<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf_fantasy</genre><author><first-name>Robert</first-name><last-name>Silverberg</last-name></author><book-title>Das Buch der Ver�nderungen</book-title><date value="2005-03-01">2005</date><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><src-lang>en</src-lang><translator><first-name>J�rgen</first-name><last-name>Langowski</last-name></translator><sequence name="Majipoor (de)" number="9"/></title-info><src-title-info><genre>sf_fantasy</genre><author><first-name>Robert</first-name><last-name>Silverberg</last-name></author><book-title>The Book of Changes</book-title><date value="2003-01-01">2003</date><lang>en</lang></src-title-info><document-info><author><nickname>Cosmopilit</nickname></author><program-used>Fiction Book Designer, FictionBook Editor Release 2.6.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2015-05-31">31.05.2015</date><id>FBD-FFF638-7EDE-174B-EEA7-2EFA-55DC-A3A857</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><book-name>Legenden. Lord John, der magische Pakt und andere Abenteuer</book-name><publisher>Piper</publisher><city>M�nchen</city><year>2005</year><isbn>3-492-26616-9</isbn></publish-info></description><body><title><p>Robert Silverberg</p><p>Das Buch der Ver�nderungen</p></title><section><p>Am fr�hen Morgen des zweiten Tages seines neuen Lebens als Gefangener stand Aithin Furvain am schmalen Fenster seiner Schlafkammer und blickte auf das blutrote Wasser des Barbirike-Sees hinaus, der weit unter ihm lag. Er h�rte, wie der Riegel, der seine Gem�cher versperrte, von au�en umgelegt wurde, und drehte sich kurz um. Der Banditenhauptmann Kasinibon, der ihn gefangen hielt, kam geschmeidig wie eine Katze herein. Furvain drehte sich wieder zum Fenster.</p><p>�Wie ich schon gestern Abend sagte, hat man hier einen wirklich wundervollen Ausblick, nicht wahr?�, erkl�rte Kasinibon. �Auf ganz Majipoor gibt es nichts, was sich mit diesem roten See messen k�nnte.�</p><p>�Er ist gewiss sch�n anzuschauen�, sagte Furvain zur�ckhaltend und ohne irgendeine Regung.</p><p>Kasinibon lie� sich die gute Laune nicht verderben. �Ich hoffe, Ihr habt gut geschlafen�, versicherte er Furvains R�cken, �und dass Ihr Eure Gem�cher hier bequem findet, Prinz Aithin.�</p><p>Irgendein Rest von H�flichkeit, der selbst einem Banditen gegen�ber nicht v�llig wegfallen durfte, brachte Furvain dazu, sich zu dem Mann umzudrehen. �Gew�hnlich f�hre ich meinen Titel nicht�, sagte er steif und kalt.</p><p>�Aber nat�rlich. Ich halte es �brigens genau wie Ihr. Ihr m�sst wissen, dass ich einer alten Adelsfamilie im Osten entstamme. Kein Hochadel, aber immerhin, wir sind adlig. Andererseits sind diese Titel nat�rlich auch schrecklich altmodische Dinge.� Kasinibon grinste. Es war ein verschlagenes, beinahe schon verschw�rerisches und h�hnisches Grinsen, dennoch aber charmant. Furvain brachte es nicht wirklich �ber sich, den Mann zu hassen. �Ihr habt allerdings meine Frage noch nicht beantwortet. Ist hier alles zu Eurer Zufriedenheit?�</p><p>�O ja, gewiss doch. Es ist zweifellos das eleganteste Gef�ngnis, das man sich nur w�nschen kann.�</p><p>�Ich w�rde freilich gern einwenden, dass es sich hier eigentlich nicht um ein Gef�ngnis, sondern eher um eine Privatresidenz handelt.�</p><p>�Das mag ja sein, aber ich bin hier trotzdem gefangen�� oder etwa nicht?�</p><p>�Darin muss ich Euch wohl Recht geben. Ihr seid derzeit in der Tat ein Gefangener. Mein Gefangener.�</p><p>�Vielen Dank�, erkl�rte Furvain. �Ich wei� Eure Aufrichtigkeit zu sch�tzen.�</p><p>Er blickte wieder zum Barbirike-See hinaus. Schlank wie ein Speer erstreckte sich das Gew�sser im Tal unterhalb der grauen Klippen, auf denen Kasinibons festungs�hnliche Behausung stand. Lange Reihen von D�nen mit schmalen Graten s�umten das Ufer. Auch sie waren rot, und aus dieser Entfernung wirkten sie weich gezeichnet wie Wolken.</p><p>Sogar die Luft hatte hier einen roten Schimmer, und selbst die Sonne schien sich ein wenig zu verf�rben. Kasinibon hatte Furvain, der allerdings nicht sonderlich an solchen Erkl�rungen Anteil nahm, schon am Vortag erl�utert, dass der See von Barbirike einst mit Myriaden von winzigen Krustentieren bev�lkert war, deren zerbrechliche Schalen sich �ber die Jahrtausende zersetzt und dem Gew�sser seine blutrote Farbe verliehen h�tten. Auch die roten Sandd�nen bestanden daraus. Furvain fragte sich, ob sein k�niglicher Vater, der eine geradezu �berw�ltigende Begeisterung f�r starke Farbwirkungen aufgebracht hatte, jemals hier heraus zu diesem Ort gereist war. Gewiss hatte er eine solche Reise unternommen, ganz gewiss.</p><p>�Ich habe Euch Stifte und Papier mitgebracht�, sagte Kasinibon. Er legte alles auf dem kleinen Tisch neben Furvains Bett ordentlich bereit. �Wie ich schon sagte, m�sste dieser Ausblick eigentlich Eure dichterische Schaffenskraft inspirieren.�</p><p>�Das wird er zweifellos tun�, stimmte Furvain immer noch mit distanzierter, unbeteiligter Stimme zu.</p><p>�Wollen wir uns heute Nachmittag den See etwas n�her ansehen? Ihr und ich?�</p><p>�Demnach habt Ihr nicht die Absicht, mich st�ndig hier eingesperrt zu halten?�</p><p>�Aber nein. Wie k�nnte ich so grausam sein?�</p><p>�Nun gut, ich w�rde mich �ber einen Ausflug zum See freuen�, erkl�rte Furvain, abermals so gleichg�ltig wie zuvor. �Vielleicht regt mich seine Sch�nheit tats�chlich zu dem einen oder anderen Gedicht an.�</p><p>Kasinibon tippte liebevoll auf den Papiersto�. �Vielleicht m�chtet Ihr diese Bl�tter auch verwenden, um die L�segeldforderung f�r Euch zu formulieren.�</p><p>Furvain kniff die Augen zusammen. �Das werde ich wom�glich morgen erledigen. Oder �bermorgen.�</p><p>�Wie Ihr w�nscht. Ihr wisst ja, Eile ist nicht vonn�ten. Ihr k�nnt als mein Gast hier bleiben, solange Ihr wollt.�</p><p>�Genauer gesagt, als Euer Gefangener.�</p><p>�Auch das�, stimmte Kasinibon zu. �Mein Gast, aber auch mein Gefangener, obgleich ich hoffe, dass Ihr Euch eher als Gast denn als Gefangener f�hlt. Ihr wollt mich jetzt bitte entschuldigen, ich muss mich um langweilige Verwaltungsgesch�fte k�mmern. Bis heute Nachmittag also.� Er grinste ein letztes Mal und ging.</p><empty-line/><subtitle>* * *</subtitle><empty-line/><p>Furvain war der f�nfte Sohn des fr�heren Coronals Lord Sangamor, dessen bekannteste Leistung der Entwurf der bemerkenswerten, nach ihm benannten Tunnel auf dem Burgberg war. Lord Sangamor war ein Mann mit starken k�nstlerischen Neigungen, und die Tunnel, deren W�nde aus einer Art k�nstlichem Stein gebaut waren, der in verschiedenen Farben leuchten konnte, wurden von Kennern als herausragende Kunstwerke betrachtet. Furvain hatte die �sthetischen Neigungen seines Vaters geerbt, jedoch nicht dessen Charakterst�rke. In den Augen vieler Menschen auf dem Burgberg war er nichts weiter als ein Taugenichts, ein M��igg�nger oder gar ein Gauner. Seine eigenen Freunde, deren er viele hatte, kamen in Verlegenheit, wenn sie an ihm irgendwelche besonderen Verdienste hervorheben sollten. Zwar war er ein ungew�hnlich gewandter Autor am�santer Verse und reizender Gef�hrte f�r eine Reise oder einen Abend in der Schenke, und auch wenn es um ironische Sticheleien, R�tsel und Scherzfragen ging, wusste er sich gut zu schlagen. Doch sonst� ja, sonst�</p><p>Der Sohn eines Coronals kann sich aufgrund der �berlieferten Verfassung keinerlei Hoffnungen machen, in der Verwaltung des Planeten irgendeine bedeutende Rolle zu spielen. F�r ihn ist kein Platz vorgesehen. Er kann nicht selbst den Thron besteigen, weil die Krone stets durch Adoption und nie durch Vererbung weitergegeben wird. Der �lteste Sohn des Coronals richtet sich gew�hnlich in einem sch�nen Anwesen in einer der F�nfzig St�dte auf dem Burgberg ein und lebt das behagliche Leben eines Provinzf�rsten. Der zweite und der dritte Sohn k�nnen auf der Burg bleiben und als Berater des Reichs dienen, falls sie irgendeine Eignung f�r die komplizierten Regierungsgesch�fte vorzuweisen haben. Ein f�nfter Sohn aber, erst sp�t in der Amtszeit seines Vaters geboren und daher von allen, die vor ihm da waren, aus dem inneren Kreis herausgedr�ngt, hat gew�hnlich nur die Aussicht, ein zielloses Leben voller unverbindlicher Freuden und Vergn�gungen zu f�hren. Im �ffentlichen Leben ist keine Aufgabe f�r ihn vorgesehen. Zwar ist er der Sohn seines Vaters, doch aus sich selbst heraus ist er nichts. Niemand wird ihm eine besondere Eignung f�r ernsthafte Pflichten unterstellen, ja, nicht einmal tieferes Nachdenken �ber derlei Dinge vermuten. Einem solchen Prinzen steht dank seiner Geburt das Recht zu, Zeit seines Lebens auf der Burg eine Suite zu bewohnen und eine gro�z�gige lebenslange Pension zu beziehen. Man nimmt ganz allgemein an, dass solche M�nner sich voller Zufriedenheit und bis ans Ende ihrer Tage angenehmen Zerstreuungen hingeben.</p><p>Im Gegensatz zu anderen Prinzen von eher unruhigem Wesen hatte Furvain sich sehr gut in diese Aussichten gef�gt. Da niemand viel von ihm verlangte, erwartete er auch selbst nicht viel von sich. Die Natur hatte ihm ein gutes Aussehen geschenkt�� er war gro� und schlank, ein anmutiger und eleganter Mann mit gewelltem blondem Haar und fein gezeichneten Gesichtsz�gen. Er war ein ausgezeichneter T�nzer und wusste mit klarer, hoher Tenorstimme recht gut zu singen, er schlug sich vortrefflich in den meisten Leibes�bungen, die keinen Einsatz von roher K�rperkraft erforderten, und wusste sich auch im Schwertkampf und beim Wagenrennen zu behaupten.</p><p>Doch vor allem tat er sich beim Verseschmieden hervor. Schier in Str�men floss die Dichtung aus ihm heraus, wie der Regen vom Himmel f�llt. Zu jeder Tages- und Nachtzeit, ob er nach einem langen Zechgelage am Vorabend gerade erwacht oder noch mitten beim Zechen selbst war, er konnte jederzeit den Stift zur Hand nehmen und beinahe aus dem Stegreif zu jedem beliebigen Thema eine Ballade, ein Sonett, eine Villanelle oder auch ein lustiges gereimtes Epigramm verfassen, vielleicht auch einige rasch hingeworfene Knittelverse oder sogar ein langes Heldengedicht. Diese eilig heruntergeschriebenen Texte besa�en nat�rlich keine gro�e geistige Tiefe. Es entsprach auch nicht seiner Art, die Tiefen der menschlichen Seele zu erkunden, ganz zu schweigen davon, solche Einsichten in Form von Gedichten zu verbreiten. Doch jedermann wusste, dass Aithin Furvain sich vor niemandem verstecken musste, wenn es darum ging, leichte, verspielte Verse zu schmieden, in denen die Freuden des Augenblicks gefeiert wurden, die Freuden des Betts etwa oder der Flasche�� Verse, die Witz besa�en, ohne jemals an boshafte Satire zu grenzen, oder die vornehmlich als Collage aus Rhythmus und Klang gedacht waren und nicht viel zu bedeuten hatten.</p><p>�Mach uns ein Gedicht, Aithin!�, mochte jemand aus dem Kreis seiner Freunde rufen, wenn sie beim Wein in der Burgsch�nke hockten. �Ja!�, stimmten die anderen zu. �Ein Gedicht, ein Gedicht!�</p><p>�Dann soll mir einer ein Wort geben�, erwiderte Furvain.</p><p>Und irgendjemand, vielleicht seine derzeitige Geliebte, rief beispielsweise: �Wurst.�</p><p>�Sehr sch�n. Und du�� gib du mir noch ein weiteres Wort. Das Erstbeste, das dir einfallen will.�</p><p>�Pontifex�, sagte jemand anders.</p><p>�Und noch eins�, verlangte Furvain. �Du da hinten.�</p><p>�Steetmoy�, lautete die Antwort eines Freundes, der ganz hinten sa�.</p><p>Daraufhin starrte Furvain einen Augenblick in seinen Weinkelch, als k�nne er dort ein Gedicht herausfischen, holte tief Luft und begann gleich darauf ein sp�ttisches Heldenlied zu rezitieren�� mit sauber gebauten Hexametern und einem komplizierten anap�stischen Rhythmus��, das von der verzweifelten Sehnsucht eines Pontifex nach W�rsten aus Steetmoy-Fleisch handelte, sodass die faulsten und feigsten Angeh�rigen des k�niglichen Hofstaats auf eine Jagdexpedition in den Norden Zimroels in die verschneite Heimat dieser gef�hrlichen wei�en Pelzwesen ausgesandt wurden. Ohne abzusetzen sprach er acht oder zehn Minuten lang, bis die Geschichte erz�hlt war, die�� obgleich improvisiert�� einen regelrechten Beginn, einen Mittelteil und ein umwerfend komisches Ende hatte, was ihm einen Beifallssturm und eine neue Flasche Wein einbrachte.</p><p>H�tte er sich je die M�he gemacht, sie aufzuheben, dann hatten die gesammelten Werke des Aithin Furvain viele B�nde gef�llt. Doch er hatte die Angewohnheit, seine Gedichte so schnell wegzulegen, wie er sie schrieb, und viele von ihnen wurden �berhaupt nicht niedergeschrieben. Nur der Umsicht seiner Freunde war es zu verdanken, dass einige von ihnen notiert und kopiert und im Land verteilt wurden. Doch das war ihm nicht wichtig. Gedichte zu erfinden fiel ihm so leicht wie das Atmen, und er sah keinen Grund, seine schnellen Improvisationen aufzubewahren und in besonderen Ehren zu halten. Schlie�lich waren sie ja von vornherein nicht als gro�e Kunstwerke gedacht wie etwa die Tunnel seines k�niglichen Vaters.</p><p>Der Coronal Lord Sangamor hatte unter dem Pontifex Pelxinai fast drei�ig Jahre lang als Majipoors j�ngerer Monarch recht erfolgreich geherrscht, bis der ehrw�rdige Pelxinai schlie�lich vom G�ttlichen zur Quelle gerufen wurde und Sangamor den Platz des Pontifex einnehmen musste. Diese neue Aufgabe brachte es mit sich, dass er den Burgberg verlie� und ins unterirdische Labyrinth umzog, das weit im S�den lag. Es war der von der Verfassung vorgesehene Sitz des �lteren Herrschers. Den Rest seines Lebens �ber w�rde man ihn kaum noch in der Au�enwelt sehen. Aithin Furvain hatte seinen Vater nicht lange nach dessen Einsetzung als Pontifex pflichtschuldigst besucht, wie man es von ihm und seinen Br�dern eben erwartete, doch er beabsichtigte nicht, noch eine weitere derartige Reise zu machen. Das Labyrinth war ein dunkler, bedr�ckender Ort, der ihm �berhaupt nicht zusagte. Auch dem alten Sangamor gefiel es dort wohl nicht besonders, nahm Furvain an, doch wie alle Coronals hatte auch Sangamor von Anfang an gewusst, dass er den letzten Teil seines Lebens dort verbringen w�rde. Furvain war dagegen nicht verpflichtet, dort zu leben, und er musste den Ort nicht einmal besuchen, wenn er es nicht wollte. So sah Furvain, der seinen Vater bislang ohnehin nicht besonders gut gekannt hatte, keinen Grund, ihn noch ein weiteres Mal zu treffen.</p><p>Andererseits hatte er sich bereits weitgehend aus dem Leben auf der Burg gel�st. Schon w�hrend Lord Sangamor noch dort regierte, hatte Furvain sich ein zweites Zuhause in Dundilmir eingerichtet, einer Hangstadt weit unten am Fu� des riesigen, wie ein Rei�zahn aufragenden Burgbergs. Ein Schulkamerad und alter Freund namens Tanigel hatte sein Erbe als Herzog von Dundilmir angetreten und Furvain dort unten einen Wohnsitz angeboten, ein relativ bescheidenes Anwesen, das die als Feuertal bezeichnete Region �berblickte. Furvain wurde so im Grunde Herzog Tanigels Hofnarr, ein freundlicher Gef�hrte, der auf Verlangen komische Verse zum Besten geben konnte. Es entsprach nicht unbedingt der Tradition, dass der Sohn eines Coronals von einem blo�en Herzog ein Landgut geschenkt bekam, doch Tanigel war bewusst, dass der f�nfte Sohn eines Coronals nicht unbedingt �ber ein gro�es eigenes Verm�gen verf�gte, und er wusste auch, dass Furvain des eingefriedeten Lebens auf der Burg �berdr�ssig war und f�r seinen M��iggang eine neue, freiere Umgebung suchte. Furvain, der nicht viel auf W�rde gab, hatte Tanigels Vorschlag erfreut angenommen und den gr��ten Teil der folgenden Jahre auf seinem Anwesen in Dundilmir verbracht und mit Tanigel und dessen wohlhabenden, trink- und handfesten Freunden seine Zeit totgeschlagen. Nur bei h�chst formellen Anl�ssen wie zum Geburtstag seines Vaters lie� er sich noch auf der Burg blicken, doch nachdem sein Vater zum Pontifex ernannt und ins Labyrinth umgezogen war, tauchte er dort kaum noch auf.</p><p>Selbst das angenehme Leben in Dundilmir wurde ihm nach einer Weile zu eint�nig. Furvain war inzwischen in mittleren Jahren und bekam ein Gef�hl, das ihn noch nie heimgesucht hatte, eine unbestimmte nagende Unzufriedenheit, die er nicht n�her einzuordnen wusste. Es gab nat�rlich nichts Bestimmtes, wor�ber er sich h�tte beklagen k�nnen. Er hatte ein gutes Leben voller Zerstreuungen, angenehme Freunde, die ihn wegen seines an sich unbedeutenden, jedoch vortrefflich ausge�bten Talents bewunderten. Er war bei bester Gesundheit und verf�gte �ber gen�gend Mittel, um seine laufenden Ausgaben zu bestreiten, die im Grunde gar nicht so gro� waren. Er empfand nur selten Langeweile und litt nie Mangel an Gef�hrten oder Geliebten. Und doch meldete sich hin und wieder ein eigenartiger Schmerz in seiner Seele, ein unerkl�rliches elendes Gef�hl. Es war eine ganz eigenartige neue Stimmung, beunruhigend und nicht zu begreifen.</p><p>Vielleicht liegt die Antwort im Reisen, �berlegte Furvain. Er war ein B�rger des gr��ten, pr�chtigsten und sch�nsten Planeten im ganzen Universum, doch bisher hatte er noch nicht viel davon gesehen. Er kannte nur den Burgberg und selbst dort h�chstens ein Dutzend der F�nfzig St�dte sowie das liebliche, aber nicht besonders aufregende Glayge-Tal, durch das er auf dem Weg zum neuen Heim seines Vaters im Labyrinth gefahren war. Doch es gab so viele Dinge, die man besichtigen konnte: die legend�ren St�dte im S�den, Orte wie Sippulgar und das goldene Arvyanda, Kertheron mit seinen vielen T�rmen, die Pfahld�rfer am silbernen Roghoiz-See und hunderte oder gar tausende von anderen Orten, die wie funkelnde Edelsteine �ber den gewaltigen Kontinent Alhanroel verteilt waren. Au�erdem gab es noch den zweiten Hauptkontinent Zimroel, �ber den er so gut wie nichts wusste. Weit entfernt auf der anderen Seite des Meeres warteten wundervolle St�dte, deren Namen nach einem M�rchenland klangen. Ein ganzes Menschenleben h�tte nicht ausgereicht, all diese Pl�tze zu besuchen.</p><p>Doch am Ende wandte er sich in eine ganz andere Richtung. Herzog Tanigel, der das Reisen liebte, hatte mehrmals davon gesprochen, eine Reise in den Osten zu unternehmen, in das leere und weitgehend unerforschte Gebiet, das zwischen dem Burgberg und den Gestaden des ebenfalls unerforschten Gro�en Meeres lag. Zehntausend Jahre waren vergangen, seit die ersten menschlichen Siedler sich auf Majipoor niedergelassen hatten, und diese Zeit h�tte ausgereicht, um eine Welt von normaler Gr��e zu f�llen. Doch Majipoor war so gro�, dass die Siedler selbst nach jahrhundertelangem stetigem Bev�lkerungswachstum noch nicht in allen entfernten Regionen Fu� gefasst hatten. Der Weg der Entwicklung hatte vom Herzen Alhanroels aus vor allem nach Westen gef�hrt und dann �ber das Innere Meer hinweg, das Alhanroel von Zimroel trennte. Von einigen unerschrockenen Wanderern abgesehen, hatte noch niemand den Versuch unternommen, nach Osten vorzusto�en. Es gab dort drau�en auf dem Land eine sch�bige kleine Stadt namens Vrambikat, die in einem nebligen Tal quasi im Schatten des Berges lag, doch jenseits des Ortes bestanden anscheinend keine weiteren Siedlungen�� oder jedenfalls keine, die man auf den Listen der Steuereinnehmer des Pontifex fand. M�glicherweise fand sich noch hier und dort ein Dorf, vielleicht aber auch nicht. Doch diese d�nn besiedelte Region barg eine ganze Reihe von Naturwundern, die nur aus den Erinnerungen k�hner Forscher bekannt waren. Der rote See von Barbirike oder die Seenplatte, die �Tausend Augen� genannt wurde, ein riesiges m�anderndes Tal, das �Schlangenkluft� hie�, dreitausend Meilen lang oder noch l�nger und von unergr�ndlicher Tiefe, und noch viele weitere�� die Mauer der Flammen, das Juwelennetz, der Springbrunnen des Weins, die Tanzenden H�gel. Ein gro�er Teil davon war wom�glich als reines M�rchen zu betrachten, als Erfindung von phantasievollen, aber wenig vertrauensw�rdigen Wanderern. Herzog Tanigel regte nun an, eine Expedition in diese geheimnisvollen Gebiete zu unternehmen. �Immer weiter und weiter bis zum Gro�en Meer!�, rief er. �Wir nehmen den ganzen Hofstaat mit. Wer wei�, was wir dort finden? Und du Furvain�� du sollst �ber alles, was wir sehen, einen Bericht schreiben und alles in einem unvergesslichen Epos festhalten, das f�r alle Zeiten als Klassiker gelten wird!