<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>adv_geo</genre><genre>adv_history</genre><genre>adv_maritime</genre><author><first-name>Liv</first-name><last-name>Winterberg</last-name></author><book-title>Vom anderen Ende der Welt</book-title><annotation><p><strong>Informationen zum Buch</strong></p><p>�Wir sitzen hier beisammen, mitten in der Nacht. Schauen auf das Kind, und ich kann kaum ausatmen, so laut schl�gt mein Herz. Ich bin fast toll vor Angst, dass du in der Ruhe zu lange auf meine H�nde schaust und die Frau in mir siehst.�</p><p>England, sp�tes 18.�Jahrhundert: Von ihrem Vater, einem Arzt und Wissenschaftler, zur Botanikerin ausgebildet, tr�umt die junge Mary Linley davon, die Welt zu bereisen. Doch als sie nach dem Tod des Vaters verheiratet werden soll, sieht sie nur eine M�glichkeit, ihrer Berufung zu folgen. Sie gibt sich als Mann aus, um an Bord der Sailing Queen im Stab des Botanikers Sir Carl Belham auf Expeditionsfahrt zu gehen. Die Lebensbedingungen auf See ersch�ttern sie, denn Entbehrungen, Krankheiten und Tod pr�gen den Alltag. Dennoch glaubt sie, ihr Ziel erreicht zu haben: Sie erkundet fremde, faszinierende L�nder. Erst durch die Liebe zu Sir Carl Belham erkennt sie, dass sie sich f�r ihre Ideale selbst verleugnet�...</p><empty-line/><p><strong>Informationen zur Autorin</strong></p><p><emphasis>Liv Winterberg</emphasis>, 1971 geboren, studierte Germanistik, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft. Sie arbeitet als Journalistin, Drehbuchautorin und Rechercheurin. Mit ihrer Familie lebt sie in Berlin. �Vom anderen Ende der Welt� ist ihr erster Roman.</p></annotation><keywords>Belletristik/Historische Romane, Erz�hlungen</keywords><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang></title-info><document-info><author><first-name>Liv</first-name><last-name>Winterberg</last-name></author><program-used>FictionBook Editor Release 2.6.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2015-07-02">2.7.2015</date><id>EC62F83D-FF5D-4A5D-B325-870E036D5070</id><version>1.0</version><history><p>1.0</p></history></document-info><publish-info><publisher>DTV Deutscher Taschenbuch</publisher><year>2011</year></publish-info></description><body><section><empty-line/><p><strong>Wer sich nicht r�hrt, sp�rt keine Ketten.</strong></p><p>(Unbekannter Verfasser)</p></section><section><title><p><strong>Personen�bersicht</strong></p></title><p><strong><emphasis>Plymouth</emphasis></strong></p><p>Mary Linley, Tochter von Francis Linley, angehende Botanikerin Francis Linley, Vater von Mary Linley, Arzt und Botaniker Henriette Fincher, Schwester von Francis Linley</p><p>William Middleton, Bediensteter im Hause Linley</p><p>Landon Reed, Kaufmann</p><p>James Canaughy, Bankier</p><p>Ebenezer Stone, Portier des Navy Board</p><p><strong><emphasis>London</emphasis></strong></p><p>Sir Carl Belham, Botaniker und Mitglied der Royal Society</p><p>Sir Wellington, Philosoph, Mitglied der Royal Society</p><p>Sir Joseph Banks, Botaniker, Vorsitzender der Royal Society</p><p>Franklin Myers, Gehilfe von Sir Carl Belham</p><p><strong><emphasis>An Bord der HMS Sailing Queen</emphasis></strong></p><p>Kapit�n Taylor</p><p>Kyle Bennetter, Bootsmann</p><p>Nathaniel Bennetter, Sohn von Kyle Bennetter, Schiffsjunge</p><p>Seth Bennetter, Sohn von Kyle Bennetter, Schiffsjunge</p><p>Doc Havenport, Schiffsarzt</p><p>Rafael Peacock, Astronom</p><p>Smutje Henry, Schiffskoch</p><p>Bartholom�us Kellington, Toppsgast</p><p>Peter Sohnrey, Vollmatrose und Backsvorsteher</p><p>Lukas Smith, Seesoldat</p><p>Toni Sellers, Zimmermann</p><p>Edison, Vollmatrose</p><p>Dan, Schiffsjunge</p><p>Randy Hall, Midshipman</p><p>John, Segelmacher</p><p><strong><emphasis>Tahiti</emphasis></strong></p><p>Owahiri, Vater von Tupaia</p><p>Revanui, Frau von Owahiri, Mutter von</p><p>Tupaia Tupaia, Sohn von Owahiri und Revanui</p><p><strong><emphasis>An Bord der HMS Challenge</emphasis></strong></p><p>Kapit�n Fairbanks</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>Prolog</strong></p></title><section><title><p><strong>Plymouth, 14.�Mai 1775</strong></p></title><p>�Schau genau hin! Siehst du die durchscheinende Haut, die aufgestellten H�rchen, die Seitenrippen und das Ge�st der �derchen?</p><p>Konzentriere dich, bevor du Hand anlegst, denn sollte deine Entscheidung die falsche sein, wirst du ein weiteres Opfer bringen m�ssen.</p><p>H�rst du das leise Knacken beim Brechen?</p><p>Jede deiner Beobachtungen musst du nun genau notieren, denn du bist daf�r verantwortlich, all denen, die dies nicht sehen k�nnen, davon zu berichten und ihnen deine Erkenntnisse weiterzugeben. Denn das, Mary, das ist das Herz der Wissenschaft: die Erkenntnis. Und du siehst es hier vor dir: Erkenntnisse sind nicht zu erringen, ohne dass Opfer erbracht werden m�ssen. Deshalb entscheide ruhigen und klaren Gem�tes, egal, was du tust. Hast du das verstanden?�</p><p>�Ja, Vater, das habe ich.�</p><p>Sie fixierte das dem Schutz der verzweigten Hecke entrissene Blatt und begann, den Arm zur�ckzuziehen. Behutsam w�lbte sie die Finger zur halboffenen Faust, darauf bedacht, dass das junge Gr�n sich in die Handfl�che schmiegte, ohne zu zerknicken. Mit der anderen Hand schob sie das rankende Buschwerk zur Seite, doch die Dornen des Strauches gruben sich tief in ihre Haut.</p></section></section><section><title><p><strong>Teil 1</strong></p></title><section><title><p><strong>Plymouth, 13.�Juli 1785</strong></p></title><p>Die Wellen rollten in die Bucht, dass man h�tte glauben k�nnen, der Hafen sei �ber Nacht zu klein geworden. Achtlos rissen sie die Schiffe in die H�he, lie�en sie wieder in die Tiefe sinken und suchten ihren Weg zur Kaimauer, an der sie sich wei�sch�umend brachen.</p><p>Am Horizont erhoben sich dunkelgraue Wolkenberge, deren Ausl�ufer bereits die K�ste erreicht hatten. Schwer trugen sie am Regen und lie�en vereinzelte Tropfen fallen. B�en jagten �ber das Wasser und w�lbten die Segel der Schiffe, dass die Masten unter dem Druck bedrohlich knackten. Die schwarze Wand, die �ber das Meer auf Plymouth zukam, k�ndete nicht nur von Regen, sie k�ndete von Sturm.</p><p>Mary wandte den Kopf und blickte zu einem der Schiffe hin�ber, das noch zur rechten Zeit im Hafen eingelaufen war. Der Wind zerrte an den Kleidern der Passagiere, als sie die Pier betraten. Die Erleichterung, wieder festen Grund unter den F��en zu sp�ren, war ihren Gesichtern anzusehen. Mit ausholenden Schritten eilten sie davon und bestiegen die Droschken. Eisenbeschlagene Wagenr�der rollten �ber das Stra�enpflaster hinweg, Peitschen zuckten und Zungen schnalzten, bis der Wind die leiser werdenden Ger�usche g�nzlich verschluckte.</p><p>Bald w�rde er erscheinen. Es war sp�t, und die Stadt h�llte sich bereits ins fade Licht der D�mmerung. Mary fr�stelte und hob die Kapuze ihres Umhanges �ber die Haube. Kurz darauf trat er neben sie. William, dieser ersch�pfte, alte Mann, der Tag um Tag ausgeschickt wurde, sie zu suchen, und der Abend f�r Abend nach der R�ckkehr Geschichten erfand, wo er sie aufgelesen hatte. Im Rosengarten, auf dem Markt, in der Kirche. Nur den Hafen, wo er sie ein ums andere Mal abholte, den erw�hnte er nie.</p><p>�Mary, Eure Tante ist kurz davor, Euch Ausgangsverbot zu erteilen. Sie bezweifelt, dass Eure Spazierg�nge der k�rperlichen Ert�chtigung dienen.� Williams Stimme war sanft, fast z�rtlich.</p><p>�Sie sind noch keine sieben Monate unterwegs.� Unsicher, ob er sie geh�rt hatte, musterte Mary Williams vertrautes Profil. Seine dunklen Augen, die gebogene Nase und den schmallippigen Mund.</p><p>�Ja�, sagte er und sein Kehlkopf machte einen Sprung, �es sind heute hundertsiebenundachtzig Tage.�</p><p><emphasis>Er z�hlt also auch die Tage,</emphasis> dachte Mary und setzte erneut an: �Vielleicht sind sie umgekehrt und auf dem Heimweg. Nur weil das Schiff havariert ist, hei�t das nicht, dass sie es nicht wieder flottmachen konnten.�</p><p>�Ihr habt die Meldung de<emphasis>s Town Magazine</emphasis> gelesen. Das Schiff ist bei Kap Hoorn zerschellt. Die Str�mungen dort sind unberechenbar, das Wetter ist oft schlecht. Umhertreibende Eisberge und im Wasser verborgene Felsen machen die Umrundung zum Wagnis. Und Ihr wisst das.� Er z�gerte und atmete tief ein. �Wir haben keinen Grund mehr zu hoffen.�</p><p>�Ich kann die Hoffnung nicht aufgeben.� Mary h�rte, dass ihre Antwort flehentlich klang, fast als w�rde sie William bitten, er m�ge sie noch einen Augenblick schonen und die Wahrheit f�r sich behalten. Doch der tat nichts dergleichen.</p><p>�Niemand hat �berlebt�, sagte er leise. �Auch Euer Vater nicht. Er ist tot.�</p><p><emphasis>Wie kann er eine Handvoll gedruckter Zeilen zur Gewissheit machen? Qu�len ihn nicht die gleichen Bilder wie mich?</emphasis>, fragte sie sich. <emphasis>Die Woge, die Vater unter Wasser dr�ckt. Wie er Salz schmeckt und sp�rt, dass Wasser in seine Lungen dringt. Das W�rgen und Husten, als er wieder auftaucht, die Kr�mpfe in seiner Brust, die zur ehernen Zwinge werden. Eine weitere Woge, die ihn mit sich rei�t. Er gleitet ins Bodenlose und sieht das glei�end helle Licht an der Wasseroberfl�che �ber sich brechen. Es entfernt sich immer weiter, wird milchig, dann gr�ulich, bis ihn Dunkelheit umgibt</emphasis>. Mary lie� die Arme zu beiden Seiten des K�rpers schlaff herabfallen und trat einen Schritt vor. Von Neuem konzentrierte sie sich auf den Horizont: auf das Wasser, die Wolken, die Leere. Ausschau halten. Dieses Ritual, das Trost gab und das William inzwischen mit ihr teilte. Sie wusste, er w�rde seufzen und an ihrer Seite ausharren, wenn es sein musste auch den ganzen Abend.</p><p>Eine Welle �bersprang die Kaimauer, langte mit nassen Fingern nach Marys Rock und hinterlie� eine Spur w�ssriger Perlen auf dem Wollstoff. Vor ihr erstreckte sich nur noch eine Handbreit schwarzgl�nzender Steine, die, mit Tang und Miesmuscheln besetzt, steil ins Wasser abfielen. Keine Br�stung, kein Gel�nder. Nur die offene See.</p><p>William fasste sie am Arm und zog sie zur�ck. �Lasst uns gehen. Dies ist kein Ort f�r Euch. Und Ihr werdet bereits erwartet.�</p><p>Mary wandte sich um. Die D�mmerung hatte der Stadt ihre Farben genommen. Plymouths D�cher dr�ngten sich d�ster aneinander, die sonst sattgr�nen H�gel des Hinterlandes duckten sich in der Farbe von Holzru� unter den tiefh�ngenden Wolken. Die W�lder, in Schwarz geh�llt, begrenzten die tags goldgelben Felder, die nur noch als gr�uliche Flecken auszumachen waren. Hier, hinter der Kaimauer, konnte sie alles abschreiten. Die Stadt mit ihren engen Gassen, sogar die gesamte Insel, wenn sie es wollte. Doch das Leben jenseits dieser Mauer konnte sie nicht erreichen. Die unebene, steinige Kante, an der sich beide Welten ber�hrten, war die Grenze. <emphasis>Nein,</emphasis> schien sie zu sagen, <emphasis>auf ein Schiff, dort hinaus in die Weite der Weltmeere und den Spuren deines Vaters folgen, um sein Werk fortzuf�hren, das darfst du nicht! F�r heute hast du genug getr�umt. Ein Forscher kannst du nicht sein. Denn du bist eine Frau.</emphasis></p><p>***</p><p>Die silberne Klinge des Messers senkte sich ins Fleisch und trennte es in zwei H�lften, die weich und rosig auseinanderfielen. <emphasis>Sollte ich nichts erreicht haben, bis ich gehe, so werde ich wenigstens gut gegessen haben,</emphasis> dachte Landon Reed, als er die Gabel zum Mund f�hrte.</p><p>James Canaughy, ein Mann mit sonorer Stimme, sa� neben der Gastgeberin Henriette Fincher und sprach in einer Lautst�rke, die jede weitere Konversation am Tisch unterband. Mit Messer und Gabel in den H�nden gestikulierte er in der Luft herum und bebilderte eine Venedig-Reise, indem er italienische Begriffe in seine Rede einf�gte, als w�re ihm die englische Sprache auf dem Weg zwischen Plymouth und der Adria abhandengekommen.</p><p>Die Frau an seiner Seite schien von dem Vortrag verz�ckt. Immer wieder lachte sie auf, immer wieder legte sie die Hand auf seinen Arm und beugte sich vor, um etwas zu erwidern. Monatelang hatte sie, erz�hlte man sich, ihren Mann, der gut zwanzig Jahre �lter gewesen war, gepflegt. Kaum ein halbes Jahr, nachdem sie Witwe geworden war, hatte das Schicksal ihr nun den Bruder genommen. Und die Verantwortung f�r die Nichte aufgeb�rdet. Mrs.�Fincher konnte nicht �lter als drei�ig Jahre sein, sch�tzte Landon, doch die Schattenseiten des Lebens begannen, sich in ihrem Gesicht in ersten feinen Linien abzuzeichnen. Alles in ihrem Gesicht war schmal, selbst die Augen, denen nichts zu entgehen schien. Wie konnte sie diesen Mann f�r ihre Nichte in die engere Wahl ziehen?</p><p>Canaughy hatte bekannterma�en ein beachtliches Verm�gen hinter sich, denn die Bank seines Vaters florierte. Landon hatte angenommen, es sei stadtbekannt, dass Canaughy seinem alten Herrn noch im Ruhestand die Arbeit �berlie�, w�hrend er allenthalben den sch�nsten und vor allem j�ngsten Frauen der Gegend nachstellte. Offensichtlich hatte Mrs.�Fincher den Nachhall seiner amour�sen Abenteuer bisher nicht vernommen. Der Platz links neben ihr, ihm direkt gegen�ber, war frei geblieben. Dort h�tte Mrs.�Finchers Nichte sitzen sollen, die Arme auf die gedrechselten Lehnen gelegt, den R�cken entspannt ans gelb gestreifte R�ckenpolster gelehnt.</p><p>Mary Linley.</p><p>Ihretwegen war er erschienen. Nun musste er auf den leeren Stuhl starren, der, dicht an den Tisch geschoben, die L�cke in der Runde betonte, und war gezwungen, dem Schw�tzer Canaughy zu lauschen.</p><p>�Mr.�Reed, wie l�uft der Handel?�</p><p>Landon schaute zu Peter Wallis hin�ber, einem Anwalt, der mit seiner Frau geladen worden war.</p><p>�Wenn ich recht informiert bin, importiert Ihr tropische H�lzer? Oder war es der Teehandel?�</p><p>Canaughy, der sein Lammfleisch noch immer nicht anger�hrt hatte, �berpr�fte, w�hrend er von einer Jagd erz�hlte, sein Konterfei in der gl�nzenden Gabel. Mit einem gezielten Griff schob er den Kragen seines Hemdes zurecht und beschrieb wortreich, wie er zwei F�chse erlegt hatte.</p><p>Landon versp�rte kein Bed�rfnis, sich �ber gesch�ftliche Dinge auszulassen, doch kam er nicht umhin, kurz auf Peter Wallis� Frage einzugehen. Als er zu einer Antwort ansetzen wollte, �ffnete sich die T�r. <emphasis>Mary! Endlich! Da bist du,</emphasis> dachte er, lie� das Besteck sinken und erhob sich.</p><p>Der Rock ihres bodenlangen Kleides wippte auffordernd bei jedem Schritt. �Gott zum Gru�e�, sagte sie und nickte in die Runde. �Ich hoffe, die werten G�ste sehen mir mein sp�tes Erscheinen nach, aber ich f�hle mich derzeit nicht wohl. Doch ich m�chte nicht die Gelegenheit verpassen, einen kleinen Moment gemeinsam zu genie�en.� Mit einer Handbewegung bat sie darum, dass die G�ste wieder Platz nahmen, und lie� sich nieder.</p><p>Zuletzt hatte Landon Mary im Theater getroffen, damals war sie noch in Begleitung ihres Vaters gekommen. Von jeher war sie selten bei gesellschaftlichen Anl�ssen erschienen, und nach dem Tod des Vaters hatte sie sich vollkommen zur�ckgezogen. Aufgeweckt und unbek�mmert hatte er sie in Erinnerung, doch heute lag auf ihrem ovalen Gesicht etwas Kr�nkliches. Auch der Puder und das Cochenille auf ihren Wangen konnten es nicht verbergen.</p><p>James Canaughy taxierte sie. Ein f�nfarmiger Kandelaber, der in der Tischmitte stand, nahm ihm den Blick. Er beugte sich vor. Sein starrer Blick wanderte Marys Hals herab, tastete �ber Br�ste, Schultern und Arme.</p><p><emphasis>Ich bin nicht besser</emphasis>, fuhr es Landon durch den Kopf, <emphasis>ich starre sie ebenfalls an.</emphasis> Abermals zog er sein Messer durch das Fleisch und betrachtete die dunkle Sauce, die s�mig von der Klinge tropfte.</p><p>Das Dienstm�dchen fasste nach dem Blasebalg, um das Feuer zu entfachen. Die braunrote Wandt�felung lie� den wei�get�nchten Kaminsims leuchten. Die Flammen flackerten auf und warfen Schatten, die auf Marys Schultern tanzten.</p><p>Landons Blick verlor sich auf einem schwarzgl�henden Holzscheit, das knisternd zerfiel. Zu gern h�tte er Mary in ein Gespr�ch verwickelt, sie erheitert, ein wenig abgelenkt, aber kein Wort wollte ihm einfallen, mit dem er sich an sie wenden konnte. Wie sprach man eine kluge Frau an?</p><p>Bei einer Kunstausstellung war er mit ihr bekannt gemacht worden. Erstaunt hatte es ihn, dass sie sich so exzellent auf Malerei verstand. Schon zuvor hatte er davon geh�rt, dass sie ihrem Vater bei seiner Arbeit zur Seite gestanden hatte. Die Gem�ter hatten sich daran erhitzt, dass eine Frau den Arzt begleitete, doch ob der Erfolge, die er in seinen Behandlungen erzielt hatte, waren auch die letzten Schandm�uler irgendwann verstummt. Ja, da war er sicher, sie war sehr klug. Er l�chelte.</p><p>Die Wangen von Peter Wallis� Frau waren vom Wein ger�tet. Mittlerweile war sie mit Mary ins Gespr�ch vertieft. Das Dienstm�dchen stakste an den Tisch und trug die Teller ab. Landon beugte sich vor, um der Unterhaltung der Frauen zu folgen. Vielleicht ergab sich die Gelegenheit, etwas einzubringen, um f�r einen Moment ihren Blick f�r sich zu haben.</p><p>�Das ist nicht Euer Ernst�, sagte Mrs.�Wallis just und schlug die Hand vor den Mund.</p><p>Mary nickte. �Doch, die fadenspinnende Gespinstmotte ruiniert die Obstb�ume. Und so ist es, nicht nur zum Schutz der Ernte, wichtig, sich den Befall und die Gr��e der Populationen genauer anzuschauen.�</p><p>�Ihr fasst dieses Tierzeugs an?� Mrs.�Wallis schaute erheitert zu ihm hin�ber. �Was sagt Ihr dazu, Mr.�Reed?�</p><p>�Oh, ich h�rte von Miss Linleys Furchtlosigkeit. Und von ihrer Vorliebe f�r die heimische Gespinstmotte.�</p><p>Am�siert ergriff Mrs.�Wallis ihr Glas, und Mary sah ihn an. Kurz nur, aber sie lachte. Ihm wurde warm.</p><p>Obgleich Canaughy immer noch ohne Unterlass auf Mrs.�Fincher einsprach, versuchte diese, der Unterhaltung ihrer Nichte zu folgen. Auf dem Gesicht und am Hals der Gastgeberin hatten sich rote Flecken gebildet. Sie klatschte in die H�nde, und das M�dchen trug ein Tablett mit Kristallkelchen herein. Als sie Mary eines der Gl�ser mit wei�lichem Sorbet reichte, sch�ttelte die dankend den Kopf, schob den Stuhl zur�ck und erhob sich. �Meine Damen, meine Herren. Das Essen hat mich ersch�pft. Gern w�rde ich mich, wenn ich darf, jetzt zur�ckziehen.� Sie schaute Mrs.�Fincher abwartend an, die sich die Serviette vor den Mund presste, sie sinken lie� und nickte.</p><p>�Nat�rlich, mein Kind, wenn du unp�sslich bist, m�chten wir deine Gesellschaft nicht �ber Geb�hr beanspruchen. Gern werde ich dich auf dein Zimmer geleiten.�</p><p>Mrs.�Wallis warf ihm einen Blick zu. Landon schluckte und erwiderte den Blick. <emphasis>Ja, Mary kann doch jetzt noch nicht gehen. K�nnen wir sie nicht aufhalten? Ich habe fast kein Wort mit ihr gewechselt.</emphasis></p><p>Doch Mrs.�Wallis r�hrte sich nicht, und auch er blieb stumm.</p><p>Noch einmal drehte Mary sich um. Kurz hoffte Landon, sie m�ge es sich �berlegt haben, doch sie w�nschte den G�sten nur eine gute Nacht und verschwand.</p><p>Als die beiden Frauen das Zimmer verlie�en, h�rte er Mrs.�Fincher zischen: �So geht das nicht weiter. Du zwingst mich geradezu, andere Saiten aufzuziehen.�</p><p>Dann erst wurde die T�r geschlossen. Alle schauten aneinander vorbei, und selbst James Canaughy schwieg.</p><p>***</p><p>Vor Wut schienen Henriette die Worte zu fehlen. Den R�cken in kerzengerader Haltung, begleitete sie Mary den Flur hinab. Pl�tzlich hielt sie inne. �Dar�ber werden wir morgen noch zu sprechen haben�, stie� sie hervor und kehrte zu den G�sten zur�ck.</p><p>Dass diese beherrschte Frau die Schwester ihres Vaters sein sollte, verwunderte Mary immer wieder. Nichts hatte sie von seinem Temperament, nichts von seiner W�rme. Stur, wie nur er es gewesen war, konnte sie sein, aber damit waren die Gemeinsamkeiten auch schon aufgez�hlt.</p><p>Der Gedanke an den Vater weckte die Sehnsucht. Rasch griff sie in ihre R�cke, und die Stoffe bis �ber die Knie gerafft, huschte sie zum Behandlungsraum hin�ber. Hier hatte der Vater einst, sobald keine Patienten mehr zugegen gewesen waren, seine Journale und Manuskripte geordnet. Hier konnte sie ihm immer noch nahe sein. Ein Vorhang verbarg die T�r, die in das Naturalienkabinett f�hrte. Noch einmal lauschte sie auf den Flur hinaus, drehte den Schl�ssel im Schloss und z�ndete die �llampe an. Die Flamme loderte kurz auf, und die Schatten schwankten durch das gro�e Zimmer.</p><p>Der vertraute Geruch aus Staub und Farben schlug ihr entgegen. Die Schr�nke und Regale quollen �ber, Sammlungsst�cke, wohin sie blickte. Selbst auf dem Boden stapelten sich noch Kisten mit Sammlungsst�cken, die keinen Platz mehr gefunden hatten. Auf dem Tisch waren die Schichten papierner B�gen mit gepressten Pflanzen inzwischen ellenhoch gewachsen und lockten, sich in die Arbeit der Katalogisierung zu vertiefen.</p><p>Mary z�gerte. Womit sollte sie beginnen? Zuerst den schwarzen Hirschhornk�fer mit den gl�nzenden Zangen in die Vitrine einf�gen? Oder das Herbarium sortieren? Nein, sie wollte nicht denken und �ffnete den Schrank, in dem Aquarellfarben, Tusche, R�tel- und Pastellstifte, Tinten und Zeichenbl�tter aufbewahrt wurden. Neben das Papier legte sie die Kielfedern mit den geschwungenen Griffen aus Nussbaumholz. Mit ihnen wollte sie der Bleistiftskizze des gelben Enzians die Konturen verleihen und erst, wenn die H�nde warm waren, die Details zeichnen.</p><p>Ein Klopfen an der T�r. Leise und zaghaft. Das konnte nicht Henriette sein. Sie h�tte an der Klinke ger�ttelt und mit spitzen Fingerkn�cheln aufs Holz geschlagen, dass man es noch zwei Zimmer entfernt h�tte h�ren k�nnen.</p><p>Mary �ffnete die T�r einen Spalt. Vor ihr, im Dunkel, stand Landon Reed. Sie waren allein. Eine Pause entstand. Eine peinliche Stille, die sie nicht zu �berbr�cken wusste.</p><p>�Darf ich eintreten?�, fragte Landon. Seine Stimme war leise, und eine Spur Unsicherheit schwang in ihr. �Bitte, sorgt Euch nicht�, f�gte er an. �Ich habe mich verabschiedet und das Haus verlassen. �ber den Hintereingang bin ich���</p><p>Sie lie� ihn eintreten und schloss hinter ihm die T�r. W�hrend er sich umsah, musterte sie ihn. Ein hochgewachsener Mann von mindestens sechs Fu�. Dunkles, volles Haar, in einen kurzen Zopf gebunden. Ein klarer, wacher Blick, der alles flugs zu erfassen schien. Nein, sie wollte sich nicht vorstellen, dass dieser Mann n�chtens wie ein streunender Hund ums Haus geschlichen war.</p><p>Landon r�usperte sich. �Und das ist also Plymouths ber�hmtes Naturalienkabinett?�</p><p><emphasis>Nat�rlich</emphasis>, dachte Mary, <emphasis>er kennt nur den Salon und das Rauchzimmer. Die Sammlung hat er noch nie gesehen. Aber er ist nicht hier erschienen, um mit mir �ber die Naturwissenschaften zu reden. Er wei� genauso gut wie ich, dass wir gerade jede Regel des Anstands �bertreten.</emphasis></p><p>�Es w�rde mich freuen, mehr �ber die Sammlung zu erfahren.�</p><p><emphasis>Zeit will er gewinnen. Und jede Minute birgt die Gefahr, entdeckt zu werden.</emphasis> �Nichts lieber als das�, sagte Mary, �berrascht von ihrem gleichm�tigen Ton. <emphasis>Du klingst, als w�rdest du jede Nacht Besucher durch das Kabinett f�hren,</emphasis> hielt sie sich vor und zeigte auf die Vitrinen. �In diesen Schr�nken wird die Insektensammlung ausgestellt. Jede der Schrankvitrinen birgt andere Arten: Eine zeigt Hautfl�gler. Seht hier, das sind beispielsweise Hummeln und Bienen. Daneben sind die Deckfl�gler einsortiert, das bedeutet K�fer aller Art.�</p><p>Und jetzt, als Landon so dicht bei ihr stand, h�rte sie das Rascheln der Seide seines Mantelrocks und roch die herbe Sandelholznote seines Parfums. Die Einsamkeit war seit der Abreise des Vaters ihre Begleiterin geworden. Sie war bei ihr schon morgens, wenn sie aufstand, w�hrend sie im Kabinett arbeitete, erst recht beim Mittagessen mit Henriette oder an den Abenden, die sie, �ber Handarbeiten gebeugt, zusammensa�en. Und w�hrend Landon die Insekten betrachtete, entbrannte in Mary der Wunsch, von ihm in den Arm genommen zu werden. Sie wollte festgehalten werden, sich anlehnen und den Kopf auf seine Schulter legen, um f�r einen Moment dem Alleinsein zu entkommen.</p><p>Sie trat einen Schritt zur�ck. Ob die Einsamkeit sie verr�ckt gemacht hatte? Zweifelsfrei: Er sah gut aus, war geschmackvoll gekleidet, und immer wieder fiel ihm diese eine Locke in die Stirn. Er schob sie best�ndig beiseite, und sie war sicher, er bemerkte es nicht einmal. Aber egal, wie anziehend dieser Mann war, ihr war bewusst, dass sie nicht mitten in der Nacht allein mit ihm in einem Zimmer Zeit verbringen und darauf hoffen konnte, dass er ihre Suche nach N�he nicht falsch verstehen w�rde.</p><p>�Hier sind�, fuhr sie fort, �die Spinnentiere ausgestellt. Mittig platziert seht Ihr den italienischen Hausskorpion. Um ihn herum sitzen verschiedene Kreuzspinnen.�</p><p>Vor der Wandnische neben dem Fenster blieb sie stehen und merkte, dass sie wieder zur Ruhe kam. Sie �ffnete zwei gro�e Holzt�ren, und vor ihnen schwebten hinter einer Glasfront zahlreiche Schmetterlinge. Das war ihr der liebste Teil des Kabinetts, und auch Landon schien beeindruckt.</p><p>�Habt Ihr zu dieser Sammlung beigetragen?�</p><p>�An allen Arbeiten, die Ihr hier seht, habe ich Anteil gehabt. Ich habe meinen Vater auf seinen Exkursionen ins Umland begleitet, und auch an der Auswertung der Sammlungsst�cke war ich beteiligt.�</p><p>Landons Blick wanderte immer noch �ber die Schmetterlinge. �Habt Ihr die Nadeln durch die�� K�rper gesto�en?�</p><p>Mary nickte.</p><p>Er schaute sie an. Einen Augenblick nur, aber sichtlich irritiert.</p><p>�So ist Wissenschaft eben. Wissenschaft kann nicht anders funktionieren. Die Zeichnung reicht nie an das Original heran, deshalb wollen wir es auf diesem Weg der Nachwelt erhalten.� <emphasis>Ja</emphasis>, dachte sie, <emphasis>wenn du dich darauf einl�sst, ist es viel, was hier auf dich einst�rzt. Wissen, jahrelang gesammelt und dokumentiert. Es ist die Mischung aus Verg�nglichkeit und Aufbewahrung, Tod und Sch�nheit, von Akribie und Abenteuer. Wenn du ehrlich bist, fasziniert es dich, und gleicherma�en st��t es dich ab. Aber irgendwann sp�rst du nur noch die Faszination, dann treibt dich die Neugier an, mehr zu erfahren.</emphasis> �Wir sehen oft nur nicht genau genug hin. Die Natur ist voller Wunder, und wir sammeln sie hier. In unserer Wunderkammer.�</p><p>Nochmals schaute Landon sie an, und abermals war er sichtlich irritiert. Dann drehte er den Kopf beiseite und beugte sich vor, um sich die Schmetterlinge genauer anzusehen.</p><p><emphasis>Er hat recht</emphasis>, dachte sie. <emphasis>Es ist die falsche Formulierung: Es gibt kein �wir� mehr.</emphasis> Sie schluckte gegen den Druck in ihrer Kehle an, und ihr Blick hielt sich an Landon fest, der zwei Schritte weitergegangen war und mit der rechten Hand �ber das dunkle Holz der Kommoden strich. Mary �ffnete eine der Schubladen. Der unverwechselbare Duft getrockneter Pflanzen stieg auf. �Das ist das Herbarium�, sagte sie und h�rte den weichen Klang ihrer Stimme. �Die einzelnen B�gen, auf denen man gepresste Pflanzen aufbewahrt und sie nach ihren Familien und Herkunftsorten sortiert, nennt man Belege. Hier unten in der Ecke notieren wir stets den Fundort, das Funddatum und den Sammler. Ob Schmetterlinge oder Pflanzen � dahinter steht der gleiche Gedanke: Diese Sammlungen sind Dokumentations- und Vergleichsinstrumente. Sie sind die Grundlage unserer Arbeit.�</p><p>�Was seid Ihr f�r eine Frau�, lachte Landon auf. �Ein Leben an Eurer Seite w�re sicher kurzweilig.�</p><p>Jetzt waren sie angekommen, jetzt war er beim Thema. Deshalb war er hier erschienen. Mary sch�tzte ihn, seine umfassende Bildung und die �berlegten Worte. Sie hatte seine Blicke am Tisch bemerkt und erahnte die Gef�hle, die er offensichtlich f�r sie hegte. Gef�hle, die sie nicht erwidern konnte. Die sie nicht kannte. Flugs zeigte sie auf das Kuriosit�tenregal und stellte die �llampe so, dass das, was zuvor im Dunkeln gelegen hatte, ins Licht ger�ckt wurde. Ohne nachzudenken, senkte sie die Stimme: �Das sind Mitbringsel meines Vaters. Er hat sie von den Ausfl�gen in die Umgebung, von den Reisen durch Europa und der ersten Forschungsfahrt, die er als Arzt und Sammler begleitet hat, mitgebracht.�</p><p>�Darf ich sie ber�hren?�, fragte Landon. Kaum, dass Mary genickt hatte, lie� er die Finger �ber die por�se Oberfl�che der feuerroten Korallen gleiten. In t�nernen Schalen lagen Muscheln. Er hob sie an und lie� das silbrige Perlmutt im Licht schimmern. Mattgraue Schneckenh�user verbargen ihre Sch�nheit dem ersten Blick.</p><p>Mary nahm eines heraus. Drehte es um. Nun konnte er den warmen Ton der lachsfarbenen Innenw�nde sehen. Einige der Geh�use waren faustgro� und schwarz-wei� gemustert, andere fingerdick in die L�nge gedreht, mit zinnoberfarbenen Flecken versehen.</p><p>F�r jedes Sammlungsst�ck nahm Landon sich Zeit, jedes hob er an, bef�hlte die Oberfl�chen und stellte es wieder an seinen Platz. Im obersten Regalfach thronte ein menschlicher Sch�del neben fremdartigen Holzwaffen mit aufwendigen Schnitzereien.</p><p>Mary zog den Schemel heran, lie� sich nieder und sah zu, wie Landon die silbernen Pokale und h�lzernen Trinkgef��e ber�hrte und sich �ber Zeichnungen weit entfernter L�nder beugte.</p><p>�Es ist sch�n, wirklich sch�n.�</p><p>�Ja, das finde ich auch. Der ganze Raum ist gef�llt mit Erinnerungen. Und wirklich zu allem wusste mein Vater Lehrreiches zu berichten.�</p><p>Landon zog eine Teakschatulle hervor. �Was ist das? Welche Geschichte erz�hlt dieses Holzkistchen?