<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf</genre><author><first-name>Robert</first-name><last-name>Silverberg</last-name></author><book-title>Das Land der Lebenden</book-title><annotation><p>Eine phantastische Reise in die Totenwelt jenseits der Erde�� dort trifft K�nig Gilgamesch seinen geliebten Freund Enkidu wieder�� nur um ihn erneut zu verlieren. Auf seiner Wanderschaft durch die dunklen Ein�den begegnet er Menschen aus der Steinzeit ebenso wie Menschen des Industriezeitalters, die mit ihren seltsamen technischen Ger�tschaften die l�rmende Hektik ihrer Epoche ins Totenreich eingeschleppt haben. Er begegnet der sch�nen Helena, die Picasso Modell sitzt, und Robert E. Howard, der glaubt, in ihm seinen Conan leibhaftig vor sich zu haben. Es gelingt Gilgamesch sogar, den Weg zur�ck ins Land der Lebenden zu finden, ins New York des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts, doch er wendet ihm schaudernd den R�cken.</p></annotation><date>1996</date><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><src-lang>en</src-lang><translator><first-name>Roland</first-name><last-name>Fleissner</last-name></translator><sequence name="Gilgamesch (de)" number="5"/></title-info><src-title-info><genre>sf</genre><author><first-name>Robert</first-name><last-name>Silverberg</last-name></author><book-title>To the Land of the Living</book-title><date value="1989-04-01">1989</date><lang>en</lang></src-title-info><document-info><author><nickname>Cosmopilit</nickname></author><program-used>calibre 2.10.0, FictionBook Editor Release 2.6.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2015-06-13">13.6.2015</date><id>97fc07c1-f924-44f4-8311-628768e2bc24</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><book-name>Robert Silverberg. Das Land der Lebenden</book-name><publisher>Wilhelm Heyne</publisher><city>M�nchen</city><year>1996</year><isbn>3-453-11886-3</isbn></publish-info></description><body><title><p>Robert Silverberg</p><p>Das Land der Lebenden</p></title><epigraph><poem><stanza><v>Per me si va ne la citt� dolente.</v><v>Per me si va ne l�etterno dolore,</v><v>Per me si va tra la perduta gente.</v><v>Giustizia mosse il mio alto fattore;</v><v>Fecemi la divina podestate,</v><v>La somma sapienza ed il primo amore.</v><v>Dinanzi a me non fuor cose create</v><v>Se non etterne, ed io etterno duro.</v><v>LASCIATE OGNI SPERANZA, VOI CH�ENTRATE.<a l:href="#n_1" type="note">[1]</a></v></stanza></poem><text-author>� DANTE, <emphasis>G�ttliche Kom�die</emphasis> (�Inferno�, 3,1000�9)</text-author><text-author>Deutsche �bersetzung von Otto Gildemeister.</text-author><text-author>Phaidon Verlag, Essen</text-author></epigraph><section><empty-line/><p>F�R RALPH</p><empty-line/><p><emphasis>der alles im Auge beh�lt, von Antigua bis Zimbabwe�� den lieben Freund, den getreuen Ratgeber</emphasis></p></section><section><p>Ich bin der Mann, den ihr Gilgamesch nennt.</p><p>Ich bin der suchende Pilger, der alles gesehen hat, was es zu sehen gibt, in den Grenzen des LANDES und dar�ber hinaus. Ich bin der Mann, dem alles geoffenbart wurde, was da ist, die geheimen und verborgenen Dinge, die Wahrheit �ber Leben und Tod, ganz besonders das Geheimnis des Todes.</p><p>Ich bettete mich mit der Inanna auf das Lager der Heiligen Hochzeit; ich zerschmetterte D�monen und sprach mit den G�ttern; ich bin zu zwei Teilen meiner Wesenheit selber g�ttlich, und nur ein Teil von mir ist sterblich. Hier, in dieser Stadt Uruk, bin ich der K�nig, und wenn ich durch meine Stra�en schreite, bleibe ich allein, denn keiner wagt es, sich mir zu n�hern.</p></section><section><title><p>1</p></title><p>�ber dem Horizont tanzten wetterleuchtend gr�nliche Zackenblitze, und der Wind wehte messerscharf aus dem Osten, fegte das flache Land kahl und wirbelte graubraune Wolken von Staub auf. Gilgamesch l�chelte breit. Bei Enlil, das war ein Prachtwind. Ein L�went�terwind war das, ein Wind, der die Luft austrocknete und zum Knistern brachte. Die Jagd auf die wilden Tiere des Feldes bereitete die gr��te Lust, wenn der Wind so stand, so stark und scharf und grausam.</p><p>Er kniff die Augen zusammen und sp�hte in die Ferne, um seine Beute f�r diesen Tag auszumachen. Sein Bogen aus siebenerlei H�lzern, der Bogen, den kein Mann au�er ihm zu spannen stark genug war�� keiner au�er ihm und Enkidu, dem geliebten und dreifach verlorenen Freund�� hing locker von seiner Hand. Sein Leib war gespannt und bereit. Kommt schon, ihr Bestien! Kommt heran, auf da� ihr erschlagen werdet! Hier steht Gilgamesch, der K�nig in Uruk, der heute mit euch seinen Spa� haben m�chte!</p><p>Andere M�nner in diesem seltsamen Land, wenn sie sich auf die Jagd begaben, benutzten Gewehre, diese schmutzigen Maschinen, welche die Sp�ten Toten gebracht hatten, die den Tod aus gro�er Entfernung schleudern, verbunden mit viel L�rmen und Feuer und Rauch; oder sie verwendeten die noch t�dlicheren Laserwaffen, aus deren h��lichen M�ulern wei�blaue Flammen spritzen. Sachen f�r Feiglinge, alle diese T�tungsmaschinen! Gilgamesch verabscheute sie, ebenso wie er die meisten Instrumente der Sp�ter Toten ha�te, dieser geleckten, aufdringlichen lauten Sp�tlinge der Nachwelt. Er nahm so etwas nie in die H�nde, wenn er es vermeiden konnte. In all den Tausenden Jahren in dieser niederen Welt, diesem Land der Tr�ume und Geister, in einem Leben jenseits des Lebens, hatte er niemals andere Waffen benutzt als jene, die ihm seit seinem ersten Leben vertraut waren: den Wurfspie�, den Speer, die Doppelaxt, den Jagdbogen, das gute Bronzeschwert. Mit solchen Waffen zu jagen, das erforderte einiges K�nnen. Und es verlangte einem Mann k�rperliche Anstrengung ab und war mehr als nur ein bi�chen riskant. Die Jagd war ein Wettkampf, oder nicht? Gut, dann mu�te es dabei auch einige Anspr�che und M�hen geben. Denn wenn es nur darauf ankam, die Beute auf m�glichst rasche, einfache und ungef�hrliche Art zu t�ten, dann w�re ja wohl die am besten geeignete Methode, hoch �ber den Jagdgr�nden in einer Fliegenden Festung zu schweben, ein kleines Atomb�mbchen abzuwerfen und mit einem Streich gleich die ganze Wildtierfauna von f�nf K�nigreichen auszurotten, sagte Gilgamesch sich. Und er lachte und schritt weiter.</p><empty-line/><p>�Wenn du mal in Texas gewesen w�rst, H. P. das hier ist so ziemlich genau so wie das, was du da zu sehen gekriegt h�ttest�, sagte der gro�e breitschultrige Mann mit den m�chtigen Armen und der dunklen sonnenverbrannten Haut. Mit einem Arm machte er schweifende Gesten, mit drei Fingern der anderen Hand, leicht auf das Lenkrad gelegt, steuerte er den Landrover in wildem Zickzack wie nebenbei �ber das flache unwegsame Gel�nde. Graugr�nes knorziges Kr�ppelholz wuchs hier und da auf dem sandigen Boden. Der Himmel war von wirbelndem Staub geschw�rzt. In weiter Ferne ragten kahle Bergzacken auf wie dunkle kari�se Z�hne. �Wundervoll. Wundervoll. Fast wie Texas, sieht das aus, da merkste beinah� fast keinen Unterschied, so wie das Land da aussieht.�</p><p>�Wundervoll?� sagte der andere Mann unsicher. �Die Nachwelt?�</p><p>�Also, das St�ck da isses bestimmt. Aber wenn du die Nachwelt sch�n findest, dann h�ttste mal das echte Texas sehen sollen!�</p><p>Der Brocken am Steuer lachte und jagte den Motor hoch, und der Landrover raste und h�pfte mit atemberaubendem Tempo weiter.</p><p>Der Beifahrer, ein hagerer Mann mit hohlwangigem Gesicht und ebenso bleich, wie der andere sonnenverbrannt war, kauerte sehr still daneben, die Knie zusammengedr�ckt, die Ellbogen in die Rippen gepre�t, als rechne er jeden Augenblick damit, da� der Wagen gegen etwas prallen k�nnte. Die beiden waren gemeinsam nun seit vielen Tagen quer durch die endlos scheinenden verbrannten W�sten des Outback gezogen�� seit wie vielen Tagen h�tten nicht einmal die Alten G�tter sagen k�nnen. Sie waren Gesandte, alle beide. Ihre Exzellenzen Robert E. Howard und H. P. Lovecraft aus dem K�nigreich des Neuen Heiligen Auferstandenen England, Botschafter Seiner Britannischen Majest�t des Henry an den Hof des Priesterk�nigs Johannes.</p><p>In einem fr�heren Leben waren Lovecraft und Howard Schreibarbeiter gewesen, Verfasser phantastischer Fabeln, doch jetzt sahen sie sich auf einmal verfangen in etwas, das weit phantastischer war als irgend etwas, das in ihren Fabeln vorkam, denn das hier war eben kein M�rchen. Dies war die harte brutale Realit�t in der Nachwelt.</p><p>Der Landrover h�pfte, schlitterte und sprang weiter.</p><p>�Robert bitte�, sagte der blasse Mann ein wenig nerv�s.</p><p>Gilgamesch wu�te, da� ein paar Leute ihn wegen seiner konservativen Einstellung f�r einen Trottel hielten. Caesar zum Beispiel. Der kaltschn�uzige Kotzbrocken Julius mit seinem Gurt von Splittergranaten um den Bauch und der Uzi �ber der Schulter�� Caesar, der all das repr�sentierte, was Gilgamesch am meisten verachtete. �Wieso gibst du�s nicht zu?� hatte Caesar ihn vor ziemlich langer Zeit gefragt, aus seinem Jeep heraus, als Gilgamesch seinen Abgang aus Nova Roma vorbereitete, der Stadt, in der er viel zu lange gelebt hatte, um in die offene Wildnis der Nachwelt, das gottverlassene Outback zu ziehen. �Das ist doch reine Affektiertheit, Gilgamesch, dieses ganze hartn�ckige Beharren auf Pfeilen und Wurfspie�en und Speeren. Du lebst eben nicht mehr im alten Sumer derzeit.�</p><p>Gilgamesch spuckte aus. �Jagen mit Neunmillimeter-Automatik? Jagen mit Granaten und Splitterbomben und Lasern? So was nennst du Sport, Caesar?�</p><p>�Ich nenn� das die Realit�t akzeptieren. Lehnst du die technischen Errungenschaften ab? Was besteht f�r ein Unterschied zwischen dem Einsatz von Pfeil und Bogen und dem von einem Gewehr? Beides ist Technik, Gilgamesch. Und schlie�lich t�test ja auch du die Tiere nicht mit den blo�en H�nden.�</p><p>�Auch das habe ich schon getan�, entgegnete Gilgamesch.</p><p>�Pah! Ich hab� dich durchschaut. Der gro�e Wonnebrocken Gilgamesch, der naive, schlichte �bergro�e Heros der Bronzezeit! Auch das ist nichts weiter als Affektiertheit, mein Freund. Du tust, als w�rst du ein bl�der, sturer und dicksch�dliger Barbar, weil es dir so pa�t, da� man dich bei deiner Jagd und deinen Wanderungen in Ruhe l��t, und das ist alles, behauptest du, was du wirklich willst. Aber insgeheim h�ltst du dich allen �berlegen, die in einer �ra leben, die leichter und bequemer ist als deine Welt. Du beabsichtigst, die schlechten alten dreckigen Methoden der Ururalten wieder einzuf�hren, stimmt�s nicht? Wenn ich dich richtig durchschaue, dann wartest du blo� deine Zeit ab und treibst dich derweil mit Pfeil und Bogen im trostlosen Outback herum, bis du den richtigen Moment f�r gekommen h�ltst, den <emphasis>Putsch</emphasis> zu starten, der dir hier die h�chste Machtposition verschaffen soll. Stimmt�s nicht, Gilgamesch? Du h�ngst einer verr�ckten Wunschvorstellung nach, da� du uns alle beherrschen willst, als h�chster Alleinherrscher und absoluter Diktator. Und dann leben wir wieder in St�dten aus Lehmziegeln und kritzeln kleine H�hnerkrakeleien auf Tont�felchen, so wie du denkst, da� Menschen das tun m�ssen. Was sagst du dazu?�</p><p>�Ich sage, du redest gro�en Quatsch, Caesar.�</p><p>�Ah, ja? Es wimmelt hier nur so von K�nigen und Kaisern und Sultanen und Pharaonen und Schahs und Pr�sidenten und Diktatoren, und jeder von denen m�chte wieder die Nummer Eins sein. Ich vermute, du bist da auch keine Ausnahme.�</p><p>�Darin irrst du dich gewaltig. Es ist jedermann wohlbekannt, da� mich nicht danach gel�stet, ein zweites Mal �ber Menschen zu herrschen.�</p><p>�Das bezweifle ich eben. Ich hege den Verdacht, da� du dich f�r den Nobelsten von uns allen h�ltst: Du, der k�hne Krieger, der gro�e J�ger, der Ziegelmacher, der Erbauer weiter Tempel und erhabener Wallmauern, der strahlende Musterknabe des antiken Heldentums.� Caesar lachte. �Ehe es Rom gab, da warst du und dein erb�rmliches kleines von der Sonne versengtes Mesopotamien, das Land zwischen den Fl�ssen, tats�chlich eine gro�e Show, und das kannst du uns einfach nicht vergessen lassen, wie? Du h�ltst uns alle f�r degenerierte verkommene miese Schufte und dich f�r den einzigen echten tugendhaften Mann. Dabei bist du genauso stolz und �berheblich und ehrs�chtig wie nur einer von uns. Trifft das nicht zu? Diese Sache, da� du deine K�nigsmacht abgelegt hast, wof�r du so gepriesen wurdest, das ist doch nur Pose. Du bist ein Schwindler, Gilgamesch, ein gewaltiger muskelbepackter Schwindler!�</p><p>�Wenigstens bin ich aber keine glatte heimt�ckische Schlange wie du, Caesar, der sich seine Freunde kauft und zum jeweils g�nstigsten Preis wieder verkauft.�</p><p>Caesar schien der Anwurf nicht zu beunruhigen. �Und du verbringst also zwei Drittel deiner Zeit damit, stumpfsinnige schwerf�llige Ungeheuer im Outback zu killen, und du sorgst daf�r, alle wissen zu lassen, da� du zu gottesf�rchtig bist, als da� du dabei etwas mit modernen Waffen zu tun haben m�chtest. Aber mich t�uschst du nicht. Es ist nicht m�nnliche Tugend, was dich davon abh�lt, deine Absch�sse mit einer anst�ndigen doppell�ufigen 470er Springfield zu erledigen. Es ist geistiger Hochmut, vielleicht auch schlichte geistige Tr�gheit. Der Bogen ist zuf�llig die Waffe, mit der du aufgewachsen bist, vor wer wei� wie vielen tausend Jahren. Und du liebst ihn, weil er dir vertraut ist. Aber welche Sprache redest du denn jetzt, heh? Dein schwerf�lliges plumpes Kauderwelsch vom Euphrat? Nein, anscheinend doch Englisch, oder? Hast du damals auch diese Sprache gesprochen, Gilgamesch? Bist du als Junge in Jeeps herumgefahren oder in Hubschraubern herumgeflogen? Offenbar sind ein paar der modernen Annehmlichkeiten f�r dich <emphasis>doch</emphasis> akzeptabel.�</p><p>Gilgamesch zuckte die Achseln. �Ich spreche englisch mit dir, weil das hier die haupts�chliche g�ngige Sprache ist. Aber in meinem Herzen, Caesar, rede ich immer noch in der alten Zunge. In meinem Herzen bin ich noch immer der Gilgamesch aus Uruk, und ich gedenke zu jagen, wie ich es will.�</p><p>�Dein Uruk ist vor langer Zeit zu Staub zerfallen. Das hier ist das Leben nach dem Leben, mein Freund, der kleine Scherz, den sich die G�tter mit uns allen erlaubt haben. Wir sind schon recht lange hier. Und wir werden f�r alle k�nftige Zeit hier sein, wenn ich mich nicht irre. Neue Leute bringen andauernd neue Vorstellungen hierher, und man kann sie unm�glich einfach ignorieren. Nicht einmal du kannst das. Neuerungen setzen sich fest und ver�ndern dich, wie sehr du auch vorzugeben versuchst, da� es unm�glich ist.�</p><p>�Ich will jagen, wie <emphasis>ich</emphasis> es will�, sagte Gilgamesch. �Es ist unsportlich, wenn man es mit Gewehren tut. Es hat keine W�rde, keine Eleganz.�</p><p>Caesar sch�ttelte den Kopf. �Ich habe ja sowieso nie verstanden, was an der Jagd sportlich sein soll. Ein paar Hirsche t�ten, ja, oder ein, zwei Wildschweine, wenn du in irgendeinem gr��lichen Wald in Gallien das Lager aufgeschlagen hast und deine M�nner Fleisch haben wollen. Aber Jagen aus Lust, als Sport? Gr��liche Tiere abschlachten, die noch nicht einmal e�bar sind? Bei Apollo, mir kommt das v�llig unsinnig vor!�</p><p>�Genau, was ich behaupte.�</p><p>�Aber wenn du jagen mu�t, dann ist es doch ziemlich bl�d, ein anst�ndiges Jagdgewehr abzulehnen als��</p><p>�Du wirst mich niemals dazu bringen.�</p><p>�Nein.� Caesar seufzte. �Wahrscheinlich nicht. Ich sollte eigentlich gescheiter sein und nicht mit einem Reaktion�r zu argumentieren versuchen.�</p><p>�Reaktion�r! In meinen Tagen galt ich als Radikaler�, sagte Gilgamesch. �Als ich noch K�nig war in Uruk��</p><p>�Eben�, sagte Caesar und grinste. �K�nig in Uruk! Hat es je einen K�nig gegeben, der nicht reaktion�r gewesen w�re? Du st�lpst dir eine Krone auf den Kopf, und sofort f�ngt dein Hirn an zu verfaulen. Dreimal hat Antonius mir die Krone angeboten, Gilgamesch, dreimal, und��</p><p>��du hast sie dreimal zur�ckgewiesen, sicher. Das ist mir alles bekannt. �War dies Herrschsucht?� Du dachtest einfach, du kannst die Macht bekommen, ohne das Symbol der Macht. Wen wolltest du damit hinters Licht f�hren, Caesar? Brutus jedenfalls nicht, wie ich h�re. Brutus sagte, du steckst voller Ehrsucht. Und Brutus��</p><p>Dies traf tiefer als alles andere zuvor Gesagte. Caesar ballte drohend die Faust. �Verdammt, sprich es nicht aus!�</p><p>��war ein ehrenwerter Mann�, schlo� Gilgamesch dennoch. Er geno� Caesars deutliches Unbehagen.</p><p>Der R�mer st�hnte: �Wenn ich diese Zeile noch einmal zu h�ren kriege��</p><p>�Einige sagen, hier ist ein Ort der Peinigung�, sagte Gilgamesch gelassen. �Und wenn dies wahrhaftig so ist, dann besteht deine Pein darin, da� du von der Dichtung eines anderen Mannes aufgesogen und zum Verschwinden gebracht bist. La� mich also mit meinem Bogen und meinen Pfeilen allein, Caesar, und wende du dich deinem Jeep zu und deinen kleinen Intrigen. Ich bin ein Narr und ein Reaktion�r, m�glich. Aber du hast keine Ahnung von der Jagd. Und du hast auch keine Ahnung, wer ich bin.�</p><empty-line/><p>All das war vor einem Jahr geschehen, oder auch vor zwei Jahren, oder m�glicherweise f�nf�� sogar die Leute, die sich Uhren und Armbanduhren leisteten, besa�en keine M�glichkeit der genauen Zeitbestimmung in der Nachwelt, �ber der das r�tliche niemals schlafende Sonnenauge willk�rlich kreisend �ber den Himmel zog�� und nun war Gilgamesch weit fort von Caesar und all seinen Gehilfen, weit weg von Nova Roma, der l�stig turbulenten Hauptstadt der Nachwelt, weit fort von den l�cherlichen Querelen solcher Leute wie Caesar und Bismarck und Cromwell und diesem kleinen Dreckskerl Lenin, die sich an diesem Ort um die Macht stritten. Er war mitten unter diesen Leuten gelandet, weil�� er konnte sich kaum noch erinnern, weshalb�� weil er einem von denen begegnet war, oder Enkidu war einem begegnet, und fast ohne zu merken, was passierte, waren sie da hineingezogen und in die Intrigen und Gegenintrigen verwickelt worden, in ihre Tr�ume von einem Reich, der erhofften Revolution, dem Umsturz und Umbruch und der Umgestaltung. Bis es ihn schlie�lich gelangweilt hatte, wie t�richt diese Leute waren, und er sich von ihnen entfernt hatte, f�r immer. Wie lange her war das? Ein Jahr? Ein Jahrhundert? Er wu�te es nicht.</p><p>Sollten sie doch soviel herumman�vrieren, wie es ihnen Spa� machte, diese langweiligen Neulinge aus den j�ngeren aufgebl�hten Sp�tzeiten. Ihr ganzes Tun und Treiben war hohl, leer und eitel, aber sie erkannten es nicht. Doch eines Tages mochten sie lernen, was Weisheit ist, und war nicht dies der Zweck dieses Ortes, sofern er �berhaupt einen Zweck erf�llte?</p><p>Gilgamesch zog es jedenfalls vor, sich aus dem Mittelpunkt des Kampfplatzes zu entfernen. Das Streben nach Macht �dete ihn an. Das hatte er lange schon hinter sich gelassen, hatte es zur�ckgelassen in jener anderen Welt, in der seine erste fleischliche Existenz empfangen worden und zu Staub und Asche geworden war. Und anders als die �brigen gest�rzten Potentaten, die Kaiser und K�nige und Pharaonen und Schahs, versp�rte er keinerlei Verlangen danach, die Nachwelt nach seinem Wunsch und Bild neuzugestalten, oder hier die Pracht und den Glanz zur�ckzugewinnen, die er einst gekannt hatte. Caesar irrte sich, was Gilgameschs Ehrgeiz und Herrschaftsstreben betraf, ebenso wie er in der Beurteilung seiner Jagdausr�stung falsch lag. Hier drau�en, in dem kahlen, vertrockneten, kalten Hinterland der Nachwelt, hoffte er, Gilgamesch, nur seinen Frieden zu finden, sonst nichts. Einst hatte er sehr viel mehr gew�nscht, doch das war lange her und an einem ganz � anderen Ort.</p><p>In dem d�rren Unterholz bewegte sich etwas.</p><p>Vielleicht ein L�we?</p><p>Nein, sagte er sich. In der Nachwelt gab es keine L�wen mehr, nur diese fremdartigen Unterwelttiere, von D�monen gezeugt, in Alptr�umen gelaicht, die in den toten Zonen zwischen den St�dten lauerten�� scheu�liche behaarte Wesen mit flachen Nasen, zahlreichen Beinen und tr�ben b�sartigen Augen und glatte schimmernde Gesch�pfe mit den Gesichtern von Weibern und den K�rpern mi�gebildeter Hunde, und Schlimmeres, viel �bleres noch. Manche besa�en schlaffe lederartige Schwingen, und manche waren mit stacheligen Schw�nzen bewehrt, die emporragten wie die von Skorpionen, und manche hatten M�uler, die so gro� waren, da� sie einen ganzen Elefanten auf einmal verschlingen konnten. Gilgamesch wu�te, sie alle waren D�monen der einen oder der anderen Art. Doch das spielte keine Rolle. Jagd war Jagd, die Beute war die Beute, und auf dem weiten Kampffeld der Bew�hrung waren alle gleich. Und das w�rde dieser Geck von einem Caesar niemals auch nur ahnen.</p><p>Gilgamesch zog einen Pfeil aus seinem K�cher, setzte ihn sacht an den Bogen und wartete.</p><empty-line/><p>�Ziemlich �hnlich wie Texas, ja�, sprach Howard weiter, �nur da� diese Nachwelt nur eine bl��liche Kohlekopie der Wirklichkeit ist. Blo� ein unbeholfener erster Entwurf, weiter nichts. Siehst du den Sandsturm, der sich da dr�ben zusammenbraut? Die Sandst�rme, die <emphasis>wir</emphasis> hatten, die bedeckten ganze Bezirke! Du siehst das Wetterleuchten da? In Texas w�re sowas als unbedeutendes Flimmern angesehen worden!�</p><p>�Wenn du nur einfach ein bi�chen langsamer fahren k�nntest, Bob��</p><p>�Langsamer? Bei Chthulus Schnurrhaaren, Mann, ich <emphasis>fahre</emphasis> doch <emphasis>langsam!�</emphasis></p><p>�Ja, mir ist durchaus bewu�t, da� du das denkst.�</p><p>�Und wie ich immer geh�rt habe, H. P. konnten dich die Leute f�r deinen Geschmack nie schnell genug rumkutschieren, immer Topgeschwindigkeit, siebzig, achtzig Stundenmeilen, das h�rteste doch am liebsten, erz�hlt man sich jedenfalls.�</p><p>�Im anderen Leben stirbt man nur einmal, und damit endet jeglicher Schmerz�, erwiderte Lovecraft. �Aber hier, wo man sein Leben immer und immer wieder verlieren kann, wo man jedesmal aus der Finsternis wieder zur�ckkehrt, und wenn du zur�ckkehrst, erinnerst du dich h�chst farbig und lebhaft an jede einzelne Todesagonie�� hier, mein lieber Freund Bob, hier ist der Tod viel erschreckender, denn der Schmerz des Sterbens bleibt dir ewig erhalten, und du kannst tausend Tode sterben.� Lovecraft brachte ein blasses giftiges L�cheln zustande. �Rede dar�ber mal mit einem Profik�mpfer, Bob, einem der Krieger von Troja, oder mit einem Hunnen, einem Assyrer�� oder mit einem der Gladiatoren vielleicht, mit Leuten, die wieder und wieder und immer wieder gestorben sind. Frage die danach, wie das ist, das Sterben und die Wiedergeburt, wie schmerzlich es ist, was f�r eine grauenhafte Folter, jede Einzelheit aufs neue zu durchleben. Es ist schrecklich, wenn man in der Nachwelt sterben mu�. Ich f�rchte mich hier vor dem Tod viel mehr, als ich das je im Leben tat. Hier will ich keine unn�tigen Risiken eingehen.�</p><p>Howard schniefte durch die Nase. �Allm�chtiger, dich soll mal einer zu begreifen versuchen! Damals, als du dachtest, da� du nur einmal lebst, hast du die Leute �ber den Highway gehetzt, mit einer Meile pro Minute. Und hier, wo keiner sehr lange tot bleibt, verlangst du von mir, ich soll fahren wie ein altes Weib! Sch�n, ich will�s versuchen, H. P. aber alles in mir schreit danach, loszubrausen wie der Wind. Wenn du in einem weiten Land lebst, lernst du eben, Entfernungen zu durchfahren, wie es n�tig ist. Und Texas ist das gr��te Land, das es gibt. Es ist nicht blo� eine Gegend, es ist ein Geisteszustand.�</p><p>�Genau wie die Nachwelt�, sagte Lovecraft. �Allerdings gebe ich dir gern zu, da� die Nachwelt nicht Texas ist.�</p><p>�Texas!� r�hrte Howard. �Also, das war noch was! Verdammt, ich wollte, du h�ttest das sehen k�nnen! Bei Gott, H. P. was wir f�r einen Spa� gehabt h�tten, wir beide, wenn du nach Texas gekommen w�rst. Zwei literarische Gentlemen wie wir, und wir fahren zusammen bis in die H�lle und zur�ck, von Corpus Christi nach El Paso und umgekehrt, und wir schauen uns das alles an und erz�hlen uns gegenseitig die ganze Zeit wundervolle Geschichten! Ich schw�r�s dir, H. P. das h�tte dir das Herz weit gemacht. Soviel Sch�nheit, wie nicht einmal du sie dir h�ttest vorstellen k�nnen. Der riesige weite Himmel. Diese flammende Sonne. Und diese Weite! Ganze Reiche h�tten da Platz gehabt in Texas und h�tten spurlos verschwinden k�nnen! Dieses Rhode Island von dir, H. P. also�� das k�nnten wir einfach da gleich hinter Cross Plains absetzen, und es w�rde sofort hinter einem mittelgro�en Feigenkaktus verschwinden! Aber was du jetzt hier siehst, das gibt dir blo� einen schwachen Eindruck von der grandiosen Sch�nheit. Aber ich gebe zu, auch das hier ist schon an sich massig sch�n, so wie es hier ist.�</p><p>�Ich w�nschte, ich k�nnte deine Begeisterung f�r die Landschaft teilen, Robert�, sagte Lovecraft ruhig, als es den Anschein hatte, da� Howard alles gesagt hatte, was er zu sagen hatte.</p><p>�Es gef�llt dir nicht besonders?� fragte Howard �berrascht und in leicht verletztem Ton.</p><p>�Ein Gutes hat es immerhin�� es ist weit weg vom Meer.�</p><p>�Ah! Immerhin das findest du gut, ja?�</p><p>�Du wei�t doch, wie ich das Meer verabscheue und alles, was sich im Meer tummelt! Diese abscheulichen Kreaturen�� der salzige Gestank, der dar�ber liegt�� Lovecraft sch�ttelte sich geziert. �Aber dieses Land hier, diese bittere W�ste�� findest du die nicht trostlos? Findest du nicht, es ist ziemlich absto�end, dieses Outback?�</p><p>�Es ist die sch�nste Gegend, die ich gesehen habe, seit ich in der Nachwelt gelandet bin.�</p><p>�M�glicherweise ist das, was du als sch�n bezeichnest, meinem groben Blick nicht so recht erkenntlich und entgeht mir v�llig. Ich selbst war stets ein St�dter.�</p><p>�Was du mir zu sagen versuchst, nehme ich an, ist, da� du das alles hier scheu�lich findest. Stimmt�s? So gr��lich und gespenstisch wie das Plateau von Leng, was, H. P.?� Howard lachte. ��Unfruchtbare graue Granitberge� verschwommene W�sten aus Stein und Eis und Schnee��� Als er sich so zitiert h�rte, lachte Lovecraft ebenfalls, wenn auch nicht �berschwenglich. Howard redete weiter: �Ich schaue mich um im Outback der Nachwelt und sehe etwas, das in vielem Texas �hnelt, und ich liebe es. F�r dich ist es so unheimlich wie das dunkle frostige Leng, wo die Bewohner H�rner tragen und Hufe haben und an Leichen knabbern und Hymnen zu Nyarlathotep singen. Ach, H. P. H. P. �ber Geschm�cker l��t sich halt nicht streiten, oder? Es soll ja sogar Leute geben, die�� holla! Ja, schau dir das an!�</p><p>Er trat pl�tzlich auf die Bremse und brachte den Landrover scharf zum Stehen. Ein kleines b�sartig aussehendes Etwas mit funkelnden Augen und schuppigem Leib war aus der Deckung hervorgekommen und dicht vor ihnen �ber den Pfad geglitten. Jetzt hatte es sich umgewandt funkelte sie von der Stra�e herauf knurrend und flammenspeiend an.</p><p>�H�llenkatze!� rief Howard. �H�llencojote! <emphasis>Schau</emphasis> dir das Mistvieh an, H. P.! Hast du schon mal soviel Scheu�lichkeit in so �nem kleinen P�ckchen gesehen? Das Ding da k�nnte einen Shoggoth dazu bringen, vor Schreck die Zehenn�gel zu verlieren!�</p><p>�K�nntest du daran vorbeifahren?� bat Lovecraft angewidert.</p><p>�Zuerst m�chte ich mir das mal n�her anschauen.� Howard kramte zwischen seinen Stiefeln auf dem Boden herum und brachte eine Pistole zum Vorschein. �L�uft�s dir da nicht kalt �ber�n R�cken, Mann, so durch eine Gegend zu fahren, in der es von Scheusalen wimmelt, die direkt aus einer von deinen Geschichten entsprungen sein k�nnten�� oder aus einer von meinen? Ich m�chte die kleine Ghoulkatze mal aus der N�he in Augenschein nehmen.�</p><p>�Robert��</p><p>�Du wartest hier. Es dauert blo� �ne Minute.�</p><p>Howard hievte sich aus dem Wagen und marschierte stur auf das fauchende kleine Ungeheuer zu, das sich zum Kampf stellte. Lovecraft beobachtete das nerv�s. Jeden Augenblick konnte das Gesch�pf Bob Howard anspringen und ihm mit einem Hieb der gr��lichen gelben Krallen den Hals zerfetzen, vielleicht�� oder sich tief in seine Brust verbei�en, um das warme pulsende Herz des Texaners zu finden�</p><p>Da standen sie und starrten sich gegenseitig an, Howard und das kleine Ungeheuer, nicht mehr als vier Meter voneinander entfernt. Lange bewegte sich keiner von beiden. Howard hatte die Waffe gezogen und beugte sich vor, um das Tier zu betrachten, wie man vielleicht eine verwilderte Katze betrachtet, die den Eingang zu einer Hintergasse bewacht. Hatte er vor, das Tier zu t�ten? Nein, dachte Lovecraft, unter seinem aufgeplusterten Gehabe schien der robuste Howard erstaunlich zimperlich, wo es um Blutvergie�en und irgendwie geartete Gewalt ging.</p><p>Und dann geschah alles sehr schnell. Aus einem Dickicht links brach pl�tzlich ein viel gr��eres Tier hervor: ein monstr�ses w�tendes Gesch�pf mit Krokodilskopf und m�chtigen dickschenkligen Beinen, die in schrecklichen Sichelkrallen endeten. Quer durch die bebende Wamme der breiten Kehle steckte ein Pfeil, und aus der Wunde triefte scheu�licher dunkler Ichor in den absto�enden blaugrauen Pelz des Tieres. Als das kleinere Tier das gr��ere, so schwer verwundete erblickte, sprang es ihm sofort auf die Schulter und verbi� sich dort gen��lich mit den Fangz�hnen. Doch unmittelbar darauf brach aus dem selben Dickicht ein Mann von verbl�ffender Gr��e hervor, ein gro�er dunkelhaariger Mann mit blauschwarzem Bart, der nur mit einem Fetzen Stoff um die H�ften bekleidet war. Das war unzweifelhaft der J�ger, der das gr��ere Tier angeschossen hatte, denn er hielt einen erstaunlich gro�en Bogen in der Hand, und auf dem R�cken hing ihm ein K�cher mit Pfeilen. V�llig furchtlos packte der Riese das b�sartige kleine Gesch�pf, ri� es vom R�cken des verwundeten Tiers und schleuderte es gewaltig au�er Sichtweite; dann wirbelte der Mann herum, z�ckte einen schimmernden Bronzedolch und trieb ihn mit einem einzigen heftigen Sto� in die Brust seiner Beute, der <emphasis>Coup de gr�ce,</emphasis> der das Tier dann schwer niederbrechen lie�.</p><p>Das alles hatte nur Augenblicke gedauert. Lovecraft sp�hte durch die Windschutzscheibe und war best�rzt, wie stark und wie schnell die T�tung erfolgte, und er war tief beeindruckt von der k�rperlichen Gr��e und Gewandtheit des halbnackten J�gers. Dann blickte er zu Howard, der daneben stand und der, trotz seiner beachtlichen K�rperlichkeit, neben dem Schwarzb�rtigen wie ein l�cherlicher Zwerg wirkte.</p><p>Einen Moment lang wirkte Howard wie vom Blitz getroffen, wie gel�hmt vor best�rztem Staunen. Aber dann fand er doch zuerst die Sprache wieder.</p><p>�Bei Crom�, stammelte er und starrte den Riesen an. �Das ist bestimmt Conan von Aquilonia und kein anderer!� Er zitterte. Er trat unsicher einen Schritt auf den Riesen zu, reckte ihm in einer seltsamen Geste beide H�nde entgegen�� war es eine Geste der Unterwerfung?�� und murmelte: �Lord Conan? Gro�er K�nig, bist du es? Conan? Conan?� Und vor den verbl�fften Augen Lovecrafts fiel Howard neben dem verr�chelnden Her auf die Knie und schaute best�rzt und irgendwie gleichzeitig hingerissen zu dem gewaltigen J�ger empor.</p></section><section><title><p>2</p></title><p>Die Jagd an diesem Tag war bisher recht befriedigend gewesen. Drei Tiere nach langer erf�llender Pirsch erlegt; jeder Schu� gut plaziert; jede Beute waidgerecht ausgenommen und geh�utet, das Fleisch als K�der f�r andere D�monenbestien ausgelegt, Decke und Sch�del sorgsam seitab versteckt, um sie bei Einbruch der Nacht regelgerecht zu s�ubern. Ein so gut getanes Werk brachte doch wahrlich echtes Vergn�gen.</p><p>Und dennoch war in dem allem eine Leere, und er blieb freudlos und bleischwer, wie sauber auch seine Pfeile getroffen hatten. Er erlebte die wahre Erf�llung nicht mehr, dieses saubere Gef�hl der Vollendung, die Lust an der Leistung, die letzten Endes alles waren, was er erstrebte.</p><p>Wie kam dies? War es�� wie manche von den christlichen Toten so trostlos behaupteten��, weil die Nachwelt die �H�lle� war, ein Ort der Bestrafung, an dem es <emphasis>per definitionem</emphasis> keine Freude geben konnte?</p><p>F�r Gilgamesch war so etwas reine Torheit. Manche Bereiche der Nachwelt waren h�chst widerw�rtig, gewi�. Viele sogar. Es gab hier H�llisches, das lie� sich nicht bestreiten. Aber zweifellos konnte man auch hier seinen Spa� finden.</p><p>Er nahm an, da� das von den eigenen Erwartungen abh�ngen m�sse. Wer hierher kam und damit rechnete, ewige Bestrafung zu finden, der bekam tats�chlich seine ewige Strafe, und die war dann sogar noch weit scheu�licher als alles, was diese Leute sich vorher ausgedacht hatten. Und es geschah ihnen nur recht, diesen Wahren Gl�ubigen, diesen verf�hrbaren Sp�t-Toten, diesem Heer von leichtgl�ubigen Christianern.</p><p>Er war erstaunt gewesen, als diese Leute erstmals in Herden in die Nachwelt hereingetrampelt kamen, nur Enki wu�te, vor wievielen tausend Jahren das war. Und was die f�r Unsinn schwatzten! Str�me von siedendem �l! Seen voller Pech! D�monen mit Mistgabeln! Das erwarteten diese Leute sich hier, und es gab hier auch clevere Leute, die bereit und willens waren, ihnen zu besorgen, was sie sich erwarteten. Also wurden Folterst�dte f�r jene errichtet, die so etwas haben wollten. Es fiel Gilgamesch schwer zu verstehen, wie jemand sich so etwas w�nschen konnte. Keiner unter den Fr�h-Toten konnte richtig schlau werden aus ihnen, diesen absurden Sp�t-Toten mit ihrem krankhaften Bestrafungswahn. Wie nannte Imhotep sie? Masochisten, ja, das war das Wort. Bemitleidenswerte Masochisten. Aber dann hatte der kleine schlaue Aristoteles bescheiden seine Einw�nde angebracht und gesagt: �Nein, Herr, es w�rde eine Verletzung der Naturgesetze der Nachwelt sein, einen echten Masochisten in die Folter zu senden. Dahin gehen nur die Starken, die Unterdr�cker, die Angeber, jene, die in ihrem Innersten Feiglinge sind.� Und dann mu�te auch noch Belsazar seinen Senf dazugeben, und dann Tiberius und diese pal�stinensische Hexe Dalilah mit ihren verwirrenden Augen, und dann hatten alle gleichzeitig durcheinander losgeplappert und einen Sinn in dem Verhalten dieser Sp�ter Toten Christianer zu finden versucht. Bis Gilgamesch schlie�lich�� ehe er einfach aus dem Zimmer ging�� sagte: �Das �rgerliche an euch allen ist, da� ihr dauernd weiter versucht, einen Sinn herauszufinden, den dieser Ort hier haben soll. Aber wenn ihr erst einmal so lange hier sein werdet wie ich��</p><p>Sch�n, vielleicht war ja hier eine Strafkolonie. Es stand au�er Frage, da� einiges hier recht unangenehm war. Das Klima war stets scheu�lich, zu hei� oder zu kalt, zu na� oder zu trocken. Das Essen war selten zufriedenstellend, und der Wein war d�nn und gew�hnlich sauer. Wenn du auf deinem Bett ein Weib umarmtest, konntest du im allgemeinen den ganzen Tag und die ganze Nacht lang herumpumpen, ohne dabei ein besonderes Vergn�gen zu finden, jedenfalls nicht die lustige, lustvolle Freude, wie er sie aus uralter Zeit in Erinnerung hatte. Aber er neigte dann immer zu der �berzeugung, da� dies nur die beil�ufigen Folgeerscheinungen des Totseins waren: Immerhin, dieser Ort hier war ja nicht das Land der Lebenden, und es w�re unsinnig gewesen zu erwarten, da� hier alles so sein sollte wie damals dr�ben.</p><p>Auf jeden Fall hatte sich die Wirklichkeit der Nachwelt als v�llig anders erwiesen, als es einem die Priester versprochen hatten. Das �Haus des Staubes und der Finsternis� hatten sie das vor langer Zeit in Uruk genannt. Ein Ort, an dem die Toten in ewiger Nacht und Tr�bsal hausten, gekleidet wie V�gel, mit Vogelschwingen als Kleidung. Wo die Bewohner Staub als Brot zur Nahrung erhielten und Lehm statt Fleisch. Wo die K�nige der Erde, die Herren, die hohen Gesetzgeber, erniedrigt und ohne ihre Kronen verweilen mu�ten und den D�monen wie Sklaven zu Diensten sein. Es war also nicht erstaunlich, da� er damals den Tod so gef�rchtet hatte, solange er glaubte, da� dies ihn f�r alle k�nftige Zeit erwartete.</p><p>Nun, dann aber hatte sich erwiesen, da� dies alles nichts weiter war als M�rchen und Torheit.</p><p>An die fr�hesten Tage in der Nachwelt konnte Gilgamesch sich nicht mehr deutlich erinnern. Sie waren ihm zu nebelhafter Unwirklichkeit verblichen. Erinnerung war hier eine tr�gerische Sache, so unstet wie die Sande der W�ste: Nur zu oft hatte er immer wieder entdecken m�ssen, da� er sich an viele Ereignisse aus seiner Nachweltzeit erinnerte, die in Wirklichkeit niemals stattgefunden hatten, und da� er vieles vergessen hatte, was geschehen war. Dennoch bewahrte er sich durch alle D�nste und Unklarheiten seines Geistes einen scharfen Eindruck von der Nachwelt, wie sie gewesen war, als er zum ersten Mal in ihr erwacht war: ein Ort, ganz �hnlich wie Uruk, so schien es, mit niederen H�usern mit flachem Dach aus wei�gekalkten Lehmziegeln, und Tempel, die sich �ber vielgestuften Plattformen erhoben. Dort hatte er die Helden der altvergangenen Zeit gefunden, die lebten, wie sie stets gelebt hatten, M�nner, die in seiner Knabenzeit gro�e Krieger waren, und andere, die kaum mehr waren als Legenden im Land seiner Vorv�ter, in der Fr�hd�mmerung der Zeit. So jedenfalls war es an dem Ort, an dem Gilgamesch sich zum erstenmal befand; sp�ter entdeckte er, da� es andere Bereiche gab, die ganz verschieden waren, Orte, wo die Menschen in H�hlen lebten, oder in Gruben in der Erde, oder in flachen H�usern aus Schilfrohr, und aber andere Orte, wo die Behaarten M�nner lebten, die gar keine H�user hatten. Das meiste davon war nun verschwunden, war von jenen stark verwandelt worden, die in sp�teren Tagen in die Nachwelt kamen, und in der Tat hatten die Sp�ter Toten eine ganz betr�chtliche B�rde an verr�ckter H��lichkeit und t�richter spekulativer Theorien mit sich hereingeschleppt. Aber dennoch, die Vorstellung, da� dieses ganze weite Reich�� unendlich viel gr��er als sein eigenes geliebtes Land Zwischen den Zwei Str�men�� nur existieren sollte, um die Gestorbenen f�r ihre S�nden zu bestrafen, erschien Gilgamesch denn doch als zu d�mmlich, als da� man ernsthaft dar�ber nachzudenken brauchte.</p><p>Aber wieso war dann die Lust und Freude an der Jagd f�r ihn so schal und leer geworden? Wieso fand er nicht mehr die alte Begeisterung, wenn er die Beute belauerte, wenn er den gro�en Bogen spannte, wenn er den Pfeil genau ins Ziel scho�?</p><p>Er glaubte zu wissen, weshalb, aber es hatte nichts mit Bestrafung zu tun. In den vielen tausend Jahren seines Lebens in der Nachwelt hatte es reichlich lustvolle Jagden gegeben. Und wenn dies jetzt nicht mehr so war, dann deshalb, weil er in diesen sp�teren Tagen einsam jagte. Enkidu war nicht an seiner Seite, sein Freund, sein getreuer Bruder, sein anderes Selbst. Dies war es und sonst nichts: Denn er hatte sich ohne Enkidu niemals mehr als vollkommen gef�hlt, seit sie einander erstmals begegneten, als sie miteinander rangen und einander lieben lernten, wie Br�der sich lieben� vor langer Zeit� in der Gro�en Stadt Uruk. Dieser gewaltige ungeschlachte Mann, diese zottige wilde Kreatur von den Bergh�hen: Gilgamesch hatte nie einen Menschen so geliebt, wie er Enkidu liebte.</p><p>Aber es war das Schicksal Gilgameschs, so schien es, da� er ihn wieder und immer wieder verlieren mu�te.</p><p>Zum erstenmal war ihm Enkidu vor langer, langer Zeit entrissen worden, als sie beide noch gemeinsam in Uruk lebten, in der fr�hlich-frechen prahlerischen F�lle kr�ftiger k�niglicher M�nnlichkeit. An einem Tag der D�sternis nahmen die G�tter Rache an Gilgamesch und Enkidu f�r deren stolze �berheblichkeit und ihre Befriedigung �ber die eigenen z�gellosen Gro�taten und sandten ein Fieber, das Enkidu aus dem Leben ri� und Gilgamesch in die schreckliche Einsamkeit des Alleinherrschers versetzte.</p><p>Und als die Zeit da war, war auch Gilgamesch dem Tod anheimgefallen, um viele Jahre sp�ter und um gro�e Weisheitserfahrung reicher, und war in diese Nachwelt gebracht worden; und er suchte nach seinem Enkidu, und an einem herrlichen Tag der Wunder fand er ihn wieder. Die Nachwelt war zu jener Zeit noch viel kleiner, und jeder Mann schien den anderen zu kennen; aber dennoch hatte Gilgamesch eine Ewigkeit gebraucht, ihn aufzusp�ren. Ach, was war das f�r ein wonnevoller Tag! Und wie sie sangen und tanzten bei dem gewaltigen Fest, das kein Ende nehmen wollte! In jenen Zeiten herrschte unter den Bewohnern der Nachwelt eine gro�e Freundlichkeit, und so freuten sich alle und jeglicher, da� Gilgamesch und Enkidu einander wiedergegeben waren. Minos von Kreta schmi� die erste gro�e Party zu Ehren ihres Wiederfindens, danach war Amenhotep an der Reihe, dann Agamemnon. Und am vierten Tag war der Gastgeber der dunkle schlanke Varuna, der Meluhhan-K�nig, und dann, am f�nften Tag, versammelten sich die Helden in der uralten Festhalle des Eisj�gervolks, wo Vy-otin-der-Ein�ugige H�uptling war und der Boden bedeckt von Mammutsto�z�hnen, und danach�</p><p>Also, so ging es ziemlich sehr lange weiter mit den Festivit�ten anl��lich ihrer Wiedervereinigung.</p><p>Unz�hlige Jahre, erinnerte sich Gilgamesch, lebte er dann mit Enkidu in seinem, Gilgameschs, Palast in der Nachwelt, ganz wie sie dies in den alten Tagen im Land der Zwei Fl�sse getan hatten. Und alles stand wohl bei ihnen, und sie jagten viel und feierten Feste. Die Nachwelt war ein fr�hlicher, gl�cklicher Ort. Damals.</p><p>Dann begannen die Scharen der Sp�ter Toten einzutreffen, alle diese kleinen schmuddeligen unheldenhaften Leute aus unheldischen Zeiten, und sie brachten ihre ganzen abscheulichen Ver�nderungen mit sich.</p><p>Sie waren einfach sch�big, diese Sp�ter Toten, verwirrt in ihren Seelen und von schw�chlicher Einsicht, und ihre erb�rmlichen unwichtigen Rivalit�ten und Eitelkeitsposen waren ein rechtes �rgernis. Aber Gilgamesch und Enkidu hielten sich von ihnen fern, w�hrend diese Leute alle die Torheiten ihres Lebens neu auflegten, ihre unsinnigen Kreuzz�ge und ihre hirnlosen Handelskriege und ihre emp�renden theologischen Z�nkereien.</p><p>Das wirklich �rgerliche war, da� sie nicht nur ihre monds�chtigen absurden Ideen mit in die Nachwelt brachten, sondern auch ihre verfluchten teuflischen modernen Spielzeuge, und darunter waren die �belsten die Dinge, die sie als Schu�waffen bezeichneten. Die auf h�chst feige, schamlos unwaidm�nnische Art mit viel Get�se aus der Ferne die Jagdbeute abschlachten. Ein Held hat gelernt, den Hieb eines Schlachtbeils zu parieren, oder den Sto� eines Schwertes, aber was kann sogar ein Held tun gegen eine Kugel aus der Ferne? Und Enkidu hatte das Mi�geschick, zwischen zwei verfeindete Banden dieser Kanonenschwengel zu geraten: eine Schar schnatternder Spanier und einen miesen Haufen arroganter Englischer, und er versuchte zwischen beiden Frieden zu stiften. Nat�rlich wollten die keinen Frieden, und bald flogen die Kugeln, und Gilgamesch traf gerade in dem Augenblick auf dem Kampffeld ein, als der Bolzen aus einer Arkebuse seinem geliebten Enkidu das Herz zerri�.</p><p>Keiner stirbt in der Nachwelt auf immer, doch manche bleiben lange Zeit tot, und so kam es mit Enkidu. Es gefiel den unbekannten M�chten, die in diesem Lande herrschten, dem Land der nicht mehr Lebenden, ihn etliche hundert Jahre in den Limbus zu verbannen, ins Abseits zu stellen, dachte Gilgamesch, sofern man die Schwierigkeiten in Erw�gung zieht, die derlei Buchf�hrungssachen in der Nachwelt mit sich bringen. Auf jeden Fall aber war es eine schrecklich lange Zeit, und wieder einmal f�hlte Gilgamesch, wie diese entsetzliche Vereinsamung �ber ihn hereinbrach, f�r die einzig Enkidus N�he Heilung bringen konnte.</p><p>Indessen ver�nderte sich die Nachwelt immer weiter, und inzwischen traten diese Ver�nderungen best�rzend immer rascher auf. Es schien in der Welt weitaus mehr Menschen zu geben als jemals in den alten Tagen, und jeden Tag kamen gewaltige Heerscharen von ihnen in die Nachwelt gezogen, eine wimmelnde Masse von ungeschliffenen Fremdlingen, die sich, nach einer kurzen Zwischenzeit der Verbl�ffung und Desorientiertheit, rasch anschickten, den gesamten Ort zu etwas ebenso Mi�lichem und Absto�endem umzugestalten wie es die Welt gewesen war, die sie hinter sich gelassen hatten. Es kam die Dampfmaschine, mit ihrem Gest�hne und Get�se und Gestampfe, dann etwas namens Dynamo, dann diese scharfen glitzernden elektrischen Leuchten, die in allen Stra�en grell erstrahlten, wo fr�her die freundlichen goldenen Lampen gegl�ht hatten, und Fabriken wuchsen aus dem Boden und begannen alle m�glichen seltsamen Dinge auszuspucken. Und immer mehr und mehr und mehr, erbarmungslos und ohne Unterla�. Schienenbahnen. Fernsprechger�te. Selbstfahrende Wagen. L�rm, Gestank, Ru� �berall, und nirgends konnte man dem entrinnen. Sie nannten es die Industrielle Revolution. Aber es war weiter nichts als ein unendlicher Angriff der Abscheulichkeiten. Seltsamerweise aber schien jedermann diese neuen Dinge und diese neue Art zu bewundern, ja sogar zu lieben�� au�er Gilgamesch und einigen wenigen anderen kaputten Konservativen. �Was haben die vor?� fragte Rabelais eines Tages. �Wollen sie das hier zur H�lle machen?� Die Sp�ter Toten brachten Maschinen wie Radios und Fernseher und Computer in die Nachwelt, und alle qu�kten englisch, so da� Gilgamesch, der vor langer Zeit dieses neumodische Latein erlernt hatte, als Caesar und seine Leute darauf bestanden hatten, nun schon wieder gezwungen war, sich einer neuen zungenbrecherischen Sprache zu bem�chtigen. Es war eine schlimme, eine betr�bliche Zeit f�r ihn. Und dann tauchte endlich Enkidu wieder auf, weit droben in einer der kalten n�rdlichen Regionen; und er kam s�dw�rts gezogen, und f�r eine Weile waren sie wieder vereint, und zum zweitenmal stand alles gut f�r Gilgamesch von Uruk in der Nachwelt.</p><p>Doch nun waren Enkidu und er schon wieder getrennt, und diesmal durch etwas, das k�lter war und grausamer als selbst der Tod. Was zwischen sie getreten war, �berstieg jegliches Vorstellungsverm�gen: Sie hatten sich zerstritten. Es hatte zwischen ihnen Worte gegeben, h��liche Worte von beiden Seiten. Ein Streit, wie sie ihn in tausend Jahren nicht zwischen sich gehabt hatten, nicht im Land der Lebenden und nicht im Land der Nachwelt, und am Ende hatte Enkidu zu ihm das gesagt, was Gilgamesch nie von ihm zu h�ren erwartet hatte, und das war: �Ich will mit dir weiter nichts zu schaffen haben, du K�nig von Uruk. Wenn sich unsere Pfade je wieder kreuzen, werde ich dich t�ten.� Konnte dies Enkidu sein, der dieses sagte, fragte sich Gilgamesch, oder sprach da einer der D�monen der Nachwelt in der Gestalt von Enkidu?</p><p>Jedenfalls, Enkidu war fort. Er verschwand in dem Durcheinander und der unendlichen Kompliziertheit der Nachwelt und entzog sich den M�glichkeiten Gilgameschs, ihn zu finden, und als Gilgamesch ausschickte, um Nachforschungen anzustellen, brachte man ihm nur diesen Bericht zur�ck: �Er will nicht mehr mit dir sprechen. Er hat keine Liebe mehr f�r dich, Gilgamesch.�</p><p>Das konnte nicht sein. Es mu�te ein b�ser Zauber sein, dachte Gilgamesch. Bestimmt irgendeine finstere Machenschaft der Sp�ter Toten, nur dies konnte den Bruder gegen den Bruder erz�rnen und Enkidu dazu bewegen, in seinem Grimm zu verharren. Mit der Zeit, da war er sicher, w�rde Enkidu den b�sen Bann triumphierend durchbrechen, der sein Herz gefangen hielt, und er w�rde es der Liebe Gilgameschs wieder �ffnen. Aber die Zeit verstrich auf die seltsam umschweifige Weise der Nachwelt, und Enkidu kehrte nicht zur�ck in seines Bruders Arme.</p><p>Was blieb also, au�er der Jagd? Und dem Warten und der Hoffnung?</p><empty-line/><p>So jagte an diesem Tage Gilgamesch im Outback, der verdorrten Buschwildnis der Nachwelt. Er t�tete und t�tete und t�tete wieder, und nun, so sp�t am Tag, hatte er seinen Pfeil einem Tier durch die Wamme geschossen, das ein noch �bleres Ungeheuer war, als man sie gew�hnlich unter den Gesch�pfen der Nachwelt fand, aber die Bestie besa� eine erschreckende Vitalit�t, und sie donnerte davon, und das schwarze Blut troff ihr aus dem durchbohrten Hals.</p><p>Gilgamesch machte sich an die Verfolgung. Es ist s�ndhaft, zu schie�en und zu verwunden und die angeschossene Beute nicht zu t�ten. Eine lange m�hsame Stunde lang rannte er kreuz und quer durch dieses rauhe Land. Dornenpflanzen peitschten mit koboldhafter Bosheit auf ihn ein, der scharfe Wind gei�elte ihn mit peitschenden scharfen Staubwolken. Doch die scheu�liche Bestie war ihm stets voraus, obschon ihr Blut in Str�men in die ausgetrocknete Erde rann.</p><p>Gilgamesch erlaubte sich keine M�digkeit, denn in ihm war G�tterst�rke, dank seiner Abstammung von dem g�ttlichen Lugalbanda, seinem gro�en Vater, der K�nig und Gott zugleich gewesen. Dennoch bereitete es ihm gro�e M�he, nicht aufzugeben. Dreimal verlor er seine Beute aus den Augen und sp�rte sie nur durch die blutige F�hrte wieder auf. Das fahle rote Auge der Sonne der Nachwelt schien ihn zu verh�hnen, denn es hing unabl�ssig vor ihm, als wollte es ihn zwingen, ohne Unterla� weiter zu laufen.</p><p>Dann sah er das Tier, das noch immer stark wirkte, jedoch bereits sichtlich schwankte, um den Rand eines Dickichts von kleinen verkr�ppelten fettbl�tterigen B�umen schwanken. Ohne zu z�gern lief er darauf zu. Die B�ume streichelten ihn l�stern, bedeckten ihn mit ihrem Schleim, versuchten wie ungezogene H�flinge ihn mit ihren Bl�ttern zwischen den Beinen zu kitzeln; doch er schlug sie beiseite und kam schlie�lich auf eine Lichtung, wo er seine Beute stellen konnte.</p><p>Doch auf deren Nacken klammerte sich eine absto�ende kleine Bestie von Tierd�mon, ri� blutige Fleischfetzen heraus und ruinierte so die Haut. Daneben hielt ein Landrover, und durch das Fenster sp�hte ein blasser fremd aussehender Mann mit langen Kinnbacken. Ein zweiter Mann, rot im Gesicht, massig, stand dicht neben der r�hrenden, schnaubenden Beute Gilgameschs.</p><p>Das Wichtige zuerst. Gilgamesch packte zu, ri� den fauchenden kleinen Aasfresser vom R�cken des gr��eren Tieres und schleuderte ihn weit fort. Dann rammte er mit aller Kraft den Dolch an die Stelle, wo sich hoffentlich das Herz des waidwunden Tieres befand. Und im gleichen Augenblick f�hlte Gilgamesch ein heftiges Zucken in der Brust des Ungeheuers, und der faulige Lebensatem entwich sofort aus ihm.</p><p>Das Werk war getan. Aber wiederum�� kein Hochgef�hl, keine Erf�llung, sondern nur eine Art tr�be aschene Erleichterung, da� etwas Unbeendetes erledigt war. Gilgamesch holte Luft und blickte sich um.</p><p>Was war denn das? Der rotgesichtige Mann schien von einem Wahnsinnsanfall gepackt zu sein. Zitternd und bebend, schwei�gebadet sank er auf die Knie�� und seine Augen blitzten irre�</p><p>�Lord Conan?� rief der Mann, �Gro�er K�nig?�</p><p>�Conan geh�rt nicht zu meinen Titeln�, erwiderte Gilgamesch verwirrt. �Und ich war einst K�nig in Uruk, doch an diesem Ort hier herrsche ich �ber niemanden. Also, Mann, komm und erhebe dich von deinen Knien!�</p><p>�Aber du bist Conan, wie er leibt und lebt!� st�hnte der Rotgesichtige heiser. �Absolut leibhaftig!�</p><p>Gilgamesch versp�rte pl�tzlich eine heftige Abneigung gegen diesen Kerl in sich aufsteigen. Im n�chsten Augenblick w�rde der zu sabbern beginnen. Conan? Conan? Der Name sagte ihm �berhaupt nichts. Nein, warte�� er hatte einst einen Conan gekannt, einen kleinen keltischen Burschen, dem er in einer Kneipe begegnet war, ein Kerl mit stumpfer Nase und breiten Wangenknochen und dunklen Haaren, die ihm ins Gesicht hingen, ein betrunkenes zappeliges Kerlchen, das unentwegt vergessene bedeutungslose Kleing�tter anrief�� ja, das M�nnchen hatte gesagt, sein Name sei Conan. Jetzt erinnerte sich Gilgamesch wieder. Er trank zu viel, machte der Bardame �rger, hob sogar die Hand gegen sie, das war�� dieser Typ. Gilgamesch hatte ihn in eine offene Jauchegrube geworfen, um ihm Manieren beizubringen. Aber wie kommt der aufgeregte Blasebalg hier dazu, mich mit dem zu verwechseln? Und der brabbelte auch immer noch weiter, etwas von L�ndern, deren Namen Gilgamesch nichts sagten: Cimmeria, Aquilonia, Hyrkania, Zamora. V�lliger Unsinn. Solche Orte gab es nicht.</p><p>Und dieses Gl�hen in den Augen des Burschen�� was bedeutete dieser Ausdruck? Dieser Ausdruck von Anbetung, beinahe wie im Gesicht einer Frau einem Mann gegen�ber, wenn sie entschlossen ist, sich v�llig seinem Willen preiszugeben.</p><p>Zu seiner Zeit hatte Gilgamesch diesen Ausdruck oft genug erlebt, von Weibern wie von M�nnern, und er war ihm willkommen gewesen�� zumindest von den Frauen. Er verzog finster das Gesicht. Wof�r h�lt der mich? Glaubt er, wie so viele das f�lschlich taten, da� ich, da ich Enkidu mit solch gro�er Liebe liebte, einer bin, der einem Mann beiliegt wie einer Frau? Denn dem ist nicht so. Nicht einmal hier in der Nachwelt ist es so, sagte sich Gilgamesch.</p><p>�Sag mir alles!� flehte der rotgesichtige Mensch. �Alle diese Gro�taten, Conan, die ich mir in deinem Namen ertr�umt habe, sag mir, wie sie in Wirklichkeit waren! Das Abenteuer in den Schneefeldern, als du die Tochter des Frostriesen trafst�� und als du auf der <emphasis>Tigress</emphasis> mit der K�nigen der Schwarzen K�ste segeltest�� und dann das andere Abenteuer, als du die Hauptstadt Aquiloniens erst�rmtest und den K�nig Numedides auf seinem Thron erschlugst��</p><p>Gilgamesch starrte den Mann zu seinen F��en angewidert an.</p><p>�Also, Mann, jetzt h�r auf mit diesem verr�ckten Gequatsche�, sagte er scharf. �Hoch mit dir! Du irrst dich gewaltig. Verwechselst mich mit jemand, glaube ich.�</p><p>Der andere Mann war inzwischen aus dem Landrover gestiegen und kam zu ihnen her�ber. Auch dieser war eine sonderbare Gestalt, knochend�rr und leichenbla�, mit einem Hals wie ein Watvogel, der kaum kr�ftig genug aussah, den langen Sch�del mit dem breiten Kinn zu tragen. Auch sein Anzug war seltsam, g�nzlich schwarz und mehrere Schichten �bereinander, als �ngstigte er sich vor dem leisesten Windhauch. Aber es umgab ihn eine nachdenkliche Sanftheit, die ganz im Gegensatz stand zu dem wild�ugigen fieberhaften Gehabe seines Freundes. Er k�nnte ein Schriftkundiger sein, dachte Gilgamesch, oder ein Priester, aber was der andere sein mochte, das wu�ten wohl nur die G�tter allein.</p><p>Der hagere Mann ber�hrte den anderen an der Schulter und sagte: �Rei� dich zusammen, Mann. Der da ist ganz bestimmt nicht dein Conan.�</p><p>�Er ist�s leibhaftig! Ganz und gar sein Ebenbild! Seine Gr��e�� seine Erhabenheit�� wie er dieses Tier get�tet hat��</p><p>�Bob! Bob�� Conan ist eine Kunstfigur! Eine Phantasiegestalt! Du selber hast ihn dir aus festem Material zusammengesponnen. Komm jetzt. Hoch mit dir!� Und zu Gilgamesch sagte er: �Tausendmal Entschuldigung, guter Herr. Mein Freund da ist manchmal�� leicht �bererregbar��</p><p>Gilgamesch zuckte die Achseln und wandte sich ab. Er besah sich sein Wild. Ihn verlangte nicht danach, sich weiter mit den beiden zu besch�ftigen. Das gewaltige Tier abzuh�uten, wie es sich geh�rt, konnte den restlichen Tag beanspruchen; danach mu�te er die m�chtige Decke in sein Lager zur�ck schleppen, und dann mu�te er entscheiden, was davon er als Troph�e behalten wollte�</p><p>In seinem R�cken h�rte er die dr�hnende Stimme des Rotgesichtigen. �Eine erfundene Kunstfigur, H. P.? Wie kannst du dir da sicher sein? Ich habe auch immer geglaubt, da� ich Conan erfunden h�tte, aber was ist, wenn er wirklich gelebt hat, wenn ich einen urt�mlichen m�chtigen Archetypus angezapft habe und der authentische Conan jetzt in diesem Augenblick hier vor uns steht��</p><p>�Lieber Bob, dein Conan hatte blaue Augen, nicht? Und die Augen dieses Mannes da sind schwarz wie die Nacht.�</p><p>�Also�� Es klang widerborstig.</p><p>�Du warst derma�en aufgeregt, da� es dir nicht aufgefallen ist, mir schon. Dieser da ist irgendein kriegerischer Barbar, sicher, �ber allen Zweifel hinaus ein gewaltiger J�ger, ein Nimrod, ein Ajax. Aber bestimmt kein Conan, Bob! Gestatte ihm seine eigene Identit�t. Er ist keine von deinen Erfindungen.� Der Mann mit dem langen Gesicht trat zu Gilgamesch und sprach gemessen und h�flich: �Guter Herr, ich hei�e Howard Phillips Lovecraft, ehemals aus Providence, Rhode Island, und mein Begleiter ist Robert E. Howard aus Texas, dessen anderes Leben wie das meine im zwanzigsten Jahrhundert nach Christus gelebt wurde. In jener Zeit betrieben wir das Gewerbe des Geschichtenerz�hlers, und ich f�rchte, er verwechselt dich mit einem Helden, den er selbst geschaffen hat. Beruhige sein Gem�t, ich bitte dich, und la� uns auch deinen Namen wissen.�</p><p>Gilgamesch richtete sich auf. Er fuhr sich mit dem Unterarm �ber die Stirn, um einen Streifen gerinnenden Blutes von seiner Beute fortzuwischen, und blickte den zweiten Mann gelassen an. Dieser war jedenfalls kein Wahnsinniger, so sonderbar er auch aussah.</p><p>Ruhig sagte Gilgamesch: �Ich glaube, sein Gem�t ist so gest�rt, da� es nicht zu beruhigen sein wird. Aber wisse, man nennt mich Gilgamesch, Sohn des Lugalbanda.�</p><p>�Gilgamesch aus Sumer?� fl�sterte Lovecraft. �Gilgamesch, der das Ewige Leben suchte?�</p><p>�Ja, Gilgamesch bin ich und war K�nig in Uruk, als es die Gr��te der St�dte war im Land der Zwei Str�me, und der sich in seiner Torheit dazu verstieg zu glauben, es k�nnte einen Weg geben, den Tod zu betr�gen.�</p><p>�H�rst du das, Bob?�</p><p>�Unglaublich. Nicht zu fassen!� stammelte der andere.</p><p>Gilgamesch richtete sich nun auf, bis er beide turmhoch �berragte, holte tief Luft und sprach mit furchterregender dr�hnender Stimme: �Ich bin Gilgamesch, dem alle Dinge kundgetan wurden, die verborgenen Dinge, die Wahrheiten �ber Leben und Tod, ganz besonders jene des Todes. Ich verm�hlte mich mit Inanna, der G�ttin, auf dem Lager der Heiligen Hochzeit. Ich habe D�monen zerschmettert und mit den G�ttern gesprochen. Ich bin zu zwei Teilen selber g�ttlich und nur zu einem Teil sterblich.� Er starrte sie an und lie� die Worte in sie sinken, die er so oft und unter �hnlichen Umst�nden wie jetzt aufgesagt hatte. Dann sprach er leiser weiter: �Als mich der Tod ereilte, gelangte ich in dieses Untere Reich, das sie die Nachwelt nennen, und hier verbringe ich meine Zeit und jage, und nun bitte ich euch, mich zu entschuldigen, denn, wie ihr seht, habe ich zu tun.�</p><p>Wieder wandte er sich ab.</p><p>�Gilgamesch!� wiederholte Lovecraft erstaunt. Und der andere sagte: �Also, wenn ich hier bis ans Ende der Zeit leben mu�, H. P. daran werde ich mich nie gew�hnen. Das ist ja noch unglaublicher, als meinem Conan zu begegnen! Stell dir das vor: Gilgamesch! <emphasis>Gilgamesch!�</emphasis></p><p>Was f�r eine eklig-�de Sache, dachte Gilgamesch, diese ganze Ehrerbietung, diese Anbetung.</p><p>Schuld daran war dieses verdammte Epos, nat�rlich! Er verstand jetzt, weshalb Caesar so gereizt wurde, wenn sich Leute an ihn heranzuschmei�en versuchten, indem sie ihm Shakespearezitate entgegens�uselten. �Mann, er besteigt die enge Welt wie ein Kolo߫, und derlei Zeug. Caesar wurde bei der dritten Silbe fuchsteufelswild. Sobald sie einen erst einmal dichterisch verarbeiten, das hatte Gilgamesch herausgefunden, wie dies nach ihm dem Odysseus und dem Achilles und Caesar passiert war und manch einem anderen, konnte es passieren, da� das eigene Selbst immer mehr zu schwinden begann und die Gestalt des Dichtwerks einen mehr und mehr g�nzlich aufzusaugen begann, bis man zu einem wandelnden Gemeinplatz geworden war. Und dieser Shakespeare war in dieser Hinsicht besonders schurkisch verfahren, fand Gilgamesch. Man brauchte nur Richard III. zu fragen, oder Macbeth, oder Owen Glendower. Man sah sie in der Nachwelt herumschleichen, andauernd komplexbeladen, weil jedesmal, wenn sie das Maul aufmachten, die Leute von ihnen bedeutende S�tze erwarteten, wie: �Mein K�nigreich f�r ein Pferd!� oder �Ist dies ein Dolch, den ich da vor mir sehe?� oder �Ich kann die Geister aus den w�sten Tiefen rufen.� Damit hatte Gilgamesch leben m�ssen, beinahe vom ersten Tag seines ersten Aufenthalts in der Nachwelt; denn sie hatten diese Gedichte �ber ihn bald danach verfa�t, dieses ganze pomp�s-tiefsinnige Zeug, eine ganze Latte von Gilgameschgeschichten, von denen manche wahre Erf�hrnisse und Taten berichteten, andere nur abenteuerliche Erfindungen waren, und dann hatten die Babylonier und die Assyrer und diese stinkenden Knoblauch verschlingenden Hethiter sich daran gemacht und das alles noch einmal tausend Jahre lang weiter �bersetzt und ausgeschm�ckt, bis jeder in der bekannten Welt von einem Ende bis zum anderen die Geschichten auswendig konnte, und sogar als diese ganzen V�lker dahingegangen waren und ihre Sprachen vergessen, gab es kein Erbarmen, denn die Leute im zwanzigsten Jahrhundert hatten das alles aufgefunden und den Text irgendwie entziffert und wieder ber�hmt gemacht. Und �ber die Jahrhunderte hinweg hatte man ihn zum Allzweckhelden f�r alle gemacht, was eine verdammt schwere Last war: Da gab es Fetzelchen von ihm in den Prometheuslegenden und in dem ganzen Zeug �ber Herkules und in dieser Geschichte �ber die Irrfahrten des Odysseus, und sogar in den Mythen der Kelten, und das mochte vielleicht der Grund sein, weshalb dieser schauerliche Kerl Howard ihn so hartn�ckig Conan nannte. Aber dieser andere Conan, dieser kleine, miese, besoffene Kotzbrocken, war ein Kelte gewesen. Bei Enlil, aber es war schon erm�dend, wenn alle von einem erwarteten, da� man den mythologischen Erwartungen an die Gro�taten von zwanzig, drei�ig verschiedenen Heroen der Menschenkultur gerecht werden sollte! Herkules und Odysseus und ein paar von den anderen nicht-mythischen Helden hausten h�chstpers�nlich im Original peinlicherweise ebenfalls hier, und sie hatten die Neigung, ziemlich besitztr�chtig auf den Mythen zu beharren, die irgend jemand <emphasis>ihnen</emphasis> zugeschrieben hatte, auch wenn diese Mythen nichts weiter waren als Ab- und Umwandlungen seiner eigenen, viel �lteren.</p><p>Gewi�, die Erz�hlungen �ber ihn, Gilgamesch, hatten einen wahren Kern, besonders die Teile �ber ihn und Enkidu, aber der Dichter hatte die Geschichte mit reichlich hochgestochenen, zus�tzlichen, k�nstlerisch unn�tigen, dummen Schn�rkeln hochgew�rzt, wie das die Poeten eben stets so tun, und auf jeden Fall wurde man es doch sehr leid zu sehen, da� alle und jeder einem das eigene lange und vielf�ltige Leben zu den stets gleichen zw�lf Hauptst�cken mit stets den gleichen kleinen Phrasen zusammenk�chelte. Es war sogar dahin gekommen, da� Gilgamesch sich dabei ertappte, wie er selbst aus dem zentralen Teil des Gilgamesch-Epos zitierte, dem �ber seine Suche nach dem Ewigen Leben�� nun, dieser Gesang entfernte sich nicht allzu weit von der Wahrheit�� obwohl sie viele Einzelheiten durch kleine �k�stliche� Erfindungseinf�lle verkorkst hatten��, indem er sich anderen vorstellte: �Ich bin der Mann, dem alle Dinge kundgetan wurden� die Wahrheiten �ber Leben und Tod�� Direkt aus dem Munde des Dichters, diese Zeilen. Es war �rgerlich. Es war langweilig. Grimmig stie� er sein Messer unter die Haut des toten Ungeheuers und machte sich daran, die Decke abzul�sen, w�hrend die beiden kleinen M�nner hinter seinem R�cken weiter erstaunt miteinander brabbelten.</p></section><section><title><p>3</p></title><p>Seltsame Empfindungen durchstr�mten Robert Howards Seele, und sie waren ihm ganz und gar nicht angenehm. Er konnte sich verzeihen, da� er hingerissen einen Augenblick lang geglaubt hatte, dieser Gilgamesch sei sein Conan. Da war nur sein K�nstlertemperament am Werk und hatte ihn zu einem kurzen fieberhaften Begeisterungsanfall hochgepeitscht. Sich so pl�tzlich einem gewaltigen nackten muskul�sen Mannsriesen mit einem Lendenschurz gegen�ber zu sehen, der mit einem kleinen Bronzedolch auf ein gr��liches Ungeheuer loshackt, und sich dann einzubilden, da� dies bestimmt der gewaltige cimmerische Held sein m�sse�� nun, das war doch wohl nur zu verzeihlich. Hier in der Nachwelt begriff man sehr rasch, da� einem fast jeder �ber den Weg laufen konnte. Es konnte passieren, da� man mit Lord Byron w�rfelte oder mit Menelaos eine Kanne W�rzwein teilte, oder da� man mit Platon �ber Nietzsches Ideen diskutierte, der gleich daneben stand und s�uerliche Grimassen schneidend auf seinem Bart herumkaute� nach einiger Zeit nahm man das meiste dann mehr oder weniger als selbstverst�ndlich hin.</p><p>Weshalb also sollte er nicht glauben, da� dieser Kerl Conan sei? Es spielte doch keine Rolle, da� Conan eine andere Augenfarbe gehabt hatte. Das war doch nebens�chlich. In allen wichtigen Punkten sah er aus wie Conan. Er besa� die k�rperliche Gr��e und Kraft Conans. Und k�niglich war er nicht nur der Gestalt nach. Er schien auch Conans k�hle Intelligenz und seine psychische Komplexit�t, seinen k�niglichen Mut und seine Unbez�hmbarkeit zu besitzen.</p><p>Das Problem aber war, da� Conan, der wundersame cimmerische Kriegsheld aus dem Jahre 19000 vor der Zeitrechnung, niemals irgendwo gelebt hatte, au�er in Howards eigener Vorstellungswelt. Und in der Nachwelt gab es eben keine fiktiven Charaktere. Sofern einer nicht in dieser anderen Welt der ersten Fleischwerdung gelebt hatte, wirklich gelebt, konnte er unm�glich hier wieder leben. Man konnte hier m�glicherweise Richard Wagner begegnen, aber es war ziemlich unwahrscheinlich, da� man Siegfried traf. Theseus hielt sich ebenfalls hier irgendwo auf, nicht aber der Minotauros. Wilhelm der Eroberer, ja�� aber kein Wilhelm Tell.</p><p>Das war auch ganz in Ordnung, sagte sich Howard. Seine kleine Wunschvorstellung, da� er hier in der Nachwelt seinem Conan begegnet sei, war nichts weiter als ein Anfall von degoutanter Eigenliebe; es w�re besser f�r ihn, das abzustreifen. Aber dem echten authentischen Gilgamesch zu begegnen�� ach, wie viel erregender war das! Einem echten sumerischen K�nig�� einem realen Titanen aus der Morgend�mmerung der Menschheitsgeschichte, nicht eine aus den Fingern gesogene Gestalt aus Pappe und schwei�igen, keuchenden Wunscherf�llungstr�umen; ein Sterblicher aus Fleisch und Blut, der voller Lebenslust gewesen war und gro�e K�mpfe gek�mpft hatte, der Aug� in Auge mit den uralten G�ttern wandelte und sich gegen die Unausweichlichkeit des Todes zur Wehr setzte, und der in seinem Tod die Unsterblichkeit des mythischen Archetypus erlangt hatte� Ja, das war wirklich jemand, den es sich lohnte kennenzulernen! Und Howard mu�te eingestehen, da� er aus einem Gespr�ch mit Conan nicht mehr profitieren w�rde, als wenn er sein eigenes Spiegelbild befragen w�rde. Oder aber eine Begegnung mit dem �realen� Conan, sofern denn so etwas �berhaupt irgendwie m�glich w�re, w�rde ihn bestimmt in schrecklichen seelischen Zwiespalt und Verwirrung st�rzen, aus denen er sich nicht wieder w�rde befreien k�nnen.</p><p>Nein, dachte Howard, es ist schon besser, wenn dieser Mann Gilgamesch w�re, nicht Conan, um Himmels willen! Also fand er sich damit ab.</p><p>Aber diese andere Geschichte�� dieses pl�tzliche best�rzende zwanghafte Bed�rfnis, vor dem Riesen niederzuknien, von seinen Armen emporgerissen und in einer gl�henden Umarmung an seine Brust gedr�ckt zu werden�</p><p>Was sollte denn das? Woher kam <emphasis>das</emphasis> denn? Beim flammenden Herzen Ahrimans, was konnte das bedeuten?</p><p>Er erinnerte sich an einen Tag aus seinem fr�heren Leben, an dem er zum Cisco-Damm gefahren war und zugesehen hatte, wie die Bauarbeiter sich auszogen und hineintauchten: Gutgebaute M�nner, selbstsicher, anmutig, im Einklang mit ihrem K�rper. Einige Zeitlang hatte er ihnen zugesehen und ihre k�rperliche Vollkommenheit bewundert. Sie hatten nackte griechische Statuen sein k�nnen, die zum Leben erwacht waren, ein ganzer Trupp von kr�ftigen saftstrotzenden Apolls und Zeusen. Und dann, als er h�rte, wie sie sich ihre �blen zotigen Witze zubr�llten, wurde er zornig und sah in ihnen nur denkunf�hige hirnlose Tiere, die die nat�rlichen Feinde von Tr�umern sind, wie er es war. Er ha�te sie, wie Schwache stets die Starken verabscheuen m�ssen, diese glanzumstrahlten Schweine, die einen Tr�umer und seine Tr�ume jederzeit in den Boden stampfen konnten, wenn sie wollten. Und dann war ihm eingefallen, da� er selbst ja auch nicht gerade ein Schw�chling sei, da� er�� der fr�her spillerig und kr�nklich gewesen war�� sich durch harte M�he und Training zu einem gro�en, breiten beeindruckenden Kerl gemacht hatte. Nicht so k�rperlich sch�n und perfekt, wie diese M�nner es waren�� daf�r war er zu untersetzt, zu grob, zu ungeschlacht��, aber trotzdem, sagte er sich, unter diesen ganzen M�nnern war keiner, dem er nicht die Rippen zerquetschen konnte, wenn es zu einer Auseinandersetzung kam. Und er war damals dort weggegangen, erf�llt von Wut und rasenden Vorstellungen blutr�nstiger Gewaltt�tigkeit.</p><p>Was steckte hinter dem allem? Diese kaum zu b�ndigende Wut�� war das eine versteckte dunkle Lust, ein zutiefst bestialisches Verlangen nach S�nde? Sollte die in ihm aufgestiegene Wut nur jene andere kaschieren, die er gegen sich selbst hatte richten m�ssen, weil er diese nackten M�nner heimlich beobachtete und weil ihm das Vergn�gen bereitete?</p><p>Nein. Nein, Nein. Er war schlie�lich kein Abartiger. Dessen war er sich ganz sicher.</p><p>Er war �berzeugt davon, da� es ein Anzeichen von Dekadenz sei, des Niedergangs der Zivilisation, wenn M�nner nach M�nnern verlangten. Er selbst war ein Pionier und kein schw�chlicher, gezierter Sodomit, der sich in Schmutz und eitler S�nde suhlt. Und wenn er in seinem kurzen Leben auch nie die Liebe einer Frau gekannt hatte, dann aus Mangel an Gelegenheit, und nicht etwa, weil er jene andere sch�ndliche Form der Liebe bevorzugte. Er lebte bis ans Ende seiner Tage in dieser kleinen abgeschiedenen Pr�riestadt, ganz der Sorge f�r seine Mutter und seiner Schriftstellerei hingegeben, er hatte es vorgezogen, sich nicht mit Prostituierten und leichten Weibern abzugeben, aber er war sicher, wenn er ein paar Jahre l�nger gelebt h�tte und die Frau, die ihm die wahre Gef�hrtin hatte sein k�nnen, sich ihm er�ffnet h�tte, dann h�tte er gewi�lich leidenschaftlich und hingebungsvoll zugegriffen.</p><p>Und doch�� und trotzdem��, als er diesen Prachtriesen Gilgamesch ersp�ht hatte und ihn f�r Conan hielt�</p><p>Dieser elektrische Sto�, der ihm durch den ganzen Leib fuhr, ganz besonders in seinen Lenden�� was sonst hatte es sein k�nnen als Verlangen, urpl�tzlich und heftig und �berw�ltigend? Sexuelle Sehnsucht nach einem <emphasis>Mann?</emphasis> Es war undenkbar! Nicht einmal bei diesem von Ruhm umstrahlten Helden�� diesem grandiosen k�niglichen Gesch�pf�</p><p>Nein. Nein und nein und nein!</p><p>Ich befinde mich in der Nachwelt, und das ist m�glicherweise so eine Abart der H�lle, und wenn hier die H�lle ist, dann ist dies meine Strafe, dachte Howard.</p><p>Zornig stapfte er am Landrover auf und ab. Verzweifelt wehrte er sich gegen die dunkle Angst, die ihn nun zu �berschatten drohte, wie dies schon so oft in diesem Leben nach dem Leben geschehen war. Diese pl�tzlichen verderbten und lasterhaften Gef�hle, dachte Howard, sie sind nichts weiter als die teuflische Verdrehung meiner nat�rlichen Seele und sollen mich in Verzweiflung und Selbstha� st�rzen! Bei Crom, ich will mich dagegen wehren! Bei den Br�sten der Ischtar, ich will mich solcher Verdorbenheit nicht preisgeben!</p><p>Und dennoch ertappte er sich immer wieder dabei, wie seine Augen hin�ber zum Rand des Dickichts abirrten, wo Gilgamesch noch immer �ber dem Tier kniete, das er erlegt hatte.</p><p>Was f�r erstaunliche Muskeln spielten �ber diesen breiten R�cken, in diesen eisenstarken Schenkeln! Mit welcher hingebungsvoller Sorglosigkeit er dem Tier die zottige Haut abzog, obwohl er dabei �ber und �ber mit dunklem gerinnenden Blut besudelt wurde! Diese Kaskade �ppiger schwarzer Haare; die locker von einem edelsteinbesetzten Stirnband gefa�t waren, dieser dichte schwarze Kr�uselbart�</p><p>Howards Hals wurde trocken. Etwas tief unten in seinem Leib verkrampfte sich zu einem festen Ball.</p><p>Lovecraft sagte: �Du m�chtest also gern mit ihm reden?�</p><p>Howard fuhr herum. Er sp�rte, wie ihm die tiefe R�te in die Wangen scho�. Er war ganz sicher, da� man ihm sein Schuldbewu�tsein unbedingt von seinem brennenden Gesicht ablesen konnte.</p><p>�Was meinst du damit, verdammt?� knurrte er. Unwillk�rlich ballten sich seine H�nde zu F�usten. Um seine Stirn zw�ngte sich etwas wie ein gl�hendes Band. �Wozu und wor�ber soll ich denn mit dem reden wollen?�</p><p>Lovecraft schien verbl�fft, weil Howard in seiner Stimme und seiner Haltung so heftig reagierte. Er trat einen Schritt zur�ck und hob den Arm, als wollte er sich sch�tzen. �Was f�r eine merkw�rdige �u�erung! Ausgerechnet von dir, bei deiner Vorliebe f�r die Antike, deiner tiefen anhaltenden Leidenschaft f�r diese dumpf-schwei�igen Reiche im Orient, die schon so lange verschwunden sind? Mann, gibt es denn wirklich nichts, was du �ber die sumerischen K�nigreiche erfahren m�chtest? �ber Uruk, Nippur, �ber das Ur der Chald�er? Die geheimen Riten der G�ttin Inanna in den finsteren unterirdischen G�ngen unter dem Ziggurat? Die Beschw�rungen, die die Tore zur Unterwelt �ffneten, die Trankopfer, durch die bis in die Welten jenseits der Sterne die D�monen freisetzen und binden konnten? Wer wei�, was er uns alles erz�hlen k�nnte? Dort steht ein Mann, der sechstausend Jahre alt ist, ein Held aus der Fr�hd�mmerung unserer Zeit, Bob!�</p><p>Howard schnaubte: �Ich kann mir nicht vorstellen, da� dieser �berdimensionierte Mistbrocken bereit sein k�nnte, uns irgendwas zu erz�hlen. Der hat doch nichts andres im Sinn, als dem verdammten Biest, das er erlegt hat, die Haut abzuziehen.�</p><p>�Damit ist er beinahe fertig. Warum warten wir nicht ab, Bob? Und bitten ihn dann, sich eine Weile zu uns zu setzen. Und dann k�nnen wir ihn aushorchen, ihn dazu bringen, uns Geschichten preiszugeben �ber das Leben, wie es sich vor langer Zeit am Euphrat abspielte!� Und jetzt gl�hten auch Lovecrafts dunkle Augen, als versp�rte auch er ein seltsames Lustgef�hl, und seine Stirn gl�nzte von bei ihm ungewohntem Schwei�, aber Howard wu�te, da� es sich bei seiner Begeisterung nur um die Begierde nach Wissen handelte, einen Hunger nach den geheimen Weisheitssch�tzen der hohen Fr�hzeit, die seiner Vorstellung nach aus dem Mund dieses Zweistr�mehelden sprudeln m��ten. In ihm selbst brannte ebenfalls diese Begierde. Mit diesem Mann zu sprechen, der gelebt hatte, ehe es Babylon gab, der durch die Stra�en von Ur schritt, als Abraham noch nicht geboren war�</p><p>Aber es gab andere Gel�ste neben diesem Hunger nach Erkenntnis und Wissen, ein dunkles unheimliches Verlangen, das man verleugnen mu�te, koste es, was es wolle�</p><p>�Nein�, sagte Howard abweisend. �Verschwinden wir von hier, und zwar jetzt und verdammt schnell, H. P.! Diese verdammte �de Gegend geht mir auf den Keks.�</p><p>Lovecraft sah ihn seltsam an. �Hast du mir nicht gerade vorhin erkl�rt, wie wundersch�n es hier��</p><p>�Zur H�lle mit allem, was ich dir m�glicherweise gesagt habe! K�nig Henry erwartet von uns, da� wir f�r ihn ein B�ndnis aushandeln. Und das werden wir nicht hinkriegen, wenn wir hier drau�en am Arsch der Welt��</p><p>�Dem <emphasis>was?�</emphasis></p><p>�Am hintersten Ende der Welt. In einem wilden un-zivilisierten Land. Ein Begriff, der nach unserer Zeit in Mode kam, H. P. Hinterw�ldlerisch, wei�t du, provinziell. Aber du hast dich ja nie besonders um Lokalkolorit gek�mmert, nicht war.� Er zog Lovecraft am �rmel. �Also, komm schon! Dieser gro�e verdammte Affe da dr�ben erz�hlt uns bestimmt nichts von seinem Leben und seiner Zeit, garantiere ich dir. Wahrscheinlich erinnert er sich an nichts, was sich irgendwie lohnt. Und er geht mir auf den Keks. Entschuldige schon, H. P. aber ich finde ihn einfach furchtbar eklig, ja? Und ich habe nicht den Wunsch, seine Gesellschaft noch l�nger zu ertragen. Was dagegen, H. P.? Glaubst du, wir k�nnten jetzt endlich hier abfahren?�</p><p>�Ich mu� gestehen, da� du mir manchmal R�tsel aufgibst, Bob. Aber selbstverst�ndlich, wenn du�� Pl�tzlich ri� Lovecraft erstaunt die Augen weit auf. �Runter, Bob! Hinter den Wagen! Schnell!�</p><p>�Was�?�</p><p>Ein Pfeil schwirrte durch die Luft und flog knapp an Howards linkem Ohr vorbei. Dann noch einer und noch einer. Ein Gescho� prallte widerlich dumpf von der Seite des Wagens ab. Und ein weiterer Pfeil traf direkt und steckte zentimetertief zitternd im Metall.</p><p>Howard wirbelte herum. Er sah Reiter, ein Dutzend, vielleicht auch anderthalb Dutzend, die aus der Finsternis im Osten herangeprescht kamen und ihre Pfeile auf sie abschossen.</p><p>Es waren magere kr�ftige M�nner von irgendwie orientalischem Typ in karmesinrotem Lederwams, die ritten wie die Teufel. Ihre Reittiere waren kleine flachnasige glut�ugige graue D�monenpferde, die dahinpreschten, als k�nnten die kurzen stampfenden Beine sie ohne einen Augenblick der Rast bis ans Ende der Niederwelt tragen.</p><p>Die gelbh�utigen Krieger sangen und johlten, wie von wilder Wut gepackt. Mongolen? T�rken? Was immer sie sein mochten, sie donnerten wie die Sendboten des Todes selbst auf den Landrover zu. Einige schwangen lange b�sartig gekr�mmte Klingen, doch die meisten hatten kleine seltsam geformte Bogen, von denen sie mit erstaunlicher Schnelligkeit ganze Schauer von Pfeilen verschossen.</p><p>Neben Lovecraft hinter dem Landrover kauernd, starrte Howard den Angreifern verbl�fft und wie gel�hmt entgegen. Wie oft hatte er solche Szenen beschrieben? Wehende Federn, starrende Lanzen, eine fauchende pfeifende Wolke von ellenlangen Lanzensch�ften! Donnernde Pferdehufe, wildes Kriegsgeschrei, das Prasseln der Pfeilspitzen der Barbaren gegen die Schilde Aquiloniens! Sich b�umende R�sser, die ihre Reiter abwarfen� Ritter in blutbedeckter R�stung, die auf den Boden geworfen wurden� stahlgepanzerte Gestalten �ber das wellige Schlachtfeld verteilt�</p><p>Aber was sich jetzt hier abspielte, das war keine Saga von �hyboreanischen� Nordlandkriegern, die einen Ringelreihentanz veranstalten. Hier handelte es sich um reale Reiter�� so wirklich wie alles andere an diesem Ort�� und sie kamen �ber die kalte windgepeitschte Ebene am Rand der Nachwelt herangeprescht. Und die Pfeile waren echte Pfeile, und sie w�rden sich wirklich tief in sein Fleisch bohren und echte Schmerzen bereiten, h�chst schrecklich qualvolle.</p><p>Er blickte zu Gilgamesch hin�ber. Der sumerische Riesenkerl kauerte hinter dem umgedrehten Rumpf seiner Jagdbeute. Den Riesenbogen hielt er in den H�nden. Howard starrte beklommen und voll Ehrfurcht hin�ber, und dann scho� Gilgamesch. Der Pfeil traf den ersten Reiter und drang durch das Wams und den Brustkorb und ragte aus seinem R�cken hervor. Dennoch gelang es ihm, w�hrend er heranst�rmte, noch einen letzten Pfeil abzuschie�en, ehe er st�rzte. Das Gescho� schwirrte in unsicherem Bogen rasch und schwankend und zischend auf Gilgamesch zu und durchbohrte das Fleisch des linken Unterarmes.</p><p>Kalt blickte der Sumerer auf den Pfeil in seinem Arm. Dann runzelte er die Stirn und sch�ttelte den Kopf, etwa so, als h�tte ihn eine Wespe gestochen. Dann�� genau wie Conan es getan haben k�nnte, Himmel, wie sehr das an Conan erinnerte!�� legte Gilgamesch den Kopf schief gegen die Schulter und bi� den Pfeil dicht �ber den Federn entzwei. Helles Blut spritzte aus der Wunde, als er die zwei St�cke herauszog.</p><p>Und als w�re weiter nichts von Wichtigkeit geschehen, hob Gilgamesch seinen Bogen und griff nach einem zweiten Pfeil. Das Blut flo� in kleinen B�chen den Arm hinab, doch er schien es nicht einmal zu bemerken.</p><p>Howard schaute wie gel�hmt zu. Er vermochte sich nicht zu bewegen, er konnte sogar kaum richtig atmen.</p><p>Eine dumpfe �belkeit drohte ihn zu �berw�ltigen. Es hatte ihm gar nichts ausgemacht, abgeschlagene K�pfe und Arme und Beine fr�hlich unbek�mmert in seinen Geschichten zu gewaltigen blutigen Haufen aufzut�rmen, aber in Wirklichkeit hatten ihm Blutvergie�en und jegliche Art von Gewalt Entsetzen eingefl��t, wo immer er auch nur den fl�chtigsten Blick darauf erhascht hatte.</p><p>�Die Kanone, Bob!� rief Lovecraft dr�ngend an seiner Seite. �Nimm doch deine <emphasis>Kanone!�</emphasis></p><p>�Was?�</p><p>�Da. <emphasis>Da unten.�</emphasis></p><p>Howard blickte nach unten. In seinem G�rtel steckte die Pistole, die er mit aus dem Wagen genommen hatte, als er sich das kleine Ungetier auf dem Weg n�her ansehen wollte. Jetzt zog er die Waffe heraus und starrte sie stumpf�ugig an, als w�re sie das Ei eines Basilisken in seiner Handfl�che.</p><p>�Worauf wartest du denn?� fragte Lovecraft. �Aha. Ach so. Gib sie schon her!� Ungeduldig entri� er die Waffe den starren Fingern Howards und betrachtete sie kurz, als h�tte er nie zuvor so etwas in der Hand gehabt. Wahrscheinlich hatte er das auch nicht. Dann aber packte er die Pistole mit beiden H�nden, schaute vorsichtig �ber das Dach des Landrovers und gab einen Schu� ab.</p><p>Der laute Knall durchbrach die schrillen Schreie der Reiter. Lovecraft lachte. �Ich hab� einen erwischt! Wer h�tte je gedacht��</p><p>Er feuerte erneut. Und im gleichen Augenblick erledigte Gilgamesch wieder einen von den Angreifern mit seinem Bogen.</p><p>�Sie ziehen sich zur�ck!� rief Lovecraft. �Bei Al-hazred, ich wette, damit haben sie nicht gerechnet!� Und er lachte wieder und hob zielend sein Schie�eisen. <emphasis>�Ja!�</emphasis> br�llte er mit einer Stimme, wie Howard sie noch nie aus dem Mund des zur�ckhaltenden oberlehrerhaften Lovecraft geh�rt hatte. <emphasis>�Shub-Niggurath!�</emphasis> Lovecraft feuerte einen dritten Schu� ab. <emphasis>�Ph�nglui mglw�nafh Cthulhu R�lyeh wgah�nagl fhtagn!�</emphasis></p><p>Howard sp�rte, wie ihm der Schwei� �ber den ganzen K�rper rann. Diese seine Aktionsunf�higkeit�� diese Gel�hmtheit!�� diese Schmach!�� was h�tte Conan in dieser Situation gemacht? Was Gilgamesch? Und Lovecraft, dieser scheue spie�ige Schulmeister, der sich vor den Fischen im Meer gef�rchtet hatte, vor den kalten Winden in seinen Neu-England-Wintern und vor so vielen anderen Dingen, der stand da und lachte und gr�lte in seinem wundersamen Kauderwelsch und ballerte um sich wie irgendein Gangster, der sich einen Heidenspa� g�nnt�</p><p>Ein Jammer! Eine Schande!</p><p>Howard achtete nicht auf die Gefahr, sondern kletterte auf den Wagen und tastete nach der zweiten Waffe, die da irgendwo auf dem Boden liegen mu�te. Er fand sie und kniete sich hinter das Fenster. Sieben, acht der asiatischen Reiter lagen in einem Radius von etwa hundert Metern verstreut tot oder sterbend um den Wagen herum. Die �brigen hatten sich auf betr�chtliche Entfernung zur�ckgezogen und kanterten unruhig im Kreis um sie herum. Offensichtlich waren sie von dem unerwartet heftigen Widerstand verwirrt, dem sie da begegnet waren, bei etwas, das sie wahrscheinlich f�r ein h�bsches kleines Schlachtfest in diesen unerforschten Grenzbezirken gehalten hatten.</p><p>Und was taten sie jetzt? Sie zogen sich zu einem kleinen engen Trupp zusammen, die Pferde Nase an Nase. Sie hielten Beratung ab. Und dann zogen zwei von ihnen aus der Satteltasche etwas, das aussah wie eine Art Kriegsbanner und hoben es zwischen sich an Bambusstangen in die H�he: eine lange gelbe Fahne mit flatternden blutroten Fransen, auf der in kantigen schwarzen asiatischen Lettern etwas stand. Die Sache wurde offensichtlich ernst. Und nun formierten sie sich zu einer Reihe gegen�ber dem Landrover. Sie machten sich zu einem verzweifelten selbstm�rderischen Sturm bereit�� so sah das aus.</p><p>Gilgamesch stand nun aufrecht und allen sichtbar da und setzte gelassen einen neuen Pfeil auf die Bogensehne. Er hob den Bogen und zielte und wartete ab. Lovecraft, der ganz rot vor Erregung aussah und v�llig verwandelt durch die ihm fremden Wonnen eines Kampfes mit Waffen, beugte sich weit nach vorn, sp�hte gespannt hinaus und hatte die Pistole schu�bereit im Anschlag.</p><p>Howard zitterte. Scham trieb ihm schmerzhaft die Sporen in die Flanken. Wie konnte er nur so feige hier kauern, w�hrend die anderen zwei die Last des Kampfes allein trugen? Obwohl seine Hand zitterte, richtete er die Waffe aus dem Fenster und zielte auf den ihm n�chsten Reiter. Sein Finger kr�mmte sich am Abzug. War es m�glich, auf die Entfernung zu treffen? Ja. Ja. Los! Du wei�t doch, wie man mit Schu�waffen umgeht. H�chste Zeit, da� du etwas davon praktisch anwendest. Putz den miesen kleinen gelben Hund dort aus dem Sattel! Mit einem Huster aus deinem .38er Colt, ja! Schick ihn direkt in die n�chste Welt�� nein, geht nicht, er ist ja bereits in der n�chsten Welt�� also schick ihn ins Vergessen, bis er wieder an der Reihe ist, wieder hervorgezerrt zu werden, ja, so war�s richtig�� fertig�� zielen�</p><p>�Warte�, sagte Lovecraft. �Schie� nicht!�</p><p>Was war das? W�hrend Howard, es kostete ihn einige M�he, die Waffe sinken lie� und seine bebende steife Hand entspannte, starrte Lovecraft, die Augen mit der Hand gegen den geisterhaften Glast der geschwollenen roten Sonne schirmend, lange auf die feindlichen Krieger. Dann wandte er sich um und suchte im Fond des Wagens herum und brachte schlie�lich den braunen Umschlag zutage, in dem sich ihre Ernennungsurkunde von King Henry befand.</p><p>Und dann� aber was tat er denn?</p><p>Lovecraft trat mit hocherhobenen Armen aus der Deckung und schwenkte das Portefeuille durch die Luft und ging auf die Feinde zu?</p><p>�Die bringen dich um, H. P.! Runter, geh in Deckung!�</p><p>Ohne sich umzudrehen, bedeutete Lovecraft mit einer scharfen Geste, Howard solle den Mund halten, und schritt weiter stetig auf die Reiter in der Ferne zu. Sie schieben ebenso erstaunt wie Howard. Sie sa�en bewegungslos, die Bogen gespannt, ein Dutzend Pfeile auf Lovecrafts K�rpermitte gerichtet.</p><p>Jetzt ist er ganz durchgedreht, dachte Howard best�rzt. Aber eigentlich war er ja nie so ganz ausgeglichen, nicht wahr? Hat immer halb das Zeug geglaubt, das er �ber die Alten G�tter und �ber Schleusen zwischen den Dimensionen und gottesl�sterliche Riten in den dunklen H�geln Neu-Englands schrieb. Und jetzt, bei der ganzen Schie�erei�� die Aufregung�</p><p>�La�t eure Waffen sinken, ihr alle!� rief Lovecraft mit einer erstaunlich lauten und gebieterischen Stimme. �Im Namen des Priesters Johannes gebiete ich euch Einhalt! Senkt die Waffen! Wir sind nicht eure Feinde! Wir sind Abgesandte an euren Herrscher!�</p><p>Howard blieb die Luft weg. Er begann zu begreifen. Nein, Lovecraft war nicht wahnsinnig geworden!</p><p>Er betrachtete sich das lange Kriegsbanner erneut. Ja, nat�rlich, nat�rlich! Diese Wirbel und Schn�rkel auf der Fahne: Das waren die Wappen des Priesterk�nigs Johannes! Und diese blutr�nstigen Reiter mu�ten zur Grenztruppe eben jenes Landes geh�ren, zu dessen Herrscher sie schon so lange unterwegs waren. Howard f�hlte sich besch�mt; er begriff, da� Lovecraft mitten in dem tobenden Kampf genug Vernunft gezeigt und sich die Zeit genommen hatte, sich das Banner genauer anzusehen und zu entziffern�� und den Mut besessen hatte, vorzutreten und die diplomatische Legitimation hochzuhalten. Er hatte nun die Pergamentrolle mit ihrer Akkreditierung in der Hand und zeigte mit der anderen auf das schmale rote Band und das Sigill K�nig Heinrichs.</p><p>Die Reiter sp�hten her�ber, sie berieten sich untereinander und senkten die Bogen. Auch Gilgamesch lie� seinen Gro�bogen sinken und blickte erstaunt drein. �Seht ihr dies?� rief Lovecraft. �Wir sind Herolde von King Henry! Und wir verlangen den Schutz eures Herrn, des Erhabenen Herrschers Yeh-lu Ta-shth!� Mit einem Blick �ber die Schulter bedeutete er Howard, er solle an seine Seite treten, und nach nur ganz kurzem Z�gern sprang der vom Landrover und trabte nach vorn. Ihm war recht unbehaglich dabei, als er sich diesen finsteren gelben Bogensch�tzen so preisgab. Es war beinahe so, als st�nde man am Rand eines riesigen Abgrunds.</p><p>Lovecraft l�chelte. �Alles wird gutgehen, Bob! Das Banner, das die da entrollten�� es tr�gt die Zeichen des Priesterk�nigs Johannes��</p><p>�Ja. Ich erkenne es, ja.�</p><p>�Und siehst du? Sie geben das Zeichen f�r sicheres Geleit. Sie haben verstanden, was ich sagte, Bob! Sie glauben mir!�</p><p>Howard nickte. Eine gro�e Erleichterung wallte in ihm hoch, ja sogar so etwas wie Freude. Herzhaft schlug er Lovecraft auf den R�cken. �Gute Arbeit, H. P.! Ich h�tte nicht gedacht, da� das in dir steckt!� Und nun, da er seine Schei�angst zu �berwinden begann, f�hlte er, wie eine geradezu manische Hochstimmung sich seiner bem�chtigte. Er winkte den Reitern zu, fuchtelte wild mit den Armen herum. �Holla! Wir sind K�nigliche Gesandte!� br�llte er. �Sendboten Seiner Britannischen Majest�t des Achten K�nigs Heinrich! Bringt uns vor euren Herrscher!� Dann blickte er zu Gilgamesch hin�ber, der mit zusammengezogenen Brauen dastand, den Bogen noch immer schu�bereit. �Holla, auch du dort, K�nig von Uruk! La� auch du die Waffe sinken! Es ist jetzt alles in Ordnung! Man geleitet uns jetzt an den Hof des Priesterk�nigs Johannes!�</p></section><section><title><p>4</p></title><p>Gilgamesch war gar nicht sicher, weshalb er sich bereitgefunden hatte mitzugehen. Ein Besuch am Hof des Priesterk�nigs Johannes oder an einem sonstigen Hof interessierte ihn nicht im geringsten. Er wollte nichts weiter, als da� man ihn in Ruhe lasse, damit er durch die Wildnis streifen und jagen k�nne, um dabei ein wenig Linderung seines Kummers zu finden.</p><p>Doch dieser hagere Langhals und sein Freund, dieser rotgesichtige Prahlhans, hatten ihn h�flich eingeladen, mit ihnen in ihrem Landrover zu fahren, und w�hrend er noch so dastand und stirnrunzelnd �ber das Angebot nachdachte, hatten die h��lichen flachgesichtigen kleinen gelben Krieger ihm mit ungeduldigen Gesten bedeutet, da� er besser in das Fahrzeug steigen solle. Und das tat er denn auch. Es sah so aus, als w�rden sie ihn durchaus gewaltsam dazu bringen, falls er sich weigerte, und wenn er auch keinerlei Furcht vor ihnen empfand, nicht die geringste Furcht, hatte etwas in ihm, das er noch nicht zu begreifen vermochte, ihn dazu veranla�t, einem erneuten Kampf m�glichst aus dem Weg zu gehen, und er war statt dessen lieber in dieses Fahrzeug gestiegen. M�glich auch, da� er f�r eine Weile genug davon hatte, allein zu jagen. Oder aber weil die Wunde in seinem Arm schmerzhaft zu toben begann, nachdem nun die Erregung wegen der Rangelei abgeklungen war, und es erschien ihm als eine vern�nftige Verfahrensweise, einen Wundarzt die Sache ansehen zu lassen. Um die Verletzung herum war das ganze Fleisch schlimm geschwollen und verf�rbt. Dieser Pfeil hatte ihn glatt durchschlagen. Er w�rde den Einschu� s�ubern und verbinden lassen; dann w�rde er weiterziehen.</p><p>Also sch�n, er reiste jetzt an den Hof des Priesters Johannes. Er hockte stumm und d�ster auf dem R�cksitz des dumpf riechenden von Schimmelflecken bedeckten Fahrzeugs und fuhr mit diesen zwei sehr drolligen Vertretern der Sp�ter Toten, diesen Schreibern oder Geschichtenerz�hlern oder was immer zu sein sie behaupteten, unter dem Geleit des Reitertrupps zum Lager ihres Herrschers, dieses Priesters Johannes.</p><p>Der Mann, der Howard hie�, der es nicht �ber sich bringen konnte, ihm ab und zu scheue fl�chtige Blicke zuzuwerfen wie ein verliebtes Dienstm�dchen, sa� am Steuer. Wieder blickte er nach hinten und sagte: �Sag mir, Gilgamesch, hattest du fr�her schon einmal mit dem Priester Johannes zu tun?�</p><p>�Den Namen habe ich schon geh�rt, soweit ich mich erinnere�, antwortete der Sumerer. �Aber eigentlich bedeutet er mir nicht viel.�</p><p>�Ein ber�hmter legend�rer christlicher Herrscher�, sagte der andere, der hagere Mann, der Lovecraft hie�. �Von dem es hei�t, da� er irgendwo in nebelhaften Fernen mitten in Zentralasien �ber ein verborgenes K�nigreich herrschte�� obwohl es ja eigentlich in Afrika h�tte sein m�ssen, wenn man gewissen anderen Quellen��</p><p>Asien�� Afrika�� Namen, blo�e Namen, dachte Gilgamesch d�ster. Orte irgendwo in dieser anderen Welt, der Schattenwelt, aus der er schon so lange fortgegangen war. Er hatte keine Ahnung, wo diese L�nder liegen mochten.</p><p>Was f�r ein �berma� von Gegenden und Namen daf�r! Kein Vern�nftiger konnte das alles noch �berschauen. Es war sinnlos. Die Welt�� seine Erste Welt, die im �Land��� war begrenzt gewesen von den Zwei Str�men, Idigna und Buranunu, welche die Griechen sp�ter als Tigris und Euphrates bezeichnet hatten. Aber wer waren die Griechen, und mit welchem Recht benannten sie die Str�me um? Alle benutzten jetzt diese neuen Namen, sogar er, Gilgamesch, selbst�� au�er ganz tief in seinem Herzen.</p><p>Und �ber die zwei Str�me hinaus? Nun, dort lag weit im Osten der Vasallenstaat Haratta, erinnerte er sich, und da lag auch das Zedernland, wo der feueratmende D�mon Huwawa herumfauchte und br�llte, und in den �stlichen Bergen lag das K�nigreich der elamitischen Barbaren. Im Norden lag das Uri genannte Land, und in der W�ste im Westen hausten die unzivilisierten Martust�mme, und im S�den lag die gesegnete Insel Dilmun, die wie das Paradies war. Hatte es da eine Welt jenseits dieser Welt gegeben? Gewi�, da war noch Meluhha, in weiter Ferne, jenseits von Elam, wo das Volk eine schwarze Haut hat und feine, noble Gesichter: und dann im S�den das Land Punt, wo sie ebenfalls dunkelh�utig waren, mit platten Nasen und dicken Lippen; und dann gab es da noch ein Land weit hinter Meluhha, wo Leute mit gelber Haut lebten, die einen kostbaren gr�nen Stein aus der Erde gruben. Und dies war die Welt, die er gekannt hatte, als er noch in der Welt lebte, dieser anderen Welt, die er so kurz nur durchwanderte, ehe er in diese Welt des Ewigen Lebens kam. Aber offenbar hatte es in jener anderen Welt andere Gegenden gegeben, Orte, von denen er keine Ahnung hatte oder die nach seiner Zeit entstanden waren. Wo mochten sie liegen, diese anderen Orte aus den Letzten Tagen der Anderen Welt, dieses Afrika, dieses Asien, dieses Europa und der Rest, Rom, Griechenland, England? Vielleicht waren das ja teilweise nur neue Namen f�r alte Orte. Das Land hatte ja auch eine Vielzahl von Namen getragen, seit seiner Zeit�� Babylonien, Mesopotamien, Irak und andere. Wieso brauchte es diese ganzen Namen? Er wu�te es nicht. Neue M�nner erfanden oft neue Namen; es schien der Lauf der Welt zu sein. Dieses Afrika, dieses Asien�� Amerika, China, Ru�land�� ein kleiner Grieche namens Herodot hatte einst versucht, es ihm zu erkl�ren, wie die Welt gestaltet sei und die Namen der Orte auf ihr, indem er auf einem St�ck alten Pergaments eine Zeichnung anfertigte, und viel sp�ter hatte ein Starrkopf namens Mercator das ebenfalls getan, und sp�ter hatte er sich dann dar�ber mit einem Engl�nder namens Cook unterhalten; aber was diese Leute ihm sagten, war in sich alles widerspr�chlich und ergab f�r ihn �berhaupt keinen Sinn. Es war allerdings auch etwas viel verlangt, da einen Sinn zu sehen. Diese Tausende von Nationen, die nach seiner Zeit aufgetaucht waren, diese Gro�reiche, die entstanden und wieder zerfallen und vergessen waren, all diese verschwundenen Herrschergeschlechter, die H�uptlinge und K�nige�� hin und wieder hatte er sich bem�ht, ihre Reihenfolge zu merken, aber vergeblich. Einst, in seinem fr�heren Leben, ja, da hatte er danach gestrebt, Meisterschaft in allen Wissensgebieten zu erlangen. Sein Appetit war grenzenlos gewesen, sein Hunger: nach Wissen, nach Reichtum, nach Macht, nach Weibern, nach dem Leben an sich. Jetzt erschien ihm das alles als reinste Torheit. Und das Gewirr verwirrter und verwirrender Namen von Orten, die gro�en Reiche und fernen K�nigt�mer, sie geh�rten in eine andere Welt, was konnten sie ihm jetzt bedeuten?</p><p>�Asien?� fragte er sich. �Afrika?� Er zuckte die Achseln. �Der Priesterk�nig Johannes?� Er suchte in den untersten tr�gen vollbeladenen Strudeln seiner Erinnerung. �Aha. Da haben wir einen Priester Johannes. Ich glaube, er lebt in Roma Nova. Ein dunkelh�utiger Mann, ein Freund von diesem frechen alten L�gner Sir John Mandeville.� Nun kam es ihm wieder ins Ged�chtnis. �Ja, ich habe sie oft beisammen gesehen, in der dreckigen verkommenen Taverne, in der man den Mandeville immer antreffen kann. Und die zwei erz�hlen sich gegenseitig absonderliche Geschichten, wobei der eine ein noch gr��erer Schwindler ist als der andere.�</p><p>�Ein anderer Priester Johannes�, sagte Lovecraft.</p><p>�Dieser da ist Susenyos der �thiopier, glaube ich�, sagte Howard. �Ein ehemaliger afrikanischer Tyrann, er liebte die Jesuiten, und jetzt ist er ein schwerer Whiskeys�ufer. Er ist nur einer von vielen. Meiner sicheren Kenntnis nach treiben sich in der Nachwelt hier sieben, neun oder ein Dutzend Priester Johannesse herum. Vielleicht sogar noch mehr.�</p><p>Gilgamesch betrachtete diese Bemerkung ohne Aufmerksamkeit und Interesse. Ihm lief der Schmerz von seiner Pfeilwunde jetzt brennend den Arm auf und nieder.</p><p>Lovecraft sagte: ��gar kein echter Name, sondern nur ein Titel, und au�erdem noch ein verderbter. Es hat nie einen <emphasis>wirklichen</emphasis> Priester Johannes gegeben, sondern nur verschiedene Herrscher in verschiedenen fernen L�ndern, und es gefiel den Geschichtenspinnern in Europa sie jeweils Priester Johannes zu nennen, den Christenkaiser, den gro�en geheimnisvollen unbekannten Monarchen eines sagenhaften Reiches. Und so gibt es hier in der Nachwelt viele, die sich diesen Namen zulegten. Er bringt Macht mit sich, verstehst du?