�</p><p>Herzog Tanigel tat sich zwar darin hervor, gro�artige Vorhaben zu verk�nden und bis ins Kleinste auszut�fteln, doch wenn es darum ging, sie zu verwirklichen, war er weitaus weniger gewissenhaft. Einige Monate lang gr�belten der Herzog und seine H�flinge �ber Karten, studierten die Berichte von Forschern, die schon hunderte oder gar tausende von Jahren alt waren, und entwarfen gro�artige Pl�ne ihrer eigenen Reisen durch eine Gegend, die im Grunde eine weglose Wildnis war. Furvain ging ganz und gar in diesem Unternehmen auf und tr�umte oft davon, wie ein gro�er Vogel �ber einer noch nicht entdeckten Landschaft von unvorstellbarer Sch�nheit und Fremdartigkeit zu schweben. Er sehnte den Tag des Aufbruchs herbei. Die Reise in den Osten des Landes, dies wurde ihm nun bewusst, erf�llte ein Bed�rfnis, das er bisher noch nie in sich versp�rt hatte. Der Herzog setzte unterdessen seine endlosen Planungen f�r die Reise fort, ohne jemals ein Datum f�r den Aufbruch bekannt zu geben, bis Furvain schlie�lich annehmen musste, dass die Expedition wohl niemals stattf�nde. Dem Herzog war an der Reise gar nicht gelegen, ihn begeisterte nur die Planung. So beschloss Furvain, der noch nie eine weite Strecke allein gereist war und die Vorstellung, einsam zu reisen, sogar unangenehm fand, eines Tages, sich ohne Begleitung in den Osten aufzumachen.</p><empty-line/><subtitle>* * *</subtitle><empty-line/><p>Auch er brauchte freilich einen letzten Ansto�, der schlie�lich aus g�nzlich unerwarteter Richtung kommen sollte.</p><p>In der beunruhigenden Zeit voller Z�gern und Unsicherheiten, die seinem Aufbruch vorausging, besuchte er auch die Burg, um die Karten einiger Forscher einzusehen, die angeblich in der k�niglichen Bibliothek aufbewahrt wurden. Doch auf der Burg eingetroffen, versp�rte er eine gro�e Unlust, sich in die unergr�ndlichen Weiten der Bibliothek zu begeben, und besuchte stattdessen die ber�hmten Tunnel seines Vaters, die sich am Westhang des Bergs in einer Felsnadel befanden, die ihrerseits viele hundert Fu� hoch aus dem Hauptberg emporwuchs.</p><p>Lord Sangamor hatte die Tunnel in Form einer langen, spiralf�rmigen Rampe bauen lassen, die sich im Inneren der Felsnadel nach oben wand. In den geheimen Schmieden und Werkst�tten der k�niglichen K�nstler, tief unter der Burg des Coronals gelegen, hatten Sangamors Arbeiter den leuchtenden k�nstlichen Stein erschaffen, aus dem die Tunnel gebaut werden sollten, und ihn zu gro�en, vielfarbigen Platten geschmolzen. Unter der pers�nlichen Aufsicht des Coronals hatten dann die Steinmetze diese leuchtenden Platten zu gleichgro�en rechteckigen Fliesen geschnitten, die, in feinen farblichen Stufungen aufeinander abgestimmt, sorgf�ltig in die W�nde und Decken der Kammern eingepasst worden waren.</p><p>Wenn man durch diese G�nge lief, wurden die Augen mit flackernden, pulsierenden Lichtern bombardiert�� Schwefelgelb in diesem Raum, Safran im n�chsten, Topas im folgenden, dann Smaragdgr�n, Kastanienbraun und auf einmal ein atemberaubender Ausbruch von Rot, dann wieder sanftere T�ne wie Malve, Aquamarin und ein weiches Chartreuse. Es war eine Symphonie von Farben, ein unabl�ssiges Strahlen von buntem Licht.</p><p>Furvain verbrachte zwei Stunden in den G�ngen und ging mit wachsender Faszination und Freude von Raum zu Raum, bis er es schlie�lich nicht mehr aushalten konnte. Irgendwo in ihm tat sich pl�tzlich etwas auf, und ein Schwindelgef�hl lie� ihn taumeln. Bet�ubt stand er inmitten der gewaltigen Ausstrahlung und Kraft der strahlenden Farben. Er zitterte und sp�rte ein heftiges Pochen in der Brust. Offenbar war ein rascher R�ckzug angeraten. Er eilte zum Ausgang. Noch eine halbe Minute in den G�ngen, dachte Furvain, und er ginge am Ende in die Knie.</p><p>Drau�en angekommen, hielt er sich an einer Br�stung fest. Er schwitzte und war benommen, und es dauerte eine Weile, bis er sich beruhigt hatte. Die Heftigkeit seiner Eindr�cke �berraschte ihn selbst. Das k�rperliche Unbehagen war bald vorbei, doch es blieb etwas zur�ck, eine Art ungreifbare Unruhe, die er jedoch nach einer Weile einordnen konnte: Die strahlende Kraft der Tunnel hatte in ihm ein Gef�hl von Bewunderung geweckt, die an Ehrfurcht grenzte, das jedoch rasch einem niederschmetternden vernichtenden Gef�hl von pers�nlicher Unzul�nglichkeit gewichen war.</p><p>Er hatte diese Anlage, die sein Vater gebaut hatte, immer nur f�r eine h�bsche Kuriosit�t gehalten. Doch heute, nachdem er wieder in jenen seltsamen �berempfindlichen, fast geistig �bersteigerten Zustand gekommen war, der in der letzten Zeit so typisch f�r ihn geworden war, hatte ihn eine ganz neue Achtung vor den Werken seines Vaters schier �berw�ltigt. Furvain sah sich von etwas ergriffen, das er nicht anders denn als Demut bezeichnen konnte�� ein Gef�hl, mit dem er bislang nicht eben gut vertraut war. Doch andererseits, warum sollte er eigentlich keine Demut empfinden? Sein Vater hatte hier etwas Kostbares und Wundervolles hinterlassen. Trotz der anstrengenden Notwendigkeiten und der aufreibenden Pflichten der Staatsgesch�fte hatte Lord Sangamor die Kraft und Inspiration gefunden, ein k�nstlerisches Meisterwerk zu schaffen.</p><p>Wohingegen er selbst� ja, er selbst�</p><p>Der Eindruck, den die Tunnel bei ihm hinterlassen hatten, wirkte noch bis zum Abend nach. Statt anschlie�end in die Bibliothek zu gehen, verabredete er sich mit Lady Dolitha, einer fr�heren Geliebten, zum Abendessen. Sie trafen sich in dem luftigen Restaurant, das genau �ber dem gro�en Melikandplatz eingerichtet war. Lady Dolitha war eine zierliche und sehr sch�ne Frau mit dunklen Haaren, olivbrauner Haut und einem scharfen Verstand. Vor zehn Jahren hatten sie sechs Monate lang eine leidenschaftliche Aff�re gehabt. Nach einer Weile hatten ihre oft z�gellose Sch�rfe ihrer Worte, ihre gro�e Bereitschaft, Wahrheiten zu �u�ern, die man normalerweise f�r sich behielt, und ihre ausgesprochen sarkastische Weise, diese Gedanken zum Ausdruck zu bringen, sein Verlangen nach ihr abgek�hlt. Doch Furvain hatte stets die Gesellschaft kluger Frauen gesch�tzt und die entsetzliche Wahrheitsliebe, die ihn aus Dolithas Bett vertrieben hatte, machte sie als Freundin wiederum sch�tzenswert. So hatte er sich auch gro�e M�he gegeben, ihre Freundschaft zu erhalten, nachdem ihre Liebestreffen beendet waren. Inzwischen stand sie ihm so nahe wie eine Schwester.</p><p>Er erz�hlte ihr von seiner Erfahrung im Tunnel. �Wer h�tte auch mit so etwas gerechnet?�, fragte er sie. �Ein Coronal, der zugleich ein gro�er K�nstler ist!�</p><p>In Lady Dolithas Augen funkelte jene Ironie und Belustigung, die so typisch f�r sie war. �Warum glaubst du denn, das eine m�sse das andere ausschlie�en? Die k�nstlerische Begabung ist ein Geschenk, mit dem man geboren wird. Sp�ter kann man sich dann entscheiden, einen Weg zu beschreiten, der zum Thron f�hrt. Die Gabe bleibt jedoch erhalten.�</p><p>�Das mag sein.�</p><p>�Dein Vater strebte nach der Macht, und das kann die ganze Kraft eines Menschen in Anspruch nehmen. Doch er hat sich entschlossen, auch seine k�nstlerische Begabung zur Geltung zu bringen.�</p><p>�Es ist ein Zeichen seiner Gr��e, dass er seine Seele weit genug �ffnen konnte, um beides zu tun.�</p><p>�Oder ein Zeichen daf�r, dass er gen�gend Selbstvertrauen in sich fand. Andere Menschen treffen nat�rlich andere Entscheidungen, und es sind nicht immer die richtigen.�</p><p>Furvain zwang sich, ihren Blick zu erwidern, obwohl er die Augen lieber abgewandt h�tte. �Was meinst du damit, Dolitha? Meinst du, es war falsch, dass ich kein Regierungsamt gew�hlt habe?�</p><p>Sie hielt ihre zierliche Hand vor die Lippen, um ihr am�siertes L�cheln wenigstens teilweise zu verbergen.</p><p>�Wohl kaum, Aithin.�</p><p>�Was meinst du dann? Komm schon, sag's mir. Es ist nun wirklich kein gro�es Geheimnis mehr, und selbst mir ist klar, dass ich irgendwo versagt habe�� oder etwa nicht? Du glaubst, ich h�tte meine Begabung missbraucht, nicht wahr? Ich h�tte meine Begabung beim Zechen und Spielen verschwendet und die Leute mit albernen kleinen Reimen unterhalten, w�hrend ich mich h�tte einschlie�en und irgendein gewaltiges, tief sch�rfendes philosophisches Meisterwerk h�tte verfassen m�ssen, irgendetwas Schwerm�tiges und Schweres und Anspruchsvolles, das alle loben und das niemand lesen will?�</p><p>�Oh, Aithin, Aithin��</p><p>�Irre ich mich?�</p><p>�Wie kann ich sagen, was du schreiben solltest? Ich kann nur sagen, dass ich sehe, wie ungl�cklich du bist, Aithin. Ich sehe es schon lange. Mit dir stimmt etwas nicht, aber inzwischen wird dir das ja auch selbst allm�hlich klar, oder? Ich vermute, es muss mit deiner Kunst, mit deiner Poesie zu tun haben, denn sonst gibt es ja nicht viel, was dir wirklich wichtig ist, nicht wahr?�</p><p>Er starrte sie an. Es entsprach ihr v�llig, so etwas von sich zu geben.</p><p>�Fahre fort.�</p><p>�Viel mehr als dies kann ich eigentlich nicht sagen.�</p><p>�Aber es gibt noch etwas, oder? Nun mach schon!�</p><p>�Es ist nichts, was ich nicht schon gesagt h�tte.�</p><p>�Dann sage es noch einmal. Ich bin manchmal sehr begriffsstutzig, Dolitha.�</p><p>Er sah das winzige Beben der Nasenfl�gel, das er erwartet hatte, das winzige Zucken der Zunge hinter den geschlossenen Lippen. Nun war klar, dass er von ihr keine Gnade mehr erwarten konnte. Doch Gnade war ohnehin nicht das, was er an diesem Abend suchte.</p><p>�Der Weg, den du beschreitest, ist nicht der richtige Weg�, sagte sie leise. �Ich wei� nicht, welcher Weg f�r dich der richtige ist, aber es ist klar, dass du nicht auf ihm wandelst. Du musst dein Leben �ndern, Aithin. Du musst etwas Neues und ganz anderes beginnen. Das ist alles. Du bist auf dem bisherigen Weg so weit gegangen, wie es eben m�glich ist, und jetzt musst du etwas ver�ndern. Ich dachte schon vor zehn Jahren, auch wenn es dir nicht zu vermitteln war, dass etwas in dieser Art geschehen m�sse. Nun, jetzt ist es so weit. Und endlich bemerkst du es auch selbst.�</p><p>�Ja, ich glaube, das kann man so sagen.�</p><p>�Es ist Zeit, dass du aufh�rst, dich zu verstecken.�</p><p>�Mich zu verstecken?�</p><p>�Vor dir selbst. Vor deinem Schicksal, wie auch immer es aussieht. Vor deinem wahren Wesen. Du kannst dich vor alledem verstecken, Aithin, aber nicht vor dem G�ttlichen. Was das G�ttliche angeht, so gibt es keinen Ort, an dem du unsichtbar bist. �ndere dein Leben, Aithin. Ich kann dir allerdings nicht sagen, wie.�</p><p>Er sah sie verbl�fft an.</p><p>�Nein, das kannst du nat�rlich nicht sagen.� Er schwieg eine Weile. �Ich werde damit beginnen, dass ich eine Reise unternehme�, sagte er. �Allein. In eine ferne Gegend, wo es niemanden au�er mir selbst gibt und wo ich von Angesicht zu Angesicht mir selbst begegnen kann. Dann sehen wir weiter.�</p><p>Am n�chsten Morgen schob er jeden Gedanken an die k�nigliche Bibliothek und die Landkarten, die vielleicht oder vielleicht auch nicht dort zu finden waren, endg�ltig beiseite. Die Zeit des Planens war vorbei, es war Zeit, einfach zu gehen.</p><p>Er kehrte nach Dundilmir zur�ck und verbrachte eine Woche damit, sein Haus in Ordnung zu bringen und alles zu erledigen, was f�r seine Reise in den Osten getan werden musste. Dann machte er sich ohne Begleitung auf und verriet niemandem, wohin er wollte. Er hatte keine Ahnung, was er dort drau�en vorf�nde, doch er wusste, dass er auf irgendetwas sto�en w�rde und dass es sich f�r ihn als wichtig erweisen w�rde.</p><p>Es war, dachte er, ein richtiges Abenteuer und einer Schatzsuche nicht un�hnlich. Er suchte nach dem wahren Selbst des Aithin Furvain, das ihm vor langer Zeit irgendwie abhanden gekommen war. Du musst dein Leben �ndern, hatte Dolitha gesagt. Ja, genau das wollte er jetzt tun. Etwas musste sich ver�ndern. Bisher hatte er noch nie etwas Ernsthaftes getan. In einer eigenartig aufger�umten Stimmung machte er sich auf den Weg und achtete genau auf alle Ver�nderungen in seinem Bewusstsein.</p><p>Kaum eine Woche hinter der kleinen, staubigen Stadt Vrambikat wurde er von einer umherstreifenden Gruppe Gesetzloser �berfallen und in Kasinibons Festung auf dem H�gel verschleppt.</p><empty-line/><subtitle>* * *</subtitle><empty-line/><p>Er hatte noch nicht dar�ber nachgedacht, dass in einem solch entlegenen Gebiet im Osten die reine Anarchie herrschen konnte, doch andererseits war es auch keine gro�e �berraschung. Im Gro�en und Ganzen war Majipoor ein friedlicher Planet, auf dem die Herrscher seit Jahrtausenden mit Billigung der Untertanen regierten. Doch die Entfernungen waren so riesig und der Einfluss von Pontifex und Coronal in manchen Regionen so schwach, dass es gewiss viele Bezirke gab, in denen die Gesetzesmacht nicht mehr als ein leeres Wort war. Wenn es Monate dauerte, zwischen der Coronalsburg und dem weit entfernten Zimroel oder dem von der Sonne verbrannten Suvrael im S�den hin und her zu reisen, konnte dann �berhaupt noch die Rede davon sein, dass der Arm des Gesetzes tats�chlich bis in ferne L�nder reichte?</p><p>Zwar hielten sich die Leute im Allgemeinen an gemeinsame Regeln, weil sonst Mord und Totschlag losbrachen, doch es lag andererseits auch nahe, dass die Menschen in vielen Bezirken mehr oder weniger taten, was sie wollten, w�hrend sie nach au�en unersch�tterlich behaupteten, den Anordnungen der Herrscher Folge zu leisten.</p><p>Hier drau�en, wo quasi niemand oder kaum jemand lebte und diese Herrscher noch nicht einmal den Versuch unternahmen, St�rke zu zeigen�� was f�r eine Regierung oder was f�r einen Anschein von Regierung brauchte man hier �berhaupt?</p><p>Seit er Vrambikat verlassen hatte, war Furvain gem�chlich durch die stille Landschaft gereist. Der Burgberg bildete im Westen hinter ihm noch immer eine m�chtige Wegmarke, doch allm�hlich begann er zu schrumpfen, und vor ihm tauchte eine dunkle H�gelkette auf. Die Landschaft schien sich �ber abertausende Meilen zu erstrecken. Offenes Land wie dieses ohne jeden Hinweis, dass nur eine Menschenseele hier lebte, hatte er bisher noch nie gesehen. Die Luft war klar wie Glas, der Himmel wolkenlos, das Wetter mild wie im Fr�hling. Weite, wogende Wiesen mit goldenem Gras, das kurze Bl�tter und kr�ftige St�ngel hatte und �ppig wuchs wie ein dicht geflochtener Teppich, lagen vor ihm. Hier und dort strich ein Tier von einer unbekannten Art durchs Gras, ohne Furvain zu beachten. Es war der neunte Tag seiner Reise. Die Einsamkeit war erfrischend. Sie reinigte die Seele. Je tiefer er in dieses stille Land vordrang, desto st�rker wurde das Gef�hl, innerlich geheilt und gereinigt zu werden.</p><p>Gegen Mittag hielt er an einer Stelle an, wo kleine, mit Felsen �bers�te Berge aus dem kr�ftigen gelben Gras ragten. Er lie� sein Reittier ausruhen und fressen. Er hatte ein elegantes Tier mitgenommen, ein lebhaftes und sch�nes Rennpferd, das eigentlich f�r solche langsamen Wanderungen nicht gut geeignet war. Er musste oft anhalten, um das Tier wieder zu Kr�ften kommen zu lassen.</p><p>Furvain st�rte das nicht. Da er sowieso kein bestimmtes Ziel ansteuerte, gab es auch keinen Grund zur Eile.</p><p>Sein Geist flog voraus in die Leere und versuchte sich auszumalen, welche Wunder ihn dort erwarten mochten. Die Schlangenkluft beispielsweise�� wie mochte sie aussehen, diese gewaltige Spalte mitten in der Welt? Lotrechte W�nde, die wie Gold gl�nzten und so steil abfielen, dass man nicht im Traum daran denken konnte, zum Talgrund vorzusto�en, wo ein gr�ner Fluss rasch dahinstr�mte? Ein Fluss wie eine Schlange, die weder Kopf noch Schwanz zu haben schien und ewig zum Meer kroch. Die Gro�e Sichel, dem Vernehmen nach eine schmale, gekr�mmte Erhebung aus gl�nzendem wei�em Marmor, eine vom G�ttlichen geschaffene Skulptur, erhob sich in einer hellbraunen flachen W�ste v�llig einsam einige hundert Fu� hoch�� ein zerbrechlich wirkender Bogen, der seufzte und wie eine Harfe zirpte, wenn der Wind �ber seine Kante fuhr. Ein viertausend Jahre alter Bericht, der aus der Zeit Lord Stiamots stammte, behauptete, wenn man diese Anh�he vor dem Nachthimmel sah, mit ein oder zwei schimmernden Monden �ber der Spitze, dann sei dies ein so sch�ner Anblick, dass sogar ein Skandar-Kutscher weinen m�sse.</p><p>Die Font�nen von Embolain, wo donnernde Geysire Tag und Nacht alle f�nfzig Minuten duftendes rosafarbenes Wasser, das weich wie Seide war, in den Himmel schossen�� und dann, eine Jahresreise entfernt, oder vielleicht auch zwei oder drei, die gewaltigen Klippen aus schwarzem Stein, durchzogen von blendend hellen Adern von wei�em Quarz, die den Strand des Gro�en Meeres �berragten, jene unpassierbare Wasserfl�che, die beinahe die H�lfte des riesigen Planeten bedeckte�</p><p>�Aufstehen�, sagte auf einmal eine barsche Stimme. �Du hast hier nichts zu suchen. Weise dich aus.�</p><p>Furvain war nun schon so lange in der schweigenden Wildnis allein, dass die knirschende Stimme �ber sein Bewusstsein hereinbrach wie ein lodernder Meteor �ber einen sternenlosen Himmel. Er drehte sich um und sah ein paar Schritt hinter sich zwei finster dreinblickende M�nner, st�mmig und urw�chsig bekleidet, auf einem niedrigen Felsvorsprung stehen. Sie waren bewaffnet. Ein dritter und ein vierter Mann bewachten ein St�ck entfernt etwa ein Dutzend Reittiere, die mit einem groben gelben Strick zusammengebunden waren.</p><p>Furvain blieb ruhig. �Ich bin hier eingedrungen, sagst du? Aber diese Gegend hier geh�rt doch niemandem, mein Freund. Oder sie geh�rt jedem, der gerade hier ist.�</p><p>�Dieses Land geh�rt dem Master Kasinibon�, erkl�rte der kleinere und m�rrischer dreinblickende Mann. Seine Augenbrauen bildeten eine durchgehende schwarze Linie auf der gerunzelten Stirn. Er sprach schwerf�llig und mit heiserer Stimme und mit einem Akzent, der fast alle Konsonanten verschluckte. �Du brauchst seine Erlaubnis, um hier zu reisen. Wie ist dein Name?�</p><p>�Aithin Furvain aus Dundilmir�, antwortete Furvain freundlich. �Ich w�re euch dankbar, wenn ihr eurem Herrn, den ich leider nicht kenne, sagen k�nntet, dass ich seinem Land und seinem Besitz keinen Schaden zuf�gen will und dass ich ein einsamer Reisender bin, der schnell weiterziehen und nichts weiter m�chte als Eindr�cke��</p><p>�Dundilmir?�, murmelte der zweite Mann. Eine dicke Augenbraue wurde gehoben. �Das ist doch eine Stadt auf dem Burgberg, wenn ich mich nicht irre. Was hat ein Mann vom Burgberg allein in dieser Gegend zu suchen? Das hier ist nicht die richtige Gegend f�r einen wie dich.� Und dann, mit h�hnischem Bellen: �Wer bist du �berhaupt? Der Sohn des Coronals?�</p><p>Furvain l�chelte. �Wenn du schon fragst�, erwiderte er, �dann kann ich dir auch gleich sagen, dass ich tats�chlich der Sohn des Coronals bin. Oder besser, ich war es bis zum Tode des Pontifex Pelxinai. Der Name meines Vaters ist��</p><p>Ein rascher R�ckhandschlag streckte Furvain zu Boden. Er blinzelte erstaunt. Der Schlag war nicht einmal sehr fest gewesen, h�chstens eine Ohrfeige. Es war vor allem die �berraschung, die ihn aus dem Gleichgewicht gebracht hatte. Er konnte sich nicht erinnern, jemals in seinem Leben geschlagen worden zu sein, nicht einmal als Kind.</p><p>�� Sangamor�, fuhr er unwillk�rlich fort, weil er sich den Satz ohnehin schon zurechtgelegt hatte. �Er war unter Pelxinai der Coronal, und jetzt ist er selbst der Pontifex��</p><p>�Brauchst du deine Z�hne noch, Mann? Ich schlage dich noch einmal, wenn du mich weiter verspottest.�</p><p>�Ich habe dir nichts als die reine Wahrheit gesagt, mein Freund�, erwiderte Furvain erstaunt. �Ich bin Aithin von Dundilmir, der Sohn Sangamors. Meine Papiere k�nnen es beweisen.�</p><p>Allm�hlich d�mmerte ihm freilich, dass es wom�glich keine sehr gute Idee war, M�nnern wie diesen seine k�nigliche Abstammung zu offenbaren, doch er hatte bisher noch keinen Gedanken daran verschwendet, dass es irgendwo auf der Welt einen Ort geben k�nnte, an dem es unklug w�re, seine Herkunft preiszugeben. Aber es war ohnehin zu sp�t, seine Worte zur�ckzunehmen. Er konnte nicht verhindern, dass sie seine Papiere �berpr�ften, aus denen hervorging, wer er war. So wollte er lieber davon ausgehen, dass es auch hier drau�en niemand wagen w�rde, einem Sohn des Pontifex, und sei er nur der f�nfte, die Bewegungsfreiheit zu rauben. �Ich verzeihe dir den Schlag�, sagte er zu demjenigen, der ihn niedergestreckt hatte. �Du konntest ja nicht wissen, wer ich bin. Ich werde daf�r sorgen, dass dir daraus kein Nachteil entsteht. Und jetzt, bitte, bei aller Ehrerbietung f�r euren Master Kasinibon, ist f�r mich die Zeit gekommen, meinen Weg fortzusetzen.�</p><p>�Im Augenblick f�hrt dein Weg zu Master Kasinibon�, erwiderte der Mann, der ihn geschlagen hatte. �Du kannst ihm pers�nlich deine Aufwartung machen.