs. Seine Rippen mussten zerschmettert sein. Vielleicht hatte sich ein Knochensplitter in seine Lunge gebohrt�� Es war ein Wunder, dass er noch lebte.</p><p>�Was ist hier geschehen?�</p><p>�Kalt���</p><p>Lyvianne nahm eine seiner H�nde. Sie war eisig. Wahrscheinlich hatte er innere Blutungen. �Was ist hier geschehen?�, wiederholte sie noch einmal, langsam und eindringlich. Ihre Augen hielten seinen Blick gefangen. Seine Lider waren halb geschlossen. Sie flatterten. Ein Wort der Macht, dachte sie verzweifelt, und sie k�nnte ihm die Kraft geben, noch ein paar Worte zu reden. Doch dieses eine Wort w�rde sie t�ten. Die Devanthar w�rden auf sie aufmerksam.</p><p>Ihm fielen die Augen zu.</p><p>Nie hatte Lyvianne sich so machtlos gef�hlt. Er entglitt ihr. W�tend schlug sie ihm auf die Brust. Ein pfeifender Laut entfuhr seiner Kehle, und er riss die Augen weit auf. Sie sah den Schmerz in ihnen brennen.</p><p>�Was ist geschehen?� Wer immer diese Mauer errichtet hatte, musste �berzeugt gewesen sein, dass sie f�r das Grauen, das dieses Tal verbarg, un�berwindbar gewesen war. So wie die Bauwerke aussahen, hatte dies wohl auch f�r zwei oder drei Jahre gestimmt. Denn �lter waren die Mauern nicht. Lyvianne musste wissen, was hier geschehen war. Sie musste vorbereitet sein! Musste erfahren, was sich in dem Tal ver�ndert hatte, seit Aaron hier gewesen war.</p><p>In den Augen des Sterbenden lag kein Hass. Nur Agonie. Er wollte den Tod umarmen. Wollte seinen Schmerzen entfliehen und dem, das unausl�schlichen Schrecken in sein Antlitz gebrannt hatte.</p><p>�Rede! Tu es f�r Aram. Sch�tze das Reich!�</p><p>Ihre Worte schienen zu ihm durchgedrungen zu sein. Etwas in seinem Blick �nderte sich. Er starrte sie an. �Sie�� wa-ren��� Jede Silbe war ein Kampf. Seine Lippen zitterten. Immer verzweifelter k�mpfte er um Luft. Seine Lunge musste verletzt sein, lief langsam voll Blut, das ihn erstickte.</p><p>�Sie waren hier!�, stie� er hervor, b�umte sich auf und sah sie pl�tzlich an, als erkennte er die Elfe, die sich hinter der Maske eines Menschen verbarg. Sie sah, wie er einatmete, immer verzweifelter keuchend Luft in sich hinabpumpte. Doch seine Lunge vermochte keine Atemluft mehr aufzunehmen. Er sank zur�ck gegen die Wand. Lyvianne versetzte ihm noch einen Schlag auf die Brust, doch es half nicht. Sie erreichte damit nur, dass sich sein Mund mit Blut f�llte, das dunkel von seinen Lippen troff.</p><p><emphasis>Sie waren hier.</emphasis> Das war un�bersehbar, dachte sie voller Zorn. Sie hatten den Wahnsinn �ber die Mauer getragen. Lyvianne erhob sich und verlie� den Stall. Nachdenklich blickte sie �ber die n�chtliche Ebene. Hatten die Geister das Tal verlassen?</p><p>Mit festem Schritt ging sie durch das Tor in der hohen Mauer.</p></section><section><title><p>Das verbotene Tal</p></title><p>Die Sterne schienen tiefer in den Himmel gekrochen zu sein, als sie jenseits des Tors aufblickte. Ihr Licht war schw�cher, unsteter, als w�re hier etwas, das sich von ihnen ern�hrte. Lyvianne sp�rte die Felsh�nge, die den engen Talgrund flankierten, mehr, als dass sie sie sah. Ohne l�nger zu z�gern, schritt sie voran in die Dunkelheit. Ihre Sinne waren so gespannt, dass sie das Gef�hl hatte, innerlich zu vibrieren. Sie roch den Duft von trockenen Kiefernnadeln, Harz und Staub. Sp�rte jeden winzigen Stein durch die Sohlen ihrer Sandalen und empfand den Hauch des Nachtwinds wie eine liebkosende Hand auf ihrer Haut. Sie schmeckte den Staub, der in diesem ausgedorrten Land allgegenw�rtig war, auf ihren Lippen. Hier im Tal hatte er einen metallischen Beigeschmack. So als l�ge Kupfer in der Luft.</p><p>Jedes Ger�usch erschien ihr unnat�rlich laut. Der Wind in den Kiefernnadeln und den Felsen sang ihr ein d�steres Willkommen. Lyvianne versuchte, ihre Beklommenheit wegzul�cheln. Vergebens. Mit jedem Schritt wuchs das Gef�hl in ihr, dass hier etwas war, das sie erwartete, das um sie wusste, auch wenn es ihr noch verborgen blieb.</p><p>Allein ihre Augen halfen ihr nicht. Sie waren geblendet von Finsternis. Inzwischen waren die Sterne am Himmel verschwunden. Lyvianne wusste, dass sich das Tal bald zu einer schmalen Klamm verengte. Die Erinnerungen Aarons an diesen Ort formten klare Bilder in ihrem Bewusstsein. Aber war sie tats�chlich schon so tief ins Verbotene Tal vorgedrungen?</p><p>Sie f�hlte sich beobachtet. Ausgesp�ht von etwas, dem die Dunkelheit nicht den Gesichtssinn zu nehmen vermochte. Etwas, das mehr Gef�hl als K�rper war. Etwas, das dieses Tal ausgebr�tet hatte und dessen Hass alles durchdrang.</p><p>Es war hier merklich k�hler. Die br�tende Sommerhitze der weiten Ebene war auf die Temperatur eines frostigen Fr�hlingsmorgens abgek�hlt. Wo waren sie, die Geister? Lyvianne sp�rte sie durch ihren Atemhauch gehen, wenn sie in ihrer klobigen R�stung voranschritt. Sie wusste, dass sie hier waren. Dieser Ort war nicht f�r jene geschaffen, denen noch warmes Blut in den Adern rann.</p><p>Etwas knackte unter ihrem rechten Fu�. Es f�hlte sich an wie ein Ast, der unter ihrer Sohle zerbrach. Aber sie wusste es besser: �berall lagen Knochen. Die Gebeine jener Unvorsichtigen, die dieses Tal betreten hatten, bevor der Unsterbliche Aaron die Mauer hatte errichten lassen. Lyvianne hatte nicht all seine Erinnerungen an diesen Ort erhaschen k�nnen, doch Bilder von M�nnern, die ihre Freunde get�tet hatten, gingen ihr durch den Kopf. Von Pferden, die mit ihren Z�geln an B�ume gebunden verdurstet waren, weil ihre Reiter sich gegenseitig die Kehlen durchgeschnitten hatten. Das, was bei der Mauer geschehen war, hatte sich schon Dutzende Male ereignet.</p><p>Wer hierherkam, war am sichersten allein. Nur dann musste man keine Klinge im R�cken f�rchten. Etwas in diesem Tal verwirrte die Sinne und weckte die dunkelsten Seiten in einem jeden. Lyvianne war versucht, die Geister zu rufen, doch ihr Stolz siegte. Sie sollten zu ihr kommen! Sie w�rde sich nicht unterwerfen und wimmern. Knochen und Ger�ll auf dem Boden lie�en sie fast straucheln. Sie streckte die Linke aus und ertastete eine Felswand. Der Weg f�hrte direkt an ihr entlang. Ein Helm kollerte mit leisem Klirren unter ihren F��en fort. Pl�tzlich war da Licht�� fremdartig, nicht aus einer einzelnen Quelle wie einer Fackel oder Laterne. Es schien direkt aus der Felswand zu kommen und war von einem dunklen Blau, das die Finsternis ringsherum eher betonte, als dass es sie vertrieb. Z�hfl�ssig, langsam sickerte es die Felswand hinab. Kroch �ber die Knochen am Boden und die gr�n angelaufenen Waffen, die ihre Besitzer nicht vor dem Schrecken dieses Tals hatten besch�tzen k�nnen.</p><p>Eng und gewunden war der Weg, dem sie durch die Klamm folgte. Behutsam tastete sie sich durch das Dunkel, das vom blauen Licht nicht vertrieben wurde. Sie konnte die Felsw�nde zu beiden Seiten ber�hren, ohne ihre Arme ganz ausstrecken zu m�ssen. Ihre Finger tasteten �ber kaltes, klebriges Gestein. Lyvianne hatte das absurde Gef�hl, dass dieses Tal sie verschlucken wollte.</p><p>Seltsame Kalkwucherungen wuchsen auf dem Felsen. Sie erinnerten die Elfe an gefrorene Milchtropfen. Die K�lte dieses Ortes hatte sich tief in ihre Knochen gefressen. Sie zitterte, ohne es unterdr�cken zu k�nnen. Nur ein Wort der Macht, und ein Kokon wohliger W�rme w�rde sie umfangen�� Das Tal wollte sie dazu verf�hren, diesen t�dlichen Fehler zu begehen. Sie biss die Z�hne zusammen und schritt kr�ftiger aus.</p><p>Der Weg machte eine scharfe Kehre, und nun weitete sich die Klamm. Die Felsw�nde, aus denen immer noch blaues Licht sickerte, wichen auf etwa drei�ig Schritt zur�ck. Sie zwang sich weiterzugehen, und obwohl sie wusste, was kommen w�rde, erschreckte sie der Anblick der zerkl�fteten Felswand am Ende des Tals: In einer Mischung aus Ekel und Neugier glitt ihr Blick �ber das riesige Hochrelief, das grob aus dem Stein geschlagen war und das auch der Unsterbliche Aaron einfach nur absto�end gefunden hatte. Das Spiel aus Schatten und blauem Licht lie� die tief in den Fels gehauene hockende Gestalt fast lebendig erscheinen. Die Proportionen des K�rpers wirkten falsch. Dies war weder ein Mensch noch ein Albenkind. Die Kreatur kauerte auf ihren Fersen, so zumindest war der erste Eindruck, auch wenn die F��e in tiefen Schatten verborgen blieben. Die Arme �ber der Brust gekreuzt, den unf�rmigen, viel zu gro�en Kopf vorgestreckt, schien sie Lyvianne aus ihren kugelrunden Augen direkt entgegenzublicken. Ein schmaler, verkniffener Mund und das kleine spitze Kinn wollten nicht recht zu den riesigen Augen und dem absto�end nach hinten verl�ngerten Sch�del der Kreatur passen. Steinerne Fesseln wanden sich um den ausgemergelten K�rper, als k�me es darauf an, die Gestalt daran zu hindern, sich aufzurichten, sich zu strecken und nach dem zu greifen, was ihr geh�rte.</p><p>Lyvianne erinnerte sich daran, wie Nandalee die Augen der G�ttin beschrieben hatte, nachdem sie vom Mittelpunkt der Hohlwelt zur�ckgekehrt war, die Devanthar und Alben der Riesin zum Kerker gemacht hatten.</p><p>Weit wie die Grasebenen des Bainne Tyr waren Nangogs Augen gewesen. Wie unermesslich gro� musste erst die G�ttin sein! Ihr Leib massiger als ein Gebirge. Ein Ausatmen von ihr ein Sturm. Selbst Alben und Devanthar hatten sie gef�rchtet�� und hatten die Riesin Nangog deshalb hintergangen, ihre Dienerin, die g�ttergleich geworden war. Sie hatten sie in einen magischen Schlaf versetzt und ihr das Herz aus gl�hendem Smaragd gestohlen. Das Herz war geteilt worden. Nandalee hatte die H�lfte, �ber die die Alben gewacht hatten, zur�ckgebracht, und Nangog war aus dem tiefen, todes�hnlichen Schlaf in einen unruhigen Halbschlaf geglitten. Selbst tr�umend f�hlte sie, was auf ihrer Welt vor sich ging. F�hlte, dass im Dienste der Devanthar die Menschenkinder gekommen waren, um sich die Welt untertan zu machen, die Nangog f�r ihre eigenen Kinder erschaffen hatte. Jene Gesch�pfe, gefangen in Kristall, die Lyvianne in der gro�en H�hle, tief unter dem Weltenmund, gesehen hatte. Die Riesin hatte ihre Welt in aller Heimlichkeit erstehen lassen. Lyvianne hatte nie verstanden, wie man eine ganze Welt versteckte. Hatte ein Zauber sie vor der Aufmerksamkeit der Alben und Devanthar verborgen? Und was f�r ein Gesch�pf war Nangog gewesen? War sie gut? Oder war sie eine jener Dienerinnen gewesen, die von einem stillen Hass auf ihre Herren durchdrungen war?</p><p>Die Elfe lie� ihren Blick erneut �ber das h�ssliche Hochrelief gleiten. Hatte Nangog so ausgesehen? Oder war es eine verzerrte Darstellung, mit der die Devanthar sie verspotteten? Ganz gleich wie Nangog war, wenn es gelang, sie ganz vom Zauberbann zu befreien, und sie, wie es der Goldene begehrte, die zweite H�lfte ihres Herzens fand und der Riesin zur�ckbrachte, dann w�re der Krieg zwischen den Alben und den Devanthar entschieden.</p><p>Der Goldene war �berzeugt, dass die wiedererweckte Nangog die Devanthar und Menschenkinder aus ihrer Welt vertreiben und ihre Sch�pfung vollenden w�rde. Auch wenn sie nie eine Verb�ndete der Alben werden w�rde, die Menschenkinder, die versucht hatten, sich ihre Welt zu unterwerfen, w�rde Nangog stets mehr hassen.</p><p>Lyvianne wandte den Blick ab und trat zu dem Absatz der Treppe, die hinauf zu der �ffnung unter dem Hochrelief reichte. Sie ignorierte den Krieger in wei�en Gew�ndern, der aussah wie die M�nner aus der Leibwache des Unsterblichen Aaron und der zusammengesackt auf der untersten Stufe kauerte. Er hatte sich in seinem Wahn sein Schwert durch die Kehle gesto�en. Lyvianne blickte auf die Waffe in ihrer Hand. War auch sie in Gefahr? Mochten die b�sen Geister dieses Ortes sie dazu bringen, sich selbst zu richten?</p><p>Zweifel an sich zu hegen war der erste Schritt auf diesem Weg, entschied die Elfe und erklomm entschlossen die Treppe. Die Stufen waren ungew�hnlich hoch, so als w�ren sie f�r Gesch�pfe gemacht, die viel gr��er als Menschen oder Elfen waren. Skulpturen von Wolkensammlern, jenen riesigen Kreaturen, die auf Nangog Schiffe durch den Himmel trugen, schm�ckten die Treppenabs�tze.</p><p>Erst auf den letzten Stufen war der untere Teil der Statue Nangogs deutlich zu erkennen. Jener Bereich �ber dem dunkel klaffenden Loch in der Felswand, der bisher im Schatten verborgen geblieben war. Knochen ragten aus den Beinst�mpfen der Riesin. Wer immer dieses Bildnis erschaffen hatte, hatte mit makaberer Hingabe jedes Detail der Verst�mmelung festgehalten. Alben und Devanthar hatten der schlafenden Riesin die F��e abgeschnitten. Ein Akt der Grausamkeit ohne wirklichen Nutzen. Wenn Nangog eine eigene Welt erschaffen hatte, dann w�rde sie auch ihre F��e neu formen k�nnen. Wie hilflos mussten sich die G�tter gegen�ber der Riesin gef�hlt haben, dass sie eine solche Barbarei begangen hatten, dachte Lyvianne beklommen.</p><p>Der Durchgang zur H�hle war halb durch eine massive Steinplatte versperrt, die sich aus der Decke herabgesenkt hatte und mehr als einen Fu� dick war. Lyvianne musste an ein Richtschwert denken, als sie vor sie trat. Sie w�rde sich darunter hindurchducken m�ssen, wenn sie in die H�hle wollte. Misstrauisch musterte sie die Rinnen, die zur F�hrung der Steinplatte seitlich in den Fels geschlagen waren. Sie hatte sich nicht verkeilt! Irgendwo gab es einen verborgenen Mechanismus, der dazu diente, sie zu heben oder zu senken. Er war angehalten worden�� Die Elfe stellte sich vor, wie ein geh�ssiger Menschensohn sie beobachtete. Vielleicht ein �berlebender von der Mauer, dessen Verstand l�ngst vom Wahn verschlungen worden war. Sobald sie unter der Platte hindurchschl�pfte, w�rde er einen Hebel umlegen und sie w�rde zerquetscht werden.</p><p>�Unsinn!�, sagte sie leise. Begann das Gift des Tals auch ihren Geist zu verwirren? Sie ging langsam in die Knie, w�rdigte die Steinplatte keines Blickes mehr und passierte tief gebeugt das Tor. Nichts geschah��</p><p>Auch hier, im Inneren des Berges, regierten dunkelblaues Licht und Finsternis. Es war noch k�lter als drau�en im Tal. Ein eisiger Lufthauch zog aus den Tiefen der H�hle hinauf, die sich vor ihr in dunkelblauer Finsternis verlor. Sie wusste aus Aarons Erinnerungen, dass die H�hle l�nger als das Tal war, das sie hinter der Klamm durchquert hatte. Primitive Holzger�ste waren entlang einiger W�nde errichtet und um die massigen S�ulen, die eine Decke trugen, die in der H�he vor Lyviannes Blicken verborgen blieb.</p><p>Raureif kroch �ber die Klinge ihres Schwertes. Die K�lte stach wie Nadeln tief in ihre Glieder, und ihr Atem stand ihr als wei�er Nebel vor dem Mund. Knisternd schlug sich der Frost in ihrem Haar nieder. Lyvianne wusste, bei dieser Temperatur stehen zu bleiben w�re ihr Tod. Doch sie musste nicht suchen, musste sich nicht umsehen, sie wusste, wo sie finden w�rde, worauf sie aus war. Und so durchma� sie mit langen Schritten die H�hle, bis sie zu dem Durchgang am Ende der Halle kam, der sie zur Felsenkammer mit Nangogs halbem Herzen f�hren w�rde. Auch hier hatte sich eine steinerne T�r halb hinabgesenkt. Diesmal duckte sich Lyvianne ohne zu z�gern unter ihr hindurch.</p><p>Augenblicklich blendete sie glei�end gr�nes Licht. Da waren sie, die Gr�nen Geister, die sich so tief in Aarons Erinnerungen eingebrannt hatten. W�rmer aus Licht, die nach einer lautlosen Melodie tanzten. Und mitten unter ihnen, im Herzen der Felskammer, erhob sich ein mit Perlmuttintarsien verziertes Gestell aus dunklem Holz. Lyvianne blinzelte. Erst glaubte sie, das grelle Licht t�usche sie. Dort musste es sein, das Herz, das sie so deutlich in Aarons Erinnerungen gesehen hatte. Ein gro�er Kristall, durchdrungen von Adern aus reinstem Silber, umtanzt von Gr�nen Geistern, die ihm huldigten. Aber da war nichts! Ungl�ubig trat sie n�her, tastete sie �ber das Gestell und blinzelte erneut gegen das Licht an. Aber nichts half. Dort gab es keinen Kristall mehr!</p><p>Die Gewissheit traf sie wie ein Fausthieb in den Magen. Sie musste sich am Holzgestell festhalten, denn sie hatte das Gef�hl, ihre Beine w�rden unter ihr nachgeben. All ihre Hoffnungen waren dahin. Sie w�rde die Gunst des Goldenen nicht mehr zur�ckgewinnen. Alles war vergebens gewesen!</p><p>Sie strich �ber die Vertiefung im Holzgestell, in der der Kristall geruht hatte. Wie sollte sie zum Goldenen heimkehren, zur�ck nach Albenmark? Nie zuvor hatte sie auf einer Mission versagt. Bidayn w�rde davon erfahren�� Und Nandalee. W�rden die j�ngeren Drachenelfen nun in der Sonne der Gunst der Himmelsschlangen stehen?</p><p>W�tend schlug sie mit der Faust auf das Holz. Sie w�rde nicht aufgeben! Wo steckte das Herz? Es musste doch m�glich sein herauszufinden, wohin die Devanthar es gebracht hatten! Vielleicht hatten sie Spuren hinterlassen?</p><p>Lyvianne blickte auf und erstarrte. Sie war von den Schlangen aus gr�nem Licht umringt. Sie ahnte, sie waren der Quell des B�sen, das diesen Ort heimsuchte. Entschlossen griff die Elfe nach ihrem Schwert. Aaron hatte eine dieser Kreaturen in sein Schwert gebannt. Sie w�rde sich ihren Weg hinausk�mpfen oder untergehen.</p><p>Kaum, dass ihre Hand den lederumwickelten Schwertgriff ber�hrte, dachte sie an den Krieger am Eingang der H�hle, der sich mit seiner eigenen Waffe gerichtet hatte. Sie musste sich gegen den Wahn wappnen, der die st�rkste Waffe war. Das Grauen, das jeden Verstand vernichtete. Sie wollte ein Wort der Macht rufen, um sich zu sch�tzen, auch wenn die Devanthar so von ihrer Anwesenheit erfuhren. Doch bevor ein Laut �ber ihre Lippen kam, geschah das Unfassbare: Die Gr�nen Geister verneigten sich vor ihr. Jene Kreaturen, die die Dunkelheit in dieses Tal gebracht hatten, huldigten ihr.</p><p>�Ihr wisst, dass ich euch nichts �bles will�, sagte Lyvianne leise, und doch hallten ihre Worte wie Donner in der Felskammer wider.</p><p>Es kam Bewegung in die Schlangen. Eine nach der anderen glitten sie zu Boden, um sich dann langsam wieder in die Luft zu erheben. Die Geister umflossen sie. Lyvianne stand nun inmitten eines Strudels aus gr�nem Licht. Die t�dliche K�lte war gewichen�� was hatten die Geister mit ihr vor?</p><p>�Ihr sp�rt, dass ich ihrem Herzen nahe war, nicht wahr?� Lyvianne legte ihr verwunschenes Schwert auf den Boden. Sie wusste, dass Nandalee einen dieser Geister unbeschadet in sich aufgenommen hatte. Und sie wusste um die Sehnsucht der verlorenen Seelen, endlich einen K�rper zu erlangen. Endlich Fleisch zu sein und nicht nur Geist. Zu f�hlen, ein Leben zu haben.</p><p>�Meine G�tter haben euch einst Unrecht zugef�gt. Sie haben Nangog verraten. Doch kein Unrecht kann bis ans Ende aller Zeit bestehen. Wir werden Nangog helfen. Sie soll ihre Welt zur�ckerhalten. Nun k�mpfen wir gemeinsam. Gemeinsam werden wir die Menschen und Devanthar besiegen und das alte Gleichgewicht, das nie h�tte gest�rt werden d�rfen, wiederherstellen.� Die Elfe kniete nieder. Sie war sich bewusst, dass die Geister Zeugen all dessen gewesen waren, was sich hier im Tal ereignet hatte. Doch w�rden sie ihr Wissen nicht mit ihr teilen k�nnen. Sie hatten keine Stimme, keine Macht. Es gab nur einen Weg. Sie legte den Kopf in den Nacken und �ffnete weit den Mund. �Ihr seid willkommen.� Wieder hallte ihre Stimme wie fernes Donnergrollen von den W�nden der Kammer.</p><p>Lyvianne stellte sich vor, dass sie ein gewaltiger Rosenbusch mit Hunderten roten Bl�ten sei. Dann formte sie in Gedanken jede Bl�te zu einer Knospe zur�ck, jeden Trieb zur�ck zu dem Stamm, dem er entsprossen war. Der Rosenbusch schrumpfte, bis er nur noch ein Keimling war, und auch dieser zog sich zur�ck in die Hagebutte, aus der er entsprossen war. So wie den Busch f�hrte sie all ihre Sinne in ihr Innerstes zur�ck. Sie verschloss ihr Selbst, die Essenz ihrer Seele vor den M�chten, die nun in sie str�mten: vor der Begierde, endlich Fleisch geworden zu sein, vor dem Rausch, Sinne zu besitzen. Sie �berlie� den Gr�nen Geistern ihren Leib. Duldete, dass er sich auf fremden Befehl erhob und ihre eigenen H�nde neugierig tastend �ber ihren Leib fuhren.</p><p>Lyvianne verlor jedes Zeitgef�hl, w�hrend die Geister all ihre Glieder streckten, mit ihrem Fleisch tanzten, an ihrem Schwert ihre Hand aufschnitten und das warme Blut kosteten. Schlie�lich versp�rte sie brennenden Durst, und sie duldete, dass das Hagebuttenkorn, auf das sie ihr Selbst reduziert hatte, wieder keimte. Die Gr�nen Geister leisteten keinen Widerstand. Sie akzeptierten, dass sie in diesem Leib nur G�ste waren, und lie�en sie gew�hren, als Lyvianne den Rosenbusch zu voller Bl�te wachsen lie� und nach und nach wieder von ihren Gliedern und ihren Sinnen Besitz ergriff.</p><p>So wie die Gr�nen Geister ihre geheimsten Erinnerungen gesehen hatten, so kannte auch sie nun das Schicksal der Geister. Sie waren Nangog zu nahe gewesen, als ihr das Herz entrissen worden war. Es war nicht ihr Wille gewesen hierherzukommen. Sie hatten lange gebraucht, um zu verstehen, was geschehen war. Und mit dem Verstehen war ihre Wut gewachsen. Die Wut auf die Devanthar, die Nangog das angetan hatten und f�r die Gr�nen Geister unangreifbar waren. So hatten sie ihren Zorn an den Menschenkindern gestillt, denen ihre G�tter keinen Schutz gew�hrten. Die Devanthar hatten gewollt, dass dieses Tal ein verfluchter und gemiedener Ort wurde. Den Gr�nen Geistern war durchaus bewusst, dass sie benutzt wurden, um dies zu erreichen. Und dennoch legten sie ihrer Wut keine Z�gel an. Sie waren um ihre Geburt und um ihre Welt betrogen worden.</p><p>Beinahe �berw�ltigt vom Hass der Geister, �ffnete Lyvianne ihr Bewusstsein ganz und gar. Sie musste die starken Gef�hle �ber sich hinwegbranden lassen, um zu erkunden, was dahinterlag. Sie wollte herausfinden, wer das Herz der G�ttin geholt hatte und wohin es gebracht worden war.</p><p>Die Geister waren immer hier gewesen. Ein Bannspruch verhinderte, dass sie das Tal verlie�en. Sie mussten wissen, wer gekommen war. Langsam tastete sie sich durch das dornige Dickicht dunkler Gef�hle und wurde �berrascht. Nur ein einziger Sinn der Geister war ausgebildet und erlaubte ihnen, die Welt um sich herum wahrzunehmen: Sie besa�en das Verborgene Auge! Was sie sahen, war die magische Welt. Die Aura der Lebewesen und das gro�e magische Netzwerk, das alles durchdrang und miteinander verband.</p><p>Die Elfe tauchte ein in ihre Erinnerungen: Gro�e, menschen�hnliche Gestalten, umflossen von kraftvollen, goldenen Auren waren gekommen und hatten das kristallene Herz Nangogs geholt. Waren es die Devanthar gewesen? Wahrscheinlich! Aber auch die Himmelsschlangen w�rden, wenn sie Elfengestalt annahmen und man sie durch das Verborgene Auge betrachtete, so aussehen. Die Gr�nen Geister wussten nicht, wohin das Herz ihrer G�ttin gebracht worden war.</p><p>Lyvianne keuchte auf. Ihre Niederlage war endg�ltig. Die Mission gescheitert. Sie sank neben dem Holzger�st in die Knie. Es war Pech. Sie war zu sp�t gekommen. Die Gr�nen Geister hatten kein Zeitgef�hl. Wie lange es her war, dass das Herz geholt worden war, blieb ungewiss. Aber Lyvianne war sich sicher, dass es h�chstens ein paar Wochen waren. Nangogs Herz hatte hier Jahrhunderte geruht! Und sie kam um ein paar Wochen, ja vielleicht sogar nur wenige Tage zu sp�t. Aber all das w�rde den Goldenen nicht interessieren. Wenn sie ihm sagte, es sei Pech gewesen, w�rde er es als Ausrede auffassen.</p><p>Sie schloss die Augen und sammelte sich. Sie hatte noch nie im Leben einfach aufgegeben. Nicht auf den Missionen, auf die der Goldene sie geschickt hatte, und nicht in ihrem Begehren, das vollkommene Kind zu geb�ren. So oft war sie dabei entt�uscht worden. Und doch hatte sie es immer wieder aufs Neue versucht. Ein Kind zu empfangen, das die Welt ver�ndern w�rde. Das erste in einer neuen Rasse von Elfen. Ein Kind, vollkommen in all seinen Anlagen.</p><p>Lyvianne ballte die F�uste und �ffnete entschlossen ihre Augen. Sie w�rde nicht einfach aufgeben. Vielleicht gab es eine Spur, irgendeinen Fingerzeig, der ihr verriet, wohin die Devanthar diesen kostbarsten aller Sch�tze gebracht hatten. Sie stand auf und sah sich in der jetzt, da die Geister verschwunden waren, in blaues Zwielicht getauchten Kammer um. Die W�nde waren mit Bildern bedeckt. Sie zeigten die Devanthar. Einige erkannte Lyvianne: den L�wenh�uptigen, die gefl�gelte I�ta und den gro�en B�ren, den die Bewohner Drusnas verehrten. Andere waren ihr fremd. Ein Flammenmann und eine Gestalt, die nur Licht zu sein schien. Die Reliefs zeigten, wie die Devanthar das Herz Nangogs hierhergebracht hatten. Sie zu betrachten half nicht. Voller Bitternis verlie� die Elfe die Schatzkammer und trat in die weite H�hle zur�ck. Auch hier musste sie dicht vor die behauenen Felsw�nde treten, aus denen das unheimliche, blaue Licht sickerte, um etwas erkennen zu k�nnen.</p><p>Die Wandbilder hier waren niemals fertiggestellt worden. War es wegen der Gr�nen Geister? Was war hier geschehen?</p><p>Als h�tten die Geister in ihr verstanden, erschien ein Bild aus Licht vor ihrem Inneren Auge. Zeigte es erneut die Herzkammer, die sie eben verlassen hatte? Dort war etwas mit einer machtvollen Aura, die sanft pulsierte. Dann erschien eine Gestalt. Ein Devanthar�� Die Gestalt war von wogendem, rotem Licht umgeben. Zorn und Angst beherrschten sie. Und sie wirkte seltsam. Hatte sie Fl�gel? Lyvianne stockte der Atem, als sie sah, wie die Gefl�gelte ein St�ck aus dem Kristallherz brach und davonschlich. War das etwa der Grund, warum es kein Herz mehr gab? Hatten die Devanthar es in kleine St�cke zerbrochen?</p><p>Die Geister in Lyvianne b�umten sich auf. Pl�tzlich waren um sie herum schwache Auren. Menschen? Sie schienen zu k�mpfen. Manche verblassten einfach.</p><p>Lyvianne begriff, dass es Bilder der Vergangenheit waren, die die Geister heraufbeschworen. Es war so, als w�re sie mitten in das, was einst geschehen war, hineinversetzt. Die Elfe stieg �ber ein niedergest�rztes Ger�st hinweg. Ger�ll, altes Holz und d�rre Knochen knirschten unter ihren Schritten. Die Geister f�hrten sie zu einer der gro�en S�ulen in der Mitte der H�hle. Auch sie war mit in den Stein geschnittenen Bildern bedeckt. Die Reliefs in dieser H�hle waren einst bunt bemalt gewesen. Sie sah ein Bild mit Vogelm�nnern, die im Ge�st eines gewaltigen Baums kauerten. Ein anderes Bild zeigte eine gro�e Flotte, um die herum sich allerlei Meeresgetier in den Wellen tummelte. Fast alle Bilder waren besch�digt. Nach dem, was sie im Tal gesehen hatte, konnte Lyvianne sich gut vorstellen, wie die Handwerker im Wahn die Arbeit von Jahren mit Hammerschl�gen zerst�rt hatten.</p><p>Die Geister in ihr hoben ihre Hand und deuteten auf ein Bild, etwa einen Schritt �ber ihr. Es zeigte I�ta mit einem erhobenen Speer, als wollte sie die Waffe jeden Augenblick auf einen Gegner hinabsto�en. Mit grimmigem Gesicht sah die Devanthar nach unten. Doch was sie einmal bek�mpft hatte, war vernichtet. Hier war das Zerst�rungswerk der Menschen besonders gr�ndlich gewesen. Es war nichts mehr vom Bild geblieben.</p><p>Die Gr�nen Geister �berlie�en ihr wieder die Kontrolle �ber ihren K�rper. Jetzt versuchten sie, ihr in den Bildern aus Auren und Licht, so wie sie die Welt sahen, aufzuzeigen, was geschehen war. I�ta war hierhergekommen. Es sah aus, als h�tten die Arbeiter geruht, als die Devanthar die gro�e Halle betreten hatte. Linien aus gl�hend rotem Licht verzweigten sich aus ihren Fingern. I�ta beugte sich vor, ber�hrte einen Schlafenden, und ein engmaschiges Netz aus roten Kraftlinien schloss sich um dessen Kopf. Die Devanthar hatte die Steinmetze mit ihrem Zauber umwoben. Einen nach dem anderen. So machtvoll waren die Bilder in Lyviannes Geist, dass sie erneut die Toten als Lichtgestalten in der Halle sah. Sie beobachtete, wie sich der erste Bildhauer von seinem Lager erhob, wie er einen spitzen Hammer nahm und ihn tief im Sch�del seines schlafenden Nachbarn versenkte, um dann mit dem Werkzeug zur n�chsten Wand zu gehen und auf die Reliefs einzuschlagen. Derweil huschte I�ta von Schl�fer zu Schl�fer und belegte die Ungl�ckseligen mit ihrem verderbten Zauber.</p><p>Der L�rm des Hammers, der voller Zorn auf die Reliefs schlug, weckte die Schl�fer auf. All dies sah Lyvianne, ohne dass sie einen einzigen Ton vernahm. Es war ein stummes Trauerspiel�� Die Aura der meisten M�nner gl�nzte golden, w�hrend sie geschlafen hatten. Sie waren einfache, ehrliche Handwerker, voller Stolz darauf, in Diensten ihrer G�tter zu wirken. Als sie erwachten und das Zerst�rungswerk sahen, waren sie zun�chst fassungslos.</p><p>Lyvianne sah, wie sie ihrem Kameraden zuriefen. Sie sah, wie sie ihm entgegenliefen, versuchten, ihn aufzuhalten. Bald zeigte sich das helle Rot rechtschaffenen Zorns in ihren Auren, und als der erste unter einem Hammerhieb fiel, ver�nderte es sich zum dunklen Rot des blinden Hasses. Ein w�tender Kampf entbrannte in der Halle. M�nner, die Freunde gewesen waren, als sie sich zur Ruhe gelegt hatten, Kameraden f�r viele Monde, gingen sich nun gegenseitig an die Gurgel.</p><p>I�ta indessen machte sich an dem Relief zu schaffen, vor dem Lyvianne stand. Sie musste Menschengestalt angenommen haben, denn keiner der streitenden Steinmetze beachtete sie. Mit gezielten Hieben vernichtete sie den unteren Teil des Steinbildes und kniete dann nieder, um noch weiter auf die Splitter am Boden einzuschlagen. Sie lie� sich Zeit mit ihrem Vernichtungswerk. Der Kampf in der Halle hatte seinen H�hepunkt bereits �berschritten, als sie sich erhob. Die Mehrzahl der Menschenkinder lag niedergestreckt. Lyvianne sah ihre Auren verblassen, als das Leben von ihnen wich. I�ta aber ging zur Herzkammer und verf�hrte die Gr�nen Geister, sich an den Menschenkindern zu laben. Sie zeigte ihnen, wie sie von der Kraft des Lebens nehmen konnten, sich von Hass oder Angst n�hren konnten. Lyvianne sp�rte, was die Gr�nen Geister gef�hlt hatten�� Ihren Rausch, dem Zorn, der sie so lange beherrscht hatte, endlich freie Bahn zu lassen. Stets k�rperlos waren Empfindungen wie ihr Hass f�r sie etwas Abstraktes gewesen; ein Wort, dem der Inhalt fehlte. Doch I�ta lehrte sie, an den Gef�hlen der Menschenkinder teilzuhaben. Der Devanthar war es gleich, wie die Menschen, die sie h�tte sch�tzen sollen, litten. Die Geister aber gerieten in Ekstase und tranken die Auren der Ungl�cklichen, die noch am Leben waren, lie�en jene Kraft, die sie mit dem magischen Netz verband, verl�schen und lernten, wie sie den Verstand der einfachen M�nner verwirren konnten, sodass sie die schrecklichsten Bluttaten begingen. Einige der Geister hatten anfangs Abneigung gegen�ber ihren Taten empfunden. Doch was sie den Menschenkindern nahmen, war f�r sie wie ein schleichendes Gift. Wer einmal von tiefen Gef�hlen gekostet hatte, der mochte nicht mehr darauf verzichten.</p><p>Nun wusste Lyvianne alles: Es war I�ta, die den Schrecken dieses Tales erschaffen hatte. Sie hatte sowohl die Menschen als auch die Seelen der ungeborenen Kinder Nangogs dazu missbraucht, ihre eigene Spur zu verwischen. I�ta selbst hatte sich zur�ckgezogen, bevor das Morden in der gro�en Halle geendet hatte. Die Devanthar hatten die Gr�nen Geister fortan nicht aufgehalten oder gar gestraft, doch von da an stets einen der Ihren als W�chter �ber das kristallene Herz abgestellt. Kein Devanthar schritt ein, wenn Menschen in das Tal kamen und ihr Ungl�ck fanden. Sie sch�tzten die Menschenkinder nicht, sondern lie�en sie zu ihrer Kurzweil leiden.</p><p>Lyvianne blinzelte. Sie sch�ttelte den Kopf, als w�rde dies helfen, die Bilder in ihren Gedanken zu vertreiben. Tats�chlich zogen sich die Gr�nen Geister aus ihrem Bewusstsein zur�ck. Sie sp�rte ihre Anwesenheit, doch sie teilten sich ihr nicht mehr mit, respektierten, dass Lyvianne nun wieder ganz Herrin ihrer Sinne und Gedanken sein wollte.</p><p>Die Elfe kniete nieder und betrachtete die Gesteinssplitter am Fu� der S�ule. Die meisten waren kaum so gro� wie ein Fingernagel, und da das Relief schon im Original nicht sonderlich gut gearbeitet war, war aus diesen Fragmenten so gut wie nichts zu erkennen. Ein l�ngliches St�ck zeigte einen Dolch oder eine Speerspitze. Oder sollte es ein Fangzahn sein? Auf einem anderen Fragment, halb so gro� wie ihre Hand, war ein unregelm��iges Schuppenmuster in den Stein geschnitten. Das konnte ein Fisch oder ein schlecht dargestellter Schuppenpanzer sein. Vielleicht sogar ein Drache. Von den Wochen, die sie in den Tempelarchiven der Goldenen Stadt verbracht hatte, kannte Lyvianne die Geschichte von I�ta der Drachent�terin. Einst hatte ihre Schwester Anatu Freundschaft mit einer Himmelsschlange geschlossen. Vielleicht waren Anatu und der Purpurne sogar ein Liebespaar gewesen�� obwohl Lyvianne sich nicht vorstellen konnte, dass einer der Drachenf�rsten sich in eine Devanthar verliebte. Als I�ta davon erfuhr, erschlug sie in ihrem Zorn den Purpurnen und nahm Anatu gefangen, um ihre Schwester f�r immer im Gelben Turm einkerkern zu lassen.</p><p>Hatte das Bild auf der S�ule gezeigt, wie I�ta den Purpurnen mit einer Lanze durchbohrte? Der erhobene Arm mit dem abw�rtssto�enden Speer passte zu dieser Erz�hlung. Aber warum h�tte die Devanthar dieses Bildnis zerst�ren sollen? Die Geschichte war weithin bekannt. Was war hier abgebildet gewesen, das ihre Br�der und Schwestern nicht hatten sehen d�rfen?</p><p>Die Gr�nen Geister hatten ihr nicht helfen k�nnen, diese Frage zu beantworten. Ein Steinbild konnte zwar eine schwache Aura haben und war auch mit dem magischen Netz verbunden, aber beides war zu abstrakt, um auf die Darstellung zu schlie�en.</p><p>Lyvianne sah erneut zum Bild der Devanthar hinauf. Diese Pose der I�ta mit dem erhobenen Speer kam ihr bekannt vor. Sie hatte sie in einem Tempel in Nangog gesehen. Aber auch schon an einem anderen Ort. Nur wo?</p><p>Nachdenklich stand sie auf und verlie� erst die H�hle und dann das Verbotene Tal, das nach Jahrhunderten, nun da sie die Gr�nen Geister in sich trug, endlich ein friedlicher Ort werden w�rde. Viel zu lange war sie an diesem d�steren Ort gewesen.</p><p>Als sie die Mauer erreichte, streckte erstes Morgenlicht seine silbernen Finger �ber die Bergr�cken. War da etwas zwischen den Kiefern gewesen? Misstrauisch musterte sie den Wald auf der Bergflanke �ber ihr. Das Licht lie� die B�ume lange Schatten werfen. Sie sah eine Elster zwischen den roten St�mmen dahingleiten und atmete auf. Nur ein Vogel.</p><p>Sie eilte zu ihrem Streitwagen und sa�, ohne noch einmal zur�ckzublicken, auf. Nach Albenmark konnte sie nicht zur�ck�� sie w�rde dem Goldenen nicht als Versagerin unter die Augen treten! Wenn sie ihm schon nicht das Herz Nangogs bringen konnte, dann wollte sie wenigstens das Geheimnis aufdecken, das I�ta um einen solch hohen Preis bewahrt hatte. Als sie in raschem Tempo davonfuhr, erinnerte sie sich wieder, wo sie die siegreiche I�ta schon einmal gesehen hatte. In den W�ldern Drusnas auf einem efeuumrankten Stein nahe einem Heiligen Hain. Der Efeu hatte die untere H�lfte des Steins verborgen. Vielleicht fand sich dort, was hier zerst�rt worden war. Doch warum gab es einen Stein, der I�ta zeigte, in Drusna bei einem Heiligtum des Gro�en B�ren, der der Devanthar des Waldlands war?</p></section><section><title><p>Der letzte Krieg</p></title><p>Ashots Blick schweifte zu der m�chtigen, von rot gestrichenen Zedernbalken getragenen Decke der weiten Kammer, in die Aaron ihn bestellt hatte, und weiter zu den Dutzenden Tischen, auf denen sich Tontafeln und Karten t�rmten. Jeden Tag verbrachte der Unsterbliche etliche Stunden hier und k�mmerte sich um Dinge, die eigentlich sein Hofmeister Mataan h�tte erledigen sollen. Doch Aaron wollte alles wissen, was in seinem Reich vor sich ging. Er interessierte sich f�r Steuergelder, f�r die Verz�gerung des Dammbaus am Amur, weit im Osten des Reiches, f�r die Klagen der Freudenm�dchen aus Urat, denen der Zutritt zu den Karawansereien verboten worden war, f�r den Stand der Ernte und Geschichten �ber einen mordenden Keiler in den Bergen nahe Kalydon an der K�ste zur aiolischen See. Obwohl er mehr Zeit mit all diesen Texten verbrachte, als f�r einen Menschen gut sein konnte�� selbst wenn er unsterblich war��, hatte sich seine k�rperliche und seelische Verfassung in den letzten Monden verbessert.</p><p>Es war etwas eingetreten, womit niemand im Palast mehr gerechnet hatte, seit der Unsterbliche seinen Harem aufgel�st hatte und keusch wie ein Priester geworden war. Aaron schien sein Herz verloren zu haben. An ein K�chenm�dchen! Kirum hie� sie, und obwohl sich Aaron bem�hte, diskret zu sein, war ihr Name in aller Munde, und t�glich wuchs der Tratsch. Erst am Morgen noch hatte der Hofmeister Mataan ihn auf den neuesten Stand gebracht, was die Ger�chte anging.</p><p>Sie beide sorgten sich um Aaron, auch wenn der Umgang mit dem M�dchen ihrem Herrscher ganz offensichtlich wohltat. Kirum hatte keine Vergangenheit; sie war aus dem Nichts erschienen, um in der Palastk�che niederste Dienste zu verrichten. Aaron w�re ihr niemals begegnet, h�tte man sie nicht vor ihn gef�hrt, um ein Urteil zu f�llen, nachdem sie seinem Leibkoch Mahut den Arm ausgekugelt, auf dem Kopf des k�niglichen Vorkosters eine Amphore zertr�mmert und noch vier weitere K�chengehilfen niedergeschlagen hatte. Ashot war schleierhaft, was Aaron an dieser Furie fand. Sie selbst hatte behauptet, aus Nari zu stammen. Mataan hatte dort diskret Erkundigungen anstellen lassen. Niemand kannte eine Kirum in Nari.</p><p>Sie hatte sich also mit L�gen das Vertrauen des Unsterblichen erschlichen. Wahrscheinlich hatten seine Feinde dieses M�dchen geschickt, denn zu viele trachteten dem Herrscher nach dem Leben. Und auch wenn Aaron nichts davon wissen wollte, war sie im g�nstigsten Fall ein Spitzel, vielleicht aber auch eine Meuchlerin. Er und Mataan w�rden arrangieren, dass sie einfach verschwand.</p><p>Aaron, der �ber einen kaum handgro�en Holzrahmen gebeugt sa�, in den weiches Bienenwachs gestrichen worden war, und bisher leise vor sich hin gemurmelt hatte, stie� pl�tzlich einen Fluch aus, zerdr�ckte den Text auf der Tafel mit dem Daumen und begann erneut, mit dem Elfenbeingriffel Schriftzeichen in das Wachs zu ritzen.</p><p>Ashot beobachtete Aaron aufmerksam. In so aufgew�hlter Stimmung hatte er den Unsterblichen seit Wochen nicht mehr erlebt.</p><p>�Das sind sie�, rief Aaron. �Endlich habe ich sie gefunden: Die richtigen Worte!� Er stand auf und trat zu Ashot. �Und du wirst der Erste sein, der sie liest, denn du bist unter allen hier bei Hof der Einzige, der es wagt, mir seine ehrliche Meinung ins Gesicht zu sagen.�</p><p>Ashot musterte die Wachstafel, die ihm Aaron hinhielt. Die Schrift war undeutlich, in gro�er Eile niedergelegt. Doch die Worte waren wohl gesetzt. Es verschlug Ashot den Atem, als er las, was offensichtlich der Entwurf f�r ein neues Gesetz sein sollte.</p><p>�Das k�nnt Ihr nicht tun, Erhabener�, stammelte er fassungslos und �berflog die schiefen Zeilen ein zweites Mal. �Ihr wollt jeden jungen Mann, der sein siebzehntes Jahr vollendet hat, auf zwei Jahre zu den Waffen rufen?�</p><p>Aaron nickte ernst. �Und jeden kr�ftigen Mann, der dieses Alter �berschritten hat und bereit ist, f�r ein Goldst�ck Werbegeld zu den L�wenstandarten zu eilen.�</p><p>�Ihr��� Ashot legte die Schreibtafel auf den Tisch. �Das Reich braucht diese M�nner. Sie werden Schreiber, Bauern, B�cker, Tempeldiener, H�ndler���</p><p>�Sie alle werden zun�chst einmal Krieger sein�, entgegnete der Unsterbliche fest. �Und nicht nur hier wird es so sein. In allen sieben K�nigreichen wird dieses Gesetz Geltung haben. So wurde es beschlossen; es war der Wunsch der G�tter. Und es muss sein! Die Jugend unserer Welt wird sich erheben. Seit� an Seit� werden sie in den letzten Krieg ziehen, um uns danach immerw�hrenden Frieden zu schenken. Wenn wir bereit sind, dieses letzte Opfer zu bringen, dann wird ein goldenes Zeitalter anbrechen.�</p><p>Aarons Augen gl�nzten, als brennte ein Fieber in ihnen. Seine Stimme �berschlug sich, w�hrend er sprach. Er war durchdrungen von dieser Idee, die ihm die G�tter eingefl�stert hatten. Ashot fragte sich, ob es bei den anderen Unsterblichen genauso war. Aaron hatte eine unselige Tendenz dazu, sich abseitigen Ideen hinzugeben, um die Welt zu verbessern. Unwillk�rlich musste Ashot an seinen Freund Artax denken. Er war genauso gewesen. Die beiden h�tten sich sicherlich gut verstanden. Doch Artax war vor Jahren auf Nangog verschollen.</p><p>Ashot hatte seine neue Macht genutzt, um Erkundigungen �ber seinen Jugendfreund einzuholen. Artax hatte seine Felder auf Nangog verlassen und war in den W�ldern verschwunden. Wahrscheinlich hatten ihn die Gr�nen Geister geholt, wie schon so viele andere auch.</p><p>�Du bist skeptisch?�, fragte Aaron. Er klang, als w�rde er mit einem st�rrischen Kind reden.</p><p>�Wie k�nnte ich nicht skeptisch sein, wenn ich sehe, dass die Kr�fte einer ganzen Welt auf <emphasis>ein</emphasis> Ziel ausgerichtet werden: den Krieg. Nichts wird mehr so sein, wie wir es kannten. Und das Volk wird dich daf�r nicht lieben. Die M�tter werden ihre S�hne vor deinen Werbern verstecken. Sie werden deinen Namen auf bleierne Fluchtafeln schreiben und zu den G�ttern beten, um alles Ungl�ck dieser Welt auf dein Haupt herabzurufen.�</p><p>�Ich wei߫, entgegnete der Unsterbliche bedr�ckt und strich sich mit fahriger Geste �ber seinen langen, sorgsam in Locken gelegten Bart. �Es ist der Preis der Freiheit.�</p><p>�Warum?�, sagte Ashot aufgebracht. �Was ist es wert, die Jugend unserer Welt zu opfern?�</p><p>�Eine Welt ohne Kriege. Es ist unser Geschenk an die Jugend der Zukunft.� Aaron stie� einen tiefen Seufzer aus. �Glaubst du, ich f�hre gerne Kriege? Meinst du, es f�llt mir leicht, dieses Gesetz zu erlassen?� Er deutete auf die Wachstafel auf dem Tisch, an dem er gearbeitet hatte. �Ich wei�, was dies in der Zukunft bringen wird. Das Leben Tausender wird zerst�rt sein. Ich hatte so sehr gehofft, dass ein Treffen der Unsterblichen alle k�nftigen Kriege auf unserer Welt verhindern k�nnte. Ich wollte eine Welt, in der die M�chtigen ihre Zwistigkeiten in einem Streitgespr�ch l�sen. Oder im schlimmsten Falle in einem Duell. Doch der Angriff auf Selinunt hat alles ver�ndert. Nichts wird mehr sein wie zuvor. Dir ist klar, dass die Drachen versucht haben, unsere G�tter zu t�ten? Und alle Unsterblichen und ihre wichtigsten Hofr�te gleich mit ihnen? Unsere ganze Welt w�re in ein Zeitalter der Finsternis gest�rzt, w�ren wir, so wie geplant, zum gro�en Fest in der Stadt gewesen. Die Drachen h�tten alle Menschenv�lker zu ihren Sklaven gemacht. Und sie werden es wieder versuchen.�</p><p>Nein, Ashot hatte das schreckliche Himmelsfeuer �ber Selinunt nicht vergessen. Wer direkt in den glei�enden Flammenstrahl geblickt hatte, war erblindet. Binnen eines Herzschlages war eine ganze Stadt vernichtet worden. Niemand, der dort gewesen war, w�rde diese Bilder jemals aus seiner Erinnerung tilgen k�nnen. In allen sieben K�nigreichen wurde diese Geschichte seit Wochen weitergetragen. Sie w�rde auch die entferntesten Winkel Daias erreichen.</p><p>�Was verm�gen wir Menschen gegen G�tterdrachen auszurichten?�, fragte er leise. �Willst du unsere Krieger gegen Flammenw�lle marschieren lassen?�</p><p>�Unsere G�tter werden an unserer Seite sein, Ashot. In dieser Stunde steht Langarm an seiner Schmiede. Seit dem Untergang von Selinunt hat er kaum geschlafen. Er wird uns neue Waffen schenken. Waffen, die den Drachen und ihren Daimonenkindern den Tod bringen werden. Wir werden nicht tatenlos warten, bis es ein zweites Selinunt gibt.�</p><p>Ashot konnte die fiebrige Begeisterung des Herrschers nicht verstehen. Aber er war ja auch nur ein Bauer, den eine Laune des Schicksals zum Hauptmann der Leibwache des Unsterblichen gemacht hatte. �Wir werden in die Welt der Daimonenkinder ziehen?�, fragte er mit heiserer Stimme, und w�hrend er sprach, �berkam ihn ein Gef�hl, als str�mte Eiswasser in seine Ged�rme.</p><p>�Das ist nicht der Plan.� Selbst Aaron schien �ber den Gedanken erschrocken, in die Heimat der Daimonen ziehen zu m�ssen. �Wir k�mpfen auf Nangog. Zun�chst m�ssen wir jene Albtraumgestalten besiegen, die sich in den W�ldern und auf den Toten�ckern erhoben haben. Diese Bestien, halb Mensch, halb Tier, die Angst und Schrecken verbreiten.� Er ballte die F�uste. �Glaube mir, ich f�rchte diesen Krieg und den Preis, den wir werden zahlen m�ssen, Ashot. Wir h�tten niemals nach Nangog gehen d�rfen. Es war ein Fehler, den unsere Vorv�ter gemacht haben. Nun brauchen wir das Korn und das Fleisch dieser Welt. Unsere Entscheidung ist, ob wir darum k�mpfen und unsere jungen M�nner opfern oder ob wir aufgeben und ein Jahrzehnt der Hungerwinter erdulden wollen, in denen wir mit ansehen, wie die Alten, die Kranken und die kleinen Kinder dahinsiechen und die anderen, bis zum Skelett abgemagert, nichts tun k�nnen, als ihnen beim Sterben zuzusehen. Du kommst aus einem armen Dorf, Ashot. Du wei�t, was Hunger bedeutet. Du hast ihn schon gesehen. Hast gesehen, wie verbitterte M�nner kleine B�ndel im ersten Morgengrauen zum Totenacker getragen haben, um ihre Letztgeborenen zu begraben�� Ich kann mein Volk nicht auf diesen Weg f�hren, Ashot. Nicht solange meine Kraft reicht, ein Schwert zu halten und mich diesem Schicksal entgegenzustemmen.�</p><p>�Ihr erinnert euch an den �berfall auf die Tempelstadt der Zapote, Herr?�</p><p>Der Unsterbliche runzelte die Stirn. �Nat�rlich.�</p><p>�An die toten Krieger der Zapote, die wir gefunden haben? Jene unheimlichen Tierm�nner? Die Krieger, die auf der Hochebene von Kush Muwattas Streitwagen aufgehalten haben, obwohl die M�nner des Unsterblichen ihnen um mehr als das Zwanzigfache an Zahl �berlegen waren. Die Jaguarm�nner der Zapote sind die besten Krieger dieser Welt. Und die Daimonenkinder haben sie get�tet.� Ashot schnippte mit den Fingern. �Einfach so. Sagt mir, Herr, wie soll ich meine M�nner gegen unbesiegbare Daimonen in den Kampf f�hren? Was kann sie aufhalten?�</p><p>F�r einen Moment lang wirkte Aaron erneut ver�rgert. Er presste die Lippen zusammen und bedachte ihn mit einem schneidenden Blick. Doch dann seufzte er pl�tzlich. �Es sind diese Fragen, die dich als Ratgeber so wertvoll machen. Fragen, die andere nicht zu stellen wagen. Und ich will dir ehrlich antworten. Wir glauben, dass die Daimonenkinder nach Nangog kommen werden, um den Gr�nen Geistern und den Ungeheuern, die sich erhoben haben, beizustehen. Sie werden versuchen, uns von dieser Welt zu vertreiben. Aber die Devanthar sagen, die Daimonen seien in allem, was sie tun, sehr langsam und bedacht. Wir m�ssen die Zeit nutzen und schnell die Ungeheuer vertreiben, die uns dort heimsuchen. Wir m�ssen stark werden. Wir m�ssen unsere Krieger ausbilden, und wenn die Daimonen kommen, dann wird Nangog f�r sie wie eine Ebene voller Treibsand sein. Sie werden in dieser Welt versinken, und unsere Krieger sind die Sandk�rner. Jedes einzelne Sandkorn f�r sich ist bedeutungslos. Ihre Macht liegt in ihrer Zahl, und es ist unser Plan, der uns aus einfachem Sand zu Treibsand werden l�sst.�</p><p>Ashot sch�ttelte den Kopf. �Das sind nur Worte. Ich verstehe den Plan immer noch nicht. Was genau l�sst uns von einfachen Sandk�rnern zu t�dlichem Treibsand werden?�</p><p>�Unsere Bereitschaft, zehn Leben f�r einen toten Daimonen zu geben. Zwanzig, wenn es sein muss�� Es wird unsere Zahl sein, die uns am Ende unbesiegbar macht.� Aaron war blass geworden, und doch spiegelte sich in seinen Z�gen eine Entschlossenheit, die in Ashot jede Hoffnung sterben lie�, dass der Herrscher diesen m�rderischen Plan wieder aufgeben w�rde.</p><p>�Ihr habt das falsche Bild gew�hlt, Unsterblicher�, sagte der Hauptmann verbittert. �Eine Ebene voller Sand, das h�rt sich so sauber an. Ihr aber habt entschieden, die Daimonen und die Ungeheuer Nangogs im Blut Eurer Untertanen zu ertr�nken. Wie schafft Ihr es, tags�ber solche Pl�ne zu schmieden und Euch nachts mit einem K�chenm�dchen zu vergn�gen? Was f�r ein Mann seid Ihr geworden? Wann ist Euch Eure Seele verloren gegangen?� Kaum waren die Worte �ber seine Lippen, bereute Ashot sie schon. Nicht ihren Inhalt, es war die Wahrheit, was er sagte, doch f�rchtete er sich vor dem Preis, den er daf�r zahlen m�sste.</p><p>Der Unsterbliche blieb erstaunlich ruhig. Er sah ihn durchdringend an. Nicht einmal Tadel lag in seinem Blick. �Hast du einen Traum, mein Freund?�</p><p>Ashot war v�llig �berrumpelt. �Ich verstehe nicht���</p><p>�Hast du etwas, das du in deinem Leben unbedingt erreichen m�chtest? Etwas, dem dein letzter Gedanke gilt, bevor du einschl�fst, und gleich der erste, wenn du wieder erwachst? Etwas, das dich brennen l�sst, dein Leben reicher macht und ihm ein Ziel gibt?�</p><p>Der Hauptmann z�gerte, obwohl er auch sofort h�tte antworten k�nnen. Es war sein Dienst f�r den Unsterblichen, der sein Leben erf�llte. Er tr�umte nicht von einer Frau, von Macht oder Reichtum. Manchmal, wenn er nachts zur Ruhe kam und all seine Pflichten weit hinter ihm lagen, empfand er eine schmerzliche Leere in seinem Leben. �Ich tr�ume nicht�, entgegnete er gereizt, denn er ahnte, dass Aaron um diese Antwort gewusst hatte. �Ich stehe mit beiden Beinen im Leben.�</p><p>Der Herrscher l�chelte. �Ja, das ist ein Teil des Problems. Du stehst. Es gibt keine Bewegung in deinem Leben. Du hast dich mit der Welt abgefunden, wie sie ist. Ich aber m�chte sie ver�ndern. Ich m�chte sie verbessern. Ich m�chte sie zu einem Ort machen, an dem die Schwachen nicht unterdr�ckt werden. An dem ein Bauer vor dem Gesetz nicht anders behandelt wird als ein Satrap. Einem Ort, an dem es keinen Hass und keine Ausbeutung mehr gibt. Es liegt in unserer Hand, die Welt zu formen, in der wir leben. Wahrscheinlich war es ein Fehler, nach Nangog zu gehen und sich nicht mit der einen Welt zu bescheiden, die uns von Anbeginn der Zeiten an von unseren G�ttern geschenkt worden war�� Ich kann dies nicht mehr r�ckg�ngig machen, ohne gro�es Leid �ber mein Volk zu bringen. Also gehe ich voran. Wir m�ssen Nangog sicher machen und daf�r sorgen, dass nie wieder eine Flammens�ule vom Himmel hinabsticht, um binnen eines Herzschlages eine ganze Stadt und ihre Bewohner zu Asche werden zu lassen. Und wenn dies vollbracht ist, dann werden Friede und Gerechtigkeit walten. Ich werde all meine Kraft geben, um dieses Ziel zu erreichen.� Der Herrscher nahm die Wachstafel, die Ashot auf den Tisch zur�ckgelegt hatte, auf. �Bring dies zu den Schreibern. Jeder Satrap, jede freie Stadt und jeder gr��ere Tempel soll eine Abschrift davon erhalten und dieses neue Gesetz umsetzen.�</p><p>Der Hauptmann nahm die Tafel. Er wusste, dass weitere Einw�nde kein Geh�r mehr finden w�rden. Niedergeschlagen zog er sich zur�ck, w�hrend Aaron durch die Fl�gelt�r trat, die auf die weite Terrasse f�hrte, und den grauen Himmel betrachtete. Er wirkte unendlich einsam. Sein Traum schien vor allem eins zu sein: ein Albtraum.</p></section><section><title><p>Kirum</p></title><p>Ashot eilte den langen Flur hinunter, der von den Privatgem�chern des Unsterblichen zum L�wenhof f�hrte. Ein Fresko, das eine Flusslandschaft zeigte, s�umte die W�nde. Es zeigte den Unsterblichen auf der Pirsch im hohen Schilf, das mit Lilien durchsetzt war. Man sah ihn L�wen nachstellen und Enten jagen oder aber am Fluss weilen, wo seine Haremsdamen in durchscheinenden Gew�ndern mit Leiern und dickbauchigen Fl�ten f�r ihn spielten, w�hrend eine nackte, rothaarige Sch�nheit tanzte. Ashot fragte sich, wie lange diese Tage wohl schon vergangen waren? Nie hatte er erlebt, wie der Unsterbliche Aaron sich dem M��iggang hingab. Dieses K�chenm�dchen aus Nari war die einzige Schw�che, die der Herrscher sich erlaubte.</p><p>Schwere Schritte, begleitet von einem Klacken, lie�en den Hauptmann aufblicken. Mataan war vom Hof aus in den Flur getreten. Der Hofmeister war nur noch ein Schatten seiner selbst. Ein d�rrer, gro�gewachsener Mann, der sich schwer auf seinen Kr�ckstock st�tzte. Seine Muskeln waren dahingeschmolzen. Es war ihm kaum noch anzusehen, dass er einst ein Krieger gewesen war. Dabei war nicht einmal ein Jahr vergangen, seit er sich im Steinhorst, der letzten Fluchtburg Eleasars, des verr�terischen Satrapen von Nari, sch�tzend vor den Unsterblichen geworfen hatte und schwer verwundet worden war.</p><p>�Wie geht es ihm?�, fragte Mataan, als sie einander gegen�berstanden.</p><p>Statt zu antworten, hielt Ashot ihm den Entwurf f�r das neue Gesetz hin. Der Hofmeister �berflog die Zeilen und nickte.</p><p>�Du stimmst dem zu, Mataan?�</p><p>�Hat der Unsterbliche eine Wahl? Dieser Krieg wurde uns von den Drachen aufgezwungen. In diesem Gesetz finde ich seinen edlen Geist, der selbst in diesen dunklen Zeiten hell wie ein Leuchtfeuer erstrahlt.�</p><p>Ashot traute seinen Ohren nicht. �Du wei�t, was uns erwartet. Wir f�hren die Jugend unseres Reiches zur Schlachtbank. Ich wei� nicht, was du an diesem Gesetz Wunderbares entdecken kannst.�</p><p>�Es gibt keine Ausnahmen. Es ist einfach und klar. Jeder muss gehen, ob er nun der Sohn eines Satrapen oder eines Bettlers ist. Und alle beginnen sie mit dem gleichen Rang. Allein Mut und K�nnen entscheiden �ber den Aufstieg. Ich sehe all seine alten Ideen in diesen Zeilen. Er wird unser Reich ver�ndern.� Mataans Augen gl�nzten nun fast so wie die des Unsterblichen, als er eben von seinen Pl�nen gesprochen hatte. �In dieser Stunde beginnt die Geburt eines neuen Reiches. Und wie bei jeder Geburt muss auch hier Blut flie�en.�</p><p>�Vor gar nicht allzu langer Zeit warst du es, der ihn vor diesen Ideen gewarnt hat�, entgegnete Ashot gereizt. �Du hast vorausgesehen, dass sich die Satrapen gegen ihn erheben werden. Und genau so ist es gekommen. Und wer hat den Preis gezahlt?� Er ma� den ausgezehrten Krieger, von dem kaum mehr als Haut und Knochen geblieben waren, mit kaltem Blick. �Was l�sst ausgerechnet dich in deinem Urteil wanken?�</p><p>�Ich habe gesehen, wie die G�tter ihn als ersten Menschen in den Gelben Turm gerufen haben, um zu h�ren, was er zu sagen hat. Ich war Zeuge, wie er es schaffte, alle Unsterblichen an einem Ort zu versammeln, damit sie �ber eine neue Ordnung der Welt beraten. Und ich war Zeuge, wie er vorhergesehen hat, dass die Drachen versuchen w�rden, alle zu vernichten. Er ist kein Mann wie du und ich. Wir d�rfen ihn nicht nach unserem Ma� beurteilen. Er hat Visionen���</p><p>�Die habe ich auch! Erinnerst du dich noch an die Schrecken der Hochebene von Kush? Diese Schlacht war wie das harmlose Gerangel von Kindern im Vergleich zu dem, was uns erwartet. Die Drachen werden ihre Daimonenkinder schicken, und allein die G�tter wissen, was noch. Wie sollen wir in so einem Krieg siegen?�</p><p>�Glaube ist der erste Schritt�, entgegnete Mataan voller unersch�tterlichem Vertrauen. �Und ich glaube an den Unsterblichen. Er hat mit Bauernkriegern das st�rkste Heer Daias besiegt. Dieser Mann ist auch Daimonen und Drachen gewachsen. Wer, wenn nicht er? Ich werde treu an seiner Seite stehen, wenn dieser Kampf beginnt.�</p><p>�Und ich werde bleiben, damit es in diesen Mauern wenigstens einen gibt, der ihm offen die Meinung ins Gesicht sagt.� In Wahrheit war sich Ashot nur zu bewusst, dass es f�r ihn keinen anderen Ort mehr gab. Er hatte zu viel gesehen, um noch einmal in sein Dorf Belbek zur�ckkehren zu k�nnen und darauf zu hoffen, dort seinen Frieden zu finden. Die Welt war grausamer, als er es sich je h�tte ausmalen k�nnen. Es war besser, dort zu sein, wo �ber den Lauf der Dinge entschieden wurde. Nur dort konnte er etwas bewirken. In Belbek w�re er nicht mehr als ein Schaf, das darauf wartete, dass man es zur Schlachtbank holte.</p><p>�Kein schlechter Grund zu bleiben.� Mataan sah ihn forschend an. �Da du die mahnende Stimme der Vernunft bist, hast du ihn gewiss auch auf Kirum angesprochen.�</p><p>�Weil ich die Stimme der Vernunft bin, habe ich dieses Thema nicht wirklich vertieft. Es war der falsche Augenblick, ihm klar zu sagen, was wir �ber sie denken und was er tun sollte!�</p><p>Mataan l�chelte s�ffisant. �Und mir wirfst du vor, ich sei wankelm�tig?�</p><p>�An wen wird er zuerst denken, wenn sie aus dem Palast verschwindet und einer von uns ihm einen langen Vortrag gehalten hat, wie sch�dlich die Liebelei mit einer K�chenmagd f�r den Frieden im Reich ist?�</p><p>�Und du glaubst, wenn wir schweigen, wird er nicht auf uns kommen?�</p><p>�Er ist ein guter Mensch.�</p><p>Mataans Blick wurde hart. �Eine Schw�che, die wir um seinetwillen nicht teilen d�rfen. Er sollte die Tochter eines Unsterblichen zum Weib nehmen. Oder wenigstens eine Satrapentochter, aber kein K�chenm�dchen, �ber deren Herkunft sich schon der ganze Palast das Maul zerrei�t. Heute habe ich geh�rt, sie sei eine Kriegerprinzessin vom Seidenfluss und eine Hure aus der Goldenen Stadt, und Mahut, der Leibkoch des Unsterblichen, dem sie den Arm auskugelte, schw�rt, sie sei eine Kr�uterkundige.�</p><p>Ashot dachte an die wilde Schl�gerei, in die Kirum in der Palastk�che geraten war. �Sie hat in der Tat ein Kriegerherz���</p><p>�Und in der K�che hatte sie nicht einmal eine Waffe zur Hand.� Mataan sch�ttelte sorgenvoll den Kopf. �Ausgerechnet dieses Weib holt sich der Unsterbliche in sein Bett. Ich begreife ihn nicht! Ich bin inzwischen ganz sicher, dass sie als Kriegerin ausgebildet wurde oder, schlimmer noch, als Meuchlerin. In der Palastk�che war sie nur, um die Aufmerksamkeit des Unsterblichen zu erregen. Was sie nun aber in seinem Bett will, wissen allein die G�tter.�</p><p>�Und du bist dir ganz sicher, dass ihre Geschichten gelogen sind?� Ashot f�hlte sich mit jedem Augenblick unwohler. Der Unsterbliche war fast sein Freund, soweit ein Mensch, der den G�ttern n�herstand als seinesgleichen, �berhaupt ein Freund genannt werden konnte. Und nun stand er hier und �berlegte gemeinsam mit Mataan, wie sie den einzigen Funken Freude in seinem Leben ausl�schen konnten. Es war niedertr�chtig. Niemals h�tte er sich tr�umen lassen, dass das Richtige zu tun so dunkle Taten erfordern konnte.</p><p>�Nat�rlich l�gt sie!� Mataan klang fast beleidigt. �Der Hofmeister Datames war wie eine Spinne, die inmitten eines unsichtbaren Netzes gesessen hat, das sich �ber das ganze Reich erstreckte. Immer noch melden sich fast t�glich Spitzel bei mir, die nun in meine Dienste treten m�chten und in der Vergangenheit meinem Vorg�nger zugearbeitet haben. Allein in Nari habe ich einen Priester aus dem Hauptarchiv des Tempels, einen Hauptmann aus der Leibwache des Satrapen und einen reichen Handelsherren, die ihrerseits ihre eigenen Verbindungen nutzen, um f�r mich an Informationen zu gelangen. Es gab in dieser Stadt niemals eine Kirum. Sie steht nicht auf der Liste der Geburten, niemand ihres Namens hat je Abgaben an den Tempel entrichtet oder w�re den Stadtwachen aufgefallen. Glaube mir, sie l�gt. Und wer sich mit L�gen das Vertrauen des Unsterblichen erschleicht, der hat keine Gnade verdient. So war es schon immer hier im Palast.�</p><p>Ashot sah Mataan mit gro�en Augen an. Diese Seite kannte er noch nicht an dem Fischerf�rsten. �Wie meinst du das?�</p><p>�Vor Aarons Himmelssturz war dieser Palast ein ganz anderer Ort. Hier regierten Angst und Grausamkeit.� Der Hofmeister senkte die Stimme. �Einst war der Unsterbliche ein z�gelloser��� Einen Augenblick rang Mataan um Worte. �� ein z�gelloser Mann�, sagte er schlie�lich matt, und es war un�berh�rbar, dass er seinen Gef�hlen keinen freien Lauf gelassen hatte. �Die L�wengrube und das gro�e Becken mit den Krokodilen�� Dort hat er Haremsdamen hinrichten lassen, die seine Gnade verwirkt hatten oder deren einziger Fehler es gewesen war, mit der Zeit zu altern und sein Auge nicht mehr zu erfreuen. Damals galt, dass eine Dame, die einmal das Bett mit dem Unsterblichen geteilt hatte, niemals wieder bei einem einfachen Mann liegen sollte. Wohin also mit den Frauen? All das �nderte sich nach dem Himmelssturz. Und Datames lie� nach und nach alle Diener vom Hof entfernen, die einst dem anderen, z�gellosen Aaron allzu willf�hrig gehorcht hatten. Heute wirst du hier kaum noch jemanden finden, der dir �ber diese Zeit aus eigener Erfahrung berichten k�nnte.�</p><p>Ashot kannte Ger�chte �ber die alte Zeit, aber er hatte sie immer als L�gengeschichten abgetan. Sie passten so gar nicht zu dem Aaron, den er kannte. �Woher wei�t du das alles?�</p><p>�Ich bin Satrap, ich war auf einigen der Feste��� Ein Wangenmuskel zuckte in dem ausgezehrten Gesicht des Hofmeisters. �Ich war besch�mt, der Diener eines solchen Herrschers zu sein. Niemals h�tte ich erwartet, dass er sich so sehr �ndern k�nnte. Er kam zu mir. Und dann hat er in einem Fischerboot gemeinsam mit mir und seinem Kriegsmeister Juba eine ganze Piratenflotte herausgefordert. Ich erkannte den Mann, den ich hier im Palast gesehen hatte, nicht mehr wieder. Alles war anders geworden. Nicht nur ich habe so empfunden�� Es gibt ein Geheimnis um den Himmelssturz, und es ist nicht gut, daran zu r�hren. Aaron hat nach diesem Sturz seinen Harem aufgel�st. Die Frauen, die ihn wirklich gut kannten, wurden vom Hof entfernt.�</p><p>Ashot war fassungslos. Was wollte Mataan da andeuten? Allein schon so zu denken war blanke Ketzerei. �Hast du Beweise f�r das, was du andeutest?�</p><p>�Nur den Beweis, dass alle Beweise verschwunden sind. Die Frauen, die bezeugen k�nnten, dass sich vielleicht der K�rper des Unsterblichen ver�ndert hat, wurden in die entferntesten Ecken des Reiches verheiratet. Und eine, Aya war ihr Name, beging Selbstmord, indem sie in die L�wengrube sprang. Welche Frau tut so etwas? Frauen vergiften sich oder schneiden sich die Pulsadern auf. Sie suchen einen Tod, der ihren K�rper nicht verst�mmelt. In die L�wengrube springen��� Mataan sch�ttelte den Kopf. �Daran glaube ich nicht. Bei diesem Selbstmord wurde nachgeholfen.�</p><p>�Du meinst, Aaron hat���</p><p>�Nein�, entgegnete Mataan entschieden. �Er w�rde das niemals tun. Es war ein anderer, der zu allem bereit war, um den Unsterblichen zu sch�tzen, denn der neue Aaron, Herrscher von Aram, ist in jeder Hinsicht ein vorbildlicher Mann, dem meine ganze Hingabe gilt. Er opfert sich auf, um das Reich zu sch�tzen und zu neuer Bl�te zu f�hren. Und nicht weniger sollten wir auch tun. Ich werde mich um Kirum k�mmern.�</p><p>�Was wirst du tun?�</p><p>�Eine endg�ltige L�sung finden.� Er seufzte, doch sein Blick blieb hart. �Willst du wirklich mehr wissen?�</p><p>Ashot schwieg.</p><p>�Wei�t du, mein Freund�, fuhr Mataan fort, als das Schweigen zwischen ihnen zu bedr�ckend wurde. �Wir beide, wir sind die Schatten des Unsterblichen. Es liegt an uns, zu tun, was im Dunkel bleiben soll, damit nichts das strahlende Licht tr�bt, das unseren Herrscher umgibt.�</p></section><section><title><p>Kurbelbeine, Aale und eine �berraschung</p></title><p>Etwas Metallisches schlug auf das obere Luk des Aals. Wie ein Glockenschlag hallte es durch den engen Bootsk�rper, und im blassen Bernsteinlicht des Barinsteins blickten alle zu ihm hinauf. Ihr kleines Boot lag still. Endlich, dachte Hornbori erleichtert. Er stand auf der eisernen Leiter unter dem Luk und griff nach dem Hebel, der den mit feinem Rost �berzogenen Ausstieg verschlossen hielt. Die Luft in dem Tauchboot war so von den Ausd�nstungen der K�rper ges�ttigt, dass er bei jedem Atemzug das Gef�hl hatte, etwas Pelziges lege sich auf seine Zunge.</p><p>Energisch drehte er den Verschluss auf und stie� gegen das Luk. Seinem ersten Schlag widersetzte es sich. Es war angerostet. Dann half jemand von au�en. Hornbori schob sich bis zur H�fte durch den engen Ausstieg. Es war, wie neu geboren zu werden. Obwohl kein Tageslicht um ihn herum herrschte, war es deutlich heller als im Boot, und er musste die Augen zukneifen. Tief atmete er ein. Die Luft war mit Rauch ges�ttigt. Es roch nach frisch geschlagenem Holz, erhitztem Metall, dem Dung von Grubenpferden, Schmierfett und Kohlsuppe. Ein zweites Mal atmete Hornbori tief ein, bewusster nun, genie�ender. Es war der Geruch einer Zwergenstadt! Nichts war so gut. Es f�hlte sich nach Heimat an, auch wenn sie in den Ehernen Hallen und nicht in der Tiefen Stadt waren.</p><p>�Eh, beweg endlich deinen fetten Arsch!�, grollte Galar unter ihm. �Oder du wirst meine Faust da sp�ren, wo ewige Finsternis herrscht. Mach voran! Wir anderen wollen auch endlich aus diesem schwimmenden Sarg heraus.�</p><p>�Beleidige mein Boot nicht�, erklang es dumpf vom Bug, wo der Steuermann zwischen seinen Hebeln lag.</p><p>Hornbori packte mit beiden H�nden den eisernen Ring, der den Durchstieg bildete, und schob sich ganz nach oben. Jemand griff nach seinem Wams und half ihm heraus. Der Zwerg blinzelte noch immer gegen das ungewohnte Licht an. Leicht schwankend trat er auf eine Laufplanke, die vom rutschigen Rumpf des Aals �ber weitere Tauchboote hinweg auf einen Kai f�hrte.</p><p>�Endlich frei!�, rief Galar hinter ihm in die weite Hafenhalle. Allm�hlich sah Hornbori deutlicher, und aus Schemen wurden Gestalten. Der Hafen war �berf�llt von Arbeitern. An den Anlegestellen waren die Aale in mehreren Reihen hintereinander vert�ut. Nie hatte er so viele der Tauchboote an einem Ort versammelt gesehen. Auf den Kais standen Krieger in langen Kettenhemden, die die Neuank�mmlinge in Empfang nahmen. Obwohl noch nicht einmal die halbe Besatzung ihres Bootes durch das Luk geklettert war, legte schon der n�chste Aal neben ihnen an und wurde mit Tauen festgezurrt. Ein breitschultriger Dockarbeiter, der lediglich mit einer zerfransten Hose aus grobem, braunem Tuch bekleidet war, sprang auf das neue Boot und schlug mit einem Hammer auf das Luk, zum Zeichen, dass die Besatzung aussteigen konnte.</p><p>Ein anderer tiefer, metallischer Ton wie der Schlag einer riesigen Glocke lie� Hornbori zusammenzucken. Er vertrat sich, rutschte von der Planke in den schmalen Spalt zwischen zwei vert�uten Aalen. Die Schiffe bewegten sich in der sanften D�nung des Hafenbeckens.</p><p>�Halt dich fest!�, rief Galar zu ihm herab und streckte ihm eine Hand entgegen.</p><p>Hornbori stie� einen Fluch aus�� er steckte zwischen zwei Bootsr�mpfen fest. Obwohl seine F��e kaum ins Wasser eingetaucht waren, war er tief genug gefallen, dass der Druck auf seinen Brustkorb stieg, als die Bootsr�mpfe gegeneinanderdr�ngten. Er f�hlte sich wie eine Maus in der Faust eines Minenarbeiters, die den Fehler gemacht hatte, sich dabei erwischen zu lassen, wie sie vom Hartk�se genascht hatte. Er w�rde zerquetscht werden. Er packte verzweifelt die Hand des Schmiedes.</p><p>Auf Galars Stirn trat eine breite Ader hervor, so sehr strengte er sich an. �Ausatmen, Schisser! Tu es, bevor dich die Boote ein letztes Mal ausatmen lassen.�</p><p>Hornbori versuchte es, doch da war schon l�ngst keine Luft mehr in seiner Lunge. Einatmen, das war, was er jetzt sollte, aber er war so fest zwischen den R�mpfen der Aale eingeklemmt, dass keine Luft in seine Lunge wollte. Er japste vor Angst wie ein kleiner Hund. Gleich w�re es um ihn geschehen. Die weite H�hle verschwamm vor seinen Augen��.</p><p>Pl�tzlich lie� der Druck nach, als die D�nung die Reihe der vert�uten Aale auseinanderzog. Mit einem Ruck wurde Hornbori auf den kupferbeschlagenen Schiffsrumpf gezogen. Sein Brustkorb und R�cken schmerzten, und ihm standen Tr�nen in den Augen. Selbst jetzt konnte er nicht frei atmen.</p><p>�Mann, flenn nicht! Du hast noch Gl�ck gehabt!�, erkl�rte der Dockarbeiter, der nun neben Galar stand. �Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht einer zwischen den Aalen zerquetscht wird. Einfach zu voll hier unten. Der Hafen wurde einfach nicht daf�r gebaut, den Heerbann der Zwerge zu versammeln.�</p><p>�Der Heerbann wird versammelt?�, fragte Galar ungl�ubig. Auch Hornbori traute seinen Ohren nicht. Es gab einen Krieg? Hatten die Drachen etwa noch eine weitere Stadt angegriffen? Und was w�rde geschehen, wenn die Himmelsschlangen erfuhren, dass sich hier tausende Zwergenkrieger sammelten? Die Stadt w�rde brennen!</p><p>Beklommen blickte er zur hohen H�hlendecke, unter der Rauchschwaden zogen, und der Atem stockte ihm. An schweren, rostigen Eisenketten hingen dort weit �ber hundert Aale. Mit wei�er Farbe waren Runenzeichen auf die algenbedeckten R�mpfe gemalt. Sie hoben die Tauchboote aus dem Wasser, um Platz f�r neue Aale im Hafenbecken zu schaffen. Wie Schinken in einer R�ucherkammer hingen sie dort. Es waren fast nur gr��ere Boote f�r f�nfzehn bis drei�ig Mann. In der Ferne sah er, wie ein Boot �ber eine Kettenwinde hochgezogen wurde. Wasser troff von dem verbeulten Rumpf. Es glitt entlang m�chtiger eiserner Tr�ger, die in der H�hlendecke befestigt waren, und schlug mit einem Ton wie der Gongschlag eines Riesen gegen einen anderen Rumpf.</p><p>�Eh, auf die Beine mit dir, Heulsuse!�, blaffte ihn der Dockarbeiter an. �Da hinten kommt schon wieder ein neues Boot. Hier ist nicht der Ort, um Maulaffen feilzuhalten.�</p><p>Galar half ihm auf und strafte ihn mit einem Blick voller Verachtung. Mit seinem zerzausten, nicht gerade �ppig wuchernden Bart, dem ungepflegten Haupthaar und seinen d�rren, aber drahtigen Armen machte er nicht gerade viel her. Vielleicht war er deshalb so ein geh�ssiger Sonderling, dachte Hornbori. Auch wenn Galar ein genialer Schmied und Alchemist war, gab es kaum jemanden, der ihn mochte, au�er Nyr, dem Richtsch�tzen vielleicht und dem Kr�ppel Glamir, dem Herrn jenes verfluchten Turms, in dem sie fast ein halbes Jahr gefangen gewesen waren.</p><p>�Beweg dich, Schisser!�, gr�lte nun auch Glamir, der, auf seine Kr�cke gest�tzt, ein St�ck hinter ihnen stand. Er hatte die respektlose Art Galars �bernommen. Nein, berichtigte sich Hornbori in Gedanken, auch Glamir war immer schon ein saufender, stinkender Bastard gewesen. Er hatte lediglich Galars Lieblingsschimpfwort f�r ihn �bernommen.</p><p>Leicht humpelnd und weiterhin auf den Schmied gest�tzt, erreichten sie den gemauerten Kai. Hornbori hatte immer noch das Gef�hl, dass der Boden unter seinen F��en schwankte. Nach den endlosen Tagen im Aal hatte er Kurbelbeine, wie die Tauchfahrer es nannten. So wie alle Mitreisenden hatte er die ganze Zeit mit dem R�cken zur kalten Bootswand gesessen und in die Pedale getreten, um die Kurbelwelle zu bewegen, die sich l�ngs durch den Aal zog. Es war ihre Muskelkraft, die die Wasserschraube bewegte und das Tauchboot vorantrieb. Eine elende, schwei�treibende Plackerei war es. Selbst die sch�ne Amalaswintha hatte in die Pedale treten m�ssen. Nur der kleine Frar war von der M�hsal verschont geblieben. Wie bei ihrer ersten Reise hatte er in einem Frachtnetz unter der Decke des engen Aals gehangen. Er war der Einzige von ihnen, der die Tage in dem stickigen Boot genossen hatte. Das sanfte Schaukeln und die leisen Fl�che hatten ihm gefallen. Der Junge hatte die falschen Zwerge um sich! Wenn er gro� war, w�rde er vermutlich genauso ein Drecksack wie Galar werden.</p><p>Jeder Atemzug versetzte Hornbori einen Stich. Vermutlich hatte er sich eine Rippe gebrochen. Mindestens eine!</p><p>M�rrische Krieger winkten sie vom Kai vorbei an turmhohen Stapeln von allerlei Kriegsg�tern. Es mussten Hunderte F�sser voller Pilz und Salzfleisch sein, dazu Gebirge aus S�cken voller Mehl, Bohnen und Erbsen. Das H�mmern von Schmieden hallte durch die weiten Tunnel, die sich zum Hafen hin �ffneten. Sie passierten eine Karawane abgemagerter, halb blinder Grubenponys, die weitere Lebensmittel heranschleppten.</p><p>Endlich wurde es Galar zu bunt, immer nur weitergewunken zu werden. Er packte einen der Krieger beim Kettenhemd und zog ihn zu sich herum. Trotz seiner hageren Gestalt hatte der Schmied B�renkr�fte. �Du bringst uns jetzt sofort zu Eikin. Wir m�ssen ihn so rasch wie m�glich sehen, es geht um Leben und Tod!�</p><p>�Ich glaube nicht, dass der Alte in der Tiefe, F�rst Eikin, f�r einen stinkenden Grubenfeger wie dich zu sprechen ist. Heute nicht und auch an keinem anderen Tag in deinem Leben.�</p><p>In Galars Augen trat das Funkeln, das Hornbori seit seiner ersten Begegnung mit dem halbverr�ckten Schmied das F�rchten gelehrt hatte. �Du bringst mich zu Eikin, wenn dir daran gelegen ist, heute und an den restlichen Tagen deines k�mmerlichen Lebens noch eine Speise zu dir zu nehmen, f�r die man Z�hne im Maul haben sollte.�</p><p>Aus den Augenwinkeln sah Hornbori einen Trupp Krieger mit Schlagst�cken und �xten in ihre Richtung eilen. Unglaublich, wie Galar sich darauf verstand, sich schon in der ersten Stunde in einer fremden Stadt Feinde zu machen. Eigentlich w�rde er gerne zusehen, wie der stinkende Schmied das Fell gegerbt bekam, aber es bestand die M�glichkeit, dass die Wachen nicht mehr unterschieden, wer den Streit angefangen hatte und wer nur argloser Zuschauer war, wenn es erst einmal richtig zur Sache ging. Er war im selben Aal wie Galar gekommen, und der �rger, der gerade heraufzog, w�rde auch ihn treffen.</p><p>�Mein Freund meint das nicht so.�</p><p>�Was?�, herrschte ihn der Krieger an, den Galar nun langsam am Kettenhemd in die H�he hob. �Dass er mir die Z�hne ausschlagen will oder wie er den Alten in der Tiefe beleidigt. Ihr seid dran, ihr���</p><p>�H�r nicht auf den kleinen Schisser�, zischte Galar. �Der hat hier nichts zu melden!� Mit diesen Worten stie� er den Krieger gegen einen Stapel F�sser, die unter dem Aufprall bedenklich zu schwanken begannen.</p><p>Glamir verlagerte sein Gewicht auf sein gesundes Bein und hob drohend seine Kr�cke. Dabei huschte ein triumphierendes L�cheln �ber sein verunstaltetes Gesicht. Nyr reichte Frar an Amalaswintha und hob die F�uste. Warum hatten diese Irren nur solchen Spa� daran, sich zu pr�geln? Und warum sa� er mittendrin, dachte Hornbori verzweifelt.</p><p>�Das ist alles nur ein Missverst�ndnis�, stie� er verzweifelt hervor, w�hrend er sich unter einem Kn�ppelhieb hinwegduckte. Auch die Krieger, die ihren Kameraden zu Hilfe eilten, waren keine Freunde kl�render Worte. Ohne sich mit irgendwelchen Fragen aufzuhalten, legten sie sofort los.</p><p>Galar schleuderte ihnen ihren Kameraden, der sich wieder auf ihn gest�rzt hatte, entgegen und warf sich dann mit weit ausgebreiteten Armen ins Get�mmel. Glamir rammte einem Axttr�ger seine Kr�cke ins Gesicht. Der Zwerg, der angesichts des Kr�ppels mit einem Holzbein vor ihm einen verh�ngnisvollen Augenblick lang gez�gert hatte, b��te seine R�cksichtnahme nun mit einer gebrochenen Nase.</p><p>Hornbori blockte mit seiner unverwundbaren Faust einen Axthieb, der nur mit halber Kraft gef�hrt war. Obwohl ihm der Treffer das Handgelenk stauchte, verfehlte der Auftritt seine Wirkung nicht. Der Krieger, ein bulliger, blonder Kerl mit rotem Gesicht, wich erschrocken vor ihm zur�ck.</p><p>�Das�� Deine Hand�� ist st�rker als der Stahl���</p><p>Hornbori kannte die Wirkung solcher Auftritte. Sogar Galar hatte seine Mordgel�ste vergessen, als er das zum ersten Mal gesehen hatte. Dieser Griff in das merkw�rdige Gemisch aus Koboldk�se und Drachenblut, damals als Galar in der Schmiede auf ihn losgegangen war, hatte sein Leben einschneidender ver�ndert als irgendein anderes Ereignis. Bedauerlich war nur, dass es trotz aller M�hen nicht gelungen war, irgendwelche anderen K�rperteile von ihm unverwundbar zu machen.</p><p>�Wie du siehst, k�nnen Waffen mich nicht verletzen�, sagte Hornbori mit gespielter Ruhe. �Was glaubst du, was diese Faust anzurichten vermag, wenn ich wirklich w�tend werde.�</p><p>�Das sind die Drachent�ter!�, rief der Axtschwinger. �H�rt auf! Die Drachent�ter sind zur�ck.�</p><p>Das Kn�uel der K�mpfenden l�ste sich. Galar hatte ein blaues Auge, und Glamir lag am Boden, hatte seinem Angreifer aber gerade mit dem Holzbein in die Kronjuwelen getreten. Beide sahen so aus, als t�te es ihnen leid, dass die Keilerei ein pl�tzliches Ende genommen hatte.</p><p>Amalaswintha dr�ckte Nyr das Baby in den Arm und zischte einem der Schl�ger etwas ins Ohr. �Du bist���, sagte er ungl�ubig.</p><p>�Ganz genau�, entgegnete sie selbstbewusst. �Ich bin Amalaswintha, gern gesehener Gast an der Tafel eures F�rsten. Amalaswintha, der ein eigener Tunnel in der Ehernen Stadt geh�rt, zwei der ertragreichsten Minen in dieser Gegend sowie eine wohlgef�llte Lagerh�hle, ein Kai in diesem Hafen und siebzehn von diesen verfluchten Aalen, in denen ich in meinem ganzen Leben hoffentlich nie wieder auch nur eine einzige Stunde verbringen muss.�</p><p>Obwohl ihr rotes Kleid sichtlich unter den Strapazen der Reise gelitten hatte und sie roch, wie man es nun einmal tat, wenn man zwei Wochen mit schwitzenden Zwergen in einem Aal verbracht hatte, gelang es ihr, all das vergessen zu lassen und wie eine F�rstin aufzutreten. �Im �brigen bin ich mir sicher, dass es Eikin, der Alte aus der Tiefe, sch�tzen wird, wenn nicht die Runde macht, welche G�ste heute hier eingetroffen sind. Wenn die Himmelsschlangen erfahren, wer in den Ehernen Hallen weilt, dann wird auch dieser Ort das Schicksal der Tiefen Stadt teilen.�</p><p>Es war un�bersehbar, welchen Eindruck Amalaswinthas Worte gemacht hatten. Der Axttr�ger rief seine Kameraden zur�ck, und in der Art, wie er sie nun ansah, hielten sich Bewunderung und Furcht die Waage. Alle Zwerge tr�umten davon, die Tyrannen vom Himmel zu holen, doch mehr noch f�rchteten sie den Preis daf�r.</p><p>�Ich werde euch ein Quartier suchen�, murmelte der blonde Krieger, der Hornbori eben noch mit der Axt niedermachen wollte. �Und ich schicke einen Boten zu Eikin. Ich�� Verzeiht���</p><p>�Sei�s drum.� Galar machte eine wegwerfende Handbewegung. �Wir brauchen kein Quartier. Wir nehmen den Tunnel von Amalaswintha als Unterkunft und���</p><p>�Ganz sicher nicht!�, zischte die Zwergin. �Ich habe genug Zeit mit einem Dutzend l�sterner Zwerge in einem stinkenden Fass verbracht. Und nicht einer von euch hat den Blick abgewendet, wenn ich auf den Nachttopf steigen musste. Im Gegenteil, euch sind fast die Augen aus dem Kopf gefallen. Was mich angeht, will ich keinen von euch jemals wiedersehen!�</p><p>�Hab dich mal nicht so, Liebchen.� Glamir war wieder auf sein Bein gekommen und leckte sich �ber die Lippen. �Du hast doch wohl nicht unsere sch�nen Stunden miteinander in meinem Turm vergessen. Wenigstens mich solltest du in deinen Tunnel einladen. Ich hab auch nur mit einem Auge hingesehen, wenn du auf den Topf musstest.� Um seine Worte zu unterstreichen, hob er seine Augenklappe, sodass deutlich das vernarbte Loch zu sehen war, das anstelle seines rechten Auges geblieben war.</p><p>�Du w�rst der Letzte, der bei mir �ber die Schwelle kommt. Erz�hlt euch nur untereinander eure Phantasien. Wahr ist, dass ich bei keinem einzigen von euch im Bett gelegen habe, ihr stinkende, nichtsnutzige Bande.� Mit diesen Worten zog sie davon. Nicht einer der W�chter machte den Versuch, sie aufzuhalten.</p><p>Hornbori sah ihr verbl�fft und zugleich auch erleichtert nach. Er war sich ganz sicher gewesen, dass sie sich auf Glamir eingelassen hatte. Wie sch�n, dass er sich geirrt hatte. Nur was ihn anging, hatte sie gelogen. Zweimal war es ihm gelungen, sie zu umgarnen. Aber wer konnte einem so pr�chtigen Mannsbild, wie er es war, auch widerstehen?</p><p>Der blonde Krieger gab ihnen ein Zeichen, ihm zu folgen. Anfangs versuchte er, aus Glamir und Galar ein paar Geschichten �ber den Drachenkampf herauszubekommen, aber die beiden waren in m�rrischer Stimmung und brachten kaum die Z�hne auseinander. So nahm Hornbori es auf sich, von ihren Heldentaten zu berichten, wobei er darauf achtete, seine eigenen Taten ins rechte Licht zu r�cken. Immer wieder fing er sich einen m�rderischen Blick von Galar ein, doch der Schmied unterbrach ihn nicht, w�hrend er ausf�hrlich von ihrem Kampf um die Tiefe Stadt berichtete. Bereits nach Kurzem erreichten sie einen Stollen, der zumindest zeitweise als Materiallager gedient haben musste. Neben verbogenen Spitzhacken und zerbrochenen Holzstielen gab es Hunderte leerer, schmutzstarrender Kohlens�cke. So wie sie da lagen, sah es aus, als w�ren sie schon als improvisierte Nachtlager genutzt worden.</p><p>Ihr F�hrer entschuldigte sich wortreich daf�r, auf die Schnelle kein besseres Nachtlager f�r sie gefunden zu haben. Hornbori winkte ab. Alles war besser als der Aal.</p><p>�Warum ist der Heerbann einberufen worden?�, fragte Galar beil�ufig und fl�zte sich auf einem Stapel alter S�cke.</p><p>Der Krieger wirkte �berrascht. �Ihr habt es wirklich nicht geh�rt? Albenkinder aller V�lker wurden zu den Waffen gerufen. Ein gro�er Krieg auf Nangog steht bevor. Wie es scheint, bereiten sich die Menschenkinder darauf vor, von dort aus eine Invasion Albenmarks zu beginnen. Wir m�ssen ihnen unbedingt zuvorkommen.�</p><p>�Wenn die Drachen einen Tritt in den Arsch bekommen, w�re das nicht das Schlechteste�, erkl�rte Glamir, w�hrend er mit seiner Kr�cke in einem Stapel S�cke herumstocherte, aus dem sich zwei Ratten davonmachten.</p><p>�Aber dabei wird es nicht bleiben�, erkl�rte ihr Begleiter voller Inbrunst. �Erst wollen sie nur Nangog, aber bald auch unsere Welt, unser Korn, unsere Viehherden und unsere Minen. Sie sind wie eine Horde pl�ndernder Trolle, nur tausend Mal schlimmer, denn sie werden von ihren D�monenf�rsten pers�nlich angef�hrt.�</p><p>Nangog! F�r Hornbori war dies der entfernteste Ort, den er sich vorstellen konnte. Eine Welt, �ber die er nur ein paar Geschichten, die wie M�rchen klangen, geh�rt hatte. Und dort sollten sie k�mpfen? Weil die Menschenkinder sonst nach Albenmark kamen? Das h�rte sich unglaubw�rdig an.</p><p>Aber er kannte sich mit L�gengeschichten aus. Dies hier war ein so schlecht gesponnenes Garn, dass es am Ende vielleicht doch die Wahrheit sein mochte. L�gen w�ren besser ausgedacht! �Und wir sollen zusammen mit Kobolden und Trollen k�mpfen? Am Ende vielleicht auch noch mit den Drachenelfen, die unsere Vettern ermordet haben?�</p><p>�Die Himmelsschlangen haben entschieden, dass jeder Zwist und jede Fehde ruhen muss, bis dieser Krieg beendet ist�, verk�ndete der Blonde in feierlichem Tonfall. Bei ihm war die Geschichte, die die Drachen ausstreuten, ganz offensichtlich auf fruchtbaren Boden gefallen. �Wir werden Seite an Seite marschieren. Es wird Friede unter den V�lkern Albenmarks herrschen, bis wir Nangog befreit haben und die Menschen so gr�ndlich besiegt sind, dass ihnen auf immer ihre Eroberungsgel�ste vergehen.�</p><p>Glamir r�lpste und lie� sich auf die Kohlens�cke fallen, und ausnahmsweise war auch Hornbori der Meinung, dass es zu diesem Thema nicht mehr zu sagen gab. Bald schon w�rden sie dem Bergf�rsten gegen�berstehen, dann w�rden sie erfahren, worum es wirklich ging, und nicht die Geschichten zu h�ren bekommen, mit denen man einfachen Zwergen den Kopf verdrehte, damit sie willig zur Schlachtbank zogen.</p><p>Viel wichtiger als dieser Unsinn war es nun, einen Ort zu finden, an dem er sich waschen konnte. Zu stinken wie Glamir, Galar, Nyr und Frar mit seinen ewig vollgeschissenen Windeln war Hornbori zutiefst zuwider. Und es war etliche Monde her, dass er seinen Bart das letzte Mal mit einem guten �l behandelt und zu Locken gedreht hatte. Er war es leid, wie ein Herumtreiber auszusehen. Er war Hornbori Drachent�ter, eine Ber�hmtheit in allen St�dten unter Tage, und er war es seinem Ruf schuldig, auch wie ein Held aufzutreten. Und Helden stanken nicht!</p></section><section><title><p>Der Besucher</p></title><p>Als Amalaswintha erwachte, brauchte sie einen Augenblick, um sich bewusst zu werden, wo sie war. Alles war gut! Endlich, nach so langer Zeit. Sie lag in einem weichen Bett, dessen Bez�ge leicht nach Rosen�l dufteten. Eine Kerze brannte in einer Laterne aus buntem Glas und tauchte ihr Schlafgemach in angenehmes, ged�mpftes Licht. Verwundert sah sie, dass sie immer noch ihr rotes Kleid trug, das sie die ganze Reise �ber nicht ein einziges Mal ausgezogen hatte. Ihm hafteten all die �blen Ger�che und die schlechten Erinnerungen an. Sie w�rde es verbrennen lassen! Nie wieder in ihrem Leben wollte sie es sehen.</p><p>Sie streckte die Arme nach hinten und dehnte die Beine. Endlich gab es genug Platz. Es w�rde lange dauern, bis sie die Entbehrungen der vergangenen Monde hinter sich lassen konnte. Sie musste herausfinden, womit sie den Alten in der Tiefe so sehr erz�rnt hatte, dass er sie mit den anderen in Glamirs Turm verbannt hatte. So weit durfte es nie wieder kommen. Sie hatte sich als Erstes nach ihrer Ankunft davon �berzeugt, dass jener ganz besondere Aal, den sie vor zwei Jahren hatte bauen lassen, noch immer f�r sie vor Anker lag. Ein Tauchboot, das einem den Weg fast �berallhin �ffnen konnte. Dieses Boot h�tte sie vor der Verbannung bewahren k�nnen! H�tte sie es nur damals schon benutzt! Doch es war alles so schnell gegangen. Die Ereignisse hatten sie �berrumpelt. Das w�rde ihr kein zweites Mal geschehen!</p><p>Amalaswintha genoss es, im Bett zu liegen, der tanzenden Flamme in der Laterne zuzusehen und ihren Gedanken nachzuh�ngen. Dann �bermannte sie wieder der Gestank ihres Kleides. Mit spitzen Fingern �ffnete sie die Verschn�rung, streifte es �ber den Kopf und warf es von sich. Einen Augenblick sp�ter folgte das wunderbare zarte Untergewand aus bestem Leinen. Sie l�ste den G�rtel mit den Strumpfbandhaltern und rollte die Str�mpfe aus Lammwolle ihre Beine hinab. Nackt erhob sie sich aus dem Bett und schnupperte an ihrem rechten Arm. Der Gestank war immer noch da! Er war tief in ihre Haut eingezogen. Sie ekelte sich vor sich selbst.</p><p>Energisch klatschte Amalaswintha in die H�nde. Fast augenblicklich erschien Lamga in der T�r. Einen Moment schien sie etwas sagen zu wollen, doch dann senkte sie nur dem�tig das Haupt. Ihre Dienerin war fr�her schon belustigend pr�de gewesen. Sie, ihre Herrin, nackt zu sehen machte sie verlegen, ja regelrecht sprachlos.</p><p>�Ist mein Bad bereitet?�</p><p>Lamga nickte scheu.</p><p>Der Befehl, Wasser f�r ein hei�es Bad zu kochen, war das Letzte gewesen, was ihr �ber die Lippen gekommen war, bevor sie der Verlockung ihres duftenden, weichen Bettes erlegen war. Erholt und mit federndem Schritt verlie� Amalaswintha ihr Schlafgemach. Sie brauchte gar nicht hinzusehen, um zu wissen, dass Lamga err�tete, als ihre Herrin unbekleidet durch den kurzen Tunnel ging, der ihr Schlafgemach vom gro�en Bad trennte. Hier h�tte sie einem der anderen Diener begegnen k�nnen. Undenkbar, wenn man so einfach gestrickt war wie Lamga. Sie sch�mte sich gerade f�r zwei, vermutete Amalaswintha.</p><p>Sie liebte dieses Bad. Es war fast so pr�chtig wie jenes in der Tiefen Stadt, das nun f�r immer verloren war. Ganz mit dunkelrotem Porphyr ausgekleidet und von zwei Laternen mit roten Scheiben nur sp�rlich beleuchtet, hatte es einen morbid sinnlichen Charme, der hervorragend zu ihrer augenblicklichen Stimmung passte. Dunstschwaden hingen �ber dem gro�en, im Boden eingelassenen Becken. Der glatt polierte Stein war mit Kondenswasser beschlagen. Der Boden unter ihren nackten F��en war schl�pfrig. Angenehm feuchte W�rme umfing sie, in der Luft hing der Duft von Mandel�l. Sie w�rde alle Erinnerungen an das, was vergangen war, abwaschen. Sie w�rde�� Amalaswintha verharrte mitten im Schritt. Da war jemand in ihrem Bad. Halb verborgen von den Dunstschleiern, die �ber das gro�e Becken zogen, stand eine Gestalt mit langem, schwarzem Haar, die ihr den R�cken zuwandte.</p><p>�Wer bist du? Und was machst du hier?�</p><p>Die Gestalt drehte sich um. Es war Hornbori!</p><p>�Wie kommst du in mein Bad?�</p><p>Er l�chelte verschw�rerisch. �Deine Dienerschaft fand es gar nicht ungew�hnlich, als ich ihnen�� zugegeben ziemlich entschieden�� erkl�rt habe, dass du mich hier erwarten w�rdest. Empf�ngst du oft M�nner im Bad?�</p><p>�Das geht dich nichts an! Verschwinde hier! Sofort, oder ich lasse dich aus meiner H�hle pr�geln, nackt wie du bist.�</p><p>�Du hast mich doch eingeladen. Was soll dieser pl�tzliche Sinneswandel?�, erkl�rte er in gespielt beleidigtem Ton.</p><p>�Eingeladen?�</p><p>�Nun, wenn du vor allen erkl�rst, du h�ttest mit keinem von uns das Lager geteilt, aber wir eine Aff�re hatten, kann das doch nur hei�en, dass du dir die anderen vom Hals schaffen wolltest, um mit mir allein zu sein.�</p><p>Amalaswintha sch�ttelte den Kopf. Das war v�llig widersinnig, eine fadenscheinige Ausrede. �Ich werde jetzt meinen Leibw�chter rufen���</p><p>�Halt!� Hornbori kam durch das Wasser auf sie zugewatet. Schlecht sah er nicht aus, das musste sie ihm zugestehen, aber er war die Sorte Mann, die sich gleich die ganze Frau nahmen, wenn sie auch nur den kleinen Finger bot. Sie sollte ihn dringend loswerden.</p><p>�Du m�chtest doch nicht, dass dein wundersch�ner Palast ein Fra� der Flammen wird. Nur wir beide k�nnen das verhindern.� Wasser troff von seinem langen, schwarzen Bart. Seine Haut war makellos. Wei� wie Marmor und ohne jede Narbe. Amalaswintha dachte mit Schrecken an die wenigen N�chte, die sie Glamir geschenkt hatte, um sein Vertrauen zu gewinnen. Keines seiner Glieder war nicht von wulstigen Narben verunstaltet gewesen. Seine ganze linke K�rperh�lfte war verst�mmelt. Ein Arm, ein Bein und sogar ein Auge fehlten ihm, und was die Smaragdspinnen nicht abgeschnitten hatten, sah aus, als h�tten sie es gen�sslich mit Dutzenden Schnitten zerfleischt. Es war ein Wunder, dass Glamir an diesen Verletzungen nicht gestorben war. Und das war das einzig Wunderbare an ihm gewesen. Er soff, stank und hielt sich f�r den gr��ten Liebhaber aller Grubenst�dte, auch wenn sein Auftritt bestenfalls mittelm��ig zu nennen gewesen war. Hornbori war da ganz anders. Er geh�rte zu den wenigen Zwergen, die Wert darauf legten, sich zu waschen. Allein das hob ihn schon von allen �brigen b�rtigen Kreaturen aus Glamirs Turm ab und auch von der �berwiegenden Mehrzahl der H�flinge F�rst Eikins. Und dann sah er wirklich verdammt gut aus, mit seinem langen Haar, den vertr�umten Augen und dem dichten, m�nnlichen Bart. Obendrein war er ein guter Liebhaber�� jene seltene Mischung aus Leidenschaft und R�cksichtnahme, die eine einzige Nacht lebenslanger Erinnerung wert machte. Bedauerlicherweise war sich Hornbori all dieser Vorz�ge nur zu bewusst. Allein deshalb sollte sie ihn zur�ckweisen. Schon sein Auftritt hier war eine einzige Frechheit. In den Ehernen Hallen war er ein Nichts! Mittellos und ohne jeden Einfluss auf die bedeutenden Familien kam er hierher, weil sie ihm als Schl�ssel zur Macht dienen sollte.</p><p>Als Amalaswintha schwieg, fragte er erneut, ernster diesmal: �Willst du wirklich auch diesen Palast verlieren? Du wei�t genau, was Glamir und Galar tun wollen.�</p><p>Nat�rlich wusste sie es. Obwohl die beiden Schmiede sich ansonsten stets verschwiegen gegeben hatten, plauderten Galar und Glamir im Bett gerne. Sie hatten sich mit den Speerspitzen gebr�stet, die ein f�r alle Mal die Herrschaft der Drachen beenden w�rden. Waffen, denen nichts zu widerstehen vermochte.</p><p>Hornbori schien ihr angesehen zu haben, dass er ihr damit kein Geheimnis verriet. �Wir m�ssen sie aufhalten! Wenn sie eine der Himmelsschlangen erlegen, dann werden die �brigen nicht lange brauchen, um herauszufinden, woher diese Speerspitze kam. Sie werden auch die Ehernen Hallen mit ihrem Feuer heimsuchen!�</p><p>Amalaswintha nickte. �So wird es sein. Aber ich frage mich, was geht in deinem Kopf vor, dass du glaubst, dieses Thema uneingeladen mit mir im Bad besprechen zu k�nnen?�</p><p>Er senkte zerknirscht den Kopf. �Wom�glich hat dein Liebreiz meinen Verstand verwirrt���</p><p>Verdammter Mistkerl, dachte sie und musste doch zugleich l�cheln. Er wusste, wie man eine Frau herumbekam!</p><p>�Nehmen wir einmal an, ich gew�hrte dir die Gunst einer Nacht, was h�ttest du mir zu bieten?�</p><p>�All meine Leidenschaft!� Hoffnung glomm in seinem Blick, und strahlend wei�e Z�hne blitzten durch seinen nachtschwarzen Bart, als er l�chelte.</p><p>�Du wei�t, was ich meine�, entgegnete sie k�hl, obwohl es ihr zunehmend schwerer fiel, sich zu verstellen. Sie hatte Lust, sich auf einen sauberen Mann einzulassen, der wusste, was er wollte. Nur f�r eine Nacht��</p><p>�Sie werden Eikin ihre Waffe vorf�hren und ihn um Unterst�tzung im Kampf gegen die Himmelsschlangen bitten. Allerdings bef�rchten sie, dass er ein Feigling ist und ablehnt, ja schlimmer noch, dass er ihnen ihre wundersamen Speerspitzen abnimmt, um sie f�r immer in seiner tiefsten Schatzkammer verschwinden zu lassen. Deshalb haben sie einen zweiten Satz Speerspitzen in unserem Aal verborgen. Sie haben ein wirklich gutes Versteck gefunden. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie versuchen werden, sich unter die Krieger zu mischen, die gerade zusammengezogen werden, um im Heer der Himmelsschlangen zu dienen. So k�nnen sie den gro�en Drachen nahe genug kommen, um einen von ihnen zu t�ten.�</p><p>Amalaswintha nickte bed�chtig. Das h�rte sich ganz und gar nach Galar an. Er war ein verschlagener Mistkerl, der keinem traute und sich immer einen R�ckzugsweg offenhielt. �Wo ist das Versteck?�</p><p>Hornbori schenkte ihr sein strahlendstes L�cheln. �Das ist meine Morgengabe f�r dich. Eikin wird es sicher sehr zu sch�tzen wissen, wenn du ihn �ber dieses Komplott unterrichtest.�</p><p>Amalaswintha stieg zu ihm ins Bad. �Wie ist es, seine Freunde zu verraten?�</p><p>�Ist das �berleben einer ganzen Stadt nicht jedes Opfer wert?�</p><p>Sie strich ihm �ber die breite Brust. Er war ein Mistkerl, aber er sah dabei verdammt gut aus.</p><p>�Ich wei� nun, was meine Morgengabe sein wird. Aber was sind deine W�nsche, Hornbori?�</p><p>Er k�sste sie. �Einen k�nntest du sofort erf�llen. Und einen zweiten ein klein wenig sp�ter.�</p></section><section><title><p>Die B�rde der Macht</p></title><p>Eikin kniete neben dem Geschoss nieder, das inmitten der weiten Halle auf dem Boden lag. Deutlich sp�rte der Alte unter dem Berg die Gicht in seinen Knien.</p><p>Bewundernd strich er �ber das schillernde Metall. Vom h�lzernen Schaft des Speers war nur ein zersplitterter Rest unmittelbar unter der T�lle geblieben, die das Speerblatt mit dem Holz verband. Im oberen Drittel der T�lle waren acht kleinere Klingen ausgefahren, die rechtwinklig abstanden.</p><p>�Ich habe lange mit Glamir an diesen Speerspitzen get�ftelt�, sagte Galar selbstbewusst. �War ein elendes St�ck Arbeit. Aber am Ende haben wir etwas ganz Besonderes erschaffen!�</p><p>Der Kerl war eine Schande f�r alle Zwerge, so verlottert, wie er aussah, dachte Eikin. Seine Hose war so verschossen und so oft geflickt, dass es unm�glich war, ihre urspr�ngliche Farbe zu erraten. Dar�ber trug er nur eine offene Lederweste, die seinen drahtigen K�rper pr�sentierte, als w�re es eine Freude, einen Zwerg zu sehen, der nicht gut genug im Futter stand, um einen festen Kugelbauch zu haben. Aber so absto�end er auch war, er war ein Genie! Und wie der eine oder andere geniale Geist, dem Eikin in seinem langen Leben begegnet war, schien auch Galar keine Ahnung zu haben, was seine Erfindung heraufbeschw�ren w�rde, wenn sie zum Einsatz kam.</p><p>�Die kleinen Klingen fahren aus, sobald die Speerspitze auf ihr Ziel aufschl�gt�, erkl�rte der Schmied nun voller Stolz.</p><p>�Dachte ich mir�, sagte Eikin heiser. �Ein Federmechanismus, nehme ich an.�</p><p>�Ganz genau!�</p><p>M�hsam richtete sich der F�rst auf. �Wer wei� davon?�</p><p>�So gut wie niemand. Wir m�ssen die Sache geheim halten. Nicht auszudenken, was geschehen w�rde, wenn die Himmelsschlangen davon erfahren.�</p><p>Eikin nickte. �Braver Junge! Aber sag mir doch ganz genau, wer es wei�. Ich muss das einsch�tzen k�nnen. Uns darf bei dieser Sache kein Fehler unterlaufen, das verstehst du doch sicherlich.�</p><p>Galar zog misstrauisch die Brauen zusammen. �Wir machen keine Fehler���</p><p>Der F�rst schlurfte in Richtung der Wand aus solidem, gewachsenem Fels, die der Speer so leicht durchschlagen hatte, als w�re sie ein Daunenkissen. �Die Namen, Junge!�, sagte er eine Spur sch�rfer.</p><p>�Einige der M�nner aus Glamirs Turm. Au�erdem Nyr, Hornbori und Amalaswintha. Die anderen, die mit uns im Aal gekommen sind, haben keine Ahnung, was f�r eine Fracht sie transportiert haben.�</p><p>Eikin nickte. Dasselbe hatte ihm auch Amalaswintha erz�hlt. Es war eine Schande, was er Galar antun musste. Der Schmied war ein Held. Aber dies war das falsche Zeitalter f�r Helden wie ihn. Der Alte aus der Tiefe erreichte die Felswand und betrachtete ungl�ubig das sternf�rmige Loch, das der Speer durch die mehr als achtzig Schritt dicke Wand gestanzt hatte. Unglaublich. Er malte sich aus, was so ein Speer anrichten mochte, wenn er eine der Himmelsschlangen traf, wie er ein Gehirn zerschnitt oder Eingeweide zerfetzte und die �berheblichen G�tterdrachen vom Himmel fielen. Wie gerne h�tte er das gesehen!</p><p>Aber sobald der erste Drache fiel, w�rden die �berlebenden die Sch�tzen finden. Und sie w�rden sehr schnell wissen, von wo sie gekommen waren. Sie w�rden es nicht dabei belassen, allein die Drachenm�rder zu t�ten. Das hatten sie schon einmal gezeigt. �Du hast da ein wahres Wunderwerk erschaffen�, sagte Eikin voll ehrlicher Anerkennung.</p><p>�Wir werden die Speerschleuder noch verbessern. Wir brauchen guten Federstahl und eine gro�e Schmiede und���</p><p>Der alte Herrscher sch�ttelte den Kopf. �Das wird Aufsehen erregen. So geht das nicht.� Er wandte sich vom Fels ab und ging zum Tunnel, der zum Thronsaal f�hrte.</p><p>�Wir brauchen eine starke Speerschleuder, F�rst. Es ist allein die Kraft der Waffe, die entscheidet, wie weit das Geschoss fliegt. Nichts vermag den Speer aufzuhalten. Er durchdringt Fleisch, Stahl und Stein, so als w�re es nur Luft. H�tten wir eine Speerschleuder, die ihn eine Meile weit verschie�t, w�rde er alles auf diesem Weg durchbohren. Vielleicht sogar zwei Himmelsschlangen.�</p><p>Eikin lachte gek�nstelt. �Eine Speerschleuder, die eine Meile weit schie�t�� So etwas gibt es nicht!�</p><p>Galar war nicht aus der Fassung zu bringen. Im Gegenteil, Widerstand stachelte ihn offensichtlich an. �So eine Waffe gibt es <emphasis>noch</emphasis> nicht, mein F�rst. Aber wir k�nnten sie bauen! Gib uns die Mittel zu forschen und zu bauen, und ich verspreche dir, es wird kein Jahr vergehen, bis in deinem Thronsaal eine Speerschleuder steht, wie sie Albenmark noch nicht gesehen hat. Ich habe schon eine Idee���</p><p>�Ideen�, winkte Eikin ungehalten ab. �Jeden Tag steht vor mir ein Schmied voller Ideen, der das Gold der Ehernen Hallen m�chte.�</p><p>�Das verstehe ich, aber mein F�rst, was ist unwahrscheinlicher? Ein Speer, der Stein und Stahl durchschl�gt, als w�re es Pergament, oder eine Speerschleuder, die doppelt so weit schie�t wie alle, die bislang gebaut wurden?�</p><p>Der F�rst grummelte etwas und ging weiter den Tunnel entlang. Bei jedem Schritt sp�rte er einen Stich im rechten Knie. Heute war einer der schlimmeren Tage mit der Gicht. Schon als er aufgestanden war, hatten all seine Fingergelenke geschmerzt, und er hatte sich kaum aufzusetzen vermocht. Und dann noch diese Sache�� Er mochte Galar. Es waren M�nner wie dieser Schmied, die die Zwergenst�dte im Scho� der Erde gro� und m�chtig gemacht hatten. M�nner voller k�hner Visionen, die Tr�ume zu leben wagten. Er war nie so k�hn gewesen, dachte Eikin bitter. Hatte stets mit beiden Beinen auf dem Boden gestanden und nur gewagt, was erprobt war. Und so w�rde er es auch jetzt halten.</p><p>Die Ehernen Hallen waren zwar dreimal so gro� wie die Tiefe Stadt, die von den Himmelsschlangen in nur einer Stunde vernichtet wurde, dennoch hegte er nicht den geringsten Zweifel, dass auch seine Stadt fallen w�rde. Er war es seinem Volk schuldig, kein Tr�umer zu sein!</p><p>Schweigend legten sie das letzte St�ck des Weges zur�ck, bis der Tunnel in den weiten Thronsaal m�ndete. Auf Anraten Amalaswinthas hatte Eikin daf�r gesorgt, dass es keine Zeugen gab. Nur Glamir erwartete sie in der pr�chtigen, weiten Halle mit den W�nden aus meergr�ner Jade, auf denen Bilder und Runen aus reinem Gold von den gro�en Stunden der Helden der Ehernen Halle k�ndeten.</p><p>Eikin f�hlte sich angesichts all des Ruhms besch�mt bei dem, was er nun zu tun hatte. Pl�tzlich f�hlte er sich unendlich m�de, und zum ersten Mal w�nschte er sich, die Last des F�rstentums auf andere, j�ngere Schultern zu b�rden.</p><p>�Und?�, fragte Glamir aufgeregt.</p><p>�Wirklich eindrucksvoll. So etwas habe ich noch nie gesehen, und ich w�rde es nicht glauben, w�rdet ihr mir nur davon erz�hlt haben. Dieses Metall ist dazu geschaffen, die Ordnung unserer Welt zu st�rzen.�</p><p>Glamir schlug begeistert mit der flachen Hand auf die Speerschleuder, an der er lehnte. �Hab ich es nicht gesagt? Wir treten den Drachen in den Arsch, sodass sie es nie wieder vergessen werden! Jetzt brauchen wir nur noch st�rkere Speerschleudern, damit wir nicht zu nah an die Mistviecher heranm�ssen.�</p><p>�Tja���, grummelte Eikin vor sich hin und ging in Richtung seines Thrones, der am Ende des weiten Saals auf einem Podest stand, zu dem er sieben Stufen erklimmen musste. Er war die Pracht und Verantwortung so m�de, dachte er.</p><p>Oben angekommen, griff er nach dem Schl�gel des Gongs. Galar, der ihm gefolgt war und unabl�ssig weiter auf ihn eingeredet hatte, verstummte abrupt, als der erste dunkle Ton erklang. Ein einf�hlender Umgang war wirklich nicht die Sache des Schmieds. Eikin war sich bewusst, wie wankelm�tig er in dieser Angelegenheit war. Sein Herz und sein Verstand strebten in entgegengesetzte Richtungen. Ein Mann, der sich darauf verstanden h�tte, die richtigen Worte zu finden, h�tte ihn durchaus umstimmen k�nnen. Galar war das ganz gewiss nicht.</p><p>Der F�rst schlug erneut den Gong, und nur wenige Herzschl�ge sp�ter st�rmten seine Leibwachen durch die kleine Pforte, die hinter dem hohen Thronsitz verborgen lag.</p><p>Galar starrte ihn fassungslos an. �Was���</p><p>Der Schmied war so �berrumpelt, dass er den Kriegern kaum Widerstand leistete.</p><p>�Verrat!�, schrie Glamir und griff eines der m�rderischen Geschosse, die neben der Speerschleuder an der Wand lehnten. �Verflucht sollst du sein, Eikin. Du und all die verdammten Bastarde, die deinen Lenden entsprungen sind.� Mit diesen Worten legte Glamir den Speer auf die F�hrungsschiene des Gesch�tzes und m�hte sich, die schwere Waffe herumzuschwingen, sodass sie auf den Thron zeigte.</p><p>Eikin blieb, ohne sich zu r�hren, vor seinem Thron stehen. Wenn es so enden sollte, dann sei es so, dachte er schwerm�tig, w�hrend seine Krieger durch den weiten Saal st�rmten. Nur das Trampeln der eisenbeschlagenen Stiefel und das Klicken des R�derwerks, mit dem der st�hlerne Bogen der Speerschleuder gespannt wurde, waren zu h�ren.</p><p>F�r einen Kr�ppel bewegte sich Glamir bemerkenswert geschickt. Nichts lie� ihn seine Ruhe verlieren. Als die Wachen ihn �berw�ltigten, war die Speerschleuder fast schussbereit.</p><p>�Wer sind die beiden?�, fragte Bailin, der Hauptmann seiner Leibwache, der die Stufen zum Thron erklommen hatte. Dabei behielt er die Gefangenen unten im Saal argw�hnisch im Blick.</p><p>Sonst war Bailin eher still. Nie hatte er Eikin mit irgendwelchen Fragen behelligt, doch eine Speerschleuder im Thronsaal stehen zu sehen war selbst f�r ihn zu viel. Eikin hatte diesen Ort f�r die Vorf�hrung gew�hlt, weil Galar zwei Hallen gefordert hatte, die durch eine etwa hundert Schritt dicke Felswand getrennt waren. Der Thronsaal und der angrenzende Saal f�r die Ratssitzungen waren dem am n�chsten gekommen. Eikin w�nschte sich jetzt, er h�tte sich erst gar nicht darauf eingelassen.</p><p>Laut und in ver�rgertem Ton erkl�rte er: �Das sind zwei verr�ckte Schmiede. Ich h�tte mich nicht auf sie einlassen sollen. Sie wollten mir eine neue Waffe vorf�hren und mich erpressen. Du selbst hast gesehen, wie sie die Speerschleuder auf mich ausgerichtet haben. Die Welt muss von diesen beiden Unruhestiftern befreit werden. Bringe sie in eine angenehme, aber ausbruchssichere H�hle und sorge daf�r, dass sie eine ordentliche Henkersmahlzeit bekommen.�</p><p>�Henkersmahlzeit?� Bailin sah ihn ungl�ubig an. Die letzte Hinrichtung war viele Jahre her, und damals war es anders als jetzt um ein zutiefst verabscheuungsw�rdiges Verbrechen gegangen: Ein Kaufherr hatte Goldm�nzen mit einem Bleikern gie�en lassen und sie mit der Pr�gung der Ehernen Stadt versehen.</p><p>�Sie werden noch heute Abend gek�pft!�</p><p>�Aber Todesurteile werden vom Rat���</p><p>�Wie du gesehen hast, haben die beiden mein Leben bedroht, Bailin. In solchen F�llen steht es mir zu, ohne R�cksprache mit dem Rat ein Urteil zu f�llen. Also sorge daf�r, dass die beiden Irren ihre letzten Stunden so angenehm wie m�glich verbringen. Au�erdem wirst du einen Zwerg namens Nyr aufsp�ren und ebenfalls verhaften. Er steckt mit den beiden unter einer Decke und wird ihr Schicksal teilen. Ich erwarte, dass die Hinrichtungen ohne gro�es Aufsehen vollzogen werden. Wir bereiten uns auf einen Krieg vor. Weitere Unruhe und Ger�chte �ber einen Mordanschlag auf mich k�nnen wir da nicht gebrauchen. Du wolltest doch gerne einen Tunnel in den �stlichen Hallen anlegen, um dort in sch�ner Lage einen Stammsitz f�r deine Familie in den Fels zu treiben. Wenn du dieses �rgernis zu meiner Zufriedenheit l�st, werde ich den Obersteiger anweisen, dir diesen Wunsch zu erf�llen.�</p><p>Bailin sah ihn lange durchdringend an. Er war ein stolzer Kerl, und wenn er zu viel trank, neigte er dazu, wegen Kleinigkeiten in Schl�gereien zu geraten. Doch solange er n�chtern war, hatte er sich stets als Mann mit k�hlem Kopf und reichlich Sachverstand erwiesen. So aufgew�hlt wie jetzt hatte Eikin ihn noch nie gesehen.</p><p>�Deine W�nsche sind mir Befehl�, sagte der Hauptmann schlie�lich mit gepresst klingender Stimme. Dann wandte er sich ab und lie� Galar und Glamir, die inzwischen von den Wachen geknebelt worden waren, abf�hren.</p><p>Eikin lie� sich auf den hohen Thronsitz sinken. Ihm war bewusst, dass Bailin seine Entscheidung ungerecht fand. Die meisten Zwerge w�rden so denken. Doch alle, die um die Drachent�terspeere wussten, waren eine Bedrohung f�r die Ehernen Hallen. Die einzig weise Entscheidung war, diese Gefahr f�r immer zu bannen. Nun musste er sich nur noch um Hornbori k�mmern.</p></section><section><title><p>Drachenrat</p></title><p>Die Wucht, mit der der Sturzregen auf die m�chtigen Baumkronen peitschte, lie� allm�hlich nach. Doch noch floss der Regen in Str�men �ber die nachtschwarzen Schuppen des Dunklen. Der gro�e Drache lag lang hingestreckt im warmen Wasser der Mangroven und lauschte den Gedanken seiner Nestbr�der. Sie stritten �ber den Krieg auf Nangog, der sich nicht so entwickelte, wie sie erhofft hatten.</p><p>Ihm fiel es schwer, den anderen Drachen zu folgen. Seine Gedanken schweiften immer wieder zu Nandalee. Er sollte im Jadegarten sein! Ihre Schwangerschaft nahm einen ungew�hnlichen Verlauf�� die Kinder reiften zu schnell in ihrem Leib. Jede Stunde mochte sie niederkommen. Er <emphasis>wollte</emphasis> im Jadegarten sein, wenn es geschah, falls eines der Kinder so war wie der Sohn, den er ihr bereits genommen hatte. Voller Schrecken dachte er an diese Kreatur. Ein Zwitterwesen zwischen Elf und Drache. Mit seinen Krallen hatte es Nandalee und auch die beiden anderen Kinder in ihrem Leib verletzt. Es steckte voller Boshaftigkeit, und doch hatte er es nicht t�ten k�nnen. Die Kreatur hatte fahle, gelblich wei�e Schuppen, doch ihre Augen waren vom selben klaren Himmelblau wie seine eigenen. Als er diese Augen erblickt hatte, war er verloren gewesen; sein Vorsatz, das Ungeheuer zu t�ten, war dahin.</p><p>Inzwischen war die Kreatur so gro� wie ein Wolf. Vorgestern hatte sie das erste Mal get�tet. Den kleinen Affen, den seine Gazala gro�gezogen hatten. Drei Jahre hatten die Orakel ihn umsorgt. Die Chim�re hatte ihn zerfleischt. Trotz des Geschreis der Orakel war Nachtatem stolz auf ihn gewesen. Jeder Drache war ein R�uber, es lag in ihrem Blut, zu jagen und zu t�ten. War diese Kreatur, die einmal aufrecht gehen w�rde wie ein Elf, sein Sohn?</p><p>Der Goldene sah ihn eigenartig an. Hatte sein Bruder in seinen Gedanken gelesen? Er war der Letzte, der von den Kindern erfahren sollte. Wom�glich war auch er der Vater eines der Kinder, die in Nandalee heranwuchsen. Er w�rde verlangen, sie zu sehen, sobald er davon wusste, und sollte er glauben, eines von ihnen gezeugt zu haben, dann w�rde er dessen Herausgabe fordern. Sie waren besonders, die Kinder, die in Nandalee wuchsen! Durchdrungen von einer Macht, wie sie Nachtatem noch nie zuvor bei Elfen gesp�rt hatte. Sie durften nicht in die H�nde des Goldenen fallen. Durften nicht nach seinen Vorstellungen erzogen werden. Er w�rde Ungeheuer in Elfengestalt aus ihnen machen!</p><p>Nachtatem blickte zu den weiten Baumwipfeln empor, die sich unter w�tenden B�en duckten. Er h�rte das Splittern d�nner �ste. Es waren bewegte Zeiten f�r die drei Welten angebrochen. Die Schwachen w�rden brechen wie jene �ste, die der Sturmwind aus den Baumwipfeln pfl�ckte.</p><p>Zwischen den wogenden Wolken lugte nun der Mond hervor. Silbernes Licht enth�llte die m�chtigen geschuppten Leiber, die zwischen den B�umen im brackigen Wasser lagen. Nur wenn kein anderes Albenkind in der N�he war, zeigten sie sich einander in ihrer ganzen Pracht. Sie waren so alt wie die Welt, und seit dem Tag, an dem sie geschl�pft waren, wuchsen sie. Langsam wie alte B�ume. Und doch hatten sie eine Gr��e erreicht, die selbst Elfenf�rsten und Minotauren vor Furcht sprachlos werden lie�, wenn sie ihre wahre Gestalt enth�llten. Ein jeder von ihnen war so massig wie ein H�gel. Von der Schnauze bis zur Schwanzspitze ma�en sie mehr als hundertf�nfzig Schritt. Ihre Fangz�hne waren l�nger als ein Troll. Sie k�nnten ein Mammut am St�ck verschlingen, ohne es zerrei�en zu m�ssen. Nichts auf dieser Welt konnte sich mit ihnen vergleichen. Alle �brigen Drachen sahen neben ihnen aus wie Gew�rm.</p><p>Nur die Alben wussten um die wahre Gr��e ihrer erstgeborenen Kinder. Und so w�rde es bleiben, bis die letzte Schlacht anstand. Bis alle Masken fallen w�rden und sie sich in all ihrer Macht zeigen konnten. Bis dahin zwangen sie ihre Leiber durch Zauberkraft dazu, nur ein Zerrbild der Wirklichkeit zu sein. So, wie ein jeder von ihnen gelegentlich die Gestalt von Elfen und anderen Albenkindern annahm, so hatten sie sich Gestalten erschaffen, die den niederen Albenkindern zwar immer noch Furcht einjagten, sie aber nicht in sprachlosem Entsetzen verharren lie�. Doch jede Verwandlung, die ihre Gr��e reduzierte, bereitete Schmerzen. Nicht nachdem sie abgeschlossen war, nur w�hrend der Transformation. Deshalb nahmen sie nur noch selten ihre urspr�ngliche Gestalt an.</p><p>Der Sturm der Elemente hatte sie alle zum Schweigen gebracht. F�r den Augenblick tauschten sie ihre Gedanken nicht, sondern achteten ihr Begehren, in sich zu gehen. Die Sieben f�rchteten die Launen der Natur nicht, im Gegenteil, sie genossen sie. Im Sturm, wenn gezackte Blitze den Himmel zerteilten und schwerer Regen auf ihre m�chtigen Leiber prasselte, f�hlten sie sich besonders lebendig. Sie waren selbst wie der Sturm, jeder einzelne eine Naturgewalt, und wenn sie zusammenhielten und nach einem Willen handelten, dann kamen ihnen allenfalls die Alben an Macht gleich.</p><p>Und dennoch entwickelten sich die Ereignisse auf Nangog ung�nstig. Sie h�tten nicht so j�mmerlich versagen d�rfen, als sie Selinunt angriffen. Keiner wusste das besser als der Dunkle. Weil er nicht eins mit seinen Br�dern gewesen war, war der Angriff, der die Devanthar h�tte vernichten k�nnen, fehlgeschlagen. Das Einzige, was sie erreicht hatten, war, dass ihre Feinde nun so entschlossen wie nie zuvor agierten. Die sieben Unsterblichen hatten tausende Krieger nach Nangog verlegt und bauten ihre Macht immer weiter aus. Etliche der Ungeheuer, zu denen die Gr�nen Geister geworden waren, nachdem Nangog aus ihrem �onen w�hrenden Schlaf erwacht war, hatten die Menschenkinder erlegt. Bei der Jagd setzten sie konsequent ihre zahlenm��ige �bermacht ein und ignorierten ihre eigenen schrecklichen Verluste, bis Nangogs grausame Kinder�� oft von Hunderten Pfeilen durchbohrt�� in den Staub sanken.</p><p><emphasis>Wir werden Nangog verlieren, wenn wir nicht bald eingreifen,</emphasis> beendeten die Gedanken des Fr�hlingsbringers ihr Schweigen. Der Letztgeschl�pfte wurde selten so deutlich. Er war der Zur�ckhaltendste unter ihnen, ruhig und pragmatisch, fast schon zauderhaft.</p><p><emphasis>Nicht einmal die Wolkensammler sind alle auf unserer Seite,</emphasis> dr�ngte nun auch der Flammende wieder in ihre Gedanken. Er vermochte kaum ruhig zu liegen. Das dunkle Wasser der Mangroven war rings um ihn herum zu schlammigem Braun zerw�hlt. <emphasis>Ich begreife das nicht! Wir wollen ihnen die Freiheit bringen, und sie sch�tteln die Menschenkinder nicht ab, die riesige Schiffe an ihre Leiber gefesselt haben. Es sieht ganz so aus, als w�rden sie es genie�en, versklavt zu sein. Wir sollten ein paar von ihnen brennend vom Himmel st�rzen lassen, um ein Zeichen zu setzen.</emphasis></p><p><emphasis>Damit werden wir nur erreichen, dass sich auch die Zauderer gegen uns stellen,</emphasis> entgegnete Nachtatem. <emphasis>Wir sind ohne einen ausgefeilten Plan in diesen Krieg gest�rzt. Wir waren so dumm zu hoffen, Nangog w�rde es alleine richten, und nun droht es schlimmer als zuvor zu werden. Die Devanthar greifen entschiedener denn je nach der Welt der Riesin, und nach dem Brand von Selinunt werden sie gegen uns ziehen, sobald Nangog ihren Widerstand aufgibt.</emphasis></p><p><emphasis>Noch haben wir keine einzige Schlacht geschlagen, und du sprichst, als w�ren wir besiegt.</emphasis> Der Goldene richtete sich zwischen den B�umen auf, und sein Schwanz peitschte �rgerlich durch das dichte Unterholz. <emphasis>Auch wir k�nnen tausende Krieger aufbieten. Bald werden die ersten von ihnen bereit sein, nach Nangog zu marschieren.</emphasis></p><p><emphasis>Sieht das hier aus wie ein Treffen von Siegern?,</emphasis> entgegnete Nachtatem s�ffisant. <emphasis>Wir versammeln uns jedes Mal an einem anderen Ort. Sitzen, wie heute, im Schlamm der Mangroven am Waldmeer oder wie vor elf Tagen in einem sturmgepeitschten Tal am Fu� des Albenhaupts. Und wir m�ssen uns eingestehen, dass die Devanthar schneller und entschiedener auf das Erwachen Nangogs reagiert haben, als wir erwartet h�tten. Sieht einer von euch einen Triumph in greifbarer N�he? Bitte sagt es mir, Br�der. Ich gestehe freim�tig, ich bin verzagt.</emphasis></p><p><emphasis>Ich denke, allein K�pfe zu z�hlen ist nicht genug. Ein Troll wiegt viele Menschenkrieger auf. Ein guter Plan kann tausende fehlende Krieger ersetzen.</emphasis> Es war deutlich zu sp�ren, wie sehr der Goldene erz�rnt war und wie sehr er sich beherrschen musste, um einen h�flichen Ton zu pflegen. <emphasis>Suchen wir ein Schlachtfeld, auf dem wir nicht verlieren k�nnen.</emphasis></p><p><emphasis>Und warum sollten sich die Devanthar darauf einlassen, an einem solchen Ort gegen uns zu k�mpfen?,</emphasis> fragte der Rote nach. <emphasis>Statt endlos zu taktieren, lasst uns selber in die Schlacht ziehen. Gehen wir unseren Kriegern voran! Ich brenne darauf, einen Devanthar zu zerfleischen. Ich will sp�ren, wie er unter meinen Krallen sein Leben aushaucht. Es ist an der Zeit, dass wir endlich Rache f�r den Mord am Purpurnen nehmen. Fangen wir I�ta, die sich so gerne damit br�stet, ihn get�tet zu haben. Ich will ihr die Fl�gel auszupfen, so wie ein b�ses Kind einer Fliege die Fl�gel ausrei�t.</emphasis></p><p>Der Dunkle verdrehte die Augen. Er sp�rte, wie selbst der Goldene ob so viel Unvernunft verzagte. Der Rote war der Leidenschaftlichste unter ihnen. Einer, den man besser stets im Auge behielt. Er liebte es, sich unter die Albenkinder zu mischen und ihre Frauen zu verf�hren. Ihm war jede Unvernunft zuzutrauen.</p><p><emphasis>W�re es nicht kl�ger, dar�ber nachzudenken, wie wir Nangog st�rken?,</emphasis> warf der Smaragdene ein, wie stets auf Ausgleich zwischen ihnen bem�ht. <emphasis>Es ist ihre Welt. Soll sie die Hauptlast der K�mpfe tragen.</emphasis></p><p><emphasis>Wir m�ssten die zweite H�lfte ihres Herzens finden��</emphasis></p><p>Misstrauisch sah Nachtatem zum Goldenen, der diese Worte in ihre Gedanken gepflanzt hatte. Sein Bruder liebte es, sich selbst in dieser st�rmischen Nacht in funkelnder Pracht zu zeigen. Das wenige Licht der Sterne und des Mondes, der nur ein bleicher Fleck hinter den Wolken war, schien allein ihn liebkosen zu wollen. Seine Schuppen schillerten, und in seinen Augen glomm das Licht inniger Begeisterung.</p><p><emphasis>Dazu m�ssten wir wissen, wo Nangogs Herz zu finden ist,</emphasis> wandte der Dunkle ein. <emphasis>Und selbst wenn wir dies herausf�nden, werden die Devanthar es gut bewachen. Auch ihnen wird bewusst sein, dass das Herz der Riesin �ber Sieg und Niederlage auf Nangog entscheidet. W�re es klug, wenn wir uns ihnen auf Daia, ihrer Welt, zu einem Kampf stellen, zu Bedingungen, die sie uns diktieren? Leichter k�nnen wir es ihnen nicht machen. Sie werden wissen, dass wir dar�ber nachsinnen, und auf uns vorbereitet sein.</emphasis></p><p><emphasis>Schlagen euch allen Hasenherzen in der Brust?</emphasis> Jedes einzelne Wort des Nachtblauen war wie ein Dolchstich in ihre Gedanken. W�tend peitschte sein Schwanz �ber das Wasser und f�llte einen jungen Baum. <emphasis>Wir sind wie G�tter! Unsere Welt erzittert unter unserem Blick! Wir gebieten �ber St�rme. Unser Feuer vermag den h�rtesten Fels zu schmelzen. Nichts kann unseren Krallen widerstehen. Gehen wir hin in ihre Welt, zerfetzen wir die Devanthar und holen Nangogs Herz. Warum schicken wir unsere Kinder in einen Kampf, den wir austragen sollten? Seid ihr alle so feige, dass ihr nicht mehr mit eurem Blut f�r das einstehen m�gt, was ihr begehrt? Ich erkenne in euch nicht mehr meine Br�der!</emphasis></p><p>Es war immer dasselbe mit dem verdammten Hei�sporn, dachte der Dunkle ver�rgert. Un�berlegt vorzupreschen war seine einzige Strategie.</p><p><emphasis>Richtig so!,</emphasis> stimmte nun auch noch der Flammende zu. <emphasis>Rei�en wir ihnen die Herzen heraus!</emphasis></p><p><emphasis>Eine meiner Drachenelfen ist auf der Suche nach der zweiten H�lfte des Herzens der Riesin,</emphasis> erkl�rte der Goldene �berraschend. <emphasis>Warten wir, bis sie zur�ckkehrt.</emphasis></p><p><emphasis>Du schickst eine Drachenelfe nach Daia, obwohl wir �bereingekommen waren, dort keinen unserer Auserw�hlten mehr dem Risiko der Entdeckung auszusetzen,</emphasis> emp�rte sich der Smaragdene. <emphasis>Was tust du sonst noch, ohne uns zu fragen?</emphasis></p><p><emphasis>Sie ist eine enge Vertraute, und sie hat noch niemals versagt.</emphasis></p><p>Die Arroganz des Goldenen war unertr�glich. Nachtatem versp�rte Lust, seinem Bruder an die Kehle zu gehen. Was bildete er sich ein, die Entscheidungen ihres Rates einfach zu ignorieren!</p><p><emphasis>Du verh�hnst uns durch deine Taten,</emphasis> grollte nun auch der Rote.</p><p><emphasis>Wen hast du geschickt?</emphasis>, forderte der Nachtblaue zu wissen.</p><p><emphasis>Lyvianne. Ihr alle kennt sie. Sie war eine Meisterin der Wei�en Halle. Sie hat geholfen, Nangog zu erwecken, und sie kennt das Versteck des verlorenen Herzens. Mit etwas Gl�ck wird sie es uns bringen, und wir beenden den Krieg um Nangog.</emphasis></p><p><emphasis>Du h�ttest es uns sagen m�ssen!,</emphasis> beharrte der Rote.</p><p><emphasis>Warum?</emphasis>, entgegnete der Goldene mit aufreizender Ruhe. <emphasis>Mehr als eine Drachenelfe zu schicken w�re unklug gewesen. Was also h�tte es ge�ndert? Unser Bruder Nachtatem regiert den Rat nicht. Er sieht zu, wie wir uns streiten, dabei w�re es seine Pflicht als Erstgeschl�pfter, uns alle zu einem Ziel zu f�hren. Statt zu handeln, reden wir nur noch. Nangog entgleitet uns. Mit jeder Stunde w�chst die Macht der Devanthar. Und was tut unser Bruder? Er sinnt �ber die bevorstehende Niederkunft der Verr�terin Nandalee nach, die sich seines Schutzes erfreut.</emphasis></p><p>Alle blickten zu ihm.</p><p><emphasis>Er hat tiefer in meine Gedanken gesehen, als es die H�flichkeit gebietet. Und ja, es ist wahr, was er sagt. Ich besch�tze Nandalee und bin in Sorge um sie.</emphasis></p><p><emphasis>Er ist mehr am Wohl einer Elfe interessiert als am Schicksal unserer Welt. Er hat es nicht l�nger verdient, der Erste unter uns zu sein! Er begeht Verrat an uns. Schenken wir ihm nicht l�nger unsere Treue,</emphasis> forderte der Goldene.</p><p>Der Dunkle sp�rte, wie sich die Emotionen seiner Nestbr�der �berschlugen. Sie alle waren in Gedanken miteinander verbunden, und jedes Gef�hl war g�nzlich unverf�lscht. Hass beim Flammenden, Entt�uschung beim Smaragdenen, ungl�ubiges Staunen beim Nachtblauen, das langsam in Zorn umschlug.</p><p><emphasis>Was macht dich zu einem Anf�hrer?,</emphasis> entgegnete er schlie�lich ruhig. <emphasis>Dass du gegen unser Gesetz verst��t und dich in Gedanken schleichst, die dir nicht offenbar sein sollten? Bei wie vielen anderen unserer Br�der hast du das auch schon getan? Du nennst mich einen Verr�ter an unserer Sache und begehst zugleich einen Verrat an einem unserer �ltesten Gesetze.</emphasis></p><p>Nachtatem sp�rte, wie die Stimmung unter seinen Br�dern kippte. Er wusste nur zu gut, dass ein jeder von ihnen seine kleinen Geheimnisse hatte, Gedanken, die er mit niemandem teilen wollte.</p><p><emphasis>Du hast eine deiner Drachenelfen in den sicheren Tod geschickt. Glaubst du, ich w�sste nicht, dass Bidayn dein neuer Liebling ist? Hat nicht ein jeder von uns schon das Problem der Rivalit�t unter seinen Sch�tzlingen gehabt? Und l�sen wir es nicht alle auf die gleiche Weise? Hat ein Drachenelf die Zeit des gr��ten Ruhms �berschritten, dann schicken wir ihn auf eine Mission, die ihm den Tod bringen kann�� Warum sollte Lyvianne finden k�nnen, was die Devanthar ein ganzes Zeitalter lang vor uns und unseren Spitzeln der Blauen Halle verbergen konnten? Ausgerechnet nun, da die Devanthar so wachsam sind wie nie zuvor. Halte uns nicht mit t�richten Hoffnungen hin, Bruder. Du willst ein Anf�hrer sein? Dann komme zu unserem n�chsten Treffen mit einem Plan, wie wir den Heerscharen der Menschenkinder auf Nangog eine empfindliche Niederlage beibringen k�nnen. Es sind Taten, die einen Anf�hrer ausmachen, Bruder, und nicht Worte.</emphasis></p><p><emphasis>Ja, komm mit einem Schlachtplan!,</emphasis> stimmte der Flammende sofort zu.</p><p>Der Dunkle sp�rte nun verst�rkt den Unmut seiner Br�der gegen den Goldenen.</p><p><emphasis>Treffen wir uns in zehn Tagen!,</emphasis> schnitten die Gedanken des Goldenen durch das Gewirr von Stimmen. <emphasis>Dann werde ich euch darlegen, wie wir die Heerscharen der Devanthar zerschlagen!</emphasis></p><p>Er wirkte ersch�tternd selbstsicher. Wenn es ihm wirklich gelang, einen gro�en Sieg zu erringen, dann w�rde er als N�chstes die F�hrerschaft in ihrem Rat an sich rei�en. Der Dunkle versuchte, tiefer in die Gedanken seines Bruders vorzudringen, als es statthaft war. Doch der Goldene schien darauf vorbereitet gewesen zu sein und schirmte sich mit einer Flut von Erinnerungen an l�ngst vergangene Tage ab. Wenn er siegt, ist es mein Untergang, dachte der Dunkle, und versuche ich, seinen Sieg durch Intrigen zu verhindern, verrate ich Albenmark. Ich kann lediglich hoffen, dass seine selbstgef�llige Art ihn zu Fall bringen wird.</p><p>Doch das waren die Sorgen von morgen! Nun sollte er zur�ck zu Nandalee. Er hatte sie nicht mehr gesehen, seit er ihr Kind geraubt hatte. Er wusste, dass er ihr nicht unter die Augen treten sollte. Sie w�rde ihm niemals vergeben, was er ihr angetan hatte, nicht einmal dann, wenn sie vielleicht eines Tages begreifen w�rde, dass er dadurch ihr Leben gerettet hatte.</p><p><emphasis>Beenden wir unser Treffen, Br�der!,</emphasis> forderte der Fr�hlingsbringer und streckte seine lindgr�nen Schwingen. <emphasis>Wir sehen uns in zehn Tagen beim Turm der mondbleichen Bl�ten in der Lotussee, und ich harre voll freudiger Erwartung des ausgefeilten Plans, mit dem uns der Goldene �berraschen wird.</emphasis></p><p>Seine letzten Worte troffen vor Ironie, doch der Dunkle war sich keineswegs sicher, dass sein ewiger Rivale scheitern w�rde. Vielleicht hatte er ein solches Ende ihrer Versammlung bewusst herbeigef�hrt, um sie beim n�chsten Mal mit einem Schlachtplan zu �berraschen, an dem er schon lange gefeilt hatte.</p><p>Sie alle waren aus unterschiedlichen Richtungen hierhergekommen und nicht zur gleichen Zeit eingetroffen. Jetzt aber, da jeder es eilig hatte, die Mangroven zu verlassen, zerschmetterten ihre Schwingen dichtes Astwerk und entwurzelten ihre Schwanzhiebe B�ume, die seit einem Jahrhundert und l�nger der Kraft der Gezeiten und w�tenden St�rmen getrotzt hatten.</p><p>Der Dunkle sp�rte, wie der Flammende, der Goldene und der Nachtblaue das wirbelnde Chaos genossen, das sie entfesselten. Dem Smaragdgr�nen war es egal, er wollte nur schnell fort, um an einem Ort allein seinen Gedanken nachzuh�ngen. Der Fr�hlingsbringer hingegen faltete seine Fl�gel wieder ein, entschlossen abzuwarten, bis der Sturm sich gelegt hatte. Der Rote aber begr��te den Aufruhr mit einem wilden Schrei der Ekstase und schwang sich als Erster in die L�fte; das Astwerk, das auf ihn niederprasselte, ignorierend, flog er nach Westen davon, den schweren Regenwolken folgend.</p><p>Ein gro�er Ast traf den Dunklen dicht unter seinem linken Auge. Er sch�ttelte den Kopf, empfand dumpfen Schmerz, und zugleich berauschte auch ihn der Sturm ihrer Schwingen. Sie k�nnten eine ganze Flotte vernichten, indem sie einfach dicht �ber sie hinwegflogen, sodass die Masten brachen und die R�mpfe von den aufgew�hlten Fluten in die Tiefe gerissen wurden. Mit kr�ftigen Fl�gelschl�gen stieg er senkrecht in den Himmel. Nasses Laub peitschte �ber seine Schuppen, doch er sp�rte es kaum. Auf dem Sturm zu reiten lie� sein Herz schneller schlagen und vertrieb die dumpfen Zweifel aus seinen Gedanken. Er stieg h�her und h�her, durchbrach den feuchten Schleier der Regenwolken, bis �ber ihm nur noch der Mond und die Sterne am Himmel standen.</p><p>Viele Meilen entfernt sah er seine Br�der davonfliegen. Ihre geschuppten Leiber funkelten im Sternenlicht, wo der Wolkendunst in der K�lte der H�he zu feinem Eis geworden war. Regenbogenschlangen nannten viele Albenkinder sie ehrfurchtsvoll, und einst, bevor der Himmlische und der Purpurne den mordl�sternen Devanthar zum Opfer gefallen waren, hatten sie gemeinsam alle Farben des Regenbogens in sich vereint. Nur er mit seinen schwarzen Schuppen war immer anders gewesen. Er sollte sich mehr um seine Br�der als um Nandalee sorgen. Sie mussten die Devanthar aufhalten!</p><p>Auch er w�rde sich Gedanken �ber die kommende Schlacht machen, entschied er. Sie brauchten einen Sieg, damit die Kinder Albenmarks nicht den Glauben an die Macht der Regenbogenschlangen verloren. Der Dunkle war sich sicher, dass es ein langer Krieg werden w�rde. Auch die Devanthar wussten, dass ein Krieg der G�tter entfesselt worden war. Es w�rde keine Verhandlungen geben und keinen Waffenstillstand. Der Krieg w�rde erst enden, wenn entweder die Devanthar oder sie, die Himmelsschlangen, vernichtet waren.</p><p>Sein Blick glitt hinab zu den Mangroven, durch den Wolkenschleier hindurch, wo gerade der Fr�hlingsbringer als Letzter in den Himmel stieg. Ihr Aufbruch hatte ein Waldgebiet von mehr als einer Meile Durchmesser verw�stet. Kein Baum war stehen geblieben. Kein Sturm h�tte schlimmere Verw�stungen anrichten k�nnen. Ihre vereinte Kraft �bertraf jede Naturgewalt, dachte er melancholisch. W�re es nur nicht so schwer, sie alle auf ein Ziel einzuschw�ren und mit vereinter Macht k�mpfen zu lassen!</p></section><section><title><p>Im Kreidekreis</p></title><p>Nabor lag in seinem Bett und lauschte auf die Ger�usche des Wolkenschiffes, wie er es in Hunderten N�chten getan hatte. Normalerweise verga� er dabei alle Sorgen, und schnell fand ihn der Schlummer, doch seit sie Wanu verlassen hatten, hatte er nicht eine einzige Nacht gut geschlafen. Sein Bett stand nun in der Mitte der kleinen Kabine, die ihm als Lotsen zustand. Er hatte es mit Winkeln am h�lzernen Boden befestigt, denn immer wieder griffen wilde Sturmb�en nach dem Schiff. Es war kein ruhiger Flug �ber den Wolken wie in gem��igteren Regionen. Allerdings stand wenigstens der Wind g�nstig f�r sie und trieb sie best�ndig nach Nord-nordost ihrem Ziel entgegen. Fast, als wollten die Sturmgeister, dass Barnaba sein Traumeis fand.</p><p>Die H�lfte ihrer Mannschaft war in Wanu desertiert. Es waren kaum genug M�nner geblieben, um die n�tigsten Arbeiten auf dem Schiff zu gew�hrleisten. Selbst Nabor war heute in die Wanten gestiegen, um Eis aus der Takelage zu klopfen. Eine Arbeit, die kein Ende nahm, denn die Taue kleideten sich schneller erneut in ihr frostiges Gewand, als sie das Eis losklopfen konnten. Nabor hatte Barnaba �berzeugen k�nnen, diese nicht enden wollende Arbeit wiederaufzunehmen! Die Entscheidung des Priesters war allzu leichtfertig gewesen. Sie durften diesen Kampf nicht aufgeben. Gefrorene Seile waren spr�de und w�rden unter Druck brechen. Eine t�dliche Gefahr f�r ein Schiff, das mit Seilen an einen Wolkensammler gebunden war, um durch den Himmel zu gleiten.</p><p>Der alte Lotse streckte seine Hand aus dem niedrigen Bett. Es war eisig in der Kammer. Er hatte drei Wolldecken um sich geschlungen und wurde dennoch nicht richtig warm. Seine klammen Finger tasteten �ber die ausgetretenen Holzbohlen des Bodens, suchten nach jener Stelle, an der ein d�nner Wurzeltrieb des Schiffsbaums eine Verbindung zu <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> schuf. Es ging dem Wolkensammler seit Tagen schlecht. Etliche seiner Tentakel waren abgefroren. Diese Reise war f�r ihn noch m�rderischer als f�r die Menschen, die er trug.</p><p>Endlich hatte Nabor den Wurzelstrang gefunden und strich sanft dar�ber. Als der Wolkensammler nicht reagierte, klopfte er mit den Fingern darauf, als wollte er ihn aufwecken, so wie man jemanden weckt, der neben einem eingeschlafen ist. Wieder nichts. Trotz der K�lte wurde Nabor pl�tzlich hei�. Es war das erste Mal, dass der Lotse <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> nicht sp�ren konnte. Dies war nicht der Schlaf f�r eine Nacht, dachte Nabor in pl�tzlich aufflammender Panik. Dies war der Schlaf, aus dem es kein Erwachen mehr gab. <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> lag im Sterben! Sie m�ssten sofort umkehren, wenn sie ihn retten wollten.</p><p>Nabor erhob sich von seinem Lager, doch dann lie� er sich wieder zur�cksinken. Barnaba w�rde nicht auf ihn h�ren, sondern sich erneut auf den Willen der Gro�en G�ttin berufen. W�rde behaupten, dass sie wusste, was hier geschah, und ihre sch�tzende Hand �ber sie hielt. Wenn sie nur fest genug auf sie vertrauten�� Noch einmal strich Nabor �ber den feinen Wurzelstrang. Nichts�� Er hoffte, es war, weil <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> sich gegen jede Empfindung abzuschotten versuchte, um so dem Schmerz zu widerstehen. Aber wie sollte diese Reise enden, wenn selbst der Lotse des Schiffes keinen Weg mehr zu seinem Wolkensammler fand?</p><p>War da etwas gegen die Bordwand geschlagen? Nabor hielt den Atem an. Oder waren es Schritte auf dem Oberdeck gewesen? Keiner der M�nner wagte sich im Dunklen mehr heraus, nicht einmal Barnaba, der in den letzten Tagen immer wieder geradezu selbstm�rderischen Mut gezeigt hatte, indem er die Sturmgeister herausforderte. Nun blieb auch er nachts in dem Heiligtum unterhalb des Schiffsbaums, dort wo die Wurzeln durch das Oberdeck hinabreichten, um sich dann in das ganze Schiff zu verzweigen. Die gesamte Mannschaft schlief dort. Im Heiligtum f�hlten sie sich sicherer. Nabor zog es vor, in seiner eigenen Kabine zu bleiben. Er konnte es nicht ertragen, l�ngere Zeit in der Gesellschaft vieler Menschen zu verbringen. Daf�r hatte er zu viele Stunden in der Einsamkeit der Lotsenkanzeln unter den R�mpfen von Wolkenschiffen verbracht.</p><p>Das Ger�usch war verstummt. Hatte Barnaba vielleicht doch eine einsame Runde �ber das Oberdeck gemacht?</p><p>Jetzt kratzte eindeutig etwas �ber die Bordwand, gleich au�erhalb seiner Kabine. Nabor setzte sich mit klappernden Z�hnen auf, die Decken eng um den Leib geschlungen. Zugluft drang in seine Kammer. Der eisige Atem des Winters griff nach ihm. Es gab hier keinen Spalt im Holz, seine Kammer war vollkommen abgedichtet! Er hatte sorgsam darauf geachtet, schlie�lich war er nicht mehr der J�ngste, und Zugluft vertrug er nicht.</p><p>Der Lotse biss die Z�hne zusammen, damit sie nicht l�nger klapperten. Neben seinem Bett stand eine �llampe, die er die ganze Nacht brennen lie�. Eigentlich war es auf Wolkenschiffen verboten, mit einer offenen Flamme in der Kammer einzuschlafen, zu gro� war die Gefahr eines Brandes. Aber Nabor brauchte das Licht. Seit die Sturmgeister um das Schiff strichen, wenn es dunkel war, fand er keinen Schlaf mehr. Also stahl er Lampen�l, das eigentlich f�r die Positionslichter des Wolkenschiffes vorgesehen war. Hier, so weit im Norden, w�rden sie keinem anderen Schiff im Himmel begegnen.</p><p>Ein erneuter Windzug streifte sein Gesicht. Er fluchte. Die kleine Flamme der �llampe tanzte. Es war m�glich, dass sich die Planken der Schiffswand in der K�lte so weit verzogen hatten, dass ein schmaler Spalt entstanden war. Er musste ihn finden, es w�rde ihm sonst keine Ruhe lassen. Noch deutlicher h�rte Nabor jetzt das Heulen des Windes. Seine H�nde begannen zu zittern. Das war nicht nur der Wind��</p><p>Zweifelnd blickte er auf den weiten Kreidekreis, den er um sein Bett gezogen hatte, bevor er sich zur Ruhe gelegt hatte. Die Spalten zwischen den Planken waren die kritischen Stellen. Er hatte die Kreide tief in die engen Ritzen gerieben, damit es keine L�cke gab, und sei sie noch so klein. Barnaba hatte die Kreide f�r ihn gesegnet und keine Fragen gestellt, wozu er sie brauchte. Rings um den Kreis waren alle Schutzzeichen auf den Boden gemalt, an die Nabor sich hatte erinnern k�nnen. Als ein Windsto� die Flamme seiner �llampe fast waagerecht zur Seite dr�ckte, keuchte der Lotse auf. Die Sturmgeister wollten ihn aus seinem Kreis locken!</p><p>Leise murmelte er ein Gebet an die Gro�e G�ttin. Sollte er der K�lte und dem Kratzen entfliehen und zu den anderen gehen? Er dachte an den Mief im Heiligtum, den auch die Sandelholz-R�ucherst�bchen unter dem Wurzelaltar nicht vertreiben konnten. An das Schnarchen und vor allem an die Schreie der M�nner, die mitten in der Nacht aus ihren Albtr�umen hochschreckten. Alle auf diesem Schiff hatten Angst. Alle au�er Barnaba. Was war er nur f�r ein Mann? Wo kam er her? Was hatte er erlebt?</p><p>Nabor hatte seit Wanu das Gef�hl, ihn schon einmal gesehen zu haben. Vor Jahren, im Gefolge des Unsterblichen Aaron. Aber das konnte nicht sein. Der Hohepriester der Gro�en G�ttin bei einem der Unsterblichen. Er l�chelte �ber diesen Unsinn. Das war undenkbar! Ganz sicher spielte ihm seine Erinnerung da einen Streich.</p><p>Barnaba war ein Anf�hrer und kein Gefolgsmann. Er hatte Charisma. Er schaffte es, Menschen dazu zu bewegen, alles f�r seinen Traum zu wagen. Der Priester hatte ihnen in Wanu freigestellt zur�ckzubleiben. Er hatte nur Freiwillige an Bord haben wollen. Alle, die jetzt noch auf dem Schiff waren, glaubten an ihn. Glaubten, dass das Traumeis die Welt ver�ndern k�nnte, auch wenn sie nicht wussten, was genau geschehen w�rde. Nicht einmal Barnaba konnte ihnen das sagen. Und dennoch folgten sie ihm, als w�ren sein Mut und seine Zuversicht zwei ansteckende Krankheiten, die alle hier an Bord im Blut trugen. In den Tr�umen aber �bermannte sie die Angst.</p><p>Unwillk�rlich sah Nabor zu dem kleinen Bord an der Wand. Dorthin, wo Gabott lag. Er hatte es nicht �ber sich gebracht, dem kleinen Affen ein Wolkenbegr�bnis zu geben.</p><p>Wolkenbegr�bnis, das war ein gro�es Wort f�r eine Sache, die Nabor zum ersten Mal in seinem Leben infrage gestellt hatte. Denn im Grunde warfen sie die Toten einfach nur �ber Bord, so wie sie es auch mit M�ll taten. Daran war nichts gro�artig, au�er dem Wort, das sie daf�r ausgesucht hatten. Er wollte nicht, dass Gabott so endete. Eigentlich hatte er den kleinen Affen in Wanu begraben wollen, aber sie waren so schnell wieder aufgebrochen, dass daf�r keine Zeit geblieben war. So hatte er ihn hierbehalten, in seiner eisigen Kabine. Solange sie weiter nach Norden flogen, w�rde Gabott nicht verwesen. Vielleicht w�rde er an ihrem Reiseziel einen guten Platz finden, an dem er ihn zur letzten Ruhe betten konnte. Seinen treuen Gef�hrten, der so viele einsame Stunden mit ihm in der gl�sernen Lotsenkanzel geteilt hatte. Bewegte sich etwa das glatte Fell des Affen im Luftzug? Ja, die feinen H�rchen tanzten auf und nieder. Also musste sich der Spalt in der Bordwand direkt hinter ihm befinden.</p><p>Wie Gabott dort lag, die Pfoten gekr�mmt, als wollte er etwas Unsichtbares festhalten�� Die Lebenskraft, die die verfluchten Sturmgeister ihm gestohlen hatten!</p><p>Nabor senkte seinen Blick. Es half nicht, den Toten nachzutrauern. Er musste schlafen, morgen brauchte er Kraft. Er war der Lotse. Selbst wenn ihr Wolkenschiff steuerungslos flog, war es seine Pflicht, Notizen zu machen und immer wieder zu versuchen, zu <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> durchzudringen. Er durfte nicht aufgeben!</p><p>Sein Blick blieb an dem Messer haften, dessen Griff aus dem Schaft seines linken Stiefels neben dem Bett ragte. Er k�nnte mit der schmalen Klinge ein St�ck Stoff in den Spalt rammen. Dann w�rde es aufh�ren zu ziehen und er k�nnte endlich schlafen.</p><p>Der Wind drau�en heulte j�h auf, als w�ren die Sturmgeister emp�rt �ber seinen Gedanken. Nabor l�chelte. Er beugte sich vor und zog das Messer. Mit einem Seufzer setzte er sich wieder auf. Sein R�cken schmerzte, die K�lte war ihm schon in die Knochen gezogen. Er schlug das Zeichen des sch�tzenden Horns und verharrte mitten in der Bewegung.</p><p>Flatterten Gabotts Augenlider? Das konnte nicht sein! Das�� Ein Arm des Affen zuckte. Seine linke Pfote schloss sich.</p><p>�Mutter der Welt, besch�tze mich�, murmelte Nabor leise. �Halte sie fern von mir, deine Geister. Verschone mich mit deinem Zorn, denn ich habe mich nicht an deiner Welt und deiner Sch�pfung vers�ndigt.� Es waren Worte, die er von Barnaba gelernt hatte. Ein neues Gebet, das der Priester ersonnen hatte.</p><p>Gabott schlug die Augen auf. Sie waren von durchdringendem Gr�n, so als leuchtete eine helle Flamme hinter dunkelgr�nem Glas. Der Blick war starr. Es schien Nabor, als s�he der kleine Affe geradewegs durch ihn hindurch auf die gegen�berliegende Wand. Es lag keine Freude in den Augen. Kein Wiedererkennen.</p><p>Nabor lie� das Messer sinken. �Gabott�, rief er. �Komm! Komm her zu mir!�</p><p>Der Affe hob seine linke Pfote dicht vor die Augen, �ffnete und schloss sie, dann sah Gabott ihn endlich an. Seine Augen waren jetzt wieder ganz schwarz, so wie sie fr�her gewesen waren.</p><p>�Du warst nicht tot!� In einem fernen Winkel seines Verstandes wusste Nabor, dass er gegen die Vernunft anredete, aber er wollte seinen Gef�hrten zur�ck, ganz gleich auf welche Weise das geschah. �Komm her zu mir! Ich habe dich vermisst. Komm unter meine Decke. Dort hinten bei der Wand ist es doch schrecklich kalt.�</p><p>Der Affe blickte auf das Messer in Nabors Hand. Er wirkte z�gerlich und viel verst�ndiger als fr�her. Aber war das nicht nat�rlich?, fragte sich der Lotse. Gabott war bis ganz nah an die Grenze des Todes gegangen. Tagelang hatte er dort gelegen. Das musste ihn ver�ndert haben!</p><p>�Komm!� Nabor beugte sich vor und schob das Messer in die Stiefelscheide zur�ck. Dann streckte er seine Hand vor.</p><p>Endlich sprang Gabott von dem Brett an der Kabinenwand. Er landete ein wenig ungeschickt. Sicher waren seine Glieder steif, weil er so lange geruht hatte. Drau�en war es still geworden. Der Sturm hatte sich gelegt, bemerkte Nabor verwundert. Er sp�rte, wie ihr Wolkensegler nicht l�nger gegen ung�nstige Winde ank�mpfte, sondern nun endlich wieder mit guter Fahrt gen Norden trieb. Wenn das Wetter nicht erneut umschlug, dann w�rden sie noch einen Tag, h�chstens aber zwei brauchen, um jenen wei�en Fleck auf der Karte der Welt zu erreichen, den Barnaba als ihr Ziel benannt hatte. Den Ort, an dem sie das Traumeis finden w�rden.</p><p>Aber das scherte Nabor nicht sonderlich. Gabott war zur�ck, das war alles, was z�hlte. Neugierig strich das kleine �ffchen �ber den Boden und griente ihn dabei an, wie Nabor es gerne mochte. Es sah aus, als l�chelte der kleine Affe.</p><p>�Komm zu mir. Was z�gerst du?� Der Lotse beugte sich noch weiter vor. Er streckte Gabott die offene Hand entgegen. Endlich sprang der Affe auf die Handfl�che und krallte sich mit seinen feingliedrigen Pfoten an seinen Fingern fest.</p><p>Nabor hob ihn �ber den Kreidekreis hinweg auf sein Bett. Gabott kroch sofort unter die Decken und schmiegte sich an ihn. Er war so kalt, der arme Kleine, dachte Nabor und war gl�cklich, dass sein Gef�hrte zur�ckgekehrt war.</p></section><section><title><p>Der Henker</p></title><p>Hornbori stellte ein dickes Holzscheit auf den Hackklotz und balancierte es aus, bis es von alleine stand. Dann hob er die Axt. Sie war ungew�hnlich schwer. Mit einem Schrei riss er sie hoch und lie� sie mit aller Kraft niedersausen. Er traf das Scheit sauber in der Mitte und spaltete es bis hinab auf den Hackklotz, ohne dass die Klinge der Axt tief im Holz des Klotzes versank.</p><p>Das Ger�usch klatschender H�nde lie� ihn herumfahren. Amalaswintha stand im Eingang der abgelegenen Kaverne, die Eikin ihm zugewiesen hatte, um sich vorzubereiten.</p><p>Immer noch klatschend, kam die Zwergin ihm entgegen. Sie trug ein aufreizend rotes Kleid, dessen Saum knapp eine Handbreit �ber ihren Kn�cheln lag. Ein Skandal bei Hof und ein Magnet f�r M�nnerblicke.</p><p>�Du bist eine echte Gefahr f�r Holzk�pfe, wie mir scheint�, sagte sie l�chelnd und blieb dicht vor ihm stehen. Sie duftete nach Pfirsich. Hornbori musste an die vergangene Nacht denken. Daran, wie wenig damenhaft sie gewesen war. Eine Frau wie sie hatte er nie zuvor getroffen. V�llig schamlos und von einer Sinnlichkeit, die M�nner alle Vernunft vergessen lie�. Er lehnte die Axt an den Hackklotz und bedauerte es im n�chsten Augenblick. Pl�tzlich wusste er nicht, wo er seine H�nde lassen sollte. Zuletzt entschied er sich, gravit�tisch �ber seinen Bart zu streichen und ein paar Holzsp�ne aus dem Haar zu zupfen. �Wie kann ich dir helfen?� Seine Stimme klang ganz und gar nicht so vollt�nend und kraftvoll wie sonst. Sie machte ihn nerv�s.</p><p>�Stimmt es, was ich geh�rt habe?� Sie bedachte die Axt mit einem missbilligenden Blick.</p><p>Hornbori traute seinen Ohren nicht. Konnte sie es erfahren haben? Eikin hatte ihm versichert, dass die Hinrichtungen in aller Heimlichkeit stattfinden w�rden. Niemand sollte wissen, was aus den Helden der Tiefen Stadt geworden war.</p><p>�Es ist also wahr�, stellte sie ern�chtert fest. �Du willst deinen Freunden, die dir die Haut gerettet haben, den Kopf abschlagen. Kennst du keine Scham?�</p><p>�Ob ich Scham kenne? Das fragst ausgerechnet du mich? Gestern hast du noch mit mir im Bett gelegen, und heute schon hast du es mit dem l�sternen alten Eikin so enge, dass du wei�t, was eigentlich ein Geheimnis sein sollte.�</p><p>�Nun, ich sehe da durchaus einen Unterschied zwischen dem Mann mit dem Beil und mir.�</p><p>�Und ich sch�tze, Eikin hat <emphasis>dich</emphasis> nicht gefragt, was dir lieber w�re: den Kopf auf den Block zu legen und zum Beil aufzublicken oder das Beil in der Hand zu halten und auf den Block hinabzublicken. Ganz ehrlich gesagt, musste ich nicht lange �berlegen. Ich bin nicht stolz darauf, was ich tun werde, aber ich werde mir auch keine Moralpredigten von jemandem anh�ren, der nicht in meiner Lage ist. Ganz gleich, wie hinrei�end du mich anl�chelst�� Seit wann hast du denn dein Herz f�r Galar und Glamir entdeckt? Gestern Nacht hast du mir noch gesagt, dass du froh w�rst, die beiden nie mehr riechen zu m�ssen, und dass du lieber in den Abw�ssern einer Gerberei baden w�rdest, als mit ihnen noch einmal im selben Aal zu fahren.�</p><p>�Und dazu stehe ich nach wie vor, dennoch w�rde ich ihnen nicht den Kopf abhacken.�</p><p>�Glaubst du, es macht mir Spa�? Eikin hat mir keine Wahl gelassen.� Er sah Amalaswintha an, dass sie diese Worte nicht gelten lie�. Sie hatte es ja auch leicht. Bei dem alten Bock gen�gte ein L�cheln von ihr, um all ihre Probleme zurechtzur�cken. Hornbori seufzte. Bei diesem L�cheln und dem, was es verhie�, war das ja auch kein Wunder. �Hast du denn einen Plan?�, fragte er ein wenig vers�hnlicher. Er wollte in ihren Augen nicht wie ein erb�rmlicher Wurm aussehen, aber nicht einmal f�r sie w�rde er sein Leben wegwerfen.</p><p>�Ich wei�, wo sie eingekerkert sind. Wir holen sie da raus und dann sehen wir weiter.�</p><p>�Das ist dein Plan?� Hornbori traute seinen Ohren nicht. �Hast du denn schon Wachen bestochen? Einen Fluchtweg vorbereitet?� Als Amalaswintha den Kopf sch�ttelte, seufzte er. �Du willst da einfach hineinmarschieren�� Und dann? Glaubst du, ich mach die Wachen alle nieder?�</p><p>�Du bist Hornbori Drachent�ter!�</p><p>Sie schien nicht den geringsten Zweifel zu hegen, dass er gegen ganze Heerscharen antreten k�nne. Es schmeichelte ihm und entsetzte ihn zugleich. �Wie sollen wir sie denn aus den Ehernen Hallen herausbekommen? Ich soll die drei retten, aber wie viele sollen daf�r unter meiner Axt sterben? Treue M�nner Eikins, die sich nichts zuschulden kommen lie�en, au�er den Befehlen ihres F�rsten zu gehorchen. Gegen sie anzutreten w�re zutiefst unmoralisch.�</p><p>�Du wirst also deine Gef�hrten k�pfen, weil du keine Wachen Eikins niedermachen willst? Das ist nicht dein Ernst.�</p><p>Es war das erste Mal, dass Hornbori Amalaswintha fassungslos sah. Nat�rlich war das nicht der wahre Grund, aber er hatte einen Augenblick gebraucht, um sich eine bessere Ausrede auszudenken. Er h�tte ihr auch sagen k�nnen, dass er ein opportunistischer Feigling war, der es leid war, von Galar als Schisser beschimpft zu werden, aber dann h�tte er jegliche Hoffnung aufgeben k�nnen, noch einmal in ihrem Bett zu landen. Eine neue Ausrede musste her, rasch! �Dir ist schon klar, was die drei vorhaben. Sie wollen eine Himmelsschlange t�ten. Oder wenn m�glich sogar mehrere.�</p><p>�Sie wollen die Tyrannei der Drachen brechen, genau!�, entgegnete Amalaswintha mit patriotischer Inbrunst.</p><p>�Und danach? Ich wei�, es wird ihnen gelingen, mindestens einen gro�en Drachen zu t�ten, und ich freue mich �ber jeden Tyrannen, der vom Himmel st�rzt. Aber was geschieht danach? Glaubst du, die Regenbogenschlangen werden nicht herausfinden, wer einen ihrer Nestbr�der get�tet hat? Sie sind wie G�tter! Nichts kann vor ihnen verborgen bleiben. Der Drache, f�r den die Tiefe Stadt sterben musste, war nicht einmal eine Himmelsschlange. Was werden sie tun, wenn einer der alten Drachen stirbt? Ich sage es dir: Sie werden unser ganzes Volk vernichten! Sie werden nicht eher ruhen, bis der letzte Zwerg niedergemetzelt ist. Und sie werden siegen. Sie sind Drachen, die liebsten Kinder der Alben. Kein Stollen ist so tief, dass wir vor ihrer Rache sicher w�ren.�</p><p>�Eikin hat ihnen ihre Speere abgenommen�, entgegnete Amalaswintha. �Sie werden gar nichts gegen die Drachen ausrichten k�nnen. Es geht nur darum, ihr Leben zu retten.�</p><p>�Nein, darum geht es nicht! Wenn Galar und Glamir �berleben, dann werden sie keine Ruhe geben, bis sie den n�chsten Drachen get�tet haben. Glaubst du, es f�llt mir leicht, diese Axt auf den Nacken meiner Freunde sausen zu lassen? Glaubst du, ich sehnte mich nicht auch nach einer unblutigen L�sung? Aber du wei�t selbst ganz genau, wie verbohrt Galar ist. Er wird nicht aufgeben!�</p><p>�Du machst nicht den Eindruck, als w�rst du besonders aufgew�hlt.�</p><p>Hornbori stie� einen wohl einstudierten verzweifelten Seufzer aus, der bislang noch stets Eindruck gemacht hatte. �Wir M�nner werden dazu erzogen, keine Gef�hle zu zeigen. Was muss ich tun, um dir zu beweisen, dass diese Entscheidung auch mir das Herz zerrei�t? Denkst du, ich mache das gerne? Oder aus blindem Egoismus, um meinen eigenen Kopf zu retten?�</p><p>Sie sagte nichts, und das sagte mehr als alle Worte.</p><p>�Du h�ltst mich also f�r ein Kameradenschwein. Na sch�n��� Er griff nach der B�rse an seinem G�rtel, �ffnete sie, tastete mit den Fingerkuppen �ber die M�nzen und holte zwei hervor, als er sicher war, dass die richtige dabei war. Diese lie� er geschickt unter dem breiten Lederband an seinem Handgelenk verschwinden, w�hrend er Amalaswintha die zweite reichte. �Du wei�t, was das ist.�</p><p>Sie schluckte. Dann nickte sie. �Eine M�nze aus unserer Heimat�, sagte sie mit belegter Stimme.</p><p>�Eine Goldkrone aus der Tiefen Stadt. Ich trage sie bei mir als Erinnerung�� Sie ist mein Talisman. Sie l�sst mich nicht vergessen, was die Drachen getan haben, aber sie erinnert mich auch an meine Verantwortung, daf�r zu sorgen, dass dies nie einer anderen Zwergenstadt widerfahren wird, ganz gleich welchen Preis ich daf�r bezahlen muss.� Er senkte niedergeschlagen den Blick. �Aber ich k�nnte nicht mit deiner Verachtung leben. Eher versto�e ich gegen meine �berzeugung, als dass ich zulasse, dass ich in deinen Augen ein Feigling bin.� Er nahm die M�nze aus ihrer offenen Hand und lie� sie geschickt �ber seine Fingerkuppen tanzen, sodass abwechselnd beide Seiten zu sehen waren: das Antlitz des Alten in der Tiefe aus ihrer Heimatstadt und die goldene Krone, die diesen M�nzen ihren Namen eingebracht hatte. �Lassen wir das Schicksal entscheiden, Amalaswintha.� Er warf die M�nze hoch, fing sie wieder auf und lie� sie in seiner Faust verschwinden, w�hrend er die linke Hand mit gro�er Geste auf seine Brust legte, dort, wo sein Herz schlug, um ihre Aufmerksamkeit abzulenken.</p><p>�M�ge mir mein Herz in der Brust verrotten, wenn ich mich aus Feigheit gegen meine Kameraden wende. Soll das Schicksal entscheiden. Du wirfst diese M�nze!� W�hrend er ihr fest in die Augen sah, tauschte er mit geschickten Fingern die Krone gegen die M�nze unter dem Lederband. �Liegt die Krone zuoberst, dann folge ich dir, wo immer du mich hinf�hrst, und ich schere mich einen Dreck darum, was daraus erwachsen wird, wenn wir Galar, Nyr und Glamir befreien. Liegt aber der Kopf oben, dann will das Schicksal, dass noch heute die K�pfe meiner Freunde fallen, auch wenn es mir das Herz bricht.� Mit diesen Worten reichte er ihr die Goldm�nze.</p><p>Amalaswintha betrachtete einen Augenblick lang versonnen den Kopf ihres toten F�rsten, der zu ihr hochzublicken schien. Dann warf sie die Goldkrone hoch, fing sie wieder auf und streckte Galar die flache Hand entgegen. Der Kopf lag obenauf. Amalaswintha verzog die Lippen. Dann gab sie ihm schweigend die M�nze zur�ck.</p><p>�Es ist mein Schicksal�, sagte Hornbori heuchlerisch bedr�ckt. �<emphasis>Ich</emphasis> h�tte die M�nze werfen sollen. Erst das zweite Ergebnis z�hlt���</p><p>�Wir hatten eine Absprache�, fl�sterte Amalaswintha. �Du musst nicht���</p><p>Er sah die Hoffnung in ihren Augen, die ihre Worte L�gen strafte. �Doch, ich muss und ich will. Sie sind auch meine Freunde.� Er deutete auf die Axt. �Ich bete, dass das Schicksal mir eine Ausrede gibt, dies nicht zu tun.� Bevor sie darauf etwas sagen konnte, warf er die M�nze. Als er sie fing, hielt er sie einen Moment lang in der Faust und murmelte ein kurzes Gebet zu den Alben. Dann erst �ffnete er die Hand. Wieder zeigte die M�nze den Kopf ihres toten F�rsten. Hornbori seufzte. �Dann soll es so sein.�</p><p>�Ich werde dennoch versuchen, sie zu befreien�, beharrte Amalaswintha.</p><p>�Ich w�nsche dir Gl�ck.�</p><p>Sie nickte, wandte sich ab und ging zu dem Durchgang, der die abgelegene Kammer mit dem Tunnelsystem im Berg verband. Als sie sich dort ein letztes Mal umsah, hob Hornbori nur die Hand zum Gru�. Ihm war klar, dass sie gehofft hatte, er w�rde doch noch mit ihr kommen. Ihre Schritte waren schwer, als sie endg�ltig ging. Eine Zeit lang w�rde sie verbittert sein, aber am Ende w�rde sie ihn wieder in ihr Bett holen, da war er sich ganz sicher. Sie w�rde nicht vergessen, dass er dem Schicksal zweimal Gelegenheit gegeben hatte, alles zu wenden. Das w�rde sie ihm immer hoch anrechnen.</p><p>Er hob die M�nze in seiner Hand an die Lippen und k�sste sie. Sie hatte ihm schon so manches Mal gute Dienste erwiesen. Wie gut, dass er mit dem Pr�gemeister der Tiefen Stadt so vertraut gewesen war. Der alte S�ufer hatte gegen ein Fass besten Branntweins diese besondere M�nze geschlagen, die auf beiden Seiten das Antlitz des F�rsten zeigte. Nur dumme M�nner �berlie�en ihre Zukunft allein dem Schicksal!</p><p>Er hob die Sanduhr auf, die unweit des Hackklotzes auf dem Boden stand. Sie war w�hrend des Gespr�chs mit Amalaswintha abgelaufen. Wie viel Zeit mochte ungemessen verflossen sein? Ein Viertel von einer Stunde? Vielleicht etwas weniger?</p><p>Hornbori drehte das Stundenglas und sah dem feinen Sandstrahl zu, der durch die Enge rann. Galar blieben weniger als drei Stunden bis zu ihrer letzten Begegnung. Es w�re besser, darauf gut vorbereitet zu sein. Hornbori schob die M�nzen zur�ck in den Beutel an seinem G�rtel, nahm die Axt, stellte ein neues Scheit auf den Klotz und lie� das Henkersbeil niedersausen.</p></section><section><title><p>Nur hei�e Luft</p></title><p>Galar tupfte mit einem Brotkanten die letzten So�enreste von dem gro�en Silbertablett, auf dem eben noch der Rehr�cken gelegen hatte. Die Mahlzeit, die Eikin hatte servieren lassen, war wirklich k�stlich gewesen! Auch Glamir hatte t�chtig zugelangt und lie� sich gerade mit einem zufriedenen R�lpser in seinen hohen Lehnstuhl fallen. Nur Nyr hatte keinen Happen herunterbekommen.</p><p>�Es w�re eine Schande, so ein Essen verkommen zu lassen�, erkl�rte Glamir und betrachtete einen So�enfleck in seinem Bart.</p><p>�Was wird nur aus Frar werden?� Nyr rang verzweifelt die H�nde. �Der Kleine braucht mich doch. Er hat doch keine Mutter! Niemanden, der sich um ihn���</p><p>�Jetzt mach dir mal nicht ins Hemd! Glaubst du wirklich, Eikin l�sst uns k�pfen? Im Leben nicht! Der Titel des Alten in der Tiefe ist eine W�rde auf Zeit. Er wird zum F�rsten gew�hlt. Glaubst du, er wird seinen Thron noch einmal besteigen, wenn er die Drachent�ter hinrichten l�sst? Er ist sauer auf uns und will uns weichkochen. Uns einen geh�rigen Schrecken einjagen. Und dann wird er mit uns verhandeln und erz�hlen, was er eigentlich will.� Galar schob sich gen�sslich das Brot in den Mund. Es war so voller Saft gesogen, dass er ihm aus den Mundwinkeln rann. Genie�erisch schloss er die Augen. Es war sehr lange her, dass er so ein gutes Mahl zu sich genommen hatte.</p><p>�Bist du dir sicher?� Nyr sah elend aus.</p><p>Was war nur aus seinem Freund, dem kaltbl�tigen Richtsch�tzen geworden? Der Umgang mit dem Kind hatte ihn v�llig ver�ndert.</p><p>�Was denkst du, Glamir?�, wandte sich Galar an den verkr�ppelten Schmied. �Er ist dein F�rst. L�sst uns Eikin die K�pfe abschlagen oder will er uns nur erschrecken?�</p><p>Glamir fl�zte sich im Lehnstuhl und stocherte nachdenklich mit seinem Daumennagel zwischen den Schneidez�hnen. �Wei� nicht�� Ihm bedeutet mein Turm einiges. Er wei�, dass er mich da braucht. Und dich auch. Gibt nicht so viele Irre, die zu den Smaragdspinnen hinabsteigen und lebend wieder hochkommen. Ich glaube eher nicht, dass er uns umbringen l�sst. Sein Gerede von der Hinrichtung war nur hei�e Luft. Wahrscheinlich holt er uns pers�nlich ab, spielt uns noch ein bisschen was vor und bringt uns dann mit einer Eskorte zu einem Aal, mit dem wir zur�ck zu meinem Turm sollen.� Er seufzte. �Was h�tte ich darum gegeben, noch mal den Himmel zu sehen und einem richtig gro�en Drachen einen unserer Pfeile zu verpassen.�</p><p>Auch Galar dachte nicht gern an die endlosen Tauchg�nge zur�ck. Die Smaragdspinnen hatten ihm nichts zuleide getan. Im Gegenteil, sie hatten ihn gerettet, als Glamir ihn hatte verrecken lassen wollen. Und dennoch w�re er froh, wenn er nie wieder in eines der Tauchf�sser steigen m�sste. <emphasis>Er</emphasis> hatte den Traum von der Drachenjagd noch nicht aufgegeben! Glamir hatte geahnt, dass Eikin sie hereinlegen k�nnte. Er wollte sie nicht in den Ehernen Hallen behalten. Und er w�rde ihnen nicht erlauben, auf die Jagd zu gehen, weil er ein verdammter Feigling war. Sie sollten zur�ck in diesen verfluchten Turm. Da waren sie ungef�hrlich f�r ihn. Aber sie waren auf diesen Verrat vorbereitet. Sie mussten nur hier rauskommen��</p><p>�Wir m�ssen herausfinden, wo sie Frar hingebracht haben�, murmelte Nyr vor sich hin.</p><p>Er war v�llig besessen von dem Kind, dachte Galar ver�rgert. Es war Zeit, dass sie den Kleinen an irgendeinen Rockzipfel h�ngten. Es war nicht gut f�r M�nner, wenn sie sich die ganze Zeit mit Kleinkindern abgaben. Und f�r den Kleinen war das ganz sicher auch nicht gut. Sie hatten ihn mit Drachenblut aufgep�ppelt! Jede der Phiolen w�re ihr Gewicht in feinsten Edelsteinen wert gewesen. Er wollte gar nicht daran denken, was f�r ein Verm�gen Frar in sich hineingenuckelt hatte. Wann w�rden sie solches Blut noch einmal bekommen. Er h�tte es dringend f�r seine alchemistischen Versuche gebraucht. �Wahrscheinlich wird Amalaswintha sich um ihn k�mmern.�</p><p>Nyr st�hnte auf. �Das ist nicht gut! Gar nicht gut! Sie wird keinen guten Einfluss auf ihn haben.�</p><p>�Ich finde, Frar ist bei ihr bestens aufgehoben!�, mischte sich Glamir ein und kratzte sich dabei im Schritt. �Also ich w�rde was darum geben, an ihren Br�sten nuckeln zu d�rfen. Da kann man richtig eifers�chtig auf den Kleinen werden.�</p><p>Der hagere Gesch�tzmeister war mit einem Satz auf den Beinen. �Du���, stie� er um Atem ringend hervor und bekam einen hochroten Kopf. �Du���</p><p>�Alles gut!� Galar schob sich zwischen Nyr und Glamir, der seelenruhig in seinem Lehnstuhl sitzen blieb.</p><p>�Dem stopf ich sein L�stermaul! Er und seine dreckigen Gedanken werden nicht die Ehre des Kleinen besudeln. Er���</p><p>�Mit dreckigen Gedanken die Ehre des Kleinen besudeln�, �ffte Glamir ihn nach. �Wie geht das denn? Macht der sich schmutzig, wenn ich �ber ihn rede? Kann ich mir irgendwie nicht vorstellen. Oder meinst du etwa, der pisst sich vor Freude ins H�schen, wenn er an die drallen Titten denkt?�</p><p>�Du!� Auch wenn Nyr auf den ersten Blick eher schw�chlich wirkte, so klapperd�rr wie er aussah, war er doch erstaunlich stark. Besonders wenn er w�tend wurde. Galar hatte alle M�he, ihn festzuhalten.</p><p>�Heh!� Endlich richtete Glamir sich auf und wirkte pl�tzlich ernst. �Wir k�nnen den Jungen nicht mit in den Krieg nehmen. Das ist dir ja wohl klar.�</p><p>Nyrs w�tende Bem�hungen, an Galar vorbeizugelangen, ebbten ab.</p><p>�Verdammt, er kommt aus der Tiefen Stadt. Eine Heimat, die er dank der Drachen nie wiedersehen wird. Amalaswintha ist das letzte St�ck Heimat, das ihm noch geblieben ist. Wo willst du ihn denn sonst sehen? Bei irgendeiner Amme, die Eikin aussucht? Bei Amalaswintha wird er h�ren, wo er geboren wurde, wie es war, in der Tiefen Stadt zu leben. Er wird sich ihr verbunden f�hlen, selbst wenn er seine Heimat nie gesehen hat. Und er wird die Drachen zu hassen lernen.�</p><p>Nyr tat einen langen Seufzer und trat einen Schritt zur�ck.</p><p>Galar war nicht ganz so �berrascht wie Nyr. Er hatte den verst�mmelten Schmied in den Monden im unterirdischen Turm gut kennengelernt. Er wusste, dass sich bei Glamir hinter sehr viel harter Schale ein �berraschend feinsinniger Kern verbarg. Glamir sp�rte, was die M�nner, mit denen er sich umgab, in ihrem Innersten bewegte, und er nutzte dieses Wissen f�r seine Zwecke. Er wollte die gefl�gelten Herrscher vom Himmel holen. Um dieses Ziel zu erreichen, w�rde er alles tun. L�gen und t�ten, seine Freunde verraten und mit Feinden paktieren. Er hatte sich ganz seinem Hass verschworen. Davon abgesehen war er ein ganz ordentlicher Zechkumpan und Gef�hrte, solange man nicht zwischen ihn und sein Ziel geriet. Glamir war der erste Zwerg unter allen, die ihm je begegnet waren, den Galar eine verwandte Seele genannt h�tte.</p><p>�Ich habe mich gar nicht richtig von ihm verabschiedet�, sagte Nyr leise.</p><p>�Er wird sich an dich erinnern.�</p><p>Galar glaubte nicht, was Glamir gerade so freim�tig behauptete. Er selbst erinnerte sich an kaum etwas, was mit seiner fr�hen Kindheit zu tun hatte. Aber er sah den Nutzen hinter Glamirs Behauptungen. Und so bekr�ftigte er dessen Worte.</p><p>�Das stimmt, Nyr! Er wird dich niemals vergessen. Und wer wei�, wenn wir ein wenig Gl�ck haben, dann wirst du eines Tages wieder vor ihm stehen. Er wird ein junger Mann sein. Vielleicht auch ein Richtsch�tze���</p><p>Die schwere Eichent�r zu ihrem behaglich eingerichteten Kerker flog auf, und Eikins oberster Speichellecker trat ein: Bailin, der Hauptmann seiner Leibwache. Hinter ihm folgte ein Dutzend anderer Krieger. Ihre Mienen verhie�en nichts Gutes. Bittere Entschlossenheit spiegelte sich in ihren Z�gen.</p><p>Bailin gab seinen M�nnern einen Wink. �Los! Schnappt sie euch!�</p><p>Galar griff nach dem schweren Silbertablett, auf dem der Rehr�cken serviert worden war. Es war die einzige <emphasis>Waffe</emphasis> im Raum! Das Fleisch war schon in St�cke geschnitten gewesen. Man hatte auch ein paar Holzsch�sseln f�r das Essen gebracht, aber kein Messer, keine Gabel, nicht einmal einen L�ffel. Mit einem Sprung nach vorne rammte Galar dem ersten der Leibw�chter das Tablett in den Magen. Der Mistkerl sackte wie vom Blitz getroffen zusammen. Aus den Augenwinkeln sah er, wie Glamir, der fluchte und mit dem ihm verbliebenen Arm kr�ftig austeilte, schnell �berw�ltigt wurde.</p><p>Wild das Tablett hin und her schwenkend, zog Galar sich in eine Ecke zur�ck, sodass er nicht im R�cken angegriffen werden konnte.</p><p>Bailin war zwischen seine M�nner getreten und zog einen schweren Kn�ppel aus seinem G�rtel. �Fangt ihn lebend, aber gut aussehen muss er nicht mehr, dort, wo wir ihn hinbringen.� Mit diesen Worten ging er mit zwei weiteren mit Kn�ppeln bewaffneten Kriegern auf Galar zu.</p><p>�Kommt nur, ihr Scho�h�ndchen�, zischte der Zwerg und verbarg seine Verzweiflung. Eikin hatte also keine leeren Worte gemacht: Sie sollten nicht eingesch�chtert werden und dann zur�ck in den verfluchten Turm. Sie w�rden wirklich hingerichtet werden!</p><p>Ein Keulenhieb traf Nyr, der mit zwei Angreifern zu Boden gegangen war, seitlich am Kopf, als er gerade wieder aufstehen wollte.</p><p>Galar stie� einen w�tenden Schrei aus, st�rmte aus seiner Ecke heraus und erwischte einen der Angreifer mit dem Tablett am Kinn. Z�hne splitterten unter dem schweren Silber, und Knochen knirschten bedenklich. Der Schmied duckte sich unter einem Kn�ppelhieb zur Seite und riss das Tablett wie einen Schild hoch, um einen weiteren Schlag abzuwehren. In diesem Moment sauste Bailins Kn�ppel nieder. Anders als bei einem richtigen Schild hatte das Tablett keine Lederschlaufen auf seiner R�ckseite, durch die man den Arm schieben konnte. Galar war gezwungen, es an den R�ndern festzuhalten. Und Bailins Kn�ppel schmetterte auf seine Rechte. Die Hand war sofort taub vor Schmerz.</p><p>Ein zweiter Schlag fegte das Tablett zur Seite, das Galar mit nur einer Hand nicht mehr sicher halten konnte. Ein Tritt traf ihn zwischen die Schenkel. Ein Hieb in die Nieren lie� ihn aufkeuchen.</p><p>Galar brach in die Knie. Seine Arme wurden nach hinten gerissen und ihm auf den R�cken gebunden. Dann wurde ihm ein Sack �ber den Kopf gest�lpt, der roch, als w�re ein alter Schinken darin gelagert worden.</p><p>�Bringt sie zu ihrem Bestimmungsort!�, war die befehlsgewohnte Stimme Bailins zu h�ren.</p><p>Galar hatte schon oft dem Tod ins Antlitz gesehen, doch das war stets auf der Jagd oder im Kampf gewesen. Sein oder Nichtsein hatten in seiner Hand gelegen, doch hier gab es keinen Kampf mehr.</p><p>Er wurde von starken H�nden bei den Armen gepackt, hochgerissen und vorw�rtsgeschoben.</p><p>Irgendwo hinter ihm fluchte Glamir. Seine Stimme klang durch den Sack halb erstickt. Ein klatschendes Ger�usch erklang, ein gurgelnder Schrei, dann war es still.</p><p>Der Mund des Schmieds war staubtrocken. Sein Magen zog sich zusammen. Jetzt tat es ihm leid, so viel gegessen zu haben. Ihm war �bel. Der unangenehm salzig-s��liche Schinkengeruch, der tief in den Stoff eingezogen war, steigerte den Brechreiz noch. So wollte er nicht abtreten, mit Erbrochenem im Bart und mit feuchten Augen. Er war kein Schisser wie Hornbori�� Wo der Mistkerl jetzt wohl steckte? Er hatte es wieder einmal geschafft, sich aus allem herauszuwinden, wie es schien. Sollte den Dreckskerl der Steinschlag beim Schei�en treffen!</p><p>Sie wurden aus der Kammer in einen Tunnel geschafft, in dem ihre Schritte widerhallten. Galars R�cken schmerzte. Der Nierenhieb hatte gut gesessen. Wahrscheinlich w�rde er Blut pissen. Als er die gefesselten H�nde zu F�usten ballte, f�hlte sich seine Rechte an, als w�ren die Mittelhandknochen gebrochen.</p><p>�Hauptmann Bailin, von der Leibwache des���, ert�nte Bailins Stimme.</p><p>�Schon gut, ich wei� noch, wer du bist. Ich habe dir ja gerade erst aufgesperrt!� Die zweite Stimme klang rau und m�de. �Gut, dass die drei Schweine noch heute Abend erledigt werden. Ein Mordkomplott gegen Eikin schmieden!� Es klang, als h�tte der Sprecher ausgespuckt. �Das hat man davon, wenn man Fremde gn�dig in seinen H�hlen aufnimmt. Ich hoffe, der Henker ist ein St�mper und braucht ein paar Schl�ge, um die K�pfe rollen zu lassen. Ihr k�nnt die Gefangenen nun abf�hren.�</p><p>Galar war versucht, dem Unbekannten zu sagen, wie es wirklich gewesen war. Aber ihm war klar, dass ihm niemand glauben w�rde. Also schwieg er, als er erneut unsanft nach vorne gesto�en wurde.</p><p>Es war ein langer Weg, den sie zur�cklegten. Sie schienen nur kleinere Stollen zu benutzen, die abseits der gro�en Tunnel lagen. Die vertrauten Ger�usche der Zwergenstadt, das H�mmern von Stahl auf Stein, Fl�che, das Klappern der Hufe von Grubenponys klangen von fern, und der allgegenw�rtige Geruch nach Rauch und Kohlsuppe hing nur d�nn in der abgestandenen Luft. Nur zweimal begegneten sie anderen Zwergen auf ihrem Weg, und Galar h�rte Bailin jedes Mal etwas von verdammten Fremden murmeln, die sich an eine der T�chter des Obersteigers herangemacht und daf�r eine ordentliche Abreibung eingehandelt hatten. Es kamen nie Fragen.</p><p>Galar hatte die Aale im Hafen ja gesehen. Die ganze Stadt war voller fremder Zwerge, und ganz sicher waren Schl�gereien an der Tagesordnung. Auch an den S�cken �ber ihren K�pfen schien sich niemand zu st�ren. In den meisten Zwergenst�dten machte man ein Geheimnis aus dem komplexen Netz von Seiten- und Fluchttunneln. Da war es nicht verwunderlich, wenn man daf�r sorgte, dass sich ungebetene G�ste nicht gr�ndlich umsehen konnten. Und so konnte nicht doch noch jemand die Helden der Tiefen Stadt kurz vor deren spurlosem Verschwinden erkennen.</p><p>Endlich hielten sie an. In der Ferne war das dumpfe Murmeln einer gr��eren Menschenmenge zu h�ren. �berlagert von Rauch hing der Geruch ungewaschener Leiber in der Luft. Galar wurde der Sack vom Kopf gezogen. Blinzelnd hob er den Kopf. Vielleicht drei�ig Schritt entfernt, am Ende des Tunnels, war fahles, gelbes Licht zu sehen.</p></section><section><title><p>Vier Sandk�rner</p></title><p>Galar war �berrascht, versuchte aber, es sich nicht anmerken zu lassen. �Wollt ihr hier euer Bluthandwerk verrichten?�, fragte er Bailin herablassend.</p><p>�Das liegt an euch.� Der Hauptmann wirkte angespannt. �Werdet ihr drei mir schw�ren, dass ihr nichts tun werdet, was die Ehernen Hallen in Gefahr bringt?�</p><p>Gab es etwa doch noch Hoffnung? Hatten ihre Henker ihr Gewissen entdeckt? Galar blickte zu Glamir. Als sein Gef�hrte leicht nickte, entgegnete er frech: �Nat�rlich tun wir nichts, was deiner Stadt schaden k�nnte. Wer hat jemals etwas anderes behauptet?�</p><p>�Ihr seid Drachent�ter. Und wir alle wissen, was deiner Heimatstadt widerfahren ist, Galar. Ich w�nsche nicht, dass die Ehernen Hallen das Schicksal der Tiefen Stadt teilen.�</p><p>�Dann wird man wohl die verfluchten Himmelsschlangen t�ten m�ssen�, zischte Glamir. �Denn sonst ist keine Zwergenbinge vor der Willk�r der Tyrannen sicher.�</p><p>Galar fluchte still in sich hinein. Das war ganz bestimmt nicht die Antwort, die der Hauptmann h�ren wollte. Laut bemerkte er lakonisch: �Wir haben gar nicht mehr die M�glichkeit, einen der gro�en Drachen zu t�ten. Wir hatten sie, doch Eikin hat daf�r gesorgt, dass die Bestien nicht mehr l�nger in Gefahr sind.�</p><p>Das war eine glatte L�ge. Glamir hatte vorgeschlagen, vier Speerspitzen und etliche Spitzen f�r Armbrustbolzen im Futter ihrer Stiefel einzun�hen. Au�erdem gab es noch die Speerspitzen, die sie in dem Aal versteckt hatten, der nun irgendwo unter der Decke des Hafens hing. Das w�re genug, um der ganzen Brut der Himmelsschlangen den Garaus zu machen, wenn sie nur nahe genug an sie herank�men.</p><p>�Ihr seid Drachent�ter.�</p><p>Klang da ein Hauch von Respekt in der Stimme des Speichelleckers? Galar sah Bailin scharf an. Der Hauptmann sah aus wie einer, auf den man sich verlassen konnte. Er hatte ein hartes, aber ehrliches Gesicht. Obwohl seine fahle Haut verriet, dass er lange nicht mehr aus den Tunneln herausgekommen war, hatte er etwas von einem Veteranen an sich. Eine selbstsichere Art aufzutreten.</p><p>�So wie ich euch einsch�tze�, fuhr Bailin fort, �werdet ihr niemals aufgeben. Und du w�rdest selbst mit einem Messer in der Hand auf einen Drachen losgehen, wenn es nur das kleinste F�nkchen Hoffnung g�be zu siegen. Das stimmt doch, oder?�</p><p>Galar sagte nichts. Jedes Wort mochte nun �ber Leben oder Tod entscheiden.</p><p>�Eikin ist jedenfalls dieser Meinung. Er wird sich jetzt schon wundern, wo ihr bleibt. Er ist kein schlechter F�rst, aber er ist davon �berzeugt, dass ihr der Untergang der Ehernen Hallen sein werdet, wenn ihr lebt. Nicht weit von hier ist schon ein Platz f�r euch vorbereitet. Ein aufgegebener Schacht, der wieder mit taubem Gestein verf�llt wird, sobald ihr tot seid. Niemand w�rde eure Leichen dort je finden.�</p><p>Wieder sp�rte Galar, wie sich sein Magen zusammenzog. �Und wieso bringst du uns dann nicht zu diesem Ort?�</p><p>�Ihr seid Helden, verdammt!�, brach es aus dem Hauptmann heraus. �Unser Volk braucht M�nner wie euch. Es ist nicht richtig, euch heimlich meucheln zu lassen. Ich habe Eikin siebzehn Jahre treu gedient, die letzten f�nf davon als Hauptmann seiner Leibwache. Er ist ein Mann von Ehre. Ich hatte immer Respekt vor ihm. Und ich erkenne auch klar die Gefahr, die ihr f�r unsere Stadt darstellt. Aber was er mit euch vorhat, ist nicht zu rechtfertigen. Ihr hattet ja nicht einmal Gelegenheit zu reden.�</p><p>Etwas tat sich am Ende des Tunnels, dort, wo das gelbe Licht herkam. Das Murmeln ver�nderte sich, und pl�tzlich �berlief ein Prickeln Galars Haut, sodass sich die feinen H�rchen auf seinen Armen aufrichteten.</p><p>�Was erwartest du von uns?�, fragte er.</p><p>�Ihr werdet nie wieder in die Ehernen Hallen zur�ckkehren und zu niemandem dar�ber sprechen, dass ihr jemals hier gewesen seid. Und ihr werdet drei Jahre lang keinem Drachen nachstellen und euch v�llig unauff�llig verhalten. Das sollte gen�gen, um eure Spur zu verwischen. Was ihr danach tut, ist mir egal. Mir ist klar, dass ihr niemals ganz aufgeben werdet. Helden sind so.�</p><p>Galar musste schmunzeln. Dann erinnerte ihn ein Stich im R�cken an den m�rderischen Schlag in die Nieren, den er abbekommen hatte. �Du hast mein Wort, dass wir verschwinden und es drei Jahre lang ruhig angehen lassen�, sagte er rasch.</p><p>�Eh, werde ich auch noch gefragt?�, murrte Glamir.</p><p>�Ich gehe davon aus, dass es noch einen Platz in dem aufgegebenen Stollen f�r dich gibt, wenn du dich nicht auf Bailins Bedingungen einl�sst.�</p><p>Der Hauptmann nickte grimmig.</p><p>�Ich trau dem Kerl nicht�, entgegnete Glamir gereizt und sah zu Nyr. Doch der sagte gar nichts, sondern starrte einfach nur vor sich hin. Wahrscheinlich dachte er an Frar, den er wohl niemals wiedersehen w�rde, wenn er sich auf die Bedingungen des Hauptmanns einlie�.</p><p>Wirklich vertrauen konnte Galar ihm auch nicht. Diese ganze Sache stank zum Himmel. Bailin wirkte wie ein Mann von Ehre. W�rde er sich wirklich zu einem Verrat an seinem F�rsten hinrei�en lassen? �Warum hast du uns derma�en verpr�geln lassen, wenn du uns retten wolltest. H�tten wir gewusst, was du willst, w�ren wir ohne Widerstand mitgekommen.�</p><p>�Und genau das w�re Regin aufgefallen. Er und einige M�nner aus seiner Sippe haben euer Gef�ngnis bewacht. Ich kenne kaum einen Zwerg, der so misstrauisch ist wie dieser alte Bastard. Er ist ein Saufkumpan von Eikin und einer der wenigen, die wussten, dass ihr hingerichtet werden solltet. H�tte er keinen Kampfesl�rm aus eurem Gef�ngnis geh�rt und w�rt ihr nicht an ihm vorbeigehumpelt und h�ttet zusammengeschlagen ausgesehen, h�tte er augenblicklich Verrat gewittert.�</p><p>Galar rieb sich den schmerzenden R�cken. F�r seinen Geschmack war diese Schl�gerei deutlich zu echt gewesen. Doch ihm war auch klar, dass sie keine andere Wahl hatten, als sich auf das Spiel des Hauptmanns einzulassen.</p><p>�Wie willst du uns denn aus den Ehernen Hallen herausbekommen? Eikin wird bald merken, dass du ihn hintergangen hast, und den ganzen Berg auf den Kopf stellen lassen.�</p><p>Bailin deutete auf das Ende des Tunnels. �Dort unten liegt der Gro�e Torsaal. Die <emphasis>Freiwilligen</emphasis> haben sich dort versammelt. Noch in dieser Nacht werden sie durch den dortigen Albenstern zu jenem Ort abr�cken, an dem die Himmelsschlangen ihr Heer versammeln, das auf Nangog k�mpfen soll. Ihr geht mit ihnen. Da die Drachen niemandem verraten haben, wohin sie uns �ber den Albenpfad holen, wird Eikin euch nicht mehr folgen k�nnen, sobald sich das Tor schlie�t.� Der Hauptmann winkte einem seiner M�nner, der einen vollen Sack trug. �Die Kleider.�</p><p>�Was wird das?�, wollte Galar wissen.</p><p>�Ihr verkleidet euch als Holzf�ller aus den Schattenbergen. In den langen Kapuzenumh�ngen seid ihr unauff�llig. Haltet die K�pfe zu Boden gerichtet, damit euch niemand erkennt.�</p><p>Glamir lachte auf. �Und das soll unauff�llig sein! M�nner, die in den Krieg ziehen, stecken voller Feuer. Sie starren nicht zu Boden.�</p><p>�Nicht bei diesem Krieg�, entgegnete Bailin d�ster und dr�ckte Galar einen der schwarzen, abgetragenen Umh�nge in die Hand. �Es hei�t, die Drachen rufen K�mpfer aus allen V�lkern zu den Waffen. Sogar Trolle und Kobolde. Wir m�ssen mit diesem Gelichter gemeinsam k�mpfen. Das kann nicht gut gehen. Alle wissen das. Kaum jemand hat sich freiwillig f�r diesen Feldzug gemeldet, aber wir m�ssen die Zahl an M�nnern stellen, die uns die Drachen vorgegeben haben. Es waren die �ltesten der Sippen, die bestimmt haben, wer gehen muss. Es sind�� bis auf wenige Ausnahmen�� die, auf die man verzichten kann. Glaub mir, Galar, dort unten brennt nur in wenigen Augen Feuer. Die meisten starren auf den Boden.� Mit diesen Worten nahm auch Bailin einen Umhang und warf ihn sich um die Schultern.</p><p>�Was wird das?� Ungl�ubig sah Galar, wie der Hauptmann die Kapuze �ber den Kopf zog und die angelaufene Messingbrosche unter dem Kinn schloss.</p><p>�Wonach sieht es aus?�, entgegnete Bailin gleichm�tig. �Dachtest du etwa, ich lasse euch alleine ziehen? Ich werde mitkommen und darauf achten, dass ihr Wort haltet. Drei Jahre lang werden keine Mordpl�ne gegen Drachen geschmiedet. Bis dahin werden wir so oft verlegt worden sein, dass keiner mehr die Spur zu den Ehernen Hallen zur�ckverfolgen kann. Wahrscheinlicher noch sind wir alle tot.�</p><p>�Warum machst du das?�, fragte Nyr. Es war das erste Mal seit ihrer Entf�hrung, dass der hagere Gesch�tzmeister sprach.</p><p>�Weil es das Richtige ist. Euch zu t�ten w�re falsch. Euch einfach laufen zu lassen und die Sicherheit meiner Heimat zu gef�hrden w�re genauso falsch. Also komme ich mit euch und sorge daf�r, dass ihr Wort haltet.�</p><p>�Er l�sst eine Kleinigkeit aus, unser selbstloser Held.� Glamir zog seine Kapuze tief in die Stirn, sodass sein Gesicht jetzt ganz im Schatten verborgen lag. �Er hat gar keine andere Wahl, als hier schnellstens zu verschwinden. Da er unsere Flucht erm�glicht hat, wird er seinen Kopf an unserer Stelle auf den Richtblock legen, wenn Eikin ihn zu fassen bekommt. So viel zu unbeflecktem Heldentum.�</p><p>�Und deine M�nner?�, fragte Galar. �Was wird aus ihnen?�</p><p>�Sie haben sich entschieden, dass die Aussichten, einen Krieg der G�tter zu �berleben, weitaus geringer sind, als vor Eikins Zorn davonzulaufen. Sie werden noch in dieser Nacht die Ehernen Hallen verlassen. Amalaswintha hat ihnen ein Angebot gemacht, das man nicht ablehnen kann.�</p><p>�<emphasis>Sie</emphasis> steckt dahinter?�, entfuhr es Galar. Er traute seinen Ohren nicht. �Sie hat euch daf�r bezahlt, uns zu retten?�</p><p>Bailins Brauen zogen sich ruckartig zusammen. W�tend funkelte er den Schmied an. �So ist das nicht. Wir hatten ohnehin entschieden, euch zu holen. Allerdings werden meine M�nner dank ihres Edelmuts nicht mit bitterster Armut bezahlen. Zugleich verhilft sie ihnen zu einem guten Fluchtweg. Es gibt einen zweiten, kleineren Hafen, der nicht von fremden Aalen angelaufen wird. Dort hat sie einen ganz besonderen Aal. Er ist schwarz gestrichen wie die meisten Tauchboote, doch unter der Farbe ist jedes Metallteil aus purem Gold.