�</p><p>�Macht und Majest�t!� rief Howard laut. �Und Poesie, bei Gott!�</p><p>�Also ist dieser Priester John, zu dem wir jetzt fahren�, fragte Gilgamesch, �in Wirklichkeit gar nicht der Priesterk�nig?�</p><p>�Yeh-lu Ta-shih ist sein richtiger Name�, sagte Howard. �Chinesisch. Eigentlich mandschurisch, aus dem zw�lften Jahrhundert der Neuen Zeitrechnung. Der erste Herrscher des Gro�reichs Kara-Khitai mit der Kaiserstadt Samarkand. Herrschte haupts�chlich �ber Horden von Mongolen- und Turkst�mmen, und sie nannten ihn Gur-Khan, was �H�chster Herrscher� bedeutet, und das hat sich irgendwie auf dem Weg nach Europa damals zu �Johann� gemausert. Und man behauptete auch, da� er ein christlicher Priester gewesen sei, <emphasis>Presbyter Johannes.�</emphasis> Howard lachte. �Diese verdammten bl�den Kerle. Der war genauso wenig ein Christ wie du. Buddhist war er, ein verfluchter schamanistischer Buddhist.�</p><p>�Aber wieso dann�?�</p><p>�Mythen und Verworrenheit!� sagte Howard. �Die gewaltige Unsinnsfabrik der Menschheitsgeschichte in Betrieb! Und wie h�tte es anders sein k�nnen, als er hierher in die Nachwelt kam, dieser Yeh-lu Ta-shih, verschaffte er sich prompt wieder ein Gro�reich auf einem vergleichbaren Territorium wie seinerzeit dr�ben, und als Richard Burton in diese Gegend kam und ihm vom Priester Johannes erz�hlte, da� die Europ�er ihn vor langer Zeit bei diesem Namen nannten und ihm alle erdenklichen sagenhaften Gro�taten zuschrieben, sagte er: Ja, ich bin wahrlich der Priesterk�nig Johannes. Und jetzt stilisiert er sich als das, er und ein Dutzend andere, die meisten davon �thiopier wie dieser Freund deines Freundes Mandeville.�</p><p>�Sie sind nicht meine Freunde�, sagte Gilgamesch steif. Er lehnte sich zur�ck und knetete seinen schmerzenden Arm. Die Landschaft drau�en ver�nderte sich: Sie wurde h�geliger, bestanden von unattraktiven dickst�mmigen kleinen B�umen, die seltsam schief aus dem roten Boden wuchsen. Seine scharfen Augen machten hier und dort verstreute Gruppen schwarzer Zelte an den H�ngen aus und Herden dieser kleinen D�monenpferde, die in ihrer N�he weideten. Gilgamesch w�nschte inzwischen, er h�tte sich nicht zu dieser Expedition �berreden lassen. Wozu brauchte er einen Priester Johann? Einen der �rgerlichsten Parven�s unter den Potentaten der Sp�ten Toten, einen von diesen unz�hligen Kleinf�rstchen, die sich hier in den endlosen W�stengebieten des Outback unbedeutende Dom�nen errichtet hatten�� und der regierte noch dazu unter falschem Namen��, ein sch�biger Schuft mehr, einer mehr von diesen aufgeblasenen kleinen Niemands, die vor unverdientem Stolz fast platzen�</p><p>Aber was machte das schon f�r einen Unterschied?</p><p>Er w�rde sich eine Weile im Land dieses Johannes aufhalten, dann w�rde er weiterziehen, allein und getrennt von den anderen, und einsam ohne Zweck und ziellos seinen Pfad suchen und seinen verlorenen Enkidu betrauern. Er schien diesem Verh�ngnis, das auf ihm lastete, nie entrinnen zu k�nnen, dieser bitteren Einsamkeit, ob er nun in Glanz und Pracht im Uruk seines alten Lebens regierte oder durch die verlassenen W�sten dieser Nachwelt wanderte.</p><empty-line/><p>�Ihre Exzellenzen P. E. Lovecraft und Howard E. Robert!� rief der Haushofmeister pomp�s, wenn auch inkorrekt, und stie� dreimal mit der Goldspitze seines Zeremonialstabes aus fahlgr�ner Jade auf den schwarzen Marmorboden des Throngemachs. �Gesandte mit Generalvollmacht von Seiner Britannischen Majest�t dem Achten K�nig Heinrich aus dem K�nigreich des Neuen Heiligen Auferstandenen England.�</p><p>Lovecraft und Howard traten einige Schritte vor. Yeh-lu Ta-shih nickte knapp und wedelte elegant mit der Hand, an der zentimeterlange N�gel prangten, beil�ufig seine formelle Zurkenntnisnahme. Die Generalbevollm�chtigten schienen ihn nicht besonders zu interessieren, ebenso wenig anscheinend, zu welchem Zweck Seine Britannische Majest�t K�nig Heinrich sie hierher geschickt hatte.</p><p>Dann wandte sich der k�hle hoheitsvolle Blick des Herrschers Gilgamesch zu, der sich M�he geben mu�te, auf den F��en zu bleiben. Allm�hlich f�hlte er sich fieberisch und benommen, und er fragte sich, ob er nicht bescheiden darauf hinweisen sollte, da� er an seinem Arm eine eitertriefende Wunde hatte. Schlie�lich hatte ja sogar seine Toleranz ihre Grenzen, auch wenn er diese Tatsache gew�hnlich zu verbergen trachtete. Er wu�te nicht, wie viel l�nger er es noch durchstehen k�nnen w�rde. Es gab Zeiten, da war der Zwang, sich wie ein Held betragen zu m�ssen, ein rechter Furunkel am Hintern, und dies war ein solcher Moment.</p><p>��und Seine Verstorbene Erhabenheit Gilgamesch von Uruk, Sohn des Lugalbanda, Gro�k�nig, K�nig von Uruk, K�nig der K�nige, Beherrscher des Landes zwischen den Zwei Str�men durch die Gnade Enlils und Ans�, r�hrte der Haushofmeister ebenso pomp�s, wobei er nur einmal auf die Karte in seiner Hand niederzub�cken brauchte.</p><p>�Gro�k�nig?� fragte Yeh-lu Ta-shih und blickte Gilgamesch so bohrend an, wie es dem Sumerer nur selten einmal geschehen war. �K�nig der K�nige? Das sind sehr hochgestochene Titel, Gilgamesch von Uruk.�</p><p>�Nichts als eine Floskel�, erwiderte Gilgamesch, �die mir als passend erscheint f�r die Vorstellung an deinem Hof. Tats�chlich bin ich derzeit K�nig von gar nichts.�</p><p>�Aha�, sagte Teh-lu Ta-shih. �Ein K�nig Garnichts.�</p><p><emphasis>Und was bist du, mein Lord Priester Johannes?</emphasis> Gilgamesch sprach es nicht aus, obwohl ihm die Worte an den Gaumen sprudelten und laut gesagt werden wollten. <emphasis>Und Garnichtse sind auch alle die �brigen selbsternannten Lords und Herren der unz�hligen Reiche der Nachwelt.</emphasis></p><p>Der schlanke bernsteinh�utige Mann auf dem Thron neigte sich vor. �Und wo, ich bitte, liegt dieses Garnichts?�</p><p>Einige H�flinge begannen h�hnisch zu kichern. Doch der Priesterk�nig schien in allem Ernst zu fragen, obwohl man sich da nat�rlich unm�glich v�llig sicher sein konnte. Gilgamesch hatte rasch begriffen, da� er es hier mit einem ernstzunehmenden Mann zu tun hatte: Einem schlauen, selbstbeherrschten Fuchs mit scharfem, elastischem Verstand. Keineswegs der eitle kleine Lokalgockel, den Gilgamesch in diesem trostlosen hinteren Winkel des Outback zu finden erwartet hatte. So klein und unbedeutend das F�rstentum sein mochte, der Priester Johannes beherrschte es offenbar mit fester Hand. Der gro�artige schimmernde Palast, den ihm seine schmuddeligen Untertanen am Rand von Nirgendwo errichtet hatten, die klare Struktur der kleinen, aber gutgeplanten Stadt um den Palast legten daf�r Zeugnis ab. Gilgamesch verstand einiges vom Bau von St�dten und Pal�sten. Und die Hauptstadt des Priesters Johannes trug die Merkmale jahrhundertelanger unabl�ssiger Anstrengungen.</p><p>Der feste lange starre Blick lie� ihn nicht los. Gilgamesch k�mpfte gegen den flammenden Schmerz in seinem Arm an und erwiderte den Blick des Kaisers mit einem ebenso festen und ernsthaften Blick seinerseits. Er sagte:</p><p>�Garnichts? Es ist ein Land, das es niemals gab und immer geben wird, mein Lord. Es hat keine Grenzen, und seine Hauptstadt ist �berall, und keiner von uns verl��t das Land jemals.�</p><p>�Ah. Ah. Wirklich, ganz h�bsch ausgedr�ckt. Du bist ein Fr�her Toter, ja?�</p><p>�Ein sehr fr�her, mein Lord.�</p><p>�Fr�her als Ch�in Shih Huang Ti? Fr�her als die Herrscher von Shang und Hsia?�</p><p>Gilgamesch wandte sich verwirrt an Lovecraft, der ihm zufl�sterte: �Uralte Herrscher in China. Deine Zeit lag noch vor ihnen.�</p><p>Gilgamesch zuckte eine Achsel. �Sie sind mir nicht bekannt, mein Lord, aber du h�rst ja, was der Gesandte aus Britannien sagt. Er ist ein gelehrter Mann, also mu� es wohl so sein. Ich will dir also sagen, da� ich viel �lter bin als Caesar, �lter als Amenhotep, �lter als Belshazzar. Viel �lter.�</p><p>Yeh-lu Ta-shih �berdachte dies kurz. Dann machte er wieder diese knappe Geste der Entlassung, als wischte er die ganze Konzeption der Alterspriorit�ten in der Nachwelt beiseite. Er lachte trocken. �Also bist du sehr alt, K�nig Gilgamesch. Ich begl�ckw�nsche dich dazu. Trotzdem w�rde uns das Eisj�gervolk versichern, da� du und ich und deine Belshazzars und Amenhoteps, wer immer die sein sollen, allesamt erst gestern hier eingetroffen sind, und aus der Sicht der Haarmenschen sind sogar die Eisj�ger selbst einfach Neulinge. Und so weiter und so fort. Es hat keinen Anfang, oder? Ebenso wenig wie es ein Ende gibt.�</p><p>Und ohne seine Antwort abzuwarten, fragte er danach Gilgamesch: �Woher hast du diese scheu�lich aussehende Wunde, K�nig von Garnichts?�</p><p>�Ein Mi�verst�ndnis, mein Lord. Es k�nnte sein, da� deine Grenzsoldaten zuweilen etwas zu gro�en Eifer zeigen.�</p><p>Einer der H�flinge beugte sich zu dem Herrscher und murmelte etwas. Dessen glatte Stirn runzelte sich, und er hob eine makellos geschwungene Braue kaum merklich.</p><p>�Du hast neun von ihnen get�tet, ja?�</p><p>�Sie griffen uns an, ehe wir die M�glichkeit hatten, ihnen unsere Diplomatenp�sse zu zeigen�, warf Lovecraft hastig ein. �Es war reine Selbstverteidigung, mein Lord.�</p><p>�Daran zweifle ich nicht.� Der Kaiser schien einen Augenblick �ber das Scharm�tzel nachzudenken, das neun seiner Reiter das Leben gekostet hatte, aber kurz darauf entlie� er auch diese Erw�gungen aus dem Fokus seines Interesses.</p><p>�Und nun, meine Herren Gesandten��</p><p>Pl�tzlich schwankte Gilgamesch, taumelte, begann zu fallen. Er fing sich gerade noch rechtzeitig, griff nach einer dicken Porphyrs�ule und hielt sich fest, bis er sich wieder sicherer f�hlte. Schwei� rann ihm �ber die Stirn und in die Augen. Ein Fr�steln �berlief ihn. Der gewaltige Steinpfeiler schien sich zu dehnen und wieder zu schrumpfen. �belkeit schwoll in ihm auf und ab, pl�tzlich sah er alles doppelt. Alles verschwamm und wurde vielfach. Er holte tief Luft, wieder und wieder und wieder, und zwang sich, es durchzuhalten. Er fragte sich, ob dieser Priester Johannes irgendein Spiel mit ihm treiben wollte, oder er sehen wollte, wie lange er durchhalten konnte. Nun, wenn es sein mu�te, schwor er sich, dann w�rde er ewig weiter vor diesem Priesterkaiser stehen, ohne sich ein Zeichen von Schw�che anmerken zu lassen.</p><p>Doch nun schien Yeh-lu Ta-shih endlich bereit, Mitgef�hl zu erweisen. Mit einem Blick zu einem der Pagen sagte er: �Holt meinen Leibarzt und sagt ihm, er soll seine Instrumente und seine Tr�nke mitbringen. Diese Wunde h�tte schon vor einer Stunde versorgt werden m�ssen.�</p><p>�Ich danke dir, mein Lord�, murmelte Gilgamesch, bem�ht, nicht zu stark ironisch zu klingen.</p><p>Der Arzt erschien beinahe sogleich, als h�tte er schon im Antechambre gewartet. Wieder eines von den kleinen Spielchen, die sich der Priester Johannes g�nnte? Vielleicht. Der Arzt war ein grobschl�chtiger, breitschultriger Wuschelkopf von nicht mehr sehr jungen Jahren, und seine Art war knapp und scharf und gesch�ftsm��ig, aber dennoch warm, besorgt und vertraueneinfl��end. Er zog Gilgamesch neben sich auf einen niederen Diwan, der von der graugr�nlichen Haut eines schuppigen H�llendrachens bedeckt war, er sp�hte in die Wunde, brummte etwas Unverst�ndliches in einer unbekannten Sprache vor sich hin und dr�ckte mit seinen dicken Fingern auf das zerfetzte Fleisch, bis frisches Blut herausflo�. Gilgamesch holte scharf Luft, zuckte aber nicht zusammen.</p><p>�Ach, mein lieber Freund, leider mu� ich Ihnen noch einmal weh tun, aber es ist zu Ihrem eigenen Besten. Verstehen Sie das?�</p><p>Die Finger des Arztes gruben tiefer. Er zog nun die Wunde auseinander, tupfte sie aus und reinigte sie mit einer hellen Fl�ssigkeit, die wie ein gl�hendes Eisen sengte. Der Schmerz war derart scharf, da� er schon beinahe wieder lustvoll war; es war ein reinigender Schmerz, eine S�uberung der Seele.</p><p>Der Priester Johannes fragte: �Wie schlimm ist es denn, Dr. Schweitzer?�</p><p>�Gott sei Dank, es ist zwar tief, aber ein sauberer Durchschu�. Das heilt ohne Folgesch�den.�</p><p>Er sondierte und reinigte die Wunde weiter und redete dabei leise auf Gilgamesch ein: �Bitte noch einen Augenblick, mein Freund.� Zum Priesterk�nig sagte er: �Der Mann ist aus Stahl. �berhaupt keine Nerven, enormen Widerstand gegen Schmerz. Hier haben wir einen der Gro�en Helden, nicht wahr? Du bist Roland, ja? Oder vielleicht Achilles?�</p><p>�Gilgamesch ist sein Name�, sagte Yeh-lu Ta-shih.</p><p>Die Augen des Arztes begannen zu leuchten. �Gilgamesch! Gilgamesch aus Sumer? Wunderbar! Wunderbar! Der wahre Mann schlechthin. Der Sucher nach dem Ewigen Leben. Oh, wir m�ssen uns unterhalten, mein Freund, du und ich, wenn es dir wieder besser geht.� Dann zog er aus seinem Arztkoffer eine schrecklich wirkende Injektionsspritze. Gilgamesch sah zu wie aus weiter Ferne, als geh�rte der geschwollene schmerzpochende Arm einem anderen. �Jaja, wir m�ssen uns ganz bestimmt unterhalten, �ber das Leben, �ber den Tod, �ber Philosophie, mein Freund, �ber die Philosophie! Wir haben so viele Dinge zu besprechen!� Er stach Gilgamesch die Nadel unter die Haut. �Also. Genug. Bleib still und ruh dich aus. Jetzt setzt der Heilungsproze� ein.�</p><p>Robert Howard hatte nie etwas Vergleichbares gesehen. Es h�tte direkt den Seiten einer seiner Conan-Geschichten entsprungen sein k�nnen. Dieser gro�e Ochse hatte einen glatten Pfeildurchschu� im Armmuskel abbekommen, hatte das Gescho� einfach herausgerissen und unbeirrt weitergek�mpft. Und hinterher hatte er sich betragen, als sei die entz�ndete Wunde nur ein Kratzer, w�hrend sie Stunde um Stunde zur Residenzstadt des Priesterk�nigs Johannes gefahren waren, und dann hatte er die langwierigen Befragungen durch die Hofbeamten �ber sich ergehen lassen und hatte diese ganze endlose Empfangszeremonie standhaft und auf den Beinen durchgehalten�� Allm�chtiger, was f�r eine Demonstration von Ausdauer und Durchhalteverm�gen! Gewi�, am Ende war Gilgamesch ein wenig wackelig geworden, und es hatte so ausgesehen, als k�nnte er ohnm�chtig werden. Aber jeder gew�hnliche Sterbliche w�re dabei l�ngst zusammengebrochen. Aber <emphasis>Helden</emphasis> waren eben wirklich <emphasis>anders.</emphasis> Sie geh�rten einer v�llig anderen Rasse an. Sieh ihn dir doch nur an, wie gelassen er dasitzt, w�hrend dieser alte els�ssische Doktor ihm die Wunde ausputzt und ihn so beil�ufig grob zusammenflickt, und er gibt keinen Laut von sich! Kein St�hnen!</p><p>Howard versp�rte pl�tzlich das Verlangen, zu Gilgamesch hin�berzugehen, um ihn zu tr�sten, ihm den Kopf an seine Brust zu ziehen, w�hrend der Doktor Schweitzer ihn verarztete, ihm den Schwei� von der Stirn zu wischen�</p><p>Ja doch, ihm offen, auf linkisch-m�nnliche Weise Trost und Beistand zu leisten�</p><p>Nein. Nein. Nein.</p><p>Da war es wieder, das Entsetzen, das Unaussprechliche. H��lich. Kriechend. Dieser der H�lle entschl�pfte, aus der Kloake seiner Seele kommende Drang�</p><p>Howard k�mpfte dagegen an. Er l�schte ihn aus, verdr�ngte ihn au�er Sichtweite. Leugnete vor sich selbst, da� ihm je so etwas in den Sinn gekommen sei.</p><p>Zu Lovecraft sagte er: �Na, das ist aber ein Arzt! Ich nehme an, der hat seinen Doktor sicher in den Schlachth�usern von Chicago gemacht!�</p><p>�Wei�t du denn nicht, wer das ist, Bob?�</p><p>�Irgend so�n alter Holl�nder, nehme ich an, den ein Sandsturm hier hereingeweht hat und der sich seither nicht die M�he gemacht hat, abzuhauen.�</p><p>�Sagt dir der Name Dr. Schweitzer �berhaupt nichts?�</p><p>Howard sah Lovecraft dumpf an. �Ich vermute, ich hab� in Texas da nicht viel von dem geh�rt.�</p><p>�Ach, Bob, Bob, wieso mu�t du immer so tun, als w�rst, du so ein stupider Cowboy? Willst du wirklich behaupten, du h�ttest noch nie etwas von Albert Schweitzer geh�rt? Dem gro�en Philosophen, Theologen, Musiker? Es hat nie einen besseren Bach-Interpreten gegeben, und sag mir jetzt blo� nicht, da� du auch nicht wei�t, wer Bach ist��</p><p>�Philosoph? Musiker? Sprichst du von dem alten Landarzt da dr�ben?�</p><p>�Der in Afrika, in Lambarene, die Leprakolonie gr�ndete, ja. Der sein Leben der Hilfe und F�rsorge f�r Kranke widmete, unter h�chst primitiven Umst�nden, im hintersten Urwald von��</p><p>�Warte mal, H. P. das kann nicht wahr sein.�</p><p>�Da� ein einzelner Mensch so viel erreichen kann? Ich versichere dir, Bob, in unserer Zeit war er ziemlich bekannt�� vielleicht nicht gerade in Texas, nehme ich an, aber trotzdem��</p><p>�Nein. Nicht, da� er das alles gemacht haben soll. Sondern da� er <emphasis>hier</emphasis> sein soll, in der Nachwelt! Wenn dieser komische alte Knabe all das ist, was du sagst, dann ist er doch, verdammt noch mal, ein <emphasis>Heiliger.</emphasis> Au�er da� er vielleicht seine Frau verpr�gelt hat, wenn keiner in der N�he war, oder sowas in der Richtung. Und was hat ein Heiliger in der Nachwelt zu suchen, H. P.?�</p><p>�Was haben <emphasis>wir</emphasis> hier zu suchen?� fragte Lovecraft.</p><p>Howard wurde rot und wandte sich ab. �Also�� ich nehme an, es hat in unserem Leben Dinge gegeben�� Dinge, die jemand vielleicht f�r s�ndhaft halten k�nnte, im engsten Sinn��</p><p>�Was hat denn S�nde mit irgendwas hier zu tun?�</p><p>�Ja, aber ist dies hier nicht die H�lle?�</p><p>�Ist sie es?�</p><p>�Ich bin sicher, da� es nicht der Himmel ist, H. P. Auch wenn es Texas ziemlich �hnlich sieht hier.�</p><p>Lovecraft sch�ttelte den Kopf. �Himmel�� H�lle�� wer wei� das schon? Es gibt Leute, die glauben, da� der Ort, den wir uns geschaffen haben, die H�lle ist, das gebe ich zu. Aber ich geh�re nicht zu diesen Leuten. Das einzige, was wir wissen, ist, da� es sich um die Nachwelt handelt, um ein Leben nach dem Leben. Siehst du hier irgendwo einen Teufel mit Schuppenfl�geln und einem langen Schwanz? Leben wir in st�ndiger Pein?�</p><p>�Also��</p><p>�Nein�, sagte Lovecraft. �Es gibt keinen Grund, das hier f�r die H�lle zu halten, auch wenn das ein paar Leute tun. Es gibt keinen Grund, anders dar�ber zu denken, als da� es eben die Nachwelt ist, Bob�, sagte Lovecraft sanft. �Alles hier ist zuf�llig und vollkommen unvorherbestimmbar. Und S�nde hat m�glicherweise �berhaupt nichts damit zu tun. Auch Gandhi ist hier, ist dir das klar? Und Konfuzius. Waren <emphasis>die</emphasis> S�nder? Oder Moses? Abraham? Die Leute, die das hier die H�lle nennen, haben versucht, ihre eigenen erb�rmlich flachen Glaubensvorstellungen, ihre kl�glichen Grundschulideen �ber Strafen f�r schlechtes Betragen, auf diesen unglaublich bizarren Ort zu �bertragen, an dem wir uns nun befinden. Aber mit welcher Berechtigung tun sie das? Wir fangen ja noch nicht einmal an zu verstehen, was die Nachwelt wirklich ist. Wir wissen nur, da� sie voll ist von heroischen Schurken und verbrecherischen Helden�� und nat�rlich Leuten wie du und ich�� und anscheinend ist auch Albert Schweitzer hier. Ein gro�es Geheimnis. Aber eines Tages vielleicht��</p><p>�Pscht!� sagte Howard. �Der Priester Johannes spricht zu uns.�</p><p>�Meine Herren Gesandten��</p><p>Hastig wandten sie sich ihm zu. �Eure Majest�t?� sagte Howard.</p><p>�Diese Mission, die euch zu uns gef�hrt hat: Euer K�nig w�nscht offensichtlich ein B�ndnis mit uns? Zu welchem Zweck? Hat er wieder einmal Streit mit irgendeinem Papst?�</p><p>�Mit seiner Tochter, so leid es mir tut, das zu sagen�, erkl�rte Howard.</p><p>Der Priesterk�nig wirkte angewidert. Er spielte an seinem smaragdenen Zepter herum. �Du meinst diese Mary?�</p><p>�Nein, Elizabeth, Eure Majest�t�, sagte Lovecraft.</p><p>�Euer K�nig ist ein h�chst streitl�sterner Mann. Ich h�tte gedacht, da� es in der Nachwelt eine hinl�ngliche Zahl von P�psten g�be, ihn einigerma�en besch�ftigt zu halten, so da� er sich nicht mit seinen T�chtern anzulegen brauchte.�</p><p>�Sie sind aber die z�nkischsten Weiber der Nachwelt�, sagte Lovecraft. �Aus seinem eigenen Fleisch und Blut immerhin, und beide K�niginnen in ihrem jeweiligen eigenen unruhigen h�ndels�chtigen Reich. Elisabeth, mein Hoher Herr, entsendet ein Rudel ihrer Erforscher ins Outback. Und K�nig Heinrich behagt dies gar nicht.�</p><p>�Ach, wirklich�, sagte Yeh-lu Ta-shih, auf einmal wieder interessiert. �Mir ebenfalls nicht! Sie hat im Outback nichts zu suchen. Das geh�rt nicht zu ihrem Territorium. Die �brige Nachwelt sollte doch dieser Elizabeth eigentlich genug sein. Was erhofft sie sich von hier?�</p><p>�Der Magier John Dee hat ihr gesagt, da� hier in dieser Gegend der Weg aus der Nachwelt zu finden sei�, sagte Lovecraft.</p><p>�Es gibt keinen Weg, der aus der Nachwelt hinausf�hrt�, sagte Yeh-lu Ta-shih gelassen.</p><p>Lovecraft l�chelte. �Dies entzieht sich meinem Urteilsverm�gen, Majest�t. Aber Queen Elizabeth jedenfalls schenkte dieser Vorstellung Glauben. Walter Raleigh leitet ihre Expedition, und der Geograph Hakluyt ist bei ihm und eine Mannschaft von f�nfhundert Soldaten. Sie bewegen sich quer durch das Outback, direkt s�dlich von deinem Reich, und folgen einer Karte, die Dr. Dee ihnen zur Verf�gung gestellt hat. Man sagt, er h�tte sie von Cagliostro, der sie von einem der Medicis kaufte, dem Nero sie verpf�ndet hatte.�</p><p>Der Priesterkaiser schien nicht beeindruckt zu sein. �Sagen wir also diskussionshalber, es g�be <emphasis>wirklich</emphasis> einen Ausgang aus der Nachwelt. Warum aber sollte es dann der Wunsch der Queen Elizabeth sein, von hier fortzugehen? Die Nachwelt ist nicht so �bel. Gewi�, es gibt da kleinere Unannehmlichkeiten, aber man lernt doch rasch, damit zurechtzukommen. Hofft sie denn, sie k�nnte ins Land der Lebenden zur�ckgelangen und dort Anspruch auf ihren Thron erheben? Sie ist tot, lieber Freund. Wir alle hier sind Tote, auch wenn es den Anschein erweckt, als lebten wir. Aber wir k�nnen nirgendwo hin, an keinen anderen Ort. Und auch auf sie wartet in keiner anderen Sph�re ein Thron.�</p><p>Howard trat vor. �Elizabeth ist nicht wirklich daran interessiert, in eigener Person aus der Nachwelt zu gelangen, Eure Majest�t. Was K�nig Heinrich f�rchtet, das ist, da� sie�� sollte sie einen Ausweg finden��, da� sie diesen Ausweg f�r sich allein beanspruchen wird, dort eine Kolonie gr�nden und Passagezoll f�r den Weg verlangen w�rde. Und der K�nig glaubt, da� unabh�ngig davon, wohin es die Leute f�hren mag, Millionen Menschen willens sein werden, dieses Risiko einzugehen, und dann w�rde Elizabeth am Ende alles Geld der Nachwelt einscheffeln. Und diese Idee vertr�gt er ganz und gar nicht, falls es dir genehm ist, das zu verstehen. Er h�lt sie bereits jetzt f�r �berm��ig schlau und machtgierig, und der Gedanke, da� sie noch m�chtiger werden k�nnte, verursacht ihm schwarze Gallenfl�sse. Irgendwie h�ngt das auch mit der Mutter von Elizabeth zusammen�� mit Anne Boleyn, der zweiten Frau Heinrichs��, die war wild und z�gellos, und so lie� er ihr den Kopf abhauen, und nun glaubt er, da� hinter Elizabeths Machenschaften Anne steckt, die versucht, es ihm so heimzuzahlen��</p><p>�Erspart mir diese langweiligen Einzelheiten�, sagte Yeh-lu Ta-shih leicht ver�rgert. �Was erwartet Heinrich von mir?�</p><p>�Da� du Truppen aussendest, um die Raleigh-Expedition zur�ckzuwerfen, bevor sie etwas f�r Elizabeth N�tzliches herausfinden k�nnen.�</p><p>�Und in welcher Weise w�rde ich davon etwas gewinnen?�</p><p>�Falls der Ausgang aus der Nachwelt sich an deiner Grenze finden sollte, Majest�t, w�rdest du dann wirklich w�nschen wollen, da� ein Haufen elisabethanischer Engl�nder direkt vor deiner T�r eine Kolonie gr�ndet?�</p><p>�Es gibt keinen Ausgang aus der Nachwelt�, sagte der Kaiserpriester selbstzufrieden noch einmal.</p><p>�Aber wenn sie dennoch hier eine Kolonie gr�nden?�</p><p>Der Monarch schwieg eine Weile. �Ich verstehe�, sagte er schlie�lich.</p><p>�Als Gegenleistung f�r deine Unterst�tzung�, sagte Howard, �sind wir erm�chtigt, dir ein Handelsabkommen zu �u�erst g�nstigen Konditionen anzubieten.�</p><p>�Aha.�</p><p>�Und eine milit�rische Schutzgarantie f�r den Fall einer Invasion einer feindlichen Macht in dein Reich.�</p><p>�Wenn die Streitkr�fte K�nig Henrys so gewaltig sind, wieso befa�t er sich nicht selbst mit dieser Raleigh-Expedition?�</p><p>�Es blieb nicht genug Zeit, ein Heer aufzustellen und �ber eine so gro�e Entfernung in Bewegung zu setzen�, sagte Lovecraft. �Elizabeths M�nner waren bereits aufgebrochen, bevor irgend etwas von dem Plan durchsickern konnte.�</p><p>�Aha.�</p><p>Lovecraft sprach weiter: �Nat�rlich h�tte es auch andere F�rsten im Outback gegeben, an die sich K�nig Henry h�tte wenden k�nnen. Ibn Sauds Name fiel dabei und auch einer von den Assyrerk�nigen�� Assurnasirpal, glaube ich��, und jemand erw�hnte Mao Tse-tung.</p><p>Nein, sagte K�nig Henry, wir wollen den Priester Johannes um Hilfe ersuchen, denn er ist ein hochm�gender Monarch von gro�em Glanz und seine Edikte sind oberstes Gesetz bis in die fernsten Winkel der Nachwelt. Und so ist es in der Tat der Priester Johannes, dessen Beistand wir suchen m�ssen!�</p><p>In Yeh-lu Ta-shihs Augen blitzte nun ein seltsames anderes Funkeln. �Ihr hattet an ein B�ndnis mit dem Mao Tse-tung gedacht?�</p><p>�Es war nur einer der Vorschl�ge, Majest�t.�</p><p>�Aha. Ich verstehe.� Der Priesterk�nig erhob sich von seinem Thron. �Nun, wir werden diese Dinge sorgsam bedenken m�ssen, nicht wahr? Wir d�rfen da keine �berst�rzten Entscheidungen treffen.� Er blickte durch den weiten Thronsaal zu dem Diwan hin�ber, wo Dr. Schweitzer noch immer an der Wunde Gilgameschs herumhantierte. �Dein Patient, Doktor�� wie lautet dein Befund?�</p><p>�Ein Mann wie aus Stahl, Majest�t, ein Mann aus Stahl. Gott sei Dank, er heilt direkt unter meinen Augen.�</p><p>�Ist das so. Nun, dann kommt. Ihre alle werdet euch etwas ausruhen wollen, denke ich. Und dann sollt ihr die Gastfreundschaft des Priesters Johannes in ihrer F�lle genie�en d�rfen.�</p></section><section><title><p>5</p></title><p>Die Gastfreundschaft des Priesterk�nigs, fand Gilgamesch bald heraus, war in der Tat keine unbedeutende Sache.</p><p>Man geleitete ihn zu einem Privatgemach, dessen W�nde mit schwarzem Filz bedeckt waren�� eine Art Zelt im Hause��, wo drei Sklavenm�dchen, die ihm kaum bis zur H�fte reichten, sich glucksend und kichernd um ihn dr�ngten und ihm den Lendenschurz auszogen. Sanft dr�ngten sie ihn dann in eine gro�e marmorne Zisterne voll warmer Milch, wo sie ihn liebevoll badeten und seinen schmerzenden Leib auf h�chst intime Art massierten. Und danach h�llten sie ihn in kostbare Gew�nder aus gelber Seide.</p><p>Dann geleitete man ihn in den Gro�en Kaisersaal, in dem bereits der ganze Hof versammelt war, eine gl�nzende, prachtvolle Menge Menschen. Es war irgendeine Art Konzert im Gange, sieben feierlich-ernste Musiker produzierten eine kreischende, schrille und n�selnde Musik. Gongs schepperten, eine Fanfare schmetterte, Trompeten tr�teten, Pfeifen gaben gespenstische durchdringende T�ne von sich. Diener geleiteten Gilgamesch zu einem Ehrenplatz auf einem Berg von pelzigen Decken, die mit Samtkissen �bers�t waren.</p><p>Lovecraft und Howard waren bereits anwesend, wie Gilgamesch in pr�chtige Seidenroben gekleidet. Beide wirkten ein wenig verwirrt, ja sogar au�er sich. Howard war hochrot und �bertrieben agil, er konnte kaum stillsitzen; er lachte und fuchtelte mit den Armen und trommelte mit den Fersen auf die Pelzdecken, ganz wie ein kleiner Junge, der etwas ganz Schlimmes angestellt hat und jetzt davon abzulenken versucht, indem er sich hyperaktiv auff�hrt. Lovecraft hingegen wirkte benommen und verwirrt und hatte den glas�ugigen Blick wie einer, der gerade auf den Kopf geschlagen worden ist.</p><p>Die beiden sind wirklich sehr seltsame M�nner, dachte Gilgamesch.</p><p>Der eine gibt sich riesige M�he, laut und lustig zu wirken, und dann kriegst du pl�tzlich einen fl�chtigen Einblick in eine Seele, die von w�sten Phantasietr�umen mit zuckenden Schwertern und Str�men von Blut �bersprudelt. Aber in Wirklichkeit hat er schreckliche Angst vor allem. Der andere dagegen, der ist so unheimlich abweisend und n�chtern und anscheinend nicht ganz so verr�ckt, doch auch er macht den Eindruck, als liege er im Krieg mit sich selber, als f�rchte er sich entsetzlich davor, da� ein wirkliches echtes menschliches Gef�hl die wohlkalkulierte Oberfl�che seiner Manierismen durchbrechen k�nnte. Diese armen Narren m�ssen zu Tode erschrocken sein, als die Sklavenm�dchen anfingen, sie auszuziehen, sie mit warmer Milch zu �bergie�en und ihre K�rper zu streicheln. Bestimmt haben sie sich von dieser zweifelhaften Lustempfindung noch nicht wieder erholt, dachte Gilgamesch. Er konnte sich gut vorstellen, was f�r Entsetzensschreie sie ausstie�en, als die kleinen Mongolenm�dchen sich an sie heranzumachen begannen. <emphasis>Was machst du denn da? La� die Finger von meiner Hose! Fa� mich da nicht an! Bitte�� oh, nein�� oh, oh-ah-oh! Ohhh!</emphasis></p><p>Der Priesterk�nig sa� auf einem hohen Thron aus Elfenbein und Onyx und winkte Gilgamesch mit ausladender Geste zu, eben wie ein K�nig zu einem anderen. Gilgamesch nickte fast unmerklich bet�tigend zur�ck. Der ganze Pomp und die Zeremonien langweilten ihn gr��lich. Davon hatte er schlie�lich in seinem fr�heren Leben reichlich genug abbekommen. Damals hatte <emphasis>er</emphasis> auf dem hohen Thron gesessen, aber dennoch war ihm das einfach alles langweilig gewesen. Und nun�</p><p>Doch dies hier war auch nicht langweiliger als sonst etwas. Gilgamesch war schon lange zu der �berzeugung gelangt, da� dies der wahre Fluch sei, der �ber der Nachwelt lag: Alles M�hen war hier bedeutungslos, blo�es Wetterleuchten ohne reinigende Gewitter. Es war unm�glich, hier etwas Dauerhaftes zu errichten. Blo�e Sandburgen waren das hier, und die Ausl�schung kam mit den Gezeiten herangerollt, so sehr einer auch dagegen ank�mpfen mochte. Man konnte keine S�hne zeugen, die den Namen des Vaters preisen und die Mauern seiner Stadt st�rken w�rden; die Freunde und Bundesgenossen tauchten auf und verschwanden wieder wie spukhafte Traumgestalten; und du selbst lebtest die halbe Zeit in einem fieberigen Traum, ohne zu wissen, was du wirklich willst. Und das nahm kein Ende. Du konntest jetzt wieder sterben, fr�her oder sp�ter, wenn du unachtsam warst oder Pech hattest, aber trotzdem, fr�her oder sp�ter, warst du wieder da f�r eine neue Drehung des Rades. Es gab kein Aussteigen aus dem Kontinuum. Er, er hatte einst verzweifelt das ewige Leben gesucht, und er hatte schmerzhaft lernen m�ssen, da� ihm das nicht gegeben war, zumindest nicht in der Welt der sterblichen Menschen. Doch nun war er tats�chlich an einem Ort gelandet, wo er ewig leben w�rde, jedenfalls sah es so aus, aber dennoch brachte ihm das keine Freude. Seine derzeitige liebste Wunschvorstellung�� ein Traum�� war es einfach, seine Zeit hier in der Nachwelt abzudienen und danach vielleicht in Frieden ewig schlafen zu d�rfen. Doch er sah bisher noch keine M�glichkeit, dies zu erreichen. Das Leben hier�� oder was hier so als Leben galt�� ging einfach weiter und immer weiter� ziemlich genau so wie dieses Hofkonzert mit den nicht enden wollenden Str�ngen von dr�hnendem, zirpendem und kreischendem L�rm. Jemand mit dem weichen bartlosen Gesicht eines Eunuchen trat zu ihm heran und bot ihm ein St�ck gegrilltes Fleisch an. Nun, da der stechende Schmerz in seiner Wunde mehr und mehr verebbte, versp�rte er Hunger, und er a� das Fleischst�ck, und danach ein zweites und noch eins, und dazu trank er einen ganzen Krug fermentierter Stutenmilch.</p><p>Eine Tanzgruppe erschien, M�nner und Weiber in weiten durchsichtigen Gew�ndern. Sie vollf�hrten Kunstst�cke mit Schwertern und lodernden Fackeln. Ein anderer Beschnittener brachte Gilgamesch eine Schale mit geheimnisvollen s��en K�stlichkeiten, und er griff mit beiden H�nden zu. Er hatte rasenden Appetit. Sein K�rper, der zu heilen begann, verlangte energisch nach Energiezufuhr. An seiner Seite sch�ttete der Mann Howard die Stutenmilch in sich hinein wie Wasser und wurde zusehends betrunkener, und der andere, der Lovecraft hie�, sa� kr�nklich-tr�bsinnig da, sah den Gauklern zu und r�hrte nichts an. Es sah aus, als sch�ttelte es ihn, wie wenn er mitten in einem Schneesturm w�re.</p><p>Gilgamesch winkte ein zweites Gem�� vergorener Stutenmilch heran. Und in diesem Augenblick kam der Arzt an und lie� sich fr�hlich auf dem Fellberg neben ihm nieder. Dr. Schweitzer l�chelte breit und zustimmend, als Gilgamesch einen kr�ftigen Schluck trank. �F�hlst du dich jetzt besser? Der Arm, er schmerzt nicht mehr, ja? Die Wunde, sie schlie�t sich bereits. So rasch heilst du! Was f�r eine St�rke, was f�r ein Heilungspotential! Lieber Gilgamesch, du bist ein echtes Gotteswunder! Der Segen des Allm�chtigen ruht auf dir.� Er ergriff ein Trinkgef�� von einem vorbeikommenden Diener, trank und verzog das Gesicht. �Ach! Dieses Milchbier, das sie hier als Wein servieren! Und ach, ach, dieses entsetzliche Get�se, ihre verfluchte Musik! Was w�rde ich nicht daf�r geben, einen Schluck anst�ndigen Moselweins auf der Zunge zergehen zu lassen, ja, und wenn ich die D-moll-Tokkata und Fuge noch einmal h�ren k�nnte! Von Bach�� kennst du ihn?�</p><p>�Wen?�</p><p>�Bach. Johann Sebastian Bach. Der gewaltigste Musiker, Gottes h�chst eigener Klangdichter. Ich habe ihn gesehen, nur einmal, vor Jahren.� Die Augen Albert Schweitzers leuchteten. �Ich war hier neu. Noch keine zwei Wochen hier. Es war im Landhaus von K�nig Friedrich�� Friedrich II. von Preu�en, wei�t du, den sie den Gro�en nennen. Du kennst ihn? Nein? <emphasis>Der Alte Fritz?</emphasis> Na, macht nichts, macht nichts. Jedenfalls kam ein Mann in den Saal, ganz gew�hnlich, er w�re einem unter anderen nie aufgefallen, verstehst du? Und er f�ngt an, auf dem Cembalo zu spielen, und er hat noch keine drei Takte gespielt, da sage ich: Das ist Bach, das mu� der echte Bach sein. Und ich w�re gern auf die Knie gesunken vor ihm, h�tte ich mich nicht so gesch�mt. Aber er war es. Ich sagte mir: Wieso ist Bach hier in der Nachwelt, wenn die Nachwelt die H�lle ist, wie einige uns glauben machen wollen? Doch dann sagte ich mir, wie du vielleicht dir selber auch und wie jeder das hier fr�her oder sp�ter wird tun m�ssen: Wie kommt es, da� ich, Albert Schweitzer, hier in der H�lle bin? Und ich begriff, da� Gott ein unendliches R�tsel ist. Vielleicht wurde ich hier hergesandt, um die Verdammten �rztlich zu versorgen. Und Bach vielleicht ebenfalls, um unseren Seelen Linderung zu bringen. Oder vielleicht sind wir ja auch Verdammte. Oder vielleicht ist keiner hier verdammt. Und das ist es, was ich schlie�lich glaube, da� jene, die diesen Ort hier die H�lle nennen, einfach Narren sind. Wer wei� denn, was dies f�r ein Ort ist, oder weshalb wir hier sind, heh? Sie f�hren zu nichts, diese ganzen Spekulationen. Es ist ein Fehler oder <emphasis>peut-�tre</emphasis> eine S�nde, sich einzubilden, wir k�nnten verstehen, was Gott denkt! Wir sind hier. Wir haben unsere Aufgaben. Mehr brauchen wir nicht zu wissen.�</p><p>�So dachte auch ich einst�, sagte Gilgamesch. �Als ich noch K�nig war in Uruk, in der anderen Welt, als mir endlich bewu�t wurde, da� ich sterben mu�te und da� es unm�glich ist, sich vor dieser Tatsache zu verstecken. Aber wozu denn das Ganze, fragte ich mich. Und ich sagte mir: Die G�tter haben uns hierher gesetzt, damit wir unsere Aufgaben erf�llen, und darin liegt der ganze Sinn. Und so lebte ich danach, tat, wozu ich bestimmt war, so gut ich verstand, was die G�tter von mir erwarteten, bis ich schlie�lich starb.� Gilgameschs Gesicht umd�sterte sich. �Aber hier� hier��</p><p>�Auch hier haben wir unsere Aufgaben und Pflichten�, sagte Dr. Schweitzer.</p><p>�Du, vielleicht ja. Mir bleibt hier nichts anderes, als mir die Zeit zu vertreiben. Einst hatte ich einen Freund, der diese B�rde gemeinsam mit mir trug��</p><p>�Enkidu.�</p><p>Gilgamesch ergriff mit pl�tzlicher Wildheit das kr�ftige Handgelenk des Arztes. �Du wei�t von Enkidu?�</p><p>�Aus dem Epos, ja. Das Gedicht ist sehr ber�hmt.�</p><p>�Ach. Ach! Dieses Gedicht� Aber der Mann, der echte wirkliche Mann��</p><p>�Von dem wei� ich nichts, nein.�</p><p>�Er ist von meiner Gestalt, sehr breit. Sein Bart ist dicht, sein Haupthaar zottig, seine Schultern sind sogar noch breiter als meine. Wir zogen �berallhin gemeinsam. Doch dann zerstritten wir uns, und er verlie� mich im Zorn und sagte: Komm mir nie wieder in die Quere. Und sagte: In mir ist keine Liebe mehr f�r dich, Gilgamesch. Und er sagte: Sollten wir einander wieder begegnen, will ich dich t�ten. Und seitdem habe ich nie wieder von ihm geh�rt.�</p><p>Dr. Schweitzer wandte sich ihm zu und sah ihn nachdenklich und forschend an. �Wie ist so etwas m�glich? Alle Welt wei� doch von der Liebe Enkidus f�r Gilgamesch!�</p><p>Gilgamesch winkte einen weiteren Krug heran. Dieses Gespr�ch erweckte eine Pein in seiner Brust zum Leben, einen Schmerz, neben dem der Schmerz seiner Armverletzung nicht mehr war als ein leichtes Jucken. Und das Getr�nk half auch nicht, das wu�te er, aber er w�rde dennoch trinken.</p><p>Nach einem tiefen Schluck sagte er d�ster: �Wir haben uns zerstritten. Es fielen hitzige Worte zwischen uns. Er hat gesagt, in ihm sei keine Liebe mehr f�r mich.�</p><p>�Das kann nicht wahr sein.�</p><p>Gilgamesch zuckte die Achseln, sagte aber nichts.</p><p>�Und du sehnst dich danach, ihn wiederzufinden?� fragte Dr. Schweitzer.</p><p>�Ja, nichts anderes.�</p><p>�Wei�t du, wo er ist?�</p><p>�Die Nachwelt ist viel gr��er als die Welt, und diese ist schon so weit, da� ich Kopfschmerzen bekomme, wenn ich dar�ber nachdenke. Er k�nnte �berall sein.�</p><p>�Du wirst ihn finden.�</p><p>�Wenn du w��test, wie sehr ich nach ihm gesucht habe��</p><p>�Du wirst ihn wiederfinden. Ich wei� es.�</p><p>Gilgamesch sch�ttelte den Kopf. �Wenn die Nachwelt ein Ort der Strafe und Qualen ist, dann ist dies meine Strafe, da� ich ihn nie wiederfinden kann. Oder wenn ich es doch tue, wird er mir mit Verachtung begegnen. Oder die Hand wider mich erheben.�</p><p>�Nein, so ist das nicht�, erwiderte Dr. Schweitzer. �Ich denke, du fehlst ihm ebenso sehr wie er dir.�</p><p>�Warum h�lt er sich dann fern von mir?�</p><p>�Hier ist die Nachwelt�, sagte der Arzt sanft. �Ich vermute, wir sollen hier gepr�ft werden. Und so wirst vielleicht jetzt du gepr�ft, mein Freund; aber keine Pr�fung dauert ewig. Nicht einmal in der Nachwelt. Nicht einmal hier. Selbst wenn du jetzt in der Nachwelt bist, vertraue auf die G�te des Herrn. Du wirst deinen Enkidu fr�h genug wiederfinden, um Himmels willen!� Dr. Schweitzer l�chelte und sagte: �Der Kaiser w�nscht dich zu sprechen. Geh zu ihm. Ich glaube, er hat dir etwas zu sagen, was du h�ren mu�t.�</p><empty-line/><p>Der Priester Johannes sagte zu ihm: �Du bist doch ein Krieger, nehme ich an?�</p><p>�Das war ich�, antwortete Gilgamesch gleichg�ltig.</p><p>�Ein General? Ein F�hrer von M�nnern?�</p><p>�All dies habe ich weit hinter mir gelassen�, sagte Gilgamesch. �Hier ist das Leben danach. Ich gehe jetzt meiner Wege und �bernehme keine Verantwortung mehr f�r andere. Es laufen hier genug Gener�le herum!�</p><p>�Man hat mir gesagt, du warst ein alle �berragender Heerf�hrer. Man hat mir gesagt, du k�mpftest wie der Gott des Krieges selbst. Wenn du auf dem Schlachtfeld erschienst, legten ganze Nationen die Waffen nieder und warfen sich vor dir in den Staub.�</p><p>Gilgamesch wartete und sagte nichts.</p><p>�Aber dir fehlt die Glorie des Schlachtfeldes, Gilgamesch, nicht wahr?�</p><p>�Fehlt sie mir?�</p><p>�Was w�rdest du sagen, wenn ich dir den Befehl �ber meine Streitkr�fte anbieten w�rde?�</p><p>�Weshalb solltest du das tun? Was bedeute ich dir schon? Und was bedeutet mir dein Volk?�</p><p>�In der Nachwelt nehmen wir jede beliebige Nationalit�t an, die uns genehm ist. Mein Volk k�nnte das deine werden. Was w�rdest du dazu sagen, wenn ich dir das Oberkommando �bertragen w�rde?�</p><p>�Ich w�rde sagen, du machst einen gewaltigen Fehler.�</p><p>�Aber es ist keine kleine Streitmacht. Zehntausend Mann. Entsprechende Luftunterst�tzung. Taktische Nuklearwaffen. Das st�rkste Waffenpotential im Outback!�</p><p>�Du verstehst mich nicht�, sagte Gilgamesch. �Krieg interessiert mich nicht. Ich verstehe gar nichts von modernen Waffen, und ich will auch gar nichts dar�ber lernen. Und ich w�nsche auch nicht zu irgendeines Mannes Nation zu geh�ren. Du hast den falschen Mann ausgesucht, Priester Johannes. Wenn du unbedingt einen General brauchst, warum schickst du nicht nach Wellington. Oder Malborough, Rommel. Tiglath-Pileser.�</p><p>�Oder nach Enkidu?�</p><p>Der Name kam ihm unerwartet und traf Gilgamesch wie ein Rammbock. Bei dem Namen scho� ihm die R�te ins Gesicht, und sein Leib begann krampfhaft zu zucken.</p><p>�Was wei�t du von Enkidu?�</p><p>Der Priesterk�nig hob eine seiner wundervoll manik�rten H�nde. �Gestatte mir doch das Vorrecht, die Fragen zu stellen, Gro�er K�nig.�</p><p>�Du hast den Namen Enkidu ausgesprochen. Was wei�t du von Enkidu?�</p><p>�La� uns zun�chst die anderen Punkte abhandeln, die von gr��erer Bedeu��</p><p>�Enkidu!� fiel Gilgamesch ihm starrsinnig ins Wort. �Weshalb hast du seinen Namen genannt?�</p><p>�Ich wei�, er war dein Freund.�</p><p>�Er <emphasis>ist</emphasis> mein Freund.�</p><p>�Sch�n, also, er <emphasis>ist</emphasis> dein Freund. Und ein Mann von hohem Wert und gro�er Kraft. Der zu dieser Stunde als Gast am Hofe des gr��ten Feindes meines Reiches weilt. Und der, wie ich erfahre, sich soeben anschickt, mich zu bekriegen.�</p><p><emphasis>�Was?�</emphasis> Gilgamesch sah ihn wie erstarrt an. �Enkidu in den Diensten der Queen Elizabeth?�</p><p>�Ich erinnere mich nicht, dies gesagt zu haben.�</p><p>�Ja hat denn nicht diese K�nigin gerade eine Armee gegen dein Reich ausgeschickt?�</p><p>Yeh-lu Ta-shih lachte. �Raleigh und seine f�nfhundert Narren? Diese Expedition ist absurd. Um die k�mmere ich mich an einem Nachmittag nach dem Mittagsschl�fchen. Nein, ich spreche von einem ganz anderen Feind. Sag mir eins: Wei�t du von Mao Tse-tung?�</p><p>�Diese F�rsten unter den Sp�ter Toten�� es gibt derma�en viele davon, und ihre Namen bedeuten mir nichts.�</p><p>�Ein Chinese, ein Han. Kaiser der Marx-Dynastie, lange nach meiner Zeit. Ein geschickter, hartn�ckiger und z�her Mann. Mehr als nur leicht verr�ckt. Er herrscht �ber ein Ding, das sich Himmlische Volksrepublik nennt. Direkt n�rdlich von hier. Und er redet seinen Untertanen ein, man k�nnte die Nachwelt zum Himmel machen, indem man sie kollektiviert.�</p><p><emphasis>�Kollektiviert?�</emphasis> fragte Gilgamesch verst�ndnislos.</p><p>�Indem man alle Bauern zu K�nigen macht und die K�nige zu Bauern. Wie ich bereits sagte, er ist mehr als nur leicht verr�ckt. Doch er hat Myriaden loyaler Anh�nger, die alles tun, was er befiehlt. Er gedenkt das ganze Outback zu erobern, und damit beginnen will er hier bei mir. Und danach soll die gesamte Nachwelt, Provinz nach Provinz, seinen verr�ckten Ideen unterworfen werden. Ich f�rchte, diese Elizabeth ist im B�ndnis mit ihm�� da� diese absurde Unternehmung, angeblich einen Weg aus der Nachwelt finden zu wollen, weiter nichts ist als ein trickreicher Vorwand, da� ihr Raleigh meine Schwachstellen f�r sie ausspionieren soll, damit sie dann diese Informationen an Mao weitergeben kann.�</p><p>�Aber wenn dieser Mao der Feind aller K�nige ist, weshalb sollte Elizabeth ein B�ndnis mit�?�</p><p>�Beide wollen sich offenbar gegenseitig benutzen. Elizabeth hilft Mao, mich zu st�rzen, Mao hilft Elizabeth, ihren Vater vom Thron zu vertreiben. Und was danach kommt, wer wei�? Ich jedenfalls gedenke zuzuschlagen, ehe die beiden mir Schaden zuf�gen k�nnen.�</p><p>�Aber was ist mit Enkidu�, sagte Gilgamesch. �Sag mir etwas �ber Enkidu.�</p><p>Der Priesterk�nig entrollte einen Computerausdruck. Er �berflog den Inhalt und las dann laut: �Der Kriegsheld Enkidu von Sumer aus den Reihen der Fr�htoten�� Sumer, so hei�t doch dein Reich, nicht wahr?�� langte an dem und dem Tag am Hofe Mao Tse-tungs an�� offiziell angegebener Grund des Besuchs: ein Jagdausflug ins Outback�� in Begleitung eines amerikanischen Spions, der sich als Journalist und J�ger tarnt, eines gewissen Ernest Hemingway�� Geheime Treffen mit Kublai Khan, dem Kriegsminister der Himmlischen Volksrepublik�� derzeit damit beauftragt, die kommunistische Armee auszubilden und f�r die Invasion in New Kara-Hitai vorzubereiten�� Der Kaiser blickte auf. �Erweckt das deine Aufmerksamkeit, Gilgamesch?�</p><p>�Was erwartest du dir von mir?�</p><p>�Dieser Mann ist dein ber�hmter Freund. Du kennst seine Gedanken wie deine eigenen. Besch�tze uns vor ihm, und ich werde dir alles geben, was du dir w�nschst.�</p><p>�Was ich mir w�nsche�, sagte Gilgamesch, �ist nur die Freundschaft Enkidus.�</p><p>�Dann werde ich dir Enkidu auf einem silbernen Tablett servieren. Zieh f�r mich ins Feld gegen die Truppen Maos. Hilf mir, den Strategien, die dein Enkidu ihnen beigebracht hat, zuvorzukommen. Wenn wir diese Marxistenhunde wegfegen und ihre Gener�le gefangennehmen, und dann geh�rt Enkidu dir. Ich kann dir nat�rlich nicht garantieren, da� er wieder dein Freund sein will, aber er wird dir geh�ren. Was sagst du dazu? Was sagst du, Gilgamesch?�</p><empty-line/><p>Von einem Horizont zum anderen breiteten sich die Legionen des Priesters Johannes �ber die grauen Ebenen der Nachwelt. Vor dem d�steren Firmament zuckten scharlachrot und gelb die Feldbanner. Im Zentrum der Formation stand ein Keil von Berittenen in Lederr�stung; an beiden Flanken eine Abteilung Schwerer Infanterie; die Panzerspitze des Kaisers bildete die Vorhut und rollte gem�chlich �ber das unebene zerkl�ftete Terrain vorw�rts. Eine Phalanx von transatmosph�rischen Waffentr�gern sorgte hoch droben f�r Deckung aus der H�he.</p><p>Eine Staubwolke in der Ferne verriet das Anr�cken der Armee der Himmlischen Volksrepublik.</p><p>�Bei allen stygischen D�monen!� rief Robert Howard laut. �Hast du jemals sowas Verr�cktes gesehen?� Lovecraft und er genossen einen speziellen Ausblick auf das Geschehen von ihren Pl�tzen im kaiserlichen Kommandoposten, einer von einem gl�henden Kraftfeld abgeschirmten gro�artigen Pagode. Auch Gilgamesch war da, gleich nebenan, mit dem Priester Johannes und den Generalstabsoffizieren von Kara-Khitai. Der Kaiser klebte vor einer Batterie von Fernsehmonitoren, und einer seiner Adjutanten h�mmerte fieberhaft Befehle in die Tastatur eines Computerterminals. �Das ergibt doch keinen Sinn, verdammt�, sagte Howard. �Kavallerie, Panzer, fliegende Festungen, alles gleichzeitig�� ist das die Vorstellung von diesen Hundes�hnen, wie man einen Krieg f�hrt?�</p><p>Lovecraft legte den Zeigefinger �ber die Lippen. �Br�ll hier nicht so rum, Bob! Oder willst du, da� der Priester dich h�rt? Wir sind hier G�ste, vergi� das nicht. Und Gesandte von K�nig Heinrich.�</p><p>�Also, mir ist das egal, wenn er mich h�rt, soll er mich doch h�ren. Schau dir dieses irrsinnige Durcheinander an! Kapiert denn dieser Priester Johannes nicht, da� da ein chinesischer Bolschewik aus dem zwanzigsten Jahrhundert zum Angriff anr�ckt, mit Waffen aus dem zwanzigsten Jahrhundert? Was k�nnten Reiterformationen dagegen ausrichten, um Himmels willen? Eine Kavallerieattacke gegen schwere Gesch�tze? Pfeil und Bogen gegen Haubitzen?� Howard keckerte h�hnisch. �Pfeile mit nuklearen Spitzen, ja? Ist das der Trick?�</p><p>Leise sagte Lovecraft: �Soweit wir das wissen k�nnen, ist es genau das.�</p><p>�Aber du wei�t doch, da� das unm�glich ist, H. P. Ich bin erstaunt �ber dich. Ein Mann mit deinem wissenschaftlichen R�stzeug. Mir ist klar, da� dieses ganze Atomzeug nach unserer Zeit kam, aber du hast dich ja bestimmt theoretisch auf dem laufenden gehalten. Eine kritische Masse auf einer Pfeilspitze? Nein, H. P. du wei�t so gut wie ich, da� das nicht funktionieren kann. Und selbst wenn es m�glich w�re��</p><p>H�chst �rgerlich winkte Lovecraft ihm zu, er solle den Mund halten. Er zeigte durch den Raum zum Hauptmonitor vor dem Priester Johannes. Auf dem Bildschirm war das bl�hende Gesicht eines untersetzten Mannes mit dichtem wei�en Backenbart zu sehen.</p><p>�Ist das nicht Hemingway?� fragte Lovecraft.</p><p>�Wer?�</p><p>�Ernest Hemingway. Ein Schriftstellerkollege. <emphasis>A Farewell to Arms�� The Sun Also Rises��</emphasis></p><p>�Hab� sein Zeug noch nie gemocht�, sagte Howard. �Angekr�nkelte Schei�e �ber einen Haufen besoffener Schw�chlinge. Bist du sicher, er ist es?�</p><p>�Schw�chlinge, Bob?� fragte Lovecraft erstaunt.</p><p>�Also, ich habe blo� dies eine Buch von ihm gelesen, �ber diese Amerikaner in Europa, die zum Stierkampf rennen und sich besaufen und mit den Weibern der anderen herumhuren�� und das reichte mir an Erfahrungen mit Mr. Hemingway. Ich sage dir, H. P. es war mir widerlich. Und wie das Zeug geschrieben war! St�ndig diese kurzen, knappen S�tze. Kein Zauber, keine Poesie, H. P. nichts.�</p><p>�Diskutieren wir ein andermal dar�ber, Bob.�</p><p>�Keinerlei Vision von Heldentum�� kein Gesp�r f�r die erhabeneren Leidenschaften, die uns edler machen und��</p><p>�Bob, ich bitte dich!�</p><p>�Fixiert auf das Gemeine, das Schleimige, das Verwerfliche��</p><p>�Du liegst v�llig daneben, Bob. Du interpretierst seine Lebensauffassung vollkommen falsch. Wenn du dir nur die M�he gemacht h�ttest, <emphasis>A Farewell to Arms</emphasis> zu lesen�� Lovecraft sch�ttelte emp�rt den Kopf. �Aber jetzt ist nicht die Zeit f�r ein literarisches Colloquium. Da, sieh lieber dorthin!� Er machte eine Kopfbewegung zur anderen Seite des Raums. �Einer der Adjutanten des Kaisers winkt uns, da� wir hin�berkommen sollen. Etwas tut sich da.�</p><p>Tats�chlich hatte es eine Entwicklung gegeben, sozusagen. Yeh-lu Ta-shih schien sich mit drei, vier Adjutanten gleichzeitig zu besprechen. Gilgamesch stampfte mit hochrotem Gesicht erregt vor der Computerbank auf und ab. Hemingways Gesicht war noch auf dem Schirm, und auch er wirkte aufgeregt.</p><p>Howard und Lovecraft eilten hin�ber. Der Herrscher wandte sich zu ihnen um. �Es kam das Angebot einer Unterhandlung auf dem Kampffeld�, sagte er. �Kublai Khan ist auf dem Weg her�ber. Dr. Schweitzer wird als mein Parlament�r fungieren. Ein Mr. Hemingway �bernimmt die Rolle des neutralen Beobachters�� <emphasis>ihres</emphasis> Unparteiischen. Auch ich ben�tige einen Unparteiischen. W�rdet ihr zwei ebenfalls hingehen und als Diplomaten einer neutralen Macht ein Auge auf die Dinge haben?�</p><p>�Es ist uns eine Ehre, Euch zu Diensten zu sein, Majest�t�, verk�ndete Howard gro�spurig.</p><p>�Und zu welchem Zweck, mein Lord, wurde die Unterhandlung vorgeschlagen?� fragte Lovecraft.</p><p>Yeh-lu Ta-shih wies auf den Bildschirm. �Dieser Mr. Hemingway hatte die brillante Idee, wir k�nnten die Angelegenheit durch einen Zweikampf entscheiden�� Gilgamesch gegen Enkidu. Es w�rde eine Menge Munition sparen und einer Menge Kriegern die M�he ersparen, sterben und wieder auferstehen zu m�ssen. Aber es gibt noch Meinungsverschiedenheiten �ber die Einzelheiten.� Geziert unterdr�ckte er ein G�hnen. �Vielleicht l��t sich das alles ja bis zum Mittagessen erledigen.�</p><p>Es war eine seltsame Gruppierung. Mao Tse-tungs Chefunterh�ndler war der kurzbeinige Kublai Khan in prachtvoller Robe, dessen dunkle schlaue Augen gro�en Scharfsinn und Willenskraft verrieten. In seinem fr�heren Leben war er selbst ein bedeutender Herrscher gewesen, hatte jedoch anscheinend f�r hier weniger m�hsame Aufgaben vorgezogen. Neben ihm stand Hemingway, massig und schwer von Gestalt, mit tiefer Stimme und von einer unbek�mmerten, beinahe �berheblichen Art. Mao hatte auch vier M�nnchen in identischen blauen Uniformen mit einem roten Sternabzeichen auf der Brust mitgeschickt�� �Parteibonzen�, murmelte jemand��, und merkw�rdigerweise einen Haarmenschen, einen kurzbeinigen Mann mit breiter Stirn, kinnlos, eines dieser kuriosen Gesch�pfe aus den fr�hesten Urzeiten der anderen Welt. Auch der Haarmensch trug das Kommunistenemblem auf der Uniform.</p><p>Und noch einer geh�rte zu der Gruppe�� der m�chtige breitbr�stige Mann mit der umd�sterten Stirn und den wilden gl�henden Augen, der allein und beiseite stand�</p><p>Gilgamesch konnte sich kaum dazu bewegen, ihn anzuschauen. Auch er stand ein wenig entfernt von der Gruppe und geno� den scharfen Wind, der �ber das Kampffeld wehte. Er sehnte sich danach, zu dem Mann�� zu Enkidu hin�berzugehen, ihn in die Arme zu rei�en, um mit dieser einen heftigen jubelnden Umarmung die ganze Bitterkeit wegzuschleudern, die sich trennend zwischen sie gestellt hatte�</p><p>Ach, wenn es nur so einfach h�tte sein k�nnen!</p><p>Die Stimmen der Unterh�ndler von Mao und der f�nf Personen, die der Priester Johannes ins Feld geschickt hatte�� Dr. Schweitzer, Lovecraft, Howard und zwei Offiziere aus Kara-Khitai�� wehten �ber dem heulenden Wind zu Gilgamesch her�ber.</p><p>Hemingway schien das gro�e Wort zu f�hren. �Ah, Schriftsteller seid ihr? Mr. Howard? Mr. Lovecraft? Ich bedaure, aber ich hatte nicht das Vergn�gen, euren Arbeiten zu begegnen.�</p><p>�Es handelte sich um sogenannte Fantasy�, sagte Lovecraft. �Um M�rchen. Visionen.�</p><p>�Ach so? Ihr ver�ffentlicht in <emphasis>Argosy? The Post?�</emphasis></p><p>�F�nf in <emphasis>Argosy,</emphasis> aber das waren Westerngeschichten�, sagte Howard. �Haupts�chlich schreiben wir f�r <emphasis>Weird Tales.</emphasis> Und H. P. hat ein paar in <emphasis>Astounding Stories</emphasis> untergebracht.�</p><p><emphasis>�Weird Tales�,</emphasis> sagte Hemingway. <emphasis>�Astounding Stories.�</emphasis> Der Schatten von Ekel zuckte �ber Hemingways Gesicht. �Hmmm. Glaube nicht, da� ich diese Zeitschriften kenne. Aber ihr habt anst�ndig gearbeitet, Gentlemen, ja? Ihr habt aufs Papier gebracht, was ihr wirklich gesehen habt, die wirkliche Wahrheit, und ihr habt die Wahrheit sauber gesagt? Gewi� habt ihr das. Ich wei�, da� es so ist. Ihr wart anst�ndige Schreiber. Das versteht sich fast von selbst. Man mu� selber schreiben k�nnen, um einen anderen Schriftsteller erkennen zu k�nnen, meint ihr nicht auch? M�glicherweise hatte auch ich Zeiten, wo ich nicht in Bestform war, aber ich versuchte trotzdem immer, mein Bestes zu geben, w�rdet ihr nicht auch sagen? Ich habe mich immer um mein Bestes bem�ht!� Er lachte, rieb sich fr�hlich die H�nde und legte den beiden die Arme auf die Schultern. Howard wirkte etwas best�rzt dabei, und Lovecraft sah aus, als w�rde er am liebsten im Boden versinken. �Well, Gentlemen�, r�hrte Hemingway, �wie wollen wir die Geschichte hier anpacken? Wir haben ein kleines Problem. Der eine Held w�nscht mit den blo�en H�nden zu k�mpfen, der andere mit�� wie hat er das genannt?�� einer Disruptionspistole. Ihr d�rftet mehr dar�ber wissen als ich; irgend so eine Waffe aus <emphasis>Astounding Stories</emphasis> nehme ich an. Aber das k�nnen wir nicht gestatten, oder? Nackte F�uste gegen phantastische Zukunftstechnologie? Es gibt eine anst�ndige Art zu k�mpfen, und die ist von Gleich zu Gleich, und alle anderen Arten sind einfach Mist.�</p><p>�Er m�ge zu mir mit seinen F�usten kommen!� rief Gilgamesch aus der Ferne. �So, wie wir uns beim erstenmal im Kampf begegnet sind, auf dem Markt-desLandes, in Uruk, als mein Weg den seinigen kreuzte.�</p><p>�Er schreckt vor den neuen Waffen zur�ck�, rief Enkidu und warf einen b�sen Blick in Gilgameschs Richtung.</p><p>�Er <emphasis>f�rchtet</emphasis> sich?�</p><p>�Ich brachte ihm ein Gewehr, eine wundervolle zw�lfkalibrige Waffe, ein Geschenk f�r meinen Bruder Gilgamesch, und er fuhr davor zur�ck, als h�tte ich ihm eine Giftschlange gegeben.�</p><p>�L�ge!� br�llte Gilgamesch. �Ich hatte keine Angst davor! Ich verachtete das Ding, weil es eine Waffe f�r Feiglinge ist!�</p><p>�Er schreckt vor allem zur�ck, was neu ist�, erkl�rte Enkidu. �Ich h�tte es nie f�r m�glich gehalten, da� Gilgamesch von Uruk Furcht kennen k�nnte, doch er f�rchtet sich vor dem, was ihm unvertraut ist. Er nannte mich einen Feigling, weil ich mit einem Gewehr auf die Jagd ging. Doch ich denke, er war feige. Und jetzt f�rchtet er sich auch wieder vor dem Unbekannten. Er wei�, da� ich ihn schlagen werde. Sogar hier noch f�rchtet er den Tod, das sollt ihr wissen! Der Tod war f�r ihn schon immer der gr��te Schrecken. Und warum? Weil das seinen Stolz beleidigt? Ja, ich denke, das ist es. Er ist zu stolz zu sterben�� zu sehr voller hochm�tigem Stolz, um den Beschlu� der G�tter hinzunehmen��</p><p>�Ich werde dich mit meinen blo�en H�nden zerrei�en!� br�llte Gilgamesch.</p><p>�Man gebe uns Disruptoren�, rief Enkidu. �Dann wollen wir sehen, ob er sich zutraut, eine solche Waffe in die Hand zu nehmen.�</p><p>�Die Waffe von Feiglingen!�</p><p>�Nennst du mich noch einmal feige? Du, Gilgamesch, du bist es, der vor Furcht bebt��</p><p>�Meine Herren, bitte! Gentlemen!�</p><p>�Du f�rchtest dich vor meiner Kraft, Enkidu!�</p><p>�Du f�rchtest dich vor meiner Geschicklichkeit. Du�� mit deinem kl�glichen alten Schwert, mit deinem erb�rmlichen alten Bogen��</p><p>�Ist das der Enkidu, den ich liebte, der mich jetzt so verh�hnt?�</p><p>�Du hast mich zuerst verh�hnt, als du mir die Waffe hingeworfen hast, mein Geschenk ver�chtlich verschm�ht hast und mich feige nanntest!�</p><p>�Die Waffe, sagte ich, ist feige. Nicht du, Enkidu.�</p><p>�Es war ein und dasselbe.�</p><p><emphasis>�Bitte, bitte, so geht das nicht�,</emphasis> sagte Dr. Schweitzer.</p><p>Und von Hemingway wieder: <emphasis>�Gentlemen, please!�</emphasis></p><p>Sie achteten nicht darauf.</p><p>�Ich meinte nur��</p><p>�Du sagtest��</p><p>�Schmach��</p><p>�Furcht��</p><p>�Ein dreifacher Feigling!�</p><p>�Ein f�nffacher Verr�ter!�</p><p>�Treuloser Freund!�</p><p>�Eitler Prahlkropf!�</p><p>�Meine Herren, ich mu� doch sehr bitten!�</p><p>Aber so laut und kr�ftig die Stimme von Ernest Hemingway sein mochte, das Br�llen, das aus der Kehle Gilgameschs w�tend hervorbrach, �bert�nte ihn. In Gilgameschs Brust, in seiner Kehle, in seinen Schl�fen h�mmerte es laut und bet�ubend. Es war mehr, als er ertragen konnte. Es war genau wie damals, als ihr erster Zwist ausgebrochen war, als Enkidu mit diesem Schie�gewehr zu ihm gekommen war, und er hatte es zur�ckgewiesen, und sie hatten zu zanken begonnen. Zu Beginn war es nur eine Meinungsverschiedenheit gewesen, dann wurde es ein hei�er Streit, dann ein z�nkisches Zerw�rfnis voller scharfer �tzender gegenseitiger Beschuldigungen. Und dann waren Worte voll Wut zwischen ihnen gewechselt worden wie niemals zuvor zwischen ihnen, die doch intimer waren miteinander als Br�der.</p><p>Sie hatten sich nicht zu Handgreiflichkeiten hinrei�en lassen, damals. Enkidu war einfach stolz davongestapft, hatte ihre Freundschaft f�r beendet erkl�rt. Aber jetzt�� die gleichen Worte wieder zu h�ren�� in die Enge getrieben wegen der Wahl der Waffen, mit denen sie gegeneinander k�mpfen sollten��, vermochte Gilgamesch sich nicht l�nger in Zaum zu halten. Von Zorn und Entt�uschung �bermannt, st�rzte er vorw�rts.</p><p>Enkidu erwartete ihn mit funkelnden Augen.</p><p>Hemingway machte den Versuch, zwischen sie zu treten. Doch so massiv er auch war, neben Gilgamesch und Enkidu wirkte er wie ein Kind, und sie schoben ihn m�helos beiseite. Mit einem Satz, der den Boden erzittern lie�, sprang Gilgamesch auf Enkidu zu und packte ihn mit beiden H�nden.</p><p>Enkidu lachte. �Es soll also doch wieder nach deinem Kopf gehen, K�nig Gilgamesch! Also mit blo�en F�usten!�</p><p>�Es ist die einzige anst�ndige Art. Bist du zum Kampf bereit?�</p><p>�Ich brenne darauf zu k�mpfen, K�nig Gilgamesch!�</p><p>Gilgamesch nickte. Endlich! Endlich! Die Wut, die sch�umend in ihm tobte, w�rde ins Freie brechen k�nnen. Es gab in dieser und auch in der anderen Welt keinen Ringer, der sich mit Gilgamesch von Uruk messen konnte. Ich will ihn entzweibrechen, so wie er unsere Freundschaft zerbrochen hat. Ich werde ihm das R�ckgrat zerrei�en. Ich werde ihm die Brust zerquetschen. Er sammelte alle seine Kr�fte und dr�ckte und f�hlte Enkidus Widerstreben wie von einer Mauer in der Hand, und er pre�te erneut. Und wieder stie� er auf diesen Widerstand. Und erneut nahm er seine Kr�fte zusammen.</p><p>Wie einst vor langer Zeit k�mpften sie wie rasende Stiere. Sie glosten sich mit w�tenden Augen an. Sie grunzten, schnaubten, br�llten. Gilgamesch schrie in der Sprache von Uruk und allen anderen Sprachen, die ihm einfielen, scharfe Herausforderungen; und Enkidu knurrte und fauchte ihm in der Sprache der Tiere ins Gesicht zur�ck, die einst sein Ausdrucksmittel gewesen war, als er noch ein Wilder war, mit dem heiseren Br�llen des Steppenl�wen.</p><p>Rasende Wut beherrschte nun beide. Gilgamesch verlangte es nach Enkidus Leben. Er liebte diesen Mann mehr als das Leben selbst, und dennoch betete er darum, da� es ihm verg�nnt sein m�ge, Enkidus R�cken zu zerbrechen, das scharfe Knacken h�ren zu d�rfen, wenn ihm die Wirbel zersplitterten, den Leib von sich zu schleudern wie einen alten abgetragenen Mantel. So stark war seine Liebe, da� sie sich in den gl�hendsten Ha� verwandeln konnte. Ich werde ihn in die Finsternis und das Vergessen st�rzen, dachte Gilgamesch. Ich werde ihn aus der Nachwelt hinausschleudern.</p><p>Doch obwohl er k�mpfte wie nie zuvor in einem Zweikampf, er vermochte Enkidu nicht zu bewegen. Die Adern auf seiner Stirn schwollen an, die N�hte an seiner Armwunde barsten und das Blut flo� ihm den Arm hinab; aber er rang weiter und wollte Enkidu zu Boden werfen, aber Enkidu hielt ihm immer noch stand. Und war ihm an St�rke gewachsen und konterte jeden Griff mit gleicher Kraft. Und so standen sie lange ineinander verschlungen da, starrten einander in die Augen, verfangen in einem nicht zu durchbrechenden Patt.</p><p>Und dann, viel, viel sp�ter, grinste Enkidu wild, und der harte Ringergriff verwandelte sich�� behutsam, aber unmi�verst�ndlich in die warme Umarmung eines unverbr�chlichen Freundes. Und Enkidu sagte, wie er dies einst vor langer Zeit gesagt hatte: �Ach, mein Gilgamesch! Es gibt nicht einen deinesgleichen auf der ganzen Welt! Preis der Mutter, die dich getragen hat!�</p><p>Es war, als w�re ein Damm gebrochen, als st�rzten die lebenspendenden Wasser wieder �ber die von der Sommerglut ausgebrannten Gefilde des Landes.</p><p>Auch Gilgamesch lockerte und ver�nderte seinen Griff. Und auch aus ihm kamen in diesem gesegneten Augenblick der Preisgabe und Erl�sung Worte, wie sie schon zweimal gesprochen worden waren:</p><p>�Es gibt einen, der mir gleicht. Aber nur einen.�</p><p>�Nein. Denn dir hat Enlil das K�nigtum gegeben.�</p><p>�Doch du bist mein Bruder�, sagte Gilgamesch, und sie lachten und gaben einander frei aus ihrer Umarmung und traten zur�ck, als betrachteten sie sich zum erstenmal, und dann lachten sie erneut laut, und jene, die im Kreis um sie herumstanden, schienen sich in Dunst aufzul�sen und aus ihrer Sicht zu verschwinden, so da� es in der ganzen Welt nur Gilgamesch und Enkidu und Enkidu und Gilgamesch gab.</p><p>�Das ist eine gro�e Torheit�, sagte Enkidu leise, �dieser Kampf zwischen uns.�</p><p>�Wahrhaftig, eine ganz gewaltige Torheit, Bruder.�</p><p>�Wozu braucht man schon Waffen und Disruptoren.�</p><p>�Und warum sollte es mich �rgern, wenn es dir Spa� macht, mit derlei Spielzeug herumzuhantieren?�</p><p>�Wahrhaftig, Bruder.�</p><p>�Ja, wahrhaftig.�</p><p>Gilgamesch blickte sich um. Alle waren verstummt und starrten zu ihnen her�ber�� die vier Parteibonzen, Lovecraft, Howard, der Haarmensch, Kublai Khan, Hemingway� alle verbl�fft und mit offenen M�ulern, wie in einer Bet�ubungsstarre gefangen. Nur dieser Dr. Schweitzer schien die Bedeutung dieses Moments begriffen zu haben. Er strahlte sie herzlich an. Er kam zu ihnen her�ber, sp�hte zu ihnen herauf und sagte gelassen: �Ihr habt einander nicht verletzt? <emphasis>Gut, sehr gut.</emphasis> Aber dann m��t ihr jetzt gehen. Geht von hier fort, ihr zwei. Gemeinsam! Jetzt! Ihr habt einander gefunden�� ihr m��t einander festhalten. Was geht euch der Priester Johannes an und seine Kriege? Oder Mao und seine? Das ist nicht eure Sache. Geht schon. Geht!�</p><p>Enkidu grinste. �Was h�ltst du davon, Bruder? Ziehen wir los und jagen zusammen?�</p><p>�Bis ans Ende des Outback und wieder zur�ck! Du und ich, und sonst keiner!�</p><p>�Und wir jagen nur mit unseren Bogen und den Speeren?�</p><p>Gilgamesch zuckte die Achseln. �Mit Disruptoren, wenn du es so haben willst. Mit Kanonen. Mit Nuklearsprengk�pfen, wenn du das so haben willst. Ach, Enkidu, Enkidu��</p><p>�Gilgamesch!�</p><p>�Geht schon!� fl�sterte Schweitzer. �Los jetzt! Verschwindet von hier und seht euch nicht um! <emphasis>Auf Wiedersehen! Gl�ckliche Fahrt! In Gottes Namen, geht! Verschwindet jetzt!�</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><p>W�hrend er ihnen nachsah, wie sie Seite an Seite durch die wirbelnden Sturmwinde ins Outback stapften, versp�rte Robert Howard auf einmal ein Gef�hl von schmerzlichem Verlust und Bedauern. Wie wundervoll hatten sie ausgesehen, diese beiden Helden, diese zwei Giganten, als sie miteinander rangen und sich ma�en! Und dann, dieser urpl�tzliche Augenblick, als sie begriffen, wie wahnsinnig ihr Zwist war, und sie nicht l�nger Feinde waren, sondern wieder Br�der�</p><p>� Und nun waren sie fort. Und er stand da inmitten all dieser anderen, dieser Fremdlinge�</p><p>Er hatte sich so gew�nscht, Gilgamesch ein <emphasis>Bruder</emphasis> zu sein, oder vielleicht�� aber das begriff er nicht so ganz�� etwas anderes und mehr als ein Bruder. Doch so etwas war nat�rlich vollkommen ausgeschlossen� Und da er wu�te, da� es v�llig unm�glich war, und weil er erkannte, da� der Mann, der seinem Conan so �hnlich war, ihm f�r immer verloren sein w�rde, sp�rte Howard, wie ihm unkontrollierbar die Tr�nen in die Augen stiegen.</p><p>�Bob?� fragte Lovecraft. �He, Bob. Ist was?�</p><p><emphasis>Schei-hei�e,</emphasis> dachte Howard. <emphasis>Ein Mann darf doch nicht weinen. Besonders nicht vor anderen M�nnern.</emphasis></p><p>Er wandte sich ab, das Gesicht dem Wind zu, so da� Lovecraft es nicht sehen konnte.</p><p>�Bob? Bob!?�</p><p><emphasis>Oh, Schei�e,</emphasis> dachte Howard. Und dann lie� er seinen Tr�nen freien Lauf.</p></section><section><title><p>6</p></title><p>Keiner von beiden sprach ein Wort, als sie sich westw�rts wandten, oder in die Richtung, die sie f�r Westen hielten. Gilgamesch w�nschte sich innig, da� Enkidu zuerst zu sprechen beginnen m�ge, und Enkidu erwartete das gleiche offensichtlich von ihm. Das Land hier war geisterhaft, voll Feuer und Frost, voller Berge mit D�monengestalt und voll von D�monen, die geformt waren wie Berge. �ber dem fernen Horizont schwebte niedrig die Sonne, doch sie brannte in einer kalten Mittagssch�rfe und war wie ein Gew�rm, das sich ein Loch durch den Himmel fra�. Gilgamesch sah hin und wieder fremdartige Gesch�pfe vor ihnen herlaufen, und er hob den Bogen und lie� ihn wieder sinken, ohne zu schie�en; oder es war Enkidu, der zielte, aber es nicht �ber sich brachte, den Pfeil zu entsenden. Es war, als sei diese Entfremdung zwischen ihnen noch nicht v�llig �berwunden und als l�hmte dies den Wunsch zu jagen in beiden.</p><p>Aber als schlie�lich das Schweigen zwischen ihnen so lastend geworden war, da� es wie eine schwere eiserne Kugel auf Gilgameschs Nacken dr�ckte, holte er tief Luft in die Lungen, so tief er konnte, und weil er es nicht l�nger aushalten konnte, sprach er pl�tzlich: �Also, willst du mir eins sagen, Bruder?�</p><p>�Ja?� sprudelte Enkidu eifrig hervor. �Was immer es ist, mein Bruder, frage nur.�</p><p>Die erste Frage, die ihm in den Sinn kam, sprach er ungest�m aus und nur, um das Schweigen zwischen ihnen zu durchbrechen. �In der Zeit, die du allein verbracht hast, wie lang das auch sein mag�� was war das Merkw�rdigste, was du sahst, und wo hast du es gesehen?�</p><p>�Ach, das Merkw�rdigste, was ich sah?� sagte Enkidu und versank erneut in ein Schweigen, das so lang und lastend wurde, da� Gilgamesch zu f�rchten begann, es w�rde sie beide wieder verschlingen, wie es vordem gewesen war, und sie f�r die k�nftigen Tage wieder in diese d�stere Eisesk�lte des Herzens h�llen. Aber dann sagte Enkidu: �Es war an einem Ort im Norden, jenseits von Cibola, jenseits sogar noch vom kalten Sargassomeer. Es war das Tor zum Land der Lebenden, wonach ich damals suchte, und man hatte mir gesagt, da� ich es dort finden k�nnte.�</p><p>�Das Land der Lebenden?� sagte Gilgamesch. �Also hast auch du danach gesucht? Ich habe geh�rt, da� auch diese englische K�nigin, die Queen Elizabeth, M�nner ausgesandt hat, die danach forschen sollen, hier im Outback.�</p><p>�Alle suchen danach, Bruder.�</p><p>�Nicht ich! Ich nicht! F�r mich ist das Ganze blo�er hirnrissiger Humbug.�</p><p>�Das mag so sein�, erwiderte Enkidu. �Ich jedenfalls war auf der Suche danach. Vielleicht glaubte ich, da� ich dich dort finden k�nnte, jenseits dieses Durchgangs im Norden. Aber wie es sich zeigte, es gab dort kein solches Tor, jedenfalls soweit ich es feststellen konnte. Aber was ich entdeckte, was merkw�rdig genug. Ich durchquerte ein unfruchtbares flaches Land, recht �hnlich wie dieses hier, nur da� dort �berall helle blaue Schneewirbel durch die Luft tanzten, und wenn du auf den Boden tratest, jagtest du Wolken von Kristallen auf, die wie Diamanten blitzten und Musik von sich gaben. Und ich sah vor mir ein Weib, eine feine zierliche Frau mit weichem Goldhaar und pr�chtigen Br�sten, und sie stand vor mir da auf meiner Stra�e und rief meinen Namen und l�chelte mich an.�</p><p>Und damit verstummte er wieder, als sei damit seine Geschichte zu Ende.</p><p>Gilgamesch wartete, denn er wu�te, da mu�te noch etliches mehr kommen, auch weil er wu�te, da� Enkidu so seine eigene Art hatte, Geschichten zu erz�hlen. Doch die Zeit verging, und es kam nichts weiter von ihm. Sie schritten aus und folgten ihrem Weg. Nach l�ngerer Zeit wandte er sich Enkidu zu und fragte: �Und? Hast du sie umarmt?�</p><p>�Umarmt? Oh. Ja. Ja, das tat ich. Ich trat vor sie hin und griff nach ihr und zog sie in die Arme, und sie f�gte sich ganz bereitwillig.� Er lachte. �Warum h�tte ich es nicht tun sollen? Sie war sehr sch�n, Bruder.�</p><p>�Und was war daran so merkw�rdig?�</p><p>�Das Merkw�rdige, ja�� Enkidu sprach wie aus weiter Ferne. �Ich will dir davon berichten. Als sie in meinen Armen lag, machte ich mich daran, ihren weichen glatten R�cken zu streicheln, wie Weiber das oft gern von dir erwarten. Doch da war nichts Weiches und Sanftes, Bruder! Von vorne war sie eine wundersch�ne Frau, doch von hinten war sie wie ein hohler Baum mit einer groben Borke.�</p><p>�Eine D�monin!� sagte Gilgamesch und machte das Zeichen, um den Schutz Enlils des Vaters anzurufen.</p><p>�Eine D�monin, ja, vielleicht�, sagte Enkidu. �Aber auch eine ziemliche Entt�uschung. Und vergeudete Sch�nheit, als ich entdeckte, da� sie nur zur H�lfte sch�n war und die andere H�lfte war die eines Ungeheuers.�</p><p>�Aber sie hat dir doch keinen Schaden zugef�gt?� fragte Gilgamesch besorgt.</p><p>�Nur meinem Gef�hl f�r das, was angemessen und sauber ist. Eine sch�ne Frau sollte eben durch und durch sch�n sein, sonst sollte es an ihr �berhaupt nichts Sch�nes geben. Das ist es, was ich denke.� Und nach einer Weile sprach er weiter: �Es kommt noch mehr.�</p><p>�Dann sprich dich aus.�</p><p>�Ich machte mich von ihr frei und ging fort von ihr, und eine kleine Zeit sp�ter stie� ich auf eine zweite Frau am Rand der Stra�e, und ihre Haare waren rot wie Scharlach und die Haut wei�, und ihr Gesicht war wie das einer G�ttin. Sie streckte mir die Arme entgegen, und ich zog sie an mich, und ihre R�ckseite waren nur Knochen, hart und kalt und nackt, kein Fetzchen Fleisch bedeckte sie.�</p><p>�Wie betr�blich.�</p><p>�Ja, sehr betr�blich. Und das n�chste Weib��</p><p>�Die n�chste?�� Ja, wie viele waren es denn?�</p><p>�Die n�chste hatte schwarze Haare und eine goldene Haut, und Br�stchen, die so bezaubernd waren, da� ich h�tte weinen m�gen. Und ich drehte sie um, und ihr R�cken war nichts als Seetang und Muscheln. Und die n�chste, die dann kam��</p><p>�Die n�chste, ja?�</p><p>�Schlangen und Kr�ten auf dem R�cken und die Zeichen des Aussatzes. Doch von vorn strahlend wie ein jungfr�uliches M�dchen, und ihre Augen waren blau, und ihr Haar war wie der Aufgang der Sonne. Ihre Sch�nheit, Bruder, sie h�tte dich weinen gemacht, und ebenso das �bel, das hinter ihr lauerte.�</p><p>�Und nach ihr kamen weitere�, sagte Gilgamesch, �und jede war noch �bler als die zuvor, ja?�</p><p>�Ja. Alle paar hundert Schritt stand da eine weitere. Sie schienen wie Blumen aus dem Boden zu wachsen. Und ich zog weiter und weiter, und am Ende rannte ich, und sie winkten mir mit ihren Armen zu, mit Bewegungen wie die der B�ume, die tief im Meer wachsen, und ich lief und rannte, floh, bis ich bei der letzten von ihnen anlangte, und sie war sogar noch sch�ner als die anderen und sagte zu mir: Hier bin ich, Enkidu. Ich bin es, die Eine, die Wahre. Doch ich sch�ttelte den Kopf. Und ich sagte ihr, sie solle mir fernbleiben. Ich bin das, was du suchst, sagte sie, ich bin es. Und als sie mir nahe kam, hob ich den Bogen und legte einen Pfeil auf die Sehne und sagte zu ihr, da� ich sie in ihr n�chstes Leben bef�rdern w�rde, wenn sie mir noch einen Schritt n�her k�me.�</p><p>�Und? Kam sie dennoch n�her?�</p><p>�Nein�, antwortete Enkidu tief bek�mmert. �Sie wandte sich um und ging dann mit h�ngenden Schultern ganz langsam davon und drehte sich kein einziges Mal zu mir um. Aber von hinten war sie noch liebreizender als von vorn. Sie war vollkommen. Makellos. Ich sah ihr nach, bis sie meinem Blick entschwand. Und dann lief ich in die andere Richtung und hielt nicht inne, bis die Dunkelheit hereinbrach. Denn da schien mir gewi� zu sein, da� die T�r zum Land der Lebenden dort nicht zu finden sein w�rde. Und, Bruder, ich wu�te, w�re ich diesem Weib gefolgt und h�tte sie umarmt, sie h�tte sich in meinen Armen ver�ndert und w�re zu etwas noch Scheu�licherem geworden als alle die anderen, die ich vor ihr sah, und der Schmerz w�rde mich dann nie wieder loslassen. So geht das doch? Meinst du nicht auch?�</p><p>�Wer kann das schon sagen, wo D�monen im Spiel sind? Aber vielleicht hattest du recht, vor ihnen zu fliehen. Auf jeden Fall ist das eine sehr seltsame Geschichte, eine sehr seltsame, Enkidu.�</p><p>�Es ist die seltsamste Sache, die ich dir erz�hlen kann, von allem, was mir widerfuhr, w�hrend ich einsam wanderte.�</p><p>Gilgamesch nickte. �Eine sehr seltsame Geschichte�, wiederholte er.</p><p>�Und du, Bruder? Was hast du getan in der Zeit, die wir voneinander getrennt waren?�</p><p>�Ich habe gejagt�, sagte Gilgamesch. �Allein. Mir war nicht nach Gesellschaft, auch wenn ich gelegentlich jemand fand, oder sie mich fanden, eigentlich. Es war eine kalte Zeit f�r mich. Bruder.�</p><p>�Wir h�tten uns nie trennen d�rfen.�</p><p>�Ja�, sagte Gilgamesch. �Niemals. Aber wir wurden auseinandergerissen. Doch jetzt ist diese Zeit vorbei.�</p><p>�Es waren die b�sen D�monen, die sich zwischen uns dr�ngten�, sagte Enkidu. �Die D�monen verleiteten uns zum Zerw�rfnis.�</p><p>�Ja, das denke ich auch�, sagte Gilgamesch.</p><p>Und danach schwiegen sie wieder. Schlie�lich sagte Enkidu: �Also, Bruder, wohin sollen wir uns jetzt wenden? Verfolgst du einen bestimmten Weg hier durch dieses Outback?�</p><p>�Nur den Weg, wie ihn meine Sohlen finden, Schritt f�r Schritt.�</p><p>�Ah. Ich verstehe. Nun, dann soll dies auch mein Weg sein�, sagte Enkidu.</p><p>Sie lagerten f�r die Nacht an einer Stelle im Flachland, an der sich zwei ausgetrocknete Flu�l�ufe vereinigten und gezackte Felsspitzen vor ihnen direkt aus dem W�stenboden sich zu best�rzender H�he erhoben. Enkidu jagte ein Tier, das war wie eine Schwarzgazelle, doch zopfartige gr�ne Zotteln entlang des R�ckenkamms besa� und beunruhigende rote H�rner, gebogen wie Krumms�bel, und fing es ein und rang es zu Boden und erlegte es. Sie enth�uteten es gemeinsam, und sie brieten es �ber dem Feuer, das Gilgamesch mittels der merkw�rdigen grauen Kohlen entz�ndet hatte, die sich im Wadi t�rmten. Und danach sa�en sie still beieinander, schliefen nicht, waren aber auch nicht g�nzlich wach, und sprachen sehr wenig. Es gen�gte ihnen, wieder beisammenzusein. Von Beginn an, seit den Zeiten im verlorenen uralten Uruk in der anderen Welt, als sie einander begegneten, miteinander rangen und sogleich in heftige Freundschaft fielen, hatten sie beide im anderen einen Gleichen gesehen, eine erg�nzende zweite H�lfte. Au�er an k�rperlicher Gr��e und St�rke waren sie sich nicht �hnlich, denn in jenem anderen Leben war Gilgamesch ein K�nigssohn, aufgewachsen und erzogen im �berflu�, um das Erbe der Macht anzutreten; und der starke Zottelriese Enkidu war in der Wildnis geboren, war selbst nur ein Wildling, der mit den Tieren der Wildnis lebte und keine Sprache kannte als die der Tiere, bis er mannbar geworden war; doch sie hatten vom ersten Augenschein an erkannt, da� sie zueinander pa�ten, einander erg�nzten wie die zwei Teile eines Ganzen; und so war es dann stets zwischen ihnen geblieben�� au�er in der Zeit ihres Zerw�rfnisses und der Entfremdung, und diese war nun vorbei.</p><p>Und in dem Augenblick kurz vor dem ersten Morgenlicht, wenn die Seelen ausgespannt zwischen Ewigkeit und Vergessen schweben, richtete Gilgamesch sich pl�tzlich auf, denn er hatte das bedr�ckende Gef�hl, da� das Meer mit t�dlicher Gewalt �ber ihn hereinbrechen werde. Aber sie waren hier weitab vom Meer, so weit man es sich nur vorstellen konnte.</p><p>�Bruder?� fragte er.</p><p>�Horch!� sagte Enkidu, der bereits hellwach war.</p><p>Gilgamesch nickte. Er vernahm gemeine, sp�ttische, schmatzende, keckernde Laute wie von Mistv�geln oder von Grabschakalen. Seine Hand fuhr zur Waffe, er sprang auf und tanzte einen Schritt nach vorn und wirbelte dabei herum. Und in diesem Augenblick zitterten die ersten d�nnen Strahlen der Morgensonne �ber den niederen Bergkamm hinter ihnen, und mit der Sonne kam ein Dutzend Gesch�pfe der Dunkelheit, Wesen in Mannsgestalt, aber scheu�lich verzerrt, verkr�mmte, dickliche, kurzbeinige Gesch�pfe mit gro�en baumelnden Armen, die im fahlroten Licht der aufsteigenden Sonne unendlich lang aussahen.</p><p>�Enki! Enlil!� br�llte Gilgamesch, und dann st�rzten Enkidu und er sich ohne Z�gern den Wesen entgegen.</p><p>Mit seinem ersten Hieb zerschnitt er zwei davon halb durch, und Enkidu einen dritten Unhold. Die zerst�ckelten Leiber fielen nieder und verstr�mten eine dunkle goldene Fl�ssigkeit. Gilgamesch wirbelte herum, bereit f�r den n�chsten Angreifer, doch sie zogen sich mit feigen leisen Schn�ffellauten zur�ck. Hatte das Gemetzel sie in die Flucht geschlagen? Nein, es war ein T�uschungsman�ver! Sechs weitere kamen seitlich heran, und mindestens ebenso viele von der anderen Seite und st�rzten sich furchtlos den beiden Sumerern entgegen. Gilgamesch pfl�ckte einen von Enkidus Schulter und schleuderte ihn weit fort, und Enkidu, der herumfuhr, s�belte einen Angreifer von Gilgameschs Bein, an dem das Ding zerrte, um ihn zu Boden zu werfen.</p><p>�R�cken an R�cken, Bruder!� rief Enkidu.</p><p>Gilgamesch nickte. Sie gingen in Position und dr�ckten sich eng aneinander, bildeten einen einzigen Leib mit acht Gliedma�en und zwei w�tenden Schwertern. Sie brauchten einander keine weiteren Hinweise zu geben, sie bewegten sich im Einklang, hierhin und dann dorthin, sie hieben zu, stie�en, zerschlitzten, schlachteten. Kurz darauf lag ein Halbdutzend der gr��lichen Angreifer tot da, und die �brigen umkreisten sie unruhig, kl�ffend und zischend, und suchten auf irgendeine Weise die Abwehr der beiden M�nner zu durchbrechen.</p><p>Dann war die Sonne ganz �ber den Kamm gestiegen, und ihr volles Licht brach �ber den Kampfplatz herein; und die �berlebenden unternahmen nicht den Versuch, ihre Gefallenen zu bergen, sondern wandten sich zur Flucht und eilten nach Westen, als f�rchteten sie, von der frischgeborenen Tageshelle versengt zu werden. Einer von ihnen wandte sich zu ihnen um, und Gilgamesch erblickte eine grausam h�hnende Parodie von Menschengestalt: eine breite niedere dunkle Stirn, zwei funkelnde rote Augen, weitgespreizte Klauenh�nde. Gilgamesch hob drohend die Faust, und in der alten Sprache des Landes gebot er dem Unhold und allen seiner Art, sich davonzumachen. Schnaubend und fauchend floh das Untier. Die �brigen rannten noch schneller davon, �berholten es und verschwanden eines nach dem anderen in Spalten und H�hleneing�ngen im zerkl�fteten Boden.</p><p>Enkidu sah starr auf die umherliegenden Leichen. Mit einem leichten Schaudern sagte er: �Bei Enlil, Bruder, das ist wahrhaft ein verrottetes Land, das so scheu�liche Gesch�pfe hervorbringt.�</p><p>�Sind�s D�monen, meinst du?�</p><p>�Nein, blo�e Affen, scheint mir.�</p><p>Gilgamesch zuckte die Achseln. �Affen oder D�monen, was macht das f�r einen Unterschied. Aber ich bin viel lieber in ihrer Gesellschaft als in der von Narren.�</p><p>�Und was f�r Narren meinst du, Bruder?�</p><p>Gilgamesch wies mit dem Daumen heftig nach r�ckw�rts, �ber die Schulter. �Narren, wie sie in den St�dten hausen, die hinter uns liegen.�</p><p>�Aha. Ja. Du meinst, wie dieser Priester Johannes?�</p><p>�Der ist weit weniger ein Narr als die meisten anderen. Nein, ich meine St�dte wie Nova Roma und die anderen weit dr�ben fern im Osten��</p><p>�Elektrograd, ja? Guillotine? Die St�dte der Sp�t-Toten?�</p><p>Gilgamesch nickte. �Ja, die meine ich. Und mein einziges Ziel ist es jetzt, mich m�glichst weit von Orten entfernt aufzuhalten, in denen diese kleinen, keifenden, gierigen Kl�glinge hausen, die K�nig von diesem oder jenem zu sein trachten, und�� wie lautet das Wort?�� Pr�sident? Ja, Pr�sident. Sultan, Kaiser, Zar, Schah� Ich beabsichtige, die halbe Nachwelt oder ein St�ckchen mehr zwischen mich und all diese Leute und alle derartigen St�dte zu legen.�</p><p>Enkidu lachte. �Das mu� man sich mal vorstellen, da� ich mir die ganze Zeit, w�hrend ich einsam durch die Hinterw�ldlerwelt streifte, ausmalte, wie du immer noch in Nova Roma in fauler Bequemlichkeit dich herumsuhltest, an einem Abend mit Bismarck speistest, am n�chsten mit Cromwell und dann mit Esarhaddon oder Nefertiti��</p><p>�Nova Roma!� brummte Gilgamesch. �Ich konnte es nicht ausstehen. Ich konnte nicht schnell genug weg von da. Und wenn ich Nova Roma nie wieder sehen muߠ� oder Bismarck oder Cromwell oder Lenin�� oder jemals diese Namen h�ren mu߅� Er sch�ttelte den Kopf. �Nein, Bruder, das ist eine Lebensphase, die f�r mich vorbei und abgetan ist. Mich verlangt es nur noch sehnlich danach, als einfacher schlichter J�ger zu leben. Ich werde mich fernhalten von allen diesen wichtigen Hauptst�dten, wo sich die Sp�ter Toten herumtreiben k�nnten. Elektrograd, Guillotine, Smoketown, Hypoluxo, Hoch-Versailles�� mir sind schon die Namen ein Abscheu und Greuel! Nein, Enkidu, f�r mich hei�t es das Outback, die Wildnis. Jetzt und f�r immer!�</p><p>�Und so ist es auch f�r mich�, sagte Enkidu. Und sie beschworen es und umarmten einander.</p><empty-line/><p>Es h�tte Gilgamesch sehr gefallen, anderthalb Ewigkeiten und noch eine dazu damit zu verbringen, mit Enkidu als einzigem Gef�hrten diese wilden abweisenden Landstriche zu durchstreifen. Sie pa�ten zusammen wie die Hand in den Handschuh, und sie brauchten auch kaum miteinander zu sprechen, weil jeder wu�te, was der andere dachte. Vereint weiter zu wandern, Tag um Tag unter der scharfen roten Sonne, gemeinsam gegen die gespenstischen Alptraumgesch�pfe dieser feindseligen Gegend ank�mpfend, Auge und Hand und St�rke zu erproben gegen die teuflische St�rke und Hartn�ckigkeit der h�llischen Wesen, die in den �dnissen des Outback lauerten�� ach, das war die einzige echte Wonne, dachte Gilgamesch. Das einzige im Leben, was wirklich Lust und Erf�llung brachte! Gilgamesch und Enkidu�� Enkidu und Gilgamesch�� nur sie zwei beide allein, weit fort von den Eitelkeiten und Torheiten und dem fehlgeleiteten Streben der schnatternden Stadtleute!</p><p>Aber es sollte nicht sein.</p><p>So kahl und leer das Land gro�enteils war, es war nicht g�nzlich leer. Kein Teil der Nachwelt konnte noch leer sein, nicht die unter Eis begrabenen Polarregionen, nicht die kochende Zone der Weltmitte, und auch nicht dieses �de versengte Land im Outback; denn es gab hier Milliarden und Abermilliarden Seelen unterzubringen�� Seelen, so entschieden die Leute, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, derartige Dinge zu erforschen, von jedem Menschen, der einstmals auf der fr�heren Erde gelebt hatte. Und obschon die Nachwelt die Dimensionsbegriffe sogar der gescheitesten Geographen �berstieg, gab es auch hier kaum einen Winkel, in dem nicht etliche verstreute Siedler hausten oder es doch zumindest wild umherschweifende Nomadenhorden gab. Gilgamesch und Enkidu hatten es recht schwer, als sie kreuz und quer und auf gut Gl�ck durch das Land zogen, ihre einsame Zweisamkeit l�nger als einige Tage ohne �u�ere St�rungen aufrechtzuerhalten.</p><p>Einmal war es eine kl�gliche Farm, auf die sie stie�en, mit Scheuern und St�llen aus rohen ungestrichenen Brettern und Kr�hen und Geiern, die auf den krummen �sten der B�ume dahinter hockten, und ein Gr�ppchen ausgemergelter graugesichtiger Leute, die gegen den elenden Boden ank�mpften. Und ein andermal war es eine Karawane, die sich von da nach dort zwischen den weit entfernt liegenden Siedlungen der weiten Ebene sich dahinschleppte. Und ab und zu war es ein Pilger, allein unterwegs wie sie. Soweit es m�glich war, vermieden die beiden Sumerer Begegnungen mit anderen. Manchmal aber war dies nicht m�glich, wenn sie nicht unn�tig Anla� zu Feindseligkeit bieten oder sich unn�tig in Gefahr bringen wollten; oder aber der einzige Weg f�hrte durch besiedeltes Gebiet. Und manchmal�� von Hunger und Durst bedr�ngt oder dem schlichten Bed�rfnis, hin und wieder andere menschliche Stimmen zu h�ren�� entschieden sie sich ganz spontan, ihren Z�libat zu durchbrechen und sich etliche Stunden in der Gesellschaft anderer Menschen zu g�nnen, bevor sie weiterzogen.</p><p>Und so kam es, fast gegen ihren Willen, da� sie sich mit diesen Leuten einlie�en, oder mit jenen, oder jenen, und da� sie bei ihnen am Feuer sa�en und Tratsch und Ger�chte mit ihnen austauschten und die Namen der F�rsten und der V�lker erfuhren, die es im Outback gab, und von den eitlen Bestrebungen und S�chten und schalen Tr�umen erfuhren, von denen sie getrieben wurden, von den Kriegen, die hier gek�mpft wurden, von den Intrigen, den idiotischen Pl�nen, dem Irrsinn. Und so lernten die beiden wandernden Sumerer, die l�nger in den �berv�lkerten St�dten an der �stlichen K�ste der gro�en Landmasse gelebt hatten, welche die Nachwelt war, da� sogar hier in dieser wilderen Gegend, dem Outback, die gleichen aberwitzigen Irrsinnsvorstellungen im Schwange waren, die gleichen verr�ckten Versuche, in diesem Leben die Fehler des anderen zu wiederholen. Und so senkte sich die �berzeugung in ihre Herzen, die Wahrheit: Menschen sind eben Menschen, �berall, und es gibt kein Ausweichen vor ihrer Schwachheit und ihrem Schwachsinn, alle sind gleich, �berall, gleichg�ltig, welche Art Kleider sie tragen oder was f�r eine Sprache sie reden. Es war eine betr�bliche Wahrheit, die sie da erfuhren, und Gilgamesch suchte in den nebelhaften Tiefen seiner von Zeitgeschichte �berlagerten Erinnerung umher und hatte auf einmal das traurige Gef�hl, dies alles nicht zum erstenmal zu erfahren.</p><p>Obwohl sie selten l�nger als drei Tage in die selbe Richtung zogen, entdeckten sie, da� sie �berwiegend westw�rts vorangekommen waren und sich nun fast am �u�ersten Rand des Outback befanden. Dies erfuhren sie in einem Ort namens Vectis Minima, der aus einer Wegkreuzung und einer Rastst�tte mit f�nf Kabinen bestand, �ber die ein fahl�ugiger alter Mann wachte, dessen Gesicht zernarbter und kummervoller wirkte als das Antlitz des Mondes. Sie suchten hier Unterschlupf vor einem kalten schwarzen Regen, der in flachen Bahnen �ber das Land fegte, ohne den Boden zu treffen, der sie aber dennoch bis in die Knochen frieren lie�. Dort fragte Gilgamesch aus einer launigen Neugier, wo sie sich bef�nden und was vor ihnen liege.</p><p>�Ihr seid hier an die zw�lf Tagesreisen von der See entfernt�, unterrichtete sie der alte runzelige Gastwirt.</p><p>�Der See? Welcher See?� Gilgamesch war �berrascht.</p><p>�Na, dem Wei�en Meer, dem D�monenmeer. Was sonst? Mit was f�r einem anderen Meer habt ihr denn gerechnet?�</p><p>�Das mu�te ja so kommen�, brummte Gilgamesch. �Wir sind Fremde aus dem Osten.�</p><p>�Aha, dem Osten�, sagte der Wirt. �Dem Vulking-Land, ja? Oder aus Lord Wolframs Dom�ne?�</p><p>�Nein, noch weiter im Osten�, sagte Gilgamesch. �Tausend Tripelmeilen, vielleicht auch zehntausend. Zuletzt waren wir in Nova Roma zu Hause.�</p><p>�In Nova Roma�, sagte der Alte leise, als h�tte Gilgamesch von einem fremden Stern gesprochen. �Ja, dann seid ihr also aus Nova Roma? Aber dann seid ihr weit weg von dort. Seht her!� Und er tunkte die Fingerspitze in den herben grauen Hauswein und zog eine Linie �ber das splitternde Holz der Tischplatte. �Also, das Meer liegt da, und wir sind hier dr�ben. Das ist der Weg nach Lo-yang und das da der Weg nach Cabuldidiri. Ihr kennt diese Orte? Nein? Nun, verpa�t habt ihr dabei nicht viel. Und das da f�hrt direkt weiter zur Brasil-Insel, von der ihr sicherlich geh�rt habt.�</p><p>�Brasil?� sagte Gilgamesch. �Was ist das?�</p><p>�Ich kenne es�, sagte Enkidu pl�tzlich. �Wenigstens vom H�rensagen. Die ber�hmte Insel der Weisen und der Magier, nicht wahr?�</p><p>�So ist es. Die Zauberinsel. Die Spukinsel�, sagte der Wirt. �Wo Simon der Magus als K�nig herrscht, und m�gen euch alle D�monen davor bewahren, <emphasis>dem</emphasis> zu begegnen. Nun, und diese Berge hier, das sind die Mottenberge��� er zeichnete sie mit weiteren Weinspuren auf das d�rre Holz�� �und hinter denen liegen f�nf St�dte, und sie hei�en Torfaeus, Gardilone, Pizigani, Camerata und�� also, es gibt da noch eine f�nfte Stadt, aber ihr Name f�llt mir momentan nicht ein. Und wenn man von hier aus nordw�rts geht��</p><p>�Es reicht�, unterbrach ihn Gilgamesch. �Du sagst mir mehr, als ich wissen m�chte.�</p><p>Seine Stimmung war mit jedem Namen d�sterer geworden, den der Alte �ber die Lippen gerollt hatte. Er hatte nicht erwartet, schon so bald ans Ende der W�ste zu gelangen, doch es wurde ihm klar, da� es vielleicht �berhaupt nicht �so bald� war, sondern da� er und Enkidu Jahre, vielleicht Jahrhunderte in der �dnis verbracht hatten, seit sie vom Hof des Priesterk�nigs Johannes aufbrachen, w�hrend sie doch geglaubt hatten, es seien nur etliche Monate gewesen. Der Ablauf der Zeit war h�chst unbestimmt hier. Und nun lag direkt vor ihm eine K�stenregion, die er noch nicht kannte, die aber allem Anschein nach derjenigen recht �hnlich war, die er hinter sich gelassen hatte: weitere St�dte, weitere K�nige, wieder neue R�nke und wieder die gleiche Torheit. Am besten w�re es wohl kehrtzumachen und wieder ins Kernland zur�ck zu ziehen. Das hatten sie doch gewi� noch nicht g�nzlich durchstreift.</p><p>Doch auch dies sollte nicht sein. Denn sie schlugen die Stra�e nach Norden ein, zu dem Ort namens Cabuldidiri, denn sie gedachten von dort auf einer passablen W�stenroute wieder ins Landesinnere zur�ckkehren. Doch sie waren kaum etliche Meilen weit gekommen, als der Weg sich �rgerlich erneut westw�rts zu winden begann, als wollte er ihnen nicht erlauben, Cabuldidiri zu erreichen. Sie konnten in weiter Ferne vor sich ein Tal sehen und eine mittelgro�e Stadt, die auf einem Einschnitt zwischen zwei senkrechten Bergflanken lagerte. Dies war gewi� die Stadt Cabuldidiri. Aber die Stra�e erlaubte ihnen nicht, sie zu erreichen. Best�ndig bog sie zur Seite ab und fort. Selbst als sie die Route verlie�en und durch das wilde Land ostw�rts vorantreckten, fanden sie nach kurzem, da� sie wieder in die entgegengesetzte Richtung zogen.</p><p>�Was soll das?� fragte Enkidu. �Wieso entwischt uns die Stadt immer wieder, Bruder?�</p><p>�Enlil allein mag es wissen. Vielleicht liegt dort ja gar keine Stadt. Vielleicht gibt es auch keine Stra�e. Oder die Zauberer verlegen die Stra�e jede Nacht anders, um sich zu belustigen.�</p><p>�Was sollen wir tun?�</p><p>�Unseren F��en folgen�, sagte Gilgamesch. �Und unsere F��e werden ihrem Schicksal nachgehen, und auf diese Weise erfahren wir, was uns bestimmt ist.�</p><p>Das Schicksal ihrer F��e schien sie in einen immer enger werdenden Canyon zu f�hren, der�� soweit sie dies feststellen konnten�� von Osten nach Westen verlief. Obwohl das die entgegengesetzte Richtung war, die sie hatten einschlagen wollen, blieb ihnen nichts anderes �brig, als zu gehorchen, denn zu beiden Seiten ragten die W�nde der Kluft empor wie glattes Glas, und so wurden sie in die Schlucht hineingezwungen wie Tiere, die in eine Falle tappen. Gilgamesch empfand dies als �rgerlich, und er wanderte m�rrisch dahin und suchte best�ndig die Felsenbollwerke zur Rechten und zur Linken nach irgendeiner �ffnung ab. Doch da war nichts. Die W�nde waren inzwischen so dicht zusammenger�ckt, da� er sie fast mit den ausgestreckten Armen ber�hren konnte, und sie schimmerten hell wie polierter rosa Marmor, und der schmale Pfad unter ihren F��en war von roter Erde und Kolonnen emsiger gr�n-schwarzer Insekten krochen darauf herum. Um den Himmel zu sehen, mu�te man den Kopf weit in den Nacken legen und gerade nach oben blicken.</p><p>Nach etlicher Zeit tauchten vor ihnen Wagenspuren auf.</p><p>�Wir sind hinter einer Karawane�, bemerkte Enkidu. �Da? Siehst du den frischen Dung? Was werden wir tun, Bruder? Warten wir, bis sie fortgezogen sind?�</p><p>�Ich denke, nein�, antwortete Gilgamesch. �Hier ist ein Ort des Todes, sehr beklemmend f�r die Seele, und es gibt au�er K�fern nichts zu essen. Wir ziehen weiter und holen sie ein, und vielleicht reisen wir ein St�ck weit mit ihnen, sofern sie sich als freundlich erweisen.�</p><p>�Wie du sagst, Bruder.�</p><p>Nach drei Tagen und drei N�chten holten sie die Karawane ein: Ein Dutzend wackeliger sch�biger trauriger Karren, ein paar mit Landsegeln best�ckt, andere gezogen von hageren ersch�pft wirkenden Lasttieren. Sobald sie auftauchten, begann ein Hund wie wild zu kl�ffen, und der Zug hielt sogleich an. M�nner und etliche Frauen, die mit Pistolen und Schnellfeuerwaffen ausger�stet waren, sprangen herab und kauerten sich auf den roten Boden, als erwarteten sie einen Angriff.</p><p>Es waren allesamt sp�ter Tote, sah Gilgamesch angewidert. �Komm�, sagte er zu Enkidu. �Gehen wir friedlich auf sie zu. Die halten uns wahrscheinlich f�r Sp�her, f�r die Vorhut eines gr��eren Trupps, oder aber sie sind au�ergew�hnlich �ngstlich.�</p><p>Mit hoch erhobenen H�nden trat er vor.</p><p>Die Reisenden gaben ihre Vorsicht nicht so rasch auf. Der Anf�hrer, ein st�mmiger dickb�uchiger Mann namens van der Heyden, hatte zwei Patronengurte um seine Mitte geschlungen und hielt unter beiden Armen eine Waffe, und er forschte sie ziemlich lange aus, fragte, woher sie k�men und wohin sie zu ziehen beabsichtigten, ob sie noch weitere Gef�hrten weiter hinten h�tten. �Wir sind nur zwei umherziehende J�ger�, gab Gilgamesch Auskunft, �und wir sind nicht mehr, als was du hier siehst.�</p><p>�J�ger? Hier drau�en? Was gibt es denn hier zu jagen?�</p><p>�Wir h�tten gern eine mehr �stliche Route eingeschlagen, aber durch die Natur der Stra�e wurden wir in diese Schlucht gezwungen.�</p><p>�Also ist nicht Brasil euer Ziel?�</p><p>�Kaum�, sagte Gilgamesch. �Wir w�rden es ganz gern vermeiden.�</p><p>Van der Heyden lachte glucksend. �Kaum eine Chance daf�r jetzt. Dieser Canyon endet direkt an der Festlandk�ste gegen�ber von Brasil. Jetzt kommt ihr da nicht mehr daran vorbei.�</p><p>�Und wenn wir umkehren?� sagte Enkidu.</p><p>�Dann findet ihr euch genau da wieder, wo ihr vorher wart. Und es ist ein langer hungriger Fu�marsch bis dorthin.� Die Augen des st�mmigen Mannes wurden schmal. �Aber ihr seht mir beide nicht aus wie Trottel. Also, warum sollte jemand so wie ihr durch eine Gegend wie die hier reisen? Da steckt doch mehr dahinter.�</p><p>�Was du siehst�, sagte Gilgamesch, �sind zwei M�nner, denen nichts am Leben in den St�dten liegt und die nur die Einsamkeit suchen�� die sogar in dieser Gegend schwerer zu finden ist, als wir erwarteten. Wir sind keine Sp�her, und wir haben nichts Hinterh�ltiges im Sinn. Wenn es euch gef�llt, schlie�en wir uns euch an und leisten euch jede Art von Hilfe, die ihr braucht, bis wir aus dieser Schlucht herauskommen, gegen Essen und eine Decke f�r die Nacht. Wenn nicht, nun, dann werden wir weiterziehen und uns allein durchschlagen.�</p><p>Van der Heyden �berdachte das Angebot eine Weile.</p><p>�K�nnt ihr k�mpfen?� fragte er schlie�lich.</p><p>�Was glaubst du denn?� Enkidu grinste aus seiner gro�en H�he zu ihm hinab.</p><p>�Damit? Mit Schwertern? Mit Pfeil und Bogen?�</p><p>�Wir kommen recht gut damit zurecht�, sagte Gilgamesch. �Aber wir sind auch mit euren Waffen vertraut. Aber wenn ihr keine Verwendung f�r uns habt��</p><p>�Halt!� sagte van der Heyden. �Kommt mit uns. Ich denke, wir k�nnen zwei Burschen von eurem Kaliber brauchen.�</p><p>�In diesem Fall�, sagte Gilgamesch, �sollst du wissen, da� es bereits etliche Tage her ist, seit wir zuletzt etwas gegessen haben.�</p><p>�Das habe ich mir doch fast gedacht�, sagte van der Heyden.