�</p><p>Sie zerrten ihn grob auf die F��e und winkten ihm, er solle auf sein Reittier steigen, das die anderen beiden�� offenbar junge Pferdeknechte�� bereits ans Ende der Reihe von Reittieren gebunden hatten. Jetzt erkannte Furvain auch, was er bisher noch nicht bemerkt hatte. Eine kleine Erhebung oben auf dem h�chsten Berg genau �ber ihm war nicht nat�rlichen Ursprungs, sondern geh�rte zu einem niedrigen Geb�ude, und als sie auf einem steilen Weg, der eigentlich kaum als Weg zu bezeichnen war�� es war nicht mehr als ein von Hufen aufgesch�rfter Trampelpfad im Gras��, nach oben stiegen, wurde deutlich, dass es sich bei diesem Geb�ude um eine nicht eben kleine Schanzanlage handelte. Eine Festung sogar, die aus dem gleichen gl�nzenden Stein wie der Berg selbst bestand. Sie war nur zwei Stockwerke hoch, erstreckte sich aber �ber ein ansehnliches St�ck auf dem Bergkamm entlang.</p><p>Als der Weg, dem sie folgten, zur Seite abschwenkte, konnte Furvain besser sehen. Auf der Ostseite des Berges war das Geb�ude terrassenf�rmig angelegt und fiel in mehreren Etagen zum Tal hin ab. �ber dem Tal bemerkte er zun�chst einen roten Schein am Himmel, und als sie die Bergkuppe erreicht hatten, sah er einen schmalen, langen See wie eine rote Wunde im Tal liegen. Es konnte nur der ber�hmte See von Barbirike sein, der zu beiden Seiten von langgezogenen D�nen von der gleichen hellroten Farbe begrenzt wurde. Master Kasinibon, wer immer dieser gesetzlose Hauptmann auch war, hatte f�r seine Zitadelle eine der atemberaubendsten Stellen in ganz Majipoor ausgesucht, einen fast unwirklich sch�nen Ort. Diese K�hnheit musste man durchaus bewundern, dachte Furvain. Der Mann mochte zwar ein Gesetzloser und sogar ein Bandit sein, aber er hatte auch etwas von einem K�nstler.</p><empty-line/><subtitle>* * *</subtitle><empty-line/><p>Das Geb�ude entpuppte sich schlie�lich als recht klotzige Anlage, kantig und solide gebaut und eher auf Dauerhaftigkeit denn auf Eleganz ausgerichtet, doch es besa� durchaus eine gewisse rustikale Sch�nheit. Es bestand aus zwei langen Fl�geln, die von einem gedrungenen viereckigen Mittelteil ausgingen, der sich seinerseits in Richtung des Barbirike-Tals ein gro�es St�ck den H�gel hinunter erstreckte. Der Erbauer musste vor allem an die Verteidigung gedacht haben. Es schien unm�glich, das Geb�ude einzunehmen. Von der Westseite konnte man sich dem Geb�ude �berhaupt nicht n�hern, weil das letzte St�ck des Berges, den Furvain und seine H�scher gerade erklommen hatten, senkrecht abfiel. Es war eine nackte Felswand, die man unm�glich hinaufsteigen konnte, und die Anlage hatte an dieser Seite nur eine abweisende, fensterlose Fassade. Der Weg von unten herauf bog, nachdem er diese unzug�ngliche Stelle erreicht hatte, in einer weiten Kurve nach rechts ab und f�hrte �ber den Bergkamm hinweg ringsherum bis zur Vorderseite des Geb�udes. So war jeder Ank�mmling den Waffen der �ber ihm liegenden Festung schutzlos ausgeliefert. Auf dieser Seite wurde sie zus�tzlich von Wachtt�rmen gesch�tzt, und es gab einen Palisadenzaun, ein Fallgatter und einen beeindruckenden Wall. Das Geb�ude hatte nur einen Eingang, der zudem nicht sonderlich gro� war. Alle Fenster waren schmale senkrechte Schlitze, die unm�glich anzugreifen, aber im Falle eines Angriffs f�r die Verteidiger leicht zu halten waren.</p><p>Furvain wurde h�chst unzeremoniell nach drinnen bugsiert. Er wurde nicht gesto�en und geschoben, er wurde nicht einmal ber�hrt, doch er f�hlte sich von einem von Kasinibons M�nnern bedr�ngt, der ihm zweifellos ohne Z�gern einen geh�rigen Sto� versetzen w�rde, sobald es n�tig schien.</p><p>Es ging einen langen Flur hinunter, in den linken Fl�gel und dann eine Treppenflucht hinauf, bis sie eine kleine Wohnung erreichten, die aus Schlafzimmer, Wohnzimmer und einem Zimmer mit Badewanne und Waschbecken bestand. Der Raum war kahl, und die W�nde waren aus den gleichen glatten grauen Steinen gemauert wie die Au�enw�nde der Festung. Es gab nicht den geringsten Schmuck. Die Fenster der drei R�ume waren, wie alle anderen im Geb�ude, kaum mehr als schmale Schie�scharten, die auf den See hinausgingen. Die Wohnung war einfach eingerichtet, es gab ein paar kleine Tische, St�hle und ein kleines, wenig einladendes Bett, einen Schrank, einige leere Regale und einen aus Ziegeln gemauerten Kamin. Die M�nner brachten ihn mitsamt Gep�ck dort unter und lie�en ihn allein. Er �berpr�fte die T�r und stellte fest, dass sie von au�en verriegelt war. Also befand er sich in einer Zimmerflucht, die f�r die Unterbringung unfreiwilliger G�ste gedacht war, �berlegte Furvain. Und zweifellos war er nicht der Erste.</p><p>Viele Stunden sollten vergehen, bis ihm das Vergn�gen zuteil wurde, den Herrn dieses Ortes zu sehen. Furvain verbrachte die Wartezeit damit, von einem Raum zum anderen zu schreiten und sein neues Domizil zu untersuchen, bis er alles gesehen hatte, was freilich nicht sehr lange dauerte. Dann starrte er eine Weile zum See hinaus, doch der liebliche Anblick, so bemerkenswert er auch war, verlor nach einer Weile seinen Zauber. Danach baute er rasch drei gereimte Epigramme, die seine missliche Lage ironisch schilderten, doch in allen drei F�llen war er seltsamerweise unf�hig, eine passende Schlusszeile zu finden, und so l�schte er sie wieder aus seinem Ged�chtnis, ohne sie vollendet zu haben.</p><p>Er war nicht einmal sonderlich emp�rt dar�ber, dass man sich auf diese Weise seiner bem�chtigt hatte. Bis jetzt war dies nichts weiter als eine neue Erfahrung, ein eigenartiger Zwischenfall auf seiner Reise in den Osten und eine Episode, mit der er seine Freunde nach seiner R�ckkehr unterhalten konnte. Es gab auch keinen Grund, besondere Angst zu haben. Dieser Master Kasinibon war h�chstwahrscheinlich irgendein kleiner Adliger vom Burgberg, der seines verh�tschelten, eint�nigen Lebens in Banglecode, Stee oder Bibiroon, oder woher auch immer er stammte, �berdr�ssig geworden war und sich in dieser wilden Region niedergelassen hatte, um sich ein eigenes kleines F�rstentum aufzubauen. Vielleicht hatte er sich auch einen kleinen Gesetzesbruch zuschulden kommen lassen oder einen m�chtigen Verwandten beleidigt und beschlossen, sich aus der adligen Gesellschaft zur�ckzuziehen. Wie auch immer, Furvain sah keinen Grund, warum er durch Kasinibons H�nde zu Schaden kommen sollte. Wahrscheinlich wollte Kasinibon ihn nur mit seiner Befehlsgewalt �ber dieses Gebiet beeindrucken und ein bisschen �ber Furvains Frechheit toben und schimpfen, da dieser es gewagt hatte, ohne Erlaubnis des selbst ernannten Oberherrn dieses Gebiet zu betreten, und dann w�rde man ihn wieder freilassen.</p><p>Die Schatten �ber dem roten See wurden l�nger, als die Sonne ihre Reise in Richtung Zimroel fortsetzte. Furvains Unruhe nahm zu, als sich der Tag dem Ende entgegenneigte. Schlie�lich kam ein Diener, ein Hjort mit ausdruckslosem, aufgedunsenem Gesicht und gro�en, starren Froschaugen, der ein Tablett mit Essen abstellte und ohne ein weiteres Wort wieder verschwand. Furvain nahm seine Mahlzeit in Augenschein: eine Flasche Rose, ein Teller mit hellem, zartem Fleisch, eine Schale mit Gem�se, das an geschlossene Blumenknospen erinnerte. Einfaches Essen f�r einfache Leute, dachte er. Der Wein war allerdings s�ffig und lieblich, das Fleisch zart und mit einer raffinierten, wohlschmeckenden Sauce verfeinert, und die Knospen, falls sie welche waren, schmeckten angenehm s�� und entwickelten zugleich eine prickelnde Sch�rfe, wenn man sie kaute.</p><p>Nicht lange nach dem Mahl ging die T�r wieder auf, und ein kleiner, beinahe zierlich gebauter Mann von etwa f�nfzig Jahren mit grauen Augen und schmalen Lippen kam herein, gekleidet in ein gr�nes Lederwams und gelbe Hosen. Sein prahlerisches Gehabe und sein Auftreten verrieten, dass er hier zu bestimmen hatte. Er trug einen sauber gestutzten Schnurrbart und einen kurzen, spitz zulaufenden Ziegenbart. Das Haar trug er lang, es war von tiefem Schwarz und hier und dort mit wei�en Str�hnen durchsetzt, ordentlich zur�ckgek�mmt und hinter dem Kopf gebunden. Er hatte etwas Verschlagenes und Schl�pfriges an sich, das Furvain zugleich angenehm und absto�end fand.</p><p>�Ich bin Kasinibon�, verk�ndete er. Seine Stimme war weich und hell und dennoch befehlsgewohnt. �Ich entschuldige mich f�r etwaige Vers�umnisse in Bezug auf unsere Gastfreundschaft, die uns bisher unterlaufen sein m�gen.�</p><p>�Mir sind keine aufgefallen�, erwiderte Furvain k�hl. �Bisher jedenfalls.�</p><p>�Aber Ihr m�sst doch gewiss an besseres Essen gew�hnt sein, als ich es hier aufbieten kann. Meine M�nner sagten mir, Ihr seid der Sohn Lord Sangamors.� Kasinibon lie� sich zu einem kurzen L�cheln herab, das keinesfalls als Geste der Ehrfurcht aufgefasst werden konnte, von Unterw�rfigkeit ganz zu schweigen. �Oder haben sie Euch in dieser Hinsicht missverstanden?�</p><p>�Es gab kein Missverst�ndnis. Ich bin in der Tat einer von Sangamors S�hnen. Der J�ngste. Mein Name ist Aithin Furvain. Wenn Ihr meine Papiere sehen wollt��</p><p>�Das ist wohl kaum n�tig. Euer Verhalten zeigt schon deutlich genug, wer und was Ihr seid.�</p><p>�Und wenn ich nun fragen darf��, begann Furvain.</p><p>Doch Kasinibon sprach einfach weiter und tat es so elegant, dass es beinahe nicht als Unh�flichkeit zu erkennen gewesen w�re. �Spielt Ihr denn eine wichtige Rolle in der Regierung seiner Majest�t?�</p><p>�Ich spiele dort �berhaupt keine Rolle. Ich glaube, Ihr wisst bereits, dass niemandem allein aufgrund seiner Herkunft ein hohes Amt �bertragen wird. Die S�hne der Coronals k�mmern sich so gut es geht um sich selbst, doch versprochen ist ihnen nichts. Als ich aufwuchs, musste ich erkennen, dass meine Br�der die meisten zur Verf�gung stehenden M�glichkeiten bereits ergriffen hatten. Ich lebe von meiner Apanage. Sie ist recht bescheiden�, f�gte Furvain hinzu, da ihm klar wurde, dass Kasinibon m�glicherweise an L�segeldforderungen dachte.</p><p>�Dann habt Ihr keine offizielle Position? Ist es das, was Ihr mir sagen wollt?�</p><p>�Keine.�</p><p>�Was tut Ihr dann? Nichts?�</p><p>�Nichts, was man als Arbeit bezeichnen k�nnte, w�rde ich meinen. Ich verbringe meine Zeit als Gef�hrte meines Freundes, des Herzogs von Dundilmir. Meine Aufgabe ist es, den Herzog und seinen Hof zu unterhalten. Ich besitze eine gewisse Begabung, Gedichte zu verfassen.�</p><p>�Gedichte!�, rief Kasinibon. �Ihr seid ein Dichter? Aber das ist wundervoll!� Ein neuer Glanz trat in seine Augen, ein sehr offener Ausdruck, der seinem Gesicht vor�bergehend jede Verschlagenheit nahm, sodass er seltsam jung und verletzlich aussah. �Die Dichtkunst ist meine gro�e Leidenschaft�, f�gte er beinahe im Verschw�rerton hinzu. �Mein Trost und meine Freude, da ich doch hier im Nichts lebe, so weit von zivilisierten Zerstreuungen entfernt. Tuminok Laskil! Vornifon! Dammiunde! Wenn Ihr nur w�sstet, wie viele ihrer Werke ich auswendig gelernt habe!�</p><p>Er baute sich auf wie ein Schuljunge und begann ein Gedicht von Dammiunde zu rezitieren. Es war eines seiner schw�lstigsten Werke, ein todernstes, romantisch verkl�rtes Gedicht �ber edle Liebende, das Furvain schon als Knabe ausgesprochen l�cherlich gefunden hatte. Er hatte M�he, seinen Gesichtsausdruck zu beherrschen, als Kasinibon einen Auszug aus diesen grotesken Versen zitierte, die von einer wilden Jagd durch die S�mpfe von Kajit Kabulon handelten. Offenbar bemerkte Kasinibon nach einer Weile, dass sein Gast nicht unbedingt die gr��te Hochachtung f�r Dammiundes Werk empfand, denn seine Wangen gl�hten auf einmal vor Verlegenheit, und er brach seinen Vortrag unvermittelt ab. �Etwas altmodisch vielleicht. Aber ich liebe es seit meiner Kindheit.�</p><p>�Es ist nicht unbedingt eins meiner Lieblingsgedichte�, gab Furvain zu, �aber Tuminok Laskil dagegen hat ja durchaus��</p><p>�Ah ja, Tuminok Laskil!� Und schon rezitierte Kasinibon eines von Laskils r�hrseligsten St�cken, das der Dichter aus Nimoya in seiner fr�hesten Jugend verfasst hatte. Hier gelang es Furvain nicht einmal, seine Verachtung zu verbergen. Wieder err�tete Kasinibon und brach den Vortrag mitten im Satz ab, um hastig zu einem viel sp�teren Werk zu wechseln, dem schwerm�tigen �Sonett der Vers�hnung�, das er mit �berraschender Gewandtheit und Gef�hlstiefe vortrug.</p><p>Furvain kannte das Gedicht gut, und er liebte es und sprach im Geiste bis zum Ende mit, w�hrend Kasinibon es vortrug. Am Ende sah er sich unerwartet ber�hrt, nicht nur durch das Gedicht selbst, sondern auch durch Kasinibons gro�e Bewunderung f�r das Werk und seinen kunstvollen Vortrag.</p><p>�Dies entspricht viel eher meinem Geschmack als die ersten beiden�, sagte Furvain nach kurzem Schweigen. Er hatte das Gef�hl, er m�sse etwas sagen, um die unbehagliche Stille zu brechen, die sich nach dem wundervollen Gedicht �ber den Raum gelegt hatte.</p><p>Kasinibon schien erfreut. �Ich verstehe. Ihr gebt den tieferen, schwerm�tigen Werken den Vorzug, nicht wahr? Vielleicht haben die ersten beiden einen falschen Eindruck erweckt. Bitte versteht aber, dass es f�r mich nicht anders ist als f�r Euch. Meiner Ansicht nach wird der verstorbene Laskil weit �bersch�tzt. Ich bestreite ja nicht, dass ich eine gro�e Vorliebe f�r einfache Werke habe, aber ich hoffe doch, Ihr werdet mir glauben, wenn ich sage, dass ich mich der Weisheit wegen der Poesie zuwende, um Trost und Anleitung zu finden, und dass mir dies viel wichtiger ist als die oberfl�chliche Unterhaltung. Darf ich dann annehmen, dass auch Eure eigenen Werke eher von ernster Natur sind? Ein Mann von Eurem Geist, das ist unverkennbar, muss doch sicher ausgezeichnete Gedichte verfasst haben. Wie seltsam nur, dass ich Euren Namen trotzdem nicht kenne.�</p><p>�Ich sagte ja schon, dass es eher eine geringe Gabe ist�, erwiderte Furvain. �Sie ist gering, und meine Verse sind es auch. Leichte Unterhaltung ist das Beste, was ich zuwege bringe. Ver�ffentlicht ist nichts davon. Meine Freunde denken, ich sollte es tun, doch die unbedeutenden Verse, die ich erschaffe, sind der M�he kaum wert.�</p><p>�K�nntet Ihr mir denn den Gefallen tun und einen rezitieren?�</p><p>Es war ganz und gar absurd. Da stand er vor diesem Banditenanf�hrer und er�rterte Fragen zur Dichtkunst, nachdem ihn die Knechte dieses Mannes widerrechtlich festgenommen hatten. Er steckte nun in dieser klobigen Festung im Niemandsland, und es sah ganz danach aus, als sollte die Gefangenschaft eine langfristige werden. In diesem Augenblick kam ihm nat�rlich nichts Passendes in den Sinn, abgesehen von den schlimmsten Albernheiten, trivialen Versen, wie sie einem einf�ltigen H�fling einfallen mochten. Er konnte den Gedanken nicht ertragen, sich diesem fremden Mann gegen�ber als der leere, liderliche Erfinder oberfl�chlicher Verse zu erkennen zu geben, der er war. So wich er aus und behauptete, die M�digkeit nach den Abenteuern des Tages sei zu schwer, als dass er jetzt noch zu einer ordentlichen Rezitation f�hig sei.</p><p>�Dann also morgen, wie ich hoffe�, sagte Kasinibon. �Und es w�re mir eine gro�e Freude, wenn Ihr mir nicht nur Eure gr��ten Werke vortragen k�nntet, sondern wenn Ihr w�hrend Eures Aufenthalts unter meinem Dach vielleicht auch einige bemerkenswerte neue Gedichte erschaffen k�nntet.�</p><p>�Ah�, machte Furvain. Er sah Kasinibon lange und durchdringend an. �Und wie lang, glaubt Ihr, k�nnte mein Aufenthalt hier dauern?�</p><p>�Das kommt ganz darauf an�, erwiderte Kasinibon, und das schmierige, verschlagene Funkeln, dieses Mal �berhaupt nicht mehr angenehm, kehrte in seine Augen zur�ck. �Es h�ngt von der Gro�z�gigkeit Eurer Familie und Freunde ab. Doch dar�ber k�nnen wir morgen noch reden, Prinz Aithin.� Dann deutete er zum Fenster. Auf dem roten See funkelte jetzt das Mondlicht und zeichnete ihn als lang gestreckten roten Einschnitt, der nach Osten verlief, in die Landschaft. �Dieser Ausblick, Prinz Aithin, sollte doch f�r einen Mann mit Euren poetischen Gaben sicherlich inspirierend sein.�</p><p>Furvain antwortete nicht.</p><p>Kasinibon sprach unterdessen unbeeindruckt �ber den Ursprung des Sees, �ber die unz�hligen Tierchen, deren zerfallende Schalen dem Gew�sser seine au�ergew�hnliche Farbe gegeben hatten, wie ein stolzer Gastgeber seinem aufmerksamen Gast eben ein ber�hmtes Naturwunder der Gegend erkl�ren mag. Doch Furvain hatte in diesem Augenblick wenig �brig f�r die Sch�nheit des Sees oder den Einfluss, den seine Bewohner auf sein Aussehen genommen hatten. Kasinibon schien dies erst nach einer ganzen Weile bewusst zu werden.</p><p>�Nun�, sagte er schlie�lich, �ich w�nsche Euch eine gute Nacht und erholsamen Schlaf.�</p><empty-line/><subtitle>* * *</subtitle><empty-line/><p>Also war er tats�chlich ein Gefangener, der des L�segeldes wegen festgehalten wurde. Was f�r eine h�bsche, possenhafte Wendung das doch war! Und wie stimmig, dass ein Mann, der in mittleren Jahren immer noch Dammiundes kindisches, idiotisch verkl�rtes Gedicht mochte, auf einen Gedanken kam, der genauso gut von Dammiunde selbst h�tte stammen k�nnen, n�mlich L�segeld f�r Furvains Freilassung zu verlangen!</p><p>Zum ersten Mal, seit er hierher gebracht worden war, empfand Furvain allerdings auch etwas wie Unbehagen. Dies war eine ernste Angelegenheit. Kasinibon mochte ein Schw�rmer sein, aber er war kein Dummkopf. Seine uneinnehmbare Felsenfestung war Beweis genug. Irgendwie hatte er es geschafft, sich recht nahe am Burgberg, in einer Entfernung, die man in kaum zwei Wochen �berwinden konnte, als Herrscher eines unabh�ngigen Reichs einzurichten, und wahrscheinlich herrschte er hier unumschr�nkt, war niemandem in der Welt verantwortlich, und sein Wort war Gesetz. Offensichtlich hatten seine M�nner keine Ahnung, dass sie den Sohn eines Coronals entf�hrten, als sie auf den einsamen Reisenden im goldenen Gras gesto�en waren, doch sie hatten nicht gez�gert, ihn zu Kasinibon zu bringen, obwohl Furvain ihnen seine Herkunft offenbart hatte, und Kasinibon selbst schien es nicht f�r gef�hrlich zu halten, Lord Sangamors j�ngsten Sohn als Gefangenen zu behandeln.</p><p>Also ein Gefangener, f�r den L�segeld erpresst werden sollte.</p><p>Wer sollte es zahlen? Furvain selbst hatte kein gro�es Verm�gen. Herzog Tanigel war nat�rlich wohlhabend, doch Tanigel w�rde die L�segeldforderung vermutlich f�r einen von Furvains �blichen Scherzen halten, kichern und den Brief wegwerfen. Eine zweite, dr�ngendere Forderung w�rde vermutlich das gleiche Schicksal treffen, besonders wenn Kasinibon auch noch eine l�cherlich hohe Summe als Preis f�r Furvains Freiheit verlangte. Der Herzog war ein reicher Mann, doch w�rde er es f�r angemessen halten, beispielsweise zehntausend Royal zu bezahlen, damit Furvain an seinen Hof zur�ckkehren konnte? Das war ein sehr hoher Preis f�r einen nutzlosen Verseschmied.</p><p>An wen konnte Furvain sich sonst noch wenden? An seine Br�der? Wohl kaum. Alle vier waren �bel gesonnene, geizige M�nner, die keinen Heller hergeben w�rden. In ihren Augen war er ohnehin nur ein nutzloses, leichtfertiges Nichts. Sie w�rden ihn lieber hier bis in alle Ewigkeit Staub schlucken lassen, als auch nur eine halbe Krone zu schicken, um ihn zu befreien. Sein Vater, der Pontifex? Geld w�re f�r ihn kein Hindernis. Doch Furvain konnte sich lebhaft vorstellen, wie sein Vater achselzuckend sagte: �Das geschieht Aithin ganz recht. Er hat es bisher im Leben viel zu leicht gehabt, jetzt soll er es auch mal eine Weile schwer haben.�</p><p>Andererseits konnte der Pontifex Kasinibons Gesetzlosigkeit kaum hinnehmen. Unschuldige Reisende festnehmen und L�segeld erpressen? Das verstie� gegen alle gesetzlichen Regeln, die einer so weit gespannten Gemeinschaft wie derjenigen auf Majipoor den Zusammenhalt gaben. Doch dann w�rde ein Sp�her des Milit�rs kommen und sehen, dass die Zitadelle uneinnehmbar war, und sie w�rden beschlie�en, keine Menschenleben auf einen Angriff zu vergeuden. Also w�rde man einen strengen Erlass formulieren und Kasinibon anweisen, seinen Gefangenen freizugeben und davon abzusehen, weitere Reisende zu entf�hren, doch man w�rde nichts tun, um den Erlass auch durchzusetzen.</p><p>Ich werde bis ans Ende meiner Tage hier festsitzen, dachte Furvain d�ster. Ich werde noch eine Ewigkeit zwischen diesen hallenden W�nden schreiten und mein Leben als Gefangener in dieser Festung beschlie�en. Master Kasinibon wird mir den Posten des Hofnarren geben, und dann werden wir die gesammelten Werke von Tuminok Laskil rezitieren, bis ich den Verstand verliere.