�</p><p>Sie nahm die Schatulle und �ffnete den Deckel. <emphasis>Der Schmetterling. Vaters Schmetterling.</emphasis></p><p>�Es ist eine lange Geschichte, die mein Vater mir nach seiner Weltreise erz�hlte. Er konnte weit ausholen.�</p><p>�Bitte nehmt Euch die Zeit.�</p><p>Mary betrachtete die Fl�gel des Schmetterlings. Schwarze Spitzen, die ein orangefarbener Farbstreifen vom samtigen Blau der schmaler zulaufenden Enden trennte.</p><p>�Ich wei� nicht mehr, auf welcher Insel sich die Geschichte mit dem Schmetterling zutrug. Aber irgendwo unterwegs tauschte einer der Seesoldaten sein Halstuch gegen einen Blattschmetterling. Diesen hier. Es gibt farbenpr�chtigere Falter, werdet Ihr denken, doch das Faszinierende sind die schlammig-braunen Unterseiten der Fl�gel.�</p><p>Mary hob die Glasplatte, auf der der Schmetterling befestigt war, an einer kleinen Schlaufe in die H�he und drehte sie um.</p><p>�Wenn der Schmetterling die Fl�gel schlie�t, gleicht er einem vertrockneten Blatt. Perfekt in seiner Nachahmung und Anpassung. Mein Vater bat den Seesoldaten, das St�ck f�r die Sammlung herzugeben. Doch der Kerl schlug vor, dass mein Vater ihm f�r einen Monat seine Rum-Ration abtreten solle. Das war ein unversch�mter Preis, und so lehnte mein Vater ab. Stattdessen versuchte er, den Eingeborenen klarzumachen, dass sie ihm ein solches Prachtexemplar besorgen sollten. Sie brachten kleinere Falter dieser Art und andere Insekten, und er gab die Hoffnung auf, jemals einen zu erstehen.</p><p>Das Schiff blieb f�r einige Tage in der Bucht vor Anker, und ein lebhafter Handel entstand. Die Wilden kamen an Bord. Alles wollten sie sehen, alles wollten sie anfassen und ausprobieren. Die Seeleute und Wissenschaftler besichtigten wiederum die Insel, nicht weniger neugierig. Und eines Morgens h�rte man den Seesoldaten fluchen, sein Kleinod sei ihm gestohlen worden. Wenig sp�ter kamen wieder Eingeborene mit ihren Kanus an das Schiff herangefahren. Sie brachten neue Handelsware, und dort lag � eben jener Blattschmetterling. Meinem Vater liefen die Tr�nen �ber die Wangen, so musste er lachen. Diese Burschen der Insel boten der Mannschaft allerlei Gegenst�nde, die bereits getauscht worden waren, erneut an. Sie hatten sie an Bord entwendet.</p><p>Der Seesoldat hatte inzwischen alles, was er besa�, getauscht. Vor seinen Augen erwarb mein Vater nun den Falter und �bergab ihn dem Mann. Der bekam einen hochroten Kopf, doch mein Vater bestand darauf, dass er den Schmetterling wieder an sich nehmen solle. Schlie�lich, so meinte er, sei dieses Kleinod unrechtm��ig in seinen Besitz gelangt.</p><p>Abends stie�en die beiden M�nner gemeinsam an. Jeder mit seiner Rum-Ration. Dem Seesoldaten war die Geschichte derart arg, dass er den Schmetterling letztlich spendete und nun meinem Vater als Ausgleich f�r den geleisteten Tauschwert seine Rum-Ration anbot. Zwar nur f�r drei Tage, aber es ist ja auch der Wille, der z�hlt.�</p><p>Mary schwieg. Sie sah ihren Vater, der sie, den Kopf zur Seite geneigt, anschaute, um sich dann zum Tisch vorzubeugen und die Pfeife auszuklopfen.</p><p>�Stets fragte mein Vater, was seine Geschichte lehre. Es war albern, aber er mochte dieses Spiel. Und diese sollte mich lehren, offenen Herzens durch die Welt zu gehen. Denn jede Hinterlist und jede Anma�ung, sagte er, die ich beginge, w�rde irgendwann auf mich zur�ckfallen. Stets beschwor er mich, ehrlich und bescheiden zu bleiben. Er war ein Idealist.�</p><p>�Ihr seid ganz seine Tochter�, sagte Landon, griff nach ihren H�nden und umschloss sie. Glatt f�hlte seine Haut sich an. �Ihr seid so sanft. So klug. Wie lange wollt Ihr mich noch warten lassen?�</p><p>Mary schloss die Augen. <emphasis>Ich muss ehrlich zu ihm sein. Eben habe ich dar�ber gesprochen.</emphasis></p><p>�Ich m�chte Euch nicht warten lassen, es ist mir unm�glich. Noch f�hle ich mich nicht reif f�r den Bund des Lebens�, fl�sterte sie und sah das Zucken seiner Mundwinkel. Sah, dass die weichen Gesichtsz�ge sich anspannten.</p><p>�Ihr seid neunzehn Jahre alt, im besten Alter f�r die Ehe. Das findet auch Eure Tante. Bitte, erlaubt mir, Euch zu helfen, erlaubt mir��� Er z�gerte.</p><p>Mary hob die Brauen. Was sollten die gro�en Worte? �Habt Dank f�r Eure F�rsorge, aber ich wei� mir sehr wohl selbst zu helfen.� Sie f�hlte, dass es besser war, nicht genauer auf seine Gr�nde einzugehen. Nichts wollte sie aufr�hren, nichts aufbauschen.</p><p>�Ihr wisst nichts! Gar nichts!�, stie� Landon pl�tzlich hervor.</p><p>Seine Erwiderung war derart heftig, dass Mary zur�ckwich. Wie lange war er schon hier? Wie lange lie� sie schon zu, dass sie die Grenzen des Anstands �berschritten? Das konnte nicht gutgehen, er musste sich ja Hoffnungen machen. Sie wollte ihm keinen Schmerz zuf�gen, doch er war schon wie im Fieber, lief wie ein gehetztes Tier vor ihr auf und ab. Er musste gehen. Sofort.</p><p>Die Augen geschlossen, presste er die Finger auf die Nasenwurzel. Als er sich an sie wandte, wirkte er kraftlos. �Im Vertrauen, Eure Tante gestand mir, dass sie auf ihr Anwesen zur�ckkehren will. Sie wird den Hausstand in K�rze aufl�sen und���</p><p>Mary lachte auf. Die Situation wurde immer absurder, seine Rede immer verzweifelter.</p><p>�Bitte, lasst mich aussprechen. Mrs.�Fincher wird den Hausstand aufl�sen und beabsichtigt, Eure Verlobung bekannt zu geben.�</p><p>�Kein Wort glaube ich Euch.� Ihr Brustkorb schien kaum noch Luft fassen zu k�nnen.</p><p>�Habt Ihr sie diesen Abend beobachtet? Was denkt Ihr, wer wird der Mann sein, den sie f�r Euch ausw�hlt?�</p><p>�Nein, nein! Schweigt!� Das Schreien minderte den Druck ihrer Lunge, ein wohltuendes Gef�hl.</p><p>Einen Moment warteten sie, ob sie geh�rt worden waren, ob die T�r sich �ffnen und der Skandal seinen Anfang nehmen w�rde. Doch es blieb still.</p><p>Landon packte ihre H�nde und verfiel in einen Fl�sterton: �Von dem Geld, das sie f�r den Verkauf bekommt, wird die Mitgift gestellt. Sie will einen Mann ausw�hlen. Sie will, dass Ihr Canaughy heiratet. Den Mann, der auf die Rechte und die damit verbundenen Einnahmen der Reiseb�cher Eures Vaters aus ist. Bitte, lasst mich um Eure Hand anhalten. Ihr werdet es gut bei mir haben. Ihr d�rft zeichnen, Ihr d�rft auch gern���</p><p>�Es geht nicht ums Zeichnen. Ich bin nicht zur Ehefrau geboren. Ich bin�� Ich bin Botaniker. Ich will forschen, ich will reisen und nicht einem Haushalt vorstehen.�</p><p>�Ihr w�rdet eine gescheite Ehefrau und reizende Mutter abgeben. Euren S�hnen k�nntet Ihr all das beibringen, was Ihr mir heute gezeigt habt. All diese wundersamen Dinge, die in Eurem Kopf und Herzen sind.�</p><p>Mary l�ste die H�nde aus seinem Griff.</p><p>�Nein, das werde ich nicht! Ich wei�, dass Ihr es gut mit mir meint, aber ich muss Euch auffordern, jetzt zu gehen.�</p><p>F�r einen Augenblick erinnerte er sie an einen Leutnant auf See, der begriff, dass die Schlacht verloren war. Der einsah, dass er kapitulieren musste. Bevor er die Wunderkammer verlie�, drehte er sich noch einmal um: ��berlegt es Euch und denkt daran: Ich werde da sein.�</p><p>Wieder fiel die Str�hne in seine Stirn. Er strich sie nicht weg.</p><p>Die T�r klappte ins Schloss, und zur�ck blieb Stille. Sie war nicht ehrlich gewesen. Sie wusste genau, was sie wollte. Zum Heiraten war sie nicht geboren. Diesem Joch wollte sie sich nicht beugen. Nicht einmal an der Seite dieses Mannes<emphasis>. Auch wenn ich eine Frau bin, muss es einen Weg geben. Nicht aufgeben. Nur nicht aufgeben. Beweg dich</emphasis>, beschwor sie sich. <emphasis>Du musst handeln. Jetzt.</emphasis></p><p>Mary begann, die Schubladen der Kommoden aufzuziehen. Sie zerrte zahllose Zeichnungen hervor, hielt sie ins Licht und musterte sie kritisch, um eine Mappe mit den aufwendigsten St�cken zu schn�ren. Hinzu f�gte sie einige der Belege des Herbariums und ergriff das schwerste der B�cher, in denen sie mit dem Vater die Studien dokumentiert hatte. Die Auswahl der Arbeitsmaterialien trug sie in ihr Zimmer und schob sie unters Bett, weit nach hinten, in den Schutz der Dunkelheit. Noch auf dem Boden kniend, hielt sie inne. Ihre Worte zerschnitten die Stille: �Ja, Henriette, es reicht jetzt wirklich! Du zwingst mich geradezu, andere Saiten aufzuziehen.�</p></section><section><title><p><strong>Plymouth, 14.�Juli 1785</strong></p></title><p>Sie musste sich beeilen. William war zum Markt gefahren, um einige Besorgungen zu machen, bald w�rde er wieder zur�ck sein.</p><p>In der Fr�h hatte Mary ihn gebeten, sie mit in die Stadt zu nehmen. Sofort hatte er nachgefragt, ob diese Ausfahrt mit Henriette abgesprochen sei, und nur widerstrebend war er ihrer L�ge gefolgt.</p><p>Vor dem Tor des Navy Board lie� sie ihn anhalten. Williams Blick wanderte zu ihr und dem Haus, zu der Mappe und ihrem Gesicht. �Was wollt Ihr hier?�, fragte er.</p><p>�Hier hat das Navy Board seinen Sitz. Es stattet die Schiffe der Navy mit allem aus, was f�r die langen Reisen vonn�ten ist.�</p><p>�Das ist mir bekannt, aber was wollt Ihr hier? Beim Navy Board?�</p><p>�Hier ist auch Sir Carl Belham, der Leiter des naturwissenschaftlichen Stabes der kommenden Expedition, untergebracht.�</p><p>William wurde blass. �Es ist nicht, was ich bef�rchte, oder?�</p><p>�Doch, das ist es. Ich werde mit Sir Belham sprechen, denn ich bin gut ausgebildet. Warum sollte ich nicht einen Versuch wagen?�</p><p>�Frauen machen so etwas nicht. Auf Schiffen mitfahren. Frauen k�nnen das nicht�, sagte William und schnalzte mit der Zunge. Die Pferde trabten wieder an.</p><p>Mary hatte in die Z�gel gegriffen und die Kutsche zum Stehen gebracht. Sie war vom Bock gesprungen und energisch, ohne sich umzuwenden, auf das Holzportal zugeschritten. Der schwere Rock hatte das Zittern ihrer Beine verborgen.</p><p>Hinter einem der Fenster musste er sitzen. Sir Carl Belham. Vielleicht in ein Gespr�ch vertieft, vielleicht �ber Listen gebeugt, in denen er notierte, was f�r die Fahrt ben�tigt wurde. Kennengelernt hatte sie ihn nie, aber der Vater hatte ihn in London getroffen. Begeistert hatte er berichtet, dass Sir Belham, wie er selbst, auf Insekten und auch auf V�lkerkunde spezialisiert sei. Ein reger Briefwechsel war zwischen den M�nnern entstanden, in dem sie sich �ber die zuk�nftigen Aufgaben in der Erforschung der Lebensgewohnheiten der S�dsee-Eingeborenen ausgetauscht hatten. Sir Belham galt als fortschrittlicher Forscher, der sich der Linn�schen Systematisierung verschrieben hatte, die der Vater ebenfalls bei seinen Niederschriften angewandt hatte. Ob sie ihm erz�hlen sollte, dass sie den Briefwechsel stets mitverfolgt hatte?</p><p>Mary verlangsamte ihren Schritt und beobachtete, wie der Regen den Wollmantel silbrig benetzte. Hineingehen und vorsprechen, so schwer konnte es nicht sein.</p><p>In der Mitte der Halle, die sich kuppelf�rmig in die H�he w�lbte, sa� der Portier. �berall gl�nzte grauwei�er Marmor, und zwei im Rundbogen geschwungene Treppen f�hrten hinauf in das obere Stockwerk. Sie straffte die Schultern und steuerte auf den Portier zu, der durch ein messingfarbenes Namensschild als Ebenezer Stone vorgestellt wurde. <emphasis>Der Name Ebenezer Water h�tte besser gepasst,</emphasis> befand sie und musterte die Schwei�perlen auf der Stirn des Mannes, den milchigen Blick wie auch die Mundwinkel mit den wei�en Speichelr�ndern.</p><p>�Entschuldigt bitte die St�rung, ich m�chte bei Sir Belham vorsprechen.�</p><p>�Der Sir ist au�er Haus.�</p><p>Wie konnte sie auf die einf�ltige Idee kommen, dass ein derart besch�ftigter Mann auf sie warten w�rde? Nicht einen Gedanken hatte sie daran verschwendet, doch aufgeben wollte sie nicht. Sie konnte jetzt nicht nach nur einer Frage alles hinwerfen.</p><p>�W�rdet Ihr mir sagen, wann er wieder anzutreffen ist?�</p><p>Der W�ssrige lehnte sich zur�ck und verschr�nkte die Arme.</p><p>�Wenn Ihr etwas abgeben m�chtet�, er nickte in Richtung der Mappe, die Mary auf dem Tisch abgelegt hatte, �k�nnt Ihr es mir anvertrauen. Ich leite es weiter.�</p><p>�Nein, danke, ich m�chte die Mappe gern selbst vorzeigen.�</p><p>�Was, sagtet Ihr, ist das?�</p><p>Sie rang sich ein L�cheln ab. �Das ist meine Arbeitsmappe, die m�chte ich Sir Belham pers�nlich vorstellen und erl�utern.�</p><p>Inzwischen hatte sich hinter ihr eine Traube M�nner gebildet, und jeder von ihnen lauschte. Unauff�llig st�tzte sie sich mit der freien Hand auf dem Tisch ab und f�hlte die grobe Maserung des Holzes. <emphasis>Nicht die Nerven verlieren,</emphasis> beschwor sie sich, <emphasis>verliere nur nicht die Nerven!</emphasis></p><p>�Warum wollt Ihr�, Ebenezer Stone zog das letzte Wort in die L�nge, �Sir Belham diese Mappe zeigen?�</p><p>�Ich m�chte mich als botanischer Mitarbeiter f�r die Forschungsfahrt der <emphasis>Sailing Queen</emphasis> vorstellen.�</p><p>Es war ausgesprochen. Laut und deutlich.</p><p>�Was wollt Ihr denn da? Bl�mchen pfl�cken?�</p><p>Die wartenden M�nner stimmten in Ebenezer Stones Gel�chter mit ein.</p><p>Sie musste hier weg. Doch sie blieb stehen, schwitzte und presste die H�nde gegen ihren K�rper. Bei�end stieg ihr der Geruch der eigenen Angst in die Nase.</p><p>Ebenezer Stone erhob sich. �Ihr seht wohl selbst, dass Ihr nicht recht bei Trost seid?�, br�llte er, w�hrend sie anfing, r�ckw�rts zur T�r zu gehen. Langsam, Schritt f�r Schritt. Dann drehte sie sich abrupt um und lief, w�hrend sein Gebr�ll ihr nachjagte, jedes Wort ein Schlag: �Ein Weibsbild, das an Bord eines Forschungsschiffes will? Eine Unversch�mtheit ist das! Geht nach Hause zu Eurem Stickrahmen! Oder ich muss an Eurem Geisteszustand zweifeln! Abf�hren lass ich Euch, und das schw�re ich bei Gott, wenn Ihr noch einmal hier auftaucht! Ihr vergeudet die wertvolle Zeit des Navy Board. Raus hier!�</p><p>Als die T�r hinter ihr zuschlug, lehnte sie sich f�r einen Augenblick ersch�pft gegen das vom Regen nasse Holz.</p><p>William kam bereits mit der Kutsche die Stra�e entlanggefahren. Sofort richtete Mary sich auf und straffte die Schultern, er sollte nicht ahnen, wie erb�rmlich ihr Auftritt gewesen war.</p><p>�Wie war es? Wie war es?�, rief er schon von Weitem.</p><p><emphasis>Was soll ich ihm antworten? Dass man mich ausgelacht und verh�hnt hat? Dass es keinen Platz auf der Welt f�r mich gibt? Dass mein Wunsch nach Wissen ein Fluch ist? Dass die Wunderkammer der einzige Ort ist, an dem ich im Verborgenen das sein darf, was ich bin?</emphasis> Sie kletterte neben William auf den Kutschbock.</p><p>Regungslos blieb er sitzen und schaute sie an.</p><p>�Du hast recht, sie brauchen keine Frauen.�</p><p>�Ach, das erleichtert mich sehr�, sagte er. �Das w�re auch viel zu gef�hrlich f�r Euch. Frauen an Bord eines Schiffes bringen zudem Ungl�ck. Auf Euch wartet hier eine solide Zukunft.�</p><p>�Ja, ich wei�. Ich kann irgendwen heiraten und meinen S�hnen mein Wissen weitergeben.�</p><p>�Genau�, erwiderte William. Gutgelaunt trieb er die Pferde mit der Peitsche an.</p></section><section><title><p><strong>London, 14.�Juli 1785</strong></p></title><p>Carl Belham betrat das Arbeitszimmer und atmete ein. Sein Brustkorb weitete sich, und der Druck unter seinen Rippenb�gen lie� nach. Journale, Skizzen und Karten stapelten sich auf dem Schreibtisch, obenauf lag das <emphasis>Town Magazine</emphasis>. Mit ihrer Erw�hnung hatte Sir Wellington die heutige Versammlung der Royal Society er�ffnet. Seit �ber hundert Jahren kamen in dieser Gelehrtengesellschaft ehrw�rdige M�nner zusammen. M�nner, deren Ziel es war, die Wissenschaft zu f�rdern. Und womit hatten sie heute Geist und Zeit verschwendet? Mit einem j�ngst erschienenen Artikel zur anstehenden Forschungsfahrt. Ereifert hatten sie sich wie die Waschweiber, allen voran Sir Wellington. Eindrucksvoll hatte er wieder seine Augenbrauen zusammengezogen, dass die Stirnfalte sich zur Furche vertieft hatte.</p><p>Carls Blick fiel aus dem Fenster. Die tiefh�ngenden Wolken tauchten den Tag in ein tr�bes D�mmerlicht. Er z�ndete die Kerzen an, griff sich die Zeitung und bl�tterte, bis er die Schlagzeile fand. �Neuerliche Expedition in den Pazifik� verk�ndeten die gro�en Lettern. Fl�chtig �berflog er die Zeilen, in denen seine Verhaftung vor einigen Jahren mehr Raum einnahm als die geplante Reise. Als emsigen Naturwissenschaftler betitelte man ihn. An den Ufern des Wassergrabens bei Hounslow hatten sie ihn seinerzeit an den Beinen aus der Hecke gezogen. Einer Buchsbaumhecke, las Carl erstaunt. Daran konnte er sich nicht mehr erinnern. An den Vorwurf, kurz zuvor eine Postkutsche �berfallen zu haben, erinnerte er sich jedoch genau. Erst als er dem Richter in der Bow Street vorgef�hrt worden war, hatte er erkl�ren k�nnen, dass er im Ge�st und Dreck herumgekrochen war, um Insektenlarven einzusammeln.</p><p>Er warf die Zeitung auf die Unterlagen, die er am Morgen mit seiner Mutter durchgegangen war. Er hatte sie und seine Schwester zu Beginn der Woche nach Chelsea holen lassen. Eine m�hsame Reise, doch unerl�sslich. Die Mutter musste w�hrend seiner Abwesenheit die Gesch�fte weiterf�hren. Buch um Buch hatten sie die Einnahmen gepr�ft. Seite um Seite Notizen hinzugef�gt. Gemeinsam hatten sie errechnet, dass allein aus den zweihundertsiebzig Pachtfarmen ein Jahreseinkommen von gut f�nftausend Pfund zu erwarten war. Zufrieden war er zu der Feststellung gelangt, dass die beiden Frauen in seinem Leben versorgt waren. Er konnte die Reise antreten. Alles war sorgsam vorbereitet, und nun das: ein Schlag ins Gesicht. Aus den eigenen Reihen. Den Empork�mmling Abraham Miller wollte man ihm als Schiffskommandanten vorsetzen. Abraham Miller, diesen schm�chtigen H�nfling, der ein-, zweimal auf Schiffen der Ostindischen Kompanie mitgereist war. Der nicht einen Tag seines Lebens in der Navy gedient hatte.</p><p>Carl registrierte ein rhythmisches Anklopfen. Die T�r �ffnete sich einen Spalt, und Franklin Myers schob sich in das Zimmer. Wortlos kam er auf den Schreibtisch zu.</p><p>�Wolltet Ihr nicht k�nftig warten, bis ich Euch auffordere, einzutreten?�, fragte Carl und schaute auf.</p><p>Franklin Myers nahm im schweren Sessel vor dem Schreibtisch Platz, lehnte sich zur�ck und faltete die H�nde. Das feuchte Wetter hatte sein rotblondes Haar st�rker gekraust als sonst. Wirr hatte es sich aus dem Zopfband gel�st und stand am Hinterkopf ab. Schon als Carl die Royal Society verlassen hatte, war er sich sicher gewesen, seinen Gehilfen heute nochmals anzutreffen. Berechnen konnten sie einander, als w�re ihr Umgang die einfache Addition allt�glicher Gewohnheiten. Eine Rechenoperation, zielgerichtet und im Ergebnis logisch.</p><p>�Da wir nun beieinandersitzen, m�chte ich Euch bitten, mir eine Einsch�tzung der heutigen Versammlung zu geben�, sagte er.</p><p>Franklin l�chelte. �Abraham Miller ist eine geistreiche Erscheinung. Als Hydrograph bringt er doch jene Qualifikationen mit, eine Entdeckungsfahrt dieser Gr��enordnung zu befehligen. Er ist in der Lage, das Messer zu f�hren, um Stifte zu spitzen. Er �ffnet seine Tintenf�sser selbstst�ndig und���</p><p>Carl fuhr von seinem Stuhl auf und st�tzte sich auf die Platte seines Schreibtisches. Die B�cher gerieten ins Rutschen, und zwei von ihnen fielen zu Boden. Es war ihm gleichg�ltig. Er wandte seinen Blick erneut Franklin zu. Nein, zum Scherzen war er nicht aufgelegt. �Sir Wellington ist � und bitte korrigiert mich, sofern ich mich irre � ein Philosoph. Wie kommt ein Philosoph dazu, der Admiralit�t der Royal Navy diesen Nichtsnutz Miller als Kommandanten einer Forschungsreise vorzuschlagen?� Seine Stimme wurde lauter, er konnte es nicht verhindern. �Seit Wochen wird Zeit mit diesem Unsinn vert�ndelt. Wie kommen die Gentlemen jetzt darauf, eine Petition an die Admiralit�t zu formulieren, ohne diese mit mir abzustimmen?�</p><p>Franklin strich sich �bers Haar, er schien zu sp�ren, dass es in die H�he ragte. Mehrfach dr�ckte er die Locken flach. �Ihr habt die Sitzung zu fr�h verlassen, Sir�, sagte er, w�hrend die Str�hnen sich wieder aufrichteten. �Sir Wellington f�hrte aus, dass immer noch zu viele Unstimmigkeiten in den Karten zu finden seien. Er sprach sogar von den �wandernden Inseln des Pazifiks� und legte h�chsten Wert darauf, Kapit�n Cooks Aufzeichnungen weiterf�hren zu lassen.�</p><p>�Abraham Miller soll Cooks Aufzeichnungen weiterf�hren?� Carl sah die Mannschaft schon im Hafen von Plymouth die Arbeit verweigern. Derbes Pack, das mit verschr�nkten Armen an Bord stand und den H�nfling beobachtete, der Befehle um sich schleuderte, die nicht einmal die Schiffsjungen befolgten. Kapit�n Taylor, das war ihr Mann! Ein Offizier der Navy. Erfahren, flei�ig, zuverl�ssig, mit hervorragenden Navigationsf�higkeiten. Wie sollte irgendwer an Bord, fragte er sich, wissenschaftlich arbeiten, wenn niemand in der Lage war, die Mannschaft im Zaum zu halten?</p><p>Franklins Stimme unterbrach ihn in seinem Gedankengang. �Mr.�Miller hat noch einmal betont, dass er es ablehnt, als Wissenschaftler an Bord zu gehen. Entweder bekommt er die Leitung des Schiffes anvertraut, oder er reist nicht mit.�</p><p>Immer noch stand Carl auf den Schreibtisch gest�tzt. In den Wandleuchtern waren die ersten Kerzen erloschen und mussten gewechselt werden. Das dunkle Holz der W�nde schien das letzte Licht zu schlucken. Er b�ckte sich, hob die B�cher vom Boden auf und legte sie auf den Tisch zur�ck.</p><p>�Es freut mich, zu h�ren, dass er zur Besinnung kommt.� Der faltige Wellington, der widerw�rtige Miller, die gesamte Royal Society: Ersch�pft hatten sie ihn. Allesamt. M�hselige Wortschlachten, eilig geschmiedete Allianzen, und all dies, um pers�nliche Befindlichkeiten zu befriedigen. So viel verschwendete Energie so kurz vor der Abreise.</p><p>Franklin trat auf die Kommode zu und griff nach der Kristallflasche mit dem Sherry. Er goss ein Glas ein.</p><p><emphasis>Wenn Franklin mir Sherry hinstellt, ist das noch nicht alles gewesen,</emphasis> durchfuhr es Carl. <emphasis>Das ist das Zuckerst�ckchen, mit dem er mir die bittere Medizin verpassen wird.</emphasis> Forschend betrachtete er seinen Gehilfen. �Die Petition wird erst morgen zugestellt. Bislang ist das Gesuch der Admiralit�t nicht angetragen worden. Vielleicht l�sst sich Wellingtons Ansinnen noch unterbinden?�, fragte er und sp�rte, wie sich die M�digkeit in seine Glieder senkte.</p><p>Franklins Gesichtsz�ge blieben ausdruckslos. �Theoretisch best�nde die M�glichkeit, denn man will die Petition, wie Ihr sagt, erst morgen zustellen. Aber die Gentlemen waren sich einig: Man erwartet, dass Ihr Euch hinter das Anliegen der Royal Society stellt.�</p><p>Carls Nacken verspannte sich. Der Sherry gl�nzte honigfarben. Er ergriff das Glas, leerte es und sp�rte die samtige W�rme im Hals. �So, so, was man alles von mir erwartet�, sagte er und wischte sich den Mund mit dem Handr�cken ab. �Morgen werde ich wohl klar Schiff machen m�ssen. Die Herren werden mich noch kennenlernen!�</p><p>Ru�end erlosch eine der letzten brennenden Kerzen.</p></section><section><title><p><strong>Plymouth, 14.�Juli 1785</strong></p></title><p>Der Wind strich �ber die Weizenfelder und dr�ckte die �hren in wogenden Bewegungen in die Tiefe, um sie dann wieder auferstehen zu lassen. <emphasis>Wie mit den Wellen. Auch mit den Wellen spielt der Wind, hebt, wirft und liebkost sie dabei,</emphasis> dachte Mary.</p><p>M�de blickte sie vom Kutschbock aus zum Haus hin�ber. Schon aus der Ferne erkannte sie, dass Wagen davor standen. Acht oder neun z�hlte sie, und vor jeden von ihnen waren jeweils mehrere Pferde gespannt. Ohne dar�ber nachzudenken, sprang sie vom Bock und geriet mit dem rechten Fu� fast in die Speiche des Rades.</p><p>William bremste und fluchte.</p><p>Sie rappelte sich auf, raffte die R�cke und rannte den Pfad entlang. Dabei hielt sie Ausschau nach Henriette und entdeckte sie in der T�r, von wo aus sie die M�nner, die Kisten trugen, zu der jeweiligen Kutsche delegierte. Ihre Befehle hallten �ber den Hof: �Die B�cher gehen zu Lord Sufferton. Die Kommoden sind, aber nur wenn sie leer sind, f�r Doktor Goodwin. Nein, die kommen auf den Wagen da hinten. Und deckt sie gegen den Regen ab.�</p><p>�Henriette, was tust du?�</p><p>Der panische Schrei fror den L�rm f�r einen Moment ein und lie� die Kistentr�ger aufschauen. Doch jeder von ihnen schien sofort zu erkennen, dass es keinen Grund gab, die Arbeit einzustellen. Und w�hrend Mary an ihnen vorbeirannte, w�nschte sie, ein Mann zu sein. Sich breitbeinig vor ihnen aufzubauen und sie des Hofes zu verweisen. Und jeden, der sich weigerte, w�rde sie schlagen, jetzt und hier, sofort. Jetzt, wo die Worte nicht mehr halfen. Doch sie schlug niemanden und sp�rte vielmehr die Blicke der M�nner auf ihren wogenden Br�sten. Sie lief schneller, den verschwommenen Konturen Henriettes entgegen, die ihre Arme verschr�nkte und das Kinn in die H�he reckte.</p><p>Mary schob sie beiseite und st�rzte den Flur zur Wunderkammer entlang.</p><p>Dieses Mal lie� sich Henriette nicht abhalten. Sie folgte ihr und packte sie hart am Arm.</p><p>Mary konnte sie nicht anschauen, sie war unf�hig, den Blick vom Chaos im Arbeitszimmer ihres Vaters abzuwenden. Der Behandlungstisch war beiseitegeschoben, die Schr�nke waren ge�ffnet. Ein junger Mann untersuchte die zahlreichen Tinkturen, P�lverchen und Instrumente.</p><p>Im Kabinett waren die B�cher, die Vitrinen und die Kommoden verschwunden, die Belege des Herbariums lagen in einer Ecke, achtlos �bereinandergeworfen. Der Kuriosit�tenschrank war ein heilloses Durcheinander. Ein Seeigel lag zertreten auf dem Boden.</p><p>�Warum die Wunderkammer?� Marys Kehle brannte, die Worte waren nurmehr ein Kr�chzen.</p><p>�Das ist wertloser Plunder, ekelhaftes Teufelsgetier, entstanden aus der Urzeugung faulenden Schlammes. Dein Vater hat dir Dinge gew�hrt, die sich nicht f�r ein M�dchen geh�ren. Und ich muss es jetzt richten. In deinem Alter stand ich bereits einem Haushalt vor und war meinem Mann, Gott hab ihn selig, eine treue Gef�hrtin. N�hen, flicken, putzen und kochen, das ist die Bestimmung einer Frau. Kinder zu bekommen, sie aufzuziehen. Und was machst du?�</p><p>Henriettes Stimme schrillte, dass Mary glaubte, ihr Kopf m�sse zerspringen. Sie legte die H�nde auf die Ohren, doch die Tante riss ihre Arme beiseite. �Du h�rst mir jetzt zu. Du liest B�cher und malst Spinnen, grundlos verl�sst du alleine das Haus, und niemand wei�, wo du dich aufh�ltst. Ich sage dir das nur einmal: Wenn du mir nicht bis Ende der Woche mitteilst, welcher der Herren, die ich in den letzten Wochen eingeladen habe, als Ehemann f�r dich in Frage kommt, werde ich das f�r dich entscheiden. Es ist vorbei! Dieser ganze Unfug hier ist vorbei!�</p><p>Mary hatte keine Kraft mehr, etwas zu entgegnen, und h�rte, dass Henriette sich umdrehte und in Richtung Hof lief. Sicherlich w�rde sie wieder Stellung beziehen, um die Arbeit voranzutreiben. Jedes entsorgte M�belst�ck brachte sie ein St�ck weiter. Weiter nach Hause. Weg von ihr.</p><p>Teilnahmslos musterte sie den Mann im Behandlungsraum. Es war der junge Doktor aus der St. Jones Street. Sicherlich war er gekommen, um f�r seine neugegr�ndete Praxis Instrumente g�nstig zu erstehen. Sollte er!</p><p>Einer der Packer verlie�, einen Arzneischrank auf dem R�cken, das Durcheinander.</p><p>Mary stand vor einem Stapel h�lzerner Kisten. Langsam fiel sie auf die Knie und gab dem Gewicht nach, das auf ihren Schultern lag und aus ihrer Lunge einen Laut presste, der dem eines waidwunden Tieres �hnelte. Sie zog die obere Lage des Rockes hoch und verbarg ihr Gesicht darin. Und w�hrend die Tr�nen in den Stoff tropften, war sie erstaunt, dass ihre Gedanken zu dem schm�chtigen Arzt fl�chteten. Jetzt konnte er den wei�en Unterrock sehen und den Saum aus feiner Stickerei. Er musste unruhig werden. Denn was sollte man denken, wenn man ihn hier fand, auf ihren Unterrock starrend? Den Unterrock einer Fremden. Er war jung, und er war nett. Und er tat ihr fast ein wenig leid, wie er inmitten der Flaschen, Tiegel und Apparaturen einer greinenden Frau gegen�berstand. Blass, fast unsichtbar.</p><p>Unsichtbar?</p><p>Unsichtbar!</p><p>Nach Luft ringend, sprang Mary auf und fixierte den Schreibtisch. Auch hier hatten die M�nner ganze Arbeit geleistet. Die T�ren standen offen, die Unterlagen waren aus den F�chern herausgenommen und auf die Schreibtischplatte geworfen worden. Ihre Finger w�hlten sich durch das Papier, entdeckten die Teakschatulle mit dem Schmetterling und schoben sie unter den Umhang. Flugs ergriff sie noch einen Kohlestift und verschwand. Erst im Flur hielt sie kurz inne, wandte sich um und sah, dass der junge Arzt einen Augenblick z�gerte und mit den Schultern zuckte.</p><p>Reglos sa� sie den Nachmittag unter der Birke und sah dem Treiben zu. Das Wetter klarte auf. Die Sonne brach aus den Wolken hervor und verlieh jedem Gegenstand, der aus dem Haus getragen wurde, scharf umrissene Schatten.</p><p>Weitere Interessenten erschienen, um den Ausverkauf in Augenschein zu nehmen. Die Erd- und Himmelsgloben verschwanden. An ihnen hatte ihr der Vater die Kontinente und die Gestirne erkl�rt. Das Holz gl�nzte. Ob Henriette sie noch einmal poliert hatte? Die Sessel des Herrenzimmers und auch die Einrichtung des Behandlungsraumes hatten einen neuen Besitzer gefunden. Den jungen Arzt aus der St. Jones Street. Mary seufzte. Ob er die Wunderkammer schon inspiziert hatte? Ihr Magen zog sich zusammen. <emphasis>Denk nicht dar�ber nach</emphasis>, beschwor sie sich. <emphasis>Du kannst den Lauf der Dinge ohnehin nicht mehr aufhalten.