</p><empty-line/><p>Die Karawane kam aus der Stadt Lo-yang im Outback und brachte Waren zum Verkauf in Brasil, wo Simon der Magier herrschte. Van der Heyden vermied es sorgf�ltig, Genaueres �ber die Art seiner Waren zu sagen, und man bekam auch sonst keinerlei Hinweise darauf. Aus der Wortkargheit des Dicken und der �ngstlichkeit, mit der die Kauffahrer die beiden Sumerer empfangen hatten, war zu schlie�en, da� es sich um eine kostbare Fracht handeln m�sse und da� man f�rchtete, in dieser Region von Briganten �berfallen zu werden. Doch Gilgamesch stellte keine Fragen. Er wollte nur mit van der Heyden bis zum Ausgang aus der Schlucht ziehen und sich dann dort von der Karawane trennen und entweder gen Norden oder s�dw�rts ziehen, er wu�te noch nicht recht, wohin, in der Hoffnung, dort eine Route zur�ck in unbesiedelte Landstriche zu finden.</p><p>Der Zug kam nur langsam voran. Die Schlucht war kaum weit genug, die Wagen durchzulassen, und an einigen Stellen sah es so aus, als w�rden sie steckenbleiben; doch van der Heyden verf�gte �ber einen Trick, indem er die Wagen zun�chst auf die linken, dann auf die rechten R�der kanten lie�, und irgendwie gelang es ihm, die Fuhrwerke um die Felsvorspr�nge herumzuman�vrieren, die an den engsten Stellen den Pfad blockierten. Dann wurde die Schlucht allm�hlich weiter; der Wind war nun weicher und feuchter, ein sicheres Anzeichen daf�r, da� sie sich der K�ste n�herten. Die W�nde der Schlucht �ffneten sich und ragten nicht mehr steil und senkrecht empor, und sie zeigten auch einigen Pflanzenbewuchs. Und es gab wieder Wild, das man jagen konnte. Die Karawane f�hrte zwar genug eigenen Proviant mit, doch van der Heyden schien geplant zu haben, die Versorgung durch unterwegs erlegte Beutetiere zu erg�nzen, und so verdienten sich die beiden Sumerer den Transport, indem sie oben in den H�ngen Fleisch jagten.</p><p>In der Regel jagten Gilgamesch und Enkidu gemeinsam. Doch einmal zog Gilgamesch allein aus, und dies stellte sich als ein schwerer Fehler heraus.</p><p>Der Leitwagen hatte an dem Tag eines seiner R�der verloren. Er kr�ngte stark �ber, lag fast auf der Seite, und die radlose Achse hatte eine tiefe Furche in den roten staubigen Boden gegraben. Van der Heyden trommelte sich grimmig in die Flanken, dann wandte er sich den kr�ftigen sumerischen Helden zu und rief: �He! Ihr zwei, kommt doch mal und helft uns!�</p><p>�Wir gehen auf die Jagd�, sagte Gilgamesch. �Die H�nge da oben wimmeln von Wild.�</p><p>�Also, dann soll einer von euch auf Jagd gehen, und der andere soll uns hier helfen. Wir m�ssen den verdammten Wagen da wieder aufstellen, kapiert ihr?�</p><p>Gilgamesch z�gerte. �rger wallte in ihm hoch. Lastwagen aus dem Graben zu hieven, das war keine Arbeit f�r einen ehemaligen K�nig; au�erdem wartete auf ihn eine gute Jagd. Und er h�tte van der Heyden hitzig abfahren lassen, doch Enkidu, der f�hlte, was da gleich geschehen w�rde, legte ihm rasch die Hand auf den Arm und sagte zu dem Kerl: �Ich will euch bei eurem Wagen helfen. Und mein Bruder Gilgamesch wird sich auf die Spur des Wildes machen.�</p><p>�Enkidu��</p><p>�Es ist schon recht, Bruder. Ich bringe ihren Wagen in Ordnung, und wenn ich damit fertig bin und es ist genug Licht, folge ich deiner Spur und komme dir nach in die Berge. Und nun geh schon, solange du noch Beute findest.�</p><p>�Aber��</p><p>�Geh nur�, wiederholte Enkidu.</p><p>Immer noch zornig sah Gilgamesch zu, wie Enkidu zu der Gruppe trat, die sich um den Wagen abm�hte. Enkidu stemmte die Schulter gegen die Seite des Karren und winkte Gilgamesch zu, er solle endlich losziehen; und nachdem er noch einen Augenblick finster zugesehen hatte, nickte der sumerische Held und stapfte davon. Es war eigentlich schon recht sp�t am Tag f�r die Jagd. Rasch erklomm er den Hang, indem er sich an den verkr�ppelten St�mmen der fast blattlosen B�sche festhielt, die dort wurzelten. Ein wei�felliges Gesch�pf, nicht viel gr��er als eine Ziege kam pl�tzlich aus der Deckung gest�rmt, besah ihn best�rzt und floh in wilden Spr�ngen hangaufw�rts. Gilgamesch machte sich sofort an die Verfolgung, und er verlor beim Aufstieg keinen Augenblick die flimmernde Wei�heit des Tieres aus dem Blick. Das Fleisch w�rde wahrscheinlich gut schmecken; die Decke w�rde zweifellos einen wundervollen Umhang ergeben. Und so stieg er weiter und h�her und weiter, und dann durch einen Spalt in der Felswand des Canyons und weiter, ohne zu erm�den weiter, hinter dem leuchtenden Wei� her.</p><p>Am Ende hatte er seine Beute verloren. Das verdro� ihn sehr. Aber er st�berte doch tiefer in den Nebencanyon, in den er geraten war, weil er dachte, er w�rde vielleicht ein �hnliches Tier aufsp�ren. Aber auch dies erwies sich als ergebnislos, und so mu�te er sich mit kleinerem, weniger erfreulichem Wild begn�gen. Als die Schatten wuchsen, kehrte Gilgamesch auf seinem Weg zur�ck, stieg von dem kleinen Seitental zur�ck in die gro�e Schlucht und begann den Abstieg zu dem Ort, an dem die Karawane gehalten hatte.</p><p>Er konnte den Zug wegen eines Vorsprungs in der Felswand zun�chst nicht sehen. Erst als er bis auf halbe H�he hinabgestiegen war und bevor er die ersten Wagen sah, erblickte er eine schwarze Rauchwolke, die irgendwie nicht wie der Rauch von einem Lagerfeuer aussah. Er rannte hastig an den Rand des Vorsprungs und blickte hinab.</p><p>�G�tter!� schrie er.</p><p>Drunten im Tal lagen die Wagen umgekippt und verstreut umher, als h�tte die Hand des Beherrschers der D�monen sie durcheinandergeworfen. Einige Wagen brannten. Alle waren aufgeschlitzt und ausgeraubt worden. Und darum herum verstreut lagen die Kaufleute in ihrem eigenen Blut. Gilgamesch sah van der Heyden, der auf dem R�cken lag und mit glasigen Augen nach oben starrte. In seiner Brust war eine tiefe Wunde. Andere lagen b�uchlings tot da, oder es war ihnen gelungen, unter einen der Wagen zu kriechen. Niemand bewegte sich mehr.</p><p>�Enkidu?� schrie Gilgamesch.</p><p>Er lie� die Jagdbeute fallen und raste in wilden Spr�ngen, halb schlitternd zum Talgrund hinab. Aus der N�he sah die Szene des Gemetzels noch furchtbarer und w�ster aus, als er bef�rchtet hatte. Sie waren alle tot, die M�nner, die Weiber, die Kinder, sogar die Zugtiere�� alle au�er einem gro�en scheckigen Hund namens Ajax, der wild bellend umherrannte. Und alle waren mit einer Raserei und Wut get�tet worden, die sogar dem schlachtengeh�rteten Gilgamesch Ekel erregten: ein gr��liches Hinschlachten, ein abscheuliches Gemetzel. Die Wagen waren w�st gepl�ndert und zerst�rt worden.</p><p>Und Enkidu? Wo war Enkidu?</p><p>Das Gef�hl, da� er fort sei, dr�hnte in Gilgameschs Kopf wie eine schauerliche Glocke.</p><p>Verzweifelt suchte er hinter diesem Wagen und unter diesem, und mit seiner gesammelten gewaltigen St�rke br�llte er den Namen seines Freundes: Aber von Enkidu war nirgendwo etwas zu sehen, nicht von ihm und auch nichts von seinen Waffen. Das war verwirrend. Hatten die Angreifer ihn mit sich fortgeschleppt? So sah es aus�� es sei denn, da� Enkidu w�hrend des �berfalls gar nicht da war, da� er sich in die Berge aufgemacht hatte, um Gilgamesch zu suchen, und da� sie sich irgendwie verpa�t hatten�</p><p>Nein, in diesem engen Tal war es ausgeschlossen, da� Enkidu Gilgameschs F�hrte nicht gefunden und ihr h�tte folgen k�nnen! Und Gilgameschs widerhallende Rufe�� Enkidu h�tte sie doch gewi� h�ren m�ssen, wie weit er auch gewandert w�re�</p><p>�Enkidu! Enkidu!�</p><p>Gilgamesch rief weiter den Namen seines Freundes, bis ihm die Stimme versagte. Doch es half nichts. Die Nacht kam n�her. Sicher w�rde Enkidu aus den Bergen herabkommen, sobald es dunkel wurde. Sofern er �berhaupt dort oben war. Ist er denn schon wieder fort von mir? Tot? In die Sklaverei verschleppt?</p><p>Verwirrt und tief beunruhigt schleifte Gilgamesch die noch rauchenden Wagentr�mmer zusammen und baute aus ihnen einen Scheiterhaufen, und er legte die verst�mmelten Leiber der Toten darauf und trat beiseite und sprach die rituellen Worte, w�hrend die Flammen aufloderten. Dann wandte er sich ab und schritt davon und zog rasch in den wachsenden Schatten nach Westen. Er wollte die Nacht nicht an diesem Ort des Todes zubringen. Seine Seele war leer. Es war ihnen so wenig Zeit gegeben, bei dieser j�ngsten Wiedervereinigung, ehe ihm Enkidu wieder entrissen wurde. Ihr G�tter, dachte Gilgamesch, soll es uns denn nie erlaubt sein, beisammen zu bleiben?</p><p>Der Hund Ajax trottete hinter ihm drein. Gilgamesch scheuchte ihn fort, doch der Hund bellte und kl�ffte so verzweifelt, als versuchte er, ihm etwas in Worten zu sagen, und lie� sich nicht absch�tteln. Gilgamesch hatte kein Verlangen nach einem Hund; aber er begriff, da� er es kaum �ber sich bringen konnte, das Tier hier zum Sterben zur�ckzulassen. Und au�erdem sah es so aus, als w�re es unm�glich, den Hund fortzujagen. �Na, dann komm schon�, sagte Gilgamesch zu dem Tier. Und dann zogen sie Seite an Seite weiter durch die Nacht.</p><p>Als es wieder hell genug war, da� er etwas sehen konnte, erkannte Gilgamesch, da� er ans Ende der Schlucht gelangt war. Die Felsw�nde �ffneten sich hier und sanken zu blo�en B�schungen weitab zu beiden Seiten ab. N�rdlich und s�dlich erhoben sich gewaltige Berge, die Flammen und Rauch ausr�lpsten, der das Firmament verd�sterte. Vor ihm lag eine weite Ebene, auf der seltsame verstreute geisterhaft-verdrehte rosafarbene Steinmassen standen, �hnlich wie die Stalagmiten, die man zuweilen in H�hlen sehen kann, sie standen da zu Hunderten und sie sahen wahrhaftig aus wie eine Menge versteinerte Seelen, die sich eng aneinander dr�ngten. Dahinter sah er ein Zeltlager, in dem sich Leute umherbewegten, und noch weiter hinten lag eine schimmernde Wasserfl�che und darauf, dicht an der K�ste, ankerte ein Schiff mit scharlachrotem Segel. Gilgamesch hatte das Wei�e Meer im Fernen Westen erreicht.</p><p>In gleichm��igen weiten S�tzen begann er durch die Reihen der merkw�rdigen Steine auf das Zeltlager zuzulaufen. M�nner in, wie ihm schien, r�mischer Kleidung blickten ihm entgegen.</p><p>�Wer bist du?� wollte ein Posten wissen.</p><p>�Ich bin Gilgamesch von Uruk. Ich suche nach meinem Freunde Enkidu, der��</p><p>�Komm mit mir!�</p><p>�Wei�t du, wo Enkidu ist?�</p><p>�Komm mit!� wiederholte die Wache gleichm�tig.</p><p>Ersch�pft lie� er sich durch das Lager zu einem Zelt bringen, das gr��er war als die �brigen und aus prachtvoll �ppigem bunten Gewebe. Auf einer Art h�lzernem Thron l�mmelte ein Mann in mittleren Jahren, zur Kahlheit neigend, stattlich von Gestalt und mit einem fleischigen Gesicht voll roter Flecken und Augen, die ger�tet waren von zu viel Wein und zu wenig Schlaf.</p><p>Der Posten sagte: �Wir entdeckten ihn, wie er drau�en zwischen den Erstarrten Seelen umherwanderte, Majest�t. Er sagt, er hei�t Gilgamesch von Uruk und da� er auf der Suche ist nach einem��</p><p>Der Mann auf dem Thron gebot ihm mit einer Handbewegung Schweigen. Er neigte sich vor und betrachtete Gilgamesch scharf und neugierig.</p><p>�Uruk?� sagte er. �Du kommst aus Uruk?�</p><p>�Es ist die Stadt meiner Geburt.�</p><p>�Wahrhaftig! Gilgamesch von Uruk� <emphasis>Uruk,</emphasis> ehrlich?�</p><p>�Aus Uruk, ja�, erwiderte Gilgamesch ein bi�chen �rgerlich.</p><p>�Der Stadt gewaltiger Sch�tze�, sagte der auf dem Thron, und ein unw�gbarer Ausdruck trat in seinen Blick. �Eine mir so sehr liebe Stadt. Wie erstaunlich, einem Mann zu begegnen, der aus Uruk kommt! Und warst du k�rzlich dort, mein Freund?�</p><p>Gilgamesch sah ihn verdutzt an. �Wie k�nnte ich? Uruk ist lange dahin und fast vergessen.�</p><p>�Ist es das? Nein, das glaube ich nicht. Weder dahin noch vergessen, sondern nur schwer aufzusp�ren, lauten jedenfalls die mir vorliegenden Berichte.� Der Mann sah ihn lange eindringlich an. �Doch vielleicht k�nnten wir es gemeinsam finden, du und ich.�</p><p>�Uruk war eine Stadt in der anderen Welt.�</p><p>�Und es ist auch in dieser Welt eine Stadt. Und viele Menschen deiner Art leben da.�</p><p>�Wirklich?� Gilgamesch war benommen. �Sie leben?� Das war unm�glich. In all seinen Jahren in der Nachwelt hatte er noch nie davon geh�rt. �Ein neues Uruk also? Wer sagt das? Wo ist es? Was erz�hlst du mir da?�</p><p>�Wo es liegt? Ach, das hoffe ich herauszufinden. Denn ich w�rde diesen Ort Uruk nur zu gern finden, verstehst du. Sein Reichtum �bersteigt jede Berechnung. Sein Staatsschatz f�llt zahllose Lagerh�user. Wir k�nnten gemeinsam die Stadt finden, glaube ich. Wir haben ein gro�es Abenteuer n�tig, wir Brasilier, und was k�nnte grandioser sein, als uns auf die Suche nach Uruk zu machen, wie? Gef�llt dir der Gedanke, Freund Gilgamesch, mit mir zu ziehen und Uruk zu suchen?�</p><p>Mit wachsendem Unmut, der in Zorn �berzugehen drohte, rief Gilgamesch laut: �Wer bist du? Was soll das alles? Ich suche Enkidu�� nicht Uruk!�</p><p>�Wer ich bin? Hat es dir keiner gesagt?� Das Fleckengesicht lachte. �Ich bin der Herr der Insel Brasil. Mein Name ist Simon Magus. Da im Hafen ankert mein Schiff. Wir werden bald in meine Stadt aufbrechen, sie liegt gleich dort dr�ben in der Bucht. Willst du mit uns kommen? Ja, Gilgamesch, fahr mit uns nach Brasil.� Er winkte einem Diener. �Wein f�r Gilgamesch! F�r Gilgamesch von Uruk!� Und erneut lachte er. �Fahr mit mir nach Brasil, ja. Und reden wir davon, wie wir die Sch�tze des lange versunkenen Uruk finden. Was h�ltst du davon, Gilgamesch? Eh?�</p></section><section><title><p>7</p></title><p>�berall war Feuer. Rotes Feuer am Himmel, blaues Feuer im Wasser, gr�nes Feuer tanzte am Gestade hinter dem rasch davongleitenden Schiff. Die Luft roch stechend nach Schwefel und nach noch Unangenehmerem. Die Wolken hier waren dicht und schwer und hatten graue B�uche, die sich an den nahen Bergen rieben. Und die Berge selbst waren steinerne D�monen: ein Dutzend zorniger Vulkane, die D�nste und Flammen �ber die K�stenebene spuckten, soweit Gilgameschs Auge reichte. Hier drau�en am westlichen Rand der Nachwelt, jenseits der kahlen Steppenw�sten des Outback, gewann er den Eindruck, als verbrennte die ganze Welt bis zu ihren tiefsten Wurzeln.</p><p>Das Schiff mit dem Delphin am Bug und dem Scharlachsegel stach weiter und tiefer in die von Riffen �bers�te phosphoreszierende See auf die Insel Brasil zu. Es war die k�nigliche Yacht Simons des Magiers, des Diktators, der irgendwo unter Deck weilte, stark vom Wein berauscht.</p><p>Es h�rte sich an wie Wahnsinn, dieses ganze Gerede davon, da� man Uruk finden wollte. Vielleicht aber war es doch nicht so verr�ckt. Es lohnte sich vielleicht, wenigstens zu h�ren, was Simon zu sagen hatte. Warum also nicht? Gilgamesch �berlegte. Er wu�te nichts von diesem angeblichen Uruk; doch falls es wahr sein sollte, da� seine Heimatstadt in der Nachwelt wieder gegr�ndet worden war, und wenn diese Brasilier irgendeine M�r vernommen hatten, die ihm helfen konnte, ihren jetzigen Ort zu entdecken, weshalb sollte er dann nicht mit Simon einen Handel machen? Was war schlie�lich das Leben anderes in diesem endlosen Leben nach dem Tod, wenn nicht ein langes endloses <emphasis>Warum nicht?</emphasis> Er war wieder von seinem Enkidu getrennt. Also spielte sonst fast nichts eine Rolle. Warum sollte er diese Forschungsfahrt also nicht mitmachen? Warum nicht?</p><p>Der dunkelhaarige sumerische Riese sah starren Blicks nach Brasil hin�ber. In der Ferne schimmerte die Zauberinsel im Halbdunkel in ihrem eigenen seltsamen Licht.</p><p>�Warst du schon mal da?� fragte eine Stimme.</p><p>Gilgamesch sah nach links und nach unten, sehr weit nach unten. �Sprichst du zu mir?�</p><p>�Nein, zu meinem Schatten�, sagte der Mann, der neben ihm an der Reling stand. Klein mit scharfer Nase, dichtes gelocktes Haar, dunkle �lige Haut. �Ich versuche ein Gespr�ch zu f�hren. Das ist eine alte Sitte an Bord von Schiffen. Hast du was dagegen?�</p><p>Gilgamesch streifte den Kleinen mit einem drohenden Blick. Der Mann hatte etwas Weiches, Glattes, Verw�hntes an sich. Er war gut gekleidet, eine r�misch geschnittene Toga und gl�nzend polierte italienische Lederschuhe, und auf dem Hinterkopf hockte ke� ein kleines Brokatk�ppchen. Ein schlaues Gesicht. Funkelnde Knopfaugen von unleugbarer Intelligenz. Dennoch, etwas an ihm war grunds�tzlich absto�end, fand Gilgamesch. Und er war aufdringlich. Er war doch bestimmt auf einen Blick hin in der Lage zu erkennen, da� Gilgamesch nicht zu der Sorte geh�rte, die von Fremden angesprochen werden m�chten.</p><p>Ajax, der gro�e gescheckte Hund, der neben Gilgamesch schlief, erwachte, sp�hte nach oben und knurrte. Wie es aussah, hatte auch Ajax nicht viel f�r diesen kleinen Mann �brig.</p><p>Gilgamesch sagte finster: �Ich kenne dich nicht.�</p><p>�Wer kennt schon jemand an diesem gottverlassenen Ort? Ich hei�e Herodes. Herodes Agrippa, um genau zu sein. Und ich fragte dich soeben, ob du fr�her schon einmal in Brasil warst.�</p><p>�Kann sein.� Gilgamesch zuckte die Achseln.</p><p>�Kann sein? Du wei�t es nicht sicher?�</p><p>Gilgamesch dachte daran, den zudringlichen kleinen Plagegeist �ber Bord zu werfen.</p><p>�Vielleicht, vielleicht nicht. Wenn du lange genug hin und her �ber die Nachwelt gewandert bist, sehen allm�hlich alle Orte ziemlich gleich aus.�</p><p>�Also, f�r mich nicht�, sagte Herodes. �Und ich bin auch ganz sch�n viel herumgewandert. Mehr als mir lieb ist. Ein richtiger Ewiger Jude, das bin ich. Aber Brasil, das ist anders. Ich wei�, ich wei�, Erinnerung ist hier manchmal problematisch, doch wenn du einmal in Brasil gewesen w�rest, dann w�rdest du dich daran erinnern. Es ist unverge�lich. Du kannst es mir glauben.�</p><p>�Ein ewig wandernder Jude?� sagte Gilgamesch unbestimmt. �Ich glaube, ich habe so eine Geschichte einmal geh�rt.�</p><p>�Wer h�tte nicht? Aber ich bin nicht <emphasis>der</emphasis> ewig wandernde Jude, wei�t du? Der hei�t Ahasver. Der zockelt immer noch kreuz und quer herum, <emphasis>droben,</emphasis> so wie es damals mit seiner Verfluchung bestimmt war. Mu� �ber die Erde ziehen, bis das Ende der Welt gekommen ist, was anscheinend bisher noch nicht der Fall ist. Nein, ich bin einfach nur ein Jude, der umherwandert. Ein anderer. Und ich hei�e Herodes.�</p><p>�Das hast du mir bereits gesagt.� Aufdringlicher kleiner K�ter, wahrhaftig, dachte Gilgamesch. Nach seinen impertinenten Manieren allein m��te man ihn f�r einen der Sp�ten Toten halten. Dennoch strahlte der Mann auch etwas wie eine Aura der Fr�hen Toten aus. Ein Grenzfall vielleicht. Aus der Zeit, die die Sp�ter Toten ungenau als die Periode �vor Chr.�, beziehungsweise den �bergang in die Zeit �nach Chr.� bezeichneten. Gilgamesch grub in den etlichen tausend Jahren seiner Erinnerungen. �Einmal bin ich einem Herodes begegnet. Der war so eine Art kleinerer W�stenf�rst, denke ich.�</p><p>�Also eigentlich war er ja K�nig von Jud�a.�</p><p>�Wenn du es sagst.�</p><p>�Ein Mann mit feistem Gesicht, kahlem Sch�del, blutger�teten Augen?�</p><p>�K�nnte sein. Er sah irgendwie halb verwest aus, so weit kann ich mich noch erinnern. Wie eine Frucht, die man zu lange im Regen hat liegen lassen.�</p><p>�Du meinst Herodes den Gro�en. Meinen Gro�vater. Ein h�chst ekelhafter Mann, dieser Herodes. Nein, wirklich, ein sehr �bler Typ. Zehn Weiber!�� daraus allein kannst du schon sehen, wie unsolid er war. Und dazu noch andere Charakterschw�chen. Im Grunde ein v�llig paranoider Typ. Obwohl, diese ganzen h��lichen bl�den Sachen mit Salome und dem T�ufer Johannes, dem Tanz der Sieben Schleier und das mit dem silbernen Tablett�� das war gar nicht er, mu�t du wissen. Das war sein Sohn Herodes Antipas; aber der war genauso verr�ckt. Und in Wahrheit ist das alles auch �berhaupt nicht so passiert. Das mit dem Silbertablett und dem Kopf darauf, das war eine blo�e Erfindung, und was diese Salome angeht��</p><p>�Silbertablett? Salome? Kleiner Mann, wovon schnatterst du denn da?�</p><p>�Andererseits�, fuhr Herodes fort, als h�tte Gilgamesch nichts gesagt, �hat mein Gro�vater <emphasis>tats�chlich</emphasis> die Abschlachtung der Erstgeborenen befohlen, einschlie�lich seines eigenen Sohnes. Der Mann war verr�ckt. Es wundert mich nicht, da� du ihn nicht mochtest. Aber er hat sich pers�nlich mit Augustus ganz h�bsch arrangiert. Augustus war immer bereit, Gesch�fte mit Verr�ckten zu machen, wenn er dabei politische Vorteile f�r sich selber herausspringen sah. Und das d�rfte die einzige vern�nftige Erkl�rung daf�r sein, wieso mein Gro�vater sich unter den R�mern so lange auf dem Thron halten konnte. Aber wie ich h�re, mag Augustus derzeit �berhaupt nichts mehr mit ihm zu tun haben. Da steckt Cleopatra dahinter. Denn Cleopatra ha�t ihn noch immer�� der alte Knabe hat sie abfahren lassen, als sie ihm Avancen machte, mochte ihre Nase nicht oder so etwas in der Richtung, aber das mu� man sich mal vorstellen, �ber wei� Gott wie viele Jahrhunderte so einen dummen kleinen Groll mitzuschleppen��</p><p>�Du summst wie eine Wespe�, murrte Gilgamesch. �H�rst du nie auf zu reden?�</p><p>�Also ja, ich rede gern. Du anscheinend nicht, vermute ich. Der gro�e starke Schweigsame. Blo�e Stilvarianten, kein Grund sich deswegen zu �rgern. Oh, also wirklich, da sieh hin�� da kommt unser Vesuv wieder!�</p><p>�Wer ist Vesuv?�</p><p>Herodes deutete auf die Inselstadt. �Unser Hausvulkan. Benannt nach dem, den sie damals in der anderen Welt �ber Pompeji hatten. Unsrer liegt mitten im Zentrum. Hast du je sowas Gro�artiges gesehen?�</p><p>Gilgamesch blickte �ber den Sund zu dem fernen Brasil hin�ber. Im Firmament hing nun ein neues Feuer, ein einzelner hellscharlachroter Lichtpunkt, der durch die tr�be rauchgeschw�ngerte Luft flammte wie eine Fackel, f�nfzigmal heller als die Flammen, die aus den Vulkanschloten auf dem Festland z�ngelten. Wie von einem riesenhaften Blasebalg angefacht, stieg die Flammenfackel h�her und h�her bis ans Dach des Kosmos. Und die T�rme und W�lle der Stadt erstrahlten in der blendenden Helle sinnverwirrend wie leuchtende Spiegel.</p><p>�Aber die Stadt?� fragte Gilgamesch. �Wird sie zerst�rt werden?�</p><p>Herodes lachte. �So einen Ausbruch wie den gibt es fast jede Woche einmal. Manchmal auch �fter. Die Brasilier m�chten das nicht missen. Aber es wird dabei kein Schaden angerichtet. Blo�e Lichtspiele und keine Hitze, so lautet die Vertragsklausel. Und nie jemals irgendwelche feste Materieteilchen. Du hast doch von Pompeji geh�rt, ja? Das geh�rte zu Rom. Ich meine, zu dem <emphasis>echten</emphasis> alten Rom, dem Original. Und wir haben eine Menge ehemaliger Pompejaner, die jetzt hier in Brasil leben. Und so wie seinerzeit im neunundsiebziger Jahr Pompeji niedergewalzt worden ist, kann es einen ja nicht sehr erstaunen, da� die Brasilier hier nicht unbedingt scharf sind auf eine Wiederholung. Ich spreche vom Jahr 79 n. Chr. verstehst du? Also nach der Jahresberechnung der Sp�ter Toten. Falls dir �berhaupt daran liegt, deine Jahre zu berechnen. Jedenfalls war es nach meiner eigenen Zeit, wahrscheinlich auch nach der deinigen. Aber wenn du mit einem sprichst, der damals dabei war und jetzt in Brasil lebt, dann sagt der dir, es war ein absoluter Horror, aber er wird dir ebenfalls sagen, er kann nachts nicht richtig schlafen, wenn nicht in der N�he ein mittelpr�chtiger Vulkan vor sich hingrummelt. Verbl�ffend, wie sich manche Leute nicht nur an Gefahr gew�hnen, sondern geradezu davon abh�ngig werden, st�ndig bedroht��</p><p>Gilgamesch h�rte ihm kaum zu. Er starrte in den vom Vulkanfeuer zerfetzten Nachthimmel. Durch die pl�tzliche gl�hende Illumination waren Scharen von Ungeheuern und D�monen der Luft sichtbar geworden. Wesen, die nur Maul waren, ohne Leib; Wesen, die nur kopflose Fl�gel waren; Wesen, die nichts waren als Krallen und Klauen; Wesen, die aus riesigen gelben, rotge�derten Augen bestanden, die auf gr�nen Gasschwaden trieben, und alles wirbelte durcheinander und kreischte hoch �ber der See. Ajax knurrte und bellte und rannte �ber das Deck hin und her, sprang wild in die Luft, als wollte er die Ungeheuer angreifen, die sich am Himmel tummelten.</p><p>Herodes lachte. �Simons Scho�tierchen. Ich habe es dir ja gesagt, wenn du Brasil einmal erlebt hast, vergi�t du es nie wieder. Wohin du schaust, D�monen. Und Genies. Zauberer. Magier, Traumdeuter. Wahrsager. Simon sammelt sie, verstehst du? Du kannst keine neun Schritte tun, ohne da� einer von denen versucht, dich mit seinen Tricks umzukrempeln.�</p><p>�Sie m�gen es versuchen�, sagte Gilgamesch.</p><p>Er zielte mit einem imagin�ren Bogen und scho� einen imagin�ren Pfeil in die Gurgel eines der widerlichsten Ungeheuer in der H�he.</p><p>�Oh, <emphasis>dich</emphasis> w�rden sie in Frieden lassen, glaube ich. Ein Mann von deiner Gr��e, wer w�rde es wagen, sich mit dem anzulegen? Au�erdem siehst du mir so aus, als verf�gtest du selbst �ber ein Quantum magischer Kr�fte. Simon hat dich als seinen Leibw�chter engagiert, ja?�</p><p>�Ich bin kein S�ldner�, erwiderte Gilgamesch scharf.</p><p>�Nein? Du siehst aber aus wie ein K�mpfer.�</p><p>�Ein K�mpfer, das ja. Aber niemals f�r Geldeslohn. Au�er einmal, als ich noch ein Junge war und im Exil. Ich war ein K�nig.�</p><p>�Ach. Ein K�nig! Dann haben wir ja etwas gemeinsam. Ich war n�mlich auch K�nig, wei�t du.�</p><p>�Wirklich?� fragte Gilgamesch desinteressiert.</p><p>�Ja, so vier, f�nf Jahre lang, nachdem Caligula meinen elenden Onkel Antipas endlich aus Jud�a verjagt hatte und mir die Herrschaft �bergab. Bei meinen Untertanen war ich ziemlich beliebt, wenn es dich nicht st�rt, da� ich das sage. Ich denke, ich habe meine Arbeit recht gut gemacht, und wenn ich nur ein wenig l�nger gelebt h�tte, ich glaube, es w�re mir gelungen, die Christenbrut auszul�schen, bevor sie richtig in Fahrt kam, und damit h�tte ich der ganzen Welt sechs Scheffel voll �rger erspart, aber�� Herodes brach ab. �Du bist nicht etwa selber zuf�llig einer von denen, oder? Nein, nein, so siehst du wirklich nicht aus. Aber du sagst, du warst ein K�nig. Wo denn, wenn ich fragen darf? Irgendwo drau�en, Richtung Armenien vielleicht? Kilikien?�</p><p>Der Mann wurde allm�hlich �tzend.</p><p>Gilgamesch richtete sich zu seiner vollen stolzen Gr��e auf und rezitierte: �So wisse denn, ich bin Gilgamesch von Uruk, Gro�k�nig, K�nig von Uruk, K�nig der K�nige, Herrscher des Landes Zwischen den Zwei Fl�ssen.�</p><p>�K�nig der K�nige?� wiederholte Herodes. �Herrscher des Landes zwischen zwei Fl�ssen?� Er nickte, als w�re er h�chst beeindruckt. �Aha. Wahrhaftig. Und was f�r zwei Fl�sse w�ren das, bittesch�n?�</p><p>�Das wei�t du nicht?�</p><p>�Du mu�t mir vergeben, mein Freund. Ich bin blo� ein Provinzler aus Jud�a, obwohl ich das gro�e Gl�ck hatte, am kaiserlichen Hof in Rom erzogen zu werden. Und obwohl man mir wahrscheinlich etwas von deinen zwei Fl�ssen beigebracht hat, es scheint mir durch eines der verflixten zahlreichen L�cher in meinem Ged�chtnis entschl�pft zu sein, und darum��</p><p>Derartige Rederei hatte Gilgamesch schon vielmals vorher geh�rt. Die Nachwelt steckte voll von solchen Sp�tlingen.</p><p>K�hl sagte er. �Mein Land war euch R�mern als Mesopotamien bekannt.�</p><p>�Ach, <emphasis>diese</emphasis> Fl�sse!� rief Herodes. �Warum sagst du das nicht gleich? K�nig von Mesopotamien! Also ein Parther. Irgendwie mit Mithridates verwandt?�</p><p>Gleich werfe ich den Kerl <emphasis>doch</emphasis> noch �ber die Reling, dachte Gilgamesch, der jetzt richtig w�tend wurde.</p><p>Mit gro�er Beherrschung sagte er: �Nein, kein Parther. Ein Sumerer! Wir waren vor den Parthern da. Vor den Babyloniern und Akkadiern. Und lange vor den R�mern nat�rlich. <emphasis>Lange</emphasis> vor den R�mern.�</p><p>�Bitte tausendmal um Vergebung�, sagte Herodes.</p><p>Gilgamesch funkelte ihn an, dann wandte er sich ab. Er starrte d�ster in die flammendurchzuckte Nacht. Die Eruption �ber Brasil wurde schw�cher. Er �berlegte, wie lange sie noch bis zur Insel brauchen w�rden. Es konnte nicht schnell genug gehen, wenn er sich das nervt�tende Geplapper dieses Herodes w�hrend der ganzen �berfahrt anh�ren mu�te!</p><p>Nach einiger Zeit sagte Herodes: �Gedenkst du erneut K�nig zu sein?�</p><p>�Was? Weshalb sollte ich?�</p><p>�Nun, die meisten K�nige, die hierher kommen, wollen das.�</p><p>�Und bist <emphasis>du</emphasis> wieder K�nig geworden?� fragte Gilgamesch, ohne sich umzuwenden.</p><p>�Ich ziehe es vor, darauf zu verzichten. Um dir die Wahrheit zu sagen, ich fand den Job nie besonders faszinierend. Und mir gef�llt das Leben in Brasil viel zu gut. Seit meinem Tod ist das der erste Ort, an dem ich mich fast wie daheim f�hle. Aber Brasil ist die Stadt Simons, und ich versp�re kein Verlangen nach einem Versuch, sie ihm wegzunehmen, ganz abgesehen davon, da� ich das gar nicht k�nnte. Wenn es ihm Spa� macht, hier den Boss zu spielen, soll er doch. Sage ich.�</p><p>�Ich verstehe. Du bist �ber solcherlei Ehrgeiz hinaus.�</p><p>�Also, du kennst sicher den alten Spruch, da� es besser ist, K�nig am Arsch der Welt zu sein, als Sklave im Himmel. Das mag ja stimmen, allerdings wei� ich wirklich nicht viel �ber den Himmel. Angenommen, es gibt solch einen Ort, was ich sehr stark bezweifle. Jedenfalls, was mich betrifft, mir ist es angenehmer, einen anderen hier regieren zu lassen. Mein Wunsch ist es, weder zu herrschen, noch zu dienen, sondern mich nur um meine eigenen Angelegenheiten zu k�mmern. Aber vermutlich findest du das nicht besonders klug, ja? Wenn du so �hnlich bist wie alle die anderen gewaltigen s�belschwingenden <emphasis>Gojim,</emphasis> die ich hier kennengelernt habe, dann juckt�s dich m�chtig, dich wieder auf den Thron zu setzen, egal welchen, wenn es nur ein Thron ist.�</p><p>�Nein!� sagte Gilgamesch.</p><p>�Nein?�</p><p>�Was sagtest du? Sich nur um seine eigenen Angelegenheiten k�mmern? Das gef�llt mir. <emphasis>Mich um meinen Kram scheren, ja?</emphasis> F�r mich war das�� wie f�r dich auch�� die Aufgabe, K�nig zu sein, doch das ist lange her und war in einem anderen Leben. Jetzt und hier interessiert mich das nicht mehr. Wor�ber k�nnte man hier herrschen? In diesem Land der Betr�ger und Schwindler, wo Orte auftauchen und verschwinden wie in Tr�umen, und wo die Zeit selbst schnell verfliegt oder langsam schleicht, wie es die Laune irgendeines D�mons will?� Gilgamesch spuckte �ber die Reling. �Nein, Herodes, du verkennst mich, wenn du denkst, ich w�rde je wieder K�nig sein wollen! La�t mich frei umherschweifen, jagen, wo ich will. Und la�t mich meinen einzig geliebten Gef�hrten wiederfinden, den ich hier in diesem Land der Nachwelt verloren habe, wie schon einmal im Land der Lebenden. Ich will nur wieder mit Enkidu vereint sein, meinem wahren Bruder, dem Freund meines Herzens, den ich als einzigen je geliebt habe. Mehr ersehne ich nicht. Sollen andere hier K�nig spielen. Und M�nner wie du und ich, wir k�mmern uns um unsere eigenen Angelegenheiten, ja?� Gilgamesch l�chelte breit und schlug Herodes freundschaftlich mit der flachen Hand auf den R�cken, wobei er den kleinen Mann heftig gegen die Reling schleuderte. �Was, Herodes? Ich glaube, du und ich, wir zwei, wir haben mehr gemeinsam, als es zun�chst den Anschein hatte. Ist es nicht so, K�nig Herodes?�</p><p>Das Festland und die bedrohliche Raserei der dortigen r�lpsenden br�llenden Vulkane verschwanden achtern, und die k�nigliche Jacht schnitt grazi�s durch das schimmernde Wasser auf Brasil zu. Und nun erhob sich vor ihnen breit die Inselstadt. Gr�ne Elmsfeuer tanzten flackernd auf den vielt�rmigen W�llen.</p><p>Gilgamesch sp�rte eine leise Erregung. Nichts weiter als den Schatten seiner fr�heren Neugier, dieses Welten in sich hineinschlingenden Hungers nach Erfahrung und Erlebnissen, der ihn in seinem ersten Leben �berall hin durch das LAND und �ber die Grenzen des LANDES weit hinaus getrieben hatte. Einst hatten die S�nger von Sumer und Akkad ihn besungen als den Mann, dem alle Dinge geoffenbart worden waren, die Geheimnisse und die Wahrheiten �ber das Leben und den Tod.</p><p>So ganz falsch hatten die Barden damals in uralter Zeit nicht gelegen. Er hatte alles erfahren und wissen wollen, alles sehen, alles schmecken, alles ausprobieren.</p><p>Das war zum gro�en Teil inzwischen von ihm abgefallen, war in den Tausenden Jahren seiner Streifz�ge durch diese unerme�liche und unverst�ndliche Nachwelt aus seinem Herzen ausgebrannt worden. Aber dennoch mu�te da noch ein Rest von dem alten verschwundenen Gilgamesch in ihm lebendig geblieben sein; weshalb sonst hatte er so gebannt zu der bizarren Inselstadt hin�berstarren sollen, die aus der leuchtenden See vor ihm auftauchte?</p><p>�Bereitmachen zur Landung!� rief eine Stimme. �Alle Mann bereitmachen!�</p><p>Herodes verschwand unter Deck. Matrosen tauchten aus dem Nichts auf, eine halbes Dutzend kleiner, �lig wirkender Levantiner, und liefen umher und werkten eifrig an Spills und Tauen herum. Verbl�ffenderweise tauchte aus den Tiefen des Schiffsrumpfes ein Haarmensch auf, ein untersetzter dickleibiger Mann mit gewaltigen Kiefern und fast keinem Kinn, aber dicken vorgew�lbten Brauen. Er trug r�mische Kleidung. Man stie� an den unwahrscheinlichsten Orten auf diese grobstimmigen Gesch�pfe aus der Zeitend�mmerung, aus der verschwundenen, vergessenen Welt vor der Gro�en Flut. Dieser hier schien in Simons Diensten zu stehen, nach seiner Kleidung zu urteilen und den prunkvollen Orden, die er trug.</p><p>Simon der Magier selbst erschien danach, schleppenden Schritts, auf den Arm des Herodes gest�tzt. Es war offensichtlich, da� der Beherrscher Brasils sehr zu k�rperlichen Ausschweifungen neigte; dennoch war die St�rke seines Geistes hinter der schwammigen Aufgeschwemmtheit erkennbar; sp�rte man den eisernen Willen, die uners�ttliche Gier nach Macht. Dieser Machthunger hatte seinen Tod �berdauert. Wie bedauerlich, dachte Gilgamesch, da� ein Mann von seinem Format nicht f�hig war, seine Gel�ste unter Kontrolle zu bekommen. Gilgamesch selbst wu�te einigerma�en Bescheid �ber Gel�ste und �ber Gier und Ausschweifung; doch er hatte nie zugelassen, da� dies �u�erlich sichtbar wurde, wie dieser Mann hier das getan hatte. Sein Leib war f�r ihn sein Heiligtum, und sein ganzes Leben lang hatte er ihn in Ehren und W�rde heilig gehalten. Und w�hrend seines langen Lebens als Toter ebenso.</p><p>�Ah�, sagte Simon. �Unser K�nig von Uruk. Nun, das da vorn, ein paar hundert Yards vor dem Bug ist Brasil. Dein erster Eindruck von meiner kleinen Stadt? Wie gef�llt sie dir, Gilgamesch?�</p><p>�Sie hat gewisse Reize�, sagte Gilgamesch.</p><p>�Gewisse Reize? Mehr f�llt dir nicht dazu ein, K�nig von Uruk? Gewisse Reize!� Die roten Gesichtsflecken f�rbten sich zu einem dunkleren zornigen Scharlachrot. Dann sagte er mit geschmeidigerem, diplomatischerem Ton: �Aber nat�rlich, mein kleines Brasil ist ein Nichts im Vergleich mit deiner grandiosen Hauptstadt. Das verstehe ich durchaus.�</p><p>�Deine Stadt ist h�chst beeindruckend�, gab Gilgamesch zu.</p><p>In Wahrheit hatte er schon fast vergessen, wie sein Uruk ausgesehen hatte. Nach all der verstrichenen Zeit. Einzelheiten der Anlage und der Geb�ude entfielen ihm mehr und mehr; er erinnerte sich fast nur noch an allgemeine Umrisse, an niedere Ziegelbauten mit flachem Dach, an enge Stra�en, an einen hohen Tempel �ber einem Fundament aus wei�get�nchten Ziegeln.</p><p>Dieses Brasil da wies schlanke T�rme auf, die mit Schmuckb�ndern aus kostbaren Steinen verziert waren, Mauerkronen in unglaublichen Schr�gungen, Stra�en, die in verwirrenden scharfen Windungen in die H�nge des lavabedeckten Berges, der die Insel �berragte, gebaut waren. Wirklich ein befremdlicher Ort, zweifellos im Laufe der Zeiten betr�chtlichen Ver�nderungen unterworfen gegen�ber dem alten St�dtchen aus r�mischen Tagen, nach dem das urspr�nglich erbaut worden war. Aber nichts in der Nachwelt blieb ja lange, wie es vorher war. Nicht einmal die Berge und die Fl�sse.</p><p>Der Magier Simon sagte: �Unser Premierminister, der Jude Herodes.�</p><p>�Wir sind uns bereits begegnet�, sagte Gilgamesch.</p><p>Also war Herodes, dieser Biedermann, der behauptete, an Macht nicht interessiert zu sein, trotz allem Premierminister in Brasil? Nun, vielleicht war das ja seine Art�� wie hatte er das ausgedr�ckt?��, sich um seinen pers�nlichen Kram zu k�mmern. Sollen andere K�nig spielen, und dennoch war es ihm gelungen, sich unter diesen R�mern bis in eine ziemlich hohe Position hinaufzuarbeiten. Gilgamesch f�hlte sich an diesen Mongolenf�rsten erinnert, an Kublai Khan, dem er auf seinen Streifz�gen durch die Reiche im Outback begegnet war. Von dem ging die Sage, da� dieser Khan in seinem Erdenleben einer der grandiosesten Herrscher gewesen war, aber hier behauptete er, keinerlei Machtambitionen zu haben, und gab an, v�llig damit zufrieden zu sein, als Kriegsminister f�r die Himmlische Volksrepublik dieses Mao Tse-tung seines Amtes zu walten. Zweifellos war das ein leichterer Job als der eines Kaisers�� aber dennoch war es eine Position in der Machtspitze.</p><p>Anscheinend bestimmte also das Leben auf der Erde auch den Lebensmodus hier. Ja, vielleicht. Berge und Fl�sse mochten sich hier best�ndig ver�ndern und umformen, doch die Seelen der Menschen, so schien es, ver�nderten sich nie grunds�tzlich. Man betrachte sich nur alle diese R�mer und Karthager, die da drau�en irgendwo immer wieder und wieder ihre grotesken Punischen Kriege ausfochten. Oder dieser kleine Mann Lenin, wie er fieberhaft Umst�rze und Gegenumst�rze plante in seiner unabl�ssigen, fruchtlosen Auflehnung gegen jeden, der gerade von sich behauptete, Regierungschef in Nova Roma zu sein. Und alle diese K�nige und Kaiser, die versuchten, hier in der Anderen Welt ihre alten Reiche wieder zu etablieren: Caesar und Mao und Elizabeth und der Priester Johannes und all die �brigen. Und sogar jene, die von sich behaupteten, ihr Machtstreben abgelegt zu haben, hatten die Tendenz, immer irgendwie unter denen aufzutauchen, die die Befehle erteilten, und nicht unter jenen, die Befehlen gehorchen mu�ten.</p><p>Nein, dachte Gilgamesch, auch in der Nachwelt �ndert niemand sich wirklich von Grund auf. Au�er mir. Au�er mir. Ich war der K�nig �ber das gesamte Land, und ich gefiel mir in meiner Pracht und Herrschaft und brachte alle M�nner dazu, sich vor mir zu neigen. Ich eroberte St�dte. Ich baute Tempel. Ich baute Mauern und Kan�le. Aber hier habe ich seit etlichen Jahrtausenden nichts getan, als umherzuziehen, zu jagen und zu wandern, und das war mir genug. Und ob man es mir nun glaubt oder nicht�� es war mir genug.</p><p>�Und dies�, sagte Simon nun, �ist mein Gro�magier und Oberweiser, dessen Namen ich dir nat�rlich nicht preisgeben kann.�</p><p>Er wies auf den Haarigen Mann.</p><p>�Frieden und Freude dir, K�nig von Uruk�, sagte der Haarige. Zumindest verstand ihn Gilgamesch so. Es war ihm noch nie leichtgefallen, die Redeweise dieser seltsamen Leute zu verstehen. Hier sprachen sie, wie nahezu jedermann, eine Art Englisch; fr�her war es Lateinisch gewesen, als dies die Hauptsprache der Nachwelt war; doch welche Sprache sie auch benutzten, es klang tief, rauh, pelzig und nahezu unverst�ndlich, wie durch einen dicken Ballen von Ochsenh�uten und als l�gen die Zungen irgendwie falsch im Mund. M�glicherweise klang ja auch ihre ureigene Sprache so.</p><p>F�r Gilgamesch waren die Haarm�nner ein R�tsel. Sie trugen keinen Namen, oder doch jedenfalls keinen Namen, den sie irgend jemandem, au�er ihresgleichen, preisgeben wollten. Und sie verehrten auch namenlose G�tter. Sie sahen beinahe aus wie Tiere, bewachsen wie sie waren von dichten, rauhen, pelzigen Zottelhaaren, einem braunen, oder h�ufiger r�tlichen Fell. Enkidu war ber�hmt unter den M�nnern f�r seinen dichtbehaarten Leib, doch sogar er, so behaart er war, w�rde neben einem Haarmenschen beinahe so glatt gewirkt haben wie eine Frau. Aber obwohl sie wie Tiere aussahen und sprachen, betrugen sie sich doch wie Menschen unter anderen Menschen, und wenn du dich eine Weile mit ihnen besch�ftigt hattest, mu�test du bald begreifen, da� sie klug waren und weise und sehr geschickt in der Meisterschaft vieler verborgener F�higkeiten.</p><p>Es wurde erz�hlt, da� sie von den Anf�ngen der Zeit herkamen, jenen fr�hen Tagen vor der Gro�en Flut, als das Menschenk�nigtum erstmals von Himmel herabstieg. Vielleicht war es so. Doch als Gilgamesch einst einen von ihnen dar�ber befragt hatte, was er �ber Alulim wisse, den ersten K�nig, der im heiligen Eridu herrschte, oder seinen Nachfolger, Alalgar, oder �ber En-men-lu-Anna, der danach K�nig war in seiner Hauptstadt Babtibira, sch�ttelte der Haarmensch nur den Kopf.</p><p>�Das sind nur Namen�, hatte der Haarmensch gesagt. �Namen bedeuten nichts.�</p><p>�Es sind K�nige! Alulims Herrschaft w�hrte 28800 Jahre! Alalgars 36000! In Babtibira herrschte En-men-lu-Anna 43200 Jahre lang! Das lernt doch jeder Schulknabe. Und du, der du vor der Flut lebtest, der aus der tiefsten alten Ferne kommt�� wieso kanntest du die Namen der K�nige nicht?�</p><p>�F�r mich waren sie keine K�nige�, hatte der Haarmensch gleichg�ltig geantwortet. �Sie waren es nie. Sie waren nichts!� So �hnlich jedenfalls hatte das schwerz�ngige, undeutliche Gerede geklungen. Und als Gilgamesch andere Haarmenschen in dieser Richtung befragte, waren auch da die Antworten stets die gleichen.</p><p>Nun, vielleicht hatten sie alles vergessen. Schlie�lich war es ja schon sehr lange her. Vor der Gro�en Flut, oder war es denkbar, da� die Haarmenschen vielleicht gar keine Menschen waren, sondern heimische D�monen von hier aus der Anderen Welt? In keiner der Schriften, die er studierte, als er K�nig war in Uruk, hatte er einen Hinweis darauf gefunden, da� in den Zeiten vor der Flut die Menschen ausgesehen h�tten wie die Tiere. Es war ein R�tsel, ja. Vielleicht w�rde er w�hrend seines Aufenthalts in Brasil versuchen, von Simons weisem Haarmenschen etwas mehr dar�ber zu erfahren.</p><p>Er wandte sich dem Gestade zu und sah die Pier von Sklaven wimmeln; einige winkten mit Flaggen die k�nigliche Jacht in ihren Slip, andere entrollten einen beachtlich langen magentaroten Teppich f�r Simon. Ein Trio von Kanonieren lie� helle Rauchbomben detonieren, vielleicht als Salut f�r den heimkehrenden Monarchen, vielleicht auch, um diese b�sartig aussehenden Fluggesch�pfe mit den langen gelben Schuppenh�lsen und den langen blitzenden Greifklauen zu vertreiben, die kreischend und wild mit den Schwingen schlagend �ber dem Hafen kreisten.</p><p>Simon sagte: �Grandios, nicht wahr?�</p><p>�Ja, wirklich.�</p><p>�Du hast nat�rlich von mir geh�rt, ja?�</p><p>�Um ehrlich zu sein, Simon, ganz und gar nichts�, erwiderte Gilgamesch.</p><p>Simon der Magier blickte �rgerlich drein, aber nur einen fl�chtigen Moment lang. �Jedenfalls bist du ehrlich. Und au�erdem spielt das weiter keine Rolle. Das meiste, was du �ber mich h�ttest h�ren k�nnen, sind sowie lauter L�gen.�</p><p>�Wirklich?� sagte Gilgamesch noch einmal.</p><p>�Da� ich der Erzvater aller H�resie sein soll. Da� ich nach Rom reiste, um vor dem Kaiser Claudius Wundertaten zu vollbringen. Da� ich gesagt haben soll, ich sei Vater, Sohn und Heiliger Geist in einer Person und h�tte verk�ndigt, da� ich zum Himmel aufsteigen w�rde, ja da� ich bereits in halber H�he schwebte, als die Heiligen Peter und Paul niederknieten und beteten und mich so mit einem Knall aufs Pflaster sausen lie�en. Nichts als L�gen, wei�t du. Genau wie die Geschichte, da� ich mich lebendig begraben lie� und ank�ndigte, ich w�rde am dritten Tag aus dem Grab auferstehen, genau wie <emphasis>Er.</emphasis> Pure L�gen!�</p><p>�Ich zweifle nicht daran.�</p><p>Simon gluckste. �Zauberei, das ja, dazu bekenne ich mich. Ich vollf�hrte exzellente Zauberkunstst�ckchen. Aber Wunder? Aber Ketzerei? Nein, mein Gilgamesch, das niemals. Ich begriff sofort, da� Jesus aus Nazareth st�rkere Magie besa� als ich, eine Zauberkraft von erschreckender Gewalt, also lief ich sofort auf seine Seite �ber. Ich verhielt mich ihm gegen�ber stets loyal�� es war einfach vern�nftig, verstehst du, absolut und von Grund auf vern�nftig, sich mit dem besten Zauberer zusammenzutun, statt mit ihm in Wettbewerb zu treten. Das war in Samaria damals, wei�t du�� warst du schon mal dort? Wundersch�ner Ort, nicht weit von Jerusalem. Aber ich war niemals in Rom, kein einziges Mal. Pompeji, ja, dort war ich, deshalb habe ich Brasil ja nach dem Vorbild von Pompeji gestaltet. Aber Rom, nein. Und Claudius kannte ich auch nicht. Und er hat auch nie zu meinen Ehren eine Statue im Tiberflu� aufstellen lassen und was derlei Legenden sonst noch sind.� Simon sch�ttelte den Kopf. �Sie sagten mir auch nach, ich h�tte in einem r�mischen Bordell die reinkarnierte Helena von Troja entdeckt und ihr die Rettung ihres Seelenheils versprochen, wenn sie meine Geliebte w�rde. V�llig aus der Luft gegriffen! Kennst du Helena, Gilgamesch? Bist du ihr jemals begegnet?�</p><p>�Nie�, antwortete Gilgamesch.</p><p>�Ich schon, einmal vor langer Zeit in Theleme. Und wir lachten herzlich �ber diese Geschichte, ich w�rde sie sehr gern eines Tages wiederfinden. Aber ich m�chte, da� du verstehst, mein Freund, da� es ein ganz anderer Simon war, der all diese Spielchen mit den falschen Wundern abzog. Lange nach meinem Tod. Ich war nur an Macht interessiert�� und deshalb auch an Zauberei und Religion, weil sie Mittel zur Erlangung der Macht darstellen. Der Jesus aber�� der war der beste Zauberer von allen. Neben ihm war ich ein Nichts.� Simon l�chelte und wies mit ausholender Geste auf die n�herr�ckende Inselstadt hin. �Brasil! Hier ist sie! Und wir wollen uns einige Ruhetage g�nnen, die B�der genie�en, ja, K�nig von Uruk? Ein Fest feiern, eine Theatervorstellung, einen Zirkus zu deinen Ehren mit hundert Gladiatoren. Und danach m�ssen wir uns an die Arbeit machen und �ber die Expedition reden, die wir unternehmen wollen, um das K�nigreich zu finden, das rechtm��ig dir geh�rt.�</p><p>Gilgamesch runzelte die Stirn. �Aber mich gel�stet nicht nach��</p><p>Herodes stie� ihn hastig an, er solle still sein.</p><p>�Was sagtest du gerade, gro�er K�nig?� fragte Simon.</p><p>Er hatte keine weitere Warnung seitens Herodes n�tig. �Ich sagte, wie angenehm es sein wird, deine B�der zu genie�en, Simon. Und das Fest, das Theater, die Gladiatoren.�</p><p>�Und danach machen wir uns auf die Suche nach deiner Stadt Uruk, was?�</p><p>Gilgamesch antwortete nicht. Beschwingt glitt die K�nigsjacht an ihren Ankerplatz. Ganze Schw�rme von Sklaven und Speichelleckern st�rmten jubelnd zu Simons Begr��ung vorw�rts.</p><p>Die Suche nach Uruk, dachte Gilgamesch. <emphasis>Welches</emphasis> Uruk? Und wo? Uruk war in den Nebelschwaden der Zeit untergegangen. Und es w�rde nie wieder ein zweites Uruk geben. Er, er wollte nur nach Enkidu suchen; Enkidu, der fortgeschleppt worden war, der vielleicht sogar von den Leuten get�tet worden war, die die Karawane van der Heydens �berfallen hatten. Er w�rde Simons Hilfe bei der Suche nach Enkidu annehmen, ja. Aber Uruk? Uruk? Das alles war Irrsinn.</p><p>�Unser Zirkus wird dir gefallen�, sagte Herodes an seiner Seite. �Wir werden zu deinen Ehren die hundert st�rksten Gladiatoren von Brasil in ihr k�nftiges Leben schicken.�</p><p>Gilgamesch warf ihm einen grimmigen Blick zu. �Das bedeutet mir nicht viel. Weshalb sollten hundert M�nner f�r meinen Spa� sterben? Ihr R�mer mit euren blutigen Spielen��</p><p>�Bitte�, sagte Herodes. �Du nennst mich dauernd einen R�mer, aber ich ziehe es vor, mich als Juden zu betrachten, wei�t du. Obwohl, technisch gesehen k�nnte man mich als R�mer bezeichnen�� Julius Caesar machte meinen Urgro�vater Antipater zum r�mischen B�rger��, aber wir Juden k�nnen schlie�lich unsere Herkunft viel weiter in die Vergangenheit zur�ckverfolgen als die R�mer, und��</p><p>�H�rst du eigentlich niemals auf zu plaudern? Nicht einmal f�r eine Minute?� brach es aus Gilgamesch hervor.</p><p>�Habe ich dich erz�rnt, gro�er K�nig?�</p><p>�Dieses Geschnatter �ber Juden und R�mer. Wen k�mmert schon ein D�monenfurz, wer du bist und wieviele Ahnen du hast? Ich war K�nig zu einer Zeit, da euer Land nichts war als ein Sumpf!�</p><p>Herodes l�chelte. �Ach, Gilgamesch, Gilgamesch, vergib mir! Nat�rlich ist dein Land viel �lter als Rom, sogar als Jud�a. Aber andererseits sind hier Leute, f�r die sogar das grandiose ruhmreiche Sumerische Reich nichts weiter ist als eine Episode ziemlich jungen Datums.� Er blickte verstohlen zu dem Haarmenschen. �Angesichts der Ewigkeit, Gilgamesch, befinden sich die meisten von uns erst seit ein, zwei Stunden in der Nachwelt. Im Vergleich zu <emphasis>dem da,</emphasis> meine ich. Doch vergib mir. Vergib mir. Ich rede wirklich zu viel. Dennoch beschw�re ich dich, die Wettk�mpfe in unserem Stadium zu besuchen. Und ich hei�e dich hiermit in Brasil, meiner Wahlheimat willkommen, K�nig Gilgamesch. Als R�mer und als Jude hei�e ich dich hier herzlich willkommen.�</p></section><section><title><p>8</p></title><p>In Simons Palast, einem gewaltigen Geb�udekomplex, der um einen Hof herum angelegt war und inmitten eines riesigen ummauerten Gartens lag. In seinen Gem�chern gab es ein R�misches Bad, ein gewaltiges Rundbett, das irgendwie in der Luft zu schweben schien, und er hatte seine pers�nliche Entourage, Diener, Butler. Kurtisanen und L�ufer, die alle auf jeden seiner Winke bereitstanden. Doch eben jetzt hatte er eigentlich kaum sehr gro�e Bed�rfnisse, denn seit mehr Jahren, als er noch im Ged�chtnis behalten hatte, hatte er sich eine umfassende Kargheit und N�chternheit zur Regel gemacht. Dennoch, es war wohl ganz angenehm zu wissen, da� ihm derlei Annehmlichkeiten zur Verf�gung standen.</p><p>Herodes stellte sich bei ihm ein, als am fr�hen Abend die tr�be r�tliche Sonne die G�rten in tiefviolette Schatten zu tauchen begann. Herodes hockte sich bequem in eine Fensterbank. Er sagte: �Erz�hl mir doch ein wenig von deinem Uruk.�</p><p>�Was kann ich davon schon erz�hlen? Es war vor langer Zeit eine Stadt, in der ich geboren wurde, in der ich lebte und K�nig war�� und in der ich starb. Der Flu� Buranunu flo� an ihr vorbei. Enlil war der Stadtgott und Inanna die G�ttin der Stadt und��</p><p>�Nein. Ich rede von dem <emphasis>neuen</emphasis> Uruk, dem hier in der Nachwelt.�</p><p>�Ich wei� nichts von einer solchen Stadt�, sagte Gilgamesch.</p><p>Herodes sah ihn eindringlich an. �Aber Simon glaubt, du wei�t etwas.�</p><p>�Wirklich? Das Wenige, was ich �ber das neue Uruk wei�, habe ich von Simon erfahren.�</p><p>�Ach so. Ich beginne zu begreifen.�</p><p>�Zum erstenmal h�rte ich etwas davon�, fuhr Gilgamesch fort, �als ich Simon dr�ben in der Bucht der Hammenden Berge traf. Es gibt in der Nachwelt eine Stadt namens Uruk, sagte er zu mir. Und er sagte, dieses Uruk ist der Stadt aus meinen Lebenstagen ziemlich �hnlich, und es leben dort Menschen meines Volkes. Es ist eine Stadt, sagte er, voll sagenhaften Reichtums und Wohlstand.�</p><p>�Aha. Jetzt beginnt sich das wahre Bild abzuzeichnen�, sagte Herodes.</p><p>�Er fragte, ob ich mich an einer Expedition nach diesem Uruk beteiligen m�chte. Seine Soldaten langweilen sich und brauchen Abenteuer, sagte er.�</p><p>�Ja, und er sehnt sich nach Sch�tzen.�</p><p>�Den Sch�tzen dieses Uruk?�</p><p>�Irgendwelchen Sch�tzen�, sagte Herodes. �Hast du�� dir nicht die Mauern und T�rme dieser Stadt angesehen? Er hat alles mit Smaragden, Rubinen, Saphiren und Diamanten vollgepflastert. Mit Edelsteinen, deren Namen niemand kennt, weil man sie auf der Erde nie sah, da sie nur hier in der Nachwelt gefunden werden. Seine Gier nach auffallenden Klunkern ist uners�ttlich. F�nf Alchimisten sind den ganzen Tag hindurch damit besch�ftigt, neue Steine f�r ihn herzuzaubern, und die ganze Nacht dazu, aber nat�rlich halten ihre Steine nicht lange. Er giert nach dem echten Zeug. Und wenn dieses Uruk gro�e Sch�tze hat, dann lechzt Simon nach ihnen.�</p><p>�Ich h�tte ihn f�r weiser gehalten.�</p><p>�Oh, er besitzt gro�e Weisheit. Doch hier ist die Nachwelt, Gilgamesch, und hier verleitet der Zerfall der Zeit auch kluge M�nner zur Torheit. Und er liebt nun einmal funkelnde Steine.�</p><p>�In Uruk gab es �berhaupt keine Steine�, sagte Gilgamesch betont. �Wir errichteten unsere Stadt aus Lehmziegeln. Wir hatten weder Smaragde noch Rubine.�</p><p>�Ja, aber das war <emphasis>dein</emphasis> Uruk. Simon dagegen will das Nachwelt-Uruk finden. Und er glaubt, du kennst den Weg dorthin.�</p><p>�Ich sagte ihm aber, ich wei� ihn nicht.�</p><p>�Er glaubt, du l�gst�, sagte Herodes freundlich.</p><p>�Dann ist er ein noch gr��erer Narr. Ich bin zweimal so lange wie dein Simon hier in der Nachwelt, oder noch l�nger. Kommt ihm denn nicht der Gedanke, da� ich in dieser ganzen Zeit etwas davon geh�rt haben m��te, wenn meine Landsleute sich hier ein neues Uruk erbaut h�tten?�</p><p>Herodes schaukelte auf der Fensterbank langsam vor und zur�ck und l�chelte in sich hinein. �Ihr zwei habt euch gegenseitig ganz sch�n verarscht, nicht?�</p><p>�Was?�</p><p>�Der hehre Held Gilgamesch und das schlaue Schlitzohr Simon haben sich gegenseitig bis zum Hintern ausgetrickst. Er glaubt, du kannst Uruk f�r ihn finden. Du glaubst, er findet es f�r dich. Und ihr glaubt alle beide, da� der andere das Geheimnis wei�, wo Uruk liegt. Aber in Wahrheit hat keiner von euch eine Ahnung, wo der Ort liegt.�</p><p>�Also, ich jedenfalls nicht.�</p><p>�Simon ebenfalls nicht, versichere ich dir.�</p><p>�Also, wie�?�</p><p>�Vor einiger Zeit stellte sich ein betr�gerischer Herumtreiber bei Simon ein. Ein gewisser Hanno, ein Karthager, der vorgab, ein Kartograph zu sein. Du wei�t, wie zuverl�ssig Landkarten in der Nachwelt sind, Gilgamesch? Also, dieser Hanno begann Geschichten �ber die Sch�tze von Uruk zu erz�hlen, und Simons Augen begannen zu leuchten wie die Edelsteine, nach denen er so sehr giert. Wo finde ich dieses Uruk? fragte Simon. Und Hanno drehte ihm eine Landkarte an. Dann verschwand er. Also, ich sage es ja immer, wenn R�mer anfangen, Landkarten von Karthagern zu kaufen, dann kann dabei nichts Gutes herauskommen. Einen Tag nach dem Verschwinden Hannos aus Brasil brachte mir Simon voller Stolz die Karte an und erz�hlte mir das Ganze. Wir wollen einen Eroberungszug planen, sagte er. Und er rollte die Karte vor mir auf. Und die Linien liefen alle kreuz und quer durcheinander, so da� man Augenschmerzen bekam, wenn man ihnen zu folgen versuchte, und noch w�hrend wir hinsahen, ver�nderten sie sich und zerflossen. Und f�nf Minuten sp�ter war die Karte leer, nichts weiter als ein blankes St�ck D�monenhaut. Ich dachte schon, Simon trifft der Schlag. Uruk! Uruk! Mehr konnte er nicht stammeln. Wieder und immer wieder. Und er grunzte dabei wie dieser Haarmensch, den er um sich hat. Und daraufhin segelten wir aufs Festland hin�ber, wo aus dem Outback eine Karawane erwartet wurde, irgendwelche Schurken und Gauner, die mit gestohlenen Edelsteinen handeln. Mit ihnen trieb Simon Handel. Er hat seine dicken Finger in�� allen m�glichen Gesch�ften dieser Art. Ich darf mich da nicht einmischen. Und was erfahren wir? Da� zwei riesenhafte Sumerer mit dem Zug reisen, und der eine von ihnen ist Gilgamesch, der K�nig von Uruk! Schon wieder Uruk! Die Karawane kommt nicht, man h�rt, sie ist von R�ubern im Pa� �berfallen worden. Aber Gilgamesch erscheint. Und das kann Simon dem Magier nur recht sein. Was bedeutet ihm schon der Verlust von ein paar K�stchen voller Edelsteine, wenn er die Aussicht bekommt, ganz Uruk zu pl�ndern? Verstehst du, Gilgamesch? Er m�chte, da� du ihn nach Uruk f�hrst, damit er es ausrauben kann!�</p><p>�Ich w�re besser in der Lage, ihm das Paradies zu zeigen, als das. Hier in der Nachwelt gibt es kein Uruk, Herodes.�</p><p>�Bist du dir da ganz sicher?�</p><p>�Wer k�nnte hier schon in irgendeinem Ding sicher sein? Aber wieso habe ich noch nie etwas davon geh�rt, wenn es tats�chlich existiert?�</p><p>�Die Nachwelt ist ziemlich gro�, Gilgamesch. Keiner kann von sich sagen, er h�tte sie g�nzlich erforscht. Vielleicht w�chst sie ja von Tag zu Tag weiter, so da� niemand jemals alles von ihr sehen kann, auch wenn er keinen Augenblick lang rastete und ruhte. Ich reise seit zweimal tausend Jahren hier umher�� und ich habe noch nicht ein Zehntel davon gesehen, vermute ich mal. Und du, der du so viel �lter bist als ich�� sogar du, m�chte ich wetten, bist fremd in vielen Bereichen der Nachwelt. Du selbst hast mir doch gesagt, da� du nie zuvor in Brasil warst.�</p><p>�Zugegeben. Aber Uruk�� eine von uns Sumerern erbaute Stadt, bewohnt von Sumerern��, nein. Nein, es ist nicht m�glich, da� es so etwas gibt, ohne da� ich davon w��te.�</p><p>�Au�er du wu�test es einst und hast es vergessen.�</p><p>�Ebenfalls unm�glich!�</p><p>�Wirklich? Du wei�t doch, wie das hier mit dem Erinnerungsverm�gen geht.�</p><p>�Nun��</p><p>�Du <emphasis>wei�t</emphasis> es, Gilgamesch!�</p><p>�Aber wie k�nnte ich denn je meiner eigenen Stadt vergessen! Nein. Nein, es gibt in der Nachwelt kein Uruk�, sagte Gilgamesch m�rrisch. �Nimm es als die Wahrheit hin, oder la� es, wie du magst, K�nig Herodes. <emphasis>Ich</emphasis> wei�, was da wahr ist und was falsch.�</p><p>�Also ist das Ganze nichts als Erfindung?�</p><p>�V�llig! Eine Ausgeburt der Phantasie dieses Hanno.�</p><p>�Aber weshalb sollte er sein Phantasieprodukt Uruk nennen? Nach einer Stadt, die von der Zeit selbst vergessen wurde, wenn das, was du behauptest, wahr ist?�</p><p>�Wer kann das wissen? Vielleicht ist der Mann mir einst begegnet und ich sagte ihm, woher ich komme, und der Name hakte sich in seinem Ged�chtnis fest. Ich bin in der Nachwelt nicht gerade ein Unbekannter, Herodes.�</p><p>�Ja, wahrhaftig, das ist so.�</p><p>�Es gibt kein neues Uruk. Simon gibt sich da einem Hirngespinst hin. Und wenn er glaubt, ich w��te den Weg, wie er dorthin gelangen kann, dann t�uscht er sich doppelt.�</p><p>Herodes schwieg eine ganze Weile.</p><p>Dann sagte er: �Dann beantworte mir doch diese Frage, Gilgamesch: Wenn dieses Uruk nicht wirklich existiert, weshalb hast du dann deine Bereitschaft erkl�rt, dich mit Simon zusammenzutun, um diesen nicht-existierenden Ort mit einer Expedition zu suchen?�</p><p>�Weil��, sagte Gilgamesch ganz z�gerlich, �mir der Gedanke kam, da� ich mich m�glicherweise irren k�nnte, da� es vielleicht doch einen Ort namens Uruk gibt und mir das nur aus der Erinnerung entschl�pft ist.�</p><p>Herodes Augen weiteten sich vor Erstaunen. �Was? Es ist keine zwei Augenblicke her, da� du mir genau das Gegenteil sagtest!�</p><p>�Hab� ich das?� sagte Gilgamesch. �Sch�n, dann sei�s so.�</p><p>�Du hast eine sehr kuriose Art zu scherzen, lieber Freund.�</p><p>Gilgamesch l�chelte. �Herodes, aus ehrlichstem Herzen bin ich davon �berzeugt, da� dieses Uruk, das sich Simon da ertr�umt, ein blo�es Hirngespinst ist, ein Mythos. Aber schlie�lich sind wir hier in der Nachwelt. Hier ist nichts, wie wir es uns erwarten. Da war dein Simon und sagte mir, er hat wundersame Geschichten �ber Uruk geh�rt. Mir kam das recht verr�ckt vor, aber was, wenn ich mich geirrt haben sollte? Ich mu� doch zumindest die <emphasis>M�glichkeit</emphasis> einr�umen, da� ich mich geirrt haben k�nnte. Wie du sagst, die Nachwelt ist so weitl�ufig und jenseits des menschlichen Begriffsverm�gens gro�. Was wei� denn ich, vielleicht gibt es ja ein Uruk irgendwo weit hinten an diesem unbegreiflichen Ort, und durch einen �blen Zufall habe ich nichts davon erfahren. Und nun bietet mir der m�chtige Herrscher Simon die Chance an, danach zu suchen. Weshalb sollte ich das ablehnen? Was kann ich dabei schon verlieren?�</p><p>�Die einzige Information, die Simon �ber Uruk hat, ist absoluter Unsinn. Er setzt darauf, da� du ihm die Leerstellen auf seiner Karte ausf�llst.�</p><p>�Dessen war ich mir nicht bewu�t.�</p><p>�Er gedenkt dich zu benutzen. Er will sich von dir nach Uruk f�hren lassen, falls es einen solchen Ort gibt, und er will sich von dir dabei helfen lassen, diese ganzen Schatztruhen voller kostbarer Steine in die Finger zu bekommen, von denen Hanno schwafelte. Und als Gegenleistung will er dich als K�nig von Uruk einsetzen.�</p><p>�Du wei�t genau, da� ich nicht den Wunsch hege, K�nig �ber irgendeine Stadt zu sein. Ganz besonders nicht �ber eine, die gar nicht existiert.�</p><p>�Aber das wei� Simon nicht. Er glaubt, du wirst gierig nach dieser Chance greifen.�</p><p>�Ich sagte dir bereits, ich will nur Enkidu finden.�</p><p>�Deinen verlorenen Freund?�</p><p>�Meinen Freund. Meinen Jagdgef�hrten. Meinen wahren Bruder, der mir n�her ist als ein leiblicher Bruder.�</p><p>�Und wo k�nnte er sein?�</p><p>�Er ist verschwunden. Auf r�tselhafte Weise. Er hat sich in Luft aufgel�st. Oder er verschwand in den Eingeweiden der Erde. Man mu� ihn verschleppt haben.�</p><p>�Wer?�</p><p>�Ich wei� es nicht. Die R�uber, die van der Heydens Wagenzug �berfielen, vermute ich. Aber ich werde ihn suchen.�</p><p>�Selbst wenn die Chance ihn zu finden ungef�hr so gering ist wie die, Uruk zu entdecken?�</p><p>�Immerhin wei� ich, da� Enkidu existiert.�</p><p>�Aber er k�nnte doch �berall sein. Millionen Meilen weit weg. Zehn Millionen. Er k�nnte tot sein. Wer kann es wissen. Du suchst vielleicht tausend Jahre nach ihm und findest ihn doch nie wieder.�</p><p>Achselzuckend sagte Gilgamesch: �Ich habe ihn bereits fr�her verloren und doch wiedergefunden. Ich werde ihn auch diesmal finden, selbst wenn es mich tausend Jahre kosten sollte, Herodes, soll es mir auch recht sein. Was bedeuten mir schon tausend Jahre? Was zehntausend?�</p><p>�Und inzwischen?�</p><p>�Inzwischen, was?�</p><p>�Uruk�, sagte Herodes. �Was gedenkst du in der Sache zu tun, jetzt wo du wei�t, da� Simon dich austricksen will? Ziehst du trotzdem mit ihm auf diese verr�ckte Expedition? Wobei er hofft, du kennst wirklich den Weg oder kannst ihn wenigstens irgendwie finden�� und du bist absolut sicher, da� es den Ort nicht gibt, betest aber, da� du ihn trotzdem irgendwie finden wirst?�</p><p>Das Wespengesumm von Herodes begann Gilgamesch wieder l�stig zu werden. Der kleine Kerl bohrte und nagte und dr�ngte und man�vrierte unabl�ssig herum. Was verfolgte er damit?</p><p>Gilgamesch trat zu der Fensterbank und baute sich drohend �ber ihm auf. �Weshalb machst du dir derart gro�e Sorgen wegen dieser Uruk-Expedition, Herodes?�</p><p>�Weil das f�r mich nur einen Berg von Unannehmlichkeiten bedeutet.�</p><p>�Unannehmlichkeiten? F�r dich? Wieso?�</p><p>�Wenn Simon mit dir gottwei�wohin auf einen Kreuzzug auszieht, dann sitze ich hier fest und mu� mich um den Laden k�mmern, bis er wieder da ist. Und das kann ein paar Jahrhunderte dauern. Und dann mu� ich versuchen, dieses ganze Irrenhaus hier zu verwalten. Als sein Vizek�nig, verstehst du? Als Regent, w�hrend er weg ist. Du glaubst doch nicht, da� ich darauf scharf bin? Brasil steckt bis unter die Dachkammern voll von verr�ckten Milit�rs, von denen die meisten unterbelichtete Kotzbrocken sind, die mich am liebsten abmurksen m�chten, oder dich, oder sich gegenseitig, und wenn die nicht schon genug �rger bedeuten, dann gibt es da noch alle diese Zauberer, die die Luft mit ihren Anrufungen blau verf�rben, und eine ganze Menge von denen sind leider ziemlich wirksame Beschw�rungen. Ich w�rde hier den Verstand verlieren, wenn Simon nicht da ist, um seine Pranke auf allem zu halten.�</p><p>�Wenn es dir eine so gro�e Last ist, Regent in Brasil zu sein, K�nig Herodes, k�nntest du doch leicht mit uns auf die Suche nach Uruk gehen.�</p><p>�Na, wunderbar! Was f�r eine Alternative! Hundert Jahre lang Tag und Nacht durch eine gottverlassene Wildnis zu marschieren und einen Ort zu suchen, den es gar nicht gibt!� Herodes sch�ttelte den Kopf. <emphasis>�Meschuggene,</emphasis> das ist es, was ihr alle seid. Aber ich bin bei klarem Verstand.�</p><p>�Und falls es Uruk doch gibt?�</p><p>�Und falls es es <emphasis>nicht</emphasis> gibt?�</p><p>Gilgamesch sp�rte, wie ihm der Rest seiner Geduld zu entgleiten drohte. �Ja, dann zieh doch an einen anderen Ort! Du brauchst doch nicht in Brasil zu bleiben. Besorg dir ein Landh�uschen in Nova Roma, oder la� dich von einem der F�rsten im Outback aufnehmen. Du k�nntest dich bei den Israelis niederlassen, beispielsweise. Die sind doch auch Juden wie du, oder?�</p><p>�Juden, ja�, sagte Herodes verdrie�lich. �Aber nicht meinesgleichen. Ich verstehe sie ganz und gar nicht. Nein, Gilgamesch, all das will ich nicht. Mir gef�llt es hier. Brasil ist mein Zuhause. Ich habe mich hier ganz h�bsch eingerichtet, habe eine angenehme bequeme Position, und ich habe kein Verlangen danach, irgendwo anders zu leben. Aber wenn Simon��</p><p>Auf einmal bebte der Boden unter ihren F��en, als br�chen Ungeheuer durch die Mosaikb�den in Simons Palast.</p><p>�Was ist denn das?� fragte Gilgamesch.</p><p>�Der Vesuv!� rief Herodes. Er fuhr zum Fenster herum und starrte in die D�mmerung hinaus. Wieder wankte der Boden, heftiger als zuvor, und dann erklang ein schreckliches Grollen. Gilgamesch schob den Kleinen beiseite und beugte sich aus dem Fenster. Ein roter Flammenspeer durchschnitt sinnverwirrend die Dunkelheit. Und dann ein erneutes Br�llen und noch eins und noch eins, zornig wie das R�hren eines gewaltigen Tiers, das ausbrechen will. Vom Rand des m�chtigen Vulkans in der Mitte der Inselstadt st�rzten B�che brodelnder Lava herab, Schauer von Bimsstein hagelten nieder, erstickende dicke schwarze Rauchwolken w�lzten sich herab, und durch all dies hindurch stach diese scharlachrote Feuerlanze h�her und immer h�her hinauf. Und so furchtlos Gilgamesch war, er mu�te den instinktiven Wunsch unterdr�cken, fortzulaufen und sich zu verkriechen.</p><p>Verkriechen? Aber wo? Hier an den Abh�ngen des gr��lichen Feuerberges gab es nirgends Sicherheit und Schutz.</p><p>�La� mich mal sehen!� Herodes zerrte an Gilgameschs Arm. Er keuchte. Das Gesicht war von Schwei�b�chen �berstr�mt. Er zw�ngte sich an Gilgameschs Ellbogen vorbei und streckte den Kopf vor, um besser sehen zu k�nnen. Wieder erbebte der Boden unter ihren F��en. �Grandios!� fl�sterte Herodes. �Unglaublich! Der beste Ausbruch, den es je gab!� In seiner Stimme schwangen gleicherma�en Furcht und Ehrfurcht mit. Langsam begann Gilgamesch zu begreifen, da� dieser besondere Vulkanausbruch Herodes einen au�erordentlichen Lustgewinn bereitete. Er sah v�llig umgewandelt aus. Seine Augen gl�hten und funkelten, ja es war, als pulsierten in ihm eine Art sexueller Erregung. Er war beinahe au�er sich vor Wonne. �Zweimal in zwei N�chten! Es ist phantastisch! Grandios! Begreifst du, warum ich nie von hier fortgehen m�chte, Gilgamesch? Ich k�nnte es nicht! Du mu�t es Simon ausreden, diesen Kreuzzug und die Suche nach Uruk. Ich flehe dich an!�</p><p>Im tr�broten Licht der umw�lkten Sonne zog Gilgamesch am Tag danach durch die Stra�en von Brasil. Bei Enlil, hatte es in der Welt jemals solch eine Stadt gegeben? Hexerei und Teufelswerk an allen Ecken und Enden!</p><p>Stra�en, die sich in engen Spiralen wieder in sich selbst zur�ckwanden, wie die Schleimspur einer betrunkenen Schnecke. Schmale hochgew�lbte Geb�ude, die ihrerseits ebenfalls wie Schnecken aussahen, die sich gleich anschicken w�rden fortzukriechen. Schwarzbelaubte B�ume mit trauertriefenden Zweigen, von denen seltsame Seufzer kamen, wenn man ihnen nahekam. Und all�berall der Staubgeruch von der Vulkaneruption der verflossenen Nacht, flockige Staubteilchen tanzten dunkel in der Luft und knisternde feurige Funken, die fl�chtig brannten, wenn sie die Haut ber�hrten.</p><p>H�nde zupften an ihm, w�hrend er rasch seiner Wege ging. Aus T�ren und Toreing�ngen winkten ihm Augen unter halbgesenkten Lidern zu. Einmal rief jemand seinen Namen, doch er sah den Menschen nicht. Ajax, der hinter ihm dreintrottete, hielt immer wieder an und knurrte und jaulte und str�ubte sogar das R�ckenfell und spuckte, als w�re er kein Hund, sondern eine Katze, aber die Feinde, die Ajax sich einbildete, blieben f�r Gilgamesch unsichtbar.</p><p>Ab und zu schweiften �ber den D�chern feuer�ugige Flugd�monen durch die Stadt, aber niemand schenkte ihnen Beachtung. H�ufig lie�en sie sich irgendwo nieder, ruhten, putzten sich das Gefieder wie lebendig gewordene Wasserspeier, schlugen mit den starken Schwingen die Luft und f�chelten den unter ihnen Vorbeigehenden dumpfen Aasgeruch zu. Gilgamesch sah, wie eines der aufgeb�umten Flugwesen pl�tzlich schwankte und abst�rzte, als h�tte eine pl�tzliche t�dliche Starre es befallen. Kleine wieselnde schimmernde Tierchen tauchten aus irgendwelchen Spalten in den Abflu�rinnen der Stra�e auf und st�rzten sich darauf. Sie fra�en es auf, noch ehe Gilgamesch ans Ende der Stra�e gelangt war, und lie�en nur Fetzchen ledriger Sehnen zur�ck.</p><p>Wenn er in die Ferne blickte, glaubte er dort am Himmel jenseits der Stadt eine durchscheinende Wand zu sehen, die Brasil von der �brigen Nachwelt trennte. Sie schimmerte in wei�bl�ulicher k�hler Sch�rfe, und ihm schien, als bef�nden sich au�erhalb von ihr monstr�se Gesch�pfe, nicht die gew�hnlichen Tierd�monen, sondern andere, noch scheu�lichere, ganz rote Schn�bel und Schlangenh�lse und weite Schwingen, mit denen sie gegen die Mauer schlugen, die sie fernhielt. Doch wenn Gilgamesch dann blinzelte und erneut hinsah, war da nichts Ungew�hnliches mehr, au�er den schweren Wolken und dem d�steren Schimmer des Sonnenlichts, das durch sie hindurchzudringen versuchte.</p><p>Dann vernahm er einen Ton, einen Klang wie von einer Glocke. Aber der Klang war irgendwie verkehrt. Zuerst kam das ersterbende Verklingen, dann das Anschwellen des Volumens, dann der erste dr�hnende Anschlag des Kl�ppels, dann Stille, dann erneut das Verhallen bis zur�ck zum Aufprall des Kl�ppels und dem anschwellenden Get�se:</p><p><emphasis>mmmmmmmmmuuuuu-MMMMMMNGB!</emphasis></p><p><emphasis>mmmmmmmmuuuuuMMMMMMM-MNGB!</emphasis></p><p>Der L�rm war bet�ubend. Gilgamesch stand ganz still da und �berlie� sich dem Gef�hl der Zeit, die wie eine ungeheure B�rde davonglitt, bei jedem schweren Glockenschlag sch�lten sich Jahrhunderte von ihm ab. Und wie auf einem Wandschirm in der Luft vor sich sah er sein ganzes Leben in der Nachwelt in umgekehrter Abfolge verlaufen, die vieltausendj�hrigen ziellosen Wanderungen verk�rzten sich zu einer wilden, rasend schnellen verr�ckten Bilderflucht, alles �berst�rzt, verschwommen, ineinander geschoben, als w�re es an ein und demselben Tag geschehen: Gilgamesch hier, Gilgamesch da, sein Schwert schwingend, den Bogen spannend, diese und jene Teufelsbestie erschlagend, unm�gliche Felsberge ersteigend, glitzernde Seen durchschwimmend, durch gluthei�e Sandw�sten trabend, in Orte und St�dte tretend, die schief und krumm und verdreht waren wie die Orte, an die man in Tr�umen ger�t, wie er in die fernsten Regionen voller Fremdartigkeit vordrang, im Norden, wo gewaltige elfenbeinfarbene walzenf�rmige Riesentiere einer unbekannten Art r�tselhafte Dinge trieben. Gerade rang er fr�hlich mit Enkidu, gleich darauf beobachtete er die hereinbrandenden lauten Horden der Sp�ter Toten, die alles mit ihren gr��lichen lauten Maschinen und ihren Waffen und ihren ekelhaft stinkenden Fahrzeugen �berschwemmten. Und dann war er in Lenins Villa in Nova Roma, mitten unter seine wenig appetitliche Gruppe von eis�ugigen Verschw�rern und boshaften, zickigen K�niginnen. Und dann sa� er in der Festhalle des K�nigs der Eisj�ger Vy-otin, gr�lend und saufend, und Enkidu an seiner Seite lachte und scherzte, und Agamemnon war da und Amenhotep und der Minos aus Kreta und Varuna, der Melukkerk�nig, alle seine Gef�hrten aus den fr�hen Tagen der Nachwelt. Wie lange war das schon her! Und nun�</p><p>�Sei gegr��t!� kreischte ein Weib, st�rzte sich auf ihn und umklammerte sein Handgelenk. �Errette uns vom Untergang, gro�er K�nig!�</p><p>Gilgamesch starrte die Frau verbl�fft an. Eigentlich noch keine Frau, ein M�dchen war sie. Und er kannte sie. Er hatte sie einst gekannt. Hatte sie sogar geliebt. In einem anderen Leben und weiter Zeitenferne, auf der anderen Seite der gro�en Grenze von Leben und Tod. Denn es war das Gesicht der m�dchenhaften Priesterin Inanna, die er so hastig und so leidenschaftlich im alten Uruk umarmt hatte, in jenem Leben vor diesem Leben! In den vielen Jahren in der Nachwelt hatte er mehr als einmal an eine Wiederbegegnung mit der Inanna gedacht, ja sogar erwogen, sie zu suchen, doch er hatte das nie in die Tat umgesetzt. Aber da� er jetzt hier in Brasil ihr so einfach zuf�llig wieder begegnen sollte�</p><p>Aber war er �berhaupt noch auf der Insel? Noch in der Nachwelt?</p><p>Um ihn herum wirbelte alles. Dichter Nebeldunst sammelte sich um ihn. Die Erde dampfte ihre Feuchte aus. Ihm war, als s�he er die Wallmauern von Uruk am Ende der Stra�e auftauchen, die gewaltige wei�e Treppenplattform der Tempel, die ehrfurchtgebietenden Statuen der G�tter. Und tausendmal tausend Zungen, die seinen Namen br�llten. <emphasis>Gilgamesch! Gilgamesch!</emphasis> Und am Firmament strahlte statt der tr�ben roten Glut die helle gelbe Sonne des LANDES, die er so unvorstellbar lange nicht mehr gesehen hatte, und verstr�mte ihre ganze mittsommerliche Kraft.</p><p>Was bedeutete dies? Hatte ihn die Glocke ganz aus dieser Welt hinausgehoben und in jene andere zur�ckversetzt, in die Welt seiner Geburt und seines Todes? Oder erfuhr er hier nur einen Wachtraum?</p><p>�Inanna?� fragte er verwundert. Wie schlank und schmal sie war! Wie jung! Blaue Perlenschn�re umschlangen ihre Mitte, rosafarbene Muschelamulette waren in die Spitzen ihrer Haare geflochten. Ihr K�rper war nackt, an den Flanken und vorn mit dem Schlangenmuster bemalt. Und die dunkel gef�rbten Spitzen der Br�ste� ihr scharfes aufreizendes Parf�m�</p><p>Dann sprach sie erneut, diesmal rief sie ihn beim Namen seiner Namen, dem geheimen pers�nlichen Namen, mit dem ihn niemand seit Tausenden von Jahren angesprochen hatte, seit der Zeit, da er selbst noch ein halber Knabe gewesen war und ihm der Mantel der K�nigsw�rde auf die Schultern gelegt wurde und er zum ersten Mal seinen K�nigsnamen, brausend wie einen Flu�, in den Ohren vernahm: <emphasis>Gilgamesch, Gilgamesch, Gilgamesch.</emphasis> Den anderen Namen hatte er selbst schon lange vergessen, seinen Geburtsnamen, aber als sie ihn nun aussprach, barst ein Damm in seiner Seele und die Erinnerung flutete �ber ihn hinweg. Was war dies f�r Zauberei, da� er sich auf einmal wieder dem M�dchen Inanna gegen�ber sah?</p><p>�Ich bin Ninpa, die Herrin des Zepters�, murmelte sie. �Ich bin Ninmenna, die Herrin der Krone.�</p><p>Sie streckte ihm die Hand entgegen. Und als er sie ber�hrte, ver�nderte sie sich. Sie war nun �lter, ihr Leib voller. Die dunklen Augen glitzerten buhldirnenhaft wissend. Die dunkle Haut schimmerte �lig. �Komm�, fl�sterte sie. �Ich bin Inanna. Du mu�t mit mir gehen. Du bist der einzige, der uns retten kann.�</p><p>Vor ihm ein dunkler unterirdischer Gang�� ein Surren in seinen Ohren wie von tausend Wespen, die um sein Haupt schwirren�� vor seinen Augen ein helles purpurnes Licht, das aufflammt��, ein gewaltiges Br�llen, als h�tte Enlil, der Herr der St�rme, alle seine Winde auf die Nachwelt losgelassen�</p><p>Und dann ein bei�ender Schmerz in seinem Unterschenkel. Der Hund Ajax hatte seine F�nge tief in sein Bein vergraben! Verbl�fft sah er zu dem Hund hinab.</p><p>�Vorsicht, Gilgamesch!� bellte Ajax. �Das Verhexung!�</p><p>�Wie? Was?�</p><p>Die Frau hielt ihn an der Hand fest. Hitze flo� zu ihm her�ber, �berw�ltigend wie aus einem Backofen. Und schon wieder ver�nderte sie sich: Nun trug sie das Gesicht seiner Mutter. Und gleich darauf war sie die rundbr�stige Hierodoule Abisimti, die ihm im Tempel seine erste Lektion in den Liebesk�nsten erteilt hatte. Und dann war sie wieder die kindhafte Inanna. Und dann wieder die reife Frau. Und dann etwas mit hundert K�pfen und tausend Augen und suchte ihn in die tiefen Suhlgruben der Nachwelt hinabzuzerren, in die g�hnende Schw�rze tief unter dem glutlodernden Kern des Vulkans Vesuv.</p><p>�Ich bin Ereshkigal aus der H�lle�, fl�sterte sie, �und ich will deine br�utliche Geliebte sein.�</p><p>Und hinab und hinunter�� tiefer �ber eine Lichterleiter�� ringsum blendend wei�e Helligkeit, und im Wind wehte aus der Grube ein leuchtend kupferroter Mantel empor und drunten tanzten D�monen. Auf allen Seiten�� L�wen. Aus gro�er H�he ergo� sich aus zwei umgedrehten Weinschalen ein goldener Wein, und er war dick und feurig und brannte ihn auf der Haut, wo ihn die Tropfen ber�hrten.</p><p>Er h�rte, wie sein Hund w�tend heulte. Er f�hlte den schrecklichen Sog aus der schwarzen Tiefe.</p><p>�Es ist Verhexung, Gilgamesch�, sagte sein Hund Ajax noch einmal. �Wehr dich�� k�mpfe�� ich hole Hilfe.�</p><p>Der Hund rannte mit einem gr��lichen Wolfsgeheul fort.</p><p>Gilgamesch wich nicht von der Stelle. Verwirrt sch�ttelte er den Kopf, langsam, benommen wie ein verwundeter Stier. W�re doch nur Enkidu bei ihm! Enkidu w�rde ihn von dem Abgrund zur�ckrei�en, genau wie vor langer Zeit Gilgamesch versucht hatte, Enkidu aus diesem Stollen voller alter vertrockneter Gebeine herauszuholen, der ins Totenland f�hrte. Ihm war es mi�lungen, damals, und Enkidu war zugrunde gegangen und unter die Erde gefahren. Aber mittlerweile waren sie ja beide ein St�ckchen �lter geworden, und auch kl�ger, sie wu�ten, wie sie mit den D�monen umgehen mu�ten, die einen hier von allen Seiten umgaben�</p><p>Enkidu! Ach, Enkidu!</p><p>�Du h�ttest nicht allein in diese Stra�e kommen sollen�, sagte eine andere Stimme. �Es k�nnte hier gef�hrlich werden.�</p><p>Ja, Enkidu! Endlich! Der Hund Ajax war zur�ckgekehrt und hatte Enkidu an Gilgameschs Seite geholt. Gilgamesch f�hlte, wie seiner Seele Fl�gel wuchsen. Er war gerettet! War gerettet!</p><p>Mit getr�btem Blick erkannte er die m�chtige Gestalt seines Freundes: die massiven Muskeln, den dichten dunklen Haarpelz, die dunkel brennenden Augen. Enkidu rang nun mit der Ereshkigal-Inanna. Er zerrte ihre kalten Finger von Gilgameschs Handgelenk weg und stie� die H�lleng�ttin zur�ck zu ihrer Grube. Gilgamesch zitterte. Er konnte sich nicht r�hren. Er war unf�hig, sich selbst zu helfen. In allen seinen Jahren in der Nachwelt war er keiner vergleichbaren Gefahr begegnet, war er noch nie so tief in die Gewalt der Dunkelwesen aus der Welt des Unsichtbaren geraten. Doch Enkidu war bei ihm�� Enkidu w�rde ihn erretten.</p><p>Und Enkidu befreite ihn. Ja. Die furchtbare K�lte des Abgrunds, die ihn erfa�t hatte, begann zu weichen. Die blendende H�llenhelle begann zu schwinden. Die Tempel und die Stra�en und die Sonne Uruks waren nicht l�nger vor seinen Augen. Gilgamesch trat einen Schritt zur�ck. Er blinzelte. Ihn fr�stelte. Sein Herz pochte schwer und in dumpfen Schl�gen, fast wie das Schlagen jener umgekehrt t�nenden Glocke. Tr�nen str�mten ihm �ber die Wangen. Er blickte suchend nach seinem Freund.</p><p>�Enkidu?�</p><p>Durch die tr�nengetr�bten Augen erblickte er die zottige Gestalt. Enkidu? Nein. Das war nicht Enkidu. Das dichte Fell war wie das eines Tieres. R�tlich, dicht und rauh, und es schimmerte keine Haut hindurch. Und das Gesicht�� das zur�ckweichende Kinn und diese starken tiefh�ngenden Brauenw�lste �ber den Augen�� nein, das war ganz und gar nicht Enkidu, das war viel eher schon dieser Haarmensch, Simons weiser Mann. Vielleicht aber auch nicht, vielleicht ein ganz anderer aus diesem Volk�� es war so schwer, diese Behaarten voneinander zu unterscheiden.</p><p>Aber die H��lichkeit des Haarigen Mannes allein wirkte bereits tr�stlich. Die massige untersetzte Gestalt. Dieses Gesch�pf, das gelebt hatte, als selbst die G�tter noch jung waren, das lange vor der Gro�en Flut �ber die Erde geschritten war, das f�nfzigtausend oder hunderttausend oder hundertmal hunderttausend Jahre, bevor Gilgamesch von Uruk hier erschienen war, in der Nachwelt gelebt hatte. Uraltes Wissen flo� tief verborgen in ihm. Daneben f�hlte Gilgamesch sich beinahe wieder wie ein Kind.</p><p>�Komm mit�, sagte der Behaarte mit gutturaler rauher Stimme. �Hier hinein. Hier bist du sicher. Hier bist du besch�tzt.�</p></section><section><title><p>9</p></title><p>Es h�tte recht gut eine Art Lagerschuppen sein k�nnen. Ein langer gro�er dunkler Raum, wei�vergipste W�nde, hoch oben eine gew�lbte Holzdecke. Ein einzelner Lichtkegel von oben beleuchtete das komplizierte Sparrenwerk und den von S�gemehl bedeckten Boden, die Reihen nackter Holztische und die geb�ckten d�steren Gestalten, die auf einfachen B�nken hinter den Tischen hockten. Sie blickten starr vor sich hin, und alle schrien sie laut, jeder mitten in einem ganz pers�nlichen litaneihaften Singsang gefangen, jeder stur gegen alle die anderen Stimmen ansingend.</p><p>�Ich bin Wulfgeat. Bei chronischen St�rungen des Kopfes oder der Ohren oder der Z�hne durch F�ulnis oder Dickflu� entferne man, was da Pein macht, man br�he Kerbel in Wasser und gebe das zu trinken, und das wird die �blen S�fte entweder durch Mund oder Nase herausziehen.�</p><p>�Ich bin Aethelbald. Sucht im Magen junger Schwalben nach etlichen kleinen Steinchen und achtet darauf, da� sie weder mit Erde noch mit Wasser in Ber�hrung kommen und nicht mit anderen Steinen; suchet euch deren dreie aus; die legt ihr dem Mann auf, �ber dem ihr waltet, dem, der der Hilfe bedarf, und er wird bald genesen sein.�</p><p>�Ich bin Eadfrith. Wir haben hier Raute, Hysop, Fenchel, Sennep, Elecampanum, S�dholz, Celandinum, Rettich, Kumim, Zwiebel, Lupinum, Kerbel, Flor-do-Liszt, Flachs, Rosemarin, Saturai, Liebst�ckel, Persilium, Olusatrum, Kr�ppelwacholder.�</p><p>Verwundert und etwas best�rzt fragte Gilgamesch: �Ja, was sind denn das f�r Typen�� und was brabbeln die da?�</p><p>��und wiederum, du sollst die �blen verdr�ngten S�fte durch Speichelflu� und Erbrechen entfernen. Mische Pfeffer mit Mastix und gib es deinem Kranken, auf da� er es kaue, und bringe ihn so zum Gurgeln und Ausflu� aus dem Rachen��</p><p>��sind n�tzlich bei Hauptweh und bei der Augenarbeit, und bei Anfechtungen durch den B�sen Feind, und gegen n�chtliche Besuche von Spukgespenstern, und gegen den Alptraum, f�r Verknotung und f�r Anziehung und bei Verzauberung durch b�sen Sang. Es sollen gro�e Nestlinge sein, bei denen du sie suchen sollst. Und wenn ein Mensch an der H�lfte seines Hauptes Weh leidet, so zersto�e Raute gr�ndlich, setze sie an in starkem Essig��</p><p>Der Haarmensch sagte: �Das sind Verk�ufer von Arzneien und Zaubermitteln, und hier ist der Basar, wo man in Brasil diese Dinge verkauft.�</p><p>��und Mastix, Pfeffer, Galbanum, Skammonium, Gutta Ammoniaka, Zimmet, Zinnober, Aloe, Bimsstein, Quecksilber, Schwefelbl�te, Myrrhe, Weihrauch, Petroleum, Ingwer��</p><p>��so da� er dadurch angenehm das �ble Phlegma ausbreche. Bewirke damit eine Sp�lung oder Lotion zur Reinigung des Hauptes, sodann nimm erneut ein Quentchen Sennepsamen und Samen von Nabelkraut und Kressesamen, und zwanzig Pfefferk�rner und mische alles gut in Essig und Honig��</p><p>��und bestreiche damit direkt die obere Seite des Hauptes. Grabe Breitwegerich vor Sonnenaufgang ohne ein Eisen aus, binde die Wurzeln mit Kreuzwurz durch ein rotes Netz auf das Haupt��</p><p>Gilgamesch schauderte es. �Ich f�rchte, hier ist es nicht sicherer als drau�en auf der Stra�e. Ein Basar von Zauberern? Hunderte Wunderwirker, die ihre Beschw�rungen schreien?�</p><p>�Hier kann dir nichts B�ses widerfahren�, sagte der Haarmensch. �Hier drinnen werden andauernd so viele Zauber durcheinander gebr�llt, da� der eine den anderen aufhebt, also ist es ganz und gar ungef�hrlich.�</p><p>�� der Absud dieser Wurzel, in Wein gereicht, ist von gro�em Nutzen gegen alle Arten von Schlangen, gegen den Stich des Skorpions, in so hohem Grade, da� wenn einer auf Skorpione gebettet w�rde, sie von Ohnm�chtigkeit oder Kraftlosigkeit oder Schw�che befallen w�rden��</p><p>��bei Lendenpein und schmerzenden Schenkeln nimmst du eben diese Wurzel Pulegium, siedest sie in Essig��</p><p>�Ich bin Aethelbald.�</p><p>�Ich bin Eadfrith.�</p><p>�Ich bin Wulfgeat.�</p><p>��diese Wurzel, welche Priapiscus hei�t und mit anderem Namen Vinca pervinca, ist f�r viele Anwendungen n�tzlich, so etwa erstens gegen teuflische Krankheit oder D�monenbesessenheit, sowie gegen Schlangen und gegen wilde Tiere und gegen Gifte��</p><p>�Guter Herr! Lieber Herr!� Es war der Zauberer, der sich Aethelbald nannte. Er winkte Gilgamesch heftig zu.</p><p>�Was will er von mir?�</p><p>�Dir etwas verkaufen, zweifellos�, antwortete der Haarmensch. �Weshalb bist du allein durch die Stra�en gewandert?�</p><p>�Ich hatte Kopfschmerzen, als ich erwachte. Von dem Get�se der Eruptionen die ganze Nacht hindurch, und ich glaube auch von dem st�ndigen Geschw�tz des Hebr�ers Herodes gestern abend. Also begab ich mich hinaus, um ein wenig herumzulaufen. Einen klaren Kopf zu bekommen, mir die Stadt anzusehen. Ich fand nichts Schlimmes dabei.�</p><p>��und f�r die verschiedensten W�nsche�, schrie der Mann, der sich Eadfrith nannte, �und gegen Neider, und um Schrecken zu erregen, und auf da� dir Anmut zuwachse, und wenn du dies Schicksalsamulett bei dir tr�gst, so wirst du gedeihen und stets angenehm sein��</p><p>�Guter Herr! Hierher, lieber Herr! Ich bitte dich!�</p><p>�Nichts Schlimmes? Nichts B�ses?� Der Behaarte lachte laut und zeigte gewaltige hauerartige Z�hne. �Nichts weiter dabei, heh, mit einem Mastodon Haschmich zu spielen, mein Freund? Sofern man daf�r gro� genug ist, nehme ich an. Du gehst ganz einfach darauf zu, zupfst es am R�ssel, ziehst an seinen Ohren? Ja?�</p><p>�Mastodon?� sagte Gilgamesch verdutzt. Ein seltsames Wort. Hatte er es auch richtig geh�rt?</p><p>�Spielt keine Rolle. Du w�rdest es sowieso nicht kennen. Es war vor deiner Zeit. Mach dir nichts draus. Aber ich will dir sagen, da� dies hier keine Stadt ist, in der einer unbesch�tzt herumstreunen kann. Hat dich denn keiner davor gewarnt?�</p><p>�Herodes hat etwas von Zauberern und Magiern geschw�tzt, aber��</p><p>�Guter Herr! Lieber Herr!�</p><p>��aber du hast nicht auf ihn geh�rt. Herodes! Der Narr!� Die tiefliegenden �uglein des Haarmenschen funkelten vor Verachtung. �Aber manchmal kann sogar Herodes dir etwas N�tzliches sagen. Du h�ttest seine Warnung beachten sollen. Brasil birgt zahlreiche Gefahren.�</p><p>�Ich habe keine Furcht vor dem Tod�, sagte Gilgamesch.</p><p>�Sterben ist das am wenigsten Scheu�liche, was dir hier widerfahren k�nnte.� Der Haarige legte Gilgamesch eine schrumpelige ledrige Hand auf den Arm. �Komm mit! Hier her�ber! Geh mit mir ein Weilchen auf und nieder.�</p><p>�Hast du einen Namen?�</p><p>�Namen bedeuten gar nichts�, erwiderte der Haarmensch. �Es hat dich erschreckt, ja, was drau�en geschah?�</p><p>Gilgamesch zuckte die Achseln.</p><p>Der Mann r�ckte nahe an ihn heran. Von seinem pelzigen K�rper ging ein seltsam s��licher Duft aus. �Es gibt hier Stra�en, in denen die anderen Welten durchbrechen. Es besteht immer die Gefahr, da� das Gewebe nicht standh�lt, da� fremde Welten hereinbrechen. Begreifst du, was ich dir sage?�</p><p>�Ja�, sagte Gilgamesch. �Auch in Uruk gab es einen solchen Ort. Einen �bergang, der aus unserer Welt hinab in diese hier f�hrte. Die G�ttin Inanna stieg durch diesen Gang, wenn sie ihre Schwester Ereshkigal in der H�lle besuchte. Und beim Ritual der Schlie�ung des Tores warf ich meine Trommel und den Schlegel in den Gang, als ein M�dchen mich aufschreckte, indem es den Namen eines Gottes rief.� Jahrhundertelang hatte er nicht mehr an all das gedacht. Nun �berflutete ihn die Erinnerung mit unkontrollierbarer emotionaler Heftigkeit. �Es war die Heilige Trommel, die der Kunstwerker Ur-mangar f�r mich aus dem Holz des Huluppu-Baumes geschnitzt hatte, durch die ich in meine Trancen geriet und Dinge schaute, die sterbliche Augen sonst nicht sehen k�nnen. Und so verlor ich zum erstenmal meinen Freund Enkidu, als ich die Trommel und den Trommelschlegel in dieses furchtbare Loch voll Staub und Asche warf und er in die dunkle Niederwelt hinabstieg, um sie mir wiederzubringen.�</p><p>�Dann wei�t du ja Bescheid�, sagte der Haarige Mann. �Aber du mu�t lernen, wo diese Stellen sind, und dich von ihnen fernhalten.�</p><p>Gilgamesch zitterte nun. Alte Erinnerungen brachen lebendig wieder in ihm auf.</p><p><emphasis>Enkidu! Enkidu!</emphasis></p><p>Wieder sah er Enkidu vor sich, grau von Staub, gefangen in dicken Str�ngen wirren Spinngewebes, und er stieg aus dieser Grube in Uruk, die in die Welt der Toten hinabf�hrte; und Enkidu, wie er da heraufstieg, war auch ein Toter, von all seiner Lebenskraft entbl��t, und er w�rde innerhalb von zw�lf Tagen f�r immer und ewig hinweggeschafft werden in das Haus des Staubes und der Finsternis. Was f�r eine unendliche Trauer f�r Gilgamesch! Wie hatte er den Todesg�ttern geflucht, da� sie ihm Enkidu fortgenommen hatten! Und dann, nachdem seine eigene Zeit abgelaufen war und er seinen Enkidu in der Nachwelt wiedergefunden hatte, mu�te er ihn erneut verlieren�� was f�r eine Qual dies alles, wieder mit dem Freund vereint zu sein und ihn zum zweitenmal zu verlieren, als Enkidu sich zwischen die kampfgeilen Spanier und Engl�nder stellte und eine Kugel abbekam, die einem anderen bestimmt gewesen war�</p><p>�Und so habe ich ihn denn schon wieder einmal verloren�, sagte Gilgamesch laut. �Als verfolgte uns der Fluch der Inanna bis hierher in die Nachwelt, und wir m�ssen einander finden und wieder auseinandergerissen werden, und immer und immer so fort und so fort��</p><p>�Was sprichst du da?� fragte der Haarmensch.</p><p>�Wir waren dr�ben am anderen Ufer, Enkidu und ich, mitten unter einem Tro� von Fremdlingen, von j�mmerlichen feigen Sp�ter Toten. Und w�hrend ich fern vom Lager war und jagte, gab es einen �berfall, und als ich ins Lager zur�ckkehrte, fand ich alle tot vor, au�er dem Zottelhund Ajax, und von Enkidu keine Spur. R�uber m�ssen ihn fortgeschleppt haben, oder D�monen, die mich qu�len wollen, indem sie uns schon wieder einmal voneinander trennen. Aber ich werde ihn finden, und sollte ich suchen m�ssen, bis die G�tter alt und grau werden!�</p><p>�In der Nachwelt kann man niemanden auffinden�, sagte der Behaarte, �h�chstens zuf�llig, oder wenn es gerade die Laune der dunklen Gottheiten ist, die hier herrschen. Das mu�t du doch eigentlich wissen.�</p><p>�Ich will ihn wiederfinden.�</p><p>�Und wenn er tot ist?�</p><p>�Dann wird er zur�ckkehren. Wie das hier alle Toten fr�her oder sp�ter tun. Ich sage dir, ich werde ihn wiederfinden!�</p><p>�Komm jetzt�, sagte der Haarige Mann. �Komm mit mir, und wir gehen ein bi�chen, bis dein Kopf wieder klar ist.�</p><p>�Moment!� Gilgamesch schob die Hand des Mannes beiseite. �Meinst du, diese gelehrten Doktoren da h�tten vielleicht ein Mittel, das mir helfen k�nnte, ihn aufzusp�ren?�</p><p>�Sie werden dir gewi� sagen, da� sie das haben. Aber in der Nachwelt, Gilgamesch, findet man niemanden mehr.�</p><p>�Das wollen wir doch mal sehen.�</p><p>Und er ging zu den aufgestellten h�lzernen Tischen und B�nken zur�ck.</p><p>�Lieber Herr, ich bin Aethelbald�, sagte einer der Zaubertr�nkleinbrauer dr�ngend.</p><p>�Ich bin Eadfrith�, n�lte der neben ihm und winkte.</p><p>�Ich bin Wulfgeat, und ich habe hier einen Trank, der gegen Schwindel und Hirnfieber wirkt, und gut beim Gallenflu� und der Gelben Krankheit, bei Stimmen im Ohr und H�rschw�che��</p><p>Ungeduldig winkte Gilgamesch sie beiseite und brachte sie zum Schweigen. �Wer seid ihr Leute denn �berhaupt?�</p><p>�Wir sind alles Angeln hier�, sagte Wulfgeat, �abgesehen von diesem Saxonen da neben mir, und Meister der Kr�uterkunde sind wir und der Kunst, Blutegel zu setzen, und auch der Sternenkunde. Unser Wirken ist gediegen! Unser K�nnen grenzenlos!�</p><p>�Kr�uterkunde? Sternkunde?� fragte Gilgamesch.</p><p>�So ist es, und es mag sein, da� wir auch einen Zauber haben f�r dich! Was fehlt dir, lieber Herr? Was brauchst du?�</p><p>�Ein Mann ist es, nach dem ich suche�, sagte Gilgamesch nach einer Pause. �Ein Freund, den ich verloren habe.�</p><p>�Ein verlorener Freund? Ein verlorener Freund?� Die Zauberh�ker begannen zu murmeln und sich zu beraten. �Vipernbouglossum�, schlug einer vor. �Die Asche toter Bienen in Lein�l?� meinte ein anderer. �Krummwurz und Thung, Balgwurz und Erlwurz in starkem Met oder ungetr�btem Ale.� Doch der dritte Zauberer sch�ttelte heftig den Kopf und sprach: �Es mu� durch Tr�ume geschehen. Die Zeichen m�ssen unbedingt aufgerufen werden. Man mu� eine Quelle aufbrechen sehen neben seinem Haus, oder eine Glucke mit ihren K�ken, oder tr�umen, da� man ein neu Paar Schuh anzieht�� wahrlich, so lauten die Zeichen, und wir m�ssen ihm den Trank geben, der ihm diese n�tzlichen Visionen bringt, und in der folgenden Nacht��</p><p>�Was ist denn hier los?� mischte sich eine bekannte s�uselnde Stimme ein. �Was treibt ihr denn da?�</p><p>Herodes dr�ngte sich heftig durch das Gew�hl und erschien pl�tzlich an Gilgameschs Seite. Der Behaarte Mann schnitt eine Grimasse und brummte etwas Unverst�ndliches. Die Zauberh�ker blickten best�rzt drein, kehrten ihnen den R�cken zu und riefen ihre Anpreisungen in die andere Richtung den dort Versammelten entgegen.</p><p>�Wo hast du denn gesteckt?� wollte Herodes wissen. �Simon hat �berall Sucher nach dir ausgeschickt.�</p><p>�Ich dachte, ich schaue mir ein bi�chen die Stadt an.�</p><p><emphasis>�Oh, Gewalt!</emphasis> Und dann bist du hier gelandet? Aha. Aha. Ich glaube, ich wei�, warum. Du willst einen Zauber kaufen, der dich nach Uruk f�hrt, ja? Das also. Trotz all dem, was ich dir gestern abend gesagt habe?�</p><p>Aus der Ferne h�rte man eine gewaltige Stimme r�hren: �Das Buch der F�nfzig Namen! Wer kauft das Buch der F�nfzig Namen?�</p><p>�Der Behaarte hat mich hierher gef�hrt�, sagte Gilgamesch. �Ich bin einfach von einer Stra�e in die andere gewandert, und dann passierte mir etwas Merkw�rdiges, vielleicht war es ein Anfall�� in meinen Erdentagen neigte ich dazu, mu�t du wissen, aber ich dachte, ich w�re das hier in der Nachwelt jetzt los�� jedenfalls wurde mir schwindlig�� ich sah Gesichter�� ich sah uralte Stra�en�� Ver�rgert sch�ttelte er den Kopf. �Nein, ich will keinen Zauber kaufen, um Uruk zu finden. Ich suche nur nach Enkidu. Und wenn diese weisen Gelehrten��</p><p>�Marduk! Marukka! Marutukku!� dr�hnte die gewaltige Stimme.</p><p>�Diese weisen Gelehrten sind Fischh�ker und Abschaum�, sagte Herodes ver�chtlich und machte das H�rnerzeichen gegen Aethelbald und Eadfrith und Wulfgeat. Und sie wichen vor ihm zur�ck. �Bauernt�lpel sind die. Bestenfalls Kleinkr�mer.� Und er zeichnete den sechszackigen Stern vor ihnen in die Luft, und sie wandten sich bleich und bebend von ihm ab. �Siehst du? Siehst du es, Gilgamesch? Was k�nnten die schon bewirken? Dir vielleicht ein Wehwehchen lindern? Dir den Nasenflu� austrocknen? Das sind t�richte kleine Leute hier. Sie werden dir deinen Enkidu nicht finden.�</p><p>�Wie kannst du da so sicher sein, Herodes?�</p><p>Herodes hatte ein schlaues Glitzern in den Augen, als er nun zu Gilgamesch heraufblickte.</p><p>�K�nig von Uruk, wenn ich dich mit einem wahren Weisen zusammenf�hre, der dir die Antwort geben kann, nach der du suchst, w�rdest du dann den Plan aufgeben, Simon auf diese unsinnige Expedition zu f�hren?�</p><p>Die gelbger�nderten Augen des Haarmenschen weiteten sich erstaunt. �Du sprichst von Calandola?� fragte er scharf und mit sehr belegter Stimme.</p><p>�Ja, von Calandola�, sagte Herodes.</p><p>Der Behaarte verkniff das Gesicht, mahlte mit dem affenartigen Kiefer und senkte die Brauen, da� es beinahe aussah, als nickte er, und dann stie� er aus tiefer hohler Brust einen brummenden Seufzer hervor. �Das ist nicht klug�, sagte er nach einem Augenblick. �Das ist h�chst unklug.�</p><p>Herodes funkelte ihn an. �La� das doch Gilgamesch gef�lligst selbst entscheiden!�</p><p>�Asaraludu!� br�llte der Ausrufer der F�nfzig Namen. �Namtillaku! Narilugaldimmerankia!�</p><p>�Und wer ist dieser gro�e Weise, zu dem du mich bringen m�chtest?� fragte Gilgamesch.</p><p>�Sein Name lautet Imbe Calandola�, sagte Herodes. �Er ist ein Maure, ein� �h� nein, ein Nubier, oder irgendwas dazwischen. Dunkel wie die Nacht, ein scheu�licher Anblick. Er betreibt einen Tempel in den finsteren Tunnelg�ngen unter den Stra�en von Brasil und dort herrscht er und gibt Visionen. Es gibt welche, die glauben, er sei der Herr der Finsternis in Person, der F�rst der H�llen, der Gro�e Gegenspieler, der gewaltige Lucifer, der Phosphoros der Abgr�nde: Satanas, Beelzebub, Mephistopheles, der Erzfeind, der Herr des B�sen. M�glich, da� er das ist; ich aber glaube, er ist in Wahrheit nichts als ein pr�chtiger Wilder, der die Weisheit der Dschungel kennt. Jedenfalls aber wird er dir sagen�� k�nnen, was du erfahren willst. Soweit ich wei�, befragen ihn die Haarmenschen best�ndig.�</p><p>Gilgamesch blickte zu dem Uralten.</p><p>�Ist das wahr?�</p><p>Der Behaarte verzog erneut das Gesicht noch schrecklicher als zuvor.</p><p>�Er blickt in die anderen Welten, dieser Calandola, ja. Und er kann andere sehen lassen, was er sieht.�</p><p>�Dann gedenke ich ihn aufzusuchen�, sagte Gilgamesch.</p><p>�Es ist gef�hrlich�, warnte der Behaarte.</p><p>�Das sagst du mir immer wieder. Aber was sollte ich f�rchten? Den Tod? Du wei�t doch, der Tod ist eine l�cherliche Witzfigur f�r den, der ihm bereits begegnet ist!�</p><p>�Und habe ich dir nicht auch bereits gesagt, da� der Tod das am wenigsten Schreckliche hier in Brasil ist?�</p><p>�So sagtest du, ja. Aber es macht mir nichts aus.�</p><p>�Dann geh und besuche Calandola.�</p><p>�Das will ich tun.� Gilgamesch wandte sich zu Herodes. �Wann kannst du mich zu ihm bringen?