</p><p>Welch unerquickliche Aussicht. Doch es war sinnlos, sich die ganze Nacht dar�ber den Kopf zu zerbrechen. Furvain schob alle d�steren Gedanken fort und ging zu Bett.</p><p>Das d�nne und harte Bett war nicht so bequem wie dasjenige, das er in Dundilmir zur�ckgelassen hatte, aber es war auf jeden Fall besser als der Schlafsack, den er in den letzten zehn Tagen seiner Reise durch den Osten unter einem Baldachin von Sternen auf dem Boden ausgebreitet hatte. W�hrend er langsam eind�ste, versp�rte Furvain ein Gef�hl, das er sehr gut kannte. Ein Gedicht klopfte an die Pforten seines Bewusstseins und machte auf sich aufmerksam, weil es geboren werden wollte. Er konnte es noch nicht sehr deutlich sehen, ein vages, formloses Ding, doch trotz der Unscharfe war jetzt schon klar, dass es, zumindest f�r seine Verh�ltnisse, etwas Ungew�hnliches werden w�rde. Mehr als ungew�hnlich sogar�� etwas Einzigartiges bahnte sich an. Es w�rde, das sp�rte er schon, ein erstaunliches Werk werden, auch wenn ihm das Thema noch nicht ganz klar war. Etwas Gro�artiges, da war er sicher, w�hrend es weiter in ihm rumorte und beharrlich in den Vordergrund dr�ngte. Etwas Starkes. Etwas, das die Seele, das Herz und den Geist ber�hrte. Etwas, das alle ver�nderte, die sich ihm n�herten.</p><p>Er hatte sogar selbst ein wenig Furcht vor dieser Gr��e und wusste nicht recht, was er davon halten sollte, dass ihm etwas so Gewaltiges einfiel. Es hatte gro�e Kraft und t�nte wie Musik, zugleich feierlich und jubilierend. Nat�rlich war ihm nicht auf einen Schlag das ganze Gedicht eingefallen�� lediglich der Umriss war klar, der Inhalt noch nicht. Das Gedicht selbst wollte sich �berhaupt nicht heraussch�len, oder jedenfalls nicht von selbst, und wenn er es zu greifen versuchte, dann entwich es ihm mit der Gewandtheit eines ungeb�rdigen Bilantoon. Es tanzte knapp au�erhalb seiner Reichweite und verschwand schlie�lich in dem dunklen Abgrund, der unter seinem Bewusstsein lag. Es wollte einfach nicht zur�ckkehren, und wenn er noch so lange wach liegen blieb und darauf wartete.</p><p>Endlich gab er es auf und versuchte, sich wieder aufs Schlafen einzurichten. Er wusste, dass Gedichte nicht mit Gewalt zu packen waren. Sie kamen nur, wenn sie von selbst kommen wollten, und so war es sinnlos, etwas zu erzwingen. Furvain kam jedoch nicht umhin, sich zu fragen, um welches Thema es gehen sollte. Er hatte keine Ahnung, wovon das Gedicht handelte, und war sicher, dass er auch im Traum keine Eingebung erf�hre. Es schwang in ihm noch kaum gestalthaft, blieb ohne greifbare Substanz. Er konnte nur sagen, dass es sich um ein starkes Werk handelte, ein Werk von bedeutender Breite und Tiefe, das etwas Majest�tisches an sich hatte. In dieser Hinsicht war er sicher, oder jedenfalls so sicher wie m�glich. Es musste die gro�e Dichtung sein, die zu schreiben er nach jedermanns Ansicht f�hig war. Endlich bot sie sich seinem Geist dar. Sie neckte ihn und lockte ihn. Doch sie zeigte ihm nie mehr als ihre Aura, ihren �u�eren Schein, und dann tanzte sie wieder davon, als wollte sie ihn f�r die Faulheit all der vielen vergangenen Jahre verh�hnen. Eine ironische Trag�die war es�� das gro�e verlorene Gedicht des Aithin Furvain. Die Welt sollte es nie zu sehen bekommen, und er musste ewig um diesen Verlust trauern.</p><p>Dann entschied er, dass er einfach dumm sei. Was hatte er schon verloren? Sein m�der Geist hatte ihm einen Streich gespielt. Ein Gedicht, das nicht mehr ist als der Schatten eines Schattens, ist �berhaupt kein Gedicht. Es war idiotisch, sich vorzustellen, dass er ein Meisterwerk verloren hatte. Wie konnte er wissen, wie gut das Gedicht�� vorausgesetzt, er h�tte es jemals klar sehen k�nnen�� �berhaupt geworden w�re? Wie konnte er den Wert einer Dichtung beurteilen, die noch nicht einmal entstanden war? Er schmeichelte sich selbst, wenn er glaubte, es habe dort irgendeine Substanz gegeben. Er wusste, dass das G�ttliche ihm nicht das R�stzeug gegeben hatte, das man zum Sch�pfen bedeutender Dichtungen brauchte. Er war ein oberfl�chlicher M��igg�nger und dazu geschaffen, leichte und verspielte Verse zu erfinden, aber keine Meisterwerke. Dieses lockende Gedicht war nichts weiter als ein Phantom, dachte er. Die Selbstt�uschung eines m�den Geistes am Rande des Eind�mmerns, die halb getr�umten Nachwirkungen seiner bizarren Unterhaltung mit einem Master Kasinibon. Furvain glitt langsam in den Schlaf hin�ber und schlummerte dieses Mal rasch ein.</p><p>Als er aufwachte, gingen ihm immer noch unbestimmte, fl�chtige Erinnerungen an das verlorene Gedicht durch den Kopf wie ein Traum, der nicht weichen will, und er wusste zun�chst nicht, wo er war. Kahle Steinw�nde, ein schmales hartes Bett, ein schmaler Fensterschlitz, durch den freilich die Morgensonne mit gnadenloser Kraft einfiel. Dann erinnerte er sich. Er war Gefangener in der Festung von Master Kasinibon. Zuerst wurde er w�tend, denn was eine Reise voller pers�nlicher Entdeckungen werden sollte, eine Reise, um die verunsicherte Seele zu l�utern, war von einer Bande pl�ndernder Raufbolde j�h unterbrochen worden. Dann am�sierte er sich wieder �ber die neue Erfahrung, auf diese Weise geschnappt worden zu sein, und schlie�lich �rgerte er sich �ber diesen Eingriff in sein Leben. Doch die Wut, das wusste Furvain, konnte ihm nicht helfen. Er musste ruhig bleiben und die ganze Sache als ein Abenteuer betrachten, als Rohstoff f�r Anekdoten und Gedichte, mit denen er seine Freunde erfreuen konnte, sobald er wieder daheim in Dundilmir war.</p><p>Er badete, zog sich an und verbrachte eine Weile damit, das Spiel der Morgensonne auf der stillen Oberfl�che des Sees zu beobachten, der zu dieser fr�hen Stunde eher purpurrot als scharlachrot wirkte. Dann wurde er wieder w�tend und schritt zwischen den Zimmern hin und her, bis der Hjort sein Fr�hst�ck brachte.</p><p>Am Vormittag stattete Kasinibon ihm den eingangs beschriebenen zweiten Besuch ab, blieb allerdings nur wenige Minuten. Danach zog sich der Morgen unendlich lange dahin, bis der Hjort erneut erschien und das Mittagessen brachte. Eine Weile durchw�hlte Furvain seine Erinnerungen nach irgendwelchen Resten des verlorenen Gedichts, doch es war ein hoffnungsloses Unterfangen und l�ste in ihm nur ein schmerzliches Bedauern aus, das er nicht einmal richtig einordnen konnte. So hatte er nichts weiter zu tun, als den See anzustarren, und obschon der See einen wirklich au�ergew�hnlichen Anblick bot und eine Art von Sch�nheit besa�, die sich Stunde um Stunde mit dem wechselnden Sonnenlicht sogar ver�nderte, konnte Furvain diese Ver�nderungen doch nur eine gewisse Zeit betrachten, weil selbst eine Sch�nheit wie diese nach einer Weile keinerlei Begeisterung mehr in ihm wachrufen konnte.</p><p>Er hatte mehrere B�cher auf die Reise mitgenommen, stellte allerdings fest, dass er im Augenblick keine Lust hatte, sie zu lesen. Die Worte waren nicht mehr als bedeutungslose Zeichen auf der Seite. Auch konnte er keine Ablenkung in einem selbst verfassten Gedicht finden. Es war, als habe das Verschwinden dieses Meisterwerks aus seiner Phantasie in der vergangenen Nacht ihm zugleich die F�higkeit genommen, auch nur den kleinsten Vers zu schmieden. Der Quell, der sein Leben lang so verschwenderisch gesprudelt war, schien schlagartig versiegt. Furvain war leer von Poesie, wie die W�nde der R�ume bar jeden Schmucks waren. So konnte er in seiner Einsamkeit keinerlei Trost finden. Einsamkeit war bisher noch nie ein gro�es Schrecknis f�r ihn gewesen. Nicht, dass er ihr jemals lange ausgesetzt gewesen w�re, doch er war bislang immer f�hig gewesen, sich mit Verseschmieden oder Wortspielen abzulenken, wenn es n�tig schien. Dies blieb ihm freilich jetzt aus einem Grund, den er selbst nicht verstehen konnte, versagt. Als er noch allein durch das �stliche Land gereist war, hatte er die Einsamkeit �berhaupt nicht als bedr�ckend empfunden, sondern umgekehrt sogar als spannende, anregende und lehrreiche neue Erfahrung. Da drau�en hatte er allerdings die fremdartige Landschaft bewundern k�nnen, dazu die ungew�hnlichen Tiere und Pflanzen, die er jeden Tag zu sehen bekam, und er war viel zu sehr mit der Herausforderung, allein zu reisen, besch�ftigt gewesen�� er musste sich seine Mahlzeiten selbst kochen, passende Lagerpl�tze f�r die Nacht finden und Wasserquellen und andere Dinge ausfindig machen. Hier aber, eingesperrt in diesen �den kleinen Zimmern, sah er sich auf sich selbst zur�ckgeworfen, und hier war sein einziger R�ckhalt die unersch�pfliche Fruchtbarkeit seiner poetischen Phantasie. Doch aus Gr�nden, die er einfach nicht nachvollziehen konnte, blieb ihm auf einmal der Zugang dorthin versperrt.</p><p>Kasinibon kehrte nicht lange nach dem Mittagessen zu ihm zur�ck.</p><p>�Wollen wir dann zum See?�, fragte er.</p><p>�Ja, zum See.�</p><p>Der Banditenhauptmann f�hrte ihn voll Stolz durch die hallenden Steing�nge der Festung. Hinunter und immer weiter hinunter ging es, bis sie schlie�lich einen Flur auf der untersten Ebene erreichten, an dessen Ende sie auf einen kleinen gewunden Weg traten. Der mit hellem Kies bestreute Pfad schl�ngelte sich in sanften Kurven bis zum weit unten liegenden roten See hinunter. Furvain war �berrascht, dass Kasinibon keinen einzigen seiner M�nner mitgenommen hatte�� sie waren allein. Kasinibon ging offenbar v�llig unbesorgt voraus und hatte anscheinend nicht die geringste Angst, Furvain k�nne ihn angreifen.</p><p>Ich k�nnte das Messer aus der Scheide rei�en und ihm an die Kehle setzen, �berlegte Furvain. Und dann musste er mir schw�ren, mich freizulassen. Oder ich k�nnte ihn niederschlagen und seinen Kopf ein paar Mal auf den Boden knallen und dann in der Wildnis verschwinden. Oder�</p><p>Es war viel zu verr�ckt, um in die Tat umgesetzt zu werden. Kasinibon war zierlich gebaut, aber wendig und stark. Zweifellos w�rde er umgehend daf�r sorgen, dass Furvain einen Angriff sehr bereute. Wahrscheinlich hatte er sogar irgendwo in den B�schen Leibw�chter postiert. Und selbst wenn Furvain ihn irgendwie �berw�ltigen und fliehen konnte, was n�tzte ihm das schon? Kasinibons M�nner w�rden ihn jagen und binnen einer Stunde wieder gefangen nehmen.</p><p>Ich bin sein Gast, sagte Furvain sich. Er ist mein Gastgeber. Dabei wollen wir es f�r den Augenblick bewenden lassen.</p><p>Zwei Reittiere standen am Ufer des Sees bereit. Eins war das edle, rassige Tier mit den glutroten Augen und dem dunkelbraunen Fell, das Furvain aus Dundilmir mitgebracht hatte, das zweite war ein kurzbeiniges gelbliches Tier, das wie das Zugpferd eines Bauern aussah. Kasinibon sprang in den Sattel und winkte Furvain, seinem Beispiel zu folgen.</p><p>�Der See von Barbirike�, erkl�rte Kasinibon, als sie ritten, �ist beinahe dreihundert Meilen lang, aber an der breitesten Stelle nicht mehr als zweitausend Fu� breit. An beiden Enden wird er von nahezu unbezwingbaren Klippen eingeschlossen. Wir konnten keine Quelle finden, die ihn speist�� anscheinend ist der Regen der einzige Ursprung des Wassers.�</p><p>Aus der N�he betrachtet, erinnerte der See mehr denn je an eine riesige Blutlache. Der rote Farbstoff machte das Wasser v�llig undurchsichtig. Von Ufer zu Ufer stellte es sich als undurchdringliche rote Fl�che dar, unter deren Oberfl�che nichts zu erkennen war. Das gespiegelte Antlitz der Sonne brannte wie eine Flammenkugel auf dem unbewegten Wasser.</p><p>�Kann dort drinnen etwas leben?�, fragte Furvain. �Abgesehen von den Schalentieren, die dem Wasser die Farbe geben?�</p><p>�O ja�, sagte Kasinibon. �Es ist ja nur Wasser. Wir fischen jeden Tag und fangen eine ganze Menge.�</p><p>Ein Weg, der kaum breit genug war, um ihre Pferde nebeneinander laufen zu lassen, trennte das Ufer von den hohen D�nen aus rotem Sand, die entlang des Sees verliefen. Als sie nach Osten ritten, spielte Kasinibon wieder den Fremdenf�hrer und wies Furvain auf verschiedene Besonderheiten der Umgebung hin: eine Pflanze mit kurzen purpurnen und dicken Bl�ttern, eine Sukkulente mit fingerf�rmigen, plumpen Ausw�chsen, die im fast sterilen Sand der D�nen gedeihen konnte und in langen Str�hnen die steilen H�nge herunter wuchs.</p><p>Dann ein Raubvogel mit gelbem Hals und Knopfaugen, der �ber ihnen kreiste und ab und zu mit erschreckender Wucht ins Wasser st�rzte, um irgendeinen Bewohner des Sees zu schnappen, und kleine pelzige Krabben mit rundlichen K�rpern, die wie M�use am Ufer umherhuschten und im roten Schlamm nach versteckten W�rmern suchten.</p><p>Kasinibon nannte Furvain die wissenschaftlichen Namen der Tiere, doch dieser verga� sie fast sofort wieder. Furvain hatte sich nie die M�he gemacht, viel �ber wilde Tiere zu lernen, auch wenn diese Gesch�pfe in gewisser Weise durchaus seine Phantasie anregten.</p><p>Kasinibon schien diesen Ort jedoch sehr zu m�gen und wusste offenbar �ber alles, was es hier gab, genau Bescheid. Furvain h�rte zwar den Abhandlungen h�flich zu, fand sie im Grunde aber nur st�rend und l�stig.</p><p>Die �berw�ltigende rote Farbe des Barbirike-Tals machte auf Furvain den st�rksten Eindruck. Es war eine wahrhaft erstaunliche Art von Sch�nheit. Es kam ihm vor, als habe sich die ganze Welt rot gef�rbt. �ber die K�mme der D�nen konnte man nicht hinwegschauen, und so sah er links nichts au�er dem roten See und den roten D�nen dahinter und auf der rechten Seite eine hohe rote Barriere, wo sich die D�ne gleich neben dem Reitweg erhob. �ber ihnen als Kuppel von etwas hellerem Rot der Himmel, der die vom See abgestrahlte Farbe auffing. Rot, rot, rot��Furvain f�hlte sich ganz und gar darin eingeh�llt, fest umschlossen von einem roten Reich. Er ging v�llig darin auf, er lie� sich einh�llen und in Besitz nehmen.</p><p>Kasinibon bemerkte schlie�lich, dass Furvain schon lange schwieg und offenbar tief in Gedanken war. �Was wir hier sehen, ist der reine Stoff, aus dem die Dichtung ist, nicht wahr?�, fragte er mit einer ausholenden Geste, die das Ufer, den Himmel und seine eigene Festung einschloss, die hinter ihnen in der Ferne dunkel auf dem H�gel hockte.</p><p>Nach einer halben Meile hielten sie an. Es sah hier genauso aus wie dort, wo sie ihren Ritt begonnen hatten. Vor und hinter ihnen, �berall war das gleiche Rot, eine unver�nderliche scharlachrote Welt. �Ich sch�pfe immer wieder neue Inspirationen daraus, und Euch wird es gewiss nicht anders ergehen. Ihr werdet hier Euer Meisterwerk schreiben. Das ist sicher.�</p><p>Die Begeisterung, die in seiner Stimme lag, war nicht misszuverstehen. Er will das Gedicht unbedingt haben, dachte Furvain. Doch die Art, wie der kleine Mann in seine Gedanken eindrang, st�rte ihn, und er zuckte zusammen, als sein �Meisterwerk� erw�hnt wurde. Furvain wollte nichts mehr �ber Meisterwerke h�ren, nicht nach den qu�lenden Eingebungen der letzten Nacht, in dem sein eigenes Bewusstsein ihn wegen seiner Unzul�nglichkeiten zu verspotten schien und ihm ein edles Werk vorgaukelte, das zu erschaffen er doch nicht gen�gend Seelenkraft besa�.</p><p>�Ich f�rchte, die Poesie l�sst mich im Augenblick im Stich�, sagte er kurz angebunden.</p><p>�Sie wird schon zur�ckkehren. Nach allem, was Ihr mir berichtet habt, wei� ich doch, dass Euch das Verfassen von Gedichten sozusagen im Blut liegt. Hat es denn jemals eine l�ngere Zeit gegeben, in der Ihr �berhaupt nichts erschaffen habt? Und sei es nur eine Woche gewesen?�</p><p>�Wohl nicht. Ich kann es aber nicht genau sagen. Die Dichtung kommt eben, wenn sie kommt, und sie hat ihren eigenen Rhythmus. Ich habe im Grunde kaum darauf geachtet.�</p><p>�Eine Woche, zehn Tage, zwei Wochen�� die Worte werden schon kommen�, sagte Kasinibon. �Ich bin ganz sicher, dass sie kommen.� Er redete sich in Verz�ckung. �Aithin Furvains gro�e Dichtung, geschrieben in seiner Zeit als Gast bei Master Kasinibon von Barbirike! Darf ich vielleicht sogar hoffen, dass Ihr mir eine Widmung hineinschreibt? Oder w�re ein solcher Wunsch zu k�hn?�</p><p>Es wurde unertr�glich. Wollte das denn �berhaupt nicht enden? Diese Forderungen von aller Welt, er m�ge seinem unwilligen Geist ein gro�es Werk entlocken?</p><p>�Ich f�rchte, ich muss Euch noch einmal widersprechen�, sagte Furvain. �Ich bin euer Gefangener, Kasinibon. Nicht Euer Gast.�</p><p>�Wenigstens sagt Ihr dies ohne Groll, wie mir scheint.�</p><p>�Was k�nnte Groll mir n�tzen? Doch wenn man festgehalten wird, um L�segeld zu fordern��</p><p>�L�segeld ist so ein h�ssliches Wort, Furvain. Ich verlange doch nur, dass Eure Angeh�rigen die Geb�hren bezahlen, die ich f�rs Durchqueren meines Gebiets erhebe, da Ihr au�erstande scheint, sie selbst zu entrichten. Nennt es meinetwegen L�segeld, aber der Begriff beleidigt mich.�</p><p>�Dann ziehe ich dies nat�rlich zur�ck�, sagte Furvain, der nach wie vor seinen Zorn so gut wie m�glich hinter m�hsam gespielter Munterkeit verbarg. �Ich bin ein Mann von hoher Geburt, Kasinibon. Nichts l�ge mir ferner, als meinen Gastgeber zu beleidigen.�</p><empty-line/><subtitle>* * *</subtitle><empty-line/><p>Am Abend speisten sie zusammen in einem gro�en, nur von Kerzen erhellten Saal. Eine ganze Schar schweigsamer Hjorts in bunten Livreen wartete ihnen auf und stelzte mit jener absurden Gro�artigkeit herein und hinaus, welche die Angeh�rigen dieses eher unsch�nen Volks gern annahmen. Es sollte ein �ppiges Festmahl werden�� zuerst ein Kompott aus Fr�chten von einer Art, die Furvain nicht kannte, dann pochierter Fisch mit einem k�stlichen Geschmack in einer dunklen So�e, die mit Honig ges��t war, danach mehrere Sorten gegrilltes Fleisch auf ged�nstetem Gem�se. Auch die Wahl der Weine, die zu jedem Gang gereicht wurden, war nicht zu beanstanden. Gelegentlich bemerkte Furvain Gr�ppchen anderer Gesetzloser, die als Schatten weit entfernt durch den Gang am anderen Ende des Raumes huschten, doch niemand kam in ihre N�he.</p><p>Angeregt vom Wein, sprach Kasinibon freim�tig �ber sich selbst. Er schien beinahe verzweifelt darauf aus, die Freundschaft seines Gefangenen zu gewinnen. Er sei, sagte er, auch selbst ein nachgeborener Sohn, n�mlich der dritte Sohn des Grafen von Kekkinork. Furvain kannte keine Stadt dieses Namens. �Sie liegt einen Fu�marsch von zwei Stunden vom Gro�en Meer entfernt�, erkl�rte Kasinibon. �Meine Vorfahren kamen dorthin, um den sch�nen blauen Stein, der Meeresspat genannt wird, abzubauen. Der Coronal Lord Pinitor benutzte ihn damals als Schmuck f�r die Mauern der Stadt Bombifale. Als die Arbeit getan war, beschlossen einige Bergleute, nicht zum Burgberg zur�ckzukehren. Seitdem leben sie dort in Kekkinork in einem Dorf am Strand des Gro�en Meeres. Ein freies Volk au�erhalb des Einflussbereichs von Pontifex und Coronal. Mein Vater, der Graf, war der sechzehnte Inhaber dieses Titels, der in gerader Abstammungslinie �bertragen wurde.�</p><p>�Ein Titel, den Lord Pinitor verliehen hat?�</p><p>�Ein Titel, den sich der erste Graf selbst verliehen hat�, erkl�rte Kasinibon. �Wir sind die Nachkommen einfacher Bergleute und Steinmetzen, Furvain. Aber wenn man nur weit genug zur�ckgeht, muss man nat�rlich auch fragen, welcher Lord auf dem Burgberg denn von sich behaupten kann, er habe keinen Tropfen Blut von Gemeinen in seinen Adern.�</p><p>�Das ist wahr�, stimmte Furvain zu. Allerdings war es auch von Herzen belanglos. Viel wichtiger war ihm der Hinweis, dass der schm�chtige b�rtige Mann, der mit ihm am Tisch sa�, tats�chlich mit eigenen Augen das Gro�e Meer gesehen hatte. Er war in einem entlegenen Gebiet Majipoors, das man allgemein bestenfalls als Legende bezeichnete, zum Manne gereift. Die Vorstellung, dass es dort drau�en irgendwo tats�chlich eine nennenswerte Stadt gab, die den Geographen und Sch�tzern entgangen war, tausende Meilen vom Burgberg entfernt in einer fernen Gegend im Osten Alhanroels gelegen, stellte die Gutgl�ubigkeit auf eine harte Probe. Dass dieser Ort zudem gar einen Adelsstand von eigenen Gnaden besa�, wahrscheinlich mit Grafen und Marquis und allem, was dazugeh�rte, und au�erdem auch noch sechzehn Generationen lang �berlebt hatte�� auch das war schwer zu glauben.</p><p>Kasinibon f�llte ihre Weinschalen auf. Furvain hatte den ganzen Abend �ber so zur�ckhaltend wie m�glich getrunken, doch Kasinibons Gastfreundschaft war unerbittlich, und mit der Zeit sp�rte Furvain, wie seine Wangen hei� wurden. Er war am Ende ein wenig benommen, und Kasinibon hatte bereits den glasigen Blick eines Betrunkenen.