�</p><p>Galar schluckte. Er versuchte sich vorzustellen, was f�r ein Schatz das war. Ein Aal aus Gold. Bei den Alben! Das w�rde gen�gen, um eine neue Zwergenstadt zu gr�nden. Sie k�nnten alles kaufen. Werkzeuge, Grubenponys�� Einfach alles! Wehm�tig dachte er an seine verlorene Schmiede, die zugleich sein alchemistisches Labor gewesen war. Vielleicht, wenn sie alle Himmelsschlangen t�ten konnten, w�rde er eines Tages dorthin zur�ckkehren. Vielleicht gab es mehr Zwerge wie ihn, die glaubten, dass man auch einer toten Stadt noch einmal Leben einhauchen k�nnte. Und dass die Geister all jener, die dort gestorben waren, Frieden darin finden w�rden, wenn ihre Stadt zu neuem Leben erbl�hte.</p><p>�Gehen wir!�, sagte Bailin entschieden. Der Hauptmann verabschiedete sich knapp von seinen M�nnern, dann marschierten sie zu viert dem gelben Licht am Ende des Tunnels entgegen. Bailin bildete den Abschluss ihrer kleinen Schar und behielt sie genau im Blick.</p><p>Glamir dr�ngte sich an Galars Seite und tat so, als brauchte er jemanden, der ihn st�tzte. Galar wusste, dass der einbeinige Schmied mit seiner Kr�cke bestens zurechtkam. Er ahnte, was sein Gef�hrte wollte.</p><p>�Den m�ssen wir ganz schnell loswerden�, zischte Glamir. �Der ist ja unertr�glich. Mit einem Helden im Schlepp findet man nur eins, den Heldentod!�</p><p>Glamir hatte sicherlich recht, aber Galar war Bailin nicht unsympathisch. Er war ein erfrischender Kontrast zu Hornbori, dem gr��ten Schisser, den Albenmark je hervorgebracht hatte. Auf Bailin k�nnte man z�hlen, wenn es zum Kampf kam.</p><p>�Ich wei�, was dir durch den Kopf geht�, raunte Glamir, als er beharrlich schwieg. �Vergiss es! Ich glaube, dieser G�tterkrieg wird schnell vor�ber sein. Ich kann nicht sagen, ob im Guten oder im Schlechten, aber er wird ganz gewiss wie kein Krieg zuvor. Und wir werden den Himmelsschlangen nahe kommen. Das ist die eine Gelegenheit in hundert Jahren! Die d�rfen wir uns von den Sorgen unseres Helden nicht vermiesen lassen. Du wei�t genau, dass wir mit den neuen Speeren zum ersten Mal <emphasis>keine</emphasis> Sorgen mehr haben m�ssen, ob unsere Waffen m�chtig genug sind, einen der G�tterdrachen zu t�ten. Wir m�ssen nur noch nahe genug an sie rankommen! Und wenn die Albenkinder sehen, dass die gro�en Drachen sterblich sind, dann werden sie sich alle gegen die Tyrannen erheben. Das ist die Aufgabe, die uns das Schicksal bestimmt hat! Und wenn daf�r noch eine Zwergenstadt draufgeht, dann ist das eben so. Die Ehernen Hallen sind meine Heimat. Denk nicht, sie w�ren mir egal, aber wir m�ssen den Mut haben, das Ganze zu sehen. Wenn wir Albenmark von den Himmelsschlangen befreien, dann ist eine verlorene Stadt letztlich kein zu hoher Preis f�r eine Welt, die zum ersten Mal frei sein wird.�</p><p>Glamir verstummte, als sie h�rten, wie Bailin seine Schritte beschleunigte, um zu ihnen aufzuschlie�en. Er w�rde ihnen nicht trauen und sie keinen Moment lang aus den Augen lassen, davon war Galar fest �berzeugt. Bis zur ersten Schlacht. Dann w�rden sie sich seiner entledigen. Im Durcheinander eines Kampfes w�rde nicht auffallen, wenn er umkam. Was z�hlte ein Toter unter Hunderten?</p><p>Sie hatten das Ende des Tunnels erreicht und blickten in eine gewaltige unterirdische Halle hinab. Galar hatte in seinem Leben schon einiges zu sehen bekommen, doch das hier verschlug selbst ihm die Sprache. Aus bestimmt f�nfzig Schritt H�he blickte er in eine riesige H�hle, die so weit war, dass sich ihr Ende in der Ferne verlor. Unter ihnen waren Tausende Zwerge versammelt. Viel mehr, als der Anblick der Aale im Hafen h�tte vermuten lassen. Sie mussten aus ganz Albenmark hierhergekommen sein.</p><p>Auf der rechten Seite, nicht weit von ihrem Standort entfernt, hatte sich ein Albenstern ge�ffnet, ein weiter Torbogen aus Licht, ausgef�llt von Finsternis. Die Zwerge marschierten in dieses Dunkel. Trupp um Trupp. Die Halle dr�hnte vom Gleichschritt ihrer genagelten Stiefel. Sie waren nicht uniformiert, ja, soweit Galar erkennen konnte, trugen nicht einmal alle Waffen oder R�stungen. Viele hatten lediglich ihr Werkzeug geschultert, Spitzhacken und Holzf�ller�xte, Stemmeisen und schwere H�mmer. Nur die Feldzeichen lie�en an ein Heer denken: gro�e Standarten mit den Wappen der Zwergenbingen. Da war der B�rensch�del auf blauem Grund, das Feldzeichen von Ishaven, die halb ge�ffnete Bronzepforte vor schwarzem Hintergrund, das Zeichen von Kupferstedt; Pickel und Hammer, beides in hellem Gelb auf blutrotem Tuch, stand f�r Tiefgrund, ein wei�er Amboss vor Schwarz war das Wappen der Zwerge von Hammertal in den Ioliden. So ging es endlos weiter. Alle Zwergensiedlungen hatten M�nner geschickt.</p><p>�Los!�, dr�ngte sie Bailin und deutete auf eine steile Treppe, die in die H�hlenwand geschlagen war. �Dort unten k�nnen wir f�r immer verschwinden.�</p><p>Bailin schritt mit Nyr voraus, und Galar folgte ihm, wobei sich Glamir auf seine Schulter st�tzte. Still musterte er die Massen, die sich in der Halle dr�ngten. Ganz sicher hatte Bailin recht. Wenn sie sich in ihren schmutzigen Kapuzenm�nteln in diese Schar einreihten, dann w�rden sie verschwinden. Sie w�ren nur noch vier Sandk�rner in den Weiten der W�ste. Ohne Bedeutung. Nicht mehr zu unterscheiden. Ein winziger Teil eines gro�en Ganzen, das sie nicht zu �berblicken vermochten.</p><p>Die Alben hatten ihre Kinder in den Krieg gerufen. Die Armeen begannen zu marschieren, und Galar hatte nicht die geringste Ahnung, wohin ihr Weg sie f�hren w�rde.</p></section><section><title><p>Die Verlorenen</p></title><p>�Die Gro�e Mutter wird uns alle sch�tzen!�, beendete Barnaba seine Predigt. Er hatte die Arme ausgebreitet, als wollte er sie alle an seine Brust dr�cken. Die Blicke der M�nner hingen an ihm. Verzweiflung stand in ihre Augen geschrieben. Sie wollten ihm glauben, um jeden Preis! Doch der heulende Wind jenseits der d�nnen Bordwand strafte seine Worte L�gen.</p><p>Sie waren noch siebenundzwanzig Wolkenschiffer, die verzagt auf den h�lzernen Stufen kauerten, die sich wie die Terrassen eines Amphitheaters rings um den Altar erhoben, der halb unter den m�chtigen Wurzelstr�ngen verborgen lag, die von der Decke hinabreichten. Hier war das Allerheiligste des Wolkenschiffes: die runde Kammer unterhalb des m�chtigen Schiffsbaums, dem der Sturm l�ngst die letzten Bl�tter geraubt hatte, um ihn dann mit einem Eispanzer zu umschlie�en. Sie alle hatten l�ngst den Kampf gegen die K�lte aufgegeben. Keiner von ihnen wagte sich noch hinauf an Deck, seit vorgestern der Schiffskoch verschwunden war. Er war der Einzige gewesen, der ab und zu trotz der verzweifelten Lage gescherzt hatte. Keiner glaubte, dass Sangan gesprungen war, um den Wolkentod zu suchen. Er hatte das Leben viel zu sehr gemocht.</p><p>Barnaba straffte sich. Er sollte allen ein Vorbild sein. Kraft und Zuversicht musste er ausstrahlen. Er war sich sicher, dass die Geister, die auf dem eisigen Nordwind ritten, ihn nicht holen w�rden. Er stand unter dem Schutz Nangogs! Und selbst wenn diese Kreaturen mit ihrer Sch�pferin gebrochen hatten, w�rden sie es nicht wagen, den Zorn der G�ttin herauszufordern. Er hatte von <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> erfahren, dass sie den Sturmgeistern die Gabe entzogen hatte, in die K�rper lebender Gesch�pfe zu fahren, wie die Gr�nen Geister es vermochten. Vielleicht waren sie deshalb so zornig�� nun, da nach einer Ewigkeit des Wartens endlich Menschen gekommen waren, deren K�rper sich die Sturmgeister nehmen k�nnten, blieb ihnen dieser Traum verwehrt. Barnaba wusste nicht, was die Sturmgeister und Nangog entzweit hatte, aber deutlich sp�rte er deren Hass auf alles Lebende. Es war besser, wenn seine M�nner hier drinnen blieben. Er w�rde sie noch eine Zeit lang brauchen. Wahrscheinlich w�rde kein Einziger von ihnen es zur�ck schaffen. Wenn das, was er in seinen Tr�umen sah, wahr wurde, dann w�rde er ihre Hilfe auch nicht mehr ben�tigen. Er allein w�rde die Sch�pfung der Riesin ver�ndern und vollenden, was sie nur ertr�umt hatte. Bald schon w�rden ihre Kreaturen die Vollkommensten auf allen drei Welten sein. Und ihm war es bestimmt, der Gabenbringer zu sein, sobald er das Traumeis gefunden hatte.</p><p>Er sah sich unter den M�nnern um, die ihm noch verblieben waren. Drei oder vier von ihnen waren etwas wert. Die �brigen�� Sie hatten sich selbst aufgegeben. Sa�en dort auf den h�lzernen Stufen, wippten vor und zur�ck, die Augen ins Leere gerichtet, und warteten auf den Tod, der drau�en um das Schiff heulte.</p><p>Barnaba war sich bewusst, wie sehr auch er sich ver�ndert hatte. Er empfand kaum Mitleid mit seinen M�nnern. Dieses Gef�hl war ihm erfroren. Er kannte nur noch sein Ziel.</p><p>Seine Kameraden hatten sich in so viele Kleider geh�llt, dass sie sich kaum noch bewegen konnten. Sie stanken erb�rmlich. Ihre Gesichter waren von struppigen B�rten zugewuchert, die Augen rot entz�ndet. Sah er auch so aus? F�r einen Moment �berkamen ihn Zweifel. Wenn sie jetzt umkehrten und Kurs auf Wanu hielten, w�rden die meisten der M�nner �berleben. Es lag in seiner Hand�� Aber was w�rden sie ver�ndern, wenn sie weiterlebten? Ihr Leben w�re ohne Bedeutung. Nur durch ihr Opfer konnte Gro�es erreicht werden! Barnaba tastete nach dem Dolch an seiner Seite. Wie stets, wenn er ihn ber�hrte, sp�rte er ein Kribbeln in den Fingerspitzen. Die Waffe war dazu geschaffen worden, jeden Widerstand zu brechen. Ihr w�rden weder Zauber noch verwunschene R�stungen widerstehen. Sie w�rde das Leben eines Unsterblichen beenden! Wieder sah er das selbstgef�llige Antlitz Aarons vor sich, jenes Herrschers, der seine treuen Priester hatte morden lassen und dessen M�rder ihn aus den Armen I�kuskas gerissen hatten. Ihn w�rde dieser Dolch treffen. Es war Zeit, der Herrschaft der Unsterblichen ein Ende zu bereiten, und er w�rde als Erster st�rzen.</p><p>Barnaba trat zu einer der flachen Feuerschalen, in denen die M�nner Lumpen, �l und zerschlagene Frachtkisten verbrannten. Bald w�rden sie damit beginnen, Planken aus dem Schiffsrumpf zu brechen.</p><p>Bereitwillig machten die Wolkenschiffer Platz, um ihn in ihrer Mitte willkommen zu hei�en. Keiner der M�nner ahnte, wie kaltbl�tig er mit ihrem Tod plante.</p><p>�Wie lange geht die Reise noch?�, fragte Kolja. Der einarmige Krieger war einer der wenigen, die sich nicht aufgegeben hatten. Wahrscheinlich w�rde er selbst ein Schwert an der Kehle nicht als aussichtslose Lage anerkennen.</p><p>Barnaba streckte seine mit Stoffstreifen umwickelten H�nde den Flammen entgegen. �Drei oder vier Tage. Das h�ngt vom Wind ab. Wir haben es fast geschafft. Es wird einen Ankerplatz direkt am Abgrund geben. Wir werden nicht lange brauchen, um das Traumeis zu ernten. In einer Woche sind wir auf der R�ckreise. Wir schaffen das! Die gro�e G�ttin sch�tzt uns!�</p><p>Der letzte Satz brachte ihm einen skeptischen Blick von Kolja ein. Der Krieger hatte wohl schon zu viele Phrasen in seinem Leben geh�rt, um sch�nen Worten noch irgendeinen Wert beizumessen. Auch die anderen M�nner am Feuer bemerkten die pl�tzliche Spannung.</p><p>Barnaba setzte sein gewinnendstes Priesterl�cheln auf. �Man muss der G�ttin vertrauen. Das ist die M�nze, mit der wir uns ihren Schutz erkaufen. Wer nur mit halbem Herzen glaubt, der wird nie die Gunst ihrer Gnade erfahren.� Abir Ata�, sein Mentor, hatte ihn einst diese Argumentation gelehrt. Mit ihr war man als Priester immer fein heraus, weil man die Schuld f�r ausbleibende Wunder von den G�ttern zu den Menschen verlagerte. Und diese waren stets nur zu bereit, an ihre eigene Fehlbarkeit zu glauben.</p><p>Die M�nner blickten betreten auf den abgenutzten, zerschrammten Holzboden. Jeder von ihnen dachte nun an seine geheimen S�nden. Daran, dass vielleicht er schuld daran war, dass das Ungl�ck sie heimsuchte. Nur Kolja nicht. Der Blick seiner klaren hellblauen Augen hielt Barnaba gefangen. Der Krieger wusste ganz genau, was er gerade getan hatte. Kolja sprach nicht viel �ber seine Vergangenheit, aber Barnaba war sich sicher, dass der so schrecklich vernarbte K�mpfer einst jemand Bedeutenderes gewesen war als nur ein Schwert zum Mieten.</p><p>Nun war es Barnaba, der den Blick senkte. Er sollte ein Thema finden, das seine verzagten M�nner l�cheln lie�, und sei es auf Kosten eines anderen. �ber Kolja einen Scherz zu machen w�re leicht gewesen, doch der Priester wusste nur zu gut, dass er es sich mit dem Krieger nicht verderben durfte. Aus den Augenwinkeln sah er Hartapu, den Frachtmeister des Schiffes, einen jungen Mann, dem kaum der erste Flaum auf den Wangen spross. Er f�hrte die Listen �ber die Vorr�te an Bord. Er war ein Buchhalter von ganzem Herzen. Selbst jetzt schrieb er mit einem Griffel und schwarzer Galltinte auf ein St�ck Leder und hatte alles um sich herum vergessen.</p><p>�Was schreibst du dort, Hartapu? Ein paar romantische Zeilen f�r deine Liebste?�</p><p>Der Junge blickte erschrocken auf, und das Blut schoss ihm in die Wangen. Es war allzu offensichtlich, dass er noch nie bei einer Frau gelegen hatte.</p><p>Einige der M�nner schmunzelten. Der Zweck heiligt die Mittel, dachte Barnaba und setzte nach. �Magst du uns nicht einige der Zeilen vorlesen. Das Feuer w�rmt unsere H�nde und Nasen, aber ein Liebesgedicht w�rde uns die Herzen w�rmen.� Barnaba hatte so laut gesprochen, dass jeder im Allerheiligsten ihn hatte h�ren k�nnen. Alle sahen sie nun zu dem Schreiber, der sich unter den Blicken wand und noch ein wenig r�ter im Gesicht wurde.</p><p>�Ich�� ich habe keine Freundin���, stammelte er. �Und ich kann nicht dichten���</p><p>�Und was schreibst du da?�, fragte nun Kolja.</p><p>Barnaba war sich sicher, dass der Krieger wusste, was f�r ein Spiel er mit dem Jungen trieb. Und Kolja hatte sich entschieden mitzumachen. Denn auch ihm war klar, was ein Lachen in einer Gruppe Verzweifelter wert war.</p><p>�Es sind nur Notizen��� Hartapu verschloss das Tintenfass, das neben ihm stand.</p><p>�Vielleicht liegt es daran, dass du Tinte mehr magst als Titten, dass du keine Freundin hast�, setzte Kolja gnadenlos nach.</p><p>Jetzt erklangen erste verhaltene Lacher.</p><p>�Kann�� kann schon sein��� Der Junge schob den Griffel in einen flachen Holzkasten an seinem G�rtel, der mit Perlmuttintarsien geschm�ckt war.</p><p>�Man k�nnte dich also einen Griffelwichser nennen�, verk�ndete der Krieger und stand nun auf. Neben ihm wirkte Hartapu wie ein Kind.</p><p>Der Spottname Griffelwichser sorgte f�r allgemeine Erheiterung, doch Barnaba bekam ein klammes Gef�hl. Kolja w�rde zu weit gehen, da war er sich fast sicher. Er sollte einschreiten, das alles beenden, aber sie brauchten die Lacher. Hartapu war wie ein unschuldiges Lamm, das auf den Opferstein gelegt wurde, um von den G�ttern ein gutes Jahr zu erbitten. Manchmal waren solche Opfer n�tig.</p><p>�Was schreibst du denn da Sch�nes, Griffelwichser?� Kolja beugte sich �ber den Jungen und griff nach dem Leder. �Oh, so ordentlich! Eine wunderbare Schrift hat der Kleine. Was haben wir denn da? <emphasis>Siebenter Tag: Barnaba versucht, uns Mut zu machen, aber die Angst ist mit den H�nden zu greifen. Die Geister streifen um das Schiff. Unser Wolkensammler stirbt, und wir alle wissen, dass wir ihm bald folgen werden.</emphasis>�</p><p>Schlagartig verstummte das Gel�chter.</p><p>�Warum schreibst du so etwas?� Koljas Stimme schnitt wie ein Messer in die Stille.</p><p>�Lass ihn!�, rief Barnaba. Es war genug. Es war besser, wenn Hartapu darauf nicht antwortete. Er ahnte, warum der Junge es niedergeschrieben hatte. Es war besser, wenn das nicht ausgesprochen wurde.</p><p>�Warum?� Kolja griff Hartapu ins dichte, schwarze Haar und zog den Jungen hoch. �Was soll dieses Geschreibsel, Griffelwichser? Wem nutzt das?�</p><p>�Denen, die uns finden werden!� Hartapu schrie die Antwort heraus. Er hechelte vor Schmerz. �Wir werden niemandem mehr berichten k�nnen, was geschehen ist, und sie werden uns suchen. Barnaba ist ein heiliger Mann. Andere werden kommen, um herauszufinden, wo wir geblieben sind. Vielleicht werden sie Barnaba finden? Vielleicht wird die Gro�e Mutter ihn auch zu sich nehmen. Sie m�ssen vor den Geistern gewarnt werden!�</p><p>Kolja brach in schallendes Gel�chter aus. �Wie einf�ltig du doch bist!� Er stie� Hartapu zu Boden und lie� das Leder fallen, das er mit seinem verst�mmelten Arm gegen seine Brust gedr�ckt hatte. �Wer bis hierher kommt, der ist den Sturmgeistern l�ngst begegnet. Sie werden dein Geschreibsel nicht brauchen.�</p><p>�Wir sind verflucht!�, schrie der Junge pl�tzlich auf. �Verflucht wegen M�nnern wie dir, die durch Str�me von Blut gewatet sind. Es ist das Blut, das dir anhaftet, das die Geister riechen. Du bist es, der uns alle umbringt!�</p><p>Kolja wirbelte seinen verst�mmelten Arm herum, und eine Klinge fuhr aus der Lederprothese, die ihm den Unterarm ersetzte. �Noch ein Wort, und es kommen zu dem Strom von Blut noch ein paar Tropfen dazu, Griffelwichser.�</p><p>�Genug!� Barnaba dr�ngte sich zwischen die beiden.</p><p>�Freche Kinder brauchen eine kleine Abreibung, damit sie sich merken, wo die Grenze ist.� Kolja hob seinen Klingenarm. �Eine kleine Narbe im Gesicht w�rde dich viel m�nnlicher aussehen lassen und zugleich f�r immer daran erinnern, sich nicht mit den Falschen anzulegen.�</p><p>�Es reicht!�, zischte Barnaba und schob den massigen Krieger ein St�ck zur�ck.</p><p>Kolja l�chelte, und sein von Narben entstelltes Gesicht verzog sich zu einer Maske des Schreckens. �Eine kleine Narbe ist doch nichts Schlimmes, oder?� Er hatte Lust, sich zu schlagen, das war nicht zu �bersehen.</p><p>�Dann wirst du es mit mir versuchen�, sagte Barnaba ruhig, aber bestimmt.</p><p>Der Krieger runzelte die Stirn. Die Narbenw�lste, die er anstelle von Augenbrauen hatte, r�ckten enger zusammen. Er sah zum F�rchten aus.</p><p>In diesem Augenblick flog die T�r zum Allerheiligsten auf. Eisiger Wind fegte in die runde Kammer, lie� die m�chtigen Wurzelstr�nge erzittern und die Flammen in den Feuerschalen tanzen, sodass wilde Schatten �ber die W�nde huschten.</p><p>Dicht beim Eingang hatten sie zwei gro�e Kupferschalen aufgestellt, aus denen hohe Flammen schlugen. Wer immer in das Heiligtum wollte, musste �ber sie hinwegsteigen.</p><p>Die Gestalt am Eingang warf sich mit dem R�cken gegen die schwere T�r und dr�ckte sie zu. Es war Nabor. Eis hing ihm in Bart und Haaren. Sein schwerer Umhang war mit glitzerndem Raureif �berzogen. Das Gesicht von K�lte ger�tet, sah er mit schreckensweiten Augen zu ihnen herab. Sein kleiner Affe hockte ihm auf der Schulter. Er hielt sich an einer Str�hne von Nabors Haupthaar fest. Die gro�en Ohrringe, die er sonst trug, hatte der Lotse wegen des Frostes abgelegt.</p><p>�Er ist wieder da!�, keuchte der alte Wolkenschiffer. �Ich habe ihn gesehen!�</p><p>Barnaba hatte das Gef�hl, als wiche auch die letzte W�rme aus der Kammer, die zu ihrer Zuflucht geworden war. Ein eisiger Schauer kroch seinen R�cken hinab, und er musste sich beherrschen, seine Arme nicht eng um seinen Oberk�rper zu schlingen. �Von wem sprichst du?�</p><p>�Sangan! Der Schiffskoch���</p><p>�Du hast ihn endlich gefunden�, brach es aus Barnaba heraus. �Wo war er? Warum hat er sich versteckt? Und warum l�sst du ihn nicht herein?�</p><p>�Er hat mich gefunden�, stie� Nabor hervor. �Er stand pl�tzlich hinter mir, als ich vorne am Bug war, um zu sehen, welchen Kurs wir halten. Bei dem Wind habe ich seine Schritte nicht geh�rt.�</p><p>�Es ist doch gut, dass er wieder da ist. Geh von der T�r weg. Sangan wird uns sicher sagen, was geschehen ist.�</p><p>Der Lotse sch�ttelte so heftig den Kopf, dass der Affe von der Schulter den Arm hinabkletterte. �Es ist nicht Sangan, der wieder da ist. Ihr habt nicht seine Augen gesehen. Seine Augen��� Ein Pochen an der T�r lie� den Lotsen verstummen.</p><p>Barnaba konnte trotz des Abstands deutlich sehen, wie die T�r in ihren Angeln erbebte. Jedes Klopfen war wie ein Donnerschlag.</p><p>�Den kauf ich mir!� Mit diesen Worten st�rmte Kolja die Treppen zur T�r hinauf und sprang �ber die Feuerschalen. Nabor versuchte ihn aufzuhalten, doch der alte Lotse hatte dem zornigen Drusnier nichts entgegenzusetzen. Kolja fegte ihn einfach zur Seite.</p><p>Das Klopfen hatte aufgeh�rt, als k�nnte, wer immer dort hinter der T�r stand, durch die dicken Holzbohlen sehen.</p><p>�Lass es!�, rief Barnaba, doch Koljas Hand griff schon nach der T�r.</p></section><section><title><p>Der Besucher</p></title><p>Kolja war in der Stimmung, jemanden abzustechen. Er hasste es, hier unt�tig unter all den Feiglingen zu sitzen. Hasste es, von einem Feind belagert zu werden, dem er nicht mit der Klinge in der Hand entgegentreten konnte. Das w�rde sich jetzt �ndern. Was immer da klopfte, musste ja wohl aus Fleisch und Blut sein. Und es w�rde verdammt noch mal seinen gesammelten �rger abbekommen!</p><p>Entschlossen riss der Drusnier die schwere Holzt�r auf.</p><p>Keinen Schritt von ihm entfernt stand Sangan, von wirbelndem Schnee umgeben, auf dem Oberdeck. Bis auf einen Lendenschurz war der Schiffskoch nackt. Gefrorener Atem lag auf seinem Bart. Obwohl nicht mehr ganz jung, hatte der Koch, abgesehen von einem leichten Ansatz zum Bauch, einen muskul�sen K�rper. Er war viele Jahre auf den Wolkenschiffen Nangogs gereist, und wie alle Wolkenschiffer hatte er eine bronzefarbene, von Sonne und Wind gegerbte Haut gehabt. Jetzt aber zeigte seine Haut einen gr�ulichen Ton. Er stand merkw�rdig steif. Und seine Augen! Kolja hatte so etwas noch nie gesehen, und ihr Blick lie� ihn, der nichts und niemanden je im Zweikampf gef�rchtet hatte, der selbst den Daimonen Albenmarks entgegengetreten war, unwillk�rlich zur�ckweichen.</p><p>Diese Augen sahen aus wie das Eis auf einem Dorfweiher am Ende des Winters. Zerschrammt, von tr�bem Wei� mit einer Ahnung dunklen Wassers darunter. Doch sie waren nicht nur gefroren. Sie hatten sich grunds�tzlich ver�ndert. Hinter ihnen lauerte eine Dunkelheit, eine Seele so abgr�ndig, wie selbst die Seele des schlimmsten Unholdes unter Menschen niemals sein w�rde.</p><p>Was da vor ihm stand, sah zwar noch aus wie Sangan, doch sonst hatte es mit dem stets zu Scherzen aufgelegten Koch nichts mehr gemeinsam.</p><p>Kolja hatte das Gef�hl, dass diese Kreatur es genoss, wie er sie anstarrte. Sie weidete sich an der Furcht der Wolkenschiffer unten im Allerheiligsten, von denen fast alle einen guten Blick auf die offene T�r hatten. Nicht einmal Barnaba, dem es sonst wahrlich nicht leicht die Sprache verschlug, sagte ein Wort.</p><p>�Ihr seid verloren�, sagte die Kreatur mit dunkler Stimme, die, obwohl jedes Wort deutlich zu verstehen war, so klang, als w�rde sie aus weiter Ferne kommen. Sangans Lippen bewegten sich, doch nicht in der rechten Art zu den Worten, die �ber sie kamen. Das war nur eine Kleinigkeit, und doch erschreckte sie Kolja fast so sehr wie die Augen aus altem Eis.</p><p>�Kommt heraus, und wir schenken euch einen schnellen Tod.�</p><p>Schw�tzer waren immer leichte Beute, dachte Kolja. Sollte der Bastard zw�lf Zoll besten Stahl fressen! Er machte einen Schritt nach vorn und stie� der Kreatur die Klinge bis zum Heft in den Bauch. Kolja fluchte�� es f�hlte sich falsch an. Er hatte schon Dutzende M�nner niedergestochen. Hier war es, als sto�e er seine Waffe in Eis, nicht in lebendes Fleisch! Er drehte die Klinge und zog sie zur�ck. Kein Blut trat aus der Wunde.</p><p>Der Fremde sah ihn mit seinen eisigen Augen an. �Dich h�tte ich w�hlen sollen�, sagte die ferne Stimme. Diesmal bewegten sich die Lippen gar nicht, w�hrend er sprach. Daf�r hob er den Arm, fast wie zu einem h�hnischen Gru�.</p><p>�Du willst sein wie ich? Dabei kann ich dir helfen!�, zischte Kolja und lie� die Klinge auf den Arm niedersausen. Sie durchschnitt knirschend das gefrorene Fleisch und trennte dem Fremden den rechten Unterarm ab.</p><p>Einen Augenblick lang war nur das Heulen des Sturms zu h�ren. Der Fremde gab keinen Schmerzenslaut von sich. Auch schien er nicht erz�rnt zu sein. Er sah Kolja lediglich fest in die Augen. Dann b�ckte er sich, ohne den Blick abzuwenden, und hob den abgetrennten Unterarm auf. Schweigend presste er ihn auf die Wunde.</p><p>Kolja hatte das Gef�hl, dass es noch ein wenig k�lter wurde. Wie dicke wei�e Adern krochen Linien aus Frost �ber den nackten Arm. Dann pl�tzlich lie� der Fremde los. Der Unterarm war wieder fest mit dem Stumpf verwachsen. Spielerisch bewegte die Gestalt die Finger. �Du glaubst, ich sei wie du? Das glaube ich nicht.�</p><p>Der Drusnier wich zur�ck, bis er die Hitze der Feuerschalen in seinem R�cken sp�rte. Mit einem Satz sprang er durch die Flammen und drehte sich sofort wieder um, �ngstlich darauf bedacht, den Fremden nicht zu lange aus den Augen zu lassen, doch dieser hatte sich nicht vom Fleck ger�hrt.</p><p>�Glaubt ihr, ihr k�nnt uns entkommen?� Seine Grabesstimme klang nicht einmal sp�ttisch. �Wie lange werden eure Holzvorr�te und euer �l noch reichen? Einen Tag noch? Eine Woche oder einen Mond? Wir warten, bis euer letztes Feuer niedergebrannt ist. Wir warten schon sehr lange. Wir haben Geduld gelernt. Ein Mond ist f�r uns kaum mehr als ein Augenblick. Wir werden euch beim Sterben zusehen. Und wenn ihr tot seid, dann nehmen wie eure K�rper. Darin unterscheiden wir uns von unseren Br�dern. Wir wollen nicht die Lebenden. Wir erheben die Toten. Und weil es so ist, wird uns keiner von euch entkommen.�</p></section><section><title><p>Der gelebte Traum</p></title><p>Leise schloss sich die T�r in seinem R�cken. Mit dem Ger�usch fiel alle Anspannung, aller �rger von ihm ab. Sein R�cken schmerzte noch von der M�hsal des Tages. So viele Stunden hatte er wieder einmal �ber die Tische mit den Tontafeln gebeugt gestanden. Hatte versucht, �ber alle Entscheidungen in seinem riesigen Reich informiert zu bleiben. Es war eine Arbeit, die nie ein Ende nahm, die bei ihm immer den Beigeschmack hinterlie�, dass er etwas Bedeutsames �bersehen haben konnte. Die Tontafeln lasteten schwer wie ein Berg auf ihm. Bis sich abends leise die T�r hinter seinem R�cken schloss.</p><p>Er musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, wer eingetreten war. Nur sie wagte es, dieses Gemach zu betreten, ohne anzuklopfen. Er roch ihren Duft. Es war der Geruch der Pferde in den k�niglichen St�llen. Dort verbrachte sie ihre Tage. Niemand vermochte so gut mit den Tieren umzugehen wie die Tochter der weiten Steppen des Ostens. Pferde waren ihr Leben gewesen, genauso wie Raub und Krieg. Sie war eine Wildkatze. Er musste schmunzeln, als er daran dachte, wie sie aufgeflogen war, als sie sich in seinen Palast eingeschlichen hatte. Sie hatte eine Schl�gerei in der K�che angezettelt und dabei Furcht und Schrecken verbreitet. Sich als dem�tige Magd auszugeben hatte ihr nicht gelingen k�nnen. Sie konnte vieles, doch sich auf Dauer zu verstellen geh�rte nicht zu ihren Gaben.</p><p>Er sp�rte, dass sie nun dicht hinter ihm stand. Lautlos war sie durch die weite Kammer geschritten, in der er arbeitete und schlief. Sie w�rde ihn nicht st�ren, bis er sich zu ihr umwandte. Sie wusste, wie ernst er seine Arbeit nahm. Und sie wusste auch, dass sie nicht lange w�rde warten m�ssen, bis er alles fahren lie�, um einige wenige gestohlene Stunden mit ihr zu genie�en.</p><p>Artax schob die Tafel, die er gelesen hatte, zur Seite. Der Erdrutsch, der eine Handelsstra�e unpassierbar gemacht hatte, konnte warten, genau wie all die anderen kleinen und gro�en Sorgen des Reiches. Erleichtert wandte er sich um. Da stand sie, in all ihrer Sch�nheit, mit schmutzigen, nackten F��en und ein wenig Stroh in ihrem langen Haar.</p><p>An das ver�nderte Gesicht Shayas hatte er sich immer noch nicht gew�hnt. Ein Daimon hatte ihr zur Flucht aus dem Bergkloster verholfen, in dem sie auf ihren Tod gewartet hatte. Und dieser Daimon war an ihrer Stelle gestorben. Diese Geschichte verst�rte Artax immer noch. Sie stellte sein Weltbild auf den Kopf. Ein Todfeind der Menschen hatte den Tod gew�hlt, um ein Unrecht zu verhindern. W�re er nicht gewesen, Shaya w�rde jetzt nicht vor ihm stehen.</p><p>�So nachdenklich?� Ein Hauch von Schalk lag in ihrer Stimme. Sie mochte es nicht, wenn er nicht ganz und gar bei ihr war.</p><p>�Ich habe stumm den G�ttern gedankt, dass sie dich wieder zu mir gef�hrt haben.�</p><p>�Das waren nicht die G�tter�, entgegnete sie entschieden. �Eher das Gegenteil.�</p><p>�Aber ich werde keine Dankgebete zu Daimonen fl�stern.�</p><p>�Vielleicht w�re die Welt ein besserer Ort, wenn wir das k�nnten?�</p><p>Artax hob abwehrend die H�nde. �F�r heute Abend bin ich ganz und gar zufrieden, wenn dank dir dieses Gemach ein besserer Ort wird.� Er verschlang sie mit Blicken. Ihren schlanken, kr�ftigen Leib. Sie trug nur eine rote Tunika, die ihr bis knapp zur Mitte des Oberschenkels reichte. Das war das Resultat ihrer letzten kleinen Auseinandersetzung. Zuvor hatte sie noch eine weite Reithose getragen, so wie sie unter den Ischkuzaia weit verbreitet war. Ihm hatte das Sorgen bereitet. Sie war Ischkuzaia! Und wer das erriet, der mochte auch auf den Gedanken kommen, wer sich in Wahrheit hinter der K�chenmagd verbarg, die sich das Bett eines Unsterblichen erobert hatte.</p><p>Ihm war bewusst, wie viel �ber sie beide getratscht wurde und wie viele es gab, die sie gerne wieder auseinanderbringen w�rden, dieses seltsame K�chenm�dchen, das sich so gut auf Pferde verstand, und den m�chtigsten Mann der Welt.</p><p>�Was f�r ein Gebet werde ich denn zu h�ren bekommen?�, setzte sie mit einem schelmischen L�cheln nach.</p><p>Artax nahm ihre Hand und k�sste sie mit �bertriebener Verbeugung. �Darf ich, statt zu beten, das hohe Lied auf Eure Sch�nheit anstimmen, Dame meines Herzens?�</p><p>Sie lachte, ihr helles, unb�ndiges Lachen, dem unm�glich zu widerstehen war. �Was f�r ein geschwollener Unsinn!� Mit diesen Worten zog sie ihn zu sich heran und k�sste ihn leidenschaftlich.</p><p>Er schloss die Augen und gab sich ganz dem Hochgef�hl hin. Willig lie� er sich von ihr zu dem gro�en Bett ziehen. Ihre Hand l�ste seinen Wickelrock und suchte keck, was im Verborgenen wuchs.</p><p>�Ich habe dich vermisst�, hauchte sie.</p><p>�Und ich dachte, du liebst nur Pferde.�</p><p>�Tags�ber.� Sie l�chelte hinrei�end. �Nachts stehe ich auf den dummen Lastgaul, der den �rger eines ganzen Reiches auf seinen Schultern tragen will.� Sie lie� sich nach hinten fallen und zog ihn mit sich aufs Bett.</p><p>Sich fallen lassen, das konnte er nur an ihrer Seite. Er dr�ckte sie fest an sich. Sie war sein lebendig gewordener Traum. Als junger Mann hatte er sich eine Frau in Gedanken erschaffen und ihr einen Namen gegeben: Almitra. Nie h�tte er sich tr�umen lassen, wie viel sch�ner die Wirklichkeit sein konnte.</p><p>Shaya streifte die Tunika ab und k�sste ihn erneut. Noch leidenschaftlicher als sonst, als wollte sie ihn mit Haut und Haar verschlingen. Pl�tzlich ernst, dr�ckte sie ihn in die Kissen, setzte sich auf ihn und sah ihn lange an. Ganz so, als wollte sie sich sein Gesicht f�r alle Zeiten einpr�gen. Sonst war sie nicht so. Ein Kummer schien ihr auf der Seele zu liegen.</p><p>�Hattest du einen schlechten Tag in den St�llen?�</p><p>Sie schnaubte. �Kann man einen guten Tag haben, wenn Hamura in der N�he ist?�</p><p>Artax st�hnte. Das war nicht das erste Mal, dass sie sich �ber den Stallmeister beschwerte. Hamura war ein stolzer Mann, und er hatte es nicht verwunden, dass pl�tzlich ein K�chenm�dchen �ber das k�nigliche Gest�t herrschte, ganz gleich, wie gut sie auch mit Pferden umzugehen vermochte. �Was hat er diesmal getan?�</p><p>�Er schl�gt die Pferde�, brach es aus ihr heraus. �Ich hab die Striemen gesehen�� Er ist ein Dreckskerl. Ein��� Pl�tzlich setzte sie wieder dieses L�cheln auf, dem er einfach nicht widerstehen konnte. �Ich werde ihn auspeitschen lassen. Dann wei� er, wie es f�r die Pferde ist, die Peitsche zu bekommen.�</p><p>�Spricht da die wilde Reiterprinzessin? Hier musst du dich ein wenig m��igen���</p><p>�M��igen?� Sie schlug ihm emp�rt auf die Brust. �Shaya h�tte Hamura von den Hengsten vierteilen lassen, die er gepr�gelt hat. Ich m��ige mich doch schon��� Wieder blitzte der Schalk in ihren Augen. �Und jetzt bin ich in der Stimmung f�r einen wilden Ritt.�</p><p>Er err�tete, und sie lachte. Sie hatte schon immer Spa� daran gehabt, ihn verlegen zu sehen. Sie nahm nie ein Blatt vor den Mund, sagte immer ganz direkt, was sie dachte. Vielleicht war es die Eigenschaft, die er am meisten an ihr liebte. Intrigen und L�gen bestimmten jeden seiner Tage als Herrscher. Bei ihr gab es nur Wahrheit. Und sie tat, was sie angedroht hatte. Sie liebte ihn mit einer Leidenschaft wie lange nicht mehr.</p><p>Als sie einander atemlos in den Armen lagen, begann sie zu weinen.</p><p>Er strich ihr durch das Haar. �Was ist los?�</p><p>�Ich bin gl�cklich�, stie� sie stockend hervor.</p><p>�Aber man weint doch nicht, weil man gl�cklich ist�, sagte er am�siert.</p><p>�Ich schon!�, kam es trotzig zur�ck. �F�r mein Ungl�ck habe ich schon lange keine Tr�nen mehr. Die letzten habe ich mir f�r meine gl�cklichen Stunden aufgehoben.�</p><p>Er setzte an, etwas zu sagen. Doch dann schwieg er, zog sie einfach nur eng an sich und hielt sie fest mit den Armen umschlungen. Manchmal war zu schweigen besser, als zu reden. Ihr Atem wurde ruhiger. Sie wollte, dass er dachte, dass sie eingeschlafen war, aber er sp�rte, dass sie keinen Schlaf finden w�rde.</p><p>Anders als er. Der lange Tag mit den Sorgen des Reiches hatte ihm alle Kraft aus den Gliedern gesogen. Er hielt sie fest, lauschte m�de auf ihren Atem, genoss es, die W�rme ihres Leibes mit seinem ganzen K�rper zu sp�ren. Sie bei sich zu haben war ein gelebter Traum, war sein letzter bewusster Gedanke. Er w�rde sie nie wieder loslassen. �Ich liebe dich�, fl�sterte er noch, dann versank er in tiefen, traumlosen Schlaf.</p></section><section><title><p><emphasis>Abschied</emphasis></p></title><poem><stanza><v>Wisse, meine Gedanken weilen bei dir,</v><v>wo immer ich auch sein werde,</v><v>mein wundersch�ner Geliebter,</v><v>f�r den ich im Himmel tanzte.</v><v>Nie werde ich unsere N�chte unter den Monden Nangogs vergessen.</v><v>Dich zu lieben ist wie ein Traum.</v><v>Doch nun musste ich erwachen.</v><v>Ich sehe, dass meine Liebe zu dir deiner Herrschaft schadet.</v><v>Ich sehe, dass meine Anwesenheit im Palast Unfrieden im Reich s�t.</v><v>Du geh�rst nicht mir allein.</v><v>Zu viele begehrliche Blicke sind auf dich gerichtet.</v><v>Deine Liebe zu einem K�chenm�dchen br�skiert die T�chter deines Adels.</v><v>Und zu sagen, wer ich wirklich bin,</v><v>w�rde einen neuen Krieg mit Luwien heraufbeschw�ren.</v><v>Weil ich dich liebe, muss ich gehen.</v><v>Ich darf nicht zum Grund daf�r werden,</v><v>dass dein Traum einer gerechten Welt zu Asche wird.</v><v>Du bist mein Traum.</v><v>Du wirst es immer sein.</v><v>In deinem Palast habe ich die sch�nsten Stunden meines Lebens verbracht</v><v>und zugleich auch die traurigste:</v><v>die Stunde, in der ich aus meinem Traum erwachte.</v><v>Versuche nicht, mich zu finden, mein Geliebter.</v><v>Es ist uns nicht bestimmt, im Wachen zusammenzuleben,</v><v>doch in meinen Tr�umen werde ich weiterhin immer bei dir sein.</v></stanza></poem><cite><text-author>Zitiert nach: Eine antike Tontafel.</text-author><text-author>Verfasserin: Unbekannt, verwahrt in der Bibliothek von Iskendria, Saal der Versunkenen K�nigreiche, Regal XXXVII, Brett IX, Truhe XV.</text-author><text-author>Anmerkung: Brief, auf eine halb gebrannte Tontafel geschrieben, gefunden in einer verkohlten Truhe im Palast von Ak�u</text-author></cite></section><section><title><p>Beraubt</p></title><p>Artax starrte auf die Keilschrifttafel im verlassenen Zimmer. Jedes Gef�hl f�r Zeit war ihm verloren gegangen. Immer und immer wieder hatte er die Zeilen in ungelenker Keilschrift gelesen, die Shaya ihm als Abschiedsgeschenk hinterlassen hatte. Seine Tr�nen waren versiegt. Seine Augen brannten, die Kehle war trocken, und er hatte das Gef�hl, dass in ihm ein Feuer w�tete, das ihn vernichten w�rde. Er vermochte den Blick nicht abzuwenden. Jede Zeile hatte er Hunderte Male gelesen, und immer noch war jedes Wort ein Dolchsto� in sein Herz. Wie hatte sie gehen k�nnen?</p><p>Er konnte keinen ihrer Gr�nde anerkennen. Er war der Unsterbliche von Aram! Der Erste unter den sieben Herrschern der Welt! Es lag bei ihm, mit welcher Frau er sein Leben teilte, und es stand keinem Adeligen im Reich zu, sich dar�ber das Maul zu zerrei�en!</p><p>Er las noch einmal die Worte und entdeckte fremde Gedanken hinter ihnen. War es Ashot gewesen, der auf Shaya eingewirkt hatte, sein Freund aus Kindertagen, oder aber Mataan, der zum Kr�ppel geworden war, als er ihm im Steinhorst das Leben gerettet hatte?</p><p>Die beiden sorgten sich immerzu um das Reich, darum, dass er alles richtig machte. Und beide hatten Shaya nicht gemocht!</p><p>Wie konnte er sie wiederfinden? Immer wieder hatte er sich das in den letzten Stunden gefragt. Und immer wieder gab es nur eine Antwort: Wenn sie nicht entdeckt werden wollte, dann w�rde ihm all seine Macht nicht helfen. Sie w�rde verschwunden bleiben.</p><p>Er schluckte. Ihr Geruch hing noch im Zimmer. Wenn er die Augen schloss, war es leicht, sich vorzustellen, dass sie hinter ihm auf dem Lager ruhte, auf dem sie so viele N�chte gemeinsam verbracht hatten. Es war ein Duft nach Pferden. Deren Geruch war tief in ihre Haut und ihr Haar eingezogen gewesen.</p><p>Auch war da noch der Duft von Milch und Honig in der Luft. Nachdem er sie einige Male wegen ihres Pferdegeruchs aufgezogen und sie meine wilde Stute genannt hatte, war sie dazu �bergegangen, abends, wenn sie aus den St�llen zur�ckkehrte, ihren K�rper mit einem Gemisch aus Milch und Honig einzureiben. Sie war zwar �berzeugt gewesen, dass es den bronzefarbenen Ton ihrer Haut mit der Zeit aufhellen w�rde, was sie nicht wollte, aber es hatte wirklich den Stallgeruch vertrieben. F�r eine Weile zumindest.</p><p>Artax starrte auf die wei� get�nchten W�nde. Wie leidenschaftlich sie ihn in der letzten Nacht geliebt hatte! Er war gl�cklich gewesen, �berzeugt, dass ihre Liebe niemals an Feuer verlieren w�rde. Sie hatte ihn gar nicht oft genug k�ssen m�gen. Zuletzt war er es gewesen, der eingeschlafen war. Mit ihr in den Armen. Als er beim ersten Morgenlicht erwachte, war sie es gewesen, die ihn gehalten hatte. Sie hatte aus ihren wundersch�nen, dunkelbraunen Augen auf ihn hinabgeblickt. Ihm war gar nicht in den Sinn gekommen, dass sie ihn vielleicht die ganze Nacht hindurch so angesehen hatte. Dass sie Abschied genommen hatte. Sich sein Gesicht so tief in ihre Erinnerung gepr�gt hatte, dass sie es bis ans Ende ihrer Tage nicht vergessen w�rde.</p><p>Hatte es noch andere Zeichen gegeben, aus denen er ihre Absicht, ihn zu verlassen, h�tte erkennen k�nnen, w�re er nur aufmerksamer gewesen? Der gestrige Abend war einfach vollkommen gewesen. Zu vollkommen? Hatte sie alles gegeben, um ihn noch einmal gl�cklich zu machen?</p><p>In den letzten Wochen hatten sie oft lebhaft dar�ber diskutiert, wie er seine Macht als Herrscher nutzen sollte. Manchmal auch gestritten. Sie nahm nie etwas als gegeben hin, hatte den Mut, alles zu hinterfragen und ihn oft einen Tr�umer gescholten. Sie war der Frau, die er sich einst als Bauer ertr�umt hatte, sehr nahe gekommen. Damals war er ohne Hoffnung gewesen, jemals auch nur genug Geld zusammenzubekommen, um sich eine Hochzeit leisten zu k�nnen. Er war nach Nangog gegangen, weil es hie�, man f�nde dort entweder schnellen Reichtum oder schnellen Tod. Auf gewisse Weise hatte er beides gefunden. Den Bauern Artax gab es nicht mehr. Das Schicksal hatte ihn zum Unsterblichen Aaron gemacht, und selbst seine Jugendfreunde von einst erkannten ihn nicht mehr, wenn sie vor ihm standen.</p><p>Shaya, die als K�chenmagd Kirum zu ihm zur�ckgekehrt war, kannte all seine Geheimnisse. Vor ihr hatte er sich nicht verstellen m�ssen, und er hatte sich ihr anvertrauen k�nnen wie keinem anderen Menschen. Was sollte er ohne sie tun?</p><p>Es klopfte an der T�r, dr�ngend, so als w�re es nicht zum ersten Mal. Dann trat Ashot ein, ohne eine Antwort abzuwarten. �Herr, die neuen Truppen sind angetreten. Schon seit einer Stunde. Sie���</p><p>Artax machte eine �rgerliche Geste. �Ich kann jetzt keine Rede halten.�</p><p>�Es sind zehntausend Mann, die auf dem Weiten Hof auf Euch warten, Herr. Sie gehen, um auf Nangog ihr Leben f�r unsere Sache zu wagen, und Ihr habt nicht die Zeit, ihnen mit ein paar Worten Mut zu machen?�</p><p>W�tend sah der Herrscher auf. �Und wer war hier, um Kirum mit seinen Reden allen Mut zu nehmen? Warst du es oder Mataan?� Er deutete auf die ungebrannte Tontafel auf dem Tisch. �Wenn ich das lese, dann h�re ich im Hintergrund eure Stimmen.�</p><p>�Ihr habt recht. Ich und nur ich habe ihr zugeredet. Mataan ist nicht mehr Manns genug, um das Richtige zu tun, wenn er f�rchtet, Euch zu ver�rgern. Die Schuld an dem, was geschehen ist, trifft mich allein. Was wollt Ihr nun tun? Mich in die L�wengrube werfen lassen?�</p><p><emphasis>Kein schlechter Vorschlag,</emphasis> meldeten sich die Stimmen der vorherigen Herrscher in seinem Kopf. In den letzten Wochen hatten sie ihn nur noch selten behelligt. Vielleicht gewannen sie ja an Macht, wenn Ungl�ck ihn plagte.</p><p><emphasis>Wir haben einfach ein Herz f�r die L�wen. Auch sie plagt sicherlich Zweifel am Sinn ihres Daseins. Du f�tterst sie ja schon lange nicht mehr mit zartem Jungfrauenfleisch, so wie ich es einst getan habe. Was waren das f�r herrliche Spektakel! Du aber g�nnst ihnen ja nicht einmal einen z�hen Verr�ter oder so einen sauert�pfischen Miesmacher wie diesen M�chtegernfeldherren Ashot.</emphasis></p><p>�Schweig!� Kaum dass das Wort �ber seine Lippen war, wurde sich Artax bewusst, dass er laut gesprochen hatte, was nicht n�tig war, um sich mit den Stimmen in seinem Kopf zu verst�ndigen. Sie h�rten auch seine Gedanken.</p><p>Ashot, sein Jugendfreund, sah ihn betroffen an.</p><p>�Du wirst nicht zu den L�wen gehen, ich habe dir ein schlimmeres Schicksal zugedacht. Du bleibst hier im Palast, und es wird deine Aufgabe sein, jene auszuw�hlen, die nach Nangog gehen. Sobald dort die ersten Schlachten geschlagen werden, wird die Begeisterung f�r den Krieg nachlassen. Bald werden die jungen M�nner in St�dten und D�rfern versteckt werden, wenn unsere Werber kommen. Du aber wirst daf�r Sorge tragen, dass wir die Zahlen erf�llen, die von den Devanthar eingefordert wurden. Noch vier Mal zehntausend Mann in den n�chsten zw�lf Monden.�</p><p>�Herr, ich ziehe doch immer���</p><p>Artax schnitt ihm mit einer harschen Geste das Wort ab. �Du bleibst hier! Ich f�hre unsere Krieger aufs Schlachtfeld. Noch l�nger in diesem Palast voller Erinnerungen zu verweilen ist mir unertr�glich.�</p><p>Ashot sah ihn durchdringend an. Er gab sich keine M�he, seine Entt�uschung zu verhehlen.</p><p>Einst hatte er Artax gefragt, ob er langsam Gefallen daran fand, Kriege zu f�hren. Vielleicht war das wahr�� Wahr war aber auch, dass er die Hoffnung hegte, dass sich Shaya unter den zehntausend auf dem weiten Palasthof verbarg. Vielleicht als Krieger verkleidet, vielleicht als Marketenderin im Tross? Sie war eine K�mpferin! Ja, dort musste sie sein! Er w�rde sie suchen! Und er w�rde niemals aufh�ren damit, ganz gleich, wie viele gute Gr�nde es gab, sie zu vergessen und damit den inneren Frieden im Reich zu wahren.</p></section><section><title><p>Ich hatte einmal einen Freund</p></title><p>Volodi marschierte gut gelaunt �ber das weite Feld, auf dem sich die b�rtigen Bastarde versammelt hatten, die dem Heerbann gefolgt waren. Es waren stinkende, schlecht ausger�stete, vernarbte Gestalten. Zweite oder dritte S�hne ohne Hoffnung auf ein Erbe, Wegelagerer, Rosst�uscher und S�ldner, die bereits f�r alle erdenklichen Herren gek�mpft hatten. Sie waren nicht einheitlich gekleidet, und sie standen nicht ordentlich ausgerichtet auf dem weiten Feld vor seinem K�nigssitz. Sie bildeten mehr oder weniger gro�e Gr�ppchen um Feldzeichen, die sie nach eigenem Gutd�nken gew�hlt hatten. Meist war es ein Tiersch�del auf einem dicken Ast. Pferde, B�ren und W�lfe hatten ihre K�pfe gegeben, um die M�nner mit Standarten zu versorgen. Manchmal hing auch einfach nur ein mit Runen bemaltes St�ck Leder von einer Querstange.</p><p>Sie waren allesamt Raufbolde mit schlechten Z�hnen und einer hervorragenden Moral. Jeder von ihnen konnte in diesem Krieg nur gewinnen.</p><p>Volodi zwinkerte Quetzalli zu, die, in ein Wolfsfell gewickelt, seinen Sohn auf den Armen hielt. Sieben Tage war er alt und konnte schreien wie ein Feldherr inmitten des Schlachtget�mmels. Im Augenblick war er zum Gl�ck still.</p><p>�Hast du dir eine Rede zurechtgelegt?�, fragte sie besorgt. Als Priesterin machte sie stets viel Aufhebens um sch�ne Worte. Ihm war es nicht gegeben, beeindruckende Reden zu schwingen. Das hatte er schon immer gewusst; aber seit er sie kannte, dachte er mehr dar�ber nach, was er bei Anl�ssen wie diesem sagen sollte. Und das bereitete ihm einiges Kopfzerbrechen. Er st�nde lieber mitten im Schlachtget�mmel als auf diesem Felsen, auf den er gleich klettern w�rde, damit alle ihn sahen.</p><p>�Ich habe einen Plan�, murmelte er und konnte in Quetzallis Augen lesen, dass sie ihm kein Wort glaubte. Sie kannte ihn einfach zu gut.</p><p>Volodi streckte sich zu voller H�he durch und stieg auf den Ratsfelsen. Kurz dachte er daran, dass er vor nicht einmal einem Jahr ein Versto�ener gewesen war, ein Ge�chteter, auf dessen Kopf ein betr�chtlicher Preis ausgesetzt gewesen war. Wie sehr hatte sich seitdem alles ver�ndert. Er war zum Unsterblichen aufgestiegen! Nie h�tte er das auch nur zu tr�umen gewagt. Und die M�nner dort unten respektierten ihn. Zumindest die meisten.</p><p>Als er oben stand, r�usperte er sich. Suchte nach Worten. Einer Idee�� Jetzt k�nnte er Kolja gut gebrauchen. Der verdammte Bastard hatte ihn zwar verraten, an die Zapote verkauft und ihn damit in den sicheren Tod geschickt. Und doch war es diese Tat, die ihn wieder an Quetzallis Seite und letztlich an genau diesen Ort gebracht hatte. So �bel der Verrat gewesen war, am Ende war nur Gutes daraus erwachsen. Was wohl aus Kolja geworden war? Oft vermisste er ihn. Wenn er ihm noch einmal begegnete, dann w�rde er ihm erst einmal eine ordentliche Abreibung verpassen! Drecksack!</p><p>Wahrscheinlich w�rde Kolja ihm selbst mit nur einem Arm �bel zusetzen. Und wenn sie sich dann beide die Nasen gebrochen hatten und aus aufgeplatzten Lippen bluteten, w�rden sie Frieden schlie�en und sich hemmungslos besaufen. Er schluckte. Solche melancholischen Anfl�ge sollte er vermeiden. Wahrscheinlich war Kolja l�ngst tot. Das Letzte, was er von ihm geh�rt hatte, war, dass er bei dem Angriff auf den Tempel der Zapote dabei gewesen war. Er war einer der Anf�hrer der Truppen gewesen, die gekommen waren, um ihn zu befreien. Ein Scherz der G�tter!</p><p>Volodi r�usperte sich erneut und blickte �ber die M�nner, die auf dem weiten Feld versammelt standen. Einige begannen zu murren, weil er immer noch nichts gesagt hatte.</p><p>�Ich hatte einmal einen Freund, wie man ihn besser nicht finden kann. Einen Drusnier. Er war ein verdammter Hurenbock, ein S�ufer, und wenn er einen schlechten Tag hatte, gen�gte es, ihn schief anzusehen, und er schlug einem die Z�hne aus. Besonders gerne morgens nach einer durchzechten Nacht. Aber in der Schlacht verlor er nie den Mut. Und mochte der Gegner zehnfach �berlegen sein, er trat ihm mit einem L�cheln entgegen. Und stand er an deiner Seite, dann war er ein besserer Schutz als der st�rkste Schild. Er lie� sich eher in Streifen schneiden, als seinen Platz in der Schlachtreihe aufzugeben. Viele von euch wissen, ich war einst ein Pirat in der aegilischen See und Heerf�hrer in Diensten Arams. Ich habe die Streitwagen des Unsterblichen Aaron tief nach Luwien gef�hrt, um seinen Feinden die besten Schmiede zu stehlen. Ich stand auf der Ebene von Kush, als der Unsterbliche Muwatta Arams Bauernheer zerschmettern wollte�� Es war eine Schlacht, in der niemand an einen Sieg Arams glaubte. Man hat mich immer in jene K�mpfe geschickt, die unm�glich zu gewinnen waren, denn ich war ja nur ein S�ldner aus Drusna. Ein Mann, dessen Verlust zu verschmerzen war. Und immer war Kolja bei mir.�</p><p>Volodi schwieg kurz. Die M�nner h�rten zu, aber die ersten begannen unruhig zu werden. Sie hielten nichts von langen Reden, genau wie er. Er musste jetzt dringend die Kurve bekommen.</p><p>�M�nner, wenn wir nach Nangog gehen, dann werden wir gegen Daimonen antreten. Sie sind so schnell mit der Klinge, dass ihr Schwert zu einem schillernden Licht verschwimmt. Sie haben euch die Kehle durchgeschnitten, bevor ihr auch nur das Schwert zur Abwehr heben k�nnt. Ich habe gegen sie gek�mpft. Ich lebe noch. Das einzig Gute, was man �ber sie sagen kann, ist, dass sie wenige sind. Und sie haben h�bsche Weiber, jedenfalls wenn man auf die D�nnen steht, an denen kaum was zum Anfassen dran ist.�</p><p>Ganz wie er erwartet hatte, gab es einige unfl�tige Bemerkungen �ber Weiber und vereinzeltes Gel�chter.</p><p>�So ein Weib hat meinem Freund Kolja mit einem einzigen Schwertstreich den Arm abgetrennt.� Das Gel�chter verstummte.</p><p>�Und wisst ihr, was er dann getan hat?�</p><p>�Verrecken!�, rief einer in den hinteren Reihen.</p><p>Volodi lachte. �Doch nicht Kolja! Selbst wenn man ihm den Kopf vor die F��e legt, sodass er seine dreckigen Zehen aus n�chster N�he betrachten kann, w�rde er noch nicht einsehen, dass es Zeit zu sterben ist. Er hat das Daimonenweib, das ihn f�r besiegt hielt und unvorsichtig wurde, niedergeschlagen. Dann hat er sich auf sie geworfen, sie fest zu Boden gedr�ckt und ihr seinen Stumpf ins Maul gerammt, sodass sie an seinem Blut ertrunken ist. So ein Mann war Kolja. Ein Mann aus Drusna! Ihr alle seid Drusnier, kraftvoll und entschlossen. Wollt ihr f�r mich k�mpfen wie Kolja?�</p><p>�Ja!� Bei Weitem nicht alle hatten gerufen. Viele wirkten unentschlossen. Volodi fragte sich, ob er die falsche Geschichte gew�hlt hatte. Aber er wollte, dass sie wussten, was sie erwartete. Nur dann w�rden sie nicht davonlaufen, wenn sie den Schrecken Nangogs begegneten. Sie mussten vorbereitet sein.</p><p>�Ich will euch nicht mit sch�nen L�gen in den Krieg locken. Ihr alle wisst, wer ich bin. Ich bin kein Unsterblicher, der seit Jahrhunderten herrscht. Ich bin Volodi von Drei Eichen, einer wie ihr, den das Schicksal zum Unsterblichen machte. Ich wei�, was euch bewegt und was euch dort in Nangog erwartet. Es gibt auf unserer ganzen Welt keinen Krieger, der so gut mit dem Schwert umgehen k�nnte wie diese Daimonenkinder. Aber sie haben keine Ahnung, was es hei�t, sich mit Drusniern einzulassen. Sie werden uns in St�cke schneiden und verbrennen m�ssen, bis wir aufh�ren zu k�mpfen. Ist es nicht so?�</p><p>�Ja!�, erklang es aus Hunderten Kehlen.</p><p>�Sie werden den Namen Drusna erst mit Respekt und dann mit Furcht nennen! Ist es nicht so?�</p><p>�Ja!� Jetzt waren es fast alle, die riefen.</p><p>�Sie werden lernen m�ssen, dass, ganz gleich wie oft man einen Drusnier niederschl�gt, er immer wieder aufsteht. Ist es nicht so?�</p><p>�Ja!� Etliche schlugen nun mit ihren Schwertern auf die Schilde und veranstalteten ein infernalisches Get�se.</p><p>�Und wenn wir mit ihnen fertig sind, dann werden die verfluchten Daimonenkinder froh sein, wenn wir ihren letzten �berlebenden gestatten, zur�ck in ihre Heimat zu kriechen. Nangog ist unsere Welt! Und jeder, der versucht, sie uns zu nehmen, wird es bereuen!�</p><p>Inzwischen jubelten ihm alle zu. Volodi genoss es, ihre Begeisterung zu sehen. Es war ein unbeschreibliches Gef�hl, ihr Anf�hrer zu sein. Er weitete die Arme. Langsam ebbte das Rufen ab. �Die Zeit zu gehen ist gekommen. Schon bald wird der Gro�e B�r uns ein Tor �ffnen, das uns an den Ort f�hrt, den uns die G�tter bestimmt haben. Nehmt Abschied von allem, was ihr liebt, und dann kommt hierher zur�ck, wenn die Sonne im Zenit steht.� Mit diesen Worten stieg er vom Felsen herab.</p><p>Wieder jubelten ihm seine Krieger zu. Dutzende M�nner streckten die Arme nach ihm aus, um ihn bei den Schultern zu ber�hren, als er sich mit Quetzalli vom weiten Ratsplatz zur�ckzog. Sie gingen ohne Leibwache, und es wurde ein schwerer Weg. Die meisten Krieger hatten l�ngst ihren Abschied genommen. Ihre Heimat und ihre Familien lagen weit hinter ihnen.</p><p>Endlich gelangten sie bis ans vorderste Tor des F�rstensitzes. Hier erst traten Wachen den �berschw�nglichen Kriegern in den Weg.</p><p>Quetzalli zog ihn zu einem kleinen Gesindehaus nahe dem Tor. Ohne ihm zu sagen, was sie vorhatte, stie� sie die T�r auf. Drinnen brannte ein Feuer im Kamin, der Boden war mit Fellen ausgelegt, und auf einem schmalen Tisch standen ein Krug mit Wein, kalter Braten und Brot. Volodi sah sich verwundert um.</p><p>�Ich fand, dass wir von unserer letzten Stunde nicht zu viel Zeit mit Spazierg�ngen vergeuden sollten.� Sie legte das Kind in eine schmale Wiege nahe der Feuerstelle und l�chelte. �Diese Geschichte von Kolja kannte ich noch gar nicht.�</p><p>Volodi grinste. �Na ja, in Wirklichkeit hat er auf seinen abgeschnittenen Arm gestarrt und geflucht. Ich fand, so h�rte es sich besser an.�</p><p>Quetzalli trat ganz dicht an ihn heran, strich ihm z�rtlich �ber die Wange und blickte zu ihm auf. �Du hast deine Sache gut gemacht. Ich h�tte nicht gedacht, dass du so ein �berzeugender L�gner bist.� In ihrer Stimme schwang noch immer der fremde Akzent ihrer Heimat. Sie sah ihn aus ihren wunderbaren, nachtschwarzen Augen an. �Bitte werde nie gut darin, mich zu bel�gen.�</p><p>Er k�sste sie. �Ganz sicher nicht!�</p><p>�Ich wei�, dass du vor dem Kindergeschrei fortl�ufst. Davor, dass ich in der Nacht nicht mehr immer f�r dich da bin, wenn du mich begehrst, vor den dunklen R�ndern unter den Augen und davor, dass Wanya mich bei jedem wachen Atemzug braucht. Du bist ein Unsterblicher und doch nicht anders als die meisten M�nner. Sie laufen fort in dieser Zeit, und ich nehme dir das nicht �bel. Aber bitte versprich mir, dass du gut auf dich aufpasst. Komm wieder zu mir zur�ck!�</p><p>�Ich werde���</p><p>Quetzalli legte ihm sanft die Hand auf den Mund. �Ich hatte dich doch gebeten, mich nicht zu bel�gen.� Sie l�chelte. �Sag lieber nichts. Ich wei�, du meinst es gut und willst mir Mut machen.� Sie streifte den weiten Mantel aus schillernd bunten Federn ab, den er so gerne an ihr sah. �Lass uns unsere letzte Stunde nicht mit Worten vertun.�</p><p>Volodi zog sie zu sich heran und k�sste sie voller Leidenschaft, w�hrend ihre H�nde nach seinem Schwertgurt tasteten. Er liebte sie, und er w�rde zu ihr zur�ckkehren; wohin immer die G�tter ihn auch f�hren w�rden, er k�me zu ihr zur�ck. Sie war sein Zuhause, mehr noch als der kleine Wanya mit seinem goldenen Haar und der zart braunen Haut.</p><p>Er war so oft in den Krieg gezogen und hatte immer �berlebt. Auch wenn sie es nicht h�ren wollte, war er sich ganz sicher, dass er zur�ckkehren w�rde. Nichts k�nnte ihn davon abhalten!</p><p>Polternd fiel sein schwerer Schwertgurt auf den mit Fellen ausgelegten Boden. Ihre Hand fand zwischen seine Schenkel, und er verga� alles um sich herum.</p></section><section><title><p>Zu viele H�nde</p></title><p>Lyvianne hasste diesen verdammten Wald. Seit Tagen regnete es ohne Unterlass, und sie konnte sich nicht mit einem Zauber gegen die N�sse sch�tzen. Dies hier war das Land des Gro�en B�ren, des Devanthar, der �ber Drusna wachte, und sie sp�rte seine N�he, auch wenn sie ihn bisher nie zu Gesicht bekommen hatte. Er beobachtete sie. Ihr war nicht klar, warum er sie noch nicht angegriffen hatte. Aber lange w�rde dieses Spiel nicht mehr dauern. Sie war auf langen, verschlungenen Wegen aus dem Verbotenen Tal hierhergekommen. Sie trug die Gr�nen Geister von dort in sich. Lyvianne sp�rte deren Unruhe. Sie wollten nur eins: zur�ck in ihre Welt nach Nangog. Doch sie w�rde dem Goldenen nicht mit leeren H�nden unter die Augen treten, nicht ohne die zweite H�lfte von Nangogs Herz. Vielleicht w�rde sie hier endlich mehr erfahren!</p><p>Lyvianne stand unter einer gro�en Eiche, durch deren Bl�tterdach der Regen in gro�en Tropfen rann. Leichter Wind strich durch den Wald und erf�llte die Nacht mit dem Fl�stern feuchten Laubs. Waffen und Helme, die im Ge�st um den Heiligen Hain hingen, schlugen leise klirrend gegeneinander. Sie sp�rte die Magie dieses Ortes. Die Macht aus dem Labyrinth aus St�mmen und Hecken, das sich auf dem H�gel in der Mitte der Lichtung erhob. Die Kraft der Steine, die in unregelm��igen Abst�nden um die Lichtung standen, und das Pulsieren der Albenpfade, die sich ganz in der N�he zu einem gro�en Stern vereinigten.</p><p>Lyvianne hatte die Gestalt eines Kriegers aus Luwien beibehalten. Sie hatte nicht gewagt, die Erinnerungen eines Menschenkindes zu stehlen, um dann auch dessen Gestalt anzunehmen. Zu aufmerksam waren die Devanthar. Ein solcher Frevel w�re ihnen nicht entgangen. Auch hatte sie nicht gewagt, eine ihrer fr�heren Gestalten anzunehmen. Nicht weit von hier hatte sie einst den jungen Bozidar von einem stolzen Krieger zu einem Greis werden lassen, als sie in einer langen Liebesnacht die Essenz seines Lebens bis fast zur Neige getrunken hatte. Auch in seinen Erinnerungen war der Stein, den sie suchte, stets zur H�lfte von Efeu verdeckt.</p><p>Der Wolkenhimmel brach auf, und Mondlicht tauchte die Waldlichtung in einen unwirklichen Glanz. Jetzt sah sie den Stein! Unsicher blickte sie zum Heiligtum. Es gab dort, hinter den St�mmen und Hecken verborgen, einen Priester. Die Elfe lauschte in die Nacht. Eines nach dem anderen verbannte sie jene Ger�usche aus ihrer Wahrnehmung, die sie von dem ablenkten, was sie wissen wollte. In der Stille, die langsam in ihr erwuchs, h�rte sie jetzt die heimlicheren Ger�usche des Waldes: den unruhigen Herzschlag eines Hasen, der nicht weit von ihr unter einem Busch kauerte und sie beobachtete, das Ger�usch von Federn, die �ber d�nne �stchen und raue Eierschalen rieben, eine Amsel, die sich unruhig in ihrem Nest hoch �ber Lyvianne regte.</p><p>Auch diese Ger�usche verbannte sie aus ihrem Bewusstsein. Und jetzt, endlich, vernahm sie das Ger�usch gleichm��igen Atmens. Das musste der Priester sein. Er schlief und�� Da war noch jemand! Ein zweites Atmen, das sich fast vollkommen dem langsamen, ruhigen Rhythmus der Atemz�ge des Priesters angepasst hatte. Ihr Verfolger war hier!</p><p>Lyviannes Konzentration war dahin. Die Ger�usche des Waldes brandeten wieder auf sie ein. Das Atmen war verschwunden, vielfach �berlagert durch die zahllosen anderen Kl�nge der Nacht. Es blieb ihr nicht mehr die Zeit, sich erneut so sehr zu vertiefen, dass sie nur noch das Atmen h�rte und es ihr vielleicht gelang herauszuhorchen, wo genau ihr Verfolger stand. Sie musste sich nun beeilen! Der nahe Albenstern erlaubte ihr zu fliehen. Sie konnte��</p><p>Ein bitteres L�cheln spielte um ihre Lippen. Nat�rlich w�rde der Verfolger dort auf sie warten. Ganz gewiss war es der Gro�e B�r, der H�ter dieser verfluchten W�lder. Aber sie w�rde jetzt nicht aufgeben, sie musste wissen, welches Geheimnis der Stein barg.</p><p>Ohne noch auf irgendwelche Deckung zu achten, ging sie quer �ber die Lichtung am Heiligtum vorbei. Sie trat vor den m�chtigen stehenden Stein, an dem sie in jener Nacht gelehnt hatte, in der sie Bozidar hier aufgelauert hatte. Entschlossen zerrte sie an den Efeuranken. Eine mit groben Linien in den Stein geschnittene Frau kam zum Vorschein. Das Bild, das Lyvianne schon kannte. Die gefl�gelte I�ta. Die G�ttin stach mit einer langen Lanze hinab. Lyvianne zerrte weiter am Efeu, das sich immer z�her an den Felsen klammerte, so als wollte es dessen Geheimnis auf keinen Fall preisgeben. Langsam kam ein sich windender, schlangenhafter Drache zum Vorschein. Er hatte den Kopf in den Nacken gerissen, sein Maul war weit ge�ffnet. Es sah aus, als schrie er seinen Schmerz in den Himmel hinauf. I�tas Lanze traf ihn mitten in die Brust, dort, wo sein Herz sein musste.</p><p>Lyvianne hatte inzwischen das Efeu bis auf H�he ihrer Knie fortgezerrt. Dem Schlangenleib streckten sich von unten zwei H�nde entgegen. Wer war das? Anatu, die Devanthar, die dem Purpurnen in blinder Liebe verfallen war?</p><p>Die Elfe zog ihren Dolch und durchtrennte die z�hen Str�nge der Efeuranken dicht �ber dem Boden. Ungeduldig riss sie das Gr�n von dem stehenden Stein. Und endlich kam eine Frauengestalt zum Vorschein, die ihre H�nde bittend �ber den Kopf erhoben hatte. Ihre Hochfrisur hatte sich aufgel�st. Einzelne Haarstr�hnen hingen ihr �ber die Schultern herab. Sie trug ein langes, �rmelloses Kleid. Um ihre schmalen H�ften wand sich ein breiter G�rtel. Alles, was unterhalb der H�ften war, lag im dunklen Erdreich verborgen. Deutlich waren zwei H�nde zu erkennen, die sie bei der Taille gepackt hatten.</p><p>Lyvianne rammte den Dolch in die Erde und hebelte dichtes Wurzelwerk zur Seite. Wie besessen arbeitete sie und lie� alle Vorsicht fahren. Wer war dort noch abgebildet? In allen Geschichten, die sie je �ber den Mord am Purpurnen gelesen hatte, hatte allein I�ta gek�mpft.</p><p>Die schwarze Erde blieb in den Linien haften, die in den Stein geschnitten waren. Lyvianne hielt den Atem an: Sie erkannte zwei Arme, die mit Schuppen bedeckt waren! Und nach Anatus linkem Knie griff eine weitere Hand, die Lyvianne unnat�rlich gro� erschien. Was zeigte dieses Bild nur als Ganzes? Und warum stand es hier, mitten in den W�ldern Drusnas, Hunderte Meilen von dem Ort entfernt, an dem Anatu und der Purpurne sich getroffen haben mussten.</p><p><emphasis>Du irrst dich,</emphasis> erklang eine Stimme in ihrem Kopf. <emphasis>Es war hier in Drusna, wo I�ta die beiden aufsp�rte. Meine Schwester erz�hlt gerne von dem Kampf. Sie behauptet, der Purpurne habe mit seinem m�chtigen Leib den Wald von Horizont zu Horizont verw�stet. Glaubt man ihr, dann dauerte ihr Duell mit der Himmelsschlange viele Stunden, und ringsherum stand der verw�stete Wald in hellen Flammen, als sie ihm den Todessto� versetzte.</emphasis></p><p>Lyvianne richtete sich langsam auf und drehte sich, sodass sie mit dem R�cken zum Stein stand. Das Versteckspiel war also zu Ende. Vielleicht drei�ig Schritt entfernt stand eine Gestalt halb im Schatten einer m�chtigen Eiche. Die Erscheinung entsprach nicht im Mindesten ihrer Vorstellung vom Gro�en B�ren. Der Kerl dort war gut gebaut. Ohne Scham stellte er seine M�nnlichkeit zur Schau. Er trug keinen Faden Stoff am Leib, soweit sie das erkennen konnte. Allerdings wirkten seine Beine unterhalb der Knie unnat�rlich d�nn und waren mit dichtem Fell bedeckt. Dicht oberhalb des Nabels lag der K�rper im Schatten. Vom Kopf war nicht einmal eine Silhouette zu erahnen. Soweit Lyvianne erkennen konnte, trug der Fremde keine Waffe. Aber wenn es sich um einen Devanthar handelte�� und was sonst sollte er sein, da er in ihre Gedanken dringen konnte��, dann w�rde er weder Speer noch Schwert oder Bogen ben�tigen, um mit ihr fertigzuwerden. Deutlich sp�rte sie die Macht, die von ihm ausging. Er war wie ein Gott!</p><p><emphasis>Ich muss gestehen, dass du mich f�r meinen Bruder, den Gro�en B�ren, h�ltst, beleidigt mich ein wenig. Ich bin wesentlich sch�ner anzuschauen als er.</emphasis> Kaum waren diese Worte in ihren Gedanken verklungen, trat die Gestalt ins helle Mondlicht. Der wuchtige Eberkopf auf seinen Schultern lie� ihn leicht geb�ckt gehen, und dennoch ragte er mehr als zwei Schritt auf. Seine Finger endeten in langen, schwarzen Krallen. Er war eine Schreckenskreatur. Einzig in seinen himmelblauen, durchdringenden Augen lag Sch�nheit.</p><p><emphasis>Du hast mich besch�mt, Lyvianne.</emphasis> W�hrend seine Stimme noch immer in ihren Gedanken klang, kam er langsam auf sie zu. Er wirkte misstrauisch und angespannt; auch wenn er sich darum bem�hte, einen leichten Plauderton zu pflegen, war un�bersehbar, dass er jeden Augenblick mit einem Angriff von ihr rechnete. Wenn sie nur die kleinste Hoffnung haben wollte zu entkommen, dann musste sie ihn �berraschen. Sie durfte nicht dar�ber nachdenken, was sie tun wollte. Wie es schien, las er jeden ihrer Gedanken.</p><p><emphasis>Da hast du recht.</emphasis> Seine Lefzen zogen sich zur�ck. M�chtige Hauer ragten aus seinen Kiefern. <emphasis>Nein, du kannst mich nicht �berraschen! Wie sollte dir das auch gelingen? Immerhin bist du ja davon �berzeugt, so etwas wie einen Gott vor dir zu haben.</emphasis></p><p>Er blieb stehen. Seine Krallenh�nde �ffneten und schlossen sich mit leisem Klicken. Unwillk�rlich stellte sich Lyvianne vor, wie sich diese Pranken in ihre Brust gruben.</p><p><emphasis>Es liegt ganz bei dir, ob dies geschieht, Elfe. Du hast etwas, das mich interessiert. Setze es klug ein, und du bist nicht in Gefahr.</emphasis></p><p>Lyvianne verstand nicht, wovon er sprach.</p><p><emphasis>Ich habe dich im Verbotenen Tal beobachtet. Du warst auf der richtigen F�hrte. Ein ganzes Zeitalter lang haben wir dort das Herz Nangogs verborgen. Hunderte von Jahren. Erst vor wenigen Wochen haben wir es fortgebracht. Jeder der freien Devanthar musste dort als W�chter dienen. Ausgenommen waren nur jene sieben, die �ber die gro�en K�nigreiche wachen. Ich war alles in allem viele Jahre dort. Ungez�hlte, langweilige Stunden. Und doch bin ich nie auf die Idee gekommen, mir die zerschlagenen Reliefs genauer anzusehen und mich zu fragen, ob hinter den Zerst�rungen mehr als einfach nur die Raserei von Menschenkindern steckte, die von den Gr�nen Geistern besessen waren. Eigentlich h�tte ich dich dort t�ten sollen�� Aber ich wollte sehen, wohin du als N�chstes gehst. Also folgte ich dir stattdessen. Du warst sehr umsichtig, bist viele Irrwege im Goldenen Netz gegangen. Zweimal h�tte ich dich fast verloren. Und nun stehen wir hier. �berrasche mich erneut, Lyvianne.</emphasis></p><p>Die Elfe erinnerte sich an die Geschichten, die ihr Bidayn erz�hlt hatte. Ihre Sch�lerin war diesem Ungeheuer einmal auf Nangog begegnet, und Nandalee hatte es zur�ckgedr�ngt. Die Devanthar f�rchteten die von den Himmelsschlangen geschmiedeten Klingen. Doch Lyvianne hatte ihr Schwert in Albenmark zur�ckgelassen. Sie besa� nur das vom Goldenen nach Menschenart geschmiedete Schwert, das zu ihrer Maskerade geh�rte. Eine Waffe, die der Devanthar nicht zu f�rchten brauchte.</p><p>Die Krallen des Ebermanns klickten bedrohlich. Er machte einen Schritt in ihre Richtung.</p><p>�I�ta war nicht allein, als sie hierherkam. Nach dem Bild auf diesem Stein hatte sie mindestens zwei Begleiter.�</p><p>Der Ebermann kniff die Augen zusammen, dann st�rmte er pl�tzlich auf sie zu.</p><p>Lyvianne wich zur Seite aus und zog im Reflex ihre nutzlose Waffe, doch der Devanthar griff sie nicht an. Er kniete neben der Stele nieder und tastete mit seinen Krallen �ber die Linien, die von ungelenker Hand in den Stein geschlagen worden waren, ganz so, als wollte er sich �berzeugen, dass seine Augen ihm kein Trugbild vorgaukelten.</p><p>Lange blieb er so knien. Sein Atem ging schwer. Lyvianne h�tte viel darum gegeben, seine Gedanken zu kennen. Sie trat ein St�ck zur�ck und schob ihr Schwert in die Scheide.</p><p>Endlich erhob sich der Ebermann. Wortlos ging er in Richtung des Heiligtums inmitten der Lichtung und verschwand hinter den Hecken und Pf�hlen. Einen Augenblick sp�ter h�rte Lyvianne ein erschrockenes Keuchen, dann wurde leise geredet.</p><p>Erstes Morgenlicht h�llte den Wald in zartes Silbergrau, als der Ebermann endlich zur�ckkehrte. Er wirkte tief in Gedanken. <emphasis>Wir m�ssen reisen. Die Drusnier haben die Stele von einem Raubzug mitgebracht. Wir m�ssen zum Berg Luma nach Luwien, dorthin, wo Anatu einst ihren Palast aus Mondenlicht errichtet hatte. Ich glaube, alles, was wir bislang �ber den Tod des Purpurnen und den Verrat Anatus zu wissen glaubten, ist eine L�ge.</emphasis></p><p>Er verlie� die Lichtung und folgte einem der Pfade, die zum nahegelegenen Albenstern f�hrten.</p><p>Lyvianne z�gerte. Der Devanthar hatte von �wir� gesprochen. Erfolglos nach Albenmark heimzukehren war keine Alternative. Ging sie mit dem Devanthar, w�rde der Weg sie entweder in den Tod oder zu neuem Ruhm f�hren.</p><p>Sie straffte sich. Sie war eine Drachenelfe, sie hatte nicht wirklich eine Wahl.</p></section><section><title><p>Der Palast aus Mondenlicht</p></title><p>�Worauf warten wir?� Lange hatte Lyvianne gez�gert zu fragen. Doch nun kauerten sie schon �ber eine Stunde hinter der ru�geschw�rzten Lehmmauer. Der Ebermann hatte sie durch das Goldene Netz an einen einsamen Ort am Rande einer weiten, von verkr�ppelten B�schen und windzerzausten Disteln bewachsenen Ebene gef�hrt. Sie verbargen sich inmitten der Ruinen eines armseligen Bauerndorfes.</p><p>�Wir warten auf den Mond.�</p><p>Klang seine Stimme belegt, oder bildete sie sich das ein? Seit ihrer ersten Begegnung kam der Elfe ihr Zusammensein unwirklich vor. Er war ein Devanthar, der Todfeind. Statt sie hierherzubringen, h�tte er sie augenblicklich t�ten sollen. Was hielt ihn davon ab? War es nur eine Laune, sie zu verschonen? Jetzt, in diesem Augenblick, schien er jedenfalls nicht an ihren Tod zu denken. Auch wenn er neben ihr kauerte, war er zugleich weit fort.</p><p>�Sie hat diesen Ort geliebt�, sagte der Ebermann unvermittelt.</p><p>Lyvianne schwieg und hoffte, er w�rde vielleicht noch mehr sagen. Wie man diesen Ort lieben konnte, war ihr ein R�tsel. Vor ihnen erhob sich ein einsamer H�gel, aus dessen sandigem Grund sich einzelne schroffe Felsen und ein Labyrinth aus Ruinen schoben. Ringsherum breitete sich eine Steppenlandschaft aus. Trockene Bachbetten durchzogen das Land als tiefe, gewundene Furchen.</p><p>Auf dem Weg hierher waren Lyvianne zwei verlassene D�rfer aufgefallen. Sie hatte Fuchsspuren im Sand gesehen und die Hufabdr�cke wilder Ziegen. Es schien kaum Wasser zu geben, und ganz offensichtlich wurde diese Gegend von Menschenkindern gemieden.</p><p>�Ihr Zauber ist immer noch nicht ganz vergangen.�</p><p>Sprach er von Anatu?</p><p>�Einen Augenblick noch.� Der Ebermann deutete zum wolkenverhangenen Nachthimmel. �Jetzt gleich wirst du es sehen!�</p><p>Der Mond brach zwischen den Wolken hervor, und pl�tzlich ver�nderte sich der ganze H�gel. Strahlen aus silbernem Licht stiegen zwischen den Felstr�mmern empor, tasteten hoch in den Himmel hinauf oder zauberten verwunschene Lichtb�gen in die Nacht. Durchscheinende Mauern entstanden, Kuppeln und Giebel aus fl�chtigem Silber. Doch klafften auch L�cken in den W�nden. Manche Strahlen stachen wie Speere weit �ber das flache Land. Andere bebten wie Mauern unter dem Ansturm eines m�chtigen Rammbocks.</p><p>�Er ist nur noch ein Schatten dessen, was er einmal war. Anatus Palast aus Mondenlicht, errichtet auf dem H�gel Luma. Eine Legende unter den Menschenkindern. Ein Hort der Sch�nheit und des Wissens. Dahin���</p><p>Wolken schoben sich vor den Mond, und das Lichtspiel auf dem H�gel verblasste so pl�tzlich, wie es gekommen war.</p><p>�Fr�her einmal bin ich gerne hierhergekommen und war ein willkommener Gast. Ich habe nie verstanden, warum sie sich auf den Purpurnen eingelassen hat. Eine Bestie. Den Feind. Ausgerechnet sie, die nur danach trachtete, Sch�nheit in die Welt zu bringen.�</p><p>Hatte der Ebermann Anatu geliebt? Lyvianne wagte es nicht, ihn zu fragen. Und wie konnte <emphasis>er</emphasis> von Ungeheuern sprechen, diese ungeschlachte Gestalt mit Klauenh�nden und dem Kopf eines Ebers! �Warum hast du sie nicht gefragt? Fragst sie jetzt? Sie ist doch eure Gefangene im Gelben Turm.�</p><p>Der Devanthar sah mit seinen himmelblauen Augen auf sie herab. �Sie wurde im Kampf schwer verwundet. I�ta hat ihr einen Speer durch den Kiefer hinauf ins Hirn gesto�en. Ihre halbe Zunge wurde abgetrennt, und sie hat den Verstand verloren. Sie vermag nur noch zu lallen, spricht unzusammenh�ngend. Der Wahnsinn f�hrt ihre Zunge. Immer wieder redet sie vom lebenden Spiegel. Wenn ich sie richtig verstehe��� Er seufzte. �Sie vermag nicht mehr zu erkl�ren, was sie damit meint. Vielleicht glaubt sie auch, sie hat es getan. Ihr Verstand ist wie ihr Palast aus Mondenlicht, nur noch eine Ruine.�</p><p>�Und du bist nie hierher zur�ckgekehrt?�</p><p>Sein schweres Haupt sank ihm auf die Brust. �Manchmal in Vollmondn�chten stehe ich hier. Ich warte darauf, dass ihr Palast wiederersteht, und tr�ume von dem, was f�r immer verloren ist.�</p><p>�Ihr seid die G�tter dieser Welt. H�ttet ihr Anatu nicht heilen k�nnen?�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. �Nat�rlich h�tten wir das gekonnt. Aber meine Br�der und Schwestern haben entschieden, dass es Teil ihrer Strafe sein soll, nicht geheilt zu werden. Ihre Wunden brechen immer wieder auf. Sie kann nicht gesunden und auch nicht sterben. Sie hat uns alle verraten, sich mit dem Feind gepaart. Mit einem Drachen!� Die letzten Worte schrie er in die Nacht hinaus.</p><p>Lyvianne wich ein St�ck vor ihm zur�ck. Sein Zorn war wie ein sengendes Feuer, das nach ihrem Verstand griff. Jetzt war sie sich sicher, dass er Anatu einst geliebt hatte. Und er vermochte ihr nicht zu vergeben, dass sie einen anderen erw�hlt hatte.</p><p>�Warum bist du nie mehr auf den H�gel gestiegen.�</p><p>�Zu viele Erinnerungen�, entgegnete er d�ster. �Aber in dieser Nacht will ich mich ihnen stellen. Einst gab es dort oben einen Tempel. Die Zunge der G�ttin war die Hohepriesterin. Eine Menschentochter, durch die meine Schwester sprach, mit der sie all ihre Gedanken und Gef�hle teilte. Die Seele der Hohepriesterin war mit der ihren verbunden. Diese Priesterin kannte sie besser als wir, ihre Geschwister. Wir werden sie suchen und Antworten von ihr einfordern.�</p><p>�Wie kannst du hoffen, sie noch lebend anzutreffen? Sie ist nur eine Menschentochter. Sie muss l�ngst tot sein.�</p><p>Er fuhr herum und funkelte sie w�tend aus seinen kalten Augen an. �Hast du vergessen, wer ich bin? Ein Gott der Menschenkinder! Ich bekomme meine Antworten von ihnen, auch �ber den Tod hinaus. Sie geh�ren uns Devanthar. F�r immer!� Mit diesen Worten stieg er �ber die niedrige Mauer hinweg und ging dem Berg entgegen.</p><p>Lyvianne folgte ihm mit klammem Gef�hl. Wenn er so �ber die Menschenkinder dachte, was hielt er dann von ihr? Sah er in ihr auch nur ein nach seinem Belieben verf�gbares Hilfsmittel? Etwa so, wie sie die Kobolde ihrer Heimat sah? Sie w�rde keinen Gedanken daran verschwenden, einen oder auch ein Dutzend von Kobolden zu opfern, wenn sie damit erreichte, was sie anstrebte. Sie sollte auf der Hut sein. Entkommen konnte sie dem Devanthar nicht, auch wenn er jetzt mit den Gedanken woanders war.</p><p>Zwischen Disteln und gest�rzten S�ulen stiegen sie den Hang hinauf. Was immer hier einst au�er dem Palast aus Mondenlicht gestanden hatte, war gr�ndlicher zerst�rt, als es Menschenzorn allein vermocht h�tte. Ein Erdbeben schien den H�gel ersch�ttert zu haben. Oder vielleicht auch die Wut der Devanthar �ber die Verr�terin Anatu.</p><p>Etwa in der Mitte des H�gels stie�en sie auf eine massive Mauer aus m�chtigen Quadern. S�ulenfragmente lagen wie gro�e, steinerne F�sser entlang der Mauer. Von Sand und Zeit fast abgeschliffene Bilder schm�ckten die behauenen Steine.</p><p>Von einem Moment auf den n�chsten erhob sich dicht vor der Mauer ein Wall aus durchscheinendem Licht. Erschrocken zuckte Lyvianne zur�ck und strauchelte, als sich ihr Waffenrock in einem Distelgestr�pp verfing. Der Mond war wieder hinter den Wolken hervorgetreten.</p><p>Die Elfe schalt sich stumm f�r ihre Schreckhaftigkeit. Sie war in Gedanken ganz bei den Bildern gewesen, hatte f�r den Augenblick den verwunschenen Palast vergessen.</p><p>Der Ebermann drehte sich um und sah sp�ttisch zu ihr herab. Das Fell an seinen Beinen hing voller Kletten. Pl�tzlich wurden seine Augen schmal. Er hob die Rechte und beugte sich vor. Seine Krallenhand schnellte ihr entgegen. Lyvianne rollte sich zur Seite und zog ihr Schwert. Auch wenn es dieses gedankenlesende Ungeheuer nicht �berraschen w�rde, w�rde sie sich nicht kampflos geschlagen geben.</p><p>�Ruhig!� Seine dunkle Stimme drang der Elfe bis ins Mark. Er hob etwas auf, das direkt vor ihren F��en zwischen Steinen und verdorrtem Gras gelegen hatte. Ein Sch�del!</p><p>�Der Priester im Heiligen Hain konnte mir nicht viel �ber den Stein beim Heiligtum erz�hlen. Nur dass vor vielen hundert Jahren ein silberner L�we aus dem Albenstern trat und den Hetmann von Drei Eichen aufforderte, eine Kriegerschar zusammenzurufen. Er versprach ihnen reiche Beute, wenn sie hierherk�men, um jene Frevlerinnen zu t�ten, die noch immer die Verr�terin Anatu verehrten.�</p><p>Lyvianne hatte den silbernen L�wen vor Augen, der Bidayn angegriffen hatte, als sie beide versucht hatten, Nangog zu verlassen. Diese Kreaturen aus lebendem Metall waren machtvolle Gesch�pfe. �Was ist die Aufgabe der L�wen?�</p><p>�Sie sind die Boten der G�tter�, erkl�rte der Ebermann und legte den Sch�del auf einer der S�ulentrommeln ab. �Wir schicken sie, um Nachrichten zu �berbringen oder um Tore in das Goldene Netz zu �ffnen. Die Menschenkinder f�rchten und verehren sie. Niemals w�rden sie es wagen, sich dem Wunsch eines silbernen L�wen zu widersetzen. Ich frage mich nur, wer den L�wen nach Drusna geschickt hat. I�ta war es ganz sicher nicht. Sie hat die Priesterinnen hier mit Respekt behandelt. Widerwillig zwar, aber es h�tte ein schlechtes Licht auf sie geworfen, wenn sie gegen die Priesterschaft vorgegangen w�re.�</p><p>�Warum?� Dieser Gedanke erschien Lyvianne zutiefst unlogisch. I�ta h�tte doch stets Missgunst und Intrigen der Priesterinnen f�rchten m�ssen.</p><p>�Wir alle wussten, dass I�ta sich �bergangen f�hlte, als wir sieben aus unseren Reihen w�hlten, die zu den Leitg�ttern der sieben m�chtigsten K�nigreiche der Menschenkinder werden sollten. Viele von uns wollten diese Aufgaben nicht. Uns allen war klar, wie viel wir von unserer Freiheit w�rden aufgeben m�ssen, wenn die Wahl auf uns fiel. Die Leitg�tter w�rden wie Sch�fer sein, die ihre Herde nicht aus dem Blick verlieren d�rfen�� Leitbilder und H�ter ihrer V�lker zu aller Zeit. Anatu hat sich gegen diese B�rde gestr�ubt. Sie wollte keine G�ttin der Menschenkinder sein. Und doch konnte sie die Wahl nicht ablehnen.�</p><p>�Aber warum habt ihr sie zur G�ttin von Luwien gemacht, wenn sie es nicht wollte?� Lyvianne war erstaunt, wie �beraus irrational die Devanthar vorgingen, versuchte diesen Gedanken aber sofort zu unterdr�cken. Dabei ging ihr noch etwas auf. Je mehr der Ebermann ihr erz�hlte, desto geringer war ihre Aussicht, lebend davonzukommen! Sie war eine Drachenelfe, und er wusste das. Alles, was sie erfuhr, w�rde sie dem Goldenen berichten, der auch in ihren Gedanken lesen konnte. Nicht einmal wenn sie es wollte, k�nnte sie ihrem Meister etwas verheimlichen.</p><p>�Anatu war die Richtige, weil sie, solange ich sie kannte, die Welt zu einem sch�neren Ort machen wollte; I�ta hingegen ging es allein um Macht. W�re Anatus Verrat nicht so offensichtlich gewesen, und h�tte I�ta uns nicht den Kopf des Purpurnen als Beweis gebracht, sie w�re niemals die G�ttin der Luwier geworden. Selbst die Priesterinnen Anatus haben bezeugt, wie sie ihre Herrin gemeinsam mit der Himmelsschlange gesehen haben. Sie waren nicht Teil des Komplotts, und deshalb wurden sie nicht bestraft.�</p><p>Lyvianne blickte �ber die Ruinen. �Und doch wurden sie ermordet. Warum? Wer schickte den silbernen L�wen nach Drusna.�</p><p>�Unsere V�lker streiten untereinander. Kriege und �berf�lle sind an der Tagesordnung. Allerdings ist es schon ungew�hnlich, dass die Drusnier es wagten, einen Raubzug so tief nach Luwien zu unternehmen.� Er sch�ttelte ver�rgert sein m�chtiges Haupt. �Vielleicht hat der Gro�e B�r seinen L�wen geschickt, um den Hetmann von Drei Eichen mit leichter Beute zu belohnen? Den stehenden Stein haben sie mitgenommen, weil dem Hetmann das Bild darauf gefiel und weil sie �ber die Albenpfade gingen. �ber Land h�tten sie niemals den schweren Stein transportiert. Suchen wir nun nach Antworten!� Mit diesen Worten hob der Devanthar seine m�chtigen Pranken zum Himmel empor und rief eine Folge seltsamer, gurgelnder Laute.</p><p>Lyvianne sp�rte, wie sich das magische Netz um sie herum ver�nderte. Es wurde k�hler, bis ihr schlie�lich der Atem vor dem Mund stand. Der Zauber, den der Ebermann wob, war ihr fremd. Es war eine Art von Magie, die nicht in Einklang mit der Natur stand. Sie zehrte von der Welt, nahm der Nacht die W�rme, zerrte an den Kraftlinien, und Lyvianne sp�rte mit Schrecken, wie sogar ihre eigene Aura in den Zauber eingewoben wurde, um ihn zu unterst�tzen. Ein Schauder �berlief sie. Sie war ein Teil dessen geworden, was nun geschah.</p><p>Immer noch schleuderte der Ebermann dem Himmel seinen Bannspruch entgegen. Die Stimme des Devanthar wurde nun mit jedem Wort dunkler. Ein seltsamer Hall haftete ihr nun an, so als riefe er in einen tiefen Brunnenschacht. Die Wolken zogen sich vor dem Mond zusammen und verschlangen sein Licht. Der Palast der Anatu verblasste. Als selbst die Sterne am Himmel verschwanden, legte sich vollkommene Finsternis auf den H�gel.</p><p>In diesem Moment absoluter Schw�rze erglomm ein Licht hinter den leeren Augenh�hlen des Menschensch�dels. Es war von dunklem Rot wie die ersterbende Glut eines Feuers.</p><p>�Wer bist du?�, fragte der Devanthar.</p><p>�Alava�hi, Dienerin der Anatu.� Die Stimme war nur ein Fl�stern, das die Elfe umgab wie ein pl�tzlicher Windsto�, der einen nahenden Sturm ank�ndigte.</p><p>Lyvianne sp�rte, wie das magische Netz versuchte, den widernat�rlichen Zauber zu brechen, doch der Devanthar entzog ihm nur noch mehr Macht.</p><p>�Wer hat dich get�tet?�</p><p>�M�nner, deren Haar vom Gold und Rot der Morgenr�te war. Sie haben den Tempel gesch�ndet. Und nicht nur ihn���</p><p>�Ein silberner L�we begleitete die R�uber. Hast du ihn erkannt, Alava�hi? Welchem Gott diente er?�</p><p>�Er war mir fremd.�</p><p>�Gab es irgendeine Besonderheit an ihm? Hatte er eine goldene M�hne?�</p><p>Eine Zeit lang herrschte Stille. �Nein�, fl�sterte es schlie�lich aus dem Dunkel der Nacht.</p><p>Der Ebermann wirkte ver�rgert.</p><p>�Darf ich?�, fragte Lyvianne leise. Selbst ihre eigene Stimme klang nun dunkler und fremd in ihren Ohren.</p><p>Der Devanthar machte eine unwirsche Geste, die Lyvianne als Zustimmung auffasste.</p><p>�Die R�uber haben einen stehenden Stein gestohlen, der das Bild I�tas zeigt, wie sie den Purpurnen mit ihrer Lanze durchbohrt. Weiter unten auf dem Bild ist Anatu abgebildet. Sie wird festgehalten. Wer hat sie gehalten?�</p><p>�Langarm und der Federmann�, raunte es aus der Nacht.</p><p>�Wer ist das?� Die Frage brachte Lyvianne einen b�sen Blick des Ebermanns ein.</p><p>�Der Feind!�</p><p>�Was zeigt das Bild auf der Stele?�, fuhr der Ebermann auf.</p><p>�Die Wahrheit hinter dem Spiegel.�</p><p>Der Devanthar fluchte. �Dasselbe verr�ckte Gerede wie bei Anatu!�</p><p>�Wer hat das Bild erschaffen?�, fragte Lyvianne.</p><p>�Katakata, die Steinmetzin.�</p><p>�Wer gab ihr den Auftrag dazu?�, mischte sich der Ebermann ungeduldig ein.</p><p>�Iyali, die Zunge der G�ttin�, antwortete die Grabesstimme.</p><p>�Hat sie euch erkl�rt, was es bedeutet?�</p><p>�Es ist ein Bild, das immer wieder in den Gedanken der G�ttin war.�</p><p>�So kommen wir nicht weiter�, fluchte der Ebermann. �Wo liegt das Grab der Iyali? Sag mir, wo sie ist!�</p><p>�Das wollten auch die M�nner mit den Haaren aus Morgenlicht wissen. Sie waren sehr grausam, aber wir haben Iyali nicht verraten.�</p><p>�Du wirst mir���</p><p>�Was, Ebermann? Was k�nntest du mir antun? Ich bin ermordet. Meine Blutlinie ist l�ngst versiegt. Alles, was in meinem Leben von Bedeutung war, ist ausgel�scht. Wovor sollte ich mich noch f�rchten? Ich bin nur noch eine Stimme.�</p><p>Der Ebermann schwieg. All seine Wut schien verflogen zu sein. Die Anspannung wich aus seinen Gliedern. Er hatte begriffen, dass Alava�hi die Wahrheit sagte.</p><p>Lyvianne war nicht bereit aufzugeben. Die Hohepriesterin hatte mit dem Steinbild ein Zeichen gesetzt. Vielleicht gab es noch andere Bilder. �Ich glaube, dass Anatu ein gro�es Unrecht widerfahren ist. Wir sind hier, um ihren Namen reinzuwaschen. Bitte hilf uns, Alava�hi.�</p><p>�Wer bist du? Ich kenne deine Stimme nicht. Bist du seine neue Geliebte? Seine Stimme hat sich nicht ver�ndert in all den Jahrhunderten�, hallte es aus dem Dunkel.</p><p>�Eine Freundin�, beeilte sich der Ebermann zu sagen, und bei dem Gedanken daran, was das bedeutete, lief Lyvianne ein Schauder �ber den R�cken. Er strahlte Macht aus. Aber dieser Kopf. Und die Krallenh�nde. Sich vorzustellen, wie sie nach ihr griffen��</p><p>�Du bleibst nie lange allein.� Die Stimme der Priesterin klang entt�uscht. �Sie hat so lange auf dich gewartet. Auf dich gehofft. Iyali hat uns davon erz�hlt.�</p><p>�Ich war bei ihr. Sie hat den Verstand verloren. Sie redet wirr. Es ist kein Wort zu verstehen.�</p><p>�Iyali ist in Anatus Gedanken gewesen. Sie war die Zunge der G�ttin. Sie teilte jedes ihrer Geheimnisse. Du h�ttest nur kommen m�ssen und h�ttest alles erfahren! Sie hat so sehr auf dich gewartet. Wo warst du?�</p><p>Lyvianne konnte sehen, wie sehr dem Ebermann die dr�ngenden Fragen zu schaffen machten. Er senkte das Haupt. Seine N�stern bl�hten sich. Sein Atem ging schwer. �Es war eine dunkle Zeit. Wir alle haben uns bespitzelt. Alle hatten Sorgen, dass es noch weitere Verr�ter g�be. Wenn Anatu, die in allem stets vorbildlich gewesen war, sich mit den Himmelsschlangen eingelassen hatte, wem konnte man dann noch trauen?�</p><p>�Als Iyali verstanden hat, dass du nicht mehr kommen w�rdest, hat sie Katakata befohlen, die Stele zu fertigen, die Langarm und den Federmann zeigte. Es sollten weitere Bilder folgen. Katakata hat sieben Monde an dem Steinbild gearbeitet.�</p><p>�Wie sollten die anderen Bilder aussehen?�, dr�ngte der Devanthar.</p><p>�Ich wei� es nicht. Iyali war die Zunge der G�ttin! Sie ist nicht zu uns einfachen Priesterinnen gekommen, um ihre Geheimnisse mit uns zu teilen. Sie wollte sie in Katakatas Bildern verstecken, damit du sie finden kannst. Anatu hat wohl niemals die Hoffnung verloren, dass du eines Tages in ihren Palast zur�ckkehren w�rdest. Aber statt dir kamen die M�nner mit dem Haar in den Farben des Morgenlichts. Und alles verging.�</p><p>�Was wurde aus Iyali?�, dr�ngte der Ebermann.</p><p>Die Stimme schwieg. Nur das Fl�stern des Windes in den Ruinen war noch zu h�ren. Dann brach der Zauberbann des Devanthars, und das Mondlicht kehrte zur�ck. Aufs Neue erstand der verwunschene Palast der Anatu.</p><p>�Sie ist fort�, sagte der Ebermann leise und kniete nieder. �Sie ist lieber gestorben, als den Drusniern dies letzte Geheimnis zu verraten. Warum sollte sie es mir sagen, nachdem ich sie so entt�uscht habe.� Mit diesen Worten versenkte er seine Krallenh�nde im steinigen Boden und grub ein Loch. Als es etwa einen Fu� tief war, erhob er sich und nahm behutsam den Sch�del von der S�ulentrommel. �Entschuldige, dass ich deinen Schlaf gest�rt habe, Alava�hi�, sagte er mit erstaunlich sanfter Stimme. �M�gest du von nun an in Frieden ruhen. Und wisse, ich werde das Unrecht, das Anatu widerfahren ist, ans Licht bringen. Und wenn es das Letzte ist, was ich tun werde.�</p><p>Lyvianne sah ihn �berrascht an. Eine solche Geste der Gro�mut h�tte sie nie von einem Devanthar erwartet. Waren sie doch anders, als man ihr erz�hlt hatte?</p><p>Vorsichtig bettete der Ebermann den Sch�del in die kleine Grube. Dann f�llte er das Loch mit Sand und Ger�ll. Zuletzt brach er eine lila Distelbl�te ab und legte sie auf das Grab. Grimmig richtete er sich auf. �Wir werden hinter dem Stein suchen. Das war der sicherste Ort hier im Tempel. Dort sollten wir die Gebeine Iyalis finden, denn die T�r zu diesen Kammern konnte nur von au�en ge�ffnet werden. Wenn die Priesterinnen starben, ohne ihr Versteck verraten zu haben, muss sie dort verdurstet sein.�</p></section><section><title><p>Das Wasser des Schweigens</p></title><p>Der Devanthar f�hrte Lyvianne durch das Ruinenfeld und die durchscheinenden Mauern des Palastes aus Mondenlicht weiter den H�gel hinauf. Immer �fter sah sie bleiche Knochen zwischen den Disteln liegen. Die Tempelanlage musste riesig gewesen sein. Sie stiegen �ber Treppen mit zersplitterten Stufen, gingen vorbei an halb versch�tteten T�r�ffnungen, die einst ins Innere des H�gels gef�hrt haben mussten.</p><p>An einigen der Mauern hatten sich Reste von Malereien erhalten. Sie zeigten weite Blumenwiesen voller V�gel und kleinem Getier. Auf anderen Bildern sah Lyvianne Frauen in wei�en Gew�ndern bei der Kornernte. Priesterinnen?</p><p>Schlie�lich erreichten sie einen Hof, der auf drei Seiten von breiten Treppen gleich angelegter Terrassen umgeben war. Hier wogte ein wahres Meer von Disteln, die einen schweren Bl�tenduft verstr�mten. Vereinzelt erhoben sich Blumen zwischen dem Unkraut sowie halb im Distelgestr�pp verborgene Baumst�mpfe.</p><p>�Dies war einst Anatus Garten�, erkl�rte der Ebermann, und in seiner Stimme lag die Melancholie der Erinnerung an l�ngst vergangene, gl�ckliche Tage. �Er war weit �ber die Grenzen Luwiens hinaus bekannt. Hier wuchsen Blumen und B�ume aus allen Teilen der Welt. Die Luft war erf�llt von munterem Vogelgezwitscher und dem Wohlgeruch exotischer Bl�ten. Anatu hat hier viele Stunden verbracht.�</p><p>Auf dem Hof erhoben sich drei Stelen. Die Steine waren doppelt so gro� wie Lyvianne. Neugierig umrundete die Elfe sie und strich leicht �ber die glatt polierten Oberfl�chen der Stelen. Sie schien nie ein Bild geschm�ckt zu haben. Am Ende der kurzen Stelenreihe gab es noch einen Sockel, um den zerbrochenes Gestein lag.</p><p>�Die Stelen sind neu�, bemerkte der Ebermann und hob einen der zerschlagenen Steine auf. �Fr�her war hier ein Sonnensegel aufgespannt, und ein Brunnenbecken k�hlte die Luft an hei�en Tagen.�</p><p>Lyvianne trat zu ihm und betrachtete das St�ck in seiner Krallenhand. �Es ist dasselbe Gestein, aus dem die Stele im Heiligen Hain in Drusna gefertigt ist.� Sie sah sich um und drehte mit dem Fu� einen der gr��eren Felsbrocken um. Hier war der Umriss eines Oberarmes zu erkennen. Jemand hatte so lange auf das Relief eingedroschen, bis nur noch die Au�enlinien des Bildes �brig geblieben waren.</p><p>Langarm und der Gefiederte, dachte Lyvianne. Nichts von dem, was hiergeblieben war, bewies, dass sie einst auf der Stele abgebildet gewesen waren. Warum tauchten sie in der Legende von I�tas Kampf gegen den Purpurnen nicht auf? Hatte die Devanthar ihren Ruhm nicht teilen wollen, oder gab es ein anderes, dunkleres Geheimnis?</p><p>Der Ebermann legte den Stein zur�ck und ging zu einer Treppe, die zwischen den Terrassen an der Nordseite des Hofes hinauff�hrte. Lyvianne folgte ihm bis zur dritten Ebene, wo er kurz stehen blieb, sich nach Westen wandte und schlie�lich zwischen den trockenen Disteln hindurch bis zu der Wand schritt, die die Terrasse abschloss. Hier erhob sich ein Dornengestr�pp, das sich fest ans Mauerwerk gekrallt hatte.</p><p>Der Ebermann fegte die Ranken mit �rgerlichen Prankenhieben zur Seite, hielt abrupt inne und fluchte. Ein Loch war in das Mauerwerk vor ihnen gebrochen.</p><p>�Sie haben auch die Kammern hinter dem Stein gefunden�, sagte der Devanthar resignierend. Er sprach ein Wort der Macht, und silbernes Licht leuchtete im Dunkel jenseits der Dornenranken auf.</p><p>Der Durchgang war fast h�fthoch mit Gesteinsbrocken und Flugsand gef�llt. Es fiel dem Devanthar schwer, sich hindurchzuzw�ngen. Auch Lyvianne musste kriechen, um in die versteckten Kammern zu gelangen. Wie es schien, hatten sich drei Devanthar verb�ndet, um den Untergang Anatus herbeizuf�hren. Auch das Versteck von Anatus Hohepriesterin war ihnen nicht verborgen geblieben. Wie konnte der Ebermann hoffen, hier noch eine Spur zu finden? Sie w�rden nichts zur�ckgelassen haben.</p><p>Neugierig sah die Elfe sich um. Auch die W�nde der geheimen Kammern waren bemalt. Sie zeigten eine L�wenjagd in hohem Schilfgras. Anatu trug einen Bogen und K�cher. An ihrer Seite schritt ein Krieger mit einem Eberzahnhelm. Selbst im Silberlicht, das die Farben in den falschen T�nen erstrahlen lie�, war deutlich zu erkennen, dass der Krieger himmelblaue Augen hatte.</p><p>�Etwas gefunden?� Der Devanthar musterte sie skeptisch.</p><p>�Du kennst meine Gedanken.�</p><p>�Und du versuchst, was von Bedeutung ist, hinter einer Flut von Belanglosigkeiten zu verstecken. Hoffst du, dass mich die Banalit�ten so sehr erm�den, dass ich aufgebe, bis auf den Grund zu sehen?�</p><p>Lyvianne schluckte. Dann dachte sie fest an das Kinderlied, das sie ihren Kleinen so oft vorgesungen hatte.</p><poem><stanza><v>Schattenweber,</v><v>Tr�umegeber,</v><v>wandern durch die Nacht.</v><v>Schleichen, sacht, sacht, sacht.</v><v>Sie sind Freunde, wohlvertraut,</v><v>haben in dein Herz geschaut��</v></stanza></poem><p>�Lass diese Spiele, Lyvianne. Ja, es ist wahr, ich hatte eine st�rmische Liebesaff�re mit Anatu. Ich war oft hier, und es war <emphasis>meine</emphasis> verletzte Eitelkeit, die mich davon abgehalten hat, dem, was hier geschehen ist, auf den Grund zu gehen�� Wie hatte sie eine Echse mir vorziehen k�nnen? Ein Ungeheuer! Unseren Todfeind! Deshalb habe ich nicht versucht, etwas von dem, was hier geschehen ist, zu verhindern. Und sie hat nie aufgeh�rt, auf mich zu hoffen, wie es scheint. I�ta hat daf�r gesorgt, dass sich Anatu nicht mehr mitteilen konnte. Und alle Beweise gegen sie waren �berm�chtig. Was z�hlte schon, dass es eigentlich gar nicht zu ihr passte, uns zu hintergehen, wenn I�ta den Kopf der Himmelsschlange zum Gelben Turm bringen konnte, der Anatus Geliebter gewesen war? Und selbst die Priesterinnen dieses verfluchten Tempels hatten ihn gesehen. Er war hier und hat sich vor aller Augen mit Anatu getroffen. Sie wollten ihrer Herrin nicht schaden, aber sie vermochten ihre Erinnerungen und Gedanken noch viel weniger zu verbergen als du, Lyvianne. Die Beweise gegen Anatu waren vernichtend. Ich, wir alle wollten ihr nicht helfen. Wir wollten sie nicht heilen und ihre L�gen h�ren. Wir wollten sie leiden sehen f�r ihren Verrat. Nicht einmal ich habe dagegen gestimmt, sie in den Sch�del ihres Geliebten einzusperren, im Gelben Turm, dort, wo wir sie alle immer wieder sehen mussten, auf dass niemand von uns den Preis f�r Verrat vergisst�� Ich wusste um die Gabe Iyalis, der Zunge der G�ttin. Aber warum h�tte ich zu ihr gehen sollen? Ich habe an Anatus Schuld geglaubt, habe das Flehen in Anatus Augen ignoriert, wann immer ich an ihrem Gef�ngnis vor�berging, ihrem Gestammel nicht gelauscht. Oh, verletzte Eitelkeit ist meine gro�e Schw�che. I�ta hat das wohl klar erkannt.</p><p>Aber sie scheint Sorge gehabt zu haben, dass ich irgendwann wieder klar denken w�rde. Also musste Iyali verschwinden. Wie genau sie das gemacht hat, wei� ich nicht. Ganz sicher war es nicht ihr silberner L�we, der die Drusnier hierhergebracht hat. Vielleicht hat sie dem Gro�en B�ren von den Sch�tzen des Tempels erz�hlt und darauf spekuliert, dass er einen seiner Hetleute mit diesem lukrativen Raubzug belohnen w�rde? Vielleicht haben Langarm oder der Federmann ihr den Silberl�wen geliehen? Wie genau sie die Drusnier hierhergebracht hat, ist letztlich unerheblich�� ich bin mir sicher, I�ta ist die Kraft, die hinter all dem steht, was hier geschehen ist.� Endlich machte er eine Pause. Versonnen sah er den Gang mit den bunt bemalten W�nden entlang, auf den sich drei T�ren �ffneten. Aus der T�r zu ihrer Linken hatten Rauchzungen �ber den steinernen Rahmen hinauf zur Decke geleckt.</p><p>�Du glaubst, I�ta war hier, nachdem die Drusnier abgezogen sind? Dann hat sie die Reste der Bilder von den zerbrochenen Steinen bei den Stelen gel�scht und hat jeden Hinweis darauf verschwinden lassen, was Anatu nicht mehr sagen, aber vielleicht noch denken und auf diese Weise ihrer Zunge, der Hohepriesterin Iyali, mitteilen konnte. Wenn das so ist, wirst du nichts mehr finden.�</p><p>Der Ebermann lachte kalt. �So wie meine Schwester mich und meine Schw�chen kennt, kenne ich auch sie. Ihr Makel ist �berheblichkeit. Sie war sich sicher, dass die geraubte Stele in den endlosen W�ldern Drusnas niemals gefunden w�rde. Dir aber ist sie aufgefallen. Und du hast dir die zerst�rten Bilder im Tempel im Verbotenen Tal angesehen. Ein Ort, an dem ich Tausende Stunden verbracht habe, ohne hinter dem Zerst�rungswerk je etwas anderes zu sehen als das blinde W�ten naiver Menschenkinder. Du bist meine Hoffnung, Lyvianne. Du siehst die Welt mit anderen Augen als ich und denkst anders als wir Devanthar. Du vermagst Dinge zu entdecken, an denen ich achtlos vor�bergehe. Und ganz gleich, wie klug und vorausschauend I�ta auch sein mag, daran, dass ich mich mit einem Albenkind verb�nden k�nnte, um ihre Intrigen aufzudecken, wird sie nicht gedacht haben.�</p><p>Seine Erwartungen lasteten wie ein Berg auf Lyvianne. Auch fragte sie sich, was er tun w�rde, wenn sie ihn entt�uschte. Das Herz voller Zweifel, trat sie instinktiv durch die T�r zu ihrer Linken, in jene Kammer, in der das Feuer gew�tet hatte. Hier gab es nur noch Ru� und geschw�rzte Tonscherben, die fast den ganzen Boden bedeckten.</p><p>Die Elfe kniete nieder und nahm einige der Scherben auf. Es waren einst Tontafeln gewesen. Die gr��ten Fragmente, die sie finden konnte, waren kleiner als ihr Daumennagel. Sollte Iyali hier eine letzte Botschaft hinterlassen haben, w�re zwar noch alles hier, und doch w�re es unm�glich, irgendeinen der Texte wiedererstehen zu lassen, die hier gelagert hatten. Es mussten Millionen von Scherben sein, die den Boden der weiten Kammer bedeckten.</p><p>Aufmerksam musterte Lyvianne die dunklen W�nde. Wahrscheinlich hatten h�lzerne Regale entlang der Mauern gestanden, die den Flammen zum Opfer gefallen waren.</p><p>�Hier werden wir nichts finden�, sagte sie und versuchte, energisch und nicht niedergeschlagen zu klingen, als sie sich erhob und den Raum wieder verlie�.</p><p>Der Ebermann folgte ihr, als sie die Kammer am Ende des Ganges betrat. Es war ein weiter Raum mit �berraschend hoher Decke. Fr�her einmal schien es hier Vorh�nge gegeben zu haben, von denen nur noch Fetzen geblieben waren. In der Mitte des Raums erhob sich ein gemauertes Podest, auf dem Reste von dicken Teppichen lagen. War dies Anatus verborgenes Liebeslager gewesen? Der Devanthar war in der T�r stehen geblieben. Ihm schien es unangenehm zu sein, den Raum zu betreten. Hatte er seine Eifersucht immer noch nicht �berwunden, oder gab es noch einen anderen Grund, dass er diese Kammer mied?</p><p>Auch hier sah Lyvianne sich aufmerksam um. Sie zog Teppichfetzen zur Seite und untersuchte die W�nde, auf denen Bilder Bl�tenhaine voller Singv�gel zeigten. Die Elfe �ffnete ihr Verborgenes Auge und betrachtete eingehend die Linien des magischen Netzes, die den Raum durchzogen. Es waren nicht viele, und sie vibrierten in sanftem Gold. Hier herrschten Ruhe und Harmonie. Kein verborgener Zauber wirkte nach, und auch das Drama, das sich hier einst abgespielt hatte, als Anatu dem Purpurnen in Liebe verfiel, hatte keine Spuren in der magischen Matrix hinterlassen. Zudem wies nichts darauf hin, dass die Zunge der G�ttin hier Zuflucht gesucht hatte. Selbst I�tas allumfassende Zerst�rungswut hatte diesen Raum verschont, es war allein die Zeit, die hier ihr Werk getan hatte.</p><p>�Nichts�, sagte Lyvianne n�chtern, als sie das Zimmer verlie�. Sie sah dem Ebermann die Entt�uschung an. Was die dritte Kammer anging, schien er keine Hoffnungen mehr zu haben.</p><p>Die Elfe trat an ihm vorbei. Sie kam ihm so nah, dass sie seinen Schwei� roch. Ein animalischer Duft, der tief in ihr etwas ber�hrte. Er war nicht unangenehm. Warum hatte der Devanthar sich entschieden, wie ein Ungeheuer auszusehen? Wenn der Mann mit den blauen Augen aus der Jagdszene am Eingang ihn in seiner fr�heren Erscheinung zeigte, dann war er einst wirklich attraktiv gewesen.</p><p>Lyvianne bemerkte, wie er sie ansah, und err�tete. Sie hatte v�llig verdr�ngt, dass er jeden ihrer Gedanken lesen konnte, wenn er es wollte. Zudem stand sie in Gestalt eines Mannes vor ihm! Eilig trat sie durch die T�r in die letzte Kammer.</p><p>Der Raum war, anders als der vorherige, klein und enthielt nur ein Badebecken, das von einer dicken Schicht Staub �berzogen war, sowie etliche gl�serne Flaschen, die neben dem Becken aufgereiht standen. Lyviannes Blick schweifte �ber die W�nde, in der verzweifelten Hoffnung, einen versteckten Hinweis zu finden. Hier war der Putz rissig. Die Kammer war durch das Beben, das den H�gel ersch�ttert hatte, mehr in Mitleidenschaft gezogen worden als die anderen beiden R�ume. Die blau gef�rbten W�nde zeigten Fische, Oktopusse und Delphine.</p><p>Lyvianne beugte sich �ber das Becken und strich durch den Staub. Darunter kam dickes, dunkelgr�nes Glas zum Vorschein. Ganz in der Ecke lag etwas.</p><p>�Keine Spur von Iyali�, sagte die Elfe, als der Devanthar neben sie trat. �Es scheint, als w�re I�ta sehr gr�ndlich gewesen.�</p><p>�Nein�, widersprach der Ebermann und deutete auf die lange Reihe gleich aussehender Flaschen auf dem Boden. �Es scheint, als w�re Iyali sehr tapfer gewesen. Sie ist in das Wasser des Schweigens gestiegen. Das erfordert viel Mut!�</p><p>Lyvianne h�rte nur mit einem Ohr zu, sie beugte sich weit vor und hob den Gegenstand am Boden des flachen Beckens auf. Es war ein von eingetrocknetem Schlamm verkrusteter goldener Ring in Form einer sich in Spiralen windenden Schlange. F�r eine Arbeit von Menschenhand war er gut geraten. Jede Schuppe der Schlange war dargestellt, und Rubinsplitter waren als Augen eingesetzt worden. �Was ist das Wasser des Schweigens? Meinst du, sie hat sich hier im Becken ertr�nkt?�</p><p>�Damit h�tte sie die Geheimnisse, die Anatu ihr anvertraut hat, nicht sch�tzen k�nnen. Du wei�t, was ich mit Alava�hi getan habe. I�ta w�re ebenfalls nicht davor zur�ckgeschreckt, Iyalis Stimme aus dem ewigen Dunkel zu rufen. Sie h�tte die Priesterin erpresst. Es war noch nicht viel Zeit seit I�tas Kampf gegen den Purpurnen vergangen. Vielleicht h�tte sie lebende Verwandte Iyalis aufgesp�rt oder ihr gedroht, all ihre Priesterinnen grausam ermorden zu lassen. Wer weiߠ� I�ta ist sehr erfahren darin, die Schwachpunkte von Menschen und Devanthar zu finden. Selbst der Tod h�tte Iyali nicht vor meiner grausamen Schwester bewahrt. Alles, was wir Devanthar brauchen, um die Stimmen der Verstorbenen zu rufen, ist ein Knochen oder eine Haarstr�hne. Iyali ist in ein Bad aus S�ure gestiegen, damit nichts mehr von ihr bleibt. Das Wasser des Schweigens. Der einzige Weg, f�r immer Frieden zu finden.�</p><p>Lyvianne versuchte sich vorzustellen, was die Priesterin erduldet hatte. Wie war sie in das Bad gestiegen? Wie hatte sie den Schmerz ertragen, als die S�ure ihre Haut aufl�ste und das Muskelfleisch zerfra�? Wie hatte sie dem Drang widerstanden, sich aus dem Bad zu winden, damit der Schmerz aufh�rte?</p><p>�Wie konnte I�ta den Ring �bersehen?�</p><p>Der Ebermann schnaubte. �In den ersten Stunden nach Iyalis Selbstmord wird die S�ure tr�be gewesen sein. Man konnte nicht bis auf den Grund des Beckens blicken. Und danach�� Wer immer seine Hand nach dem Ring ausgestreckt hat, wird es bitter bereut haben.�</p><p>�Aber I�ta, h�tte sie den Ring nicht an sich nehmen m�ssen?�</p><p>�Warum, Gold bedeutet uns Devanthar nichts. Und der Ring ist von keinerlei Nutzen, um den Geist Iyalis zu rufen. I�ta wird vor Wut gesch�umt haben, als sie hier war. Iyali ist ihr mit ihrem Selbstmord f�r immer entschl�pft, und meine Schwester I�ta wird sich niemals ganz sicher sein k�nnen, ob die Zunge der G�ttin nicht doch noch einen Hinweis auf die Intrige gegen ihre Herrin hinterlassen hat.�</p><p>�Nun, nicht hier, wie es scheint.� Lyvianne schloss die Hand um den Ring. �Ich konnte nichts entdecken. Ich��� Er w�rde es merken. Es w�re ein Fehler zu versuchen, ihn zu hintergehen.</p><p>�Gut, dass du das wei�t�, sagte der Devanthar schroff. �Mir entgeht keiner deiner Gedanken. Was also willst du mit dem Ring?�</p><p>�Es gibt viele Spielarten der Magie in Albenmark. Ich kenne jemanden, der weit auf dunklen Pfaden geschritten ist. Vielleicht k�nnte sie mithilfe des Ringes eine Verbindung zu Iyali herstellen. Daf�r m�sstest du mich mit dem Ring gehen lassen und mir vertrauen.�</p><p>�Wenn ich dich ziehen lasse, wirst du zu deinem Meister, dieser Echse, gehen.�</p><p>Lyvianne nickte. �Ich habe dem Goldenen die Treue geschworen. Ich w�rde ihn niemals verraten. Aber zuerst werde ich die Zauberweberin besuchen, die mir mit dem Ring���</p><p>�Ich sehe die Dunkelheit in deinem Herzen, Elfe. Ich sehe, was du mit deinen Kindern getan hast. Warum sollte ich dir vertrauen?� Er machte einen Schritt auf sie zu. Wieder umfing Lyvianne sein animalischer Geruch. �Ich sollte dich t�ten. Deine Welt w�rde ein besserer Ort werden, wenn du nie wieder zur�ckkehrst.� Seine Krallenhand schloss sich um ihre Kehle.</p><p>�Du wirst niemals die Wahrheit �ber Anatu erfahren, wenn du mich jetzt t�test.�</p><p>Der Druck der Krallenhand lie� ein wenig nach. �Das werde ich auch nicht, wenn ich dich gehen lasse�� denn du hast keinen Grund zur�ckzukehren.�</p><p>�Ich werde zur�ckkehren, um I�ta st�rzen zu sehen. Ihr Untergang ist auch ein Sieg f�r Albenmark.�</p><p>Der Devanthar keuchte. Er lie� sie los und wich von ihr zur�ck. �Das meinst du wirklich ernst.� Fassungslos sah er sie an. �Geh! In achtundzwanzig Tagen, wenn erneut Anatus Palast aus Mondenlicht �ber diesem H�gel steht, erwarte ich dich im Garten der G�ttin.�</p><p>�Und wenn ich mehr Zeit brauche? Die Zauberweberin, die ich um Hilfe bitten muss, ist launisch. Es k�nnte Wochen dauern, sie dazu zu bewegen. Sie wird sich mit Blut bezahlen lassen.�</p><p>�Mich interessiert nicht, was du tun musst. In sechsundf�nfzig Tagen, zur zweiten Vollmondnacht, werde ich noch einmal hier sein, um dich zu erwarten. Kommst du auch dann nicht, werde ich nach Albenmark kommen. Und glaube mir, ich werde dich schneller finden, als dein Besch�tzer, die goldene Echse, mich aufsp�ren wird. Versuche nicht, mich zu hintergehen, Lyvianne!� Mit diesen Worten verlie� er die Kammer. Sie h�rte seine Eberhufe drau�en im Gang widerhallen. Dann war es still bis auf das Rascheln der trockenen Disteln im Wind.</p><p>Die Elfe betrachtete das Becken, in dem Iyali auf so schreckliche Weise gestorben war. �Man ist niemals in Sicherheit, Hohepriesterin. Ganz gleich, welches Opfer man bringt.�</p></section><section><title><p>Das letzte Quartier</p></title><p>�Heh, Galar!� Ein Gesicht, umrahmt von einem eisengrauen Bart, erschien unter dem Schutz aus Bl�ttern, den sie sich gebaut hatten. �Schnapp dir den Kr�ppel und die beiden anderen Pfeifen, mit denen du aufgetaucht bist!�, blaffte ihn Hauptmann Hartwig an. �Ich habe eine sch�ne Aufgabe f�r euch.�</p><p>Hartwig war der Kommandeur, in dessen Truppe sie untergeschl�pft waren. Er war ein Eisenfresser. Ein Veteran aus dem Krieg zwischen dem Koboldvolk der Eisb�rte und den Zwergen von Ishaven, von denen Galar bis vor einer Woche nur wenig geh�rt hatte. Es war eine lange, blutige Angelegenheit gewesen, und sie hatte Hartwig hart wie Granitbrocken gemacht. Ihr Kommandeur hatte vom ersten Tag an gerochen, dass mit Galar und seinen Kameraden etwas nicht stimmte.</p><p>�Los, los, los!�, blaffte er nun. �Oder soll ich euch Beine machen?�</p><p>Galar weckte Nyr, Glamir und Bailin. Die drei hatten sich eng in ihre Kapuzenm�ntel gerollt und waren eingeschlafen, obwohl der Boden ein eisiger Schlamm war.</p><p>Glamir war als Erster wach. Er tat einen tiefen Seufzer, als er die Augen aufschlug. Er jammerte nie, aber Galar wusste, wie sehr die nasse K�lte seinem Gef�hrten zusetzte. �Harti hat wohl Lust, uns zu �rgern�, zischte er.</p><p>�Das habe ich geh�rt!�, schnarrte der Hauptmann. �Und ich sage dir, du hast keine Ahnung, was �rger bedeutet. Bisher habe ich euch geh�tschelt wie meine Enkelkinder, aber damit ist jetzt Schluss!� Er schlug mit dem schweren Rebstock, der Zeichen seines Ranges war, auf das provisorische Laubdach. Beim dritten Hieb st�rzte es zusammen.</p><p>Fluchend schob Galar die nassen �ste zur Seite und zog Glamir hoch. Nyr und Bailin waren inzwischen ebenfalls auf den Beinen. Gemeinsam traten sie auf den rutschigen Pfad, der hinab zum Tal f�hrte. Keiner sah zu ihrem Unterstand zur�ck; au�er ihren M�nteln und den Kleidern darunter besa�en sie ohnehin nichts. Nur Bailin trug eine Axt am G�rtel.</p><p>Unabl�ssig prasselte eisiger Regen auf sie nieder. Die Tropfen lie�en den Schlamm aufspritzen. D�nne Rinnsale hatten Furchen in den steilen Weg geschnitten. Dicker Rauch sickerte den Hang hinab, als w�rde auch er vom Regen talw�rts getrieben. Hunderte Zwerge lagerten wie sie unter den Kiefern, die sich an die Bergflanke klammerten. Manche hatte Unterst�nde in das Erdreich getrieben. Ru�geschw�rzte L�cher, aus denen blaugrauer Qualm hervorquoll. Die meisten jedoch hatten, aus Angst vor Schlammlawinen, nur Unterst�nde aus Astwerk errichtet, die mehr schlecht als recht vor dem unaufh�rlichen Regen sch�tzten. Es gab kein trockenes Holz mehr. Jedes Feuer r�ucherte die M�nner, die sich daran niedergelassen hatten. Die Stimmung war auf dem Tiefpunkt.</p><p>Niemand, nicht einmal ihre Hauptleute, schien zu wissen, wo dieses Tal lag, zu dem sie der Albenstern gef�hrt hatte. Es war v�llig ungewiss, warum alles so geheim gehalten wurde. Sie waren noch in Albenmark, da war sich Galar ganz sicher. Was sollte ihnen hier geschehen, au�er dass sie sich gegenseitig an die Gurgel gingen?</p><p>Unten im Tal erklangen dumpfe Axtschl�ge. Seit sie hier angekommen waren, h�rten sie diesen L�rm. Selbst nachts war es nicht still.</p><p>Galar st�tzte Glamir, der sich mit seiner Kr�cke auf dem rutschigen Weg kaum auf dem verbliebenen Bein halten konnte. F�r was f�r eine Aufgabe sie wohl ausgew�hlt waren?</p><p>Als sie tiefer hinabstiegen, verschwanden die Kiefern auf den H�ngen. Nur Baumst�mpfe waren noch geblieben. Nicht weit vom schlammbraunen Bach am Talgrund waren Dutzende Langh�user errichtet worden, die Galar ungew�hnlich gro� erschienen. Fundamente f�r etliche weitere H�tten waren gelegt. Fluchende Zwerge standen in halb gefluteten L�chern, um mit m�chtigen Grubens�gen aus den Fichtenst�mmen Bretter zu schneiden. Einer balancierte jeweils auf dem Stamm, w�hrend der zweite unten in der Grube die S�ge zu sich herabzog. Eine elende Plackerei, die Galar ein L�cheln auf die Lippen zauberte. Es gab Schlimmeres, als bei diesem Schei�wetter �ber schlammige Pfade gef�hrt zu werden.</p><p>Sie erreichten die neu entstandene Siedlung zugleich mit einer Maultierkarawane. Neugierig sah Galar zu, wie F�sser und schwere, in �ltuch geschlagene B�ndel in eines der neuen Lagerh�user getragen wurden.</p><p>�Glotz nicht!�, schnauzte Hartwig ihn an, der ihnen dichtauf gefolgt war. �Da geht es f�r euch lang!� Dabei deutete der Hauptmann mit seinem Rebstock auf eine Scheune, die ganz am Ende der Siedlung stand. Das Tor, in das eine kleine Pforte eingelassen war, war so gro�, dass ohne Weiteres ein hoch beladener Heuwagen h�tte einfahren k�nnen.</p><p>�Mit der H�tte stimmt was nicht�, murmelte Glamir, als sie darauf zustapften. �Das Knie, das mir eigentlich fehlt, zwackt. Das passiert immer, wenn �rger ansteht. Diese Bude da verhei�t nichts Gutes.�</p><p>Vor der Scheune tippte der Hauptmann Bailin mit dem Stock vor die Brust. �Du kannst wieder mit mir kommen. Bist kein �bler Kerl.�</p><p>Ihr rotb�rtiger Retter aus den Ehernen Hallen l�chelte sp�ttisch. �Danke f�r dein Lob, aber wenn ich t�te, was du mir anbietest, w�re ich nicht der, f�r den du mich h�ltst.�</p><p>Hartwig runzelte die Stirn, als brauchte er einen Augenblick, um zu verstehen, was Bailin gemeint hatte. Dann sch�ttelte er �rgerlich den Kopf. �Komm lieber mit mir. Es wird dir leidtun, wenn du da hineingehst. Ich konnte vorhin einen kurzen Blick hineinwerfen.�</p><p>�Ich bleibe bei meinen Kameraden�, entgegnete Bailin, ohne zu z�gern. �Irgendeiner muss ja auf sie aufpassen.�</p><p>Wenn es nach ihm gegangen w�re, dann h�tte der Rotbart sich ruhig verpissen d�rfen, dachte Galar �rgerlich. Dass er blieb, hatte nicht im Mindesten mit Loyalit�t zu tun. Er traute ihnen noch immer nicht �ber den Weg.</p><p>�Nun denn�, sagte Hartwig ruhig. �Jeder ist seines Gl�ckes Schmied.� Mit diesen Worten �ffnete er die kleine Pforte und schob sie in die Scheune.</p><p>Im ersten Augenblick konnte Galar kaum etwas sehen. Es roch nach Kiefernharz, frisch geschnittenem Holz und noch etwas anderem, Ranzigem, das er nicht sofort zuordnen konnte, ihm aber doch vertraut vorkam. Der Regen trommelte auf das Dach, an einigen Stellen tr�pfelte Wasser durch L�cher in den Schindeln in die Scheune. Ein wenig Licht fiel durch Spalten in den W�nden aus groben Holzbrettern.</p><p>Im Dunkel am anderen Ende der Scheune rumorte es, dann fragte eine erstaunlich laute, tiefe Stimme etwas in einer Sprache, die Galar nicht verstand. Im selben Moment schloss sich hinter ihnen die Pforte.</p><p>Der h�lzerne Boden erbebte unter schweren Schritten.</p><p>�Bei den Titten meiner Amme�, st�hnte Glamir neben ihm. Es war das erste Mal, dass Galar Angst in der Stimme seines Gef�hrten h�rte. �Da sind Trolle!�</p><p>Jetzt sah der Schmied sie auch. Das hier war keine Scheune! Es war ein Quartier, dessen Abmessungen den riesigen Leibern von Trollen angepasst waren. F�nf gro�e, graue Gestalten kamen durch das Zwielicht auf sie zu. Bis auf ihre schmuddeligen Lendenschurze und Lederriemen, von denen Dutzende Talismane hingen, waren die Trolle nackt. Wulstige Schmucknarben zierten ihre Leiber. Ein jeder von ihnen hielt eine schwere Keule, die aus einem jungen Baumstamm geschnitzt war.</p><p>Galar griff an seinen G�rtel, doch da war keine Waffe. Nicht einmal ein Messer.</p><p>Bailin dr�ngte sich vor sie und hob seine Axt.</p><p>�Schei�e!�, zischte Nyr.</p><p>Einer der Trolle sagte etwas Unverst�ndliches, woraufhin ein anderer mit gr�sslichem Akzent in kaum verst�ndlichem Zwergisch antwortete: �Du hast recht, Bolbur, sie haben das Abendessen gebracht.�</p></section><section><title><p>Ein einfacher Plan</p></title><p><emphasis>Es wird in Zukunft von gro�er Bedeutung sein, zu beobachten, was auf den Schlachtfeldern Nangogs geschieht, ohne dort anwesend zu sein. Ich w�rde vorschlagen, dass wir im Nichts abwarten, in der N�he eines Albenpfades, �ber den wir schnell zum Kampfplatz kommen k�nnen, falls sich die Devanthar entscheiden sollten, in die Schlacht einzugreifen. Sobald sie dies tun, greifen wir an und vollenden, was in Selinunt missgl�ckt ist.</emphasis></p><p>Der Dunkle blickte zu den D�nenk�mmen in der Ferne. Es erm�dete ihn, seinem Bruder, dem Goldenen, zuzuh�ren. Der Zweitgeschl�pfte h�rte sich zu gerne reden. Seit fast einer halben Stunde berichtete er nun schon. �ber die Truppen, die sich versammelten, und �ber seine gro�artigen Pl�ne, aber bislang war wenig Konkretes zu h�ren gewesen.</p><p>Zumindest der Flammende war von den Reden des Goldenen genauso gelangweilt wie er. Der Schweif seines Nestbruders zerw�hlte den Sand, und er blickte hinauf zum weiten Sternenhimmel �ber der W�ste.</p><p><emphasis>Entschuldige, Bruder, aber was f�r ein Zauber ist das, den du da weben m�chtest?,</emphasis> mischte sich der Fr�hlingsbringer ein. <emphasis>Werden die Devanthar ihn nicht sofort bemerken und st�ren?</emphasis></p><p><emphasis>Ich denke nicht,</emphasis> entgegnete der Goldene auf provozierend selbstsichere Art. <emphasis>Wir werden von Natur aus von Magie durchdrungene Gesch�pfe als Tr�ger des Zaubers verwenden. Es werden wohl �berwiegend Elfen sein. Kein Devanthar wird sich wundern, wenn ein Elf eine ausgepr�gte Aura hat, die auf vielfache Art in Verbindung mit dem magischen Netz steht. Der Zauberbann, unter dem sie stehen, wird nur den alleraufmerksamsten Beobachtern auffallen. Und ich bin sicher, in der Hitze des Gefechts werden die Devanthar anderes im Sinn haben, als sich Elf f�r Elf ganz genau anzuschauen. Wir werden durch die Augen der Elfen sehen, und wir k�nnten sie sogar mit unseren Stimmen sprechen lassen, um durch sie Befehle zu geben und auf die Ereignisse der Schlacht zu reagieren.</emphasis></p><p><emphasis>Diesen Zauber musst du uns n�her erl�utern, Bruder.</emphasis> Der Smaragdene hatte den Kopf vorgestreckt, und in seinen Z�gen spiegelte sich Wissbegier. Selten hatte der Dunkle ihn so aufgew�hlt gesehen. Sonst strebte sein Bruder eher Ruhe und Ausgleich an. Allerdings war er auch derjenige von ihnen, der die meiste Zeit damit verbrachte, den Geheimnissen der Sch�pfung der Alben nachzusp�ren. Insbesondere jenen, die mit dem Goldenen Netz und der Zauberweberei in Verbindung standen.</p><p>Der Goldene begann eine weitschweifige Erkl�rung, aber ganz gegen seine Art unterbrach ihn der Smaragdene ungeduldig. <emphasis>Ich wei�, ich weiߠ� Ich bin diesen Weg selbst schon gegangen. Aber wie verhinderst du, dass die Albenkinder unter deinem Zauberbann Schaden nehmen? Ich habe mich selbst vor vielen Jahren in diesem Gebiet der Beherrschungsmagie versucht, und alle Albenkinder, mit denen ich gearbeitet habe, haben dauerhaften Schaden genommen. Ich konnte keinen Weg finden, es zu verhindern. Ihr Hirn k�mpft gegen die Besessenheit an. Nat�rlich ist es eine Kleinigkeit, diesen Widerstand zu �berwinden. Aber es zerst�rt Teile ihres Hirns. Sie verlieren ihre eigene Antriebskraft. Wenn wir uns zur�ckziehen, sind sie v�llig apathisch. So als h�tten wir durch den Zauber ihre Pers�nlichkeit ausgel�scht.</emphasis></p><p><emphasis>Ist das wirklich tragisch?,</emphasis> fragte der Goldene. <emphasis>Es gibt genug Elfen. Opfern wir ein paar. Der Nutzen �bertrifft den Schaden bei Weitem. Nat�rlich werden wir keine Drachenelfen einsetzen.</emphasis></p><p>Nachtatem hasste seinen Nestbruder f�r diese Art. Auch der Smaragdene und der Fr�hlingsbringer sch�tzten diese kalte Vorgehensweise nicht. Sie hielten ihre Gef�hle nicht zur�ck, lie�en alle anderen Drachen an ihren Gedanken teilhaben.</p><p><emphasis>Wir d�rfen nie aus den Augen verlieren, was f�r einen Krieg wir hier f�hren,</emphasis> brachte die Stimme des Goldenen sie zum Schweigen. <emphasis>Er ist anders als jeder andere Krieg, von dem wir bisher auch nur geh�rt haben. Es geht um die v�llige Vernichtung einer Seite. Nach der Katastrophe von Selinunt haben wir keine andere Wahl mehr, als bis zum bitteren Ende zu k�mpfen.</emphasis></p><p>Bei den letzten Worten sah er zu ihm hin�ber. Alle anderen Blicke folgten. Nachtatem wusste, dass die Mehrheit der Himmelsschlangen vermutete, dass er etwas mit dem Fehlschlag in Selinunt zu tun hatte. Schlie�lich hatte er den abtr�nnigen Drachenelfen Gonvalon bei sich aufgenommen. Jenen Elf, der das Signal zum Angriff gegeben hatte, obwohl sich die Devanthar nicht zur geplanten Zeit in Selinunt versammelt hatten.</p><p><emphasis>Wer �ber Nangog herrscht, der wird bald �ber alle drei Welten herrschen,</emphasis> fuhr der Goldene fort. <emphasis>Die Menschen und Devanthar nutzen die Ressourcen dieser Welt, um st�rker zu werden. Lassen wir sie noch einige Jahre gew�hren, dann werden sie so m�chtig sein, dass wir sie nicht besiegen k�nnen, wenn sie auch nach Albenmark greifen. Die Heere an Menschenkindern, die sie aufzubieten verm�gen, sind ohne Zahl. F�r einen Krieger von uns k�nnen sie zwanzig Menschen in die Schlacht schicken. Sie k�nnen uns buchst�blich unter den Leibern ihrer Toten begraben und immer noch weiterk�mpfen, wohingegen wir M�he haben werden, unsere Verluste zu ersetzen.</emphasis> Der Goldene lie� die Worte wirken. Was er sagte, war wahr, jeder von ihnen wusste das. Wenn sie es nicht schafften, die Devanthar zu vernichten, wenn sie auf Frieden hofften oder auch einfach nur abwarteten, was geschah, dann w�rden sie untergehen.</p><p><emphasis>Was also willst du tun?,</emphasis> fragte der Flammende bedr�ckt, was ganz und gar nicht seiner sonst so aufbrausenden Art entsprach. Er wirkte niedergeschlagen, als h�tte er sich bereits mit dem scheinbar Unausweichlichen abgefunden. Selbst die Farben seiner Schuppen, die sonst in allen Schattierungen zwischen einem dunklen Gelb und leuchtendem Karmesin erstrahlten, wirkten unter dem Sternenlicht matt, so als w�re sein Feuer verloschen.</p><p><emphasis>Ich werde zweihundert unserer Krieger opfern,</emphasis> entgegnete der Goldene. <emphasis>M�nner, auf die wir verzichten k�nnen. Die Hauptleute sind angewiesen, Querulanten und Faulpelze auszusuchen. M�nner, die die Disziplin der Truppe untergraben, zudem Dummk�pfe und Kr�ppel. All jene, um die es nicht schade ist, wenn sie schon zu Beginn des Feldzugs sterben. Wir werden sie wie einen K�der auswerfen. Sie sollen eine abgelegene Siedlung �berfallen und den Feind dazu verleiten, mit aller Kraft zur�ckzuschlagen. Wir werden uns bem�hen, ihnen vorzugaukeln, dass die Zahl unserer Krieger viel gr��er ist. Und sie sollen mindestens hundert Mann f�r einen von unseren schicken.</emphasis></p><p><emphasis>Ich verstehe,</emphasis> sagte der Nachtblaue, und ein gieriges Funkeln flammte in seinen Augen. <emphasis>Dann werden wir �ber die Menschenkinder herfallen. Sie mit unseren Flammen verbrennen und mit unseren Krallen zerfetzen.</emphasis> Sein Schwanz peitschte voller Vorfreude auf das Massaker den feinen W�stensand auf.</p><p>Der Goldene sch�ttelte sein m�chtiges Haupt. <emphasis>Nein, das w�re zu einfach. Darauf werden die Devanthar vorbereitet sein. Ich bin sicher, sie werden unser Eingreifen ebenso in ihrer Planung ber�cksichtigt haben wie wir das ihre. Wer zuerst auf dem Schlachtfeld erscheint, der l�uft in einen Hinterhalt. Wir k�nnen in diese Schlacht nicht eingreifen.</emphasis></p><p><emphasis>Welchen Nutzen soll das Ganze dann haben?,</emphasis> fauchte der Nachtblaue �bellaunig, und seine Gedanken schnitten wie Messer in ihre K�pfe. <emphasis>Wir opfern zweihundert K�mpfer und schenken den Menschenkindern einen leichten Sieg. Das wird schlecht f�r die Moral unserer K�mpfer sein.</emphasis></p><p><emphasis>Unser Weg, in diesem Krieg zu siegen, besteht darin, die Menschenkinder mit f�nfzig Toten f�r einen von unseren Kriegern bezahlen zu lassen. Sie werden das vielleicht einige Jahre durchstehen, aber nicht f�r lange Zeit. Wenn wir das erreichen, dann werden die Devanthar gar keine andere Wahl haben, als den Menschen fr�her oder sp�ter auf dem Schlachtfeld zu Hilfe zu eilen. Und wer sich als Erster zeigt, der wird verwundbar sein. Sobald sie diesen Fehler machen, werden wir zuschlagen, und wir werden zu Ende bringen, was in Selinunt missgl�ckt ist.</emphasis></p><p>Der Dunkle sp�rte, wie der Goldene ihre Nestbr�der auf seine Seite zog. Sie wollten ihm glauben, denn von ihrem Sieg hing tats�chlich ihr �berleben ab. Er musste eingreifen. <emphasis>Entschuldigt meine Dummheit, aber ich habe immer noch nicht ganz verstanden, wie zweihundert Mann, und noch dazu die schlechtesten, die wir aufzubieten haben, ein solches Massaker anrichten sollen.</emphasis></p><p><emphasis>Das Massaker wird Nangog anrichten,</emphasis> entgegnete der Goldene triumphierend.</p><p><emphasis>Nangog?</emphasis> Nachtatem genoss das ungl�ubige Staunen seiner Br�der. Nun war offenbar geworden, wie haltlos der Plan seines Bruders war. <emphasis>Sie ist nicht vollst�ndig erwacht, und die Devanthar bem�hen sich, sie wieder ganz und gar in Fesseln zu schlagen. Wie sollte sie uns helfen, ist sie doch nicht einmal in der Lage, ihren eigenen Kindern zu helfen, die allerorten niedergemacht werden.</emphasis></p><p>Der Goldene hob den Kopf in einer Geste arroganter �berlegenheit. <emphasis>Aber ich sprach doch nicht von der Gefesselten G�ttin. Auf sie zu hoffen w�re in der Tat t�richt. Ich sprach von der Welt Nangog. Es ist die Wahl des Schlachtfeldes, die �ber den Verlauf der K�mpfe entscheiden wird. Dieses Schlachtfeld wird den Menschen so zusetzen, dass wir mit der zweiten Streitmacht, die wir einsetzen, sobald die Menschenkinder unseren K�der verschlungen haben, leichtes Spiel haben werden. Wir werden sie zu Hunderten t�ten, aber auch gen�gend von ihnen entkommen lassen, dass sich die Kunde �ber diese Niederlage wie ein Lauffeuer verbreitet und Furcht in ihre Herzen s�t. Wir werden Folgendes tun��</emphasis></p></section><section><title><p>Die Meisterin des Todes</p></title><p>�Gib mir die Axt. Schnell!�, zischte Galar.</p><p>Als Bailin sich nicht regte und wie versteinert die Trolle ansah, die auf sie zukamen, st�rmte der Schmied vor, schrie aus Leibeskr�ften und winkte dabei mit den Armen.</p><p>�Der kleine Kerl glaubt, man kann uns erschrecken wie W�lfe�, sprach der Anf�hrer und brabbelte danach noch etwas Unverst�ndliches. Einer seiner Krieger deutete auf Glamir und sagte etwas. Allgemeines Gel�chter folgte.</p><p>�Ich soll dich fragen, wer deinen Freund angefressen hat�, erkl�rte der Wortf�hrer. �Scheint wohl nicht sonderlich zu schmecken. Den heben wir f�r magere Zeiten auf.� W�hrend er sprach, kamen die Trolle weiter auf sie zu. Dabei schwangen sie die Keulen auf Knieh�he hin und her.</p><p>Sie waren jetzt nur noch drei Schritt entfernt. Galar war sich bewusst, dass er damit schon in Reichweite der wuchtigen Keulen war. Mit etwas Gl�ck k�nnte er die Hiebe unterlaufen und sich zwischen den unf�rmigen Beinen der H�nen hindurchducken. Aber was brachte das gro�? Auch wenn er in ihrem R�cken stand, w�re er immer noch waffenlos. Vielleicht w�rde es ihm gelingen, das ganze Trollrudel abzulenken, und seine Gef�hrten k�nnten durch die Pforte entkommen.</p><p>�Schnapp mich, du Riesenhaufen Trollschei�e!�, rief Galar, machte einen Satz nach vorne und lie� sich fallen, als die Keule des Anf�hrers in seine Richtung schwang. Er rollte nach vorne, kam in die Hocke und huschte zwischen den Beinen des Trolls hindurch. Im Halbdunkel sah er ein St�ck hinter den Trollen eine schlanke schneewei�e Gestalt. Er wollte gerade herumfahren, als ihn ein Tritt traf.</p><p>Der Zwerg wurde von den Beinen gerissen, flog ein St�ck nach hinten und landete hart auf dem Bretterboden. Noch bevor er sich aufrappeln konnte, senkte sich ein riesiger Trollfu� auf seine Brust. �Jetzt bist du begraben unter Trollschei�e�, wurde er verh�hnt. �Und wenn ich ein bisschen dr�cke, l�ufst du durch die Ritzen im Boden.�</p><p>Galar h�rte, wie Bailin einen Schlachtruf ausstie�. Dann ert�nte ein dumpfer Schlag.</p><p>�Es gen�gt!� Aus den Augenwinkeln sah Galar die wei�e Gestalt n�her kommen, verschwommen, denn der Druck auf seine Rippen und Lunge lie� ihn vor Schmerz fast ohnm�chtig werden.</p><p>�Es reicht, Groz!� Es war eine Stimme, die keinen Widerspruch duldete. Leise, doch durchdringend.</p><p>Der Druck auf Galars Brust lie� nach. Japsend rang er um Luft und setzte sich auf.</p><p>Vor ihm stand eine Elfe. Sie war in ein langes, wei�es Kleid mit steifem Stehkragen gekleidet. V�llig unpassend f�r dieses im Schlamm versinkende Heerlager am Ende der Welt. Sie ging barfu�. Nicht der kleinste Schmutzspritzer zeigte sich auf ihrem Gewand. Die Elfe vor ihm war erstaunlich klein, war der erste Gedanke, der Galar durch den Kopf ging. Wenn er stand, w�rde sie ihn h�chstens um zwei K�pfe �berragen. Sie wirkte zerbrechlich wie ein Eiskristall und ebenso kalt. Sie sah auf ihn hinab, als w�re er nicht mehr als ein Mistk�fer.</p><p>�Mein Name ist Ailyn, und euer Schicksal ist es, in Zukunft meinen Befehlen zu gehorchen. Ich erwarte nicht, dass ihr einander respektiert. Es gen�gt mir, wenn ihr euch nicht die Kehlen durchschneidet oder gegenseitig auffresst.� Bei den letzten Worten warf sie den Trollen einen k�hlen Blick zu. �Habt ihr mich verstanden?� Sie sagte noch etwas in der gurgelnden, unverst�ndlichen Sprache der Trolle, und erstaunlicherweise senkten die h�nenhaften Krieger ihre K�pfe, als w�ren sie Kinder, die gerade wegen eines Streichs gescholten wurden.</p><p>�Steh auf�, sagte Ailyn zu ihm, als w�re es eine Kleinigkeit, unter einem ungewaschenen Trollfu� halb zerquetscht worden zu sein.</p><p>Groz und seine Kumpane machten der Elfe Platz, sodass Galar nun seine Gef�hrten sehen konnte. Bailin lag am Boden und spuckte Blut. Nyr hatte dessen Axt aufgehoben und sah aus, als wollte er jeden Augenblick �ber die Trolle herfallen. Glamir wirkte einfach nur verzweifelt. Einarmig und einbeinig war er nicht in der Lage, sich zu verteidigen. Und ganz offensichtlich war er zu dickk�pfig, um zu fl�chten.</p><p>Die Elfe bedachte Bailin mit einem forschenden Blick, dann schnippte sie mit den Fingern. �Auf mit dir! Du kannst noch laufen.�</p><p>Der Hauptmann zog die Nase hoch und spie blutigen Schleim. Es fiel ihm sichtlich schwer, auf die Beine zu kommen, aber mit verbissenem Gesicht k�mpfte er sich hoch.</p><p>�Aus welcher Gegend kommt ihr?�</p><p>�Eherne Hallen�, antwortete Glamir f�r sie alle.</p><p>Die Elfe hielt inne und sah sie der Reihe nach forschend an. Sie hatte ein schmales Gesicht, das nur aus geraden Linien zu bestehen schien. Es wirkte hart, wie aus Stein geschnitten. Und Galar hatte das beklemmende Gef�hl, dass ihr langes Leben jedes bisschen Mitgef�hl aus diesen Z�gen gemei�elt hatte. �Ich hatte mir Zwerge gew�nscht, die an ein raues Klima gew�hnt sind.�</p><p>�Sehen wir aus wie Weicheier?�, fragte Glamir erbost.</p><p>Der Anflug eines L�chelns spielte um die Lippen der Elfe. �Zumindest du siehst so aus, als w�rdest du dich weigern zu akzeptieren, dass du schon l�ngst tot sein solltest.�</p><p>�Du solltest mal diese verdammten Spinnen sehen. Bin der Einzige, der einen Kampf mit ihnen �berlebt hat.�</p><p>�Spinnen?� Eine Braue der Elfe stieg in die H�he.</p><p>Hatte sie leise geseufzt? Galar war sich nicht ganz sicher. Ailyn war ihm so sympathisch wie ein toter Fisch. Gerne h�tte er ihr von den verfluchten Smaragdspinnen erz�hlt, aber das w�re dumm. Die Elfen waren die Diener der Himmelsschlangen. Jedes Wort zu viel mochte sie auf die Spur des geheimnisvollen Metalls bringen, das sie unter Glamirs Turm abgebaut hatten. Sie durften auf keinen Fall von den Drachent�terpfeilen erfahren! Er warf seinem Gef�hrten einen eindringlichen Blick zu und sch�ttelte leicht den Kopf.</p><p>Doch Ailyn schien nicht weiter an den Spinnen interessiert zu sein. �Folgt mir! In diesen Lumpen werdet ihr dort, wo wir hingehen, keinen Tag �berleben.� Mit diesen Worten �ffnete sie die Pforte und trat hinaus. Ohne sich umzublicken, ob sie ihr folgten, ging sie die schlammige Stra�e entlang, an der Maultierkarawane vor�ber, deren Lasten noch immer von fluchenden Kobolden in eine der gro�en H�tten getragen wurden.</p><p>�Meinen Namen kennt ihr schon�, erkl�rte die Elfe, w�hrend sie ihnen voranschritt. �Ich f�hre den Befehl �ber eine Gruppe aus f�nfzig Trollen, f�nfzig Zwergen und etwa hundert Kobolden. Ihr habt das Pech, mir zugeteilt worden zu sein. Wir werden die erste Schlacht auf Nangog ausfechten.�</p><p>�Zusammen mit Trollen und etwa hundert Kobolden?�, fragte Galar ungl�ubig.</p><p>�Hundert oder hundertzwanzig�� Es ist Kobolden nicht gegeben, sich in ordentlichen Reihen aufzustellen.� Ailyn gab sich keine M�he, die Geringsch�tzung, die sie vor dem kleinen Volk empfand, zu verhehlen. �Schon mal Kobolden begegnet? Sie stehen nicht lange genug still, um hundert von ihnen durchz�hlen zu k�nnen. Und sie sind allesamt Betr�ger. Sie werden ganz sicher weniger Krieger schicken und versuchen, es zu verschleiern. Ich habe um Krieger aus dem Volk der Eisb�rte gebeten. Hoffentlich bekomme ich sie. Mit anderen wird nichts anzufangen sein.�</p><p>Galar tauschte einen kurzen Blick mit Glamir an seiner Seite. Der Schmied verdrehte die Augen. Auch er hatte offensichtlich schon von den Eisb�rten geh�rt. Der Koboldstamm lebte n�rdlich der Zwergensiedlung Ishaven. Vor einigen Jahren hatte es einen Krieg mit ihnen gegeben, weil sie auf die Idee gekommen waren, Aale in den unterirdischen Str�men zu entern, leckzuschlagen, sodass die Besatzungen ertranken, und dann die Tauchboote auszupl�ndern. Sie waren hartgesottene kleine Bastarde. Selbst heute galten die Routen nach Ishaven nicht als v�llig sicher. Nie waren alle Piraten gestellt worden.</p><p>Galar h�rte, wie auch Bailin und Nyr miteinander tuschelten. Kein Koboldvolk hatte unter Zwergen einen so schlechten Ruf wie die Eisb�rte. Es war eine Sache, bis aufs Blut miteinander Krieg zu f�hren, und eine ganz andere, wehrlose Zwerge in F�ssern ersaufen zu lassen. Galar konnte sich nicht vorstellen, wie Zwerge und Eisb�rte gemeinsam in die Schlacht ziehen sollten. Das war ja noch schlimmer, als mit Trollen ein Quartier zu teilen. Legten es die Elfen darauf an, dass dieser Feldzug in einer Katastrophe endete?</p><p>�Ich wei�, was ihr denkt�, sagte Ailyn ruhig. �Und dazu muss ich nicht einmal einen Zauber weben. Dort wo wir hingehen, werden wir entweder alle gemeinsam k�mpfen oder jeder f�r sich allein sterben. Das sind keine leeren Worte. �berlegt also besser schon einmal, ob alte Feindschaften es wert sind, ihnen euer Leben zu opfern.�</p><p>�Pathetisches Elfengeschw�tz�, murmelte Glamir. �Die kann mich mal mit ihrem schalen Gerede.�</p><p>Galar war sich ganz sicher, dass Ailyn ihn geh�rt hatte, auch wenn sie unbeirrt weiterging. Es lag ihm auf der Zunge, in das Gemaule einzustimmen, aber ausnahmsweise beherrschte er sich. Es w�re kl�ger, Ailyn ein wenig besser kennenzulernen und sich nicht sofort mit ihr anzulegen. Eisb�rte und Trolle waren ein Dreck gegen einen Feind wie sie. Sie war keine gew�hnliche Elfe, da war er sich ganz sicher, obwohl Galar erst zweimal in seinem Leben Elfen gesehen hatte.</p><p>Das erste Mal w�hrend einer Waffenmesse in der Tiefen Stadt und das zweite Mal, als seine Heimat von Elfen und Drachen zerst�rt worden war. Bei der Erinnerung daran ballte er unwillk�rlich die F�uste. �Ich glaube, dass Elfen l�gen, wenn sie nur das Maul aufrei�en�, platzte es dann doch wider besseres Wissen aus ihm heraus.</p><p>Seine Worte lasteten wie Blei auf der kleinen Gruppe, denn sie waren eine Kriegserkl�rung an die Elfe gewesen. Keiner sprach mehr, bis sie fast den Anfang der Ansammlung von neuen H�usern am Talgrund erreicht hatten. Vor ihnen lag eine lang gestreckte H�tte, die im Gegensatz zu allen anderen aus massiven Baumst�mmen gefertigt worden war. Zus�tzlich war das untere Drittel mit einer Bruchsteinmauer ummantelt. Vor der T�r standen unter einem Vordach zwei Elfen auf Wache. Sie trugen silbern gl�nzende, knielange Kettenhemden und st�tzten sich auf Speere mit schwertlangen Stichbl�ttern. Als sie Ailyn sahen, nahmen sie Haltung an. Einer von ihnen �ffnete die schwere, mit breiten Messingb�ndern verst�rkte Eichent�r. Galar hatte den Eindruck, dass Ailyn an diesem Tag nicht zum ersten Mal hierherkam. Als er die Wachen passierte, warf er einen kritischen Blick auf die Kettenhemden. Sie waren aus kleinen Ringen gefertigt, jeder einzelne genietet und mit sechs anderen Ringen verbunden. Das Kettenhemd war stark und w�rde den meisten Stichen standhalten. Er sah genauer hin. Runzelte die Stirn. Das war kein poliertes Eisen. Wie den meisten Albenkindern war es auch den Elfen unangenehm, Eisen zu ber�hren. Diese R�stungen waren aus Silberstahl gefertigt. Ebenso die beiden Helme mit den wei�en Federb�schen, die die Wachen trugen. Sie waren ein Verm�gen wert! Die Elfen machten ein Geheimnis daraus, wie sie diesen Stahl herstellten. Vermutlich gelang es allein durch Zauberei. Generationen von Zwergenschmieden hatten versucht, das Geheimnis des Silberstahls zu ergr�nden, und alle waren gescheitert.</p><p>�Glotz nicht so!� Glamir stie� ihn an und dr�ngte ihn weiterzugehen. �Dir fallen noch die Augen aus dem Kopf.�</p><p>�Aber hast du gesehen���</p><p>�Was? Dass diese verdammten Elfen Angeber sind? Protzerei mit Reichtum beeindruckt mich nicht im Geringsten!�, sagte Glamir, und doch entging Galar nicht, dass auch sein Gef�hrte im Vor�bergehen die R�stungen der beiden Wachen eingehend gemustert hatte.</p><p>Das Innere der H�tte war von Dutzenden �llampen blendend hell erleuchtet. Es roch intensiv nach Waffenfett, und der unverwechselbare Geruch gl�henden Metalls hing in der Luft. �berw�ltigt sah Galar sich um. Die Kettenhemden der Wachen waren ein Schei�dreck im Vergleich zu dem, was hier lagerte: Hunderte von �xten und Schwertern hingen in Gestellen entlang der W�nde. Speere in den unterschiedlichsten L�ngen waren mit Lederriemen zu B�ndeln verschn�rt. Mitten im Gang standen drei Speerschleudern, die ihrer Drachenflitsche nicht un�hnlich waren. Seitlich der Gesch�tze hingen Trageriemen herab. Sollten Trolle die Speerschleudern ins Gefecht schleppen? Nyr war sofort bei den Gesch�tzen und musterte sie kritisch.</p><p>�Du kennst dich damit aus?�, fragte Ailyn neugierig.</p><p>�Jeder Zwerg kennt solche Gesch�tze�, mischte sich Galar ein, bevor seinem Freund etwas Verr�terisches herausrutschen konnte. �Wir nutzen sie zur Verteidigung unserer St�dte.�</p><p>�Und du sprichst gerne f�r andere�, stellte Ailyn n�chtern fest. Sie sah ihn auf eine Art an, dass ihm ganz mulmig wurde. Sie ahnte etwas, da war er sich sicher. Er war es, der Mist gebaut hatte. Wahrscheinlich h�tte sich Nyr auch gut alleine aus der Aff�re gezogen.</p><p>�Mich interessiert nicht, wer ihr seid. Was mich angeht, ist euer fr�heres Leben ausgel�scht. Ihr seid von heute an meine Krieger. Ich erwarte, dass ihr meinen Befehlen gehorcht. Das ist alles.�</p><p>�Auch wenn die Befehle dumm sind?� Glamir grinste sie frech an. �Woher sollen wir wissen, was du als Anf�hrerin taugst.�</p><p>Ihre Lippen wurden schmal. Ihr Mund sah jetzt aus wie ein Schnitt durch ihr Gesicht. �Als Krieger ist es nur eure Aufgabe, zu gehorchen, zu k�mpfen und zu t�ten, wann immer ich es befehle. Das Denken �bernehme ich.�</p><p>�Du siehst auch nicht aus, als ob du k�mpfen w�rdest�, setzte Glamir nach. �So klein und zart. Du tr�gst ja nicht einmal eine Waffe. Ich glaube gern, dass du den anderen die Blutarbeit �berl�sst, wenn es so weit ist. Und du wirst dich sch�n aus der Gefahr halten, wie Elfen es immer tun.�</p><p>�Ich beginne die Spinnen zu verstehen, denen du begegnet bist.� Sie bedachte Glamir mit einem L�cheln, das Galar das Blut in den Adern gefrieren lie�. �Mach nur so weiter, und du wirst dir sehr schnell w�nschen, du h�ttest nur ein paar Spinnen ver�rgert.� Mit weit ausholender Geste wies sie auf die Waffen ringsherum. �Sucht euch aus, was immer ihr braucht. Deckt euch mit allem ein. Ihr werdet nur ein einziges Mal hierherkommen. Und wenn ihr fertig seid, dann geht ins Nachbarhaus. Am besten verbrennt ihr dort die Lumpen, die ihr am Leib tragt. Nehmt warme Kleidung mit. Der Ort, an den wir gehen werden, ist so kalt, dass dort selbst Trolle frieren.� Mit diesen Worten verlie� Ailyn das Waffenlager.</p><p>�Da l�uft sie weg�, murmelte Glamir. �Das kann ja was werden, wenn wir erst mal richtig in der Schei�e stecken. Aber sich hier bedienen zu k�nnen��� Er sah sich mit weiten Augen um. Dann stie� er einen tiefen Seufzer aus. �Ich wei� nicht, warum sie mich verdammten Kr�ppel ausgesucht haben. Ich bin genauso ein Maulheld wie diese Elfe. Ich kann nicht mal mehr eine Waffe halten. Selbst ein Koboldkind kann mich mit einem Tritt gegen meine Kr�cke von meinem letzten Bein holen.� Sehns�chtig glitt sein Blick �ber all die �xte. �Das ist wie einen Eunuchen ins Bordell zu schicken!�</p><p>�Ich bin mir sicher, sie hat dich wegen des Zorns, den du in deinem Herzen tr�gst, in ihrer Schar behalten.� Zwischen den Regalen trat ein hochgewachsener Elf hervor. Er trug eine altersdunkle Ledersch�rze und darunter ein Gewand, das Galar frappierend an ein �rmelloses Kleid erinnerte.</p><p>�Was bist du denn f�r ein Schleicher?�, giftete Glamir ihn an. �Hat man dir nicht beigebracht, dass es unh�flich ist, andere zu belauschen? Was stellst du �berhaupt dar? Bist du ein Mann oder noch so ein verdammtes Elfenweib.�</p><p>Auch wenn der Fremde bartlos war und fein geschnittene Z�ge hatte, besa� er in Galars Augen nichts Weibisches.</p><p>�Ich entschuldige mich f�r meinen Kameraden�, erkl�rte Bailin, dem Glamirs Auftreten sichtlich peinlich war.</p><p>�Nicht doch.� Der wei�haarige Elf l�chelte verst�ndnisvoll. �Ich bin lautlos aus dem Nichts aufgetaucht. Ich sollte mich entschuldigen. Es war nicht meine Absicht, mich anzuschleichen. Es ist einfach die Art der Elfen, leise zu sein. Ich h�tte bedenken m�ssen, dass das unschicklich ist, und euch fr�her auf mich aufmerksam machen sollen. Dir fehlt ein Auge, zorniger Zwerg, und ich bin aus dem toten Winkel pl�tzlich in dein Gesichtsfeld getreten. Das ist unverzeihlich.� Damit verbeugte sich der Elf, und Galar hatte den Eindruck, dass er es wirklich ernst meinte. Innerlich seufzte er auf. Das war das Letzte, was Glamir brauchte. Mitleid wegen seiner verst�mmelten Glieder trieb ihn zur Wei�glut.</p><p>�Wenn du denkst, ich h�tte was mit den Ohren und ich h�tte dich nicht hier herumschleichen h�ren���, polterte Glamir auch schon los.</p><p>�Was ich denke, Zwerg, ist, dass du eine Waffe brauchst, die f�r dich ma�gefertigt ist. Dann wird sich deine Laune verbessern. Ailyn ist niemand, der sehr duldsam ist. Reize sie besser nicht noch mehr.�</p><p>Glamir spuckte auf den Boden. �Willst du einen Kr�ppel verschei�ern?� Er lachte bitter. �Endlich mal ein Elf nach meinem Geschmack, der sich einen Dreck um geheuchelte Schei�h�flichkeit schert. Und nur falls mir entgangen sein sollte, dass du blind bist: Mir fehlen ein Arm, ein Bein und ein Auge. Es gibt keine Waffe auf dieser Welt, die ich sinnvoll einsetzen k�nnte. Diese Zeiten sind vorbei f�r mich.�</p><p>�Ich dachte an eine Armbrust mit einem ausklappbaren St�tzbein und einem speziellen ma�geschneiderten Kolben. Dazu ein Magazin mit Bolzen, damit du nicht die Geschosse auf die F�hrungsschiene legen musst.�</p><p>Glamir wirkte einen Augenblick lang verdutzt, dann sch�ttelte er den Kopf. �Netter Versuch. Aber wie sollte ich die Armbrust spannen?� Er hob resignierend den Stumpf, der von seinem Arm �brig geblieben war. �Das hier taugt zu nichts mehr. Ich werde nie mehr etwas tun, wof�r man zwei H�nde braucht.�</p><p>�Ich dachte an einen Fu� am unteren Ende der Armbrust und eine seitlich angebrachte Kurbel, die es dir erlaubt, den Bogen zu spannen.�</p><p>Glamir runzelte die Stirn. �Reichlich kompliziert, aber es k�nnte klappen.� Dann schnitt er eine Grimasse. �Nur wird die Zeit, bis wir abr�cken, nicht mehr reichen, um die Waffe zu bauen.�</p><p>�Vielleicht k�nntet ihr mir ja helfen. Steckt nicht in jedem Zwerg ein Schmied?�</p><p>�Vor dir stehen sogar zwei Schmiede�, entgegnete Glamir und nickte in Galars Richtung. �Wenn wir deine Werkstatt benutzen d�rften���</p><p>Der Elf wies mit einladender Geste in den hinteren Teil der H�tte. �Willkommen in meinem <emphasis>Reich</emphasis>. �brigens hei�e ich Gobhayn.�</p><p>�Gobhayn?� Bailin hatte sich von den Regalen mit den Waffen abgewandt und sah den Schmied ungl�ubig an. �<emphasis>Der</emphasis> Gobhayn?�</p><p>�Du hast dein Handwerk bei den Himmelsschlangen gelernt, hei�t es�, sagte nun Galar und sah den Elfen mit gemischten Gef�hlen an. Der Schmied war eine lebende Legende. Aber er hatte sich auch ganz und gar den G�tterdrachen verschworen, die die Tiefe Stadt zerst�rt hatten. �Du hast mit ihnen zusammen die verwunschenen Klingen der Drachenelfen erschaffen.�</p><p>�Nur einige der Schwerter, nicht alle.�</p><p>�Und du willst f�r mich eine Armbrust fertigen?� Glamir dr�ngte sich dicht vor den Elfen. �Das w�rdest du wirklich tun?�</p><p>�Ich habe es dir versprochen, und ich stehe zu meinem Wort.�</p><p>Glamir streckte seine verbliebene Hand vor. �Schlag ein!�</p><p>Gobhayn ergriff die Hand und dr�ckte sie. �Machen wir uns ans Werk.�</p><p>Galar gefiel das nicht. Es war nicht gut, jemandem, der ein Vertrauter der Himmelsschlangen war, so nahe zu kommen! Eigentlich h�tten sie sich auch vorstellen m�ssen, nachdem Gobhayn seinen Namen genannt hatte. Die H�flichkeit h�tte es geboten. Dass sie es nicht getan hatten, w�rde dem Elfenschmied zu denken geben, auch wenn er mit keinem Wort auf das Vers�umnis eingegangen war.</p><p>�Ist der Bogen dieser Speerschleuder aus Silberstahl?�, fragte Nyr, der die ganze Zeit �ber bei den Gesch�tzen stehen geblieben war.</p><p>Der Elf bejahte es.</p><p>�Dann muss die Speerschleuder ein Verm�gen wert sein.�</p><p>�Sie ist einfach nur eine sch�n gefertigte Waffe, genauso wie die R�stungen, Schwerter und �xte, die dort weiter vorne nah dem Schmiedefeuer h�ngen. Ich hatte �berlegt, die Holzteile mit Intarsien oder zumindest mit Schnitzwerk zu versehen. Auch wenn es ein Instrument zum T�ten ist, darf es doch eine gewisse Sch�nheit besitzen. Meist wird es nur betrachtet und nicht benutzt werden.� Er seufzte. �Aber die Himmelsschlangen wollen zu viele Waffen. Die Sch�nheit ist das erste Opfer des Krieges, der aufzieht.�</p><p>Die vier Zwerge folgten dem Elfenschmied in den hinteren Teil des Langhauses. Dort befanden sich eine gro�e Feuerstelle, in der nur noch dunkle Glut glomm, verschiedene Ambosse, Wasserbecken, Blaseb�lge und Dutzende Zangen und H�mmer. Nichts fehlte in der Werkstatt des Elfen. Alles war von bester Qualit�t. Mit Befremden sah Galar, dass Gobhayn sogar seine Werkzeuge geschm�ckt hatte. Die H�mmer waren an den Seitenfl�chen ziseliert oder zeigten eine seltsame Form. Die h�lzernen Griffe der Zangen waren mit Ranken und Bl�ten aus Perlmutt verziert.</p><p>�Wir k�nnen uns wirklich nehmen, was wir wollen?� Bailin hatte einen pr�chtigen Helm von einem Haken an der Wand gehoben. Der Helmkamm war wie ein gestreckter Schwanenleib gefertigt, dessen Kopf den Nasenschutz bildete und dessen Fl�gel die Wangenklappen des Helms bildeten.</p><p>�Ihr habt die freie Wahl�, erkl�rte Gobhayn leichthin.</p><p>�Wenn du den tr�gst, h�lt dich jeder f�r einen Anf�hrer�, gab Galar zu bedenken. �Dann werden sich die Menschenkinder besondere M�he geben, dich umzubringen.�</p><p>�Nicht vor den Menschenkindern m�sst ihr euch h�ten. Seid lieber vorsichtiger im Umgang mit Ailyn. Sie ist wie die Glut in der Esse.� Mit diesen Worten dr�ckte Gobhayn den Hebel des Blasebalgs neben dem Feuer nieder. Zischend fuhr die Luft in die Holzkohle, und binnen eines Augenblicks tanzten �ber der Glut wieder helle Flammen. �Sie wirkt sehr ruhig, doch das t�uscht. Eine Kleinigkeit mag gen�gen, und ihr Temperament geht mit ihr durch. Ich wei�, dass sie einige Sch�ler der Wei�en Halle w�hrend der Fechtstunden halb totgepr�gelt hat.�</p><p>�Wir sind keine versch�chterten Sch�ler�, erkl�rte Glamir grinsend. �Sie mag anderthalb K�pfe gr��er sein als ich, aber selbst als ein Kr�ppel mit fehlenden Gliedern bringe ich mehr Kampfgewicht auf die Waage. Dieses zierliche Elfchen wird mich nicht umhauen.�</p><p>�Hattest du dir nicht eben noch Sorgen gemacht, dass selbst ein Koboldkind dich zu Boden bringen k�nnte?�, fragte Gobhayn. Dann wurde er ernst. �Untersch�tzt sie nicht. Ich erz�hl euch jetzt eine Geschichte �ber sie, und ich hoffe, ihr �berdenkt dann noch einmal euren Umgang mit ihr. Vor ein paar Jahren hat eine junge Elfe den einzigen Sohn des Trollk�nigs Bromgar ermordet. Daraufhin hat Bromgar all seine Krieger und J�ger aufgeboten, um die M�rderin zu Tode zu hetzen. Auch die Himmelsschlangen wurden auf die Ereignisse aufmerksam, und sie entschieden, dass aus der M�rderin eine Drachenelfe werden solle. Sie schickten den Meister Gonvalon und die Meisterin Ailyn, um die junge Elfe zu retten. Dabei wurde Ailyns Pegasus get�tet, und sie blieb allein inmitten einer Schar von Trollen zur�ck. Wie ihr sehen konntet, hat sie das nicht umgebracht. Die Trolle behandeln sie seither mit gr��tem Respekt. Es hei�t, sie habe mit blo�en H�nden mehr als ein Dutzend ihrer Krieger get�tet.�</p><p>Einen Moment war nur das leise Knistern der Holzkohle in der Esse zu h�ren. �Werden solche Geschichten nicht immer gr��er mit den Jahren?�, fragte Glamir, und er klang dabei ganz und gar nicht mehr �berheblich.</p><p>�Ihr habt Ailyn gesehen. Die Himmelsschlangen haben sie zu einer Meisterin des Todes gemacht. Habt sie an eurer Seite, und ihr seid fast unbesiegbar. Macht sie euch zur Feindin, und ihr habt euch euer Grab ausgehoben.�</p></section><section><title><p>Aus dem Tagebuch des Hartapu</p></title><p><emphasis>6. Tag nach dem Abflug von Wanu</emphasis></p><p>Wir wagen es kaum noch, das Heiligtum unter dem Schiffsbaum zu verlassen. Gestern Nacht erschien einer der Sturmgeister, der sich des K�rpers des ungl�ckseligen Sangan bem�chtigt hat, um uns allen mit einem schrecklichen Tod zu drohen. Nicht einmal die klugen und mutigen Worte Barnabas vermochten uns danach wieder aufzurichten. Unser bevorstehender Untergang ist zu offensichtlich.</p><p><emphasis>8. Tag nach dem Abflug von Wanu</emphasis></p><p>Heute kurz an Deck gewesen. Die Tage w�hren nur noch drei Stunden. Der Rest ist Dunkelheit. Wir fliegen in die ewige Nacht. Habe lange an der Reling gestanden und �berlegt zu springen. Manchmal ist ein schnelles Ende besser. Auch der Wolkensammler stirbt. �berall auf dem Deck lagen St�cke erfrorener Tentakel, die der Sturmwind abgerissen hat.</p><p><emphasis>9. Tag nach dem Abflug von Wanu</emphasis></p><p>Der Sturm hat nachgelassen. Die ganze Welt ist Licht! Ich habe so etwas noch nie gesehen. Die Sonne steht tief �ber dem Horizont. Das endlose Wei� der Eisebene erstrahlt so hell, dass ich kaum ein paar Herzschl�ge hinsehen konnte. Das Licht kommt �berallhin. Selbst ins Heiligtum hat es durch verborgene Ritzen gefunden. Es ist immer noch t�dlich kalt. Unser eigener Atem zaubert uns Eisb�rte, wenn wir an Deck sind. Ich glaube, das Licht ist auch bis in unsere Herzen gedrungen. Barnaba hat eine ergreifende Rede an Deck gehalten. Das Schlimmste ist �berstanden. Wir k�nnen es schaffen!</p><p><emphasis>10. Tag nach dem Abflug von Wanu</emphasis></p><p>Etwas mehr als drei Stunden w�hrt der Tag. Dann kommt die Dunkelheit. Trotz der K�lte war ich die ganze Zeit an Deck. Kolja hat uns Lederbinden f�r die Augen gemacht, in denen nur schmale Sehschlitze sind. So blendet das glei�ende Licht weniger. Wie kann die Welt so sch�n und zugleich so t�dlich sein? Im Licht zu stehen gibt uns allen neue Hoffnung. Die Abendd�mmerung ist ein blutiges Spektakel. Die meisten scheuen davor zur�ck und fl�chten sich ins Heiligtum. Ich war bis zuletzt drau�en. Ich ertrage dieses stickige Gef�ngnis nicht mehr. Habe �berlegt, an Deck zu bleiben und auf die Sturmgeister zu warten. Heute qu�lt uns kein scharfer Wind. Vielleicht k�nnen sie ohne den Wind ja nicht kommen?</p><p><emphasis>11. Tag nach dem Abflug von Wanu</emphasis></p><p>Bin gestern an Deck geblieben. Es blieb windstill. Habe beobachtet, wie der tote Sangan den mittleren Mast steuerbord herabgekrochen kam. Er bewegt sich nicht mehr wie ein Mensch. Seltsam ruckartig. Bin ins Heiligtum geflohen, bevor er das Deck erreichte. Heute hat uns Nangog wieder drei Stunden Sonnenschein vor wolkenlosem Himmel geschenkt. Habe im Abendlicht etwas Seltsames gesehen. Am Horizont stand ein roter Turm. So erschien es mir zumindest, auch wenn mein Verstand sich weigert zu glauben, dass es Gesch�pfe gibt, die hier im ewigen Eis �berleben k�nnten. Wagte es nicht l�nger, an Deck zu bleiben. Hatte Angst, dass Sangan mir den R�ckweg zum Heiligtum abschneiden k�nnte. Bin gemeinsam mit Kolja zum Heiligtum hinabgestiegen. Unser Schiff h�lt Kurs auf den Turm.</p><cite><text-author>Zitiert nach: Hartapus Tagebuch</text-author><text-author>Verfasser: Hartapu, verwahrt in der Bibliothek von Iskendria, Saal f�r obskure Schriften, Regal CCCXXII, Brett XII, Truhe III.</text-author><text-author>Anmerkung: Das Schriftst�ck wurde in den eisverkrusteten, h�lzernen �berresten eines Bauwerks unklarer Funktion gefunden (ein Wolkenschiff?). Das Dokument endet mit der Eintragung �ber die Entdeckung des Roten Turms.</text-author></cite></section><section><title><p>Der Rote Turm</p></title><p>Dieser verdammte Schreiberling machte sie alle ganz verr�ckt mit seinem Geschw�tz �ber den Roten Turm. Die ganze Mannschaft fand keine Ruhe.</p><p>Kolja hatte seine Decke zusammengerollt und benutzte sie als Kopfkissen. Die K�lte war f�r ihn weniger schlimm als f�r die anderen. Aus Drusna war er eisige Winter gew�hnt. Nur tief in seinen Knochen sp�rte er einen unstet flackernden Schmerz. Er peinigte eher seine Seele als seinen K�rper. Der Schmerz erinnerte ihn daran, dass die Tage seiner Jugend vor�ber waren. Bald schon w�rde er den Preis f�r all die Feldz�ge, die N�chte im Freien, die Wunden und Entbehrungen der letzten Jahre zahlen m�ssen. Die Gicht begann sich in seinen Knochen einzunisten.</p><p>Morgens, wenn er erwachte, waren seine Glieder steif und wehrten sich dagegen, gekr�mmt zu werden. Als Erstes ballte er immer seine Faust. Manchmal knackten seine Gelenke dann laut. Kolja lauschte auf das Getuschel der Wolkenschiffer �ber den Roten Turm und l�chelte grimmig. Wenn er Gl�ck hatte, wurde er nicht mehr alt genug, um ein grantiger, von der Gicht gekr�mmter Kr�ppel zu sein. Diese Reise stand unter keinem guten Stern. Keiner von ihnen w�rde zur�ckkehren.</p><p>Den anderen gegen�ber w�rde er das nicht sagen. Er w�rde bis zuletzt die Fahne hochhalten, aber es war un�bersehbar, dass ihr Wolkensammler starb. Und wie sollten sie ohne ihn Hunderte Meilen Eisw�ste durchqueren?</p><p>Barnabas Traum w�rde f�r sie alle mit einem t�dlichen Erwachen enden. Der Drusnier schloss die Augen und dachte an seine Erfolge als Faustk�mpfer, an den Jubel in den Arenen, als er noch ein h�bscher, blonder J�ngling gewesen war, dem die Herzen der Frauen zugeflogen waren. Die Seidene begleitete ihn in seine Tr�ume. H�tte sie ihn so gekannt, dann h�tte sie sich vielleicht in ihn verliebt. Er lachte leise, schon halb im Schlaf. Das war t�richt, Kurtisanen verliebten sich nicht. Liebe war f�r sie nur ein Gesch�ft. Bestimmt hatte sie sich schon an Tarkon Eisenzunge herangemacht. Nie zuvor war Kolja einer Frau begegnet, die sich so gut darauf verstanden hatte, die Herzen der M�chtigen zu gewinnen. Was g�be er daf�r, noch einmal in ihren Armen zu liegen? Vielleicht liebte sie ihn ja in seinen Tr�umen?</p><p>Ein pl�tzlicher Ruck riss Kolja aus dem Halbschlaf. Barnaba eilte an seine Seite. M�de blinzelnd registrierte der Drusnier, dass alle in der stickigen Kammer ihn und den Priester anstarrten.</p><p>�Wie es scheint, haben wir angelegt�, erkl�rte der Priester. Dann senkte er die Stimme. �Am Roten Turm.�</p><p>Der Drusnier blickte zu den Feuerschalen am einzigen Zugang zum Heiligtum. Die Flammen reichten fast einen Schritt hoch und lie�en sie in der Kammer fast ersticken.</p><p>�Wir k�nnen nichts tun�, erkl�rte Kolja schl�frig. �Jetzt hinauszugehen w�re Selbstmord. Wir m�ssen warten, bis es hell wird. Sorgt daf�r, dass die Feuer nicht verl�schen.� Mit diesen Worten drehte er sich um. Barnaba sagte nichts mehr zum Roten Turm. Auch er schien nichts �ber dieses r�tselhafte Bauwerk, das nur Hartapu gesehen hatte, zu wissen. Wie konnte das sein? Er war doch ein Vertrauter der Schlafenden G�ttin.</p><p>Als Kolja mit Hartapu an Deck gewesen war, hatte er den Turm nicht ausmachen k�nnen. Allerdings musste das nichts hei�en. Der junge Luwier hatte gewiss bessere Augen. So aufgeregt, wie er gewesen war, hatte er ganz gewiss etwas gesehen. Doch dieses Geheimnis w�rde sich erst erschlie�en, wenn die Sonne wieder ihr Haupt erhob. Vorher hinauszugehen war reiner Selbstmord.</p><p>Kolja schob die Gedanken an den n�chsten Tag zur Seite. Sich jetzt zu sorgen war m��ig. Ihnen blieb nichts weiter �brig, als zu warten. Er dachte an die Seidene, an ihre zarte Haut, ihr langes, schwarzes Haar, das sie wie ein durchscheinendes Gewand aus gesponnener Nacht umgeben hatte. K�nnte er sie nur in seinen Tr�umen treffen��</p><p>�Kolja!� Jemand r�ttelte unsanft an seiner Schulter. �Kolja!�</p><p>�rgerlich ballte der Drusnier seine Faust. Die Fingerglieder schmerzten. Er hatte auch Kopfschmerzen. Die Luft im Heiligtum war von �ligem Rauch ges�ttigt. Widerwillig schlug er die Augen auf. Barnaba beugte sich �ber ihn. �Der Morgen kommt. Wir m�ssen hinausgehen, und ich will dich an meiner Seite haben.�</p><p>Bei diesen Worten verflogen endg�ltig die letzten Erinnerungen an Zarah. Kolja setzte sich auf. Sein Kopf f�hlte sich an, als h�tte ihm jemand einen Dolch durchs Auge gesto�en, um mit der Spitze an der Innenseite seines Sch�dels zu kratzen. Ein pelziger Geschmack lag ihm auf der Zunge. Er tastete nach dem Weinschlauch neben seinem Lager, zog mit den Z�hnen den Korken und trank einen kleinen Schluck, den er durch den Mund kreisen lie�, um den widerw�rtigen Geschmack des Morgens zu vertreiben. Wie es wohl war, einen solchen Mund leidenschaftlich zu k�ssen, dachte er, und ein Schmunzeln huschte �ber seine Lippen. Zarah hatte sich niemals etwas anmerken lassen. Sie war wirklich gut gewesen. Wer ihre Gunst genoss, dem fiel es leicht zu glauben, er sei der Einzige, den sie wirklich liebte. Er hatte nie eine andere Hure getroffen, die ihm das so vollkommen vorgespielt hatte. Dann erinnerte sich Kolja daran, wie oft sie gestritten hatten. Er spuckte den Wein aus. Letzten Endes war immer klar gewesen, wie es zwischen ihnen stand. Leider.</p><p>Er streckte sich und sah den Priester an. Wie allen M�nnern an Bord war ihm ein dichter Bart gewachsen. Barnabas Augen waren rot entz�ndet. Wahrscheinlich hatte er die ganze Nacht nicht geschlafen. Das war schlecht. Unausgeschlafene M�nner neigten dazu, unkluge Entscheidungen zu treffen.</p><p>�Also gut, gehen wir.� Mit einem Seufzer kam der Drusnier auf die Beine und federte in den Knien. Seine Gelenke knackten h�rbar. Mit einer Drehung lie� er die Klinge aus seiner Prothese schnellen. Barnaba wich erschrocken zur�ck.</p><p>�Keine Sorge. Wollte nur sehen, ob sie noch gut gefettet ist. W�re ziemlich dumm, wenn ich sie brauche und sie im Leder festklemmt.� Mit diesen Worten hob er seinen Waffengurt auf und schnallte ihn um, was mit nur noch einer Hand von einer allt�glichen zu einer l�stigen Angelegenheit geworden war.</p><p>�Wer kommt mit nach drau�en?�, fragte er grinsend in die Runde. Alle Wolkenschiffer wichen seinem Blick aus. Verdammte Bande von Feiglingen! Nur Nabor, der alte Lotse mit seinem �ffchen auf der Schulter, stand bereits bei den Feuerschalen neben der T�r. Der und der Priester waren die Einzigen mit Mumm in den Knochen!</p><p>Kolja warf sich seinen schweren Umhang aus B�renfell um die Schultern und hakte die schwere, goldene Schlie�e unter dem Kinn ein. Hoffentlich war die K�lte der einzige Feind, der sie drau�en erwartete. Dann sprang er �ber die beiden Feuerschalen und atmete tief durch. Wenn da drau�en ein Turm war, dann gab es auch eine Turmbesatzung. Er legte die Hand auf den Sperrriegel an der massiven T�r, die das Heiligtum sch�tzte, zog ihn mit einem Ruck zur�ck und riss die T�r auf.</p><p>Rotes Morgenlicht blendete ihn. Ein frischer Wind blies ihm ins Gesicht. Kolja trat hinaus auf das Deck. Hinter sich h�rte er Barnaba und Nabor. Das Wolkenschiff war an einem turmgro�en Pfeiler vor Anker gegangen. Die letzten nicht erfrorenen Tentakel von <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> hatten sich um den Monolithen geschlungen und hielten das Schiff vert�ut. Sie sollten es schnell mit weiteren Seilen sichern.</p><p>�berall auf dem mit Eis verkrusteten Deck lagen verkr�mmte, gefrorene Tentakelst�cke. Manche so d�nn wie ein Finger, andere m�chtiger als sein Oberschenkel. Der Frost hatte sie fest mit dem Deck verwachsen lassen. Wenn die Tentakel erfroren, wurden sie br�chig wie spr�des Glas. Dem durften sie nicht die Sicherheit des Schiffes anvertrauen! Er wandte sich zu Nabor. �Wir brauchen die Mannschaft an Deck. Sorg daf�r, dass wir ordentlich vert�ut werden. Der n�chste Sturmwind kann uns wieder losrei�en, und ich glaube nicht, dass <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> die Kraft hat, noch einmal hierher zur�ckzukehren.�</p><p>�Die hat er ganz sicher nicht�, sagte der Lotse betr�bt. �Er stirbt. Ich konnte gestern Nacht sp�ren, wie gl�cklich er war, dass er es bis hierher geschafft hat. Wir werden keine R�ckreise mehr erleben. Wir werden���</p><p>�Schweig!�, unterbrach ihn Barnaba. �Sag das nie wieder! Die Gro�e G�ttin h�lt ihre sch�tzende Hand �ber uns. Wir finden einen Weg zur�ck. Ich wei� es! Nimm der Mannschaft nicht den Glauben daran.�</p><p>Nabor nickte, aber Kolja bemerkte, wie der kleine Affe auf Nabors Schulter Barnaba durchdringend ansah, fast als w�re er dem Prediger b�se, weil er sich gegen seinen Herrn im Ton vergriffen hatte. Gabott war Kolja unheimlich. Er war sich ganz sicher gewesen, dass der kleine Affe w�hrend der Gewitternacht in der Lotsenkanzel gestorben war. Er hatte ihn erzittern sehen, als die Schattenhand ihn ber�hrt hatte. Hatte gesehen, wie er unter dem Schatten leblos in sich zusammengesunken war. Oder konnten Affen etwa ohnm�chtig werden? Seither hatte das kleine Biest etwas Heimt�ckisches an sich: Er blickte verschlagen, bewegte sich ungelenk, und was das Auff�lligste war, die K�lte schien ihm nichts mehr auszumachen.</p><p>Der Prediger deutete auf den Pfeiler, an dem ihr Wolkenschiff vert�ut lag. �Lasst uns zum Roten Turm gehen. Das Abendrot auf dem spiegelnden Eis muss ihm gestern seine Farbe gegeben haben.� Mit diesen Worten �berquerte er das Deck und ging zur Reling.</p><p>Kolja betrachtete den <emphasis>Turm,</emphasis> der jetzt blassrosa aussah. Die Farbe des Morgenlichts. Ganz offensichtlich hatte Barnaba recht. Er kniff die Augen zusammen�� da war noch etwas, ein Stich ins Gr�nliche�� Ein Schrei riss den Drusnier aus seiner Betrachtung. Barnaba gestikulierte wild mit den Armen und deutete in die Tiefe.</p><p>�Wir haben es! Das ist es! Wir sind endlich da!�</p><p>Gemeinsam mit Nabor eilte Kolja an die Seite des Predigers. Unter ihnen lag keine verschneite Ebene mehr. Vielmehr g�hnte dort ein bodenloser Abgrund, der sich im Dunkel verlor. Er war bei Weitem nicht so riesig wie der Weltenschlund bei der Goldenen Stadt und ma� etwa drei Meilen im Durchmesser. Vielleicht auch weniger. In dieser Landschaft ohne B�ume oder andere klare Gel�ndemerkmale, �berstrahlt von immer heller werdendem Licht, war es schwer, Entfernungen zu sch�tzen.</p><p>Die Felsnadel, an der sie vor Anker gegangen waren, erhob sich direkt am Rand des Kraters. Ihr gro�es Schiff ragte ein St�ck �ber den Abgrund hinaus, sodass sie einen guten Blick auf dieses riesige Loch am Ende der Welt hatten. Die Innenw�nde des Kraters bestanden aus grauem Fels, der von Schnee und Eis �berkrustet war. Das Gestein war zerfurcht. Es gab Hunderte von kleinen H�hlen und Nischen.</p><p>Kolja fragte sich, ob es eine Laune der Natur war oder ob andere M�chte diese H�hlungen erschaffen hatten. Mit zusammengekniffenen Augen versuchte er ein Muster in der Anordnung der H�hlen zu erkennen oder eine Bewegung in den dunklen �ffnungen. Aber da war nichts, das sein Misstrauen untermauert h�tte.</p><p>�Wir m�ssen in diese H�hlen�, erkl�rte Barnaba vollmundig. �Dort werden wir das Traumeis finden.�</p><p>Kolja zog sich der Magen zusammen. Er hatte kein gutes Gef�hl dabei.</p><p>�Wie sollen wir dort hinunter?�, fragte Nabor. �Kein Mensch kommt diese Steilw�nde hinab.�</p><p>�Wir bringen eine Seilwinde an den seitlichen Masten an. Ich lasse mich dann abseilen�, sagte Kolja.</p><p>Der Lotse sch�ttelte den Kopf. �Das ist keine gute Idee. Wir sind nur an einem einzigen Ankerpunkt vert�ut. Das Schiff wird herumschwingen, wenn Wind aufkommt, und wer immer am Seil h�ngt, wird an der Felswand zerschmettert werden.�</p><p>�Dann finde einen zweiten Ankerpunkt! Ich habe dir schon gesagt, du sollst die Mannschaft holen und das Schiff vert�uen!�, zischte Kolja. Er wollte diese verfluchte Suche so schnell wie m�glich zu einem Ende bringen. Allein die G�tter wussten, wie viele Tage sich <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> noch in der Luft halten konnte. Sie mussten nach dieser verfluchten Traumeissuche so weit wie m�glich nach S�den kommen, bevor er starb. Dann w�rden sie mit ein wenig Gl�ck vielleicht Wanu erreichen k�nnen. �Beeil dich, Lotse. Wir haben weniger als drei Stunden Zeit, bis es wieder finster ist. Ich werde mich als Erster abseilen.�</p></section><section><title><p>Der Beifall der Arena</p></title><p>Sich als Einarmiger darauf einzulassen, an einem Seil �ber einem bodenlosen Abgrund zu h�ngen, war keine gute Idee gewesen. Kolja sp�rte, wie ihm trotz der eisigen K�lte der Schwei� den R�cken hinabrann. Das verdammte Seil pendelte so stark hin und her, dass er bei jedem Ausschlag mit den F��en an die Wand stie�.</p><p>Von oben wurde Seil nachgelassen. Er klammerte sich an der Schlinge fest, die er in das Tau gekn�pft hatte. Der Hanf, aus dem das Seil gedreht war, war ganz spr�de vom Frost.</p><p>Kolja versuchte, nicht nach unten zu blicken. Wieder ging es mit einem Ruck ein St�ck tiefer. Irgendwo �ber ihm hallten die dumpfen Schl�ge schwerer H�mmer. Nabor war mit einem Dutzend Wolkenschiffer drau�en auf der Ebene. Sie schlugen Holzpfl�cke ins Eis, um den Wolkensammler und das Schiff mit weiteren, drahtverst�rkten Seilen zu sichern. Es war eher eine Geste der Verzweiflung als eine Hilfe. Ebenso gut h�tte man versuchen k�nnen, ein Wildpferd mit einem Wollfaden anzuleinen. Wenn eine heftige B� den Wolkensammler packte, w�rde er an dem riesigen Eispfeiler herumschwingen. Die d�nnen Seile h�tten dem Gewicht der Kreatur so gut wie nichts entgegenzusetzen.</p><p>Er sollte weniger nachdenken, schalt sich Kolja. Vor allem nicht �ber Dinge, an denen er ohnehin nichts �ndern konnte. Nun blickte er doch nach unten; an der Wand unter ihm, nur ein kleines St�ck unter seinen klobigen, mit Schaffell gef�tterten Stiefeln, gab es eine �ffnung im Fels. Dort w�rde er mit seiner Suche beginnen! Er stie� sich von der Steilwand ab und federte hinaus ins Leere. Wieder wurde oben ein St�ck Seil nachgelassen. Als er zur�ck zum Felsen schwang, war er auf H�he der H�hle. Er streckte die Beine, verfehlte aber um einige Zoll den Boden des H�hleneingangs. Verzweifelt holte er mit seinem verst�mmelten Arm aus. Er hatte sich eine Dornaxt an die Lederprothese gebunden, doch die Axtspitze kratzte nur �ber den Felsen und fand keinen Halt.</p><p>Schon zog ihn das pendelnde Seil wieder aus der H�hle heraus. �Noch f�nf Zoll!�, schrie er nach oben. Es gab einen leichten Ruck, und als er wieder zur�ckschwang, landete er auf den F��en. Kolja lie� die Schlaufe im Seil los und starrte in die Finsternis, die vor ihm lag.</p><p>Wieder pendelte das Seil fort. Der Eingang der H�hle wurde vom hellen Tageslicht, das in den Krater fiel, ausgeleuchtet. Kolja betrachtete die H�hlenwand. Keine Mei�elspuren. Sie schien nat�rlichen Ursprungs zu sein.</p><p>Als das Seil zur�ckschwang, fing er es ein, zog es ganz zu sich herauf und l�ste die Blendlaterne aus Messing, die am unteren Ende festgeknotet war. Die kleine Flamme darin war zum Gl�ck nicht verloschen.</p><p>Ein lang gezogenes Seufzen lie� ihn aufhorchen. Es kam von oben. Kolja trat dicht an den Abgrund und sp�hte zum Rumpf des Schiffes hinauf. Ein zweiter Mann wurde an einem Seil heruntergelassen. Barnaba!</p><p>Der Drusnier fluchte. Der verdammte Prediger h�tte oben bleiben sollen. Niemand wusste, was sie hier erwartete. Barnaba durfte sein Leben nicht riskieren! Er war zu wertvoll. Sein Glaube musste sie nach Hause bringen.</p><p>Der Prediger winkte ihm zu, w�hrend er rasch n�her kam.</p><p>Wieder erklang das seltsame Seufzen. Lauter noch als vorhin. Jemand auf dem Schiff schrie auf, doch Kolja konnte die Worte nicht verstehen. Im n�chsten Augenblick sackte das Schiff tiefer und schlug mit seinem vorderen Teil unter ohrenbet�ubendem Get�se auf den Rand des Kraters. Masten brachen. Das Holz des Rumpfes zersplitterte. Ein Schauer von Holztr�mmern, Tauen und erfrorenen Tentakeln st�rzte in den Abgrund.</p><p>Barnaba wurde von einem Balken am R�cken getroffen und schrie auf. Mit letzter Kraft klammerte sich der Prediger an sein Seil, das nun wie der Schl�gel einer Glocke hin und her schlug.</p><p>Ohne zu z�gern, griff Kolja nach seinem Seil, packte mit der gesunden Hand die Schlaufe und stie� sich vom H�hlenboden ab. Ein gefrorener Tentakel schlug ihm ins Gesicht. Stumm betete er zum Gro�en B�ren, dass er diese Dummheit �berleben m�ge. Knapp verfehlte ihn ein Fass, ein steif gefrorenes Tau peitschte �ber seinen Hinterkopf. Der Gro�e B�r schien gerade anderweitig besch�ftigt zu sein.</p><p>�Bring dich in Sicherheit�, keuchte Barnaba.</p><p>Er hing inzwischen tiefer als Kolja. Wie um seine Worte zu verh�hnen, traf ihn ein gesplittertes Brett an der Schulter.</p><p>Der Drusnier ignorierte ihn. Ohne den Priester auch nur einen Herzschlag aus den Augen zu lassen, pendelte er zur�ck und schaffte es, sich mit einem Fu� kr�ftig von der Felswand abzusto�en.</p><p>Die Schiffswand war steuerbord aufgebrochen, und nun ergoss sich ein Strom von S�cken, zersplitterten Amphoren, Trockenfisch und Bohnen in die Tiefe. Ihre Vorr�te! Selbst wenn sie diesen Schiffbruch am Kraterrand �berleben sollten, waren sie erledigt. Ein Hagelsturm von Erbsen prasselte auf Kolja nieder, als er mit der Dornaxt das Seil des Predigers einfing. Doch nun wurde der Schwung des Seils durch das zus�tzliche Gewicht gebremst! Sie w�rden nur einen Versuch haben, um in die H�hle zu kommen; danach w�rden sie hilflos �ber dem Abgrund h�ngen.</p><p>�Schneid mich los�, befahl der Prediger. �Die Gro�e G�ttin wird mich retten.�</p><p>Barnaba hatte wohl einen ordentlichen Schlag auf den Kopf bekommen. Kolja ignorierte ihn und konzentrierte sich ganz auf den H�hleneingang, dem sie langsam entgegenschwangen. Es w�rde knapp werden! �ber ihnen erklang aufs Neue das Bersten von Holz. Kolja warf einen hastigen Blick nach oben. Das Ger�usch stammte von den Masten, die seitlich aus dem Rumpf des Wolkenschiffs ragten. Sie waren gegen die Steilwand gedr�ckt worden, und nun ruhte fast das gesamte Gewicht des Schiffes und des sterbenden Wolkensammlers auf ihnen. Schon gaben sie einer nach dem anderen nach. Rahen brachen und st�rzten mit der Takelage in die Tiefe. Der Mast schoss keine zehn Schritt an Kolja vorbei, als er mit ausgestreckten F��en versuchte, Halt am Eingang zur H�hle zu finden. Kaum ein Fu�weit fehlte noch, als die Pendelbewegung des Seils den gr��ten Ausschlag erreicht hatte und er zur�ck in den Krater schwang.</p><p>Der Drusnier schrie vor Wut und Verzweiflung auf. Segelfetzen trieben wie gro�e V�gel durch den Krater. Aus dem Schwarz unter ihnen stieg warmer Wind auf. Pl�tzlich bewegte sich etwas Gro�es mit dem Kopf nach unten an der Steilwand�� wie ein riesiges Eichh�rnchen, das einen Stamm hinablief, nur dass dieser Kreatur der buschige, rotbraune Schwanz fehlte. Kolja drehte den Kopf in den Nacken, um es besser zu sehen, als ihn dicht �ber der H�fte ein Schlag in die Nieren traf. Eine Rah, die ein Gespinst halb zerrissenen Takelwerks noch mit dem sterbenden Schiff verband, hatte ihn getroffen. Er wurde der H�hle entgegengeschleudert. Und landete darin!</p><p>Halb ohnm�chtig stemmte er die F��e auf den Boden, hieb die Dornaxt mit letzter Kraft in die vereiste Wand. Das Seil zerrte an seinem gesunden Arm, aber er wurde nicht zu Boden gerissen. Immer noch hielt er das Tau, an dem Barnaba hing, mit der Faust umklammert.</p><p>Glei�ende Lichter tanzten ihm vor den Augen. Verzweifelt zerrte er an dem Seil, zog es Zoll um Zoll unendlich langsam h�her, bis das blut�berstr�mte Gesicht des Predigers im H�hleneingang erschien.</p><p>Barnaba l�chelte, und das Blut aus seiner Wunde an der Stirn sammelte sich in den Falten um die Mundwinkel. �Ich habe dir doch gesagt, dass die G�ttin ihre sch�tzende Hand �ber mich h�lt.�</p><p>Kolja kr�mmte sich vor Schmerzen. Nie in seinem ganzen Leben hatte er einen solchen Schlag in die Nieren bekommen. Er vermochte kaum zu atmen. Sich aufzurichten war unm�glich. Er kroch ein St�ck in die H�hle hinein und lehnte sich gegen den Fels. Immer noch tanzten ihm Sterne vor den Augen. Seine Lider wurden ihm schwer. Der eiserne Geschmack von Blut f�llte seinen Mund. Hatte er sich die Lippen durchgebissen? Kolja wusste, dass man an einem Nierenschlag sterben konnte. Er hatte es zweimal gesehen w�hrend der Jahre, die er in den Arenen Luwiens gek�mpft hatte.</p><p>Er hustete, und Blut spr�hte vor ihm auf den mit Raureif �berzogenen Boden. Kolja riss die Augen auf, er durfte sie jetzt nicht schlie�en, musste weiter durchhalten, sich dem Tod verweigern. Und dieser Narr Barnaba glaubte, die Gro�e G�ttin habe ihre sch�tzende Hand �ber ihn gehalten. Einen verdammten Dreck hatte sie getan!</p><p>Benommen sah Kolja zu, wie der Priester die Blendlaterne aufhob, ins Innere der H�hle leuchtete und dann entschlossen �ber ihn hinwegstieg. Der Drusnier k�mpfte seinen Hustenreiz nieder. Dumpfer, l�hmender Schmerz hatte sich in seinem unteren R�cken eingenistet. Er versuchte sich hochzustemmen, schaffte es aber nicht. Als ihn erneut ein Hustenanfall sch�ttelte, f�hlte es sich an, als w�rde ihm ein Pferd in den R�cken treten.</p><p>�Das ist es!�, rief der Prediger verz�ckt aus. �Wir sind am Ziel! Sieh nur, Kolja, wir haben es gefunden. Das Traumeis! Wie sch�n es ist. So zart, so zerbrechlich.�</p><p>Kolja wandte den Kopf. Und sah �berrascht, dass die H�hle nicht sonderlich tief ins Felsgestein f�hrte. Vielleicht f�nf oder sechs Schritt. An ihrem Ende, dort wo Barnaba hinleuchtete, funkelte es gr�nlich auf dem glatten Granit. Kolja kniff die Augen zusammen. Noch immer behinderten grelle Lichtpunkte seine Sicht. Etwas ragte senkrecht aus der Wand. Ein schillernder Kristall, etwa doppelt so lang wie sein kleiner Finger, aber nicht einmal ein Viertel so dick. Eine Kristallnadel, durch die ein unheimliches Leuchten geisterte, als w�re ein Licht in ihrem Inneren gefangen.</p><p>Kolja blinzelte erneut. Langsam sah er wieder klarer. Es gab noch mehr Kristalle. Die meisten sahen aus wie kleine Nester aus zarten Nadeln. Das musste Barnaba gemeint haben! Das Traumeis wirkte zerbrechlich wie Bl�tenst�ngel. Und auch in ihnen war dieses unheimliche Licht gefangen.</p><p>Unwillk�rlich dachte Kolja an die Kristallh�hle, vor der er seinen Arm verloren hatte. Auch wenn jene Kristalle ebenfalls gr�n gewesen waren, sahen diese Gebilde hier ganz anders aus. Sie hatten etwas an sich�� Man betrachtete sie und lie� die Gedanken schweifen. Fand zur�ck zu seinen besten Erinnerungen. Jene Tage in der Arena, als sein Gesicht noch nicht von den eisenbeschlagenen Lederb�ndern entstellt gewesen war, die sie sich f�r den Faustkampf um die H�nde gewickelt hatten. Als Tausende begeistert seinen Namen gerufen hatten und ihm auf den rauschenden Festen nach seinen Siegen die Blicke der sch�nsten Frauen gefolgt waren. Er l�chelte melancholisch. Das war so lange vorbei. Nun war er ein vernarbtes Ungeheuer, ohne Augenbrauen, mit zu kleinen Knorpeln geschrumpften Ohren, dem obendrein noch ein Arm fehlte. Aber er w�rde nicht in diesem Eisloch verrecken, das schwor er sich!</p><p>Kolja musste erneut husten und spuckte Blut. Das war nichts, redete er sich wider besseres Wissen ein und sah wieder zu den Kristallen. Sie waren sch�n�� Aber waren sie all die Opfer wert gewesen? Wie sollten sie die Welt ver�ndern? Schwerter vermochten das und der Wille, �ber Leichen zu gehen, um zur Macht zu gelangen. Sch�ne Dinge, Kunst, das war etwas f�r Tr�umer.</p><p>Mit einem Mal wurde es deutlich k�lter in der H�hle. Der Raureif auf dem Boden und den W�nden knisterte leise. Ein Ger�usch lie� Kolja herumfahren: Sangan stand im Eingang zur H�hle und sah ihn mit seinen be�ngstigenden Winteraugen an.</p><p>�So sehen wir uns wieder, Kolja�, sagte die seltsam k�rperlose Stimme Sangans. Obwohl ein langer Holzsplitter im Oberschenkel des ehemaligen Schiffskochs steckte, schien er es nicht zu bemerken. Die Wunde blutete nicht einmal.</p><p>�Bist nicht h�bscher geworden seit dem letzten Mal�, r�chelte Kolja. �Ich glaube, du wirst nicht viel Erfolg bei den Frauen haben.�</p><p>Die Gestalt, die einmal Sangan gewesen war, l�chelte ihn an. �Ich sch�tze, da kennst du dich aus.�</p><p>Jetzt endlich wandte sich auch Barnaba dem Besucher zu. �Geh!�, sagte der Prediger schlicht. �Du bist hier unerw�nscht!�</p><p>Kolja traute seinen Ohren nicht. Er fragte sich, ob das Mut oder Wahnsinn war. Barnaba verhielt sich, als st�nde er in der Mitte seines Tempels, umgeben von Hunderten von Gl�ubigen, einem Ort also, an dem er alle Macht hatte und nichts zu bef�rchten war. Das Blut aus seiner Stirnwunde war dem Prediger in seinen Bart gefroren und bildete einen rot funkelnden Eispanzer auf seinem Obergewand. �Geh!�, wiederholte Barnaba noch einmal entschieden und wies mit ausgestrecktem Arm zum H�hlenausgang in den Krater zur�ck, dem Sangan entstiegen war.</p><p>Sangan lachte, ein Laut, der wie Donnergrollen durch den Krater brandete. �Ich war hier, als dieses Land geboren wurde, und ich werde noch hier sein, wenn nicht nur dein Name, sondern sogar die Sprache, in der du sprichst, l�ngst vergessen sein wird. Du stehst in meinem Haus und wagst es, mir die T�r zu weisen?� Er kam einen Schritt n�her.</p><p>�Kehre um zu Nangog, und sie wird dir verzeihen�, entgegnete Barnaba freundlich. �Du bist eines ihrer Kinder, und das Herz jeder Mutter ist gro�. Die Zeit des Wandels ist gekommen. Die Zeit, auf die ihr so lange gewartet habt.�</p><p>�Mit dem Warten kenne ich mich in der Tat aus.� Sangan machte einen weiteren Schritt in die H�hle.