�</p><p>�Wir sind also im Gesch�ft? Ich bringe dich zu Calandola, und du �berredest Simon, seine absurde Wahnidee aufzugeben, nach Uruk zu suchen?�</p><p>Es war emp�rend, da� man ihn in ein derartiges Gefeilsche zu zwingen versuchte, als w�ren er und Herodes Markth�ndler, die ein Gesch�ft t�tigen. M�hsam unterdr�ckte Gilgamesch den Drang, den kleinen Hebr�er zu packen und ans andere Ende der Halle zu schleudern.</p><p>�Wir wollen doch nicht von einem Austausch von Gef�lligkeiten reden, ja�, sagte Gilgamesch eisig. �Ich bin ein Mann von Ehre. Das sollte dir gen�gen. Also, bring mich zu deinem Weisen!�</p><p>Und dann stiegen sie hinab. Hinunter in die Tiefen, in das D�monenland, in die G�nge der Teufel, wohin das Licht der Sonne niemals drang, zu dem Wohnsitz des schwarzen schrecklichen Imbe Calandola.</p><p>Als er ein Junge war in Uruk, hatte sich ihm ein Sklave mit dem Abzeichen der G�ttin Inanna eines Tages gen�hert und zu ihn gesagt, als er sich gerade im Speerwurf �bte: �Du mu�t jetzt mit mir in den Tempel der G�ttin kommen.� Und der Sklave hatte ihn zu dem Tempel gef�hrt, den sein Gro�vater Enmerkar einst auf der H�gelplattform aus wei�en Ziegeln erbaut hatte, und dann hinab und abw�rts durch gewundene G�nge, die Gilgamesch nie zuvor gesehen hatte, in unheimliche Stolleng�nge, die tief unter dem Tempelfundament lagen und bis in die Gr�nde der Erde hinabf�hrten. Durch Halleng�nge, in denen im unterirdischen Dunkel ferne Lampen gl�hten, und vorbei an Orten, wo Magier im Kerzenschimmer ihr Werk vollf�hrten, und durch Kreuzg�nge, wo er fl�chtige Blicke auf bocksbeinige D�monen erhaschte, die stumm irgendwelchen Arbeiten nachgingen, bis er am Ende zu dem Geheimen Gemach der Inanna selbst gelangte, tief, tief unter den sonnversengten Stra�en Uruks, wo die schlanke Priesterin ihn erwartete, mit ockergelb gef�rbten Wangen und von Kohle schwarzgeschminkten Augenlidern.</p><p>Aber das war vor langer Zeit gewesen, in seinem ersten Leben. Und es war das erstemal, da� er einen fl�chtigen Eindruck von den Welten gewann, die unterhalb der Welt lagen, wo unsichtbare Fl�gel flattern und der Widerhall rauhen Gel�chters durch stauberf�llte G�nge schallt. An jenem Tage hatte der junge Gilgamesch erfahren, da� die Welt mehr war, als die ihm vertraute Oberfl�che ihm sagen wollte, da� es Schichten um Schichten von R�tselhaftigkeit gibt, die weitab au�erhalb der Erkenntnis gew�hnlicher Sterblicher liegt. Und w�hrend der Zeit seiner K�nigsherrschaft war er wieder und immer wieder in diese tiefere, untere Welt hinabgestiegen.</p><p>Und nun und hier in der Nachwelt, in der gar nichts vertraut war und alles voller R�tsel, stieg Gilgamesch wieder einmal in die Welt unter der Welt hinab.</p><p>Schon vor langem hatte er herausgefunden, da� es auch hier eine unterirdische Region gab, ein unerme�lich weites Land voller G�nge und Stollen und alles h�chst verwirrend. In den fr�hen Jahren seines Totenlebens war er st�bernd durch diese Niederwelt gezogen, denn da hielt ihn noch diese uners�ttliche Neugierde im Griff, die ihn einst bis an die Grenzen der Erde getrieben hatte, aber sein Interesse an derlei Erkundungen war rasch erloschen, je st�rker sein zielloses und unt�tiges Nachweltleben von ihm Besitz ergriff, und so war dies nun seit anderthalb �onen oder mehr das erstemal, da� er wieder in die unterirdischen G�nge hinabstieg.</p><p>Es gab Meinungen, da� durch diese Stollen ein Weg aus der Nachwelt f�hre. Gilgamesch bezweifelte das. Er teilte die faszinierte Besessenheit Enkidus und zahlreicher anderer nicht, diesen Traum, den sie so lange gehegt hatten, sie k�nnten da einen Weg zur�ck ins Land der Lebenden finden. F�r ihn war das ohne Bedeutung; er war sicher, soweit man hier irgendeiner Sache sicher sein konnte, da� f�r die hier Hausenden die Nachwelt endg�ltig und ewig sein mu�te. Er wu�te von einigen, die in die Gr�fte hinabgestiegen und nie zur�ckgekehrt waren. Aber das war f�r ihn kein Beweis, da� sie einen Weg nach drau�en gefunden h�tten, sondern er vermutete eher, da� sie durch eine zwiefache Unterwelt irrten, vielleicht gar das Haus des Staubes und der Finsternis selbst, jenen Schreckensort, von dem die Priester in Uruk erz�hlten, wo die Gestorbenen wie V�gel gekleidet umherirrten und traurig ihr Gefieder durch den Staub schleppen m��ten. Es reizte Gilgamesch gar nicht, in dieses ewig n�chtliche Land ohne Hoffnung zu gelangen.</p><p>Doch jetzt�� um zu erfahren, wohin sein Enkidu diesmal entschwunden war�</p><p>Und hinab und hinunter. Die Fackel des Herodes zuckte und spuckte. Die Luft war dick und bedr�ckend. Sie schmeckte brandig. Im tr�ben Schein erkannte Gilgamesch an den Stollenw�nden gr��liche Skulpturen, von denen ihm die Augen zu pulsieren und zu beben begannen. Er mu�te den Blick von diesen Scheu�lichkeiten abwenden.</p><p>Die G�nge wanden, bogen sich, manchmal fast gerade abw�rts, dann �ber schr�ge steile Rampen. Die Stollen durchkreuzten einander, schienen ineinander zu m�nden, trennten sich erneut, so da� es nahezu unm�glich war zu erkennen, welchen Weg sie urspr�nglich eingeschlagen hatten. Doch Herodes schien sich auszukennen, obwohl auch er hin und wieder sich verwirrt und ratsuchend an den Haarigen Mann wandte, der nur grob mit einem �berlangen dolchartigen Fingernagel in diese oder jene Richtung wies. Keiner sprach. Sie trafen auf kaum jemand sonst in den Stollen. Ab und zu hallte D�monenl�rm aus der Ferne zu ihnen: Keckern, Kreischen, Zischen, Gest�hn.</p><p>Und dann Musik, ein schreckliches barbarisches Trommeln und die schneidenden T�ne von Fl�ten oder Pfeifen schrillten dar�ber.</p><p>�Das Haus Calandolas liegt gleich dort hinten�, sagte Herodes.</p><p>�Was mu� ich beim Eintreten tun?� fragte Gilgamesch.</p><p>�Steh du aufrecht. Zeig keine Furcht. Blick ihm in die Augen.�</p><p>Gilgamesch lachte. �Das wird mir nicht schwerfallen.�</p><p>�Warte es ab�, sagte Herodes. �Und sag mir das gleiche dann noch einmal!�</p><p>Der Gang bog pl�tzlich scharf nach rechts ab, und Gilgamesch blickte in einen langen, engen Seitengang, in dem nur ein schwacher flimmernder Lichtschein zu erkennen war. Die einzige �ffnung dorthin schien ein Loch zu sein, das kaum gro� genug war f�r einen Zwerg. �Hier durch�, sagte Herodes und kletterte durch die �ffnung. Gilgamesch mu�te auf den Knien sich erst mit der einen, dann mit der anderen Schulter hindurchzw�ngen. Der Behaarte folgte ihm.</p><p>Abgesehen von dem einen Lichtpunkt in der �ffnung, herrschte dahinter absolute finsterste Nachtschw�rze, so dicht und schwer, da� sie wie F�uste auf die Augen schlug. Gilgamesch war von der tiefen Schw�rze wie bet�ubt. Zum erstenmal bekam er nun ein Gef�hl daf�r, was es bedeuten mu�te, blind zu sein.</p><p>�Hier her�ber�, sagte Herodes munter. �Folgt mir!�</p><p>Und was war, wenn vor ihnen auf dem Weg eine bodenlose Fallgrube g�hnte, voller kochenden �ls oder gewaltiger Schlangen auf dem Grund? Und wenn scharfe Sicheln von den W�nden des Stollens herausstie�en, um Vorbeikommende zu zerst�ckeln? Wenn an Stolperstricken Schwerter hingen, bereit niederzusausen und zu zers�beln? Aber er sah nichts. Er war ganz und gar auf blindes gl�ubiges Vertrauen angewiesen.</p><p>Aber in dieser erzwungenen Blindheit erwachten andere Sinne�</p><p>Er h�rte das Rauschen des schweren r�mischen Gewandes, das Herodes trug, in der stickigen Luft, das Patschen seiner Sandalen auf dem Boden. Die Haut auf der Stirn und den Wangen sp�rten den Luftzug, den die Bewegungen Herodes� bewirkten. Wie ein n�chtlicher J�ger bei der Verfolgung seiner Beute las Gilgamesch diese und weitere Signale und folgte furchtlos und ohne Zaudern.</p><p>Der Gang verengte sich, bis er wie eine schwei�feuchte Faust sich von allen Seiten heranpre�te. Dann weitete sich der Gang wieder und wurde zu einer weiten hallenden H�hle. Und er verengte sich erneut. Er fiel abw�rts, stieg wieder an, wand sich hierhin und dorthin. Und dann entlie� er sie pl�tzlich in einen gewaltigen von Schatten erf�llten Raum, der unregelm��ig von qualmenden Fackeln in Messinghaltern beleuchtet wurde, ein Raum voller Winkel und Ecken, wo W�nde und die Decke bedr�ckend und verwirrend ineinander �bergingen. Und in der Raumesmitte thronte ein Mann von derart beeindruckender W�rde und Autorit�t, da� er nur der Gro�magier Imbe Calandola in Person sein konnte, von dem man in der Nachwelt munkelte, er sei der Erzfeind, der Herr Alles B�sen, der Wahre Luzifer, der Beherrscher der Finsternis.</p><p>Gilgamesch erkannte sogleich, da� dies nicht so war. Er sah auf einen Blick, da� dieser Calandola weder g�ttlich war, noch ein D�mon oder Teufel, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut, wie er selbst, jedenfalls als er noch gelebt hatte. Doch im gleichen Augenblick erkannte er auch, da� der Mann, vor dem er hier stand, etwas h�chst Au�ergew�hnliches war. Da� er, obwohl vielleicht ein Sterblicher, sehr wohl G�tterblut in sich tragen mochte.</p><p>Genau wie Gilgamesch selbst, der seit seinen Kindertagen wu�te, da� er zu zwei Teilen g�ttlich und nur zu einem Teil sterblich sei, woher seine gewaltige Statur und seine tiefe Erkenntnis r�hrten. Obwohl ihn auch dies nicht davor bewahrt hatte, sterben zu m�ssen und seit so langen Jahren hier in der Nachwelt zu hausen.</p><p>�Haltet inne und erweist eure Ehrerbietung!� dr�hnte eine dunkle Stimme aus den Schatten hinter dem Thron. �Werft euch nieder, Fremdlinge, denn ihr steht vor dem gro�en Jaqqa, dem Imbe Calandola!�</p><p>Gilgamesch schaute wie erstarrt hin und sp�rte etwas, das einem Gef�hl von Ehrfurcht nahekam, wie er es seit f�nftausend Jahren nicht mehr gekannt hatte.</p><p>Calandola war so schwarz wie Calandolas Stolleng�nge: eine abgrundtiefe absolute Schw�rze, das Schwarz einer sonnenlosen Leere, so tief, da� alles umgebende Licht hineingesogen zu werden schien. In seinem vorherigen Leben waren schwarze Menschen Gilgamesch nicht unbekannt gewesen. Auf seinen Wanderz�gen zu fernen Orten hatte er die plattnasigen, dicklippigen kraushaarigen Matrosen aus dem K�nigreich�� Punt gesehen, die aus einem Land kamen, in dem die Luft war wie Feuer, so da� die Haut der dort Lebenden verbrannte. Und aus dem weit entfernten Meluhha kamen andere schwarzh�utige Leute, mit schmalen Nasen und Lippen und langem glatten Haar, so dunkel, da� es beinahe blau war. Und hier in der Nachwelt selbst war er vielen begegnet, die auf die eine oder andere Art schwarz waren und aus L�ndern kamen, deren Namen ihm nichts sagten�� Nigeria, �thiopien, Nubien, Mali, Quiloa, Indien, Socotra, Sansibar und viele andere Namen mehr. Vielleicht gab es ja in jedem Teil der fr�heren Welt schwarzh�utige Menschen und gelbe und rote und braune und�� was wu�te denn er, Gilgamesch, schon�� vielleicht solche mit blauer oder gr�ner Haut oder mit gescheckter. Aber in beiden Welten hatte er noch nie einen wie Calandola gesehen.</p><p>Seine Haut hatte die Schw�rze der Leute aus Punt, doch seine Nase war gerade, die Lippen schmal und scharf geschnitten, �hnlich wie die Gesichtsz�ge der M�nner aus Meluhha und Indien, obwohl diese Leute klein waren, dieser Galandola hingegen war gewaltig, ein Riese, der beinahe an Gilgameschs Gr��e heranreichte. Seine Haare waren dicht, lang und gelockt, und Meeresmuscheln waren dareingeflochten, und um den Hals trug er einen Kragen aus gro�en Muscheln einer anderen Art, die wie gezwirbelte T�rmchen hervorragten. In der Nase trug er eine blitzende Kupfernadel, so lang wie der kleine Finger eines Mannes, und zwei andere �hnliche Kupferst�cke baumelten von seinen Ohren. Um die Lenden geschlungen war ein grell-scharlachnes Tuch, sonst war sein wuchtiger K�rper nackt. Seine Flanken waren von roten und wei�en Malereien bedeckt, und wo er nicht bemalt war, war die Haut zerschnitten und gekerbt oder sonstwie zu verbl�ffenden vortretenden W�lsten und Narben verzerrt, zu monstr�sen Schmuckverzierungen in der Gestalt von Bl�ten und Knoten und Linien. Auch war die Haut stark ge�lt und spiegelte den Schein der Fackeln wider.</p><p>Und diese Augen!</p><p>Ihr G�tter! Enlil und Enki und Inanna�� was waren das f�r Augen!</p><p>Schwarz waren sie und gl�nzend und tief. Unergr�ndliche schwarze Teiche, umgeben von strahlendem Wei�. Gilgamesch erkannte es sofort, es waren die Augen eines wahren K�nigs. Es waren Augen, die ergreifen und bannen, die peitschen und niederschmettern konnten. Augen, die verzaubern konnten, wenn n�tig, oder t�ten.</p><p>Wer war dieser Mann? Wo hatte er geherrscht, als er lebte? Weshalb hauste er jetzt in dieser H�hle in den Abgr�nden der Nachwelt unterhalb der Insel Brasil?</p><p>Galandola erhob sich. Trat ein paar Stufen vom Thron herab und ein paar Schritte auf Gilgamesch zu. Ein merkw�rdiger dunkler Geruch umgab ihn, ein s�uerlicher Gestank, von dem Gilgamesch vermutete, da� er von dem �l ausgehe, das den K�rper so gl�nzen lie�. Er bewegte sich mit h�chster Bestimmtheit, gelassen, gemessen, sicher. Nun wurde sichtbar, da� Calandola um eine halbe Hauptesl�nge kleiner war als Gilgamesch. Aber nur sehr wenige M�nner waren so gro� wie Gilgamesch. Den Eindruck massiver Gr��e verdankte er dem m�chtigen Nacken, den enorm breiten Schultern und der Wucht seiner Oberarme, die so wuchtig waren wie Schenkel.</p><p>Er nickte dem Haarmenschen schnaubend zu und bedachte den unterw�rfig zitternden Herodes mit einem Achselzucken. Und zu Gilgamesch sprach er mit einer gewaltigen dunklen Stimme, die wie aus einem noch weiter hinten liegenden H�hlengang zu dringen schien: �Weshalb bist du zu mir gekommen?�</p><p>�Ich habe Fragen, und sie sagten mir, du wissest Antwort.�</p><p>�Ich wei�, wo man die Antwort finden kann, ja. Gib mir deine Hand.�</p><p>Er streckte eine nach oben ge�ffnete Hand aus. Die Handfl�che war rosa in der Innenseite und so gro�, da� er damit leicht den Sch�del eines Menschen h�tte packen und wie einen Klumpen Lehm zerdr�cken k�nnen. Nach kurzem Z�gern legte Gilgamesch seine Hand flach auf die von Calandola und wartete. Dann schlossen sich die beiden �u�eren m�chtigen schwarzen Finger um Gilgameschs Hand und bohrten sich tief ein, und noch tiefer, bis Gilgamesch ein leichtes Schmerzgef�hl versp�rte und seine Handknochen sich gegeneinander zu bewegen begannen. Ein H�rtetest? Nun gut. Es war zwar kindisch, aber er w�rde mitspielen. Er hielt dem schrecklichen Druck der zwei Finger stand, als streichelten ihn Federn, und als der Schmerz zu heftig wurde, verscheuchte er ihn wie eine l�stige Fliege.</p><p>Auf der schimmernden Stirn von Calandola trat eine Ader hervor. Die seltsamen Muster der Schmuckornamente auf seiner Haut traten irgendwie noch st�rker hervor und schienen zu beben und zu schwingen. Die beiden Finger pre�ten noch heftiger. Ohne mit der Wimper zu zucken, blickte Gilgamesch gleichm�tig auf seine und Calandolas H�nde, dann lie� er zwei seiner Finger um das Handgelenk des anderen gleiten und erwiderte den Druck mit ebenso gro�er Kraft.</p><p>Calandola reagierte darauf nicht. Es war, als versp�rte er keinen Schmerz, oder aber er wu�te�� wie Gilgamesch��, wie man Schmerz als unwichtige, unw�rdige Nebens�chlichkeit aus dem Bewu�tsein verbannt.</p><p>W�hrend sie so aneinander geklammert standen und sich die Finger in die H�nde gruben, sagte Calandola: �Du bist zu gro� f�r einen Portugaller und zu dunkelh�utig f�r einen Ingleser. Aber nicht dunkel genug, um Afrikaner zu sein.�</p><p>�Nein. Ich bin weder das eine noch das andere.�</p><p>�Was bist du dann also?�</p><p>Gilgamesch erh�hte den Fingerdruck. Aber Calandola lie� nicht erkennen, da� es ihn schmerzte. Wie es schien, waren sie beide nicht f�hig, einander durch Schmerz zu �berwinden.</p><p>�Als ich am anderen Ufer lebte�, sagte Gilgamesch, �in dem Land, das als das Land zwischen den Zwei Str�men bekannt war, nannten wir es Sumer.�</p><p>�In Afrika?�</p><p>�Nein, nicht Afrika.� Hin und wieder hatte Gilgamesch Landkarten gesehen. Er hegte geringes Vertrauen zu ihnen, aber andere Menschen richteten sich anscheinend danach, und auf diesen Karten war Afrika der Name des gro�en buckeligen Landes weit s�dlich von seinem Land, und die Luft dort war wie Feuer. �Einige nannten mein Land Mesopotamien.�</p><p>�Ich wei� nichts von einer solchen Gegend.�</p><p>�Sehr wenige tun das heutzutage. Doch einst war dort der Mittelpunkt der Welt.�</p><p>�Zweifellos�, entgegnete Calandola unbeeindruckt. Er lie� Gilgameschs Hand wie beil�ufig los, keineswegs als Eingest�ndnis einer Niederlage, sondern anscheinend nur, als habe ihm irgendeine Pr�fung die erw�nschten Ergebnisse gebracht. �Deine beiden Fl�sse, welche waren das?�</p><p>�Der k�rzere hie� Euphrates, so nannten ihn manche sp�ter. Der andere Tigris. Bei uns hie�en sie Buranunu und Idigna.�</p><p>Calandola nickte erhaben. Es war deutlich, da� diese bedeutenden Namen f�r ihn nichts weiter waren als Ger�usche. Er schien ganz in irgendwelche geheimen Berechnungen versunken.</p><p>�Bringt Wein!� rief er pl�tzlich mit einer Handbewegung zu jemandem im Hintergrund der H�hle.</p><p>Gilgamesch erkannte, da� im Dunkel hinter Calandola ein betr�chtlicher Hofstaat wartete: ein halbes Dutzend schwarzer M�nner, die fast so massig waren wie ihr Herr, und etwa ein Dutzend entsprechender Weiber, allesamt mit kaum mehr als mit Perlen und Muscheln und ihrer �lgl�nzenden dunklen Haut bekleidet. Einer kam nun mit einer h�lzernen Sch�ssel nach vorn, die randvoll war von irgendeinem dicken s��duftenden Wein. Calandola tauchte die Fingerspitzen hinein und betr�ufelte damit Gilgameschs Haupt, als wolle er ihn salben, und rieb ihm dann den Wein fest in die Haut des Sch�dels, wobei er langsam in einer unbekannten Zunge etwas murmelte. Gilgamesch unterzog sich widerstandslos diesem Ritual. Danach bot ihm der schwarze Riese die Schale dar. Einen Augenblick lang fragte er sich, ob er nun seinerseits Calandola das Haupt salben m�sse, doch nein, er sollte einfach nur daraus trinken. Er nippte, fand das Getr�nk schwer und ekelhaft s��. Calandola lie� ihn nicht aus den Augen. Und nach kurzem Z�gern griff Gilgamesch erneut nach der Sch�ssel und trank, diesmal einen gro�en Zug.</p><p>Calandola warf den Kopf zur�ck und lachte. Sein Mund war riesig, ein gro�es weltverschlingendes Loch mit gewaltigen wei�en Hauerz�hnen. Vier von ihnen fehlten, zwei oben und zwei unten, so symmetrisch waren die L�cken, da� Gilgamesch es f�r wahrscheinlich hielt, da� sie absichtlich entfernt worden waren, vielleicht aus Eitelkeit oder f�r einen dunklen Ritualzauber. Und als das Lachen ihres Herrn die M�nner und Weiber seines Volkes gleichfalls zum Lachen ermunterte, sah Gilgamesch, da� auch ihnen allen in gleicher Weise zwei obere und zwei untere Z�hne fehlten.</p><p>�Du trinkst wie ein K�nig�, sagte Calandola. �Hast du einen Namen?�</p><p>�Ich bin der Sumerer Gilgamesch, der K�nig war in Uruk.�</p><p>�Aha. Ich bin Calandola-der-Jaqqa, der K�nig war der Welt.� Er klatschte in die H�nde. ��l f�r den K�nig Gilgamesch!� dr�hnte er.</p><p>Zwei der schwarzen Weiber kamen nach vorn und schleppten einen h�lzernen Bottich heran, der ein dunkles schmieriges Fett enthielt. Calandola tunkte die Pranken hinein, hob einen gro�en Klumpen heraus und klatschte ihn Gilgamesch auf die nackte Brust; dann verrieb er die Salbe mit erstaunlich sanften Fingern �ber die Brust und den R�cken, die Schultern und den Nacken und das R�ckgrat, bis der Sumerer ebenso schimmerte wie alle diese Jaqqa. Die Salbe verstr�mte den selben scharfen s�uerlichen Geruch wie Clandola selbst. Gilgamesch f�hlte, wie sie tief in seine Haut eindrang.</p><p>Als die Salbung beendet war, schlo� Calandola Gilgamesch kurz und heftig in die Arme. Gilgamesch f�hlte die bullenhafte Kraft dieses Berges von einem Mann.</p><p>Dann gab der Schwarze ihn frei und trat von ihm zur�ck. �Wenn du zur�ckkehrst, K�nig Gilgamesch, werden wir vielleicht die Antworten auf deine Fragen suchen k�nnen.�</p><p>Calandola lie� seine Augen funkeln, grinste ihm zahnl�ckig zu, wandte sich in eindeutig verabschiedender Weise um und stapfte in das Schattendunkel, und sein Hofstaat scharte sich hinter ihm, so da� Gilgamesch ihn nicht l�nger sehen konnte.</p><p>Lange stand Gilgamesch da und starrte vor sich hin.</p><p>Er sp�rte den schweren s��en Wein in seinem Leib, und er f�hlte die Gl�tte des Salb�ls, mit dem Calandola ihn bestrichen hatte. Dann blickte er umher, was mit seinen Gef�hrten geschehen sein mochte. Der Behaarte Mann lehnte an der Wand, die Arme �ber der zottigen Brust verschlungen, die schmalen Lippen in heftiger Mi�billigung zusammengepre�t. Und Herodes, der lag als verschwitztes H�uflein auf den Knien und stierte mit h�ngenden Armen irgendwohin ins Leere. Er wirkte benommen. Es war fast der gleiche Ausdruck wie neulich, als er aus dem Fenster in Gilgameschs Suite im Palast auf die w�tenden Flammenkaskaden bei dem Ausbruch des Vesuv gestarrt hatte.</p><p>Gilgamesch stupste ihn mit der gro�en Zehe an.</p><p>�Komm�, sagte er. �Steh auf! Ich glaube, wir sollen uns jetzt entfernen.�</p><p>Herodes nickte dumpf. Seine Augen waren weit aufgerissen. �Er hat dir den Wein gereicht!� murmelte er. �Er hat dich mit dem �l gesalbt! Wie au�ergew�hnlich! Wie erstaunlich! Bei deiner ersten Audienz�� der Wein�� das �l!�</p><p>�Ist das so ungew�hnlich?� fragte Gilgamesch.</p><p>Herodes bebte vor Erregung. �Die Macht dieses Mannes! Seine schrecklich beeindruckende Gr��e! Ich kann es einfach nicht fassen, da� er dir gleich beim erstenmal den Wein gereicht hat. Und die Salbung! Es war, wie wenn er dich angeschaut und auf den ersten Blick richtig erkannt und eingesch�tzt h�tte, wie wenn er dann zu sich sagte: Ja, der Mann da und ich, wir sind vom selben Geist. Himmel, wie ich dich beneide! So einfach gleich von Calandola in die Arme geschlossen zu werden�� Er wandte sich zu Gilgamesch um, und dieser erblickte in dem Gesicht von Herodes einen Ausdruck krankhaften Hingerissenseins.</p><p>Auf seltsame Weise war auch er selbst von Calandola stark beeindruckt. Aber doch nicht so! Nicht auf diese Art!</p><p>Aus einem Schattenwinkel schnaubte der Haarmensch ver�chtlich: �Und das nach einer halben Million Jahren der Evolution! Ihr legt euch zu Wilden ins Bett, und es dauert nicht lang, dann seid ihr selber Wilde.�</p><p>�Und was bist denn du?� fauchte Herodes, der in einem pl�tzlichen Anfall von Wut herumfuhr. �Du Tier! Du Affe! Du wandelnder Bettvorleger! Du halbmenschliches Ding! Du wickelst dir eine Toga um und glaubst, damit bist du ein R�mer. Aber ich wei�, was du in Wahrheit bist!�</p><p>�Kommt!� sagte Gilgamesch.</p><p>�Lange bevor es Adam gab�, fauchte Herodes weiter auf den Behaarten los, �seid ihr nackend durch die W�lder gerannt, habt in L�chern in der Erde gehaust und habt weder G�tter gekannt noch eine Zivilisation, noch hattet ihr eine Sprache, und ihr habt W�rmer gefressen und Wurzeln und Bl�tter. Rede du mir von Wilden! Wir wissen, was ihr wart! Wilde ist ein zu h�fliches Wort. La� mich dir sagen, du Ding, du Irgendwas: Ihr Leute seid nur auf Grund einer technischen Formalit�t hier. Die Nachwelt ist den Menschen vorbehalten. Und wenn wir uns ein paar von euch grunzenden Affenmenschen hier noch leisten, sch�n, das hei�t nichts weiter, als da� da jemand die Vorschriften ein bi�chen gro�z�gig auslegt. Vielleicht gaben sich gewisse blau�ugige Idealisten unter den Sp�ter Toten bl�dsinnigerweise eingeredet, ihr w�ret unsere Urvorfahren, aber wir beide wissen, da� das nicht m�glich sein kann. Und wenn ihr dann noch anfangt, euch aufzuspielen und so zu tun, als w�ret ihr wirklich menschliche Wesen��</p><p>�Das reicht, Herodes!� sagte Gilgamesch etwas strenger. �Hoch. Und raus! Bring mich in die Oberstadt zur�ck.� Und zu dem Haarigen Mann sagte er entschuldigend: �Er ist einfach blo� etwas �berdreht. Ich vermute, die Luft hier unten��</p><p>�Er m�chte seine Seele verkaufen�, sagte der Behaarte. �Aber sein Problem ist, da� er nicht wei�, wo er die finden k�nnte. Aber ich bin nicht gekr�nkt. Ich bin es ebenso gewohnt, da� man mich einen Affen hei�t, wie du, den Leuten zu erkl�ren, wo das Land deiner Herkunft einmal war. Wenn er es unbedingt n�tig hat, sich selbst f�r die absolute Krone der Sch�pfung zu halten, was bedeutet das schon f�r mich? Er wei� nichts �ber das Leben, das wir f�hrten, als seine und eure G�tter noch nicht einmal auf den Gedanken gekommen waren, euch zu erschaffen.� Der Behaarte kratzte sich lachend an der pelzigen Brust. �Frag ihn, sp�ter, was das f�r ein �l war, mit dem dich der schwarze Zauberer gesalbt hat. Nicht jetzt. Aber frag ihn danach.�</p></section><section><title><p>10</p></title><p>�Menschenfett?� sagte Gilgamesch und f�hlte, wie seine Haut sich zusammenzog.</p><p>Herodes nickte hastig eine Best�tigung. Sie befanden sich wieder in Simons Palast und standen beim Brunnen im Hof.</p><p>�Aber woher bekommt er das denn?�</p><p>�Es stehen gen�gend Leichen zur Verf�gung. Das Leben in der Nachwelt ist nicht nur billig, wei�t du. Jeder kann sich bedienen, und wer sagt da schon nein dazu?�</p><p>Das war Gilgamesch nur allzu bekannt. In dieser Welt herrschten keine G�tter, und Gesetz und Ordnung waren reine Gl�ckssache und von �rtlicher Willk�r bestimmt. �berall streiften marodierende Truppen umher und unabh�ngige Banden und freche Brutalos und Leute, die willk�rlich t�teten; und der Tod war etwas Allt�gliches. Aber der Tod hier war nur eine �rgerliche St�rung, eine unangenehme, doch gew�hnlich nur kurze Unterbrechung in dem unendlichen Weiterlaufen des Daseins in der Nachwelt. Es gab Leute, die in einer einzigen Woche dreimal gestorben und jedesmal wieder�� anscheinend unver�ndert�� wieder aufgetaucht waren. Unbekannte und wahrscheinlich unerforschliche Kr�fte irgendwo hinter den Kulissen setzten deinen K�rper aus den St�ckchen und Fetzchen, die man finden konnte, wieder zusammen, stopften die Seele wieder hinein und entlie�en die Person dann wieder ins Weiterleben. Nicht da� er selbst so etwas schon erfahren h�tte, soweit er sich erinnerte, war er in seinen Tausenden Jahren nur ein einziges Mal gestorben, und dies zu der erwarteten Stunde, als seine ihm zugemessene Erdenspanne ihr vorbestimmtes Ende fand. Aber es war nur eine Frage des pers�nlichen Stolzes, sich in der Nachwelt nicht umbringen zu lassen. Enkidu hatte das einst �ber Gilgamesch gesagt, es ihm w�tend wie eine Anklage ins Gesicht geschleudert, damals, als sie sich zerwarfen und stritten. �Zu stolz, um zu sterben�� zu stolz, den Beschlu� der G�tter hinzunehmen�� Und Gilgamesch mu�te sich eingestehen, da� dies die Wahrheit war. Weil er eben der war, der er war, war er best�ndig auf der Hut vor irgendwelchen Angriffen in dieser Nachwelt, und wenn er schon einmal angegriffen wurde, sorgte er daf�r, da� seine St�rke oder seine List obsiegen mu�ten. Er konnte nicht gestatten, da� irgendein Mann sich damit br�sten konnte, den gewaltigen Gilgamesch niedergestreckt und erschlagen zu haben. Doch sollte es durch ein Mi�geschick dazu kommen, da� er erneut sterben w�rde, dann, das wu�te er, w�rde es nicht f�r lange sein.</p><p>Dennoch und �berhaupt�� Menschen abzuschlachten und sie, oder die K�rper der von anderen Get�teten, auszubraten, um den eigenen K�rper mit Leichenfett zu salben!</p><p>�Es ekelt dich?� fragte Herodes.</p><p>Gilgamesch zuckte die Achseln. �Es ist eklig, ja. Wer ist dieser Calandola? Er sagt, er war ein K�nig in Afrika. Aber das sagt mir nicht viel.�</p><p>�Mir auch nicht. Das Afrika, das wir R�mer kannten, war ein Landstrich, in dem hellh�utige Menschen lebten, und es lag direkt auf der anderen Seite unseres Meeres. Er mu� von tiefer im Mittag sein, aus dem dunklen Teil des Erdteils. Und man sagt, aus einer viel sp�teren Zeit. Er lebte an einem Flu� namens Zaire in dem Land, das Kongo hie�, in einer Zeit, als die Spanier und die Engl�nder und die Portugiesen anfingen, sich �ber den Meeren Weltreiche aufzubauen.�</p><p>�Also sozusagen vorvorgestern, um es so zu bezeichnen.�</p><p>�Ja. Sein Volk waren die Jaqqas. Sie waren Nomaden. Kriegerische Nomaden, die alles vernichteten, was auf ihrem Weg lag, aus purer Zerst�rungslust. Das Ganze hatte fast einen Anflug von religi�sem Wahnsinn, diese Lust an der Zerst�rung von Dingen. Sie nannten es, die Erde reinfegen.�</p><p>�Und wenn seine Krieger mit der S�uberungsaktion fertig waren, dann salbte er sich glorreich mit dem Fett der Erschlagenen, ist das so? Eine Jubelzeremonie, die er vergn�glich auch in der Nachwelt weiterpraktiziert?�</p><p>�Oh, er tut Schlimmeres als das.�</p><p>Gilgamesch zog eine Braue hoch. �Ja?�</p><p>�Viel schlimmere Sachen.�</p><p>�Zum Beispiel?�</p><p>�Verlange nicht, da� ich es dir sage. Das �brige mu�t du selbst herausfinden. Ich bin zur Verschwiegenheit verpflichtet. Wenn ich meinen Eid breche, wird er es sofort wissen. Und mich hinauswerfen, mich versto�en.�</p><p>�Versto�en, wie und wohin?�</p><p>Herodes wirkte verbl�fft. �Aus seiner N�he! Aus seiner Glaubensgemeinschaft! Aus� aus seinem Licht!�</p><p><emphasis>Licht?</emphasis> Das war ein merkw�rdiger Ausdruck, fand Gilgamesch, bei einem, der in solchem Dunkel herrschte und der selbst die Verk�rperung der Schw�rze zu sein schien. Er sah Herodes angewidert an. �Du betest ihn an, wie?�</p><p>Herodes l�chelte schief und nerv�s. �Ich w�rde es ungern so drastisch ausdr�cken.�</p><p>�Wie du willst.�</p><p>�Ich w�rde sagen, er fasziniert mich, mehr nicht.�</p><p>�Nur so rein wissenschaftlich?�</p><p>�Nein, schon ein wenig mehr�, sagte Herodes. �Das kann ich nicht bestreiten. Er fl��t mir Ehrfurcht ein. Ich bin von ihm fasziniert und versp�re Ehrfurcht, das ja. Aber dir geht es ja nicht anders. Gestehe es ein, Gilgamesch! Ich habe dich beobachtet. Er ist beinahe so gro� wie du und vielleicht ebenso stark, und es ist etwas um ihn, eine geheimnisvolle St�rke und Kraft die dich anzieht, genau wie sie alle anzog, die je in seine N�he gerieten. Gib es schon zu! Gestehe es ein, Gilgamesch!�</p><p>Die helle Tenorstimme hatte wieder diesen intensiven sirrenden Ton, und Gilgamesch brauchte einen Augenblick, um sich zu beherrschen und ihn nicht mit der flachen Hand zum Schweigen zu bringen. Er hatte sich sagen lassen, da� es in der Nachwelt gewisse arme Seelen gab, denen man die Gestalt seltsamer Kerbtiere verpa�t hatte, als sie hier wiedergeboren wurden, und nicht ihre eigenen fr�heren Leiber. Sch�n, k�rperlich sah Herodes leidlich menschlich aus, aber dennoch hatte er auch irgendwie etwas Insektenhaftes an sich. Von einer Wespe, einer Fliege, einer Stechm�cke. Und er war zweifellos �rgerlich.</p><p>Diese Faszination, die er angeblich Calandola gegen�ber f�hlte. Diese Ehrfurcht. Irgend etwas daran war kr�nklich, war schw�chlich, h�ndchenhaft unterw�rfig und faul. Gewi� ging von dem Schwarzen Menschen eine magische Kraft aus, von der Herodes sich v�llig hatte in Besitz nehmen lassen. Und nun begriff Gilgamesch, weshalb er so rasch eine Abneigung gegen Herodes entwickelt hatte. Der Mann suchte nach etwas, nach einer Kraft, gr��er als er selbst, der er alles �berantworten konnte: seine Pers�nlichkeit, seine Seele, alles. Wenn es nicht Simon war, dann war es der Vulkan. Und wenn nicht der, dann Calandola. Gilgamesch hatte noch nie verstehen k�nnen, was es einem Mann brachte, wenn er sich irgendwie selber aufgab; und ganz bestimmt hatte er auch keine sehr hohe Wertsch�tzung f�r Menschen, die nach so etwas lechzten.</p><p>�Er mag die F�higkeit besitzen, durch die Nebel zu blicken�, sagte Gilgamesch, �und kann mir vielleicht sagen, wohin Enkidu verschwunden ist. Das ist das einzige Interesse, das ich an deinem Lord Calandola habe, sonst nichts.�</p><p>�Das ist nicht wahr! Nicht wahr! Aber du willst es einfach nicht zugeben.�</p><p>�Du strapazierst meine Geduld betr�chtlich, Hemdes.�</p><p>�Du findest ihn also nicht�� anziehend?�</p><p>�Anziehend? Nicht im geringsten. Ich w�rde eher sagen absto�end.�</p><p>�Ich wollte, ich k�nnte dir das glauben.�</p><p>�Sagst du mir ins Gesicht, ich l�ge?� fragte Gilgamesch drohend.</p><p>�Ich sage dir, da� du manches verbirgst, sogar vor dir selber�, sagte Herodes. �Ach, vielleicht auch nicht! Vielleicht nicht�, setzte er hastig hinzu, als er Gilgameschs Zorn sah.</p><p>�Gesalbt im �l der Toten! Ich habe noch in keinem Land so etwas geh�rt, nicht einmal in den unzivilisiertesten. Es ist monstr�s, so etwas zu tun, Herodes.�</p><p>�Gut, gut, also ist er ein Monster. Aber w�rdest du mir nicht wenigstens darin zustimmen, da� er ein grandioses Monster ist? Ein �berlebensgro�es, ein Supermonster? Ach, mein Gro�vater Herodes h�tte ihn geliebt! So gewaltig gro�, so dunkel. Diese diabolisch zwingenden Augen. Und wie seine ganze Haut zerschlitzt und mit Knoten und Narben verziert ist. Und die vier herausgeschlagenen Z�hne, um ihm noch gr��ere Sch�nheit zu verleihen�� und wie er im Finstern leuchtet, dieser Schimmer �ber ihm��</p><p>Dieser Schimmer, dachte Gilgamesch bedr�ckt. Ja, der Glanz des Todes.</p><p>�Ein Ungeheuer, das bestimmt. Ich bin mir nicht so sicher, was die Grandiosit�t angeht. Der Behaarte Mann spricht die Wahrheit, dein Calandola ist ein unzivilisierter Wilder.�</p><p>�Aber selbstverst�ndlich ist er das�, sagte Herodes sofort. �Das ist ja das Wunderbare an ihm! Er ist ein wundervoller, �berw�ltigender, gr��licher, erschreckender, h��licher Wilder! Aber er ist ebenfalls ein Sehender.</p><p>Du solltest nicht ignorieren, da� seine Macht tats�chlich wirksam ist. Du wirst das noch erfahren. Er kann die Dunkelheit f�r dich �ffnen. Er wird mit dir den Ritus der Erkenntnis vollziehen. Und alle deine Fragen werden beantwortet werden.�</p><p>�Ach ja? Wirklich?�</p><p>�Zweifele nicht daran, Gilgamesch. Alles wird dir gesagt, nichts verheimlicht. Und alles Geheime wird aufgedeckt.�</p><p>Gilgamesch dachte dar�ber nach. Die Dunkelheit �ffnen? Durch ein Erkenntnisritual? Ein halbnackter Wilder mit einem St�ck Kupferblech in der Nase sollte ihm alle Geheimnisse offenbaren? Sch�n, sch�n. Vielleicht, vielleicht. Hier in der Nachwelt war nur eines sicher: Sie war ganz seltsam absolut anders. Was auf der Erde unsichtbar gewesen war, oder doch fast kaum sichtbar, wurde hier deutlich und handgreiflich. Auf der Erde erhaschte man zuweilen einen fl�chtigen Blick aus dem Augenwinkel auf D�monen; hier hockten sie sich zum W�rfelspiel zu einem an den Tisch, oder sie lagen vor dem Kaminfeuer in den Kneipen und sangen seltsame Lieder. Zauberei fand man �berall. Gilgamesch sah keinen Grund, an den �bernat�rlichen Kr�ften dieses Calandola zu zweifeln. Und wenn er, um den Weg zu Enkidu zu finden, sich die Haut mit abscheulichem Fett beschmieren mu�te, nun gut, dann war ihm auch der Preis nicht zu hoch. Kein Preis war daf�r zu hoch.</p><p>Auf der anderen Seite des Hofes erschien nun Simon mit seinem Behaarten Mann. Er winkte.</p><p>�Gilgamesch! Wo hast du gesteckt?�</p><p>Der Sumerer reagierte nur mit einem Achselzucken.</p><p>�Aber du kommst doch zu dem Fest heute abend?� rief Simon her�ber.</p><p>�Ein Fest?�</p><p>�Ja. Nach den Spielen! Weiber, Gilgamesch! Wein! Str�me von Wein! Vergi� es nicht!�</p><p>�Nein�, erwiderte Gilgamesch ohne Begeisterung.</p><p>�Nat�rlich nicht.� Str�me von Wein? Wein bedeutete ihm derzeit �berhaupt nichts mehr. Und Weiber auch nicht. Schon lange nicht mehr.</p><p>Das Bild des Jaqqa Imbe Calandola tauchte in seinem Geist auf, wie ein geschwollener Kolo�, der ihn �berragte, und dann erblickte er best�rzt sich selbst, wie er gegen eine heftige Str�mung anzuschwimmen versuchte, eine Flut nicht von Wein, sondern von Blut.</p><empty-line/><p>�Nimm das�, befahl Calandola. �Trink!�</p><p>Zum zweiten Mal und wieder gef�hrt von dem aufgeregt-�ngstlichen Herodes Agrippa, war Gilgamesch in die Stollengr�nde unterhalb von Brasil gestiegen. Zum zweiten Mal waren sie in die von Fackeln beleuchtete H�hlenkammer vorgedrungen, in der Imbe Calandola und seine Jaqqa-Gemeinde hausten. Und wieder hatte der schwarze Zaubererk�nig Gilgamesch den s��lichen Wein dargeboten und ihm den Leib mit diesem �l von so scheu�licher Herkunft gesalbt.</p><p>Und nun sollte ein weiteres, noch dunkleres Ritual beginnen. Es waren mehr Menschen anwesend als beim erstenmal. Anscheinend auch mehr Jaqqa, eine ganze dunkle Schar, drei�ig, vierzig, vielleicht noch mehr, stelzten wie langbeinige Kobolde durch die rauchige D�sternis der H�hlenwinkel und vollzogen Dinge, die nicht einmal Gilgamesch mit seinen scharfen Augen erkennen konnte. Aber da waren auch acht, zehn oder zw�lf Gestalten in der wei�en Kleidung Brasils, M�nner und Weiber, die mitten im Raum, die auf den Knien lagen wie Zeremonialdiener, wie Eingeweihte. Manche waren mit schwarzen Stoffbinden maskiert, andere trugen das Gesicht frei. Genau wie Herodes wirkten sie unsicher, die bleichen Gesichter waren schwei�bedeckt, die Augen zuckten unabl�ssig her und hin. W�hrend des Trank- und Salbungs-Rituals sahen sie oft h�chst gespannt zu Gilgamesch her, manchmal auch mit einem merkw�rdigen Ausdruck wie von Abscheu und Furcht, oder vielleicht auch von Mitleid und Bek�mmerung; er vermochte es nicht zu sagen. Es h�tte sogar Neid sein k�nnen. Neid? Weshalb sollte jemand ihn beneiden? Er kam sich vor wie einer, der gleich einer unbekannten Gottheit zum Opfer dargebracht werden soll.</p><p>Aus dem Hintergrund der Kammer drang Musik. Die Jaqqa bliesen auf Pfeifen, die ein ohrenbet�ubendes Kreischen von sich gaben, und hieben auf Trommeln ein, die aus der schuppigen Haut von Tierd�monen gefertigt waren, und sie schlugen auch mit den Fingern auf d�nne Brettchen, die auf Holzstangen lagen. Vier der Weiber kamen tanzend durch den Raum heran, in wilden m�chtigen hohen Spr�ngen, die gesalbten Br�ste schaukelten, die zahnl�ckigen M�nder zu starren Grimassen aufgerissen. Calandola selbst hockte schimmernd und riesig auf einem dreibeinigen Schemel, der mit den geschnitzten Gesichtern von D�monen verziert war, und schaukelte vor und zur�ck und r�hrte vor Lust.</p><p>Dann erhob er sich und gab ein Zeichen, und zwei der brasilianisch gekleideten Diener, ein Mann und ein Weib, sprangen auf die F��e. Aus einem der Winkel der verschachtelten H�hle trug der Mann eine krummhalsige Flasche heran, und die Frau holte ein flaches quastenbesetztes rotes Kissen, auf dem eine breite flache seltsam geformte Schale ruhte.</p><p>Der Musikl�rm steigerte sich zu hektischem Get�se. F�r Gilgameschs Ohren klang es wie alle Musik hier nur wie ein �rgerliches Gel�rme. Die einzige Musik, die er jemals gemocht hatte, war die zarte Fl�tenmusik und das sanfte leise Trommeln in Sumer gewesen, und beides hatte er seit f�nftausend Jahren nicht mehr genie�en d�rfen. Aber diese Jaqqa-Musik war einfach ein unertr�glicher L�rm: ein Gequ�le und Get�se, das sich in dich st�rzt und dich bis in den letzten Winkel in Besitz nimmt und dir die eigene Seele aus ihrem Geh�use zu treiben droht.</p><p>�Dies ist der k�nigliche Wein�, intonierte Calandola mit dunkel brummender B�renstimme. �Er schenkt dir die Erste �ffnung, die Er�ffnung, die vor der Erkenntnis kommt. Bist du bereit, K�nig Gilgamesch?�</p><p>�Gib mir den Wein.�</p><p>�Zuerst dein Hund, dann du.�</p><p>�Der Hund?�</p><p>�Zuerst der Hund�, wiederholte Calandola.</p><p>�Na sch�n�, sagte Gilgamesch. Das alles war recht absurd f�r ihn; aber es war auch nicht verr�ckter als alles �brige. Der Hund? Ja, warum nicht der Hund? �Wenn der Hund es mag, so gebt ihm den k�niglichen Wein.�</p><p>Mit drei Fingern der linken Hand vollzog Calandola eine Befehlsgeste. Die Frau mit dem Kissen und der Schale kniete nieder, der Mann go� den K�nigswein aus dem krummhalsigen Gef��.</p><p>Als die Schale gef�llt war, wandte sich die Frau Ajax zu. Der Hund stie� einen kehligen Laut aus, aber anscheinend nicht irgendwie in feindseliger Absicht. Er blickte zu Gilgamesch herauf, und seine Augen stellten unverkennbar eine Frage.</p><p>Achselzuckend sagte Gilgamesch: �Du sollst den Vortritt haben. So sagt man mir. Also, trink, Ajax, wenn du magst.�</p><p>Es wurde still. Ajax schlabberte gierig. Schwanzwedelnd gab er ein leises lustvolles Schnaufen von sich. Der K�nigswein schien ihm zu schmecken. Gilgamesch hatte noch nie einen Hund gesehen, der Wein mochte. Doch Ajax war ein Nachwelthund; und es gab keinen Grund, weshalb in der Nachwelt die Hunde keinen Wein trinken sollten, oder weshalb sie nicht durch die Luft fliegen oder sonst alle erdenklichen unnat�rlichen Akte vollziehen sollten. Hier war doch nichts nat�rlich.</p><p>Dann gab Calandola erneut ein Zeichen, und die Frau nahm dem Hund Ajax die Schale fort. Der Hund bewegte sich nicht. Seine Augen wirkten seltsam starr und schienen zu gl�hen.</p><p>Nun griff Gilgamesch nach der Schale.</p><p>�Nein!� sagte Calandola. �Noch nicht. Zuerst dein an derer Hund.�</p><p>�Aber ich habe nur einen Hund.�</p><p>�Dieser da�, sagte der Jaqqaf�rst und wies mit der Fu�spitze zu Herodes.</p><p>Der hebr�ische F�rst sah best�rzt aus. Er hatte neben den �brigen Akolythen auf den Knien gelegen; nun erhob er sich, wackelte ungl�ubig mit dem Kopf und schlug sich auf die Brust, als wollte er fragen: <emphasis>Ich? Wirklich ich?</emphasis> Calandola deutete erneut auf ihn und machte mit dem ausgestreckten Fu� eine ver�chtliche fegende Bewegung, um Herodes n�her heran zu befehlen. Gilgamesch dachte schon, da� der kleine Mann zusammenbrechen w�rde, ehe er noch f�nf Schritte getan hatte. Doch irgendwie hielt er sich auf den Beinen und n�herte sich der Weinschalentr�gerin. Sie hielt ihm das Kissen mit dem Trank entgegen. Herodes nahm die Schale mit beiden H�nden, neigte den Kopf und vergrub ihn fast in der Schale und trank sie in heftigen schmatzenden Z�gen leer. Dann schwankte er und sch�ttelte sich; die Schalenschenkin ergriff das Gef��, bevor es ihm aus den H�nden fiel; Herodes wich zur�ck, und in seinen Augen war nun der gleiche glasige Ausdruck wie vorher bei Ajax, dann fiel er wieder devot auf die Knie.</p><p>Gilgamesch wartete diesmal, ob es noch weitere �Hunde� zu bedienen g�be. Nein, endlich war es an ihm, den K�nigswein zu kosten.</p><p>Der Mann go� aus der krummhalsigen Karaffe ein. Die Frau brachte die Schale auf dem Kissen zu Gilgamesch.</p><p>�Nimm und trink�, sagte Calandola.</p><p>Gilgamesch hob die Schale mit beiden H�nden. Das Gef�� war glatt und k�hl wie Elfenbein feinster Art, doch die Unterseite f�hlte sich irgendwie unregelm��ig an. W�hrend er in den Trank schaute, lie� er die Finger um die Schale tasten und begriff, was er da in den H�nden hielt: unzweifelhaft eine menschliche Sch�deldecke, und die Knochen unterhalb der Augenh�hlen waren weggeschnitten. Na ja, denn also, dachte Gilgamesch. Hier trinkt man aus einem polierten Sch�del. Wieso auch nicht? Er begann das Prinzip zu begreifen, das hinter dem Theater Calandolas steckte. Eine Sch�deldecke eignet sich vorz�glich als Trinkschale. Warum denn auch nicht?</p><p>Der Wein war dunkel, nicht honigfarben wie beim ersten Mal, und hatte einen r�tlichen Schimmer. Er trank vorsichtig. Die Fl�ssigkeit war �berw�ltigend s��, so s�� wie der s��este Nektar, vielleicht sogar noch st�rker. Sie lag merkw�rdig auf der Zunge, ein schwerer dickfl�ssiger Wein. Er schluckte und trank einen zweiten Schluck, und pl�tzlich wu�te er, woher die S��e und die r�tliche F�rbung kamen. Der k�nigliche Wein des Imbe Calandola war mit Blut gemacht. Bei dieser Erkenntnis f�rchtete er, sein Magen w�rde sich dagegen auflehnen und ihn ausw�rgen. Doch nein. Nein, er glitt ziemlich glatt die Kehle hinab. Er trank weiter.</p><p>Und er trank, bis die Schale geleert war, blickte auf, l�chelte und reichte sie der Schenkin zur�ck.</p><p>Dann wartete er.</p><p>Dies war die ��ffnung�. Die vor der �Erkenntnis� kommt.</p><p>Sch�n. Aber wieso geschah nichts weiter? Weshalb hatte er nicht wie Ajax oder wie Herodes glasige Augen bekommen? Und weshalb schwankte er nicht, war nicht benommen? War er gegen Calandolas scheu�lichen Wein gefeit und immun? War er so tief hinter den Mauern seines Wesens vergraben, da� es f�r ihn keine �ffnung geben konnte?</p><p>Er blickte zu Calandola. �Ich f�hle nichts�, sagte er. �Vielleicht wenn ich noch eine Schale voll, Lord Calandola��</p><p>Calandola lachte�� ein merkw�rdiges langgezogenes Gel�chter, d�nn und wie aus weiter Ferne, und es rieselte auf Gilgamesch nieder wie fallendes Wasser. Eine andere Antwort erfolgte nicht.</p><p>Dann erklang eine summende Stimme irgendwo von links: �Ssschade, ssschade, du gehst in die Irre, Weltenwanderer Gilgamesch! Nicht weiterer Wein ist dir vonn�ten! Die Mauern sind gest�rzt! Die �ffnung ist vor dir!�</p><p>�Was? Wie?�</p><p>�Sieh mich in meiner Offenbarung! Und was du schaust, ist mein fr�heres Selbst.�</p><p>Gilgamesch blieb der Mund offen stehen. Ajax war verschwunden und an seiner Stelle schwebte ein bizarres Wesen auf halber H�he zwischen dem Boden und Gilgameschs Schulter. Es war irgendwie wespenhaft, aber gr��er als irgendein Insekt, das er je gesehen hatte, und bedeckt von einer schimmernden blauen Kruste, fast wie aus edlen Steinen. Aus dem Hinterteil ragte ein scharfer gr�ner Stachel, und das kleine Gesicht war das Gesicht einer Menschenfrau. Sirrend und fl�gelschlagend schwebte das Tier neben ihm.</p><p>�Siehst du?� sirrte das Wespenweib. �In der �ffnung wird vieles sichtbar! In meinem letzten Leben war ich dies, nun, in der Nachwelt kam ich als der Hund Ajax zur�ck.�</p><p>�Deinem <emphasis>letzten</emphasis> Leben��</p><p>�Als ein Insekt, ja. Obwohl ich zuvor ein Mensch von Fleisch und Blut war, genau wie du. Doch ich gab mich der S�nde hin, und hinabzusteigen war ich gezwungen. Zur Strafe wurde ich in ein Insekt verwandelt, und gewaltig litt ich. Doch dann zu sp�terer Zeit erhielt ich die Verg�nstigung, ein Hund werden zu d�rfen. Verstehst du? Es geht die Stufenleiter hinab und dann, manchmal, wieder hinauf. Ich habe noch immer Hoffnungen, �ber den Hund hinaus aufzusteigen. Ich steige weiter, werde mehr sein als ein Hund. Obwohl Hund gar nicht so schlecht ist. Wer einmal Insekt war, f�r den ist Hundsein schon sehr erstrebenswert.�</p><p>Aha. So war das also. Gilgamesch begriff. Sein Hund Ajax war also eines jener ungl�cklichen Gesch�pfe, deren Schicksal es war, von einem K�rper in den anderen, von einer Gestalt in die andere zu wandern bei dem nie endenden Aufenthalt in der Nachwelt. Also bewirkte Calandolas Wein doch irgend etwas, wenn er ihn bef�higte, derlei Dinge zu erkennen. Doch, er war sich nun sicher, eine �ffnung war sozusagen erreicht worden, und er nahm Dinge wahr, die au�erhalb der gew�hnlichen Begriffe lagen.</p><p>�Nein, wirklich, Hund ist gut�, summte das Wespenweib weiter. �Es ist sch�n, den K�nig Gilgamesch als Herrn zu haben. Ich folge und gehorche dem m�chtigen Helden Gilgamesch, und eines Tages wird er sich meiner erbarmen und mir wieder den K�rper eines Weibes geben. Oder vielleicht auch den eines Mannes. Was macht das schon f�r einen Unterschied, ob weiblich oder m�nnlich, wenn es menschlich ist? Ein Mensch w�rde ich gern wieder sein, und wer wollte das nicht?�</p><p>L�chelnd sagte Gilgamesch: �Wenn ich das tun kann, so will ich es tun.�</p><p>Und sogleich war die Wespe wieder der Hund Ajax, lag auf dem Bauch und schn�ffelte an seinen F��en.</p><p>Gilgamesch b�ckte sich und streichelte das Tier liebevoll. Dann wandte er sich Herodes zu.</p><p>�Und was ist mit dir?� fragte er. �Du Wespe in menschlicher Gestalt, wie zeigst du dich jetzt?�</p><p>Doch Calandolas Trunk hatte bei Herodes keinerlei �u�ere Ver�nderungen hervorgerufen. Herodes war immer noch Herodes, der kleine Wuschelkopf mit den huschenden Augen, und er trug eine zerknautschte wei�e Toga und kniete dem�tig fast auf der anderen Seite des Raumes. Und dennoch war etwas nun anders. Der Herodes, den Gilgamesch w�hrend seiner paar Tage in Brasil kennenlernte, war voller Geschw�tz und Tricks gewesen, mit einem blitzschnellen springenden Verstand, und immer ein ganzes Netz von Worten um sich herumgesponnen, um m�gliche gr��ere und d�mmere Gegner und Feinde in Schach zu halten. Ein Schutzmechanismus, der ihm w�hrend seiner Jahrhunderte in der Nachwelt recht n�tzlich gewesen war; doch nun schien der �k�nigliche Wein� des Jaqqa-Herrschers ihm seine ganze Attit�de genommen zu haben.</p><p>Herodes hatte v�llig die Kontrolle verloren, war ein furchtsamer, �ngstlicher Mann, der seine Todesjahre genau so verbrachte wie seine Lebenszeit, auf der Suche nach einem Herrn und Meister. Einst war es der r�mische Kaiser Caligula gewesen, der kurzfristig aus ihm einen K�nig machte. Und sp�ter�� viel sp�ter und hier in der Nachwelt�� war es eben Simon der Zauberer. Und nun war es dieses monstr�se Gesch�pf der Finsternis, Calandola. Als n�chster Herr konnte sehr wohl Gilgamesch in Frage kommen. Oder Lenin, oder Mao Tse-tung, der Priester Johannes�� oder sonst einer aus der Horde von Kaisern, F�rsten, Halbg�ttern und Kriegshelden, die sich hier in der Nachwelt in irgendeinem Winkel als Herrscher etabliert hatten. Herodes lechzte nach einem Herrn. Wahrscheinlich w�rde er viel gl�cklicher in der Inkarnation eines H�ndchens sein. Wenn doch nur irgendwie Ajax und er ihren Leib austauschen k�nnten! Man sehe sich ihn nur an, wie er dahockt, halb in sich verkrochen! W�nscht sich wahrscheinlich einen Schwanz, um damit zu wedeln. W�nscht sich feuchte braune Augen, die er hingebungsvoll auf seinen Herrn fixieren k�nnte, statt der gescheiten schwarzen Knopfaugen, die er jetzt hat.</p><p>Gilgamesch sp�rte, wie Verachtung gegen�ber diesem Herodes, diesem kl�glichen und h�chst unk�niglichen K�nig in ihm hochwallte.</p><p>Aber seine Verachtung schmolz dahin und machte einem tiefen Mitgef�hl Platz, das ihn unerwartet heftig �berkam, und er f�hlte sich durcheinander und unsicher. Wie konnte er Sympathie hegen f�r den Hund, der eine Wespe gewesen war und sich danach sehnte, wieder menschlich zu werden, nicht aber f�r diesen Menschen, der mit der Seele eines Hundes umherlief? Herodes ver�chtlich zu finden, weil er kein Held war, das war an sich eigentlich ebenfalls ver�chtlich. Es gab keinen Mangel an Helden in der Nachwelt. Zu Tausenden und Zehntausenden stampften sie herum und k�uten noch als Tote die Heldentaten wieder. Und wenn Herodes�� der arme kleine Herodes�� eben keine gr��ere Lust in seinem Leben finden konnte als in knallenden Vulkanausbr�chen oder in den barbarischen Blutritualen eines obskuren Alptraumhaften Wilden, nun gut, dann war das eben so, und war so, weil er der war, der er war. Er hatte ja keine Wahl. Niemand hatte eine Wahl. Der Ratschlu� der G�tter bestimmte alles.</p><p><emphasis>Du, Gilgamesch, du willst ein Superheld vor allen Helden sein, ein gott�hnlicher Mann, ein K�nig der K�nige. Und es soll dein Geschick sein, da� du dennoch sterben wirst und auf ewig in der Nachwelt leben mu�t.</emphasis></p><p><emphasis>Du, Enkidu, du willst der k�hne J�ger und Krieger sein, der Freund des gro�en K�nigs. Und es soll dein Geschick sein, immer wieder zu sterben und zu sterben, auf da� dein k�niglicher Freund in allen Hallen der Ewigkeit nach dir sucht.</emphasis></p><p><emphasis>Du, Herodes, wirst schlau sein und vorsichtig, eine Maus in einer L�wenwelt. Und du willst �ber genug Witz und Wissen gebieten, sie alle zu t�uschen, um deinen Thron zu bewahren und am Leben zu bleiben, so schrecklich und gef�hrlich dir die Macht auch erscheint.</emphasis></p><p>Wir sind allesamt, was wir sind. Das ist die Entscheidung der G�tter. Und wir spielen die uns angewiesene Rolle. Weshalb also jene ver�chtlich finden, die eine andere Rolle spielen m�ssen? Herodes, Simon, Calandola, der Behaarte Mann, auch diese ganzen kleinen zanks�chtigen hinterh�ltigen R�nke schmiedenden Sp�ter Toten und der ganze Rest�� jeder spielte die ihm zugewiesene Rolle und vollzog nur, was die G�tter beschlossen hatten. Und ein jeder war auf seine Weise der Hauptheld in seinem eigenen Drama und tat das Erforderliche. Wieso sollte man jemand deshalb verachten und verurteilen?</p><p>Gilgamesch trat neben Herodes, beugte sich hinab und ergriff seinen Arm.</p><p>�Auf�, sagte er sanft. �Schlu� mit dieser Unterw�rfigkeit. Du bist ein Mann. Also steh aufrecht wie ein Mann!�</p><p>�Gilgamesch��</p><p>�Du brauchst nichts zu f�rchten. Ich bin dein Freund. Ich will dich vor allem besch�tzen, was dir Angst macht.�</p><p>Aber w�hrend er noch so sprach, erkannte Gilgamesch, da� der Zauber zerbrach, da� die Kraft des Weines ihm entglitt. Und gleich danach war das Gef�hl z�rtlicher br�derlicher W�rme Herodes gegen�ber im Schwinden begriffen. Die ver�chtliche Ver�rgerung war wieder da. Dieser kl�gliche Schw�chling von einem Mann�� wie konnte er es nur �ber sich bringen und ihm anbieten, ihn zu besch�tzen? Was bedeutete ihm schon dieser Herodes? La� ihn doch selbst gegen seine D�monen k�mpfen. Soll er sich doch vor Calandola prosternieren. Auf dem Kraterrand des Vesuvs tanzen und sich in den kochenden Schlund st�rzen, wenn er glaubte, dabei seine h�chste Gl�ckseligkeit zu finden. Gilgamesch blickte zu Herodes hinab, sch�ttelte den Kopf, lie� seinen Arm los und wandte sich von ihm.</p><p>�Nun, also wie es scheint, ist es vorbei.� Calandolas Stimme kam wie aus weiter Ferne.</p><p>Gilgamesch stand da und blinzelte wie einer, der aus mittern�chtlichem Dunkel pl�tzlich in den Glast der Mittagssonne tritt.</p><p>�Das war�s schon?� fragte er. �Die �ffnung?�</p><p>�Wenn andere Seelen nackt vor dir erscheinen, ja, das ist die Offenbarung, K�nig Gilgamesch.�</p><p>�Und jetzt? Kommt jetzt die Erkenntnis?�</p><p>�Nein�, sagte Calandola. �Ein andermal. Du hast dich dem Wein widersetzt und so nur eine Teil�ffnung erreicht. Deine Seele ist eine besonders st�rrische. Sie gibt sich �u�eren Kr�ften einfach nicht hin. Komm ein andermal wieder, K�nig Gilgamesch, dann wollen wir sehen, ob du stark genug bist, die Erkenntnis zu erlangen.�</p><empty-line/><p>�Was habe ich falsch gemacht?� fragte Gilgamesch. �Wo habe ich versagt?�</p><p>�Du hast dich nicht losgelassen�, sagte Herodes. �Du warst schon fast da, aber im letzten Moment hast du dich wieder zur�ckgenommen. Wenn die Offenbarung einsetzt, mu� man sich dem vollkommen preisgeben. Du hast dich dagegen gewehrt.�</p><p>�K�mpfen liegt in meiner Natur. Hingabe nicht.�</p><p>�Willst du die Erkenntnis, oder willst du sie nicht?�</p><p>�Ich glaubte, ich glaubte, es sei der Einflu� des Weines�, sagte Gilgamesch. �Ich trat in die Seele des Hundes ein. Ich sah, was er in seinem letzten Leben war. Ein Wespentier, wei�t du? Mit dem Gesicht eines Weibes und einem gr��lichen Insektenleib. Und dann wandte ich mich dir zu�� und ich habe deine Seele gesehen, Herodes, ich sah, wer du tief innen wirklich bist, ich��</p><p>�Schon gut. Du brauchst es mir nicht zu erz�hlen.�</p><p>�Ich habe nichts gesehen, dessen du dich sch�men m��test.�</p><p>�Trotzdem, vielen Dank. Ich m�chte es lieber nicht wissen.�</p><p>�Aber es war, als w�ren die Trennw�nde zwischen uns pl�tzlich zusammengebrochen. Und dann�� dann waren sie fast sofort wieder da. Der Wein hatte seine Kraft verloren. Wenn ich vielleicht ein bi�chen mehr davon getrunken h�tte��</p><p>�M�glich�, sagte Herodes. �Du bist so verdammt gro�. Vielleicht hat Calandola sich in der Dosierung vertan. Andererseits betreibt er den Job seit Jahrhunderten. Er wei� bestimmt, welche Menge richtig ist. Ich denke, es liegt an dir, Gilgamesch. Du hast dich nicht preisgegeben, du hast ein St�ck von dir zur�ckgehalten, in Reserve sozusagen. Ich kann das verstehen. Aber wenn du Antwort auf deine Fragen haben willst�� wenn du herausfinden willst, wohin Enkidu verschwunden ist��</p><p>�Ja. Ich verstehe.�</p><p>�Calandola wird dich vielleicht erst wieder in einer Woche vor sich lassen, oder in einem Monat. Doch wenn er dich rufen l��t, dann geh! Und was immer er dir zu tun auftr�gt, tu es! Oder du wirst nichts erfahren. Ja, Gilgamesch?�</p><p>�Wor�ber plaudert ihr zwei denn so angeregt?� fragte Simon, der auf einmal neben ihnen auftauchte. �Br�tet ihr eine h�bsche kleine Verschw�rung aus?� Er klopfte mit einer Hand auf den breiten R�cken Gilgameschs, mit der anderen auf den von Herodes. �Es n�tzt euch nichts, wi�t ihr. Ich habe Weise, die alles sehen und mir alles sagen. Das Vergangene, die Gegenwart und die Zukunft liegen offen f�r ihre Weisheit da. Der winzigste Verdacht auf ein umst�rzlerisches Unterfangen, erscheint sofort als Punkt auf ihren Zauberschirmen.�</p><p>�Es besteht kein Anla� zu Bef�rchtungen�, sagte Gilgamesch. �Ich glaube, Herodes zieht es vor, hier dein Premierminister zu sein, als h�here Verantwortlichkeiten zu �bernehmen. Und es d�rfte dir ja einsichtig sein, Simon, da� ich nicht danach lechze, �ber Brasil zu herrschen.�</p><p>�Ich wei�, wonach du dich sehnst, Gilgamesch. Suche doch zur Abwechslung mal du mich in zwei Tagen auf, dann k�nnen wir gemeinsam die Uruk-Karte studieren. Wir sollten uns bald auf den Weg machen. Was sagst du dazu, Gilgamesch? K�nig von Uruk im Ruhestand, bald K�nig des wiederauferstandenen Uruk? Wie klingt dir das in den Ohren?�</p><p>�Wie Musik�, sagte Gilgamesch.</p><p>Simon lachte und ging davon.</p><p>Als der Tyrann au�er H�rweite war, sagte Herodes beunruhigt: �Ist das etwa wahr? Also willst du schlie�lich doch wieder K�nig in Uruk werden?�</p><p>�Ich sagte nur, da� Simons Worte in meinen Ohren klingen wie Musik.�</p><p>�Das sagtest du, ja.�</p><p>Gilgamesch lachte. �Aber ich habe nun mal gar nichts f�r Musik �brig.�</p><p>�Aha? Ach so!�</p><p>�Und was diese Expedition nach Uruk angeht, sch�n, schauen wir doch erst einmal, was mir dein gro�er Calandola an Weisheit zu bieten hat. Bei der <emphasis>echten</emphasis> �ffnungszeremonie. Und der Erkenntnis, die darauf folgen soll. Und dann werde ich begreifen und wissen, ob ich diese Reise unternehmen soll oder nicht. Warten wir es doch einfach ab, K�nig Herodes.�</p></section><section><title><p>11</p></title><p>Wieder die verwinkelte Kammer in der Stollenh�hle. Die schwelenden Fackeln in den Messinghaltern. Die Trommeln, die Pfeifen, die Masken, die T�nzerinnen. Die langbeinigen schwarzen M�nner bei unerkl�rlichen Riten im Schattendunkel. Der Honigwein, das schimmernde Salb�l. Es war Gilgameschs dritter Besuch im Hause des Imbe Calandola. Wieder w�rde er die �ffnung erfahren, wieder diesen anderen st�rkeren, den dicken s��en roten Wein trinken. Wieder w�rde er �ber die Trennw�nde hinwegschauen, die Seele von Seele abgrenzen; und diesmal, vielleicht, w�rden alle geheimnisvollen Schleier fortgenommen, und er w�rde erfahren d�rfen, was zu erfahren er gekommen war.</p><p>�Ich glaube, du bist nun bereit�, erkl�rte Calandola. �F�r das profundere Fest. F�r die volle Erkenntnis.�</p><p>�Ja, reicht mir den Wein�, bat Gilgamesch.</p><p>�Heute wird es nicht nur Wein sein�, erkl�rte Calandola.</p><p>Aus dem Dunkel Gesang und Trommeln. Feuer flackerten hinter dem Thron des Imbe-Jaqqa. Ein Ger�usch wie von Wasser, das in einem gro�en Kessel brodelt.</p><p>Ein Zeichen von Calandola.</p><p>Der Mundschenk trat vor, ebenso die Sch�sseltr�gerin. Wieder trank der Hund Ajax zuerst, danach Herodes, dann Gilgamesch selbst. Doch diesmal trank auch Calandola und trank tief und gebot immer aufs neue, die Schale zu f�llen, bis seine Lippen und die Kehle ganz vom Rot beschmiert waren.</p><p>�Belial und Beelzebub�, fl�sterte Herodes. �Moloch und Luzifer!�</p><p>Gilgamesch sp�rte wieder, wie ihn das seltsame Gef�hl der �ffnung �berkam. Er kannte die Anzeichen inzwischen: eine unheimliche Ged�mpftheit der Ger�usche bei gesteigertem Bewu�tsein. Unsichtbares streifte ihn in der Luft. Er vernahm ein tiefes Summen, das wie aus dem Herzen der Welt zu dringen schien. Er konnte die Seele des Hundes Ajax und die des Hebr�ers Herodes ber�hren; und nun enth�llte sich ihm auch die schreckliche Gegenwart des schwarzen Calandola. Enth�llte sich und blieb dennoch verschlossen, denn obwohl Gilgamesch Calandolas Inneres sah, war da nur eine riesige schwarze Felswand, die vor ihm aufragte, undurchdringlich, unbezwingbar.</p><p>�Nun sollst du teilhaben an unserem Fest�, sagte Calandola. �Und die Erkenntnis wird auf dich niederfahren, K�nig Gilgamesch.�</p><p>Er warf den Kopf in den Nacken, lachte und lie� seine m�chtigen Arme niedersausen wie zwei dicke Keulen. Die Musikanten vollf�hrten ein schmetterndes Get�se mit Donner und schrillem Kreischen. Der Thron ward zur Seite ger�ckt, und da stand ein gewaltiger metallener Kessel, in dem etwas �ber einem Feuer aus Scheiten brodelte.</p><p>Die J�nger Calandolas bereiteten offenbar eine dicke kr�ftige Suppe.</p><p>Zwiebeln kamen in den Kessel und Lauch und Pfefferschoten, Bohnen und Gurkenk�rbisse, Granat�pfel und alle anderen erdenklichen Gem�se und Fr�chte. Das dampfende Gef�� schien bodenlos zu sein. Maiskolben, S�cke voll Feigen, dicke knollenartige Wurzeln verschiedener Art, und das meiste darunter Gilgamesch unbekannt. H�ndevoll Knoblauch und noch gr��ere Mengen Rettich, ganze Ingwerst�cke. Ein Fa� voll eines dunklen Weins, �ber dessen Herkunft Gilgamesch lieber nicht nachdenken wollte. F�nfzigerlei Gew�rze. Und Fleisch. Gewaltige St�cke bleiches rohes Fleisch, das mitsamt der Knochen ganz in den Kessel geworfen wurde.</p><p>Eine leichte Beunruhigung regte sich in Gilgamesch Er sagte zu Herodes: �Was ist das f�r Fleisch, was denkst du?�</p><p>Herodes starrte fest auf den Kessel, ohne zu blinzeln. Er lachte auf seine merkw�rdig schartige Art. �Eines, das nicht koscher ist m�chte ich wetten.�</p><p>�Nicht koscher? Was hei�t das?�</p><p>Doch Herodes gab keine Antwort. Ein Schauder �berlief ihn und lie� ihn am ganzen Leib zittern wie ein vom Herbststurm gepeitschtes B�umchen. Sein Gesicht gl�hte wie damals, als er ihn bei dem Vulkanausbruch gesehen hatte. Er sah aus wie einer, den ein starker Zauber gebannt h�lt.</p><p>Dank des gemeinsam getrunkenen Weines sah Gilgamesch in die Seele Herodes�. Und was er sah, lie� ihn erstaunt und entsetzt zur�ckfahren.</p><p><emphasis>�Solches</emphasis> Fleisch?�</p><p>�Es hei�t, es gibt kein besseres f�r diesen Zweck, K�nig Gilgamesch.�</p><p>Sein Magen krampfte sich zusammen, und er w�rgte.</p><p>Er hatte in vielen fremden Landen viele seltsame Sachen gegessen. Aber niemals <emphasis>dies.</emphasis> Das Fleisch der eigenen Artgenossen zu verzehren?</p><p>Nein. Nein. Nicht einmal hier in der Nachwelt!</p><p>Hie und da hatte er Geschichten geh�rt �ber bestimmte Rassen in fernen Weltgegenden, die so etwas taten. Nicht aus Hunger, sondern aus religi�s-magischen Gr�nden. Um die Kraft, das Wissen oder die geheimnisvollen Tugenden anderer in sich aufzunehmen. Er hatte das nur schwer glauben k�nnen, da� Menschen so etwas taten.</p><p>Doch aufgefordert zu werden, das auch noch selbst zu tun�?</p><p>�Unvorstellbar. Abscheulich! Verboten!�</p><p>�Verboten von wem?� wisperte Herodes.</p><p>�Also� von�� Er konnte nicht weitersprechen.</p><p>�Wir leben in der Nachwelt, K�nig Gilgamesch. Hier ist nichts verboten. Hast du das vergessen?�</p><p>Gilgamesch sah ihn starr an. �Und du hast allen Ernstes vor, diese Scheu�lichkeit mitzumachen? Du willst, da� ich es gemeinsam mit dir tue?�</p><p>�Ich will gar nichts von dir�, erwiderte Herodes. �Aber <emphasis>du</emphasis> bist hergekommen, weil du Wissen suchst.�</p><p>�Und das bekommt man <emphasis>dadurch?�</emphasis></p><p>Herodes l�chelte. �So hei�t es. Es ist das Tor, der Zugang zur Gro�en Offenbarung, die zur Erkenntnis f�hrt.�</p><p>�Und du glaubst diesen wahnsinnigen Quatsch?�</p><p>Der jud�ische F�rst wandte sich zu ihm und sah ihn mit einem erschreckend glaubensfiebrigen Blick an.</p><p>�Tu, wie es dir beliebt, K�nig Gilgamesch. Doch wenn du Erkenntnis willst, dann nimm und i� davon. Nimm und i�!�</p><p>�Nimm und i�!� dr�hnte Calandolas Stimme. �Nehmt euch und esset!�</p><p>Die Kannibalen h�pften und tanzten. Eine Frau, vom Sch�del bis zu den Zehen mit wei�em Kalk bemalt, trug einen Rock aus Stroh, anscheinend eine Art Kost�m f�r Hexer. Sie eilte zum Zauberkessel, zog ein St�ck Fleisch mit blo�en H�nden aus der brodelnden Br�he und hielt es in die H�he.</p><p><emphasis>�Ayayya! Ayayya!�</emphasis> br�llten die Jaqqa. <emphasis>�Ayayya!�</emphasis></p><p>Die Strohhexe trug das Fleisch zu Calandola und hielt, es ihm zur Begutachtung hin. Er grunzte zustimmend, packte das Fleisch mit beiden H�nden und grub die Z�hne hinein.</p><p><emphasis>�Ayayya! Ayayya!�</emphasis> br�llten die Jaqqa.</p><p>Gilgamesch merkte, wie der Wein der Wilden von seiner Seele Besitz ergriff. Er schaukelte im Rhythmus der gellenden mi�t�nenden Musik. Herodes neben ihm schien inzwischen g�nzlich entr�ckt, v�llig verloren zu sein in faszinierter Hingabe an die abscheuliche Zeremonie. Als h�tte er sein Leben lang und sogar in seinem Leben nach dem Leben darauf gewartet, sich den krankhaften Mysterien Calandolas auszuliefern. Oder aber, als k�nnte er nicht anders, als sich dem hinzugeben wohin immer es ihn bringen w�rde.</p><p>Und ich selbst sp�re es auch, wie es mich mitrei�t, dachte Gilgamesch best�rzt und erstaunt.</p><p>�Nimm�, sagte Calandola. �I�!�</p><p>Gen��lich hielt er Gilgamesch das dampfende St�ck Fleisch hin.</p><p><emphasis>Ihr G�tter! Enlil und Enki und Himmelsvater An, was tue ich denn da?</emphasis></p><p>Aber die G�tter wohnten weit von hier. Gilgamesch sah starr auf den Klumpen Fleisch.</p><p>�Dies ist der Weg zur Erkenntnis�, sagte Calandola.</p><p><emphasis>Dies?</emphasis></p><p>Nein. Nein. Nein und NEIN!</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. �Es gibt Dinge, die zu tun ich nicht bereit bin, nicht einmal, um Erkenntnis zu gewinnen.�</p><p>Der Duft aus dem Kessel mischte sich mit dem Geruch eines unbekannten Weihrauchs, der in gro�en Schalen daneben schwelte, und Gilgamesch f�hlte, da� er mehr benommen wurde und zu schwanken begann. Er drehte sich um und taumelte drei Schritte auf den Ausgang zu. Die Gl�ubigen und Ritualdiener wichen beiseite und machten ihm Platz, als er davonstolperte. In seinem R�cken h�rte er das kollernde Gel�chter Calandolas, der ihn wegen seiner Feigheit verh�hnte.</p><p>Dann trat Herodes ihm in den Weg und hielt ihn auf. Der kleine Mann wirkte wie ein Bogen mit gespannter Sehne, er zitterte und bebte.</p><p>Heiser rief er: �Geh nicht fort, Gilgamesch!�</p><p>�Das hier ist kein Ort f�r mich.�</p><p>�Aber die Erkenntnis�� was ist mit der Erkenntnis?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Wenn du versuchst, hier wegzugehen, wirst du ohne mich nie durch diese Stollen hinausfinden.�</p><p>�Ich werde es eben darauf ankommen lassen.�</p><p>�Ich bitte dich�, sagte Herodes. <emphasis>�Bitte!</emphasis> Bleib. Warte. Empfange mit mir das <emphasis>Sacramentum,</emphasis> die Heiligung!�</p><p>�Das Sakrament? Die Heiligung? So nennst du das da?�</p><p>�Es ist der Weg zur Erkenntnis. Geh ihn mit mir. Tu es f�r mich. Weise mich nicht zur�ck. Weise mich nicht ab. Wir sind schon beinahe dort, Gilgamesch; der Wein ist in unseren Seelen, unser Geist �ffnet sich bereits f�reinander. Nun folgt die Erkenntnis. Bitte! <emphasis>Bitte!�</emphasis></p><p>Noch nie hatte Gilgamesch im Gesicht eines Menschen einen derart flehentlichen Ausdruck gesehen. Nicht einmal in der Schlacht, wenn er die Streitaxt hob, um einem Feind den Todesstreich zu versetzen. Herodes streckte Gilgamesch die H�nde entgegen. Gilgamesch z�gerte.</p><p>�Auch ich bitte dich�, ert�nte eine Stimme links von ihm. �Geh nicht fort von hier. La� nicht treue Freunde im Stich!�</p><p>Es war Ajax.</p><p>Der Hund schwankte flackernd wie Schatten, die vom Feuer auf eine Wand geworfen werden: einmal war es der gro�e gescheckte Hund, dann das fremdartige kleine Wespenweib, dann, f�r einen kurzen Augenblick, fl�chtig eine menschliche Gestalt, eine Frau mit traurigen Augen, die scheu und hilflos l�chelte.</p><p>�Wenn du von dem Fleisch i�t, kannst du mich befreien�, sagte der Hund. �In die Seele vordringen, Hund und Geist trennen. Du h�ttest die Kraft. Die arme leidende Seele in den n�chsten Grad zu senden, den Hund als Hund fortbestehen zu lassen. Ich flehe dich an, m�chtiger K�nig.�</p><p>Gilgamesch sah den Hund unschl�ssig an. Sein jammerndes Flehen r�hrte ihm tief ans Herz.</p><p>�Deine Freunde, gewaltiger Held. Vergi� nicht deiner Freunde in der Stunde der Erl�sung. Die lange Versklavung soll enden! Und du allein vermagst die Freiheit zu schenken!�</p><p>�Ist dies die Wahrheit?� fragte Gilgamesch Herodes.</p><p>�M�glich. Das Ritual verleiht denen gro�e Macht, die bereits Kraft in sich tragen.�</p><p>�Vergi� nicht deiner Freunde!� jammerte die Wespenfrau laut, in einem Versuch, das wahnsinnige Get�se um ihn zu durchdringen. Und eine innere Stimme befahl ihm: <emphasis>Tu es. Tu es!</emphasis></p><p>Und warum nicht? Warum nicht? Warum denn nicht?</p><p>Dies ist die Nachwelt, und es gibt auch keinen Weg von hier fort.</p><p>Er ging zu Calandola hin�ber, der ihm noch immer das Fleisch entgegenhielt. Der Kannibalenh�uptling grinste ihn z�hnefletschend an, doch er begegnete dem grimmigen Ausdruck mit Gelassenheit und ergriff das St�ck Fleisch. Dann wog er es einen Augenblick in der Hand. Es war warm und zart, ein vorz�gliches, saftiges St�ck. Aus den versch�tteten Tiefen seiner Erinnerung kamen ihm Worte in den Sinn, die man ihn vor f�nftausend Jahren gelehrt hatte, als er jung war und der neue K�nig und bei der n�chtlichen Zeremonie der Heiligen Hochzeit vor den Priestern Uruks kniete:</p><empty-line/><p><emphasis>Was gut dir selbst erscheint</emphasis></p><p><emphasis>Verbrechen ist es vor dem Gott.</emphasis></p><p><emphasis>Was deinem Herzen b�se scheint</emphasis></p><p><emphasis>Gut ist es vor deinem Gott.</emphasis></p><p><emphasis>Wer k�nnte begreifen, was die G�tter sinnen</emphasis></p><p><emphasis>In den Tiefen ihres Himmels?</emphasis></p><empty-line/><p>�Nimm es schon�, keuchte Herodes. �I�!�</p><p>Ja, dachte Gilgamesch. Das ist der Weg. Er hob den Fleischbrocken an die Lippen. <emphasis>�Ayayya! Ayayya! Ayayya!�</emphasis></p><p>Er bi� kr�ftig hinein, schmeckte und schluckte, und von dem nahen Vulkan erklang ein schreckliches Get�se, und die Erde erbebte, und als er das verbotene Fleisch kostete, drang im gleichen Augenblick die Erkenntnis in ihn.</p><p>Es war, als werde er zum Gott. Alle Dinge lagen offen vor ihm da, oder so kam es ihm jedenfalls vor. Nichts war mehr verborgen. Seine Seele wurde emporgetragen, und er blickte hinab auf allen Raum und alle Zeit.</p><p>�Deine Freunde, Gilgamesch�, fl�sterte eine Stimme von hoch oben. �Vergi� nicht�� deine Freunde!�</p><p>Nein, er wollte sie nicht vergessen.</p><p>Er schickte seine Seele hin�ber in den Hund, der das Wespenweib war, das einst eine S�nderin und ein Mensch gewesen war. Ohne Schwierigkeit unterschied er die menschliche Seele von der des Hundes und des Insekts und trennte sie von ihnen, hielt sie einen Augenblick lang fest und entlie� sie dann wie einen Vogel, den man von der Hand in den Himmel fliegen l��t. Es kam ein langes dankbares Seufzen, dann war die verirrte Seele verschwunden, und Ajax lag zusammengerollt zu Gilgameschs F��en und schlief, und von dem Wespenwesen war nichts mehr zu sehen.</p><p>Sodann wandte er sich Herodes zu. Schaute die Traurigkeit in ihm, die Schw�che, das Verlangen. Sah auch den raschen beweglichen Geist, die W�rme, die sich danach sehnte, anderen angenehm zu sein. Und er ber�hrte Herodes tief innerlich, nur einen Augenblick lang, und lie� etwas von sich �ber die kleine Entfernung von Seele zu Seele hin�berflie�en. Einen Hauch von St�rke; einen Hauch von Unverw�stlichkeit. <emphasis>Hier,</emphasis> dachte er, <emphasis>nimm das von mir; und behalte etwas von mir in dir, f�r die Zeiten, wenn es dir nicht gen�gt, du selbst zu sein.</emphasis></p><p>Herodes schien zu gl�hen. Er l�chelte, er weinte, er neigte den Kopf. Und er fiel auf die Knie und sprach ein Dankgebet.</p><p>Gilgamesch f�hlte die Gegenwart Calandolas, der furchtbar auf ihn eindrang wie ein Titan. Wie ein Gott. Aber dennoch nicht l�nger b�sartig. K�hl, leidenschaftslos, erhaben, diente er nun nur noch als Brennpunkt f�r das fremdartige Ritual der Seelenverschmelzung.</p><p>�Suche du nun nach dem, was du wissen willst, Gilgamesch�, sagte der Jaqqa. �Die Zeit ist gekommen.�</p><p>Ja. Ja. Die Zeit ist da. Also�� Enkidu?</p><p>Wo?</p><p>Ah, da. Da war er, in der engen hochwandigen Schlucht, unter den Karawanenleuten, die gestohlene Juwelen transportierten. Da war der umgest�rzte Wagen, und jetzt stand er wieder. Van der Heyden fuchtelte Befehle gebend herum. Und dann�� dann verdunkelten pl�tzlich zwei von diesen knatternden wirbelnden Flugmaschinen der Sp�ter Toten, Helikopter, Schraubflieger, hie�en sie, den Himmel, stiegen aus dem Nichts herab und f�gten sich mit gespenstischer Genauigkeit zwischen die W�nde der Schlucht. Die Leute im Treck br�llten, rannten, um Waffen zu holen. Die Flugmaschinen schwebten in doppelter Mannsh�he �ber dem Boden�� aus den Seiten ragten Waffenl�ufe�� das brutale Knallen von Gescho�salven aus Maschinengewehren�� rennende, schreiende, zu Boden st�rzende Menschen�</p><p>Geduckt hinter einem der Wagen, Enkidu, der irgendwoher eine Automatikwaffe mit beiden H�nden hielt und zur�ckfeuerte.</p><p>Eine Gestalt, die sich aus dem n�heren Schmetterflieger beugte, warf etwas hinunter�� es war eine Splitterbombe�� schwarzer Qualm, Schreie, �berall lagen scheu�lich verst�mmelte Menschen.</p><p>Und Enkidu scho� immer noch weiter�</p><p>�Nein!� br�llte Gilgamesch. �Enkidu! Nicht!�</p><p>Aber es war, als schrie er in einem Traum. Er war machtlos. Er war kein Gott; und er wu�te, da� seine Vision bereits heillos und unrettbar in der Vergangenheit verkapselt war. Enkidu st�rzte wie rasend auf den n�heren Flugk�rper zu, als wollte er ihn mit den H�nden in St�cke brechen�� einer der Sp�ter Toten, ein Mann mit kurzgeschorenen blonden Haaren und kalten blauen Augen, sah verbl�fft heraus, griff nach hinten, brachte eine Granate zum Vorschein und entsch�rfte sie und warf sie�� ein pl�tzlicher greller Feuerschein wie von einer kleinen Sonne�� Enkidu mitten darin, kurz sichtbar, taumelnd, niederst�rzend�</p><p>Niederst�rzend�</p><p>Und dann war da, wo Enkidu gewesen war, nichts mehr. Wieder einmal war sein Geist fortgerissen worden an jenen r�tselhaften Ort des Totentodes, wohin die gesandt werden, die in der Nachwelt zugrunde gegangen waren. Und dort w�rde er bleiben und warten, im Limbus, ein Jahr vielleicht, eintausend Jahre, vielleicht eine halbe Ewigkeit, man konnte es nie vorhersagen, bis es wieder soweit war, da� er einen atmenden K�rper zugeteilt erhielt und in das nachweltliche Totenleben entlassen wurde.</p><p>�Wo soll ich ihn suchen? Ihn finden?� fragte Gilgamesch, ganz benommen von Trennungsweh.</p><p>Und eine Stimme gab Antwort: �Du mu�t ihn suchen in Uruk, der an Sch�tzen reichen Stadt!�</p><p>Gilgamesch sch�ttelte heftig den Kopf. �Es gibt kein Uruk!�</p><p>�Nein? Bist du sicher, K�nig Gilgamesch? Wurde dir das an Wissen offenbart?�</p><p>�Aber��</p><p>Er schaute. Und sah. Und die Schleier �ber seiner Erinnerung verzogen sich.</p><p><emphasis>Uruk!</emphasis></p><p>Da lag es, schimmernd �ber einer weiten dunklen Ebene, eine wei�e Stadt, strahlend wie ein Juwel. Da war die Stufenplattform mit den Tempeln, die heiligen Geb�ude, die Prozessionsstra�en. Uruk. Nicht das Uruk, in dem er geboren wurde, K�nig war und starb, sondern jenes zweite Uruk, Neu-Uruk, das der Nachwelt, dieses gro�e Uruk, das er�</p><p>- gegr�ndet hatte�</p><p>- hundert Jahre lang regierte, oder waren es tausend�</p><p>- er�� <emphasis>er,</emphasis> ein K�nig in der Nachwelt�</p><p>Er erblickte sich selbst auf dem Thron. Umringt von Hofbeamten, Bittsteller mit Gesuchen, Abgesandte aus anderen F�rstent�mern der Nachwelt. Er sah sich Edikte erlassen, Pl�ne begutachten, die Feldherrn seiner siegreichen Armeen begr��en. Sah sich als K�nig in der Nachwelt wie in der Welt vor dieser. Sah und erkannte, da� es eine wahre Vision sei.</p><p>Die Erkenntnis brach �ber ihn herein wie ein Sturzbach und wusch alle eingebildeten Gewi�heiten fort, nach denen er sein Leben so lange eingerichtet hatte. Wie hatte er glauben k�nnen, er sei ausgenommen von der allgemeinen Regel, da� in der Nachwelt die Helden die M�hsal und K�mpfe ihres Lebens wiederholen m�ssen? Wie konnte er sich so t�uschen und glauben, er und Enkidu h�tten w�hrend ihrer vielen tausend Jahre in der Nachwelt weiter nichts getan, als umherzustreifen, zu jagen, weiterzuwandern und sich hochn�sig einen Dreck um die Ehrsucht zu k�mmern, die in allen anderen gluthei� zu brennen schien? Nat�rlich hatte er auch in der Nachwelt nach Herrschaft gestrebt. Nat�rlich hatte er auch hier einst Anh�nger um sich geschart, hatte eine Stadt erbaut und sie pr�chtig gemacht und gut gesichert gegen alle Angreifer. Wie h�tte es auch anders sein k�nnen? War er denn nicht der K�nig Gilgamesch?</p><p>Und dann� dann�</p><p>Dann das alles zu vergessen�</p><p>Er verstand nun. In der Nachwelt war niemals Verla� auf Erinnerung. Wie oft hatte er das schon gesehen! Ganze Jahrhunderte konnten in einem fl�chtigen Augenblick zusammenfallen und waren vergessen. Ganze Reiche konnten entstehen und bl�hen und ohne Erinnerung untergehen. Hier gab es keine Geschichte. Es gab auch wirklich keine Vergangenheit, sondern nur einen Brei aus zusammenhanglosen Ereignissen, und es gab auch keine Zukunft; und auch kaum eine Gegenwart.</p><p>In der Nachwelt war alles Fluktuation und Ver�nderung, obgleich sich unter dem oberfl�chlichen Schein nie etwas wirklich ver�nderte. Gilgamesch hatte ehrlichen Herzens geglaubt, die Zeit h�tte die Lust an der Macht in ihm erl�schen lassen. Vielleicht war es ja so. Aber es war ihm jetzt nicht mehr m�glich, all das zu leugnen, was er so lange auch vor sich selber hatte verbergen k�nnen. Nun wu�te er, warum alle diese kleinen Leute hier in der Nachwelt so versessen waren auf Verschw�rungen und Revolutionen und die sonstigen Machttrips. Was au�er solchem Streben konnte einen sonst davor bewahren, in dieser Ewigkeit verr�ckt zu werden? Aber er hatte das hinter sich gelassen, hatte er jedenfalls geglaubt. Vielleicht. Vielleicht. Doch vielleicht war er auch noch nicht v�llig dar�ber hinausgewachsen.</p><p>Und so stand er, benommen und staunend, mitten im Wirbel von Calandolas Orgie. In ihm loderte die verbotene Speise, die ihm die Augen ge�ffnet hatte.</p><p>Enkidu war erneut gestorben. Uruk Wirklichkeit geworden. Er selbst noch nicht g�nzlich gefeit gegen die Gier nach Macht.</p><p>Nun habe ich also die Erkenntnis, dachte Gilgamesch.</p><p>Er sank auf die Knie, bedeckte das Gesicht mit den H�nden, und schwere Seufzer der Trauer und Bek�mmernis schossen ihm durch den Leib. Aber ob er um Enkidu trauerte�� oder um sich selbst, das h�tte er nicht sagen k�nnen.</p><empty-line/><p>�So bald schon?� fragte Simon. �Wozu deine Eile? Wir ben�tigen Zeit, um alles richtig zu planen.�</p><p>�Ich gedenke, in sp�testens f�nf Tagen, oder eher, nach Uruk aufzubrechen�, sagte Gilgamesch. �Du magst mit mir ziehen oder nicht, wie es dir gef�llt. Ich habe meinen Bogen. Ich habe meinen Hund. Ich bin es durchaus gewohnt, allein durch die Wildnis zu ziehen.�</p><p>Simon wirkte verwundert. �Noch vor ein, zwei Tagen hatte ich den Eindruck, es sei h�chst zweifelhaft, ob du �berhaupt nach Uruk ziehen willst. Es sah nicht einmal so aus, als glaubtest du daran, da� es diese Stadt gibt. Und nun�� nun kannst du es kaum erwarten aufzubrechen. Was hat dich denn so pl�tzlich umgestimmt?�</p><p>�Spielt das eine Rolle?� fragte Gilgamesch.</p><p>�Es ist wegen deinem Freund, wegen Enkidu, ja? Irgendeiner von unseren Zauberern hat dir geweissagt, da� er in Uruk auf dich wartet. Habe ich recht?�</p><p>�Enkidu ist tot.�</p><p>�Aber seine Wiedererweckung findet in Uruk statt. Und bis du dort ankommst, ist er dort und wartet auf dich? Richtig?�</p><p>�Es k�nnte so sein.�</p><p>�Dann besteht kein Grund zur Eile. Er wird dort warten, bis du kommst. Wann immer das sein mag. Entspanne dich, Gilgamesch. Wir wollen die Sache doch anst�ndig organisieren. Mit ausgesuchten M�nnern, vern�nftiger Ausr�stung, die Landrover m�ssen gr�ndlich durchgecheckt werden��</p><p>�Dann mach du das alles, bitte. Ich habe nicht vor, hier l�nger herumzuwarten.�</p><p>Simon seufzte. �Hast. �berst�rzung. Einfach lospreschen, ohne es vorher einen Moment lang zu durchdenken! Das ist nicht meine Art. Und ich h�tte es auch nicht von dir gedacht. Ich glaubte, du bist anders als alle die �brigen hirnlosen Helden.�</p><p>�Das glaubte ich auch�, entgegnete Gilgamesch.</p><p>�Zehn Tage?� sagte Simon.</p><p>�F�nf!�</p><p>�Hab Erbarmen, Gilgamesch! Fr�hestens in acht Tagen. Ich habe hier Verpflichtungen. Ich mu� einen Gesch�ftsplan f�r meinen Vizek�nig aufstellen. Und es gibt Erlasse zu unterzeichnen. Requirierungen anzuordnen��</p><p>�Also gut, acht Tage�, sagte Gilgamesch. �Keine neun!�</p><p>�Acht Tage�, sagte Simon.</p><p>Gilgamesch nickte und ging. An der T�r im Vorzimmer kauerte Herodes, der wahrscheinlich gelauscht hatte. Nein, der ziemlich sicher gelauscht hatte. Er hob den Blick, schaute aber Gilgamesch nicht in die Augen. Seit ihrem letzten Besuch in Calandolas H�hle war Herodes zur�ckhaltender geworden, scheu, in sich gekehrt, als k�nne er die Erinnerung an das erschreckende Ritual nicht ertragen, in das er Gilgamesch verf�hrt hatte.</p><p>�Du hast es geh�rt?� fragte Gilgamesch.</p><p>�Was geh�rt?�</p><p>�In acht Tagen brechen wir nach Uruk auf, Simon und ich.�</p><p>�Ja. Ich wei�.�</p><p>�Und du wirst Vizek�nig, glaube ich. Das tut mir leid f�r dich.�</p><p>�Nicht n�tig.�</p><p>�Aber du wolltest doch das nicht.�</p><p>�Nein, ich wollte nicht Vizek�nig werden. Aber das werde ich auch gar nicht. Es gibt also kein Problem.�</p><p>�Ja, wenn nicht du, wer denn dann?�</p><p>Herodes zuckte die Achseln. �Ich habe keine Ahnung. Von mir aus Calandola.� Z�gernd streckte er die Hand nach Gilgamesch aus, unsicher, ber�hrte ihn beinahe am Arm. �La� mich mit dir gehen!� sagte er hastig.</p><p>�Was?�</p><p>�Nach Uruk. Ich kann nicht l�nger hier bleiben. Ich gehe mit dir. �berallhin.�</p><p>�Sprichst du im Ernst?�</p><p>�Es ist mir so ernst wie noch nichts in meinem Leben.�</p><p>Gilgamesch betrachtete den kleinen Mann eindringlich und lange. Ja, er schien es wirklich ehrlich zu meinen. War anscheinend ehrlich willens, die Annehmlichkeiten und schalen Gruselschauder in Brasil aufzugeben, um auf gut Gl�ck durch das Hinterland der Nachwelt zu streifen? Doch, ja, er schien es wirklich und wahrhaftig zu w�nschen. Vielleicht hatte ihn das Erlebnis in der H�hle tief unter der Stadt ver�ndert. Es war ja auch schwer vorstellbar, da� einer so etwas mitmachte und unver�ndert daraus hervorging. Doch vielleicht lag die Wahrheit ganz woanders, und der kl�gliche kleine Herodes hatte sich blo� wieder in eine neue Klammerbindung verstiegen, die er nicht durchbrechen konnte.</p><p>�Nimm mich mit dir�, sagte Herodes noch einmal.</p><p>�Es wird eine anstrengende Tour, Herodes. Du hast dich hier an ein leichtes bequemes Leben gew�hnt.�</p><p>�Ich kann mich auch an etwas anderes gew�hnen. La� mich mit dir gehen.�</p><p>�Ich halte das nicht f�r gut.�</p><p>�Du brauchst mich, Gilgamesch.�</p><p>Gilgamesch hatte M�he, dar�ber nicht laut zu lachen. �Ich brauche dich?�</p><p>�Du wirst wieder K�nig sein, wenn du in Uruk ankommst, nicht? Du wirst es sein wollen. Du kannst es vor mir nicht verheimlichen, Gilgamesch. Ich war bei dir, als du die Erkenntnis empfingst. Und ich habe sie ebenfalls empfangen.�</p><p>�Und falls ich wirklich wieder K�nig werde?�</p><p>�Dann brauchst du einen Narren�, sagte Herodes. �Jeder K�nig braucht einen Hofnarren. Auch ich hatte einen, als ich ein K�nig war. Doch irgendwie finde ich, da� ich mich f�r die Rolle des Narren besser eigne. Nimm mich mit. Ich mag nicht hier in Brasil bleiben. Und ich will nicht noch einmal in Calandolas H�hle hinabsteigen. Es w�re m�glich, dort noch einmal an einem Festschmaus teilzunehmen. Oder ich w�rde vielleicht <emphasis>selbst</emphasis> als Essen im Kessel landen dort unten. Willst du mich nicht mit dir gehen lassen, Gilgamesch?�</p><p>Gilgamesch z�gerte, zog die Brauen zusammen. Schwieg.</p><p>�Warum nicht?� dr�ngte Herodes. �Warum?�</p><p>�Tja�, sagte Gilgamesch. �Warum nicht?� Sein eigener Lieblingsausspruch wehte ihn hier wieder an. Dieses gro�e <emphasis>Warum nicht?</emphasis> der nicht endenwollenden Nachwelt.</p><p>�Und? Wirst du?� fragte Herodes.</p><p>�Tja�, sagte Gilgamesch noch einmal. Die Vorstellung war nicht ganz ohne Reiz, fand er. Seit dem Aufenthalt in Calandolas H�hle hatte er den kleinen Hebr�erk�nig eigentlich irgendwie liebgewonnen. Sicher, er steckte voll Schw�chen, aber da war auch diese starke Menschlichkeit und Toleranz. Und Herodes war intelligent und zugleich klug, eine gute, nicht �berm��ig verbreitete Mischung. Er konnte ein anregender Gef�hrte werden, wenn er nicht gerade s�uselte und quasselte. H�chstwahrscheinlich ein besserer Weggef�hrte als dieser alte Weins�ufer Simon. Und m�glicherweise w�rde Herodes ja nicht derma�en viel schnattern und summen und quatschen, wenn sie erst einmal drau�en im Outback durch die rauhe Wildnis z�gen. Es war eigentlich gar nicht so unsinnig. Doch. Ja. Gilgamesch l�chelte und nickte zustimmend.</p><p>�Warum nicht, Herodes? Warum nicht?�</p></section><section><title><p>12</p></title><p>Braun und Gelb schien sich die westliche Schotterw�ste der Nachwelt Millionen Meilen weit vor Gilgamesch und seinen Reisegef�hrten zu dehnen, �ber den Horizont hinaus und zu beiden Seiten bis in den Himmel. Vielleicht war das ja wirklich so. Die enge br�ckelige Landstra�e, auf der sie dahinzogen, schien hinter ihnen zu verschwinden, sobald sie ein St�ck weiterfuhren, als verschluckten hinter ihnen gierige D�monen die br�chigen Pflastersteine, und vor ihnen schien die Stra�e in mehrere verschiedene Richtungen gleichzeitig zu f�hren.</p><p>�� aber zweifellos wirst du mir doch zustimmen, Gilgamesch�, sagte Simon der Magier, �da� es besser ist, in der Nachwelt ein Herrscher zu sein, als Sklavendienste zu tun.�</p><p>�Ich f�rchte, du zitierst nicht ganz korrekt�, erwiderte Gilgamesch ruhig. �Aber das macht nichts. Wir haben in unserem Diskurs den Faden verloren, sofern es da je einen gab. Habe ich mich �ber dich lustig gemacht? Sch�n, wenn ja, dann ersuche ich dich, mir zu vergeben, Simon. Ich tat es nicht absichtlich.�</p><p>�Geredet wie ein K�nig. Es gibt keine Rank�ne zwischen uns. Magst du noch einen Schluck Wein?�</p><p>�Ja, warum nicht?� sagte Gilgamesch.</p><p>Tag und Nacht war die Karawane ohne Unterbrechung �ber das �de unfruchtbare Land dahingerollt. Die K�ste �ber der Inselstadt Brasil hinauf, in der Hoffnung, eine Stadt zu entdecken, deren Existenz bislang nur blo�e Vermutung und Spekulation war.</p><p>Gilgamesch trank schweigend. Der Wein war in Ordnung. Er hatte schon �bleres getrunken. Doch nach tausenden Jahren konnte er sich noch immer lustvoll an den Geschmack des s��en kr�ftigen Weins und des dicken sch�umenden Biers im Sumer-Land erinnern. Ach, besonders der Wein! Wie viele Kr�ge dieses dunklen purpurnen Getr�nks hatte er gemeinsam mit Enkidu in ihrem alten Leben geleert! Wahrlich, der Wein erhob des Mannes Seele und Herz. Doch hier in der Nachwelt war wenig Gelegenheit zur Erhebung, und der Wein brachte nur fl�chtige Freude. Ein kurzes Prickeln auf der Zunge, und dann war es vorbei. Aber hier erwartete man ja auch nicht mehr. Einst, anfangs hatte er das anders gesehen. Er hatte geglaubt, hier sei eine Art zweites Leben, in dem man echte Leistung erringen, wirkliche Ziele durchsetzen konnte, echte Lust erfahren, gro�e Reiche gr�nden konnte. Nun ja, es war ein Sekund�rleben, ein �ber-Leben, das war nicht zu bezweifeln. Aber der Wein, der hatte hier nur einen sehr blassen Geschmack. Genau wie die Leiber der Frauen oder ein warmes duftendes St�ck Bratenfleisch. Hier war nicht der Ort, an dem echte Freude, wirklicher Genu� zu finden war, wie er sie in Erinnerung hatte. Hier lebte man einfach weiter und weiter und weiter. Diese Nachwelt war in sich selber sinnlos, und deshalb war auch jegliches Streben hier sinnlos. Zu diesem k�hlen, trostlosen Schlu� war Gilgamesch schon vor langer Zeit gekommen. Und er fand es reichlich verwirrend, da� so wenige dieser gro�en Heroen, dieser Sultane, Kaiser und Pharaonen und wie sie sonst hie�en, w�hrend ihrer langen Aufenthaltsdauer hier diese Wahrheit nicht begriffen hatten.</p><p>Er wackelte mit dem Kopf, um diese Gedanken, die nicht mehr zu ihm passen wollten, wegzusch�ttein. Er hatte kein Recht mehr, den Ehrgeiz anderer M�nner verachtungsw�rdig zu finden, seitdem er durch die H�nde Imbe Calandolas in Brasil das Wissen empfangen hatte.</p><p>Und er erinnerte sich, da� auch er in der Nachwelt mit K�nigtum herumgespielt hatte, sogar er, der ern�chterte und abgekl�rte Gilgamesch. Er hatte an diesem Ort des Chaos nach Macht gestrebt, und er hatte sie gewonnen, und hatte eine gro�e Stadt gegr�ndet und daselbst in gro�er Herrlichkeit geherrscht. Und dann hatte er das alles vergessen und war brav und fromm durch die Nachwelt getrabt und hatte fest und �berzeugt behauptet, da� er �ber derlei irdisches Wunschverlangen hinaus sei.</p><p>Es stand ihm schlecht an, andere f�r ihren Ehrgeiz und ihren Stolz auf Errungenschaften zu schm�hen. Er hatte einfach vergessen, da� er auch so war, da lag der Fehler. In der Nachwelt konnte einer alles vergessen. Das verstand er nun. Erinnerung war hier etwas Zuf�lliges. Ganze Erlebnissegmente versackten einfach, tausend Jahre turbulente Geschehnisse. Um dann unerwartet wiederzukommen und einen Mann in tiefste Seelenwiderspr�che zu verstricken.</p><p>Gilgamesch fragte sich, ob die fiebernde Machtgier, die er derart ver�chtlich gefunden hatte, ihn nicht �ber kurz oder lang erneut packen w�rde. Die Nachwelt konnte einem geschickt gegens�tzliche Feuer in der Brust entfachen, das wu�te er: Wovon einer zutiefst �berzeugt war, da� er so etwas nie tun w�rde, dabei ertappte man sich hier dann mit hoher Wahrscheinlichkeit.</p><p>�Nun <emphasis>sieh</emphasis> dir blo� diese Gegend an!� murrte Simon. �Es wird immer scheu�licher. Immer schlimmer!�</p><p>�Ja�, antwortete Gilgamesch. �Wir sind an den Rand des Nichts gelangt.�</p><p>Anfangs hatte die Expeditionskarawane aus sieben Gel�ndefahrzeugen bestanden�� Simons vergoldetem kugelsicheren Palankin; zwei weniger prunkvollen S�nften f�r Gilgamesch und Herodes; und vier weiteren Vehikeln f�r das Gep�ck und die Sklaven. Doch am dritten Tage war ganz pl�tzlich die Stra�endecke unter den letzten Wagen des Bagagetrosses eingebrochen, und in purpurnen Flammen und mi�t�nendem Geheul unsichtbarer Geister war der letzte Landrover verschluckt worden. Dann, zwei Tage sp�ter, hatte Simons grandiose Motorkutsche pl�tzlich Pestbeulen an der schimmernden Panzerung entwickelt, war wie von scheu�lichen Pockennarben bedeckt, und das Fahrgestell hatte begonnen zu schmelzen und zu zerflie�en, wie wenn es von einer S�ure zerfressen w�rde. Also blieben ihnen nur f�nf Landrover. Simon reiste verstimmt und genervt mit Gilgamesch im vordersten Wagen und tr�stete sich mit gewaltigen Mengen des s��en dunklen Weins.</p><p>Dieses angebliche Uruk, das sie suchten, dachte Gilgamesch, konnte irgendwo im Norden liegen, im S�den, Osten oder Westen. Oder auch ganz woanders. Oder nirgendwo. Vielleicht war Uruk ja �berhaupt nur ein Ger�cht, eine Vision, ein phantastischer Wunschtraum, die Ausgeburt der �berhitzten Einbildung irgendeines L�gners vielleicht, dunstverhangene m�ndliche �berlieferung. Vielleicht w�rden sie hundert Jahre danach suchen, oder tausend, und es niemals finden.</p><p>Also war diese Queste m�glicherweise ein t�richtes Unternehmen. Doch nicht zu suchen, das w�re wohl ebenso beschr�nkt und dumm. Selbst f�r den Fall, da� Uruk nur ein Trugbild und Traum war, was w�rden sie schon verlieren, wenn sie danach suchten! �Zeit ist Geld�, hatte einst jemand Gilgamesch gesagt�� dieser seltsame alte Knabe Ben Franklin? Oder Sennacgerib aus Assyrien? <emphasis>Time is Money?</emphasis> Ganz falsch, dachte Gilgamesch. In der Nachwelt ist Zeit nichts wert, gar nichts. Und wenn ich auch nur die kleinste Chance habe, auf diese Weise Enkidu zu finden�� und Simon die Juwelen, nach denen er lechzt��, sch�n, warum denn dann nicht? Die einzigen Alternativen dazu w�ren Nichtstun, Stagnation, Hoffnungslosigkeit. Und schlimmstenfalls w�rden sie eine Entt�uschung erfahren; aber wenn man gar nichts tut, kann man nicht damit rechnen, je irgend etwas zu erreichen.</p><p>Simon rutschte unruhig auf seinem Sitz neben Gilgamesch hin und her und sagte besorgt: �Ich glaubte, wir w�rden durch ein Gel�nde voller Marschen und Seen ziehen, nicht durch eine W�ste. Das da sieht aber ganz und gar nicht so aus wie auf der Landkarte, die der Karthager mir verkauft hat.�</p><p>Gilgamesch zuckte die Achseln. �Warum sollte es denn? Diese Karte war ein Traum, Simon. Diese W�ste ist ein Traum. Und die Stadt, nach der wir suchen, ist wahrscheinlich ebenfalls nur ein Traum.�</p><p>�Aber wieso hattest du es dann so eilig, von Brasil aufzubrechen?�</p><p>�Auch wenn es nicht existieren sollte, ist das kein Grund, nicht danach zu suchen�, erwiderte Gilgamesch. �Und sobald wir uns einmal f�r die Queste entschieden haben, ist es einfach besser, je fr�her wir damit beginnen, statt es hinauszuschieben.�</p><p>�Kein R�mer w�rde solch einen Unsinn reden, Gilgamesch.�</p><p>�M�glich. Aber ich bin kein R�mer.�</p><p>�Manchmal habe ich so meine Zweifel, ob du �berhaupt ein menschliches Wesen bist.�</p><p>�Ich bin eine arme verdammte Seele, genau wie du.�</p><p>Simon schniefte ver�chtlich und reichte einem Sklaven eine neue Flasche Wein zum Entkorken. �H�rt euch den an! Eine arme verdammte Seele, sagt er! Seit wann glaubst du denn an Gericht und Verdammung und dieses ganze hohle Blech der Sp�t-Toten? Und willst du mich etwa t�uschen mit diesem schniefenden Selbstmitleid? Eine arme verdammte Seele! Welche arrogante Heuchelei! Du k�nntest nicht einmal �berzeugend zerknirscht sein, wenn dein Leben davon abhinge! Oder dich ernstlich selber auch nur eine halbe Minute lang bemitleiden! Du bist daf�r einfach zu verdammt vornehm!� Damit ergriff Simon die ge�ffnete Flasche, trank einen tiefen bed�chtigen Schluck und nickte, dann r�lpste er und bot Gilgamesch die Flasche an. Dieser trank gleichg�ltig, ohne den Geschmack des Getr�nks richtig zu bemerken.</p><p>�Aber ich meinte es wirklich ganz im Ernst�, sagte er nach einiger Zeit. �Wir alle hier an diesem Ort sind Verdammte, auch wenn das wohl jeweils f�r verschiedene Leute etwas ganz Verschiedenes bedeutet. Und arm sind wir alle, ungeachtet der Truhen voller Sch�tze, die wir horten, denn hier ist alles D�monenwerk und Truggold, ohne Substanz und Gehalt, und nur ein Narr sieht das nicht ein.�</p><p>Simons fleischiges Gesicht wurde dunkelrot, und die Flecken und Schwellungen traten deutlicher und zornig hervor. �Mach dich nicht lustig �ber mich, Gilgamesch. Ich bin durchaus willens, mir eine Menge von deiner �berheblichkeit gefallen zu lassen, weil ich wei�, da� du zu deiner Zeit etwas ganze Besonderes gewesen bist, und weil du viele Eigenschaften besitzt, die ich bewundere. Aber treib keinen Spott mit mir! Und behandle mich nicht so von oben herab!�</p><p>�Tu ich das denn, Simon?�</p><p>�Unabl�ssig. Du �berheblicher aufgeblasener sumerischer Bastard!�</p><p>�Wieso verspotte ich dich, indem ich dir sage, ich nehme die Tatsache hin, da� die launischen G�tter mich mit einem Fingerschnippen an diesen Ort hier geschickt haben�� ebenso wie dich oder Herodes oder jedermann, der jemals auf Erden atmete? Wieso verspotte ich dich, wenn ich zugebe, da� ich nichts weiter bin und niemals etwas anderes war als ein Spielzeug in ihrer Hand�� genau wie du?�</p><p>�Du, Gilgamesch? Ein Spielzeug in der Hand der G�tter?�</p><p>�Du glaubst also, da� wir hier einen freien Willen haben?�</p><p>�Nur ein Schwachkopf k�nnte etwas anderes glauben. Versteh doch, Gilgamesch, es gibt nun einmal Herrschertypen und Sklavennaturen�, sagte Simon. �Auch hier in der sp�ten Nachwelt wohne ich in einem mit Rubinen und Smaragden geschm�ckten Palast und habe Hunderte von Dienern, die mir das Badewasser bereiten, meine Karossen fahren und mir das Mahl zurichten. Und es ist ein verdammt viel angenehmeres Leben als das, was ich in Samaria hatte, oder sogar in Rom. Ich bin hier�� wie seinerzeit in der anderen Welt�� eine F�hrerpers�nlichkeit f�r die Leute. Dr�ben hatte ich eine Sektengemeinde, hier herrsche ich �ber eine reiche Insel. Blo�er Zufall? Oder freier Wille, Gilgamesch?�� Nein! Weil ich es so m�chte. Weil ich mich so entschieden und hartn�ckig und ehrlich darum bem�ht habe.�</p><p>�Die Speisen, die du verzehrst, schmecken sie dir?�</p><p>�Man sagt mir nach, da� ich die feinste Tafel dieser ganzen Nachweltregion f�hre.�</p><p>�Die feinste, zweifellos. Aber genie�t du, schmeckt es dir, was du i�t? Oder ist nicht das Feinste nur eine winzige Spanne von vulg�rer Gemeinheit entfernt, Simon?�</p><p>�Jupiter und Isis, Mann! Sei doch kein Esel! Das hier ist das Leben nach dem Leben! Wir sind allesamt <emphasis>tot,</emphasis> Gilgamesch. Wer erwartet denn da schon, da� das Essen besonders gut schmeckt!