</emphasis></p><p>Irgendwann verlie� Henriette ihren Posten und kam auf sie zu. Redlich bem�hte sie sich um einen sachlichen Tonfall, aber Mary sah die Flecken. Sah die roten Inseln, die sich auf der wei�en Haut am Hals der Tante abzeichneten, w�hrend diese sie aufforderte, noch M�belst�cke, die ihr wichtig waren, auszusuchen. Sie schwieg und z�hlte dreizehn Flecken, bis Henriette aufgab und sich zur�ckzog.</p><p>Mary wandte den Kopf ab. <emphasis>Nur den Apothekergarten, den lassen sie,</emphasis> dachte sie. <emphasis>Nutzloses Gr�nzeug, das rei�en sie nicht aus. Das wird erst der n�chste Besitzer machen.</emphasis> Wehm�tig betrachtete sie das farbenpr�chtige Pflanzenmeer, das im hinteren Teil des Grundst�cks angelegt worden war. Sechs Felder, ums�umt von kniehohen Buchsb�umchen, durch drei Kreuzwege voneinander getrennt. Sechs Felder, die nach der Indikation der Heilpflanzen bestellt waren. Aber nicht nur die Sammelleidenschaft des Vaters hatte zum Artenreichtum des Gartens beigetragen. H�ufig hatten die Bauern unter den Patienten dem Arzt, der die beschwerliche Fahrt in die D�rfer auf sich genommen hatte, aus Dank Ringelblumen, Johanniskraut, R�bengew�chse, Kamille, Minze oder auch ausgefallenere Pflanzen mitgegeben.</p><p>Sp�ter sa�en sie, erinnerte Mary sich, gemeinsam �ber den Zweigen, rochen an den Bl�ten und zerrieben die Bl�tter zwischen den Fingern. Jede Beobachtung notierten sie sich, und gelegentlich diktierte der Vater Mary noch erg�nzende Aussagen der Bauern. Abschlie�end nahm er die Wurzeln, auch die kleinsten, und setzte sie im Garten wieder in die Erde.</p><p>Und so kannte ihr Vater f�r beinahe jede Krankheit eine Arznei und verabreichte sie den Patienten. Arzneien, die er eigenh�ndig im Garten geerntet hatte. Kranke, die von �rzten mit terpentinversetzten Einl�ufen und nicht enden wollendem Aderlass geschunden worden waren, Gutgl�ubige, die den lamentierenden Quacksalbern auf den M�rkten ihre Gesundheit anvertraut hatten � sie alle wandten sich ratsuchend an ihn.</p><p>Der eine sollte Bettruhe halten und sich nur von Br�he und Tee ern�hren, ein anderer sich mehr an der frischen Luft bewegen und kr�ftig beim roten Fleisch zulangen. Warme Umschl�ge, bittere Tees, kleine, s��liche Pillen, vom Apotheker nach genauen Rezepten gestochen, P�lverchen in Wasser aufgel�st, all das kannten die wenigsten, die das Behandlungszimmer betraten. Doch sie begriffen, dass der Doktor mit der modernen Medizin zu helfen verstand. An der Harnschau, an der hielt er jedoch fest. Stets hob er den K�rpersaft im gl�sernen Kolben gegen das Licht, betrachtete die Farbe, suchte nach kleinsten Partikeln und roch am Flaschenhals, um abschlie�end seine Diagnose zu stellen. Und Mary ging dem Vater bei seinen Arbeiten zur Hand.</p><p>Doch auf eines legte er Wert: Sobald einer der Kranken, sei es Mann oder Frau, mehr als den Brustkorb entbl��en musste, hatte sie das Zimmer zu verlassen. Ihre Abwesenheit hinderte ihn jedoch nicht daran, ihr hernach jedes Detail zu schildern und es hin und wieder sogar auf dem Papier zu skizzieren.</p><p>So war es immer gewesen. Zuschauen. Zuh�ren. Begreifen. Bei den Malven erntete man die Bl�ten, beim Fenchel die Fr�chte, und beides kam bei Halsentz�ndungen und Husten zum Einsatz. Sie wusste es noch. Alles. Wahrscheinlich konnte sie es gar nicht mehr vergessen. Es war ihr in Fleisch und Blut �bergegangen.</p><p>Umsonst.</p><p>Alles umsonst.</p><p>Es war niemand da, der dieses Erbe weiterf�hren w�rde.</p><p>Der wundersch�ne Baldrian, gegen die flatternden Nerven, hatte in diesem Jahr seine Bl�tter aus reinem Selbstzweck der Sonne entgegengestreckt. Im Herbst mussten seine Wurzeln ausgegraben werden, und Mary wusste, dass sie nicht mehr hier sein w�rde, um die Schaufel in die Hand zu nehmen.</p><p>Der Abend brach an, und mit der Dunkelheit kam die K�hle. Jetzt erst erhob sie sich, trat an das Kr�uterbeet und griff mit einer Hand zwischen Thymian und Liebst�ckel. Pr�fend schaute sie sich um und zog, als sie sich ungest�rt w�hnte, die obere Schicht des Rockes zur H�fte hoch. In die entstandene W�lbung lie� sie sandige Erde rieseln. Kleine Steine landeten im Rock, die sie flink heraussortierte.</p><p>Durch die Verandat�r betrat sie ihr Zimmer. Rechts an der Wand stand das Toilettentischchen, ein wei�es, mit geschwungenen, feinen Beinen, mit einem gro�en Spiegel und Schubladen f�r K�mme, Schleifen, Puder und Pinselchen. Sie lie� die Erde auf die Ablage rieseln und klopfte die dunklen Flecken aus dem Rock. Die Kerzenleuchter brannten bereits. Sorgf�ltig sperrte sie die Fensterl�den zu und riegelte die T�ren ab.</p><p>Ihr Blick glitt �ber das sorgf�ltig gemachte Bett und blieb dann an den T�ren des Schrankes h�ngen, die offenstanden. Sie griff nach dem Knauf und sah das schwarze Loch: Eines der F�cher war g�nzlich ausger�umt. Die Kleidung f�r die Exkursionen fehlte. Die R�cke, die Oberbekleidung, die T�cher, die Umh�nge, die Hauben und M�tzen, die Taschen. Doch am schlimmsten wog der Verlust der Hosen. Ihrer eigenen Hosen. Die sie bei Exkursionen, die in unwegsame und einsame Gegenden gef�hrt hatten, oft getragen hatte. Verborgen unter dem Rock, den sie erst im Schutz der Wildnis abgelegt hatte. Woher hatte Henriette von den Hosen gewusst? Sie musste im Schrank gew�hlt haben.</p><p>Mary schluckte, und die Wut brannte hei� auf ihren Wangen. Sie brauchte ihre Hosen, irgendwelche Hosen, anders war der Plan nicht in die Tat umzusetzen. Sie atmete tief durch, trat zum Schrank und fasste ins obere Fach, hinter das feste Mieder f�r den Winter. Henriette hatte nicht alles entdeckt. Eilig �ffnete sie das Kleid, zerrte an dem Stoff und h�rte N�hte knacken. Es fiel auf den Boden. Sie entledigte sich des Mieders, legte den Unterrock ab und schl�pfte in die lange Unterhose. Die restliche Kleidung w�rde sie sich sp�ter besorgen, vorerst standen dringlichere Ver�nderungen an.</p><p>Der Blattschmetterling. Dieses kleine Wunderwerk der vollendeten Anpassung an �u�ere Gegebenheiten hatte es ihr vorgemacht. Wohl verwahrt im Schreibtisch des Vaters, hatte er sie aufgefordert, es ihm gleichzutun.</p><p><emphasis>Der Hocker des Toilettentischchens. Ich muss nur Platz nehmen und beginnen. Gar nichts, wirklich gar nichts mehr habe ich zu verlieren</emphasis>, sprach sie sich Mut zu. <emphasis>Doch ich muss anfangen, bevor die Angst mich l�hmt. Schnell, schneller.</emphasis></p><p>Mary griff nach der Schere, schnitt ihre Fingern�gel ab und hielt die Hand gegen das Licht. Doch die Haut war sauber und glatt. Sie fasste in den Sand und rieb ihre H�nde ein, bis die Haut brannte.</p><p>Nun fixierte sie ihr Gesicht im Spiegel. Auch hier war alles zu sauber und zu weich. Nochmals fasste sie in den Sand. Lie� ihn in die Waschsch�ssel rieseln und benetzte ihn mit Wasser aus der Karaffe, die vom Dienstm�dchen f�r die morgendliche Pflege bereitgestellt worden war. Sorgsam vermengte sie beides zu einem schmierigen Brei. Er tropfte ihr auf die Unterhose, als sie ihn auf Wangen, Stirn und Kinn verteilte. Sie lie� die H�nde auf den Boden der Sch�ssel sinken und starrte auf den Schmutz, der langsam herabrutschte, sich seinen Weg suchte und auf der rechten Seite bereits kalt und kitzelnd den Hals erreichte. Was machte sie hier? Sie rieb den Dreck tiefer in die Poren. Dann griff sie nach dem Leintuch und reinigte das Gesicht nur so weit, dass ein feiner, dunkler Schatten aus Schmutz zur�ckblieb.</p><p>Sie �ffnete die Schublade des Tischchens, holte den Kohlestift heraus, schw�rzte die Augenbrauen, wischte dunkle Schatten auf Oberlippe und Kinnpartie, nahm den herabrieselnden Staub mit den Fingern auf und dr�ckte ihn in die Nagelbetten. Dann lie� sie die H�nde sinken und traute sich nicht mehr, in den Spiegel zu schauen.</p><p>Gern h�tte sie einen Wein gegen das Zittern getrunken, denn der n�chste Schritt war entscheidend. Wenn sie es sich anders �berlegte, konnte sie diese Tat kaum verbergen. Jeder w�rde es sehen, nicht einmal die Haube k�nnte es verdecken. Ihre Hand bebte, als sie nochmals nach der Schere langte und gleichzeitig eine der halblangen Haarstr�hnen anhob.</p><p>Die erste Locke sank zu Boden.</p><p>Dann die zweite.</p><p>Die dritte.</p><p>Vielleicht sollte sie doch aufh�ren? Aber es war zu sp�t, es gab kein Zur�ck. Die linke Kopfh�lfte hatte kurzes, die rechte langes Haar. Das Aufeinanderschlagen der Schneiden wurde zum Stakkato im Takt ihres Herzschlages. Hart und schnell und laut.</p><p>Mary strich �ber das daumenlange Stoppelfeld. Es war ihr Haar, das sich mit einem Mal so borstig und fest anf�hlte. Eine Fremde schaute ihr aus dem Spiegel entgegen. Das gespaltene Kinn, ein Gr�bchen, vom Vater vererbt, trat jetzt deutlich hervor.</p><p>Vor ihr lag der zweite entscheidende Teil der Anpassung. Im Spiegel musterte sie ihre Br�ste, nahm sie in die H�nde, hob sie an und dr�ckte sie flach. <emphasis>Ich muss sie wegschn�ren,</emphasis> dachte sie, <emphasis>und gegen den Brustkorb pressen, um ihnen jede M�glichkeit der Bewegung zu nehmen.</emphasis></p><p>Sie stellte den Kerzenleuchter vor den Schrank und begann, ihre Kleider herauszurei�en. Sorgsam pr�fte sie jedes Teil, ob es in Frage kam, f�r einen Brustwickel aufgetrennt zu werden. Aber letztlich warf sie St�ck f�r St�ck achtlos auf den Boden. Bei einem der Kleider hielt sie inne. Es war aus leichtem Baumwollstoff, in dunklem Gr�n. Wo war die Schere? Hastig schob sie die Schneide unter die Nahtkante, trennte sie auf und riss eine Bahn der L�nge nach ab. Dann lie� sie Kleid und Schere fallen und legte den Streifen um den R�cken. Vor der Brust sperrte er auf. Ob sie einen weiteren Streifen abtrennen und darann�hen sollte? Sie wusste, dass sie daf�r jetzt keine Geduld aufbrachte. Verzweifelt setzte sie sich auf den Boden und lehnte sich gegen das Bett.</p><p>Das war es.</p><p>Sofort sprang sie auf, zerrte das Laken von der Unterlage und zerschnitt es in schmale Streifen.</p><p>Wie sollte sie es binden? Den Stoff um den R�cken gelegt, presste sie ihn unter ihre Arme, bis fast in die Achselh�hlen hinein, und dr�ckte ihn gegen den Oberk�rper. Das eine Ende hielt sie mit der linken Hand vor das Brustbein. Mit der rechten Hand legte sie das lange Ende �ber beide Br�ste und wickelte die zweite Lage um den R�cken. Mit zitternden Fingern klemmte sie die Enden in die Stoffbahnen, beugte sich vor, fasste nach dem Laken und riss einen d�nnen Streifen ab. Um die Stofflagen zu fixieren, band sie den Streifen mehrmals um das Schn�rleibchen, zog es enger und enger, bis es ihr den letzten Rest Weiblichkeit nahm.</p><p>Zufrieden zog Mary ihr Nachthemd �ber das Schn�rleibchen, betrat den Flur und lief zum Schlafzimmer des Vaters hin�ber. Es war unber�hrt. Ob Henriette Skrupel hatte, es aufzul�sen?</p><p>Langsam �ffnete sie die in den Angeln knarrenden T�ren des alten Schrankes und sah die W�sche durch. Als sie nach dem blauen Oberhemd griff, z�gerte sie und roch daran. Die Zeit hatte den frischen, seifigen Geruch des Vaters verschwinden lassen. Mary streifte das Hemd �ber den Kopf und kontrollierte den Anblick im Spiegel. Der Kragen betonte den Hals und damit das Fehlen eines Adamsapfels. Eines der Halst�cher lie� den Mangel verschwinden. Hernach streifte sie die grobe Hose �ber, krempelte die Hosenbeine um, zurrte den G�rtel fest, stopfte Taschent�cher in die Schuhe und schl�pfte hinein. Diese Schuhe hatte ihr Vater stets getragen, wenn er zu seinen Exkursionen ins Umland aufgebrochen war. <emphasis>Nun werde ich darin aufbrechen,</emphasis> dachte sie. <emphasis>Zu einer weitaus gr��eren Exkursion.</emphasis></p><p>Was ben�tigte sie noch? Den Seesack. Die leichte Garnitur f�r die S�dsee. Wollenes Zeug f�r die kalten Regionen und das Regenzeug gegen die St�rme. Selbst einen S�dwester aus �lgetr�nkter Leinwand mit breitem Nackenschirm und eine M�tze entdeckte sie. Hastig dr�ckte sie alles in den leinenen Seesack.</p><p>In ihrem Zimmer schob sie die Teakschatulle mit dem Schmetterling sowie das bisher unter dem Bett versteckte Studienbuch zwischen die W�sche. Zum Schluss steckte sie ein ledernes Beutelchen mit M�nzen in die Hosentasche, befestigte die Mappe mit ihren Zeichnungen am Riemen des Leinensacks und griff sich Jacke und M�tze.</p><p>Noch einmal sah sie sich um. Die Haare auf dem Boden, die Sch�ssel mit dem Schlamm, der zerw�hlte Schrank, das Laken und das zerschnittene Kleid. Erschrocken lie� sie den Leinenbeutel sinken. <emphasis>Ich kann noch nicht gehen, ich muss meine Spuren beseitigen,</emphasis> dachte sie und trat an den Schrank, um die Kleidungsst�cke wieder an ihren Platz zu sortieren. Dann ergriff sie Kleid und Laken, wand sie zu einem Stoffballen und ging vor dem Bett auf die Knie.</p><p><emphasis>Selbst wenn ich alles in die hinterste Ecke schiebe, wird William es finden. Das geht nicht.</emphasis> Sie umklammerte das Kn�uel. <emphasis>Er wird zu Tode erschrecken, wenn er das zerrissene Kleid entdeckt. Das kann ich ihm nicht antun. Wie seinen Augapfel hat er mich beh�tet. Vom ersten Tag an. Vom Tag meiner Geburt an.</emphasis></p><p>Nein! Nicht daran denken! Sie durfte jetzt nicht daran denken! Dass er es gewesen war, der in der K�che das hei�e Wasser �ber der Feuerstelle zum Kochen gebracht und in Sch�sseln gef�llt hatte. Alles hatte er ihr beschrieben. Seine Freude, dass es Nachwuchs geben w�rde. Wie er sich die Finger verbr�ht hatte, als er das Wasser in eine Sch�ssel f�llte. Dass er sich jeden Fluch verkniffen hatte, weil er nicht riskieren wollte, dass das Kind als Erstes unfl�tige Worte zu h�ren bekam.</p><p>Mary legte den Stoffballen aufs Bett. Mit steifen Beinen erhob sie sich und nahm die Sch�ssel und die Wasserkaraffe vom Toilettentischchen. Sie schluckte, als sie sich William �ber der Feuerstelle vorstellte. Leise betrat sie den Garten und kippte den Schlamm in eines der Beete. Sp�lte die Sch�ssel mit dem Rest Wasser aus und rieb mit ihrem Hemds�rmel die Schmutzr�nder weg.</p><p>Sie sah zum Haus, doch alles war dunkel. �Eine der dunkelsten N�chte meines Lebens�, hatte William gefl�stert, �der letztlich doch ein heller Stern entsprang.� Sein Blick war glasig geworden, und Mary hatte sich gew�nscht, die Bilder zu sehen, die in seinem Kopf Form annahmen. Vergeblich hatte er damals nach der K�chin gesucht. Also hatte er die Z�hne zusammengebissen und die Sch�ssel zum Schlafzimmer gebracht. Die Hebamme nahm sie ihm ab und schob die T�r mit dem Fu� zu. Er h�rte das Wehklagen ihrer Mutter und die Hebamme, die forderte, sie solle pressen, pressen, pressen. Als endlich der Schrei ert�nte, ganz d�nn und br�chig, wusste er, dass sie geboren worden war. Er hatte es nicht gesagt, aber Mary hatte seinem Gesicht angesehen, dass ihn die Erinnerung an diesen kurzen Moment gl�cklich machte.</p><p>Doch mit dem Gedanken an die Hebamme war der Schatten auf sein Gesicht zur�ckgekehrt. Sie riss die T�r auf und rief durch den Flur, dass sie frische T�cher brauche. Selbst auf die Entfernung konnte er erkennen, dass H�nde und Rock blutverschmiert waren. Er hatte den Stoffberg ins Zimmer gereicht, und wieder hatte er Blut gesehen. �berall. Auf dem Laken und in den T�chern am Boden.</p><p>Mary betrat ihr Zimmer und stellte die Sch�ssel samt der Karaffe an ihren Platz zur�ck. Dann nahm sie Kleid und Laken vom Bett. Weich lagen die Stoffe in ihrer Hand. Sie schaute auf ihre Finger. Hatten so auch die H�nde der Mutter ausgesehen, die der Vater in dieser Nacht nicht mehr losgelassen hatte? William hatte in der T�r gestanden. Das St�hnen der Mutter hing mit dem Geruch von warmem Blut in der Luft. Der bleiche Vater sah die Hebamme an, die beste der Gegend, doch sie sch�ttelte den Kopf. Weitere �rzte erschienen in dieser Nacht. William lie� sie eintreten, wie auch die Quacksalber und Kr�uterfrauen, die kurz darauf eintrafen. Als sie gingen, verstand er die sorgenvollen Mienen zu lesen. Wenig sp�ter kam die Amme, und er wusste nicht einmal, wer sie schickte. Aber er war dankbar, dass sie da war. Nach dem Stillen hatte sie ihm das Kind in die Arme gelegt, und er hatte, als er den Kopf senkte, den Duft wahrgenommen. Diesen ganz eigenen Geruch, den nur Neugeborene haben. Er hatte nicht aufh�ren k�nnen, ihn einzuatmen, im Haus war es dar�ber still geworden.</p><p><emphasis>Kaum auf der Welt</emphasis>, dachte Mary, <emphasis>lag ich in Williams Armen, und er traute sich kaum, sich zu bewegen. Was mache ich hier blo�? Wie kann ich so grausam gegen ihn sein?</emphasis> Sie beugte sich vor, wischte die auf dem Boden verstreuten Haarstr�hnen zusammen und schob sie in das Stoffkn�uel. <emphasis>Wohin soll ich die Sachen verschwinden lassen? Soll ich sie mitnehmen? Himmel, ich verliere so viel Zeit. Das Bett! Zuerst sollte ich das Bett richten.</emphasis></p><p>Mary zog ein Laken aus dem Schrank und legte es �ber ihre Schlafmatte. Konnte sie den alten Mann zur�cklassen, ohne noch einmal das Wort an ihn zu richten? Aber er w�rde um jeden Preis versuchen, ihren Plan zu verhindern.</p><p>Der Stoffballen lag zu ihren F��en, ihn konnte sie auf keinen Fall mitnehmen, er w�rde hinderlich bei ihrer Flucht sein. Sie hob ihn auf und �ffnete die Verandat�r in den Garten.</p><p>Geduckt huschte sie wieder an der Hausmauer entlang zum Beet hin�ber, doch dieses Mal lief sie weiter bis zum Baldrianstrauch. Mit den H�nden bog sie die Zweige beiseite und hob eine Mulde aus, in die sie das Stoffkn�uel legte. Mehrfach dr�ckte sie es zusammen, doch es ragte immer noch zu weit aus dem Boden heraus. Tiefer musste sie graben. Sie schob das Kn�uel beiseite und griff nochmals in die kalte Erde. Ihr Ringfinger schrammte �ber einen Stein. Erde und Blut vermischten sich in der Wunde. Mary grub weiter, dr�ckte den Stoff nochmals flach und schob Erde dar�ber, die sie festklopfte. Dann zog sie die Zweige des Baldrians dar�ber.</p><p><emphasis>William wird vergehen vor Angst um mich</emphasis>, hielt sie sich vor, w�hrend sie zum Haus zur�cklief.</p><p>Der hintere Trakt war bereits halb ger�umt, und sie konnte nur spekulieren, wer Henriettes Favorit als k�nftiger Ehemann f�r die Nichte war. James Canaughy oder doch Landon Reed? Selbst wenn sie nicht gehen, sondern sich ins Bett legen und den morgigen Tag wie jeden anderen beginnen w�rde � das Haar war kurz. Wie sollte sie das erkl�ren?</p><p>�Als die Beerdigung hinter uns lag, Mary, hoffte ich, dass Ruhe einkehren w�rde�, klang Williams Stimme ihr im Ohr. �Doch Euer Vater hatte nicht nur seine Frau verloren. Er hatte auch jede Kraft, den Glauben an sich und die Medizin verloren. Tagelang sa� er im Sessel. Er ging nicht in die Kirche, nicht zu Bett, nicht in sein Behandlungszimmer. Sogar die Patienten musste ich nach Hause schicken.�</p><p><emphasis>Geh weg, William. Geh aus meinem Kopf.</emphasis> Mary lie� sich aufs Bett fallen.</p><p>Doch die Stimme des alten Mannes verstummte nicht: �Und wenn man Euren Vater ansprach, nickte er nur. Das Essen, das ihm die K�chin hinstellte, r�hrte er nicht an. So beschloss ich, Euch zu ihm zu bringen. Ich dachte, wenn er Eure W�rme sp�rt, Euren Duft riecht, dann w�rde alles gut werden. Er sah Euch an. Ja, er hielt Euch. Aber seine Arme blieben steif und sein Blick leer. Und mit einem Mal f�rchteten wir, auch ihn zu verlieren. An diesem Abend beobachtete ich die K�chin dabei, wie sie die Messer versteckte. Ich habe nichts dazu gesagt und bin zum Waffenschrank gegangen. Dort nahm ich alles, wirklich alles heraus, selbst das Schie�pulver und die Putzt�cher, und brachte es in meine Kammer. Von diesem Tag an traute ich mich nicht mehr, Euren Vater aus den Augen zu lassen. Und so war ich immer in seiner N�he, w�hrend er regungslos aus dem Fenster blickte. Die K�chin brachte mir Getr�nke, in die sie P�lverchen ihrer Kr�uterfrau mischte, damit ich nicht einschlief. Einmal nickte ich doch ein, und als ich erwachte, sa� sie neben mir, den Blick auf Euren Vater gerichtet.</p><p>Das Leben im Haus war zum Stillstand gekommen. Nur die Besuche der Amme zeigten uns, dass au�erhalb das Leben weiterging. Eines Tages stand Euer Vater dann auf und ging ins Behandlungszimmer. Heimlich folgte ich ihm und sah, dass er eines der medizinischen B�cher ergriff. Er zerriss es. Er nahm ein zweites Buch und riss auch das in Fetzen. Dann rannte er mit den Bl�ttern zum Kamin. Er schleuderte sie ins Feuer. Dabei br�llte und weinte er. Mary, so etwas habe ich nie wieder geh�rt. Von diesem Tag an hasste er, zumindest glaube ich das, die Medizin, die er bisher angewandt hatte. Aber mir war es gleich, ob er neue oder herk�mmliche Methoden praktizierte. Er war wieder da, Mary. Bei uns.�</p><p><emphasis>William</emphasis>, dachte sie, <emphasis>du hast geahnt, dass der Vater nicht von der Reise zur�ckkommen w�rde. Nun werde auch ich aus deinem Leben verschwinden. Wieder ein Abschied, ohne Lebewohl sagen zu k�nnen.</emphasis></p><p>Mit verquollenen Augen verlie� sie das Haus. Holte eines der Pferde aus dem Stall und f�hrte es den Pfad entlang, damit man in der Stille nicht den Hufschlag ihrer Flucht vernehmen konnte. In einiger Entfernung wandte sie sich um. <emphasis>Verzeih mir</emphasis>, dachte sie, atmete ein letztes Mal den Geruch der Weizenfelder ein, sa� auf und trieb das Pferd an, um im Galopp dem Schmerz zu entkommen.</p></section><section><title><p><strong>London, 15.�Juli 1785</strong></p></title><p>W�hrend Carl auf das Somerset House zulief, sch�ttelte er den Kopf. Seit die Royal Society in den Osttrakt dieses Geb�udes gezogen war, hatte es nichts als �rger gegeben. Die R�ume waren zu klein, vor allem fand sich kaum Platz f�r das naturwissenschaftliche Museum. Anfangs hatte ihn der Gedanke begeistert, ein Haus der Wissenschaften zu schaffen. Doch gleich bei der Besichtigung hatte er gewusst, dass das Beste an dem Haus die pr�chtige Fassade und der wunderbare Blick auf die Themse waren, die sich heute nicht silberfarben, sondern schlammbraun durch die Stadt zog.</p><p>Pl�tzlich sah Carl den Mann die Eingangstreppe herunterkommen, f�r den er die auf seinem Schreibtisch wartende Arbeit verschoben hatte. Er hatte richtig geschlussfolgert, dass Sir Wellington heute hier auftauchen w�rde. Unter dem Rundbogen, am Fu� der Treppe, verharrte der Philosoph und schaute missmutig zum Himmel auf.</p><p><emphasis>Ja, du hast recht, es ist widerliches Wetter,</emphasis> dachte Carl, <emphasis>und ich bin mir sicher, dass der Tag f�r dich gleich noch unangenehmer werden wird.</emphasis> �Sir Wellington, wenn das nicht ein Zufall ist, dass wir uns begegnen. Zu gern wollte ich mit Euch noch einige Worte wechseln.�</p><p>Wellingtons Gesicht verzog sich f�r einen Augenblick, und wieder wurde die tiefe Falte auf seiner Stirn sichtbar.</p><p>�Sir Belham. Gott zum Gru�e. Wie ich h�rte, habt Ihr mit dem First Lord der Admiralit�t gesprochen?�</p><p>Carl nickte und sah sich mit Richard Howe beim Angeln an der Themse. Wie sie, es musste am Sonntag gewesen sein, im Sonnenschein die Beine ins kalte Wasser gehalten und dar�ber diskutiert hatten, ob es Lachse in der Themse gab. Howe hatte darauf bestanden, selbst vor Jahren einen aus dem Wasser gezogen zu haben. Carl hatte gelacht. Wenn man �berhaupt jemals einen Lachs aus dieser Br�he gezogen hatte, musste es mindestens hundert Jahre her sein. Sie hatten geschworen, diese Frage zu kl�ren, und Wetten abgeschlossen. �ber die neuesten Entwicklungen in der Royal Society hatten sie nicht gesprochen. Keiner von ihnen hatte diesen Pl�nen Bedeutung beigemessen.</p><p>�Durchaus, das habe ich, und der First Lord sicherte mir zu, dass die Navy meiner Meinung sei.�</p><p>Wellington streckte das Kinn vor, dass die faltige Haut sich spannte. �Ich denke, dass dies uns nicht abhalten wird, der Royal Navy unseren Vorschlag zu unterbreiten.�</p><p><emphasis>Bleib geduldig. Wiederhole deine Argumentation noch einmal.</emphasis> �Kapit�n Taylor���, begann er, doch Wellington fiel ihm sofort ins Wort.</p><p>�Der Mann ist nicht einmal ein richtiger Kapit�n, er ist ein Leutnant, der aus einfachsten Verh�ltnissen stammt.�</p><p>Carl ignorierte den Einwurf und setzte erneut an. �Kapit�n Taylor hat die bisherigen Vorbereitungen getroffen. Er hat die Mannschaft zusammengestellt und ohne M�hen die Sollst�rke erreicht. Gro�teile der Mannschaft sind bereits unter diesem Mann gereist, sodass wir auf eine eingespielte Zusammenarbeit hoffen k�nnen. Auch bei der Wahl des Schiffes hat er auf Bew�hrtes zur�ckgegriffen. F�r eine Kohlenbark aus Whitby hat er sich entschieden, einen soliden Dreimaster. Ein Schiffstyp, der auch schon Kapit�n Cook auf seinen Reisen aufgrund seines geringen Tiefgangs und gro�en Laderaums gute Dienste erwiesen hat. Gewissenhaft hat er sich um die Ausstattung und den Ausbau des Schiffes gek�mmert. Was spricht gegen ihn?�</p><p>�Nichts. Aber es spricht auch nichts gegen Abraham Miller.�</p><p>So verbohrt konnte man doch nicht sein, seufzte Carl innerlich auf. Hatten sie als Wissenschaftler nicht analytisch zu denken und der Logik zu folgen? Wellington war Philosoph, offensichtlich machte das einen Unterschied. �Und was, denkt Ihr, wird Sir Banks dazu sagen?�, fragte er und sp�rte, dass die feuchte Luft ihn fr�steln lie�.</p><p>�Was soll er dazu sagen? Als Vorsitzender der Gesellschaft kann es nur in seinem Sinne sein, wenn eine Expedition dieser Gr��enordnung von einem Mitglied der Royal Society gef�hrt wird.� Wellington trat einen Schritt vor in den Regen. Er legte den Kopf auf den ger�schten Kragen seines Hemdes, und ein feistes Doppelkinn trat hervor. Kurz nickte er, dann drehte er Carl den R�cken zu und schritt aus.</p><p>�Bitte, helft meinem Ged�chtnis auf die Spr�nge�, rief Carl ihm nach. �Wie viel Pfund hat K�nig George f�r die Fahrt zur Verf�gung gestellt?�</p><p>Wellington verharrte, sicherlich auf der Suche nach dem Sinn der Frage, denn jedes Mitglied der Royal Society wusste, dass der K�nig viertausend Pfund zur Verf�gung gestellt und dass die Royal Navy Schiff und Mannschaft aufgeboten hatte. Er wandte sich um. �Warum fragt Ihr?�</p><p>�Ach, wisst Ihr, es gibt einen Punkt, an dem bin ich mit Abraham Miller einer Meinung: Es gibt Bedingungen, die nicht akzeptabel sind. Sollte man sich nicht f�r Kapit�n Taylor als Kommandanten entscheiden, werde ich es wie Abraham Miller halten: Ich werde die Reise nicht antreten.�</p><p>Sir Wellingtons Nasenfl�gel bebten. Die Mitglieder der Royal Society wussten nicht nur, was der K�nig investiert hatte, ebenso wusste jeder, dass er, Sir Carl Belham, f�nftausend Pfund aus seinem Privatbesitz zu dieser Reise beisteuerte.</p><p>�Wenn Ihr so kurz vor der Abreise absagt, wird die Fahrt nicht zustande kommen oder sich um Monate verz�gern.�</p><p>Der Regen wurde heftiger. Carl sah zum Himmel auf, der inzwischen noch dunkler zugezogen war. Zufrieden nahm er zur Kenntnis, dass ihm w�rmer wurde. Angenehm warm. �Das k�nnte sein. Aber sicherlich findet die Royal Society noch andere M�glichkeiten der Finanzierung.�</p><p>�Warum macht Ihr das?� Wellington umklammerte seinen Gehstock und hob ihn ein St�ck an.</p><p>�Weil Ihr Euch �ber die Sicherheit der Mannschaft hinwegsetzt und damit eine f�nfundneunzigk�pfige Besatzung gef�hrdet.� Dieses Mal war er es, der seinem Gegen�ber den R�cken zuwandte und ausschritt, die Stufen des ehrw�rdigen Somerset House hinauf. Carl g�nnte sich ein L�cheln. <emphasis>Entweder werde ich morgen erneut nach Plymouth reisen, um die Abfahrt abschlie�end vorzubereiten, oder ich werde in der Stadt bleiben und am n�chsten Sonntag mit Richard Howe wieder angeln gehen.</emphasis></p></section><section><title><p><strong>Plymouth, 15.�Juli 1785</strong></p></title><p>Das Hoy Inn war schmutzig. Splitterig aufgerissene Dielen, vom Rauch geschw�rzte Decken und W�nde, die Tische aus rohen Brettern zusammengehauen.</p><p>�Hier wird�s kalt, komm rein!�, br�llte eine Stimme aus dem Halbdunkel.</p><p>Erschrocken lie� Mary die T�r zufallen und stand einen Augenblick unschl�ssig herum. Dann setzte sie sich an einen der Tische und schaute den Wirt an, der zu ihr her�berkam. Eine G�nsehaut lief ihr �ber den R�cken. Sie musste jetzt sprechen, sich in dieser heruntergekommenen Hafenkneipe als Mann artikulieren. Was war, wenn ihre Stimmb�nder versagten?</p><p>�Willste �nen Tee mit Schuss?�, fragte der Wirt.</p><p>Sie nickte nur, damit er verschwand. Grobe Balken unterteilten den Raum in kleine Nischen. Mary musterte die Handvoll G�ste, die sich in die schummrigen Ecken zur�ckgezogen hatten. Das waren genau die verwegenen Gestalten, die sie sich auf Schiffen vorgestellt hatte. Der Vater hatte ihr die Salzbuckel, wie sich seiner Aussage nach die Seeleute gern selbst nannten, ausf�hrlich beschrieben. Manche von ihnen, und hier hatte der Vater die Stimme zu einem Fl�stern gesenkt, wurden sogar im Rausch unfreiwillig an Bord geschleppt und mussten beim Erwachen entdecken, dass sie sich l�ngst auf hoher See befanden. Er hatte dann wieder den Kopf in die H�he gereckt und stolz angemerkt, dass bei den Forschungsfahrten die Kapit�ne mit strengem Blick die Auswahl der gesamten Mannschaft trafen. Diesen strengen Blick kannte sie, den beherrschte selbst der Portier Ebenezer Stone.</p><p>Der Wirt knallte den Teepott auf den Tisch, und Mary nahm einen Schluck. Der Rum brannte in ihrer Kehle und lie� sie husten. Die Augenbraue des Wirtes hob sich fragend. <emphasis>Wie gering eine Geste sein muss,</emphasis> dachte sie, <emphasis>dass man sich von ihr bedroht f�hlt.</emphasis></p><p>�Geht schon.