</p><p>Er hatte auf eine weitschweifige, gewundene Weise zu erz�hlen begonnen, und Furvain konnte kaum folgen, als er etwas �ber einen erbitterten Familienstreit erfuhr, �ber einen Streit mit dem �lteren Bruder wegen einer Frau, der gro�en Liebe seines Lebens vielleicht, und �ber ein Gesuch an den Vater, worauf dieser zugunsten des anderen Bruders entschieden habe. Die Geschichte kam Furvain freilich recht vertraut vor�� der Bruder, der alles an sich zog, der ferne, gleichg�ltige adlige Vater, der den j�ngsten Sohn mit beil�ufiger Geringsch�tzung behandelte. Doch da Furvain weder besonderen Ehrgeiz noch viel Temperament besa�, hatten diese Entt�uschungen seine Jugend nicht wirklich �berschatten k�nnen. Er lebte von je in dem Gef�hl, dass er f�r seinen tatkr�ftigen Vater und die habgierigen, k�mpferischen Br�der mehr oder weniger unsichtbar war. Er rechnete bestenfalls mit Gleichg�ltigkeit von ihrer Seite und war nicht �berrascht, dass er genau dies bekam. So hatte er sich selbst ein halbwegs befriedigendes Leben eingerichtet, das letztlich auf der �berzeugung beruhte, man werde, je weniger man erwartete, umso weniger Unzufriedenheit mit dem Leben entwickeln.</p><p>Kasinibon dagegen war aus einem ganz anderen Holz geschnitzt. Er war hitzk�pfig und zielstrebig, und seine Auseinandersetzung mit dem Bruder war mit gro�er Sch�rfe gef�hrt worden und hatte schlie�lich sogar zu einem k�rperlichen Angriff Kasinibons gef�hrt�� ob auf den Bruder oder den Vater, wusste Furvain nicht genau zu sagen. Schlie�lich hatte Kasinibon es jedenfalls f�r ratsam gehalten, aus Kekkinork zu fliehen, oder vielleicht war er auch vertrieben worden�� auch hier war Furvain nicht sicher��, und er war viele Jahre umhergestreift, bis er hier in Barbirike den Ort fand, an dem er eine Befestigung anlegen und sich gegen jeden verteidigen konnte, der es etwa wagte, seine unfreiwillige Unabh�ngigkeit infrage zu stellen.</p><p>�Und hier lebe ich nun seitdem�, schloss er seine Erz�hlung. �Ich habe mit meiner Familie nichts mehr zu tun und ebenso wenig mit dem Pontifex oder dem Coronal. Ich bin mein eigener Herr und der meines kleinen K�nigreichs, und wer mein Gebiet durchwandert, muss den Preis daf�r bezahlen. Noch etwas Wein, Furvain?�</p><p>�Nein, danke.�</p><p>Er schenkte ein, als habe er nicht geh�rt. Furvain wollte schon nach seiner Hand fassen, dann hielt er jedoch inne und lie� Kasinibon die Schale nachf�llen.</p><p>�Ich mag Euch, Furvain. Ich kenne Euch kaum, doch ich bin ein ausgezeichneter Menschenkenner und sehe Eure Gr��e und Tiefe.�</p><p>Und ich sehe deinen Rausch, dachte Furvain, doch er hielt den Mund.</p><p>�Wenn sie die Geb�hr bezahlt haben, dann muss ich Euch wohl ziehen lassen, denn ich bin ein ehrenwerter Mann. Aber ich werde es bedauern. Ich habe hier nur wenig geistige Zerstreuung. Ich habe �berhaupt sehr wenig Gesellschaft. Das liegt nat�rlich daran, dass ich mich selbst f�r dieses Leben entschieden habe. Dennoch��</p><p>�Ihr m�sst sehr einsam sein.�</p><p>Furvain fiel auf, dass er in der ganzen Festung bisher noch keine einzige Frau und nicht einmal die Spur einer Frau gesehen hatte. Hier gab es offenbar nur die Hjort-Diener und einige Gefolgsleute Kasinibons, die allesamt M�nner waren. Geh�rte Kasinibon zu jenen seltenen M�nnern, die nur eine einzige Frau im Leben lieben konnten? Und war die Frau in Kekkinork, die sein Bruder ihm weggenommen hatte, diese Eine gewesen? Es musste schlimm f�r ihn sein, hier in dieser Ein�de in seiner Festung zu hocken. Kein Wunder, dass er Trost in der Dichtung suchte. Kein Wunder, dass er in seinem fortgeschrittenen Alter immer noch so viel Bewundernswertes in den albernen, kindischen Absonderungen eines Dammiunde oder eines Tuminok Laskil fand.</p><p>�Allerdings, ich bin hier sehr einsam. Einsamkeit� die Einsamkeit�� Kasinibon richtete die blutunterlaufenen Augen auf Furvain. Die Augen schimmerten bereits so rot wie die Wasser des Barbirike-Sees. �Aber man lernt, mit der Einsamkeit umzugehen. Man trifft Entscheidungen im Leben, nicht wahr, und auch wenn sie nicht immer die richtigen sind, so sind es doch immerhin die eigenen. Letzten Endes w�hlen wir, was wir w�hlen, weil wir� weil��</p><p>Kasinobons Stimme wurde leiser, und schlie�lich war nur noch ein unverst�ndliches Murmeln zu h�ren. Furvain glaubte schon, er sei eingeschlafen, doch nein, Kasinibons Augen waren offen, und die Lippen bewegten sich langsam. Er suchte immer noch nach den richtigen Worten, um zu erkl�ren, was er hatte sagen wollen. Furvain wartete, bis klar war, dass der Banditenhauptmann sie heute nicht mehr finden w�rde. Dann ber�hrte er Kasinibon leicht am Arm. �Ihr m�sst mir verzeihen�, sagte er. �Aber es ist schon sp�t.� Kasinibon nickte nur unbestimmt. Ein livrierter Hjort f�hrte Furvain in seine Gem�cher.</p><empty-line/><subtitle>* * *</subtitle><empty-line/><p>In der folgenden Nacht hatte Furvain einen so eindrucksvollen, klaren Traum, dass ihm schon im Schlaf der Gedanke kam, es m�sse sich um eine Aussendung der Lady der Insel handeln, die Nacht f�r Nacht Millionen von Schl�fern auf Majipoor besucht, um ihnen Anleitung zu geben und Trost zu spenden. Falls es wirklich eine Aussendung war, dann war es seine erste. Die Herrin der Insel besuchte die Prinzen der Burg nicht sehr h�ufig im Schlaf, und noch unwahrscheinlicher schien es, dass sie Furvain besuchen sollte, denn es war von Alters her der Brauch, dass die Mutter des jeweiligen Coronals zur Lady der Insel ernannt wurde, und so war w�hrend des gr��ten Teils seines bisherigen Lebens seine eigene Gro�mutter die Herrin der Insel gewesen. Sofern es nicht um eine Angelegenheit von h�chster Wichtigkeit ging, drang die Lady niemals in den Geist eines Familienmitglieds ein. Seit Lord Sangamor umgezogen und zu Sangamor Pontifex geworden war, gab es zwar einen neuen Coronal auf der Burg und eine neue Lady auf der Insel des Schlafs, aber trotzdem�� eine Aussendung? Ausgerechnet f�r ihn? W�hrend er sich an diesem Ort befand? Warum?</p><p>Als der Traum vorbei war und er langsam wieder einschlief, �berlegte er, dass es sich vielleicht doch um keine Aussendung gehandelt hatte, sondern nur um den Ausfluss seines �berreizten Bewusstseins, das nach dem Abend mit Master Kasinibon geradezu rastlos arbeitete. Die Vision war viel zu pers�nlich, viel zu vertraulich gewesen, um das Werk der Fremden zu sein, die jetzt als Herrin der Insel diente. Doch Furvain wusste auch, dass es kein gew�hnlicher Traum war, sondern einer jener eigenartigen Tr�ume, in denen sich manchmal die ganze Zukunft eines Menschen entschied.</p><p>Denn im Traum war sein schlafendes Bewusstsein aus Kasinibons tristem Zufluchtsort herausgehoben und �ber die n�chtlichen Ebenen des Ostens getragen worden, weit hin�ber bis zu den blauen Klippen von Kekkinork, wo das Gro�e Meer begann, das sich �ber unendliche und schier unvorstellbare Entfernungen von Alhanroel bis zum Kontinent Zimroel, eine halbe Welt entfernt, erstreckte. Dort, weiter �stlich, als er je gewesen war, konnte er das Licht des neuen Tages �ber dem weiten Meer schimmern sehen�� ein warmes Rosa am sandigen Ufer, dann hellgr�n und weiter drau�en dunkelgr�n, bis nur noch das bl�uliche Grau unendlicher Tiefen zu sehen war.</p><p>Furvain sah den Geist des G�ttlichen hoch �ber dem gewaltigen Ozean schweben: unpers�nlich, unergr�ndlich, unendlich, allwissend. Den Geist bestimmte weder Form noch Zeitma�, doch Furvain erkannte ihn als das, was er war, und der Geist erkannte auch ihn, ber�hrte ihn, nahm Furvain in sich auf, verband sich mit ihm und zeigte dem Dichter einen kleinen Augenblick lang seine eigene ungeheure Gr��e. In diesem unendlich langen Augenblick wurde ihm das gr��te aller Gedichte geschenkt.</p><p>In einer gewaltigen Kaskade ergoss es sich in ihn. Ein Gedicht, das nur ein Gott erschaffen konnte, ein Werk, das die Bedeutung des Lebens und des Todes, des Schicksals aller Welten und aller Gesch�pfe, die auf ihnen lebten, umfassen mochte. So kam es Furvain jedenfalls sp�ter vor, als er erwachte und schaudernd, fiebernd und benommen im Bett lag und �ber die Vision nachdachte, die ihm zuteil geworden war.</p><p>Kein St�ckchen dieser Vision blieb erhalten. Kein Hinweis, mit dessen Hilfe er sie wiederbeleben konnte. Sie zerplatzte wie eine Seifenblase und verschwand in der Dunkelheit. Wieder hatte er ein wundervolles Gedicht von gr��ter Sch�nheit und Tiefe gesehen, und wieder war es ihm entrissen worden.</p><p>Doch der Traum dieser Nacht erwies sich in seinem Kern ganz anders als der Traum der vergangenen. Jener erste war ein trauriger, grausamer Scherz gewesen, eine blo�e Verh�hnung. Er hatte ihn mit einem Gedicht verlockt, ohne ihm wirklich den Zugang zu gew�hren�� nur die dem�tigende Erkenntnis, dass irgendwo in ihm irgendeine gro�e Dichtung herumgeisterte, die sich jedoch ewig seinem Zugriff entziehen w�rde. Dieses Mal aber hatte er das Gedicht selbst gesehen. Er hatte es Vers f�r Vers und Strophe f�r Strophe und Gesang f�r Gesang durchlebt und die ganze Gro�artigkeit des Werks erfassen k�nnen. Der erste Traum hatte ihm gesagt: Deine Gabe ist hohl, und du bist zu nichts weiter f�hig, als Belanglosigkeiten zu erschaffen. Der zweite aber gab ihm zu verstehen: Du hast eine gott�hnliche Gr��e in dir, und jetzt musst du streben und einen Weg suchen, um sie ans Licht zu bringen.</p><p>Der Inhalt der gro�artigen Vision war verschwunden, doch Furvain erkannte am folgenden Morgen, dass ein einziger Aspekt geblieben war, als habe er sich unwiderruflich in seinen Geist eingebrannt: der Rahmen oder das Beh�ltnis f�r das gewaltige Werk war noch vorhanden�� die Metrik, das Reimschema, die Art und Weise, wie mit Versen die Strophen und wie aus Strophen die Ges�nge gebildet wurden. Ein leeres Beh�ltnis, ja. Doch wenn ihm nun wenigstens die Form blieb, dann bestand noch Hoffnung, das Ehrfurcht gebietende Werk wieder zu entdecken, das sie ausgef�llt hatte.</p><p>Der Aufbau war so au�ergew�hnlich, dass er ihn nie wieder vergessen w�rde, doch er wollte kein Wagnis eingehen. Er langte hastig nach einem Stift und einem leeren Blatt und zeichnete sie auf. Statt schon an dieser Stelle zu versuchen, ein Bruchst�ck des gro�en Werks einzufangen, benutzte Furvain sinnlose Silben, um die Gedichtform lesbar zu machen, bedeutungslose Platzhalter und Kl�nge, die den Grundrhythmus eines l�ngeren Abschnitts nachbildeten. Als er fertig war, starrte er die Notizen verwundert an und ging murmelnd immer wieder durch, was er aufgeschrieben hatte. Erst jetzt konnte er bewusst analysieren, was er in einem Vorgang, der dem Schreiben in Trance nicht un�hnlich war, aus seinen Traumerinnerungen herausgezogen hatte. W�hrend er die Verse abz�hlte, fragte er sich, ob irgendein Dichter zuvor schon einmal etwas so Kunstvolles erschaffen hatte und ob �berhaupt ein Dichter in der langen Geschichte des Universums jemals f�hig sein mochte, ein l�ngeres Werk mit einem derart erlesenen Satzbau zu verfassen.</p><p>Es war ein Wunder an Vielschichtigkeit. Im Gedicht gab es nicht die �blichen wechselnden Betonungen, die er so gut kannte, die Jamben und Troch�en und Daktylen, die Spondeen und Anap�ste, aus denen Furvain bisher immer ebenso rasch wie m�helos seine Gedichte gebaut hatte. Die traditionellen Reimschemata waren ihm so gut vertraut, dass es anderen Menschen schien, als schriebe er, ohne nachzudenken, als sei ihm das Verfassen von Gedichten ein selbstverst�ndlicher Vorgang wie das Ausatmen und kein bewusster Sch�pfungsakt. Diese Struktur aber�� er sagte sie immer wieder auf und versuchte, ihr Geheimnis zu ergr�nden�� war anders als alles, was er bisher unter dem Namen der Dichtkunst kennen gelernt hatte.</p><p>Zuerst konnte er im Rhythmus �berhaupt kein regelm��iges Muster erkennen und wusste die eigenartige Faszination, die der Entwurf auf ihn aus�bte, nicht zu erkl�ren. Dann aber wurde ihm bewusst, dass die Metrik seines getr�umten Gedichts eine neuartige Vortragsweise erforderte, die nicht auf dem Wechsel von betonten und unbetonten, sondern vielmehr auf der L�nge der Silben beruhte. Zun�chst fand Furvain diese neue Vorgabe willk�rlich, unverst�ndlich und unregelm��ig, doch nach einer Weile sah er, dass auf diese Weise wunderbare, wandlungsf�hige Zeilen in den H�nden eines Dichters entstehen konnten, der begabt genug war, um ihre Eigenheiten geschickt zu nutzen. Das Werk w�rde fast die Kraft einer Anrufung bekommen, und die Zuh�rer der kraftvollen Zeilen w�rden in einen Zauberbann geraten. Auch das Reimschema war wundervoll. Die Strophen hatten jeweils siebzehn Zeilen, in denen es nur drei verschiedene Reime gab. Sie waren zu jeweils f�nf Binnencouplets zusammengefasst, die von einem Triolett getrennt und durch vier anscheinend nicht gereimte Zeilen erg�nzt wurden, die jedoch Verkn�pfungen zu den benachbarten Strophen herstellten.</p><p>Konnte man tats�chlich eine Dichtung in einer solchen Gestalt schreiben?, fragte Furvain sich. Aber nat�rlich, dachte er. Doch welcher Dichter h�tte schon die Geduld, lange genug bei der strengen Vorgabe zu bleiben, um tats�chlich ein gr��eres Werk hervorzubringen? Das G�ttliche nat�rlich. Seinem Wesen nach konnte das G�ttliche alles tun. Welche Schwierigkeiten sollte die allm�chtige Kraft, die Sterne und Welten geschaffen hatte, schon damit haben, ein paar Silben und Reime in die richtige Ordnung zu bringen? Aber es war mehr als blasphemisch, wenn ein blo�er Sterblicher sich anma�te, mit dem G�ttlichen zu wetteifern. Es war eine verachtenswerte Dummheit. Furvain wusste, dass er mit diesem Reimschema drei oder vier Strophen schreiben konnte, oder vielleicht sogar sieben, die irgendwie den Eindruck erweckten, ein Gedicht zu sein. Aber einen ganzen Gesang? Oder gar eine Reihe von Ges�ngen, die zusammen ein gro�es Werk von epischer Breite ergeben w�rden? Nein, dachte er. Nein, nein. Das br�chte ihn um den Verstand. Ein so gewaltiges Vorhaben lief f�r einen Dichter auf nichts anderes hinaus, als dem Wahnsinn zu verfallen.</p><p>Trotzdem, es war ein au�ergew�hnlicher Traum gewesen. Nach dem ersten Traum hatte er nichts weiter als den Geschmack von Asche im Mund gehabt. Dieser hier zeigte ihm, dass er f�hig war, den Strophen eines Gedichts eine unglaublich verfeinerte Form zu geben�� nicht das G�ttliche, sondern er selbst, denn Furvain war kein besonders religi�ser Mann, und er war sicher, dass er dies hier aus seinem eigenen Geist heraus und ohne �bernat�rliche Hilfe erschaffen hatte.</p><p>Es hatte sicher schon die ganze Zeit in ihm geschlummert, dachte er, still in sich g�rend, und war schlie�lich im Schlaf hervorgebrochen. Die Spannung und der Druck seiner Gefangenschaft, dachte er, mussten die Geburt gef�rdert haben. Er fand es bei weitem nicht mehr so am�sant wie am Anfang, die Tage in Kasinibons Obhut zu verbringen. Es fiel ihm zunehmend schwer, der Situation etwas Komisches abzugewinnen. Er wurde w�tend, weil er in Gefangenschaft war, er war h�chst unzufrieden und wurde unruhig. All das musste die Gewohnheiten seines Gehirns ver�ndert und seine Gedanken auf neue Bahnen gelenkt haben. Seine inneren Qualen hatten neue Aspekte seines dichterischen Schaffens zum Vorschein gebracht.</p><p>Nicht, dass er die geringste Ahnung hatte, wie er die Dichtform, die ihm die vergangene Nacht geschenkt hatte, auf irgendeine Weise sinnvoll anwenden konnte�� doch es war immerhin angenehm zu wissen, dass er f�hig war, so etwas zu entwickeln. Vielleicht war dies ein Vorbote und seine F�higkeit, unterhaltsame Verse zu schreiben, kehrte endlich wieder zur�ck. Furvain wusste, dass er der Welt niemals das unsterbliche Meisterwerk schenken w�rde, das Kasinibon unbedingt von ihm bekommen wollte. Immerhin, es war schon ein gro�er Schritt, dass er wenigstens die angenehme geringere F�higkeit zur�ckgewann, die ihm wenige Tage vor seiner Gefangennahme noch st�ndig zur Verf�gung gestanden hatte.</p><empty-line/><subtitle>* * *</subtitle><empty-line/><p>Doch die Tage vergingen und Furvain blieb unerkl�rlicherweise dichterisch v�llig unfruchtbar. Weder Kasinibons Dr�ngen noch Furvains eigene Versuche, die Musen zu einer Mitarbeit zu bewegen, waren hilfreich. Sein vormaliges spontanes Talent war in weite Ferne ger�ckt, und beinahe glaubte er schon selbst, es habe nie existiert.</p><p>Die Gefangenschaft bedr�ckte ihn jetzt sehr. Er war an ein Leben des M��iggangs und der Vergn�gungen gew�hnt, und eine solche erzwungene Unt�tigkeit hatte er noch nie erlebt. Er sehnte sich danach, seine Reise fortzusetzen.</p><p>Kasinibon war unterdessen sehr bem�ht, die Rolle des charmanten Gastgebers zu spielen. Er lud Furvain t�glich zu Ausritten im scharlachroten Tal ein, er lie� zur abendlichen Tafel die besten Weine aus seinem �berraschend gut gef�llten Weinkeller kredenzen, er gab Furvain jedes Buch, das dieser sich w�nschte�� auch die Bibliothek war gut ausgestattet�� und lie� keine Gelegenheit aus, ernsthafte Gespr�che �ber Literatur zu f�hren.</p><p>Doch all dies �nderte nichts daran, dass Furvain gegen seinen Willen hier war, in dieses �de, unwirtliche Mausoleum eingesperrt, auf halbem Wege gefangen, nachdem ihn eine Lebenskrise auf die Wanderschaft getrieben und noch bevor er selbst einen Ausweg daraus hatte finden k�nnen. Nun musste er sein Dasein als Gefangener eines Gesetzlosen fristen, der zudem recht beschr�nkt war. Kasinibon erlaubte ihm inzwischen, sich im Geb�ude und auf dem Gel�nde frei zu bewegen�� wohin h�tte er schon fliehen sollen, falls sich eine solche M�glichkeit �berhaupt bot?��, doch die langen, hallenden Flure und die �berwiegend leeren R�ume waren alles andere als inspirierend.</p><p>�berhaupt war Kasinibons Gesellschaft insgesamt wenig anregend, so sehr Furvain sich auch bem�hte, das Gegenteil vorzut�uschen. Doch au�er Kasinibon gab es niemanden sonst, der Furvain Gesellschaft leisten konnte. Der R�uberhauptmann, der sich voller Hass auf seine Familie hier vergraben hatte und nach langer Vereinsamung abgestumpft war, musste im Grunde ebenso als Gefangener in Barbirike betrachtet werden wie Furvain selbst.</p><p>Hinter der glatten Freundlichkeit, hinter der reizenden Verspieltheit lauerte und kochte eine verborgene Wut. Furvain erkannte sie als das, was sie war, und er f�rchtete sie.</p><p>Er hatte immer noch keine L�segeldforderung abgeschickt. Es schien ohnehin v�llig sinnlos und zudem auch peinlich�� was, wenn er die Forderung stellte, und niemand leistete ihr Folge? Doch die sich deutlich abzeichnende Aussicht, dass er wom�glich ewig hier bleiben m�sse, lie� eine tiefe Verzweiflung in ihm aufkommen.</p><p>Besonders schwer zu ertragen war Kasinibons Vorliebe f�r Gedichte. Anscheinend wollte Kasinibon �ber nichts anderes reden. Furvain hatte nie viel von Gespr�chen �ber Gedichte gehalten. Er hatte dies lieber den Eingebildeten �berlassen, die keinen sch�pferischen Funken in sich hatten, sondern eine Art Erf�llung darin fanden, endlose Gespr�che �ber etwas zu f�hren, das sie aus sich selbst heraus nicht erschaffen konnten, und jenen kulturell bewanderten Zeitgenossen, die es f�r unschicklich hielten, sich jemals anders als mit einem d�nnen Gedichtband unter dem Arm blicken zu lassen, in den sie vielleicht hin und wieder sogar mal einen Blick warfen, um in Lobeshymnen auf einen derzeit gerade beliebten Dichter auszubrechen.</p><p>Furvain, der seine Gedichte stets ohne die geringste Anstrengung schuf und der keineswegs hochm�tig �ber das dachte, was er hervorbrachte, fand nichts an solchen Gespr�chen. F�r ihn waren Gedichte etwas, das man machte, und nicht etwas, �ber das man plauderte. Wie entsetzlich war es daher, auf diese Weise in der Gefangenschaft eines geschw�tzigen Amateurs zu schmoren, der noch dazu ungebildet war.</p><p>Wie die meisten Autodidakten hatte Kasinibon keinen guten Geschmack, wenn es um Dichtung ging. Er verschlang alles ohne Unterschied und sah sich von allem und jedem gleicherma�en in den Bann gezogen. Abgegriffene Bilder, bleischwere Reime, wirre Metaphern, l�cherliche Gleichnisse�� m�helos �bersah er solche M�ngel, vielleicht bemerkte er sie nicht einmal. Ihm kam es nur auf die Kraft der Gef�hle in einem Gedicht an, und wenn er die finden konnte, dann verzieh er dem Verfasser alles andere.