�</p><p>�Tot? Aber das ist doch nur ein Wort. Wir sind gestorben; und aus irgendwelchen, nur den G�ttern plausiblen Gr�nden leben wir erneut. Wir atmen, wir haben Hunger, wir f�hlen Schmerz, wir empfinden Hitze oder K�lte, N�sse und trockene Geborgenheit. Das hier ist kein gespenstisches Schattendasein, in dem wir stecken. Es ist von anderer Art als unser vorheriges Leben, doch es ist ein ganz eigenes Leben. Und kein sehr angenehmes.�</p><p>�Vielleicht nicht f�r dich, Gilgamesch. Sicher, es gibt da gewisse Nachteile und nicht gerade ideale Besonderheiten. Aber dennoch, ich nutze meine M�glichkeiten, so gut es geht. Wie das jeder leidlich intelligente Mensch tun w�rde.�</p><p>�Richtig�, erwiderte Gilgamesch bei�end. �Wie du so hartn�ckig betonst, besitzt du ja einen freien Willen. Verw�ssert nur durch ein paar belanglose Unannehmlichkeiten.�</p><p>�Die Nachteile dieses Ortes hier haben mit dem Problem der freien Willensentscheidung keinen D�monenfurz zu tun; im �brigen ist es eine t�richte Streitfrage, ein Haufen pfeifende Luft, ausgedacht von Sp�ter Toten, die nichts zu tun hatten. Wieso sind manche M�nner hier K�nige und andere Sklaven, au�er deshalb, weil wir uns unser Schicksal selbst schmieden?�</p><p>�Wir haben dar�ber bereits debattiert, glaube ich�, sagte Gilgamesch achselzuckend. Er wendete sich ab und blickte starr ins Land hinaus.</p><p>Zu beiden Seiten ragten �ble zerkl�ftete Kliffs auf wie schartige Z�hne. Die Luft hatte die F�rbung von Dung angenommen. Der Boden zitterte wie eine �ber einen windigen Abgrund gespannte Decke. Ab und zu platzten gasartige schwarze Blasen auf. Alles schien zitternd in gespannter Bewegung. Ein blutfarbener Regen hatte eingesetzt, doch wie es hier oft geschah, kein Tropfen erreichte den ausged�rrten Boden. Magere hunde�hnliche Tiere, die ganz aus M�ulern und Rei�z�hnen und Augen zu bestehen schienen, rannten neben der Stra�e her und sprangen hoch und jaulten und kl�fften. In weiter Ferne erblickte Gilgamesch einen dunklen See, der auf die Seite gekippt zu sein schien. Die Stra�e vor ihnen verlief in irren Windungen zugleich nach rechts und links, ohne sich zu gabeln, und nun sah es so aus, als kr�mmte sie sich in den Himmel hinauf. Eine Teufelsstra�e, dachte Gilgamesch, angelegt, um die zu qu�len, die sie befahren. Ein Land der D�monen.</p><p>�Die Karte des Karthagers�� sagte Simon.</p><p>�War der reine Schwindel und Betrug�, warf Gilgamesch ein. �Sie wurde unter deinen H�nden ganz leer, nicht wahr? Damit solltest du nur reingelegt werden. Vergi� die Karte, Simon. Wir sind, wo wir sind.�</p><p>�Und wo ist das?�</p><p>Gilgamesch breitete die H�nde aus, beugte sich vor und versuchte mit zusammengekniffenen Augen eine Orientierung zu finden.</p><p>Doch da drau�en war alles nur verwirrend und widerw�rtig. Und er begriff, es war t�richt, wenn er versuchte, es zu begreifen.</p><p>In der Nachwelt durfte man niemals hoffen, Entfernungen oder r�umliche Bez�ge zu verstehen, oder den Ablauf der Zeit, die Ausma�e von Dingen�� oder sonst etwas. Wenn einer weise war, nahm er alles so hin, wie es kam, und stellte keine Fragen. Das, dachte er, war das Grundprinzip in der Nachwelt, die alles andere hier bestimmende Haupteigenschaft der Nachwelt. <emphasis>Man nimmt es, wie es kommt.</emphasis> Und was immer Simon Magus behauptete: Keiner war hier der Schmied seines eigenen Geschicks. Wer so etwas glaubte, betrog sich nur selbst.</p><p>Pl�tzlich verschwand drau�en der ganze Wahnsinn, wie von einer Hand weggewischt. Aus Rissen im Boden wuchs dicker grauer Dunst herauf und klebte wie ein Baumwolltuch �ber allem und h�llte alles in dichte D�sternis. Der Landrover bockte und hielt an. Der nachfolgende, in dem Herodes aus Jud�a sa�, konnte nicht so rasch halten und krachte dr�hnend gegen das Heck des vorderen Wagens.</p><p>Dann griffen unsichtbare H�nde nach Simons Karosse und begannen sie auf und nieder zu schaukeln.</p><p>�Was ist denn jetzt schon wieder?� grunzte Simon. �Sind es D�monen?�</p><p>Gilgamesch hatte bereits seinen Bogen von hinten geholt, den Pfeilk�cher, seinen Bronzedolch.</p><p>�R�uber, glaube ich. Es sieht mir ganz nach einem Hinterhalt aus.�</p><p>Aus dem Dunst tauchten Gesichter auf und sp�hten durch die beschlagenen Fensterscheiben herein. Verwirrt blickte Gilgamesch zu ihnen hinaus. Glattes dunkles Haar, dunkle Augen, br�unliche Haut�� unverkennbar vertraute Gesichtsz�ge�</p><p>Sumerer! M�nner seines eigenen Blutes! Diese Gesichter h�tte er �berall erkannt!</p><p>Eine Meute aufgeregter Sumerer umringte den Zug, sprang herum, r�ttelte an den Sto�stangen, br�llte!</p><p>Simon, entflammt von Zorn und trunkener Tollk�hnheit, zog sein r�misches Kurzschwert und fummelte am T�rgriff herum.</p><p>�Warte!� sagte Gilgamesch, packte ihn am Ellbogen und zog ihn zur�ck. �Bevor du uns in ein Gemetzel st�rzt, la� mich erst mal mit den M�nnern reden. Ich glaube, ich wei�, wer sie sind. Und ich glaube, wir wurden soeben von der Grenzpolizei der Stadt Uruk angehalten.�</p><empty-line/><p>In einem weitr�umigen dumpfigen Kellerraum in der Stra�e der Gerber und F�rber sa� der Mann, der sich Ruiz nannte, unter knisternden, spuckenden Flutlampen an seiner Staffelei und arbeitete unentwegt in der totenstillen Nacht weiter. Sein Oberk�rper war nackt. Er war ein untersetzter, kr�ftiger Mann, �ber seine Lebensmitte hinaus, mit tiefliegenden durchdringenden Augen und einem runden Sch�del, den nur noch ein wei�er Haarkranz zierte.</p><p>Die Arbeit ging beinahe gut voran. Beinahe. Doch es war schwer, verdammt schwer. Er konnte sich nicht daran gew�hnen, wie schwer ihm die Arbeit fiel. Droben war es immer ganz leicht gewesen, so nat�rlich wie das Atmen. Aber hier tauchten nervende Komplikationen auf, wie er sie im fr�heren Leben nicht gekannt hatte.</p><p>Er betrachtete angestrengt die vor ihm stehende Frau, dann die halb vollendete Leinwand, dann wieder die Frau. Er lie� ihre Eigent�mlichkeit in sein Bewu�tsein eindringen und sich dort ausbreiten und schwellen, bis sie seine Seele ganz erf�llten.</p><p>Was war sie f�r ein prachtvolles Gesch�pf! Siehst du, wie sie da steht, wie eine Priesterin, wie eine K�nigin, wie eine G�ttin!</p><p>Er wu�te nicht einmal ihren Namen. Sie war eine von diesen uralten Frauen, von der die Stadt �bervoll war, eine von diesen Babyloniem, Assyrern oder Sumerern, wie sie leicht direkt einem der alten Sandsteinreliefs aus Ninive gestiegen sein konnten, die sie im Louvre hatten. Schimmernde dunkle Augen, starke edle Nase, schimmerndes schwarzes Haar, im Nacken unter einem zierlichen Silberkr�nchen mit Karneolen und Lapislazuli zusammengerafft. Die Frau trug ein prachtvolles Kleid, scharlachroter Stoff, von Silberf�den durchwirkt, an der Schulter mit einer langen geschwungenen Goldagraffe gehalten. Es fiel dem Mann, der seinen Namen als Ruiz angab, nicht schwer, sich vorzustellen, was sich unter der Robe verbarg, und wahrscheinlich w�rde sie, wenn er darum bat, die H�lle nur zu bereitwillig abstreifen. Vielleicht w�rde er sie bitten� Sp�ter. Jetzt aber brauchte er den Stoff f�r sein Bild. Die stark gemei�elten Linien waren wesentlich. Sie trugen dazu bei, der Frau diesen wundersam vorzeitlichen Ausdruck zu geben. Sie war Aphrodite, Eva, Ishtar, Mutter und Hure in einem, eine G�ttin, eine K�nigin.</p><p>Sie war grandios! Aber das Bild� das Bild�</p><p><emphasis>Mierda!</emphasis> Es ging schief, wie alle die anderen.</p><p>Zorn und Verzweiflung w�hlten in ihm. Er konnte nicht abbrechen�� er w�rde weitermachen, bis er schlie�lich ein Bild richtig hinbekam��, aber es war eine unabl�ssige Qual f�r ihn, diese ungewohnten Fehlschl�ge, diese best�rzende Unf�higkeit, sich zum Herrn �ber die eigene Vision zu machen, wie ihm dies so triumphal in den �ber neunzig Jahren seines fr�heren Lebens gelungen war.</p><p>�berall im Raum stapelten sich Bilder, mitten zwischen gr��lichem Tr�del, zerkn�llten Hemden, schmutzigen Tellern, zerfetzten Hosen, alten Socken, wachsbetrauften Kerzenleuchtern, geleerten Weinflaschen, fortgeschleuderten Sandalen, Teilen verrosteter Maschinen, Treibholztr�mmern, Scherben von Tongef��en, ausgebleichten Decken, �berquellenden Aschenbechern, Werkzeug, Pinseln, Gitarren ohne Saiten, Farbtiegeln, gebleichten Knochen, ausgestopften Tieren, Zeitungen, B�chern, Zeitschriften. Er malte die ganze Nacht hindurch, jede Nacht, und inzwischen�� auch wenn er seine Arbeiten meistens wieder vernichtete, indem er die Leinw�nde neu bemalte�� hatte er gen�gend St�cke zusammengebracht, um ein halbes Museum zu f�llen. Aber es war alles falsch, alles, wertlos, Abfall. Schales, nutzloses Zeug, Imitationen seiner selbst, ja sogar Selbstparodien. Worin lag ein Sinn, wenn er die Harlekine und Gaukler noch einmal malte, oder die drei Musikanten? Das hatte er doch alles bereits geschaffen. Sich selbst wiederholen zu m�ssen, das war schlimmer als der Tod. Das M�dchen vor dem Spiegel? Die kubistischen Sachen? Die Demoiselles? Auch wenn sein jetziges neues Leben ewig w�hren sollte, was f�r eine Verschwendung, es damit hinzubringen, da� er sich mit Problemen herumschlug, die er l�ngst gel�st hatte! Aber anscheinend konnte er nicht anders. Es war ihm fast, als liege ein Fluch auf ihm.</p><p>Aber dieses neue Modell�� diese mesopotamische G�ttin mit den funkelnden Augen�� vielleicht w�rde sie ihn inspirieren und das Bild w�rde diesmal endlich gelingen.</p><p>Der Ansatz war k�hn gewesen. Vertrau deinen Augen, vertrau deiner Hand, vertrau auf deine <emphasis>cojones,</emphasis> und male einfach, was du siehst. Sch�n. Sie posierte wie ein Berufsmodell, stolz und aufrecht, ohne die geringste Verlegenheit. Eine sch�ne Frau, etwa vierzig, in voller Reife. Er arbeitete mit der vollen fr�heren Sicherheit, er dachte, da� er vielleicht diesmal die Sache im Griff behalten w�rde, da� er vielleicht diesmal etwas wirklich Neues schaffen k�nnte, anstatt sich zu wiederholen. Ihre mythische Gro�artigkeit einfangen, diese urzeithafte weibliche G�ttlichkeit dieser Frau aus Sumer oder Babylon, oder woher sie stammen mochte.</p><p>Doch das Bild ver�nderte sich ihm unter der Hand wie dies immer der Fall war. Als h�tte ein D�mon sich des Pinsels bem�chtigt. Er m�hte sich zu malen, was er sah, und es wurde wieder nur kubistisch, lauter Fl�chen und Kanten, dieses sinnwidrige Zeug, das zu malen er schon f�nfzig Jahre vor seinem Tod aufgegeben hatte. <emphasis>Mierda! Carajo! Me cago en la mar!</emphasis> Er bi� die Z�hne zusammen und brachte das Bild wieder in den Zustand, den er haben wollte, doch nein, nein, es wurde ganz sanft und glatt und r�tlichblau, Zeug aus seiner Rosa Periode, und wenn er es w�tend �bermalte, bekam das Bild wieder die scharfen Konturen seiner �Demoiselles d�Avignon�.</p><p>Abgestanden, schal und alt. Alt und schal geworden. Alt, alt, alt.</p><p><emphasis>�Me cago en Dios!�</emphasis> sagte er laut.</p><p>�Wie bitte?� fragte die Frau. Die Stimme klang dunkel, r�tselhaft und fremdartig. �Was bedeuten diese Worte?�</p><p>�Es ist Spanisch�, antwortete er. �Wenn ich fluche, fluche ich immer spanisch.� Jetzt sprach er englisch. Fast alle redeten sie so hier, sogar er, der in seinem anderen Leben diese Sprache so merkw�rdig ha�erf�llt verabscheut hatte. Aber man hatte nur die Wahl zwischen Englisch und Altlatein�� und das fand er noch scheu�licher. Es erstaunte ihn, da� er jetzt tats�chlich englisch redete. Aber hier mu�te man eben viele Konzessionen machen. Mit seinen Freunden sprach er noch immer franz�sisch und mit seinen �ltesten Freunden unterhielt er sich in Spanisch oder manchmal katalanisch. Mit Fremden war es dieses Englisch. Aber wenn er fluchte, dann immer spanisch. Immer.</p><p>�Du bist erz�rnt?� fragte sie. �Auf mich?�</p><p>�Nein, nicht auf dich. Ich bin w�tend auf mich selbst. Auf diese Pinsel. Auf den Teufel. Was f�r eine H�lle, diese Nachwelt!�</p><p>�Du bist drollig�, sagte sie.</p><p>�Drollig? Ja, stimmt. Genau das bin ich. Drollig.� Er legte einen Finger auf die Lippen. �La� mich weiterarbeiten. Ich glaube, ich hab�s jetzt.�</p><p>Das tat er dann auch wirklich f�r ein paar kurze Momente. Tief in die Leinwand hineingebeugt, konzentrierte er sich ganz auf seine Arbeit. Er verzog die Stirn, kaute an seiner Zigarette, kratzte sich am Sch�del und malte mit raschen, sicheren Strichen. Die wunderbare Weibsg�ttin wuchs ihm aus der Leinwand entgegen. In ihren Augen gl�hte ein seltsames uraltes Wissen. Doch er war machtlos. Das Bild kippte, es ging wieder schief, es machte sich immer wieder selbst�ndig und entzog sich ihm: Knochen und Z�hne zeigten sich, wo er Stoff und Fleisch haben wollte, und wenn er damit k�mpfte, rutschte es in Neoklassizismus ab, mit schrillen Farben der Sp�tperiode und wieder Anfl�gen von Kubismus, die sich in der linken unteren H�lfte vorzudr�ngen versuchten. Es war ein uns�glicher Mischmasch, das war es, s�mtliche seiner alten Stilrichtungen auf einmal. Dem Bild fehlte jegliches Leben. Ein Anf�nger der Kunstakademie h�tte so etwas malen k�nnen, wenn er genug getrunken hatte. Vielleicht brauchte er einfach ein neues Atelier. Oder Ferien, irgendwo. Aber, �berlegte er, dies geht ja schon so, seit er hierher gekommen war, seit dem Tag�� er z�gerte, die Scheu�lichkeit zu denken�</p><p>� seit dem Tag seines Todes�</p><p>�Also gut�, sagte er. �Genug f�r heute nacht. Du kannst es dir bequem machen. Wie hei�t du?�</p><p>�Ninsun.�</p><p>�Hm. Ein wundervoller Name. Wunderbare Frau. Wunderbarer Name. Du kommst aus Babylon?�</p><p>�Aus Sumer�, sagte sie.</p><p>Er nickte. Da gab es einen Unterschied, aber er hatte vergessen, was es war. Morgen wollte er jemand bitten, es ihm zu erkl�ren. Babylonier, Sumerer, Assyrer�� alle diese V�lker in Mesopotamien, er konnte sie einfach nicht auseinanderhalten. Die ganze Stadt hier wimmelte von Mesopotamiern aller Arten, aber in den ganzen f�nf Jahren, die er hier nun hauste, war er nicht dazu gekommen, viel �ber sie in Erfahrung zu bringen. F�nf Jahre? Oder waren es f�nfzig Jahre? Oder f�nf Wochen? Irgendwie war es hier unm�glich, das genau zu sagen. Aber das spielte weiter keine Rolle. �berhaupt nicht. Vielleicht war aber nun der richtige Augenblick gekommen, die Frau zu bitten, aus ihrem bezaubernden Kleid zu schl�pfen.</p><p>Es klopfte an der T�r, das vertraute dreifache Klopfzeichen, und noch einmal: das Zeichen von Sabartes. Nein, es war also nicht der rechte Moment, dieser Priesterin, dieser G�ttin, dieser sumerischen Zauberin solche Dinge anzudienen.</p><p>Nun, es w�rde andere Gelegenheiten geben.</p><p>Grunzend gab er das Zeichen, da� Sabartes eintreten k�nne.</p><p>Knarrend ging die T�r auf. Und da stand Sabartes und blinzelte. Sein langj�hriger Freund, sein Vertrauter, mehr oder weniger auch Sekret�r, Schutzwall gegen St�rungen und Zudringlichkeiten�� und in diesem Moment �rgerlicherweise selbst ein St�rfaktor. Derzeit sah er aus wie ein junger Mann mit gesunden fleischigen Wangen und massenhaft wilden schwarzen Haaren auf dem Kopf, der Sabartes der tollen fr�hen Barcelona-Tage, damals 1902 oder so, als sie einander erstmals begegneten. W�ren da nicht die Augen gewesen, das Kinn, die lange schmale Nase, man h�tte ihn nicht wiedererkennen k�nnen, so vertraut war der Sabartes der sp�teren Jahre geworden. Es war eine der beil�ufigen Perversit�ten hier in der Nachwelt, da� die Menschen irgendwie alterslos zur�ckkehrten. Man gew�hnte sich nicht leicht daran. Der Mann namens Ruiz sah wie etwa sechzig aus. Sabartes knapp �ber zwanzig, dennoch kannten sie sich seit beinahe siebzig Jahren dr�ben im Leben, und noch ein paar Jahre mehr�� waren es zehn? Zwanzig? Tausend? Hier im Leben nach dem Leben.</p><p>Sabartes erfa�te alles mit einem schweifenden Blick: die Frau, die Staffelei, die finstere Stirn seines Freundes. Scheu fragte er: �Pablo, st�re ich?�</p><p>�Nur bei einem weiteren wertlosen Bild.�</p><p>�Ach, Picasso, du bist zu streng mit dir selber!� Er schaute mit w�tend funkelnden Augen hoch. <emphasis>�Ruiz.</emphasis> Du mu�t immer daran denken, mich Ruiz zu nennen. Niemals Picasso!�</p><p>Sabartes l�chelte. �Ruiz. Ruiz. Picasso, <emphasis>no.</emphasis> Ruiz. Ach, ich werde mich nie daran gew�hnen!� Er machte eine Wendung und betrachtete bewundernd und mit einem kaum merklichen Anflug von verstecktem Neid die prachtvolle Sumerische Frau. Dann blickte er verstohlen zu der Leinwand auf der Staffelei, und �ber sein Gesicht huschten fl�chtig die verschiedensten komplexen Gef�hlsregungen, die der Mann Ruiz nach den vielen Jahren ihrer Freundschaft ebenso leicht zu entziffern vermochte, als l�se er etwas von einem steinernen Epitaph ab: Mit Neid vermischte Bewunderung, wieder einmal, f�r das handwerkliche K�nnen, Ehrfurcht und Unterordnung und Demut, f�r das Genie, und dann dunkler etwas, das Sabartes vergeblich zu verhehlen bem�ht war, ein Ausdruck von Traurigkeit, von Mitleid, fast von herablassender Bek�mmerung, nicht ganz ohne einen Anflug von perverser Schadenfreude dar�ber, da� das Bild mi�lungen war. Einen solchen Gesichtsausdruck hatte Ruiz-Picasso in all ihren gemeinsamen Jahren im Leben niemals bei Sabartes gesehen; aber hier in der Nachwelt zuckte so etwas beinahe automatisch auf, sobald Sabartes sich eines der neuen Bilder betrachtete. Wenn dies so weiterging, dachte Ruiz-Picasso, w�rde er Sabartes das Privileg entziehen m�ssen, jederzeit zu ihm ins Atelier zu kommen. Es war unertr�glich, derart von oben herab behandelt zu werden, besonders von ihm.</p><p>�Nun?� fragte Picasso. �Bin ich zu kritisch mit mir?�</p><p>�Das Bild steckt voller wunderbarer Sachen, Pablo.�</p><p>�Ja. Wundervolle Sachen, die ich vor ewiger Zeit schon hinter mir gelassen habe. Und da kommen sie wieder. Der Pinsel rutscht mir aus der Hand, Sabartes! Ich male <emphasis>das</emphasis> und herauskommt <emphasis>das da.�</emphasis> Er knurrte und spuckte aus. <emphasis>�A la chingada!</emphasis> Aber was �berrascht uns da so? Hier ist so etwas wie eine Art H�lle, nicht? Und wer sagt, da� die H�lle ein gem�tlicher Ort ist.�</p><p>�Niemand wei�, ob das hier die H�lle ist, Pablo�, sagte Sabartes sanft. �Wir wissen blo�, da� es die Nachwelt ist.�</p><p>�Worte!� schnaubte Picasso. �Nennt es doch, wie ihr wollt! Mir kommt es vor wie die H�lle, und hier regiert der Teufel! Fr�her mu�te ich mich blo� mit den Kunsth�ndlern herumschlagen, und mit den Kritikern, aber hier und jetzt ist es der Teufel. Aber ich habe die aufs Kreuz gelegt, oder? Und ihn werde ich auch noch unterkriegen!�</p><p>�Das wirst du, ganz bestimmt�, sagte Sabartes. �Wie hei�t denn dein neues Modell?�</p><p>�Ishtar�, sagte Picasso unbedacht. �Nein. Nein, das stimmt ja gar nicht.� Er hatte den Namen vergessen. Er sah zu der Frau hin. <emphasis>�Como se llama, amiga?�</emphasis></p><p>�Ich verstehe nicht.�</p><p>Englisch, ach ja, erinnerte er sich. Wir reden hier ja englisch miteinander.</p><p>�Deinen Namen, sage ihn mir noch einmal, <emphasis>guapa.�</emphasis></p><p>�Ninsun, ehemals Priesterin des Himmlischen Vaters An.�</p><p>�Eine Priesterin, Sabartes!� sagte Picasso triumphierend. �Verstehst du? Ich erkannte es sofort. Wir haben uns auf dem Markt getroffen, und ich sagte zu ihr: Komm und la� dich von mir malen, und dann wirst du ewig leben. Und sie sagte zu mir: Ich lebe auch jetzt schon ewig, aber du darfst mich trotzdem malen. Was f�r eine Frau, eh, Sabartes? Ninsun, die Priesterin.� Wieder wandte er sich zu der Frau. �Woher kommst du, Ninsun?�</p><p>�Aus Uruk�, sagte sie.</p><p>�Uruk, ja, nat�rlich. Wir sind hier alle aus Uruk. Aber vorher? Im alten Leben? Eh, <emphasis>comprende?�</emphasis></p><p>�Das Uruk, das ich meine, war das alte Uruk, in Sumer, dem Land. Dem auf der Erde, als wir alle noch lebendig waren. Ich war die Gemahlin Lugalbandas, des K�nigs. Auch mein Sohn war��</p><p>�Siehst du?� kr�chzte Picasso. �Eine Priesterin und eine K�nigin!�</p><p>�Und G�ttin�, sagte Ninsun. �Jedenfalls glaubte ich das. Als ich alt war, sagte mein Sohn, der K�nig, zu mir, da� er mich zu den G�ttern senden werde, damit ich unter ihnen lebe. Es gab in Uruk einen Tempel, der mir geweiht war, direkt am Flu�. Aber statt dessen erwachte ich hier an diesem Nachwelt genannten Ort, und der erscheint mir ganz und gar nicht wie eine Wohnstatt der G�tter�� und dabei bin ich schon so lange hier, seit so vielen Jahren, und alles immer noch so fremd��</p><p>�Aber du bist ebenfalls eine G�ttin�, versicherte ihr Picasso. �Eine G�ttin, eine Priesterin, eine K�nigin.�</p><p>�Darf ich das Bild einmal sehen, das du von mir gemalt hast?�</p><p>�Sp�ter.� Er verdeckte die Leinwand und stellte sie beiseite. Zu Sabartes gewandt, fragte er: �Was gibt�s Neues?�</p><p>�Erfreuliche Neuigkeiten. Wir haben den Matador gefunden.�</p><p><emphasis>�Es verdad?�</emphasis></p><p>�Absolut.� Sabartes grinste breit. �Wir haben genau den richtigen Mann.�</p><p><emphasis>�Esplendido!�</emphasis> Picasso sp�rte pl�tzlich eine hochschie�ende lustvolle Freude, die jene Stunden des elenden K�mpfens �ber dem Bild sofort zunichte machte. �Wer ist es?�</p><p>�Joaquin Blasco y Velez�, sagte Sabartes. �Ehemals Barcelona.�</p><p>Picasso sah ihn starr an. Er hatte den Namen nie geh�rt.</p><p>�Nicht Belmonte? Joselito? Manolete? Ihr habt Domingo Ortega nicht finden k�nnen?�</p><p>�Keinen, Pablo. Die Nachwelt ist ziemlich gro�.�</p><p>�Wer ist dieser Blasco y Velez?�</p><p>�Ein au�erordentlich gro�er Matador, sagt man mir. Er lebte in der Zeit von Karl IV. Das war vor unserer Geburt�, setzte er hinzu.</p><p><emphasis>�Gracias!</emphasis> Das h�tte ich auch gewu�t, Sabartes. Und dein Matador, wei� er, was er zu tun hat?�</p><p>�Sie sagen, ja.�</p><p>�Wer sind sie?�</p><p>�Sportsm�nner hier aus der Stadt. Ein Grieche, ein gewisser Polykrates, der sagt, er sah die Stiert�nzer in Knossos, und ein Portugiese, Duarte Lopes, und ein Engl�nder namens��</p><p>�Ein Grieche, ein Portugiese und ein <emphasis>Ingles�,</emphasis> brummte Picasso d�ster. �Was versteht ein Portugiese vom Stierkampf? Und was versteht ein <emphasis>Engl�nder</emphasis> schon von irgendwas? Und dieser Grieche, der kennt vielleicht den Stiertanz, aber was bedeutet ihm schon <emphasis>la corrida?</emphasis> Die Sache bedr�ckt mich, Sabartes!�</p><p>�Soll ich warten, vielleicht kann ich Manolete ausfindig machen?�</p><p>�Wie du gerade gesagt hast, die Nachwelt ist ziemlich gro�.�</p><p>�So ist es.�</p><p>�Und du versuchst schon so sehr lange, diesen Stierkampf zu organisieren.�</p><p>�So ist es, Pablo.�</p><p>�Dann versuchen wir es doch mit deinem Blasco y Velez�, sagte Picasso.</p><p>Er schlo� die Augen und sah wieder die Arena vor sich, kochend von Farben, von L�rm, von Leben. Die vor und zur�ckt�nzelnden Banderilleros, die Picadores, die geschickt ihre Spie�e setzten, den Matador, der still in der sengenden Sonne allein dasteht. Und den Stier, den Stier, den Stier, schwarz, schnaubend, den hohen R�cken von Blut bedeckt, die H�rner gereckt wie drohende Lanzen! Wie er das vermi�t hatte, seit er in der Nachwelt lebte! Sabartes hatte vor der Stadt Uruk ein altes r�misches Stadium entdeckt, das sich zu einer <emphasis>Plaza de Toros</emphasis> umbauen lie�, und er hatte drei, vier Stiere aufgetrieben�� d�monische Stiere, nicht so ganz das Wahre, gr�n-purpurne Kreaturen mit doppelten R�ckenwirbeln und Ohren wie Elefanten, doch <emphasis>por dios,</emphasis> wenigstens die H�rner sa�en am richtigen Platz��, und Sabartes hatte in der Stadt ein paar Spanier und Mexikaner aufgetrieben, die wenigstens einige oberfl�chliche Kenntnis der Kunst der <emphasis>Corrida</emphasis> besa�en und die verschiedenen Zweiten Rollen �bernehmen konnten. Aber es waren hier einfach keine <emphasis>Matadores</emphasis> zu finden. Massenhaft angeberische Kriegshelden in der Stadt, Assyrer und Byzantiner und R�mer und Mongolen und T�rken, die sich bereit erkl�rten, in den Ring zu springen und jedes Tier abzuschlachten, das man ihnen entgegenschickte. Aber wenn er, Picasso, den Wunsch h�tte, Metzger an der Arbeit zu sehen, dann konnte er ja gleich in den Schlachthof gehen. Der Stierkampf war ein Schauspiel, ein Ritual, ein religi�ser Akt. Ein Tanz. Eine Form von Kunst, und der Matador war der K�nstler dabei. Ohne einen echten guten Matador war das Ganze nichts wert. Was konnten irgendwelche grobschl�chtigen schwertschwingenden Haudegen schon von der �Stunde der Wahrheit� wissen, davon, wie der Degen gehalten werden, die <emphasis>Capa</emphasis> geschwungen werden mu�ten, was von den Schritten, von der Technik des Todessto�es? Nein, es war schon besser, man wartete, bis die Sache anst�ndig getan werden konnte. Aber die Monate vergingen, oder mehr als Monate, denn wer vermochte schon den Flu� der Zeit in diesem Irrenhaus vern�nftig zu messen? Die Stiere wurden auf dem Hof, auf dem sie untergebracht waren, feist und tr�ge. Picasso fand es emp�rend, da� sich kein qualifizierter K�mpfer finden lie�, wo doch jeder, der je gelebt hatte, sich bereits irgendwo hier in der Nachwelt herumtrieb. Man konnte hier El Greco finden, oder Julius Caesar, man konnte hier Agamemnon finden, Beethoven, Toulouse-Lautrec, Alexander den Gro�en, Velazquez, Goya, Michelangelo, Picasso. Man konnte sogar Jaime Sabartes finden! Aber wo steckten alle die gro�en Stierk�mpfer? Nicht in Uruk, anscheinend, und auch nicht in den benachbarten Landstrichen. M�glich, da� sie in der Nachwelt eine abgesonderte Ecke nur f�r sich hatten, wo alle, die je eine <emphasis>muleta</emphasis> und den <emphasis>estoque</emphasis> getragen hatten, sich zu einer <emphasis>Corrida</emphasis> versammelt hatten, die Tag und Nacht und Nacht und Tag weltendlos ablief.</p><p>Aber nun hatte sich endlich jemand gezeigt, der behauptete, etwas von der Kunst zu verstehen. Hier in Uruk. Also, so sei�s denn! Zwar bedeutete eine Corrida mit nur einem einzigen Matador, da� es ein kurzer Nachmittag werden w�rde, aber das war immer noch besser als gar kein Stierkampf, und vielleicht w�rde sich die Nachricht ja verbreiten, und Belmonte oder Manolete w�rden rechtzeitig in die Stadt kommen und der Fiesta anst�ndigen Glanz verleihen. Er, der sich hier Ruiz nannte, mochte nicht l�nger warten! Es war schon viel zu lange her, da� er keine <emphasis>Fiesta brava</emphasis> mehr miterlebt hatte. Vielleicht war ein guter Stierkampf ja das Zaubermittel, das er brauchte, damit seine Bilder wieder gut wurden.</p><p>�Ja�, sagte er zu Sabartes. �Versuchen wir es mit deinem Blasco y Velez. Wie w�r�s mit n�chster Woche, heh? Am Sonntag? Oder ist das zu fr�h?�</p><p>�Am n�chsten Sonntag, ja, Pablo. Falls es n�chste Woche einen Sonntag gibt.�</p><p>�Sehr gut. Das hast du gut gemacht, Sabartes. Aber jetzt��</p><p>Sabartes wu�te, wann er entlassen war. Er l�chelte, er verneigte sich anmutig wie ein H�fling vor Ninsun, streifte die verdeckte Leinwand auf der Staffelei mit einem bedeutsamen Blick und schl�pfte dann aus der T�r.</p><p>�Soll ich jetzt die Stellung wieder einnehmen?� fragte die sumerische Frau.</p><p>�In einer kleinen Weile vielleicht�, sagte Picasso.</p></section><section><title><p>13</p></title><p>Die Stadt war genau so, wie Gilgamesch sie in seiner Vision in Brasil gesehen hatte, als Calandola ihm den Weg ge�ffnet und ihm die Erkenntnis gegeben hatte. Wei�e schimmernde w�rfelf�rmige Geb�ude, die sich weit �ber eine dunkle Ebene hin ausbreiteten, die von hochget�rmten H�geln begrenzt war. Ein hoher Wall aus sonnengetrockneten Ziegeln, von glasierten Reliefs mit Drachen und G�ttern in leuchtenden Farben verziert, umgab die Stadt. Von der ziegelgepflasterten Stra�e aus, die sich durch die H�gel hinabwand, konnte Gilgamesch mitten ins Herz der Stadt blicken, wo sich allerlei Bauten im vertrauten Sumer-Stil dr�ngten: Tempel, Pal�ste und Zeremonialplattformen.</p><p>Ihm war, als w�ren die endlosen Jahre seines Aufenthalts in der Nachwelt in einem Nu von ihm abgefallen, als sei er heimgekehrt nach Sumer, in das Land, an den geliebten Ort seiner Geburt, wo er die Wege der G�tter und der Menschen gelernt hatte, durch Widrigkeiten zum K�nigtum emporgestiegen war und die geheimen Dinge erkennen lernte, die Wahrheiten �ber Leben und Tod.</p><p>Doch nat�rlich war hier nicht dieses Uruk. Die Stadt da geh�rte in die Nachwelt, war ein v�llig anderer Ort, hundertmal gr��er als in seinem untergegangenen Sumer, tausendfach fremdartiger. Und dennoch auch wieder vertraut und ebenfalls irgendwie heimatlich; denn hier war ja sein Zuhause, sein zweites, das seines zweiten Lebens.</p><p>Er hatte diese Stadt gegr�ndet, war hier K�nig gewesen.</p><p>Daran konnte er sich nicht erinnern�� es war alles versunken in dem tr�ben Brei, als den sich das Vergangene hier in der Nachwelt darstellte. Doch die Erkenntnis, die Calandola ihm geschenkt hatte, verlieh ihm ein klares Gef�hl f�r seine Leistungen in diesem zweiten Uruk, die er vergessen hatte; und als er nun die Stadt genau so da in der Ebene vor sich liegen sah wie in seiner Vision, wu�te er, da� auch alles �brige an der Vision wahr sein m�sse, da� er tats�chlich einst K�nig in diesem Uruk war, ehe ihn der rei�ende Strom der Zeit zu anderen Orten und anderen Abenteuern hinwegri�.</p><p>Herodes sagte: �Es ist der rechte Ort, ja?�</p><p>�Ohne Frage. Genau der richtige.�</p><p>Sie fuhren jetzt alle drei zusammen in dem ersten Landrover, Simon und Gilgamesch und Herodes, ihr Bagagewagen dicht hinter ihnen und ein halbes Dutzend der niederen, stumpfnasigen Fahrzeuge der urukanischen Grenzschutztruppe geleitete sie. Herodes wurde wieder lebhafter, mehr seine gewohnte quirlige Person, mit rasch laufender Zunge, neugierig, zappelig und nerv�s. Er war ganz sch�n erschrocken gewesen, als der pl�tzliche Nebel den Zug zum Halten brachte und diese wild aussehenden schreienden Gestalten sie umringten. Er war �berzeugt gewesen, da� eine Horde D�monen sich �ber sie hermachen und sie zerfleischen w�rde. Doch als er sah, wie Gilgamesch gelassen aus dem Wagen stieg und wie sich die Wilden alle mit dem Gesicht auf den Boden warfen, als w�re er der Messias beim Einzug in die Stadt, gewann er wieder Zuversicht. Und nun wirkte er ganz entspannt und lehnte sich mit gekreuzten Armen und Beinen zur�ck.</p><p>�Sehr beeindruckend, dein Uruk�, sagte Herodes. �Meinst du nicht auch, Simon? Warum sagst du Gilgamesch nicht, was du von seiner Stadt h�ltst?�</p><p>Simon bedachte den jud�ischen F�rsten mit einem kalten abweisenden Blick. �Ich habe die Stadt noch nicht gesehen, Herodes.�</p><p>�Aber du siehst sie doch jetzt vor dir.�</p><p>�Die Mauerw�lle. Die D�cher.�</p><p>�Aber es sind doch h�chst majest�tische W�lle? Und schau nur, wie weit sich die Stadt ausdehnt! Ziemlich viel gewaltiger als Brasil, findest du nicht?�</p><p>�Brasil liegt auf einer Insel�, erwiderte Simon eisig. �Seine Ausdehnung wird dadurch begrenzt, wie du nur zu genau wei�t. Aber doch, ja, dies ist eine sehr pr�chtige Stadt, dieses Uruk. Und ich freue mich schon darauf, seine zahlreichen Wunder zu genie�en.�</p><p>�Und deine Finger auf seine Sch�tze zu legen�, sagte Herodes. �Und die sind sicherlich �ppig. Ist das die Schatzkammer, Gilgamesch, das gro�e Geb�ude dort unten auf der Terrasse?�</p><p>�Es ist der Tempel Enlils, glaube ich�, antwortete Gilgamesch.</p><p>�Aber er steckt doch gewi� voll von Rubinen und Smaragden. Mein Herr Simon, wei�t du, liebt Rubine und Smaragde sehr. Meinst du, sie werden an diesem Ort etwas einzuwenden haben, wenn er sich mit ein paar Preziosen aus dem Schatz bedient, Gilgamesch?�</p><p>Simon Magus sagte finster: �Weshalb reizt du mich, Jude? Du bringst mich dazu, da� ich es bedauere, dich mit auf die Reise genommen zu haben.�</p><p>�Ich versuche doch nur, dich zu am�sieren, Simon.�</p><p>�Wenn du so weitermachst, k�nnte es mich leicht am�sieren, dich zum zweitenmal beschneiden zu lassen�, sagte Simon. �Oder Schlimmeres.� Und zu Gilgamesch sagte er: �Kommt dir wieder irgendeine Erinnerung zur�ck? An dein fr�heres Leben in Uruk?�</p><p>�Nichts. Gar nichts.�</p><p>�Aber du bist trotzdem sicher, da� du einmal hier gelebt hast?�</p><p>�Ich habe diese Stadt erbaut, Simon. Das glaube ich wahr und ehrlich. Ich f�hrte Leute meiner Art an diesem Ort zusammen, ich gab ihnen Gesetze und herrschte �ber sie, wie ich es einst in dem anderen Uruk auf der Erde tat. �berall ringsum finde ich Anzeichen daf�r, die ich weder ignorieren noch abstreiten kann. Aber jegliches feste Wissen dar�ber, die Erinnerung an Arbeiten und Tage, an das wirkliche Gef�hl f�r das, was ich in jenen Tagen getan haben mu�, die Festigkeit und Wirklichkeit, soweit sie Geschehnisse und Ereignisse betrifft, all das ist mir entschwunden.� Gilgamesch lachte. �Kannst <emphasis>du</emphasis> dich an alles erinnern, was dir seit dem ersten Tag in der Nachwelt zustie�?�</p><p>�W�re ich vor Brasil K�nig in irgendeiner Stadt gewesen, ich denke, ich w�rde mich daran erinnern.�</p><p>�Wie lange bist du schon hier, Simon?�</p><p>�Wer k�nnte das sagen? Du wei�t doch, wie das mit der Zeit geht hier. Aber ich habe mir sagen lassen, da� so an die zweitausend Jahre auf der Erde vergangen sein m�ssen, seit meinem Aufenthalt dort. Vielleicht ein wenig mehr.�</p><p>�In zweitausend Jahren�, sagte Gilgamesch, �h�ttest du in der Nachwelt f�nfmal K�nig sein k�nnen und es v�llig vergessen haben. Du k�nntest hundert K�niginnen umarmt und sie allesamt vergessen haben.�</p><p>Herodes lachte glucksend. �Helena von Troja�� Kleopatra�� Nefertiti�� alles weg und vergessen, Simon, die Form ihrer Br�ste, der Geschmack ihrer Lippen, die Laute, die sie in der Lust von sich gaben��</p><p>Simon griff nach seinem Wein. �Glaubst du das auch?� fragte er Gilgamesch. �Kann das so sein?�</p><p>�Die Jahre flie�en vorbei und zerlaufen ineinander. Die D�monen spielen mit unseren Erinnerungen. Es gibt hier keine geraden Linien, auch keine durchgehenden ungebrochenen. Und wie sollten wir unseren Verstand bewahren, Simon, wenn wir alles im Ged�chtnis behielten, was uns in diesem Nachweltleben widerf�hrt? Zweitausend Jahre, sagst du? Bei mir sind es f�nftausend, oder mehr. Hundert Lebenszeiten. Ach nein, Simon, ich bin zu der �berzeugung gelangt, da� wir hier wieder und immer wieder geboren werden da� unser Bewu�tsein leergefegt wird, und die Tortur besteht darin, da� wir nicht einmal wissen, da� es so ist. Wir bilden uns ein, wir w�ren der, der wir immer waren. Wir glauben, da� wir uns selber begreifen, aber in Wirklichkeit erfassen wir nur die �u�erste Oberfl�che der Wahrheit. Der unwandelbare Essenzkern unserer Seele, der bleibt stets der gleiche, ja�� ich bin immer Gilgamesch, er Herodes, du bleibst Simon, und wir treffen wieder und wieder die gleichen Entscheidungen, die einer mit unserer Natur treffen wird und muߠ� doch die Bedingungen in unserem Leben sind flie�end und ver�nderlich, wir werden von den hei�en Winden der Nachwelt herumgeschleudert, und das meiste von allem, was uns geschieht, versinkt schlie�lich in Vergessen. Dies ist die Weisheit, die ich bei der Offenbarung durch Calandola erfahren habe.�</p><p>�Dieser Wilde! Dieser Teufel!�</p><p>�Und wenn schon. Er schaut hinter die flache Realit�t der Nachwelt. Und ich nehme seine Offenbarung als wahr an.�</p><p>�Du hast vielleicht Uruk vergessen�, sagte Herodes, �aber Uruk scheint dich nicht vergessen zu haben, Gilgamesch.�</p><p>�Ja, es sieht fast so aus�, sagte Gilgamesch.</p><p>In der Tat war er zutiefst best�rzt gewesen, als die sumerischen Grenzwachen ihn sofort als Gilgamesch, ihren K�nig, gegr��t hatten. Er war noch nicht ganz aus dem Landrover gestiegen, da knieten sie schon vor ihm, schlugen mit den H�nden die heiligen Zeichen und jubelten ihm in der alten Sprache des Landes zu, die er so lange Zeit nicht mehr geh�rt hatte, da� sie ihm fremdartig und grob in den Ohren klang. Es war ihm, als h�tte er diese Stadt erst vor ganz kurzer Zeit verlassen�� w�hrend er doch wu�te, da� es selbst angesichts der unergr�ndlichen Zeitabl�ufe in der Nachwelt bereits eine lange Ewigkeit her sein mu�te, seit er zuletzt in dieser Stadt gewohnt haben konnte. In diesem Punkt war seine Erinnerung deutlich, denn er wu�te, da� er die letzte Phase seiner Zeit hier gro�enteils mit Enkidu durch das Hinterland gestreift war und die seltsamen Tiere im Outback, der Wildnis, gejagt hatte, sich aus den Intrigen und dem �blen Treiben in den St�dten heraushielt�� und diese Zeitperiode in der Wildnis mu�te gewi� Jahrzehnte gedauert haben, wenn nicht Jahrhunderte. Und dennoch schienen sein Gesicht und seine Gestalt jedermann in Uruk bekannt zu sein.</p><p>Nun gut, er w�rde dar�ber in K�rze mehr erfahren. Vielleicht verehrten ihn die Einwohner hier wie eine ehrw�rdige Legende und erflehten best�ndig seine Wiederkehr. Oder, noch wahrscheinlicher, es handelte sich nur um eine weitere Manifestation des Hexenspuks der Nachwelt, der solche Verwirrungen erzeugte.</p><p>Inzwischen waren sie fast in Uruk angelangt. Die Stra�e war flach geworden. Vor ihnen ragte eine feste Mauer aus rotem Backstein auf, und in der Mitte war ein breites Bronzetor, beschrieben mit den Symbolen von Schlangen und anderen Ungeheuern. Als sie herankamen, flog das Tor auf und der ganze Zug rollte hindurch.</p><p>Simon, inzwischen ziemlich weinbeduselt, drosch fr�hlich auf Gilgameschs Schulter ein. �Uruk, Gilgamesch, wir sind tats�chlich da! H�ttest du geglaubt, da� wir wirklich herfinden?�</p><p>�Uruk hat uns gefunden�, erwiderte Gilgamesch gelassen. �Wir hatten uns verfahren, in einer Gegend, wo �berall Nichts war, und pl�tzlich lag Uruk vor uns. Also sind wir jetzt da, Simon. Aber <emphasis>wo</emphasis> sind wir?�</p><p>�Ach, Gilgamesch, Gilgamesch, was bist du doch f�r ein n�chterner Klotz! Wir sind in Uruk, egal wo das ist! Freu dich doch, Mann! Lache! Sei fr�hlich! Diese Stadt ist deine Heimatstadt! Dein Freund wird da sein�� wie hei�t er noch? Inkibu? Tinkibu?�</p><p><emphasis>�Enkidu!�</emphasis></p><p>�Enkidu, ach ja. Und deine Verwandten, deine Bruder, dein Vater vielleicht��</p><p>�Wir sind hier in der Nachwelt, Simon. Hier wird dir Genu� zu Asche auf der Zunge. Ich erwarte mir gar nichts von hier.�</p><p>�Du wirst wieder K�nig sein. Ist das nichts?�</p><p>�Habe ich etwa gesagt, da� ich den geringsten Wunsch versp�re, hier zu herrschen?� fragte Gilgamesch und funkelte Simon an.</p><p>Dieser blinzelte �berrascht. �Also, Herodes sagt es.�</p><p>�Ach, sagt er das?� Gilgamesch durchbohrte den kleinen Hebr�erk�nig mit einem scharfen Blick. �Wer glaubst du denn, wer du bist, Herodes, da� du dir anma�en darfst, zu verk�nden, was in meinem Kopf vorgeht? Woher nimmst du die K�hnheit zu glauben, du wei�t, was in meinem Innersten ist?�</p><p>Als f�rchtete er, geschlagen zu werden, sank Herodes in sich zusammen und sagte ganz leise: �Es ist, weil ich doch bei dir war, als du die Erkenntnis bekamst, Gilgamesch. Und ich empfing sie mit dir. Hast du das so rasch schon wieder vergessen?�</p><p>Gilgamesch dachte dar�ber nach. Er konnte die Tatsache nicht leugnen. Ruhig sagte er: �Es mu� hier in dieser Stadt schon einen K�nig geben. Ich gedenke nicht, ihn zu vertreiben. Aber wenn die G�tter mir dieses Geschick bereitet haben, dann��</p><p>�Nicht die G�tter, Gilgamesch. Die D�monen! Wir sind hier in der Nachwelt�, ermahnte ihn Herodes.</p><p>�Ja, die D�monen�, gab Gilgamesch zu.</p><p>Inzwischen waren sie weit nach Uruk hineingefahren und hielten nun mitten auf einem weiten Platz. Aus der N�he erkannte Gilgamesch nun, da� dieses Uruk nur scheinbar eine sumerische Stadt war: Gewi�, viele Geb�ude waren im alten Stil, doch es gab auch alle erdenklichen anderen Stilrichtungen und Perioden, diese scheu�lichen Bauwerke, die man als B�roh�user bezeichnet, und der d�ster br�tende Kolo� eines Kraftwerks, das giftige F�ulnis in die Luft spuckte, und ein unheimlich wirkender schmutzig-roter Backstein-Barackenkomplex ohne Fenster, und dann an einer Ecke dr�ben etwas, das aussah wie ein Gerichtshaus oder wie ein Palast in r�mischem Stil. Vor dem Landrover dr�ngte sich eine Menschenmenge, viele in sumerischer Kleidung, aber keineswegs alle, es war die gew�hnliche Mischung, Fr�h-Tote und Sp�tere, in allen den Moden ihrer Zeiten kost�miert. Alle starrten auf ihn. Alle waren stumm.</p><p>�Du steigst zuerst aus�, sagte Simon zu Gilgamesch.</p><p>Der nickte. Ein Haufen von offensichtlich offiziellen und ihrer Erscheinung nach eindeutig sumerischen Stadthonoratioren hatte sich vor dem Landrover in einer Reihe aufgebaut und schaute erwartungsvoll zu ihm herein. Seine Ankunft hier schien sie einigerma�en zu beunruhigen oder doch zu verbl�ffen.</p><p>Er stieg aus. Er �berragte sie alle durch seine gewaltige Gr��e.</p><p>Ein Mann mit einem dichten schwarzen Krausbart und kahlgeschorenem Sch�del, gekleidet in den Wollkittel des Sumer-Landes, trat vor und sagte�� auf englisch: �Wir gr��en Gilgamesch, den Sohn des Lugalbanda, in der Stadt Uruk und hei�en ihn willkommen, und ebenso seine Freunde. Ich bin der Erzvezier Ur-ninmarka, Diener des K�nigs Dumuzi, dessen G�ste ihr seid.�</p><p>�Dumuzi?� fragte Gilgamesch erstaunt.</p><p>�Ja, des K�nigs in Uruk.�</p><p>�Jener, der vor mir herrschte, als wir noch auf der Erde lebten?�</p><p>Ur-ninmarka hob bedauernd die Schultern. �Davon wei� ich nichts. Ich war ein Mann aus Lagash im einstigen Land, und Uruk war weit entfernt. Aber Dumuzi ist hier der K�nig, und er hat mich ausgeschickt, dich zu begr��en und zu deinen Gem�chern zu geleiten. Heute abend wirst du mit ihm und den Gro�en der Stadt dinieren.�</p><p>Dumuzi, dachte Gilgamesch und wunderte sich. Erinnerungen aus seinem ersten Leben str�mten viel klarer als die an seine Geschicke in der Nachwelt in ihn zur�ck.</p><p>Dumuzi! Dieser bedauernswerte Schw�chling! Dieses m�rderische Schwein! Es ist bestimmt der gleiche, dachte er, denn hier geschieht immer wieder, was bereits geschehen ist. Also war Dumuzi wieder einmal K�nig in Uruk, jener gleiche Dumuzi, der im alten Leben aus Furcht vor Gilgamesch, dem Sohn des Lugalbanda, den er f�r seinen Rivalen hielt, obwohl er erst ein vierzehnj�hriger Junge war, Mordbuben gegen ihn ausgesandt hatte, die ihn t�ten sollten. Doch dieser Anschlag schlug fehl, und am Ende war es Dumuzi, der aus der Welt verschwand, und Gilgamesch bekam den Thron. Zweifellos, vermutete Gilgamesch, f�rchtet er mich immer noch. Und wird ein zweites Mal seine Hinterlist an mir versuchen. Manche Dinge �ndern sich eben niemals, dachte er. So ist das in der Nachwelt. Wie Dumuzi schmerzlich erfahren wird, falls er wieder �ble Pl�ne hegte.</p><p>Laut sagte er: �Ich bin entz�ckt, die Gastfreundschaft eures K�nigs zu genie�en. Bitte sagt ihm das.�</p><p>�Das werde ich.�</p><p>�Und sagt ihm auch, da� er noch zwei weitere G�ste hat: Simon, den Herrscher der gro�en Stadt Brasil, und seinen Premierminister, Herodes von Jud�a, die meine Reisegef�hrten sind.�</p><p>Ur-ninmarka verneigte sich.</p><p>�Noch eins�, fuhr Gilgamesch fort. �Ich nehme doch an, da� in dieser Stadt viele B�rger des Landes Sumer leben.�</p><p>�Sehr viele, edler Herr.�</p><p>�Kannst du mir sagen, gibt es hier einen gewissen Enkidu, einen Mann von meiner K�rpergr��e und sehr kr�ftig und ganz behaart am Leibe wie ein Tier der Wildnis? Ein Mann, von dem man wei�, er ist mein Freund, den zu suchen ich hergekommen bin?�</p><p>Die nackte Stirn des Erzveziers furchte sich. �Das kann ich dir nicht sagen, edler Herr. Aber ich will Erkundungen einholen, und du wirst heute noch einen Bericht erhalten, wenn du im Palast speisen wirst.�</p><p>�Ich danke dir�, sagte Gilgamesch.</p><p>Doch sein Herz wurde schwer. Enkidu war also wohl doch nicht hier; denn wieso sollte Ur-ninmarka es nicht erfahren haben, wenn ein gewaltiger kraftstrotzender behaarter Riese wie Enkidu in die Stadt gekommen war? In der ganzen Nachwelt gibt es keine Stadt, die so gro� w�re, da� Enkidu daselbst kein Aufsehen erregen w�rde, dachte er, und mehr als nur neugieriges Aufsehen!</p><p>Doch er behielt dies f�r sich. Er winkte Simon und Herodes aus dem Landrover und sagte weiter nichts zu ihnen als: �Alles steht zum besten. Heute abend sind wir G�ste auf einem Bankett von Uruks K�nig.�</p><empty-line/><p>Jedenfalls schien Dumuzi die Dinge mit Stil zu tun. F�r seine Besucher hatte er luxuri�se Suiten in einer pr�chtigen Herberge hinter dem Haupttempel angeordnet, einem massigen Geb�ude, das aussah, als sei es aus einem einzigen schwarzen Granitblock gehauen. Im Innern gab es Font�nen, Arkaden, derart viele Standbildnisse, da� man sich kaum bewegen konnte, ohne gegen irgend etwas zu sto�en, riesenhafte G�tterfiguren mit starr blickenden Augen in gef�ltelten Kleidern nach dem Alten Stil, und gigantische purpurbelaubte Palmb�ume, die in gro�en vielseitigen Pflanzk�beln aus einem schimmernden r�tlichen Stein wuchsen, der wie Rubin leuchtete. Vielleicht waren es ja Rubine. Gilgamesch sah, wie Simon einen der K�bel liebevoll begrapschte, als berechnete er bereits, wie viele hundert eigro�e Steine daraus zu brechen sein k�nnten.</p><p>Die Reisenden bekamen separate palastw�rdige R�ume angewiesen, mit einem seidenbezogenen breiten Bett, einer im Boden eingelassenen alabasternen Badewanne und einem Spiegel, der leuchtete wie ein Fenster zum Paradies. Selbstverst�ndlich stimmten in der ganzen Perfektion ein paar Kleinigkeiten nicht, es kam kein hei�es Wasser aus den H�hnen, und ein Trupp unangenehm aussehender dickb�uchiger pelziger Insekten mit smaragdenen Augen zog best�ndig �ber die Decke in Gilgameschs Gemach, und als er sich auf seinem Bett ausstreckte, gab dieses endlose Jammerlaute von sich, als h�tte er sich auf lebendige Wesen gelegt, die dagegen protestierten. Nun ja, es war hier die Nachwelt. Hier rechnete man sowieso bei allem und �berall mit Unvollkommenheiten, und man bekam sie prompt serviert. Aber alles in allem war ihre Unterbringung kaum zu �berbieten.</p><p>Wie aus dem Nichts erschien ein Halbdutzend Diener und half Gilgamesch bei seinem Bad und salbte ihn mit Duft�len und kleidete ihn in einen wei�en Rock aus Baumwollpliss� im sumerischen Stil, der seinen Oberk�rper unbedeckt lie�. Nach einer Weile pochte Herodes an seine T�r, und auch er war sumerisch gekleidet, allerdings trug er noch immer die schimmernden italischen Lederschuhe, statt der Sandalen, und auf dem Kopf die kleine j�dische Yarmulke-Kappe. Die dunklen Kraushaare schimmerten von Pomade.</p><p>�Na?� fragte er und stolzierte auf und ab. �Sehe ich aus wie ein Prinz aus dem Lande Sumer, Gilgamesch?�</p><p>�Du siehst aus wie ein Gockel wie immer. Und au�erdem noch dazu ein ziemlich spilleriger. Deine Toga verdeckte wenigstens die Schwabbelarme und die d�rre Brust.�</p><p>�Ach, Gilgamesch, wozu brauche ich Muskeln, wenn ich <emphasis>hier</emphasis> was habe?� Er klopfte sich auf den Kopf. �Und solange ich den k�hnen K�nig Gilgamesch habe, der mich gegen �belt�ter besch�tzt?�</p><p>�Aber werde ich dich sch�tzen?�</p><p>�Aber gewi�lich wirst du das.� Herodes l�chelte. �Ich tue dir leid, weil ich die ganze Zeit auf meinen klugen Verstand angewiesen bin und mich nur damit verteidigen kann. Nein, du wirst dich schon um mich k�mmern. Es liegt nicht in deinem Charakter, jemanden wie mich in Gefahr kommen zu lassen. Au�erdem, du brauchst mich.�</p><p>�Ach ja?�</p><p>�Ja. Du hast zu lange im wilden Outback gelebt. Dir h�ngen Strohhalme im Haar.�</p><p>Automatisch griff sich Gilgamesch tastend an den Kopf.</p><p>�Nein. Doch nicht w�rtlich, du dummer Affe!� Herodes lachte. �Ich meinte blo�, da� du zu lange von allem weggewesen bist. Du hast mich n�tig, damit ich dir die Realit�t klarmache. Du begreifst die moderne Welt nicht mehr. Du streunst durch die Wildnis und spielst den edlen gen�gsamen Helden, wogegen an sich nichts einzuwenden w�re, aber du hast dich einfach nicht darum gek�mmert, was in der Nachwelt in der letzten Zeit so vorgegangen ist. In den Moden, der Musik, der Kunst, in der neuen Technik.�</p><p>�Das alles ist f�r mich unwichtig. Mode? Und Musik? Musik ist in meinen Ohren nichts weiter als scheppernder L�rm. Bestenfalls banales Zeug, meistens sogar noch schlimmer. Kunst, das ist hier Dekoration, bedeutungslos. Und was diese neue Technik angeht, von der du sprichst, die ist eine Schande und ein Frevel. Ich verabscheue sie alle, diese Erfindungen der Sp�ter Toten.�</p><p>�Verachte sie, soviel du magst, aber sie sind da und werden bleiben. Diese Neuen Toten sind uns zahlenm��ig tausend zu eins �berlegen, und jeden Tag kommen mehr von ihnen her. Man kann sie nicht einfach ignorieren. Auch nicht ihre Technik.�</p><p>�Ich kann.�</p><p>�Das denkst du vielleicht. Ein Bogen und eine Hand voll Pfeile, das gen�gt dir, ja? Aber du schreckst vor Dingen zur�ck, die du nicht erfassen kannst. Du preschst einfach weiter und immer weiter so, und meistens wirst du auch ziemlich gut mit Schwierigkeiten fertig, aber im Grunde hast du keine Ahnung, worum es geht, und fr�her oder sp�ter rennst du einmal in eine Sache hinein, die sogar f�r dich zu gewaltig ist. Ich dagegen habe mich auf dem laufenden gehalten, was die moderne Entwicklung betrifft. Ich kann dich durch alle F�hrnisse und Fallgruben f�hren. Ich bin auf der Hut, Gilgamesch, ich wei�, was vorgeht. Ich halte Verbindung zu allem. Zur politischen Entwicklung, beispielsweise. Hast du mehr als einen nebelhaften Schimmer von der augenblicklichen Lage? Von den wahrhaft spektakul�ren Umw�lzungen, die sich gerade jetzt ereignen?�</p><p>�Ich gebe mir alle M�he, nicht daran zu denken.�</p><p>�H�ltst du es f�r sicher, so den Kopf in den Sand zu stecken? Was da dr�ben am anderen Ende der Nachwelt sich ereignet, kann schreckliche Auswirkungen auf die hiesigen Abl�ufe haben. Das hier ist nicht mehr die uralte Welt, in der es ewig und einen halben Monat dauerte, bis Nachrichten aus Rom bis nach Syrien gelangten. Wei�t du, was ein Radio ist? Ein Telefon? Ein Mikrowellenrelais? Ob es dir pa�t oder nicht, wir sind jetzt allesamt Sp�ter Tote. M�glich, da� es dir gelingt, weiterhin wie ein alter Sumerer zu leben, aber der Rest der Menschen steckt bis zum Hals in der Moderne.�</p><p>�Sie haben mein tiefes Mitgef�hl�, sagte Gilgamesch.</p><p>�Du hast nicht die geringste Ahnung davon, was f�r revolution�re Bewegungen in einem halben Dutzend St�dten hinten im Osten brodeln, nicht wahr? Die Aufst�nde? Die Volksrevolte gegen die Regierung in Nova Roma? Die j�ngsten Gro�taten von Tiglath-Pileser? Der momentane Standpunkt Metternichs? Nein, Gilgamesch, nein, du bist nicht auf dem laufenden. Und dazu noch str�flich stolz auf deine Uninformiertheit. Ich dagegen, ich k�mmere mich um das, was an Neuem passiert, und ich��</p><p>�Ich habe in Nova Roma gelebt, Herodes. Ich habe Cromwell erlebt und Bismarck und Lenin und Tiglath-Pileser und Sennacherib und den Rest dieser Mistkerle, wie sie ihre erb�rmlichen kleinen Intrigen schmiedeten. Weshalb, denkst du, bin ich sonst ins Outback gezogen? Nach einer halben Stunde in ihrer Gesellschaft kamen mir Tr�nen der Langeweile vom G�hnen. Ihre Intrigen kamen mir vor wie das Gequieke von M�usen. Was immer diese Typen planen m�gen, es wird hinweggewaschen werden wie Sandburgen am Gestade des Meeres, und die Nachwelt wird weitergehen und weiter, wie sie es immer tat. Und genau das werde auch ich tun. Die d�monischen Unsichtbaren, die hier die wahren Herrscher sind, lachen �ber die Anma�ung solcher Aufm�pflinge. Ich �brigens lache dar�ber auch. Nein, nein, Herodes, ich brauche deine F�hrung nicht. Wenn ich beschlossen habe, dich vor Schaden zu sch�tzen, dann aus Mitgef�hl, und nicht aus Eigensucht.� Er warf einen Blick auf die Armbanduhr an seinem Gelenk, ein Geschenk von Simon Magus. �Es wird sp�t. Wir sollten zu dem Fest aufbrechen.�</p><p>�Diese Uhr, die du da tr�gst, ist eine der ver�chtlichsten Erfindungen der Sp�ter Toten.�</p><p>�Ich nehme mir, was mir gef�llt, von ihrem Zeug�, sagte Gilgamesch. �Aber nur sehr wenig davon gef�llt mir. Und du bist auch nicht der erste, der mich wegen meiner Inkonsequenz zu necken versucht. Aber ich wei�, wer ich bin, Herodes, und ich wei�, woran ich glaube.�</p><p>�Gewi߫, sagte Herodes in einem Ton, der sich selber L�gen strafte. �Wie d�rfte jemand daran zweifeln?�</p><p>Gilgamesch h�tte ihn gern zum Fenster hinausgeworfen, doch in diesem Moment kehrten die Diener zur�ck, um sie zum Festsaal zu geleiten. Simon erwartete sie bereits in der prunkvollen Vorhalle und strahlte sie mit weinger�tetem Gesicht an. Er hatte es abgelehnt, sich sumerisch zu kleiden, und trug eine purpurne Toga und hohe vergoldete griechische Kothurne.</p><p>Auf dem Weg zur T�r ergriff Simon Gilgamesch am Arm und sagte leise: �Einen Moment. Sag mir etwas �ber diesen K�nig, den wir da treffen sollen, diesen Dumuzi.�</p><p>�Wenn es der gleiche Mann ist, folgte er meinem Vater, Lugalbanda, auf dem Thron in Uruk nach�� dem ersten Uruk��, als ich ein Knabe war, und trieb mich ins Exil. Er war feige und dumm, er mi�achtete Recht und Riten und vergeudete die �ffentlichen Gelder f�r lachhafte Abenteuerlichkeiten, und die G�tter nahmen das K�nigtum von ihm, und er starb. Und damit war f�r mich der Weg zum Thron frei, und ich wurde K�nig.�</p><p>Simon der Magier nickte. �Du hast ihn ermorden lassen, meinst du?�</p><p>Gilgameschs Augen wurden gro�. Dann lachte er. Der Mann mochte zwar ein S�ufer sein, aber sein Verstand klickte immer noch scharf genug.</p><p>�Nicht ich, Simon. Damit hatte ich nichts zu schaffen. Ich war damals im Exil; es waren die gro�en M�nner der Stadt, die erkannten, da� Dumuzi verschwinden mu�te, und die Priesterin Inanna, die ihm dann das Gift verabreichte. Sie sagte ihm, es sei eine Medizin gegen eine Krankheit, an der er litt.�</p><p>�Hmmm�, machte Simon. �Du und der, ihr wechselt euch also in der K�nigsherrschaft von Uruk ab, hier und im fr�heren Leben. Und jetzt ist gerade wieder mal er an der Reihe und herrscht. Und dann bist vielleicht bald wieder du dran. Alles bewegt sich endlos weiter im Kreise.�</p><p>�So ist es nun einmal hier an diesem Ort. Ich bin inzwischen daran gew�hnt.�</p><p>�Und er hat dich einst gef�rchtet. Also wird er dich auch jetzt immer noch f�rchten. Es werden also heute abend eventuelle alte Schw�ren aufbrechen. Vielleicht gibt es einen Versuch, alte Rechnungen zu begleichen.�</p><p>�Dumuzi hat mir noch nie Furcht eingejagt�, sagte Gilgamesch und machte eine Handbewegung, als verscheuchte er eine aufdringliche Fliege.</p></section><section><title><p>14</p></title><p>Sabartes fragte: �Was ist es, Pablo, weshalb bist du in der letzten Zeit so aufgeregt? Ist es deine neue Geliebte? Oder weil wir endlich einen Stierkampf veranstalten k�nnen?�</p><p>�Du findest, ich wirke aufgeregt, Bruder?�</p><p>Mit einer schweifenden Handbewegung deutete Sabartes auf die im ganzen Atelier verstreuten Skizzenbl�tter, die sechs, sieben neuen, halbfertigen Leinw�nde, die an der Wand lehnten, die leuchtenden Farbflecken �berall, wo Picasso Farbb�chsen umgeworfen hatte, ohne sich in seiner Sch�pfereile darum zu k�mmern, sie aufzuwischen. �Du bist wie einer, der brennt. Du arbeitest ohne Unterbrechung, Pablo.�</p><p>�Ach? Und das ist etwas Neues?� Picasso w�hlte achtlos in einem Stapel amtlich aussehender Papiere, fand ein Blatt, dessen R�ckseite leer war, und zeichnete rasch eine Karikatur seines Freundes, die hohe Stirn, die dicken Brillengl�ser, den weichen fleischigen Hals. Zu seinem Erstaunen sah er, da� er den alten pedantischen Sabartes der letzten Erdenjahre skizzierte, nicht den absurd jugendlichen Bohemien, der da vor ihm stand. Und dann verwandelten ein paar unbedachte hastige Striche die Zeichnung, und es wurde ein D�mon mit feurigem Rachen und Hauerz�hnen daraus. Picasso zerkn�llte das Blatt und warf es weg. Er sagte: �Sie wird bald erscheinen. Wolltest du mir etwas sagen?�</p><p>�Aha. Dann ist es also die Frau, Pablo.�</p><p>�Sie ist grandios, nicht wahr?�</p><p>�Sie waren alle grandios. La Belle Chelita war grandios, die aus dem Stripteaselokal. Fernande war grandios. Eva war grandios. Marie-Therese war grandios. Dora Maar war auch��</p><p><emphasis>�Basta, Sabartes!�</emphasis></p><p>�Ist nicht b�s gemeint, Pablo. Mir ist nur eben klar geworden, da� Picasso sich eine neue Frau erw�hlt hat, eine Frau, die ebenso wundervoll ist wie die vor ihr, und��</p><p>�Du sollst mich Ruiz nennen, Bruder!�</p><p>�Es f�llt mir schwer�, sagte Sabartes. �Sehr schwer.�</p><p>�Ruiz war der Name meines Vaters. Ein durchaus ehrenwerter Name f�r mich.�</p><p>�Die Welt kannte dich als Picasso. Die ganze Nachwelt wird dich auch als Picasso kennen im Laufe der Zeit.�</p><p>Picasso schnitt eine Grimasse und begann eine neue Skizze von Sabartes, die sich ohne sein Zutun fast sogleich und ohne da� er etwas dagegen tun konnte, in ein Portr�t von El Greco verwandelte, das langgezogene Gesicht, die tiefliegenden sorgenvollen Augen, und dann, zu seinem �rger, in ein Bocksgesicht. Wieder schleuderte er das Blatt beiseite. Diese Metamorphosen h�tten ihn nicht gest�rt, wenn er sie beabsichtigt h�tte. Aber so, das war unertr�glich, da� er keine Kontrolle dar�ber besa�. In seinem vorherigen Leben hatte er gern zu Leuten gesagt: <emphasis>Das Malen ist st�rker als ich. Das Bild zwingt mich, zu machen, was es will.</emphasis> Jetzt wurde ihm bewu�t, da� er damals nicht die Wahrheit gesagt haben konnte; denn jetzt geschah ihm das wirklich, haargenau das, und es pa�te ihm �berhaupt nicht.</p><p>Er sagte: �Ich ziehe es jetzt vor, hier als Ruiz bekannt zu sein. Damit mich hier keiner meiner Erben ausfindig machen kann. Sie sind sehr zornig auf mich, Bruder, da� ich kein Testament hinterlassen habe, so da� sie jahrelang vor Gerichten herumstreiten m�ssen. Ich m�chte lieber keinen von denen treffen. Auch keine von diesen Weibern, die nach mir suchen. Wir schreiten weiter, Sabartes. Wir d�rfen uns nicht von der Vergangenheit verfolgen lassen. Ich bin jetzt Ruiz.�</p><p>�Und du glaubst, wenn du dich anders als Picasso nennst, kannst du deiner Vergangenheit entrinnen, obwohl du immer noch aussiehst wie er, dich wie er verh�ltst und Tag und Nacht malst? Pablo, Pablo, du betr�gst dich selber! Du k�nntest dich Mozart nennen, aber du w�rdest immer noch Picasso bleiben.�</p><p>Das Telefon klingelte.</p><p>�Geh du ran!� befahl Picasso scharf.</p><p>Sabartes gehorchte. Nach einer Weile legte er die Hand �ber die Muschel und blickte auf.</p><p>�Es ist deine Sumer-Priesterin.�</p><p>Picasso beugte sich vor, gespannt, besorgt und bereits grimmig. �Sie sagt die Sitzung ab?�</p><p>�Nein, nichts dergleichen. Sie wird in K�rze hier sein. Doch sie sagt, K�nig Dumuzi hat sie f�r heute abend zu seinem Bankett im K�nigssaal befohlen und du bist als ihr Tischherr geladen.�</p><p>�Was habe ich mit K�nig Dumuzi zu schaffen?�</p><p>�Sie bittet dich, sie zu begleiten.�</p><p>�Ich habe zu arbeiten. Ihr wi�t doch, da� ich kein Mann bin, der sich auf den Festen von K�nigen herumtreibt.�</p><p>�Soll ich ihr das sagen, Pablo?�</p><p>�Sag ihr�� nein, warte! Warte! La� mich �berlegen. Rede mit ihr, Sabartes. Sag ihr�� bitte sie�� nein, sag ihr, der K�nig und sein Fest interessierten mich nicht, und ich will, da� sie sofort hier erscheint, da߅ da߅�</p><p>Sabartes hob die Hand und bedeutete ihm zu schweigen. Dann sprach er ins Telefon, lauschte und blickte wieder auf.</p><p>�Sie sagt, das Fest findet zu Ehren ihres Sohnes statt, der heute in Uruk eingetroffen ist.�</p><p>�Ihr <emphasis>Sohn?</emphasis> Was f�r ein Sohn?� Picassos Augen loderten. �Sie hat kein Wort von einem Sohn gesagt! Wie alt ist er? Wie hei�t dieser Sohn? Wer ist sein Vater? Frag sie das, Sabartes! Frag sie schon!�</p><p>Wieder sprach Sabartes in den Apparat. �Er hei�t Gilgamesch�, berichtete er dann. �Sie hat ihn seit ihrem irdischen Leben nicht mehr gesehen, also vor sehr langer Zeit. Ich finde, du solltest sie nicht bitten, die Einladung des K�nigs abzulehnen, Pablo. Und ich denke, auch du selbst solltest hingehen.�</p><p>�Gilgamesch?� fragte Picasso verwundert. <emphasis>�Gilgamesch?�</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><p>Buntbemalte Motorkutschen bef�rderten sie das kurze St�ck Weg von der Herberge zum k�niglichen Festsaal am anderen Ende des Tempelplatzes. Der Bau verwirrte Gilgamesch, denn er war keineswegs im sumerischen Stil; es war ein gro�es hochragendes Ding aus aschgrauem Stein, mit zwei schmalen Spitzen, die sich h�her in den Himmel reckten als irgendeiner der �ppigen skurrilen T�rme auf Brasil, und mit Spitzb�gen �ber den schweren Bronzet�ren und riesenhaften Fenstern aus Buntglas in allen Regenbogenfarben und ein paar mehr dazu. Die Fassade war von d�monischen Steinungeheuern geschm�ckt. Und manche davon schienen sich langsam zu bewegen. Der Palast war sehr beeindruckend und riesig und kompakt, aber zugleich wirkte er irgendwie merkw�rdig zerbrechlich, und Gilgamesch �berlegte sich, was ihn vor dem Einst�rzen bewahrte, bis er die gewaltigen Strebepfeiler an den Seiten sah. Es pa�te so recht zu Dumuzi, sich einen Palast bauen zu lassen, der solche verzweifelten improvisierten St�tzen n�tig hatte, dachte Gilgamesch. Er fand den Anblick scheu�lich. Das Geb�ude brach schrill aus der urukanischen Klassik der umliegenden Bauten aus. Sollte ich in dieser Stadt je wieder K�nig werden, schwor er sich, wird meine erste Amtshandlung der Befehl zum Abbruch dieses scheu�lichen Steinhaufens sein.</p><p>Herodes schien den Bau zu bewundern. �Die vollendete Nachbildung einer gotischen Kathedrale�, erkl�rte er, als sie hineingingen. �Vielleicht nach der Notre Dame, oder der in Chartres, ich bin nicht sicher. Ich beginne allm�hlich manches zu vergessen, was ich einst �ber Baukunst lernte. Ich geno� da einigen Unterricht, mu�t du wissen, von einem Mann namens Speer, einem Germanen, der vor einiger Zeit durch Brasil kam und ein paar Sachen f�r Simon entwarf�� ein merkw�rdiger Kerl, er fragte mich immer wieder, ob er mir nicht eine Synagoge bauen k�nnte�� wozu h�tten wir in der Nachwelt eine Synagoge brauchen k�nnen? Aber er verstand etwas von der Sache, und er brachte mir allerlei �ber die baulichen Stilrichtungen der Sp�ter Toten bei. Du w�rest erstaunt, Gilgamesch, was f�r Bauten diese Leute��</p><p>�Kannst du mal eine Weile den Mund halten?� fragte Gilgamesch.</p><p>Im Innern besa� das Geb�ude tats�chlich eine gewisse Sch�nheit, fand er. Zu dieser Stunde gl�hte die Sonne noch r�tlich am Himmel, und ihr weiches Licht fiel durch die farbigen Glasfenster und tauchte die hallenhaft weiten offenen R�ume des Palasts in ein feierlich-geheimnisvolles D�mmerlicht. In der H�he schwangen sich, atemberaubend in ihrer Erhabenheit, Reihen von Galerien zu der kaum sichtbaren Spitzbogendecke hinauf. Dennoch besa� das Ganze etwas Bedr�ckendes, etwas Unheimliches. Gilgamesch zog den Tempel, den er zu Ehren Enlils erbauen lie�, bei weitem vor. Er konnte sich noch gut an ihn erinnern, wie er sich �ber der Wei�en Plattform im Zentrum des alten Uruk erhob. Dieser Bau hatte <emphasis>Grandeur</emphasis> besessen und <emphasis>W�rde!</emphasis> Diese Sp�ter Toten verstanden nichts von Sch�nheit.</p><p>Dumuzis Diener geleiteten sie ans andere Ende des Palastes, wo am Ende eine weite abgerundete Kammer sich auftat, die an einer Seite Buntglasfenster hatte, an der anderen offen war. Dort war eine festliche Tafel aufgestellt, und Dutzende von G�sten waren bereits versammelt.</p><p>Gilgamesch erblickte Dumuzi sogleich. Er stand in prachtvoller Kleidung am Kopfende der gewaltigen Steintafel.</p><p>Er hatte sich �berhaupt nicht ver�ndert. Er sah gut aus, richtig k�niglich in seiner Haltung, ein lebensvoll wirkender Mann mit vollem, schwerem Bart und dichtem, welligem Haar, das so dunkel war, da� es beinahe blau wirkte. Doch die Lippen seines Mundes waren zu voll, die Wangen zu weich; die Augen waren zu klein und sahen gleichzeitig verschlagen und stumpf aus. Er wirkte weichlich, unangenehm, unzuverl�ssig, von niederer Gesinnung.</p><p>Doch als er Gilgamesch ersp�hte, trat er von seinem erhabenen Platz herab, als w�re nicht er, sondern Gilgamesch der K�nig, trat neben ihn und sah mit gebogener Kehle zu ihm auf, schief und ohne das Unbehagen zu verhehlen, das ihm Gilgameschs K�rpergr��e verursachte, und er gr��te ihn freudig mit lauter Stimme wie einen Bruder, der nach langer Abwesenheit aus der Ferne zur�ckgekehrt ist.</p><p>�Gilgamesch�� endlich! Hier bei Uns in Unserem Uruk! Heil dir, Gilgamesch! Heil!�</p><p>�Dumuzi, Heil�, antwortete dieser mit so gro�er Begeisterung, wie er �ber sich brachte, was nicht �berm��ig viel war, und vollzog eine Geste der Ehrerbietung wie man sie im alten Land Sumer wohl gegen�ber einem K�nig bezeugt h�tte. �Gro�er K�nig, K�nig der K�nige�� Er entdeckte fl�chtiges Erstaunen bei Dumuzi. Aber Dumuzi war K�nig in dieser Stadt, und einem K�nig stand die geb�hrende H�flichkeit zu; jedem K�nig. Auch Dumuzi.</p><p>�Komm, mach mich mit deinen Freunden bekannt, Gilgamesch. Und dann mu�t du neben mir auf dem Ehrenplatz sitzen und mir alles berichten, was dir in der Nachwelt begegnete und widerfuhr, und von den St�dten, die du besuchtest, den K�nigen, die du trafst, den Taten, die du vollbrachtest. Ich will alle deine Neuigkeiten h�ren�� wir sind hier derma�en isoliert zwischen der W�ste und dem Meer��, doch einen Augenblick, da sind Leute, die du kennenlernen mu�t��</p><p>Dumuzi schob den Arm unter den Gilgameschs, wandte Simon und Herodes den R�cken, die mit offenem Mund ver�rgert dastanden, und schleppte ihn mit beinahe krankhafter Hast an die Tafel. Gilgamesch hatte M�he, den Mann nicht mit einem Hieb f�r diese unversch�mte �bervertraulichkeit zu Boden zu strecken. Aber er ist ein K�nig, mahnte er sich selbst. Er ist K�nig.</p><p>Es war allzu leicht, hinter diese verzweifelte Gro�spurigkeit des Mannes zu schauen. Der Mann bebte vor Furcht. Der Mann zappelte sich heftig ab, um die Kontrolle �ber eine Situation zu erlangen, die ihm als unendlich bedrohlich erscheinen mu�te.</p><p>Tausende von Jahren in der Nachwelt hatte er Zeit und Mu�e gehabt, um �ber die besch�mende Wahrheit nachzudenken, da� er in seinem fr�heren Leben nichts weiter gewesen war als der kraftlose, entscheidungsunf�hige L�ckenb��er zwischen dem Auftreten zweier gro�er Heroen, Lugalbanda und Gilgamesch, weiter nichts als ein historischer Gedankenstrich. Und nun war er erneut K�nig, war dank eines r�tselhaften Gesetzes des Unverm�gens erneut zu seiner vormaligen H�he emporgekommen. Und da war jetzt erneut dieser bedrohliche Brocken Gilgamesch, zu dessen Gunsten er bereits einmal fr�her verworfen worden war, und kam hierher nach New Uruk wie ein ungebetenes Gespenst und verlangte Gastfreundschaft.</p><p>Selbstverst�ndlich w�rde Dumuzi Herzlichkeit demonstrieren, �berschwengliche Herzlichkeit. Dennoch, dachte Gilgamesch, war es vielleicht keine schlechte Idee, sich, solange man in Dumuzis Stadt war, den R�cken bedeckt zu halten. Feiglinge sind gef�hrlicher als Helden, denn sie greifen ohne faire Warnung an; ein Dumuzi in seiner �ngstlichkeit und seinem Groll konnte eventuell mehr Schaden anrichten, als Achilles in seinem rasenden Zorn es je zuwege brachte.</p><p>Einen Augenblick sp�ter verflogen diese tr�bseligen �berlegungen aber vollkommen, denn eine Stimme, die er seit mehr Jahrhunderten, als er noch z�hlen konnte, nicht mehr geh�rt hatte, die aber so anders war als die irgendeines anderen Mannes, da� man sie nicht einmal hier je h�tte vergessen k�nnen, drang von der anderen Seite des Raumes zu ihm und rief ihn bei seinem Namen.</p><p>�Gilgamesch! Gilgamesch! Bei der Mutter, du bist es wirklich? Beim Rei�zahn! Bei den H�rnern Gottes! Gilgamesch! Hier!�</p><p>Gilgamesch sp�hte. Nahe dem oberen Ende der Tafel war ein Mann aufgestanden und breitete ihm weit die Arme zur Begr��ung entgegen.</p><p>Zuerst dachte er, das m�sse ein Sp�ter Toter sein, denn in der ganzen weiten Halle trug dieser Mann als einziger die befremdliche offizielle Abendkleidung der zuletzt hier eingetroffenen Zugezogenen, eine Kleidungsart, die als �Gesch�ftsanzug� bezeichnet wurde: Enge graue Beinkleider, die sich dicht an die Schenkel schmiegten, und ein steif wirkender breitschulteriger halblanger Mantel, nicht regelrecht eine Tunika aus dem gleichen dichtgewobenen grauen Wollstoff, darunter ein wei�es Kleidungsst�ck und ein schmaler blauer Stoffstreifen, den er um den Hals geknotet hatte und der ihm auf die Brust herabhing. Und der Mann war au�erdem gro�, wie dies bei den Sp�ter Toten oft der Fall war�� weit gr��er als irgendeiner der Sumerer im Saal, au�er Gilgamesch selbst.</p><p>Doch diese Stimme war unverkennbar. Es war eine Stimme, die aus der grauen D�mmerung der Zeit heraufkam, aus der verschwundenen Welt vor der Gro�en Flut, und die Stimme drang scharf und klar durch den weiten Saal wie eine Messingtrompete. Keiner der Sp�ter Toten hatte je �ber eine solche Stimme verf�gt.</p><p>Auch das magere Gesicht, obschon glattrasiert, war nicht das eines Sp�ter Toten. Die Haut hatte jenen polierten Ton, den man in einer Welt voll Wind und Schnee ohne W�rme bekommt. Die Wangenknochen waren breit und kr�ftig, die Lippen voll, die Nase gerade und stark vortretend, der Mund ungew�hnlich breit. Auch die Augen sa�en weit auseinander, und eine Augenh�hle war leer: Eine alte Narbe bedeckte kreuzweise die linke Gesichtsh�lfte.</p><p>Der Mann war K�nig des in H�hlen lebenden Eisj�gervolkes gewesen, in der Zeit vor der Zeit, da sogar die G�tter noch jung waren; und einst in der Nachwelt hatte Gilgamesch ihn gut gekannt.</p><p>Gilgamesch sp�rte ein fr�stelndes Erstaunen. Wie lange lag das zur�ck, da� sie h�chst vergn�glich in der weiten zugigen Festhalle der Eism�nner droben im Norden der Nachwelt geschmaust�� der weiten H�hle, die von wolligen Tierfellen behangen war und wo die riesigen krummen Sto�z�hne der behaarten Elefanten wie Stroh auf dem Boden lagen, wo der dicke Met in Str�men flo� und die rauchenden Feuer hoch brannten? Tausend Nachweltjahre? Dreitausend? Es war in seiner fr�hen Zeit, jener schlichteren, einfacheren Zeit, die nun f�r immer verloren schien.</p><p>�Vy-otin!� rief Gilgamesch laut. Mit einem Jubelschrei st�rzte er vor, sprang auf das Podium, auf dem die Festtafel stand, und breitete die Arme zu einer herzlichen Umarmung aus.</p><p>�Du hast also nicht vergessen�, sagte der Eisj�ger. �Ich glaubte f�r einen Moment, du kennst mich nicht mehr.�</p><p>�Nein, bei den Br�sten der Inanna, wie k�nnte ich dich jemals vergessen! Die alten Erinnerungen sind heller als alle sp�teren. Das verflossene Jahr ist mir ganz verschwommen im Ged�chtnis, aber diese alten Tage, Vy-otin, du und ich und Enkidu und Minos und Agamemnon��</p><p>�Ach ja. Aber einen Augenblick lang sahst du zweifelnd drein, Gilgamesch.�</p><p>�Deine Kleidung, dieses Zeug der Sp�ter Toten, hat mich verwirrt�, sagte Gilgamesch vorwurfsvoll. �Du, der lebte, als die Welt jung war und die gewaltigen Zotteltiere umherzogen, als sogar Sumer nichts weiter war als sumpfiges Marschland�� du bedeckst deinen Leib mit der geschmacklosen Kleidung der Kreaturen des zwanzigsten Jahrhunderts, wie einer von diesen Typen�� wie bezeichnen sie das?�� A. D.?� Er sprach es aus, als w�re es ein Schimpfwort. �Ich erinnere mich an einen Mann in Pelzkleidern, Vy-otin, mit einer Halskette aus Eberhauern und mit Armreifen von schimmernden Knochen, nicht aber an dies�� an diese Verkleidung als <emphasis>Businessman!�</emphasis></p><p>Vy-otin lachte. �Das ist eine lange Geschichte, Gilgamesch. Au�erdem hei�e ich jetzt nicht mehr Vy-otin, sondern Smith. Hier im Saal kannst du mich bei meinem wirklichen Namen nennen. Aber in den Stra�en von Uruk hei�e ich Smith.�</p><p>�Smith?�</p><p>�Ja, Henry Smith.�</p><p>�Ist das ein Name bei den Sp�ter Toten? Wie h��lich er klingt!�</p><p>�Es ist ein Name, den sich keiner l�nger als f�nf Minuten lang merken kann, nicht einmal ich selber. Henry Smith. Setz dich her zu mir, und wir trinken zusammen ein paar Fl�schchen von Dumuzis Wein, und ich erz�hle dir, weshalb ich mich so verkleide und mich Smith nenne.�</p><p>�Ich ersuche dich, Vy-otin, mit deiner Geschichte noch ein Weilchen zu warten�, sagte Dumuzi, der neben sie getreten war. �Da ist noch jemand, den Gilgamesch zuerst begr��en mu�.�</p><p>Er fa�te Gilgamesch am Ellbogen und deutete zur anderen Seite der Tafel. Dort hatte sich eine Frau von ihrem Sitz erhoben, eine wundersch�ne dunkelhaarige Frau von prachtvoller Gestalt und k�niglicher Haltung, die ihnen ruhig entgegenl�chelte.</p><p>Ein wunderbares Gesch�pf, strahlend, sch�n, mit leuchtenden Augen und dem Gehabe einer G�ttin. Es war, als verstr�mte sie Licht um sich. Sie war eindeutig sumerisch, ihr Gesicht und auch ihre Kleidung verrieten es. Sie trug das Gewand einer Priesterin des Himmelsvaters An. Sie war etwa in Gilgameschs Alter, schien es, vielleicht ein, zwei Jahre j�nger als er. Ihr Gesicht kam ihm vertraut vor, doch er vermochte es nicht unterzubringen. Nach ihrer Gr��e und majest�tischen Haltung war sie sicherlich von k�niglichem Blut, und ihr Gesichtsschnitt sagte ihm, da� sie sogar eine Verwandte von ihm selbst sein konnte. Vielleicht eine seiner leiblichen T�chter? Aber er hatte so viele davon gezeugt. Oder die Enkeltochter einer Urenkeltochter aus der zehnten Generation? Denn hier im Uruk der Nachwelt lebten wie �berall hier Leute der unterschiedlichsten Zeitabschnitte ganz durcheinander, und man konnte an jeder Wegbiegung auf irgendwelche entfernte Verwandte sto�en, uralte Ahnen, die hier nur wie kleine Knaben wirkten, und Enkelkinder, die aussahen, als verd�mmerten sie in ihrer Senilit�t.</p><p>Dumuzi sagte: �Magst du nicht zu ihr gehen und ihr deine Aufwartung machen, Gilgamesch?�</p><p>�Aber gewi� doch. Nur��</p><p>�Du zauderst?�</p><p>�Ich kenne sie irgendwie, Dumuzi. Aber ihr Name f�llt meiner Zunge nicht ein, und es besch�mt mich, da� ich mich nicht an ihn erinnere.�</p><p>�Und mit Recht sch�mst du dich, Gilgamesch, da� du deiner eigenen Mutter vergessen hast!�</p><p>�Meine Mutter?� Gilgamesch fl�sterte es heiser.</p><p>�Die gro�e K�nigin Ninsun. Sie ist es, keine andere. Bist du nicht bei Sinnen, Mann? Geh zu ihr! So geh doch zu ihr!�</p><p>Gilgamesch sah benommen und ehrf�rchtig zu der Frau hin. Und nat�rlich war es jetzt klar. Nat�rlich. Die Jahre zerfielen und verschwanden, als w�ren sie nie gewesen, und er erblickte das Gesicht seiner Mutter�� unverkennbar das Gesicht der g�ttingleichen Gattin Lugalbandas, des K�nigs von Uruk�� das Antlitz dieser gro�artigen Frau, die den Helden Gilgamesch in die Welt geboren hatte.</p><p>Und dennoch� dennoch�</p><p>Was uns doch die Nachwelt f�r Tricks zu bieten hat, dachte er. In den hundert Lebensperioden seines Zweiten Lebens hatten sich ihrer beider Wege nie gekreuzt. Soweit er sich zu erinnern vermochte, hatte er seine Mutter seit jener Zeit in jener langvergangenen anderen Welt nicht mehr gesehen; und er erinnerte sich an sie, wie sie in ihren sp�ten Jahren war, immer noch majest�tisch, k�niglich, doch die Haare wei� wie der Sand, das Gesicht gezeichnet und voller Falten, und hier war sie nun wieder in ganzer kraftvoller Sch�nheit, nicht jugendlich, aber durchaus nicht alt, sondern eine Frau in voller Lebensreife. Als er sie zuletzt so sah, war er noch ein Kind gewesen. Kein Wunder, da� er sie nicht erkannte.</p><p>Aber nun eilte er zu ihr und sank vor ihr auf die Knie, und es k�mmerte ihn nicht, was die anderen sahen oder denken mochten. Er hob den Saum ihres Kleides und pre�te die Lippen darauf. Die Tausende Jahre seiner Wanderungen durch dieses miserable grausame Land schrumpften ihm zu einem Nichts, und er war wieder der Knabe, der aus seinem ersten Leben, und die Mutter-G�ttin war ihm zur�ckgeschenkt und stand vor ihm, strahlend und voll W�rme und Liebe.</p><p>Weich und leise sprach sie seinen geheimen Namen, seinen Geburtsnamen, den niemand au�er ihr sagen durfte. Dann befahl sie ihm, sich zu erheben, und er ragte in seiner ganzen L�nge auf und schlang die Arme um sie und dr�ckte sie an seine Brust, denn so gro� gewachsen sie war, neben ihm wirkte sie wie ein Kind. Nach einiger Zeit gab er sie frei, und sie trat zur�ck und betrachtete ihn.</p><p>�Ich war schon fast verzweifelt, da� ich dich nie wiedersehen w�rde�, sagte sie. �An jedem Ort, an dem ich in der Nachwelt gelebt habe, h�rte ich Geschichten �ber den gro�en Gilgamesch, doch nie, niemals, kein einzigmal war ich gerade dort, wo du warst, es sei denn da� mich mein Bewu�tsein trog, und in diesem Augenblick glaube ich nicht, da� dem so war. Einmal habe ich Enkidu gesehen, aus der Ferne, in einer gewaltigen tobenden Menschenmenge, ich glaube es war in New Albion, oder im Reich Logres, oder vielleicht der Ort namens Phlegethon, glaube ich. Ich habe es vergessen. Doch wir wurden getrennt, bevor ich ihn rufen konnte. Und als ich mich nach Gilgamesch erkundigte, wu�te dort keiner etwas �ber ihn.�</p><p>�Mutter��</p><p>�Und dann kam ich hierher in dieses Neue Uruk, da ich wu�te, du warst hier K�nig und s��est vielleicht auf dem Thron. Aber sie sagten mir, du h�ttest das alte Uruk vor langem verlassen und seiest mit Enkidu auf die Jagd gezogen und niemals zur�ckgekehrt. Vor mehr Jahren, als irgendeiner sich erinnern konnte. Und ich dachte bei mir, die G�tter w�nschen offenbar nicht, da� ich meinen Sohn wiedersehen soll, denn hier ist die Nachwelt, und hier gehen nur wenige W�nsche in Erf�llung. Aber dann kam das Ger�cht auf, da� du dich der Stadt n�hertest. Ach, Gilgamesch! Welche Wonne, dich wieder anschauen zu d�rfen!�</p><p>�Und mein Vater?� fragte er. �Was ist mit dem g�ttlichen Lugalbanda? Er kann ja unm�glich auch hier sein, da er ein Gott ist, und wie k�nnte es in der Nachwelt G�tter geben? Aber wei�t du etwas von ihm?�</p><p>Ninsuns Augen �berw�lkten sich fl�chtig. �Auch er ist hier, dessen bin ich gewi�. Denn jene, die in Sumer nach ihrem Leben verg�ttlicht wurden, sind nicht l�nger G�tter und hausen hier wie alle anderen. Mich hast du einst zur G�ttin gemacht, erinnerst du dich nicht?�</p><p>�Ja.� Es war nur ein Murmeln.</p><p>�Und du selbst�� einst wurdest auch du zu den G�ttern gez�hlt. Es ist unwichtig. Wer als Sterblicher lebt, der stirbt wie die Sterblichen und kommt an diesen Ort.�</p><p>�Dann wei�t du also mit Sicherheit, da� Lugalbanda hier ist?�</p><p>�Nicht mit Sicherheit, nein. Aber ich glaube es. Von ihm habe ich in all der Zeit hier kein Wort geh�rt. Doch eines Tages werden wir uns wiederfinden, dessen bin ich mir ganz sicher.�</p><p>�Ja�, sagte Gilgamesch wieder nur und nickte. Der Gedanke war ihm niemals gekommen, da� auch sein Vater hier irgendwo in der Nachwelt sein k�nnte, doch die M�glichkeit erregte ihm freudig-�berrascht die Brust. �In der Nachwelt geschieht alles m�gliche, fr�her oder sp�ter. Du wirst mit deinem k�niglichen Gemahl wieder vereint werden und an seiner Seite leben, wie der Himmelsvater es bestimmte, denn ihr wurdet einander f�r alle Zeit verbunden, und dieser zeitliche Abschnitt in der Nachwelt bedeutet nur eine kurze Trennung, und ich��</p><p>Ninsuns Gesicht bekam einen seltsamen Ausdruck. Sie schlug kurz die Augen nieder, als sch�mte sie sich. Die k�nigliche W�rde, der G�ttinnenglanz wichen von ihr, und sie war kurz nur eine gew�hnliche sterbliche Frau.</p><p>�Hab� ich was Falsches gesagt?� fragte er.</p><p>Und sie antwortete: �Du hast nichts gesagt, was nicht richtig w�re. Doch ich m�chte dich mit meinem Freund bekannt machen, Gilgamesch.�</p><p>�Deinem�� <emphasis>Freund?�</emphasis></p><p>Auf seltsam m�dchenhafte Weise err�tete sie, und Gilgamesch konnte das nicht mit seinen Erinnerungen an die k�nigliche Haltung seiner Mutter in �bereinstimmung bringen. Sie wies mit dem Kopf zu einem Mann von betr�chtlichen Jahren, der auf dem Platz neben dem ihren sa� und sich nun erhob.</p><p>Er reichte Gilgamesch nicht einmal bis zur Brust. Ein kleiner, fast kahlk�pfiger Mann, sehr klein, einen halben Kopf kleiner als Ninsun selbst; und dennoch�� als Gilgamesch ihn genauer betrachtete, erkannte er, da� <emphasis>der</emphasis> Mann, trotz seines hohen Alters, eine seltsame urspr�ngliche elementare Kraft ausstrahlte, eine ungew�hnliche beherrschende St�rke und Macht, und so sah er bei weitem nicht so klein und alt aus, wie er war, sondern wahrhaftig von k�niglichem Kaliber und k�niglicher Haltung und W�rde. Es war sein breiter massiver Oberk�rper, der dieses Gef�hl von Kraft vermittelt, dachte Gilgamesch. Dies und seine Augen, und diese Augen waren die bohrendsten, intensivsten Augen, die ihn jemals angeblickt hatten. Sogar noch durchdringender, als es die Augen des Zauberers Imbe Calandola gewesen waren. Best�rzende Augen waren das, dunkel, funkelnd, die Augen eines Habichts, eines Adlers�� nein, es waren die Augen eines Gottes, mitleidlose, alles sehende Augen, die wie schwarze Edelsteine aus dem Gesicht lohten.</p><p>Mit Best�rzung begriff Gilgamesch, da� dieser seltsame kleine m�chtige Mann der Geliebte seiner Mutter sein mu�te; eine wahrlich beunruhigende Vorstellung.</p><p>Es war schon schwer genug gewesen, da� er sie als eine jugendliche, wundersch�ne und, soweit er sah, fr�hliche Frau wiedersah; noch tiefer traf es ihn, da� er in ihr nun eine Frau mit ganz irdischer Natur akzeptieren sollte, die mit M�nnern ins Bett stieg, mit <emphasis>diesem</emphasis> Mann, diesem <emphasis>alten</emphasis> kahlk�pfigen Mann, der sie in die Arme nehmen durfte und dessen H�nde die geheimen Stellen ihres Leibes erforschen durften, die nur Lugalbanda, der K�nig, gekannt hatte�</p><p>Du Tor, schalt er sich. Sie ist deine Mutter, aber sie ist auch ein Weib, und sie war Weib, bevor sie deine Mutter wurde. Sie war seit f�nftausend Jahren nicht mehr mit Lugalbanda zusammen. Und hier an diesem Ort sind sowieso s�mtliche Gel�bnisse obsolet. Hast du etwa erwartet, da� sie die ganzen f�nftausend Jahre, die sie bisher hier zugebracht hat, keusch wie eine Nonne geblieben ist? Und glaubst du, sie h�tte dies tun m�ssen?</p><p>Dennoch. Warum ausgerechnet <emphasis>dieser</emphasis> Mann? Dieser <emphasis>alte</emphasis> Mann, so klein, kaum noch ein Haar auf dem Sch�del, mit einer Haut wie tief gefurchtes altes Leder�</p><p>�Man nennt mich Ruiz�, sagte der kleine Mann. �Sie ist deine Mutter? Gut. Du pa�t zu ihr. Sie mu� die Mutter von Giganten sein, diese Frau. Die Mutter von G�ttern, was? Und du bist also der ber�hmte Gilgamesch. <emphasis>Mucho gusto en conocerlo, Senhor Gilgamesch.�</emphasis> Ruiz l�chelte ihn breit und offen an und streckte ihm ungeniert die Hand hin, als w�ren sie von gleichem Rang, als st�nden sie einander Auge in Auge wie zwei Giganten gegen�ber. Der Mann war der gewaltigste kleine Mann, dem Gilgamesch jemals begegnet war.</p><p>Beim Klang der Stimme und als er die Hand des Mannes ber�hrte, begann Gilgamesch zu verstehen, weshalb seine Mutter diesen Mann erw�hlt hatte, oder genauer, warum sie sich von ihm hatte erw�hlen lassen. Die Wahl schien dabei von keinerlei Bedeutung zu sein. Der Mann war unwiderstehlich, eine Naturkraft, ein Flu�, der unaufhaltsam der See zustr�mte.</p><p>�Pablo ist K�nstler�, sagte Ninsun. �Maler, ein Bildermacher. Er macht gerade ein Bild von mir.� Sie lachte leise. �Er will es mich nicht ansehen lassen. Aber ich wei�, es wird ein sehr bedeutendes Bild.�</p><p>�Es gibt Schwierigkeiten�, sagte Ruiz. �Aber ich werde mit ihnen fertig werden. Deine Mutter ist etwas Au�ergew�hnliches�� ihr Gesicht, ihre Ausstrahlung� Ich will ein Bild von ihr malen, das so gut ist, da� es der Teufel h�chstpers�nlich wird kaufen wollen. Aber ich werde es ihm nicht verkaufen! Und nach ihrem Bild�� das deine, was meinst du dazu, Gilgamesch?�</p><p>�Mein Bild?�</p><p>�Ich m�chte dich als Modell. Ich werde dir eine Maske aufsetzen, einen Stierkopf, und du wirst mein Minotauros sein. Der grandioseste Minotauros aller Zeiten, das authentische echte Menschentier, das Gesch�pf im Labyrinth. Nun? Was sagst du dazu, Gilgamesch Na? Du gef�llst mir. Wei�t du was, am kommenden Sonntag, <emphasis>el domingo que viene,</emphasis> haben wir hier in Uruk einen Stierkampf, ja? <emphasis>La corrida.</emphasis> Ja? Du wei�t, was das ist, ein Stierkampf?�</p><p>�Ja, ich wei�, was das ist�, sagte Gilgamesch.</p><p>�Sch�n. Nat�rlich wei�t du es. Du sollst an dem Tag neben mir sitzen. Wir zwei werden uns die Feinheiten anschauen. Wie findest du das? Ein Ehrenplatz an meiner Seite.� Die Augen des erstaunlichen kleinen Mannes funkelten. �Und morgen kommst du in mein Atelier, und wir fangen mit den Stellungen an, ja? Wir m�ssen sofort beginnen. Mein Bild wird dich ber�hmt machen.�</p><p>�Er ist auch jetzt schon ber�hmt und gro߫, sagte Ninsun gelassen.</p><p><emphasis>�Por supuesto!</emphasis> Selbstverst�ndlich. Er ist ein K�nig, er ist eine Legende, wir alle wissen das. Doch es gibt Gr��e und Gr��e, nicht wahr, Gilgamesch? Du wirst mein Minotauros. Ja? Der Sohn des Minos, aber nicht wirklich sein Sohn, sondern <emphasis>en realidad,</emphasis> in Wahrheit, der Sohn des Stieres aus der See, der�� denke ich�� der Poseidon war. Na? Wirst du mir Modell stehen?�</p><p>Es war kaum eine Bitte. Gilgamesch begriff, da� dieser Mann eine Bitte nicht als solche auffa�te, sondern als einen Befehl. Die eigenartige Dringlichkeit, dieses Verlangen, ihn zu malen, war am�sant und in ihrer Art geradezu unwiderstehlich. Blo� ein Maler, ein Handwerker, ein W�ndedekorierer, mehr war der Mann nicht, und dennoch glaubte er, da� es von h�chster Wichtigkeit sei, da� er ein Bild von Gilgamesch in einer Stiermaske anfertigte. Nun, m�glicherweise war das ja so. Es war jedenfalls ebenso wichtig wie alles andere, das hier geschah. Verbl�fft stellte Gilgamesch fest, da� er den kleinen Mann mochte, da� er sogar Achtung f�r ihn empfand. Er sp�rte in sich nicht einmal Groll gegen ihn, weil er sich Ninsans bem�chtigt hatte, wie dies offenbar der Fall war. Er f�hlte in sich eine innerliche Verwandtschaft zu ihm, eine N�he, wie er sie zu kaum sonst jemandem unter den Sp�ter Toten versp�rt hatte. Dieser Ruiz war jemand aus einer �lteren Zeit, sogar noch vor der Zeit von Gilgamesch selbst, einer Zeit, in der die Abst�nde und Unterschiede zwischen G�ttern und Menschen noch nicht so gewaltig waren, wie sie es sp�ter wurden. Der Mann besa� unbedingt die Qualit�ten eines Halbgottes. So etwas sah man auf den ersten Blick.</p><p>�Ja�, sagte Gilgamesch also. �Ich werde dir Modell sein, Ruiz. Ich komme morgen zu dir, ja?�</p><p>Und dann sagte Dumuzi: �So, jetzt setzt euch alle! Jetzt wollen wir den Wein trinken und essen!�</p></section><section><title><p>15</p></title><p>Es war die Stunde des ersten Fr�hlichts. Sie hatten die ganze Nacht lang durchgezecht. Simon Magus hing schnarchend in seinem Sessel. Der alte Zauberer war das ganze Festbankett hindurch unruhig und gelangweilt gewesen und hatte sich irgendwie vernachl�ssigt gef�hlt und fehl am Platze. Herodes hockte �ber seiner Flasche goldenen Weins, es war noch dieselbe Flasche, an der er bereits den halben Abend lang genippt hatte; er wirkte zerfranst und abgeschlafft, am Ende seines Durchhalteverm�gens, doch fest entschlossen, durchzuhalten. Er war in ein ernsthaftes Gespr�ch vertieft mit einem mageren dunklen Mann mit gewaltigem Bart in einem wei�en weiten Gewand. Und Dumuzi, der verquollene Augen hatte und ganz bleich war, schien sich ebenfalls sichtlich gegen das Einschlafen zu wehren, obwohl ihm immer wieder der Kopf vorn�ber sank, Ninsun, gegen�ber, sah m�de aus, hielt sich aber tapfer, und der kleine alte Mann Ruiz an ihrer Seite zeigte keinerlei Anzeichen von M�digkeit; seine Augen waren noch immer funkelnd-scharf, und er bekritzelte die Tischdecke, benutzte Teller, jede glatte Oberfl�che f�r Dutzende von Zeichnungen.</p><p>Vy-otin, der sich in seiner scharfgeb�gelten makellosen Sp�ttoten-Kleidung zweifellos entsetzlich unwohl f�hlte, trat zu Gilgamesch und sagte leise: �Komm, verschwinden wir hier und gehen wir ein paar Schritte. Die Luft drau�en ist frischer, und ich mu� dir einiges sagen. Dir vielleicht ein paar Ratschl�ge geben.�</p><p>�Klar, sicher�, sagte Gilgamesch.</p><p>Er stand auf, verneigte sich vor Dumuzi�� es kam ihn ziemlich hart an, seinen Stolz zu �berwinden und sich vor dem Kerl zu neigen und um die Erlaubnis zu bitten, sich vom Tisch zu entfernen. Der K�nig wedelte schw�chlich mit der Hand. Dann gingen er und der H�uptling der Eisj�ger durch die hohe Festhalle zu dem fernen Ausgang.</p><p>Im fr�hen Morgenlicht hatte alles einen r�tlichen Schimmer. Die Sonne hing tief am Firmament, ein fetter aufgebl�hter Klo�, als w�rde sie bis zum Mittag brauchen, um bis zu den Gipfelspitzen der Berge der Nachwelt zu klimmen.</p><p>Gilgamesch sagte: �Wie friedlich ist es doch um diese Stunde. Sogar hier in der Nachwelt findet man ab und zu Frieden.�</p><p>Das windgegerbte Gesicht Vy-otins erstarrte, das eine Auge funkelte scharf. �Frieden? Anderw�rts vielleicht, aber nicht hier. Der einzige Frieden, den du hier in Uruk finden wirst, ist der Frieden des Todes. Hau ab aus dieser Stadt, alter Freund, so rasch es geht!�</p><p>�Aber ich bin doch gerade erst angekommen, Vy-otin. Es w�rde einfach von schlechten Manieren zeugen, wenn ich so rasch wieder abreiste.�</p><p>�Sch�n, dann bleib hier. Aber nur, wenn dir dein derzeitiges Leben eine Last ist.�</p><p>�Du denkst, ich bin hier in Gefahr?�</p><p>�Sag du mir das eine, und was du mir sagen wirst, es soll verschwiegen sein zwischen uns nach unserem uralten Bruderschwur: Bist du nach Uruk gekommen, um den Thron zur�ckzugewinnen, Gilgamesch?�</p><p>Best�rzt blieb dieser stehen. �Ja, glaubst du denn, da� ich deswegen hier bin?�</p><p>�Dumuzi glaubt es.�</p><p>�Ach? Wirklich? Er steckte schon immer voller Angst.�</p><p>�Und er wird dich ermorden lassen, wenn du hierbleibst�, sagte Vy-otin.</p><p>�Er wird es versuchen, ja. Damit rechne ich. Aber er wird feststellen, da� es nicht so leicht ist, mich zu beseitigen.�</p><p>�Er ist K�nig in der Stadt, Gilgamesch.�</p><p>�Und ich, ich bin Gilgamesch. Ich werde hier verweilen, solange es mir beliebt. Niemand von sumerischem Blut wird es wagen, die Hand wider mich zu erheben.�</p><p>�Aber nicht alle in Uruk sind Sumerer�, sagte Vy-otin. �H�chstens einer unter zehnen ist es, vielleicht. Es gibt viele hier, die sich gern mit dem Ruhm schm�cken m�chten, den ber�hmten Gilgamesch erschlagen zu haben. Dumuzi wird keinen Mangel an Mordbuben haben.�</p><p>�Sollen sie kommen, ich kann mich verteidigen.�</p><p>�Zweifellos. Aber dann ist es doch wahr, da� du gekommen bist, um ihm den Thron zu nehmen?�</p><p>�Nein!� sagte Gilgamesch grimmig. �Weshalb unterstellt ihr mir alle so etwas? Ich will weder seinen Thron noch irgendeinen anderen. Glaube mir, Vy-otin, mir ist die Lust auf Macht schon vor langer Zeit abhanden gekommen. Und das ist die reine Wahrheit. Glaub mir. So glaub mir doch!�</p><p>Vy-otin lachte. �In einem Atemzug verlangst du gleich dreimal, da� ich dir glauben soll. Ich fand immer, da� nur jemand, der an seinen eigenen Worten zweifelt, so heftig fordert, da� man ihm glaube.�</p><p>Das traf Gilgamesch hart, und er warf dem Eisj�ger einen w�tenden Blick zu. �Du glaubst also, ich bel�ge dich?�</p><p>�Ich denke, du bel�gst dich vielleicht selbst.�</p><p>�Ach was!� Gilgameschs H�nde zuckten. Er f�hlte, wie die Wut in ihm hochwallte�� und sich wieder legte. Er sagte lange nichts und zwang sich v�llig reglos dazustehen. Dann sprach er: �Jeden anderen, Vy-otin, h�tte ich wegen solcher Worte niedergeschlagen. Dich nicht. Nein, dich nicht.� Er wurde wieder ruhig und sagte dann mit ganz leiser Stimme: �Ich will dir die Wahrheit bekennen: Ich kenne meine eigene Seele nicht mehr! Ich sage mir, da� ich Macht scheue, Ehrsucht verabscheue und nur Verachtung f�r jene �brig habe, die in diesem Land der Nachwelt nach Vorz�gen streben. Und dennoch, dennoch, Vy-otin, es gibt Momente, wo ich das alte Feuer in mir aufflammen f�hle und erkenne, da� ich nicht so sehr anders bin als andere M�nner, wie ich mir das gern vorstelle, da� auch mich dieser gleiche eitle Zwang antreibt, auf den Gipfel zu gelangen.� Er sch�ttelte den Kopf. �Die Wahrheit ist, ich bin mir nicht l�nger sicher, was ich will. M�glich, da� Dumuzi wirklich einigen Grund hat, mich zu f�rchten. Aber ich sage es zu dir, Vy-otin, ich hatte einen anderen Grund, nach Uruk zu kommen. Jedenfalls nicht, um mich hier auf den Thron zu setzen.�</p><p>�Und was ist das f�r ein Grund?�</p><p>�Von einem Magier in der Stadt Brasil erfuhr ich, da� Enkidu vielleicht hier weilt. Mein liebster Freund, der Bruder meines Herzens, von dem ich viel zu oft und viel zu lange getrennt gewesen bin.�</p><p>�Ja, ich erinnere mich an Enkidu. Ein gewaltiger, von Haaren bedeckter Mann, ungest�m wie ein wilder Stier.�</p><p>�Ich bin hergekommen, um ihn hier zu suchen. Weiter nichts. Und das ist die Wahrheit. Ich schw�re dir, es ist die Wahrheit. Soweit ich sie kenne.�</p><p>�Und wei�t du mit Bestimmtheit, da� er sich hier in Uruk aufh�lt?�</p><p>�Nein. Nur durch eine Vision, die ein schwarzer Magier mit seinen K�nsten in mir hervorgebracht hat. Doch ich glaube nun eben, es ist eine wahre Vision.�</p><p>�Dann w�nsche ich dir, da� du Erfolg hast in deiner Suche und auch sonst alles erdenkliche Gl�ck.� Vy-otin ergriff Gilgamesch an beiden H�nden und dr�ckte sie fest. �Bei den H�rnern des Gottes, ich will dir auf jede mir m�gliche Weise helfen! Doch sei auf der Hut in dieser Stadt, Gilgamesch! Dumuzi ist gerissen und hinterh�ltig, und er ha�t dich mehr, als du dir vorstellen kannst. Er w�rde dich mit Wonne tausendfach in die Nachwelt schicken, wenn du nicht bereits hier w�rst.�</p><p>�Ich werde mich vor ihm h�ten�, versprach Gilgamesch. �Ich kenne seine Methoden aus der anderen Welt.�</p><p>Dann schritten sie lange auf und ab, ohne da� einer von ihnen etwas sprach. Das tr�be Licht der Sonne verst�rkte sich und kroch den Himmel hinauf, und der fr�he Morgen erw�rmte sich. In den H�usern und Gesch�ften der Stadt Uruk erwachte das Leben.</p><p>Nach einiger Zeit sagte Gilgamesch: �Lieber Freund, du hast mir nicht gesagt, weshalb du diese absurde Verkleidung tr�gst.�</p><p>�Ach, ich habe mich daran gew�hnt und mag sie sogar�, antwortete Vy-otin leichthin.</p><p>�M�glich. Aber es ist schon ein komisches Kost�m f�r einen, der von den Anf�ngen der Zeit kommt.�</p><p>�Wirke ich auf dich derma�en alt, Gilgamesch? Denk doch an die Haarmenschen, die fast wie Affen aussehen. <emphasis>Sie</emphasis> sind wirklich aus uralter Zeit. Wer wei�, wann die gelebt haben? Es mu� schon sehr lange her sein, denn sie sind so gar nicht wie wir, auch wenn sie uns sagen, sie sind unsere Vettern. Meine Zeit lag nur zehntausend Jahre vor der deinigen. Na, vielleicht auch f�nfzehntausend, wer kann das schon so genau sagen. Aber ich bin ein Mensch�� wie du.�</p><p>�Aber zehntausend Jahre sind kein Klacks, kein R�uspern, Vy-otin. Deine Zeit war lang vor der meinen. �ber die Haarmenschen kann ich dir nichts sagen. Aber du stammst aus einer Welt, die ich nie gekannt habe, und sie war lange vor meiner Welt. Das war doch schon vor der Gro�en Flut!�</p><p>�Wenn du es so sagen willst.� Vy-otin zuckte die Achseln. �Kann sein. Ich habe keine Ahnung von deiner Flut. In meiner Zeit lag die Welt tief im Eis. Die Sonne war hell, die Luft war kalt, der Wind schnitt wie ein Messer. Die gro�en zottigen Tiere zogen �ber das Land. Es war die allergr��te aller Zeiten, Gilgamesch. Wir waren nicht sehr viele, wei�t du, doch wir waren gro�artig! Du h�ttest uns sehen m�ssen, wenn wir auf die Jagd zogen und wie Geister durch die dunklen blattlosen B�ume streiften! Bei den H�rnern, ich w�nschte, du w�rst damals mit uns gewesen!� Und mit ver�nderter, dunklerer Stimme setzte er hinzu: �Ich wollte, ich w�re noch dort.�</p><p>�Du hast mir das alles so geschildert, als w�re es noch immer wahr, diese Zeit des Eises und der gewaltigen Tiere, damals in deinem Palast im Norden�, sagte Gilgamesch. �Und da lagerten die gewaltigen Hauerz�hne auf dem Boden, und an den W�nden hingen die zottigen H�ute, und dein Volk scharte sich um dich. Ich erinnere mich noch sehr gut, obwohl es schon sehr lange her ist, da� ich dort mit dir zusammen war. Warum bist du fortgegangen?�</p><p>�Du warst einmal K�nig in dieser Stadt hier. Warum bist du fortgegangen?�</p><p>�Wie k�nnte ich das sagen? Wir treiben in der Nachwelt umher, ohne das Geringste zu verstehen. Ich war in diesem Uruk, und dann war ich nicht in Uruk, und ich erinnerte mich an nichts von Uruk. Vielleicht wurde ich niedergeschlagen und wachte anderw�rts auf. Vielleicht in Nova Roma oder einer anderen weit entfernten Stadt. Ich kann mich nicht daran erinnern. Es h�tte <emphasis>alles</emphasis> geschehen sein k�nnen. Ich kann nur sagen, ich war hier und auf einmal war ich nicht mehr hier. Die Erinnerung daran, wie und weshalb ich fortzog, ist aus meinem Ged�chtnis gestohlen worden.�</p><p>�Bei mir ist das anders�, sagte Vy-otin. �Ich wurde get�tet. Ein bl�dsinniger Streit, ein paar betrunkene �gypter�� ich beging den Fehler, dazwischengehen zu wollen. Es war das �bliche. Ich trat in die Finsternis, die zwischen den Leben kommt, und ich war tausend oder vielleicht zweitausend Jahre lang weg, und als ich zur�ckkam, war ich an einem ganz anderen Ort, weit weg von allem, was ich gekannt habe. Kennst du die Stadt Dis, Gilgamesch?�</p><p>�Dis? Nein.�</p><p>�Am anderen Ufer des Wei�en Meeres.�</p><p>�Ich habe nicht gewu�t, da� es da dr�ben �berhaupt etwas gibt am anderen Ufer.