</p><p>Kolja stemmte sich mit dem R�cken an der H�hlenwand hoch. Er hatte kaum die Kraft, sich auf den Beinen zu halten, und die Hand, mit der er nach dem Schwert an seiner Seite griff, zitterte.</p><p>�Und mit den Versprechen Nangogs auch. Sie wollte uns in Fleisch kleiden, aber eure Menscheng�tter haben es verhindert! Warum also sollte ich freundlich zu euch sein? Ich werde mir euer Fleisch nehmen, um meiner Seele ein Gewand zu geben. Und die Letzte, die mich daran hindern wird, ist Nangog.� Er warf einen ver�chtlichen Blick auf Kolja und trat dicht vor ihn. �Und auch du wirst mich nicht aufhalten, Krieger. Ich sch�tze Mut, deshalb schenke ich dir einen schnellen Tod�� anders als diesem Gro�maul!�</p><p>�Vergib ihm, Gro�e Mutter! Sein Hass hat ihn verblendet���, rief Barnaba so laut, als predigte er vor einer gro�en Menschenmenge.</p><p>Kolja versuchte, sein Schwert zu ziehen, doch die Waffe wollte nicht aus der ledernen Scheide gleiten. Vielleicht war das Waffenfett gefroren und verband nun Stahl und Leder miteinander. Oder er war einfach zu schwach.</p><p>Sangan packte ihn bei der Brust und hob ihn mit einer Leichtigkeit hoch und wirbelte ihn herum, als w�ge er nicht mehr als ein Sack voller Daunen. �Soll euer Traum das Ende deiner Tr�ume besiegeln, Kolja. Stirb wohl, Krieger.�</p><p>Kolja wollte mit seiner verbliebenen Hand nach Sangans Kehle greifen. Doch sein Arm war zwischen ihren beiden Leibern so fest eingeklemmt, dass er ihn nicht bewegen konnte. Er keuchte auf. Sangan lie� Kolja ein wenig sinken, sodass seine Fu�spitzen wieder den Boden ber�hrten. Ein eisiger Schmerz durchfuhr den Drusnier. Etwas bohrte sich in seinen R�cken. Das Traumeis! Der einzelne Kristalldorn, der aus der Felswand gewachsen war!</p><p>Noch einmal versuchte Kolja, seine Finger nach Sangans Kehle auszustrecken, aber der dr�ckte ihn unerbittlich gegen die Felswand. Er sp�rte deutlich, wie sich der Dorn stetig in sein Fleisch schob. Alle Kraft verlie� seine Glieder. Er war wie eine Forelle, die man auf einen eisernen Haken im R�ucherhaus gespie�t hatte.</p><p>�Wo ist deine G�ttin, Priester?�, h�hnte Sangan und trat einen Schritt von Kolja zur�ck. �Warum hilft sie dir nicht?�</p><p>Auf den Kristall gespie�t, durchliefen Kr�mpfe Koljas Leib. Sein ganzer K�rper erzitterte.</p><p>Barnaba sch�ttelte den Kopf, als wollte er nicht glauben, was geschehen war. �Das�� das ist nicht das Ende�, stammelte er.</p><p>�Stimmt, das wird noch ein Weilchen auf sich warten lassen. Jetzt geh�rst du ganz mir, denn gleich schon wird einer meiner Br�der von Kolja Besitz ergreifen�� sobald dessen Seele seinen K�rper verl�sst. Er hat keinen h�bschen Leib, aber er ist erstaunlich stark. Von dir aber wird nicht mehr viel �brig sein, wenn ich mit dir fertig bin. Dich wird keiner meiner Br�der haben wollen. Ich werde dich���</p><p>Weiter h�rte Kolja nicht�� Er f�hlte sich pl�tzlich ganz leicht. Alles Gewicht war von seinen Gliedern gewichen. Blut rann ihm den R�cken hinab und sammelte sich �ber seinem Waffengurt. Es war unangenehm kalt und hielt ihn wach. Was f�r ein verdammtes Ende, dachte er �rgerlich. Von einem Schw�tzer aufgespie�t werden, um auszubluten wie ein Schwein. Er biss die Z�hne zusammen. Es kostete so viel Kraft, die Augenlider offen zu halten. Der verdammte Schw�tzer stand genau vor ihm. So nah�� Kolja wusste, er w�rde sein Schwert nicht ziehen k�nnen. Aber der Arm mit der Prothese war nicht l�nger eingeklemmt. Dieses �berhebliche Gro�maul��</p><p>Der Drusnier sammelte all seine Wut und seine Verzweiflung. Er wusste, er war am Ende seines Weges angelangt. Aber ihn w�rde er noch mitnehmen. So w�rde er nicht abtreten. Er dachte an die Arena, an den tosenden Beifall, an die Blumen, die hinab in den blutigen Sand geworfen wurden, und daran, wie er der blonde Held gewesen war. Seitdem hatte er vieles getan, worauf er nicht stolz war. Eine letzte Heldentat w�rde das nicht ungeschehen machen, aber sie mochte seinem Abgang ein kleines bisschen W�rde geben.</p><p>�He, Schwafelkopf!�</p><p>Sangan fuhr zu ihm herum. Die Bewegung kam Kolja gelegen: Sie lief genau gegenl�ufig zu dem Schlag, den er f�hrte, und verlieh dem Treffer so noch zus�tzliche Wucht. Die Dornaxt erwischte das Ungeheuer mit den Eisaugen an der Schl�fe. Ohne M�he durchschlug die Bronzespitze den Sch�delknochen und versank tief im Kopf. Erstaunen lag auf Sangans Antlitz. Seine Augen verdrehten sich, sein Mund klappte auf, und ein eisiger Wind fuhr durch die H�hle. Dann brach die Kreatur, die einmal ihr Schiffskoch gewesen war, in sich zusammen.</p><p>Koljas Arm sank kraftlos herab. Blut troff ihm von den Lippen, aber er l�chelte. Jetzt h�rte er ihn wieder, den tosenden Beifall der Arena, den er so viele Jahre lang vermisst hatte.</p></section><section><title><p>Die Verlorenen</p></title><p>�Vielleicht bringt es ihn schon um, wenn wir ihn in das Fass heben. Wir sollten ihn hierlassen. Hier kann er in Frieden sterben.�</p><p>�Ich bleibe, wo er ist�, sagte Barnaba entschieden. �Er hat mir das Leben gerettet.�</p><p>Nabor verdrehte unwillig die Augen. �Herr, wir haben nicht mehr viel Zeit. Die D�mmerung hat bereits begonnen, und dann werden die Windgeister kommen.� Der Lotse bedachte den am Boden liegenden Sangan mit einem misstrauischen Blick. �Wir wissen nicht einmal, ob <emphasis>der</emphasis> sich wieder erheben wird. Ich bitte dich���</p><p>Barnaba schnitt dem Lotsen mit einer harschen Geste das Wort ab. �Kolja kommt mit. Lass ihn uns in das Fass heben!�</p><p>Der Lotse seufzte, gab seinen Widerstand aber auf und winkte den beiden Wolkenschiffern, die sich mit ihm abgeseilt hatten. Vorsichtig hoben sie Kolja auf. Nur die zarten Atemw�lkchen, die sich in unregelm��igen Abst�nden um seine Nase bildeten, verrieten, dass er noch lebte. Seine Augen blickten starr zur Decke der H�hle.</p><p>Barnaba f�hlte sich elend. Er war zu begierig gewesen, hierherzukommen, und daf�r hatte die G�ttin ihn gestraft. Er wusste das genau, auch wenn er es niemals gegen�ber einem seiner M�nner eingestehen w�rde. Auch Nabor war sich dessen bewusst, dass es kl�ger gewesen w�re, Kr�ne am Rand des Kraters zu errichten, so wie er es nun getan hatte. So war es leichter, in die H�hlen zu kommen, denn man ersparte sich das Seilschwingen, und die Kr�ne standen obendrein noch auf sicherem Grund. So h�tten sie von Anfang an vorgehen sollen. Es h�tte den Abstieg zu den H�hlen um zwei oder drei Stunden verz�gert, aber alles w�re sicherer gewesen.</p><p>H�tten alle M�nner Nabor dabei geholfen, Pfl�cke ins Eis zu schlagen, um den Wolkensammler und das Schiff zu sichern, so wie Nabor es gefordert hatte, dann h�tte es vielleicht gar keine Toten gegeben. H�tte, h�tte, h�tte�� Er sollte aufh�ren, sich den Kopf zu zerbrechen. Es war das Los von Anf�hrern, gelegentlich falsche Entscheidungen zu treffen. Aber ohne Anf�hrer wurden gar keine Entscheidungen gef�llt! Sie hatten das Traumeis gefunden. Das allein z�hlte im Augenblick. Und er w�rde an Koljas Seite sein, wenn der Drusnier starb. Das war alles, was er tun konnte.</p><p>Barnaba sah, wie Kolja kraftlos im Fass zusammensackte, als es aufgerichtet wurde.</p><p>�Er blutet wieder aus der Wunde im R�cken.� Nabor bedachte ihn mit einem finsteren Blick. �Sie ist erneut aufgebrochen, als wir ihn bewegt haben.�</p><p>Selbst der Affe auf Nabors Schulter schien sich �ber seine Entscheidungen zu emp�ren. Das kleine Biest griente Barnaba an. Es wirkte fast sp�ttisch.</p><p>�Zieht ihn schnell hoch!�, befahl der Prediger entschlossen.</p><p>Der Lotse trat an den Eingang der H�hle und winkte den M�nnern, die am Kraterrand die beiden Kr�ne bedienten. �Auf mein Zeichen zieht ihr das Fass hoch.�</p><p>Die beiden Wolkenschiffer, die mit ihm gekommen waren, schoben das Fass zum H�hleneingang. Es schien nicht ganz dicht zu sein. Offensichtlich hatte es wie alles heute Schaden genommen�� eine Blutspur blieb auf dem Boden zur�ck, als es bewegt wurde.</p><p>�Jetzt!�, rief Nabor.</p><p>Die Seile, mit denen das Fass gesichert war, knarrten. Puderfeiner Raureif rieselte aus den Hanffasern, als die Taue sich spannten. Dann erhob es sich leicht schwankend und schwebte dem Kraterrand entgegen.</p><p>�Wir m�ssen uns beeilen!�, dr�ngte der alte Lotse. �Es ist schon fast dunkel.� Er wies die beiden Wolkenschiffer an, an den zus�tzlichen Seilen, die inzwischen an der Steilwand hinabgelassen worden waren, hinaufzuklettern.</p><p>�Wie viele Tote haben wir?� Barnaba wusste nun, worauf die Eisgeister aus waren und wie er es ihnen verweigern konnte.</p><p>�Ein Mann wurde durch einen herausgerissenen Pflock gepf�hlt, als das Schiff fast in den Abgrund gest�rzt w�re. Ein weiterer wurde durch ein durch die Luft peitschendes Seil get�tet�, z�hlte Nabor grimmig auf. �Von den vier Mann, die geholfen haben, dich und Kolja abzuseilen, sind zwei in den Abgrund gerissen worden. Au�erdem haben wir sieben Verletzte. Einer von ihnen wird die Nacht wohl nicht �berleben. Und dann ist da noch Kolja�� Wir haben mehr M�nner verloren, als wir uns leisten k�nnen.� Er schnaubte und fuhr fort: �Aber wir haben ja auch kein Schiff mehr, das wir bemannen m�ssten. Es ist im Grunde also egal.�</p><p>�Wir werden von heute an unsere Toten verbrennen. Die ersten noch in dieser Nacht.�</p><p>Nabor sah ihn verst�ndnislos an.</p><p>�Sie sind wegen unserer K�rper hier! Wenn wir ihnen die verweigern, werden die Sturmgeister sich andere Opfer suchen.�</p><p>Der Affe stie� ein schrilles Kreischen aus und drohte Barnaba mit seinen winzigen F�usten, bis Nabor das Tier unter seinen Umhang schob.</p><p>�Wir werden trotzdem verrecken. Der gr��te Teil unserer Vorr�te ist in den Abgrund gest�rzt, und <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> wird uns nicht mehr zur�ckbringen�, sagte der Alte verzweifelt. �Ohne seine Hilfe verrecken wir hier. Was spielt es da f�r eine Rolle, ob wir verhungern, erfrieren oder von den Sturmgeistern geholt werden. Wir sind verloren.�</p><p>�Nangog wird uns sch�tzen!�, beharrte Barnaba. Die Verzweiflung seines Lotsen begann ihn zunehmend zu �rgern. Dies war ein strahlender Tag. Der Tag, an dem sie endlich das Traumeis gefunden hatten. �Wir werden die Welt ver�ndern, Nabor! Von heute an wird nichts mehr so sein, wie es einmal war.�</p><p>Nabor sah ihn zweifelnd an, sagte aber nichts mehr.</p><p>Das Fass wurde wieder heruntergelassen.</p><p>�Nimm du das Fass�, sagte Nabor mit belegter Stimme. �Ich lass mich am Seil hochziehen.�</p><p>�Ich bin j�nger. Ich kann���</p><p>Der Lotse sch�ttelte entschieden den Kopf. �Das Fass ist sicherer. Besser die jungen Tr�umer �berleben als die alten N�rgler.� Mit diesen Worten half er Barnaba in das Fass und schob es zum Rand des Abgrunds.</p><p>W�hrend der Priester sicher nach oben schwebte, sah er, wie sich der Lotse eines der Seile griff, die hinabhingen, und sich ebenfalls hochziehen lie�. Das Fass war rutschig vom Blut Koljas. Barnaba f�hlte sich schuldig. Warum hatte er nichts gegen Sangan unternommen? Er war einfach ein Feigling. Ganz anders als der Drusnier, der niemals aufgab zu k�mpfen.</p><p>Am Kraterrand halfen ihm zwei Wolkenschiffer, aus dem Fass zu steigen. Barnaba streckte sich und sah sich um. Die endlose verschneite Ebene rund um den Krater war in das dunkle Rot des letzten Abendlichts getaucht. Schon ber�hrte die Sonne den Horizont, und hoch �ber ihnen zeigten sich die Zwillingsmonde der neuen Welt am Himmel. Ein leichter Wind trieb Schneewirbel vor sich her, die wie Geister �ber das flache Land zogen.</p><p><emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> hatte sich am Roten Turm festgeklammert. Der Wolkensammler hing schlaff an dem Pfeiler herab. Nur am oberen Ende klammerte er sich noch mit seinen Tentakeln fest. Die �brigen, nicht erfrorenen Fangarme hatte er eng um seinen Leib geschlungen. Er wirkte nun kleiner, d�nner. Fast wie die Puppe eines Schmetterlings, die von einem Ast hing, nur dass es eine turmhohe Puppe war.</p><p>Ein Gespinst von Seilen reichte ein St�ck auf die Ebene hinaus. Einige waren zerrissen. An einer Stelle sah Barnaba deutlich Blut durch frischen Schnee schimmern. H�tte Nabor nicht die Seile spannen lassen, w�re vielleicht der ganze Wolkensammler in den Krater gest�rzt.</p><p><emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> sah einfach nur noch elend aus. Es lie� sich nicht mehr leugnen, er lag im Sterben. Nie wieder w�rde er sich in den Himmel erheben. Sie mussten einen anderen Weg finden, um von hier fortzukommen.</p><p>�Komm, wir m�ssen Schutz im Unterstand suchen!�, riss ihn der alte Lotse aus seinen Gedanken.</p><p>Barnaba ging auf die notd�rftige Baracke aus den gro�en Landungsk�rben des Schiffes zu, die etwa drei�ig Schritt vom Turm entfernt aufgebaut worden waren. Auch sie waren mit schweren Pfl�cken im Eis befestigt. Nabor hatte Segeltuch dar�berspannen lassen, um das Weidengeflecht winddicht zu machen. Alle K�rbe waren auf den Kopf gest�lpt auf das Eis gesetzt. In die kurzen Seiten waren auf Nabors Befehl L�cher geschnitten worden, gerade gro� genug, dass ein Mann sich hindurchducken konnte. Auf Ansto� hintereinandergestellt, ergaben die Landungsk�rbe einen f�nfzehn Schritt langen und etwas �ber einen Schritt hohen Unterschlupf.</p><p>�Wo sind unsere Toten?�, fragte Barnaba.</p><p>Der Lotse wies auf zwei reglose Gestalten unter Wolldecken, die ein St�ck entfernt vom Unterschlupf auf dem Eis lagen.</p><p>�Wir m�ssen drei Scheiterhaufen errichten�, entschied der Prediger. �Gibt es noch �l?�</p><p>�Daf�r bleibt uns keine Zeit mehr!�, fuhr Nabor ihn an. �Im Namen der G�tter! Sieh doch nur zum Horizont! Diese verfluchten Sturmgeister werden jeden Augenblick �ber uns herfallen!�</p><p>Die Sonne war schon mehr als zur H�lfte hinter den Horizont getaucht. Nabor hatte recht, es war an der Zeit, in den Unterschlupf zu kriechen. Aber wenn sie das taten, w�rden sie es bald bereuen.</p><p>�Zur Not mache ich es alleine! Die Leichen m�ssen brennen. Nur deshalb suchen die Sturmgeister uns heim. Sie wollen unsere Toten!�</p><p>Der Lotse fluchte etwas Unverst�ndliches, dann rief er einige der Wolkenschiffer herbei. Holztr�mmer lagen genug herum, und so waren die Scheiterhaufen schnell errichtet. Zwei M�nner k�mmerten sich darum, Fackeln zu entz�nden und bei den Holzst��en in den Boden zu rammen, bevor sie nach �lkr�gen suchten. Schwieriger wurde es, die Leichen her�berzuschaffen. Sie waren auf dem blanken Eis angefroren.</p><p>Die Sonne war indessen hinter dem Horizont verschwunden, und die M�nner wurden unruhig. Im Licht von drei Fackeln arbeiteten sie wie besessen weiter, w�hrend der eisige Wind auffrischte. Schatten tanzten um sie herum, die nicht zu ihnen geh�rten. Die Abbilder verzerrter Leiber mit �berlangen Gliedern.</p><p>Die Zeit lief ihnen davon. Jede Hand wurde gebraucht. Barnaba kniete neben einem der Toten. Er hackte mit seinem Dolch auf das Eis ein und durchtrennte das schwarze Haar des Wolkenschiffers, das eins mit dem Eispanzer geworden war. Nabor schob eine zersplitterte Planke unter den K�rper, und ihr Segelmacher benutzte einen abgebrochenen Schaufelgriff als Hebel. Nabors Affe tanzte feixend auf der Brust des Toten. Am liebsten h�tte Barnaba der kleinen Bestie seinen Dolch in den Leib gesto�en. Das Tier verh�hnte sie! Die unheimlichen Schatten schienen ihn nicht im Mindesten zu beeindrucken.</p><p>Endlich l�ste sich mit einem Ruck der Leichnam. Nabor machte sich gar nicht erst die M�he, die Planke anzuheben. Wie einen Schlitten schob er sie �ber das Eis zu den Scheiterhaufen. Barnaba lief neben ihm her.</p><p>Es war deutlich k�lter geworden. Wie Messer schnitt ihm die eisige Luft in die Lunge. Der Prediger sp�rte die Anwesenheit der Geister, die Aura aus Zorn und D�sternis, die sie umgab.</p><p>Als sie den Scheiterhaufen erreichten, packte Barnaba den Toten bei den F��en. �Hoch mit ihm! Schnell!�</p><p>Nabor hob den Kopf. Gemeinsam wuchteten sie den Wolkenschiffer auf den h�fthohen Sto� aus gesplitterten Brettern und Balken.</p><p>Als er gerade loslassen wollte, sp�rte Barnaba, wie sich der Fu� des Toten streckte. Der Sturmwind heulte auf. �Es f�ngt an!�, schrie er und b�ckte sich nach dem t�nernen �lgef�� neben dem Scheiterhaufen. �Lass ihn nicht aufstehen!�</p><p>Nabor riss das Brett hoch, auf dem er den Wolkenschiffer hierhergeschoben hatte, und rammte es dem Liegenden vor die Brust. Im selben Augenblick �ffnete der Tote die Augen. Es waren Augen aus Eis. Abgr�nde des B�sen.</p><p>�Gro�e Mutter, Herrin der Welt, verschone uns vor deinen Kindern. Nimm von uns diese Kreaturen der Finsternis!�, rief Barnaba und sch�ttete das �l �ber den Wiederg�nger und den Scheiterhaufen.</p><p>Der Tote b�umte sich auf. Seine Bewegungen waren ungelenk. Noch schaffte er es nicht, den K�rper, den er sich angeeignet hatte, wirklich zu beherrschen. Mit rudernden Armen versuchte er, das Brett zur Seite zu schlagen, mit dem Nabor ihn niedergedr�ckt hielt. Die Kreatur erinnerte an einen K�fer, der wehrlos auf dem R�cken liegend mit seinen Beinen strampelte. Aber wie lange noch?</p><p>Barnaba schleuderte den leeren �lkrug zur Seite und griff nach der Fackel, die neben dem Scheiterhaufen im Eis steckte. Entschlossen schlug er sie dem Wiederg�nger gegen die Brust, und augenblicklich leckten Flammen �ber dessen �lgetr�nkte Kleider. Ein Schrei kam aus der Weite der Ebene, noch bevor die Kreatur den Mund aufriss. Wut, nicht Schmerz, klang aus dem schrillen Heulen.</p><p>�Halte ihn unten!�, rief Barnaba, als ein zweiter Schrei ihn herumfahren lie�. Auch der andere Leichnam hatte sich erhoben und einen der Wolkenschiffer bei der Kehle gepackt.</p></section><section><title><p>Brennende Wut</p></title><p>Wild mit der Fackel schwenkend, lief der Prediger zu seinen Reisegef�hrten auf dem Eis. Die Schiffsbesatzung hatte ihren Kameraden im Stich gelassen und rannte der Zuflucht aus Landungsk�rben entgegen, vor deren Eingang inzwischen Flammen in einer Feuerschale loderten.</p><p>Der Wiederg�nger sch�ttelte sein Opfer, und trotz des heulenden Windes h�rte Barnaba, wie das Genick des Mannes brach. Er musste sie aufhalten! Sie alle w�rden in dieser Nacht sterben, wenn die w�tenden Sturmgeister noch mehr Leiber erbeuteten.</p><p>�Weiche von meinen Gef�hrten!�, schrie er aus Leibeskr�ften. �Zur�ck mit dir! Die Gro�e Mutter wird euch auf ewig strafen, wenn ihr nicht von meinen M�nnern ablasst!�</p><p>Der Wiederg�nger lie� sein Opfer fallen und drehte sich zu Barnaba um. Augen aus Eis fixierten den Prediger, als er mit unsicheren Schritten und ausgestreckten Armen auf ihn zukam, die Beine so steif, als h�tten sie keine Kniegelenke. Er streckte die Arme vor. Die H�nde �ffneten und schlossen sich. �Wir f�rchten Nangog schon lange nicht mehr�, hallte es im Sturmwind. �Wir sind die Herren des Nordens! Nichts kann uns aufhalten.� Wie um seine Worte zu unterstreichen, flammte ein gezackter Blitz quer �ber den Himmel. Ein Schatten, der nicht im Mindesten dem kleinen, st�mmigen Wolkenschiffer �hnelte, den die Kreatur in Besitz genommen hatte, fiel neben Barnaba auf das Eis. Der Schattenarm streckte sich vor. Krallen fuhren aus langen Fingern.</p><p>Erschrocken wich der Prediger zur�ck. Er dachte an die Geschichte, die Kolja ihm erz�hlt hatte. Die Geschichte der Schattenhand, die nach Nabors Affen gegriffen hatte.</p><p>�Ihr k�nnt nicht siegen�, h�hnte die Stimme im Wind. �Verkriecht euch nur in euren armseligen K�rben. Ein paar Tage noch, dann haben wir euch alle.�</p><p>Barnaba wich weiter zur�ck. Dann fuhr seine Hand zu dem Messer am G�rtel. Der verfluchten Klinge, die er auf dem Schlachtfeld von Kush aufgelesen hatte. Das Messer, das das Schicksal des Unsterblichen Aaron besiegeln sollte, wenn er eines Tages vor ihm stand. Diese Waffe war daf�r geschaffen, B�ses zu tilgen, das hatte er schon gewusst, als er sie das erste Mal ber�hrt hatte. Sie war f�r Kreaturen wie diesen Wiederg�nger erschaffen.</p><p>�Zur�ck mit dir!�, rief er erneut.</p><p>�Worte werden nicht ausreichen, um uns aufzuhalten, Prediger!�, spottete die Stimme im Wind. �Lauf, verkriech dich wie ein Hase in seinem Bau, und ich schenke dir noch eine Nacht.�</p><p>Immer noch wankte die Kreatur, die einmal ein Mensch gewesen war, ihm mit ausgestreckten Armen entgegen. Barnaba nahm all seinen Mut zusammen und blieb stehen.</p><p>�Also doch schon in dieser Nacht, Priester. Die Dunkelheit erwartet dich.�</p><p>Ein Blitz zerteilte hoch �ber ihnen das Firmament, und diesmal folgte das Donnergrollen augenblicklich. Ein langer Schatten fiel vom Wiederg�nger nach hinten. Barnaba sprang vor, das Messer in der Faust, und rammte der Kreatur die Klinge mitten ins Gesicht. Sie drang ihm an der Nase vorbei in die Mundh�hle. Augen aus tr�bem Eis starrten Barnaba entgegen.</p><p>Mit einem Ruck riss er das Messer zur�ck und stie� erneut zu, obwohl sich eine eisige Hand in seine H�fte krallte.</p><p>Diesmal hatte Barnaba ins Auge getroffen. Als der Stahl seitlich aus dem Sch�del austrat, schlug ihm eisiger Atem ins Gesicht. Doch noch immer hielt ihn die Krallenhand gepackt, und nun erreichten die eisigen Finger sein Fleisch. Barnaba lie� die Fackel, die er immer noch in der Linken gehalten hatte, fallen. Statt zu schreien, konnte er nur keuchen. In seinem ganzen Leben hatte er nicht solchen Schmerz empfunden! Das konnte nicht sein. Es war ihm nicht bestimmt, hier zu sterben! Das war unm�glich.</p><p>Flammen leckten �ber seine mit Gamaschen aus zerschnittenen Wolldecken umwickelten Hosenbeine. Der Stoff war mit dem �l durchtr�nkt, das er eben in achtloser Hast �ber den Scheiterhaufen gesch�ttet hatte. Als er seine Fackel loslie�, hatte er sich selbst entflammt.</p><p>Doch bevor der Priester reagieren konnte, schlossen sich die Arme des Wiederg�ngers fest um seine H�ften. Ihn k�mmerten die Flammen und die Hitze nicht. �Gehen wir also zusammen�, hallte die Stimme im Wind. �Ich werde zur�ckkehren und meine Seele erneut in Fleisch kleiden. Du nicht, Menschensohn. F�r dich ist nun das Ende all deiner Tr�ume gekommen!�</p><p>�Niemals!�, kreischte Barnaba, und selbst in seinen Ohren klang seine Stimme wie der Schrei eines wilden Tiers. Mit blinder Wut stie� er ein drittes Mal mit dem Messer zu. Diesmal bohrte sich die Klinge durch die Stirn des Toten. Ein Zittern durchlief die widernat�rliche Kreatur. Die Kraft der Umklammerung lie� nach, und schlie�lich sanken die Arme zur Seite. Doch das verfluchte Messer war bis zum Heft in der Stirn versunken.</p><p>Der Wiederg�nger taumelte ein St�ck zur�ck. Auch seine Kleider brannten. Es stank nach schwelender Wolle und gebratenem Fleisch.</p><p>Entsetzt sah Barnaba an sich herab. Seine Hosenbeine waren ein Flammenmeer, und auch �ber die dicke Schaffellweste leckten schon Flammen. Verzweifelt warf er sich zu Boden, w�lzte sich �ber das Eis und schlug mit seinen H�nden auf seine brennenden Hosenbeine. Er sp�rte, wie die Hitze die Haut seiner Beine aufplatzen lie�, und schrie in blindem Schmerz, als sich ein schwerer Fu� auf seine Brust setzte und ihn fest zu Boden dr�ckte. �ber ihm stand der Wolkenschiffer, den der Wiederg�nger kurz vor seinem Eintreffen get�tet hatte. Und auch er hatte Augen aus Eis.</p><p>�Meine Br�der und Schwestern waren so freundlich, mir diesen K�rper zu �berlassen, damit ich zu Ende bringen kann, was ich begonnen habe. Was willst du nun tun? Mir scheint, du hast vergessen, dein Messer aus dem Kopf meines vorherigen K�rpers zu ziehen.�</p><p>Seine Wut half Barnaba, den Schmerz niederzuringen. �Die G�ttin�� sie wird mir helfen�, stammelte er. �Ihr seid ihre verfluchten Kinder. Ihr seid f�r immer verloren.�</p><p>�Du findest, ich sei verloren?� Er hob den Fu� von Barnabas Brust. �Wo sind deine Freunde? Wer ist hier, um dir zu helfen?� Er ging ein paar Schritt zur�ck und hob die Fackel auf, deren Flamme zu roter Glut verloschen war.</p><p>�Zu schade, dass diese toten K�rper weder schmecken noch riechen k�nnen. Ihr Menschenkinder esst doch gerne gebratenes Fleisch.� Er wirbelte den Arm mit der Fackel herum, und Flammen schlugen aus der Glut. �Vielleicht holen sich deine Gef�hrten ja ein paar St�cke von dir. Viele Vorr�te sind euch nicht mehr geblieben.�</p><p>Barnaba blickte zu dem Toten, dem sein Dolch im Kopf steckte. Er versuchte sich aufzurichten, sank aber sofort wieder st�hnend zur�ck. Es war aussichtslos. Er w�rde niemals an die Waffe gelangen. Aus den Augenwinkeln sah er eine weitere schwankende Gestalt auf sich zukommen. Also war noch ein Wolkenschiffer tot.</p><p>Der Wiederg�nger strich mit der Fackel �ber seine Weste aus Schaffell, und sofort fing das �l darauf wieder Feuer. �Brenne, Prediger!�, rief die Stimme im Wind.</p><p>Der Schmerz l�schte alle Gedanken Barnabas aus. Er schrie, bis er glaubte, seine Kehle m�sse zerrei�en. Auch seine Beinkleider standen nun wieder in hellen Flammen. Er w�lzte sich herum, doch vermochte er das Feuer nicht zu ersticken. Immer wieder stie� die Fackel gegen seinen Leib und legte neue Br�nde. Dann pl�tzlich fiel etwas neben ihm zu Boden. Der Kopf des Wiederg�ngers.</p><p>Durch einen Schleier von Tr�nen sah er Kolja �ber sich stehen. Wie war das m�glich? War auch er ein Wiederg�nger geworden?</p><p>Barnaba versuchte, die Tr�nen fortzublinzeln. Er musste dem Drusnier in die Augen sehen! Aber das Antlitz seines Gef�hrten war nur ein Schatten vor dem hellen Licht der beiden Monde, die hinter ihm am Himmel standen. Dann kniete Kolja neben ihm nieder und warf Schnee auf die Br�nde. W�rde das ein Wiederg�nger tun? Aber wie konnte sein Gef�hrte noch leben? Er hatte so viel Blut verloren! War dies ein letztes makaberes Spiel der Sturmgeister, um sein Leben und seine Qualen noch etwas zu verl�ngern?</p><p>�Die Schwelbr�nde haben sich zu tief in deine Beinkleider gefressen�, erklang eine Stimme von irgendwoher. War er kurz ohnm�chtig gewesen? Kolja hielt jetzt einen Dolch in seiner verbliebenen Hand. Wo kam der her?</p><p>Die Waffe senkte sich. Barnaba h�rte Stoff rei�en. Er w�nschte sich, ohnm�chtig zu werden. Die Schmerzen�� Nicht einmal damals, als er in seinem verborgenen Tal abgest�rzt war, hatte er solche Schmerzen gelitten. Und diesmal w�rde ihm keine Xana helfen. Tr�nen blendeten seinen Blick. Er hatte sein Gl�ck gefunden gehabt, und Aaron hatte es ihm wieder entrissen. Er w�rde den verdammten Unsterblichen t�ten. Das war sein Lebensziel.</p><p>�Der Dolch���, stammelte er. Er brauchte die verfluchte Waffe dazu. Sie durfte auf keinen Fall hier zur�ckbleiben!</p><p>�Keine Sorge, ich bin vorsichtig. Ich werde dich nicht verletzen�, sagte die Stimme, die nach Kolja klang.</p><p>Barnaba stemmte sich auf den Ellenbogen hoch. Es ging nicht um Koljas Dolch! Er musste dem Drusnier klarmachen, was er wollte.</p><p>Sein Gef�hrte begann damit, die verbrannten Hosenbeine zur�ckzustreifen. Der Stoff leistete z�hen Widerstand. Kolja zog mit einem Ruck und hielt mit einem erschrockenen Keuchen inne.</p><p>Barnaba brauchte einen Augenblick, bis er begriff, was er sah. Die Hose war bis zu den Knien herabgezogen. Dar�ber war nur noch r�tlich schimmerndes Fleisch zu sehen. Etwas schwarz Verbranntes lugte zwischen dem Stoff hervor. Seine Haut! Sie war mit dem Stoff zur�ckgeglitten, so wie ein enger Strumpf, den man vom Bein abrollte.</p><p>Der Priester konnte nicht einmal schreien. Er starrte auf seine Beine und sp�rte keinen Schmerz. Das Entsetzen tilgte jedes Gef�hl.</p><p>Kolja hob ihn hoch. Da war ein Feuer, nahe bei dem Pfeiler, von dem ihr sterbender Wolkensammler hing.</p><p>Er musste wirklich kurz ohnm�chtig geworden sein. Er konnte sich nicht erinnern, wie er hierhergekommen war, doch jetzt lag er auf irgendetwas. Nicht auf dem Boden. War es ein Bett? Woher sollte hier in der Eisw�ste ein Bett kommen. Hoch �ber ihm zerbrach der Himmel, und ein Spalt aus hellem Licht war hinter der Finsternis zu sehen. Feierliches Donnergrollen, wie ferner Trommelwirbel, rollte zum Horizont.</p><p>Barnaba f�hlte sich schwindelig. K�lte sickerte in seine Glieder. Er war unendlich m�de. Schmerzen sp�rte er nicht mehr.</p><p>�Du hast einen guten letzten Kampf gefochten, Prediger.�</p><p>War das Koljas Stimme? Sie klang fremd, schien von �berallher zugleich zu kommen. Eine Schattengestalt stand neben ihm. Er musste die Augen sehen! Waren sie aus Eis? Oder waren es lebendige Augen?</p><p>�Deine Ahnen blicken auf dich herab, Barnaba. Sie werden stolz auf dich sein. Du hast deiner Sippe Ehre gemacht.�</p><p>Was sollte das? Das klang ja wie eine Grabrede! Sie sollten ihn in den Unterstand bringen und seine Wunden versorgen. Er hatte noch lange nicht seinen letzten Kampf gefochten. Es war seine Bestimmung, den Unsterblichen Aaron zu t�ten! Nur daf�r lebte er!</p><p>�Wir d�rfen dich nicht den Sturmgeistern �berlassen, mein Freund. Du wei�t, sie w�rden kommen und dich holen.�</p><p>Barnaba wollte etwas sagen, aber er fand keine Kraft mehr. K�lte kroch seine Glieder hinauf. Er war so m�de, dass er kaum noch die Augen offen halten konnte. Das musste ein Albtraum sein. Die Gro�e Mutter besch�tzte ihn. Wahrscheinlich hatte ihn <emphasis>Wolken vor regenschwerem Horizont</emphasis> in sein Inneres gehoben, wie er es schon einmal getan hatte, um ihn zu heilen. Barnaba wusste, wie schrecklich seine Verletzungen waren. Aber er war der auserw�hlte Prediger Nangogs�� Die G�ttin w�rde ihn retten��</p><p>�Lebe wohl, mein tapferer Freund!� Die Gestalt, die wie Kolja aussah, hob eine Fackel und stie� sie dann in das seltsame Bett, auf das sie ihn gelegt hatten. Flammen loderten rings um Barnaba auf, aber er f�hlte immer noch keine Schmerzen. Nur unendliche M�digkeit. Das musste ein Albtraum sein. Wenn er erwachte, w�re alles wieder gut�� Er hatte das Traumeis gefunden�� Er w�rde Nangog befreien und den Unsterblichen Aaron st�rzen�� Das war sein Schicks�</p></section><section><title><p>Verlorene Unschuld</p></title><p>�Worauf wartet die?�, fl�sterte Glamir.</p><p>�Sehe ich aus wie eine Elfe?�, zischte Galar zur�ck. �Woher soll ich denn wissen, was in ihrem Hirn vorgeht?�</p><p>Zwei Tage lang waren sie �ber schlammige Pfade bis �ber die Schneegrenze hinaus immer h�her in die Berge gestiegen. Ailyn hatte ihnen nicht gesagt, wohin es ging. Auch wussten die Zwerge nicht, f�r was f�r einen Auftrag sie ausgew�hlt waren. So kauerten sie nun im Schnee unter tiefem Wolkenhimmel und beobachteten Ailyn, die etwa hundert Schritt entfernt kniete. Die Elfe hatte beide H�nde im Schnee vergraben und wirkte angespannt. Wollte sie ein Tor in die neue Welt �ffnen? Dass es nach Nangog gehen sollte, war das Einzige, was Galar erfahren hatte. Daf�r mussten sie das Goldene Netz durchqueren. Aber warum �ffnete Ailyn das verfluchte Tor nicht endlich? War sie eine St�mperin? Wollte ihr dieser Zauber nicht gelingen? Bestimmt w�rde sie sie alle ins Verderben f�hren.</p><p>Galar atmete langsam aus. Es brachte nichts, sich das Hirn mit Fragen zu zermartern. Er blickte die lange Reihe seiner neuen <emphasis>Kameraden</emphasis> an. Vor ihnen lagerten die Trolle. Drei Schritt hohe, grauh�utige H�nen, die am Berghang einen Weg durch den hohen Neuschnee gebahnt hatten. Sie waren �u�erst gereizt, denn die Elfen hatten ihnen befohlen, alle schwere Ausr�stung der Expedition zu tragen. Zehn der neuen Speerschleudern und dazu etwa hundert gro�e Lederk�cher, in denen jeweils zwanzig Speere f�r die Gesch�tze steckten. Es war Galar schleierhaft, wof�r sie so viel Feuerkraft brauchten.</p><p>Die Trolle nannten die Speerschleudern Waffen f�r Feiglinge! F�r sie war es eine Frage der Ehre, jedem Gegner von Angesicht zu Angesicht entgegenzutreten. Galar schnaubte. Das w�rde er auch so sehen, wenn er drei Schritt gro� w�re.</p><p>�Siehst du, wie diese Rattengesichter uns beobachten?�, raunte Glamir. �Die warten nur auf eine Gelegenheit, uns in den R�cken zu schie�en. Sp�testens wenn diese verdammte Elfe verreckt ist, sind wir dran. Und das wird nicht lange dauern. Wie kann man ohne ein Schwert in die Schlacht ziehen? Ihre Arroganz wird noch mal ihr Untergang sein!�</p><p>�Und was schert es uns Zwerge, wenn die Elfen untergehen?�, fragte Bailin. �Das kann uns doch nur recht sein.�</p><p>�Mich schert, dass wir von ihr in die Schlacht gef�hrt werden und mit ihr zusammen untergehen!�, raunzte Glamir. �Schau mal nach hinten. Die haben diese ganzen dreckigen Kobolde mit Windenarmbr�sten ausger�stet. Wenn Ailyn nicht mehr unter uns weilt, er�ffnen die sofort das Feuer auf uns.�</p><p>�Ob die Trolle wohl dasselbe von uns denken?�</p><p>Alle drei sahen Nyr an, der die Frage gestellt hatte.</p><p>�Wie kommst du darauf, dass Trolle �berhaupt denken?� Glamir grinste breit. �Die sind nur Fleisch.�</p><p>�Die drehen sich auch dauernd zu uns um und tuscheln. Und mit den Speerschleudern k�nnten wir auch Trolle �ber den Haufen schie�en.�</p><p>�F�llt dir der kleine Unterschied zwischen den Trollen, uns und den verfluchten Eisb�rten auf?�, fragte Bailin ruhig. �Die Trolle tragen die Waffen, mit denen wir ihnen was antun k�nnten. Die verfluchten Kobolde aber halten die Waffen, mit denen sie uns hinterr�cks niederschie�en k�nnten, schon in den H�nden.�</p><p>�Bist du sicher, dass Trollen dieser kleine Unterschied auff�llt. Die sind doch nur Fleisch.�</p><p>Galar war �berrascht, wie sehr sich Nyr f�r die Trolle einsetzte. Vom kleinen Frar getrennt zu sein bekam ihm offensichtlich nicht gut. Er war reizbar geworden und hatte seltsame Ideen.</p><p>Missmutig blickte Galar den Hang hinab zu den Kobolden. Es waren ganz sicher mehr als hundert. Sie wuselten durcheinander, tuschelten und blickten mit ihren harten, schwarzen Augen den Hang hinauf. Galar glaubte, den Hass in den Augen sehen zu k�nnen. Die Mistkerle waren gut ausger�stet. Ihre Winterkleidung hatten sie selbst mitgebracht. Dicke, mit Wolle gepolsterte Steppm�ntel. M�tzen, gef�ttert mit dem Fell von Schneehasen, und kniehohe, wei�e Stiefel. Dazu trugen sie wei�e Fransenschals, die ihnen den Spitznamen Eisb�rte eingebracht hatten. Wenn sie sich in den Schnee warfen, verschmolzen sie mit der Umgebung. Neu waren nur die Windenarmbr�ste, die sie vom Elfenschmied Gobhayn bekommen hatten. Und auch diese hatten sie mit wei�er Farbe eingeschmiert. Ein paar der Kobolde trugen auff�llige, rote Wollm�tzen, die so gar nicht zu ihrer Tarnkleidung passten. Galar hatte Geschichten �ber diese M�tzen geh�rt�� angeblich waren sie im Blut toter Zwerge rot gef�rbt worden. Wenn das stimmte, hatten sie zwei Dutzend Zwergenm�rder im R�cken, sobald sie in die Schlacht zogen. Galar schauderte es bei dem Gedanken. Bislang hatte er mit keinem der Kobolde auch nur ein Wort gewechselt. F�r ihn sahen die kleinen Mistkerle ohnehin alle gleich aus.</p><p>Wenn er auf die f�nfzig Zwerge blickte, zu denen er geh�rte, musste er sich eingestehen, dass die verdammten Eisb�rte auf einen Winterkrieg besser vorbereitet waren. Von den Zwergen hatte sich keiner getarnt. Sie trugen wehende Umh�nge, meist rot oder blau, �ber polierten, knielangen Kettenhemden. Darunter die gepolsterten Waffenr�cke, die sie warm hielten. Sie waren ein von Weitem sichtbarer Farbklecks auf diesem wei�en Hang. Die grauh�utigen Trolle mochten von ferne als Granitfelsen durchgehen. Ailyn trug ebenfalls Wei�. Nur sie waren ganz ohne Tarnung. Steckte da Absicht dahinter? Er sah zur Elfe. Wenn es nur endlich losgehen��</p><p>Er hatte den Gedanken noch nicht beendet, als sich eine Schlange aus rotem und eine zweite Schlange aus gelbem Licht aus dem Schnee erhoben. Es lag eine Spannung in der Luft wie an einem schw�len Sommerabend. Die Haare seines Bartes str�ubten sich. Die Trolle vor ihm grunzten unruhig, w�hrend die beiden Schlangen ihre H�upter einander zuneigten, sodass ein Torbogen entstand, ausgef�llt von undurchdringlicher Dunkelheit.</p><p>�Jetzt!�, rief Ailyn. �Und weicht nicht vom Weg ab!� Sie wiederholte den Befehl noch in der Sprache der Trolle und dem Kauderwelsch, in dem sich die Kobolde unterhielten.</p><p>Mutig waren sie, die verdammten Trolle, dachte Galar, w�hrend er zusah, wie die H�nen, ohne zu z�gern, durch das Tor st�rmten. Die Zwerge folgten mit etwas weniger Enthusiasmus. Galar hielt sich an Glamirs Seite. Der Weg aus goldenem Licht war dem Schmied unheimlich. Er konnte sehen, dass dieses Licht wohl fest wie Stein sein musste, denn es trug die Zwergenkrieger, die vor ihm gingen, so sicher wie eine gepflasterte Stra�e. Als er den ersten Fu� auf den magischen Pfad setzte, versank er ein wenig. Es f�hlte sich an, als tr�te er auf eine Wiese, die gerade erst von Schafen abgeweidet war, wo das kurze Gras die Schritte federn lie�.</p><p>�Aale sind mir lieber�, murrte Glamir neben ihm und tastete mit seiner Kr�cke vorsichtig �ber den Weg.</p><p>�Macht voran, ihr Feiglinge!�, rief irgendwo hinter ihnen ein Kobold.</p><p>Glamir fluchte und stakste weiter.</p><p>Voraus erklangen w�tende Schreie. Jemand kreischte wie eine angestochene Sau. Und dann erscholl der tiefe, markersch�tternde Schlachtruf der Trolle. Galar l�ste die Axt von seinem G�rtel, w�hrend die M�nner hinter ihm vorw�rtsdr�ngten.</p><p>Rechts und links des Goldenen Pfades, auf dem sie schritten, herrschte undurchdringliche Finsternis. Galar wusste aus den Erz�hlungen �ber die Albenpfade, dass sie wie Br�cken �ber einen bodenlosen Abgrund waren. Wer hier einen falschen Schritt machte, war rettungslos verloren.</p><p>Der Schlachtl�rm voraus wurde lauter. Galar sah ein St�ck roten Himmel. Die andere Seite war also nicht mehr fern! Die Trolle schienen schon alle durch das magische Tor zu sein. Der Druck der nachschiebenden Zwerge wurde gr��er. Glamir kam auf seiner Kr�cke zu langsam voran. Es war unverantwortlich, den verst�mmelten Schmied aus den Ehernen Hallen mit in eine Schlacht zu nehmen.</p><p>Bailin erschien hinter ihnen. Mit seitlich ausgestreckten Armen versuchte er, etwas von dem Druck auf sich zu nehmen.</p><p>�Ich schaffe das!�, erkl�rte Glamir atemlos. Ihm stand die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben. Er wusste nur zu gut, dass er ein Hindernis war.</p><p>Pl�tzlich erschien eine Gestalt keine f�nf Schritt entfernt in der Finsternis. War das ein Menschenkind? Es lief vom roten Himmelslicht voraus davon. Tr�nen rannen ihm �ber die Wangen. Der Mann hatte ein abgeh�rmtes, dunkles Gesicht ohne jeden Bart. Sein schwarzes Haar reichte ihm bis zu den Schultern. Er trug eine dicke Fellweste und hatte Wollb�nder um die Beine gewickelt. Einen, zwei Herzschl�ge sah Galar den Fl�chtling, dann verschwand der Mann im Dunkel. Es gab einen zweiten Albenpfad, der in spitzem Winkel zu ihrem Weg auf das Tor zulief! Jetzt kamen noch weitere Menschen. Einige waren verletzt. Alle blickten immer wieder ver�ngstigt �ber die Schulter.</p><p>Eisiger Wind schnitt Galar ins Gesicht. Er trat aus der Leere zwischen den Welten auf eine weite, verschneite Ebene mitten in ein w�tendes Gefecht. Vor dem Tor war der Schnee von Blut durchtr�nkt. Schreie gellten dem Zwerg in den Ohren.</p><p>�Deckung!�, schrie Glamir, warf sich zu Boden und zog Galar mit sich. Ein Troll taumelte r�ckw�rts in ihre Richtung. Auf seiner Brust kauerte eine Bestie, wie Galar sie nie zuvor gesehen hatte: Ein schwarzes Tier mit einem �bergro�en Kopf, durch dessen weit aufgerissenes Maul schemenhaft ein Gesicht zu sehen war. Eine Krallenhand des Ungeheuers hatte sich tief in den Bauch des Trolls gegraben. Sich darauf aufst�tzend, schwang sich die Bestie in die H�he, und die zweite Krallenhand des Ungeheuers zerfetzte dem wankenden Troll die Kehle. Krachend schlug der H�ne nur wenige Zoll neben Glamir und Galar in den Schnee. Doch noch im Sterben umklammerte er die schwarze Bestie mit seinen m�chtigen Armen und presste sie fest gegen seinen Leib. Ein Kobold st�rmte aus dem Nichts und setzte der sich windenden Kreatur eine Armbrust an den Kopf. Der Bolzen durchschlug den m�chtigen Sch�del und schoss in einer Blutfont�ne auf der anderen Seite wieder heraus.</p><p>Galar rappelte sich auf und packte seinen Gef�hrten. Sie mussten fort vom Eingang zum Goldenen Netz. Hier tobten die heftigsten K�mpfe.</p><p>Mitten im Get�mmel entdeckte er Bailin und Nyr, die versuchten, eine der Speerschleudern aufzurichten, die von den Trollen achtlos zur Seite geworfen worden war.</p><p>In blindem Zorn w�teten ihre h�nenhaften Verb�ndeten unter den Menschenkindern. Die meisten von ihnen leisteten kaum Widerstand, ja sie schienen nicht einmal bewaffnet zu sein. Gef�hrlich schienen allein die schwarzen Bestien zu sein, von denen Galar noch zwei weitere entdeckte, die sich katzengleich durch das Kampfget�mmel bewegten und mit ihren Krallenh�nden blutige Schneisen schlugen.</p><p>�berall zwischen den K�mpfenden lagen gro�e K�rbe und S�cke herum, als h�tten sie eine Lastkarawane angegriffen. Doch konnte Galar kein einziges Maultier entdecken.</p><p>�Achtung!�, schrie Glamir hinter ihm.</p><p>Galar fuhr halb herum und riss seine Axt hoch. Kreischend fuhren st�hlerne Krallen �ber das breite Blatt der Waffe und streiften gerade eben noch sein Kettenhemd aus erlesenem Silberstahl. Der Zwerg starrte geradewegs in ein wutverzerrtes Gesicht, das von zwei m�chtigen Kiefern eingerahmt wurde. War das eine Art Helm?</p><p>In rasender Folge droschen Prankenhiebe auf ihn nieder�� viel zu schnell, um sie parieren zu k�nnen. Galar vertraute ganz dem Schutz durch das exzellente Kettenhemd und versuchte seinerseits, einen Treffer mit der Axt zu landen. Sein Gegner schien nicht recht bei Sinnen zu sein. Er achtete kaum auf seine Deckung. Allein die Wucht seiner Hiebe, die Galar bei jedem Treffer zur�cktaumeln lie�, bewahrte ihn davor, dass die kurzstielige Axt zwischen seine Rippen fuhr.</p><p>Der Schmied wurde sich nur allzu bewusst, dass er kein ausgebildeter K�mpfer war. Er rutschte auf dem blutgetr�nkten Schnee, versuchte, mit ausgestreckten Armen das Gleichgewicht zu halten, und steckte einen Treffer ein, der ihm die Axt aus der Hand prellte. Gleich im Anschluss folgte ein gerader Sto�, der auf sein Gesicht zielte.</p><p>Galar lie� sich fallen, doch gewann er damit keine Zeit. Mit einem Satz war der Krieger mit der Raubkatzenmaske �ber ihm, dr�ckte ihn mit einem Knie zu Boden und hob die Hand zum Todessto�, als ein Schatten so dicht �ber Galar hinwegschwang, dass er einen Luftzug auf seinem schwei��berstr�mten Gesicht sp�rte.</p><p>Der Tiermensch wurde zur Seite geschleudert, und eine riesige Gestalt setzte mit einem weiten Schritt �ber den Zwerg hinweg. Es folgten ein r�hrender Kriegsschrei und ein zweiter Hieb.</p><p>Als Galar sich aufsetzte, drehte der Troll sich zu ihm um. Triumphierend hob er den halb zerschmetterten Maskenhelm hoch. �Tapferer Kerl!�, grunzte er, und Galar erkannte, dass es Groz war, der vor ein paar Tagen erst versucht hatte, Bailin zu t�ten.</p><p>Der Schlachtenl�rm war pl�tzlich verstummt. Nur leises St�hnen war noch zu h�ren. Noch benommen von den harten Treffern, sah Galar sich um. Einige der Kobolde schnitten den verwundeten Menschenkindern die Kehlen durch. Ailyn sah dabei zu und schritt nicht ein.</p><p>Langsam wurde der Zwerg sich bewusst, dass die meisten ihrer toten Gegner tats�chlich gar keine Waffen in H�nden hielten. Einige trugen noch Lastk�rbe auf dem R�cken. Was hatten sie von hier fortbringen wollen, das so wichtig war, dass sie zum Angriffsziel geworden waren?</p><p>Galar erhob sich, ging zu einem der Toten und �ffnete den Sack, der im Tragekorb steckte. Etwas Wei�es, Kr�meliges quoll daraus hervor. Der Zwerg zerrieb es zwischen den Fingern, dann roch er daran. �Das ist Vogelschei�e�, sagte er verwundert. �Vogelschei�e!�, wiederholte er nun lauter. �Wir haben einen Trupp unbewaffneter Vogelschei�etr�ger niedergemetzelt!�</p><p>Groz hatte seinem toten Gegner mit seinem Steinmesser eine der Krallenh�nde abgetrennt und hielt sie hoch. �Nicht unbewaffnet�, sagte er lapidar.</p><p>�Sie hatten drei oder vier Wachen. Wir sind mehr als zweihundert!� Er wandte sich Ailyn zu. �Was hat das zu bedeuten? Gegen wen f�hren wir hier Krieg?�</p><p>Die Elfe schien all dies nicht zu ber�hren. �Die Unschuld ist das erste Opfer des Krieges�, entgegnete sie k�hl. �Offenbar gab es einen Fehler. Macht euch jetzt abmarschbereit.� Sie sah zum Horizont, der die blutig-rote Sonne verschluckt hatte. Eisiger Wind wehte von Norden. �Gehen wir!�, rief sie dann lauter. �Lasst die Toten liegen. Wir m�ssen nach Norden. Dort liegt die Stadt, die wir erobern sollen. Es ist besser, wenn wir sie noch in der Nacht erreichen und wir unsere Feinde im Schlaf erwischen!�</p><p>�Und die Toten?�, begehrte ein Kobold mit roter M�tze auf. Er war Galar schon zuvor als Wortf�hrer des kleinen Volks aufgefallen. Der Mistkerl trug einen zwergischen Waffengurt, der mit schweren Silberm�nzen beschlagen war, quer �ber der Brust. �ber seinem R�cken ragte der Griff eines Kurzschwertes auf.</p><p>�Nach meiner Erfahrung ist es Toten reichlich egal, wo sie herumliegen.� Eine B� lie� das hochgeschlitzte Kleid der Elfe aufwirbeln. �Wenn wir uns jetzt mit Begr�bnisfeiern aufhalten, werden wir bis morgen Abend noch wesentlich mehr Tote zu beklagen haben.�</p><p>�Kurz warten!�, rief Groz und brach den Brustkorb des Katzenmanns auf, um dessen totes Herz herauszurei�en und vor aller Augen zu verschlingen, was die �brigen Trolle mit wilden Rufen feierten.</p><p>Galar wandte sich ab. Es waren die Himmelsschlangen, die diesen Wahnsinn entfesselt hatten. Sie mussten aufgehalten werden, deshalb war er hier! Und deshalb w�rde er durchhalten und sich nicht vom Strudel der Grausamkeiten mitrei�en lassen. Er durfte nicht auffallen. Durfte nichts sagen. Wenn er hoffen wollte, Himmelsschlangen zu t�ten, dann musste er sie alle �berraschen.</p><p>Aus den Augenwinkeln sah er Bailin. Der Hauptmann aus den Ehernen Hallen war leichenblass. Wie lange w�rde er dem Wahnsinn widerstehen? Galar mochte Bailin nicht sonderlich, aber der Krieger war ein aufrechter Mann, f�r den Ehre mehr als nur hohles Pathos war. Er w�rde an dem, was hier geschah, zerbrechen.</p><p>Galar blickte nach vorne. Vor dem schneidenden Nordwind wanderten Wirbel aus Schnee �ber die Ebene. Fast sahen sie aus, als h�tten die Geister des Landes sich erhoben, um zu sehen, wie die Albenkinder ihre Unschuld verloren hatten. Der Zwerg lachte bitter auf und trat neben Glamir, der den Kopf gesenkt hielt. Das war nat�rlich romantischer Unsinn! Er klopfte sich den Schnee aus den Kleidern und folgte der unheimlichen Elfe. In ihrem langen, wei�en Kleid sah sie selbst wie aus Schnee geboren aus, und Galar hatte nicht den geringsten Zweifel, dass statt eines Herzens ein Eisblock in ihrer Brust steckte.</p></section><section><title><p>Che</p></title><p>Es lag Magie im Wind, der von Norden wehte. Immer wieder �ffnete Ailyn ihr Verborgenes Auge und sp�hte hinaus in die Nacht. Mit diesen Wirbeln, die der Wind �bers Eis blies, stimmte etwas nicht. In ihnen leuchteten schwache Auren, als verb�rge sich etwas hinter den d�nnen Schneeschleiern.</p><p>�Macht voran!�, trieb sie ihre Truppen an. Die kurzbeinigen Kobolde und dieser verkr�ppelte Zwerg kosteten sie zu viel Zeit. Sie w�nschte, die Himmelsschlangen h�tten sie mit f�nf Drachenelfen hierhergeschickt statt mit diesen zweihundert Lahmen! Als kleiner Trupp h�tten sie mehr erreicht. Sie w�ren schneller und wendiger gewesen. Und es h�tte auch nicht schon im ersten Gefecht eigene Opfer zu beklagen gegeben. Diese Jaguarm�nner k�mpften gut! Hoffentlich erwarteten sie in der Siedlung, die sie st�rmen sollten, nicht noch mehr von diesen todesverliebten Berserkern.</p><p>Ailyn war der Sinn dieser Mission nicht klar. Sie hatte ausdr�cklichen Befehl gehabt zu warten, bis sie sp�rte, dass der Albenstern an ihrem Zielpunkt ge�ffnet wurde. Die Himmelsschlangen waren genau dar�ber informiert gewesen, zu welcher Tageszeit damit zu rechnen war. Aber welchen Sinn hatte es, eine Kolonne von Lastentr�gern zu morden? Als Drachenelfe hatte sie gelernt, die Auftr�ge der Himmelsschlangen nicht zu hinterfragen. Aber das galt nicht f�r ihre M�nner. Sie wusste nicht, wie sie mit diesem aufm�pfigen Zwerg, Galar, umgehen sollte, der sie daf�r verachtete, was geschehen war, und der nicht aufh�ren w�rde, Fragen zu stellen, auf die sie keine Antworten hatte. Es w�re besser gewesen, nur mit Trollen und Kobolden in diese Schlacht zu ziehen. Die zerbrachen sich nicht den Kopf dar�ber, was geschah.</p><p>Wieder blickte sie auf die n�chtliche Ebene. Obwohl die beiden Monde hinter Wolken verborgen blieben, war es erstaunlich hell. Die weiten Eisebenen reflektierten das Licht der Sterne. Deutlich sah sie die kleinen Schneewirbel tanzen. Was war das? Sie f�hlte sich beobachtet. All ihre Instinkte warnten sie vor einem Feind, der dort lauerte. Einer Gefahr, vor der sie die Himmelsschlangen nicht gewarnt hatten.</p><p>Vor ihnen wogte Nebel �ber dem Eis. Der verharschte Weg, dem sie bislang gefolgt waren, f�hrte geradewegs darauf zu. Die Nebelbank lag wie eine wei�e Mauer �ber der Ebene. Ailyn hob die Hand und gab den anderen ein Zeichen, stehen zu bleiben. Sie h�rte leises Murmeln und seufzte innerlich. Sie waren auf sich allein gestellt in Feindesland! Warum konnten diese Deppen nicht einfach still sein. Niemand wusste, was dort im Nebel lauerte.</p><p>Erstaunlicherweise waren es ausgerechnet die Kobolde, die ohne Befehl die Kolonne verlie�en, sich auff�cherten und in Senken duckten, sodass sie in ihrer wei�en Kleidung fast mit der Umgebung verschmolzen. Sogar ihre albernen, roten M�tzen hatten sie abgenommen. Ganz offensichtlich hatten sie schon oft schlechte Erfahrungen gemacht.</p><p>Ailyn wich ein St�ck vom Weg ab und schlich in den Nebel. Sie h�rte Wasser, das sich an Felsen brach. Der Schnee unter ihren F��en war pappig und klebte an ihren Stiefeln. Dann sah sie einen dunklen Fluss, aus dem der Nebel stieg, und den Schemen einer Holzbr�cke, deren fernes Ende im wirbelnden Dunst verborgen blieb.</p><p>Vorsichtig schlich sie zum Weg zur�ck und n�herte sich der Br�cke. Es gab keine Wachen. Keine Befestigungen an der Br�cke. Kein Torhaus. Ganz offensichtlich rechneten die Menschenkinder nicht damit, dass sie hier angegriffen werden k�nnten.</p><p>Ganz wie die Drachen befohlen hatten, waren etliche der Menschenkinder ins Goldene Netz entkommen. Wie lange mochte es dauern, bis sie mit Verst�rkungen zur�ckkamen? Einen Tag? Zwei?</p><p>Zur Stadt hin war niemand entkommen. Dort ahnte man nicht, was auf sie zukam.</p><p>Ailyn schlich zur�ck zu ihren Kriegern. �Voraus liegt eine Br�cke. Sie scheint nicht bauf�llig zu sein, trotzdem gehen deine Trolle nur einzeln und mit drei Schritt Abstand zueinander dar�ber. Hast du das verstanden, Groz?�</p><p>�Glaubst du, ich bin dumm?�, kam es beleidigt zur�ck. �Was ist mit Flitschen?�</p><p>Ailyn brauchte einen Moment, um zu verstehen. �Du meinst die Speerschleudern?�</p><p>�Genau! Feiglingswaffen!�</p><p>�Auf der Br�cke gehen die Lastentr�ger nicht in Paaren. Schafft ihr es, ein St�ck weit eine Speerschleuder alleine zu tragen?�</p><p>�Leicht.�</p><p>Lag da eine Spur von �berheblichkeit in der Stimme des Trolls? �Dann macht es so.�</p><p>Groz raunte seinen M�nnern Befehle zu und wies in den Nebel. Ohne irgendwelche Fragen f�gten sie sich und teilten sich auf.</p><p>Ailyn sah sich nach den Kobolden um. Sie hatten sich inzwischen noch weiter vom Weg entfernt. W�rden sie desertieren? Die Elfe �ffnete ihr Verborgenes Auge. Die Auren verrieten das kleine Volk. Sie hatten einen rebellischen Geist. Wenn es hart auf hart kam, sollte sie besser nicht auf sie z�hlen.</p><p>�Che!� Ailyn deutete auf den Kobold, der etwa hundert Schritt entfernt in Deckung lag. Ohne ihr Verborgenes Auge h�tte sie ihn nicht sehen k�nnen, aber seine Aura war unverwechselbar. Das Purpur reiner Rachsucht mischte sich mit dem Gold edler, uneigenn�tziger Gef�hle. Bei keinem anderen Kobold waren diese Widerspr�che so ausgepr�gt. Che h�tte lieber weiter Zwerge bek�mpft. In einen Krieg gegen die Menschenkinder gezwungen zu werden passte ihm nicht. Er tr�umte davon, ein freies K�nigreich der Kobolde zu errichten, wo sie weder von Trollen noch von Zwergen versklavt wurden oder von Elfen, die die Kobolde als Diener schlechter behandelten als ihre Jagdhunde. Um diesen Traum zu verwirklichen, w�rde er ohne zu z�gern jeden Preis zahlen. Sein ganzes Leben hatte er ihm verschrieben.</p><p>Che lie� sie nicht warten. Sollte es ihn erschreckt haben, dass sie ihn mit solcher Leichtigkeit gefunden hatte, lie� er es sich nicht anmerken. Mit herausforderndem L�cheln trat er ihr entgegen. �Was ist los, h�bsche Elfe? Suchst du einen richtigen Mann? Du hast Gl�ck. Der steht vor dir.�</p><p>�Sch�n, dann pfeif mal all die anderen richtigen M�nner deiner Gr��e zusammen und f�hr sie �ber die Br�cke. Folgt den Trollen. Die Zwerge bilden von nun an den Abschluss der Gruppe.�</p><p>Er machte eine �bertriebene Verbeugung. �Deine W�nsche sind mir Befehl, meine Sch�ne, obwohl es eine Schande ist, die N�chte mit dir spazieren gehend zu verbringen.�</p><p>�Man wei� nie, wie eine Nacht enden wird�, entgegnete sie schmunzelnd.</p><p>Che sah �berrascht zu ihr auf. Dann grinste er breit. �Ich bin f�r jede �berraschung zu haben.� Mit diesen Worten machte er sich beschwingten Schritts davon. Er war ein Halsabschneider und Dieb, ein Unruhestifter und L�gner, aber sie mochte ihn. Er hatte etwas an sich, das sie nicht in Worte fassen konnte�� Er schien das Wort unm�glich nicht zu kennen oder zumindest nicht zu akzeptieren. Sein Enthusiasmus hatte etwas Ansteckendes.</p><p>Ihr Herz war Ailyn ein klein wenig leichter, als sie hinter den Zwergen als Letzte �ber die Br�cke ging. Obwohl ihnen etwas folgte, das konnte sie sp�ren. Aber was es auch war, sie w�rde sich ihm stellen, wenn es an der Zeit war. Sie war eine Drachenelfe! Sie vermochte dem Unm�glichen neue, enge Grenzen zu ziehen. Besch�mend, dass es eines Kobolds bedurft hatte, sie daran zu erinnern!</p></section><section><title><p>Die Zur�ckgebliebenen</p></title><p>Fast eine Meile n�rdlich der Br�cke fanden sie die <emphasis>Stadt</emphasis>. Galar war �berrascht, was die Menschenkinder so Stadt nannten. Es gab keine sch�tzende Mauer. Die beiden einzigen T�rme waren seltsame Bauwerke, aus deren Seitenw�nden lange Balken ragten. Sie lagen mitten in einer Ansammlung flacher H�user an einem weiten Platz. Welchen Zweck sie erf�llen sollten, vermochte Galar sich nicht vorzustellen. Zur Verteidigung dienten sie wohl nicht.</p><p>�Riechst du das?�, fl�sterte Nyr.</p><p>Sie beide standen mit dem R�cken an einer Hauswand, dicht vor einer Stra�enecke, hinter der der weite Platz lag. Ailyn hatte entschieden, dass sich die Zwerge vorsichtig ins Zentrum der Siedlung vorarbeiten sollten, w�hrend die Kobolde sich um die H�user am Stadtrand k�mmerten. Die Trolle von Groz hatte sie als Reserve zur�ckgehalten.</p><p>Galar sog die kalte Luft ein. Der bittere Frost machte ihm zu schaffen. Er hatte wohl zu lange in H�hlen gelebt. Er war richtige K�lte nicht mehr gew�hnt. Selbst die warme Kleidung vermochte sie nicht fernzuhalten.</p><p>�Hier irgendwo brennt ein Feuer�, raunte ihm Nyr zu. �Die Stadt ist also doch nicht verlassen.�</p><p>Galar nickte. Auch wenn er sich gewundert hatte, bisher noch keinen Menschen gesehen zu haben, war er nicht davon ausgegangen, dass es hier niemanden gab. Welchen Sinn h�tte es gehabt, wenn die Drachen ihnen befohlen h�tten, eine verlassene Stadt anzugreifen?</p><p>Bailin erschien auf der gegen�berliegenden Seite der Stra�e. Er ging geduckt und hielt dabei seine gespannte Armbrust schussbereit schr�g vor der Brust. Pl�tzlich blieb er stehen und winkte ihnen. Von seiner Position aus konnte man den Platz hinter der H�userecke einsehen. Er hob zwei Finger zu den Augen und deutete dann mit ausgestrecktem Zeigefinger auf den Platz. Er sah also etwas.</p><p>Galar pr�fte, ob der Bolzen auf der F�hrungsschiene seiner Armbrust nicht verrutscht war. Die Waffe war gespannt. Es war an der Zeit, sich den Bewohnern dieser verwaisten Stadt zu stellen! Entschlossen trat er um die Hausecke. Nichts Lebendes zeigte sich auf dem Platz. Im hellen Licht der Monde war es fast taghell. Wind trieb feinen Pulverschnee vor sich her, der in drei Wirbeln in der Mitte des Marktplatzes kreiste. Auf der anderen Seite lag ein gro�es Geb�ude, von dessen vorkragendem Dach lange Eiszapfen herabhingen. Hinter einem gro�en Schneehaufen dicht bei der Mauer leuchtete flackernd gelbes Licht. Rauch stieg auf.</p><p>Ohne sich weiter um seine Deckung zu scheren, marschierte Galar mitten �ber den Platz. Die Armbrust hielt er schussbereit gesenkt, entschlossen jeden zu t�ten, der ihn aufhalten wollte. Ihm folgten die knirschenden Schritte seiner Gef�hrten.</p><p>Nichts regte sich. Galar blickte misstrauisch zu den Fenstern der umgebenden H�user. Sie waren mit Brettern vernagelt. Nirgends war ein Lichtschein zu sehen. Nur dort vor ihnen, wo der Abglanz von Flammen auf der H�userwand tanzte. Dem Zwerg rann Schwei� den Nacken hinab. Etwas war hier und belauerte ihn. Er sp�rte es ganz deutlich. Eine b�se Macht, die auf seinen Untergang sann. Er war kein Feigling, aber gegen einen Feind zu marschieren, der sich nicht zeigte, das war nicht seine Sache!</p><p>Er umrundete den Schneehaufen und blickte auf eine eisverkrustete Treppe, die an der Hauswand hinab zu einem Keller f�hrte. Auf ihren Stufen spiegelte sich das Licht eines verborgenen Feuers. �liger Rauch quoll aus dem Treppenschacht herauf und brannte Galar in den Augen.</p><p>�Wir sollten Ailyn holen�, fl�sterte Bailin, der an seine Seite getreten war und ebenfalls die Treppe hinabblickte. �Wir wissen nicht, was uns dort unten erwartet.�</p><p>�Doch, das wissen wir! Da finden wir die Antwort, warum die Stadt verwaist ist. Ich will sie mir selbst holen und nicht darauf vertrauen, was mir eine verlogene Elfe erz�hlt. Ich will sehen, was dort ist!� Mit diesen Worten stieg er die Treppe hinab. Das Eis knarzte unter seinen schweren, genagelten Stiefeln. Der Rauch brannte ihm nun auch in der Lunge. Wussten diese verfluchten Menschenkinder nicht, wie man einen Kamin baute? Lie�en sie den Rauch ihrer Feuer einfach durch irgendeine �ffnung abziehen?</p><p>Am Ende der Treppe fand sich eine offene T�r. Mitten im Durchgang stand eine gro�e Feuerschale, in der mannshohe Flammen tanzten. Geblendet durch das Feuer konnte Galar nur undeutlich sehen, was sich dahinter verbarg. Er erkannte nur andere, kleinere Lichter und schattenhafte Gestalten. Kehlige Stimmen raunten in einer fremden Sprache.</p><p>Galar schob mit dem Stiefel die Feuerschale aus der Mitte des Durchgangs zur Wand hin, sodass eine L�cke entstand, durch die er sich an den Flammen vorbeizw�ngen konnte. Aufgebrachte Rufe erklangen.</p><p>Pl�tzlich sprang neben ihm eine wei�e Gestalt durch die Flammen. Angstschreie gellten in dem Keller. Dann erhob sich eine nur zu bekannte Stimme. Ailyn! Galar verstand nicht, was sie sagte. Sie redete eindringlich auf die Menschenkinder ein, wurde aber von einer lauten, klagenden Stimme unterbrochen.</p><p>Galar dr�ngte sich am Feuer vorbei neben die Elfe in den Keller. Der Raum war gr��er, als er erwartet hatte. Offenbar erstreckte er sich nicht nur �ber die ganze L�nge des Hauses, sondern reichte auch noch unter den Marktplatz hinaus. �berall, auch in den zahllosen Nischen, stapelten sich schmutzige S�cke, auf denen hagere, abgeh�rmte Gestalten kauerten.</p><p>�Schieb die Feuerschale zur�ck an ihren Platz�, befahl ihm Ailyn harsch. �Soweit ich verstanden habe, sollen die Flammen die b�sen Geister der Nacht fernhalten.�</p><p>Was f�r ein kindischer Unsinn, dachte Galar bei sich, aber er gehorchte.</p><p>Kaum stand die Schale wieder an ihrem urspr�nglichen Platz, ging ein erleichtertes Aufatmen durch den weiten Keller. Vor Ailyn schienen die Menschenkinder keine Angst zu haben. Vielleicht hielten sie die hochgewachsene Elfe, die so meisterlich ihre Sprache beherrschte, ja f�r ihresgleichen. Ihn hingegen musterten sie mit Misstrauen.</p><p>Als Ailyn gestikulierend weitersprach, beobachtete Galar sie verstohlen. Woher kannte sie die Sprache der Menschen so gut? Und was beredeten sie? Kein Wort von dem zu verstehen, was besprochen wurde, �rgerte ihn zutiefst. Die Elfe k�nnte ihm jedes M�rchen dar�ber erz�hlen. Oder auch die Wahrheit�� Er w�rde es niemals wissen. Gerade deutete Ailyn wieder auf die T�r, durch die sie gekommen war.</p><p>Eine ganze Weile ging die Debatte hin und her. Dann endlich wurde es ruhiger, und die Elfe wandte sich an Galar. Die erb�rmlichen Gestalten im Keller wirkten niedergeschlagen. �Hinaus jetzt!�, befahl Ailyn.</p><p>Galar schob die Feuerschale ein wenig zur Seite und dr�ngte sich daran vorbei. Kaum war auch Ailyn �ber das Feuer gesprungen, wurde die Schale von innen an ihren urspr�nglichen Ort ger�ckt. �Ich werde nicht mitmachen, wenn du sie auch umbringen willst�, sagte er, als sie gemeinsam die vereiste Treppe hinaufstiegen. Er hatte keine Ahnung, was dort unten eben vor sich gegangen war, aber er w�rde sich wehren.</p><p>�Wie kommst du darauf, dass ich sie t�ten will?�, fuhr Ailyn ihn schroff an.</p><p>�Die Erfahrungen am Albenstern���</p><p>Sie wandte sich abrupt zu ihm um. �Was dort geschehen ist, kann ich nicht mehr r�ckg�ngig machen. Das dort im Keller sind keine Krieger. Es sind Seeleute und Lastentr�ger. Wie dir vielleicht aufgefallen ist, sind sie v�llig ver�ngstigt. Sie haben mich f�r eine ihrer Priesterinnen gehalten. Es war allerdings ziemlich schwer zu erkl�ren, was du bist. Ich habe erz�hlt, du seist ein missgestalteter Kleinw�chsiger. Ein Geschenk aus den K�nigreichen jenseits des Gro�en Wassers an meinen Tempel.�</p><p>�Danke!�, knurrte Galar eisig.</p><p>�Sie f�rchten sich vor irgendwelchen Geistern, die hier durch die Nacht streifen. Deshalb haben sie sich in diesem Keller versammelt. Angeblich h�lt das Feuer die Geister fern.�</p><p>�Geister? Du glaubst ihnen doch nicht?�</p><p>Ailyn wirkte unschl�ssig. �W�ren wir in Albenmark, w�rde ich das f�r alberne Ammenm�rchen halten. Aber das hier ist eine andere Welt��� Sie zuckte mit den Schultern. �Wahrscheinlich ist es dummes Geschw�tz, aber wir werden vorsichtig sein. Bei Tageslicht besteht angeblich keine Gefahr. Die Geister kommen nur nachts. Die Menschenkinder sagen, sie reiten auf dem Nordwind.�</p><p>�Und was machen diese Hasenf��e bei Tageslicht? Kommen sie dann aus ihrem Keller raus?�</p><p>Ailyn l�chelte k�hl. �Nein. Sie werden ihr Versteck nicht mehr verlassen. Ich habe ihnen gesagt, dass nun auch noch graue Riesen von Norden gekommen sind. Gr�ssliche Menschenfresser, die es auf sie abgesehen haben. Unsere Freunde sind �berzeugt, nur noch dort unten sicher zu sein. Sie haben Lebensmittel und Tran, um Feuer zu machen. Sie werden die n�chsten Tage �berstehen, bis hier alles vorbei ist.�</p><p>�Was wird denn in den n�chsten Tagen geschehen?�</p><p>Ailyn ma� ihn mit einem so absch�tzend arroganten Blick, wie nur Elfen es konnten. �Zun�chst einmal werden zwei von unseren Trollen hierbleiben. Die beiden D�mmsten aus dieser Schar der Einf�ltigen.�</p><p>�Ah, die grauen Riesen�, sagte Galar.</p><p>�Ganz genau. Sollte doch eines der Menschenkinder den Keller verlassen und die Trolle sehen, dann wird es schnell unter die Erde zur�ckkriechen.�</p><p>Galar gefiel diese Formulierung nicht. Es gab nichts Anst��iges daran, unter der Erde oder tief im Fels zu leben!</p><p>�Au�erdem wird dein einbeiniger Gef�hrte hierbleiben. Er soll das Hirn der beiden Trolle sein.�</p><p>�Ich glaube nicht, dass Glamir das gefallen wird. Er ist���</p><p>�Was ihm gef�llt oder nicht, spielt keine Rolle. Er erh�lt einen Befehl, und dem wird er gehorchen! Es ist das Beste f�r ihn. Wir anderen gehen zur�ck zur Br�cke. Dort werden wir unsere Schlacht schlagen, denn sie ist gut zu verteidigen. Diese <emphasis>Stadt</emphasis> ohne Mauern hingegen ist nicht zu halten. Sie ist eine einzige gro�e Falle.�</p><p>�Was f�r ein Angriff wird uns denn erwarten?�</p><p>Die Elfe sah ihn an, als w�re er ein Idiot. �Was glaubst du denn? Meinst du etwa, es fallen diese Geister �ber uns her? Menschenkinder werden kommen! Tausende von ihnen. Unsere Anwesenheit hier ist eine Provokation. Mit <emphasis>uns</emphasis> hat die Invasion Nangogs durch die Albenkinder begonnen. Sie werden uns um jeden Preis vernichten wollen.�</p><p>Galar durchschaute immer noch nicht, was das alles bedeuten sollte. �Worum k�mpfen wir �berhaupt? Hier gibt es doch, so wie es aussieht, nichts als Vogelschei�e. Haben wir davon nicht genug in Albenmark?�</p><p>Ailyn stie� ein abgehacktes, freudloses Lachen aus. �Hier geht es nicht um etwas so Greifbares wie Schei�e. Wir k�mpfen f�r die Freiheit Albenmarks und Nangogs. F�r hehre Ideale werden wir unser Blut vergie�en. Wir sind die Streiter des Lichtes und vertreiben die Dunkelheit aus dieser Welt.�</p><p>Galar war sich nicht sicher, ob sie das ironisch oder ernst meinte. �F�r Streiter des Lichtes haben wir verdammt viel unschuldiges Blut an den H�nden.�</p><p>Ailyns sp�ttisches Gehabe war pl�tzlich wie weggewischt. Sie nickte. �Und damit es sich nicht wiederholt, lassen wir deinen Freund und die Trolle hier. Wir werden an der Br�cke viele Menschenkinder t�ten. Aber diesmal werden es wenigstens Krieger sein. Zuletzt werden sie uns einfach �berrennen. Dir ist aufgefallen, dass sie l�ngere Beine haben als du, oder?�</p><p>Galar nickte.</p><p>�Wenn sie unsere Linien durchbrechen, dann ist es besser, wenn Glamir nicht dort ist.�</p><p>�Du kennst also doch seinen Namen!� Der Zwerg war �berrascht. Er war �berzeugt gewesen, dass sie alle f�r die kaltherzige Elfe ohne jede Bedeutung seien.</p><p>�Nat�rlich kenne ich euch. Jeden einzelnen Namen. Glamir w�re der Erste, der stirbt, wenn die Zeit des K�mpfens vorbei ist und es nur noch darum geht, wer schneller l�uft. Deshalb wird er hierbleiben.�</p><p>Galar konnte nicht fassen, was sie da sagte. �Besteht denn keine Hoffnung, dass wir gewinnen?� Er durfte hier nicht sterben! Sein Schicksal war es, die Himmelsschlangen zu st�rzen. Er war zu H�herem bestimmt!</p><p>�Den Menschenkindern wird ein Sieg hier sehr wichtig sein, und es w�re t�richt, sie zu untersch�tzen. Ich bin mir ganz sicher, dass es ihnen gelingen wird, uns zu �berraschen.�</p><p>�Ja, aber haben wir denn keine Bedeutung f�r die Himmelsschlangen? Man f�ngt doch einen Krieg nicht an, wenn man nicht glaubt, dass man siegen kann.�</p><p>�Ich bin �berzeugt, dass wir Albenkinder am Ende gewinnen. Nur ob wir das Ende des Krieges noch erleben werden, wage ich zu bezweifeln. Wir sind nicht mehr als ein Staubkorn in dem Sturm, der aufzieht.�</p><p>Galar fluchte. �Also ist alles, was wir tun, sinnlos?�</p><p>�Aber nein�, widersprach Ailyn leidenschaftlich. �Wir sind der Funke, der die Flamme des Krieges entz�ndet.�</p><p>�Das war ja eine tolle Rede vor der Schlacht! Ich w�nschte, ich w�sste nichts von alledem!�</p><p>�Du hast mich gefragt, ob wir hier nur um einen Haufen Schei�e k�mpfen. Dieser Krieg beginnt, weil die Herrschenden auf beiden Seiten Angst haben. Die Devanthar glauben, dass die Menschenkinder ohne die Nahrung, die sie auf Nangog stehlen, nicht mehr leben k�nnen. Und die Himmelsschlangen f�rchten, dass die Menschen als N�chstes nach Albenmark greifen, wenn sie sich Nangog erst einmal untertan gemacht haben. Ein Haufen Schei�e w�re wirklich etwas Handfestes! Wir k�mpfen wegen der �ngste der M�chtigen.�</p><p>�Warum sagst du mir das alles? Hast du keine Angst, dass ich davonlaufe?�</p><p>�Nein�, entgegnete Ailyn, ohne zu z�gern. �Dich sch�tze ich so ein, dass du eine ausgesprochene Vorliebe f�r aussichtslose Unternehmungen hast. Du willst aller Welt beweisen, dass du vollbringen kannst, was jeder f�r unm�glich h�lt. Deshalb wirst du bis zum Ende an der Br�cke ausharren. Ich habe dir all dies erz�hlt, damit du �berzeugend bist, wenn du gleich mit Glamir sprichst. Mir ist egal, welche L�gen du ihm auftischst. Ich w�nsche nur, dass du erreichst, dass er hierbleibt. Wenn dir klar ist, dass er an der Br�cke auf jeden Fall sterben wird, dann wirst du viel �berzeugender sein. Also, mach deine Sache gut!� Mit diesen Worten ging sie �ber den weiten Platz davon.</p><p>Galar blieb verst�rt zur�ck. Sie hatte ihm freigestellt, Glamir irgendwelche L�gen zu erz�hlen, damit sein Kamerad das tat, was sie wollte. Hatte Ailyn dasselbe mit ihm getan? �rgerlich umrundete er den gro�en Schneehaufen, der die Treppe abschirmte. Er w�rde an der Br�cke sein, um herauszufinden, was Wahrheit und was L�ge war.</p><p>�Was habt ihr da unten so lange besprochen?� Glamir stand im Windschatten des Schneehaufens und sah erb�rmlich verfroren aus.</p><p>�Sie will Trolle hierlassen, um auf die verdammten Menschenkinder dort unten im Keller aufzupassen.�</p><p>Glamir runzelte die Stirn. �Warum?�</p><p>�Wir werden bei der Br�cke k�mpfen. Sie hat Sorge, dass sich die Trottel bewaffnen und uns in den R�cken fallen. Das sagt sie zumindest. Angeblich ist ihr das Massaker bei unserem Eintreffen zu Herzen gegangen, aber ich glaube ihr kein Wort. Wenn sie wirklich Sorgen um das Leben der Menschenkinder h�tte, dann w�rde sie doch keine Trolle hierlassen.�</p><p>Glamir kratzte sich nachdenklich den Bart. �Da ist was dran.�</p><p>�Du erinnerst dich, was Groz als Erstes nach der Schlacht getan hat? Gefressen! Genau das werden die Trolle wieder tun, wenn Ailyn mit uns zur Br�cke zur�ckkehrt. Die werden aus dem Keller ein Schlachthaus machen, und die Menschen werden das Festmahl f�r unsere Siegesfeier. Aber Ailyn ist das egal.�</p><p>�Elfenschlange�, zischte Glamir. �Die ist nicht besser als die verfluchten Drachen.�</p><p>�Wir haben uns geschworen, dass die von den Himmelsschlangen angezettelten Massaker ein Ende haben m�ssen. Hier k�nnen wir unseren Eid wahr werden lassen.�</p><p>�Was hast du vor?�</p><p>�Mit deiner Kr�cke bist du langsam. Es wird nicht auffallen, wenn du in der Marschkolonne zur�ckf�llst. W�hrend die anderen zur Br�cke ziehen, kommst du heimlich hierher zur�ck und beh�ltst die Trolle im Auge. Und wenn sie die Menschen schlachten wollen, dann benutzt du die Armbrustbolzen, die wir mit Drachent�terpfeilspitzen best�ckt haben.�</p><p>Glamir sch�ttelte den Kopf. �Das gef�llt mir nicht. Im Grunde sind mir die Menschenkinder egal.�</p><p>�So darfst du das nicht sehen�, widersprach Galar entschieden. �Wir k�mpfen ja nicht f�r die Menschen. Wir k�mpfen gegen die Willk�r der Himmelsschlangen! Wenn diese Menschenkinder hier �berleben, dann ist das unser erster Sieg im geheimen Krieg gegen die Drachen.� Er sah das Funkeln im verbliebenen Auge seines Gef�hrten und wusste, dass er gewonnen hatte. Ganz gleich, was bei der Br�cke geschah, es w�rde ein Zwerg �brig bleiben, der Drachent�terpfeile besa�. Das war das Einzige, worauf es ankam.</p></section><section><title><p>Befreite Geister</p></title><p>Eine angenehm kalte Brise schlug Lyvianne entgegen, als sie durch den Torbogen aus Licht nach Nangog trat. Die Albenpfade hatten sie auf einen kargen Hang hoch in den Bergen gef�hrt. Der Wind trieb unter ihr ein Wolkenmeer in ein enges Tal.</p><p>Wunderbar klares Licht strahlte �ber den r�tlichen Felsen. Die Elfe kauerte sich nieder und betrachtete gedankenverloren die majest�tische Landschaft. Sie befand sich kaum mehr als zwanzig Schritt �ber den Wolken. Das wirbelnde Wei� zu beobachten schenkte ihrer Seele Frieden. Sie dachte an ihre toten Kinder und an Anatu.</p><p>Was hatte die Devanthar getan? Die Geschichte ihrer Liebe zum Purpurnen schien anders verlaufen zu sein, als die alten Legenden berichteten. Lyvianne zweifelte nicht daran, dass Anatu dem Drachen verfallen war. Sie selbst kannte das unwiderstehliche Charisma der Himmelsschlangen nur zu gut. Wenn ihr Blick auf einen fiel, so bedeutete das h�chstes Gl�ck und seelenpeinigende Not zugleich. Gl�ck, weil sie einem Aufmerksamkeit schenkten, und Not, weil nichts schrecklicher war, als unter ihrem kritischen Blick als unwert zu gelten. Ob auch Anatu so empfunden hatte? Was hatten sie und der Purpurne erreichen wollen? Und wie genau waren sie zu Tode gekommen? Wer waren die heimlichen Helfer, die I�ta in ihrem Kampf gegen Anatu und den Purpurnen zur Seite gestanden hatten?</p><p>Versonnen betrachtete sie den Ring der toten Hohepriesterin Iyali, den sie sich �ber den linken Daumen gestreift hatte. Ihre �brigen Finger waren zu feingliedrig gewesen, um dem Ring sicheren Halt zu geben. Sie hatte Respekt vor der Toten. Wie viel Hingabe es wohl erfordert hatte, sich in ein Bad mit S�ure zu setzen?</p><p>Sie musste ihren Geist aus dem Dunkel der Zeit heraufbeschw�ren. Wenn es stimmte, was der Ebermann behauptet hatte, und die Zunge der G�ttin tats�chlich alle Gedanken ihrer Herrin gekannt hatte, dann wusste sie um die Intrige, der Anatu und der Purpurne zum Opfer gefallen waren. Nur ein einziges Gesch�pf auf Albenmark war vielleicht in der Lage, einen solchen Zauber zu weben. Ihr selbst w�rde es nie gelingen, den Geist einer Priesterin zu rufen, die vor Jahrhunderten auf einer anderen Welt gestorben war.</p><p>Lyvianne lehnte sich gegen einen Felsen und sah dem Strom der Wolken zu. Sie h�tte bis in alle Ewigkeit so stehen k�nnen, gefangen vom Schauspiel der Natur und ihren Zweifeln. Es war richtig, erst mit Ergebnissen zum Goldenen zu gehen, entschied sie. W�rde sie ihn um Hilfe bei der Totenbeschw�rung der Priesterin bitten, wie hoch w�re dann noch ihr Anteil an der L�sung des R�tsels? Sie wollte vor ihm gl�nzen und nicht als Bittstellerin kommen.</p><p>Sie sp�rte die Unruhe der Gr�nen Geister, die in ihrem K�rper Zuflucht gesucht hatten. Sie war ihnen ihre Freiheit schuldig. Sie waren es gewesen, die sie auf diese Spur gef�hrt hatten. Ein ganzes Zeitalter waren sie in jenen H�hlen gefangen gewesen, in denen die Devanthar ihre H�lfte von Nangogs Herz versteckt hatten. Ob es ihnen Trost gab, endlich wieder in ihrer Welt zu sein, auch wenn sie keine k�rperliche Gestalt annehmen konnten?</p><p>Lyvianne entspannte sich und lockerte die magischen Fesseln, die sie den Kreaturen der Alten G�ttin auferlegt hatte. Sie atmete lang aus, lie� los, und sie str�mten aus ihr heraus: Blassgr�nes Licht wand sich wie W�rmer aus ihrem Mund und ihrer Nase. Es tanzte in Spiralen um ihren Leib, wirbelte hinauf in den Himmel und verharrte. Gegen das klare Licht der Sonne waren sie fast unsichtbar. Einige Herzschl�ge lang verharrten die Gr�nen Geister hoch �ber ihr, dann kamen sie herab wie Schlangen, die einen Baumstamm hinabglitten. In engen Spiralen tanzten sie erneut um Lyvianne.</p><p>Eisige K�lte umfing die Elfe. Gleichzeitig erf�llte sie eine euphorische Zuversicht, wie sie sie schon lange nicht mehr versp�rt hatte. Vielleicht war es die pure Freude der heimgekehrten Seelen, die auch auf sie �bergriff. All ihre Zweifel verfl�chtigten sich wie Morgendunst unter den Strahlen der erstarkenden Sonne.</p><p>Lyvianne w�rde sich der einen stellen, die ihr helfen konnte. Der, die ihr den h�chstm�glichen Preis f�r ihr Entgegenkommen abverlangen w�rde. Der, die in ihrem blinden Zorn ganz gewiss vergessen hatte, wem sie ihr �berleben verdankte. Matha Naht!</p><p>Die Gr�nen Geister eilten davon. Sie verschmolzen mit den ziehenden Wolken. Einen Moment lang erinnerte ihr Licht im wei�en Dunst an fernes Wetterleuchten, dann waren sie verschwunden.</p><p>Die Drachenelfe sprach ein Wort der Macht, und das Tor zum Abgrund zwischen den Welten �ffnete sich.</p></section><section><title><p>Wer hinter die Spiegel schaut</p></title><p>I�ta war �berrascht, ihren Bruder, den Ebermann, vor dem gro�en Sch�del knien zu sehen. Hier war er lange nicht mehr gewesen. Jeder, der zur gro�en Versammlungshalle wollte, musste am Sch�del des Purpurnen vorbei, sodass Anatus Verrat niemals in Vergessenheit geraten w�rde, ebenso wenig wie die Strafe, die sie erhalten hatte. Doch von ihren Br�dern und Schwestern blieb schon lange niemand mehr stehen, um dem wirren Gestammel Anatus zu lauschen.</p><p>Lautlos schritt sie durch den von zwei S�ulenreihen gegliederten Saal und fluchte stumm �ber die Zauber, die in dieses Gem�uer gewoben waren. Sie selbst hatte sie ersonnen. Das Gef�ge der Wirklichkeit war hier verschoben. Raum und Zeit verzerrt. Fast so schlimm wie in jenem Versammlungssaal, in den sie alle gerufen worden waren. Die Zauber bewirkten, dass sie hier unangreifbar waren. Selbst wenn der Turm ringsherum zusammenbrechen w�rde, w�ren sie in Sicherheit, denn die Versammlungshalle lag, auch wenn es so schien, nicht wirklich innerhalb seiner Mauern. Wo genau sie tats�chlich waren, vermochte nicht einmal I�ta zu sagen. Zu fremd war diese Magie, und sie hatte es nicht gewagt, diesen Weg weiter zu beschreiten. Vielleicht f�hrte er ja an jenen Ort, den die Alben das Mondlicht nannten.</p><p>Der Drachensch�del lehnte an der gegen�berliegenden Wand, nahe der T�r, die zur Versammlungshalle f�hrte. I�ta ging entschlossen darauf zu, doch als sie den Sch�del fast erreicht hatte, stand sie wie von Zauberhand versetzt wieder bei der Treppe, die hinauf in dieses Gew�lbe f�hrte, das Anatu zur Gruft geworden war. Es lag auch an ihrem dunklen Zauber, dass Anatus Wunden nicht heilten, dass der Schock der Verwundung nicht verging und sie seit Jahrhunderten den immer gleichen, schrecklichen Augenblick der Verletzlichkeit und des Ausgeliefertseins durchlebte, ohne dass sie ihre Gedanken in verst�ndliche Worte fassen konnte. W�rde man sie aus dem Sch�del herausholen und an einen anderen Ort bringen�� vielleicht w�rde sie genesen und das Geheimnis um den Tod des Purpurnen preisgeben. Aber niemand w�rde Anatu befreien, au�er vielleicht ihr Bruder, der Ebermann.</p><p>I�ta wusste, dass er ihre Schwester geliebt hatte. Doch gerade deshalb hatte sie seine Neugier bislang am allerwenigsten gef�rchtet. Zu gro� war sein Entsetzen gewesen, als er erfahren hatte, dass seine Geliebte sich auf eine Aff�re mit einem der alten Drachen eingelassen hatte. Warum kam er ausgerechnet jetzt hierher, nachdem er Anatu f�r Jahrhunderte gemieden hatte?</p><p>Entschlossen ging I�ta ein zweites Mal auf den Drachensch�del zu. Hatte sich da in den tiefen Schatten der Augenh�hlen etwas bewegt? Sah Anatu zu ihr hin�ber? Warnte sie den Ebermann?</p><p>Wieder wurde I�ta durch den Raum zur�ckgetragen. Das steinerne Kreuzgew�lbe �ber ihr knirschte, und einen fl�chtigen Augenblick lang hatte sie das Gef�hl, dass die S�ulen ganz am Rand ihres Gesichtsfeldes nach hinten r�ckten.</p><p>Ein drittes Mal ging I�ta dem Drachensch�del entgegen. Man wusste in diesem Saal nie, wie oft man seinen Weg machen musste, um wirklich zur T�r am anderen Ende zu gelangen. Pl�tzlich stand sie neben dem Ebermann, als h�tte sie einen gewaltigen Sprung durch die Luft getan. Erschrocken fuhr er zu ihr herum, und sie h�rte Anatus wimmernde Stimme sagen: �Hinter dem Spiegel�� Du musst hinter dem Spiegel suchen! Dort liegt die Wahrheit!� Ihre Schwester hatte eine Hand zwischen den schwertlangen Z�hnen des Drachen hindurchgeschoben. Sie war schmutzig und von Grind �berzogen, die Finger gekr�mmt wie Tierkrallen, ihre N�gel verwachsen und rissig.</p><p>�Tut sie dir leid?�, fragte I�ta mit gespieltem Mitgef�hl.</p><p>Der Ebermann brauchte ein klein wenig zu lange, bis er antwortete. �Sie hat eine Strafe erhalten, die dem Ausma� ihres Verrats angemessen ist.�</p><p>Er griff nicht nach Anatus Hand, die sich ihm so verzweifelt entgegenstreckte. Stattdessen wandte er sich zu ihr, I�ta, um. �Verrat verj�hrt niemals und verdient es auch noch nach einem Jahrtausend, bestraft zu werden.�</p><p>Es schwang ein Ton in diesen Worten, der I�ta beunruhigte. Auch wenn Anatu wie stets nur wirr davon sprach, dass die Wahrheit hinter dem Spiegel lag, schien es fast, als ahnte der Ebermann etwas. Er stand bei ihren Br�dern und Schwestern nicht in dem Ruf, der Hellste zu sein. War es m�glich, dass er dem Geheimnis um Anatu auf die Spur gekommen war? Aber wo? Was hatte sie �bersehen? Welche F�hrte hatte er nach so langer Zeit noch aufnehmen k�nnen?</p><p>�Dein Gerechtigkeitssinn ehrt dich, Bruder�, sagte sie l�chelnd. �Doch nun lass uns die Versammlungshalle betreten. Wir werden erwartet. Der Gefiederte l�uft herum und gackert wie ein aufgescheuchtes Huhn.�</p><p>Ihr eberh�uptiger Bruder l�chelte. �Ja, gehen wir. L�sen wir das Geheimnis.�</p><p>Was sollte diese Bemerkung? Meinte er das Verhalten des Gefiederten oder etwas anderes? Das war nicht der leichtfertige Bruder, den sie kannte. Was hatte ihn ver�ndert? Oder war sie es, die den Worten eine tiefere Bedeutung gab, als in ihnen lag?</p><p>Die hohe T�r zur Versammlungshalle schwang auf. Dieser Ort war ihr Meisterst�ck der Zauberweberei. Fast alle ihre Br�der und Schwestern hatten ihr geholfen, diesen Ort zu erschaffen, der au�erhalb der Ordnung der Dinge lag. Aber sie war es gewesen, die den Zauber dazu ersonnen hatte. Sie war enger als alle anderen mit dieser Halle verbunden. Vielleicht war ein Teil von ihrem Selbst in diese Mauern gebunden? Jedenfalls vermochte sie die Halle nicht zu betreten, ohne ein Unwohlsein zu empfinden, das sich hin zur �belkeit steigerte, je l�nger sie verweilte und der bizarren Ordnung dieses Raumes ausgesetzt war. S�ulen aus leuchtender Finsternis wanderten durch den Raum und rangen mit einem Licht, dessen Glanz nicht reichte, um Schatten zu werfen.</p><p>�Endlich sind wir vollz�hlig!�, rief der Gefiederte erbost. �Was hat euch so lange aufgehalten?�</p><p>�Die Vergangenheit�, entgegnete der Ebermann ruhig. I�ta bemerkte den kurzen Blick, den ihr Bruder ihr zuwarf. Das war nicht gut! Er wusste etwas!</p><p>Der Gefiederte �berging die Antwort. �Die Albenkinder sind nach Nangog gekommen�, verk�ndete er mit sich vor Zorn �berschlagender Stimme. �Sie haben eine Karawane, die aus Wanu kam, angegriffen. Meine M�nner berichten von grauen Riesen, die �ber sie hergefallen sind, und von heimt�ckischen, kleinw�chsigen Ungeheuern, die einen Hagel von Pfeilen auf sie niedergehen lie�en. Sie sind also mit Trollen gekommen, und wahrscheinlich haben sie jetzt, in dieser Stunde, bereits die erste unserer St�dte in Nangog besetzt. Wir m�ssen reagieren! Wir m�ssen dieser Invasion Einhalt gebieten, bevor die Albenkinder Fu� auf Nangog fassen!�</p><p>�Ist es nicht ein wenig �bertrieben, Wanu eine Stadt zu nennen, Bruder?�, warf der L�wenh�uptige skeptisch ein. �Und welchen Nutzen sollte dieser Angriff bringen? W�ren die Albenkinder ins Herz der besiedelten Regionen auf Nangog vorgesto�en, w�rde ich deine Sorgen teilen. Aber Wanu��? Wohin sollten sie von dort aus gehen? Es wird sich schwerlich ein abgelegenerer Ort auf Nangog finden lassen.�</p><p>�So w�rdest du wohl nicht sprechen, w�re eine <emphasis>deiner</emphasis> St�dte besetzt worden�, entgegnete der Gefiederte scharf. �Was ist dein Vorschlag? Einfach zusehen, was sie als N�chstes tun?�</p><p>�In der Tat. Genau das w�rde ich vorschlagen.� Der L�wenh�uptige machte einen Schritt zur Seite und wich einer der S�ulen aus Finsternis aus, die durch den weiten Saal wanderten, ihn un�bersichtlich machten und ihm seine unheimliche Atmosph�re verliehen.</p><p>�Das Reich der Zapote braucht den D�nger, den sie bei Wanu abbauen�, mischte sich I�ta ein. Ihr kam gelegen, dass der lang erwartete Krieg mit Albenmark endlich begonnen hatte. Er w�rde ihre Br�der und Schwestern besch�ftigen und zudem eine Ausrede liefern, sollte sie etwas gegen den Eberh�uptigen unternehmen m�ssen. �Ist es nicht so, dass die Zapote in diesem Jahr eine au�ergew�hnlich schlechte Ernte erwarten? Wenn nun auch noch der D�nger f�r ihre ohnehin kargen Felder fehlt, erwartet das Reich unseres Bruders eine schreckliche Hungersnot. Ich bin mir sicher, dass die Himmelsschlangen davon wissen! Das ist der Grund, warum sie Wanu angegriffen haben. Und da sie heimt�ckisch sind, spekulieren sie bestimmt darauf, dass wir unserem Bruder nicht helfen werden, weil Wanu so weit von allen gro�en St�dten und reichen Landstrichen entfernt liegt.� Sie sah sich beifallheischend um und fuhr selbstbewusst fort: �Auf den ersten Blick scheint Wanu in der Tat bedeutungslos. Bedenkt man es aber genauer, so mag es ein Spaltkeil f�r unsere Verbundenheit untereinander werden. Wenn wir schon beim ersten Angriff nicht Schulter an Schulter stehen, wie sollen wir den Krieg gewinnen k�nnen, der damit begonnen hat?�</p><p>Flammen schlugen aus einer der S�ulen aus Finsternis, und aus dem Lebenden Licht formte sich die Gestalt eines wohlgewachsenen Kriegers mit Adlerkopf. �Wohl gesprochen, Schwester! Ich bin daf�r, dass wir mit aller Entschiedenheit auf diesen Angriff reagieren. Vernichten wir die Albenkinder in Wanu! Schicken wir ein Heer, so stark, dass sie ihm nicht widerstehen k�nnen. Endet schon ihr erster Angriff in einem Desaster, dann werden sie es sich gut �berlegen, weitere �berf�lle zu unternehmen.�</p><p>I�ta musste �ber die Vorliebe ihres Bruders f�r melodramatische Auftritte l�cheln. Er liebte diese Auftritte ebenso wie sein Sch�tzling, der Unsterbliche Ansur, Herrscher von Valesia, dessen Stadt Selinunt die Himmelsschlangen vernichtet hatten.</p><p>�Schicken wir ein gro�es Heer!�, forderte nun auch der sonst eher beh�bige Gro�e B�r. �Zerschmettern wir sie!�</p><p>�Euer Ungest�m in Ehren, Br�der!�, zischte die Sturmruferin. �Aber vergesst nicht alle Vernunft!�</p><p>I�ta mochte ihre sch�ne Schwester mit dem sich windenden Schlangenhaar nicht. Sie w�re gerne die Herrscherin �ber eines der Sieben Gro�reiche geworden, auch wenn sie sich gerne frei und ungebunden gab. Sie hatte sich nie damit abgefunden, dass I�ta den Platz von Anatu eingenommen hatte.</p><p>�Ihr bedenkt, wo Wanu liegt?�, fuhr die Sturmruferin fort. �Schickt M�nner aus den Steppen Arams oder aus dem S�den von Valesia, und die Albenkinder werden nicht ihre Waffen erheben m�ssen, um sie zu besiegen. Nangog selbst wird das T�ten �bernehmen. Dort herrscht strenger Frost, und w�tende St�rme fegen �ber die Eisebenen. Wir brauchen M�nner, die an ein solches Klima gew�hnt sind, und sie m�ssen f�r einen Krieg im Winter ordentlich ausger�stet sein.�</p><p>�Nein, wir m�ssen vor allem schnell und entschieden zuschlagen�, widersprach der Adlerh�uptige. �Dieser Kampf wird nur wenige Stunden dauern. Wir bringen unsere M�nner durch das Goldene Netz nach Wanu und ziehen sie sofort wieder zur�ck.�</p><p>�Und doch kann Vorsicht nicht schaden�, bellte der Wei�e Wolf mit tiefer Stimme. �Ich stelle tausend meiner Steppenreiter aus Ischkuza f�r diesen Feldzug. Sie sind an Entbehrungen und lange, harte Winter gew�hnt.�</p><p>�Ich schicke zweitausend Drusnier unter dem Unsterblichen Volodi�, brummte der Gro�e B�r. �Die sind hart. Wenn denen nicht kalt ist, f�hlen die sich gar nicht wohl. Volodi sollte den ganzen Heerhaufen anf�hren. Er hat Erfahrung im Winterkrieg.�</p><p>I�ta erinnerte sich, dass Volodi auf der Ebene von Kush am falschen Ende des Schlachtfeldes gestanden hatte, aber sie widersprach dem Gro�en B�ren lieber nicht. Wenn genug Krieger zusammenkamen, dann konnte auch ein Heerf�hrer wie Volodi nicht viel falsch machen.</p><p>Weitere Truppenkontingente wurden geboten. Am Ende stand fest, dass der Drusnier mehr als siebentausend Krieger in die Schlacht f�hren w�rde. Und es sollte schnell gehen. Bis zum Angriff sollten nicht mehr als zwei Tage verstreichen.</p><p>Als die Versammlung endete, nahm I�ta ihren Bruder Langarm zur Seite, den Schmied, der die Silberl�wen und so viele andere Wunderwerke erschaffen hatte. Er war kleinw�chsig und so h�sslich, dass sie es kaum ertragen konnte, ihn anzusehen.</p><p>�Der Ebermann scheint seine alte Liebe f�r Anatu wiederentdeckt zu haben.�</p><p>Ihr missgestalteter Bruder sah sie mit l�sternem L�cheln an. �Ich hatte auch schon mal �berlegt, zu ihr in den Drachensch�del zu steigen.�</p><p>�Er redet mit ihr, meine ich.�</p><p>Langarm lachte. �Da wird er ja nicht viel Vern�nftiges zu h�ren bekommen. Sie spricht doch immerzu nur davon, dass man etwas hinter dem Spiegel suchen soll. Das wird er schnell leid sein.�</p><p>�Mich wundert, dass er �berhaupt bei ihr war. Keiner hat Anatu so gemieden wie er. Und pl�tzlich steht er vor dem Sch�del und h�rt ihrem Gestammel zu. Wir sollten ihn im Auge behalten.�</p><p>Ihr Bruder sch�ttelte �rgerlich den Kopf. �Ich kann nicht. Hast du eine Vorstellung davon, wie viel Arbeit ich habe? All die Gefl�gelten L�wen! Der Unsterbliche Aaron hat sich Dutzende davon gew�nscht. Und bessere Waffen f�r den Krieg und Pl�ne f�r Umbauten auf den Wolkenschiffen und R�stungen���</p><p>�Seit wann h�rst du auf die W�nsche von Menschenkindern?�, spottete I�ta.</p><p>�Es ist der L�wenh�uptige, der mir zusetzt, aber auch unser Bruder, der sich gerne in eine Flamme verwandelt. Sogar der Wei�e Wolf bedr�ngt mich. Die denken alle, ich muss nur einmal mit den Fingern schnippen und���</p><p>I�ta hob abwehrend die H�nde. �Genug! Ich habe verstanden. Ich werde mit dem Gefiederten sprechen. Aber du w�rest gut beraten, dir auch etwas Zeit zu nehmen. Wenn herauskommt, wie unsere Schwester Anatu zum Purpurnen gefunden hat, dann wird das nicht nur meinen Kopf kosten.� Jetzt hatte sie seine volle Aufmerksamkeit.</p><p>�Wie sollte das nach all den Jahrhunderten herauskommen? Wir waren so oft bei ihrem Tempel. Da gibt es nichts mehr. Jede Spur hat sich l�ngst verloren.�</p><p>�Und wenn wir doch etwas �bersehen haben?�</p><p>Langarm lachte. �Dann ist der verdammte Eberkopf bestimmt nicht derjenige, der dar�ber stolpern wird. Dazu hat er kein Talent. Allerdings��� Er rieb sich mit der m�chtigen, vom Schmiedefeuer ru�geschw�rzten Hand �ber das Kinn. �Es gibt da etwas, was ich tun k�nnte. Ich sorge daf�r, dass wir es merken werden, wenn er im Tempel herumschn�ffelt.� Er sah sie an, und sein l�sternes L�cheln kehrte zur�ck. �Du m�sstest allerdings einen Armreif von mir als Geschenk annehmen.�</p><p>�Wozu?�</p><p>�Das werde ich dir erkl�ren.� Er trat so dicht an sie heran, dass sie seinen Atem auf den Armen sp�ren konnte. �Ich vermisse dich�, hauchte er leise.</p><p>I�ta waren diese Liebesbezeugungen zuwider. Unwillk�rlich wich sie um wenige Zoll zur�ck. Langarms Entt�uschung war un�bersehbar. �Noch zweiundvierzig Tage bis zur n�chsten Himmlischen Hochzeit�, sagte er triumphierend. �Ich z�hle die Tage.�</p><p>Ich auch, dachte I�ta. Es war ein Fehler gewesen, ihm damals ein Versprechen f�r die Ewigkeit zu geben. Aber sie hatte ihn gebraucht, ohne ihn h�tte sie den Federmann nicht f�r ihren Plan gewonnen.</p><p>�Der Armreif���, begann Langarm, doch I�ta blendete seine Worte aus. Ihre Gedanken weilten in der Vergangenheit, an jenem Tag, an dem sie den Pakt geschlossen hatte, der ihr ganzes Leben ver�ndert hatte.</p></section><section><title><p>Durch fremde Augen</p></title><p>Der Goldene fluchte. Was war geschehen? Warum sah er Ailyn nicht mehr? Oder all die anderen. Nur dieser verkr�ppelte Zwerg war geblieben.</p><p>Er hatte f�r seinen Zauber zwei Trolle ausgew�hlt, um die Ereignisse auf Nangog durch ihre Augen zu sehen. Anders als Kobolde oder Zwerge, die ein einzelner verirrter Pfeil t�ten konnte, waren Trolle nicht leicht umzubringen. Er hatte zwei ausgew�hlt, die nicht zu klug waren. So w�rde nicht auffallen, wenn der Zauber ihnen zusetzte und ihren Verstand angriff. Bei ihnen war davon ohnehin kaum etwas vorhanden.</p><p>Doch vielleicht war gerade das der Fehler gewesen. Er hatte alles so gut bedacht und war v�llig in die Irre gegangen. Warum waren die beiden in der Stadt der Menschenkinder? Wo steckte der Rest der kleinen Armee? Es war wichtig, dass er wusste, was in Wanu vor sich ging. Er brauchte Sp�her, um im richtigen Augenblick das Ruder herumzurei�en und eine sichere Niederlage in einen vernichtenden Sieg zu verwandeln.</p><p>Wieder schloss er die Augen und konzentrierte sich auf die beiden Trolle. Ein paar Herzschl�ge vergingen. Er rief ein Wort der Macht und sp�rte, wie sich das magische Netz um ihn herum zusammenzog. Dann sah er erneut durch die Augen eines der Trolle. Er hatte sich nicht einmal ihre Namen gemerkt.</p><p>Die Himmelsschlange blickte �ber einen trostlosen, vereisten Platz, der von sch�bigen H�usern umstanden war. Der zweite Troll erschien in seinem Gesichtsfeld. Die Lippen des h�sslichen H�nen bewegten sich, aber der Goldene h�rte nichts. Er vermochte nur zu sehen. Er k�nnte auch durch den Troll sprechen, dessen Verstand der Zauber zerfra� wie ein Wurm, der sich in Aas bohrte. Allerdings w�rde er die Antworten nicht h�ren. Es w�re nutzlos, diese Anstrengung zu unternehmen.</p><p>Der Blick des Trolls senkte sich, und jetzt sah er den Zwerg. Was hatte so ein Kerl in Ailyns Truppe verloren? Ihm fehlten ein Arm, ein Bein und ein Auge. Er war nichts mehr wert. Warum war er dort, wo allein die besten Krieger h�tten stehen sollen?</p><p>Der Goldene atmete schwer aus und durchtrennte das magische Band, das in die andere Welt reichte. Es kostete viel Kraft, diesen Zauber zu wirken. Er f�hlte sich ein wenig schwindelig.</p><p>Was konnte er tun? Sein Versagen gegen�ber seinen Br�dern eingestehen? Sollte er ihnen sagen, dass er die Kontrolle verloren hatte, noch bevor der Kampf wirklich begonnen hatte? Wie w�rde er dastehen? Nur zu gut konnte er sich die H�me des Dunklen vorstellen. Der Erstgeschl�pfte w�rde seine Vormachtstellung im Rat zur�ckgewinnen, wenn herauskam, was geschehen war.</p><p>Verdrossen stie� er einen langen, zischenden Seufzer aus. Wenigstens war er allein. Niemand konnte ihn in dieser Stunde der Verzweiflung sehen. Er w�rde einen Sp�her schicken, ganz altmodisch. Einen, dem er blind vertrauen konnte und der noch schwerer zu t�ten war als ein Troll. Gewiss hatten die Devanthar ihre Truppen noch nicht in Marsch gesetzt. Noch k�nnte sein Sp�her durch den Albenstern bei Wanu treten und zur�ckkehren, ohne bemerkt zu werden. Der Sp�her durfte nicht lange verweilen. Er sollte nur herausfinden, wo Ailyn und ihre Truppen abgeblieben waren.</p><p>Der Goldene weitete seine Fl�gel. Eine halbe Stunde vielleicht. L�nger m�sste er nicht fliegen, um seinen Boten zu finden.</p></section><section><title><p>Der zweite Tod</p></title><p>Ailyn schritt die Gesch�tzstellungen rechts und links der Br�cke ab und hoffte, dass man ihr die Unruhe nicht allzu sehr anmerkte. Alle zehn Speerschleudern waren auf die Br�cke ausgerichtet, die kaum mehr als drei Schritt breit war. Sie dennoch �berqueren zu wollen w�re reiner Selbstmord. Aber war den Menschenkindern nicht jede Unvernunft zuzutrauen?</p><p>Wenn nur diese verfluchte Nacht endlich endete! Sie wusste, dass zu dieser Jahreszeit die Tage im hohen Norden nur sehr kurz waren, aber es zu wissen und es zu erleben waren zwei grundverschiedene Dinge. Die beiden Monde standen tief am Himmel und tauchten die verschneite Landschaft in ein klares, silbernes Licht, das dem wogenden Nebel �ber dem Fluss eine unheimliche Aura verlieh.</p><p>Ailyns Zwerge standen bei den Speerschleudern. Sie redeten kaum und starrten in den Nebel, als k�nnten Blicke den wei�en Dunst durchl�chern. Auch sie waren begierig darauf, dass die Schlacht begann. Aber es konnte noch dauern. Dennoch sp�rte Ailyn, dass dort drau�en etwas war. Das war es, was sie so nerv�s machte. Die Menschen brauchten Zeit, um ihre Herrscher zu erreichen, Zeit, um Truppen zu sammeln, und noch einmal Zeit, um schlie�lich hierherzukommen. Es war unm�glich, dass sie jetzt schon dort dr�ben am anderen Ufer standen.</p><p>Die Elfe ging zur Br�cke. Der Nebel dort w�rde wohl niemals nachlassen. Die Sicht betrug kaum zwanzig Schritt. Das war nicht gut f�r den Einsatz der Speerschleudern. Sie w�rden kaum Zeit zum Nachladen haben. Galar hatte vorgeschlagen, keine Salven zu schie�en, sondern Gesch�tz f�r Gesch�tz einzeln auf Kommando. So w�re die erste Speerschleuder wieder nachgeladen, bevor das letzte Gesch�tz abgeschossen wurde. Es war ein guter Vorschlag, denn f�r die Moral der Angreifer war es viel schlimmer, wenn ununterbrochen die t�dlichen Speere in ihre Reihen schlugen, als wenn sie ein einziges Mal eine m�rderische Salve traf. Hoffentlich schickten sie nicht diese Katzenm�nner. Die w�rde gar nichts aufhalten.</p><p>Ailyn trat ein St�ck auf die Br�cke hinaus. Die alten Bohlen knarrten kaum vernehmbar unter ihren F��en. Etwas platschte im Wasser. Sie blickte auf den grauen Strom hinab, sah aber nichts. Die Zwerge behaupteten, ein paar ungew�hnlich gro�e Fische gesehen zu haben. Ailyn verstand nicht, warum die Himmelsschlangen vorab keine Sp�her hierhergeschickt hatten. Es war besser, das Land zu kennen, auf dem man k�mpfte. Gab es Raubfische im Fluss oder andere Kreaturen, die ihnen gef�hrlich werden konnten?</p><p>Die Elfe wandte sich um und ging zur�ck zum Ufer. Sie sollte sich weniger den Kopf zerbrechen! Che und seine Krieger lagen eingerollt in Decken in einer Mulde am Ufer und schliefen. Die Trolle sa�en ein St�ck entfernt und d�sten. Nur die Zwerge hielten Wache. Sie w�rden ihre Sache sicherlich gut machen. Dieser Galar war ein kluger Kopf und wirkte zuverl�ssig. Sie konnte ihm die Wache �berlassen und sich selber etwas hinlegen. Allzu bald w�rde sie keine Zeit mehr zum Schlafen haben.</p><p>Ein Knarren hinter ihr lie� Ailyn herumfahren. Da war etwas im Nebel. Eine schemenhafte Gestalt, gro� wie ein Troll, kam �ber die Br�cke. Er hatte einen seltsam schleppenden Gang. Lebte der Trollkrieger etwa noch, der bei den K�mpfen am Albenstern gefallen war? Eigentlich war das nicht m�glich�� Anderseits, Trolle waren schwer umzubringen. Ailyn entschied sich, ihm entgegenzugehen.</p><p>�Darp?�</p><p>Der Troll reagierte nicht. So wie er zugerichtet gewesen war, musste er mehr tot als lebendig sein. Wahrscheinlich schleppte er sich gerade noch mit letzter Kraft weiter.</p><p>Die Gestalt schob sich aus dem Nebel, und mit aller Deutlichkeit sah Ailyn nun die schrecklichen Wunden des Trolls: Seine Brust war voller gefrorenem Blut, seine Kehle zerfetzt. Dass er sich noch auf den Beinen halten konnte, grenzte an ein Wunder.</p><p>�Ich rufe deine Br�der, Darp. Sie sollen dich st�tzen.�</p><p>Der Troll drehte den Kopf ein wenig, der daraufhin mit einem Ruck nach vorn sackte. Augen aus zerfurchtem, schmutzigem Eis starrten Ailyn an. Als er sich vorbeugte und seine m�chtige Pranke nach ihr ausstreckte, wich Ailyn aus. Er taumelte. Einen Herzschlag lang f�rchtete sie, er w�rde st�rzen. Waren ihm in der eisigen Nacht die Augen gefroren? Jetzt sah sie noch weitere Schemen im Nebel. Drei�� nein, vier. Sie schwankten �hnlich wie der Troll.</p><p>�Darp!�, rief sie in scharfem Befehlston. �Was ist los mit dir? Antworte!�</p><p>�Dein Leib ist viel sch�ner als meiner�, erklang eine dunkle Stimme irgendwo in den Nebeln.</p><p>Erschrocken trat die Elfe einen Schritt zur�ck.</p><p>Darp hob den Kopf und folgte ihr mit vorgestreckten Armen, als wollte er nach ihr greifen.</p><p>�Ich will dich�, t�nte die Stimme im Nebel.</p><p>Das mussten die Geister sein, von denen die Zapote gesprochen hatten.</p><p>�Wer kommt da?�, rief Bailin hinter ihr vom Ufer. �Wer ist bei dir auf der Br�cke, Kommandantin?�</p><p>Mit unbarmherziger Deutlichkeit zeigte das Mondlicht die Wunde an Darps Kehle. Sie war zu tief. Er musste ausgeblutet sein. Eine solche Verletzung konnte niemand �berleben, nicht einmal ein Troll.</p><p>Ailyn duckte sich unter den grapschenden H�nden weg, wich seitlich aus, packte mit der Linken in das Lederseil, das den Lendenschurz des Trolls hielt, zog sich hoch und h�mmerte mit ihrem rechten Ellbogen auf den Nervenknoten dicht unter dem dritten Nackenwirbel. Es war, als schl�ge sie auf Eis ein. Darp zeigte keinerlei Reaktion. Jeder andere Troll w�re mit zuckenden Gliedern wehrlos in die Knie gegangen. Jeder au�er einem toten Troll, dessen K�rper halb gefroren war!</p><p>Darp griff sich mit der Linken �ber seine rechte Schulter, um sie zu packen zu bekommen, aber Ailyn glitt bereits den R�cken des H�nen hinab. Federnd landete sie auf den F��en und starrte auf den Jaguarmann mit dem aufgebrochenen Brustkorb, der aus dem Nebel kam. Ihm folgte ein Lastentr�ger, dem ein Troll den rechten Arm abgerissen hatte.</p><p>Ailyn wog ihre Alternativen ab: Gegen Tote, die sich aus ihren Gr�bern erhoben hatten, w�rde sie mit F�usten und Tritten allein nicht ankommen. Sie lief �ber die Br�cke zur�ck und rief den Zwergen zu: �Die Speerschleudern bereit machen!�</p><p>Sofort wurden die ledernen Planen, die die ge�lte Mechanik des Abschussmechanismus gegen den Frost sch�tzten, zur�ckgezogen.</p><p>Ailyn sprang auf das Ufer und schrie: �Schie�t auf den Troll!�</p><p>Galar sah sie fragend an. �Auf einen unserer Verb�ndeten?�</p><p>�Schie�t!�, befahl sie entschieden.</p><p>Die Speerschleudern schwenkten auf Darp ein, der nun f�r alle deutlich zu sehen war.</p><p>�Gesch�tz eins!�, rief Galar. �Schie�t!�</p><p>Mit einem metallischen Singen entspannte sich der Bogen des Gesch�tzes und schleuderte den Speer der Br�cke entgegen. Um ihren Flug zu stabilisieren, waren die Geschosse der Speerschleudern auf den letzten zehn Zoll befiedert, so wie es Pfeile f�r B�gen waren. Ailyn sah, wie sich der Speer im Flug um seine eigene Achse drehte. Die Zeit schien langsamer zu laufen, so �berdeutlich sah sie selbst kleinste Details: Eiskristalle, die sich aus der Befiederung l�sten und im Mondlicht aufblitzten, die polierte, um die eigene Achse wirbelnde Speerspitze.</p><p>Der Speer traf Darp in den Magen. Die Wucht des Aufschlags lie� den Troll zur�cktorkeln. Seine m�chtigen Arme ruderten durch die Luft. Einen Herzschlag lang sah es aus, als w�rde er auf den Zapote st�rzen, der hinter ihm ging, doch dann fing er sich wieder.</p><p>Ein Raunen ging durch die Reihen der Zwerge an den Gesch�tzen.</p><p>�Was ist das?�, fragte Galar.</p><p>�Unser Untergang, wenn wir sie nicht aufhalten!�</p><p>�Zweites Gesch�tz! Schie�t!� rief der Zwerg. �Drittes Gesch�tz. H�her halten. Zielt auf den Kopf!�</p><p>�Was tut ihr!�, br�llte Groz und kam auf sie zu. Hinter ihm ert�nte das erboste Geheul der anderen Trolle, die aufgewacht waren und nun sahen, wie die Speerschleudern einem ihrer Br�der zusetzten.</p><p>Der zweite Speer traf Darp dicht unter der rechten Schulter. Er wurde herumgerissen, drehte eine halbe Pirouette und st�rzte. Der Zapote hinter ihm schritt unbeeindruckt weiter.</p><p>�Das ist nicht mehr euer Bruder!�, rief Ailyn. �Die b�sen Geister aus dem Eis sind in die Toten gefahren, und nun wollen sie sich die Lebenden holen.�</p><p>Che, der unbemerkt zu ihnen getreten war, sah zu ihr auf. �H�tte ich mir denken k�nnen. Wenn man mit Drachenelfen auf eine Mission geschickt wird, dann reiten die einen nicht einfach nur in die Schei�e, nein, es muss gleich ein Riesenhaufen Schei�e sein.�</p><p>�Dein Schwert!�, befahl Ailyn harsch.</p><p>Der Troll war wieder auf die Beine gekommen. Beide Speere hatten seinen massigen Leib durchschlagen. Ihre Spitzen ragten ihm einen Fu� weit aus dem R�cken, doch das hielt ihn nicht auf. Schwankenden Schritts nahm er seinen Marsch zu den Speerschleudern wieder auf.</p><p>Che zog die Waffe, die er im Gurt auf dem R�cken trug, und reichte sie ihr mit dem Griff voran. Das Zwergenschwert war gut ausgewogen. Blanker Stahl und ein entschlossener Angriff w�rden vielleicht helfen, diese Toten wieder zur Ruhe zu legen.</p><p>�Drittes Gesch�tz! Schie�t!�, rief Galar. Der Speer zischte davon. Diesmal verfehlte er sein Ziel.</p><p>�Nicht weiterschie�en!�, befahl Ailyn und lief los. �Nur wenn ich st�rze.�</p><p>Darp hatte fast das Ende der Br�cke erreicht.</p><p>�Das ist mein Mann!� Der Boden erbebte unter dem schweren Tritt von Groz, der Ailyn folgte. �Mein Kampf!� Mit diesen Worten schwang er seine wuchtige Keule und versuchte, sich an Ailyn vorbeizudr�ngen.</p><p>Die Elfe lie� ihm gerne den Vortritt, blieb stehen und �ffnete ihr Verborgenes Auge. Eine Aura aus dunklem Lila wogte um den K�rper des Trolls, sie war aus dem grellen Rot des Zorns und dem Nachtblau jahrhundertealter Trauer geboren. Am st�rksten leuchtete die Aura um den Kopf des Trolls. Ailyn blickte weiter die Br�cke hinab. Auch die anderen Gestalten waren von einem Lichtkranz aus dunklem Lila umgeben. In der Welt, wie die Elfe sie durch das Verborgene Auge sah, gab es keinen Nebel. Deutlich erkannte sie die Gestalten weiter hinten auf der Br�cke. Dutzende Tote hatten sich erhoben. Sie schienen abzuwarten, wie ihr Voraustrupp sich schlug.</p><p>Ein w�tender Schrei lie� Ailyn den Zauber beenden. Groz drosch mit seiner Keule auf Darp ein. Sein fr�herer Kamerad hob einen Arm, um sich zu sch�tzen.</p><p>Deutlich h�rte die Elfe Knochen knacken, als die schwere Waffe auf den Arm traf. Sie eilte an die Seite von Darp und stie� ihm ihr Schwert in die linke Kniekehle. Doch obwohl Ailyn sp�rte, wie die Klinge zwischen dem Gelenk hindurch bis zur Innenseite der Kniescheibe stie�, gab der Troll keinen Schmerzenslaut von sich. Erst als ein weiterer Keulenhieb von Groz ihn traf, schwankte er.</p><p>Der tote Zapote versuchte Ailyn seine verbliebene Krallenhand ins Gesicht zu sto�en. Die Elfe lie� ihr Schwert los, das sich zwischen den Knochen des Trolls verkeilt hatte, wich dem Angriff aus und hieb dem Jaguarmann in die Armbeuge, sodass der Arm mit der Waffe einknickte und die Krallen auf sein Gesicht zeigten. Ein kurzer, harter Sto� gegen den Ellenbogen des Kriegers trieb ihm seine eigenen Krallen ins Gesicht. Er gab einen gurgelnden Laut von sich. Eine der Krallen war ihm durchs Auge tief in den Kopf gedrungen.</p><p>Ein Luftzug strich �ber die Br�cke und griff nach den S�umen von Ailyns Kleid. Wie ein gef�llter Baum ging der Zapote zu Boden. Die Elfe fl�sterte ein Wort der Macht und �ffnete ihr Verborgenes Auge erneut. Die Aura des Jaguarmanns war verschwunden. Nur wenige, schwache Kraftlinien verbanden ihn noch mit dem Netz aller Dinge. Jetzt war er wirklich tot. Was immer ihn beherrscht hatte, war gegangen.</p><p>Aber da waren noch so viele andere!</p><p>Groz keuchte auf. Ailyn blinzelte kurz. Sie wagte es nicht, schon wieder die Sicht auf die Welt zu ver�ndern. Sie w�re einen kurzen Augenblick geblendet�� t�richt, diesen Zauber mitten in einem Gefecht anzuwenden!</p><p>Darp war in die Knie gebrochen. Er hatte die Arme um die Beine von Groz geschlungen. �Zerschmettere ihm den Sch�del!�, rief Ailyn. Sie wusste, dass Trolle aus irgendwelchen rituellen Gr�nden davor zur�ckschreckten, Sch�del zu zerst�ren, insbesondere bei ihresgleichen. Sie bef�rchteten, dass der Geist eines solchen Kriegers sie rastlos verfolgen w�rde. Es sah aus, als versuchte Darp seinem Anf�hrer ins Bein zu bei�en, w�hrend Groz immer wieder den Griff seiner Keule auf die Schultern des Kriegers h�mmerte, in der Hoffnung, dass dieser endlich seine verzweifelte Umklammerung l�ste.</p><p>Eine kleine Gestalt erschien hinter Groz. Seine Aura war unverwechselbar. Gold und Purpur, jetzt mit einem un�bersehbaren Anteil an kaltem Blau, der Farbe der Furcht. Es war Che, der Anf�hrer der Kobolde.</p><p>�Nimm deine Armbrust und schie� denen, die dort hinten kommen, in den Kopf. Nur so kannst du sie aufhalten. Ich werde dir helfen, sobald ich das Schwert zur�ckgeholt habe.�</p><p>Ailyn sah, wie das Blau noch st�rker wurde, doch Che �berwand seine Angst. Er ging auf die unheimlichen Gestalten zu, hob die Waffe an die Schulter, und seine H�nde zitterten nicht, als er zum ersten Mal schoss.</p><p>Ailyn kniete neben Darp nieder und packte den Schwertgriff. Sie musste es gegen die Gelenkknochen hebeln und mehrfach auf und nieder bewegen, um die Klinge zu befreien, doch Darp schien davon nichts zu bemerken. Er war ganz in sein Ringen mit Groz vertieft und f�hlte offensichtlich keine Schmerzen.</p><p>Endlich kam das Zwergenschwert frei. Ailyn setzte die Waffe im Nacken des Trolls an. An der Stelle, an der die Wirbels�ule in den Sch�del m�ndete. Mit einem Fausthieb auf den runden Knauf der Waffe trieb sie die Klinge ins Hirn des Trolls. Augenblicklich sackte er in sich zusammen, und wieder sp�rte die Elfe den eisigen Luftzug, so wie eben, als sie den Zapote besiegt hatte.</p><p>�Sie ziehen sich zur�ck!�, rief Che erleichtert. �Ich habe sie in die Flucht geschlagen!�</p><p>Ailyn lie� den Zauber weichen, der ihr den Blick in die magische Welt erlaubte. Einen Herzschlag lang f�hlte sie sich desorientiert. Selbst das silberne Licht der schwindenden Vollmondnacht erschien ihr unangenehm grell. Dann sah sie wieder klar. Vor ihr stand Groz, ein H�ne, mehr als drei Schritt hoch, einer der machtvollsten K�mpfer seines Volkes, und sein Antlitz war eine Maske des Grauens. Blutige Striemen liefen �ber seine Brust, und kreisrunde Bisswunden zeichneten seine Oberschenkel.</p><p>�Schluss mit Schreien�, grollte der Troll. �Das ist kein Sieg!�</p><p>Che war un�bersehbar beleidigt, wagte es aber nicht, Groz herauszufordern.</p><p>�Sto�t die Toten in den Fluss�, befahl Ailyn m�de. �Soll das Wasser sie ins Meer tragen, zum Fra� f�r die Ungeheuer, die dort leben.� Sie fixierte den Troll. �Und diesmal ehrt ihr keine Helden, indem ihr Teile von ihnen verschlingt. Diese K�rper waren besessen. Ich wei� nicht, ob ihr es dem Feind leichter macht, nach euch zu greifen, wenn ihr dieses Fleisch verschlingt.� Sie sah zu Che. �Oder wenn ihr M�tzen in das Blut dieser Toten taucht.�</p><p>�Was geht hier eigentlich vor sich?� Che hatte trotz seines Sieges noch nicht zu seiner selbstsicheren, �berheblichen Art zur�ckgefunden.</p><p>Ailyn stie� sein Zwergenschwert vor ihm in die Bohlen der Br�cke. �Deine Waffe.�</p><p>�Werden sie zur�ckkommen?�, wollte nun auch Groz wissen.</p><p>�Wenn sie dumm sind�, entgegnete Ailyn ruhig. �Wir wissen nun, wie man sie t�tet. Wir werden sie auch ein zweites Mal besiegen.�</p><p>Mit diesen Worten ging sie zum Lagerplatz am Ufer zur�ck. Kurz �berlegte die Drachenelfe, ob sie den Kampf um Wanu nicht aufgeben sollten, solange sie noch zur�ckkonnten. An einem Ort eine Schlacht zu schlagen, an dem die Toten sich wieder erhoben, um erneut zu k�mpfen, war der blanke Wahnsinn. Aber sie wusste, was der Goldene und die anderen Himmelsschlangen sagen w�rden. Sie waren nicht hier, um zu siegen. Sie waren der K�der. Es war l�ngst ausgemacht, dass sie verschlungen werden w�rden.</p></section><section><title><p>Die Stadt der toten Kinder</p></title><p>�Aufstehen, M�dels!� Kiras Rufe wurden von dr�hnenden Schl�gen auf den gro�en, leeren Suppentopf begleitet. �Aufstehen!�</p><p>Shaya rollte sich aus ihren Decken und tastete als Erstes nach den Kissen, in die sie ihre Kr�uter eingen�ht hatte. Die Frauen stahlen wie die Raben! Erleichtert stellte sie fest, dass noch alles da war. Gut, denn sie hatte sich geschworen, zur�ckhaltend zu sein. Wenn sie in einer Pr�gelei ihr K�nnen nutzte, w�rde Aaron davon erfahren. Sie musste unauff�llig bleiben. Inzwischen war ihr bewusst, dass es ein Fehler gewesen war, sich dem Tross der Truppen Arams anzuschlie�en, aber sie hatte wenigstens f�r dieselbe Sache k�mpfen wollen wie ihr Geliebter.</p><p>�Endlich wach?�, rief Kira. �Bewegt eure �rsche aus den Decken! Seht mal, wer zu Besuch ist. Ein h�bscher Kerl steht hier neben mir, und er ist ganz versessen darauf, gleich ein paar von euch abzuschleppen.�</p><p>Diese Worte wirkten. Dem Namen nach waren sie N�herinnen, K�chinnen oder W�scherinnen, zust�ndig f�r all die kleinen Arbeiten, ohne die ein Heer nicht wirklich marschierte. Doch daf�r wurden sie so schlecht entlohnt, dass es nicht zum Leben reichte. Fast alle verdienten sich in den Nachtstunden ein paar Kupferst�cke dazu, indem sie sich verkauften. Ein Gesch�ft, das nie versiegte, selbst wenn die Krieger zerlumpt und barfu� marschierten.</p><p>Shaya w�rde diesen Weg nicht gehen. Sie hatte f�r all ihre M�nzen Heilkr�uter gekauft. Sie wollte das Wissen nutzen, das ihr Shen Yi Miao Shou geschenkt hatte, als er wusste, dass er daf�r, dass er ihrem Vater, dem Unsterblichen Madyas, einen Gefallen getan hatte, der ein Staatsgeheimnis bleiben musste, mit dem Leben bezahlen w�rde. Der alte Heilkundige vom Seidenfluss hatte ihre Jungfr�ulichkeit wiederhergestellt, damit sie zur Heiligen Hochzeit an den Unsterblichen Muwatta verschachert werden konnte. Ein Gesch�ft, das ihren beiden Staaten Frieden und ihrem Vater tausend Pferde eingebracht hatte.</p><p>Sie l�chelte m�de. Einst war sie tausend Pferde wert gewesen, und heute war sie schon froh, wenn sie am Ende des Tages eine Handvoll Reis hatte und sich nicht hungrig in ihre Decke rollen musste.</p><p>�Meine Damen���</p><p>Die Anrede durch den Hauptmann wurde mit allgemeinem Gekicher quittiert. Die Frauen hier waren es nicht gewohnt, Dame genannt zu werden. Allerdings hatte er es damit geschafft, dass auch die verschlafenste Trosshure zu ihm blickte und aufmerksam lauschte.</p><p>�Meine Damen�, wiederholte er und hob die Arme, um sie zur Ruhe zu rufen. Er war noch jung. Ihm spross kaum der erste Bart. Er trug einen Leinenpanzer, auf den ein L�wenhaupt gestickt war. �ber die Schultern hing ein Umhang aus schwerer roter Wolle, der von einer goldenen Brosche in Form eines Vogels gehalten wurde.</p><p>Ein wenig unm�nnlich, dachte Shaya. Vielleicht ein Geschenk seiner Geliebten. So wie er gekleidet war, stammte er gewiss aus reichem Hause.</p><p>�H�rt auf zu kichern, ihr dummen G�nse!�, fluchte nun Kira. Sie war ganz und gar das Gegenteil des jungen Hauptmanns�� so d�rr, wie man nur sein konnte, wenn man seit Langem hungerte oder W�rmer hatte. Ihr Gesicht war schmal, die Augen hart, das dunkelbraune Haar lang und str�hnig. �Lasst ihn reden!�</p><p>�Der Unsterbliche Aaron schickt mich�, begann der J�ngling etwas unbeholfen. �Ich soll f�nfzig Damen aussuchen, die einen Teil unseres Heeres in den hohen Norden begleiten sollen. Es d�rfen nur Damen sein, die an die Unbilden harter Winter gew�hnt sind���</p><p>�Wir sind an ganz andere Unbilden gew�hnt als an pfeifende Winde�, rief Ninwe dazwischen. �Du h�ttest mal sehen sollen, was mich gestern Nacht besucht hat. Bei den G�ttern, hat der gestunken! Ich dachte, mir bleibt die Luft weg. Zum Gl�ck wollte er von hinten ran.� Wieder wurde gekichert. Ungewaschene Liebhaber kannte jede hier. Ninwe war die dickste unter den Frauen und bei den M�nnern au�ergew�hnlich beliebt. Vielleicht weil sie sich ihr gelocktes Haar rot f�rbte und angeblich auch jedes andere Haar an ihrem K�rper, oder einfach nur, weil es sich angenehm anf�hlte, sie anzufassen. H�tte Kira nicht ihren Kupferkessel besessen, w�re ganz sicher Ninwe die Wortf�hrerin der Frauen gewesen; sie war allgemein beliebt.</p><p>�Der Feldzug wird nur wenige Tage dauern�, fuhr der J�ngling diesmal unbeirrt fort. �Aber diese Tage werden euch alles abverlangen. Sie werden eine schreckliche Strapaze sein. Nur wer gut bei Kr�ften ist, kalte Winter kennt und warme Kleidung besitzt, darf mit in den Norden gehen. Und noch eines. Ihr d�rfte keine Angst haben, ein weiteres Mal durch das gro�e Dunkel zwischen den Welten zu schreiten. Das wird der Weg sein, auf dem wir nach Norden reisen.�</p><p>�Und was wollt ihr da im Norden?�, fragte Ninwe skeptisch. �Wir sitzen hier mit einem Riesenhaufen von Bastarden fest, denen es langweilig ist. Das ist gut f�r das Gesch�ft! Was machst du eigentlich heute Abend? Schenk mir das h�bsche V�gelchen an deinem Umhang, und ich lehre dich ein paar Dinge �ber das V�geln, die du dir in deinen k�hnsten Tr�umen nicht vorstellen kannst.�</p><p>Der junge Hauptmann wurde rot und r�usperte sich. �Ich werde mit nach Norden ziehen. Wir werden schon heute am fr�hen Abend gehen. Gegen wen gek�mpft werden soll, wei� ich nicht, daf�r bin ich nicht bedeutend genug, doch es hei�t, dass die Unsterblichen ein gro�es Heer zusammenziehen, um eine Schlacht zu schlagen.�</p><p>Ein leises Raunen ging durch die Reihen der Frauen. Eine Schlacht verhie� schnelles Gold. Sie konnten die Toten und Verwundeten auf dem Schlachtfeld auspl�ndern, sobald die K�mpfe vor�ber waren, und die �berlebenden waren meist sehr gro�z�gig mit der Beute, die sie gemacht hatten. Eine Nacht lang einen Krieger die Schrecken des Gemetzels vergessen zu lassen konnte einer Hure leicht so viel einbringen wie die Arbeit eines ganzen Mondes in Friedenszeiten. Angeblich war Kira auf diese Art zu ihrem Kupferkessel gelangt. Sie hatte ihn nach der Schlacht auf der Hochebene von Kush bekommen.</p><p>�Ich mag gut gewaschene J�nglinge�, rief Ninwe und fasste sich mit gro�er Geste an ihren �ppigen Busen. �Da wo du hingehst, da will auch ich sein!�</p><p>�Dein sonniges Gem�t wird uns sicherlich w�rmen, wenn wir in den Norden ziehen�, erwiderte der Hauptmann, war dabei aber immer noch rot und wirkte reichlich verlegen. �Wer von euch mitkommen will, soll sich bis zur Mittagsstunde auf dem Markt der Langhornrinder einfinden. Von dort werden die Truppen abmarschieren. Uns werden �berwiegend M�nner aus den �stlichen Provinzen begleiten. Aus Issedon und den beiden Garagum. Wer damit ein Problem hat, sollte besser nicht mitkommen.�</p><p>Es wurde schlagartig still. Die M�nner aus Garagum galten als Barbaren, die ihre Frauen gerne schlugen. Mit den Issedonen war es noch schlimmer. Es gab Ger�chte, dass, starb einer ihrer Krieger oder J�ger, sie beim Leichenschmaus dem Toten das Fleisch von den Knochen schnitten, es zusammen mit dem Fleisch eines Rinderbullen schmorten und als Leichenschmaus auftischten. Auch hie� es, dass die S�hne ihre V�ter so sehr liebten, dass sie deren Sch�del in Gold einfassten und deren Gr�ber zum Jahrestag ihres Todes �ffneten, um mit ihnen gemeinsam zu feiern.</p><p>Kira schlug mit dem Sch�pfl�ffel, den sie immer noch in der Hand hielt, gegen den leeren Kupferkessel. �Mir macht�s nichts aus, mit Issedonen zu tun zu haben. Ich bring sogar einen Kessel mit, wenn�s ans Fleischschmoren geht.�</p><p>Diesmal lachte niemand.</p><p>�Ihr wisst nun also Bescheid.� Auch der junge Hauptmann wirkte peinlich ber�hrt �ber diese Bemerkung. �Wen das alles nicht schreckt, der soll sich zur Mittagsstunde am Markt der Langhornrinder einfinden. Es soll euer Schaden nicht sein.� Er hob etwas linkisch die Hand zum Gru�, sah aber niemand Bestimmtes dabei an. Dann verlie� er den Karawanenhof, auf dem die Frauen ihr Lager zugewiesen bekommen hatten.</p><p>Ninwe pfiff ihm hinterher, aber er drehte sich nicht mehr um. �Netter Kerl, aber sich mit Issedonen abgeben��� Sie spuckte aus.</p><p>Shaya erhob sich von ihrem Lager und schichtete ihre in Stoff gewickelten Kr�uterp�ckchen auf ihre Wolldecke.</p><p>�Willst du wirklich mit ihm gehen?�, fragte Ninwe ungl�ubig.</p><p>�Die Kleine hat doch recht!�, mischte sich Kira ein. �Ich werde auch gehen. Auf Schlachtfeldern wird man reich.�</p><p>�Du solltest nicht nur an die Krieger denken.� Ninwe drehte ihre langen Locken und l�chelte verschmitzt. �Nangog ist der beste Platz, den eine Hure sich nur w�nschen kann. Wir k�nnen hier nicht aus <emphasis>Versehen</emphasis> schwanger werden, und auf mehr als hundert M�nner kommt nur eine Frau. Zwei, drei Jahre hier, und jede von uns kehrt als reiche Matrone nach Hause zur�ck. Seid also nicht dumm und lauft den Kriegern nach! Wenn ihr euch in einen verliebt, verreckt er im n�chsten Mond. Wird vom Fleckfieber dahingerafft, stirbt an Entkr�ftung, wird als Deserteur zu Tode gepr�gelt, weil er zu sehr euren Rockzipfeln nachgelaufen ist, wird beim W�rfelspiel erdolcht oder von den Feinden des Unsterblichen Aaron auf dem Schlachtfeld massakriert. Glaubt mir, Kinder, ich wei�, wovon ich rede. Ich angele mir hier einen reichen Kaufmann oder einen Rinderf�rsten aus der Messergras-Steppe oder einen Goldsucher, der sein Gl�ck gemacht hat.�</p><p>�Tr�um nur weiter.� Kira spuckte auf einen schmutzigen Lappen und begann damit, ihren Kessel zu putzen. �Glaubst du, einer mit Geld will eine von uns. Der holt sich ein Liebchen von zu Hause hierher.�</p><p>�Nur dass nicht viele Liebchen hierherkommen wollen�, entgegnete Ninwe triumphierend. �Naga�� die Stadt der toten Kinder. Wer kennt ihre Geschichte nicht und die des ungl�cklichen Satrapen Siran. Hier will keine normale Frau hin. Und die M�nner geben dir ihr letztes Hemd f�r eine sch�ne Nacht. Wir m�ssen es nur richtig anfangen, M�dels, und jede von uns wird reich. Ich hab eine Geschichte �ber eine Hure in der Goldenen Stadt geh�rt, die man die Seidene nannte. Sie besa� einen eigenen Palast, und die Statthalter der Unsterblichen bettelten um ihre Gunst.�</p><p>�Siran soll ein Geizkragen sein, und seit den Ereignissen mit den��� Kira stockte. Sie, die sich sonst immer so kaltherzig gab, wirkte pl�tzlich aufgew�hlt. �Also seit das damals passiert ist, hat er angeblich keine Frau mehr anger�hrt. Da ziehe ich lieber auf ein Schlachtfeld. Das ist das sicherere Gesch�ft.�</p><p>Shaya dachte an ihre Kinderfrau, die ihr vor langer Zeit die Geschichte �ber die Stadt der toten Kinder erz�hlt hatte. Naga war aus den dunklen Basaltbl�cken erbaut, die man in der Steppe fand. Die Stadt war schwarz und abweisend�� vor allem war sie viel zu gro� f�r die wenigen Einwohner, die hier lebten. Sie hatte einen Hafen mit Liegepl�tzen f�r mehr als hundert Flussschiffe, zwei Dutzend Karawansereien lagen in den Au�enbezirken und verfielen nun langsam. Siran hatte geglaubt, dass Naga ein wichtiges Handelszentrum werden w�rde. Der Ort, an dem sich die Karawanenstra�en aus Nord und Ost trafen. Wo die G�ter aus der weiten Steppe auf den Gelben Fluss verschifft wurden, um zu den reichen Hafenst�dten am Meer der Silberr�cken gebracht zu werden. Doch die d�steren Basaltmauern bedr�ckten die Menschen, die hier lebten. Kein Lachen erklang in den weiten Prachtstra�en Nagas, und bald wurde die Stadt gemieden.</p><p>Da beschloss Siran, dass die Stra�en von Kinderlachen widerhallen sollten, und er befahl, die d�steren Mauern unter wei�em Putz zu verstecken. Aus seiner Heimatsatrapie lie� er schwangere Frauen nach Naga bringen, und auch alle Waisenkinder wurden in die d�stere Stadt gebracht.</p><p>Doch in der Stadt am Gelben Fluss schien der Fluch Nangogs noch schlimmer zu w�ten als anderswo. Der Putz br�ckelte immer wieder von den Mauern, und von den schwangeren Frauen brachte nicht eine ein lebendes Kind zu Welt. Auch die Waisen verk�mmerten. Nach einem Jahr lebte nicht ein einziges Kind mehr in der Stadt, und statt Lachen erklang Heulen und Wehklagen in den weiten Prachtstra�en.</p><p>Shaya erinnerte sich noch genau, wie ihre Kinderfrau die Geschichte beendet hatte. <emphasis>Immer noch sucht der Satrap Siran nach Kindern f�r seine Stadt, und seine Schergen durchstreifen jedes Land. Sie holen sich jene Kinder, die widerborstig sind, die zu weit in die Steppe hinausreiten oder sich nachts heimlich aus den Jurten schleichen.</emphasis></p><p>Shaya hatte ihr Verhalten nach dieser Geschichte nicht wirklich ge�ndert, aber der Schatten des Satrapen Siran hatte auf ihrer fr�hen Kindheit gelegen. Wann immer sie sich davongeschlichen hatte, hatte sie an ihn denken m�ssen. Und nun, nach all den Jahren, hatte das Schicksal sie in seine Stadt verschlagen. Sie hatte zum Tross der f�nftausend Krieger geh�rt, die hierher verlegt worden waren, weil die Rinderherden der Steppe genug Nahrung boten und sie in den leerstehenden Karawansereien und Lagerh�usern Quartiere beziehen konnten. Shaya hatte nur die Wahl gehabt, mitzugehen oder in Aram zur�ckzubleiben. Doch in dieser verfluchten Stadt wollte sie keinen Tag l�nger als n�tig verweilen.</p><p>Aaron hatte seine Krieger bisher immer selbst in die Schlacht gef�hrt. Ganz sicher w�rde auch er nach Norden gehen. Und sie wollte doch in seiner N�he bleiben, um ihn zumindest manchmal von ferne zu sehen. Das war noch ein zweiter Grund, Naga zu verlassen.</p><p>Shaya rollte die Decke mit den Kr�uterp�ckchen zusammen und schn�rte beide Enden fest mit einer Schnur zusammen. Dann warf sie sich die lange Rolle �ber die Schulter und griff nach dem Tragekorb, in dem sich ihre restlichen Habseligkeiten befanden. Sie w�rde nicht bis zur Mittagsstunde warten, sie w�rde schon jetzt zur Sammelstelle gehen.</p><p>�Das ist nicht dein Ernst, Kleine�, rief Ninwe ihr nach. �Das wird keine Schlacht wie in unserer Heimat werden. Dort gibt es Ungeheuer, die einem das Fleisch von den Knochen rei�en, und b�se Zauberer, die Menschen in unheimliche Gestalten, halb Mensch, halb Tier, verwandeln.�</p><p>�Lass dich von der fetten Kuh nicht verr�ckt machen.� Kira war ebenfalls aufgestanden und hob sich nun ihren schweren Kupferkessel auf den R�cken. �Warte, Shaya, ich komm mit dir. Wenn das Heer marschiert, dann steht eine Schlacht bevor, und ich habe noch nie geh�rt, dass ein Feldherr eine Armee von Ungeheuern aufgestellt h�tte. Nicht einmal hier in Nangog.�</p><p>Gemeinsam durchquerten die beiden das verfallene Tor der Karawanserei. Jetzt erst bemerkte Shaya den wei�en Putz, der am Fu� der Mauern lag. Er war zerbrochen wie ihre Tr�ume. So wie Naga, der Stadt des verfluchten Satrapen Siran, waren auch ihr nur noch ihre �ngste geblieben.</p></section><section><title><p>Der Feind</p></title><p>Kolja sa� auf seiner Decke und tastete �ber seinen R�cken. Da war noch das Loch in der Weste, wo der Kristall in seinen R�cken gedrungen war. Er schob einen Finger durch die zerrissene Kleidung und tastete tiefer, bis hinab zur Wunde. Schorf hatte sich �ber der Verletzung gebildet. Er dr�ckte leicht auf die Kruste, und ein dumpfer Schmerz pulste in seinem R�cken. Langsam verst�rkte er den Druck. Er m�sste diesen verfluchten Kristall doch f�hlen k�nnen! Das Ding war so lang wie ein Finger gewesen. Hatte es sich etwa aufgel�st und vergiftete ihn langsam? Im Gesicht und an den Armen sp�rte er seit Stunden ein unangenehmes Kribbeln, so als w�rden Tausende Kakerlaken auf ihm ein Tanzfest veranstalten. Es war unm�glich, so zu schlafen. Auch pochte in seinem Armstumpf ein dumpfer Schmerz. Nur dieser Kristall, der in seinem R�cken steckte, fehlte in der Sammlung der Unannehmlichkeiten. Es war, als w�re er verschwunden.</p><p>Kolja streckte sich auf seinem Lager, fand aber weiterhin keinen Schlaf. Die Ereignisse des Abends gingen ihm durch den Kopf. Die M�nner standen unter Schock. Dass der Prediger tot war, hatten sie noch gar nicht richtig begriffen. Ausgerechnet er, der Auserw�hlte der Gro�en G�ttin. Sobald sie die Wahrheit akzeptierten, w�rde es �rger geben. Doch Kolja war entschlossen, den Plan des Predigers zu Ende zu f�hren und das Traumeis zu ernten. Und dann w�rde er sich auf den Weg nach S�den machen. Er war keiner, der einfach aufgab und darauf wartete zu verrecken. Vielleicht m�sste er ein oder zwei der Wolkenschiffer in den Krater werfen, damit die anderen einsahen, dass es besser war, von nun an ihm zu gehorchen.</p><p>Er br�tete dar�ber, wer von den paar Mann am besten als abschreckendes Beispiel taugte. Wessen Tod w�rde den gr��ten Eindruck hinterlassen? Sollte er Nabor umbringen? Nein, als Lotse kannte er den Weg nach S�den besser als jeder andere. Wenn ihre Kr�fte so weit reichten, w�re er es, der sie nach Wanu f�hren k�nnte. Und trotz seines Alters war er ein z�her Hund. Er w�rde sich durchbei�en, wo j�ngere M�nner aufgaben.</p><p>Ein Ger�usch, das nicht zum n�chtlichen L�rmen in ihrer engen Zuflucht passte, riss Kolja aus seinen Gedanken. Angespannt lauschte er. Ein Ende der Segeltuchplane, mit der sie die Landungsk�rbe abgedeckt hatten, die ihre notd�rftige Zuflucht bildeten, hatte sich losgerissen und flatterte im Wind. Einige der M�nner schnarchten, andere atmeten schwer, und Nabor stie� im Schlaf unregelm��ig einen pfeifenden Laut aus. Aber da war noch etwas. Ein heimlicher Laut, der nicht in diese Symphonie der Nacht passte. Ein Ger�usch, wie man es nur machte, wenn man argw�hnisch darauf achtete, kein Ger�usch zu verursachen. Ein leises Schaben.</p><p>Kolja �ffnete die Augen einen winzigen Spalt, achtete aber sorgsam darauf, sich nicht zu bewegen. Die Flammen in der Feuerschale am Eingang lie�en unstetes Licht �ber die aus Astwerk geflochtenen W�nde der Landungsk�rbe tanzen. Die M�nner rechts und links neben ihm lagen still. Kolja verdrehte die Augen bis zum �u�ersten.</p><p>Nabors Affe war aus dem Nest in den Armen des Lotsen gestiegen und auf eines der wenigen F�sser mit Salzheringen geklettert, das sie aus den Vorr�ten des Schiffes hatten retten k�nnen. Das Vieh sah misstrauisch in Koljas Richtung, als sp�rte es, dass es beobachtet wurde. Es hatte den Dolch Barnabas in der Hand. Jene Waffe, die der Prediger einem der wandelnden Leichname in den Sch�del gerammt hatte. Kolja hatte sie nach den K�mpfen geborgen. Es war eine meisterhaft geschmiedete Klinge, und der Drusnier hatte sich gefragt, wie ein Priester an eine solche Waffe gelangt war. Darauf w�rde er nie mehr eine Antwort bekommen. Was aber wollte der Affe mit dem Dolch? Spielen? Zu Beginn der Reise war er manchmal ausgelassen durch die Takelage des Wolkenschiffs geturnt und hatte dabei keckernde Freudenschreie ausgesto�en. Doch seit der Nacht in der Lotsenkanzel war der kleine Affe ver�ndert. Kolja war immer noch davon �berzeugt, gesehen zu haben, wie der Affe gestorben war, als der Schatten der Krallenhand auf ihn gefallen war.</p><p>Sollte er etwa��? Nein, er konnte kein Wiederg�nger wie Sangan und die Toten dieser Nacht sein. Er hatte nicht diese Augen, die wie zerschrammtes Eis aussahen. Kolja drehte ein wenig den Kopf, um den Affen besser im Blick zu haben. Was hatte dieses kleine Biest nur vor?</p><p>Eine w�tende B� lie� die W�nde aus Flechtwerk erbeben. Das grelle Licht eines Blitzes strahlte durch die feinen Spalten in den Korbw�nden, wo der Wind die Plane gel�st hatte. Kolja hatte noch nie so viele Gewitter in so kurzer Zeit erlebt. Schlich etwa dieses Ding, dessen Schatten in der Lotsenkanzel auf den kleinen Affen gefallen war, drau�en um ihren Unterschlupf?</p><p>F�r den kleinen Affen war Barnabas Dolch so lang wie ein Speer f�r einen ausgewachsenen Mann. Er lehnte sich die Waffe gegen die Schulter, hielt sich mit einer Hand am Rand des Heringsfasses fest und lie� sich dann zu Boden gleiten. Kolja stutzte und dachte wieder an den Affen, der tollk�hn durch die Takelage geturnt war. War das hier noch dasselbe Tier? Er bewegte sich plump und schwerf�llig und so, als w�rde er alles vorher �berdenken.</p><p>Hinter dem Fass war der Affe nun au�er Sicht. Daf�r erklang ein Knarren, als zerrte es an den Weidenruten, aus denen die Landungsk�rbe geflochten waren. Vorsichtig, ganz darauf bedacht, kein Ger�usch zu verursachen, setzte Kolja sich auf, aber es half nicht, der Affe war weiterhin au�erhalb seines Sichtfeldes.</p><p>Was machte er sich Sorgen wegen des Tiers? Was konnte der kleine Affe schon ausrichten, selbst mit einem Messer�� Der Drusnier kratzte sich die juckende Stirn. Was war nur mit ihm los? Auch sein gesunder Arm juckte so sehr, dass er sich am liebsten die Haut abgezogen h�tte.</p><p>Der Drusnier stemmte sich auf die Knie und erhob sich. Ihre provisorische Unterkunft war so niedrig, dass er sich nur geduckt bewegen konnte. Das Ger�usch vor ihm verstummte. Der verdammte Affe musste etwas gemerkt haben.</p><p>Mit einem Schritt stieg Kolja �ber den Mann, der neben ihm lag, und streifte den Arm des n�chsten, der einen �rgerlichen Laut von sich gab und sich von ihm wegdrehte. Es herrschte drangvolle Enge. Jetzt ert�nte das Knarren erneut, einen Herzschlag lang, bevor ein Donnerschlag drau�en jedes Ger�usch �bert�nte. Kolja stieg �ber Nabor hinweg und stand nun dicht bei dem Heringsfass. Endlich konnte er den Affen sehen. Er hatte das Messer mit beiden H�nden gepackt und schnitt ein Loch in das Geflecht aus Weidenruten. Die Klinge glitt so leicht durch das verflochtene Astwerk, als w�re es nicht z�her als Stoff.</p><p>�Du kleines Biest�, zischte Kolja und wirbelte den Arm mit der Prothese herum, sodass die darin verborgene Klinge zischend aus dem Leder schoss.</p><p>Der Affe ignorierte ihn und verdoppelte seine Anstrengungen. Sein Dolch schnitt bis auf den Boden hinunter, und in der Wand des Landungskorbes klaffte ein Loch so gro� wie der Deckel des Fasses daneben. Kolja st�rmte vor, ohne noch weiter R�cksicht auf die Schlafenden zu nehmen. Jetzt wandte der kleine Affe den Kopf, griente ihn frech an und zerrte das ausgeschnittene Wandst�ck zur Seite.</p><p>Kolja warf sich nach vorne, den Arm mit der Klinge weit vorgestreckt. Er traf den Affen in die Brust. Mit knirschendem Ger�usch fuhr der Stahl durch den kleinen K�rper. Im Liegen sah Kolja deutlich das St�ck Segeltuch hinter der L�cke, das sich im Sturmwind hob und senkte. Dort hatten die Pfl�cke gehalten, an denen Nabor das Segel festgezurrt hatte. Als ein Blitz das Loch im Landungskorb in ein Fenster aus glei�endem Licht verwandelte, zeichnete sich der scharf umrissene Schatten einer Krallenhand ab, die in ihre Zuflucht hineingreifen wollte.</p><p>Kolja keuchte auf, zugleich erklang Nabors Wutgeschrei in seinen Ohren.</p><p>�Was hast du getan! Du Ungeheuer! Gabott! Mein Kleiner, was hast du ihm angetan���</p><p>Der Drusnier stemmte sich hoch. Das Loch in der Wand war wieder von Dunkelheit ausgef�llt. Der kleine Affe aber umklammerte mit seinen H�ndchen die Klinge und versuchte sich r�ckw�rts vom scharfen Stahl hinabzuschieben. Kein Blut war �ber das kurze Schwert an Koljas Prothese geflossen. Der Affe fixierte Kolja mit seinen schwarzen Augen.</p><p>�Es ist noch nicht zu Ende mit uns, Kleiner.� Er versetzte Nabor einen Sto� mit dem Ellenbogen, der den Alten gegen das Heringsfass schleuderte.</p><p>Alle waren inzwischen aufgewacht. Ihre Blicke hafteten auf dem Schwert und dem Affen, der h�tte tot sein sollen, aber immer noch nicht aufgeben wollte. Er zerschnitt sich die kleinen H�nde am Stahl, aber k�mpfte immer weiter. Unendlich langsam schob er sich der Spitze der Klinge entgegen, die ihn durchbohrt hatte.</p><p>Kolja stampfte geduckt dem Eingang entgegen. Er nahm keine R�cksicht auf die M�nner, die ihm im Weg lagen, und es war zu eng, um dem w�tenden Drusnier auszuweichen. Er trampelte �ber Beine hinweg und trat einem Mann auf die Brust, dass dieser vor Schmerz keuchte. Doch Kolja hatte nur Augen f�r den Ausgang. Er musste ihn erreichen, bevor der Affe sich vom Schwert befreite.</p><p>�M�rder!�, keifte Nabor hinter ihm. �<emphasis>Er</emphasis> ist das Ungeheuer hier. <emphasis>Er</emphasis> ist unser Fluch!�</p><p>Der Affe hatte sich fast befreit, als Kolja sein Schwert in die Feuerschale am Eingang stie�. Der Drusnier genoss die �berraschung und dann das Entsetzen im Antlitz des kleinen Monsters. Ein Herzschlag nur, und sein Fell stand in hellen Flammen. Er schrie nicht. Sein Blick war starr auf Kolja gerichtet, als sich der kleine K�rper in der Hitze kr�mmte. Ein eisiger Luftzug strich durch die Zuflucht der letzten �berlebenden.</p><p>�F�r diese Nacht habt ihr gesiegt�, erklang eine unheimliche Stimme drau�en in der Nacht. �Erfreut euch daran, denn es wird euer letzter Sieg gewesen sein.�</p></section><section><title><p>Spuren im Schnee</p></title><p>Volodi trat durch den Albenstern, und das Erste, was er sah, war gefrorenes Blut. Hier war gek�mpft worden. Hier hatten die Daimonen die Karawane der Zapote �berfallen. Aber er konnte nirgends Tote sehen. Und auch keine Gr�ber. Was hatten sie mit den Gefallenen gemacht? Verwundert ging er weiter und achtete darauf, nicht auf die Blutfl�chen im Eis zu treten. Er w�rde herausfinden, was hier geschehen war. Fr�stelnd rieb er sich �ber die Arme. Er war harte Winter gewohnt, aber hier war es tats�chlich arschkalt.</p><p>Volodi trug nur eine wollene Tunika und dazu den Brustpanzer, den der Gro�e B�r ihm geschenkt hatte. Die R�stungen der Unsterblichen mit ihren Maskenhelmen, Beinlingen und langen �rmeln fand er zu albern. Er w�re sich wie ein Idiot vorgekommen, wenn er sie angelegt h�tte. Quetzalli hatte darauf gedr�ngt, aber wie konnte er sich in eine R�stung h�llen, die ihn fast unverwundbar machte, w�hrend seine Krieger voller Todesverachtung den Klingen der Feinde entgegentraten. Das geh�rte sich nicht! Und wenn er tausendmal der Unsterbliche war, in seiner Brust schlug das Herz eines einfachen Kriegers, und er w�rde auch weiterhin jede Gefahr mit ihnen teilen. Der Brustpanzer aus Lederschuppen war das einzige Zugest�ndnis, das er Quetzalli gemacht hatte. Jetzt aber fragte sich Volodi, ob seine Prunkr�stung ihn nicht nur vor den Klingen der Feinde, sondern auch vor der K�lte gesch�tzt h�tte.</p><p>Mehr und mehr Krieger traten durch den Albenstern. Auf den Gesichtern der M�nner zeigte sich die Erleichterung, den Schrecken des Dunkels entflohen zu sein. Die K�lte hier war eine Kleinigkeit im Vergleich zum Abgrund zwischen den Welten. Viele der M�nner hatten diesen Weg zum ersten Mal gemacht. Eben noch waren sie auf dem weiten Feld vor seinem Herrschersitz in Drusna gewesen, und nun standen sie auf einer vereisten Ebene irgendwo im Norden Nangogs.</p><p>�Vorw�rts, M�nner!�, rief Volodi mit vollt�nender Stimme, wandte sich vom �stlichen Horizont ab, wo sich erstes Morgenlicht zeigte, und wies mit seinem Schwert nach Norden, wo dunkle Wolken bis hinab auf die Ebene gesunken waren. �Wir sind die Ersten. Offensichtlich sind die anderen z�gerlicher, wenn es um einen Tanz mit Daimonen geht. Oder sie haben Angst, sich kalte F��e zu holen.�</p><p>Keiner lachte. Das mit den Reden vor der Schlacht war nicht so seine Sache, dachte Volodi bedr�ckt. Aaron h�tte das besser gemacht. �Besch�men wir die anderen und bringen wir diese Sache hinter uns, bevor sie hier erscheinen!� Mit diesen Worten ging er entschlossen los. Eine breite Spur aus zertrampeltem Schnee wies ihnen deutlich den Weg, den die Daimonen genommen hatten.</p><p>Boltar, ein st�mmiger Kriegerf�rst, der in der Vergangenheit unz�hlige �berf�lle auf die Valesier angef�hrt hatte, eilte an seine Seite. �Hast du diese Fu�spuren gesehen?� Er deutete auf eine F�hrte, die etwas abseits des breiten Pfades aus zertrampeltem Schnee verlief. �Die haben Riesen in ihren Reihen.�</p><p>Volodi waren die Spuren nicht entgangen. Manchmal sah man auch auf dem zerw�hlten Weg deutlich einen einzelnen Fu�abdruck. �Sie m�ssen auch Riesen haben, so wenige, wie sie sind�, erkl�rte er, wobei sich seine Stimme nicht ganz so entspannt anh�rte, wie er es sich gew�nscht h�tte. �Sonst w�rde dies ein ziemlich ehrloser Kampf f�r uns.�</p><p>�Was?�, schnarrte Boltar gereizt.</p><p>�Aber sieh mal diese Spur da.� Im Abdruck eines nackten Riesenfu�es war ein zweiter Fu�abdruck zu sehen. Volodi stellte sich daneben und nahm Ma�. Der Fu� des Riesen war fast doppelt so lang wie sein eigener, aber der zweite Abdruck war klein und schmal. Er musste zu einem Kinderfu� geh�ren. Zu einem Kind, das h�chstens drei Jahre alt sein konnte, so winzig war er.</p><p>Boltar strich sich nachdenklich �ber seinen schwarzen Bart, der ihm bis weit auf die Brust hinabreichte. Inzwischen hatte sich eine ganze Gruppe Krieger um sie geschart. Alle betrachteten die Spuren im Schnee. �Warum bringen die Kinder hierher�, sagte der st�mmige Krieger schlie�lich und sch�ttelte den Kopf. �Es wei� doch jeder, dass diese verfluchte Welt Kindern nicht gut bekommt.�</p><p>�Vielleicht wollen sie hier siedeln�, bemerkte ein rothaariger Krieger, dem eine wulstige Narbe quer �ber das Gesicht lief. Volodi erinnerte sich, dass er Ragnar hie� und im Ruf stand, ein guter J�ger zu sein.</p><p>�Hier, wo es nichts als Schnee und Eis gibt?�, entgegnete Boltar sp�ttisch. �Du h�ttest weniger billigen Branntwein saufen sollen. Offenbar hat er dir das letzte bisschen Hirn aus dem Sch�del gebrannt. Hier gibt es nichts au�er Schnee und Steinen.�</p><p>�Irgendwas muss hier sein, sonst h�tten die Zapote hier keine Stadt errichtet�, gab Volodi zu bedenken. Allerdings konnte auch er sich keinen Reim darauf machen, warum die Riesen Kinder hierherbrachten.</p><p>�Zapote!� Boltar schnaubte ver�chtlich. �Nichts gegen deine Frau, Unsterblicher. Aber genau von ihr, Ketza�� Ketcha��, also von deiner Frau mit ihrem unaussprechlichen Namen habe ich ein paar Geschichten �ber ihr Volk geh�rt. Die spinnen! Sie verkleiden ihre besten Krieger als H�hner und K�tzchen. Die haben noch weniger Verstand als unser Freund Ragnar hier. Obwohl�� Vielleicht hoffen sie darauf, dass ihre Feinde sich totlachen, wenn sie einem Heer aus Federvieh gegen�bertreten.�</p><p>Die M�nner grinsten. Die Stimmung war endlich ein wenig besser, und Volodi entschied, nichts �ber die Jaguarm�nner zu sagen, denen er begegnet war. �Gehen wir weiter!�</p><p>Sie schlugen ein gutes Tempo an und marschierten dem fernen Wolkenvorhang entgegen. Das Land war leicht gewellt. Volodi hatte ein paar Sp�her voraus und zu den Flanken geschickt. Nicht, dass er mit einem Hinterhalt rechnete, er wollte nur wissen, ob sie Gr�ber fanden. Es war schon seltsam, dass bei all dem Blut auf dem Eis nicht eine einzige Leiche auffindbar war.</p><p>Zwei Stunden marschierten sie, und bald wurde Volodi klar, dass nicht Wolken, sondern eine Nebelwand die Sicht versperrte. Die Sonne stieg schnell h�her. Es w�rde ein kurzer Tag werden. Der Nebel l�ste sich nicht auf, wie er es bei einem so hellen Tag h�tte tun sollen. Keine einzige Wolke stand �ber ihnen am weiten stahlblauen Himmel. Es blieb trotz der Sonne schneidend kalt.</p><p>Der Nebel beunruhigte den Unsterblichen. War es ein Zauber, den die Daimonen gewoben hatten? Und falls ja, was wollten sie darin verbergen? Wartete dort ein Heer aus Riesen und Kindern auf sie?</p><p>Volodi drehte sich um und winkte Ragnar zu sich. Der Rotbart eilte an seine Seite. Diese Narbe in seinem Gesicht�� Es fiel Volodi schwer, ihn anzusehen. Die Wunde war schlecht behandelt worden. Sein ganzes Gesicht wirkte verrutscht.</p><p>�Was denkst du, wie viele Gegner haben wir zu erwarten?�</p><p>�Schwer zu sagen. Die Spuren �berlagern einander. Vielleicht sechzig Riesen? Mit den Kindern ist es noch schwieriger. Es sind sicher �ber hundert. Wenn es �berhaupt Kinder sind���</p><p>Volodi sah ihn fragend an. �Was sollten sie sonst sein?�</p><p>Ragnar sch�ttelte den Kopf. �Ich kenn mich nicht mit Daimonen aus. Aber bei den Kleinen gibt es welche, die genagelte Stiefel tragen. Findest du das nicht seltsam? Die Eltern gehen alle barfu�, ihre Kinder aber nicht. Und wer w�rde seine Kinder auf einen Kriegszug mitnehmen. Die ganze Sache stinkt. Und dann dieser seltsame Nebel�� Das Ganze riecht verdammt nach einer Falle.�</p><p>Einer der Sp�her kam zur�ckgelaufen. Ein gro�er, drahtiger Kerl, der ein Wolfsfell um die Schultern geschlungen hatte und den Sch�del des Wolfes wie einen Helm auf dem Kopf trug. �Dort vorne ist ein breiter Fluss, Unsterblicher. Aus ihm steigt der Nebel auf. Das Wasser ist warm. Es gibt eine Holzbr�cke.�</p><p>�Verdammter Dreck!� Warum suchten sich die G�tter immer ihn aus, wenn ihnen nach schlechten Sp��en zumute war.</p><p>Er hatte h�chstens zweihundert Feinde vor sich. Und vielleicht waren �ber hundert davon Kinder oder irgendwelche kleinen Wichte. Ihm hingegen folgten mehr als zweitausend der besten K�mpfer Drusnas. Er k�nnte die Daimonen einfach �berfl�geln und einkesseln, wenn sie sich eine ordentliche Schlacht auf dieser Ebene geliefert h�tten. Aber auf einer Br�cke nutzte ihm seine �bermacht gar nichts. Dort k�nnte ein einzelner Riese ein ganzes Heer aufhalten.</p><p>�Wie hei�t du?�</p><p>Der Sp�her sah ihn �berrascht und auch ein wenig misstrauisch an. Vielleicht f�rchtete er eine Strafe f�r die schlechten Nachrichten, die er �berbracht hatte.</p><p>�Senja�, sagte er z�gerlich.</p><p>�Ist schon irgendjemand von unseren Leuten �ber die Br�cke gegangen?�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. �Die anderen Sp�her warten auf weitere Befehle. Sie werden sich ein bisschen am Ufer umsehen. Es gab da Spuren im Schnee. Nicht von den Riesen. Scheinen Zapote gewesen zu sein. Vielleicht gibt es eine Furt.�</p><p>Vielleicht irgendwelche J�ger, die zu der verdammten Stadt wollten, die irgendwo hinter der Br�cke liegen musste, dachte Volodi. Bestimmt hatten sie die F�hrten der Riesen gesehen und entschieden, ihnen lieber nicht auf der Br�cke zu begegnen. Laut sagte er:</p><p>�Du siehst aus wie ein J�ger, Senja. Hast du schon mal einen B�ren erlegt?�</p><p>�Ein kluger Mann geht B�ren aus dem Weg�, entgegnete er vorsichtig.</p><p>�Und wenn du das nicht k�nntest, wie w�rdest du ihn jagen?�, setzte Volodi nach.</p><p>�Ich w�rde ihn sicher nicht nahe an mich heranlassen. Diese Geschichten �ber Helden, die einen B�ren mit einem Messer get�tet haben, sind alle erstunken und erlogen. Wenn du einem B�ren so nahe kommst, dann richtet er sich auf und umarmt dich mit seinen Pranken. Und selbst wenn du ihm das Messer ins Herz sto�en kannst, wird er dir noch mit seinen Krallen bis auf die Rippen das Fleisch vom R�cken rei�en.� Senja hatte sich sichtlich in Laune geredet. �Es w�re auch dumm, es mit Pfeilen zu versuchen. Ein B�r hat einen zu harten Sch�del, als dass ein Pfeil ihn durchdringen k�nnte, es sei denn, man trifft mit Gl�ck ein Auge. Und solange er sich nicht aufrichtet, sch�tzen ihn sein dickes Fell, der Speck und die Muskeln vor t�dlichen Treffern. Ich habe Geschichten �ber B�ren geh�rt, die zahllose Pfeile in ihrem Leib stecken hatten und immer noch in Kampfeslaune waren.�</p><p>�Also keine Messer und keine Pfeile�, res�mierte Volodi. �Wie w�rdest du es anfangen, wenn du einen B�ren t�ten m�sstest.�</p><p>�Tapfere M�nner mit langen Speeren, das ist das Einzige, was hilft. So h�lt man ihn auf Abstand und kann ihn verwunden. Irgendwann hat er dann so viel Blut verloren, dass er zusammenbricht.�</p><p>�Du warst mir eine gro�e Hilfe, Senja. Danke. Ich werde das nicht vergessen. Nun geh zur Br�cke zur�ck und sorge daf�r, dass keiner von deinen Kameraden auch nur einen Fu� auf sie setzt.�</p><p>Der J�ger sah ihn verbl�fft an. Er hatte offensichtlich nicht begriffen, worum es gegangen war.</p><p>�Du meinst, so ein Riese ist so gro� wie ein H�hlenb�r, der sich aufrichtet?�, fragte Ragnar, als der Sp�her wieder au�er H�rweite war.</p><p>Volodi zuckte leichthin mit den Schultern. �Ich hoffe, dass er nicht viel gr��er ist. Aber bei den Fu�spuren w�rde ich drei Schritt oder etwas mehr sch�tzen. Such mir jetzt ein Dutzend M�nner mit kr�ftigen Speeren, die den Tod nicht f�rchten. Und bring mir auch ein paar Bogensch�tzen mit. Ich wette ein Fass Wein, dass uns mitten auf der Br�cke ein Riese erwartet, und ich habe vor, ihn von dort zu vertreiben.�</p></section><section><title><p>Ein Herz aus Eis</p></title><p>Galar kniff die Augen zusammen. Da waren dunkle Schatten im vom Sonnenlicht wei� leuchtenden Nebel. Kamen die verfluchten Wiederg�nger zur�ck? Er sah zu Ailyn. Die Elfe lehnte an dem vordersten Gesch�tz. Auch sie sah zur Br�cke hin, doch wirkte sie dabei v�llig gelassen.</p><p>�Da kommt was�, raunte Nyr neben ihm. Ohne einen Befehl abzuwarten, nahm er die Lederplane vom Gesch�tz und sp�hte pr�fend �ber die F�hrungsschiene f�r den schweren Speer, den die m�chtige Waffe ihren Feinden entgegenschleudern w�rde.</p><p>�Lasst sie aus dem Nebel treten�, befahl Ailyn ruhig.</p><p>Wieder blickte Galar zu der Elfe. Sie war eine sch�ne Frau. Etwas lang und unproportioniert, aber sch�n, w�re da nicht die K�lte, die sie umgab. Ihr schwarzes Haar hatte sie aus der Stirn zur�ckgek�mmt und zu einem Pferdeschwanz hochgesteckt. Keine einzige Str�hne hatte sich gel�st. Ihre Frisur war so makellos wie das Wei� des langen Kleides, das sie trug. Kein Schmutzspritzer vom Schneematsch zeigte sich auf dem zarten Stoff. Nichts schien ihr etwas anhaben zu k�nnen. Nicht Wind noch Wetter und schon gar nicht Feinde aus Fleisch und Blut.</p><p>Ein gro�er, blonder Krieger trat aus dem Nebel. Galar konnte es auf die Entfernung nicht genau erkennen, aber er hatte den Eindruck, dass den Menschensohn etwas �berrascht hatte. Hatte er etwa geglaubt, das Ufer sei unverteidigt? Nach kurzem Z�gern rief er etwas und winkte mit seinem Schwert. Augenblicke sp�ter marschierten Schulter an Schulter Speertr�ger aus dem wogenden Dunst.</p><p>Der Blonde, wohl ein Kriegerf�rst, ging den M�nnern voran.</p><p>�Warten�, sagte Ailyn eindringlich. �Wir lassen sie noch etwas n�her kommen.�</p><p>Nyr r�usperte sich. Die Menschenkinder waren kaum zwanzig Schritt entfernt. �Sollen wir warten, bis die uns auf den Stiefelspitzen stehen?�</p><p>�Kobolde! Bereit machen!�, kommandierte die Elfe.</p><p>Che und seine M�nner, die im Halbkreis vor der Br�cke standen, legten ihre Armbr�ste an.</p><p>Den Speertr�gern der Menschenkinder folgten ein paar Bogensch�tzen. Es waren nicht sonderlich viele Feinde, die angriffen. Vielleicht f�nfzig. Ihr Anf�hrer war ein tapferer Mann. Er musste die Kobolde und die Speerschleudern sehen, dennoch marschierte er ohne zu z�gern vorw�rts. Galar ertappte sich dabei, wie ihm der Kerl leidtat. Er und seine Krieger trugen nicht einmal Schilde. Jetzt waren sie nur noch zehn Schritt vom Ende der Br�cke entfernt.</p><p>Der Blonde rief etwas, und die M�nner hinter ihm verfielen in Laufschritt.</p><p>�Gesch�tz eins! Schie�t!�, befahl Ailyn unger�hrt. �Gesch�tz zwei. Schie�t!�</p><p>Galar sah, wie der erste Speer den Blonden knapp verfehlte und hinter ihm in die Reihen der Krieger schlug. Ein Mann mit wildem, schwarzem Bart wurde nach hinten gerissen und auf den Mann hinter ihm gespie�t. Auf so kurze Distanz hatten die Gesch�tze eine m�rderische Durchschlagskraft. Auch das n�chste Geschoss t�tete gleich zwei M�nner.</p><p>Der Blonde winkte wild mit seinem Schwert und lief noch schneller.</p><p>�Kobolde!�, befahl Ailyn. �Schie�t! Gesch�tz drei! Schie�t.�</p><p>Der Bolzenhagel der Koboldarmbr�ste lie� den Angriff endg�ltig zusammenbrechen. Der Blonde wurde gleich von mehreren Geschossen getroffen. Es sah aus, als h�mmerten unsichtbare F�uste auf ihn ein. Er zuckte und taumelte auf groteske Weise.</p><p>Au�er ihm standen nur noch zwei weitere Krieger. Rinnsale aus dampfendem Blut troffen seitlich von der Holzbr�cke. Dunkle Schatten zerw�hlten das Wasser zu spr�hender Gischt. Kurz zerteilte eine leuchtend orange Finne die Fluten. Was f�r Bestien dort wohl lauerten?</p><p>�Gesch�tz vier!�, rief Ailyn.</p><p>�Etwas einschwenken�, murmelte Galar, doch Nyr hatte bereits von sich aus begonnen, die Ausrichtung seiner Speerschleuder zu korrigieren. Ruhig sp�hte der Gesch�tzmeister �ber die F�hrungsschiene und nickte knapp. �Passt!�</p><p>Galar biss die Z�hne zusammen. Der blonde Menschensohn hatte sich wieder gefangen und richtete sich auf. Sie hatten gesiegt. Es war nicht n�tig, noch weiterzumachen.</p><p>�Schie�t!�, erklang die gnadenlose Stimme der Elfe.</p><p>Nyr zog den Sperrhebel zur�ck. Mit scharfem Klacken schnellten die beiden st�hlernen Arme der Speerschleuder vor. Das Geschoss drehte sich im Flug um seine eigene Achse. Es war v�llig windstill, und Nyr war der beste Richtsch�tze, den Galar je getroffen hatte. Unm�glich, dass dieser Speer sein Ziel verfehlte. Das glei�ende Licht der Wintersonne brach sich auf der Speerspitze aus Silberstahl. Dann schlug das Geschoss in sein Ziel ein. Der Kriegerf�rst stie� einen gellenden Schrei aus. Er wurde von den Beinen gerissen und drei Schritt weit durch die Luft geschleudert, um inmitten der anderen Toten und Sterbenden auf die Br�cke zu schlagen.</p><p>�Das kann nicht sein�, murmelte Nyr fassungslos. �Hast du das gesehen?�</p><p>�Ein guter Schuss�, sagte Galar mit tonloser Stimme.</p><p>�Nein, nicht das. Der m�sste aufgespie�t sein wie ein H�hnchen auf einem Bratspie�. Ich hab ihn mitten in die Brust getroffen.�</p><p>Der Blonde setzte sich auf. Sofort eilten die beiden letzten �berlebenden an seine Seite.</p><p>�Harter Bursche!�, kommentierte Groz hinter ihnen. �Nicht leicht tot.�</p><p>�Gesch�tz f�nf!�, rief Ailyn.</p><p>�Das reicht!� Galar lief an die Seite der Elfe. �Kennst du keine Gnade? Die drei hatten Gl�ck. Sei gro�m�tig und schenk ihnen ihr Leben.�</p><p>Ailyn hob eine einzelne Braue. �Ich hoffe f�r dich, dass die Menschenkinder auch gro�m�tig zu dir sein werden, wenn deine Stunde gekommen ist.� Mit diesen Worten wandte sie sich der Gesch�tzbedienung zu. �Nicht schie�en. Wir lassen sie laufen. Wenn sie den Kriegern am anderen Ufer berichten, was sie hier erwartet, dann ist das f�r uns von gr��erem Wert als drei weitere Menschenleben. Ihren n�chsten Angriff werden sie mit verzagten Herzen beginnen.�</p><p>�Danke�, sagte Galar leise.</p><p>Ailyn ging vor ihm in die Hocke. Ihr Gesicht war fast so wei� wie ihr Gewand, ihre blassen Lippen nur ein schmaler Strich. Diese Lippen haben noch nie einen leidenschaftlichen Kuss empfangen, ging es Galar kurz durch den Sinn. Wahrscheinlich hat nicht einmal ihre Mutter sie gemocht.</p><p>�Du hast gesehen, dass der blonde Krieger durch den Speer nicht zu t�ten war�, sagte sie so leise, dass die Umstehenden sie nicht h�ren konnten. �Dieser Krieger tr�gt eine R�stung, die von den G�ttern der Menschen gefertigt wurde, sonst w�re er wie die anderen gestorben. Wei�t du, was das hei�t, Zwerg?�</p><p>Galar schluckte. Dass der Krieger ein F�rst sein musste, war ihm klar gewesen. Aber wie es schien, war er noch erheblich mehr gewesen.</p><p>�Dieser Menschensohn muss einer der sieben Unsterblichen gewesen sein. Ein Freund der G�tter. Kannst du ermessen, welche Konsequenzen dein Wunsch haben wird?�</p><p>�Warum hast du ihn dann laufen lassen?�, fragte Galar, der nicht begreifen konnte, dass sie den Unsterblichen hatte leben lassen.</p><p>�Weil es eine noble Geste von dir war, Zwerg. Du bist ein Mann von Ehre. G�be es mehr M�nner wie dich, dann g�be es weniger Kriege zwischen unseren Welten. Doch du schuldest mir nun etwas. Und ich hoffe, du verh�ltst dich genauso ehrenhaft, wenn ich diese Schuld eines Tages von dir einfordern werde�� Vielleicht ist mein Preis etwas, was du nicht gerne tun wirst. Erinnere dich an diese Stunde, wenn es so weit ist.� Mit diesen Worten erhob sich Ailyn und winkte Che. �Nimm ein paar deiner Krieger und geh auf die Br�cke hinaus. Schie�t jedem der Toten einen Armbrustbolzen durch den Kopf. Wir wollen sie nicht ein zweites Mal umbringen m�ssen.�</p><p>�Den W�nschen sch�ner Frauen konnte ich noch nie widerstehen, Herrin!� Der Anf�hrer der Kobolde verbeugte sich mit einem anz�glichen Grinsen. �Was machen wir, wenn es bei den Kerlen noch �berlebende geben sollte?�</p><p>�Mit denen verfahrt ihr genauso�, entgegnete Ailyn eisig. �Dies ist nicht der Ort, um zimperlich zu sein. Um Gefangene k�nnen wir uns nicht k�mmern. Lasst die Toten auf der Br�cke liegen. Sie werden die n�chsten Angreifer beim Vorr�cken behindern.�</p><p>Che rief einige seiner Kameraden und machte sich, ohne zu z�gern, an sein grausiges Handwerk.</p><p>Pl�tzlich hob Ailyn den Kopf. Hoch �ber ihnen schwebte mit weit ausgebreiteten Schwingen eine riesige, schlangenhafte Kreatur. Galar duckte sich unwillk�rlich. Das war ein Drache! Er war karmesinrot. So einen hatte der Zwerg noch nie gesehen. Aber er hatte von ihnen geh�rt, von den Sonnendrachen von Ischemon, den Prinzen der Himmelsschlangen.</p><p>�Was macht der hier�, fl�sterte er, obwohl die Himmelsechse ihn ganz gewiss nicht h�ren konnte.</p><p>�Das w�sste ich auch gern!� Es war das erste Mal, dass Ailyn ein Gef�hl zeigte. Sie wirkte zornig. Nur einen Herzschlag lang, dann hatte sie sich wieder unter Kontrolle. �Er sollte nicht hier sein. Noch nicht jetzt!�</p><p>�Du kennst ihn?�</p><p>Sie sah auf Galar herab, als w�re er ein Nichts, das gerade die d�mmste aller Fragen gestellt hatte. �Das ist Abendstern, einer der Vertrauten des Goldenen. Und glaube mir, <emphasis>du</emphasis> w�nschst dir, ihn nicht kennenzulernen. Er mag Zwerge nicht.�</p></section><section><title><p>Weil es mir so gef�llt</p></title><p>Die aufgeregten Rufe seiner beiden Trolle schreckten Glamir aus dem Schlaf. Die beiden Trottel deuteten zum Himmel, schrien ihm etwas in ihrer kehligen Sprache zu und begannen zu laufen.</p><p>Der Zwerg blinzelte den Schlaf aus den Augen und fluchte. Er hatte von einem netten Weib mit drallen Br�sten getr�umt. Ein wenig hatte sie wie Amalaswintha ausgesehen, nur dass sie netter gewesen war. Hoffentlich hatten die zwei einen triftigen Grund, ihn aufzuschrecken. So einen guten Traum hatte er schon lange nicht mehr gehabt.</p><p>Mit einem Seufzer stemmte er sich hoch. Obwohl er sich in zwei Decken eingerollt hatte und an der S�dwand eines der sch�bigen H�user am gro�en Marktplatz lehnte, dort, wo die Sonne am st�rksten schien, war ihm die K�lte bis tief in die Gelenke gekrochen.</p><p>Er sah fl�chtig zu dem Kellereingang, der durch den gro�en Schneehaufen abgeschirmt wurde. Sollte eines der Menschenkinder von dort hervorgekrochen sein? Wohl kaum! Vor ein paar Stunden, kurz nach Sonnenaufgang, war einer von ihnen die Treppe heraufgeschlichen. Aber kaum, dass er die beiden Trolle gesehen hatte, war er laut schreiend wieder im Keller verschwunden. Das waren wahrlich keine Krieger da unten!</p><p>Ein riesiger Schatten glitt �ber den Marktplatz. Glamir hob die Armbrust, die ihm Gobhayn gefertigt hatte. Der Schulterstutzen der Waffe war verl�ngert und wie eine Schlange geformt. Er schmiegte sich perfekt an das wenige, was ihm von seinem rechten Arm geblieben war. So konnte er die Waffe halbwegs sicher halten. Hastig drehte er mit der Linken an der Winde, die den st�hlernen Bogen spannte. Das leise, gleichm��ige Klicken des Mechanismus beruhigte ihn ein wenig, w�hrend er zum strahlend blauen Himmel aufblickte.</p><p>Pl�tzlich f�llten karmesinrote Schwingen Glamirs ganzes Gesichtsfeld. Sie wirbelten den Schnee auf dem weiten Platz auf und lie�en die Holzschindeln der D�cher klappern, als f�rchteten sich selbst die armseligen H�user vor der Kreatur, die sich mit erstaunlicher Anmut auf dem Platz niederlie�.</p><p>Glamir stockte der Atem. Seit er an den Br�sten seiner Amme gelegen hatte, hatte er Drachengeschichten geh�rt, aber er hatte nie einen gesehen. Keinen richtigen. Nicht so etwas. Diese Bestie war von der Schnauze bis zum Schwanzende fast f�nfzig Schritt lang. Mit leisem Scharren glitt die Schwanzspitze auf ihn zu, die in einem flachen Dorn endete, der wie eine �berlange Schwertklinge aussah.</p><p>�Was ist hier geschehen, Wurm?�</p><p>Glamirs Barthaare str�ubten sich, und ein Prickeln �berlief ihn. Es lag eine Spannung in der Luft wie kurz vor einem Gewitter. Das Maul des Drachen hatte sich nicht bewegt, und doch war seine Stimme klar zu verstehen. Tief und vollt�nend erklang sie und hinterlie� ein Gef�hl der Beklemmung in Glamir, das er kaum zu beherrschen vermochte. Er hob den Kopf und sah in die bernsteinfarbenen Augen der Echse, die gro� wie Rundschilde waren.</p><p>�St�re mich nicht in meinem Mittagsschlaf, wenn du gekommen bist, um mit W�rmern zu reden!�</p><p>Die Schwanzspitze schnellte vor wie eine zusto�ende Schlange und verharrte kurz vor Glamirs Kehle. �Mir steht der Sinn nicht nach Scherzen, Zwerg! Wo steckt Ailyn? Wo sind ihre K�mpfer?�</p><p>�Dort, wo sie die Schlacht erwartet.�</p><p>Die geschlitzten Pupillen des Drachen verengten sich, bis sie nur zwei schmale, tiefschwarze Spalten waren. �Du bist also ein Wurm, der gerne Witze macht.�</p><p>Glamir bekam kaum noch Luft. Die Stimme des Drachen durchdrang ihn. Sie schn�rte ihm die Kehle zu, verwirrte seine Sinne und lie� seine verbliebenen Glieder schlottern. Nie zuvor in seinem Leben hatte er solche Furcht empfunden. Nicht einmal als die Smaragdspinnen �ber ihn hergefallen waren. In einem fernen Winkel seines Verstandes ahnte er, dass Magie dabei im Spiel sein musste. Er war kein Feigling! Und dennoch rannen ihm jetzt Tr�nen der Angst �ber die Wangen.</p><p>�Sie sind zur Br�cke�, stie� er schluchzend hervor. �Ailyn hat entschieden, dass die Stadt nicht zu verteidigen ist. Sie will die Menschenkinder an der langen Holzbr�cke aufhalten.�</p><p>�Und warum sind die beiden Trolle hier?�</p><p>Glamir wand sich unter der neuerlichen Frage und dem Zwang des Zaubers, unter dem er stand. �Ich wei� es nicht genau. Sie sagte etwas davon, dass die beiden besonders dumm seien. Gute Wachen.�</p><p>Der Drache schnaubte, und gluthei�er Atem traf den Zwerg ins Gesicht. �Wachen wof�r?�</p><p>Die Furcht fra� sich in Glamirs Seele. Er sp�rte, wie er das Wasser nicht mehr halten konnte und es ihm das Bein hinablief. �Wir haben Gefangene! Dort hinten im Keller. Menschenkinder!�</p><p>�Menschenkinder��� Eine lange, gespaltene Zunge schoss zwischen den Fangz�hnen des Drachen hervor. Er drehte den Kopf zur Seite und sog laut Luft in seine N�stern. �Ja, ich rieche sie. Dort vorne.� Die Schwanzspitze, die eben noch dicht vor Glamirs Gesicht verharrt hatte, zuckte zur�ck und peitschte �ber den hart gefrorenen Boden des Marktplatzes. �Warum macht ihr Gefangene? Das ist nur eine Last.�</p><p>�Sie sind nicht einmal Krieger, keine Gefahr.� Der Zwang, den der Drache ausge�bt hatte, war gewichen. Diesmal antwortete Glamir aus freien St�cken.</p><p>�Die beiden Trolle werden auf dem Schlachtfeld gebraucht. Diese Menschenkinder st�ren die Pl�ne des Goldenen.�</p><p>�Du kannst sie doch nicht einfach���, begann Glamir, als der Kopf wieder zu ihm herumschnellte. Dieser Zauber, der ihm solche Angst einfl��te, schien etwas mit den riesigen Augen zu tun zu haben. Glamir vermochte ihrem Blick nicht zu widerstehen. Wieder schn�rte sich seine Kehle zu.</p><p>�Du willst dich mir in den Weg stellen?�</p><p>�Ja! Was du tust, ist b�se. Und das B�se soll bek�mpft werden!�, platzte es aus Glamir heraus. Sein gerechter Zorn bannte all seine Angst, als ihn ein ungeheuerlicher Schlag von seinem Bein riss. Unter Schock sah er noch das Ende der roten Schwanzspitze zur�ckzucken, dann st�rzte er neben der Wand in eine warme Pf�tze.</p><p>�Du wirst dich in niemandes Weg mehr stellen. Und du wirst dich von nun an fortbewegen, wie es einem Wurm geziemt.� Mit diesen Worten wandte sich der riesige Drache ab.</p><p>Dumpfer Schmerz durchfuhr Glamir. Erst jetzt sah er das Blut. Und das Bein, das an der Hauswand lehnte, als w�re es eine abgestellte Prothese. Der Drache hatte ihm das gesunde Bein genommen! Er hatte ihm seine letzte W�rde geraubt. Glamir schrie auf. Nicht vor Schmerz. Es war ein Laut reiner Verzweiflung.</p><p>�Warum? Warum dieses sinnlose Massaker�, st�hnte er.</p><p>�Weil es mir so gef�llt�, kam die h�hnische Antwort, ohne dass das Ungeheuer ihn noch eines Blickes w�rdigte. Es stand nun direkt vor dem Kellereinstieg.</p><p>Glamir sah, wie sich der R�cken des Ungeheuers w�lbte. Ein pfeifendes Ger�usch war zu h�ren. Der Drache sog Luft tief in seine Lunge.</p><p>Mit zitternder Hand tastete der Zwerg nach der Ledertasche mit den Armbrustbolzen an seinem G�rtel. Ihm wurde langsam kalt. Sein Blut spritzte in pumpenden St��en gegen die Hauswand. Eine der gro�en Adern in seinem Bein war durchtrennt. Wenn er den G�rtel l�ste, dann k�nnte er damit die Wunde vielleicht abbinden. Aber dann w�rden alle Menschenkinder im Keller sterben! Er k�nnte ein Leben retten oder Dutzende.</p><p>Der Verschluss der Ledertasche schnappte auf. Er griff nach den Bolzen, bekam gleich etliche zu packen und zerrte sie hervor.</p><p>Die Luft um den Drachen begann zu zittern. Glamir sp�rte die Hitze.</p><p>Die Bolzen�� bis auf einen�� fielen ihm aus der Hand. Da war er, der eine, der, den er mit Eulenfedern versehen hatte, damit er besonders sicher flog.</p><p>Der Drache hob seinen Kopf. Sein Hals erinnerte mit der edlen Kr�mmung an den Hals eines Schwans.</p><p>Glamir legte den Bolzen auf die F�hrungsschiene der Armbrust. Die Waffe war nur halb gespannt, doch es blieb keine Zeit mehr. Er hob den Arm und atmete aus. Im selben Moment zog er den Abzugsb�gel.</p><p>Er mochte sie nicht einmal, diese Menschenkinder. Aber er w�rde nicht zusehen, wie sie starben. Trotz seiner Schw�che zitterte sein verst�mmelter Arm nicht. Er zog den Abzugshebel durch und dachte: <emphasis>F�r die Tiefe Stadt!</emphasis> Sagen konnte er es nicht mehr. Dazu war er zu schwach. Sein Arm sank nieder.</p><p>Er sah den Drachen nicht mehr. Nur noch ein grelles, wei�es Licht. Glamir f�hlte sich leicht. Und ein wenig m�de. Er w�rde kurz die Augen schlie�en. Einen Atemzug lang nur. Ganz kurz��</p></section></section><section><title><p>Zweites Buch</p><p>Die letzten Eiskrieger</p></title><section><title><p>Schlagabtausch</p></title><p>Artax hob den Arm, und hinter ihm wurden Befehle gebellt. Die Marschkolonne kam zum Stillstand. Erstaunt betrachtete der Unsterbliche das Spektakel, das sich vor ihm auf der Ebene abspielte. Es herrschte ein entsetzliches Durcheinander. M�nner rannten kreuz und quer. Es waren Lagerpl�tze aufgeschlagen, die ohne erkennbare Ordnung wie Flechten auf einem Stein wucherten. Die Grenze war eine wogende Nebelwand, die in etwa einer halben Meile Entfernung den Blick nach Norden verstellte.</p><p>�Ormu!�</p><p>Der Hauptmann der Bogensch�tzen der Kushiten kam her�ber. Er schlenderte nicht gerade, aber sein Gang und seine Haltung waren �u�erst unmilit�risch. Der hagere, rotb�rtige Bogensch�tze hatte einst dem Steinrat angeh�rt, jener kleinen Gruppe von Weisen, die �ber die Geschicke der Provinz Garagum entschieden. Warum genau er sich dem Heer angeschlossen hatte, hatte Artax nie verstanden, aber Ormu war trotz seiner l�ssigen Haltung ein guter und umsichtiger Anf�hrer.</p><p>�Wir lagern mit etwas Abstand zu diesem Chaos�, entschied Artax. �Du k�mmerst dich darum, dass ein ordentliches Lager aufgeschlagen wird. Und sorge daf�r, dass unsere Vorr�te gut bewacht werden.� Wieder lie� er den Blick �ber das wimmelnde Durcheinander schweifen und sch�ttelte den Kopf. �Es sieht aus, als w�rden sie die Nebelwand belagern. Es hie�, wir machen einen schnellen Feldzug von ein paar Tagen. Den anderen werden also bald die Vorr�te ausgehen. K�mmere dich hier um alles, ich werde mir dieses Chaos n�her ansehen und die Unsterblichen Volodi und Labarna suchen.�</p><p>�Ich stelle eine Eskorte zusammen�, erkl�rte Ormu.</p><p>Artax hob abwehrend die Hand. �Ich bin lieber allein unterwegs.�</p><p>Ormu l�chelte, als h�tte er nichts anderes erwartet. Der Hauptmann sch�tzte die Hofetikette nicht sonderlich. Er war nicht respektlos, doch ihrzte er Artax nur selten und vermied es auch, ihn mit seinen f�rmlichen Titeln wie Herrscher aller Schwarzk�pfe anzusprechen. Nichtsdestotrotz hatten er und seine Bogensch�tzen schon zweimal Mordanschl�ge vereitelt. Und Artax war sich sicher, dass ihm auch diesmal einige M�nner unauff�llig folgen w�rden, um ein Auge auf ihren Herrscher zu haben. Dabei war er in seiner R�stung, die ihm der L�wenh�uptige geschenkt hatte, so gut wie unverwundbar�� auch wenn sie auf den ersten Blick unscheinbar wirkte. Ein steifer, wei�er Leinenpanzer mit einem aufgestickten L�wenkopf sch�tzte seine Brust. Darunter trug er eine lang�rmelige Tunika und Handschuhe, eine Hose und hohe Stiefel. All dies aus weichem Leder. Doch keine Klinge vermochte dieses Leder zu zerschneiden oder seinen Leinenpanzer zu ritzen. Den pr�chtigen Maskenhelm, das Zeichen der Unsterblichen, trug er unter den Arm geklemmt. Er f�hlte sich darin stets gefangen, auch wenn die Metallplatte der Maske perfekt auf sein Gesicht modelliert war und der Helm erstaunlich wenig wog.</p><p>Artax ging an riesigen Holzstapeln vor�ber und sah voller Erstaunen, dass ein St�ck entfernt drei doppelr�mpfige Boote lagen, wie sie Bewohner der schwimmenden Inseln nutzten. Nah der Nebelwand wurden hohe Ger�ste aus Bambusstangen errichtet.</p><p>Er passierte gerade eine Reihe von Toten, die neben der Stra�e abgelegt waren, als ein Trupp Reiter aus dem Nebel erschien. Sie wirkten abgek�mpft. Einige waren verwundet, und ihnen stand das Entsetzen in ihre Gesichter geschrieben. Einer der Reiter scherte aus der Kolonne aus und hielt auf eine gro�e Jurte aus rot gef�rbtem Leder zu. Gab es in diesem Durcheinander doch so etwas wie einen Mittelpunkt?</p><p>Artax passierte einen Verbandsplatz, auf dem Jaguarm�nner der Zapote versorgt wurden; Krieger, die unangenehme Erinnerungen in ihm weckten. Vor wenigen Monden erst hatte er sie noch bek�mpft, als er den Tempelbezirk der Zapote in der Goldenen Stadt gest�rmt hatte. Diesmal beachteten sie ihn nicht. Die M�nner sahen �bel aus. Kurze Pfeile steckten in ihren Leibern.</p><p>Vor dem roten Zelt hielten ihn drei Wachen mit vorgehaltenen Speeren auf. Ischkuzaia, Steppenreiter, die polierte Schuppenpanzer aus Messing trugen und um deren spitze Helme bunte Seidenb�nder gewickelt waren. �Geh weiter, Fremder. Hier��� Der Sprecher sah den Maskenhelm, den Artax unter den Arm geklemmt hatte, und kniete dem�tig nieder. �Vergebt mir, Unsterblicher. Ganz ohne Eskorte oder Bannertr�ger in Eurem Gefolge habe ich Euch nicht erkannt.�</p><p>�Ich w�rde einen W�chter niemals daf�r tadeln, dass er argw�hnisch das Zelt seines Herrn h�tet. Du hast deine Sache gut gemacht. Reden wir nicht weiter dar�ber.� Die beiden anderen Krieger zogen die schweren Vorh�nge vor dem Eingang der Jurte zur�ck, und Artax trat in das Zwielicht des stickigen Zeltes. Es roch nach Raubtier.</p><p>Das Erste, was er sah, war ein riesiger B�r, der sich �ber ein Lager beugte, auf dem Volodi lag. Der Devanthar aus Drusna war also gekommen! Doch nicht allein: Vor einem langen Tisch stand eine Gestalt, h�sslich wie die Nacht. Ein Bruder des B�ren, Langarm, der G�tterschmied.</p><p>In der Mitte der Jurte kniete ein Krieger, der aus einer tiefen Wunde an der Wange blutete, vor dem Unsterblichen Madyas, dem Herrscher der Ischkuzaia. Der Unsterbliche war von kleiner, gedrungener Gestalt, seine Wangen mit drahtigen Stoppeln bedeckt. Ein Leben auf Pferder�cken hatte seine Beine gekr�mmt, seine Arme waren mit Wolfst�towierungen und breiten Narben bedeckt. Das also war der Vater von Shaya, dachte Artax und sp�rte Wut in sich aufsteigen. Der Mann, der seine Tochter f�r eine Herde Pferde verschachert hatte, wohlwissend, dass die Heilige Hochzeit Shayas Tod bedeuten konnte.</p><p>�Du hast mich entt�uscht, Subai!�, schnauzte er den Knienden an, die stechenden, schwarzen Augen zusammengekniffen. �Schon wieder!� Er versetzte ihm einen Tritt vor die Brust, der den Krieger zu Boden schleuderte. �Du hast unser Volk entehrt, du��� Er hob den Fu�, als wollte er den Mann wie ein widerliches Insekt zerstampfen.</p><p>�Er befindet sich in guter Gesellschaft mit seinem Scheitern.� Volodis Stimme war schwach. Schon nach diesen wenigen Worten rang er um Atem. �Ich bin dort gescheitert, und die Jaguarm�nner der Zapote haben sie auch zur�ckgeschlagen. Ihre Stellung ist zu stark.�</p><p>�Wir waren fast bei den Speerschleudern, Vater�, rief der Krieger am Boden, �ber dessen Gesicht immer noch der schwere Stiefel des Unsterblichen Madyas schwebte. �Aber dann haben uns die grauen Riesen angegriffen. Wir konnten auf der Br�cke nicht ausweichen. Wie Blitzschl�ge sind sie in unsere Reihen gefahren. Panik brach aus. Dutzende Reiter sind ins Wasser gest�rzt. Und auch dort lauern Ungeheuer. Fische mit einem Maul wie ein Adlerschnabel, nur dass sie so gro� wie ein kleines Schiff sind. Ich habe selbst gesehen, wie so ein Biest mit einem einzigen Biss ein Pferd in zwei H�lften getrennt hat���</p><p>�Nun, Aaron, willkommen im ewigen Eis! Dieses Schlachtfeld ist wie geschaffen f�r den Helden von Kush, der es verstand, in einer W�ste mit einem Heer aus Bauern erfahrene Krieger zu besiegen.� Langarm wies auf eine flache, mit Sand gef�llte Kiste. �Komm her, ich zeige dir, wie es um uns steht.� Er zog mit zwei Fingern eine Doppellinie. �Das hier ist der Fluss. Sein warmes Wasser ist schuld an der Nebelwand dort drau�en.� Eine dritte Linie kreuzte die beiden ersten. �Hier ist die Br�cke. Sie liegt keine hundert Schritt von unserer Jurte entfernt. Sie ist so breit, dass darauf f�nf Mann nebeneinander gehen k�nnen.�</p><p>Langarm tupfte mit den Fingern in den Sand, der das Ende der Br�cke und das andere Ufer darstellte. �Hier haben sie Speerschleudern und Bogensch�tzen. Wer aus dem Nebel tritt, kommt in ein m�rderisches Speerfeuer. Und sollte es doch jemand bis zum Ende der Br�cke schaffen, warten dort Riesen, die jeden �berlebenden niedermachen. Wie l�st du das Problem?�</p><p>�Wir verhalten uns genau so, wie sie es erwarten�, sagte Artax nachdenklich. �Wir m�ssen sie �berraschen, wenn wir siegen wollen. Gibt es eine Furt?�</p><p>�Denkst du, wir sind d�mlich?�, fuhr ihn der Unsterbliche Madyas an, der zu ihnen an den Tisch getreten war. �Es gibt weder eine zweite Br�cke noch eine verdammte Furt. Meine M�nner k�nnten den Fluss auf ihren Pferden durchschwimmen, w�ren da nicht diese Ungeheuer, die alles zerfleischen, was ins Wasser steigt. Das Blut, das flussabw�rts ins Meer treibt, scheint sie anzulocken. Es werden immer mehr.�</p><p>�Wie viele Feinde erwarten uns am anderen Ufer?�</p><p>�Zwei- oder dreihundert?� Langarm zuckte mit den Schultern. �Wissen wir nicht so genau. Und diese Riesen sind noch nicht das Schlimmste. Kurz nachdem ich hergekommen bin, kam ein Drache durch das Weltentor. Ein wirklich gro�er. Er hat noch nicht einmal in den Kampf eingegriffen.�</p><p>Artax spielte gedankenverloren mit seinem Bart. �Was f�r Ger�ste werden dort drau�en gebaut?�</p><p>�Flugt�rme�, erkl�rte der Devanthar. �Die Zapote wollen ihre Adlerritter dort hinaufsteigen lassen. Sie sollen dann im Gleitflug den Fluss �berqueren.�</p><p>�Kann das gelingen?�</p><p>Langarm schnitt eine Grimasse. �Die Zapote sind davon �berzeugt.�</p><p>�Wie steht es mit der Moral der Truppen?�</p><p>�Nicht gut. Wir haben drei Angriffe gef�hrt und haben uns drei Mal eine blutige Nase geholt. Alle im Lager wissen das. Die M�nner erwarten zu sterben und nicht zu siegen, wenn wir sie auf die Br�cke schicken. Es ist alles���</p><p>�Unsinn!�, fuhr Madyas dazwischen. �<emphasis>Meine</emphasis> Reiter werden, ohne zu z�gern, erneut angreifen, wenn <emphasis>ich</emphasis> es ihnen befehle.�</p><p>Langarm rollte mit den Augen, sagte aber nichts.</p><p>�Niemand zweifelt am Mut der Ischkuzaia�, erkl�rte Artax vers�hnlich. �Aber zun�chst m�ssen wir ein paar grundlegende Dinge �ndern. Unsere Toten sollten nicht an der Stra�e liegen, auf der neue Truppen eintreffen. Das ist gleich der erste Tiefschlag f�r die Moral der M�nner. Ich w�nsche, dass sie noch heute dort fortgeschafft werden. Irgendwohin das Flussufer hinauf. Auf jeden Fall an einen Ort, wo man nicht dauernd an ihnen vorbeil�uft. Dann sollten wir ein gemeinsames Lager f�r alle Verwundeten einrichten. Auch etwas entfernt vom Hauptlager. Wir m�ssen unsere Kr�fte b�ndeln. Wie schlimm hat es dich erwischt, Volodi?�</p><p>Der ehemalige Hauptmann seiner Leibwache richtete sich auf seinem Lager auf. �Im Grunde nur ein Kratzer. Morgen kann ich wieder k�mpfen.�</p><p>�Ich werde ihn heilen�, brummte der gro�e B�r. �Aber es ist mehr als ein Kratzer. Er hat drei gebrochene Rippen und gro�es Gl�ck gehabt, dass sie seine Lunge nicht durchbohrt haben.�</p><p>�Das sind nicht meine ersten gebrochenen Rippen�, murrte Volodi. �Ein straffer Verband, und ich bin morgen bei den K�mpfen dabei.�</p><p>Artax zweifelte keinen Augenblick daran, dass es so sein w�rde. Volodi w�rde k�mpfen und wenn er sich auf das Schlachtfeld tragen lassen m�sste.</p><p>�Bist du nun ein Heilkundiger oder ein Heerf�hrer?�, fragte Madyas und schlug mit der flachen Hand auf die Zeichnung im Sand. �Wie siegen wir hier, Aaron, Herrscher aller Schwarzk�pfe?�</p><p>�Zun�chst brauchen wir Katapulte.� Artax war entschlossen, sich nicht provozieren zu lassen. Er sah zu Langarm. �Zwei oder drei Katapulte werden nicht gen�gen. Es sollten mindestens zwanzig sein. Und Brandgeschosse brauchen wir auch.�</p><p>�Du willst beschie�en, was du nicht einmal siehst? Was f�r ein d�mlicher Einfall ist das denn? Die Daimonen sind hinter der Nebelwand verborgen. Wir k�nnen nicht sehen, wann wir treffen und wann wir danebenschie�en.�</p><p>�Ich war davon ausgegangen, dass du scharfsinnig genug bist, den tieferen Sinn dieser Ma�nahme zu durchschauen, Madyas�, sagte Artax ironisch. Er war es leid, sich von einem Kerl beleidigen zu lassen, dem selbst nichts Besseres eingefallen war, als einen sinnlosen Reiterangriff gegen eine stark verteidigte Br�cke zu f�hren.</p><p>Zornesr�te stieg dem Reiterf�rsten ins Gesicht. An seiner Schl�fe trat eine dicke, pochende Ader hervor. �H�r mal zu, du eingebildeter���</p><p>�Nein, du wirst zuh�ren�, unterbrach Artax ihn kalt, �und zwar so lange, bis du einen Vorschlag hast, der es wert ist, mein Geh�r zu finden. Ansonsten schweigst du. Und wenn dir das nicht gegeben ist, k�nnen wir auch vor das Zelt gehen und diese Sache mit Klingen austragen, auf dass du danach f�r immer schweigen wirst. Du w�rst nicht das erste Gro�maul, das sich Unsterblicher nennt und von mir zur Strecke gebracht wird. Muwattas Schicksal kennst du, oder?�</p><p>Madyas �ffnete die Schlie�e seines Schwertgurts und lie� ihn zu Boden fallen. �Wir regeln das nicht vor den Augen unserer M�nner, sondern gleich hier in der Jurte.�</p><p>�Hast du Angst, dass ich dir die Kehle durchschneide, wenn wir Klingen benutzen?�</p><p>Madyas hob seine F�uste. �Nach allem, was ich so �ber Muwatta geh�rt habe, schneidest du M�nnern auch schon mal den Schwanz ab, und meinen brauch ich noch.� Er grinste. �Was ist? Hast du Angst, dass ich dir die Z�hne einschlage?�</p><p>Artax stellte seinen Maskenhelm auf den Kartentisch, l�ste seinen Schwertgurt und hob ebenfalls die F�uste. �Nach allem, was ich �ber dich geh�rt habe, brichst du M�nnern, die besser aussehen als du, gerne die Nase.� Er grinste. �Wenn ich dich so ansehe, kommen daf�r fast alle M�nner infrage.�</p><p>In diesem Moment schwangen die Vorh�nge am Eingang zur�ck, und der L�wenh�uptige betrat die Jurte. �Was geht hier vor?� Er sah zu Langarm und dem Gro�en B�ren. �Und ihr beide seht einfach zu?