� Sie r�usperte sich nicht, um die belegten Stimmb�nder dunkel klingen zu lassen. �Ich hab noch nichts zwischen die Z�hne bekommen. Das haut mir dann schnell auf den Magen.�</p><p>Der Wirt schlurfte davon. Mit einer dampfenden Kartoffelsuppe kehrte er zur�ck und stellte sie ihr hin. Sofort nahm sie einen L�ffel und fragte mit vollem Mund nach einem Zimmer.</p><p>Der Wirt zog einen Schl�ssel aus dem Beutel, der an seinem G�rtel befestigt war, und forderte Vorauszahlung.</p><p>Mary legte ihm die M�nzen hin und ergriff den Schl�ssel.</p><p>�Halt�, sagte er.</p><p>Ihr wurde hei�.</p><p>�Wie hei�ten?�</p><p>�Ma� Marc. Marc Middleton�, antwortete sie und kam sich verwegen vor. Intuitiv hatte sie entschieden, dass sie Marc Middleton hei�en wollte. Middleton, Williams Nachname, w�rde sie auf ihrer Reise begleiten. Ein Allerweltsname, nichtssagend. Perfekt.</p></section><section><title><p><strong>Plymouth, 16.�Juli 1785</strong></p></title><p>Auch am heutigen Tag hatte Ebenezer Stone Stellung hinter seinem Tisch bezogen. Mary trat dem bleichen Portier unter die Augen und bat darum, zu Sir Belham vorgelassen zu werden. Und es geschah � nichts. Marc Middleton wurde die marmorne Treppe hinaufgeschickt.</p><p>Vor der dritten Fl�gelt�r im ersten Stock blieb sie stehen, atmete tief ein und hob die zitternde Hand, um anzuklopfen. Der Mann, der ihr �ffnete, sah sie erstaunt an.</p><p>�Entschuldigt mich, man schickt mich zu Euch. Mein Name ist Marc Middleton. Ich wollte mich gern als botanischer Gehilfe vorstellen. F�r die Expedition�, sagte Mary.</p><p>�Oh, sehr erfreut. Ich bin Franklin Myers, der botanische Gehilfe von Sir Belham. Tretet ein. Darf ich Euch einen Tee anbieten?�</p><p>Myers f�hrte sie am Schreibtisch vorbei zu einem runden Tisch, auf dem ein Teeservice stand.</p><p>Mary nahm Platz. Ihre H�nde wurden feucht, w�hrend Myers Tee in ein Porzellant�sschen goss.</p><p>�Um es kurz zu machen�, begann er, �der Leiter der naturwissenschaftlichen Abteilung bestellt seine Mitarbeiter selbst. Und die Posten sind l�ngst vergeben, auch die Mannschaft ist inzwischen vollst�ndig. Unser Portier hat Euch dennoch zu uns verwiesen. Aber nicht, weil wir einen Gehilfen ben�tigen, vielmehr weil uns just der Zeichner ausgefallen ist. Er hat sich den Daumen gebrochen, und wir k�nnten f�higen Ersatz gebrauchen. Das bedeutet, Mr.�Middleton, wenn Ihr Interesse an dieser Position h�ttet, w�rde ich gern Eure Mappe anschauen.�</p><p>Der Puls rauschte in Marys Ohren, und sie hatte M�he, sich auf ihre Worte zu konzentrieren. �Oh, gern w�rde ich auch als Zeichner der Forschungsreise zu Diensten sein.� <emphasis>Ich w�rde auch als Gep�cktr�ger mitreisen,</emphasis> �berlegte sie, w�hrend sie die erste Zeichnung hervorholte. <emphasis>Das ist meine Chance, Franklin Myers davon zu �berzeugen, dass ich qualifiziert bin.</emphasis></p><p>�Das ist die Protea cynaroides. Hier k�nnt Ihr die fleischfarbenen Hochbl�tter der Bl�tenst�nde sehen. Dort sind die blassrosa Staubgef��e. Diese Protea-Art ist in Francis Massons Treibhaus in Kews Garden zu sehen, dem Treibhaus, in dem die Pflanzen vom Kap der Guten Hoffnung ausgestellt sind. Dort gibt es weitere Proteae. Oder seht hier: Dies ist eine der hundertvierzig Erica-Arten, die dort kultiviert werden. Oder die Pelargonien, es gibt f�nfzig Arten im Treibhaus. Wartet, ich zeige Euch���, sagte sie und bl�tterte in den Unterlagen herum, bis Myers sie unterbrach.</p><p>�Mr.�Middleton, ich verstehe, dass Ihr nerv�s seid, aber ich kann Euch versichern, dass es keinen Grund zur Beunruhigung gibt.�</p><p><emphasis>Er hat recht</emphasis>, bemerkte sie, <emphasis>ich benehme mich wie ein �berspanntes Weib</emphasis>. Sie griff nach der Tasse und trank einen Schluck Tee, der inzwischen lauwarm war. Schweigend sa� sie auf ihrem Stuhl, und ihr Blick folgte Myers� Hand, die eine Zeichnung ergriff und sie hervorzog.</p><p>�Ah, eine Amaryllis belladonna. Sehr gut getroffen�, h�rte sie ihn sagen und neigte den Kopf zur Seite, um das Bild noch einmal genauer zu betrachten. Tats�chlich, es war ihr gut gelungen.</p><p>�Ihr wart schon auf Exkursionen?�, fragte Myers, w�hrend er nun einen der Belege hervorzog.</p><p>�Ja, Sir. Francis Linley hat mich ausgebildet und mehrere Exkursionen in das Umland mit mir unternommen. Mit dem botanischen Arbeiten und dem Anlegen eines Herbariums bin ich vertraut.�</p><p>Konzentriert musterte Myers ein gepresstes Gei�blatt.</p><p>Mary stellte die Tasse ab und nahm weitere Bl�tter aus der Mappe. �Diese Zeichnungen entstanden ebenfalls bei den Exkursionen. Eine Rose ohne Dornen, die Christrose. Und hier seht Ihr einen Admiral, einen Wanderfalter.�</p><p>�Wenn ich das recht beurteile�, Franklin Myers l�chelte einen Moment, �kennt Ihr Euch in vielen Bereichen gut aus. Es w�rde mich freuen, Euch als Zeichner gewinnen zu k�nnen. Ich wei� nicht, ob Ihr mit den T�tigkeiten an Bord vertraut seid, aber es gibt immer die M�glichkeit, einander zur Hand zu gehen.� Er sprang auf und w�hlte in den Unterlagen, die sich auf seinem Schreibtisch t�rmten, wobei er ununterbrochen weitersprach: �In zwei Tagen werdet Ihr Euch bitte, sp�testens gegen Mittag, auf der <emphasis>Sailing Queen</emphasis> melden. Wendet Euch an den Bootsmann Kyle Bennetter, er wird Euch das Achterdeck zeigen. Dort werden wir uns eine Kaj�te teilen. Ihr m�sst Euch nicht mehr um die Besorgung von Materialien und Arbeitsger�ten k�mmern. Diese Dinge sind bereits von unserer Seite organisiert. Also, wenn Ihr dabei seid � ich bin Franklin!� Er hielt ihr die Hand entgegen, die Mary wortlos ergriff und, ohne zu verstehen, wie ihr geschah, sch�ttelte.</p><p>So einfach war das? So einfach, an Bord eines Forschungsschiffes zu kommen? An einer Entdeckungsreise teilzunehmen? Zu den Auserw�hlten zu geh�ren, die die Welt entdeckten?</p><p>Wie sie die Formalit�ten gekl�rt, den Raum verlassen und Ebenezer Stone f�r immer hinter sich gelassen hatte oder wie sie in ihr Zimmer gekommen war, das konnte Mary nicht mehr mit Bestimmtheit sagen. In ihrem Kopf gab es nur einen Gedanken: Sie war dabei. Sie w�rde auf Forschungsreise gehen und ihrem Vater und der Wissenschaft in den Weiten der Welt �berall n�her sein als hier in Plymouth.</p><p>Ersch�pft lehnte sie ihre Stirn an die k�hle Scheibe des Fensters und betrachtete die Bark, die, ihres Namens w�rdig, stolz im Hafen lag. In zwei Tagen w�rde sie, Mary Linley, Sir Carl Belhams Zeichner werden. In zwei Tagen w�rde sie als Marc Middleton den Dienst auf der <emphasis>Sailing Queen</emphasis> antreten.</p><p>Der Schmetterling hatte die Fl�gel geschlossen und seinen Platz gefunden.</p></section></section><section><title><p><strong>Teil 2</strong></p></title><section><title><p><strong>Plymouth, 18.�Juli 1785</strong></p></title><p>Zu gern h�tte er mit Steinen nach ihnen geworfen. Seit er sich erinnern konnte, suchten Nat und er Steine. Zumeist waren es graue Kiesel, vom Wasser rund gewaschen, die sie ausw�hlten. Sie nahmen sie hoch, bef�hlten die glatte Oberfl�che, pr�ften, wie das Gewicht in der Hand lag. Dann suchten sie den Himmel ab, hoben den Arm, kniffen ein Auge zu, zielten und warfen die Steine nach den M�wen. Pfeilschnell schossen sie durch die Luft, doch bisher hatten sie nie einen Vogel erwischen k�nnen. Nur das eine Mal, kurz vor der Abreise, da hatte Nat eine M�we am Hals getroffen. Sie war ins Trudeln geraten und in die Tiefe gest�rzt. Ins schwarze Wasser, das beim Aufschlag des K�rpers aufgespritzt war. Noch ein, zwei Zuckungen, dann war der Vogel mit ausgebreiteten Fl�geln �ber die Wellen getrieben. Geschrien hatten sie vor Freude, bis ihre Stimmen brachen, und sich gegenseitig in die H�nde geklatscht. <emphasis>Nat, der M�wenbezwinger,</emphasis> hatte Seth seinen Bruder an diesem Tag genannt.</p><p>Er schaute zu ihm hin�ber. Ob ihn das Schreien der M�wen ebenso zerm�rbte? Mit dem Lappen wischte Nat �ber die Reling, setzte ab und trat einen Schritt zur�ck, um dann an einer Stelle das Messing sorgsam nachzupolieren. Seth wandte den Blick in die H�he, vorbei an den Masten, bis er nur noch das Blau des Himmels und die kreisenden V�gel sah. Er schrak zusammen, als er einen Schlag im R�cken sp�rte, und fuhr herum.</p><p>Es war nicht der Vater, es war Dan, der dritte Schiffsjunge an Bord, der vor ihm stand. Er wusste sich lautlos zu bewegen und pl�tzlich aus dem Nichts aufzutauchen, dass es einem unheimlich werden konnte. Die H�nde in die Seiten gestemmt, schob Dan den Kopf vor. Durch eine L�cke zwischen den schiefstehenden Z�hnen sog er zischend Luft ein. �Ey, du sollst arbeiten�, sagte er. Dann hob er das rechte Bein. Langsam trat er gegen Seths Eimer, der mit einem lauten Poltern umkippte. Das Wasser ergoss sich �ber die Planken, die sich kreisf�rmig dunkel f�rbten.</p><p><emphasis>Vater darf nicht merken, dass wir herumstehen, anstatt zu arbeiten,</emphasis> durchfuhr es Seth. Hastig schaute er an Dan vorbei �ber das Deck. Sein Vater stand nur wenige Meter entfernt und kehrte ihnen den R�cken zu.</p><p>Nat kam her�ber und hob den Eimer auf. �Du Hundesohn, lass ihn in Ruhe!� Freundlich legte er Dan den Arm um die Schultern und grub seine Finger in dessen Oberarm. Sie ma�en einander, stumm, ohne einen Wimpernschlag. Als Nat seinen Griff lockerte, kehrte Dan zu seinem Eimer zur�ck.</p><p>�Lass uns weitermachen, bevor Vater her�berschaut�, sagte Nat. Er klang ruhig und unbek�mmert, als schiene er nicht zu wissen, dass das Herz des Bruders wie eine Trommel schlug.</p><p>Seth griff nach dem Lappen und dr�ckte ihn wieder in den Topf mit der schmierigen Paste, die er �ber das Messing zog.</p><p>Ein kleiner Mann kam den Landungssteg herauf, verharrte und blickte sich um. Dabei stellte er seinen wei�en Leinensack ab, direkt in die Wasserlache, die nur langsam im blankpolierten Holz versickerte. <emphasis>Geh weiter, mach schon,</emphasis> dachte Seth. <emphasis>Als ich an Bord kam und kurz herumstand, gab�s gleich �ne Schelle.</emphasis></p><p>Eilends sah er zu seinem Vater hin�ber. �ber seine Holzkladde mit den Listen gebeugt, stand er vor einem Matrosen, der ihn um gut einen Kopf �berragte.</p><p>�Toppsgast Bartholom�us Kellington aus Bournemouth, Sir�, h�rte er den Matrosen sagen.</p><p>Seth sah ihn sich genauer an. Das war also einer von den Toppsgasten, den K�nigen der Masten, den M�nnern, die die obersten Segel beherrschten. Der Mann hatte auch ein wenig �hnlichkeit mit einem K�nig. Gut sah er aus, so gro� und stark.</p><p>�Habe ich Euch aufgefordert zu sprechen?�, br�llte der Vater und warf seine Holzkladde auf die Planken.</p><p>Seth, aber auch der Mann, der vor seinem Vater stand, zuckten zusammen.</p><p>�Dann haltet Euer Maul, bis ich Euch das Wort erteile.�</p><p>Sofort senkte der Matrose den Blick und zog die Schultern vor.</p><p>�Hebt das auf.�</p><p>Der Toppsgast r�hrte sich nicht. Seth wusste, der Vater w�rde ihn gr�n und blau pr�geln, wenn er sich seinem Befehl widersetzte. Ein jeder an Bord beobachtete derweil die beiden. Dann ging der Matrose auf die Knie, suchte die Papiere zusammen, erhob sich mit noch immer gesenktem Kopf und gab sie dem Vater.</p><p>Ein flaues Gef�hl breitete sich in Seths Bauch aus. Jeder der Neuank�mmlinge hatte sich beim Dienstantritt an seinen Vater zu wenden. Und jeder an Bord wusste von diesem Augenblick an, dass der Bootsmann Kyle Bennetter hie�. <emphasis>Hoffentlich fragt mich hier nie jemand nach meinem vollen Namen. Alle werden mich hassen, wenn sie wissen, dass er mein Vater ist. Und an mir werden sie�s dann auslassen.</emphasis> Schnell nahm Seth seinen Lappen und dr�ckte ihn in den Eimer. Gut, dass niemand sehen konnte, dass kein Wasser mehr darin war. Nat und Dan arbeiteten gesch�ftig und hatten seine Tr�delei nicht bemerkt.</p><p>Bartholom�us Kellington verschwand.</p><p>Der kleine Mann, der hinter dem K�nig der Matrosen gewartet hatte, verlangte nun, aufs Achterdeck gelassen zu werden. <emphasis>Das ist also einer von den feinen Pinkeln, die es sich in den Kaj�ten gutgehen lassen. Die ordentliches Essen bekommen und nicht im engen Mannschaftsdeck hausen m�ssen.</emphasis></p><p>In der ersten Nacht hatte Seth darauf gewartet, dass der Vater vor seiner H�ngematte erscheinen und ihn mitnehmen w�rde. Dass er Nat und ihn in seine Kaj�te holen w�rde und dass sie zu dritt in der engen Koje schlafen k�nnten. Doch der Vater war nicht gekommen, und Seth hatte in seiner H�ngematte gelegen und den Bruder vermisst, der zur Wachschicht eingeteilt worden war.</p><p>���das k�nnt Ihr vergessen!�, schrie sein Vater und begann wieder, einem Stier gleich zu toben. �Ich lasse kein Gesinde aufs Achterdeck, solange die Gentlemen nicht an Bord sind. Und jetzt verschwindet ins Mannschaftsdeck. Da geht�s lang!� Er zeigte zum Hauptmast, und der kleine Mann schlich zum Niedergang hin�ber. Seth grinste. Sein Vater schickte den feinen Pinkel tats�chlich in das Mannschaftsdeck. <emphasis>Ja, dem wird�s so gehen wie mir.</emphasis></p><p>Und jetzt, als der Vater schwieg, vernahm er sie wieder: die schrillen M�wenschreie. Es waren sechs V�gel, die um das Kr�hennest ihre Bahnen zogen. Oder waren es sieben? Er trat einen Schritt zur�ck, um sie besser sehen zu k�nnen, und sp�rte, dass sein Fu� sich verfing. Bevor er begriff, was geschah, st�rzte er. Mit den Rippen krachte er auf die Kante des Holzeimers, dass es ihm die Luft nahm. Als er zu atmen versuchte, h�rte er nicht viel mehr als ein pfeifendes Ger�usch, das seinem Mund entwich. Bevor er noch einmal nach Luft schnappen konnte, sah er das Gesicht seines Vaters. Direkt �ber sich. Rot und wutverzerrt. Die Hand des Vaters schoss auf ihn zu, und er sp�rte die Finger, die sein Ohr packten. Sein Kopf wurde vorgerissen, bis seine Nase ein Tau ber�hrte, das auf Kn�chelh�he verlief. Nichts als die feinen Fasern des gewundenen Taus konnte er noch sehen. <emphasis>Vaters Finger sind so kalt. Ob er mir mein Ohr abrei�t? Wie das wohl aussieht? Ich sp�r meinen Fu� nicht mehr, vielleicht ist der ja schon abgerissen.</emphasis></p><p>Das Br�llen seines Vaters erreichte ihn aus weiter Ferne: �Schau, wohin du trittst und was du machst, ansonsten stelle ich dich eigenh�ndig in die Taurolle und lass dich an den F��en ins Rigg hochziehen.�</p><p>Seth versuchte zu nicken, was ihm unter dem eisenharten Griff kaum gelang. Den Kopf immer noch kurz �ber den Planken, bemerkte er in einiger Entfernung den kleinen Mann. Er war noch nicht ins Mannschaftsdeck hinabgestiegen, sondern starrte ihn an.</p><p>Dann schoben sich Beine vor sein Gesicht. Nats Beine, wie Seth am Stoff der Hose und den nackten F��en erkennen konnte.</p><p>�Vater, bitte, sei nicht so���, h�rte er den Bruder sagen. Doch bevor der den Satz beenden konnte, lie� der Vater Seths Ohr los, sodass sein Kopf auf den Boden schlug. Dann h�rte er die schallende Ohrfeige.</p><p>Besorgt blickte er zu Nat auf, der sich die Wange hielt. Also hatte der Vater ihn nur halb so arg erwischt. Beim letzten Mal hatte Nats Nase so lange geblutet, dass es die Mutter mit der Angst bekommen und ein f�rchterliches Gez�nk mit dem Vater begonnen hatte.</p><p>Erneut schob sich ein Schatten �ber ihn. Seth legte den Arm �ber seinen Kopf, bevor er hinaufschaute. Doch der Vater ma� mit seinem Blick den Bruder: �Wenn du mich an Bord noch einmal Vater nennst, kannst du was erleben, Nathaniel. Ihr seid jetzt Seeleute. Hier gibt�s keinen Vater mehr.�</p><p><emphasis>Bleib liegen und beweg dich nicht. Irgendwann ist�s vorbei, dann geht er wieder.</emphasis> Seth schloss die Augen.</p><p>�Merkt euch eines: Hier wird jeder gleich hart rangenommen, und ihr beide werdet mir keine Schande machen!� Die Stimme des Vaters war jetzt ruhig.</p><p>Dann h�rte Seth Schritte und das Knirschen von Abs�tzen. Der Vater lie� von ihnen ab. Er �ffnete die Augen und atmete auf. Da war kein Pfeifen mehr, die Luft str�mte wieder in seinen Hals. Mit einem Schlag sp�rte er, wie sein Herz trommelte. Das Ohr war noch am Kopf, aber taub vor Schmerz. Er zog das rechte Bein heran und tastete nach seinem Fu�, durch den das Blut floss, als w�rde es kochen.</p><p>Nat beugte sich vor, und Seth konnte die roten Abdr�cke der einzelnen Finger des Vaters auf seiner Wange erkennen. Er lie� sich aufhelfen, und als ihm der Bruder �ber die Schulter strich, begannen seine Augen zu brennen. Wortlos setzte Seth seine Arbeit fort. <emphasis>Dieses Mal lass ich mich nicht ablenken. Ich mach meine Arbeit. Nie wieder lass ich mich ablenken, und wenn ich �nen Stein finde, dann schmei� ich ihn nach einer M�we. Und die f�llt dann tot vom Himmel.</emphasis></p><p>***</p><p>Sie konnte dort nicht hinunter.</p><p>In die Vorh�lle des Schiffes.</p><p>In die Enge.</p><p>In die Finsternis.</p><p>Was war, wenn man sie nicht mehr auf das Achterdeck lie�? Wenn dort nicht mehr gen�gend Platz vorhanden war? Die Kaj�te, zu zweit geteilt, die eigene Schlafkoje � auf diese Sicherheit hatte sie gesetzt.</p><p>Mit der linken Hand suchte sie an der Holzwand Halt und schritt die Stufen in das Mannschaftsdeck hinab. Das Schiff war �berholt worden, doch die Stufen hatte man belassen, wie sie waren. Ausgetreten vom Gewicht unz�hliger M�nner, die sie hinauf- und hinabgelaufen waren, knarrte das Holz unter ihren F��en. Mit dem rechten Arm presste sie den Leinensack an sich und sp�rte, dass er nass geworden war. <emphasis>Die Bl�tter des Buches werden sich vollsaugen,</emphasis> dachte sie fl�chtig, als sie ins Halbdunkel schaute.</p><p>Der Raum ma� nicht mehr als f�nfeinhalb Fu� H�he, und selbst sie, eine Frau mittlerer Statur, musste den Kopf einziehen. Hier konnten nur noch die Schiffsjungen aufrecht stehen, wenn �berhaupt. In einer Ecke thronte ein schwarzgl�nzender Eisenofen, und die Tische hingen von der Decke, in Seilschlaufen festgezurrt. Kaum ein Ger�usch war zu vernehmen, als w�rde der L�rm an Deck vom ausgetretenen Niedergang verschluckt. Zwei M�nner sa�en auf Seekisten und beobachteten einen Dritten, der seine H�ngematte zusammenrollte.</p><p>�K�nntet Ihr mir sagen, wo ich Backsvorsteher Sohnrey finde?�</p><p>Die drei starrten sie an.</p><p>�Ich wurde aufgefordert, bei ihm vorstellig zu werden�, f�gte Mary hinzu. Niemand reagierte. Das Blut stieg ihr in den Kopf. Sie hastete an den schweigenden M�nnern vorbei und f�hlte, dass ihr die Blicke folgten.</p><p>Im hinteren Teil des Decks konnte sie einen �lteren Matrosen und Bartholom�us Kellington ausmachen.</p><p>�Ihr m�sst mir helfen�, sagte sie, und ihre Stimme klang hell und nerv�s. �Ich soll mich beim Backsvorsteher Sohnrey melden. Gehe ich recht in der Annahme�, sie wandte sich dem �lteren zu, �dass Ihr das seid?�</p><p>�Ja, das bin ich. Und wer bist du?�</p><p>�Marc Middleton ist mein Name, und ich bin der Zeichner von Sir Carl Belham. Der Bootsmann verkennt meine Position und verweist mich an Euch. Ihr sollt einen Platz f�r mich finden, bis die Gentlemen an Bord sind.�</p><p>Bartholom�us schien am�siert. �Du warst noch nie an Bord eines Schiffes, oder?�, fragte er.</p><p>Was verriet sie? Noch fester dr�ckte sie den Leinensack an ihre Brust und grub die verr�terisch schmalen Finger in die Falten des Stoffs.</p><p>�Erste Regel: Red nicht so geschwollen im Mannschaftsdeck daher!�, dr�hnte Sohnreys Stimme in die Stille hinein.</p><p>Fast zuckte sie zusammen vor dem scharfen Ton, mit dem er sie ansprach. Mary schluckte. Wie t�richt sie war: Ihre Ausdrucksweise hatte f�r das Schweigen der M�nner gesorgt. Erleichtert lockerte sie den Griff, mit dem sie den Leinensack hielt.</p><p>�Ich muss dich warnen. Spar dir dein feines Mundwerk auf, bis du auf das Achterdeck kommst. Das vertr�gt hier keiner. Zu deiner Frage: Unser Quartier ist beengt. Hier gibt es keinen Platz mehr.�</p><p>Bartholom�us fiel ihm ins Wort: �Sohnrey, komm! Wir finden eine L�sung, dessen bin ich sicher. Den �rger, den Kyle Bennetter zu erwarten hat, ist es wert.� Er grinste Mary an.</p><p>Sie sah seine dunkelblauen Augen, die von schwarzen Wimpern umrahmt waren. Au�ergew�hnlich langen Wimpern. <emphasis>Er sieht sympathisch aus,</emphasis> stellte sie fest. <emphasis>Wenigstens ein Mensch, vor dem ich mich nicht �ngstigen muss.</emphasis></p><p>�Vor Bennetter musst du dich in Acht nehmen�, sagte Bartholom�us, und Mary bef�rchtete, sie w�re ein offenes Buch, in dem er mit Leichtigkeit ihre Gedanken lesen konnte. �Er ist so etwas wie die rechte Hand des Kapit�ns. Zu Beginn jeder Fahrt f�hrt er sich auf wie ein Berserker, zweimal habe ich das jetzt erlebt. Manchmal wird er ruhiger, wenn er merkt, dass die Dinge laufen, aber wenn er jemanden auf dem Kieker hat, dann���</p><p>�Genug jetzt!�</p><p>Bartholom�us schwieg sofort.</p><p>�Kennst du dich mit Seemannst�tigkeiten aus?�, fragte Sohnrey.</p><p>Mary registrierte den �berdruss in seiner Stimme. Sie musste l�gen, ihr blieb keine Wahl.</p><p>Doch der Matrose schien ihr Z�gern bemerkt zu haben, denn bevor sie auch nur den Mund �ffnen konnte, beantwortete er sich seine Frage selbst: �Das habe ich mir gedacht. Einen Mann deines Schlages k�nnen wir hier nicht gebrauchen.�</p><p>�Aber wo soll ich hin?� Sie hatte die Reise noch nicht einmal angetreten, und alles schien sich gegen sie verschworen zu haben.</p><p>�Ich kann deine Probleme nicht l�sen.� Sohnreys Blick blieb unger�hrt.</p><p>�Aber ich k�nnte vielleicht Eure H�ngematte nutzen, wenn Ihr auf Wache seid�, wagte sie einen verzweifelten Vorsto�.</p><p>Doch dieses Mal sch�ttelte selbst Bartholom�us den Kopf. �Das geht nicht. Die Wachmannschaften schlafen im Schichtsystem. Es gibt die Backbord- und die Steuerbordwache. Alle vier Stunden wechseln sie sich ab und���</p><p>Sohnreys drohender Blick lie� ihn erneut stocken. �Lass uns sp�ter dar�ber sprechen�, sagte er nur noch, und f�r einen Moment schwiegen sie alle. Pl�tzlich erhellte sich Bartholom�us� Miene: �Eine M�glichkeit g�be es allerdings noch���</p><p>Smutje Henry drehte sich um und wies mit den Armen durch das Ladedeck. Seine Augen leuchteten vor Stolz. Mary hatte mehrfach geh�rt, dass die Navy Kr�ppel f�r die Komb�se einstellte und sie mit l�cherlichem Sal�r bezahlte. Doch sie konnte bei diesem Mann kein Gebrechen erkennen. Flink war er mit ihr durch die G�nge bis hinunter in das Ladedeck geeilt. Das Wasser schlug mit sanftem Murmeln gegen die Bordw�nde und verriet, dass sie nunmehr unter dem Wasserspiegel sein mussten. Das Schiff war kalfatert worden, in der feuchten K�hle hing noch der Geruch teergetr�nkten Wergs.</p><p>�Also, pass auf�, sagte Henry, �du sorgst dich um die Viecher, die im Zwischendeck stehen. Es ist ein Kreuz mit ihnen. Stellt man sie aufs Wetterdeck, fegt sie der n�chste Sturm davon. Oder sie sterben am Zug und ewig nassen Fell. Bringst du sie unter Deck, h�rt man �berall ihr Gebr�ll. Vor allem nachts. Wir brauchen aber das Frischfleisch. Drei K�he, zwanzig Schafe, mehrere Dutzend H�hner, eine Ziege, f�nf Schweine und drei Katzen haben wir dabei. Unterwegs werden wir immer wieder lebende Viecher mit an Bord nehmen.�</p><p>Mary lachte auf. �Katzen stehen auch auf dem Speiseplan?�</p><p>�Nur in Notf�llen�, er griente. �Sie sollen ja eigentlich die Ratten im Griff behalten. Aber beide sind gegrillt recht bek�mmlich.�</p><p>Mary nickte und musterte die zahllosen F�sser, S�cke und Kisten, die wohlsortiert verladen worden waren. Eine eigene kleine Welt auf engstem Raum.</p><p>�Das ist beeindruckend, oder? Da wir weniger Waffen und Munition haben als ein herk�mmliches Linienschiff, k�nnen wir f�r ein Jahr Proviant laden. F�r hundert Mann. Tausend Pfund Schiffszwieback, gep�keltes Rind- und Schweinefleisch. Drei Tage die Woche gibt es Hafergr�tze, Brot und K�se. Wir nennen sie die Feigentage. Die restlichen vier Tage der Woche gibt es Fleisch. Das gibt Kraft f�r die Arbeit. Na, und dann werden wir wie bei Kapit�n Cook Sauerkraut gegen den Skorbut auftischen. Wei�t du, wie er die Mannschaft dazu bekommen hat, dass sie es �berhaupt a�?�</p><p>Mary sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Die Matrosen wollten das Zeug nicht anr�hren. Also lie� er es den Offizieren servieren. Und als die Matrosen sahen, dass die beim Kraut zulangten, da konnte es ja nicht zu ihrem Schaden gereichen, auch davon zu kosten. Ein kluger Mann war das, der Cook.�</p><p>Er blieb stehen und wies auf mehrere F�sser: �Dort ist das Wasser. Auf dieser Seite ist des Seemanns bester Freund untergebracht: das Bier. Zw�lfhundert Gallonen Bier, stell dir das vor. Und links daneben stehen sechzehnhundert Gallonen Hochprozentiges, alles feinster Fusel. Branntwein, Arrak und Rum. Der Kapit�n versteht es, die M�nner bei Laune zu halten.�</p><p>Der Smutje lachte: �Das ist mein Reich. Und pass auf dich auf, es ist gef�hrlich, die Suppenkelle auf einem Schiff zu schwingen.�</p><p>Mary mochte seine offene Art. Und wenn er so viel arbeitete, wie er redete, konnte es f�r die Mannschaft nur von Vorteil sein.</p><p>�Was findest du daran so lustig?�, fragte er. �Ich sehe doch dein Feixen. Aber glaube es mir: Wenn�s der Meute nicht schmeckt, kann es schon vorkommen, dass sie den Smutje abstechen. Verstehen kann ich es ja. Die haben dann wahrscheinlich Hunger auf zartes Fleisch���</p><p>Verwundert blickte sie Henry nach. Freundlich war er, aber sein Humor erschien ihr etwas abwegig.</p><p>Gemeinsam rollten sie wenig sp�ter zwei Holzf�sser aus der Vorratskammer und trugen sie hinauf an Deck. Die Sonne stand inzwischen im Zenit. Sofort umringten erste M�nner die F�sser, jeder von ihnen hatte zwei Holzbecher bei sich. Doch bevor Henry mit dem Ausschenken beginnen konnte, betrat Kapit�n Taylor das Achterdeck und lie� die Glocke schlagen.</p><p>Die Matrosen teilten sich vor den Augen des Kapit�ns in kleine Gruppen auf. Die Seesoldaten in ihren roten Jacken schulterten die Musketen. Ein Bild milit�rischer Disziplin mit blank gewienerten Messingkn�pfen. Ungef�hr ein Dutzend M�nner, in Zweierreihen akkurat formiert. Sie schienen den Seeleuten ihre nachl�ssige Aufstellung vorhalten zu wollen.</p><p>Der Kapit�n erhob die Stimme: �Wir sind hier, um gemeinsam in den Pazifik aufzubrechen. Heute werde ich die sechsunddrei�ig Kriegsartikel verlesen.�</p><p>Jeder Mann der Besatzung ergriff seine Kopfbedeckung, zog sie ab und presste sie vor die Brust. Mary zuckte zusammen, tat es ihnen gleich und blickte zu Boden.</p><p>Der Kapit�n r�usperte sich. �Fangen wir an. Artikel 1: Der Kapit�n und die Offiziere zeichnen daf�r verantwortlich, dass die Lobpreisung Gottes w�rdig und w�hrend der gesamten Reise durchgef�hrt wird. Gleicherma�en wird der Tag des Herrn eingehalten und���</p><p>Mary lauschte konzentriert. Hier war nicht vom Zusammentreffen mit einem gegnerischen Schiff die Rede. Vielmehr befassten sich die Artikel mit dem Verhalten der eigenen Mannschaft. Man schien in der Royal Navy davon auszugehen, dass der Seemann gemeinhin ein zuchtloser Mensch war. Und dementsprechend wurde kein Verbrechen ausgelassen: Fl�che, Gottesl�sterungen, Spionage, Streit, Streik, Meuterei, Raub, Diebstahl von Kleidung, Raufereien, Erpressung, Verschwendung, Unterschlagung von Proviant oder auch Brandstiftung. Selbst Mord, Sodomie und das Desertieren oder die Aufnahme von Deserteuren anderer Schiffe wurden aufgef�hrt.</p><p>Als der Kapit�n die Litanei beendet hatte, donnerte er los: �Und f�r den Fall, dass das f�r irgendwen zu hoch war, kann ich euch sagen, dass ich fuchsteufelswild werde, wenn einer von euch bei der Wache einschl�ft, Befehle verweigert oder sich unsauber verh�lt. Erwische ich einen, der innenbords pisst oder schei�t, den lass ich�s ausl�ffeln. Ich gehe davon aus, dass wir uns verstanden haben! Und, meine Herren, wir werden mit ein oder zwei Tagen Versp�tung ablegen, da wir noch die Ankunft der Gentlemen erwarten. Sollte irgendjemand das Schiff ohne Anweisung verlassen, werden wir dies entsprechend ahnden. Und jetzt zur�ck an die Arbeit.�</p><p>Er machte auf dem Absatz kehrt, und die Mannschaft stellte sich wieder f�r den Ausschank an.</p><p>Henry stand neben Mary und goss, als w�re nichts geschehen, den ersten Viertelliter Rum in einen Becher.</p><p>Sie beugte sich zu ihm. �Mindestens die H�lfte der Artikel droht mit Hinrichtung.�</p><p>�Neunzehn�, antwortete Henry. �Neunzehn Artikel sind es, um genau zu sein. Der Rest wird mit Peitschenschl�gen oder leichteren Strafen wie Arrest vergolten.�</p><p><emphasis>Es wird immer schlimmer</emphasis>, dachte Mary<emphasis>. Selbst Taylor ist ein Widerling.</emphasis> �Und wie der Kapit�n gesprochen hat!�, begann sie und schrak auf, als Henry seine Kelle auf den Fassrand schlug.</p><p>�Halt�s Maul!�, zischte er. �Das sind die Gesetze der Royal Navy. Wenn dir das zu viel ist, dann hau ab.�</p><p>Mary schwieg. Um sie herum stand eine Traube M�nner. Riesige Kerle, gedrungene Muskelpakete, dickleibige Packer. Mit einem Mal sp�rte sie es am gesamten Leib: Sie war ein kleines Licht inmitten dieser Mannschaft. Ein ganz kleines Licht. Hier wurde nicht geredet, hier hatte man eine Aufgabe, und die galt es zu erf�llen. Z�gig �ffnete sie das zweite Fass und ergriff die Kelle, um Wasser in die Becher zu sch�pfen, die ihr entgegengehalten wurden.</p><p>Den Nachmittag �ber blieb Henry verstockt und wortkarg. Hafers�cke und Kohlen mussten aus dem Ladedeck in die Komb�se geschleppt, Brote aus der Vorratskammer geholt, Zwiebeln geschnitten und T�pfe geschrubbt werden. Befehl um Befehl nahm Mary entgegen und eilte sich zusehends, ohne dass seine Laune sich �nderte. Wie konnte sie ihn wieder milde stimmen? Wenn er ihr keinen Unterschlupf mehr gew�hrte, w�rde sie dem gro�en Reinschiffmachen zugeteilt, das man ausgerufen hatte, um die Mannschaft bis zur Abfahrt besch�ftigt zu halten. Und damit w�re sie Bennetter ausgesetzt, seinem scharfen, alles kontrollierenden Blick.