�</p><p>�Die Nachwelt ist unbestimmt, meine Freund, und ohne Grenzen. Ich lebte eine lange Zeit in Dis, dann �berquerte ich das Meer, und nun bin ich in Uruk. Mein Volk hat sich zerstreut, und keiner erinnert sich noch an das Schlo� im Norden. Alles ver�ndert sich, Gilgamesch, und nicht zum Besseren.�</p><p>�Und du hast dich in der Stadt Dis dazu entschlossen, dich wie ein Sp�ter Toter zu kleiden? Warum?�</p><p>�Damit sie nicht merkten, da� ich pr�historisch bin; denn so haben sie mich bezeichnet�� <emphasis>vorgeschichtlich,</emphasis> als w�re ich irgendein Tier.�</p><p>�Sie? Wer?�</p><p>�Die Gelehrten�, sagte Vy-otin. �Die Philosophen. Die Arch�ologen. Die dumpfdummen langweiligen neugierigen Sp�tlinge. Ich will dir berichten, was geschehen ist. In Dis geriet ich an einen dieser Sp�ter Toten, kurzbeinig und h��lich, aber stark, sehr stark. Ein Musiker, Wagner war sein Name. Und da war sein Freund, der Nietzsche hie�, sofern du das als Namen gelten lassen willst, und da war noch einer, ein Jude wie dein Freund Herodes, aber �lter, mit einem wei�en Bart und scharfen durchdringenden Augen. Der hie� Freud. Und wir vier sa�en zusammen und tranken die ganze Nacht lang, genau wie wir das heute taten, und als die Morgend�mmerung heraufzog, fragten sie mich nach meinem Namen, und so sagte ich ihnen, ich hei�e Vy-otin und sei von dem alten Volk der Eisj�ger, habe in der kalten Zeit in einer H�hle gelebt, und mein Auge habe ich bei einem Kampf mit einem Schneetiger verloren. Und ich erz�hlte ihnen noch das eine und andere mehr aus meinem ersten Leben. Und da br�llte auf einmal dieser Mann Wagner: Wotan! Du bist Wotan! Und der Nietzsche hie�, der sagte: Ja, er ist es in Person. Und der alte Mann Freud begann zu lachen und sagte, da� das durchaus m�glich sei, da es au�er Zweifel stehe, da� der Mythos aus einer Realit�t erw�chst, und ich deshalb durchaus der fleischgewordene Mythos sein k�nnte.�</p><p>�Es f�llt mir schwer, dir zu folgen�, sagte Gilgamesch.</p><p>�Also, dieser Wotan, der auch Odin genannt wird, war ein Gott, lange nach meiner und deiner Zeit, ein ein�ugiger Gott in den kalten Nordlanden. Und die drei waren �berzeugt, da� ich das Modell bin, nach dem dieser uralte Odin oder Wotan geschaffen wurde. Verstehst du? Da� ich in den Jahren nach meinem Tod immer mehr zur Legende wurde, zum klugen ein�ugigen K�nig im Schneeland, und dann begannen mich die Leute im Norden im Verlauf von Tausenden von Jahren als G�ttervater zu verehren.�</p><p>�Und wenn das so ist? Die Zeit hat viele K�nige und Krieger zu G�ttern gemacht. Was bedeutet dir das schon? Wieso sollte es dich bek�mmern?�</p><p>�Aber diese drei n�rrischen M�nner h�pften vor Freude bei dem Gedanken, da� sie mit dem Original eines gro�en Mythos an einem Tisch sa�en. F�r sie war das eine tolle Sache, aber wo blieb ich, mein wirkliches Selbst, das jetzt da sa� und lebte? Mich fegte das einfach weg, Gilgamesch, es raubte mir alles, was meine Wirklichkeit war. Ich sagte ihnen, ich bin kein Mythos, sondern der, der ich bin, aber das wischten sie einfach beiseite. Wer ich bin, bedeutete ihnen �berhaupt nichts. Sie fanden mich kurios, ich war ein Primitiver f�r sie, ein Wilder. Ein Tier. Ich glaube, sie waren erstaunt, da� ich �berhaupt sprechen konnte. Was sie erregte, war ich in ihrer Vorstellung, der Archetyp, sonst nichts. So nannten sie mich: der Archetyp. Ich fragte, was das ist, ein Archetyp, und sie erkl�rten es mir stundenlang, wo ein Satz gen�gt h�tte. Es bedeutet das Original. Ich bin er erste, originale, echte Wotan, sofern man den drei Leuten da glauben kann. Alle gro�en Mythen, sagten sie, kommen aus der vorgeschichtlichen Menschheitsd�mmerung her�ber, sagten sie, und da sitze nun ein Mann direkt aus diesem Dunkel leibhaftig mit ihnen an einem Tisch in einer Kneipe. Und davon bekamen sie ein hitziges Hirnfieber und wurden ganz verr�ckt. <emphasis>Wotan!</emphasis> kr�chzte Wagner und wollte wissen, ob ich T�chter gehabt habe. Und Freud, der fragte, ob ich S�hne h�tte. Und dieser Nietzsche, der wollte wissen, ob ich an Gott glaube� Ach, Gilgamesch, diese drei Typen! Einer hatte Opern �ber diesen Wotan geschrieben. Wei�t du, was eine Oper ist? Gesinge und L�rm und Kost�me. Und der andere hatte philosophische B�cher geschrieben. Und der dritte behauptete, da� er mehr �ber die Lebenszust�nde in meiner Zeit w��te als ich selbst. Alle drei sahen in mir nur eine Widerspiegelung von sich selbst. Und sie stellten mir zehnmal tausend Fragen, und sie holten andere herbei, die mich betrachten mu�ten, andere Wissenschaftler und Denker, und sie veranstalteten ein solches Getue und �rgernis mit mir, da� ich ihnen gern mein einziges Auge drangegeben h�tte, um meine Ruhe vor all diesen Klugschei�ern zu haben. Bei der Mutter! Sie haben mich fast zum Wahnsinn getrieben! Am Ende floh ich vor ihnen. Ich bin kein Gott, Gilgamesch, und ich bin auch kein Archetyp. Ich bin nichts weiter als ein schlichter Mann aus dem Pleistoz�n und��</p><p>�Dem <emphasis>was?�</emphasis></p><p>�So nennen die Gelehrten die Zeit, in der ich lebte. Als noch alles vom Eis bedeckt war und die gro�en Zotteltiere noch lebten.� Vy-otin lachte. <emphasis>�Pleistoz�n.</emphasis> Du merkst es? Ihre t�richten Bezeichnungen haben mich angesteckt. <emphasis>Pr�historisch.</emphasis> Glaubst du, da� wir uns f�r <emphasis>vor</emphasis> der Geschichte lebend gehalten haben, f�r Nicht-Geschehene hielten? F�r blo�e grunzende Tiermenschen? Nun, so war es nicht. Wir hatten Gedichte, wir hatten Musik. Wir hatten G�tter. Sie nennen uns den <emphasis>Aurignac-</emphasis>Typ. Mir sagt das gar nichts. <emphasis>Archetyp.�</emphasis> Vy-otin sch�ttelte den Kopf. �Also bin ich geflohen und habe mich vor ihnen versteckt. Und nun hei�e ich Henry Smith, und ich tue so, als w�re ich ein Sp�ter Toter, damit mir die Gelehrten nicht weiter auf die Nerven gehen k�nnen�� diese wichtigtuerischen Eierk�pfe und Weisheitsfurzer, die mir erz�hlen wollen, was ich bin. Sollen sie sich einen anderen als Studienobjekt suchen, der f�r sie das pr�historische Fossil und Aurignac und Archetyp spielt.�</p><p>�Du siehst aber nicht aus wie ein Sp�ter Toter, Vy-otin.�</p><p>�Nicht?�</p><p>Gilgamesch l�chelte. �Nicht f�r mich. F�r mich siehst du aus wie ein ein�ugiger Eisj�gerh�uptling, der sich als Sp�ttoter verkleidet hat. Ein Barbar wie ich selbst. Du siehst aus wie aus dem�� Pleistoz�n. Wie ein�� wie war das Wort?�� ein Aurignac-Mensch. Eindeutig aus dem Aurignac. Ein Archetyp, Vy-otin. Habe ich die W�rter korrekt ausgesprochen?�</p><p>Auch Vy-otin l�chelte nun, doch ohne Heiterkeit. �Mag das sein, wie es will�, sagte er, ein wenig gereizt. �Ich spiele jedenfalls das Spiel dieser Leute nicht mit. Und wehe dir, mein Freund, solltest du eines Tages einem Haufen von Gelehrten in die H�nde geraten. Sie werden dich peinigen und dir keine Ruhe lassen, und wenn sie mit dir fertig sind, wei�t du nicht mehr genau, wie dein wirklicher Name lautet.�</p><p>�Schon m�glich�, sagte Gilgamesch. �Im Outback bin ich einmal einem armen Verr�ckten von den Sp�ter Toten begegnet, der mich mit einem gewissen Conan verwechselte, irgend so einem alten Krieger, der sowas wie ein Mann aus dem Land der Kimmerier war, und der wollte mich anbeten oder noch Schlimmeres mit mir. Was f�r ein trauriger Tor der Mann war! Wahrscheinlich auch wieder so eine archetypische Sache, denke ich.�</p><p>�Sie sind alle solche Narren, diese modernen M�nner�, sagte Vy-otin.</p><p>�Aber die Dummheit ist nicht erst gestern erfunden worden�, sagte Gilgamesch. �Wir hatten zu meiner Zeit davon auch schon einen ganzen Haufen. Und du wahrscheinlich auch.�</p><p>�Wahrhaftig�, gab Vy-otin zu.</p><p>Gilgamesch betrachtete seinen alten Freund nachdenklich, und auf einmal �berkamen ihn Zweifel an seinen eigenen G�ttern, dem Himmelsvater An und Enlil, dem Herrn der St�rme, und Enki, dem Barmherzigen, und all den �brigen. Waren auch sie einst nur Menschen gewesen�� Krieger, Priester, K�nige�� und durch die Zeit hindurch und dank der bl�den Leichtgl�ubigkeit der Menschen in derart ferne, erhabene Wesen umgeformt worden, in diese�� Archetypen? Wenn er lange genug durch die Nachwelt zog, w�rde er dann die echten, die echten Urbilder, die Originale der G�tter aus Sumer-dem-Land in einer Kaschemme versammelt finden, in der Stadt Dis, wo sie heftig zechten und herzlich lachten und sich Geschichten �ber die guten alten Zeiten vor der Flut erz�hlten?</p><p>Die Vorstellung behagte ihm nicht sonderlich.</p><p>Schweigend gingen die zwei dann wieder zum Festsaal zur�ck.</p><p>Gilgamesch sagte: �Das war also der Rat, den du mir zu geben hattest? Da� ich mich von sogenannten Philosophen fernhalten soll?�</p><p>�Ja. Und da� du auf der Hut sein sollst vor Dumuzi.�</p><p>�Nat�rlich. Das auch. Aber die Philosophen sollte ich doch wohl mehr f�rchten, wenn deine Erfahrungen einigerma�en verbindliche Anhaltspunkte bieten. Mit Schwertern und Dolchen werde ich leicht fertig. Aber zudringliche W�rterschw�tzer? Pfui! Sie machen mich ebenso rasend wie dich!� Und gerade da erblickte er Herodes, der aus dem Festsaal kam und ziemlich angeschlagen von den Ausschweifungen der Nacht wirkte. Der kleine j�dische F�rst st�tzte sich schwankend gegen die dunkle Relieffl�che des Geb�udes, atmete mehrmals nacheinander heftig, rieb sich die Augen und fuhr sich mit dem Handr�cken �ber die Lippen. Seine wei�e sumerische Robe war voll Weinflecken, das Sch�delk�ppchen sa� schief. �Siehst du den Mann da?� fragte Gilgamesch. �Er ist mit mir von Brasil hergereist. Er besteht aus nichts weiter als aus Worten, Worten, Worten. Leih ihm dein Ohr, und er sabbert es dir stundenlang voll. Er ist so k�hn wie ein Floh. Und dennoch behauptet er, da� auch er einst ein K�nig war.�</p><p>�Gilgamesch?� rief Herodes und beschattete die Augen gegen den Sonnenglast. �Da bist du ja, Gilgamesch!� Unsicher, als f�rchtete er, seine Fu�kn�chel k�nnten unter ihm wegknicken, kam er heran und sagte: �Ich hab� dich gesucht. Kann ich mit dir reden?�</p><p>�Rede.�</p><p>Herodes warf Vy-otin einen scheuen Blick zu und schwieg.</p><p>�Also? Was gibt es?� sagte Gilgamesch.</p><p>Immer noch z�gernd sprach Herodes: �Es ist mir gelungen, heute nacht ein paar Informationen aufzuschnappen. Und ein paar davon d�rften dich interessieren.�</p><p>�So rede schon!�</p><p>�Der Freund deiner Mutter? Der Mann, der dich auf einem Bild malen will?�</p><p>Mit wachsender Ungeduld sagte Gilgamesch: �Nun, was ist mit dem?�</p><p>�Er benutzt hier den Namen Ruiz. Aber wei�t du, wer er in Wirklichkeit ist, Gilgamesch? Er ist Picasso!�</p><p>�Wer?�</p><p>�Picasso! Pablo Picasso!� Mit seinem vom Wein ger�teten stoppelb�rtigen Gesicht sah er so aufgeregt aus, als bek�me er gleich einen Schlaganfall. �Er versucht sich hier zu verstecken, vor einer Ex-Gemahlin oder einer Ex-Geliebten, deshalb hat er sich einen anderen Namen zugelegt. Aber einer von Dumuzis H�flingen hat mir gesagt, wer er in Wahrheit ist. Es ist einfach sagenhaft! Und nat�rlich wirst du dich von ihm malen lassen, ja? Er wird dich zu einem Meisterwerk machen, wie es die Nachwelt noch nie�� Herodes brach ab. �Du bist nicht beeindruckt. Nein, ganz und gar nicht. Du wei�t nicht einmal, wer Picasso ist, ja? Er ist blo� der gr��te K�nstler der Nachwelt, der je gelebt hat! Ich habe das studiert, wei�t du nicht? Die Kunst der Sp�ter Toten, die Musik, die Architektur��</p><p>�Nun, ist es nicht, wie ich dir sagte?� fragte Gilgamesch Vy-otin. �Ein endloses Ges�usele, ein Gew�sch von W�rtern.�</p><p>�Ist ja schon gut, dir liegt nichts daran�, sagte Herodes kl�glich. �Aber la� dich doch trotzdem von ihm malen. Ich dachte, es freut dich, wenn du erf�hrst, wer er ist. Aber das war nicht die wichtigste Sache, �ber die ich mit dir sprechen wollte.�</p><p>�Bestimmt nicht. Das Wichtige hebst du dir immer bis zuletzt auf. Wie taktvoll. Sch�n, dann sprich jetzt.�</p><p>Aber Herodes schwieg wieder und sah unsicher zu Vy-otin hin�ber.</p><p>�Der Mann ist mein lieber Freund und Bruder Henry Smith�, sagte Gilgamesch. �Ich habe vor ihm keine Geheimnisse. Also sprich jetzt, Herodes, oder�� bei Enlil!�� ich schmei�e dich��</p><p>�Enkidu ist in Uruk, genau wie es dir vorhergesagt wurde�, sprudelte Herodes eilig hervor.</p><p><emphasis>�Was?�</emphasis></p><p>�Der gro�e grobschl�chtige Mann, nach dem du suchst. Dein Freund, den du deinen Bruder nennst. Ist das nicht Enkidu?�</p><p>�Aber ja, ja!�</p><p>�Dieser H�fling erz�hlte mir�� er ist ein Assyrer und hei�t Tukulti-Sharrukin und war sehr betrunken. Enkidu ist vor etwa einer Woche hier aufgetaucht. Jedenfalls ging er direkt zum Palast, weil er ein Ger�cht geh�rt hatte, da� du dort sein w�rdest, oder er hatte einen Traum oder�� nun, irgend etwas. Er glaubte jedenfalls, du k�nntest im Palast sein. Aber da warst du nat�rlich nicht. Er fragte immer weiter: Wo ist Gilgamesch? Wo ist Gilgamesch? Er soll hier in der Stadt sein. Dumuzi wurde sehr besorgt. Das gefiel ihm gar nicht, da� du irgendwo in der N�he sein k�nntest.�</p><p>Gilgamesch f�hlte ein Tosen in seiner Brust. �Zur H�lle mit Dumuzi. Wo ist Enkidu jetzt?�</p><p>�Der Assyrer wu�te es nicht genau. Immer noch irgendwo hier in Uruk, glaubt er jedenfalls. Er versprach mir, es herauszufinden und mich wissen zu lassen. Morgen.�</p><p>�Er ist Gefangener?� fragte Gilgamesch.</p><p>�Beim Sto�zahn!� r�hrte Vy-otin. �Wir finden ihn! Wir befreien ihn! Bei der Mutter! Bei den H�rnern des Gottes! Ein Gefangener? Enkidu? Wir rei�en die Mauern nieder, hinter denen er festgehalten wird!�</p><p>�Sachte!� Gilgamesch legte Vy-otin die Hand auf die Schulter. �Bleib ruhig. Es gibt verschiedene Methoden, die Sache anzugehen, Vy-otin, mein Freund.�</p><p>�Du sagtest doch, sein Name ist Henry Smith�, bemerkte Herodes leise.</p><p>�Das braucht dich jetzt nicht zu k�mmern�, sagte Gilgamesch scharf. Und zu dem Eisj�ger: �Hast w�re falsch. Zun�chst m�ssen wir herausfinden, ob Enkidu wahrhaftig hier ist und wo er ist und wer ihn bewacht. Dann wenden wir uns an Dumuzi, behutsam, ganz vorsichtig. Er ist ein Schw�chling. Und du wei�t ja, wie man mit schwachen M�nnern umgehen mu�, Vy-otin: Fest und direkt, aber darauf bedacht, sie nicht in Panik zu versetzen, denn dann w�ren sie zu allem f�hig. Falls er Enkidu aus Furcht vor mir umbringen l��t, dauert es m�glicherweise wieder tausend Jahre, ehe ich ihn wiederfinden kann. Deshalb m�ssen wir behutsam vorgehen. Was meinst du dazu, Vy-otin, heh?�</p><p>�Ich glaube, du hast recht�, gab der Eisj�ger zu.</p><p>Gilgamesch wandte sich wieder Herodes zu. Ein kl�glicher kleiner Mensch, dachte er. Aber klug und brauchbar.</p><p>Er l�chelte ihn warm an. �Eine gute Nachtarbeit! Gut gemacht, K�nig Herodes! Gut gemacht!�</p><p>�Und dies wird deine Maske sein�, sagte Picasso. �Hier. Nimm und setze sie mal auf.�</p><p>Er fuhr durch den weiten h��lichen Kellerraum wie eine schnaufende kleine Maschine, r�umte Haufen von Zeug um, stie� Gegenst�nde aus dem Weg. Gilgamesch betrachtete sich die Maske, die er ihm in die H�nde gedr�ckt hatte. Er war verwundert. Sie war so h��lich wie alles �brige in dem Raum. Ein breiter Stierkopf aus Papiermach� mit gewaltigen schwarzen N�stern und gro�en klobigen Z�hnen. An der linken Seite war ein starres rotes Auge und obenauf ein zweites. Kurze scharfgekr�mmte H�rner aus Wachs ragten in groteskem Winkel hervor. Fetzen von krausem schwarzen Fell waren �berall aufgeklebt. Das Ding verbreitete einen s�uerlichen scharfen Geruch. Anscheinend sollte Gilgamesch es mittels der herabbaumelnden Schnur am Hals befestigen.</p><p>�Du willst, da� ich <emphasis>das</emphasis> da trage?� fragte er.</p><p>�Nat�rlich! Setz es auf, setz es dir auf! Du wirst mein Minotauros sein!� Picasso fuchtelte ungeduldig mit der Hand. �Ich habe die Maske heute speziell f�r dich gemacht.�</p><p>Seit dem Fest bei Dumuzi war erst ein Tag vergangen. So h��lich diese Stiermaske war, sie war h�chst raffiniert gearbeitet, mu�te bestimmt das Werk mehrerer Tage sein. �Wie ist das m�glich?� fragte Gilgamesch. �Da� du das so schnell hast machen k�nnen?�</p><p>�Schnell?� Picasso spuckte das Wort fast aus. <emphasis>�Cagarruta!</emphasis> Ich habe mehr als eine Stunde daf�r gebraucht!�</p><p>�Dann mu�t du ein Zauberer sein.�</p><p>Picasso lachte und r�umte weiter auf, um Platz in dem Atelier zu schaffen.</p><p>Gilgamesch legte die Maske weg und wanderte durch den Raum und betrachtete die Bilder, die an jeder Wand gestapelt standen. Es waren erschreckende Bilder. Da war eine Frau mit zwei Gesichtern an einem Kopf, und man konnte nicht sagen, ob sie einen direkt anblickte, oder ob man ihr Gesicht seitlich sah. Und dort stand ein Bild, auf dem lauter kleine Schachteln waren, so da� die Augen herumspringen mu�ten, bis einem fast die Tr�nen kamen. Und dort waren drei Ungeheuer mit h�hnischen Gesichtern. Eine Frau mit drei Br�sten und Z�hnen zwischen den Beinen.</p><p>Die Formen! Die Farben! Noch nie hatte jemand solche Szenen gesehen, nicht einmal in der Nachwelt. Ganz gewi� wurde hier irgendeine Art Zauberwerk praktiziert. Gilgamesch dachte: Im alten Uruk h�tte ich befohlen, diese Bilder zu verbrennen und den Maler aus der Stadt zu peitschen. Und trotzdem, jetzt f�hlte er sich von diesen Arbeiten wie bet�rt. Er sp�rte in ihnen den starken und spielerischen Geist des kleinen Mannes und seine best�rzende Willenskraft.</p><p>�Bist du ein Zauberer?� fragte er.</p><p><emphasis>�Por favor.</emphasis> Die Maske. Bitte setz sie auf.�</p><p>�Irgendein D�mon?�</p><p>�Ja�, antwortete Picasso. �Ich bin ein D�mon. Die Maske. Bitte?�</p><p>�Zeig mir das Bild, das du von meiner Mutter gemalt hast.�</p><p>�Es ist nicht fertig. Es ver�ndert sich st�ndig. Alles ver�ndert sich unabl�ssig. Ich werde dir die Maske selber aufsetzen.� Picasso kam durch das Atelier und griff nach der Maske. Doch er war zu klein. Gilgamesch ragte vor ihm auf wie eine Mauer. <emphasis>�Dios!</emphasis> Was bist du f�r ein <emphasis>cojonado</emphasis> Prachtbulle! Weshalb mu�t du derma�en gro� sein?� Und er schob Gilgamesch die Maske bis ans Kinn. �Also, setz sie schon auf!� befahl er. <emphasis>�Ahora atrabajar.</emphasis> Zeit, da� wir jetzt mit der Arbeit beginnen.�</p><p>Er sagte es ruhig, aber mit gro�em Nachdruck. Gilgamesch st�lpte sich die Maske �bers Gesicht, und zuerst w�re er an dem Gestank von Klebeleim und anderen Dingen beinahe erstickt. Er band sich die Schnur im Genick zu. Durch zwei Schlitze konnte er etwas sehen, aber nicht besonders gut. Picasso winkte ihn zu einer Stelle unter den grellen starken elektrischen Lampen und zeigte ihm, welche Position er von ihm haben wollte: die Arme erhoben, wie bereit, einen heranst�rmenden Angreifer zu packen.</p><p>�Bei all diesen anderen Bildern, hast du daf�r beim Malen auch Modelle benutzt?� fragte Gilgamesch mit dumpfer und hohler Stimme hinter der Maske. �Es sind Dinge, die du wirklich gesehen hast?�</p><p>�Ich sehe sie hier drin.� Picasso klopfte sich gegen die Stirn. Dann z�ndete er sich eine Zigarette an, trat zur�ck und starrte Gilgamesch so fest und stetig an, da� dieser die Kraft und Intensit�t der Augen wie kalte Messerklingen auf der Haut f�hlte. �Manchmal arbeite ich mit einem Modell, manchmal nicht. In der letzten Zeit meist mit, wegen der Schwierigkeiten. Ich sage mir, die Modelle helfen, obwohl das nicht der Fall ist, nicht viel jedenfalls. Diese Nachwelt hier, die ist Schei�e, wei�t du? Sie ist <emphasis>mierda,</emphasis> sie ist <emphasis>cagada,</emphasis> der ganze Ort hier ist <emphasis>un gran cagadero.</emphasis> Aber wir tun, was wir k�nnen, was, K�nig Gilgamesch? Das ist jetzt unser Leben. Und es ist immer noch besser als das gro�e <emphasis>nada,</emphasis> was? Ist�s nicht so, K�nig? Halte die Arme oben! Die Beine auseinander, nur ein bi�chen! Sto� mit den H�ften nach vorn, wie wenn du ihn ihr reinsto�en willst, ja, wie du da stehst!� Und er malte bereits drauflos, mit breiten hastigen Pinselstrichen. Gilgamesch empfand einen leichten Schauder der Unsicherheit. Wie wenn das da wirklich eine Art Zauberei war? Wenn Picasso seine Seele einfangen und auf die Leinwand bannen konnte und wenn er beabsichtigte, ihn dort auf ewig eingesperrt zu halten?</p><p>Nein, sagte er sich dann. Das ist Unsinn. Der kleine Mann war genau das, was er gesagt hatte: ein Maler.</p><p>Wenn man Herodes trauen durfte, sogar ein sehr gro�er Maler. Vielleicht sa� ein D�mon in ihm, aber wenn, dann war es einer von der Art, wie auch Gilgamesch ihn in sich gehabt hatte, der ihn getrieben hatte, �berall hin zu gehen, alles zu schauen, alles zu lernen, alles in sich hineinzuschlingen. Ich verstehe diesen Mann, dachte er. Er und ich, wir sind uns sehr �hnlich. Der Unterschied ist, da� ich in der Nachwelt gelassen und unkompliziert geworden bin, w�hrend der da immer noch von brennender Ruhelosigkeit und Hunger getrieben ist.</p><p>�Du warst immer ein Maler?� fragte er.</p><p>�Immer. Von der Wiege an. Sprich jetzt nicht, ja?�</p><p>Mit welcher Selbstverst�ndlichkeit er einen K�nig herumkommandiert, dachte Gilgamesch. Dieser kleine Kahlkopf, der nichts weiter anhat als eine zerfetzte zu weite kurze Hose, dem der Schwei� aus den wei�en Haaren auf der Brust troff, der in einer Wolke von Zigarettenqualm stand, und er f�rchtet niemanden und nichts. Nun war es nicht mehr schwer zu verstehen, da� er Ninsun eingefangen hatte. Dieser Mann, dachte Gilgamesch, konnte wahrscheinlich jedes Weib bekommen, das er haben wollte. Sogar eine K�nigin. Sogar eine G�ttin.</p><p>�Wei�t du was?� sagte Picasso nach langer Zeit. �Ich glaube, diesmal wird es hinhauen. Das Bild vergeht nicht. Die anderen, die haben sich mir unter der Hand ver�ndert. Aber das da, das steht. Das ist die Magie des Minotauros, glaube ich. Der Stier regiert in der Nachwelt! Ich bin ein Stier. Du bist ein Stier. Wir sind die ganze Zeit in der Arena. Ich konnte nicht Matador werden, also wurde ich Stier. Bei dir ist es das gleiche. Glaube ich. Es spielt keine Rolle: Die Kraft des Stieres ist in uns beiden. Hast du in deiner Stadt mit dem Stier gek�mpft?�</p><p>�Einmal habe ich mit einem gek�mpft�, sagte Gilgamesch. �Enkidu und ich zusammen. Es war der Himmelsstier, in dem die Kraft des Vaters Enlil steckte. Die Priesterin Inanna hatte ihn freigelassen in der Stadt, und er raste ungehemmt und wild umher und t�tete ein Kind; aber Enkidu und ich, wir fingen ihn ein, wir tanzten mit ihm, wir spielten mit ihm und erledigten ihn. Enkidu erm�dete ihn, und ich gab ihm den Schwertsto�.�</p><p>�Bravo!�</p><p>�Doch das erz�rnte die G�tter. Sie nahmen zur Vergeltung Enkidu das Leben. Er k�mmerte dahin und starb. Dies war das erstemal, da� ich ihn verlor, aber dann habe ich ihn hier in der Nachwelt wieder und immer wieder verloren. Ich bin dazu verdammt, ewiglich nach ihm zu suchen. Es ist unser Schicksal, da� wir nie lange beisammen sein d�rfen. Dieser Mann ist mein Bruder; er ist mein zweites Selbst. Aber ich werde ihn wiederfinden, und bald. Man sagt, er ist hier in Uruk, als Gefangener. Vielleicht hast du ihn gesehen�� er ist genauso gro� wie ich, und��</p><p>Aber Picasso h�rte nicht zu. Er schien ganz in seine Arbeit und in einen pers�nlichen fernen Traum versunken zu sein.</p><p>�Der Stierkampf am Sonntag�, sagte er, als h�tte Gilgamesch �berhaupt nicht gesprochen. �Das wird dir gefallen! Wir zwei werden in der Ehrenloge sitzen. Sabartes hat einen Matador ausfindig gemacht, von dem ich noch nie geh�rt habe, aber vielleicht taugt er ja was, nicht? Es ist sehr wichtig, da� der Matador gut ist. Die blo�e Abschlachterei ist eine Schande! Die <emphasis>corrida</emphasis> ist Kunst. Die Arme h�her, ja?�</p><p>Er hat nicht ein Wort von dem geh�rt, was ich zu ihm �ber Enkidu sagte, dachte Gilgamesch. Seine Gedanken schweiften ab, als ich von der T�tung des Himmelsstiers sprach. Er h�rt nur, was er h�ren will. Und wenn er zuh�ren will, h�rt er zu, und wenn er sprechen will, so spricht er. Doch in seiner Seele ist er allein K�nig. Macht nichts, dachte Gilgamesch. Er ist ein gro�er Mensch. Seine Gr��e leuchtet und strahlt von ihm, wie das Licht von einem polierten Schild sich spiegelt. Und Herodes hat wahrscheinlich recht, da� er auch ein gro�er Maler ist. Auch wenn er nichts als Ungeheuerlichkeiten malt.</p><p>�Es geht gut voran�, sagte Picasso dann. �Das Bild bleibt, wei�t du? Die Kraft des Stieres! Heute mal kein Kubismus; kein Blau, kein Rosa.� Und nun bewegte sich sein Arm so rasch, da� es aussah, als w�re es nicht einer, sondern drei Arme. Die Augen gl�hten. Und dennoch, er erweckte nicht den Eindruck der Hast. Das Gesicht war starr, bewegungslos, ausdruckslos. Der K�rper schien�� bis auf diesen rastlos werkenden Arm�� vollkommen entspannt zu sein. Gilgamesch brannte darauf, zu sehen, was sich auf der Leinwand tat.</p><p>Die Maske war inzwischen erstickend hei� geworden. Er merkte, wenn er sie noch viel l�nger tragen mu�te, w�rde er keine Luft mehr bekommen. Doch er wagte es nicht, sich zu bewegen. Er war ganz unter dem Bann dieses kleinen Mannes. Ein Zauber, ja, ganz bestimmt, es war Hexerei, dachte er.</p><p>�Wei�t du, warum ich male?� fragte Picasso. �Ich sage mir jedesmal: Was kann ich heute �ber mich lernen, was ich noch nicht wei�? Die Bilder sind meine Lehrmeister. Wenn nicht mehr ich in ihnen spreche, sondern sie selber, die Bilder, die ich male, und wenn sie sich mir entziehen und mich verspotten, dann wei� ich, ich habe mein Ziel erreicht. Begreifst du? Verstehst du das? Nein?� Er zuckte die Achseln. �Ach, macht auch nichts. So. Ja. Wir k�nnen jetzt abbrechen. Genug f�r heute. Es l�uft gut. <emphasis>Por dios,</emphasis> es l�uft gut!�</p><p>Gilgamesch verlor keine Zeit, sich von der Maske zu befreien. Er rang nach frischer Luft, aber die gab es hier unten nicht. Der Raum war dr�ckend schwer von Schwei�geruch erf�llt.</p><p>�Ist es fertig?� fragte er. Er hatte keine Ahnung, wie lange er Modell gestanden hatte, zehn Minuten oder einen halben Tag lang.</p><p>�Vorl�ufig�, sagte Picasso, �Komm und schau es dir an.�</p><p>Er drehte die Staffelei herum. Gilgamesch sah gebannt auf die Leinwand.</p><p>Was hatte er zu sehen erwartet? Das Abbild eines hochgewachsenen muskul�sen Mannes mit einem h��lichen Stiergesicht, mit weit aufgerissenem Maul, geschwollener Zunge, w�tenden roten Augen, die in verschiedene Richtungen blickten, das Gesicht der Stiermaske. Aber in dem Bild waren zwei nackte M�nner, die einander gegen�ber hockten, Gesicht an Gesicht, wie Ringer zum Angriff bereit. Der eine war riesenhaft, schwarzb�rtig, hatte starke herrscherliche Gesichtsz�ge. Gilgamesch erkannte sich selbst in dem Portr�t sofort: es sah ihm erstaunlich �hnlich. Der andere Mann war viel kleiner, untersetzt, breitschulterig, breitbr�stig. Eindeutig Picasso selbst. Doch sein Gesicht war nicht sichtbar. Es war der kleinere Mann, der die Stiermaske trug.</p><p>Als er hinaus auf die Stra�e der Gerber und F�rber trat, lauerten dort drei Mordgesellen auf Gilgamesch. Er war weder �berrascht noch erschrocken. Sie warteten so offensichtlich auf ihn, da� klar war, was sie vorhatten, bevor sie ihre Waffen herausholten.</p><p>Sie waren ziemlich ungeschickt als urukanische Polizisten verkleidet und trugen schlechtsitzende Khaki-Uniformen mit dunklen Schwei�flecken in den Achselh�hlen. Einer davon hatte eine gro�e breite Nase und schwamm in einer dicken Wolke von Knoblauch, und er mochte leicht ein Hittiter sein; die anderen zwei waren Sp�ter Tote und hatten diese seltsam gelben Haare, wie manche davon sie haben, und k�mmerliche ungepflegte Kinn- und Lippenb�rte. Sie trugen Schu�waffen.</p><p>Gilgamesch vergeudete keine Zeit. Er hieb einem der Sp�ter Toten mit der Handkante gegen den Hals und schleuderte ihn in eine schmale Seitengasse, wo er taumelnd auf das Gesicht fiel und zuckend, r�chelnd und spuckend auf dem Boden lag. Beim Zur�ckschwingen rammte Gilgamesch dem Hittiter scharf den Ellbogen in die breite Nase, und gleichzeitig packte er den dritten Kerl am Handgelenk und drehte ihm die Pistole aus dem Griff und kickte sie auf die andere Stra�enseite.</p><p>Der dritte Mann schrie auf und rannte mit heftig rudernden Armen rasch davon, und Gilgamesch zog seinen Dolch und wandte sich wieder dem Hittiter, der beide H�nde aufs Gesicht gepre�t hatte, zu. Zwischen den Fingern lief das Blut hervor.</p><p>Gilgamesch setzte die Dolchspitze an den Bauch des Mannes. �Wer hat euch geschickt?�</p><p>�Du hast mir das Nasenbein gebrochen!�</p><p>�H�chstwahrscheinlich. N�chstesmal solltest du deine Nase nicht gegen meinen Ellbogen rammen�, sagte Gilgamesch und dr�ckte die Dolchspitze ein wenig fester. �Hast du einen Namen?�</p><p>�Tudhaliyash.�</p><p>�Das ist kein Name. Das ist ein R�lpser. Du bist Hittiter?�</p><p>Tudhaliyash nickte kl�glich. Das Blut flo� nun schon etwas weniger �ppig.</p><p>�F�r wen arbeitest du, Hittiter?�</p><p>�F�r die Stadtregierung von Uruk�, schniefte der Mann dumpf. �Amt f�r Ma�e und Gewichte.�</p><p>�Und ihr seid gekommen, um mich zu wiegen oder um mich zu messen?�</p><p>�Ich war mit meinen Freunden auf dem Weg ins Wirtshaus, als du uns angegriffen hast.�</p><p>�Genau. Ich greife oft Fremde auf der Stra�e einfach so an, besonders wenn sie zu dritt daherkommen. Wer hat euch nach mir ausgesandt?�</p><p>�Es w�rde mich das Leben kosten, wenn ich das sagte.�</p><p>�Es <emphasis>kostet</emphasis> dich dein Leben, wenn du schweigst�, sagte Gilgamesch und dr�ckte die Dolchspitze ein bi�chen h�rter gegen den Leib des Mannes. �Ein Sto� damit, und ich expediere dich in dein k�nftiges Leben. Aber du wirst dort nicht schnell ankommen. Es dauert lange, bis man an aufgeschlitzten D�rmen krepiert.�</p><p>�Ur-ninmarka hat mich geschickt�, murmelte der Mann.</p><p>�Wer?�</p><p>�Der k�nigliche Erzvesir.�</p><p>�Ah ja, ich erinnere mich. Dumuzis rechte Hand. Und wen solltet ihr t�ten?�</p><p>�G-G-G-Gil��</p><p>�Sprich es aus!�</p><p>�Gilgamesch.�</p><p>�Und wer ist das?�</p><p>�Der fr�here K-k�nig.�</p><p>�Und bin ich Gilgamesch?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Ich bin der Mann, den ihr t�ten solltet?�</p><p>�Ja. Ja. Erledige es rasch, Gilgamesch! Ins Herz, nicht in den Bauch!�</p><p>�Es ist die M�he nicht wert, hinterher die Klinge von dir s�ubern zu m�ssen�, sagte Gilgamesch kalt. �Ich will gn�dig sein. Du sollst leben und noch eine Weile weiterr�lpsen d�rfen.�</p><p>�Tausendfachen Segen �ber dich! Millionenfachen Segen!�</p><p>Gilgamesch verzog das Gesicht. �Es reicht! Verzieh dich aus meiner N�he. Zeig mir, wie gut du rennen kannst. Und nimm deinen kotzenden Freund da dr�ben mit. Ich will diese ganze Begegnung vergessen. Ich erinnere mich nicht, etwas von dir erfahren zu haben, und wei� nichts dar�ber, da� euch jemand auf mich angesetzt hat. Hast du kapiert? Ja, ich denke, du hast kapiert. Also los jetzt. Verpi� dich!�</p><p>Die beiden waren wirklich ganz passable L�ufer. Gilgamesch lehnte sich gegen die Mauer von Picassos Haus und blickte ihnen nach, bis sie verschwunden waren. Wie l�stig, dachte er, einfach so auf der Stra�e �berfallen zu werden. Dumuzi h�tte sich etwas Phantasievolleres einfallen lassen k�nnen. H�tte ein paar D�monen dazu �berreden k�nnen, da� sich die Stra�e unter mir auftut und mich verschlingt, oder mir einen Kessel brennendes �l von einem Dach aus auf den Kopf gie�en, oder etwas in der Art.</p><p>Er sah sich sorgf�ltig um, ob noch jemand auf ihn lauerte. Das Haus auf der anderen Seite war von einem schwachen Ektoplasmaschimmer umgeben, als dringe eine diabolische Wesenheit durch die Mauern, doch war dies nicht ungew�hnlich. Sonst schien alles ruhig zu sein. Rasch ging er ans Ende der Stra�e und bog dort links in eine andere, die Stra�e der Kamele hie�, und ging da weiter �ber den Gang der Seufzer und den Platz des Gefl�sters zu der gro�en Plaza, an der seine Herberge lag.</p><p>Dort wartete Herodes bereits auf ihn und sprudelte �ber von Neuigkeiten.</p><p>�Dein Freund sitzt tats�chlich als Gefangener in Uruk�, sagte er. �Wir haben herausbekommen, wo sie ihn festhalten.�</p><p>Gilgamesch ri� weit die Augen auf. �Wo ist er? Was haben sie mit ihm gemacht? Woher wei�t du es?�</p><p>�Tukulti-Sharrukin ist unsere Informationsquelle, der assyrische H�fling, der so gern zuviel trinkt. Deinem Freund geht es gut. Der Assyrer sagte, es ist ihm in keiner Weise ein Leid geschehen. Er befindet sich an einem Ort, der das Haus des Staubes und der Finsternis hei�t, am Nordende der Stadt. Haus des Staubes und der Finsternis, was f�r ein lustiger Name, wie?�</p><p>�Du Idiot!� Gilgamesch vermochte kaum seinen Zorn zu beherrschen.</p><p>Herodes wich erschrocken zur�ck. �Was ist denn?�</p><p>�Dein assyrischer Freund hat sich einen Scherz mit dir gemacht, du Narr! Jeder, der von den Zwei Str�men kommt, w�rde wissen, was das ist, das Haus des Staubes und der Finsternis. Es ist einfach die Bezeichnung, die wir im alten Sumer f�r den Ort hatten, an den <emphasis>du</emphasis> Toten gehen. Begreifst du denn nicht? Wir sind <emphasis>alle</emphasis> hier im Haus des Staubes und der Finsternis!�</p><p>�Nein�, sagte Herodes und wich noch weiter zur�ck, da Gilgamesch bedrohliche Handbewegungen machte. �Ich habe keine Ahnung von Sumer, aber dieses Geb�ude hei�t hier und jetzt tats�chlich so. Ich habe es gesehen. Der Name steht �ber dem Eingang. Es ist einfach blo� ein Gef�ngnis, Gilgamesch. Dumuzis spezielles Ersterklasse-Gef�ngnis f�r seine politischen H�ftlinge, sehr h�bsch, sehr komfortabel. Sieht aus wie ein Hotel.�</p><p>�Du sagst, du warst dort?�</p><p>�Tukulti-Sharrukin brachte mich hin.�</p><p>�Und Enkidu? Du hast mit ihm gesprochen?�</p><p>�Nein. Ich bin nicht hineingegangen. So sehr gleicht es einem Hotel auch wieder nicht. Doch Tukulti-Sharrukin sagt��</p><p>�Wer ist dieser Assyrer? Weshalb verl��t du dich so auf das, was er dir sagt?�</p><p>�Vertraue mir. Er ha�t Dumuzi�� irgendwas Gesch�ftliches, das schiefging, eine echte Gaunerei, er und der K�nig hatten eine Partnerschaft bei einem Bebauungsprojekt, und der K�nig hat ihn beganefft und die Gewinne allein eingesackt. Und deshalb will er jetzt alles tun, um es Dumuzi heimzuzahlen. Er hat mir alles dar�ber erz�hlt, in der Nacht bei dem Fest. Er und ich, wir sind da <emphasis>so dicke</emphasis> Freunde geworden, Gilgamesch, <emphasis>so</emphasis> dick. Er ist einer von meinem Volk, mu�t du wissen.�</p><p>�Er ist <emphasis>was?�</emphasis></p><p>�Jude. Wie ich.�</p><p>Gilgamesch runzelte die Stirn. �Ich dachte, er ist Assyrer.�</p><p>�Ein assyrischer Jude. Sein Gro�vater war der assyrische Gesandte in Israel, zur Zeit K�nig Davids, und der verliebte sich in eine von Davids Nichten und mu�te zum Judentum konvertieren, um sie heiraten zu k�nnen. Die Sache mu� ein verdammt saftiger Skandal gewesen sein: eine Nichte des K�nigs heiratet nicht blo� einen <emphasis>Goi,</emphasis> sondern auch noch einen <emphasis>assyrischen.</emphasis> David wollte ihn ermorden lassen, aber der Mann geno� ja diplomatische Immunit�t, also lie� K�nig David ihn zur <emphasis>Persona non grata</emphasis> erkl�ren, und er wurde heim nach Ninive geschickt. Aber irgendwie schaffte er es, die Frau mitzunehmen, und nachdem sie zur�ck in Assyrien waren, blieb die Familie weiter koscher. Also, du h�ttest mich mit �nem Strohhalm umwerfen k�nnen, als der mir erkl�rt hat, er ist auch ein <emphasis>Jid,</emphasis> weil er doch so ein gemeines Assyriergesicht hat, wo die Nase gleich aus der Stirn springt, wei�t du, und diesen absurden Kr�uselbart, den die alle tragen, mit diesen kleinen Kringeln, aber wenn du ihm erst einmal eine Weile zugeh�rt hast, wie der redet, dann zweifelst du �berhaupt nicht mehr, da߅�</p><p>�Wenn ich dir noch eine Weile zuh�re, wie <emphasis>du</emphasis> redest�, sagte Gilgamesch, �dann �berkommt mich das Verlangen, dich zu erw�rgen! Kannst du denn nie bei der Sache bleiben? Es ist mir gleichg�ltig, wen dein komischer Stammesgenosse geheiratet oder nicht geheiratet hat. Ich will wissen, ob er uns helfen wird, Enkidu zu befreien, oder nicht?�</p><p>�Spiel nicht den Antisemiten, Gilgamesch. Es steht dir nicht besonders. Tukulti-Sharrukin hat versprochen, f�r uns zu tun, was er kann. Er kennt den Typ, der im Haus des Staubes und der Finsternis den Zentralcomputer bedient. Der wird versuchen, die Software durcheinander zu bringen, so da� Enkidus Name von der Insassenliste verschwindet, und dann k�nnen wir ihn vielleicht hinten rausholen. Aber das ist nat�rlich nicht garantiert. Und es wird nicht einfach werden. In ein, zwei Tagen wissen wir, ob es klappen kann. Ich tue wirklich mein Bestes f�r dich, wei�t du.�</p><p>Gilgamesch schlo� die Augen und atmete kr�ftig durch. Herodes war zwar so etwas wie ein Pickel am Po, doch er brachte etwas zuwege.</p><p>�Gut. Verzeih mir meine Ungeduld, Herodes.�</p><p>�Es begl�ckt mich immer, wenn du dich entschuldigst. Noch vor einer Minute hattest du diesen Schimmer im Auge, der sagt: Ich hab� keine Geduld mit Narren. Und ich f�rchtete schon, du schmei�t mich gleich von hier bis Nova Roma.�</p><p>�Weshalb <emphasis>sollte</emphasis> ich Geduld mit Narren haben?�</p><p>�Stimmt. Aber ich bin wirklich nur ein kleinerer Narr.� Herodes grinste breit. �Also, zu anderen Sachen. Du wei�t, da� Dumuzi einen Kontrakt auf dich ausgesetzt hat, oder?�</p><p>�Einen Kontrakt?� Gilgamesch war aufs neue verbl�fft.</p><p>�Jupiter! Wo hast du denn dein Englisch gelernt? Dumuzi will, da� du get�tet wirst, meine ich. Tukulti-Sharrukin hat mir auch das gesagt. Dumuzi macht sich in die H�schen vor Angst, da� du die Macht ergreifen k�nntest in seiner Stadt, und deshalb��</p><p>�Ja, ich wei�. Es haben schon drei Komiker versucht, mich anzugreifen, als ich aus dem Haus von Picasso wegging. Einer hat zugegeben, da� er f�r Dumuzi arbeitet.�</p><p>�Du hast sie get�tet?�</p><p>�Nein. Ich habe sie blo� ein wenig angekratzt. Wahrscheinlich sind sie inzwischen schon halb in Brasil. Aber ich nehme an, es wird weitere Versuche geben. Das wird mich aber nicht meinen Schlaf kosten. Wo ist Simon?�</p><p>�Im Badehaus. Er versucht, n�chtern zu werden. Er und ich sind in K�rze zu einer Audienz beim K�nig f�llig. Simon m�chte ein Handelsabkommen r�berbringen, er m�chte Dumuzi ein paar Dutzend seiner �bersch�ssigen Nekromanten, Thaumaturgen und Schamanen als Tausch gegen einige Barrels der Diamanten, Rubine und Smaragde anbieten, die�� wie er glaubt�� tonnenweise in Dumuzis Schatzkammer liegen.�</p><p>�Sogar ein Bl�dian mu� doch sehen, da� diese Stadt hier nicht gerade von Diamanten und Rubinen �berquillt!�</p><p>�Das sage mal du dem Simon. Ich bin ja nur ein Angestellter. Er ist vierhundertprozentig davon �berzeugt, da� diese Stadt �berquillt von kostbaren Edelsteinen, und du wei�t doch, wie ihm das Maul w�ssert nach sowas. Er w�rde f�r sechs Pfund Saphire seine Schwester verkaufen, der <emphasis>meschuggene goische kup.</emphasis> Na, der Schei�kerl wird�s merken. Wie hat es mit dir und Picasso geklappt?�</p><p>�Er lie� mich eine merkw�rdige Maske aufsetzen, mit einem Stiergesicht. Aber als er mich gemalt hatte, war er auch mit in dem Bild, und er hatte selber die Maske auf. Ich habe das nicht verstanden, Herodes.�</p><p>�Das ist Kunst. Du mu�t nicht versuchen, das zu verstehen.�</p><p>�Aber��</p><p>�Glaub es mir. Der Mann ist ein Genie. Vertraue dich ihm an. Er wird ein Meisterwerk machen, und wen k�mmert es dann noch, wer von euch beiden die Maske aufhat? Aber davon verstehst du wohl nichts, von diesen Dingen, Gilgamesch, wie? In deiner Zeit warst du was Gro�es, sagen sie mir jedenfalls alle, ein grandioser K�mpfer und sogar ein bemerkenswerter Baumeister, aber auch du hast deine Grenzen. Schlie�lich, auch du hast deine <emphasis>goische kup.</emphasis> Allerdings mu� ich zugeben, da� du dich ganz gut h�ltst, wenn man dein Handicap bedenkt.�</p><p>�Du hast zu viele mir unbekannte W�rter benutzt. Was ist das <emphasis>goische kup?�</emphasis></p><p>�Es bedeutet, du hast das Hirn eines Heiden.�</p><p>�Eines <emphasis>Heiden?�</emphasis></p><p>�Es bedeutet weiter nichts als <emphasis>nicht-j�disch.</emphasis> Sei nicht beleidigt, du wei�t doch, wie sehr ich dich bewundere. Kommt ihr gut zurecht, Picasso und du?�</p><p>�Wir finden uns gegenseitig am�sant. Er hat mich eingeladen, am Sonntag bei einem Stierkampf bei ihm in seiner Loge zu sitzen.�</p><p>�Ah. Ja, dieser Stierkampf. Seine gro�e Leidenschaft.</p><p>Zuzuschauen, wie schmale, junge spanische Mannes ihren Degen in gro�e w�tende Tiere stechen. Auch so ein <emphasis>meschuggener</emphasis> Typ, dieser Picasso. Er und seine Stierk�mpfe. Sicher, ein Genie, aber trotzdem ein <emphasis>Meschuggener.�</emphasis></p><p>�Und ein <emphasis>goischer kup?�</emphasis> fragte Gilgamesch.</p><p>Herodes wirkte �berrascht. �Er? Nun je, m�glich, schon m�glich. Aber trotzdem ein Genie. Wenigstens macht er aus seinen Stierk�mpfen gro�artige Bilder. Und jeder Mensch hat das Recht auf sein besonderes Hobby, denke ich. Sogar auf eine fixe Idee.�</p><p>�Und was ist es bei dir?� fragte Gilgamesch.</p><p>Herodes kniff ein Auge zu. ��berleben.�</p></section><section><title><p>16</p></title><p>Es war eine von jenen N�chten, die im Nu verflogen, wie in einem Augenblick. Das geschah oft in der Nachwelt, doch zum Ausgleich gab es Tage, die eine, zwei Wochen, ja einen Monat zu dauern schienen. Gilgamesch war nun schon so lange hier, da� er diese kleineren Unregelm��igkeiten kaum noch bemerkte. Er vermochte sich noch deutlich zu erinnern, wie das auf der Erde gewesen war, wo die Tage in vorhersehbaren Zeitintervallen aufeinander folgten. Doch hier kam ihm das nun unwirklich vor und schmerzlich bedr�ckend. Schlaf bedeutete hier wenig, Mahlzeiten waren bedeutungslos, weshalb also sollten die Tage gleich lang sein? Was machte es schon aus?</p><p>Und nun war nach allgemeiner �bereinkunft Sonntag. Der Tag des Stierkampfes. Auch der Kalender flatterte und sprang ohne Sinn und Verstand her und hin. Aber die Corrida sollte am Sonntag stattfinden, und da sie heute stattfand, war demzufolge Sonntag. Morgen konnte ein Donnerstag sein. Was machte es schon? Heute war der Tag, an dem er mit Enkidu wiedervereint sein w�rde, wenn alles gut verlief. Das war es, was z�hlte.</p><p>Die Nacht, so kurz sie war, bekam ein besonderes Glanzlicht aufgesteckt durch einen zweiten Mordanschlag gegen Gilgamesch. Diesmal nicht grob und direkt durch einen Schl�gertrupp, aber dennoch ziemlich einf�ltig geplant: die alte abgedroschene Methode mit der Schlange im L�ftungsschacht. Das Gitter, entdeckte er, war losgemacht worden, m�glicherweise von einem Zimmerm�dchen, das das Bett aufdecken sollte. Er h�rte ein gleitendes Schaben hinter der Wand.</p><p>Er stie� das Gitter ganz auf und trat mit gezogenem Schwert schlagbereit seitlich daneben. Es war eine ganz prachtvolle Schlange, schwarz und schimmernd und mit grellroter Zeichnung und gelben Feueraugen. Die Z�hne blitzten wie Chromstahl. Gilgamesch bedauerte, da� er sie in zwei Stucke hauen mu�te, doch was blieb ihm anderes �brig? H�tte er sie in ein Bettlaken verpacken und den Zimmerkellner rufen sollen, damit der sie wegbrachte?</p><p>Die gleichen Motorkutschen, die ihn und seine Begleiter vor etlichen N�chten zur Festhalle des K�nigs gefahren hatten, warteten an diesem Morgen drau�en, um sie zur Kampfst�tte zu bringen. Anscheinend war der Stierkampf der H�hepunkt der Saison in Uruk: Die halbe Stadt schien daran teilzunehmen, wenn man nach der Zahl der Fahrzeuge ging, die in Richtung der Arena fuhren.</p><p>Herodes sa� bei Gilgamesch. Der Lenker war ein Sumerer, der vor ihm aufs Knie fiel und den zitternde Ehrfurcht sch�ttelte; kein Mordbube, der Mann, au�er er war einer der besten Schauspieler in der Nachwelt.</p><p>Der Stierkampf fand ziemlich weit vor den Mauern statt, in den Sandh�geln im Osten. Der Tag war hei� und wolkenverhangen. Etliche langschn�uzige Flugd�monen mit Fledermausschwingen, purpurn und rot und gr�n, trieben tr�ge im dunstigen Himmel.</p><p>Herodes kam nahe an Gilgamesch heran und sagte mit ged�mpfter Stimme: �Es ist alles arrangiert.� Sie waren schon nahe am Stadion. Gilgamesch konnte den Bau sehen, die zahlreichen Steinarkaden �bereinander, die sich aus der flachen W�ste erhoben. �Tukulti-Shar-rukin will versuchen, Enkidu aus dem Gef�ngnis zu befreien, genau dann, wenn der Kampf anf�ngt. Wir haben in der N�he ein halbes Dutzend von Simons Leuten postiert und drei der Landrover. Jeder wei�, was er zu tun hat. Sobald Enkidu aus dem Geb�ude kommt, steigt er in einen der Rover, und alle drei fahren in verschiedene Richtungen los, aber alle kommen sie hierher.�</p><p>�Und Vy-otin?�</p><p>�Du meinst <emphasis>Smith.�</emphasis></p><p>�Nat�rlich, Smith.�</p><p>�Der wartet direkt vor der Arena, wie du es gewollt hast. Sobald die Landrover auftauchen, tritt Smith zu dem mit Enkidu und bringt dann diesen herein und direkt zu der Loge, in der du und Picasso sitzen werdet. Die liegt gleich neben der K�nigsloge. Dumuzi wird der Schlag treffen, wenn er ihn sieht.�</p><p>�Wenn nicht bei seinem Anblick, dann bestimmt, wenn er sieht, wie ich Enkidu vor der gesamten Stadtbev�lkerung in die Arme schlie�e�, sagte Gilgamesch. �Der Held Gilgamesch wieder vereint mit seinem geliebten Enkidu! Was k�nnte Dumuzi dazu sagen? Was k�nnte er tun? Alle werden jubeln. Und nach dem Stierkampf��</p><p>�Ja?� fragte Herodes. �Danach, was?�</p><p>�Werde ich K�nig Dumuzi meine Visite abstatten�, sagte Gilgamesch. �Ich werde zu ihm von diesem bedauerlichen Irrtum sprechen, der seine Beamten dazu veranla�te, meinen Freund in Haft zu nehmen. Ich werde das sehr h�flich erledigen. M�glicherweise spreche ich mit ihm auch �ber den betr�blichen Mangel an Sicherheit und Polizeischutz in den Stra�en seiner Stadt und �ber die �rgerliche schlampige Wartung der Bel�ftungssysteme in seiner Staatsherberge. Doch das kommt sp�ter. Zuerst wollen wir uns das Vergn�gen dieses Stierkampf-Schauspiels g�nnen, nicht?�</p><p>�Ja.� Herodes klang sehr bedr�ckt. �Der Stierkampf.�</p><p>�Du siehst nicht gerade begeistert drein.�</p><p>�Ich bin noch nicht einmal gern zu den Gladiatorenk�mpfen gegangen. Und die verdienten immerhin, was sie miteinander anstellen. Aber so ein armer dummer unschuldiger Stier? Dieses Blutvergie�en diese ganze Qual!�</p><p>�Der Stierkampf ist eine Kunst�, erwiderte Gilgamesch. �Dein gro�es Genie, der Maler Picasso, hat mir das selber gesagt. Und du, Herodes, du bist doch ein Mann von Kultur. Betrachte es doch einfach als ein Kulturerlebnis.�</p><p>�Ich bin ein j�discher Liberaler, Gilgamesch. Ich kann bei Tierqu�lerei keine Freude empfinden.�</p><p>�Ein j�discher <emphasis>was?�</emphasis></p><p>�Ach, unwichtig�, sagte Herodes.</p><p>Der Wagen glitt auf einen Parkplatz vor dem Stadion. Aus der N�he wirkte der Bau gigantisch, wie ein echtes �berdimensionales r�misches Amphitheater, mit f�nf R�ngen �bereinander. Das oberste Gescho� war zum Teil zerfallen, zahlreiche der gro�en Steinb�gen waren eingest�rzt, doch der restliche Bau wirkte fest und stabil und grandios. In jedem Stockwerk wanderten Massen von Menschen in bunter Festkleidung umher.</p><p>Als Gilgamesch aus dem Wagen stieg, erblickte er Vy-otin/Smith in langen Hosen und einem losen kurz�rmeligen Hemd, der ihm aus der N�he eines Kartenschalters zuwinkte. Der langbeinige H�uptling der Eisj�ger hob sich deutlich ab gegen die restlichen kleineren, plumpen vorwiegend sumerischen Massen, die sich ringsum dr�ngelten.</p><p>Er kam sofort her�ber. �Es gibt �rger�, sagte er.</p><p>�Enkidu?�</p><p>�Nein, du�, sagte Vy-otin. �Einer von meinen M�nnern hat in der Toilette etwas aufgeschnappt. Dumuzi hat auf dem obersten Rang Scharfsch�tzen postiert. Und wenn es aufregend wird und die Masse br�llt, sollen die das Feuer auf die Loge von Picasso er�ffnen. Du bist das Hauptziel, aber es ist wahrscheinlich, da� sie dabei auch Picasso treffen und deine Mutter und jeden, der sonst in eurer N�he sitzt. Du mu�t hier abhauen!�</p><p>�Nein! Das ist unm�glich!�</p><p>�Bist du wahnsinnig? Wie willst du dich gegen Sch�sse von oben sch�tzen? Bei deiner Gr��e bist du doch das leichteste Ziel der Welt!�</p><p>�Wieviele Leute hast du hier?� fragte Gilgamesch.</p><p>�Neun.�</p><p>�Das sollte doch reichen. Schicke sie nach oben, sie sollen die Scharfsch�tzen ausschalten.�</p><p>�Es bleibt aber dennoch das Risiko, da߅�</p><p>�Ja, vielleicht. Wo ist dein Kampfgeist geblieben, Vy-otin? Bist du schon v�llig Henry Smith geworden? Dumuzi kann da droben keine hundert Scharfsch�tzen postiert haben. Es werden zwei oder drei sein, sch�tze ich. H�chstens f�nf. Ihr habt ausreichend Zeit, sie zu entdecken. Es d�rfte nicht schwer sein. Es sind bestimmt keine Sumerer, und sie werden sich durch ihre Nervosit�t verraten, und au�erdem werden sie Gewehre oder sonst irgendwelche von diesen Feiglingswaffen der Sp�ter Toten benutzen. Deine M�nner werden sie einen nach dem andern festnageln und sie hinabst�rzen. Das ist doch kein Problem.�</p><p>Vy-otin nickte. �Genau. Bis sp�ter dann.�</p><p>Picasso schlo� die Augen und lie� die Erinnerungen in sich wieder aufquellen: das alte Leben, die thymiangeschw�ngerte trockene Sommerluft am Mittelmeer, die Hitze, die dr�ngenden Menschenmassen, die Ger�usche. Wenn er nicht hinsah, konnte er sich beinahe einbilden, da� er acht, neun Jahre alt sei, wieder neben seinem sandb�rtigen Vater in der Arena in Malaga sitze, wo die K�mpfe die feinsten und elegantesten der ganzen Stierkampfwelt waren. Er skizzierte, schon damals zeichnete er unabl�ssig, den Picador auf seinem kleinen d�rren Klepper mit den verbundenen Augen; den nobel �berheblichen Matador; den B�rgermeister in der Ehrenloge. Oder er konnte sich vorstellen, da� es die Arena von La Corunha sei, oder die in Barcelona, oder die in Arles�� eine uralte r�mische Arena genau wie diese hier, die er jedes Jahr zu besuchen pflegte, als er alt geworden war�� mit seiner Frau Jacqueline und mit seinem Sohn Paul, mit Sabartes.</p><p>Aber das lag alles weit zur�ck und in einer anderen Welt. Das hier war die Nachwelt, und der Himmel war neblig-d�ster und die Luft schwer und stechend, und das Volk um ihn herum schnatterte und kreischte englisch, griechisch, in irgendeinem mesopotamischen Kauderwelsch, in beinahe jeder erdenklichen Sprache, nur nicht in seinem guten alten ehrlichen Spanisch. Reglos sa� er mitten in dem Get�se und wartete, die H�nde an den Flanken, schweigend, einsam. Es h�tte ebenso gut niemand ringsumher sein k�nnen. Er war sich bewu�t, da� die Priesterfrau Ninsun an seiner Seite sa�, prachtvoller als je, in einem dunkelpurpurnen Kleid, das mit Goldf�den durchwirkt war; auch da� ihr riesenhafter Sohn, Gilgamesch, neben ihm sa�, und der getreue Sabartes und dieser kleine r�mische Jud�er Herodes, und dieser andere R�mer, der feiste alte Diktator Simon. Aber sie alle waren f�r ihn jetzt zu blo�en Gespenstern verblichen. W�hrend er darauf wartete, da� die <emphasis>Corrida</emphasis> beginne, sah er nur noch die Arena, das Tor, hinter dem die <emphasis>Toros</emphasis> warteten, und die Schatten, die der bevorstehende Wettkampf vorauswarf.</p><p>�Es dauert nicht mehr lange, Don Pablo�, murmelte Sabartes. �Man hat nur auf den K�nig gewartet. Aber, siehst du, jetzt sitzt er in seiner Loge. <emphasis>El Rey.�</emphasis> Sabertes deutete nach links zur K�nigsloge gleich nebenan. Mit einem fl�chtigen Blick aus dem Augenwinkel sah Picasso den bl�de wirkenden K�nig, wie er breit l�chelnd der Menge zuwinkte, w�hrend seine H�flinge durch Handzeichen alle aufforderten, ihm zuzujubeln. Picasso nickte. Sicher, man mu�te warten, bis der K�nig erschienen war, ja. Aber er hatte keine Lust, noch l�nger zu warten. Er hatte sich extra formell gekleidet, trug einen dunkelblauen Anzug, ein wei�es Hemd und sogar eine Krawatte, schlie�lich war die <emphasis>Corrida</emphasis> eine ernste Angelegenheit und erforderte den geb�hrenden Respekt. Doch in dieser feuchten Hitze f�hlte er sich alles andere als bequem. Wenn der Kampf erst einmal begonnen hatte, w�rde er das Klima nicht mehr wahrnehmen, nicht den W�rgedruck an seinem Hals und auch nicht die klebrige Verschwitztheit auf seinem R�cken. Wenn sie doch endlich beginnen w�rden, dachte er. Wenn sie endlich anfingen!</p><p>Doch was war das? Eine erneute Verz�gerung, eine Unterbrechung, eine St�rung nebenan?</p><p>Der gewaltige Sumerer war aufgesprungen, tanzte herum und br�llte wie ein Wahnsinniger: �Enkidu! Enkidu!�</p><p>�Gilgamesch!� br�llte einer, der gerade in die Loge gekommen war, ein Kerl, genauso gigantisch gro�, aber doppelt so erschreckend wie Gilgamesch, hatte sich hereingedr�ngt. �Mein geliebter wahrer Bruder! Mein Freund!�</p><p>Auch dieser Mann war ein Sumerer seinem Aussehen nach. Aber er wirkte fremdartig, zottig, fast wie ein wildes Tier, hatte etwas Loderndes an sich, schwarze Haare, die ihm �ber die Augen fielen und einen so dichten Bart, da� er fast das ganze Gesicht verdeckte. Noch ein Minotauros, dachte Picasso, und noch echter als der erste. Und jetzt st�rzten die zwei sich aufeinander wie zwei Berge, Gilgamesch und dieser Enkidu. Und Gilgamesch war wie ein Kind in seiner Erregtheit. Er schlug Enkidu so kr�ftig auf den R�cken, da� es einen Drachen zu Boden gestreckt h�tte, und dann zog er ihn hin�ber und stellte ihn Ninsun vor, und Enkidu fiel wie anbetend vor ihr auf die Knie und k��te den Saum ihres Kleides, und dann wies Gilgamesch mit dem Kinn zu Dumuzis Loge, und die beiden M�nner brachen in ein Lachen aus. �Und dies�, sagte dann Gilgamesch, �ist der Maler Picasso der ein gewaltiges Genie ist. Er malt wie ein D�mon. Vielleicht ist er auch ein D�mon. Aber er ist ein sehr gro�er Mann. Das heute ist sein Stierkampf.�</p><p>�Der kleine Mann? Er wird mit Stieren k�mpfen?�</p><p>�Nein, er wird zuschauen�, sagte Gilgamesch. �Das liebt er mehr als alles andere, glaube ich, au�er zu malen, dabei zu sein, wie sie mit den Stieren k�mpfen. So, wie sie das in seiner Heimat taten.�</p><p>�Aber morgen�, sagte Picasso, �werde ich dich malen, Wilder Mann. Aber das ist morgen. Jetzt kommen erst die Stiere.� Und aus dem Mundwinkel fragte er Sabartes: �Also? Wann fangen die endlich an?�</p><p>�Ja, wahrhaftig, Don Pablo. Sofort. Jetzt, jetzt!� Es erfolgte ein grelles Trompetenschmettern. Und dann begann die gro�e Einmarschparade: Die <emphasis>Cuadrillas</emphasis> kamen, angef�hrt von zwei <emphasis>Alguaciles</emphasis> zu Pferd und in augenbet�renden Kost�men. Alle durchquerten die weite Arena, die <emphasis>Banderilleros,</emphasis> die <emphasis>Picadores</emphasis> auf D�monenpferden, die beinahe so aussahen wie die Pferde in der anderen Welt, nur da� sie hier rotglitzernde Augen und steife eidechsenhafte Schweife hatten. Und dann kam endlich der <emphasis>Matador,</emphasis> dieser Blasco y Velez, dieser Spanier aus den Tagen des Vierten Karls.</p><p>Er hat alles recht gut organisiert, der Sabartes, dachte Picasso. Es sah alles so aus, wie es sich geh�rt. Die Leute, das Staffagepersonal, bewegten sich mit W�rde und Eleganz. Sie begriffen, was f�r ein grandioses Ereignis dies war. Auch der Matador sah vielversprechend aus. Er besa� All�re. War zwar um die Leibesmitte etwas f�lliger, als Picasso gehofft hatte�� vielleicht war er ein bi�chen au�er Form geraten, oder vielleicht war der Stil unter dem Vierten Carlos ja anders und die Matadores waren da nicht ganz so schlank��, aber sein Kost�m stimmte, die hautengen Seidenhosen, die reichbestickte Jacke und die Seidenweste mit Gold- und Silberstickerei, die Kopfbedeckung, der Umhang, das spitzenbesetzte leinene Vorhemd.</p><p>Der Zug hielt vor den zwei Ehrenlogen. Der Matador salutierte vor dem K�nig, dann vor Picasso, der an diesem Tag das Pr�sidium f�r den Stierkampf innehatte. Der K�nig, der den pl�tzlich erschienenen Enkidu angestarrt hatte, als w�re dieser irgendein Spukd�mon, der sich pl�tzlich in Picassos Loge materialisiert hatte, und dessen Gesicht nun verkniffen war und wie giftige Galle aussah, erwiderte die Ehrbezeigung mit einer beil�ufigen Handbewegung, deren w�rdelose Unh�flichkeit Picasso in Wut versetzte. Er knirschte zwischen den Z�hnen: <emphasis>�Puerco! Hijo de puta!�</emphasis></p><p>Dann stand Picasso auf. Als Pr�sident der Corrida hielt er die Schl�ssel zu den St�llen der Stiere in H�nden. Und mit gro�er Geste warf er sie zu einem der <emphasis>Alguaciles</emphasis> hinab, der sie geschickt auffing und hin�berritt, um den ersten Stier in die Arena zu lassen.</p><p>�Also fangen wir an�, sagte Picasso leise zu Sabartes. <emphasis>�Alfin!</emphasis> Endlich geht es los!�</p><p>Er f�hlte, wie er sich in jenen unverletzbaren Kokon von Konzentriertheit verschlo�, der ihn stets bei der Corrida umgab. Gleich w�rde er das Gef�hl haben, da� er ganz allein sei im Stadion.</p><p>Der Stier kam herangaloppiert.</p><p><emphasis>Madre de dios!</emphasis> Was f�r eine Scheu�lichkeit! Das war kein Stier, es war ein Ungeheuer!</p><p>Sabartes hatte ihm zwar gesagt, was er zu erwarten hatte, aber anscheinend war ihm das nie so ganz klar geworden. Das Her h�tte aus einem seiner Bilder entsprungen sein k�nnen. Es besa� sechs Beine mit mehreren Gelenken wie ein Rieseninsekt, eine Doppelreihe schrecklicher R�ckenwirbel, aus denen eine �ble Fl�ssigkeit abgesondert wurde, und gro�e Schlappohren. Die Haut war gr�n, mit purpurnen Flecken, und dick wie bei einem Reptil. Es hatte H�rner, kurz, gekr�mmt, scharf, denen eines Stiers recht �hnlich, aber davon abgesehen, war es eine echte Ausgeburt der H�lle.</p><p>Picasso warf Sabartes einen Giftblick zu. �Was hast du da angerichtet? Sowas nennst du einen Stier?�</p><p>�Wir sind hier in der Nachwelt, Pablo�, sagte Sabartes schleppend. �Sie schicken keine Stiere in die Nachwelt, nur Menschen. Aber der da wird�s schon tun. In seiner Weise ist er ja so ziemlich wie ein Stier.�</p><p><emphasis>�Chingada!�</emphasis> Picasso spuckte aus.</p><p>Aber drunten in der Arena unternahmen sie jetzt einen k�hnen Versuch. Die Banderilleros umtanzten den �Stier� und versuchten, ihre b�ndergeschm�ckten Lanzetten in seinen Nacken zu sto�en. Und ab und zu hatten sie Gl�ck dabei. Der H�llenstier wurde nun gereizt und griff da und dort an, fuhr auf die Pferde der Picadores los; die Reiter wehrten ihn mit St��en ihrer Spie�e ab. Picasso erkannte, da� dies da unten Leute mit Erfahrung waren, die wu�ten, was sie taten und taten es m�glichst gut, obwohl der H�llenstier sie sichtlich verwirrte. Sie versuchten ihn zu erm�den und f�r die Stunde der Wahrheit bereit zu machen, und im gro�en und ganzen gelang ihnen dies auch. Picasso f�hlte, wie sich der Stierkampf um ihn schlo� wie ein Mantel. Er war jetzt v�llig davon vereinnahmt; er sah nichts als den Stier und die M�nner in der Arena.</p><p>Dann schaute er zu dem Matador hin, der auf der Seite auf seinen Einsatz wartete, und pl�tzlich wurde alles schal und sauer.</p><p>Dieser Matador hatte Angst! Man konnte es an seinen Nasenfl�geln erkennen, an der Stellung des Kinns. Vielleicht war er ja fr�her, zur Zeit des Vierten Karls, ein Meister in seiner Kunst gewesen, aber er hatte bestimmt nie mit so einer Bestie gek�mpft, und deshalb w�rde er seine Sache verpatzen. Das war klar. Er w�rde es versauen.</p><p>Die Trompeten schmetterten. Der Augenblick war da.</p><p>Blasco y Velez trat vor, die <emphasis>muleta,</emphasis> das kleine rote Seidencape, und den <emphasis>capote,</emphasis> den weiten Arbeitsmantel, vor sich haltend. Doch er bewegte sich steif, und es war die falsche steife Gestelztheit der Furcht, nicht die abgezirkelte spr�de Eleganz mutiger Kampfbereitschaft. Die Picadores und Banderilleros erkannten es, und anstatt die Arena zu verlassen, zogen sie sich auf die eine Seite zur�ck und tauschten besorgte Blicke miteinander. Und Picasso sah es. Und der H�llenstier erkannte es auch. Der Matador bewegte sich linkisch und z�gernd. Er schien nicht zu wissen, wie er mit seinen Gapas umgehen mu�te�� war denn zu Zeiten des Vierten Karl die Kunst noch nicht so weit gediehen gewesen? Und dem Mann fehlte es an Grazie, er bewegte sich mit kurzen trippelnden Schrittchen. Er f�hrte den Stier im Bogen um sich herum, lie� ihn n�her und n�her an sich herankommen, aber das h�tte in Sch�nheit geschehen sollen. So wie jetzt war es nur einfach deprimierend.</p><p>�Nein!� zischte Picasso zwischen den Z�hnen. �Schafft den Kerl raus!�</p><p>�Aber, Pablo, er ist unser einziger Matador�, sagte Sabartes.</p><p>�Er wird sterben. Dumm und unw�rdig.�</p><p>�Gestern, als ich ihn sah, hat er sich besser gehalten. Aber das war mit einem <emphasis>noveno,</emphasis> einem Jungtier.�</p><p>Picasso st�hnte. �Er stirbt jetzt. Schau!�</p><p>In der Arena hatten sich die Gewichtungen ver�ndert. Blasco y Velez tanzte nicht mehr mit dem Stier, der Stier f�hrte ihn. Herum und herum, herum und herum�� und der Stier wirkte nun �berhaupt nicht mehr w�tend, sondern belustigt, spielte mit dem Mann, umtanzte ihn, immer schneller�� die Picadores versuchten einzugreifen, Blasco y Velez wich zur�ck, versuchte aber endlich, sich tapfer zu zeigen, versuchte es mit einer verzweifelten <emphasis>veronica,</emphasis> einem <emphasis>farol,</emphasis> einer <emphasis>mariposa,</emphasis> einer <emphasis>serpentina,</emphasis> einer <emphasis>media-veronica��</emphasis> doch ja, ja, der Mann verstand etwas von seiner Kunst, abgesehen davon, da� er alles gleichzeitig zu bringen versuchte, und wo blieb seine Kontrolle, wo blieb das Moment der Stille, wo seine Kunst? Der Stier scho� schnaubend an ihm vorbei und schlitzte ihm die Schulter auf. Blut flo�. Blasco y Velez sprang zur�ck und griff nach seinem Degen�� es war regelwidrig, diesen zur blo�en Selbstverteidigung einzusetzen��, doch der Stier wirbelte ihn ihm mit einem ver�chtlichen Drehen des Kopfes aus der Hand, scho� an ihm vorbei, rammte einem Picador das Pferd unterm Sattel zu Boden, rammte die H�rner hinein und raste dann wieder auf den Matador zu�</p><p>�Nein!� br�llte der zottige Gilgamesch-Freund, der riesenhafte Enkidu.</p><p>Und dann schwang er sich von der Steinbank �ber die Br�stung in die Arena.</p><p><emphasis>�Enkidu!�</emphasis> schrie Gilgamesch.</p><p>Picasso keuchte erregt. Jetzt wurde es irre. Die Sache schlug um und wurde ein Schreckenstraum. Der gro�e Sumerer hob den gl�cklosen Matador wie eine Puppe hoch und warf ihn beiseite und in Sicherheit. Dann ging er den Stier an, fa�te ihn an den Doppelknorpeln des R�ckgrats, schwang sich auf den Nacken der Bestie und begann sie zu w�rgen.</p><p>�Nein, nein, nein!� brummte Picasso. �T�lpel! Metzger! Sabartes, sorg daf�r, da� dieser Bl�dsinn ein Ende hat! Was treibt der denn? <emphasis>Reitet</emphasis> auf dem Stier? Erw�rgt den Stier?� Tr�nen der Wut tr�bten ihm die Augen. Seine erste <emphasis>Corrida</emphasis> seit unendlich langer Zeit, wer wei�, seit wann, und sie war von Beginn an eine gr��liche Scheu�lichkeit gewesen und nun verwandelte sie sich zu einem irren Chaos! Er war aufgesprungen, auf seinen Sitz gestiegen und br�llte: �Metzelei! Wahnsinn! Eine Schande! Eine Schande!�</p><p>Enkidu steckte in Schwierigkeiten. Er ritt auf dem Stier und hatte zun�chst auch recht k�hn zu k�mpfen begonnen, doch jetzt wallte die Wut des Tieres wieder hoch und seine Kr�fte spannten sich mehr und mehr, und in der n�chsten Sekunde konnte sich die Bestie zu Boden w�lzen und ihn mit ihrer Masse erdr�cken, oder sie konnte ihn absch�tteln und mit den Hufen zertrampeln. Enkidu war in gro�er und unmittelbarer Gefahr. Und das erkannte Gilgamesch, und nichts sonst z�hlte f�r ihn. Nachdem er ihn endlich wiedergefunden hatte, sollte er ihn so schnell wieder verlieren, bei einem aberwitzigen Stierkampf�� nein, das durfte nicht geschehen!</p><p>Es war wieder wie damals in jenem anderen Leben, als der Himmelsstier wild durch das alte Uruk raste, und Enkidu hatte das Tier bestiegen und sein Geh�rn gepackt und es zu Boden zu ringen versucht. Damals waren ihrer beider Kr�fte n�tig gewesen, den Stier zu t�ten. Und hier w�rde es wieder so sein.</p><p>Gilgamesch griff nach seinem Schwert. Herodes sah es und fa�te ihn am Arm und jammerte: �Nein! Gilgamesch, geh nicht da hin!� Aber dieser schob ihn weg und kletterte �ber die Logenbr�stung. Enkidu, der sich nun nur noch m�hsam auf dem tobenden bockenden Unget�m halten konnte, grinste ihm entgegen.</p><p>Das ganze Stadion schien wahnsinnig zu werden.</p><p>Die Leute waren aufgesprungen, viele br�llten, andere schubsten und dr�ngten sich nur einfach durcheinander vor Erregung. Da und dort brachen Faustk�mpfe aus. Dumuzi war aufgestanden, seine Augen rollten wild, das Gesicht war blau angelaufen, er fuchtelte heftig mit den Armen. Gilgamesch warf einen raschen Blick in die H�he und sah k�mpfende Gestalten auf der obersten Galerie. Dumuzis Scharfsch�tzen und Vy-otins M�nner? Und noch weiter oben kreiste ein Schwarm von Flugd�monen im Himmel, gr��liche Bestien mit weit aufgerissenen Schn�beln und langen glitzernden Fl�geln.</p><p>Der Stier warf sich von einer Seite zur anderen, um Enkidu abzusch�tteln. Gilgamesch st�rzte vorw�rts und bekam eine Ladung vom schaumigen Schwei� des Stiers mitten ins Gesicht. Es �tzte wie S�ure. Er zog das Schwert, aber der Stier wich au�er Reichweite und b�umte sich so gewaltig, da� er Enkidu beinahe abgeworfen h�tte.</p><p>Aber der lie� sich nicht die geringste Furcht anmerken. Er hielt sich, seine Schenkel umklammerten den Nacken des Stieres, knapp vor den R�ckenwirbelzacken, und er umklammerte die teuflischen H�rner mit festem Griff. Und mit seiner ganzen gro�en St�rke rang er, um den Stiersch�del nach unten zu dr�cken.</p><p>�Sto� zu, Bruder, sto� zu!� rief Enkidu.</p><p>Doch es war noch zu fr�h. Der Stier hatte noch gewaltige Kampfreserven. Er scho� wild umher und im Kreis, und die scharfe Schuppenhaut seiner Flanke streifte Gilgameschs Rippen, so da� er zu bluten begann. Der Stier sprang und bockte, wieder und wieder, h�mmerte die Hufe in den Boden. Und Enkidu taumelte obenauf wie eine Fahne im Sturm. Er schien fast den Halt zu verlieren, dann rief er laut mit seiner st�rksten selbstsicheren Stimme und sa� wieder obenauf und schwankte hoch �ber dem messerscharfen R�cken der Bestie. Er packte die H�rner erneut und drehte dem Tier den Kopf herum, und der Stier gab nach, wurde schw�cher, senkte das Haupt zur Seite, so da� der Nacken Gilgamesch zugewandt war.</p><p>�Sto� zu!� rief Enkidu wieder.</p><p>Und diesmal stie� Gilgamesch die Klinge hinein.</p><p>Er f�hlte ein Beben, ein Schaudern, eine heftige Bewegung im K�rper des Tieres. Es wehrte sich sichtlich lange gegen den Tod, doch der Sto� hatte genau gesessen, und pl�tzlich knickten die Beine ein. Gilgamesch reichte Enkidu die Hand, und dieser sprang von dem Tier und stand neben ihm.</p><p>�Ach, Bruder�, sagte Enkidu. �Ganz wie in den alten Tagen, nicht?�</p><p>Gilgamesch nickte. Er blickte nach oben. Auf s�mtlichen R�ngen tobten die Zuschauer jetzt. Verbl�fft sah er, da� Dumuzi aus der K�nigsloge in die von Picasso geklettert war. Als bangte er um seine Sicherheit, hatte der K�nig einen Arm fest um Ninsuns H�fte, die andere um Picassos Hals geklammert, zerrte sie aus der Loge und zwang die sich wehrenden Geiseln auf den Ausgang zu.</p><p>�Deine Mutter�, sagte Enkidu. �Und dein kleiner Maler.�</p><p>�Ja. Los. Komm!�</p><p>Sie st�rzten zu den Trib�nen zur�ck. Dort hatte Ninsun sich aus Dumuzis Griff entwunden, nach einem der W�chter in der Nebenloge gegriffen, und als sie wieder herumfuhr, schwang sie einen Dolch in der Hand. Verzweifelt versuchte Dumuzi, Picasso gegen die Waffe zu schleudern, doch w�hrend Gilgamesch noch erschrocken hinschaute, wirbelte seine Mutter mit der Geschicklichkeit eines K�mpfers herum und rammte den Dolch tief in Dumuzis Flanke. Im gleichen Augenblick kam Simon von hinten und stie� dem K�nig sein Schwert in den Leib. Dumuzi st�rzte zu Boden. Picasso stand reglos, die Augen in die Ferne gerichtet, wie in einem Traum verloren. Ninsun blickte auf die Hand, die den Dolch gef�hrt hatte, als h�tte sie diese Hand noch nie gesehen.</p><p>�Hier herauf!� br�llte Vy-otin Gilgamesch zu; nicht aus Picassos Loge, sondern aus der K�nigsloge. �Rasch!�</p><p>Der Eisj�ger streckte ihm die Hand hin. Gilgamesch sprang hinauf neben ihn. Vy-otin machte eine Geste mit dem Arm.</p><p>�Auf den k�niglichen Sessel. Schnell!�</p><p>�Was?�</p><p>�Dumuzi ist tot. Er verlor die Nerven, als seine Scharfsch�tzen nicht das Feuer er�ffneten, und versuchte, mit deiner Mutter und Picasso als Geiseln zu fliehen, und��</p><p>�Ja. Ich hab� es gesehen.�</p><p>�Du bist jetzt hier K�nig. Also steig da rauf und benimm dich wie ein K�nig!�</p><p>�K�nig?� Gilgamesch schien nur m�hsam zu begreifen.</p><p>Vy-otin schob ihn, und Gilgamesch ergriff die Kante des K�nigssitzes, zog sich hinauf und wandte sich um und blickte �ber die vielen R�nge des Stadions hinauf. Der Himmel hatte sich verd�stert und wimmelte von kreischenden gefl�gelten D�monen. �berall kochte und brodelte es in der Menge der Zuschauer. Alle schienen au�er Rand und Band zu sein.</p><p>Er breitete die Arme weit aus. �Volk von Uruk!� dr�hnte er mit einer Stimme wie ein ausbrechender Vulkan. �H�rt mich! Ich bin Gilgamesch! H�rt meine Stimme!�</p><p>Und �Gilgamesch!� antwortete sofort ein tosendes Gebr�ll. �Gilgamesch! Der K�nig! Gilgamesch! Gilgamesch!�</p><p>�Du machst deine Sache gut�, sagte Vy-otin.</p><p>Er f�hlte andere Gestalten um sich herum. Herodes, Simon Magus. Vy-otin�� Enkidu�� Ninsun�� Picasso�</p><p>Er wandte sich zu ihnen.</p><p>�Bei Enlil, ich schw�re euch, ich bin nicht hergekommen, um mich zum K�nig zu machen�, sagte er ver�rgert.</p><p>�Aber das verstehen wir doch�, bes�nftigte Herodes.</p><p>�Selbstverst�ndlich�, sagte Simon.</p><p>�Schwing weiter die Arme�, sagte Vy-otin. �Sie beruhigen sich schon ein bi�chen. Befiehl ihnen einfach, sie sollen sich wieder setzen und ruhig bleiben.�</p><p>Und wieder ert�nte das gewaltige Volksgebr�ll. �Gilgamesch! Der K�nig Gilgamesch!�</p><p>�Siehst du?� sagte Vy-otin. �Du machst deine Sache ganz gro�artig, Majest�t! Ganz hervorragend!�</p><p>Und ja. Ja. Gegen seinen Willen versp�rte er jetzt das Anschwellen der Macht in sich, dieses Gef�hl der Kraft und gerechten St�rke, wie sie in dem Wort �Majest�t� enthalten sind. Er war vielleicht nicht in der Absicht hierher gekommen, sich zum K�nig zu machen, doch nun <emphasis>war</emphasis> er dennoch der K�nig, Uruks K�nig in der Nachwelt, so wie er einst der K�nig von Uruk in Sumer, dem Land, gewesen war. Er gestikulierte, und er f�hlte, wie sich die Menge in seinen Griff schmiegte. �Volk von Uruk! Ich bin euer K�nig! So setzt euch wieder hin! Ihr alle, setzt euch!�</p><p>Und nun gehorchten sie ihm. Erst standen sie wie erstarrt da, dann begannen sie wieder zu ihren Pl�tzen zur�ckzukehren. Das Schreien und Tosen schwoll ab und wurde zu einem dumpfen Gemurmel und verstummte dann ganz. Im Stadion herrschte eine unheimliche Stille.</p><p>Enkidu sagte: �Befiehl ihnen, sie sollen noch einen von diesen Stieren hereinlassen. Und wir zwei werden mit ihm k�mpfen, Gilgamesch. Wir werden s�mtliche Stiere besiegen, die sie uns entgegenschmei�en k�nnen. Ja? Ja?�</p><p>Gilgamesch warf Picasso einen Blick zu. �Was sagst du dazu? Sollen wir die Corrida fortsetzen?�</p><p>�Ah, <emphasis>Companero,</emphasis> das ist kein Stierkampf, wie ihr zwei das anstellt. Ich bin nicht hergekommen, mir sowas anzusehen, dieses Her�mgeh�pfe auf dem R�cken des <emphasis>Tom.�</emphasis> Doch dann lachte er. �Aber es ist ja auch kein Stier, was, K�nig Gilgamesch, nicht wahr? Also, weshalb sollte man dann nach dem spanischen Reglement mit ihm k�mpfen? Geht! Geht nur! Beginne deine neue Herrschaft mit einer <emphasis>Corrida � la Uruk!</emphasis> Zeig uns, was du drauf hast, Freund! Ich werde zeichnen, w�hrend du am Werk bist.�</p><p>Gilgamesch nickte. Leise sagte er zu Herodes:</p><p>�Schafft den toten K�nig von hier fort, ja? Und la�t den Erzkanzler und auch die anderen H�heren Hofchargen festnehmen!� Und mit einer auffordernden Handbewegung zu Enkidu sprang er wieder in die Stierkampfarena hinab. Er rief den <emphasis>Aguaciles</emphasis> auf der anderen Seite der Arena Befehle zu, und das Tor wurde ge�ffnet und heraus st�rmte ein zweiter H�llenstier. Und gelassen erwartete ihn der neue K�nig von Uruk. Und Enkidu stand an seiner Seite.</p></section><section><title><p>17</p></title><p>Alles in allem erledigten sie f�nf Stiere an diesem Tag. Und jeder Kampf begann in Schweigen, die Zuschauer waren unsicher und beklommen und �ber den neuen seltsamen Sport wohl ebenso erstaunt, so schien es, wie �ber den gleichzeitigen Machtwechsel, der sich vor ihren Augen abgespielt hatte. Doch sobald die Banderilleros und Picadores sich an ihr Werk begaben und der gereizte Stier schnaubte und bockte und mit den Hufen scharrte, wuchsen die Erregung und der L�rm gewaltig an, und als die beiden starken Helden zum f�nftenmal in die Arena schritten, um die Corrida zum triumphalen Ende zu f�hren, bebte das Stadion von anhaltendem gewaltigen Gebr�ll, von einem wilden Durcheinander von Rufen und Schreien, und es verebbte nicht, bis der letzte Sto� getan war und das groteske Stierungeheuer im Sand der staubigen Arena zusammenbrach.</p><p>Picasso zeichnete wie besessen, forderte Gilgamesch durch Gesten immer wieder zu einem neuen Kampf auf und konnte nicht genug kriegen. Und Ninsun, die nun majest�tisch in der verwaisten K�nigsloge thronte, sah mit l�chelndem Stolz zu und nickte jedesmal befriedigt, wenn ihr Sohn ein Tier mit dem Schwert t�tete.</p><p>Nach dem dritten Stier begannen Herodes und Simon Magus unbehaglich dreinzublicken, als f�nden sie es unpassend, da� ein K�nig zum Spa� vor seinen Untertanen fremdartige Gesch�pfe abschlachtete, oder�� wahrscheinlicher�� weil sie f�rchteten, Gilgamesch k�nnte sein Leben verlieren, falls er es weiter so in der Arena aufs Spiel setzte, und dann w�rde die Stadt in ein Chaos versinken, bevor sie selbst sich in Sicherheit bringen konnten. Aber Gilgamesch tat ihre besorgten Gesten ab, und als Herodes ihm einen gefalteten Zettel �berbringen lie�, warf er ihn ungelesen weg. Es war eine lustige Arbeit, dieser Kampf mit den Stieren, es kam dem noch am n�chsten, was er unter hoher Lust verstand und was er seit mehr Ewigkeiten, als er sich erinnern konnte, nicht mehr erlebt hatte, und er beabsichtigte, dieses Gef�hl ganz auszukosten. Sobald er die Arena verlassen w�rde, war es zu Ende mit der Freude, und die Verantwortung begann, und damit hatte er es gar nicht eilig. Er raffte sich zusammen und verlangte nach dem n�chsten Stier.</p><p>Doch schlie�lich waren die St�lle leer, und den Himmel bedeckten die dunklen violetten und roten Streifen der aufziehenden Nacht. Der wundervolle Kampftag war vorbei. Seite an Seite standen Gilgamesch und Enkidu in der blutbeschmierten Arena, schwitzend, selbst ein wenig blutbedeckt, doch unverletzt.</p><p>�Komm, Bruder�, sagte Enkidu. �Auf in den Palast.�</p><p>�Ja, auf in den Palast�, sagte Gilgamesch.</p><p>Nachher, als sie durch die Menschenmasse schritten, schien es ihm, als w�ren Enkidu und er inmitten der Menge wie eingeschlossen in eine undurchdringliche Kugel aus Stille. Die Soldaten der k�niglichen Garde, die noch am Morgen die Person K�nig Dumuzis besch�tzt hatten, zogen vor und hinter ihnen her, schwangen reichgeschm�ckte Amtskn�ppel, doch schien eine derartige Machtdemonstration kaum n�tig. Das Volk von Uruk hielt sich scheu und mit �ngstlich geweiteten Augen zur�ck, w�hrend sein neuer Herrscher daherkam, und erst als er vorbeigeschritten war, erhoben sich hinter ihnen die Jubelrufe nach �Gilgamesch!� und hie und da �Enkidu!�.</p><p>In Dumuzis altem weiten und d�steren Palast hielt Gilgamesch an diesem Abend seine erste Audienz; er sa� auf dem pomp�sen hohen Thron Dumuzis und hatte das wuchtige kostbar gearbeitete goldene Szepter Uruks achtlos auf dem Scho� liegen. Zu seiner Linken stand Enkidu, Ninsun stand rechts, Herodes und Simon Magus im Schatten an der Wand, neben ihnen Vy-otin in seinem drolligen Gesch�ftsanzug vom Schnitt der Sp�ter Toten, als die Minister und Beamten des verstorbenen K�nigs einzeln vortraten, um ihm zu huldigen. Auch der kleine Picasso war da und kritzelte Skizzen von allem und jedem, so schnell seine Hand zeichnen konnte.</p><p>Gilgamesch empfand dies alles, als w�re er in einem Traum, der viel lebhafter und intensiver war als die Wirklichkeit selbst. Es war ihm, als w�ren Tausende von Jahren in einem Nu zunichte geworden und als bef�nde er sich wieder mitten in seinem Erstleben. Wieder war er ganz frisch aus dem Exil nach Uruk gekommen, nach langer Wanderschaft. Wieder hatte er dem schwachen und verha�ten Dumuzi die Krone entrissen, genau wie damals, als er jung war. Und wieder kam die Prozession der Vizek�nige Dumuzis, der K�mmerer, der Oberaufseher und Verwalter, der Steuereintreiber und Gouverneure, um vor dem K�nig Gilgamesch das Knie zu beugen.</p><p>Damals, beim erstenmal, war es ihm als unvermeidlich erschienen, K�nig zu sein. Er war dazu geboren. Doch mit dem hier hatte er nie gerechnet. Wie oft hatte der Gilgamesch der Nachwelt nachdr�cklich gegen�ber allen, die ihm zuh�ren wollten, betont, da� er das nicht wolle, diese Grandeur, den Pomp, das Gepr�nge! Wie w�rde Caesar jetzt spotten! Wie w�rde Bismarck lachen, oder Lenin! �Mich verlangt nicht nach dem K�nigtum�, hatte er so oft behauptet. �Das Streben nach Macht in der Nachwelt ist Torheit und Irrsinn.�</p><p>Und nun sa� er in der Schlinge. Ein Ding hatte zum n�chsten gef�hrt und immer weiter und weiter, und hier sa� er wieder auf einem Thron und f�hlte, wie die K�nigsw�rde �ber ihn hereinbrach wie ein unaufhaltsamer Sturzbach und wie sie eine Einsamkeit mit sich brachte, die brennender war als je das Gef�hl in seinen einsamen Jahren im Outback.</p><p>�Der Kammerherr der Sch�rpe Enlils! Der Proviantmeister! Der Vorsteher des Ubshikkinakku-Heiligtums! Der Pfleger der K�niglichen Pracht! Der Gouverneur von��</p><p>Sie defilierten vorbei, endlos, bedr�ckt-feierliche Gesichter von kleinen Potentaten, gekleidet in Prunkgew�nder, und schielten verzweifelt zum K�nig auf, ob dieser sie auch ja in ihrem bisherigen Rang best�tigen mochte. Und er nickte mit glasig starrem Blick und nickte mit seinem bekr�nten Haupt diesem zu und jenem und diesem, und ihm schien, als z�ge sich die Schlinge des K�nigseins mit jedem Augenblick fester um seine Kehle zu.</p><p>W�rde diese Prozession denn nie ein Ende finden?</p><p>Enkidu ber�hrte seinen Arm und zwinkerte ihm zu. �Sieh ein bi�chen freudiger drein, Bruder Gilgamesch! Zeig, da� du dich freust! Danach kommt das Fest! Und danach��</p><p>Enkidu grinste l�stern, griff sich zwischen die Beine, rollte woll�stig die H�ften und stie� sie drei-, viermal nach vorn.</p><p>Trotz seiner wachsenden Umd�sterung rang Gilgamesch sich ein Grinsen ab. Enkidu hatte schon immer die Gabe besessen, ihn aus seiner hervorstechendsten S�ndhaftigkeit, dem �berm��igen Ernst, herauszulocken. Er machte eine Handbewegung hinab zu den Honoratioren in der Schlange, sie sollten sich rascher bewegen. Von der dunklen Seitennische her nickte Herodes beif�llig und schlug einen kleinen Kreis mit der Hand, wie um anzudeuten, da� Gilgamesch die Prozedur sogar noch mehr beschleunigen k�nnte. Simon Magus neben ihm schien im Stehen zu schlafen.</p><p>Zu Enkidu sprach Gilgamesch: �Wieviele sind�s denn jetzt noch?�</p><p>�Die Schlange erstreckt sich aus dem Palasttor und �ber die halbe Plaza.�</p><p>�Da�, sagte Gilgamesch und dr�ckte Enkidu das Szepter in die Hand. �Geh runter zu ihnen, halte ihnen das da �ber die K�pfe und erkl�re ihnen, da� sie alle in ihren �mtern best�tigt sind, sonst kommen wir nie zu unserm Fest. Wir k�nnen die meisten dieser Leute sp�ter abservieren, wenn wir herausgefunden haben, wie der Laden hier wirklich l�uft.� Und kopfsch�ttelnd setzte er hinzu: �Ihr G�tter! Wozu hat Dumuzi blo� diesen ganzen Haufen von Beamten gebraucht?�</p><p>Doch sp�ter, als die endlose Zeremonie endlich vorbei war und er sich aus dem Thronsaal in den Festsaal begab, dachte er zu seiner �berraschung, da� m�glicherweise die meisten dieser M�nner irgendwelche echten Funktionen erf�llten und ihm n�tzlich sein konnten. So chaotisch die Nachwelt sein mochte, die St�dte brauchten trotzdem immer noch Beh�rden und Verwaltung, und es waren nicht die K�nige, die eine Stadt in Gang hielten, sondern jene Leute, die unter dem K�nig die t�gliche m�hevolle Verwaltungsarbeit leisteten. Soviel erinnerte er sich noch aus den fr�heren Perioden als Machthaber, sowohl in der anderen Welt als auch an seine ersten Tage der Herrschaft in diesem Uruk der Nachwelt, woran er sich mit wachsender Deutlichkeit nun wieder zu erinnern begann.</p><p>�Ist sie dir zu schwer, Bruder, die Krone?� fragte ihn Enkidu.</p><p>�Sie sitzt ziemlich eng. Aber, nein, nein, ich will sie einigerma�en fr�hlich tragen.�</p><p>�Ich h�tte nie gedacht, da� ich dich wieder auf dem Thron sehen w�rde.�</p><p>�Ich auch nicht. Ich hatte geglaubt, ich h�tte davon f�r ein ganzes Leben lang genug, vielleicht sogar f�r zwei Leben. Aber ich kann anscheinend den Kronen nicht auf Dauer entrinnen, dann finden sie mich wieder, was?�</p><p>�Scheint so, Bruder. Du mu�t eben einfach ein K�nig sein�, rief Enkidu. �Aber ich glaube, es ist nicht so �bel. Soviel Wein, wie wir trinken k�nnen, und die Weiber, die wir besteigen werden, und gute Kleider, und ein warmes Fleckchen zum Schlafen�� nicht so �bel, Bruder gar nicht so �bel!� Und er schlug Gilgamesch ausgelassen auf die Schulter und lachend zogen sie nebeneinander in die weite Festhalle ein, wo feiste F�sser voll Wein bereitstanden und an einem halben Dutzend Spie�en gewaltige Fleischst�cke brieten. �Gar nicht so �bel!�</p><p>Nein, nicht so �bel. Doch Gilgamesch begann sich nun ebenfalls zu erinnern, da� K�nig sein mehr bedeutete als Pracht und Pomp und Prassen. Einst�� in jenem kurzen Augenblick seines ersten Lebens�� hatte er in einer Zeit der Bedr�ngnis Heil in dem Wissen gefunden, da� in der klugen Aus�bung von Verantwortung die wahre Befriedigung f�r den Herrscher liege. Was sonst mit dem K�nigtum einherging, die sch�nen Pal�ste und die willf�hrigen Frauen und feinen Kleider und guten Weine und blitzenden Juwelen und derlei, das war weiter nichts als bedeutungsloser Zierat, fl�chtig wie ein Lufthauch. Nur Narren strebten nach Macht, um so etwas zu bekommen, und solche Narren, auch wenn sie gekr�nt sein und auf einem Thron sitzen mochten, besa�en keine k�niglichen Qualit�ten. Ein Tor konnte eine dreifache Krone auf dem Kopf tragen, er blieb trotzdem ein Tor. K�nigtum lag in etwas anderem begr�ndet als in �u�erem Gepr�nge und privatem Vergn�gen. Das wu�te Gilgamesch. Die Sicherheit und Stabilit�t des Landes zu erhalten und zu mehren, das war die eigentliche Aufgabe f�r den K�nig und seine h�chste Befriedigung und sein ganzes Heil.</p><p>Vielleicht, dachte er, konnte er ja dieses Heil wieder erlangen, selbst in dieser verr�ckten Nachwelt.</p><p>Und unter solchen Gedanken f�hlte er sich von der k�niglichen Gr��e nicht mehr so stark bedr�ngt, die auf scheinbar so zuf�llige Weise ihn �berrumpelt hatte. Denn ein Zufall, ein Mi�geschick war es nicht gewesen, da� er wieder K�nig sein mu�te. Es gibt keine Zuf�lle, das wu�te er. Es war sein Schicksal, und wie k�nnte der Mensch sein Schicksal als Falle oder als einen Zufall oder Unfall ansehen, da es doch der Wille der G�tter ist? Obschon er sich bem�ht hatte, diesem Geschick zu entkommen, es gab kein Entrinnen, also sei es denn! Dies war seine Bestimmung: zu herrschen�� und klug und weise zu herrschen. Indem er sich dieser Aufgabe in der Nachwelt zu entziehen versucht hatte, hatte er sich die ganze Zeit um die Verwirklichung seiner wahren Natur gedr�ckt. Aber nun hatte er sich selbst wiedergefunden.</p><empty-line/><p>Im Morgengrauen, als das Festgelage zu Ende ging und �berall im Festsaal satte und des Weines volle schlafende G�ste umherlagen wie achtlos hingeworfene M�ntel, durchstreiften Gilgamesch und Enkidu, die noch immer keine Ruhe fanden, zusammen die dunklen G�nge von Dumuzis Palast. Die ganze L�nge des Palastes schritten sie ab, sp�hten in etliche der vielen Gem�cher, die sich seitlich auftaten�� die meisten davon waren leer, doch einige enthielten kleine Statuen und andere Ritualgegenst�nde��, dann stiegen sie �ber eine schmale steinerne Wendeltreppe zu den oberen Galerien, wo sie in den durchbrochenen W�nden des gewaltigen Geb�udes weitere Kammern wie die Zellen in einer Honigwabe entdeckten.</p><p>�Das ist ein wundervoll h��licher Ort�, sagte Enkidu nach einiger Zeit. �Wieso dr�ngte es ihn, eine solche Scheu�lichkeit zu bauen?�</p><p>�Es gibt manche, die das sch�n finden�, entgegnete Gilgamesch. �Der Jud�er Herodes erkl�rte mir, da� es sich um die Kopie eines Doms, eines ber�hmten heiligen Tempels der Sp�t-Toten handelt.�</p><p>Enkidu sch�ttelte sich. �Das hier? Ein Tempel? Die G�tter m�gen uns bewahren!�</p><p>�Als ich das zum erstenmal sah, sagte ich mir, wenn ich je wieder K�nig in dieser Stadt werden sollte, dann w�rde es meine erste Regierungshandlung sein, das Ding abrei�en zu lassen. Doch jetzt, wo ich die K�nigschaft wieder trage, fange ich an, dar�ber anders zu denken.�</p><p>�Du willst das Ding <emphasis>behalten?�</emphasis></p><p>�Das Licht ist sehr sch�n, wenn es durch diese Buntglasfenster f�llt. Und die hohen Decken�� die merkw�rdigen Spitzb�gen�� die Skulpturen an der Fassade�� die m�chtigen �u�eren St�tzb�gen, die das Mauerwerk halten�� Gilgamesch sch�ttelte den Kopf. �Nach und nach beginne ich zu bewundern, was ich beim ersten Anblick scheu�lich fand. Ja, ich glaube, ich werde es behalten. Vielleicht baue ich mir einen eigenen Palast, etwas, das mehr dem gem�� wird, was wir gew�hnt waren, doch ich glaube, es w�re falsch, den hier zu zerst�ren.�</p><p>Enkidu lachte. �Kannst du dich erinnern, Gilgamesch. Als ich damals nach Uruk kam�� in das andere, das alte Uruk�� und du mich zum Enmerkar-Tempel f�hrtest, den dein Gro�vater errichten lie�, und du glaubtest, da� ich ehrf�rchtig und ersch�ttert sein w�rde? Und ich hatte noch nie irgendeinen Tempel gesehen und war also ganz und gar nicht beeindruckt, weil ich mir weit mehr davon erwartet hatte��</p><p>�Ja�� aber ja.�</p><p>��also habe ich mir das angeschaut, die Achseln gezuckt und gesagt: Ziemlich klein und ziemlich h��lich, nicht? Und du warst ganz sch�n beleidigt. Aber dann hast du das Ding abbrechen lassen und an seiner Stelle deinen eigenen Gro�en Tempel gebaut.�</p><p>�Der Tempel Enmerkars war alt und stark restaurationsbed�rftig. Aber das erkannte ich erst, als du das sagtest.�</p><p>�Aber der Tempel, den du dann bautest, Bruder, der war wunderbar.�</p><p>�Willst du damit sagen, ich sollte das hier niederrei�en lassen wie den Enmerkar-Tempel damals, nur weil es dir nicht gef�llt?�</p><p>�Ganz und gar nicht�, antwortete Enkidu. �Ich sage nur, da� ich m�glicherweise diesen Ort hier durch deine Augen sehen lernen werde und ihn vielleicht bewundern werde wie du, genau wie du einst den Tempel Enmerkars durch meine Augen sahst und erkanntest, wie er in Wirklichkeit war.�</p><p>�Ja�, sagte Gilgamesch. �Jetzt verstehe ich dich.�</p><p>Sie gingen weiter, bis sie die oberste Galerie erreicht hatten. Gilgamesch blickte �ber die Br�stung und sah den Boden der Festhalle weit unten, wo sich ein paar der bet�ubten Schl�fer endlich zu regen begannen, als das heraufsteigende Morgenlicht durch die Palastfenster drang.</p><p>Nach einer Weile fragte er: �Sag mir, wie war das damals an jenem Tag in der Schlucht, als ich auf der Jagd war und die Karawane angegriffen wurde?�</p><p>�Ich wurde erschlagen�, sagte Enkidu.</p><p>�Das wei� ich. Ich hatte eine Vision davon, die ein schwarzer Zauberer in der Stadt Brasil f�r mich heraufbeschworen hat�� durch Praktiken, �ber die ich selbst mit dir nur ungern sprechen m�chte. Der Angriff durch die Hubschraubflieger, die R�uber, die Granate��</p><p>�Dann wei�t du ja Bescheid�, sagte Enkidu barsch.</p><p>�Ich wei�, was geschah. Aber willst du mir etwas �ber den Augenblick deines Sterbens sagen, Bruder? Denn das ist etwas, das zu erfahren mich gro�e Neugier plagt.�</p><p>Enkidu blickte Gilgamesch seltsam an. Er wirkte mit einemmal d�ster und bedr�ckt, so wie er es selten, ja eigentlich nie an ihm gesehen hatte; denn Enkidu war ein unkomplizierter, ein erdgebundener Mensch, stets bereit zu lachen, von keinerlei Anfl�gen seelischer Verd�sterung geplagt, und dies war eine der Eigenschaften, deretwegen Gilgamesch ihn so liebte. Aber jetzt� jetzt�</p><p>�Es war weiter nichts�, sagte Enkidu schlie�lich. �Wie immer, wenn wir hier sterben. Ein Ende, und dann irgendwann sp�ter ein neues Beginnen. Es gab viel L�rm und, glaube ich, einen kurzen heftigen Schmerz und dann war alles vorbei. Und das n�chste, was ich wahrnahm, ich war wieder ganz und heil und in dieser Stadt Uruk hier, die ich seit unz�hligen Jahren nicht mehr gesehen hatte. Nun, es war nicht das Schlimmste, was mir h�tte passieren k�nnen, hier in Uruk aufzuwachen, also lie� ich es mir gern gefallen. Ich dachte mir, vielleicht bist auch du hier, und so zog ich los und fragte nach dir, bis Dumuzi nerv�s wurde und mich einlochen lie�. Und dann bist du gekommen. Und das �brige wei�t du ja.�</p><p>Gilgamesch starrte ihn an. �Also wu�test du von diesem Uruk in der Nachwelt?�</p><p>�Aber sicher doch.�</p><p>�Ich meine <emphasis>dieses</emphasis> hier, nicht das Uruk aus unserem ersten Leben.�</p><p>�Das da, klar. Das Nachwelt-Uruk, das du selbst vor langer Zeit gegr�ndet hast, �ber das du, ich wei� nicht wieviele hundert Jahre, geherrscht hast. Und ich war genau hier, an diesem Ort die ganze Zeit bei dir, Gilgamesch.�</p><p>Gilgamesch f�hlte ein Brausen im Kopf. �Die ganze Zeit, in der wir zusammen durchs Outback streiften, konntest du dich daran erinnern, da� wir einmal hier gelebt haben und da� ich hier K�nig war?�</p><p>�Aber nat�rlich doch. Sicher.�</p><p>�Und hast nie ein Wort dar�ber zu mir gesagt?�</p><p>Enkidu sah ihn verwirrt an. �Aber das habe ich doch. Oft. Wie oft haben wir uns gegenseitig von den guten alten Tagen im Nachwelt-Uruk erz�hlt, Gilgamesch, wenn wir nach einer langen Jagd sp�t am Lagerfeuer sa�en. Oft und oft.�</p><p>�W�re das m�glich? Ich kann mich �berhaupt nicht daran erinnern.�</p><p>�Willst du damit sagen, wir h�tten nie so miteinander gesprochen?�</p><p>�Ich sage nur, ich habe keine Erinnerung daran.�</p><p>�Aber das bedeutet nicht, da� es nicht so war, Bruder.�</p><p>�Vielleicht hast du aber nie mit mir dar�ber geredet.�</p><p>�Aber das habe ich! Ich habe es!� In Enkidus Augen glomm nun Ver�rgerung auf. �Was sollen diese ganzen Fragen bedeuten, Gilgamesch? Was beunruhigt dich? Ich sage dir, wir haben oft �ber das Nachwelt-Uruk gesprochen und uns gefragt, wer dort an der Macht sein mochte, und ob er ein gerechter Herrscher sein w�rde, und vielerlei in dieser Richtung.�</p><p>�Ich habe das alles vergessen.�</p><p>�Was?�</p><p>�Ich sage es dir doch. Ich konnte mich an nichts aus diesem Uruk hier erinnern, oder daran, da� ich hier K�nig war, bis vor einer ganz kleinen Weile�, sagte Gilgamesch und dr�ckte die Hand seitlich gegen den Kopf, wo er auf einmal Schmerzen versp�rte. �Auch nicht daran, da� wir jemals in unseren Jahren im Outback dar�ber gesprochen h�tten. Simon Magus in Brasil forderte mich auf, mit ihm nach Uruk zu suchen, und ich fragte, was f�r ein Uruk, es gibt kein Uruk in der Nachwelt! Und nach einiger Zeit bekam ich einige Beweise, da� ich mich da geirrt hatte, aber ich zweifelte immer noch daran, und ich zweifelte, bis ich tats�chlich hier eintraf. Und nun kehrt mir alles mehr und mehr zur�ck. Ja. Aber in all den Jahren fern von hier war mir das alles aus der Erinnerung entschwunden.�</p><p>�Aus deiner Erinnerung entschwunden, Bruder? Nun ja, so geht das eben oft zu in der Nachwelt�, sagte Enkidu und zuckte die Achseln. �Es ist ein Ort voll h�llischer Tricks.�</p><p>�Ja, wahrhaftig.�</p><p>�Ich stelle mir vor, da� es dich enorm beunruhigt haben mu�, nicht, als dieser Simon dir gegen�ber anfing, von dieser Stadt zu sprechen, und du hattest gar keine Ahnung.� Enkidu sah ihn eindringlicher an. �Bruder, k�nnte das der Grund sein, weshalb du mich fragtest, wie das bei meinem Tod war? Hast du denn auch vergessen, wie der Tod hier an diesem Ort ist?�</p><p>�Wie k�nnte ich etwas vergessen, das ich nicht erfahren habe? Ich bin nie�� �</p><p>Er sah das Funkeln in Enkidus dunklen Augen und brach ab.</p><p>�Du meinst, da� auch ich in der Nachwelt gestorben bin?� fragte Gilgamesch nach einer langen gewichtigen Pause.</p><p>�Da du fragst, kennst du die Antwort nicht.�</p><p>Scharf und fest sagte Gilgamesch: �Ich bin nur einmal gestorben, Bruder, und das war in der anderen Welt, als ich alt war und schwer an Jahren und mein K�nigtum um mich herum gro�, und da kam die Dunkelheit zu mir in meinem Schlaf. Aber hier�� nein, Enkidu, hier nicht, niemals, nicht ein einziges Mal.�</p><p>Enkidu sah belustigt drein. �Nicht ein einziges Mal? In Tausenden von Jahren, die du inmitten all der Gefahren hier zugebracht hast?�</p><p>�Willst du sagen, ich bin gestorben?�</p><p>Gilgamesch zitterte jetzt.</p><p>�Ja, Bruder�, sagte Enkidu leise.</p><p>�Wann?�</p><p>�Wann? Wie sollte ich das wissen? Wer k�nnte hier schon die Jahre z�hlen? Aber la� mich mal nachdenken. Da war die Sache damals in Santo Domingo, als die Erde um dich herum zu Treibsand wurde und dich verschlang, das war das eine Mal. Und das andere Mal, als der Berg aus Eis einst�rzte in der Gro�en Borealis. Und auf der Estotiland-Insel, als das Ungeheuer aus dem Meer auftauchte��</p><p>Gilgamesch schwindelte es. Die Bodenplatten schienen ihm unter den F��en zu schmelzen. Es gab nichts Festes in dieser Welt, keine Realit�t, auf die man sich verlassen konnte.</p><p>�G�tter! Was sagst du mir da? Wie oft hat mich hier schon der Tod geholt?�</p><p>Enkidu hob die Handfl�chen nach oben, �Kann ich nur schwer sagen. F�nfmal? Zehnmal? Ich konnte es nicht z�hlen. Ich konnte noch nie gut z�hlen, Bruder. Aber oft genug war es. Du wei�t doch, es geschieht uns allen immer wieder und wieder.�</p><p>�Ich erinnere mich nicht an derlei�, sagte Gilgamesch mit einer Stimme, die kaum lauter als ein Fl�stern war.</p><p>�Auch ich mu� wohl vieles vergessen haben, Bruder. Da kann es keinen Zweifel geben. Die Tafel wird immer wieder saubergewischt. Und was macht das schon? Wir leben, wir sterben, wir leben und sterben wieder�� so geht das hier nun einmal. Wenn wir alle unsere Erinnerungen gleichzeitig im Ged�chtnis behalten m��ten, wir w�rden verr�ckt werden. Allerdings glaube ich manchmal sowieso, da� wir alle verr�ckt sind.�</p><p>�Tode�� so viele Tode zu sterben�� murmelte Gilgamesch.</p><p>Er starrte blicklos geradeaus und sah sich dabei selbst st�rzen und immer wieder st�rzen, wie einen gro�en Baum, der irgendwie immer erneut gef�llt werden konnte. Er sah sich leblos auf einer kahlen Ebene liegen, sah sich am Rand einer st�rmischen See, auf dem Kamm eines von W�lfen durchheulten Berges. Und jedesmal erwachte er wieder und begann neu und erinnerte sich an nichts mehr. Da� er so viel vergessen konnte, da� die tr�gerische Nachwelt ihn so umfassend beeinflussen konnte, das traf ihn hart. Sein Gesicht brannte vor Scham. Und auch vor Selbstverachtung wegen seines erb�rmlichen Stolzes, der ihn veranla�t hatte, so zu tun, als sei er hierorts unangreifbar und unverletzlich, und weil er selbst an seine Angeberei geglaubt hatte.</p><p>�Gilgamesch?� fragte Enkidu.</p><p>�Einen Augenblick, bitte. Das verwirrt mich alles.�</p><p>�Nicht, Bruder! La� es leicht von dir abgleiten.�</p><p>�Wenn ich das nur k�nnte!�</p><p>�Ach ja. Die Vorstellung vom Sterben bedr�ckte dich schon immer. Immer noch?� sagte Enkidu. �Aber der Tod kommt doch so leicht. Und man sollte ihn ebenso leicht nehmen.�</p><p>�Ja. Da sagst du was Wahres.�</p><p>�Dann streife die Gedanken daran ab. La� los!�</p><p>Gilgamesch nickte und wandte das Gesicht ab.</p><p>Aber es gelang ihm nicht, die D�sternis abzusch�tteln, in die ihn Enkidus Erkl�rung eingesponnen hatte. Eine Illusion nach der anderen war ihm fortgerissen worden, seit jenen unschuldsvollen Tagen, als er im Outback umherzog, und es fiel ihm schmerzlich schwer, dies auszuhalten. Er stand reglos da und klammerte sich an die steinerne Br�stung der hohen Galerie, als f�rchtete er, auf den Boden hinabzust�rzen, wenn er den Griff lockerte. Verzweifelt m�hte er sich um Fassung.</p><p>�Ach, komm schon, Bruder!� Enkidu neigte sich zu ihm und knuffte ihr lachend sanft mit den F�usten, als wollte er ihn so aus seiner br�tenden Tr�bsal locken. �Was bedeutet schon ein kleiner Tod oder zwei? Das passiert uns doch allen. Aber jetzt leben wir, oder leben wir etwa nicht, und du bist wieder ein K�nig, und alles steht gut, Bruder. Alles steht bestens!�</p><empty-line/><p>Einige Tage sp�ter fand sich Simon der Magier vor Gilgamesch in dessen Audienzzimmer ein; er roch nach Wein und sah mitgenommener aus denn je. Er sagte: �Ich gedenke in K�rze wieder nach Brasil aufzubrechen.�</p><p>�Du wei�t, du bist mir als Gast herzlich willkommen, solange du bleiben m�chtest, Simon.�</p><p>�Ich danke dir f�r deine Gro�z�gigkeit. Doch ich war lange genug von meiner eigenen Stadt weg. Wer wei�, was sich dort alles getan hat, w�hrend ich hier in Uruk weile?