�</p><p>�Manchmal regelt ein kleiner Faustkampf mehr als endloses Geschw�tz�, brummte der Devanthar von Drusna. �Lass die beiden!�</p><p>Der L�wenh�uptige sah zu Artax, und Entt�uschung lag in seinen Augen. �Ich hatte dich f�r einen weiseren Mann gehalten.�</p><p>�Der Gro�e B�r hat recht. Manchmal muss man es auf diese Weise austragen und nicht in endlosem Wortgepl�nkel.� Obwohl er das sagte, machte es ihm zu schaffen, seinen Devanthar entt�uscht zu haben.</p><p><emphasis>Wenn du seine Gunst verlierst, dann wirst du auch bald dein Leben verlieren,</emphasis> meldete sich die Stimme der fr�heren Aarons. Jene, deren Erinnerungen er in sich trug und die nun wirklich Unsterblichkeit erlangt hatten, auch wenn sie dazu verdammt waren, nur noch zuzusehen und lediglich ein Fl�stern in seinen Gedanken zu sein.</p><p>�Bring uns nicht um das Spektakel einer guten Schl�gerei, Bruder!�</p><p>Etwas an Langarms Stimme gefiel Artax nicht. Wollte er wirklich nur einen Faustkampf sehen? Oder ging es ihm darum, Unfrieden zu stiften?</p><p><emphasis>Was glaubst du wohl, Artax? Er ist ein Freund I�tas,</emphasis> h�hnte die Stimme in seinen Gedanken. <emphasis>Du kannst hier nicht gewinnen. Besiegst du Madyas, dann hast du einen neuen Feind unter den Unsterblichen. Gewinnt er, dann wird er nichts als Verachtung f�r dich �brig haben.</emphasis></p><p>�Na, willst du kneifen?� Madyas trat in die Mitte des Zeltes und winkte ihm. �Komm schon, oder bist du nur tapfer, wenn du dein Geisterschwert in H�nden h�ltst?�</p><p>Artax rief sich die Geschichten in Erinnerung, die Kolja ihm �ber die Faustk�mpfe in den Arenen erz�hlt hatte. Dort sollte eine Auseinandersetzung lange dauern, damit das Publikum auf seine Kosten kam. Der Drusnier hatte auch gerne davon erz�hlt, wie Schl�gereien in Karawansereien und Schankstuben waren.</p><p>�Gibt es irgendwelche besonderen Regeln, nach denen du k�mpfen willst, Madyas, H�ter der Herden, Licht der Sonne, Sohn des Wei�en Wolfes?�</p><p>�Du hast aber brav meine Titel gelernt.� Er grinste. �Wenn du jetzt noch meine Stiefel k�sst, dann kommst du ohne deine F�uste aus dieser Sache raus. Und Regeln sind f�r Knaben, die noch an den Br�sten ihrer Amme liegen. Jetzt h�r auf zu schw�tzen, Mann, und schlag dich, bevor ich���</p><p>Artax packte die Kiste mit Sand auf dem Tisch und schleuderte sie Madyas entgegen. Der Unsterbliche wehrte die Kiste mit dem Unterarm ab, aber der Sand blendete ihn. Noch bevor er sich von der �berraschung erholt hatte, war Artax bei ihm. Ohne zu z�gern, trat er Madyas zwischen die Schenkel, und als der Steppenreiter mit einem St�hnen einknickte, riss Artax das Knie hoch, sodass es Madyas mit voller Wucht unter das Kinn traf.</p><p>Der Unsterbliche st�rzte nach hinten. Sofort war Artax �ber ihm und setzte ihm den Fu� auf die Kehle. Er dachte an Shaya, und es fiel ihm schwer, dem Herrscher der Ischkuzaia nicht einfach die Luftr�hre zu zerquetschen. �Reicht das als Eindruck, wie ich meine Schlachten f�hre?�</p><p>Madyas schob den Fu� zur Seite, der auf seine Kehle dr�ckte. Erstaunlicherweise grinste er. �Ist mir eine Freude, auf deiner Seite zu k�mpfen.�</p><p>Artax trat einen Schritt zur�ck, bereit, sofort wieder zuzuschlagen, sollte Madyas weiterk�mpfen wollen. Doch der Steppenreiter wischte sich nur �ber die blutigen Lippen. �Ich habe dich untersch�tzt. Du hast wirklich Eier! Und nun erz�hl mir mal, warum wir Katapulte brauchen, um auf einen Feind zu schie�en, den wir nicht sehen und wahrscheinlich auch nicht treffen werden.�</p><p>�Es geht nicht um den Feind. Wir tun das f�r unsere M�nner. Es wird sich l�ngst im Lager herumgesprochen haben, was uns am anderen Ende der Br�cke erwartet. Wenn wir zur�ckschie�en, dann hebt das die Moral. Und dass wir nicht treffen, kann man von diesem Ufer aus ja nicht sehen.� Er l�chelte. �Und wer wei�, wenn wir Brandgeschosse benutzen, k�nnen wir die Flammen ja vielleicht doch durch den Nebel sehen. Es ist den Versuch auf jeden Fall wert.� Artax wandte sich an den G�tterschmied. �Sind die gefl�gelten L�wen fertig?�</p><p>�Drei.� Langarm machte eine resignierende Geste. �Es ist aufw�ndig, sie zu bauen, und ich habe sie noch nicht ausreichend erprobt.�</p><p>�Werden sie fliegen?�</p><p>�Hm, wei�t du, wie es ist, Magie und Mechanik miteinander zu verweben? Das sind Kr�fte, die nicht miteinander harmonieren.�</p><p>�Werden sie fliegen?�, beharrte Artax.</p><p>�Ja, aber mit dem Landen k�nnte es Probleme geben.�</p><p>�Es ist ein gro�er Drache gekommen�, sagte Artax und blickte zu Madyas. �Reitest du auch L�wen?�</p><p>Der Unsterbliche wirkte nicht sonderlich gl�cklich �ber die Frage. �Nat�rlich.�</p><p>�Wirst du an meiner Seite sein?�</p><p>Madyas wirkte ein wenig blasser. �Sehe ich aus wie ein Feigling?�</p><p>�Dir ist schon klar, dass Drachen Feuer speien�, wandte der L�wenh�uptige ein. �Au�erdem wird er ein viel besserer Flieger sein als du. Du bringst dich um, wenn du dich zu einem Kampf in der Luft stellst.�</p><p>�Irgendjemand muss unsere M�nner vor Angriffen aus der Luft sch�tzen. Ich habe niemals von meinen Kriegern etwas verlangt, was ich nicht selbst zu tun bereit w�re. Also ist mein Platz dort oben, auch wenn ich mich f�rchte�, entgegnete Artax.</p><p>�Du glaubst, wenn du die Schlacht planst, wird ein Angriff �ber die Br�cke endlich gelingen?�, fragte der Gro�e B�r, der sich von Volodis Krankenlager abgewandt hatte.</p><p>�Wir werden es diesmal anders anfangen. Wir werden ihnen so viele Ziele bieten, dass sie gar nicht mehr wissen werden, wohin sie zuerst schie�en sollen. Das erfordert allerdings ein wenig mehr Koordination als bisher. Ich habe folgenden Plan���</p><p>Als er geendet hatte, herrschte zustimmendes Schweigen im Zelt. Nur der L�wenh�uptige schien nicht �berzeugt zu sein. �Dein Plan klingt gut, Unsterblicher Aaron, aber da ist etwas, das sich unserem Verstehen entzieht! Ich habe den letzten Angriff der Ischkuzaia beobachtet. Etwas war da drau�en im Nebel. Nicht auf der Br�cke und auch nicht im Fluss. Es scheint �therisch zu sein, und es hat von der letzten Lebenskraft der Sterbenden gezehrt. Einen Zauber wie diesen habe ich noch nie gesehen. Es gibt dort drau�en eine Kraft, die sich all unseren Pl�nen entzieht. Wir sollten vorsichtig sein.�</p><p>�Aber zur�ck k�nnen wir nicht mehr!�, warf der Gro�e B�r ein. �Wenn es sein muss, gehe ich selbst �ber die Br�cke und f�hre meine Drusnier an.�</p><p>�Und ich gehe an deiner Seite�, sagte Volodi schwach.</p><p>Artax dachte an das schreckliche Gemetzel auf der Ebene von Kush. Auch dort waren seine Pl�ne nicht aufgegangen. Muwatta mochte ein grausamer und eitler Tyrann gewesen sein, aber er hatte sich auch als f�higer Heerf�hrer erwiesen. �Keine Schlacht verl�uft nach Plan�, sagte Artax melancholisch.</p><p>Er hatte das Antlitz von Narek vor Augen, seinem Jugendfreund, der auf der Ebene von Kush gefallen war, und er musste an seinen kleinen Sohn denken; daran, wie tapfer Daron in jener Nacht gewesen war, als er ihm die Nachricht vom Tod seines Vaters gebracht hatte. Narek hatte an einem der sichersten Pl�tze auf dem Schlachtfeld gestanden. Er war von Kriegern umgeben gewesen, die ihn und die Standarte, die Narek gehalten hatte, sch�tzen sollten. Und doch hatte der Tod seinen Freund gefunden.</p><p>�Wenn wir die Angreifer sind, wird es weniger �berraschungen geben�, schloss er mit fester Stimme. �Wir d�rfen nicht gleich im ersten Gefecht vor den Daimonen weichen. Wenn niemand weitere Einw�nde hat, dann bleibt es bei dem, was ich vorgeschlagen habe.�</p></section><section><title><p>Unter Feuer</p></title><p>�Achtung!�Ailyns Ruf zerriss die Stille der Nacht.</p><p>Fast im selben Augenblick zerbarst etwas, keine zehn Schritt hinter Galar, und eine blendende Flamme erhob sich aus dem Schnee. Der Zwerg blinzelte verschlafen. Ein Rinnsal aus Flammen lief die Uferb�schung hinab in seine Richtung. Hinter der Nebelwand erklang ein dumpfer Laut, als h�tte jemand mit der Faust auf einen Lederbezug geschlagen. Kaum zwei Herzschl�ge sp�ter spr�hten Flammen hinter dem Lagerplatz der Trolle auf.</p><p>�Katapulte.� Nyr sah ihn aus weit aufgerissenen Augen an. �Sie haben Katapulte gebaut.�</p><p>�Groz!�, rief Ailyn. �Scheuch deine M�nner auf. Wir m�ssen die Speerschleudern weiter nach hinten bringen.�</p><p>�Warum?� Der Troll blickte zum Himmel, wo eine Flammenkugel wie ein fallender Stern dahinzog.</p><p>�Weil sie verbrennen werden, du Trottel. Wir m�ssen uns vom Ufer zur�ckziehen. Wir��� Die Flammenkugel stie� steil vom Himmel hinab. Und dieses Mal zerbarst sie mitten unter den Trollen. Brennendes �l spritzte aus dem aufplatzenden Geschoss. Etliche Trolle wurden getroffen. Wild schreiend schlugen sie auf ihre graue Haut, auf der Flammenzungen tanzten.</p><p>�W�lzt euch im Schnee!�, befahl Ailyn ruhig, obwohl schon wieder ein dumpfer Schlag vom jenseitigen Ufer zu h�ren war und eine weitere Feuerkugel in steilem Bogen in den Himmel stieg.</p><p>Die meisten Trolle h�rten nicht auf die Elfe. Manche schlugen einfach mit ihren riesigen H�nden auf die Br�nde ein. Andere rannten hinab zum Fluss, um sich ins Wasser zu werfen. Doch nur wenig sp�ter ert�nten von dort noch gr�sslichere Schreie, und keiner der Trolle kehrte zur�ck.</p><p>Das n�chste Geschoss verfehlte sie weit. Es schlug mehr als drei�ig Schritt hinter ihren Gesch�tzstellungen ein.</p><p>�Sie orientieren sich an den Feuern und unseren Schreien�, br�llte Nyr �ber das Get�se hinweg. �Wir m�ssen schreien, wenn sie danebenschie�en, und ruhig bleiben, wenn ihnen ein Treffer gelingt.�</p><p>�Du spinnst! Wie willst du brennende Trolle ruhig halten?�, fragte Galar. Aus den Augenwinkeln beobachtete er Ailyns Reaktion. Offensichtlich hatte auch sie geh�rt, was der Gesch�tzmeister riet, und der Zwerg konnte sich nur zu gut vorstellen, welchen Schluss sie daraus ziehen w�rde.</p><p>�Sie k�nnen uns nicht sehen. Vielleicht ein schwaches Leuchten der Br�nde. Aber in erster Linie schie�en sie nach Geh�r. Das ist unsere Hoffnung. Wir k�nnen sie t�uschen, wenn���, wiederholte Nyr stur.</p><p>�Er hat recht!�, bekr�ftigte Ailyn und hatte es pl�tzlich eilig, die Uferb�schung hinabzulaufen. Kaum einen Herzschlag sp�ter schlug dort, wo sie eben noch gestanden hatte, das n�chste Brandgeschoss ein. Ein Tongef�� zersplitterte krachend auf dem festgestampften Schnee. Es war in ein Netz aus teergetr�nkten Hanfseilen gewickelt. Die Seile standen in Flammen, und sobald der Tonkrug zerschellte, entz�ndeten sie das hei�e �l, das Flammenzungen in alle Himmelsrichtungen verspritzte. Zischend schmolz der Schnee unter dem Feuer. Rinnsale, auf denen Flammen trieben, flossen die B�schung zum Fluss hinab.</p><p>Ein weiteres Tongef�� schlug auf den hart gefrorenen Schnee. Eine Feuerblume erbl�hte, fast zwanzig Schritt von der letzten Gesch�tzstellung entfernt.</p><p>�Schreit!�, befahl Ailyn. �Los, schreit!�</p><p>Nyr war der Erste, der ihrem Befehl folgte. Er br�llte los, als h�tte man ihm ein Schwert in die Ged�rme gerammt. Als N�chstes schrie Che auf. Dann begannen auch die anderen.</p><p>Galar fand es albern. Es mochte vern�nftig sein, aber irgendwie konnte er nicht.</p><p>Ein weiteres Brandgeschoss zerplatzte auf dem Ufer. Diesmal war es gut platziert. Es war inmitten der Kobolde eingeschlagen. Das Geschrei, das eben noch ausgelassen und gek�nstelt geklungen hatte, war nun echt.</p><p>Ein Kobold, ganz in Flammen gewandet, lief auf Galar zu. Es war einer von denen mit roter Wollm�tze. Sein Gesicht lag hinter einem Schleier aus Feuer. Nur sein weit aufgerissener Mund war deutlich zu erkennen.</p><p>�Still!�, befahl Ailyn. Doch keiner h�rte. Schmerz und Entsetzen hatten jeglichen Gehorsam aufgel�st. Entschlossen trat die Elfe hinter den Kobold, der vor Galar Halt gemacht hatte und sich auf die Arme schlug, in einem grotesken Versuch, die Flammen, die seinen ganzen Leib umfingen, zumindest dort zu l�schen.</p><p>Ailyn griff ihm in den Nacken. Galar konnte nicht genau erkennen, was sie tat, aber das Schreien verstummte, und die Arme des Kobolds sanken schlaff herab. In den Augen des Kobolds sah der Zwerg namenlosen Schrecken. Der kleine Krieger war noch bei vollem Bewusstsein, aber er brachte keine Silbe mehr �ber die Lippen, war unf�hig, sich zu r�hren. Er stand still wie ein Baum, der Feuer gefangen hatte.</p><p>Ailyn trat zu Galar und wischte an seiner Weste ihre besudelte Hand ab. �Ihr schreit nur, wenn ich es euch erlaube�, sagte sie mit d�sterer Entschlossenheit in die Runde. �Ihr geh�rt mir. Und auch wenn ihr mich jetzt still verfluchen werdet, am Ende werdet ihr begreifen, dass ich eure Leben rette.�</p><p>Die Verwundeten waren von ihren Worten nicht im Mindesten beeindruckt. Weiter hallten ihre Schreie durch die Nacht, und Ailyn brachte noch drei andere Kobolde zum Schweigen. Dann endlich wurde es stiller.</p><p>�Los, tun wir was!� Bailin stie� Galar in die Seite. �In dieser Nacht sind wir alle Gef�hrten, ganz gleich, was in der Vergangenheit war.� Mit diesen Worten ging der Hauptmann zu einer kleinen Gestalt, die zusammengekr�mmt am Boden lag, und erstickte die Br�nde auf dessen Felljacke mit einigen H�nden voll Schnee.</p><p>Auch Nyr machte sich an die Arbeit. Er schaufelte Schnee in die Flammen des Feuerkruges, der in ihrer Mitte zerschellt war. Aus den Schreien war ein leises Wimmern geworden, als erneut ein Licht seine bedrohliche Bahn durch den Nebel zog.</p><p>�Zur Seite, Che!�, schrie Galar auf. �Nehmt die Beine in die Hand!�</p><p>Der Anf�hrer der Kobolde blickte zum Himmel hinauf. Kurz runzelte er die Stirn, und dann erstarrte er, als st�nde auch er unter dem seltsamen Zauberbann, den Ailyn auf die M�nner gelegt hatte, die in Flammen gestanden hatten.</p><p>�Verdammter Idiot!� Galar st�rmte vor. Kobolde, alles Maulhelden, die zu bl�d zum Schei�en waren. Der Zwerg packte Che und st�rmte weiter. Zwei Schritt nur, dann rutschte er auf der vereisten Uferb�schung aus. Einen Herzschlag sp�ter schlug der Feuerkrug ein. Fast genau an der Stelle, an der Che eben noch gestanden hatte. Eine weitere Feuerblume erbl�hte. Etwas spritzte auf Galars Hand. Er st�hnte auf, schlug die Hand in den Schnee und rollte sich vom Kobold fort, den er unter sich begraben hatte.</p><p>Doch da war kein Feuer auf seiner Hand. Er hatte lediglich einen Spritzer hei�en �ls abbekommen. Die Haut auf dem Handr�cken war zu einer dicken roten Quaddel aufgequollen. �Schei�e�, fluchte er durch zusammengebissene Z�hne, als pl�tzlich etwas seinen R�cken traf.</p><p>Che schlug ihm mit einem dicken Schneeball auf die Schaffellweste. �Du dampfst�, erkl�rte der Kobold. �Hast noch mehr �l abbekommen. Da waren auch zwei kleine Fl�mmchen. Die sind aber schon erstickt.�</p><p>Galar sah den Kobold misstrauisch an. Che stand �ber ihn gebeugt und trug einen breiten Schwertgurt �ber der Brust, den er irgendeinem gemeuchelten Zwerg abgenommen hatte. Er h�tte den Bastard einfach da stehen lassen sollen, war er doch f�r den Tod von etlichen Zwergen verantwortlich. Und wenn das hier vor�ber war, w�rden er und seine Koboldhorde vielleicht einen neuen Krieg gegen die Zwerge von Ishaven anzetteln. Es w�re so leicht gewesen��</p><p>�Danke!�, sagte Che pl�tzlich. Es war ihm anzusehen, dass ihm dieses Wort nicht leicht �ber die Lippen gekommen war.</p><p>�Hab dich bei dem schlechten Licht f�r �nen Zwerg gehalten.�</p><p>�Klar.� Der Kobold grinste. Er wusste, dass kein Zwerg Albenmarks jemals versehentlich einen Kobold f�r seinesgleichen halten w�rde.</p><p>Zwei weitere Brandgeschosse schlugen weit hinter ihnen in den Schnee.</p><p>�Schreit!�, befahl Ailyn.</p><p>Und diesmal erhob sich ein Wehgeschrei, als w�re ihre halbe Truppe in Flammen gesetzt worden. Auch klangen die Schreie nun ersch�tternd echt.</p><p>Che streckte Galar die Hand entgegen, um ihm aufzuhelfen. �Gehen wir n�her ans Ufer.�</p><p>Galar griff nicht zu. So weit kam es noch, dass er sich von einem verdammten Eisbart hochhelfen lie�!</p><p>�Dicksch�del, was?� Che hatte immer noch gute Laune. �Du bist der erste Zwerg, den ich mag�, erkl�rte er grinsend. �Nat�rlich nur so viel wie eine Steinviper, die man �ber dem Lagerfeuer br�t. Aber wenn so eine verdammte Viper erstmal tot ist und gut durchgebraten wurde, dann kann man wirklich Freude an ihr haben.�</p><p>�Was ist das�, knurrte Galar. �Eine Beleidigung oder eine Kriegserkl�rung?�</p><p>Che hob in gro�er Geste die H�nde. �Das war nett gemeint. Du hast mir das Leben gerettet. Mir, dem Anf�hrer der Eisb�rte. Ich bin wirklich �berrascht, ja, sogar ein klein wenig ger�hrt.�</p><p>�W�re nett, wenn du nicht herumerz�hlst, was ich getan habe�, brummte Galar. �Die Zwerge von Ishaven w�rden mich f�r diese glorreiche Tat vermutlich an die Tore ihrer Festung nageln.�</p><p>Che sch�ttelte den Kopf, und als er antwortete, lag kein Schalk mehr in seiner Stimme. �Nein, sie w�rden sich etwas Schlimmeres einfallen lassen.�</p><p>Sie erreichten das Ufer des dampfenden Flusses. Wieder zogen Feuerb�lle �ber sie hinweg durch den Nebel. Dieses Mal verfehlten sie die Gesch�tzstellung um fast vierzig Schritt. �Schreit!�, befahl Ailyn erneut.</p><p>Trolle, Zwerge und Kobolde gehorchten, und allgemeines Wehklagen erhob sich. Nyrs Plan, umgesetzt von einer gnadenlosen Elfe, hatten sie es zu verdanken, wenn im Augenblick keine Feuerkr�ge in ihren Reihen einschlugen. Doch Ailyn machte sich nichts aus ihrem Erfolg, sie blickte angespannt in den Nebel �ber dem Fluss, und Galar fragte sich, welche neuen Schrecken sie dort sah.</p></section><section><title><p>Sieben Stundengl�ser</p></title><p>Artax schritt die lange Reihe der Katapulte ab, die dicht beim Ufer standen. Inzwischen waren dreiundzwanzig der gro�en Gesch�tze mit ihren langen Wurfarmen errichtet worden. Hinter ihnen t�rmten sich Hunderte von Feuerkr�gen.</p><p>�Du hast mich verstanden?�, fragte er scharf den hageren Hauptmann, der ihn begleitete.</p><p>Der Valesier nickte, wobei ihm der �ppige Rosshaarschweif seines Helms vors Gesicht schwang. Artax hielt den Mann f�r einen eitlen Stutzer. Die Gesch�tze zu bedienen war die Aufgabe, die den Valesiern in diesem ersten Gefecht zugeteilt worden war. Drei Tage lang hatten sie das andere Ufer beschossen, bis dort nur noch vereinzelt Schreie erklangen.</p><p>�Dreht die Stundengl�ser!�, befahl Artax den Dienern in seinem Gefolge, und sieben Stundengl�ser wurden alle im selben Augenblick auf den Kopf gestellt.</p><p>Artax pers�nlich nahm eines und reichte es dem Valesier. �Du wirst all deine Katapulte schie�en lassen, was das Zeug h�lt. �bertriff dich selbst! Verwandele das andere Ufer in eine Flammenwand. Aber sobald das letzte Sandkorn durch das Glas gefallen ist, h�rt ihr auf zu schie�en. Dies wird der Augenblick sein, in dem unsere M�nner angreifen.�</p><p>Der Hauptmann nickte erneut, und wieder wischte ihm der viel zu lange Rosshaarschweif �ber das Gesicht.</p><p>�Ich verlasse mich auf dich, Vibius. Wenn deine Katapulte zu lange schie�en, werden Hunderte unserer eigenen Krieger in den Flammen vergehen.�</p><p>�Ich werde das Stundenglas nicht aus dem Blick lassen.� Deutlich war der Stimme des Hauptmanns nun anzuh�ren, wie unwohl er sich f�hlte.</p><p>�Stellst du den Beschuss zu fr�h ein, werden die Daimonen Gelegenheit haben, ihre Speerschleudern wieder zu bemannen. Alles kommt auf dich an. Ich vertraue dir!� Artax konnte sehen, wie seine letzten Worte die Zweifel des Hauptmanns hinwegfegten. Der Befehlshaber der Gesch�tze wirkte entschlossener als zuvor.</p><p>Mit einem Blick zu seiner Dienerschaft �berzeugte der Unsterbliche sich noch einmal davon, dass sie alle die Stundengl�ser umgedreht hatten. Nun war der Angriff nicht mehr aufzuhalten, und ihre Zeit rann dahin. Mit einem knappen Gru� verlie� Artax die Katapultstellungen und ging weiter den Fluss hinab, dorthin, wo die Katamarane der Krieger von den Schwimmenden Inseln knapp vor der absch�ssigen Uferb�schung lagen. Mit ihren flachen Doppelr�mpfen w�rden die Boote wie Schlitten �ber den vereisten Grund in den Fluss gleiten.</p><p>Inmitten seiner Krieger erwartete ihn sein unsterblicher Bruder, Keanu, der Herr aller Wasser. Die schlanke, hochgewachsene Gestalt trug einen Federmantel, der in allen Regenbogenfarben schillerte. Seine R�stung �hnelte der, die Artax trug, nur dass sie eine Brustplatte besa�, die aussah, als w�re sie aus einem Schildkr�tenpanzer gefertigt.</p><p>�Deine M�nner sind bereit?�</p><p>Keanu l�chelte breit. �Sie k�nnen es kaum erwarten zu triumphieren, wo alle anderen bisher versagten.�</p><p>Artax missfiel die �berheblichkeit seines Bruders, aber er lie� sich nichts anmerken. �Bring die Boote wie besprochen bis zur Mitte des Flusses.� Er winkte einem Diener. �Sobald das Stundenglas abgelaufen ist, werden die Katapulte aufh�ren zu schie�en. Dann sto�t schnell zum feindlichen Ufer vor.�</p><p>Keanu nahm das Stundenglas entgegen. �Ich erinnere mich sehr wohl, was besprochen ist. Du musst mir unsere Pl�ne nicht noch einmal auseinandersetzen.�</p><p><emphasis>Arroganter Kotzbrocken,</emphasis> h�hnten die Stimmen in Artax� Gedanken. <emphasis>Du solltest dir solche Frechheiten nicht gefallen lassen. Wenn du schweigst, wird er das als Schw�che werten. Du wei�t, dass er ein Verb�ndeter der Zapote ist und alles tun wird, um deine Autorit�t zu untergraben.</emphasis></p><p>Wahre Autorit�t bedeutet, dass man nicht auf jede Provokation reagieren muss, dachte Artax. �Ich verlasse mich auf dich, Bruder Keanu. Der Angriff deiner M�nner wird �ber Sieg oder Niederlage entscheiden.�</p><p>�Wir werden die Ersten am anderen Ufer sein�, entgegnete der Herr aller Wasser zuversichtlich.</p><p>�Dann wirst du all deine Br�der besch�mt haben.� Mit diesen Worten wandte sich Artax ab und ging weiter zu den Flugt�rmen der Zapote. Ihr Unsterblicher stand auf dem h�chsten der aus Bambusstangen errichteten Ger�ste. Er trug eine Federr�stung und hatte seine m�chtigen Adlerschwingen vor der Brust verschr�nkt. Um ihn herum klammerten sich Dutzende seiner Adlerritter an das Ger�st. Sie alle w�rden auf ausgebreiteten Schwingen �ber den Fluss gleiten, sobald die Zeit f�r den Angriff gekommen war.</p><p>Artax hatte mit Bedacht entschieden, keine Hornsignale zu geben, die die Daimonen auf dem anderen Ufer vorwarnen w�rden. Die Stundengl�ser zeigten an, wann der Augenblick zum Angriff gekommen war. Ohne Vorwarnung w�rden sie �ber ihre Feinde herfallen und sie hinwegfegen.</p><p>Eine Gestalt im schwarzen Gewand der Jaguarkrieger trat Artax entgegen und verbeugte sich. Breite, goldene Armreifen verrieten, dass es sich um einen Krieger von Rang handeln musste. �Mein Gebieter m�chte an der Spitze der Adlerritter den Angriff f�hren. Bitte entschuldigt, wenn er nicht die Strapaze auf sich nimmt, Euch pers�nlich zu empfangen, Unsterblicher Aaron, Herrscher aller Schwarzk�pfe. Mein Name ist Necahual, und es ist meine Aufgabe, all Eure W�nsche mit gr��ter Beflissenheit auszuf�hren.�</p><p>Artax war sich bewusst, dass all dies nur Ausfl�chte waren. Seit dem �berfall auf den Tempelpalast der Zapote in der Goldenen Stadt, bei dem Artax Volodi befreit hatte, herrschte unvers�hnliche Feindschaft zwischen ihm und Acoatl.</p><p>�Bring deinem Herrn dies Stundenglas, Necahual. Sobald der Sand durchgelaufen ist, soll er mit seinen Kriegern den Angriff beginnen.�</p><p>�So wird es sein!� Mit einer Verbeugung nahm Necahual die Sanduhr an sich, die ihm von einem der Diener aus Artax� Gefolge gereicht wurde.</p><p>Der Unsterbliche war froh, dieses Treffen hinter sich gebracht zu haben. Er ging zur Stra�e, die hin zur Br�cke f�hrte. Dort sammelten sich bereits lange Kolonnen von Kriegern. Auch dieses Mal w�rde der Hauptangriff an diesem Engpass erfolgen, und Artax war zuversichtlich, dass sie diesmal durchbrechen w�rden. Letzten Endes schien es am anderen Ufer gar nicht so viele Verteidiger zu geben. Wenn sie vom Wasser, aus der Luft und �ber die Br�cke gleichzeitig angegriffen wurden, w�rden ihre Reihen brechen. Zumal sie unter dem Beschuss schrecklich gelitten hatten. Deutlich waren die Schreie der Verletzten und Sterbenden auch auf ihrer Seite des Ufers zu h�ren gewesen, vor allem das dumpfe R�hren der Riesen.</p><p>Die Truppen Luwiens bildeten die Spitze der Kolonne. Die Krieger st�tzten sich auf ihre hohen Schilde und plauderten leise. Dichte Atemwolken standen vor ihren M�ndern. Alle trugen Wickelgamaschen aus Fell, dicke Westen und Umh�nge aus schwerer Wolle. Wie schon auf der Ebene von Kush waren die luwischen Krieger bestens auf die Schlacht vorbereitet. Ihre Ausr�stung war exzellent: Kostbare Eisenspitzen schimmerten auf ihren langen Speeren, und sie wirkten furchtlos, obwohl sie ganz sicher von den Massakern der ersten Angriffe geh�rt hatten.</p><p>Manche der Krieger winkten ihm. Sie erkannten seine R�stung und den gro�en Maskenhelm, den er unter dem Arm trug. Vor gar nicht langer Zeit hatten sie einander als Feinde auf dem Schlachtfeld gegen�bergestanden, doch seit Labarna seinen Vorg�nger Muwatta als Unsterblicher des luwischen Gro�reiches abgel�st hatte, hatte sich alles ver�ndert. Sie beide wollten Frieden, und seit Menschengedenken war das Verh�ltnis zwischen den Reichen Aram und Luwien nicht so gut gewesen wie in den letzten Monden.</p><p>�Heh, Bauernf�hrer!�, erklang eine befehlsgewohnte Stimme. Aus einer kleinen Gruppe am Ende der Kolonne l�ste sich ein H�ne von Mann. Unter den Kriegern, die ihn umringten, war er der am schlichtesten Gewandete. Seine Wollhose war abgewetzt und mit Dreck bespritzt, und der bronzene Brustpanzer, obwohl von offensichtlich guter Qualit�t, hatte in der Gravur, die eine gefl�gelte Gestalt zeigte, Gr�nspan angesetzt. Von seinem Schwertgurt hing der Maskenhelm, das Statussymbol der Unsterblichen. Auf den Schultern des Kriegers ruhte eine massige Keule, aus der Bronzen�gel ragten. Labarna hatte seine Arme l�ssig dar�bergelegt, sodass er von Ferne aussah wie ein Gekreuzigter.</p><p>�Ah, der luwische Kahlkopf ist auch endlich eingetroffen�, entgegnete Artax mit breitem L�cheln. Labarna hatte sich den Sch�del kahl geschoren. Nur zwei breite, in Locken gedrehte Haarstr�hnen an seinen Schl�fen waren geblieben.</p><p>Labarna lie� die Keule von den Schultern gleiten, trat vor Artax und packte dessen Handgelenk im Kriegergru�. �Gut dich zu sehen, Aaron. Und gut, dass du hier den Befehl f�hrst.� Er senkte die Stimme. �Es w�rde mir nicht gefallen, von einem Unsterblichen, der sich wie ein aufgeplusterter Hahn kleidet, Befehle anzunehmen, wo ich mich mit meinen M�nnern aufstellen soll.�</p><p>�Du f�hrst die Spitze des Angriffs�, sagte Artax ernst. �Es ist die gef�hrlichste Aufgabe.�</p><p>�Ich wei� doch, dass du es noch nicht aufgegeben hast, die G�nstlinge I�tas auf schnellem Weg ins Grab zu schicken.� Er schlug ihm kameradschaftlich auf die Schulter, sodass Artax fast in die Knie gegangen w�re. Wahrscheinlich gab es Pferdetritte, die ein z�rtlicherer Freundschaftsbeweis waren als ein Schulterklopfen des H�nen.</p><p>�Mach dir keine Gedanken. Meine M�nner und ich sehen das auf die gleiche Art. Da wo es hart auf hart kommt, hat man am besten einen Luwier stehen, wenn man siegen will. Wir verstehen es als eine Ehre, den Angriff zu f�hren.�</p><p>Es war leicht, so zu sprechen, wenn man die R�stung eines Unsterblichen trug, dachte Artax. �Die anderen haben dich in die Angriffspl�ne eingeweiht?�</p><p>�Sie waren gerade dabei.� Er winkte zu der Gruppe der Hauptleute, bei der er gestanden hatte, und Artax erkannte Subai, den Sohn des Madyas, Ormu, den Hauptmann seiner Kushiten, und den Unsterblichen Volodi.</p><p>�Das sind die Stundengl�ser?� Labarna nickte in Richtung der Dienerschaft, die Artax gefolgt war. �Eine ungew�hnliche Idee, einen Angriff abzustimmen. Ich finde ja, H�rnerklang und die Stimme des Feldherrn sollten den Sturm entfesseln, der �ber unsere Feinde kommt. Rieselnder Sand�� hm, das hat nichts Heroisches.� Er legte Artax den Arm um die Schultern. �Komm, reden wir mit den anderen. Volodi ist immer noch beleidigt, weil du ihn nicht mit in den Himmel nimmst.�</p><p>Unterwegs fuhr Labarna mit gesenkter Stimme fort. �Ich bin froh, dass deine Wahl nicht auf mich gefallen ist. Ich bin wirklich kein Feigling, aber das, was du vorhast, das w�re nichts f�r mich.�</p><p>�Und doch wird der Tag kommen, an dem wir es alle gemeinsam tun m�ssen�, entgegnete Artax.</p><p>Labarna grinste. �Ich bin ein einfacher Mann, mein Freund. Ich denke nur selten an das Morgen.�</p><p>Die Feldherren standen um eine Feuerschale und w�rmten sich die H�nde, w�hrend sich hinter ihnen die Reiter aus Ischkuzaia sammelten. Subai w�rde mit seinen Steppenreitern nachsetzen, sobald es Labarna gelang, die Feinde von der Br�cke zu dr�ngen. Die reitenden Bogensch�tzen sollten den Daimonen jede R�ckzugsm�glichkeit abschneiden, w�hrend Volodi als Dritter seine Krieger �ber die Br�cke brachte, um Labarna bei den letzten K�mpfen zu unterst�tzen. Ormu hingegen sollte mit den M�nnern aus Aram als Lagerwache zur�ckbleiben.</p><p>Artax zweifelte nicht daran, dass sie siegen w�rden. Nur der Drache machte ihm Sorgen. Wie w�rde er sich verhalten? Wenn er die Br�cke angriff, w�hrend dort Hunderte Krieger darauf warteten, dass es den K�mpfern an der Spitze gelang, die feindlichen Reihen zu durchbrechen, w�rde es ein Massaker geben. Er war entschlossen, das zu verhindern!</p><p>�Ihr alle wisst, was ihr zu tun habt?�</p><p>Die Feldherren nickten. Nur Subai gab ein m�rrisches Grunzen von sich. Artax mochte den Steppenreiter nicht. Er wirkte stets �bellaunig und hatte einen grausamen Zug um die Mundwinkel. Gut erinnerte er sich an die Geschichten, die Shaya �ber ihren Bruder erz�hlt hatte. Shaya�� Wo sie jetzt wohl war? Er straffte sich. Er sollte sie vergessen. Zumindest f�r die Schlacht�� Sie war nur noch ein Traum, so wie jene Almitra, die er sich in Gedanken als armer Bauer in Belbek ausgemalt hatte.</p><p>Er war zum m�chtigsten Herrscher Daias aufgestiegen, doch der Traum von der Frau, mit der er leben wollte, war genauso unerf�llbar geblieben wie damals, als sein Leben Hunger und Armut gewesen war. Nichts hatte sich ge�ndert�� W�tend ballte er die F�uste. Er wollte ihren Verlust nicht einfach hinnehmen! Er w�rde nach ihr suchen, wenn das hier vor�ber war. Er w�rde sie finden, und wenn es ein ganzes Leben dauern w�rde. Doch zun�chst galt es, hier zu siegen!</p><p>Artax winkte die Diener mit den restlichen Stundengl�sern herbei und lie� sie den Befehlshabern �berreichen. Nur Ormu bekam keines, da er am Angriff keinen Anteil haben w�rde, was der J�ger durchaus zu sch�tzen wusste. Er war kein Feigling, brannte aber nicht darauf, seine M�nner um der Ehre willen in selbstm�rderische Angriffe zu f�hren. Ganz anders als Volodi, der sichtlich schmollte, weil er mit seinen Kriegern zuletzt �ber die Br�cke gehen w�rde.</p><p>Es waren nur noch knapp zwei Fingerbreit Sand in der oberen H�lfte der Stundengl�ser. Die Zeit lief ihnen davon.</p><p>�Gibt es noch Fragen?�</p><p>Schweigen war die Antwort. Alle sahen die Stundengl�ser an.</p><p>�Euch ist klar, dass ihr die schwerste Last in diesen K�mpfen tragt und dass das Gelingen dieses Angriffs vor allem von euch abh�ngt?�, wiederholte Artax seine Phrase. �Ich hoffe, in einer Stunde ist alles vor�ber und wir alle sehen uns wohlbehalten am anderen Ufer wieder.�</p><p>�Wir sehen uns am anderen Ufer, Aaron, Herrscher aller Schwarzk�pfe�, entgegnete Labarna feierlich. �Wir wissen, welchen Kampf du dir erw�hlt hast und wer das gr��te Risiko eingehen wird. M�gen die G�tter mit dir sein!�</p><p>Artax l�chelte verlegen, dann nickte er knapp und machte sich auf den Weg zu Langarm. In einer Bodensenke, gesch�tzt vor neugierigen Blicken, erwartete ihn der Devanthar. Auch Madyas und Ansur, der Unsterbliche Herrscher von Valesia, waren bereits anwesend. Und drei silberne L�wen mit gefalteten, goldenen Schwingen.</p><p>Die Gesch�pfe des G�tterschmiedes waren ehrfurchtgebietend. Fast von doppelter Mannesh�he erstrahlten sie im klaren Licht des Wintertages in �berirdischer Sch�nheit. Artax strich mit ausgestreckter Hand vorsichtig �ber das ziselierte Fell. Das Metall f�hlte sich warm an, ganz so, als h�tte er einen lebenden K�rper ber�hrt. Der L�we drehte den Kopf nach ihm und betrachtete ihn mit seinen himmelblauen Augen, als w�re er ein Gesch�pf mit Verstand und nicht nur eine von Langarm ersonnene Maschine. Seine M�hne war aus Hunderten einander �berlappenden Goldschuppen erschaffen, die leise klirrten, wenn er sich bewegte. Er �ffnete sein Maul und zeigte Artax dolchlange F�nge. Dann lie� er es mit scharfem Klirren wieder zuschnappen.</p><p>�Ich bin sie kaum geflogen�, erkl�rte Langarm, dem bei dem Gedanken an das, was bevorstand, sichtlich unwohl war. �Sie sind nicht ausreichend erprobt. Es ist der blanke Leichtsinn, mit ihnen sofort in ein Gefecht ziehen zu wollen. Ganz zu schweigen davon, dass ihr das Fliegen auch noch nicht ge�bt habt.�</p><p>�Langarm hat recht�, bekr�ftigte Ansur. Der Unsterbliche erinnerte Artax jedes Mal, wenn er ihm begegnete, eher an einen Gelehrten als an einen Kriegerk�nig. Er war von kleiner, zierlicher Statur und hatte ein schmales Gesicht, dessen auff�lligstes Merkmal ein gro�es Muttermal dicht �ber der Oberlippe war. Nur seine grauen Augen brannten von einer Leidenschaft, die den ersten Eindruck farbloser Gelehrsamkeit verblassen lie�.</p><p>�Ich sitze fest im Sattel, ganz gleich, was f�r ein Vieh mir unterkommt�, entgegnete Madyas abf�llig. �Ich werde bestimmt nicht Zuschauer sein, wenn meine M�nner k�mpfen!�</p><p>Artax nickte ihm zu. Er war erleichtert, nicht alleine in den Himmel reiten zu m�ssen. �Wenn der Drache kommt, k�nnen nur wir allein sie vor dem Flammentod sch�tzen.� Er blickte auf die Sanduhr. Nur ein Fingerbreit stand noch in der oberen H�lfte des Glases. Nun gab es kein Zur�ck mehr.</p><p>�Dann werdet ihr das hier brauchen.� Mit diesen Worten b�ckte sich Langarm und hob etwas auf, das halb im Neuschnee verborgen gelegen hatte. Eine Lanze, fast vier Schritt lang, mit einem Stichblatt wie eine Schwertklinge und einer schweren Kugel am anderen Ende. �Sie sind leider nicht perfekt ausbalanciert. Mehr war in der kurzen Zeit nicht zu machen. Au�er Mut werdet ihr eine verdammte Portion Gl�ck brauchen, um lebend wieder herunterzukommen!�</p></section><section><title><p>Aus Edelmut geboren</p></title><p>Der Glanz des Winters war vom Ufer gewichen. Es erschien Ailyn wie eine Parabel auf das Leben. Unter dem festen, kristallenen Eis war grauer Granit zum Vorschein gekommen. Nichts konnte hier existieren. Nichts auf nacktem Fels leben. Das Eis war wie ein Zauber gewesen, der die Wirklichkeit verbarg. Es hatte Tr�ume erlaubt, dass dieser Ort mit seinem wundersam rauchenden Fluss verwunschen und von gro�er Sch�nheit sein k�nnte, w�rde ihm nur die Gnade einer w�rmeren Sonne zuteil. Eine Illusion, die das Feuer hinweggebrannt hatte.</p><p>Dort, wo das Eis geblieben war, hatte der schwarze Rauch des brennenden �ls seine Farbe zur�ckgelassen. Ihre �berlebenden Krieger waren genauso schwarz. Ru� haftete ihnen auf den Kleidern, in den Haaren und auf den Gesichtern, in denen rot entz�ndete Augen leuchteten. So wie in der Esse und unter dem Schmiedehammer aus drei Stangen verschiedenartigen Erzes der beste Klingenstahl geschmiedet wurde, so hatten das unbarmherzige H�mmern der Katapulte und die Flammen der �lkr�ge ihre Krieger zu einer unvergleichlichen Klinge werden lassen, die nun in ihrer Hand lag, um den Menschenkindern das Geschenk des Todes zu bringen. Ihre Trolle, Zwerge und Kobolde hatten ihre alten Feindschaften vergessen. All ihre Kraft war geb�ndelt. Die Schwachen und Gl�cklosen hatte das Feuer geholt.</p><p>Obwohl sie es geschafft hatten, die Menschenkinder zu t�uschen, sodass die meisten Geschosse ein gutes St�ck hinter ihnen aufgeschlagen waren, hatte es doch immer wieder Treffer gegeben. Fast ein Drittel ihrer M�nner war tot. Und noch im Tode hatten sie einen Armbrustbolzen durch den Kopf geschossen bekommen, damit sie sich nicht wieder erhoben, um ihre K�rper Sklaven der Geister werden zu lassen, die diesen Ort heimsuchten.</p><p>Der Beschuss durch die Menschenkinder hatte wieder zugenommen, nachdem es in den letzten Stunden so ausgesehen hatte, als w�rden ihnen langsam die Feuerkr�ge ausgehen.</p><p>Weit hinter dem Ufer erbl�hten zwei neue Flammenblumen, und die Trolle ergingen sich vor allen anderen in Gest�hne und wilden Schmerzensschreien. Ailyn wusste, dass die h�nenhaften Krieger unter der Sonne litten. Sie waren von den Alben f�r die d�stere Snaiwamark erschaffen worden. Im hellen Sonnenlicht wurden sie lethargisch und unt�tig. Und sie jammerten.</p><p>Nicht weit von ihr standen die zwei, die eigentlich mit Glamir in der Stadt der Menschenkinder h�tten bleiben sollen. Die Ankunft des Sonnendrachen hatte sie derart erschreckt, dass sie nicht aufgeh�rt hatten zu laufen, bis sie die Br�cke erreichten. Was war in der Stadt geschehen? Warum kam der gro�e Sonnendrache nicht hierher? Wartete er auf den n�chsten Angriff der Menschenkinder, um auf der Br�cke ein Massaker anzurichten? Aber das war gegen den Plan der Himmelsschlangen. Die G�tterdrachen hatten kein gn�diges Ende f�r ihre M�nner vorgesehen. Wenn sie daran dachte, was geschehen sollte, erfasste die Elfe kalte Wut. Sie war mit einem Trupp Lumpengesindel hierhergekommen, das sich in eine tapfere Heldenschar verwandelt hatte. Es war eine Schande, ihre Leben einfach fortzuwerfen! Sie hatten Besseres verdient, nachdem sie hier so lange mutig im Namen der Drachen ausgehalten hatten.</p><p>Weitere Feuers�ulen stiegen entlang der Uferb�schung auf, und brennendes �l rann �ber den Granit hinab zum Fluss, wo es in kleinen Flammeninseln auf dem grauen Wasser davontrieb. Dichter, schwarzer Rauch tanzte vor dem Wind und brannte in den Augen.</p><p>Pl�tzlich wurde sich Ailyn einer unnat�rlichen Stille bewusst. Das Jammergeschrei der Trolle war verstummt. Die grauen Krieger starrten zur B�schung hinauf, wo zwischen den Rauchschleiern ein zierliches, schneewei�es Pferd erschienen war. Nein, kein Pferd�� Ailyn stockte der Atem. Ein Einhorn!</p><p>Sie kannte diese Gesch�pfe nur aus M�rchen, und noch nie war sie jemandem begegnet, der ein leibhaftiges Einhorn gesehen h�tte. Es hie�, sie geh�rten nicht zur Sch�pfung der Alben, sondern es sei die Magie des Goldenen Netzes, die sie gebar. Sie verk�rperten Unschuld und Sch�nheit, und sie erschienen nur dann, wenn sich jemand selbstlos aufopferte, ja manche Weise behaupteten sogar, es sei diese Tat, die ein Einhorn entstehen lie�. Ein selbstloses Opfer, wie es vielleicht einmal in einem Jahrhundert geschah. Es h�tte also keinen Ort geben k�nnen, an dem ein Einhorn weniger verloren hatte als hier auf dem Schlachtfeld inmitten der Eisw�sten Nangogs.</p><p>Voller Anmut bewegte es sich durch den schwarzen Rauch, und inzwischen blickten all ihre M�nner zur B�schung hinauf. Kein derber Scherz erklang. Niemand hob seine Waffe. Die M�rder und Barbaren unter ihrem Befehl waren ergriffen von der �therischen Sch�nheit des Einhorns.</p><p>Der dumpfe Schlag der Katapultarme war zu h�ren, und nur Augenblicke sp�ter schossen rechts und links des Einhorns zwei Feuers�ulen empor. Doch nicht ein einziger Flammenspritzer ber�hrte das schimmernde, wei�e Fell. Das Einhorn stieg auf die Hinterbeine, warf wild seinen Kopf zur�ck, sodass seine M�hne im Wind flatterte, und rief ihnen einen wiehernden Gru� entgegen. Dann wandte es sich ab und preschte in Richtung der Stadt davon.</p><p>Hatte es ihnen etwas sagen wollen? Ein fremdes Ger�usch schreckte Ailyn aus ihren Gedanken, und die Magie dieses einzigartigen Augenblicks war schlagartig verflogen, als sie sich bewusst wurde, was sie da h�rte. Das Knarren von Rudern! Die Elfe �ffnete ihr Verborgenes Auge und sah, was der Nebel vor den Blicken ihrer M�nner verbarg. Dutzende Schiffe kamen �ber den Fluss. Viel zu viele, um sie aufhalten zu k�nnen.</p><p>�An die Speerschleudern�, befahl sie ruhig. Dieser Kampf war nicht mehr zu gewinnen. Sie konnten nur noch entscheiden, als Helden oder als Feiglinge abzutreten. �Gesch�tze sechs bis zehn auf den Fluss ausrichten. Wir werden auch von dort angegriffen. Schie�t nicht auf die Bootsr�mpfe! Diese K�hne werden nicht sinken.�</p><p>Gefasst folgten die Zwerge ihrem Befehl.</p><p>�Groz! Schick deine zehn besten M�nner auf die Br�cke! Die anderen brauchen wir hier. Che, bring du deine Krieger auf die Uferb�schung. Sucht euch selbstst�ndig Ziele. Vermeidet, mit den Menschenkindern in Nahk�mpfe zu geraten. Erschie�t so viele ihr k�nnt.�</p><p>�Wir bringen dir hundert von ihren K�pfen als Morgengabe, meine Sch�ne!�, entgegnete der Kobold gutgelaunt und bedachte sie mit einem ru�igen L�cheln.</p><p>Noch nie in ihrem Leben war sie in so kurzer Zeit so oft �meine Sch�ne� genannt worden, dachte Ailyn. Schade, dass sie nie einem Elfen begegnet war, der wenigstens ein bisschen wie Che gewesen w�re. Sie mochte den Halunken. Aber das w�rde f�r immer ihr Geheimnis bleiben.</p><p>�Ich sehe was!�, rief Nyr.</p><p>�Dann lass sie unseren Stahl schmecken.�</p></section><section><title><p>Die erste Welle</p></title><p>Zwei grellbunte Vogelk�pfe schoben sich aus dem Nebel und bewegten sich genau auf ihren Abschnitt des Ufers zu.</p><p>�Was bei den Alben ist das?�, raunte Nyr.</p><p>�Bootsr�mpfe.� Galar stand neben dem Gesch�tz und hielt schon den n�chsten Speer bereit. Seine H�nde waren feucht, obwohl es eiskalt war. Weitere bunt bemalte K�pfe schoben sich aus dem Nebel. Ein Fischreiherpaar, Echsen, zwei gelbe Hunde. Und jetzt sah Galar auch die Menschenkinder. Krieger mit fellbespannten Schilden dr�ngten sich dicht an dicht auf den Gefechtsdecks, die zwischen den Doppelr�mpfen lagen.</p><p>Nyr wartete gar nicht erst auf einen Schie�befehl. Er zog den Abzugshebel, und der Speer schnellte davon. Sofort begann Bailin an der Kurbel zu drehen, mit der der st�hlerne Bogen des Gesch�tzes neu gespannt wurde.</p><p>Galar sah, wie der Speer einen der Fellschilde durchschlug. Schreie gellten �ber das Wasser. Die Menschenkinder standen so dicht gedr�ngt, dass der Verwundete nicht st�rzte.</p><p>�Speer!�, ermahnte ihn Nyr, w�hrend Bailin noch immer spannte.</p><p>Galar legte das Geschoss auf die F�hrungsschiene und b�ckte sich, um einen weiteren Speer aus den langen Lederk�chern zu ziehen, die neben dem Gesch�tz auf dem Felsboden lagen. Unmittelbar neben dem Fu� der Speerschleuder lag ein �lkrug. Eines der Geschosse der Menschenkinder, das in eine Schneewehe gefallen und nicht zerschellt war. Ailyn hatte daf�r gesorgt, dass jedes ihrer Gesch�tze in Brand gesteckt werden konnte, sobald sie den Befehl gab. Die Waffen sollten den Menschenkindern auf keinen Fall in die H�nde fallen.</p><p>Wieder riss Nyr den Sicherungshebel zur�ck, und ein Speer schnellte davon. �Speer�, ermahnte er Galar erneut. Nyr war die Ruhe selbst. Er schien nur Ziele zu sehen und sich keinerlei weitere Gedanken dar�ber zu machen, was da aus dem Nebel auf sie zukam.</p><p>Was das betraf, hatte Galar umso mehr Zeit daf�r. Die Menschenkrieger waren dick vermummt. Jetzt waren sie nah genug, dass er ihre Gesichter �ber den Schilden erkennen konnte. Sie waren auf groteske Art t�towiert. Ihre Gesichter sahen aus wie die Tierfratzen auf ihren Schiffsr�mpfen.</p><p>Galar legte einen weiteren Speer auf die F�hrungsschiene. Noch f�nfzehn Schritt, dann waren sie hier. Das Geschoss schnellte davon. Diesmal hatte Nyr Krieger getroffen, die ganz am Rand des Menschenblocks auf dem Gefechtsdeck standen. Sie kippten seitlich �ber Bord. Drei! Ein einzelner Speer hatte drei von ihnen get�tet! Das Wasser neben dem Katamaran sch�umte auf. Kurz sah Galar einen riesigen Schnabel aus den grauen Fluten schnellen. Dann war einer der t�towierten Menschens�hne verschwunden.</p><p>Ein St�ck rechts von dem Katamaran mit den Vogelk�pfen bekam ein Boot pl�tzlich Schlagseite. Einer der Doppelr�mpfe wurde unter Wasser gezogen. Die Krieger an Deck strauchelten. Es gab nichts, woran sie sich festhalten konnten. Dutzende st�rzten in den Fluss, w�hrend Krieger von benachbarten Booten Speere auf einen langen, grauschwarzen R�cken schleuderten, der knapp aus dem Wasser ragte. Bald sah die Kreatur aus wie ein Igel, doch schienen ihr die Angriffe nicht das Mindeste anzuhaben.</p><p>�Speer!�, ermahnte ihn Nyr.</p><p>Galar riss sich von dem Anblick los, zog den n�chsten Speer aus dem K�cher und reichte ihn hoch. Zwei Trolle nahmen rechts und links von ihrem Gesch�tz Aufstellung, und erste Armbrustbolzen zogen zischend �ber ihre K�pfe hinweg.</p><p>Seltsamer blassgr�ner Nebel stieg aus dem Wasser und bewegte sich entgegen der Windrichtung. Wie ein Krake bildete er Tentakel aus und griff nach den M�nnern, die wild mit den Armen rudernd versuchten, zum Ufer zu kommen. Galar sah, wie einer der t�towierten Menschens�hne festen Boden unter den F��en fand und mit erhobenem Speer auf das Ufer zust�rmte. Grenzenlose Erleichterung, dem t�dlichen Wasser entkommen zu sein, stand in sein Gesicht geschrieben, als ein Armbrustbolzen sein linkes Auge in ein blutiges Loch verwandelte.</p><p>Ohrenbet�ubendes Kriegsgeschrei begleitete den Angriff auf das Ufer. Irgendwo im Nebel wurden Kriegsh�rner geblasen, deren dumpfer Klang bis tief in die Eingeweide drang.</p><p>Ein Fisch, der gleich mehrere Zahnreihen in seinem gro�en Maul hatte, packte einen anderen Krieger und zerrte ihn zur�ck ins tiefe Wasser. Holz knirschte auf felsigem Untergrund, als die ersten Katamarane auf f�nf Schritt ans Ufer herangekommen waren.</p><p>Galar reichte den n�chsten Speer hoch. Wieder schleuderte ihr Gesch�tz Verderben in die Reihen der Menschenkinder, die sich hinter ihre hohen Schilde duckten, ohne Schutz vor dem t�dlichen Geschoss zu finden. Wie zarte Seide zerriss das z�he Leder der Schilde. Die Menschens�hne wurden zur�ckgeschleudert, doch die Krieger rechts und links von ihnen sprangen in das seichte Wasser nahe dem Ufer.</p><p>Unnat�rlich laut erschien Galar das Klicken der Kurbel, mit der Bailin erneut den Bogen der Schleuder spannte. Nyr richtete die Speerschleuder neu aus. Die beiden Trolle neben ihnen, die ihr Gesch�tz vor den Gegnern beschirmen sollten, st�rmten los. Sie stie�en wilde Schlachtrufe aus, doch Galar hatte nur Ohren f�r das feine, metallische Klicken der Kurbel. Er beugte sich nieder und zog den n�chsten Speer aus dem Lederk�cher.</p><p>Nyr nahm ihm das Geschoss ab und legte es auf die F�hrungsschiene.</p><p>Die Trolle und die Menschenkinder trafen aufeinander. Die Lederschilde wurden von w�tenden Keulenhieben zerfetzt. Doch die Krieger mit den unheimlichen Tiergesichtern wichen nicht zur�ck. Sie fielen unter den Hieben, doch jeder Tote schien durch zwei neue Krieger ersetzt zu werden. Mit langen Speeren stie�en sie nach den H�nen aus der Snaiwamark. Schon rann dunkles Blut �ber deren vernarbte, graue Haut.</p><p>Nyr fand eine L�cke zwischen den K�mpfenden und schoss erneut.</p><p>Wutgeheul ert�nte, als wieder ein Speer zwei M�nner durchbohrte und zu Boden riss.</p><p>Da pl�tzlich stie� ein Adler auf den vorderen der zwei Trolle hinab. Seine silbern blitzenden F�nge gruben sich in Schultern und Nacken des H�nen.</p><p>Der Troll lie� seine Keule fallen und griff mit beiden H�nden in seinen Nacken hinauf, als ihm eine der Krallen die Kehle aufschlitzte. Jetzt erst begriff Galar, dass dies kein riesiger Raubvogel war�� es war ein Krieger wie die Katzenm�nner, auf die sie getroffen waren, als sie in diese verfluchte Eisw�ste gekommen waren. Nur dass dieser hier ein Vogelgewand trug und seine Arme lange Schwingen st�tzten.</p><p>Der Adlerkrieger vermochte sich nicht aus dem Griff des sterbenden Trolls zu befreien, dem nun andere K�mpfer ihre Speere in die Brust rammten.</p><p>Wieder reichte Galar seinem Freund einen Speer. Die K�mpfe spielten sich keine drei Schritt vor ihrem Gesch�tz ab. Links von ihnen ging die erste Speerschleuder in helle Flammen auf. Die Linie am Ufer war durchbrochen, aber Nyr dachte noch nicht daran, sein Gesch�tz im Stich zu lassen.</p><p>F�r einen fl�chtigen Augenblick sah Galar zum Himmel hinauf. Dort kreisten noch etliche weitere Adlerkrieger. Die Kobolde hatten sie bereits unter Beschuss genommen, doch nun brachen die Krieger mit den t�towierten Gesichtern noch an einer zweiten Stelle durch die Linie. Einer kam geradewegs auf Galar zugelaufen. Den Schild sch�tzend vor seinen Leib gehalten, schien er die Absicht zu haben, ihn geradewegs zu �berrennen.</p><p>�Du hast noch nie gegen einen Zwerg gek�mpft, Tierfresse�, schrie Galar ihm entgegen, riss einen Speer aus dem K�cher und st�rmte mit gellendem Schlachtruf dem Menschensohn entgegen. Erst im letzten Moment lie� er sich fallen. Die untere Kante des Schildes traf Galar in den R�cken, doch der war durch das kostbare Kettenhemd aus Silberstahl gesch�tzt. Der Schildtr�ger konnte seinen Lauf nicht mehr stoppen. Er st�rzte �ber seinen Schild hinweg zu Boden, w�hrend Galar sich geschickt zur Seite rollte und mit einem Satz wieder auf den Beinen war.</p><p>Ohne Gnade rammte er dem Menschensohn den Speer in die Brust, der halb auf seinem Schild lag, den er nicht mehr zu seinem Schutz heben konnte. Der Krieger sah ihn �berrascht mit weit offenem Mund an, w�hrend Galar die Speerspitze drehte, um sie wieder frei zu bekommen.</p><p>Aus den Augenwinkeln sah der Zwerg den Troll st�rzen, in dessen Nacken sich ein Adlerkrieger festgekrallt hatte. Ihr Gesch�tz war �berrannt. Bailin lie� von seiner Kurbel ab und zog die schwere Axt aus seinem G�rtel, w�hrend er sich duckte, um einem Speersto� zu entgehen.</p><p>�Der �lkrug!�, schrie Nyr, der alle M�he hatte, Hieben mit einer Keule auszuweichen, in der ein dolchlanger, gekr�mmter Zahn steckte. �Die Speerschleuder darf nicht in ihre H�nde fallen!� Mit jedem Hieb wurde der Richtsch�tze ein St�ck weiter von der Waffe fortgetrieben, die so vielen Menschenkindern den Tod gebracht hatte.</p><p>Galar lie� von seinem sterbenden Gegner ab, von dessen Lippen Blut und Verw�nschungen sprudelten. Ein paar Trolle unter der F�hrung von Groz unternahmen einen Gegenangriff, um die Menschen wieder auf ihre Boote zur�ckzutreiben, doch weiter flussabw�rts erreichten noch mehr Katamarane das Ufer, und dort stellte sich niemand den Angreifern entgegen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie eingekreist waren.</p><p>Groz schien daran keinen Gedanken zu verschwenden. Sein vernarbtes Gesicht hatte einen Ausdruck wilder Verz�ckung angenommen, w�hrend er mit einem trollarmdicken Baumstamm gegen seine Gegner vorging. Mal setzte er ihn wie eine Ramme mit kurzen St��en gegen die Schilde der Menschenkinder ein, um ihn dann wieder wie eine Keule zu schwingen. Schreiend wie ein Raubvogel im Sturzflug, stie� einer der Adlerritter aus dem Himmel auf Groz hinab, dabei hatte er die messerscharfen Krallen an seinen F��en drohend vorgestreckt.</p><p>��ber dir!�, schrie Galar.</p><p>Groz reagierte f�r seinen K�rper erstaunlich schnell. Er stemmte den Baumstamm, den er als Waffe nutzte, senkrecht in die H�he, sodass der Adlerkrieger mit aller Wucht seines Sturzfluges auf das obere Ende des Stammes prallte. Federn stoben auf, als h�tte ein Habicht eine Taube geschlagen. Ein Fl�gel des Vogelmanns wurde nach hinten gerissen und zerbrach. Groz aber nahm den Stamm und rammte ihn in weit ausholender Bewegung in eine Schlachtreihe aus Speertr�gern, die sich am Ufer formierte.</p><p>Alle Blicke richteten sich auf den Troll, der sich mit dr�hnendem Gebr�ll in den Kampf warf. Galar nutzte die Gelegenheit, um sich an zwei Kriegern vorbeizudr�cken und unter die Speerschleuder zu kauern. Mit dem Knauf seines Dolches zerschlug er den �lkrug und griff nach der Lunte, die im Boden eines zweiten, zerbrochenen Kruges vor sich hin schwelte. Langsam nur wuchs aus der Glut eine kleine Flamme, die �ber das Hanfnetz des zerbrochenen Feuerkrugs kroch. Das musste reichen. Ein paar Augenblicke noch, und das Holz des Gesch�tzes w�rde Feuer fangen.</p><p>Galar schob sich unter der Speerschleuder hervor und wollte sich gerade davonmachen, als ihn ein derber Sto� in den R�cken traf und zu Boden warf. Sein d�nner Bart tauchte in das �l, das aus dem zerbrochenen Krug geflossen war. Mehr �berrascht als benommen, versuchte er sich aufzurichten, als ihn ein zweiter Sto� traf. Wieder wurde er zu Boden geworfen; diesmal sah er aus den Augenwinkeln einen Speer.</p><p>Fluchend drehte er sich um, und als ein dritter Speersto� diesmal auf seine Brust zielte, packte er die Waffe dicht hinter dem Stichblatt. Mit einem Ruck entriss er sie den H�nden eines Kriegers, der sich eine Fischfratze ins Gesicht t�towiert hatte.</p><p>�Und ich dachte, die verdammten Fische k�mpfen heute auf unserer Seite�, knurrte Galar und drehte den Speer, sodass die Spitze nun auf den Menschensohn zeigte. Statt zu fl�chten, rammte der Krieger seinen Schild vor den Speer und versuchte sich, gesch�tzt durch das z�he Leder, auf Galar zu werfen, um ihn zu Boden zu dr�cken.</p><p>�H�ltst du mich f�r einen Floh, den man einfach zerquetschen kann?�, fluchte der Zwerg, lie� den Speer fallen und riss den Dolch aus Silberstahl aus der Scheide am G�rtel, als ihn das volle Gewicht des Menschensohns traf. Er hielt den Dolch vor der Brust, wurde aber zu Boden gedr�ckt. Die Augen inmitten der Fischt�towierung weiteten sich erschrocken, und der Krieger stie� einen grunzenden Laut aus. Der Elfendolch hatte Schild und R�stung durchdrungen, und durch sein eigenes Gewicht hatte sich der Menschensohn die Klinge zwischen den Rippen hindurch tief in den Leib gedr�ckt. Blut quoll ihm �ber die Lippen, als er mit seinem Kopf vorstie� und versuchte, Galar in die Nase zu bei�en.</p><p>�Idiot!� Der Zwerg spannte die Muskeln, hob den Schild und stie� ihn samt Krieger zur Seite. Dann zog er den Dolch aus der Brust des Sterbenden. �Trottel, h�ttest weiterlaufen sollen�, grummelte er vor sich hin, als er die Waffe im Schnee abwischte. �Hast mich wohl f�r klein und wehrlos gehalten, Fischfresse.�</p><p>Der Krieger antwortete nicht. Mit weit aufgerissenen, toten Augen starrte er in den klaren Winterhimmel.</p><p>Galar war umgeben von den stampfenden F��en der Trolle. F�r den Augenblick schienen die grauen H�nen die Stellung am Ufer halten zu k�nnen. Doch flussabw�rts sammelten sich immer mehr Krieger, und �ber dem Wasser trieben seltsame gr�ne Schleier, deren blo�er Anblick dem Zwerg Todesangst einjagte. Dort wurde Magie gewirkt, dabei hatte es immer gehei�en, die Menschenkinder k�nnten keine Zauber weben. Sollte das stimmen, dann mussten dort, irgendwo jenseits der Nebelwand, ihre G�tter lauern. Mindestens einer von ihnen�� Es war h�chste Zeit, von hier zu verschwinden!</p><p>Galar zog seine Axt aus dem G�rtel und blickte auf die schwelende Lunte im zerbrochenen Tonkrug. Er musste endlich das Gesch�tz in Brand setzen. Zweifelnd sah er an sich hinab. Er war �ber und �ber mit �l beschmiert. Er sollte verdammt vorsichtig sein!</p><p>Mit spitzen Fingern griff er nach der Lunte, um die herum schwaches Feuer flackerte, und lie� sie in eine andere �llache fallen. Es dauerte einen Augenblick, bis auch dort eine kleine Flamme erwuchs und sich langsam ausbreitete. Das �l war kalt. Es brannte schlecht. Das war gut. Galar wandte sich ab und packte seine Axt mit beiden H�nden, als neben ihm ein gellender Schrei ert�nte. Mehrere Menschenkinder hatten einem Troll ihre Speere in die Brust gerammt. Mit den Armen rudernd, st�rzte der H�ne nach hinten. Genau auf ihn zu.</p><p>Der Zwerg hechtete zur Seite. Zu langsam! Ein Arm des Trolls traf ihn schwer und riss ihn zu Boden. Nun lag er direkt neben der Speerschleuder erneut im �l! Und auf seiner Brust lastete ein Arm m�chtig wie ein Baumstamm.</p><p>�Beweg dich!�, schrie er. �Verdammter Idiot! Mach was!�</p><p>Der Troll verdrehte die Augen. Er sah Galar an. Seine Lider begannen zu flattern.</p><p>�Du wirst jetzt nicht sterben! H�rst du? Heb deinen Arm!� Galar stemmte sich mit aller Kraft gegen den Troll, als eine Gestalt mit einem Speer �ber den Leichnam des H�nen hinwegstieg.</p><p>Galar verdrehte ebenfalls die Augen und entschied, sich tot zu stellen. Doch aus den Augenwinkeln sah er, wie die Flammen am Holz der Speerschleuder emporleckten und sich, immer st�rker werdend, auch in seine Richtung ausbreiteten.</p><p>Der Menschensohn, der �ber ihm stand, starrte ihn forschend an.</p><p>Er durfte mit keiner Wimper zucken, dachte Galar und starrte reglos in das Antlitz, auf das ein Fischmaul mit unglaublich vielen Z�hnen t�towiert war. Nicht bewegen. Ganz gleich, was geschah.</p></section><section><title><p>Das letzte Fest</p></title><p>Der Troll bewegte sich mit nervt�tender Beh�bigkeit. Selbst �ber einfachste Dinge wie eine Parade oder ein Wegducken schien er einen Augenblick nachdenken zu m�ssen, statt es einfach zu tun. Er steckte Treffer um Treffer von der hochgewachsenen Gestalt mit der Keule ein. Der Goldene vermutete, dass es ein Unsterblicher sein musste, der da an der Spitze seiner Krieger auf der Br�cke k�mpfte.</p><p>Das einzig Erstaunliche an dem Troll war, wie viele dieser knochenzerschmetternden Hiebe er aushielt, bevor er zu Boden ging. Kurz wischte die Landschaft und ein St�ckchen Himmel an ihm vorbei, dann sah der Goldene durch die Augen des Trolls den Krieger mit dem Wolfssch�del auf dem Kopf �ber sich stehen. Ein Fu� dr�ckte den Troll zu Boden. Der Menschensohn hob mit beiden H�nden die Keule hoch �ber den Kopf. Dann fuhr die Waffe nieder. Sie zielte mitten auf das Gesicht!</p><p>Der Goldene schloss im Reflex die Augen. Er sp�rte keinen Treffer und teilte nicht die Schmerzen des Trolls. Als die Himmelsschlange ihre Augen wieder �ffnete, war die Verbindung in die andere Welt abgebrochen.</p><p>Es war zum Verzweifeln. Der Kampf um Wanu entglitt seiner Kontrolle. Er konnte nicht sagen, ob es ein Erfolg oder eine Katastrophe wurde.</p><p>Ihm war nach wie vor unklar, warum die beiden Trolle, die seine Spitzel gewesen waren, in der Stadt der Menschen zur�ckgeblieben waren. Zum Gl�ck hatte sein Bote, Abendstern, die beiden so sehr aufgeschreckt, dass sie zum Heer zur�ckgekehrt waren. Aber wo steckte der Sonnendrache jetzt? Zuletzt hatte er ihn durch die Augen der beiden Trolle in der Menschenstadt gesehen.</p><p>Abendstern h�tte zur�ckkehren sollen! Er hatte klare Befehle gehabt. Warum kam er nicht? St�rzte er sich in den Kampf am Fluss? Der Sonnendrache fand Gefallen an Tod und Gemetzel. Aber seine Mission war die eines Sp�hers und nicht die eines Kriegers.</p><p>Der Goldene entschied, den Zauber, der es ihm erlaubte, durch fremde Augen zu sehen, beim n�chsten Mal auf jemand Zuverl�ssiges zu legen. Eine Drachenelfe. Eine, die ihre beste Zeit hinter sich hatte. Vielleicht Lyvianne? Bei ihr w�re es zu verschmerzen, wenn ihr Hirn etwas Schaden nahm. Er musste sich ohnehin etwas �berlegen, um sie loszuwerden. Wie sie ihre eigenen Kinder mordete und immer auf der Suche nach einem Bettgef�hrten war, mit dem sie einen vollkommenen Elfen zeugen konnte, das konnte er nicht l�nger dulden. Nicht dass er moralisch sonderlich verwerflich fand, was sie tat�� In gewisser Weise war es sogar konsequent. Fast alle Elfen strebten nach Vollkommenheit. Nur erschufen sie normalerweise Kunstwerke, Lieder, sch�ne G�rten.</p><p>Lyvianne hingegen suchte das Kind, aus dem der vollkommene Elf erwachsen w�rde. Sch�n wie der Fr�hling, klug, von Magie durchdrungen, ohne jeden Makel, ganz gleich in welcher Hinsicht. Diese Suche hatte sie verblendet. Sie hatte einen Gonvalon geboren und nicht erkannt, wie wertvoll er war. Wenn die anderen Elfen durchschauten, was sie tat, dann w�rde es einen Aufschrei des Entsetzens geben. Und da Lyvianne eine Drachenelfe war, w�rde auch das Ansehen der Himmelsschlangen Schaden nehmen. Das durfte auf keinen Fall geschehen! Nicht jetzt, wo sie alle Kr�fte Albenmarks b�ndeln mussten, um im Schicksalskampf gegen die Devanthar zu bestehen. Nur eine ihrer beiden Welten w�rde auf Dauer weiter bestehen k�nnen. Und er w�rde es nicht zulassen, dass Albenmark dem Verderben ausgeliefert wurde!</p><p>Er richtete sich auf, und sein Kopf streifte die niedrige Decke der H�hle, in die er sich zur�ckgezogen hatte. Vorsichtig schob er sich ins Freie. Ein klarer, blauer Himmel spannte sich �ber den weiten Berghang, auf dem sich die Truppen Albenmarks versammelt hatten. Seine Drachenbr�der und Tausende Albenkinder erwarteten ihn. Sie hatten sich unter Bannern in allen Regenbogenfarben versammelt. Da war der steigende wei�e Pegasus auf wei�em Grund, das Banner der Elfen aus dem Herzland, zwei schwarze, gekreuzte Armbrustbolzen der Eisb�rte aus dem fernen Norden, der B�rensch�del auf blauem Grund, das Feldzeichen der Zwerge von Ishaven, oder die Standarten mit Pferdesch�deln und Rossschweifen der Kentauren aus dem Windland. Hunderte Feldzeichen bl�hten sich im leichten Wind, der �ber den Hang strich. Nie zuvor hatte Albenmark eine solche Armee gesehen. Sie war eine Macht, die fast jeden Feind zerschmettern konnte�� und doch war sie so wie Ailyns kleine Streitmacht letztlich nur ein K�der.</p><p>Sie w�rden die Armee der Menschenkinder �ber die Br�cke locken. Und dann, wenn sich die Menschen ihres Sieges ganz sicher waren, w�rden sie die Heere der Menschenkinder angreifen und vor sich hertreiben. Es ging nicht darum, sie zu vernichten. Nein, sie w�rden mit ihnen spielen, wie eine Katze mit der Maus spielte. Sie sollten in h�chste Verzweiflung geraten und ihre G�tter, die Devanthar, um Hilfe rufen. Wenn das geschah, dann w�rden er und seine Br�der nachholen, was in Selinunt nicht gelungen war. Sie w�rden die Devanthar in der Glut ihrer vereinigten Flammen vergehen lassen.</p><p>Der Goldene blickte zum Himmel hinauf. Die Sonne stand im Zenit. Kurz vor der Abendd�mmerung w�rden sie auf einem Drachenpfad, den die Himmelsschlangen nur f�r sie erschaffen w�rden, hin�bergehen. Es war ein neuer Weg durch das Dunkel zwischen den Welten. Ein Weg, den die Devanthar nicht hatten ber�cksichtigen k�nnen, als sie den Feldzug planten. Sie w�rden noch warten, bis die Menschen die Br�cke �berquert und Wanu besetzt hatten. Ailyn und ihre Krieger hatten nie auch nur die geringste Hoffnung auf einen Sieg gehabt. Sie waren der K�der, und in diesem Augenblick wurden sie verschlungen.</p><p><emphasis>Und?,</emphasis> erklang die Stimme Nachtatems in den Gedanken des Goldenen. Deutlich sp�rte der Goldene die Anspannung seiner Br�der.</p><p><emphasis>Das Sterben hat begonnen. Drei oder vier Stunden noch, dann ist die Zeit gekommen, unsere gefallenen Kinder zu r�chen.</emphasis></p><p><emphasis>Und die ganze Zeit willst du sie hier am Hang warten lassen?,</emphasis> fragte der Fr�hlingsbringer ruhig. <emphasis>Die Kobolde und Kentauren stehen ja schon jetzt kaum still. Du verlangst mehr, als sie geben k�nnen.</emphasis></p><p>Der Goldene hatte die Wartezeit nicht bedacht. Es war ihm nicht in den Sinn gekommen, dass die Albenkinder sie als unbequem empfinden k�nnten. Er selbst lag an einem sonnigen Tag wie diesem gern stundenlang auf einem Felsen und hing seinen Gedanken nach, und stets hatte er das Gef�hl, dass die Zeit wie im Fluge verging.</p><p><emphasis>Sie sind nur Kinder,</emphasis> ermahnte ihn sein gr�n geschuppter Bruder, und der Goldene hatte das Gef�hl, der Duft frischen Grases und erster Bl�ten l�ge in der Luft. Der Fr�hlingsbringer hatte in seinen Gedanken gelesen! Das verstie� gegen jegliche Etikette unter ihnen.</p><p><emphasis>Und doch hat er recht,</emphasis> warf Nachtatem ein. <emphasis>Nein, auch ich habe nicht in deinen Gedanken gelesen. Dich anzusehen reicht, um zu wissen, was in dir vorgeht.</emphasis></p><p>Der Goldene k�mpfte gegen sein aufbrausendes Temperament an. <emphasis>Geben wir unseren Kindern eine Besch�ftigung. Was haltet ihr davon, wenn wir Elfengestalt annehmen und ihre Reihen abschreiten, Einzelnen gut zusprechen und ihnen Komplimente machen. Halten wir eine Truppenparade ab, schwingen wir gro�e Reden �ber die Erhabenheit dieses Augenblicks und wie sie einst ihren Kindern erz�hlen werden, dass sie in der Stunde gr��ter Not zu den Rettern Albenmarks geh�rt haben.</emphasis></p><p><emphasis>Ist das nicht ein wenig platt,</emphasis> wandte der Rote konsterniert ein.</p><p><emphasis>Nein, sie sind nur Kinder.</emphasis> Es war ausgerechnet Nachtatem, der ihm zu Hilfe eilte.</p><p>Misstrauisch be�ugte der Goldene seinen Bruder, der sich wie stets einen schattigen Platz gesucht hatte und Teil der Dunkelheit zu sein schien, die dort nistete.</p><p><emphasis>Wir sind ihre G�tter,</emphasis> fuhr Nachtatem fort. <emphasis>Auch wenn wir nicht wirklich ihre Sch�pfer sind, sind wir diejenigen, von denen sie sich ein Bild machen k�nnen, jene, die ihnen von Angesicht zu Angesicht gegen�bertreten. Sie sp�ren den Hauch der Ewigkeit, der uns umgibt. Sie glauben, uns sei alles m�glich. Wenn wir, wie unser Bruder vorgeschlagen hat, durch ihre Reihen gehen und Einzelne durch Lob auszeichnen, dann strahlt ein wenig unserer Allmacht auf sie ab. F�r uns ist es nichts. F�r sie aber wird es ein Augenblick, den sie bis zur Stunde des Todes als golden in der Schatzkammer ihrer Erinnerungen aufbewahren werden. Heute haben sie Gelegenheit, ihren G�ttern so nahe zu sein wie nie zuvor. Wir begegnen ihnen von Angesicht zu Angesicht. Sie werden es lieben. Und selbst die Kobolde werden in Ehrfurcht verharren. Zelebrieren wir diesen Augenblick, bevor wir sie in unseren Kampf schicken, und sie werden es uns mit Selbstaufopferung und unverbr�chlicher Treue vergelten. Wir stehen an der Schwelle eines neuen Zeitalters. Die Geschichte h�lt ihren Atem an, und sie alle haben teil an dem, was geschehen wird. G�nnen wir ihnen dieses letzte Fest!</emphasis></p></section><section><title><p>Aus Fluten geboren</p></title><p>Galar stemmte sich mit der Kraft der Verzweiflung gegen den Trollarm. Langsam begann sich das tote Fleisch zu bewegen. Drei Mal in seinem Leben war der Schmied versch�ttet gewesen, doch die Last der Steine war ihm nie so erdr�ckend erschienen wie dieser Arm, der ihn nun auf den Boden nagelte, sodass er nur hilflos zusehen konnte, wie die Flammen �ber das versch�ttete �l huschten und immer n�her kamen.</p><p>Der Zwerg schrie vor Wut und Verzweiflung. Inzwischen war ihm egal, ob ihn ein Fischkopf oder ein anderer Menschensohn h�ren konnte. Wieder stemmte er sich gegen den Arm. Er schaffte es sogar, ihn einige Zoll anzuheben, aber er kam einfach nicht darunter hervor.</p><p>Flammen erreichten seine fellgef�tterte Lederhose und tanzten �ber die dunklen �lflecken seinem Schritt entgegen. Noch sp�rte er keine Hitze. Kalter Schwei� rann ihm den R�cken hinab. Er w�rde bei lebendigem Leib verbrennen! So wie fast alle Zwerge der Tiefen Stadt gestorben waren. Er l�chelte bitter. Der Kreis schloss sich. Und er hatte sein Ziel nicht erreicht, die gro�en Tyrannen vom Himmel st�rzen zu lassen.</p><p>Wilde Kriegsschreie ert�nten flussabw�rts. Dann waren Waffengeklirr zu h�ren und die r�hrenden Schreie der Trolle, die sich den neuen Gegnern stellten.</p><p>Er wollte nicht verbrennen, dachte Galar. Er wollte den Tod eines Kriegers sterben. Kalter Stahl sollte sein Leben beenden. �Hierher, ihr Menschenluschen!�, br�llte er los, auch wenn er wusste, dass sie ihn nicht verstehen w�rden. �Macht schon, kommt und k�mpft mit mir, wenn ihr es wagt.�</p><p>Der Gefechtsl�rm kam n�her. Galar konnte die breiten Schultern von Trollen sehen, die langsam vor einer Mauer aus vorgestreckten Speeren zur�ckwichen.</p><p>�Los, kommt her und k�mpft mit mir!�, wiederholte er. Seine Stimme bekam einen schrillen Klang, als das Feuer seinen Schritt erreichte. �Ich lauf nicht weg vor euch! Ich hab keine Angst. Kommt und seht, wie ein richtiger Mann k�mpft!�</p><p>�Hast du einen Schlag auf den Kopf bekommen?�</p><p>Mit sp�ttischem L�cheln beugte sich Ailyn zu ihm hinab und hauchte ein Wort in einer uralten, ihm unbekannten Sprache. Ein Prickeln �berlief den Zwerg, und seine Haare richteten sich auf. Die Elfe hob den Trollarm an, als w�re er leicht wie eine Feder. Galar atmete erleichtert ein, als der Druck von seiner Brust wich.</p><p>�Beeile dich!� Ailyn hielt den Arm mit der Linken. Pl�tzlich schnellte ihre Rechte hoch, und sie griff einen Speer aus der Luft, der wohl auf den R�cken eines Trolls gezielt hatte, der ein St�ck voraus am Ufer k�mpfte.</p><p>M�hsam kam Galar auf die Beine und begann, mit flachen H�nden auf die Flammen einzuschlagen. Sich aufzurichten war keine gute Idee gewesen. Nun leckten die Flammen an ihm empor und breiteten sich schneller aus. Schon hatten sie seinen Bart erreicht!</p><p>Wieder fl�sterte die Elfe ein Wort, das mehr an einen Tierlaut als an eine der gel�ufigen Sprachen Albenmarks erinnerte. Ihre flache, vorgestreckte Hand fuhr seinen K�rper entlang, ohne ihn zu ber�hren, und alle Flammen verloschen.</p><p>�Lauf, Galar! Mach dich davon. Wir sehen uns in Wanu. Ich werde mit den Trollen versuchen, den R�ckzug zu decken. Flieh, solange es noch m�glich ist. Das Heer der Devanthar versucht uns zu umzingeln. Es bleibt nicht mehr viel Zeit zur Flucht.�</p><p>�Ich bin kein Feigling!�, emp�rte sich der Schmied. �Ich bin noch nie vor einem Kampf davongelaufen.�</p><p>�Wenn du kein Feigling bist, dann habe den Mut, dir unsere Niederlage einzugestehen, und die Klugheit, dich daf�r zu entscheiden, an einem anderen Tag erneut zu k�mpfen, wenn unsere Aussichten zu siegen besser sind. Jeden, der hierbleibt, erwartet der Tod.� Mit diesen Worten wandte sie sich ab und ging. Sie hielt immer noch den Speer. Es war das erste Mal, dass er Ailyn mit einer Waffe in der Hand sah.</p><p>Er entschied sich, auch einen Speer zu nehmen. Es lagen inzwischen genug auf dem Schlachtfeld herum. Die erste Waffe, die er fand, war schlecht ausgewogen und das Stichblatt nur aus Bronze. Aber er behielt sie dennoch. Sein Gesch�tz stand in Flammen, es gab keinen Grund, auch nur einen Augenblick l�nger als n�tig zu bleiben.</p><p>Ein Schatten glitt �ber ihn hinweg. Immer noch kreisten Adlerkrieger am Himmel. Und viel h�her war noch etwas. Es kam aus der Sonne, sodass er es nicht deutlich erkennen konnte. Etwas silbern Strahlendes mit weiten Schwingen.</p><p>Galar begann zu laufen. Er wollte dieses Vieh ganz sicher nicht aus der N�he sehen.</p><p>Immer wieder st�rzte er auf der steilen, felsigen B�schung. Gefrorenes Blut der Kobolde hatte sie erneut schl�pfrig werden lassen, obwohl die Brandgeschosse Schnee und Eis hatten verschwinden lassen. �berall lagen tote Eisb�rte und zwischen ihnen mehrere Adlerkrieger. Ihre gefl�gelten Feinde schienen in einem ganzen Schwarm �ber die Kobolde hergefallen zu sein.</p><p>Von der B�schung hatte Galar einen guten �berblick �ber die K�mpfe. Nur zwei Trolle verteidigten noch die Br�cke. Sie w�rden nicht mehr lange standhalten. Die Angreifer, die flussabw�rts angelandet waren, hatten sich ein St�ck zur�ckgezogen. Immer noch schoben sich neue Katamarane mit Kriegern auf das Ufer. Alle ihre Speerschleudern standen in Flammen, aber auch einige der Boote hatten Feuer gefangen, und schwarzer, �liger Rauch mischte sich in den wei�en Nebel. Es waren viele Zwerge bei ihren Gesch�tzen gestorben. Nyr, Bailin und die anderen Zwerge konnte er zum Gl�ck nicht unter den Toten entdecken.</p><p>Verzweifelt blickte er zur kleinen Schar derer, die sich noch der Flut der Menschenkinder entgegenstemmte. Ailyn stand zwischen der Schlachtreihe der am Ufer k�mpfenden Trolle und dem Wall aus Speeren, den die Menschenkinder gebildet hatten. Sie hatte ihren Speer mit der Spitze nach unten zur Seite gestreckt. Der lange Schaft lehnte auf ihrem R�cken. Ihr wei�es Kleid bewegte sich sanft im Wind. Es sah aus, als wollte sie ganz allein das Heer der Menschenkinder aufhalten.</p><p>Schlachth�rner riefen zum Angriff, und die Reihe Menschenkinder wogte Ailyn entgegen. Statt zu weichen, lief die Elfe den Kriegern entgegen. Ihr Speer wirbelte herum und band mehrere Waffen der Angreifer. Es war unglaublich zu sehen, wie Ailyn sich bewegte. Es erinnerte mehr an einen Tanz als an einen blutigen Kampf. Bald war sie auf allen Seiten von Feinden umringt. Dutzende Speere waren auf sie gerichtet. Doch sie schwang herum, zersplitterte die h�lzernen Sch�fte der feindlichen Waffen und schaffte es, die Kraft der Angreifer gegen sie selbst wirken zu lassen. Wirbelnder Schnee begleitete ihre Bewegungen, als w�re sie keine Gestalt aus Fleisch und Blut, sondern ein entfesselter Sturm.</p><p>Ein gellender Schrei brach den Bann, den der Kampf der Elfe auf Galar gelegt hatte. Dicht vor dem Ufer entstieg eine nackte Gestalt mit fahlgr�ner Haut dem Fluss. Nie zuvor hatte der Schmied eine solche Kreatur gesehen. Sie war gr��er als ein Troll, hatte aber lange, schlanke Glieder wie eine Elfe. Kein Haar wuchs ihr auf dem Kopf. Der Sch�del war nach hinten zur�ckgekr�mmt und von Knochenspiralen umgeben. Sie erinnerten ein wenig an die H�rner von Bergziegen. Gro�e, schwarze Augen lagen neben einer flachen Nase. Die Lippen waren nur ein schmaler Strich.</p><p>Die Kreatur reckte ihre Glieder und betrachtete einen Augenblick lang gedankenverloren ihre langen, feingliedrigen H�nde. Nahe der Br�cke verdichteten sich gr�ne Nebelschlieren zu einer zweiten, �hnlichen Gestalt. Was wurde dort aus den Wassern des Flusses geboren? Galar entschied, nicht l�nger zu warten. Fast alle dort unten vermochten schneller zu laufen als er. Das Einzige, was ihn retten w�rde, war ein ausreichend gro�er Vorsprung.</p><p>Als dicht neben ihm ein Speer in den Boden schlug, sah Galar erschrocken zum Himmel hinauf. Ein L�we mit goldenen Schwingen flog in kaum zehn Schritt H�he �ber ihm hinweg. In einem Sattel mit einer Lehne, hoch wie bei einem Thron, sa� eine Gestalt, deren Antlitz blankes Silber war. Sie zog aus einem K�cher am Sattel einen weiteren Speer, w�hrend der L�we eine weite Kehre flog und nun auf die Br�cke zuhielt. Seitlich vom Sattel, dicht neben dem Knie des Reiters, steckte eine lange Lanze in einer Lederschlaufe. Unter dem Stichblatt, das wie eine Schwertklinge aussah, wehte ein rotes Banner, auf dem ein L�wenhaupt prangte.</p><p>Leises, metallisches Sirren begleitete den Flug des L�wen. Und sie hatten gedacht, Menschenkinder k�nnten keine Zauber wirken, dachte der Zwerg reum�tig. Sie hatten ihre Feinde hoffnungslos untersch�tzt. Und nun zahlten sie den Preis f�r ihre �berheblichkeit.</p><p>Galar lief los, wenn auch nicht sonderlich schnell. Er wusste, es lag ein langer Weg vor ihm und dass er mit seinen Kr�ften haushalten sollte. Er konnte den ganzen Tag am Amboss stehen, er hatte ein Kreuz wie ein Stier, aber Laufen, das war nie seine Sache gewesen. Er k�nnte auch mit einer schweren Last auf dem R�cken den ganzen Tag gehen, um nach zwei Stunden Rast noch einmal zw�lf Stunden auf den Beinen zu sein. Aber Zwerge waren nicht daf�r gemacht zu laufen. Das war Elfensache. Man musste sich deren lange Beine nur ansehen. Wie Pferde waren sie. Ein Zwerg war eher wie ein Dachs. Z�h, ausdauernd, in der Lage, sich tief in die Erde zu w�hlen, nur laufen�� Galar wurde bewusst, dass er sich mit diesen Gedanken nur ablenkte. Er wollte diese riesigen, gr�nen Gestalten vergessen, die sich aus dem Wasser erhoben hatten. Die hatten lange Beine gehabt und schienen zum Laufen geboren.</p><p>Unwillk�rlich warf Galar einen Blick �ber die Schulter. Weit links von ihm bewegten sich zwei kleine, wei�e Gestalten. Vermutlich Kobolde. Sie waren viel zu langsam! Galar schnaubte. Er schuldete diesen Zwergenm�rdern nichts, auch wenn sie hier an diesem verdammten, dampfenden Fluss zusammen gek�mpft hatten. Und was noch wichtiger war: Sie hatten noch k�rzere Beine als er. Sie w�rden ihn aufhalten.</p><p>Wieder blickte er zur�ck, die beiden Gestalten waren weiter zur�ckgefallen. Am Ufer dieses verdammten Flusses waren Kobolde gestorben, um Zwerge zu retten. Er dachte an all die Toten auf der B�schung, deren Blut auf den Felsen gefroren war. Sie h�tten fortlaufen k�nnen, statt denen, die unten k�mpften, den R�cken freizuhalten.</p><p>�Schei�e!�, fluchte Galar und drehte sich um. Das w�rde ihn den Kopf kosten. Wie konnte er nur so d�mlich sein und sich Gedanken dar�ber machen, ob es zwei verdammten Kobolden gelang, ihren Arsch zu retten?</p><p>Er begann zu laufen. Der n�chste kluge Vorsatz ging �ber Bord. Sein keuchender Atem schlug ihm als warme Wolke ins Gesicht. Die beiden Gestalten auf dem Eis waren nun deutlicher zu erkennen. Sie waren nicht beide in Wei� gekleidet. Einer trug ein Kettenhemd und st�tzte sich schwer auf den anderen.</p><p>Galar beschleunigte ein letztes Mal seinen Lauf. Das Kettenhemd lastete auf seinen Schultern. Er warf den Speer zur Seite. Er war nur unn�tzer Ballast.</p><p>Die kleinere der Gestalten winkte ihm zu: �Hierher!�, drang die Stimme schwach aus der Ferne. Selbst auf die weite Distanz war die Ersch�pfung in ihr zu h�ren.</p><p>Galar sah den Schwertgurt, der quer �ber die Brust des Kobolds lief. Nur einer unter diesen verdammten Bastarden hatte seine Waffe auf diese Art getragen: Che! Warum, bei den Alben, musste es ausgerechnet dieser Drecksack sein, der ihm in diesem erfrorenen Land entgegenwankte. Che, der Schl�chter. Der Kobold, der mehr Zwergenblut vergossen hatte als je ein anderer aus seinem Volk. Dann sah Galar, wen der Kobold st�tzte: Es war Bailin, der sichtlich am Ende seiner Kr�fte war.</p><p>Atemlos erreichte Galar die beiden.</p><p>�Gut, dich zu sehen, Zwerg. Dein Freund ist wirklich verdammt schwer.�</p><p>Bailin presste einen Arm eng an den Bauch. Blut tr�ufelte vor ihm in den Schnee. Drei gro�e Tropfen. Zwischen den Schatten der halb verwehten Fu�spuren wurden sie zu einem Gesicht. Lippen und zwei blutrote Augen.</p><p>Galar riss sich vom Anblick los. Was ging in ihm vor? Machte ihn dieses Land der Geister langsam verr�ckt?</p><p>�Ihr m�sst mich zur�cklassen�, stie� Bailin hervor. �Ich schaffe es nicht. Wir werden alle sterben, wenn ihr versucht, mich zu retten.�</p><p>Che lachte. �Ganz sch�n anstrengend, dein Freund! Diesen Unsinn redet er schon die ganze Zeit. Aber ihr verdammten Zwerge seid nicht so leicht umzubringen. Ich wei�, wovon ich rede.�</p><p>Galar h�tte ihm den Hals umdrehen k�nnen.</p><p>�Los, pack ihn!�, kommandierte Che. �Zu zweit bringen wir ihn schon in diese Menschenstadt. Er hat mir das Leben gerettet, und seitdem jammert er mir vor, ich soll ihn einfach liegen lassen. Was denkt er nur von mir? Auch Kobolde haben Ehre im Leib.�</p><p>�Eisen-ge-sicht���, stammelte Bailin.</p><p>�Lass mich reden�, unterbrach ihn Che. �Du sparst dir besser deinen Atem, um am Leben zu bleiben. Ich hatte alle Armbrustbolzen verschossen und dachte, ich sollte die Trolle nicht alle Blutarbeit alleine machen lassen. Bin mit nach vorne gest�rmt. Dein Freund hat da auch gek�mpft. Die verdammten Menschenkinder waren flussabw�rts gelandet und wollten von der Flanke her unsere Schlachtreihe aufrollen. War keine gute Idee, sich ihnen in den Weg zu stellen. Hab gerade einem von ihnen die Sehnen im Kniegelenk durchgeschnitten, als Bailin mich gewarnt hat. Hinter mir stand ein Riesenkerl mit einem Helm, der sein Gesicht hinter einer Maske verbarg. Der sah aus wie eine Schildkr�te mit Gefieder. Und er hatte ein wirklich �bles Schwert in der Hand. Bailin hat mich zur Seite gesto�en. Und dann��� Der Kobold stockte. �Dann hat es ihn erwischt. Er hat sich einfach dazwischengeworfen. Er hat den Schwertsto�, der mich t�ten sollte��� Ihm versagte die Stimme.</p><p>�Hatte gedacht, dass keine Menschwaffe Silberstahl durchdringt���, keuchte Bailin. �War wohl ein Irrtum.�</p><p>�Heute sind uns eine Menge Irrt�mer aufgezeigt worden.� Galar sah, wie immer mehr Blut unter dem Arm seines Gef�hrten hervorquoll. Und er sah die lange Blutspur im Schnee. Der Hauptmann w�rde es nicht schaffen.</p><p>�Ja, viele Irrt�mer��� Bailin nickte schwach. �Deshalb musst du entkommen. Du musst��� Er rang um Atem. �Du musst sie alle warnen. Die Menschenkinder sind nicht so schwach, wie die Drachen erz�hlen. Und du musst��� Er blickte besorgt zu Che.</p><p>�Kannst du bitte ein paar Schritt weitergehen, Kobold?�</p><p>�Ich schlepp den Kerl hierher, statt mich zu retten, und nun bin ich �berfl�ssig?�, entgegnete Che fassungslos. �Das ist die Dankbarkeit der Zwerge!�</p><p>�Es ist der Wunsch eines Sterbenden. Z�hlt das in deinem Volk nichts? Er hat sich f�r dich geopfert.�</p><p>�Ich hatte ihn nicht darum gebeten.� Der Kobold zog eine Grimasse. �Gehe ich eben allein weiter. Ist mir egal, ob ihr zwei mich einholt.� Er stapfte ein paar Schritt davon und blieb dann gerade au�er H�rweite stehen.</p><p>Bailin packte Galar beim Arm. �Du darfst nicht���, setzte er an und begann zu husten. Dunkles Blut quoll �ber seine Lippen in den mit Raureif �berzogenen Bart. Die Augen des Hauptmanns weiteten sich, als versuchte er alles, was er noch sagen wollte, in einen letzten Blick zu legen.</p><p>�Versprich es���, hauchte er.</p><p>Galar ahnte, was Bailin wollte. Er wusste ja, warum der Hauptmann mit ihnen gegangen war. Und er verlangte das Einzige, was Galar um keinen Preis je versprechen w�rde.</p><p>Stur schwieg er so lange, bis Bailin seufzte. In das Blut auf seinen Lippen mischten sich Blasen. Seine Augen wirkten unendlich traurig. Er hatte verstanden, dass seine Mission vergebens gewesen war. Seine Hand glitt zu Boden. Sein Blick wurde tr�b.</p><p>�Seid ihr bald fertig?�, fragte Che nerv�s. �Da hinten kommt was. Etwas Gro�es. Und Trolle sind das nicht.�</p><p>Sofort dachte Galar an die gr�nh�utigen Kreaturen, die dem Wasser entstiegen waren. Er sah auf. Eine lange Kette dunkler Gestalten war am s�dlichen Horizont, dort wo der Fluss lag, zu sehen. Waren das Reiter?</p><p>Der Schmied beugte sich tief �ber Bailin und f�hlte den Puls am Hals des Zwergen. Er war fl�chtig, kaum noch zu sp�ren, aber noch war der Hauptmann nicht tot.</p><p>�Du willst, dass ich alles verrate, wof�r ich gek�mpft habe? Es ist mein Lebensziel, die Tyrannen vom Himmel st�rzen zu sehen. Die Toten der Tiefen Stadt erwarten von mir, dass ich sie r�che. Und wenn ich die Eherne Stadt opfern m�sste, um dies zu erreichen, dann w�rde ich das, ohne zu z�gern, tun. Und jetzt zeig mir, dass du ein K�mpfer bist. Verrecke nicht! K�mpfe um dein Leben! Wenn du nicht draufgehst, dann werde ich heute Nacht mit dir eine M�nze werfen. Und der Sieger entscheidet �ber die Zukunft.�</p><p>Ein schwacher Glanz erschien in Bailins Augen. Seine Lippen zitterten, als wollte er etwas sagen.</p><p>�Verschwende deine Kraft nicht f�r Worte. Dazu ist sp�ter noch Zeit. Jetzt hauen wir hier ab, und du machst dich so leicht wie m�glich, damit ich dich schleppen kann. Und lass dir was Besseres einfallen, als dein Blut �ber das Eis zu verspritzen, um leichter zu werden.�</p><p>Ein fl�chtiges L�cheln spielte um die Lippen des Hauptmanns.</p><p>Che kam zu ihm her�ber und sah auf Bailin hinab. �Ist es mit ihm vorbei?�</p><p>�Wir haben verabredet, dass er noch nicht stirbt.�</p><p>Che glotzte ihn an, als w�re er verr�ckt. Dann deutete er mit ausgestrecktem Arm zur Linie schwarzer Gestalten, die sich mit erschreckender Geschwindigkeit in ihre Richtung bewegte. Schon war ein Ger�usch wie fernes Donnergrollen zu h�ren. �Ich glaube, aus diesem Versprechen wird nichts, Zwerg. Die holen uns ein, lange bevor wir Wanu erreichen.�</p><p>Galar zog Bailin hoch und schlang sich dessen Arm um die Schulter. �Wir werden nicht stehen bleiben und auf sie warten. Ich wei� nicht, wie es bei euch Kobolden aussieht, aber Zwerge h�ren nicht auf zu k�mpfen, nur weil die Aussichten schlecht sind.�</p><p>Che lachte. �All unsere Feinde sind gr��er und st�rker als wir Eisb�rte. Das h�lt uns aber nicht davon ab, unsere Unterdr�cker umzubringen. Ich werde einfach weitermachen mit dem, was ich schon seit Jahren tue. Und jetzt legt mal einen Zahn zu, ihr fu�lahmen Tunnelkriecher. Ich decke derweil unseren R�ckzug.�</p></section><section><title><p>Mit Kobolden unter einer Decke</p></title><p>Nyr wollte den schneewei�en Umhang wegschieben, doch der Kobold an seiner Seite packte ihn mit erstaunlicher Kraft und zog ihn zur�ck. �So geht das nicht, Zwerg!�</p><p>Nyr sah die Reiter auf Galar und Bailin zupreschen. Der Hauptmann st�tzte sich auf den Schmied, und sie humpelten so schnell es ging. Glaubten sie denn wirklich, sie k�nnten entkommen? Che hatte einen Speer aufgehoben, der auf dem Eis gelegen hatte, und stellte sich der Reiterfront entgegen.</p><p>�Euer eigener Anf�hrer steht da. Er wird auch draufgehen. Ihr k�nnt doch nicht���</p><p>Der Kobold zu seiner Linken schnitt ihm mit einer wilden Geste das Wort ab.</p><p>Er und sechs weitere Kobolde, mit denen Nyr geflohen war, lagen in einer flachen Senke. �ber ihnen waren drei wei�e Umh�nge ausgebreitet. Einer, den sie mit H�lzchen ausgelost hatten, hatte die Umh�nge mit Schnee abgestreut.</p><p>�Wie k�nnt ihr nur���, setzte er noch einmal an.</p><p>�Che selbst hat uns angewiesen, uns so zu verhalten�, raunte nun ein anderer Kobold. Er lag rechts von ihm, und sein Atem stank nach fauligen Z�hnen. Fettige, schwarze Str�hnen hingen ihm in die Stirn. Nyr wusste nicht einmal, wie er hie�. Das wusste er von keinem der sieben, mit denen er hier Seite an Seite lag. �Was glaubst du, wie wir im Krieg um Ishaven deinesgleichen immer wieder entkommen sind. Wenn eine Schlacht aussichtslos ist, dann machen wir uns unsichtbar. Die Menschenkinder haben keine Hunde mitgebracht. Das ist unser Gl�ck. Sie k�nnen einen Schritt entfernt vorbeilaufen und werden uns nicht sehen.� Der Kobold zog den schmalen Spalt zu, durch den sie �ber den Rand der Senke gesehen hatten. �Unsere Atemwolken w�rden uns verraten. Du r�hrst dich nicht und du gibst keinen Ton von dir. Alles ganz einfach. Dann finden sie uns nicht.�</p><p>�Aber���</p><p>�Nein, kein Aber. Du hast uns erz�hlt, wie wichtig es ist, dass du �berlebst. Dass es da ein Geheimnis gibt, das nicht verloren gehen darf. Wir helfen dir. Aber noch wichtiger als dein Geheimnis ist uns unsere Haut. War das deutlich genug?�</p><p>Nyr nickte. Er konnte Galar nicht retten. Der gefrorene Boden, auf dem sie lagen, erbebte unter dem Trommeln Hunderter Pferdehufe. Eine ganze Armee w�re n�tig, um den Schmied jetzt noch zu besch�tzen. Tr�nen standen ihm in den Augen. Er hatte gesehen, wie Galar umgekehrt war, um Bailin zu helfen. Und er lie� die beiden nun im Stich!</p><p>Aber er musste �berleben. Sonst w�rde das Geheimnis der Drachent�terpfeile f�r immer verloren sein.</p></section><section><title><p>Umstellt</p></title><p>Subai riss sein Pferd am Z�gel herum, um den fliehenden, kleinen Wicht doch noch zu erwischen. Er schlug Haken wie ein Hase, aber das w�rde ihm nicht helfen.</p><p>Der Steppenreiter beugte sich im Sattel vor und hielt seinen Speer weit vorgestreckt. Er ahnte, was der Kleine vorhatte. Immer wieder blickte er �ber seine Schulter zur�ck. Was f�r eine h�ssliche Fratze! Das also waren die Daimonen aus der anderen Welt. Subai war zutiefst von ihnen entt�uscht. Der Kampf um die Br�cke war hart gewesen, und allen Ruhm hatten die anderen geerntet. Die Luwier hatten die grauen Riesen am Ende �berw�ltigt, die M�nner von den Schwimmenden Inseln das Ufer gest�rmt. Nur f�r die Ischkuzaia war kein Ruhm geblieben. Sie jagten nur noch diese fl�chtenden, gr�sslich entstellten Kinder. Mit ihren dunklen Gesichtern, den �berlangen, spitzen Nasen und dem Maul voller nadelspitzer Z�hne sahen sie allesamt aus wie Missgeburten.</p><p>Er hatte den Kerl, der vor ihm weglief, fast erreicht. Subai hielt den Speer ganz locker. Erst im letzten Augenblick vor dem Sto� w�rde er ihn fest packen. Solange er entspannt blieb, reagierte er schneller. Da! Er tat es! Genau wie er erwartet hatte. Der kleine Kerl warf sich in den Schnee und hoffte darauf, dass er ihn verfehlen w�rde.</p><p>Subai riss erneut an den Z�geln. Sein Hengst stieg und warf ihn fast aus dem Sattel. Senkrecht stie� der Steppenreiter seinen Speer hinab. Er sp�rte, wie das Stichblatt den zierlichen K�rper durchstie� und in den hart gefrorenen Boden drang. Die Arme und Beine des kleinen Kerlchens zuckten, und er gab japsende Laute von sich. Ein paar Augenblicke nur, dann lag er still inmitten der Blutlache, die sich dampfend in den Schnee fra�.</p><p>�Einen neuen Speer!�, rief Subai �rgerlich. Sie fegten die Reste zusammen. Eine ehrlose Aufgabe war das! Er hatte so sehr darauf gehofft, im Kampf gegen die Daimonenkinder unsterblichen Ruhm zu ernten und endlich die Anerkennung seines Vaters zu gewinnen. Aber das hier war ein Dreck! Eine Wolfsjagd in den Weiten der Steppe war gef�hrlicher.</p><p>Saumakos, der Befehlshaber seiner Leibwache, reichte ihm einen neuen Speer. Der Kerl sah genauso m�rrisch aus, wie er selbst sich f�hlte, dachte Subai. Saumakos hatte ein flaches Gesicht mit platter Nase. Man sah ihm an, dass seine Mutter eine Konkubine vom Seidenfluss gewesen sein musste. Er hatte sich als Schwertk�mpfer und Bogensch�tze hervorgetan. Vor allem aber hatte Subai den m�rrischen Kerl zum Befehlshaber seiner Leibwache ernannt, weil er nie zusammen mit Shaya gek�mpft hatte. Subai hasste es, M�nner um sich herum zu haben, die seine Schwester bewunderten. Der Steppenf�rst wandte sich auf dem Pferder�cken um und deutete nach Norden. �Da hinten sind noch drei Daimonen! Holen wir sie uns!�</p><p>Er preschte in wildem Galopp �ber die Ebene. Der verharschte Schnee splitterte unter den trommelnden Hufen, und Eis und Schnee spritzten um sie herum auf. Er sp�rte die Hitze des Hengstes zwischen seinen Schenkeln. Seine Lust zu laufen. Er war f�r den Kampf geboren.</p><p>�Herr! Dort hinten. Seht nur. N�rdlich!�</p><p>Ein wei�er Hengst lief mit ihnen um die Wette. Er war reiterlos. Ein pr�chtiges Tier, das geradezu �ber dem Schnee zu schweben schien. Bald hatte er sie �berholt. Wie ein Windsto� glitt er �ber die Ebene und lie� Schleier wirbelnden Schnees hinter sich zur�ck. War das der Wei�e Wolf? Der Gott, der �ber die Ischkuzaia wachte? Meist erschien er ihnen in Wolfsgestalt oder als ein stattlicher Krieger in schimmernder Wehr. So hatte Subai ihn schon gesehen.</p><p>Angeblich verwandelte er sich auch manchmal in einen wei�en Hengst. War er gekommen, um sich an der Hatz auf die Daimonen zu beteiligen? Damit w�rde diese Aufgabe geadelt. Der Hengst hielt genau auf die drei kleinen Gestalten zu. Obwohl das Tier zu weit entfernt war, um es ganz deutlich erkennen zu k�nnen, erschien Subai etwas seltsam an ihm. Er stie� seinem Schlachtross die Hacken in die Flanken und trieb es gnadenlos an. Bald lag er um mehrere Pferdel�ngen vor seinen Begleitern, doch mit dem wei�en Hengst konnte er nicht mithalten. Als jener die Daimonen erreichte, war Subai noch fast hundert Schritt entfernt.</p><p>Was war das? Der Hengst griff die Gesch�pfe der Anderswelt nicht an�� Er hielt und gestattete ihnen, auf seinen R�cken zu steigen!</p><p>�Fangt mir dieses Pferd. Ich��� Subai stockte der Atem. Erst jetzt sah er das Horn, das mitten aus der Stirn des Pferdes wuchs. L�nger als eine Schwertklinge war es und in sich gedreht.</p><p>Er wollte, er <emphasis>musste</emphasis> es haben! Wollte ihm seinen Willen aufzwingen und k�nftig auf diesem wundersamen Pferd zur Jagd und in die Schlacht reiten. Es w�rde seinem Namen den Glanz geben, den er als Sohn des Unsterblichen Madyas haben sollte. Dann w�rde niemand mehr von seiner Schwester Shaya sprechen, dieser verdammten Hure, die mit der H�lfte ihrer Leibwache das Bett geteilt hatte, bis der Unsterbliche Muwatta ein Auge auf sie geworfen hatte.</p><p>Bis heute hatte Subai nicht begriffen, was der Herrscher Luwiens an diesem Mannweib gefunden hatte. Aber in ihm hatte Shaya ihren Meister gefunden. Er grinste b�se. Sie hatte den Herrscher entt�uscht und ihm kein Kind geboren, und Muwatta hatte sie daf�r verbrennen lassen. Doch ihr Name war nicht zu Rauch geworden. Im Gegenteil! Mit ihrem Tod war sie zur Legende geworden, und immer phantastischer wurden die Geschichten, die �ber sie die Runde machten. Es hie�, sie sei auf dem R�cken des Wei�en Wolfes �ber den Himmel geritten und sie habe hier auf Nangog gemeinsam mit dem Unsterblichen Aaron Daimonen get�tet.</p><p>Subai schnaubte �rgerlich. Was war schon dabei, Daimonen zu morden? Er hatte an diesem Mittag ein halbes Dutzend von ihnen auf Speere gespie�t. Wie konnte man �ber den Kampf gegen sie nur Heldengeschichten erz�hlen? Gleich w�rde er noch drei umbringen.</p><p>Er lie� seinen Hengst vom Galopp in den Trab fallen. Das geh�rnte Pferd war nur noch drei�ig Schritt entfernt. Seine Krieger schlossen zu ihm auf.</p><p>�Ich will es lebend!�, rief er mit lauter Stimme. �Fangt es mit euren Lederschlingen. Es darf nicht verletzt werden!�</p><p>Seit er Kanita als Statthalter der Goldenen Stadt abgel�st hatte, hatte Subai viele Provinzen Nangogs bereist. Sein besonderes Interesse hatte dabei stets der Jagd und den Pferden gegolten. Die Messergras-Steppe brachte kr�ftige und ausdauernde L�ufer hervor, w�hrend die weiten Weiden am Quell des Sepano ber�hmt f�r anmutige, sch�n gewachsene Pferde waren. Ein geh�rntes Pferd jedoch hatte er auf all seinen Reisen nie zu sehen bekommen, ja, er hatte nicht einmal davon geh�rt. Wie mochte es hierhergekommen sein? Auf den weiten Eisebenen konnte es unm�glich �berleben. Wenn es nicht von Nangog stammte, kam es vielleicht aus der Welt der Daimonen?</p><p>Seine Reiter schw�rmten rechts und links von ihm aus und versuchten, das wei�e Pferd zu umzingeln. Einer der Daimonen hatte M�he damit, einen offensichtlich verwundeten Kameraden auf den R�cken des Tieres zu schieben. Der dritte Daimon stellte sich mit einem Speer sch�tzend vor die beiden.</p><p>Subai lie� seinen Speer locker um sein Handgelenk wirbeln. Noch ein Opfer! Er preschte dem kleinen Kerl entgegen, der tapfer seine Waffe vorstreckte, als hoffte er, einen Zweikampf vielleicht gewinnen zu k�nnen. Endlich mal einer, der nicht vor ihm davonlief. Das versprach interessant zu werden, dachte der Reiterf�rst am�siert. Nat�rlich hatte der Kleine nicht die geringste Hoffnung zu gewinnen.</p><p>Der Reiterf�rst hatte den Daimon nun fast erreicht. Er packte seinen Speer fester, als sich der Wicht zu Boden warf. Nat�rlich! Dass denen nichts Neues einfiel! Subais Speer stie� hinab, verfehlte den Daimon aber knapp, der sich zwischen die Hufe des Pferdes rollte. Die Speerspitze drang tief in den gefrorenen Boden. Bevor er sie zur�ckziehen konnte, wurde sie Subai aus der Hand gerissen, als sein Hengst pl�tzlich mit schrillem Wiehern auf die Hinterbeine stieg.</p><p>Subai hatte sein Schlachtross zusammenzucken gesp�rt, als der Speer des Daimons es in die ungesch�tzte Unterseite getroffen hatte. Jetzt zitterte es, stieg und schlug mit den Vorderhufen wild in die Luft, als st�nde ein unsichtbarer Feind vor ihm. Jeden Augenblick w�rde es st�rzen. Subai lie� sich �ber die Kruppe vom Pferder�cken gleiten und zog die Dornaxt aus seinem G�rtel.</p><p>Der kleine Daimon war inzwischen den stampfenden Pferdehufen entflohen. Seine wei�en Kleider waren �ber und �ber mit hellem Blut besprenkelt. B�se schwarze Augen sahen Subai herausfordernd an. Mit einem breiten L�cheln zeigte der kleine Daimon seine spitzen Z�hne.</p><p>�Du wirst dir w�nschen, dass du das nicht getan h�ttest�, zischte der Steppenprinz. �Du hast keine Ahnung, was man in meinem Volk mit Pferdem�rdern macht.�</p><p>Die anderen beiden Daimonen hatten es endlich auf den R�cken des geh�rnten Pferdes geschafft. Ihre k�mmerlichen Beinchen reichten kaum bis zur Mitte des Pferdeleibs hinab, und sie krallten sich in der M�hne des Tieres fest. Einer blutete das pr�chtige wei�e Fell voll.</p><p>Subais M�nner hatten einen weiten Kreis um den geh�rnten Hengst gebildet. Ihre Pferde t�nzelten und schnaubten nerv�s. Sie schienen sich vor dem Daimonenhengst zu f�rchten.</p><p>�Los, fangt ihn endlich ein!�</p><p>Erste Lederschlingen sirrten durch die Luft. Drei senkten sich �ber den Nacken des wei�en Hengstes. Eine vierte umschlang einen der beiden Reiter, der mit einem kurzen Ruck vom R�cken des Pferdes gezogen wurde und schwer auf das Eis schlug.</p><p>Sofort preschte der J�ger, der ihn gefangen hatte, los, um sein Opfer auf Schnee und Eis zu Tode zu schleifen.</p><p>Subai schlug eine Finte mit der spitzen Dornaxt, doch der kleine Daimon war klug. Seine Speerspitze zuckte zwar ein wenig zur Seite, aber nicht weit genug, um eine L�cke in seine Deckung zu rei�en. Aus den Augenwinkeln sah Subai sein Schlachtross st�rzen. Die L�ufe des Rappen zuckten im Schnee.</p><p>�Daf�r wirst du b��en, kleiner Mann�, zischte er und schlug weitere Finten. Der Daimon wich stetig vor ihm zur�ck. Subai �berlegte, ob er nicht einfach seinen Bogensch�tzen befehlen sollte, den Kerl niederzuschie�en. Doch das mochte so aussehen, als w�re er nicht in der Lage, diesen Winzling zu besiegen, und w�rde zu weiterem heimlichen Spott und gefl�sterten Vergleichen mit seiner toten Schwester f�hren.</p><p>Pl�tzlich hatte der Daimon f�r ihn das Gesicht seiner Schwester. Mit einem w�tenden Schrei sprang er vor und hieb mit der Dornaxt auf seinen Gegner ein. Ein wuchtiger Schlag fegte den Speer zur Seite und schleuderte den kleinen Kerl in den Schnee. Subai stellte einen Fu� auf den Speer, um die Waffe zu binden. Sofort lie� der Kleine los, rollte sich zur Seite, kam auf die Knie und zog das Schwert, das er auf seinen R�cken geg�rtet trug.</p><p>Wieder griff Subai an. �Stirb endlich!�, zischte er und versuchte, auch das Schwert mit einem wilden Hieb hinwegzufegen. Doch diesmal vollf�hrte der Daimon eine Drehung mit dem Handgelenk, kurz bevor sich die Waffen trafen, sodass Subais Schlag ins Leere ging. Der Kleine aber streckte sich und stie� das Schwert in Richtung seines Oberschenkels.</p><p>Mit einem Fluch machte der Reiterf�rst einen Satz zur�ck, rutschte aus und landete auf dem Hintern. Gl�hende Zornesr�te stieg ihm ins Gesicht. All seine M�nner hatten das gesehen! Heute Nacht, an den Lagerfeuern, w�rden sie wieder �ber ihn reden und ihn mit seiner verfluchten Schwester vergleichen!</p><p>Der Daimon war inzwischen wieder auf den Beinen. Mit einem wilden Schrei und vorgestrecktem Schwert rannte er auf Subai zu und versuchte, ihm die Klinge in die Kehle zu rammen.</p><p>Der F�rst warf sich zur Seite und hieb aus der Bewegung heraus nach den Beinen des Daimons. Sein Gegner fing den schwachen Angriff mit der Klinge seines Schwertes ab. Selbst dieser halbherzige Hieb brachte den kleinen Daimon zum Taumeln.</p><p>Der Steppenreiter sprang auf und zog mit der Linken die Peitsche, die er am G�rtel trug. Die lange, gedrehte Lederschnur schnalzte dem Daimon ins Gesicht und verpasste ihm einen blutigen Striemen quer �ber Nase und Wange.</p><p>Der Kleine sah ihn hasserf�llt an. Offensichtlich hatte er begriffen, dass das Ende nah war. Er wich weiter zur�ck, und Subai erlaubte sich einen kurzen Blick zum wei�en Hengst. Weitere Lederschlingen waren �ber seinen Hals geglitten. Das pr�chtige Pferd w�rde ihm geh�ren, ebenso wie der Kopf des widerborstigen, kleinen Daimons.</p><p>In diesem Moment stieg das geh�rnte Pferd und warf kraftvoll den Kopf in den Nacken. Die Lederlassos strafften sich. Zwei seiner M�nner wurden vom Ruck aus den S�tteln gerissen. Das Pferd warf sich wild hin und her, keilte aus, und ein Seil nach dem anderen zerriss. Das war unm�glich! Fassungslos sah Subai zu. Sobald das Horn des Pferdes eines der ledernen Seile ber�hrte, flammte es auf und zerfiel zu Asche.</p><p>Einer seiner M�nner sprang vom Pferd und st�rmte todesmutig dem Hengst entgegen. Subai ahnte, was er tun wollte. Wenn ein Mann einem Pferd im richtigen Augenblick in die M�hne griff und entschlossen genug daran zerrte, konnte er es zu Boden rei�en. Weitere Krieger glitten aus den S�tteln und versuchten, dem ersten zu helfen, als der wei�e Hengst sich drehte und einem der Angreifer sein Horn in die Brust stie�. Der Mann sackte augenblicklich in sich zusammen. Dunkler Rauch quoll ihm aus Mund und Nase.</p><p>Ein zweiter Krieger wurde von einem Huftritt getroffen und etliche Schritt weit �ber das Eis geschleudert. Als das Pferd um seine eigene Achse t�nzelte, wichen alle vor ihm zur�ck. Dann sah es Subai an, und die dunklen Augen schienen direkt auf den Grund seiner Seele zu blicken. Es wusste, dass er der Anf�hrer war, und nun kam es auf ihn zu.</p><p>Subai wollte seinen M�nnern befehlen, das daimonische Pferd zu erschie�en, doch er brachte kein Wort �ber die Lippen. Er vermochte nicht einmal seine Dornaxt zu heben, um sich zu verteidigen.</p><p>Auch der kleine Daimon schien sich vor dem Pferd zu f�rchten. Statt erneut anzugreifen, wich er aus, bis der b�rtige Kerl auf dem R�cken des Tiers ihm etwas zurief.</p><p>Der Hengst hielt kaum drei Schritt vor Subai und senkte drohend sein Horn, w�hrend der Reiter seinen Gef�hrten auf den Pferder�cken zog.</p><p>Subai war wie versteinert. Jeden Augenblick rechnete er damit, dass die Bestie ihm ihr Horn in die Brust sto�en w�rde. Doch das Pferd warf sich pl�tzlich herum und preschte davon. Es folgte der blutigen Schleifspur im Schnee, die von dem gemarterten dritten Daimon geblieben war.</p></section><section><title><p>Wir sind hier noch nicht fertig</p></title><p>Ersch�ttert kniete Galar neben der Leiche seines Gef�hrten. Bailins Gesicht war nur noch eine unf�rmige Masse von zerschundenem Fleisch.</p><p>�Komm!�, dr�ngte Che. �Ich kann sie sehen. Sie folgen uns, und wenn sie uns erreichen, werden sie uns mit Pfeilen �bersch�tten. Wenn sie ein bisschen Verstand haben, werden sie nicht noch mal versuchen, diesen wunderlichen H�rnergaul zu fangen.�</p><p>�Das ist ein Einhorn�, murmelte Galar, nahm seinen Schal ab und wickelte ihn Bailin um den Kopf. Er konnte es nicht ertragen, dem Toten ins Gesicht zu sehen. Sein Bart war fortgerissen, ebenso die Nase. Ein Auge fehlte. �Das hast du nicht verdient.�</p><p>�Ich glaub nicht, dass das hier ein richtiges Einhorn ist.� Che war nicht vom R�cken des Hengstes gestiegen. Er klammerte sich immer noch an der M�hne fest. �Einh�rner sind edle, friedliebende Gesch�pfe. Ich kenne alle Geschichten �ber Einh�rner. Niemals h�tte uns ein Einhorn gerettet und einen dieser Menschens�hne aufgespie�t. Die schnuppern an Blumen, stolzieren in den Sonnenuntergang und h�ten verwunschene W�lder. Ich bin froh, dass unser Horngaul anders ist. Sonst w�ren wir beide tot.�</p><p>�Du kennst vielleicht die falschen Geschichten.� Galar setzte den Toten auf und wuchtete sich Bailin dann �ber die Schulter.</p><p>�Heh, was wird das?�</p><p>�Wir lassen ihn nat�rlich nicht zur�ck�, sagte Galar entschieden. �Er soll eine ordentliche Feuerbestattung bekommen. Los, hilf mir, ihn auf den R�cken des Einhorns zu setzen.�</p><p>�Einh�rner tragen ganz gewiss keine Leichen spazieren�, beharrte Che, packte Bailin aber unter den Achseln und m�hte sich nach Kr�ften, ihn zu sich heraufzuziehen. Dann reichte er Galar die Hand und half auch ihm hoch.</p><p>Der Zwerg sah zu den Menschenkindern. Die Reiter hatten sie eingekreist.</p><p>�Kannst du uns zu der Stadt bringen?�, fragte er das Einhorn. Er hatte keine Ahnung, wie man ein Pferd ohne Zaumzeug dazu brachte, sich in die gew�nschte Richtung zu bewegen. Galar hielt Bailin im Arm und klammerte sich mit der Linken in der M�hne des Einhorns fest. Che sa� hinter ihm und umschlang Galar nun mit beiden Armen.</p><p>�Lass das!�, zischte der Zwerg gereizt. �Wir sind kein Liebespaar. Halt dich an meinem G�rtel fest!�</p><p>Che grummelte etwas in seinen Schal, f�gte sich aber.</p><p>Verstand ein Einhorn es, wenn man mit ihm sprach, fragte sich Galar. Und wusste es �berhaupt, was eine Stadt war? �Kannst du uns zu den St�llen der Menschenkinder bringen?�, wiederholte er langsam und �berdeutlich.</p><p>Der Hengst schnaubte und stampfte unruhig mit einem der Vorderhufe auf den gefrorenen Boden.</p><p>Galar versuchte es damit, an die Stadt zu denken. Vielleicht konnte ein Einhorn ja Gedanken lesen? Gleichzeitig strich er vorsichtig mit der Hand �ber den Hals des Hengstes. �Bitte bring uns zu unseren Freunden.�</p><p>Noch einmal stampfte das Einhorn mit dem Vorderhuf, dann setzte es sich langsam in Bewegung. Es schritt den Menschenkindern entgegen, die keine dreihundert Schritt mehr entfernt waren.</p><p>Dachte der Hengst, diese Reiterschar w�ren ihre Freunde?</p><p>Das Einhorn beschleunigte und ging vom Schritt in einen leichten Trab �ber.</p><p>Galar klammerte sich vorsichtshalber wieder an der M�hne fest.</p><p>Die Menschen waren nur noch gut hundert Schritt entfernt. Deutlich sah Galar, wie die reitenden Bogensch�tzen nach ihren K�chern griffen.</p><p>Der Zwerg beugte sich dicht �ber den Hals des Hengstes, der immer schneller wurde. Das Trommeln seiner Hufe auf dem gefrorenen Grund dr�hnte ihm in den Ohren. �Du darfst ihnen nicht n�her kommen. Die werden uns t�ten.�</p><p>Das Einhorn h�rte nicht auf ihn, sondern legte noch einmal an Tempo zu. In gestrecktem Galopp preschte es ihren Feinden entgegen.</p><p>Galar wurde auf dem R�cken durchgeschaukelt, dass ihm angst und bange wurde. Che hatte einen seltsamen Singsang angestimmt. Ein Totenlied?</p><p>Der Zwerg hielt Bailin fest an sich gedr�ckt. Sein toter Kamerad w�rde ihm ein Schutzschild gegen die Pfeile, die von vorne kamen, sein. Doch was half das schon, wenn das Einhorn getroffen wurde und strauchelte? Der Hengst hatte offenbar keine Ahnung, welch t�dlicher Gefahr sie entgegenst�rmten.</p><p>Pfeile pfiffen durch die Luft. Einer schlug Bailin in die Brust. Ein anderer verfing sich in der M�hne des Einhorns und riss eine Str�hne Haare mit sich fort. Dann waren sie mitten unter den Menschenkindern. Ihre Pferde stoben in blinder Panik auseinander.</p><p>Galar presste sein Gesicht in die M�hne des Einhorns und hielt Bailin noch fester an sich gedr�ckt. Er konnte nichts anderes tun. Er war kein Reiterk�mpfer, er schaffte es ja kaum, sich auf dem breiten R�cken des Einhorns zu halten.</p><p>Schreie erklangen rings um ihn herum. Stimmen voller Furcht und Zorn. Und dann waren sie durch die Linie der Reiter durchgebrochen. Einige schossen ihnen noch ihre Pfeile nach, doch das Einhorn lief schneller und schneller, bis es Galar schlie�lich vorkam, als ber�hrten dessen Hufe kaum noch den Boden und es fl�ge wie der Nordwind �ber die Ebene.</p><p>Schon erschienen die beiden m�chtigen T�rme, die auf dem gro�en Platz von Wanu aufragten. Dann sah Galar die ersten der armseligen H�user. Sie preschten an einer Gruppe verwundeter, abgek�mpfter Trolle vorbei. Drei oder vier Zwerge begleiteten sie und kein einziger Kobold.</p><p>Das Einhorn wurde langsamer. Sein Hufschlag hallte in den engen, verlassenen Gassen wider, bis sie den Platz im Zentrum der Stadt erreichten. Den Platz, den ein riesiger, roter Kadaver ausf�llte.</p><p>Der Schmied brauchte einen Moment, bis er begriff, was er dort sah: ein Drache, gr��er noch als das wei�e Ungeheuer, das er vor langer Zeit mit Nyr get�tet hatte.</p><p>�Hier sind wir nicht sicher�, keuchte Che. �Die Menscheng�tter m�ssen hier sein. Wer sonst h�tte einen Sonnendrachen t�ten k�nnen?�</p><p>Galar schwieg. Er glitt vom R�cken des Einhorns hinab. Che hielt Bailin und lie� den Toten dann in Galars Arme sinken. Der Zwerg bettete seinen Kameraden mit dem verh�llten Gesicht sanft auf den Boden. Che landete mit einem k�hnen Sprung neben ihm.</p><p>�Hab ein wenig Geduld mit mir, Bailin. Ich muss einer Sache nachgehen, ich komme bald zur�ck�, fl�sterte Galar.</p><p>Das Einhorn schnaubte, legte seinen Kopf schief und sah ihn fragend mit seinen gro�en, schwarzen Augen an.</p><p>�Ich kann hier noch nicht fort. Ich schulde es meinem Volk, hierzubleiben und diese Sache zu verschleiern.� Er seufzte und betrachtete verzweifelt den riesigen Drachen. �Obwohl ich f�rchte, dass sich da nicht viel verschleiern l�sst. Und dennoch muss ich bleiben. Ich muss Glamir finden und erfahren, was geschehen ist.� Er streckte sich und t�tschelte �ber den Hals des Einhorns. �Danke, dass du nicht so unschuldig bist wie in den M�rchen, die man �ber dich erz�hlt. Mach dich davon. Die Menschenkinder werden bald hier sein. Und sie zerst�ren alles, was sch�n ist auf der Welt.�</p><p>Das Einhorn sch�ttelte den Kopf, als wollte es ihm widersprechen. Dann warf es sich herum und preschte davon. Galar lauschte auf den Hufschlag in den Gassen, bis er in der Ferne verklungen war. Rotes Abendlicht streckte seine gl�henden Finger zwischen den beiden T�rmen hindurch, die den weiten Platz beherrschten.</p><p>�Wenn der wieder aufsteht, sind wir alle tot. Warum sind wir nicht auf den R�cken des Einhorns gestiegen und haben uns verpisst? Hier k�nnen wir ohnehin nichts ausrichten�, zeterte Che.</p><p>�Lauf dem Einhorn nach oder hilf mir, daf�r zu sorgen, dass dieses Mistvieh nicht mehr aufsteht.�</p><p>�Du siehst auf alle Kobolde herab, nicht wahr. H�ltst uns f�r Feiglinge. Du wei�t nicht, wie es ist, wenn einen fast alle V�lker als die geborenen Diener betrachten.�</p><p>�Einen Diener wie dich wollte ich im Leben nicht�, schnarrte Galar ihn an. �Und jetzt mach dich n�tzlich. Such mit mir nach der Wunde, die den Drachen umgebracht hat. Klettere auf ihm herum.�</p><p>�Und wenn er aufwacht?�</p><p>�Dann wirst du an einem Tag auf einem Einhorn und einem Drachen geritten sein. Du wirst eine Legende unter den Deinen werden�, entgegnete der Schmied zynisch. �Und jetzt hilf mir!�</p><p>Che lachte. �Du untergr�bst meine sch�nsten Vorurteile �ber Zwerge. Ich fand immer, dass ihr genauso viel Humor habt wie die Felsen, in die ihr euch hineingrabt.�</p><p>�Absolut wahr!� Galar umrundete den Drachen. Er sah keine Wunde. Nichts, was�� Glamir! Der Rumpf des Schmiedes lehnte an einer blutbespritzten Wand. �Glamir!� Galar sah die Armbrust in der Hand des Toten, die verstreuten Bolzen, die neben ihm auf dem Boden lagen. Ailyn w�rde sofort ahnen, was geschehen war, wenn sie das hier sah. Falls sie noch lebte�� Selbst Che w�rde begreifen�� Galar fluchte. Das war zu fr�h! Die Himmelsschlangen durften nicht argw�hnisch werden.</p><p>Der Zwerg eilte �ber den Platz hinweg zu dem Toten. �Du verdammter, alter Narr. Was hast du nur getan?� In fliegender Hast sammelte er die verstreuten Armbrustbolzen ein, schob sie in den ledernen K�cher und nahm ihn an sich. Dann l�ste er die Waffe mit dem seltsamen Schulterst�ck vom verst�mmelten Arm des Toten. Glamirs Finger waren am Abzug der Waffe festgefroren. Als Galar die Hand endlich losbekam, fehlte ein daumennagelgro�er Fetzen Haut am Abzugsfinger. Er dr�ckte dem Toten seine Axt in die Hand. Die anderen sollten ihn nicht ohne Waffe finden. Das w�rde nur weitere Fragen aufwerfen.</p><p>Galar ging in die Hocke und versuchte sich vorzustellen, welche Flugbahn der Armbrustbolzen genommen haben mochte. Und da sah er es. Ein kleines Rinnsal gefrorenen Blutes am Hinterkopf des Sonnendrachen. Das Eintrittsloch im Drachensch�del war so winzig, dass er es nur sah, weil er wusste, dass es dort sein musste.</p><p>�Guter Schuss.� Galar blickte in das fahle, blutleere Gesicht seines Freundes. �Damit hast du uns zumindest eine Sorge erspart.�</p><p>�Ich find nichts!� Che stieg �ber den Drachenschwanz hinweg und stutzte. �Hier ist alles voller Blut. Die ganze Schwanzspitze. Der hat���</p><p>Galar wich zur Seite, sodass der Kobold den toten Schmied sehen konnte. �Er hat meinen Freund ermordet. Ihm sein zweites Bein genommen und ihn verbluten lassen. Was immer dieser Bestie widerfahren ist, ich w�rde ihrem M�rder gerne ein Fass vom besten Pilz der Tiefen Stadt spendieren.�</p><p>�Wenn der wieder aufsteht��� Che erschauderte sichtlich. �Den h�lt niemand mehr auf. Der���</p><p>�Boah!� Zwei Trolle waren auf den Platz getreten und in fassungslosem Staunen, unterbrochen von unartikulierten Lauten, verharrt. Weitere Trolle folgten und dann auch die kleine Schar der Zwerge, die Galar kurz vor der Stadt gesehen hatte. Kein einziger Kobold zeigte sich, doch Che wirkte nicht beunruhigt.</p><p>�Die Reiter umstellen die Stadt!�, erklang eine wohlvertraute Stimme vom n�rdlichen der beiden T�rme. Ailyn! Sie hatte �berlebt. Wie war das m�glich? Sie war von Feinden umringt gewesen. Nicht ein einziger Tropfen Blut zeigte sich auf ihrem schneewei�en Kleid. Nicht einmal ihre streng nach hinten und zu einem Pferdeschwanz gebundenen Haare waren durcheinandergeraten. Sie hatte die ersten Stufen der Wendeltreppe an der Au�enwand des Turms erklommen, sodass alle sie gut sehen konnten. Den toten Drachen w�rdigte sie keines Blickes. �Wir brauchen einen Unterschlupf, der gut zu verteidigen ist. Einen Keller wie den, in dem die Menschenkinder Zuflucht gesucht haben. Ich habe so einen gesehen, als wir zum ersten Mal hier waren. Es gibt dort auch Vorr�te. Folgt mir! Hier in den Stra�en werden uns die Reiter niedermachen. Aber zu dem Gew�lbe gibt es nur einen Zugang. Und sie m�ssen an mir vorbei, wenn sie euch an die Kehlen wollen. Heute haben wir viele gute M�nner verloren, nun ist es an den verdammten Menschenkindern, zu bluten.�</p><p>�Wer hat den Drachen get�tet?�, rief Galar. Er hielt es f�r eine gute Idee. Sollte Ailyn eine Ausrede erfinden. Ihr w�rden die anderen alles glauben.</p><p>Die Elfe sah ihn an, als w�re er ein l�stiges Insekt. �Liegt das nicht auf der Hand, Galar?�</p><p>Der Schmied schluckte. Wie meinte sie das?</p><p>�Wer au�er den Devanthar k�nnte einen Sonnendrachen t�ten?�</p><p>Nach wie vor sah sie nur ihn an. Und Galar wusste, dass sie nicht glaubte, was sie sagte.</p></section><section><title><p>Drachent�ter</p></title><p>Vorsichtig streckte Subai die Hand nach dem Ungeheuer aus, das fast den ganzen Marktplatz ausf�llte. Nie zuvor hatte er eine solche Kreatur gesehen. Etliche Wolkensammler waren deutlich gr��er als dieses Gesch�pf, aber auch wenn es ohne Zweifel tot war, ging immer noch etwas Bedrohliches von ihm aus. War das eine der Himmelsschlangen? Sie waren die Daimonenf�rsten. M�chtige, gefl�gelte Schlangen. Ungeheuer, wie einem Albtraum entsprungen.</p><p>Ein Reiter mit einer Fackel in der Hand preschte auf den Platz. �Herr, ich habe die Fl�chtlinge aufgesp�rt. Sie sind in einem Keller, nicht weit von hier.�</p><p>Subai hob die Hand und gebot dem Reiter zu schweigen. An die hundert Krieger dr�ngten sich auf dem Platz. Einige hatten Schuppen des Ungeheuers abgetrennt. Ohne Zweifel w�rden sie machtvolle Talismane sein.</p><p>Dieses Ungeheuer war ein Geschenk der G�tter. Wenn er jetzt klug handelte, dann erlangte er endlich den Ruhm, nach dem er sich schon sein ganzes Leben lang sehnte.</p><p>�Bogensch�tzen!�, rief er mit einer Stimme, die das Donnern Hunderter Hufe �bert�nen konnte. �Legt Pfeile auf!�</p><p>Die M�nner sahen einander verwundert an, aber keiner wagte etwas zu sagen. Sie f�rchteten ihn und seine Launen.</p><p>�Erschie�t diese Himmelsschlange!�, rief er scharf.</p><p>Die M�nner in seiner N�he sahen ihn an, als w�re er verr�ckt geworden.</p><p>�Wollt ihr als Drachent�ter gefeiert werden oder nicht? Seht ihn euch an, wie er dort liegt, ohne eine sichtbare Wunde. Sein Tod ist ein Geheimnis. Vielleicht ist es ein Geschenk der G�tter an uns. Wenn Hunderte Pfeile in seinem Leib stecken, wer sollte uns den Ruhm absprechen, dieses gefl�gelte Ungeheuer erlegt zu haben? Folgt mir, M�nner! Beschreiten wir gemeinsam den Pfad zu unsterblichem Ruhm.� Er ging zu dem Pferd, das er einem seiner Hauptleute abgenommen hatte, nahm den Bogen vom Sattel und zog einen Pfeil aus dem K�cher, der vom Sattelhorn hing.</p><p>�Tut es mir gleich, M�nner!� Mit diesen Worten legte er einen Pfeil auf die Sehne und schoss auf den toten Drachen.</p><p>Die Krieger gehorchten ihm nicht. Es schien ihm sogar, als s�hen ihn manche voller Abscheu an. Unbeirrt griff er erneut zum K�cher und zog den n�chsten Pfeil. �Ihr kennt meinen Vater! Wir haben nicht alle Daimonen niederreiten k�nnen, wie er es uns befohlen hatte. Einige sind hierher entkommen, und wir werden diesen verfluchten Keller nicht st�rmen k�nnen, wenn einer der grauen Riesen den Eingang bewacht. Jedenfalls nicht, bevor die Heere der verb�ndeten Unsterblichen eintreffen. Wir hatten die geringste von allen Aufgaben. Wir mussten nur geschlagene Fl�chtlinge verfolgen und stellen. Was glaubt ihr, was mein Vater mit uns allen tun wird, wenn er erf�hrt, dass wir versagt haben? Wie wird er es aufnehmen, wenn er in Anwesenheit aller Unsterblichen sein Gesicht verliert, weil <emphasis>seine</emphasis> Krieger versagt haben? Ihr alle wisst, dass er nicht f�r seinen Langmut bekannt ist. Wir m�ssen dieses Ungeheuer t�ten! Jeder muss erkennen k�nnen, dass Pfeile der tapferen Ischkuzaia es niedergestreckt haben. Nur eine Heldentat von den Ausma�en dieses Drachen vermag unsere Leben zu retten.�</p><p>Er hakte den Pfeil in die Sehne ein und schoss erneut. Obwohl er kaum zehn Schritt vom Drachen entfernt stand und die Bogensehne bis hinter sein Ohr zur�ckzog, drang das Geschoss nur knapp drei Fingerbreit in den Leib des Drachen ein.</p><p>Die ersten seiner Krieger folgten seinem Beispiel, als der Befehlshaber seiner Leibwache an seine Seite trat.</p><p>�Herr.� Saumakos� Gesicht war ohne Regung. Eine Maske mit flacher Nase, wulstigen Lippen und schlauen Augen. �Es gibt �berlebende Zapote in einem Keller am Platz. Alle Bewohner der Stadt scheinen sich dorthin gefl�chtet zu haben. Die Daimonen haben sie verschont.�</p><p>�Nahe am Platz? Du meinst diesen Platz hier?�</p><p>�So ist es, Herr.�</p><p>Subai griff sich mit der Hand an die Stirn. Die G�tter hassten ihn, dachte er verzweifelt. �Nimm dir ein paar M�nner und t�te sie! Kein Zapote, der gesehen haben k�nnte, was wirklich mit dem Drachen geschah, darf �berleben.�</p><p>�Aber Herr, dieser Feldzug wurde unternommen, um Wanu zu befreien und die Einwohner der Stadt zu retten.�</p><p>�Was kann ich daf�r, wenn die Daimonen alle Gesetze des Krieges missachten und selbst Gefangene ermorden�, sagte Subai laut und hob die H�nde in resignierender Geste. �Was sollte man von Daimonen auch anderes erwarten?� Leise f�gte er hinzu. �Nimm nur wenige M�nner, denen du ganz und gar vertraust. Und sprich niemals �ber das, was ihr getan habt. Nun geh! Ich habe einen Drachen zu t�ten.�</p><p>Saumakos rief einige Krieger zu sich und verschwand. Alle �brigen schossen indessen auf den Drachen. Auch jene Steppenreiter, die neu auf den Platz im Schatten der Ankert�rme kamen, schlossen sich unaufgefordert den Bogensch�tzen an. Doch waren keine Jubelrufe zu h�ren, wie sie sonst erfolgreiche K�mpfe begleiteten. Auf dem Platz herrschte eine unheimliche Stille, die nur vom dumpfen Einschlag der Pfeile im geschuppten Leib gest�rt wurde.</p><p>Endlich riss Subai seinen Bogen hoch. �Das gen�gt!�, befahl er. Unz�hlige Pfeile steckten inzwischen im Leib des Drachen. �Benetzt die Pfeilwunden mit Blut, schneidet euch in den Arm, an unauff�lliger Stelle, und tropft das Blut auf den Drachen. Wenn es kein Blut gibt, dann wird auch der Einf�ltigste begreifen, dass wir die Pfeile abgeschossen haben, nachdem er schon tot war. Los, los! Beeilt euch. Wir haben nicht mehr viel Zeit.�</p><p>Subai trat vor den gesch�ndeten Kadaver und rollte den �rmel seiner Pelzjacke zur�ck. Dann zog er ein Messer aus seinem G�rtel und schnitt sich in den Arm. Er streckte den Arm weit vor, sodass alle sehen konnten, wie sein dunkles Blut auf einige der Pfeile und die roten Drachenschuppen tropfte. �Von nun an sind wir die Bruderschaft des Drachen. Wir teilen einen Sieg, wie ihn noch kein Krieger Daias je errungen hat. Und wir teilen ein Geheimnis. Hier und jetzt schw�re ich beim Wei�en Wolf, dem Gebieter der Steppe, bei Russa, dem Blitzschleuderer, und der Sturmruferin mit dem Schlangenhaar, dass ich Ruhm und Reichtum mit jedem in der Bruderschaft teilen werde, ebenso, wie ich meinen Dolch in das Herz eines jeden Verr�ters tauchen werde. Und nun tut es mir gleich! Besiegeln wir mit unserem Blut den Pakt, den wir geschlossen haben, Br�der!�</p><p>Diesmal z�gerten sie nicht, seinem Befehl zu folgen. Zu Dutzenden gingen sie zum Drachen und stiegen �ber seine Beine zum R�cken hinauf, um ihr Blut zu vergie�en. Es wurde eine regelrechte Orgie des Blutes. Bald troff es �berall am Leib des Ungeheuers hinab, rann in seine weit offenen Augen und seine Lefzen hinab, perlte von den Schuppen auf R�cken und Flanken und sammelte sich zuletzt unter seinem Leib auf dem gestampften Boden des Marktplatzes.</p><p>Zufrieden folgte Subai dem Spektakel, bis Saumakos zur�ckkehrte. Sein Hauptmann hielt ein blutiges Schwert in H�nden. �Es gibt keine Zeugen mehr�, sagte er mit belegter Stimme.</p><p>Dem Prinzen gefiel der Gesichtsausdruck des Kriegers nicht. Saumakos verurteilte ihn, auch wenn er klug genug war, kein Wort zu sagen. F�r wen hielt sich der Kerl! Er entstammte zwar einer Sippe, die seit Jahrhunderten in der Gunst des Unsterblichen Madyas stand, aber er war nur ein Halbblut. Ein Bastard, zwischen den glatten Schenkeln einer Hure vom Seidenfluss hervorgekrochen. Er w�rde niemals ein F�rst sein. Daf�r h�tte es reinen Blutes bedurft. Saumakos wusste das. Die Leibwache eines der S�hne des Madyas zu befehligen war schon mehr Ehre, als er hatte erwarten d�rfen. Weiter w�rde er nie kommen. Niemals w�rde er ein gro�es Reiterheer befehligen oder in den Kreis der Vertrauten des Unsterblichen aufsteigen. Mit der Zeit w�rde er missg�nstig und verbittert werden�� Es w�re kl�ger, es nicht so weit kommen zu lassen.</p><p>Subai trat an die Seite seines Hauptmanns und legte ihm die Hand auf die Schulter. �Ich bin dir zutiefst dankbar. Manchmal verlangt das Leben uns Taten ab, die unser Herz besch�men. Einen wahren Mann aber erkennt man daran, dass er dennoch ohne zu z�gern tut, was getan werden muss. Nun habe ich eine ehrenvollere Aufgabe f�r dich, mein Freund. Die letzten Daimonen, die uns auf dem Eisfeld entkommen sind, haben sich in einen Keller zur�ckgezogen. Nimm dir die besten Krieger und st�rme ihren Unterschlupf! Ich m�chte, dass es in dieser Stadt keinen Feind mehr gibt, wenn die Unsterblichen eintreffen.�</p><p>Saumakos nickte knapp. Mehr stand ihm nicht zu, auch wenn er genau wusste, was der Befehl, den er erhalten hatte, f�r ihn bedeutete. �Dein Wille wird geschehen, Herr!�</p><p>Subai beobachtete, wie das Halbblut Krieger aussuchte, die ihn begleiten sollten, und bald erkannte der F�rst, auf welch subtile Art sich Saumakos r�chte. Er nahm nur die besten M�nner mit sich. Alles, was Subai noch bleiben w�rde, waren die Jasager und Dummk�pfe.</p><p>�Lasst uns ein Fest feiern, M�nner!�, rief er eher aus Frustration als aus wirklicher Festlaune. �Brecht unsere Jagdbeute auf! Schneidet ihm das Fleisch von den Rippen und bratet es auf Spie�en. Heute Nacht wollen wir alle vom Drachen essen, auf dass sein Mut einen Weg in unsere Herzen findet. Lasst uns ein Festmahl abhalten, wie es nicht einmal die Unsterblichen je hatten. Nie zuvor hat ein Mensch Drachenfleisch gekostet. Lasst uns die Ersten sein. Was w�re ein passenderes Bankett zur Gr�ndung der Bruderschaft der Drachen, als von einem solchen zu speisen.�</p></section><section><title><p>Sieben</p></title><p>Brennende B�ndel aus Lumpen rollten die Treppe zum Keller hinab und f�llten die Luft mit bei�endem Rauch.</p><p>�Zu mir!�, rief Galar aus Leibeskr�ften. Er hatte die Decke von seinen Schultern gerissen und versuchte, die Flammen zu ersticken, als schon wieder weitere B�ndel die Treppe hinabgepurzelt kamen.</p><p>�Groz! Beweg deinen gro�en Arsch hierher!�, schrie Che hustend.</p><p>Ailyn brannten die Augen. Das Kellergew�lbe, in dem sie Zuflucht gefunden hatten, war bei Weitem nicht so gro� wie jenes, in dem sie die Menschenkinder gefangen gesetzt hatten. Schnell f�llte es sich mit dem Rauch. Ein traniger Geschmack lag auf ihrer Zunge. Wahrscheinlich waren die Lumpenb�ndel in Fisch�l getr�nkt worden, damit sich mehr Rauch entwickelte.</p><p>Che kn�pfte seinen Hosenlatz auf. �Los, Groz, mach mir nach, was ich jetzt tue. Wir pissen diese verdammten Br�nde aus und���</p><p>Mit Schrecken sah Ailyn, wie der Troll seinen Lendenschurz hob. Der Gestank, der sich hier verbreiten w�rde, wenn er den Befehl des Kobolds umsetzte, w�rde den des brennenden Trans sicherlich noch �bertreffen.</p><p>�Nein!�, befahl die Elfe scharf. �Ich k�mmere mich darum.� Sie schloss die Augen und �ffnete ihren Blick f�r die magische Welt. Zu oft hatte sie in den letzten Tagen Zauber gewoben. Sie wusste, was geschah, wenn sie zu oft nach jener Macht griff, die alle drei Welten zusammenhielt. Immer wieder Magie zu wirken zehrte von der Lebenskraft. Sie ignorierte dieses Wissen, griff im Geiste nach den Kraftlinien und zischte eines jener uralten Worte der Macht, die, auf die rechte Art gesprochen, Gedanken Wirklichkeit werden lie�en.</p><p>Ein stechender Schmerz griff vom Nacken in ihren Kopf hinein. Knisternde Spannung lag in dem Kellerloch, das ihre Zuflucht war. Ein Luftzug spielte mit dem Saum ihres Gewandes, frischte auf und wurde zur B�, die allen Rauch aus dem Keller trieb. Zur�ck blieb der feuchtwarme Odem einer Sommergewitternacht. Sie konnten wieder frei atmen. Ailyn �ffnete ihre Augen. Die Lider waren schwer wie Blei. Sie k�nnte das nicht noch einmal tun. Allzu gut erinnerte sie sich an die Ermahnungen des Schwebenden Meisters, der sie vor einer Ewigkeit in die Kunst des Zauberwebens eingef�hrt hatte. Wer sich der Magie �ber die Ma�en bediente, den brannte sie aus. Und das war ganz w�rtlich zu nehmen! Das war der Fluch der Macht.</p><p>Sie musste den Menschenkindern dort drau�en einen Schrecken einjagen, der sie vom Eingang zum Keller vertrieb und nicht zu schnell zur�ckkommen lie�. �Dein Schwert!�</p><p>Che sah sie v�llig verdattert an. �Das ist zu klein f�r dich���</p><p>�Es ist nicht die Gr��e eines Schwertes, die �ber seinen Wert entscheidet.�</p><p>Der Kobold wirkte, als wollte er noch etwas sagen, doch dann entschied er sich anders. Schon einmal hatte er ihr sein Schwert �berlassen. Auf der Br�cke gegen die Untoten. Schweigend reichte er ihr die Waffe.</p><p>Ailyn wog sie pr�fend in der Hand. Die Klinge war kopflastig. Langsam schlug die Elfe eine liegende Acht. Dann vollf�hrte sie einige der einfacheren Figuren aus Gonvalons Schwerttanz. Der Waffe fehlte es an Eleganz. Sie war darauf ausgelegt, schnelle, wuchtige Hiebe zu f�hren. Dennoch, f�r ihre Zwecke w�rde es gen�gen.</p><p>�Was willst du tun?�, fragte Groz.</p><p>�Daf�r sorgen, dass die Menschenkinder an einem anderen Ort mit Feuer spielen. Ihr bleibt hier!� Entschlossen stieg sie die Treppe hinauf. Sie sah, wie die Menschen neue Kleiderb�ndel in �l tr�nkten. Sie hatten ihre Botschaft nicht verstanden. Ein unerkl�rlicher Windsto�, der den Rauch vertrieb und die Feuer verl�schen lie�, war nicht genug�� sie mussten einer st�hlernen Klinge begegnen.</p><p>�Da!� Ein Krieger mit Fackel in der Hand deutete zu ihr hinab und wich zur�ck.</p><p>Hinter einem Berg aus Lumpenb�ndeln hob ein Mann mit langen Z�pfen seinen Bogen. In flie�ender Bewegung zog er die Sehne durch und lie� den Pfeil davonschnellen. Ailyn hob das Schwert. Kreischend zog der Pfeil �ber die leicht schr�g gestellte Klinge und hinterlie� eine feine Furche im Stahl. Das Geschoss zog knapp zwei Zoll an ihrem linken Ohr vorbei.</p><p>Fassungslos starrte der Bogensch�tze sie an.</p><p>�Lauft oder ihr werdet sterben�, sagte sie in der Sprache der Steppenreiter.</p><p>Der Bogensch�tze hob erneut seine Waffe, und aus den Augenwinkeln sah Ailyn zwei Krieger mit Waffen, die wie spitz zulaufende H�mmer aussahen. Hinter dem Bogensch�tzen erschienen weitere K�mpfer.</p><p>�Lauft jetzt, oder sieben werden sterben, bevor ich euch das n�chste Mal Gelegenheit gebe zu fliehen�, wiederholte Ailyn ruhig.</p><p>�T�tet den Daimon!�, schrie jemand, der hinter den Flammen des Feuers nur ein vager Schatten war.</p><p>Ein weiterer Pfeil flog ihr entgegen.</p><p>Sie hob die Klinge vor ihre Brust. Diesmal w�hlte sie einen anderen, weniger spitzen Winkel. Stahl kreischte auf Stahl. Dann erklang ein gurgelnder Schrei. Sie musste nicht hinsehen, um zu wissen, dass der Pfeil den vorderen der beiden Krieger mit Dorn�xten in die Kehle getroffen hatte.</p><p>�Eins!�, sagte sie kalt und setzte mit einem Sprung �ber das Feuer hinweg.</p><p>Drei schnelle Schritte brachten sie zu dem Bogensch�tzen, der bereits den n�chsten Pfeil aufgelegt hatte. Ein glatter Stich durchtrennte die Bogensehne und traf ihn knapp �ber dem Brustbein.</p><p>�Zwei!� Ailyn packte den Sterbenden und riss ihn wie einen Schild sch�tzend vor sich. Zwei Speere bohrten sich in die Brust des Sch�tzen.</p><p>Die Elfe lie� ihn los. Zwei kurze, kraftvolle Hiebe zerschmetterten die Sch�fte der Speere, als die Angreifer ihre Waffen aus dem Leib des Toten befreiten. Ailyn trat zwischen die Krieger. Ein kurzer, pr�ziser Sto� mit dem Ellenbogen traf den linken knapp hinter dem Ohr und brach ihm das Genick. Mit der Rechten wirbelte sie das Schwert herum und stie� es im Vor�bergehen gerade nach hinten, sodass die Klinge die Leber des zweiten Speertr�gers traf.</p><p>�Drei und vier!�</p><p>Sie griff mit der Linken in die Luft und schnappte die Lederschlinge, die ein grauhaariger Krieger nach ihr geworfen hatte. Mit einem Ruck riss sie ihm das gedrehte Seil aus der Hand und lie� es wie eine Peitschenschnur vorschnellen. Das Seil wickelte sich um eine Schwertklinge. Ein weiterer Ruck, und die Waffe segelte durch die Luft. Knapp verfehlte sie einen gedrungenen Krieger mit einer Wolfsfellweste, der sich in ihren R�cken geschlichen hatte. Sie war nicht mehr gut in Form, dachte Ailyn �rgerlich. Ihr fehlten die endlosen �bungsstunden in der Wei�en Halle.</p><p>Die M�nner vor ihr wichen zur�ck. Blankes Entsetzen stand in ihren Augen. Ailyn setzte nach. Erneut lie� sie die Schnur des Lassos vorschnellen. Sie wickelte sich um den Hals des Grauhaarigen, der eben noch versucht hatte, sie mit dem Lasso zu fangen. Entsetzt griff der Krieger mit beiden H�nden nach der Schnur, die eng um seine Kehle lag. Ailyn duckte sich in die Knie und zerrte ruckartig an der Schnur. Deutlich h�rte sie das Genick des Alten brechen.</p><p>�F�nf!�</p><p>Die meisten der Steppenreiter liefen jetzt einfach davon. Ailyn nahm einen Speer auf, den einer der Fliehenden fallen gelassen hatte. Sie waren gewarnt gewesen, dachte sie k�hl, als sie den Arm hob und den Speer schleuderte. Die Waffe traf den hintersten der Fl�chtenden in den R�cken. Mit einem gellenden Schrei riss er die Arme hoch, st�rzte auf sein Gesicht, kroch noch ein kleines St�ck und blieb dann liegen.</p><p>�Sechs!�</p><p>Sie drehte sich um. Hinter ihr stand der Krieger in der Wolfsweste. Er war bis zur Wand des Hauses zur�ckgewichen, in dessen Keller Ailyn mit den letzten �berlebenden ihrer Truppe Zuflucht gesucht hatte. Die Flammen des Feuers verwandelten das Gesicht des Kriegers in eine Maske aus Licht und Schatten.</p><p>�Hast du keine Angst vor mir?�, fragte Ailyn.</p><p>Der Krieger hob sein Schwert. �Eine Todesangst.� Er klang resigniert. Es war die Stimme eines Mannes, der sich in sein Schicksal ergeben hatte.</p><p>�Und warum l�ufst du dann nicht fort?�</p><p>�Mein F�rst hat mich hierhergeschickt, um zu sterben. Wenn ich fliehe, dann wird er mich wegen Feigheit hinrichten lassen. Da mir nur bleibt, mich f�r die Art meines Todes zu entscheiden, w�hle ich den ehrenhaften Weg.� Er hob sein Schwert herausfordernd und machte einen Schritt auf sie zu.</p><p>Ailyn griff nach einem Schwert, das an einem Lumpenb�ndel lehnte. Es war eine lange, schmale Klinge mit einer breiten Mittelrippe. Die Waffe war aus Bronze gefertigt. Ein Elfenschwert aus Silberstahl w�rde sie mit einem einzigen Hieb zerbrechen.</p><p>�Bist du bereit?�</p><p>Ein Ausfallschritt war die Antwort des Steppenkriegers. Er versuchte mit seinem Schwert einen Stich in ihren Fu�. Ailyn trat einfach einen Schritt zur�ck. Der Angriff war nicht ungeschickt ausgef�hrt gewesen, doch zu langsam. Ihr Gegner wich zur�ck. Sie las in seinen Augen, dass er wusste, was nun kommen musste. Er f�rchtete sich nicht.</p><p>Die Elfe fegte die Klinge des Steppenreiters mit dem Zwergenschwert zur Seite und setzte mit dem Bronzeschwert zu einem Stich an. Selbst die primitive Waffe durchdrang ohne M�he die Wolfsfellweste. Die Wucht ihres Angriffs lie� den Krieger zur�cktaumeln. Er schlug gegen die Wand, und das Schwert drang ins Mauerwerk ein.</p><p>�Sieben!�, sagte Ailyn mit Bedauern.</p><p>�Wer die Regeln macht, der hat auch die Macht, sie zu �ndern��� Der Krieger sprach nur leise und unter sichtlichen Schmerzen. Er griff mit beiden H�nden nach dem Schwert.</p><p>�Genau das habe ich getan. Diese Wunde wird dich nicht schnell t�ten. Haben deine M�nner den Mumm zur�ckzukehren, dann k�nnen sie dich retten. Es wird etwa eine Stunde dauern, bis du verblutet bist. Ziehst du die Waffe aus der Wunde, geht es sehr viel schneller. Vielleicht wirst du auch vor Ablauf der Stunde erfrieren, weil das Blut deine Kleider durchn�sst. Dein Leben liegt nicht l�nger in meiner Hand.�</p><p>�Du h�ttest���</p><p>�Nein�, entgegnete Ailyn ohne Zorn. �Ich h�tte nicht anders handeln k�nnen. Ich habe euch angeboten, in Frieden zu gehen. Ihr habt abgelehnt. Ich mache stets wahr, was ich sage. Solltest du rechtzeitig gefunden werden, dann sag deinen Gef�hrten, dass noch sehr viele von euch sterben werden, wenn ihr versucht, diesen Keller hier zu st�rmen. Ignoriert uns, und ich verspreche dir, wir werden unser selbst gew�hltes Gef�ngnis in dieser Nacht nicht verlassen. Wir sind keine Gefahr, au�er ihr entscheidet es so.�</p><p>Ailyn wischte die Klinge des Zwergenschwerts an der Wolfsfellweste sauber, dann stieg sie die Au�entreppe zum Keller hinab. Sie ging nicht davon aus, dass die Menschenkinder sie in Frieden lassen w�rden.</p></section><section><title><p>Der Verdacht</p></title><p>�Sie ist eine zierliche Frau in schneewei�em Kleid. Wenn sie k�mpft, sieht es aus, als w�rde sie tanzen. Aber sie l�sst einen Pfad voller Leichen hinter sich.� Dicke Schwei�perlen standen auf der Stirn des Steppenreiters, der vor Artax auf einem improvisierten Lager ruhte. Er war totenbleich. Artax� Leibwache hatte ihn an einer Hauswand aufgespie�t gefunden.</p><p>Artax dr�ckte ihm die Hand. �Ich danke dir f�r deinen Bericht, Saumakos. Du bist ein tapferer Mann. Die meisten laufen davon, wenn sie ganz allein einer Schwertdaimonin gegen�berstehen.�</p><p>�Ein guter Mann h�tte dieses Weib aufgespie�t�, fluchte Madyas, der neben ihm stand.</p><p>�Nein!� Artax erhob sich aus der Hocke und sah den Unsterblichen �rgerlich an. �Ich bin solchen Schwertdaimonen schon zuvor begegnet. In einer Kristallh�hle im Dschungel, einige Tagesreisen westlich der Goldenen Stadt. Wir hatten sie in die Enge getrieben. Es war genau wie hier. Zwei Weiber und ein Mann. Sie sa�en gefangen. Wir waren mehr als zehn zu eins �berlegen. Aber das hat sie �berhaupt nicht beeindruckt. Sie sind aus der H�hle ausgebrochen, und wir waren nicht mehr als �hren unter der Sichel des Schnitters. Deine Tochter Shaya war bei diesem Kampf zugegen. Hat sie dir nie davon erz�hlt?�</p><p>�Shaya war keine Aufschneiderin, die mit ihren Heldentaten prahlte. H�tte sie das getan, h�tte sie nie mehr aufgeh�rt zu reden, so viel h�tte sie zu erz�hlen gehabt.� Madyas strich sich in Gedanken �ber die tiefschwarzen Bartstoppeln auf seinen Wangen. �Was schl�gst du vor? Wir haben viele tausend Krieger aus allen sieben K�nigreichen versammelt. Wollen wir vor einer einzigen Daimonin kapitulieren?�</p><p>Artax trat zur T�r des kleinen Hauses, in das der Verwundete gebracht worden war. Sehns�chtig sah er noch einmal auf das w�rmende Feuer, das im kleinen Kamin brannte. Au�er der wohligen W�rme gab es keinen Grund, noch l�nger an diesem Ort zu verweilen. Er wurde drau�en gebraucht. Die N�chte hier im ewigen Eis waren unheimlich. Es war besser, wenn seine M�nner ihn sahen und er den Verzagten mit ein paar aufmunternden Worten Mut machte.</p><p>M�de hob er an: �Wer spricht von kapitulieren, Madyas? Wir warten auf das Licht des Morgens, damit unsere Bogensch�tzen gute Sicht haben. Wenn es so weit ist, werden wir das Haus einrei�en und seine W�nde in den Keller hinabst�rzen lassen. Und wenn die Daimonen dann wimmernd aus dem Eingang gekrochen kommen, dann erwarten jeden von ihnen hundert Pfeile, so wie den Drachen, den dein Sohn erlegt hat. Das war eine gro�e Tat, Madyas. Ich gestehe freim�tig, dass Subai mich mit seinem Heldenmut �berrascht hat. Den toten Drachen zu sehen hat die Moral unserer M�nner mehr gefestigt als der allzu blutige Sieg am Fluss.�</p><p>Artax �ffnete die schwere T�r. Eisige K�lte schlug ihm entgegen. Es kostete ihn �berwindung, �ber die Schwelle zu treten. Er war nicht f�r dieses Schneeland geschaffen und sehnte sich st�ndlich mehr nach den warmen Ebenen Arams.</p><p>Ormu erwartete ihn vor der T�r. Der Hauptmann der Kushiten wirkte beunruhigt. Artax sah sich um. Er entdeckte mehrere vertraute Gestalten im Schatten der H�user. �Was ist los? Das Heer der Sieben Reiche ist in Wanu eingezogen. Wovor willst du mich sch�tzen? Heute wird es bestimmt keinen Mordanschlag mehr auf mich geben.�</p><p>�Dieser Drache�, fl�sterte der hagere Bogensch�tze ohne Umschweife und schritt neben Artax her, der in Richtung seines Quartiers am Stadtrand ging. �Mit dem stimmt etwas nicht. Ich habe ihn mir sehr genau angesehen. Die Pfeile sind allesamt nicht sehr tief in seinen Leib eingedrungen. Sie k�nnen nicht mehr als Nadelstiche f�r ihn gewesen sein.�</p><p>�Vielleicht war es die Masse der Pfeile�, gab Artax zu bedenken. �K�nnte er nicht am Ende am Blutverlust gestorben sein?�</p><p>�Eher unwahrscheinlich. Die Ischkuzaia haben ihn aufgebrochen und feiern ein Festmahl mit seinem Fleisch. Es ist erstaunlich tief gefroren. So als h�tte er mindestens einen ganzen Tag auf dem Marktplatz gelegen. Wahrscheinlich noch l�nger.�</p><p>Artax beschleunigte seine Schritte und sah sich argw�hnisch um, ob sie jemand belauschte. Madyas war in der H�tte bei dem verwundeten Krieger geblieben. Ihnen folgten nur die Schatten der Leibw�chter. Die meisten Krieger aus dem Heer der Sieben Reiche feierten auf dem Platz bei den Ankert�rmen den Sieg �ber den Drachen. In den Seitenstra�en war kaum jemand unterwegs. �Was du da ansprichst, ist ungeheuerlich, Ormu. Vielleicht irrst du dich. Es ist wirklich sehr kalt.� Wie um seine Worte zu unterstreichen, pfiff heulend der eisige Nordwind um die H�userecke.</p><p>�In den Bergen Garagums sind die Winter nicht weniger grausam�, beharrte der Bogensch�tze. �Und da ist noch etwas, das mir zu denken gibt. Ich konnte keine Spuren eines Kampfes in der Stadt entdecken. Dieses Ungeheuer h�tte mit einem einzigen Schwanzhieb kleine H�user einebnen k�nnen. Und h�tte er nicht Feuer speien m�ssen wie die Drachen, die Selinunt zerst�rt haben?�</p><p>�Er ist keine Himmelsschlange.�</p><p>Artax hatte, unmittelbar nachdem er den toten Drachen gesehen hatte, mit dem L�wenh�uptigen gesprochen. Der Devanthar hatte darauf bestanden, dass auf dem Marktplatz kein G�tterdrache lag. Er behauptete, die Himmelsschlangen seien noch deutlich gr��er. Der Gedanke daran jagte Artax Schauer �ber den R�cken. Eines Tages w�rde er ihnen am Himmel �ber Nangog begegnen, wenn er seinen gefl�gelten L�wen ritt. Das w�rde der Tag seines Todes sein.</p><p>�Was werdet Ihr wegen des Drachen unternehmen?�</p><p>Artax winkte ab. �Nichts. Der Sieg ist zu wichtig. Wenn wir Subai und seine Krieger als L�gner entlarven, gewinnen wir dadurch nichts. Wir demoralisieren nur unsere M�nner. Es ist besser f�r uns, wenn sie fest daran glauben, dass diese riesigen Ungeheuer besiegt werden k�nnen.�</p><p>Ormu sog scharf die Luft ein.</p><p>Artax konnte das Gesicht des Bogensch�tzen im Dunkel kaum erkennen, aber dessen ganze K�rperhaltung dr�ckte seinen �rger aus.</p><p>�Was?�, fragte er ungehalten.</p><p>�Es ist nicht klug, unsere Krieger zu bel�gen. Es wird der Tag kommen, da werden wir einem weiteren dieser Drachen begegnen. Unsere Sch�tzen werden voller Zuversicht ihre B�gen heben und ihm eine Wolke von Pfeilen entgegensenden. Und ich bin mir sicher, dieser Drache wird durch die Pfeilwolke sto�en, als w�re sie nichts als Dunst, um dann Tod und Verderben �ber unsere M�nner zu bringen, die erst, wenn es zu sp�t ist, entdecken werden, dass sie v�llig wehrlos sind. Sie werden sterben, weil Ihr in dieser Nacht die L�gen von Subai duldet.�</p><p>Artax �rgerte sich �ber die Worte des Bogensch�tzen. Au�er vielleicht Ashot wagte es niemand, so offen zu ihm zu sprechen. �Glaubst du, es ist so einfach, ein Reich zu f�hren? Ich sage einfach immer die Wahrheit, und alles wird gut? Wenn ich Subai als L�gner entlarve, dann wird das B�ndnis der Sieben Reiche zerbrechen. Wenn Madyas derart sein Gesicht verliert, wird er mit seinen Reitern die Allianz verlassen. Und das w�re erst der Anfang. Du wei�t sehr gut, dass auch die Zapote nur auf eine Gelegenheit warten, das B�ndnis zu verlassen. Wenn es so weit ist, dass wir gegen die Drachen antreten m�ssen, werden wir darauf vorbereitet sein. Langarm ist unmittelbar nach dem Sieg am Fluss nach Daia zur�ckgekehrt, um in seiner Schmiede neue Waffen f�r den Kampf gegen die Drachen zu fertigen. Wir brauchen mehr von den fliegenden L�wen.� Artax trat ganz nah an Ormu heran und senkte seine Stimme. �Wenn du recht hast mit deinen Verd�chtigungen, dann sollten wir wissen, woran der Drache wirklich gestorben ist. Er wird ja wohl kaum aus dem Himmel gest�rzt sein, weil ihn der pl�tzliche Schlagfluss getroffen hat. Finde heraus, was ihn umgebracht hat. Das zu wissen k�nnte den Krieg entscheiden.�</p><p>Ormu sah ihn zweifelnd an. �Da wird nicht mehr viel zu machen sein. Vielleicht fressen die Ischkuzaia ja den Drachen, um genau diese Spur f�r immer verschwinden zu lassen?�</p><p>�Geh dennoch!�, befahl Artax. �Vielleicht haben sie ja etwas �bersehen.�</p><p>�Aber wenn nicht wir es waren, die den Drachen get�tet haben�� Wer sollte es dann gewesen sein?�</p><p>Der Unsterbliche musste an die gr�nen Riesen denken, die sich aus den Fluten des Flusses erhoben hatten. Der L�wenh�uptige behauptete, dies seien die eigentlichen Kinder Nangogs gewesen. Aber welchen Grund h�tten sie, einen Drachen zu t�ten, der gekommen war, um f�r sie zu k�mpfen? �Finde heraus, wie der Drache starb, vielleicht verr�t uns das auch, wer ihn get�tet hat.�</p><p>Ormu nickte knapp, dann huschte er zu den Schatten, die Artax auf Schritt und Tritt folgten, und gab den Leibw�chtern neue Befehle, bevor er ganz im Dunkel verschwand.</p><p>Der Unsterbliche blieb noch einen Moment lang stehen und lauschte in die Nacht. Vom Marktplatz ert�nten Trommelklang und ausgelassenes Gel�chter. Er wusste, dass die Krieger nicht nur den Sieg feierten. Ihr L�rm sollte das unheimliche Heulen des Windes �bert�nen, das hier in der Stadt viel deutlicher zu h�ren war als drau�en auf der Eisebene. Etwas stimmte hier nicht. Seit er durch das Weltentor getreten war, verfolgte ihn die d�stere Vorahnung, dass sie hier in eine Falle tappten.</p><p>Doch das war es nicht allein, was ihm Sorgen bereitete. Kurz nachdem sie die Stadt erreicht hatten, war etwas geschehen, das selbst seinen Herrn, den L�wenh�uptigen, zutiefst erschreckt hatte. Artax hatte beobachtet, wie der Devanthar regelrecht zusammengezuckt war. Er hatte ihn dreimal darauf ansprechen m�ssen, bis der L�wenh�uptige schlie�lich damit herausr�ckte, er habe eine Ersch�tterung der magischen Welt gesp�rt. Etwas, das nur geschah, wenn ein machtvoller Zauber gewoben wurde, der die nat�rliche Ordnung st�rte.</p><p>Was f�r ein Zauber das war, hatte der Devanthar nicht sagen k�nnen oder wollen. Kurz darauf hatte er das Heer verlassen und war nach Daia zur�ckgekehrt. Der Gro�e B�r war der einzige der G�tter, der sie jetzt noch begleitete. Das war kein gutes Zeichen.</p><p>Ganz in d�stere Gedanken versunken, strebte Artax dem kleinen Haus am Stadtrand entgegen, das er sich zum Quartier erw�hlt hatte. H�chstens vier Stunden noch, dann w�rde es d�mmern. Dann w�rden sie die letzten Daimonen t�ten und sich auf dem schnellsten Weg aus dieser verfluchten Eisw�ste zur�ckziehen. Wenn nichts dazwischenkam, konnten sie binnen vierundzwanzig Stunden das Weltentor erreichen.</p><p>Immer wieder gingen ihm die Worte des L�wenh�uptigen durch den Kopf. Was f�r ein Zauber hatte die magische Welt ersch�ttert? Wovor lief selbst ein Devanthar davon?</p></section><section><title><p>Aus der Sonne</p></title><p>�Herr!�</p><p>Artax hatte das Gef�hl, er h�tte gerade erst die Augen geschlossen, als die dr�ngende Stimme Ormus ihn aus dem Schlaf riss.</p><p>�Was?�</p><p>�Ich habe noch gestern Nacht Sp�her hinaus vor die Stadt geschickt. Gerade ist einer zur�ckgekehrt. Er ist v�llig verst�rt. Er sagt, er habe eine Schar Pferdem�nner gesehen.�</p><p>Artax st�hnte und zog die Wolldecke enger um seine Schultern. Das Feuer im Kamin der kleinen Kammer war verloschen und eisige K�lte in sein Nachtquartier gesickert. �Er hat also ein paar Ischkuzaia gesehen�, entgegnete Artax verschlafen. �Davon gibt es hier Hunderte.�</p><p>�Das waren keine Steppenreiter!�</p><p>Artax blinzelte verschlafen. Ormu kniete neben seinem schmalen Feldbett. Der J�ger sah aus, als h�tte er die ganze Nacht im Freien verbracht. Eiskristalle funkelten in seinem roten Bart und dem zerzausten Haar.</p><p>�Dort drau�en sind Kreaturen, die halb Mann, halb Pferd sind.�</p><p>�Wie kann er sich da so sicher sein? Es ist doch noch dunkel.�</p><p>�Ich vertraue ihm!� Ormu r�ttelte nun an seiner Schulter. �Wir m�ssen dem nachgehen. Da drau�en �stlich der Stadt ist etwas!�</p><p>Artax rieb sich den Schlaf aus den Augen. Ormu w�rde ihm keine Ruhe lassen. M�de setzte sich der Unsterbliche auf seinem Lager auf. �Wahrscheinlich waren es diese Kreaturen, die durch Nangogs Zauber geboren wurden. Du hast sie doch auch schon gesehen. Vogelweiber, Krokodilm�nner�� Alle nur erdenklichen Abscheulichkeiten.�</p><p>�Nein, das hier ist anders. Von diesen Ungeheuern, die Ihr meint, hat nie jemand mehr als zwei oder drei Gleichartige an einem Ort gesehen. Meist waren sie sogar allein. Mein Sp�her beharrt darauf, dass die Pferdem�nner eine ganze Schar waren. Als sie sich zur�ckgezogen haben, hat er die Spuren im Schnee untersucht. Es waren mindestens zwanzig.�</p><p>Schlagartig war Artax hellwach. Das war in der Tat alarmierend! Artax schwang die Beine �ber den Rand der schmalen Pritsche, auf der er in seinen Kleidern gen�chtigt hatte. �Bring Wachposten auf die beiden Ankert�rme und verdoppele die Posten drau�en vor der Stadt.� Der Unsterbliche griff nach seinen gef�tterten Stiefeln. �Hast du etwas �ber den Tod des Drachen herausgefunden?�</p><p>�Tja��� Ormu druckste derart herum, dass Artax von den Stiefeln aufblickte.</p><p>�Wie es scheint, wurde das Ungeheuer doch durch einen Pfeil get�tet. Ein einziger von all den Hunderten�� Aber es bleibt seltsam.�</p><p>�Du hast dich also geirrt. Irgendeiner von Subais M�nnern hat den gl�cklichen Schuss gesetzt, der den Drachen t�tete.� Artax streifte den zweiten Stiefel �ber und griff nach dem Leinenpanzer, den der L�wenh�uptige ihm geschenkt hatte.</p><p>�Nein, ich glaube nicht, dass es einer von Subais M�nnern war. Dieser Pfeil muss ganz anders gewesen sein.�</p><p>Artax hob beide Arme. �Schlie� die Schnallen des Leinenpanzers.�</p><p>Ormu zog an den Lederriemen, bis sich der K�rass aus leimgetr�nktem Leinen eng um die Brust des Unsterblichen schloss. Der J�ger roch nach Rauch und Blut. Seine Weste war voller dunkler Flecken.</p><p>�Wer war dann der Sch�tze, wenn es nicht die Steppenreiter waren?�</p><p>Ormu bog die Schulterst�cke der R�stung herab und lie� ihre Bronzehaken in die kleinen �sen auf dem Brustst�ck neben dem aufgestickten L�wenkopf einrasten. �Wie ich sagte, es bleibt r�tselhaft, wer der Sch�tze war. Sein Pfeil hat den Hinterkopf des Drachen getroffen. Der Sch�del ist dort mindestens zwei Zoll dick. Ich kenne keine Waffe, deren Geschosse einen so dicken Knochen durchschlagen k�nnten.�</p><p>�Vielleicht haben uns ja doch die Devanthar geholfen?�</p><p>�Aber warum machen sie ein Geheimnis daraus?� Ormu sprach halb zu sich selbst, w�hrend er Artax die ledernen �rmel �ber die Arme schob und mit der R�stung verband. Sein Blick war in sich gekehrt. �Der Pfeil hat einen der Z�hne des Drachen durchschlagen, die Lefzen und ist dann weitergeflogen. Der Kopf des Ungeheuers ist so gro� wie ein Wagen! Und dieses Geschoss ist einfach quer hindurchgegangen.�</p><p>�Dann m�sste der Pfeil irgendwo liegen?� Artax bewegte seine Arme in weiten Kreisen und pr�fte den Sitz der R�stung. �Finde ihn, Ormu. Ich will sehen, was f�r ein wunderliches Geschoss das ist, und Langarm bitten, noch mehr davon zu fertigen. Der Rote wird nicht der letzte Drache sein, dem wir begegnen.�</p><p>�Sobald der Tag anbricht, werde ich mich auf die Suche machen.�</p><p>Artax schnallte den Schwertgurt mit seiner verfluchten Klinge um, jener Waffe, die ihm den Namen K�nig Geisterschwert und einen dunklen Ruf eingebracht hatte. Jetzt war er froh, sie bei sich zu haben.</p><p>�Ihr r�stet Euch f�r den Kampf?�</p><p>�Ich werde nachsehen, was es mit den Pferdem�nnern auf sich hat.� Artax nahm den Maskenhelm von seinem Platz neben dem verloschenen Feuer. Das Metall war eiskalt. Langarm hatte ihn noch einmal ver�ndert vor einigen Wochen, nun war er pr�chtiger als je zuvor. Er sah aus wie ein L�wenhaupt mit wallender M�hne aus geh�mmertem Gold. Wenn er ihn trug, ragte �ber Artax� Stirn ein Oberkiefer mit Rei�z�hnen aus Elfenbein, so als h�tte er, wie manche J�ger es taten, einen Helm aus dem Sch�del des L�wen gemacht und ihn sich mit der M�hne auf den Kopf gesetzt. Unter den Rei�z�hnen aber lag eine Maske auf seinem Gesicht, mit L�chern f�r die Augen und schmalen Atemschlitzen unter der Nase. Sie zeigte das fein geschnittene Antlitz eines b�rtigen Mannes. Es war ein Meisterwerk der Handwerkskunst und Magie.</p><p>Die Maske lag fast wie eine zweite Haut auf dem Gesicht des Unsterblichen. Klappte er das Visier zu, presste es seinen Vollbart eng gegen seine Kehle. Ein Gef�hl, als versuchte ihn jemand zu w�rgen. Doch so unbequem der Helm zu tragen war, vermochte ihn keine Waffe zu durchdringen.</p><p>�Was erwartet Ihr zu finden?�</p><p>Artax setzte den Maskenhelm auf und schloss das Visier. �Keine Freunde.� Seine Stimme hallte blechern. Er griff nach dem karmesinroten Umhang und versuchte ungelenk, ihn an den Ringen auf den Schulterst�cken zu befestigen, bis Ormu ihm zu Hilfe eilte. �Wollt Ihr allein gehen? Ist das klug?�</p><p>�Du und deine M�nner k�nnen nicht immer auf mich aufpassen, Ormu.� Der Unsterbliche streifte seine schweren Stulpenhandschuhe �ber. Der Handr�cken und seine Finger waren zus�tzlich durch einander �berlappende Eisenschuppen gesch�tzt. �Ich k�nnte nach Madyas und Ansur suchen, aber wahrscheinlich w�rde es mir nur die Erkenntnis bringen, dass beide gestern mit ihren Hauptleuten gezecht haben, um unseren Sieg �ber den Drachen und die Daimonen zu feiern. Ich bin sicherer, wenn ich allein gehe. Und die Zeit dr�ngt. Wenn dort drau�en ein neuer Feind lauert, dann m�ssen wir schnell wissen, was uns erwartet.�</p><p>Es war Ormu deutlich anzusehen, wie sehr ihm dies missfiel. Sie w�rden mehr von den gefl�gelten L�wen brauchen, dachte Artax, als er aus der T�r trat. Eisige K�lte begr��te ihn. Der Himmel war klar. Das fahle Licht der Sterne und der Zwillingsmonde verlieh der Stadt und der Eisebene etwas Geisterhaftes. �Finde den Pfeil!�, sch�rfte Artax Ormu noch einmal ein. Dann trat er zu dem metallenen L�wen, der neben der H�tte wartete. Der L�we hob sein Haupt, als er n�her kam, und sah ihn erwartungsvoll an. Die Kreatur war Artax unheimlich. Obwohl er ganz und gar aus Metall bestand, schien es Langarm gelungen zu sein, dem L�wen Verstand einzuhauchen. Er wusste, wer sein Herr war, und es gen�gte, sich allein in Gedanken vorzustellen, was der L�we tun sollte, damit er gehorchte.</p><p>Trotz seiner anf�nglichen Zweifel war es ein wunderbares Gef�hl zu fliegen. Schon gestern, bei seinem ersten Ritt auf dem Silberl�wen, hatte Artax gewusst, dass er dort oben, allein am Himmel, den Ort gefunden hatte, an dem er all seine Sorgen vergessen konnte. F�r einen Flug lang zumindest.</p><p>�Mach nicht so ein Gesicht, Ormu. Ich bin ein Unsterblicher! Ich brauche nicht dauernd jemanden, der auf mich achtgibt. Es ist nicht leicht, mich umzubringen. Und wie sollten ein paar Pferdem�nner mir gef�hrlich werden, wenn ich hundert Schritt �ber ihnen schwebe?�</p><p>�Und was ist, wenn es noch einen Drachen gibt?�</p><p>Artax lachte, ein Laut, der sich seltsam falsch unter dem Helm anh�rte. �Dann wird dies ein aufregender Morgen werden.�</p><p>Langarm hatte den L�wen nach dem ersten Flug gestern ein wenig ver�ndert. Nun hingen Steigb�gel tief an seinen Seiten herab, sodass sich Artax ohne fremde Hilfe in den Sattel mit der hohen R�ckenlehne erheben konnte. Zwei lange Lederg�rtel griffen �ber seine Schultern und konnten mit Schnallen an einem dritten G�rtel, der sich um seine Taille schlang, befestigt werden. Auf diese Weise gesichert, w�rde er selbst dann nicht aus dem Sattel fallen, wenn er tot war.</p><p>Ormu reichte ihm die lange Lanze mit der Schwertklinge.</p><p>�Ich komme wieder!�, rief Artax und dachte daran, in den Himmel zu steigen.</p><p>Augenblicklich setzte sich der gewaltige L�we in Bewegung. Sein ganzer Leib klirrte, als er mit kraftvollen, weit ausholenden Spr�ngen auf die Ebene hinauseilte. Seine goldenen Schwingen wirbelten Schnee auf, der ihnen in einer langen Schleppe tanzender Spiralen folgte. Dann hob er ab. Artax sp�rte eine kurze Spannung tief in seinen Eingeweiden, doch dann �berkam ihn dasselbe Gl�cksgef�hl wie am Tag zuvor. Er f�hlte sich frei. Die Fesseln und Sorgen, die ihm seine W�rde als Unsterblicher auferlegten, fielen von ihm ab. Es war fast wie in jenen gestohlenen N�chten, als er sich mit Shaya heimlich auf dem R�cken des Wolkensammlers getroffen hatte.</p><p>Am Horizont k�ndigte ein erster, blasser Silberstreif den nahenden Tag an, w�hrend er schneller und schneller den Sternen am tiefblauen Firmament entgegeneilte. Das kleine Banner an der Lanzenspitze knatterte im Wind. Best�ndiges leises Klirren begleitete den Flug des L�wen. K�lte drang unbarmherzig durch die Schichten der warmen Kleidung, die er trug. Er wusste, dass die Zauber, die in Helm und R�stung gewoben waren, ihn auch ein wenig vor dem Frost sch�tzten. Einfache Krieger w�rde der eisige Odem des Nordens binnen kurzer Zeit t�ten. Schon bedeckten feine Eiskristalle seine Handschuhe und �rmel. Sein Umhang f�hlte sich ganz steif an.</p><p>Bald sah Artax weit voraus schwarze Punkte, die schnell davonpreschten. Aber er flog zu hoch, um sagen zu k�nnen, ob es sich um die seltsamen Pferdem�nner handelte, von denen Ormu berichtet hatte. Der L�we verstand seine W�nsche, schwenkte ein und flog tiefer, um den Reitern zu folgen.</p><p>Der L�wenh�uptige hatte ihm gesagt, dass jenes magische Tor s�dlich des Flusses, durch das die Armee der Sieben Reiche marschiert war, das einzige im Umkreis von mehr als dreihundert Meilen sei. Woher waren die Daimonen gekommen?</p><p>Vielleicht waren es ja nur ein paar letzte, versprengte Sp�her der Truppen, die sie am Fluss zerschlagen hatten. Sie ritten nach Osten, fort von Wanu. Es w�rde schwer werden, sie zu stellen.</p><p>Artax lie� den L�wen noch tiefer sinken. Er wollte dicht �ber ihre H�upter hinwegfliegen, um einen guten Blick auf sie zu bekommen. Pferdem�nner! Was f�r ein b�sartiger Scherz der G�tter war das? Doch die Menschen w�rden diesen Kampf bestehen, schwor sich Artax. Egal, welche Daimonen die Himmelsschlangen zu ihren Verb�ndeten gemacht hatten. Der Sieg bei der Br�cke und der tote Drache in Wanu hatten den M�nnern Zuversicht gegeben. Es gab nichts, was dem Heer der Sieben Reiche widerstehen konnte. Und dem Willen der Unsterblichen! Sie waren bereit, einen langen Krieg zu f�hren, wenn es n�tig sein w�rde.</p><p><emphasis>Wir werden auch keine andere Wahl haben,</emphasis> meldete sich die unwillkommene Stimme in seinem Kopf. <emphasis>Alle sieben Reiche sind l�ngst viel zu sehr auf die Waren aus Nangog angewiesen.</emphasis></p><p>Was f�r ein Heuchler du bist, dachte Artax angewidert. Zu Lebzeiten hast du dich nur f�r deinen Harem interessiert.</p><p><emphasis>Wer lieber von Frauen tr�umt, als sie in den Armen zu halten, sollte nicht das Maul aufrei�en,</emphasis> kam es geh�ssig zur�ck. <emphasis>Meine Frauen sind mir nie weggelaufen. Doch kommen wir zum Thema zur�ck. Vielleicht braucht man etwas Abstand, um mit sch�rferem Blick zu sehen. Die gro�en Reiche haben sich in eine ung�nstige Lage gebracht. Ihr habt gar keine Wahl. Ihr m�sst k�mpfen, ganz gleich wie schlimm es wird.</emphasis></p><p>Gerade wollte Artax z�hneknirschend zustimmen, als ihn die <emphasis>Reiter</emphasis> voraus alle Gedanken an Hungersn�te und Politik schlagartig vergessen lie�en.</p><p>Noch war er etwa eine halbe Meile entfernt, doch deutlich konnte er bereits sehen, wie widernat�rlich diese Kreaturen waren. Menschliche Oberk�rper wuchsen aus Pferdeleibern, dort wo deren Hals h�tte sein sollen. Jetzt hatten sie auch ihn bemerkt. Einige deuteten zum Himmel hinauf, andere griffen nach den kurzen B�gen, die in ihren K�chern steckten, und zogen die Sehnen auf, bereit, ihn mit einem Hagel von Pfeilen zu empfangen, sobald er in Schussreichweite kam.</p><p><emphasis>Ich finde, die sind unseren werten Verb�ndeten aus der Steppe gar nicht so un�hnlich. Selbst von hier oben sehe ich, was f�r stinkende, ungewaschene Pferde�rsche sie sind,</emphasis> bemerkte Aaron h�misch. <emphasis>Sie tragen die gleichen schmuddeligen Fellwesten wie die Ischkuzaia. Und sieh dir nur diese grobschl�chtigen T�towierungen auf den Armen an. Gut, die da unten haben nicht alle schwarze Haare, daf�r vertrauen sie aber denselben Waffen wie die Ischkuzaia: Speer und Bogen. Vermutlich muss man aufpassen, dass sich diese Pferdem�nner und unsere Pferde�rsche nicht in die Arme fallen und spontan verbr�dern, wenn sie einander begegnen.</emphasis></p><p>Ein erster Pfeil verfehlte Artax um zwei Handbreit. Der silberne L�we stieg steil nach oben, und die l�stige Stimme in Artax� Kopf verstummte. Die Pferdem�nner reckten ihre F�uste in die Luft und schrien etwas, was er nicht verstehen konnte. Wahrscheinlich irgendwelche Fl�che und Beleidigungen.</p><p>Einen Moment lang war er versucht, sein Schwert zu ziehen und im Sturzflug anzugreifen. Artax wusste, dass es die verfluchte Klinge war, die solche Gedanken in seinen Kopf pflanzte. Er stellte sich vor, welchen Schaden die L�wenkrallen und die metallenen Klingen anrichten w�rden. Doch er war nicht gekommen, um ein Blutgericht zu halten. Der Silberl�we verstand seine Absicht und trug ihn weiter nach Osten, wo das Silber am Horizont von blassem Rosa verdr�ngt wurde. Er musste herausfinden, wohin die Pferdem�nner unterwegs waren.</p><p>Er hatte die Pferdedaimonen wohl drei oder vier Meilen hinter sich gelassen, als sich der Horizont zu bewegen begann. Schatten krochen aus dem Glutball der Sonne, der bereits zu einem Viertel sein Haupt erhoben hatte. Das stetig zunehmende Licht blendete Artax. Etwas Dunkles ergoss sich �ber das blendende Wei� der Ebene. Stetig vorw�rtskriechend. Ein Heer, viel gr��er als jenes, das die Herrscher der sieben K�nigreiche in die Eisw�ste gef�hrt hatten.</p><p>Artax trieb seinen L�wen in Gedanken zu gr��ter Eile an. Der Wind sang in seiner goldenen M�hne. Kraftvoll schlugen die weiten Schwingen auf und nieder und brachten ihn dem n�her, das ihn mit tiefstem Entsetzen erf�llte und er zugleich doch unbedingt sehen musste. Dies also war ihre Zukunft!</p><p>Rotes Morgenlicht funkelte �ber Tausende Speerspitzen und lie� sie aussehen, als w�ren sie gerade erst in Blut getaucht worden. Unz�hlige Banner erhoben sich �ber die marschierenden Massen. Einzelne, riesige Gestalten stachen aus der Heerschar hervor wie Felst�rme, die sich aus der Brandung erhoben.</p><p>Immer schneller gewann alles an Konturen, obwohl die Sonne Artax immer noch in den Augen brannte. Die Riesen, die an der Br�cke gek�mpft hatten, waren ein Nichts im Vergleich zu dem, was er dort sah. Diese Gestalten inmitten des Heeres waren wie wandelnde T�rme. Flankiert wurden sie von un�bersehbaren Reiterscharen, Geschwadern, die Hunderte von Streitwagen umfassten, und endlosen Marschkolonnen von Speertr�gern. Eine Karawane, gro� wie eine B�ffelherde, folgte den Kriegern. Und ganz an den �u�ersten Flanken des Heeres entdeckte er Segler, die �ber das Eis dahinschossen! Schon der zehnte Teil dieses Heeres w�rde gen�gen, sie zu zermalmen.</p><p>In Artax� Kopf �berschlugen sich die Gedanken. Bis zur Mittagsstunde w�rde das Daimonenheer Wanu erreichen. Er musste augenblicklich umkehren und die anderen Unsterblichen warnen. Wenn sie sofort zum magischen Tor zur�ckeilten, dann vermochten sie vielleicht noch zu entkommen. An diesem Morgen hatte die Sonne ihrer aller Tod geboren.</p><p>Ein schriller Schrei lie� ihn endlich den Blick vom marschierenden Heer der Daimonen wenden. Artax sah hinauf in den Himmel und erblickte gefl�gelte Schatten, die aus dem Licht auf ihn hinabstie�en: Adler, gro� wie Stiere. Und mitten unter ihnen ritt eine rot gewandete Gestalt auf einem rabenschwarzen Hengst mit Schwingen, weiter noch als die seines L�wen.</p></section><section><title><p>Auf L�wenschwingen</p></title><p>Der L�we reagierte, ohne dass Artax ihm in Gedanken einen Befehl gegeben h�tte. W�hrend der Unsterbliche noch den unheimlichen Reiter anstarrte, kippte der Silberl�we �ber den linken Fl�gel ab und ging in einen Sturzflug, der Artax so fest gegen die hohe Lehne seines Sattels presste, dass er kaum noch zu atmen vermochte. In rasender Geschwindigkeit st�rzten sie der Eisebene entgegen. Artax sah sich dort schon in Gedanken zerschellen, als ihm bewusst wurde, dass der L�we dies vielleicht als einen Befehl auffassen mochte.</p><p>Pl�tzlich weitete der L�we seine Schwingen, die er f�r den Sturzflug eng an seinen Leib gepresst hatte. Ein schreckliches Klirren und Kreischen fuhr durch den metallenen Leib. Rechts und links schossen zwei Adler an ihnen vorbei. Auch sie weiteten die Schwingen, um den Sturzflug abzufangen. Der gefrorene Boden lag vielleicht noch vierzig Schritt unter ihnen, als der L�we versuchte, mit kr�ftigen Fl�gelschl�gen an H�he zu gewinnen. Ein einziger Blick nach oben gen�gte, um Artax zu zeigen, dass der Sturzflug nichts geholfen hatte. Noch immer kreisten sieben Adler �ber ihnen, und inmitten der Raubv�gel ritt der rotgewandete Daimon, auf seinem Hengst stehend. Wei�blondes Haar flatterte um sein fein geschnittenes Gesicht. Auch er f�hrte eine Lanze wie Artax, und er hob sie zum Gru�, als er den Blick des Unsterblichen auf sich sp�rte.</p><p>Ein Schnabelhieb traf Artax� Helm, und Krallen zogen kreischend �ber eine der Schwingen des L�wen. �berall um sie herum waren schlagende Fl�gel. Die Luft war erf�llt von schrillen Schreien. Pl�tzlich drehte sich der L�we zur Seite weg und f�hrte eine Rolle durch. Seine goldenen Fl�gel schlugen hart auf die Schwingen eines Adlers. Artax stach mit seiner Lanze blindlings in das braune Federgest�ber, dabei bekam sein Helm einen zweiten Treffer, und die Ohren dr�hnten ihm vom metallischen Klang. Er sah einen der gro�en V�gel dem Boden entgegenst�rzen. Ein seltsam verdrehter Fl�gel flatterte hilflos im Wind, w�hrend der zweite Fl�gel auf und nieder schlug, ohne den Adler retten zu k�nnen.</p><p>Ein Schnabel schnappte nach dem rechten Arm des Unsterblichen. Das weiche Leder der R�stung verh�rtete sich, kaum dass Druck darauf ausge�bt wurde. Was sich eben noch wie eine zweite Haut an ihn geschmiegt hatte, wurde zu einer festen R�hre, die der zerrende Schnabel nicht zu durchdringen vermochte. Doch nun vermochte Artax seinen Arm auch nicht mehr zu beugen�� starr, mit vorgestreckter Lanze stand er von seinem K�rper ab, w�hrend Schwingen �ber seinen Helm wischten.</p><p>Die goldenen L�wenfl�gel peitschten in das Kn�uel der Riesenadler, das sie umschwirrte. Federn stoben auf. Pl�tzlich hatte Artax wieder freie Sicht auf den Himmel. Sie waren durch die Formation der Adler hindurchgesto�en. Ohne zusto�enden Schn�beln und den Krallen ausgesetzt zu sein, wurde das Leder seiner R�stung wieder geschmeidig, und er konnte seinen Arm wieder anwinkeln. In diesem Moment drehte der L�we so pl�tzlich nach links ab, dass Artax hart in seine Gurte geschleudert wurde. Eine Lanzenspitze stie� knapp an ihm vorbei und riss einige der goldenen Str�hnen vom Haupt des L�wen. Der rotgewandete Reiter auf dem gefl�gelten Pferd zog knapp �ber ihnen hinweg. Ihm folgte ein Adler, dessen Krallen sich in die hohe Lehne des L�wensattels gruben. Kraftvoll mit den Fl�geln schlagend, versuchte er, den Sattel vom L�wen zu rei�en.</p><p>Artax stie� mit seiner Lanze nach hinten und sp�rte, wie der Stahl auf Widerstand traf. Der Adler lie� von ihm ab. Trudelnd und eine spr�hende Blutspur hinter sich herziehend, st�rzte das gro�e Tier in die Tiefe.</p><p>Doch Artax empfand keinen Triumph, nur Erleichterung. Die Adler waren Gesch�pfe voller Anmut, ebenso wie das gefl�gelte Pferd. Sie sollten nicht in Schlachten ziehen!</p><p>Er nutzte die kurze Angriffspause und blickte nach Wanu. Dort schien alles ruhig zu sein, noch lagen die Schatten der Nacht �ber der Stadt. Artax wand sich im engen Gurtzeug, um nach hinten zu blicken. Der Himmel war so weit�� und leer. Flog der Rotgewandete unter ihm und versuchte, dem L�wen seine Lanze in den Leib zu rammen?</p><p>Er h�rte Fl�gelschlagen, und einen Augenblick sp�ter stieg der rote Reiter dicht neben ihm auf gleiche H�he. Seine Lanze hing in einer Schlinge vom seltsamen Sattel seines Himmelspferdes. Nun f�hrte er eine lange, gl�nzende Schwertklinge.</p><p>Der Silberl�we drehte zur Seite hin ab und wollte Abstand zu ihrem Gegner gewinnen, doch das gefl�gelte Pferd folgte dem Man�ver ohne M�he. Artax dachte an die seltsame Rolle, die sein metallener Gef�hrte vorhin vollf�hrt hatte, ein Flugman�ver, das ihm kein Gesch�pf aus Fleisch und Blut nachmachen konnte. Augenblicklich setzte der L�we den Gedanken in die Tat um. Wie ein Fass rollte er nach links weg, und seine metallenen Fl�gel peitschten in die schwarzen Schwingen des fliegenden Rosses.</p><p>F�r einen Moment hing Artax mit dem Kopf nach unten im Gurtzeug, dann war die Rolle vollendet. Schwarze Federn wirbelten in der Luft. Der Hengst des rotgewandeten Kriegers war ins Trudeln geraten. Der Reiter jedoch beugte sich, noch immer auf dem R�cken des Hengstes stehend, tollk�hn weit vor und drosch mit seinem Schwert auf die linke Schwinge des L�wen ein. Funken stoben auf, Metall kreischte, und mit Schrecken sah Artax, dass der rote Reiter die Spitze der L�wenschwinge abgetrennt hatte. Etwas, das aussah wie fl�ssiges Glas, perlte aus dem zerfetzten Metall. Sich schneller und schneller um die eigene Achse drehend, schoss der verletzte Silberl�we der Ebene entgegen. Blau und Wei� wechselten in rasender Folge, Himmel und Eis. Artax wurde von der Fliehkraft, die an ihm zerrte, halb aus dem hohen Sattel gerissen. Immer mehr goldene Federn rissen von dem besch�digten Fl�gel.</p><p>Dann spreizte der L�we seine Schwingen auf. Ein Ruck lief durch seinen K�rper, und Artax wurde gegen die hohe Lehne geschleudert. Ihm schwanden fast die Sinne, als es einen zweiten, noch heftigeren Schlag gab. Eissplitter spr�hten auf, Metall keuchte und bog sich durch. Artax st�rzte in die Gurte, umgeben von einem Wirbel aus goldenen Federn.</p><p>Der L�we hatte wieder festen Boden unter den F��en. Und er lief. Hinkend zwar, aber noch strebte er Wanu entgegen, wo nun H�rner erklangen. Die W�chter auf den Ankert�rmen mussten gesehen haben, was vorgegangen war.</p><p>Nur das Gurtzeug hielt Artax noch aufrecht. Jeder einzelne Knochen in seinem Leib schmerzte, und sein Kopf dr�hnte.</p><p>Reiter kamen ihm entgegen. Verschwommen erkannte er Madyas unter ihnen. �Wir m�ssen zur�ck�, stie� er aus, als sie ihn fast erreicht hatten. �Die Daimonen kommen. Tausende von ihnen.�</p></section><section><title><p>Von Adlern und H�schen</p></title><p>Shaya verstand nicht, was vor sich ging, und niemand machte sich die M�he, einer vermeintlichen Trosshure irgendetwas zu erkl�ren. Das Heer der Sieben Reiche war auf der Flucht. Gestern noch hatten sie ihren Sieg gefeiert, und ihre Gef�hrtinnen hatten gute Gesch�fte gemacht. W�hrend Shaya sich um die zahlreichen Verwundeten gek�mmert hatte, hatten sie den Siegern Vergn�gen bereitet. Die dicke Ninwe mit dem rot gelockten Haar, Kira, die hagere Wortf�hrerin ihrer Gruppe, die unverdrossen ihren Kupferkessel auf dem R�cken schleppte, und all die anderen, die doch noch mitgekommen waren, obwohl die Werber sie vor dem eisigen Winter gewarnt hatten.</p><p>Im ersten Morgenlicht hatten die H�rner Alarm gerufen, und seitdem ging alles durcheinander. Es hie�, Tausende Daimonen seien auf dem Weg zu dieser verfluchten Stadt am Ende der Welt und dass sie versuchen w�rden, dem Heer den R�ckweg zur Br�cke �ber den Ku�i Unu, den dampfenden Fluss, abzuschneiden. Ein Tagesmarsch nur, und sie w�ren in Sicherheit!</p><p>Aber dieser Tagesmarsch w�rde ein gnadenloses Wettrennen werden, wie es schien. Die M�nner marschierten in bedr�cktem Schweigen. Immer wieder sahen sie zum Himmel hinauf. Angeblich gab es auch fliegende Daimonen.</p><p>�Na, das war der k�rzeste Feldzug meines Lebens�, japste Ninwe kurzatmig. Die korpulente Konkubine hatte M�he, mit ihnen Schritt zu halten. Seit der Nacht trug sie einen teuren Pelzmantel. Die G�tter allein wussten, wem sie den Kopf verdreht hatte, um an ein solch kostbares Kleidungsst�ck zu kommen. Sie h�llte sich in bedeutungsschweres Schweigen und war schon den ganzen Morgen nicht dazu zu bringen zu verraten, wer ihr G�nner war.</p><p>�Spar dir lieber deinen Atem! Den wirst du noch brauchen, wenn du nicht zur�ckfallen willst.� Kira bedachte sie mit einem abf�lligen Blick. Die Wortf�hrerin der kleinen Frauenschar ging gebeugt unter ihrem Kupferkessel. Sie hatte nur eine Decke um ihre Schultern geschlungen, und ihr Gesicht und ihre H�nde waren krebsrot vom Frost.</p><p>�So weit wie du komme ich noch lange!�, entgegnete Ninwe gut gelaunt. �Auch wenn ich nicht so hart und d�nn wie eine Schwertklinge bin.�</p><p>Kira schnaubte ver�chtlich. �Was glaubst du, was Krieger lieber m�gen, eine schlanke Klinge oder eine bauchige �lamphore?�</p><p>�Tja, wenn ich mir das kostbare Gewand betrachte, in das du dich h�llst, dann kenne ich die Antwort�, sagte eine der anderen Frauen. Ein paar kicherten geh�ssig.</p><p>�Ich hab mir jede von euch gemerkt�, schnappte Kira. �Kommt mir heute Abend nicht angeschlichen und fragt nach was Warmem aus meinem Kessel. Ihr k�nnt ja unter Ninwes Mantel schl�pfen. Vielleicht schmeckt euch halb gefrorenes Trockenfleisch ja besser, wenn ihr euch an die Dicke kuschelt. Ich jedenfalls���</p><p>Ein schriller Schrei schnitt Kira das Wort ab.</p><p>Shaya blickte zum Himmel hinauf. Ein Schwarm riesiger Adler zog �ber sie hinweg und hielt auf die Br�cke zu, die nur knapp eine Meile entfernt aus der Nebelwand des Ku�i Unu ragte. Mitten unter ihnen flog eine rot gewandete Gestalt auf einem gefl�gelten Pferd. Ein Raunen ging durch das Heer. Jeder hatte es jetzt eiliger.</p><p>Der halbwegs geordnete R�ckzug k�nnte jeden Augenblick in blinde Flucht umschlagen, bef�rchtete Shaya. Sie hatte so etwas schon auf den Feldz�gen ihres Vaters am Seidenfluss gesehen. Wie die Schwachen niedergetrampelt wurden, wenn sie nicht schnell genug aus dem Weg kamen. �G�tter helft!�, fl�sterte sie leise und ging schneller.</p><p>�Sch�ne V�gel!�, sagte Kira d�ster. �Hab als Kind gerne den Bussarden �ber den Dorf�ckern zugesehen. Sie haben dort H�schen gejagt. Und es waren immer die fetten H�schen, die sie zuerst erwischt haben.�</p><p>Ninwe lachte ein wenig gezwungen. �Ich bin ein zu fettes H�schen. Mich kriegen nicht einmal diese Adler in die Luft gehoben.�</p><p>�Aber sie haben die Tiere doch nicht in die Luft gehoben�, trumpfte Kira auf. �Sie haben sie mit ihren F�ngen fest zu Boden gedr�ckt und dann gen�sslich mit ihrem Hakenschnabel zerfleischt.�</p><p>�Das reicht!�, sagte Shaya scharf. �Wir helfen einander. Und wir werden alle dieser verdammten Eisw�ste entkommen. Es ist nicht mehr weit. Haben wir erst die Br�cke passiert, sind es nur noch ein paar Meilen, und wir haben die Goldenen Pfade durch die ewige Nacht erreicht. Dann trennen uns nur noch ein paar Schritt von warmen Quartieren.�</p><p>�Bist du schon mal mit einem fliehenden Heer marschiert?� Alle Geh�ssigkeit war aus Kiras Stimme gewichen.</p><p>�Nein.�</p><p>�Merkt man.�</p><p>Schweigend schritten die Frauen neben der langen Kolonne der zur�ckflutenden Truppen. Keiner der Krieger scherzte mit ihnen so wie auf dem Weg nach Wanu. Die M�nner starrten verdrossen vor sich hin oder blickten furchtsam zum Himmel. Shaya lauschte dem Gespr�ch zweier Krieger, dass am Morgen einer der Unsterblichen schwer verwundet worden war, als er sich den gefl�gelten Daimonen entgegengestellt hatte. Tatsache war, dass sich keiner der Herrscher auf ihren gefl�gelten L�wen blicken lie�.</p><p>Shaya dachte an Aaron. Hatte er sich den Daimonen gestellt? Oder war alles nur ein Ger�cht? Gewiss stimmte nicht, was geschwatzt wurde! Es gab zu viele Geschichten. Shaya mochte nicht glauben, dass Subai die riesige Echse erlegt hatte, die sie bei den Ankert�rmen in Wanu gesehen hatte. Eine solche Heldentat entsprach ganz und gar nicht dem Wesen ihres Bruders. Aber offenbar glaubten es alle anderen. Sogar ihr Vater, der Unsterbliche Madyas.</p><p>Sie hatte sich gestern Nacht von den feiernden Steppenreitern ferngehalten. Auch wenn sie in ihren abgetragenen Kleidern und mit einer Wolldecke um die Schultern nicht im Entferntesten der stolzen Kriegerprinzessin �hnelte, die sie einst gewesen war, wollte sie kein unn�tiges Risiko eingehen.</p><p>Auch jetzt versuchte sie, so gut wie m�glich unsichtbar zu bleiben. Steppenreiter ritten nur wenige Schritt entfernt an den Flanken der Marschkolonne, die sich im Eilschritt auf die Br�cke zubewegte. Der Zug der Fl�chtenden zog sich �ber mehr als zwei Meilen. Die Frauen um Shaya hatten sich im vorderen Drittel der Kolonne eingereiht. Vor ihnen marschierten die Krieger aus Valesia. Hinter ihnen gingen M�nner von den Schwimmenden Inseln. Sie litten entsetzlich unter der K�lte. Immerzu lief ihr Unsterblicher an seinen M�nnern vorbei und feuerte sie an. Shaya wusste, dass es viele nicht bis zum Weltentor schaffen w�rden.</p><p>Noch waren die Daimonen nur unstete Schatten vor dem glei�enden Wei� der Ebene. Sie sammelten sich hinter ihnen und an ihrer linken Flanke, parallel zur Marschs�ule. Auch sie hatten Reiter geschickt. Sie kamen nicht nah genug, um sie deutlich zu erkennen. Doch ihr Anblick weckte eine Unruhe, die sich Shaya nicht erkl�ren konnte.</p><p>Dass sie hier waren, um sie zu jagen, war es nicht, was ihr eine solche Angst einjagte. Bisher hatte ihr niemand das Herz einer Kriegerin rauben k�nnen. Weder Muwatta, dem es nur darum gegangen war, sie zu dem�tigen, noch Aaron, dessen Liebe sie noch tiefer verletzt hatte als alles, was ihr der Unsterbliche von Luwien angetan hatte. Sie hatte viele Schlachten geschlagen. Der Anblick von Feinden allein schreckte sie nicht.</p><p>Doch diese Reiter, die gerade so weit entfernt blieben, dass sie sie nicht deutlich erkennen konnte, hatten etwas an sich, das Shaya zutiefst erschreckte. Sie waren widernat�rlich! Schlimmer als die grauen Riesen, die verwachsenen Zwerge und die gewaltige Echse, die sie in den letzten vierundzwanzig Stunden zu sehen bekommen hatte.</p><p>Tausendstimmiges Geschrei von der nahen Br�cke lie� sie aus ihren Gedanken aufschrecken. Der Angriff hatte begonnen: Shaya sah, wie ein Schwarm Adler auf die Fl�chtlinge hinabst�rzte, M�nner mit ihren Krallen packten und sie hoch in die Luft rissen, um sie im n�chsten Augenblick in die grauen Fluten st�rzen zu lassen, in denen es vor Ungeheuern nur so wimmelte.</p><p>Auf der Br�cke entstand ein unbeschreibliches Gedr�ngel. Jeder war sich selbst der N�chste. Ohne Gnade schoben und stie�en die Krieger. Die Schw�cheren und die Pechv�gel wurden niedergetrampelt oder in die Fluten gesto�en. Es gab kein Gel�nder an den Seiten der Br�cke. Wer abgedr�ngt wurde, der st�rzte in den Fluss.</p><p>Shaya sp�rte, wie der Boden unter ihren F��en vibrierte. Das Donnern zahlloser Hufe erklang. Wie ein lebender Wall kamen Hunderte Reiter dem d�nnen Schutzschirm, den die Steppenreiter bildeten, entgegengeprescht.</p><p>Alarmrufe erschollen entlang der Marschkolonne. Trotz der Angriffe der Adler dr�ngten mehr und mehr Krieger auf die Br�cke, denn es war klar, wer am Ufer blieb, der w�rde von den Reitern gnadenlos in die Fluten getrieben werden.</p><p>Jetzt erkannte Shaya, was ihr auf die Entfernung verborgen geblieben war, und f�r einige Herzschl�ge erstarrte sie in ungl�ubigem Entsetzen. Was f�r G�tter herrschten �ber die Daimonen? Was f�r einen d�steren Scherz hatten sie sich mit diesen Gesch�pfen erlaubt? Shaya wusste sehr wohl, was die anderen V�lker Daias �ber die Ischkuzaia erz�hlten. Dass sie ihre Kinder im Sattel gebaren und die Kleinen erst reiten und danach laufen lernten. Dass die Steppenreiter eins mit ihren Pferden waren, die sie mehr liebten als ihre Frauen. Es erschien ihr, als h�tten die Daimoneng�tter diesen Spruch Wirklichkeit werden lassen: Ross und Reiter waren eins geworden.