</p><p>So verbrachte Furvain w�hrend der ersten Wochen seines Aufenthalts in der Festung des Banditen die meisten Abende damit, Kasinibon zuzuh�ren, w�hrend dieser seine Lieblingsgedichte vorlas. Seine gro�e Bibliothek, hunderte und aberhunderte abgegriffener B�cher, einige zerfielen sogar schon fast nach Jahren des h�ufigen Gebrauchs, enthielt offenbar das Werk jedes Dichters, von dem Furvain je geh�rt hatte, und dazu eine ganze Reihe weiterer, die er nicht kannte. Es war eine derartig umfassende Sammlung, dass bereits die breite Streuung den schlechten Geschmack des Besitzers hinreichend unterstrich. Kasinibons leidenschaftliche Liebe f�r die Poesie hatte in Furvains Augen etwas von Vielweiberei an sich. �Lasst mich dies hier vorlesen!�, rief Kasinibon etwa mit vor Begeisterung gl�henden Augen, und dann rezitierte er im Singsang ein unbezweifelbar gro�es Werk von Gancislad oder Emmengild. Dann aber, als die letzten pr�chtigen Zeilen noch in Furvains Kopf nachhallten, sagte er: �Wisst Ihr, woran mich dieses Gedicht erinnert?� Und er langte nach seinem Lieblingsband von Vortrailin und trug mit �hnlicher Begeisterung das geschmackloseste und r�hrseligste St�ck Kitsch vor, das Furvain je geh�rt hatte. Kasinibon schien unf�hig, den Unterschied zu erkennen.</p><p>Oft bat er auch Furvain, ein Gedicht auszuw�hlen, das dieser vortragen sollte, denn er wollte h�ren, wie ein Kenner des Metiers mit dem Auf und Ab der Verse umzugehen verstand. Furvains Geschmack in Sachen Dichtkunst bevorzugte von je die Art von leichten Versen, die er selbst so hervorragend zu schmieden verstand. Doch wie jeder gebildete Mensch wusste er auch ernstere Werke zu sch�tzen, und so lie� er sich bei diesen Gelegenheiten nicht die boshafte Freude nehmen, f�r Kasinibon die verworrensten, absurdesten modernen Dichtungen auszuw�hlen, die er auf dessen Regalen nur finden konnte�� Gedichte, die er selbst kaum verstehen konnte und die folglich auch Kasinibon unl�sbare R�tsel aufgeben mussten. Kasinibon sch�tzte auch diese Werke. �Wundervoll�, murmelte er etwa hingerissen. �Die reine Musik, nicht wahr?�</p><p>Ich werde gleich verr�ckt, dachte Furvain.</p><p>Irgendwann im Lauf dieser abendlichen Sitzungen kam unweigerlich der Augenblick, da Kasinibon Furvain dr�ngte, einige seiner eigenen Werke vorzutragen. Furvain konnte nicht mehr, wie am ersten Tag, behaupten, er sei zu m�de, um den Bitten Folge zu leisten. Auch konnte er kaum vorbringen, er habe jedes Gedicht vergessen, dass er je geschrieben habe. So f�gte er sich schlie�lich und gab einige Gedichte zum Besten. Kasinibons Applaus war au�erordentlich herzlich und offenbar nicht gek�nstelt. Ausf�hrlich lobte er nicht nur Furvains elegante Formulierungen, sondern auch dessen Einsichten in die menschliche Natur. Dies war besonders peinlich, denn Furvain war selbst besch�mt �ber die Erb�rmlichkeit seiner Themen, die so stilsicher eingekleidet vorgetragen wurden. Furvain brauchte jedes Qu�ntchen seiner aristokratischen Erziehung, um nicht die Beherrschung zu verlieren und zu br�llen: �Aber seht Ihr nicht, Kasinibon, was f�r ein hohles Wortgeklingel dies alles ist?�</p><p>Das w�re allerdings grausam und auch unh�flich gewesen. Die beiden M�nner gingen nun auf eine beinahe freundschaftliche Weise miteinander um, die von Kasinibons Seite nicht einmal vorgespiegelt war. Einen Freund nennt man nun einmal nicht einfach so einen Narren, dachte Furvain, wenn man erwartet, dass er ein Freund bleiben soll.</p><p>Das Schlimmste von allem war Kasinibons unverstellte Sehnsucht, Furvain m�ge etwas Neues, Bedeutendes schreiben, w�hrend er als Gast unter seinem Dach weilte. Er w�nschte sich inbr�nstig, Furvain werde dort ein Meisterwerk erschaffen, das seinen und Kasinibons Namen in den Archiven der Poesie f�r alle Ewigkeit miteinander verband. Hinter dieser Sehnsucht, dies sp�rte Furvain, lag eine wilde Gier. Er nahm an, dass die Atmosph�re nicht unbeschr�nkt lange so freundschaftlich bleiben w�rde. Das Dr�ngen w�rde st�rkerem Druck weichen, und Kasinibon w�rde Furvain ausquetschen, bis dieser endlich das Hauptwerk zuwege brachte, das Kasinibon so dringend entstehen sehen wollte. Furvain antwortete auf alle Fragen nach neuen Schriften ausweichend und erkl�rte wahrheitsgem��, dass die Inspirationen ausblieben. Doch Kasinibons Forderungen wurden immer begieriger.</p><p>Die Frage des L�segeldes, die Furvain immer weiter herausgeschoben hatte, musste unbedingt gekl�rt werden. Furvain sah ein, dass er nicht mehr lange hier bleiben konnte, ohne zu platzen. Doch die einzige M�glichkeit, hier herauszukommen, bestand darin, das Geld eines anderen in Anspruch zu nehmen. Gab es �berhaupt jemanden auf der Welt, der bereit war, Geld auszugeben, um ihn zu retten? Er glaubte die Antwort darauf zu kennen, doch er schreckte davor zur�ck, sich seine �ngste wirklich einzugestehen. Andererseits musste er, wenn er nicht wenigstens fragte, damit rechnen, den Rest seines Lebens Master Kasinibons andachtsvollen, ehrf�rchtigen Lesungen der schlimmsten Gedichte lauschen zu m�ssen, die Menschen je ersonnen hatten, und Kasinibons Dr�ngen abwehren, Furvain m�ge ihm ein gro�es, herrliches Gedicht schreiben, das zu schaffen nun einmal nicht in Furvains F�higkeiten lag.</p><p>�Wie viel, meint Ihr, sollte ich als L�segeld f�r meine Freiheit verlangen?�, fragte Furvain eines Tages, als sie nebeneinander am Ufer des roten Sees ritten.</p><p>Kasinibon sagte es ihm. Es war eine atemberaubend hohe Summe, mehr als doppelt so hoch wie Furvains eigene h�chste Sch�tzung. Doch er hatte gefragt, Kasinibon hatte geantwortet, und er befand sich nicht in der Lage, mit dem Banditen �ber die Summe feilschen zu k�nnen.</p><p>Ja, er sollte es wohl zuerst bei Herzog Tanigel versuchen. Furvain wusste, dass es seinen Br�dern egal w�re, ob er noch ewig hier bliebe oder nicht. Sein Vater nahm vielleicht eine mildere Position ein, doch er war weit entfernt im Labyrinth, und ein Gesuch an den Pontifex barg gewisse Gefahren. Denn sollte dabei herauskommen, dass eine Armee des Herrschers nach Barbirike geschickt wurde, um den gefangenen Prinzen zu befreien, dann konnte Kasinibon sich zu unangenehmen und wom�glich sogar t�dlichen Ma�nahmen veranlasst sehen. Furvain ginge das gleiche Wagnis ein, wenn er sich an den neuen Coronal Lord Hunzimar wandte. Genau genommen war es die Aufgabe des Coronals, sich um Banditen im Hinterland zu k�mmern. Doch genau davor hatte Furvain auch Angst. Wenn Hunzimar Truppen schickte, um Kasinibon eine Lehre zu erteilen, dann konnte dies ebenfalls h�ssliche Folgen f�r Kasinibons Gefangenen haben. Noch wahrscheinlicher war, dass Hunzimar keine besondere Zuneigung zu den S�hnen seines Vorg�ngers zeigte und �berhaupt nichts tat. Nein, Tanigel war Furvains einzige Hoffnung, so schwach sie auch war.</p><p>Furvain hatte keine Ahnung, wie gro� Herzog Tanigels Verm�gen tats�chlich war. Er nahm jedoch an, dass die gewaltige Summe, die als L�segeld gefordert wurde, nicht h�her sein k�nne als die Kosten f�r die Feierlichkeiten und Lustbarkeiten einer einzigen Woche am Hof von Dundilmir. Vielleicht lie� Tanigel sich ja herab, ihm zu helfen, weil er angenehme Erinnerungen an gl�ckliche, gemeinsam verbrachte Zeiten hatte. Furvain verbrachte einen halben Tag damit, eine Nachricht an den Herzog zu schreiben und zu �berarbeiten. Er gab sich gro�e M�he, in am�siertem und sogar schalkhaftem Ton �ber seine missliche Lage zu berichten, w�hrend er zugleich durchblicken lie�, dass es Ernst war und dass Tanigel tats�chlich die geforderte Summe aufbringen musste, wenn er seinen Freund Furvain jemals lebend wiedersehen wollte.</p><p>Er �bergab Kasinibon den Brief, und dieser schickte einen seiner M�nner nach Dundilmir, um ihn abzuliefern.</p><p>�Und jetzt�, verk�ndete Kasinibon, �wollen wir unsere Aufmerksamkeit f�r den Rest des Abends den Balladen von Garthain Hagavon zuwenden��</p><empty-line/><subtitle>* * *</subtitle><empty-line/><p>Zu Beginn der vierten Woche seiner Gefangenschaft unternahm Furvain im Traum abermals eine Reise zum Gro�en Meer, und wieder nahm er Anweisungen vom G�ttlichen entgegen, das ihm dieses Mal als gro�er, breitschultriger Mann mit blondem Haar und fr�hlichem Gebaren erschien. Der Mann trug den silbernen Reif des Coronals auf der Stirn. Als Furvain aufwachte, war alles noch in seinem Kopf�� jede Silbe, jeder Vers und alle Strophen, die insgesamt wohl ein Drittel eines Gesangs ausmachten, wenn er die Ausma�e des Werks richtig einsch�tzte. Doch es begann fast sofort wieder zu verblassen. Aus Furcht, es ganz und gar zu vergessen, machte er sich sofort an die Arbeit und schrieb so viel wie m�glich nieder, und als er die Zeilen zu Papier brachte, war zu erkennen, dass sie dem au�erordentlich verschlungenen Muster von Reim und Rhythmus folgten, das ihm schon vor Wochen vom G�ttlichen an die Hand gegeben worden war. Es war in der Tat ein Fragment eben dieser Dichtung.</p><p>Ein Fragment, mehr war es nicht. Was Furvain festhalten konnte, begann mitten in einer Strophe und endete einige Seiten sp�ter mitten in der n�chsten. Es ging um den Krieg, um den Feldzug des gro�en Lord Stiamot vor Jahrtausenden gegen die rebellischen Ureinwohner Majipoors, die Gestaltwandler oder Metamorphen genannt wurden. Das St�ck, das nun vor ihm lag, behandelte Stiamots ber�hmten Marsch durch die Ausl�ufer des Bergs Zygnor im n�rdlichen Alhanroel. Es sollte der H�hepunkt eines langen, opferreichen Kampfes werden. Nach der Hitze eines langen, trockenen Sommers hatte der Feldherr den ganzen Bezirk in Brand gesetzt, um die letzten Banden von Metamorphen-Freisch�rlern aus ihren Verstecken zu treiben, und die Verse brachen an der Stelle ab, an der Lord Stiamot dem Abk�mmling einer Adelsfamilie des Nordens gegen�ber stand, der sich weigerte, auf Stiamots Warnung zu h�ren, das ganze Gebiet werde mit der Fackel angesteckt und jeder Siedler solle sofort das Weite suchen.</p><p>Als Furvain mit seiner Niederschrift nicht mehr weiterkam, las er alles noch einmal und war erstaunt und sogar am�siert. Stil und Versbau, vom bizarren Schema von Reim und Metrik einmal abgesehen, waren zweifellos die seinen. Er erkannte bestimmte Redewendungen und Vergleiche, wie sie ihm h�ufig einfielen, auch bestimmte Sprachrhythmen, die zweifellos das Werk des Aithin Furvain waren. Doch wie, wenn nicht durch direktes Eingreifen des G�ttlichen, war etwas so Vielschichtiges und Tiefes seinem oberfl�chlichen Geist entsprungen? Es war ein majest�tisches Gedicht. Es gab kein anderes Wort daf�r. Er las es noch einmal laut vor, genoss die Kl�nge und die Assonanzen, die Kraft und St�rke der Zeilen und die Form der Strophen, die sich zwingend daraus ergab. Er hatte noch nie etwas geschrieben, was diesem Werk auch nur entfernt �hnelte. Das handwerkliche Geschick daf�r h�tte er h�chstwahrscheinlich besessen, doch er konnte sich nicht vorstellen, von sich aus auf die Idee gekommen zu sein, eine derart wundervolle Gro�form auch einzusetzen.</p><p>Au�erdem wurden Einzelheiten aus Stiamots Feldzug erw�hnt, die Furvain allem Anschein nach gar nicht wissen konnte. Er hatte zwar von seinen Lehrern wie jeder andere auch etwas �ber Lord Stiamot erfahren, der als eine der bedeutendsten Gestalten in der Geschichte Majipoors galt. Doch seit diesem Unterricht waren Jahrzehnte vergangen. Hatte er damals wirklich die Namen all dieser Orte geh�rt? Milimorn, Hamifieu, Bizfern, Kattikawn? Waren es �berhaupt wirkliche Orte oder nur Erfindungen von ihm?</p><p>Seine eigenen Erfindungen? Nun ja, es war nicht schwer, irgendwelche Namen zu erfinden. Doch in seinem Epos waren zu viele Einzelheiten �ber Milit�rman�ver, Nachschublinien, Befehlsketten und Marschordnungen und �hnliche Dinge enthalten, die sehr nach der Arbeit eines anderen Verfassers klangen, der �ber solche Dinge erheblich besser Bescheid wusste als Furvain. Wie konnte er da behaupten, dieses Gedicht sei von ihm? Doch wenn es nicht von ihm stammte, woher war es dann gekommen? War er wirklich der Bote, durch den das G�ttliche dieses Fragment in die Welt gebracht hatte? Furvain sah seinen sp�rlichen Vorrat an religi�sen Glaubenss�tzen ob dieses Gedankens auf eine ernste Probe gestellt. Und doch, und doch�</p><empty-line/><subtitle>* * *</subtitle><empty-line/><p>Kasinibon merkte sofort, dass etwas Au�ergew�hnliches geschehen war. �Ihr habt zu schreiben begonnen, nicht wahr?�</p><p>�Ja, ich habe mit einem Gedicht begonnen�, erwiderte Furvain voll Unbehagen.</p><p>�Wunderbar! Wann kann ich es sehen?�</p><p>Kasinibons Augen blitzten so leidenschaftlich, dass Furvain unwillk�rlich einige Schritte zur�ckwich. �Noch nicht, f�rchte ich. Es ist noch viel zu fr�h, um es jemandem zu zeigen. Zurzeit kann es sehr leicht geschehen, dass ich die Richtung verliere. Ein beil�ufiges Wort von jemand anders k�nnte ausreichen, um mich von meinem Weg abzubringen.�</p><p>�Ich schw�re, dass ich es �berhaupt nicht kommentieren werde. Ich m�chte einfach nur��</p><p>�Nein, bitte.� Furvain war �berrascht, wie stahlhart seine eigene Stimme klang. �Ich bin noch nicht sicher, wohin es �berhaupt f�hren wird. Ich muss noch weiter suchen, einsch�tzen, nachdenken. Und das muss ich f�r mich allein tun. Ich sage Euch, Kasinibon, ich f�rchte wirklich, dass ich alles verliere, wenn ich es Euch jetzt offenbare. Bitte, lasst mich.�</p><p>Kasinibon schien es zu verstehen. Er wurde gleich wieder entgegenkommender und meinte beinahe salbungsvoll: �Ja. Aber nat�rlich. Es w�re doch tragisch, wenn eine ungeschickte St�rung von mir Euren Schaffensfluss unterbr�che. Ich ziehe meine Bitte zur�ck. Aber ich hoffe doch sehr, Ihr werdet mir einen Einblick gew�hren, sobald Eurer Ansicht nach der Augenblick gekommen ist, in dem Ihr��</p><p>�Aber ja. Sobald der richtige Augenblick gekommen ist�, versprach Furvain.</p><p>Er zog sich in seine Gem�cher zur�ck und machte sich, nicht ohne eine gewisse Beklommenheit, wieder ans Werk. Dies war neu f�r ihn�� dass er sich regelrecht hinsetzen musste, um zu arbeiten. Fr�her hatten die Gedichte immer ihn gefunden�� sie waren ohne Umweg aus seinem Bewusstsein in die Fingerspitzen geflossen. Er hatte nie nach ihnen suchen m�ssen. Jetzt aber setzte Furvain sich versch�chtert an seinen kleinen kahlen Tisch, legte zwei oder drei Stifte bereit, klopfte auf die Kanten des Papierstapels, bis er makellos ausgerichtet war, schloss die Augen und wartete auf eine Inspiration.</p><p>Er fand bald heraus, dass die Inspirationen nicht so einfach gerufen werden konnten. Wenigstens nicht, wenn er sich eine Aufgabe wie diese vorgenommen hatte. Seine fr�heren Methoden versagten. Um aufzufinden, was er jetzt brauchte, musste er regelrecht sch�rfen. Er musste den Stoff genau im Blick behalten und aufmerksam verarbeiten. Er musste ihn in die Form seines Werks zwingen. Er schrieb, wie es schien, ein Gedicht �ber Lord Stiamot. Nun gut. Dann musste er sich mit jeder Faser seines Seins diesem uralten Herrscher verschreiben. Er musste �ber die Zeitalter hinwegblicken und eine Verbindung zu Stiamot herstellen, er musste seine Seele ber�hren und seinem Weg folgen.</p><p>Das war leichter gesagt als getan. Die Unzul�nglichkeit seines historischen Wissens machte ihm zu schaffen. Er wusste �ber Stiamots Leben und Aufstieg nicht mehr als ein Schuljunge, und dieses Wissen, sofern man es �berhaupt so nennen konnte, war nach so vielen Jahren verschwommen und vergessen. Wie konnte er sich da anma�en, die Geschichte dieser gro�en Auseinandersetzung zu schreiben, in der die Bedrohung durch die Ureinwohner ein f�r alle Mal behoben und die menschliche Besiedlung Majipoors in gr��erem Rahmen erm�glicht wurde?</p><p>Entsetzt �ber seine Bildungsl�cken pl�nderte er Kasinibons Bibliothek und hoffte, einige historische Werke zu finden. Doch wie es schien, war die Geschichtsschreibung f�r seinen Entf�hrer kein besonders wichtiges Thema. Furvain fand keine bedeutenden Arbeiten, nur eine kurze Geschichte der Welt, die nicht mehr als ein Kinderbuch zu sein schien. Einer Inschrift auf dem Einband entnahm er, dass es sich tats�chlich um ein �berbleibsel aus Kasinibons Kindheit in Kekkinork handelte. Es enthielt nur wenig N�tzliches und bot kaum mehr als eine kurze, stark vereinfachte Zusammenfassung�� Lord Stiamots Versuche, mit den Metamorphen einen Frieden auszuhandeln, das Scheitern dieser Versuche und die Entscheidung des Coronals, den Zerst�rungen, die von den Metamorphen in den St�dten der menschlichen Siedler angerichtet wurden, ein Ende zu setzen und die Gegner im offenen Kampf zu besiegen, um sie aus den von Menschen besiedelten Gebieten zu vertreiben und f�r alle Zeit im Regenwald des s�dlichen Zimroel festzusetzen. Dies hatte die Welt in einen generationenlangen Kampf verwickelt, der schlie�lich im Sieg der Menschen endete und das explosive Bev�lkerungswachstum auf Majipoor sowie den Wohlstand dieses ganzen riesigen Reichs erst m�glich machte. Stiamot war eine Schl�sselfigur in Majipoors Geschichte. Doch Kasinibons kleines Geschichtsbuch gab diese Geschichte nur in groben Umrissen wieder und erw�hnte die Politik Stiamots und die Schlachten, aber kein Wort �ber ihn als Mann, kein Wort �ber seine Gedanken und Gef�hle, sein Aussehen. Nichts dergleichen.</p><p>Dann wurde Furvain bewusst, dass er diese Dinge eigentlich auch nicht wissen musste. Er schrieb ein Gedicht und kein Geschichtswerk oder eine Lebensbeschreibung. Er hatte jede Freiheit, sich alle Einzelheiten auszumalen, wie er wollte, solange er sich nur weitgehend an den �berlieferten Ablauf hielt. Ob Lord Stiamot tats�chlich klein oder gro�, dick, d�nn, fr�hlich oder ein sauert�pfischer Gr�bler war, spielte f�r einen Dichter, der nur Stiamots Legende erschaffen wollte, keine Rolle. Lord Stiamot war inzwischen eine Sagengestalt geworden, und Sagen, das wusste Furvain, hatten mehr Kraft als blo�e Geschichtsschreibung. Die Geschichte konnte so willk�rlich sein wie die Dichtkunst, sagte er sich. Ist denn Geschichtsschreibung nicht lediglich eine Frage der Auswahl? Man w�hlt bestimmte Fakten aus einer Vielzahl von Ereignissen aus, um einen aussagekr�ftigen Zusammenhang zu finden, der aber nicht unbedingt der Wirklichkeit entspricht. Die Kunst, gewisse Fakten auszuw�hlen, beinhaltete nat�rlich zwangsl�ufig auch, andere Fakten zu verwerfen, etwa solche, die den von einem Historiker als wichtig eingestuften Zusammenhang nicht best�tigten. So wurde die Wahrheit eine verschiebbare Gr��e�� drei verschiedene Historiker, die mit den gleichen �berlieferungen arbeiteten, kamen wom�glich zu drei ganz unterschiedlichen �Wahrheiten�.</p><p>Die Mythen aber beziehen sich auf die grundlegende Wirklichkeit des Geistes, auf die unendliche Quelle, die man als gemeinsames Bewusstsein eines ganzen Volks verstehen kann, und sto�en zu einer Ebene vor, auf der die Wahrheit keine blo�e M�glichkeit ist, sondern eine unersch�tterliche Grundlage von allem anderen. In diesem Sinne konnten die Mythen sogar mehr Wahrheit enthalten als die Geschichtsschreibung.</p><p>Wenn ein Dichter nun Episoden erfand, die sich an das Wesen der Stiamot-�berlieferung hielten, dann vermochte er die Wahrheit der Geschichte auf eine Weise offen zu legen, die kein Historiker je erreichen konnte. So beschloss Furvain, dass sein Gedicht den Mythos Stiamots und nicht die historische Person behandeln werde. Er hatte die Freiheit zu erfinden, was er wollte, solange er nur der inneren Wahrheit der Geschichte treu blieb.</p><p>Danach wurde alles viel leichter, obwohl er keinesfalls h�tte sagen k�nnen, dass es eine einfache Aufgabe war. Er entwickelte eine Meditationsform, die es ihm erlaubte, am Rande des Schlafs auszuharren und in eine Art Trancezustand zu wechseln. Dann�� es ging mit jedem Tag schneller�� kam Furvains F�hrer, der Mann mit dem blonden Haar und dem Diadem des Coronals, und f�hrte ihn durch die Szenen und Ereignisse, die es an diesem Tag aufzuschreiben galt.</p><p>Der Name seines F�hrers, so erfuhr Furvain, lautete Valentine. Er war ein charmanter Mann, geduldig und liebensw�rdig und von freundlichem Gem�t, immer ein entspanntes L�cheln auf den Lippen. Der beste F�hrer, den man sich nur w�nschen konnte. Furvain konnte sich nicht an einen Coronal namens Valentine erinnern, und auch Kasinibons altes Geschichtsbuch erw�hnte diesen Namen nicht. Offenbar hatte es eine Person dieses Namens nie gegeben. Doch das spielte keine Rolle. F�r Furvains Zwecke war es v�llig gleichg�ltig, ob Lord Valentine eine historische Gestalt oder nur eine Phantasiesch�pfung war. Er brauchte jemanden, der ihn an der Hand nahm und durchs Schattenreich der Fr�hgeschichte f�hrte, und genau das tat dieser F�hrer mit dem blonden Haar. Es war beinahe, als sei dieser Mann die Manifestation der g�ttlichen Schau, zu deren K�nder Furvain werden sollte, in einer leicht wahrnehmbaren Form. Durch die Stimme dieses phantasierten Lord Valentine, so sagte Furvain sich, schreibt der gestaltende Geist des Kosmos das Gedicht in meine Seele.