</p><p>Als Henry einen gro�en Topf mit Wasser auf die Kochstelle setzte und ihn, obwohl kein Seegang zu erwarten war, an zwei Ringen festzurrte, die in den W�nden eingelassen waren, fand er seine Sprache wieder. Fast z�rtlich erkl�rte er: �Das hier ist ein feines Schiff. Wir haben eine Komb�se mit Feuerstelle und Rauchabzug. Ich habe schon auf Schiffen gearbeitet, da wurde nur auf Deck gefeuert. Es ist eine Schinderei, in Hitze, Wind oder Dauerregen das Feuer am Brennen zu halten, damit das Essen rechtzeitig aufgetischt werden kann.�</p><p>Mit kreisenden Bewegungen r�hrte er Hafer in das Wasser.</p><p>�Vorhin, als du so �ber den Kapit�n gesprochen hast, h�tte ich dir gern eins auf die Fresse gegeben�, setzte er nach und drehte sich zu ihr um. Sofort starrte sie auf das Messer in ihrer Hand, mit dem sie Zwiebeln in kleine W�rfel zerlegte.</p><p>�Du hast keine Ahnung, �ber wen du da sprichst, oder?�</p><p>Mary sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Gott h�lt seine sch�tzende Hand �ber unsere Reise. Und so wichtig wie dieser Schutz ist f�r uns der Kapit�n, der gleich neben Gott steht. Dann kommt erst einmal lange, lange niemand mehr, der auch nur ann�hernd von Bedeutung hier ist. Und du, du z�hlst zu den kleinen W�rstchen.�</p><p>Sie legte das Messer auf den Tisch und wischte die verstreuten W�rfel zusammen.</p><p>�Und sprich ihn nicht an. Niemals.�</p><p>Fragend blickte sie auf.</p><p>�Niemand aus der Mannschaft spricht den Kapit�n von sich aus an. Er muss das Wort an dich wenden, also wage es nicht.�</p><p>Marys Schultern sackten herab, und die Arme baumelten neben ihrem K�rper.</p><p>�Bevor du das n�chste Mal die Schnauze aufrei�t, denke daran, dass hier an Bord viele rechtschaffene M�nner sind, die es als Ehre betrachten, unter Kapit�n Taylor zu dienen. Und die z�gern nicht, die hauen dir eine runter. Und jetzt ist gut.�</p><p>Henry langte nach einer Holzsch�ssel, f�llte sie mit grauem Brei und reichte sie ihr. �Beeile dich. Gleich kommen die ersten Messdiener, um das Essen f�r sich und ihre Back abzuholen.�</p><p>�Messdiener?�</p><p>�Das sind die Jungs, die das Essen f�r ihren Tisch holen. Sie wechseln w�chentlich.�</p><p>Mary nahm einen L�ffel. Das Porridge schmeckte nach nichts, aber es war warm.</p><p>Es d�mmerte, als Mary die letzten Holzsch�sseln sp�lte. Henry reichte ihr das Tablett mit dem Porzellangeschirr der Offiziere. �Wenn du das gesp�lt hast�, sagte er, �kannst du dich aufs Ohr hauen. Der Kapit�n hat verf�gt, dass die Komb�se nicht am morgendlichen Reinschiffmachen teilnehmen muss. Dennoch beginnt auch unser Tag um vier Uhr.�</p><p>Dann zerrte er unter einem der Schr�nke einen Strohsack hervor und verschwand in der Vorratskammer, um sich schlafen zu legen. Stille kehrte auf dem Schiff ein, denn die Nachtruhe war ausgerufen worden. Nachdem sie das Geschirr gesp�lt, getrocknet und gestapelt hatte, l�schte sie das Feuer, drehte die �llampe aus und verlie� die Komb�se.</p><p>Leise begab sie sich in das Mannschaftsdeck, in dem es nach verdreckter W�sche und Schwei� stank. Sohnrey hatte veranlasst, dass der Schmied ein Hakenpaar an den Holzbalken anbrachte, damit sie die H�ngematte aufspannen konnte. Die Haken waren direkt neben der Wand befestigt, weit entfernt vom Niedergang und der Luke. Weit entfernt von Tageslicht und frischer Luft.</p><p>Mary f�rchtete, in der Enge den Matrosen zu wecken, der mit offenem Mund neben ihr schlief. Sie hatte ihn beim Rumausschank gesehen. Er trug immer noch die Kleidung, die er tags�ber am Leib gehabt hatte. Sie stellte sich auf Zehenspitzen und betrachtete die Schlafenden: Jeder der M�nner ruhte in seiner Arbeitskleidung.</p><p>Vorsichtig schob sie sich in die H�ngematte, die nachgab, sich drehte und sie schwungvoll auf den Boden krachen lie�. Beklommen harrte sie dort aus und lauschte, ob jemand sich r�hrte. Es blieb ruhig, sodass sie nach einiger Zeit einen zweiten Anlauf wagte. Dieses Mal sank sie tief in den Stoff der H�ngematte, deren Seitenteile sich �ber ihr fast wieder schlossen. Es konnte nicht mehr sein als ein Fu�breit, der ihr zum Schlafen zustand. Die Arme musste sie auf dem Bauch verschr�nken, da sie sonst auf dem Nebenmann zu liegen gekommen w�ren. Durch das Segeltuch hindurch sp�rte sie sein rechtes Bein, das gegen das ihre dr�ckte.</p><p>Jetzt nahm sie das erste Mal an diesem Tag das Schwanken des Schiffes und das Knacken des Holzes wahr. Das Schnarchen der M�nner, von denen einer in regelm��igen Abst�nden von einem trockenen Husten gesch�ttelt wurde, erschien ihr pl�tzlich �bernat�rlich laut. Ihr Mund war trocken. Die Blase dr�ckte. Doch daran, sich zu bewegen oder gar aufzustehen, um einen Schluck Wasser zu nehmen oder welches zu lassen, wagte sie nicht einmal zu denken. Die Zeit schien sich zu dehnen, und sie bemerkte nicht, dass sie einschlief.</p><p>Unvermittelt br�llte die Stimme der Nachtwache in die Stille: �Und jetzt umgewendet!�</p><p>Mary riss den Kopf in die H�he und erkannte schemenhaft, dass die M�nner sich auf die Seite drehten. Der Arm des Nachbarn landete auf ihr, gef�hrlich nahe der verschn�rten Brust, und dr�ckte auf ihre Lungen. Sie blickte ihn an, doch seine Augen waren geschlossen. <emphasis>Ich kriege keine Luft. Meine Brust. Sein Arm muss da weg,</emphasis> dachte sie und versuchte, ihn anzuheben. <emphasis>Wie schwer so ein Arm sein kann. Wenn ich ihn bewege, wird der Kerl wach. Er wird mich anglotzen und dann anfahren, was ich an ihm herumgreife. Ich muss ihn schieben, ganz langsam auf meine H�fte schieben, das ist ungef�hrlicher.</emphasis> Sie platzierte den Arm auf ihrem Beckenknochen. Behutsam legte sie sich wieder nieder und sp�rte den Atem des Mannes, den er ihr in den Nacken blies.</p><p>***</p><p>Es war sp�t geworden. Henriette Fincher sa� aufrecht, ein Kissen in den R�cken geschoben, vor ihm. Sie hielt die H�nde ineinandergeschlungen und schaute ihm direkt ins Gesicht. �Ich bin mir sicher, dass sich meine Nichte meinem Wunsch widersetzen wollte, demn�chst in den Stand der Ehe zu treten. Kaum, dass wir dar�ber sprachen, verschwand sie. Ihr werdet verstehen, Mr.�Reed, dass wir uns keinen Skandal leisten k�nnen. Dass wir verk�nden werden, Mary sei Verwandte an der S�dk�ste besuchen.�</p><p>Landon nickte. <emphasis>Dort auf dem Stuhl, dort hat sie gesessen und mich angel�chelt, den Schein des Kaminfeuers im R�cken. Warum ist es in diesem Jahr so kalt? Es ist Sommer, und best�ndig m�ssen wir einheizen, um uns zu w�rmen.</emphasis></p><p>�Ich bin Euch sehr dankbar, dass Ihr meiner Bitte entsprecht, uns bei der Suche zu unterst�tzen. Bitte geht so diskret wie m�glich dabei vor. Gern stelle ich Euch unseren Bediensteten William Middleton zur Seite. Er kennt das M�dchen besser als irgendwer in diesem Haus. Nun entschuldigt mich bitte, die ganze Angelegenheit hat mich sehr mitgenommen.�</p><p><emphasis>Warum fragt sie nicht Canaughy? F�rchtet sie sein loses Mundwerk? F�rchtet sie, er k�nnte aller Welt erz�hlen, was sich zugetragen hat?</emphasis> Landon begleitete Mrs.�Fincher zur T�r und verabschiedete sich von ihr. Als sie im Flur verschwand, fr�stelte es ihn erneut, und die Leere in seinem Kopf lie� nicht nach. Kein klarer Gedanke wollte sich formen. Nur der eine, der unfassbare, blieb fassbar: Sie war weg.</p><p>Der Bedienstete kam ihm entgegen und brachte ihn in das Zimmer zur�ck. Er nahm ihm gegen�ber Platz. Landon schaute den alten Mann an: das verh�rmte Gesicht und die zusammengepressten Lippen. <emphasis>Endlich etwas, das w�rmt</emphasis>, dachte er jedoch, als er in die wachen Augen blickte.</p><p>�Mrs.�Fincher und ich hatten vereinbart, dass sie Euch meine Hilfe anbietet. Mein Name ist William Middleton, und seit knapp vierundzwanzig Jahren bin ich in diesem Hause t�tig�, sagte der Alte. �Bitte verzeiht, dass ich mich erdreiste, Eure wertvolle Zeit in Anspruch zu nehmen, aber vielleicht kann ich zu der Suche meinen Teil beitragen.�</p><p><emphasis>Nimm dir so viel Zeit, wie du willst, und erz�hle mir von ihr. Alles, was du wei�t. Lass sie f�r einen Moment wieder bei uns sein.</emphasis> Landon r�usperte sich. �Gern m�chte ich die Suche nach Miss Linley unterst�tzen. Aber wie kann ich dabei behilflich sein?�</p><p>William erhob sich, fasste nach dem Sch�rhaken und stocherte in den Flammen herum. Funken spr�hten auf und vergl�hten in der Luft. �Ich glaube zu wissen, was sie vorhat. Es erscheint undenkbar, aber wenn man Miss Linley kennt, k�nnte man in Betracht ziehen, dass sie sich zu diesem Schritt entschlossen hat. Mir liegt es fern, Mrs.�Fincher zu beunruhigen, und deshalb m�chte ich Euch um eine Einsch�tzung meiner �berlegungen bitten.�</p><p>Landon nickte. Das Blut pumpte durch seine Halsschlagadern, die sich unangenehm spannten.</p><p>�Um Mary zu verstehen, solltet Ihr ein wenig �ber dieses Haus, �ber Francis Linleys Erbe erfahren. Ihr m�sst wissen, dass er ein gro�artiger Arzt und kundiger Naturforscher war. Sein Leben kreiste um seine Arbeit. Was lag da n�her, als seine Tochter in die Arbeit mit einzubeziehen? In diesem Haus gab es keine weibliche Hand, die das Kind aufzog. Also stellte er sich dieser Aufgabe, eben auf seine Weise. Kaum, dass Mary laufen konnte, brachte er sie auf die Felder, las ihr aus seinen B�chern vor und nahm sie zu ersten Hausbesuchen mit.</p><p>All das war ihr schon im Kindesalter so vertraut wie die Fremden, die �ber die Jahre dieses Haus betraten. Gelehrte M�nner waren das, die nach Plymouth kamen, hier hinaus zu uns. Ihr h�ttet es sehen sollen: Mr.�Linley begr��te die G�ste stets auf das Herzlichste, sobald sie die Eingangshalle betraten. Mary jedoch hielt sich im Schatten des Flures verborgen und musterte die Gelehrten eingehend, es war fast, als studiere sie jeden einzelnen, seine Haltung, seine Gesten. Ihre Erinnerungen an die G�ste waren im Nachhinein stets exakt. Nie hat sie den einen mit dem anderen verwechselt, und wir hatten wahrhaftig viele G�ste.</p><p>Sie alle nahmen an den Gespr�chsrunden teil, dem illustren Zirkel, der stets im Herrenzimmer diskutierte. Da war zum Beispiel Dr.�Solander, der mit Sir Joseph Banks unter Kapit�n Cook gereist war. Sicher habt Ihr von ihm geh�rt. Ein untersetzter, beleibter Mann mit einem schwedischen Akzent. Mary mochte ihn gern. Immer wieder schloss er das M�dchen in seine Arme und dr�ckte es gegen seine Brust. Wobei er lachte, w�hrend sie kichernd versuchte, sich seinem Griff zu entwinden.</p><p>Den vor Kraft strotzenden Sir Joseph Banks f�rchtete sie ein wenig. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob sie mehr Angst vor seiner Stimme, einem lauten Bass, oder seiner rechten Hand hatte, die er gern im Gespr�ch flach auf den Tisch knallen lie�. Sie war so zart, und sie erschrak jedes Mal aufs Neue. Ich habe es genau bemerkt, wie sie bald einen Bogen um ihn und diese Hand machte.</p><p>Carl von Linn� gab uns bei einem seiner Englandbesuche die Ehre. Er war bescheiden und wollte keine Umst�nde machen. Immer musste er auf seine Arbeit angesprochen werden, ehe er davon erz�hlte.</p><p>Und selbst Johann Forster erschien. Wenn er nicht �ber sich selbst sprach, kommandierte er seinen Sohn herum. Derart grob, dass Mary Mitleid mit ihm bekam, und so versuchte sie, ihm gegen�ber besonders aufmerksam zu sein. Mehrfach lief sie zur K�chin und erbat sich kleine Naschereien. Die brachte sie dem Forster-Sohn, wenn er wieder eine Arbeit �bersetzte, um das Geld f�r seinen Vater und sich zu verdienen. Der junge Mann war sehr ernst f�r sein Alter, aber wenn er die Kleine sah, dann l�chelte er manchmal.</p><p>Und auch James Cook reiste eines Tages an. Er war gro� und hager, m�sst Ihr wissen. St�ndig hielt er den Kopf ein wenig vorgebeugt, als w�rde er jeden Moment eine Kaj�te mit niedriger Deckenh�he betreten. Mir ging es wie Mary. Neugierig beobachteten wir ihn und wurden nicht schlau aus ihm. Wir r�tselten, wie er es schaffte, eine ganze Mannschaft zu befehligen, wo er doch nur selten und leise sprach.</p><p>So ging es hier �ber die Jahre zu: Mathematiker trafen auf Botaniker, Kapit�ne auf Wund�rzte, Geologen auf Kunstmaler. Ein Kommen und Gehen der Gelehrten. Und nie hat sich jemand daran gest�rt, dass die Tochter von Francis Linley an den Gespr�chsrunden mit gl�nzendem Blick teilnahm. Dass sie schweigend dabeisa� und begierig das geballte Wissen in sich aufsog. Versteht Ihr? Nachts sa� sie in ihrem Bettchen und schrieb sich auf, was sie geh�rt hatte. Sie f�llte Heft um Heft damit. Dieses M�dchen wurde von klein auf mit den Gedanken dieser Gelehrten�� ja, sie wurde regelrecht damit vollgestopft.�</p><p>Landon nickte. Er schluckte und sp�rte seinen Adamsapfel springen. <emphasis>Sie hat mir ihr Leben gezeigt. Die Zeichnungen, die Pflanzen und die Schmetterlinge. Ich habe sie nicht erkannt, ich habe all das f�r eine versponnene Leidenschaft gehalten und dabei nur gehofft, die W�rme ihrer Stimme w�rde mir gelten.</emphasis></p><p>Der Alte stie� nochmals mit dem Sch�rhaken ins Feuer. Abrupt drehte er sich um und schaute Landon pr�fend an. �Daher kommt ihre Begeisterung f�r die Wissenschaft. Aus dem M�dchen konnte hier nichts anderes werden. Deshalb habe ich von Mr.�Linleys Erbe gesprochen.�</p><p>Nass und kalt klebte Landon das Hemd in den Achselh�hlen. Er musste etwas sagen, um William Middleton die Angst zu nehmen, er k�nnte an Mary zweifeln. �Ja, ich kann Euch folgen. Aber sagt mir, was, denkt Ihr, hat sie vor?� Gern h�tte er noch einmal angesetzt und dabei weniger spr�de geklungen, doch der Alte schien beruhigt.</p><p>Er legte den Sch�rhaken beiseite und setzte sich wieder an den Tisch. Mit den Fingern strich er Falten aus dem �berwurf. �Ich bef�rchte�, sagte er so leise, dass Landon sich vorbeugen musste, �ich bef�rchte, dass es ihr gelungen ist, an Bord des Forschungsschiffes zu kommen, das im Hafen liegt.�</p><p>�Aber man wird keine Frau an Bord nehmen, das ist strengstens untersagt�, entgegnete Landon vorsichtig. Er wollte William Middleton nicht zu nahetreten, aber das musste ihm doch klar sein.</p><p>Der alte Mann sah mit einem Schlag eingefallen aus und schloss die Augen. �Bitte erschreckt nicht, denn der Gedanke mag abwegig erscheinen. Aber letzthin lie� Mary sich von mir beim Navy Board absetzen. Dort bereiten sich auch dieses Mal die Wissenschaftler auf ihre n�chste Expedition vor.� Er fl�sterte, als w�rde die gesenkte Stimme die Ungeheuerlichkeit seiner Vermutung schm�lern. �Eine Mappe hatte sie geschn�rt und wollte sich vorstellen. Als Mitarbeiter der Wissenschaftler. Versteht Ihr?�</p><p>Landon sch�ttelte den Kopf. Keine Expedition der Welt w�rde eine Frau verpflichten. Und Mary, sie hatte ihren Vater genau durch solch eine Reise verloren, sie wusste um die Risiken. Nur wer zu dumm war, sich einen Platz im Gef�ngnis zu sichern, ging an Bord eines Schiffes. Dort war es wie im Gef�ngnis, nur hatte man noch die M�glichkeit, dabei zu ertrinken.</p><p>William Middleton schien das Schweigen zu verstehen, seinen Zweifel zu sp�ren. �Sie w�gt nicht ab�, sagte er sanft. �Nie. Sie handelt. Ohne lange nachzudenken. Wenn sie einem Schmetterling nachjagt, sieht sie nicht den Abgrund, auf den sie erhobenen Hauptes zust�rmt.�</p><p>Ein Knacken im Feuer lie� Landon zum Kamin hin�berschauen. Worauf hatte er sich eingelassen? Eine verstockte junge Dame heimzuholen, die das Elternhaus aus Wut verlassen hatte und bei einer Verwandten oder Freundin Zuflucht suchte, das war eine Sache. Wor�ber jedoch sprachen sie hier? �ber eine Frau, die auf einem Schiff angeheuert haben sollte?</p><p>�Was denkt Ihr, Mr.�Reed? Haltet Ihr es f�r m�glich, dass sie an Bord des Schiffes ist?� Die Stimme des Alten zerfiel.</p><p><emphasis>Nein</emphasis>, dachte Landon, <emphasis>ich halte es nicht f�r sonderlich wahrscheinlich, aber wir m�ssen jede M�glichkeit in Erw�gung ziehen.</emphasis></p></section><section><title><p><strong>Plymouth, 19.�Juli 1785</strong></p></title><p>Als Mary im Morgengrauen die Komb�se betrat, griff Henry augenblicklich nach einem Leinensack. �Morgen, Marc. Du bleibst hier, kniest dich vor die Feuerstelle und passt auf. Ich gehe, bevor wir wieder anfeuern, pr�fen, ob der Abzug frei ist.�</p><p>M�de hockte Mary sich auf den Boden und betrachtete in den kupfernen Wandbeschl�gen der Kochnische ihr Gesicht. Sie bemerkte die tiefen Augenringe und das kurzgeschnittene Haar, das ungek�mmt unter der M�tze hervorschaute. Noch immer hatte sie sich nicht an den Anblick gew�hnt.</p><p>Nach einer halben Ewigkeit ert�nte Henrys Stimme: �Marc, bist du so weit?�</p><p>Die Antwort ging in einem schrillen Gegackere unter, und bevor Mary sich versah, schoss aus dem Abzug ein schwarzverstaubtes Huhn, das fl�gelschlagend in der Asche landete. Panisch ergriff es die Flucht. Erschrocken warf Mary sich auf das Tier. Es presste sich unter ihrem Arm durch und sprang gegen die W�nde der Kochstelle. Sie bekam den d�nnen Hals zu packen. Still verharrte das Huhn und gab ihr die Gelegenheit, sich nochmals in den Kupferplatten anzuschauen. Das Gesicht war von schwarzen Aschestreifen �berzogen, die die Fl�gelschl�ge hinterlassen hatten.</p><p>�Na, solange wir noch lebendes Federvieh haben, muss ich es nutzen�, sagte Henry, als er in die Komb�se zur�ckkehrte. �Jetzt wissen wir, dass der Abzug frei ist. Du kannst die Asche zusammenfegen. Gib mir das Vieh, das kommt in den Topf.�</p><p>Sie reichte ihm das flatternde Huhn und begann, die K�che zu kehren.</p><p>Mit einem Schlag trennte Henry dem Huhn den Kopf ab und kn�pfte es zum Ausbluten �ber eine Sch�ssel. Dann begann er, M�hren zu sch�len und zu zerkleinern.</p><p>�Sag mal, also, wenn ich�, sie z�gerte, �na ja, halt mal pissen muss, wo mache ich das?�</p><p>�Du verdammte Landratte�, erwiderte er, w�hrend er die Schalen auf den Boden fallen lie�. �Vorne am Bug, bei der Galion, kannst du schei�en. Beeile dich, wir haben zu tun.�</p><p>Mary verlie� die Komb�se. So schnell sie konnte, rannte sie das Zwischendeck entlang. <emphasis>Ein �ffentlicher Ort an Deck des Schiffes f�r die Notdurft,</emphasis> dachte sie. <emphasis>Sich vor aller Augen entbl��en. Ausgeschlossen. Es gibt nur eine L�sung, auch auf die Gefahr hin, dass ich das Ergebnis ausl�ffeln muss!</emphasis></p><p>Kaum hatte sie die Stallungen erreicht, ging sie das Gatter aufmerksam ab. Sie war allein.</p><p>Ungeschickt kletterte sie �ber die Umz�unung, woraufhin die Schafe bl�kend auseinanderstoben. In die hinterste Ecke hockte sie sich und lauschte, ob jemand durch die Unruhe der Tiere aufmerksam geworden war.</p><p>Es blieb still.</p><p>Eilig lie� sie die Hosen herunter, und die Erleichterung trieb ihr das erste L�cheln seit Stunden ins Gesicht.</p><p>In die Komb�se zur�ckgekehrt, musste sie Tee f�r die Offiziere br�hen, die Vorratskammer f�llen und Wasser holen. Zum Fr�hst�ck gab es Porridge. Just als Mary einen L�ffel zu sich nahm, hie� es wieder sp�len, und vom Grogausschank ging es ohne Pause an die Zubereitung des Abendessens. Wie am Tag zuvor stand sie bis in die tiefe Nacht �ber dem Abwasch.</p><p>Nachdem sie ihre Arbeit beendet hatte, schlich sie zum Mannschaftsdeck hin�ber. Doch zu ihrem Entsetzen h�rte sie Stimmen. Die M�nner waren noch wach!</p><p>Kaum jemand nahm von ihr Notiz, als sie sich durch die ersten aufgespannten H�ngematten schob, nur ein dunkelhaariger, drahtiger Kerl gab Mary den knappen Befehl: �Zieh schon mal die Back hoch.�</p><p>Sie schaute sich um, und ihr wurde hei�. Sohnrey nannte sich Backsvorsteher. Aber was um Himmels Willen war das?</p><p>Der Dunkelhaarige bemerkte ihr Z�gern und fuhr sie an: �Die Back! Du sollst den Tisch hochziehen. H�rst du schlecht?�</p><p>Eilfertig kn�pfte sie das Seil auf, das in einem Ring an der Seitenwand verknotet war, und hievte den Tisch unter die Decke. Er hatte ein stolzes Gewicht, und sie merkte, wie ihre Arme zu zittern begannen und ihr das Blut in den Kopf stieg. Schnell drehte sie sich zur Wand, um ihre Anstrengung zu verbergen. Erleichtert, dass sie den Tisch hatte bewegen k�nnen, schlang sie einen Doppelknoten in den Strick. Noch w�hrend sie sich umwandte, sah sie den Tisch auch schon von der Decke herabrasen. Mit Gebr�ll sprangen einige der M�nner zur Seite, doch der Dunkelhaarige bemerkte das Ungl�ck zu sp�t. Mit einem dumpfen Knall krachte die Holzplatte in seinen R�cken. Eine der Randleisten, die das Geschirr bei Seegang vor dem Fallen bewahren sollte, zersplitterte. Der Tisch fing sich in den Seilen und schwang durch den Raum.</p><p>Marys Blick hing an dem Mann, der sich langsam aufrichtete und br�llte vor Schmerz und Wut.</p><p>Ein anderer Matrose schubste sie beiseite und ergriff das Seil: �Was war das f�r ein Knoten? Du bist doch kein Seemann, du bist �n Arschloch.�</p><p>Mary taxierte die Entfernung zum Niedergang. Es gab kein Entkommen. Zu viele aufgebrachte M�nner waren im Weg. <emphasis>H�ren Sohnrey und Bartholom�us den Aufruhr nebenan nicht? Warum hilft mir niemand? Ich darf nicht kotzen, ich darf nicht heulen,</emphasis> dachte sie noch, als sie aus den Augenwinkeln einen Schatten wahrnahm und fast zeitgleich den Faustschlag sp�rte. Ihr Kopf flog nach hinten und krachte an die Bordwand. Sie taumelte und schlug die H�nde vor das Gesicht. Durch die Finger konnte sie erkennen, dass der Dunkelhaarige vor ihr stand. Sie hatte ihn nicht kommen sehen.</p><p>�Sollte ich auch nur eine angeknackste Rippe haben, breche ich dir daf�r zwei�, sagte er und rieb sich die Faust. Dann tastete er seinen Brustkorb ab und schob im Wechsel die Schultern vor. Pl�tzlich hielt er inne und st�hnte.</p><p>Mary duckte sich tiefer und vergrub das Gesicht in ihren Armen, als endlich die erl�sende Stimme erklang: �Verdammt, was ist hier los?�</p><p>Die Matrosen wichen zur Seite, um Sohnrey Platz zu machen. <emphasis>Alle schweigen, also schweig du auch. Hier haben M�nner etwas untereinander ausgetragen, wor�ber du kein Wort verlieren darfst.</emphasis></p><p>Der Backsvorsteher riss ihre Arme beiseite und betrachtete das Auge. Dann zerrte er sie zum Niedergang. �Geh das k�hlen. Und du, Edison�, sagte er zu dem Drahtigen, �beruhigst dich wieder. Hier ist jetzt Schluss f�r heute, die Nachtruhe hat l�ngst begonnen!�</p><p>Damit wandte er sich ab. Das Thema war erledigt.</p><p>Mary kletterte die Stufen hinauf und lauschte, ob die M�nner ihr folgen w�rden. Zitternd stie� sie die Klappe auf und lie� sich auf das Deck fallen. Als der k�hlende Wind ihre Haut ber�hrte, sp�rte sie den pulsierenden Schmerz und rang nach Atem. Mit den Fingerspitzen betastete sie ihr Auge, das halb zugeschwollen war.</p><p>Ersch�pft setzte sie sich an das Beiboot und rutschte immer weiter unter den Bug, um nicht von der Nachtwache entdeckt zu werden. Legte die Arme um die Beine und st�tzte das Kinn auf die Knie. Leise schlugen die Wellen an die Bordw�nde.</p><p>Plymouth schien von der Nacht verschluckt worden zu sein. Hin und wieder trug der Wind Ger�uschfetzen her�ber, die ihr das tr�stliche Gef�hl gaben, dass die Welt noch existierte.</p><p>Ihr Blick folgte dem Lichtstrahl des Leuchtturms, der �ber die Wellen tanzte und den Schaumkronen einen silbernen Streifen verlieh, der sich dann und wann aufkr�uselte und im Schwarz des Wassers verschwand.</p><p>Vielleicht w�rde die Nachtwache irgendwann erm�den, und vielleicht w�rde es ihr gelingen, das Schiff zu verlassen. Zum Hoy Inn zu laufen, um dort die Nacht zu verbringen. Wenn man am Morgen ihr Verschwinden bemerken w�rde, w�re sie schon l�ngst auf dem Weg nach Hause. Sie w�rde Henriettes anklagendes Weinen �berstehen. F�r den Moment der Umarmung Williams W�rme sp�ren und dann das leerger�umte Haus in Augenschein nehmen. Sie w�rde Landon heiraten, egal, wen die Tante f�r sie ausgew�hlt hatte. Und sie w�rde schweigen, f�r immer dar�ber schweigen, was sie in den Tagen ihres Verschwindens erlebt hatte. Doch noch w�hrend sie der W�rme nachf�hlte, die sie bei dem Gedanken an Williams Umarmung zu sp�ren glaubte, wusste sie, dass sie bleiben w�rde. Hier, an Bord der <emphasis>Sailing Queen</emphasis>.</p><p>***</p><p>Es war kalt, und nur das Klappern seiner Z�hne hielt Seth wach. Immer wieder tastete er nach dem Seil, das er sich um den Bauch geschlungen und am Mast verknotet hatte. Sicher w�rde kein Sturm aufkommen, doch er f�rchtete einzuschlafen und aus dem Kr�hennest zu st�rzen, hinab auf das Deck. Die Nachtwache zog dort unten ihre Kontrollrunden. Er konnte die schlurfenden Schritte h�ren, wagte aber nicht, hinunterzuschauen. Das Schwanken des Schiffes war auf der kleinen Plattform deutlich zu sp�ren und verursachte ihm �belkeit. Er kroch ein St�ck n�her an den Mast und legte seine Arme um den Stamm. Er atmete den holzigen Geruch ein und meinte sogar, ein wenig klebriges Harz an seinen Fingern sp�ren zu k�nnen.</p><p>Ein Pfiff ert�nte.</p><p>Hatte er richtig geh�rt? Lauschend setzte Seth sich auf. Wieder vernahm er einen leisen Pfiff. Er hielt die Luft an und sp�hte �ber den Rand der Plattform.</p><p>Nat stand an Deck und winkte ihn zu sich.</p><p>Seth l�ste den Knoten des Seils und rollte es um den Mast. Dann drehte er sich auf den Bauch und suchte mit den F��en Halt in den Wanten. Langsam tastete er sich an den Tauen, die rau durch seine H�nde glitten, hinab. Als er auf die Decksplanken sprang, schlotterten seine Beine. �Was ist, wenn uns die Wache h�rt?� Er fl�sterte, und seine Z�hne schlugen dabei noch immer aufeinander.</p><p>�Alles in Ordnung. Ich habe gewartet, bis er eingenickt ist. Verschwinde in das Kabelgatt. Schlafe ein wenig.�</p><p>Z�gernd blieb Seth stehen. Der Bruder hatte schon den Nachmittag im Kr�hennest verbracht, er musste m�de sein. Als h�tte er seine Gedanken erahnt, zischte Nat: �Nun mach schon. Ich schaff das. Hau ab. Schnell!�</p><p>Sofort verschwand Seth im Niedergang. Leise atmend blieb er stehen. Ins Kabelgatt solle er gehen, hatte Nat gesagt. Aber was war das, das Kabelgatt? Ins Mannschaftsdeck wollte er nicht zur�ck. Die M�nner �ngstigten ihn. Und wie sollte er jetzt seine Kiste �ffnen, um die H�ngematte herauszunehmen, ohne jemanden dabei zu wecken?</p><p><emphasis>Die Schafe,</emphasis> dachte er. <emphasis>Dort gehe ich hin, dort ist es sch�n. Bei ihnen ist es warm.</emphasis> Am Tage hatte er die Tiere gesehen. Wie sie breitbeinig und bl�kend im Stroh gestanden und versucht hatten, das Schwanken des Bootes auszugleichen.</p><p>Unter Deck war es stockfinster. Er lauschte. Langsam tastete er sich an den Kisten und S�cken entlang und schob Fu� um Fu� voran, um nicht zu stolpern. Wenige Schritte weiter stie� er gegen das h�lzerne Gatter und riss sich einen Splitter in die Handfl�che. Die Schafe, die ihn witterten, dr�ngten sich als hellgrauer Schatten in der gegen�berliegenden Ecke des Geheges aneinander.</p><p>Seth kniete im Stroh nieder und tastete sich mit den H�nden voran. Es war ihm gleichg�ltig, ob er sich in Schafk�ttel oder in feuchtes Stroh legte. Er wollte schlafen. Als er sich einrollte, ber�hrte er etwas Warmes. Etwas Warmes, Glattes, das sofort verschwand. Er fuhr hoch.</p><p>�Wer ist da?�, fl�sterte er in die Dunkelheit.</p><p>�Ich bin�s. Marc.�</p><p><emphasis>Marc? Welcher Marc?</emphasis> Seth h�rte das Blut in seinen Ohren rauschen, so laut wie das Meer, wenn ein Sturm das Wasser aufw�hlte. <emphasis>Ach, der Kleine,</emphasis> versuchte er sich zu beruhigen. <emphasis>Der feine Pinkel</emphasis>. Lauernd fragte er: �Was machst du hier?�</p><p>�Ich will hier schlafen. Die M�nner schnarchen so laut.�</p><p>Seth seufzte erleichtert auf. �Ja, furchtbar, oder? Wei�t du, der Kerl neben mir furzt immer. Da konnte ich auch nicht schlafen.�</p><p>Marc lachte auf. Ein helles Lachen, das freundlich klang. Nicht so derb wie das der anderen M�nner.</p><p>�Ich verspreche dir, dass ich meine Darmwinde im Zaum halte.�</p><p>�Verr�tst du mich auch nicht?� Vor seinen Augen sah Seth den Vater und wie der in Rage geraten w�rde, wenn er mitbek�me, dass Nat seinen Dienst �bernommen hatte.</p><p>�Um Himmels willen. Dann w�rde ich ja auch meinen geheimen Schlafplatz verraten.�</p><p>�Stimmt.� Er nahm die M�tze ab und lie� den Kopf auf die Arme sinken. Das knisternde Ger�usch der trockenen Halme erinnerte ihn an den Stall zu Hause. �Wir hatten auch Schafe. Und manchmal haben mein Bruder und ich im Stall �bernachtet. Meine Mutter kam uns morgens wecken. Sie hat uns dann gleich in die Regentonne gesteckt, weil wir so gestunken haben.�</p><p>�Das klingt sch�n. Wenn du heimkehrst, k�nnt ihr das bestimmt wieder machen. Im Stall schlafen.�</p><p><emphasis>Vielleicht ist Marc gar nicht so ein feiner Pinkel. Eigentlich ist er ja ganz nett.</emphasis> �Ja, das war sch�n. Aber wenn wir zur�ckkommen, will der Vater meinen Bruder und mich auf die Marineschule schicken. Die Schafe sind weg. Meine Mutter ist n�mlich tot. Und jetzt m�ssen wir mit meinem Vater auf das Schiff.�</p><p>Kurz sp�rte Seth das kalte Wasser der Regentonne und das raue Tuch, mit dem ihn die Mutter trockenrieb. Und ihre warmen H�nde, die ihm einen Klaps gaben, dass er zum Haus hin�berlaufen sollte. Er schluckte. �Hast du noch eine Mutter?�</p><p>�Nein, sie ist bei meiner Geburt gestorben.�</p><p>�Dann haben wir was gemeinsam. Wir haben keine M�tter mehr, und wir schlafen beide gern im Stroh.�</p><p>Wieder lachte Marc auf. �Das ist doch schon ein Anfang. Aber jetzt mach die Augen zu. Wenn wir morgen beide �berm�det sind, dann ist das keine gute Gemeinsamkeit.�</p><p>�Ja, schlaf gut.