</p><p>Die anderen Frauen hatten l�ngst zu laufen begonnen. Auch sie hatten gesehen, was dort angeprescht kam. Mochten einige vielleicht noch �berlegt haben, sich statt einem ungewissen Schicksal auf der Br�cke der Gnade der Sieger zu �berlassen, hatte der Anblick der Pferdem�nner sie eines Besseren belehrt. Dieser Feldzug hier war anders als jeder Krieg, den sie bisher erlebt hatten. Daimonen w�rden keine Menschenfrauen brauchen.</p><p>Fl�chtende Steppenreiter preschten ohne R�cksicht in das Gedr�nge vor der Br�cke. Shaya dr�ckte sich an einer Maultierkarawane entlang, deren Tiere in Panik schrien, und holte Ninwe ein, die zu willenlosem Treibgut inmitten des dr�ngelnden Menschenmeeres geworden war. Sie packte ihre Gef�hrtin und st�tzte sie.</p><p>Vor ihnen lag das absch�ssige Wegst�ck zur Br�cke. Krieger mit Gesichtern, auf die Fratzen von Ungeheuern t�towiert waren, dr�ngten sich dort hinab. Mit ihren Schilden sto�end und die Speersch�fte wie Kn�ppel nutzend, k�mpften sie sich voran. Als ein Krieger mit einer L�went�towierung st�rzte, riss er auch seinen Vordermann zu Boden. Dann noch einen und noch einen. Sofort schloss sich die L�cke im Gedr�nge wieder. Gellende Schreie gingen im Fluchen und den Verzweiflungsrufen derer, die noch aufrecht standen, unter.</p><p>Wieder und wieder stie�en die Adler zur Br�cke hinab. Jedes Mal, wenn einer von ihnen anflog, versuchten die Verzweifelten auf dem engen �bergang auszuweichen. Dabei stie�en und zerrten sie ohne Gnade, und etliche M�nner st�rzten ins Wasser, in dem zwischen sch�umender Gischt und den schnappenden Schn�beln der Raubfische lange Blutschlieren dem Meer entgegentrieben.</p><p>Nur mithilfe ganzen K�rpereinsatzes und dicht eingekeilt zwischen Kriegern erreichten die beiden Frauen endlich die Br�cke. Ein Unsterblicher mit langem, blondem Haar hatte Bogensch�tzen zum Ufer befohlen, die versuchten, die Adler von der Br�cke fernzuhalten, doch noch w�hrend die Krieger sich formierten, erschien ein Daimon auf einem gefl�gelten Pferd aus den Nebelschwaden �ber dem Fluss. Ein Reiter, ganz in Karmesinrot gewandet. Er stand auf dem Pferder�cken und lie� einen Hagel aus leichten Wurfspeeren auf die Verteidiger niedergehen.</p><p>Ein St�ck voraus sah Shaya Kira. Umringt von den anderen Frauen hatte sich ihre Gef�hrtin fast bis zur Mitte der Br�cke durchgek�mpft, als die Adler erneut angriffen. Letzte Bogensch�tzen am Ufer schossen vereinzelte Pfeile ab, die die Raubv�gel jedoch nicht aufzuhalten vermochten. Die Schreie der Frauen klangen schriller als die der M�nner. Wieder setzte das gnadenlose Sto�en und Dr�ngen auf der Br�cke ein, als jeder verzweifelt versuchte, den F�ngen der Adler zu entkommen.</p><p>�Ihr G�tter, sch�tzt sie�, stammelte Ninwe, doch die G�tter schienen anderes zu tun zu haben, als auf die frommen Bitten einer Hure zu h�ren.</p><p>Kira blieb stehen, obwohl ein Adler genau auf sie zukam, ja, sie drohte dem Vogel mit erhobener Faust. Eine Geste, die ebenso tapfer wie sinnlos war. Dann, im letzten Augenblick, warf sie sich zu Boden. Die Krallen trafen den Kupferkessel, den sie auf ihrem R�cken trug. Er sch�tzte Kira, doch hatte sie ihn zu fest auf ihr k�mmerliches B�ndel geschnallt. Schreiend wurde sie emporgehoben, und der Adler verschwand mit ihr im Nebel.</p><p>Ninwe stammelte unzusammenh�ngende Worte und w�re wohl einfach stehen geblieben, h�tte Shaya sie nicht mit sich gezogen.</p><p>�Sie war immer diejenige, die sich durchs Leben gek�mpft hat�, schluchzte Ninwe. �Nichts konnte sie erschrecken. Sie kann doch nicht einfach���</p><p>�Hebt die Speere!�, erscholl hinter ihnen ein lauter Befehl. Es war eine Stimme, die Shaya unter Tausenden erkannt h�tte. Der Unsterbliche Aaron!</p><p>�Seid wie ein Igel! Wollen wir einmal sehen, ob die Adler es noch wagen, euch zu packen, wenn sie daf�r einen Wall von Eisenspitzen durchbrechen m�ssen.�</p><p>Seine Anwesenheit und seine ruhige Stimme ver�nderten alles. Die M�nner, die eben noch jeder f�r sich gek�mpft hatten, fassten neuen Mut. Sie hoben die Speere, und tats�chlich wichen die Adler dem Wall aus Eisen- und Bronzespitzen aus.</p><p>�Nehmt die Frauen in eure Mitte! St�tzt die Schwachen und Verwundeten! Ein paar Meilen noch, und wir sind in Sicherheit!� Die Stimme war n�her gekommen.</p><p>Shaya zog ihre sch�bige Decke �ber Schultern und Haar und wandte den Blick zu Boden. Er durfte sie nicht entdecken. Das Heer und sein K�nigreich brauchten ihn mehr denn je. Die Sorge um sie und der Traum ihrer Liebe durften ihn nicht von seinen Pflichten ablenken.</p><p>Die Kriegerkolonne hatte zu einem regelm��igen Marschtritt zur�ckgefunden, und gesch�tzt inmitten des Speerwalls strebte Shaya dem jenseitigen Ufer entgegen. Aarons Stimme erklang nun in einiger Entfernung. Offenbar wollte er den Angriff der Pferdem�nner aufhalten. So war er, seit sie ihm das erste Mal begegnet war. Stets dachte er zuletzt an sich. Wie lange w�rde er diesen selbstm�rderischen Mut �berleben? Oder wollte er am Ende gar nicht mehr l�nger leben? Verzweifelt drehte Shaya sich um und versuchte, einen letzten Blick auf ihn zu erhaschen, doch alles, was sie sah, war die goldene M�hne seines L�wenhelms und sein pr�chtiger, roter Umhang.</p><p>�Du weinst ja�, sagte Ninwe.</p><p>Shaya machte eine abwehrende Geste. �Es ist nichts���</p><p>�Vielleicht ist Kira ja davongekommen. Sie hat immer Gl�ck���</p><p>Die Prinzessin nickte stumm. Sie w�rde kein Wort dar�ber verlieren, dass es nicht Kira war, der ihre Tr�nen galten.</p></section><section><title><p>Von Verr�ckten und Feiglingen</p></title><p>Sein verwundeter Silberl�we trottete schwerf�llig mit den letzten Nachz�glern des Heeres der Br�cke entgegen. Artax hatte seine Kushiten um sich gesammelt. Schulter an Schulter standen die Veteranen des Krieges gegen Luwien; die Schilde erhoben und die Speere vorgereckt, bildeten sie einen Schutzwall f�r die geschlagene Armee. Auf zwei Reihen von Speertr�gern folgten Ormus Bogensch�tzen. Sie waren es, die die Pferdem�nner auf respektvollen Abstand hielten. Doch wie lange noch? Am Horizont zeichneten sich die Schemen der Riesen ab, die Artax schon am Morgen gesehen hatte. Ganz sicher waren sie zu schwer, um die Br�cke zu �berqueren, aber ebenso sicher w�rden sie ohne M�he den Schutzwall der Speertr�ger durchbrechen.</p><p>Die beiden anderen Silberl�wen folgten seinem, der immer noch hinkte. Artax ging auf sie zu und wollte eines der Tiere besteigen, so wie er es schon mehrmals versucht hatte. Doch wieder bleckte der L�we Ansurs die Z�hne und gab ein bedrohliches, metallisches Klacken von sich. Als er sich ihm am Morgen zum ersten Mal gen�hert hatte, hatte er sich sogar einen Tatzenhieb eingefangen. Wie es schien, duldeten die Tiere nur ihre eigenen Herrscher als Reiter. Dar�ber sollte er dringend mit Langarm reden, wenn er lebend hier herauskam.</p><p>Ansur selbst war bei der Vorhut des Heeres. Der Herrscher Valesias hatte sich l�ngst auf der anderen Seite der Br�cke in Sicherheit gebracht. Nicht so Madyas. Der Unsterbliche, der die Steppenreiter f�hrte, war den ganzen Morgen �ber bei seinen Kriegern geblieben und hatte sich Pl�nklergefechte mit den Pferdem�nnern geliefert. Zwei Pferde waren unter ihm get�tet worden. Niemand k�nnte ihn einen Feigling nennen, und dennoch schreckte er davor zur�ck, in den Himmel zu steigen.</p><p>�Ihr solltet jetzt zur Br�cke gehen�, fl�sterte Ormu Artax ins Ohr. �Die Riesen werden hier sein, bevor wir alle ans andere Ufer bringen k�nnen. Das wird h�sslich werden, denn ich sch�tze, dass sie weder meine Pfeile noch unsere Speere beeindrucken werden.�</p><p>�Als Unsterblicher bin ich der Erste meines Volkes. Ich lebe im Luxus und genie�e unz�hlige Privilegien. Wenn ich jetzt davonlaufe, von wem k�nnte ich dann noch erwarten, hier auszuharren? Es ist meine Pflicht, ein Beispiel an Mut zu sein.�</p><p>�Von den sieben Unsterblichen sind nur noch Madyas und Volodi hier.� Ormu fl�sterte noch immer. �Und ehrlich gesagt, halte ich beide nicht f�r besonders helle. K�nntet Ihr nicht ein wenig wie die anderen sein?�</p><p>Also hatte sich auch Labarna schon zur�ckgezogen, dachte Artax entt�uscht. Von den �brigen Unsterblichen hatte er nichts anderes erwartet. �Volodi ist mit seinen Kriegern noch auf Adlerjagd?�</p><p>�Ich habe ihm einige meiner Bogensch�tzen geschickt. Die meisten seiner M�nner sind eher f�r Handfesteres zu gebrauchen als daf�r, mit einem Bogen einen Adler, gro� wie ein Pferd, zu treffen.�</p><p>Artax musste schmunzeln. Er wusste, was Ormu meinte. Die Drusnier waren furchteinfl��ende Gegner, wenn es um den Kampf Mann gegen Mann ging. F�r ihre Bogensch�tzen waren sie weit weniger ber�hmt.</p><p>Ein Pulk Reiter raste dem Wall aus Speeren entgegen. Ein Mann mit Wolfshelm auf einer gro�en, wei�en Stute ritt mitten unter ihnen. Madyas! Die Pferdem�nner folgten ihnen dichtauf. Immer wieder wandte sich der Unsterbliche im Sattel um, um seine Verfolger mit Pfeilen einzudecken. Nur wenige seiner M�nner folgten noch seinem Beispiel. Viele hielten sich nur noch mit letzter Kraft im Sattel.</p><p>�Achtung!�, rief Artax. ��ffnet L�cken f�r unsere Freunde! Dritter, f�nfter und siebenter Zug, zur�ckweichen!�</p><p>Die Krieger folgten seinen Befehlen mit einer Pr�zision, als f�hrten sie nur ein Man�ver auf dem weiten L�wenfeld vor seinem Palast auf. Hunderte Male hatte Ashot sie gedrillt, bis sie alle Man�ver selbst mitten in der Nacht, gerade aus dem Schlaf gerissen, ausf�hren konnten. Ashot h�tte hier sein sollen. Die M�nner Arams waren sein Heer. Es war ungerecht gewesen, ihn im Palast zur�ckzulassen, nur weil er f�r das Reich die richtige Entscheidung getroffen hatte. Und dennoch konnte er Ashot nicht verzeihen, dass er ihm Shaya genommen hatte.</p><p>N�chtern betrachtet, war es auch f�r sie besser gewesen. Shaya war eine Kriegerin. Sie h�tte sich durch nichts davon abhalten lassen, hier an seiner Seite zu sein. Wo immer sie jetzt auch sein mochte, jeder Ort war besser als dieses Schlachtfeld, auf dem es keinen Sieg mehr zu erhoffen gab.</p><p>Madyas war der letzte Reiter, der durch die Reihen der Speertr�ger preschte, w�hrend Ormus Bogensch�tzen die Pferdem�nner auf Abstand hielten. Die gr�sslichen Zwitterwesen begannen nun ihrerseits, mit ihren kurzen B�gen zu schie�en, und Pfeile schlugen in die hohen Schilde der Kushiten.</p><p>Madyas z�gelte sein Pferd neben Artax. Der Schimmel war �ber und �ber mit Blut bedeckt. Ihm fehlte das rechte Ohr, ein Hinweis auf einen ungelenk gef�hrten Schwerthieb des Reiters.</p><p>Der F�rst der Steppenreiter lie� sich von einem seiner M�nner einen Wasserschlauch zuwerfen und nahm einen tiefen Schluck. Blanker Schwei� stand ihm auf dem Gesicht. �Verdammt, das sind die besten Reiter, die ich jemals getroffen habe. W�rde gerne wissen, wie das so ist, wenn Mann und Pferd eins sind.�</p><p>Artax sah ihn ungl�ubig an. Das war offensichtlich kein Scherz. Madyas meinte es ernst. Ihn schien die Vorstellung, zur H�lfte Pferd zu sein, tats�chlich zu faszinieren. Und auch die Krieger, die ihn umgaben, wirkten von seinen Worten nicht abgeschreckt.</p><p>�Kannst du einige deiner Bogensch�tzen zum Flussufer schicken, damit sie Volodi dabei helfen, die Adler von der Br�cke fernzuhalten?�</p><p>Madyas nahm noch einen tiefen Schluck. �Wir haben nicht mehr viele Pfeile. Subais Krieger haben ihre K�cher fast leer geschossen, als sie den Drachen erlegt haben.�</p><p>Artax kam es so vor, als w�re der Unsterbliche eher ver�rgert als stolz. Ahnte auch er, dass etwas bei der Drachenjagd nicht mit rechten Dingen zugegangen war? �Wir k�nnen am Ufer jeden Sch�tzen gebrauchen�, sagte Artax ruhig. �Die Adler kosten uns viel Blut.�</p><p>Der Steppenf�rst bellte einen Befehl, und einige seiner Krieger setzten sich murrend in Bewegung. Dann wandte er sich wieder an Artax und fragte: �Wo stecken nur die Devanthar?�</p><p>Zum ersten Mal sah der Reiterkrieger aus, als w�re er in Sorge. �blicherweise �berspielte er alle Schwierigkeiten mit zur Schau gestellter H�rte oder derbem Humor. Doch jetzt war die Maske gefallen. Tiefe Sorgenfalten zeichneten sein Gesicht. �Wenn uns die Daimonen �ber den Fluss folgen, dann bl�ht uns noch ein �bles Gemetzel, bevor wir das magische Tor erreichen.�</p><p>�Wenn du mir hilfst, k�nnten wir beide das vielleicht verhindern.�</p><p>�Was hast du vor?� Ein Hauch von Unsicherheit lag in seinen schmalen Augen.</p><p>W�hrend rings um sie herum die Pfeile der Pferdem�nner einschlugen, erkl�rte Artax ihm seinen Plan.</p><p>Als er endete, fasste Madyas sich an die Stirn. �Du bist vollkommen verr�ckt! Niemand, der halbwegs bei Verstand ist, w�rde so etwas tun!�</p><p>�Deshalb frage ich dich. Ich wei�, bei dir stehe ich vor einem Verwandten im Geiste.�</p><p>Der Reiterf�rst schnaubte unwillig. �Wenn ich zustimme, bin ich ein Verr�ckter, wenn ich ablehne, ein Feigling? Was f�r eine wunderbare Wahl.� Er blickte unschl�ssig zu seinem gefl�gelten L�wen, von dessen Kopf gerade ein verirrter Pfeil abprallte. Madyas kratzte �ber sein stoppeliges Kinn. �Egal, ob wir siegen oder verrecken, man wird Heldenlieder �ber uns singen, was meinst du?�</p><p>�Ganz sicher. Zwei Unsterbliche, die allein den R�ckzug ihrer Armee decken. Davon wird man sich noch in tausend Jahren erz�hlen.�</p><p>Madyas sch�ttelte den Kopf, dann lachte er laut auf. �Verdammt, ich h�tte dich zu meinem Schwiegersohn machen sollen, statt Shaya Muwatta zu �berlassen. Du kennst mich. Ich bin genauso verr�ckt wie du. Tun wir es!�</p><p>Die Worte waren wie ein Stich in Artax� Herz. Dieser verdammte Idiot! H�tte er nur Shaya nicht erw�hnt.</p><p>Madyas sah ihn fragend an. �Stimmt etwas nicht?�</p><p>�War nur �berrascht�, entgegnete Artax einsilbig. Er durfte jetzt nicht dar�ber nachdenken! Sein ganzes Leben h�tte eine andere Wendung genommen, h�tte er Shaya als Prinzessin aus Ischkuza heiraten k�nnen. Niemand im Reich h�tte seine Stimme erhoben, h�tte er die Tochter eines Unsterblichen in seinen Palast gef�hrt. �Besorge K�cher mit Wurfspeeren. Ich muss noch ein paar letzte Befehle erteilen, damit die Truppen einen geordneten R�ckzug antreten.�</p><p>Madyas l�chelte s�ffisant. �Du meinst wohl, du willst dich von deinen M�nnern verabschieden. Ich werde dasselbe tun. Ich m�chte nicht, dass Subai das Kommando �bernimmt, wenn mir etwas zusto�en sollte.�</p><p>Artax sah ihm verbl�fft nach. Dieser Barbar steckte voller �berraschungen. Kopfsch�ttelnd machte er sich auf die Suche nach Ormu. Sein Hauptmann stand bei den Bogensch�tzen.</p><p>�Du wirst einen Boten f�r mich zum anderen Ufer schicken�, begann Artax ohne Umschweife. �Gib ihm eine Eskorte mit, damit er durch das Gedr�nge auf der Br�cke kommt. Diese Nachricht muss durchkommen! Der Bote soll Vibius, den Valesier, der die Katapulte befehligt, ausfindig machen und ihm Folgendes ausrichten���</p><p>�Das k�nnt Ihr nicht tun!�, begehrte der J�ger aus Garagum auf. �Das ist Selbstmord!�</p><p>�Wir werden jetzt nicht dar�ber debattieren, ob es einem Unsterblichen gegeben ist, sich selbst das Leben zu nehmen�, entgegnete Artax l�chelnd. �Es ist der einzige Weg. Du �bernimmst hier das Kommando. Beginne sofort mit dem R�ckzug zur Br�cke.� Er sah �ber die Schlachtlinie der Speertr�ger hinweg. Die Riesen waren inzwischen bedrohlich nahe gekommen. �Es bleibt nicht mehr viel Zeit. Unsere M�nner k�nnen die Riesen nicht aufhalten. Sorge daf�r, dass sie lebend �ber die Br�cke kommen und der verdammte Valesier an den Katapulten seine Arbeit tut.�</p><p>�Herr!� Ormu hatte es bisher stets vermieden, ihn so anzureden. Der Bogensch�tze zog etwas aus einem kleinen Lederbeutel an seinem G�rtel. �Das hier sollte ich f�r Euch suchen.� Er hielt ihm eine merkw�rdig aussehende Pfeilspitze hin, in deren T�lle ein zersplitterter Holzschaft steckte, der kaum so lang wie sein kleiner Finger war. �Ich glaube, es war dieses Geschoss, das den Drachen get�tet hat. Es ist danach noch durch sieben Hausw�nde geschlagen. Ich habe so etwas noch nie gesehen. Vielleicht sind die G�tter ja doch hier, um uns zu helfen?�</p><p>Artax nahm das Metallst�ck an sich. Es sah eigenartig aus. Eher wie ein Nagel als wie das Blatt eines Pfeils. Ein Vierkant, der sich zu einer Spitze verj�ngte. Am anderen Ende sa� die T�lle.</p><p>�Es durchdringt alles, Stein, Metall�� Einfach alles. Ich habe es ausprobiert�, erkl�rte Ormu ehrf�rchtig. �Es muss von den G�ttern geschaffen sein.�</p><p>Artax w�nschte sich, sie h�tten ein wenig mehr Zeit. Ein solcher Pfeil w�re genau das, was sie jetzt brauchten.</p><p>�Heh, Seelenbruder!�, rief Madyas ihn mit rauer Stimme. Der Unsterbliche stand neben seinem gefl�gelten L�wen und hielt seinen Maskenhelm mit dem Wolfsvisier im Arm. �Bist du bereit?� Links und rechts der hohen R�ckenlehne des Reitsattels waren je zwei K�cher mit Wurfspeeren aufgeh�ngt.</p><p>Ormu nahm einen Lederriemen vom Hals, an dem irgendein unkenntlicher Fellfetzen hing. �Nehmt das. Es hat mir immer Gl�ck gebracht.�</p><p>Artax betrachtete das Fellst�ck mit gemischten Gef�hlen. �Du wirst dein Gl�ck noch brauchen.�</p><p>�Nicht so viel Gl�ck wie Ihr!�</p><p>�Nun gut.� Er wickelte die Schnur auch um die seltsame Pfeilspitze. �Das gute St�ck hat ihrem Drachen Ungl�ck gebracht. Es wird mir als Talisman sicher gute Dienste leisten.� Er l�chelte Ormu zu. �Mach dir keine Sorgen. Ich komme immer wieder.�</p><p>�Kommst du, oder soll ich alleine fliegen?�, rief Madyas.</p><p>Artax wandte sich ab und lief dem L�wen entgegen. Die Bogensch�tzen und die M�nner aus der zweiten Reihe der Speertr�ger winkten ihm zu. Pl�tzlich rief jemand: �K�nig Geisterschwert ist unbesiegbar!�</p><p>Andere griffen den Ruf auf. Unter dem Jubel seiner M�nner schwang er sich auf die Kruppe des Silberl�wen und schlang einen breiten Lederg�rtel um seine H�ften.</p><p>�Bereit?�, fragte Madyas.</p><p>�Bereit!� Artax legte den Talisman um seinen Hals und setzte seinen Helm auf. Jetzt, wo niemand mehr sein Gesicht sehen konnte, verblasste sein aufgesetztes L�cheln.</p><p>Langsam und schwerf�llig setzte der Silberl�we sich in Bewegung. Mit zwei Kriegern und den ganzen Wurfspeeren war er v�llig �berladen. Vielleicht w�rde er nicht einmal abheben. Wenn das geschah, waren sie tot.</p><p>Artax umklammerte den Talisman auf seiner Brust und murmelte ein leises Gebet, w�hrend die Rufe seiner Krieger ihn begleiteten. �K�nig Geisterschwert ist unbesiegbar!�</p></section><section><title><p>Der Todesritt</p></title><p>Eine Gasse bildete sich in der Doppelreihe der Speertr�ger, und der L�we st�rmte den Pferdem�nnern auf der Ebene entgegen. Schwer hoben und senkten sich seine silbernen Fl�gel in kraftvollem Schwung. Feiner Pulverschnee stob davon. Hinter ihnen schlossen sich die Reihen der Krieger.</p><p>Artax blieb, mit dem G�rtel an die hohe Sattellehne gefesselt, nur der Blick zur�ck. Was vor ihnen lag, konnte er nicht sehen, und er war nicht traurig darum.</p><p>Ormu war in die vorderste Reihe der Krieger getreten und sah ihm so traurig nach, als w�re er sich gewiss, dass sie einander niemals wiedersehen w�rden. Dann rief er einen Befehl, und die Krieger Arams zogen sich langsam in Richtung des Flussufers zur�ck.</p><p>Immer noch trommelten die Pfoten des L�wen auf den gefrorenen Boden. Sie hatten die Reihe der Krieger mehr als zweihundert Schritt hinter sich gelassen, als rechts und links von ihnen die ersten Pferdem�nner auftauchten. Manche sahen den metallenen L�wen mit weit aufgerissenen M�ndern an, andere waren geistesgegenw�rtiger und hoben ihre B�gen. Bald umschwirrten sie Pfeile wie zornige Hornissen. Madyas br�llte etwas in der Sprache der Steppe, die Artax nicht verstand. Ein Geschoss streifte Artax� L�wenhelm, und ein leiser, sirrender Ton hallte in seinen Ohren.</p><p>Und immer noch hatte der L�we nicht abgehoben. Immerhin machte er jetzt weitere S�tze.</p><p>Etliche Pferdem�nner hatten bereits gewendet und lieferten sich nun ein regelrechtes Rennen mit dem L�wen. Drohend erhoben sie ihre Speere und Schwerter.</p><p>Ein gellender Schrei erklang. Artax sah einen Pferdemann in die Knie brechen. Seine ganze Brust war eine einzige klaffende Wunde.</p><p>�Fl�gelspitze!�, rief Madyas von vorne. �Der verdammte Bastard ist uns zu nahe gekommen.�</p><p>Die anderen Pferdem�nner reagierten sofort und hielten nun mehr Abstand. Noch mehr Pfeile gingen auf den Silberl�wen nieder. Artax riss einen Arm hoch, um die Sehschlitze seines Maskenhelms abzuschirmen. Gleich mehrere Geschosse trafen ihn in die Brust, doch keines vermochte seine R�stung zu durchdringen.</p><p>Mehr Sorgen als die Pferdem�nner machten Artax die Adler. Ihr Anf�hrer, der Reiter auf dem gefl�gelten Pferd, hatte inzwischen bemerkt, was vor sich ging, und einer nach dem anderen schwenkten die gro�en V�gel vom Fluss ab und folgten nun ihnen.</p><p>�Lanze!�, rief Artax.</p><p>�Links!� kam die Antwort von Madyas. Er reichte die lange Waffe nach hinten.</p><p>Der Silberl�we hatte einen flachen H�gel erreicht. Auf dem Weg die Flanke hinab steigerte er noch einmal sein Tempo. Und endlich hoben sie ab. Drei Herzschl�ge lang, dann gruben sich die schweren metallenen Pranken wieder in den vereisten Boden.</p><p>�Riesen voraus!�, schrie Madyas.</p><p>Artax konnte sich nicht weit genug zur Seite beugen, um zu sehen, wie nahe sie den turmhohen Gestalten schon gekommen waren. Er hatte nur Augen f�r die Adler, die ihnen folgten. Der vorderste war schon erschreckend nah.</p><p>Artax schob die Rechte durch die lederne Schlaufe in der Mitte der Lanze und lie� die Spitze der Waffe sinken, sodass sie gegen den Boden zeigte. Pl�tzlich brach der L�we zur Seite aus. Madyas fluchte, und die Worte waren kaum �ber seine Lippen, als ein Baumstamm keinen halben Schritt von ihnen entfernt niederschlug. Der L�we machte einen H�pfer. Rechts und links von ihnen waren pl�tzlich Beine, m�chtiger als die bauchigen Tempels�ulen von Isatami. Haare wie Dr�hte sprossen aus grobporiger Haut.</p><p>�Wir trennen uns von ein paar Wurfspeeren!�, schrie Madyas, und im n�chsten Augenblick purzelten zwei der schweren Lederk�cher in den Schnee.</p><p>Ein dunkler Schrei ert�nte �ber ihnen, so laut, dass es Artax wie ein Faustschlag in den Magen traf und das Gefieder ihres L�wen klirrend erzitterte. Jetzt sah er, wie sich der Riese, wild mit der Keule schwingend, herumdrehte. Weit ausholend traf er den vordersten Adler, der sich in ein Kn�uel auseinanderstiebender Federn verwandelte, so wie ein Spatz, der vom Schleuderstein eines Lausbuben getroffen worden war. Die anderen Adler wichen dem Riesen in wilden Flugman�vern aus.</p><p>Artax� Magen machte einen Satz. Sie waren in der Luft! Endlich!</p><p>Madyas br�llte vor Begeisterung wie ein br�nstiger Stier. Ein Schatten zog �ber sie hinweg. Die Adler hatten sie eingeholt. Schn�bel, spitz wie Dorn�xte, hackten auf sie nieder.</p><p>�Lass den L�wen wie ein Fass rollen!�, rief Artax durch das Rauschen der Fl�gel und die schrillen Schreie der Adler.</p><p>Die Schn�bel entrissen Artax die Lanze. Wieder wurden die Arme seiner R�stung steif. Schnabelhiebe prasselten auf seinen Helm, Krallen packten seine Schulter, ohne dass er sich wehren konnte. Ein Adler mit goldfarbenen Augen versuchte, ihn von seinem Sitz auf der L�wenkruppe zu zerren.</p><p>In dem Moment kippte der Silberl�we �ber den rechten Fl�gel ab und vollf�hrte eine seitliche Rolle. Die Adler kreischten auf, unf�hig, dieses Flugman�ver nachzumachen. Silberne Schwingen schnitten durch Fleisch und Federn. Der Schwarm, der sie eben noch umfangen hatte, lichtete sich.</p><p>�Und jetzt sind die Riesen dran!�, frohlockte Madyas.</p><p>Der L�we stieg in steiler Kurve in den Himmel hinauf, w�hrend die Adler M�he hatten, ihnen zu folgen.</p><p>Artax hatte einen atemberaubenden Blick auf das weite Schlachtfeld. Sieben Riesen standen unter ihnen. Sie alle hatten in ihrem Marsch innegehalten und reckten die Baumst�mme, die sie als Keulen trugen, drohend zum Himmel hinauf. Ein St�ck zur�ck marschierte das Heer der Daimonen. Banner in allen Regenbogenfarben flatterten �ber den endlosen Kolonnen.</p><p>Es w�rde ein langer Krieg werden, dachte der Unsterbliche beklommen. Selbst wenn sie alle Truppen Daias zusammenz�gen, w�re ungewiss, ob sie dieses Heer aufhalten k�nnten. Wie sollten sie gegen Riesen ank�mpfen? Oder gegen Drachen? Er griff hinter sich nach den K�chern mit den Wurfspeeren. Zumindest was die Adler anging, war nun die Stunde der Rache gekommen. Immer noch stieg der L�we in steilem Winkel h�her und h�her. Die Adler folgten ihm, vermochten den Vorsprung des L�wen aber nicht schrumpfen zu lassen.</p><p>Es war genug Zeit verstrichen, sodass das Leder seiner �rmel wieder weich und geschmeidig geworden war. Artax holte aus und schleuderte den ersten Speer hinab in den Schwarm der Raubv�gel. Der L�we stieg so steil in den Himmel, dass der Unsterbliche wie auf einem nach vorne gekippten Stuhl sa�. Es war schwer, in dieser Position zu zielen. Der G�rtel, mit dem er an der Lehne festgeschnallt war, hielt sein ganzes Gewicht und schnitt ihm tief ins Fleisch.</p><p>Der erste Speer verfehlte sein Ziel und schoss fast senkrecht der Ebene entgegen. Sie stiegen h�her und h�her, und Artax fragte sich, wie weit Madyas noch in den Himmel hinaufwollte. Beunruhigt zog er den n�chsten Wurfspeer. Diesmal lie� er sich ein wenig mehr Zeit. Er wog die Waffe in der Hand, schleuderte sie und verfehlte erneut. Fluchend zog er einen weiteren Speer. Das hatte er sich anders vorgestellt.</p><p>Der dritte Wurf traf. Der Speer bohrte sich tief in das Brustgefieder eines Adlers, der mit ausgebreiteten Fl�geln nach hinten kippte und st�rzte.</p><p>Madyas �nderte nun die Flugrichtung. In einer weiten Kurve schwenkten sie auf den Riesen ein, der den Abschluss der kleinen Gruppe dieser Ungeheuer bildete. Als sie nahe genug waren, zog Artax einen weiteren Speer und schleuderte ihn. Das Geschoss traf den Riesen im Nacken, doch schien es nicht mehr Wirkung als ein Bienenstich zu haben. Er schlug �rgerlich nach hinten, blieb kurz stehen und drehte sich nach ihnen um.</p><p>Madyas nutzte dies, um in einen halsbrecherischen Sturzflug zu gehen. Sie flogen so dicht an seinem Gesicht vorbei, dass eine der Silberschwingen die Nase des Riesen streifte und einen blutigen Striemen darauf zur�cklie�. Gro�e blaue Augen sahen ihnen ungl�ubig nach.</p><p>Artax schleuderte einen weiteren Speer ins Gesicht ihres verwunderten Gegners. Eigentlich hatte er auf das linke Auge gezielt, doch der Speer bohrte sich dicht neben der Nase ins Fleisch. Aus dem Flug heraus ein Ziel zu treffen war einfach etwas ganz anderes, als sicher auf festem Boden stehend einen Speer zu schleudern.</p><p>Die Adler, die ihnen folgten, stoben auseinander, um der Hand des Riesen auszuweichen, mit der er ungelenk vor seinem Gesicht wedelte, als wollte er ein paar l�stige Fliegen verscheuchen.</p><p>�Lass uns den n�chsten verdammten Riesen fertigmachen!�, jubelte Madyas und steuerte einen weiteren Gegner an.</p><p>Artax dachte, wie unterschiedlich ihrer beider Vorstellungen von <emphasis>jemanden fertigmachen</emphasis> doch waren. Die beiden Speertreffer hatten den Riesen ein wenig ge�rgert, aber aufhalten w�rden sie ihn ganz gewiss nicht.</p><p>Die letzten Krieger der Kushiten hatten den Aufgang zur Br�cke erreicht. Immer noch hielten sie die Schilde zum Schutz gegen die Pfeile der Pferdem�nner hoch. �berall auf dem Eis und dem blanken Felsgestein der Uferb�schung lagen Tote. Aus der H�he konnte Artax �berdeutlich sehen, wie eine lange Linie von Leichen ihren R�ckzugsweg aus Wanu markierte. Sie hatten sich in eine Falle locken lassen, und in dieser Stunde der gr��ten Not waren die Devanthar nicht an ihrer Seite, um ihnen zu helfen. Selbst der Gro�e B�r, der noch bis zur Nacht bei ihnen ausgeharrt hatte, war nun verschwunden.</p><p>Madyas stie� einen halb erstickten Schrei aus, und ein schwerer Schlag traf die hohe Sattellehne. Im selben Augenblick zog der schwarz-gefl�gelte Hengst an Artax vorbei. Sein Reiter, der blonde Daimon, lie� einen zersplitterten Lanzenschaft fallen, flog eine weite Kehre und zog sein Schwert.</p><p>�Madyas!�</p><p>Der Unsterbliche antwortete nicht. Artax drehte und wand sich in seinem Gurt, konnte aber nur sehen, wie im rasenden Flug eine Fahne von Blutperlen schr�g an der Lehne vorbeispritzte. Schon senkte sich die Flugbahn des L�wen dem Boden entgegen. Seine Fl�gel waren starr, sie schlugen nicht l�nger. Nur der eisige Wind lie� sie noch leicht vibrieren.</p><p>�Befehle ihn zum Ufer! Unser Plan! Denk an den Plan!�, rief Artax verzweifelt. Doch Madyas gab kein Lebenszeichen von sich.</p><p>Sie zogen dicht �ber dem Kopf eines Riesen dahin, der mit einem w�tenden Br�llen darauf reagierte, die Keule hob und mit schweren Schritten losstapfte, um sie noch zu erwischen. Doch sie waren zu schnell��</p><p>Links neben sich konnte Artax die Br�cke sehen. Seine Kushiten waren im Nebel verschwunden, und es sah so aus, als w�rden die Pferdem�nner z�gern, ihnen nachzusetzen. Die vordersten drei der Riesen waren keine hundert Schritt mehr vom Fluss entfernt. Was hinter der Nebelwand vor sich ging, vermochte Artax nicht zu erkennen, daf�r flogen sie l�ngst zu tief�� Nur noch drei�ig Schritt bis zum Boden. Der L�we fiel zwar nur in flacher Kurve, doch lange w�rde es nicht mehr dauern, bis er auf dem gefrorenen Grund zerschellte.</p><p>Verzweifelt griff Artax hinter die Lehne und bekam einen Arm des Steppenf�rsten zu packen. �Lass ihn aufsteigen! Madyas! Wir sind am Ufer! Unser Plan�� Madyas!�</p><p>Madyas� Arm entglitt seiner Hand. Er konnte sp�ren, wie er kraftlos herunterhing.</p><p>Der Boden kam immer n�her�� Weniger als zwanzig Schritt.</p><p>Einige der Pferdem�nner unter ihm stie�en ein wildes Freudengeheul aus und preschten ihm hinterher. Sie waren darauf aus, sich eine Troph�e zu holen. Wild stie�en sie ihre Speere in die Luft, als wollten sie ihm zeigen, was ihn erwartete, h�tte er erst einmal Boden unter den F��en.</p><p>Noch f�nf Schritt. Pl�tzlich erwachte der L�we aus seiner Starre. Seine Fl�gel bewegten sich wieder. Schwach, z�gerlich nur, so als erwachte er aus einem tiefen Schlaf und streckte sich, um auch seine steifen Glieder aufzuwecken. Seine m�chtigen F��e streiften klirrend den Boden. Ein Ruck lief durch den L�wenk�rper, der Artax hart gegen die R�ckenlehne schlagen lie�. Und dann stiegen sie wieder.</p><p>Die Pferdem�nner fluchten. Ein Pfeil traf Artax, ohne etwas auszurichten, in die Brust, ein zweites Geschoss streifte seinen Helm.</p><p>Der L�we begann sich im Steigflug um seine eigene Achse zu drehen. Das war das verabredete Zeichen f�r den valesischen Hauptmann Vibius! Sofern ihn der Bote, den Ormu losschicken sollte, auch erreicht hatte. Artax griff nach hinten. Seine H�nde krallten sich in das z�he Leder der Sattellehne. Sein Oberk�rper hing fast waagerecht, so steil stieg der L�we aufw�rts. Der Wind lie� seinen roten Mantel wie eine Fahne wehen. Er stieg h�her als der Nebel �ber dem Fluss, dabei drehte sich der L�we immer weiter um seine eigene Achse.</p><p>Artax war es schwindelig. Der wilde Flug auf dem L�wen berauschte und erschreckte ihn zugleich. Der Tod stand neben ihm. Ein Fehler, und nicht einmal die R�stung der Devanthar w�rde ihn retten. Sein Vorg�nger war auf diese Art gestorben. Aus dem Himmel gest�rzt, von einer Daimonin in den Abgrund gesto�en.</p><p>Ein klammes Gef�hl nistete bei diesen Erinnerungen tief in seinem Magen. Und zugleich f�hlte er sich wie ein Gott! Es war ganz anders als das langsame Gleiten auf den Wolkenschiffen. Dieser rasende Flug hatte etwas Berauschendes. W�hrend sich der L�we immer weiter in den Himmel schraubte, breitete sich unter Artax die ganze Ebene aus. Von Wanu bis zur Nebelwand �ber dem Fluss und dar�ber hinaus bis zu jenem Ort, an dem sich bald das magische Tor �ffnen w�rde.</p><p>Rauchf�den zogen unter ihm durch den Himmel. Und dann, endlich, erbl�hte die erste Feuerblume unten am Ufer! Weitere folgten binnen eines Atemzugs. Die Pferdem�nner stoben angstvoll auseinander. Einem von ihnen brannte das Fell lichterloh. Ein Riese wurde von einem �lkrug auf der Brust getroffen, und eine Kaskade aus Flammen ergoss sich �ber seinen Bauch hinab bis zu den Lenden. Wild schreiend st�rmte er dem Fluss entgegen, warf sich auf die Knie und begann mit seinen gewaltigen H�nden Wasser auf seinen Leib zu schaufeln. Doch das brennende �l wollte nicht verl�schen.</p><p>Die anderen Riesen liefen davon, ohne darauf zu achten, was ihnen unter die F��e kam. �berall am Ufer herrschte Tumult. Die Marschs�ulen, die ein St�ck zur�cklagen, verharrten.</p><p>Artax jubilierte, als eine neue Reihe von Feuerbl�ten entlang des Ufers aufstieg. Die Daimonen wichen zur�ck! Wenn es nun noch gelang, die Br�cke in Brand zu setzen, dann waren sie gerettet! Nur ein halber Tagesmarsch trennte sie vom Weltentor. So schnell w�rden nicht einmal die Daimonen eine neue Br�cke schlagen k�nnen.</p><p>Pl�tzlich war der rote Reiter wieder hinter ihm. Er hob sein Schwert zum Fechtergru�. Es war unheimlich, wie schnell und m�helos sein gefl�gelter Hengst ihn n�her trug. Bald konnte Artax deutlich das ebenm��ige Gesicht des Daimons erkennen. Er sah gut aus mit seinen hohen Wangenknochen und der gew�lbten Stirn. Nur seine Augen�� Sie waren ganz schwarz. Nicht einmal ein schmaler wei�er Rand umfasste sie.</p><p>Mit weit vorgestrecktem Schwert flog er ihm entgegen.</p><p>�Madyas!�, versuchte es Artax noch einmal. �Madyas! Wir m�ssen ausweichen!�</p><p>Unbarmherzig kam der Daimon n�her, w�hrend der L�we sich immer noch in Spiralen h�her in den Himmel schraubte.</p><p>Artax dachte mit aller Kraft an den L�wen. Verzweifelt hoffte er darauf, Verbindung zu dem Gesch�pf aus lebendem Metall aufzunehmen. Nichts! Sie gehorchten nur einem�� dem Unsterblichen, der sie erw�hlt hatte.</p><p>Unbarmherzig kam die Schwertspitze n�her und n�her. Wie ein Pfeil, der auf ihn abgeschossen worden war, nur dass Artax hier im Gegensatz zu einem Pfeil, der schnell wie der Wind flog, Gelegenheit hatte, den nahenden Tod kommen zu sehen und das Gef�hl seiner Wehrlosigkeit voll auszukosten. Die Klinge zielte direkt auf sein Gesicht.</p><p>Der Unsterbliche schloss die Augen. Er atmete schwer auf. Vor seinem Geiste erschien das Gesicht Shayas. Er sah sie auf dem R�cken des Wolkensammlers tanzen und vor dem Thron in seinem Palast im Gewand einer einfachen Dienerin niederknien, in dem man sie vor ihn gebracht hatte, damit er �ber sie Gericht hielt. Nie w�rde er den Augenblick vergessen, als sie f�r ihn von den Toten auferstanden war.</p><p>Mit der Erinnerung kam Zorn. Er durfte sich nicht einfach dem Schicksal �berlassen! Er �ffnete die Augen, und seine Hand fuhr hinab zu seinem Schwert. Unheimliche gr�ne Flammen spielten um die Klinge, als er die Waffe zog.</p><p>Deutlich sah er, wie sich die Augen des Daimons weiteten, doch schwenkte das fliegende Pferd nicht ab. Stahl klirrte auf Stahl. Vergeblich versuchte Artax, die Waffe des Daimons zur Seite zu dr�cken. Funken stoben von den Klingen. Auch der Daimon w�rde getroffen werden, aber er gab nicht auf.</p><p>Schwarze Schwingen streiften Artax� Helm, und dann stie� das Schwert in sein Visier. Sengender Schmerz durchfuhr ihn. Die Welt kippte nach hinten. Blut spritzte ihm in die Augen. Er blinzelte dagegen an und sah nur noch verschwommen. Benommen begriff er, dass sich der L�we aus dem Steigflug mit ausgebreiteten Schwingen nach hinten hatte fallen lassen.</p><p>Ein metallisches Kreischen durchdrang die Apathie, mit der Artax den Sturz akzeptiert hatte. Silberne Federn stoben auf. Der Daimon tat es erneut! Er hieb auf die Schwingen des L�wen ein. Doch das Tier aus lebendem Metall gab den Sturz auf. Es drehte sich �berraschend. Seine schweren Fl�gel durchtrennten einen Vorderlauf des fliegenden Pferdes und schnitten tief in die Brust des Hengstes, der in Todesangst wieherte.</p><p>Der Daimon wurde aus dem Sattel gerissen, und nur die Fangleine rettete ihn davor, abgeworfen zu werden, als sein pr�chtiger Hengst trudelnd aus dem Himmel st�rzte.</p><p>Rote Schleier blendeten Artax endg�ltig. Mehr sp�rte er den Nebel, als dass er ihn sah. Schmeckte die feuchte W�rme, als er einatmete und ihm wieder das Bild Shayas erschien, wie sie f�r ihn im Himmel getanzt hatte.</p></section><section><title><p>Mondschatten</p></title><p>Nodon kniete neben Mondschatten, der ihn so viele Jahre lang durch den Himmel Albenmarks getragen hatte. Der Pegasus lag auf dem eisigen Boden, eine Schwinge ragte steil auf, die andere war grotesk verdreht unter seinem Rumpf begraben. Ein Huf war abgetrennt. Nodon wandte den Blick von den bleichen Knochen und verfluchte den Befehl des Dunklen, der ihn hierhergef�hrt hatte. Und er verfluchte seine Kampfeslust! H�tte er den silbernen L�wen doch nur ziehen lassen. Was h�tte diese Kreatur aus Metall mit ihren beiden Reitern schon auszurichten vermocht. Ihren Vormarsch ein wenig st�ren. Sein Kampf hatte nicht verhindert, dass die Reiter des L�wen das Zeichen f�r die Katapulte gegeben hatten.</p><p>�Es tut mir leid�, fl�sterte Nodon und strich sanft �ber den mit Schaumflocken bedeckten Hals des Pegasus.</p><p>Der Hengst sah ihn mit weiten Augen an. Der Elf sah den Schmerz darin. Und den Willen, weiterzuk�mpfen, sein Leben noch nicht loszulassen. Nodon wusste nur zu gut, dass Mondschatten diesen letzten Kampf nicht gewinnen konnte. Zu schwer waren seine Verletzungen. Aber Mondschatten w�rde noch Stunden durchhalten. Er war stolz und st�rrisch, so war er immer schon gewesen.</p><p>�Verzeih mir meine Dummheit.� Nodon sp�rte, wie das Blut in der gro�en Halsader des Pegasus pulsierte, wie kr�ftig das Herz seines Gef�hrten noch schlug. �Ich h�tte diesen Kampf meiden sollen. Er war unn�tig.�</p><p>Mondschatten schnaubte, als wollte er widersprechen.</p><p>�Ja, du hast ihn besiegt, diesen Metalll�wen�, sagte Nodon beschwichtigend und zog den Dolch, den er am G�rtel trug. �Nichts, was Schwingen hat, kommt dir gleich, Mondschatten.� Sanft dr�ckte er die Schneide der Waffe gegen die gro�e Ader tief unten am Hals. Nodon war sich sicher, dass sein Freund den Schnitt nicht gesp�rt hatte. Dunkles Blut breitete sich in einer schnell wachsenden Lache unter seinem Leib aus.</p><p>�Du hast nie einen Kampf verloren, mein Freund. Danke, dass du mir erlaubt hast, mit dir durch die Himmel zu reisen und an deinem Ruhm teilzuhaben.�</p><p>Ein warmer Glanz lag in Mondschattens Auge. Nodon t�tschelte die N�stern des Hengstes. Sie f�hlten sich kalt an. �M�gen die Alben deine Seele ins Mondlicht geleiten.�</p><p>Der Schweif des Pegasus strich schwach �ber das Eis. Ein Zucken lief durch seine Beine.</p><p>�Ich bin bei dir, mein Freund.�</p><p>Mondschattens Auge weitete sich. Wieder zuckten seine Beine. Er wollte aufstehen, wollte dem Tod stehend begegnen.</p><p>�Erinnerst du dich an den Sommer, in dem wir uns zum ersten Mal begegnet sind. Du hattest mich gesehen, obwohl ich gut getarnt in einem Dornbusch lauerte. Du warst der gr��te Hengst in deiner Herde. Ein K�nig im Bainne Tyr. Selbst die L�wen dort respektierten dich und f�rchteten sich vor deinen schweren Hufen.�</p><p>Nodon hauchte ein Wort der Macht und wob einen Zauber. Ein sanfter warmer Wind kam auf und spielte mit den zerzausten Federn des gebrochenen Fl�gels.</p><p>�Ich habe mich f�r unsichtbar gehalten in dem Geb�sch, du aber bist davongeprescht und auf geweiteten Schwingen auf dem warmen Wind des Bainne Tyr in den Himmel gestiegen. Wenn ich daran denke, dann ist es mir, als k�nnte ich den Wind selbst jetzt sp�ren. Als m�sste ich nur die Augen schlie�en, um dort zu sein.�</p><p>Mondschattens Blick hielt ihn gefangen. Jetzt lag Frieden in dem gro�en, schwarzen Auge. Seine N�stern w�lbten sich. Er schnaubte.</p><p>�Du bist eine weite Kehre geflogen und zur�ckgekehrt, um mich unter deinen m�chtigen Hufen in meinem Geb�sch zu zertrampeln. Ich habe mich flach auf den Boden geworfen, und dann haben wir einander zum ersten Mal in die Augen gesehen. Beide haben wir gro�e, schwarze Augen, nicht wahr, mein Sch�ner.� Nodon sp�rte, wie das Blut nun schw�cher durch die gro�e Halsader pulsierte. Unter dem Hengst hatte sich eine erschreckend gro�e Lache gebildet.</p><p>�Als du mir in die Augen gesehen hast, da wusstest du, dass wir f�reinander bestimmt sind. Nat�rlich hast du dir das nicht eingestanden, alter Dickkopf. Du hast nur davon abgesehen, mich zu zertrampeln, bist nahe beim Busch gelandet und hast mich lange angesehen. Und als ich Trottel dir einen Strick �ber den Hals werfen wollte, habe ich mir doch noch einen Huftritt eingefangen.� Nodon lachte leise. �Du warst eine ganz sch�n zimperliche Braut. Zwei Wochen hat es gedauert, bis ich dich zum ersten Mal ber�hren durfte. �ber einen Mond, bis ich dich zum ersten Mal geritten habe. Und bis du bereit warst, deine Herde zu verlassen, hat es fast ein halbes Jahr gedauert. Dabei hast du schon am ersten Tag gewusst, dass es so enden w�rde. Aber etwas wissen und nachzugeben, das war nie deine Sache, mein Freund.�</p><p>Der Glanz war aus dem Auge des Pegasus gewichen. Nodon dr�ckte das Lid herab und lie� seine Hand dar�ber ruhen. �Ich w�nsch dir einen guten Steigwind, wohin immer deine Seele auch fliegen mag, Mondschatten.�</p><p>Lange kniete Nodon neben dem toten Pegasus. Er sp�rte, dass er nach einer Weile nicht mehr allein war, aber er drehte sich nicht um. Wer immer gekommen war, verstand seinen Schmerz und dass der Abschied seine Zeit brauchte.</p><p>Endlich war er so weit. Mit einem Seufzer richtete er sich auf. Seine Beine f�hlten sich taub an, fast so sehr wie seine Seele.</p><p>Ailyn war zu ihm gekommen. Er war �berrascht, die Drachenelfe hier zu sehen.</p><p>�Ich habe die Vorhut gef�hrt�, sagte sie ruhig.</p><p>Offensichtlich waren ihm seine Gedanken allzu deutlich anzusehen gewesen. Er straffte sich und wollte sich zur unersch�tterlichen Ruhe zwingen, die ihnen in der Wei�en Halle anerzogen worden war. Die Kunst, ihre Emotionen zu verbergen, lie� Fremde leicht glauben, dass Drachenelfen keine Gef�hle hatten. Doch das stimmte nicht. Und hier, an der Seite seines toten Pegasus, der ihn so viele Jahre begleitet hatte, mochte es Nodon einfach nicht gelingen, einen gleichm�tigen Eindruck zu erwecken.</p><p>Ailyn sah aus, als w�re sie gerade erst aus einem Festsaal getreten. Wei� und makellos stand sie vor ihm. Sie trug nicht einmal eine Waffe. Man konnte kaum ungeeigneter f�r ein Schlachtfeld wirken, als sie es tat. Doch da waren eine H�rte und eine Entschlossenheit in ihrem Gesicht, die keinen Zweifel aufkommen lie�en, dass sie es gewohnt war, Befehle zu geben.</p><p>�Wer ist sonst noch hier?�, fragte Nodon m�de.</p><p>�Von uns? Keiner. Sie halten die Drachenelfen zur�ck. Au�er denen, die sie loswerden wollen. Was hast du verbrochen, um hier zu sein?�</p><p>Nodon sah Ailyn durchdringend an. Auch wenn sie �u�erlich dieselbe war, lag da ein Unterton in ihrer Stimme, der neu war. Nicht nur Zynismus. Sie klang geradezu rebellisch.</p><p>�Ich sch�tze, ich habe zu viele Fragen �ber Nandalee gestellt.�</p><p>Ailyns Augen wurden schmaler. �Wie meinst du das?�</p><p>�Es ist��� Nodon wusste selbst nicht recht, wie er es in Worte fassen sollte. �Ihre Kinder. Sie h�tten l�ngst zur Welt kommen sollen. Diese Schwangerschaft�� sie wird immer unheimlicher. Nandalee hat ihr Zimmer abgedunkelt. Es darf kein Licht dort sein. Sie wirkt v�llig apathisch und irgendwie unheimlich. Ich habe Nachtatem darauf angesprochen, immer wieder. Ich habe ihn angefleht, dem ein Ende zu machen. Er hat mich ignoriert. Und dann kam der Befehl, hierherzukommen.� Nodon schnaubte. �Ich soll seine Augen sein, hat er gesagt, aber es ging nur darum, mich loszuwerden. Wie es aussieht, kann ich ja nun zur�ckkehren. Das Gemetzel ist beendet.�</p><p>�Wie kommst du darauf?�</p><p>Nodon deutete zur Br�cke, von der dunkler Rauch aufstieg. �Die Br�cke brennt. Wir k�nnen sie nicht mehr verfolgen.�</p><p>�Unser Heerf�hrer sieht das anders.�</p><p>Nodon war �berrascht. Er h�tte Solaiyn, dem verbitterten alten Elfenf�rsten aus Arkadien, dem die Himmelsschlangen r�tselhafterweise den Oberbefehl gegeben hatten, nicht viel Initiative zugetraut. Bisher hatte er sich als ausgesprochen phantasielos erwiesen.</p><p>�Solaiyn will die doppelrumpfigen Boote am Ufer nutzen, um eine Schiffsbr�cke �ber den Fluss zu schlagen. Er hat schon Wagen zur�ck nach Wanu geschickt, um dort Holz und Seile zu holen.�</p><p>Nodon betrachtete die brennende Br�cke. �Das ergibt doch keinen Sinn. Wir werden mindestens einen Tag f�r den Bau einer solchen Schiffsbr�cke ben�tigen. Bis dahin werden alle Menschenkinder durch den Albenstern geflohen sein, durch den sie hergekommen sind.�</p><p>�Das glaube ich nicht�, sagte Ailyn d�ster. �Die Himmelsschlangen haben andere Pl�ne mit ihnen.�</p></section><section><title><p>Alles ist verloren</p></title><p>Sie sah den L�wen aus dem Himmel st�rzen. Er fiel nicht wie ein Stein, aber es war offensichtlich, dass die Landung mit einem Ungl�ck enden musste. Das pr�chtige Tier tat nichts, um den Flug zu verlangsamen. Und beide Reiter hingen leblos im Sattel.</p><p>Shaya hatte das Gef�hl, dass ihr eine unsichtbare Macht die Kehle zuschn�rte. War das Aaron, der Reiter mit dem karmesinroten Umhang?</p><p>�Unsere Unsterblichen haben in die Niederungen von uns Sterblichen gefunden, wie es scheint�, sagte Ninwe in einem Zynismus, der sonst ganz und gar nicht ihre Art war.</p><p>�Ich muss dorthin!� Shaya scherte aus dem langen Zug von Fl�chtlingen aus, in den sich ihr gestern noch so stolzes Heer verwandelt hatte.</p><p>Ninwe packte sie beim Arm und versuchte sie zur�ckzuhalten. �Nicht! Sie werden nicht wollen, dass solche wie wir unsere g�ttlichen Herrscher so sehen.� Aufrichtige Sorge stand nun in ihren Augen. �Solche wie wir sind nicht dazu geboren, mit Unsterblichen zu verkehren. Daraus wird dir nichts Gutes erwachsen. Bleib hier!�</p><p>Shaya riss sich los. Sie musste Aaron sehen. Als sie loslief, hatte der L�we fast den Boden erreicht. Mit ein paar kraftlosen Fl�gelschl�gen versuchte die Kreatur aus lebendem Metall, weiter fort vom Nebel und den Feinden zu kommen. Die Adler, die ihn zuvor angegriffen hatten, kreisten hoch am Himmel und unternahmen keinen Versuch mehr anzugreifen.</p><p>Eine Wolke von Schnee stob auf, als der L�we niederging. Obwohl Shaya fast eine halbe Meile entfernt war, h�rte sie das Kreischen von Metall. Unheimliche Stille folgte. Etliche Steppenreiter preschten zur Absturzstelle. Jetzt erst wurde der gefallenen Prinzessin bewusst, dass einer der beiden Reiter ihr Vater Madyas gewesen sein musste.</p><p>Ihr Bruder Subai war unter denen, die zum L�wen ritten. Ihm folgte sein pers�nlicher Standartentr�ger mit dem Feldzeichen, von dem drei wei�e Rossschweife hingen. Er durfte sie nicht sehen! Shaya wurde langsamer. Laufende M�nner �berholten sie. Sie erkannte Ormu und einige vertraute Gesichter aus Aarons Leibwache, den Kushiten.</p><p>Die Prinzessin musste sich eingestehen, dass Ninwe recht hatte. Es war dumm hierherzukommen, wenn auch aus ganz anderen Gr�nden, als ihre Gef�hrtin annahm. Niemand von denen durfte sie sehen! Shaya zog die Decke, die um ihre Schulter und ihren Kopf geschlungen war, tiefer in ihr Gesicht und zupfte an dem groben Wollschal, bis er ihre Lippen bedeckte.</p><p>Sie hatte die Absturzstelle fast erreicht, als ihr ein Reiter mit drohend gesenktem Speer entgegenpreschte. Der silberne L�we war in eine gro�e Schneewehe an der windabgewandten Seite eines H�gels geschlagen.</p><p>�Bleib weg!�, schrie der Krieger sie an, doch sie hatte schon gesehen, was nicht f�r sterbliche Augen bestimmt war. Ein abgebrochener Speerschaft ragte aus der Brust ihres Vaters. Seine R�stung war von seinem Blut durchtr�nkt. Es waren allein die straffen Gurte, die ihn noch im Sattel hielten. Sie brauchte nicht sein Antlitz zu sehen, das hinter der Wolfsmaske seines Helms verborgen war, um zu wissen, dass er tot war.</p><p>�Weg mit dir!� Die st�hlerne Speerspitze ber�hrte ihre Brust. �Trosshuren haben hier nichts verloren!�</p><p>Sie sah, wie Aaron von der hohen Sattellehne geschnallt wurde. Er sank in die Arme von Ormu.</p><p>�Weib���</p><p>Shaya packte w�tend den Speerschaft und zog ihn mit einem Ruck an sich vorbei, der den �berraschten Reiter aus dem Sattel st�rzen lie�. Ein Schlag vor die Schl�fe, und er r�hrte sich nicht mehr. Sie wollte weitergehen�� Keiner hatte bemerkt, was sie getan hatte. Noch nicht. Alle Blicke waren auf die beiden Unsterblichen gerichtet.</p><p>Gerade wurde Aaron in seinen Umhang geh�llt und von den Kushiten von dem L�wen fortgetragen. Einen Herzschlag lang konnte Shaya ihn sehen, das gespaltene L�wenvisier seines Helms. Ein Augenblick, der sich in eine Ewigkeit dehnte.</p><p>Ihr knickten die Beine weg. Das durfte nicht sein. So konnte es nicht enden! Hatten die G�tter sie denn verlassen? Aaron war der Edelste unter allen Unsterblichen, der Einzige, der eine Vision hatte, die �ber sein K�nigreich hinausging. Vielleicht war er verr�ckt, aber er wollte die ganze Welt verbessern. Das hatte sie mehr als alles andere an ihm geliebt. Und damit ihre Liebe diesen Traum nicht erstickte, war sie letztlich gegangen. War all dies nun zerst�rt?</p><p>Zwei H�nde legten sich auf ihre Schultern. Sie wirbelte herum. Ninwe!</p><p>�Komm hier weg! Das ist kein Ort f�r uns.� Ihre Stimme war heiser vor Angst. �Was hier geschieht, ist zu gro� f�r zwei einfache M�dchen.�</p><p>Shaya hatte das Gef�hl, dass etwas in ihr zerbrochen war. Sie hatte weder die Kraft noch den Willen, sich zu widersetzen. Sie duldete, dass Ninwe ihr auf die Beine half und sie fortf�hrte. Erneut reihten sie sich in den langen Treck der Fl�chtlinge ein. Doch nur weil Ninwe sie neben sich herzog, setzte sie einen Fu� vor den anderen.</p><p>Shaya vermochte das Bild des zerschmetterten Visiers nicht mehr zu vergessen. Sie starrte vor sich hin und sah nichts anderes als die L�wenmaske, die durch einen Schwerthieb zerteilt worden war. Die Sonne wanderte �ber das Firmament und versank in rot gl�hender Pracht, als wollte sie den Himmel in Flammen setzen. Der Wind frischte auf und zerrte an Shayas schwerer Wolldecke. Die Fliehenden marschierten stumm, mit verkniffenen Gesichtern und leicht vorgebeugt, als duckten sie sich vor der tyrannischen K�lte des Nordwinds.</p><p>Pl�tzlich blieben die Krieger vor ihnen stehen. Ein Raunen ging durch die Reihen. �ngstliches Gefl�ster. Dann griff Panik um sich. Pl�tzlich dr�ngten alle wieder nach vorn, schneller nun. Es entstand ein m�rderisches Gedr�nge. Die Schwachen wurden zu Boden getreten. Verzweifelte Schreie erklangen. Ninwe, die sie die ganze Zeit �ber gef�hrt hatte, war nicht mehr an ihrer Seite. Shaya sah sich nach ihr um. Endlich war der Bann gebrochen, der die Welt auf das zerschmetterte L�wenvisier hatte zusammenschrumpfen lassen. Wo war ihre Freundin? Das Gedr�nge wurde immer schlimmer.</p><p>Shaya war stehen geblieben, w�hrend immer mehr ersch�pfte Krieger rechts und links an ihr vor�berdr�ngten. Sie k�mpfte sich aus der schiebenden und sto�enden Masse. Verzweifelt rief sie immer wieder Ninwes Namen. Sie erhielt keine Antwort. Keiner nahm Anteil. �rgerliche Rufe ert�nten aus der Marschkolonne, warum es nicht vorw�rtsging. Alle wollten nur noch fort von den Daimonen und der m�rderischen K�lte. Pl�tzlich preschte ein Hauptmann in guter Winterkleidung auf seinem Schimmel an der Kolonne entlang und rief den M�nnern zu, dass sie rasten sollten und dass es bald weitergehen werde.</p><p>Shaya sp�rte, dass dies eine L�ge war. Irgendetwas stimmte nicht. Hatte der Feind sie umzingelt und den Weg zum Weltentor abgeschnitten?</p><p>Endlich entdeckte Shaya einen flammend roten Haarschopf im Gedr�nge hinter ihr.</p><p>Ninwe schob sich in ihre Richtung. Ihr Gesicht war ger�tet. Tr�nen rannen ihr �ber die Wangen. �Es ist vorbei. Wir sind alle verloren�, rief sie, als sie bei Shaya ankam. �Wir alle werden sterben!�</p></section><section><title><p>Die verwundete Sch�pfung</p></title><p>Die Kunst ist es, nicht gierig zu sein, dachte Langarm, w�hrend er durch sein Verborgenes Auge seine neueste Sch�pfung betrachtete und das Gespinst aus feinen Lichtf�den studierte, das die Kreatur in der Mitte seiner weiten H�hle umgab.</p><p>Warum nur L�wen erschaffen? Warum sich bescheiden? Hatte er doch alle M�glichkeiten. Stolz erf�llte ihn beim Anblick der Silhouette aus verwobenem Licht. Es war ein Drache, nicht so gro� wie die Himmelsschlangen, doch keinesfalls kleiner als deren m�chtigste Diener, die Sonnendrachen. Von der Schwanzspitze bis zur Schnauze ma� das Gesch�pf fast drei�ig Schritt. Es w�rde Tod und Verderben unter die Albenkinder tragen.</p><p>Er sp�rte, wie das Goldene Netz sich gegen ihn aufb�umte, sich seinem Bem�hen widersetzte und ihn zu umschlingen versuchte. Langarm atmete schwer aus. Nicht dagegen ank�mpfen, ermahnte er sich in Gedanken. Loslassen! Er hatte zu viel und zu schnell Kraft aus dem Gespinst, das alle drei Welten umfasste, genommen. Geduld war die schwerste aller Tugenden, wenn man ein Gott war. Lie� er die Kraft langsam flie�en und verwob seine Kreatur mit dem Netz, dann wurde sie ein Teil der magischen Welt. Lie� er die Kraft zu schnell flie�en und war ein nachl�ssiger Zauberweber, dann wandte sich das Goldene Netz gegen den Drachen aus lebendem Metall. Es war eine Eigenart, die von den Alben in diesen gr��ten aller Zauber eingebracht worden war, als sie gemeinsam mit den Devanthar die Welten erschaffen hatten. Oder war es Nangog gewesen?</p><p>Der Gedanke, dass die plumpe Riesin etwas so Hintersinniges und zugleich Kunstfertiges h�tte erschaffen k�nnen, widerstrebte Langarm zutiefst. Nein, es waren ganz gewiss die Alben gewesen, die dem magischen Netz so etwas wie ein Bewusstsein f�r die Welten eingehaucht hatten. Jenes Bewusstsein wandte sich gegen alles, was gegen den Plan der Sch�pfung verstie�. Es strafte Zauberweber, die zu unm��ig von seiner Kraft stahlen, und richtete sich gegen Kreaturen wie den Drachen, den er erschaffen hatte�� Es sei denn, man nahm sich die Zeit, diese Kreaturen mit Geduld und Kunstfertigkeit zu einem Teil des magischen Netzes werden zu lassen.</p><p>Langarm verlangsamte den Fluss der Kr�fte. Es war, als w�re er gezwungen, nur in winzigen Schlucken Tropfen um Tropfen zu trinken, obwohl er fast verdurstet war. Die Kr�fte des Goldenen Netzes wandten sich nun nicht mehr gegen ihn und den Drachen. Die feinen F�den leuchteten nun in allen Regenbogenfarben. Kein Menschenkind w�rde jemals die wahre Pracht seiner Sch�pfung sehen. Die magische Welt blieb ihrem Blick verborgen. Alles, was sie sahen, war die metallene H�lle. Doch das war nur der kleinste Teil seiner Arbeit.</p><p>Er wandte den Blick zum Kopf des Drachen. Hier ruhte ein kleiner Splitter des Herzens Nangogs. Er war das Geheimnis des Drachen und aller anderen Kreaturen aus lebendem Metall. Nur dieser Splitter erm�glichte es, die komplexen und vielf�ltigen Zauber an den Drachen zu binden. War dies ein Hinweis darauf, dass sich die Riesin doch heimlich in die Sch�pfung der magischen Welt eingebracht hatte, so wie sie in aller Heimlichkeit ihre eigene Welt gebaut hatte? Oder war es nur Zufall?</p><p>Es war besser, dieses Geheimnis ruhen zu lassen, als Beweise daf�r zu finden, dass die Sch�pfung vielleicht nicht ganz so war, wie er sie gerne sehen wollte. Ob es unter seinen Br�dern und Schwestern irgendjemanden gab, der sich auch solche Gedanken machte? Wohl kaum. Sie waren viel zu sehr dem Weltlichen und dem Genuss verfallen. Den meisten von ihnen traute er keine selbstkritischen Gedanken zu.</p><p>Zu gern h�tte er gewusst, wie es bei den Himmelsschlangen aussah. Gab es auch unter ihnen Intrigen und Missgunst? Oder handelten sie alle nach einem Willen, entschlossen, Rivalit�ten zu vergessen, bis der Sieg erreicht war?</p><p>Etwas st�rte die Harmonie seines Zaubers. Die Kraftlinien begannen auf eine Art zu schwingen, wie er es noch nie gesehen hatte. Pl�tzlich traf ihn ein scharfer Schmerz wie ein Peitschenhieb. Etwas zerrte an seiner Essenz, seiner Lebenskraft. Ja, sie wurde in das magische Netz gezogen! Sofort beendete der Devanthar seinen Zauber, trennte jede Verbindung zu den Kraftlinien und sah, wie zwei der Linien, die er in sein Zauberwerk eingebunden hatte, verblassten und sich schlie�lich ganz aufl�sten.</p><p>Langarm mochte nicht glauben, was er sah. Kraftlinien verschwanden nicht einfach. Etwas hatte sie zerst�rt, und verl�schend hatten sie von seiner Kraft genommen, um ihren Fortbestand zu sichern. Schwer st�tzte er sich auf einen gro�en Amboss, der nahebei stand. Seine Knie zitterten. Er f�hlte sich so schwach, als h�tte er Tage ohne Unterlass gearbeitet, so wie er es manchmal tat, wenn ein gro�es Werk kurz vor der Vollendung stand und er die Welt und den Lauf der Zeit v�llig verga�.</p><p>Fluchend wurde ihm bewusst, dass der Zauber, den er um den metallenen Drachen gesponnen hatte, schweren Schaden erlitten hatte. Er w�rde noch einmal ganz von vorne beginnen m�ssen. Auch wenn er, anders als bei seinem ersten Drachenzauber, nur eine Harmonie zwischen dem Kristall aus dem Herzen Nangogs und dem Metall des Drachen herstellen musste, war es keineswegs ein banales Unterfangen.</p><p>Immer noch betrachtete Langarm seine Umgebung durch sein Verborgenes Auge. Alle Kraftlinien schwangen wie Saiten einer Leier, die zu stark angeschlagen worden waren. Hatten die Himmelsschlangen entdeckt, was er tat, und bewusst seinen Zauber gest�rt? Er musste sich mit seinen Br�dern und Schwestern beraten!</p><p>Als er sich vom Amboss abwenden wollte, knickten ihm fast die Beine weg. Laut fluchend suchte er nach etwas, das ihm als Kr�ckstock dienen konnte. Endlich fand er einen Speerschaft und begann, die lange Treppe zu erklimmen, die aus dem Herzen des Berges hinauf zum Gelben Turm f�hrte. Deutlich sp�rte Langarm, dass auch seine Br�der und Schwestern in Aufruhr geraten waren. Alle strebten sie dem gro�en Versammlungssaal entgegen.</p><p>Als Langarm endlich die weite Halle vor dem Saal erreichte, h�rte er Anatu wimmern. Sie kauerte in ihrem Gef�ngnis, dem Drachensch�del des Purpurnen, und stie� Laute aus, die den Devanthar an ein verwundetes Tier erinnerten. Er w�rdigte sie keines Blickes, obwohl er wegen des seltsamen Zaubers, der diese Halle beherrschte, zweimal auf den Sch�del zugehen musste, bis er schlie�lich den hohen Torbogen zum Versammlungssaal durchqueren konnte.</p><p>Seine Br�der und Schwestern waren in heller Aufregung. Sie redeten durcheinander, wie sie empfunden hatten. Jeder schien auf andere Art gesp�rt zu haben, was vor sich gegangen war. Die unstet wandernden S�ulen aus Dunkelheit taten das Ihre, um die beklemmende Atmosph�re zu unterstreichen, die herrschte. Kurz hatte Langarm das Gef�hl, in einen H�hnerstall geraten zu sein, in den ein Fuchs eingebrochen war.</p><p>Endlich war es sein Bruder mit dem Adlerhaupt, der Schutzgott Valesias, der seine Stimme erhob und sie alle zur Ruhe rief: �Die Himmelsschlangen haben das Weltentor, das nach Wanu f�hrt, angegriffen. Alle sieben Albenpfade, die hindurchf�hrten, sind durchtrennt. Das Heer der sieben K�nigreiche ist von seinem R�ckzugsweg abgeschnitten. Das n�chste Weltentor ist viel zu weit entfernt. Unsere Krieger sind im ewigen Eis gestrandet und werden von einer �bermacht von Albenkindern bedr�ngt. All unsere Unsterblichen sind dort, aber keiner von uns. Was sollen wir tun?�</p><p>�Wir m�ssen ihnen nat�rlich helfen!�, brummte der Gro�e B�r mit d�sterem Bass. �Wir d�rfen sie nicht gleich in der ersten Schlacht im Kampf gegen die Albenkinder verloren geben.�</p><p>�Glaubst du nicht, dass es genau das ist, was die Himmelsschlangen von uns erwarten�, fragte Langarm. Es f�hlte sich niedertr�chtig an, dazu aufzurufen, die Menschenkinder im Stich zu lassen. Doch was die Himmelsschlangen beabsichtigten, war allzu offensichtlich. �Sie wollen, dass wir dorthin eilen, um unseren Sch�tzlingen zu helfen. Und warum? Um noch einmal m�glichst viele von uns an einem Ort zu versammeln, der nicht so gesch�tzt ist wie der Gelbe Turm. Habt ihr das Feuer von Selinunt vergessen? Habt ihr vergessen, wie selbst der Himmel in Flammen stand? Sie wollen es wieder tun! Sie sind dort. Entweder irgendwo im Dunkel zwischen den Welten oder aber im ewigen Eis. Sie sind Raubtiere. Sie sind es gewohnt, Beute zu belauern. Und ich wei� ganz sicher, dass ich keine Beute sein werde.�</p><p>Schweigen senkte sich �ber den weiten Saal. Er sah seinen Br�dern und Schwestern an, wie es in ihnen arbeitete. Der L�wenh�uptige rang offensichtlich mit sich. Es gefiel ihm nicht, seinen Aaron aufzugeben. I�ta hingegen wirkte ruhig und gefasst. Der Gro�e B�r lief unruhig auf und ab wie ein gefangenes Raubtier. Der Adlerh�uptige hingegen sah ihn voller Hass an. Er hatte unbequeme Wahrheiten schon immer schlecht vertragen. Der Ebermann schnaubte vor sich hin. Schlie�lich war er es, der das Schweigen brach. �Ist das wirklich alles? Das ist es, was uns dazu einf�llt, wenn uns die Drachen gleich in der ersten Schlacht all unsere Unsterblichen nehmen? Ihr alle schreckt vor ihnen zur�ck? K�nnen wir keinen Zauber weben, der uns vor ihren Flammen sch�tzt? Wir sind Weltensch�pfer. Wir sind G�tter! Wir haben eine Verantwortung. Wir k�nnen doch nicht einfach hierbleiben und abwarten, bis es vorbei ist, w�hrend unsere Kinder darauf hoffen, dass wir sie erretten werden.�</p><p>�Ob es dir gef�llt oder nicht, es ist das einzig Vern�nftige�, erkl�rte I�ta mit grausamer Ruhe. �Du wei�t selbst, wie es mit dem Zauberweben ist. Wenn man sich auf ein neues Gebiet wagt, wei� man vorher nicht, ob einem Erfolg beschieden ist. Ja, wir k�nnten versuchen, uns durch einen Zauber zu sch�tzen. Aber was wissen wir schon vom Feuer der Himmelsschlangen? Sie sind Gesch�pfe mit fast g�ttergleichen F�higkeiten. Was, wenn wir uns irren? Machen wir einen Fehler, dann werden wir keine Gelegenheit haben, einen zweiten Zauber zu wirken. Wir werden Asche sein. Die Zukunft der Menschheit wird Asche sein�� Gerade weil sie unsere Kinder sind und uns brauchen, d�rfen wir nicht gehen. Wir d�rfen nicht die Zukunft der ganzen Welt riskieren, nur um ein paar wenige Sterbliche zu retten.� Sie hob resignierend die H�nde. �Ich wei�, ihr haltet mich f�r kaltherzig und grausam. Und doch ist wahr, was ich sage.�</p><p>�Welches Ansehen h�tten wir noch unter den Menschen, wenn sich herumspricht, dass wir ihnen in der Stunde der h�chsten Not nicht geholfen haben?�, fauchte der L�wenh�uptige erbost. �Warum sollten sie in uns noch G�tter sehen, wenn unsere Feigheit, den Drachen entgegenzutreten, so offensichtlich ist? Wir besiegeln unseren eigenen Untergang, wenn wir das Heer der sieben Reiche untergehen lassen.�</p><p>I�ta gab einen schnalzenden Laut von sich und bedachte ihren L�wenbruder mit einem mitleidigen L�cheln. �Dramatisierst du das nicht ein wenig? Wir wissen, du hast an deinem gegenw�rtigen Aaron einen Narren gefressen, aber nun ist auch seine Zeit gekommen.�</p><p>�Wir zerst�ren den Mythos der Unsterblichen�, beharrte der L�wenh�uptige. �Durch deinen unbedachten Auftritt nach der Schlacht von Kush, als du Muwatta vor den Augen Tausender enthauptet hast, hat dieser Mythos bereits Schaden genommen. Nun werden wir ihm den Todessto� versetzen.�</p><p>�Ganz und gar nicht�, mischte sich die Sturmruferin ein.</p><p>Langarm mochte seine Schwester nicht. Ihr Schlangenhaar widerte ihn an, und ihre kalte, herablassende Art ihm gegen�ber kr�nkte ihn.</p><p>�Wir machen es einfach wie immer, wenn die Zeit f�r einen Unsterblichen gekommen war�, fuhr sie fort. �Wir ersetzen sie. Niemanden wird es wundern, wenn allein die Unsterblichen den Schrecken der Schlacht auf der Eisebene �berlebt haben.� Sie blickte zu Langarm.</p><p>�Nein!� Der Schmied wusste, was nun kommen w�rde. �Ihr stellt euch das viel zu einfach vor. Das ist���</p><p>�Dr�ck dich nicht, Bruder. Jeder von uns hat seine Pflichten. Du wirst sieben R�stungen erschaffen, die bis ins kleinste Detail denen entsprechen, die unsere jetzigen Unsterblichen tragen.�</p><p>�Du hast keine Ahnung, was du da verlangst!�, emp�rte sich Langarm. �Allein einen dieser Helme zu schaffen kostet mich einen Tag. Nehmen wir die R�stungen der Toten!�</p><p>�Die Toten liegen auf der Eisebene, du Narr!�, mischte sich I�ta ein. �Also dort, wo die Himmelsschlangen uns erwarten. Ich bin mir sicher, wenn wir nicht alle kommen, dann begn�gen sie sich auch damit, einen einzigen von uns zu verbrennen. Willst du es wagen, dort hinauszugehen, Langarm? Und das nur wegen ein paar R�stungen?�</p><p>�Wenn wir unsere neuen Unsterblichen weit entfernt von ihren Vorg�ngern erschaffen, dann werden ihnen die Erinnerungen ihrer Vorg�nger fehlen�, wandte der Adlerh�uptige ein. �Bei Hof wird man sehr schnell bemerken, dass etwas nicht stimmt.�</p><p>�Ich bitte dich�, rief I�ta sp�ttisch. �Bist du nicht in der Lage, einem Menschen Erinnerungen an Ereignisse einzupflanzen, an denen er nicht teilhatte? Soll ich dir zeigen, wie das geht? Wir haben mehr als zehn Tage, um unsere neuen Unsterblichen auf ihre Herrschaft vorzubereiten. Fr�her werden keine �berlebenden das zweite Weltentor erreichen. Falls es denn �berhaupt �berlebende gibt. Stopfen wir ihre K�pfe voll mit den Erinnerungen an ihre heroischen K�mpfe im ewigen Eis. Sie sollen gute Geschichten zu erz�hlen haben, wenn sie wiederkehren.�</p><p>�Ganz gleich, wie gut ihre Geschichten auch sind�, murrte der Gro�e B�r. �Wer will noch einem Mann in die Schlacht folgen, der mit Tausenden auszog und ohne einen einzigen seiner Krieger wiederkehrte.�</p><p>�Ist denn wirklich ausgeschlossen, dass sie den n�chsten Albenstern erreichen?�, fragte der L�wenh�uptige. �Was macht euch so sicher, dass von einem ganzen Heer kein einziger Mann �brig bleiben wird. K�nnten wir nicht eine Flotte von Wolkensammlern schicken, um sie zu retten?�</p><p>�Nein, es ist aussichtslos�, sagte Langarm niedergeschlagen. �Unser Heer kann den anderen Albenstern nicht erreichen, und die Wolkensammler meiden die t�dliche K�lte der beiden Pole. Sie fliegen nicht einmal in die N�he. Es w�rde Wochen dauern, eine Flotte von ihnen nach Wanu zu bringen. Und selbst wenn wir das t�ten, k�men sie zu sp�t, um die Menschenkinder noch zu retten. So lange werden sie im ewigen Eis nicht durchhalten. Ich steige hinab in meine Schmiede und werde mit der Arbeit an den neuen R�stungen beginnen.�</p><p>�Aber ist es denn wirklich ausgeschlossen, dass sie den n�chsten Albenstern erreichen?�, fragte der L�wenh�uptige aufgebracht. �Zumindest einige von ihnen. Es w�re doch���</p><p>�Ausgeschlossen�, erkl�rte der Ebermann mit einer Stimme, die wie ein Henkersbeil die Rede des L�wenh�uptigen zum Verstummen brachte. �Ich kenne das Land. Ich bin dort schon gewandert. Es gibt dort keine W�lder. Nichts, wo die Menschenkinder Zuflucht finden k�nnten, und es sind mehr als dreihundert Meilen bis zum n�chsten gro�en Albenstern. Es fehlt ihnen an der richtigen Kleidung, um der K�lte zu widerstehen. Sie haben nichts, um Feuer zu machen, wenn sie ihre Nachtlager aufschlagen. Selbst das Essen wird ihnen knapp werden. Und was sollen sie trinken, wenn alles gefroren ist? Nangog alleine k�nnte sie mit ihrem eisigen Atem bezwingen, aber es sitzen ihnen auch noch die Albenkinder im Nacken. Nein, Bruder, es gibt keine Hoffnung mehr. Sie alle werden sterben.� Er wandte sich Langarm zu. �Ich steige mit dir in deine Schmiede hinab und werde dir helfen, die neuen R�stungen zu erschaffen.�</p></section><section><title><p>Das gro�e Dunkel</p></title><p>Chullunku Walla nahm ein St�ck gesalzenen Fisch aus dem Lederbeutel auf seiner H�fte. Eine gelbliche Kruste verbarg das Fleisch. Sein halbes Leben lang hatte er solchen Fisch gegessen. Gemocht hatte er ihn nie, aber er vertrieb das Hungergef�hl f�r eine Zeit. Also biss er ab. Vorsichtig, denn seine Z�hne wurden langsam locker. Mehr als vierzig Winter hatte er gesehen. Das machte ihn hier im Norden zu einem Greis. Er hatte zu lange gelebt. H�tte ihn vor einer Woche der Tod gefunden, er w�re als stolzer Mann gegangen. Nun war er ein Nichts.</p><p>Er blickte �ber die M�nner, die �berall ringsherum auf der Ebene kauerten. Sie dachten, es ginge ihnen schlecht. Sie hatten keine Ahnung, wie der Winter hier im Norden war! Er zog den Federmantel enger um seine Schultern. Und sie hatten immer noch nicht wirklich begriffen, welche Schrecken der Nordwind brachte.</p><p>Chullunku hatte sie gesehen, die gr�nen Gestalten, die sich aus dem Fluss erhoben hatten. Die Geister, die Fleisch geworden waren. Bald w�rden ihre Br�der auf dem Nordwind heranreiten. Der alte Zapote blickte zum westlichen Horizont, wo die Sonne versunken war und blassblaues Zwielicht ein letztes Gepl�nkel mit den Schatten der �berm�chtigen Nacht f�hrte. Das Schauspiel war ein Spiegelbild dessen, was sich hier auf der Ebene abspielte. Was war geblieben von ihrem stolzen Heer? Es hatte sich in einen riesigen Haufen ver�ngstigter Fl�chtlinge verwandelt.</p><p>�Chullunku?�</p><p>Der Statthalter von Wanu sah auf und erblickte den Tod. Er war in Gestalt eines Jaguarmanns zu ihm gekommen. Eines Anf�hrers der Jaguarm�nner, der breite goldene Armreifen trug. Das Gesicht des Kriegers war nur ein Schatten zwischen den Kiefern des pr�chtigen Helmes, den er trug. �Der Unsterbliche w�nscht dich zu sehen.�</p><p>M�de stemmte sich der Alte hoch. Sein rechtes Knie vertrug die K�lte nicht mehr. Jedes Mal, wenn er rastete und sich anschlie�end erhob, gab es ein scharfes Knacken von sich, dem ein stechender Schmerz folgte. Chullunku straffte sich und verdr�ngte die Gedanken an den Schmerz. Er war entschlossen, dem Tod wie ein Mann entgegenzutreten. Wie ein Krieger!</p><p>Der Bote sagte nichts mehr. Er f�hrte ihn zwischen den Kauernden hindurch. Es gab nur wenige Feuer. Die M�nner waren f�r einen schnellen Sieg ausger�stet worden. Es gab kaum Brennholz oder Tran. Nichts, was ein Feuer n�hren konnte. Dabei waren Feuer so wichtig. Sie vertrieben nicht die K�lte. Nicht hier drau�en im eisigen Wind. Aber sie hielten die Lebensgeister wach und spendeten Hoffnung.</p><p>Wieder suchten Chullunku die Bilder des gro�en Kellers heim. Die W�nde voller Blut, die hingemetzelten K�rper. Er war f�r sie verantwortlich gewesen. Es waren seine M�nner gewesen. Arbeiter, die sich der H�rte dieses Landes gestellt hatten, in der Hoffnung, dass es ihren Familien dadurch etwas besser gehen w�rde. Bootsfahrer, die immer wieder die gef�hrliche Passage hinaus zu den Inseln nahe der K�ste gewagt hatten, wo das Wei�e Gold gewonnen wurde. Hatte man die riesigen Schnabelfische einmal gesehen, war Augenzeuge gewesen, mit welcher Leichtigkeit sie ein Boot zerbrachen, dann erforderte es viel Mut, sich noch einmal auf das Meer hinauszuwagen. Trotz ihres Mutes und ihrer Hingabe waren sie keine Krieger gewesen. Sie waren harte M�nner und doch nicht erfahren im Umgang mit Waffen. Daran, wie sie gelegen hatten, hatte Chullunku erkannt, dass die meisten versucht haben mussten, Widerstand zu leisten. Aber was konnte man schon mit F�usten gegen Schwerter ausrichten!</p><p>Chullunku war selbst einmal Krieger gewesen. Er wusste nur zu gut, wie schnell solch ein Kampf vor�ber war. Er war zu jedem Toten gegangen, hatte ihnen die Augen zugedr�ckt und ein kurzes Gebet gesprochen. Er kannte die Angst seiner M�nner, dass ihre Geister sich im gro�en Dunkel zwischen den Welten verirren w�rden und niemals zur�ck nach Hause f�nden. Er hoffte f�r sie, dass es nur eine Angst war. Er selbst f�rchtete sich nicht. Aber nur deshalb, weil es f�r ihn kein Zuhause mehr gab. Seine Familie war tot, der Ahnenschrein zerst�rt und gesch�ndet. Die Stadt Wanu war alles, wof�r er gelebt hatte. Eine Stadt voller Toter��</p><p>Die Daimonen hatten seine M�nner kurz vor ihrem R�ckzug ermordet. Die K�rper der Toten waren noch nicht ganz kalt gewesen, als er in den Keller hinabgestiegen war. Er war um eine Stunde zu sp�t gekommen, dachte er bitter. Warum sollte er den Tod jetzt noch f�rchten? Er war bereits als Lebender in das gro�e Dunkel gesto�en worden. Das Einzige, was ihm geblieben war, war seine Ehre. Doch die w�rde ihm nun wohl der Unsterbliche nehmen.</p><p>Chullunku ging an etlichen Jaguarm�nnern vorbei. Nie in seinem Leben hatte er so viele von ihnen gesehen. Sie waren eine wimmelnde, schwarze Masse auf dem Schnee. Wie lebendig gewordene Dunkelheit. In ihrer Mitte standen die Adlerritter. Es mussten weit �ber hundert sein. Auch wenn sie Chullunku mit stolz erhobenen H�uptern betrachteten, hatten sie doch die Fl�gel um ihre Leiber geschlungen. Es war un�bersehbar, dass die K�lte ihnen zusetzte. Nur einem nicht, dem Krieger in ihrer Mitte. Er �berragte sie alle um mehr als Hauptesl�nge. Schwere goldene Schlangenreifen wanden sich um seine Arme. Sein Antlitz lag im Schatten des Adlerhelms verborgen. Chullunku warf sich zu Boden und presste sein Gesicht in den festgetrampelten Schnee. Nie zuvor war er dem Unsterblichen Acoatl begegnet, dem Herrn der Himmel und all dessen, was unter ihnen lag.</p><p>�Erhebe dich, Chullunku! Ich will das Antlitz meines Statthalters in Wanu sehen.�</p><p>Die Stimme schnitt Chullunku bis ins Mark. Sie war eisig, hatte nichts Menschliches mehr. Es war die Stimme eines Gottes. Dem�tig richtete er den Oberk�rper auf, wagte es aber nicht, sich von den Knien zu erheben. Es war auch nicht n�tig, aufzustehen und n�her vor den Herrscher zu treten. Jeder wusste, dass die Augen des Unsterblichen noch sch�rfer als die eines Adlers waren.</p><p>�Du lebst, weil du vor den Daimonen geflohen bist.�</p><p>Jedes Wort war wie ein Stich in Chullunkus Herz. Und unleugbar war es die Wahrheit. Er vermochte nicht l�nger ins Antlitz des Unsterblichen zu sehen. Sein Kinn sank ihm auf die Brust. Nun war es geschehen, er hatte auch noch seine Ehre verloren. Acoatl hatte ihn als Feigling gebrandmarkt, und es gab nichts, was er zu seiner Verteidigung h�tte sagen k�nnen.</p><p>�Ich bin froh, dass die G�tter dein Leben verschont haben. Du wirst deinem Volk noch von gro�em Nutzen sein.�</p><p>Chullunku traute seinen Ohren nicht. Er wagte es nicht, dem Unsterblichen eine Frage zu stellen, aber ihm war r�tselhaft, was ein einzelner Mann gegen die Bedrohung durch die Daimonen ausrichten sollte.</p><p>�Sicher hast du von den Ger�chten geh�rt, die im Lager umgehen, obwohl wir Unsterblichen geheim halten wollten, was geschehen ist.�</p><p>Die Pause nach Acoatls Worten wurde so lang, dass Chullunku entschied, dass sein Herrscher wohl eine Antwort erwartete. Sein Mund war so trocken wie damals, als er ein Krieger war, im letzten Augenblick vor einem Kampf. �Acoatl, Herr der Himmel und all dessen, was unter ihnen liegt, ich wei� nicht, wovon Ihr sprecht. �h�� bitte entschuldigt die Dummheit Eures niedrigsten Dieners. Ich war f�r mich allein. Ich habe nur von ferne Getuschel und Verzweiflungsschreie geh�rt, doch wei� ich nicht, was vorgefallen ist.�</p><p>�Es scheint so, als h�tten die Daimonen das Weltentor zerst�rt, durch das wir hierhergekommen sind�, erkl�rte der Jaguarmann, der Chullunku geholt hatte. Nat�rlich war es unter der W�rde eines Unsterblichen, auf die dummen Fragen einfacher M�nner zu antworten. Chullunku bereute es zutiefst, nicht gelauscht zu haben und den Herrscher durch seine Unwissenheit in Verlegenheit gebracht zu haben.</p><p>�Du bist der Mann, der dieses Land am besten kennt, Chullunku�, fuhr nun der Unsterbliche fort.</p><p>Der Statthalter dachte an den Wolkensammler, der erst vor Kurzem �ber Wanu erschienen war. Der erste seit langer Zeit. Ganz gewiss kannte der Lotse an Bord das umgebende Land besser und hatte Karten gezeichnet. Chullunku war nur ein einziges Mal auf einem der Himmelsschiffe gereist, aber niemand kannte ein Land so wie jemand, der es von oben betrachten konnte wie sonst nur die G�tter.</p><p>�Ich wei� ein wenig�, entgegnete Chullunku in dem z�gerlichen Versuch, weder als Aufschneider noch als unwissend zu erscheinen.</p><p>�Wir werden ein anderes Weltentor aufsuchen m�ssen, um zur�ckzukehren�, erkl�rte der Unsterbliche, als w�re es nur eine Banalit�t. Ein Spaziergang. Acoatl sah Chullunku durchdringend an. Hatte er bemerkt, wie sehr ihn die Worte seines Herrschers erschreckt hatten.</p><p>�Ich warte!�</p><p>Chullunku erschrak bis ins Mark. �Herr der Himmel und all dessen, was unter ihnen liegt�, sagte er dem�tig, �ich bin einmal vor vielen Jahren zu dem n�chsten Weltentor gereist. Ihr wart so gn�dig, mir Euren silbernen L�wen zu schicken, denn einfachen M�nnern ist es nicht gegeben, ein Weltentor zu erkennen, selbst wenn sie vor ihm stehen. Ich bin mit ihm und dreiundachtzig M�nnern in die Eisw�ste gegangen. Und dank Eurer Gro�z�gigkeit waren wir auf das Beste ausger�stet. Nie haben wir Hunger gelitten. Wir hatten Zelte, die uns in der Nacht vor dem Wind sch�tzten, und konnten stets Feuer n�hren, die die Geister vertrieben haben. Dennoch haben nur siebenundf�nfzig M�nner die Reise �berlebt. Und von den �berlebenden hatte fast jeder einige Zehen verloren. Manchen mussten sogar die F��e abgeschnitten werden. Es war eine���</p><p>�Mich interessieren keine Geschichten �ber M�nner, die schon lange tot sind, Chullunku!�, unterbrach ihn sein Herrscher scharf. �Wie weit ist der Weg?�</p><p>Chullunku senkte dem�tig das Haupt. �Von hier aus etwas mehr als dreihundert Meilen, Herr der Himmel und all dessen, was unter ihnen liegt. Wir werden �ber Berge ziehen und einen weiteren Fluss �berqueren m�ssen. Und die Geister des Nordwinds werden uns heimsuchen.�</p><p>Acoatl stie� einen zischenden Laut aus. �Geister? Ich mache mir keine Sorgen um Geister, wenn mir Daimonen im Nacken sitzen.�</p><p><emphasis>Du irrst, Herr,</emphasis> dachte Chullunku, wagte aber nicht, seine Gedanken auszusprechen.</p><p>�Du wirst uns f�hren, Statthalter. Wir werden zwanzig Meilen am Tag schaffen. Zwei Wochen, dann sind wir diesem verfluchten Land entkommen.�</p><p>�Aber die Verwundeten und die Frauen werden das nicht schaffen. Sie���</p><p>Acoatl schnitt ihm mit einer harschen Geste das Wort ab. �Auf sie werden wir keine R�cksicht nehmen. Wir haben ohnehin nicht genug zu essen, um Schw�chlinge durchzuf�ttern. Morgen fr�h beim ersten Licht brechen wir auf.� Der Unsterbliche machte zwei Schritte in Chullunkus Richtung. �Du stehst in meiner Gunst, weil wir dein Wissen brauchen. Aber wage es nie wieder, mir zu widersprechen, Chullunku. Ich kann den Weg auch ohne dich finden. Ich bin ein Unsterblicher, f�r mich ist nichts unm�glich!�</p><p>Der Statthalter presste dem�tig sein Gesicht in den Schnee, doch tief im Herzen wusste er nun, warum die G�tter sie im Stich gelassen hatten. Sie sch�mten sich f�r die M�nner, denen sie Unsterblichkeit geschenkt hatten, und wollten ihren Irrtum berichtigen.</p></section><section><title><p>Der Heerf�hrer</p></title><p>Solaiyn stand allein am Ufer und blickte auf den wirbelnden Nebel �ber dem Fluss. Etwa hundert Schritt entfernt entstand die Br�cke, die ihnen erlauben w�rde, den Menschenkindern nachzustellen.</p><p>Nodon z�gerte, zu dem hochgewachsenen, hageren Heerf�hrer zu gehen. Solaiyn hatte ein verh�rmtes Gesicht. Er l�chelte nie. Seine Augen waren von unnachgiebiger H�rte. Niemand verstand, warum die Himmelsschlangen ausgerechnet ihn zum Feldherrn gemacht hatten. Er trug keine R�stung, kein Schwert hing von seinem G�rtel. Mit seinem schulterlangen silberblonden Haar, das ein schmaler Stirnreif aus Gold zur�ckhielt, wirkte er mehr wie ein Gelehrter denn wie ein Krieger. Der F�rst trug einen schlichten, taillierten Mantel mit hohem Stehkragen. Keine Stickereien schm�ckten den flaschengr�nen Stoff. Er kam ohne Schn�rkel aus wie sein Besitzer.</p><p>�Komm und rede!�, sagte Solaiyn �rgerlich. �Ich mag es nicht, wenn man mir in den R�cken starrt!�</p><p>Nodon schluckte seinen �rger herunter. Er h�tte nicht z�gern sollen. Eigentlich war das nicht seine Art.</p><p>�Du entl�sst deine Truppen���, begann der Drachenelf.</p><p>Solaiyn bedachte ihn mit einem ver�chtlichen Blick. �Sehe ich aus, als br�uchte ich jemanden, der mir meine Befehle erkl�rt?�</p><p>�Ich wollte���</p><p>�Nein, dich werde ich nicht gehen lassen, Nodon. W�re damit alles gekl�rt?�</p><p>�Bei allem Respekt���</p><p>�Du respektierst mich nicht�, unterbrach ihn der Feldherr erneut. �Du bist ein Krieger, ich nicht. Es geh�rt zur Ordnung der Welt, dass Krieger auf alle, die nicht ihresgleichen sind, herabblicken. Umgarne mich nicht mit L�gen, Nodon. F�r solche Banalit�ten habe ich keine Zeit. Ich will dich hierhaben, dar�ber gibt es nichts zu diskutieren.�</p><p>�Wie w�rdest du mich aufhalten wollen?� Nodon war es leid, es mit h�flichen F�rmlichkeiten zu versuchen.</p><p>Nun wandte sich der alte F�rst vollends vom Fluss ab. Er musterte Nodon mit ver�chtlichem Blick. �Gar nicht, Schwertmeister. Ich w�rde mich niemals einem zornigen Mann mit deinen F�higkeiten in den Weg stellen. Ich lasse dich ziehen, um mit den Konsequenzen deiner Fahnenflucht zu leben.�</p><p>Nodon traute seinen Ohren nicht. Er konnte also einfach gehen. �Ich denke, mit den Konsequenzen kann ich leben.�</p><p>�Es fragt sich nur, wie lange. Der Goldene sieht es gewiss nicht gerne, wenn du mich nicht unterst�tzt.�</p><p>Was f�r ein armseliger Wicht, dachte Nodon. Versteckte sich hinter dem Goldenen, um zu drohen. �Bevor der Goldene erf�hrt, was ich tue, bin ich im Jadegarten. Dort hat er keine Macht.�</p><p>�Bist du sicher?�, fragte Solaiyn k�hl. �M�nner wie du neigen dazu unterzugehen, weil sie sich selbst �bersch�tzen. Dennoch mag ich dich.� Er sagte das ohne jede Emotion, sodass seine Worte nach L�gen klangen. �Dein Hang, rot zu tragen, ist ein wenig�� exaltiert. Ich w�rde das an deiner Stelle lassen. Kanntest du meinen Sohn?�</p><p>Vom abrupten Themenwechsel �berrascht, antwortete Nodon: �Ich bin Talawain zwei Mal begegnet. Es hie�, er sei ein��� Er z�gerte.</p><p>�Spitzel ist das Wort, das dir nicht �ber die Zunge kommt. Es gibt keine nette Bezeichnung f�r das, was er war.� Ein Wangenmuskel des alten F�rsten zuckte. �Er hatte immer etwas Weibisches, musst du wissen. Schon als Kind mochte er es, sich zu verkleiden. Ich habe das gehasst! Der Goldene hat mir anvertraut, dass mein Sohn zum wichtigsten Berater eines der Unsterblichen aufgestiegen ist. Nie zuvor ist ein Elf der Blauen Halle unerkannt so weit in der Hierarchie der Menschenkinder aufgestiegen. Er hat Albenmark gute Dienste geleistet. Aber dann, vor ein paar Monden, m�ssen Menschen oder Devanthar sein Maskenspiel durchschaut haben. Jetzt ist er tot. Auch wenn der Goldene nichts dar�ber sagt. Ein Vater sp�rt so etwas.�</p><p>Nodon stand nicht der Sinn nach weiteren Enth�llungen �ber Familientrag�dien. �Ich werde gehen. Du brauchst mich nicht mehr. Das Heer ist gro� genug, um die Menschenkinder zu vernichten.�</p><p>�H�re ich da Ekel in deiner Stimme? Ausgerechnet von dir?� Der Wind spielte mit dem langen Haar des alten Elfen. �Wie war es denn, im Himmel gegen Menschenkinder zu k�mpfen, die sich kaum auf ihrem silbernen L�wen halten konnten?�</p><p>Nodon wandte sich ab und ging. Er w�rde sich nicht provozieren lassen. Die beiden Unsterblichen waren alles andere als wehrlos gewesen. Das konnte man nicht mit dem bevorstehenden Massaker am Heer der Menschen vergleichen.</p><p>�Bleib hier, Nodon.� Die Stimme Solaiyns hatte sich merkw�rdig ver�ndert. Sie hatte etwas Zischelndes, Dunkles und klang, als w�rde sie aus weiter Ferne kommen. �Mein Bruder hat dich mir geschenkt. Er will dich nicht bei seiner Buhle Nandalee haben.�</p><p>W�tend fuhr Nodon herum. Er w�rde nicht dulden�� Solaiyn hatte sich dramatisch ver�ndert. Sein Mund stand weit offen. Die fremde Stimme drang tief aus der Kehle des Elfen, doch weder Zunge noch Lippen bewegten sich. Seine Augen waren nach hinten gerollt, sodass nur noch das Wei�e zu sehen war.</p><p>�Vertr�gst du die Wahrheit nicht?�, spottete die dunkle Stimme. �Wenn du jetzt gehst, wird mein Bruder dich t�ten. Er m�chte keine Zeugen haben. M�chte nicht, dass irgendein Elf sieht, was Nandalee gebiert.�</p><p>�Wer bist du?�</p><p>�Ist das wirklich so schwer zu erraten? Ich bin ein Freund, dem daran gelegen ist, dich nicht zu verlieren. Mein Bruder wird langsam verr�ckt. Er bespricht sich nicht mehr mit uns. Ist ganz versessen auf Nandalee und das, was sie ausbr�tet. Ich k�nnte im Jadegarten einen Verb�ndeten gebrauchen, Nodon. Kann ich auf dich z�hlen?�</p><p>�Ich verrate meinen Herrn nicht!�, entgegnete der Elf entschieden.</p><p>�Dann wirst du mit ihm untergehen!� Die Stimme war zu zornigem Gebr�ll geworden. �Kehre jetzt zur�ck, und du stirbst, Narr. Ich habe es dutzendfach in der Silberschale gesehen. Erkenne endlich, wer dein Freund ist! Dein Herr, zu dem du so ergeben stehst, ist es nicht.�</p><p>Solaiyn sackte in sich zusammen. Seine Augen waren immer noch verdreht. Er starrte ins Leere und sah aus wie tot.</p><p>Nodon kniete neben dem F�rsten nieder. Sein Puls ging schwach und unregelm��ig. Sollte er ihn einfach liegen lassen? Es war niemand in unmittelbarer N�he. Solaiyn hatte keine Leibw�chter und keine Vertrauten. Ein schneller Schnitt durch die Kehle des Alten�� Hatte sie jemand zusammen gesehen?</p><p>Der Schwertmeister nahm Solaiyn auf die Arme. Wie leicht der F�rst war, als best�nde er nur noch aus Haut und Knochen. Mit raschen Schritten trug er ihn fort vom Ufer zur weiten Senke, wo, vor dem �rgsten Wind gesch�tzt, die wenigen Zelte des Heeres aufgeschlagen worden waren. Zwei Riesen kauerten dort und fra�en Rinderh�lften. Das unappetitliche Ger�usch splitternder Knochen, verbunden mit einem barbarischen Schmatzen, dominierte alle anderen Ger�usche im Lager. Ein paar Kobolddiener huschten zwischen den Zelten umher. Ein Minotaur lag infernalisch schnarchend auf einem Haufen frisch abgezogener Schafsfelle.</p><p>In allen Zelten waren bereits Lichter entz�ndet, sodass die farbenfrohen Leinw�nde wie Lampions auf einem Sommerfest erstrahlten. Solaiyns Zelt war gr�n wie der schlichte Mantel, den er trug. Nodon schob sich durch die doppelte Plane, die am Eingang hing. Eine Feuerschale glomm in ersterbendem Rot und vertrieb die �rgste K�lte. Es gab einen schweren Tisch, auf dem ein K�stchen aus schwarz lackiertem Holz, ein einfacher Wasserkrug und eine Schale standen, in der drei �pfel lagen. Dahinter erhoben sich zwei St�hle, und an der gegen�berliegenden Zeltwand stand ein schmales Bett, auf dem inmitten zerw�hlter Decken eine kahlk�pfige Elfe lag.</p><p>Nodon war �berrascht. Eine Geliebte hatte er bei Solaiyn nicht erwartet. Und dann noch eine solche Frau�� Unschl�ssig stand er vor dem Bett. Es war zu schmal, als dass beide darin h�tten liegen k�nnen. �Dein Herr ist zur�ck�, sagte er leise.</p><p>Die Elfe streckte sich. Sie hatte ein Auge auf die Stirn t�towiert, etwa vier Fingerbreit �ber der Nasenwurzel. Es verdeckte nur unvollkommen ein h�ssliches Narbengeflecht. Ihr Sch�del war dort leicht eingedellt.</p><p>Solaiyns Geliebte �ffnete die Augen. Sie waren vom hellen Gelb der Sommersonne. Geschlitzte Pupillen spalteten die Iris. Sie betrachtete Solaiyn, der immer noch leblos in Nodons Armen lag.</p><p>�War er unfreundlich zu dir?�, fragte sie nachdenklich.</p><p>�Kann er freundlich sein?�, fragte Nodon zur�ck. �W�rdest du jetzt das Bett f�r ihn r�umen?�</p><p>�Er braucht kein Bett, Drachenelf.� Sie richtete sich halb auf und strich sich fr�stelnd �ber die Arme. �Setz ihn dort auf den Stuhl mit der hohen Lehne. Wir haben heute doch keine K�mpfe mehr zu erwarten, oder?�</p><p>�Dein Herr ist ohnm�chtig geworden. Er sollte���</p><p>�Diese Ohnmacht spielt keine Rolle. Es ist nur eine Nebenwirkung. Es ist wieder so weit. Ich muss ihn entspannen.� Ihre Beine bewegten sich unter der Decke. Sie taten es auf eine unheimliche, zutiefst unnat�rliche Art, so als best�nden sie nur aus sich windenden Muskeln.</p><p>Dann schob sich Solaiyns Geliebte aus dem Bett. Sie hatte keine Beine! Von den H�ften abw�rts besa� sie den Leib einer Schlange. Und als sie sich zu voller Gr��e aufrichtete, �berragte sie Nodon um fast zwei Hauptesl�ngen.</p><p>��berrascht?� Sie l�chelte und zeigte dabei nadelspitze Z�hne. �Du ahnst nun, warum er mich versteckt, nicht wahr? Wenn wir reisen, sperrt er mich in eine Truhe. Er ist wirklich ein garstiger Mann.�</p><p>Nodon rang um Fassung. Eine Gestalt wie sie hatte er nie zuvor gesehen.</p><p>�Wirst du mir helfen, ihm Erleichterung zu verschaffen?� Sie glitt zum Tisch, und Nodon machte unwillk�rlich einen Schritt zur�ck, w�hrend die Schlangenfrau das schwarz lackierte K�stchen �ffnete. Darin lagen auf dunkelrotem Samt eine lange Haarnadel aus poliertem Silberstahl, die in einem h�sslichen, breiten Kopf endete, und ein kleiner Hammer, ebenfalls ganz aus poliertem Stahl.</p><p>�Wir m�ssen die Melancholie bek�mpfen, die seinen Verstand in Fesseln schl�gt.� Mit diesen Worten nahm sie die Instrumente aus dem K�stchen und hob das Samtfutter an. Darunter lagen altersdunkle Lederriemen, durchzogen von feinen Rissen. Obwohl er mehr als zwei Schritt entfernt stand, glaubte Nodon den Schmerz und das Leid geradezu k�rperlich zu sp�ren, die mit diesem K�stchen verbunden waren.</p></section><section><title><p>Keine Haarnadel</p></title><p>�Was hast du mit ihm vor?� Nodon wich einen weiteren Schritt vor der Schlangenfrau zur�ck.</p><p>Solaiyn regte sich in seinen Armen. �Du musst mich nicht vor ihr besch�tzen, mein Freund. Sie ist keine Gefahr.� Die Stimme des F�rsten war so schwach und zerbrechlich wie sein ausgemergelter Leib. �Sie ist die Einzige, die mir helfen kann. Setz mich auf den Stuhl dort vorne. Den mit den schmalen Schlitzen in der Lehne.�</p><p>Nodon wusste nicht, was er von der Sache halten sollte. Das hier passte �berhaupt nicht zu dem Bild, das er von ihrem vermeintlich so farblosen Heerf�hrer hatte.</p><p>�Sie hilft mir, Nodon�, beteuerte Solaiyn schwach.</p><p>Z�gerlich setzte er den F�rsten auf den Stuhl. Das Schlangenweib glitt hinter die hohe Lehne. �Er war wieder in dir?�</p><p>Solaiyn nickte. �Ja. Es kam ohne Ank�ndigung.� M�de sah er zu Nodon auf. �Ich glaube, er hat gesp�rt, dass der Schwertmeister bei mir war. Ich sch�tze, er hatte eine Botschaft f�r ihn.�</p><p>Nodon verstand kein einziges Wort. �Von wem redet ihr?�</p><p>�Der Goldene! Er hat sich meiner bem�chtigt. Ich wei� nicht, wie er auf mich verfallen ist. Vielleicht bedeute ich ihm besonders wenig.�</p><p>�Besonders wenig? Und deshalb hat er dich zum Heerf�hrer gemacht?� Solaiyn war offensichtlich irre!</p><p>�Du verstehst das nicht, Nodon. Er hat mich vor allem zu seinem Werkzeug gemacht. Durch mich kann er hier sein. Er sieht durch meine Augen, und er kann sogar durch mich sprechen, wenn er will.�</p><p>Von einem solchen Zauber hatte Nodon noch nie geh�rt. War es wirklich die Stimme des Goldenen gewesen, die vorhin zu ihm gesprochen hatte? Oder versuchte Solaiyn, ihn durch diese Geschichte nur einzusch�chtern?</p><p>�Was ist, M�rder? Glaubst du mir nicht? Sehe ich aus wie ein L�gner? Ich bin ein F�rst in Arkadien. Ich bin���</p><p>�Ruhig�, die Schlangenfrau legte ihm bes�nftigend die Hand auf die Schulter. �Soll ich���</p><p>�Nein!� Solaiyn hob die Hand. �Ich bin noch nicht fertig mit unserem Moralprediger mit den blutigen H�nden. Du bist ein M�rder und wagst es, mich zu verurteilen!�</p><p>�Ich glaube nicht, dass ich mir das l�nger anh�ren muss.� Nodon bedachte ihn mit einem s�ffisanten L�cheln und legte die Hand auf den Schwertknauf. �Im �brigen m�chte ich dir den Rat geben, in Zukunft M�nner, die du f�r M�rder h�ltst, freundlicher zu behandeln. Sonst wirst du eines Tages jemandem begegnen, der unbeherrschter ist als ich.�</p><p>�Drohst du mir?� Solaiyn richtete sich halb auf, sackte dann aber wieder in sich zusammen. Er war jetzt aschfahl. Feine Schwei�perlen standen ihm auf der Stirn.</p><p>�Bitte��� Die Schlangenfrau strich dem F�rsten durch das Haar. �Es ist Zeit f�r deine Behandlung.�</p><p>Solaiyn hob den Kopf. Tiefe Falten nisteten um seine Mundwinkel. �Du bleibst hier. Ich k�nnte dich in Eisen legen lassen, Nodon. Oder noch etwas viel Wirkungsvolleres, um dich zu halten. Sieh dir an, was sie tut. Und h�r dir an, was sie zu sagen hat.� Noch w�hrend er sprach, nahm die Schlangenfrau die Lederriemen aus dem Lackkistchen auf dem Tisch. Sie f�hrte sie durch die Schlitze in der R�ckenlehne des Stuhls und fixierte den Kopf des F�rsten. Ein Riemen lief ihm �ber das Kinn. Der zweite �ber die Stirn. Als sie festgezogen waren, vermochte er seinen Kopf nicht mehr zu bewegen.</p><p>�Starr mich nicht so an�, schimpfte Solaiyn. �Ich kann deine niedertr�chtigen Gedanken sp�ren! Du hast keine Ahnung, du Bluts�ufer���</p><p>�Ruhig.� Die Schlangenfrau schob den hohen Kragen des F�rsten zur�ck und beugte sich �ber seinen Hals. Es sah aus, als k�sste sie ihn, doch als sie ihr kahles Haupt hob, sah Nodon einen Kranz blutiger Einstiche am Hals des Elfen. Er war umgeben von hellem Narbengewebe, so als w�re der F�rst schon sehr oft von dieser r�tselhaften Dienerin gebissen worden.</p><p>�Was tust du da?�</p><p>�Ich schenke ihm ein wenig von meinem Gift.� Sie bedachte ihn mit einem L�cheln, das ihre nadelfeinen Z�hne entbl��te. �Es wirkt nicht mehr so stark wie fr�her. Anfangs konnte er stundenlang schlafen, wenn ich ihn gebissen habe. Es ist ein tiefer, traumloser Schlaf, den mein Gift schenkt. Aber sein Fluch stiehlt ihm diese Gnade. Sein K�rper ist anders als der aller Elfen, denen ich zuvor begegnet bin. Wunden verheilen bei ihm viel schneller. Sieh nur sein Hals.�</p><p>Tats�chlich hatte sich �ber den Einstichen bereits Schorf gebildet.</p><p>�Eine halbe Stunde vielleicht, dann wird nur noch ein blasser Narbenkranz zu sehen sein. Er ist faszinierend. Er wird niemals krank, Verletzungen, die andere t�ten w�rden, verheilen binnen kurzer Zeit, und Gifte verm�gen ihn nicht zu t�ten. Sein K�rper gew�hnt sich an sie, und schnell werden sie v�llig wirkungslos.�</p><p>�Und das nennst du einen Fluch?� Die Wunde, die ihm Nandalee zugef�gt hatte, sp�rte Nodon immer noch. Er w�rde etwas daf�r geben, ein Heilfleisch wie Solaiyn zu haben.</p><p>�Du hast ja keine Ahnung�, murmelte der F�rst m�de. Es fiel ihm sichtlich schwer, die Augen offen zu halten.</p><p>�Nicht einschlafen�, hauchte die Schlangenfrau. �Du wei�t, ich kann besser arbeiten, wenn ich w�hrenddessen mit dir rede.� Sie sah zu Nodon auf. �Es ist sein zweites Leiden, das seinen Fall tragisch macht. Er ist zu empfindsam. Starke Gef�hle hallen zu lange in ihm nach. Er kann sie nicht abstreifen. Er wird v�llig unberechenbar. Manchmal ausf�llig, manchmal bestraft er �ber jedes Ma�, und manchmal zieht er sich einfach in sich zur�ck, �ber Tage, manchmal sogar Wochen. Als er seine Frau Lisandelle fand, begann f�r ihn eine Zeit strahlenden Gl�cks. Sie schenkte ihm die S�hne Talawain und Asfahal und auch zwei wundersch�ne T�chter, Kyra und Maylin. Sein Leben war vollkommen. Wir, die wir nur endliche Gef�hle kennen, k�nnen nicht nachempfinden, wie diese Zeit f�r ihn gewesen ist. Doch dann starb Lisandelle, und er st�rzte in einen Abgrund der Melancholie, aus dem er keinen Ausweg mehr fand. Weder das Lachen noch das Flehen seiner Kinder vermochten ihn aus seiner Welt der D�sternis herauszuholen. Er fand mehr Gefallen an toten Dingen als an Lebendigem. Er begann Statuen zu sammeln. Manchmal starrte er sie stundenlang an. Sein Sohn Asfahal war das rebellischste seiner Kinder. Er lie� nichts unversucht, um seinen Vater aus seiner Starre zu holen. Er beschimpfte ihn, dass es bald keinen Unterschied mehr zwischen ihm und seinen geliebten Statuen geben w�rde. Schlie�lich brach er einem der Standbilder einen Finger ab, um Solaiyn dazu zu zwingen, ihn zur Kenntnis zu nehmen.� Die Schlangenfrau machte eine bedeutungsschwere Pause in ihrer Erz�hlung.</p><p>�Es gelang ihm. Solaiyn sperrte Asfahal f�r drei Tage in die lichtlose Familiengruft unter seinem wundersch�nen, marmornen Palast. Es waren zwei Diener, die Asfahal schlie�lich befreiten. Sein Vater schien ihn dort vergessen zu haben. Lebendig begraben, wie er sich selbst nach dem Tod von Lisandelle begraben hatte. Der Junge floh noch in derselben Nacht aus dem Palast seines Vaters. Ich denke, du hast schon von ihm geh�rt.�</p><p>Das hatte er in der Tat. Asfahal war eines der bestgeh�teten Geheimnisse der Wei�en Halle. Er hatte Talent als Zauberweber gehabt, war todesmutig und zugleich leichtherzig gewesen. Er war einer der Sch�ler des Schwebenden Meisters geworden und nach seiner Zeit bei dem Drachen in die Wei�e Halle berufen worden. Doch so vielversprechend er auch gewesen war, hatte er sich als zu unbest�ndig erwiesen. Schlie�lich hatten die Meister der Halle ihm die letzte Pr�fung verwehrt und ihn der Schule verwiesen. Vergleichbares war seit mehr als dreihundert Jahren nicht mehr geschehen.</p><p>�Ich h�tte ihn in der Gruft verrotten lassen sollen!�, murmelte Solaiyn. �Er taugt nichts. Wie all ihr M�rder!�</p><p>�Dein Sohn, der nichts taugt, war es, der mich zu dir geschickt hat, um dir zu helfen�, tadelte die Schlangenfrau. �Nun lass uns beginnen. Nodon, w�rest du so nett, die H�nde des F�rsten auf den Lehnen festzuhalten. Manchmal versucht er nach mir zu schlagen, wenn ich ihm helfe. Im falschen Augenblick k�nnte das schreckliche Konsequenzen haben.�</p><p>�Ihm die H�nde halten?�</p><p>�Hilf mir. Nach der Behandlung wird er f�r einige Stunden nicht bei sich sein. Dann kannst du gehen, ohne dass er dir irgendjemanden hinterherschickt, um dich aufzuhalten.�</p><p>�Was redest du da?�, murrte Solaiyn. �Das ist Verrat, du niedertr�chtige Schlange. Glaub nicht, dass ich das vergessen werde. Du�� Ich lass dich an die Ungeheuer im Fluss verf�ttern, falsches Biest.�</p><p>�Ja, rede mit mir. So ist es gut�, sagte sie ganz ruhig. Dann nahm sie den langen Metalldorn und den kleinen Hammer vom Tisch. �Seine H�nde. Bitte!�</p><p>Nodon kniete sich vor den Stuhl. Wenn es ihn zur�ck in den Jadegarten brachte, war ihm fast alles recht. Er nahm die schmalen H�nde des F�rsten und dr�ckte sie fest auf die Lehnen.</p><p>�Sehr gut! Danke.� Mit diesen Worten beugte sich die Schlangenfrau von hinten �ber die Lehne und schob mit einem Daumen das rechte Augenlid des F�rsten hoch. Geschickt schob sie den langen Dorn zwischen Augapfel und Lid.</p><p>�Ihr beide werdet euren Verrat noch bereuen.�</p><p>Nodon sp�rte, wie sich die Muskeln des F�rsten spannten. Solaiyns rechtes Auge tr�nte. Er hatte es ganz nach oben verdreht, sodass die Iris das st�hlerne Werkzeug ber�hrte.</p><p>�Was tust du da?� Nodon war versucht, der Schlangenfrau den Dorn zu entrei�en, f�rchtete aber zugleich, dabei das Auge des F�rsten zu verletzen.</p><p>�Was wei�t du �ber das Gehirn der Elfen?�, fragte die seltsame Heilerin.</p><p>�Was hat das hiermit zu tun?�</p><p>�Alles! Das Gehirn ist der Sitz unseres Verstandes, aber es steuert auch unsere Gef�hle. Und es kann krank werden wie alle anderen Teile des K�rpers. Nur ist es am wenigsten erforscht. Wusstest du, dass es in zwei gleiche H�lften unterteilt ist, die durch einen dicken Ast miteinander verbunden sind? Ich erforsche das Gehirn, seit ich es aufgegeben habe, mein Verborgenes Auge zu �ffnen und eine Zauberweberin zu werden. Siehst du die T�towierung auf meiner Stirn? Die Narbe darunter? Das erste Gehirn, das ich zu �ndern versuchte, war mein eigenes. Ich hatte Begabung zu zaubern, wollte das aber nicht akzeptieren. Ich habe mit Gewalt mein Verborgenes Auge zu �ffnen versucht, habe mir das Fleisch auf meiner Stirn zerschnitten und ein Loch in meinen Sch�del gebohrt. Der Bohrer ist versehentlich bis in mein Gehirn gedrungen.� Sie lachte leise. �Das hat alles ver�ndert. Ich konnte die Gabe zu zaubern nicht erwecken, aber durch die Verletzung meines Gehirns verlor ich meine Traurigkeit. Ich f�hlte mich nicht l�nger unvollkommen, weil ich im Gegensatz zu all meinen Schwestern keine Zauberweberin sein konnte.�</p><p>Nodon blickte zu der Narbe auf ihrer Stirn. Dann wanderte sein Blick zu der Nadel, die oberhalb des Augapfels tief in der Augenh�hle Solaiyns steckte. Sie mochte ihre Traurigkeit verloren haben, aber sie hatte auch ihren Verstand durchl�chert.</p><p>Sie stie� einen leisen, zischenden Laut aus. �Ich wei�, was du jetzt denkst. Aber du irrst. Ich habe mein Leben dem Studium des Gehirns von euch Elfen gewidmet. Ich bin viel gereist, immer auf der Suche nach Elfen, die am Kopf verletzt wurden. Ich versuche, eine Landkarte des Gehirns zu erstellen, so wie Anatomen eine Karte unserer K�rper zeichnen.� Sie legte sich eine Hand flach auf die Stirn, w�hrend die andere immer noch die dicke Nadel hielt. �Hier vorne liegt der Teil des Gehirns, der f�r unsere Gef�hle verantwortlich ist.�</p><p>Mit flie�ender Bewegung griff sie nach dem kleinen Hammer auf dem Tisch und versetzte dem breiten Nadelkopf einen Schlag.</p><p>Entsetzt sah Nodon den Silberstahl gut zwei Zoll tief in der Augenh�hle versinken. Solaiyns H�nde, die er immer noch auf die Stuhllehnen presste, kr�mmten sich vor Schmerz. Zugleich stie� der alte F�rst einen langen Seufzer aus. �Erl�se mich von meinen Qualen, Aloki.�</p><p>Die Schlangenfrau begann die Stahlnadel sanft zu drehen. �Wie hei�en deine T�chter, Solaiyn?�</p><p>�Kyra und Maylin�, kam die Antwort ohne zu z�gern.</p><p>�Und deine S�hne?�</p><p>�Asfahal und Talawain.�</p><p>�Wer ist dir der liebste deiner S�hne?�</p><p>Fasziniert und zugleich abgesto�en beobachtete Nodon, was die beiden taten.</p><p>�Ich habe nur noch einen Sohn. Talawain wurde von den Menschenkindern get�tet. Ich werde sie daf�r b��en lassen��� Die Stimme Solaiyns hatte sich ver�ndert. Er sprach ohne Emotion. �Wenn dieser Feldzug im Eis vor�ber ist, dann sollen f�nftausend Menschenkinder f�r ihn gestorben sein. Und das ist erst der Anfang. Ich werde sie erfahren lassen, dass ich gekommen bin, seinen Tod zu r�chen, auf dass sie f�r immerdar uns Elfen f�rchten lernen, denn einer von uns ist mehr wert als hundert von ihnen. Sie m�ssen erst im Staub liegen und unseren Fu� in ihrem Nacken sp�ren, um sch�tzen zu lernen, welch kostbares Geschenk es ist, in Frieden mit uns leben zu d�rfen.�</p><p>�Erz�hle mir auch von Asfahal�, bat Aloki sanft.</p><p>��ber ihn gibt es nichts zu sagen. Er lebt, aber zugleich ist er auch tot f�r mich.� Wieder sprach Solaiyn bar jeder Emotion, was seine Worte nur noch endg�ltiger klingen lie�. Nodon hatte viel Schlechtes �ber den gefallenen Sch�ler der Wei�en Halle geh�rt, doch solch ein Urteil aus dem Mund von Asfahals Vater zu vernehmen war schockierend. Wie konnte es so weit kommen, dass man seinen eigenen Sohn hasste?</p><p>�Wie war Asfahal als Kind?� Auch wenn Aloki keine Zauberweberin war, lag in ihrer Stimme etwas, das es unm�glich machte, ihr nicht zu antworten.</p><p>�Er war�� neugierig. Von meinen vier Kindern war er der am wenigsten Furchtsame. Er hatte vor gar nichts Angst. Er liebte es, wenn unser Segelboot bei den Reisen nach Tanthalia nur so �ber die Wellen sprang, wenn schweres Wetter aufkam. Er stand dann immer am Bug und schrie dem Sturm voller �bermut seine Herausforderungen entgegen. Er hatte auch��� Der F�rst blinzelte. �Lisandelle war so voller Z�rtlichkeit und Verst�ndnis. Als sie starb, wusste ich, dass ich nie wieder eine Gemahlin wie sie finden w�rde. Seit ihrem Tod warte ich. Ich hoffe darauf, dass sie wiedergeboren wird. Sie ist���</p><p>Aloki zog die Nadel �ber dem Augapfel hinweg und bedeutete Nodon, die H�nde des F�rsten loszulassen. �Wie geht es dir?�, fragte sie dann sanft.</p><p>Solaiyn blinzelte. Er wirkte desorientiert, als h�tte er die Frage nicht richtig verstanden. �Ich bin m�de�, sagte er schlie�lich nach einer Weile.</p><p>�Dein Herz findet Ruhe. Soll ich weitermachen? Oder m�chtest du schlafen?�</p><p>Er rieb sich �ber die Stirn, �ber die der breite Lederriemen lief, der ihn an die Stuhllehne fesselte. Dann verdrehte er die Augen und blickte zu Nodon hinab. �Erz�hle nicht, was du hier gesehen hast. Es w�rde dir ohnehin niemand glauben.�</p><p>Der Dunkle wird mir glauben, dachte der Drachenelf, schwieg aber. Sobald er zur�ck war, musste er daf�r sorgen, dass Solaiyn als Heerf�hrer abberufen wurde. Was hatte den Goldenen nur dazu veranlasst, einem Irren, der sich willentlich das Gehirn zerst�ren lie�, das Leben Tausender Albenkinder anzuvertrauen?</p><p>�Bist du bereit, mein Gebieter?�</p><p>Solaiyn gab einen knurrenden Laut von sich. Immer noch blickte er zu Nodon herab. �Du wirst meine Augen sein. Wenn wir hier fertig sind, dann steigst du auf deinen Rappen und sp�hst aus, was die Menschenkinder machen.� Er sprach langsam und monoton, mit kurzen Pausen zwischen den W�rtern, als fiele es ihm schwer, sich zu konzentrieren. �Ich sch�tze, in ihrem Heerlager wird Panik herrschen.�</p><p>�Mondschatten ist tot!� Nodon hatte es Solaiyn schon mitgeteilt, aber offensichtlich erinnerte sich der Heerf�hrer nicht mehr.</p><p>�Tot�, sagte der F�rst teilnahmslos. �Hat sich also meinen Befehlen entzogen. Dann nimmst du eben einen Adler.�</p><p>Das war v�llig absurd. Adler waren unzuverl�ssig. Vereinzelt hatten die gro�en Raubv�gel vom Albenhaupt zwar Elfen gestattet, auf ihrem R�cken zu reisen, aber man konnte sich einfach nicht auf sie verlassen.</p><p>Aloki gab ihm ein Zeichen, zu schweigen und erneut die H�nde des F�rsten zu halten. Dann hob sie das zweite Augenlid Solaiyns an und f�hrte die breite Haarnadel dar�ber hinweg bis tief in die Augenh�hle. Allein bei dem Anblick zog sich Nodons Innerstes zusammen.</p><p>Der F�rst stie� einen tiefen Seufzer aus, dem etwas Lustvolles anhaftete.</p><p>Mit hellem Klang schlug der Hammer auf die Nadel. �Hinter dem Auge ist der Sch�delknochen am d�nnsten�, erkl�rte Aloki. �Hier richte ich den geringsten Schaden an, wenn ich den Eingriff vornehme.�</p><p>Sie meinte das offensichtlich nicht ironisch, dachte Nodon verbl�fft. Mit einer Nadel das Gehirn eines Elfenf�rsten durchzur�hren empfand sie offensichtlich als Bagatelle. Wieder begann sie mit den kreisenden Bewegungen. Nodon musste wegsehen.</p><p>�Warum z�rnst du deinem Sohn Asfahal?�, setzte die Schlangenfrau ihre Fragen fort.</p><p>�Ich z�rne ihm nicht mehr�, kam die monotone Antwort. �Ich habe ihn verbannt. Es gibt ihn nicht mehr f�r mich. Jemandem, der nicht mehr existiert, kann man nicht z�rnen.�</p><p>�Aber was hat er dir denn getan?�</p><p>�Er versteht Sch�nheit nicht. Er wendet sich gegen sie und zerst�rt sie. Er hat der unvergleichlichen Statue des kauernden Kobolds von Salhayn einen Finger abgebrochen. Einfach so, aus �bermut. Wie k�nnte ich so etwas dulden?�</p><p>�Er war ein Kind�, sagte Aloki milde, w�hrend sie die lange Nadel drehte. �Er hat es gewiss nicht mit Absicht getan.�</p><p>�Das entschuldigt gar nichts�, entgegnete Solaiyn stockend. �Er war�� Er hat seine Mutter gek�sst, auf dem Totenbett und auch sp�ter. Er hat sie gek�sst. Eine Tote! Und er hat ihren Sarg ge�ffnet, als ich ihn in die Gruft sperrte.� Eine einzelne Tr�ne rann �ber die Wange des F�rsten. Eine Ader im Auge unter der Nadel war geplatzt und f�rbte das Wei� des Augapfels rot. �Wir m�ssen unsere Truppen zur�ckziehen. Wir brauchen nicht mehr viele Krieger, um die Menschenkinder zu Tode zu hetzen. Ein paar Kentauren und Trolle. Vielleicht einen Riesen. Und die Adler. Und die Drachenelfen. Die �brigen sollen zur�ck�� Will keine unn�tigen Verluste. In der Gruft�� Ich frage mich, ob er dort ihren Leichnam noch einmal gek�sst hat.�</p><p>Aloki zog die Nadel aus dem Gehirn zur�ck.</p><p>�Ich musste sie wegschicken�, sagte Solaiyn tonlos. �Was h�tte ich mit dem Balg anfangen sollen? Hat behauptet, er h�tte es ihr gemacht. Immer wieder habe ich davon geh�rt, wie er jedem Rock nachgestiegen ist. Vielleicht stimmte es�� Ich wei�, dass er ihr Besch�ler war. F�r eine Zeit. Aber wie viele andere hat sie sich noch geholt? Sie war die �belste von allen. Die beiden sind zwei Jahre von F�rstenhof zu F�rstenhof gezogen, haben gesungen und um Geld gespielt. Es hei�t, sie h�tten betrogen. Sie hat die anderen mit ihren Reizen abgelenkt�� H�bsch war sie.�</p><p>Aloki l�ste die Lederriemen, mit denen sie Solaiyn an den Stuhl gefesselt hatte. Der F�rst sackte nach vorn, sodass Nodon ihn auffangen musste.</p><p>�Mir wollte sie dieses Balg andrehen. Einen blonden S�ugling. Hatte ihm einen seltsamen Namen gegeben�� Fabrach�� Nein, Falrach. Wer hatte je einen solchen Elfennamen geh�rt. Ich habe die Schlampe von meinen Pferdeknechten verpr�geln und davonjagen lassen. Ich brauchte nicht noch einen Knaben, der sich an Statuen und an meiner toten Lisandelle vergeht.� Er hob den Kopf und sah Nodon geradewegs in die Augen. �Ich habe dir doch gesagt, du sollst deinen gefiederten Gaul holen und das Lager der Menschenkinder auskundschaften.�</p><p>�Du solltest jetzt ruhen�, schritt die Schlangenfrau ein, bevor Nodon etwas sagen konnte. Sie half Solaiyn auf die Beine und f�hrte ihn zu seinem Bett, wo er sich von ihr zudecken lie� wie ein Kind von seiner Mutter. �Schlaf, Herr. Du musst dich erholen. Wenn du aufwachst, werden Traurigkeit und Zorn dich verlassen haben.�</p><p>Mit einem L�cheln richtete sich Aloki auf und glitt zu Nodon. �Er ist einzigartig.�</p><p>�Ich w�rde eher sagen, verr�ckt. Ich werde diesen Wahnsinn hier beenden.�</p><p>�Du verstehst nicht, was du hier gesehen hast�, gurrte sie mit zuckers��er Stimme. Ihre Pupillen aber wurden schmal. Nodon musste unwillk�rlich an eine Smaragdkobra denken, die sich aufrichtete, um zuzusto�en und ihre Giftz�hne in ein Opfer zu schlagen.</p><p>�Er ist der bestm�gliche Heerf�hrer f�r den Goldenen. Der Zauber, den der Drachenherrscher wob, um durch Solaiyns Augen zu sehen, sch�digt das Gehirn des F�rsten. Jeden anderen w�rde dieser Eingriff innerhalb kurzer Zeit in einen sabbernden Irren verwandeln. Aber nicht Solaiyn. Ich sagte dir ja, dass er die besondere Gabe hat, sich von Verletzungen wieder zu erholen, die andere umbringen w�rden. Sein Hirn heilt. Es ist ein Segen und ein Fluch. F�r den Goldenen ist er durch diese Eigenschaft von unsch�tzbarem Wert. Er verliert sein Werkzeug nicht, nachdem er es nur wenige Male benutzt hat. F�r Solaiyn aber ist es ein Fluch. Unz�hlige Male habe ich die Nadeln in sein Gehirn versenkt. Bei jedem anderen gen�gt es, dies ein einziges Mal zu tun. Danach ist eine �bertriebene Empfindsamkeit f�r immer gel�scht, ganz gleich, in welcher Form sie sich zeigt, ob nun in nicht enden wollender Melancholie, in pl�tzlichen Zornesausbr�chen oder dem Drang, unfl�tige Beschimpfungen von sich zu geben, ohne dass es daf�r einen Grund g�be.�</p><p>Nodon war sich sicher, w�sste der Dunkle, was hier geschah, w�rde er Solaiyn umgehend entfernen, und das w�re das einzig Vern�nftige. Und diese Nachricht zu �berbringen lieferte ihm einen guten Grund, das Heer zu verlassen. Er w�rde so nicht den Zorn seines Gebieters erwecken, auch wenn es ihm eigentlich darum ging, wieder in Nandalees N�he zu gelangen.</p><p>�Du wirst sehen, morgen ist Solaiyn ein ganz anderer Mann�, erkl�rte Aloki euphorisch. �Sehr ruhig, sehr sachlich. Sein Verstand nimmt bei diesem Eingriff keinen Schaden. Ich befreie ihn lediglich von seiner �bergro�en Empfindsamkeit.�</p><p>�Ich habe keinen Zweifel daran, dass er jetzt ein ganz anderer Mann ist�, sagte Nodon ironisch und blickte zum Bett, in dem der F�rst sich mit angewinkelten Beinen zusammengerollt hatte.</p><p>Pl�tzlich verschwamm die Erscheinung der Schlangenfrau zu einem Strahl blasser Farben. Nodon griff nach dem Schwert. Er kannte dieses Ph�nomen aus Erz�hlungen von Nandalee. Ihre Freundin Bidayn beherrschte einen Zauber, der es ihr erlaubte, sich so schnell zu bewegen, dass man ihr mit blo�em Auge kaum noch folgen konnte.</p><p>Nodon duckte sich in Erwartung eines Angriffs. Sein Schwert war noch nicht einmal zur H�lfte aus der Scheide geglitten, als er einen stechenden Schmerz am Hals sp�rte. Etwas Kaltes rieselte durch seine Adern. Seine Hand am Schwertgriff erschlaffte. Seine Beine versagten. Zarte H�nde griffen unter seine Achseln und zogen ihn zu dem Stuhl mit der hohen Lehne.</p><p>�Ich wusste, dass du nicht auf mich h�ren w�rdest.� Alokis Stimme klang nach freundlichem Tadel. So wie die Stimme einer Mutter, die ihr Kind beim Honignaschen ertappt und eher am�siert als ver�rgert ist. �Ich wei� auch, wie schwer dies alles zu glauben ist. Du musst dich darauf einlassen, um es zu verstehen. Ist dir nicht aufgefallen, wie er sich schon w�hrend des Gespr�chs ver�ndert hat? Deshalb rede ich mit ihm. Es geht meist um Asfahal. Wenn er �ber ihn spricht, dann kochen seine Gef�hle hoch. Du hast es ja selbst erlebt.�</p><p>Nodon war wehrlos. Er vermochte kein Glied mehr zu regen. Mit Schrecken sah er, wie Aloki die beiden Lederriemen vom Tisch nahm.</p><p>�Wenn er mitten im Gespr�ch unmotiviert das Thema wechselt, dann ist es ein Zeichen, dass mein Werk vollendet ist. Er erinnert sich hinterher nie daran, wor�ber wir gesprochen haben.� Sie l�chelte und zeigte dabei ihre bedrohlichen Z�hne. �Eigentlich hat er in der Regel fast alles vergessen, was ein bis zwei Stunden vor dem kleinen Eingriff geschehen ist.� Sie l�ste seinen Schwertgurt und warf ihn samt Waffe neben das Bett. �Ich werde dir helfen, deine Unruhe zu �berwinden, Nodon. Mehr Gleichmut macht das Leben sch�ner. Bleib einfach �ber Nacht hier. Niemand wird uns st�ren.�</p><p>Nodon k�mpfte dagegen an, dass ihm die Augen zufielen. Sie schnallte einen Lederriemen �ber seine Stirn. Er wollte sich aufb�umen, doch seine Glieder versagten ihm den Dienst. Gleichzeitig hatte er ein Gef�hl, als rinne Eiswasser durch seine Adern.</p><p>Der zweite Riemen wurde �ber sein Kinn gelegt. Sein Mund war staubtrocken. Wie hatte er sich nur so �bert�lpeln lassen k�nnen!</p><p>�Haderst du mit dir?�, fragte Aloki sp�ttisch. �Ich habe dich nicht angelogen. Ich bin wirklich keine Zauberweberin. Mich schnell bewegen zu k�nnen ist eine Gabe, die mir ins Nest gelegt worden ist. Ich kann es einfach. Dabei w�re ich so gerne wie ihr Drachenelfen.� Sie beugte sich hinab und k�sste ihn sanft auf die Stirn. �Wie viel Wissen und Macht sich unter dieser Knochenplatte verbirgt. Ich w�sste wirklich gerne, ob eure Gehirne anders aussehen. An welcher Stelle liegt die Begabung zur Magie?� Sie wandte sich zum Tisch und nahm die Nadel und den kleinen Hammer auf. �Glaubst du, man kann die Gabe, Zauber weben zu k�nnen, mit einem Stich ins Hirn stimulieren? Oder aber vernichten? Ich w�sste das wirklich gerne.�</p><p>Nodon versuchte etwas zu sagen, doch seine taube Zunge vermochte gerade noch einen unverst�ndlichen, lallenden Laut hervorzubringen.</p><p>�K�mpf nicht dagegen an.� Aloki zog die Nadel zwischen Daumen und Zeigefinger hindurch, und ein wenig schleimige Substanz blieb an den Fingern haften. �Du wirst jeden Augenblick einschlafen. Und ich verspreche dir, wenn du morgen fr�h erwachst, wirst du ein ganz anderer Mann sein. Du wirst Solaiyn dann viel besser verstehen k�nnen.�</p></section><section><title><p>Ein Brautkleid und eine Tote</p></title><p>Bidayn drehte sich vor dem gro�en Spiegel und betrachtete selbstversunken ihr Hochzeitskleid. Dieses verschlafene Provinznest war tats�chlich f�r einige �berraschungen gut gewesen, ebenso wie Shanadeen. Ihr Zuk�nftiger hatte sich in die Unausweichlichkeit ihrer Hochzeit gef�gt. Ja, er war es sogar gewesen, der diese wunderbare Schneiderin aufgetan hatte. Eine junge Elfe aus den Mondbergen. Sie hatte sich auf Anhieb bestens mit ihr verstanden. Nicht einmal hatte Enya eine Bemerkung zu dem bedauerlichen Geruch gemacht, der Bidayn anhaftete. Sieben Mal war sie zu Anproben zur Schneiderin gegangen, bis alles ihren W�nschen entsprach. Shanadeen hatte das Kleid bisher nicht zu sehen bekommen. Bidayn l�chelte. Er w�rde rot anlaufen, wenn sie gleich in die gro�e Halle trat. Er war so ein entsetzlicher Langweiler. Durch und durch f�rmlich. Nicht ein einziges Mal hatten sie beieinander gelegen. Sie hatte schon gar keine Lust mehr, zur Hochzeitsnacht in sein Bett zu steigen. Seine K�sse waren stets scheu. Vor anderen war es ihm unangenehm, Z�rtlichkeiten mit ihr auszutauschen. Und selbst wenn sie allein waren, blieb er immer unbeholfen. Wie er es wohl geschafft hatte, zwei T�chter zu zeugen? Bidayn grinste b�se. Vielleicht waren es ja auch gar nicht seine T�chter, und Nevenyll hatte ihm H�rner aufgesetzt.</p><p>�Du siehst wundersch�n aus, wenn du l�chelst!� Lydaine klatschte vor Begeisterung in die H�nde, und eine lange, blonde Str�hne l�ste sich aus ihrem hochgesteckten Haar.</p><p>�Bleib doch still sitzen, Kind!�, ereiferte sich Kruppa, die an diesem besonderen Tag ihr Regiment �ber die K�che vor�bergehend aufgegeben hatte, um daf�r zu sorgen, dass die Braut und ihre Brautjungfern auch wirklich hinrei�end aussahen.</p><p>�Hinsetzen! Auf die Kleidertruhe da! Sofort!�, kommandierte sie scharf. �Maya! Steck ihr das Haar wieder hoch. Und wehe, du r�hrst dich noch mal vom Fleck, Lydaine! Nimm dir ein Beispiel an deiner Schwester. Die bleibt die ganze Zeit brav sitzen.�</p><p>Maya hatte einige M�he, mit ihrem Holzbein auf das Bett zu klettern, um sich dann hinter Lydaine zu stellen und ihr Haar zu richten. Die kleine Koboldin strahlte �ber das ganze Gesicht. Sie war mindestens so aufgeregt wie Lydaine. Wie ihre Mutter hatte auch sie zur Feier des Tages ein neues Kleid bekommen. Es war von einem kr�ftigen Rot, das gut mit ihrer dunklen Haut harmonierte. �Du musst wirklich vorsichtiger sein�, fl�sterte sie Lydaine ins Ohr. �Dein Blumenkranz sitzt auch schon wieder schief.�</p><p>�Ich werde niemals herumsitzen wie ein toter Fisch�, sagte Lydaine eingeschnappt. �So bin ich eben nicht.�</p><p>�Wer nennt mich einen toten Fisch?� Farella blieb zwar immer noch ruhig sitzen, aber Zornesr�te stieg ihr ins Gesicht. �Das hast doch nicht du dir ausgedacht. Du denkst dir nie etwas aus, dumme Kuh.�</p><p>�Besser �ne lebendige Kuh als ein toter Fisch!�, entgegnete Lydaine aufgebracht. �Und wenn du es wirklich wissen willst: Graumur nennt dich so, wenn du nicht in der N�he bist.� Der Blondschopf setzte ein triumphierendes L�cheln auf. �Was machst du jetzt? Hingehen und Vaters Minotaur verpr�geln.�</p><p>�Graumur��� Farella runzelte die Stirn. �Wei�t du, wie er dich nennt? Floh, weil du so wie Fl�he keinen Augenblick still sitzt!�</p><p>�Das ist nicht wahr!�, rief Lydaine betroffen. �Graumur mag mich! Er w�rde mich niemals Floh nennen.�</p><p>�Aber sicher mag er Fl�he!� Farella setzte ein vernichtendes L�cheln auf. �Hast du ihm schon mal zugesehen, wie er Fl�he aus seinem Fell liest? Jedes Mal wenn er einen zu packen bekommt, knackt er ihn mit den Z�hnen. Scheint ihm zu schmecken.�</p><p>�Tut er das wirklich?� Lydaine sah aus, als w�rde sie jeden Augenblick anfangen zu weinen. �Nennt er mich wirklich Floh?�</p><p>�H�rt auf, meine T�ubchen�, sagte Bidayn mit einem Anflug von Strenge in der Stimme. �Dies ist mein Freudentag und kein Tag, um zu streiten.� Sofort senkten beide den Kopf. Sie gehorchten ihr gut. Manchmal sagten sie sogar Mutter zu ihr. Bidayn mochte das nicht sonderlich. Sie f�hlte sich dann alt.</p><p>�Vielleicht sollte man hier doch noch ein paar Stiche���, setzte Kruppa schon zum dritten Mal an diesem Morgen an und deutete auf Bidayns H�fte. �Das ist schon sehr freiz�gig�� f�r eine Braut.�</p><p>Bidayn mochte den Schlitz im Kleid, der fast bis zu ihrer H�fte reichte. Sie hatte lange, schlanke Beine. Die Zeit auf Nangog hatte an ihrem K�rper gezehrt. Sie war d�nner geworden und gefiel sich nun besser. Ihr Kleid zeigte das. Es war halb durchsichtig. Nat�rlich nicht an allen Stellen. Vor allem nicht auf ihrem R�cken, musste sie doch die T�towierung verbergen, die nur schwerlich zu erkl�ren gewesen w�re. Der Drache, den ihr der Goldene in einer Orgie lustvollen Schmerzes tief unter die Haut gestochen hatte.</p><p>Die wundervoll verschlungenen Blumenmuster auf ihrem Kleid verdeckten ihr farbenpr�chtiges Hautbild. Enya hatte unz�hlige Stunden daran gearbeitet. Und die Schneiderin hatte um Bidayns Geheimnis gewusst. Sie hatte die T�towierung sehen m�ssen, um die Stickereien daran anzupassen. Enya hatte Stillschweigen gelobt.</p><p>Bidayn strich �ber die langen �rmel und genoss die Ber�hrung des kostbaren Stoffs. Das Brautkleid lag wie eine zweite Haut auf ihrem K�rper. Bei diesem Gedanken musste die Drachenelfe unwillk�rlich l�cheln.</p><p>Sie erg�tzte sich an der cremewei�en Farbe. Drehte sich und sah zu, wie der Saum, der bis zu ihren Kn�cheln reichte, bei der Bewegung aufwirbelte und ein Rad aus schillerndem Stoff um sie herum formte. Sofort war Lydaine wieder auf den Beinen und tat es ihr gleich. Die beiden M�dchen hatten Kleider aus demselben Stoff, doch war er mit wei�er Seide unterf�ttert, sodass die Kleider weniger aufreizend wirkten.</p><p>Maya stie� einen spitzen Schrei aus und balancierte mit ausgestreckten Armen auf der Bettkante, so pl�tzlich war Lydaine aufgesprungen. Und wieder hatte sich eine Str�hne ihres blonden Haars gel�st, und auch ihr Blumenkranz sa� schief.</p><p>�Ich gebe es auf mit euch beiden.� Schmollend verschr�nkte Kruppa die Arme vor der Brust. �Ihr seid ja verr�ckt wie Bl�tenfeen.� Sie legte die Stirn in Falten. �Ich bleibe dabei. So ein Kleidchen mag eine anziehen, die ihren Mann noch sucht und es mit manchen Anstandsregeln nicht so genau nimmt. Wer seinen Mann gefunden hat, sollte sich nicht mehr auf solche Art zur Schau stellen.�</p><p>�Da ich hier nun die Herrin im Hause bin, stelle ich auch die Regeln auf. Es ist besser, du gew�hnst dich daran, Kruppa. Und sei vorsichtig, wenn du auf die Idee kommen solltest, mir als kleine Anerkennung in mein Essen zu spucken.�</p><p>�Also, so etwas! Das muss ich mir nicht bieten lassen. Es gibt viele H�user in der Stadt, die froh w�ren, mich in der K�che zu haben���</p><p>�Ich k�nnte gleich w�hrend des Hochzeitsessens verk�nden, dass ich dich gestern bei dieser Untat ertappt habe und du entlassen bist. Du w�rdest in weitem Umkreis keine Anstellung mehr finden.�</p><p>�Du�� du bist.� Kruppa stampfte vor hilfloser Wut mit ihrem Fu� auf.</p><p>�Nicht <emphasis>du</emphasis>. Ich bin deine Herrin, nicht deine Freundin. Gew�hne dich daran, und ich werde eine sehr gro�z�gige Herrin sein.�</p><p>Die Kinder folgten mit gro�en Augen dem unerwarteten Streit.</p><p>�Ich gehe�, sagte Kruppa schlie�lich und lie� wohl mit Absicht offen, ob sie nur das Zimmer oder gleich das Haus verlassen wollte. �Du bringst Ungl�ck, Bidayn. Die kleine Enya hat das Ungl�ck diese Nacht ereilt, und ich f�hle, dass es wie eine dunkle Wolke auch schon auf diesem Haus lastet. Maya!� Sie streckte fordernd die Hand nach ihrer Tochter aus. �Komm!�</p><p>Das Koboldm�dchen lie� sich vorsichtig vom Bett gleiten. Es war so still in der Ankleidekammer, dass das Klacken ihres Holzbeins so laut wie Hammerschl�ge ert�nte. Mit Tr�nen in den Augen sah sie zu Bidayn auf. Sie h�tte gleich eines der Blumenm�dchen sein sollen, die beim Einzug in die Festhalle Bl�ten vor ihre F��e streuen w�rden. Seit einer Woche hatte Maya von nichts anderem mehr gesprochen. F�r sie war diese Bagatelle zur bedeutendsten Stunde ihres Lebens geworden. Wenn Kruppa sie darum bitten w�rde, k�nnte Maya immer noch zum Fest erscheinen.</p><p>Doch die dicke K�chin stampfte, ohne sich ein einziges Mal umzusehen, aus dem Zimmer, und Maya folgte ihr mit h�ngenden Schultern.</p><p>�Das war ungerecht!�, rief Lydaine und st�rmte den beiden schluchzend hinterher.</p><p>Die Drachenelfe sah zu Farella, die immer noch still auf ihrem Platz sa�. �Und? Willst du auch vor der Tyrannin davonlaufen?�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf. �Kruppa erlaubt sich zu viel. Aber�� Was ist mit Enya? Warum sagt Kruppa, dass du ihr Ungl�ck gebracht hast.�</p><p>�Weil sie ein abergl�ubisches, dummes, kleines Koboldweib ist.� Bidayn schenkte Farella ihr bezauberndstes L�cheln. �Auf das Geschw�tz von Kobolden sollte man nicht zu viel geben.�</p><p>Farellas Gesicht blieb ernst. �Ich habe Kruppa und Graumur heute Morgen belauscht. Graumur kam gerade aus der Stadt. Er hat von Enya erz�hlt. Sie ist tot. Etwas Schreckliches muss geschehen sein��� Shanadeens Tochter sah zu ihr auf.</p><p>�Und was ist geschehen?�, fragte Bidayn.</p><p>Das M�dchen zuckte mit den Schultern. �Die beiden haben mich bemerkt und aufgeh�rt zu sprechen. Aber Graumur wirkte ganz aufgew�hlt. Ich habe ihn so noch nie gesehen. Er hat doch fr�her in richtigen Schlachten gek�mpft. Wie kann es sein, dass ihn der Tod da noch erschreckt?�</p><p>�Mit solchen Gedanken sollten sich Kinder nicht belasten�, sagte Bidayn entschieden. �Hier hatte Kruppa ausnahmsweise einmal recht. Es ist besser, wenn du gar nichts dar�ber h�rst.�</p><p>Farella sch�ttelte den Kopf, und ihre gro�en Augen erschienen Bidayn nicht zum ersten Mal wie dunkle Abgr�nde. �Ich sehe aus wie ein kleines M�dchen, aber ich bin keines. Manchmal tue ich so, weil das Leben leichter ist, wenn man der ist, der man zu sein scheint. Vater ist gl�cklich, wenn ich ihm vorgaukle, ich w�re noch dieselbe wie an jenem Tag, als meine Mutter sich ins Meer gest�rzt hat. Aber das ist nicht die Wahrheit. Mein K�rper hat aufgeh�rt zu wachsen und zu altern. Mein Verstand aber ist l�ngst nicht mehr der eines kleinen M�dchens.�</p><p>Bidayn musste sich setzen. Sie hatte Farella immer lieber gemocht. Das stille M�dchen hatte sie an ihre eigene Kindheit erinnert. Ihre unentwickelte Gabe, eine Zauberweberin zu sein, hatte sie zur Au�enseiterin gemacht, genau wie Farella.</p><p>�Gilt das auch f�r Lydaine?�</p><p>Farella sch�ttelte den Kopf. �Nein, sie ist genauso kindisch, wie sie sich gibt. Der Fluch, oder was immer es war, was uns bei Mutters Tod getroffen hat, wirkt bei uns beiden unterschiedlich. Sie ist wirklich das Kind, das sie zu sein scheint.� Farella sagte das voller Verachtung. �Du kannst dir nicht vorstellen, wie schwer es ist, in diesem Palast mit Lydaine eingesperrt zu sein. Alle erwarten, dass ich mit ihr spiele und mich gut mit ihr verstehe. Ich w�re so gern wie du! Und ich w�rde so gerne bei einem Mann liegen. Aber du kannst dir wohl vorstellen, dass es niemand wagt, mich auch nur l�stern anzusehen. Mich, das kleine M�dchen des m�chtigen Handelsherren Shanadeen.� Sie seufzte. �Du kennst jetzt mein Geheimnis, Bidayn. Nun verrate du mir, wie Enya gestorben ist. Du wei�t es doch, nicht wahr? Vor dir verbergen sie nichts. Hat sie sich von der Klippe gest�rzt wie meine Mutter? Haben sie ihre Leiche zerschmettert zwischen den Felsen gefunden? Es war Vollmond gestern Nacht. Der Mond �bt einen d�steren Zauber auf die Melancholischen aus. Er zieht sie hinaus auf die Klippe. Ich selbst habe es auch schon gesp�rt.�</p><p>�Bist du wirklich sicher, dass du etwas wissen willst, was einen kampferprobten Minotauren erschreckt hat?�</p><p>�Ich bin kein Kind!�, entgegnete sie ver�rgert. �Und nichts zu wissen hei�t, sich alles auszumalen.�</p><p>Bidayn war es leid zu diskutieren. Sollte die Kleine sehen, wie sie mit dem klarkam, was ihre Neugier ihr einbrachte. �Keiner wei�, wer Enya get�tet hat, aber wer immer es war, hat ihr bei lebendigem Leib die Haut abgezogen. Es hei�t, als man sie gefunden hat, w�re nicht mehr das kleinste St�ckchen Haut auf ihrem K�rper gewesen. Die kleine Schneiderin wurde also gewisserma�en ausgezogen. Was der M�rder mit der Haut getan hat, ist ungewiss. Im Haus der Schneiderin war sie nicht mehr.�</p><p>Farella schien von der Schilderung nicht ber�hrt zu werden. Sie nickte lediglich. �Warum macht man das?�, fragte sie schlie�lich nach einer Weile.</p><p>�Schwer zu sagen. Vielleicht war es ein verr�ckter J�ger? Jemand, der statt Fellen Elfenhaut sammelt? Vielleicht will er sich einen Mantel oder eine Weste machen und fand es am�sant, eine Schneiderin als Opfer zu w�hlen, aus dem er sich ein neues Kleidungsst�ck fertigt? Die Welt ist voller Verr�ckter, Farella. Man sollte sich nie an einem Ort zu sicher f�hlen.� Kaum, dass die Worte �ber ihre Lippen waren, taten sie Bidayn leid. Sie wollte das M�dchen nicht unn�tig �ngstigen.</p><p>�Ich m�chte so sein wie du, Bidayn. Du hast dich so ver�ndert, seit Vater bekannt gegeben hat, dass er dich heiraten wird. Fr�her habe ich dich f�r��� Sie z�gerte kurz. �F�r farblos gehalten.�</p><p>Bidayn musste �ber die Umschreibung l�cheln. Sie wusste ganz genau, was die Kleine hatte sagen wollen. So, wie sie als Kinderm�dchen aufgetreten war, sie eine graue Maus zu nennen w�re noch geschmeichelt gewesen. Verhuscht, voller Furcht vor M�nnern, ja vor der ganzen Welt, hatte sie wirken wollen. Seit sie Shanadeen zur Hochzeit gezwungen hatte, war es nicht mehr n�tig, diese Maskerade zu betreiben. Auch wenn sie sich bem�hte, ihren Wandel nach au�en nicht ganz so offenkundig werden zu lassen.</p><p>�Wie zieht man eine Haut ab?�</p><p>Bidayn glaubte, nicht richtig geh�rt zu haben. �Was?�</p><p>�Wie geht das?�, fragte Farella so arglos, als ginge es um irgendeine Belanglosigkeit wie ein Rezept oder ein Stickmuster. �Wie zieht man eine Haut ab? Ist das so, wie einen Apfel zu sch�len?�</p><p>Die Drachenelfe sah Farella in einer Mischung aus Faszination und Entsetzen an. Was war das f�r ein M�dchen? �Hast du nie zugesehen, wie in der K�che einem Hasen das Fell abgezogen wurde?�</p><p>�Nein.� Sie sch�ttelte heftig den Kopf. �Ich habe zugesehen, wie H�hner oder Fasane gerupft wurden und wie man Fische putzt, aber H�uten ist wohl ganz anders, oder?�</p><p>�Es ist kein sch�ner Anblick. Ich in deinem Alter��� Bidayn wurde sich des Fehlers bewusst, den sie gerade gemacht hatte. Sie hatte Farella wieder nur als Kind gesehen. �Entschuldige. Also ich w�re, als ich klein war, laut schreiend fortgelaufen, h�tte ich mir ansehen m�ssen, wie man einem s��en Hasen sein Fell �ber die Ohren zieht. Aber ich werde es dir zeigen, sobald sich der Trubel rund um das Hochzeitsfest gelegt hat. Versprochen! Jetzt sag du mir, warum dir daran so viel gelegen ist.�</p><p>�Was ich kenne, f�rchte ich weniger. Der, der das getan hat, ist der noch in der Stadt?�</p><p>�Wahrscheinlich nicht. J�ger ziehen weiter. Vergiss die arme Enya, hier im Haus deines Vaters bist du in Sicherheit. Hier kann dir kein Fremder etwas zuleide tun.�</p><p>Farella stand auf und kam zu ihr her�ber. Einen Moment lang hatte Bidayn das Gef�hl, ihre Stieftochter wolle sie umarmen und an sich dr�cken. Doch dann blieb sie pl�tzlich stehen. �Du riechst anders.� Sie schnupperte. �Das ist Veilchenduft wie in Enyas Schneiderei.�</p><p>�Mein Kleid duftet danach�, log Bidayn, die nur zu gut wusste, dass sie es war, die diesen Duft verstr�mte. �Anders als bei deinem Kleid ist Kruppa nicht mehr dazu gekommen, es waschen zu lassen.� Sie streckte Farella beide H�nde entgegen. �Komm her! Wir werden jetzt etwas tun, was f�r jede Dame vor einem gro�en gesellschaftlichen Anlass verpflichtend ist. Wir werden s�ndhaft teures Parf�m auflegen. Diese Kreation wurde eigens f�r mich geschaffen. Es ist ein Geschenk deines Vaters f�r mich. Reines Rosen�l mit einem Hauch von Vanille und einer Idee von Orangenduft.� Sie deutete auf den kostbaren Flakon aus Bergkristall, der vor dem Spiegel stand. �Komm, hab keine Scheu.�</p><p>Farella trat vor den Spiegel und betrachtete sich kritisch. �Wenn ich nur nicht aussehen m�sste wie ein Kind!�</p><p>�Dies vermag ich nicht zu �ndern�, sagte Bidayn bedauernd. �Aber ich kann dich in die Geheimnisse der Frauenwelt einf�hren.� Sie �ffnete den Flakon und tupfte mit dem Glasst�bchen an der Unterseite des Verschlusses ein wenig Parf�m auf den Nacken des M�dchens. Sofort erf�llte ein bet�render Duft die Ankleidekammer.</p><p>Farella seufzte. �Wie ein Sommertag in einem Rosengarten.�</p><p>�Nicht wahr�, bekr�ftigte Bidayn. �Und nun heb deine H�nde.� Sie tupfte dem M�dchen noch ein wenig Parf�m auf die Innenseite der Handgelenke. �Dies ist kein billiges Duftw�sserchen. Das ganze Fest lang wird dir der Hauch des Sommers anhaften. Das richtige Parf�m zum richtigen Anlass aufzutragen ist eine hohe Kunst. Dieser Duft wird daf�r sorgen, dass sich jeder in deiner Anwesenheit wohlf�hlt. Und nur die wenigsten werden den Grund daf�r erraten. Dies ist eine von vielen M�glichkeiten, einen Mann zu bet�ren. Und es hat nichts mit deinem Alter und Aussehen zu tun. D�fte schummeln sich am Verstand vorbei und erwecken unmittelbar Emotionen.�</p><p>Farella sah dankbar zu ihr auf, w�hrend auch Bidayn ein wenig des kostbaren Duftwassers auf ihren Nacken und ihr Dekollet� strich. Sorgf�ltig verschloss sie den kostbaren Flakon. �Komm, Farella, gehen wir hinab und tun das, wozu man Hochzeitsfeste f�r h�bsche M�dchen wie uns veranstaltet.�</p><p>Farella ergriff zwar ihre H�nde, sah sie aber fragend an. �Was soll das sein?�</p><p>�Wir werden hemmungslos mit unseren wundersch�nen Kleidern angeben, alle anderen Frauen schlecht neben uns aussehen lassen und allen M�nnern den Kopf verdrehen�, entgegnete Bidayn gut gelaunt und dachte dabei an einen ganz besonderen Elfen. Den einen, der unter jenen, um die sie den Goldenen gebeten hatte, noch fehlte.</p></section><section><title><p>Asfahal</p></title><p>Asfahal z�gelte seinen Schimmel und sah auf die kleine Hafenstadt hinab. Uttika. Bis vor zwei Wochen hatte er von diesem Nest nicht einmal geh�rt. Erst in jener denkw�rdigen Nacht, in der der Goldene ihn in Elfengestalt in einem Freudenhaus in Solfalah aufgesucht hatte, hatte er erfahren, dass sein Schicksal von nun an mit Uttika verbunden sein w�rde. Der Goldene war sehr h�flich aufgetreten. Er hatte lediglich einen Wunsch ge�u�ert�� aber wer w�rde den Wunsch einer Himmelsschlange missachten. Im �brigen war der gefl�gelte Herrscher so freundlich gewesen, all seine Schulden zu begleichen und ihn mit einer �beraus gro�z�gigen Reisekasse auszustatten. Asfahal l�chelte in sich hinein. All das war schon gut gewesen, das Beste jedoch war die Genugtuung, einen Auftrag durch eine Himmelsschlange zu bekommen. Ausgerechnet er, Asfahal, den die Meister der Wei�en Halle in Schimpf und Schande davongejagt hatten, geh�rte nun doch noch zu den Auserw�hlten der gefl�gelten Herrscher.</p><p>Der Elf schlug den langen, wei�en Umhang �ber die Schulter zur�ck und tastete nach dem schmalen, eleganten Silberreif, der sein Haar zur�ckhielt. Er wollte eine gute Figur machen, wenn er auf der Hochzeit eintraf. Heute m�sste der Tag sein, den ihm der Goldene f�r das Fest genannt hatte, es sei denn, er hatte sich w�hrend der langweiligen Reise durch das weite Grasland verrechnet. Aber auch das w�re egal. Es war nie falsch, eine gute Figur zu machen.</p><p>Er gab seinem Schimmel die Fersen und eilte in leichtem Trab den Hang hinab, der Stadt entgegen.</p><p>Das Jaulen von Sackpfeifen begr��te ihn, noch bevor er das Stadttor erreichte. Ein Trupp Kentauren preschte ihm entgegen. Nicht mehr alle waren ganz sicher auf den Hufen. Einer von ihnen hielt eine bunt bemalte Amphore mit beiden Armen umschlungen wie eine Geliebte, wobei sein struppiger, roter Kinnbart in den Amphorenmund hing. �Wein!�, rief er ausgelassen. �Dieser Geizhals Shanadeen hat eine ganze Galeerenladung Wein verschenkt, damit heute alle auf sein wundersch�nes Weib trinken k�nnen.�</p><p>�Mir scheint, ich bin zur rechten Zeit gekommen�, sagte der Elf l�chelnd.</p><p>Ein donnernder R�lpser war die Antwort des Pferdemanns, der ihn mit glasigen Augen ansah. �Ich trink aber gar nicht auf sein Weib. Glaubst du auch, ihr Elfen k�nnt uns einfach alles vorschreiben? Dass ich seinen Wein genommen habe, gibt ihm kein Recht, sich wie mein Herr aufzuspielen�, lamentierte der Kentaur.</p><p>�Absolut nicht!�, sagte Asfahal mit aller Ernsthaftigkeit, die er aufzubringen vermochte. �Erweist du mir die Gunst, mir zu verraten, auf wen du trinkst?�</p><p>�Das ist mal ein Elf, der sich zu benehmen wei߫, gr�lte der Amphorentr�ger seinen Kameraden hinterher. �Ich trink auf meinen Bruder. Den haben sie zu dem Heer geholt, das die Alben nach Nangog geschickt haben.� Dem Zecher stiegen Tr�nen in die gro�en Augen. �In meinem ganzen Leben gab es keinen Tag, an dem ich meinen Bruder nicht gesehen habe. Ihn einfach so fortzuschicken war nicht richtig. Was haben wir mit Nangog und den verfluchten Menschenkindern am Hut?� Er hob die Amphore an die Lippen und nahm einen tiefen Schluck, wobei mehr Wein �ber seine Brust als durch seine Kehle rann. Dann hielt er Asfahal das massige Tongef�� hin. �Trink auf meinen Bruder!�</p><p>Der Elf dachte an den struppigen Bart, der in den Wein gehangen hatte, und sch�ttelte den Kopf. �Nein, nicht hier.�</p><p>�Du willst��� Die Adern am Hals des traurigen Zechers schwollen an.</p><p>�Ich muss auf ein Hochzeitsfest und bin sp�t. Dort werde ich auf deinen Bruder trinken. Vor F�rsten und Kaufherren werde ich einen Trinkspruch auf deinen Bruder ausbringen, auf dass alle ihm zu Ehren ihre Becher heben werden.�</p><p>Der Kentaur lie� die schwere Amphore sinken. Seine blauen Augen f�llten sich mit Tr�nen. �Das w�rdest du tun?�</p><p>�Wie hei�t dein Bruder?�</p><p>�Aegidos.� Er stie� einen weinerlichen Schluchzer aus. �Meine Eltern haben ihn so genannt, weil sein Fell struppig wie das einer Ziege war. Er ist drei Jahre j�nger als ich. Aber alle mochten ihn. Er ist zum Anf�hrer einer Rotte gew�hlt worden, als er ging.� Der Kentaur blickte in den weiten, blauen Himmel. �Ich bete zu den Alben f�r dich, kleiner Bruder. M�gen sie ihre sch�tzende Hand �ber dich halten!�</p><p>�Aegidos�, wiederholte Asfahal den Namen laut. �Heute Abend werden F�rsten auf dein Wohl trinken.� Mit diesen Worten ritt er weiter.</p><p>Die Stra�en Uttikas waren voll von feierndem P�bel. Der Duft von gebratenem Fleisch und frisch gebackenem Brot vermischte sich mit dem Geruch von verschwitzten Pferdeleibern und dem Salzgeruch, den eine leichte Brise vom Hafen herauftrug. Asfahal erfuhr, dass Shanadeen drei�ig Ochsen hatte schlachten lassen und es Brot f�r alle gab. Die ganze Stadt feierte Bidayns Hochzeit. Betrunkene Kentauren lehnten an Hausw�nden und gr�lten unfl�tige Lieder. Kobolde mit Sackpfeifen und Fl�ten tanzten durch das Gedr�nge. Vereinzelt sah er sogar Elfen in dem Gew�hl und einmal zwei h�nenhafte Minotauren, die ausgelassen lachend durch das Gedr�nge pfl�gten.</p><p>Die kleine Bidayn hatte es weit gebracht. Er erinnerte sich daran, wie sie zusammen mit Nandalee in die Wei�e Halle gekommen war. Nandalee hatte sich damals mit Ailyn angelegt und eine geh�rige Tracht Pr�gel von der Meisterin bezogen. Die stolze, hochgewachsene Nandalee mit ihrer wallenden, blonden M�hne verga� man nicht. Die Erinnerung an Bidayn hingegen war undeutlich. Klein, ein wenig pummelig, mit schwarzem Haar war sie gewesen. Ihr Gesicht war ihm nicht deutlich im Ged�chtnis geblieben. Und doch, obwohl sie unscheinbar war, hatte sie es geschafft, zu einer Favoritin des Goldenen aufzusteigen. Sie war eine Drachenelfe geworden, w�hrend die Meister ihn wenige Wochen nach der Ankunft der beiden neuen Sch�lerinnen aus der Wei�en Halle vertrieben hatten.</p><p>Asfahal lachte so laut, dass zwei zechende Faune sich nach ihm umdrehten. Der Elf hatte es sich lange abgew�hnt, mit den Launen des Schicksals zu hadern. Er war neugierig zu sehen, was aus Bidayn geworden war.</p><p>Er lenkte seinen Schimmel durch das Gew�hl, kaufte einen k�stlichen, klebrigen Honigkringel von einem fliegenden H�ndler, der seine kulinarischen Sch�tze auf einer langen Stange �ber der Schulter trug. Kopfsch�ttelnd sah er eine Weile einem Troll zu, der mit einer Gruppe junger Koboldartisten jonglierte und die tollk�hnen kleinen Darsteller wie B�lle hoch in die Luft warf, wo diese ihrerseits alle erdenklichen artistischen Kunstst�ckchen vollbrachten, von Saltos und Schwalben bis hin zu einem, der, hoch emporgeworfen, selbst mit zwei B�llen jonglierte. Die Gruppe erntete viel Applaus und stahl allen anderen Darstellern auf dem Marktplatz die Schau.</p><p>Nach dem einsamen Ritt durch das Windland genoss Asfahal den Trubel. Er schloss die Augen und lauschte auf all die Stimmen ringsherum�� Prahlereien, Staunen, ein Blumenm�dchen, das seine Ware anpries, und ein Schlangen�lverk�ufer, der seinen Kunden das Blaue vom Himmel vorlog, ein gefl�sterter Liebesschwur in einer Seitengasse, ein Zuckerb�cker, der kandierte M�useherzen feilbot, und eine dunkle Stimme, die mit einem Stra�enm�dchen hart �ber den Preis f�r eine sch�ne Stunde verhandelte. Die ganze Stadt war in ausgelassener Stimmung, die mehr und mehr auch auf Asfahal abf�rbte. Er wollte Spa� haben und nicht einfach nur als ein weiterer unter Dutzenden G�sten auf der Hochzeit erscheinen.</p><p>Zu lauschen und viele verschiedene Stimmen zugleich klar zu h�ren und auseinanderhalten zu k�nnen, geh�rte zu seinen besonderen Begabungen. Er konnte sich selbst nicht erkl�ren, wie er das machte. Er hatte es nicht gelernt. Vielleicht lag es an der Stille, die stets im Palast seines Vaters geherrscht hatte, nachdem seine Mutter Lisandelle gestorben war. Er erinnerte sich noch gut, wie er oft stundenlang in einem seiner Verstecke gelegen und gelauscht hatte. Doch keine Stimme war zu h�ren gewesen. Wie wunderbar war da diese turbulente, stinkende Stadt voller verschwitzter, gut gelaunter Albenkinder.</p><p>Da wurde er eines Misstons inmitten der ausgelassenen Feststimmung gewahr. Ein leises Schluchzen, ganz nahe. Asfahal zog seinen Schimmel um den Z�gel und lenkte ihn ungeachtet des leisen Maulens einiger Kobolde in eine Seitengasse. Dort kauerte auf einer Rampe, die hinauf zur Stadtmauer f�hrte, ein M�dchen in einem roten Kleid und weinte bitterlich, das Gesicht in den H�nden vergraben. Niemand drehte sich nach ihr um. Sie schien das einsamste Gesch�pf inmitten dieser Stadt in Feierlaune zu sein. Ihr Leid erinnerte ihn an seine Kindheit, seine Einsamkeit, und er stieg ab.</p><p>Sanft legte er ihr die Hand auf das schwarze Haar, das zu einem Dutt hochgesteckt war, den eine Rose aus zartem wei�en Stoff schm�ckte. �Magst du Honigkringel, Kleine?� Er hielt ihr den angebissenen Kringel hin.</p><p>Das Koboldm�dchen blickte zu ihm auf. Ihre Augen waren rot umrandet. Klarer Rotz troff ihr von der Nase. Sie machte keine Anstalten, nach dem Geb�ck zu greifen.</p><p>�Wie hei�t du denn?�</p><p>�Maya�, kam es z�gerlich mit halb erstickter Stimme.</p><p>Asfahal ging in die Hocke, sodass sie fast auf Augenh�he waren. L�chelnd biss er in den Kringel. �K�stlich! Ich liebe S��igkeiten. Willst du nicht doch etwas?�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Die ganze Stadt feiert. Wie kann man an einem solchen Tag traurig sein? Magst du mir erz�hlen, was geschehen ist.�</p><p>Die Kleine starrte ihn einfach nur an. Dann schluchzte sie wieder, und dicke Tr�nen rannen ihr �ber die Wangen.</p><p>�Du hast ein wundersch�nes Kleid an, Maya. Damit solltest du tanzen und nicht in einer finsteren Ecke sitzen und weinen. Heute ist ein Festtag.�</p><p>�Aber sie wollen mich doch nicht mehr auf dem Fest�, sagte sie voller Verzweiflung. �Meine Mutter hat mit der Herrin gestritten�� Eigentlich war ich eine Blumenmaid���, stie� sie schluchzend hervor. �Aber dann hat Mutter mir verboten, f�r die Herrin Blumen zu streuen. Und sie wollte auch nicht, dass ich auf das Fest gehe. Dabei hatte ich mich so gefreut�� Die Herrin hat extra dieses Kleid f�r mich machen lassen. Es w�re der sch�nste Tag in meinem Leben gewesen!� Wieder vergrub sie das Gesicht in den H�nden. Ihr R�cken bebte unter den verzweifelten Schluchzern.</p><p>�Ist das die Hochzeit von Bidayn, von der du da sprichst?�</p><p>Maya nickte. �Ich hatte mich so darauf gefreut��� Ihre Worte erstickten in Schluchzern.</p><p>�Und deine Mutter hat dir verboten, als eine Blumenjungfer dorthin zu gehen?�</p><p>Wieder nickte die kleine Koboldin.</p><p>�Dann wirst du mich wohl als meine Dame begleiten m�ssen.�</p><p>�Was?� Sie hob den Kopf und sah ihn ungl�ubig aus ihren schwarzen Augen an.</p><p>�Wir versto�en damit nicht gegen das Gebot deiner Mutter. Und es steht mir als Gast frei, in Begleitung einer Dame zu erscheinen.� Asfahal machte eine elegante Verbeugung. �Werte Maya, w�rdet Ihr mir die Gunst erweisen, mich auf die Hochzeit der ehrenwerten Herrin Bidayn zu begleiten?�</p><p>Sie kicherte verlegen. �Ich bin doch gar keine Dame.�</p><p>�Mich d�nkt, Ihr seid mit Eurem wunderbaren roten Kleid viel trefflicher f�r eine Hochzeit gewandet als ich mit meinen von der Reise staubigen Gew�ndern. Euer Glanz wird von meiner Unzul�nglichkeit ablenken.�</p><p>�Du meinst das ernst?� �berdeutlich klang die Angst vor neuerlicher Entt�uschung in ihren Worten.</p><p>Mit gro�er Geste legte er sich die Rechte auf seine Brust. �M�gen die Alben mein Herz verdorren lassen, wenn meine Worte nicht aufrichtig gemeint sind.�</p><p>Maya schluckte. Dann tastete sie nerv�s nach ihren Haaren. �Meine Haare�� Ich sehe sicher ganz schrecklich aus.�</p><p>�Ihr solltet in der Tat Eure Tr�nen trocknen, meine Liebe. Bitte verzeiht, dass ich kein T�chlein zur Hand habe. Darf ich Euch einen Zipfel meines Umhangs anbieten, werte Dame?�</p><p>Maya griff nach dem Saum seines Umhangs. Dann sah sie zu ihm auf. �Bitte, rede nicht so seltsam mit mir. Das�� das f�hlt sich ganz falsch an. Ich bin doch keine Elfendame. Und��� Sie schob ein Holzbein unter dem Saum ihres Kleides hervor. �Ich werde auch nicht tanzen k�nnen.�</p><p>�Wenn ich es richtig einsch�tze, dann wird dies ein Fest mit jeder Menge Vierbeinern. Wollen wir wetten, dass wir beide jeden Kentauren in Grund und Boden tanzen?�</p><p>Sch�chtern sch�ttelte sie den Kopf. �Nein, lieber nicht.�</p><p>�Aber du begleitest mich doch?�</p><p>Deutlich war Mayas kleinem Gesicht anzusehen, mit welch widerstreitenden Gef�hlen sie rang. Schlie�lich sagte sie entschlossen: �Ja!�</p><p>Asfahal l�chelte zufrieden. �Darf ich Euch�� dir die Haare richten?�</p><p>Sie sagte nichts, aber lie� zu, dass seine schlanken Finger durch ihr rabenschwarzes Haar glitten und den Dutt, aus dem sich einige Str�hnen gel�st hatten, neu richteten. W�hrenddessen griff sie nach seinem Umhang und schn�uzte sich laut hinein. Kobolde, dachte Asfahal indigniert, lie� sie aber gew�hren.</p><p>Endlich lie� sie den Umhang fahren und sah sch�chtern zu ihm auf. �Sieht man noch, dass ich geweint habe?�</p><p>�Ein wenig, aber bis wir den Palast erreicht haben, werden alle Spuren deiner Tr�nen verschwunden sein. Zeigst du mir den Weg?�</p><p>�Ja.� Sie wollte schon losgehen, als er sie an der Schulter zur�ckhielt.</p><p>�Wir sind Ehreng�ste. Wir gehen doch nicht zu Fu�.� Asfahal hob sie vor seinen Sattel, wo sich ihre H�nde �ngstlich in die M�hne des Schimmels krallten. Dann sa� er auf. �Du bist noch nicht oft geritten, nicht wahr?�</p><p>�Noch nie�, fl�sterte sie unsicher.</p><p>�Schwing beide Beine auf eine Seite. So rutscht dein Kleid nicht hoch, und es sieht damenhafter aus, wenn du reitest. Und keine Sorge, ich halte dich gut fest. Du wirst nicht herunterfallen.�</p><p>Maya befolgte seinen Rat z�gerlich. Er legte seinen Arm um sie, um ihr das Gef�hl von Sicherheit zu geben, und f�hrte den Schimmel aus der Gasse heraus �ber den Marktplatz.</p><p>Die Koboldin schmiegte sich an ihn. �Alle starren uns an�, fl�sterte sie.</p><p>�Das ist das Schicksal h�bscher Damen�, entgegnete er gut gelaunt, und zum ersten Mal kicherte Maya.</p><p>Sie zeigte ihm den Weg durch Uttika, und schlie�lich gelangte er vor das gro�e Stadthaus des Kaufmanns Shanadeen. Eine flache Rampe f�hrte hinauf zum doppelfl�geligen Eingangstor. Einige Kentauren in frisch ge�lten Lederpanzern und mit pr�chtig bestickten Pferdedecken oder wallenden Umh�ngen standen vor dem Tor und plauderten. Von breiten Ledergurten, die ihnen quer �ber die Brust liefen, hingen lange Schwerter. Gurte und Scheiden waren mit Goldblechen beschlagen. Die meisten von ihnen trugen Armreife oder schwere Halsringe. Es waren eindrucksvolle Gestalten, ihre Pferdeleiber viel massiger als die ihrer Br�der aus dem weiten Grasland. Sie erinnerten mit den gro�en Hufen und starken Beinen mehr an Kaltbl�ter, die daf�r gez�chtet worden waren, schwere Lastkutschen zu ziehen.</p><p>Ihr Geschmack war barbarisch. Die Farben ihrer Umh�nge zu grell. Sie trugen zu viel Schmuck. Und einige hatten sogar ihre Augen mit dunkler Farbe umrandet, was geradezu grotesk aussah.</p><p>Asfahal lenkte seinen Schimmel die Rampe hinauf. Aus einer Nische am Eingang trat ein Faun hervor und wollte nach den Z�geln greifen, als der Elf ihn mit einem scharfen Zischen davon abhielt. �Lass das!�</p><p>�Aber Herr, Ihr k�nnt doch nicht���</p><p>�Einen Pferdearsch in die gute Stube bringen?�, fragte Asfahal laut. �Warum, dort bef�nde ich mich dann doch in bester Gesellschaft.�</p><p>Der Diener sah �ngstlich zu den Kentauren am Eingang, die inmitten ihrer Gespr�che verstummt waren.</p><p>Asfahal sp�rte, wie Maya sich �ngstlich an ihn dr�ckte. Er strich ihr sanft �ber den Kopf. �Keine Sorge, meine Dame, alles wird gut werden.� Mit diesen Worten trieb er den Schimmel in die weite Empfangshalle des Stadtpalastes.</p><p>Weitere Diener, Kobolde und Faune wichen vor ihm zur�ck, als er seinen Hengst t�nzelnd auf der Stelle drehen lie�, um sich die pr�chtige Halle anzusehen. Zwei breite Rampen f�hrten rechts und links in die oberen Stockwerke. Hoch �ber ihm w�lbte sich eine weite Kuppeldecke, die ein Bild schm�ckte, das ziehende V�gel und wei�e Wolken vor blauem Himmel zeigte und bei dem Betrachter den Eindruck erweckte, gar nicht in einem Haus, sondern unter freiem Himmel zu stehen.</p><p>Das gegen�berliegende Ende der Halle beherrschte eine gro�e, offen stehende Fl�gelt�r. Asfahal gab seinem Schimmel die Hacken und preschte durch die T�r mitten in die Hochzeitsgesellschaft.</p></section><section><title><p>Pferde�rsche und Erdbeerpunsch</p></title><p>Asfahal genoss die emp�rten Schreie und den Aufruhr, den er verursacht hatte. Elfenedle zogen erschrocken ihre Damen zur Seite. Zwei bocksbeinige Diener st�rmten ihm entgegen und versuchten, nach den Z�geln zu greifen, aber sein Hengst stieg, und hastig brachten sie sich vor den wirbelnden Vorderhufen in Sicherheit.</p><p>Die kleine Kapelle auf einer B�hne am Rand der Halle verstummte. Einen Moment lang erklang noch die kristallklare Stimme der S�ngerin, die ein Loblied auf den goldenen Segen der Ehe darbrachte. Dann verstummte auch sie.</p><p>Irgendwo fiel klirrend ein Glas zu Boden. Sonst war es bedr�ckend still.</p><p>�Tausende unserer Br�der und Schwestern k�mpfen heute irgendwo auf Nangog f�r unsere Freiheit. Und wir feiern rauschende Feste���, sprach Asfahal und lenkte sein Pferd zu einem pr�chtig gewandeten Kaufherrn. �Dein Glas!�, herrschte er den hochgewachsenen Elfen an, der es ihm erschrocken reichte.</p><p>Er richtete sich im Sattel auf und hob das mit Rotwein gef�llte Kristallglas hoch �ber den Kopf. �Auf Aegidos den Kentauren, der heute f�r uns in einer weit entfernten Welt k�mpft. Und auf seinen Bruder, der vor Kummer und Sorge vergeht.�</p><p>Asfahal genoss es, in die Gesichter ringsherum zu blicken und die Vielzahl unterschiedlicher Emotionen zu sehen. Da waren offene Wut �ber seinen infamen Auftritt, Betroffenheit, und manche wirkten auch einfach nur verst�rt, weil er sich �ber s�mtliche Etikette hinwegsetzte. Einige senkten die Augen vor seinem herausfordernden Blick. Und Bidayn? Sie l�chelte ihn an. Ihr schien sein Auftritt gefallen zu haben, ganz im Gegensatz zu dem alten Kerl an ihrer Seite, der wohl ihr frischgetrauter Ehemann war.</p><p>�Wer bist du, dass du es wagst, diesen Ehrentag meiner Frau zu st�ren?� Der �ltere Elf hob drohend seine Faust, unternahm aber nichts weiter, als ihn finster anzustarren. Ein zahnloser Wolf, dachte Asfahal.</p><p>�Er ist mein Halbbruder�, erkl�rte Bidayn.</p><p>Nun war auch Asfahal �berrascht. Das war nicht mehr die junge, ein wenig �ngstliche Elfe, die er vor langer Zeit in der Wei�en Halle gesehen hatte. Sie wirkte unendlich selbstbewusster. Und ihr Kleid�� Er gestattete sich, seinen Blick auf ihr verweilen zu lassen, und wahrscheinlich vermochte ihm jeder anzusehen, wie sehr ihm gefiel, was er erblickte. Dieses Kleid war eine einzige Provokation.</p><p>Bidayn legte dem Elfen an ihrer Seite beschwichtigend die Hand auf den Arm. �Bitte entschuldige, dass ich dich nicht vorgewarnt habe, mein Lieber. Asfahal sch�tzt gro�e Auftritte, doch sein Sinn f�r gutes Benehmen kann im besten Fall als eingeschr�nkt bezeichnet werden. Ich hatte ihm zwar eine Einladung geschickt, bin aber selbst �berrascht, dass ausgerechnet er als Einziger aus meiner Familie hierhergefunden hat.� Sie hob ihr Glas in Asfahals Richtung. �Willkommen in Uttika, mein Bruder.� Dann wandte sie sich an die Gesellschaft. �Doch trinken wollen wir heute in der Tat auf unsere Helden, die ihr Leben wagen, damit wir in Sicherheit sind. Auf Aegidos und all die anderen, die f�r uns k�mpfen!� Mit diesen Worten setzte sie das Kristallglas an die Lippen und leerte es in einem einzigen, langen Zug.</p><p>Jetzt kam wieder Leben in die Festgesellschaft. Dutzende hoben ihre Gl�ser und stimmten in Bidayns Trinkspruch ein. Diese Spie�er, dachte Asfahal abf�llig. Wie gl�cklich sie waren, dass Bidayn mit ein paar netten Worten ihre Welt wieder in Ordnung gebracht hatte. �Komm, suchen wir uns etwas Geb�ck�, sagte er zu Maya, die ihr Gesicht in seinem Arm vergraben hatte, als w�rde sie am liebsten vor aller Welt verschwinden. �Ich liebe S��igkeiten. Du auch?�</p><p>Kaum dass er sich dem gro�en Buffet zuwenden wollte, legte sich eine schwere Hand auf seine Schulter, und das, obwohl er noch auf dem Pferd sa�. �berrascht drehte er sich um und sah sich dem gr��ten Kentauren gegen�ber, dem er jemals begegnet war. Der Krieger war selbst unter seinesgleichen ein H�ne. Ein zu �ligen Locken gelegter roter Vollbart beherrschte das sonnengebr�unte Gesicht, aus dem ihn zwei himmelblaue Augen anblitzten, als wollten sie ihn durchbohren. Eine steile Zornesfalte stach �ber der schmalen Nase des Kentauren empor. Er trug einen schweren Goldring um den Hals, der in zwei pr�chtigen L�wenh�uptern endete. Weitere Goldreifen bedeckten seine Arme, und ein schwerer, purpurner Umhang lag auf seinen Schultern. Sein von Narben bedeckter Oberk�rper war nackt. Nur ein breiter, roter Schwertgurt lief dar�ber hinweg. Asfahal w�nschte sich, diesem Narren einmal am Spieltisch gegen�berzusitzen. Ganz augenscheinlich gab es bei ihm eine Menge zu holen.</p><p>�Wenn du mich bitte entschuldigen w�rdest? Ich habe gerade meiner Dame versprochen, mit ihr ein wenig Naschwerk zu kosten.�</p><p>Die Hand dr�ckte nur schwerer auf seine Schulter.</p><p>�Es w�re h�flich, mich kurz gehen zu lassen. Ich setze mich dann gerne sp�ter mit dir auseinander.�</p><p>�Ich bin Sekander, F�rst von Uttika, und das enthebt mich der Pflicht, mich fremden Gro�m�ulern gegen�ber h�flich benehmen zu m�ssen. Und jetzt erkl�r mir mal, warum du hier hoch zu Ross einreitest. Willst du uns Kentauren verarschen?�</p><p>Asfahal l�chelte. Ein F�rst, der so direkt zur Sache kam, war ihm eigentlich sympathisch. Aber nat�rlich w�rde er deshalb jetzt nicht vor aller Augen zur�ckstecken. �Du liegst richtig, Sekander. Es hat in der Tat etwas mit �rschen zu tun. Ich blicke ungern zu M�nnern mit einem Pferdearsch auf. Wahrscheinlich liegt das an mangelndem Selbstbewusstsein.�</p><p>Der F�rst stampfte mit den Hufen. Es fiel ihm augenscheinlich schwer, an sich zu halten. �Ich w�rde eher sagen, was dir mangelt, ist Benehmen. Ich wei� ja nicht, was in deinem Elternhaus geschehen ist, aber ich pers�nlich habe die Erfahrung gemacht, dass Pr�gel dabei helfen, aufm�pfigen Rotzl�ffeln Benimm beizubringen.�</p><p>Asfahal ma� den Kentauren mit sp�ttischem Blick. �Du siehst in der Tat aus wie jemand, der gerne Kinder schl�gt. Verpr�gelst du auch Frauen, oder sind die schon zu gro� und stark f�r dich?�</p><p>�Und du? Versteckst du dich hinter Kindern, um vor meinen F�usten sicher zu sein.�</p><p>Wieder war es im Festsaal still geworden. Die Elfen und Kobolde um sie herum wichen zur�ck. Bald standen sie inmitten eines weiten Kreises.</p><p>Aus dem Augenwinkel sah Asfahal, wie Shanadeen von seinem erh�hten Sitz voller Genugtuung auf ihn herabblickte. Ganz offensichtlich war der Hausherr �berzeugt, dass dies hier kein gutes Ende f�r Bidayns vermeintlichen Bruder nehmen w�rde. Entweder verlor er sein Gesicht und bettelte um Gnade vor Sekander, oder er holte sich eine geh�rige Tracht Pr�gel.</p><p>Dann lieber Pr�gel, dachte Asfahal. �Ich w�rde vorschlagen, wir l�sen unseren Disput wie M�nner�, sagte er zu Sekander gewandt. �F�uste?�</p><p>Der Kentaurenf�rst nickte. �Immerhin hast du Schneid, Elflein. Ich werde mich bem�hen, dich nicht wie eine Laus zu zerquetschen.�</p><p>Asfahal glitt aus dem Sattel und hob dann Maya hinab. Statt davonzulaufen, stellte sich die kleine Koboldin zwischen ihn und den Kentauren. �Bitte, F�rst, tut ihm nichts zuleide. Er ist nicht b�se���</p><p>Sekander t�nzelte unruhig. Das scharfe Klacken seiner Hufe war der einzige Laut, der in der gro�en Halle zu h�ren war. �Er wird nur gerade so viel Pr�gel bekommen, dass er sich wieder daran erinnert, wohin er geh�rt. In einer Woche kann er sicher wieder laufen.�</p><p>Asfahal nahm Maya unter den Achseln, trat kurz aus dem Kreis und hob sie auf den n�chsten Tisch. �Mach dir keine Sorgen um mich�, fl�sterte er. �Eigentlich m�gen mich Pferde. Sekander wird das auch noch entdecken.�</p><p>Als Asfahal zur�ckkehrte, l�ste der Kentaur seinen Schwertgurt und reichte ihn einem seiner M�nner. �Du k�nntest vor mir niederknien und um Gnade bitten, Elf.�</p><p>�Ich hab es in den Knien. Ich kann leider nicht.�</p><p>Sekander stie� ein Schnauben aus, das an einen w�tenden Hengst erinnerte. Dann preschte er vor.</p><p>Asfahal wich aus. Er bewegte sich t�nzelnd und behielt die Hufe im Blick. Der F�rst war bestimmt kein ritterlicher K�mpfer. Sicher w�rde er versuchen, einen Tritt zu landen, wenn es Gelegenheit dazu gab.</p><p>Wieder wich Asfahal aus. Er sp�rte den Steinboden unter den Tritten des F�rsten erbeben. Funken stoben von dessen Hufeisen. Sekander bewegte sich vorsichtig. Der glatte Untergrund war nicht ideal f�r ihn, und dessen war er sich wohl bewusst.</p><p>Um Asfahal mit den F�usten zu treffen, musste sich der Kentaur weit vorbeugen. Der Pferdemann war gro� wie ein Troll. Seine Fausthiebe wirkten wuchtig wie Hammerschl�ge. Er versuchte, den Elfen in eine Ecke zu dr�ngen.</p><p>Der weite Kreis der Gaffer bewegte sich mit ihnen. Asfahal war sich bewusst, dass er keine gute Figur machte. Bislang hatte er sich ganz darauf beschr�nkt, den Schl�gen und Tritten des F�rsten auszuweichen. Als Sekander selbstsicher zu ihm herabl�chelte, st�rmte der Elf mit einem w�tenden Schrei vor und verpasste dem Kentauren zwei Fausthiebe auf die Brust, die jedoch nicht die geringste Wirkung zeigten. Schon rammte Sekander ihn mit seinem Leib. Asfahal taumelte zur�ck. Er sah den Huftritt kommen und wich nicht ganz zur�ck. Der Kentaur traf ihn am Oberschenkel. Die Wucht lie� den Elfen weiter nach hinten taumeln. Erst sp�rte er keinen Schmerz. Sein Bein war taub. Er st�rzte r�ckw�rts gegen einen der Tische des Buffets und versuchte sich festzuhalten. Seine H�nde krallten sich in das wei�e Leintuch. Dann rutschte er zu Boden. Silbertabletts und zwei gro�e Sch�sseln mit Punsch gerieten ins Rutschen. Mit lautem Klirren zersplitterten die Kristallsch�sseln. Gro�e Lachen von Erdbeerpunsch ergossen sich �ber den Boden.</p><p>Gel�chter erklang. Asfahal h�rte, wie Wetten abgeschlossen wurden. Schade, dass er nicht setzen konnte. Die Quote stand geradezu vernichtend gegen ihn.</p><p>Sekander baute sich vor ihm auf.</p><p>Asfahal hob die Hand. �Einen Augenblick�� Lass uns die Etikette wahren. Wenigstens dieses eine Mal.�</p><p>Der Kentaur sah ihn verdutzt an, versuchte aber nicht, ihn niederzuschlagen oder erneut zu treten.</p><p>Der Punsch breitete sich immer weiter auf dem Steinboden aus. Asfahal fischte eine der Erdbeeren aus der Lache und schob sie sich in den Mund. �K�stlich�, rief er laut aus. Dann verbeugte er sich in Richtung des erh�hten Sitzes des Hausherrn. �Bitte entschuldigt die Unordnung. Achtet n�chstes Mal besser darauf, wen ihr auf eure G�steliste setzt. Kentauren wissen sich einfach nicht zu benehmen.�</p><p>�Du kleine Ratte!� Sekander stampfte mit den Hufen und kam ihm dabei noch ein wenig n�her, entschlossen, ihm dieses Mal den Rest zu geben.</p><p>Asfahal achtete genau auf den Rhythmus der Hufe. Diese t�nzelnde Bewegung, das war die Schw�che des F�rsten. Er fischte nach einer weiteren Erdbeere und entging, indem er sich vorbeugte, knapp einem wuchtigen Fausthieb. Nachdem er ein paar Erdbeeren zusammengefegt hatte, kam er leicht schwankend wieder hoch. �Du solltest auch mal eine der Fr�chte kosten. Erlesen, sage ich dir.�</p><p>�Ich lass sie dich alle vom Boden lecken, du���</p><p>Jetzt, dachte Asfahal und lie� sich fallen. Wieder t�nzelte der Kentaur, und in dem Augenblick, als nur eines seiner Vorderbeine fest auf dem Boden stand, trat Asfahal aus der Sturzbewegung heraus zu. Der eisenbeschlagene Huf hatte keinen Halt auf dem nassen, glatten Steinboden. Unter dem Treffer brach er zur Seite aus. Sekander stie� den anderen Fu� nieder. Genau in die Erdbeeren, die Asfahal zusammengefegt hatte. Er rutschte weg, stie� einen �berraschten Laut aus und brach in die Knie.</p><p>Asfahal griff in den ge�lten Bart des st�rzenden Kentauren, fand Halt und war mit einem Satz wieder auf den Beinen, um dann Sekander mit aller Wucht den Ellenbogen gegen die Schl�fe zu h�mmern.</p><p>Der F�rst keuchte auf und sackte zur Seite weg.</p><p>Einige Kentauren griffen nach ihren Schwertern, doch Sekander winkte halb benommen vom Boden. �Lasst ihn. Er hat gewonnen.�</p><p>Asfahal war �berrascht, dass der F�rst seine Niederlage so ritterlich nahm. Er streckte Sekander die Hand hin, war aber nicht wirklich in der Lage, dem massigen Kentauren wieder auf die Beine zu helfen. Der rutschige Boden machte den Versuch aufzustehen zu einem t�ckischen Unterfangen. Schlie�lich war die Hilfe von vier Pferdem�nnern notwendig, um Sekander hochzubekommen.</p><p>�Komm mit vor die T�r. Ich will mit dir sprechen, Elf.�</p><p>Aus dem stillen Staunen im ersten Augenblick nach Asfahals Sieg wurde nun ein vielstimmiges Murmeln. Wettgewinne wurden ausgerechnet und mit �bersch�umendem Jubel ausgerufen. Der Herr des Hauses stand inmitten einer Schar von Faunen und Kobolden und wies seine Dienerschaft an, den Boden zu wischen.</p><p>Maya eilte an Asfahals Seite. �Das hat sicher wehgetan, als er dich getreten hat���</p><p>Der Elf nickte. �Stimmt!� Dann fuhr er so laut fort, dass es alle Umstehenden h�ren konnten. �Ich habe gro�es Gl�ck, noch auf den Beinen zu sein. Eigentlich geb�hrt der Siegeslorbeer dem Punsch, der F�rst Sekander zu Fall gebracht hat.�</p><p>Leises Gel�chter erklang.</p><p>Nur Sekander blickte noch ernst. Als er dicht vor Asfahal trat, stellte sich ihm Maya erneut in den Weg. �Bitte streitet nicht mehr���</p><p>Jetzt endlich l�chelte auch der F�rst. �Der n�chste Punsch, der mich umhaut, soll vorher zumindest in meinem Magen gelandet sein.� Er deutete auf Maya. �Du bist Einbein, nicht wahr?�</p><p>Das kleine M�dchen erzitterte allein unter dem Blick des riesigen Kriegers. Asfahal legte sch�tzend einen Arm um sie.</p><p>�Es tut mir leid, dass es zu dem Unfall mit einem meiner M�nner kam�, sagte der F�rst. Doch der Ton der Stimme passte so gar nicht zu den Worten.</p><p>�Er ist nie bestraft worden���, wagte Maya zu sagen, obwohl sie dabei am ganzen Leib zitterte.</p><p>Wieder begann Sekander unruhig mit den Hufen zu stampfen. Es war ihm sichtlich unangenehm, der kleinen Koboldin begegnet zu sein. Er winkte seinen Begleitern. �Mein Schwert!�</p><p>Asfahal traute seinen Augen nicht. Der Schwerttr�ger warf dem F�rsten die Waffe zu, der sie in der Luft auffing. Was w�rde das�� Sekander riss eine der M�nzen vom breiten Brustgurt und hielt sie Maya hin. �Ich stehe in deiner Schuld. Wenn du jemals die Hilfe deines F�rsten brauchst, zeige diese M�nze irgendeinem der Kentauren in der Stadt, und du wirst vor mich gebracht werden.�</p><p>Maya z�gerte sie anzunehmen. �Ist das Gold?�</p><p>�Nicht das Gold ist von Wert. Meine Gefallen kann man f�r Gold nicht kaufen.� Er dr�ckte ihr die M�nze in die Hand und schloss ihre Finger darum. �Gib gut darauf acht. Dies ist ein Schatz.� Seine klaren, blauen Augen richteten sich auf Asfahal. �Und du kommst jetzt mit mir.�</p><p>Gemeinsam durchquerten sie die Eingangshalle und traten vor den Stadtpalast. Ein Wink des F�rsten gen�gte, und alle, die in H�rweite standen, zogen sich zur�ck. �Hast du mir etwas zu sagen, Elf?� Er stemmte seine m�chtigen F�uste in die H�ften.</p><p>�Nicht dass ich w�sste.�</p><p>�Dann sage ich dir jetzt etwas. Du bist nicht der Mann, der du vorgibst zu sein. Wenn du es nicht gewollt h�ttest, h�tte ich dich mit meinem Tritt nicht erwischt. Es war kein Zufall, dass du die Punschsch�sseln vom Tisch gerissen hast. Und es war auch kein Zufall, dass die Erdbeeren dort lagen, wo ich auf ihnen ausgerutscht bin. In meinem ganzen Leben habe ich von keinem Elfen geh�rt, der einen Kentauren mit blo�en F�usten zu Boden geschickt h�tte. Was also macht ein Mann wie du hier in Uttika?�</p><p>�Die Hochzeit meiner Halbschwester besuchen�, entgegnete Asfahal l�chelnd. �Was h�ltst du vom W�rfelspiel, F�rst? Ich w�rde dich gern einmal besuchen kommen. Ich bringe eine Amphore guten Wein mit, und wir beginnen einfach noch einmal von vorn.�</p><p>�Bem�he dich nicht. Ein Mann, der etwas verbirgt, wird niemals mein Freund sein. Du bist nicht echt. Ebenso wenig wie Bidayn. Keiner im ganzen F�rstentum hat verstanden, warum Shanadeen pl�tzlich sein Kinderm�dchen heiraten will. Und dann noch dieser Mord letzte Nacht. Ich werde euch Elfen im Auge behalten. Und ich finde heraus, was in meiner Stadt vor sich geht.�</p><p>Asfahal war kurz versucht, nach dem Mord zu fragen, entschied dann aber, Sekander nicht weiter zu reizen. �Was hatte das mit der M�nze auf sich?�</p><p>Der F�rst schnaubte �rgerlich. �Eine alte Geschichte. Es war der Sohn einer Schwester meiner Frau, der die Kleine verst�mmelt hat. Ich konnte ihn nicht angemessen bestrafen. Ich habe mein Weib genommen, um den Bund zwischen unseren Sippen zu st�rken. Den Jungen zu bestrafen h�tte alte Gr�ben wieder aufgerissen.� Er l�chelte. �Jetzt ist er auf Nangog. Vielleicht ist das Schicksal ja ein besserer Richter als ich.�</p><p>Der F�rst imponierte Asfahal. Bislang hatte er Kentauren immer f�r hirnlose Barbaren gehalten. Offensichtlich ein Fehler. �Schade, dass wir keine Freunde sein k�nnen.�</p><p>�Es liegt ganz bei dir, Elf. Freundschaft f�ngt mit Wahrheit an.�</p></section><section><title><p>Ohne Skrupel</p></title><p>W�hrend der endlosen Festlichkeiten hatte Bidayn immer wieder verstohlen zu Asfahal geblickt, der erfreulicherweise sein Pferd doch noch den Stallknechten �berlassen hatte. Er war noch genau so, wie sie ihn aus der Wei�en Halle in Erinnerung hatte. Frech und geradezu unversch�mt gut aussehend. Seiner Kleidung, obwohl durchaus von feinem Schnitt und guter Qualit�t, war anzusehen, dass sie schon bessere Tage gesehen hatte. Die Tunika wirkte ein wenig abgetragen, der Saum seines wei�en Umhangs war ausgefranst, und das Leder seiner Stiefel rissig. Doch der polierte Stirnreif aus Silber und sein gewinnendes L�cheln verliehen ihm eine Noblesse, die all die kleinen Unzul�nglichkeiten verblassen lie�. Nie hatte Bidayn einen begehrenswerteren Mann gesehen. Und nicht nur ihr erging es so. Fast alle anwesenden Damen beobachteten ihn verstohlen. Sein spektakul�rer Auftritt hatte ihn nur noch interessanter gemacht.</p><p>Shanadeen hingegen hasste ihn. Immer wieder lie� er im Laufe der Feierlichkeiten �tzende Bemerkungen fallen. Ihr sonst so ruhiger und ausgeglichener Gatte hatte v�llig die Contenance verloren. Nie hatte Bidayn ihn so viel trinken sehen. Und er vertrug nichts, wie sich allzu bald zeigte.</p><p>�H�flichkeit und Respekt, das sind die S�ulen, auf denen jedes erfolgreiche Gesch�ft ruht�, erkl�rte er Alarion, dem ersten Kapit�n seiner kleinen Handelsflotte. Alarion war ein harter, verschlagener Mann. Eine Narbe zerteilte seine rechte Augenbraue und hatte eine feine, wei�e Linie auf der Wange darunter hinterlassen. Er hatte pechschwarzes Haar und seltsame, bernsteinfarbene Augen, deren Blick Bidayn stets als unangenehm empfand. Alarion mochte sie nicht, und er machte keinen Hehl daraus.</p><p>�Es scheint mir schon eine recht zweifelhafte Familie zu sein�, sagte er mit voller Absicht so laut, dass Bidayn es deutlich h�ren konnte. �Es w�rde mich allerdings nicht wundern, wenn er sich mit diesem Auftritt den Respekt der Kentauren erobert h�tte. Die Pferdem�nner sind n�rrisch. Sie sch�tzen Pr�geleien und Aufschneider.�</p><p>�Und du, Alarion, lotest du gerade aus, wie lange ein offenes Wort zu f�hren eine Tugend ist und ab wann es zur Beleidigung wird?�, fragte Bidayn mit k�hlem L�cheln.</p><p>Shanadeen fuhr zu ihr herum und stie� dabei gegen ein volles Weinglas.</p><p>Bidayn schnappte es, bevor es vom Tisch fallen konnte, doch die H�lfte des Weins ergoss sich �ber das strahlend wei�e Tischtuch und troff ihr in den Scho�.</p><p>Verzweifelt versuchte sie, mit einer Serviette noch etwas zu retten, doch ihr Kleid war ruiniert. Sie sah aus, als h�tte sie unerwartet ihre Tage bekommen.</p><p>�Entschuldige, meine Liebe, ich��� Shanadeen wirkte geknickt. �Ich���</p><p>�Ich werde mich umziehen.� Bidayn erhob sich. Es gelang ihr nicht ganz, ihre Wut zu verbergen. �Ich werde mich umziehen und erwarte dich in unserem Schlafgemach. Es w�re f�r unsere Hochzeitsnacht von Vorteil, wenn du nicht l�nger dem Wein zusprechen w�rdest.� Diesmal hatte sie so laut gesprochen, dass alle ringsherum es geh�rt hatten.</p><p>Schamesr�te stieg Shanadeen ins Gesicht.</p><p>�Deine Braut erwartet dich in einer halben Stunde, mein Gemahl�, wiederholte sie so zuckers��, dass es ironisch klang.</p><p>Shanadeen schob sein Weinglas von sich, antwortete aber nicht.</p><p>Bidayn hatte das Gef�hl, dass jeder auf den Weinfleck in ihrem Schritt starrte, als sie die Festhalle durchquerte. Dieser verdammte Tollpatsch, dachte sie w�tend und stellte sich vor, wie sie ihm die Kehle durchschnitt, statt ihm eine Liebesnacht zu schenken.</p><p>Sie fand Asfahal an der linken der beiden Rampen, die in der Eingangshalle hinauf zum ersten Stock f�hrten. Er flirtete mit einer rothaarigen Elfe, die sie nicht kannte.</p><p>�Meine wundersch�ne Schwester!� Er weitete die Arme. �Endlich kann ich dir mit einem Kuss zu deinem uns�glichen Gl�ck gratulieren.�</p><p>Sie musste schmunzeln. Was f�r eine treffende Formulierung. <emphasis>Uns�gliches Gl�ck.</emphasis></p><p>Er schloss sie in die Arme und hauchte ihr einen Kuss auf die linke Wange. Er roch nach Pferd und Schwei� und nach dem trockenen Gras des Windlands. Besser als jedes Parf�m, dachte Bidayn. Wie lange hatte sie davon getr�umt, dass Asfahal sie einmal in die Arme schlie�en w�rde. �Ich erwarte dich in einer Stunde vor meinem Schlafzimmer�, hauchte sie ihm ins Ohr.</p><p>�Ich dachte, dein Bett ist belegt in dieser Nacht�, fl�sterte er zur�ck, als er sie auf die rechte Wange k�sste.</p><p>Sie l�ste sich aus der Umarmung. �Nicht so st�rmisch, kleiner Bruder. �rgere mich nicht. Erinnerst du dich noch, wie sehr es unseren Vater erz�rnt hat, wenn du nicht auf mich h�rtest.� Sie hoffte, dass Asfahal verstanden hatte, dass sie damit den Goldenen meinte.</p><p>Er verbeugte sich galant vor ihr und betrachtete genau ihre H�nde.</p><p>Was jeder andere f�r ein nerv�ses Zucken ihrer Finger gehalten h�tte, war eine Botschaft an ihn. Erster Stock, zweiter Flur, f�nfte T�r links.</p><p>�Ich w�nsche dir einen sch�nen Abend�, sagte sie betont f�rmlich und zog sich zur�ck.</p><p>Kaum auf dem Zimmer, streifte sie �rgerlich ihr Hochzeitskleid ab. Der Rotweinfleck w�rde nie mehr ganz verschwinden. Nie zuvor hatte sie ein solches Kleid besessen. Sie stand vor dem Spiegel und betrachtete sich nachdenklich. Ihr K�rper war schlank und durchtrainiert. Sie sah gut aus. Nur wenig erinnerte noch an das sch�chterne, leicht pummelige M�dchen, das vor Jahren in die Wei�e Halle gekommen war. Fand Asfahal sie begehrenswert?</p><p>Sie drehte sich um und warf einen Blick �ber die Schulter in den Spiegel. Die pr�chtige Drachent�towierung lie� sie l�cheln. Was z�hlte es noch, was Asfahal dachte. Sie war die Auserw�hlte des Goldenen. Eine Drachenelfe! Und er war nur ein Sch�ler, der in Schimpf und Schande davongejagt worden war. <emphasis>Sie</emphasis> hatte nun Macht �ber <emphasis>ihn</emphasis>. Er war hier, weil sie es sich gew�nscht hatte. Und sein Auftritt in der Festhalle war nichts weiter als ein letztes, verzweifeltes Aufb�umen. Er hatte ihr zeigen wollen, dass er frei und unberechenbar war, doch in Wahrheit wusste er es besser. Sie war seine Herrin geworden. Und in dieser Nacht w�rde sich entscheiden, ob sie eine gn�dige Herrin w�re oder ob sie ihn in Zukunft jeden Tag sp�ren lassen w�rde, dass seine Unabh�ngigkeit nur eine Illusion war.</p><p>Zufrieden strich sie �ber die farbenfrohe T�towierung und dachte an die Orgie aus Schmerz, Verlangen und Leidenschaft, die sie mit dem Goldenen gefeiert hatte. Shanadeen w�rde ihr niemals solche Freuden schenken. �rgerlich sah sie auf das gro�e Bett, dann streifte sie einen Morgenmantel aus durchscheinender, roter Seide �ber und l�ste ihr Haar. Sie mochte es, wenn es lang auf ihre Schulter fiel. Kurz �berlegte sie, ob sie noch einmal Parf�m auflegen sollte, als es klopfte.</p><p>�Ja?�</p><p>Shanadeen trat ein. Er war vor der Zeit gekommen und wirkte zugleich m�rrisch und erregt. Ihr neuer Gatte verschlang sie mit Augen. Seine Nevenyll hatte er ganz offensichtlich�� zumindest in diesem Augenblick�� vergessen. �Du bist sch�n�, sagte er mit weinschwerer Stimme. Und wirkte ganz so, als wollte er sie umarmen.</p><p>�Und ich geh�re nun dir.� Es fiel Bidayn schwer, dies mit gurrender Stimme zu sagen, als w�re sie darauf aus, ihn zu verf�hren.</p><p>�Das glaube ich dir nicht. Deshalb habe ich mich betrunken. Ich dachte, dann k�nnte ich vergessen, dass unsere Hochzeit nur ein Gesch�ft ist. Das war ein Irrtum���</p><p>�Zieh dich aus und zeig mir, dass du mein Mann bist.�</p><p>Er gaffte sie mit offenem Mund an.</p><p>�Ja, ich meine es so.� Sie �ffnete den Morgenmantel einen Spalt weit. �Dir gef�llt doch, was du siehst, oder?�</p><p>Statt zu antworten, streifte sich Shanadeen die kostbar bestickte Tunika �ber den Kopf. Auf einem Bein h�pfend entledigte er sich seiner Stiefel und lie� sich dann auf das Bett plumpsen, um seine Hose loszuwerden. Er war schlank, fast hager. Erstaunlicherweise hatten ihn all die Jahre, die er in seinem geheimen Kontor gebr�tet hatte, nicht fett werden lassen.</p><p>Bidayn beugte sich zu ihm hinab und strich sanft �ber seine nackte Brust. Er seufzte und schloss die Augen. Sie h�tte ihre Haut darauf gewettet, dass er in diesem Augenblick an Nevenyll dachte. Warum sonst sah er sie nicht an! Ihre Hand fuhr seinen Hals hinauf und tastete in seinen Nacken. Ihr Streicheln wurde fester, dann dr�ckte sie zu. Es war jener Punkt hoch im Nacken, dicht bei der Wirbels�ule, den Ailyn ihnen in der Wei�en Halle gezeigt hatte. Ein Nervenknoten, dessen Geheimnis es war, dass, wenn sie im richtigen Winkel auf ihn dr�ckte, ihr Opfer sofort ohnm�chtig wurde. Es war ein tiefer Schlaf, der �ber viele Stunden dauerte. Und nach dem Erwachen fehlte jede Erinnerung daran, was zuvor geschehen war.</p><p>Shanadeen war zur Seite gesunken. Sie hob seine Beine aufs Bett. Sein Atem ging tief und gleichm��ig. Sich in seiner Hochzeitsnacht besaufen, dachte sie �rgerlich. Das hatte sie nicht von ihm erwartet.</p><p>Sie setzte sich neben ihn auf das Bett und griff ihm zwischen die Schenkel. Mit festen Bewegungen spielte sie an ihm. Morgen w�rde sie ihm erz�hlen, er habe sie so lange und ausdauernd geliebt, dass sie wund sei und nun eine Zeit lang von seiner Leidenschaft verschont werden m�sse. Und wenn er selbst auch wund war, w�rde er ihr glauben, auch wenn er sich an nichts mehr erinnerte. Lyvianne hatte ihr viel �ber die M�nner erz�hlt. Ihre Lehrerin war eine Meisterin der Liebeskunst gewesen. Immer wieder hatte sie behauptet, dass die meisten M�nner f�r ein paar sch�ne Stunden mit einer h�bschen Frau fast alles t�ten. Anfangs hatte Bidayn ihr das nicht glauben wollen. Sie hatte noch Flausen von romantischer, unverbr�chlicher Liebe im Kopf gehabt. Doch inzwischen war sie �berzeugt, dass dies nur ein Hirngespinst von Dichtern war.</p><p>Als sie Shanadeen genug zugesetzt hatte, stand sie auf und deckte ihn zu. Anschlie�end wusch sie sich die H�nde in einer Sch�ssel mit klarem Wasser, die auf einem Beistelltisch neben der Kommode stand. Sie w�rde Lyvianne auch in der Liebeskunst �bertreffen. Bidayn l�chelte versonnen. Asfahal hatte einen gewaltigen Ruf, was dies anging. Von ihm k�nnte sie sicherlich noch manches �ber M�nner und ihre Gel�ste lernen. Sogar Enya hatte ihn gekannt. Die Schneiderin hatte behauptet, einen ganzen Winter lang seien sie in den Mondbergen ein Paar gewesen. W�hrend der langen Anproben f�r das Hochzeitskleid hatten sie �ber alles Erdenkliche gesprochen. Vor allem �ber M�nner.</p><p>Asfahal hatte ihr das Herz gebrochen. Die Kleine hatte wirklich geglaubt, sie sei die Eine f�r ihn. Als sie herausfand, dass er auch andere Damen besuchte und sich daf�r beschenken lie�, hatte sie ihn hinausgeworfen. Dennoch hatte Bidayn ihr angesehen, dass sie immer noch verliebt in Asfahal war. Die Art, wie sie seinen Namen aussprach, und der tr�umerische Blick, wenn sie �ber ihn redete, waren unmissverst�ndlich gewesen. Es w�re nicht gut gewesen, wenn die beiden sich hier begegnet w�ren. Eine neu entflammte Liebelei h�tte Bidayns Pl�ne durcheinandergeworfen.