</p><p>Unter Valentines Anleitung erfuhr Furvains tr�umendes Bewusstsein von den Tagen des Lord Stiamot. Es begann mit der Erkenntnis, dass der lange, kr�ftezehrende Kampf gegen die Metamorphen ein Ende finden musste. Dann folgte eine Reihe von immer blutigeren Schlachten, die im Niederbrennen der n�rdlichen Landesteile ihren traurigen H�hepunkt fanden. Die letzten Rebellen der Ureinwohner gaben auf, und in Zimroel wurde die Provinz Piurifayne f�r alle Zeiten als Reservat der Gestaltwandler auf Majipoor eingerichtet. Wenn Furvain Tag f�r Tag aus seiner Trance erwachte, waren die Einzelheiten dessen, was er erfahren hatte, noch vorhanden, ebenso wie die Balance, die Gestalt und der tragische Rhythmus, den eine gro�e Dichtung braucht. Er sah nicht nur die Ereignisse, sondern auch die erbittert gehegten unvermeidlichen Gegens�tze, aus denen sie entstanden waren, bis selbst ein milder Mann wie Stiamot sich zur grausamen Notwendigkeit eines Krieges gezwungen sah. Der Grundriss der Geschichte war vorhanden, Furvain musste sie nur noch niederschreiben, und auf dieser Ebene konnte er nun seine dichterischen Fertigkeiten so zur Geltung bringen, wie er es auch fr�her stets getan hatte. Die fein gegliederte Ordnung von Strophen und Rhythmen, die er aus den ersten getr�umten Begegnungen mit dem G�ttlichen mitgebracht hatte, wurde ihm schon bald zur zweiten Natur, und das Gedicht wuchs rasch und wurde jeden Tag weiter erg�nzt.</p><p>Manchmal ging es sogar ein wenig zu leicht. Seit Furvain den eigenartigen Aufbau des Epos beherrschte, war er in der Lage, Seite um Seite m�helos und flie�end niederzuschreiben, und neigte gelegentlich sogar zu unvermuteten Abschweifungen, die den Gang der eigentlichen Erz�hlung �berlagerten und verzerrten. Wenn dies geschah, hielt er inne, riss die st�renden Abschnitte heraus und machte an der Stelle weiter, an der er den Hauptweg verlassen hatte. Er hatte bisher seine Gedichte noch nie �berarbeiten m�ssen. Zuerst erschien es ihm wie eine Verschwendung, denn die verworfenen Zeilen waren in jeder Hinsicht so fl�ssig und eindrucksvoll wie diejenigen, die er behielt. Doch dann sah er ein, dass Sprachgewalt und Klang nicht mehr als blo�es Zubeh�r der Sache waren, auf die es eigentlich ankam, ging es doch darum, eine ganz bestimmte Geschichte auf eine Weise zu erz�hlen, die m�glichst deutlich ihre wahre Bedeutung zum Vorschein brachte.</p><p>Als er dann die Geschichte des Lord Stiamot zu ihrem Abschluss gebracht hatte, stellte Furvain zu seiner �berraschung fest, dass das G�ttliche noch lange nicht mit ihm fertig war. Ohne Pause und sogar ohne sich zu fragen, was er �berhaupt tat, zog er einen Strich unter die letzte Zeile der Stiamot-Dichtung und begann sofort mit einem neuen Werk. Es setzte in der Mitte einer Strophe beim dreifachen Reim an, behandelte aber ein fr�heres, ganz anderes Ereignis. Hier ging es um den Plan Lord Melikands, Angeh�rige nichtmenschlicher V�lker nach Majipoor zu bringen und die noch weitgehend unbev�lkerte Welt mit Leben zu f�llen.</p><p>Er setzte die Arbeit daran einige Tage fort. Doch noch bevor der Melikand-Gesang zu Ende geschrieben war, entdeckte Furvain, dass er bereits an einer Passage schrieb, die wiederum eine ganz andere Geschichte erz�hlte�� es ging um die gro�e Versammlung an den Stangard-F�llen am Glayge, wo Dvorn zum ersten Pontifex von Majipoor gesalbt wurde. In diesem Augenblick erkannte Furvain, dass er nicht einfach nur einen Bericht �ber die Taten des Lord Stiamot schrieb, sondern eine epische Dichtung, die nicht mehr und nicht weniger als die gesamte Geschichte Majipoors umfassen sollte.</p><empty-line/><subtitle>* * *</subtitle><empty-line/><p>Es war ein be�ngstigender Gedanke. Er konnte nicht glauben, dass er der richtige Mann f�r eine solche Aufgabe war. Sie war viel zu gewaltig f�r einen Menschen mit seinen bescheidenen Anlagen. Er glaubte die Gestalt zu erkennen, die eine solche Dichtung haben musste, wenn sie von den vielen Jahrtausenden von der Ankunft der ersten Siedler bis zur Gegenwart handeln sollte, und sie war �beraus machtvoll. Nicht ein einziger riesiger Bogen, der alles �berspannte, sondern eine Reihe atemberaubender Kurven und Schwindel erregender Wendungen, eine Geschichte voller Wandlungen und Ver�nderungen, in der immer wieder Gegens�tze miteinander vers�hnt wurden. Wie die ersten idealistischen Kolonisten in Gewalt und Anarchie untergingen, wie sie von Dvorn, dem Gesetzgeber, der sp�ter der erste Pontifex werden sollte, gerettet wurden, wie sie sich, als seien sie von einer Zentrifuge in die Weite geschleudert worden, unter der F�hrung Lord Melikands �ber die ganze riesige Welt ausbreiteten. Die gro�en St�dte auf dem Burgberg wurden gebaut, die Besiedlung erstreckte sich bis zu den Kontinenten Zimroel und Suvrael, und schlie�lich kam es zur unausweichlichen, tragischen Auseinandersetzung mit den Ureinwohnern, den Gestaltwandlern. In dem entsetzlichen Krieg, den Lord Stiamot f�hrte, wurden sie schlie�lich niedergek�mpft. Der Mann des Friedens wurde zu einem Mann des Krieges, besiegte die Ureinwohner und sperrte sie ein. Und von da an wurde die Geschichte weiter gesponnen bis zur Gegenwart, da Milliarden von Menschen friedlich auf der sch�nsten aller Welten lebten.</p><p>Es gab keine sch�nere Geschichte im ganzen Universum. Doch war er, Aithin Furvain, ein Mann mit kleiner Seele, ein in so vielerlei Hinsicht unzul�nglicher Mann, wirklich f�hig, sie aufzuschreiben? Er machte sich keine Illusionen �ber sich selbst. Er sah sich als schlagfertig, faul, liederlich, als Schw�chling und als jemand, der jeder Verantwortung aus dem Weg ging und der sein ganzes Leben lang immer den Weg des geringsten Widerstandes gegangen war. Wie konnte ausgerechnet er unter all den anderen Menschen, da er doch keine anderen Vorz�ge besa� als eine gewisse Wendigkeit und einige unterhaltsame Fertigkeiten, wie konnte er hoffen, ein so gigantisches Thema in den Grenzen eines einzigen Gedichts zu erfassen? Es war zu viel f�r ihn. Er konnte es einfach nicht tun. Er bezweifelte, dass es �berhaupt jemand vermochte. Aber er war ganz gewiss nicht der Richtige, um es zu versuchen.</p><p>Und doch schrieb er es irgendwie nieder. Oder schrieb es sich durch ihn? Egal. Das Werk nahm Zeile um Zeile und Tag um Tag Gestalt an. Man mochte es g�ttliche Inspiration nennen oder auch einen �berbordenden Strom von etwas, das ohne sein Wissen schon seit vielen Jahren in ihm aufgestaut gewesen war. Man konnte es nennen wie man wollte, es war nicht zu leugnen, dass er bereits einen ganzen Gesang und Fragmente von zwei weiteren geschrieben hatte und t�glich neue Verse zu Papier brachte.</p><p>Diese Dichtung besa� Gr��e, das war ihm bewusst. Er las sie immer wieder durch und sch�ttelte den Kopf vor Staunen �ber die Kraft seines eigenen Werks, �ber die machtvolle Musik der Poesie und den mitrei�enden Fluss der Erz�hlung. So prachtvoll war es, dass es ihn dem�tig machte und verwirrte. Er hatte keine Ahnung, wie es m�glich war, das zu leisten, was er getan hatte, und er schauderte beim Gedanken daran, dass dieser wundersame Quell der Inspiration eines Tages ebenso schnell versiegen konnte, wie er sich aufgetan hatte, noch bevor die gro�e Aufgabe vollendet war.</p><p>Das Manuskript, so unvollst�ndig es auch war, wurde ihm ungeheuer wichtig. Er sah es inzwischen als Symbol seiner Unsterblichkeit. Es st�rte ihn, dass nur das Original existierte, das noch dazu in einem Raum aufbewahrt wurde, der nur von au�en verschlie�bar war. Er hatte Angst, dem Manuskript k�nne etwas geschehen, es k�nne etwa verdorben werden, wenn er versehentlich das Tintenfass umkippte, oder es gestohlen, weil ein r�cksichtsloser, b�sartiger Bewohner der Festung eifers�chtig auf die Aufmerksamkeit war, die Master Kasinibon von Furvain bekam, oder irgendein unbedarfter Diener k�nne gar das Werk als Abfall aus dem Zimmer entfernen und vernichten. Deshalb kopierte er es mehrere Male und versteckte die Kopien sorgf�ltig an verschiedenen Stellen seiner kleinen Suite. Die erste Handschrift versenkte er jeden Abend in der untersten Schublade des Schranks, in dem er seine Kleidung aufbewahrte. Einige Tage sp�ter, er wusste selbst nicht den Grund, machte er es sich sogar zur Gewohnheit, die Stifte in einem sternf�rmigen Muster auf den beschriebenen Bl�ttern anzuordnen, damit er es bemerkte, wenn jemand in dieser Schublade herumschn�ffelte.</p><p>Noch einmal drei Tage sp�ter sah er, dass die Stifte tats�chlich anders lagen. Furvain hatte sie pr�zise und pedantisch ausgerichtet, und der mittlere Stift bildete immer genau den gleichen Winkel zu den beiden anderen. Dieses Mal aber war der Winkel ein wenig ver�ndert, als habe jemand verstanden, dass die Anordnung zum Entdecken von Eindringlingen gedacht war, habe es jedoch vers�umt, die gleiche Genauigkeit wie Furvain walten zu lassen. An diesem Abend w�hlte er eine neue Figur f�r die Stifte, und am folgenden Nachmittag sah er, dass sie abermals beinahe, aber doch nicht ganz so, wie er sie angeordnet hatte, wieder hingelegt worden waren.</p><p>Dahinter konnte nur Kasinibon selbst stecken, dachte Furvain. Kein Angeh�riger von Kasinibons Bande von Gesetzlosen und gewiss kein Diener h�tte sich mit den Stiften so viel M�he gemacht. Er schn�ffelt hier herum, w�hrend ich nicht im Zimmer bin, dachte Furvain. Er liest heimlich mein Gedicht.</p><p>Furvain wandte sich wutentbrannt an Kasinibon und machte ihm Vorhaltungen, weil dieser in seine Privatgem�cher eingedrungen war.</p><p>Kasinibon machte zu Furvains �berraschung nicht einmal den Versuch, die Anschuldigung zur�ckzuweisen. �Oh, dann habt Ihr es bemerkt? Aber nat�rlich. Ich konnte einfach nicht widerstehen.� Seine Augen gl�nzten vor Aufregung. �Es ist wundervoll, Furvain. Wundervoll. Ich war so bewegt, dass ich kaum erwarten konnte, es Euch zu sagen. Die Episode mit Lord Stiamot und der Metamorphen-Priesterin�� als sie vor ihm steht und um ihr Volk weint, bis auch Stiamot weinen muss��</p><p>�Ihr hattet nicht das Recht, in meinem Schrank zu w�hlen�, sagte Furvain eisig.</p><p>�Warum denn nicht? Ich bin hier der Herr. Ich tue hier, was mir gef�llt. Ihr habt nur gesagt, dass Ihr nicht �ber ein unvollendetes Werk sprechen wollt. Daran habe ich mich gehalten, oder nicht? Habe ich auch nur ein Wort gesagt? Kein einziges! Seit Tagen schon lese ich, was Ihr schreibt, sogar schon fast von Anfang an. Ich verfolge t�glich Eure Fortschritte und nehme Anteil an der Erschaffung einer gro�en Dichtung, und mir sind die Tr�nen in die Augen geschossen ob ihrer Sch�nheit, und doch habe ich Euch nie darauf angesprochen� nicht ein einziges Mal��</p><p>Furvains Wut wurde nur noch gr��er. �Dann schn�ffelt Ihr schon l�nger in meinem Zimmer herum?�, stammelte er verbl�fft.</p><p>�Jeden Tag. Und schon lange, bevor Ihr dieses Spiel mit den Stiften begonnen habt. Es ist doch so, Furvain�� eine klassische Dichtung, eines der gr��ten Meisterwerke der Literatur, wird gerade unter meinem eigenen Dach von einem Mann geschaffen, den ich speise und beherberge. Und nun soll mir die Freude versagt bleiben, dieses Werk wachsen und gedeihen zu sehen?�</p><p>�Ich verbrenne es lieber�, erkl�rte Furvain, �als zu dulden, dass Ihr mir noch einmal nachspioniert.�</p><p>�Nun seid doch kein Narr. Schreibt einfach weiter. Ich werde es nicht mehr in die Hand nehmen. Aber Ihr d�rft nicht aufh�ren, falls Ihr daran denken solltet. Das w�re ein Verbrechen gegen die Kunst. Beendet die Melikand-Szene. Schreibt die Geschichte �ber Dvorn. Und fahrt fort, bis Ihr alles aufgeschrieben habt.� Er lachte verschlagen. �Ihr k�nnt ja ohnehin nicht aufh�ren. Das Gedicht hat Euch in seinen Bann geschlagen. Es hat von Euch Besitz ergriffen.�</p><p>Furvain starrte ihn b�se an. �Wie wollt Ihr das wissen?�</p><p>�Ich bin nicht so dumm, wie Ihr glaubt�, erwiderte Kasinibon.</p><p>Dann lenkte er ein und bat um Verzeihung und versprach noch einmal, seine �berm��ige Neugierde auf das Manuskript fortan zu beherrschen. Er schien ehrlich zu bereuen, und er schien sogar zu f�rchten, dass er durch sein Eindringen in Furvains Privatr�ume die Vollendung des Gedichts gef�hrdet hatte. Er k�nnte es sich nie verzeihen, sagte er, wenn Furvain dies zum Anlass n�hme, das Werk aufzugeben. Doch er w�rde es andererseits auch Furvain immer vorwerfen. Und dann, wieder energischer: �Ihr werdet damit fortfahren. Ihr werdet es tun. Ihr k�nnt einfach nicht aufh�ren!�</p><p>Furvain konnte angesichts einer so klugen Einsch�tzung seines Charakters nicht mehr w�tend sein. Es war klar, dass Kasinibon Furvains innere Faulheit genau erkannte, dieses tiefe Bed�rfnis, sich auf eine ehrgeizige und anstrengende Arbeit von dieser Gr��enordnung am liebsten gar nicht erst einzulassen. Doch Kasinibon sah auch das Gedicht, das Furvain in seinen Bann geschlagen hatte. Es hatte ihn mit unerbittlichem Griff gepackt, und selbst ein M��igg�nger wie er konnte diesem starken inneren Drang, der jeden Tag einen neuen Abschnitt der Dichtung ins Leben rief, nicht widerstehen. Dieser Drang kam aus ihm selbst, aus einem Gefilde, das nicht einmal Furvain selbst betreten konnte. Auch war Furvain mehr als bewusst, dass da noch Kasinibons hei�es Begehren war, das Werk vollendet zu sehen. Furvain konnte sich dem Anpeitscher Kasinibon, der ein ohnehin schon starkes Verlangen weiter verst�rkte, nicht widersetzen. Es kam also nicht in Frage, die Arbeit aufzugeben.</p><p>�Ja, ich fahre damit fort�, sagte er widerwillig. �Keine Sorge. Aber bleibt meinem Zimmer fern.�</p><p>�Einverstanden.�</p><p>Als Kasinibon sich zur�ckziehen wollte, rief Furvain ihn noch einmal zur�ck. �Noch etwas. Gibt es etwas Neues aus Dundilmir hinsichtlich meiner L�segeldforderung?�</p><p>�Nein, bisher noch nichts�, erwiderte Kasinibon und verlie� rasch den Raum.</p><p>Nichts Neues. Damit habe ich gerechnet, dachte Furvain. Tanigel hat die Nachricht weggeworfen. Oder sie lachen jetzt bei Hofe dar�ber�� man stelle sich vor, der arme dumme Furvain, von Banditen gefangen!</p><p>Er war sicher, dass Kasinibon keine Antwort von Tanigel bekommen w�rde. Deshalb schien es geraten, neue L�segeldforderungen zu formulieren�� eine an seinen Vater im Labyrinth, eine an Lord Hunzimar auf der Burg, einige andere vielleicht an andere Leute, falls ihm noch jemand einfiel, der ihm m�glicherweise helfen w�rde�� und dann sollte Kasinibon die Boten aussenden.</p><p>Unterdessen setzte Furvain seine t�gliche Arbeit fort. Der Trancezustand kam jetzt immer einfacher, der geheimnisvolle Lord Valentine erschien, wann immer er gerufen wurde, und f�hrte ihn bereitwillig durch die Zeit in die Morgend�mmerung der Welt zur�ck. Das Manuskript wuchs. Die Stifte wurden nicht wieder anger�hrt. Nach einer Weile machte Furvain sich nicht mehr die M�he, sie �berhaupt noch hinzulegen.</p><p>Jetzt sah der Dichter die Gestalt des Werks deutlich.</p><p>Es sollte neun gro�e Abschnitte bekommen, die vor seinem inneren Auge auf einem Bogen angeordnet waren. Die Teile, die Stiamot betrafen, bildeten seinen Scheitel. Der erste Gesang behandelte die Ankunft der ersten menschlichen Siedler auf Majipoor, die voller Hoffnung das sorgenvolle Leben auf der Alten Erde hinter sich gelassen hatten und auf dieser wundervollsten aller Welten ein Paradies erschaffen wollten. Die ersten z�gerlichen Erkundungen des Planeten und die Ehrfurcht angesichts seiner Gr��e und Sch�nheit wurden behandelt, dann die Gr�ndung der ersten winzigen Vorposten. Im zweiten Gesang wollte Furvain dann das Wachstum der Vorposten zu D�rfern und St�dten schildern, den Zank zwischen den St�dten, der in den folgenden hundert Jahren herrschte., die sich ausweitenden K�mpfe, die schlie�lich den Zusammenbruch jeglicher Ordnung nach sich zogen, und das Aufkommen von Aufruhr und Gesetzlosigkeit.</p><p>Der dritte Gesang sollte Dvorn gewidmet sein: Wie er sich aus dem Chaos erhob, ein Provinzf�rst aus der im Westen gelegenen Stadt Kesmakuran, wie er quer durch Alhanroel marschierte und in jeder Stadt Leute um sich scharte, die ihm halfen, eine verl�ssliche Herrschaft aufzubauen, unter der die ganze Welt geeint werden konnte. Wie er diese Regierungsform kraft seiner Pers�nlichkeit, aber auch mit Waffengewalt durchsetzte�� die nicht erbliche Monarchie unter der Herrschaft eines Kaisers, der den alten Titel des Pontifex trug: Der �Br�ckenbauer�, der sich einen k�niglichen Untergebenen, den Lord Coronal aussuchte, damit dieser als ausf�hrende Gewalt der Regierung dienen und ihm letztlich als Pontifex nachfolgen konnte. Furvain wollte erz�hlen, wie Dvorn und sein Coronal, Lord Barhold, die Unterst�tzung von ganz Majipoor gewonnen und das Staatsgebilde errichtet hatten, unter dem die Welt heute noch gedieh.</p><p>Dann der vierte Gesang. Ein Zwischenteil, der die Entstehung dessen, was man als das moderne Majipoor bezeichnen konnte, aus der urspr�nglich von Dvorn gegr�ndeten Gemeinschaft schildern sollte. Die Konstruktion der Atmosph�renmaschinen, die es m�glich machten, den drei�ig Meilen hohen Berg zu besiedeln, der sp�ter als Burgberg bezeichnet werden sollte, sowie die Gr�ndung der ersten St�dte an seinen unteren H�ngen. Lord Melikands Einsicht, dass die menschliche Bev�lkerung allein nicht ausreichen werde, um eine Welt von der Gr��e Majipoors nachhaltig zu befrieden, woraufhin er Skandar, Vroon, Hjorts und die anderen au�erirdischen V�lker einlud, Seite an Seite mit der Menschheit zu leben. Die erbitterten K�mpfe zwischen Menschen und Metamorphen, als die recht geringe Zahl der Ureinwohner sich durch die wachsenden neuen Siedlungen aus ihrem eigenen Gebiet verdr�ngt sah. Der Beginn der Kriege.</p><p>Lord Stiamots Gesang, der bereits vollendet war, sollte als f�nfter den Kopfstein des gro�en Bogens bilden. Widerstrebend erkannte Furvain allerdings, dass Stiamot mehr Platz brauchte. Der Gesang musste zwei- oder sogar dreifach unterteilt werden, um dem Thema gerecht zu werden. Es war n�tig, auch Stiamots moralische Bedenken zu schildern, die schreckliche Ironie, der seine Regentschaft ausgesetzt war, da dieser Mann des Friedens gezwungen war, zum Wohl seines Volkes einen garstigen Krieg gegen die Ureinwohner der Welt zu f�hren, denen nichts anderes vorzuwerfen war als der Wunsch, ihren eigenen Planeten f�r sich zu behalten. Der von Stiamot in Angriff genommene Bau einer Burg f�r den Coronal auf dem Berggipfel, ein Symbol f�r den heldenhaften Sieg, musste den H�hepunkt im mittleren Abschnitt des Gedichts bilden. Danach sollten drei weitere Ges�nge folgen, die nacheinander beschrieben, wie allm�hlich wieder Ruhe einkehrte�� die Schilderung Majipoors als gereifte Welt�� und schlie�lich ein vision�rer neunter Gesang, der in Furvains Kopf noch keine endg�ltige Gestalt angekommen hatte. Vielleicht w�rde er sich um die Behebung der noch bestehenden Unsicherheiten drehen�� die Wunde, die der Krieg gegen die Metamorphen in das Fleisch des Planeten geschlagen hatte.</p><p>Furvain hatte sogar schon einen Namen f�r die Dichtung gefunden. Sie sollte <emphasis>Das Buch der Ver�nderungen </emphasis>hei�en, denn die Ver�nderung war das eigentliche Thema, der ewige Fluss der Jahreszeiten, das st�ndige Auf und Ab der Ereignisse und im Gegensatz dazu die tiefere Bestimmung Majipoors. K�nige kamen und gingen und starben, Bewegungen entstanden und verebbten, doch die Gemeinschaft lebte weiter wie ein gewaltiger Fluss und folgte dem Weg, den das G�ttliche ihr vorbestimmt hatte. Alle ihre Ver�nderungen waren nichts weiter als Stationen auf diesem Weg. Ein Weg, der durch Herausforderung und Abwehr gekennzeichnet wurde, durch die st�ndige Kollision gegens�tzlicher Kr�fte, damit die unausweichliche Synthese erreicht werde�� der notwendige Triumph Dvorns �ber die Anarchie, der notwendige Triumph Stiamots �ber die Metamorphen und�� eines Tages in der Zukunft�� der notwendige Triumph der Sieger �ber ihren eigenen Sieg. Dies war der Kern, den er herausarbeiten musste. Die Ordnung, die sich aus dem Lauf der Zeit ergab und die zeigte, dass alles, selbst die gro�e, unvermeidliche S�nde der Unterdr�ckung der Metamorphen, ein Teil eines unersch�tterlichen Ganzen war, der unausweichliche Triumph der Ordnung �ber das Chaos.