� <emphasis>Jetzt kenne ich auf dem Schiff schon meinen Vater, Nat, den Schiffsjungen Dan und den kleinen Marc,</emphasis> dachte er und schlief ein.</p></section><section><title><p><strong>Plymouth, 20.�Juli 1785</strong></p></title><p>�Marc?�</p><p>Mary blickte in den Kessel und r�hrte das Blasen schlagende Porridge.</p><p>�Marc Middleton?�</p><p>Noch immer hatte sie sich nicht daran gew�hnt: Marc! Marc! Marc! Sie hatte zu reagieren, wenn dieser Name fiel. Er musste ihr ins Blut �bergehen, selbst aus dem Schlaf musste sie auffahren, wenn jemand sie so rief. Jede Verz�gerung w�rde ihr als Tagtr�umerei ausgelegt werden. Sie durfte keinen Verdruss auf sich ziehen, zu funktionieren hatte sie � immer und sofort.</p><p>Vor ihr stand Seth. Am Morgen waren sie aus dem Stroh gekrochen und hatten einander die Halme aus den Kleidern gezogen. Sein blondes Haar, das ihm bis auf die Schultern fiel, war im Nacken feuchtgeschwitzt gewesen. Die helle Haut, mit Sommersprossen bedeckt, hatte noch von der W�rme des Schlafes gegl�ht. Wortlos waren sie auseinandergegangen, um ihr Tagewerk zu beginnen.</p><p>�Mr.�Myers l�sst nach Euch schicken�, sagte der Kleine, und nichts in seiner Haltung deutete darauf hin, dass sie vor Kurzem R�cken an R�cken erwacht waren. Die nassen Hosenbeine in die Knie gekrempelt, trat er barfu� im Wechsel von einem Bein aufs andere.</p><p><emphasis>Wo sind seine Schuhe? Er wird sich verk�hlen,</emphasis> dachte Mary. <emphasis>Er ist noch ein Knabe, zu weich f�r dieses Leben. Wie alt mag er sein? Neun Jahre? Vielleicht zehn?</emphasis></p><p>Sein Blick hing an ihr.</p><p>Was hatte er gesagt?</p><p>Mr.�Myers lie� nach ihr schicken?</p><p>Es war, als w�rde aus ihr Luft entweichen. Der Druck lie� nach, und sie f�hlte sich leicht. Die Wissenschaftler waren an Bord gekommen.</p><p>�Lass den Topf stehen. Die sollen mir einen der Schiffsjungen zuteilen�, sagte Henry, ohne sich umzudrehen.</p><p>Gern h�tte sie noch ein Wort an ihn gerichtet, einen kleinen Dank vielleicht, doch Seth packte sie am Arm und zog sie mit sich.</p><p>Aus der Unterwelt hinausgespuckt f�hlte sie sich, als sie den Kopf aus der Luke hob. Am liebsten w�re sie in der Sonne stehengeblieben und h�tte sich an Licht und W�rme betrunken. Wie konnte es unter Deck nur fortw�hrend so kalt und dunkel sein?</p><p>Die M�nner zogen an Eisenketten gebundene flache Steine �ber die Planken und schrubbten mit Sand das Holz. Am Bug, wo das Holz schon blank gerieben war, wurden gerade die Sandreste weggesp�lt. Eimer um Eimer wurde mit Wasser gef�llt und an einer Leine an Bord gezogen. Auch Seths Bruder war unter ihnen. Sein Gesicht war ger�tet, und der Schwei� lief ihm die Stirn herab. In den Wanten sprangen die Matrosen. Sehnige M�nner, die weder H�he noch Wind f�rchteten, M�nner, deren Muskeln bei jeder Bewegung hervortraten. An den Masten knatterten die wei�en Segel, irgendwer sang. Die Arbeit, das Meer, der Wind, alles war sch�n und friedlich.</p><p>Seth f�hrte Mary �ber Deck und zeigte auf seinen Vater, der abseits stand, mit zwei M�nnern ins Gespr�ch vertieft. Der stattlichere der beiden strich sich eine Locke aus der Stirn. Schwarzes Haar, das im Sonnenlicht gl�nzte.</p><p>Ihr stockte das Blut. Landon. Er war hier, an Bord! Er suchte sie. Sie sp�rte ihr Herz einem Hammer gleich an ihre Rippen krachen. William musste sich eine Erkl�rung zusammengereimt haben. <emphasis>Wie konnte ich so t�richt sein, mich von ihm beim Navy Board absetzen zu lassen? Sie wissen jetzt, dass ich hier bin.</emphasis> Ihre H�nde zitterten, als sie die M�tze tiefer ins Gesicht zog und den Schritt beschleunigte.</p><p>Seth verfiel in einen Laufschritt und fl�sterte: �Ich glaub, die suchen einen Matrosen. Ich wei� nicht, was er angestellt hat, aber vielleicht ist ein Dieb unter uns. Oder sogar ein M�rder.� Seine Augen leuchteten.</p><p>Kurz war sie versucht, den Jungen wegzuschicken, um sich seines Geplappers zu entledigen. Was war, wenn man sie entdeckte, bevor das Schiff ablegte? Wenn Landon sie an der Mannschaft, an Kapit�n Taylor, an Kyle Bennetter und an Sir Belham vorbei abf�hrte?</p><p>Endlich erreichten sie das Achterdeck. Mary packte Seths Schulter und schob ihn hastig durch die niedrige T�r, hinein in den Kaj�tengang. Sie h�rte sich aufatmen, doch in ihrem Kopf irrlichterten die Gedanken. Einen Matrosen suchten sie, hatte der Junge gesagt. Solange man nur im Mannschaftsdeck Ausschau nach ihr hielt, hatte sie eine Chance. Oder hatte Landon nach einer Frau gefragt? Einer Frau im Gewand eines Mannes? Selbst wenn sie an Bord aus Plymouth herausk�me, w�rde die verderbte Mannschaft dann nicht genauer hinschauen? Gierig, ein Weib zu entdecken, das ihnen ausgeliefert war?</p><p>Der Junge lie� die Arme h�ngen, doch er wandte den Kopf und sah erst auf ihre Hand, die seine Schulter umklammert hielt, dann hinauf in ihr Gesicht. Sofort lie� sie ihn los, und Seth geriet ins Stolpern. Er w�re gefallen, wenn nicht Franklin Myers nach ihm gegriffen h�tte. Waren ihre Augen blind geworden? Sie hatte Franklin nicht bemerkt.</p><p>Einen Moment starrten sie einander an, dann fragte er: �Marc, geht es dir gut? Und wo ist dein Gep�ck? Als ich die leere Kaj�te sah, f�rchtete ich, du w�rst nicht erschienen.�</p><p>Ihr Herz schlug immer noch zu schnell und zu laut. �Nein, doch, ich meine, dass mein Leinensack im Mannschaftsdeck ist.�</p><p>Franklin zog die Brauen zusammen. �Warum ist dein Gep�ck im Mannschaftsdeck?� Er wandte sich zu Seth, der neugierig lauschte. �Geh und bring alles her.�</p><p>Das Klatschen der nackten F��e entfernte sich und lie� sie mit Franklin in v�lliger Stille zur�ck. Sie musste sich konzentrieren, er durfte ihr nichts anmerken.</p><p>Und er schien ihr nichts anzumerken, denn er �ffnete die T�r zu einer der Kaj�ten und wies hinein. �Marc, erfrisch dich erst einmal. Du erweckst den Eindruck, als k�nntest du einen Augenblick der Ruhe vertragen.�</p><p>Sieben mal f�nf Fu�, ein Bullauge, zwei Schwingkojen aus rauem Holz, eine zur Rechten, eine zur Linken, der schmale Gang durch Franklins Seekiste zugestellt. Kaum Platz, um sich aneinander vorbeizuschieben, und doch war die Kaj�te f�r Mary in ihrer Pr�chtigkeit kaum zu �bertreffen. Die Angeln der T�r knarrten, als Franklin sie zuschob.</p><p>Der winzige Raum schenkte Trost. Ein Gef�hl der Geborgenheit, das jedoch tr�gerisch war, solange Landon noch �ber Bord strich. Sie sah sich um. Zu ihren F��en stand das wei�e Emaillegeschirr f�r die Notdurft, auf die Koje linkerhand hatte Franklin nachl�ssig seinen Mantel geworfen. Eines der silbernen Tabletts, die sie aus der Komb�se kannte, war auf der Seekiste bereitgestellt worden. D�nner schwarzer Tee, von ihr am Morgen selbst gekocht, daneben zwei Tassen und ein K�nnchen Milch. Eine Sch�ssel mit Wasser lud zur Erfrischung ein, s�uberlich gefaltet lag f�r jeden ein Leintuch bereit.</p><p>Ihr Puls verlangsamte sich. Sie merkte, dass sie nach Schafdung, Schwei� und K�chend�nsten stank. Vorsichtig stellte Mary die Tassen auf die Kiste und warf einen Blick in das polierte Silber des Tabletts. Um das rechte Auge leuchtete ein Veilchen. Wie ein bl�ulich-violetter Halbmond rahmte es den Augapfel, dessen Wei� von geplatzten �derchen durchzogen war. Als sie das Tablett niedersinken lie�, wurde die T�r aufgerissen.</p><p><emphasis>Jetzt haben sie mich. Es ist vorbei. Sie werden mich abf�hren,</emphasis> dachte sie und h�rte das Tablett zu Boden fallen. Ohne sich r�hren zu k�nnen, starrte sie zur T�r hin�ber. Das Haar war nicht schwarz, keine Locke tanzte �ber die Stirn. Der Mann trug keinen Mantel, nur ein Hemd und Kniebundhosen.</p><p>�Myers���, sagte er, wurde ihrer gewahr und brach ab. Sein Blick wanderte an ihr hinab und wieder hinauf. �Wo ist Franklin Myers? Und was macht Ihr in seiner Kaj�te?� Die Arme in die Seiten gestemmt, trat er einen Schritt vor. Der Brustkorb, die Arme, das Kreuz, alles an ihm verriet seine Kraft. Ein Riese von einem Mann, der die Kaj�te scheinbar komplett ausf�llte.</p><p>Mager und knochig kam sie sich neben ihm vor. Sie w�lbte den R�cken und schob die Arme vor ihren Leib. �Leider hatte ich noch nicht die Ehre, mit Euch bekannt gemacht zu werden. Mein Name ist Marc Middleton, und ich bin der Zeichner.�</p><p>�Oh, sehr erfreut, ich bin Carl Belham. Carl � wir verzichten hier auf die Formalit�ten. Aber bitte, wer hat dich denn so zugerichtet?�</p><p>Er war es!</p><p>Sir Carl Belham!</p><p>Direkt vor ihr, so nah, dass sie jede Pore seiner Haut und jedes Haar der dichten Bartstoppeln erkennen konnte. Unf�hig, ihm l�nger in die Augen zu schauen, blieb ihr Blick am ger�schten Kragen seines Hemdes h�ngen. Einer der gr��ten Wissenschaftler stand vor ihr, und sie war verdreckt, hatte ein Veilchen und stank, dass man durch den Mund atmen musste. Mary sch�ttelte den Kopf und bem�hte sich, ihre Gedanken zu fassen, die wie L�mmer herumsprangen. �Niemand. Ein Unfall, Sir. Ich meine, Carl. Ich wollte, ich bin�� und jetzt wollte ich mich gerade frisch machen und��� Sie verstummte, da sie das eigene Gestammel nicht mehr ertrug.</p><p>�Lass dich nicht abhalten�, sagte er und schlug ihr mit der Hand auf die Schulter. �Aber beeile dich, wir legen gleich ab. Das willst du sicher nicht vers�umen, oder?�</p><p>Ein L�cheln, eine Drehung, dann fiel die T�r zu.</p><p><emphasis>Wie konntest du dich so n�rrisch verhalten,</emphasis> schalt Mary sich. <emphasis>Stotternd und stinkend stehst du vor einem der herausragendsten K�pfe unserer Zeit.</emphasis> Sie sog die Luft ein.</p><p><emphasis>Was f�r ein Mann!</emphasis></p><p><emphasis>Was hat er zum Abschied gesagt?</emphasis></p><p><emphasis>Das Schiff ist dabei, abzulegen?</emphasis></p><p>Mary wandte sich zum Bullauge um, das auf das Wasser hinauszeigte.</p><p><emphasis>Er hat es gesagt. Er hat gesagt, dass wir ablegen. Gleich.</emphasis></p><p><emphasis>Und ich bin an Bord.</emphasis></p><p><emphasis>Ich habe es geschafft.</emphasis></p><p><emphasis>Ich werde die Welt bereisen.</emphasis></p></section><section><title><p><strong>Atlantischer Ozean, 21.�Juli 1785</strong></p></title><p>Sie w�rgte, obwohl ihr Magen l�ngst leer war. Die Kehle brannte, und der Wind zerriss die feinen Speichelf�den.</p><p>Matrosen, Seesoldaten, Wissenschaftler � die Gesichter der M�nner, die neben ihr auftauchten, wechselten best�ndig. Einige blieben l�nger. Entkr�ftet hingen sie �ber der Reling, w�hrend andere sich die Seele aus dem Leib spien und dann aufrechten Ganges verschwanden. Selbst Carl Belham, die Haut aschfahl, erschien. Er nickte ihr zu, bevor er ein kehliges Gurgeln von sich gab.</p><p>Der allgegenw�rtige Geruch von Erbrochenem hatte Marys �belkeit verst�rkt. Vor ihren Augen tanzten Stunde um Stunde die dunklen Wellen unter dem blassblauen Himmel dahin. Die schwei�feuchten H�nde verbrannten in der Sonne, doch sie konnte den Griff nicht vom Messing l�sen. Sie h�rte die Wellen �ber das Deck brechen. Die H�hnerst�lle wurden �berschwemmt, und wer konnte, rettete das letzte nicht ersoffene Federvieh.</p><p>Irgendwann sp�rte Mary, dass sich jemand an ihrer Jacke zu schaffen machte. Sie hob den Kopf. Seth. Er l�chelte und lief weiter. Als sie die Finger in die Tasche schob, ertastete sie eine Scheibe Zwieback.</p><p>Ein weiteres Rollen erfasste das Schiff und lie� den Bug in die Tiefe absacken. Der Magen sprang ihr erneut zur Kehle hoch. Eine Welle schlug ihr ins Gesicht, und noch w�hrend sie Wasser aus Mund und Nase hustete, nahm Mary sich den Schwur ab, beim ersten Landgang das Schiff zu verlassen. Eher wollte sie zu Fu� nach Hause laufen, als weiter auf den schwankenden Bohlen zu stehen. Und kaum war der Entschluss gefasst, besserte sich ihr Zustand. Sie hockte sich nieder, lehnte den R�cken gegen die h�lzerne Wand und br�selte Krumen vom Zwieback, die sie sich in den Mund schob. Entkr�ftet schloss sie die Augen.</p><p>�Ihr m�sst in die Kaj�te. Hier wird es zu kalt.�</p><p>Mary hob den Kopf. Der Abend senkte sich �ber das Meer. Aus der fordernden Windsbraut war ein schwacher Luftzug geworden, der unschuldig �ber Deck spielte. Nur vereinzelte Seekranke waren hie und da noch an der Reling auszumachen.</p><p>�Meint Ihr, Ihr k�nnt die Nacht in der Koje verbringen? Dort l�sst es sich besser ruhen als in der K�lte.�</p><p>Nat ging vor ihr in die Knie, sein Gesicht tauchte vor ihrem auf. �Wird es gehen?� Er umfasste ihr Kinn, dr�ckte es in die H�he und blickte ihr fragend in die Augen.</p><p>Die N�he und die kurze Ber�hrung weckten ihre Sinne. Erschrocken sch�ttelte sie ihn ab. Wie lange sa� sie schon auf diesen Planken? �Wie lange�� wann sind wir in See gestochen?�, fragte sie. Die Zunge klebte trocken in ihrem Mund.</p><p>�Gestern, mein Herr.�</p><p>Mary nickte. Kurz nachdem Carl die Kaj�te verlassen hatte, es musste gegen Mittag gewesen sein, hatte das Schiff den Anker eingeholt. Halb Plymouth war zugegen, der Hafen von Abschiedsrufen erf�llt gewesen. Ein Gewirr aus M�nner-, Frauen- und Kinderstimmen. In ihrer Koje zusammengerollt, von Myers Seekiste verdeckt, lauschte sie dem ausgelassenen Trubel. Die Ankerwinde �chzte, ein Zittern durchlief den Rumpf, und Wellen schlugen gegen die Bordw�nde. Das Schiff wendete, um Wind in die Segel zu bekommen, und die Reise begann.</p><p>Die Augen geschlossen, stellte sie sich die gereckten H�lse und das Winken unz�hliger H�nde vor. Doch immer wieder tauchten zwei Gesichter auf. Gesichter, die von der Kaimauer aus pr�fend die Mannschaft musterten. Landon Reed und William Middleton. Schnell �ffnete sie die Augen und tastete mit ihrem Blick die Maserung der Holzwand ab. Die Kapelle der Marineschule spielte. Lange noch trug der Wind ihnen letzte Fetzen der Musik nach. Erst als diese ausgeblieben war, hatte sie sich ausgestreckt, dagelegen und an nichts mehr gedacht. Bis die �belkeit gekommen war und sie an Deck getrieben hatte. Wie lange war das alles her?</p><p>�Seid Ihr wach?�</p><p>�Entschuldige bitte, es geht schon�, fl�sterte sie. Nat ergriff ihren Arm, legte ihn um seine Schulter und st�tzte sie. �Ich bringe Euch zur Kaj�te�, sagte er und schob sie vorw�rts.</p><p>Sie sp�rte seiner Hand nach, die unterhalb ihrer Achselh�hle lag, doch die Finger waren zu weit von ihrer Brust entfernt. Dankbar lie� sie sich helfen.</p><p>�Lass diese Laus los, diesen unn�tigen Ballast!�</p><p>Auch der Junge zuckte zusammen, als die Stimme ert�nte. Es war die Stimme seines Vaters. Nats Arm und st�tzende Schulter verschwanden.</p><p>Mary knickten die Knie ein, haltsuchend lehnte sie sich gegen den Hauptmast.</p><p>�Doc Havenport hat darum gebeten, dass wir ein Auge auf die Seekranken haben, Sir�, sagte Nat.</p><p>�Aber nicht auf den, auf den habe ich ein Auge.� Bennetter deutete seinem Sohn mit einer Handbewegung an, er solle verschwinden.</p><p><emphasis>Nat, bleib hier. Lass uns nicht alleine. Lass mich nicht allein. Du wei�t, wie er ist,</emphasis> flehte sie in Gedanken<emphasis>,</emphasis> doch der R�cken des Jungen verschwand vor Marys Augen im Niedergang.</p><p>Der Schiffsjunge Dan eilte an ihnen vorbei. Konzentriert schaute er auf seine H�nde, die er wie eine Muschel geschlossen hielt.</p><p>�Was hast du da?� fuhr Bennetter ihn an.</p><p>Dankbar f�r diesen kurzen Moment der Ablenkung atmete Mary auf.</p><p>Dan jedoch erstarrte. �Es ist ein Wunder! Eine Schwalbe, Sir. Sie ist von einer Welle an Bord gesp�lt worden.�</p><p><emphasis>Eine gew�hnliche Hausschwalbe</emphasis>, dachte Mary. <emphasis>Das ist kein Wunder, Junge. Die V�gel folgen den Schiffen. Und je weiter sie sich dabei vom Lande entfernen, desto eher halten sie sich an die Masten, sind sie doch der einzig feste Bezugspunkt im unruhigen Meer.</emphasis></p><p>�Gib her�, sagte Bennetter.</p><p>�Sie ist sehr schwach. Aber vielleicht kann Mr.�Myers���, stotterte der Junge und �ffnete die H�nde.</p><p><emphasis>Verirrt hast du dich, kleiner Vogel. Wir haben anscheinend etwas gemeinsam: Wir haben uns an einen Ort verirrt, an dem wir nichts verloren haben.</emphasis></p><p>Schwarz gl�nzten die Augen des Vogels. Er begann mit den nassen Fl�geln zu schlagen und hieb den Schnabel in Dans Finger. Der Junge reagierte nicht.</p><p>Bennetter packte den Vogel und hielt ihn wie einen nassen Lappen in seiner Rechten.</p><p>Dan trottete davon, sich mehrfach umdrehend.</p><p>Bennetter fixierte Mary, derweil der Kopf des Vogels und ein zappelndes Beinchen aus seiner Hand herausschauten. �Entschuldigt die kurze St�rung�, sagte er freundlich, �doch ich wollte Euch noch erz�hlen, dass mir der Kapit�n pers�nlich heute einen Einlauf verpasst hat. Sir Belham hat sich beschwert, dass ich Euch ins Mannschaftsdeck gesteckt habe. Ich kann Euch versichern, dass wir miteinander noch nicht fertig sind, mein Freund.� Er lachte auf und stieg die Stufen zum Achterdeck hinauf.</p><p>Die Katze kam ihm entgegen. Bennetter ging in die Knie und lockte sie mit einem zirpenden Ger�usch. Dann �ffnete er die Hand und lie� den Vogel auf die Planken fallen. Kurz schnupperte die Katze, einen Augenblick zitterten ihre Barthaare, dann schlugen die Z�hne in das schwarze Gefieder.</p></section><section><title><p><strong>Plymouth, 28.�Juli 1785</strong></p></title><p>Kein Wind wollte heute die Luft teilen, dick und nach Fisch stinkend machte sie das Atmen schwer. <emphasis>Den Geruch werde ich heute in der Kleidung mit nach Hause nehmen,</emphasis> dachte Landon und rieb sich �ber die Augen. M�de blickte er hin�ber zu seinem Schiff, dessen Ladung endlich gel�scht wurde. Vier Stunden hatte er im Hafen verbracht, um Schwierigkeiten zu l�sen, die es wegen der Frachtbriefe gegeben hatte. Vier Stunden nichts als Gestank, Gez�nk und L�rm.</p><p>An seinen Schreibtisch sehnte er sich zur�ck, in die Ruhe seines Arbeitszimmers. Er beschloss, ins Kontor zu fahren, und dort erst eine Tasse des Bing-Tees zu genie�en, den er sich aus China hatte mitbringen lassen. F�r einen Moment glaubte er, den Duft des Tees zu riechen, sah die Tasse neben den Korrespondenzen auf seinem Schreibtisch stehen und sp�rte die Schreibfeder in seiner Hand �ber das Papier gleiten.</p><p>Er hielt inne.</p><p>Ein Stimmengewirr schwoll an.</p><p>Menschen eilten an das letzte Ende der Kaimauer, ein Mann winkte mit den Armen und zeigte immer wieder hinaus aufs Wasser. <emphasis>Was k�mmert es mich,</emphasis> fragte er sich<emphasis>,</emphasis> als eine Frau mit gerafften R�cken schreiend an ihm vorbeilief und in die n�chstbeste Gasse verschwand. <emphasis>Nein, hier ist mehr als ein au�ergew�hnlich gro�er Fisch ins Netz gegangen, hier ist mehr als ein von Treibholz gerissenes Fischernetz zu beklagen</emphasis>. Seine Nackenhaare stellten sich auf. Wie von F�den gezogen, drehte er sich um und verfiel mit den anderen in einen Laufschritt, den Rufern entgegen.</p><p>�Seht, dort hinten, da treibt sie�, h�rte er den Mann, der ohne Unterlass mit den Armen umherwinkte, rufen.</p><p>Landon blieb stehen und schirmte seine Augen gegen das Licht ab. Ein wei�er Fleck, der auf den Wellen tanzte. Ein rund gew�lbter R�cken, der aus dem Wasser ragte.</p><p>�Wer ist es?�, vernahm er eine andere Stimme.</p><p>�Man wei� es noch nicht, aber es ist wohl eine Frau.�</p><p>Ein kleines Boot mit zwei M�nnern war auf dem Weg zur dahintreibenden Leiche. Der eine erhob sich, nahm sein Paddel und stupste gegen den wei�en R�cken. Nichts geschah. Langsam drehten die beiden M�nner das Boot bei. Der erste legte sein Paddel beiseite, ging in die Knie und warf ein Netz aus. Mit dem Paddel schob er den K�rper hinein, einer der Arme schwappte dabei in die H�he, und f�r einen kurzen Moment tauchte der Hinterkopf mit dunklem Haar auf.</p><p><emphasis>Eine Frau mit dunklem Haar treibt im Hafen von Plymouth.</emphasis> Landon versp�rte das Bed�rfnis, sich anzulehnen, sich irgendwo festzuhalten, wenn es sein musste, sich zu setzen, hier, auf das dreckverschmierte Stra�enpflaster. Doch er blieb stehen, leicht schwankend, und sah zu, wie das Boot n�herkam, seine grausige Beute im Netz hinter sich herziehend. Kurz durchzuckte Landon der Gedanke, wie qu�lend langsam Boote sich zuweilen fortbewegten, die Minuten schienen sich zu dehnen.</p><p>Als das Boot die Kaimauer erreichte, griffen mehrere M�nnerh�nde in die Tiefe und zogen das Netz in die H�he. Der Kopf der Frau war nach vorne gebeugt, wirr verdeckte das lange, nasse Haar das Gesicht. W�chserne Haut schimmerte zwischen den Str�hnen hindurch; einstmals wei�, war sie vom Wasser aufgedunsen und gr�ulich verf�rbt. Wasser troff aus dem Rock und der Bluse, beides einfache wie auch zweckm��ige Kleidung.</p><p>Zwei Frauen unter den Schaulustigen sanken bei dem Anblick der Leiche zusammen. Ein �lterer Mann drehte sich beiseite und traf, als er sich erbrach, die Holzpantine seines Nachbarn. Doch niemand reagierte.</p><p>Angewidert schloss Landon die Augen. <emphasis>Ich kann nicht hinsehen, ich kann nicht hinsehen,</emphasis> h�mmerte es in seinem Kopf. <emphasis>Was ist, wenn sie es ist?</emphasis></p><p>�Sie ist es nicht.�</p><p>Landon riss die Augen auf und schaute William Middleton geradewegs ins Gesicht. <emphasis>Danke f�r diese wunderbare Nachricht, alter Mann. Aber darf ich mich �ber den Tod eines anderen Menschen derart freuen,</emphasis> fragte er sich und genoss das warme Gef�hl der Erleichterung, das sich in ihm ausbreitete.</p><p>�Wie ein Lauffeuer ist es durch die Gassen gegangen. Ich war in der N�he und bin sofort hergeeilt. Nichts lag mir ferner, als Euch zu erschrecken, aber ich sah���</p><p>�Es ist alles gut, selten habe ich mich so gefreut, eine vertraute Stimme zu vernehmen.�</p><p>Gemeinsam versuchten sie, einen Blick auf die Frau zu erhaschen, die nun auf dem Stra�enpflaster lag und, umringt von Menschen, kaum auszumachen war.</p><p>�Wir werden noch erfahren, wer sie ist. Aber nun muss ich nach Hause�, sagte Landon und f�hlte sich matt. �Entschuldigt den eiligen Aufbruch, aber es wartet noch Arbeit auf mich.�</p><p>Gemeinsam schritten sie aus, den Menschen entgegen, die zur Ungl�cksstelle liefen, um sich das Ereignis nicht entgehen zu lassen.</p><p>�Und ich habe geahnt, dass sie es nicht ist. Sie ist auf der <emphasis>Sailing Queen</emphasis>, da bin ich mir sicher�, sagte William Middleton unvermittelt und blickte auf das Meer hinaus, das als tiefgraue und mattschimmernde Scheibe vor ihnen lag.</p><p>Landon seufzte. Vielleicht war es der Altersstarrsinn, der ihn so sicher machte. Er blieb stehen und wandte sich William Middleton zu. �Ich w�nschte, ich k�nnte Euren Optimismus teilen. Der Bootsmann Bennetter hat mir unmissverst�ndlich klargemacht, dass keine Frau an der Reise teilnehmen w�rde.� <emphasis>Willst du es nicht verstehen?</emphasis>, f�gte er in Gedanken an und wagte es nicht, die Frage auszusprechen.</p><p>Die knochigen Schultern zogen sich in die H�he, als w�rde der alte Mann fr�steln. �Es ist ein Gef�hl, mehr nicht.�</p><p><emphasis>Wie sehr w�nschte ich mir, dass du ein besseres Argument als dein Gef�hl vorbringen kannst. Mit aller Inbrunst n�hren wir das letzte F�nkchen Hoffnung, halten es uns m�hselig am Leben, weil wir die Wahrheit nicht sehen wollen.</emphasis></p><p>�Es gab damals Ger�chte, dass Sir Joseph Banks sich eine seiner Gespielinnen nach Afrika bestellt hat. Afrika, ja, ich glaube, es war Afrika. Dort wollte er sich mit ihr treffen. Ihr erinnert Euch?�</p><p>Landon sch�ttelte den Kopf. �Nein, daran erinnere ich mich nicht.�</p><p>�Vielleicht war es auch ein anderer Forscher, doch darum geht es nicht. Ich will damit nur andeuten, dass es noch andere M�glichkeiten gibt. Vielleicht ist sie ja wirklich nicht an Bord, aber es k�nnte sein, dass sie Kontakt zu einem der Wissenschaftler hat, die diese Reise begleiten.� William Middleton nickte heftig mit dem Kopf, als wollte er vor sich sein eigenes Wort best�tigen. �Ja! Ja, das ist es � sie reist ihm hinterher und geht sp�ter an Bord.�</p><p><emphasis>Er versteigt sich immer mehr in seine Theorien und bemerkt es nicht. Ich muss behutsam vorgehen.</emphasis> �Gehen wir davon aus, dass es so w�re � wir k�nnen mitnichten der Expedition hinterherreisen.� Aus den Augenwinkeln beobachtete Landon den alten Mann, der nun z�giger ausschritt.</p><p>�Nein, das nicht, aber ich bin mir wirklich sicher, dass ihr Verschwinden mit der <emphasis>Sailing Queen</emphasis> verbunden ist. Sie lebt! Sie wird uns nicht irgendwann im Hafen treibend begegnen.� Seine Stimme hatte einen trotzigen Unterton angenommen.</p><p>�Ich hoffe inst�ndig, dass Ihr recht behaltet.� Aber was war, wenn sie weggelaufen war, blind in ihrem Schmerz und ohne Ziel? Was war, wenn die Antwort eine profane, aber grausame war, die sich immer wieder abspielte? Dass sie �berfallen worden oder einem Frauensch�nder in die H�nde gefallen war? �Wie geht es Mrs.�Fincher?�, fragte Landon hastig, vergeblich darum bem�ht, das Bild des K�rpers mit den verdrehten Gliedern und das verzerrte Gesicht aus seinem Kopf zu verdr�ngen.</p><p>Der alte Mann nickte bed�chtig. �Es geht ihr den Umst�nden entsprechend. Es ist so still geworden, seitdem sie uns verlassen hat. Ich denke, die Stille ist es, sie macht das Leben schwer.�</p><p>Abrupt hielt Landon inne und zwang William Middleton damit, ebenfalls stehen zu bleiben. �Bitte verschont Mrs.�Fincher. Berichtet ihr nicht von den heutigen Ereignissen. Macht ihr das Leben nicht noch schwerer. Richtet ihr bitte lediglich meinen ergebensten Gru� aus. Es gibt keine Neuigkeiten. Sie ist und bleibt verschwunden.�</p><p>Noch immer lag die Luft dick und stinkend �ber dem Hafen.</p></section><section><title><p><strong>Madeira, 7.�August 1785</strong></p></title><p>Die rechte Hand griff in das rohe Fleisch, w�hrend die linke nach dem Lorbeerzweig fasste und ein Blatt herauszupfte. Die Finger zerknickten es, und der austretende Saft wurde flink �ber das Fleisch gerieben. Die Frau mochte nicht �lter als sechzehn oder siebzehn Jahre sein. Das dunkle Haar hatte sie in einen festen Zopf geflochten, der ihr bei der Arbeit �ber die Schulter fiel, wo er mit jeder Bewegung zwischen ihren Br�sten hin und her wippte. Carl nickte innerlich. Der Gastgeber hatte gut gew�hlt. Es war augenf�llig, dass diese mauretanische Sch�ne das Essen zubereitete, weil den Offizieren und Gentlemen der <emphasis>Sailing Queen</emphasis> mehr als kulinarische Leckerbissen feilgeboten werden sollten. Er schaute sich die M�nner an. Welcher von ihnen w�rde im Verlauf des Abends versuchen, mit ihr in eines der k�hlen Zimmer zu verschwinden? Bereitwillig w�rde der Gastgeber jeden von ihnen gew�hren lassen, denn satt, betrunken und befriedigt w�rden seine Kunden ihm noch mehr Wein abkaufen. Auch die Frau schien zu ahnen, dass den G�sten beim Anblick so viel prallen Fleisches das Wasser im Munde zusammenlief. Sie hielt den Blick gesenkt und stie� den langen Holzspie� in die Filets, um sie �ber dem Feuer zu wenden.</p><p>Der Hof wurde von Weinranken �berdacht, die sich unter den reifen Trauben durchbogen. Vor den gekalkten W�nden des Hauses lagen Holzf�sser. Rittlings hockte ein dunkelh�utiger Bursche darauf, der lustlos auf den Saiten einer Braguinha herumklimperte.</p><p>�Auf die schwarze Samtige, die s��este Frucht Madeiras�, sagte der Gastgeber und erhob das Glas. Niemand schaute auf die Gl�ser, die klirrend zusammengesto�en wurden. Alle Augen richteten sich auf die Sch�ne, und Kyle Bennetter erg�nzte den Trinkspruch: �Ja, auf den schwarzen Samt der gl�cklichen Inseln.�</p><p>Carl lehnte sich zur�ck und nahm einen Schluck vom Wein. Dann blickte er auf die Mauer, die die Stirn des Hofes bildete. Eine Eidechse sa� auf den vom Sonnenlicht beschienenen Steinen. Im Hinterland erhoben sich die Berge. An ihren H�ngen konnte er gro�z�gig angelegte Felder ausmachen, die von in Reih und Glied stehenden Weinst�cken durchzogen wurden. Arbeiter, die an ihrer Hautfarbe selbst auf die Entfernung als Afrikaner erkennbar waren, durchstreiften die schmalen G�nge zwischen den Reben.</p><p>Auch wenn der Sklavenhandel vor Jahren auf dieser Insel abgeschafft worden war, hatte sich kaum etwas ge�ndert. Immer noch vollzogen die gleichen M�nner die gleichen Arbeiten. Gleichm��ig ernteten sie die Trauben, um sie in die K�rbe zu werfen, die sie auf ihren R�cken trugen. Sp�ter w�rden die Fr�chte von ihnen gemaischt und gekeltert werden, damit die Engl�nder in ferner Zukunft den gereiften Rebsaft in alle Welt verschiffen konnten. Von dem Verm�gen, das die Weinh�ndler einstrichen, fr�nten sie dem M��iggang, sich selbst oft die besten Kunden<emphasis>.</emphasis> Carl nahm einen weiteren Schluck. Bennetter hatte recht. Seit die Portugiesen den Weinhandel an die Engl�nder abgetreten und findige Kaufleute den Export unter sich aufgeteilt hatten, lie�en sie es sich in dem milden Klima gut ergehen. Sie hatten ihr Gl�ck gefunden.</p><p>Kapit�n Taylor sa� neben dem Gastgeber, der schnell trank, ohne ein Anzeichen, dass ihm der Alkohol zu Kopfe stieg. Freundlich und reserviert diskutierte Taylor mit seinem Gegen�ber, welche Weinsorten an Bord verladen werden sollten. Immer wieder dr�ckte er die genannten Preise zu seinen Gunsten, was der Weinh�ndler mit lautstarken Seufzern kommentierte.</p><p>Unverhohlen musterte Carl ihn. <emphasis>Du �rmster. Wir werden dich ruinieren, aber deine Selbstlosigkeit kennt ja keine Grenzen. Ein Parasit bist du! Wie du hier schacherst und dich anbiederst, uns auch noch Zwiebeln, Fenchel und Ziegen zu besorgen. Du wirst schon deinen Profit machen, sorge dich nicht.