</p><p>Die Elfe strich sich sanft �ber die Arme. Ihre Haut war zart und glatt. Ihr haftete immer noch ein Hauch von Veilchenduft an. Wie lange er sich wohl noch halten w�rde? Enya musste ihn �ber lange Zeit jeden Tag benutzt haben.</p><p>Der Gedanke, Asfahal in der Haut einer fr�heren Geliebten zu begegnen, erregte Bidayn. Ein warmes, wohliges Gef�hl �berkam sie. Sie legte eine Hand in ihren Scho�, tastete vorsichtig�� An die Wand gelehnt, genoss sie die Wellen der Lust, die die Ber�hrung aufbranden lie�.</p><p>Nach einer Weile h�rte sie ein Ger�usch vor der T�r, das wie ein unruhiges F��escharren klang. Asfahal wagte es nicht zu klopfen. Ob er lauschte? Sie machte sich nicht die M�he, ihren Morgenmantel zu schlie�en, als sie an die T�r trat und �ffnete.</p><p>Er war es! Ihr Herz machte einen Satz. Sie wollte ihn, aber er sollte nicht merken, wie sehr. �Du bist p�nktlich!�, sagte sie l�chelnd und �ffnete ein wenig weiter. �Komm herein.�</p><p>Er betrachtete ihre Nacktheit ohne Scham. �Du hast dich ver�ndert.� Auch er l�chelte. Dann sah er das Bett. �Was ist das? Das���</p><p>�Mein Mann�, sagte sie leichthin. �Und keine Sorge, er hat mich nicht ber�hrt.�</p><p>Asfahal trat ein und schloss ohne Hast die T�r hinter sich. �Soso, eine Unber�hrte.� Er lie� das Bett nicht aus den Augen. Der schlafende Shanadeen regte sich nicht.</p><p>�Unber�hrte?�, fragte Bidayn keck. �Glaubst du, ich sei Jungfrau?�</p><p>�Glaubst du, ich sei dumm, nur weil ich gut aussehe?�</p><p>Sie griff nach seinem Hosenbund und zog ihn zu sich heran. �Gut aussehen tust du, aber ich suche nach dem, was etwas weniger offensichtlich ist.�</p><p>Wieder sah er zum Bett.</p><p>�Hast du Angst vor ihm?�</p><p>Er schnaubte. �Angst. Ich m�chte nur keine Komplikationen. Erfahrungen mit w�tenden Ehem�nnern habe ich durchaus schon gesammelt. Sie geh�ren nicht zu meinen sch�nsten Erinnerungen.�</p><p>Bidayn �ffnete den G�rtel seiner Hose. �Und, bin ich ein paar <emphasis>Komplikationen</emphasis> wert.�</p><p>Er st�hnte leise. �Du wei�t, was du willst.� Asfahal packte sie bei den H�ften, hob sie an und setzte sie seitlich auf die Kommode vor dem Spiegel.</p><p>Bidayn umfing seine H�ften mit den Schenkeln. Statt weitere Zeit mit Reden zu vergeuden, k�sste sie ihn. Gierig, mit tiefer Zunge. Solche K�sse gab es nie von Shanadeen.</p><p>Asfahal griff in ihr Haar und dr�ckte sie fest gegen seine Lippen. Ihrem Ungest�m begegnete er mit noch mehr Wildheit. Er wollte sie. Er brannte nach ihr. Und Shanadeen hatte er vergessen. Seine Hose fiel zu Boden, aber er machte sich nicht die M�he, sie abzustreifen. Mit jedem seiner St��e r�ckte die Kommode ein St�ck vor.</p><p>Bidayn sah in den gro�en Spiegel an der Wand. Es war ein neues, bislang unbekanntes Gef�hl, Leidenschaft zu sp�ren und zugleich wie ein Unbeteiligter von au�en auf das Geschehen zu blicken.</p><p>Asfahal ignorierte den Spiegel. Er sah ihr tief in die Augen und verschlang sie erneut mit K�ssen, nass und gierig. Ihre Lippen reichten ihm nicht. Er k�sste ihren Hals, ihren Nacken, ihre Brustwarzen. Und dabei h�rte er nicht auf, sie zu sto�en, tief, ekstatisch. Sie lie� die H�ften kreisen, wollte ihn noch st�rker in sich sp�ren. Ihre H�nde krallten sich in sein langes, blondes Haar. Er taumelte von der Kommode zur�ck und verfing sich in der Hose um seine Kn�chel. Asfahal st�rzte nach hinten, doch lie� er sie nicht los, obwohl er hart mit dem R�cken auf den h�lzernen Boden schlug. Bidayn hatte die Beine gel�st. Einen Herzschlag lang verloren sie sich, dann fand sie ihn wieder. Nun war sie es, die das Tempo bestimmte.</p><p>Mit beiden H�nden st�tzte sie sich auf seiner Brust ab, ritt ihn und st�hnte ungehemmt ihre Lust heraus. Er umklammerte ihre Br�ste, knetete sie mit seinen schmalen, kr�ftigen H�nden. Er verstand es, ihre Lust immer weiter zu befeuern. Sie erzitterte unter immer neuen Wellen wilden Begehrens. Fast war es so wie mit dem Goldenen.</p><p>Asfahal warf sich herum, hob sie auf und legte sie auf das Bett, ohne dass ihre beiden Leiber sich trennten. Ihr Kopf ruhte auf der Brust Shanadeens, der in seinem tiefen, unnat�rlichen Schlaf nichts um sich herum wahrnahm. Ihn auf diese Art zu dem�tigen steigerte Bidayns Lust noch weiter, bis sie sich wild zuckend ganz und gar verschenkte. Kurz qu�lte Asfahal sie mit weiteren St��en, von denen jeder einzelne sie �ber den Rand des Wahnsinns zu st�rzen drohte. Sie konnte nicht mehr. Er sp�rte es. Spielte mit ihr, bis sie verzweifelt versuchte, sich ihm zu entwinden. Dann erst wurde er ruhiger, z�rtlicher, hielt sie fest in seinen Armen, bis ihr Herz nicht mehr beim n�chsten Schlag zu zerspringen drohte.</p><p>�Das war gut�, hauchte sie atemlos.</p><p>�Wir haben gerade erst angefangen.� Er grinste und erstickte ihre Einw�nde unter K�ssen. Bidayn ergab sich, lie� sich auf den Wellen der Lust treiben, die er ihr bereitete. Er wusste, wann und wie er sie ber�hren musste, wusste, wie er endlos ihr zweites Aufb�umen hinausz�gern konnte. Sie hatte das Gef�hl, ihm ganz und gar ausgeliefert zu sein, und lie� es geschehen. All ihre Gedanken waren ausgel�scht.</p><p>Als sie schlie�lich, von der Liebe ersch�pft, ein Kn�uel nackter Glieder, still lagen, f�hlte sie sich frei.</p><p>Sie kicherte wie ein kleines M�dchen, als sie bemerkte, dass Shanadeen irgendwann aus dem Bett gest�rzt war. Sie wusste, er konnte nicht erwacht sein. Er hatte den Platz bekommen, den er verdiente.</p><p>Asfahal lachte mit ihr, hielt sie fest und wurde es nicht m�de, ihren K�rper mit K�ssen zu erkunden. Sie sah zur Decke hinauf, den altersdunklen Balken, die den Dielenboden der n�chsten Etage trugen. Ihre Gedanken trieben dahin, bis sie etwas unnat�rlich Blaues zwischen den Schatten sah. Ein feuchter Schimmer lag dar�ber. Ein Auge! Jemand war dort oben und beobachtete sie.</p></section><section><title><p>Duftspur</p></title><p>Bidayn versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, dass sie den verborgenen Beobachter entdeckt hatte. Sie vergrub ihr Gesicht an Asfahals Hals. Kurz kam ihr der Gedanke, ihm zuzufl�stern, was sie gesehen hatte. Doch dann verwarf sie ihn wieder. Es war besser, wenn sie das f�r sich behielt. Sie w�rde allein herausfinden, wer der Spitzel war.</p><p>�Es ist Zeit zu gehen�, sagte sie leise.</p><p>Asfahal gab einen murrenden Laut von sich. �Ich bin noch nicht fertig.� Er hob den Kopf und grinste sie frech an.</p><p>�Aber ich�, entgegnete sie ruhig. So sch�n die letzten Stunden gewesen waren, er sollte sich keine �bertriebenen Hoffnungen machen. �Ich erwarte dich zur Mittagsstunde auf dem hinteren Hof des Hauses. Du wirst dort die anderen treffen.�</p><p>Er bedachte sie mit einem s�ffisanten L�cheln, als h�tte er durchschaut, dass sie bewusst Distanz zu ihm schuf. Einen Abstand, den ihr K�rper, der sich nach Liebe sehnte, so nicht dulden wollte. �Wer ist au�er mir hier?�</p><p>�Deine Schwester Kyra.� Sollte ihn diese Nachricht �berrascht haben, so verbarg er es meisterlich. �Au�erdem Lemuel und Valarielle.�</p><p>�F�nf Dra��, sagte er sinnierend.</p><p>�Vier�, verbesserte sie ihn, bevor das Wort auch nur ansatzweise �ber seine Lippen war. Wer immer dort oben lauerte, durfte nicht wissen, wer sie wirklich waren. Ihre Drachent�towierung war schon verr�terisch genug. Bidayn setzte sich auf und gab Asfahal einen Klaps auf seinen kleinen, festen Hintern. �Schon vergessen? Du hast dich entschieden, keiner von uns zu werden.�</p><p>�Ich h�tte es sein k�nnen�, entgegnete er beleidigt.</p><p>�Das wird immer Spekulation bleiben.� Sie zog ihn zu sich und k�sste ihn. �F�r mich spielen Titel keine Rolle. Du bist auf deine Art unvergleichlich. Ich vertraue dir.�</p><p>�Du bist eine r�tselhafte Frau.� Asfahal glitt vom Bett und las seine Kleider auf, die �ber den Boden verstreut lagen.</p><p>�Ich nehme das mal als Kompliment�, entgegnete sie lachend. �Legst du mir wieder meinen Mann ins Bett?�</p><p>Er zog sich erst in aller Ruhe an, und Bidayn genoss es, ihm dabei zuzusehen. Er war schlank mit sch�n akzentuierten Muskeln. Es gab kein Gramm Fett an seinem Leib. Sie leckte sich �ber die Lippen.</p><p>�Hungrig?�</p><p>�Du k�nntest mein Leibgericht werden.�</p><p>Asfahal lachte. Dann hob er Shanadeen aufs Bett zur�ck. �Armer Kerl. Was wird er tun, wenn er es merkt?�</p><p>�Was? Dass ich ihm nicht geh�re? Das wei� er. Und das hier��� Sie lachte, warf den Kopf in den Nacken und sp�hte zur Decke hinauf. Das Auge war in den Schatten verschwunden. �Wie sollte er jemals davon erfahren?�</p><p>Asfahal deckte den H�ndlerf�rsten zu. �Ich glaube, ich w�rde wahnsinnig, wenn ich���</p><p>�Er ist schon wahnsinnig. Wenn er klug ist, l�sst er mich in Ruhe. Ab und an werde ich mich seiner erbarmen. Und wenn er mehr will��� Sie schnippte mit den Fingern. �Dann werde ich mich von ihm trennen.�</p><p>Er sah sie einen Moment lang fest an. �Es ist wohl nicht klug, dich zu ver�rgern.�</p><p>�Versuche nicht, es herauszufinden.� Sie stand auf und �ffnete die Kleidertruhe vor dem Bett. Dort w�hlte sie eine enge Hose und eine Bluse.</p><p>�Ich verzehre mich nach dir�, fl�sterte Asfahal ihr ins Ohr, w�hrend sie sich ankleidete.</p><p>�Lass uns ein wenig durch die Gassen wandern. Ich liebe es, tief in der Nacht auf den Kais zu stehen und dem Meer zu lauschen.� Sie sagte das mit Bedacht so laut, dass man ihre Worte auch im Zimmer �ber ihnen verstehen musste.</p><p>Ohne sich Schuhe anzuziehen, begleitete sie Asfahal hinaus auf den Flur. Es war still geworden im Haus. Aus dem Festsaal klang keine Musik mehr. Nur das leise Rumoren letzter Stimmen.</p><p>�Du willst nachsehen, wer uns beobachtet hat?�</p><p>Bidayn war �berrascht.</p><p>�Ich w�re auch fast ein Drachenelf geworden�, sagte Asfahal l�chelnd. �Glaubst du, mir bleibt verborgen, was du bemerkst?�</p><p>�Willst du mit?�</p><p>Er hob abwehrend die H�nde. �Nein, das sind deine K�mpfe.� Dann ging er mit beschwingtem Schritt davon.</p><p>Bidayn sah ihm nach. Er war frech, das machte seinen Charme aus, aber sie war sich nicht sicher, wie lange sie damit umgehen konnte. Hoffentlich machte er nicht den Fehler, ihre F�hrerschaft infrage zu stellen. Sie w�rde sich nur ungern von ihm trennen, aber sie w�rde nicht z�gern, wenn es n�tig war.</p><p>Langsam ging sie den Flur entlang bis hin zu der schmalen Stiege, die zur n�chsten Etage f�hrte. Leichtf��ig und lautlos erklomm sie die h�lzernen Stufen. Das zweite Obergeschoss wurde nur wenig genutzt. Shanadeen hatte einige der Zimmer in Warenlager verwandelt. Bidayn war erst einmal hier oben gewesen. Der Grundriss folgte dem der darunterliegenden Etage. Vorsichtig schlich sie den Flur entlang. Alle T�ren waren verschlossen. Kein Licht brannte. Es war still und roch nach Staub und getrockneten Bohnen. Doch da war noch etwas. Ein Hauch von Rosenduft.</p><p>Die Elfe verharrte vor der f�nften T�r auf der linken Seite des Flurs. Sie lauschte mit angehaltenem Atem. War da eine Spur von Vanille in dem Rosenduft? Sie konzentrierte sich, schloss die Augen und reduzierte die Sinneseindr�cke, die auf sie eindrangen. Sie verweigerte sich den leisen Ger�uschen der Nacht, sammelte nur noch D�fte. Im gleichen Ma�e, wie sie die Wahrnehmungen ihrer anderen Sinne ausgrenzte, nahmen alle Ger�che an Intensit�t zu. Neben Staub und Bohnen roch sie nun auch das hei�e Wachs, mit dem vor langer Zeit die Holzdielen behandelt worden waren. Und da war der Duft eines vor Kurzem verloschenen Kerzendochts. Ein Hauch von Schwei�.</p><p>Wie ein Sp�rhund witterte sie am T�rrahmen. Dort hatte eine Hand gelegen. Jetzt fand sie eine Idee von Orangenduft. Ihr Parf�m! Schlagartig waren all ihre Sinne alarmiert. In dieser T�r hatte Farella gestanden. Aber Shanadeens Tochter hatte keine blauen Augen. Sie waren von dunklem, fast schwarzem Gr�n��</p><p>Bidayn stie� die T�r auf. Die Kammer war leer. Misstrauisch sp�hte die Elfe in die finsteren Winkel. Nichts! Sie trat in die Mitte des Raumes und versuchte sich zu erinnern, wo ungef�hr sie das Auge gesehen hatte. Witternd ging sie in die Knie. Hier war der Duft ihres Parf�ms so gut wie gar nicht vorhanden. Es roch ein wenig nach Schwei� und nach K�che. Und nach dem Saft gepresster �pfel, den Lydaine so gerne trank.</p><p>Die H�nde der Elfe tasteten �ber den Boden. Er war in schlechtem Zustand. Einige der Dielen waren angesplittert. Sie fand einen kleinen Stofffetzen. Er war vom gleichen Stoff wie ihr Hochzeitskleid. Und dann entdeckte sie ein Holzauge, das ein wenig aus den Bodendielen vorstand. Sie zog daran. Es l�ste sich fast ohne Widerstand und gab den Blick auf das Bett frei, in dem Shanadeen friedlich schlief.</p><p>Sie waren beide hier gewesen. Farella hatte an der T�r auf Wache gestanden, und die blau�ugige Lydaine hatte beobachtet, was im Ehebett ihres Vaters vor sich ging. Erstaunlich, dass die beiden nicht die Dienerschaft gerufen hatten.</p><p>Bidayn schob das Holzauge zur�ck an seinen Platz. Ob die beiden versuchen w�rden, sie zu erpressen? Worauf sie wohl aus waren? Sie waren reich, sie konnten alles haben. Bidayn vermochte sich nicht vorzustellen, was sie von ihr begehrten.</p><p>Die Elfe richtete sich auf und verlie� die Kammer. Sollten sie nur kommen!</p></section><section><title><p>Erinnerungsl�cken</p></title><p>Nodon erwachte mit stechenden Kopfschmerzen. Seine Augen waren so zugeschwollen, dass er sie kaum einen Spalt weit zu �ffnen vermochte. Ein galliger Geschmack lag ihm auf der Zunge. Der Kopf sackte ihm zur Seite weg. Er sa� auf einem Stuhl mit hoher Lehne. Vor ihm stand ein Tisch. Er h�rte schweres Atmen, hatte aber keine Kraft, seinen Kopf zu wenden. Er blinzelte. Vor ihm stand ein Tisch. Darauf brannten drei Kerzen aus Honigwachs und verbreiteten ein angenehmes, goldenes Licht. Auch war da ein schwarz lackiertes K�stchen. Der Anblick bereitete Nodon Unwohlsein, ohne dass er sagen konnte, warum. Darin war ein d�steres Geheimnis verborgen, da war er sich ganz sicher.</p><p>Eine Hand legte sich sanft auf seine Schulter. Eine zweite reichte ihm einen silbernen Becher mit Wasser.</p><p>�Trinkt, Schwertmeister�, sagte eine zischelnde Stimme. Sie geh�rte einer Frau. Er sollte sich daran erinnern�� Er hatte das beklemmende Gef�hl, dass es wichtig w�re zu wissen, wer da sprach. Die Frau stand hinter ihm. Sie zeigte sich nicht.</p><p>Er sackte gegen die Lehne und schloss kurz die Augen.</p><p>Als er sie wieder �ffnete, hatte sich das Licht im Zelt ver�ndert. Es war heller, obwohl jemand die Kerzen auf dem Tisch gel�scht hatte. Drau�en heulte der Wind. Nodon hatte das Gef�hl, dass M�nner vor dem Zelt standen und warteten.</p><p>�F�hlt Ihr Euch besser, Schwertmeister?�, fragte ihn die zischelnde Stimme. Er wandte sich um, und ein stechender Schmerz meldete sich hinter seiner Stirn. Hinter dem Lehnstuhl stand eine riesige Frau in einer goldbestickten, gr�nen Bluse, die f�r seinen Geschmack etwas zu tief ausgeschnitten war. Sie hatte eine seltsame T�towierung dicht �ber der Nasenwurzel. Ein starrendes Auge. Und ihre eigenen Augen�� Sie waren gelb wie die Sommersonne mit l�ngs geschlitzten Pupillen.</p><p>�Ihr erinnert Euch wohl nicht an mich. Ich bin Aloki, die geheime Dienerin des F�rsten Solaiyn. Er hat mich Euch schon einmal vorgestellt.�</p><p>Er sollte sie kennen, dachte Nodon. Diese gelben Augen.</p><p>�Trinkt!� Wieder reichte sie ihm einen silbernen Becher.</p><p>Das k�hle Wasser darin war angenehm. Es sp�lte den scheu�lichen Geschmack in seinem Mund fort und weckte seine Lebensgeister. W�hrend er trank, betupfte die seltsame Frau seine Augenlider mit Eisst�ckchen und murmelte etwas Unverst�ndliches.</p><p>Zumindest wusste Nodon jetzt wieder, wo er war. Im Zelt des Feldherrn. Er hatte einen schrecklichen Kampf mit einem fliegenden L�wen bestanden. Aber danach�� Was stimmte mit seiner Erinnerung nicht?</p><p>�Ihr sollt die Sp�her f�hren�, erkl�rte die zischelnde Stimme. �Die Menschenkinder sind auf der Flucht. Der Albenstern, durch den sie sich zur�ckziehen wollten, ist versperrt.�</p><p>Nodon setzte den Becher auf den Tisch vor sich. Warum erinnerte er sich an nichts? Er hatte sich ganz gewiss nicht betrunken! Er trank nie! Was war geschehen?</p><p>�Geht es Euch besser?�</p><p>�Ging es mir schlecht?�, fragte er misstrauisch zur�ck.</p><p>�Ihr wisst es nicht mehr?� Aloki kam um den Stuhl herum, und jetzt sah er sie ganz. Ihren kraftvollen, bleichen Schlangenleib.</p><p>�Es ist alles meine Schuld�, sagte sie zerknirscht. �Mein kleiner Liebling hat Euch gebissen. Er hatte sich aus seinem Korb befreit. Wir haben es zu sp�t bemerkt���</p><p>�Dein kleiner Liebling?�</p><p>�F�rst Solaiyn hatte Euch zur Lagebesprechung einbestellt. Es ging ihm schlecht. Er war bettl�gerig. Ihr habt Euch hier auf diesem Stuhl niedergelassen und seinen Worten gelauscht. Und da ist es passiert. Mein Liebling hat sich unbemerkt an der R�ckenlehne hochgewunden, und als Ihr Euch vorbeugtet, um nach dem Becher vor Euch auf dem Tisch zu greifen, hat er Euch gebissen, Schwertmeister. In den Hals��� Mit diesen Worten �ffnete sie ihre weite, hellgr�ne Bluse, und unter ihrem linken Busen schob sich ein schwarz-gelb gescheckter Schlangenkopf hervor. �Eine Sumpfotter aus meiner Heimat. Ihr Gift ist nicht sehr stark, aber sie hat wohl Eure Halsschlagader getroffen.�</p><p>Erschrocken tastete Nodon nach seinem Hals. Da war tats�chlich eine schmerzende Schwellung. �Was bewirkt das Gift?�</p><p>�Es ist nicht schlimm, Herr!� Sie hob beschwichtigend die H�nde, und ihre Bluse �ffnete sich nun ganz.</p><p>Nodon sah zur Seite. Er mochte es nicht, wenn Frauen ihre Reize derart zur Schau stellten.</p><p>�Das Gift ist unmittelbar in Euer Gehirn gelangt. Euer K�rper konnte nicht dagegen ank�mpfen�� Ich nehme an, Ihr erinnert Euch nicht sehr gut an den letzten Abend.�</p><p>Jetzt sah er zu ihr auf. Ein eigent�mlicher Tonfall lag in ihrer Stimme, und sie l�chelte seltsam.</p><p>�Sprich weiter, Aloki!�</p><p>�Es kann zu Bewusstseinstr�bungen f�hren. Zu leichten Schwellungen. �belkeit. Eigentlich nichts Schlimmes. Nichts davon ist bleibend. Au�er den Erinnerungsl�cken�� Es kann sich aber nur um einen sehr kurzen Zeitraum handeln, der Eurem Ged�chtnis verloren gegangen ist. Ein halber Tag vielleicht���</p><p>Nodon hatte das Gef�hl, dass sie ihm etwas verschwieg. �Was ist mit Solaiyn?�</p><p>�Er hatte einen Schw�cheanfall. Es ist ein altes Leiden. Die Last der Verantwortung hat seine Kr�fte �ber die Ma�en beansprucht. Er muss ein wenig schlafen. Einen Tag, h�chstens zwei. Dann wird er sich vollst�ndig erholt haben.�</p><p>Ein Oberbefehlshaber, der zwei Tage seines Feldzugs einfach verschlafen w�rde? Nodon war ersch�ttert �ber das Ausma� an Inkompetenz! Er musste den Himmelsschlangen berichten, was hier vor sich ging.</p><p>�Kann ich mit ihm reden?� Der Elf erhob sich von dem Stuhl. Er f�hlte sich schwach und ein wenig schwindelig. Die Geschichte, die ihm die Schlangenfrau aufgetischt hatte, stank zum Himmel. Er mochte nicht glauben, dass er aus Versehen von einer Schlange gebissen worden war.</p><p>�Der F�rst ist unp�sslich!� Aloki glitt ihm in den Weg. �Er hat gestern Abend alles mit Euch besprochen und Euch klare Befehle erteilt.�</p><p>�Es tut mir leid, aber ich erinnere mich an nichts. Hier geht es um einen Feldzug und nicht um die Vorbereitung eines Hofballs. Ich werde ihm wohl die Unannehmlichkeit bereiten m�ssen, noch einmal mit ihm zu sprechen.�</p><p>�W�hrend die Schiffsbr�cke gebaut wurde, hat er all seine Gedanken niedergeschrieben.� Aloki deutete auf eine messingbeschlagene Kiste am Fu�ende des Feldbetts. �Ich bin sicher, er wird nichts dagegen haben, wenn Ihr seine Papiere durchseht.�</p><p>Nodons ungutes Gef�hl verst�rkte sich noch. Warum hielt sie ihn um jeden Preis vom F�rsten fern? Was war mit Solaiyn? Der Elf kniete vor dem Feldbett nieder und �ffnete die Kiste. Gleich zuoberst fand er mehrere Bl�tter mit Notizen zu den verschiedenen Truppen, die am Feldzug beteiligt waren. Solaiyn wollte fast alle Krieger zur�ck nach Albenmark schicken. Nur ein Sp�htrupp sollte den Menschen auf der Spur bleiben. Nodon glaubte sich zu erinnern, dass sie dar�ber gesprochen hatten.</p><p>Er sah weitere Papiere durch und bl�tterte in einer ledergebundenen Kladde. Alle Schriftst�cke waren in derselben, gestochen scharfen Handschrift abgefasst. Sie passte zu Solaiyn, aber ganz sicher konnte er sich nicht sein, dass es tats�chlich der F�rst gewesen war, der sie abgefasst hatte. Er hatte ihn bisher nie etwas schreiben sehen.</p><p>Nodon wurde das Gef�hl nicht los, in eine jener Intrigen hineingeraten zu sein, f�r die die F�rstenh�user Arkadiens so ber�chtigt waren. Beil�ufig griff er �ber die Truhe hinweg und ber�hrte einen Fu� des schlafenden F�rsten. Solaiyn zuckte zur�ck.</p><p>�Keine Sorge, er ist nicht tot�, sagte Aloki, die ihn nicht aus dem Blick lie�, l�chelnd. �Es ist alles ganz so, wie ich es Euch gesagt habe.�</p><p>Nodon antwortete nicht. Er rollte die Truppenlisten zusammen und schloss die Truhe. �Wenn hier nur noch ein Sp�htrupp bleiben soll, werde ich wohl den R�ckzug der restlichen Armee einleiten m�ssen�, erkl�rte er k�hl. �Diese Aufzeichnungen werde ich dazu brauchen.�</p><p>�So viel Misstrauen.� Wieder dieses Schlangenl�cheln.</p><p>Er verneigte sich ein wenig steif und k�mpfte einen neuerlichen Schwindelanfall nieder. Er w�rde Solaiyns Zelt in Zukunft meiden, dachte er, als er ins Freie trat und erleichtert die eisige Winterluft auf seinem Gesicht sp�rte. Die Himmelsschlangen mussten verr�ckt geworden sein, diesen Heerf�hrer gew�hlt zu haben.</p><p>Er nickte den beiden Wachen vor dem Zelt knapp zu und ging hinab zur Schiffsbr�cke am Fluss. Auf dem Weg kam ihm noch ein anderer Verdacht. War es von Anfang an ihr Plan gewesen, dass er das Kommando �bernahm? Um ihn hier zur�ckzuhalten? Er wurde das Gef�hl nicht los, dass es einen dringenden Grund f�r ihn gegeben hatte, in den Jadegarten zur�ckzukehren.</p></section><section><title><p>Von der Ehre der Drachenelfen</p></title><p>�Wie, wir bleiben hier?� Galar sah Ailyn fassungslos an. �Was f�r eine verschissene Elfenkacke ist das denn? Wir bleiben hier! <emphasis>Wir?</emphasis> Wir haben von allen Albenkindern, die hierhergeschickt wurden, die meisten Arschtritte abbekommen. Wir sind nicht einmal mehr f�nfzig, so viele haben sie von uns niedergemetzelt. Und diese ganzen Feiertagskrieger, die auf diesem Drecksfeldzug nicht ein einziges Mal ihr Schwert gezogen haben, werden jetzt zur�ckgeholt, und wir bleiben, um uns den Arsch abzufrieren und uns noch weiter niedermetzeln zu lassen? Das kann ja wohl nur ein schlechter Scherz sein!�</p><p>�Gute Rede, Zwerg!�, stimmte Groz zu.</p><p>Einen Augenblick hatte Galar Sorge, der Troll wolle ihm freundschaftlich auf die Schulter klopfen und sie dabei wahrscheinlich versehentlich auskugeln, doch dann besann sich der H�ne eines Besseren.</p><p>�Ich h�tte es etwas drastischer ausgedr�ckt, aber sonst bin ich ganz deiner Meinung�, erkl�rte nun auch Che und sah zu seinem kleinen Rest Eisb�rte hin�ber.</p><p>Der rotgewandete Elf neben Ailyn rang un�bersehbar um Fassung. Galar hatte ihn bisher nur von ferne gesehen, wie er am Himmel gegen die fliegenden L�wen gek�mpft hatte. Er schien jetzt das Sagen zu haben. Oder ihr Heerf�hrer benutzte ihn als �berbringer schlechter Nachrichten.</p><p>�All unsere Speerschleudern sind zerst�rt�, erkl�rte Nyr ruhig. �Wir haben doch gar keinen Wert mehr als Kampftruppe.�</p><p>�Es werden Verst�rkungen und neue Speerschleudern kommen. Gobhayn, der Schmied, der euch ausger�stet hat, wurde bereits beauftragt, weitere Waffen f�r euch zu fertigen.� Der rote Elf sah sie aus seinen zugeschwollenen Augen feindselig an. �Im �brigen werden Befehle nicht diskutiert. Ihr habt sie einfach auszuf�hren.�</p><p>�Und was ist mit dem vielgelobten gesunden Elfenverstand�, kam es prompt von Che. Dann deutete der Kobold auf seine F��e. �Hast du die gesehen? Und die kleinen Beine, die dazugeh�ren? Bin ich der Richtige, um einem Heer fliehender Menschenkinder hinterherzulaufen? Und im Vergleich zu einem Zwerg bin ich noch flink.�</p><p>Galar entschied, das zu �berh�ren.</p><p>�Wir haben dieses Problem bedacht�, erkl�rte der Elf k�hl. �Es wurden auch Rentierschlitten f�r euch geordert.�</p><p>�Rentierschlitten?�, wiederholte Groz ungl�ubig.</p><p>�Nicht f�r euch Trolle.� Der Elf wirkte nun eindeutig gereizt. �Findet euch damit ab!� Mit diesen Worten wandte er sich ab und marschierte in Richtung der Riesen, die nicht weit entfernt am Ufer des Nebelflusses kauerten.</p><p>Ailyn blieb bei ihnen. Sie wirkte ruhig, wie stets. Galar empfand ihre Gelassenheit als �u�erst unpassend. �Du h�ttest h�rter f�r uns k�mpfen sollen�, fuhr er sie an.</p><p>�Das werde ich tun, sobald wir den Menschenkindern wieder entgegentreten.�</p><p>�F�r dich ist alles immer ganz einfach, nicht wahr? Du bist eine Drachenelfe. Hier gibt es nichts, was dir gef�hrlich werden kann. Nicht die K�lte und am wenigsten die verzweifelten Menschenkinder, die vor uns davonlaufen. Warum lassen wir sie nicht einfach fl�chten? In diesem Kampf liegt keine Ehre.�</p><p>�Du hast recht, Galar. Es ist ein Kampf ohne Ruhm, in den wir ziehen.� Sie verneigte sich vor ihnen allen. �Ich entschuldige mich bei euch allen, dass ich euch in dieses Gefecht f�hren muss. Aber wenn es der Wunsch der Himmelsschlangen ist, dann wird es notwendig sein. Sie wissen mehr als wir.�</p><p>Ailyn ging und lie� sie sprachlos zur�ck. Der eisige Wind zerrte an ihrem viel zu d�nnen, wei�en Kleid. Die K�lte schien ihr ebenso wenig etwas auszumachen wie Vorw�rfe.</p><p>�Wir werden lange Menschenfleisch fressen�, sagte Groz nachdenklich.</p><p>Galar konnte die Gedanken des Trolls nicht nachvollziehen. Der H�ne wirkte seltsam bedr�ckt bei der Vorstellung, was seine n�chsten Mahlzeiten anging.</p><p>�Dreckselfen!�, fluchte Che und spuckte aus. �Wenn ich meinen M�nnern erz�hle, was uns bl�ht, werden die rebellieren. Und ich dachte nach dem Kampf in Wanu, dass sie auf unserer Seite stehen w�rde.�</p><p>�Eine Drachenelfe?�, fragte Galar voller Verachtung. �Die hat sich ganz und gar den Himmelstyrannen verschrieben. Du hast es doch geh�rt. Sie denkt nicht mal mehr selbst. Auch f�r sie ist es ein Kampf ohne Ehre, und trotzdem f�hrt sie den Befehl der Tyrannen aus. Was lehrt uns das? Drachenelfen sind keine strahlenden Helden. Wer ohne zu z�gern Ehrloses tut, der hat wohl keine Ehre.�</p></section><section><title><p>Das Geschenk der G�ttin</p></title><p>Ein blasser Silberstreif am Horizont k�ndigte die Geburt eines neuen Tages an. Unendlich erleichtert lie� Kolja sich gegen einen Stapel von Kisten sinken. Wieder hatte er die ganze Nacht �ber am Eingang ihrer Zuflucht aus mit Segelt�chern �berzogenen Landungsk�rben gewacht. Sie waren nicht gekommen. Schon die dritte Nacht in Folge. Die Sturmgeister hatten sich zur�ckgezogen, warum auch immer. Der Drusnier glaubte nicht, dass er und seine j�mmerliche Truppe aus Wolkenschiffern die Geister in die Flucht geschlagen hatten. Warum sie verschwunden waren, w�rde ein R�tsel bleiben. Vielleicht hatten sie anderswo leichtere Beute gefunden?</p><p>Nabor kroch zu ihm her�ber. �Alles ruhig?� Der alte Lotse hatte dunkle R�nder unter den Augen. Keiner von ihnen schlief gut. Auch wenn die Geister verschwunden waren, blieben ihnen noch genug Sorgen. <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont im Fr�hlingsmorgenlicht �ber dem Gr�nen Meer,</emphasis> ihr Wolkensammler, schien sich aufgegeben zu haben.</p><p>�Die Geister sind fort�, sagte Kolja m�de und kratzte sich an der Stirn. Sein ganzer K�rper juckte zum Erbarmen, dabei hatte er kaum Fl�he in seinen Kleidern finden k�nnen. In seinem Armstumpf peinigte ihn ein stechender Schmerz. Seine Prothese, die ma�gefertigt worden war, scheuerte jetzt. Vielleicht lag es an der K�lte? Wasser, das gefror, dehnte sich. Wom�glich war es mit seinem Leib ja ganz �hnlich. Allerdings schienen die anderen nicht solche Qualen erdulden zu m�ssen. Jedenfalls kratzten sie sich nicht dauernd.</p><p>�Gehen wir raus. Wir m�ssen reden�, sagte Nabor m�rrisch. Der Lotse hatte ihm nicht verziehen, dass er seinen Affen get�tet hatte, auch wenn das Mistviech f�r alle erkennbar von einem der Sturmgeister besessen gewesen war.</p><p>�Ich bin m�de�, murmelte Kolja verdrossen. �Ich habe die ganze Nacht kein Auge zugetan.�</p><p>�Ich auch nicht�, entgegnete der Lotse und schob sich an dem Feuer am Eingang vorbei ins Freie. �Und f�r jemanden, der eine schlaflose Nacht hatte, siehst du ziemlich gut aus. Irgendwie frischer���</p><p>Kolja ignorierte das heuchlerische Kompliment und folgte ihm unwillig. Sie gingen ein paar Schritt hin zum Rand des riesigen Kraters. Der Drusnier blickte hinab in den Schlund, der sich im Dunkel verlor. Schlief dort unten wirklich Nangog? W�rde er ihr auf den Bauch fallen, wenn er hinuntersprang? Er trat hastig einen Schritt vom Abgrund zur�ck. Dieser Schlund weckte in ihm die Lust zu springen. Den Wolkenschiffern war dieses aberwitzige Begehren wohlvertraut. Immer wieder gab es M�nner, die sich ohne erkennbaren Grund in die Tiefe st�rzten. Kolja war w�hrend seiner Reisen �ber die Himmel Nangogs nie von dieser unerkl�rlichen Sehnsucht zu springen ber�hrt worden. Doch mit diesem Abgrund hier war es anders. Ihn f�rchtete er.</p><p>Nabor deutete auf den Wolkensammler, der leblos von der riesigen S�ule hing, die sich neben dem Krater erhob. Wie eine Schmetterlingspuppe sah <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> aus. Mit einigen wenigen Tentakeln klammerte er sich um das obere Ende des Monolithen. Etliche hingen einfach nur noch tot und von Eiskristallen best�ubt an seinem Leib hinab. Jene, in denen noch Leben steckte, hatte er eng um seinen Leib geschlungen, der bei Weitem nicht mehr so aufgedunsen war, wie es sonst bei diesen stillen Himmelskreaturen �blich war. �Was ist dein Plan, Kolja? Wie bringst du uns nach Hause? Die M�nner sehen in dir ihren Anf�hrer, seit Barnaba tot ist. Was hast du ihnen zu bieten? Noch einen Tag, an dem wir Kristalle ernten, die wir nirgendwo hinbringen werden?�</p><p>�Ich k�nnte zum Beispiel einen alten N�rgler zu Nangog schicken�, grollte Kolja. �Dann w�rde es hier wesentlich friedlicher.�</p><p>�Stimmt, so friedlich wie auf einem Gr�berfeld.� Nabor stemmte die F�uste in die H�ften und sah ihn herausfordernd an. �Solange wir noch bei Kr�ften sind, sollten wir etwas Sinnvolles tun.�</p><p>�Was schl�gst du vor? Beten?� Auch Kolja hatte sich in den letzten Tagen den Kopf zerbrochen, wie sie von hier wegkommen konnten. <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> w�rde nicht mehr in den Himmel aufsteigen. Sich zu Fu� auf den Weg nach Wanu zu machen kam auch nicht infrage.</p><p>�Ich schlage vor zu segeln�, entgegnete Nabor bestimmt.</p><p>�Segeln? Hier? Weitab von jedem Meer?�</p><p>�Es m�sste m�glich sein. Die Idee kam mir gestern, als ich sah, wie der Wind ein aufrecht stehendes, leeres Fass auf glattem Eis bewegt hat.�</p><p>�Ich darf dich darauf hinweisen, dass ein Schiff ein wenig schwerer als ein Fass ist�, h�hnte Kolja. �Du bist verr�ckt.�</p><p>�Vielleicht�, gab der Lotse unumwunden zu. �Aber wollen wir nicht lieber etwas Verr�cktes wagen, als einfach nur auf den Tod zu warten?�</p><p>Der Drusnier nickte z�gerlich. �Besser eine winzige Hoffnung als gar keine. Du hast recht. Du bekommst alle M�nner, die du brauchst.�</p><p>Nabor war sichtlich erleichtert. �Wir geben es auf mit den Kristallen?�</p><p>�Ja, wir haben genug. Nun stecken wir all unsere Kraft in den Bau eines Schiffes, das uns �ber das Eis tragen wird, auch wenn ich keine Ahnung habe, wie solch ein wundersames Gef�hrt aussehen k�nnte.� Kolja griff nach seiner Prothese. Der klopfende Schmerz im Stumpf meldete sich wieder. Was zum Donner war das nur? �Hol dir deine M�nner und fang an�, sagte er mit gepresster Stimme. �Ich sto�e sp�ter zu euch, Nabor.�</p><p>�Das war die beste Entscheidung seit Wochen, das verspreche ich dir, Drusnier!�</p><p>Als er zur�ck zu den Landungsk�rben ging, summte der Lotse leise ein Lied. Das hatte er nicht mehr getan, seit sie die Eisw�ste erreicht hatten.</p><p>Kolja lie� sich auf einer Kiste nieder, die halb im Schnee versunken war. �berall, rings um die riesige Felss�ule, lagen Tr�mmer ihres Wolkenschiffes. Die Reise war eine einzige Katastrophe. Er h�tte auf den Zapote im roten Federmantel h�ren sollen. W�re er in Wanu geblieben, um Vogelschei�e zu sammeln, w�rde es ihm jetzt sicher besser gehen.</p><p>Jetzt, da niemand in H�rweite war, erlaubte er es sich zu st�hnen. Der Schmerz im Arm war schlimmer als die Schmerzen, die er damals im Dschungel gelitten hatte, als ihm die Daimonin den Arm abgehackt hatte. Er l�ste die Lederriemen, die seine Prothese hielten. Den falschen Arm abzunehmen verschaffte ihm ein wenig Erleichterung.</p><p>Er zog den Wollsocken ab, den er �ber den Stumpf gezogen hatte, und zog scharf die Luft ein: Das rote Narbengewebe hatte sich ver�ndert! Eine Wucherung, so breit wie zwei Finger, ragte etwas mehr als einen Zoll aus seinem Stumpf. Ungl�ubig tastete er dar�ber. Etwas Hartes verbarg sich unter dem neu gewachsenen rosa Fleisch. Die Ber�hrung schmerzte so sehr, dass ihm Tr�nen in die Augen traten. Es f�hlte sich an, als w�rden zwei Knochen in dem Fleisch stecken. Etwa so dick wie Schweinerippchen.</p><p>Trotz der Schmerzen, die es bereitete, tastete er erneut �ber die Wucherung. Dabei erinnerte er sich an die Worte des Lotsen. Das seltsame Kompliment, als sie ihr Nachtquartier verlassen hatten. Was hatte Nabor gesagt? Er s�he frischer aus? Kolja tastete �ber sein Gesicht, das in den letzten Tagen immerzu juckte. War seine Haut glatter geworden, oder bildete er sich das ein? Und was war das! Er strich �ber die Narbenw�lste, die alles waren, was von seinen Brauen noch geblieben war. Stoppeln! Seine goldblonden Augenbrauen waren seit mehr als einem Jahrzehnt verschwunden. Kein einziges Haar war mehr aus dem vernarbten Fleisch gesprossen. Das war der Preis f�r seine Siege in den Arenen von Luwien gewesen. Die Faustk�mpfer wickelten sich mit Messing- oder Eisennieten beschlagene Lederb�nder um ihre H�nde, wenn sie in den Kampf zogen. Gerade im Gesicht, wo die Haut nur d�nn �ber den Knochen lag, hinterlie�en sie schreckliche Narben. Sein Ehrgeiz, immer noch einen weiteren Triumph zu erlangen, hatte ihn langsam in ein vernarbtes Ungeheuer verwandelt. Zuletzt hatten nur noch Huren, die er f�rstlich bezahlte, mit ihm schlafen wollen, so schrecklich war er anzusehen gewesen.</p><p>Kolja schob die H�nde unter die Wollm�tze. Er betastete die kleinen, fleischigen Kl�mpchen, zu denen seine verletzten Ohren geschrumpft waren. Auch sie f�hlten sich anders an. Beschenkte Nangog ihn daf�r, dass er die Mission weiterf�hrte und den Platz von Barnaba eingenommen hatte?</p><p>Der Drusnier blickte auf den seltsamen Wulst, der aus seinem Arm wucherte. Konnte sie selbst verlorene Glieder nachwachsen lassen? Wer, wenn nicht sie, k�nnte ein solches Wunder vollbringen. Schlie�lich hatte sie auch all die seltsamen Tiermenschen erschaffen. Er war ihr Auserw�hlter! Sie hatte Gro�es mit ihm vor!</p><p>Behutsam zog er den Wollsocken wieder �ber den Stumpf. Er w�rde dieses Geheimnis zun�chst f�r sich behalten. Es lagen noch schwere Tage vor ihnen. Ein Wunder w�rde die Moral der M�nner wieder aufrichten, wenn die Stunde der tiefsten Verzweiflung kam. Und die war nahe, wenn all ihre Hoffnung auf der aberwitzigen Idee ruhte, ein Schiff zu bauen, das �ber Eis segeln konnte.</p></section><section><title><p>Nur ein Strohhalm</p></title><p>Wieder konnte Kolja nicht schlafen. Das endlose Jucken machte ihn noch wahnsinnig. Wie in den N�chten zuvor hatte er schlie�lich die Wache am Eingang abgel�st, um �ber das Feuer zu wachen. Der Schiffer war dankbar unter seine Decken gekrochen und augenblicklich eingeschlafen.</p><p>Wind heulte in der zerfetzten Takelage des Wolkenschiffs. Es war eine wolkenlose Nacht. Die beiden Monde standen tief �ber der Eisebene, und es war fast taghell. Kolja hatte den Tag �ber mitgeholfen, Planken und Werkzeug f�r den Segler zusammenzutragen. Die meiste Zeit war mit fruchtlosen Diskussionen verschwendet worden. Keiner wusste, wie ein Eissegler aussehen sollte. Zuletzt hatte er vorgeschlagen, ihn wie einen gro�en Schlitten anzulegen�� eine Plattform mit Kufen. Mit Schlitten kannte er sich ein wenig aus. Er erinnerte sich noch gut daran, wie er mit den anderen Jungen und M�nnern seines Dorfes zum Holzschlagen hinaus in die W�lder gemusst hatte, wenn der Winter l�nger als erwartet gedauert hatte. Die zers�gten St�mme hatten sie auf Schlitten zur�ckgezogen. Aber ein Schlitten mit einem Segel darauf�� Kolja war sich nicht mehr so sicher, ob Nabors Plan wirklich gut war.</p><p>Verdrossen kratzte er sich am Fleischknoten, der von seinem linken Ohr geblieben war. Verfluchte Juckerei! Das konnte doch kein Wunder der Gro�en G�ttin sein. Warum qu�lte sie ihn so sehr? Auch sein verst�mmelter Arm peinigte ihn wieder. Er konnte sp�ren, wie sich der Knochen durch das neu wachsende Fleisch schob.</p><p>Wenn dieses Wunder einen anderen Ursprung hatte? Schon fr�her am Tag hatte er an seinen Kampf unten im Abgrund gedacht, als ihm einer der gr�nen Kristalle tief in den R�cken gerammt worden war. Kolja schob die Fellweste und die dicke wollene Tunika hoch und tastete �ber seinen R�cken. Es gab nicht einmal eine Kruste an der Stelle. Die Wunde h�tte ihn t�ten k�nnen. Stattdessen war sie binnen k�rzester Zeit verheilt. Auch das war ein Wunder. Und der Kristall, der in seinem Fleisch h�tte stecken sollen, war spurlos verschwunden.</p><p>Der Drusnier dr�ckte und tastete seinen R�cken ab, wie er es schon Dutzende Male in den letzten Tagen getan hatte. Da war nichts! Lag es also an dem Traumeis, dass er sich ver�nderte? Barnaba hatte nie erz�hlt, wozu diese seltsamen Kristalle vom Ende der Welt dienen sollten. Ganz gewiss waren sie voller Zaubermacht. Aber was bewirkten sie?</p><p>Sie hatten Hunderte der gr�nen Kristalle geerntet. Sie waren in allen m�glichen F�ssern, Kistchen und Kr�gen gelagert. Alle mit Schnee aufgef�llt, damit die Kristalle w�hrend des Transports nicht zerbrechen konnten. Wenn es denn je einen Transport geben w�rde. Ein Schlitten mit einem Segel�� Kolja spuckte �ber die Flammen des Feuers hinweg nach drau�en. So etwas hatte es noch nie gegeben. Und er kam aus einem kalten Land! Im Gegensatz zu seiner bunt gemischten Mannschaft, von denen die meisten vor ihrer Reise in den Norden noch nie Schnee gesehen hatten.</p><p>Auf diese M�nner zu vertrauen w�re dumm.</p><p>Kolja weckte einen der Wolkenschiffer, damit dieser die Wache �bernahm, dann kroch er durch den niedrigen Eingang ihres Quartiers ins Freie. Der Wind trieb feine Schneekristalle vor sich her, die ihm wie Nadeln ins Gesicht stachen. Nichts deutete darauf hin, dass die Geister zur�ckgekehrt waren.</p><p>Das Mondlicht war so hell, dass er keine Laterne ben�tigte, um in den F�ssern und Kisten, die im Windschatten der Landungsk�rbe standen, zu finden, was er suchte. Es war besser, wenn Nabor und die anderen nicht sahen, was er tat. Als Wolkenschiffer w�rden sie es vielleicht nicht gut aufnehmen. Es war nur ein Strohhalm, nach dem er nun greifen w�rde, aber vielleicht waren die G�tter ihnen zuletzt doch noch gn�dig gesinnt.</p><p>Er nahm f�nf besonders gro�e Traumeiskristalle aus ihrem Vorrat, wickelte sie in Stofffetzen ein und legte sie vorsichtig in eine Ledertasche, die er �ber der Schulter trug. Dann machte er sich auf den Weg zu <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont.</emphasis></p><p>Der Wolkensammler und das Schiffswrack, das von ihm herabhing, waren zu einer grotesken, furchteinfl��enden Eisskulptur geworden. In den ersten Tagen nach dem Schiffbruch war der Schnee, der sich auf dem R�cken des Himmelsgiganten sammelte, durch die K�rperw�rme noch angetaut. So hatte Eis die Tentakel und die Seile �berzogen, die vom aufgedunsenen Leib des Wolkensammlers hinabhingen. Und auch der zersplitterte Rumpf und der Schiffsbaum waren in einen Eispanzer geh�llt. Unz�hlige Eiszapfen hingen vom Wrack und dem sterbenden Wolkensammler.</p><p>Der Wind war ein wenig abgeflaut, als Kolja in das Wrack einstieg. Er hatte eine Dornaxt, wie sie die Steppenreiter nutzten, als Kletterhilfe mitgenommen. Das silberne Licht der beiden Monde lie� das zerst�rte Schiff wie einen Palast aus Glas erscheinen.</p><p>Vorsichtig tastete sich der Drusnier voran. Er mied die absch�ssigen Decks des Wracks, die dort, wo der Rumpf zersplittert war, direkt in den Krater m�ndeten. Wenn er hier ausrutschte, w�rde er in den bodenlosen Abgrund st�rzen, und das Letzte, was er in seinem Leben s�he, w�re die leibhaftige G�ttin Nangog, die tief im Inneren der Welt schlummerte.</p><p>Kolja fand eine eisverkrustete Strickleiter, die einmal Teil der Wanten gewesen war, und setzte vorsichtig seinen Fu� darauf. Eis splitterte, doch das z�he Hanfseil hielt. Gefrorene Taue und abgestorbene Tentakel s�umten seinen Weg nach oben. �ber ihm klirrten Eiszapfen. Er sp�rte, wie das Takelwerk, das durch die Eiskruste zu einer einzigen Masse verbunden war, durch seine Bewegungen zu schwingen begann. Schon l�sten sich die ersten Eiszapfen und st�rzten in die Tiefe.</p><p>Kolja verharrte. Er hatte Zeit. Es w�rde noch viele Stunden dauern, bis der Morgen anbrach. Er zog das Messer, das neben der Dornaxt in seinem G�rtel steckte. Knapp eine Armesl�nge entfernt sah er die wei�en Saugn�pfe eines gr��eren Fangarms. Woher Barnaba wohl diese Klinge gehabt hatte? Nie zuvor hatte Kolja ein Messer gesehen, das so m�helos durch alles hindurchschnitt. �Was f�r eine Geschichte w�rdest du wohl erz�hlen, wenn du reden k�nntest?�, murmelte er leise, dann rammte er den Stahl tief in den Fangarm. Knirschend versank die Klinge im gefrorenen Fleisch. Nachdem er mit einigen beherzten Schnitten einen tiefen Spalt geschaffen hatte, schob er das Messer zur�ck in die Scheide am G�rtel, zog den Pelzf�ustling von der Hand und streckte sie nach der �ffnung im Fleisch. Seine Finger tasteten in die Wunde. Der Tentakel war durch und durch gefroren. Hier gab es kein Leben mehr. Er brauchte lebendes Gewebe, wenn er ein Traumeiskristall pflanzen wollte.</p><p>Beklommen sah er nach oben. Immer noch schwangen die Eiszapfen an den Seilen. Manche von ihnen waren so lang wie sein Arm. Sie w�rden ihn mit der Wucht von Wurfspeeren treffen, wenn sie abbrachen.</p><p>Ein Blick nach unten zeigte ihm, dass er schon etwa zehn Schritt �ber dem Hauptdeck war. Wie weit musste er steigen, bis er einen Fangarm fand, in dem noch Leben war? Still stand er auf der Strickleiter und betrachtete die immer noch schwingenden Taue und Eiszapfen, in denen der Wind ihm sein Totenlied sang. Die K�lte durchdrang seine Kleider, fra� sich in sein Fleisch bis tief in seine Knochen. Er sah wieder nach oben, erforschte das Kn�uel aus Seilen, gebrochenen Masten, Tentakeln und zerfetztem Segeltuch. �Wo ist noch Leben in dir?�, fragte er beschw�rend. �Ich will dich nicht verletzen. Ich werde dich retten. Gib mir ein Zeichen, <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont!</emphasis>�</p><p>Links, etwa drei Schritt �ber ihm, hing ein gesplitterter Mastbaum. Zwei m�chtige Tentakel wanden sich �ber das eisglitzernde Holz. Das zerfetzte Segel hing wie der Bart eines Riesen davon herab. Dort, dachte Kolja, wenn er dort kein Leben fand, dann m�sste er bis ganz hinauf zum ausgemergelten Leib des Wolkensammlers klettern.</p><p>Er kletterte weiter die Strickleiter hinauf, vom Klirren der Eiszapfen begleitet. Dann streckte er sich. Doch sosehr er sich bem�hte, es fehlten einige Zoll bis zum Ende des Mastbaums. Die Leiter hing zu weit entfernt.</p><p>Leise sirrend fielen die ersten Eiszapfen aus dem Gespinst um ihr totes Schiff. Mit hellem Klang streiften sie das Eis an den Seilen und zerbarsten tief unter ihm auf dem Deck. Kolja sprang, hing einen bangen Moment in der Luft und prallte dann auf das zersplitterte Mastende. Seine Hand krallte sich in ein Kn�uel gefrorener Taue. Unter dem Aufprall seines Leibes begann der Mast zu schwingen wie ein Rammbock, der das Tor einer feindlichen Stadt aufsprengen sollte. Koljas Beine krampften sich um das rissige Holz. Mit beiden Armen umschlang er es. Immer mehr Eiszapfen l�sten sich �ber ihm. Einige trafen seinen R�cken. Noch hatte er Gl�ck, denn es waren nur kleinere. Er drehte sich, bis er mit dem Leib unter dem Mastbaum hing. So wartete er, bis das Schwingen aufh�rte. Wenig sp�ter endete auch der Hagel aus Eiskeilen.</p><p>Behutsam drehte er sich zur�ck auf den Mast. Ganz langsam, Zoll um Zoll kroch er den beiden gro�en Fangarmen entgegen, die sich um die Mitte des Mastes wanden. Auch sie waren von Raureif �berzogen und schienen tot zu sein wie alles, was sich in diesem Netz aus Eis und Hanf verfangen hatte.</p><p>Kolja zog erneut sein Messer und schnitt den vorderen der beiden Tentakel auf. Endlich floss Blut! Tief unter der Kruste aus Eis war noch Leben. Er verl�ngerte den Schnitt und zog einen der Kristalle aus seiner Tasche. Vorsichtig wickelte er den Lumpen ab. Das Traumeis war so dick wie zwei seiner Finger und l�nger als seine Hand. Schillernd brach sich das Mondlicht in den Facetten des gr�nen Kristalls. Hoffentlich irrte er nicht! Er hob den Kristall an seine Lippen und hauchte einen Kuss darauf. Dann rammte er ihn tief in die klaffende Wunde.</p><p>Der Tentakel zuckte auf. Knirschend zerbrach sein Eispanzer, als sich die Windungen vom Mastbaum abrollten. Das Rundholz geriet aus der Balance und kippte nach unten. Kolja packte ein Seil, aber seine Finger fanden auf dem Eispanzer keinen Halt. Er rutschte ab und st�rzte in das Netz der gefrorenen Takelage. Verzweifelt griff er um sich. Immer wieder glitt er ab, st�rzte ein St�ck, wurde von Seilen in seinem Fall gebremst, griff ins Leere und st�rzte noch tiefer.</p><p>�ber ihm peitschte der verwundete Tentakel durch die Takelage, zerriss dicke Taue, als w�ren es nur Wollf�den, und l�ste einen Sturm st�rzender Eiszapfen aus. Kolja riss seinen verst�mmelten Arm zum Schutz �ber seine Augen, als Dutzende Eiszapfen ihn trafen. Dann prallte er mit dem R�cken auf das schr�g stehende Hauptdeck. Er keuchte auf vor Schmerz und rutschte auf dem absch�ssigen Deck dem Abgrund entgegen. Verzweifelt zerrte er die Dornaxt aus seinem G�rtel, um ihre Spitze ins Holz zu schlagen. Doch das Ende kam zu schnell.</p><p>Als Kolja ausholte, ging sein Hieb ins Leere. Seine Rutschpartie war beendet. Ungebremst schoss er �ber den Rand des zersplitterten Decks hinweg in die Tiefe.</p></section><section><title><p>Nur ein Schatten</p></title><p>Kolja lie� sie los. Die Dornaxt, die ihm nicht mehr helfen w�rde. Jede Hoffnung, doch noch irgendwie dem Tod ein Schnippchen zu schlagen, war dahin. So viele K�mpfe hatte er �berlebt. Er hatte mehr Gl�ck in seinem Leben gehabt, als einem einzelnen Menschen von den G�ttern zugestanden wurde. Nun war sein Gl�ck aufgebraucht. Er weitete die Arme und lachte. Ob er auf der Brust Nangogs zerschmettert werden w�rde? Einem Busen wie ein Gebirge. Eigentlich kein schlechtes Ende, auch wenn er deutlich lieber im Bett der Seidenen gestorben w�re. Aber die lag nun sicher in Tarkons Bett, in��</p><p>Ein harter Ruck beendete den Sturz. Brennender Schmerz durchfuhr ihn. Er hatte das Gef�hl, sein rechtes Bein w�rde ihm ausgerissen. Und dann st�rzte er erneut. Doch diesmal nach oben, dem Rand des Kraters entgegen.</p><p>Wild mit den Armen um sich schlagend, b�umte er sich auf und sah nach oben. Ein d�nner Fangarm hatte seinen Kn�chel umschlungen. <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> lebte! Und der Wolkensammler war sich bewusst, was um ihn herum geschah. Er hob Kolja aus dem Abgrund und bettete ihn sanft auf eine Schneewehe nahe dem Kraterrand. Der Drusnier sp�rte die Gedanken des Wolkensammlers. Da war keine Stimme in seinem Inneren, sondern einfach nur Bewusstsein. <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> hatte erkannt, dass Kolja ihn nicht mutwillig verletzen, sondern ihm hatte helfen wollen. Und er war dankbar daf�r. Zumindest glaubte Kolja es. Ohne Worte blieb alles vage.</p><p><emphasis>Ich kann auch zu dir sprechen, obwohl deine Sprache nicht tiefgr�ndig genug ist, um wirklich ausdr�cken zu k�nnen, wie ich denke und empfinde.</emphasis></p><p>��h, was?� Kolja rieb sein schmerzendes Bein. Dieses Gerede hier war ihm nun eindeutig zu hoch.</p><p><emphasis>Stell dir vor, wir beide sitzen in einer H�hle und du blickst auf eine glatte Felswand vor dir. Ich sitze hinter dir. Und hinter mir brennt ein Feuer. Die Flammen werfen unser beider Schatten auf die Felswand. Ich bin ein Fremder f�r dich. Ich habe nach dir die H�hle betreten, und ein Bannzauber verhindert, dass du dich zu mir umdrehen kannst. Alles, was du von mir kennst, ist mein Schatten. So ist es mit deiner Sprache f�r mich. Von dem, was ich dir sagen m�chte, bleibt nur noch ein Schatten, wenn ich es in Worte f�r dich kleide. Geteilte Gef�hle sind viel unmittelbarer.</emphasis></p><p>�Mir ist es aber lieber so�, entschied Kolja. �Gef�hle sind nicht so greifbar wie Worte.� Er sp�rte, dass seine Antwort <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> traurig stimmte. �Werden wir sterben?�</p><p><emphasis>Ja, das ist unser Schicksal. Es ist der Tod, der dem Geschenk des Lebens seinen Wert gibt. Doch, ob wir hier sterben, wei� ich nicht. Der Tod ist uns sehr nahe. Ebenso wie die Gro�e G�ttin. Doch ich sp�re sie nicht. Sie ist nicht in meinen Gedanken. Ich glaube, sie nimmt keinen Anteil an unserem Schicksal. Vielleicht wei� sie nicht einmal, dass wir hier sind und ihre gefrorenen Tr�ume stehlen.</emphasis></p><p>�Aber kommen wir von hier weg?�</p><p><emphasis>Ich wei� es nicht. Ich kann nicht in die Zukunft sehen.</emphasis></p><p>Kolja blickte zu dem riesigen, geschundenen Wolkensammler auf, der von der Felsnadel hing. Es war schwer zu akzeptieren, dass so ein gewaltiges Gesch�pf genauso hilflos war wie er.</p><p>�Was macht das Traumeis mit uns?�, fragte der Drusnier schlie�lich nach langem Schweigen.</p><p><emphasis>Es erf�llt uns unseren geheimsten Wunsch, glaube ich. Ich kann sp�ren, wie ich mich zu ver�ndern beginne. Es ist kein angenehmes Gef�hl. Du kennst es ja.</emphasis></p><p>�Das ist doch eine gute Sache. Ich freue mich, wenn mir wirklich mein Arm nachwachsen sollte.�</p><p><emphasis>Ich bin mir nicht so sicher, ob es wirklich gut ist.</emphasis></p><p>�Du hast leicht reden!�, zischte Kolja w�tend. �Du hast Hunderte Arme. Du kannst nicht ermessen, wie es ist, wenn man nur zwei hat und einer fehlt.�</p><p><emphasis>Da hast du sicher recht. Aber �berlege, Kolja, was unsere geheimsten W�nsche sind. Sind es nicht oft W�nsche, die aus der Freiheit geboren wurden, dass wir genau wissen, dass sie sich niemals erf�llen werden. Wird es nicht am Ende allen schaden, wenn diese W�nsche wahr werden?</emphasis></p><p>�Das ist mir zu hoch.� Insgeheim w�nschte Kolja sich, der Wolkensammler w�re immer noch stumm. Mit dem Unsinn, den er von sich gab, konnte er nichts anfangen. Und das verunsicherte ihn. Ein so riesiges Gesch�pf, das angeblich sieben Gehirne hatte, konnte doch nicht dumm sein. Das bedeutete im Umkehrschluss, dass er zu d�mlich war, um zu begreifen. Der Gedanke gefiel ihm gar nicht! �Was schadet es, wenn meine Narben verschwinden und mir der Arm nachw�chst?�</p><p><emphasis>Bist du mit einem Arm ein gef�hrlicher Krieger? Mit zwei Armen wird es dir noch leichter fallen, andere umzubringen.</emphasis></p><p>Kolja schnaubte. Eine richtige Antwort war ihm das nicht wert.</p><p><emphasis>Es stimmt. Das war sehr flach und oberfl�chlich. Du w�nschst dir, wieder jung zu sein. Der Mann, der vor vielen Jahren mit schlotternden Knien zum ersten Mal in eine Arena getreten ist.</emphasis></p><p>�Mir haben nie die Knie geschlottert!�</p><p><emphasis>Kolja, ich bin in deinen Gedanken. Ich kann all deine Erinnerungen sehen. Du warst ein h�bscher Mann. Es ist dir leichtgefallen, Frauen zu bet�ren, und du hast von dieser Gabe reichlich Gebrauch gemacht, ohne einer von ihnen wirklich dein Herz zu schenken.</emphasis></p><p>�Warum sollte ich mich an nur eine h�ngen, wenn ich fast alle haben kann. Das w�re doch dumm.�</p><p><emphasis>Ja, dumm bist du nicht. Obwohl du sehr jung warst, hast du sehr schnell begriffen, dass die meisten der Frauen nur an einer Nacht mit dem strahlenden Arena-Helden interessiert waren. Sie wollten deine St�rke sp�ren und deine Leidenschaft. Sie wollten im Glanz deines Ruhmes stehen. Wer du wirklich bist, war ihnen egal. Du hast dein Herz f�r dich behalten, weil es sich keine von ihnen verdient hatte.</emphasis></p><p>�Sentimentales Geschwafel�, schnaubte Kolja. Dieses Gerede war ihm unangenehm. Er war sich ziemlich sicher, dass er seine Gef�hle im Grunde gut verbergen konnte. Und allzu viele Gef�hle hatte er zum Gl�ck auch nicht. Gef�hle machten nur Kopfschmerzen und lie�en einen nachts schlecht schlafen. Und dann kam so eine aufgedunsene Himmelswurst mit Tentakeln und erz�hlte ihm, wer er war. Das brauchte er nicht!</p><p><emphasis>So, wie du im Augenblick bist, besteht keine Diskrepanz zwischen deinem Inneren und deinem �u�eren.</emphasis></p><p>Kolja schluckte. <emphasis>Das</emphasis> war verst�ndlich und direkt gewesen. �Du findest also, ich sei ein Monster, und so sehe ich auch aus. Es stimmt�� Kleine Kinder haben Angst vor mir, wenn sie mich sehen. Und auch die meisten Erwachsenen.�</p><p><emphasis>Du tr�gst Narben auf deinem Leib wie auf deiner Seele. Der Mann, der du einmal warst, der h�bsche, starke J�ngling, der mit zitternden Knien in die Arena trat, den gibt es schon lange nicht mehr.</emphasis></p><p>�Wie auch!�, begehrte er auf. �Hast du eine Ahnung, wie es ist, wenn man dir einen Lederriemen mit Eisennieten darauf in die Fresse haut und das Publikum vor Begeisterung gr�lt, wenn du vor Schmerz schreist und Blut spuckst.�</p><p><emphasis>Nein.</emphasis> Die Stimme in Koljas Gedanken klang nicht herablassend, sondern ganz und gar aufrichtig und mitf�hlend. <emphasis>Man kann dich m�gen oder auch nicht, aber du bist auf deine Art aufrichtig. Du machst niemandem etwas vor. Du lebst in einer Welt der Gewalt, und du kommst bestens damit klar, denn du schreckst nicht davor zur�ck, deine Ziele gewaltsam durchzusetzen. Du bist skrupellos, aber nicht grausam. Du findest keinen Gefallen daran, Gewalt einzusetzen. Du qu�lst niemanden, um dich an deiner Macht �ber ihn zu berauschen. Allerdings bist du bereit, deine besten Freunde, wie etwa Volodi, zu verraten, wenn es dir n�tzlich erscheint. Wirst du wieder ein h�bscher J�ngling, dann werden die Menschen, die dich nicht kennen, dir mit Vertrauen und Zuneigung begegnen, statt vom ersten Augenblick an auf der Hut zu sein. Sie ahnen ja nichts von den Narben auf deiner Seele. Versteh mich nicht falsch. Ich urteile nicht �ber dich, Kolja. Das steht mir nicht zu. Und ich wei� sogar, dass es dir leidgetan hat, Volodi den Zapote auszuliefern. Du hast den Nutzen der Zinnernen �ber den deines Freundes gestellt. Das ist ja im Grunde ein edles Motiv.</emphasis></p><p>�Ich k�nnte mich ja �ndern�, entgegnete der Drusnier trotzig. Nie hatte jemand so klar mit ihm gesprochen, ihn so tief durchschaut. Nicht einmal Volodi. �Wenn ich wieder ein h�bscher, junger Mann bin, werde ich vielleicht auch wieder so freundlich, wie ich einmal war. Es k�nnte ja einen guten Einfluss auf mich haben, wenn nicht allen Menschen, die mir begegnen, Angst und Abscheu ins Gesicht geschrieben stehen.�</p><p><emphasis>Du wirst dich ganz sicher ver�ndern. Wir alle tun das. Jeden Tag. Nur eins ist Illusion. Es gibt keinen Weg zur�ck, niemals. Ein Baum wird nicht mehr zum Spr�ssling, ganz gleich, wie sehr er es sich w�nscht. Ein Wolf, der Blut geleckt hat, wird nie wieder der verspielte Welpe sein, der die Milch seiner Mutter trinkt. Horch in dich hinein. Du wei�t, dass es so ist. Den netten J�ngling haben sie in den Arenen aus dir herausgepr�gelt. Es gibt ihn nicht mehr. Was geblieben ist, ist ein Mann, der immer wieder aufsteht, ganz gleich, wie viel er einstecken muss. Du musst erst deinen letzten Atemzug getan haben, bevor du eine Niederlage akzeptierst.</emphasis></p><p>�Ich bin jedenfalls kein weinerliches Weichei.� Kolja sp�rte, wie die Worte den Wolkensammler am�sierten.</p><p><emphasis>Weichei�� Manchmal ist eure Sprache doch �berraschend.</emphasis> Pl�tzlich wirkte der Wolkensammler beunruhigt. Einige der Tentakel oben am Schiffswrack wanden sich und l�sten einen erneuten Hagel von Eiszapfen aus. <emphasis>Es wirkt, das Traumeis. Ich kann es sp�ren. �berrasche mich, Kolja. Zeige mir, dass Menschen etwas verm�gen, was wir nicht k�nnen, ihren Charakter ver�ndern! Lasse auch die Narben auf deiner Seele heilen.</emphasis></p><p>Kolja hielt f�r eher unwahrscheinlich, dass er ein netter Mann w�rde, wenn er wieder wie fr�her auss�he. �Wovon tr�umst du?�</p><p><emphasis>Davon, wovon alle Wolkensammler tr�umen. Vom Fliegen.</emphasis></p><p>�Aber du fliegst doch schon���</p><p><emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> l�ste den Tentakel, der die ganze Zeit um Koljas Fu�gelenk geschlungen gewesen war, und zog sich zur�ck. Die Verbindung zwischen ihnen war damit abgerissen. Das Letzte, was Kolja mit fast schmerzhafter Intensit�t gesp�rt hatte, war die Angst des Wolkensammlers. Angst vor dem Fliegen!</p><p>Er sah zu der riesigen, geschundenen Kreatur auf. <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> hatte ihn ganz und gar durchschaut, aber umgekehrt war ihm der Wolkensammler ein R�tsel geblieben.</p></section><section><title><p>Roter Traum</p></title><p>�Du gibst wohl niemals auf?� Der Torw�chter vor Amalaswinthas H�hlenpalast stellte sich ihm breitbeinig in den Weg. �Du magst der Bewahrer der Goldenen Axt und der neue G�nstling Eikins, des Alten in der Tiefe, sein, doch in der Gunst meiner Herrin stehst du nicht.� Der Krieger grinste ihn frech an. �Man kann eben nicht alles haben.�</p><p>�K�nnte ich ihr denn vielleicht dies Geschenk �berreichen?� Hornbori hob die dunkel gebeizte, mit filigranen Messingbeschl�gen geschm�ckte Kiste hoch, von deren Inhalt er erhoffte, vielleicht doch noch Amalaswinthas kaltes Herz f�r sich zu erw�rmen. Sie sollte sich nicht so anstellen. Schlie�lich hatten es Galar, Glamir und Nyr dank des Verrats von Bailin geschafft zu fliehen. Er hatte sie also nicht gek�pft. Au�erdem hatte er der sch�nen Zwergin ja in aller Deutlichkeit gesagt, dass ihm diese Entscheidung schier das Herz zerrissen habe.</p><p>�Was ist da drin?�, fragte der Torw�chter neugierig.</p><p>�Das geht dich wohl kaum etwas an���</p><p>�Entt�uschte Liebhaber tun verr�ckte Dinge.�</p><p>Das feixende Grinsen des W�chters reizte Hornbori bis aufs Blut. Sobald er Amalaswinthas Gunst zur�ckgewonnen hatte, w�rde er daf�r sorgen, dass sie diesen Mistkerl entlie�. Besser noch, in seinem neuen Amt k�nnte er ihn zu den Kriegern abkommandieren, die f�r die Alben und Himmelsschlangen ins Feld ziehen sollten.</p><p>�Es k�nnte eine Giftschlange in dem K�stchen sein�, beharrte der W�chter mit aufgesetztem Ernst.</p><p>�Oder ein Skorpion. Oder ein gurusischer Zwergwolf, dessen Geheul einen zu Stein werden l�sst. Halt mal die Kiste, ich halte mir meine Ohren zu.� Mit diesen Worten dr�ckte er dem W�chter die Kiste in die Hand.</p><p>Das L�cheln des W�chters verschwand. �Gurusischer Zwergwolf? Nie geh�rt���</p><p>�Na, dann musst du dir ja keine Sorgen machen.� Hornbori schob sich die Finger halb in die Ohren. �Dann walte deines Amtes und �ffne die Kiste.�</p><p>�Du machst Witze���</p><p>�Ich bin der Bewahrer der Goldenen Axt, einer der h�chsten W�rdentr�ger der Ehernen Hallen. Machen solche M�nner Witze?�, entgegnete Hornbori bierernst.</p><p>Dem W�chter standen jetzt Schwei�perlen auf der Stirn. Vorsichtig stellte er die Kiste vor sich auf den Boden. Dann zog er einen Dolch.</p><p>�Willst du mein Geschenk niederstechen?�</p><p>�Drecksack�, murmelte der W�chter, klappte den Messingverschluss zur�ck und schob die Dolchspitze vorsichtig in den Spalt unter dem Kistendeckel. F�r einige Herzschl�ge verharrte er so, dann hebelte er den Deckel hoch. �Ein Barinstein?� Noch mehr als die Verwunderung war ihm die Erleichterung anzuh�ren.</p><p>�Nicht irgendein Barinstein.� Hornbori nahm die Arme herunter. Er hatte ein Verm�gen f�r den durchscheinenden, von innen heraus leuchtenden Stein ausgegeben. �blicherweise leuchteten sie in einem warmen Bernsteinlicht. Dieser jedoch erstrahlte in einem matten Rot, was �u�erst selten war. Er hatte sich dieses Geschenk nur leisten k�nnen, weil es ihm in den letzten beiden Wochen dank seiner neuen Position gelungen war, im Rat der Ehernen Hallen ein Gesetz durchzusetzen, das ihm als letztem m�nnlichen �berlebenden aus der Tiefen Stadt die Verm�genswerte ausgel�schter Sippen �berschrieb. Nun geh�rten ihm vier kleinere Pal�ste samt Personal und mehrere gut gef�llte Warenlager. Sein neues Amt war nun auch auf einer realen Machtbasis begr�ndet. Und das war erst der Anfang.</p><p>�Ich glaube, Amalaswintha wird einigerma�en ver�rgert sein, wenn sie erf�hrt, dass dieses Geschenk nicht den Weg zu ihr gefunden hat. Es hat den Gegenwert von etwa drei voll ausger�steten Aalen.� Hornbori kniete nieder und klappte den Deckel des kleinen Kistchens zu. �Ich geh dann wieder.�</p><p>�Ist gut!�, zischte der W�chter. �Lamga!�, rief er in den Tunnel hinein. �Komm her!�</p><p>Es dauerte eine Weile, bis eine Dienerin erschien, die in ziemlich jedem Aspekt das genaue Gegenteil von Amalaswintha war. Ihr struppiges, blondes Haar war ungepflegt und str�hnig, das Gesicht grobschl�chtig mit h�ngenden Wangen, und ihr Kleid sah aus, als w�re es aus einem Sackstoff gen�ht.</p><p>Der Torw�chter dr�ckte ihr das K�stchen in die Hand. �Bring das der Herrin und sage ihr, dass es vom ehrenwerten Ratsherren Hornbori stammt, dem Bewahrer der Goldenen Axt.�</p><p>Die Dienerin bedachte Hornbori mit einem kurzen Blick aus tr�ben, blauen Augen, dann nahm sie das Geschenk und verschwand wieder im Tunnel.</p><p>�Gibt es Neuigkeiten �ber das gro�e Heer?� Der W�chter hatte nun einen deutlich verbindlicheren Ton angeschlagen.</p><p>�Nur Ger�chte�, entgegnete Hornbori. �Es hei�t, die ersten Einheiten seien nach Nangog gegangen. Aber niemand wei�, wo sie k�mpfen.�</p><p>�Stimmt es, dass sogar Riesen mit ihnen ziehen und die Elfenf�rsten von Arkadien eine Streitmacht von tausend Sichelstreitwagen aufgeboten haben.�</p><p>�Gibt es �berhaupt so viele Elfen in Arkadien?� Hornbori sch�ttelte den Kopf. �Den Elfen traue ich nicht, die werden sicherlich nichts unversucht lassen, um sich zu dr�cken. Das K�mpfen �berlassen die uns Zwergen. Mehr, als nett auszusehen und sch�ne Reden zu schwingen, haben die doch nicht auf dem Kasten. Wenn es hart auf hart kommt, dann braucht man M�nner wie uns.�</p><p>Der W�chter gab ein zustimmendes Schnauben von sich. �Stimmt. Ohne die Drachen sind die Elfen gar nichts.�</p><p>Sie plauderten eine ganze Weile �ber die Vorz�ge von �xten und Armbr�sten im Vergleich zu Schwertern und Langb�gen, bis endlich Lamga zur�ckkehrte. �Die Herrin w�nscht euch zu empfangen.� Sie h�stelte verlegen. �In ihrem Schlafgemach. Bitte folgt mir.�</p><p>Hornbori h�tte einen Luftsprung machen k�nnen. Amalaswinthas Gunst war das, was ihm noch gefehlt hatte, um sein Gl�ck vollkommen zu machen. Die Alben liebten ihn! Er hatte immer gewusst, dass er zu Gro�em berufen war. So vieles hatte er nach dem Untergang der Tiefen Stadt erdulden m�ssen. Das Schicksal hatte ihn in die Gosse geschleudert, doch nun endlich begann sein Stern wieder zu steigen.</p><p>Mit beschwingtem Schritt folgte er Lamga in den tiefen Tunnel, der in den weit verzweigten H�hlenpalast f�hrte. Amalaswintha wusste wahrlich, wie man lebte! Zwei verschiedene Schlafgem�cher hatte er hier schon besuchen d�rfen und ein pr�chtiges Bad. Er sollte auch mehr als ein Schlafgemach haben. Er hatte gerade erst damit begonnen, sich in dem gr��ten der herrenlosen Pal�ste einzurichten, die nun ihm geh�rten. Vielleicht w�rde Amalaswintha ihm ja helfen.</p><p>Lamga blieb vor einem Durchgang stehen, der mit einem schweren Vorhang aus dunkelrotem Samt verschlossen war. �Hier, Herr.� Sie bedeutete ihm einzutreten, setzte selbst aber keinen Fu� �ber die Schwelle.</p><p>So eine pr�de Gans, dachte Hornbori, schob den Vorhang zur Seite, und der sinnliche Duft von Sandelholz umfing ihn. Dieses Gemach kannte er noch nicht. Alle W�nde waren mit rotem Samt drapiert. Ein gewaltiges Bett mit vier in sich gedrehten Pfosten aus Ebenholz beherrschte die H�hle. Auch die Kissen und Decken waren aus rotem Samt. Ein wohliges, warmes Gef�hl f�llte Hornboris Magen.</p><p>Amalaswintha sa� vor einem hohen Spiegel aus poliertem Silber und k�mmte ihr Haar. Sie wandte ihm den R�cken zu, hatte die T�r aber durch den Spiegel im Blick.</p><p>�Ein ausgefallenes Geschenk.�</p><p>Wie er ihre rauchige, sinnliche Stimme liebte. �Wie k�nnte ich weniger als das Erlesenste als Morgengabe f�r die erlesenste unter allen Damen bringen.�</p><p>Sie lachte leise. �Ich gestehe, dass ich deine Schmeicheleien ein wenig vermisst habe. Kein anderer Zwerg versteht sich so auf sch�ne Worte wie du.� Sie fuhr mit einem Kamm aus Knochen durch ihr langes, schwarzes Haar. Auch der Stuhl, auf dem sie sa�, schien aus verleimten Knochen gefertigt zu sein. Sie hatte lasziv ein Bein �ber die Lehne geschwungen. Ihr langes, schwarzes Kleid war dabei hochgerutscht.</p><p>�Komm schon.� Endlich wandte sie sich ihm zu und betrachtete ihn nicht nur im Spiegel. Die R�ckkehr in die Ehernen Hallen hatte ihr gutgetan. Ihr Gesicht war wieder voller, die dunklen R�nder unter ihren Augen verschwunden. �So z�gerlich?� Sie winkte ihm neckisch zu. �Hat deine neue Macht dich pr�de gemacht? Beim letzten Mal bist du regelrecht �ber mich hergefallen.� Sie streckte ihr linkes Bein in seine Richtung. �Komm, du darfst mir einen Strumpf ausziehen.�</p><p>Hornbori wurde es hei� unter seinem Wams. Er trat vor und kniete nieder. Voller Vorfreude griff er unter ihr Kleid, weit die Schenkel hinauf, bis er den Saum des Wollstrumpfs fand. Vorsichtig rollte er den Strumpf �ber das Knie hinab, ganz darauf bedacht, die Innenseite ihres Schenkels zu liebkosen.</p><p>Amalaswintha nahm ihr Bein von der Stuhllehne, sodass ihr Kleid �ber seinen Kopf glitt. Gefangen in warmem Dunkel, begann er ihre zarte Haut zu k�ssen und genoss den Duft, den ihr Scho� verstr�mte.</p><p>Er ergab sich eine ganze Weile ihren Reizen, bis Amalaswintha das Kleid wieder anhob. �Lass uns zum Bett gehen�, sagte sie mit ihrer unvergleichlich lasziven Stimme, der er so sehr verfallen war. Sie �ffnete sein Wams, streifte es ab und warf es zur Seite, w�hrend er mit den kleinen Kn�pfen ihres Kleides k�mpfte. Endlich waren ihre Br�ste freigelegt. Er dr�ckte Amalaswintha aufs Bett nieder und begann sie aufs Neue zu k�ssen, w�hrend sie mit kundiger Hand den G�rtel seiner Hose l�ste.</p><p>Wie sehr hatte er sich nach ihr gesehnt! Nach ihrem warmen Fleisch. Ihrer Leidenschaft. Ihrer�� Der Vorhang am Eingang wurde ger�uschvoll zur�ckgerissen, und ein unartikulierter Wutschrei hallte von den samtdrapierten W�nden.</p><p>Halb benommen vor Lust, drehte Hornbori sich um und wurde sofort ganz klar. Im Eingang stand Eikin, der Alte in der Tiefe, F�rst der Ehernen Hallen. Sein Gesicht war rot vor Zorn. Er zog seine Axt, doch einer der Krieger hinter ihm fiel ihm in den Arm.</p><p>�Du Natter�, schrie der Zwergenf�rst.</p><p>Hornbori hob beschwichtigend die H�nde. Fast h�tte er <emphasis>es ist nicht, wie es scheint</emphasis> gesagt, doch dann wurde ihm klar, dass diese Situation an Eindeutigkeit kaum zu �berbieten war. �Ich war nicht bei Sinnen�, stammelte er stattdessen. �Ich konnte ihr nicht widerstehen. Sie���</p><p>�Er ist �ber mich hergefallen, mein F�rst!�, unterbrach ihn Amalaswintha entschieden. �Gut, dass Ihr gekommen seid, mein F�rst.�</p><p>�Aber���, begann Hornbori.</p><p>�Schweig�, schrie ihm der F�rst zornbebend entgegen. Feine Speicheltropfen spr�hten dabei von seinen Lippen. �Los, M�nner! Packt dieses verr�terische St�ck Schei�e. Wie einen eigenen Sohn habe ich ihn aufgenommen, und nun hintergeht er mich, dieser elende Hurensohn. Schafft ihn mir aus den Augen und sperrt ihn weg! Und schw�rt bei eurer Ehre, dass niemand erfahren wird, was ihr hier gesehen habt.�</p><p>Die Wachen zerrten Hornbori aus dem Bett. �Ich kann das alles erkl�ren! Es ist nicht so, wie es scheint!� Jetzt war der Schwachsinn doch �ber seine Lippen. Eikin trat vor ihn und verpasste ihm einen Fausthieb in die Magengrube.</p><p>�Ich habe mir schon zu lange dein Geschw�tz angeh�rt!� Er wandte sich an die beiden Wachen, die Hornbori festhielten. �Ihr werdet ihn weder verpr�geln noch schneidet ihr ihm seinen verdammten Schwanz ab, der so gerne herumwildert, wo er nichts zu suchen hat. Sperrt ihn einfach weg. Zu gegebener Zeit werde ich ein Urteil �ber den Dreckskerl f�llen.� Wie um seine Worte zu unterstreichen, verpasste er Hornbori noch einen zweiten Fausthieb in den Magen. F�r sein Alter war er ersch�tternd stark.</p><p>�Ich��� Hornbori wurde aus dem Zimmer gezogen. Er gab es auf, gegen die Wachen anzuk�mpfen. Ihm war �bel, und er bef�rchtete, sich jeden Augenblick zu �bergeben.</p></section><section><title><p>Von der last, ein F�rst zu sein</p></title><p>Amalaswintha schob den haarigen Arm des Alten in der Tiefe von ihren Br�sten. Der Herrscher der Ehernen Hallen lag neben ihr und schnarchte mit weit offenem Mund. Sein grauer Bart war mit Tabakflecken gesprenkelt. Seine gelben Z�hne standen ihm schief im Maul. Selbst jetzt, wo sie auf Armesl�nge entfernt lag, roch sie noch den Fischgestank aus seinem Schlund. Beim Gedanken an die leidenschaftlichen K�sse, die sie getauscht hatten, wurde ihr �bel.</p><p>Er besuchte sie regelm��ig, seit sie zur�ckgekehrt war, und sie gaukelte ihm vor, was f�r ein leidenschaftlicher Stier er noch sei. Es fehlte ihm auch keineswegs an Kraft und Ausdauer; wenn er sich nur �fter waschen w�rde und nicht vor dem Liebesspiel jedes Mal Heringe in sich hineinschaufeln w�rde. Ob er wohl dachte, die Fische w�rden ihm helfen, im Bett seinen Mann zu stehen?</p><p>Die Narben etlicher K�mpfe schm�ckten seine breite Brust. Hornbori war ganz anders. Er war stets gewaschen gekommen, hatte sich Duft�l in den Bart und die Haare gerieben. Sein Atem stank nie. Er war leidenschaftlich und z�rtlich zugleich, hatte sich nicht einfach auf sie geworfen und losgelegt, sondern Spa� daran gehabt zu erkunden, wie er ihr Lust bereiten konnte. Er war eitel. Manchmal ein Schw�tzer und doch unterhaltsam. Wie er seine Kameraden f�r seinen Aufstieg geopfert hatte, hatte sie schockiert. Sie hatte lange dar�ber gegr�belt. Das h�tte sie besser nicht getan. Am Ende war sie zu dem Schluss gekommen, dass sie an seiner Stelle vielleicht dasselbe getan h�tte.</p><p>Eikins Schnarchen wurde von einem gurgelnden Laut unterbrochen, und er legte ihr wieder den Arm �ber die Brust. Der F�rst war von Hornbori regelrecht �berrollt worden. Mit seinem Charme und seinen Drachent�tergeschichten hatte er in wenigen Tagen den Rat der �ltesten f�r sich eingenommen.</p><p>Den Titel Bewahrer der Goldenen Axt hatte Eikin eigens f�r Hornbori ersonnen. Er war nur Schall und Rauch, es hatte ihn zuvor gar nicht gegeben. Aber Hornbori hatte es verstanden, etwas daraus zu machen. Nicht einmal zwei Wochen hatte er daf�r gebraucht. Er hatte Talent. Zu viel davon. Genauso dachte auch Eikin. Er war zutiefst beunruhigt �ber die rasch wachsende Popularit�t Hornboris im Rat. Dar�ber, wie leicht es ihm gefallen war, den Besitz der verloschenen Sippen aus der Tiefen Stadt an sich zu rei�en. Dar�ber, wie er in die Zirkel der M�chtigen eingeladen wurde.</p><p>Bei ihrem letzten Treffen hatte Eikin ihr anvertraut, dass er bef�rchtete, Hornbori k�nne selbst das Amt des Alten in der Tiefe anstreben.</p><p>Der F�rst stie� einen besonders lauten Schnarcher aus, dann verharrte er still. Pl�tzlich richtete er sich auf und sah sie an. Er zwinkerte, dann kicherte er, was ihn ersch�tternd senil wirken lie�. �Das haben wir gut gemacht.�</p><p>Amalaswintha war sich nicht ganz sicher, ob er die Liebesnacht meinte oder das, was zuvor vorgefallen war. Sie zog es vor, den Ausspruch auf Hornbori zu beziehen. �Was wirst du mit ihm tun?�</p><p>�Ihn weiterempfehlen.� Eikin lachte in sich hinein. �Der Bastard hat es in der kurzen Zeit so weit gebracht, dass ich mit ihm nicht mehr tun kann, was ich gerne m�chte. Meine Macht br�ckelt. Dass Bailin davongelaufen ist�� Und diese drei, die gar nicht mehr leben sollten, entkommen sind�� Glaubst du, ich h�tte das Todesurteil gerne gef�llt? Das geh�rt zu den Pflichten, wenn man es ernst nimmt, der Schirmherr seines Volkes zu sein. Ich besch�tze sie vor dem �bel. Und Galar und Glamir, die waren das �bel! Ich wei� nicht, ob du in ihre Pl�ne eingeweiht warst. Aber die Ehernen Hallen w�ren genauso im Drachenfeuer vergangen wie die Tiefe Stadt, wenn ich sie nicht aufgehalten h�tte. Es ist meine Pflicht, f�r mein Volk zu sorgen, auch wenn mein Volk gar nicht versteht, was ich tue. Ja, wenn man mich sogar daf�r hasst, wie ich mit <emphasis>Helden</emphasis> umgehe.�</p><p>�Ich verstehe nichts von dem, was du sagst.�</p><p>Der alte F�rst sah sie durchdringend an. �Du hast schon besser gelogen. Ich wette, du hast mit ihnen allen im Bett gelegen. Sogar mit Galar und sei es nur aus Neugier.�</p><p>�Wie kannst du das glauben?�, emp�rte sie sich.</p><p>�Du gehst mit mir altem Stinker ins Bett. Du k�sst mich, sogar wenn ich m�ffle wie ein Fass alter Heringe. H�ltst du mich f�r so dumm? Du k�nntest jeden Zwerg in diesem verdammten Berg haben. Warum also ich? Bestimmt nicht, weil ich so unvergleichlich gut im Bett bin. Da h�ttest du besser Hornbori hierbehalten, statt mir deine Magd Lamga zu schicken. Versteh mich nicht falsch, ich wei� es zu sch�tzen. Ich war �beraus erfreut, als du zu mir kamst und vorgeschlagen hast, Hornbori auf diese Weise ans Messer zu liefern. Ich kann ihm zwar leider nicht den Kopf abhacken, aber jeder in der Stadt wird verstehen, wenn ich ihn verbanne.�</p><p>�Du hast deinen Wachen doch Stillschweigen befohlen.� Amalaswintha schwang sich aus dem Bett und ging zu dem Tischchen, auf dem der rote Barinstein gl�hte. Daneben stand eine Karaffe mit s��em Rotwein. Sie machte sich nicht erst die M�he, ein Glas zu f�llen, sondern trank direkt aus der Kristallkaraffe.</p><p>�Wachen und Waschweiber�, lamentierte Eikin. �Vertrau ihnen ein Geheimnis an, und binnen zwei Tagen wei� es der ganze Berg. Und genau so sollte es sein. Keiner wird sich wundern, wenn ich Hornbori die Ehre erweise, sich dem Heer der Alben anzuschlie�en. Ich werde betonen, dass er ein gro�er Held ist.�</p><p>�Ein Drachent�ter?�</p><p>Eikin lachte. �Nein, ein hervorragender Krieger, der ein Kommando �ber die besten Truppen verdient hat. Ich m�chte doch nicht sein Verderben.�</p><p>�Und wenn er als noch gr��erer Held wiederkehrt? Wird er dann nicht noch gef�hrlicher?�</p><p>Eikin schwang die Beine aus dem Bett, kam zu ihr her�ber, nahm ihr die Karaffe aus der Hand und tat selbst einen tiefen Schluck. �Ein Held? Ich glaube, er ist allenfalls ein Maulheld. Wei�t du, was richtige Krieger mit so einem machen, wenn er pl�tzlich das Kommando �ber sie f�hrt? Sie sorgen daf�r, dass er im n�chstbesten Gefecht einen Unfall hat. So einer muss seine eigenen M�nner mehr f�rchten als den Feind.�</p><p>Kurz bedauerte Amalaswintha Hornbori. Nicht zu sehr. Eine einzige Zwergenstadt war einfach zu klein f�r zwei mit so gro�en Ambitionen. Aber er war ein guter Liebhaber gewesen. Sie w�rde zu den Alben beten, dass er einen schnellen Tod fand.</p></section><section><title><p><emphasis>Weisser Tod</emphasis></p></title><p>�Drei oder vier Tage waren wir marschiert, als das gro�e Sterben begann. Es war eine gar schreckliche Ein�de, durch die wir zogen. Keinen Baum gab es, keinen Strauch. Nur Eis und Fels. Es gab nichts mehr, um nachts Feuer zu machen. Immer mehr Kameraden setzten sich einfach am Wegesrand nieder und warteten darauf, dass der Tod zu ihnen kam. Doch oft war es nicht der Frost, der ihr Leiden beendete. Jene, die noch mehr Kraft und Willen besa�en, pl�nderten sie, w�hrend sie noch lebten. Stahlen ihr Essen und ihre Kleider. Decken und M�ntel, Felle, die sie sich um die Beine wickelten, und M�tzen, die vor dem eisigen Wind sch�tzten. So wurden sie nackt ihrem Schicksal �berlassen.</p><p>Anfangs geschah das Pl�ndern nur nachts. Aber nach einigen Tagen wurden die Sterbenden auch am helllichten Tag und vor aller Augen beraubt. Und fast niemand scherte sich darum. Kaum einmal erhielten sie Hilfe. Jeder k�mpfte nur noch f�r sich selbst.</p><p>Umso mehr stachen die Ausnahmen ins Auge. Gelegenheiten, bei denen sich Selbstlosigkeit und Heldenmut zeigten. So bei den M�nnern von den Schwimmenden Inseln. Ihnen setzte die K�lte mehr zu als allen anderen, denn in ihrer Heimat kannten sie keinen Winter.</p><p>Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie sich die Krieger bei jeder Rast und zum Nachtlager um den Unsterblichen Keanu versammelten. Sie dr�ngten sich alle dicht aneinander zu einem gro�en Kreis und nahmen den Unsterblichen in ihre Mitte, sodass sie einander w�rmten und sich vor dem Nordwind sch�tzten, der die b�sen Geister brachte.</p><p>Denn sie waren das schlimmste �bel! Zu jeder Stunde an jedem Tag setzten sie uns zu. Ihre Ber�hrung brachte den Tod. Und t�teten sie nur genug von uns, dann wurden aus den Geistern Gestalten aus Fleisch und Blut.</p><p>In Fleisch gekleidet waren sie aber auch verwundbar. So sah ich, wie der Unsterbliche Ansur, G�nstling des Lebenden Lichts und Herrscher meiner Heimat, mit dem Schwerte eines dieser Ungeheuer anging und es erschlug. Nie werde ich diesen Heldenmut vergessen, der auch die Herzen der Verzagten h�her schlagen lie�.</p><p>Den h�chsten Ruhm aber erwarb sich nicht ein Krieger, ja, nicht einmal ein Mann. Es war ein Weib, das alle nur die Tr�sterin nannten. Sie war stets bei den Letzten der Marschkolonne, dort, wo es am gef�hrlichsten war. Sie k�mmerte sich um die Verwundeten, die Kranken und Ersch�pften. Ohne Ansehen von Rang und Volk. Alle, mit denen ich gesprochen habe, haben Geschichten �ber sie geh�rt. Ihr Ruhm �berstrahlte den eines jeden Unsterblichen. Sie war eine Heilige f�r uns.</p><p>Nach meiner R�ckkehr habe ich sie gesucht. Auch andere wollten sie aufsp�ren und ihr danken. Doch die, die so vielen das Leben rettete, vermochte sich zuletzt wohl selbst nicht zu helfen. Ihre Spur verlor sich in den letzten Tagen des R�ckzugs. Alles, was blieb, war ihr Name. Die Tr�sterin. Und ich wei�, dass heute noch M�nner auf allen Kontinenten ihren Namen in ihre Gebete einschlie�en, wenn die Nacht kommt und in der Dunkelheit die Schrecken der Vergangenheit wieder aufleben (�)�</p><cite><text-author>Zitiert nach: Das Buch der Schrecken.</text-author><text-author>Verfasser: Verschiedene, eine Sammlung von Berichten �berlebender Eiskrieger. Niedergeschrieben nach dem R�ckzug der Menschenkinder von Wanu. Verwahrt in der Bibliothek von Iskendria, Saal der Versunkenen K�nigreiche, Regal X, Brett III, Truhe IV, Tafeln IX�� XII.</text-author><text-author>Anmerkung: Gefunden in den Ruinen des Palastarchivs von Ak�u</text-author></cite></section><section><title><p>Die Tr�sterin</p></title><p>Aus den Augenwinkeln sah Shaya die beiden Streitwagen der Daimonen. Sie folgten den Nachz�glern schon den ganzen Vormittag. Hin und wieder kamen sie n�her, schossen zwei oder drei Pfeile ab und zogen sich wieder zur�ck. Jedes ihrer Geschosse fand ein Ziel. Ihre Treffsicherheit war ebenso unheimlich wie die Tatsache, dass weder ihren Pferden noch der Besatzung des Streitwagens die K�lte etwas anzuhaben vermochte.</p><p>Shaya beugte sich �ber einen Krieger von den Schwimmenden Inseln. Es war ein gro�er, stattlicher Mann, der sicher noch ein langes Leben vor sich gehabt h�tte, w�re er nicht seinem Unsterblichen in diese verfluchte Eisw�ste gefolgt. Er hatte sich Streifen von zerschnittenen Decken um die Beine und F��e gewickelt und eine Decke, in deren Mitte er ein Loch geschnitten hatte, �ber den Kopf gezogen und mit einem Seil in H�fth�he festgezurrt. Darunter trug er nur eine d�nne Tunika. Das war zu wenig, um der schneidenden K�lte zu widerstehen.</p><p>Sein Atem ging rasselnd. Er hatte eine Lungenentz�ndung und hohes Fieber. W�rde man ihn in ein gesch�tztes Lager bringen, w�rde Shaya ihn ganz sicher retten k�nnen. Doch hier drau�en�� Selbst seine eigenen Kameraden waren an ihm vor�bergegangen. Sie waren zu schwach, um ihn zu tragen. Also blieb er zur�ck.</p><p>Sie strich ihm sanft �ber das t�towierte Gesicht. Es zeigte das Bild eines Fisches mit weit aufgerissenem Maul. Seitlich an den Schl�fen waren Augen unter die Haut gestochen. Ein Bild zum F�rchten. Aber dieser Mann hatte nichts Schreckliches mehr an sich. Er war kein Schw�chling, aber er w�rde sterben. Nur w�rde sein Tod wie sein Leben sein, ein langer Kampf. Sie konnte ihm das Gehen erleichtern.</p><p>�M�chtest du schlafen?�</p><p>Seine rot entz�ndeten Augen wandten sich ihr zu. Kein Muskel bewegte sich in seinem Gesicht. Doch in seinem Blick lag Zustimmung.</p><p>Sie rollte das Tuch auf, in dem ihre goldenen Nadeln steckten. Ihr kostbarster Besitz. Durch Shen Yi Miao Shou wusste sie um die Geheimnisse der richtig gesetzten Nadeln und ihre Macht. Shaya tastete nach dem Punkt, der drei Fingerbreit hinter seinem rechten Ohr lag. Die Nadel war leicht zu setzen. Der Sch�del des Kriegers war kahl geschoren.</p><p>Leise summte sie ein Schlaflied aus ihrer Kindheit. Es dauerte keine drei�ig Herzschl�ge, bis die Lider des Kriegers sanken. Er atmete tief und regelm��ig durch den Mund. Es war ein Schlaf, aus dem es in dieser K�lte kein Erwachen f�r ihn mehr geben w�rde.</p><p>Shaya hatte einmal geh�rt, dass einen sch�ne Tr�ume in den Erfrierungstod begleiteten. Hoffentlich stimmte das, dachte sie betr�bt. Auch wenn sie sich als Heilerin verstand, so schenkte sie in diesen Tagen doch viel �fter den Tod als das Leben.</p><p>Ein Schatten fiel auf sie. Vor ihr stand ein Jaguarmann. Ein schwarzer Umhang war sein einziges Zugest�ndnis an die K�lte. Shaya hoffte, dass er vern�nftig genug war, das schwarze Fell, das er trug, mit Lumpen unterf�ttert zu haben.</p><p>�Erweist du mir dieselbe Gnade, wenn meine Stunde kommt?�</p><p>�Ich hoffe, das wird nicht notwendig sein.�</p><p>Ein bitteres L�cheln spielte um seine Lippen. �Das hoffe ich auch. Nun komm�� Du bist zu weit hinten. Du wirst den Anschluss an die Nachhut verlieren, wenn du hier weiter verweilst.�</p><p>Einige andere Jaguarm�nner huschten vor�ber. Sie waren wie lebende Schatten. Jedes Mal, wenn Shaya einen von ihnen sah, lief ihr ein Schauder �ber den R�cken. Sie hatten etwas an sich, das sie von allen anderen Menschenkindern unterschied. Und das war nicht nur ihre Verkleidung��</p><p>Behutsam zog Shaya die goldene Nadel. Der t�towierte Krieger erwachte nicht. Immer noch ging sein Atem regelm��ig. �Schlaf wohl�, sagte sie leise und schob die Nadel wieder in das rote Seidentuch. Dann rollte sie es zusammen und verstaute es sorgsam in einem Lederbeutel. �Wie ist dein Name, Jaguarmann.�</p><p>�Necahual.�</p><p>�Ich werde ihn in mein Schlaflied aufnehmen, wenn deine Stunde gekommen ist, Necahual.� Sie wog den fremden Namen auf der Zunge. Er passte gut zu dem Mann mit dem harten Gesicht, der vor ihr stand.</p><p>�Nun kommt!� Er sagte es ohne Hast und ohne unfreundlich zu klingen, aber doch auf eine Art, die keinen Widerspruch duldete. Er war dazu geboren, Befehle zu geben. Er hatte es sein ganzes Leben lang getan. Es war seine Art geworden. Seine Selbstsicherheit hatte etwas Beruhigendes.</p><p>�Du siehst ausgezehrt aus. Hast du genug zu essen?�</p><p>Shaya sch�ttelte den Kopf. Ein ganzer Tag war vergangen, seit sie einen Kanten trockenen Brots als Mahl gehabt hatte. Necahual schob die Krallen zur�ck, die �ber seine Hand hinausragten, und fasste durch eine seitliche �ffnung im Fell, das seine Brust umschloss. Er zog einen Streifen Trockenfleisch hervor und reichte ihn ihr. Er war noch warm von seinem K�rper. Dankbar nahm Shaya das Geschenk an.</p><p>Ein schriller Schrei lie� die Heilerin erschrocken auffahren. Ninwe kam ihnen entgegengelaufen. Ihr offenes, rotes Haar wehte wie eine Fahne hinter ihr her. Voller Panik, immer wieder hinter sich blickend, st�rmte sie den Hang eines flachen H�gels hinab und h�pfte dabei seltsam. Shaya war schon seit zwei Tagen aufgefallen, dass es ihrer Freundin schwerfiel zu gehen. Ninwe hatte es �berspielt und machte Witze �ber ihre kleinen, zarten F��e. �Sie sind da! Vor uns!�, schrie sie nun und geriet ins Straucheln. Mit den Armen rudernd, st�rzte sie in den Schnee und rollte ein St�ck den Hang hinab.</p><p>Shaya eilte zu ihr. �Alles in Ordnung?�</p><p>Ninwe sch�ttelte sich. Dann klopfte sie den Schnee aus ihrem kostbaren Pelzmantel. �Die Geister! Sie�� Sie sind vor uns. Wir sind verloren. Sie��� Ihre Stimme brach. Sie brachte nur noch Schluchzer hervor.</p><p>Necahual schickte mit einer Handbewegung einen seiner Jaguarkrieger den Hang hinauf. Der Mann schlich bis zum H�gelkamm, verharrte kurz und kam dann eilig zu ihnen zur�ck. Ruhig erstattete er seinem Anf�hrer Bericht.</p><p>�Im Windschatten des H�gels lagern �ber hundert Ersch�pfte. Die Windgeister sind �ber sie hergefallen. Sie speisen�� Wir m�ssen schnell weiter.�</p><p>Shaya betrachtete das zerkl�ftete Gel�nde abseits des Weges. Es war von Felsabbr�chen durchsetzt.</p><p>�Mach dir keine Sorgen, Tr�sterin. Wir werden entlang des H�gelkamms gehen. Wir meiden die Senke dahinter.�</p><p>�Aber wenn wir auf dem Kamm die Senke umrunden, werden die Geister uns sehen.�</p><p>Necahual l�chelte selbstsicher. �Sie sind wie Raubtiere. Solange sie fressen, ist ihnen andere Beute egal. Wir d�rfen sie nur nicht bei ihrem Mahl st�ren. Komm!�</p><p>Mit einem unguten Gef�hl sah Shaya zum H�gel hinauf. Sie erinnerte sich an Wolfsjagden in ihrer Jugend. Fressende W�lfe waren zwar darauf bedacht, ihre Beute zu sichern, aber nicht wirklich angriffslustig, wenn man sie in Ruhe lie�. Aber hier ging es nicht um W�lfe.</p><p>Ninwe war leicht schwankend wieder auf die Beine gekommen. Ihr Hinken war nicht mehr zu �bersehen. Ob sie sich beim Sturz noch zus�tzlich verletzt hatte? Sie trug gute, hohe Stiefel, mit einer breiten Pelzstulpe um die Knie.</p><p>�Wir werden sie zur�cklassen m�ssen. Sie ist zu langsam. Mit ihr zusammen werden wir die Nachhut nicht einholen, bevor die Geister ihr Mahl beendet haben.�</p><p>�Sie ist meine Freundin. Ich werde sie nicht im Stich lassen. Wenn sie zur�ckbleibt, dann werde auch ich die Nachhut nicht erreichen.� Shaya nahm Ninwe in die Arme und h�rte, wie Necahual leise in seiner Muttersprache fluchte.</p><p>�Sie sind���, begann Ninwe wieder. Sie zitterte am ganzen K�rper, und ihr Atem ging schwer.</p><p>�Ssshh.� Shaya legte ihr eine Hand auf die Lippen. �Sie werden uns nichts tun. Die Jaguarm�nner werden uns besch�tzen.�</p><p>�Die finde ich fast genauso unheimlich wie die Geister�, fl�sterte die dicke Hure. �Warum flucht der Kerl?�</p><p>�Weil er mich nicht ins Bett bekommen wird�, entgegnete Shaya lachend.</p><p>�Wenn er uns in Sicherheit bringt, darf er bei mir mal umsonst.� Ninwe sagte das so niedergeschlagen, als h�tte sie nicht den geringsten Zweifel daran, dass die Geister sie alle t�ten w�rden.</p><p>Shaya hakte sich bei ihr unter. �Na, dann werde ich heute Abend wohl zwei Decken f�r euch besorgen m�ssen.�</p><p>Ihre Freundin antwortete nicht darauf, sondern sah sie einfach nur traurig an.</p><p>Gemeinsam stiegen sie den Hang hinauf, als Necahual sie mit seinen vier Kriegern einholte.</p><p>�Wir tragen das Rothaupt!�, sagte er entschieden. �Aber nur bis wir zur Nachhut aufgeschlossen haben.� Zwei seiner M�nner hielten einen Speer zwischen sich und machten Ninwe Zeichen, sich auf den Schaft zu setzen. Mit je einer Hand hielten sie die Waffe, mit der anderen st�tzten sie die Hure, als sie Platz nahm. Dann eilten sie z�gig dem H�gelkamm entgegen.</p><p>Ninwe jauchzte vor Freude, schlang ihren beiden Tr�gern die Arme um den Nacken und gab dem Rechten einen schmatzenden Kuss auf seinen Jaguarhelm.</p><p>�Sei still, Weib!�, schimpfte Necahual. �Wir wollen die Geister nicht unn�tig auf uns aufmerksam machen!� Dann wandte er sich an Shaya. �Ich tue das f�r dich, nicht f�r sie. Wir d�rfen dich nicht verlieren. Du bist der gr��te Schatz all derer, die keine Hoffnung mehr haben, Tr�sterin. Nun komm und lass uns zu den G�ttern beten, dass die Geister ihren Schmaus noch nicht beendet haben.�</p><p>Als sie den Kamm erreichten, bot sich ihnen ein Bild des Schreckens. Zwei-, vielleicht sogar dreihundert Fl�chtlinge hatten in der lang gezogenen Senke, die Schutz vor dem eisigen Nordwind bot, Zuflucht gesucht. Am Grund der Senke gab es eine hei�e Quelle, �ber der Nebel wogte. Dort war der Schnee geschmolzen, und die Sterbenden dr�ngten sich dicht an dicht, wie Heringe in einem Fass. Einige waren gar in das warme Wasser gestiegen. Ihre K�rper trieben nun reglos, die Gesichter nach unten gewandt.</p><p>Im Wasser standen zwei der riesigen Gestalten, wie Shaya sie auch schon bei der Br�cke gesehen hatte. Sie waren fast vier Schritt gro� und v�llig nackt. Sah man �ber die fahlgr�ne Haut hinweg, erinnerten ihre K�rper an sehr schlanke Menschen. Nur die K�pfe waren ganz anders. Haarlos, nach hinten gekr�mmt und von Knochenspiralen umgeben, waren sie mit nichts zu vergleichen, was die Kriegerprinzessin je gesehen hatte. Aufmerksam verfolgten die beiden Kreaturen aus riesigen, schwarzen Augen jede ihrer Bewegungen auf dem H�gelkamm.</p><p>Wie gebannt starrte Shaya auf den gr�nen Rauch, der durch den Nebel �ber der Quelle wogte. Er verhielt sich widernat�rlich, bildete Tentakel, die ans Ufer nach den Ersch�pften griffen. Ja, es sah so aus, als w�rden sie etwas aus den Menschen herauszerren. Einen z�hen, leuchtenden Honig, der den Sterbenden aus Mund und Nase troff, w�hrend sie auf herzzerrei�ende Weise st�hnten. Dabei wurde der Rauch immer dichter, bis sich daraus schlie�lich weitere K�rper wie die der beiden Kreaturen formten.</p><p>�Nicht hinsehen�, dr�ngte Necahual. �Deine Seele wird Schaden nehmen, wenn du zu genau siehst, was dort vor sich geht.�</p><p>�Aber wir m�ssen doch��� Shaya brach ab. Nein, was sie fordern wollte, war blanker Unsinn. Sie konnten denen dort unten nicht helfen.</p><p>Niedergeschlagen ging sie zwischen den Jaguarm�nnern, die lautlos �ber den H�gelkamm huschten. Necahual hatte recht. Sie w�rde nie mehr vergessen, was sie da unten gesehen hatte. Allerdings gab es ihr auch die Gewissheit, dass sie das Richtige tat, wenn sie ihre goldenen Nadeln benutzte, um die Unrettbaren in den Tod hineinschlafen zu lassen.</p></section><section><title><p>Ein dampfender Kessel</p></title><p>Necahual hatte Wort gehalten und sie und Ninwe zur Nachhut gebracht. Shaya war von vielen bereits erwartet worden. Es gab f�r sie einen Platz am einzigen Feuer, das sie entdecken konnte. So wie an den Abenden zuvor kochte sie einen Sud aus ihren Kr�utern, der jenen, deren Atem rasselnd ging, ein wenig Erleichterung verschaffte. Mehr und mehr M�nner dr�ngten zu dem Feuer. Es reichte bei Weitem nicht f�r alle, und Shaya musste ihre Kr�uter einteilen. F�r mehr als zwei Tage w�rden sie ohnehin nicht mehr reichen.</p><p>Mit harschen Worten befahl sie den andr�ngenden M�nnern, Ordnung zu halten und eine Reihe zu bilden, w�hrend sie mit einer Kelle ihren Sud in flache Sch�sseln sch�pfte.</p><p>�Sie bevorzugt die M�nner aus Aram und Luwien�, rief jemand in der Sprache der Ischkuzaia, ihrer Muttersprache. �Seht nur, wem sie ihren Heiltrunk gibt! Seht genau hin! Seht ihr einen einzigen Mann aus Ischkuza dort? Wir sind es, die den Kopf hinhalten. Wir sichern die Flanken und bekommen die meisten Pfeile der Daimonen ab. Und was ist unser Lohn? Wir k�nnen zusehen, wie den anderen geholfen wird. Ich sage, uns geb�hrt der erste Platz in der Reihe!�</p><p>�Halt�s Maul!�, rief ein st�mmiger Drusnier mit kr�chzender Stimme, der den Kessel schon fast erreicht hatte. �Wer sp�t kommt, steht eben hinten an.�</p><p>Ein kleiner, drahtiger Krieger kam wutentbrannt die Schlange der Wartenden entlanggelaufen. �Sag mir das ins Gesicht, rotb�rtiger Drecksack. Ich bin sp�t, weil ich eben noch mit Daimonen gek�mpft habe. Wann hast du zum letzten Mal deine Waffen erhoben. Hast du �berhaupt noch Waffen?�</p><p>Der Drusnier schob seinen Umhang zur�ck und zeigte die gro�e Axt mit Bronzekopf, die in seinem G�rtel steckte. �Geh nach hinten, oder meine Goldene k�sst deine Stirn.�</p><p>Weitere Gestalten l�sten sich aus der Schlange der Wartenden und bauten sich drohend vor dem Steppenreiter auf.</p><p>�Verpiss dich, du Pferdearsch!�, fauchte der Drusnier.</p><p>Sein Gegen�ber stie� einen schrillen Pfiff aus, und aus dem Dunkel erschienen mehrere Berittene, die lange Speere quer �ber die S�ttel gelegt hatten.</p><p>Shaya trat von der Feuerstelle zur�ck. Sie war zu m�de, um zu schlichten. Es war nicht der erste Streit, den sie auf dem R�ckzug erlebte. Je weniger es von allem gab, desto entschlossener waren jene, die noch bei Kr�ften waren, sich alles zu nehmen, was sie zum �berleben brauchten.</p><p>Die Pferde der Steppenreiter waren abgemagert. Verklumpter Schnee hing von ihren struppigen M�hnen. Sie w�rden nicht mehr lange durchhalten. Hier in der Eisw�ste gab es keinen einzigen Grashalm zu finden. Nur wer Heub�ndel oder Hafer mit in dieses Schneeland gebracht hatte, konnte hoffen, sein Pferd durchzubringen.</p><p>Der Drusnier zog seine Axt aus dem G�rtel, und Shaya sah zu, dass sie ein St�ck von der Feuerstelle fortkam.</p><p>�Komm her, Pferdesch�nder. Ich spalte dir gerne den Sch�del, du��� Ein Pfeil schlug durch den roten Bart des Drusniers in dessen Brust. Er starrte ungl�ubig auf das Geschoss, das zitternd zwischen seine Rippen gefahren war. Blut trat ihm auf die Lippen.</p><p>�Na, hat es dir die Sprache verschlagen�, h�hnte der Steppenreiter, zog seine Dornaxt aus dem G�rtel und kam gelassenen Schritts auf den sterbenden Krieger zu.</p><p>Der Drusnier brach in die Knie. Dann, in einer letzten, verzweifelten Anstrengung, hob er seine Axt.</p><p>�J�mmerlich!�, spottete der Reiter. �Glaubst du, du k�nntest noch k�mpfen?�</p><p>Doch das hatte der Drusnier gar nicht vor. Er f�hrte einen wuchtigen Schlag nach dem Kessel, der vom Feuer st�rzte, sodass sich der Rest des Suds darin zur H�lfte in die Flammen und zur anderen H�lfte in den zu Matsch zertrampelten Schnee ergoss.</p><p>�Du Arsch!� Die Dornaxt des Steppenreiters fuhr nieder und durchschlug m�helos die Stirn des Drusniers, der mit einem triumphierenden L�cheln auf den Lippen starb.</p><p>Nun brach endg�ltig das Chaos aus. Einige der Krieger aus der Schlange der Wartenden warfen sich auf die Ischkuzaia, zerrten sie von den Pferden und rangen sie nieder, w�hrend andere die Reittiere zu Boden warfen und sie bei lebendigem Leib zu zerlegen begannen. Mit Dolchen und Schwertern wurde um die Brocken dampfenden Pferdefleischs gerungen. Todesschreie und Schreie �bersch�umender Wut gellten durch die Nacht.</p><p>Einige M�nner krochen auf allen vieren um das kleine Feuer und schaufelten sich Matsch in die M�nder, in der Hoffnung, noch ein wenig des heilenden, warmen Suds aufzunehmen.</p><p>Ein hagerer Krieger mit wei�en Stoppeln auf den Wangen stand vor dem umgest�rzten Kessel, eine flache Schale in den H�nden. Tr�nen rannen ihm �ber das Gesicht. Er w�re als �bern�chster an der Reihe gewesen, h�tte es den Streit nicht gegeben. Sein Anblick ber�hrte Shaya mehr als der der streitenden M�nner oder jener, die wie Hunde im Schlamm krochen. Der Alte hatte ein hartes Gesicht. Er war ganz sicher niemand, der oft in seinem Leben geweint hatte.</p><p>Ersch�ttert wandte sie sich ab. M�de suchte sie nach Ninwe, die man vorher nicht ans Feuer gelassen hatte und die sich irgendwo im Dunkel zwischen all den anderen frierenden Schatten einen Platz f�r die Nacht gesucht hatte. Shaya f�hlte sich so m�de wie nie zuvor in ihrem Leben. Es waren nicht nur die k�rperliche Ersch�pfung und der Hunger. Die Ereignisse bei der Feuerstelle hatten ihren letzten Glauben zerst�rt. Wie konnte man so dumm sein! Es war ohnehin viel zu wenig da. Und statt von diesen k�mmerlichen Reserven sinnvollen Gebrauch zu machen, war die H�lfte ihres Suds einfach vergossen worden. Es war wie eine Parabel auf das, was hier geschah. Es waren nicht nur die Geister und die Daimonen, die sie t�teten. Sie waren Opfer ihrer eigenen �berheblichkeit geworden, weil die Unsterblichen geglaubt hatten, sie k�nnten ihre Heere in diese Ein�de f�hren, um einen leichten Sieg zu erringen und dann unbehelligt wieder abzuziehen. Was hier in der Eisw�ste geschah, war wie der Streit um den Kessel dampfenden Suds, nur dass es sich in tausendfach gr��erem Ma�stab abspielte.</p><p>Sie fand Ninwe zusammengerollt im Schnee. Trotz ihres guten Pelzmantels schlotterte sie vor K�lte und hatte noch keinen Schlaf finden k�nnen. Shaya gab ihr das halb gegessene Trockenfleisch, das sie von Necahual geschenkt bekommen hatte. �Iss was.�</p><p>Ninwe l�chelte sie dankbar an. Blanker Schwei� stand ihr auf dem Gesicht. H�tte sie nur etwas von dem Sud f�r sie retten k�nnen.</p><p>Shayas letzte Gedanken galten, wie an jedem Abend, Aaron. K�nnte sie nur zu ihm! Er wurde von seiner Leibwache getragen. Es hie�, er erhole sich bereits von seinen Wunden. Sie betete, dass es stimmte. Er wagte stets zu viel und achtete nie auf sich. Eines Tages w�rde sich sein Gl�ck ersch�pfen. Mochten die G�tter geben, dass dieser Tag noch in weiter Ferne lag. Mit diesem stummen Gebet glitt sie, an Ninwe gekauert, in einen unruhigen Schlaf.</p></section><section><title><p>Wir gehen dorthin, wohin kein anderer geht</p></title><p>�Weiter!�, befahl Bidayn. �Gleich ist es geschafft, nur ein kleines St�ck noch.�</p><p>Graumur, der Minotaur, und sein Kamerad, ein weiteres, stierk�pfiges Ungeheuer, fluchten, als sie mit den schweren Stangen hantierten, die das Dach aus schwarzem Stoff trugen.</p><p>��ber die T�r damit. Und lasst es herunterklappen, dass es die L�cke zur Mauer hin schlie�t. Ja, so ist es gut!�</p><p>Die beiden Minotauren standen an den beiden Enden des Hofs vor der Mauer, die diesen zur Gasse hin abschloss. �Au�en an der Mauer sind Haken, und in den Rand der Plane sind Messing�sen geschlagen. Spannt die Plane straff, damit sie nicht durchh�ngt.�</p><p>Graumur wischte sich mit dem Arm �ber die haarige Stirn. �Und was hat das alles zu bedeuten? Warum versteckt Ihr den Hof unter einer Plane, Herrin.� Es fiel ihm schwer, sie als Herrin anzuerkennen. Er versuchte erst gar nicht, seine Stimme zu verstellen und freundlich zu klingen.</p><p>�Ich m�chte nicht, dass man von den D�chern der Nachbarh�user aus sehen kann, was auf dem Hof vorgeht.�</p><p>Der alte Stiermann zog eine Grimasse. �Und warum nicht? Was gibt es hier zu verstecken?�</p><p>�Wenn ich wollte, dass dar�ber getratscht wird, dann br�uchte ich die Plane nicht.�</p><p>Graumur schnaubte bedrohlich. �Ich bin kein Tratschmaul!�</p><p>�Du s�ufst, und wer trinkt, redet auch zu viel.�</p><p>Seine Augen wurden schmal. �Ich wei� nicht, was du mit Shanadeen gemacht hast, aber mich sch�chterst du nicht ein, kleine Herrin. Du wirst���</p><p>Bidayn wirbelte herum und versetzte ihm einen Tritt seitlich neben die Kniescheibe, dass sein Gelenk krachte. Er st�hnte auf, brach nieder, wollte nach ihr greifen und packte doch nur ins Leere. Ein zweiter Tritt von ihr traf ihn unter das Kinn. Er wurde nach hinten gerissen. Speichelf�den wirbelten von seinem fleischigen Stiermaul, w�hrend er hinten�ber in den Staub st�rzte. Sein Kamerad sah mit aufgerissenen Augen zu. Graumur zu Boden zu schicken hatte weniger als drei Herzschl�ge gedauert.</p><p>Bidayn trat neben ihn und stellte ihm einen Fu� auf die Kehle, ohne jedoch Druck auszu�ben. �Nenne mich in Anwesenheit von Fremden nie wieder <emphasis>kleine Herrin</emphasis>. Habe ich meinen Wunsch deutlich genug formuliert oder muss ich ihm noch mehr Nachdruck verleihen.�</p><p>Graumur sagte nichts. Er starrte sie nur an. Es lag kein Zorn in seinem Blick. Nur Unglaube. Offensichtlich vermochte er sich nicht zu erkl�ren, wie eine zierliche Elfe, die nicht einmal ein F�nftel seines Gewichtes hatte, ihn binnen Augenblicken zu Boden geschickt hatte.</p><p>�Du hast mich �berrascht�, sagte er schlie�lich benommen.</p><p>Bidayn nickte. �Wahrscheinlich habe ich dich nur auf dem falschen Fu� erwischt.� Sie nahm ihren Fu� von seiner Kehle und trat ein St�ck zur�ck. �Wenn du und dein Kamerad so freundlich sein k�nntet, die Plane au�en an der Mauer zum Hof einzuhaken, w�re ich euch sehr dankbar.�</p><p>Der zweite Minotaur duckte sich ohne ein weiteres Wort durch das kleine Tor. Graumur rappelte sich auf. �Du hattest Gl�ck�, murmelte er m�rrisch und rieb sich sein Kinn.</p><p>�Ich habe immer Gl�ck.�</p><p>Das schien der Minotaur begriffen zu haben. Er wirkte alarmiert. Schweigend duckte auch er sich durch die T�r. Von der Gasse her bedachte er sie noch einmal mit einem langen Blick. Dann schloss er die T�r.</p><p>Bidayn h�rte, wie die beiden auf der anderen Seite der Mauer das Sonnensegel festzurrten und dabei tuschelten. Sie murmelte ein Wort der Macht, und nichts, was gesprochen wurde, entging ihr. Graumurs Gef�hrte war noch mehr beeindruckt als der alte K�mpe. Bidayn war sich bewusst, dass sie vorschnell gehandelt hatte. Die beiden w�rden einen trinken gehen und reden. Und auch wenn Graumur seinen Part darin hasste, die Geschichte w�rde die Runde machen und ihren Weg zum F�rsten Sekander finden, der, wie es schien, Geschichten �ber sie sammelte. Sie l�chelte selbstsicher. Was machte es, wenn sich ein Kentaur den Kopf �ber sie zerbrach. Sie konnte ihm unendlich viel gef�hrlicher werden als er ihr. Wenn er klug war, w�rde er das sehr bald begreifen.</p><p>Bidayn ging zur Mitte des Hofs und setzte sich in den warmen Sand. Bald w�rden sie kommen. Sie hatte sie alle f�r den heutigen Morgen einbestellt. Lange hatte sie dar�ber gegr�belt, wo sie zusammenkommen sollten. Halbe Tage war sie durch das Umland Uttikas gestreift und hatte nach einem geeigneten Ort gesucht. Nicht zu weit entfernt und doch so einsam, dass kein zuf�lliger Beobachter etwas sehen konnte, was nicht f�r die Augen einfacher Albenkinder bestimmt war.</p><p>Zuletzt war sie auf den Hof des Stadtpalastes verfallen. Sie hatte alle T�ren und Fensterl�den so ver�ndern lassen, dass man sie vom Hof her verschlie�en konnte und sie dann nicht mehr von innen zu �ffnen waren. Kein Spalt war geblieben, durch den man sie h�tte beobachten k�nnen. Das Sonnensegel aus geteertem Stoff war der kr�nende Abschluss. Sie war sich bewusst, dass es viel Gerede geben w�rde. Aber selbst die verr�cktesten Geschichten w�rden der Wahrheit nicht einmal ann�hernd nahekommen.</p><p>Das Gerede vor der Hofmauer verstummte. Bidayn h�rte, wie sich die schweren Schritte der Minotauren entfernten. Sie sprachen �ber eine Schankstube am Hafen. Dort also w�rden die wilden Geschichten ihren Anfang nehmen. Sie schmunzelte. Sie hatte sich selbst schon �berlegt, auf welche Weise sie Ger�chte in Umlauf bringen k�nnte. Es war besser, den Tratsch zu beherrschen, statt sich ihm auszuliefern.</p><p>Die T�r, die von der Gasse zum Hof f�hrte, �ffnete sich. Eine Gestalt, die einen breitkrempigen Strohhut trug, von dem ein halb durchscheinender Schleier bis hinab auf den Boden reichte, trat ein. Sie st�tzte sich auf einen Bambusstock. Es war die Tracht der blinden M�rchenerz�hler von Tanthalia. Sie waren auf ganz Albenmark ber�hmt und geachtet.</p><p>Anmutig nahm die verschleierte Gestalt ein St�ck von Bidayn entfernt Platz. Durch den d�nnen Stoff war nur vage eine Frauengestalt in einem wei�en Kleid zu erkennen. Kyra. Auch wenn sie m�helos jedes beliebige Publikum mit ihren Geschichten eine ganze Nacht lang in ihren Bann zu schlagen vermochte, war sie noch viel mehr als nur eine M�rchenerz�hlerin. Eine Drachenelfe, eine Zauberweberin und eine Meuchlerin. Eine der Letzten, die zur Meisterin erw�hlt wurde, bevor die Wei�e Halle aufh�rte zu existieren.</p><p>Als N�chstes kam Valarielle durch das kleine Tor zur Gasse. Bidayn kannte sie seit ihren Tagen beim Schwebenden Meister. Sie war in den ersten Wochen, die Bidayn in der offenen H�hle hoch in den Bergen verbracht hatte, noch unter den Sch�lern des wei�en Drachen gewesen. Schon damals war Valarielle eine d�stere Erscheinung gewesen. Daran hatte sich in den Jahren nichts ge�ndert. Doch die Drachenelfe war auch eine der besten Zauberweberinnen, denen Bidayn je begegnet war. Und sie hatte sich stets f�r die dunkleren Spielarten der Magie interessiert.</p><p>Die Elfe, die eine schwarze Stute am Z�gel auf den Hof f�hrte, war schmal und hochgewachsen. Ihr Gesicht blieb im Schatten einer weiten Kapuze verborgen. Sie trug ganz gegen die Gepflogenheiten der Meisterinnen der Wei�en Halle kein wei�es Kleid, sondern einen eng anliegenden Lederk�rass, der jede W�lbung ihres Leibes nachmodellierte. Darunter eine schwarze Bluse mit hohem, steifem Kragen. Ganz unfeminin hatte sie eine enge schwarze Hose und hohe schwarze Stiefel als Beinkleider gew�hlt. Bidayn hatte immer gern R�cke und Kleider getragen, aber sie ahnte, dass f�r das, was kommen w�rde, Valarielles Gewandung wesentlich zweckm��iger w�re. Ein fast bodenlanger Kapuzenumhang aus schwarzer Seide rundete das d�stere Erscheinungsbild der Elfe ab. Das einzig Gl�nzende an ihr waren die schwere Silberkette auf ihrer Brust, die den Umhang zusammenhielt, und der silberne Schwertknauf in Form eines Drachenkopfes, der �ber ihrer rechten Schulter aufragte.</p><p>Valarielle sah Bidayn finster an. �Ich gratuliere dir zu deinem �berraschenden Erfolg beim Goldenen, Schwertschwester.�</p><p>�Es wird unser aller Erfolg sein, wenn wir gemeinsam streiten und uns nicht mit Eifers�chteleien aufhalten�, entgegnete Bidayn ruhig. Sie hatte Valarielle nicht ausgew�hlt, weil sie sie mochte. Sie brauchte sie. Deshalb w�rde sie freundlich bleiben, auch wenn es ihr im Grunde ihres Herzens widerstrebte und sie sich fast sicher war, dass ihre Schwertschwester Freundlichkeit als Schw�che missverstehen w�rde.</p><p>Valarielle schlug die Kapuze des Umhangs zur�ck. Ihr blasses Gesicht, gerahmt von langem, rabenschwarzem Haar, wurde von einem Paar gro�er, gr�ner Augen beherrscht. Sie nickte Kyra kurz zu und wandte sich dann sofort wieder an Bidayn. �Wozu brauchst du uns? Wir Drachenelfen sind dazu ausgebildet, allein zu k�mpfen.� Sie l�chelte sp�ttisch. �Und ich habe bislang auch noch nie Hilfe gebraucht. Aber auf dich scheint das ja nicht zuzutreffen, nach allem, was man so h�rt.�</p><p>�Vielleicht mangelt es dir ja an k�hnen Visionen!� Sie h�tte das nicht sagen sollen! Bidayn bedauerte die Worte, kaum dass sie �ber ihre Lippen gekommen waren.</p><p>�K�hne Visionen oder verr�ckte Fiebertr�ume. Ich bin gespannt���</p><p>Eine kleine Gestalt betrat den Hof. �Ihr seid also schon in kriegerischer Stimmung, bevor wir mit dem Blutvergie�en begonnen haben. Sehr sch�n!�</p><p>F�r Lemuel, den Maurawan, waren das erstaunlich viele Worte zur Begr��ung. Er war fast einen Kopf kleiner als Bidayn, die selbst nicht besonders hochgewachsen war. Sein mittelbraunes Haar war kurz geschnitten und doch zerzaust. In seinem Blick lag Misstrauen. Er war stets auf der Hut. Durch seine moosgr�nen Augen blickte eine verletzte Seele. Die Seele eines Mannes, der stets als Erstes Spott �ber seine geringe K�rpergr��e erntete. In der Wei�en Halle hatte er zu den Au�enseitern geh�rt. Er kam besser mit Tieren als mit Albenkindern zurecht. F�r Nandalees Eskapaden um ihren Bogen hatte er stets Verst�ndnis gehabt. Bidayn war �berzeugt, dass auch er sich heimlich im Umgang mit der von den Drachenelfen verachteten Waffe ge�bt hatte.</p><p>Seine Kleidung war eher unscheinbar. Ein abgetragenes Lederwams, dazu eine Tunika und Hosen in Erdfarben. Er trug zwei kurze Schwerter an seinem Wehrgeh�nge. Wer aus seiner Gr��e auf seine Kunstfertigkeit als Schwertk�mpfer schloss, beging einen t�dlichen Fehler.</p><p>�Ich sch�tze, wir sind dann vollst�ndig�, erklang hinter Bidayn die Stimme Asfahals. �berrascht wandte die Elfe sich um. Der Elf stand in der T�r, die vom Haupthaus zum Hof f�hrte. Der T�r, die sie selbst verschlossen hatte und die nicht von innen zu �ffnen sein sollte.</p><p>Er genoss augenscheinlich ihren verbl�fften Blick. �Eines meiner Talente�, erkl�rte er l�chelnd. �Dort zu erscheinen, wo ich nicht sein sollte.�</p><p>Das war das fast perfekte Stichwort, dachte Bidayn. Es war schon beinahe unheimlich. Sie erhob sich und sah alle der Reihe nach an. �So unterschiedlich ihr auch seid, meine Br�der und Schwestern, verbindet euch doch eine Gemeinsamkeit: die Frage, was ihr hier sollt. Valarielle bemerkte ja schon ganz richtig, dass wir alle eher Einzelg�nger sind. Wozu das also? M�gen die einfachen Albenkinder uns Drachenelfen in ihren Geschichten f�r so gut wie unbesiegbar halten, so wei� niemand so gut wie wir, dass uns doch Grenzen gesetzt sind. Auch haben wir bei gleicher Ausbildung doch unterschiedliche pers�nliche Talente. Ich kenne niemanden, der den Zauber, den du, liebe Valarielle, so poetisch <emphasis>Atem der Nacht</emphasis> genannt hast, auch nur ann�hernd so beherrscht wie du. Lemuel ist ein Freund der gro�en Adler vom Albenhaupt, deren Hilfe wir ben�tigen werden, denn bei den Dingen, die ich zu tun gedenke, werden wir nicht den Platz haben, den unsere edlen Himmelsr�sser zum Landen brauchen. Und wichtiger noch, kein Pegasus kann uns so schnell retten, wie ein Adler es vermag, der uns mit seinen kr�ftigen F�ngen aus dem Flug heraus von einer Mauer heben kann. Kyra, die ihr �u�eres so gerne verbirgt, ist eine Meisterin darin, andere Gestalt anzunehmen, und Asfahal��� Sie bedachte den ganz in Wei� gewandeten Elfen, der l�ssig in der T�r lehnte, mit einem langen Blick. Ihr K�rper sehnte sich nach ihm. Seit ihrer Hochzeitsnacht hatte sie nicht mehr bei ihm gelegen. Bidayn rief sich innerlich zur Ordnung�� sie wollte ihm nicht allzu deutlich zeigen, wie sehr sie ihn begehrte. Das w�rde k�nftigen Missionen schaden. Sie hatte aus den Fehlern von Gonvalon und Nandalee gelernt! �Und Asfahal�, griff sie den Faden wieder auf. �Wie k�nnten wir auf jemanden verzichten, vor dem sich alle T�ren �ffnen.�</p><p>�Er ist nicht einmal ein Drachenelf�, bemerkte Valarielle ver�chtlich.</p><p>Bidayn drehte sich zu ihr um. �Du wei�t so gut wie ich, dass es nicht an einem Mangel an F�higkeiten lag, weshalb man ihn aus der Wei�en Halle verwies.�</p><p>�Es lag an dem eklatanten Mangel, Herr seiner Gel�ste zu sein. F�r mich ist das keine Bagatelle.�</p><p>Bidayn �berlegte kurz, ob Asfahal Valarielle vielleicht einmal als Geliebte verschm�ht hatte. Ihr erschien es sehr pedantisch, auf dieser Verfehlung so sehr zu beharren. War nicht auch Gonvalon daf�r ber�chtigt gewesen, seinen Sch�lerinnen gegen�ber nicht die n�tige Distanz zu wahren? Ihm hatte niemand daraus einen Strick gedreht. �Ich werde ihn behandeln, als w�re er einer von uns�, stellte Bidayn klar.</p><p>�Was genau erwartest du von uns?�, fragte Lemuel. Er stand immer noch in der T�r zum Hof, als w�re es ihm unangenehm, hier zu sein, und als wollte er bereit zur Flucht bleiben.</p><p>�Ich will, dass wir die Grenzen des M�glichen weiter stecken�, begann Bidayn voller Enthusiasmus. �Wir werden dorthin gehen, wohin kein anderer geht. Wir werden tun, was andere nicht einmal zu denken wagen. Wir werden die Nemesis der Feinde der Himmelsschlangen sein. Wir werden Entsetzen verbreiten, und die Unerkl�rbarkeit unserer Taten wird unser besonderes Credo sein. Ich m�chte nicht weniger erreichen, als dass die Feinde Albenmarks uns bei jedem Herzschlag f�rchten, weil es keinen Ort gibt, an dem man vor uns sicher sein kann. Wir k�nnen immer und �berall erscheinen. Und wenn wir kommen, gibt es nichts und niemanden, der uns aufhalten kann.�</p><p>�Ein ehrgeiziges Ziel�, sagte Asfahal mit s�ffisantem L�cheln. �Vielleicht ein wenig �berambitioniert.�</p><p>�Keinesfalls�, entgegnete Bidayn selbstsicher. �Die gr��te Schw�che der Drachenelfen war bislang, dass sie fast immer f�r sich allein gek�mpft haben. B�ndeln wir unsere Kr�fte, dann erschlie�en sich uns v�llig neue M�glichkeiten. Hier auf diesem Hof, in dieser Stunde, beginnt ein neues Kapitel in der Geschichte der Drachenelfen. Und nichts wird fortan mehr so sein wie zuvor.� Sie wandte sich an Valarielle. �F�lle den Hof mit dem Atem der Nacht, Schwertschwester, und ich werde euch zeigen, was ich meine.�</p></section><section><title><p>Der Atem der Nacht</p></title><p>Valarielle sprach ein Wort der Macht, und schlagartig sank die Temperatur auf dem Hof. Ihnen allen stand wei�er Atem vor dem Mund. Einen Herzschlag sp�ter atmete Valarielle etwas aus, das wie dichter, schwarzer Rauch aussah. In wogenden Wirbeln griff es um sich. Ganz anders als Atem in kalter Luft formte er nicht ein kleines W�lkchen�� er stahl das letzte Licht vom Hof, der durch das schwarze Sonnensegel ohnehin schon im Halbdunkel lag.</p><p>Bidayn hatte zweimal bei der Wei�en Halle erlebt, wie Valarielle diesen Zauber gewirkt hatte, und war nachhaltig beeindruckt gewesen. Binnen Augenblicken f�llte sich der Hof mit brodelnder Finsternis. Es war so dunkel, dass sie ihre Hand nicht mehr sehen konnte, obwohl Bidayn sie sich so nahe vor das Gesicht hielt, dass ihre Nasenspitze kurz den Handteller streifte.</p><p>��ffnet euer Verborgenes Auge�, befahl sie.</p><p>Der Blick auf die magische Seite der Welt war verwirrend. Ein Gespinst schillernder, zarter Kraftlinien umgab Valarielle. Fein wie Spinnwebf�den, liefen sie alle bei ihr zusammen. Die anderen Elfen waren als Auren aus goldenem Licht zu erkennen. Ein jeder von ihnen ein Gespinst aus Kraftlinien, die mit der Welt um sie herum verbunden waren und grob die Skizze leuchtender K�rper bildeten.</p><p>Doch die Kraftlinien des Zaubers, den Valarielle gewoben hatte, verwischten das Licht der K�rper. Bewegungen waren nur undeutlich zu sehen. Bidayn sp�rte, dass jemand hinter ihr stand. Als sie sich umdrehte, streiften Lippen ihren Mund. �Ich habe dich vermisst, sch�ne Tyrannin�, hauchte Asfahal ihr ins Ohr.</p><p>Warme Wellen �berliefen Bidayn bei der zarten Ber�hrung. Sie war sich sicher, dass sich Asfahal seiner Wirkung wohl bewusst war. Sie straffte sich und nahm einen Schritt Abstand von ihm. In Anwesenheit der anderen wollte sie keine Z�rtlichkeiten austauschen. �Wir werden lernen, in dieser Dunkelheit zu k�mpfen. Noch bevor unsere Opfer sich ihrer magischen Sicht besinnen, werden unsere Klingen sie durchbohren. Wir greifen im Dunkel der Nacht an, sodass die Finsternis weniger Aufsehen erregt. Wir sind schnell, gnadenlos und nehmen es mit jedem Gegner auf.�</p><p>�Mit jedem?� Es war das erste Mal, dass Kyra sprach. Sie hatte eine angenehme, vielleicht etwas zu dunkle Stimme. Eine Stimme, geboren dazu, Geschichten zu erz�hlen.</p><p>Die Frage hing in der von fiebrig-flackernden Lichtbahnen durchzogenen Finsternis. Sie alle wussten, was sie bedeutete.</p><p>�Deshalb sind wir zu f�nft�, sagte Bidayn schlie�lich.</p><p>Valarielle rief ein Wort der Macht, und das Dunkel wurde zu Zwielicht.</p><p>Bidayn schloss ihr Verborgenes Auge. Ihre vier Auserw�hlten sahen sie entsetzt an.</p><p>�Du willst einen Devanthar t�ten?�, sprach schlie�lich Lemuel aus, was alle dachten. Er schnalzte mit der Zunge. �Das w�rde eine au�ergew�hnliche Jagd. Ich bin dabei.�</p><p>�Wenn wir das versuchen, jagen wir nur nach unserem eigenen Tod!�, sagte Valarielle.</p><p>�Ob wir scheitern oder obsiegen, wir w�rden auf ewig in der Geschichte weiterleben�, bemerkte Kyra in einem Tonfall, als w�re sie dem Wagnis nicht abgeneigt.</p><p>�Mir gef�llt mein Leben, wie es jetzt ist.� Asfahal sch�ttelte den Kopf, was Bidayn ma�los entt�uschte. Gerade bei ihm war sie sich ganz sicher gewesen, dass das scheinbar Unm�gliche einen unwiderstehlichen Reiz auf ihn aus�ben w�rde. �Mir gef�llt die fleischliche Existenz viel zu gut, um danach zu streben, eine Legende zu werden.�</p><p>�Da sind wir wieder bei dem Grund, warum er aus der Wei�en Halle verbannt wurde�, bemerkte Valarielle abf�llig. �Ihm fehlt es an Hingabe.�</p><p>�Verbring eine Nacht mit mir, und du wirst das nie wieder behaupten.�</p><p>Asfahal schenkte Valarielle ein L�cheln, das Bidayn ganz und gar nicht gefiel.</p><p>�Eher schneide ich mir die Kehle durch�, zischte ihn die schwarz gewandete Elfe an.</p><p>Asfahal nickte bed�chtig. �Mir scheint, du hast genau die richtige Einstellung zum Leben, um an Bidayns Mission teilzuhaben.�</p><p>�Nat�rlich beginnen wir nicht mit einem Devanthar. Unser erstes Ziel sollte ein Unsterblicher sein, und im Gegensatz zu Talinwyn, der Sch�lerin Gonvalons, die das als Letzte versuchte, als sie den Unsterblichen Aaron auf seinem schwebenden Palastschiff angriff, werden wir nicht scheitern.�</p><p>�Hast du einen besonderen Unsterblichen ins Auge gefasst?�, fragte Lemuel, dem die Idee nach wie vor zu gefallen schien.</p><p>�Wetzen wir die Scharte aus. T�ten wir den Unsterblichen Aaron. Er sollte unser prim�res Ziel sein. Stellt sich heraus, dass er unerreichbar ist, w�hlen wir einen anderen Unsterblichen.�</p><p>�Findet ihr es ruhmreich, einen Menschensohn im Schutze der Nacht zu meucheln?�, fragte Asfahal. Er wirkte tats�chlich so, als w�rde ihn die Vorstellung absto�en.</p><p>�Aaron ist nicht einfach ein Menschensohn. Er ist ein Unsterblicher. Seine Herrschaft w�hrt seit Jahrhunderten. Keine anderen Gesch�pfe Daias kommen den Devanthar in ihrer Machtvollkommenheit so nahe wie die Unsterblichen. Wir greifen ihn in seinem Palast an, wo es Hunderte von Leibw�chtern gibt. Und einen Silbernen L�wen. Ich habe bereits gegen einen gek�mpft, Asfahal, und glaube mir, sie sind w�rdige Gegner. Obendrein besteht die Gefahr, dass wir auf einen Devanthar treffen, denn sie besuchen ihre Sch�tzlinge regelm��ig. Wir legen uns also keineswegs mit einem Wehrlosen an.�</p><p>�Also gut, m�glicherweise ist unser�� Opfer nicht wehrlos. Wenn ich bei meinen Bedenken bleibe, gelte ich wahrscheinlich als Feigling, nicht wahr? F�r mich sind Drachenelfen Krieger, die ihre Taten im hellen Lichte vollbringen. Andernfalls sollte man uns wohl eher Schattenelfen nennen. Wir sind Helden, und das ist nicht die Art, wie Helden k�mpfen sollten.�</p><p>Bidayn war perplex. Asfahal war der Letzte, von dem sie so eine Rede erwartet h�tte. Sie r�usperte sich. �Ist es nicht heldenm�tig, wenn wir mit den Taten einer einzigen Nacht den Krieg vor der Zeit beenden k�nnen und auf beiden Seiten Tausende Leben retten? Wenn wir die Kriegstreiber unter den Menschenkindern t�ten, setzt sich vielleicht sogar bei ihnen die Vernunft durch.�</p><p>Asfahal nickte z�gerlich. �Das ist zu bedenken.�</p><p>�Wir f�nf m�ssen an dieselben Ideale glauben. Wir alle m�ssen davon �berzeugt sein, das Richtige zu tun. Wir m�ssen mit einem Willen handeln, dann werden wir eine Waffe sein, die selbst die G�tter f�rchten werden.�</p><p>Dass es ihr am Ende weder um die Unsterblichen noch um die Devanthar ging, verschwieg Bidayn wohlweislich. Sie mussten zueinanderfinden durch Taten im Licht und Taten im Schatten. Gemeinsam �berlebte Gefahren w�rden sie zu verschworenen Kameraden werden lassen. Und ihre Erfolge w�rden dann von ganz alleine dazu f�hren, dass Distanz zu den �brigen Drachenelfen alter Schule entstand. War dies erst einmal erreicht, w�rde sich die M�glichkeit ergeben, gemeinsam ihr eigentliches Ziel anzugehen: Nandalee.</p><p>Sie im Jadegarten aufzusp�ren und zu t�ten, wo sie unter dem Schutz des Erstgeschl�pften und einem halben Dutzend Drachenelfen stand, war eine Aufgabe, zu der im Vergleich der Angriff auf den Palast des Unsterblichen Aaron ein Spaziergang war.</p></section><section><title><p>Von Landschiffen und Tanks</p></title><p>�Du musst die Speerschleudern auf die Schlitten montieren. Zumindest muss es eine Halterung geben, die den Gesch�tzen einen sicheren Stand gibt.�</p><p>Der hochgewachsene Elfenschmied wiegte nachdenklich den Kopf. �Du willst von einem fahrenden Schlitten aus schie�en? Glaubst du wirklich, du w�rdest dann irgendetwas treffen?�</p><p>�Nat�rlich�, erwiderte Hornbori aufgekratzt. Er war mit seinen Gedanken nicht ganz bei der Sache. Immerzu musste er an das denken, was gleich kommen w�rde. Seit der Begegnung mit dem Tatzelwurm in der Tiefen Stadt war er dem Tod nicht mehr so nahe gewesen wie heute. Er hatte immer noch nicht ganz verstanden, wie es dazu gekommen war, dass es ihn hierherverschlagen hatte.</p><p>Offiziell war er bef�rdert worden. Man hatte ihn f�r ein besonders ruhmreiches Kommando empfohlen, aber es musste einiges hinter seinem R�cken gelaufen sein. Als er zum ersten Mal gesehen hatte, wen er befehligen sollte, war ihm sofort klar gewesen, dass Eikin eigentlich ein Todesurteil ausgesprochen hatte. Diese Truppe�� Hornbori sch�ttelte sich. Wenn er nur an sie dachte, packte ihn das Grauen. Aber das durfte er sich auf gar keinen Fall anmerken lassen, wenn er bei ihnen war.</p><p>Gobhayn schnippte mit den Fingern unmittelbar vor Hornboris Nase. �Bist du noch hier, Zwerg?�</p><p>��h, ja�� Die Gesch�tze. Soweit ich wei�, k�mpfen die Menschenkinder meist in dichten Formationen aus Hunderten von M�nnern. Es wird so gut wie unm�glich sein danebenzuschie�en. Aber meistens werden wir nat�rlich nicht aus voller Fahrt schie�en. Wir halten die Schlitten an und richten die Gesch�tze in aller Ruhe aus. Wenn sie fest montiert sind, m�ssen wir sie nicht erst aufbauen oder in aller Eile abbauen, wenn uns die Menschenkinder auf die Pelle r�cken. Wir werden sehr viel Zeit sparen. Und unsere Aussichten zu �berleben, werden auch deutlich besser. Vor allem wenn du auch noch die Bleche aus Silberstahl anbringst.�</p><p>Der Elf fasste sich an die Stirn. �Hast du eine Ahnung, was du da verlangst? Ich habe dir schon beim ersten Mal gesagt, dass ich �ber jeden Barren Silberstahl, den ich verarbeite, Rechenschaft ablegen muss. �ber jeden Dolch, der diese Halle verl�sst, wird Buch gef�hrt. Du hast ja keine Ahnung, wie es ist, sich mit Elfenb�rokratie herumzuschlagen! Am schlimmsten sind die F�rsten von Arkadien�� Und ausgerechnet einer von denen ist zum Oberbefehlshaber gemacht worden.�</p><p>�Ja, und der hat das Heer hierher zur�ckgeschickt. Nach allem, was ich geh�rt habe, ist nur noch eine Handvoll Krieger von uns in der Eisw�ste. Und dahin gehe ich als <emphasis>Verst�rkung</emphasis>. Wenn die Menschenkinder merken, wie schwach wir sind, dann gehen sie zum Gegenangriff �ber. Und wer steht in vorderster Front im Pfeilhagel? Meine M�nner und ich. Hast du �ber die Kettenhemden f�r die Rentiere nachgedacht?�</p><p>�Nein!�, fluchte der Elf. �Das ist absurd!�</p><p>�Wenn sie unsere Rentiere erschie�en und die Schlitten stehen, werden wir wunderbare Zielscheiben abgeben.�</p><p>�Dann sollen sich eben deine Trolle ins Geschirr werfen�, entgegnete Gobhayn �rgerlich. �Wenn ich all deine R�stungsw�nsche erf�lle, dann werden deine Schlitten h�chstens noch im Schritttempo fahren.�</p><p>�Nicht, wenn du die Segel���</p><p>�Nein! Ich baue dir keine Landschiffe! �berreize meine Geduld nicht, Hornbori. Ich erinnere dich noch einmal: �ber alles, was ich hier tue, muss ich Rechenschaft ablegen. Sie wollen genau wissen, wo welche Waffen geblieben sind. Es gibt eine Menge Elfen, die es nicht gut finden, dass Kobolde wie die Eisb�rte mit hochwertigen Armbr�sten ausgestattet werden���</p><p>�Es gibt auch Zwerge, die das nicht gut finden�, stimmte Hornbori ernst zu. �Es wird der Tag kommen, da setzen diese kleinen Bastarde diese Armbr�ste gegen meine Br�der in Ishaven ein.� Oder sie schie�en mir damit in den R�cken, sobald ich drau�en in der Eisw�ste einen Befehl gebe, der ihnen nicht passt.</p><p>�Ich k�mmere mich nicht um Politik!� Gobhayn hob abwehrend seine schwieligen, ru�verschmierten H�nde. �Da geht es hier in der Schmiede vergleichsweise sauber zu. Zur�ck zu deinen Schlitten�� Ich werde mir etwas ausdenken m�ssen. Irgendeinen Namen, den die Oberen schlucken, wenn sie meine Materiallisten kontrollieren.�</p><p>�Gepanzerte Wasserf�sser�, schlug Hornbori vor.</p><p>�Was?�</p><p>�Ich habe dich doch auch um zwei Schlitten mit je einem Tausend-Liter-Fass f�r Trinkwasser gebeten. Wir werden die dringend brauchen. Und wir m�ssen sie mit Blechen aus Silberstahl verkleiden, damit sie gegen Beschuss gesch�tzt sind.�</p><p>Gobhayn st�hnte. �Du kannst dir nicht vorstellen, was f�r ein endloses Gerede ich deshalb um die Ohren hatte. Sie wollten das nicht. Es w�re leichter gewesen, hundert Schwerter bewilligt zu bekommen.�</p><p>�Wei�t du, wie das ist, wenn man v�llig durchgefroren ist und um zu trinken eine Handvoll Schnee in den Mund nimmt, um ihn langsam schmelzen zu lassen. Wenn die F�rsten von Arkadien mal ihre Pal�ste verlassen w�rden, um ein paar Tage auf Schlachtfeldern zu verbringen, w�rde ihnen vielleicht ihr angestaubtes Hirn durchgepustet. Das t�te ihnen ganz gut.�</p><p>�Reg dich ab, Hornbori. Ich habe sie auf die Sache mit dem Schnee hingewiesen und darauf, dass ein einziger Armbrustbolzen, wohlgesetzt, ein Tausend-Liter-Fass zum Auslaufen bringen kann.�</p><p>�Armbrustbolzen? Haben die Menschenkinder Armbr�ste? Dann musst du die Bleche dicker���</p><p>�Immer mit der Ruhe. F�rsten, die sich auf Schlachtfeldern nicht blicken lassen, wissen auch nichts �ber die Waffen der Feinde. Die Menschenkinder haben keine Armbr�ste. Jetzt sag mir, wie nennen wir die gepanzerten Schlitten in den Papieren und wenn wir in Anwesenheit Dritter dar�ber sprechen m�ssen?�</p><p>�Fahrende Brunnen?�</p><p>Gobhayn sch�ttelte den Kopf. �Klingt irgendwie nicht gut.�</p><p>�Fasswagen? Fassschlitten? Wasserreservoirs?�</p><p>Der Elfenschmied wirkte nicht begeistert.</p><p>�Versorgungsschlitten des Nordheers. Fahrende Wassertanks.�</p><p>�Alles zu lang und zu kompliziert. Wie w�re es mit einfach nur Tanks?�</p><p>Hornbori runzelte die Stirn. �Darunter k�nnte ich mir nichts vorstellen.�</p><p>�Das ist gut�, entgegnete Gobhayn. �Dann kommen auch keine Fragen.�</p><p>�Was? Zu einer r�tselhaften Bezeichnung auf Ausr�stungslisten kommen keine Fragen, das kann ich mir���</p><p>�Du kennst die Elfen nicht, mein Freund. Nachzufragen bedeutet, dass man etwas nicht wei�. Und das offene Eingest�ndnis von Unwissenheit ist so ziemlich das Peinlichste, was man sich als Elf vorstellen kann. Nein, nein, Tanks ist gut. Kein Albenkind wird darauf kommen, wovon wir reden. Ich f�ge in der Ausr�stungsliste noch die Anmerkung hinzu, dass der Ausschuss zur Bereitstellung von Tanks die Anfertigung genehmigt hat.�</p><p>�Was f�r ein Ausschuss?�</p><p>�Wir beide sind dieser Ausschuss. Die Erw�hnung, dass es einen Ausschuss gibt, der sich mit dieser Angelegenheit besch�ftigt hat, verleiht der ganzen Sache noch mehr Gewicht.�</p><p>Hornbori sah den Elfen nur mit gro�en Augen an und sagte nichts mehr. Er hatte durchaus auch schon �rger mit kleingeistigen Zwergenb�rokraten gehabt, aber wie bei allen anderen Belangen schienen es die Elfen auch hier darauf anzulegen, alle �brigen Albenkinder in ihrem Tun zu �bertreffen.</p><p>�Du wirst drei dieser Tanks bekommen, wenn du morgen fr�h abr�ckst. Mehr ist in einer Nacht nicht zu schaffen.�</p><p>�Jaja.� Hornbori war in Gedanken wieder bei dem m�rderischen Fest, das ihm bevorstand.</p><p>��brigens, die Sonderanfertigung, nach der du gestern gefragt hast, ist fertig. Etwas in dieser Art habe ich noch nie gemacht. Sonst kommen immer alle und wollen Waffen von mir. Ich habe es heute fr�h erprobt. Es ist genau so geworden, wie du es dir gew�nscht hast.� Er wies auf eine lange, grellrot bemalte Holzstange, deren unteres Ende, breit wie ein Reisigbesen, in ein sauberes Leintuch gewickelt war.</p><p>Hornbori griff nach der Stange. Sie war deutlich schwerer als ein Besen. �Wir sehen uns morgen fr�h�, sagte er leise und f�gte in Gedanken hinzu, wenn ich Gl�ck habe.</p><p>�Dir ist schon klar, dass du mich mit deinen W�nschen eine schlaflose Nacht kosten wirst.� Trotz seiner Worte l�chelte Gobhayn. Er war einer jener M�nner, die von ihrer Arbeit besessen waren, dachte der Zwerg. Ganz so wie Galar und Glamir.</p><p>Er w�rde niemals so sein, schwor sich Hornbori. Er wollte ein gem�tliches Leben, obwohl er wohl nie so weit davon entfernt gewesen war wie in dieser Stunde.</p><p>�So ist das, wenn man zum Ausschuss zur Bereitstellung von Tanks geh�rt�, murmelte der Zwerg. �Viele Sorgen und wenig Schlaf sind unser Los.�</p><p>Gobhayn lachte. Dann machte er sich an die Arbeit. Als Hornbori die lange Lagerhalle verlie�, ert�nte hinter ihm bereits der helle Klang eines Schmiedehammers.</p></section><section><title><p>Mammutw�rger</p></title><p>Einen Moment lang verharrte Hornbori vor der schweren T�r zur Festhalle, die f�r diesen Abend ihm geh�ren w�rde. Seine Finger spielten nerv�s mit der roten Stange, deren in Leinen geh�lltes Haupt ihn �berragte.</p><p>Von drinnen erklang d�steres Rumoren, und es roch nach Gebratenem. Hornbori hatte ein kleines Verm�gen f�r diesen Abend ausgelegt. Auf seine Kosten waren vier Ochsen �ber dem Spie� gebraten worden, dazu gab es noch Unmengen von Wildbret, W�rsten, frisches Brot und eine stark gew�rzte Fleischbr�he. Vor allen Dingen bei den Trollen war es ihm wichtig, dass sie gut gegessen hatten, bevor er vor sie trat. Was die Kobolde anging, war sich Hornbori nat�rlich bewusst, dass es keine Rolle spielte, wie gut man sie f�tterte oder wie nett man sie behandelte�� sie blieben immer heimt�ckische, verlogene kleine Bastarde. Das galt f�r die Kobolde in ihrer Gesamtheit, aber f�r niemanden mehr als f�r die verfluchten Eisb�rte.</p><p>Der Zwerg drehte sich zu den Tr�gern um, die hinter ihm warteten. Drei F�sser mit Met, zwei mit Wein und eines mit gut abgelagertem Zwergenpilz. Ein fl�ssiger Schatz war das, der nun durch Kehlen rinnen sollte, die es nicht wirklich wert waren.</p><p>�Folgt mir!�, befahl er und stie� entschlossen die schwere Eichent�re zur Festhalle auf. Der unverwechselbare Geruch ungewaschener M�nner schlug ihm entgegen. Der Gestank, der in den Aalen und Glamirs Turm sein ganzes letztes Jahr �berlagert hatte, hatte ihn wieder. Zu kurz war sein Zwischenspiel in den Ehernen Hallen gewesen.</p><p>Seine Krieger hatten sich entlang der Feuergrube, die durch die Mitte der Festhalle lief, in kleinen Gruppen zusammengefunden. Alle sa�en f�r sich. Die Trolle weit hinten im Halbdunkel. Wie es aussah, hatten sie die Ochsen f�r sich allein beansprucht. Um ihren Lagerplatz lagen Dutzende zersplitterter Knochen.</p><p>In der Mitte der Halle, ein St�ck vom Feuer fort, an der westlichen Wand kauerten die Zwerge. Zwanzig Mann. Die Besatzung f�r zehn Speerschleudern. Nah beim Eingang, jederzeit zur Flucht bereit und ihre heimt�ckischen, neuen Armbr�ste in Griffweite, hatten sich die Eisb�rte in ihren schmutzig-wei�en M�nteln versammelt.</p><p>Bei seinem Eintreten drehten sich schlagartig alle K�pfe in seine Richtung, und Unruhe machte sich breit.</p><p>�Bleibt sitzen, M�nner!�, begann Hornbori mit fester Stimme. Er wusste, entweder wurde das nun die beste Vorstellung seines Lebens, oder selbiges w�rde nicht mehr lange dauern.</p><p>�Ich mache euch nichts vor, wir haben wahrscheinlich die beschissenste Aufgabe am beschissensten Ort, den man sich denken kann. Wir gehen ins ewige Eis, und wir sind Nachschub f�r die Einheit, die w�hrend der K�mpfe die gr��ten Verluste hatte. Wenn jeder Zweite von uns lebend zur�ckkommt, dann haben wir Gl�ck gehabt.� Stille hatte sich in der Halle ausgebreitet, nur von den Kobolden murrten einige halblaut vor sich hin. Wie er die schwarzen Augen der Kobolde hasste, die ihn, ohne zu blinzeln, fest im Blick behielten.</p><p>�M�nner, dies wird der letzte Abend sein, an dem es uns gut geht. Und ich m�chte, dass es uns richtig gut geht.� Er klatschte in die H�nde, und die F�sser wurden neben ihm abgestellt. �Wir werden fressen, wir werden saufen, und dann werden wir huren bis zum Morgengrauen. Und danach werden wir mit aufrechtem Gang dem Wei�en Tod entgegenmarschieren.�</p><p>�Gut gesprochen!�, kam es von den Zwergen.</p><p>�Kein Zwerg ist Anf�hrer von Trollen!� Am Ende der Halle erhob sich eine riesenhafte Gestalt. Hornbori schluckte hart beim Anblick des Kriegers, der die Feuergrube entlang auf ihn zukam. Selbst unter den anderen Trollen musste er ein H�ne sein. Sein Wanst und seine Arme waren mit wulstigen Narben bedeckt. Ein Teil seiner Oberlippe war abgetrennt, sodass deutlich seine gelben Fangz�hne zu sehen waren.</p><p>�Wie hei�t du, Krieger?�</p><p>�Brass nennt mich meine Mutter.� Er schritt unbeirrt weiter. �Alle anderen nennen mich Mammutw�rger.�</p><p>�Hebt mich auf eines der F�sser�, raunte Hornbori den beiden Lastentr�gern zu, die ihm am n�chsten standen.</p><p>Augenblicklich wurde er bei Armen und H�ften gepackt und emporgehoben. Der Zwerg reichte Brass, der nun direkt vor ihm stand, selbst jetzt nicht einmal bis zum Bauchnabel. Aber wenigstens befand er sich nun oberhalb des schmuddeligen Lendenschurzes, den der Krieger um seine H�ften gewickelt trug.</p><p>Hornbori stie� mit der roten Stange auf den Deckel des Fasses und st�tzte sich dann darauf. Es war gut, sich an der Stange festzuhalten. So sah niemand, wie ihm die H�nde zitterten.</p><p>�Mammutw�rger!�, sagte er dann mit wohlklingender, dunkler Stimme. �Wie kommt man denn zu so einem Namen?�</p><p>Der Troll lie� die Muskeln seiner Arme spielen. �Rate!�</p><p>�Dann wisse, Mammutw�rger, ich w�rde mich niemals zum Anf�hrer der Trolle aufschwingen. Ich bin der Anf�hrer von uns allen.�</p><p>Der H�ne sah ihn aus kleinen, blauen �uglein an. �Anf�hrer ist der beste K�mpfer. Du hast den ersten Schlag.�</p><p>Aus der Ecke der Trolle kam dr�hnendes Gel�chter.</p><p>�Schlag ihm �ne Axt in die Fresse!�, rief einer der Kobolde vorlaut. �Ich leih dir meine.�</p><p>Hornbori schwieg und wickelte mit zitternden H�nden das Tuch vom Kopf der Stange. Darunter kam ein goldenes Drachenhaupt zum Vorschein, von dem ein Schlauch aus feiner, roter Seide hing.</p><p>�Bei uns Zwergen ernennen die Alten aus der Tiefe die Anf�hrer. Mich jedoch hat er hier zum Anf�hrer dieser Schar berufen.� Er hielt die Standarte hoch, sodass jeder das goldene Drachenhaupt sehen konnte.</p><p>�Das lebt nicht!�, sagte Mammutw�rger, wich aber doch ein St�ck zur�ck. �Das Ding spricht nicht. Das macht dich nicht zum Anf�hrer.�</p><p>�T�usche dich nicht�, rief Hornbori mit Donnerstimme. �Die Augen des Goldenen sehen uns durch diese Standarte. Stellst du dich gegen mich, dann stellst du dich auch gegen ihn! Und nun h�re seinen Groll!� Hornbori schwenkte die Standarte. Der Seidenschweif bauschte sich auf, sodass es aussah, als w�re ein langer roter Schlangenleib mit dem goldenen Kopf verbunden. Pl�tzlich erklang ein dunkler, unheimlicher Ton, der tief in die Eingeweide fuhr. Gobhayn hatte sich selbst �bertroffen! Das war noch besser, als Hornbori es sich vorgestellt hatte. Ein System von R�hren, verborgen im Drachenhaupt, fing den Wind und erzeugte diesen Ton.</p><p>Mammutw�rger wich noch ein St�ck zur�ck. Sein Maul klaffte weit offen. Voller ungl�ubigem Staunen begaffte er die Standarte, die Hornbori schwenkte und die nun ganz so aussah, als glitte eine fliegende Schlange durch die Luft. Dabei schwoll der dunkle Ton, der aus dem Maul des Drachen kam, immer weiter an.</p><p>Hornbori stie� den Fu� der Standarte auf den Deckel des Fasses, der Ton verklang. �Du bist der Anf�hrer der Trolle, Brass! Und gerne werde ich deinen Rat h�ren, wenn wir k�mpfen, denn du bist ein weiser Krieger. Ich aber f�hre euch alle, weil es <emphasis>sein</emphasis> Wille ist.� Noch einmal hob er die Standarte hoch empor. �Wir sind <emphasis>seine</emphasis> Auserw�hlten. Dorthin, wo die Gefahr am gr��ten ist, schickt man nur seine Besten. Und darauf trinken wir jetzt! Wir sind die Drachenkrieger!�</p><p>Brass fand es gut. Oder er hatte auch einfach nur begriffen, dass er auf diese Weise sein Gesicht wahren konnte. Jedenfalls br�llte er aus Leibeskr�ften: �Auf die Drachenkrieger!�</p><p>Hornbori war sich nicht ganz sicher, ob die Zwerge und Kobolde einstimmten, weil sie die Trolle nicht alleine schreien lassen wollten oder weil sie wirklich �berzeugt waren. Jedenfalls dr�hnte die Festhalle von Hurrarufen auf die Drachenkrieger.</p><p>Hornbori sprang von seinem Fass, lie� anstechen und Trinkh�rner verteilen. Jeder sch�pfte so viel er wollte. Hornbori bediente sich beim Pilz und verteilte an die kleine Schar von Zwergen, die sich nach und nach um ihn versammelte, wohlgef�llte H�rner. Sie nahmen ihn gut auf. Sie wussten nur, dass er der Bewahrer der Goldenen Axt war, der h�chstrangige Krieger der Ehernen Hallen, und es war ihnen eine Ehre, mit ihm anzusto�en.</p><p>Gerade sah alles so aus, als w�rden die Dinge doch einen guten Lauf nehmen, als ein Kobold an seinem �rmel zupfte. �Auf ein Wort, Herr Zwerg.�</p><p>�Lass ihn in Ruhe�, wurde der Kleine sofort von einem blondb�rtigen, etwas f�lligen Zecher angefahren. �St�re Zwerge niemals, wenn sie gemeinsam trinken. Vor allem nicht, wenn du eine Schei�koboldhackfresse bist.�</p><p>Der Kobold nahm seine rote M�tze ab. �Besoffene Zwerge sind wahrlich unangenehme Gesellschaft. Dabei k�nnt ihr so freundlich sein�� Wenn nun unser ehrenwerter Anf�hrer einen Augenblick seiner Zeit f�r mich er�brigen k�nnte?�</p><p>Der blonde Zwerg deutete mit seinem Trinkhorn auf die rote M�tze. �Das da�� Stimmt es? Diese Geschichten �ber eure roten M�tzen.�</p><p>�Ich wei� leider nicht, welche Geschichten du geh�rt hast�, entgegnete der Kobold h�flich, doch in seinen Augen funkelte ein t�ckisches Leuchten.</p><p>Er w�rde dem �rger nicht aus dem Weg gehen, dachte Hornbori. Der Kleine hatte ein hartes, von Wind und Wetter gezeichnetes Gesicht. Seine Mundwinkel hatten sich tief in sein Antlitz gegraben, sein schwarzes Haar war durchzogen von grauen Str�hnen.</p><p>�Du wei�t genau, welche Geschichten ich meine!�, polterte der Zwerg nun los. �Ihr f�rbt eure M�tzen im Blut von toten Zwergen! Wir sollten euch kleine Drecks�cke alle an die Wand dieser schei� Halle nageln. Alle miteinander.�</p><p>�Das sind doch nur alberne Geschichten�, versuchte Hornbori den Streit abzuwiegeln. �Bl�des Gerede, um alte Fehden neu anzuheizen. Wir werden doch nicht���</p><p>�Nein, nein�, unterbrach ihn der Kobold. �Er wollte es wissen. Um des lieben Friedens willen werde ich nicht zum L�gner.�</p><p>Als Hornbori sein verschlagenes L�cheln sah, wurde ihm klar, dass der kleine Bastard diesen Streit von Anfang an geplant hatte. Bevor er einschreiten konnte, sprach der Kobold weiter: �Aufrichtigkeit gilt doch sogar unter Zwergen als eine Tugend. Also, ihr Zwerge k�nnt wirklich nett sein, vor allem��� Er drehte die M�tze in seinen H�nden und betrachtete sie, als st�nden ihm bei ihrem Anblick alte Erinnerungen wieder ganz klar vor Augen. �� wenn es ans Sterben geht. Der, in dessen Blut ich diese M�tze gef�rbt habe�� es war ein Blonder wie du. So lange hat er mich angefleht, ihm die Kehle durchzuschneiden. Zuletzt hat er immerzu nach seiner Mutter gerufen�� Ich wei� nicht, wie das bei euch so aussieht, aber ich finde es immer peinlich, wenn M�nner nicht mit W�rde abtreten k�nnen.�</p><p>�Du��� Der blonde Zwerg griff nach seiner Axt.</p><p>�Nicht!� Hornbori schob ihn zur�ck. �Trink weiter, und ich r�cke dem hier mal den Kopf zurecht. Eine Axt brauche ich daf�r nicht!� Er packte den Kobold und wollte ihn vor sich herschieben, als der ihn in die Hand biss. In jene Hand, deren Innenseite seit dem denkw�rdigen Tag in Galars H�hle unverwundbar geworden war. Leider galt das nicht f�r den Handr�cken. Hornbori sp�rte, wie sich die spitzen Z�hne in sein Fleisch gruben. Zugleich merkte jedoch auch der Kobold, dass etwas nicht stimmte.</p><p>Bevor der kleine Bastard sehen k�nnte, dass sein Handr�cken blutete, drehte Hornbori die Hand, zog sein Messer und stie� es sich mit sichtlicher Kraft in die offene Hand. Ohne Wirkung!</p><p>Der Kobold blinzelte verbl�fft. �Was ist das denn f�r ein Trick?�</p><p>Hornbori hielt ihm das Messer hin. �Versuch es selbst. Du hast einen Dolchsto� frei. Sollte ich auch dann nicht bluten, habe <emphasis>ich</emphasis> einen Dolchsto� frei!�</p><p>Der kleine Krieger leckte sich nerv�s �ber die Lippen. Den Dolch r�hrte er nicht an.</p><p>�Dein Auftritt gerade hat mir nicht gefallen. Wie hei�t du, Zwergenschl�chter?�, fragte Hornbori gef�hrlich ruhig.</p><p>�Rafa. Und glaub ja nicht, dass du mich gerade mit der Messernummer beeindruckt hast.�</p><p>�H�r zu, Rafa. Du und deine Kumpels werdet von jetzt an keine blutigen Zwergengeschichten mehr erz�hlen, solange ihr unter meinem Kommando steht. Verstanden?�</p><p>�Du glaubst, wir lassen uns von dir herumkommandieren?�, kam es aufm�pfig zur�ck. �Ich bin nur gekommen, um dir zu sagen, wie wir diesen Feldzug sehen. W�rst du sofort mit mir gegangen, h�tte es erst gar keinen �rger gegeben. Vielleicht ist dir das ja eine Lehre, Zwerg?�</p><p>Hornbori ma� den Eisbart mit skeptischem Blick. Manchmal war es besser, gar nichts zu sagen. Rafa w�rde schon noch damit herausr�cken, was er eigentlich wollte. Gerade M�nner, die gro�m�ulig Beleidigungen aussprachen, kamen meist damit nicht klar, wenn die Antwort Schweigen war.</p><p>Und tats�chlich, der Kobold fuhr nach kurzer Stille fort: �Du kannst vielleicht ein paar abergl�ubische Trolle und diese dummen Zwerge mit deiner Standarte beeindrucken. Uns Kobolde aber nicht. Ich glaube nicht, dass der Blick des Goldenen auf uns ruht. Und auch nicht der irgendeines anderen Drachen. Die haben wichtigere Dinge zu tun. Ich danke dir jedoch f�r dieses Festmahl, Zwerg. Es ist in der Tat das erste Mal, dass mich ein Zwerg zu irgendetwas eingeladen hat. Aber bilde dir nicht ein, du h�ttest uns damit gekauft.�</p><p>Hornbori strich sich nachdenklich �ber den Bart. �Ich nehme an, dass die entz�ckenden Damen, die uns sp�ter Gesellschaft leisten werden, auch nicht dazu beitragen werden, dich und deine Gef�hrten umzustimmen.�</p><p>�Eher im Gegenteil.� Jetzt lag blanker Hass in den Augen des Kobolds. �Wir werden ihre Gesellschaft sicherlich genie�en, aber sie sind Teil des Problems. Warum sind wir so arm, dass wir es uns nicht selbst leisten k�nnen, ihre Gunst auch nur f�r eine Stunde zu kaufen? Und warum bist du so reich, dass du es dir leisten kannst, eine ganze Festgesellschaft freizuhalten? Wir k�mpfen daf�r, diese Ungerechtigkeit zu beenden. Es soll guten Lohn f�r gute Arbeit geben. Wir schaffen die fetten Arschl�cher ab, die sich auf Kosten anderer ein Leben in Saus und Braus g�nnen, ohne sich auch nur an einem einzigen Tag in ihrer j�mmerlichen Existenz mit ehrlicher Arbeit die H�nde schmutzig gemacht zu haben.�</p><p>�Glaub mir, ich wurde nicht mit einem silbernen L�ffel im Mund geboren�, log Hornbori. �Ich stehe voll und ganz hinter dir.�</p><p>�Du stehst nur hinter dir selbst, Zwerg. Nach meiner Erfahrung ist das der einzige Weg, so reich zu werden, wie du bist.� Rafa grinste pl�tzlich breit. �Aber sehr bald stehst du vor mir. Oder besser gesagt vor meiner Armbrust. Dann wird Gerechtigkeit walten�� und ich werde nicht einmal bestraft werden, denn wer k�mmert sich in einem Gefecht schon darum, aus welcher Richtung das t�dliche Geschoss kam?�</p><p>Hornbori hatte das Gef�hl, als verwandelte sich der Inhalt seiner D�rme schlagartig in Eiswasser. Daran, dass Rafa seine Drohung wahrmachen w�rde, zweifelte er keinen Herzschlag lang. Er kannte den Ruf der Eisb�rte. Sie w�rden nie auf eine Gelegenheit verzichten, einen Zwerg umzulegen. Vorsichtig, jedes Wort mit Bedacht w�hlend, sagte er: �Was siehst du, wenn du dich in der Halle umblickst?�</p><p>Rafa zuckte mit den Schultern. �Was schon, ein paar d�mliche, vollgefressene Trolle, die sich vor einem goldenen Drachenkopf f�rchten. Ein paar arrogante Zwerge, die nicht verbergen, dass sie auf alle anderen herabblicken, und ein paar Kobolde, die niemandem in dieser Halle vertrauen au�er sich selbst.�</p><p>�Und mich nennst du arrogant?� Hornbori zwang sich zu lachen. �Das, was du sehen willst, hat sich l�ngst zwischen dich und die Wirklichkeit gestellt. �ffne deine Augen, dann siehst du vor dir einen Zwerg, der gezwungen wurde, das Kommando �ber eine Truppe aus Trollen, Kobolden und Zwergen anzunehmen. Und was tue ich? Ich behandele sie alle gleich. Ich feiere mit euch allen gemeinsam und nicht mit irgendwelchen bornierten Hauptleuten, die mich heute Abend auch eingeladen hatten. Wir essen dasselbe, wir trinken dasselbe. Nur bei den Damen, die uns gleich besuchen, mache ich kleine Unterschiede.� Er senkte die Stimme zu einem verschw�rerischen Fl�stern. �Ganz unter uns: Trolldamen machen mir Angst. Ich f�rchte mich davor, unter ihren Massen lebendig begraben zu werden.�</p><p>Die Andeutung eines L�chelns spielte um die Mundwinkel des Kobolds.</p><p>�Ich werde daran nichts �ndern. Auf dem Feldzug liege ich im selben Dreck wie ihr. Und so wie ihr werde ich ebenfalls in der ersten Reihe stehen, wenn das K�mpfen beginnt.� Das w�rde er nat�rlich tunlichst vermeiden, wenn es so weit war, dachte Hornbori bei sich. �Wenn wir lebend zur�ckkehren, dann werden wir erneut alle in dieser Halle zusammen feiern. Und ich hoffe, hier stehen dann nicht drei Tr�ppchen, die sich misstrauisch be�ugen, sondern Drachenkrieger, die ohne Ansehen von Geburt und Volk mit ihren Heldentaten angeben und den Geschichten ihrer Kameraden lauschen.�</p><p>�Du hast eine gewandte Zunge, Zwerg, aber mich t�uschst du nicht. Das alles hier tust du nur zu deinem eigenen Ruhm. Du willst hoch hinaus. Und um deine Ziele erreichen zu k�nnen, brauchst du dringend ein paar Heldentaten in der Schlacht. Die wirst du mit unserem Blut erkaufen.�</p><p>Hornbori seufzte. Rafa war wirklich ein schwerer Fall. �Nehmen wir einmal an, das stimmt. W�re es dein Schaden, einen Kriegskameraden zu haben, der Macht und Einfluss besitzt? Oder betrachten wir es einmal von einer ganz anderen Seite. Wenn mir etwas geschieht, was wird <emphasis>euch</emphasis> dann bl�hen? Eine Elfe als Anf�hrerin? Die armen Kerle, die wir verst�rken sollen, werden von einer Elfe gef�hrt. Ich habe geh�rt, dass sie ihre M�nner durch den Fleischwolf gedreht hat�� Keine andere Truppe hatte so hohe Verluste. Willst du so eine oder doch lieber einen Anf�hrer, der mit dir zusammen s�uft und hurt und dich wie einen Kameraden behandelt? Denk gut dar�ber nach, Rafa, und sag allen deinen Freunden, was ich dir jetzt gesagt habe. Ich bin ein Gl�cksfall f�r euch. Ihr Kobolde glaubt doch, die Hellsten hier in der Halle zu sein. Dann werdet ihr klar sehen, dass es euch mit mir gut geht. Wir werden bluten, etliche werden verrecken, aber die, die zur�ckkommen, werden es gut haben, denn wer mit mir zusammen durch Blut und Schei�e gewatet ist und mir die Treue h�lt, der steht mir n�her als meine leiblichen Br�der.� Hornbori sah Rafa an, dass die Worte Eindruck auf ihn gemacht hatten. Er klopfte dem Kobold auf die Schulter. �Lange Reden machen mich immer ganz durstig. Komm und stell mich deinen Freunden vor. Und dann w�rde ich gerne herausfinden, ob ihr Lumpen so trinkfest seid, wie ihr immer behauptet. Wir brauchen keine Hemmungen zu haben. Wer morgen fr�h nicht laufen kann, der wird auf einem Schlitten zum Schlachtfeld fahren.�</p><p>Rafa z�gerte kurz. Dann nickte er, und gemeinsam gingen sie zu den �brigen Eisb�rten. Als Hornbori wenig sp�ter Met mit den ber�chtigten Zwergenm�rdern aus dem hohen Norden trank, war er ein wenig optimistischer. Er schien den rechten Ton getroffen zu haben. Mit etwas Gl�ck w�rde er vielleicht doch nicht mit einem Armbrustbolzen seiner eigenen M�nner im R�cken sterben.</p></section><section><title><p>Die M�usemeuchlerin</p></title><p>Lyvianne verharrte auf dem H�gelkamm und sah zu dem Tal hinab, das unter ihr lag. Oder besser gesagt, sie blickte auf das dichte Gespinst aus Nebelschleiern, das einem Topfdeckel gleich �ber dem Tal lag. Die Elfe hatte lange gez�gert, an diesen Ort zur�ckzukehren, doch nur hier durfte sie auf Hilfe hoffen. Sie �ffnete die Faust und betrachtete den Ring, der auf ihrer Handfl�che lag. Einst hatte er Iyali, der Zunge der G�ttin, der Hohepriesterin der Anatu, geh�rt, die lieber in das Wasser des Schweigens gestiegen war, als die Geheimnisse ihrer Herrin zu verraten. Er war in Form einer sich windenden Schlange gefertigt, deren Augen aus winzigen Rubinsplittern bestanden.</p><p>Lyvianne stieg hinab zur Nebelbank, die das Tal vor Blicken verbarg. Hier lebte das einzige Gesch�pf, das weit genug auf den Pfaden dunkelster Magie gereist war, um vielleicht einen Zauber weben zu k�nnen, der mithilfe des Rings den Geist der Hohepriesterin zur�ck in die Welt der Lebenden zwingen konnte.</p><p>Es roch nach Winter. Bald w�rde der erste Schnee in der Snaiwamark fallen und f�r viele Monde nicht mehr weichen. Lyvianne mochte den Norden. Sie dachte daran, wie sie Gonvalon geboren hatte, um ihn dann, als er sie als Kind entt�uschte, zum Fra� f�r die W�lfe zur�ckzulassen. Sie hatte sich in ihm get�uscht. Dass er �berlebt hatte und zum Meister der Wei�en Halle aufgestiegen war, war eine der gr��ten �berraschungen ihres Lebens gewesen.</p><p>Sie durchquerte den Nebel. Die Luft wurde stickig und unangenehm schw�l. Grund daf�r waren die hei�en Quellen, von denen es mehrere am Talgrund gab. Ger�ll knirschte unter ihren Stiefeln. Als sie aus dem Nebel trat, be�ugten sie einige Hasen neugierig. Sie zeigten keine Scheu, so als w�rde niemals ein J�ger hierherkommen. Kiefern standen um eine nahe Quelle, die sich in wirbelndem Nebel verbarg.</p><p>Lyvianne sah sich um. Sie hatte den Ort, den sie gesucht hatte, um fast hundert Schritt verfehlt. Den jungen Holunderbusch, der sich in voller Bl�tenpracht zeigte. Entschlossen wandte sie sich nach rechts und schritt auf ihn zu.</p><p>Verwesungsgeruch hing in der Luft. Fliegen umschwirrten die wei�en Bl�tenrispen, die ungew�hnlich gro� waren.</p><p><emphasis>Du h�ttest mich sterben lassen sollen.</emphasis> Die Stimme war wie ein Nadelstich in ihren Gedanken. <emphasis>Du hast mir keinen Gefallen getan, als du mich hierhergebracht hast.</emphasis></p><p>�Du lebst, Matha Naht.�</p><p><emphasis>Nein, ich vegetiere! Was hast du aus mir gemacht! Ich locke Fliegen mit dem Verwesungsgeruch meiner Bl�tenrispen an und weide mich an ihrer Todesqual, wenn sie auf den klebrigen Bl�tenstempeln verenden. Und manchmal, wenn ich gro�es Gl�ck habe, w�hlt eine Maus zwischen meinem Wurzelwerk, und ich kann sie langsam erdrosseln. Ich, Matha Naht, Gestalt gewordene Finsternis, bin zur M�usemeuchlerin verkommen, dank dir, Lyvianne.</emphasis></p><p>�Du w�chst�, entgegnete die Elfe ruhig. �Du wirst wieder sein, was du einmal warst. Hab ein wenig Geduld.�</p><p><emphasis>Du bist doch nicht gekommen, um mir kluge Ratschl�ge zu erteilen. Wo warst du in den vergangenen Jahren? H�ttest du mich gehegt, w�re ich viel gr��er. Meine Wurzeln d�rsten nach Blut und meine Seele nach dem Labsal der Angst anderer. Kluge Gesch�pfe m�ssen es sein, die ihr Schicksal voll erfassen. Keine Fliegen!</emphasis></p><p>�Ich k�nnte dir helfen.�</p><p>Bitteres Lachen f�llte Lyviannes Gedanken.</p><p><emphasis>Was willst du, Elfe? Ich sp�re, eine dunkle Hoffnung hat dich zu mir gef�hrt. Komm n�her, ich will dich in meine dunklen Dornenarme nehmen, meine verlorene Sch�lerin.</emphasis></p><p>Die Elfe wusste nur zu gut, was es hie�, von Matha Naht umarmt zu werden. Nie w�rde sie vergessen, was der beseelte Holunder Gonvalon angetan hatte. Und auch sie hatte f�r das Wissen, das Matha Naht ihr in winzigen Br�ckchen �berlassen hatte, mit ihrem Blut bezahlen m�ssen.</p><p>Der Holunderbusch reichte Lyvianne nur bis zur H�fte. Der Stamm war kaum dicker als einer ihrer Finger. Schwarze Beeren hingen von blutroten St�ngeln. Die d�nnen �stchen schm�ckten sich mit Hunderten schneewei�en Bl�ten. Auf den ersten Blick erschien das B�umchen wie ein ganz gew�hnlicher Schwarzer Holunder. Doch sah man genauer hin, entdeckte man die Dornenranken zwischen den �sten. Dies Gesch�pf, erf�llt von Dunkelheit, war weder harmlos noch gew�hnlich. Trotz ihres Gejammers war ihre Macht auch jetzt schon wieder betr�chtlich.</p><p>Lyvianne �ffnete ihre Hand und zeigte ihrer alten Meisterin den Schlangenring. �Deshalb bin ich hier.�</p><p><emphasis>Er hat eine ungew�hnliche Aura. Der Ring ist nicht aus dieser Welt, nicht wahr?</emphasis></p><p>�Eine Menschentochter hat ihn getragen, bis in den Tod.�</p><p>Die �ste des Holunders wogten, als h�tte ein Windsto� sie gebeugt, doch kein L�ftchen regte sich im Tal. <emphasis>Eine Menschentochter mag ihn getragen haben, aber er ist nicht Menschenwerk. Gib ihn mir. Ich m�chte ihn sp�ren.</emphasis></p><p>�Nicht Menschenwerk?� Lyvianne ballte die Faust um den Ring.</p><p><emphasis>Hast du ihn dir nie durch dein Verborgenes Auge betrachtet? Ja, sein Sch�pfer hat die Magie verborgen, die er hineingab, doch wenn du ihn aufmerksam ansiehst, enth�llt sich das Muster.</emphasis></p><p>Nat�rlich hatte Lyvianne den Ring untersucht. Doch ihr war nichts aufgefallen. Versuchte Matha Naht sie zu betr�gen?</p><p><emphasis>Du bist immer noch eine Sch�lerin der magischen K�nste, wie mir scheint,</emphasis> spottete der Holunderbusch. <emphasis>Nichts hat sich ge�ndert in all den Jahren, seit du zum ersten Mal zu mir gekommen bist.</emphasis></p><p>�Sieh dich an�, entgegnete Lyvianne ruhig. �Sieh, was aus dir geworden ist. Alles hat sich ver�ndert. Hilf mir, und ich sprenkle etwas Hasenblut auf deine Wurzeln.�</p><p><emphasis>Und doch bist du es, die als Bittstellerin vor mir steht. Also buckle sch�n, wie es sich geh�rt, wenn man auf eine Gef�lligkeit hofft.</emphasis></p><p>�Glaubst du wirklich, du kannst Forderungen stellen? Ich k�nnte dich mit der Wurzel ausrei�en und deinem j�mmerlichen Leben endg�ltig ein Ende setzen.�</p><p><emphasis>Vielleicht w�rde ich das ja sogar begr��en?</emphasis></p><p>Lyvianne betrachtete den Holunderbusch nachdenklich. So hatte Matha Naht noch nie gesprochen. Ihre Meisterin verstand sich gut darauf, ihre Gef�hle zu verbergen, auch wenn sie sich �ffnen musste, um in Lyviannes Gedanken zu sprechen. Sie war nicht mehr wie fr�her. Die Jahre ohne Macht hatten sie zwar nicht dem�tig werden lassen, doch vielleicht hing sie wirklich nicht mehr an ihrem Leben. Wie konnte sie Matha Naht verlocken zu tun, was sie wollte.</p><p>�W�rde es dich kr�ftigen, von meinem Blut zu trinken?�</p><p><emphasis>Ah, das Buckeln beginnt. Dein Anliegen muss wohl sehr dringend sein, wenn du so schnell einlenkst.</emphasis></p><p>Lyvianne rollte den linken �rmel ihrer Tunika hoch. Sie trug noch immer die groben Gew�nder aus der Menschenwelt. Nur ihre nat�rliche Gestalt hatte sie wieder angenommen. Mit der Rechten zog sie ihr Schwert. �Du wirst mich loslassen, sobald ich es verlange, sonst hacke ich dir die �ste ab.�</p><p><emphasis>Wir sollten netter miteinander umgehen.</emphasis></p><p>Bei niemandem h�tten diese Worte falscher klingen k�nnen als bei Matha Naht. Nettigkeit war ein Begriff, den Lyvianne niemals auch nur im Entferntesten mit dem beseelten Holunder in Verbindung gebracht h�tte.</p><p>Ein einzelner Trieb streckte sich ihr entgegen und wand sich um ihren blassen Arm. Dornen gruben sich in ihr Fleisch. Doch kein Blut trat auf ihre fahle Haut. Die Elfe sah, wie sich der Trieb dunkler f�rbte. Deutlich sp�rte sie, wie Matha Naht auflebte.</p><p><emphasis>Nichts geht �ber diesen Saft,</emphasis> frohlockte der Holunder. <emphasis>Das ist etwas anderes als M�use! Wenn du jetzt noch Angst vor mir h�ttest, w�re der Genuss vollkommen.</emphasis></p><p>Lyvianne sah ihr eine Weile zu, wie sie trank. Dann hob sie das Schwert. Z�gerlich wich der Trieb zur�ck und lie� eine Reihe feiner, roter Bluttropfen auf ihrer Haut zur�ck.</p><p><emphasis>K�stlich, meine Liebe. Nun steck mir den Ring auf einen meiner �ste. Ich werde sehen, was ich f�r dich tun kann.</emphasis></p><p>Die Elfe gehorchte. Dann herrschte f�r eine lange Zeit angespannte Stille. Die D�mmerung trank das fahle Zwielicht unter der Nebelwolke, die das Tal verh�llte.</p><p>Dunkelheit schlich sich heran, als Matha Naht endlich in Lyviannes Gedanken sprach.</p><p><emphasis>Der Ring geh�rte Iyali, der Hohepriesterin der Anatu. Sie lebte an einem Ort, der Palast aus Mondenlicht genannt wurde.</emphasis></p><p>Ungeduldig lauschte die Elfe. Dies alles konnte Matha Naht auch in ihren Gedanken gelesen haben, als sie von ihrem Blut trank.</p><p><emphasis>Iyali war eine zierliche Menschentochter von kleiner Gestalt mit nachtschwarzem Haar, das ihr bis hinab zu den H�ften reichte. Sie war eine gestrenge Leiterin des Tempels und ihrer G�ttin bedingungslos ergeben.</emphasis></p><p>Nichts als hohle Worte, dachte Lyvianne zunehmend ver�rgert. Nichts davon war �berpr�fbar. Matha Naht konnte sich das einfach ausdenken, ohne Sorge haben zu m�ssen, dass ihr Schwindel auffliegen k�nnte. Jedenfalls nicht bevor Lyvianne das n�chste Mal auf den Ebermann traf. Er hatte Iyali gekannt.</p><p><emphasis>Etwas mehr Vertrauen w�re sch�n. Ich strenge mich an. Ich versuche nach dem Geist einer Menschentochter zu greifen, die vor vielen Jahrhunderten starb und um keinen Preis zur�ckgezerrt werden wollte. Ich glaube nicht, dass du dir auch nur im Entferntesten vorstellen kannst, um was du mich gebeten hast.</emphasis></p><p>Wie k�nnte ich dir vertrauen, dachte Lyvianne. Daf�r kenne ich dich viel zu gut. �Wirst du sie rufen k�nnen?�</p><p><emphasis>Nicht jetzt. Dem Ring haftet ein Hauch von Erinnerung an seine fr�here Tr�gerin an. Alles, was ich bisher gesagt habe, hat er mir verraten. Er ist von einem machtvollen Zauber umwoben, der die Tr�gerin langsamer altern lie�. Eine unsch�tzbare Gabe in der Welt der Menschenkinder, die aufbl�hen und vergehen wie Sommerblumen. Nicht wie ihr Elfen, die ihr ein Leben haben k�nnt, das nach Jahrhunderten z�hlt.</emphasis></p><p>Lyvianne ging darauf nicht ein. Sie wartete. Doch von Matha Naht kam nichts mehr. Ein bleicher Fleck im Nebel zeugte vom Mond, der hoch den Himmel hinaufgestiegen war. Stunden vergingen. So war es schon fr�her gewesen. Matha Naht mochte es, die Geduld ihrer Sch�ler auf die Probe zu stellen.</p><p>Schlie�lich rollte Lyvianne ihren Umhang zusammen und setzte sich darauf. Den Kopf auf die angezogenen Knie gest�tzt, d�ste sie, bis die Stimme ihrer Meisterin sie aus dem Halbschlaf riss.</p><p><emphasis>Ich bin zu schwach. Ich brauche ein Opfer. Lebend! Ich brauche nicht nur Blut. Ich muss die Angst f�hlen, muss sp�ren, wie sich mein Opfer verzweifelt in meinen Dornenranken aufb�umt.</emphasis></p><p>Argw�hnisch betrachtete sie den Holunder. War er gewachsen? Hatte er ihr Blut genutzt, um seine eigene Macht zu mehren?</p><p>�Was ist mit Iyali? Konntest du Verbindung zu ihrem Geist aufnehmen?�</p><p><emphasis>Einen alten Geist, der nicht gefunden werden will, heraufzubeschw�ren verlangt ein Opfer. Ein junges Leben muss vergehen, damit es gelingen kann. Bring ein M�dchen, das die Tage des Blutes noch nicht kennt. Am besten eine junge Elfe. Du wei�t um die Balance der Welt. Eine alte Tote zu rufen verlangt junges Blut. Tierblut wird hier nicht gen�gen. Bring mir mein Opfer, und ich werde dir deinen Wunsch erf�llen. Wenn du das nicht kannst, dann geh. Dann vermag ich dir nicht zu helfen�� Doch ich vertraue auf dich: Du bist Lyvianne. Die Mutter, die ihre eigenen Kinder t�tet. Du wirst dich nicht von einem kleinen Hindernis aufhalten lassen, wenn es gilt, ein gro�es Ziel zu erreichen. Ich w�nsche dir eine gute Jagd.</emphasis></p></section><section><title><p>Ein junges Leben</p></title><p>Acht Tage waren vergangen. Lyvianne war heimgekehrt in ihren Palast in Mylal auf Tanthalia, den sie allzu selten noch aufsuchte. Endlich hatte sie die juckenden Kleider der Menschenkinder abgelegt und trug wieder das lange, wei�e Gewand einer Meisterin der Wei�en Halle. Sie wusste um ihre Wirkung in diesem eng anliegenden Kleid mit dem hohen Kragen und den kostbaren Silberstickereien an den S�umen.</p><p>Aus schneewei�em Leinen war auch der leere Sack, der auf ihrer Schulter lag. An den drei vorangegangenen Abenden hatte sie lange Spazierg�nge �ber die K�stenwege gemacht. Sie hatte von ferne die kleinen Fischerd�rfer beobachtet, die der Stadt vorgelagert waren. Heute wusste sie, wohin sie wollte. Dennoch ging sie langsam. Der Weg vor ihr war verlassen. Weit drau�en auf dem Meer hoben sich wei�e Segel deutlich vor dem gl�henden Abendrot ab. Es war ein friedlicher Ort. Ein Ort, um sich niederzulassen, hinaus auf das ewige Meer zu blicken und alles hinter sich zu lassen.</p><p>In den letzten Tagen hatte Lyvianne viele Stunden lang spielende Elfenkinder beobachtet. Ihr ausgelassenes Treiben am Strand. Gerne hatte sie dem hellen Lachen gelauscht. Wenn sie abends zur�ck in ihren stillen Palast kam, empfand sie eine Leere in sich, die ihr nie zuvor bewusst gewesen war.</p><p>Sie weinte nicht um ihre verlorenen Kinder. Doch hatte sie in den vergangenen N�chten viele Stunden wach gelegen und an all jene zur�ckgedacht, denen sie den Tod gegeben hatte. Jene Unvollkommenen, denen sie nie die Gelegenheit zugestanden hatte, ihr zu beweisen, dass sie sich vielleicht in ihnen geirrt hatte.</p><p>Im Uferwald zu ihrer Linken erklang der Ruf eines Uhus, der sich irgendwo im Ge�st der rotst�mmigen Fichten verbarg. Ihre Gedanken schweiften zu ihrem letzten Sohn. Pl�tzlich klang ihr seine zarte Stimme im Ohr. Er hatte gerade begonnen zu sprechen. Mingo war eines seiner ersten Worte gewesen. Er hatte die gro�en rosa V�gel geliebt, die auf ihren langen Beinen durch die Mangroven gestakst waren. Flamingos. Sosehr er sich bem�ht hatte, er hatte ihren Namen nicht ein einziges Mal richtig ausgesprochen. F�r ihn waren sie einfach Mingos gewesen. Sie waren das Letzte gewesen, was er gesehen hatte, bevor sie ihn ertr�nkte.</p><p>Wie w�re es gewesen, mit ihm hier am Meer spazieren zu gehen? H�tte er die Segel am Horizont gemocht? Sich so wie sie vorgestellt, wohin die Schiffe reisen mochten?</p><p>Sie sollte wieder schwanger werden, dachte Lyvianne. Es war genug Zeit seit dem Abend in den Mangroven vergangen. Der Gedanke war ihr in der letzten schlaflosen Nacht gekommen. Ja, sie hatte auch schon einen Liebhaber f�r sich auserkoren, doch zum ersten Mal in ihrem langen Leben hegte sie Zweifel, ob sie ihn verf�hren k�nnte. Einst hatte er eine G�ttin geliebt. Was sollte ihn da eine Elfe reizen?</p><p>Und w�rde sie es ertragen k�nnen, wenn er auf ihr lag und sie in das Antlitz eines Ebers sah? W�rde sie ihn k�ssen k�nnen? Lyvianne wusste, dass er sich den absto�enden Kopf erw�hlt hatte. Er konnte seine Gestalt verwandeln. Wie er wohl ausgesehen hatte, bevor er sich entschieden hatte, der Ebermann zu sein? Warum hatte er beschlossen, ein Ungeheuer zu werden?</p><p>Lyvianne strich sich ihre Haare zur�ck, die sie endlich wieder offen tragen konnte. Sie konnte nicht aufh�ren, �ber den Devanthar nachzudenken. Wie w�rde ein Kind von ihm aussehen? W�rde sie interessanter f�r ihn, wenn sie herausfand, was Iyali �ber Anatus Tod gewusst hatte? Und war ein Liebesabenteuer mit einem Albenkind f�r ihn �berhaupt denkbar? Wenn sie ein Kind von einem Devanthar empfing, w�rde es die Welt ver�ndern. Selbst wenn es nur einen Bruchteil seiner Anlagen erbte, w�re es machtvoller als je ein Elf zuvor. Vielleicht w�re auch das ein Weg zum Frieden?</p><p>Lyvianne lachte leise. Das war Tr�umerei. Sie wollte einfach nur ein Kind von ihm. Dass es Frieden stiften k�nnte zwischen Daia und Albenmark, war ein absurder Gedanke.</p><p>Die Elfe bog vom Weg an der K�ste in den Wald ab. Die Kiefernst�mme gl�hten im Abendlicht, w�hrend in den Kronen der B�ume schon die Schatten der Nacht nisteten. Sie genoss den Duft der Kiefernnadeln und schob ihre ehrgeizigen Tr�ume von sich. Nun galt es, ganz hier zu sein. All ihre Gedanken auf den Grund ihrer Anwesenheit zu richten.</p><p>In der Ferne h�rte sie das leise Summen der Bienenst�cke. Wenn die Sonne im Meer versunken war, w�rde es verstummen.</p><p>Durch die B�ume sah sie das Licht im Haus der Imkerin. Zwei kleine, goldene Fenster in einem schmucklosen Haus mit tief hinabgezogenem Dach, unter dessen Traufen Holzscheite entlang der Hauswand gestapelt waren. Das Heim der Imkerin lag inmitten einer Lichtung voller Wildblumen. Hier hing noch der Duft des Sommers in der Luft, w�hrend in der Snaiwamark schon der Winter aufzog. Lyvianne setzte sich auf einen gest�rzten Stamm, verborgen unter tief h�ngenden �sten. Deutlich sah sie das M�dchen im gelben Kleid bei den Bienenst�cken. Die Kleine war weniger als drei�ig Schritt entfernt. Mit glockenheller Stimme sang sie den Bienen ein Abendlied.</p><p>Der Elfe gingen die Verse durch den Kopf, die sie ihren Kindern gesungen hatte: <emphasis>Schattengeber, Tr�umeweber, wandern durch die Nacht��</emphasis></p><p>Lyvianne schloss die Augen und konzentrierte sich ganz auf den Zauber, mit dem sie ihre Kleinen so oft erfreut hatte. Sie hauchte ein Wort der Macht und stellte sich einen kleinen Punkt aus hellem Licht vor. In Gedanken lie� sie ihn tanzen, honigfarbene Linien durch das D�mmerlicht ziehen. Schneller und schneller, bis die Linien Fl�chen formten und dann eine Gestalt. Einen Schmetterling, der in gaukelndem Flug vor ihr in der Luft tanzte, als sie die Augen wieder �ffnete. Ein Gesch�pf aus zartem Licht, ganz und gar ihrem Willen unterworfen.</p><p>Die Elfe entlie� den Schmetterling aus den Schatten des Waldes und lenkte seinen Flug hin zu den Bienenk�rben am Rand der Lichtung. Dann erhob sie sich und trat hinter einen Kiefernstamm.</p><p>Bald h�rte sie, wie das Lied des M�dchens im gelben Kleid verstummte.</p><p>Lyvianne wartete ein wenig, dann befahl sie den Schmetterling in Gedanken zur�ck in den Wald. Wie erwartet, folgte das M�dchen dem strahlenden Trugbild.</p><p>Lyvianne lie� den Falter aus Licht auf dem gest�rzten Baumstamm landen, auf dem sie eben noch gesessen hatte.</p><p>�Endlich wartest du auf mich�, erklang die helle Stimme. �Einen so sch�nen Schmetterling habe ich noch nie gesehen. Woher kommst du nur?�</p><p>Bevor die Kleine den Schmetterling erreichte, lie� Lyvianne ihn erneut auffliegen. Dann trat sie hinter dem Kiefernstamm hervor. �Hier bist du, du Ausrei�er?�</p><p>Erschrocken blieb das M�dchen stehen und sah sie mit weiten Augen an.</p><p>Lyvianne streckte die rechte Hand vor und lie� den Schmetterling anmutig auf ihrem Handr�cken landen. �Wer bist denn du? Hat mein Ausrei�er eine kleine Freundin gefunden?�</p><p>Statt zu antworten, schluckte das M�dchen nur.</p><p>Lyvianne ging in die Knie, sodass sie einander auf Augenh�he begegneten. �Habe ich dich erschreckt? Bitte entschuldige.�</p><p>�Bist du�� eine Zauberin?�</p><p>�Ja, das bin ich�, entgegnete sie freundlich. �Dieser kleine Schmetterling ist aus Magie und meinen Tr�umen gewoben.�</p><p>�Darf ich ihn auch einmal auf der Hand halten?�</p><p>Lyvianne l�chelte. �Nat�rlich. Streck deine Hand vor.� Sie lie� den Schmetterling zu dem M�dchen fliegen und flocht einen weiteren Zauber ein, der die Gl�cksgef�hle der Kleinen noch verst�rkte, als die Lichtgestalt sie ber�hrte.</p><p>�Er ist so sch�n! Wie machst du das?� Sie blickte aus hellen, himmelblauen Augen zu ihr auf. Ihr schmales Gesicht gl�hte vor Begeisterung. Die Scheu des ersten Augenblicks war vergessen. Lyvianne betrachtete das M�dchen durch ihr Verborgenes Auge. Die Kleine hatte die Gabe. Sie war nicht sonderlich ausgepr�gt, aber sie w�rde eine Zauberweberin werden k�nnen, wenn jemand ihr Talent f�rderte.</p><p>�Es kostet viel Zeit und Geduld, wenn du die Zauberkunst erlernen willst.�</p><p>�So wie beim Lesen- und Schreibenlernen?�</p><p>Lyvianne musste lachen. �Ich f�rchte, noch mehr. Aber ich bin mir sicher, du k�nntest es schaffen. Ich sp�re deine Begabung.�</p><p>�W�rdest du meine Lehrerin sein?�, platzte es aus ihr heraus.</p><p>Es war so leicht, dachte die Drachenelfe beklommen. �W�rdest du mit mir kommen? Wie hei�t du eigentlich?�</p><p>�Myrella.� Die kleine Elfe sah zur�ck zur Lichtung. Es war nun fast dunkel. Nur die beiden erleuchteten Fenster waren noch deutlich zu erkennen. �Es ist sp�t. Meine Mutter wird sich Sorgen machen���</p><p>�Um eine Zauberweberin zu werden, muss man schon ein wenig mutig sein, Myrella. Du musst deine eigenen Entscheidungen treffen. Ich habe einen Saal voller Schmetterlinge aus Licht. Wenn viele von ihnen gemeinsam fliegen, erklingt eine Melodie, die dir das Herz aufgehen l�sst. Wie sie das machen, habe ich nie ergr�nden k�nnen. Aber vielleicht w�rden wir dieses Geheimnis ja gemeinsam entr�tseln k�nnen.�</p><p>�Du hast ein ganzes Zimmer voller Schmetterlinge?�</p><p>�Kein Zimmer. Es ist ein Saal, gr��er als die H�tte deiner Mutter.�</p><p>�So gro�! Wie die Pal�ste auf den Klippen von Mylal? Ich war schon drei Mal in der Stadt. Meine Mutter muss manchmal dorthin, wenn sie ihren Honig verkauft.�</p><p>�Und dein Vater?� Jetzt sah auch Lyvianne zur Lichtung. Sie sollte sich beeilen!</p><p>Myrella schluckte. �Er ist�� Mein Vater ist tot. Ertrunken. Er war Kapit�n auf einem der Schiffe, die von Mylal bis zur fernen Lotussee reisen. Von seiner letzten Fahrt kehrte er nicht zur�ck.� Sie schluchzte leise. �Drei Jahre ist das her. Und ich beginne zu vergessen, wie er ausgesehen hat. Sein Bild verwischt in meiner Erinnerung.� Jetzt rannen Tr�nen �ber ihre Wangen. �Dabei habe ich nicht aufgeh�rt, ihn zu lieben.�</p><p>Lyvianne legte dem M�dchen sanft die Hand auf die Schulter. �Ich kann dir helfen. Ich kenne einen Zauber, der Bilder unausl�schlich in unsere Erinnerung brennt.�</p><p>�Wirklich?�</p><p>�Daf�r brauchen wir einen Kristall aus meinem Palast. Er verst�rkt deine Erinnerungen. Du sagtest ja, dass du bereits begonnen hast zu vergessen.�</p><p>Myrella begann hemmungslos zu schluchzen. �Ja�� Ich bin schuld an seinem Ungl�ck. Und jetzt beginne ich ihn auch noch zu vergessen! Ich hab das alles nicht gewollt!�</p><p>Lyvianne tupfte ihr mit einem Zipfel des Leinensacks die Tr�nen fort. �Komm.� Voller Sorge sah sie zur Lichtung. Sicherlich w�rde bald Myrellas Mutter nach drau�en kommen und nach ihrer Tochter suchen.</p><p>�Wo ist denn dein Palast?�</p><p>�Nicht weit von hier, im Herzen des Waldes.� Die Drachenelfe erhob sich. �Komm, gehen wir hin.�</p><p>Die Kleine blieb stehen und runzelte die Stirn. �Ich kenne den ganzen Wald. Hier gibt es keinen Palast.�</p><p>Lyvianne lachte leise. �Du Dummerchen. Glaubst du wirklich, den Palast einer Zauberweberin k�nnte man einfach so sehen? Du musst an der richtigen Stelle stehen und das geheime Wort nennen, dann wird er sichtbar, und du kannst ihn betreten.�</p><p>�Nat�rlich��� Ein Schluchzer begleitete das Wort. Jetzt kam sie zu ihr und ergriff voller Vertrauen ihre Hand. Myrellas Finger waren eiskalt. �Kannst du meinen Vater zur�ckbringen? Wenn du einen ganzen Palast verschwinden lassen kannst, dann kannst du doch auch sicher einen verschwundenen Vater wieder zur�ckholen! Er muss wieder zur�ckkommen! Ich muss ihm sagen, wie leid es mir tut���</p><p>�Ich will dich nicht bel�gen. Tote zur�ckzuholen �bersteigt meine F�higkeiten. Aber ich verspreche dir, dass wir das Bild deines Vaters in deiner Erinnerung wieder lebendig werden lassen.�</p><p>Myrella begann wieder leise zu schluchzen.</p><p>Lyvianne strich ihr durch die goldenen Locken.</p><p>�Ich h�tte ihn k�ssen m�ssen���, stie� sie zwischen Schluchzern hervor. �Er hat es sich so sehr gew�nscht. Meine K�sse seien sein Talisman, hat er gesagt. Sie br�chten ihm Gl�ck. Aber ich habe ihn nicht gek�sst, weil ich so w�tend auf ihn war, dass er wieder zu einer langen Reise aufbrechen wollte. Ich bin schuld, dass sein Schiff in den Sturm geraten ist. Ich habe ihm sein Gl�ck gestohlen. Ein gl�ckloser Seemann darf sich nicht auf das Meer hinauswagen, wei�t du. Er lockt die St�rme an.�</p><p>Was f�r Unsinn, dachte Lyvianne und war doch zugleich auch ber�hrt von der Verzweiflung des M�dchens. �Wenn du durch einen verweigerten Kuss einen Sturm heraufbeschw�ren k�nntest, dann w�rst du schon jetzt eine gr��ere Zauberweberin als ich und ich m�sste bei dir in die Lehre gehen.�</p><p>Myrella sah zu ihr auf. �Wirklich?�</p><p>�Es war ein Ungl�ck, dass das Schiff in den Sturm geraten ist. Es war nicht nett von dir, deinen Vater ohne Kuss gehen zu lassen. Doch das ist die ganze Geschichte. Du hast bestimmt keine Schuld an seinem Schicksal.�</p><p>�Aber ich hab ihm doch sein Gl�ck gestohlen�, sagte sie leise.</p><p>�Hast du denn je aufgeh�rt, ihn zu lieben?�, fragte Lyvianne streng.</p><p>�Nein! Niemals��� Die Kleine brach wieder in Tr�nen aus.</p><p>Lyvianne dr�ckte ihre Hand und zog sie n�her an sich heran. �Ich verrate dir jetzt ein Geheimnis. Erwachsene sp�ren tief in ihrem Herzen, ob sie geliebt werden. Ein Herz hat keine Augen und keine Ohren. Nichts kann es t�uschen. Es kennt immer die Wahrheit, deshalb solltest du im Zweifel immer auf dein Herz h�ren. Und es gibt noch ein Geheimnis. V�ter verzeihen ihren T�chtern fast alles. Er wird gewusst haben, dass du ihm den Kuss verweigert hast, weil du ihn so sehr liebtest, dass du nicht wolltest, dass er geht. Wie k�nnte man dar�ber b�se sein.�</p><p>�Du wei�t so viel�, sagte Myrella nach einer Weile. �Kommt das, weil du eine Zauberweberin bist?� Die kleine Elfe hatte aufgeh�rt zu weinen.</p><p>�Mein Leben w�hrt schon sehr lange, und wer wachen Sinnes ist, h�rt niemals auf zu lernen.�</p><p>�Meine Mutter will nicht, dass ich �ber Vater mit ihr rede�� Ich darf nicht einmal mehr seinen Namen sagen. Und wenn ich mich nicht daran halte, f�ngt sie sofort an zu schimpfen. Oder sie wird ganz still und weint�� Das ist noch schlimmer als ihr Schimpfen.�</p><p>W�hrend sie redeten und gingen, war die Sonne untergegangen. Tiefe Dunkelheit hatte sich �ber den Wald gelegt. Vor ihnen erklang das Quaken von Kr�ten. Bald h�tten sie jenen Ort erreicht, an dem der Wald am finstersten war. Eine sumpfige Senke, in der die B�ume in fauligem Wasser wurzelten. Fast wie in den Mangroven, in denen sie ihren Sohn ertr�nkt hatte, dachte Lyvianne.</p><p>�Sind wir hier richtig? Liegt dein Palast etwa im Sumpf. Das ist ein b�ser Ort. Meine Mutter hat mir verboten, dorthin zu gehen.�</p><p>�Mach dir keine Sorgen. Wir gehen an einen Ort, an dem alles Leid endet. F�rchtest du dich etwa?�</p><p>Myrella sah zu ihr auf. Das goldene Licht des Schmetterlings, der mit ihnen flog, strahlte �ber ihr l�chelndes Gesicht. �Nein, ich habe keine Angst. Mein Herz sagt mir, dass ich dir vertrauen kann. Und ich habe entschieden, von nun an immer auf mein Herz zu h�ren.�</p></section><section><title><p>Meine zierlichen F�sse</p></title><p>Shaya taumelte vor M�digkeit. Sie waren wieder an das Ende der Marschkolonne zur�ckgefallen. Oder noch weiter? Sie wusste es nicht. Ihr Heer begann sich immer schneller aufzul�sen. Am Morgen hatte sie einen erfrorenen Jaguarmann gesehen. Einen Jaguarmann! Sie hatte diese unheimlichen Kreaturen f�r fast unsterblich gehalten. Doch der Winter machte keine Unterschiede. Sie h�tten niemals hierherkommen d�rfen.</p><p>�Ich kann nicht mehr�, st�hnte Ninwe. Ihre Freundin hatte den Arm um ihre Schultern gelegt und st�tzte sich schwer auf sie.</p><p>�Ein bisschen noch�, stie� Shaya gequ�lt hervor. �Wir m�ssen weitergehen, solange es noch hell ist. Wir d�rfen nicht den Anschluss verlieren.�</p><p>Sie erreichten die Kuppe eines flachen H�gels. So weit das Auge reichte, reihte sich ein H�gel an den anderen. Ihr Weg war durch zerstampften Schnee markiert und durch die Gestalten in zerlumpter Kleidung entlang der Marschroute. Hundertfach f�hrten sie Shaya vor Augen, was geschah, wenn man sich einen Moment lang setzte, um neue Kraft zu sch�pfen. Wenn man es zulie�, dass einem die Augen zufielen. Nur einen Moment lang��</p><p>�Komm!�, sagte Shaya. �Heute Morgen habe ich geh�rt, dass es nur noch f�nfzig Meilen sind. Das schaffen wir sogar im H�pfen.�</p><p>Ninwe war zu ersch�pft, um zu antworten. Ihr Gesicht war ger�tet vom Frost. Die Nasenspitze dunkel verf�rbt. Sie starrte geradeaus, ohne die geringste Emotion zu zeigen.</p><p>�Siehst du die Berge am Horizont?� Shaya deutete auf die schmale Linie aus Schatten, die sich am Horizont �ber das endlose Wei� erhob. �Dahinter liegt das Weltentor. Dort sind wir in Sicherheit. Wir sind �ber zweihundert Meilen marschiert. Ich verbiete dir, auf dem letzten St�ckchen schlappzumachen.�</p><p>Ninwes Mundwinkel zuckten. Shaya nahm das als Andeutung eines L�chelns. Die Kriegerin erlaubte sich einen Moment lang, im Stehen die Augen zu schlie�en. Sie tr�umte von einem Feuer in der Mitte einer Jurte und davon, wie sie, in Decken eingeh�llt, dem singenden Wind lauschte, so wie sie es als Kind w�hrend der endlosen Winter in der Steppe so oft getan hatte. Was w�rde sie nicht f�r einen Becher warmer Yakmilch geben!</p><p>Mit einem Seufzer �ffnete sie die Augen. Sie durfte sich nicht gehen lassen. Was sie gerade getan hatte, war dumm und gef�hrlich.