</p><p>Wann immer er nicht unmittelbar am Gedicht arbeitete, bekam Furvain Angst vor der ungeheuren Aufgabe angesichts der Unzul�nglichkeit seiner eigenen F�higkeiten, da er dieses gewaltige Werk schreiben sollte. Tausendmal am Tag k�mpfte er das Verlangen nieder, die Dichtung einfach aufzugeben. Doch er konnte nicht anders, er musste weitermachen. Du musst dein Leben �ndern, hatte Lady Dolitha ihm damals auf dem Burgberg gesagt. Es schien Jahrhunderte her zu sein. Ja. Ihre strengen Worte hatten die Kraft eines Befehls. Er hatte tats�chlich sein Leben ver�ndert, und sein Leben hatte wiederum ihn ver�ndert. Und so musste er fortfahren, dies war ihm klar, bis er das gro�e Gedicht erschaffen hatte, das er der Welt als Entsch�digung f�r all die vergeudeten Jahre hinterlassen w�rde.</p><p>Auch Kasinibon dr�ngte ihn gnadenlos diesem Ziel entgegen. Er spionierte nicht mehr, fragte nicht einmal mehr nach dem Gedicht, doch er beobachtete Furvain genau und ma� die Fortschritte an den hageren Gesichtsz�gen und den �bern�chtigten Augen des Dichters. Er wartete, forschte mit Blicken und in stillem Verlangen. Gegen diesen schweigenden Druck konnte Furvain sich nicht zur Wehr setzen.</p><p>Er arbeitete weiter, zog sich in seine Gem�cher zur�ck, als sei er im Kloster, und kam abgesehen von den Mahlzeiten nur selten heraus. Er ruhte nie lange und st�rzte sich bald wieder in Trance. Es war wie eine Reise durch eine verborgene Region seines eigenen Bewusstseins. Voll b�ser Vorahnungen streifte er auf beschwerlichen gewundenen Wegen durch die Dunkelheit. Manchmal bekam er stundenlang das Gef�hl, seinen F�hrer verloren zu haben, er kannte das Ziel nicht und empfand alle m�glichen Schrecken, er schauderte, zitterte, schwitzte und war in innerem Aufruhr. Doch dann wurde er von einem wundervollen Licht eingeh�llt und auf jungfr�uliches Weideland gef�hrt, wo es Gesang und Tanz gab, majest�tische Kl�nge und heilige Visionen, und die Worte str�mten aus ihm heraus, als seien sie seiner bewussten Beherrschung entzogen.</p><p>Die Monate vergingen. Er war jetzt schon im zweiten Jahr mit seiner Aufgabe besch�ftigt. Der Stapel des Manuskripts wurde immer h�her. Er arbeitete nicht chronologisch, sondern wandte sich dem Teil zu, der am dringendsten seiner Aufmerksamkeit bedurfte. Der einzige Gesang, den er als abgeschlossen betrachten konnte, war der zentrale f�nfte, der die Schl�sselszenen �ber Stiamot enthielt. Der gr��te Teil des Melikand-Gesangs und der Teil �ber Dvorn waren fertig, au�erdem gro�e Teile der Einleitung, die sich um die erste Besiedlung drehte. Einige andere Abschnitte, die weniger dramatischen vor allem, waren blo�e Fragmente, und am neunten Gesang hatte er �berhaupt noch nicht gearbeitet. Teile der Stiamot-Geschichte, die fr�hen und sp�teren Phasen, waren ebenfalls unvollendet. Es war eine zerfahrene Weise zu arbeiten, doch er wusste nicht, wie er es besser machen sollte. Er war nur sicher, dass alles zu seiner Zeit behandelt werden w�rde.</p><p>Hin und wieder fragte er Kasinibon, ob auf die L�segeldforderungen bereits Antworten eingegangen w�ren. �Nein, bisher haben wir noch nichts geh�rt�, lautete die Antwort unweigerlich. Es spielte kaum eine Rolle. Nichts war wichtig au�er der Arbeit.</p><p>Als er gerade eben drei Strophen des neunten und letzten Gesangs vollendet hatte, f�hlte Furvain sich pl�tzlich, als stehe er vor einer undurchdringlichen Barriere oder vielleicht auch vor einem unendlich tiefen dunklen Abgrund. Auf jeden Fall erreichte er in der noch unvollendeten gro�en Aufgabe eine Stelle, wo er nicht mehr weiterkam. Momente, in denen Furvain sich so gef�hlt hatte, hatte es auch schon fr�her gegeben, viele sogar. Doch dies war etwas anderes. Bei jenen anderen Gelegenheiten hatte er einen Widerwillen empfunden, noch weiter zu gehen, woraufhin rasch genug das Gef�hl folgte, dass er sich die Schmach ersparen wollte, etwas Unfertiges zu hinterlassen. In diesem Augenblick aber empfand er eine tiefe <emphasis>Unf�higkeit, </emphasis>das Gedicht weiter zu schreiben, weil er vor sich nur Schw�rze sah.</p><p><emphasis>Hilf mir, </emphasis>betete er, ohne zu wissen zu wem, <emphasis>und f�hre mich.</emphasis></p><p>Doch es kam weder Hilfe noch F�hrung. Er war allein. Und allein hatte er keine Ahnung, wie er den Stoff, der in den neunten Gesang eingehen sollte, behandeln musste. Die Vers�hnung mit den Gestaltwandlern�� die S�hne f�r die gro�e, unvermeidliche S�nde, die sich die Menschheit gegen�ber den Ureinwohnern dieser Welt hatte zuschulden kommen lassen�� die Absolution, die Bu�e und sogar die Wiedergutmachung�� er hatte keine Ahnung, wie er damit fortfahren solle. Dies war Majipoor, fast zehntausend Jahre nach Dvorn und viertausend Jahre nach Stiamot. Welche Auss�hnung war denn bisher mit den Metamorphen herbeigef�hrt worden? Welche Beichte und welche Bu�e hatte es gegeben? Sie waren nach wie vor in ihrer Heimat im Dschungel von Zimroel gefangen, ihre Bewegungsfreiheit auf diesem Kontinent war strengen Regelungen unterworfen, und es war ihnen ganz und gar verboten, sich je auf Alhanroel zu bewegen. Die Welt war einer L�sung des Problems der Gestaltwandler nicht n�her als am Tag, an dem die Siedler gelandet waren. Lord Stiamots L�sung�� sie besiegen und auf ewig im S�den Zimroels einsperren und den Rest der Welt den Menschen vorbehalten�� war �berhaupt keine, sondern nur ein brutaler Behelf, wie auch Stiamot selbst bereits erkannt hatte. Stiamot war bewusst gewesen, dass es zu sp�t war, die Besiedlung des Planeten wieder r�ckg�ngig zu machen. Majipoors Geschichte konnte nicht ungeschehen gemacht werden. Und so hatten f�r die Milliarden menschlicher Siedler Millionen Ureinwohner ihre Freiheit verlieren m�ssen.</p><p>Wenn Stiamot keine L�sung f�r das Problem gefunden hat, so �berlegte Furvain, wie soll ich dann eine finden?</p><p>In diesem Fall konnte er allerdings den neunten Gesang nicht vollenden. Und, noch schlimmer, er kam zu der �berzeugung, dass er auch die fr�heren unvollendeten Ges�nge nicht weiterschreiben konnte. Als er nun sah, dass er sich keine Hoffnung machen k�nne, das Geb�ude mit dem vorgesehenen Schaugiebel zu bekr�nen, schien ihn jegliche Inspiration zu verlassen. Wenn er jetzt versuchte, sich zum Weitermachen zu zwingen, w�rde er vermutlich nur entwerten, was er bisher schon geschrieben hatte, und die Kraft des Werks mit minderwertigen Abschnitten schm�lern. Selbst wenn er es irgendwie zu Ende brachte, er hatte in seiner Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung das Gef�hl, er k�nne das Gedicht niemals der Welt zeigen. Niemand w�rde glauben, dass er es geschrieben h�tte. Man musste denken, er habe eine Art geistigen Diebstahl begangen, einen Betrug, und man w�rde ihn verh�hnen, wenn er den wahren Verfasser nicht nennen konnte. Da war es besser, �berhaupt kein Gedicht zu ver�ffentlichen, als die Blamage hinzunehmen, die ihm zuteil werden musste.</p><p>Von diesen d�steren Gedanken bis zur Entscheidung, dass er das Manuskript noch am gleichen Tag zerst�ren m�sse, war es nur noch ein kleiner Schritt.</p><p>Er holte die verschiedenen Abschriften und Entw�rfe aus den Schr�nken und Nischen seiner Gem�cher in Kasinibons Festung und sammelte sie auf dem Tisch. Sie ergaben einen ordentlichen Stapel. An manchen Tagen, wenn er sich zu m�de oder zu leer f�hlte, um weiter am Gedicht zu arbeiten, hatte er die Zeit genutzt, um zus�tzliche Kopien seiner fertigen Teile herzustellen und damit die Gefahr zu vermindern, dass irgendein Missgeschick ihm die Fr�chte seiner Arbeit raube. Er hatte auch alle verworfenen Seiten und die gestrichenen und umgeschriebenen Strophen aufgehoben. Es war ein gewaltiger Stapel Papier. Wahrscheinlich w�rde es Stunden dauern, bis alles verbrannt war.</p><p>Ruhig nahm er einen zolldicken Sto� vom Manuskript und breitete ihn im Kamin aus.</p><p>Er suchte ein Schwefelholz, riss es an, starrte einen Moment auf das Fl�mmchen. Immer noch v�llig ruhig, hielt er es an die Ecke des Stapels.</p><p>�Was macht Ihr da?�, rief Kasinibon. Er st�rmte in den Raum und trat mit dem Stiefelabsatz das brennende Streichholz auf der Kaminplatte aus. Der Papierstapel hatte keine Zeit gehabt, Feuer zu fangen.</p><p>�Ich verbrenne das Gedicht�, sagte Furvain ruhig. �Oder versuche es zumindest.�</p><p><emphasis>�Was </emphasis>macht Ihr?�</p><p>�Ich verbrenne es�, wiederholte Furvain.</p><p>�Ihr m�sst verr�ckt sein. Ihr seid unter dem Druck der Arbeit �bergeschnappt.�</p><p>Furvain sch�ttelte den Kopf. �Nein, ich glaube, ich bin v�llig bei Sinnen. Doch ich wei�, dass ich nicht weiterarbeiten kann. Und sobald ich zu dieser Erkenntnis kam, hatte ich den Eindruck, es sei das Beste, die unvollendete Dichtung zu verbrennen.� Leise und ohne jede Gef�hlsaufwallung erkl�rte er Kasinibon, was ihm in der letzten halben Stunde durch den Kopf gegangen war.</p><p>Kasinibon h�rte zu, ohne zu unterbrechen. Danach schwieg er l�ngere Zeit. Schlie�lich blickte er �ber Furvains Schulter hinweg zum Fenster. Seine Stimme klang nach m�hsamer Beherrschung und hohl, und er sprach sehr leise.</p><p>�Ich muss Euch etwas gestehen, Furvain. Euer L�segeld ist vor einer Woche eingetroffen. Euer Freund, der Herzog, hat es bezahlt. Ich hatte Angst, es Euch zu sagen, weil ich wollte, dass ihr zuerst das Gedicht vollendet, und ich wusste, dass Ihr dies nie getan h�ttet, wenn ich Euch nach Dundilmir h�tte zur�ckkehren lassen. Doch ich sehe ein, dass dies falsch war. Ich habe nicht das Recht, Euch l�nger hier festzuhalten. Tut, was Euch beliebt, Furvain. Ihr k�nnt gehen, wenn Ihr wollt. Nur um eines bitte ich Euch�� verschont, was Ihr geschrieben habt. Lasst mir eine Kopie hier, wenn Ihr fortgeht.�</p><p>�Ich will es zerst�ren�, sagte Furvain.</p><p>Kasinibon erwiderte Furvains Blick. Seine Stimme war jetzt wieder kr�ftiger, er war wieder der Banditenhauptmann, der mit schneidender Stimme Anweisungen gab. �Nein, das verbiete ich Euch. Gebt es mir freiwillig, sonst werde ich es einfach beschlagnahmen.�</p><p>�Dann bin ich also immer noch ein Gefangener�, sagte Furvain l�chelnd. �Habt Ihr das L�segeld wirklich bekommen?�</p><p>�Ich schw�re es.�</p><p>Furvain nickte. Jetzt war es an ihm, nachdenklich zu schweigen. Er kehrte Kasinibon den R�cken und starrte zum blutroten Wasser des Sees hinaus.</p><p>War es wirklich unm�glich, das Gedicht zu vollenden?, fragte er sich.</p><p>Er war f�r einen Augenblick benommen und erkannte, dass irgendeine bisher unbekannte Kraft sich in ihm bewegte. Kasinibons besch�mtes Gest�ndnis hatte den Damm brechen lassen. Er hatte nicht mehr das Gef�hl, vor einem undurchdringlichen Hindernis zu stehen. Auf einmal war der Weg offen und der neunte Gesang in Reichweite.</p><p>Er musste nicht die Antwort auf das Problem der Gestaltwandler finden. Seit Stiamots Tagen hatten �ber vierzig Jahrhunderte hinweg die Coronals und Pontifices es nicht vermocht, dieses Problem zu l�sen�� warum sollte dies ausgerechnet einem Dichter wie ihm gelingen? Fragen der Regierungsmacht unterlagen nicht seiner Verantwortung. Das Schreiben von Gedichten dagegen schon. Im <emphasis>Buch der Ver�nderungen </emphasis>hatte er Majipoor einen Spiegel vorgehalten, um der Welt ihre Vergangenheit zu zeigen. Es war nicht seine Aufgabe, auch die Zukunft zu zeigen. Zumindest nicht in plumper Vollst�ndigkeit. Sollte die Zukunft sich doch selbst vollenden aus der Entfaltung der ihr eigenen Zeit.</p><p>Angenommen, so �berlegte er�� angenommen�� angenommen�� ich beende das Gedicht mit einer Prophezeiung, mit einer kryptischen Vision eines tragischen K�nigs der kommenden Jahre. Ein K�nig, der wie Stiamot ein Mann des Friedens ist, der Krieg f�hren muss und gro�e Qualen leiden wird, wenn seine Herrschaft diese Wendung nimmt. Satzfragmente fielen ihm ein: �Ein goldener K�nig� eine Krone im Staub� die heilige Umarmung erbitterter Feinde�� Was hatte das zu bedeuten? Er hatte keine Ahnung. Doch das musste er auch nicht wissen. Er musste es nur niederschreiben. Er wollte die Hoffnung schildern, dass in einem sp�teren Jahrhundert ein gro�er Monarch herrschen w�rde, der in sich die Kr�fte von Krieg und Frieden auf die gleiche Weise vereinte, wie Stiamot es getan hatte. Dadurch k�nnte endlich die Unsicherheit im Reich beendet werden, die unweigerlich entstanden war, als man den einheimischen Gesch�pfen ihre Welt weggenommen hatte. Er musste nicht erkl�ren, wie dies geschehen solle. Er brauchte nur zu �berzeugen, dass dieses Ziel erreichbar war.</p><p>In diesem Augenblick wusste Furvain, dass er nicht nur weiter schreiben konnte, sondern dass er es <emphasis>musste. </emphasis>Es war seine Pflicht, und dies war der einzige Ort, an dem er sie erf�llen konnte. Hier unter dem wachsamen Auge seines unerbittlichen Entf�hrers und W�chters. In Dundilmir w�rde er das Werk nicht vollenden, sondern unweigerlich wieder in die Oberfl�chlichkeit fr�herer Tage zur�ckfallen.</p><p>Er drehte sich um, nahm eine Kopie des Manuskripts, die alles bisher Geschriebene enthielt, vom Tisch und hielt sie Kasinibon hin. �Das ist f�r Euch�, sagte er. �Behaltet sie. Lest sie, wenn ihr wollt. Aber sagt kein Wort dazu, bevor ich Euch nicht die Erlaubnis dazu gebe.�</p><p>Kasinibon nahm den Stapel schweigend entgegen, presste ihn an die Brust und verschr�nkte die Arme davor.</p><p>�Schickt das L�segeld an Tanigel zur�ck�, sagte Furvain dann. �Meldet dem Herzog, dass er zu fr�h gezahlt hat. Ich werde noch eine Weile hier bleiben. Und schickt ihm auch dies hier mit.� Er nahm eine Kopie des vollendeten Stiamot-Gesangs aus dem gro�en Papierstapel, der auf dem Tisch lag. �Damit er sieht, was der faule alte Freund Furvain die ganze Zeit im �stlichen Land getrieben hat, was?� Furvain l�chelte. �Und nun, Kasinibon, bitte ich Euch sehr�� wenn ich mich jetzt wieder meiner Arbeit widmen d�rfte?�</p></section><section><title><p>Der Majipoor-Zyklus</p></title><p>Krieg der Tr�ume (1980)</p><p>Die Majipoor-Chroniken (2 B�nde, 1985)</p><p>Die Wasserk�nige von Majipoor (Teil 1 von Valentine Pontifex, 1985)</p><p>Die Berge von Majipoor (1995)</p><p>Die Zauberer von Majipoor (1998)</p><p>Lord Prestimon (2003)</p><p>K�nig der Tr�ume (2004)</p><empty-line/><p><emphasis>Die riesige Welt Majipoor, </emphasis>deren Durchmesser mindestens zehnmal so gro� ist wie der unseres eigenen Planeten, wurde in ferner Vergangenheit von irdischen Kolonisten besiedelt. Sie suchten ihren Platz zwischen den Piurivar, den vernunftbegabten einheimischen Wesen, die wegen ihrer F�higkeit, ihre K�rperform zu ver�ndern, von den Eindringlingen als �Gestaltwandler� oder �Metamorphen� bezeichnet wurden. Majipoor ist ein au�erordentlich sch�ner Planet mit einem weitgehend milden Klima, auf dem es die erstaunlichsten zoologischen, botanischen und geographischen Ph�nomene gibt. Alles auf Majipoor ist gigantisch, phantastisch und wundervoll.</p><p>Nach Jahrtausenden der Spannungen zwischen den menschlichen Kolonisten und den Metamorphen brach schlie�lich ein langwieriger Krieg aus, der mit der Niederlage der Einheimischen endete. Sie wurden in einer entfernten Region des Planeten in ein riesiges Reservat verbannt. In dieser Phase kamen auch V�lker von anderen Planeten nach Majipoor�� die winzigen, gnomenhaften Vroon, die gro�en, zottigen vierarmigen Skandar, die zweik�pfigen Su-Suheris und einige weitere. Manche dieser V�lker�� vor allem die Vroon und die Su-Suheris�� besa�en �bersinnliche geistige Kr�fte und praktizierten verschiedene Formen der Magie. Doch in der jahrtausendelangen Geschichte Majipoors blieben stets die Menschen die dominante Art. Sie vermehrten sich stark und expandierten, und schlie�lich z�hlte die menschliche Bev�lkerung Majipoors nach Milliarden, die vor allem in riesigen, beeindruckenden St�dten von jeweils zehn bis zwanzig Millionen Einwohnern lebten.</p><p>Das Regierungssystem, das sich im Laufe dieser Jahre entwickelte, besteht aus einer Art nicht erblicher Doppelmonarchie. Wenn der �ltere Herrscher, der Pontifex genannt wird, an die Macht kommt, w�hlt er einen Coronal als j�ngeren Herrscher. Formal wird der Coronal als Adoptivsohn des Pontifex betrachtet, und nach dem Tod des Pontifex nimmt der Coronal dessen Platz als �lterer Monarch ein, um seinerseits einen neuen Coronal als Nachfolger zu benennen. Beide Herrscher haben ihre Sitze in Alhanroel, dem gr��ten und bev�lkerungsreichsten unter den drei Kontinenten Majipoors. Die kaiserliche Residenz des Pontifex wird Labyrinth genannt. Der �ltere Herrscher verl�sst sie nur �u�erst selten. Der Coronal dagegen lebt in einer gewaltigen Burg auf dem Gipfel des Burgbergs, einer drei�ig Meilen hohen Erhebung, deren Atmosph�re von komplizierten Maschinen in einem Zustand ewigen Fr�hlings gehalten wird. Von Zeit zu Zeit steigt der Coronal aus der pr�chtigen Burg herunter und unternimmt eine Gro�e Prozession, um die Welt zu bereisen. Diese Umz�ge sollen Majipoor an die Macht und Pracht seiner Herrscher erinnern. Eine solche Reise, die angesichts der riesigen Entfernungen in Majipoor mehrere Jahre dauern kann, f�hrt unweigerlich auch nach Zimroel, dem zweiten Kontinent. Dort gibt es an gewaltigen Fl�ssen und inmitten jungfr�ulicher W�lder riesige St�dte. Nur selten besucht ein Coronal auch den gl�hend hei�en Kontinent Suvrael im S�den, der zum gr��ten Teil aus �dland oder einer der Sahara �hnlichen W�ste besteht.</p><p>Sp�ter wurde das Regierungssystem Majipoors durch zwei weitere �mter erg�nzt. Die Entwicklung einer weltumspannenden telepathischen Kommunikation erlaubte n�chtliche Aussendungen von Weissagungen und gelegentlich auch therapeutischen Ratschl�gen. Dies fiel ins Aufgabengebiet der Mutter des jeweiligen Coronals, die als Herrin der Insel des Schlafs bezeichnet wird. Ihr Sitz befindet sich auf einer Insel, die, beinahe so gro� wie ein Kontinent, auf halbem Wege zwischen Alhanroel und Zimroel liegt. Sp�ter wurde noch eine zweite telepatische Macht, der K�nig der Tr�ume, eingesetzt. Er benutzt st�rkere telepathische Ger�te, um Verbrecher und andere B�rger, deren Verhalten von den auf Majipoor geltenden Ma�st�ben abweicht, zu �berwachen und zu bestrafen. Dieses Amt wird innerhalb der Barjazid-Familie in Suvrael vererbt.</p><p>Der erste Majipoor-Roman, <emphasis>Lord Valentine, </emphasis>erz�hlt von einer Verschw�rung, in deren Verlauf der legitime Coronal Lord Valentine durch einen Schwindler ersetzt wird. Seines Ged�chtnisses beraubt, wird Valentine in Zimroel ausgesetzt und lebt als wandernder Gaukler, doch nach und nach kehren die Erinnerungen an seine wahre Bestimmung zur�ck, und er kann durch einen Feldzug seinen Thron zur�ckerobern. Im Band <emphasis>Valentine Pontifex </emphasis>muss sich der gereifte Valentine, im Grunde seines Herzens ein Pazifist, mit einem Aufstand der Metamorphen besch�ftigen, die entschlossen sind, die menschlichen Eroberer von ihrer Welt zu vertreiben. Valentine besiegt sie und stellt mithilfe riesiger Meeresdrachen, deren Intelligenz bislang auf Majipoor nicht bekannt war, den Frieden wieder her.</p><p>Die Geschichtensammlung <emphasis>Die Majipoor-Chroniken </emphasis>beschreibt verschiedene Szenen aus vielen Zeitabschnitten und sozialen Schichtungen des Lebens auf Majipoor und bietet tiefere Einblicke in zahlreiche Aspekte der riesigen Welt, die in den Romanen nicht beschrieben werden. Der kurze Roman <emphasis>Die Berge von Majipoor, </emphasis>der f�nfhundert Jahre nach Valentines Amtszeit spielt, versetzt uns in den eisigen Norden, wo schon seit langer Zeit eine Barbarengemeinschaft unter schwierigen Bedingungen �berlebt. Die letzten Majipoor-Romane, die Trilogie um Lord Prestimion, spielen tausend Jahre vor Valentine und schildern eine Zeit, in der Majipoor von Zaubermacht beherrscht wird. Nachdem er von einem Usurpator, dem Sohn eines Vorg�ngers, und einigen Magiern und Kriegsherren um den Thron betrogen wurde, f�hrt der Coronal Lord Prestimion seine Fraktion in einem B�rgerkrieg, in dem er auch nekromantische Kr�fte einsetzt, doch noch zum Sieg.</p><p>Die hier vorgestellte Geschichte schildert eine Episode, die zeitlich vor allen bisher ver�ffentlichten Majipoor-Romanen anzusiedeln ist�� etwa viertausend Jahre vor Valentine, mehr als dreitausend Jahre vor Prestimion und zehntausend Jahre, nachdem die ersten menschlichen Siedler kamen. Gleichwohl nahm sogar damals die Fr�hgeschichte Majipoors bereits den Charakter von Legenden an.</p></section></body><binary id="cover" 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