�</p><p>�Gewi� haben doch deine Weisen und Zauberer in Brasil alles sorgf�ltig unter Kontrolle�, sagte Gilgamesch.</p><p>�Ja. Hoffe ich jedenfalls.�</p><p>Es folgte ein unbehagliches Schweigen. Gilgamesch hatte den Eindruck, da� Simon mehr auf dem Herzen hatte, als nur sich zu verabschieden, etwas von betr�chtlicher Wichtigkeit, doch Simon wartete einfach stumm, mit kalten zusammengekniffenen �uglein, und die Flecken und Verf�rbungen in dem weichen Schwabbelgesicht traten feuriger hervor als gew�hnlich.</p><p>�M�chtest du einen Becher Wein?� fragte Gilgamesch schlie�lich.</p><p>�Wein ist mir stets willkommen. Ja, danke.�</p><p>Gilgamesch winkte. Ein Diener brachte einen Krug voll des schweren dunklen Uruk-Weins.</p><p>Simon trank kr�ftig, versch�ttete ein wenig davon auf seine bereits von dunkelpurpurnen Flecken besudelte Toga und sagte: �Nun hast du also dein K�nigtum zur�ck, Gilgamesch.�</p><p>�So ist es.�</p><p>�Die K�nigsherrschaft, die du so hartn�ckig nicht hast haben wollen.�</p><p>�Sie ist mir zugefallen. Es w�re falsch gewesen, sie abzulehnen.�</p><p>�Ja, wahrlich falsch�, sagte Simon. �Es gibt so etwas wie eine fundamentale Richtigkeit, der man sich f�gen mu�, und wir erkennen sie, wenn wir auf sie sto�en. Es ist eine Kraft, geteilt zwischen Oben und Unten, sich selber erschaffend, selbst vergr��ernd, eigens�chtig, selbstzufrieden, sie ist ihre eigene Mutter, ihr eigener Vater, ihre eigene Schwester, ihr eigener Gemahl, ihr eigner Sohn, Mutter, Vater, der Ursprung aller Dinge.�</p><p>Gilgamesch blinzelte, zog die Brauen zusammen und sah ihn starr an.</p><p>�Was du da sagst, ist schwer zu verstehen, Simon.�</p><p>�Ich finde es recht klar.�</p><p>�Daran zweifle ich nicht�, sagte Gilgamesch. �Aber du bist ein Weiser und ein Zauberer. Du steckst voll solch seltsamen Weisheiten und R�tselworten. Ich aber bin nur ein einfacher Krieger.�</p><p>�Und ein K�nig.�</p><p>�Ja, und ein K�nig.�</p><p>�Ein sehr gro�z�giger K�nig.�</p><p>Gilgamesch winkte, da� Simons Glas erneut gef�llt werde. Ungeduld stieg in ihm auf.</p><p>�Genug von dem Get�nzle, Simon. Was m�chtest du von mir erbitten?�</p><p>�Ich erinnere dich daran, da� wir als Partner hierher gekommen sind. Du, um dein Uruk und deinen Enkidu wiederzufinden, und ich��</p><p>�� um die Sch�tze Uruks zu pl�ndern, ja.�</p><p>�Ja.�</p><p>Gilgamesch l�chelte. �Aber es gibt hier keine Edelsteine, Simon.�</p><p>�Wie willst du das wissen?�</p><p>�Es sind in den W�nden deines Palastes in Brasil auf einer Elle mehr Edelsteine angebracht, als ich in ganz Uruk gesehen habe.�</p><p>�Ah. Aber da irrst du dich.�</p><p>�Irre ich mich? Dann kl�r mich auf.�</p><p>Simon kam n�her und sagte mit ged�mpfter Stimme: �Hier gibt es Sch�tze im �berflu�. Ich habe meine Methoden, Informationen zu bekommen. Ich habe nicht mein ganzes Zauberhandwerk vergessen, Gilgamesch. Rufe deine Hofbeamten zusammen und befrage sie, was sie von Dumuzis Schatz wissen, und du wirst h�chst erstaunt sein.�</p><p>�Ich gew�hne mich allm�hlich an gro�e �berraschungen�, sagte Gilgamesch.</p><p>�Nun, du wirst eine weitere erleben. Es gibt hier Sch�tze, genau wie es die Erz�hlungen behaupten.� Seine Gesichtsfarbe wurde dunkler. Die Lippen und Kiefer mahlten l�stern wie die eines hungrigen Vielfra�es. �Wir hatten eine Abmachung, Gilgamesch! Wir kamen als Partner hierher. Ich erinnere dich daran, Gilgamesch�� ich erinnere dich daran, da߅�</p><p>Der Sumerer hob die Hand und nickte. Doch Simon gab sich damit nicht zufrieden.</p><p>�Ich will meinen Anteil! Ohne mich h�ttest du nie auch nur eine Ahnung von diesem Ort hier gehabt! Ich mahne dich, Gilgamesch�� ich flehe dich an, verweigere mir nicht, was ich suche. Ich bitte dich sehr.�</p><p>�Du brauchst keine Bef�rchtungen zu haben, Simon�, sagte Gilgamesch ruhig. �Ich schlage dir nichts ab, soweit es im Rahmen meiner M�glichkeiten liegt, es dir zu gew�hren. Aber erst la� mich mal diesen Schatz finden, den es, wie du behauptest, hier gibt. Bisher habe ich nur deine Behauptung, da� er existiert, deshalb kann auch ich dir heute nur Worte geben. Aber wenn ich die Sch�tze habe, ach, Simon, dann sollst du deinen vollen Anteil davon haben. Das schw�re ich dir hiermit.�</p><p>�Ehrlich?�</p><p>�Bei der Seele meiner Mutter schw�re ich es.�</p><p>�Sehr gut, Gilgamesch. Aber bald, ja? Bald.�</p><p>�Ja. Bald.�</p><p>Dann ging Simon, scheinbar beruhigt, nach einem weiteren Schluck Wein und einem eindringlichen fragenden Blick, den er Gilgamesch zuwarf. Dieser schaute ihm nach, verwundert dar�ber, da� Simon von einer so tiefen Gier beherrscht war. Und wonach? Nach l�cherlichen Glitzersteinen? Das erschien Gilgamesch als noch sinnloser als Gier nach Macht, von der so viele M�nner und nicht wenige Frauen in w�ste und fruchtlose M�hen getrieben worden waren. Da war dieser Simon, ein gescheiter Mensch, sogar ein Philosoph, und der gierte und geiferte mit kindischer Sucht nach h�bschen Klunkern, was so absto�end wirkte bei einer Person, die so weit �ber das Kindesalter hinaus war. So vor ihm herumzuh�ngen, Andeutungen zu machen, sich zu winden und am Ende einfach um die Kinkerlitzchen zu betteln, nach denen er gierte.</p><p>Sch�n, sollte es hier f�r Simon Edelsteine geben, so sollte er sie bekommen. Gilgamesch hatte keine Verwendung f�r so etwas. Er lie� den Oberaufseher der K�niglichen Truhen rufen, einen eunuchenhaft feisten sumerischen Glatzkopf namens Akurgal, und sagte: �Geh�rt die Pflege des Reichsschatzes zu deinem Aufgabenbereich?�</p><p>�Dem ist nicht so, Majest�t.�</p><p>�Geh�rt der Reichsschatz nicht zur K�niglichen Truhe?�</p><p>�Meiner F�rsorge sind die Kleider und pers�nlichen Gegenst�nde der Majest�t, Euer Majest�t��</p><p>�Aber es gibt hier doch einen Reichsschatz? Juwelen und dergleichen?�</p><p>�So ist es, Majest�t.�</p><p>�Wer besorgt den?�</p><p>Akurgal �berdachte das. �Der H�ter des Ereshkigal-Tempels vielleicht. Nein, m�glicherweise ist es der Waffenmeister der Inanna. Aber nein, nein�� das ergibt ja kaum einen Sinn�� etwas von solcher Wichtigkeit w�rde man bestimmt nicht <emphasis>dem</emphasis> anvertrauen�� erlaube, da� ich noch einen Augenblick nachdenke, Majest�t, nur noch ein Augenblickchen��</p><p>�Von einem Wurstkranz bek�me ich rascher Antwort�, sagte Gilgamesch, und sein Gesicht verfinsterte sich.</p><p>�Ich denke nach, Euer Majest�t, ich denke��</p><p>�Du wirst bald selber ein Strang von W�rsten sein, wenn du mir nicht sofort sagst, was ich wissen will.�</p><p>�Der Kammerherr der Enlil-Sch�rpe!� keuchte Akurgal verzweifelt.</p><p>�Ach ja?�</p><p>�Ja, der Kammerherr der Enlil-Sch�rpe. Ja, wahrhaftig, Majest�t. Er ist der Mann!�</p><p>�Bring ihn her zu mir!�</p><p>�Sofort, Majest�t. Sogleich.�</p><p>Mit rudernden Armen und flatternden Kleidern trabte Akurgal davon. Gilgamesch lachte. Wenige Minuten sp�ter erschien ein weiterer Funktion�r vor ihm, ein hagerer Mann mit einem Gesicht wie ein Hackmesser, deutlich assyrischem Aussehens, trotz des sumerischen Namens: Ur-Namhani. Als Gilgamesch ihm seinen Willen kundtat, sah ihn Ur-Namhani lange fest an, als disputierte er innerlich, ob er dem Befehl gehorchen sollte. Nach geraumer Zeit sprach er mit gro�er W�rde und einer unverhohlenen Ver�rgerung: �Der Schatz befindet sich im Tempel Enlils. Soll ich ihn herbeischaffen lassen, oder wollt Ihr mich hinbegleiten?�</p><p>�Wir begeben uns dorthin.�</p><p>Keine von Simons wilden Wunschphantasien hatte ihn angemessen auf das vorbereitet, was ihn in den dunklen, dumpfkalten Gew�lben unter dem Tempel des G�ttervaters erwartete. Ur-Namhani holte einen Schl�sselring hervor und schlo� gewichtig Tor um Tor auf, w�hrend sie durch eine Reihe enger G�nge schritten, bis sie die innerste Kammer erreichten, und als dort Licht gemacht worden war, sah Gilgamesch vor sich ein �berma� an Reichtum, das jegliche Vorstellung �berstieg. Wo immer sein Auge hinfiel, waren S�cke, Truhen, K�sten, Beutel, Kassetten, die von allen erdenklichen Kostbarkeiten �berflossen, und im Schatten dahinter deuteten sich weitere Sch�tze an und so weiter und so fort in ein unausme�bares Gewirr von H�hlen.</p><p>�ber Mannsh�he waren da Goldziegel gestapelt, f�sserweise Schmuckst�cke, Halsketten, Armreifen, Ringe, Spangen, Broschen, Manschetten, alles von feinstem Goldschimmer. Da gab es Lavallieren, Halsringe, Geh�nge, Ketten, Anstecknadeln, Diademe, Solit�re. S�cke voll Perlen. Es gab gro�e Haufen Goldm�nzen. Gilgamesch hob eine Handvoll auf und sah die K�pfe von Kaisern und K�nigen und auf der R�ckseite wilde Greife und Drachen. Er sah Hufeisen aus Gold und Dolche und G�rtelschnallen und Zierat in Gestalt von Br�cken, Karossen und Burgen. Es gab goldene Zahnstocher und Goldk�stchen, die funkelnde Diamanten enthielten, und auf Goldschn�re aufgezogene Diamantenketten. Aus �bervollen geborstenen Leinens�cken ergossen sich Edelsteine; sie leuchteten in allen Farben, rot und gr�n und gelb und blau und strahlend wei� und noch einem Dutzend weiterer F�rbungen, und Gilgamesch tauchte die H�nde hinein und lie� funkelnde Str�me durch die Finger rieseln: Rubine, Smaragde, Saphire, Opale, Amethyste, Jaspis, Karneole, Chrysoberylle und Mondsteine, T�rkise, Bernstein, Korallen, Jade. Es nahm kein Ende. Kein Wunder, da� Simon Magus so gierig darauf war, die Stadt zu erobern. Lange durchforschte Gilgamesch schweigend diese Wunderkammern. Dann wandte er sich dem wartenden Ur-Namhani zu.</p><p>�Sind diese Dinge wirklich? Echt?�</p><p>�Echt?�</p><p>�Zauberschwindel oder echte Juwelen?�</p><p>�Oh, sie sind echt, Euer Majest�t, h�chst definitiv echt�, sagte Ur-Namhani in hochn�sig-herablassendem Ton. �Zusammengetragen von Dumuzi aus jedem Winkel der Welt�� zum Ruhme Enlils. Es verging nicht ein Jahr, ohne da� in diesen Verliesen ein weiteres Verm�gen an Sch�tzen eingelagert wurde, das gereicht h�tte, um das L�segeld f�r jeden K�nig zu bezahlen.�</p><p>Gilgamesch nickte. �Ich h�tte mir nicht gedacht, da� es in dieser Stadt gen�gend Gauner gibt, um eine solche Menge Plunder zusammenzustehlen, nicht einmal in tausend Jahren. Eine sehr beeindruckende Ausbeute. Sehr beeindruckend.� Er erhob sich und warf zwei Handvoll blitzender Kostbarkeiten zur�ck in das n�chste Fa�. In seinem Kopf h�mmerte es. Das Ausma� der gehorteten Sch�tze war bet�ubend, sogar f�r ihn, dem derart plumper grober Reichtum wahrlich kein Vergn�gen bereitete. Allein schon das �berma� war bedr�ckend, und dennoch lie� sich nicht leugnen, da� die Masse Macht aus�bte. �Also sch�n. Ich werde dir Simon Magus schicken�� meinen Gast, den fetten zechfreudigen Alleinherrscher der Insel Brasil. Du wei�t, welchen ich meine?�</p><p>Ur-Namhani neigte kurz bejahend den Kopf.</p><p>�Du gibst ihm alles aus dieser Kammer hier, was er haben m�chte�, sagte Gilgamesch.</p><p>Der K�mmerer der Sch�rpe Enlils keuchte: <emphasis>�Alles?�</emphasis></p><p>�La� ihn sich vollstopfen.�</p><p>Die Augen des Schatzh�ters quollen best�rzend vor. �Aber�� Euer Majest�t�� verstehe ich Euch richtig?�� Ich ersuche Euch zu bedenken�� Ur-Namhani holte tief Luft. �Was, wenn er alles fordert?�</p><p>�Dann wird seine R�ckreise nach Brasil ziemlich langsam vonstatten gehen, wenn er mit nur f�nf Wagen so viel und sein sonstiges Gep�ck transportieren will.�</p><p>�Majest�t� Majest�t��</p><p>Gilgamesch l�chelte. �Ich bezweifle irgendwie, da� sogar Simon soviel Frechheit besitzt, alles zu verlangen. Aber h�ndige ihm aus, was er haben will. Wahrscheinlich werden ihn nur die Edelsteine interessieren, denke ich mir. Er kann auch das Gold haben, wenn ihn danach gel�stet. Wir brauchen derlei Zeug hier nicht.�</p><p>�Aber Euer Majest�t, das sind heilige Dinge! Es ist der Schatz Enlils!�</p><p>�Und Enlil ist unser aller Vater�, erwiderte Gilgamesch. �Wenn er die Welt erschaffen kann und die Nachwelt dazu, dann kann er sich doch bestimmt sechs weitere Schatzh�user erschaffen, die ebenso reich wie dies hier sind. Hier unten im Keller eingeschlossen, tut das ganze Zeug keinem etwas Gutes. Simon liebt immerhin diese Steine wenigstens und wird seinen Palast damit schm�cken, oder vielleicht seine ganze Stadt. Mich k�mmert das nicht. Gib ihm, soviel er will, Ur-Namhani, Hast du verstanden? Gib ihm reichlich!�</p></section><section><title><p>18</p></title><p>Der Vezier Herodes wartet auf Audienz, Majest�t�, sagte der Haushofmeister.</p><p>Gilgamesch seufzte. �Er soll eintreten.�</p><p>Herodes kam mit einem gro�en Bogen Papier, den er vor dem Thron entfaltete, als handelte es sich um eine kostbare Schriftrolle aus dem fernen Cathay. Gilgamesch warf einen s�uerlichen Blick darauf.</p><p>�Was? Noch mehr Daten, Herodes?� Er lie� das Wort <emphasis>Daten</emphasis> wie ein scheu�liches Schimpfwort klingen.</p><p>�Die Namensliste der Zivilbeamten�, sagte Herodes. �Nach Abteilungen und Seniorit�t geordnet.�</p><p>�Seniorit�t? Seniorit�t?�</p><p>�Das ist hier sehr wichtig, das Dienstalter, der Rang, mu�t zu wissen. Sie haben hier starke Interessenverb�nde und eine Reihe von strammen Arbeitsbestimmungen, l�nger als dein� also, als dein Arm. Soll ich das jetzt mit dir durchgehen, oder wollen wir es auf sp�ter verschieben?�</p><p>�Auf sp�ter, glaube ich�, sagte Gilgamesch. Doch dann sch�ttelte er den Kopf. �Nein. Nein, bei den Augen Enlils, erledigen wir es gleich!� Und mit soviel Geduld, wie es ihm m�glich war, ging er an die Arbeit.</p><p>Gilgamesch �berraschte es�� obschon das eigentlich nicht hatte der Fall sein d�rfen��, da� die Herrschaft �ber Uruk sich als derart komplex und zeitaufwendig erwies. Es galt, an Ritualen teilzunehmen, Bestallungen zu best�tigen, verzwickte Entscheidungen zu treffen, Bauprojekte einzuweihen und zu kontrollieren, Gesandte zu empfangen, sogar den einen und anderen Aufruhr zu ersticken�� denn die Nachwelt war kein wohl geordneter Ort, und selbsternannte K�nige waren hier so gemein wie Echsen und erhoben Anspruch auf den n�chsten besten Thron. Auch war die pers�nliche Anwesenheit des K�nigs erforderlich bei theatralischen Ereignissen und bei Sportspielen, besonders bei den Stierk�mpfen, die nun, unter der enthusiastischen �gide Picassos, in Uruk zu einer regul�ren sonnt�glichen Einrichtung geworden waren. Gilgamesch selbst beteiligte sich nicht mehr aktiv an der <emphasis>Corrida��</emphasis> hin und wieder wurde dabei ein Matador get�tet, und seit er nun um seine eigene Verwundbarkeit wu�te, h�tte er es als Verletzung seiner geheiligten k�niglichen Pflichten betrachtet, wenn er das Risiko einging, auf derart leichtfertige Art weitergesandt zu werden. Doch er nahm fast an jedem Sonntag teil. Enkidu war stets die Hauptattraktion und erlegte zwei, manchmal drei Stiere, ehe der Nachmittag vorbei war.</p><p>Im alten Sumer, dem Land, dachte Gilgamesch, war es bei weitem nicht so beschwerlich und m�hsam gewesen, K�nig zu sein, wahrscheinlich auch nicht, vermutete er, w�hrend seiner ersten Regierungszeit im nachweltlichen Uruk; allerdings war es durchaus m�glich, da� er sich darin irrte. Er wu�te inzwischen nur zu gut, wie wenig Verla� auf sein Erinnerungsverm�gen in dieser Hinsicht war.</p><p>Aber obwohl er jetzt mehr Arbeit hatte als jemals fr�her, erledigte er sie doch nicht ernsthaft nur mit Widerwillen. Er hatte zun�chst einmal genug von dem Leben als einsamer Wanderer, und es brachte gro�e Befriedigung, als K�nig seinen Job zu tun�� und ihn gut zu tun. Es war offensichtlich, da� unter Dumuzi in diesem Uruk hier Mi�herrschaft bestanden hatte, genau wie damals im ersten Uruk in der anderen Welt, und es bereitete Gilgamesch gro�es Vergn�gen, Dumuzis unsinnige b�rokratische Selbstzweck-Verordnungen r�ckg�ngig zu machen und wiederherzustellen, was Dumuzi hatte verkommen lassen.</p><p>Er machte seinen alten Freund, Vy-otin, den Eisj�ger, zu seinem Obersten Minister. Herodes erwies sich ebenfalls als n�tzlicher Berater Er hatte es vorgezogen, bei Gilgamesch in Uruk zu bleiben, als Simon Magus, vollgepackt mit den Edelsteinen, nach Brasil abgereist war. Auch Ninsun, in ihrer liebevollen Klugheit, war ebenfalls eine wertvolle Ratgeberin. Und immer war Enkidu da f�r ihn, brachte ihm Entspannung und br�derlich nahe Vertrautheit und seine ehrliche, bodenst�ndige, gesunde, von Herzen kommende Weisheit. Und nach einiger Zeit seiner Herrschaft gewann Gilgamesch einen weiteren Berater, einen seltsamen und unerwarteten: es war kein anderer als der aus der vorgeschichtlichen Urzeit kommende Haarmensch, der in Brasil Simons Chefmagier gewesen war.</p><p>Er kam unangemeldet, erschien einfach eines Tages zu Fu� vor den Toren Uruks, zu einer Zeit dr�ckender schwarzer Witterung, br�llender vernichtender St�rme und rei�ender �berschwemmungen. Gilgamesch schuftete an der Stadtmauer, k�mpfte unter einem erbarmungslosen stahlgrauen Himmel und stapelte Sands�cke vor den W�llen aus gebrannten Ziegeln auf, die an einem Halbdutzend verschiedener Punkte untersp�lt zu werden drohten, als der Mann ankam. An diesem Tag war so ziemlich jeder, der nur ein bi�chen etwas schleppen konnte, da drau�en am Werk; und der K�nig pers�nlich gab das beste Beispiel. D�monische Gesch�pfe mit langen gelben Schuppenh�lsen und giftiggr�nen Fl�geln kreischten h�hnend in der H�he �ber ihnen. Und weiter oben im Himmel zitterten zuckende Elmsfeuer, blutige Streifen, feurige Kometen. Der Regen prasselte unerbittlich herab, ein ganzes Meer fiel in armdicken Str�ngen auf die Stadt nieder. Der K�nig stand bis zu den Schenkeln im Schlamm, oder doch fast, fing die Sands�cke auf, die Enkidu ihm von oben her zuwarf, und packte sie mit wilder Hast an den Fu� der Mauer, als eine seltsam vertraute kr�chzende Stimme aus dem Sturmget�se zu ihm drang, die in gutturalen, eisverkrusteten, kaum verst�ndlichen Wortbrocken 2u ihm sprach.</p><p>�Was?� br�llte Gilgamesch. �Wer ist das denn? Was sagst du?�</p><p>�Da� das da vielleicht die Gro�e Flut ist, von der du immer so viel geredet hast, die jetzt wiederkehrt, um dein Land erneut zu ertr�nken�, sagte der andere nun langsamer und um deutlichere Aussprache bem�ht.</p><p>Gilgamesch blickte sich um. Im Donnerget�se und den D�monenblitzen erkannte er den Haarigen Mann, der klein, untersetzt und mit seinem Tiergesicht ganz gem�tlich in dem Sturm dastand, als wehte weiter nichts als ein sanfter Fr�hlingszephyr. Er trug eine R�mertoga, wei� mit rotem Ziersaum, und man sah darunter den schweren r�tlichen Pelz, der vom Regen dicht und verfilzt an ihm klebte. Die dunklen Augen unter den massigen Stirnb�gen leuchteten in einem seltsam urt�mlichen Feuer. Hier war ein Gesch�pf, das wu�te Gilgamesch, das auf der Welt gelebt hatte, als auch die G�tter noch jung waren.</p><p>�Die Flut, sagst du?� grunzte Gilgamesch.</p><p>�Ja, die Flut. Die nach meiner Zeit kam und vor der deinen, jedenfalls hast du mir das so gesagt, K�nig Gilgamesch. Die kam, um diese Welt wieder einmal zu beenden und eine frischere zu beginnen. Aber, komm, la� mich dir helfen.� Und er watete in den driftenden Schlamm, hob einen Sandsack hoch, den Enkidu von der Mauerkrone so weit geworfen hatte, da� Gilgamesch ihn nicht erreichen konnte, und stopfte ihn sorgf�ltig an den rechten Platz.</p><p>Gilgamesch starrte ihn an. �Wer bist denn du?�</p><p>�Nun, in Brasil kanntest du mich.�</p><p>�Simons Erzweiser?�</p><p>�Genau dieser. Frieden und Freude dir, K�nig von Uruk.�</p><p>Von weit oben sp�hte Enkidu mit gerunzelter Stirn zu ihnen herab. Er rief etwas, das der heulende Sturmwind verwehte, und warf einen weiteren Sandsack herunter, der viel zu weit weg aufzutreffen drohte. Der Haarmensch fa�te zu und fing ihn und stopfte ihn an die richtige Stelle. Und winkte nach einem weiteren Sack. Gilgamesch besah ihn sich aus dem Augenwinkel. Nun, m�glicherweise war es ja derselbe wie fr�her. Sie sahen einander alle so �hnlich, diese Haar-M�nner. Kein Wunder, da� keiner von ihnen einen Namen trug. Wie zottige Gespenster wanderten sie auf ihren eigenen Pfaden durch die Nachwelt, diese r�tselhaften Gesch�pfe aus der Morgend�mmerung der Zeiten, und einer �hnelte so sehr dem anderen, da� sie sehr wohl nur ein und dasselbe Individuum sein mochten. Doch je genauer Gilgamesch nun diesen Behaarten ansah, desto mehr glaubte er, etwas ihm Vertrautes zu entdecken, aber er wu�te nicht, was das sein k�nnte. Es war wohl tats�chlich jener Mann, dem er zuvor in Brasil begegnet war, der Mann, der ihn durch die verteufelten Stra�en der Stadt und zu Calandola gef�hrt hatte.</p><p>�Und was bringt dich hierher?� fragte er den Mann.</p><p>�Simon sandte mich her. Ich bin sein Geschenk, ich soll bei dir an deinem Hof leben und dir dienen.�</p><p>�Sagtest du ein <emphasis>Geschenk?�</emphasis></p><p>�Ich soll dir als dein Erzzauberer dienen. Simon war der Ansicht, du w�rdest mich brauchen.�</p><p>Augenblicklich kam so etwas wie ein stechender Argwohn in Gilgamesch auf. Konnte Simon seinen Zauberer vielleicht geschickt haben, um zu spionieren? Nein. Nein, entschied er dann. Das w�re zu plump, zu offenkundig gewesen.</p><p>Wieder br�llte Enkidu von oben, und wieder kam ein Sandsack herunter. Diesmal fing Gilgamesch ihn und setzte ihn an Ort und Stelle.</p><p>Aber der Haarige sprach weiter: �Ich bin aber auch zu dir gesandt worden als Gegengabe f�r deine Gro�z�gigkeit. Simon meinte, er sollte dir etwas Gutes tun, als Gegenleistung f�r die Edelsteine von Uruk, und seine Dankbarkeit f�r die gro�en Sch�tze, die du ihm geschenkt hast, so ausdr�cken. Als ich ihn zuletzt sah, badete er in deinen Sch�tzen: Er lag in seiner Alabasterwanne und lie� sich mit einer Kaskade von Smaragden und Rubinen �bergie�en.�</p><p>�Er liebt simple Vergn�gen�, sagte Gilgamesch trocken. Wieder erschallte der Donner, laut und dr�hnend wie die Posaune des J�ngsten Gerichts. Es war so ungeheuer laut, da� die Luft Ungeheuer gebar, einen Schwarm von Wesen mit vielen K�pfen und Heuschreckenfl�geln und gelben Kr�tenaugen. Vielleicht hatte der Haarmensch recht, und dies war von neuem die Gro�e Flut, in welchem Falle es kl�ger w�re, eine neue Arche zu bauen, als Zeit darauf zu verschwenden, diese einst�rzende Mauer zu flicken. Doch keiner hatte je eine Sintflut f�r die Nachwelt vorhergesagt. Und so rief Gilgamesch dem Haarmann zu. �Meinst du das im Ernst? Glaubst du, das ist ein neuer Weltuntergang?�</p><p>Der Behaarte stie� einen Laut hervor, der wie ein Lachen klang, und sch�ttelte den schweren breitnackigen Kopf; dann �u�erte er pelzige Laute, die vom Sturm verweht wurden. Gilgamesch hoffte, da� er gesagt h�tte, er habe nur einen Scherz machen wollen, da� es sich nicht um die Sintflut handelte, sondern nur wieder um einen neuen �blen Trick der Nachwelt, um einen Sturm, der weiterziehen w�rde, ohne alles auf seinem Weg zu zerst�ren.</p><p>Dann schufteten sie schweigend weiter, stapelten die Sands�cke auf. Hunderte andere arbeiteten an diesem Abschnitt der Mauer, Scharen von k�rperlich kr�ftigen M�nnern, aber auch viele Frauen. Der Regen schien nun ein wenig nachzulassen. Aber noch immer krachten diese lauten furchteinfl��enden Donnerschl�ge, regneten die Blitze, brummten die Schw�rme der Flugungeheuer. Die Ebene vor der Stadt war jetzt keine W�ste mehr, sondern ein schimmerndes Meer. In weiter Ferne hatte es den Anschein, als driftete ein gewaltiger glitzernder blau-wei�er Gletscher im Himmel, dessen schroffe Kanten von einem inneren Licht leuchteten, und auf dessen Flanken Hirsche mit Menschengesichtern tanzten, M�nner mit Stierk�pfen und andere, seltsame und furchteinfl��ende ungeschlachte Tierunget�me. Der kleine Mann Picasso, dachte Gilgamesch, sollte das sehen und aufzeichnen. Aber Picasso befand sich im Moment sicher und gesch�tzt unter einem Dach; er hatte erkl�rt, da� er keine gro�e Lust zu derart st�rmischer Plackerei habe und lieber im Haus bleiben wolle. Aber schlie�lich kann Picasso ja ausreichende Mengen von Monstern aus seinem eigenen brodelnden Hirn produzieren, sagte sich Gilgamesch. Er braucht die da gar nicht zu sehen.</p><p>�Wenn du ein echter Zauberer bist�, sagte er zu dem Haarigen Mann, �wei�t du dann kein Mittel, um diese elende Pisse abzustellen?�</p><p>�Viel m�chtigere Zauberer als ich haben uns das gesandt, K�nig. Es gibt keine Zauberspr�che, dem zu gebieten.�</p><p>�Und werden wir allesamt ersaufen? Sag, werden wir?�</p><p>�Wir werden den neuen Tag erleben, glaube ich�, sagte der Behaarte.</p><p>Tats�chlich legte sich der Regen einige Stunden sp�ter, was der Behaarte nicht auf sein Zutun zur�ckf�hrte, aber die Mauern der Stadt blieben verschont. Als sich die Sonne wieder zeigte, inspizierte Gilgamesch mit Enkidu und Vy-otin von der Mauerkrone aus alles und blickte verwundert hinaus auf die �berschwemmte Ebene, das Gewirr umgest�rzter B�ume, die Tr�mmer zerst�rter D�rfer und die Kadaver der ertrunkenen Tiere, die aus den Marschlanden herangesp�lt worden waren. Aber Uruk selbst war heil geblieben, wenn es auch ein bi�chen aufgeweicht aussah. Es w�rde also diesmal keine zweite Sintflut sein. Und vielleicht handelte es sich nur um einen Krieg der D�monen hoch droben, dachte Gilgamesch, was diesen teuflischen katastrophalen Regen �ber die Stadt brachte.</p><p>Da� Simon ihm seinen Haarmenschen gesandt hatte, �berraschte ihn, und es gefiel ihm. In diesen uralten Gesch�pfen, die lebten, bevor es Menschen gab, lag gro�e Weisheit, und ihre Hilfe war etwas h�chst Wertvolles. Gewi� zog Simon bei dieser Transaktion den k�rzeren, wenn er diesen uralten Zauberer und ehrenwerten Weisen eintauschte gegen nichts als ein paar S�cke voll bunter Steine. Aber als Geste war das wahrhaft k�niglich, und es bewies, da� Simon mehr war als ein ausschweifender Gierhals. Vielleicht war es dem alten Weinschlauch von einem Tyrannen auch nicht mehr wichtig gewesen, vielleicht sah er schon seinen n�chsten Tod vor Augen, und es k�mmerte ihn nichts mehr, und er wollte sich nur noch in den schimmernden sch�nen Steinen suhlen, die er so liebte. Aus welchem Grunde immer�� und Gilgamesch bezweifelte, da� hinter dem Ganzen irgend etwas B�sartiges steckte��, er war dankbar, dieses seltsame Gesch�pf an seinem Hof zu haben.</p><p>Er wies dem Haarmenschen im Palast erlesene Gem�cher an, an einem geschlossenen Innenhof, in dem er im Freien schlafen konnte, wenn ihm der Sinn danach stand; Gesch�pfe seiner Gattung zogen es vor, nachts keine D�cher �ber dem Kopf zu haben. Bei den Tagesgesch�ften am Hof behielt er ihn in seiner N�he, sowohl als Zauberer und Beschw�rer, wie auch zum Zwecke schlichter Beratung in Fragen der Diplomatie und der Staatskunst, denn er war ein h�chst n�tzlicher Ratgeber.</p><p>Das Leben am Hof verlief in unerbittlicher Routine. Tag um Tag trafen neue Gesandtschaften aus anderen F�rstent�mern der Nachwelt ein, seitdem sich die Nachricht verbreitete, da� der starke Held Gilgamesch in Uruk erneut an die Macht gekommen war, und man mu�te die Emiss�re offiziell mit geb�hrendem Gepr�nge empfangen. Die Gesandten kamen hereingestolpert, oft wirkten sie abgerissen und entnervt durch die Un- und Zuf�lle ihrer Reise durch die weite �dnis der Nachwelt; sie brachten Geschenke und Lobspr�che und sonstiges Brimborium, sein Wohlwollen zu erlangen, vor Gilgamesch. Alle erstrebten sie das eine: B�ndnisse mit dem Sumererk�nig gegen tats�chliche oder m�gliche Feinde, oder aber Gilgameschs Mitwirkung bei irgendwelchen verzwickten und kostspieligen Pl�nen, ihre eigene Gr��e auf Kosten ihrer Nachbarn zu steigern.</p><p>Die Stapel der Gesandtschaftsst�be wuchsen wie Sandd�nen im Wind. Gilgamesch sch�ttelte �rgerlich den Kopf angesichts der unordentlichen Haufen, die sich in seinem Thronsaal mehrten. �Die Vollkommene Aryanische Republik�� das Neue Ottomanische Sultanat�� das Ruhmreiche Proletarische K�nigreich�� das Reich der Freien Geister�� das Unbezwingbare Amazonenreich�� das Gro�dionysische K�nigreich�� der Rolling Acres Country Club�� Gilgamesch hob den Blick und fragte Vy-otin: �Ist das etwa auch ein Volk? Der Rolling Acres Country Club?�</p><p>�Ein h�chst wohlhabendes Land, habe ich mir sagen lassen, mit pr�chtigem gr�nen Rasen und sch�nen H�usern, von einem k�niglichen Komitee von achtzehn M�nnern regiert.�</p><p>�Einem Komitee von K�nigen? Reiner Wahnsinn!�</p><p>�Sie behaupten, da� es ihnen dabei sehr gut geht.�</p><p>�Und dieses Portefeuille da�� von der Erhabenen Gro�f�rstin, der Artemis von Neu-Kreta�� und hier, von Seiner Transsylvanischen Exzellenz Vlad dem F�nften�� und da noch eins, auf kostbarem Velin, Himmel, von�� was steht da? Soll das eine Schrift sein? Jigme Phakpa Chenrezi, der Allerbarmende Gro�lama von�� Gereizt schob Gilgamesch den Haufen beiseite. �Wer sind denn alle diese K�nige und K�niginnen und Sultane und Lamas �berhaupt? Wo ist ihr Land? Kann sich denn ein jeglicher, der f�nf Narren findet, die ihm nachhinken, heutzutage bereits als Herrscher auff�hren? Ich glaube einfach nicht, da� es diese ganzen L�nder wirklich gibt! La�t mir eine Karte bringen! Zeigt mir, woher diese Gesandten kommen!�</p><p>�Du hast doch zweifellos nicht vergessen, K�nig Gilgamesch, da� es mit einigen Schwierigkeiten verbunden ist, wenn man sich auf Landkarten st�tzt�, bemerkte Herodes. �Sie bieten nur sehr unzuverl�ssige Informationen, um es gelinde auszudr�cken.�</p><p>Gilgameschs Gesicht r�tete sich. In seinem wilden Eifer hatte er das ganz vergessen.</p><p>�Gut, ja, manche vielleicht�, knurrte er. �Aber es mu� doch Karten geben, die zuverl�ssiger sind. Au�erdem, eine Karte, auch wenn sie nicht stimmt, ist besser als gar keine. Sucht mir diesen Mercator. Er soll mir eine Karte machen!�</p><p>�Wen?�</p><p>�Er wurde Mercator genannt. Ich kannte ihn vor hundert etlichen Jahren, oder vor zweihundert, in Persepolis Khaikosru, wo er im Dienst des Schah stand und den ganzen Tag, in irgendwelchen Kneipen herumhing und auf Lederstreifen Karten zeichnete. Aber da war auch noch ein anderer, Herodot, ein Grieche, der quasselte auch von fr�h morgens bis in die Nacht, ohne aufzuh�ren, aber wenigstens erz�hlte er wunderbare Geschichten, und er war in jedes Land gereist, das es gibt. Vielleicht k�nnt ihr den finden. Und wenn ihr die zwei nicht findet, dann vielleicht jemand anderen. La�t in Uruk verk�nden, da� ich einen Kartographen suche!�</p><p>Aber Mercator war nicht auffindbar, ebensowenig Herodot, doch einige Tage sp�ter schleppte Herodes ein gewisses wenig vertrauenerweckendes Subjekt an, einen dunklen kleinen Mann mit einem lahmen Bein und ausdruckslosen, aber wilden Augen, einer von den Sp�ter Toten, aber daf�r recht altmodisch gekleidet, sehr d�ster. Er sagte, sein Name sei Fernao de Magalhaes, Portugiese, sagte er, f�r die Spanier sei er unter dem Namen Magellanes bekannt, und, sagte er, er verstehe einiges von Geographie.</p><p>�Du bist also ein Kartograph?� fragte Gilgamesch.</p><p>Magalhaes warf ihm einen lodernden Blick zu. �Ich habe Karten benutzt, aber ich fertige keine an. Ich bin Seemann, Seefahrer, Kapit�n. Ich segelte einst um die ganze Welt, oder doch beinahe.�</p><p>�Um diese ganze Welt?� Gilgamesch hob die Augenbrauen.</p><p>�Um diese Welt kann man nicht segeln, denn sie hat nirgendwo ein Ende. Ich spreche von der wahren Welt�, sagte Magalhaes. ��ber den Leib der Welt, von einem Ende zum anderen, auch wenn Gott mir nicht gestattete, das ganz zu vollenden; allerdings konnten andere meine Reise vollenden, nachdem ich ermordet worden war, doch den Ruhm trug ich davon. Ich hatte die Idee, ich plante die Fahrt, ich f�hrte sie durch, ich leitete alles. Es war meine Leistung.�</p><p>Die Augen loderten. Vielleicht ist er ein bi�chen aus dem Gleichgewicht, dachte Gilgamesch. Aber es konnte ja wohl jeden durcheinanderbringen, so kurz vor der Erreichung eines so gewaltigen Ziels ausgeschaltet zu werden. Die ganze Welt zu umsegeln! Der Mann besa� echte St�rke, ohne Zweifel. Und au�erdem, fast alle Leute, denen er in der Nachwelt begegnete, erschienen Gilgamesch als �aus dem Gleichgewicht�. Aber er verstand noch immer nicht so recht, wie man es anstellen sollte, rund um die Welt zu segeln, wenn man die Schwierigkeiten bedachte, auf die man sto�en mu�te, wenn man an den Rand der Welt kam; doch wenn dieser Mann hier behauptete, er h�tte es geschafft, sch�n, dann hatte er das h�chstwahrscheinlich tats�chlich getan.</p><p>�Kannst du mir eine Karte machen?� fragte er.</p><p>�Von der wirklichen Welt?�</p><p>�Von dieser hier�, sagte Gilgamesch.</p><p>Magalhaes verzog finster das Gesicht. �Das wird dir nicht viel bringen. Hier ist es verdammt bescheuert, keine Breitenmessung bleibt stabil, und der Kompa� ist weiter nichts als ein Spielzeug.�</p><p>�Das wei� ich. Trotzdem, ich brauche eine Landkarte. Mit den allgemeinen Umrissen der Welt und den vielen K�nigreichen, die es da gibt, auch wenn die genauen Details nicht stimmen oder sich mir unter den Augen ver�ndern.�</p><p>�Du k�nntest ebenso gut nach den Linien in deiner Hand navigieren�, sagte Magalhaes. �Aber ja, sch�n, ich werde dir eine Weltkarte zeichnen, wenn du das w�nschst. Jetzt gleich. Gebt mir eine Feder, gebt mir eine Pergamentrolle!�</p><p>Vor sich hinbrummend, machte er sich rasch �ber der aufgespannten Haut ans Werk, zeichnete weite krause B�gen, die sich weit nach rechts und links dehnten. �Hier�, sagte er, �hier haben wir das Wei�e Meer, das da ist das Schwarze, und hier dr�ben liegt das Land Dis. Das bezeichnen wir als die Gro�e Unendliche, hier unten, wo einer ewig weitersegeln kann und niemals Land sichtet. Viele mutige M�nner gingen dort zugrunde und viele Toren. Allerdings ist es zuweilen schwer, die einen von den anderen zu unterscheiden. Und das da��� ein k�hner Federzug�� �ist der Zentralkontinent, auf dem wir uns hier befinden. Manchmal hat er eine andere Gestalt, aber ich kannte ihn so, als ich vor langen Jahren mit Harald dem Norsen die ganze L�nge seiner K�sten befuhr. Das da ist Nova Roma, hier an der anderen K�ste. Dies ist die Kristallene Halbinsel, und hier, dies ist die Meerenge der Gespenster, und sie ist ebenso schmal und kalt und �bel wie jene Meerenge, die ich einst in der anderen Welt im S�dozean entdeckte. Und da�� da�� da�� Magalhaes zeichnete Berge ein, Fl�sse und gewaltige Seen. Er gab die Umrisse des �den trockenen Outback an, die Insel Brasil, das Land um Uruk selbst in der oberen Ecke jenseits des Westrandes des Outback. Er schrieb die Namen anderer St�dte auf: Cambaluc, Nova Lisboa, Nunca, Tintagel, New South Brooklyn, Ciudad Meshugah, Walhalla.</p><p>�Die Vollkommene Aryanische Republik?� fragte Gilgamesch. �Wo liegt die?�</p><p>�Hier. Glaube ich.�</p><p>Gilgamesch nickte. Endlich bekam er einen gewissen Eindruck von der Gestalt der anderen Landgebiete der Welt, mit denen er es zu tun haben w�rde.</p><p>�Und das Neue Ottomanische Sultanat?�</p><p>Magalhaes wies auf den S�drand des Outback. �Da. H�chstwahrscheinlich.�</p><p>Gilgamesch sah in dem Stapel von Gesandtschaftsakkreditionen nach. �Und der Rolling Acres Country Club?�</p><p>Magalhaes schwieg. Nach l�ngerem �berlegen tippte er mit dem Finger auf die Karte. �Hier, soweit ich mich erinnere. In der N�he von Adonai Elohim, aber liegt er nun �stlich davon? Nein, westlich�� ja, bestimmt westlich�� la� mich nachdenken, ich reiste von der K�ste heran und gelangte zun�chst nach Adonai Elohim, und dann�� Er schlo� die Augen. �Die Orte wandern so. Es gibt keine Gewi�heit.� Pl�tzlich flammte Wut in dem Mann auf. �Die Karte, die ich dir gezeichnet habe, ist wertlos, K�nig Gilgamesch!�</p><p>�Nein�, sagte Gilgamesch. �Sie hat vielleicht ein paar Schwachstellen, aber sie liefert mir ein weit besseres Bild��</p><p>�Wertlos! Wertlos!� beharrte Magalhaes. Er zitterte, vermochte seinen Zorn kaum zu b�ndigen. �Hast du eine Vorstellung davon, was f�r ein Fluch es f�r einen Mann wie mich bedeutet, auf der Welt herumzureisen und nie beim zweitenmal sicher zu wissen, wo ich schon war oder wohin ich fahre? Wenn ich versuche, meinen Kurs nach den Sternen zu richten, und immer wieder erleben mu�, wie sie sich �ber mir ver�ndern und mich verh�hnen? Wenn die Sonne am einen Tag hier aufgeht und auf der anderen Seite am n�chsten Tag? Das ist alles sinnlos. Es ist w�rdelos!�</p><p>Ruhig fragte Herodes: �M�chtest du einen Schluck Wein?�</p><p>�Ja, vielleicht hilft es mir�, antwortete Magalhaes.</p><p>Nachdem er getrunken hatte, wirkte er ruhiger. Er sagte, alles in allem erscheine ihm seine Karte nicht gar so schlecht. Sie sei ganz brauchbar. Es gebe zwar etliche zweifelhafte Sachen darauf und einige ihn rasend machende Ungenauigkeiten, und Sachen, die er einst als wahr erfahren hatte, die aber seiner Vermutung nach nun nicht mehr zutrafen; doch alles in allem, sagte er, habe er sein Bestes getan, so gut es eben gegangen sei, bei den ganzen Widerst�nden, und er zweifle, da� Gilgamesch von anderer Seite besser bedient werden k�nne.</p><p>�Das ist auch mein Eindruck�, sagte Gilgamesch. �Es ist eine pr�chtige Karte, guter Freund. Und wenn du mir nun liebensw�rdigerweise noch markieren k�nntest, wo Neu-Kreta liegt und das Gro�dionysische K�nigreich��</p><empty-line/><p>Nach den Regenst�rmen trat eine lange Trockenperiode mit sengender Hitze ein, in der die Sonne fast �berhaupt nicht unterzugehen schien, und die Felder um Uruk verdorrten und wurden braun. Die Luft selbst schien zu brennen, und wenn Gilgamesch mit Enkidu vor die Mauern auf die Jagd ritt, fanden sie drau�en keine anst�ndige Jagdbeute, nur kl�gliche d�rre, sich dahinschleppende r�udige Knochengerippe. Doch die Kornspeicher Uruks waren f�r eine derartige Notzeit gut gef�llt, und niemand mu�te Hunger leiden; allerdings berichtete Vy-otin, da� das Volk ein bi�chen murrte, weil Gilgamesch die Nahrungsverteilung recht strikt rationiert hatte.</p><p>�Sollen sie doch murren�, sagte Gilgamesch. �Wer glaubt, er bekommt hier den Bauch nicht voll genug, kann zu saftigeren Weiden ziehen, wenn er welche findet. La�t sie zu den Amazonen gehen. Oder nach Rolling Acres.�</p><p>�Oder sie sollen Kuchen essen�, bemerkte Herodes.</p><p>�Was? Aber wir haben doch keinen Kuchen f�r das Volk! Woher sollten wir Kuchen nehmen, wo wir kaum anst�ndiges Brot haben?�</p><p>�Ach, nichts weiter�, sagte der Hebr�er. �War nur ein kleiner Scherz.�</p><p>Gilgamesch sch�ttelte den Kopf. �Ein ziemlich t�richter. Kuchen? Was soll an Kuchen komisch sein?�</p><p>�Ich k�nnte es dir sp�ter erkl�ren�, erbot sich Vy-otin.</p><p>�Du? Woher solltest du wissen, was der meint? Ist es etwas, das ihr beide von euren Freunden unter den Sp�ter Toten aufgeschnappt habt? Bei Herodes rechne ich ja mit so etwas, aber du, Vy-otin, wie kannst du�?�</p><p>Herodes stotterte: �Beim Heiligen Altarsakrament, Gilgamesch, ich sage dir doch, es war nur ein��</p><p>In eben diesem Augenblick trat Enkidu in das Gemach des K�nigs. Mit einer herrischen Geste, gebot Gilgamesch Herodes Schweigen und sprach: �Kuchen, Enkidu. Sie sollen Kuchen essen.�</p><p>�Was?�</p><p>�Es ist der neueste Witz. Herodes hat ihn mir gerade erz�hlt.�</p><p>Enkidu blinzelte verdutzt. �Habe ich was nicht mitbekommen? Sie sollen Kuchen essen? Das finde ich nicht besonders witzig.�</p><p>�Es stammt von den Sp�ter Toten und ist zu subtil f�r so jemand wie uns beide.�</p><p>�Bei Allahs Liebe, Gilgamesch�, flehte Herodes. �Darf ich dir die Geschichte erz�hlen, damit du es verstehst? Es gab da mal eine K�nigin in Frankreich�� Frankreich ist ein K�nigreich aus der Zeit der Sp�ter Toten, in Europa, irgendwo in der N�he von Germanien und Hispanien�� und zur Zeit dieser K�nigin standen die Dinge in Frankreich sehr schlecht, ein Gro�teil des Volkes hungerte, und��</p><p>Enkidu sagte: �Erz�hl uns das sp�ter, Herodes. Ich habe Kunde f�r den K�nig. Dicht vor der Stadt h�lt ein Heerestrupp.�</p><p>�Ein Heerestrupp?� Gilgameschs Augen wurden gro�. �Was f�r ein Heer?�</p><p>�Ein sehr zerlumptes m�des Heer, Bruder. Vier-, f�nfhundert Mann stark, darunter auch Frauen, und wie es aussieht, k�nnen sie kaum noch kriechen. Ein paar Bauern, die nach Wasser bohren wollten, entdeckten sie vor einigen Stunden, halb verhungert und verdurstet. Jetzt lagern sie einige Meilen drau�en in der W�ste, und sie ersuchen um deine Erlaubnis, hereinkommen zu d�rfen.�</p><p>�Das ist kein Heer�, sagte Gilgamesch. �Das ist blo� ein Haufen harmloser erbarmungsw�rdiger Versprengter, denke ich.�</p><p>�Es sei denn, sie f�hren ein Trojanisches Pferd mit�, sagte Herodes.</p><p>�Ein was? Ist das schon wieder einer von deinen Sp�tzeit-Witzen?�</p><p>�Nein, nicht aus der Zeit der Sp�ter Toten, Gilgamesch�, sagte Vy-otin. �Herodes spielt auf eine viel �ltere Sache an�� diesmal ist es eine von den Geschichten bei�� Homer. Als die Griechen einst die Stadt Troja belagerten, merkten sie, da� sie nur durch eine List in die Stadt gelangen konnten, also erbauten sie ein gewaltiges Ro� aus Holz, das��</p><p>Gilgamesch bedachte den Ein�ugigen mit einem merkw�rdigen Blick �Moment mal! Du bist doch angeblich�� wie lautete das Wort noch?�� <emphasis>pr�historisch?</emphasis> Du kommst, wenn ich mich nicht irre, aus dem <emphasis>Pleistoz�n,</emphasis> ja? Woher wei�t du dann so viel �ber die Griechen und ihren Krieg gegen Troja? Das Ganze war doch lange nach <emphasis>meiner</emphasis> Zeit, ganz zu schweigen von der deinen!�</p><p>�Aber hier ist die Welt, in der ich jetzt lebe. Die andere war nur ein Augenblick, vor langer Zeit, und hier ist <emphasis>f�r immer.</emphasis> Und darum ist dies hier die f�r mich wirkliche Welt und die andere war wie ein Traum. Ich habe mich auf dem laufenden gehalten. Sollte ich denn nicht Bescheid wissen �ber die Geschichte der Menschen, mit denen ich Tag f�r Tag zu tun habe, Gilgamesch? Solltest nicht auch du das?�</p><p>�Geh nicht so hart mit ihm um�, murmelte Herodes. �Geschichte kommt und geht bei uns allen wie ein Hirnfieber. Und er steckt gerade in einer Phase der Verge�lichkeit.�</p><p>�Ach so�, sagte Vy-otin. �Ja, dann. Nat�rlich.�</p><p>�rgerlich bemerkte Gilgamesch: �Geht es bei dem ganzen Gerede darum, da� wir von diesem zerlumpten Haufen von Fremdlingen eine Hinterlist f�rchten sollen?�</p><p>�Das ist die Meinung von Herodes, nicht meine�, sagte Enkidu. �Nach meinen Informationen geht es den Leuten sehr schlecht, und so ist es kaum wahrscheinlich, da� sie uns gr��ere Schwierigkeiten machen k�nnten.�</p><p>�Abgesehen davon, da� sie in eine Stadt kommen wollen, die sowieso schon mitten in einer D�rre- und Hungerperiode ist�, sagte Herodes. �M�ssen wir auch noch die aufnehmen? F�nfhundert weitere durstige Kehlen? F�nfhundert weitere leere M�gen?�</p><p>�Wir sind ein zivilisiertes Volk hier�, sagte Gilgamesch kalt. Er nickte Enkidu zu. �Nimm dir hundert Mann von der Grenzpatrouille und finde heraus, wer diese Leute sind und was sie wollen. Und nat�rlich auch, ob sie irgendwelche h�lzernen R�sser mitf�hren.�</p><empty-line/><p>�Sir Walter?� fl�sterte Hakluyt. �Bist du vielleicht wach, Sir Walter?�</p><p>Raleigh �ffnete vorsichtig die Augen. Das war ziemlich schmerzhaft, denn seine Lider waren empfindlich wie bei einem kleinen Kind, voll Blasen von der Sonne und dem Glast, der von der endlosen Weite des Sandes strahlte. Seine R�stung lag weggeworfen neben ihm, er hatte nur ein Wams und filzbesetzte Beinkleider an. Er hob den Kopf. Auch das kostete M�he und war schmerzhaft. Diese ganze Expedition, dachte er, war eine einzige Qual und Plage.</p><p>�Was ist denn, Richard, du verfluchter Hurensohn von einem Pavian?�</p><p>Der kleine Geograph gl�hte vor Erregung. Er zappelte und h�pfte nerv�s umher und fuchtelte heftig mit etwas in seiner Hand. �Die Karte, Sir Walter! Sie ist wieder lesbar!�</p><p><emphasis>�Was?�</emphasis> Raleigh setzte sich unvermittelt hellwach und energiegeladen auf. �Dein Wort in Gottes Ohr, Hakluyt, wenn du mich narrst��</p><p>�Aber sieh doch! Hier!� Hakluyt hob das Ding, mit dem er herumgefuchtelt hatte, eine abgenutzte fleckige und nur allzu vertraute Lederrolle, und l�ste die Verschn�rung. Zitternd schob er Raleigh die Karte fast bis auf die Nase. �Ich glaube, es kommt davon, da� wir so nahe an Uruk sind. Die Karte hat aus der N�he zu der Stadt ihre fr�here Kraft wiedergewonnen, vielleicht durch irgendeinen Zauber, den Doktor Dee auf sie legte, ehe wir aufbrachen, und��</p><p><emphasis>�Dee?�</emphasis> rief Raleigh und spuckte aus. �Seine Lungen sollen zu Wasser werden! Der Bart soll ihm einw�rts durch die Lippen wachsen, dem heimt�ckischen Zaubergaukler! Der mir geschworen hat, da� die Karte vollendet ist und er sie mit solchem Zauber belegt hat, da� wir damit nie in die Irre gehen k�nnten��</p><p>�Aber sieh doch nur�, sagte Hakluyt.</p><p>Raleigh sah mit der Hand �ber den verkniffenen Augen auf die Karte und versuchte, die Markierungen auszumachen, die sie enthielt. Es �berraschte ihn, da� Hakluyt das hinterh�ltige Ding �berhaupt behalten hatte, in all den Monaten�� oder waren es Jahre?��, seit es pl�tzlich verbla�te und vollkommen leer wurde.</p><p>Aber wahrhaftig, jetzt schien es wieder mit irgendeiner Art Schriftzeichen bedeckt zu sein. Ein erneuter teuflischer Trug? Oder war es die echte urspr�ngliche Karte? Es sah so aus, ja, das echte Original, soweit er sich daran erinnern konnte. Ja, da war alles wieder vorhanden, auf wundersame Weise wiederhergestellt, bla�rote Tusche auf dunkelbraunem Leder, die ganze Route ihres waghalsigen Abenteuers, bei dem sie Jahr um Jahr im Kreis gezogen waren, l�nger, als er die Jahre mitgez�hlt hatte, auf der Suche nach etwas, das vielleicht gar nicht existierte. Da, im Norden, war in k�hnen Umrissen das Reich ihrer Majest�t, und nicht weit davon entfernt das Gebiet ihres Vaters, des harten alten K�nigs Heinrich, die schreckliche Weite des Outback, das K�nigreich des Priesters Johannes, das des Mao Tse-tung und die ganzen �brigen Herrschaftsbereiche der n�rrischen Kleinf�rsten der W�ste, und weit dr�ben am westlichen Rand, in einem gespenstischen roten Gl�hen, das aus dem Leder aufstieg, die Insel Brasil, von der aus, wie�� dieser verr�terische Schuft, der Zauberdoktor Dee, behauptet hatte, man den Weg ins Land der Lebenden finden k�nne.</p><p>In seiner Brust w�hlte Zorn. Die wiedergeschenkte Karte bereitete ihm keine Freude. Sie bedeutete ihm nur eine erneute Mahnung daran, wie ungeheuerlich und herzzerfressend unberechenbar alles hier in dieser Welt war.</p><p>Schlimm genug, da� er schon in seinem alten Leben eine so endlose Serie von herzzerrei�enden Widrigkeiten hatte einstecken m�ssen, die Roanoke-Katastrophe und diesen erniedrigenden Angriff auf Cadiz, wo er so t�richt gek�mpft hatte, und sein katastrophaler Irrsinn, El Dorado in Guiana zu suchen, was ihn seinen Sohn gekostet hatte und seine Gesundheit und sein Verm�gen, und am Ende sogar den Kopf. Man konnte diese Mi�geschicke auf einen Unstern zur�ckf�hren, vielleicht, oder auf ein �berma� an Begeisterung, die zu k�hnen unausgereiften Abenteuern verleitete, die mit mehr Erfolg sp�ter von weniger wagemutigen M�nnern durchgef�hrt werden w�rden, aber das waren doch wirklich keine Tods�nden, wenn einer Pech hatte, wenn einer �bereifrig war. Hier dagegen, wo er dazu verdammt war, durch ein Land hin und her zu ziehen, das jegliche Vernunft verh�hnte, wo sich seine Karten �ber ihn lustig machten, wenn er sie studierte�� nein, nein, es war einfach zu viel. Aus Liebe zur K�nigin war es soweit mit ihm gekommen, war er so weit vorgedrungen und hatte dies alles erduldet, doch allm�hlich gewann Raleigh den Eindruck, da� er um Elizabeths willen genug gelitten h�tte, und eigentlich auch genug f�r sein eigenes uners�ttliches Wesen. Wohin hatte es ihn gef�hrt, dieser ganze hochfliegende Ehrgeiz, sein ganzer Wagemut, sein ungeb�rdiger und unbez�hmbarer Wille? In L�nder voller Menschenfresser und Ungeheuer, und zu Menschen, denen der Kopf unterhalb der Schultern hervorwuchs, und an Orte, an denen es nur Sand zu trinken und nur blattlose Zweige zu essen gab. D�ster sah er zu den drei zusammengebrochenen Jeeps hin�ber, die letzten erb�rmlichen verrosteten Reste der einhundertundf�nfzig Fahrzeuge, mit denen seine Expedition vor�� wie ihm schien�� einem Jahrhundert�� so grandios aufgebrochen war.</p><p>Wenn ich aus diesem unfruchtbaren Land jemals wieder lebend herauskommen sollte, schwor er sich, dann will ich mich zur Ruhe setzen und nie wieder in die Ferne ziehen! Beim Rood, ich will nicht mehr wandern, nicht um der Queen zu gefallen, noch um meinetwillen und f�r keinen andern Menschen! Jesu Cristo, ich will es nicht tun, ich schw�re es!</p><p>�Na, also haben wir unsere Karte wieder�, sagte er s�uerlich. �Vergebt mir, Hakluyt, doch was bringt uns das Gutes? K�nnen wir die Karte trinken? K�nnen wir sie essen? Wir sitzen in dieser W�ste schon f�nfzigmal l�nger als Moses, und nimmt sie je ein Ende? Du sagtest, hinter dem Outback liegen gr�ne Felder und ein Meer und dort ist auch ein Weg ins Land der Lebenden��</p><p>�Das war der Doktor Dee, der das sagte, Sir Walter.�</p><p>�Nun, du oder der Dee, wer immer, was nutzt uns das jetzt? Jenseits von diesem Outback lag wieder nur eine neue W�ste, und es sieht nicht so aus, als w�ren wir die los, Karte hin, Karte her! Bei den Wundmalen des Herrn, meinst du, ich h�tte noch die Kraft, um weiterzuziehen? Glaubst du das wahrhaftig?�</p><p>�Aber wir sind nicht mehr weit von der Stadt Uruk entfernt, und wenn sie uns dort aufnehmen und uns Wasser geben, k�nnten wir von dort weiterziehen zur Insel Brasil, wo mit gutem Gl�ck��</p><p>Raleigh hob die H�nde zum Himmel. �Mit gutem Gl�ck, ja, aber wie�s mein Gl�ck will, mit Hunger und Durst und die ganze Zeit mit wunden F��en. Und der �u�ersten Gewi�heit auf Kummer und M�hsal. Und was ist das �berhaupt f�r ein Ort, dieses� dieses Uruk?�</p><p>�Eine gro�e Stadt der Sumerer, Sir Walter. Ber�hmt f�r seinen Reichtum und seine Macht.�</p><p>�Und wer sind die, deine Sumerer? Sarazenen, willst du wohl sagen? Muselmanische Heidenschurken?�</p><p>�Es ist eine babylonische Rasse�, sagte Hakluyt, �eine sehr alte, und sie schreiben mit kleinen Sticheln auf weiche Tontafeln. Sie erbauten den Turm in Babel in Nimrods Tagen, und das war noch vor Abrahams Zeit.�</p><p>�Es sind also keine Sarazenen? Und sie kennen Mohammed nicht?�</p><p>�Ich glaube, sie sehen aus wie Sarazenen, Sir Walter, sind es aber nicht.�</p><p>�Aber auch keine Christenmenschen. Und sie werden mit Freude sehen, wie unsere Knochen im Sand bleichen, m�chte ich meinen.�</p><p>�Jene, mit denen wir sprachen, waren freundliche Leute. Bauersleute waren die, harmlos, ohne Arglist. Sie werden binnen einer Stunde mit Hilfe f�r uns zur�ckkehren, m�chte ich wetten, und dann haben unsere Leiden ein Ende.�</p><p>�Und was willst du als Einsatz geben, Richard? Deine Lesegl�ser? Deine l�cherigen Stiefel, aus denen die Zehen hervorschauen? Oder vielleicht eins von deinen geographischen Manuskripten? Ja, und ich setze dagegen meinen zinnernen Trinkbecher oder meine Pfeife, in der kein Toback mehr ist, oder mein��</p><p>�Sir Walter? Sir Walter?� Eine Stimme von ferne.</p><p>�Wer ist denn das?� fragte Raleigh und blinzelte gegen die Sonne.</p><p>�Helena, glaube ich�, murmelte Hakluyt.</p><p>�Ach ja, diese Schlampe! Was hat sie denn jetzt wieder zu keifen, m�chte ich wissen?�</p><p>�Sir Walter! Sir Walter!�</p><p>�Ich kann dich h�ren, M�dchen�, sagte Raleigh. �Was gibt es?�</p><p>Sie kam auf ihn zugerannt, wei�gekleidet, mit dunklem Haar, glatter Haut, makellos. Sie wirkte von den Strapazen der W�stenwanderung so unber�hrt, als h�tte sie die ganze Zeit in Moschus und den Salb�len Arabiens gebadet.</p><p>�M�dchen?� Sie kicherte leichthin. �Nennst du mich ein M�dchen? Mich, die ein dreitausendj�hriges Leben voller Wollust hinter sich hat? Also, wirklich, Sir Walter!�</p><p>�Komm nicht auf schiefe Gedanken. Ich habe weiter nichts damit gemeint.� Raleigh klang gereizt. Sie sah ebenso aufgeregt aus, wie Hakluyt es wegen der Landkarte gewesen war, und sie gl�hte und gibberte f�rmlich. Und sah sehr sch�n aus �berdies, auf ihre dunkle t�rkische Weise. Ihre ber�hmte Sch�nheit hatte ihn eigentlich stets kaltgelassen�� f�r seinen Geschmack war sie zu dunkel; man f�hre ihm eine bleiche, blonde keusche britische Maid zu, nicht eine von diesen schw�lhitzigen Muschis aus dem Osten; au�erdem hatte diese Frau etwas Unwirkliches, Ungreifbares an sich, war zu vollkommen, wie ein Wachspuppenweib, ohne Leben im Leib�� doch jetzt erweckte es den Anschein, als sei der Funke in ihr wieder entz�ndet worden, und sie strahlte geradezu wie eine Kaiserin. Das Antlitz, das tausend Schiffe aufs Meer trieb, dachte Raleigh, und nicht zum erstenmal, sch�n, wenn sie es nur jetzt fertigbr�chte, ein Schiff segeln zu lassen, das uns an einen leidlich angenehmeren Ort bringt! �Was setzt dich denn so in Flammen, Helena?� fragte er.</p><p>�Die Sumerer! Sie sind gekommen, um uns zu retten. Mit einer ganzen Flotte von Landrovern!�</p><p>�Was? Die sind hier?� Raleigh rappelte sich auf die Beine, schwankte benommen, sah sich nach seiner R�stung um. �Wieviel? Wo?�</p><p>�F�nfzig oder vielleicht hundert. Alle bis an die Z�hne bewaffnet wie Achilles, jeder einzelne Mann. Aber sie wirken nicht feindlich.�</p><p>�Habe ich es dir nicht gesagt�, sagte Hakluyt.</p><p>Und Helena sagte: �Sie f�hren uns in ihre Stadt. Und sie geben uns zu essen und zu trinken. Und alles auf den Befehl ihres K�nigs, der Gilgamesch hei�t.�</p><p>Raleigh sagte achselzuckend: �Nie von dem Kerl geh�rt. Ist der auch da?�</p><p>�Er hat seinen Stellvertreter gesandt�, sagte Helena. �Ein prachtvoller Riese von einem Mann, mit dem Namen Enkidu, und ganz erstaunlich kr�ftig und bildsch�n.�</p><p>�Bildsch�n?�</p><p>�Aber ja!� gurrte Helena. �Ja! Ein wahrer Herkules. Achilles war im Vergleich mit ihm ein Wicht. Und Paris, Menelaos, Agamemnon, sogar Hektor�� die waren alle im Vergleich zu ihm�� nichts! Nichtse! Ach, Sir Walter, wir sind gerettet! Gerettet! Gerettet!� Aber dann sah sie zu Hakluyt, der sie auf seine trockene, unpers�nliche Gelehrtenart studierte, aber trotz allem auf eine irgendwie blutlose Art fasziniert, als w�re sie nicht die ber�hmteste Erz-Verf�hrerin, die es je gab, sondern eine selten kostbare Handschrift oder sonst irgendein derartiger Schatz, auf den Gelehrte so gern und geil abfahren. Und so sprach sie zu ihm: �Es m��te doch etwas in eurem Archiv dar�ber geben, Doktor Hakluyt, nicht wahr? �ber diesen Mann Enkidu? Sag mir, was du �ber ihn herausfindest! Sag mir alles. Ich will alles wissen, was es �ber diesen Mann an Unterlagen gibt. Und ich� ich m�chte es sogleich wissen!�</p></section><section><title><p>19</p></title><p>�Ich habe vernommen�, Gilgamesch lehnte sich bequem auf seinem Thron zur�ck, �da� euch nichts Geringeres in diese Gegend gef�hrt hat als die Suche nach dem Tor zum Land der Lebendigen.�</p><p>�ber Raleighs Gesicht huschte ein fl�chtiger, aber wirklich nur sehr fl�chtiger Hauch von �berraschung. Dann sagte er bemerkenswert ruhig: �Man erz�hlt sich vielerlei seltsame und erfundene Geschichten �ber mich, Majest�t. Ich w�nschte, ich bes��e einen Shilling f�r jede.�</p><p>�Es sind also alles L�gen?�</p><p>�Nicht alles. Ich habe in der Tat einiges von dem vollbracht, was man mir zuschreibt. Aber nicht sehr viel.�</p><p>Gilgamesch lachte. �Das kenne ich. Sobald einen die Dichter und Romanschreiberlinge in die Finger bekommen haben, gibt es kein Ende, was?�</p><p>�Und die Neider, Majest�t. Vergi� nicht die Neider. Diese kleinen kl�glichen Nichtse, deren Leben nur aus Lug und Trug besteht und deren Zungen Tag und Nacht schnattern und die sich Taten f�r Gr��ere, als sie es sind, aus den Fingern saugen, und sich dabei w�nschen, sie br�chten selber den Mut zur Gr��e auf�� sie m�nzen alle Wahrheit in Falschgeld um durch ihre blo�e Ber�hrung.�</p><p>�So ist es�, best�tigte Gilgamesch.</p><p>Der Sumerer schwieg eine Weile und betrachtete in dem rauchigen Kerzenschein des Thronsaals diesen k�hnen, selbstsicheren Mann, den Enkidu�� sonnenverbrannt und ausgetrocknet und mehr als halb verhungert�� aus der W�sten�dnis vor einiger Zeit angeschleppt hatte. Hinter Raleigh stand der zweite englische Mann, Hakluyt, der sanfte B�cherwurm, und dahinter stand das dunkle, schlanke Weib Helena, die Griechin, die von sich behauptete, sie sei die Trojanische Helena. Allem Anschein nach hatte sie nur Augen f�r Enkidu. Und der nur f�r sie. Zwischen den beiden knisterte eine hei�e erotische Spannung in der Luft wie ein gespenstisches Feuer, und man brauchte kein Magier zu sein, um das zu sp�ren. Die Augen des Weibes waren zu Schlitzen geschlossen, die N�stern bl�hten sich, die Zunge zuckte �ber die Lippen wie die einer Schlange; und was Enkidu anging, der stand steif da, die H�nde zu festen Schalen geformt, als l�gen ihre Br�ste bereits darin. Gilgamesch zwinkerte ihm zu, doch er schien es nicht zu bemerken. Als Enkidu mit der Nachricht gekommen, war, da� der Anf�hrer dieser zerlumpten Wanderer der Engl�nder Sir Walter Raleigh sei, und als Gilgamesch ihm sagte, da� Raleigh bekanntlich f�r seine K�nigin, die englische Elizabeth, nach einem Weg ins Land der Lebenden suchte, brannte Enkidu vor Neugierde, ob er da schon irgendwie Gl�ck gehabt habe. �Befrage ihn, Bruder, frag ihn und bring ihn dazu, es dir preiszugeben�, sagte Enkidu. Doch von dem Augenblick an, da diese Helena ihre Klauen in ihn geschlagen hatte, schienen interessante Fragen wie der Weg ins Land der Lebenden und alles �brige f�r Enkidu ganz und gar nicht mehr so dringlich zu sein. In seinen Augen sah man jetzt nichts mehr als nur den Abglanz von Helena, Helena, Helena. Und sie gl�hte und schimmerte und leuchtete nur noch von Enkidu. Gilgamesch dachte: Vielleicht hat Enkidu diesmal endlich eine Frau gefunden, die seinem Appetit gewachsen ist. Es m��te interessant werden, das zu beobachten.</p><p>Jedoch, er hatte Enkidu versprochen, Raleigh zu befragen. Also w�rde er dies tun.</p><p>Nach einiger Zeit sagte er zu dem Engl�nder: �Und das Tor zum Land der Lebenden, Sir Walter, nach dem du, wie man sagt, gesucht hast? Ist dies auch eine von diesen merkw�rdigen L�gengeschichten, oder steckt da etwas Wahres dahinter?�</p><p>�Oh!� Raleigh l�chelte breit. �Dazu kann ich dir etwas Brauchbares sagen: Nach allem, was ich �ber dieses angebliche Tor wirklich wei�, Majest�t, handelt es sich da um etwas ebenso wenig Greifbares wie die Mythen und Fabeln der alten Griechen oder die Geschichten der Table Ronde.�</p><p>Auch Gilgamesch l�chelte nun. Raleigh hatte der Unterhaltung bewundernswert geschickt eine andere Wendung gegeben. Indem er sagte, er kenne keinen Weg ins Land der Lebenden, habe keinen Beweis, da� es einen solchen gebe, sagte er n�mlich nicht aus, da� er nicht nach einem solchen Weg gesucht hatte. Auch nicht, ob er kurz davor gestanden war, ihn zu finden, als ihm der Proviant ausging und seine Kraft ihn verlie�. Es war unverkennbar, der Mann hatte lange Zeit in vertrauter N�he zu Menschen verbracht, die �ber gro�e Macht verf�gten, und beherrschte die Kunst, Informationen�� vorzuenthalten, ohne direkt zu l�gen. Es kann gef�hrlich sein, einen K�nig zu bel�gen. Aber ebenso gef�hrlich kann es sein, ihm die Wahrheit zu sagen.</p><p>Es war offensichtlich, da� Raleigh nicht die Absicht hatte, �ber den Zweck seiner Expedition zu sprechen, auch nicht �ber das Land der Lebenden oder irgendwelche Tore, die dahin f�hren mochten. Nun, also sei es so, dachte Gilgamesch. Die Sache begann ihn zu langweilen. Er hatte keine Lust, den Mann dar�ber ernstlich zu befragen, jedenfalls nicht zu diesem Zeitpunkt. Noch ein bi�chen Bohren, ein Versuch, vielleicht, dann wollte er es sein lassen. Das alles hatte weit weniger Bedeutung f�r ihn selbst als f�r Enkidu, wenn er es recht bedachte, und Enkidu schien im Moment wirklich ganz andere heftige Interessen zu haben.</p><p>Eines war deutlich, dieser englische Mann zeigte Mut, jedenfalls f�r jemand, der noch vor so kurzer Zeit so scheu�lich im Dreck gesteckt hatte. Ein bemerkenswerter Mann, mit Hirn und H�flichkeit, mit einer hohen klugen Stirn, intelligenten Augen, einem sorgsam gestutzten Spitzbart. Er trug feinste Kleidungsst�cke, elegante seidene und samtene Gew�nder, verziert mit etlichen pr�chtigen silbern schimmernden Pailletten. Doch zeigten sich am Stoff un�bersehbare Flecken und Fehler an dem feinen Gewebe, wo die M�hsal im Outback Spuren hinterlassen hatte, und der Spitzenbesatz hing ihm beklagenswert um den hager gewordenen K�rper, das Gesicht war ausgemergelt und sonnengeschw�rzt, und in den tiefliegenden Augen hing eine D�sternis und Bitterkeit, die von gro�em ausgestandenen Ungemach Zeugnis ablegten�� und von der heimlichen Bef�rchtung von Schlimmerem. Gilgamesch f�hlte sich zu diesem Mann auf seltsame Weise hingezogen. Raleigh war kein gew�hnlicher Mensch.</p><p>�Wei�t du, ich habe schon von dir geh�rt�, sagte Gilgamesch.</p><p>�Oh, hast du?�</p><p>�Unsere Wege h�tten sich einmal fast gekreuzt. Einst war ich am Hof des Priesterk�nigs Johannes, und damals ging das Ger�cht, da� du mit einem Heer auf einer Forschungsexpedition die s�dlichen Grenzen seines Reichs �berschritten h�ttest.�</p><p>�Aber das war vor sehr langer Zeit, Majest�t, als ich im Gebiet des Priesters Johannes war.�</p><p>�Ja, das stimmt. Aber es erstaunte mich doch sehr, zu erfahren, da� du und deine Leute seither euren Marsch unbeirrt fortgesetzt habt.�</p><p>�Das lag nicht in unserer Absicht�, sagte Raleigh und warf dem kleinen Gelehrten Hakluyt einen eisigen Blick zu, als wollte er zu verstehen geben, da� dieser bei der Expedition als F�hrer gedient habe und seine Arbeit nicht besonders gut erledigt h�tte. �Wir zogen in die Irre und verloren den Weg. Unsere Landkarte erwies sich als unbrauchbar.�</p><p>�Tats�chlich? Ja, das ist oft so.�</p><p>�Dies war eine schwere Reise f�r uns. Mir sind beschwerliche Fahrten nichts Fremdes, doch diesmal war es eine ungew�hnlich schwere B�rde f�r mich. Wir sind euch zu tieferem Dank verpflichtet, als es sich in Worten ausdr�cken l��t, f�r all eure Freundlichkeit. Aber ich versichere euch, wir werden eure Gastfreundschaft nicht ungeb�hrlich lange beanspruchen. Ein paar Tage der Erholung, wenn es uns verstattet ist, und dann��</p><p>�Bleibt, solange ihr wollt�, sagte Gilgamesch mit einer gro�z�gigen Handbewegung. �Es w�re ein recht sch�biges Ding, wollten wir euch wieder weiterschicken, ehe ihr euch von eurer M�hsal erholen konntet.� Hinter sich h�rte er Herodes sich r�uspern und in sich hineinmurmeln. Er dachte zweifellos an den Schwund in den Kornspeichern. Gilgamesch funkelte ihn zornig an. Und zu Raleigh sprach er�� um endlich einen letzten pers�nlichen Versuch zu machen, wieder auf das Thema zur�ckzukommen, das Enkidu ihm so ans Herz gelegt hatte: �Als ich am Hofe des Priesters Johannes war, gab es da auch zwei M�nner aus dem Lande von K�nig Henry, Gesandte an den Hof von Johannes, die sagten, da� eure K�nigin�� wie war doch noch ihr Name?�</p><p>�Elizabeth, Majest�t.�</p><p>�Richtig, ja. Also, eure K�nigin Elizabeth, sagten sie, die eine leibliche Tochter des K�nigs Heinrich sei, und sie sehne sich gewaltig danach, das Tor zum Land der Lebenden zu finden. Und die Gesandten waren �berzeugt, da� sie dortselbst eine englische Niederlassung zu errichten trachtete, sofern es den Ort gab, um Zollgeb�hren von denen einzuziehen, die dort hindurchzuziehen w�nschten, in das, was immer dahinter liegen mag.�</p><p>�Ja, sie bildeten sich solche Sachen ein, wie?� sagte Raleigh beil�ufig, als handelte es sich um blo�e wilde Phantastereien.</p><p>Um Haltung bem�ht, sagte Gilgamesch: �So habe ich es jedenfalls in Erinnerung, allerdings h�rte ich es nur zuf�llig. Am Hof gab es dar�ber in meiner Gegenwart ein Gespr�ch zwischen den Gesandten und Priester Johannes. Ihr K�nig Henry hatte von ihm die Aufstellung eines Heeres verlangt, das euch abfangen sollte, ehe ihr finden konntet, wonach ihr suchtet.�</p><p>Raleigh blickte zu Hakluyt zur�ck. �Hast du das geh�rt, Richard? Dieser heimt�ckische gemeine alte Schurke!�</p><p>�Aber Sir Walter!�</p><p>�Ich kann ihn hei�en, was immer mir beliebt, Richard. Er war im anderen Leben niemals mein K�nig, und ich schulde ihm hier keine Liebe, denn hier ist nicht England, und wenn hier England w�re, dann w�re es das Elizabethanische England, nicht das Heinrichs VIII. Jedenfalls f�r mich.� Und zu Gilgamesch sprach er: �Nun, du siehst, der Plan schlug fehl. Wir wurden nie von einem Heer des Priesterk�nigs Johannes bel�stigt.�</p><p>�Stimmt�, sagte Gilgamesch. �Priester Johannes hatte damals gerade andere Sorgen, eine Bedrohung von anderer Seite, von einem ihn befehdenden F�rsten des Outback, irgendeinem chinesischen K�nig.�</p><p>�Ja. Mao Tse-tung�, sagte Raleigh. �Von der Himmlischen Volksrepublik.�</p><p>�Genau der, ja.�</p><p>�Ein teuflischer Schlaukopf, dieser Mao. Meine K�nigin h�lt gro�e St�cke auf ihn. Er schickt ihr Geschenke, Seidenstoffe und Schnitzereien aus Elfenbein, und Rollen mit seinen Gedichten, und zahlreiche B�nde seiner Schrift �ber die Regierungskunst�� ich selbst las einst einen Band davon, konnte aber nichts Sinnvolles darin finden, doch das kann an meiner Dummheit gelegen haben�� Raleigh sagte es kopfsch�ttelnd. �Nun, hat dann Maos Heer das des Priesters Johannes vernichtet?�</p><p>�Ich habe keine Ahnung. Ich verlie� den Hof, als die Schlacht bevorstand, und ich habe seither kein Wort mehr dar�ber geh�rt. Mein Weg f�hrte mich weit weg von diesem Ort, bis zur Insel Brasil��</p><p>Als dieser Name fiel, atmete Raleigh hastig ein und hielt die Luft an, als h�tte man ihn mit einer Nadel gestochen.</p><p>�Du wei�t von Brasil?� fragte Gilgamesch.</p><p>�Ich habe davon geh�rt�, antwortete Raleigh, merkw�rdig unbestimmt und ausweichend. �Ein Ort voll Zauberei und Hexenkunst und allem m�glichen anderen in der Art, habe ich geh�rt.�</p><p>�Ja, ziemlich. Und ein seltsamer Anblick f�r die Augen, wie ich noch keine andere Stadt gesehen habe.�</p><p>�Ich hoffe, sie eines Tages zu besuchen�, sagte Raleigh. �Vielleicht nach meinem Aufbruch von hier. Sie hat mich schon lange sehr stark interessiert, diese Insel Brasil.�</p><p>�Der Haarmensch, mein Chefmagier, lebte dort viele Jahre lang�, sagte Gilgamesch. �Ebenso mein Erzkanzler hier, Herodes von Jud�a. Vielleicht, k�nnen sie dir behilflich sein, den Weg zu finden.�</p><p>�Daf�r w�re ich wahrlich �u�erst dankbar�, versicherte Raleigh.</p><empty-line/><p>Als die Audienz endete und das wartende Volk sich aus dem Saal zu zerstreuen begann, f�hlte Enkidu, wie das Weib Helena seinen Arm packte und ihm scharf die N�gel ihrer Finger ins Fleisch trieb. Leise und heiser keuchte sie ihm zu: �Komm mit mir!�</p><p>�Aber der K�nig��</p><p>�Der K�nig kann warten. Komm!�</p><p>Er nickte nur. Ihr gegen�ber war er willenlos. Seine Kehle war wie ausged�rrt, sein Herz h�mmerte ihm wild in der Brust. Weit weg sah er in einer D�sternis Gilgamesch, der noch auf seinem Thron sa�, im Gespr�ch mit Vy-otin und Herodes, und war es nicht vielleicht seine Pflicht, ebenfalls dort zu sein. Doch er war machtlos gegen Helena. Ihr Gesicht gl�hte in hitziger Lust, und Enkidu sah, wie sich die Spitzen ihrer Br�ste unter dem d�nnen Stoff ihres Gewandes aufrichteten.</p><p>Gilgamesch w�rde ihm vergeben. Sie zerrte heftig an seinem Arm, und obschon sie ihm nur knapp bis ans Brustbein reichte und nicht mehr zu wiegen schien als ein Federmantel, lie� er sich von ihr abschleppen und in den Strom der Leute ziehen, die den Audienzsaal verlie�en.</p><p>Drau�en zog sie ihn hastig in einen dunklen leeren Gang, der mit glattem Mosaikpflaster und einem Spitzbogengew�lbe versehen war, und dr�ckte ihn gegen die Wand. Ihre Augen glitzerten wie Edelsteine. Ihr Atem war s�� und hei�. Sollte er sie jetzt gleich nehmen, fragte er sich. Gleich hier in diesem Gang, ihr das Kleid heben, die Gl�tte ihres Unterleibes streicheln, sie unter den Schenkeln packen und sie einfach so �ber sich st�lpen? Er z�gerte, obwohl es ihn stark danach dr�ngte. In fr�heren Tagen h�tte er nicht gezaudert, an der Wand, auf den Steinen des Bodens, auf einem Fenstersims, oder wo immer sonst, er h�tte sich genommen, was ihm geboten wurde, und ohne Z�gern und schnell. Doch man hatte ihn im Lauf der Jahrhunderte zu sehr mit Zivilisiertheit vollgepumpt. Aber war es nicht dennoch dumm und t�richt, wenn er nicht auf sie einging? Da war sie, hei� und hitzig bereit.</p><p>Und wenn das so war�</p><p>Doch nein, er hatte sie mi�verstanden, sie schien es darauf angelegt zu haben, mit ihm zu sprechen. Sobald seine H�nde sie zu greifen versuchten, verwandelte sich etwas an der Frau: Der Glanz gl�hte immer verf�hrerisch, aber es war keine W�rme mehr da, als k�nnte sie die Glut ihres Ofens an- und abstellen, wie es ihr gerade gefiel, und als w�re das nun nicht der Augenblick der Glut. Das Weib verwirrte ihn. Er kam sich klobig-unbeholfen vor, unm�glich und plump und verwirrt, als h�tte die Frau ihn in Schlaftrunkenheit versetzt.</p><p>�Bist du des K�nigs Bruder?� fragte sie.</p><p>�Nein, nur sein Freund.�</p><p>�Und doch nennt ihr einander Bruder.�</p><p>�Das ist, weil unsere Freundschaft so eng ist.�</p><p>�Ach so�, sagte sie.</p><p>Das Funkeln in ihren Augen trieb ihn zum Wahnsinn. Die Aufforderung in ihnen war unmi�verst�ndlich, aber zugleich las er etwas darin, das ihn auf Distanz halten wollte, jedenfalls noch ein Weilchen. Seine Finger bewegten sich zitternd um ihre Gestalt, doch noch immer wagte er es nicht, sie zu ber�hren. Und es w�re so leicht gewesen, sie zu packen und zu nehmen. Nein, begriff er, es war gar nicht leicht: Sie zwang ihn mit einem Blick, mit einem L�cheln, Abstand zu wahren. Sie zwang ihn zu warten. Das war neu f�r ihn, dieses Wartenm�ssen, dieses Hinausschieben, bis zum richtigen Augenblick. Aber er hatte auch noch nie zuvor ein Weib wie sie getroffen.</p><p>Es mu� Zauberei dabei sein, dachte Enkidu. Wie sonst konnte sie eine solche Macht �ber ihn haben? Sie mu�te ihn verhext haben.</p><p>Sie sagte: �Ich war einst die Gemahlin eines K�nigs, dessen Bruder ein noch m�chtigerer K�nig war, und daraus erwuchs ein unendlicher �rger. Aber das ist schon recht lange her. Wei�t du, wer ich bin?�</p><p>�Dein Name ist Helena.�</p><p>�Ja. Die Helena von Troja.�</p><p>�Ich bitte um Vergebung. Vielleicht m��te ich deinen Namen kennen, aber ich mu� gestehen��</p><p>�Ah, du bist einer von den Fr�hen Toten?�</p><p>�Selbstverst�ndlich.�</p><p>�Aus �gypten? Assyrien?�</p><p>�Aus Sumer-dem-Land, Herrin. Zwischen den Str�men Idigna und Buranunun gelegen.�</p><p>�Sprichst du die griechische Sprache?�</p><p>�Ich konnte es einst, glaube ich. Aber es ist lange her seitdem.�</p><p>�Macht nichts�, sagte sie. �Du mu�t schon sehr alt sein. Du wei�t vom Trojanischen Krieg, ja?�</p><p>Enkidu �berlegte kurz. �Alles weht so durcheinander.</p><p>Aber ja, richtig, der Krieg Homers, meinst du den damals? Achilles, Agamemnon��</p><p>�Ich war die Frau von Agamemnons Bruder, Menelaos. Und der Anla� zum Krieg war ich. Jedenfalls behaupten das die Leute oft genug, aber andere sagen, es ging dabei um Handelsinteressen und Handelswege. Aber ich wei�, da� es nat�rlich meinetwegen war, weil ich meinen Mann, den K�nig, sitzen gelassen hatte, um im Land der Trojaner zu leben, wohin mich Paris, der damals mein Geliebter war, entf�hrt hatte, und Menelaos wollte diese Schmach nicht auf sich sitzen lassen, und sein Bruder, Agamemnon, ebenfalls nicht.�</p><p>�Ach wirklich? Hm�, sagte Enkidu.</p><p>O ja, das konnte er schon verstehen, da� einer wegen der Frau da einen Krieg anzettelte. Diese Augen, diese Haut, das Haar, schwarz wie eine mondlose Nacht, ihr Gl�hen, das er so dicht an seinem Leib f�hlte�� aber ja, die Frau konnte einen Mann zum Wahnsinn treiben! Zum Wahnsinn! Da stand sie, dicht vor ihm, fast in seinen Armen. In seinem Griff, wenn er es wollte. Und eben doch nicht. Er glaubte noch immer zu sp�ren, da� das gleiche Verlangen sie erf�llte wie ihn, doch schien sie irgendwie dieses Verlangen in Schach halten zu k�nnen und ihn ebenfalls.</p><p>Er dachte an all die Weiber, die er in all den Jahren in dieser und in der anderen Welt gekannt hatte, und versuchte sich zu erinnern, ob eine darunter so duftiges Haar gehabt hatte wie Helena, so wei�e verf�hrerische Glieder�� doch er merkte, da� er, sich an keine von diesen Frauen besonders erinnern konnte; sie waren nur noch ein verwehter Rauch und ein dunkler verschwommener Fleck in seiner Erinnerung. Und diese Frau da, so nahe und doch so weit aus seiner zufassenden Sehnsucht ger�ckt, war hell und leuchtend und hei� brennend wie ein feuriger Diamant, klar und glitzernd und vollkommen.</p><p>�Und nun bist du die Frau von diesem Raleigh?� fragte Enkidu.</p><p>Sie lachte. Es klang wie das gef�hrliche, am�sierte Schnurren einer L�win. �Der? Aber nein, obwohl es Schlimmeres g�be! Nein, wir reisen nur gemeinsam. Er h�lt mich f�r unkeusch, f�r unrein. F�r noch �bleres. Er nennt mich einen weiblichen Sukkubus. Die Babylonische Hure nennt er mich, dabei war ich nie in meinem ganzen Leben in Babylon. Ich bin eben leider nicht englisch, das ist das ganze Problem. Er mag eben nur englische Frauen, dieser Raleigh.�</p><p>�Und dennoch l��t er dich mit ihm ziehen?�</p><p>�Ich war eine Maid in Bedr�ngnis. Er fand mich verlassen im Outback�� ich zog damals mit einem anderen Engl�nder herum, einem Lord, recht s��, aber ein bi�chen seltsam�� Byron hie� er, ein Dichter, der schrieb gerade an einer neuen <emphasis>Mas</emphasis> �ber mich, sagte er, aber eine Bande von Derwischen hat ihn niedergemetzelt. Unsere ganze Gruppe wurde ermordet. Nur ich entkam, und Raleigh fand mich und nahm sich meiner an, weil er ein derma�en galanter Mann ist, auch wenn er mich verachtet. Und dann bin ich eben bei ihm geblieben, weil ich hoffte, da� er den Weg ins Land der Lebenden finden w�rde, den er sucht.�</p><p>�Das Land der Lebenden?�</p><p>�Ich habe diese Nachwelt satt, Enkidu! Ich m�chte so gern wieder wirklich sein.�</p><p>�Aber wir sind doch hier und wirklich, Herrin.�</p><p>�Ach, du wei�t schon, was ich meine. Ich m�chte an einem Ort leben, wo alles einen gewissen Sinn hat, wo die Fl�sse nicht bergauf flie�en, wenn ihnen gerade danach zumute ist, und wo die St�dte nicht herumziehen wie K�hne auf einem See.�</p><p>�Ja, ich wei�, was du meinst�, sagte Enkidu. �Und ich habe ebenfalls diesen Wunsch. Ich w�rde selbst ins Land der Lebenden ziehen, wenn ich den Weg finden k�nnte.�</p><p>�Wir k�nnten ihn gemeinsam finden, Enkidu.�</p><p>�Was? Wie?�</p><p>�Wei�t du, wo Brasil liegt? Die Zauberinsel?�</p><p>Er nickte nicht ganz �berzeugt. �Eine ziemliche Strecke die K�ste abw�rts, glaube ich.�</p><p>�Ah, du warst nicht dort?�</p><p>�Ich selbst nicht, obschon ich einmal dort ganz in der N�he war. Aber Gilgamesch war da.�</p><p>�Der Weg ins Land der Lebenden ist in Brasil.�</p><p>Enkidu starrte sie an. �Wei�t du das bestimmt?�</p><p>�Jemand hat es Raleigh glaubw�rdig versichert. Ein Mann, der es zu wissen schien. Ich habe es auf seiner Landkarte mit einem flammenden Zeichen eingezeichnet gesehen. Und er zog in diese Richtung, als uns die Vorr�te ausgingen. Und nun ist ihm das Verlangen abhanden gekommen, dort hinzugehen. Mir aber nicht. Du und ich, Enkidu, du und ich, wir k�nnten Brasil erreichen, wir k�nnten das Geheimnis durchdringen, wir k�nnten durch dieses Tor gehen��</p><p>�Das glaubst du?�</p><p>�Ich wei� es.� Sie bog sich zu ihm herauf und z�ngelte verf�hrerisch �ber ihre Lippen, und sie lachte, und diesmal war es nicht das Knurren eines L�wenweibchens, sondern eher ein Schnurren. �Wir k�nnten hinfinden, du und ich, das wei� ich.� Wieder f�hlte er ihre Hitzigkeit. Sie hatte den Glutofen wieder entz�ndet. �Nun, Enkidu?�</p><p>Und diesmal zauderte er nicht. Seine H�nde legten sich auf ihre Brust. Und sie bedeckte sie mit ihren eigenen H�nden. Das gurrende Schnurren wurde st�rker in seinen Ohren, bis es ihm wie ein Dr�hnen war, und dann brach sie �ber ihn herein wie ein Strom feuriger Lava.</p><p>Keiner war noch bei Gilgamesch im Audienzsaal, au�er Vy-otin und Herodes und einigen Wachen. Er h�tte gern Enkidu ebenfalls bei sich behalten, doch dieser war an der Seite von Helena davongeeilt, ehe Gilgamesch ihm ein Zeichen hatte geben k�nnen, und er war nicht herzlos genug, ihn zur�ckzurufen. Aber er lie� nach Magalhaes senden und nach dem Haarmenschen.</p><p>�Also?� fragte er, w�hrend er darauf wartete, bis sie kamen. �Was haltet ihr von diesem Raleigh?�</p><p>�Ein au�ergew�hnlicher Mann�, sagte Herodes. �Gescheit und voll von R�nken. Ein gro�er F�hrer und ein gro�er Verf�hrer und Schwindler, das ist es, was ich glaube.�</p><p>�Er l�gt nicht mehr, als er unbedingt mu߫, sagte Vy-otin. �Ich sprach mit ihm, ehe er hier hereinkam. Es lag in der Natur seines Landes, da� gro�e M�nner Gefahr liefen, au�er wenn sie eine glatte sanfte Zunge f�hrten. Diese Elizabeth, die er so zu verehren scheint, war in ihrem Erstleben ein gef�hrliches Weib und lie� andauernd ihren bevorzugtesten H�flingen die K�pfe abschneiden, aber diesem Raleigh gelang es, den seinen zu behalten. Doch der K�nig, der nach dieser Frau auf den Thron kam, steckte ihn f�r ein Dutzend Jahre oder so ins Gef�ngnis und lie� ihn dann schlie�lich <emphasis>trotzdem</emphasis> umbringen.�</p><p>Gilgamesch runzelte die Stirn. �Weshalb tat er das? Mir erscheint das ein schrecklich unn�tiger Aufwand zu sein.�</p><p>�Der Grund war irgendeine Expedition, die fehlschlug und die Nation teuer zu stehen kam, und Ger�chte, da� er mit dem K�nig eines anderen Landes konspiriert haben soll, was dieser Raleigh mir gegen�ber bestritt. Aber in Wahrheit, glaube ich, hat der K�nig ihn aus purer Rank�ne beseitigen lassen, weil er ein zu gescheiter und zu aufm�pfiger Kopf war.�</p><p>�Aber einen Mann von solchen Qualit�ten deswegen ermorden zu lassen�� sie m�ssen ein recht barbarischer Volksstamm gewesen sein, diese Englischen�, sagte Gilgamesch.</p><p>�Wir Leute aus dem Pleistoz�n�, sagte Vy-otin mit einem schiefen Grinsen, �waren wirklich die echten letzten Zivilisierten. Wir aus dem Aurignac, wir Archetypen. Es hat etwas recht Positives, zwischen Gletschern in einer Eiszeit zu leben und zwischen den wollzottigen Mammuts, die aus dir einen anst�ndigen Menschen machen und dich mit Kleidung versorgen. Aber seit damals ging es die ganze Zeit nur bergab mit dem Menschengeschlecht. Die Menschenrasse begann zu verderben wie eine Frucht, die zu faulen beginnt, als die Welt sich erw�rmte, versteht ihr?�</p><p>Herodes lachte. �Wie k�nnten wir dir da etwas dagegen halten? Du verf�gst �ber eine Perspektive von zwanzigtausend Jahren. Aber vielleicht k�nnte uns unser Freund, der Haarige Mann, sagen, da� <emphasis>sein</emphasis> Volk den Gipfel der Sch�pfung darstellt, und das deinige war nur ein Haufen von zottelfellbedeckten, Hackbeile schwingenden Kerlen mit verrotzten Nasen. Was sagst du dazu, Henry Smith? Heh, was sagst du dazu?�</p><p>Vy-otin nickte ihm h�flich zu. �Nat�rlich waren sie zivilisiert, die Haarigen. Genau wie wir. Beim Sto�zahn und den H�rnern Gottes, es seid doch ihr Sp�tlinge allesamt, ihr Sumerer und Babylonier und Griechen und R�mer, die es nicht verdienen, da� man sie��</p><p>�Und Juden�, sagte Herodes. �Vergi� mir nicht die Juden. Wir sind die allerschlimmsten Misset�ter. Wir sind so �ble Barbaren, da� du uns nie h�ttest dazu bringen k�nnen, Mammutfleisch zu essen.�</p><p>�Weshalb nicht? Hast du es je versucht?�</p><p>�Buddha beh�te mich!� rief Herodes und bekreuzigte sich. �Mammutfleisch? Das ist nicht koscher! Unser Gott verbietet uns, dieses Zeug jemals zu ber�hren!�</p><p>�Nun, dann erkl�rt das, weshalb ich im Pleistoz�n keinen Juden begegnet bin�, sagte Vy-otin. �Die m�ssen alle im Zustand gro�er Heiligkeit verhungert sein. Es gab damals n�mlich sonst nichts zu essen, mu�t du wissen. Hin und wieder einen seltenen S�belzahntiger oder ein vereinzeltes Nashorn, aber das Mammut, das war unser Ding, mein Junge, die prachtvollen alten kollernden Kerle mit ihrem roten wolligen Fell�� Er lachte und sah zu Gilgamesch hin�ber. �Was hast du mit diesem Raleigh vor? Willst du ihn hierbehalten?�</p><p>�F�r ein Weilchen. Um Enkidus willen.�</p><p>�Wegen Enkidu?�</p><p>�Das Tor zum Land der Lebenden, das dieser Raleigh angeblich sucht, fasziniert Enkidu tief, dieser Zugang. Vielleicht kann Raleigh uns etwas dar�ber sagen.�</p><p>�Gibt es denn sowas?� fragte Vy-otin. �Seit hundert etlichen Jahren habe ich hier immer wieder Geschichten davon geh�rt. Aber keinem schien es je gelungen zu sein, es zu finden, dieses Tor, und ich habe auch nie einen getroffen, der einen klaren Begriff gehabt h�tte, wo es sein k�nnte.�</p><p>�Ich auch nicht�, sagte Gilgamesch. �Doch will ich wenigstens versuchen, in Erfahrung zu bringen, was Raleigh m�glicherweise wei�. Allerdings wird es nicht gerade leicht werden, etwas aus ihm herauszuholen.�</p><p>�Ist das wirklich die Helena aus Troja, mit der er herumzieht, was meinst du?� fragte Vy-otin.</p><p>�Sie behauptet es. Ich bin geneigt, ihr zu glauben.�</p><p>�Sie ist unertr�glich sch�n�, sagte Herodes. �Sie sieht einfach nicht echt aus.�</p><p>Vy-otin lachte. �Enkidu h�lt sie f�r echt genug.�</p><p>�Er ist von ihr besessen, ja�, sagte Gilgamesch. �Ich habe es in Tausenden von Jahren nicht erlebt, da� er sich wegen eines Weibes so auff�hrt. Doch es wird ihm guttun. Er ist immer so voll Unruhe, wenn er ohne eine Frau ist, und wenn Enkidu unruhig ist, f�hrt das oft zu Schwierigkeiten. Vielleicht kann diese Helena ihn f�r ein Weilchen bes�nftigen.�</p><p>�Eher das genaue Gegenteil, m�chte ich vermuten�, bemerkte Herodes trocken. �Doch du kennst ihn ja besser.�</p><p>Am anderen Ende des Saales �ffnete sich eine T�r. �Da kommt Magalhaes�, sagte Vy-otin.</p><p>Der Seefahrer trat hinkend vor den Thron. �Du hast nach mir verlangt, Majest�t?�</p><p>�Ja. So ist es. Du kennst doch s�mtliche Abenteurer und Seefahrer, Magalhaes. Was kannst du mir �ber diesen Walter Raleigh berichten, der nun unter uns weilt? Hattest du in der anderen Welt je mit ihm zu tun?�</p><p>�Nach meiner Zeit kam der. F�nfzig Jahre oder mehr.�</p><p>Gilgamesch lachte. �F�nfzig Jahre? Was ist das schon?�</p><p>�In der anderen Welt, Majest�t, bedeutet es alles. Ich war l�ngst dahin, ehe er geboren wurde. Doch ich habe hier von ihm geh�rt. Draco hat mir Geschichten �ber ihn erz�hlt.�</p><p>�Draco?�</p><p>�Francisco Draco, der Seer�uber. Ebenfalls ein Engl�nder, ein guter Bekannter von Raleigh in der anderen Welt.�</p><p>�Er meint Sir Francis Drake�, erkl�rte Vy-otin.</p><p>Gilgamesch nickte. �Danke. Was bist du doch f�r ein Experte f�r die Einzelheiten dieser Sp�t-Totenwelt, alter Freund.� Und zu Magalhaes: �Sch�n also. Und was hat dein Drake, dein Draco, dir �ber Raleigh erz�hlt?�</p><p>�Ein Genie, sagte er. Aber unstet und unzuverl�ssig, wie eben die meisten Genies. Stets voller wunderbarer Vorhaben, die er nie ganz zur Vollendung bringen konnte.�</p><p>�Wie etwa einen Weg ins Land der Lebenden zu suchen?�</p><p>�Ja, das w�rde durchaus zur Art dieses Raleigh passen.�</p><p>Gilgamesch beugte sich zu dem kleinen Portugiesen nieder und fragte leise: �Und was wei�t du von diesem Plan? Glaubst du, es gibt einen solchen Durchgang, ein solches Tor?�</p><p>�Es ist nur ein M�rchen�, sagte Magalhaes sofort. �Das Land der Lebenden kann niemand erreichen. Ich bin davon �berzeugt, und Draco ist davon �berzeugt, und Cook ebenfalls, der auch ein bedeutender Seefahrer ist. Und das sind M�nner, die ich kenne und denen ich vertraue, Draco und Cook, sie haben beide die Welt umsegelt, genau wie ich, und wer einmal eine solche Reise getan hat, der kann nie wieder sein wie gew�hnliche Menschen. Was er sieht, das sieht er mit wachen Augen und in Wahrheit.�</p><p>�M�glich.�</p><p>�Draco hat danach gesucht, so sagte er mir. Und Cook auch. Sie sind zu den fernsten Winkeln der Nachwelt gefahren, sogar hinein in die Gro�e Unendliche See. W�rden sie denn noch hier sein, wenn sie das Tor zum Land der Lebenden gefunden h�tten? Aber ich habe Draco erst letzten Monat getroffen und Cook vor knapp f�nf Jahren, und sie sagten nichts zu mir �ber Tore oder andere Welten, obwohl sie mir bestimmt etwas dar�ber gesagt h�tten. Wenn sie es nicht gefunden haben, dann deshalb, weil es nicht existiert. Du kannst dich auf mein Wort verlassen.�</p><p>�In diesem Fall�� Doch Gilgamesch wurde von einem L�rm im Gang vor dem Thronsaal gest�rt; ein Stampfen, lautes mi�t�nendes Singen, herzhaftes Gel�chter, schallendes H�ndeklatschen�� die gew�hnlichen Signale, die Enkidus Nahen verk�ndeten��, und dann kam Enkidu selbst voll �bermut hereingetollt, ganz erhitzt und schwei�triefend, das lange feuchte Haar hing in zerzausten Zotteln herab, das Kleid war zerknittert. Der Geruch von Helenas Parf�m wehte mit ihm herein.</p><p>�Gilgamesch!� br�llte er. �Ich hab� es! Das gro�e Geheimnis�� ich habe es herausgefunden!�</p><p>�Ach du liebe Zeit, ich h�tte es ihm sagen k�nnen�, murmelte Herodes, �dabei habe ich noch kein Wort mit dem Weib gewechselt. Es ist ganz einfach: auf jeder Seite eine Brustkugel, so ist sie gebaut, und weiter unten ein P�lsterchen von dunklen Haaren, wo sich die Beine treffen, und sie st��t kleine sanfte Laute aus, wenn man sie da ber�hrt��</p><p>Gilgamesch gebot ihm mit einem scharfen Zischen, er solle schweigen.</p><p>�Was f�r ein Geheimnis ist es denn, Bruder?� rief er, w�hrend Enkidu schwankend wie ein Matrose auf Deck herankam.</p><p>�Der Weg ins Land der Lebenden! Ich wei�, wie man ihn finden kann!�</p><p>Gilgamesch blickte stirnrunzelnd zu Magalhaes, der nur die Achseln zuckte.</p><p>�Dieser Seefahrer hier hat uns gerade erkl�rt, da� es in der ganzen Nachwelt kein derartiges Tor gibt.�</p><p>�Dieser Seefahrer irrt sich. Ich habe es aus vertrauensw�rdiger Quelle, und wenn ein Mann das bestreitet, so will ich ihn daf�r zur Rechenschaft ziehen, da� er mich einen L�gner hei�t.�</p><p>Magalhaes blickte unbeeindruckt zu Enkidu empor, der fast doppelt so gro� wie er �ber ihm aufragte. �Ich erkl�rte nur, da� ich glaube, dieses Tor geh�rt in das Reich der Fabeln, bevor du hier hereingekommen bist. Wer dennoch an seine Existenz glauben m�chte, kann dies gern weiterhin tun, es wird mich nicht st�ren, auch werde ich sie nicht der L�ge bezichtigen. Es gibt Menschen, die behaupten, da� die Welt flach ist, und die sind ebenfalls keine L�gner. Sie sagen nur die Wahrheit, an die sie glauben. Man braucht nicht zu l�gen, um etwas zu sagen, was nicht wahr ist.�</p><p>�Wer ist dieser kleine Kerl?� br�llte Enkidu und hob beide geballten F�uste. �Wieso ist er hier, und wieso erlaubst du ihm, mich zu verspotten? Bei Enlil, ich werde��</p><p>�Frieden, ihr beiden�, gebot Gilgamesch und gab Vy-otin ein Zeichen, zwischen die beiden zu treten. Er wartete ein wenig, bis Enkidu sich etwas beruhigt hatte, dann sprach er: �Also, Bruder, berichte uns, was du erfahren hast.�</p><p>Enkidu schaute sich m�rrisch um. �Vor diesen��</p><p>�Vor Herodes, Vy-otin, ja. Weshalb nicht?�</p><p>�Und <emphasis>dem da?�</emphasis> Er wies auf Magalhaes.</p><p>�Er ist ein gro�er Seefahrer, ein Mann mit gro�em Wissen von den Stra�en dieser Welt und der anderen. Er steht jetzt in unseren Diensten. Wir vertrauen ihm. Du kannst vor ihm sprechen, Enkidu.�</p><p>�Also�� Enkidu sch�ttelte den Kopf. �Es war die Frau, Helena, die mir das gesagt hat, sie, die mit Raleigh herkam.�</p><p>Herodes kicherte.</p><p>�Werden sie mich heute alle verspotten?� rief Enkidu.</p><p>�Sei still, Herodes! Weiter, was hat Helena dir gesagt �ber��</p><p>�Sie und Raleigh zogen, wie wir wissen, durch das Outback im Auftrag von Raleighs K�nigin, die Elizabeth hei�t und die den Weg ins Land der Lebenden sucht. Raleigh hat eine Landkarte, oder vielmehr der kleine Kerl Hakluyt hat eine, der ihm als F�hrer dient, und Helena hat sie gesehen. Da steht ganz deutlich, wo die �ffnung in die andere Welt sich befindet.�</p><p>�Und wo ist dieser Ort?� fragte Gilgamesch.</p><p>Erneut z�gerte Enkidu und schaute Magalhaes d�ster an.</p><p>�Raus damit, Enkidu! Wo ist es?�</p><p>�Auf Brasil�, sagte Enkidu.</p><p>�Brasil?�</p><p>�Ja, die Insel Brasil. Simons Stadt, in der dir die Erkenntnis zuteil wurde, die dich hierher gef�hrt hat, Bruder.�</p><p>Gilgamesch war verbl�fft. �Ja, ich fand wirklich, da� Raleigh erstaunt aussah, als ich erw�hnte, da� ich fr�her einmal in Brasil gewesen bin. Ich erw�hnte den Namen kaum, da wurde er kurzatmig und ri� die Augen weit auf. Aber nein, Enkidu, nein, wie k�nnte so etwas sein? Ich war doch dort. Ich h�tte doch gewi� etwas davon geh�rt.�</p><p>�Hast du danach gefragt?�</p><p>�Wieso h�tte ich so etwas fragen sollen? Solange ich in Brasil weilte, kam mir kaum je ein Gedanke an ein Land der Lebenden.�</p><p>�Siehst du? Siehst du?�</p><p>Gilgamesch sah Herodes an. �Du hast viele Jahre in Brasil gelebt. Was kannst du dazu sagen? Gibt es dort diesen Weg, oder nicht?�</p><p>�Also, ja, es gab da so Geschichten�, sagte Herodes ausweichend. �Da� die Tunnelg�nge unter der Stadt dorthin f�hrten, vielleicht, und allerlei �hnliche M�rchen. Ich habe nie besonders darauf geachtet. Ich habe nie auch nur ein Zehntel von den phantastisch klingenden Sachen geglaubt, die man sich in dieser Stadt herumerz�hlte. Vielleicht nicht einmal den hundertsten Teil.�</p><p>Gilgameschs Blick verlor sich in der Ferne. Bei den Worten Herodes� erwachte wieder das Bild der dunklen Sch�chte im Bauch der Insel Brasil, in denen Calandola und seine Menschenfresserhorde lauerten. Ja doch, auch er hatte es vernommen, mehr als nur einmal, da� sich irgendwo in diesen Tunnelg�ngen der Weg ins Land der Lebenden finden lasse. Nun fiel es ihm wieder ein. Doch es gab uralte G�nge unter vielen der St�dte der Nachwelt, unter Nova Roma, unter Elektrograd, unter Nibelheim, vielleicht gar unter Uruk, wer konnte das schon wissen. Und in diesen St�dten h�rte man oft hinter vorgehaltener Hand fl�stern, da� man durch einen der unterirdischen G�nge aus der Nachwelt entrinnen k�nne. Aber gefl�sterte Ger�chte bedeuten schlie�lich nicht, da� sie wahr sind. Niemand wu�te mehr, wer diese G�nge gegraben hatte und aus welchem Grund. Es waren nichts weiter als dumpfe H�hlungen, staubig, unheimlich, widerlich, vor langer Zeit bereits verlassen. Gilgamesch sah keinen Grund, ihnen eine besondere magische Bedeutung zuzuschreiben. Es hat immer schon Leute gegeben, die das Licht das Tages scheuten, dachte er, und sich lieber in den Eingeweiden der Erde vergruben. Aber weshalb sollte er dann glauben, da� diese Irrg�nge, die von vergessenen Mineuren vor langer Zeit in der Nachwelt gegraben wurden, irgendwohin f�hren sollten als nutzlos im Kreise?</p><p>Er sagte, nach geraumer Zeit: �Wo ist mein Haariger Mann? Wir wollen ihn dazu befragen.�</p><p>�Er wartet in der Vorhalle�, berichtete Herodes.</p><p>Enkidu sagte: �W�re es nicht gro�artig, das Land der Lebenden zu sehen, Bruder? Du und ich�� und Helena?�</p><p>�Aha, und Helena, ja?�</p><p>�Ja, sie w�rde mit uns kommen. Sie wird uns f�hren auf dem Weg, und alle Hindernisse werden vor ihr zunichte werden.� Enkidus Augen leuchteten. �Ach, Gilgamesch, mein Bruder, du hast nie ein Weib wie sie gesehen! Sie ist ein Wunder! Eine G�ttin!�</p><p>�Ich habe G�ttinnen in meinen Armen gehalten, Bruder�, erkl�rte Gilgamesch trocken; er erinnerte sich an sein erstes Leben, als er K�nig gewesen war im echten, wirklichen Uruk und jedes Jahr mit der g�ttlichen Inanna pflichtgem�� die rituelle Heilige Hochzeit zu vollziehen hatte. Es war eine recht heftige Sache gewesen, das mit der Inanna, deren mi�g�nstiger Eifer und Machtgier ihn beinahe vorzeitig das Leben gekostet hatten. �Sie sind nicht immer sehr angenehme Bettgef�hrtinnen, wenn ich dir das warnend in Erinnerung rufen darf. Aber sieh, schau, da kommt mein Haariger Mann.�</p><p>�Du hast mich herbefohlen, hier bin ich, K�nig Gilgamesch�, sagte das uralte Gesch�pf.</p><p>�Wir reden gerade �ber den Pfad ins Land der Lebenden�, sagte Gilgamesch.</p><p>�Ach.� Die Bernsteinaugen des Behaarten glommen wie Laternen in dem unergr�ndlichen fellbedeckten Gesicht.</p><p>Gilgamesch sprach weiter: �Gerade erreichte uns eine Information, da� der Zugang zu diesem Land bekannt ist und da� er sich auf der Insel Brasil befindet.�</p><p>�Warum sagst du das zu mir?� fragte der Behaarte ruhig mit seiner pelzigen schwerf�lligen Stimme, die Gilgamesch zwang, sich vorn�ber zu neigen, um jedes Wort zu verstehen.</p><p>�Weil alles, was es in Brasil gibt, droben in der Stadt und in den Erdg�ngen darunter, dir bekannt ist, glaube ich. Also solltest du in der Lage sein, uns zu sagen, ob das so ist, da� es in dieser Stadt das Tor zum Land der Lebenden gibt.�</p><p>Der Haarmensch schwieg geraume Zeit.</p><p>�Nein�, sagte er dann. �Nein, einen solchen Durchgang kann man da nicht finden. Nicht in der Stadt. Nicht in den G�ngen darunter.�</p><p>Enkidu stie� ein w�tendes Zischen der Entt�uschung aus.</p><p>�Und du bist dir da ganz sicher?� fragte Gilgamesch.</p><p>�Dieser dein Palast hier, K�nig Gilgamesch, ist ein Haus aus Steinen, und um ihn zu betreten, mu�t du durch ein Tor gehen. Diese Stadt Uruk ist umg�rtet von einer Wallmauer aus Ziegelsteinen, und um nach Uruk zu gelangen, mu�t du ebenfalls durch ein Tor gehen. Doch das Land der Lebenden betritt man nicht, wie man in deinen Palast gelangt, oder in die Stadt Uruk, also nicht durch eine �ffnung, durch die du hindurchgehen kannst, von dem einen Ort an einen anderen, von au�en nach innen, von einer Seite zur anderen. Du kannst �ber die ganze Weite der Nachwelt wandern, aufw�rts und hinab, aber du wirst kein solches Tor finden.�</p><p>Wieder zischte Enkidu zwischen den Z�hnen, lauter als zuvor, dann wandte er sich weg, verkrampfte seine m�chtigen F�uste und schlug sie wieder und wieder gegeneinander.</p><p>Gilgamesch sprach: �Dann ist es also nur ein dummes Ammenm�rchen, da� wir von dieser Welt aus ins Land der Lebenden gelangen k�nnen? Ein Traum, eine Erfindung, leere Phantasie?�</p><p>Wieder schwieg der Haarmensch lange, und dann sprach er so undeutlich, da� Gilgamesch nur die eine oder andere abgerissene Silbe verstand, der Rest der Rede ging im Bart des Behaarten verloren.</p><p>�Was sagtest du da?� bat Gilgamesch. �Sag es mir noch einmal, sei so gut.�</p><p>�Ich sagte, o K�nig, da� man das Land der Lebenden wirklich erreichen kann. Doch der Weg dahin ist kein Pfad, wie du ihn verstehst, und man gelangt auf ihn nicht durch ein Tor. Der Pfad ist nirgendwo und �berall, in Brasil und nicht in Brasil, in Uruk und nicht in Uruk, in der W�ste und nicht in der W�ste.�</p><p>Stirnrunzelnd sagte Gilgamesch: �Solche Worte sind f�r mich ohne Sinn. Ein Ding ist entweder da oder es ist nicht da. Man kann an einen Ort gelangen�� oder nicht. Und du sagst, nein. Du sagst, es gibt einen Weg dorthin, tats�chlich, aber man mu� einen Weg einschlagen, der kein Weg ist, und der Weg ist da und auch wieder nicht da, und�� Gilgamesch sch�ttelte den Kopf. �Ich verstehe dich ganz und gar nicht.�</p><p>Der Behaarte Mann sagte: �Diese Dinge sind auch nicht leicht zu verstehen. Und es ist nicht leicht, den Weg zu finden. Ohne die Hilfe eines Wegkundigen findest du ihn nie.�</p><p>�Und wo finde ich einen, der den Weg kennt?�</p><p>�Du hast ihn bereits gefunden, o K�nig. Ich kann dir den Weg weisen, den du suchst.�</p><p>�Du? Wie kannst du das?�</p><p>�Wenn du aufrichtig dieses Land zu besuchen begehrst, kann ich dich hinsenden. Du glaubst mir nicht? Es gibt eine M�glichkeit, den Weg aufzutun, und ich kenne sie.�</p><p>Enkidu stie� ein Keuchen aus und wandte sich pl�tzlich wieder um. Er schien auf einmal doppelt so gro� wie sonst. Seine Augen loderten wild.</p><p>�Da, h�rst du es?� fuhr er Magalhaes w�tend an. �H�rst du es?� Und zu Gilgamesch sagte er mit bebender Stimme: �Bruder, bewege ihn dazu, uns das Geheimnis sogleich zu sagen! Wir m�ssen dort hingehen, du und ich! Wir m�ssen den Weg finden und ihn bis zu seinem Ende gehen! Oder willst du lieber noch einmal zehntausend Jahre in Uruk herumsitzen und feist werden? Was, Bruder? Heh?�</p><p>Gilgamesch starrte den Behaarten Mann verwirrt an. �Du hast mir nie ein Wort �ber dies gesagt. Wie kommt es, da� du nie davon gesprochen hast?�</p><p>�ber das tierhafte Gesicht huschte beinahe so etwas wie ein L�cheln.</p><p>�Ach, K�nig Gilgamesch! Du hast mich nie gefragt!�</p></section><section><title><p>20</p></title><p>Es war eine lange finstere Nacht, unterbrochen von hastigen, k�mmerlichen Sonnenaufg�ngen und dem Tanz unvertrauter gelber Monde am Himmel. Gilgamesch strich durch die Stra�en von Uruk. Es wehte ein bei�ender, �tzender Wind. Zeitweilig trug er Schauer von etwas Schnee�hnlichem heran, das die D�cher mit kurzlebigen wei�en Flecken best�ubte; als er eine Handvoll davon aufhob, brannte es auf der Haut wie feine Asche aus dem Schlund eines Vulkans oder wie weicher gemahlener Bimsstein.</p><p>Zerbrechliche, aber scheu�liche Nachtgesch�pfe, so durchsichtig wie Tr�ume, schwirrten in Schw�rmen um ihn und fletschten lange blitzende Z�hne, von denen fahles Gift troff. Er scheuchte sie fort, als w�ren sie M�cken. Ein kurzst�mmiger stoppeliger Baum mit Bl�ttern wie lange fettverschmierte Federn schien ihn auszulachen. Mitten in der Luft taten sich Toreing�nge vor ihm auf, doch hinter ihnen war nichts. Die gepflasterten Stra�en wogten wie die Oberfl�che einer st�rmischen See.</p><p>W�hrend er durch die dunkle Stadt schweifte, beherrschte ihn ein Gedanke, ein einziger.</p><p><emphasis>Du wirst erneut von Enkidu getrennt werden, oder aber du mu�t den Thron in Uruk aufgeben. Und wenn du ihn aufgibst, wirst du ihn niemals wiedergewinnen. Und wenn du Enkidu auch diesmal verlierst, wirst du ihn niemals wieder finden k�nnen.