</p><p>�Lass mich zur�ck�, fl�sterte Ninwe. Es war das erste Mal seit Stunden, dass ihre Freundin sprach.</p><p>�Red keinen Unsinn!�</p><p>�Ohne mich kannst du es schaffen.�</p><p>Shaya ignorierte sie und stapfte los. Sie zog Ninwe mit sich, die keine Kraft mehr hatte, noch weiter zu sprechen. Immer schwerer lastete der Arm ihrer Freundin auf ihren Schultern. Ninwe hatte recht. Ihr Gewicht w�rde sie beide zu Boden dr�cken.</p><p>Die Steppenreiterin biss die Z�hne zusammen. Sie w�rde nicht aufgeben! Au�er ihrer Freundin gab es fast nichts mehr zu tragen. Die Beutel und Taschen, die sie mit allerlei P�lverchen und getrockneten Kr�utern gef�llt gehabt hatte, waren leer. Die meisten hatte sie inzwischen fortgeworfen. Ein Mittel gegen Durchfall und etwas gegen Schlaflosigkeit, das war alles, was sie noch hatte. Sie sollte auch diesen nutzlosen Plunder fortwerfen.</p><p>Ein St�ck voraus regte sich etwas. Drei Gestalten mit schneegepuderten Decken erhoben sich am Rand des Weges. Shaya blickte in die harten, ausgemergelten Gesichter dreier Steppenreiter. Blutunterlaufene Augen sahen sie und Ninwe gierig an. Die Ischkuzaia waren lange Winter gew�hnt. Auch wenn ihre Pferde l�ngst alle tot waren, so hatten die Reiter diesen Marsch der Qualen doch besser �berstanden als die meisten anderen Krieger.</p><p>�Gib uns deinen Mantel, Dickerchen. Du brauchst ihn ohnehin nicht mehr!� Der Wortf�hrer deutete mit seinem Speer auf Ninwe.</p><p>Er hatte sie in seiner Muttersprache angesprochen. Ganz sicher hatte Ninwe kein Wort verstanden. Aber wie er mit dem Speer auf sie deutete, war unmissverst�ndlich.</p><p>�Lass sie!�, sagte Shaya ruhig. �Du machst deinen Ahnen Schande, Bruder.�</p><p>Der Wortf�hrer lie� den Speer sinken und sah sie �berrascht an. �Trenn dich von ihr, Schwester. Sieh sie dir an. Sie wird ohnehin nicht �berleben. Ihr Mantel wird mir besser nutzen. Ich habe noch die Kraft, bis zum Weltentor zu gehen, wenn ich mich nur vor der K�lte sch�tzen kann.�</p><p>�Du wirst nicht Hand an sie legen, Bruder.�</p><p>Die drei sahen sich an und l�chelten. �Wer sollte das verhindern, Schwester? Der Wei�e Wolf? Er ist nicht hier. Er will, dass wir uns selbst helfen. Und sogar dir werde ich helfen, indem ich dich von dieser Last befreie. Vielleicht schaffst du es dann auch noch.�</p><p>�Setz dich bitte in den Schnee, Ninwe�, sagte Shaya ruhig.</p><p>Ihre Freundin sah sie erschrocken an, als sie ihren Arm von den Schultern streifte. �Du��� Ninwe standen Tr�nen in den Augen. �Nach alldem���</p><p>Shaya wandte sich von ihr ab. Sie streckte sich und bewegte den Kopf, um ihren Nacken zu entspannen. �Kehre auf den Pfad des Kriegers zur�ck, Bruder. Dies ist die letzte Gelegenheit.�</p><p>�Oder was?� Der Wortf�hrer der Ischkuzaia deutete nun mit seinem Speer auf sie. �Ich will dir nichts antun, Schwester, aber du wirst uns nicht aufhalten.� Er nickte den beiden anderen zu. Der Krieger rechts von ihm zog eine Dornaxt aus seinem G�rtel, der andere ein kurzes Bronzeschwert. �Geh einfach weiter, Schwester. Lass sie im Schnee sitzen.�</p><p>�Das kann ich nicht.� Shaya hob beide H�nde und streifte die Kapuze ihres Umhangs zur�ck. Der Elf, der sie aus dem Kloster in Luwien befreit hatte und an ihrer Stelle gestorben war, hatte ihr Gesicht ver�ndert. Nicht einmal die M�nner aus der Leibwache ihres Vaters w�rden sie jetzt noch wiedererkennen.</p><p>Sie griff mit beiden H�nden in ihr Haar und strich es nach hinten. Die Geste beruhigte den Krieger. Sie sah, wie sich sein Gesicht entspannte. Selbst, als sie einen Schritt nach vorne trat, ahnte er nicht, was kommen w�rde. Sie hatte in der Vergangenheit stets an der Spitze ihrer M�nner gek�mpft. Sie war eine Kriegerin gewesen und hatte es geliebt.</p><p>Pfeilschnell schossen ihre H�nde nach vorn und entrissen dem Wortf�hrer den Speer. Sie rammte das stumpfe Ende dem Krieger mit der Dornaxt in den Bauch, riss die Waffe zur�ck und versenkte die Speerspitze in der Brust des Wortf�hrers, der sich ihr halb zugewandt hatte.</p><p>Ohne sich umzudrehen, duckte sie sich. Ein Schwertstreich verfehlte sie nur um wenige Zoll, als sie die Dornaxt aufhob, die in den Schnee gefallen war. In der Hocke wirbelte sie herum. Die Axt traf den dritten Angreifer im Knie.</p><p>Mit einem gellenden Schrei versuchte er, vor ihr zur�ckzuweichen, strauchelte und st�rzte nach hinten, w�hrend das Blut in pulsierenden St��en aus seiner Wunde spritzte.</p><p>Shaya zog ihren Dolch und schnitt dem Krieger, dem sie das stumpfe Speerende in den Magen gerammt hatte, die Kehle durch. Dann sah sie nach den beiden anderen. Sie waren zu schwer verletzt, um noch eine Gefahr zu sein.</p><p>�Ich lasse euch f�r die Gr�nen Geister zur�ck. Sollen sie eure Seelen nehmen. Ihr seid es nicht w�rdig, zu euren Ahnen zu gehen.�</p><p>�Wer�� wer bist du?�, stammelte der Wortf�hrer.</p><p>�Das wirst du nie erfahren.� Shaya wandte sich m�de ab und half Ninwe auf die Beine. Ihre Freundin war dicht zu einem der Sterbenden herangekrochen. Jetzt sah sie voller Angst zu ihr auf. Von dem, was gesprochen worden war, konnte sie nichts verstanden haben. Sie beherrschte die Sprache der Steppe nicht, da war sich Shaya ganz sicher.</p><p>�Wer bist du?�, fragte nun auch sie, w�hrend Shaya ihr den Schnee aus dem Pelzmantel klopfte.</p><p>�Jetzt bin ich wieder die Heilerin, die du kennst.�</p><p>Die beiden Krieger hinter ihnen vergeudeten ihre letzte Kraft damit, sie zu verfluchen. Shaya schlang sich Ninwes Arm um die Schultern und f�hrte sie weiter den Hang hinab. Nie zuvor hatte das Gewicht ihrer Freundin so schwer auf ihr gelastet.</p><p>�Wei�t du, vom ersten Tag an haben alle M�dchen �ber dich geredet. Du warst immer anders. Keine Hure�� und auch keine W�scherin oder K�chin.� Ninwe musste um jedes der Worte k�mpfen. Ihr Atem ging sto�weise.</p><p>�Kira hat dich einmal nackt gesehen. Deine Narben�� Sie glaubte, du seist eine Sklavin gewesen. Sie hat sich geirrt, nicht wahr? Du warst eine Kriegerin. Du kommst aus der Steppe. Die drei haben dich erkannt. Du bist eine von ihnen.�</p><p>�Das stimmt, und jetzt solltest du besser deinen Atem sparen. Gleich geht es wieder bergan.�</p><p>�Sie haben dir bestimmt gesagt, dass du mich zur�cklassen sollst.�</p><p>�Wenn du nicht aufh�rst zu reden, k�nnte ich auf die Idee kommen, es zu tun.�</p><p>�Das w�re klug�, sagte Ninwe ernst. �Und du solltest meinen Mantel nehmen. Er wird dir das Leben retten.�</p><p>�Ich will davon nichts h�ren. Wir beide schaffen das und wenn ich dich dazu auf meinen Schultern tragen m�sste.�</p><p>Ihre Freundin lachte leise. �Ich traue dir zu, dass du es versuchen w�rdest�� Du w�rdest sogar��� Die Abst�nde zwischen den Worten wurden immer l�nger. Dann endlich war sie still. Schwere, keuchende Atemz�ge, das war alles, was sie noch von sich gab, und Shaya dankte still den G�ttern daf�r, dass endlich Ruhe war.</p><p>Schritt um Schritt k�mpften sie sich den n�chsten Hang hinauf. Immer entlang der von Toten ges�umten Stra�e. Als sie die n�chste H�gelkuppe erreichten, war auch Shaya nah am Ende ihrer Kr�fte. Sie half Ninwe, sich auf einen schneebedeckten Stein zu setzen, und k�mpfte gegen die Verlockung an, erneut die Augen zu schlie�en. Nur kurz�� Ein paar Herzschl�ge. Sie senkte den Blick. Nicht nachgeben! Da bemerkte sie die blutgetr�nkten N�hte von Ninwes Stiefeln. Das starke, wei�e Garn, mit dem die Sohle vern�ht war, war dunkelrot verf�rbt.</p><p>�Was ist mit deinen F��en? Du hinkst schon seit Tagen! Hast du dich verletzt.�</p><p>�Alles in Ordnung�, kam die Antwort zwischen schweren Atemz�gen.</p><p>�Ich muss mir deine F��e ansehen�, beharrte Shaya.</p><p>�Ich kann meine Stiefel nicht ausziehen�, begehrte Ninwe mit �berraschender Kraft auf. �Meine F��e sind geschwollen. Ich w�rde die Stiefel nie wieder anziehen k�nnen. Du willst mich doch nicht barfu� durch den Schnee laufen lassen.�</p><p>Shaya hob die H�nde. �Schon gut. Du hast recht. Das war eine dumme Idee.� Sie richtete sich auf. �Ich hab solchen Durst.�</p><p>�Ich auch�, st�hnte Ninwe.</p><p>Shaya stellte sich hinter sie und strich �ber das volle, rote Haar ihrer Freundin. �Wenn wir es geschafft haben, werde ich einen ganzen Tag in einem hei�en Bad liegen.�</p><p>Ninwe seufzte. �Sch�n. Nimmst du mich mit?�</p><p>�Ich sagte doch, du wirst bei mir sein. Selbst wenn ich dich daf�r auf dem R�cken tragen muss.� Sie dr�ckte auf den Nervenpunkt hinter dem Ohr und sp�rte augenblicklich ihre Gef�hrtin in sich zusammensinken.</p><p>�Schlaf�, sagte sie leise, lie� Ninwe von dem Felsen gleiten und lehnte sie mit dem R�cken gegen den Stein. Dann zog sie ihr Messer und trennte die N�hte des linken Stiefels auf.</p><p>Behutsam zog sie den zerschnittenen Stiefel vom Bein. Ninwe hatte sich Stoffstreifen um die F��e gewickelt. Dadurch war der Stiefel so eng geworden, dass er ihren Fu� gequetscht haben musste. Wahrscheinlich hatte ihre Freundin deshalb seit Tagen gehinkt. Sie h�tte diese Stiefel gar nicht erst tragen d�rfen!</p><p>Voller Sorge wickelte Shaya die Stoffstreifen ab. Sie knisterten und waren steif gefroren. Fassungslos sah sie auf den nackten Fu�, als sie ihr Werk vollendet hatte. Die Zehen waren schwarzblau verf�rbt. An den Gelenken der Zehen hatten sich dicke Beulen gebildet. Der �brige Fu� war dicht mit dunkelroten Flecken �bers�t.</p><p>Shaya betastete das erfrorene Fleisch. Sie wusste, dass der Fu� nicht mehr zu retten war. Nur Blut gab es keins. Ninwe musste mit dem Stiefel in eine Blutlache getreten sein. So eng, wie sie ihren Fu� eingewickelt hatte, konnten weder das Stiefelleder noch die Stoffstreifen w�rmen. Wahrscheinlich war auch Feuchtigkeit in den Stiefel gedrungen. Es war ein Wunder, dass sie mit den erfrorenen Zehen �berhaupt so weit gekommen war.</p><p>Shaya schnitt den zweiten Stiefel auf und zuckte zur�ck. Ninwes rechter Fu� sah noch schlimmer aus! Er war bis �ber die Mitte des Spanns hinauf schwarz geworden. Shaya hatte Dutzende erfrorene F��e in den letzten Tagen gesehen. Und immer war sie machtlos gewesen. Die erfrorenen Glieder zu massieren mochte dazu f�hren, dass kaltes Blut aus Armen und Beinen in den K�rperkern zur�ckfloss und den Tod beschleunigte.</p><p>Bei manchen der Erfrierungsopfer h�rte einfach das Herz auf zu schlagen. Tr�nen hilfloser Wut stiegen Shaya in die Augen. Wenn es einen warmen Ort g�be, an den sie Ninwe bringen k�nnte, w�rde sie ihr die F��e amputieren. Dort g�be es Hoffnung. Aber hier drau�en im Eis��</p><p>Vern�nftig w�re es, ihre Freundin einfach schlafen zu lassen. Ninwe w�rde wahrscheinlich nicht mehr erwachen. Aber das konnte sie nicht. Auch waren da noch die Gr�nen Geister. Vielleicht w�rden sie kommen und ihr das Lebenslicht stehlen? Und das Letzte, was ihre Freundin, verlassen von allen, sehen w�rde, w�re eine dieser gr�sslichen Kreaturen.</p><p>Shaya seufzte und kauerte sich neben Ninwe in den Schnee. Sie rieb sich die eiskalten H�nde, die der Atem des Winters ganz rot hatte werden lassen. Ein prickelnder Schmerz stach in ihre Finger.</p><p>�Du hast es also doch getan�, schreckte die m�de Stimme ihrer Freundin sie aus den Gedanken.</p><p>Schuldbewusst sah Shaya zu den zerschnittenen Stiefeln, die neben ihr im Schnee lagen. �Ich musste���, sagte sie gepresst. �Ich hatte gehofft�� Wie kommt es, dass du wieder wach bist? Du solltest stundenlang schlafen.�</p><p>�Hatte einen bl�den Traum. Von �nem Freier, der mir die Nase eingeschlagen und mich um mein Kupferst�ck geprellt hat. Er war einer der ersten Kerle gewesen, mit denen ich es f�r Geld getan habe. Er verfolgt mich immer noch in meinen Tr�umen. Ich werde dann immer schwei�gebadet wach.� Sie seufzte. �W�re sch�n, jetzt schwei�gebadet zu sein.�</p><p>�Du h�ttest die Stiefel l�ngst ausziehen m�ssen. Ich h�tte dir helfen k�nnen!�</p><p>Ninwe sah sie traurig an. �Ich h�tte sie nie wieder anbekommen. Und dann�� H�tte ich barfu� durch den Schnee laufen sollen? W�ren meine F��e dann nicht erfroren? Nein, es war gut so.� Sie betrachtete ihre schwarzen Zehen mit den unf�rmigen Beulen darauf. �Ich w�nschte, ich h�tte das nie gesehen. Meine F��e waren das Einzige an mir, das klein und zierlich war. Ich hab sie immer geliebt.�</p><p>Shaya wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie sch�mte sich daf�r, Ninwes Stiefel aufgeschnitten zu haben, doch als Heilerin hatte sie nicht anders handeln k�nnen. �Du hast wunderbares Haar�, sagte sie schlie�lich. �Ich habe dich immer um deine rote M�hne beneidet. Alle M�nner lieben sie.�</p><p>Ihre Freundin schenkte ihr ein wissendes L�cheln. �Wei�t du, was ich immer geglaubt habe? Dir sind alle M�nner egal, au�er einem, von dem ich nie erfahren werde.�</p><p>Shaya dachte an den Unsterblichen Aaron. Seit zwei Tagen hatte sie nichts mehr �ber ihn geh�rt. �Du kennst dich mit M�nnern und Frauen aus.� Sie stemmte sich hoch. �Wir m�ssen weiter!�</p><p>�Ohne Stiefel?�</p><p>�Du wirst nichts sp�ren, das verspreche ich dir!�</p><p>�Weil meine F��e ohnehin schon tot sind? Ich wei�, was du tun willst, wenn ich es tats�chlich bis zum Weltentor schaffen sollte.� Sie sch�ttelte den Kopf und schob eine Hand tief in die Seitentasche des Pelzmantels. Pl�tzlich hatte sie ein Messer in der Hand.</p><p>Bevor Shaya etwas unternehmen konnte, hatte Ninwe sich die Klinge �ber die Innenseite des Oberschenkels gezogen.</p><p>�Was tust du da?� Die Heilerin griff nach den Stoffstreifen, die sie von den F��en ihrer Freundin gewickelt hatte. Sie musste die Wunde abschn�ren, sofort.</p><p>�Ich rette dein Leben.� Ninwe deutete mit dem Messer auf sie. �Verbinde es nicht. Ich will nicht gerettet werden, nur damit du mir dann die F��e abschneidest. Hier endet mein Weg. Ich schenke dir meinen Mantel. Aber bitte bleib bei mir, bis es vor�ber ist. Ich m�chte nicht, dass die Geister mein Licht trinken���</p><p>Shaya rang die H�nde. Dann lie� sie die Stoffstreifen sinken. Sie konnte Ninwe verstehen.</p><p>Dunkles Blut f�rbte den Schnee. Matt hob die Hure die Sch��e des Mantels, damit sie nicht nass wurden. �Wir haben immerzu ger�tselt, wer du bist. Es gab zahllose Wetten. An eine Kriegerin hatte niemand gedacht.� Sie l�chelte schief. �Frauen sollten nicht�� Aber es war eine Freude zu sehen, wie du es den dreien besorgt hast. Es gibt zu viele Mistkerle. Zu viele, die Spa� daran haben, uns wehzutun�� Die glauben, sie k�nnten alles mit uns machen, nur weil sie uns ein Kupferst�ck in die Hand gedr�ckt haben.� Ihr Kopf sackte ihr auf die Brust. Mit letzter Kraft stemmte sie ihn noch einmal hoch. �Wer bist du?�</p><p>�Ich bin Shaya, die siebenunddrei�igste Tochter des Unsterblichen Madyas, Gro�k�nig von Ischkuza, H�ter der Herden, Licht der Sonne, Sohn des Wei�en Wolfes. Ich bin eine Kriegerprinzessin aus dem Volk der Steppenreiter und war die Geliebte des Unsterblichen Aaron.�</p><p>Ninwes Augen f�llten sich mit Tr�nen. �Eine Prinzessin��� Sie schien nicht den geringsten Zweifel an der Wahrheit der Worte zu haben. �Eine Prinzessin war meine Freundin.� Tr�nen rannen ihr �ber die Wangen, doch jetzt l�chelte sie. �Schade�� dass ich�� gehen muss��� Ihr Kopf sackte ihr auf die Brust.</p><p>Shaya schob ihr sacht die Hand unter das Kinn, sodass sie Ninwe wieder in die Augen sehen konnte. Sie schien durch sie hindurchzublicken.</p><p>�Es ist mir eine Ehre, dass du mich Freundin nennst.�</p><p>Ein letztes, schwaches L�cheln spielte um Ninwes Lippen. Dann ver�nderte sich ihr Blick und wurde starr. Sie sah etwas, das nicht mehr in der Welt der Sterblichen lag.</p></section><section><title><p>Fieber</p></title><p>Der Mantel half. Shaya kauerte unter einem Felsvorsprung in den Ausl�ufern der Berge, die zwischen den letzten Eiskriegern und dem Weltentor lagen. Sie fror nicht mehr so sehr. Vielleicht auch, weil ihr Lebenslicht zu verl�schen begann. Der Nordwind trieb Schnee �ber sie hinweg. Ihre rechte Hand tastete �ber den Boden. Mit steifen Fingern schob sie ein wenig Schnee zusammen und formte ein K�gelchen daraus. Sie hatte so entsetzlichen Durst!</p><p>Shaya hob die zitternde Hand an ihre Lippen und schob sich die Schneekugel in den Mund. Sie war nicht gr��er als eine Fingerkuppe. Alles zog sich in ihr zusammen, als der Schnee ihre Zunge ber�hrte. Es f�hlte sich an, als w�rde die letzte W�rme aus ihrem K�rper hinauf in den Mund gezogen, um dort zu vergehen. Sie brauchte Wasser, das wusste sie, aber dieser Preis war zu hoch.</p><p>Mit bebenden Fingern tastete sie nach der halb zerschmolzenen Kugel und warf sie in den Schnee zur�ck. Dann schluckte sie das wenige Eiswasser, das sich in ihrem Mund gesammelt hatte. Es f�hlte sich an, als schnitte eine kalte Klinge ihre Kehle hinab. Sie w�rde das nicht wieder tun, ganz gleich, wie sehr der Durst sie auch qu�lte.</p><p>Shaya schlang ihre Arme um den Leib. Den ganzen Tag �ber hatten ihnen die Daimonen zugesetzt. Sie waren immer in der N�he. Ebenso wie die schrecklichen Geister. Ihnen geh�rten die endlosen N�chte, wenn man das gr�ne Leuchten besonders deutlich sah.</p><p>Auch jetzt war es nicht weit. Es folgte dem Weg, den sie am Tag zur�ckgelegt hatten, spielte um jene, die ersch�pft zusammengesunken waren, aber noch zu viel Lebenswillen besa�en, um in den Tod hineinzuschlafen.</p><p>Inzwischen waren es mindestens sieben oder acht der gr�nen Riesen, die ihrem Heer folgten. Shaya hatte wieder zu den Truppen aufgeschlossen, dennoch hatte sie nur wenig Hoffnung, dass die letzten �berlebenden den Weg �ber die Berge schaffen w�rden. Es gab Ger�chte, dass sich der Unsterbliche Ansur mit seinen kr�ftigsten M�nnern und dem Silberl�wen davongemacht hatte, um das Weltentor zu �ffnen und Hilfe zu holen. Shaya l�chelte bitter. Aaron hatte nicht viel von Ansur gehalten, der sein Gold lieber in den Aufbau Selinunts gesteckt hatte, statt sich um sein Volk zu k�mmern. Sollte er vorausgeeilt sein, dann ging es ihm gewiss nur um seine eigene Haut und nicht darum, Hilfe zu bringen.</p><p>Blassgr�nes Licht fiel vor ihr in den Schnee. Ein Geist musste oben auf dem Felsvorsprung sein. Shaya wagte es nicht aufzublicken. Sie dr�ckte sich noch tiefer in den Spalt, in dem sie Zuflucht gesucht hatte. Sp�rte der Geist, dass sie hier war?</p><p>Andere Fl�chtlinge begannen leise zu wimmern oder zu ihren G�ttern zu beten. Shaya tastete nach dem Messer, das unter ihrem Mantel verborgen war. Es w�rde vermutlich nicht gegen die Geister helfen, aber sie war entschlossen, nicht kampflos aufzugeben.</p><p>Angespannt beobachtete sie das unstete Licht vor sich im Schnee. Nach einer Weile verschwand es. Vielleicht hatte es anderswo leichtere Opfer gefunden.</p><p>Die Heilerin k�mpfte gegen den Schlaf an. Ihr kalter Magen half ihr. Die W�rme, die die kleine Schneekugel gefressen hatte, war immer noch nicht wieder zur�ckgekehrt. H�tte es wenigstens Brennholz gegeben! Ohne Feuer so lange durch Schnee und Eis zu marschieren war Menschen nicht m�glich. Manchmal sahen sie in der Ferne die Lichtpunkte der Lagerfeuer der Daimonen. Einzelne M�nner hatten sich in den vergangenen N�chten dorthin aufgemacht. Angezogen wie Motten in der Nacht durch die Flammen von �llampen, hatten sie gewiss, genau wie die Motten, ihr Verderben gefunden. Jedenfalls war keiner von ihnen zur�ckgekehrt.</p><p>Nicht einschlafen, ermahnte sie sich stumm und ertappte sich doch nur wenige Augenblicke sp�ter dabei, wie ihr die Augen zufielen. Wieder flackerte gr�nes Licht vor ihr �ber den Schnee. Als sie den Kopf hob, sah sie, wie einer der Geister der Stra�e hinauf zum Pass folgte. Er war mitten unter den Kriegern. Beugte sich �ber Schlafende und trank ihr Lebenslicht, ohne dass irgendjemand etwas unternahm. Shaya rappelte sich auf. Waren sie denn alle zu Vieh verkommen, das auf dem Weg zur Schlachtbank war? Sie war kein Schaf und keine Ziege, die widerstandslos ihrem Tod entgegentrottete. �Heh, Geist!� Ihre Stimme war kaum mehr als ein raues Fl�stern, und die Worte schmerzten in ihrem ausged�rrten Hals.</p><p>Die Kreatur aus Licht hielt inne. Sie schien in ihre Richtung zu blicken. Ganz sicher war sich Shaya nicht. Der Geist war nur formloser, leuchtender Nebel. Da gab es keine Augen, nicht einmal etwas, das nach einem Kopf aussah. Jetzt setzte sich die Kreatur wieder in Bewegung. Wie eine Schlange wand sie sich zwischen den M�nnern hindurch. Kam in ihre Richtung. Wunderbar, dachte Shaya. Sie hatte den Geist auf sich aufmerksam gemacht. Wie selten bl�d war sie denn! Sie hatte keine Waffe, mit der sie diese Bestie ohne Form bek�mpfen k�nnte. Das Letzte, was sie in ihrem Leben sehen w�rde, w�re, wie dieses Ungeheuer ihr Lebenslicht trank.</p><p>Trotzig hob sie das Messer. Davonlaufen w�rde sie nicht. Wenn es auf diese Art mit ihr zu Ende gehen sollte, dann war es so.</p><p>Hinter dem Geist erschien ein mattgelbes Licht auf dem Passweg. Eine Blendlaterne! Shaya hatte so etwas seit vielen Tagen nicht mehr gesehen. Sie war �berzeugt gewesen, dass l�ngst alle Reserven an Lampen�l aufgebraucht waren.</p><p>Das Licht schien den Geist zu beunruhigen. Er verlie� den Weg, verharrte noch kurze Zeit lauernd und zog sich dann ganz zur�ck. Zwei M�nner kamen den Weg hinunter. Immer wieder hielten sie an, beugten sich zu den Kauernden und Schlafenden hinab, leuchteten ihnen in die Gesichter und schienen etwas zu fragen.</p><p>Der Wind hatte aufgefrischt. Er trieb Schlieren aus Schnee dicht �ber dem Boden dahin. Shaya zog ihre Kapuze tiefer ins Gesicht. Der Schreck mit dem Gr�nen Geist hatte ihre Kr�fte geweckt. Sie war entschlossen, dies zu nutzen, um ein wenig weiter dem Pass und dem Weltentor entgegenzugehen.</p><p>Als sie die M�nner erreichte, leuchteten sie auch ihr ins Gesicht. �Hast du die Tr�sterin gesehen?�</p><p>�Warum?� Shaya blinzelte. Geblendet konnte sie die beiden nicht deutlich erkennen. Beide trugen gute M�ntel aus Schaffell und sprachen mit einem Dialekt, der auf die Provinz Garagum hinwies, um die die Gro�reiche Aram und Luwien vor Kurzem noch Krieg gef�hrt hatten.</p><p>�Hast du sie gesehen?�, beharrte der Lampentr�ger, ein hagerer Mann mit rotem Bart. �Bitte hilf uns. Der Unsterbliche Aaron braucht sie. Es steht verzweifelt schlecht um ihn, und es gibt keinen Heiler mehr. Niemanden, der ihm noch helfen k�nnte. Die Tr�sterin ist unsere letzte Hoffnung. Wenn du uns sagen kannst, wo sie ist, dann bitte hilf uns.�</p><p>Ihr Herz machte einen Satz, als sie Aarons Namen h�rte. Er hatte sich also nicht erholt! �Ich bin die, die ihr sucht.�</p><p>�Du?�</p><p>Shaya schob die Kapuze des Pelzmantels zur�ck, sodass ihr Gesicht besser zu sehen war. �Was glaubst du, wie viele Frauen aus dem Tross noch leben? Bringt mich zu ihm!�</p><p>�Du!�, kam es erneut vom Rotbart, doch jetzt in g�nzlich anderem Tonfall. �Du�� Kirum?� Er nahm die �llampe zur�ck, sodass jetzt auch sein Gesicht deutlich zu erkennen war. Es war Ormu, der Hauptmann der Kushiten, Befehlshaber der Leibwache des Unsterblichen Aaron. Er hatte sie hundert Mal und �fter im Palast von Ak�u gesehen. Wie alle anderen im Palast kannte er sie nur als das K�chenm�dchen, das r�tselhafterweise die Gunst des Unsterblichen gewonnen hatte und dessen Geliebte geworden war.</p><p>�Ich hatte bef�rchtet, du seist ermordet worden, so pl�tzlich und spurlos, wie du aus dem Palast verschwunden bist.�</p><p>�Wie du siehst, lebe ich noch�, entgegnete sie br�sk. �Nun bring mich zu Aaron!�</p><p>�Du bist wirklich die Tr�sterin?� Ormu musterte sie misstrauisch und tauschte dann einen kurzen Blick mit dem Krieger an seiner Seite.</p><p>�Glaubst du, ich w�rde Aaron schaden?�</p><p>�Nein�, sagte er leise. �Ganz gleich, ob du mich bel�gst oder nicht. Dich wiederzusehen wird ihm guttun. Wenn er dich denn noch erkennt�� Komm!� Ormu wandte sich um. Mit langen Schritten eilte er den Passweg hinauf und legte ein Tempo vor, mit dem Shaya nicht mithalten konnte, obwohl die Angst um Aaron ihre Schritte befl�gelte.</p><p>Endlich wurde Ormu langsamer, doch blieb ihm seine Ungeduld anzumerken. Er vermittelte den Eindruck, als k�me es auf jeden Augenblick an. Sein Gef�hrte, der sichtlich entkr�fteter war, schloss wieder zu ihnen auf.</p><p>�Was ist mit Aaron?�, fragte Shaya au�er Atem.</p><p>�Hast du gesehen, wie er und Madyas sich ganz allein dem Heer der Daimonen gestellt haben? Sie sind ihnen auf einem fliegenden L�wen entgegengeritten, haben gegen Riesen, gewaltige Adler und einen t�dlichen roten Daimonenf�rsten gek�mpft. Sie haben uns mit ihrem Opfer Zeit erkauft. Da glaubten wir alle noch, wir k�nnten durch das Weltentor nahe dem dampfenden Fluss entfliehen. Aaron wurde dabei schwer verwundet. Der Daimonenf�rst f�hrte eine Waffe, gegen die nicht einmal der Maskenhelm aus den Schmieden der G�tter sch�tzte.� Bewunderung und Schmerz lagen in den Worten des Hauptmanns. Er berichtete davon, wie er dabei gewesen war, als man Aaron den Helm abgenommen hatte. Von einem tiefen Schnitt quer �ber das Gesicht, von gebrochenen Rippen und dem zerschundenen Leib des Herrschers.</p><p>�Wir haben alles f�r ihn getan. Erst sah es so aus, als w�rde er sich erholen. Aber dann, vor f�nf Tagen, hat ein Fieber ihn gepackt. Es brennt seine letzten Kr�fte hinweg. Nichts, was wir versucht haben, hat geholfen. Du bist seine letzte Hoffnung, Kirum. Er liebt dich�� Heute hat er den ganzen Tag phantasiert. Er sorgt sich immer noch um seine M�nner. Aber er ist nicht mehr klar bei Verstand��� Ormus Stimme brach. �Ich w�rde mein Leben geben, wenn ihn das retten k�nnte�, sagte er schlie�lich niedergeschlagen.</p><p>�Ich auch!�, entgegnete Shaya und versuchte, ihre Verzweiflung zu �berspielen. Sie hatte nichts mehr, womit sie Aaron h�tte helfen k�nnen. Alle Kr�uter, aus denen sie einen fiebersenkenden Sud h�tte brauen k�nnen, waren l�ngst aufgebraucht.</p><p>�Wenn er nur einen Moment lang zu Sinnen k�me�, murmelte Ormu. �Wenn er dich erkennt. Das k�nnte das Wunder sein, auf das wir alle hoffen. Als du gegangen bist, ist etwas in ihm zerbrochen. Er war nicht mehr der Mann, den ich kannte. Er ist h�rter und gnadenloser geworden. Er braucht deine Liebe, um der Herrscher sein zu k�nnen, der er zu sein w�nscht.�</p><p>Die Worte schnitten Shaya ins Herz. Sie w�rde alles f�r Aaron tun. Aber sie wusste, sie k�nnte nicht bleiben. Wenn er sich erholte, dann w�rde sie wieder gehen m�ssen. Es war unm�glich, dass der m�chtigste Herrscher der Welt ein K�chenm�dchen zur Frau nahm. Und sie konnte auch nicht verraten, wer sie wirklich war, denn dann w�rden I�ta und vielleicht sogar der Wei�e Wolf ihren Tod fordern. Es gab Shaya nicht mehr. Der Daimon, der sie im Bergkloster aufgesucht hatte, war an ihrer Stelle gestorben. Er hatte sie gerettet und ihr zugleich alle Hoffnung gestohlen. So waren sie, die Daimonen! Ihre Geschenke hatten stets eine dunkle Seite.</p><p>�Was ist aus dem Unsterblichen Madyas geworden?�</p><p>Im flackernden Licht der Laterne war nicht zu �bersehen, wie befremdlich Ormu diese Frage fand, war doch all sein Denken nur auf Aaron ausgerichtet. �Tot�, antwortete er knapp. �Seine M�nner tragen seinen Leichnam. Sein Sohn h�lt jede Nacht mit gezogenem Schwert Wacht an der Bahre seines Vaters, damit weder Daimonen noch Geister den Herrscher ber�hren k�nnen.�</p><p>Das passte zu Subai, dachte sie zornig. Gro�e Posen! Darin war er ebenso gut wie im Dreschen leerer Phrasen. Seit er und seine Leibwache in Wanu einen gro�en Drachen get�tet hatten, sprach man im ganzen Heer �ber Subai. Shaya konnte sich immer noch nicht vorstellen, dass ihr Bruder sich einem Drachen entgegengestellt hatte. Nicht einmal mit hundert M�nnern an seiner Seite. Sie hatte die tote Bestie in Wanu gesehen, und dieser Drache war eindeutig gr��er als der Mut ihres Bruders gewesen. Doch diese Heldentat und die Tatsache, dass er den Leichnam seines Vaters zur�ck zur Wandernden Stadt brachte, w�rden ihm wahrscheinlich die Gunst des Wei�en Wolfes einbringen. Er w�rde der neue Unsterbliche werden. Ein Blender und L�gner. Ein grausamer Tyrann. Und auch dagegen w�rde sie nichts unternehmen k�nnen. Aus denselben Gr�nden, aus denen sie nicht Aarons Gemahlin werden konnte. Es gab Prinzessin Shaya nicht mehr. W�rde sie beweisen, wer sie war, w�rde sie zwei Devanthar br�skieren, und sie w�rde gestehen m�ssen, dass sie die Hilfe eines Daimons angenommen hatte, um ihrem Tod zu entkommen.</p><p>Vor allen Dingen das w�rde man ihr in einer Zeit, in der die V�lker der Welt gegen die Daimonen um ihr �berleben k�mpften, niemals verzeihen. Sie war dazu verdammt, im Schatten zu bleiben, ganz gleich, was geschah.</p><p>�Hier.� Ormu verlie� den Passweg und stieg in die verschneiten Felsen. Halb im Schnee verborgen bemerkte Shaya Krieger mit schweren, wei�en Wollumh�ngen. Kushiten aus der Leibwache des Unsterblichen. Sie standen im Windschatten der Felsen auf ihre Speere gest�tzt oder kauerten am Boden, blanke Schwerter auf den Knien, bereit, Aaron bis zum letzten Atemzug zu verteidigen. Im Licht der �llampe erschienen ihre Gesichter eingefallen. Einige trugen blutige Verb�nde, doch all dies �nderte nichts an ihrer zur Schau getragenen Entschlossenheit. Sie waren genauso ersch�pft wie alle anderen im Heer, aber Aaron schaffte es, in ihnen eine Flamme lodern zu lassen. Etwas, das sie �ber alle anderen erhob, das sie dazu brachte durchzuhalten, bis sie tot zusammenbrachen.</p><p>Und auch Shaya sp�rte diese Kraft, als Ormu auf eine mit einer Wolldecke verh�ngte Felsspalte wies.</p><p>�Er ist hier�, fl�sterte er, als h�tte er Angst, den Schlaf seines Herrschers zu st�ren, dann schlug er die Decke zur Seite. Die kleine H�hle dahinter wurde von zwei �llampen beleuchtet. Der Felsboden war mit Decken und zerfetzten Umh�ngen ausgelegt. Darauf lag Aaron. Nackt! Sein Gesicht war von einem gr�sslichen Schnitt entstellt, sein K�rper bedeckt mit Prellungen. Er wand sich unruhig und st�hnte. Offenbar lag er in tiefem Schlaf.</p><p>Shaya trat hastig ein. Es war sp�rbar w�rmer hier. Ormu schlug hinter ihr die Wolldecke herunter und kniete sich besorgt neben seinen Herrscher. �Ich habe ihm kalte Wickel auf seine Stirn und die Beine gelegt, aber das Fieber will nicht sinken. Ich wei� nicht, was ich noch tun soll.�</p><p>Der Anblick ihres Geliebten zerriss Shaya das Herz. Sie hatte lange kommen sehen, dass es so enden musste. Er wagte einfach zu viel! Auch sie ging neben ihm in die Knie. Shaya ergriff seine Hand. Die Finger waren viel zu warm und trocken. Es stand kaum Schwei� auf seinem Leib, obwohl das Fieber hoch war. Wie alle im Heer schien auch Aaron zu wenig getrunken zu haben. Seine Lippen waren spr�de und rissig.</p><p>Sie legte ihre Hand auf seine Brust, dort, wo das Herz war. Sie sp�rte kaum, wie es schlug. Tausend Bilder dr�ngten auf sie ein. Erinnerungen an leidenschaftliche Liebesn�chte, in denen er ersch�pft auf ihr gelegen und sie sein Herz stark wie eine Trommel hatte schlagen sp�ren. Jetzt hob und senkte sich sein Brustkorb selbst bei seinen Atemz�gen kaum noch.</p><p>�Was k�nnen wir tun?�, fl�sterte Ormu.</p><p>�Wie lange ist er schon bewusstlos?� Shaya beugte sich tief hinab und presste ihr Ohr an seine Brust.</p><p>�Zwei Tage�� Er�� Es schien ihm besser zu gehen. Er hatte sich von seinem Lager erhoben und ein wenig Suppe zu sich genommen. Dann hat er sowohl den Unsterblichen Volodi als auch den Unsterblichen Labarna empfangen. Als er sich anschlie�end mit den �berlebenden Hauptleuten besprechen wollte, ist er ohnm�chtig geworden.�</p><p>Shaya machte ein Zeichen, dass er schweigen sollte. Angestrengt lauschte sie auf Aarons Herzschlag. Er war nur noch ein unregelm��iges Flattern. Sie wusste, dass hohes Fieber das Blut klebrig werden lie�. Es verstopfte die Adern und t�tete. Aaron war davon nicht mehr weit entfernt. Ratlos hob sie den Kopf.</p><p>�Und? Was m�ssen wir tun, um ihn zu heilen?� Er sah sie so voller Erwartung an, als w�re f�r ihn ausgeschlossen, dass sie keine Hilfe w�sste.</p><p>�Das Fieber wird ihn t�ten, bevor der Morgen kommt.� Sie konnte Ormu nicht in die Augen sehen, als sie das sagte. Sie hielt den Blick fest auf das Antlitz des Mannes gerichtet, den sie liebte. Sie konzentrierte sich ganz auf die neue Narbe in seinem Gesicht. Ihre R�nder waren aufgew�lbt und rot. Spuren von getrocknetem Blut nisteten dunkel im heilenden Fleisch. Die Wunde lief quer �ber seine Stirn, teilte seine rechte Augenbraue, hatte eine Spur hoch auf dem Nasenr�cken hinterlassen und setzte sich unterhalb des linken Auges fort.</p><p>Vorsichtig tastete Shaya �ber die Wundr�nder. Sie waren nicht entz�ndet. Hier lag nicht der Ursprung des Fiebers. Aaron hatte gro�es Gl�ck gehabt. W�re der Hieb noch ein klein wenig st�rker ausgef�hrt worden, dann w�rde er jetzt nicht hier liegen.</p><p>�Er ist ein Unsterblicher!�, begehrte Ormu gegen ihre Worte auf, als Shaya schon gehofft hatte, er w�rde ihr Urteil schweigend annehmen.</p><p>�So wie Madyas von den Ischkuzaia oder Iwar aus Drusna und Muwatta von Luwien?�, fragte Shaya. Jetzt sah sie auf. �Ein neues Zeitalter hat begonnen, Ormu. Ich glaube nicht einmal mehr, dass unsere G�tter unsterblich sind. Sonst w�ren sie hier, um uns zu sch�tzen. Sie f�rchten sich vor dem, was sie entfesselt haben, ebenso wie wir.�</p><p>�Nein!�, begehrte der Hauptmann auf. �Nicht Aaron! Es kann nicht sein��� Verzweiflung blitzte in seinen Augen. �Nicht Aaron�, sagte er leiser, fast resignierend.</p><p>�Ich sehe einen letzten Weg.�</p><p>�Ja?� Voller Verzweiflung hing sein Blick an ihren Lippen.</p><p>�Sein Herz schl�gt unregelm��ig. Die Gefahr, dass das, was wir tun k�nnen, ihn umbringt, ist gr��er als die Hoffnung, ihn zu retten.� Sie strich Aaron z�rtlich �ber die Brust.</p><p>�Was kann ich tun, Kirum?�</p><p>�Tragt ihn hinaus und grabt ihn in den Schnee ein. Lasst nur sein Gesicht frei.�</p><p>�Aber��� Ormu sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Ja, ich wei߫, sagte Shaya traurig. �Die Gefahr ist gro�, dass wir ihn dadurch umbringen. Aber wenn wir nichts unternehmen, dann t�ten wir ihn ganz gewiss durch unser Z�gern. Die eisige K�lte ist unsere einzige Hoffnung, das Fieber aus seinen Gliedern zu ziehen. Weicht das Fieber hingegen und h�rt sein Herz durch den Schock der K�lte nicht einfach auf zu schlagen, dann wird er leben. Und nur dann.�</p><p>W�hrend Ormu ein Sto�gebet zum L�wenh�uptigen fl�sterte, bat Shaya stumm den Wei�en Wolf um Hilfe. Dann rief der Hauptmann einige der Krieger, die in den Felsen Wache hielten. Vier Mann waren n�tig, um Aaron zu tragen, so ausgezehrt und ersch�pft waren die K�mpfer.</p><p>Sie betteten den nackten Herrscher in eine Schneewehe. Mit blo�en H�nden grub Shaya ihn in den Schnee. Bald waren ihre Finger v�llig gef�hllos vor K�lte.</p><p>Ormu musste die M�nner fast mit Gewalt daran hindern, die Tr�sterin von ihrem Herrscher fortzuziehen. Shaya wusste, dass es f�r die Krieger so aussehen musste, als wollte sie den Unsterblichen begraben. Und vielleicht tat sie ja genau das? �Du darfst nicht sterben! Du bist die Hoffnung der Welt. Du darfst nicht sterben!�, fl�sterte sie immer und immer wieder.</p><p>Als nur noch sein Gesicht unbedeckt war, schob Shaya ihre Hand in den Schnee, um seinen Herzschlag zu f�hlen. Doch sie sp�rte nichts mehr. Ihre Finger waren taub vom Frost geworden. Oder hatte Aarons ersch�pftes Herz einfach aufgeh�rt zu schlagen?</p></section><section><title><p>Dem Licht entgegen</p></title><p>�Du darfst nicht sterben!�</p><p>Die Stimme kam aus weiter Ferne, und doch h�tte er sie immer erkannt, auch wenn sie nur ein Wispern im Sturm gewesen w�re. Shaya. Sie war gekommen. Er wusste, dass es nur ein Traum war. Wusste, dass er irgendwo im ewigen Eis am Ende der Welt war. Sie konnte nicht hier sein�� Au�er im Traum. Er hatte sie so sehr vermisst. Mit ihr war die Farbe aus seinem Leben gewichen und das Lachen. Er hatte lang genug seine Pflicht getan. Jetzt w�rde er den Traum festhalten, der ihn gl�cklich machte.</p><p>Da war ein warmes gelbes Licht. Er musste nur darauf zugehen, und all seine W�nsche w�rden wahr. Er z�gerte kurz. Er war nie selbsts�chtig gewesen, hatte stets zuerst an die anderen gedacht. Wenn eines Tages alle Menschen so handeln w�rden, dann w�rde die Welt ein vollkommener Ort. Als Herrscher war es seine Pflicht, ein Vorbild zu sein, doch er vermisste Shaya so sehr. Er wollte noch einmal ihre Stimme h�ren.</p><p>Langsam bewegte er sich auf das Licht zu. Ihm war so kalt. Ganz sicher w�rde es dort, wo das Licht war, auch w�rmer sein.</p><p>Etwas ber�hrte sein Herz. Shaya? Sie war ganz nah, das sp�rte er deutlich. War sie gestorben? Manchmal hatte ihn diese Angst gequ�lt. War sie ermordet worden und ihr Leichnam vom K�nigshof in Ak�u fortgeschafft worden. Der Palast war ein Ort der Intrigen. Liebe konnte dort nicht gedeihen.</p><p>Wartete sie bei dem Licht auf ihn? Z�gerlich machte er einen weiteren Schritt darauf zu. Ihm wurde ein klein wenig w�rmer. Er machte noch einen Schritt, der ihm diesmal schon viel leichter fiel.</p><p>Sie war da! Ganz deutlich sp�rte er sie. Sie war zu ihm gekommen, endlich wieder. Nur ein paar Schritte noch, und er w�re f�r immer mit ihr vereint. Sie hauchte ihm einen Kuss auf die Stirn.</p><p>Das Licht verschwand. Pl�tzlich umfing ihn undurchdringliche Finsternis. Die K�lte hielt ihn fest im Griff. Es f�hlte sich an, als w�rde er emporgehoben und getragen. Jemand sprach �ber ihn. Es ging um seinen Tod. Dann verstummte die Stimme.</p><p>Nicht einmal die Stimmen der fr�heren Aarons qu�lten ihn. Stille und Finsternis umfingen ihn. Sah so das Ende aus? Gab es keinen wundersch�nen Garten, den die G�tter f�r die freundlichen Seelen erschaffen hatten? War es ihre Aufgabe, diesen Garten zu Lebzeiten auf der Welt Wirklichkeit werden zu lassen, weil es nach dem Leben nichts mehr gab?</p><p>Pl�tzlich flammte das warme Licht wieder auf. Er h�rte Shayas Stimme, sp�rte ihre H�nde auf seinem Leib. Sie fl�sterte von ihrer Liebe, von lang verstrichenen, gl�cklichen Stunden. Nur sehen konnte er sie nicht. Ihr nackter Leib schmiegte sich an ihn und schenkte ihm W�rme. Er lie� sich fallen. Gab sich ganz dem Wohlgef�hl hin.</p><p>Aaron hatte keine Kraft mehr zu k�mpfen. Sollten andere nun das Schwert aufnehmen. Seine Zeit war vor�ber. Das Licht so nah. Er wollte nicht mehr zur�ck. Er tat den letzten Schritt.</p></section><section><title><p>Von Schweren�tern und Aufschneidern</p></title><p>Galar rieb sich die Nase. Sie f�hlte sich taub an.</p><p>�Der Winter hat dich nicht h�bscher gemacht, Zwerg.� Che grinste ihn frech an. �Ich wette, deine Nasenspitze ist erfroren. Wenn du zu sehr daran reibst, wird sie noch abfallen.�</p><p>�So wie die Spitze deines kleinen Fingers gestern?�</p><p>Der Kobold seufzte. �Wer braucht schon kleine Finger. Hauptsache, mein Gesicht ist in Ordnung. Die Frauen finden meinen Charme unwiderstehlich. Aber mit halber Nase w�rde es deutlich schwerer werden, jede Nacht eine ins Bett zu bekommen.�</p><p>�Tr�um weiter���, murrte Galar. Er mochte diesen Zwergenm�rder. Der kleine Schei�kerl hatte wirklich Charme. Er sollte sich vor ihm h�ten.</p><p>�Falls es dir nicht aufgefallen ist, sogar Ailyn macht mir sch�ne Augen. Ich k�nnte sie jederzeit um meinen kleinen�� Hmmm�� Tja, um meinen kleinen Finger wickele ich sie nicht mehr.�</p><p>�Wirklich?�, fragte Nyr ungl�ubig. �Du meinst, diese eiskalte Drachenelfe ist in dich verliebt?�</p><p>Galar traute seinen Ohren nicht. Nyr war wirklich zu gutgl�ubig! Der Schmied richtete sich auf und machte ein paar Schritte hinauf zur H�gelkuppe. �ber ihm spannte sich ein weiter, wolkenloser Himmel. Es w�re ein sch�ner Tag, wenn es nicht so elend kalt w�re. Gestern war ihnen das Brennholz ausgegangen. Es gab keine Lagerfeuer mehr und keine M�glichkeit, sich etwas Warmes zuzubereiten. Er blickte den Weg entlang, der auf die Berge zuf�hrte. Er wurde von kleinen, schneebedeckten H�gelchen ges�umt, aus denen manchmal ein Arm oder ein Bein herausragte. Die Menschenkinder waren zu Hunderten auf dem R�ckzug gestorben. Bei ihnen brannten seit mindestens einer Woche keine Feuer mehr. Ein Wunder, dass �berhaupt noch welche von ihnen lebten. Galar verstand nicht, warum ihr Feldherr Solaiyn sie hatte halten lassen. H�chstens drei Wegstunden trennten sie von den Menschenkindern. Sie k�nnten sie einfach �berrennen. Die waren gewiss nicht mehr in der Lage, Widerstand zu leisten. Sie sollten diesen Feldzug endlich zu Ende bringen und nicht l�nger im Schnee hocken.</p><p>Er rieb sich wieder die Nase und lie� den Blick �ber die weite H�gellandschaft schweifen. Verdammte K�lte! �ber den Bergen kreisten die Adler. Nodon war st�ndig unterwegs. Dieser Elf war Galar noch unheimlicher als Ailyn. Auch wenn sie �ber ihre Anf�hrerin scherzten, hatte sie sich doch f�r sie eingesetzt. Und h�tte Ailyn nicht den Abstieg zum Kellergew�lbe in Wanu verteidigt, w�ren sie alle l�ngst tot. Nodon war anders. Unnahbar. Seine schwarzen Augen lie�en Galar stets erschauern, wenn sie auf ihm ruhten. Und diese Attit�de, immer Rot zu tragen��</p><p>Im Norden zwischen den H�geln bewegte sich etwas. Der Zwerg kniff die Augen zusammen. Schlitten! Endlich kamen die lange versprochenen Schlitten. Sie h�tten schon vor Tagen eintreffen sollen. Wer immer den Nachschubtross befehligte, hatte es nicht eilig gehabt, zu ihnen vorzusto�en. Bestimmt so ein Listenkritzler, der stets wusste, wo sich auch die letzte Bohne aus seinen Vorr�ten befand, und der peinlich darauf achtete, dass die Rentiere ja keinen Schritt zu viel machten, um sich nicht zu verausgaben.</p><p>Galar stieg den H�gel hinab zu seinen Kameraden, wo Che immer noch gro�spurig von seinen Liebesabenteuern erz�hlte. Neben den Zwergen und Kobolden kauerten die letzten drei Trolle im Schnee. Gro� und grau, sahen sie wie Felsen aus, wenn man nicht genau hinsah. Und nach wie vor trugen sie nichts als einen Lendenschurz.</p><p>�Wird euch nie kalt, Groz?�, fragte Galar eifers�chtig.</p><p>Der Troll wandte langsam das Haupt und sah auf ihn herab. �Ist ein wenig frisch�, sagte er beh�big. �Mich st�rt die Sonne. Verbrennt die Haut. Wolken oder ein Schneesturm sind besser.�</p><p>�Stimmt, genau das fehlt uns.�</p><p>�Finde ich auch.� Groz nickte.</p><p>Galar hatte vergessen, dass Trolle mit Sarkasmus nicht sonderlich viel anfangen konnten. Sich einen Schneesturm w�nschen! Also wirklich! �Die Schlitten kommen endlich.�</p><p>�Ein Rentier w�re sch�n��� Die Stimme des H�nen hatte einen tr�umerischen Ton angenommen. �Hatte genug gefrorenes Menschenfleisch.�</p><p>Die Trolle waren die Einzigen, die in den letzten Tagen keinen Hunger gelitten hatten. Voller Abscheu dachte Galar daran, wie er am Morgen Groz und seine Kumpanen beim Fressen gest�rt hatte. Sie hatten eine erfrorene Frau gefunden und eifrig dar�ber getratscht, ob es einen geschmacklichen Unterschied zwischen M�nnern und Weibern gab. Galar war ganz �bel geworden, als er gesehen hatte, wie Groz sich ein erfrorenes Bein in seinen Vorratssack gestopft hatte. Mit Trollen w�rde er niemals warm werden, dachte er ern�chtert. Ganz gleich, wie viele Gefahren sie gemeinsam �berstanden.</p><p>Galar schlug sich mit den H�nden auf die Arme, um wieder Gef�hl in seine k�ltetauben Finger zu bekommen, und wandte sich wieder Che zu, der immer noch von seinen Liebesabenteuern erz�hlte.</p><p>�Und, hast du Ailyn herumbekommen, Herzensbrecher?�, unterbrach Galar ihn br�sk.</p><p>�Sie hat mir ziemlich eindeutige Angebote gemacht.�</p><p>�Und wie war sie so? Ich meine��� Galar blieb das Wort im Hals stecken. Hinter Che war die Drachenelfe erschienen. Wie stets bewegte sie sich v�llig lautlos. Galar hob die Brauen und versuchte den Kobold auf sie aufmerksam zu machen, doch der verstand nicht.</p><p>�Zu gro� und zu d�rr!�, entgegnete Che ruhig und mit einem anz�glichen Grinsen. �Einfach nicht mein Geschmack, die Gute. Auch wenn sie sich nach mir verzehrt.�</p><p>�Gut zu wissen, dass ich Gefahr laufe, hier an gebrochenem Herzen zu sterben�, sagte Ailyn. Sie stand jetzt unmittelbar hinter Che.</p><p>Der Kobold drehte sich um. �Bei den Alben, meine Liebe. Du siehst heute wieder hinrei�end aus! Wenn ich dich so anschaue, sollte ich vielleicht meine Vorurteile gegen Elfendamen fahren lassen. Hast du am Abend schon etwas vor?�</p><p>Galar verschlug so viel Frechheit schier die Sprache.</p><p>�Ich habe gerade von unserem Feldherrn mitgeteilt bekommen, dass ich euch nicht l�nger anf�hren werde.� Sie beugte sich zu Che hinab. �Ich habe also durchaus Zeit. Hast du keine Angst, dass deine empfindlichsten Teile bei dem Frost Schaden nehmen werden?�</p><p>�Ich bin sicher, das gute St�ck wird sehr schnell an einem warmen Ort Unterschlupf finden.�</p><p>Galar sah im Geiste den Kopf des tolldreisten Kobolds in den Schnee rollen, doch nichts geschah. Ailyn l�chelte nur. �Dann komm ich dich in der Nacht holen�, sagte sie doppeldeutig.</p><p>�Wer ist der neue Anf�hrer?�, platzte es aus Nyr heraus.</p><p>Die Elfe zuckte mit den Schultern. �Irgendein legend�rer Zwergenheld. Solaiyn hat den Namen genannt, aber ich konnte ihn mir nicht merken. Irgendetwas mit Horn.�</p><p>Galar traute seinen Ohren nicht. �Hornbori? Hat er so gehei�en?�</p><p>Ailyn nickte. �Stimmt, das war der Name.� Nun lag un�berh�rbar eine Spur von �rger in ihrer Stimme.</p><p>�Sie k�nnen dir doch nicht einfach das Kommando wegnehmen�, emp�rte sich Nyr. �Du hast mit uns gek�mpft und geblutet. Das geht doch nicht���</p><p>��bertreib nicht. Geblutet habe ich nicht. Das wart ihr Anf�nger.�</p><p>Die Trolle brachen in tiefes, kehliges Lachen aus. �Stimmt!�, erkl�rte Groz.</p><p>�Und doch, es geht�, fuhr die Elfe fort. �Solaiyn kann mir einfach so das Kommando entziehen.�</p><p>�Dann sorgen wir eben daf�r, dass der Neue im ersten Gefecht einen kleinen Unfall hat�, sagte Che gut gelaunt. �Kann ja verdammt gef�hrlich sein, so ein Schlachtfeld.�</p><p>Galar h�tte den kleinen Schweren�ter f�r diesen Vorschlag umarmen k�nnen!</p><p>�Ihr werdet dem neuen Befehlshaber nichts tun. Wenn ihm in den R�cken geschossen wird, f�llt das auf mich zur�ck!�, stellte Ailyn klar. �Ihr seid <emphasis>meine</emphasis> M�nner. Ihr steht das durch. Und ich werde versuchen, dass ich euch den Mistkerl vom Leib halte. Kennt ihn einer von euch?�</p><p>Galar z�gerte noch, als Nyr pl�tzlich vortrat. �Er stammt aus der Tiefen Stadt. Er ist ein Aufschneider und Feigling. Er wird uns alle ins Verderben f�hren.�</p><p>�Ein Aufschneider?� Die Elfe l�chelte pl�tzlich. �Das k�nnte helfen. Ihr bleibt hier und tut gar nichts. Ihr seid eine verfluchte Bande elender Bastarde. Aber ihr seid <emphasis>meine</emphasis> Bastarde. Ich werde nicht zulassen, dass euch irgendein Idiot zur Schlachtbank f�hrt.�</p></section><section><title><p>Der Bewahrer der Goldenen Axt</p></title><p>Der Anblick des Feldlagers entt�uschte Hornbori. Irgendwie hatte er mehr erwartet. Es gab nur drei Zelte. Und kein einziges Feuer. Die ganze Reise durch diese elende Eisw�ste hatte er darauf gehofft, am Ende in einem sch�nen Zelt vor einer Feuerschale zu sitzen.</p><p>Auf den letzten Meilen hatte eine Gruppe Kentauren ihren Schlittenkonvoi begleitet. Einer war vorausgeprescht, um ihn anzuk�ndigen. Die Begr��ung fiel mau aus. Drei Elfen standen vor dem winzigen Zeltlager. Alle anderen hielten sich im Hintergrund. Auf einem H�gel, ein St�ck entfernt, sah er ein paar Zwerge und drei Trolle. Kobolde schien es da auch zu geben. Allerdings waren sie zu weit entfernt, um sie deutlich zu erkennen. Das musste die Truppe sein, �ber die er das Kommando �bernehmen sollte.</p><p>Rafa z�gelte die Rentiere des Schlittens. Der Kobold hatte sich als ein geschickter Kutscher erwiesen. Allerdings waren sie nur langsam vorangekommen. Die Panzerung machte die Schlitten zu schwer. Und auf den ausdr�cklichen Befehl Hornboris waren sie nur bei Tageslicht gefahren. Sechsundsiebzig Schlitten standen unter seinem Befehl. Zehn davon waren Tanks, wie Gobhayn, der merkw�rdige Elfenschmied, sie genannt hatte.</p><p>�Sch�n, dass ihr zu uns gefunden habt�, begr��te ihn der Elf, der in der Mitte der kleinen Gruppe stand. Er wirkte wenig kriegerisch in seinem langen, gerade geschnittenen Mantel. Im Gegensatz zu den beiden anderen Elfen trug er keine Waffen.</p><p>Hornbori hatte den vorwurfsvollen Unterton in den Worten durchaus geh�rt. Er sprang vom Bock und ging mit seinem diplomatischsten L�cheln auf den Lippen den Elfen entgegen. �Ich freue mich, dass wir es so schnell schaffen konnten. Die Piste war nicht geeignet f�r so schwere Schlitten. Au�erdem hatten wir zwei Schneest�rme, und in einer Nacht wurden wir von seltsamen gr�nen Lichtern heimgesucht.�</p><p>Brass Mammutw�rger, der den ganzen Weg �ber mit seinen Trollen neben den Schlitten hergelaufen war, folgte Hornbori und baute sich mit verschr�nkten Armen hinter ihm auf. Neben diesem H�nen sahen die Elfen j�mmerlich aus, dachte der Zwerg zufrieden. Brass folgte ihm wie ein treuer Hund.</p><p>�Wir kennen den Weg und seine T�cken�, sagte der Elf im gr�nen Mantel k�hl. �Ailyn, k�mmere dich darum, dass die Schlitten abgeladen und umgehend Feuer entfacht werden. Ich w�nsche, dass all unsere Krieger binnen einer Stunde ein warmes Essen im Bauch haben.�</p><p>Die wei� gekleidete Elfe an der Seite des Wortf�hrers zog sich sofort zur�ck.</p><p>�Brass, hilf mit deinen M�nnern die Schlitten zu entladen.� Hornbori sagte das vor allem, um zu zeigen, dass auch er Befehlsmacht hatte. Von ein paar arroganten Elfen w�rde er sich nicht auf der Nase herumtanzen lassen. Auch wenn der rotgewandete Krieger, der an der Seite des Feldherrn geblieben war, zum F�rchten aussah.</p><p>�Wir werden alles Weitere in meinem Zelt besprechen.� Mit diesen Worten wandte sich der Feldherr abrupt ab.</p><p>Das war ja mal ein Elf der �belsten Sorte, dachte Hornbori und folgte schweigend. Das Zelt war karg eingerichtet. Der einzige Luxus war ein gem�tlich aussehendes Feldbett, in das sich Hornbori nur allzu gerne hingestreckt h�tte. Dort liegend von Amalaswintha massiert zu werden, das w�re es, tr�umte er und sah sich um. Au�er dem Bett gab es einen gro�en Tisch mit zwei unbequem aussehenden St�hlen mit hoher Lehne. In einer Ecke stand eine Kleidertruhe von ehrfurchtgebietenden Abmessungen. Er ist also ein eitler Stutzer, der sich gerne umzieht, dachte Hornbori, erleichtert, eine Schw�che des Feldherrn entdeckt zu haben.</p><p>�Ich bin F�rst Solaiyn, wie du sicherlich schon erraten hast.� Der Elf lie� sich auf einem der beiden St�hle nieder und deutete einladend auf den anderen Stuhl.</p><p>Auf diese dummen Spielchen w�rde er sich nicht einlassen, dachte Hornbori und trat ein St�ck vom Tisch zur�ck, sodass er mitten im Zelt stand. W�rde er sich auf den Stuhl setzen, dann k�nnte er wie ein kleines Kind gerade �ber die Tischplatte schauen. Stellte er sich neben den Tisch, w�re es nicht viel besser.</p><p>�Bist du nicht m�de von der Reise? Willst du nicht Platz nehmen?�</p><p>Hornbori antwortete mit einem L�cheln auf die heuchlerische Freundlichkeit. �Ich habe die ganze Reise �ber gesessen. Jetzt zu stehen ist sehr angenehm.�</p><p>Der Feldherr nickte. �Bewahrer der Goldenen Axt, ich habe von diesem Titel noch nie geh�rt. Wie wird man das?�</p><p>Der Zwerg versuchte, den herablassenden Tonfall zu �berh�ren. �Durch Mut im Kampf. Eikin, der Alte in der Tiefe der Ehernen Hallen, hat mich f�r meine Verdienste auf diesen Posten berufen.�</p><p>�Ah, da liegen also deine Qualit�ten. Mut im Kampf�� Mich hat der Goldene auf meinen Posten berufen, und ich bin mir bis heute nicht ganz sicher, welchen Verdiensten ich diese Ehre zu verdanken habe.�</p><p>Hornbori entschied sich, die Sache direkt anzugehen. Offensichtlich war Solaiyn dar�ber ver�rgert, dass er um Tage zu sp�t gekommen war. �Es tut mir leid, dass ihr auf mich warten musstet. Die Nachschubforderungen waren so umfassend, dass meine Schlitten allesamt �berladen sind.�</p><p>�Du solltest deinem F�rsten und Befehlshaber mit mehr Respekt begegnen, Zwerg�, sagte der rotgewandete Elf schneidend.</p><p>�Er ist mein Befehlshaber, nicht mein F�rst�, stellte Hornbori richtig. �Mein F�rst ist Eikin.�</p><p>�Du wirst���</p><p>Solaiyn hob die Hand und brachte den Roten zum Schweigen. In diesem Augenblick betrat die zierliche Elfe in Wei� das Zelt. �Die Kessel stehen auf den Feuern�, meldete sie schneidig und bezog Aufstellung hinter dem Sitz des Heerf�hrers.</p><p>Der F�rst lie� sich davon nicht ablenken. Unverwandt sah er Hornbori an. �Was sollen die Silberstahlplatten an den Schlitten? K�nnte es sein, dass sie bei deinem langsamen Vorr�cken zu uns eine Rolle spielten?�</p><p>�Das sind neuartige Kampfschlitten, mein Feldherr. Ich selbst habe sie entworfen. Sie dienen dazu, den Feind aus kurzer Entfernung unter Beschuss zu nehmen und seinen Schildwall aufzubrechen.�</p><p>�Bilden sie wieder Schildw�lle?�, fragte der F�rst ironisch und drehte sich zu den beiden hinter ihm um.</p><p>�Nat�rlich kann man auch andere Formationen���</p><p>�Von dir wurde lediglich erwartet, dass du p�nktlich unseren Nachschub bringst�, fuhr Solaiyn ihn an. �Der andere Unsinn ist v�llig �berfl�ssig. Der Goldene wird erfahren, wie sehr du uns ver�rgert hast.�</p><p>�Vielleicht k�nnten die Schlitten uns doch von Nutzen sein�, kam ihm die Elfe unerwartet zu Hilfe. �Sie auf dem Pass zu bek�mpfen w�re zu gef�hrlich. Vielleicht k�nnen die Schlitten das Heer der Menschenkinder umgehen und sie auf der anderen Seite der Berge erwarten? Nodon, hattest du nicht einen weiteren Pass drei�ig Meilen �stlich von hier entdeckt? W�rden die Schlitten ihn passieren k�nnen?�</p><p>�Ja, der Weg ist nicht sonderlich beschwerlich�, antwortete der rote Elf.</p><p>�Welchen Nutzen soll das haben?� Solaiyn schien der Vorschlag nicht sonderlich zu gefallen.</p><p>�Die neuen Krieger k�nnten sich bew�hren. Wir anderen folgen den Menschenkindern, wenn sie den Passweg �berquert haben. Von den H�ngen werden wir einen guten Ausblick darauf haben, wie Hornbori die letzte Schlacht dieses Feldzugs schl�gt.�</p><p>�Schlacht ist ein zu hochtrabendes Wort. Sie w�rden ein paar Wehrlose niederschie�en���</p><p>�Wir w�rden sehen, ob die Schlitten sich bew�hren. Wenn ja, w�rde es ja vielleicht Sinn ergeben, auch gepanzerte Kutschen zu bauen.�</p><p>Der Feldherr sch�ttelte unwillig den Kopf, w�hrend Hornbori �berrascht war, dass die Elfe ihn so sehr unterst�tzte. Ein paar Wehrlose niederzuschie�en klang gut. Und f�r seinen weiteren Aufstieg in den Zwergenf�rstent�mern musste er Kriegsruhm erlangen. �Meine M�nner brennen darauf zu k�mpfen! Bitte, mein Feldherr, verwehre uns nicht die Gelegenheit, Ruhm zu ernten, nachdem wir dich entt�uscht haben.�</p><p>�Es w�re gut f�r die Moral der Truppe�, unterst�tzte die Elfe ihn weiter, und Hornbori beschloss, sie so bald wie m�glich mit einem Geschenk zu belohnen. Vielleicht ein erlesener Wein? Er hatte h�chstpers�nlich dar�ber gewacht, dass einige ausgew�hlte Luxusg�ter unter die Fracht gelangt waren, um durch Geschenke neue Bekanntschaften zu Freundschaften werden zu lassen.</p><p>�Nun gut�, entschied Solaiyn. �Sollen sie uns zeigen, wie sie k�mpfen k�nnen. Du wirst mit deinen M�nnern sofort aufbrechen m�ssen, wenn du die Menschenkinder noch mal geh�rig zur Ader lassen willst, bevor sie den Albenstern erreichen.�</p><p>�Deine W�nsche sind mir Befehl!� Hornbori verbeugte sich tief, dann verlie� er beschwingten Schrittes das Zelt. Das w�rde ein Kampf ganz nach seinem Geschmack!</p></section><section><title><p>Ich werde nicht mehr hier sein</p></title><p>Sein K�rper war wieder warm geworden. Doch es war nicht die Hitze des Fiebers, die sich erneut in Aarons Leib eingenistet hatte. Sie hatte gesiegt, dachte Shaya gl�cklich. Nachdem sie Aaron aus dem Schnee geholt hatten, war er in die kleine H�hle zur�ckgebracht worden. Sein Leib war ganz steif vor K�lte gewesen. Sein Herzschlag fast verstummt. Sie hatte sich nackt an ihn geschmiegt. Aus ihrer Kindheit wusste sie, dass dies die beste Art war, die Lebensgeister eines unterk�hlten Mannes wieder zu wecken. Mehr als einmal hatte sie als Kind erlebt, wie Krieger von winterlichen Jagden mehr tot als lebendig zur�ckgekehrt waren. Es waren nicht hei�e Suppen oder vergorene Yakmilch, die ihnen am besten geholfen hatten. Die W�rme einer jungen Frau war das beste Mittel gegen Unterk�hlung.</p><p>Shaya setzte sich auf ihn und massierte seine Glieder. Manchmal flatterten seine Augenlider. Immer wieder hielt sie inne und lauschte auf seinen Herzschlag. Er war immer noch langsam, doch viel kr�ftiger als zuvor. Noch einmal streckte sie sich auf ihm aus.</p><p>Ihr war so kalt. Sie hatte das Gef�hl, seine K�lte sei ihr tief in die Knochen gezogen. Sie f�hlte sich schwach und krank. Wie gerne w�re sie bei ihm eingeschlafen! Doch das durfte nicht sein. Der Frieden im Reich hing davon ab, dass sie verschwunden blieb. Statt dar�ber zu trauern, was unm�glich war, sollte sie sich freuen, was f�r ein Geschenk die G�tter ihr gemacht hatten! Eine halbe Nacht mit ihm. Noch einmal an seiner Seite liegen, heute Morgen noch h�tte sie das f�r unm�glich gehalten.</p><p>Leise stand Shaya auf, deckte Aaron zu, und dann kleidete sie sich an. Schweren Herzens trat sie aus der H�hle.</p><p>�Wie geht es ihm?�, best�rmte Ormu sie, der vor dem Eingang auf sie gewartet zu haben schien.</p><p>�Er hatte gro�es Gl�ck. Ich glaube, er hat es geschafft. Das Fieber ist besiegt. Aber er wird sehr schwach sein. Gib gut auf ihn acht, Ormu. Du wei�t, dass er sich zu viel abverlangt. Der Schatten des Todes ist einen Schritt zur�ckgewichen, aber er ist noch nahe.�</p><p>�<emphasis>Du</emphasis> musst ihm das sagen, Kirum. Auf dich wird er h�ren!�</p><p>Shaya sch�ttelte traurig den Kopf. Zweimal setzte sie an, und die Stimme versagte ihr, bis die Worte beim dritten Versuch zu sprechen endlich �ber ihre Lippen kamen. �Ich werde nicht mehr hier sein�� Ich muss ihn verlassen. Es wird keinen Frieden im Reich geben, wenn ich an seiner Seite bleibe.�</p><p>�Das ist nicht gerecht�, begehrte Ormu auf.</p><p>�Und doch muss es so sein. Schw�re die Krieger, die mich erkannt haben, darauf ein, dass ich niemals hier gewesen sei. Sagt, es m�sse ein Fiebertraum gewesen sein, wenn Aaron nach mir fragt und glaubt, mich gesehen zu haben.�</p><p>�Hat er dich denn gesehen?�</p><p>�Ich wei� es nicht. Er hat im Schlaf meinen Namen gefl�stert und��� Sie stockte. Nein, was er noch gesagt hatte, ging nur sie an. Sie wusste, er liebte sie und w�rde es immer tun.</p><p>�Du willst wirklich nicht bleiben? Wenn du hier w�rest, w�re er gl�cklich.�</p><p>Shaya sch�ttelte m�de den Kopf. Ihr Platz war nicht an seiner Seite. �Lass mich ziehen und versuch nicht noch einmal, mich zu finden. Es ist besser so.�</p><p>�Warte!� Der Hauptmann winkte einem seiner M�nner, der einen kleinen Messingpokal brachte. �Trink das!�</p><p>�Was���</p><p>�Trink einfach� beharrte er.</p><p>Sie setzte den Pokal an die Lippen. Er war warm! Vorsichtig trank sie. Es war nur Wasser, und doch hatte nie etwas so K�stliches ihre Lippen benetzt. Warmes Wasser. �Woher hast du das?�</p><p>�Wir w�rmen den Pokal an der Flamme einer �llampe und schmelzen Schnee darin. Wir haben nur noch wenig Lampen�l. Es gibt am Tag nur ein paar Schluck warmes Wasser f�r jeden, aber es hilft.�</p><p>Shaya leerte den Pokal.</p><p>�Ich kann dir noch etwas machen�, bot Ormu an.</p><p>Sie vermutete, dass er daf�r auf seine eigene Ration verzichten w�rde. Mit dem Wasser war wohlige W�rme in ihren Magen gesickert. Das erste Mal seit einer Ewigkeit. Doch ihre Lippen waren schon wieder trocken. Den Durst hatten die paar Schlucke Wasser nicht l�schen k�nnen. Jetzt brannte er schlimmer in ihrer Kehle als zuvor. Die Prinzessin sah zum Himmel hinauf. Erstes Morgenlicht zog silberne Linien um die schwarzen Berge. Bald w�rde Aaron erwachen. Dann sollte sie nicht mehr hier sein.</p><p>�Ich muss gehen.� Es fiel ihr schwer, darauf zu beharren. �Habt ihr noch etwas Trockenfleisch?�</p><p>Ormu nickte.</p><p>�Schneidet es in kleine St�cke und lasst es in warmem Wasser ziehen, damit es weicher wird. Es wird dem Unsterblichen neue Kraft geben.�</p><p>�Ich w�nschte, du w�rdest bleiben, Kirum.�</p><p>Sie l�chelte. Dann wandte sie sich ab und stieg zwischen den Felsen hinab zum Passweg. Von einem der Toten nahm sie einen Speer. Sie brauchte einen Kr�ckstock, um sich darauf zu st�tzen.</p><p>So wie sie waren auch schon andere auf dem Weg den Pass hinauf. Schweigende, abgerissene Gestalten, die sich Schritt um Schritt vorank�mpften. Sie hatte keinen Blick mehr f�r die Gestrandeten am Wegesrand, und sie verschloss ihr Herz gegen das Flehen der Entkr�fteten. Wer in den Schnee sank, der durfte auf keine Hilfe mehr hoffen. Die Lebenden hatten kaum noch die Kraft, sich selbst weiterzuschleppen.</p><p>Bald brannten ihre ersch�pften Beine. Immer �fter verharrte sie, schwer auf den Speer gest�tzt. Dann hob sie ihr m�des Haupt und sah zu dem blendenden Sonnenlicht, in dem der Pass weit �ber ihr erstrahlte. Von dort k�nnte sie wahrscheinlich die Ebene sehen, in der das Weltentor lag. Sie musste es schaffen. Sie war Shaya, Kriegerprinzessin aus dem Volk der Ischkuzaia. Sie gab nicht einfach auf.</p><p>Stunde um Stunde k�mpfte sie sich voran, Hunger und Durst und tiefer Kummer qu�lten sie. Die Reihen der M�nner d�nnten immer weiter aus. Immer mehr sanken am Wegesrand nieder. Endlich, es war weit nach der Mittagsstunde, und die Schatten begannen schon wieder l�nger zu werden, erreichte sie den Pass. Wie sie es sich erhofft hatte, gab es von dort einen atemberaubenden Blick auf die verschneite Ebene jenseits der Berge. Irgendwo dort unten lag ihre Rettung. Noch verborgen vor ihren Blicken, w�rde sich das Weltentor �ffnen, sobald ein silberner L�we davorstand.</p><p>Etwas Schattenhaftes huschte �ber die Ebene. Gro�e Schlitten, wie es schien. Solche Gef�hrte gab es in ihrem Heer nicht. Die Daimonen waren ihnen zuvorgekommen und hatten ihnen den R�ckweg abgeschnitten!</p><p>Die Erkenntnis raubte Shaya die letzte Kraft. Sie taumelte, trat vom Weg und lie� sich dann resigniert auf einem Felsblock nieder. So nah waren sie der Rettung gekommen, und doch war sie nun unerreichbar.</p><p>Sie rutschte vom eisverkrusteten Fels und st�rzte in den Schnee. Sie hatte nicht mehr den Willen aufzustehen. Hoch �ber ihr stand die Nachmittagssonne am wolkenlosen Himmel. Shaya stellte sich vor, es sei ein Sommertag wie in ihrer Kindheit. Ein Tag, an dem sie ihrem Kinderm�dchen entflohen war und mit unter dem Nacken verkreuzten Armen auf einem H�gel im hohen Gras der Steppe lag. Die Sonne kitzelte ihre Nase und w�rmte ihr Gesicht. Es war ein vollkommener Nachmittag, dachte sie und schloss die Augen.</p></section><section><title><p>Acoatl</p></title><p>�Shaya?� Blinzelnd sah Aaron sich um. Er lag in einer H�hle, konnte sich aber nicht erinnern, wie er hierhergekommen war.</p><p>Eben noch war Shaya bei ihm gewesen. Sie hatte in seinen Armen gelegen und ihn z�rtlich gek�sst. Doch nun war er allein. Aaron hatte das Gef�hl, dass sogar noch ihr Duft in der Luft hing. Es musste wohl ein Traum gewesen sein. Er erinnerte sich, Fieber gehabt zu haben. Seine M�nner hatten ihn getragen��</p><p>Der R�ckzug! Wo war er jetzt?</p><p>�Ormu!� Aarons Stimme war schwach. Er �rgerte sich �ber seine Unzul�nglichkeit, setzte sich auf und wollte zu der schweren Decke am Eingang der H�hle gehen, als diese zur�ckgezogen wurde. Das rotb�rtige Gesicht des hageren J�gers aus Garagum erschien.</p><p>�Unsterblicher?�</p><p>�Ich muss hier raus. Hilf mir!�</p><p>�Nein.�</p><p>Aaron war v�llig perplex. Dass sich jemand einem direkten Befehl von ihm widersetzte, hatte es lange nicht mehr gegeben.</p><p><emphasis>Das liegt an deiner laschen Art,</emphasis> meldeten sich die Stimmen in seinem Kopf. <emphasis>Dieser ungewaschene Hinterw�ldler hat keinen Respekt vor dir. Du solltest ihn auspeitschen lassen. Gleich jetzt!</emphasis></p><p>Aaron st�hnte und ignorierte die Stimmen. Er hatte so sehr gehofft, dieser Plage endlich entkommen zu sein.</p><p>Ormu rief einen Befehl �ber seine Schulter, den Aaron nicht klar verstand. Dann drehte sein Hauptmann sich kurz um, nur um sofort wieder in der H�hle zu erscheinen. Er hielt einen kleinen Bronzepokal in H�nden und kniete vor ihm nieder.</p><p>�Trinkt!�</p><p><emphasis>Merkst du das? Kein Respekt, sage ich dir!</emphasis></p><p>�Was ist das?� Aaron hatte kaum die Kraft zu sprechen. Dabei hatte er sich eben, als er erwacht war, doch noch erholt gef�hlt.</p><p>�Eine Br�he aus Trockenfleisch. Schmeckt entsetzlich, aber sie gibt Kraft.�</p><p>Aaron erlaubte, dass Ormu ihm den Pokal an die Lippen setzte. Er f�rchtete, er k�nne ihm entgleiten, wenn er selbst versuchte, ihn zu halten. Die Br�he schmeckte wirklich �bel. Aber sie war warm. Und das tat gut.</p><p>�Ist das wirklich Trockenfleisch, oder hast du deine Schuhsohlen f�r mich ausgekocht?�</p><p>Der J�ger l�chelte. �Sch�n, dass es dir besser geht, Unsterblicher. Wir dachten��� Er stockte und sah zu Boden.</p><p>�Es geht mir gut. Ich f�hle mich, als k�nnte ich B�ume ausrei�en.� Er grinste. �Sagen wir, ein paar junge Setzlinge. Wer war bei mir? Wer hat mich gepflegt.�</p><p>Ormu hielt den Blick starr auf die Wolldecken am Boden gerichtet. Er schien eine Laus zu beobachten, die aus einer der Falten kletterte. �Die Kushiten, Unsterblicher. Sie waren immer bei dir. In der Nacht haben wir dich im Schnee eingegraben, um dein Fieber zu senken. Wir hatten Angst, dass du diesen Morgen nicht mehr erleben wirst�� Es war eine schwere Nacht.�</p><p>�Wer war in der H�hle bei mir und hat mich gepflegt?�</p><p>�Du hast dich alleine wieder erholt, Unsterblicher.�</p><p>Ormu antwortete zu hastig. Es klang nach einer L�ge. Aber Aaron verstand: Was auch immer in dieser Nacht geschehen war, er w�rde es nicht aus dem Hauptmann herausbekommen. Aaron w�nschte sich, er w�re nicht erwacht und w�rde immer noch in Shayas Armen liegen. Aber jetzt war nicht die Zeit f�r selbsts�chtige Tagtr�ume. Er leerte den Pokal bis zur Neige und kaute auf den Fleischst�ckchen, die im warmen Wasser geschwommen hatten.</p><p>�Hilf mir, mich anzukleiden�, entschied er.</p><p>Ormu f�hlte sich sichtlich unwohl dabei, den Kammerdiener zu geben, aber er gehorchte. Als es vollbracht war, trat Aaron auf den Hauptmann gest�tzt aus der H�hle, wo ihn die �brigen Kushiten freudig begr��ten. Er war ger�hrt von der Treue und Hingabe der M�nner, die wie auf einem Paradeplatz vor ihm salutierten, als g�be es weder Not noch Verzweiflung.</p><p>Aaron erwiderte ihren Gru� und tauschte ein paar Worte mit den Kriegern. Dann wandte er sich wieder an Ormu. �Ruf die anderen Unsterblichen herbei. Ich muss mich mit ihnen beraten.�</p><p>�Ich�� �hm�� Ich f�rchte, sie werden nicht kommen.�</p><p>Er verstand. Er war zu lange bettl�gerig gewesen. Selbst ein geschlagenes Heer wie das ihre durfte nicht ohne F�hrung bleiben. �Wer hat den Oberbefehl?�</p><p>�Acoatl, der Herr der Himmel und all dessen, was unter ihnen liegt.�</p><p>Aaron seufzte. Ausgerechnet der Zapote! �Ich werde also zu ihm gehen. Wo finde ich ihn?�</p><p>�Er ist bereits oben auf dem Pass. Wir sind jetzt die Nachhut. Es befinden sich noch Hunderte Nachz�gler auf dem Aufstieg. Und keiner wei�, wie viele unten am Fu� der Berge lagern.�</p><p>�Wie viele meiner Kushiten sind noch kr�ftig genug, um sich auf den Beinen zu halten?�</p><p>�Mit mir sind es noch zweiunddrei�ig, Unsterblicher.�</p><p>�Dann stelle einen Mann ab, der mich den Pass hinaufbringt, und versuche, mit den restlichen Kriegern so viele von den Nachz�glern zu retten wie m�glich. Wir m�ssen nur noch �ber diesen Berg! Das werden wir schaffen.�</p><p>Ormu bedachte ihn mit einem schmerzlichen L�cheln. �Wenn ich deinen Befehl ausf�hre, Unsterblicher, dann werde ich nicht wiederkehren und meine M�nner auch nicht. Wir haben kaum den halben Aufstieg geschafft und sind ersch�pft. Wenn wir zur�ckgehen, um anderen Schwachen zu helfen, dann�� Alle sind am Ende ihrer Kr�fte, Unsterblicher.�</p><p>Aaron ballte in hilfloser Wut die F�uste. �Wir k�nnen doch nicht einfach die Schwachen zur�cklassen. Nicht jetzt, wo wir so nahe vor dem Weltentor sind!�</p><p>�Wir tun das schon seit Tagen, Unsterblicher. Du lagst im Fieber. Du konntest das Elend nicht sehen. Wer nicht mehr weitergehen kann, der ist des Todes. Alle wissen das.�</p><p>�Bring mich zu Acoatl!�, entschied Aaron.</p><p>�Wir sollten alle gehen�, empfahl Ormu leise. �Acoatl ist mit den anderen Herrschern oben am Pass. Es wird deine M�nner befl�geln, wenn du in ihrer Mitte bist, Unsterblicher. Sie werden das brauchen, um den Weg zu schaffen.�</p><p>Aaron blickte in die ausgemergelten Gesichter. Haare und B�rte waren von Frost gesprenkelt, die Kleider abgerissen, doch alle trugen noch ihre Waffen.</p><p>�Ersteigen wir den Pass!�, rief er den Kushiten zu. �Gehen wir zur�ck nach Hause!� Die verzweifelte Hoffnung in den Gesichtern der M�nner schnitt ihm ins Herz. Er war es ihnen schuldig, sie zur�ckzubringen. Ormu hatte recht. Sie konnten sich nicht mehr um jene k�mmern, die zur�ckgefallen waren.</p><p>So begann Aaron an der Spitze seiner M�nner den Aufstieg.</p><p>Der Weg �berstieg bald seine Kr�fte. Abwechselnd st�tzten Ormu und die anderen ihn. Es war dem�tigend, so schwach auf den Beinen zu stehen wie ein neugeborenes Fohlen. Noch bevor die H�lfte des Weges geschafft war, musste Aaron sich tragen lassen.</p><p>Als sie die Passh�he fast erreicht hatten, hie� Ormu die M�nner, ihn wieder abzusetzen. Der Hauptmann der Kushiten schlang ihm einen Arm um die H�ften und st�tzte ihn.</p><p>Auch seine Wachen vermochten kaum noch zu gehen. Keuchend st�tzten sie sich auf ihre Speere, als sie die letzten Schritt des Weges erklommen.</p><p>�Aaron!�, erklang pl�tzlich eine vertraute Stimme. Augenblicke sp�ter stand Volodi vor ihm.</p><p>�Aaron, Dank ist sich den G�ttern!�</p><p>Die Augen des Drusniers waren eingefallen, sein blonder Bart ungepflegt und voller L�use. Und doch strahlte der Unsterbliche eine Kraft aus, um die Aaron ihn beneidete.</p><p>�Tut es sich gut, dich wieder zu sehen auf den Beinen, mein Freund.�</p><p>�Es waren nicht meine Beine, die mich hierhergebracht haben�, bekannte Aaron.</p><p>Volodi runzelte die Stirn. �Na und! Hauptsache ist sich, dass du bist hier. Und musst du mir Gefallen machen: Bist du dich bitte bei Drecksack mit Fl�geln, der sich steht da oben, nicht ehrlich mit deinen Beinen.�</p><p>Aaron musste l�cheln. Er hatte die grausame Art, in der Volodi die Sprache Arams behandelte, vermisst. Aus jedem der Worte des Drusniers sprach tiefe Freundschaft. Gef�hle brauchten keine Grammatik.</p><p>Auch Labarna stieg nun von der H�he des Passweges herab. Er trug seine Keule auf den breiten Schultern und strotzte nur so vor Kraft. Es war Aaron vollkommen schleierhaft, wie der Unsterbliche Herrscher Luwiens es geschafft hatte, dem Frost und den Entbehrungen zu trotzen.</p><p>�Gut, dass du wieder hier bist, Aaron. Ich w�re sehr entt�uscht gewesen, wenn ein einzelner Daimon gereicht h�tte, um dich unter die Erde zu bringen.�</p><p>�Immerhin ein Daimon auf einem Riesenadler�, bemerkte Aaron ersch�pft.</p><p>�Na, werd mal nicht d�nnh�utig.� Der riesige Krieger versetzte ihm einen freundschaftlichen Knuff mit der Faust, der Aaron fast von den Beinen geholt h�tte. �Ich glaube nicht, dass ich den Mut gehabt h�tte, auf so einem fliegenden L�wen zum Kampf in den Himmel zu steigen. Ich sch�tze es, festen Boden unter den F��en zu haben, wenn ich in die Schlacht ziehe.� Er verneigte sich mit �bertriebener Geste. �Mein Respekt, Herrscher aller Schwarzk�pfe.�</p><p>�Ich f�rchte, das war nicht die letzte Schlacht im Himmel.� Aaron blickte zu Acoatl, der auf einem flachen Fels, der den Passweg �berragte, inmitten seiner Adlerritter stand. Der Herrscher der Zapote machte keine Anstalten, zu ihm herabzukommen.</p><p>�Wo sind die anderen Unsterblichen, Volodi?�</p><p>�Ansur hat sich gemacht davon, wie sich geh�rt das f�r Hund aus Valesia. Sind sich seine M�nner fast alle verreckt ohne Anf�hrer. Madyas hat sich weniger Gl�ck gehabt in Himmel. Der Pferdemann hat sich gestorben. Ist sich Subai, ein Mann mit Gesicht wie Ratte, neuer Anf�hrer von Steppenm�nnern hier. Sind sich fast so hart wie Drusnier, diese Kerle. Keanu, der sich war Unsterblicher von Schwimmenden Inseln, hat sich erfroren vorgestern. War sich letzter von t�towierten M�nnern, der gestorben ist. War nicht klug, sich hierhinzubringen. Hatten sie sich nicht gemacht f�r Winter.�</p><p>Zwei Unsterbliche tot. Aaron traute seinen Ohren nicht. Das war eine Katastrophe! Und die Devanthar taten immer noch nichts, um ihnen zu helfen.</p><p>�Die Daimonen erwarten uns schon unten in der Ebene�, meldete sich Labarna zu Wort. �Sie haben eine neue Art gro�e Streitwagen dort postiert. Wir werden uns auch die letzten Meilen des Heimwegs erk�mpfen m�ssen.�</p><p>Wieder sah Aaron zu Acoatl auf. Der Unsterbliche im Adlergewand schenkte ihm nach wie vor keine Beachtung. �Hilf mir auf das Felssims, Volodi. Ich muss mit ihm sprechen.�</p><p>�Ist sich Loch von Arsch, der Kerl�, zischte der Drusnier. �Sprechen hilft sich da nichts!�</p><p>�Ich werde es trotzdem versuchen�, entschied Aaron, und so brachte ihn Volodi hinauf. Von dem Felsen, der sich �ber den h�chsten Punkt des Passweges erhob, hatte der Unsterbliche eine gute Aussicht auf die Ebene wie auch auf den Weg, den das geschlagene Heer gekommen war.</p><p>�Nicht einmal der Tod will mit dir zu tun haben�, empfing ihn der Unsterbliche Acoatl, ohne Aaron eines Blickes zu w�rdigen.</p><p>�Du hast einen Plan, Herr der Himmel und all dessen, was unter ihnen liegt?�</p><p>�Nun, zun�chst einmal ist recht offensichtlich, was unsere Feinde planen�, erkl�rte der Herrscher der Zapote herablassend. �Diese gro�en Streitwagen dort unten sollen uns den Weg zum Weltentor abschneiden, w�hrend die Hauptmacht von Norden her den Pass erst�rmen wird. Sie glauben, sie haben uns in der Falle und werden uns zerschmettern, doch sie t�uschen sich in uns. Dieser Pass wird ein Grab der Daimonen werden.�</p><p>Volodi rollte angesichts der gro�spurigen Art des Zapote ver�rgert die Augen, sagte aber nichts.</p><p>�Du glaubst, wir k�nnten sie im engen Pass aufhalten?�, fragte Aaron so neutral, wie er vermochte, obwohl er diesen Plan f�r �u�erst leichtfertig hielt.</p><p>�Mit hundert meiner Jaguarm�nner w�re das sicherlich m�glich, aber die Truppen, die uns noch zur Verf�gung stehen, werden nicht in der Lage sein, Daimonen aufzuhalten. Nein, wir werden sie auf diesem Pass begraben. Unter Schnee, Eis und Felstr�mmern. Wir werden eine Lawine ausl�sen, sobald sich ihre ganze Streitmacht auf dem Passweg befindet.�</p><p>�Und unsere Nachz�gler?� Aaron war entsetzt. Sie w�rden auch ihre eigenen M�nner begraben.</p><p>�Ich rechne nicht vor dem Morgengrauen mit einem Angriff. Wer die Kraft hat zu gehen, hat noch die ganze Nacht, um es hierher zu schaffen. Und wer es nicht auf die Passh�he schafft, den h�tten wir ohnehin nicht retten k�nnen. Ein Tod in der Lawine ist allemal gn�diger, als von den Gr�nen Geistern geholt zu werden.�</p><p>Der Plan war ebenso menschenverachtend wie erfolgversprechend. Aaron blickte nach Norden. Weit entfernt am Horizont sah er das Lager der Daimonen. Sie hatten sogar Zelte. Er wusste auch, dass sie in jeder Nacht Feuer brennen lie�en. Ihre Krieger waren viel besser bei Kr�ften. Sie h�tten den grauen H�nen und den t�dlichen Schwertk�mpfern nichts entgegenzusetzen.</p><p>�Ich k�nnte mit meinen Kushiten hierbleiben, um die Lawine auszul�sen.�</p><p>Nun sah ihn Acoatl zum ersten Mal an. Die kalten Augen des Zapote musterten ihn herablassend. �Das kommt nat�rlich nicht infrage. Zum einen h�tte ich Sorge, dass du wegen der Nachz�gler z�gerst und alles verpatzt. Zum anderen w�rdest du Jammergestalt Stunden brauchen, um den Hang hinabzukommen. Meine Adlerritter und ich werden zur Ebene hinabfliegen. H�chstens hundert Herzschl�ge werden wir brauchen, um euch einzuholen. So l�st man sich vom Feind.�</p><p>�Ich hoffe, ich werde dich demn�chst auf einem silbernen L�wen reiten sehen. Ich w�rde gerne etwas von dir �ber den Kampf in der Luft lernen.�</p><p>Acoatl legte den Kopf schief und sah mit seinem Adlerhelm in Aarons Augen aus wie ein argw�hnisches Huhn. �Das ist nicht dasselbe�, sagte er. �Ich werde immer auf meinen eigenen Schwingen fliegen. Und du solltest besser auf dem Boden bleiben. Du k�nntest dich n�tzlich machen und am Kampf gegen die gro�en Kutschen teilnehmen.�</p><p>�Stimmt, ich werde mit dem Schwert in der Hand unseren Feinden entgegentreten, w�hrend du ihnen aus sicherer Entfernung mit einer Lawine zusetzt. Wie viele Krieger haben wir noch, die an den K�mpfen teilnehmen k�nnen?�</p><p>Acoatl machte ein Gesicht, als wollte er ihn gleich zerfleischen. Seine Adlerritter spannten sich. Volodi legte eine Hand auf seinen Schwertgriff.</p><p>Er sollte sich besser beherrschen, dachte Aaron besch�mt. Sie konnten es sich nicht leisten, sich auch noch untereinander zu befehden. Selbst wenn Acoatl sich keine M�he gab, auch nur einen Hauch von H�flichkeit zu zeigen, war dies keine Entschuldigung daf�r, es ihm gleichzutun. Er war eben�� wie hatte Volodi es so treffend gesagt�� Loch von Arsch.</p><p>�Krieger f�r den Kampf auf der Ebene gibt es hier noch achtzehn�, sagte Acoatl gepresst. Offensichtlich war auch er zu dem Entschluss gekommen, eine offene Konfrontation auf sp�ter zu verschieben.</p><p>�Achtzehn?� Was sollte das nun wieder? Ihre Lage war verzweifelt, aber so schrecklich konnte sie doch nicht sein!</p><p>�Meine Jaguarm�nner, mehr sind es nicht mehr.� Er l�chelte herablassend. �Au�erdem gibt es noch vielleicht zweihundert Mann, die eine Waffe halten k�nnen, aber sie Krieger zu nennen w�re bei ihrem Zustand deutlich zu hoch gegriffen.�</p><p>Aaron reichte es. Gegen den Plan konnte er nichts Vern�nftiges einwenden. Sie hatten einfach keine M�glichkeiten mehr. Acoatl musste er allerdings nicht noch l�nger ertragen. Er wandte sich ab. Sein Zorn gab ihm neue Kraft. Er trat an den Rand des Felssimses und blickte nach S�den auf die Eisebene, auf der er morgen k�mpfen w�rde. Was hatte es mit diesen riesigen Streitwagen auf sich? Sie mussten versuchen, die Zugtiere zu t�ten. Dann w�rden sie morgen siegen. Auch gab es noch einen Silberl�wen, der an ihrer Seite k�mpfen w�rde. Sie konnten es schaffen!</p><p>Er blickte auf all die Fl�chtlinge, die sich �ber den Pass gem�ht hatten und nun auf dem steil abfallenden Hang mit Blick auf die Ebene die Nacht abwarteten. Hoffentlich w�rden die Gr�nen Geister nicht zu schlimm unter ihnen w�ten! Wie viele w�rden erfrieren, einen Tag vor der Rettung?</p><p>Nicht weit entfernt kauerte ein Mann mit langem schwarzen Haar, der neben sich einen Speer an einen Fels gelehnt hatte. Er geh�rte zu den wenigen Gl�cklichen, die einen Pelzmantel trugen. Er w�rde es ganz sicher schaffen!</p></section><section><title><p>Ein Held und ein L�we</p></title><p>Hornbori hatte in der Nacht kaum Schlaf gefunden. Immer wieder war er an den Wagen auf und ab gegangen oder hatte zu den Ausl�ufern der Berge gestarrt. Wann w�rden sie kommen? Im ersten Morgengrauen? Oder eine Stunde fr�her? Jetzt endlich hatte er seine Antwort. Zwei Stunden war der Tag schon alt, als sich die geschlagene Schar der Menschenkinder etwa eine Meile entfernt zu formieren begann. Es war fast genau an der Stelle, die Hornbori vorhergesehen hatte.</p><p>Der Befehl, den er hatte, war seltsam. Solaiyn hatte darauf bestanden, dass er einige Menschenkinder durch den Albenstern, der hier irgendwo in der N�he lag, entkommen lassen sollte. Mindestens hundert. Warum den Sieg nicht vollkommen machen? Nat�rlich konnte ihm das egal sein. Er w�rde nur Befehle ausf�hren, die Verantwortung trug Solaiyn. Dennoch h�tte er gerne verstanden, was vor sich ging.</p><p>Alle Schlitten waren mit dem Heck zu den Menschenkindern ausgerichtet. Die drehbaren Speerschleudern waren nach hinten geschwenkt. Auf den Schlitten kauerten neben den Gesch�tzbedienungen der Zwerge noch etliche Kobolde mit Armbr�sten. Brass und seine Trolle hatten zwischen den Rentierschlitten Posten bezogen, um auf seinen Befehl hin einen Gegenangriff unternehmen zu k�nnen oder Schlitten, die in Nahk�mpfe verwickelt wurden, zu Hilfe zu eilen.</p><p>Aber zu Nahk�mpfen sollte es eigentlich gar nicht erst kommen. Deshalb sa�en sie schlie�lich auf Schlitten, die den Menschenkindern das Heck zeigten. Sein Plan war es, langsam von den Angreifern fortzufahren und dabei darauf zu achten, dass der Feind stets in Schussweite blieb, um ihn niederzumachen, ohne selbst in Gefahr zu geraten. Das war die perfekte Schlacht! Den Gegner ohne eigene Verluste vernichten. Genau so sollte es heute laufen.</p><p>Er stieg auf den Kutschbock seines Schlittens, beschirmte seine Augen mit der Hand gegen die niedrig stehende Sonne und sp�hte wieder zu den Menschenkindern. Hatten sie seinen Schlachtplan durchschaut? Warum brauchten sie so lange?</p><p>Eine Ewigkeit verging, bis sie endlich so etwas wie eine Schlachtreihe geformt hatten und langsam auf die Ebene zogen. Hornbori sah nerv�s zu Brass. Hoffentlich hielt er die Trolle zur�ck, wie er ihm befohlen hatte. Seine Krieger waren begierig darauf, endlich warmes Menschenfleisch zu kosten.</p><p>�Die Augen des Goldenen ruhen auf dir, Brass!�, rief er dem Troll zu und klopfte auf die Stange der Standarte, die in einer Schelle auf der R�ckseite des Kutschbocks steckte. Der m�chtige Seidenschweif hinter dem Drachenkopf wogte in der leichten Morgenbrise. Es war ein sch�nes und vor allem eindrucksvolles Feldzeichen.</p><p>�Die hinken�, bemerkte Rafa pl�tzlich. �Sieh dir das nur an. Die halten sich ja kaum noch auf den Beinen.� Der Kobold lie� seine Armbrust sinken und blickte zu Hornbori hoch. Jetzt drehten sich auch die Zwerge an der Speerschleuder um und sahen ihn fragend an.</p><p>�Das k�nnte ein Trick sein!�, sagte Hornbori entschieden. �Lasst euch von ihnen nicht t�uschen! Die sind nicht wehrlos.� Er legte dem Zwergenkutscher, der neben ihm auf dem Bock sa�, eine Hand auf die Schulter. �W�re sch�n, wenn wir denen entgegenfahren k�nnten, so lahmarschig wie die sind.�</p><p>Der graub�rtige Zwerg kaute auf seiner erloschenen Pfeife und sch�ttelte den Kopf. �R�ckw�rts geht nicht.�</p><p>Hornbori drehte nerv�s eine Str�hne seines Bartes zwischen Daumen und Zeigefinger. Hatte er einen Fehler gemacht? H�tte er mit seinen Schlitten einfach wild schie�end durch diese l�cherliche Schlachtreihe brechen sollen? Jetzt war es zu sp�t, um die Formation zu �ndern.</p><p>�Sie sind in Reichweite�, bemerkte sein Gesch�tzf�hrer.</p><p>�Hier schie�t noch keiner�, befahl Hornbori laut. �Wartet auf meinen Befehl. Unsere erste Salve soll sie in Panik versetzen.� Was f�r abgerissene Gestalten da auf sie zukamen. Die sahen kaum lebendiger aus als all die Toten, die sie auf dem Anmarsch von Norden her entlang des Weges gesehen hatten.</p><p>�Wartet!� Seine Stimme klang nun ruhiger. Es w�rde ein Kinderspiel werden, den zerlumpten Haufen niederzumachen.</p><p>Pl�tzlich teilte sich die Schlachtreihe der Menschenkinder, und ein gro�er, silberner L�we preschte aus ihrer Mitte hervor. Mit weiten S�tzen eilte er den Schlitten entgegen. �Schie�t das Vieh nieder!�, befahl Hornbori und hob die schwere Windenarmbrust auf, die zwischen ihm und dem Kutscher lag.</p><p>Ringsherum ert�nte das scharfe Sirren, mit dem sich die Sehnen der Speerschleudern entspannten. Auch etliche der Kobolde schossen auf den L�wen. Hornbori st�tzte die Armbrust auf der R�ckenlehne des Kutschbocks auf und begann, die Kurbel zu drehen. W�re sch�n, wenn er das Vieh erlegen k�nnte. Nat�rlich war das unwahrscheinlich. Aber allein mit den anderen zu schie�en war auch etwas wert. Seine M�nner sollten sehen, wie er selbst an der Schlacht teilnahm und nicht nur Befehle gab. Hier oben, auf dem mehr als zwei Schritt hohen Kutschbock, konnte ihm ja nichts passieren.</p><p>Ein lautes, metallisches Klirren lie� ihn innehalten. Was war das? Noch ein Klirren und wieder. Der L�we st�rmte ihnen unaufhaltsam entgegen, und alle Geschosse prallten von ihm ab. Sie hatten gepanzerte Kutschen, aber die Menschenkinder hatten einen gepanzerten L�wen! Mit offenem Mund begaffte er die Kreatur, unter deren riesigen Pranken der Schnee aufspritzte. Warum hatte ihn niemand vor diesem L�wen gewarnt? Solaiyn musste doch davon gewusst haben!</p><p>Voller Sorge sah Hornbori zu der Schlachtlinie der Menschenkinder, die, befeuert durch den ungest�men Angriff des L�wen, nun etwas schneller vorr�ckte. Gab es noch mehr von diesen Kreaturen?</p><p>Der Pfeil einer Speerschleuder traf den L�wen mitten in die Stirn. Das Geschoss glitt nach oben weg. Die Bestie wurde nicht langsamer. Im Gegenteil, sie beschleunigte noch einmal und sprang dann mit einem gewaltigen Satz in den Schlitten links neben Hornbori. W�tend k�mpfte sich das Ungeheuer durch die dicht gedr�ngte Besatzung. Ein schwarzb�rtiger Zwerg, der sich mit einem Speer zu wehren versuchte, wurde mit zerfetztem R�cken �ber die Br�stung des Schlittens geschleudert. Hornbori sah, wie Prankenhiebe Koboldk�pfe zerplatzen lie�en. Gellende Schreie hallten �ber das Eis und �bert�nten sogar den Schlachtruf, den die Menschenkinder nun angestimmt hatten.</p><p>Als sich der blutbesudelte L�we mit den Vorderpranken auf der Br�stung aufst�tzte und nach neuen Opfern umsah, lie� der Kutscher neben Hornbori seine Peitsche �ber die R�cken der Rentiere hinweg knallen. Der pl�tzliche Ruck, mit dem ihr Schlitten anfuhr, brachte Hornbori aus dem Gleichgewicht. Mit den Armen rudernd, st�rzte er r�cklings in den Schnee. Seine Armbrust landete unsanft auf seiner Brust.</p><p>Alle Schlitten ringsherum fuhren nun an. Speere und Armbrustbolzen sirrten �ber den Zwerg hinweg und schmetterten gegen die Panzerplatten des Schlittens, den der L�we erobert hatte. Die Bestie senkte ihr Haupt, und Hornbori hatte das Gef�hl, dass sie ihn ansah. Nur ihn! Dann sprang sie vom Schlitten.</p><p>Hornbori war mit einem Satz auf den Beinen und wusste, es w�rde nicht reichen. Er hatte gesehen, wie schnell der L�we war, hatte gesehen, was er den Ungl�cklichen im anderen Schlitten angetan hatte. Der Zwerg schloss die Augen und sah sich im Geiste schon zerfetzt auf dem Eis liegen, als ein dumpfes, metallisches Ger�usch ihn veranlasste, die Augen wieder zu �ffnen.</p><p>Brass, der Mammutw�rger! Der Troll hatte sich dem L�wen in den Weg geworfen und wand sich mit der Bestie im Schnee. Er hielt den Nacken des Ungeheuers fest im Ringergriff und presste es gegen seinen gewaltigen Leib, w�hrend die Sichelklauen der Hinterl�ufe des L�wen seine Oberschenkel und seinen Bauch zerfetzten. Er konnte diesen Kampf nicht gewinnen, doch er hatte Hornbori Zeit erkauft.</p><p>�Auge! Schie�en!�, schrie der Troll und br�llte dann dem L�wen, der keinen einzigen Laut von sich gab, ins Gesicht.</p><p>Hornbori griff nach der Armbrust. In verzweifelter Hast drehte er die Kurbel, mit der die Sehne gespannt wurde. Er legte einen Bolzen auf die F�hrungsschiene und z�gerte. Bisher waren alle Geschosse vom silbernen L�wen abgeprallt. Jetzt, da er der Bestie so nahe stand, sah er, dass sie ganz und gar aus Metall erschaffen war. Die Geschosse hatten nur flache Dellen und Schrammen auf dem Silber hinterlassen. Aber vielleicht waren die kleinen, bernsteinfarbenen Augen ja verletzlich.</p><p>�Schnell!�, st�hnte der Troll. Der Schnee ringsherum war von Blut durchtr�nkt, in dem Streifen seines Fleischs lagen, das ihm die messerscharfen Klauen aus dem Leib rissen.</p><p>Hornbori hob die Waffe und trat n�her. �He, Mistvieh!�</p><p>Der L�we wandte ihm den Kopf zu. Hornbori kr�mmte den Zeigefinger und zog den Abzugsb�gel der Armbrust zur�ck. Die Sehne schnellte vor. Der Bolzen schoss davon.</p><p>Und der L�we�� blinzelte. Mit scharfem, metallischem Kreischen glitt der Armbrustbolzen vom silbernen, mit Goldwimpern versehenen Augenlid ab.</p><p>�Schei�e�� Noch mal�, stie� der Troll abgehackt aus. Immer tiefer gruben sich die L�wenkrallen in seinen Leib. Die m�chtigen Arme, die den Nacken des Ungeheuers umschlossen hielten, zitterten. Und keine hundert Schritt entfernt st�rmten die Menschenkinder heran.</p><p>Hornbori wollte fortlaufen, doch ihm war mit t�dlicher Gewissheit bewusst, dass der L�we ihn einholen und zerfleischen w�rde. Fliehen half nicht, er musste jetzt handeln! Er stie� den Fu� in den B�gelschuh der Armbrust, beugte sich vor, griff mit beiden H�nden nach der Kurbel �ber der F�hrungsschiene der Waffe und begann zu kurbeln. Langsam kr�mmte sich der Bogen aus Silberstahl. Endlich war die Waffe gespannt. Mit zitternden H�nden griff Hornbori nach der Tasche mit den Bolzen.</p><p>�Schnell��� Die Stimme des Trolls hatte alle Kraft verloren. Es blieben nur noch Augenblicke, bis dieser ungleiche Kampf vor�ber w�re. Hornbori entglitt der Bolzen, den er gezogen hatte. Ohne den Blick vom L�wen zu wenden, tastete er �ber den Schnee. Die Krallen des Raubtiers hatten ein gr�ssliches Gemetzel angerichtet. Die strampelnden Hinterl�ufe pressten sich gegen den Leib des Trolls und weideten ihn buchst�blich aus, nachdem sie seine Bauchdecke zerfetzt hatten.</p><p>�Jetzt��� Brass l�ste einen Arm und griff dem L�wen ins Gesicht. Mit dem Daumen dr�ckte er gegen die goldenen Wimpern, sodass der L�we das Augenlid nicht senken konnte.</p><p>Hornbori trat dicht an die Bestie, hob die Waffe und dr�ckte ab. Es gab einen klirrenden Laut. Der Bolzen verschwand im Bernsteinauge. Metall kreischte. Eine schwarze Fl�ssigkeit troff aus dem zerst�rten Auge. Der L�we b�umte sich nach hinten. Dann erstarrte er.</p><p>�Erz�hl K�nig Bromgar�� von Jagd�, stammelte Brass.</p><p>�Das mach ich�, versprach Hornbori und dachte zugleich, dass er niemals zum K�nigshof des Trollherrschers ziehen w�rde. Brass war ein Idiot gewesen, sein Leben wegzuwerfen, aber er hatte sich die L�ge redlich verdient. Ohne den Troll w�re er jetzt tot, dessen war Hornbori sich nur zu bewusst.</p><p>�Bist guter Anf�hrer���, stammelte der Troll. �Sp�re den Blick des Goldenen��� Er stie� einen tiefen Seufzer aus. Dann wurden seine Augen glasig.</p><p>Brass war stolz darauf, auf diese Art verreckt zu sein, dachte Hornbori mit Befremden. Diese Art Tapferkeit war dem Zwerg g�nzlich unbegreiflich. Sie beide waren keine Freunde gewesen, und es hatte dem Troll keinerlei Nutzen gebracht, sich zu opfern. Die einzig plausible Erkl�rung war, dass der H�ne ein Hirn von der Gr��e einer Walnuss hatte.</p><p>Hornbori hob den Blick und sah zu den anmarschierenden Menschen. Der Tod des L�wen hatte ihrem Angriffsmut einen D�mpfer versetzt. Sie marschierten zwar noch voran, waren aber wieder deutlich langsamer geworden.</p><p>Hornbori ging r�ckw�rts den Schlitten entgegen, ohne das kleine Heer aus den Augen zu lassen. Neben den Menschen fielen ihm nun noch andere seltsame Kreaturen auf. Gesch�pfe, die wie lebendig gewordene Schatten aussahen und vor der Schlachtlinie hin und her huschten.</p><p>Der Zwerg winkte den fl�chtenden Schlitten zu. �Ich hab den L�wen get�tet�, rief er aus Leibeskr�ften. �Kommt zur�ck! Wir werden siegen.�</p><p>Im R�ckw�rtsgehen spannte er die Armbrust erneut. Als er zu den Bolzen griff, zitterten seine H�nde nicht mehr. Er kniete sich nieder, zielte in aller Ruhe und schoss. Zufrieden sah er, wie der Kerl, den er anvisiert hatte, nach hinten gerissen wurde und nicht mehr aufstand. So hatte er sich diese Schlacht vorgestellt. Maximaler Schaden beim Feind, kein eigenes Risiko.</p><p>In Gedanken entwarf er schon die Rede �ber seinen Sieg, die er in den Ehernen Hallen halten w�rde. Eikin, der Alte aus der Tiefe, war ihn nicht losgeworden. Hornbori l�chelte grimmig. Im Gegenteil, wenn er als Held in die Zwergenstadt zur�ckkehrte, w�re er m�chtiger als je zuvor. Und sicher w�rde sich ihm Amalaswintha in die Arme werfen. Kriegshelden kamen bei Frauen immer gut an.</p><p>Pfeile und Speere huschten �ber Hornbori hinweg. Die Schlitten hatten gewendet. Peitschen knallten, und die Zwerge auf den Kutschb�cken trieben die Rentiere an, sich mit aller Kraft ins Geschirr zu werfen.</p><p>Allen voran kam sein Schlitten mit der pr�chtigen Drachenstandarte. Rafa lie� den Kutscher dicht bei Hornbori halten und streckte dem Zwerg die Hand entgegen. �Bei den Alben, du hast den L�wen erschossen�, rief der Kobold begeistert.</p><p>Hornbori setzte eine zerknirschte Miene auf. �Leider konnte ich Brass nicht mehr retten. Die Bestie hat ihn angefallen, als er sich gerade zur Flucht wenden wollte. Ich hatte ihm noch zugerufen, er solle hinter mir Deckung suchen, w�hrend ich nachlade, aber dieses Ungeheuer hat ihm einfach Angst gemacht. Du wei�t ja, die Trolle haben es nicht so sehr mit Metall. Es verbrennt ihnen die Haut. Dieser L�we muss ein lebendig gewordener Albtraum f�r ihn gewesen sein.�</p><p>Rafa betrachtete den Troll nachdenklich. Er wirkte pl�tzlich traurig. Erstaunlich, waren doch Trolle und Kobolde nicht gerade Freunde.</p><p>�Zuletzt hat Brass wieder zu seinem Mut zur�ckgefunden und den L�wen in den Schwitzkasten genommen. So konnte ich einen sicheren Schuss ins Auge setzen�, setzte Hornbori nach und erklomm den Kutschbock.</p><p>Die �brigen Schlitten hatten ebenfalls angehalten und erneut eine Reihe gebildet. Alle schossen, was das Zeug hielt, und schnell verlie� die Menschenkinder aller Mut. Obwohl einzelne Krieger vor ihrer Schlachtreihe auf und ab liefen und Befehle br�llten, zogen sich immer mehr M�nner zur�ck.</p><p>�Vorw�rts�, rief Hornbori begeistert. �Vorw�rts, wir zermalmen sie!�</p><p>Die Schattengestalten, die ihm eben schon aufgefallen waren, waren die Einzigen, die noch den Schlitten entgegenliefen.</p><p>Hornbori lud seine Armbrust nach, als eine jener Kreaturen auf die Rentiere sprang, die vor seinen Schlitten geschirrt waren. Nie zuvor hatte er ein solches Gesch�pf gesehen�� halb Menschenkind, halb Katze, bewegte es sich mit flie�ender Eleganz und rammte dem vordersten Rentier eine Krallenhand in den Nacken.</p><p>Rafa schrie den Kobolden einen Befehl zu. Ein halbes Dutzend Armbr�ste sirrten wie w�tende Bienen, doch der Katzenmann lie� sich seitlich am Rentier hinabgleiten, wobei seine Krallen tiefe, rote Schnitte im R�cken des Tieres hinterlie�en.</p><p>Hornbori blickte nach rechts und links zu den anderen Schlitten. Es war �berall dasselbe Bild. Die Katzenm�nner griffen die Leittiere in den Gespannen an. Schon st�rzten die ersten Rentiere. Die Menschenkinder, die sie fast zur�ckgeschlagen hatten, rotteten sich zu kleinen Gruppen zusammen und gingen wieder vor.</p><p>Hornbori fluchte und lud seine Armbrust. Es w�rde doch etwas h�rter werden, als er erwartet hatte. Aber mithilfe der Trolle w�rden sie die Attacke schon zur�ckschlagen.</p><p>Pl�tzlich wuchs hinter den Feinden ein glei�endes Licht aus dem Schnee. Ein Albenstern �ffnete sich. Das war die Rettung. Sie bekamen Verst�rkung!</p></section><section><title><p>Der gestohlene Leib</p></title><p>Der Goldene mochte einfach nicht glauben, was er sah. Hielten die Menschenkinder seinen Heerf�hrer tats�chlich f�r so dumm? Es war eine Beleidigung, diese seltsamen Adlerm�nner auf dem Berghang tief unter sich zu sehen.</p><p>Der Drache sah durch die Augen Solaiyns. Wieder einmal hatte er sich im Geist des Heerf�hrers eingenistet, um durch ihn zu erleben, was auf Nangog geschah. Mit jedem Mal, dass er sich des Elfen bem�chtigte, wurden seine Sinne sch�rfer und die Beherrschung von Solaiyns K�rper umfassender. Es war absolut erstaunlich, dass der F�rst nicht wie all die anderen vor ihm Gehirnblutungen bekam. Er schien in ihm das vollkommene Werkzeug gefunden zu haben. Gegen Solaiyns Willen hatte er den F�rsten gezwungen, auf den R�cken eines der gro�en Adler zu steigen. Der Elf war ihm machtlos ausgeliefert, und der Goldene wollte sehen, wie es mit dem Heer der Menschenkinder zu Ende ging.</p><p>All seine Br�der�� au�er dem Dunklen�� lagen in einem verborgenen Tal hoch im Norden Albenmarks und lauschten den Worten, die er wie im Schlafe sprach, w�hrend er sich des K�rpers des F�rsten bem�chtigt hatte.</p><p>Seine Nestbr�der waren genauso erz�rnt �ber die plumpe Falle der Menschenkinder.</p><p>�Vertreiben wir sie vom Pass!�, schrie der Goldene �ber den Wind hinweg Nodon zu, der an seiner Seite flog, und lenkte dann seinen Adler in die Tiefe. Es war ein wundersames Gef�hl, auf fremden Fl�geln zu fliegen.</p><p>Elf andere Adler folgten ihnen. Die dummen Menschenkinder! Sie beobachteten angespannt die Passwege, dabei hatte nicht ein einziger Krieger des Elfenf�rsten den leichenges�umten Pfad �ber die Berge betreten. War ihnen immer noch nicht klar, dass ihre Falle allein ihnen zum Verh�ngnis werden sollte!</p><p>Erst im allerletzten Augenblick sah einer der Adlerm�nner zum Himmel auf und sah das Verh�ngnis, das ihnen mit vorgereckten F�ngen entgegenst�rzte. Adlerkrallen bohrten sich tief in die Brust des Menschensohns, noch bevor er fl�chten konnte. Einige seiner Gef�hrten st�rzten sich in die Tiefe und glitten zur �berraschung des Goldenen dicht �ber dem Hang hinab zur Ebene, gefolgt von wirklichen Adlern, die sie erbarmungslos jagten. Die meisten der Adlerm�nner ereilte jedoch auf dem Felskamm �ber der Passh�he ihr Schicksal.</p><p>Der Goldene hie� seinen Raubvogel landen. Zufrieden schwang er sich vom R�cken des Adlers und stieg �ber einen der Toten. Was ging in den K�pfen dieser Menschenkinder vor sich, sich wie V�gel zu verkleiden?</p><p>Interessiert beobachtete der Goldene die Jagd am Hang. Zwei der Menschenadler schafften es tats�chlich zu entkommen. In die Nachz�gler, die ersch�pft auf der s�dlichen Bergflanke gekauert hatten, um die Schlacht in der Ebene zu beobachten, kam ebenfalls Bewegung. Ahnten sie, was es bedeutete, die H�he verloren zu haben, oder waren es allein die gro�en Adler, die ihnen Furcht einfl��ten? Es w�rde keinen Kampf um den Pass geben. Sie hatten im Handstreich alle Verteidiger vertrieben. Die Nachz�gler waren ihnen wehrlos ausgeliefert. Genussvoll verfolgte er, wie M�nner ihre Kameraden, die nicht mehr aus eigener Kraft gehen konnten, im Stich lie�en. Ja, manche nutzten die vermeintliche Gunst des Augenblicks noch zu einer letzten Schandtat. Dicht unter der Bergkuppe wurde ein langhaariger Krieger niedergekn�ppelt und seines Pelzmantels beraubt. Andere Pl�nderer entrissen gestrauchelten Gef�hrten ihre letzten Vorr�te. Sie waren so wunderbar skrupellos, diese Menschenkinder.</p><p>Schlie�lich wandte sich der Goldene den Felsbrocken zu, die vorbereitet worden waren, um in den n�rdlichen Passweg gest�rzt zu werden und eine Lawine zu entfesseln. St�mperhaft! Die Anf�hrer der Menschenkinder mussten doch um die Adler Albenmarks gewusst haben. Immer wieder hatten die gro�en Greifv�gel in die K�mpfe eingegriffen. Wie hatten sie glauben k�nnen, dass einem Feind, der den Himmel beherrschte, diese Falle entgehen w�rde?</p><p>Er b�ckte sich nach einem knotigen Wanderstab, der zwischen den toten Adlerkriegern am Boden lag. Er war sich bewusst, dass Nodon ihn misstrauisch beobachtete. Dem Drachenelfen aus dem Gefolge des Erstgeschl�pften war nicht entgangen, wie sehr sich sein Heerf�hrer an diesem Morgen wieder einmal ver�ndert hatte.</p><p>Der Drache wog den knotigen Holzstab in der Hand, dann fl�sterte er ein Wort der Macht, so alt und dunkel, dass es Nodon respektvoll Abstand nehmen lie�.</p><p>Entschlossen rammte der Goldene den Holzstab auf den eisverkrusteten Felsboden zu seinen F��en. Es war, als h�tte er auf die Mitte eines straff gespannten Trommelfells geschlagen. Er sp�rte, wie der Boden unter seinen F��en vibrierte und sich dieses Vibrieren durch den Fels fortsetzte. Weit �ber den Bergkamm und auch �ber die H�nge hinab. Felsen gerieten ins Rutschen, Schneeb�nke l�sten sich von den H�ngen.</p><p>Auf beiden Seiten des Passes versank die Welt in wei�es Chaos. Lawinen donnerten den engen Passweg hinab und fr�sten sich �ber die felsigen H�nge. Der L�rm, der sich erhob, l�schte jedes andere Ger�usch aus. Das machtvolle Donnern der st�rzenden Schnee- und Felsmassen verschlang die Schreie der Sterbenden. Schnee stob in dichten Wolken auf und nahm die Sicht auf das Schlachtfeld auf der Ebene.</p><p>Die Adler ringsherum flogen erschrocken auf. Auch das Tier, auf dem der Goldene geritten war. So sa� er auf dem Bergkamm �ber dem Passweg fest, als der letzte Akt des Dramas begann, das er so minuti�s geplant hatte. Der alte Drache sp�rte, wie sich der Albenstern in der Ebene �ffnete, doch konnte er nicht mehr sehen, wer �ber die Goldenen Pfade trat.</p></section><section><title><p>Letzter Widerstand</p></title><p>Als Aaron den silbernen L�wen fallen sah, zerbrachen all seine Hoffnungen. Es war der letzte L�we gewesen, der ihr geschlagenes Heer begleitet hatte. Der L�we, der das Weltentor h�tte �ffnen sollen! Nun gab es kein Entkommen mehr aus der Eisw�ste. Allein die silbernen L�wen und die Devanthar vermochten die Tore zu den Goldenen Pfaden zu �ffnen. Der Angriff, der ihren R�ckzugsweg hatte sichern sollen, hatte alle Hoffnungen zunichtegemacht.</p><p>�Was tun wir jetzt?�, fragte Ormu, der an seiner Seite gegangen war und ihn mit einem Schild gegen den Beschuss mit den schweren, kurzen Pfeilen, die ihre Feinde verwendeten, beschirmt hatte. Es war einer der letzten Schilde in der ganzen Armee. Die gro�en, unhandlichen Schilde hatten zu den ersten Ausr�stungsgegenst�nden geh�rt, die ihre Truppen auf dem m�hseligen R�ckzug fortgeworfen hatten.</p><p>�Wir r�cken weiter vor!�, entschied Aaron. �Sollen sie sehen, dass wir keine Feiglinge sind.� Er hob sein Schwert und deutete auf die schweren Schlitten, die ihnen nun entgegenfuhren. �Vorw�rts, M�nner! St�rmt die Wagen und lasst die verfluchten Daimonen euren Stahl schmecken!�</p><p>Die lockere Schlachtlinie setzte sich wieder in Bewegung. Langsamer jetzt. Der Tod des L�wen hatte ihnen allen Mut genommen. Jeder einzelne Krieger wusste, dass es nun keinen Weg zur�ck mehr gab.</p><p>�Schnappen wir uns die Wagen und machen wir ein h�bsches Feuerchen daraus!�, rief Aaron einer pl�tzlichen Eingebung folgend. Und tats�chlich, es wirkte. Die Krieger schritten ein wenig entschlossener voran. Seit fast zwei Wochen hatte es keine Feuer mehr gegeben. Ihnen allen war die K�lte tief in die Knochen gezogen. F�r die Aussicht, sich allein die H�nde w�rmen zu k�nnen, w�rden die meisten der M�nner alles tun.</p><p>Die Schlitten mit den seltsamen geh�rnten Zugtieren hatten sich zu einer Linie formiert, die sich langsam auf sie zubewegte. Als ihnen erste Pfeile entgegenzischten, l�sten sich die Jaguarm�nner ohne Befehl aus der l�chrigen Schlachtreihe. Todesmutig st�rmten sie den Wagen entgegen und schlugen dabei Haken wie Hasen auf der Flucht.</p><p>Ein Sturm von Pfeilen schlug ihnen entgegen, doch kein einziger von ihnen st�rzte. Aaron erinnerte sich, wie die Jaguarm�nner auf der Hochebene von Kush ganz alleine die Streitwagen Muwattas aufgehalten und das Heer Arams vor der sicheren Vernichtung bewahrt hatten. Sie waren wahrlich schreckliche Gegner! Und nun brachten sie den Daimonen das F�rchten bei. Sie griffen nicht die Wagen, sondern die Zugtiere an.</p><p>Ein verirrter Speer durchbohrte einen Kushiten, keine zwei Schritt von Aaron entfernt. Das Geschoss schlug durch den K�rper des Leibw�chters, der auf der Stelle tot zu Boden sank.</p><p>�Ich glaube, wir k�nnen den Schild zur�cklassen, gegen diese Pfeile vermag er uns nicht zu sch�tzen�, bemerkte der Unsterbliche trocken, bem�ht, sich seine Frustration �ber dieses letzte Gefecht nicht anmerken zu lassen. Seine M�nner hatten so vieles durchgemacht. Keiner von ihnen sollte mehr k�mpfen und sterben.</p><p>�Ich bleibe mit Schild an deiner Seite, mein Herrscher!�, erwiderte Ormu entschieden. �Er sch�tzt zumindest vor den kleineren Geschossen.�</p><p>Aaron wollte etwas entgegnen, als die M�nner hinter ihm pl�tzlich aufschrien. Erschrocken fuhr er herum. Waren noch mehr Feinde aufgetaucht?</p><p>Keine hundert Schritt entfernt hoben sich zwei Schlangen aus Licht aus dem Eis, neigten sich einander zu, sodass ein Torbogen entstand. Das Weltentor! Es �ffnete sich von alleine. Hatten die G�tter sie doch nicht im Stich gelassen?</p><p>Ein Reiter auf einem Schimmel, mit weitem, purpurnem Umhang um die Schultern, preschte auf die Eisebene. Der Unsterbliche Ansur, Herrscher von Valesia! Sein Maskenhelm strahlte im Sonnenlicht. Er hob seinen Speer und deutete auf die Wagen, die inzwischen zum Stillstand gekommen waren. Dann preschte er los. Hinter ihm brach eine ganze Reiterschar aus dem Weltentor hervor. Mindestens hundert pr�chtig gewandete Krieger, alle bewaffnet mit langen Lanzen. Aaron traten Tr�nen in die Augen. Sie waren gerettet��</p><p>Der Boden vibrierte unter seinen F��en. Erst dachte er, es w�re der Hufschlag der Pferde, als er aus den Augenwinkeln sah, wie von den H�ngen des Passes wei�e Wolken aufstiegen. Der ganze Berg schien in Bewegung geraten zu sein. Dutzende Lawinen gingen zur selben Zeit nieder. Was hatte Acoatl getan! Die Schnee- und Felsmassen st�rzten auch den falschen, den s�dlichen Hang hinab. Dort, wo ihrem Heer Hunderte von Nachz�glern gefolgt waren.</p></section><section><title><p>Attacke!</p></title><p>Einen Moment lang war Ansur �berrascht, als er die Krieger vor sich auf der Eisebene sah. Er hatte nicht damit gerechnet, dass das geschlagene Heer es �ber den Passweg schaffen w�rde. Eigentlich hatte er als Held jenseits der Berge die �berlebenden einsammeln wollen. Aber nun war alles anders. Gut, dass er eine Vorhut von Reitern mitgebracht hatte. Er sah die Wagen weiter voraus auf der Ebene. Sie waren offensichtlich das Angriffsziel der letzten Eiskrieger. Dann w�rde er eben dort seinen Ruhm ernten!</p><p>Er hob seinen Speer und deutete auf die Daimonen. �Vorw�rts, M�nner! Reiten wir sie nieder!�</p><p>Er stie� seinem zitternden Hengst die Fersen in die Flanken und zwang ihn zur Attacke. Das Tier war verst�rt. Eben noch hatte es vor dem Weltentor der Goldenen Stadt gestanden, wo es ein warmer, regnerischer Tag gewesen war, und nun, nach wenigen Schritten �ber den Pfad durch das Nichts, fand es sich der schneidenden K�lte des ewigen Eises ausgesetzt.</p><p>Unruhig schnaubend und mit angstweiten Augen preschte der Hengst voran, als ein gewaltiges Get�se losbrach. Der Berg, �ber den der Passweg f�hrte, h�llte sich in Wolken aus aufgewirbeltem Schnee. Dutzende Lawinen gingen zur gleichen Zeit seine H�nge hinab. Hoffentlich waren dort nicht zu viele Nachz�gler zur�ckgeblieben, dachte Ansur. Er wollte der Retter des Heeres sein und die �berlebenden im Triumph in die Goldene Stadt f�hren. Daf�r musste er mehr als eine Handvoll abgerissene Gestalten zur�ckbringen.</p><p>Der Herrscher wandte den Blick von den Bergen und sah wieder zu den seltsamen Wagen, deren Au�enw�nde ganz mit silbern gl�nzendem Metall verkleidet waren und denen er sich rasch n�herte. Auch sie w�ren eine passable Beute.</p><p>Einzelne Jaguarm�nner waren dabei, auf die Wagen zu steigen und die Besatzungen niederzumetzeln. Er sollte sich beeilen, sonst ernteten Acoatls Krieger allen Ruhm allein.</p><p>Ansur sah eine riesige, graue Gestalt hinter einem der Gef�hrte hervorkommen. Der H�ne packte einen Zapote, der sich unter der gro�en Hand nicht mehr wegducken konnte, und schmetterte ihn gegen die Seitenwand eines Wagens, wo auf dem Metall ein gro�er Blutfleck zur�ckblieb.</p><p>So einen Riesen zu t�ten w�re eine gute Sache, dachte Ansur und lenkte sein Pferd zwischen den zu einer offenen Schlachtreihe formierten Kriegern hindurch. Fl�chtig sah er Aaron zu seiner Linken. Der Herrscher Arams sah entsetzlich heruntergekommen aus. Mit struppigem Bart und eingefallenen Wangen unterschied er sich kaum von den �brigen Jammergestalten.</p><p>�Stell dich zum Kampf, Katzenm�rder!�, rief Ansur aus voller Kehle und hoffte, der Riese w�rde ihn h�ren. Dieses Ungeheuer im Angesicht aller Truppen zu besiegen w�rde endlich auch ihm seinen Anteil am Ruhm einbringen. Ihm war wohl bewusst, dass viele ihn f�r einen Feigling hielten. Seine Entscheidung, mit den st�rksten seiner M�nner und seinem silbernen L�wen zum Weltentor vorauszueilen, hatte dieses Bild von ihm gewiss noch weiter verfestigt. Es war h�chste Zeit, dass die letzten Eiskrieger Ansur als Helden sehen konnten.</p><p>Der graue Riese reagierte auf den Ruf. Er sah zu ihm her�ber, hob drohend eine Faust und lief dann los, ihm entgegen, um sich zum Kampf zu stellen. Ansur blickte kurz �ber die Schulter. Die meisten seiner Reiter waren ein St�ck zur�ckgefallen. Der Schnee verlangsamte die Pferde. Er war seiner Leibwache um mindestens acht Rossl�ngen voraus. Aber er w�rde sie auch nicht brauchen! Mit kaltem Blut hob er seine Lanze, sodass deren Spitze auf die linke Brusth�lfte des H�nen zeigte. Selbst solche Schreckenskreaturen besa�en doch gewiss ein Herz, und wenn es durchbohrt war, dann war es mit ihnen vor�ber.</p><p>Der Riese war erstaunlich schnell. Ihn schien der Schnee nicht zu behindern. Zum Gl�ck hatte er nur seine F�uste als Waffen. Sie jagten einander entgegen. Noch f�nfzehn Schritt trennten ihn vom Ruhm. Noch zehn Schritt��</p><p>Pl�tzlich brach der Riese zur Seite aus. Ansur fluchte und versuchte, die Lanze �ber den Kopf seines Hengstes zu heben, der nun im Weg war. Fast waren sie auf gleicher H�he. Das Ungeheuer hob die Faust und schmetterte sie wie einen Hammer seitlich gegen die N�stern des Schlachtrosses. W�re sein Hengst im vollen Galopp gegen einen Fels gest�rmt, es h�tte nicht drastischer enden k�nnen. Das Tier ging zu Boden. Ansur wurde �ber den schlanken Hals hinweg in den Schnee geschleudert. Er lie� die Lanze fahren und versuchte sich abzurollen.</p><p>Zum Gl�ck waren seine Leibw�chter heran. Einer der M�nner streifte den Oberarm des grauen H�nen mit einem Lanzensto�, worauf das Ungeheuer die Waffe an sich riss und sie wild br�llend �ber seinem Kopf kreisen lie�. Drei M�nner holte der H�ne so aus dem Sattel. Ein weiteres Pferd st�rzte, und der Riese trat ihm gegen den Kiefer, sodass dessen Kopf mit einem unnat�rlichen Ruck nach hinten gerissen wurde und dem Schlachtross das Genick brach.</p><p>Ansur rappelte sich auf. Kaum auf den Beinen, zog er sein Schwert, das ihm als Waffe gegen den Riesen l�cherlich klein vorkam. Der Kerl ignorierte ihn. Er hatte nur Augen f�r die, die noch immer anst�rmten, um ihn, Ansur, zu retten.</p><p>Ein weiterer Fausthieb des Grauen brachte ein Pferd zu Boden. Erste Reiter zogen ihre R�sser um den Z�gel und wichen zur�ck, als Pfeile in ihre Reihen schlugen. Die verfluchten Wagen leisteten immer noch Widerstand. So viele st�rzten ringsherum in den Schnee.</p><p>�Zur�ck!�, rief Ansur. �Zur�ck, M�nner! Das ist mein Kampf.�</p><p>Jetzt sah der H�ne zu ihm herab. Er nickte. Hatte das Ungeheuer verstanden? V�llig �berraschend kniete er nun nieder. Seine gro�en, ungeschlachten H�nde strichen durch die wei�e M�hne des Hengstes, auf dem Ansur eben noch geritten war.</p><p>�K�mpf!�, schrie der Unsterbliche das Ungeheuer an.</p><p>Der H�ne legte den Kopf schief und sah ihn unverwandt an. Seine H�nde verkrampften sich in der M�hne des toten Pferdes. Pl�tzlich stemmte er das Pferd hoch und warf es nach Ansur.</p><p>Der Unsterbliche wich zur�ck. Fast schnell genug. Er wurde zu Boden gerissen. Das Gewicht des toten Tiers lastete schwer auf seinen Beinen. Ein dumpfer Schmerz klopfte im linken Bein. Ansur versuchte sich aufzustemmen, versuchte fortzukommen, doch der Hengst war viel zu schwer.</p><p>Ohne Eile kam der H�ne auf ihn zu. Wieder sah er absch�tzend auf ihn herab. Dann hob er den rechten Fu� und stellte ihn auf die Brust des Unsterblichen. Ansur h�rte seine Rippen knacken. Er schnappte verzweifelt nach Luft. Kurz bevor ihm schwarz vor Augen wurde, spritzte ihm etwas Warmes ins Gesicht. Der Druck lie� nach, und er konnte wieder atmen! Er blinzelte. Sah, dass der graue H�ne ein St�ck zur�ckgewichen war und ihm ein Schwert aus dem Bauch ragte. Ein seltsames Licht spielte um die Waffe.</p><p>Verwirrt glaubte er zu sehen, wie das Schwert Licht aus dem H�nen herauszog, so wie es die Gr�nen Geister bei den Sterbenden taten.</p><p>Ansur wandte den Kopf. Neben ihm stand K�nig Geisterschwert, Aaron von Aram. Ihn schauderte. Er dachte an all die Geschichten, die man sich �ber diesen Unsterblichen erz�hlte, den einzigen, den die Devanthar je in den Gelben Turm eingeladen hatten.</p><p>Aaron winkte einem rotb�rtigen Krieger und einigen anderen. �Los, befreit den Unsterblichen Ansur!�</p><p>Der tote Hengst wurde zur Seite gezogen. Aaron reichte ihm die Hand und half ihm auf die Beine. Genau so hatte es nicht kommen sollen, dachte Ansur besch�mt. Er hatte der Held in einem gl�nzenden Angriff sein wollen. Er sah um sich. Ein Teil seiner Reiter umkreiste die Wagen. Sie hatten es schwer. Sie kamen vom Sattel nicht auf die Pritschen, wurden mit Speeren und �xten abgewehrt oder auf k�rzeste Distanz von den seltsamen Kreuzb�gen der Daimonen niedergeschossen. Diese Attacke war der falsche Weg. Er hatte es eigentlich von Anfang an geahnt.</p><p>Ansur legte beide H�nde an den Mund und rief aus Leibeskr�ften: �R�ckzug!�</p><p>Aaron gab einem nahe stehenden Hornbl�ser ein Zeichen, und dieser gab das kurze, abgehackte Signal, das die M�nner zur�ckbefahl.</p><p>�Wir werden sie unter Pfeilen begraben!�, sagte Ansur entschieden. �Ich habe viele Bogensch�tzen mitgebracht. Sehr viele!�</p><p>Aaron l�chelte ihm grimmig zu. �Das ist ein guter Plan. Unsere M�nner haben genug geblutet. Bringen wir keinen mehr vor die Schwerter der Feinde.�</p></section><section><title><p>Ein grosser Sieg</p></title><p>�Ja!� Hornbori stie� triumphierend die Faust gen Himmel. �Sie hauen ab. Wir haben es ihnen gegeben. Verfluchte Menschenkinder! Schaut nur, wie sie rennen k�nnen!�</p><p>Der Zwerg f�hrte einen kleinen Freudentanz auf der Pritsche seines Schlittens auf, klatschte bei Rafa ab, was den Kobold fast von den Beinen riss. Ihre Rentiere waren alle tot. Diese verdammten Katzenkerle hatten zudem zwei Kutschen angegriffen und die kompletten Besatzungen niedergemetzelt, und dann waren auch noch die Reiter �ber sie hergefallen. Hornbori hatte sich im Geiste schon verrecken sehen. Aber sie hatten es ihnen gegeben! Sogar die letzten lebenden Katzenm�nner huschten eilends davon.</p><p>�Wir kommen hier nicht mehr weg�, sagte Rafa dumpf.</p><p>Warum musste man in jeder Truppe mindestens einen Griesgram haben, der die Moral untergrub, dachte Hornbori �rgerlich. �Wir m�ssen hier nicht fort. Jeder unserer Schlitten ist eine Festung f�r sich. Und sogar die Menschen haben begriffen, dass sie sie nicht einfach st�rmen k�nnen. Die hauen ab. Die werden durch den Albenstern fl�chten, und wir k�nnen von hier aus in aller Ruhe zusehen, wie sie sich d�nnemachen. Wir haben einen gro�en Sieg f�r Albenmark errungen!�</p><p>�Einen gro�en Sieg?� Der Kobold sah zu ihm auf. �Ich w�rde sagen, wir haben Schwein gehabt, dass sie abgehauen sind.�</p><p>Verdammter Miesmacher! �Im Krieg gibt es eine ganz einfache Regel. Der Sieger ist immer der, der noch auf dem Schlachtfeld steht, wenn das K�mpfen vor�ber ist. Und das sind ja wohl wir!�</p><p>�Und die da hinten?� Rafa musste sich auf die Zehenspitzen stellen, um gerade eben �ber die Br�stung des Schlittens sehen zu k�nnen. Er fuchtelte mit den Armen, deutete aber eher in den Himmel als auf die Ebene.</p><p>Hornbori, der Rafa um mehr als einen Kopf �berragte, sah besser, was da vor sich ging. Der verdammte Kobold hatte recht. Die Menschenkinder fl�chteten nicht durch den Albenstern. Stattdessen marschierten dort immer noch Krieger heraus. Sie bildeten zwei lange Kolonnen, die �ber die Ebene hinweg in Richtung der Schlitten marschierten.</p><p>Hornbori beobachtete sie mit wachsender Beunruhigung. Die Menschenkinder hatten keine Eile. Sie wussten, dass die Schlitten ihnen nicht mehr entkommen konnten. Gut geordnet, wie auf einem Exerzierplatz, zogen die Kolonnen in einem Abstand von etwa achtzig Schritt rechts und links an den Schlitten vorbei. Dann bogen die Spitzen der Marschkolonnen aufeinander ein.</p><p>�Sieger ist, wer das Schlachtfeld behauptet�, redete Hornbori gegen das mulmige Gef�hl an, das ihn �berkam. �Das da hinten z�hlt nicht. Gek�mpft wurde hier bei den Schlitten. <emphasis>Das</emphasis> ist unser Schlachtfeld.�</p><p>�Sie sind in Reichweite der Koboldarmbr�ste�, sagte der Gesch�tzmeister des Schlittens. �Sollen wir sie nicht ein wenig beim Marschieren st�ren?�</p><p>�Die haben genug abbekommen�, entgegnete Hornbori entschieden. �Ihr seht doch, dass sie uns in weitem Bogen ausweichen, statt uns noch einmal anzugreifen. Ladet alle Waffen nach und damit lasst es gut sein.� Wie bescheuert musste man sein, einen weit �berlegenen Feind, der sich gerade friedlich verhielt, durch Beschuss zu reizen!</p><p>�Die kreisen uns ein�, murmelte Rafa leise und spannte gewissenhaft seine Armbrust. �Gleich greifen die uns von allen Seiten an, und dann sind wir tot.�</p><p>Hornbori wollte ihn schon abkanzeln, musste sich aber eingestehen, dass nicht einmal er sch�nreden k�nnte, was gerade geschah. Die Marschkolonnen trafen sich, und auf ein Hornsignal vollf�hrten alle Krieger eine Vierteldrehung. Erstaunlich diszipliniert, dachte Hornbori. Jetzt blickten sie alle zu den Schlitten. Es mussten mehr als dreitausend Menschenkinder sein, die sie da eingekreist hatten. Und alle hatten sie B�gen dabei. Intuitiv zog er den Kopf zwischen die Schultern. Das w�rde kein gutes Ende nehmen.</p><p>�Erschie�t ihre Anf�hrer!�, rief Hornbori. Ihnen einfach beim Aufmarsch zuzusehen war ein Fehler gewesen.</p><p>�Woran erkenne ich die Anf�hrer?�, fragte der Gesch�tzmeister mit einem Anflug von Panik in der Stimme.</p><p>�Federb�sche auf den Helmen, pr�chtige R�stungen��� Hornbori war sich bewusst, dass das keine Hilfe war. Die H�lfte der Menschenkinder hatte sich Federn auf die Helme gesteckt. Jetzt hoben sie alle zugleich die B�gen, und im n�chsten Augenblick erf�llte ein Sirren die Luft, als k�me ein riesiger Heuschreckenschwarm auf sie zugeflogen.</p><p>Hornbori duckte sich hinter die Br�stung des Schlittens, griff nach seiner Armbrust und begann mit verzweifelter Wut die Kurbel zu drehen, mit der die Sehne gespannt wurde.</p><p>Mit einem Ger�usch, als w�rde dichter Hagelschlag auf einen Bronzeschild h�mmern, prasselten die ersten Pfeile gegen die Schutzw�nde und auf das Eis. Einige seiner M�nner schrien auf, aber soweit er das sah, schienen sie noch ganz glimpflich davongekommen zu sein. Die erste Salve hatte sie keinen Toten und kaum Verwundete gekostet.</p><p>Hornbori legte einen Bolzen auf die Armbrust und erhob sich. Er nahm sich nicht die Zeit, irgendeinen bestimmten Menschensohn anzuvisieren, denn die Bogensch�tzen hoben bereits erneut die Waffen. �Los, schie�t! Heizt ihnen ein!� Er zielte einfach auf den Wall aus Menschenleibern und zog den Abschusshebel durch. Dann duckte er sich rasch wieder hinter die Br�stung des Schlittens. Kaum einen Herzschlag sp�ter prasselten erneut Hunderte Pfeile auf sie nieder.</p><p>Hornbori h�rte, wie aufseiten der Menschenkinder irgendwelche Befehle gerufen wurden, w�hrend er erneut seine Armbrust spannte. Er wusste, dass er und seine M�nner nicht auf Verst�rkungen hoffen durften. Die Lawine hatte den Pass blockiert, und der Weg, auf dem sie hierhergekommen waren, war viele Meilen lang. Es war um sie geschehen. Allenfalls die gro�en Adler k�nnten ihnen noch helfen.</p><p>In einem Anflug irrationaler Hoffnung blickte er zum Himmel auf und sah etwas auf sich zufliegen�� ein Pfeil, der fast senkrecht aus dem weiten Blau auf ihn hinabst�rzte! Im Reflex riss er seine unverwundbare Hand hoch, doch das Geschoss dr�ngte sich zwischen kleinem Finger und Ringfinger hindurch und traf den Spalt zwischen der Wangenklappe seines Helms und seiner Schl�fe.</p><p>Hornbori taumelte nach hinten, strauchelte �ber etwas, das am Boden des Schlittens lag, und schlug der L�nge nach hin.</p><p>�Der Hauptmann!�, schrie Rafa auf. �Der Hauptmann, wir m�ssen ihm helfen.�</p><p>Hornbori f�hlte sich leicht benommen, aber er schien nicht ernsthaft verwundet zu sein. Der Pfeil hatte nur leicht seine Haut geritzt. Immer noch hielt er die Hand vor das Gesicht.</p><p>�Siehst du nicht, dass sie dem durch den Kopf geschossen haben, du Wicht?�, rief der Gesch�tzmeister. �Lad deine Armbrust nach und vergiss den Hauptmann. Der ist hin!�</p><p>Hornbori wollte sich aufsetzen und widersprechen, doch dann besann er sich eines Besseren. Dieser Pfeil war ein Geschenk der Alben! Er brauchte jetzt nichts weiter zu tun, als still liegen zu bleiben und abzuwarten, bis alles vor�ber war. Es dauerte h�chstens noch zwei Stunden bis zum Einbruch der Nacht. Dann k�nnte er sich in aller Ruhe davonstehlen.</p><p>Die Menschenkinder schienen ihre Strategie ge�ndert zu haben. Statt die Schlitten direkt unter Beschuss zu nehmen, zielten sie mit den B�gen nun steil in den Himmel hinauf, sodass die Pfeile in spitzem Winkel aus dem Himmel st�rzten. So verloren die Geschosse zwar einiges von ihrer Durchschlagskraft, auf der anderen Seite sch�tzte nun aber die Br�stung des Wagens nicht mehr vor ihnen. Auch schossen jetzt nicht mehr alle Bogensch�tzen zugleich. Hatte es eben noch Salven mit kurzen Pausen gegeben, so prasselte nun ein ununterbrochener Geschosshagel auf sie nieder.</p><p>Hornbori machte sich Sorgen um seine Beine. Sein Oberk�rper war durch ein erstklassiges Kettenhemd aus Silberstahl, das sogar bis zu den Oberschenkeln herabreichte, gesch�tzt. Auf seinem Kopf sa� ein guter Helm, und vor sein Gesicht hielt er seine unverwundbare Hand. Nur seine Beine steckten in einer groben Tuchhose, und das war es. Sollte er dort getroffen werden, k�nnte er nicht mehr davonschleichen.</p><p>Pfeile prasselten in den Schlitten. Als einer an seinem Knie entlangschrammte, h�tte er beinahe aufgeschrien. Dann st�rzte ihm etwas in den Scho�. Warme Fl�ssigkeit tropfte durch sein Kettenhemd. So leicht, wie es war, konnte es nur ein Kobold sein. Vorsichtig schob er den Toten ein wenig hinab. Er sp�rte, wie etwas in den Leib des kleinen Rebellen schlug. Das hast du dir verdient, dachte sich Hornbori, du verdammter Zwergenmeuchler. Auch wenn er sich freundlich gegeben hatte, g�nnte er jedem dieser verdammten Eisb�rte einen langsamen, qualvollen Tod.</p><p>Noch ein wenig. Hoffentlich sah niemand hin. Vorsichtig schob er den Leichnam Zoll um Zoll tiefer, bis der Dreckskerl von einem Kobold schlie�lich seine Beine abdeckte. Wenn du w�sstest, dass du im Tod einem Zwerg das Leben rettest, w�rdest du dich wahrscheinlich im Grab umdrehen, dachte Hornbori zufrieden. Dann lag er ganz still und lauschte.</p><p>�Nicht wegducken!�, rief sein Gesch�tzmeister immer wieder. �Nehmt euch Zeit zu zielen, ihr verdammten Hurens�hne. Lasst die Menschenkinder bluten! Fasst euch ein Herz und macht unserem tapferen Hauptmann keine Schande! Steht euren Mann und sterbt, ohne zu jammern wie die Weiber.�</p><p>Noch jemand st�rzte auf Hornbori, st�hnte trotz der Worte des Gesch�tzmeisters zum Herzerweichen und blutete ihn ebenfalls voll. Er w�rde noch erfrieren, wenn die ihn alle nass machten, dachte er �rgerlich.</p><p>Dann verstummte der Gesch�tzmeister abrupt. Zugleich sp�rte Hornbori, wie der zweite Kobold, der auf ihm lag, unter mehreren gleichzeitigen Treffern aufzuckte und dann ganz still liegen blieb.</p><p>Der Beschuss wurde sp�rlicher. Dann h�rte er ganz auf.</p><p>Es war totenstill. Kein St�hnen, kein Atmen, kein Ger�usch war mehr zu h�ren.</p><p>Hornbori wagte es, die Hand zur Seite zu nehmen, mit der er sein Gesicht abgeschirmt hatte. Vorsichtig �ffnete er die Augen einen Spalt weit. Jede Handbreit im Inneren des Schlittens war mit Pfeilen gespickt. Es mussten Hunderte sein. Die Toten lagen kreuz und quer �bereinander, mit offenen M�ndern und Augen, in denen das Entsetzen gefroren war.</p><p>Vorsichtig lugte Hornbori �ber den Rand der Br�stung. Die Katzenkerle l�sten sich aus den Reihen der Bogensch�tzen. Es waren nur noch f�nf. Sie kamen von S�den aus auf die Schlitten zu. Ganz gewiss w�rden sie jedem, den sie noch lebend vorfanden, die Kehle durchschneiden. Die sahen nicht aus, als w�rden sie sich darum scheren, dass er ein �u�erst kostbarer Gefangener sein k�nnte.</p><p>�Du lebst!�, zischte eine leise Stimme hinter ihm.</p><p>Hornbori drehte sich um. Da stand Rafa. Ein Pfeil durch die Brust hatte ihn auf die Innenseite der Br�stung genagelt. Seine Schaffellweste war von Blut getr�nkt, aber seine Augen funkelten noch �u�erst lebendig.</p><p>�Du�� du Feigling. Sie sind f�r dich gestorben.�</p><p>�Ich habe sie nicht darum gebeten�, entgegnete Hornbori �rgerlich und sah nach der Drachenstandarte. Der Seidenschlauch war von Pfeilen zerfetzt und hing schlaff im Wind herab.</p><p>�Du���, geiferte Rafa, obwohl ihm kaum Luft zum Atmen blieb. �Du hast dich die ganze Zeit tot gestellt, verdammter Feigling. Ich melde dich bei Solaiyn. Der wird dich Spie�ruten laufen lassen, bis dir das Fleisch in Fetzen vom R�cken h�ngt.�</p><p>Das mochte durchaus sein, dachte Hornbori erschrocken und sah sich Rafa n�her an. So viel wie dieser giftige, kleine Wicht noch redete, schien seine Lunge nicht verletzt zu sein. Vielleicht w�rde er es �berstehen�� Und dann w�rde er ganz gewiss zu Solaiyn gehen. Rafa war eine Rotm�tze, die lie�en keine Gelegenheit aus, Zwergenblut zu vergie�en. Er hob ein kurzes Schwert auf, das zwischen den Toten am Boden lag. �Komm, ich schneide dich los und bring dich in Sicherheit. Die Alben waren uns gn�dig, wir m�ssen hier nicht sterben.�</p><p>�Glaubst du, dann w�rde ich �ber deine Feigheit schweigen?�, zischte Rafa. �Verrecken sollst du Hasenfu�, du verdammter Schisser���</p><p><emphasis>Schisser!</emphasis> Da war es wieder, dieses verfluchte Schimpfwort, das Hornbori Hunderte Male aus Galars Mund vernommen hatte. Er beugte sich vor und zog dem Kobold ohne zu z�gern die Klinge �ber die Kehle. �Jetzt wirst du ganz sicher schweigen, Trottel.� Er h�tte Rafa auch den Katzenkerlen �berlassen k�nnen, aber es war besser, ganz sicher zu sein, dass er tot war.</p><p>Jetzt w�rde er sich den Bogensch�tzen ergeben. Die Katzenm�nner hatten den ersten Schlitten fast erreicht. Hornbori riss die Standarte mit dem goldenen Drachenhaupt von der R�ckseite des Schlittenbocks und sprang �ber die von den Katzenkerlen abgewandte Seite der Pritsche.</p><p>Wild die Standarte schwenkend, lief er den Bogensch�tzen entgegen. Hoffentlich hoben die Trottel nicht noch ein letztes Mal die Waffen. Er hielt immer noch das blutige Schwert in der Hand. In �bertriebener Geste hob er es �ber den Kopf, um es von sich zu schleudern, sodass die Menschenkinder es gut sehen konnten. Wenn er die Waffe von sich warf, w�rden sie verstehen, dass er sich ergeben wollte.</p><p>Wenn die ersten K�mpfer sich aus der Schlachtlinie l�sten, um die Drachenstandarte zu erbeuten, dann w�rden sie den Bogensch�tzen die Schusslinien blockieren. Wieder schwenkte Hornbori das schwere Feldzeichen. �Los, holt euch die Standarte!�, rief er aus Leibeskr�ften, als ihn ein m�rderischer Schlag in die Schultern traf.</p></section><section><title><p>Der letzte Held</p></title><p>Solaiyn hatte ihn losgeschickt, damit er das Feldzeichen rettete. Die Menschenkinder sollten nicht in der letzten Stunde ihres verheerenden Feldzugs ein Zeichen des Sieges in die Finger bekommen. Nodon hielt nicht viel von diesem selbstm�rderischen Auftrag. Unten auf der Ebene wimmelte es nur so von Bogensch�tzen. Wenn sie ihn bemerkten, dann w�rde er niemals lebend entkommen.</p><p>Sein Adler m�sste im Sturzflug dicht am Schlitten vorbeisausen, damit er Gelegenheit bekam, die Standarte an sich zu rei�en. Wenn er das Feldzeichen nicht beim ersten Versuch zu packen bekam, w�rde er gewiss in ein m�rderisches Kreuzfeuer geraten, wenn er sich ein zweites Mal in die N�he des Schlittens wagte.</p><p>Noch schwebte der Adler in gro�er H�he. Es galt, den richtigen Augenblick abzupassen. Nodon hasste es, f�r eine Standarte, die den Goldenen zeigte, sein Leben wagen zu m�ssen. F�r ein vergoldetes St�ck Blech.</p><p>Was war das? Auf der Pritsche regte sich etwas. Unter den Toten erhob sich ein Zwerg.</p><p>�Tiefer!�, rief er dem Adler zu. Sollte dort unten tats�chlich noch jemand leben! Nie zuvor hatte Nodon gesehen, wie eine so kleine Fl�che so w�tend beschossen worden war. Unz�hlige Pfeile ragten aus dem Schnee. Dicht wie Grashalme steckten sie beieinander. Eigentlich konnte dort nichts �berlebt haben.</p><p>Es war dieser unsympathische Zwerg mit dem ge�lten, schwarzen Bart, den Solaiyn in sein Zelt befohlen hatte. Der Anf�hrer der Nachschubkolonne. Nodon hatte ihn f�r einen Maulhelden gehalten. Doch jetzt beugte sich der Zwerg �ber einen t�dlich verwundeten Kobold und erl�ste ihn beherzt von seinen Qualen. Und dann packte er die Standarte und st�rmte todesmutig den Feinden entgegen.</p><p>�Schnapp ihn und trag ihn davon!�, befahl er dem Adler, der die Fl�gel anwinkelte und in halsbrecherischem Tempo der Ebene entgegenst�rzte.</p><p>�Los, holt euch die Standarte!�, br�llte der Zwerg aus Leibeskr�ften und rannte weiter auf die Menschenkinder zu.</p><p>So viel Tapferkeit h�tte er diesem Hornbori niemals zugetraut.</p><p>Die F�nge des Adlers schlugen in die Schultern des Zwerges. Es war, als w�rde der m�chtige Raubvogel aus dem Sturzflug heraus ein Kaninchen fangen. Mit kr�ftigen Fl�gelschl�gen jagte er dicht �ber der Ebene dahin und versuchte, wieder an H�he zu gewinnen.</p><p>Nodon rief ein Wort der Macht, das die Luft hinter ihnen verwirbelte, sodass die Pfeile vom Wind abgetrieben wurden. Der Zwerg hing still in den F�ngen des Adlers. Hoffentlich hatte ihn nicht zuletzt noch ein verirrtes Geschoss getroffen. Und hoffentlich lie� er nicht diese verdammte Standarte fallen.</p><p>Sie flogen dem Felsgrat �ber dem Pass entgegen, wo Solaiyn sie erwartete. Als der Adler Hornbori vor die F��e des Elfenf�rsten st�rzen lie� und dann landete, wirkte Solaiyn leicht verwirrt.</p><p>Nodon schwang sich vom R�cken des Raubvogels und trat vor seinen Feldherren. Er sah dem F�rsten pr�fend in die Augen. Solaiyn schien nicht mehr l�nger vom Goldenen besessen zu sein.</p><p>�Was soll das? Warum muss ich diesen Kerl wiedersehen? Die Standarte zu holen h�tte gen�gt. Er ist dir wohl vor Angst ohnm�chtig geworden.�</p><p>�Er ist ein Held!�, widersprach Nodon entschieden und erz�hlte, was er gesehen hatte. �Ich glaube, der wuchtige Schlag der Adlerf�nge hat ihm die Besinnung geraubt. So todesverachtend, wie er den Bogensch�tzen entgegenst�rmte, ist er ganz gewiss niemand, der vor Angst ohnm�chtig wird. Sieh ihn an, wie er �ber und �ber mit dem Blut seiner Feinde bedeckt ist. Er muss wie ein Berserker gek�mpft haben.�</p><p>Der Elfenf�rst beugte sich �ber Hornbori. Die Augenlider des Zwergs flatterten, als er ihm die Standarte aus den H�nden nahm. �Du bist also ein Held�� Gut. Wir k�nnen einen Helden gebrauchen, nachdem uns in der letzten Stunde des Feldzugs ein paar Menschenkinder zu viel entwischt sind.� Der F�rst sah hinab auf die Eisebene, die rot im Licht der vergl�henden Abendsonne erstrahlte. Die Menschenkinder hatten begonnen, sich durch den Albenstern zur�ckzuziehen.</p><p>�Morgen werden auch wir auf diesem Weg nach Albenmark heimkehren�, sagte Solaiyn entschieden. �Endlich! Es wird gut sein, wenn wir dann aus diesem wenig r�hmlichen Feldzug einen Helden vorzeigen k�nnen.�</p><p>Nodon nickte. Seine Gedanken schweiften ab.</p><p>�Wohin wirst du gehen?�, fragte ihn der Feldherr in aufger�umter Stimmung. �Zur�ck in den Jadegarten? Ailyn hat mir erz�hlt, dass es dort eine Elfe gibt, die dir wohl einiges bedeutet. Nanga� Namba��� Er sch�ttelte den Kopf. �Mein Ged�chtnis. Ich f�rchte, ich habe Aloki ein paarmal zu oft mit ihrer Nadel in meinem Hirn herumstochern lassen. Ich freue mich jedenfalls, zu meinen Statuen und meinen B�chern zur�ckzukehren. Wir werden nur noch die Siegesfeier �berstehen m�ssen. Trotz dieser kleinen Schlappe zum Schluss war der Feldzug in seiner Gesamtheit ein Triumph f�r Albenmark.�</p><p>Nodon h�rte ihm nur noch mit einem Ohr zu. Es gab im Jadegarten eine Elfe, die ihm etwas bedeutete? Warum erinnerte er sich nicht mehr daran? �Nanga�, Namba�� wiederholte er leise, was Solaiyn gesagt hatte und hoffte, seine Zunge w�rde sich besser erinnern als sein Kopf. �Nada� Nanda��Nandalee!�</p><p>Wie ein Blitz traf ihn die Erinnerung. Nandalee! Wie hatte er sie vergessen k�nnen? Wie mochte es ihr gehen? Sie m�sste l�ngst ihre Kinder geboren haben. Hoffentlich hatte Nachtatem die S�uglinge nicht ermordet.</p><p>Jetzt erinnerte sich Nodon auch, wie unwillig er hierhergekommen war. Dass der Erstgeschl�pfte ihn auf diesen Feldzug verbannt hatte, mochte auch daran gelegen haben, dass es keine Zeugen bei der Geburt geben sollte. Er musste zur�ck! Auch wenn es zu sp�t war, um die R�nke Nachtatems noch zu durchkreuzen.</p></section><section><title><p>Geschl�pft</p></title><p>Kolja hatte alle �berlebenden um sich versammelt. Er wusste, dass dies heute der Tag des Wandels werden w�rde. Aber er wusste nicht, wann genau es geschehen w�rde. Die Arme eng um den Leib geschlungen, standen sie vor ihm, ein verfrorenes H�uflein, das alle Hoffnungen aufgegeben hatte.</p><p>�Erfahren wir jetzt endlich, was du von uns willst?�, fragte Nabor in vorwurfsvollem Ton.</p><p>Sein Verh�ltnis zum Lotsen war in den letzten Tagen immer angespannter geworden. Kolja wusste, dass <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> seit Tagen nicht mehr zu Nabor gesprochen hatte. Auch f�r ihn war es immer schwieriger geworden, zu dem Wolkensammler Verbindung aufzunehmen. Die riesige Kreatur schien verwirrt. Die unterschiedlichsten Gedanken und Empfindungen �berlagerten sich. Ein Gespr�ch gab es nicht mehr. Allerdings hatte Kolja ganz deutlich die Angst des Himmelsgiganten gesp�rt. Er ver�nderte sich, so wie Kolja sich ver�nderte.</p><p>Der Drusnier strich �ber seinen verst�mmelten Arm. Er hatte sich an den ziehenden Schmerz gew�hnt, der keinen Herzschlag lang aussetzte.</p><p>�Die G�ttin w�nscht, dass wir hier stehen und Zeugen eines ihrer Wunder werden.� Kolja sagte das in so �rgerlichem Tonfall, dass jedem klar sein musste, dass er Widerspruch bestrafen w�rde, indem er Zweifler in den nahen Krater st�rzte.</p><p>Eine Zeit lang herrschte betretenes Schweigen, und nur das leise S�useln des Windes in der zerfetzten Takelage war zu vernehmen. Kolja hatte die M�nner in den letzten Tagen eine gro�e, h�lzerne Plattform bauen lassen, nicht un�hnlich einem Flo�, nur dass sie mit einer massiven Reling versehen war. Anfangs hatte er einige der Wolkenschiffer mit Pr�gel dazu zwingen m�ssen, weil sie an Nabors Eissegler bauen wollten.</p><p>Kolja glaubte nicht an ein Schiff, das auf festem Grund dahingleiten sollte. Es war leichtfertig, seine Kr�fte f�r solchen Unsinn zu vergeuden. In seinen Tr�umen hatte er immer wieder dieses Flo� gesehen, und er war �berzeugt, dass <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> und Nangog ihm diese Tr�ume geschickt hatten. Er war ihr Werkzeug, und nachdem er zwei Schiffern die Z�hne eingeschlagen hatte, hatten sich schlie�lich alle gef�gt und die Arbeit an Nabors Eissegler abgebrochen. So war die gro�e, h�lzerne Plattform entstanden, die nun etwa hundert Schritt vom Krater entfernt auf dem Eis ruhte. Sie war mit Vorr�ten beladen, mit Brennholz und vor allem dem kostbaren Traumeis. In der Mitte, fest verankert, erhob sich ihr Unterschlupf aus den mit Segeltuch �berspannten Landungsk�rben. Nicht einmal f�nf Tage hatten sie ben�tigt, um seine Vision Wirklichkeit werden zu lassen. Er hatte sie gnadenlos angetrieben, denn der Tag der Entscheidung war nahe.</p><p>Die M�nner hatten ihn f�r die elende Schinderei verflucht, doch Kolja wusste auch ohne den Rat des Wolkensammlers, wie wichtig es war, eine Mannschaft besch�ftigt zu halten und ihnen etwas zu geben, das sie alle miteinander verband. Und sei es der Hass auf ihn.</p><p>Ein lautstarkes Gurgeln ert�nte tief im schlaffen Leib des Wolkensammlers. Ein Ger�usch, wie es in Unruhe geratene Ged�rme machten, nur um ein Vielfaches lauter. Dieses Gurgeln war schon seit Tagen immer wieder zu h�ren, und Kolja wusste, was bald folgen w�rde. Aufmerksam betrachtete er den Leib des Wolkensammlers, der in sich zusammengesunken von der gewaltigen Felszinne hing.</p><p>Pl�tzlich ert�nte ein zischendes Ger�usch, und gelblicher Dampf quoll in etwa sechzig Schritt H�he aus dem Leib von <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont.</emphasis> Es dauerte nicht lange, und ein Gestank, schlimmer als in den Gassen eines Gerberviertels, trieb zu ihnen her�ber.</p><p>�Du wei�t, was das bedeutet�, sagte Nabor ernst. �Du kennst das, nicht wahr?�</p><p>Kolja hob fragend die Brauen, was den �rger des Wolkenschiffers noch mehr anstachelte.</p><p>�Du bist doch auf Dutzenden Schlachtfeldern gewesen, Drusnier. Du <emphasis>musst</emphasis> das kennen!�</p><p>�Ich wei� nicht, wovon du redest.�</p><p>�Leichen, die zwei oder drei Tage in der Sonne gelegen haben�, zischte Nabor, der ihm v�llig zu Recht seine Unwissenheit nicht abnahm. �Ihre Leiber quellen auf, und schlie�lich beginnen sie zu furzen und zu r�lpsen, schlimmer, als sie es als Lebende je vermocht haben.�</p><p>�Was willst du mir damit sagen?�, fragte Kolja unschuldig.</p><p>�<emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> ist tot! Seit Tagen sp�re ich ihn nicht mehr, wenn ich seine Fangarme ber�hre. Es ist kein Leben mehr in ihm. Sein Leib beginnt zu verfaulen, weil sich tief im Innersten noch ein wenig Hitze gehalten hat, so wie bei Misthaufen, die an kalten Herbsttagen dampfen.�</p><p>�Du wei�t schon, dass er eine empfindsame Seele hat.� Kolja konnte es sich einfach nicht verkneifen, den alten Lotsen weiter zu necken. �Wenn <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> h�rt, dass du ihn mit einem Misthaufen vergleichst, wird ihn das sehr kr�nken.�</p><p>�Tote kr�nkt gar nichts mehr, Kolja!�</p><p>�Nangog wird heute ein Wunder wirken, alter Mann. Sieh dich vor! Deine Zweifel ver�rgern die G�ttin. Sie will uns helfen, nach Hause zur�ckzukehren. Du k�nntest durch deine Worte alles verderben und unser Schicksal besiegeln.�</p><p>Nabor lachte auf. �Na wunderbar. Bist du jetzt unser neuer Priester? Mit dieser Rede hast du dich endg�ltig in alle Richtungen abgesichert. Passiert nichts, bin ich schuld. Geschieht doch ein Wunder, verdanken wir es vermutlich deinem Einwirken. Ich bin ein alter Mann, wie du sagst. Ich habe vieles gesehen, den Meerwanderer im Delta des Sepang, die gefl�gelten Weiber von Temil oder die verborgenen St�dte von Tarkan Eisenzunge. Aber ein Wunder ist mir nie begegnet.�</p><p>�Dann rei� jetzt einmal deine Augen auf, Alter.� Kolja �ffnete die Verschn�rung der Wollstulpe, die er �ber seinem Stumpf trug, seit die Prothese nicht mehr passen wollte. �Die meisten von euch haben wahrscheinlich die Geschichte schon geh�rt, wie ich an der Seite der Unsterblichen Aaron und Volodi meinen Arm im Kampf gegen die Gr�nen Geister verloren habe. Damals war ich verblendet, doch jetzt hat Nangog mir die Augen f�r die Wahrheit ge�ffnet. Und sie hat mich belohnt, weil ich, ihr Feind von einst, nun zu ihrem treuen Diener geworden bin.� Mit diesen Worten zog er die Stulpe vom Arm und hob den Stumpf hoch, sodass ihn alle deutlich sehen konnten. Er war �ber das Handgelenk nachgewachsen. Wei�e Knochen ragten aus Sehnen und Muskelfleisch. Es waren die kleinen Knochen der mittleren Hand, die begonnen hatten, sich neu zu formen.</p><p>Kolja trat dicht vor die M�nner und zeigte ihnen den Arm. �Seht das Wunder der G�ttin. Und seht auch in mein Gesicht. Seht, wie sie die wulstigen Narben verschwinden l�sst und meine Haut sich gl�ttet und wieder jugendlich aussieht�� Wir sind nicht verloren. Ihr Blick ruht auf uns. Wir sind ihre Auserw�hlten. Jene, die alle M�hsal auf sich nahmen, um ihre gefrorenen Tr�ume in die Welt zu tragen.�</p><p>Seine Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Ungl�ubig tasteten seine M�nner �ber den Armstumpf und �ber sein Gesicht. Dann kniete der Erste nieder und bat in inbr�nstigem Gebet Nangog um Verzeihung f�r seine Zweifel. Selbst Nabor, der eher erschrocken als dem�tig wirkte, murmelte. �Ich muss gestehen, dies ist ein Wunder.�</p><p>Ein rei�endes Ger�usch lie� Kolja aufblicken. Weit oben an dem schlaffen Sack aus gefrorener Haut und Tentakeln drang weiter gelber Nebel aus dem Inneren der Kreatur. Die Haut w�lbte sich, als bewegte sich etwas darunter. Pl�tzlich drang ein Fangarm hervor. Er war von wei�em Schleim �berzogen, der in langen F�den herabtropfte, und endete in einer Kralle gro� wie ein Mann.</p><p>Weitere Tentakel schoben sich aus dem Inneren und weiteten den Riss in der erfrorenen Haut. Nun dr�ngte etwas Gr��eres aus dem Inneren des Hautsacks. Immer mehr Fangarme quollen hervor. Mehr als zwanzig Schritt war der Riss nun schon lang, ges�umt von diesem sich windenden Grauen, dessen Haken an den Enden der Arme sich gegen das eigene Fleisch richteten. Ein neuer K�rper mit neuen Fangarmen war in dem schlaffen Hautsack herangewachsen. Einige der Tentakel griffen auch nach oben, umschlangen den Felspfeiler, w�hrend eine unf�rmige Masse aus dem Kokon aus toter Haut schl�pfte.</p><p>Bahnen aus Schleim troffen entlang der gesplitterten Masten und zerrissenen Taue ihres gestrandeten Wolkenschiffs. Dichte Wolken aus stinkendem, gelbem Nebel wogten zum Eis hinab.</p><p>�Zum Flo�!�, rief Kolja, gefangen zwischen Staunen und Entsetzen. Er musste die M�nner packen und mit sich zerren. Sie alle, selbst der alte Lotse, waren wie erstarrt von der Ungeheuerlichkeit, die sich vor ihren Augen abspielte.</p><p>Der unf�rmige Klumpen begann sich zu entfalten. Streckte riesige, fleischige Schwingen, die Kolja an einen gro�en Rochen erinnerten, den er einmal in der aegilischen See gesehen hatte. Er erinnerte sich daran, was <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> ihm gesagt hatte und was ihm damals so seltsam und unverst�ndlich erschienen war. Dass er vom Fliegen tr�umte, obwohl er doch so viele Jahrzehnte schon �ber den Himmel Nangogs geglitten war.</p><p>�Los, los! Beeilt euch! Wer nicht auf unserem Flo� ist, der wird zur�ckbleiben. F�r immer gestrandet im ewigen Eis.� Diese Worte brachen endlich den Bann. Bewegung kam in seine Wolkenschiffer.</p><p>�Pr�ft, ob alles gut festgezurrt ist�, rief pl�tzlich Nabor. �Ich glaube, unser Aufbruch wird rauer werden als der Aufbruch eines Wolkensammlers, der von einem Ankerturm ablegt.�</p><p>So versammelten sie sich alle auf ihrem Flo�, um von dort der Geburt der Kreatur zuzusehen, zu der sich <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> entwickelt hatte. Der Tag ging in die D�mmerung �ber, als der Wolkensammler sich von der Felsnadel l�ste und schwebte. Seine Schwingen waren mehr als zwei Schritt dick. Auch in ihnen schienen gro�e Blasen mit warmer Luft oder Gas eingelagert zu sein, die <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> schon in seiner alten Gestalt Auftrieb gegeben hatten. Sein Leib hatte die Form eines lang gezogenen Dreiecks, aus dem ein dicker, vielleicht vierzig Schritt langer Schwanz wuchs, an dessen Ende eine dreieckige Finne, gro� wie ein Turm, aufragte.</p><p>Von Fl�gelspitze zu Fl�gelspitze ma� die Kreatur mehr als hundert Schritt, wobei der Leib ohne den Schwanz etwas weniger als halb so lang war. Von der Mitte der Unterseite hingen die Tentakel, mit denen <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> sich aus seinem Kokon herausgeschnitten hatte. Es waren viel weniger, als ein Wolkensammler besa�, aber sie waren nicht minder kr�ftig oder lang. Viele der Fangarme endeten in Haken oder Dornen, die aussahen, als w�ren sie aus Knochen.</p><p>Kolja konnte keine Augen bei dem ver�nderten Wolkensammler entdecken. Die Unterseite von <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> war von einem fahlen Wei� mit leichtem Gelbstich.</p><p>�Bei den G�ttern�, sagte Nabor, �das wird��� Ihm ging offensichtlich auf, was er f�r einen Fehler gemacht hatte, jedenfalls fuhr seine Rechte erschrocken zum Mund, fast als hoffte er, er k�nne die ausgesprochenen Worte wieder in seinen Schlund zur�ckschieben. �Bei der G�ttin, meine ich nat�rlich�, erkl�rte er hastig. �Bei der G�ttin! Das wird alles ver�ndern. Nun treiben diese Kreaturen nicht l�nger mit dem Wind. Sie k�nnen selbst bestimmen, wohin sie fliegen.�</p><p>Doch zun�chst erprobte <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> seine Schwingen nicht. Er lie� sich mit dem Wind treiben. Nur sein m�chtiger Schwanz peitschte unruhig, als erprobte er, welchen Nutzen er bringen k�nne.</p><p>Langsam glitt er �ber den roten Abendhimmel davon nach Westen. Er war schon fast eine Meile entfernt, als er die riesigen Schwingen auf und nieder bewegte. Dann drehte er nach S�den ab und flog davon. Ohne sie!</p></section><section><title><p>Der S�ndenbock</p></title><p>�Das warst du!�, brach es aus Kolja heraus. �Du hast ihn beleidigt! Als du unsere alten G�tter angerufen hast!�</p><p>�Aber��� Nabor hob abwehrend die H�nde. �Nein, ich���</p><p>�Du bist schuld, dass er uns verlassen hat. Du warst von Anfang an ohne Glauben.� Kolja war sich bei all diesen Vorw�rfen keineswegs sicher, aber er brauchte einen S�ndenbock. Noch waren die �berlebenden Wolkenschiffer wie gel�hmt vor Entsetzen, aber das w�rde nicht lange anhalten, und dann brauchten sie jemanden, an dem sie ihre Wut auslassen konnten. Und Kolja war entschlossen, dass nicht er ihr Opfer werden w�rde. Er k�nnte sich zwar wehren, aber er m�sste vermutlich ein paar von ihnen umbringen, und jetzt, gestrandet im Eis, w�rde er jeden Mann brauchen. Vielleicht m�ssten sie ja doch noch diesen verdammten Eissegler bauen.</p><p>�<emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> ist nicht so�, beteuerte Nabor. �Er ist nicht so empfindlich. Er h�tte gewusst, dass ich mich versprochen habe. Dass ich es nicht so meinte���</p><p>�Was erinnert an diesem Gesch�pf noch an <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont?</emphasis>�, fragte Kolja mit schneidender Stimme. �<emphasis>Alles</emphasis> hat sich ver�ndert! Er ist ein Gesch�pf Nangogs! Und du sprichst in der Stunde seiner Geburt von unseren G�ttern, du einf�ltiger Tropf.�</p><p>�Es war ein Versprecher. Ich habe es nicht gewollt���, beteuerte Nabor h�nderingend.</p><p>�Ich glaube dir nicht!� Kolja wandte sich an die Wolkenschiffer. �Wer hat dagegengesprochen, hierherzukommen? Wer hat mit seinem Affen einen der Geister an Bord geholt? Wer hat immer wieder gesagt, <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> sei tot? Nabor! Tief im Herzen hat er den alten G�ttern niemals abgeschworen, und deshalb tut er alles daf�r, dass unsere Mission scheitert.� Kolja las in den grimmigen Gesichtern der Wolkenschiffer, dass er sie �berzeugt hatte.</p><p>�Er ist es�, zischte ein Segelmacher mit erfrorener Nase. �Er ist unser Ungl�ck.�</p><p>�Nein, Korba! Wir kennen uns so lange!�, wandte sich Nabor verzweifelt an den Mann. �Nein! Du wei�t, dass ich so nicht bin. Es stimmt nicht, was Kolja sagt.�</p><p>�Ich habe ein paarmal gesehen, wie er das Zeichen des sch�tzenden Horns geschlagen hat�, erkl�rte nun Marco, der Staumeister, ein bulliger Kerl mit dichtem schwarzen Bart und buschigen, ein wenig herabh�ngenden Augenbrauen, die ihn stets melancholisch aussehen lie�en. �Dieses Zeichen beleidigt die Gro�e Mutter. Ich habe ihn auch nie inbr�nstig zu ihr beten sehen.�</p><p>Es lief genau so, wie Kolja es erwartet hatte. Er hatte in seinem Leben schon mehr als einen S�ndenbock erschaffen. �Wir m�ssen die Gro�e Mutter mit uns vers�hnen�, erkl�rte er ernst. �Wir k�nnen einen wie Nabor nicht l�nger in unserer Mitte dulden.�</p><p>Der Lotse sah ihn mit angstweiten Augen an. �Nein! Das k�nnt ihr nicht machen! Ihr d�rft mich nicht einfach aussetzen! Ich bin euer Lotse. Ohne mich seid ihr verloren!�</p><p>�Der Lotse von was?�, schrie Korba aufgebracht und deutete auf den leeren Hautsack und das zerschellte Schiff. �Das ist dein Werk, Nabor. Du hast uns alle umgebracht durch deinen Unglauben, und jetzt erwartest du Gnade?�</p><p>�Packt ihn!�, befahl Kolja.</p><p>Nabor leistete kaum Widerstand. Er hatte ihn zerbrochen. Kolja konnte es in den Augen des alten Mannes sehen. Von denen verleumdet zu werden, die er sein halbes Leben lang durch die Himmel Nangogs gef�hrt hatte, war mehr, als er verkraftete.</p><p>Marco und Korba ergriffen ihn bei den Armen. �Was sollen wir mit ihm tun?�, fragte Marco.</p><p>Kolja wandte sich um und ging zum Krater. �Folgt mir!�</p><p>Nur das Knirschen ihrer Schritte im Schnee begleitete sie. Selbst der Wind war verstummt. Es herrschte beklemmende Stille, als sie im letzten Abendrot an den gewaltigen Schlund traten, der bis zum Herzen der Welt hinabf�hrte. Dorthin, wo Nangog fast seit dem Anbeginn der Zeit schlief.</p><p>�Bringen wir der G�ttin ein Opfer. Schenken wir ihr den Zweifler, auf dass sie ihn l�utern m�ge.�</p><p>�Das kannst du nicht tun�, begehrte Nabor verzweifelt auf und sah Kolja flehend an. �Du wei�t, dass all diese Vorw�rfe nicht stimmen. Ich habe mich nie gegen die G�ttin gestellt. Ich liebe sie. Ich bewundere ihre Sch�pfung seit dem ersten Tag, an dem ich ihre Welt betreten habe.�</p><p>�Wenn das so ist, dann hast du ja nichts zu bef�rchten.� Er wandte sich an Marco und Korba. �Packt ihn bei Armen und Beinen und schmei�t ihn mit Schwung in die Tiefe. Er hat es in seinem Leben geliebt zu fliegen. Er soll nicht auf einen Felsvorsprung aufschlagen. Er soll einen letzten, langen Flug haben.�</p><p>�Ihr irrt euch!�, beteuerte Nabor. Jetzt hatte seine Stimme wieder einen weinerlichen Ton. �Ihr werdet mich brauchen. Ich bin euer Lotse. Ohne mich werdet ihr niemals den Weg zur�ck finden.�</p><p>�Uns f�hrt die Gro�e G�ttin!� Der Drusnier sah sich um. �Gibt es hier einen, der f�r Nabor sprechen m�chte? Nur einen? Wenn einer f�r ihn b�rgt, dann soll er diese Nacht �berleben und morgen ein Gottesurteil �berstehen.� Er sah alle Wolkenschiffer der Reihe nach an. Warum war ihm das nicht fr�her eingefallen? Vielleicht w�rden sie den Lotsen wirklich noch brauchen? �Und? Spricht keiner f�r ihn?�</p><p>�Wozu?�, schnarrte Marco, und seine buschigen Augenbrauen zogen sich zusammen, bis sie fast eine durchgehende Linie bildeten. �Wir sind uns einig. Er ist ein Verr�ter an unserer Sache!�</p><p>Kolja war sich bewusst, dass es kein Zur�ck mehr gab. �Dann hinab mit ihm!�</p><p>Marco b�ckte sich und packte die Beine des alten Lotsen, der Korba, ohne weiteren Widerstand zu leisten, die Arme hinstreckte.</p><p>�Ich bete f�r euch�, sagte Nabor, und seine Stimme zitterte vor Angst, auch wenn er sich bem�hte tapfer zu sein. �M�ge die G�ttin euch verzeihen und sicher nach Hause f�hren.�</p><p>Marco und Korba hoben den Lotsen hoch und begannen, ihn mit weit ausholenden Bewegungen hin und her zu schwingen.</p><p>�Jetzt!�, befahl Kolja.</p><p>In weitem Bogen flog der Lotse in den Krater. Er breitete die Arme aus, als wollte er sie aus der Tiefe hinaus umarmen. �Ich bete f�r euch!�, schrie er mit sich �berschlagender Stimme. Dann verschwand er in der Finsternis des bodenlosen Abgrunds. �Ich bete f�r euch!�, erklang es nun schon aus weiter Ferne. Ein drittes Mal h�rten sie ihn noch rufen. Dann senkte sich Stille �ber die Gruppe.</p><p>Kolja sah den beklommenen Gesichtern der Wolkenschiffer an, dass der Abgang des Lotsen Eindruck auf sie gemacht hatte. �M�ge Nangog ihm gn�dig sein!�, sagte er mit fester Stimme. �Gehen wir zur�ck zum Flo�! Morgen fr�h entscheiden wir, was wir als N�chstes tun.�</p><p>Verwundert sah der Drusnier, wie Marco seine dicke Wollm�tze abnahm und verlegen zwischen den H�nden drehte. Die Lippen des Staumeisters bewegten sich lautlos, als betete er stumm. Ausgerechnet er, der mitgeholfen hatte.</p><p>Kolja blickte ein letztes Mal in den Abgrund, dann wandte er sich ab. Die anderen M�nner folgten ihm wie G�nse, die ihrem Ganter nachlaufen. Ihm war bewusst, dass die Stimmung morgen gegen ihn schlagen konnte, wenn er nicht mit einem guten Plan aufwartete. Er seufzte. Kurz bevor sie das Flo� erreichten, zog am s�dlichen Horizont eine Wolke auf, die das Licht der Sterne verdunkelte und bald den kleineren der beiden Zwillingsmonde verdeckte. Sie bewegte sich in ihre Richtung, obwohl kein Wind wehte. Bald gewann sie an Konturen.</p><p><emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> war zur�ckgekehrt.</p><p>�Die Gro�e G�ttin hat unser Opfer angenommen!�, rief Kolja und deutete zum Himmel. �Er kommt zur�ck, um uns zu retten.�</p><p>Die M�nner riefen aufgeregt durcheinander und kletterten auf das Flo�.</p><p>Der Wolkensammler hatte sie bald erreicht. In weiten Kehren flog er �ber der primitiven Plattform, die sie gezimmert hatten, ganz so, als wollte er ihnen zeigen, was f�r Kapriolen er nun am Himmel schlagen konnte.</p><p>Kolja stieg als Letzter auf das Flo�. Kaum war er an Bord, lie� <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> seine Fangarme herabsinken. Sie schlangen sich um jene kr�ftigen Balkenenden, die weit �ber den Rand der Plattform hinausragten. Leicht schwankend wurden sie emporgehoben.</p><p>Koljas Finger gruben sich in den Handlauf der Reling, als ihn etwas Feuchtes im Nacken ber�hrte.</p><p><emphasis>Wo ist Nabor,</emphasis> drang die vertraute Stimme des Wolkensammlers in seine Gedanken.</p><p>�Von uns gegangen�, sagte der Drusnier beklommen. �Lies in meinen Gedanken, was geschehen ist. Du wei�t, ich habe keine Geheimnisse vor dir.�</p><p>Die M�nner beobachteten ihn. Etwa die H�lfte hatte sich in die Landungsk�rbe zur�ckgezogen. Die �brigen aber wollten erleben, wie sie in den Himmel hinaufstiegen. Die fleischigen Schwingen des Wolkensammlers bewegten sich in sanftem Schlag. Gem�chlicher als Vogelfl�gel. Er hatte wieder auf einen s�dlichen Kurs gedreht, und eisiger Fahrtwind strich �ber das offene Deck.</p><p><emphasis>Ich verstehe euch Menschenkinder nicht. Du hast ihn t�ten lassen, weil ich davongeflogen bin? Was hatte das mit ihm zu tun?</emphasis></p><p><emphasis>Du hast uns allen Angst gemacht, als du uns verlassen hast. Menschen, die Angst haben, tun unvern�nftige Dinge. So ist das mit uns. Ich habe gro�e Hoffnungen auf dich gesetzt und konnte mir nicht erkl�ren, warum du davongeflogen bist. H�tte ich den Zorn der anderen nicht auf Nabor gelenkt, h�tte er sich gegen mich gerichtet.</emphasis> Kolja schickte dem Wolkensammler seine Gedanken, damit die Wolkenschiffer nicht Zeugen der Wahrheit wurden.</p><p><emphasis>Willst du mir sagen, ich sei schuld an seinem Tod?</emphasis></p><p>Der Drusnier sp�rte die Betroffenheit von <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont. Warum bist du davongeflogen?</emphasis></p><p><emphasis>Ich musste meine Schwingen erproben. Musste mich mit meinem neuen Leib vertraut machen. Ich konnte euer kleines Schiff nicht sofort emporheben. Ich hatte Sorge, euch in Gefahr zu bringen.</emphasis></p><p><emphasis>Dann war es deine Vorsicht, die Nabor umgebracht hat,</emphasis> dachte Kolja. Er sp�rte, wie der Tentakel in seinem Nacken zuckte.</p><p><emphasis>Ich werde euch Menschenkinder niemals verstehen. Ihr seid so voller dunkler Gef�hle. Angst, Zorn, Gier. Mein Volk kennt die meisten dieser Regungen nicht. Ich wei� nicht, ob es ein Mangel oder Segen ist. Heute hat meine Unwissenheit einen guten Mann get�tet.</emphasis></p><p>Der Wolkensammler verbarg seine Gef�hle vor Kolja. Lange glitten sie schweigend �ber das Land. <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> flog kaum mehr als hundert Schritt hoch. Sie bewegten sich wesentlich schneller als auf dem Hinweg, als sie allein ein Spielball des Windes gewesen waren.</p><p><emphasis>Deute ich deine Gedanken richtig, Kolja? Du willst in die Goldene Stadt. Warum nicht zu Tarkon Eisenzunge. Dienst du nicht l�nger der Gro�en G�ttin?</emphasis></p><p>�Ich habe eine alte Schuld zu begleichen�, fl�sterte Kolja. Er war in die �u�erste Ecke des Flo�es zur�ckgewichen, w�hrend seine M�nner inzwischen in der H�tte aus den Landungsk�rben Zuflucht vor dem eisigen Wind gesucht hatten.</p><p><emphasis>Du willst mich verschenken!</emphasis> Der Wolkensammler klang am�siert.</p><p>�F�r dich bin ich wohl kaum mehr als eine Ameise. K�nnte eine Ameise einen Menschen verschenken?�</p><p><emphasis>Sie k�nnte zumindest davon tr�umen.</emphasis></p><p>�Wird mein Traum in Erf�llung gehen?�</p><p><emphasis>Wirst du erneut jemanden der Gro�en G�ttin opfern, wenn es nicht so ist.</emphasis></p><p>Kolja sp�rte, dass <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> in seltsamer Stimmung war. Ver�rgert, aber noch nicht w�tend. Verwundert auch und aufgew�hlt. Und ratlos. Der Drusnier entschied frech zu sein, statt zu kuschen. Der Wolkensammler war ihm zu fremd, als dass er h�tte voraussehen k�nnen, wie <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> reagieren w�rde.</p><p>�W�rde es helfen, noch ein Opfer zu bringen?�</p><p><emphasis>Finde es heraus. Wir haben noch eine lange Reise vor uns.</emphasis></p><p>Der Fangarm l�ste sich aus Koljas Nacken und zog sich zur�ck. Der Drusnier atmete schwer aus. Da war ein Gedanke gewesen, den <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis> nicht in Worte gekleidet hatte. Kurz hatte der Wolkensammler erwogen, ihn zu packen und hinab auf die weite Eisebene zu schleudern.</p></section><section><title><p>Die R�ckkehr der Eiskrieger</p></title><p>�Ich habe nie geglaubt, dass es Zufall war, dass wir mitten in der Nacht in die Goldene Stadt zur�ckkehrten. Die Stra�en waren wie leer gefegt. Kaum einer hat die abgerissene Schar gesehen, die zur�ckkehrte. Es waren auch nicht viele. Weniger als dreihundert, und etliche von ihnen brauchten andere M�nner, die sie st�tzten, denn die tausend Treppen der Stadt aus Gold konnten wir nicht mehr gehen.</p><p>Ich wei� nicht, was mit den anderen geschah, aber wir Luwier wurden im Palast des Unsterblichen Labarna versteckt. Bei den G�ttern, was haben sie uns angetan. Wir bekamen gute Quartiere, gutes Essen und gute Huren. Ich wei� nicht, ob es das Essen oder die Huren waren. Ich war zu ersch�pft, um beides in vollen Z�gen zu genie�en. Aber ich werde nie vergessen, wie ich die Helden, die alles Ungemach �berstanden hatten, am Boden sah. Sie wanden sich in Kr�mpfen, nachdem sie getafelt hatten, als g�be es kein Morgen mehr. Lagen am Boden, kotzten und verreckten.</p><p>Jetzt noch stehen mir die Tr�nen in den Augen, wenn ich an diese Nacht denke. Wo bleibt die Gerechtigkeit? Sie hatten so vieles erduldet, mehr ertragen, als ein Mensch zu ertragen geschaffen ist, und dann starben sie, als sie sich in Sicherheit w�hnten und ein erstes gutes Essen vor ihnen stand. K�stlicher Hammelbraten, von dem nur so das Fett troff, Eier ohne Zahl, frische �pfel, gut gew�rzte Bohnen und dazu Wein und Bier.</p><p>Und das war noch nicht das Ende. Viele waren krank zur�ckgekehrt oder so ersch�pft, dass alles �l, das unser Lebenslicht befeuert, aufgebraucht war. Sie starben an Auszehrung, unbehandelten Wunden, an den Krankheiten, die mit den L�usen kommen, oder an dem, was sie im Eis gesehen hatten und was ihnen f�r immer den Seelenfrieden raubte. Ich lag in einem Quartier mit ihnen. Ich habe ihre Schreie in der Nacht geh�rt, habe ihre H�nde gehalten, wenn das kalte Fieber sie �berfiel und sie mit glasigen Augen immer wieder von den Geistern erz�hlten, die das Lebenslicht tranken, oder davon, wie sie einem Kameraden die Decke gestohlen hatten, ihn sterben lie�en, um selbst zu �berleben. Es waren diese dunklen Taten, die sie auch in vermeintlicher Sicherheit nicht loslie�en und zur�ck in die Dunkelheit zogen. (�)</p><p>Ist heute aber die Rede von den letzten Eiskriegern, dann packt mich der Zorn, denn die meisten, die diesen stolzen Ehrentitel tragen, haben ihn sich gestohlen. Es sind jene M�nner, die mit Ansur zur�ckkehrten. Gewiss sind viele von ihnen tapfere Krieger, aber sie haben nicht einmal einen einzigen Tag im Eis gefochten, nur das letzte Gefecht um die Schlitten geliefert.</p><p>Von jenen, die mit dem Heer der sieben K�nigreiche gekommen waren, kehrten nur sieben von hundert zur�ck, um auch in den K�mpfen, die da noch kommen sollten, ihre Waffen zu erheben.</p><p>Was dort geschah, h�tte uns Warnung sein sollen. Die Daimonen zeigten uns all ihre Heimt�cke. Und das sollten sie auch fortan tun. Sie hatten sich entschieden, die Welt Nangog lieber in Str�men von Blut zu ertr�nken, als sie uns zu �berlassen. Und wir waren so dumm zu glauben, wir k�nnten ihnen trotzen.�</p><cite><text-author>Zitiert nach: Das Buch der Schrecken.</text-author><text-author>Verfasser: Verschiedene, eine Sammlung von Berichten �berlebender Eiskrieger. Niedergeschrieben nach dem R�ckzug der Menschenkinder von Wanu. Verwahrt in der Bibliothek von Iskendria, Saal der Versunkenen K�nigreiche, Regal X, Brett III, Truhe IV, Tafeln CCIX�� CCXII.</text-author><text-author>Anmerkung: Gefunden in den Ruinen des Palastarchivs von Ak�u</text-author></cite></section><section><title><p>Ein unwillkommener Rat</p></title><p>Vorsichtig bettete Ormu die Heilerin auf sein Lager. Er hatte es sich nicht nehmen lassen, sie die letzten Schritte zu tragen, so wie er sie im ersten Morgengrauen vom Pass hinabgetragen hatte. Kirum erschien ihm selbst jetzt, wo er sich kaum noch auf den Beinen halten konnte, so leicht wie eine Feder.</p><p>�Bringt mir warmes Wasser!�, befahl er den beiden Kameraden, die er ins Vertrauen gezogen hatte. Sie war in Decken geh�llt in den Palast gebracht worden. Niemand hatte ihr Gesicht gesehen. Niemand wusste, dass die Frau, nach der der Unsterbliche Aaron sich so verzehrte, in dieser Nacht unter seinem Dach schlief. Von Ormus Quartier bis zum Schlafgemach des Unsterblichen waren es weniger als f�nfzig Schritt.</p><p>�Beeilt euch!� Ormu zog sein Messer und setzte es dicht unterhalb der Kehle Kirums an. Er trennte die Naht des sch�bigen Kleides auf. �berall darunter krochen L�use wie bei den meisten, die den Schreckensmarsch �berlebt hatten.</p><p>Er schnitt ihr die Lumpen vom Leib und schleuderte sie zur Seite. Ihre Haut war �berall zerstochen und an etlichen Stellen rot entz�ndet. �Bei lebendigem Leib gefressen haben sie dich�, murmelte er und vertrieb die blutgierigen Plagegeister so gut er es konnte.</p><p>Er hatte Kirum auf der S�dseite des Passes gefunden, als er nach einem seiner Krieger gesucht hatte. Sie hatte auf einer Ger�llhalde gelegen, das Haar steif von gefrorenem Blut. Sie war niedergeschlagen und ihres Mantels beraubt worden. Der Frost hatte ihr schon arg zugesetzt gehabt. Sie war mehr tot als lebendig gewesen, als er sie in seinen Umhang h�llte und auf die Ebene hinabtrug. Als er in den Kampf musste, hatte er sie bei den wenigen Nachz�glern zur�ckgelassen, die sich unweit des Weltentors versammelt hatten.</p><p>�Du musst dich selber ausruhen, Ormu.� Sein Freund Yazde blickte vorwurfsvoll auf ihn herab. Er war wie Ormu hager und ausgezehrt. Gezeichnet vom ewigen Winter, dem sie so knapp entkommen waren. Auch er stammte aus den Bergen Garagums.</p><p>Ihn um sich zu haben war, wie ein St�ck Heimat bei sich zu behalten. Schon sein Akzent, die Art, wie er die Worte setzte. Ormu musste l�cheln. Dass Worte Heimat sein k�nnten, hatte er niemals erwartet, als er seine Berge verlassen hatte, um dem Unsterblichen Aaron zu folgen.</p><p>Traurig blickte er wieder auf die ohnm�chtige Kirum. Vorsichtig tupfte er mit in warmes Wasser getauchten Lumpen den Schmutz von ihrem Leib. Sie war keine Sch�nheit. So hager wie alle, die den Marsch durch das Eis �berlebt hatten, mit kleinen Br�sten und vielen Narben.</p><p>�Sie sieht aus wie ein Krieger�, sagte Yazde �berrascht. �All diese Narben. Sie muss ein schweres Leben gehabt haben. Sieh nur die Narbe unter dem Schl�sselbein. Sie hat eine richtige Mulde in ihr Fleisch gestanzt.�</p><p>Ormu hatte so etwas schon einmal gesehen. Solche Narben hinterlie�en Dorn�xte, wenn sich ihre Spitze tief in einen Leib bohrte. Nur wenige �berlebten solche Wunden. �Sie ist eine Frau voller Geheimnisse�, sagte er mit vor Ersch�pfung schwerer Stimme. Er konnte verstehen, dass Aaron sich in sie verliebt hatte. Sie war ganz anders als die jungen Edeldamen, die die Provinzf�rsten immer wieder in den Palast von Ak�u schickten, in der Hoffnung, der Unsterbliche w�rde unter ihnen die Eine entdecken.</p><p>�Hol mir ein paar Ziegenschl�uche mit warmem Wasser�, bat er Yazde. Er wollte nicht, dass sein Freund noch l�nger ihre Nacktheit sah.</p><p>Vom gro�en Hof h�rte Ormu Fl�tenspiel und Zimbelklang. Aaron hatte ein Fest f�r die �berlebenden befohlen. Doch niemand sang gr�lend Trinklieder. Nicht einmal Lachen erklang.</p><p>Der Hauptmann wusch Kirum so gut er es vermochte. Dann massierte er ihre ger�teten Finger. Ihre N�gel waren von dunklem Blau, ebenso ihre Lippen. �Du wirst jetzt nicht sterben�, zischte er �rgerlich. �Nicht jetzt, wo du endlich in Sicherheit bist, Tr�sterin.�</p><p>Er w�nschte, er k�nnte Aaron holen. Nichts w�rde seinem Herrscher so guttun, als wieder mit Kirum vereint zu sein. Aber er hatte ihr sein Wort gegeben, als sie gekommen war, um den Unsterblichen in der H�hle beim Pass zu retten.</p><p>Als er Schritte h�rte, deckte er die Heilerin zu. Yazde brachte drei Schl�uche mit warmem Wasser. Ormu schob sie unter die Decke. �Eine Nacht in einem guten Bett und morgen eine dicke H�hnerbr�he�, sagte er leise. �Das wird dich wieder auf die Beine bringen!�</p><p>�Jetzt erteilst du sogar Schlafenden Befehle�, scherzte Yazde.</p><p>Ormu l�chelte m�de. �Hab mich wohl daran gew�hnt, Hauptmann zu sein.� Er war zu m�de, um sich zu erheben. Sein Kopf sank auf das Bett, neben dem er immer noch auf dem Boden kauerte. Er sp�rte die W�rme eines der Wasserschl�uche durch die dicke Wolldecke. Wenn er die Augen schloss, w�rde er binnen drei Herzschl�gen einschlafen.</p><p>Als der Duft von frischem Hammelbraten vom Flur in sein Zimmer zog, lief ihm das Wasser im Munde zusammen. Er hatte noch keinen Happen gegessen, seit er in den Palast zur�ckgekehrt war.</p><p>Pl�tzlich flatterten die Lider der Heilerin. Ihre Lippen bewegten sich. Ormu musste sich vorbeugen, um die gehauchten Worte zu verstehen. �Nicht essen�� werden sterben���</p><p>Der J�ger verstand den Sinn dieser Botschaft nicht. Er legte ihr die Hand auf die Stirn. Sie war k�hl. Kirum fieberte also nicht.</p><p>Ihre Hand tastete sich unter der Decke hervor und griff nach der seinen. �Sie d�rfen nicht essen�, sagte sie nun lauter. �Nur etwas Brot und d�nne Suppe.�</p><p>�Das kannst du den M�nnern nicht verweigern. Ein gutes, warmes Essen, das ist ihr gr��ter Traum.�</p><p>�Es wird sie t�ten! Fettes, schweres Essen wird sie umbringen.�</p><p>Sie stie� jedes einzelne Wort mit aller ihr noch verbliebenen Leidenschaft hervor. Sie war die Tr�sterin. Sie hatte auf dem R�ckzug alles f�r die Sterbenden gegeben. W�rde sie die �berlebenden ihres wohlverdienten Festmahls berauben, wenn es nicht wirklich eine Gefahr g�be? Nein!</p><p>�Ich verhindere es!� Als Ormu aufstand, taumelte er vor Schw�che.</p><p>Yazde eilte ihm zu Hilfe und st�tzte ihn. �Wirst du das wirklich tun?�, fl�sterte sein Freund.</p><p>Er half Ormu hinaus auf den Gang und dann zum weiten Hof, der im Licht Hunderter Fackeln erstrahlte. Entlang der hohen Mauern waren dicke Teppiche ausgerollt und schwere Sitzkissen aufgestellt. Die �berlebenden sa�en in sich zusammengesunken, an die Mauern gelehnt. Einige verfolgten mit gl�nzenden Augen die wirbelnden T�nzerinnen, die meisten aber waren einfach nur unendlich ersch�pft. Viele waren eingeschlafen.</p><p>�Sch�n, dass auch du gekommen bist.� Ashot, der Feldherr des Unsterblichen, l�ste sich aus einer Gruppe von Palastwachen, bei denen auch Mataan, der Hofmeister, stand. Der ehemalige Krieger st�tzte sich schwer auf seinen Kr�ckstock und nickte Ormu freundlich zu.</p><p>�Sie d�rfen nicht vom Hammelfleisch essen�, stie� der Hauptmann der Kushiten hervor. �Lass es wegschaffen, Ashot!�</p><p>Der Feldherr runzelte die Stirn. �Warum?�</p><p>�Es wird sie t�ten!�</p><p>�Es ist allerbestes Fleisch, zubereitet von den Hofk�chen. Es gibt keinen Grund���</p><p>�Es wird sie t�ten!�, beharrte Ormu. �Die Tr�sterin hat mich gewarnt. Wenn dies kein Festmahl mit d�nner Suppe und trockenem Brot wird, dann wirst du morgen viele Gr�ber ausheben lassen.�</p><p>Mataan kam zu ihnen her�bergehinkt. �Du bist laut geworden, Ormu. Was ist das f�r eine Tr�sterin, von der du da sprichst?�</p><p>�Sie ist die eigentliche Heldin des R�ckzugs. Sie hat sich um die Schwachen und die Sterbenden gek�mmert. Alle, die lebend zur�ckkamen, kennen zumindest ihren Namen: die Tr�sterin. So hei�t sie in allen Zungen.�</p><p>�Wo ist sie?�, fragte Mataan. �Wenn sie so beliebt ist, soll sie mit der schlechten Botschaft vor die M�nner treten.�</p><p>�Nein�, warf Ashot ein. �Sie soll vor Aaron treten. Du wei�t, wie er ist. Eine Heldin aus dem einfachen Volk. Er wird sie um sich haben wollen und ein Amt in diesem Palast f�r sie erschaffen. Er wird sie vor seinen Wagen spannen, so wie uns, damit sie ihm hilft, die Welt zu verbessern.�</p><p>Ormu wunderte sich, wie offen die beiden in seiner Gegenwart �ber den Herrscher sprachen. Zum Gl�ck! Eine Begegnung zwischen Aaron und Kirum musste er um jeden Preis verhindern. �Die Tr�sterin ist zusammengebrochen. Sie wird eine Nacht schlafen m�ssen.�</p><p>Ashot wirkte misstrauisch. Mataan hingegen nickte verst�ndnisvoll. �Aaron ist es nicht besser ergangen. Ich werde nicht gestatten, dass irgendjemand seine Gem�cher betritt, bevor der Unsterbliche sich nicht aus eigener Kraft von seinem Lager erheben kann.�</p><p>�Auch er darf nicht schwer essen�, platzte es aus Ormu heraus. �Er���</p><p>Mataan hob beschwichtigend eine Hand. �Er hat gar nichts zu sich genommen. Er ist auf seine Bettstatt gesunken und sofort eingeschlafen.� Der Hofmeister wandte sich an Ashot. �Wie regeln wir das hier? Ich bin geneigt, Ormu und dieser Tr�sterin zu glauben.�</p><p>Ashot l�chelte kalt. �Ich erledige das. Sie m�gen mich ohnehin nicht. Eine Sch�ssel d�nne Suppe, einen halben Brotfladen und als Getr�nk nur noch Quellwasser�� Das ist es, was diese Tr�sterin will?�</p><p>�Ja!�, best�tigte Ormu.</p><p>�Dann lasse ich das Fleisch jetzt fortschaffen. Aber du, mein Freund, du bleibst hier. Du sollst mit ansehen, was geschehen wird. Und du wirst ihnen allen die Geschichte von der Tr�sterin erz�hlen, wenn sie anfangen zu rebellieren und den Unsterblichen zu verfluchen.�</p><p>Ormu sah zu den ersch�pften Gestalten. �Die haben kaum noch die Kraft, eine Suppe zu schl�rfen. Die werden nicht rebellieren. Wir m�ssen auch darauf achten, dass sie sich nicht woanders Essen besorgen.�</p><p>Ashot schnitt eine Grimasse. �Du willst mich zur Amme von zweihundert �bellaunigen, verlausten Kriegern machen. Was habe ich dir nur getan?� Er deutete zu einem der freien Pl�tze an der Stirnwand des Hofs. �Setz dich und schl�rf deine Suppe. Und bete zu den G�ttern, dass die Tr�sterin recht hat und man sich nicht morgen �berall in der Stadt das Maul dar�ber zerrei�en wird, dass der Unsterbliche Aaron seine Helden zu einem Festmahl aus trockenem Brot geladen hat.�</p><p>Yazde half Ormu zu einem Platz an der Wand und sank dann selbst ersch�pft nieder. �Er ist kein freundlicher Mann, der Feldherr des Unsterblichen�, bemerkte er �rgerlich.</p><p>Der Hauptmann musste l�cheln. �Ich glaube, das ist auch besser so. Entweder ist man ein guter Feldherr oder ein freundlicher Mann. Dass beides zusammenfallen kann, glaube ich nicht.�</p><p>Sie mussten nicht lange warten, und Dienerinnen brachten ihnen Schalen mit d�nner Suppe. Ringsherum begann das Maulen. Als dann statt Fleisch nur trockenes Brot gebracht wurde, emp�rten sich noch mehr.</p><p>So wie Ashot es angek�ndigt hatte, lie� er Ormu holen, damit er von der Warnung der Tr�sterin sprach. Einige M�nner lie� das verstummen, andere wurden nur umso lauter. Als sie versuchten, den Hof zu verlassen, um anderswo ein Festmahl zu halten, fanden sie alle Wege, die vom Hof in den Palast f�hrten, mit Kriegern besetzt.</p><p>Jetzt begann lautstarker Streit. Doch er w�hrte nicht lange, denn selbst die Kr�ftigsten unter den Heimkehrern vermochten nicht mehr, als ein wenig zu maulen und drohend die F�uste zu heben. Langsam senkte sich eine m�rrische Stille �ber den Hof. Die T�nzerinnen waren l�ngst gegangen. Es spielte keine Musik mehr, und die Kochfeuer waren gel�scht worden. Schlie�lich d�sten die meisten M�nner ein. Es war eine angenehme, laue Nacht. Hier musste niemand bef�rchten, in einen Schlaf zu sinken, aus dem es kein Erwachen geben w�rde.</p><p>Ormu erwachte, als Ashot ihn im ersten Morgenlicht sanft am Arm r�ttelte. �Du hattest recht. Gerade eben ist ein Bote aus dem Palast des Unsterblichen Labarna eingetroffen. Dort gab es ein gro�es Festmahl�� Im Laufe der Nacht sind mehr als vierzig M�nner gestorben. Sie dachten erst, jemand habe Gift ins Essen ger�hrt, aber das war es nicht.� Er senkte den Kopf, und ein seltsam bitterer Ton, den Ormu nicht recht zu deuten verstand, lag nun in der Stimme des Feldherrn. �Der Unsterbliche schuldet ihr gro�en Dank.�</p><p>Ormu nickte m�de. Dann stand er schwerf�llig auf. Alle Glieder schmerzten, als w�re er schon ein alter Mann. Yazde schlief tief und fest. Diesmal w�rde er ihn nicht bem�hen.</p><p>�Brauchst du Hilfe?� Ashot bot ihm den Arm an.</p><p>�Das letzte St�ck schaffe ich schon.� Er wollte allein in seine Gem�cher. Niemand sollte sehen, wer in seinem Bett lag.</p><p>Den Hof schaffte er noch ganz gut, aber als er den langen Flur erreichte, an dem seine Kammer lag, musste er sich mit einer Hand an der Wand abst�tzen. Mit schlurfendem Schritt machte er seinen Weg.</p><p>Als er in seine Kammer trat, war sein Bett leer. Das hatte sie nicht verdient! Tr�nen traten ihm in die Augen. Sie war eine starke Frau gewesen. Eine Frau, wie ihm noch keine begegnet war. Aber hatte sie sich aus eigener Kraft erheben k�nnen, um zu fliehen? Oder war sie geholt worden, weil Ashot oder Mataan ihn durchschaut und gewusst hatten, wo die geheimnisvolle Tr�sterin zu finden gewesen war.</p><p>Egal, aus welchem Grund Kirum verschwunden war. Ormu wusste, dass es sinnlos war, nach ihr zu suchen. Selbst wenn er die Kraft dazu gehabt h�tte. War es ihre Entscheidung gewesen, dann w�re sie l�ngst in der Stadt untergetaucht. Hatten aber Ashot oder Mataan sie holen lassen, dann w�re es noch aussichtsloser, nach ihr zu suchen. Kirum durfte nie wieder unter Aarons Augen treten.</p><p>Kraftlos lie� sich der Hauptmann auf sein Lager sinken. Warum war die Welt so, dass es f�r die Gerechten keine Gerechtigkeit geben konnte?</p></section><section><title><p>Donnerbalkenpolitik</p></title><p>Die Alben liebten ihn, dachte Hornbori, als er ein wenig angetrunken aus der Festhalle trat, um sich zu erleichtern. Eben noch hatte er mit dem Elfenschmied Gobhayn �ber M�ngel bei den Schlitten gesprochen. Man w�rde die Zugtiere sch�tzen m�ssen, und ein Dach gegen Pfeile, die von oben kamen, brauchten ihre Tanks auch. Gobhayn war das alles zu kompliziert. Aber er wollte weiter �ber L�sungen nachdenken.</p><p>Das Beste von allem war jedoch, dass er in die Ehernen Hallen zur�ckkehren w�rde. Zumindest f�r einen kurzen Besuch. Solaiyn, ihr stets leicht verwirrt wirkender Feldherr, hatte ihm verraten, dass er die Goldenen Schwingen verliehen bek�me. Hornbori grinste breit. Sicher hatte der Rat der Stadt sich damit gegen Eikin durchgesetzt. Wenn es nach dem Alten in der Tiefe ginge, w�rde er gewiss nie mehr zur�ckkehren. Und wenn er schon einmal da war, w�rde er Amalaswintha wiedertreffen. Er seufzte. Was w�rde er f�r eine Liebesnacht mit ihr geben! Vielleicht, wenn sie es wollte�� Frauen begeisterten sich an Helden, und sie war klug. Nun da sie beide gewarnt waren, w�rde Amalaswintha gewiss einen Weg finden, wie sie beieinander sein konnten, ohne dass Eikin davon erfuhr.</p><p>Hornbori ging an der R�ckseite der Festhalle entlang. Ob die Elfen es als Beleidigung auffassen w�rden, wenn er dagegenpisste? Bei den Langohren konnte man nie wissen. Manchmal waren sie geradezu absurd empfindlich. Er schnupperte. Der Gestank war unverkennbar. Nicht weit von hier, am Rand eines Fichtenhains, gab es einen Donnerbalken. Er w�rde einfach in die Grube pinkeln.</p><p>Zwei blassgelbe Laternen markierten den Ort, an dem hintereinander sieben tiefe Gruben ausgehoben worden waren. �ber jeder der Gruben lag ein massiver Balken, auf dem man sich niederlassen konnte, um seine Notdurft zu verrichten. Es herrschte ein so �bler Gestank, dass jeder, der seine Sinne beisammenhatte, lieber in die W�lder auf den Bergflanken ging.</p><p>Hornbori stie� gegen einen Eimer, in dem stinkende Schw�mme lagen. Er fragte sich, wer es wohl �ber sich brachte, sie zu benutzen, um sich den Arsch abzuwischen. Angewidert trat er einen Schritt zur�ck und �ffnete seinen Hosenlatz. Er w�rde ganz sicher nicht an den Rand der Grube treten.</p><p>�Sch�n dich wiederzusehen, Schisser!�</p><p>Erschrocken fuhr der Zwerg herum. Galar trat ins Licht der Laternen.</p><p>�Wie ich h�re, sind alle deine M�nner verreckt, Schisser. Da verstehe ich nicht, wie man dich als Helden feiern kann.�</p><p>Hornbori versuchte, ein St�ck zur Seite auszuweichen, um mehr Abstand zur Grube zu gewinnen, doch Galar verstellte ihm den Weg. �Du bist genau an dem Platz, an den du hingeh�rst, Schisser.�</p><p>Hornbori hob beschwichtigend die H�nde. �Es gibt Zeugen f�r meine Heldentat. Der Drachenelf Nodon hat geh�rt, wie ich den Menschenkindern meine Herausforderung entgegengerufen habe und dann���</p><p>�Halt�s Maul!