</emphasis> Er beugte sich vor und ber�hrte Franklin Myers� Arm. �Lass uns hernach so schnell wie m�glich aufbrechen, ich m�chte noch in die Nebelw�lder hinauf.�</p><p>Unwillig l�ste Franklin den Blick von seinem Teller, auf dem der erste Fleischspie� lag. Der Schatten einer Entt�uschung huschte �ber sein Gesicht. �Es ist ein gutes St�ck Weg in den Norden, und wir werden auf dieser Insel kaum noch relevante Entdeckungen machen k�nnen.� Franklin war ein Gourmet, und nach den vergangenen Wochen karger Schiffsspeisung lag ein Nachmittag kulinarischer V�llerei vor ihm.</p><p>Doch heute, entschied Carl, w�rde er ihm die Gelegenheit nehmen. Denn heute waren es seine Sinne, die ihrer Bestimmung folgen wollten, deren Befriedigung sie nachkommen w�rden. Den Ruf der Silberhalstaube zu vernehmen. Den Geruch feuchter Erde einzuatmen. Im Unterholz die Ber�hrung des Farns auf der Haut zu sp�ren. Wilde Beeren im Mund zergehen zu lassen. Sich am Lichtspiel des Waldes sattzusehen. Er musste aufbrechen, und Franklin hatte ihn zu begleiten. �Wir bekommen einen Wagen zur Verf�gung gestellt. Nach dem Essen brechen wir auf.� Seine Stimme schloss jeden Widerspruch aus.</p><p><emphasis>Der Lorbeerwald. Laurisilva. Sch�ner kann kein Frauenname klingen.</emphasis> Bei diesem Gedanken h�rte Carl sein eigenes Lachen, tief und zufrieden verlief es sich im Dickicht der eng stehenden B�ume. Er legte Zeige- und Mittelfinger unter sein Handgelenk und sp�rte das heftige Pulsieren. Ob er zum Essen doch zu viel getrunken hatte?</p><p>Oder hatten ihm die Erlebnisse der letzten Wochen zugesetzt? Es hatte sich doch alles in seinem Sinne entwickelt. Den Machtkampf um Abraham Miller hatte er f�r sich entschieden, denn er hatte gewusst, welche Hebel er bedienen musste, und wie so oft war das Geld das Z�nglein an der Waage gewesen. Kein sch�nes Mittel, sich durchzusetzen, doch seit knapp zwanzig Tagen war er auf See unter Kapit�n Taylors Kommando.</p><p>Was hatte ihn derart aus dem Gleichgewicht gebracht?</p><p>Wie lange hatte er an der Seekrankheit gelitten? Vielleicht zwei, drei Tage? Hatte ihn das geschw�cht? Es war unwichtig, das zu ergr�nden.</p><p>Er war hier.</p><p>Zufriedenheit durchsp�lte ihn mit schweren Wellen. Und Franklin sp�rte, dass er ungest�rt sein wollte. Dass der w�rzige Geruch der Lorbeerb�ume sich einem Mantel gleich um ihn legte und sich f�r diesen Moment zwischen ihn und die Welt schob. Zu schnell w�rden ihn die Verpflichtungen wieder einholen. Empf�nge beim Konsul und Gouverneur standen noch an sowie der Besuch bei Thomas Heberden, dem ortsans�ssigen Fachmann in Fragen der Naturgeschichte. Es w�rde keine Zeit bleiben, die Insel genauer in Augenschein zu nehmen. Er musste den Moment auskosten.</p><p>Ein Madeiraveilchen bl�hte zu seinen F��en. Er beugte sich vor. Vorsichtig legte er mit den Fingern die Wurzeln frei, zog die Pflanze aus dem Boden, strich �ber den zarten Bl�tenkopf und roch daran. Dann �ffnete er seine Botanisiertrommel und legte sie zu den anderen Sammlungsst�cken. Das war sein Leben: jagen und sammeln. Er war J�ger und Sammler zugleich, immer auf der Suche nach neuer Beute, die er sich zu eigen machen wollte, auf dass sie ihm ihre Geheimnisse preisgab.</p><p>***</p><p>�Sie spielen um Geld, Nat.�</p><p>Eine Falte bildete sich auf der Stirn des Bruders. �Ja, ich wei�, du Schlaumeier.�</p><p>Seth schaute auf die Karten, die vor den M�nnern in der Runde lagen. Bild um Bild wurden sie �bereinandergelegt.</p><p>Nats Augen glitzerten. Er schien zu verstehen, was vor sich ging, denn er klatschte in die H�nde, als Bartholom�us den Kartenf�cher vor sich auf die Planken legte.</p><p>�Warum darf Barth jetzt die M�nzen nehmen?�, fragte Seth.</p><p>�Schht, sei still.� Nat legte den Finger auf die Lippen und schaute ihn nicht einmal an.</p><p>�Das ist verboten. Die d�rfen nicht um Geld spielen.�</p><p>Nats Ellbogen traf ihn am Oberarm. Seth schluckte. <emphasis>Das werde ich dem Vater erz�hlen,</emphasis> schwor er sich. <emphasis>Dass die M�nner machen, was sie wollen, sobald er nicht an Bord ist. Dass sie um Geld spielen, dass sie gottesl�sterlich fluchen und dass Nat dabeisitzt. Und Vater ist so schlechter Laune, seitdem wir abgelegt haben, der wartet nur auf einen Grund, irgendwen in der Luft zu zerrei�en.</emphasis> Einen Moment hoffte er, dass Nat aufblicken w�rde. Doch nichts geschah, und Seth sprang auf.</p><p>Um die Bank des Segelmachers sa�en mehrere Matrosen. Er schlenderte hin�ber, wiegte sich dabei in den Knien und setzte die Schritte in die Breite. Seitdem das Schiff Plymouth verlassen hatte, liefen die M�nner federnd und breitbeinig �ber Bord, um das best�ndige Schwanken auszugleichen. In nichts wollte Seth ihnen nachstehen, vielleicht w�rde ja auch aus ihm einmal ein weltgereister Teufelskerl werden.</p><p>Segelmacher-Johns Welt reichte bis zu seinen Fingerspitzen. Wahrscheinlich konnte er nicht einmal die eigenen Zehen sehen, so schlecht waren seine Augen. Doch seine Arbeiten verrichtete er wie kein Zweiter an Bord. Seth hatte ihn beobachtet, wie er Schlaufen und �sen n�hte, wie er Risse flickte und die Gr��e jedes Segels berechnete, wenn man ihm die L�nge der Masten nannte.</p><p>Es erschien Seth selbstverst�ndlich, dass jemand, der so schlecht sah, gut h�ren konnte. Und Segelmacher-John h�rte alles. Anscheinend l�sten seine tr�ben Augen die Zunge anderer, und sie erz�hlten ihm, was an Bord geschah, was sie zu Hause oder auf Reisen erlebt hatten, und die, die nichts aus ihrem Leben berichten konnten, erfanden Geschichten. Der Segelmacher verga� kein Wort. Er wusste alles, da war Seth sich sicher. Und so schienen die Geschichten wie Unkraut in seinem Kopf zu wuchern. Die M�nner sa�en um ihn herum und br�llten erfreut dazwischen, wenn dieses oder jenes aus ihren Erz�hlungen stammte. So lauschten sie allesamt und lie�en sich in fremde Welten von Piraten, Seeungeheuern, Hellsehern, Zauberern und sch�nen Frauen entf�hren.</p><p>Seth hielt kurz am Wasserfass inne. Er kn�pfte seinen Becher von der Kordel, die er um seine H�fte geschlungen hatte, damit die Hose ihm beim Laufen nicht in die Knie rutschte. W�hrend er Wasser sch�pfte, versuchte er zu verstehen, wor�ber die M�nner an der Segelmacherbank sprachen. Wenn sie wieder �ber Frauen redeten, entschied er, wollte er lieber weitergehen. Segelmacher-John benutzte in seinen Geschichten oft W�rter, f�r die Nat und er vom Vater gewaltig eine verpasst bekommen h�tten. Kurz glaubte Seth den Lappen zu schmecken, den seine Mutter bei der Verwendung schmutziger W�rter benutzt hatte, um ihnen die M�nder zu waschen. Gut, dass sie nicht h�ren konnte, was die M�nner hier auf dem Schiff einander gelegentlich zutrugen. Ekelhafte Beschreibungen, und die lie�en ihn rote Ohren bekommen. Am schlimmsten war jedoch das Lachen der M�nner, das noch kehliger wurde, wenn sie �ber springende Br�ste, gespreizte Schenkel und nasse L�cher sprachen.</p><p>Ein junger Mann in Uniform mit einem Dudelsack trat an die Segelmacherbank. �berrascht schaute Seth ihn an. Er hatte bisher nicht gewusst, dass irgendwer an Bord ein Instrument spielte.</p><p>�Darf ich euch Lukas vorstellen, den Mann mit den wahrhaft flinken Fingern hier an Bord?�, rief Segelmacher-John in die Runde und klatschte in die H�nde. �Setzt euch alle, und lauscht unserem Wunderkind.�</p><p>Schnell lief Seth zur Bank hin�ber und schob sich zwischen die M�nner. Links neben ihm hockte der Zimmermann, dem zwei Schneidez�hne fehlten. Noch w�hrend Seth ein wenig beiseiterutschte, erklangen die ersten T�ne. Fasziniert beobachtete er die Finger, die �ber die L�cher der Pfeifen flogen. Lukas war wirklich einer der Seesoldaten?, fragte er sich erstaunt. Immer sa�en sie ein St�ck abseits und hielten sich f�r etwas Besseres. Doch der, der schien anders zu sein. Er gesellte sich zu ihnen und machte Musik. Laute und traurige Lieder, die �ber Deck tanzten.</p><p>Seths Blick wanderte �ber Johns h�lzerne Arbeitsbank. An den L�ngsseiten waren Schlaufen mit N�geln angeschlagen, in denen verschiedene H�mmer, Garnrollen und Beitel verstaut waren. Das Horn einer Kuh hing neben den Werkzeugschlaufen, in ihm steckten Nadeln, dicke, lange Nadeln. <emphasis>Hoffentlich wird Dan nie eine davon in die Finger bekommen. Sicher wird er sie mir in den Oberschenkel rammen oder in den Arm. Wo ist Dan �berhaupt?</emphasis> Zufrieden bemerkte er, dass er ihn an Deck nicht entdecken konnte.</p><p>Die Kartenrunde hatte sich aufgel�st, und einige der Spieler kamen her�ber. Auch Nat war unter ihnen. Er blieb neben Seth stehen und kniff ihn in den Arm. Genau an der Stelle, an der er ihn zuvor mit dem Ellbogen getroffen hatte. �Na, Kleiner�, sagte er grinsend.</p><p>Seths Bauch f�hlte sich warm an, als sich Nat neben ihn setzte, die Beine kreuzte und der Musik lauschte. <emphasis>Eigentlich ist es ja ganz sch�n hier, wenn Vater zu seinem Essen ist,</emphasis> stellte er fest. <emphasis>Hoffentlich bleibt er noch ein Weilchen weg.</emphasis></p><p>***</p><p>Vierundzwanzig Schritte in die eine Richtung, vierundzwanzig Schritte in die andere. Vom Bug bis zum Heck und zur�ck. Mary lief das Deck auf und ab, immer wieder mit der Insel lieb�ugelnd, die mit ihrer Sch�nheit lockte und rief. Wie ein Tuch, das gro�z�gig um den Hafen geworfen worden war, lag Funchal vor ihnen. Die Ausl�ufer der Stadt zogen sich bis in die Berge hinein und lie�en an ein Amphitheater denken. Die H�nge schienen sich in der Mitte der Insel zu einem einzigen Berg zusammenzudr�ngen. Ein Berg, der sich weithin sichtbar aus dem Meer erhob, greifbar nahe, und den sie nicht betreten durften. Wei� schimmerten die ein- bis zweist�ckigen H�user in der flirrenden Mittagssonne.</p><p>Rechter Hand lag vert�ut die Marinefregatte <emphasis>Rose</emphasis>, die die <emphasis>Sailing Queen</emphasis> bei ihrer Ankunft im Hafen mit Salutsch�ssen begr��t hatte. Nun schien das Schiff verwaist, sanft schwankte es auf den Wellen. Hier und da konnte sie vereinzelte Seesoldaten ausmachen, die als Wachen zur�ckgelassen worden waren.</p><p>Im Hafen dagegen herrschte gesch�ftiges Treiben. Hier mischten sich die verschiedensten Hautfarben, so wie sie der Vater Mary immer beschrieben, die sie aber noch nie mit eigenen Augen gesehen hatte: erdschwarz, olivbraun, sand- und elfenbeinfarben. Stundenlang hatte sie an der Reling gestanden und sich nicht sattsehen, sich am Stimmgewirr nicht satth�ren k�nnen. Es war ihr unm�glich gewesen, zu unterscheiden, wie viele Sprachen hier gesprochen wurden, wie viele Menschen aus aller Herren L�nder an diesem arkadischen Ort aufeinandertrafen.</p><p>Die M�nner kleideten sich �berwiegend mit Hosen aus Leinenstoffen und groben Hemden, die K�pfe bedeckten sie mit gro�en H�ten. Die Frauen lie�en ihr Haar unbedeckt, manche von ihnen hatten es zu einem Knoten zusammengesteckt. Die langen R�cke und kurzen, engen Leibchen kombinierten sie mit kleinen M�nteln und waren h�bsch darin anzusehen. Manche Frauen waren gro�, hatten lange, ebenm��ige Gesichter und dunkles Haar, bei anderen war der Wuchs kleiner, das Haar gekraust.</p><p>�Die Ilhas Desertas. Sch�n, oder?� Bartholom�us schaute auf ihre Beine, passte sich ihren Schritten an und lief mit ihr zum Bug vor.</p><p>Mary nickte. �Ja, aber warum man diese Inselgruppe die W�steninseln nennt, verstehe ich nicht. Sie sind so gr�n.�</p><p>�Das versteht keiner.� Bartholom�us lachte. �Die M�nner deuten den Namen auf ihre Weise und nennen die Inselgruppe schlicht die Deserteure. Die erstbeste Gelegenheit und vielleicht auch die letztbeste, sich abzusetzen, wenn man festgestellt hat, dass man f�r die Seefahrt nicht taugt.�</p><p>�Bekommt die Mannschaft deshalb keinen Landgang?�</p><p>Bartholom�us zuckte die Schultern.</p><p>�Meinst du, wir werden noch an Land gelassen?�</p><p>�Ich denke, nicht. Taylor kennt seine Jungs, und da er keine Zeit damit verlieren will, trunkene, liebestolle oder melancholische M�nner, die sich nach zu Hause sehnen, auf der Insel suchen zu lassen, gibt�s wahrscheinlich keinen Ausgang mehr.�</p><p>Mary musterte die Mannschaft. Die M�nner der Freiwache vertrieben sich die Zeit sinnlos an Deck. Hingen immer wieder an der Reling und beobachteten die Insel oder liefen unruhig auf und ab. Einige sa�en in kleineren Gruppen beieinander und schwiegen. An der Segelmacherbank begann einer, den Dudelsack zu spielen. Ein klagendes Lied, das die Wehmut verst�rkte. <emphasis>Alle Anekdoten unserer nichtssagenden Leben sind in den letzten Tagen erz�hlt worden. Dort drau�en liegt neuer Gespr�chsstoff. Gro�artige Eindr�cke, andere Ger�che, fremde Menschen, unbekannte Sitten und Br�uche. Wie viele von den M�nnern haben wie ich das erste Mal die Heimat verlassen? Wie viele von ihnen sehen das erste Mal ein fremdes Land vor sich und d�rfen es nicht betreten?</emphasis></p><p>�Macht Euch nichts daraus�, sagte Bartholom�us. Sie drehten am Bug um und liefen zum Heck zur�ck. Sie mussten dem Astronomen, der ihnen entgegenkam und selbst am helllichten Tag den Kopf gen Himmel gerichtet hielt, ausweichen. �Es wird noch viele Landg�nge geben, und der Anblick dieser Stadt verspricht mehr, als er h�lt. In den Gassen ist es wie bei uns zu Hause: eng, schmutzig und stinkend.�</p><p>Er hatte die Insel immerhin schon einmal gesehen.</p><p>Mit dem Arm wies Bartholom�us auf den Hafen. �Sieh, sie bringen die Vorr�te. Bald werden wir ausschiffen.�</p><p>In langen Reihen trugen dunkelh�utige M�nner Weinschl�uche �ber ihren K�pfen an Deck hinauf.</p><p>Eilfertig sprangen ihnen die Matrosen entgegen. Dankbar, eine Aufgabe �bernehmen zu k�nnen, ergriffen sie die wertvolle Fracht und brachten sie in den Laderaum. Zwiebeln, Fenchel, Weintrauben und Kastanien konnte Mary unter den Waren, die verstaut wurden, erkennen.</p><p>Pl�tzlich entdeckte sie Carl Belham und Franklin Myers, die an Bord zur�ckkehrten. Franklin hob die Hand und bedeutete ihr, zu ihnen hin�berzukommen.</p><p>Sie nickte Bartholom�us kurz zu und folgte den M�nnern auf das Achterdeck. Gesch�ftig eilten die beiden den Gang hinunter zur Offiziersmesse, und Mary wurde unruhig. <emphasis>Sie haben Netze bei sich und ihre Botanisiertrommeln. Ich dachte, dass die Zeit f�r eine Expedition zu knapp bemessen war. Wo waren die beiden?</emphasis></p><p>Franklin verschwand wortlos in ihrer gemeinsamen Kaj�te, w�hrend Carl am Kopf des Flures mit dem Fu� die T�r zur Offiziersmesse aufstie�. Mary hielt sie auf, damit er eintreten konnte.</p><p>Mehr als zwei Wochen war sie nun bereits an Bord und hatte den Aufenthaltsraum der Gentlemen noch nicht betreten d�rfen. Durch die f�nf gro�fl�chigen Sprossenfenster, die man eigens in das Heck des Schiffes eingelassen hatte, bot sich ein ber�ckender Anblick: das t�rkisfarbene Meer, auf dessen Wellen kleine Schaumkronen tanzten, und im Hintergrund lag die Insel, die immer noch lockte und rief.</p><p>Der Raum war sonnendurchflutet, und das Licht verlieh dem Holzfu�boden einen warmen Braunton. <emphasis>Das ist etwas anderes als die verdreckten und vollgepissten Bohlen des Matrosendecks. Eine andere Welt, eine Holzl�nge entfernt.</emphasis></p><p>Die T�ren des Schrankes waren ge�ffnet, Buch an Buch reihte sich auf den Brettern, die sich unter dem Gewicht sanft bogen. Anhand der Titel auf den Buchr�cken konnte Mary erkennen, dass sie dem Astronomen Peacock geh�ren mussten. Dazwischen standen Abschriften von Cooks Logb�chern und Wallis� Reiseaufzeichnungen. Hinter dem wei�en Schrank gl�nzten rotgelackte W�nde. Am meisten �berraschte sie jedoch der Kamin, der den Ru�spuren zufolge schon mehrfach befeuert worden war.</p><p>�Nimm Platz�, sagte Carl und wies auf den gro�en Tisch, der mitten im Raum stand. Dabei legte er seine Botanisiertrommel auf die Holzplatte, lie� den Deckel aufspringen und begann, vorsichtig erste Pflanzen hervorzuziehen. �Jetzt beginnt die Arbeit. Erst zum Abend, wenn das Essen ansteht, wird der Tisch wieder gebraucht. So lange kannst du hier arbeiten. Also spute dich, nicht dass uns die Pflanzen noch st�rker verwelken.� Er grinste.</p><p>Mary schluckte und setzte sich auf den erstbesten Stuhl. Sie konnte sich nicht zur Holzplatte vorbeugen und die Arme ablegen, zu weit stand der Tisch entfernt. Um Carl nicht in seiner Gesch�ftigkeit zu st�ren oder gar unaufmerksam zu wirken, griff sie langsam nach dem Stuhl und versuchte, ihn ein St�ck vorzuziehen. Als er sich nicht bewegen lie�, schaute sie an ihrem Arm vorbei zu Boden. Tisch und St�hle waren mit den Planken verschraubt. Den R�cken durchdr�ckend, blieb sie stocksteif sitzen.</p><p>Carl reihte die letzten Pflanzen nebeneinander auf. Vielleicht war das ja die Gelegenheit, mehr zu erfahren.</p><p>�Sehr sch�ne Exemplare�, sagte sie und hasste den gef�lligen Ton in ihrer Stimme. �Ihr wart auf Exkursion? Wohin hat sie euch denn gef�hrt?�</p><p>Franklin betrat den Raum und trug allerlei Arbeitsmaterialien auf dem Arm. Eine Kiste, Papiere, mehrere Bl�tenpressen.</p><p>Carl schaute zu ihm hin�ber und rieb sich die H�nde. �Sehr sch�n, sehr sch�n. Dann fang an, Marc, ich m�chte heute Abend erste Ergebnisse sehen. Franklin wird dich mit meinen Anforderungen an die Arbeit des wissenschaftlichen Stabes vertraut machen.� Ohne sie eines weiteren Blickes zu w�rdigen, verlie� er die Offiziersmesse.</p><p>Franklin �ffnete die Kiste und packte ein F�sschen Sepia-Tinte und G�nsekielfedern aus.</p><p>�Ihr wart auf Exkursion? Wo wart ihr denn?� Wenigstens er musste ihr antworten.</p><p>�In den Nebelw�ldern waren wir, ziemlich weit oben, im Lorbeerwald. Aber das war keine Exkursion im eigentlichen Sinne. Carl�, er senkte verschw�rerisch die Stimme, �brauchte ein wenig Auslauf.�</p><p>Mary nahm das Veilchen, dessen gelber Kopf schon bedrohlich abknickte. �W�re es denn nicht sinnvoll, ich w�rde euch bei den Exkursionen oder Ausfl�gen begleiten? Als Teil des wissenschaftlichen Stabes?�</p><p>�Ach, das ist eigentlich nicht vonn�ten. Es ist sinnvoller, wenn du hierbleibst. Hier sind die Arbeitsbedingungen besser, es ist k�hler und windgesch�tzt. Da halten sich die Pflanzen l�nger. Uns ist ja an der Qualit�t der Zeichnungen gelegen. Die restliche Arbeit vor Ort, die bekommen wir schon hin.� Er l�chelte arglos und zeigte auf die Pflanzen. �Was denkst du, mit welcher sollte man beginnen?�</p><p>Mary fror. Sie sollte hier in dieser Messe sitzen, an diesem Tisch, und nichts von der Welt, die sie bereisten, sehen? Nur in ihrer freien Zeit k�nnte sie vielleicht das Schiff verlassen, um ein wenig an der K�ste herumzut�ndeln? Was hatte Bartholom�us gesagt? Wie nannte die Mannschaft die Inseln? Die Deserteure? Jetzt wusste sie, warum, und sie sollte dar�ber nachdenken, ihrem Namen Ehre zu machen. Vielleicht war es an der Zeit f�r sie, das Schiff zu verlassen.</p></section><section><title><p><strong>Madeira, 8.�August 1785</strong></p></title><p>�Ich werde nicht umhinkommen�, sagte Kapit�n Taylor, �ansonsten riskieren wir eine Meuterei. Die M�nner m�ssen sich abreagieren, ihren Druck loswerden. Vor ihnen liegt eine lange Strecke, auf der sie kein Weib zu Gesicht bekommen werden.�</p><p>�Himmel, das sind erwachsene M�nner�, entgegnete Carl und sch�ttelte unwillig den Kopf.</p><p>�Das ist ja das Problem�, ein feines L�cheln zog �ber Taylors Gesicht. �Erinnert Euch bitte daran, wie sich selbst unsere Gentlemen beim Weinh�ndler verhalten haben.�</p><p>�Ich habe das Gelage fr�hzeitig verlassen.� Er nahm einen Schluck des Madeira-Weines, den der Kapit�n zu ihrer Unterredung ge�ffnet hatte, und sah sich um. Die Kapit�nskaj�te war ger�umig, aber nicht mit den Pal�sten anderer Kapit�ne vergleichbar, von denen man sich berichtete. Zweckm��ig war sie und sachlich, keine Spielereien, kein �ppiger Aufwand.</p><p>Der Kapit�n erhob die Hand und winkte ab. �Ihr wisst sehr wohl, was ich meine. Darum geht es auch nicht. Wir m�ssen die Schiffsjungen f�r eine Nacht aus dem Mannschafts- und Ladedeck fernhalten.�</p><p>Carl nickte. Der Gedanke war naheliegend. Er hatte einfach recht daran getan, sich f�r diesen Mann, auch wenn er kein Kapit�n war, einzusetzen. Taylor bedachte alles: den Notstand seiner M�nner, den es zu lindern galt, und selbst dabei �bersah er nicht die Kinder, die vor der anstehenden Orgie gesch�tzt werden mussten.</p><p>�Ich bin das Alter der Midshipmen durchgegangen. Bei ihnen sehe ich keine Handhabe. Sie sind alt genug, f�r sich zu entscheiden, wie sie die Nacht verbringen m�chten.�</p><p>�Was plant Ihr? Wo sollen die Kinder die Nacht verbringen?�</p><p>�Das Schiff ist beengt, kleiner als viele Linien- oder Handelsschiffe. Deshalb w�rde ich daf�r pl�dieren, die Jungen f�r eine Nacht in der Offiziersmesse unterzubringen.�</p><p>Das war eine ungew�hnliche Entscheidung. Sicherlich w�rde sie f�r Unmut unter den Offizieren sorgen.</p><p>�Man k�nnte in Erw�gung ziehen, die Kinder f�r eine Nacht im Ladedeck unterzubringen. Aber wer gibt uns die Sicherheit, dass sich nicht auch liebestolle Paare ein ruhigeres Pl�tzchen suchen und sich genau dorthin zur�ckziehen werden?� Taylor seufzte und rieb sich die Stirn. �Ich hasse das. Viele der M�nner holen sich die widerw�rtigsten Erkrankungen, sie wissen darum und lassen es doch nicht sein.�</p><p>�Wir k�nnen eine Untersuchung anordnen, wenige Tage nach der Abfahrt.�</p><p>�Das wird nicht vonn�ten sein. Sie werden ohnehin irgendwann mit ihren Beschwerden bei Doc Havenport auftauchen.� M�de sah Taylor auf. �Es gab auch schon eine Fahrt, bei der hat sich keiner der M�nner infiziert. Vielleicht n�tzt es, wenn wir Sto�gebete gen Himmel senden.�</p><p>F�r einen Moment schwiegen sie. Der Kapit�n schwenkte sein Glas und sah dem auf- und abgleitenden Weinspiegel zu. �Aber nicht nur, dass die M�nner ihr Geld vergeuden�, fuhr er fort, �um sich an billigen Hafenhuren zu erfreuen. Auch f�r uns bedeutet das einen immensen Aufwand: Am Tag darauf m�ssen die Decks gr�ndlichst ges�ubert und geschwefelt, die H�ngematten gewaschen werden. Und das Schiff muss bis in den letzten Winkel durchsucht werden, dass sich nicht noch vorwitzige Weiber irgendwo versteckt halten, um sich auf der Weiterreise eine goldene Nase zu verdienen.�</p><p>�Gut�, Carl leerte sein Glas, �dann lasst uns zur Tat schreiten. Ihr werdet das Eurige veranlassen, und ich werde, wenn es Eure Zustimmung findet, meinen Gehilfen bitten, die Nacht mit den Kindern an Deck zu verbringen. Wir k�nnen die Kinder nicht unbeaufsichtigt lassen.�</p><p>***</p><p>Seth sah sich um und schob sich noch tiefer unter das Beiboot. Wenn nur einer der Seesoldaten, die ringsum an der Reling postiert waren, genauer hinsah, w�rde man Nat und ihn sofort entdecken. Doch die Aufmerksamkeit der M�nner galt den Booten voll kreischender und winkender Weiber, die die <emphasis>Sailing Queen</emphasis> umkreisten.</p><p>Eintr�chtig hing die Mannschaft an der Reling und musterte die Frauen, die von den F�hrm�nnern im Hafen ausgew�hlt worden waren.</p><p>Edison zeigte in die Tiefe und warf einem der F�hrm�nner einen Beutel mit M�nzen zu.</p><p>Kurz darauf betrat das erste Weib das Deck. H�bsch sah sie aus, stellte Seth erstaunt fest, nicht halb so verlottert wie manche der Huren, die er in Plymouths Hafen gesehen hatte. Ihr dunkles Haar war lockig, die Haut hellbraun und glatt. Sie beugte sich vor und k�sste Edison, wobei sie ihre Zunge in seinen Mund schob.</p><p>Seth schluckte.</p><p>Grob lie� Edison seine Hand auf das runde Hinterteil fallen, und das Weib lachte schrill auf. <emphasis>Ihr Kleid hat Schmutzflecke und ist am unteren Saum schon recht verschlissen. So sch�n ist sie doch nicht,</emphasis> dachte Seth und bemerkte den Seesoldaten Lukas, der das Weib umkreiste.</p><p>�Siehst du�, fl�sterte Nat, �er kontrolliert sie, aber er darf sie nicht anfassen.�</p><p>�Warum kontrolliert er sie?�</p><p>�Die Frauen d�rfen keinen Alkohol an Bord bringen, doch oft verstecken sie ihn unter ihren R�cken. Die Seesoldaten sollen den Schmuggel verbieten. Sie d�rfen die Frauen aber nicht anfassen, um nachzuschauen.�</p><p>�Woher wei�t du das alles?�</p><p>Die Antwort war ein Grinsen. Nicht mehr. Einen Moment �berlegte Seth, ob er beleidigt sein sollte, dass sein Bruder so viele Dinge vor ihm geheimhielt. Doch daf�r blieb jetzt keine Zeit. Neugierig lie� er seinen Blick am Rock der Frau hinabgleiten, konnte aber keine Ausbuchtungen oder Auff�lligkeiten entdecken.</p><p>Dunkelhaarige und blonde Weiber jeder Hautfarbe folgten. Viele von ihnen waren geschminkt, viel zu dick hatten sie die rote Farbe auf Wangen und Lippen geschmiert. Die Br�ste trugen sie hochgeschn�rt, und wenn sie mit den M�nnern zum Niedergang verschwanden, wackelten sie mit dem Hinterteil, als w�re es ein in Seenot geratenes Schiff, das �ber die Wellen schlingerte. Der Gedanke lie� Seth kichern, und sofort erntete er eine Kopfnuss von Nat. Die Hand vor den Mund gepresst, unterdr�ckte er das Kichern, das in seinem Bauch kribbelte. Wie albern sie sich alle benahmen, die gierigen M�nner und die dick bemalten Frauen. So w�rde er nie werden, schwor er sich und sp�rte, dass das Kribbeln inzwischen seinen Hals erreicht hatte. Erleichtert lachte er auf, als die Glocke zur Nachtruhe rief, schob sich unter dem Beiboot hervor und lief dem Achterdeck entgegen.</p><p>***</p><p>Drei Jungen hatte Kapit�n Taylor ausgew�hlt. Drei Jungen hatte er f�r zu jung befunden, um die Nacht unter Deck zu verbringen. Dan, Nat und Seth. Die H�nde hinter dem R�cken verschr�nkt, standen sie vor Mary und starrten sie erwartungsvoll an. Was machte man jetzt mit drei Jungen? Sagte man ihnen einfach, dass sie sich hinlegen und still sein sollten? Mary griff nach den wollenen Decken. �Wir m�ssen auf dem Boden schlafen. Wenn irgendwer von euch heute Nacht Wachdienst hat, muss er trotzdem antreten.�</p><p>Die Jungen nickten, breiteten die Decken auf dem Boden aus, setzten sich darauf und beobachteten, wie Mary die Lampe l�schte.</p><p>Angestrengt lauschte sie ins Dunkel und h�rte, dass die Jungen sich ausstreckten. Erleichtert atmete sie ein. Dass Carl sie nach dem Abendessen beiseitegenommen und ihr die Aufgabe �bertragen hatte, die Kinder zu beaufsichtigen, erschien ihr immer noch widersinnig. Nichts hatte sie in ihrem Leben bisher mit Kindern zu schaffen gehabt, und ausgerechnet ihr fiel diese Aufgabe zu.</p><p>Wo Carl wohl steckte? Sie warf sich auf die Seite. Immer wieder drang aus dem Mannschaftsdeck Gel�chter her�ber. Gelegentlich wurden Lieder geschmettert, und dem Gesang nach zu urteilen, waren M�nner wie Frauen erheblich angetrunken. Sie schloss die Augen und sah erneut die Bilder des fr�hen Abends vor sich. Niemand hatte ihr mitgeteilt, dass Frauen, dass Dirnen an Bord kommen w�rden. Es waren nicht die ersten Dirnen gewesen, die ihr in ihrem Leben begegnet waren. Eine hatte, als sie an ihr vorbeiflanierte, die Lippen gespitzt und ihr sanft das Kinn gekitzelt. Abgesto�en hatte sie die Ber�hrung. Und absto�end war die Anwesenheit dieser Frauen an Bord.</p><p><emphasis>Was �rgert dich so daran</emphasis>, schalt sie sich in Gedanken.</p><p><emphasis>Die Krankheiten, die eingeschleppt werden</emphasis>, entgegnete eine zweite Stimme.</p><p>Die erste Stimme lachte hell auf und erwiderte nichts darauf.</p><p>�Nat?�, fl�sterte Seth in die Stille.</p><p>�Ja?�</p><p>�Wo ist Vater?�</p><p>Mary schluckte. Die Kinder. Ihr stieg das Blut in den Kopf.</p><p>In der Ferne erklang ein St�hnen, ged�mpft, aber immer noch deutlich in seinem Rhythmus herauszuh�ren, Fleisch klatschte auf Fleisch, eine Frau schrie verz�ckt.</p><p>Nat schwieg.</p><p>Erst als die Frau verstummte, das St�hnen verebbte und das Aufeinanderklatschen des nackten Fleisches endete, fl�sterte er leise zur�ck: �Vater hat die erste Wache.�</p><p>�Bist du dir sicher?�</p><p>�Ja, so etwas w�rde er nie tun. Mach dir keine Sorgen.�</p><p>�Nat, darf ich zu dir r�berrutschen?�</p><p>�Los, komm her.�</p><p>Ein Rascheln, dann wurde es still. Kurz darauf vernahm Mary den gleichm��igen Atem schlafender Kinder.</p></section><section><title><p><strong>Atlantischer Ozean, 10.�August 1785</strong></p></title><p>In Ketten zogen sie am Schiff vorbei. Spiralf�rmig gewundene Ketten, die schillernd unter der Oberfl�che des Wassers mit den Bewegungen der Wellen wogten. Bl�ulich schimmernde Salpen, deren F�rbung je nach Lichteinfall bis ins Violette changierte.</p><p>Einer der Schiffsjungen, ein blondes B�rschchen mit unz�hligen Sommersprossen, stellte den Eimer vor ihm auf die Planken. Carl ging in die Knie, tauchte die Hand ins Wasser und hob eines der daumenlangen Gesch�pfe in der gew�lbten Handfl�che heraus. �Sehen sie nicht aus wie Feen, ganz und gar unwirklich?� Er streckte dem Jungen die Hand entgegen, wobei er sp�rte, dass sich auch einige der Seeleute n�herdr�ngten und ihm �ber die Schulter schauten.</p><p>Der Junge kniete sich ebenfalls nieder und betrachtete den glasklaren K�rper mit seinen feinen Farbreflexen. �Sind das Quallen?�, fragte er und hob den Kopf. Helle, blaue Augen, die ihn aufmerksam anschauten.</p><p>�Nein, das sind Salpen. Sie haben hufeisenf�rmige Muskelb�nder. Hier au�en. Kannst du sie sehen?�</p><p>Das kinnlange Haar wippte beim Nicken.</p><p>�Manchmal sind diese B�nder auch ringf�rmig. Die Salpen ziehen sie zusammen, und durch diese rhythmische Bewegung schwimmen sie. Mal formieren sie sich als Kette, mal als gro�er, leuchtender Teppich, der sich �ber die Wellen legt.�</p><p>�Wie lang war die Kette, die wir eben gesehen haben?�</p><p>�Ich sch�tze, hundertdrei�ig Fu�.�</p><p>�Das sah aus wie eine Haarlocke�, sagte der Junge bed�chtig.</p><p>Carl lie� die Salpe in den Eimer zur�ckgleiten. �Wie hei�t du?