</emphasis></p><p>Er erinnerte sich an eine Zeit, damals im alten Leben, da Enkidu kr�nklich geworden war und d�ster und bedr�ckt den ganzen Tag lang dasa�, und Gilgamesch ging hin und trat zu ihm und sagte, da� er w��te, was ihn bedr�ckte, und dieses sei, da� er unruhig und des verweichlichten bequemen Stadtlebens �berdr�ssig und es leid sei, m��ig in Uruk herumzuh�ngen, da� er sich nach Abenteuern sehnte, nach Gefahren und gewaltigen Taten, die seinen Namen leuchten lassen w�rden vor allen Menschen.</p><p>�Ja, genau das ist es, Bruder�, sagte Enkidu.</p><p>Und Gilgamesch gestand, da� es auch ihm so gehe, da� auch in ihm etwas nicht zur Ruhe komme, das ihn zu immer weiterem Suchen und Fragen antrieb, ein nie zu stillendes Sehnen. Die G�tter hatten sich einen Jux mit ihm erlaubt, sagte Gilgamesch, da� sie ihn so schufen, da� er sich unabl�ssig nach einem geruhsamen friedlichen Leben sehnen m�sse, aber sobald er es gefunden hatte, niemals davon befriedigt sein durfte.</p><p>Da lachte Enkidu und sprach: �Wir sind wie zwei gro�e Jungen, die st�ndig auf der Suche nach neuem Spa� sind.�</p><p>Das war die Zeit, als sie gemeinsam ins Land der Zedern zogen, um das kostbare Holz heimzuf�hren, da� dort im Wald wuchs, und wo sie dem D�mon Huwawa begegneten, den sie in seiner Feuerh�hle erschlugen, und von wo sie im Triumph nach Uruk heimkehrten, so lustig und froh, als h�tten sie sechs K�nigreiche erobert.</p><p>Doch das alles war ja im anderen Leben gewesen, dem alten, vor langer, langer Zeit, vor dem ersten der vielen Tode, die zu sterben ihnen bestimmt war. Und jetzt war Enkidu wieder ruhelos und lechzte nach neuen Abenteuern, und da war er selbst, Gilgamesch, und war K�nig in Uruk und sa� in seinen Regierungsgesch�ften fest. Was hatte Enkidu gesagt, als er ihn dr�ngte, sich mit ihm auf dieses Abenteuer einzulassen? <emphasis>Oder willst du lieber wieder einmal zehntausend Jahre in Uruk hocken und feist werden?</emphasis> Aber diesmal war sich Gilgamesch seines Weges nicht sicher. Eine Seite in ihm sehnte sich danach, mit Enkidu auf die Suche nach dem Land der Lebenden zu gehen�� jener Teil von ihm, der ewig unruhig, unabl�ssig strebend blieb und der noch immer nicht g�nzlich in ihm abgestorben war�� aber da war auch noch eine andere Seite in ihm, die w�hrend seines Aufenthaltes in der Nachwelt herangewachsen war und die zu ihm sagte: <emphasis>Bleib du, bleib! Und herrsche �ber deine Stadt, erf�lle deine Aufgaben, die zu tun dir einzig bestimmt sind.</emphasis> Und diese Stimme t�nte in ihm so stark wie die andere, oder doch beinahe so stark.</p><p>Aber dennoch�</p><p>Ausharren? Wozu, fragte er sich. Um wieder und noch einmal all das durchzuspielen, was fr�her schon geschehen war, in dieser Welt und jener, die ihr vorherging? Bestand seine Existenz denn nur daraus, da� er in unendlichem Kreislauf Macht aus�ben und dann auf sie verzichten sollte, herrschen sollte und dann wieder umherwandern, immer und immer wieder? Gab es denn f�r nichts ein Ende? Hatte nichts einen wirklichen Zweck? Wann w�rde er sich je einmal einfach nur ausruhen d�rfen?</p><p>Er h�rte das heftige Knattern m�chtiger Fl�gel �ber sich, doch da war nichts. Er sah den m�chtigen H�gel hinter der n�rdlichen Stadtmauer sich regen und langsam zu erheben wie den H�ckerr�cken eines erwachenden Drachen. Die Luft wurde blutigrot und sehr schwer, und aus ihr t�nte ein aufdringliches massives Summen wie von Abermillionen Fliegen. Eine Stimme, die zu ihm ohne Laut sprach, sagte: �Hier ist dein K�nigreich, Gilgamesch von Uruk. Wie tief ist deine Liebe daf�r?�</p><p>Und aus der sirrenden Luft kam das Echo: �Liebst du es? Liebst du? Liebst du?�</p><p>Ninsun sagte. �Also wirst du gehen.�</p><p>�Ich mu�, Mutter! Er l��t mir keine andere Wahl.� Sie sch�ttelte den Kopf. �Ich halte es f�r einen gro�en Fehler, diese Reise.�</p><p>�Und ich auch�, dr�hnte Vy-otin mit lauter Stimme vom anderen Ende des Saales her�ber. �Wie kannst du behaupten, da� du keine andere Wahl hast? Seid ihr zwei etwa wie Zwillingliche, die am Leib durch ein fleischliches Band verkn�pft sind, da� du ihm �berall hin folgen mu�t, wohin er geht?�</p><p>Gilgamesch betrachtete den Eisj�ger-H�uptling lange mit stumpfem Ausdruck im Gesicht.</p><p>�So ist es, Vy-otin. Genau das sind wir, Zwillinge.�</p><p>�Dann sag ihm doch, du willst nicht mitgehen. Er wird die Sache aufgeben m�ssen.�</p><p>�Er w�rde dennoch gehen�, sagte Gilgamesch.</p><p>�Ha�, sagte Herodes. �Dann bist also du der an ihn vernabelte Zwilling, und er ist es nicht? Wie merkw�rdig.�</p><p>�Nein�, sagte Gilgamesch. �Ins Land der Lebenden zu gelangen, das ersehnt er sich mehr als irgend etwas anderes. Und ein solches Verlangen zerbricht alle Bindungen. Er starb seinen ersten Tod, als er hinabstieg in das Haus des Staubes und der Finsternis, um mir die Trommel wiederzubringen, die ich verloren hatte, die Trommel, die der Kunstmeister Ur-nangar aus dem Holz des Huluppu-Baums gefertigt hatte�� erinnerst du dich, Mutter? Es war die Trommel, die ich schlug, um meine Seele frei durch fremde G�tter- und D�monenreiche schweifen zu lassen, und als ich das Instrument verlor, gab Enkidu sein Leben, damit ich es zur�ckbek�me. Und seit jenem Tag, glaube ich, hat er unabl�ssig danach getrachtet, das wiederzugewinnen, was er damals verlor. Und nun ist er sicher, da� die Zaubermacht des Haarigen Mannes ihm helfen wird, das zu finden.�</p><p>�Dann soll er gehen und es suchen�, sagte Vy-otin. �Aber wieso mu�t du?�</p><p>�Weil ich mu߫, erwiderte Gilgamesch.</p><p>Herodes lachte. �Es geht doch nichts �ber ein Argumentieren im Kreis, was?�</p><p>Gilgamesch fuhr den kleinen Hebr�er mit einem derartigen Zorn an, da� dieser erschrocken f�nf Schritte zur�ckh�pfte. �Du begreifst nichts davon! Gar nichts!�</p><p>�Vergib mir, Gilgamesch�, bat Herodes zerknirscht. �Aber k�nntest du es Enkidu nicht einfach verbieten, das zu tun, wenn dir das solch gro�en Gram bereitet?�</p><p>�Ich k�nnte es wohl.�</p><p>�Und er w�rde dir gehorchen?�</p><p>�Er w�rde gehorchen, ja. Wenn ich ihm erkl�rte, da� ich wegen meiner Pflichten hierorts nicht mit ihm ziehen kann, es aber auch nicht ertragen k�nnte, ihn allein gehen zu lassen. Wie k�nnte ich so etwas von ihm verlangen, Herodes? Da� er auf etwas verzichten soll, wonach er sich so lange gesehnt hat, nur weil ich��</p><p>�Jedoch <emphasis>er</emphasis> verlangt das von dir�, sagte Herodes.</p><p>�Nein. Inwiefern t�te er das?�</p><p>�Indem er dich in eine Lage versetzt, in der du zwischen deinem Freund und deiner Stadt die Wahl treffen mu�t, deiner ganzen Welt.�</p><p>�Er hat nichts dergleichen getan�, sagte Gilgamesch, doch es klang nicht sehr �berzeugt.</p><p>�Wenn du aber den �bertritt ins Land der Lebenden tust�, fragte Ninsun, �wirst du danach je wieder in die Nachwelt zur�ckkehren k�nnen?�</p><p>�Das kann ich nicht wissen. Vielleicht kann der Behaarte Mann etwas dar�ber sagen. Aber ich bin bereits einmal von dort hierher gekommen. Es sollte mir wieder m�glich sein, wenn ich es w�nsche.�</p><p>�Indem du wieder dein Leben aufgibst, meinst du?� sagte Ninsun.</p><p>�Ja.�</p><p>�Doch wenn du zum zweitenmal herkommst, glaubst du, du w�rdest dann jemals nach Uruk zur�ckfinden?�</p><p>�Ich denke, es w�re m�glich. Vielleicht auch nicht. Woher soll ich das sagen k�nnen?�</p><p>�Also kann man es nicht sicher wissen?� sagte Ninsun. �Wenn du zur�ckkehrtest, k�nntest du irgendwo in der Nachwelt landen. Tausend Jahre weit weg von jetzt und tausendmal tausend Meilen fern von diesem Ort. Alle, die du hier vordem gekannt hast, w�rden in alle sieben Ecken der Welt zerstreut sein. Du w�rest allein, Gilgamesch.�</p><p>Er betrachtete sie lange und sorgenvoll. Aber als er dann sprach, besa� seine Stimme eine wiedererwachte Bestimmtheit.</p><p>�Ich war auch fr�her schon allein und wurde irgendwie mit denen, die ich liebte, wieder zusammengef�hrt. Du und ich, Mutter, wir waren Tausende von Jahren getrennt und haben uns doch wiedergefunden, nicht wahr?�</p><p>�Und jetzt hast du vor, wei� der Himmel wohin loszuziehen, obwohl du wei�t, da� du sie vielleicht niemals wiedersehen wirst!� rief Vy-otin laut. �Deine Mutter verlassen, deine Freunde, alles, was du hier in Uruk aufgebaut hast, alles zur�cklassen, was du kennst und liebst�� nein, Gilgamesch! Das ist nicht recht!�</p><p>�La� ihn, Vy-otin�, sprach Ninsun. �Er hat seinen Entschlu� doch bereits gefa�t, siehst du das nicht?�</p><p>�Der Haarmensch�, murmelte Herodes.</p><p>�Frieden und Freude, K�nig von Uruk�, sagte der Uralte, der eben den Thronsaal betrat. Er vollzog eine hastige beil�ufige Ehrbezeugung. �Ich habe die ben�tigten Dinge aus Brasil kommen lassen�, sagte er. �Hast du dich entschieden?�</p><p>�Du hast alles bereits zusammen?�</p><p>�Ja, alles, was ich brauche.�</p><p>Gilgamesch sah ihn mit offenem Mund an. �Wie kannst du von dort so rasch etwas besorgen? In einem, in zwei Tagen? Es dauert Wochen, Monate, um nach Brasil zu gelangen und zur�ck��</p><p>�Manchmal geht es schneller, K�nig Gilgamesch. Ich sage dir, ich habe alles, was n�tig ist.�</p><p>Noch mehr Zauberkraft, dachte Gilgamesch. Dieses Gesch�pf aus der Zeitend�mmerung entzog sich seinem Begreifen.</p><p>�Also, so sei es denn�, sprach er achselzuckend.</p><p>�Du willst die Reise unternehmen?�</p><p>�Ich will. Und Enkidu. Und das Weib, Helena von Troja.�</p><p>�Auch Helena?�</p><p>�Es ist Enkidus Wunsch.�</p><p>Der Behaarte Mensch schwieg einen Moment lang.</p><p>�Simon der Magier hat Kenntnis davon, da� sie sich hier befindet�, sagte er dann. �Und es ist sein Wunsch, da� Helena von Troja ihm zugef�hrt werde, o K�nig.�</p><p>�Ach? Wahrhaftig?�</p><p>�Ja, sein starker Wunsch.�</p><p>�Ja, glaubt denn Simon, sie geh�rte mir und ich k�nnte sie nach Belieben verschenken�� wie einen Sack voll Rubine?�</p><p>�Sie waren einst ein Liebespaar. Und er will sie wiedersehen.�</p><p>�Wenn man Helena zu jedem zur�ckschaffen m��te, der jemals ihr Geliebter war, dann m��te sie durch die Nachwelt sausen wie ein Komet�, sagte Herodes lachend.</p><p>Gilgamesch gab ihm �rgerlich ein Zeichen, den Mund zu halten. Und zu dem Behaarten sprach er: �Ich bedaure sehr, da� ich einem so bedeutenden Magier und Weisen wie Simon eine Entt�uschung bereiten mu�.�</p><p>�Du wirst sie ihm also nicht senden?�</p><p>�Nein!� sagte Gilgamesch. �Sie w�nscht mit Enkidu zu gehen. Und Enkidu w�nscht, da� sie mit ihm geht. Weshalb sollte ich die beiden trennen? Simon hat seine Edelsteine von mir erhalten. Das sollte ihm doch gen�gen.�</p><p>Der Behaarte Mensch wirkte unbeeindruckt. �Wie du w�nschst, o K�nig. Doch sollst du wissen, da� keiner von hier ins Land der Lebenden mit einem anderen zusammen gelangen kann. Wer dorthin geht, der geht allein.�</p><p>�Was soll das hei�en?�</p><p>�Was es sagt.�</p><p>�Es kann nur einer von uns gehen?�</p><p>�Ihr alle k�nnt gehen. Aber jeder geht allein und kommt allein an. Es ist der einzige Weg.�</p><p>�Und Enkidu und ich werden nicht beieinander sein, wenn wir dahin gehen?�</p><p>�Ihr macht die Reise allein, und ihr werdet allein ankommen.�</p><p>�Doch sobald wir dort sind, werden wir uns wiederfinden k�nnen?�</p><p>�Vielleicht.�</p><p>Gilgamesch atmete lange und schwer. �Aber du bist da nicht sicher?�</p><p>�Ich war nicht mehr im Land der Lebenden, K�nig Gilgamesch, seit mehr Jahren, als du Haare auf dem Kopf hast. Wie soll ich sagen k�nnen, was dort geschehen wird? Doch jetzt komm, komm! Alles ist f�r die Reise bereit.�</p><p>�Einen Augenblick noch!� Gilgamesch sp�hte in dem weiten dunklen Saal umher. �Wo ist Enkidu?�</p><p>�Ich gehe ihn holen�, sagte Herodes und verschwand aus dem Raum.</p><p>Kurz darauf kehrte er zur�ck, mit Enkidu im Schlepptau wie ein Felsen auf Beinen und einer strahlenden Helena neben Enkidu. Gilgamesch sagte sofort: �Der Haarmann war bereits in Brasil und ist wieder zur�ck, aber fragt mich nicht, wie. Er hat die Sachen, die n�tig sind, den Weg ins Land der Lebenden zu �ffnen.�</p><p>Enkidu l�chelte breit, doch rasch wurde sein Gesicht sehr ernst. �Und du wirst mit uns kommen auf die �berfahrt, Bruder?�</p><p>Auf einmal war es sehr still im Saal.</p><p>�Ich gehe mit�, sagte Gilgamesch ruhig.</p><p>�Bei Enlil! Beim Himmelsvater An! Ich wu�te doch, du wirst es tun! Immer habe ich es gewu�t��</p><p>�Warte�, unterbrach ihn Gilgamesch. �Eins wisse, Enkidu. Der Mann sagt, Simon w�nscht, da� wir ihm Helena als Geschenk senden.�</p><p>�Er sagt <emphasis>was?�</emphasis> br�llte Enkidu. Und aus seiner Brust drang ein Grollen, und er wollte sich auf den Haarigen Mann st�rzen.</p><p>Aber Helena beschwichtigte ihn mit einer ganz leichten fl�chtigen Ber�hrung an seinem Handgelenk und sagte leichthin: �Bleib ganz ruhig. Es wird nicht geschehen.�</p><p>�Besser nicht!� knurrte Enkidu.</p><p>Sie l�chelte. �Simon ist ein lieber Kerl, auf seine Weise. Doch wenn er wirklich an mir interessiert gewesen w�re, dann h�tte er seine Chance n�tzen sollen, als wir uns vor langer Zeit in der Abtei von Theleme begegneten.� Und zu dem Haarmenschen sprach sie: �Sag ihm, er kommt tausend Jahre zu sp�t. Ich gehe, wohin immer Enkidu geht.�</p><p>Gilgamesch sprach weiter: �Dann wisse auch dies: Der Behaarte Mann sagte, da� wir getrennt werden, wenn wir den �bergang beschreiten, und da� wir uns m�glicherweise danach nicht unbedingt wiederfinden k�nnten.�</p><p>Enkidus Augen loderten. �Was soll das hei�en?� br�llte er. �Bist du sicher, du hast ihn richtig verstanden?�</p><p>�Ohne Zweifel hat er das jedenfalls gesagt.�</p><p>Enkidu fuhr herum und ging auf den Behaarten Mann los, der die Handgelenke in einer Bewegung �berkreuz legte, die seltsam unbeteiligt wirkte, und in eine ferne Leere starrte.</p><p>Helena wandte sich an Enkidu: �Ist das wahr? Da� wir einander verlieren beim �bergang?�</p><p>�Gedenkt ihr euch anders zu entscheiden, was diesen �bergangsversuch betrifft?� fragte der Behaarte Mensch sanft. �Wenn das so ist, sagt es mir jetzt gleich, damit ich die Zubereitungen anhalten kann, ehe��</p><p>�Nein!� rief Enkidu. �Das ist nur ein tr�gerischer Trick, weiter nichts. Etwas, das Simon ihm zu sagen befohlen hat, um uns abzuschrecken, falls Helena sich weigert, zu ihm zu gehen. Der Mann war in Simons Diensten, Bruder, bevor er dir diente. Und er ist immer noch Simons Mann.�</p><p>�Was sagst du dazu?� fragte Gilgamesch.</p><p>V�llig unbeeindruckt und ruhig sagte der Uralte: �Die Reise wird so sein, wie die Reise sein mu�. Die Bedingungen sind so. Ich besitze nicht die Kraft, sie zu �ndern.�</p><p>�Aber das ist doch �berhaupt keine Antwort�, sagte Gilgamesch.</p><p>Helena sagte bebend, und sie wirkte auf einmal sehr klein: �Das macht mir Angst! So ins Unbekannte zu gehen, ohne zu wissen, ob wir uns auch bestimmt dr�ben wiedersehen werden��</p><p>�Wir werden uns wiedersehen�, versprach Enkidu trotzig. �Irgendwie werden wir es, das wei� ich! Du mu�t es nur glauben!� Er schaute auf sie hinab. �Wir sind uns einmal begegnet, und wir werden uns immer nahe sein. Das mu�t du glauben. Du mu�t einfach!� Und er zog sie dicht an sich. �Sag etwas, ja?�</p><p>�Ja�, murmelte Helena, Ihre Augen strahlten wieder, ihr Gesicht strahlte wieder. �Ja, ich glaube, das werden wir. Ganz gewi�, Enkidu.�</p><p>�Und du, Bruder? Was meinst du? Kommst du mit uns?�</p><p>Gilgamesch blickte umher. Enkidu, Helena, der Behaarte Mann. Hinter ihnen Herodes. Weiter weg Vy-otin und Ninsun. Alle stumm. Ihr Schweigen brandete ihm entgegen wie die Wogen einer w�tenden See. Eine seltsame Entschlu�unf�higkeit bem�chtigte sich seiner und l�hmte ihn, so da� er wie erstarrt vor K�lte war.</p><p>Er hatte sich f�r diese Fahrt entschieden, so gefahrvoll und voller Geheimnisse sie sein mochte, einzig um an Enkidus Seite bleiben zu k�nnen. Der Behaarte aber bot ihm daf�r keine Sicherheit. Und wenn Enkidu wahr sprach und der Behaarte in Simons Auftrag Unheil wider sie wirken sollte, um dessen Zorn �ber die Weigerung, Helena auszuliefern, zu verdeutlichen�� aber nein, das pa�te einfach nicht zu Simon, und auch der Behaarte hatte noch nie ein Zeichen von Arglist erkennen lassen.</p><p>�Nun, Bruder?� fragte Enkidu.</p><p>Gilgamesch blickte den Haarigen Mann fest an. Aber das eisgraue Zottelgesicht verriet nichts. Er blickte zu Herodes hin, doch der zuckte nur die Achseln und wandte die Augen ab. Er blickte zu Vy-otin und bekam auch von dessen einem brennenden Eisj�gerauge keine Antwort. Und dann sah er zu Ninsun, und sie l�chelte.</p><p>Sie nickte.</p><p>�Mutter?� sagte er.</p><p>�Wann w�rest du je vor einer Gefahr zur�ckgeschreckt, mein Sohn?�</p><p>�Du willst, da� ich mitgehe?�</p><p><emphasis>�Du</emphasis> willst es�, sagte Ninsun. �Also, was z�gerst du?�</p><p>�Aber du sagtest doch��</p><p>�Nat�rlich m�chte ich, da� du hierbleibst. Ich w�rde l�gen, wenn ich dir etwas anderes sagte. Aber ich sehe auch, da� du dich f�r diesen Weg entschieden hast, und niemand k�nnte dich aufhalten, noch sollte das einer. Du bist Gilgamesch, und du wirst tun, was Gilgamesch will. Au�erdem, Enkidu hat recht. Ihr werdet einander finden. Irgendwie.�</p><p>�Ja�, sagte Gilgamesch, und ihm war, als br�che ein Damm in seinem Herzen. �Du hast mir stets nur die Wahrheit gesagt, Mutter. Wie sollte ich jetzt an dir zweifeln?�</p><empty-line/><p>Der Behaarte Mann sagte: �Hier ist die Salbe. Reibt euch damit die Wangen ein und den Hals und �ber den Augen. Dann la�t Stille in euer Herz einziehen und wartet.�</p><p>�So ist es also eine Zauberdroge, die uns hinbringt?� fragte Gilgamesch. �Die gleiche, die Calandola benutzte bei der Offenbarung der Erkenntnis?�</p><p>�Nichts dergleichen�, antwortete der Behaarte.</p><p>Er setzte drei Schalen aus wei�em Porzellan vor sie hin. Sie befanden sich in einem der obersten R�ume des Palasts, einem kahlen leeren Gemach mit schmalen Schlitzen als Fenstern, durch die nur ein h�chst schwacher Lichtschimmer drang und ein Hauch gluthei�er Luft. Gilgamesch warf einen Blick zu Enkidu hin�ber, der bereits die Schale genommen hatte und sich das Zeug eifrig ins Gesicht rieb. Auch Helena begann sich damit einzureiben. Doch er selbst z�gerte, nach seinem Salbentigel zu greifen. Es �berraschte ihn, da� er in einem so sp�ten Augenblick noch zaudern sollte. Er wu�te, das hing mit den Ver�nderungen zusammen, die sein Geist in seinem j�ngsten Leben durchgemacht hatte: Er, der einstmals vor nichts gez�gert hatte, starrte nun beklommen auf den kleinen wei�en Porzellantigel, als enthielte er ein scharfes Gift, das ihm das Fleisch von den Knochen brennen w�rde.</p><p>Also sprach er zu dem Behaarten: �Sag du mir nur eines noch��</p><p>�Sag mir, sag mir, immer nur sag mir! Genug der Fragen, K�nig Gilgamesch! Tu es einfach! Geh!�</p><p>�Genau, Bruder!� rief Enkidu. �Wir m�ssen alle gemeinsam aufbrechen!�</p><p>�Ja�, stammelte Gilgamesch. �Das m�ssen wir.�</p><p>Und er nahm den Salbtopf. Dieser war warm, und aus ihm stieg ein starker Duft auf, der war wie Honig und Wein und Rosen�l, aber dazu auch noch scharfe brennende Gew�rze, die ihm in die Nase stachen, und noch etwas anderes, ein schweres, beklemmendes Aroma, dunkel, dumpf und fremdartig. Die beiden anderen hatten ihre Salbung inzwischen beinahe beendet. Gilgamesch tauchte die Finger in den Topf und hob die Salbe an sein Gesicht. Kurz dachte er an jene andere Salbung, die Calandola mit jenem seltsamen �l an ihm vorgenommen hatte, als er ihm einen fremdartigen Wein zu trinken gab und dann ein gr��liches Fleisch zu essen, und er erinnerte sich wieder an alles, was aus diesem unheimlichen Ritual entstanden war. Nun, so sei es denn, und komme, was da wolle: Er hatte sich auf dieses Abenteuer eingelassen, also wollte er nicht l�nger zaudern. Er rieb sich die Salbe auf die Wangen und f�hlte ein Brennen, jedoch es war nicht schmerzhaft, und er rieb sich davon den Hals ein und die Stirn, bis das T�pfchen leer war, und der Duft der Salbe stieg ihm in die N�stern und zog tief hinab in seine Lunge.</p><p>Beinahe sogleich f�hlte er sich benommen, sp�rte, da� ihm die Kehle eng wurde. Er wankte, fing sich wieder, wankte erneut. Die Stille ringsum war gewaltig. Er hatte mit Rascheln, Zischen und Brummen gerechnet, mit Traumger�uschen, Hexenl�rm, mit unheimlicher Musik in der Luft, dem Klatschen von Fledermausfl�geln, dem Kreischen und Heulen von Ungeheuern. Aber da war nichts. Nichts. Nur best�rzend klare Wahrnehmung und eine gewaltige Stille, die das Schweigen des Mondes h�tte sein k�nnen.</p><p>Er sah zu Enkidu und Helena hin�ber. Sie standen entfernt voneinander und hatten starre Augen, als schauten sie in ein endloses Nichts. Der Behaarte Mensch war nirgendwo zu sehen.</p><p>�Bruder!� rief Gilgamesch. �Ich sp�re, da� ich fortgehe, Bruder. Wirst du mitgehen?�</p><p>Doch er konnte nicht einmal den Klang der eigenen Stimme h�ren, und von Enkidu kam keine Antwort.</p><p>Und dann sah er pl�tzlich die beiden nicht mehr. Er befand sich allein und auf einer gro�en kahlen Fl�che unter einem leeren Himmel. Hinter ihm ragte ein vereinzelter gewaltiger Felsen auf, hoch wie ein Gebirge. Vor ihm g�hnte der Abgrund, der gewaltige Ri�, der zwischen den Welten liegt. Und am Rand dieses Abgrunds ragte ein ungeheuer hoher Baum unerme�lich weit empor, ein blattloser Baum, nur mit kahlen starren �sten, die ihrerseits gleichfalls so dick waren wie gewaltige B�ume, die wie Leitersprossen von ihm ausgingen.</p><p>Und er wu�te, was f�r ein Baum das war. Es war die <emphasis>Axis Mundi,</emphasis> die Spindel der Welt, der Baum des Lebens, um den alles andere sich dreht, dessen Wurzel im Kern der Sch�pfung ankert, und seine Zweige ragen �ber das Dach des Himmels hinaus. Und er mu�te da hinaufsteigen, um das Land der Lebenden zu erreichen.</p><p>Er griff nach dem untersten Ast und schwang sich hinauf.</p><p>Anfangs ging das ziemlich leicht. Greif nach oben, pack dir den n�chsth�heren Ast, zieh dich hinauf, mach eine kurze Pause, klammere dich mit beiden Armen fest, dann recke dich hoch, stemm dich, ein Bein hinauf, dann das andere, mach eine Pause, und dann mach weiter. Aufw�rts, aufw�rts und weiter aufw�rts. Steige auf und klettere und krieche nach oben, bis du aus dieser Welt hinausgeklettert bist und die erreicht hast, die direkt an sie grenzt.</p><p>Hinauf! Hinauf! Nach oben�</p><p>Doch w�hrend er hinaufstieg, merkte er, da� er zugleich nach unten geriet. Der Baum schien gleichzeitig in beide Richtungen zu wachsen, so da� jeder Fortschritt nach oben�� und jetzt sah er bereits weit �ber seinem Kopf den Nordstern in kaltem Licht funkeln�� ihn ebenfalls nach unten brachte, in den finsteren luftlosen Abgrund, in die gro�e Mutterh�hle des Kosmos. Er versuchte nicht, das zu verstehen. Am Angelpunkt, an der Achse der Welt, wer konnte da schon irgend etwas verstehen? Wenn der Weg nach au�en auch gleichzeitig der nach innen war, nun gut. Nun gut so. Er stieg weiter, Sprosse um Sprosse um Sprosse auf der Baumleiter. Das Holz f�hlte sich glatt und kalt unter seinen H�nden an. Und dann wu�te er nicht mehr in welche Richtung er sich bewegte, er steckte in einer Erdkluft, einem gewundenen unterirdischen Durchgang, aber ebenso war er zugleich weit �ber dem Boden, weit droben in einem von Sternenfunken wimmelnden Bereich mit eisigen Winden und ewiger Nacht. Es war eine Zeit jenseits der Zeit, ein Raum au�erhalb allen Raums. Er befand sich tief im Mutterscho� der Welt. Dem Dach des Himmels nahe.</p><p>Und nun wu�te er, da� er den �bergang von einer Welt in eine andere machte.</p><p>Vor ihm erhellte es sich. Der Baum war hier nicht l�nger blattlos und kahl: Er stand in wilder Bl�te, barst vor blutroten Bl�ten, und als Gilgamesch nach hinten blickte, sah er, da� der Boden rings um den Baum von einem Teppich roter Bl�tenbl�tter bedeckt war, wie wenn dort ein Blutopfer stattgefunden h�tte. Er stieg hier rascher durch diesen Teil des Baumes, da hier die �ste nicht mehr so dick waren, sondern er sie leicht mit einer Hand umspannen konnte, �berall um ihn her rieselten scharlachrote Bl�tenbl�tter, fingen sich in seinen Haaren, klebten an seinem Gesicht, an seinen Schultern, bedeckten ihn wie ein Mantel.</p><p>Und nun konnte er nicht h�her steigen. Er konnte nicht tiefer hinabtauchen.</p><p>F�r einen kurzen Augenblick, der sich dehnte, bis er die ganze Ewigkeit umfa�te, erstarrte die Welt in einem Zustand der Stasis, der das Nichts-Sein des Todes selbst �bertraf.</p><p>Da pl�tzlich brach die Stille auf, und um ihn tobte ein Sturm aus L�rm und Licht und Bewegung und Schwingung. Von der Wucht des Ganzen war er derma�en bet�ubt, nachdem er aus dieser unheimlichen Stille gekommen war, da� seine erste Regung war, sich zusammenzukauern, sich Ohren und Augen zu bedecken und abzuwarten, bis der Ansturm von Sinneswahrnehmungen �ber ihn hinweg und vorbeigezogen w�re. Doch er zwang sich, aufrecht dazustehen, und er sah und schaute starr und in bl�dem Erstaunen.</p><p>Zuerst, noch ganz benommen, glaubte er, da� er irgendwie in Nova Roma gelandet w�re, der hektischen Stadt der Verr�ckten, die f�r ihn die Verk�rperung aller schlimmsten �bel war, welche die Sp�ter Gestorbenen in die Nachwelt mitgebracht hatten. Aber nein. Nein, dieser Ort war weit gr��licher als sogar Nova Roma. Im Vergleich zu dem hier war Nova Roma eine Insel des Friedens. Er war in einem Land der Alptr�ume gelandet. Er hatte die Pforte zwischen Welten durchquert, nur um an einen Ort voller entsetzlicher Hektik und scheu�lichen l�rmenden Wirrwarrs zu gelangen, �ber alle Ma�en unbegreiflich h��lich, ein H�llenort wie keine andere St�tte, die er je gesehen hatte.</p></section><section><title><p>21</p></title><p>Rings um ihn ragten kolossale gezackte Bauwerke, von denen nicht zwei einander glichen, wie m�chtige Palisadenpf�hle in den Himmel. Sie waren so hoch, da� Gilgamesch nicht begreifen konnte, wie sie aufrecht stehen konnten, ohne umzupurzeln, und w�hrend er noch ungl�ubig zu ihren fernen Spitzen hinaufstarrte, schien ihm, da� sie im n�chsten Augenblick krachend einst�rzen m��ten.</p><p>Die Luft war d�nn und scharf, schneidend wie eine Messerklinge, und die ersten paar Atemz�ge verursachten ihm �belkeit, bis er sich an den Geschmack gew�hnt hatte. Der Himmel war ein fahles tr�bes Eisengrau, so wenig man von ihm zwischen den hohen Spitzen der Geb�ude sehen konnte. Gilgamesch befand sich auf einem breiten geraden Boulevard, auf dem sich in erstickender Dichte rasch eilende Fahrzeuge dr�ngten. Rechts und links sah er weniger breite Stra�en, die rechtwinklig von links und rechts auf den gro�en Boulevard trafen, abgezirkelt und unnat�rlich starr, wie von einem verr�ckten Mathematiker angelegt. Der Boden bebte, m�glicherweise von der Wucht der lauten stinkenden Heerscharen von Fahrzeugen, die unabl�ssig dr�hnend vorbeizogen. Gilgamesch trug irgendein Kleidungsst�ck der Sp�ter Toten, es war eng, kniff und war unbequem.</p><p>Massen von Leuten in grotesken Sp�ttotenkleidern �hnlich dem seinen dr�ngten an ihm vorbei wie verzweifelte Soldaten, die in eine Schlacht eilen, sie br�llten heiser, fuchtelten w�tend mit den Armen, schubsten ihn und stie�en ihn und bahnten sich ihren Weg um ihn herum, der wie erstarrt mitten in dem Menschenstrom stand.</p><p>Er sah sich um. Das Geb�ude direkt hinter ihm, es war eines der h�chsten, schien ganz aus den Platten eines wei�lichen stumpfen Metalls gemacht und stieg, Turm �ber Turm sich erhebend, in Stufen nach oben. An und f�r sich schon seltsam: ein Geb�ude aus Metall. Die stumpfen bleichen Platten, welche die Au�enh�lle des Bauwerks bildeten, wirkten derma�en d�nn, da� er seinen Finger h�tte hindurchsto�en k�nnen, und sie waren mit st�ndig sich wiederholenden ornamentalen Basreliefs geschm�ckt, die ganz und gar und �berhaupt nicht �sthetisch angenehm waren, eher eigentlich vulg�r wirkten. Und es gab kein richtiges Tor, nur eine g�hnende �ffnung in eine weite Halle. Und dort st�rzten sich wilde Menschenhorden mit eisigen Augen hindurch und zu kleineren �ffnungen im Innern oder in ebenerdige Ladengesch�fte mit gl�sernen W�nden, wo irgendwelche glatte, unbegreifliche Produkte der Sp�ttoten zum Verkauf standen.</p><p>Hinter diesem Geb�ude standen weitere, aus Metall in jeglicher T�nung, aus Stein, aus Glas. Ein paar Stra�en weiter sah er eins, das war breit und nicht so hoch wie die anderen, das ein Tempel h�tte sein k�nnen, oder ein Palast: Es war aus bleichem grauen Stein und nicht ganz un�hnlich dem Bau, den Dumuzi sich im Nachwelt-Uruk hatte errichten lassen, mit gro�en gew�lbten Portalen und Doppelt�rmen, die sich �ber der reichgegliederten Fassade erhoben. Dahinter stand ein weiterer Turm aus mattschimmernder dunkler Bronze, so schien ihm jedenfalls, der so hoch war, da� er gewi�lich durch seine H�he sogar die G�tter h�tte erz�rnen m�ssen. Und dahinter noch ein Turm, beinahe ebenso gewaltig, und noch einer und mehr und mehr�</p><p>In seinem Kopf war ein wildes Br�llen.</p><p>Weshalb mu�ten sie alles so eng bauen und so hoch? Nie h�tte er sich eine Stadtlandschaft von derart beeindruckender Brutalit�t vorstellen k�nnen. Kein einziger Flecken Gras in Sicht, nicht ein Baum. Und der L�rm, die wahnsinnige Hektik, die leeren gehetzten Gesichter, die er �berall ringsum sah�</p><p>War es wirklich denkbar, da� das hier der Ort der Lebenden war? Oder war er get�uscht und betrogen worden, und hier war die Grube, die Tiefe, der Unterste Schlund, in die er geraten war?</p><empty-line/><p>- �Jesus! Schau dir den Brocken an!�</p><p>- �Kannst du mir sagen, wie sp�t es ist, Mister? He, Mister? Du da, Mister?�</p><p>- �Um Himmels willen, steh doch nicht so bl�d da und versperr die ganze verdammte Stra�e!�</p><p>- �Brauchst du �nen Walkman? Zum halben Preis? Brandneu, noch in der Originalpackung. Wir haben Armbanduhren, echte Rolex, du glaubst es nicht, wenn du den Preis h�rst, gleich zum Mitnehmen�� oder viel leicht einen TV-Portable? Sony, Zweizollbildschirm?�</p><p>- �Mammi? Mammi?�</p><p>- �Eine Kleinigkeit f�r die Obdachlosen?�</p><p>- �Tschuldigung��</p><p>- �Tschuldigung��</p><p>- �He, du Brocken, beweg deinen Arsch!�</p><p>- �Koschere Dogs? Krakauer? Falafel?�</p><p>- �Bitte nimm es und lies. Das Allerneueste �ber die Ankunft des Messias, und der HERR segne dich��</p><p>- �Mammiiii?�</p><p>- �Ich brauch� man blo� �n paar Kr�ten f�r �nen U-Bahnfahrschein, k�nntest du mir vielleicht �n bi�chen aushelfen?�</p><p>- �Jesus Christus! <emphasis>Steh</emphasis> doch nicht so bl�d da rum!�</p><empty-line/><p>Wenn es ihm m�glich gewesen w�re, er h�tte nach dem Baum gesucht, der zwischen den Welten w�chst, und w�re wieder in den Bereich zur�ck geklettert, den er so �berst�rzt hinter sich gelassen hatte. Doch dieser Baum war nirgendwo zu sehen�� und ebenso wenig irgendein anderer Baum. Was immer dies f�r ein Ort war, Gilgamesch sah keine unmittelbare Fluchtm�glichkeit. Und er sah auch keinen seiner beiden Begleiter, mit denen er den �bertritt gemacht hatte.</p><p>Er starrte in das wilde Gew�hl um sich herum.</p><p>�Enkidu?�</p><p>Keine Antwort.</p><p>�Enkidu? H�rst du mich?�� Enkidu?�� Enkidu?�</p><empty-line/><p>Da� er sich hier in einer anderen Welt befand, daran zweifelte er nicht. Ziemlich wahrscheinlich handelte es sich dabei tats�chlich um das Land der Lebenden, aber in den Tausenden von Jahren seit seinem letzten Besuch zur Unkenntlichkeit ver�ndert, und nicht nur durch eine alptraumhafte Vision, die irgendwie durch die Salbe des Haarmenschen hervorgerufen worden war. Die Sonne war gelb, so wie er sie aus der Welt seiner ersten Geburt in Erinnerung hatte, nicht r�tlich. Die Fahrzeuge in den Stra�en waren denen der Sp�ter Toten aus der Nachwelt recht �hnlich, mit geringf�gigen subtilen Formvarianten, womit aber nat�rlich zu rechnen gewesen war. Alle Leute waren hier mehr oder weniger gleich gekleidet; keine Spur von der breiten Vielfalt von Kleidung, Erscheinungsbild und Gehaben, von der zuf�lligen ungezwungenen Vermischung aller Zeitstile und V�lker, wie man sie in allen gro�en St�dten der Nachwelt sehen konnte. Aber vor allem: Jedes und alles, das sich nicht in Bewegung befand, wirkte starr, fest, bleiern, festgenagelt an seinem Ort. Die Fassaden der Geb�ude verschoben sich nicht mit jener traumhaften Beweglichkeit, wie Gilgamesch sie mit der Nachwelt verband, die Stra�en vermittelten ihm nicht den Eindruck, sie k�nnten ihre Richtung �ndern, alles war fest, starr, steif und regelm��ig.</p><p>Und er sah auch keine D�monenwesen, weder kleine noch gro�e, wie sie �berall in der Nachwelt umherfliegen und</p><empty-line/><p>-gleiten und -kriechen und -h�pfen und -tanzen, in den St�dten und auf dem Lande. Die einzigen Tiere hier waren anscheinend Hunde�� Hunde von seltsamer Rasse, denen gar nicht sehr �hnlich, die er kannte, und sie waren an Leinen gebunden und begleiteten die Passanten in den Stra�en. Ein gro�er dunkler Hund mit steif nach oben ragenden Ohren blieb stehen, knurrte Gilgamesch an und scharrte in pl�tzlicher grundloser Hast auf dem Pflaster, und es kostete Gilgamesch einige Zur�ckhaltung, sich nicht auf die Bestie zu st�rzen und ihr mit dem Dolch die Kehle aufzuschlitzen.</p><p>Doch er trug ja gar keinen Dolch bei sich. Und er hatte auch seinen Bogen nicht. Er war g�nzlich waffenlos, merkte er, und das war ein Gef�hl, schlimmer als nackt zu sein.</p><empty-line/><p>Es war leichter geworden, als sie erwartet h�tte, auf diesen gro�en merkw�rdigen Baum zu steigen. Als sie nach oben blickte, dachte Helena, es werde ihre Kr�fte �bersteigen, von einem der riesigen �ste zum anderen zu klettern, doch sobald sie damit begonnen hatte, erschien es ihr beinahe so m�helos wie sich im Wasser treiben zu lassen.</p><p>Sehr merkw�rdig, h�her und h�her zu schweben und dabei scheinbar wie in einem gewaltigen Treppenhaus abw�rts zu steigen.</p><p>Nun, das war getan. Hier war sie. Kein Enkidu, kein Gilgamesch�� nur Horden von h��lichen kleinen Sp�ter Toten, die wie besessen durch die �berf�llte Stra�e dr�ngten. Und die Luft war kalt, und es blies ein schneidender Wind. Es war hier sogar noch windiger als in Troja, und au�erdem stank die Luft, war schwerbeladen von Staub und Rauch, so da� sie f�rchtete, es w�rde ihr die Haut wundscheuern, wenn sie noch l�nger in dieser Luft verweilte. Die hohen H�user waren allerdings wirklich beeindruckend, m�chtige schimmernde T�rme, die aussahen, als wohnten dort G�tter. Aber sie fand den Ort erregend, sein Tempo, den harten heftigen Pulsschlag. Sie wu�te, sie w�rde hier zurechtkommen.</p><p>Doch zun�chst mu�te sie irgendwie Enkidu finden�</p><p>Das Haus gleich vor ihr schien eine Art Regierungsgeb�ude zu sein, oder vielleicht ein sakraler Ort. Es erhob sich als breiter niedriger Bau aus grauem Stein an der Kreuzung zweier gro�er Durchgangsstra�en auf einem hohen platz�hnlichen Postament mit breiten Stufen. Auf der Treppe sa�en, trotz der K�lte, Menschen und lasen oder redeten, oder sie begafften einfach nur die anderen, die drunten auf der Stra�e vor�bergingen. An den Flanken der erh�hten Plaza sah sie die steinernen Bilder zweier Idole, L�wengottheiten, die auf eigenen niedrigen Piedestalen ruhten.</p><p>Dort drin fand sie vielleicht zust�ndige Ortsbeamte, konnte ihre Bedr�ngnis erkl�ren, sich eine Unterkunft besorgen lassen�</p><p>Von den Stufen her rief sie jemand an.</p><p>�He, Baby! Meinste nicht, du brauchst �nen Mantel bei dem Wetter?�</p><p>Sie streifte den Mann mit einem raschen Blick. Schlecht gekleidet, noch jung, str�hnige gelbe Haare, blasse blaue Augen, traurig h�ngender Schnurrbart. Ein Niemand. Doch er wirkte wenigstens freundlich.</p><p>Sie sagte: �K�nntest du mir sagen�� wie hei�t dieses Geb�ude hier?�</p><p>�Du machst wohl Witze! Du kennst die Bibliothek an der Zweiundvierzigsten nicht?� Er stand auf und kam langsam auf sie zu. �Von welchem Planeten kommst denn du?�</p><p>Helena l�chelte. �Ich bin gerade erst angekommen�� hier in dieser Stadt��</p><p>�Na, dann la� dir mal von dem ollen Georgie weiterhelfen.� Der junge Mann starrte sie l�stern an. Die Augen waren eisig und blitzten. Er pfiff leise durch die Z�hne und murmelte: �He, du bist �ne richtige Superbiene. Mann. Du solltest beim Film sein, wei�t du? Wie hei�t�n du?�</p><p>�Helena, ich��</p><p>�Helena. Fein. Komm doch her, ja? Ich will dir blo� meine Jacke leihen, okay? Komm schon, wir gehen wohin, wo�s warm ist und wo wir uns ein bi�chen n�her kennenlernen k�nnen.�</p><p>Er umfa�te ihre H�fte. Niemand ringsum schien ihnen die geringste Aufmerksamkeit zu schenken.</p><p>�La� mich in Ruhe!� sagte sie mit jener Stimme, die sie benutzt hatte, als sie noch K�nigin in Sparta war.</p><p>Der Mann starrte sie an. �Ah! Feuer, was? Das mag ich. Komm schon, Komm mit!�</p><p>�Bleib mir vom Leib!�</p><p>Er umfa�te sie, zog sie an sich, sein Arm glitt um ihre Schultern und dann zu ihrer Brust. In der anderen Hand hielt er ein Messer, dessen Spitze kaum sichtbar war. Die Menschen, die auf den Stufen sa�en, wandten einfach nur die K�pfe weg. Das konnte sie nicht verstehen, da� es sie so gleichg�ltig lie�, was ihr geschah.</p><p>�Laߠ� mich�� los!�</p><p>�Ah, Baby. Baby, Baby, Baby!�</p><p>Nach einiger Zeit wurde Gilgamesch es leid, sich von den Massen anrempeln zu lassen, w�hrend er da so vor dem metallverkleideten Geb�ude stand, und er setzte sich in Bewegung. Vor sich hatte er sichtbar die Sonne, eine bleiche Sonne tief �ber dem Horizont in der Schneise, welche die Stra�e durch die H�user schnitt. Dies und die eisige Luft verrieten ihm, da� es Sp�therbst sein m�sse oder Winter, und so bewegte er sich also gewi�lich in s�dlicher Richtung, doch davon abgesehen wu�te er nicht, wohin er ging, noch weshalb.</p><p>So voll die Stra�e war, die Leute wichen ihm aus, sobald er sich ihnen n�herte. Vielleicht weil ich so gro� bin, dachte er. Oder vielleicht weil ich f�r sie ebenso fremdartig und beunruhigend wirke wie sie in ihrer andersartigen wilden Hektik auf ihn.</p><p>Nach einer Weile wurde ihm bewu�t, da� er Hunger hatte. Auf den Stra�en standen immer wieder Metallw�geichen, und er blieb bei einem stehen und zeigte auf einen Beh�lter aus Metall, in dem �ber einem Rost W�rste dampften.</p><p>�Eine davon�, sagte er.</p><p>�Mit Senf und Sauerkraut?�</p><p>�Ich verstehe nicht?�</p><p>�Welche Sprache soll ich denn reden? <emphasis>Senf, Sauerkraut, Zwiebeln,</emphasis> sag mir einfach was du haben willst, okay?�</p><p>�Gib es mir einfach�, bat Gilgamesch.</p><p>�Aber klar, mein Freund. Was du willst.� Der Verk�ufer steckte die Wurst in ein zusammengeklapptes l�ngliches Brot und reichte dies dem Sumerer, der sofort zu essen begann. Nach vier Bissen war er damit fertig.</p><p>�Noch eins�, sagte er.</p><p>�Das macht einsf�nfundneunzig�, sagte der Mann.</p><p>�Ja. Noch eins�, sagte Gilgamesch.</p><p>Der Verk�ufer sah ihn starr an. �H�rst du nicht? Einsf�nfundneunzig!�</p><p>�Das verstehe ich nicht. Aber ich bin sehr hungrig.�</p><p>�Ist mir klar, Freundchen. Aber erst mal zahlst du f�r die eine.�</p><p>�Bezahlen�� dich?�</p><p>�Mich bezahlen, genau. Du verstehen? Du schpiekie die Ihnglisch recht gut.� Und er streckte ihm die Hand hin. �R�ck schon r�ber damit, du Schwanz! Eins-f�nf-undneunzig, und h�r auf, so rumzufurzen, oder ich rufe �nen Bullen!�</p><p>Und nun begann Gilgamesch zu begreifen.</p><p>�Ach? Du willst Bezahlung? Aber ich habe kein Geld!�</p><p>�Jesus-Hilfmir-Christus! Was bist�n du f�r einer? Aus dem Zirkus davongelaufen? He, Polizei! Der Kerl da will nicht f�r seinen Hotdog bezahlen!�</p><p>Es war nicht zu verkennen, hier drohte �rger. Gilgamesch sah einen Mann mit einem spitzen Kopfhut, in einem grob wirkenden dunkelblauen Bekleidungsst�ck, das anders aussah als alle die Kleider, die sonst jemand in der N�he trug, von weiter oben in der Stra�e zu ihnen hersehen. H�chstwahrscheinlich so eine Art Stra�enw�rter. Er begann sich mit ruhigen gleichm��igen Schritten zu entfernen, ohne sich noch einmal umzuwenden.</p><p>Der Wursth�ndler aber schrie weiter laut, und der Wachmann rief ebenfalls etwas. Manche der Menschen starrten her. Nach zwanzig Schritten warf Gilgamesch �ber die Schulter einen Blick �ber die dichten Menschenmassen hinter sich und sah, da� der blaugekleidete Mann hinten irgendwie eine winkende heftige Handbewegung machte, dann die Faust wider ihn hob und sch�ttelte, und sich mit einem Achselzucken abwandte. Dann h�rte er das w�tende Schreien des Wurstverk�ufers noch eine Weile, dann nicht mehr.</p><p>Wahrscheinlich war es eine zu gro�e M�he f�r den Mann, ihn in der Menschenmenge wegen der Summe f�r ein W�rstchen zu verfolgen. Aber w�hrend Gilgamesch rasch weiter die Stra�e hinunterschritt, begriff er, da� er vorsichtig sein mu�te. Selbstverst�ndlich mu�ten die Menschen hier Geld f�r Nahrung fordern. Aber in seinem Beutel befand sich nichts, was aussah, als w�re es ein orts�bliches Zahlungsmittel. Anscheinend hatte ihn der Behaarte Mann hierher geschickt, ohne ihn ausreichend vorzubereiten, wie man sich in dieser anderen Welt zu verhalten hatte, und ihn so gezwungen, auf alle Reste von pers�nlichem Einfallsreichtum zur�ckzugreifen, �ber die er verf�gte.</p><p>Er �berlegte sich, ob er eine Chance hatte, mit diesem verwirrenden, komplizierten Ort zurechtzukommen. Er hatte zu lange abgesondert gelebt, war seinen einsamen Pfad durch die Wildnis gezogen, und als er sich wieder zwischen die anderen Menschen, die M�nner und Weiber, begeben hatte, war er K�nig gewesen. Von einem K�nig wurde nicht verlangt, da� er die Kunst beherrschte, wie man auf der Stra�e W�rstchen kauft. Sein Enkidu, ungeschliffen, direkt und ungehemmt, wie er war, Enkidu war wahrscheinlich weit besser darauf vorbereitet, sich hier zurechtzufinden, als er.</p><p>Doch wo sollte er in diesen Massen von Fremden Enkidu finden k�nnen?</p><p>Er wanderte weiter. An jeder Stra�enecke standen Signalmaste mit Lampen, die angaben, zu welcher Zeit die Fahrzeuge sich bewegen durften und wann die Fu�g�nger. Rotes Licht�� Warten. Gr�nes Licht�� Gehen. Eine vern�nftige Einrichtung, jedenfalls f�r hier. Doch Gilgamesch bezweifelte stark, da� so etwas in dem Zufallsdurcheinander der Nachwelt funktionieren w�rde, wo die Signale h�chstwahrscheinlich gleichzeitig rot und gr�n leuchten w�rden, oder gr�n f�r alle, oder in einer g�nzlich anderen Farbzusammenstellung.</p><p>�berall standen Verk�ufer, die auf Wagen Essen feilboten. Die D�fte, die davon aufstiegen, l�sten in ihm einen qualvollen Hunger aus. Ihm war ganz schwach vor Hunger, doch er zwang sich weiterzugehen. Bis er herausfand, wie man hier auf anst�ndige Weise an Nahrung kam, wollte er mit diesem schwierigen Volk mit der ordin�ren Sprechweise nichts zu schaffen haben.</p><p>Vor ihm lag nun eine bedeutende Kreuzung, wo eine zweite breite Stra�e jene kreuzte, die er entlangging. Auf der anderen Seite erblickte er ein beeindruckendes Bauwerk, das dem recht �hnlich sah, das er ungef�hr ein Dutzend Stra�en weiter hinten gesehen hatte, ein St�ck von der Stra�e abgesetzt, steinern grau, von weit geringerer H�he als die es umgebenden Bauten, jedoch ebenfalls gro� in Masse und Weite, und man gelangte von einer Plaza aus �ber eine weite Steintreppe hinauf. Das Geb�ude hatte keine T�rme, und seine Fassade war nicht mit so reichen Steinschnitzereien versehen wie die des anderen Hauses, das, wie er sich �berlegte, ein heiliges Haus gewesen sein mu�te, eine�� wie hatte Herodes das genannt?�� eine Kathedrale. Davor befanden sich zwei Statuen von L�wen, nicht besonders furchteinfl��ende L�wen, vielleicht Symbolfiguren f�r die Kraft und G�te des Ortsk�nigs.</p><p>Hier konnte recht gut der Regierungspalast sein, dachte Gilgamesch. Dann war es wohl angebracht, dort einzutreten, einem der Wesire zu bedeuten, da� er der K�nig eines fernen Landes sei, durch pl�tzlichen Zauber hierher versetzt, und da� er seinen Bruder, den Herrscher dieses Ortes, um Gastfreundschaft bitte. Zweifellos w�rden sie hier nichts von Uruk geh�rt haben, dennoch war er zuversichtlich, da� die Beamten des Hofes ihn freundlich empfangen w�rden. Sie w�rden ihn ganz sicher ernstnehmen m�ssen, so k�niglich wie seine Haltung und sein Gehaben waren, so selbstsicher. Und gewi� w�rden sie ihn auch mit w�rmerer Kleidung ausstatten, ihn mit einigen M�nzen aus der k�niglichen Schatulle versehen, und der K�nig w�rde ihm bei der Suche nach Enkidu helfen�</p><p>Ja. So mu�te es sein. Ja.</p><p>Er begann die Treppe hinaufzusteigen.</p><p>Auf noch nicht halber H�he fiel ihm etwas Ungew�hnliches nur ein paar Stufen weiter oben auf. Eine dunkelhaarige Frau, die f�r einen derart kalten Tag viel zu d�nn bekleidet war, rang dort mit einem sch�big angezogenen Mann, der sie mit sich fortzuzerren versuchte, wie es aussah. Das Gewand der Frau war zerrissen, und sie fluchte und kreischte. Mit dem einen freien Arm schlug sie w�tend auf den Mann ein, doch es nutzte wenig, denn dieser lachte nur und redete die ganze Zeit weiter, w�hrend er sie �ber die Stufen zerrte.</p><p>Am seltsamsten fand Gilgamesch, da� da zwar zahllose Leute auf den Stufen sa�en, davon einige ganz in der N�he des Mannes und der Frau, da� aber keiner dem Kampf die geringste Aufmerksamkeit schenkte. Vielleicht war es Brauch in diesem Land, da� M�nner den Frauen auf den Stufen vor �ffentlichen Geb�uden Gewalt antun mu�ten. Aber verlangte dieser Brauch auch, da� niemand dem Opfer zu Hilfe kommen durfte? Seltsam, seltsam. Gilgamesch z�gerte kurz, sah emp�rt hin, wu�te aber nicht, wie er angemessen reagieren sollte.</p><p>Doch dann h�rte er das Weib laut schreien: �Enkidu! Wo immer du bist, hilf mir! Hilfe, Enkidu!�</p><p>Bei allen G�ttern! Die Frau war Helena!</p><p>Gilgamesch setzte sich sofort in Bewegung, war im Nu die Stufen hinaufgeeilt, packte den Mann am Arm, hebelte ihn herum und verdrehte ihn ihm und zerrte ihn mit einem raschen Ruck von Helena fort.</p><p>Der Mann wirbelte herum und fauchte Gilgamesch w�tend an: �He, Mann, was soll�n der Schei�?�</p><p>�Gilgamesch! Er hat ein Messer!�</p><p>�Ich habe es gesehen.�</p><p>Die Klinge blitzte. Gilgamesch sah den Sto� kommen, der aufw�rts zur Mitte seiner Brust zielte, und fa�te das Handgelenk des Mannes, bevor die Waffe ihn treffen konnte. Er bog die Hand des Angreifers nach hintern Es gab ein scharfes knackendes Ger�usch, und das Messer entfiel seinen Fingern. Helena hob es auf und schleuderte es die Treppe hinab. Der Mann f�hrte vor Gilgamesch einen grotesken Tanz auf, er brabbelte und zischte vor Schmerz und Verbl�ffung und stie� einen Strom unverst�ndlicher Obsz�nit�ten aus. Voll Verachtung schlug Gilgamesch ihn, wie man nach einem l�stigen Insekt schl�gt. Die Ohrfeige ri� den Kerl in die Luft und schickte ihn taumelnd und mit Armen und Beinen wedelnd die gesamte Treppe bis zur untersten Stufe hinab. Vor dem linken L�wenstandbild schlug er mit dem Kopf gegen die Stufenkante und landete wie ein Haufen fortgeworfener Lumpen am Sockel des Bildnisses. Er wimmerte noch ein Weilchen, dann wurde er still.</p><p>Gilgamesch wandte sich zu Helena, die mit bleichem Antlitz, geweiteten Augen und zitternd dastand.</p><p>�Bist du verletzt?� fragte er. �Hat er dir etwas getan?�</p><p>�Nein, er hat mir nur einen Schrecken eingejagt. Der dreckige anma�ende T�lpel wagte es, mich anzufassen, mich, die einst eine K�nigin war, deretwegen der gr��te Krieg aller Zeiten angezettelt wurde�� Sie sch�ttelte den Kopf. �Ich habe keine Ahnung, was er mit mir vorhatte. Mich in seine H�tte zerren, nehme ich an. Glaubst du, du hast ihn umgebracht?�</p><p>�Ich bezweifle es. Nicht da� es besonders schade w�re um ihn. Ist Enkidu mit dir da?�</p><p>�Nein. Ich dachte, vielleicht ist er mit dir zusammen.� Pl�tzlich schien die ganze k�nigliche Emp�rung von ihr abzufallen, und sie war nur noch eine zierliche fr�stelnde Frau in einem zerknitterten und zerrissenen Kleid. �Wo sind wir hier gelandet, Gilgamesch? Was sollen wir tun?�</p><p>�Wir sind im Land der Lebenden. Und Enkidu mu� sich hier irgendwo ganz in der N�he aufhalten. Wenn wir einfach hier stehenbleiben und warten, vielleicht kommt er dann vorbei. Und sobald wir wieder zu dritt sind, k�nnen wir��</p><p>�Oh. Schau mal, Gilgamesch! Da unten.�</p><p>Am Fu� der Treppe, wo Helenas Angreifer immer noch lag, begann sich eine Gruppe von Menschen zu sammeln. Gilgamesch sah, da� einer von diesen blaugewandeten Stra�enw�chtern neben dem Mann kniete, und da� ein zweiter mit den dort versammelten Leuten sprach. Sie zeigten zu ihnen herauf. Einer der W�chter winkte Gilgamesch zu.</p><p>�Was willst du jetzt machen?� fragte Helena.</p><p>�Ich denke, ich gehe hinunter und spreche mit ihm. Ich habe nichts �bles getan. Und diese Staatsbediensteten k�nnen uns vielleicht helfen, eine Bleibe und etwas zu essen zu finden.�</p><p>�Er hat eine Schu�waffe, Gilgamesch!�</p><p>Der Sumererk�nig nickte. �Ich sehe es. Aber ich will ihm ja nichts tun. Ich bin unbewaffnet, das kann er kaum �bersehen.�</p><p>�Sei vorsichtig, sei; vorsichtig!�</p><p>Gilgamesch nickte.</p><p>Als er ihm nahe gekommen war, deutete der W�chter auf den dort liegenden Mann und sprach: �Hast du ihn die Treppe runtergeschmissen?�</p><p>�Der Mann hat mich angegriffen!� sagte Helena wild. �Ich bin fremd in dieser Stadt und bat um Auskunft, da packte mich pl�tzlich dieser Mann�� seht doch, wie er mir das Kleid zerrissen hat!�� Und wenn nicht mein Freund im rechten Moment vorbeigekommen w�re��</p><p>�Mal ruhig, Lady, nur Ruhe! Lassen wir erst mal den da sprechen. Du kannst dann gleich hinterher deine Aussage machen.� Und zu Gilgamesch sprach der W�chter: �Also? Hast du den da runtergeworfen?�</p><p>Gilgamesch m�hte sich um Gelassenheit. Die schneidenden schrillen Stimmen dieser unkultivierten kleinen Sp�ttoten, ihre �berheblichkeit und Unversch�mtheit, ja selbst die Art, wie sie Worte aussprachen, reizten ihn arg. Sie hingen um ihn herum, n�lend und n�selnd, ohne Ehrerbietung, bel�stigten ihn mit ihrem unverst�ndlichen Brei von Kauderwelsch. �Ich gab ihm eine Ohrfeige, ja, als er anfing, mich anzuschreien, und er st�rzte die Stufen hinab. Ich hatte nicht die Absicht�� es lag mir v�llig fern��, ihr m��t mir das glauben, da� ich nicht wollte�� bei Enlil, der Kerl ist doch Abschaum! Einfach ein Dreckskerl! La�t mich zufrieden. Ich habe nichts Unrechtes getan. Ich habe doch nur��</p><p>�He, Mann! He! Bleib cool, du Brocken!�</p><p>�Cool?� sagte Gilgamesch. �Cool?�</p><p>Der W�chter nickte. �Genau! Bleib cool, dann geht das alles f�r dich schon okay. Wir werden dich nicht einbuchten. Wir haben hier �ne Menge Augenzeugen f�r den Vorfall, und die sagen alle aus, da� du der Lady geholfen hast und da� er dich mit dem Messer bedrohte. Trotzdem m�ssen wir nach Protokoll vorgehen, verstehst du?�</p><p>Gilgamesch runzelte die Stirn. �Protokoll?�</p><p>�Also, zuerst brauche ich mal deinen Namen, okay?�</p><p>�Aber selbstverst�ndlich�, sagte Gilgamesch gro�m�tig. Er richtete sich zu seiner ganzen hohen Heldenhaftigkeit auf. �So wisset also, ich bin Gilgamesch, Sohn des Lugalbanda, K�nig von Uruk. Das Weib mit mir ist Helena, K�nigin von Sparta, ehemals Gemahlin von Menelaos, die �berall in dieser Welt und der anderen unter dem Namen Helena von Troja ber�hmt ist��</p><empty-line/><p>�Hinky?� rief Gallagher. �He, Hinky! Da ist jemand f�r dich. Telefon.�</p><p>�Ich komme�, sagte Enkidu.</p><p>Er entrollte sich auf dem schmalen Sofa, auf dem er erfolglos ein Nickerchen zu machen versucht hatte, und ging zur T�r des Umkleideraums auf der Hinterseite des Clubs, wo Gallagher ihn untergebracht hatte. Drau�en im Gang lehnte Gallagher, mit einem Drink in der Hand, direkt gegen�ber der T�r.</p><p>�Der Apparat ist gleich da unten�, sagte er.</p><p>�Ist es die Polizei?�</p><p>�Wer wei� sonst noch, da� du hier bist?�</p><p>�Niemand�, antwortete Enkidu.</p><p>�Dann mu� es die Polizei sein.�</p><p>�Haben sie meine Freunde gefunden?�</p><p>�H�r mal�, sagte Gallagher, <emphasis>�ich</emphasis> wei� das nicht. Der Anruf ist f�r dich. Also geh und rede mit den Leuten, dann erf�hrste schon, was los ist.�</p><p>�Genau�, sagte Enkidu. �Genau.� Und er begann den Flur hinunter zu gehen. Doch nach ein paar Schritten z�gerte er und sagte: �Willst du vielleicht an den anderen Apparat gehen, so wie vorher, Bill? Wenn mir nicht die richtigen W�rter einfallen, die ich sagen mu�. Du k�nntest dich einschalten, du k�nntest verhindern, da� ich bl�d wirke.�</p><p>�Ja�, sagte Gallagher. �Ja, das mach ich dann wohl besser.�</p><p>Zusammen gingen sie den Gang hinunter ans Telefon.</p><p>Es war der dritte Tag, den Enkidu hier verbracht hatte; in der kleinen Kammer hinten im Club Ultra Ultra in der West 54th Street. Gallagher hatte ihn auf einem Platz entdeckt, wo er umherirrte, den sie Times Square nannten, wo er nach Helena und Gilgamesch suchte. Gallagher war ein kleiner betriebsam wirkender Mensch mit dichtem, krausem sandfarbenen Haar, das dicht an seiner Sch�deldecke klebte, und er besa� die h�rtesten und k�ltesten blauen Augen, die Enkidu je gesehen hatte. Er hatte nicht lange gebraucht, Enkidu in ein Gespr�ch zu ziehen.</p><p>�Fremd in der Stadt, was?�</p><p>Enkidu hatte ihn angel�chelt. �Wie kannst du das wissen?�</p><p>�Ach, gar nicht so schwer, das zu sehen. Bist du �n Ringer? Vielleicht ein Ex-Footballspieler? Du suchst nicht zuf�llig �nen Job?� Die eisigen Augen glitzerten wie geschliffene Marmorkugeln. �Ein toller Brocken wie du. Ich h�tte da vielleicht Arbeit f�r dich, wenn�s dich interessiert.�</p><p>Etwas in der direkten Art von Gallagher sprach Enkidu an. Au�erdem, er war allein und viel st�rker durcheinander, als er sogar sich selber gern eingestanden h�tte, in dieser unvertrauten wirbelnden gro�en Stadt.</p><p>Vorsichtig fragte er: �Was w�re das f�r Arbeit?�</p><p>�Portier. Nachtclub. Rausschmei�er, meine ich.�</p><p>�Rausschmei�er�, wiederholte Enkidu, der nichts verstand. �Nachtclub. Aha.�</p><p>�Sechsfuffzig die Woche. Bar, wenn du das vorziehst. Sonntag- und Montagnacht frei. Getr�nke kostenlos, in gewissen Grenzen. Bei deinem Schwengel kannste dir wahrscheinlich soviel Weiber�rsche schnappen, wie du magst, wenn du darauf stehst.� Gallagher grinste. �Das interessiert dich, was? Ja, ich seh� schon, da biste echt interessiert. Wie hei�t�n du?�</p><p>�Enkidu.�</p><p>�Hinkadoo? Was issen das f�r �n Name? Pakistanisch? Israel? Nee, wart mal, ich hab�s; du bist aussem Iran. Stimmt�s? Die dichten schwarzen Haare, der dichte schwarze Bart. Jesus! Ich hab� gar nicht gewu�t, da� sie bei euch im Iran Leute von deinem Kaliber produzieren. Wie gro� bist�n du? Sechs Fu� sieben, sechs-acht? Sowas in der Preislage bestimmt. Also, jetzt komm, gehen wir r�ber zum Club, okay? Zehn Blocks weit, aber verdammt, wer kriegt schon in der Gegend hier um diese Zeit �n Taxi? Aber du kannst ja laufen. Ich wei�, du kannst laufen. Also komm! Ich hei�e Gallagher, Bill Gallagher. Blo� halb irisch, aber es ist die H�lfte, die was man sieht. Der Rest ist polnisch, ob du�s glaubst oder nicht, �ne tolle Mischung, was? Ein Mick und ein Polacke. Ich hab� mal einen Iranier gekannt, Khalili hie� der, Aziz Khalili. Vielleicht kennst du den ja auch, �n kleiner Kerl, halb so gro� wie du, dichter Bart, ganz traurige Augen, handelte mit gef�lschten Antiquit�ten, hatte �nen Laden dr�ben in der Siebenundf�nfzigsten, und der sagte immer �Ich bin kein Iraner, ich bin Perser��� ich glaub�, den haben sie dann zur�ckgeschickt, irgend so ein Trabbel mit seinem Visum��</p><p>Enkidu starrte stumm vor sich hin.</p><p>Er hatte vor langer Zeit und in einer v�llig anderen Welt gelernt, je weniger man sagte, desto besser an einem unbekannten Ort, wo man sowieso kaum verstand, wovon die Leute redeten. Hier redeten sie Englisch, oder so etwas in der Art, aber mit einem Akzent, der sich drastisch von allem unterschied, woran er sich aus der Nachwelt erinnerte, und sie schnatterten und qu�kten so rasch, da� es fast unm�glich war, ihren Worten zu folgen. Doch auch wenn er sie verstand, verstand er sie doch nicht, nicht wirklich. Es h�tte ebenso gut eine ganz fremde Sprache sein k�nnen. Dieser Gallagher hatte innerhalb zweier Minuten f�nfzig oder hundert Sachen gesagt, die f�r Enkidu keinen Sinn ergaben. Es war also klug, den Mund zu halten, viel zu nicken, die Achseln zu zucken, und Gallagher die ganze Rederei zu �berlassen.</p><p>Der �Club Ultra Ultra� erwies sich als ein d�sterer verrauchter Ort, an dem sich Menschen einfanden, um zu trinken und zu tanzen, und wo in etwa st�ndlichen Abst�nden Weiber erschienen, die zu Musik ihre Kleider auszogen. Es war Enkidus Aufgabe, an der T�r zu stehen und daf�r zu sorgen, da� keine betrunkene oder unordentlich gekleidete Person ins Innere Eintritt erhielt, und wenn jemand betrunken oder unordentlich wurde, <emphasis>nachdem</emphasis> er oder sie bereits Einla� gefunden hatte, mu�te Enkidu zu der Person gehen und sie ermuntern, den Ort ohne Aufsehen zu verlassen. Als Arbeit schien dies nicht �berm��ig schwer zu sein. Und er hatte eine Bleibe gefunden und einen n�tzlichen Verb�ndeten, der sich in dieser r�tselhaften Welt auskannte, in der Enkidu gelandet war.</p><p>Ehe er an seinem ersten Abend seinen Dienst antrat, kam Gallagher zu ihm mit einen Sto� von Papieren, die es auszuf�llen galt. Es seien Formulare, sagte er, f�r das Finanzamt, das Arbeitsamt und andere offizielle Sachen, der �bliche Kram bei Neueinstellungen, eben der reine Vorschriftenkram. Doch als er Enkidu fragte, wo er wohnte, antwortete dieser, da� er derzeit nirgendwo wohnte; und als Gallagher ihn nach seinem Familiennamen fragte, schwieg Enkidu lange und sagte schlie�lich, sein Name sei Enkidu. Gallagher sah ihn merkw�rdig an. �Hinkadoo Hinkadoo, so hei�t du? Und du wohnst nirgendwo. Und nat�rlich bist du auch nicht amerikanischer Staatsb�rger, nein, also hast du auch keinen amerikanischen F�hrerschein oder �ne Versicherungskarte oder �nen Paߠ� oder sonst irgendwie �n verdammtes offizielles Ausweispapier, stimmt�s? Hab� ich mir doch irgendwie fast gedacht. Eine Gr�ne Karte? Ach, das kann ich mir sparen, dich danach zu fragen. Und auch keinerlei andere Papiere, aus dem Land, wo du herkommst, wo immer das sein mag. Stimmt�s?�</p><p>�Stimmt.�</p><p>Und er sch�ttelte den Kopf. �Wei�t du, Hinky, ich k�nnte mich in die tiefste Schei�e reinreiten�� beim Gewerbeamt, bei der Einwanderungsbeh�rde, bei der Steuer, und Jesus allein wei�, wo sonst noch! Ein Kerl f�llt da vom Mars runter, und ich gable ihn so ganz einfach auf der Stra�e auf und heure ihn als T�rsteher an, einfach so, ganz ohne Papiere, mit nicht dem winzigsten Fetzen von Ausweis. Und er will mir nicht mal seinen verdammten Familiennamen sagen, was?� Enkidu starrte ihn nur an, denn er begriff nahezu nichts von dem Ganzen. Und Gallagher redete auch gleich weiter. �Die k�nnten mir glatt den Laden dichtmachen. Ich mu� verr�ckt geworden sein. Aber du gef�llst mir. Du gef�llst mir echt. Und ich brauche jemand, der die verdammten Besoffenen unter Kontrolle halten kann. Ich hab dich an Land gezogen, also kann ich dich jetzt auch genausogut gleich behalten. Also, du kriegst den Job, aber ohne offiziellen Vertrag, klar? Sobald irgendwer, der offiziell aussieht, hier auftaucht und dich fragt, ob du hier arbeitest, sagst du dem, nein, nein, du bist blo� zu �nem kurzen Besuch vorbeigekommen. Und du schaust besser, da� du nicht in irgendwelchen Trabbel kommst, ja? Und wenn doch, sch�n, dann hab� ich dich in meinem ganzen Leben noch nie gesehen. <emphasis>Capisce? Farstehn?</emphasis> Haste mich?� Gallagher holte tief Luft. �Mich mu� �n wahnsinniger Affe gebissen haben, da� ich sowas mache. Aber sag mir eins, nur ein ganz kleines Bi�chen, Hinky, ja? Machst du das? Sag mir blo�, was willste eigentlich �berhaupt hier in New York?�</p><p>�Ich versuche, meine Freunde zu finden�, antwortete Enkidu. �Gilgamesch, der mir wie ein Bruder ist. Und Helena. Sie sind irgendwo hier in dieser Stadt. Irgendwo.�</p><p>�Irgendwo? Aber das ist �ne ziemlich gro�e Stadt. Wei�t du denn nicht, wo?�</p><p>�Wir wurden getrennt, als wir herkamen. Das war gestern, glaube ich. Er ist sehr gro�, genau wie ich. Sie ist sehr sch�n und hat dunkles Haar. Ich mu� sie finden.�</p><p>�Hast du�s schon bei der Polizei versucht?� Dann lachte Gallagher. �Nein, bestimmt nicht bei der Polizei. Sch�n, h�r mal, wir versuchen es jetzt einfach mal. Wie hei�t dein Freund?�</p><p>�Gilgamesch.�</p><p>�Ist der auch aus dem Iran?�</p><p>Achselzuckend sagte Enkidu: �Wir sind Sumerer.�</p><p>�Ist mir neu. Sumerer. Aber sch�n. Versuchen wir�s mal. Wir brauchen eine Auskunft von der Stelle f�r vermi�te Personen �ber einen gro�en m�nnlichen Sumerer namens Gilgamesch. Du kennst dich mit dem Telefon aus?�</p><p>�Ich wei� nicht so recht. Da, wo ich herkomme, sind sie anders.�</p><p>�Gut. Ich werd�s dir zeigen. Du rufst da an, fragst nach der Vermi�tenabteilung, vielleicht funktioniert�s ja�� jedenfalls machen sie�s im Fernsehen immer so. Und da wirst du erst mal rumgeschaltet, bis du in der richtigen Abteilung landest. Denen sagst du, du bist sein Bruder�� Freund reicht nicht, das interessiert die keinen Furz, aber ein Bruder, vielleicht��, und was das M�dchen angeht, da sagst du, sie ist deine Verlobte, klar? Hast du kapiert, was ich sagte? Du kannst die Typen nicht einfach auffordern, irgendein Weib f�r dich zu suchen, das du finden willst, aber wenn�s deine Anverlobte ist, da werden sie dir helfen, besonders wenn du so ausl�ndisch klingst, wie du das tust, und wenn du ein bi�chen durcheinander wirkst, was du ja ebenfalls bist. Also, komm. Machen wir den Anruf, okay? Okay?�</p><p>Dies war vor zwei Tagen geschehen, und Enkidu hatte der Polizei gegen�ber gesagt, da� er von seinem Bruder und seiner Verlobten getrennt worden sei, am Tag ihrer Ankunft in New York�� und Gallagher h�rte am Nebenapparat mit und soufflierte ihm, wenn er das richtige Wort nicht fand� und hier war Enkidu nun zwei Tage sp�ter, hing wieder an diesem Telefon und h�rte einer verqu�lten New Yorker Stimme zu, die ihm entgegenkr�chzte: �H�rst du? Grad kommt der Bericht �ber deinen Bruder r�ber, ja? Laut Bericht aus dem Bellevue, m�nnliche Person, die ihren Namen als Gilgamesch angibt, pa�t zu der Suchbeschreibung, Bart, extrem gro� und kr�ftig, fremdl�ndischer Akzent, zur Beobachtung eingeliefert; junge Frau namens Helena; beide ohne jeden Identit�tsausweis; verwickelt in einen Zwischenfall auf der Treppe zur Bibliothek in der Zweiundvierzigsten�� nichtidentifizierter Stadtstreicher, schwere Verletzung, Vergewaltigungsversuch an der Frau, Gil verhinderte das und verletzte den Typ, keine offizielle Anklage, sieht aber so aus, als w�re es ein Psycho-Fall, sagen sie��</p><p>Enkidu begriff �berhaupt nichts und fuchtelte heftig mit der Hand. Gallagher schaltete sich ein: �Ich bin ein Freund von Mister Hinkadoo und vertrete ihn. William Gallagher. Wie wollen wir verfahren, damit wir Mr. Hinkadoos Bruder und seine Verlobte in unsere Obhut �bernehmen k�nnten?�</p><p>�Also, zuerst solltet ihr mal versuchen, runter zum Bellevue zu kommen.�</p><p>�Unter welcher Fall-Nummer k�nnen wir nachfragen?�</p><p>Es kam ein Klicken in der Leitung. Gallagher kniff die Brauen zusammen und legte den H�rer auf. Zu Enkidu sagte er: �Hast du irgendwas davon mitgekriegt?�</p><p>�Man hat sie gefunden, ja?�</p><p>�Ja. Irgendwie ein Knatsch vor der Bibliothek, die Bullen, die Polizei haben sie im Bellevue eingelagert, weil sie keine Personalausweise hatten, und wegen allgemein exzentrischer Verhaltensweise, nehme ich mal an.�</p><p>�Was ist denn das, dieser Pers�nlichkeitsnachweis, von dem ihr alle redet, die wir nicht haben?�</p><p>�Es bedeutet den Nachweis, da� du existierst.�</p><p>�Ach. Und Bellevue?�</p><p>�Das ist die hiesige Klapsm�hle.�</p><p>�Klapsm�hle?�</p><p>�Du wei�t schon. Wo sie die Spinner einbuchten.�</p><p>�Was? Ein Haus voll Spinnen? Aber wieso wollen sie Gilgamesch in ein Haus voll Spinnen bringen?�</p><p>�Weil�� Gallagher pre�te sich die H�nde auf die Augen. <emphasis>�Mich</emphasis> sollten sie ins Spinnerhaus stecken, wei�t du? Aber das w�rdest du nicht kapieren. Nat�rlich nicht.� Er sah durch die Finger Enkidu an. �Es ist eine Anstalt f�r Psychos, f�r Irre, f�r Geisteskranke. Kannst du irgendwas davon verstehen? Ja? Nein. Macht nichts. Wir gehen da eben einfach hin und holen sie da raus, klar? Vergi� nicht, er ist dein Bruder, und nicht etwa dein Freund. Und dein Name ist Hinkadoo Khalili, und du kommst aus dem Iran, und er ebenfalls, und auch das M�dchen, und falls sie dich danach fragen, seid ihr hierher gekommen, um politisches Asyl zu bekommen, aber hoffen wir, da� sie danach nicht fragen, und deinen Pa� hast du in deinem Hotel gelassen, und wenn sie dich fragen, in welchem Hotel, dann �berla� es mir zu antworten, und �berhaupt sagst du am besten nicht mehr, als unbedingt n�tig, ja?�</p><p>�Sie ist Griechin�, sagte Enkidu.</p><p>�Also, jetzt h�r mir mal zu: F�r heute ist sie aus dem Iran, okay? Es vereinfacht die Sache, wenn ihr alle drei aus dem gleichen Land kommen w�rdet, auch wenn�s nicht stimmt.� Er rieb sich nachdenklich und behutsam den Sch�del. �Ich sollte mir wirklich mal meinen Kopf untersuchen lassen. Ich m��te wirklich mal zu �nem Psychiater und meinen Kopf durchchecken lassen! Ach, komm, zieh deine Latschen an. Ziehen wir r�ber.�</p><empty-line/><p>Gilgamesch blickte erstaunt von Enkidu zu Helena und zu dem kleinen Mann mit dem harten Gesicht und den blauen Augen und danach wieder zu Enkidu zur�ck.</p><p>Dieser gab ihm ein rasches, kaum sichtbares Zeichen, das bedeutete: <emphasis>Bleib einfach still und la� den Mann da alles erledigen.</emphasis></p><p>Sch�n, dachte Gilgamesch. In der Nachwelt war er ja wohl ein Held unter Helden, doch in diesem �blen erb�rmlichen Sumpfloch von Welt hier war er ganz verloren und hilflos. Dieser Mann, den Enkidu irgendwo gefunden hatte, schien zu wissen, wie man es hier richtig machte und was man sagen mu�te. Sch�n. Gut so. Nur bringt mich raus von hier, mehr will ich nicht.</p><p>Der andere kleine Mann, der in dem schmuddeligen wei�en Mantel, der ihm w�hrend der letzten zwei Tage so viele absurde Fragen gestellt hatte, sagte gerade zu dem anderen Mann, der mit Enkidu gekommen war: �William Gallagher?�</p><p>�Richtig, Doktor.�</p><p>�In welcher Beziehung stehst du zu diesen Leuten?�</p><p>�Also eigentlich ist es ja meine Schwester Marie. Sie arbeitet f�r die Iranian-American Friendship League, wissen Sie, die mit dem B�ro droben in Morningside Heights, und sie hat mich gebeten, diese drei Leute in Empfang zu nehmen und sie zu einer Adresse irgendwo in der Hundertzw�lften West abzuliefern, wo man sich um sie k�mmern wird. Es sind politische Fl�chtlinge. Ungl�cklicherweise passierte am Flughafen eine Panne, und sie wurden getrennt, als sie in den Bus stiegen, der sie zum Westside Terminal bringen sollte, wo ich auf sie wartete, um sie aufzunehmen, und dann��</p><p>�Allright�, sagte der Mann in dem wei�en Mantel. �Ich nehme an, du bist von deiner Schwester erm�chtigt, in ihrem Namen f�r die Entlassung zu unterschreiben, oder mu� sie selber daf�r noch vorbeikommen?�</p><p>�Ich kann unterschreiben. Mein Gott, sie wird so froh sein, wenn die endlich auftauchen! Sie war praktisch au�er sich, seitdem Gil und Helen verschwunden waren. Marie ist eine so <emphasis>wundervoll mitf�hlende</emphasis> Frau, wissen Sie.</p><p>Derma�en hingebungsvoll in ihrer Hilfe f�r die Ungl�cklichen��</p><p>Der Arzt kritzelte etwas in ein Notizbuch. Dann blickte er auf und wies mit dem Kinn zu Gilgamesch. �Da wir von Hilfe sprechen, gibt es bei eurer Iranischen Freundschaftsliga psychotherapeutische Einrichtungen, Programme? Dieser Mann da hat dringend eine Therapie n�tig.�</p><p>�Im Ernst, Doktor?� sagte der Mann Gallagher mit ernster Stimme. �Meine Schwester wird das genauer wissen wollen. K�nnten wir was Genaueres erfahren, Doktor?�</p><p>�Ich gebe euch sein Printout mit. Aber es wird euch alles ganz klar, nachdem ihr nur ein paar Minuten lang zugeh�rt habt, wenn er redet, wie tief gest�rt er ist. Diese Trojanische-Helena-Phantasien, der Gilgamesch-Wahn, ganz massiv und in wahrhaft zwanghaften Einzelheiten ausgearbeitet� Hei�t er tats�chlich Gilgamesch, �brigens? Ja? Nun, das spielte offenbar dann eine gewisse Rolle f�r die Art seiner St�rung. Im Grunde handelt es sich um eine Psychose mit Wahnvorstellungen, ein geradezu klassischer Fall, sehr tief verwurzelt. Er scheint ganz in einer fremden Welt zu leben, die er sich�� soweit ich das in den zwei Tagen feststellen konnte, die ich ihn hier unter Beobachtung hatte�� anscheinend ungew�hnlich tief und �berzeugend entwickelt hat. Wenn ich nicht so h�llisch �berlastet w�re, w�rde ich gern eine Fallstudie �ber ihn schreiben. Aber nat�rlich, der allt�gliche Arbeitsdruck hier, die Routine�� Er lutschte kurz an seinem Schreibstift. �Eigentlich frage ich mich schon auch, wie er �berhaupt ins Land gekommen ist, so schwer gest�rt, wie der Mann ist. Fl�chtling oder nicht, man m��te doch annehmen, da� er gewisse Schwierigkeiten gehabt haben m��te, �berhaupt ein Visum zu bekommen, wenn man an die Vorschriften des Einwanderungsgesetzes von��</p><p>�Man machte aus Mitgef�hl eine Ausnahme�, sagte Gallagher rasch. �Soweit ich informiert bin, waren diese M�nner bedeutende Helden des Widerstands im Untergrund und in Anerkennung ihrer au�ergew�hnlichen Verdienste erhielten beide die Einreisebewilligung. Hier in Gil sehen Sie einen Mann, der die schlimmsten Folterungen durchgemacht hat, die die Henkersknechte des Ayatollah sich f�r ihn ausdenken konnten, und da haben wir das unvermeidliche tragische Ergebnis. Eigentlich soll er st�ndig in der Obhut seines Bruders Hinkadoo bleiben, verstehen Sie? Aber weil es diese bl�de Verz�gerung am John-Eff-Ka gab��</p><p>�Ich verstehe, verstehe.� Der Arzt kritzelte wieder in sein Papier.</p><p>Gilgamesch schaute mit gerunzelter Stirn zu Helena hin�ber, die sich an Enkidu schmiegte. Sie schien M�he zu haben, ein Lachen zu unterdr�cken. Er sp�rte, wie der �rger in ihm wuchs. Erst hatte er stundenlang die Befragungen durch diese Zwerge �ber sich ergehen lassen m�ssen, diese kleinen �rgerlichen summenden Insekten�� und jetzt auch noch dies, alle diese L�gen und Schwindeleien, diese langwierige und langweilige Diskussion �ber seine Person, als w�re er nichts weiter als ein erbarmensw�rdiger Verr�ckter�</p><p>Nat�rlich, das Ganze war weiter nichts als ein Man�ver, um ihn hier herauszuholen, das sah er ganz klar, aber dennoch�� dennoch�� wie entw�rdigend, dabeisitzen zu m�ssen wie ein geduldiges Schaf, w�hrend dieser ganze d�nne Quark �ber ihn verr�hrt wurde�</p><p>Bleib still! befahl er sich. La� diesen Gallagher sagen, was hier n�tig ist.</p><p>Doch es war einfach zuviel. Weshalb sollte er gezwungen sein, den Verr�ckten zu spielen, um seine Freiheit wiederzugewinnen? Er konnte nicht l�nger schweigen. So sehr er sich bem�hte, die Worte brachen einfach aus ihm heraus: �Dieses Geschnatter beginnt mein Ohr zu beleidigen. Ich w�nsche, da� das aufh�rt, und da� man uns sofort und ohne weitere Torheiten entl��t!�</p><p>�Aber, Bruder, Bruder!� sagte Enkidu mit einer honigs��en Stimme, wie man sie Kindern gegen�ber benutzt. �Es ist schon alles in Ordnung, Bruder! Du kannst schon sehr bald von hier fort.� Und Gilgamesch versp�rte einen kurzen heftigen Kick gegen seinen Fu�kn�chel. �Es geht nur noch um ein paar unbedeutende Formalit�ten, um die sich Mister Gallagher k�mmern wird�� und danach bringen wir dich hier weg und an einen h�chst angenehmen Ort, wo es dir richtig gutgehen wird, und Mister Gallaghers Schwester wird dir dort alles geben, was du n�tig brauchst, und wo du Hilfe erhalten wirst f�r alles, was dich qu�lt�� und ein weiches Bett, ein ruhiges Zimmer und Medizin, die dein verwirrtes Gem�t bes�nftigen wird��</p><p>Du verdammter sch�biger Hund! dachte Gilgamesch rasend vor Zorn. Das werde ich dir heimzahlen!</p><p>Doch dann sah er das lustige Funkeln in Enkidus Augen, und sein Zorn schmolz dahin, und sein Herz flo� �ber vor Liebe f�r seinen Freund, der zu ihm hierher geeilt war, um ihn zu retten, und in ihm stieg ein Lachen mit solcher Heftigkeit auf, da� er zu k�mpfen hatte, es zu unterdr�cken.</p><empty-line/><p>Die Nacht begann schon hereinzubrechen, als sie endlich aus diesem Haus waren. Vom Flu� hinter ihnen blies ein kalter Wind her�ber, und Lichter blitzten wie Millionen von kleinen Sonnen an den turmhohen Geb�uden ringsum. L�rm dr�hnte von allen Seiten, eine unglaubliche Kakophonie, ein Mi�get�n und Br�llen und Kreischen und Hupen. Gilgamesch f�hlte ein wildes Pochen hinter der Stirn. Diese Welt, in die Enkidu ihn gebracht hatte, war ihm wie ein Witz, ein sehr schlechter Witz, der sich fort und weiterspinnt und kein Ende zu finden droht.</p><p>Wenn dies hier das Land der Lebenden ist, dachte Gilgamesch, dann ist mir doch sogar die Nachwelt lieber. Er �berlegte sich, was geschehen w�rde, wenn er sich vor eines dieser heranbrausenden Fahrzeuge st�rzte. Vielleicht w�rde er sofort sterben und an den Ort zur�ckkehren, an den er geh�rte. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht konnte einer nie wieder zur�ck, sobald er die Nachwelt einmal verlassen hatte, und er war wegen seines Frevels dazu verdammt, die restliche Ewigkeit hier an diesem Ort zuzubringen. Aber das w�rde wirklich die H�lle sein. Sie w�rden ihn zusammenflicken und ihn erneut hinaussto�en in dieses abscheuliche Lebendenland, und wieder und wieder und noch einmal und immer wieder in dieses endlose Leben.</p><p>Ist es denn mein Schicksal, dachte er, immer und allerwege ruhelos zu sein und unbefriedigt, in welcher Welt ich auch landen mag? Werde ich denn nie wieder Ruhe und Frieden finden?</p><p>Gallagher sagte dann: �Also, sch�n, da sind wir, frei wie die V�gel des Himmels, vogelfrei. Allerdings hat es leider f�nfmal l�nger gedauert, als n�tig gewesen w�re, um euch Burschen loszueisen.� Er sch�ttelte den Kopf. �Verdammt, schon halb f�nf, und wir sind hier am Arsch des Teufels in der First Avenue, und ich mu� bald den Club aufmachen��</p><p>Wer ist dieser Mensch, �berlegte Gilgamesch, den Enkidu gefunden hat?</p><p>Gallagher redete die ganze Zeit weiter, und es schien ihn nicht zu k�mmern, ob sie ihm zuh�rten oder irgend etwas verstanden. �Ach, dann machen wir eben heute �n bi�chen sp�ter auf. Wenigstens haben wir deine Freunde losgeeist, Hinky, und das ist erst mal am wichtigsten. Ich hab mich fast vollgepi�t, als dieser Psychiaterbubi am Ende, als ich schon dachte, wir h�tten�s geschafft, nach der Telefonnummer meiner Schwester und der Adresse der Iranian-American Friendship League fragte��</p><p>�Aber du hast ihm doch die Telefonnummer genannt�, sagte Enkidu.</p><p>�Meine Schwester lebt in Los Angeles. Die Nummer, die ich ihm gab, ist die von �nem M�dchen, das ich mal kannte, hat an der Columbia Examen gemacht.�</p><p>�Und die Adresse, die du ihm genannt hast?�</p><p>�Von der Iranisch-Amerikanischen Freundschaftsliga? Jesus! Ich wei� nicht mal, ob es sowas �berhaupt gibt. Ich hab� mir das einfach ausgedacht. Aber, was soll�s, Gil, du bist da raus, und das z�hlt.� Gallagher streckte Gilgamesch die Hand hin. �Es freut mich, da� ich helfen konnte. Jeder Freund von Hinkadoo ist auch mein Freund. Ich bin Bill Gallagher, Manager vom Club Ultra Ultra in der Vierundf�nfzig-West.�</p><p>Gilgamesch ergriff die Hand und sch�ttelte sie.</p><p>�Gilgamesch, Sohn des Lugalbanda�, sagte er. �Ehemals K�nig von Uruk.�</p><p>�Freut mich enorm, dich kennenzulernen, Gil. Und das ist Helena von Troja?�</p><p>�Ich hei�e Helena, ja.�</p><p>�Ich bin wirklich entz�ckt, Helena. So, jetzt biegen wir westlich ab in die Vierunddrei�igste. Um die Zeit kriegen wir bestimmt nie ein Taxi, aber vielleicht sind die Chancen hier besser als in den kleinen Stra�en.� Gallagher lachte. �Blo� so�n illegaler Fremder, das hat mir nicht gereicht, nehm� ich an. Ach, was soll�s, zum Teufel. H�rt mal, ihr k�nnt alle drei f�r �ne Weile im Club bleiben, wenn ihr das wollt, aber ich habe da blo� das eine Zimmer f�r euch alle, also m��t ihr euch verdammt schnell um ein Hotel k�mmern oder sonstwas, okay? Und um irgend sowas wie �nen Job. Im Club brauchen wir eigentlich keine zwei Rausschmei�er, aber vielleicht k�nnt ihr zwei beiden euch ja abwechseln, einen Tag Hinky, dann Gil, und der andre kann vielleicht hinten aushelfen. Bei zwei solchen Brocken, wie ihr es seid, kommt bestimmt kein Kunde auf dumme Gedanken. Pa�t dir das, Gil, he? Nummer Zwei Rausschmei�er im Ultra Ultra?�</p><p>�Spricht der Mann zu mir?� fragte Gilgamesch.</p><p>�Sie reden alle sehr hastig hier�, erkl�rte Enkidu.</p><p>�Doch ich beginne zu verstehen, was sie sagen.� Er wandte sich zu Gallagher. �Er freut sich �ber den Job, Bill. Ja. Sehr.�</p><p>�Fein. Und du, Helen? Du brauchst auch �ne Art Arbeit. Meinst du, du k�nntest oben-ohne?�</p><p>�Oben ohne�?�</p><p>�Du wei�t schon. Strippen. Haut zeigen. Die Kugeln kullern lassen.�</p><p>Helena blickte ihn fest an. �Habe ich das richtig verstanden? Du meinst, ich soll mich vor anderen Leuten ausziehen? Meinst du das mit �oben-ohne�?� Sie lachte. �In dem Gedicht, das sie �ber mich schrieben, waren die T�rme oben ohne, nicht ich.�</p><p>�Was?�</p><p>�Die T�rme. Die nackten T�rme Ilions.�</p><p>Gallagher sagte: �Hilf mir auf die Spr�nge, Hinkadoo. Was redet sie da?�</p><p>Helena antwortete: �Aber du wei�t doch: Das Angesicht, das tausend Schiffe in Bewegung setzte��</p><p>�Aha. Ein Gedicht�, sagte Gallagher zweifelnd. ��ber dich, meinst du?� Er �berlegte. ��War dies das Angesicht, das tausend Schiffe in Bewegung setzte��� Und das handelt von Helena von Troja?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Und du bist�?�</p><p>�Es ist ein Witz�, mischte Enkidu sich ein. �Sie tut gern so, als w�re sie die Trojanische Helena. Genau wie mein Gilgamesch gern so tut, als ob er Gilgamesch ist, der K�nig, der vor langer Zeit in Sumer herrschte. Ein Witz, ein Scherz, verstehst du, Bill? Blo� ein Witz.�</p><p>�In Ordnung�, sagte Gallagher.</p><p>Wie leicht Enkidu die Ortssprache angenommen hat, dachte Gilgamesch. Wie glatt ihm die L�gen von der Zunge gehen!</p><p>Es ist blo�er L�rm, dachte er. Alles in dieser Welt Gesagte und Getane ist sinnleerer L�rm, gewichtloses Get�se ohne Bedeutung. Und der L�rm wurde von Augenblick zu Augenblick unertr�glicher. Das Br�llen, das Dr�hnen, das Hupen, das Geschrei�� er glaubte, das Herz m��te ihm vor soviel Wahnsinn zerspringen. Und doch k�mmerte Enkidu sich gar nicht darum, und Helena ebenfalls nicht. Sie plauderten fr�hlich immer weiter, redeten so rasch mit diesem Mann Gallagher f�r Gilgamesch unverst�ndliche Worte, so da� es ihm vorkam, als w�ren auch ihre Worte ein verschwommener L�rm. Er blickte Enkidu verzweifelt an, doch Enkidu l�chelte nur und plapperte weiter. Gilgamesch zitterte. Er hatte jetzt ein Dr�hnen in den Ohren, in seinem Kopf, in der Brust. Die Lichter der gro�en H�user blinkten irre, wie au�er Kontrolle geratene Leuchtfeuer. �berall um ihn herum stiegen Stimmen auf und erloschen wieder, bald donnernd wie Wasserf�lle, bald ersterbend zu einem unheimlichen Fl�stern. V�llig fremde Menschen auf der Stra�e zeigten auf ihn, stie�en sich mit den Ellbogen an und lachten.</p><p>Ich werde verr�ckt, dachte Gilgamesch.</p><p>G�tter, gibt es keinen Weg, um von hier zu verschwinden? Ich bin es �berdr�ssig! Es ist Zeit, weiterzuziehen, ich mu� von diesem Ort entkommen, oder ich gehe zugrunde. Ich will mich niederwerfen, mich unterwerfen�� ja, ich will um Erl�sung flehen�</p><p>Einst hatte er sich gew�nscht, ewig zu leben, und das war ihm versagt worden, denn am Ende seiner Tage im ersten Uruk war er gestorben, hoch an Jahren und geliebt von seinem Volk; aber dieser Tod hatte nur zu einer neuen Geburt gef�hrt, in einer Welt, in der es den Anschein hatte, als werde er wirklich ewig leben; aber als er das so heftig ersehnte Ewige Leben erlangt hatte, schien es ihm ohne Saft und Geschmack, und er konnte sich nicht damit zufriedengeben. Und darauf beschlo� er, in das Land der Lebenden zur�ckzukehren. Und hier war er nun. Ach, dachte er, wenn ich doch nur von meiner Fahrt entbunden werden k�nnte, ich w�rde nicht l�nger ruhelos sein, ich w�rde mich mit Freuden zur Ruhe setzen und ablassen von meinem Fragen und Suchen. Ja! Ja, das w�rde ich!</p><p>Und nun schwoll ein Gebet in ihm an wie ein Flu�. Er, der in den Tausenden Jahren seines Lebens nach dem Leben nicht mehr gebetet hatte, dem�tigte sich nun vor den G�ttern, die er einst verehrt hatte.</p><p><emphasis>Enki, verschone mich! Enlil, Gewaltiger, befreie mich! Lugalbanda, Vater�� gew�hre mir Frieden!</emphasis></p><p>Aber als Antwort kam ihm nur das mi�t�nende Get�se der Stra�e entgegen und die �blen D�nste, die erstickend in der Luft hingen, und das summende Geschnatter von Gallagher und Enkidu und Helena.</p><p>Und wieder schlo� er die Augen und richtete sein Flehen zu den Gro�en G�ttern Sumers und zu seinem G�ttlichen Vater Lugalbanda. Und er �ffnete die Augen wieder und schaute ohne Hoffnung wieder hinaus in den h��lichen Haufen von Schmutz und Unflat, der das �Land der Lebenden� hie�.</p><p>Aber dann erblickte er etwas vor sich, das in seinem Innern eine gro�e Fremdheit bewirkte, als wollte die Erde aufbrechen und explodieren, und um ihn herum begann alles wirbelnd zu kreisen. Er blinzelte heftig. Er hielt die Luft an. Und w�hrend er mit dem Arm die Stra�e hinab deutete, sagte er. �Enkidu? Siehst du den Mann dort?�</p><p>�Welchen, Bruder? Da sind so viele.�</p><p>�Den dort mit dem roten Gesicht und der breiten Brust, da dr�ben. Gewi� haben wir den schon einmal getroffen�� in der Nachwelt��</p><p>�Ich bin nicht sicher, welchen du��</p><p>�Da! Dort dr�ben! Er war am Hof des Priesterk�nigs Johannes, erinnerst du dich nicht? Er war der Gesandte von K�nig Heinrich. Er und der andere Mann, der mit dem merkw�rdigen langen Gesicht�� der trug den Namen Howard, ich erinnere mich nun, Robert Howard��</p><p>�Hier an diesem Ort? Wie w�re das m�glich? Hier ist das Land der Lebenden, Bruder.�</p><p>�Aber ich sage dir, es ist der Mann!� beharrte Gilgamesch. �Oder sein Zwillingsbruder.�</p><p>Ersch�ttert schaute er in die wachsende D�mmerung. War es m�glich? Vielleicht spielten ihm seine Augen einen Streich. Wie konnte der Mann Robert Howard denn an diesem Ort sein, wie sollte es m�glich sein, da� er sich genau in der selben Stra�e befand wie er, in dieser einen unter den Tausenden chaotisch vollgestopften Stra�en dieser Stadt in dieser chaotischen �berv�lkerten Welt? Es mu� ein Trugbild der anbrechenden Nacht sein, dachte er. Oder mein Erinnerungsverm�gen t�uscht mich.</p><p>Aber nein�� nein!�� auch der rotgesichtige Mann wies mit dem Arm auf ihn, auch er starrte, wie vom Schlag ger�hrt, zu Gilgamesch her�ber�� dann kam er wild auf Gilgamesch zugerannt, stie� die anderen Passanten beiseite�</p><p>�Conan!� schrie der Mann. �Bei Crom! Du bist es, Lord Conan! Hier bin ich�� ich komme, ich komme!�</p></section><section><title><p>22</p></title><p>Gilgamesch blieb ganz still stehen, er atmete kaum. Auf einmal war pl�tzlich alles irgendwie anders. Die Stra�e um ihn herum wurde nebeltr�b und unwirklich. Die turmhohen Geb�ude zuckten und schwankten wie zarte Pflanzen, die unter der Wasserfl�che leben und sich in der Str�mung winden. Das hektische Br�llen des Verkehrs erstarb mehr und mehr. Er konnte den Mann Gallagher kaum noch sehen, und sogar Helena und Enkidu erschienen ihm irgendwie fern und bla�.</p><p>Der seltsame Mann mit dem roten Gesicht, Howard, kniete vor ihm, wie bereits einmal, vor langer Zeit, im Outback, und schluchzte und stammelte vor sich hin.</p><p>Dann tauchte der andere Mann auf, der mit dem hageren bleichen Knochengesicht�� der hie� Lovecraft, erinnerte sich Gilgamesch, und war der andere Gesandte des Achten Heinrich gewesen. Er legte Howard die Hand auf die Schulter und sagte freundlich: �Steh auf, Bob. Du wei�t doch, da� er nicht dein Conan ist. Er ist K�nig Gilgamesch.�</p><p>�Das ist er. Ja. Ja.�</p><p>�Komm weiter. La� ihn in Ruhe.�</p><p>�Weshalb seid ihr hier?� fragte Gilgamesch. �Ist hier nicht das Land der Lebenden?�</p><p>�Wir sind alle erschienen, um dich zu besuchen�, sagte eine andere vertraute Stimme. Gilgamesch sah aus dem Augenwinkel Herodes von Jud�a, nicht mehr in seiner r�mischen Toga, sondern in einem Anzug der Sp�ter Toten. Vy-otin war neben ihm und sah majest�tisch aus in einem m�chtigen Mantelumhang und einem schmalkrempigen Hut, der tief �ber die Stirn gezogen war und das fehlende Auge verdeckte. Sie l�chelten ihm zu. Die Geb�ude waren inzwischen fast nicht mehr zu sehen. Die Fahrzeuge, die �ber die Stra�e rasten, waren auf r�tselhafte Weise zu lautlosen Geisterwagen geworden. Herodes schob ihm den Arm unter, und Vy-otin ergriff Gilgamesch am anderen Arm.</p><p>�Aber ihr zwei m��tet doch in Uruk sein�, stammelte Gilgamesch unsicher. �Ihr solltet euch doch um die Regierungsgesch�fte in der Stadt k�mmern.�</p><p>�Die Stadt kommt auch eine Weile ohne uns aus�, sagte Vy-otin. �Das hier war wichtiger. Also, gehen wir, Gilgamesch.�</p><p>�Wartet!� sagte er. �Enkidu� Helena��</p><p>�Komm nur�, sagte Herodes. �Hier ist New York! Das m�ssen wir doch ausn�tzen! Zuerst zum Natural History Museum. Vy-otin will uns dort die Mammutknochen zeigen und Malereien, die Freunde von ihm vor langer Zeit machten�� und dann sollte ich vielleicht eigentlich mal kurz in der Synagoge vorbeischauen�� es ist n�mlich Freitagabend, m��t ihr wissen�� aber ihr k�nnt gern mitkommen, die werden nichts dagegen haben��</p><p>�Und das Museum of Modern Art�, sagte Picasso, der aus dem Dunst auftauchte. �Das Metropolitan. Das d�rft ihr auch nicht vergessen. Er hat eine Menge zu lernen �ber die gro�en Maler. Er soll sich Cezanne anschauen. Und Velazquez. <emphasis>Y pues,</emphasis> verdammt, soll er sich Picasso anschauen!�</p><p>�Seid ihr denn alle hier?� fragte Gilgamesch leise. �Ihr alle? Jeder?�</p><p>Ja. Sie waren alle da. Da war der freundliche alte els�ssische Doktor�� wieso hie� der Schweitzer?�� und l�chelte ihm zu und zwirbelte an den Spitzen seines gewaltigen Schnauzbartes. Und da war Simon Magus, der ihm eine Weinflasche entgegenschwenkte. Und da? War das Caesar? Ja. Und Walter Raleigh, in voller schimmernder R�stung, der eine h�fische Verbeugung versuchte? Ja, er war es. Ja. Benommen, verwirrt, machte Gilgamesch ein paar schwankende Schritte auf sie zu. Die Stadt um ihn herum war nun beinahe v�llig verschwunden, um sie her war nur noch ein fahles Gl�hen, das sich bis weit zum Horizont erstreckte. Dann kam es ihm so vor, als bef�nde er sich nun in der ehrw�rdigen Festhalle Vy-otins, dem H�hlenpalast der Eisj�ger, wo die Knochen der gewaltigen Tiere umherlagen wie in den nebelhaften Fr�hzeiten. Und �berall rings um ihn herum waren unerwartete Gestalten, die aus der anderen Welt zu ihm kamen, sich n�herdr�ngten�� nun begr��te ihn der Priester Johannes, dann der hinkende kleine Magalhaes, und dann Belshazzar, Amenhotep, Kublai Khan, Bismarck, Lenin�</p><p>Und da war Calandola, der etwas entfernt von den anderen stand wie eine starre, schwarze, steinerne S�ule; er grinste, die Augen flammten wie Feuer�� und der Behaarte Mann�� und Dumuzi�� Ninsun�� Minos�� Varuna von Meluhha�</p><p>Sie waren allesamt da, alle, die er jemals gekannt hatte. Ein unabsehbarer Reigen von Gesichtern umkreiste ihn, sie nickten ihm zu, l�chelten, winkten, grinsten, kniffen ein Auge zu, lachten�</p><p>�Was soll das?� fragte Gilgamesch. �Was geschieht mit mir?�</p><p>Er dachte daran, da� er nun vielleicht endlich sterben w�rde. Seinen dritten und endlich endg�ltigen Tod, den wahren Tod, nachdem er von dieser in jene Welt gestorben war und von jener dort wieder zur�ck in diese, und da� er nun weitergehen d�rfe in das Vergessen, in die Ausl�schung, den letzten Schlaf. Konnte es das sein? Dann also, endlich�� war es endlich der Friede? Schlaf? Ewige Ruhe? Ein Ende der Wanderschaft. Ein Ende des K�nigtums. Ein Ende f�r Gilgamesch?</p><p>Er begriff nichts. Gar nichts.</p><p>�Herodes? Mutter? Ich flehe euch an�� sagt mir doch�� bitte, sagt mir�?�</p><p>Es wurde noch dunkler. Das Gl�hen im Himmel verblich, und die Gestalten um ihn herum waren nur noch Schatten, gesichtslos, nicht mehr voneinander zu unterscheiden. Er sah die Halle der Eisj�ger nicht mehr. Und dann kam es ihm so vor, als ob er wieder in Uruk sei, dem ersten Uruk, der Stadt, in der er geboren wurde�� im gro�en k�niglichen Palast, dem grandiosen Ort mit den wehrhaften Tort�rmen, den raffiniert gegliederten Fassaden und hohen S�ulen, wo alle Mauern in strahlendem Wei� leuchteten und die Decken aus kostbarem schwarzen Holz aus fernen L�ndern waren.</p><p>�Enkidu? Enkidu, wo bist du? Vy-otin? Simon, bist du da? Oder du, Behaarter Mann?�</p><p>�Komm zu mir, Gilgamesch!� rief eine gewaltige Stimme in der Dunkelheit. Eine Stimme, die er nicht kannte.</p><p>�Ich sehe dich nicht. Wer bist du?�</p><p>�Komm her zu mir, Gilgamesch!� Und dann sprach die Stimme einen anderen Namen, diesen geheimen Namen, seinen Geburtsnamen, den keiner jemals aussprechen durfte, und beschwor ihn damit und zwang ihn zu sich.</p><p>Die m�chtigen rollenden T�ne brachen �ber Gilgamesch herein wie das Dr�hnen einer riesigen Glocke. Er tat unsicher einen Schritt voran, dann noch einen und einen weiteren. Und dann umfing ihn �u�erste Finsternis und Schw�rze. �Komm zu mir!� befahl die Stimme. �Komm! Komm! Komm!�</p><p>Und dann war da pl�tzlich Helle, wie wenn in eben diesem Augenblick eine neue Sonne geboren worden w�re.</p><p>Vor ihm ragte in der gro�en Leere eine m�chtige Gestalt auf, ein Mann, der so gro� war wie der H�chste Turm und vor dem Gilgamesch klein wirkte wie vor einem Gott. An Kleidung trug er weiter nichts als ein gef�lteltes wollenes Gewand, wie es im Lande Sumer die M�nner getragen hatten, so da� er �ber den H�ften nackend war. Seine Schultern waren so breit wie ein Berg, seine Brust so weit wie der Himmel. Seine Haut war glatt und gedunkelt von der Sonne, und sein Kopf war glattgeschoren, und sein Bart war dicht und schwarz und fiel in gekrausten Locken nieder.</p><p>Am erstaunlichsten aber waren die Augen: dunkel, gl�nzend und riesig gro�, so gro�, da� sie beinahe die ganze obere Gesichtsh�lfte einnahmen. Diese Augen kannte Gilgamesch. Er hatte sie fr�her gesehen�� und sie niemals vergessen k�nnen.</p><p>�Vater?�</p><p>�Ja. Ich bin Lugalbanda.�</p><p>Gilgamesch lie� sich auf beide Knie nieder. Und dennoch hatte er das Gef�hl, als saugte ihn eine Str�mung hinein in diese weiten dunklen Augenteiche, so da� er auf ewig in der Seele seines Vaters untergehen m��te.</p><p>�Wie gro�artig du bist, mein Sohn�, sagte Lugalbanda. �Komm zu mir. N�her. N�her.�</p><p>�Vater��</p><p>Lugalbanda l�chelte. Seine Stimme kam polternd von sehr weit oben. �Ach, Gilgamesch, Gilgamesch, du warst ja noch ein kleiner Junge, als ich fortging. Trotzdem habe ich schon damals erkannt, da� du eines Tages ein K�nig sein w�rdest. Ich h�tte so gern um dich sein wollen, um zu sehen, wie du zu deiner Mannheit heranw�chst. Aber die G�tter nahmen mich zu fr�h zu sich.�</p><p>�Ja. Ich war sechs Jahre alt.�</p><p>�Sechs, ja. Aber auch bevor ich starb, sah ich dich so selten. Es gab so viele Kriege, in denen ich k�mpfen mu�te. Und die S�hnepilgerfahrten danach, die heiligen Tempel, die besucht werden mu�ten��</p><p>�Du hattest mir versprochen, da� du sp�ter Zeit haben w�rdest f�r mich�, sagte Gilgamesch. �Dann wollten wir zusammen den L�wen jagen, versprachst du, und du wolltest mich alle die Dinge der Mannheit lehren.�</p><p>�Aber es konnte nicht geschehen�, erwiderte ihm Lugalbanda.</p><p>�Auch nach deinem Tod glaubte ich immer noch weiter, da� du zur�ckkehren w�rdest�, sagte Gilgamesch. �Vielleicht habe ich das mein ganzes Leben lang geglaubt, da� ich dich eines Tages wiederfinden w�rde.�</p><p>�Und hier bin ich.�</p><p>�Bin ich tot, Vater?�</p><p>�Tot? Ja. Ja, nat�rlich. Wir sind alle Tote.�</p><p>�Ich meine, werde ich nun Schlaf finden und Ruhe? Werde ich eingehen in die gro�e Dunkelheit und niemals mehr erwachen m�ssen?�</p><p>�Ach�, sagte Lugalbanda, �aber unsere Seelen sind ewig lebendig. Hast du denn dies nicht gelernt auf deiner langen Suche?�</p><p>Gilgamesch schwieg und starrte zu der unerme�lich hohen Gestalt hinauf, die den Abgrund vor ihm ausf�llte. Nach einiger Zeit sprach er: �Manchmal glaube ich, da� ich �berhaupt nichts begriffen habe, Vater.�</p><p>Lugalbanda l�chelte und streckte ihm eine riesenhafte Hand entgegen.</p><p>�Komm n�her, Gilgamesch. Und leg deine Hand in meine.�</p><p>�Ja, Vater.�</p><p>�So. Ja, so.� Ihre H�nde ber�hrten sich. Und ein so gewaltiger Kraftstrom durchflo� Gilgamesch, da� er beinahe zum zweitenmal auf die Knie gefallen w�re, doch er hielt sich aufrecht, nahm die Kraft entgegen und in sich auf. Die Gr��e und Majest�t Lugalbandas waren �berw�ltigend. Die Augen Lugalbandas waren wie Sonnen �ber ihm. Endlich begegne ich meinem Vater, dachte Gilgamesch. Und er ist ein Gott.</p><p>Gelassen sprach dann Lugalbanda: �Ich sage dir nur dies eine, mein Sohn Gilgamesch, und das wei�t du bereits, obwohl du glaubst, du h�ttest es vergessen: Es gibt keinen Tod. ES GIBT DEN TOD NICHT. Es gibt nur die Verwandlung, und die Verwandlung f�hrt nur zu erneuter Geburt und erneutem Leben. Deine Seele wandert immer weiter, voll Freude und Erstaunen, durch alles, was da kommen will; und wenn alles geschehen ist, so wird es wieder und wieder und immer wieder geschehen, ohne Ende und ohne zu verblassen. Wir sind unzerst�rbar, auch wenn wir sterben und wie Asche zerstreut werden im Zeitenwind, denn wir werden immer wieder zusammengef�hrt und neugeboren. Und dies ist die Wahrheit �ber die Welt, Gilgamesch. Und es ist die einzige Wahrheit: Es gibt keinen Tod! Verstehst du mich, Gilgamesch? Verstehst du, begreifst du das?�</p><p>�Doch, ich glaube, ich verstehe es. Ja, Vater.�</p><p>�Das ist gut. Dann geh nun. Geh. Und nimm meinen Segen mit dir.�</p><p>Und dann bekam Gilgamesch den Eindruck, als beginne die Gestalt Lugalbandas zu schwanken und immer mehr zu verblassen.</p><p>�Vater? Vater, werde ich dich denn wiedersehen?�</p><p>�Aber gewi�.�</p><p>�Vater! Vater!�</p><p>�Geh nun�, befahl Lugalbanda. �Alles ist bereit und wartet auf dich.�</p><p>Gilgamesch versuchte, die Hand seines Vaters festzuhalten, doch es ging nicht, die Hand besa� keine Festigkeit mehr, sie war nur noch eine Schattenhand, und dann war sie ganz verschwunden, und da war nichts mehr, und er stand allein und mu�te blinzeln gegen die pl�tzliche Helligkeit, die �ber ihn hereinbrach. �ber dem Horizont zuckten Blitze. Aus dem Osten fuhr ein Wind herein, scharf wie eine Klinge, fegte das flache Land kahl und wirbelte Wolken graubraunen Staubes auf. Und er trug einen Bogen in der Hand, seinen eigenen Bogen aus mehreren edlen H�lzern gef�gt, seinen Bogen, den kein anderer Mann zu spannen stark genug war, au�er ihm�� ihm und Enkidu. Er kannte diesen Ort hier wieder. Ja, wirklich, er war fr�her schon hier gewesen. Es war die Nachwelt. Es war das Outback, das �de Hinterland, in dem er so lange Zeit auf Jagd gegangen war. Er kniff die Augen zusammen und sp�hte in die Ferne. �ber die weite Ebene her bewegte sich eine Gestalt auf ihn zu. Es war ein Mann, ein starker, von Leben strotzender Mann, ein Mann, den er so gut kannte, wie er sich selber kannte. Es war Enkidu, sein Enkidu, und er l�chelte und winkte ihm zu. �Bruder!� rief er laut. �Heil dir, Bruder!� Und auch Gilgamesch l�chelte und winkte zur�ck und rief ihm freudig einen Gru� entgegen und ging auf ihn zu.</p></section><section><p>Robert Silverberg</p><p>Das Land der Lebenden</p><p>Roman</p><empty-line/><p>Aus dem Amerikanischen �bersetzt von</p><p>ROLAND FLEISSNER</p><empty-line/><p>Deutsche Erstausgabe</p><empty-line/><p>WILHELM HEYNE VERLAG</p><p>M�NCHEN</p><p>HEYNE SCIENCE FICTION &amp; FANTASY Band 0605542</p><p>Titel der amerikanischen Originalausgabe</p><p>TO THE LAND OF THE LIVING</p><p>Deutsche �bersetzung von Roland Fleissner</p><p>Das Umschlagbild malte Boros Attila</p><p>Redaktion: Wolfgang Jeschke</p><p>Copyright � 1990 by Agberg Ltd.</p><p>Erstver�ffentlichung by</p><p>Popular Library/Warner Books, New York</p><empty-line/><p>Mit freundlicher Genehmigung des Autors und Paul &amp; Peter Fritz, Literarische Agentur, Z�rich (# 18802)</p><p>Copyright � 1996 der deutschen Ausgabe und der �bersetzung by Wilhelm Heyne Verlag GmbH &amp; Co. KG, M�nchen</p><p>Printed in Germany 1996</p><p>Umschlaggestaltung: Atelier Ingrid Sch�tz, M�nchen</p><p>Technische Betreuung: M. Spinola</p><p>Satz: Schaber Satz- und Datentechnik, Wels</p><p>Druck und Bindung: Elsnerdruck, Berlin</p><p>ISBN 3-453-11886-3</p></section></body><body name="notes"><title><p>Notiz</p></title><section id="n_1"><title><p>1</p></title><poem><stanza><v>Ich f�hre zu der Stadt voll Schmerz und Grausen,</v><v>Ich f�hre zu dem wandellosen Leid,</v><v>Ich f�hre hin, wo die Verlornen hausen.</v><v>Ihn, der mich schuf, bewog Gerechtigkeit;</v><v>Mich gr�ndete die Macht des Unsichtbaren,</v><v>Die erste Lieb� und die Allwissenheit.</v><v>Gesch�pfe gibt es nicht, die vor mir waren,</v><v>Als ewige, die selbst ich ewig bin</v><v><emphasis>La�t, die ihr eingeht, alle Hoffnung fahren</emphasis>��</v></stanza></poem></section></body><binary id="cover" 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