� Galar zog einen ersch�tternd langen Dolch aus seinem G�rtel. �Die Geschichte, die sich alle erz�hlen, kenne ich schon. Aber ich wei� auch, wer du bist, Schisser, und das beides passt nicht zusammen. Es war das letzte Mal, dass M�nner unter deinem Kommando verrecken. Ich werde dem Heer jetzt einen gro�en Gefallen tun.� Der Schmied zog sein Messer, auf dessen fein polierter Klinge sich das Mondlicht spiegelte.</p><p>�Das ist nicht klug.� Hornbori wich einen Schritt zur�ck. �Jemand k�nnte sehen, was du���</p><p>�Deshalb werde ich es schnell machen. Wenn ich fertig mit dir bin, landest du in einer der Gruben. Das Gewicht des Kettenhemds wird dich auf den Grund ziehen. Und dort wird ganz gewiss niemals jemand nach dir suchen. Der Held Hornbori hat sich einfach in Luft aufgel�st.�</p><p>�Du hast das nicht richtig bedacht, du���</p><p>�Oh, doch!� Galar setzte ihm die Spitze des Dolches auf die Nase. �Ich habe lange dar�ber nachgedacht, und ich finde, es gibt kein besseres Grab f�r einen Schisser.�</p><p>Der Irre w�rde ihn wirklich umbringen! Hornbori kannte Galar lange genug, um sich da ganz sicher zu sein. Vorsichtig tastete er sich einen weiteren Schritt zur�ck, dann sp�rte er unter der Sohle den Rand der Grube. Dies war seine letzte Gelegenheit, wenn er den Schmied jetzt nicht �berzeugte, war er tot.</p><p>�Ich bin wirklich entt�uscht, dass du den Drachenkampf aufgegeben hast.�</p><p>�Glaubst du, dieser Stuss rettet dein Leben?� Galar verst�rkte den Druck der Klinge, sodass Hornbori das Messer leicht in die Nasenspitze schnitt.</p><p>�Ich werde Macht und Einfluss in der Ehernen Halle haben. Ich werde herausfinden, wohin die Drachent�terpfeile gekommen sind, die Eikin dir gestohlen hat. Bist du sicher, dass du genug Munition f�r deinen Krieg gegen die Himmelsschlangen hast? Oder wirst du eines Tages Nachschub brauchen?�</p><p>�Er hat recht�, erklang eine Stimme im Fichtenhain auf der anderen Seite der Grube.</p><p>�Einen Dreck hat er! Der wird uns verpfeifen, wenn wir ihn lebend davonkommen lassen.�</p><p>Hornbori hatte die Stimme erkannt. �Komm her, Nyr! Bring ihn wieder zu Verstand! Wenn ich euch h�tte ausliefern wollen, dann h�tte ich das doch schon l�ngst tun k�nnen. Glaubt ihr, ich w�rde den Drachen jemals verzeihen, was sie meiner Heimat angetan haben? Auch ich habe nicht vergessen, wie meine Sippe starb.�</p><p>�Der Kerl redet viel.�</p><p>Diese Stimme kannte Hornbori nicht. Zwischen den B�umen erschien ein Troll. �Soll ich ihn mit dem Kopf in die Grube stecken?�</p><p>�Glaubst du echt, dann w�rde er aufh�ren, Schei�e zu reden, Groz?� Ein Kobold mit einer Armbrust im Anschlag trat aus dem Schatten der Fichten und stellte sich neben den Troll. Zuletzt gesellte sich Nyr zu dieser Bande von Henkersknechten.</p><p>�Ich geh�re zum Kriegsrat des F�rsten Solaiyn. Ich werde stets zu den Ersten geh�ren, die von den Schlachtpl�nen der Himmelsschlangen erfahren. Wenn ihr Drachen t�ten wollt, dann kann ich euch eine unsch�tzbare Hilfe sein. Durch mich werdet ihr wissen, wann ihr wo sein m�sst, damit es gl�ckt.�</p><p>�Lass ihn ziehen. Es h�rt sich wirklich so an, als k�nnte er uns in Zukunft noch von Nutzen sein�, sagte Nyr.</p><p>�Der da?� Galar setzte ihm jetzt die Spitze des Messers auf die Brust. �Habt ihr schon vergessen, was Bailin uns �ber ihn erz�hlt hat? Der Schisser w�re unser Henker gewesen, wenn er uns nicht gerettet h�tte. Wie kannst du ihm trauen, Nyr?�</p><p>�Darf ich ihn erschie�en?�, fragte der Kobold gut gelaunt.</p><p>�Wir k�nnten die Drachent�terpfeile, die Eikin versteckt hat, wirklich gut gebrauchen�, wandte Nyr ein.</p><p>�H�rt auf ihn!�, rief Hornbori. �Ohne mich werdet ihr die Pfeile niemals wiedersehen. Au�erdem werde ich euch zu den Truppen einteilen k�nnen, die den Himmelsschlangen am n�chsten stehen, wenn es zum Kampf kommt. Ich wei� schon um einige ihrer Pl�ne. Solaiyn erz�hlte mir, dass die Himmelsschlangen mithilfe der Wolkensammler den Himmel erobern wollen. Und in dieser Schlacht werden auch die gro�en Drachen mitmischen.�</p><p>Galar zog den Dolch zur�ck. �Wenn du versuchst, uns reinzulegen, schicke ich dir Groz. Der wird dir das Herz aus der Brust rei�en, und das Letzte, was du sehen wirst, ist, wie der Troll es fressen wird.�</p><p>�Nee, nee�, wandte der H�ne ein. �Ich fress nicht Herz von Feigling.�</p><p>�Lasst mich das machen�, bot sich der Kobold an. �Im Zwergemeucheln habe ich Erfahrung. Auf Wunsch kann ich seinen Abgang auch gerne lang und schmerzhaft gestalten.�</p><p>Besorgt betrachtete Hornbori den Kobold. Es war einer der Eisb�rte mit roter M�tze. Ganz sicher waren seine Worte wahr.</p><p>�Ihr m�sst mir nicht drohen.� Hornbori war stolz darauf, dass seine Angst seiner Stimme nicht anzuh�ren war. �Ich stehe auf eurer Seite.�</p><p>�Du stehst immer nur auf deiner Seite�, sagte Galar ver�chtlich. �Ich kenne dich! Du bekommst von uns diese eine Gelegenheit, wirklich ein Held zu sein. Wenn du versuchst, uns reinzulegen, dann bist du tot. Noch ein Gespr�ch wie dieses wird es nicht geben.� Der Schmied schob sein Messer in den G�rtel zur�ck. �Versau es nicht, Hornbori. Wir beobachten dich.�</p><p>�Soll ich ihn nicht doch noch in die Grube stecken?�, fragte der Troll. �Nur ein bisschen���</p><p>�Selbst wenn du ihn hundert Jahre in die Grube tunkst, wird nicht so viel Dreck an ihm haften bleiben, wie er in sich tr�gt.� Galar spuckte ihm vor die F��e. �Wir sehen uns wieder, Schisser.�</p><p>Hornbori h�tte sich vor Erleichterung fast in die Hose gemacht, als der Schmied und seine Mordgesellen im Dunkel verschwanden. Mit weichen Knien taumelte er von der Grube fort. Dann l�chelte er pl�tzlich. Er mochte auf dem Schlachtfeld ein Feigling sein, aber wenn es um Worte ging, dann war er unbesiegbar.</p><p>Er w�rde sich f�r Galars Lumpenpack unentbehrlich machen, und zu wissen, wie sehr dem Schmied das zusetzte, w�re ihm ein Fest!</p></section><section><title><p>Von Macht und Freiheit</p></title><p>Lyvianne legte den schneewei�en Sack etwa zehn Schritt von Matha Naht zu Boden. �ngstliche Glieder zuckten unter dem Stoff.</p><p><emphasis>Ich wusste, dass du kommen w�rdest, auch wenn ich lange warten musste.</emphasis></p><p>Die Elfe antwortete ihr nicht. Schweigend ging sie zum nahe gelegenen Wald und sammelte Reisig. Als sie einen Armvoll aufgelesen hatte, kehrte sie zur�ck. Sorgsam schichtete sie aus den d�nnen �sten eine Feuerstelle.</p><p><emphasis>Das ist zu nah.</emphasis></p><p>Lyvianne ignorierte den Holunder weiterhin. Sie sprach ein Wort der Macht, und inmitten des Reisigs erglomm ein Funke. Augenblicke sp�ter z�ngelten kleine Flammen �ber das trockene Holz.</p><p><emphasis>Ich treibe flache Wurzeln. Sie liegen dicht unter der Erde. Die Hitze des Feuers wird sie verletzen. Ich sp�re sie jetzt schon. Es ist zu nah f�r ein Feuer. L�sch es!</emphasis></p><p>Jetzt erst betrachtete sie den Holunder. �Nein!�, sagte sie entschieden. �Ich habe vieles in der Vergangenheit von dir gelernt. Und f�r jede Lektion habe ich meinen Preis gezahlt. Ich habe zugelassen, dass du mich zurechtstutzt, wie ein G�rtner einen Buchsbaum in die gew�nschte Form schneidet. Ich habe das immer hingenommen. Erst die Reise nach Tanthalia hat mir die Augen ge�ffnet.�</p><p><emphasis>Bitte l�sch das Feuer! Und dann trag das Kind n�her an meinen Stamm heran. Sobald ich von ihrem Blut gekostet habe, k�nnen wir beginnen. Ich habe die letzten Tage viel nachgedacht. Ich wei�, wie wir den Geist deiner Priesterin rufen k�nnen.</emphasis></p><p>�Das ist gut f�r dich!�, entgegnete Lyvianne frostig und legte einige kleine �ste ins Feuer nach.</p><p><emphasis>Was ist los mit dir, Lyvianne?</emphasis></p><p>Die Elfe griff nach der kleinen Ledertasche, die auf ihrem R�cken unter ihrem Umhang verborgen war. Daraus zog sie eine schwere eiserne Schere hervor, wie sie G�rtner benutzten, wenn sie junge Triebe zur�ckschnitten. Sie legte sie neben das Feuer.</p><p>Es war ein Augenblick des inneren Triumphs. Oft hatte sie ihn in den letzten Wochen ausgekostet, in denen sie sich auf diese Nacht vorbereitet hatte.</p><p>Dann zog sie das Messer aus ihrem G�rtel. Keine Waffe, die von Drachen geschmiedet war, doch eine exzellente Klinge aus Silberstahl. Sie legte sie neben den Sack, in dem ihr Opfer immer noch vergeblich strampelnd gegen das starke Tuch ank�mpfte.</p><p>�Nach all den Jahren habe ich endlich begriffen, dass ich es war, die sich in deine Hand begeben hat. Ich hatte mich ganz und gar dem Glauben unterworfen, dass du mir etwas geben kannst, was ich unbedingt brauche. Nun endlich habe ich meine Freiheit gefunden.� Die Elfe lie� sich neben dem Feuer nieder und warf noch ein paar weitere d�nne �ste in die Flammen. Ruhig betrachtete sie den Holunderbusch, der alle vier Jahreszeiten in sich vereinte. Frisches Gr�n, wei�e Bl�ten und schwere rote Beeren sowie einige kahle �ste.</p><p><emphasis>Ich f�rchte, ich verstehe nicht, was du meinst.</emphasis></p><p>�Ich w�rde es sehr zu sch�tzen wissen, wenn du die Zunge der G�ttin, Iyali, die Hohepriesterin der Devanthar Anatu, f�r mich zum Sprechen bringen k�nntest. Sehr gerne w�rde ich die Geschichte h�ren, die sie �ber den Tod des Purpurnen zu erz�hlen hat.�</p><p><emphasis>Und du glaubst, meine Haarwurzeln zu versengen ist der richtige Weg, mich dir gewogen zu machen?</emphasis></p><p>�W�rdest du sagen, das Gef�hl f�r Ethik und Moral seien die Haarwurzeln, die den Charakter eines Elfen ausmachen.�</p><p><emphasis>Ich w�rde sagen, das ist ein schrecklich schiefes Bild,</emphasis> entgegnete Matha Naht sp�ttisch.</p><p>�Ja, mein poetisches Talent ist nicht sonderlich geschliffen. Dennoch glaube ich, dass du verstehst, was ich meine. Geradeheraus gesagt: Mein ethisches Empfinden hat im Umgang mit dir gelitten. Und das war von dir vollkommen beabsichtigt.�</p><p><emphasis>Eine Unterstellung.</emphasis></p><p>�Das w�re tragisch, denn es w�rde dich zu einem unschuldigen Opfer machen.� Sie betrachtete die kleinen Tierknochen nah am Stamm des Holunders. �Ich glaube aber, Unschuld ist in deinem Falle nahezu auszuschlie�en. Ich w�rde sie f�r mich auch nicht proklamieren. Du hast aus mir eine Mutter werden lassen, die aus einem verfehlten Streben nach Vollkommenheit ihre Kinder t�tete. Und dann bin ich losgezogen, ein Kind nur f�r dich zu holen. Sein Blut soll dich st�rken. Glaubst du, dass alles in dieser Welt in Balance miteinander existiert? Das Leid der Mutter, die nach ihrem Mann auch ihr Kind verliert�� Und das Leiden des Kindes. Wird dies durch deinen Machtgewinn ausgeglichen?�</p><p><emphasis>Was ist los mit dir? Was ist in Tanthalia geschehen?</emphasis></p><p>Lyvianne betrachtete den Sack. Die Kleine lag jetzt still. �Es ist schwer in Worte zu fassen, was sich ereignet hat. Vielleicht k�nnte man noch am ehesten sagen, ich bin aus mir herausgetreten und mir begegnet.�</p><p><emphasis>Du redest wirres Zeug!</emphasis></p><p>�Vielleicht.� Die Elfe griff nach der schweren Schere und stand auf. �Glaubst du, das sei eine Nebenwirkung, wenn einem die Haarwurzeln abhandenkommen?� Sie beugte sich vor, griff nach einem der kahlen Winter�ste und schnitt ihn aus dem Holunderbusch.</p><p>Sie sp�rte den Schmerz, den sie Matha Naht zugef�gt hatte.</p><p><emphasis>Damit erreichst du nichts!</emphasis></p><p>Lyvianne trat ans Feuer und legte den Ast in die Flammen. �Das w�re tragisch f�r dich, denn dann wirst du aufh�ren zu existieren. Ich werde Nachtatems Werk vollenden.�</p><p><emphasis>Und was gewinnst du? Ich bin die Einzige, die vielleicht Iyalis Geist herbeirufen kann. Wenn ich vergehe, wirst du ihr Geheimnis niemals l�ften.</emphasis></p><p>Lyvianne ging erneut zum Holunder. Diesmal schnitt sie einen Ast in voller Bl�te ab. �Was das angeht, habe ich mich ver�ndert, Meisterin.� Sie legte den Ast auf das Feuer, und bald stieg dichter, grauer Rauch von ihm auf. �Ich habe mich endlich von meinen Ketten befreit. Von der irrigen Vorstellung, dass es nur einen einzigen Weg f�r mich gibt. Wenn ich das Geheimnis Iyalis nicht ergr�nde, dann werde ich beim Goldenen in Ungnade fallen. Er wird mich nicht mehr auf Missionen schicken. Ich gestehe, ich bin ehrgeizig. Ich w�rde gerne weiter auf diesem Weg gehen. Aber als ich auf Tanthalia vor dem M�dchen stand, das ich dir zum Opfer auserw�hlt habe, da ist mir aufgegangen, wie leer mein Leben eigentlich ist. Ich sollte noch einmal versuchen, ein Kind zu haben. Und ich sollte �ber jeden vermeintlichen Makel, den es tr�gt, hinwegsehen. Das Vollkommene kann sich nicht mehr weiterentwickeln. Es hat das Ende des Weges erreicht. Vielleicht w�rde ein vollkommenes Kind gar nicht mehr geboren werden, sondern direkt ins Mondlicht gehen?�</p><p><emphasis>Was ist das f�r eine verquere Spinnerei? Mach dir nichts vor! Du bist keine B�ume liebende Gutelfe.</emphasis></p><p>Lyvianne schnitt noch einen weiteren Ast ab. �Was die B�ume liebende Gutelfe angeht, hast du sicherlich recht.�</p><p><emphasis>Du wei�t, dass manche Pfade der Magie nur �ber den Weg des Blutes zu erreichen sind. Dunkle Pforten werden durch dunkle Taten aufgesto�en.</emphasis></p><p>�Ich bin mir sicher, du tr�gst gen�gend Dunkelheit in dir, um �berallhin zu gehen.�</p><p><emphasis>Du wei�t, wovon ich rede! Du bist selbst auf diesem Weg geschritten.</emphasis></p><p>Lyvianne drehte den abgetrennten Ast zwischen den Fingern. Sie dachte an all das, was sie in der Vergangenheit getan hatte. Daran, wie sie die Dunkelheit in ihre Seele gelassen hatte. �Ich wei�, dass es eines Opfers bedarf, weil wir selbst den Preis nicht zahlen wollen. Diesmal wird es nicht so sein.�</p><p><emphasis>So sind die Regeln nicht.</emphasis></p><p>Die Elfe schnitt noch einen Ast ab. �Heute haben sich die Regeln ge�ndert. Wie lange wird es dauern, bis du vier neue, kr�ftige �ste ausgetrieben hast? Ein Jahr? Zwei? Ist ein karger Boden hier, nicht wahr?�</p><p><emphasis>Also gut. Hol das M�dchen. Wir beginnen.</emphasis></p></section><section><title><p>Der schwarze Spiegel</p></title><p>Lyvianne lie� die Schere fallen und steckte den Ring auf einen der Astst�mpfe. Dann ging sie zum Sack und �ffnete die Schnur, mit der er verschlossen war. Heraus kam eine schneewei�e, ver�ngstigte Ziege, deren Maul mit einem Seidenband zugebunden war.</p><p><emphasis>Was soll das?</emphasis></p><p>�Ich t�te keine Kinder mehr.�</p><p><emphasis>Dann kannst du die Beschw�rung gleich vergessen. Ziegenblut ersetzt nicht das Blut eines unschuldigen Elfenm�dchens.</emphasis></p><p>�Dann werden wir etwas von uns geben. Ich wei�, dass ein Preis zu zahlen ist. Ich bin bereit.�</p><p><emphasis>Du hast mir Iyalis Geschichte erz�hlt. Sie hat einen besonders schrecklichen Tod auf sich genommen, damit es unm�glich ist, sie noch einmal zur�ckzuholen. Sie hat die Tore hinter sich besonders fest verschlossen. Und du brauchst mir nicht noch einmal zu drohen. Ich habe verstanden, wie entschlossen du bist. Ich sage dir nur, dass du besser keine Wunder erwarten solltest.</emphasis></p><p>�Fang an!�</p><p><emphasis>Du wei�t, was zu tun ist.</emphasis></p><p>Lyvianne packte die Ziege mit der Linken bei den H�rnern. Mit der Rechten hob sie den Opferdolch auf. Sie zog das sich windende Tier zum Holunderbusch. Die Ziege sp�rte die d�stere Aura Matha Nahts. Sie sp�rte, dass sie bei dem Busch ein Unheil erwartete. Verzweifelt stemmte sie sich mit ihren kleinen Hufen gegen den Boden. Doch gegen die Elfe vermochte sie wenig auszurichten.</p><p>Dicht vor dem Holunderstamm zog Lyvianne das Messer �ber die Ziegenkehle und dr�ckte ihr dabei den Kopf weit in den Nacken. In pulsierenden St��en spritzte das Blut �ber �ste und Bl�tter.</p><p>Etwas ver�nderte sich. Die Dunkelheit schien dichter zu werden, so als wollte sie zu kaltem Onyx gerinnen, einem Stein, schw�rzer als die Nacht.</p><p>Die Ziege sackte leblos in sich zusammen. Lyviannes wei�es Kleid, auf dem sonst kein St�ubchen und kein Schlammspritzer zu haften vermochte, war mit Blut besudelt. Das, was Matha Naht heraufbeschwor, verzerrte jeden anderen Zauber, und es trank gierig aus den Kraftlinien der Welt.</p><p>Raum und Zeit gerieten aus den Fugen. Die Bl�tter des Holunders raschelten, obwohl es windstill war. Die zu Stein geronnene Finsternis wuchs unmittelbar vor Lyvianne an, bis sie wie ein schwarzer Spiegel vor ihr aufragte.</p><p><emphasis>Ich habe mein Opfer gebracht, nun ist es an dir.</emphasis></p><p>Lyvianne b�ckte sich, ohne die spiegelnde Fl�che aus den Augen zu lassen. Etwas bewegte sich darin, kr�uselte die Oberfl�che und verschwand. Die tastenden Finger der Elfe fanden die schwere Schere. Es fehlte der Schl�ssel, um das Portal zum Seelenhort zu �ffnen. Dies war keine Totenbeschw�rung, wie Lyvianne sie je zuvor erlebt hatte. Die meisten Seelen warteten. Sie erhofften, noch einmal einen Augenblick in die Welt aus Fleisch zur�ckzukehren. Wurde f�r sie die Grenze ge�ffnet, dann fluteten sie herbei, ohne dass ein Zwang notwendig war. Doch dieser Zauber war anders. Er fra� sich tief in die Finsternis hinter dem spiegelnden Schwarz und st�rte auf, was f�r immer verborgen sein wollte.</p><p>Raureif kroch rings um Lyvianne �ber den Boden. Das Metall der Schere f�hlte sich klebrig an, so kalt war es geworden. Die Scherenschneiden ber�hrten den kleinen Finger ihrer linken Hand, dort, wo er aus der Handfl�che wuchs.</p><p>Die Elfe dr�ckte die Griffe zusammen. Sie hatte die Schere erst am Morgen geschliffen. Es wurde ein glatter Schnitt. Ihr kleiner Finger fiel zu Boden. Sie lie� auch die Schere fallen. Dann hob sie den Finger auf, schleuderte ihn der spiegelnden Fl�che entgegen und sagte feierlich: �Ich rufe dich, Iyali, Zunge der G�ttin, Hohepriesterin der Anatu!�</p><p>Der Finger verschwand im Schwarz, wie ein Stein in einem spiegelnden, n�chtlichen See verschwindet.</p><p>Warmes Blut troff von Lyviannes Hand und gefror auf dem eisigen Boden. Ein langes, schmales Gesicht dr�ckte sich aus dem Spiegel. Schimmernd schwarz, war es keine Handbreit vom Antlitz der Elfe entfernt.</p><p>�Wer bist du?� So nah das Gesicht Lyvianne auch war, die Stimme klang, als erh�be sie sich vom Grund einer tiefen Grube.</p><p>�Mein Name ist Lyvianne. Dein Volk nennt mich eine Daimonin. In meiner Welt jedoch bin ich respektiert wie eine F�rstin. Ich bin eine Drachenelfe. Eine Elfe, die sich ganz und gar dem Dienst an einer Himmelsschlange verschrieben hat. Mein Gebieter ist der Goldene, Herr des Lichtes, Verk�nder der Wahrheit.�</p><p>�Du bist also eine Priesterin?�</p><p>�Ja�, stimmte Lyvianne zu, auch wenn sie sich selbst nie so genannt h�tte.</p><p>�Was willst du?�</p><p>�Ich sp�re gemeinsam mit dem Ebermann einem alten Unrecht nach. Nur du kannst uns helfen, die Wahrheit ans Licht zu bringen.�</p><p>�Der Eberh�uptige?� Die Stimme klang pl�tzlich aufgew�hlt. �Ich wusste, dass er Anatu niemals vergessen w�rde. Wo ist er?�</p><p>�Er kann nicht hier sein. Er wartet im Palast aus Mondenlicht auf mich. Von deiner Welt aus ist der Weg zu dir f�r immer verschlossen, Iyali. Meine Welt aber ist zu gef�hrlich f�r den Ebermann, denn es herrscht Krieg zwischen den Devanthar und den Himmelsschlangen. Ich muss wissen, was geschehen ist, als deine Herrin Anatu und der Purpurne einander zum ersten Mal begegneten.�</p><p>Ein tiefer Seufzer drang durch den schwarzen Spiegel. �Der purpurne Herr des Himmels begegnete Anatu zum ersten Mal im Netz der goldenen Wege, meine Herrin aber traf ihn zum ersten Mal in ihrem Palast aus Mondenlicht.�</p><p>Lyvianne verstand diese Worte nicht, mochte das der Priesterin aber nicht eingestehen. Auch wollte sie Iyali nicht unterbrechen.</p><p>�Der Purpurne kam in Freundschaft in meinen Tempel, meine Herrin aber empfing ihn mit Misstrauen und in Waffen. Er war besonders�� Ich durfte einigen ihrer Gespr�che beiwohnen. Seine Offenherzigkeit war entwaffnend. Sie waren so verliebt, so leichtfertig�� Noch zwei weitere Male haben sie sich ungest�rt getroffen, denn sie folgten demselben Traum. Sie wollten Frieden zwischen unseren Welten stiften.�</p><p>Die t�dliche K�lte, die Raureif auf den Boden gezaubert hatte, begann nach Lyvianne zu greifen. Sie w�rde Iyali nicht mehr lange lauschen k�nnen, ohne Schaden zu nehmen. Und sie war sich nicht sicher, ob dies eine Nebenwirkung der Geisterbeschw�rung oder eine Boshaftigkeit von Matha Naht war.</p><p>�Es war bei ihrem dritten Treffen, dass die anderen kamen. I�ta f�hrte sie. Langarm und der Gefiederte begleiteten sie. Der Schmied packte Anatu, w�hrend die beiden anderen ohne Vorwarnung den Purpurnen angriffen�� Es wurde ein langer, schwerer Kampf, der sie weit fort vom Palast aus Mondenlicht f�hrte. Und Langarm folgte ihnen mit der gefangenen G�ttin.�</p><p>Sie machte eine Pause. Aufgew�hlt von der Erinnerung.</p><p>Lyvianne sp�rte, wie ihre F��e schon ganz taub vor K�lte wurden.</p><p>�Du wei�t, dass ich auf besondere Weise mit meiner G�ttin verbunden war. Der Purpurne wurde nach schwerem Kampf besiegt und enthauptet. Es geschah irgendwo in einem fernen Waldland. Und dann trat I�ta vor meine Herrin und stach mit ihrem Speer nach ihr. Von da an verwirrt sich alles� Ich wei� nicht, wie Anatu verwundet wurde, aber wenn ihre Gedanken und Erinnerungen wie ein Krug waren, dann schleuderte I�ta diesen Krug mutwillig auf einen Steinboden, wo er in tausend St�cke zerbrach. Es ist alles noch da�� Aber ich vermag es nicht in die richtige Ordnung zu bringen. Der Gefiederte forderte den Kadaver des Purpurnen, I�ta aber wollte den Kopf des Drachen zum Gef�ngnis f�r meine Herrin machen. Und I�ta wurde zur G�ttin Luwiens, das war es, was sie immer gewollt hatte. Ich glaube, die Gefl�gelte G�ttin wusste am Anfang nicht, welche besondere Verbindung es zwischen mir und meiner Herrin Anatu gab. Aber sie fand es heraus, und dann schickte sie die drusnischen Pl�nderer, die meinen Tempel sch�ndeten. So zu handeln ist I�tas Art. Sie verstrickt andere in ihre Pl�ne, sodass nie sie allein zur Verantwortung gezogen werden kann���</p><p>Lyvianne sp�rte, dass die Priesterin wieder in Dunkelheit und Vergessen fliehen wollte, aber ihr war immer noch unklar, wie das alles begonnen hatte. �Du sagtest: Der purpurne Herr des Himmels begegnete Anatu zum ersten Mal im Netz der goldenen Wege, meine Herrin aber traf ihn zum ersten Mal in ihrem Palast aus Mondenlicht. Wie kann das sein?�</p><p>�Und ich dachte immer, ihr Daimonen seid Meister der Intrige. Denk dar�ber nach! Es ist alles gesagt.�</p><p>�Und Langarm? I�ta gewann das K�nigreich Luwien, der Gefiederte den Leichnam des Purpurnen. Aber welchen Lohn empfing der G�tterschmied? Warum beteiligte er sich an dem Komplott?�</p><p>�Das wei� auch ich nicht. In Anatus Erinnerung gibt es wirre Bilder. Er verrichtete eine Arbeit auf dem Kampfplatz. Sie brauchten ihn, weil er Schmied war. Und sie brachten ihm Gold. Sehr viel Gold!� Die Stimme der Hohepriesterin wurde immer leiser, als w�rde sie in die Tiefe gezogen.</p><p>�Was hat er geschmiedet?�</p><p>�Ich wei� es n�� Das Gesicht im schwarzen Spiegel verschwand, mit ihr l�ste sich die dunkle Wand vor Lyvianne auf, und sie sah wieder den Holunder vor sich.</p><p><emphasis>Und? Hast du erfahren, was du wissen wolltest?</emphasis></p><p>Lyviannes Stiefelsohlen waren am Boden festgefroren. D�nne Holunderranken hatten sich um ihre Kn�chel geschlungen. Sie riss sich mit einem Ruck los und kauerte sich neben das kleine Feuer. Ihr war so kalt. Sie versuchte, sich auf ein Wort der Macht zu besinnen, das W�rme in ihren K�rper zur�ckbrachte, doch es wollte ihr nicht einfallen.</p><p>Sie schnitt Stoffstreifen vom Saum ihres Gewandes und verband ihre verwundete Hand. Die K�lte hatte die Blutung gestillt. Das war das einzig Gute daran. Der Raureif auf dem Boden verschwand langsam. Doch wollte es ihr nicht wieder warm werden. Es war, als h�tte sich die K�lte tief in ihren Knochen eingenistet. Schlie�lich schleppte Lyvianne sich in den nahen Wald, um mehr Reisig zu sammeln. Als sie v�llig ersch�pft zur�ckkehrte, warf sie so viel Holz ins Feuer, dass die Flammen hoch aufloderten.</p><p><emphasis>Es hat immer seinen Preis, verbotene Tore zu durchschreiten,</emphasis> spottete Matha Naht, die mit Freude zu beobachten schien, wie sie immer noch fror.</p><p>Lyvianne versuchte, die b�se Stimme des Holunders zu ignorieren. Sie streckte die H�nde dem Feuer entgegen und sann �ber die r�tselhaften Worte Iyalis nach. War sie am Ende genauso verwirrt wie ihre G�ttin? Wie hatten der Purpurne und Anatu sich zu unterschiedlichen Zeiten zum ersten Mal begegnen k�nnen? Durfte sie das nicht w�rtlich nehmen?</p><p>Die Flammen sanken in sich zusammen, ohne dass sie der L�sung des R�tsels n�hergekommen w�re. Vielleicht m�sste sie Iyali noch einmal aus der Dunkelheit zerren. Sie strich �ber ihre verletzte Hand. Ein dumpf klopfender Schmerz war geblieben. Wie viele Finger m�sste sie noch opfern? Sollte sie die Geheimisse der G�tter ruhen lassen?</p><p>M�de erhob sich Lyvianne und ging zum Holunderbusch, um Iyalis Ring zu holen, doch er war verschwunden.</p><p><emphasis>Sie hat ihn mit sich genommen. Hast du es nicht bemerkt?</emphasis></p><p>�Wie�� Warum hat sie das getan?�</p><p><emphasis>Was f�r eine entt�uschend dumme Frage! Um nie wieder gest�rt zu werden, nat�rlich. Nun ist die letzte Pforte geschlossen. Ohne etwas aus ihrem Besitz, etwas, womit sie zu Lebzeiten starke Gef�hle verbanden, werde auch ich sie nicht wieder rufen k�nnen. Jetzt hat sie endlich ihren Frieden. Und die letzten Geheimnisse ihrer G�ttin wird ihr niemand mehr entrei�en k�nnen. Was f�r eine hingebungsvolle Dienerin, selbst �ber den Tod hinaus. Ich w�nschte, du w�rst so gewesen.</emphasis></p><p>�Vielleicht bekommt jeder die Diener, die er verdient?� Lyvianne wandte sich ab und kniete neben der Feuerstelle nieder, um Erde auf die verl�schende Glut zu werfen. Sie w�rde gehen und nie mehr wiederkommen, das war das Einzige, was sie im Augenblick ganz sicher wusste.</p><p>Vielleicht w�re es kl�ger, ihre Suche einfach aufzugeben. Der erste Vollmond war bereits verstrichen. Bis zum zweiten Vollmond blieben ihr noch fast zwei Wochen. Sie dachte an die Drohung des Ebermanns. W�rde er wirklich nach Albenmark kommen, um sie zu suchen, wenn der zweite Vollmond verstrich und sie nicht zum Palast aus Mondenlicht zur�ckkehrte? An Orte wie den Jadegarten w�rde er sich nicht wagen. Sollte sie mit dem Goldenen brechen und so, wie ihr Sohn es getan hatte, sich der Gnade des Dunklen anvertrauen? Der Erstgeschl�pfte w�rde sie sicherlich aufnehmen. Doch f�r Gonvalon hatte sein Verrat kein gutes Ende genommen. Es war nicht klug zu versuchen, mehr als einer Himmelsschlange zu dienen.</p><p>Die letzten Funken der Glut waren unter dunkler Erde erstickt. Sie erhob sich und ging, ohne noch einmal zum Holunder zur�ckzublicken.</p><p><emphasis>Hast du schon einmal dar�ber nachgedacht, dass Iyali dich belogen haben k�nnte? Es ist t�richt zu glauben, dass die Geister, die wir rufen, immer die Wahrheit sagen.</emphasis></p><p>Lyvianne schwieg. Sie war �berzeugt, nicht belogen worden zu sein. Das war nicht Iyalis Art. Wenn eine Wahrheit zu heikel war, hatte sie in R�tseln gesprochen. Warum h�tte sie auch l�gen sollen? Sie war Anatu treu ergeben, und wenn das Unrecht, das ihrer Herrin angetan worden war, aufgedeckt wurde, konnte das doch nur in ihrem Sinne sein.</p><p><emphasis>Glaubst du, du k�nntest wie Menschenkinder denken?</emphasis> Die Stimme Matha Nahts war nur noch schwach in ihren Gedanken. Dabei hatte sich Lyvianne kaum hundert Schritt entfernt. Sie stieg den Hang hinauf, gl�cklich, das Tal verlassen zu k�nnen. Die Elfe dachte an Langarm. Welche Rolle hatte er in dem Komplott gespielt? War er nur deshalb mitgekommen, um Anatu zu halten, w�hrend I�ta und der Gefiederte gegen den Purpurnen k�mpften? Das war zu einfach! Und was war sein Lohn gewesen?</p><p>Lyvianne erinnerte sich an den silbernen L�wen, gegen den Bidayn vor dem Albenstern der Goldenen Stadt gek�mpft hatte. Er war ein Gesch�pf des Schmieds gewesen. Wie waren Iyalis Worte gewesen? Sie hatten Gold gebracht, nachdem der Purpurne besiegt gewesen war.</p><p>�Bei den Alben!�, entfuhr es ihr. Sie wusste, was mit der Himmelsschlange geschehen war. Ja, sie hatte den Purpurnen sogar schon einmal gesehen! Er hatte einen neuen Kopf bekommen! Zumindest dieses R�tsel hatte sie dank der Beschw�rung gel�st��</p><p>Wenn die Himmelsschlangen erfuhren, was die Devanthar ihrem Nestbruder angetan hatten, dann w�rden sie nicht ruhen, bevor nicht der Letzte der Menscheng�tter in seinem Blute vor ihnen lag. Der Purpurne war vielleicht tot, aber die Menschenkinder lie�en nicht davon ab, seinen Leichnam zu sch�nden. So viele Jahrhunderte schon!</p></section><section><title><p>Das Geburtshaus</p></title><p>W�rde der Dunkle ihn erwarten? Nodon stand vor dem offenen Torbogen aus Licht. Ein Schritt trennte ihn von der Pyramide Nachtatems. Er sah nur altes Mauerwerk und Dunkelheit. Er konnte dort �berall sein. War die Zeit der Verbannung vor�ber? Der Groll seines Gebieters verraucht? Er h�tte warten k�nnen, bis der Dunkle ihm Nachricht sandte, dass er zur�ckkommen solle�� Nein! Entschlossen trat Nodon durch den Albenstern ins Innere der Pyramide. Er musste wissen, wie es Nandalee ging und was aus den Kindern geworden war.</p><p>Erleichtert und auch ein wenig verwundert stellte er fest, dass ihn niemand erwartete. Nicht einmal eine Gazala als Botin des Dunklen. Z�gernd folgte er den gewundenen G�ngen, bis ein St�ck quadratischer, blauer Himmel am Ende eines Tunnels erschien.</p><p>Nodon trat aus dem Mauerwerk in die schw�le Hitze der verborgenen Felsoase. Einen Moment verharrte er auf der Schwelle der Pyramide. Er lie� die Vogelrufe auf sich wirken, beobachtete den torkelnden Flug der Schmetterlinge �ber dem langen Teich voller Seerosen. So viele D�fte hingen in der Luft. Da waren faulendes Wasser, frisch geschnittenes Gr�n, der Geruch �berreifer Mangos und Rauch.</p><p>Rauch?</p><p>Er kniff die Augen zusammen. Es war so hell hier, dass er M�he hatte zu sehen, was sich unter dem dichten Laubdach der B�ume hinter dem Teich verbarg. Einst war das verborgene Tal ein gro�er Garten gewesen. Fast hundert Koboldfamilien lebten hier. Die k�mpften gegen die Natur, versuchten den Garten zu erretten. Doch jedes Mal, wenn Nodon heimkehrte, entdeckte er neue Zeichen der Niederlage. Der Jadegarten verwandelte sich langsam wieder in das, was er einmal gewesen war, bevor ihm Ordnung aufgezwungen worden war. Einen Dschungel.</p><p>Doch nun gab es etwas Neues. Nodon entdeckte wei�es Mauerwerk im Schatten der B�ume. Ein kleines Haus mit Kuppeldach war errichtet worden, und Rauch stieg aus einer �ffnung in der Kuppel. Er konnte sich nicht erinnern, wann im Jadegarten zum letzten Mal ein neues Bauwerk errichtet worden war. Was war vorgefallen in der Zeit, als er nicht hier gewesen war?</p><p>Voller Sorge verlie� er die Pyramide, umrundete den Teich und trat unter das dichte Dach der Mangob�ume. Faulendes Obst lag auf dem Boden. Fliegen summten in der Luft, aufgeschreckt von seinen Schritten. Sie fra�en vom s��en Fruchtfleisch.</p><p>Nodon sp�rte, dass er beobachtet wurde. Hier und dort brachen Bahnen glei�enden Lichts durch das Bl�tterdach. Dazwischen herrschte Finsternis. Mehr Dunkelheit, als es hier h�tte geben sollen. Er war hier!</p><p><emphasis>Es ist gut, dass Ihr zur�ckgekehrt seid, mein Schwertmeister,</emphasis> drang die Stimme des Dunklen aus den Schatten. Obwohl sie nur in seinen Gedanken zu h�ren gewesen war, verstummte augenblicklich jeder Laut ringsherum. Die V�gel schwiegen, selbst die Fliegen summten nicht mehr.</p><p>�Es war Euer Wunsch, dass ich gehe, mein Meister, nicht der meine�, entgegnete Nodon voller Bitternis.</p><p><emphasis>Ein Irrtum�� Vielleicht��</emphasis></p><p>Nodons Blickt huschte von Schatten zu Schatten, doch er konnte den Erstgeschl�pften nicht entdecken. Dann blieben seine Augen an dem neuen Haus haften, das von der Dunkelheit nicht verschlungen wurde. Seine W�nde leuchteten wei� zwischen den schwarzen St�mmen. Nodon trat n�her, umrundete es und sah, dass es kein einziges Fenster gab. Die niedrige T�r war aus schwerem, dunklem Holz gezimmert. Auch sie war ohne Fenster. Daf�r gab es einen schweren Riegel, der von au�en vorgelegt werden konnte. Er stand vor einem Kerker!</p><p><emphasis>Die Dame Nandalee wird nicht gefangen gehalten,</emphasis> kam der Dunkle seiner Frage zuvor. <emphasis>Es ist zu ihrem Schutz. Sie konnte nicht l�nger bei den anderen Drachenelfen bleiben. Du erinnerst dich an das erste ihrer Kinder, das ich geholt habe!</emphasis></p><p>Wie sollte er das jemals vergessen? Diese Kreatur, die der Dunkle aus Nandalees Bauch gezerrt hatte.</p><p>�Wird das wieder geschehen?�</p><p><emphasis>Ich wei� es nicht, mein Schwertmeister. Ich habe mich auf ein unbekanntes Schlachtfeld gewagt, und ich f�rchte, ich habe verloren. Sie�� sie verweigert sich mir. Die Kinder h�tten l�ngst geboren sein m�ssen�� Fast scheint es, als w�rden sie auf etwas warten.</emphasis></p><p>�Was sollte das sein?�</p><p>Pl�tzlich war er da. Aus den Schatten geboren, die ihn auch jetzt nur zum Teil preisgeben wollten. Zum ersten Mal war sein schmales, blasses Gesicht von Sorgen gezeichnet, mit dunklen Ringen unter den Augen und Falten, die sich tief in den Mundwinkeln eingenistet hatten. Nodon war erschrocken, seinen Gebieter so zu sehen.</p><p><emphasis>Ihr sollt zu ihr gehen, Schwertmeister. Vielleicht wartet sie ja auf Euch? Mich will sie nicht sehen. Ich sp�re, meine N�he schadet ihr.</emphasis></p><p>�Warum dieses Haus?�</p><p><emphasis>Ich wollte, dass die Dame Nandalee nahe bei mir ist und�� Nein, das ist nur ein vorgeschobener Grund. Die anderen Drachenelfen sollten die Dame nicht sehen. Sie w�rden nie mehr aufh�ren, dar�ber zu reden��</emphasis></p><p>�Was ist denn los?� Voller Sorge blickte er auf die schwere T�r, den Riegel, das fensterlose Mauerwerk. �Was��?�</p><p><emphasis>Ich werde nicht dar�ber sprechen. Ihr sollt unvoreingenommen sein, wenn Ihr sie seht. Ihr seid meine letzte Hoffnung. Wenn sich nichts �ndert, dann�� Ich werde die Kinder holen m�ssen, gegen ihren Willen. Sie selbst will sie nicht gehen lassen. Sie h�lt sie gefangen!</emphasis></p><p>Nodon sagte nichts, aber er war anderer Meinung, wer hier wen gefangen hielt. �Wer k�mmert sich um die Dame Nandalee?�, fragte er schlie�lich.</p><p><emphasis>Firaz, eine meiner Seherinnen. Ich konnte sie �berreden zu bleiben, obwohl sie sich vor der Dame f�rchtet.</emphasis></p><p>Nodon wollte keine weiteren Andeutungen h�ren. Er wollte sehen, was geschehen war! Entschlossen riss er den schweren Riegel zur�ck. Firaz stand in der T�r. Hatte der Dunkle die Gazala in Gedanken vorgewarnt? Schw�lwarme Luft schlug Nodon aus dem Inneren des Hauses entgegen. Hei�er und stickiger noch, als es hier im Felsgarten inmitten der W�ste war.</p><p>�Schnell!�, die Gazala griff nach seiner Hand und zog ihn herein. Dann schloss sie die T�r. �Nandalee mag es nicht, wenn es k�hler wird. Sie�� sie ist unheimlich!�</p><p>Das kleine Haus bestand nur aus einem einzigen Raum, der von Dutzenden �ll�mpchen in strahlendes Licht getaucht wurde. Nandalee sa� in der Mitte der Kammer auf dem Boden. Sie war nackt. Um sich herum hatte sie Decken und zerkn�llte Kleidungsst�cke versammelt. Mitten darin thronte sie. Es wirkte auf Nodon fast so, als h�tte die Drachenelfe sich ein Nest gebaut.</p><p>Sie sa� v�llig still im Lotussitz und hatte ihm den R�cken zugewandt. Ihre H�nde ruhten auf ihren Knien, die Handfl�chen nach oben. Die Haare hatte sie zu einem unordentlichen Knoten hochgesteckt, sodass die T�towierung auf ihrem R�cken fast vollst�ndig zu sehen war. Zwei einander belauernde Drachen�� kein anderer Drachenelf trug das Bild zweier Herren!</p><p>Es herrschte eine erstickende, schw�le Hitze in dem kleinen Haus. Dem Eingang gegen�ber gab es eine gro�e, gemauerte Feuerstelle, neben der sich ein Stapel Brennholz an der Wand auft�rmte. Gleich mehrere T�pfe, in denen Wasser kochte, standen in den Flammen.</p><p>�Nandalee?�</p><p>Die blinde Gazala sch�ttelte den Kopf. �Sie h�rt nicht. Nur ihr K�rper ist hier, ihr Geist weilt in weiter Ferne. Wenn er denn �berhaupt noch mit diesem K�rper verbunden ist���</p><p>�Wie meinst du das?�</p><p>�Ich bin blind, aber ich sp�re, wie sie sich immer mehr von dieser Welt l�st�� Was ich sehe, ist ihre Aura, all das, was mir mein Verborgenes Auge enth�llt. Ihre Traurigkeit, ihren Zorn und�� was ihr vielleicht am meisten zu schaffen macht�� ihre Hilflosigkeit. Sie hat Angst davor, Mutter zu sein�� Davor l�uft sie fort. Und sie ist schon sehr weit von uns.�</p><p>Nodon eilte zu Nandalee und ging vor ihr in die Hocke. Das Gesicht der Drachenelfe war ausgezehrt und von Schwei� �berstr�mt. Die Augen nur einen Spalt weit ge�ffnet und zur Decke hin verdreht, sodass nur das von roten Adern durchzogene Wei� zu sehen war. Ihr ganzer Leib war abgemagert. Arme und Beine kaum mehr als Haut und Knochen. Nur ihr Bauch formte eine geradezu grotesk gro�e Kugel.</p><p>�Sie isst kaum noch�, fl�sterte Firaz ihm zu. �Und von dem wenigen, das sie zu sich nimmt, erbricht sie das meiste. Ich f�rchte, wenn der Dunkle kommt, die Kinder zu holen, dann wird sie das nicht �berleben. Sie ist zu schwach. Schon eine nat�rliche Geburt wird sie in Lebensgefahr bringen���</p><p>Nodon erhob sich, um Nandalee mit etwas Abstand zu betrachten. Wie hatte es so weit kommen k�nnen? Jetzt verstand er, was Firaz, obwohl sie blind war, so unheimlich fand. Nichts war hier mehr normal. So sollte eine Elfe keine Kinder bekommen. Er hatte kaum Erfahrungen mit Schwangerschaften, aber das hier�� Nandalee hatte so gar nichts mit den wenigen schwangeren Elfen gemeinsam, die er in seinem Leben gesehen hatte. So wie sie da im Lotussitz sa�, fast von der Welt losgel�st, wirkte sie, als w�rde sie br�ten.</p><p>Dazu noch die schw�le Hitze in dieser seltsamen Kammer. Wenn es Fenster g�be, w�rde er sie aufrei�en. Er sah zur T�r hin und dachte daran, wie eilig Firaz ihn hereingezerrt hatte. Was w�rde Nandalee tun, wenn er sie von hier fortholte? Das konnte doch unm�glich ihre Idee gewesen sein, sich hier zu verkriechen.</p><p>Nodon kniete wieder vor ihr nieder und legte ihr sanft eine Hand auf den Arm. �Du musst von hier fort. Dieser Ort schadet dir.�</p><p>Die blinde Seherin hockte sich neben Nodon und tupfte erstaunlich geschickt den Schwei� von Nandalees Antlitz. �Sie h�rt dich nicht�, sagte sie traurig. �Auf Worte reagiert sie schon lange nicht mehr.�</p><p>Er strich ihr �ber den Arm. �Es wird alles gut. Komm zur�ck und hilf uns.�</p><p>Nandalee reagierte nicht. Sie schien ihn nicht wahrzunehmen, ganz wie Firaz es gesagt hatte.</p><p>�Bitte, komm zu uns zur�ck. Tu es f�r die Kinder�, sagte er ein wenig lauter und dr�ngender.</p><p>Nichts. Nandalee sa� wie versteinert.</p><p>Es schmerzte ihn, sie so zu sehen, die stolze, rebellische Drachenelfe, die vor nichts Angst gehabt hatte, die sich jedem entgegenstellte, ohne sich vor den Konsequenzen zu f�rchten. Er war oft nicht einer Meinung mit ihr gewesen, und doch hatte sie ihn zutiefst beeindruckt. Er hatte etwas in ihr gesehen, was ihm immer gefehlt hatte. Die Gabe, die Welt, wie sie war, nicht als gegeben und unver�nderlich anzusehen. Wie hatte ausgerechnet sie kapitulieren k�nnen?</p><p>�Du l�ufst davon�, sagte er vorwurfsvoll. �Das wei�t du, nicht wahr? Dieser Kampf, den du aufgegeben hast, ist der wichtigste, den du je austragen wirst. Es ist der Kampf um deine Kinder. Wie kannst du die beiden verloren geben?�</p><p>�Es ist fast, als w�re sie schon tot�, sagte Firaz mit belegter Stimme.</p><p>Nodon sah die Gazala schweigend an, dann legte er Nandalee die H�nde auf die Wangen. �Warum? Du bist eine Drachenelfe. Wir geben niemals auf zu k�mpfen. Was ist mit dir geschehen? Was hat dich so sehr ver�ndert?�</p><p>�Die Liebe zu Gonvalon�, sagte die Seherin in die Stille. �Kannst du es nicht sehen? Er hat ihr Herz mit sich genommen, als er starb.�</p><p>�So ein Unsinn!�, zischte Nodon.</p><p>�Das macht es so schwer mit euch M�nnern, dass ihr die Liebe f�r Unsinn haltet, wir aber nicht.�</p><p>Was sollte er darauf sagen? Verblendeter, romantischer Unsinn! Das war das Letzte, was sie jetzt weiterbrachte. Nodon betrachtete die spr�den Lippen Nandalees, die dicken Schwei�perlen in ihrem Gesicht, die golden im Licht der �llampen gl�nzten. Sie war einmal sch�n gewesen. Gonvalon hatte alles f�r sie gegeben. Ja, er war f�r sie gestorben, davon war er �berzeugt. War es das, was sie nicht verwand? Dass ein anderer den h�chsten Preis f�r sie gezahlt hatte?</p><p>Nodon hatte sie nie sch�n gefunden, aber doch anziehend. Es war ihr Wesen. Sie war so anders, als er es war.</p><p>Wieder betrachtete er sie eindringlich. Sie hatte sich noch nie von einem Weg, den sie einmal eingeschlagen hatte, abbringen lassen. So w�rde es auch diesmal sein. Selbst der Dunkle war gegen ihren Dickkopf machtlos. Sie w�rde bei der Geburt der Kinder sterben, wenn der Erstgeschl�pfte sie holen k�me. Weil sie es so wollte!</p><p>Er beugte sich vor und k�sste sacht die rauen Lippen. �Lebe wohl, meine stolze, dumme Kriegerin. Ich w�nsche dir eine gute Wiedergeburt.�</p><p>Zum ersten Mal, seit er die H�tte betreten hatte, wagte Firaz es nicht, irgendetwas zu sagen. Er selbst war �berrascht von dem, was er getan hatte. Er hatte Respekt vor Nandalee. Und er hatte sich mit mehr als nur ein paar Worten verabschieden wollen, die sie ohnehin nicht h�rte.</p><p>M�de richtete er sich auf und ging zu der schweren T�r. Nie zuvor hatte ihn eine Mission so ersch�pft wie der Winterkrieg auf Nangog und nun der Abschied von Nandalee. Er fuhr sich an die Stirn. Da war ein pl�tzlicher, stechender Schmerz. Seit einer Weile suchte ihn dieser Kopfschmerz fast t�glich heim.</p><p>�Schwertmeister!�</p><p>�Was?� Nodon lie� seine Hand schwer gegen die T�r sinken. Er w�rde klopfen m�ssen, damit er aus diesem Kerker entkam.</p><p>�Ihre Lippen zittern!�</p><p>�Und?�</p><p>�Ich glaube, sie versucht zu sprechen���</p><p>Mit zwei Schritten war Nodon wieder bei ihr. Tats�chlich, Nandalee k�mpfte darum, etwas zu sagen. Ihre Augen waren immer noch verdreht, doch jetzt weit aufgerissen. Tr�nen rannen �ber ihre Wangen.</p><p>Firaz nahm seine Hand und legte sie Nandalee auf den Arm. Sie gl�hte vor Fieber.</p><p>�Gonvalon�, hauchte sie, und Nodon hatte das Gef�hl, das eine Wort m�sse ihr die Kehle zerschneiden, so viel Leid und zugleich auch Hoffnung lagen darin.</p><p>Er wollte etwas sagen, wollte ihren Irrtum aufkl�ren, als Firaz ihm eine Hand auf die Lippen legte und den Kopf sch�ttelte.</p><p>�Gonvalon�, fl�sterte Nandalee noch einmal, leiser nun.</p><p>Seine Hand strich ihren Arm hinab, und er sp�rte sie erschauern. Dann legte er sie auf ihre offene Handfl�che. Sie verschr�nkte ihre Finger in die seinen, hatte aber keine Kraft, die Hand zu schlie�en.</p><p>Pl�tzlich stie� sie einen tiefen Seufzer aus. Ihr ganzer Leib erzitterte, und sie kippte zur Seite.</p><p>Nodon fing sie auf. Hielt sie fest in den Armen.</p><p>�Es hat begonnen�, rief Firaz. �Sie hat Wehen! Sie hat sich eingen�sst. Die Kinder. Sie wird ihre Kinder bekommen. Halt fest. Halt sie ganz fest!� Sie beugte sich dicht zu ihm. �Und zerst�re nicht ihren Glauben�, fl�sterte sie ihm ins Ohr.</p><p>Wie konnte er Nandalee vorspielen, was er nicht war? Sie hatte ihre Kinder nicht in eine Welt ohne Gonvalon geb�ren wollen. Durfte er sie so sehr betr�gen?</p><p>Nandalee kr�mmte sich unter Kr�mpfen. �Alles wird gut�, sagte er, ohne l�nger nachzudenken, w�hrend Firaz der Drachenelfe die Beine spreizte.</p><p>Ein M�rder und eine blinde Seherin als Geburtshelfer. Das konnte nicht gut gehen. �Wir m�ssen Hilfe holen�, fl�sterte er.</p><p>�Warum?� Die Gazala klang beleidigt. �Die Natur hat es so eingerichtet, dass Frauen ihre Kinder auch ganz alleine bekommen k�nnen. Du h�ltst sie fest, streichelst sie und fl�sterst ihr irgendwelchen netten Unsinn ins Ohr, bis ich dir sage, dass du damit aufh�rst. Um den Rest k�mmere ich mich. Und glaube mir, starke, schmale H�nde, die wissen, was sie tun, sind dabei wichtiger als Augenlicht.�</p><p>�Aber der Dunkle�� Sollte er nicht hier sein?�</p><p>�Hast du denn gar nichts begriffen? Um seinetwillen will sie die Kinder nicht bekommen. Nandalee will nicht, dass ein Drache in Elfengestalt ihnen den Vater vorspielt. Wenn er dieses Haus betritt, dann wei� ich nicht, was geschehen wird. Er darf hier nicht herein. Und das wei� er auch. Diese Geburt zu schaffen ist allein unsere Sache! Und jetzt streng dich an und mach deine Sache gut, Gonvalon.� Den Namen sagte sie laut und mit gro�em Nachdruck, und so verwirrt Nandalee auch war, schien sie dies zumindest verstanden zu haben, denn sie dr�ckte ihm schwach die Hand.</p><p>Nodon schluckte. Er konnte nicht mehr fortlaufen. Auch wenn er einen Kampf wie diesen nie hatte bestehen wollen. Wieder b�umte Nandalee sich unter Kr�mpfen auf.</p><p>�Alles wird gut�, fl�sterte er und strich ihr das str�hnige, schwei�nasse Haar aus dem Gesicht. Ein leichtes L�cheln spielte um ihre Lippen, doch ihre Augen waren immer noch verdreht.</p><p>�Versuch zu pressen!�, befahl ihr Firaz. �Sie werden nicht von alleine kommen. Du musst deinen Kleinen helfen.� Die Seherin griff Nandalee zwischen die Schenkel.</p><p>Nodon wandte sich ab. Er wollte das nicht sehen.</p><p>�Du schaffst das�, sagte er mit Nachdruck. �Bald ist es vor�ber.� Er hatte zwar keine Ahnung, wie lange es dauern w�rde, aber er war sich sicher, dass Nandalee das gerne h�ren w�rde, wenn sie denn �berhaupt etwas von dem verstand, was er ihr zuraunte. Sie war nach wie vor nicht wirklich bei sich, aber ihr K�rper schien auch ohne ihre Hilfe zu wissen, was bei einer Geburt zu tun war.</p><p>Nodon hatte das Gef�hl, dass es sich Stunden hinzog. Immer wieder kamen die Kr�mpfe. Immer kr�ftiger krallten sich ihre Finger in die seinen. Er tupfte ihre Stirn mit Wasser ab, gab ihr zu trinken und wiederholte sich endlos mit den beruhigenden Worten, die er ihr zufl�sterte.</p><p>Die fensterlose Kammer, getaucht in das goldene Licht der �llampen, war zeitlos. Er konnte nicht sagen, ob es drau�en Nacht oder Tag war. Er a� zwischendurch ein wenig Obst, ohne wirklich Hunger zu haben, und dann endlich war es so weit, und pl�tzlich ging alles schnell. Firaz hielt ein kleines Kn�uel mit verkniffenen Augen und nassem, dunkelblondem Haar in ihren blutverschmierten H�nden.</p><p>�Ein M�dchen�, verk�ndete die Seherin stolz. �Nimm sie, Nodon. Leg sie Nandalee auf die Brust und achte darauf, dass sie nicht herunterrutscht.�</p><p>Der kleinen Elfe schien es nicht zu gefallen, aus dem Scho� ihrer Mutter gerissen worden zu sein. Sie begann mit erstaunlich kr�ftiger Stimme zu schreien. Nodon nahm sie nur z�gerlich an sich. Sie war so federleicht, so zerbrechlich. Schnell legte er sie auf Nandalees Brust. Firaz durchtrennte die Nabelschnur.</p><p>F�r einen Augenblick verzaubert, betrachtete Nodon das winzige M�dchen. Weinend, mit geballten F�usten lag es dort, und seine Mutter regte sich nicht. Immer noch waren Nandalees Augen so verdreht, dass sie nur das Wei� zeigten. Sie tastete nicht nach dem Kind, sagte kein Wort. Sie lag wie tot, w�hrend das Neugeborene um ihre Liebe k�mpfte.</p><p>Hilflos blickte Nodon zu Firaz, doch die Gazellenfrau beachtete ihn nicht. Sie wirkte angespannt, ihre H�nde waren in Nandalees Scho� versunken. Leise murmelte die Seherin etwas Unverst�ndliches vor sich hin. Ein Bittgebet? Eine Beschw�rung?</p><p>Sie hatte das zweite Kind aus dem Leib geholt, doch wirkte sie jetzt verst�rt. Nodon beugte sich zu ihr her�ber und rang um Atem, als er sah, was zwischen Nandalees Schenkeln lag. Aus der blutigen Nachgeburt ragten dicke Eierschalen und Leichenteile. Es hatte <emphasis>noch</emphasis> ein Kind gegeben? Wie hatte es verborgen bleiben k�nnen? War es schon tot gewesen, als Nodon Nandalee aus ihrem Tal holen wollte?</p><p>Er sah zu Firaz auf, die das zweite Kind nun an sich dr�ckte. Einen Jungen, dem ein Arm fehlte. Hatte der Dunkle nicht alles in Ordnung gebracht? Gr�ssliche Narben verunstalteten den K�rper des Neugeborenen. Hatte ihm das sein unheimlicher Bruder angetan, den der Dunkle Nandalee entrissen hatte? Und wie konnte es sein, dass das kleine M�dchen v�llig unversehrt geblieben war?</p><p>�Sag ihr niemals, was du hier gesehen hast�, befahl Firaz streng und dr�ckte ihm den Jungen in den Arm. �Es muss f�r immer ein Geheimnis bleiben.� Die Seherin b�ckte sich und sammelte die Nachgeburt in ein besudeltes Tuch, das sie mitten in die Flammen der Feuerstelle warf.</p><p>�Was wird mit dem Jungen?� Nodon betrachtete den Kleinen unsicher, der ihn aus gro�en Augen aufmerksam musterte. Er war anders als das M�dchen, wirkte verst�ndig, als w�rde er schon jetzt, in der Stunde seiner Geburt, begreifen, was um ihn herum vor sich ging. Er atmete ruhig. Seine Lunge schien kr�ftig und unverletzt zu sein. Er gab keinen Laut von sich. Schaute nur auf eine Art, die Nodon zutiefst ber�hrte und zugleich auch unheimlich war.</p></section><section><title><p>Nachtatem</p></title><p>Nandalee trat aus dem Geburtshaus in das strahlende Sonnenlicht. Mit zusammengekniffenen Augen blickte sie zum weiten Himmel hinauf und genoss die W�rme des Nachmittags. Der Gedanke an Gonvalons Tod holte sie wieder ein. Ganz w�rde dieser Schatten niemals weichen. Doch sie wollte aus dem Albtraum, der mit dem Untergang von Selinunt begonnen hatte, endlich erwachen. Sie durfte sich nicht l�nger in sich zur�ckziehen und wie ein wildes Tier leben.</p><p>�Sollen wir weitergehen?�, fragte Firaz. Die Gazala hielt ihre beiden Kinder auf dem Arm. Die Schl�ssel zu einem neuen Leben. F�r die beiden w�rde sie alles tun.</p><p>�Geh schon voraus�, entgegnete sie.</p><p>Nandalee sp�rte, dass er ganz nahe war. Ihr Kerkermeister und Gebieter. Sie musste mit ihm sprechen, auch wenn es ihrer Meinung nach nichts zu bereden gab.</p><p>�Geh voraus, Firaz, ich hole euch gleich ein�, wiederholte sie ruhig.</p><p>Die Gazala nickte. Nandalee war sich sicher, dass auch die blinde Seherin wusste, dass Nachtatem hier irgendwo unter den B�umen wartete. Ohne ein weiteres Wort wandte sie sich ab und ging mit den Kindern dem Weg jenseits des Teiches entgegen, der sie hinauf zur Veste der Drachenelfen f�hren w�rde.</p><p><emphasis>Beim Mangobaum,</emphasis> fl�sterte seine Stimme in ihren Gedanken.</p><p>Nandalee ging dem schweren Duft der Fr�chte nach. Dann sah sie ihn. Tief in den Schatten, eine vage Gestalt. Er war als Elf gekommen; doch mochte er auch seine Drachengestalt abgelegt haben, so war ihm die Aura bedr�ckender Macht erhalten geblieben.</p><p>Trotz all ihrer Vors�tze, ihm zu widerstehen, vermochte sich Nandalee der Wirkung seiner Aura nicht zu entziehen. Sie f�hlte sich klein und unbedeutend. Seine Gunst w�rde sie aufbl�hen lassen, w�rde ihre geheimsten Sehns�chte erf�llen.</p><p>�Was kann ich f�r Euch tun, mein Gebieter?�, fragte sie steif.</p><p><emphasis>Das wei�t du.</emphasis></p><p>�Ich werde nicht wieder das Schwert f�r Euch f�hren. Nie wieder werde ich eine Waffe anr�hren.�</p><p>Er l�chelte sp�ttisch, sodass sie sich mit ihrem Trotz klein und l�cherlich vorkam.</p><p><emphasis>Ihr k�nnt Euch Eurem Schicksal nicht entziehen, meine Dame. Ihr habt Euch in der Wei�en Halle die Klinge Todbringer erw�hlt. Dies Schwert wurde dazu erschaffen, die Devanthar zu vernichten. Ihr seid sein Werkzeug, solange Ihr lebt, Dame Nandalee. Widersetzt Euch dem nicht. Niemand vermag sein Schicksal zu besiegen.</emphasis></p><p>�Das gilt nur f�r den, der glaubt, dass sein Schicksal festgeschrieben ist�, widersprach sie voller Leidenschaft. �Ich bin die Baumeisterin meiner Zukunft. Kein Orakel und keine Silberschale nimmt mir dieses Privileg.�</p><p>Statt zu antworten, l�chelte er nur wissend, distanziert. Doch in seinen Augen las sie seine Sehnsucht. Er begehrte sie. Es ging nicht nur um ihr Schwert. Und sie w�rde niemals wissen, ob nicht dieses Begehren schuld an Gonvalons Tod war.</p><p><emphasis>Die erste Schlacht um Nangog ist geschlagen. Wir haben einen glanzlosen Sieg errungen und die Devanthar gedem�tigt. Von nun an wird es auf allen drei Welten keinen Ort mehr geben, der sicher ist. Sie werden zur�ckschlagen, und sie werden es dort tun, wo wir am wenigsten damit rechnen. Ich bitte Euch, stellt Euer Gl�ck nicht auf die Probe. Bleibt im Jadegarten, Dame Nandalee. Es geht nun nicht mehr um Euch allein. Eure Entscheidungen bestimmen auch �ber das Leben Eurer Kinder.</emphasis></p><p>�Wollt Ihr mir drohen?�, entgegnete sie scharf. Sie sah, wie sehr ihre Worte ihn verletzten.</p><p><emphasis>Ihr verkennt die Tatsachen, meine Dame. Ich bin keine Gefahr, ich bin Euer Besch�tzer. Vielleicht der Einzige, den Ihr noch habt.</emphasis></p><p>�Ich wei�, dass Ihr dies ehrlich meint, und ich werde den Jadegarten nicht verlassen. Doch ich werde nie wieder das Schwert f�r Euch f�hren. Findet Euch damit ab.�</p><p>Nandalee wandte sich ab und ging so schnell sie es vermochte. Die Strapazen der Schwangerschaft und der Geburt hatten sie ausgezehrt. Und auch Nachtatems Gef�hle setzten ihr zu. Sie hatte seinen Schmerz gesp�rt. Seine Traurigkeit. Dies waren weit wirksamere Waffen, um sie umzustimmen, als irgendwelche Drohungen. Sie war sich nicht sicher, was er in ihr sah und was er wirklich von ihr begehrte. Aber sie wollte es nicht ergr�nden.</p><p>Er war der M�rder Gonvalons! Sie schuldete ihm nichts mehr.</p></section><section><title><p>Die Furcht des Schwertmeisters</p></title><p>Sie konnte sich kaum auf den Beinen halten, als sie den Gang entlang auf ihn zukam, aber sie hatte darauf bestanden, alleine zu gehen. Es sah aus, als w�rde die alte Nandalee langsam wiedergeboren, dachte Nodon. Zwei Wochen waren seit der Geburt vergangen, und sie war immer noch zum Erbarmen d�rr, aber in ihren Augen lag ein Glanz, der lange verloren gewesen war, und sie l�chelte zaghaft. Fast wie ein junges M�dchen, das sich zum ersten Mal allein mit ihrer gro�en Liebe trifft.</p><p>Hinter ihr ging Firaz. Sie hielt die beiden Kinder auf dem Arm.</p><p>�Es ist gut, dass die anderen nicht hier sind�, sagte Nandalee leise. Ihre Stimme war noch schwach, zerbrechlich. Sie lie� ahnen, wie viel es sie kosten musste, sich aus eigenem Willen auf den Beinen zu halten.</p><p>�Sie haben verstanden, dass du zun�chst allein sein m�chtest. Und sie sind froh, dass du gekommen bist. Du bist eine von uns. Du geh�rst hierher, in die Veste der Drachenelfen.�</p><p>Ein Wangenmuskel Nandalees zuckte. War sie ger�hrt? Oder ver�rgert? Sie hatte sich immer schwer damit getan, keine Einzelg�ngerin zu sein.</p><p>Er �ffnete die T�r, neben der er gewartet hatte. �Alle haben etwas gegeben, um dieses Gemach wohnlich zu gestalten. Ein Geschenk ist sogar von ziemlich weit her gekommen�� Man redet �ber deine Geburt.�</p><p>Ihr war anzusehen, dass ihr dieses Thema unangenehm war. Wie hatte er so dumm und taktlos sein k�nnen. Er w�rde die Geburt nicht mehr ansprechen. Das meiste war ohnehin ein Geheimnis zwischen ihm und Firaz. Er w�nschte, er k�nnte vergessen, was er gesehen hatte.</p><p>Nandalee trat neben ihn und blieb in der T�r stehen. Er h�rte sie nach Luft schnappen�� Hoffentlich war sie nicht schon wieder verletzt. Sie war so d�nnh�utig geworden.</p><p>�Das��� Sie rang erneut um Atem. �Das ist wundersch�n!�</p><p>�Wir haben improvisiert.� Nodon war erleichtert. �Alle haben etwas gegeben���</p><p>Nandalee deutete auf den langen, tropfenf�rmigen Schild an der Wand und die beiden Schwerter, die dahinter hingen. �Ich werde nie wieder eine Waffe in die Hand nehmen. Meine Zeit als Kriegerin ist vor�ber.�</p><p>Er nickte und versuchte sich vorzustellen, wie der Dunkle das aufnehmen w�rde. Eine Drachenelfe, die sich dem Kampf verweigerte! Das hatte es noch nie gegeben.</p><p>Ihr Blick schweifte durch das Zimmer. Nodon beobachtete sie voller Sorge. Sie hatten ihr das gr��te Gemach �berlassen. Die wenigen M�bel standen vereinzelt. Mit allen hatte es eine besondere Bewandtnis. Das Bett kam von den Kobolden des Jadegartens, er hatte es stundenlang untersucht, weil er den seltsamen Sinn f�r Humor des kleinen Volkes f�rchtete. Kein Zauber war darauf gesponnen, keines der Beine anges�gt. Es war einfach nur ein gro�es Bett mit angenehm weicher Matratze und einem Kopfende, dessen Schnitzwerk eine Blumenwiese zeigte.</p><p>�Dort werde ich stillen�, sagte Nandalee und wies auf ein M�belst�ck mit hoher R�ckenlehne, das sich nicht ganz entscheiden konnte, ob es Stuhl oder Sitzbank sein sollte. Der Tisch daneben mit gl�nzenden Bronzebeinen und einer Platte aus gr�nem Stein, der aus den Felsen des Jadegartens gebrochen war, war hier in der Werkstatt der Veste entstanden.</p><p>Nandalee trat ins Zimmer und sah sich weiter um. �Drei Fenster�� Das ist sch�n. Viel Licht ist gut.�</p><p>Nodon musste an das fensterlose Geburtshaus denken und war erleichtert, dass sie die Dinge nun anders sah.</p><p>Ihre Hand glitt spielerisch �ber den Barinstein auf dem Tisch, der als abstrakte, sich windende Skulptur gestaltet war. Er w�rde ihr nicht sagen, dass es ein Geschenk des Dunklen war.</p><p>Sie kniete neben der meergr�nen Lacktruhe unter dem mittleren Fenster nieder und strich �ber die spiegelnde Oberfl�che. Auf den Truhendeckel und die Seitenw�nde waren von kunstfertiger Hand springende Delphine gemalt. �Von wem ist die?�</p><p>�Eleborn hat sie geschickt. Er entrichtet dir seine Gr��e und hofft, dass er dich bald besuchen kann.�</p><p>�Eleborn��� Ihr Blick war wieder in sich gekehrt, als k�nnte sie in die Vergangenheit sehen. �Er war bei mir, als ich die Eibe f�r meinen Bogen gef�llt habe. Er hat mich nicht an die Meister der Wei�en Halle verraten. Kennst du ihn, Nodon?�</p><p>�Nein, nur dem Namen nach.�</p><p>�Er erschafft wundervolle Skulpturen aus Licht und Wasser. Die Kinder werden seine Kunst lieben.� Sie ging zur Wiege, die neben dem Bett stand.</p><p>Nodon vermeinte eine gewisse Scheu zu sp�ren, als sie dies M�belst�ck n�her betrachtete. Die Wiege war wei� und in einem schweren Holzrahmen so aufgeh�ngt, dass sie schwingen konnte. Eine niedrige Trennwand unterteilte sie in zwei Schlafpl�tze. Der Himmel �ber dem Kopfende war mit fliegenden Pegasi ausgemalt. Die Mitte des Bildes beherrschte ein Rappe mit weit ausgebreiteten Schwingen, der eine schneewei�e Blesse auf der Stirn trug. Sternauge, der Pegasus Nandalees.</p><p>Sie erkannte ihn und strich mit der Hand �ber das Bild. �Sch�n�, sagte sie leise. �Von wem ist dieses Geschenk?�</p><p>Nodon r�usperte sich verlegen. �Von mir�� Ich bin kein sehr begnadeter Maler�� Ich���</p><p>�F�r mich ist die Wiege das sch�nste von allen Geschenken.� Sie winkte Firaz, die z�gernd in der T�r stand. Dann nahm sie der Gazala die Kinder ab und legte die beiden in ihr neues Bett.</p><p>�Hast du ihnen schon Namen gegeben?�</p><p>�Ja, ich habe mit Gonvalon lange dar�ber gestritten.� Sie l�chelte. �Unser Sohn soll Meliander hei�en, unsere Tochter Emerelle.� Pl�tzlich standen ihr Tr�nen in den Augen. �Wei�t du, er hat mir fest versprochen, er w�rde bei mir sein, wenn die beiden zur Welt kommen.� Ihre Stimme klang pl�tzlich rau. �Ich dachte��� Sie sch�ttelte den Kopf. �Er hat Wort gehalten. Er war dort. Im Geburtshaus. Ich wei� nicht, wie er das gemacht hat. Aber er hat sie beide gesehen. Wenigstens dieses eine Mal.�</p><p>Nodon f�hlte sich elend. Er h�tte sich f�r diesen Betrug nicht hergeben sollen.</p><p>Nandalee blickte zu ihm auf. �Ich wei�, du und Gonvalon, ihr wart keine Freunde. Die beiden werden einen Vater brauchen�� Ich werde ihnen nicht alles geben k�nnen, was sie ben�tigen.�</p><p>Nodon hob abwehrend die H�nde. �Nein, darin w�re ich nicht gut���</p><p>Nandalee sah ihm fest in die Augen. �Ich glaube, du kannst in allem gut sein, wenn du es nur willst. Das ist deine besondere Gabe, Nodon.�</p><p>Er wich ihrem Blick aus, sah zu den Fenstern, dann in die Wiege. Emerelle schlief. Aber aus Melianders entstelltem Gesicht sahen ihn zwei wache Augen aufmerksam an. Wieder hatte Nodon das absurde Gef�hl, dass der Kleine alles verstanden hatte. Und auch seine Augen schienen ihn zu bitten, dass er zustimmte.</p><p>�Ich k�nnte es versuchen�, sagte er schlie�lich z�gerlich. �Aber erwarte nicht zu viel von mir.�</p><p>Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und k�sste ihn sanft auf die Wange. �Danke. Sie werden dich daf�r lieben.�</p><p>Der Schwertmeister sah zur Wiege hinab. Genau davor f�rchtete er sich. Liebe.</p></section><section><title><p>Neue Aufgaben</p></title><p>Er h�rte das harte Schlagen der St�cke schon, als er noch mehrere Stra�en entfernt war. Sie waren schnell, sehr schnell, dachte er zufrieden. Er zog den weiten Kapuzenmantel ein wenig enger, doch vermochte er das Licht nicht ganz zu verbergen. Auch war er sich der Blicke bewusst, die ihm folgten. Bidayn hatte die Stadt ver�ndert. Jeder hier in Uttika schien zu wissen, dass es ein Geheimnis gab. Der Goldene las es in den Augen der Kobolde, die dicht entlang der Mauern huschten, in den Augen der Kentauren, die stets die Mitte der Stra�en nahmen, in den Augen der Faune und Minotauren, der einen Elfe, die seinen Weg kreuzte.</p><p>Er sch�rfte seine Sinne. Lauschte auf das Raunen, das wieder auflebte, sobald er vor�bergegangen war.</p><p>�Der geh�rt auch dazu���</p><p>�Ja, sie hat noch einen geholt���</p><p>�Dass Shanadeen nicht merkt, wen er sich da ins Haus geholt hat��</p><p>�Die werden sein Verm�gen durchbringen���</p><p>�Warum sind die nicht bei den Kriegern, die nach Nangog gerufen werden���</p><p>�Haben sich freigekauft mit Shanadeens Verm�gen���</p><p>Nun, unauff�llig war sie nicht geblieben. Selbst von ferne hatte er gesp�rt, wie sie sich ver�ndert hatte. Sie wollte ihre Macht ausleben. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, so sehr auf sie zu bauen.</p><p>Am Morgen war Lyvianne bei ihm gewesen, um ihm vom Geheimnis, das sie aufgedeckt hatte, zu berichten. Sie hatte ihn wahrlich �berrascht. Sie hatte zwar nicht alles durchschaut, was im Komplott um Anatu geschehen war, aber das, was sie zu berichten wusste, war schon ungeheuerlich gewesen. Es hatte ihn aufgew�hlt, aber er w�rde die Wahrheit �ber den Purpurnen noch zur�ckhalten. Dieses Wissen war Macht. Er musste den rechten Augenblick abpassen, es zu nutzen.</p><p>Pl�tzlich verstummte das Klacken der h�lzernen �bungsschwerter. Zu abrupt. Sie hatte ihn bemerkt, da war er sich sicher. Er sah die Gasse hinab zu der T�r in der hohen Mauer. Wie von Geisterhand bewegt, schwang sie auf.</p><p>Der Goldene blieb stehen. Sie sollte zu ihm kommen. Er konnte sie riechen. Seine Sinne waren ganz auf sie gerichtet. Verwesungsgeruch haftete ihr wieder an. Ob sie sich eines Tages zu ihrer wahren Haut bekennen w�rde, um diesem Geruch zu entfliehen?</p><p>Hinter der Mauer wurde nicht gefl�stert. Er sp�rte sie alle, seine M�rder, die sie f�r ihn auserw�hlt hatte. Lemuel, den Maurawan, der V�gel mehr liebte als sein eigenes Volk. Kyra, die M�rchenerz�hlerin, die vor ihrem Vater Solaiyn fortlief, der sich als sein Feldherr so n�tzlich erwiesen hatte. Asfahal, der Blender mit der verletzten Seele, der es nie m�de wurde, Trost in fremden Armen zu suchen und so viele gebrochene Herzen hinter sich lie�. Und Valarielle, die es liebte, sich in Dunkelheit zu h�llen. Die f�nf waren sich so nahe gekommen, dass Blicke gen�gten, um zu wissen, was zu tun war. Das war gut! Sie k�nnten vieles erreichen.</p><p>Er h�rte leise Schritte. Dann stand sie in der T�r. Bidayn. Sie war nicht mehr das M�dchen, das er nach Nangog geschickt hatte. Sie wirkte h�rter. Jetzt, da sie ein eigenes Ziel hatte, hatte sie viel entschlossener ge�bt als in der Wei�en Halle. Sie hatte sich ihren K�rper untertan gemacht, sich gest�hlt. Sie hielt seinem Blick stand. Das gefiel ihm.</p><p>�Wir m�ssen reden, Dame Bidayn.�</p><p>Sie nickte und kam auf ihn zu. Die Pforte in der Mauer schloss sich.</p><p>Sie roch nach frischem Schwei�, ein Duft, den er schon immer an Frauen gemocht hatte. �Ich hatte Euch gebeten, unauff�llig zu bleiben, meine Dame. Mir scheint, es ist Euch nicht sonderlich gegl�ckt, meinem Wunsch nachzukommen.�</p><p>�Mich betr�bt, Euch entt�uscht zu haben, doch kann ich Euch versichern, dass in dieser Stadt niemand ahnt, was ich oder meine Gef�hrten wirklich sind.� Sie blieb zwei Schritt vor ihm stehen. Er sp�rte, wie seine Aura der Macht auf sie wirkte, und sie versuchte, sich zu widersetzen. Es w�rde ihr nicht gelingen. Kein Albenkind konnte sich einer Himmelsschlange widersetzen. Aber es war bemerkenswert, dass sie es versuchte.</p><p>�Darf ich mich erkl�ren, mein Gebieter?�</p><p>�Ich bin ver�rgert.� Er sah, wie sie kurz zusammenzuckte, als er sie ein wenig gespielten Zorn sp�ren lie�. �Ihr solltet hier im Verborgenen bleiben!�</p><p>�Ein Wunsch, der unm�glich Wirklichkeit werden konnte�, entgegnete sie mit fester Stimme. �Diese Stadt ist zu klein f�r f�nf Elfen wie uns. Es ist unm�glich, keine Aufmerksamkeit zu erregen. Und das Land ringsherum bietet keinen Ort, an dem wir ungest�rt �ben k�nnten. Keine versteckten Buchten, denn �berall entlang der K�ste gibt es Fischer. In den flachen H�geln vor der Stadt wandern zu viele Hirten mit ihren Herden. L�ngst h�tten unerw�nschte Augenpaare beobachtet, was wir tun. Wie Valarielle Finsternis webt und wir ein Teil dieser Finsternis werden. Hier inmitten der Stadt habe ich daf�r gesorgt, dass dies nicht geschehen kann.�</p><p>Er lachte leise. �Nur dass man Eure Holzschwerter noch drei Stra�en entfernt h�rt, meine Dame. Was glaubt Ihr, was die Albenkinder Uttikas �ber Euch denken?�</p><p>�Mit Verlaub, mein Gebieter, das �berlassen wir nicht dem Zufall. Es wird viel geredet �ber uns, ja, aber <emphasis>wir</emphasis> streuen die Ger�chte. Manche Einwohner halten uns f�r F�rstenkinder, die vor den Aushebungen f�r den Krieg in Nangog geflohen sind, einige gar f�r Piraten.� Bidayn lachte leise. �Andere sind �berzeugt, ich sei eine Erbschleicherin und wolle den armen Shanadeen ausnehmen. Und wieder andere dichten mir eine Aff�re mit Asfahal an. Die meisten dieser Ger�chte haben wir in Umlauf gebracht. Sie sind zu einem dichten Schleier vor der Wahrheit geworden.�</p><p>�Ich rieche Asfahal an dir.� Zum ersten Mal, seit sie durch die T�r getreten war, wirkte sie unangenehm ber�hrt.</p><p>�In den besten L�gen ist stets ein wenig Wahrheit enthalten�, sagte sie leise.</p><p>Eine Weile schwiegen sie beide. Er war �berrascht, sich eingestehen zu m�ssen, dass es ihm nicht gefiel, dass sie mit Asfahal das Lager teilte. Mit Shanadeen war das etwas anderes. Der Goldene war sich ganz sicher, dass sie nichts f�r den Handelsf�rsten empfand. Aber Asfahal�� Seine st�rkste Magie lag in seinem L�cheln.</p><p>�Ich bin offen zu Euch, Dame Bidayn. Eure Taten hier erf�llen mich mit Missvergn�gen.�</p><p>�Dann lasst mich beweisen, dass es der richtige Weg war. Sie haben wochenlang geprobt. Sie sind gut. Bitte, Erhabener, gebt uns Gelegenheit, uns zu beweisen. Der Plan, den ich entworfen habe, ist gut. Bitte gebt uns ein Ziel, und wir beweisen es Euch.�</p><p>�Ihr seid vier Drachenelfen. Die Wei�e Halle gibt es nicht mehr. Vielleicht wird f�r lange Zeit nicht mehr die M�glichkeit bestehen, neue Drachenelfen auszubilden. Wenn Ihr Euch irrt, meine Dame, und wir vier Drachenelfen verlieren, w�re dies eine empfindliche Niederlage.�</p><p>�Wir werden nicht versagen!�</p><p>Sie war wirklich �berzeugt, dachte er. �Nandalee hat ihre Kinder bekommen.� Er beobachtete Bidayn scharf. Sie zeigte keinerlei Regung. Offensichtlich hatte sie wirklich mit ihrer fr�heren Freundin gebrochen.</p><p>�Doch noch ist Nandalee nicht unser Ziel. Sie wird gut bewacht. Ihr sollt Euch an anderer Stelle beweisen.� Er dachte an seinen Bruder. Daran, was die verdammten Devanthar ihm angetan hatten. Er vegetierte in einem Teich auf Nangog, tief unter der Erde verborgen, ein Teil eines makaberen Rituals. Er war tot, und doch schafften sie es, seinen Leib weiterleben zu lassen. Sich mit einer Devanthar einzulassen war dumm gewesen, aber dieses Schicksal hatte sein Nestbruder nicht verdient. Die Devanthar und ihre engsten Diener, die Unsterblichen, sollten lernen, was es hie�, den Zorn der Himmelsschlangen herauszufordern.</p><p>�Ich kann Euer Verlangen, Euch zu beweisen, gut nachvollziehen, meine Dame.� Er lie� sie sp�ren, dass sie keinen ihrer Gedanken vor ihm verbergen konnte. Er wusste nun, was mit Asfahal gewesen war, und k�mpfte gegen seinen �rger an. Bidayn war zu kostbar und trotz ihres selbstbewussten Auftritts noch nicht innerlich gefestigt. Dieses Mal w�rde er darauf verzichten, sie zu bestrafen. �Ihr habt bereits Pl�ne, meine Dame. Ihr m�chtet einen der Unsterblichen t�ten?�</p><p>Bidayn nickte ernsthaft. �Ja, mein Gebieter. Ich kenne die Lage aller Pal�ste und aller bedeutenden Tempel in der Goldenen Stadt. Wenn wir dort zuschlagen, w�rde ich mich auf vertrautem Terrain bewegen.�</p><p>�Ich hoffe, Euer Ehrgeiz �bersteigt nicht Eure M�glichkeiten, gesch�tzte Bidayn.�</p><p>�Ganz gewiss nicht, mein Gebieter�, entgegnete sie voller Leidenschaft.</p><p>�Nun, so sei es. Ich m�chte den Menschenkindern eine Botschaft schicken. Und Ihr werdet meine Botin sein. Nur zwei Unsterbliche weilen in diesen Tagen in der Goldenen Stadt. Die Herrscher Arams und Drusnas. W�hlt Euch einen als Ziel, meine Dame, st�rmt seinen Palast, t�tet den Unsterblichen und m�glichst viele seiner hohen Beamten, Priester und Leibw�chter. Das Ziel dieses Angriffs ist es, Schrecken zu verbreiten. Die Menschenkinder sollen sich an keinem Ort mehr sicher f�hlen. Und sie sollen beginnen, an ihren G�ttern zu zweifeln, weil sie nicht von ihnen besch�tzt werden. Werdet Ihr diese Aufgabe erf�llen k�nnen?�</p><p>Bidayn verneigte sich vor ihm. �Euer Vertrauen ehrt mich, Erhabener. Wir werden Eure Befehle in die Tat umsetzen. Sofort! Ohne zu z�gern! Wir sind Drachenelfen!�</p><p>�Nun, ich hoffe, Ihr erf�llt mich dieses Mal mit Stolz, Dame Bidayn. Meinem Befehl, hier in Uttika unsichtbar zu bleiben, seid Ihr nicht nachgekommen.� Er sp�rte ihren Zorn, auch wenn sie �u�erlich v�llig ruhig blieb.</p><p>�Ich bitte um Erlaubnis, etwas zu sagen, Erhabener.�</p><p>Er nickte.</p><p>�Ich war niemals unsichtbar in dieser Stadt. Auch als ich nur ein unscheinbares Kinderm�dchen war, wurde �ber mich geredet. Uttika ist zu klein, und es gibt hier zu wenige Elfen. Jeder aus unserem Volke erweckt Aufmerksamkeit. Als noch vier weitere Elfen kamen, mussten sie Stadtgespr�ch werden. Aber bitte glaubt mir, Herr, was wir wirklich sind, ist tief verborgen. Geht durch die Stadt und lauscht auf die Gespr�che der Albenkinder. Viele reden �ber uns. Doch niemand, nicht einmal der argw�hnische Kentaurenf�rst Sekander, w�rde uns je f�r Drachenelfen halten.�</p><p>�Eure Versuche, Euer Scheitern zu rechtfertigen, ver�rgern mich, Dame Bidayn. Geht nun.�</p><p>Sie verbeugte sich erneut und zog sich zur�ck. Deutlich sp�rte er, dass ihr �rger in Verzweiflung umgeschlagen war. Doch nun war er sich sicher, dass sie in der Goldenen Stadt ihr Bestes geben w�rde. Ein Unsterblicher w�rde ausgel�scht werden, dort, wo sich die Menschenherrscher am sichersten f�hlten.</p><p>Der Goldene verlie� die Gasse. Bidayn hatte recht gehabt. In dieser Stadt unsichtbar zu bleiben war f�r Elfen unm�glich. Sie hatte zwar keinen guten, aber doch einen durchaus akzeptablen Weg gefunden, um mit diesem Problem umzugehen. Doch das w�rde er ihr nicht sagen. Sie war ihm ein wenig zu selbstbewusst geworden.</p><p>Er schlenderte zu den Anlegestellen am Hafen und lauschte erneut den Gespr�chen ringsherum.</p><p>�Unsere M�nner sollen einen gro�en Sieg auf Nangog errungen haben, und es waren vor allem Kentauren, die sich dabei hervorgetan haben.�</p><p>�Der Preis f�r Salzheringe wird steigen. Ich sag es dir! Sie werden sie als haltbare Vorr�te f�r die Feldz�ge zu sch�tzen wissen.�</p><p>�Dieses Weib von Shanadeen. Ich bin mir sicher, sie schon einmal gesehen zu haben. Sie war eine Hure in einem sehr teuren Freudenhaus in Mylal. Ganz gewiss hat Shanadeen sie dort gefunden.�</p><p>Der Goldene musste l�cheln. Tats�chlich hielt niemand in der Stadt Bidayn f�r eine Drachenelfe. Er sollte gn�diger mit ihr sein, wenn sie sich in der Goldenen Stadt bew�hrte. Und dennoch neigten sich seine Sympathien gerade eher Lyvianne zu. Er wusste, dass der schnelle Aufstieg ihrer Sch�lerin ihr zu schaffen machte. Und das hatte sie dazu befl�gelt, �ber sich hinauszuwachsen. Wenn sie das Komplott I�tas aufdeckte, dann w�rde dies der Sache der Devanthar mehr Schaden zuf�gen als der Tod von zehn Unsterblichen.</p></section><section><title><p>Der letzte Kampf</p></title><p>Die Nacht hatte bereits den �stlichen Horizont verschlungen. Im letzten Abendlicht des Westens schnitten schwarze Sicheln durch den Himmel, der mit Gold und Purpur prunkte. Mauersegler auf ihrem letzten Flug vor der Nacht.</p><p>Lyvianne war zu den Ruinen des Tempels zur�ckgekehrt, �ber denen sich in der Nacht der Palast aus Mondenlicht erheben w�rde. Schnell wuchsen die Schatten zwischen den geborstenen Mauern. Der Ort, an dem einst der Purpurne und Anatu �ber den Frieden der Welten verhandelt hatten, f�llte sich mit Dunkelheit. Es war beklemmend still. Das Lied der Grillen fehlte an diesem Abend.</p><p>Die Elfe stieg zwischen Disteln mit lila Bl�ten den trockenen Hang hinauf. Er war schon hier, sie konnte es sp�ren. Der Ebermann erwartete sie irgendwo dort oben zwischen den Schatten. Diesmal hatte sie ihr Schwert mitgenommen. Jene m�chtige Klinge, geschmiedet im Feuer der Himmelsschlangen, der die Eigenschaft innewohnte, jeden ihrer Zauber noch zu st�rken. Und dieses Mal hatte sie sich weder in raue Wolle noch in schlecht gegerbtes Leder gekleidet oder die Gestalt eines verschwitzten Kriegers angenommen. Diesmal kam sie als das, was sie war, eine Drachenelfe. Denn sie w�rde an der Seite eines Devanthar reisen, auf Wegen, weitab von jenen, die die Menschenkinder nutzten. Gemeinsam w�rden sie das R�tsel Iyalis ergr�nden. Vielleicht wusste er ja, was ihre Worte zu bedeuten hatten: <emphasis>Der purpurne Herr des Himmels begegnete Anatu zum ersten Mal im Netz der goldenen Wege, meine Herrin aber traf ihn zum ersten Mal in ihrem Palast aus Mondenlicht.</emphasis></p><p>Lag das Geheimnis vielleicht in einer Zeitschleife? Lyvianne trat ins Dunkel der Tempelruinen und folgte dem Weg, den sie zwei Monde zuvor mit dem Devanthar genommen hatte. Wo war der Ebermann? Hier zwischen den alten Mauern wirkte die Stille noch bedr�ckender, noch unnat�rlicher. Ihre Hand tastete nach ihrem Schwert, als sie auf den Stelenhof trat, von dem die Drusnier einst das Bildnis der triumphierenden I�ta gestohlen hatten.</p><p>Am Fu� einer der unbehauenen Stelen lag der Ebermann. Erst dachte Lyvianne, er schliefe, auf die Seite gerollt, mit angezogenen Beinen. Sie kniete sich neben ihn und sah die Prellungen auf seiner breiten Brust. Rasch suchte sie den K�rper des Devanthar ab. �ber der H�fte gab es auch Krallenspuren, als h�tte er gegen ein Tier gek�mpft. Auf der linken Schl�fe entdeckte sie eine gro�e pflaumenfarbene Prellung. Die Elfe tastete nach seinem Hals. Sein Puls ging stark und regelm��ig. Er war nur ohnm�chtig. Wer bei den Alben hatte ihn angegriffen?</p><p>Ein Schatten fiel �ber den Hof. Lyvianne stand auf und legte, w�hrend sie sich umwandte, die Rechte auf den Griff ihres Schwertes. Gegen das letzte Blau des Abendhimmels hob sich eine gro�e, gefl�gelte Gestalt ab. I�ta!</p><p>�Dachtest du wirklich, du k�nntest in mein Reich kommen und meinen Geheimnissen nachsp�ren, ohne dass ich es bemerke, Albentochter?�</p><p>Lyvianne zog ihr Schwert. Sie tat es langsam, ohne die Devanthar aus den Augen zu lassen. I�ta f�hrte den Speer mit langer Klinge, mit dem sie so oft auf ihren G�tterbildern gezeigt wurde. �Was geschieht mit dem Ebermann?� Lyvianne tat einen Schritt zur Seite und stellte sich sch�tzend �ber ihn.</p><p>I�ta lachte. �Was ist das? Eine Drachenelfe, die einen Devanthar verteidigt? Genau so hat sich der Purpurne einst vor Anatu gestellt. Die Geschichte wiederholt sich. Und was den Ebermann angeht: Er ist mein Bruder. Wir t�ten einander nicht. Allerdings wird er eine Strafe erhalten. Ich w�nsche nicht, dass er zu unseren Geschwistern geht und allen erz�hlt, was er zu wissen glaubt.�</p><p>�Vielleicht werden das die Himmelsschlangen tun. Der Goldene wei� um deinen Verrat an Anatu.�</p><p>I�ta schwebte ein wenig tiefer. Die Spitze ihres Speers zeigte auf Lyviannes Brust. �Der Goldene�� Dann muss ich mir ja keine Sorgen machen. Er geht seine eigenen Wege.�</p><p>Lyvianne bemerkte eine Bewegung weit links von ihr, fast au�erhalb ihres Gesichtsfelds. Eine gefiederte Gestalt hatte sich auf einer der Hofmauern niedergelassen, und aus dem Durchgang, der hinauf zu den Terrasseng�rten f�hrte, trat eine gedrungene, langarmige Gestalt.</p><p>�Leg dein Schwert nieder�, forderte der Devanthar im Federgewand. Halb Mensch, halb Raubvogel, sprach er mit rauer, kr�chzender Stimme. �Du kannst nicht gewinnen, kleine Elfe. Wir waren es, die �ber den Purpurnen triumphierten. Du wei�t selbst am besten, wie gro� der Unterschied zwischen dir und einer Himmelsschlange ist. Wir machen dir dieses Angebot nur ein Mal.�</p><p>Lyvianne hob ihr schmales Schwert zum Fechtergru�. �Drachenelfen ergeben sich nicht.� Auch ihr war klar, dass sie nicht gewinnen konnte. Aber es lag bei ihr, ob sie ihre Kriegerinnenehre behielt oder auch sie aufgab. Leise fl�sterte sie ein Wort der Macht und griff nach den Kraftlinien. Sie wob den Zauber, mit dem Bidayn sich gegen den silbernen L�wen zur Wehr gesetzt hatte, als er sie auf dem Platz vor dem Albenstern in der Goldenen Stadt gestellt hatte.</p><p>Einen Augenblick lang schien alles um sie herum langsamer zu werden.</p><p>Langarm hob zwei Finger zum Mund und stie� einen schrillen Pfiff aus.</p><p>Lyvianne st�rmte ihm entgegen. Dabei schlug sie Haken, als sie zwischen den Stelen hindurchlief, um nicht von I�tas Speer in den R�cken getroffen zu werden.</p><p>Der G�tterschmied hatte sich ihrem Tempo bereits angepasst. Er trat zur Seite, bevor sie ihn erreichen konnte, und drei gro�e, silberne Wolfshunde sprangen aus dem Durchgang. �Mein Geschenk f�r dich, Elfe�, rief er sp�ttisch.</p><p>Lyvianne machte einen Satz, stie� sich mit den F��en von einer der Stelen ab, gewann an H�he, stie� sich von der gegen�berliegenden Stele ab und landete schlie�lich auf dem oberen Ende der ersten Stele. Die Wolfshunde umringten sie mit gierig schnappenden Kiefern.</p><p>Die Drachenelfe sp�rte, wie sich das magische Netz gegen sie richtete, weil sie mit ihrem Zauber an das Gef�ge der Welt r�hrte. Sie bewegte sich nun so schnell, dass ein geschossener Pfeil f�r sie in der Luft stehen bleiben w�rde. Langarm hielt jedoch mit. �Deine Freundin hat mir einen L�wen zerst�rt, das wird nicht wieder geschehen. Diese Hunde sind f�r Elfen wie dich geschaffen. Egal wie sehr du den Lauf der Zeit verzerrst, sie werden sich immer genauso schnell bewegen wie du. Sie sind mit dir und dem Zauber, den du webst, verbunden, deshalb kannst du ihnen nicht entrinnen.�</p><p>Aus den Augenwinkeln sah Lyvianne, dass I�ta und der Gefiederte offenbar gr��ere Schwierigkeiten hatten, sich ihrem Tempo anzupassen. Beide flogen auf die Stele zu, doch wirkten ihre Bewegungen grotesk langsam.</p><p>Wenn die Hunde lediglich genauso schnell waren wie sie und keine weiteren besonderen Kr�fte besa�en, konnte sie die Metallbestien vielleicht besiegen. Lyvianne machte einen weiten Satz von der Stele dem Gefiederten entgegen, der wild mit den Fl�geln schlagend versuchte, an H�he zu gewinnen, um ihr auszuweichen. Ihr Schwert beschrieb einen blitzenden Bogen. Kurz sp�rte sie einen Widerstand, und als sie federnd auf dem Hof landete, schwebte neben ihr, langsam wie eine Feder, eine abgetrennte Kralle zu Boden.</p><p>Ihr blieb keine Zeit, den Triumph auszukosten. Sofort umringten die drei Hunde sie. Einem stie� sie ihr Schwert tief in den Rachen, w�hrend ein zweiter sie ansprang. Lyvianne duckte sich weg, doch der schwere Metallleib streifte sie noch und riss sie von den F��en.</p><p>Sie rollte zur Seite, sprang auf und griff nach ihrem Schwert, das immer noch im Rachen eines der Hunde steckte.</p><p>Langarm st�rmte ihr fluchend entgegen, als sie mit metallischem Kreischen ihre Klinge aus dem Hundekiefer frei bekam. Mit beiden H�nden hatte sie den Griff ihrer Waffe fest umklammert und wich ein St�ck zur�ck, sodass sie eine Mauer im R�cken hatte und zumindest von dort keine Angriffe f�rchten musste. Ihre Linke schmerzte. Sie war �berrascht, wie viel weniger fest sie ihre Waffe zu halten vermochte, obwohl doch nur der kleine Finger fehlte.</p><p>Statt sie anzugreifen, griff der Schmiedegott nach seinem verwundeten Hund und zerrte ihn aus ihrer Reichweite. Dabei strich er ihm �ber den Kopf, als w�re er ein lebendes Gesch�pf aus Fleisch und Blut. Etwas Dunkles troff aus dem Maul der Bestie.</p><p>Die anderen beiden Hunde schlichen vorsichtig vor ihr auf und ab, den Blick auf ihre Klinge gerichtet, als bes��en sie genug Verstand, den Drachenstahl zu f�rchten.</p><p>Etwas troff auf Lyviannes Wange, und noch w�hrend sie aufblickte, wurde ihr klar, dass sie einen Fehler gemacht hatte. Der Gefiederte stie� auf sie herab.</p><p>Sie ging in die Knie und riss ihr Schwert hoch, um es dem Devanthar in den Leib zu sto�en.</p><p>Kaum war die Waffe nicht mehr auf sie gerichtet, sprangen die beiden Hunde vor.</p><p>Die Elfe versuchte auszuweichen, doch rammte ihr einer der Metallhunde seinen Kopf in den Unterleib. Sie sackte zur Seite und sah wirbelnde Schwingen �ber sich. Diesmal war es nicht der Gefiederte, sondern I�ta selbst. Das stumpfe Ende ihres Speers sauste herab und traf das Sonnengeflecht dicht �ber ihrem Magen.</p><p>Brennender Schmerz schoss Lyvianne durch alle Glieder. Zugleich verlie� sie alle Kraft. Ihre Arme sanken zu Boden. Der Schmied trat ihr auf die Handgelenke. Ihr Schwert entfiel ihren tauben Fingern.</p><p>�Nie wieder wirst du eines meiner Gesch�pfe t�ten.� Seine Stimme war ein rasendes Jaulen. Wieder trat er zu. Lyvianne sp�rte die Knochen ihrer Handgelenke splittern, und ein neuer Schmerz fra� sich in ihr Fleisch.</p><p>Am Rande der Ohnmacht, unf�hig, noch Widerstand zu leisten, wurde sie hochgezerrt. Ihr wurde schwarz vor Augen, bis eine schallende Ohrfeige sie ins Bewusstsein zur�ckholte. Ihr Mund war voller Blut. Ihre Arme schmerzten. Sie waren hochgereckt. Enge Fesseln lagen um ihre Handgelenke. Sie hing an einem Seil in einer Kammer, deren Decke so niedrig war, dass sie sie fast ber�hren konnte, wenn sie ihre Finger streckte.</p><p>�Wei�t du, wo du bist?�, fragte I�ta.</p><p>Lyvianne tanzten noch immer Sterne vor den Augen. Sie blinzelte dagegen an und sah hinab. Unter ihr war etwas Spiegelndes. Ein seltsamer Geruch hing in der Luft. Jetzt erkannte sie die steinerne Wanne in der letzten der geheimen Kammern.</p><p>�Mein gefiederter Bruder hat sich gew�nscht, dass du das Schicksal Iyalis teilen sollst. Nur haben sich die Vorzeichen verkehrt. W�nschte Iyali sich, dass die Geheimnisse Anatus f�r immer verborgen blieben, so ist es nun unser Wunsch, dass du nicht mehr sprichst.�</p><p>Lyvianne schluckte. Immer mehr Blut sp�lte in ihren Mund.</p><p>�Ich f�rchte, mein Bruder ist sehr ver�rgert. Es war nicht klug, ihm eine seiner Krallen abzuhacken.�</p><p>Die Elfe wandte den Kopf. Der Gefiederte hielt das Seil, an dem sie hing. Er hatte Menschengestalt angenommen und nur einen Adlerkopf behalten. Sein linker Fu� blutete. Ihm fehlte ein Zeh.</p><p>�Du h�ttest unser Angebot auf dem Hof annehmen sollen. Du wirst dich noch sehr nach einem schnellen, schmerzlosen Tod sehnen.� I�ta klang fast bedauernd. �Ich entschuldige mich f�r das, was er dir antun wird. Du hast einen guten Kampf geliefert, Elfe. Ich werde dich in Erinnerung behalten. Und nun verzeih, wenn ich gehe, denn Grausamkeiten dieser Art bereiten mir kein Wohlgefallen. Ich m�chte das nicht sehen, m�chte dich als die stolze Kriegerin in Erinnerung behalten, die du warst.�</p><p>Lyvianne wollte etwas antworten, doch sie brachte nur unartikulierte Laute hervor. Blut floss aus ihrem Mund. Und da begriff sie. Ihre Zunge! Sie hatten ihr die Zunge herausgerissen!</p><p>I�ta bemerkte ihren entsetzten Blick. �Das war die Tat meines Bruders. Er hatte Sorge, dass du ein Wort der Macht fl�stern k�nntest, dass du selbst jetzt noch weiterk�mpfen w�rdest oder versuchen w�rdest, einen Zauber zu weben, der dich gegen Schmerz unempfindlich macht. Wie sagte er? Deine Schreie sollen ihm ein Pflaster f�r seine Wunde sein.� Sie l�chelte zynisch. �Ein gro�er Poet ist er nicht. Und ich f�rchte, er hat nicht bedacht, dass deine Schreie ohne Zunge recht eigent�mlich klingen werden.�</p><p>Das Seil, an dem sie hing, ruckte, und Lyviannes Fu�sohlen tauchten in die S�ure. Ein zischender Laut erklang. Tr�nen traten ihr in die Augen. Sie b�umte sich auf unter der brennenden Pein. Sie wollte keinen Laut von sich geben, schwor sie sich stumm. Zumindest diese Genugtuung blieb ihr.</p><p>�Ich w�nsche dir, dass ihn schnell die Geduld verl�sst�, sagte I�ta. Dann verlie� die G�ttin die Kammer.</p><p>Wieder ruckte das Seil, und Lyvianne tauchte bis zu den Kn�cheln ein. Durch den Schleier ihrer Tr�nen sah sie, wie dunkle Schlieren ihres Blutes durch das S�urebad trieben.</p></section><section><title><p>Epilog</p></title><p>Der Goldene ging �ber die weite Wiese auf die Wei�e Halle zu. Tagpfauenaugen flohen in gaukelndem Flug vor ihm und strebten entfernten Bl�ten zu. Der alte Drache war �berrascht, wie schnell die Natur nach der Schule gegriffen hatte. Dunkle Schlieren liefen bei den Fenstern �ber das wei� get�nchte Mauerwerk. Es gab bereits zwei L�cher im Dach, und das �u�erste Ende des Westfl�gels war von Efeu �berwachsen.</p><p>So lange hatten sie ihre treuesten Diener hier herangezogen. Nun mussten sie die Schule der Drachenelfen verfallen lassen. Zu gro� war das Risiko, mehr als ein paar ihrer Getreuen an einem einzigen Ort zu versammeln. Zu gro� die Gefahr, diese Schule k�nnte dasselbe Schicksal erleiden wie die Blaue Halle.</p><p>Es w�rden wohl noch Jahre vergehen, bis sie hierher zur�ckkehren konnten. Zwar hatten sie auf Nangog einen ersten Sieg errungen, doch war die Macht der Unsterblichen und der Devanthar noch lange nicht gebrochen. Schwermut �berkam ihn, als er durch das halb offene Fl�geltor in die weite Eingangshalle trat. Unter seinen F��en raschelte das Laub des letzten Herbstes.</p><p>Er hatte es gesp�rt, als er an seinem Lieblingsplatz in den Bergen lag, in all seiner Gr��e als Himmelsschlange. Die Sonne auf den warmen Felsen genie�end, hatte er �ber die Zukunft nachgesonnen. Der Krieg um Nangog hatte einen guten Anfang genommen. Bidayn w�rde den Menschenkindern vielleicht schon in diesem Augenblick die n�chste schmerzhafte Niederlage beibringen. Und w�rde sie lehren, dass es keinen Ort gab, an dem sie vor dem Zorn der Kinder Albenmarks sicher waren.</p><p>Er hatte an Bidayn gedacht, als er sp�rte, wie seine Verbindung zu Lyvianne verblasste. Es war kein kurzer Schmerz gewesen, so wie sonst, wenn einer seiner Drachenelfen starb. Es war ein langes Sich-Trennen geworden. Sie musste einen schlimmen Tod gehabt haben.</p><p>Sein Blick schweifte durch die Halle. An beiden Seiten erhoben sich Treppen zu einer holzget�felten Galerie. Vor ihm ragte das Standbild eines Kriegers mit Bronzeschild und einem kurzen Schwert aus bl�ulichem Stahl empor. Alles andere war verschwunden�� die Banner aus halb vergessenen Schlachten und vor allem die Waffen, die an den W�nden gehangen hatten. Jede einzelne durchdrungen von der Magie der Drachen. Jede einzigartig.</p><p>Im Licht, das durch das besch�digte Dach sickerte, schimmerten die kleinen Messingtafeln unter den leeren Waffenhaltern. Einige hatten schon Gr�nspan angesetzt. Nur an einer einzigen Stelle blitzte Stahl.</p><p>Der Goldene ging einige Stufen hinauf und nahm Lyviannes Schwert von der Wand. Wann immer ein Drachenelf starb, kehrte seine Waffe hierher zur�ck, selbst wenn ihn das Schicksal in einer anderen Welt ereilte. Nun konnte es keinen Zweifel mehr �ber ihr Schicksal geben.</p><p>Er strich �ber den blauen Stahl. In so vielen K�mpfen hatte sie ihm gedient. Hatte so viele der verborgenen Schlachten geschlagen, die den Frieden auf Albenmark erhielten.</p><p>�Ich werde dich wiederfinden, Lyvianne, ganz gleich, wie lange es dauert. Du bist zur Drachenelfe geboren. So war es immer und so wird es immer sein.�</p><p>Er fragte sich kurz, wie viele Jahrhunderte bis zu ihrer Wiedergeburt vergehen mochten.</p><p>Sie war ihm eine gute und loyale Kriegerin gewesen. Seltsam, dass sie das R�tsel der Hohepriesterin Iyali nicht durchschaut hatte. <emphasis>Der purpurne Herr des Himmels begegnete Anatu zum ersten Mal im Netz der goldenen Wege, meine Herrin aber traf ihn zum ersten Mal in ihrem Palast aus Mondenlicht.</emphasis></p><p>I�ta war es gewesen, die seinem Bruder in Gestalt der Anatu im Goldenen Netz entgegengetreten war. Sie hatte die Gestalt ihrer Schwester angenommen. Sie hatte den n�tigen kriegerischen Geist, um den Purpurnen bei der ersten Begegnung zu beeindrucken. Und sein Bruder hatte diese dumme romantische Ader gehabt. Er hatte daran geglaubt, dass Friede zwischen den Alben und den Devanthar m�glich war.</p><p>I�ta musste ihn eingeladen haben, in Anatus Tempel zu kommen. Hatte Anatu ihn darauf angesprochen, dass sie ihm zuvor nicht begegnet war? Wollte sie den Argwohn des Purpurnen nicht wecken und lie� das R�tsel deshalb ruhen? Diese Frage w�rde wohl immer ein Geheimnis bleiben. Wie es schien, waren die beiden sich erstaunlich nahegekommen. Wie dumm sein Nestbruder gewesen war, nicht dar�ber zu sprechen!</p><p>I�ta hatte nichts getan, als abzuwarten. Sie begehrte Anatus Reich. Und sie begehrte den Ruhm, eine gro�e Kriegerin zu sein. Au�er auf der Stele, die nach Drusna geschafft worden war, wurde ihr der Sieg �ber den Purpurnen stets allein zugeschrieben. Sie hatte an Macht und Ansehen gewonnen. Der Gefiederte hatte den Leib des Purpurnen f�r seine obskuren Rituale bekommen.</p><p>Aber warum hatte Langarm mitgemacht? Welchen Nutzen hatte ihm das Komplott gebracht? Auch das w�rde wohl ein Geheimnis bleiben.</p><p>I�tas Tat hatte den Goldenen beeindruckt. Sie war k�hl geplant und fast ohne Makel ausgef�hrt. Die Stele in Drusna und der Ring der Hohepriesterin waren die einzigen Spuren gewesen, die sie hinterlassen hatte. So belanglos, dass weder Devanthar noch Himmelsschlangen darauf gesto�en waren, bis Lyvianne gekommen war. Ohne es zu ahnen, hatte die Drachenelfe viel mehr getan, als f�r ihn ein wertvolles Geheimnis aufzudecken. Sie hatte ihm einen Weg gewiesen. Seit sie bei ihm gewesen war und ihm berichtet hatte, wuchs ein neuer Plan in ihm. Eine dunkle Intrige. Etwas, das so undenkbar war, dass seine Nestbr�der es niemals aufdecken w�rden�� Er w�rde diesen Weg nur dann beschreiten, wenn es ihm nicht gelang, Nandalee und ihre Tochter Emerelle t�ten zu lassen. Noch blieb ihm Zeit. Noch war das Schicksal ihrer Welt nicht entschieden.</p><p>Der Goldene verlie� die verfallende Schule und trat hinaus auf die Wiese. Er streckte sich, blickte zur Sonne empor und begann sich zu verwandeln, legte die Elfengestalt ab, um wieder das zu sein, wozu er geboren war. Ein Drache, alt wie die Welt.</p><p>Die Verwandlung war schmerzhaft. So wie jeder Wandel, der die bestehende Ordnung umwarf. Als er endlich wieder ganz er selbst war, weitete er seine Schwingen und blickte auf das winzige Schwert, das vor ihm im Gras lag. Lyvianne hatte ihm einen unermesslich gro�en Dienst erwiesen.</p><p>Das Geheimnis um das Schicksal seines Nestbruders w�rde er vorerst noch f�r sich behalten. Er w�rde warten, bis die Stunde gekommen war, den Zorn seiner Br�der zu entfachen. Selbst der Erstgeschl�pfte w�rde sich einem Rachefeldzug nicht verweigern k�nnen, wenn er erfuhr, was Devanthar und Menschenkinder dem Purpurnen angetan hatten.</p><p>Der Tag, an dem er die Wahrheit offenbarte, w�rde zu dem Tag werden, an dem sie den Himmel �ber Nangog in Flammen setzten.</p><empty-line/><subtitle>Fortsetzung folgt . . .</subtitle></section></section><section><title><p>Anhang</p></title><section><title><p>Dramatis Personae der �Drachenelfen�-Saga</p></title><subtitle>Die Devanthar und andere G�ttergleiche</subtitle><p><strong>Alben</strong> Die Sch�pfer der Welt <emphasis>Albenmark</emphasis>. Ihre Beweggr�nde sind ihren Gesch�pfen unergr�ndlich. Sie ziehen sich immer weiter aus ihrer Welt zur�ck und verzichten auf einen Gro�teil ihrer Macht, wie es scheint.</p><p><strong>Devanthar</strong> Weltensch�pfer, �hnlich den <emphasis>Alben</emphasis>. Von den Alben und den meisten ihrer Kinder als Verk�rperung des B�sen betrachtet. Sie beherrschen <emphasis>Daia,</emphasis> die Welt der Menschen, und lenken die Geschicke der dort lebenden V�lker. Sie lieben den Wandel und stehen damit im Gegensatz zu den Alben, die nach Vollkommenheit streben, um diesen Zustand dann f�r immer zu erhalten.</p><p><strong>Himmelsschlangen</strong> Oder auch Regenbogenschlangen; so nennen die Albenkinder jene m�chtigen, �ltesten Drachen, die als Statthalter der Alben auftreten. Der zweite Name spielt darauf an, dass sie alle verschiedene Farben haben. Glaubt man den Drachen, dann sind die Regenbogenschlangen die �ltesten unter ihnen. Sie nennen sich auch die Erstgeschl�pften und beanspruchen f�r sich, dass sie die ersten Gesch�pfe waren, die von den <emphasis>Alben</emphasis> erschaffen wurden, nachdem <emphasis>Nangog</emphasis> ihr Werk vollendet hatte.</p><empty-line/><p><strong>Anatu</strong><emphasis>Devanthar,</emphasis> einst G�ttin der Luwier, die sich mit dem <emphasis>Purpurnen,</emphasis> einer der <emphasis>Himmelsschlangen,</emphasis> einlie� und ihn verf�hrte, nach <emphasis>Daia</emphasis> zu kommen. <emphasis>I�ta</emphasis> wollte nicht, dass die Feindschaft zwischen <emphasis>Drachen</emphasis> und Devanthar endete. Deshalb, so sagt es die Legende, erschlug sie den Drachen und lie� Anatu einkerkern.</p><p><strong>Ebermann</strong> Oder auch <emphasis>Manneber</emphasis>. Name, den die Menschen einem der <emphasis>Devanthar</emphasis> gaben, da er h�ufig in einer Gestalt halb Eber und halb Mensch auftritt.</p><p>Der <strong>Gefiederte</strong> Name f�r den <emphasis>Devanthar</emphasis> der <emphasis>Zapote,</emphasis> der gerne in Gestalt eines Vogelmannes auftritt.</p><p>Die <strong>Gefl�gelte</strong> Synonym f�r <emphasis>I�ta</emphasis>.</p><p>Die <strong>gefesselte G�ttin</strong> Synonym f�r <emphasis>Nangog</emphasis>.</p><p><strong>I�ta</strong> Einer der Namen der Menschen f�r die <emphasis>Gefl�gelte</emphasis>. Die <emphasis>Devanthar</emphasis> wird in Luwien als Hauptg�ttin verehrt. I�ta richtete den Unsterblichen <emphasis>Muwatta</emphasis> nach der Schlacht von Kush hin und setzte daf�r den Unsterblichen <emphasis>Labarna</emphasis> als den Herrscher Luwiens ein.</p><p><strong>Langarm</strong><emphasis>Devanthar,</emphasis> der meist in gedrungener, haariger Gestalt auftritt. Ein begnadeter Schmied, der die R�stungen und Waffen der Unsterblichen anfertigt sowie die Silbernen L�wen erschuf.</p><p>Der <strong>L�wenh�uptige</strong><emphasis>Devanthar,</emphasis> der das K�nigreich <emphasis>Aram</emphasis> besch�tzt. Tritt als Mentor des Unsterblichen <emphasis>Aaron</emphasis> auf.</p><p><strong>Manneber</strong> Siehe <emphasis>Ebermann</emphasis>.</p><p><strong>Nangog</strong> Im Sch�pfungsmythos der <emphasis>Zwerge Albenmarks</emphasis> eine Riesin, die von den <emphasis>Devanthar</emphasis> und den <emphasis>Alben</emphasis> gemeinsam erschaffen wurde. Sie formte die Welten der Menschen, der Albenkinder und eine dritte Welt f�r sich selbst und ihre Kinder. Wurde vor der Vollendung ihres Werkes von Alben und Devanthar mit einem m�chtigen Bannzauber belegt und ihres Herzens beraubt. Auch <emphasis>die gefesselte G�ttin</emphasis> genannt.</p><p><strong>Russa</strong> Berggott. Auch <emphasis>Blitzsch�tze</emphasis> genannt. Wird von den Hirtenst�mmen <emphasis>Garagums</emphasis> verehrt und h�ufig in einer Fl�gelsonne abgebildet. Die Geister der Toten, deren Fleisch von einem Adler gefressen wurde, reiten w�hrend Gewittern�chten mit Russa auf den Sturmwinden, so glauben die Hirten und J�ger Garagums.</p><p>Die <strong>Sturmruferin</strong><emphasis>Devanthar,</emphasis> erscheint meist als verf�hrerisch sch�ne Frau mit Schlangenhaar. Gebietet �ber die Winde, ist frei und launisch und an keines der sieben Gro�reiche gebunden. Verschenkt ihre Gunst ebenso leicht, wie sie sie den Sterblichen auch wieder entzieht.</p><p>Der <strong>Wei�e Wolf</strong><emphasis>Devanthar,</emphasis> erscheint meist in Gestalt eines wei�en Wolfes. Tritt als Mentor des Unsterblichen <emphasis>Madyas</emphasis> auf und besch�tzt das Reich der <emphasis>Ischkuzaia</emphasis>.</p><p><strong>Der Gro�e B�r</strong><emphasis>Devanthar</emphasis> des Gro�reiches <emphasis>Drusna,</emphasis> erscheint meist in B�rengestalt. Ist der Mentor des Unsterblichen <emphasis>Iwar</emphasis> und sp�ter von dessen Nachfolger <emphasis>Volodi</emphasis>.</p><p><strong>Das Lebende Licht</strong><emphasis>Devanthar</emphasis> des Gro�reiches <emphasis>Valesia,</emphasis> erscheint in Gestalt einer Flamme oder eines Mannes mit einem Adlerkopf. Tritt als Mentor des Unsterblichen <emphasis>Ansur</emphasis> auf.</p><subtitle>Die Drachen</subtitle><p><strong>Drachen</strong> Ein Sammelbegriff f�r verschiedene Drachengattungen. Die <emphasis>Himmelsschlangen,</emphasis> auch <emphasis>Regenbogenschlangen</emphasis> genannt, sind die Statthalter der <emphasis>Alben</emphasis>. Ihnen haben sie ihre Welt anvertraut, in der Hoffnung, sie seien weise Herrscher. Die �brigen Drachen stehen in der Hierarchie tiefer. W�hrend die Himmelsschlangen intelligente Gesch�pfe von gro�er Macht sind, sind etliche andere Gattungen wenig mehr als besonders gef�hrliche Raubtiere.</p><empty-line/><p><strong>Abendstern</strong> Ein Drache aus der Gattung der Sonnendrachen von Ischemon, der auf Befehl des <emphasis>Goldenen</emphasis> die K�mpfe bei der Stadt Wanu beobachten soll. Er macht den Fehler, sich mit dem falschen einbeinigen Zwerg anzulegen.</p><p>Der <strong>Dunkle</strong> Synonym f�r <emphasis>Nachtatem</emphasis>. Der Dunkle, ein <emphasis>Elf</emphasis> mit Augen vom Blau des Winterhimmels, ist eine der Gestalten, die der �lteste <emphasis>Drache,</emphasis> Nachtatem, annimmt, wenn er sich unter Elfen mischt.</p><p><strong>Erstgeschl�pfter</strong> Ein Name, den die <emphasis>Himmelsschlangen Nachtatem,</emphasis> dem �ltesten unter ihnen, gegeben haben.</p><p>Der <strong>Flammende</strong><emphasis>Himmelsschlange</emphasis> mit gelb-karmesinrot changierender Schuppenfarbe; gilt als aufbrausend, sehr nachtragend und wankelm�tig. Kann seine �berzeugung binnen Augenblicken �ndern und vertritt jeden neuen Standpunkt mit hitziger Vehemenz.</p><p>Der <strong>Fr�hlingsbringer</strong><emphasis>Himmelsschlange</emphasis> (Letztgeborener unter ihnen), seine Schuppen leuchten im hellen Gr�n des Fr�hlings; gilt als ruhig und pragmatisch.</p><p>Der <strong>Goldene</strong><emphasis>Himmelsschlange,</emphasis> verk�rpert Macht und Sch�nheit in vollkommener Harmonie. Seine Schuppen erstrahlten urspr�nglich in warmen Gelbt�nen, wurden von ihm jedoch mit goldenem Glanz verfeinert, um seinen Anspr�chen von �sthetik zu gen�gen. Seine Eifersucht auf den <emphasis>Erstgeschl�pften</emphasis> ist ebenso grenzenlos wie sein Ehrgeiz.</p><p>Der <strong>Himmlische</strong><emphasis>Himmelsschlange</emphasis> mit strahlend hellblauer Schuppenfarbe; gilt als der Weiseste der acht. Der Himmlische starb beim Angriff der <emphasis>Devanthar</emphasis> auf die <emphasis>Blaue Halle</emphasis>.</p><p><strong>Nachtatem</strong> Name des <emphasis>Erstgeschl�pften, Himmelsschlange</emphasis> und �ltester Drache Albenmarks. Manche nennen ihn auch ihren K�nig. Residiert im <emphasis>Jadegarten</emphasis> und nimmt nur selten an den Zusammenk�nften der anderen Himmelsschlangen teil.</p><p>Der <strong>Nachtblaue</strong><emphasis>Himmelsschlange,</emphasis> liebt es, sich wie ein Raubtier zu geb�rden, was so weit geht, dass er besiegte Gegner frisst. Gilt als der Kriegerischste der acht.</p><p>Der <strong>Purpurne</strong><emphasis>Himmelsschlange,</emphasis> im Goldenen Netz begegnete er der <emphasis>Devanthar Anatu</emphasis>. Die Liebe zu ihr kostete ihn das Leben.</p><p>Der <strong>Rote</strong><emphasis>Himmelsschlange,</emphasis> liebt es, sein Leben mit allen Sinnen zu genie�en, nimmt gelegentlich Elfengestalt an und versucht sich als Verf�hrer, womit er bei seinen Nestbr�dern auf blankes Unverst�ndnis st��t. Manchmal neigt er zu �berraschender Grausamkeit.</p><p>Der <strong>Smaragdfarbene</strong><emphasis>Himmelsschlange</emphasis>. Er strebt Harmonie und Ausgleich zwischen den Himmelsschlangen an. Oft ist er derjenige, der den Kompromiss findet, dem letztlich alle folgen.</p><p>Der <strong>Schwebende Meister</strong> Name der <emphasis>Elfen</emphasis> f�r jenen <emphasis>Drachen,</emphasis> der die Auserw�hlten die Kunst des Zauberwebens lehrt. Er galt als schrullig und manchmal willk�rlich grausam. Zu seinen Verschrobenheiten geh�rte es, sich mit dem Kopf nach unten von einem Fels h�ngen zu lassen, als w�re er eine Fledermaus. Der Schwebende Meister starb durch die Hand der Zwerge <emphasis>Nyr, Hornbori</emphasis> und <emphasis>Galar</emphasis>.</p><p>Der <strong>Sommergoldene</strong> Synonym f�r den <emphasis>Goldenen</emphasis>.</p><subtitle>Die Elfen</subtitle><p><strong>Elfen</strong> Das letzte der V�lker, die von den <emphasis>Alben</emphasis> erschaffen wurden (so behaupten es die Elfen). Sie sind etwa menschengro�, von schlankerer Gestalt und haben l�ngliche, spitz zulaufende Ohren. Die meisten von ihnen sind magiebegabt. Sobald sie ausgewachsen sind, scheinen sie nicht mehr zu altern. Die Mehrzahl von ihnen lebt zwar �nur� einige Jahrhunderte, manche erreichen aber auch ein Alter von weit �ber tausend Jahren. Die Seelen der Elfen werden wiedergeboren, bis sie ihre Bestimmung finden und ins <emphasis>Mondlicht</emphasis> eingehen.</p><p><strong>Drachenelfen</strong> Elfen im Dienst der <emphasis>Himmelsschlangen</emphasis>. Werden von den Drachen geholt, sind oft Au�enseiter oder gar Ausgesto�ene in ihren Sippen. Sie kommen als Sch�ler in die <emphasis>Wei�e</emphasis> oder <emphasis>Blaue Halle</emphasis>. Wenn sie die Ausbildung und alle Pr�fungen �berstehen, werden sie zu Meisterinnen und Meistern, um Auftr�ge f�r die <emphasis>Himmelsschlange</emphasis> auszuf�hren, der sie sich verschrieben haben.</p><empty-line/><p><strong>Ailyn</strong><emphasis>Drachenelfe</emphasis> und Meisterin der <emphasis>Wei�en Halle</emphasis> und die Erfahrenste unter ihnen. Ausgezeichnete Schwertk�mpferin mit unglaublichen Reflexen. Unerreicht ist sie im waffenlosen Kampf.</p><p><strong>Alarion</strong> Erster Kapit�n der Handelsflotte des <emphasis>Shanadeen</emphasis> in <emphasis>Uttika</emphasis>. Shanadeen treu ergeben und fast genauso konservativ wie sein Arbeitgeber. Er ist es, der die etwas ungew�hnlicheren Auftr�ge seines Herrn durchf�hrt.</p><p><strong>Asfahal</strong> Sohn des <emphasis>Solaiyn</emphasis> und Bruder <emphasis>Talawains</emphasis>. Gilt als Lebemann und Gl�cksspieler. Geh�rt zu den Auserw�hlten <emphasis>Bidayns</emphasis>. Wurde als Sch�ler aus der <emphasis>Wei�en Halle</emphasis> verbannt.</p><p><strong>Bidayn</strong> Meisterin der <emphasis>Wei�en Halle</emphasis>. Kennt <emphasis>Nandalee</emphasis> seit ihrer gemeinsamen Zeit bei dem <emphasis>Schwebenden Meister</emphasis>. Begabte Zauberweberin, die anfangs wenig Talent f�r den Kampf zeigt. Seit ihrer ersten Mission als angehende Drachenelfe von entstellenden Narben �berzogen, die sie nur mithilfe eines dunklen Zaubers verbergen kann. Sie ist ein Sch�tzling <emphasis>Lyviannes,</emphasis> bis sie der <emphasis>Goldene</emphasis> zu seiner Auserw�hlten macht.</p><p><strong>Eleborn</strong> Sch�ler der <emphasis>Wei�en Halle</emphasis>. Gilt als versponnen und erschafft Kunstwerke aus Wasser und Licht. Sp�ter einmal wird er einer der bedeutenden Herrscher Albenmarks sein. Hat sich dem <emphasis>Himmlischen</emphasis> verschrieben. Schleicht sich unter dem Namen <emphasis>Mikayla</emphasis> in Gestalt eines Drusniers bei den Zinnernen ein und wird der Wagenlenker <emphasis>Volodis</emphasis>.</p><p><strong>Emerelle</strong> Tochter der <emphasis>Nandalee</emphasis>, Vater ungewiss. Wurde unter geheimnisvollen Umst�nden im <emphasis>Jadegarten</emphasis> geboren.</p><p><strong>Enya</strong> Schneiderin aus den Mondbergen, die sich in <emphasis>Uttika</emphasis> niedergelassen hat. Sie fertigt <emphasis>Bidayns</emphasis> Hochzeitskleid und tr�gt auch sonst zur Versch�nerung der Drachenelfe bei.</p><p><strong>Farella</strong> Tochter des Kaufherren <emphasis>Shanadeen</emphasis> und der <emphasis>Nevenyll,</emphasis> ein in sich gekehrtes, schwarzhaariges Elfenm�dchen, auf der der Fluch lastet, niemals ihrer Kindheit zu entwachsen.</p><p><strong>Gobhayn</strong> Legend�rer Schmied der Elfen. Er half den <emphasis>Himmelsschlangen</emphasis> dabei, die Waffen f�r ihre Drachenelfen zu schmieden. Fertigt sp�ter eine besondere Armbrust f�r den Zwerg <emphasis>Glamir</emphasis> und entwickelt f�r <emphasis>Hornbori</emphasis> die sogenannten Tank-Schlitten.</p><p><strong>Gonvalon</strong><emphasis>Drachenelf</emphasis> und lange Zeit Meister der <emphasis>Wei�en Halle</emphasis>. Ein exzellenter Schwertk�mpfer mit einem Hang zu Aff�ren, bis er <emphasis>Nandalee</emphasis> begegnet. Ohne es zu wissen, ist er der Sohn von <emphasis>Lyvianne,</emphasis> die ihn einst aussetzte. Sein Name bedeutet w�rtlich �bersetzt Winterkind. Hat sich urspr�nglich dem <emphasis>Goldenen</emphasis> verschrieben. Starb durch einen Verrat in den Flammen von Selinunt.</p><p><strong>Kyra</strong> Tochter der <emphasis>Lisandelle</emphasis> und des <emphasis>Solaiyn</emphasis>. Geh�rt zu den Auserw�hlten <emphasis>Bidayns</emphasis>. Kyra wurde in der <emphasis>Wei�en Halle</emphasis> zur Meuchlerin ausgebildet und bereist Albenmark in der Tarnung einer blinden M�rchenerz�hlerin aus <emphasis>Tanthalia</emphasis>.</p><p><strong>Lemuel</strong> Drachenelf aus dem Volk der <emphasis>Maurawan</emphasis>. Er versteht sich besser mit den gro�en Adlern des <emphasis>Albenhaupts</emphasis> als mit anderen <emphasis>Albenkindern</emphasis>. Geh�rt zu den Auserw�hlten, die <emphasis>Bidayn</emphasis> um sich versammelt.</p><p><strong>Lisandelle</strong> Elfenf�rstin aus <emphasis>Arkadien</emphasis>. Frau des <emphasis>Solaiyn</emphasis> und Mutter von <emphasis>Talawain</emphasis> und <emphasis>Asfahal</emphasis> sowie von <emphasis>Kyra</emphasis> und <emphasis>Maylin</emphasis>. Stirbt jung, was bei Solaiyn zu einer krankhaften Melancholie f�hrt. Nach ihrem Tod beginnt er seine Kinder zu vernachl�ssigen.</p><p><strong>Lydaine</strong> Tochter des Kaufherren <emphasis>Shanadeen</emphasis> und der <emphasis>Nevenyll,</emphasis> ein �berm�tiges, blondes Elfenm�dchen, auf der der Fluch lastet, niemals ihrer Kindheit zu entwachsen.</p><p><strong>Lyvianne</strong><emphasis>Drachenelfe</emphasis> und Meisterin der <emphasis>Wei�en Halle</emphasis>. Lehrerin von <emphasis>Bidayn</emphasis>. Verfolgt sehr radikale Ideen �ber die Vervollkommnung des Volkes der <emphasis>Elfen</emphasis>. Hat sich dem <emphasis>Goldenen</emphasis> verschrieben und erlernte heimlich von dem beseelten Holunder <emphasis>Matha Naht</emphasis> die dunkle Kunst der Blutmagie. Entdeckt das Geheimnis um den Tod des <emphasis>Purpurnen</emphasis>.</p><p><strong>Maylin</strong> Tochter der <emphasis>Lisandelle</emphasis> und des <emphasis>Solaiyn</emphasis>.</p><p><strong>Meliander</strong> Sohn der <emphasis>Nandalee,</emphasis> Vater ungewiss. Wurde noch vor seiner Geburt schwer verletzt und kam unter geheimnisvollen Umst�nden im <emphasis>Jadegarten</emphasis> zur Welt.</p><p><strong>Myrella</strong> Magiebegabtes <emphasis>Elfen</emphasis>m�dchen aus Tanthalia, das unter dem Tod seines Vaters leidet und <emphasis>Lyviannes</emphasis> Lebensweg ver�ndert.</p><p><strong>Nandalee</strong><emphasis>Drachenelfe,</emphasis> entstammt der Sippe der <emphasis>Windg�nger</emphasis> aus dem Elfenvolk der <emphasis>Normirga</emphasis> in <emphasis>Carandamon,</emphasis> erst Sch�lerin und sp�ter Geliebte <emphasis>Gonvalons,</emphasis> Freundin <emphasis>Bidayns</emphasis>. T�tete den Sohn des Trollk�nigs <emphasis>Bromgar</emphasis> und wurde zur Sippenlosen. Hat ein ausgepr�gtes magisches Talent, sieht sich selbst aber vor allem in der Rolle der J�gerin. Gewinnt das Vertrauen von <emphasis>Nachtatem,</emphasis> dem �ltesten unter den Drachen. Laut einer vom <emphasis>Goldenen</emphasis> verbreiteten Prophezeiung soll sie es sein, die <emphasis>Nachtatem</emphasis> einst t�ten wird. Mutter von <emphasis>Emerelle</emphasis> und <emphasis>Meliander</emphasis>.</p><p><strong>Nevenyll</strong> Junge <emphasis>Elfe,</emphasis> die sich einst von der sp�ter nach ihr benannten Klippe nahe der Stadt <emphasis>Uttika</emphasis> ins Meer st�rzte und ertrank. Sie war die Frau des Kaufherren <emphasis>Shanadeen</emphasis> und die Mutter von <emphasis>Lydaine</emphasis> und <emphasis>Farella,</emphasis> die sie vor ihrem Freitod mit einem dunklen Zauber umwob.</p><p><strong>Nodon</strong><emphasis>Drachenelf</emphasis> und Erster unter den <emphasis>Elfen</emphasis> des <emphasis>Jadegartens</emphasis>. Ber�hmt f�r seine Heilkunst. Gilt als Schwertmeister <emphasis>Gonvalon</emphasis> als ebenb�rtig. Eine Jahrhunderte andauernde Rivalit�t der beiden Krieger f�hrte dazu, dass die <emphasis>Drachen</emphasis> Sorge trugen, dass sich die beiden nie am selben Ort aufhielten. Hat sich <emphasis>Nachtatem</emphasis> verschrieben.</p><p><strong>Salhayn</strong> Ber�hmter elfischer Bildhauer, der schon Jahrhunderte vor <emphasis>Emerelles</emphasis> Geburt ins Mondlicht ging. Zu seinen ber�hmtesten Werken geh�rt der kauernde Kobold aus der Sammlung des F�rsten <emphasis>Solaiyn</emphasis>.</p><p><strong>Shanadeen</strong> Kaufherr, der sich mit seinen beiden T�chtern, <emphasis>Lydaine</emphasis> und <emphasis>Farella,</emphasis> im Westen des <emphasis>Windlands</emphasis> in der Hafenstadt <emphasis>Uttika</emphasis> niedergelassen hat und den Fehler begeht, <emphasis>Bidayn</emphasis> als Kinderm�dchen f�r seine beiden T�chter anzustellen.</p><p><strong>Solaiyn</strong> Vater der S�hne <emphasis>Talawain</emphasis> und <emphasis>Asfahal</emphasis> sowie der T�chter <emphasis>Kyra</emphasis> und <emphasis>Maylin</emphasis>. Einer der F�rsten <emphasis>Arkadiens</emphasis>. Wird vom <emphasis>Goldenen</emphasis> zum Feldherrn der Albenkinder im Kampf um <emphasis>Nangog</emphasis> erw�hlt.</p><p><strong>Talawain</strong> Meister der <emphasis>Blauen Halle</emphasis>. Er geh�rt zu den erfolgreichsten Spitzeln der <emphasis>Himmelsschlangen</emphasis> in der Welt der Menschen und ist als <emphasis>Datames</emphasis> bis zum Hofmeister des Unsterblichen <emphasis>Aaron,</emphasis> Herrscher von <emphasis>Aram,</emphasis> aufgestiegen. Sp�ter verliert er durch eine Intrige <emphasis>I�tas</emphasis> dieses Amt. Opfert sich, um Aarons gro�e Liebe zu retten.</p><p><strong>Talinwyn</strong> Sch�lerin der <emphasis>Wei�en Halle</emphasis>. Von <emphasis>Gonvalon</emphasis> ausgebildet. Wird unter die Auserw�hlten aufgenommen. Ihre erste Mission ist, den Unsterblichen <emphasis>Aaron</emphasis> zu t�ten, wobei sie selbst den Tod findet.</p><p><strong>Valarielle</strong><emphasis>Drachenelfe,</emphasis> Zauberweberin mit einer Vorliebe f�r schwarze Gew�nder. Sie studierte vor allem die dunkleren Spielarten der Magie. Valarielle geh�rt zu den Auserw�hlten, die <emphasis>Bidayn</emphasis> um sich versammelt.</p><subtitle>Die Menschen</subtitle><p><strong>Unsterbliche</strong> Gemeinsamer Titel der sieben Gro�k�nige, die in der Welt der Menschen herrschen und f�r die <emphasis>Devanthar</emphasis> den Krieg um <emphasis>Nangog</emphasis> f�hren. Sie erscheinen ihren Untertanen als �bermenschen, die den G�ttern nahe stehen. Wie sterblich sie in Wahrheit sind, ist eines der bestgeh�teten Geheimnisse <emphasis>Daias,</emphasis> bis der Krieg gegen die <emphasis>Albenkinder</emphasis> beginnt.</p><empty-line/><p><strong>Aaron</strong><strong>Einer der sieben Unsterblichen.</strong> Der Erleuchtete, Herrscher aller Schwarzk�pfe, Wanderer zwischen den Welten, K�nig der K�nige. Herrscher von <emphasis>Aram,</emphasis> dem eine Fahrt auf seinem Palastschiff am Himmel von <emphasis>Nangog</emphasis> zum Verh�ngnis wurde (siehe <emphasis>Artax</emphasis>). Sch�tzling des <emphasis>Devanthar Der L�wenh�uptige</emphasis>. Wird nach dem Fall <emphasis>Selinunts</emphasis> zum Ersten unter den Unsterblichen.</p><p><strong>Abir Ata�</strong> Hohepriester des Gro�reiches <emphasis>Aram</emphasis>. War vor der Verschmelzung von <emphasis>Aaron</emphasis> mit <emphasis>Artax</emphasis> einer der einflussreichsten W�rdentr�ger im Gefolge des Unsterblichen Aaron. Abir ist ein �beraus ehrgeiziger Mann und vermag kaum zu verwinden, dass der <emphasis>L�wenh�uptige</emphasis> mehr Umgang mit Aaron pflegt als mit rangh�chsten Priestern seines Kultes. Abirs Traum ist es, aus Aram einen Gottesstaat zu machen. Sein Ehrgeiz, die Macht der Priesterschaft zu st�rken, kostet ihn sein Leben. Mentor von <emphasis>Barnaba</emphasis>.</p><p><strong>Acoatl Einer der sieben Unsterblichen.</strong> Der Herr der Himmel und all dessen, was unter ihnen lieg. Herrscher der <emphasis>Zapote,</emphasis> der es liebt, im Gewand eines Adlerritters aufzutreten, obwohl sein Name ihn mit einer Schlange im Wasser verbindet, eine Anspielung auf die Gefiederte Schlange, die in den Tempelh�hlen des <emphasis>Weltenmunds</emphasis> im Opfersee lebt und deren Gebieter Acoatl ist.</p><p><strong>Alava�hi</strong> Einst Priesterin im Tempel der <emphasis>Anatu</emphasis> auf dem Berg <emphasis>Luma</emphasis> in <emphasis>Luwien</emphasis>. <emphasis>Der Ebermann</emphasis> beschw�rt ihre Stimme aus dem Grab, um der Wahrheit �ber den Verrat Anatus nachzusp�ren.</p><p><strong>Almitra</strong> Eine Frau, die <emphasis>Artax</emphasis> sich w�hrend seines Lebens als einfacher Bauer in <emphasis>Belbek</emphasis> ertr�umt. Almitra hat nie wirklich existiert, was ihn nicht davon abhielt, auch seinen Freunden von ihr zu erz�hlen.</p><p><strong>Ansur</strong><strong>Einer der sieben Unsterblichen.</strong> Herrscher <emphasis>Valesias</emphasis>. F�hrt einen jahrelangen Kleinkrieg an der Grenze zu <emphasis>Drusna,</emphasis> den <emphasis>Arcumenna,</emphasis> der <emphasis>Laris</emphasis> von Truria, f�r ihn entscheidet. Baut seit vielen Jahrzehnten am <emphasis>Wei�en Selinunt,</emphasis> das die sch�nste Stadt <emphasis>Daias</emphasis> werden soll und doch in den Flammen der Drachen vergeht. Sch�tzling des <emphasis>Devanthar,</emphasis> der von seiner Priesterschaft das <emphasis>Lebende Licht</emphasis> genannt wird.</p><p><strong>Artax</strong> Ein Bauer aus <emphasis>Belbek</emphasis> und einst guter Freund von <emphasis>Narek</emphasis> und <emphasis>Ashot</emphasis>. Wird nach dem �berraschenden Tod von <emphasis>Aaron</emphasis> durch den <emphasis>Devanthar,</emphasis> den man den <emphasis>L�wenh�uptigen</emphasis> nennt, in <emphasis>Aaron</emphasis> verwandelt und nimmt von den Menschen unbemerkt dessen Platz ein. Artax �bernimmt vollst�ndig Ged�chtnis und F�higkeiten Aarons, versucht aber, einen eigenen, gerechteren Regierungsstil durchzusetzen. Ungl�cklich verliebt in <emphasis>Shaya,</emphasis> die seine Liebe zwar erwidert, aber mit dem Unsterblichen <emphasis>Muwatta</emphasis> im Ritual der Heiligen Hochzeit zwangsverheiratet wurde. Nimmt Liebesbeziehung zu Shaya wieder auf, als diese als <emphasis>Kirum</emphasis> verwandelt an seinen Hof zur�ckkehrt.</p><p><strong>Ashot</strong> Ein verarmter Bauer aus <emphasis>Belbek</emphasis>. Schlie�t sich gemeinsam mit <emphasis>Narek</emphasis> dem Heer des Unsterblichen <emphasis>Aaron</emphasis> an, um auf der Hochebene von <emphasis>Kush</emphasis> zu k�mpfen. Steigt nach der Schlacht auf der Ebene von Kush zum Hauptmann der Kushiten, der neuen Leibwache des Unsterblichen Aaron, auf.</p><p><strong>Aya</strong> Eine der drei Konkubinen, die der Unsterbliche <emphasis>Aaron</emphasis> in der Nacht nach seinem Himmelssturz ausw�hlt, um mit ihm das Lager zu teilen. Sp�ter versucht Aya, den Hofmeister <emphasis>Datames</emphasis> zu erpressen. Eine verh�ngnisvolle Entscheidung.</p><p><strong>Barnaba</strong> Ein junger Priester aus <emphasis>Aram,</emphasis> Vertrauter von <emphasis>Abir Ata�</emphasis>. Stammt aus der Provinz <emphasis>Nari,</emphasis> in der sein Vater das Amt eines Hohepriesters und Satrapen bekleidet. Im Rahmen der Priesterverfolgung durch den Unsterblichen <emphasis>Aaron</emphasis> flieht er in ein verrufenes Tal in der Provinz <emphasis>Garagum,</emphasis> wo er unter den Bergst�mmen bald als heiliger Mann und Wunderheiler gilt. Tr�umt seit seiner Kindheit davon, einer <emphasis>Xana</emphasis> zu begegnen. Doch sein Gl�ck mit der Xana <emphasis>Iku�ka</emphasis> dauert nur kurz, und er wird nach seiner Flucht in die Neue Welt zum Ersten Priester <emphasis>Nangogs</emphasis> und begibt sich f�r die G�ttin auf die Suche nach dem Traumeis.</p><p><strong>Behruz</strong> Wortf�hrer der Bauern und Hirten im Dorf <emphasis>Belbek</emphasis>.</p><p><strong>Boltar</strong> Drusnischer Kriegerf�rst aus dem Gefolge des Unsterblichen <emphasis>Volodi</emphasis>. Boltar wurde ber�hmt durch seine Heldentaten im Krieg gegen <emphasis>Valesia</emphasis>.</p><p><strong>Bozidar</strong> F�rst aus <emphasis>Drusna,</emphasis> der im Geisterwald eine verh�ngnisvolle Begegnung mit der Elfe <emphasis>Lyvianne</emphasis> hat. Bruder <emphasis>Volodis,</emphasis> Sohn des <emphasis>Ilja</emphasis>.</p><p><strong>Chullunku Walla</strong> Statthalter der <emphasis>Zapote</emphasis> in der entlegenen Stadt <emphasis>Wanu</emphasis> auf der Welt <emphasis>Nangog</emphasis>. Verantwortlich f�r den Abbau und Transport des Wei�en Goldes.</p><p><strong>Daron</strong> Sohn von Narek, eines Jugendfreundes von Artax, der in der Schlacht get�tet wird. Seither f�hlt sich Artax dem Jungen gegen�ber verpflichtet.</p><p><strong>Datames</strong> Hofmeister des Unsterblichen <emphasis>Aaron</emphasis>. Der ergebene Vertraute begleitet Aaron auch auf seinen ausgedehnten Reisen und k�mmert sich dort um die Logistik. In Wahrheit ist Datames der Elf <emphasis>Talawain</emphasis> und einer der Meister der <emphasis>Blauen Halle</emphasis>. Obwohl er ein Spitzel ist, kommt seine Liebe zu den Menschen von Herzen und inspiriert ihn zu einem gro�en Opfer.</p><p><strong>Hartapu</strong> Schreiber am Hof <emphasis>Muwattas</emphasis> in <emphasis>Luwien,</emphasis> der nach <emphasis>Nangog</emphasis> flieht und Wolkenschiffer wird. F�hrt ein Tagebuch w�hrend der Suche <emphasis>Barnabas</emphasis> nach dem Traumeis.</p><p><strong>Ilja</strong> Einer von vielen kleinen F�rsten in <emphasis>Drusna</emphasis>. Herrscht �ber das Gut <emphasis>Drei Eichen</emphasis> sowie die umliegenden Weiler und W�lder. Vater von <emphasis>Volodi</emphasis> und <emphasis>Bozidar</emphasis>.</p><p><strong>Iwar</strong><strong>Einer der sieben Unsterblichen</strong>. Herrscher �ber <emphasis>Drusna</emphasis>. Ihn haben die Niederlagen in den Grenzstreitigkeiten mit <emphasis>Valesia</emphasis> gebrochen. Er f�hlte sich von seinem <emphasis>Devanthar,</emphasis> dem <emphasis>Gro�en B�ren,</emphasis> verlassen und ging deshalb einen unehrenhaften Frieden mit den Valesiern ein, die seinem Land bedr�ckende Steuerlasten auferlegten. Ohne Erfolge auf dem Schlachtfeld versucht er, seine schwindende Macht durch Intrigen zu festigen.</p><p><strong>Iyali</strong> Die Zunge der G�ttin, einst Hohepriesterin der <emphasis>Anatu</emphasis> im Tempel unterhalb des Palastes aus Mondenlicht. Sie war mit dem Geist Anatus verbunden und teilte alle Geheimnisse der G�ttin.</p><p><strong>Katakata</strong> Priesterin im Tempel der <emphasis>Anatu</emphasis> unterhalb des Palastes aus Mondenlicht auf dem H�gel <emphasis>Luma</emphasis> in <emphasis>Luwien</emphasis>. Sie war eine Steinmetzin und erschuf jene Stele, die sp�ter von drusnischen Pl�nderern in den Heiligen Hain nahe <emphasis>Drei Eichen</emphasis> verschleppt wurde.</p><p><strong>Keanu</strong><strong>Einer der sieben Unsterblichen</strong>. Herr aller Wasser, Herrscher der <emphasis>Schwimmenden Inseln,</emphasis> jenes Gro�reichs, das am abgelegensten liegt. Verb�ndeter des Unsterblichen <emphasis>Acoatl</emphasis>.</p><p><strong>Kira</strong> Marketenderin aus dem Tross des Heeres von <emphasis>Aram</emphasis>. Sie erbeutete nach der Schlacht von <emphasis>Kush</emphasis> einen Kupferkessel, was sie zu einer der Wortf�hrerinnen unter den Frauen des Heeres machte.</p><p><strong>Kirum</strong> Falscher Name, unter dem <emphasis>Shaya</emphasis> als K�chenhilfe im Palast <emphasis>Aarons</emphasis> dient.</p><p><strong>Kolja</strong> Neben <emphasis>Volodi</emphasis> bis nach der Schlacht bei <emphasis>Kush</emphasis> gleichberechtigter Anf�hrer der Zinnernen und Hauptmann in der Leibwache des Unsterblichen <emphasis>Aaron</emphasis>. Leitet die Freudenh�user der Zinnernen. Das Gesicht des einst ber�hmten Faustk�mpfers ist von zahlreichen K�mpfen entstellt. Den linken Unterarm verlor er in einer Schlacht auf <emphasis>Nangog</emphasis> und tr�gt seitdem eine Prothese aus geh�rtetem Leder, in der er eine Klinge verbirgt. Begleitet <emphasis>Barnaba</emphasis> auf der Suche nach dem Traumeis.</p><p><strong>Korba</strong> Segelmacher an Bord von <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont</emphasis>.</p><p><strong>Labarna</strong><strong>Einer der sieben Unsterblichen</strong>. Zun�chst Hauptmann der Leibwache <emphasis>Kuruntas</emphasis>. Ein au�ergew�hnlich gro� gewachsener Krieger, der mit einer m�chtige Keule bewaffnet in die Schlacht zieht. Nach dem Gefecht auf der Hochebene von <emphasis>Kush</emphasis> und der Hinrichtung <emphasis>Muwattas</emphasis> steigt er zum neuen Unsterblichen <emphasis>Luwiens</emphasis> auf.</p><p><strong>Madyas</strong><strong>Einer der sieben Unsterblichen</strong>. Gro�k�nig von <emphasis>Ischkuza,</emphasis> H�ter der Herden, Licht der Sonne, Sohn des Wei�en Wolfes, Vater <emphasis>Shayas</emphasis> und <emphasis>Subais</emphasis>. Sch�tzling des Devanthar <emphasis>Der Wei�e Wolf</emphasis>.</p><p><strong>Mahut</strong> Leibkoch des Unsterblichen <emphasis>Aaron</emphasis> in dessen Palast in <emphasis>Ak�u</emphasis>.</p><p><strong>Marco</strong> Staumeister aus <emphasis>Valesia</emphasis> an Bord von <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont.</emphasis></p><p><strong>Mataan</strong> Satrap von <emphasis>Taruad,</emphasis> einer winzigen Insel im Gro�reich <emphasis>Aram</emphasis>. Einer der engsten Vertrauten <emphasis>Aarons</emphasis>. Ein bescheidener Mann, der den Pomp gro�er H�fe verabscheut und lieber mit seinen Fischern hinaus aufs Meer f�hrt. Rettet Aaron im Kampf um den Steinhorst das Leben, wird dabei jedoch schwer verletzt und �bernimmt als Hofmeister die Gesch�fte von <emphasis>Datames</emphasis>.</p><p><strong>Muwatta</strong><strong>Einer der sieben Unsterblichen.</strong> Erzk�nig <emphasis>Luwiens</emphasis>. Ein Herrscher mit gro�en Ambitionen, wurde von <emphasis>I�ta</emphasis> im Kampf gegen <emphasis>Aaron</emphasis> instrumentalisiert. Als ihre Pl�ne in der Schlacht von <emphasis>Kush</emphasis> nicht aufgingen, enthauptete sie ihn.</p><p><strong>Narek</strong> Bauer aus dem Dorf <emphasis>Belbek,</emphasis> der sich gemeinsam mit <emphasis>Ashot</emphasis> dem Heer des Unsterblichen <emphasis>Aaron</emphasis> anschloss und in der Schlacht auf der Hochebene von <emphasis>Kush</emphasis> als Held stirbt. Ehemals bester Freund von <emphasis>Artax,</emphasis> der einst auszog, in der Ferne sein Gl�ck zu suchen. Vater von <emphasis>Daron</emphasis>.</p><p><strong>Necahual</strong><emphasis>Zapoter</emphasis>. Anf�hrer der Jaguarm�nner, die dem Unsterblichen <emphasis>Aaron</emphasis> in der Schlacht auf der Hochebene von <emphasis>Kush</emphasis> und sp�ter auf Nangog w�hrend des R�ckzugs von <emphasis>Wanu</emphasis> zur Seite stehen. Bruder der Priesterin <emphasis>Quetzalli</emphasis>.</p><p><strong>Ninwe</strong> Eine der Marketenderinnen im Tross des Heeres von <emphasis>Aram</emphasis>. Bekannt f�r ihr rot gelocktes Haar und ihr lockeres Mundwerk.</p><p><strong>Ormu</strong> Rotb�rtiger J�ger der Bergst�mme aus <emphasis>Garagum,</emphasis> j�ngstes Mitglied des <emphasis>Steinrats</emphasis>. Verzichtet nach der Schlacht von <emphasis>Kush</emphasis> auf sein Amt und schlie�t sich den neu gegr�ndeten <emphasis>Kushiten,</emphasis> der Leibwache des Unsterblichen <emphasis>Aaron,</emphasis> an, in der er schnell in den Rang eines Hauptmanns aufsteigt.</p><p><strong>Quetzalli</strong><emphasis>Zapote</emphasis>. <emphasis>Priesterin,</emphasis> die junge, goldhaarige M�nner dazu verf�hrt, ihr in den Tempel zu folgen, wo sie der <emphasis>Gefiederten Schlange</emphasis> geopfert werden. Erst Geliebte, sp�ter Frau <emphasis>Volodis</emphasis> und Mutter ihres gemeinsamen Sohnes <emphasis>Wanya</emphasis>. Schwester des <emphasis>Necahual</emphasis>.</p><p><strong>Ragnar</strong> J�ger aus <emphasis>Drusna,</emphasis> dessen Gesicht durch eine gr�ssliche Narbe entstellt ist. Begleitet den Unsterblichen <emphasis>Volodi</emphasis> ins ewige Eis <emphasis>Nangogs</emphasis>.</p><p><strong>Sangan</strong> Wolkenschiffer, begleitet <emphasis>Barnaba</emphasis> auf seiner Suche nach dem Traumeis. Er ist der Koch auf dem Schiff, das der Wolkensammler <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont im Fr�hlingsmorgenlicht �ber dem Gr�nen Meer</emphasis> tr�gt.</p><p><strong>Saumakos</strong> Krieger aus <emphasis>Ischkuza</emphasis>. Befehlshaber der Leibwache des Prinzen <emphasis>Subai,</emphasis> Sohn des Unsterblichen <emphasis>Madyas</emphasis>.</p><p><strong>Senja</strong> Menschenscheuer J�ger aus <emphasis>Drusna</emphasis>. Begleitet den Unsterblichen <emphasis>Volodi</emphasis> auf dem Feldzug ins ewige Eis <emphasis>Nangogs</emphasis>.</p><p><strong>Shaya</strong> Siebenunddrei�igste Tochter des <emphasis>Madyas,</emphasis> Gro�k�nig von <emphasis>Ischkuza,</emphasis> lange Zeit Anf�hrerin der Palastwache des Statthalters <emphasis>Kurunta</emphasis> in der <emphasis>Goldenen Stadt</emphasis>. Verliebt in <emphasis>Artax,</emphasis> der ihre Liebe in Gestalt des Unsterblichen <emphasis>Aaron</emphasis> erwidert (und um dessen Geheimnis sie nicht wei�). Nach der <emphasis>Heiligen Hochzeit</emphasis> mit dem Unsterblichen <emphasis>Muwatta</emphasis> soll sie im <emphasis>Haus des Himmels</emphasis> den Opfertod sterben, da sie nicht empfangen hat. Wird von <emphasis>Datames</emphasis> gerettet und schleicht sich unter dem Namen <emphasis>Kirum</emphasis> als K�chenmagd im Palast Aarons ein, der sie wiedererkennt. Doch auch diesmal ist ihrer Liebe kein Gl�ck beschieden.</p><p><strong>Shen Yi Miao Shou</strong> Ein betagter, jedoch begnadeter Heiler vom <emphasis>Seidenfluss</emphasis>. Wird vom Unsterblichen <emphasis>Madyas</emphasis> an dessen Hof gerufen, wo er eine Aufgabe an <emphasis>Shaya</emphasis> zu erf�llen hat, die ihm selbst ganz und gar nicht behagt. �bertr�gt Shaya vor seinem Tod all sein Wissen.</p><p><strong>Siran</strong> Satrap der Stadt <emphasis>Naga</emphasis> auf <emphasis>Nangog</emphasis> und Herrscher �ber die <emphasis>Messergras-Steppe</emphasis>. Ber�hmt f�r seinen gescheiterten Versuch, der d�steren, aus Basalt erbauten Stadt ein freundlicheres Gesicht zu geben, indem er Kinder dorthin bringen lie�.</p><p><strong>Subai</strong> Missg�nstiger und grausamer �lterer Bruder <emphasis>Shayas</emphasis>. Machthungriger Sohn des Unsterblichen <emphasis>Madyas</emphasis>. Statthalter in der <emphasis>Goldenen Stadt</emphasis>.</p><p><strong>Tarkon Eisenzunge</strong> Anf�hrer der <emphasis>Himmelspiraten</emphasis> auf <emphasis>Nangog,</emphasis> dem Unterst�tzung durch die <emphasis>Gr�nen Geister</emphasis> nachgesagt wird. Wurde in einer Schlacht gegen den Unsterblichen <emphasis>Aaron</emphasis> erschlagen, doch rei�en die Ger�chte nicht ab, dass er von den Toten zur�ckgekehrt sei. Sein Versteck, die legend�re <emphasis>Wolkenstadt,</emphasis> gilt als unauffindbar. Verb�ndet sich mit dem Priester <emphasis>Barnaba</emphasis>.</p><p><strong>Veccio</strong> Lotse aus <emphasis>Valesia,</emphasis> der auf dem Wolkensammler <emphasis>Wind vor regenschwerem Horizont im Fr�hlingsmorgenlicht �ber dem Gr�nen Meer</emphasis> Dienst tut, auf dem der Prediger <emphasis>Barnaba</emphasis> die <emphasis>Goldene Stadt</emphasis> verl�sst.</p><p><strong>Vibius</strong> Hauptmann aus <emphasis>Valesia,</emphasis> der die Katapulte am Ufer des <emphasis>Ku�i Unu</emphasis> befehligt.</p><p><strong>Volodi</strong><strong>Einer der sieben Unsterblichen</strong>. Der F�rstensohn aus <emphasis>Drusna</emphasis> ist einer der engsten Vertrauten des Unsterblichen <emphasis>Aaron</emphasis>. Ehrenname: �Der �ber den Adlern schreitet�. Bruder <emphasis>Bozidars</emphasis>. Einst einer der S�ldner, die die Zinnflotten <emphasis>Arams</emphasis> versenkten und die zun�chst nicht ganz freiwillig in die Dienste Aarons traten. Gemeinsam mit <emphasis>Kolja</emphasis> einer der Anf�hrer der Zinnernen. Den blonden H�nen verband eine kurze, leidenschaftliche und unheilvolle Aff�re mit der Zapote <emphasis>Quetzalli,</emphasis> die sp�ter seine Frau wird. Wird nach der R�ckkehr in seine Heimat aufgrund einer Intrige der <emphasis>Valesier</emphasis> zuerst Hauptmann des Unsterblichen <emphasis>Iwar,</emphasis> um dann sp�ter selbst zum Unsterblichen aufzusteigen. Vater von <emphasis>Wanya.</emphasis></p><p><strong>Wanya</strong> Sohn des <emphasis>Volodi</emphasis> und der <emphasis>Quetzalli</emphasis>.</p><p><strong>Yazde</strong> J�ger aus <emphasis>Garagum,</emphasis> der zu den <emphasis>Kushiten,</emphasis> der Leibwache des Unsterblichen <emphasis>Aaron,</emphasis> geh�rt. Er ist ein Freund und Vertrauter des Hauptmanns <emphasis>Ormu</emphasis>.</p><p><strong>Zarah</strong> Auch die Seidene genannt. Sie ist die ber�hmteste Hure der <emphasis>Goldenen Stadt</emphasis>. Zu ihren G�sten geh�ren F�rsten, Stadthalter und <emphasis>Kolja</emphasis>. Zarah ist eine der einflussreichsten Anh�ngerinnen der <emphasis>Gr�nen Geister</emphasis> in der <emphasis>Goldenen Stadt.</emphasis></p><subtitle>Die Zwerge</subtitle><p><strong>Zwerge</strong> In alten M�rchen auch Twerge oder Getwerg genannt, sind die Zwerge eines der �ltesten V�lker <emphasis>Albenmarks</emphasis>. Sie sind Meister des Bergbaus und leben unter der Erde oder im Fels. Dort f�hlen sie sich sicherer vor den <emphasis>Drachen,</emphasis> mit denen sie seit langer Zeit in Fehde liegen. Seit die Drachen die <emphasis>Tiefe Stadt</emphasis> vernichtet haben, planen einige Zwerge die Vernichtung der gefl�gelten Tyrannen. Die <emphasis>Elfen</emphasis> werden von den Zwergen verachtet, denn sie sehen in ihnen willf�hrige Diener der <emphasis>Drachen</emphasis>.</p><empty-line/><p>Der <strong>Alte in der Tiefe</strong> H�ufig genutzter Titel von Zwergenf�rsten. Manchmal, wie in der <emphasis>Tiefen Stadt,</emphasis> benutzt kein <emphasis>Zwerg</emphasis> mehr den wirklichen Namen des Herrschers, sondern man spricht nur noch durch Nennung des Titels �ber ihn.</p><p><strong>Amalaswintha</strong> Eine ebenso beg�terte wie einflussreiche <emphasis>Zwergin</emphasis> aus der <emphasis>Tiefen Stadt,</emphasis> die auf Anregung des Ratsherren <emphasis>Skorri</emphasis> ganz eigene Wege beschreitet, um ihrem Volk den Schl�ssel zur Kunst des Zauberwebens zu erstreiten. �berlebt den Untergang der Tiefen Stadt und wird vor�bergehend von <emphasis>Eikin</emphasis> in <emphasis>Glamirs Turm</emphasis> verbannt. Kehrt aus der Verbannung zur�ck und kn�pft erneut enge Bande zum Herrscher der <emphasis>Ehernen Hallen</emphasis>.</p><p><strong>Bailin</strong> Hauptmann der Leibwache des F�rsten <emphasis>Eikin</emphasis>. Rettet <emphasis>Galar, Glamir</emphasis> und <emphasis>Nyr</emphasis> und zieht mit ihnen in den Krieg nach <emphasis>Nangog</emphasis>.</p><p><strong>Eikin</strong> F�rst, <emphasis>der Alte in der Tiefe</emphasis> in den <emphasis>Ehernen Hallen</emphasis>. Umsichtiger Herrscher, der trotz seines Alters den Reizen <emphasis>Amalaswinthas</emphasis> verf�llt.</p><p><strong>Frar</strong> Baby aus der <emphasis>Tiefen Stadt</emphasis>. Wurde von der Elfe <emphasis>Nandalee</emphasis> verschont und den Zwergen <emphasis>Nyr, Hornbori</emphasis> und <emphasis>Galar</emphasis> �bergeben, die sich seiner annahmen und ihm den Namen Frar Drachentod gaben. �berlebte als einer der wenigen den Untergang der Tiefen Stadt. Spitzname: Draupnir (zwergisch f�r �Tr�pfler�). Lebt sp�ter unter der Vormundschaft <emphasis>Amalaswinthas</emphasis> in den <emphasis>Ehernen Hallen</emphasis>.</p><p><strong>Galar</strong> Von unb�ndiger Neugierde getriebener Forscher, Schmied und Alchemist aus der <emphasis>Tiefen Stadt,</emphasis> der auch schon mal zur Axt greift, wenn die Umst�nde es erfordern. Erfand den Schie�mechanismus, mit dem der <emphasis>Schwebende Meister</emphasis> get�tet wurde. Sucht nach einem Elixier, das Zwergenhaut mithilfe von Drachenblut unverwundbar machen soll. Einmal ist es ihm durch Zufall gelungen�� leider nur an dem von ihm m��ig gesch�tzten Blender <emphasis>Hornbori</emphasis>. Gemeinsam mit <emphasis>Hornbori, Nyr, Frar</emphasis> und <emphasis>Amalaswintha</emphasis> in <emphasis>Glamirs Turm</emphasis> verbannt. Danach auf dem Feldzug im ewigen Eis von <emphasis>Nangog</emphasis>.</p><p><strong>Glamir</strong> Schmied aus den <emphasis>Ehernen Hallen</emphasis>. Hat im <emphasis>Meer der Schwarzen Schnecken</emphasis> einen Turm errichtet, in dem er seinen eigenwilligen Forschungen nachgeht. Er verlor im Kampf gegen die <emphasis>Smaragdspinnen</emphasis> sein rechtes Bein, seinen rechten Arm und sein rechtes Auge. Zeigt au�ergew�hnlichen Mut im eisigen <emphasis>Wanu,</emphasis> wo sich sein Schicksal erf�llt.</p><p><strong>Hornbori</strong> Gl�ckskind aus der <emphasis>Tiefen Stadt</emphasis>. Optisch der Traum jedes Zwergen-Heldenepos, leider aber nur bedingt mutig und nicht der Hellste. Trotzdem sorgen sein �u�eres und sein selbstbewusstes Auftreten bei Zechgelagen immer wieder daf�r, dass ihm die Heldentaten anderer zugeschrieben werden. Mal Proteg�, mal Feind <emphasis>Galars,</emphasis> Freund <emphasis>Nyrs</emphasis>. Gemeinsam mit diesen, <emphasis>Frar</emphasis> und <emphasis>Amalaswintha</emphasis> in <emphasis>Glamirs Turm</emphasis> verbannt. Danach einer der gro�en Helden des Feldzugs im ewigen Eis von <emphasis>Nangog</emphasis>.</p><p><strong>Lamga</strong> Dienerin der <emphasis>Amalaswintha</emphasis> in deren Palast in den <emphasis>Ehernen Hallen</emphasis>. Von eher pr�der Grundeinstellung, findet sie�� bei aller Loyalit�t�� ihre Herrin skandal�s.</p><p><strong>Nyr</strong> Ehemaliger Gesch�tzmeister aus der <emphasis>Tiefen Stadt</emphasis>. In seinem Volk ber�hmt daf�r, die Drachenflitsche entwickelt zu haben, ein zerlegbares Gesch�tz, das die Drachenjagd erheblich erleichtert. Freund <emphasis>Galars</emphasis>. Gemeinsam mit diesem, <emphasis>Hornbori, Frar</emphasis> und <emphasis>Amalaswintha</emphasis> in <emphasis>Glamirs Turm</emphasis> verbannt. Danach auf dem Feldzug im ewigen Eis von <emphasis>Nangog</emphasis>.</p><p><strong>Regin</strong> Alter Weggef�hrte und Vertrauter des F�rsten <emphasis>Eikin</emphasis>.</p><subtitle>Albenkinder</subtitle><p><strong>Albenkinder</strong> Sammelbegriff f�r alle V�lker, die durch <emphasis>Alben</emphasis> erschaffen wurden (Elfen, Trolle, Kobolde, Kentauren etc.).</p><empty-line/><p><strong>Aegidos</strong><emphasis>Kentaur</emphasis> aus der Provinz <emphasis>Uttika,</emphasis> der zu den ersten geh�rte, die durch das Los zum Kriegsdienst auf <emphasis>Nangog</emphasis> befohlen wurden. <emphasis>Asfahal</emphasis> macht ihn durch seinen Auftritt auf <emphasis>Bidayns</emphasis> Hochzeit ber�hmt.</p><p><strong>Aloki</strong> Schlangenfrau aus dem Gefolge des F�rsten <emphasis>Solaiyn</emphasis>. Sie pflegt ihn und behandelt auf ungew�hnliche Weise seine Melancholie. Solaiyn verbirgt sie vor den Blicken seiner G�ste. Alokis Biss �bertr�gt ein Gift, das eine stark sedierende Wirkung hat.</p><p><strong>Apsaras</strong> Wassernymphen aus der <emphasis>Lotussee</emphasis>. Traumleserinnen, begabte Zauberweberinnen, die ihre Leiber, halb Fisch, halb elfen�hnlich, mit magischen Glyphen bemalen.</p><p><strong>Bl�tenfeen</strong> Eine andere Bezeichnung f�r Auenfeen. Gesch�pfe von knapp Fingerl�nge mit elfen�hnlichem �u�eren, mit Schmetterlings- oder Libellenfl�geln.</p><p><strong>Brass</strong> Wahrscheinlich der gr��te <emphasis>Troll</emphasis> der <emphasis>Snaiwamark,</emphasis> auch der Mammutw�rger genannt. Kommt mit <emphasis>Hornbori</emphasis> nach <emphasis>Nangog,</emphasis> h�lt den <emphasis>Zwerg</emphasis> irrt�mlich f�r einen Helden.</p><p><strong>Che</strong> Anf�hrer der <emphasis>Kobolde,</emphasis> die als <emphasis>Eisb�rte</emphasis> bekannt wurden. Er f�hrte jahrelang einen Guerillakrieg gegen die <emphasis>Zwerge</emphasis> von <emphasis>Ishaven</emphasis>. Geh�rt zur Schar der <emphasis>Elfe Ailyn,</emphasis> die den Kampf um <emphasis>Nangog</emphasis> entfesselt.</p><p><strong>Darp</strong><emphasis>Troll</emphasis> aus der Kriegerschar des <emphasis>Groz</emphasis>. Der erste Troll, der in den K�mpfen auf <emphasis>Nangog</emphasis> stirbt.</p><p><strong>Dion</strong><emphasis>Faun</emphasis> mit verkr�ppelter Hand, der als Stallbursche in der Stadt <emphasis>Uttika</emphasis> arbeitet und in einer Vollmondnacht am falschen Ort die falsche <emphasis>Elfe</emphasis> trifft.</p><p><strong>Einhorn</strong> Wird meist f�r ein Gesch�pf aus M�rchen gehalten. Einh�rner entstehen, wenn ein Held durch eine au�erordentlich selbstlose Tat sein Leben verliert.</p><p><strong>Eisb�rte</strong> Name der Koboldv�lker, die n�rdlich von <emphasis>Ishaven</emphasis> leben. Er r�hrt von den wei�en Fransenschals her, die sie gegen die eisige K�lte der <emphasis>Snaiwamark</emphasis> um ihre Gesichter wickeln.</p><p><strong>Faune</strong> Urspr�nglich aus <emphasis>Dailos</emphasis> stammende Albenkinder, haben Bocksbeine und einen Oberk�rper, der eher Menschen als <emphasis>Elfen</emphasis> �hnelt. Obwohl sie als aufs�ssig und dem Trunk ergeben gelten, wurde es Mode, an den F�rstenh�fen <emphasis>Arkadiens</emphasis> Faune als Stallburschen zu besch�ftigen.</p><p><strong>Firaz</strong> Blinde Seherin aus dem Volk der <emphasis>Gazala</emphasis>. Sie lebt in der Felsoase, die als <emphasis>Jadegarten</emphasis> bekannt ist, und geh�rt zum Orakel <emphasis>Nachtatems</emphasis>. Begleitet <emphasis>Nandalee</emphasis> bei der Geburt ihrer Kinder.</p><p><strong>Gazala</strong> Seherinnen, die auf Wunsch des <emphasis>Erstgeschl�pften,</emphasis> des Drachen <emphasis>Nachtatem,</emphasis> erschaffen wurden. Die Gazala haben schmale, lang gezogene Gazellenh�upter mit sehr auff�lligen, weit nach hinten gebogenen und in sich gedrehten H�rnern. Sie sehen m�gliche Zuk�nfte; gelten aber als launisch, was auch daran liegen mag, dass sie die gro�e Pyramide im <emphasis>Jadegarten</emphasis> so gut wie nie verlassen d�rfen.</p><p><strong>Graumur</strong> Alter Minotaurenkrieger in Diensten des Kaufherren <emphasis>Shanadeen</emphasis>.</p><p><strong>Groz</strong> Anf�hrer der <emphasis>Trolle,</emphasis> die unter dem Befehl <emphasis>Ailyns</emphasis> an der Seite von <emphasis>Zwergen</emphasis> und <emphasis>Kobolden</emphasis> in die Schlacht um <emphasis>Wanu</emphasis> ziehen.</p><p><strong>Gr�ne Geister</strong> Gesch�pfe der Riesin <emphasis>Nangog</emphasis>. Es sind die Seelen der Kreaturen, die sie noch erschaffen wollte, bevor sie von den <emphasis>Devanthar</emphasis> und <emphasis>Alben</emphasis> verzaubert wurde. Es hei�t, sie waren kaum mehr als einen Herzschlag von ihrer Fleischwerdung entfernt. Sie sind die k�rperlosen Schutzgeister der Welt <emphasis>Nangog</emphasis>. W�hrend der K�mpfe im ewigen Eis beginnen die ersten von ihnen k�rperliche Gestalt anzunehmen.</p><p><strong>Iku�ka</strong> Eine <emphasis>Xana,</emphasis> die aus <emphasis>Albenmark</emphasis> in die Welt der Menschen floh. Lebte �ber Jahrhunderte in einem Teich in den Bergen <emphasis>Garagums</emphasis> verborgen, bis sie dort eines Tages dem Priester <emphasis>Barnaba</emphasis> begegnete. Wurde auf Befehl des Schamanen <emphasis>Gatha</emphasis> von den J�gern <emphasis>Garagums</emphasis> get�tet.</p><p><strong>Kobolde</strong> Eine Sammelbezeichnung f�r eine ganze Gruppe verschiedener V�lker oder St�mme wie etwa die Lutin oder die Holden. Die Kobolde sind, nach den Ma�st�ben eines Menschen gesch�tzt, etwa knie- bis h�fthoch. Viele Kobolde sind magiebegabt. Die meisten gelten als hervorragende Handwerker. Andere Albenkinder bedienen sich der Kobolde gerne als Diener oder Sklaven. Man sagt ihnen einen eigenwilligen Sinn f�r Humor und eine ausgepr�gte Neigung nach, anderen Streiche zu spielen.</p><p><strong>Krotos</strong> Faun, der als Hafenarbeiter in der Stadt <emphasis>Uttika</emphasis> lebt und ein finsteres Gem�t hat.</p><p><strong>Kruppa</strong> Korpulente <emphasis>Koboldin,</emphasis> die im gro�en Haus des Kaufherren <emphasis>Shanadeen</emphasis> die K�che f�hrt. Mutter der <emphasis>Maya</emphasis>.</p><p><strong>Matha Naht</strong> Beseelter Holunderbaum. Matha Naht ist von Finsternis durchdrungen. Schwarz wie ihre Rinde ist auch ihre Magie. Wenn es ihr nutzt, paktiert sie mit der Elfe <emphasis>Lyvianne,</emphasis> die von ihr in der Lehre der Blutmagie unterwiesen wurde. Nahm <emphasis>Gonvalon</emphasis> seine Magie und wurde durch <emphasis>Nachtatems</emphasis> Eingreifen in ihrer urspr�nglichen Form zerst�rt.</p><p><strong>Maya</strong><emphasis>Koboldin,</emphasis> die im Haus des Kaufherren <emphasis>Shanadeen</emphasis> als K�chenmagd arbeitet. Tochter der <emphasis>Kruppa,</emphasis> verlor durch einen Unfall, den �berm�tige Kentauren verschuldeten, ein Bein.</p><p><strong>Nonnos</strong><emphasis>Faun</emphasis> aus der Hafenstadt <emphasis>Uttika,</emphasis> der lesen und schreiben kann und sich gelegentlich sogar als Dichter versucht. Meist jedoch muss er als Knecht malochen, denn seine Bonmots und Gedichte begeistern allenfalls Faune.</p><p><strong>Rafa</strong><emphasis>Kobold</emphasis> aus der Guerillagruppe der <emphasis>Eisb�rte,</emphasis> der mit <emphasis>Hornbori</emphasis> nach <emphasis>Nangog</emphasis> kommt und erst sehr sp�t das wahre Gesicht des Zwergen erkennt.</p><p><strong>Riesen</strong> Eigenbr�tlerische Gesch�pfe aus dem tiefen S�den Albenmarks. Die Kleinsten unter ihnen messen zwanzig Schritt.</p><p><strong>Sata</strong><emphasis>Kobolddienerin</emphasis> auf dem <emphasis>Blauen Stern</emphasis> des <emphasis>S�ngers,</emphasis> die unter ihresgleichen an Bord des Himmelsschiffes gro�es Ansehen genie�t.</p><p><strong>Sekander</strong><emphasis>Kentaur,</emphasis> F�rst der Provinz <emphasis>Uttika,</emphasis> der die Umtriebe <emphasis>Bidayns</emphasis> in seiner Stadt mit wachsendem Misstrauen beobachtet.</p><p><strong>Silene</strong> Siehe <emphasis>Faune</emphasis>.</p><p><strong>Trolle</strong> Das kriegerischste Volk <emphasis>Albenmarks</emphasis>. Mehr als drei Schritt gro� und von gedrungener Statur, weisen sie eine graue Haut auf, die in ihrer Farbe Steinen �hnelt. Trolle scheuen vor der Ber�hrung von Metall zur�ck.</p><p><strong>Xana</strong> Wassernymphen mit seherischen Gaben, die aus <emphasis>Albenmark</emphasis> in die <emphasis>Andere Welt</emphasis> verbannt wurden, weil sie nach dem Geschmack der <emphasis>Himmelsschlangen</emphasis> zu aufs�ssig waren und anderen gegen�ber zu frei �ber m�gliche Zuk�nfte sprachen.</p><subtitle>Andere Gesch�pfe</subtitle><p><strong>Gabbot</strong> Affe des Lotsen <emphasis>Nabor</emphasis>.</p><p><strong>Mondschatten</strong> Der <emphasis>Pegasus</emphasis> des Drachenelfen <emphasis>Nodon</emphasis>.</p><p><strong>Nachtschwinge</strong> Der <emphasis>Pegasus Gonvalons</emphasis>. Ein Rappe.</p><p><strong>Pegasus</strong> Gefl�geltes Pferd. Pegasi leben in der Steppe <emphasis>Bainne Tyr</emphasis>. Einen Pegasus zu fangen und als sein Reittier zu gewinnen geh�rt zu den abschlie�enden Pr�fungen f�r Sch�ler der <emphasis>Wei�en Halle,</emphasis> die zu <emphasis>Drachenelfen</emphasis> aufsteigen wollen. Besteht einmal ein Band zwischen einem Pegasus und einem <emphasis>Elfen,</emphasis> h�lt es f�r den Rest ihres Lebens.</p><p><strong>Sternauge</strong> Der <emphasis>Pegasus Nandalees</emphasis>. Ein Rappe.</p><p><strong>Wind vor regenschwerem Horizont im Fr�hlingsmorgenlicht �ber dem Gr�nen Meer</strong> Name des <emphasis>Wolkensammlers,</emphasis> auf dem der Prediger <emphasis>Barnaba</emphasis> die <emphasis>Goldene Stadt</emphasis> verl�sst. Der Lotse an Bord ist der Valesier <emphasis>Veccio</emphasis>. Sp�ter wird Veccio durch <emphasis>Nabor</emphasis> ersetzt, der den Prediger auf der Suche nach dem <emphasis>Traumeis</emphasis> begleitet. Eine Suche, die auch den Wolkensammler ver�ndern wird.</p><p><strong>Wolkensammler</strong> Riesige Gesch�pfe, die am Himmel <emphasis>Nangogs</emphasis> schweben. Sie erinnern vage an Oktopoden, nur dass sie weit mehr als acht Fangarme besitzen. Die gr��ten dieser Gesch�pfe erreichen einen Rumpfdurchmesser von mehr als zweihundert Schritt. Mithilfe der <emphasis>Devanthar</emphasis> gelang es den Menschen, einige der Wolkensammler zu fangen. Sie konstruierten Schiffe und Flugplattformen, die mit den aufgedunsenen Leibern der Wolkensammler durch Seile und Netze verbunden wurden. Wie intelligent Wolkensammler sind, ist umstritten. Nach einer Weile scheinen sie die Himmelsschiffe und deren Mannschaften als Teil ihres eigenen K�rpers zu betrachten.</p><subtitle>Schaupl�tze</subtitle><p><strong>Aegilen/Aegilische Inseln</strong> Region auf <emphasis>Daia</emphasis> mit �ber hundert weit verstreuten Inseln. Ber�chtigtes Piratenversteck. Wie steinerne G�rten liegen die Inseln inmitten des Meeres, gr�n von Zedern, so alt wie die Welt und reich an wunderbaren Weinbergen.</p><p><strong>Ak�u</strong> Palaststadt von <emphasis>Aaron,</emphasis> des Gro�k�nigs von <emphasis>Aram</emphasis>.</p><p><strong>Albenhaupt</strong> Berg im hohen Norden <emphasis>Albenmarks</emphasis>. Dort leben au�ergew�hnlich gro�e Adler. Die <emphasis>Maurawan</emphasis> sind die H�ter dieses Berges, der ihnen heilig ist.</p><p><strong>Albenpfad, Albenstern</strong> Siehe Glossar</p><p><strong>Amur</strong> M�chtiger Strom weit im Osten des Reiches <emphasis>Aram</emphasis>.</p><p><strong>Andere Welt</strong> Name der <emphasis>Albenkinder</emphasis> f�r die Welt der Menschen.</p><p><strong>Aram</strong> Eines der sieben Gro�reiche in der Welt der Menschen, beherrscht von dem Unsterblichen <emphasis>Aaron,</emphasis> der den Titel Herrscher aller Schwarzk�pfe f�hrt. Das Banner mit der gefl�gelten Sonne ist das Feldzeichen des Reiches, w�hrend des Feldzugs von <emphasis>Kush</emphasis> kommen auch Standarten mit goldenen L�wen auf.</p><p><strong>Arkadien</strong> M�chtiges Elfenf�rstentum, ber�hmt f�r seine Sch�nheit wie f�r die kalte Arroganz seiner Herrscher, die als besonders intrigant und skrupellos verschrien sind.</p><p><strong>Bainne Tyr</strong> Die Heimat der <emphasis>Pegasi</emphasis> in <emphasis>Albenmark,</emphasis> oft Milchland genannt. Hier siedeln auch verschiedene gro�e Koboldst�mme, die in der weiten Steppenlandschaft Viehwirtschaft betreiben. Inmitten der Steppe befindet sich ein W�stenstreifen, der von den <emphasis>Himmelsschlangen</emphasis> mit Zaubern belegt wurde. An diesem lebensfeindlichen Ort legen die <emphasis>Drachenelfen</emphasis> ihre letzten Pr�fungen ab. Dort befindet sich auch der legendenumrankte <emphasis>Jadegarten</emphasis>.</p><p><strong>Belbek</strong> Ein kleines Dorf in der Provinz <emphasis>Nari,</emphasis> im K�nigreich <emphasis>Aram</emphasis> gelegen. Der Geburtsort von <emphasis>Artax</emphasis>.</p><p><strong>Blaue Halle</strong> Neben der <emphasis>Wei�en Halle</emphasis> der einzige Ort, an dem <emphasis>Elfen</emphasis> zu Dienern der <emphasis>Himmelsschlangen</emphasis> ausgebildet werden. In der Blauen Halle liegt der Schwerpunkt des Lernens auf der Entfaltung der Magie. Ihre Sch�ler steigen in aller Regel nicht in die Reihen der <emphasis>Drachenelfen</emphasis> auf, sondern dienen als Spitzel auf <emphasis>Daia</emphasis> und <emphasis>Nangog</emphasis>.</p><p><strong>Carandamon</strong> Elfenf�rstentum in <emphasis>Albenmark</emphasis>. Die Hochebene im ewigen Eis ist eingefasst von m�chtigen Bergketten. Carandamon ist die urspr�ngliche Heimat des Elfenvolkes der <emphasis>Normirga</emphasis>. Es liegt westlich der <emphasis>Snaiwamark,</emphasis> des K�nigreichs der <emphasis>Trolle</emphasis>.</p><p><strong>Daia</strong> Archaischer Name f�r die Welt der Menschen. Man findet ihn vor allem in �lteren Schriften <emphasis>Albenmarks</emphasis>.</p><p><strong>Das Nichts</strong> Die gro�e Leere zwischen <emphasis>Daia,</emphasis> der Welt der Menschen, <emphasis>Albenmark</emphasis> und <emphasis>Nangog</emphasis>. Das Nichts wird durchzogen vom goldenen Netz der <emphasis>Albenpfade</emphasis>.</p><p><strong>Der Wandernde Hof</strong> Bezeichnung f�r den K�nigshof des Unsterblichen <emphasis>Madyas,</emphasis> des Herrschers �ber das Gro�reich <emphasis>Ischkuza</emphasis>. Der Hof besteht aus zum Teil riesigen Wagen und Kuppelzelten, die auf Plattformen mit R�dern aufgeschlagen sind. Dieses Lager, das sich K�nigshof nennt, bewegt sich st�ndig �ber die weiten Steppen Ischkuzas und verweilt nie l�nger als drei Tage an einem Ort.</p><p><strong>Die Goldene Pforte</strong> Name des gro�en <emphasis>Albensterns</emphasis> in der <emphasis>Goldenen Stadt</emphasis> auf der Welt <emphasis>Nangog</emphasis>. Dieser Albenstern ist fast ununterbrochen ge�ffnet. Er ist der Umschlagplatz f�r alle Karawanen, die Nangog verlassen.</p><p><strong>Die Goldene Stadt</strong> �beraus pr�chtige Stadt und gemeinsame Residenz aller sieben Gro�k�nige, der <emphasis>Unsterblichen</emphasis> von <emphasis>Daia,</emphasis> auf der Welt <emphasis>Nangog</emphasis>. Fast vollst�ndig zerst�rt durch ein Beben, ausgel�st von <emphasis>Nangog</emphasis> selbst.</p><p><strong>Drus, auch Drusna</strong> Eines der sieben Gro�reiche auf <emphasis>Daia,</emphasis> der Welt der Menschen. Dichtes Waldland, Heimat der S�ldner <emphasis>Volodi, Kolja</emphasis> und <emphasis>Eirik</emphasis>. Wird vom Unsterblichen <emphasis>Iwar</emphasis> beherrscht, sp�ter dann von Volodi.</p><p><strong>Eherne Hallen</strong> Zwergenstadt im Nordwesten der W�lder von Galvelun. Dort regiert <emphasis>der Alte in der Tiefe Eikin</emphasis>.</p><p><strong>Garagum</strong> Der Name zweier Provinzen auf <emphasis>Daia</emphasis>. Die Provinzen sind benachbart und geh�ren zu den Gro�reichen <emphasis>Aram</emphasis> und <emphasis>Luwien</emphasis>. Garagum bedeutet �bersetzt <emphasis>Die Schwarze W�ste.</emphasis> (Siehe auch: <emphasis>Deva Kush.</emphasis>)</p><p><strong>Der Gelbe Turm</strong> Der sagenumwobene Palast der <emphasis>Devanthar,</emphasis> der verborgen in den himmelhohen Bergen am Rande <emphasis>Garagums</emphasis> liegt. Es hei�t, dorthin brachte die Devanthar <emphasis>I�ta</emphasis> das Drachenhaupt des <emphasis>Purpurnen,</emphasis> den sie ermordet hatte. Und dort erschufen die Devanthar der <emphasis>Anatu,</emphasis> der Geliebten des Purpurnen, ein Gef�ngnis aus dem Sch�del der <emphasis>Himmelsschlange</emphasis>. Manchmal tr�gt der Wind Anatus Wehklagen bis hinaus in die <emphasis>Schwarze W�ste</emphasis>. Hier darf <emphasis>Aaron</emphasis> als erster Unsterblicher zu den Devanthar sprechen.</p><p><strong>Glamirs Turm</strong> Ein Turm, der auf einem Riff im unterirdischen <emphasis>Meer der Schwarzen Schnecken</emphasis> liegt. Bei normalem Pegelstand des Sees versinkt der Turm ganz im Wasser. Hier sp�ren die Zwerge der <emphasis>Ehernen Halle</emphasis> unter der F�hrung des Schmieds <emphasis>Glamir</emphasis> einem der gro�en Geheimnisse <emphasis>Albenmarks</emphasis> nach.</p><p><strong>Gro�er Fluss</strong> M�chtiger Strom auf <emphasis>Nangog,</emphasis> an dessen Ufer sich die <emphasis>Goldene Stadt</emphasis> erhebt.</p><p><strong>Haiwanan</strong> Ferne Provinz in <emphasis>Albenmark,</emphasis> unter anderem ber�hmt f�r die feine Seide, die dort gewonnen wird.</p><p><strong>Haus des Himmels</strong> Einsames Bergkloster im K�nigreich <emphasis>Luwien</emphasis>. Hier werden die auserw�hlten Jungfrauen auf die <emphasis>Heilige Hochzeit</emphasis> und oft auch auf ihren Opfertod vorbereitet. Hier war auch <emphasis>Shaya</emphasis> gefangen.</p><p><strong>Herzland</strong> Zentrale Provinz in <emphasis>Albenmark,</emphasis> wird von Elfenf�rsten beherrscht.</p><p><strong>Isatami</strong> Uralte Tempelstadt im K�nigreich <emphasis>Luwien</emphasis>. Auf der <emphasis>Zikkurat</emphasis> von Isatami wird jedes Jahr zur Sommersonnenwende das Fest der <emphasis>Heiligen Hochzeit</emphasis> gefeiert. Dabei vereinigte sich auch der Unsterbliche <emphasis>Muwatta</emphasis> mit <emphasis>Shaya</emphasis>. Isatami liegt auf einer abgelegenen Hochebene unweit eines gro�en <emphasis>Albensterns</emphasis>.</p><p><strong>Ischkuza</strong> Eines der sieben Gro�reiche in der Welt der Menschen, beherrscht vom Unsterblichen <emphasis>Madyas</emphasis>. Gro�k�nig ist der Titel des Herrschers �ber das weite Steppenreich und ein Banner mit einem stilisierten Pferdekopf sein Feldzeichen. Die Bewohner des Reiches werden <emphasis>Ischkuzaia</emphasis> genannt.</p><p><strong>Issedon</strong> Eine der �stlichen Provinzen des K�nigreichs <emphasis>Aram,</emphasis> grenzt an <emphasis>Garagum</emphasis> an. Ber�chtigt f�r ein raues Klima und die kannibalistischen Totenfeiern zu Ehren get�teter Krieger und J�ger.</p><p><strong>Jadegarten</strong> Name einer Felsoase inmitten des <emphasis>Bainne Tyr</emphasis>. Die Oase wird von einem mit Zaubern belegten W�stenstreifen umgeben. Der Jadegarten ist die Residenz der erstgeschl�pften Himmelsschlange <emphasis>Nachtatem</emphasis>. Inmitten der Oase erhebt sich eine Pyramide, in der sich die <emphasis>Gazala,</emphasis> die Orakel Nachtatems, verbergen. Hier erwartet <emphasis>Nandalee</emphasis> die Geburt ihrer Kinder.</p><p><strong>Ku�i Unu</strong> Fluss auf <emphasis>Nangog,</emphasis> nahe der Stadt <emphasis>Wanu</emphasis>. Er wird durch warme Quellen gespeist und friert deshalb niemals zu. Meist von dichtem Nebel verh�llt.</p><p><strong>Kush</strong> Hochebene. Schauplatz der Entscheidungsschlacht zwischen <emphasis>Aram</emphasis> und <emphasis>Luwien</emphasis>. Hoch in den Bergen nahe der Grenze zwischen den beiden Provinzen <emphasis>Garagum</emphasis> gelegen. Vor der Schlacht vor allem f�r die gleichnamige Nutzpflanze bekannt, die hier angebaut wird. <emphasis>Aaron</emphasis> benennt seine neue Leibwache nach diesem Ort seines Siegs: <emphasis>die Kushiten</emphasis>.</p><p><strong>Lotussee</strong> S�dliches Meer auf <emphasis>Albenmark</emphasis>. Heimat der <emphasis>Apsaras</emphasis>.</p><p><strong>Luma</strong> Mythischer Berg, im Gro�reich <emphasis>Luwien</emphasis> in der Welt der Menschen gelegen. Auf seinem Gipfel erhebt sich ein Tempel und in Vollmondn�chten der legendenumwobene Palast aus Mondenlicht der Devanthar <emphasis>Anatu,</emphasis> die von <emphasis>I�ta</emphasis> verst�mmelt wurde.</p><p><strong>Luwien</strong> Eines der sieben Gro�reiche in der Welt der Menschen, beherrscht von dem Unsterblichen <emphasis>Muwatta,</emphasis> sp�ter von <emphasis>Labarna</emphasis>. Es ist das erste der Menschenreiche, in dem in gr��erem Umfang Eisenerz verh�ttet wird, wodurch es zur milit�risch st�rksten Macht aufsteigt.</p><p><strong>Meer der Schwarzen Schnecken</strong> Ein gro�er unterirdischer See in <emphasis>Albenmark,</emphasis> s�dlich jener Zwergensiedlung gelegen, die als die <emphasis>Eherne Stadt</emphasis> bekannt ist. Hier befindet sich <emphasis>Glamirs Turm</emphasis>.</p><p><strong>Messergras-Steppe</strong> Weite Steppenlandschaft auf <emphasis>Nangog,</emphasis> durch die das m�chtige Gelbwasser flie�t. Inmitten der Steppe liegt die von Luwiern gegr�ndete Stadt <emphasis>Naga</emphasis>.</p><p><strong>Milchland</strong> Anderer Name f�r <emphasis>Bainne Tyr.</emphasis></p><p><strong>Mylal</strong> Stadt in <emphasis>Albenmark,</emphasis> auf der Insel <emphasis>Tanthalia</emphasis>. Hier liegt die Schule der blinden M�rchenerz�hler. <emphasis>Lyvianne</emphasis> besitzt einen Stadtpalast auf den Klippen hoch �ber der See.</p><p><strong>Naga</strong> In der <emphasis>Messergras-Steppe</emphasis> am Gelbwasser auf <emphasis>Nangog</emphasis>. Besser bekannt als die Stadt der toten Kinder, nach einer Trag�die, die sich ereignete, als der dortige Satrap <emphasis>Siran</emphasis> Hunderte Kinder in die Stadt bringen lie�, damit sie ein freundlicheres Antlitz gewinnt.</p><p><strong>Nangog</strong> Die Welt, die von der gleichnamigen Riesin erschaffen wurde, ohne dass <emphasis>Devanthar</emphasis> und <emphasis>Alben</emphasis> ihre Zustimmung gegeben hatten. Es ist eine Hohlwelt, in der Nangog durch Zauberbann gefangen ist. Nach dem Sieg �ber sie schlossen Alben und Devanthar einen Pakt, der besagt, dass ihre Kinder diese Welt niemals betreten sollten. Dennoch begannen die Menschen, die Sch�tze Nangogs f�r ihre Reiche auszubeuten. Als die <emphasis>Himmelsschlangen</emphasis> diesen Bruch ihres Paktes nicht mehr hinnehmen wollen, kommt es zum Krieg der drei Welten, der in der Eisw�ste Nangogs beginnt.</p><p><strong>Nari</strong> Ist sowohl eine Provinz im K�nigreich <emphasis>Aram</emphasis> als auch deren Hauptstadt und damit Sitz des Satrapen. Das Dorf <emphasis>Belbek,</emphasis> aus dem <emphasis>Artax</emphasis> stammt, liegt in Nari.</p><p><strong>Nevenylls Klippe</strong> Kreidefelsklippe, die sich nahe der Stadt <emphasis>Uttika</emphasis> in <emphasis>Albenmark</emphasis> hoch �ber das Meer erhebt. Gilt als ein verfluchter Ort, seit sich die Elfe <emphasis>Nevenyll</emphasis> dort zu Tode st�rzte.</p><p><strong>Purpurnes Meer</strong> Meer in <emphasis>Nangog,</emphasis> das purpurn leuchtet, wenn man es von oben, etwa von einem <emphasis>Himmelsschiff</emphasis> aus, betrachtet. S�dwestlich des <emphasis>Weltenmunds</emphasis> gelegen.</p><p><strong>Schlangenr�cken</strong> Gebirgskette auf <emphasis>Nangog,</emphasis> n�rdlich des <emphasis>Weltenmunds</emphasis> gelegen, ber�hmt f�r seine Goldvorkommen.</p><p><strong>Schwimmende Inseln</strong> Inselgruppe tief im Westen von <emphasis>Daia</emphasis>. Hier liegt das entlegenste der sieben Gro�reiche der Menschen.</p><p><strong>Seelenhort</strong> Die Seelen der <emphasis>Elfen</emphasis> gehen in den Seelenhort ein, bis sie aufs Neue wiedergeboren werden. Alle anderen Seelen verblassen einfach.</p><p><strong>Seidenfluss</strong> Urspr�nglich der Grenzfluss von <emphasis>Ischkuza</emphasis>. Die dortigen Stadtstaaten wurden vom Unsterblichen <emphasis>Madyas</emphasis> erobert.</p><p><strong>Selinunt</strong> Auch das <emphasis>Wei�e Selinunt</emphasis> genannt. Eine Palaststadt, die der Unsterbliche <emphasis>Ansur</emphasis> von <emphasis>Valesia</emphasis> in einem abgelegenen Tal erbauen lie�. Selinunt wurde nur aus kostbarsten Materialien errichtet. Die Pal�ste und Tempel waren aus makellos wei�em Marmor erbaut, die D�cher mit Goldbeschl�gen geschm�ckt. In Selinunt schlossen die sieben Unsterblichen ihren Bund zum Kampf gegen die <emphasis>Albenkinder</emphasis>. Es wurde durch einen Angriff der <emphasis>Himmelsschlangen</emphasis> vollst�ndig zerst�rt.</p><p><strong>Sepano</strong> Fluss, der sich mit einem gro�en Delta in das <emphasis>Purpurne Meer</emphasis> auf <emphasis>Nangog</emphasis> ergie�t.</p><p><strong>Snaiwamark</strong> Landstrich hoch im Norden <emphasis>Albenmarks,</emphasis> gepr�gt durch weite Tundra-Landschaften. Die Snaiwamark wurde den <emphasis>Trollen</emphasis> einst von den <emphasis>Alben</emphasis> geschenkt und gilt als ihr Stammland.</p><p><strong>Solfalah</strong> Hafenstadt auf der Insel <emphasis>Tanthalia</emphasis> in <emphasis>Albenmark</emphasis>. Mit ihren Pal�sten und den weiten Terrasseng�rten �ber dem Meer ein beliebter Ort f�r die Sommerfrische der F�rsten <emphasis>Arkadiens</emphasis>. F�rst <emphasis>Solaiyn</emphasis> besitzt einen Stadtpalast auf den Klippen hoch �ber der See.</p><p><strong>Steinhorst</strong> Abgelegene kleine Festung in den Bergen <emphasis>Garagums</emphasis>. Dort tr�gt <emphasis>Aaron</emphasis> seine letzte Schlacht gegen die abtr�nnigen Satrapen <emphasis>Bessos</emphasis> und <emphasis>Eleasar</emphasis> aus.</p><p><strong>Tanthalia</strong> Kleines Inselk�nigreich, das s�dwestlich <emphasis>Arkadiens</emphasis> liegt. Ber�hmt f�r die blinden M�rchenerz�hler, die in einer Schule in der Stadt <emphasis>Mylal</emphasis> ausgebildet werden.</p><p><strong>Tiefe Stadt</strong> Zwergenstadt, im Norden <emphasis>Arkadiens</emphasis> in <emphasis>Albenmark</emphasis> gelegen. Die Heimatstadt der Helden <emphasis>Galar, Nyr</emphasis> und <emphasis>Hornbori,</emphasis> des Zwergenbabys <emphasis>Frar</emphasis> und der Zwergin <emphasis>Amalaswintha.</emphasis> Wurde von den Drachen aus Rache f�r den Mord am <emphasis>Schwebenden Meister</emphasis> vollst�ndig zerst�rt.</p><p><strong>Urat</strong> Eine der K�nigsresidenzen <emphasis>Aarons</emphasis> von <emphasis>Aram</emphasis>. Ber�chtigt als ein Ort, an den Haremsdamen abgeschoben werden, an denen der Herrscher sein Interesse verloren hat. Der Hauptmann der Palastwache von Urat sorgte auch daf�r, dass manche der Damen f�r immer verschwanden.</p><p><strong>Uttika</strong> K�stenstadt im Westen des <emphasis>Windlands</emphasis>. Aufbl�hender Handelsort, in dem ein buntes V�lkergemisch anzutreffen ist. Versteck <emphasis>Bidayns</emphasis> nach ihrer zweiten Mission auf <emphasis>Nangog</emphasis>. Hauptstadt der gleichnamigen Provinz.</p><p><strong>Valesia</strong> Eines der sieben Gro�reiche in der Welt der Menschen, beherrscht vom Unsterblichen <emphasis>Ansur</emphasis>. S�dlich von <emphasis>Drusna</emphasis> gelegen.</p><p><strong>Verbranntes Land</strong> Sp�terer Name f�r <emphasis>Bainne Tyr.</emphasis></p><p><strong>Waldmeer</strong> Flaches Binnenmeer im S�den <emphasis>Albenmarks,</emphasis> von Mangrovenw�ldern ges�umt.</p><p><strong>Wanu</strong> N�rdlichste von Menschen besiedelte Stadt auf <emphasis>Nangog</emphasis>. Sie wurde gegr�ndet, um auf den nahegelegenen Felsinseln im Fluss <emphasis>Ku�i Unu</emphasis> das Wei�e Gold, Guano, f�r die Felder der <emphasis>Zapote</emphasis> abzubauen.</p><p><strong>Wei�e Halle</strong> Neben der <emphasis>Blauen Halle</emphasis> der einzige Ort, an dem Elfen zu Dienern der <emphasis>Himmelsschlangen</emphasis> ausgebildet werden. In der Wei�en Halle liegt der Schwerpunkt des Lernens auf der Kunst des Schwertkampfes, obwohl auch die Kunst des Zauberwebens weiter gef�rdert wird. Nur die besten unter den Absolventen der Wei�en Halle steigen zu <emphasis>Drachenelfen</emphasis> auf.</p><p><strong>Weltenmund</strong> Ein mehr als hundert Meilen durchmessender Krater, der in unergr�ndliche Tiefen reicht. An seiner Flanke liegt die <emphasis>Goldene Stadt</emphasis>. Ein schwacher, warmer Wind steigt vom Grund des Kraters auf, der f�r eine ungew�hnliche Thermik sorgt. Die Himmelsfahrer nutzen die Eigenarten des Kraters, um hier, an Fluggestelle geschnallt, ihre F�rsten und Helden zu bestatten. Die Leichen mumifizieren in der warmen, trockenen Luft und segeln manchmal �ber Jahre, bis sie schlie�lich an den Felsen zerschellen oder in den Abgrund st�rzen.</p><p><strong>Windland</strong> Weite Steppenlandschaft im Norden <emphasis>Albenmarks,</emphasis> s�dlich von <emphasis>Carandamon</emphasis> und der <emphasis>Snaiwamark</emphasis>. Heimat der <emphasis>Kentauren</emphasis>.</p><p><strong>Wolkenstadt</strong> Auf <emphasis>Nangog</emphasis> gelegen, eigentlich eine ganze Ansammlung von St�dten, �ber die wenig bekannt ist. Sie liegen im Westen des <emphasis>Purpurnen Meeres</emphasis> in Tafelbergen, die sich hoch �ber den Dschungel erheben. Hier befindet sich das Versteck des Himmelspiraten <emphasis>Tarkon Eisenzunge</emphasis>.</p><p><strong>Zapote</strong> Eines der sieben Gro�reiche in der Welt der Menschen, beherrscht vom Unsterblichen <emphasis>Acoatl</emphasis>.</p></section><section><title><p>Glossar</p></title><p><strong>Aal</strong> Bezeichnung der <emphasis>Zwerge</emphasis> f�r die primitiven Tauchboote, mit denen sie unterirdische Fl�sse und Seen befahren. Das Boot gewinnt Fahrt mithilfe einer Kurbel, die l�ngs durch den Rumpf l�uft und von allen Besatzungsmitgliedern, mit Ausnahme des Steuermanns, durch Muskelkraft angetrieben wird.</p><p><strong>Adlerritter</strong> Gef�rchtete Krieger <emphasis>Zapotes,</emphasis> die ein Federgewand anlegen und sich mit einem Adlerhelm schm�cken. Es hei�t, einige von ihnen verm�gen zu fliegen.</p><p><strong>Alben</strong> Die Sch�pfer der Welt <emphasis>Albenmark</emphasis>. Ihre Beweggr�nde sind ihren Gesch�pfen unergr�ndlich. Sie ziehen sich immer weiter aus ihrer Welt zur�ck und verzichten anscheinend auf einen Gro�teil ihrer Macht.</p><p><strong>Albenkinder</strong> Sammelbegriff f�r alle V�lker, die durch die <emphasis>Alben</emphasis> erschaffen wurden (<emphasis>Elfen, Trolle, Kobolde, Riesen, Zwerge</emphasis> etc.).</p><p><strong>Albenpfade</strong> Ein Netzwerk magischer Pfade, das von den <emphasis>Alben</emphasis> erschaffen wurde, so besagt es die �berlieferung. Es verbindet <emphasis>Albenmark, Nangog</emphasis> und <emphasis>Daia</emphasis> miteinander.</p><p><strong>Albenstern</strong> Schnittpunkt von zwei bis sieben <emphasis>Albenpfaden</emphasis>. An Albensternen kann man die Albenpfade betreten und auf ihnen sogar in andere Welten gelangen.</p><p><strong>Barinstein</strong> Meist honigfarbene Steine, die ein warmes, nie verl�schendes Licht spenden.</p><p><strong>Bronzeschilde</strong> Name der Kentaurensippe, die im F�rstentum <emphasis>Uttika</emphasis> herrscht. Ihr F�rst ist <emphasis>Sekander</emphasis>.</p><p><strong>B�ffelgras</strong> Bis zu zwei Schritt hohes Gras, das in der Savanne des <emphasis>Milchlandes (Bainne Tyr)</emphasis> gedeiht. In der Trockenzeit ger�t es leicht in Brand.</p><p><strong>Daimonen</strong> Sammelbegriff der Menschen f�r alle Gesch�pfe <emphasis>Albenmarks</emphasis>.</p><p><strong>Der Alte in der Tiefe</strong> Bezeichnung f�r den Vorsteher einer Zwergensiedlung. Gew�hnlich residiert er in den tiefsten H�hlen und entstammt einer der f�nf gro�en Familien, die ihre Herkunft bis auf den Sch�pfungstag zur�ckverfolgen k�nnen.</p><p><strong>Der Blaue Stern</strong> Ein Wolkenschiff, in dem ein Alb, von den Albenkindern der <emphasis>S�nger</emphasis> genannt, �ber den Himmel zieht.</p><p><strong>Devanthar</strong> Weltensch�pfer, �hnlich den <emphasis>Alben</emphasis>. Von den <emphasis>Alben</emphasis> und den meisten ihrer Kinder als Verk�rperung des B�sen betrachtet. Sie beherrschen <emphasis>Daia,</emphasis> die Welt der Menschen, und lenken die Geschicke der V�lker.</p><p><strong>Drachen</strong> Ein Sammelbegriff f�r verschiedene Drachengattungen. Die <emphasis>Himmelsschlangen</emphasis> sind die Statthalter der <emphasis>Alben</emphasis>. Die �brigen Drachen stehen in der Hierarchie tiefer. W�hrend die Himmelsschlangen intelligente Gesch�pfe von gro�er Macht sind, sind etliche andere Gattungen wenig mehr als besonders gef�hrliche Raubtiere.</p><p><strong>Drachenpfad</strong> Von <emphasis>Drachen</emphasis> geschaffene Wege zwischen den Welten, �hnlich den <emphasis>Albenpfaden,</emphasis> aber viel gef�hrlicher und nur von <emphasis>Drachen</emphasis> und wenigen ausgew�hlten Gesch�pfen zu �ffnen.</p><p><strong>Geisterwald</strong> Bezeichnung f�r die Heiligen Haine der <emphasis>Drus,</emphasis> einem der gro�en V�lker auf <emphasis>Daia</emphasis>. Die Drus bestatten in den B�umen der Haine ihre Toten und glauben daran, dass man in den Windspielen, die in die �ste geh�ngt werden, die Stimmen der Ahnen raunen h�ren kann.</p><p><strong>Getwerg</strong> Anderer Begriff f�r das Volk der <emphasis>Zwerge</emphasis>. Wird oft in M�rchen und Sagen �ber dieses rebellische Volk verwandt.</p><p><strong>Himmelsschiff</strong> Von <emphasis>Wolkensammlern</emphasis> getragene schiff�hnliche Konstrukte. Sie dienen haupts�chlich zum Getreidetransport auf <emphasis>Nangog</emphasis>. Einige sind zu schwebenden Pal�sten der <emphasis>Unsterblichen</emphasis> oder auch zu Kampfschiffen umgebaut. Auf all diesen Schiffen erhebt sich ein Baum aus einem tiefen Erdbecken, der die Verbindung zwischen Schiff und Wolkensammler darstellt.</p><p><strong>Himmlische Hochzeit</strong> Fruchtbarkeitsritual zwischen dem Unsterblichen Herrscher von <emphasis>Luwien</emphasis> und einer Jungfrau. Wird j�hrlich zur Sommersonnenwende in der Tempelstadt <emphasis>Isatami</emphasis> vollzogen.</p><p><strong>Ischkuzaia</strong> Steppenreitervolk auf <emphasis>Daia</emphasis>. Die Ischkuzaia sind das Herrschervolk in einem der sieben Gro�reiche. Sie sind als Barbaren verschrien, die angeblich Menschenopfer bringen und f�r ihre F�rsten grausige Totenriten zelebrieren. Als Krieger gelten sie als unbesiegbar, solange sie vom R�cken ihrer Pferde aus k�mpfen.</p><p><strong>Jaguarm�nner</strong> Gef�rchtete Krieger <emphasis>Zapotes,</emphasis> die sich mit einem Jaguarfell sowie einem Helm in Form eines Jaguarkopfs schm�cken und ihr Haupt schwarz f�rben. Sie benutzen Krallenst�cke im Kampf.</p><p><strong>Luwier</strong> Bewohner von <emphasis>Luwien,</emphasis> einem der sieben Gro�reiche auf <emphasis>Daia,</emphasis> der Menschenwelt.</p><p><strong>Maurawan</strong> Elfenvolk, das hoch im Norden <emphasis>Albenmarks</emphasis> lebt. Ber�hmt f�r seine Bogensch�tzen. Die Maurawan gelten als unberechenbar, verschlagen und eigenbr�tlerisch. Selbst <emphasis>Trolle</emphasis> z�gern, die W�lder dieses streitbaren Elfenvolks zu betreten. Zwei bekannte Maurawan sind Tylwyth und Cullayn.</p><p><strong>Meerwanderer</strong> Auch Walhirten oder Seeherrscher genannt. Riesige Meeresungeheuer. Ihre obere K�rperh�lfte �hnelt einem Kraken, und die untere hat etwas entfernt Menschliches. Ihre zwei Beine sind gro� wie T�rme.</p><p><strong>Pfade der Unsterblichen</strong> Albenpfade zwischen <emphasis>Nangog</emphasis> und <emphasis>Daia</emphasis>.</p><p><strong>Rotr�cken</strong> Eine mehr als zwanzig Schritt messende Drachenspezies, die in <emphasis>Albenmark</emphasis> unter anderem im <emphasis>Bainne Tyr</emphasis> heimisch ist und dort das Gro�wild der Savanne jagt.</p><p><strong>Rufer</strong> Alarmhorn auf einem <emphasis>Wolkenschiff.</emphasis></p><p><strong>Satrapien</strong> Bezeichnung f�r die Provinzen <emphasis>Arams</emphasis> und <emphasis>Luwiens,</emphasis> denen ein Satrap, ein Gro�f�rst, vorsteht.</p><p><strong>Seeherrscher</strong> Anderer Name f�r <emphasis>Meerwanderer.</emphasis></p><p><strong>Sichelschwalbe</strong> Das Wappen der Zunft der Himmelslotsen auf <emphasis>Nangog</emphasis>.</p><p><strong>Silberner L�we</strong> Diese Kreaturen wurden von dem <emphasis>Devanthar Langarm</emphasis> erschaffen. Dabei verwendete er Splitter vom Herzen <emphasis>Nangogs</emphasis> und erschuf Wesen, die nicht lebendig, aber auch nicht tot waren. Sie dienen den Menschen als F�hrer auf den <emphasis>Albenpfaden</emphasis> und haben die Macht, ein Tor in einem <emphasis>Albenstern</emphasis> zu �ffnen. Sp�ter erschufen die <emphasis>Devanthar</emphasis> auch gefl�gelte L�wen, auf denen die <emphasis>Unsterblichen</emphasis> in die Schlacht um <emphasis>Nangog</emphasis> ziehen.</p><p><strong>Smaragdspinnen</strong> Eine Seespinnenart, deren Leib so gro� wie der eines Grubenpferds werden kann. Man trifft sie nur im <emphasis>Meer der Schwarzen Schnecken</emphasis> in der N�he von <emphasis>Glamirs Turm</emphasis> an. Sie stehen in Verbindung mit dem Geheimnis, dem die Zwerge der <emphasis>Ehernen Hallen</emphasis> dort nachsp�ren.</p><p><strong>Steinrat</strong> Eine Ratsversammlung verdienter M�nner aus den Bergst�mmen <emphasis>Garagums</emphasis>. Nur neun M�nner geh�ren dem Rat an. Ein jeder von ihnen tr�gt einen Dolch, dessen Griff aus den Knochen des Weisen <emphasis>Zarud</emphasis> gefertigt wurde. Sie entscheiden �ber Fragen, die die wilden St�mme betreffen.</p><p><strong>Traumeis</strong> Kristalle, die angeblich die gefrorenen Tr�ume der G�ttin <emphasis>Nangog</emphasis> sind. Sie k�nnen nur in einem Krater, �hnlich dem <emphasis>Weltenmund,</emphasis> im �u�ersten Norden der Welt Nangog gefunden werden.</p><p><strong>Unsterbliche</strong> Gemeinsamer Titel der sieben Gro�k�nige, die in der Welt der Menschen herrschen und f�r die <emphasis>Devanthar</emphasis> den Krieg um <emphasis>Nangog</emphasis> f�hren.</p><p><strong>Verborgenes Auge</strong> Alle Gesch�pfe <emphasis>Albenmarks</emphasis> besitzen das Verborgene Auge, doch nur wenige erlangen die F�higkeit, es zu nutzen. Wer sein Verborgenes Auge �ffnet, vermag die magische Beschaffenheit der Welt zu sehen, jene leuchtenden Kraftlinien, die alles und alle durchdringen.</p><p><strong>Windg�nger</strong> Name der Elfensippe aus dem Volk der <emphasis>Normirga,</emphasis> der unter anderem <emphasis>Nandalee</emphasis> entstammt.</p><p><strong>Zapote</strong> Bewohner des gleichnamigen Gro�reichs auf <emphasis>Daia,</emphasis> der Menschenwelt.</p><p><strong>Zikkurat</strong> Gestufte Tempelpyramide. Gleicherma�en in <emphasis>Luwien</emphasis> und <emphasis>Aram</emphasis> verbreitete Tempelform. Besonders ber�hmt ist die Zikkurat von <emphasis>Isatami,</emphasis> auf der der Unsterbliche Herrscher <emphasis>Luwiens</emphasis> zum Mittsommerfest die <emphasis>Heilige Hochzeit</emphasis> zelebriert.</p></section></section><section><title><p>Danksagung</p></title><p>Elf Jahre sind es nun, die ich mit den Elfen verbracht habe, und ich m�chte mich f�r die vielen Mails, Briefe, Posts und freundlichen Kritiken, die ich in dieser langen Zeit erhalten habe, bedanken. Auch wenn ich nur selten antworte, lese ich doch fast alles, was mir �ber meine Homepage <a l:href="http://www.bernhard-hennen.de">www.bernhard-hennen.de</a> oder meine Facebook-Seite <a l:href="http://www.facebook.com/bernhard.hennen">www.facebook.com/bernhard.hennen</a> geschickt wird. An den grauen Tagen sind diese kleinen Nachrichten, Gest�ndnisse und Geschichten aus Eurem Alltag meine Sonnenstrahlen. Sie lassen mich schmunzeln oder ber�hren mich, und manchmal schenken sie mir auch neue Ideen f�r meine B�cher. Dass ich diese Briefe�� insbesondere die unerledigten�� selten vergesse, wissen alle, die mich bei Lesungen darauf ansprechen. Probiert es aus.</p><p>Entschuldigen muss ich mich bei meiner Familie, bei Xinyi, Melike und Pascal, die meine Arbeit in diesem Jahr den lange geplanten Sommerurlaub gekostet hat und die doch nicht m�de wurden, mir t�glich zu beweisen, dass auch unsere Welt ein magischer Ort sein kann.</p><p>Als treue Schildwachen im literarischen Get�mmel erwiesen sich: Karl-Heinz, der stets die Kleinigkeiten im Blick beh�lt, die ich manchmal au�er Acht lasse, wenn der Schreibfluss mich voran treibt. Elke, die unter anderem darauf achtete, dass ich keinen Unsinn mit Winkeln und Scharnieren treibe. Und Babette, die daf�r sorgte, dass jeder Held beim richtigen Namen genannt wurde.</p><p>Tr�ume, die Musik geworden sind, schenkte mir auch dieses Mal Maite Itoiz, die mich in langen Schreibn�chten manchmal mit exklusiven H�rproben neuer Lieder versorgte.</p><p>Es war ein weiteres Mal Martina Vogl, die den Roman als Lektorin betreute und mit Empathie meine Reisen durch verwunschene Welten begleitete. Danke f�r Deine R�ckendeckung und Deine st�hlernen Nerven, wenn es wieder einmal �ber die Grenzen des Zeitplans hinausging.</p><p>Mein besonderer Dank aber gilt all jenen Buchh�ndlerinnen und Buchh�ndlern, die den Elfen so lange schon die Treue halten. Jenen, mit denen ich in den vergangenen Jahren so viele gute und manchmal auch schwere Gespr�che gef�hrt habe und denen ihr Beruf auch in diesen unruhigen Zeiten Berufung geblieben ist. Wir wissen: B�cher sind mehr als ein Gesch�ft, sie sind eine Leidenschaft.</p><cite><text-author>Bernhard Hennen</text-author><text-author>November 2014</text-author></cite></section></body><binary id="cover" 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