�</p><p>Erschrocken schaute der Junge ihn an, blickte dann in die Runde der umstehenden M�nner.</p><p>�Du darfst mir deinen Namen verraten.� Carl l�chelte, als er sich aufrichtete.</p><p>Immer noch hockte der Junge auf dem Boden. Der aufmerksame Blick war verschwunden, vielmehr sah er aus, als sei er gerade aus einer weit zur�ckliegenden Erinnerung wieder an Bord angelangt.</p><p>�Seth. Aber verzeiht, ich muss wieder arbeiten�, fl�sterte er, sprang auf und wollte sich durch die M�nner hindurchdr�ngen.</p><p>Carl packte ihn am Kragen und zog ihn zur�ck. �Ja, ja, aber bevor du deiner Arbeit nachgehst, bringst du noch den Eimer in die Offiziersmesse. Dort sitzt unser Zeichner, Mr.�Middleton. Er soll auch hiervon einige Exemplare auf Papier festhalten. Sagst du ihm das?�</p><p>�Jawohl, Sir.�</p><p>Der Junge streckte sich, winkelte die Arme an und f�hrte seine Handfl�chen zu den Schl�fen, dass Carl fast aufgelacht h�tte. Er hatte diese Haltung bei den exerzierenden Seesoldaten gesehen. An diesem schm�chtigen K�rper wirkte sie grotesk, fast anr�hrend. <emphasis>Seth, Kleiner. Du bist ein erfrischendes und helles B�rschchen. Lass das Ballett, das brauchen wir nicht.</emphasis> �Und jetzt troll dich!�</p><p>Der Junge ergriff den Eimer und verschwand.</p><p>Die M�nner wandten sich ab. Die meisten traten erneut an die Reling, um das dahingleitende Lichtspiel zu beobachten.</p><p>Auch Carl schaute noch einmal aufs Wasser hinaus. Der Atlantik, Kurs S�ds�dwest. Er atmete zufrieden durch, drehte sich um und prallte fast mit Kapit�n Taylor zusammen.</p><p><emphasis>Er hat so klare Z�ge. Doch irgendetwas ist immer abwartend und distanziert in seinem Blick</emphasis>, bemerkte Carl. <emphasis>Wie ist es wohl, ihn in ausgelassener Heiterkeit zu erleben? Wahrscheinlich w�rde er das als Bl��e empfinden, als �bertreibung.</emphasis></p><p>Taylor gr��te ihn und zeigte auf den Astronomen Rafael Peacock, der neben ihnen stand.</p><p><emphasis>Bitte nicht</emphasis>, flehte Carl innerlich. <emphasis>Jetzt wird es wieder um den Nautischen Almanach gehen, die Bestimmung des Standortes unseres Schiffes auf See. So wie gestern Abend beim Essen und vorgestern und den Abend zuvor.</emphasis></p><p>�Sir, wir haben Euch gesucht. Wir h�tten da eine Bitte.�</p><p>Carl fiel auf, dass Peacock an seinem Mantel herumzupfte. Irgendetwas suchte dieser Mann immer. Messger�te, B�cher, Taschent�cher. Mehrfach hatte er das Bed�rfnis versp�rt, ihn an die Hand zu nehmen, um ihm die Welt zu erkl�ren. Sicher, er war eine Koryph�e auf seinem Gebiet, aber wenn Peacock eine Bitte �u�ern wollte, dabei an seinem Mantel herumzupfte und den Kapit�n zur Begleitung auffuhr, konnte das nichts Gutes bedeuten.</p><p>�Wie ich ja bereits erl�uterte, m�ssen wir die Distanzen vom Zentrum des Mondes bis zur Sonne und zu neun ausgew�hlten hellen Sternen bestimmen. Diese Positionen sind im Almanach im Abstand von drei Stunden angegeben, samt Anweisungen, wie man die Brechung durch die Erdatmosph�re und die Parallaxe in die Berechnung mit einbezieht.�</p><p><emphasis>Komm auf den Punkt.</emphasis> Carl schaute Taylor an, der, die H�nde auf dem R�cken verschr�nkt, regungslos neben Peacock verharrte.</p><p>�Wir ben�tigen f�r die Vermessung vier Beobachter, und einer der M�nner ist ausgefallen. Er ist erkrankt.�</p><p>�Ja, ich h�rte davon. Genauer gesagt, war es ein bisschen viel Rum, und er ist in der Nacht gest�rzt�, sagte Carl und bem�hte sich um einen scherzenden Ton.</p><p>Peacock machte ein Gesicht, als h�tte man ihn dabei ertappt, den Rum selbst getrunken zu haben.</p><p>�Also gut, was kann ich f�r Euch tun?�</p><p>�Ich, also wir wollten uns erkundigen, ob es m�glich w�re, dass wir Euren Zeichner, Mr.�Middleton, kurzfristig zur Arbeit heranziehen?�</p><p>Carl zog die Augenbrauen in die H�he und hob den Kopf. Jetzt �berragte er Peacock um eine Fu�l�nge. Hastig fuhr dessen Hand in die Manteltasche und zappelte in ihr herum.</p><p>�Oh, Mr.�Peacock, ich w�rde Euch gern aushelfen, aber Mr.�Middleton ist ein mir bisher unbekannter Zeichner, den wir erst im letzten Moment f�r die Reise gewinnen konnten. Wir m�ssen ihn jetzt einarbeiten und k�nnen ihn keineswegs entbehren.�</p><p>Peacock nickte heftig. �Ja, Sir, vielen Dank, Sir. Trotzdem. Das hatte ich bef�rchtet, aber���</p><p>Kapit�n Taylor hob die Hand, legte sie dem Astronomen auf die Schulter und schob ihn weiter. �Mr.�Peacock, wir werden eine L�sung finden. Seid gewiss.�</p><p>Carl sah den beiden hinterher. Erst steckte der Bootsmann seinen Gehilfen in das Mannschaftsdeck. Den hatte er ordentlich� zurechtgestutzt, aber nun kam auch Peacock an und wollte den Kerl abziehen. Was hatten die alle mit diesem Marc Middleton?</p><p>***</p><p>Mary setzte den Pinsel auf das Papier und trug die gelbe Gouache in der Skizze des Bl�tenkopfes fl�chig auf. Sie lehnte sich zur�ck und verglich die Proportionen der Zeichnung mit der vor ihr liegenden Pflanze. Das Ergebnis war stimmig. Diese Arbeit konnte sie Carl pr�sentieren. Sie stellte den Pinsel ins Wasser, beugte sich �ber das Veilchen und bog die Bl�tenbl�tter auseinander. Es zu pressen w�rde mit der h�lzernen Presse einfach werden. Hier waren keine Schwierigkeiten vorauszusehen, die Wahrscheinlichkeit, dass sich Schimmel bilden w�rde, war gering.</p><p>Die T�r wurde ge�ffnet, und Seth schob sich, vor seinen Beinen einen Eimer balancierend, in die Messe. Seine Augen weiteten sich, als das Schiff ruckartig ins Kr�ngen kam.</p><p>Mary griff nach der Tischkante und sah aus dem Fenster. Sie hatten an Fahrt gewonnen, und Madeiras Umriss war auf Apfelgr��e zusammengeschrumpft. Durch die heftige Bewegung des Schiffes schien die Insel in die H�he zu schie�en. F�r einen Moment verschwand sie aus ihrem Blickfeld, und nur tiefes Blau war zu sehen. Wasser klatschte auf den Boden, und Mary h�rte den Jungen fluchen. Ein kratzendes Ger�usch lie� sie auf den Tisch zur�ckblicken. Die Farbtiegel rutschten und kamen knapp vor der Kante zum Stehen. Das Schiff hob sich wieder in seine urspr�ngliche Position, und die Tiegel schlitterten erneut � dieses Mal in entgegengesetzter Richtung � davon. <emphasis>Himmel, wenn mir gleich am ersten Arbeitstag die Farben zu Boden gest�rzt w�ren, welch Einstand w�re das geworden.</emphasis> Sie griff nach den Tiegeln und zog sie wieder neben sich.</p><p>Seth hockte inzwischen auf dem Boden und sammelte aus der Wasserlache kleine, gallertartige Kl�mpchen, die er in den Eimer warf.</p><p>Konnte sie aufstehen, den Tisch verlassen und ihm helfen? Was auch immer er da tat? Die Insel, die sich zu einem schwarzen Fleck in Pflaumengr��e verkleinert hatte, lag wieder an ihrem Platz. Die Wellen schwappten tr�ge auf und ab.</p><p>Sie schob die Tiegel zwischen die Holzpresse und die Zeichenbl�tter, stand auf und ging zu Seth hin�ber. Er wischte mit den H�nden den Wasserfleck in die Breite.</p><p>�Das trocknet hier schnell�, sagte Mary.</p><p>�Das sind Salpen.� Der Junge trocknete seine H�nde an der Hose ab. �Sie sind fast wie Feen, oder?�</p><p>Mary starrte in den Eimer. Sie hatte solche zierlichen und zart schimmernden Lebewesen noch nie gesehen.</p><p>�Sie schwimmen als Teppich durchs Wasser, aber eben haben wir eine Kette gesehen. Die schwammen wie eine Kette am Schiff vorbei und���</p><p>�Sind sie noch da, die Salpen?� Marys Stimme klang angespannt, doch Seth schien es nicht zu bemerken.</p><p>�N�, die sind schon weg.�</p><p>Die Insel.</p><p>Sie drehte sich um, der Fleck am Horizont war zu einem winzigen Punkt zusammengeschmolzen.</p><p><emphasis>Warum habe ich es nicht gemacht? Warum bin ich nicht verschwunden? Ich habe doch schon geahnt, wie das hier werden wird. Das Malen hat mein Gem�t beruhigt, aber��</emphasis></p><p>���und die atmen mit einem Muskel, der sich als Ring um ihren K�rper zieht.�</p><p>H�rte dieser Junge niemals auf zu reden? Und woher wusste er um diese Details? Wohl kaum von den Matrosen.</p><p>Seth wuchtete den Eimer auf den Tisch. �Der Sir sagt, du sollst die Salpen festhalten.�</p><p>�Er meint wohl, ich solle die Salpen zeichnen?�</p><p>Der Junge zuckte die Schultern. �Du zeichnest?�</p><p>�Ja, ich bin der Zeichner der Naturwissenschaftler.� <emphasis>Und ich bin der, dem man die Welt in der Botanisiertrommel und im Holzeimer in die Messe bringt.</emphasis></p><p>�Was zeichnest du denn?�</p><p>�Ich zeichne die Pflanzen und die Tiere, auch Landschaften, damit die Forscher sich sp�ter bei ihrer Arbeit erinnern k�nnen, wie alles auf der Reise ausgesehen hat.�</p><p>Seth reckte den Kopf. �Ma-dei-ra-veil-chen�, formten seine Lippen.</p><p>�Du kannst lesen? Das finde ich ja gro�artig.� Erstaunt schaute Mary auf das Papier. Der Junge hatte ihre Schrift entziffern k�nnen.</p><p>Er nickte, genierte sich ein wenig und l�chelte dann doch. �Meine Mutter hat es mir beigebracht.� Er senkte die Stimme. �Und ich kann besser lesen als mein Bruder. Und viel besser schreiben, obwohl er �lter ist.� Wieder lie� er seinen Blick �ber das Stillleben auf dem Tisch streichen: die Pflanzen, die Farbtiegel, die Pinsel, die Bl�tenpresse, die Zeichnung. Er runzelte die Stirn, beugte sich vor, schaute kurz zu ihr her�ber und dann wieder auf das Papier.</p><p>Was starrte der Junge so?</p><p>Sie nahm die halbfertige Bl�tenskizze zur Hand. Aus der geschwungenen Farblinie hatte sich ein Tropfen gel�st und war, der Seitw�rtsneigung des Schiffes folgend, �ber die Zeichnung gelaufen. Das nasse Gelb hatte sich seinen Weg ins noch feuchte Gr�n des Blattes gebahnt und war dort zu einem lindfarbenen Fleck verschmolzen.</p><p>Seth verschr�nkte die H�nde auf dem R�cken, trat zur�ck und musterte sie.</p><p>�Wenn du magst, zeige ich dir, was man in solchen F�llen unternimmt�, sagte Mary, setzte sich an den Tisch, ergriff den Pinsel und strich das Wasser ab. Der Junge trat n�her und schaute �ber ihre Schulter, w�hrend sie den lindgr�nen Fleck in die Breite ausstrich. Einen hellen, gebogenen Streifen lie� sie entstehen, der sich spitz zulaufend durch das Blatt zog.</p><p>�Die Gouache ist wasserl�slich, sodass man Korrekturen vornehmen kann, indem man Farbverl�ufe ausd�nnt. Die Farben lassen sich gut miteinander mischen. Wenn man jetzt einen Farb�bergang schafft, der vom Lindgr�n in ein Gr�n �bergeht, das ein wenig der Farbe von Gras �hnelt, und die R�nder zum Schluss mit einem tiefen Gr�n nachzieht, erweckt das den Eindruck, dass sich Licht auf dem Blatt bricht.�</p><p>Die Borsten wischten �ber das Papier, schoben und strichen die Farbe und setzten den dunkelgr�nen Bogen am Rand des Blattes.</p><p>�Siehst du? Der neue Farbverlauf �hnelt einem Lichtspiel.�</p><p>�Und was machst du mit dem gelben Strich?�</p><p>�Hier haben wir mehrere M�glichkeiten. Man k�nnte einen Vogel daraus entstehen lassen. Einen, der fl�gelschlagend vor der Bl�te schwebt. Ein Schmetterling w�re auch denkbar. Da wir aber kein Original dieser Art haben, und das br�uchten wir, um originalgetreu zu arbeiten, werde ich einen zweiten Bl�tenkopf zeichnen.� Mary zog das Veilchen n�her an sich heran und f�cherte erneut die hauchd�nnen Bl�tenbl�tter auseinander.</p><p>�Schade ist, dass wir keine Knospe an diesem Veilchen haben, dann k�nnten wir uns auch damit behelfen. Du siehst, es gibt viele M�glichkeiten, die Zeichnung zu retten.�</p><p>Inzwischen stand der Junge so nah bei ihr, dass sie seine W�rme sp�ren konnte. <emphasis>Es interessiert ihn, was ich hier mache. Er ist aufmerksam, fast gebannt.</emphasis> Augenblicklich gab sie ihm den Pinsel mit der gr�nen Farbe in die Hand.</p><p>�Den kannst du s�ubern, wenn du magst. Dr�ck ihn vorsichtig im Wasser aus, und nimm dir das Tuch. Damit kannst du ihn trocknen. Die Werkzeuge zu pflegen ist bei jeder Arbeit wichtig, auch in der Malerei.�</p><p>W�hrend sie die gelbe Farbe anr�hrte, lie� der Junge behutsam die Spitze des Pinsels �ber seinen Arm gleiten. Ein gr�ner Strich entstand. Dann fuhr er mit dem Finger �ber die Borsten. �Die sind so weich�, sagte er und hielt den Pinsel in den Wassernapf, sp�lte ihn aus und ergriff das Tuch. Er tupfte ihn derart sorgf�ltig ab, dass Mary fast aufgelacht und ihm erkl�rt h�tte, er m�sse nicht jedes einzelne Haar trocknen.</p><p>Eine zweite Bl�te entstand, die das Ungl�ck in sich aufnahm und Strich um Strich verschwinden lie�. Als sie den Kopf hob, um ihren Pinsel wieder in die Farbe zu tauchen, fiel ihr Blick aus dem Fenster.</p><p>Die Insel war verschwunden.</p><p>Sie l�chelte und machte aus dem zarten Gelb einen fetten, satten Ton.</p><p>�Hast du noch mehr Bilder, die ich sehen darf?�, fragte Seth, als die T�r zur Messe aufgesto�en wurde. Sofort trat der Junge an die Wand zur�ck, senkte den Kopf und verschr�nkte wieder die Arme auf dem R�cken.</p><p>Carl betrat den Raum, das Haar war nachl�ssig im Zopf gebunden, und sein Spitzenjabot hatte sich im Ausschnitt der Weste verheddert. Das gl�nzende Grau der Weste, die mit wei�en Stickereien durchwirkt war, betonte die inzwischen sonnengebr�unte Haut. <emphasis>Er hat ein sch�nes Gesicht. Ein wirklich sch�nes Gesicht, mit seiner hohen Stirn und den geschwungenen Augenbrauen. Seine Lippen sind voll, fast weich, und sie geben seinem Gesicht einen sinnlichen Ausdruck,</emphasis> dachte Mary.</p><p>Mit wenigen Schritten war er neben ihr. Wo zuvor noch Seth gestanden hatte, schaute nun er ihr �ber die Schulter. Hatte der Junge einen leicht s�uerlichen Dunst verbreitet, eine Mischung aus ungewaschener Kleidung, Fisch und Salzwasser, so roch Carl, als h�tte er just seine Kleidung wind- und sonnengetrocknet von der W�scheleine genommen.</p><p><emphasis>Was machst du dir f�r Gedanken? Er will deine Arbeiten sehen. Rei� dich zusammen!</emphasis></p><p>�Sehr gut, sehr gut. Das entspricht dem, was mir Franklin myers �ber deine F�higkeiten berichtet hat. Ein gewisses Risiko sind wir ja eingegangen, als wir dich so knapp vor der Abreise eingestellt haben, aber ich sehe, du verstehst dich sogar darauf, die Unbill der See auszugleichen.�</p><p>Sofort blickte Mary auf ihre Zeichnung. Der zweite Bl�tenkopf war fertig, nichts lie� mehr den gelben Strich erahnen, der sich �ber das Blatt gezogen hatte. Was meinte er? Fragend schaute sie zu ihm auf und h�rte, dass Seth unentwegt von einem Fu� auf den anderen trat. Leise klatschte die nackte Haut auf den Holzboden.</p><p>Carl schmunzelte. �Na, das Sammlungsst�ck hat nur einen Bl�tenkopf, warum solltest du dir mehr Arbeit machen als n�tig? Zudem sind die Lavierungen der zweiten Bl�te, wenn man genau hinschaut, nicht nach links gestrichen wie im Rest der Arbeit. Ihr Auftrag ist zudem kr�ftiger, fast past�s. Die hellere Bl�te ist getrocknet, du hast sie zuerst gezeichnet, und als das Schiff vorhin leew�rts abfiel, ist dir die nasse Farbe sicher �ber das Blatt gelaufen. Der Bl�tenkopf jedenfalls neigt sich in diese Richtung, und das helle Farbspiel im Blatt, das ebenfalls noch feucht ist, zeigt mir an, dass du auf geschickte Weise ein Problem gel�st hast.�</p><p>Mary zog die Augenbrauen in die H�he. Der Mann verf�gte �ber eine au�ergew�hnliche Beobachtungsgabe.</p><p>�Ich kenne doch die Tricks der Gewerke, mit denen ich arbeite�, sagte Carl und rieb sich zufrieden die H�nde.</p><p>Erneut blieb Marys Blick an seinen Lippen h�ngen. Ihre Hand umklammerte einen der Tiegel mit den Farbpigmenten. Sie nahm den Deckel und schloss ihn.</p><p>�Und du bist immer noch hier?� Carl wandte sich zu Seth. �Das ist eine interessante T�tigkeit, das Zeichnen, oder?�</p><p>Der Junge nickte nur und trat einen Schritt zur�ck, sodass sein R�cken den Schrank ber�hrte.</p><p>Carl klopfte mit den Fingerkn�cheln auf den Tisch. �Dann werde ich mal wieder gehen, unser guter Mr.�Peacock m�chte noch einen Spaziergang �ber Deck mit mir zur�cklegen. Vorausgesetzt, er findet es. Und du�, er warf Seth einen verschw�rerischen Blick zu, �lass dich nicht erwischen, wenn du hier herumtr�delst.� Dann verschwand er.</p><p>Kaum schlug die T�r hinter ihm zu, schauten Mary und Seth sich an. Schwiegen kurz und begannen dann gleichzeitig zu lachen.</p><p>Seth sprang an den Tischrand. �Das hast du gut gemacht�, rief er, und wieder erklang sein glockenhelles Lachen.</p><p>�Und du hast mir geholfen, danke!�</p><p>Schlagartig legte der Junge den Kopf schr�g und zog die Stirn in Falten. Seine meerblauen Augen tasteten �ber ihr Gesicht und versuchten offensichtlich zu ergr�nden, ob sie mit ihm scherzte.</p><p>�Ich meine das ernst, und wenn du magst, kannst du gern noch den letzten Pinsel absp�len, die Tiegel verschlie�en und mir helfen, alles in die Kaj�te zu bringen. Der Tisch muss ger�umt werden, da es bald Essen gibt. Und die Salpen sollten ebenfalls weggeschafft werden. Ich k�nnte deine Hilfe wahrlich noch einen Moment gebrauchen.�</p><p>Seths Hand fuhr �ber den Tisch, packte den Pinsel und tunkte ihn in den Wassernapf. Die gr�ne Farbe auf der wei�en Haut seines Armes war inzwischen getrocknet.</p></section><section><title><p><strong>Tahiti, 15.�August 1785</strong></p></title><p>Die Sonne brannte. Glatt gestrichen lag das Wasser und r�hrte sich nicht. Die zerkl�fteten Felsformationen der Berge warfen dunkle Schatten, die zu einem Spaziergang einluden, um der Hitze in der Ebene zu entkommen.</p><p>Selbst Tupaia war vom Spielen am Strand zur H�tte zur�ckgekehrt. Owahiri l�chelte und strich ihm zur Begr��ung �ber den R�cken. Die Haut des Kleinen war sandig und verschwitzt. Dann nahm er eines der Bananenbl�tter und legte es vor sich. Mit einem Blick pr�fte er die Steine, die im Feuer lagen. Sie begannen, an einigen Stellen wei� zu gl�hen. Ein Zeichen, dass er sich beeilen musste. Sofort legte er mehrere Streifen des Schweinefleisches auf das Bananenblatt und schloss es zu einem kleinen Paket.</p><p>Tupaia schmiegte sich gegen seinen Arm. �Kann ich dir helfen, Vater?�, fragte er.</p><p>�Gern. Nimm dir doch den scharfen Stein und zertrenne das restliche Fleisch in drei Teile.�</p><p>Die Steine gl�hten. Owahiri l�schte die Flammen mit Sand und hob neben der Feuerstelle eine Mulde aus. Er langte nach der kleinen Axt und schob mit dem Keil die Steine hinein, bis sie den Boden bedeckten.</p><p>�Vater, darf ich die Axt haben? Bitte!�</p><p>Der zaghafte Ton in der Stimme seines Sohnes lie� ihn erneut l�cheln. �Du siehst doch, dass ich sie gerade benutze�, sagte er.</p><p>�Ich will nicht den scharfen Stein nehmen.� Tupaias Tonfall lie� ihn aufschauen. Die Unterlippe des Kleinen schob sich vor.</p><p>Owahiri bedeckte die Steine mit einem Bananenblatt und schichtete Yamswurzeln, Bananenscheiben und Brotbaumfrucht darauf. �Warum willst du nicht den scharfen Stein nehmen?� In seiner Stimme klang ein erster Hauch Ver�rgerung durch, und er f�hlte, dass seine Augenbrauen sich zusammenzogen.</p><p>�Ich will die Axt nehmen. Die ist gut. Sie ist besser, viel besser als der Stein.�</p><p>Wurzeln und Fr�chte bedeckten das Bananenblatt. �Schau her, ich muss weitere Steine in den Erdofen schieben. Sie sind sehr hei�, und der lange Schaft der Axt macht es mir leichter, sie zu bewegen, als der scharfe Stein. Die Gefahr, sich zu verbrennen, ist geringer. Das hei�t, ich brauche sie gerade.�</p><p>Er sah seinen Sohn an, der vor ihm stand und den scharfen Stein nicht anr�hren wollte. Ein schwarzer Stein, mit einer schmalen Kante, die er eigenh�ndig geschlagen hatte. �Was st�rt dich an dem Stein?�</p><p>Tupaia verschr�nkte die Arme hinter dem R�cken und schob seine Lippe noch weiter hervor. Er schwieg.</p><p>�Dann pack dich, dann kann ich deine Hilfe nicht gebrauchen�, fuhr Owahiri ihn an.</p><p>Sofort drehte der Kleine sich um und lief davon.</p><p>Einen Augenblick sah Owahiri ihm nach, sah die nackten kleinen F��e, die weit ausholten, um so schnell wie m�glich von ihm wegzukommen. Das konnte sp�ter gekl�rt werden, beschloss er, erst musste er hier, solange die Steine noch Hitze in sich trugen, fertig werden. Mit der Axt schlug Owahiri in das Fleisch, doch die St�cke gerieten kleiner, als er es sich vorgenommen hatte. Z�gig verteilte er sie auf weitere Bananenbl�tter, die er zu P�ckchen zusammenband und im Erdofen stapelte. Dann schob er eine letzte Schicht Steine dar�ber und schloss ihn mit Bananenbl�ttern und Sand.</p><p>Revanui, die sich zum Wasserholen aufgemacht hatte, kam den Hang zur H�tte herauf. Sie hatte das Wasser in ausgeh�hlte Kokosnussschalen gef�llt, die sie nun in zwei Netzen mit sich trug. Bei jedem Schritt schwangen die Netze auf und ab, sodass Wasser aus den schmalen �ffnungen der Kopfseite schwappte.</p><p>�Wor�ber habt ihr gestritten?�, fragte sie gru�los und setzte die beiden Netze ab. Eine Nuss fiel um, und das Wasser ergoss sich �ber ihre F��e. Sie schien es nicht zu bemerken. �Tupaia kam mir entgegen, er war in Tr�nen aufgel�st. Er wollte mich nicht nach Hause begleiten und stammelte, du w�rdest ihm nur den scharfen Stein �berlassen, um selbst die sch�nen Sachen zu nutzen. Was meint er damit?�</p><p>�Ich habe ihn gebeten, das Fleisch zu zerteilen. Dazu wollte er den scharfen Stein nicht nehmen, vielmehr verlangte er nach der Axt.�</p><p>�Ja, und warum konntest du ihm die Axt nicht geben?�</p><p>Am Keil der Axt hing noch ein Fleischfetzen. Owahiri zupfte ihn ab und rieb ihn zwischen den Fingern. Es war sinnlos, jetzt dar�ber zu sprechen, obgleich es ihn dr�ngte, sich zu erkl�ren. Doch Revanui w�rde in ihrer Wut keines seiner Argumente gelten lassen, sobald sie ihren Sohn in Tr�nen sah, wusste sie sich meist kaum zu fassen. Er entschied, die Werkzeuge in die H�tte zu bringen und dann zum Strand hinabzulaufen. Es blieb ihm genug Zeit, bis das Essen fertig gegart war. Vielleicht w�rde er Tupaia treffen, und vielleicht k�nnten sie noch einmal �ber ihren Streit sprechen. Langsam erhob er sich.</p><p>�Du bleibst hier und l�sst mich nicht einfach allein zur�ck.� Breitbeinig stellte sich Revanui ihm in den Weg. Alles Milde und Weichherzige war aus ihren Gesichtsz�gen gewischt. Schwarz brannten ihre Augen, und die hohe Stirn lag in Falten zerfurcht. �Was denkst du denn?�, schrie sie. �Der Junge sieht, dass immer mehr von uns die eigenen Werkzeuge nicht mehr nutzen, Steine, Holzspitzen, Muscheln. All das ist nichts mehr wert. Wer kann, benutzt eine der �xte, einen Nagel oder hat sogar eine Schere zur Hand. Ich habe dir gesagt, dass es �rger um diese Sachen geben wird.�</p><p>W�tend stie� sie mit dem Finger auf seine Brust ein. �Gestern, als der Wind aufkam, sind die Kinder zum Wasser gelaufen. Ich dachte, sie wollten mit den Wellen gleiten. Also habe ich Tupaia gefragt, ob er nicht sein Brett mitnehmen wolle. Wei�t du, was er geantwortet hat? Er brauche das Brett nicht, sie wollten lieber Eisen suchen. Die Kinder hofften, der Wind w�rde wieder Eisen an den Strand sp�len. Hat hier niemand mehr etwas anderes im Kopf als dieses von den G�ttern verdammte Eisen?�</p><p>Ihr Finger lie� von seiner Brust ab und strich eine Str�hne aus ihrem Gesicht. Sie atmete tief ein, und ihre Stimme war vor Trauer flach, als sie weitersprach. �Ich entgegnete, dass lange kein Schiff der Fremden mehr in der Gegend gesehen worden ist und dass er kaum finden wird, wonach er sucht. Tupaia hat mich mit einem mitleidigen Blick stehen lassen und ist mit seinen Freunden ans Wasser gelaufen. Und was haben sie getan? Sie haben Eisen gesucht, anstatt sich auf den Wellen treiben zu lassen.�</p><p>Owahiri lie� die Axt in den Sand fallen. Er zog Revanui an sich und schlang die Arme um sie. <emphasis>Was soll ich dir erwidern?,</emphasis> fragte er sich<emphasis>. Manchmal bin ich mir selbst unsicher, ob du nicht doch recht hast. Vielleicht hat der Besuch der M�nner mit den eckigen K�pfen und den hellen Augen letztlich mehr Leid als Freude gebracht. Ich wei� es nicht, ich finde keine Antwort auf diese Frage.</emphasis></p><p>Revanui legte ihre Wange auf seine Schulter. Ihm wurde leicht ums Herz, und er schwieg, um sie nicht mit einem unbedachten Wort weiter zu erz�rnen. Sein Blick fiel auf die Axt, den h�lzernen Schaft und den grauen Keil. Ja, es war sinnvoller, zu schweigen. Denn wenn er ehrlich sein wollte, musste auch er zugeben, dass das Werkzeug der Fremden tats�chlich besser war. Besser als seine Steine und Muscheln.</p></section><section><title><p><strong>Atlantischer Ozean, 20.�August 1785</strong></p></title><p><emphasis>Menschen stinken. Sobald sie den Mund �ffnen, die Arme heben, die M�tze abnehmen, die Schuhe ausziehen, wenn sie beim Essen r�lpsen, im Schlaf furzen oder bei Seegang kotzen � alles an ihnen stinkt. Und jetzt beginnt auch das Schiff zu stinken.</emphasis> Seth seufzte. Nicht nur, dass die Menschen stanken, das Brot nach Schimmel schmeckte, die Stoffe Stockflecken bekamen, Eisenteile verrosteten und das Holz aufquoll, jetzt verreckten auch die Viecher an Bord. Sie stanken dabei nicht minder.</p><p>Es musste eine Ratte gewesen sein, die unter dem Beiboot verendet war. Eine Ratte, deren Gestank nun im Holz festhing. Ihr Schwanz war noch auszumachen, der K�rper glich jedoch inzwischen einer breiigen Masse.</p><p>Ein W�rgen �berkam Seth, und er schaute schnell auf seine Hand, die den Scheuerstein �ber die Decksplanken schob. Er sp�rte, dass der Schorf, der seine Knie �berzog, wieder aufweichte. Mit jedem Voranschieben der Knie dr�ckte sich der Stoff der Hose tiefer in die Kruste aus Blut, Eiter und Dreckswasser. Der immer gleiche Ablauf, bis er aufstehen und den Stoff mit einem Ruck aus den faustgro�en Wunden ziehen und aufkrempeln konnte. Schon jetzt freute er sich darauf, den aufgeweichten Schorf mit den Fingern abzukratzen.</p><p>Die Segel hingen schlaff an den Masten. Ein weiterer Tag widerlicher Windstille w�rde sich an den n�chsten reihen. Wieder brannte die Sonne aufs Deck und machte die M�nner tr�ge. Seth h�rte, dass vom Ausguck eine Sandbank gemeldet wurde. Aus den Augenwinkeln sah er, dass Senkbleie ausgeworfen wurden, um die Tiefe des Wassers zu bestimmen.</p><p>Der moderige Geruch der Ratte schob sich wieder in seine Nase. <emphasis>Denk an fliegende Fische. Denk daran, wie sie �ber die Schaumkronen springen</emphasis>. Vor seinen Augen tauchten die Fischleiber auf. In geraden und geschwungenen Linien flogen sie �ber das Wasser, und wenn sie die Spitze einer Welle im Fluge trafen, verschwanden sie und schossen kurz darauf aus der Schaumkrone wieder empor. Der Gedanke machte die Arbeit nicht leichter. Er ver�nderte die Hitze nicht und lenkte nicht von den schmerzenden Knien ab. Und: Die Ratte war immer noch da. Immer noch lag sie unter dem Beiboot. Seth hatte keine Wahl. Er schob die Hand vor und zog am Schwanz, der sich kalt und schmierig anf�hlte. Inzwischen wurden die Senkbleie wieder eingeholt, irgendwer rief etwas von f�nfzig Faden Tiefe.</p><p><emphasis>Denk an was anderes. Vielleicht laufen wir ja auf eine Sandbank auf. Das w�re ein Abenteuer! Wir m�ssten Wasser pumpen und Ballast abwerfen. Und das Leck, ich w�rde es stopfen, weil kein anderer an die Stelle herank�me. Da w�rde niemand nach einer Ratte fragen.</emphasis></p><p>Der Knall war dumpf und laut. Seth schlug mit dem Kopf an den Rumpf des Beibootes und sp�rte das Zittern, das den Schiffsleib durchlief. Er lie� sich b�uchlings auf das nasse Holz fallen und sah nun die Ratte direkt vor sich liegen. M�nnerstimmen br�llten durcheinander, jemand lief an ihm vorbei. Sofort sprang Seth auf. <emphasis>Lieber Gott, hilf mir. Ich habe das nicht so gemeint. Ich wollte nicht, dass wir auf eine Sandbank auflaufen. Ich r�ume die Ratte weg, wirklich,</emphasis> flehte er und hob den Kopf gen Himmel. <emphasis>Was ist, wenn wir ertrinken?</emphasis> Rasch warf er einen Blick aufs Wasser hinaus. Die Sandbank, wo war sie? Er suchte wei� schimmerndes Wasser, das einlud, �ber Bord zu springen, weil man meinte, es sei nur kn�cheltief und man k�nne festen Grund unter den F��en sp�ren. Er sah nichts dergleichen. Das Schiff lag in schwarzblauem Wasser.</p><p>Dan riss Seth an der Schulter und zeigte vor zum Fockmast. �Komm schon, du Hosenschei�er. Es ist die Bierw�rze.�</p><p>�Was? Bier-was?�</p><p>�Die Bier-w-�-r-z-e, du Idiot. Ein Fass mit eingekochter Bierw�rze ist vergoren und explodiert. Die F�sser wurden zum K�hlen an Deck gebracht.�</p><p>Erleichtert atmete Seth auf. <emphasis>Ein Fass ist explodiert. Danke, lieber Gott, danke, dass du mich erh�rt hast.</emphasis></p><p>Im Laufen entdeckte er Segelmacher-John, der auf den Planken sa� und den Hauptmast umschlungen hielt. �Das haben wir jetzt davon, dass wir ohne Begleitschiff reisen. Wir laden die Piraten ja ein, uns zu �berfallen�, br�llte er.</p><p>Seth trat hinter ihn und schaute auf das verfilzte Haar des Hinterkopfes, das vor ihm auf und ab wippte.</p><p>�Hau ab, Kleiner. Solange du noch kannst.�</p><p>F�r einen Moment �berlegte Seth, wie dieser Halbblinde das machte: Menschen erkennen, ohne sie zu sehen. Konnte er den Schritt eines jeden heraush�ren? Roch er, wer vor ihm stand? Vielleicht ging ja auch von ihm ein ganz eigener Gestank aus, den Segelmacher-John wahrnahm. �Es sind keine Piraten�, sagte er sanft. �Eines der F�sser mit der Bierw�rze ist in der Sonne explodiert.�</p><p>Segelmacher-John lie� den Hauptmast los und drehte sich zu Seth um. Das rechte Auge hatte keine wirkliche Farbe mehr, grau getr�bt starrte es ihn an. Die Pupille war dunkel und weit. Das andere Auge schielte linkerhand an ihm vorbei. �Die Bierw�rze? Was macht die an Deck?�</p><p>�Einige der F�sser sind vergoren, und die restlichen sollten im Fahrtwind gek�hlt werden.�</p><p>Segelmacher-John lachte auf. �Du meinst, unser gutes Bier flie�t gerade in Str�men �bers Deck?�</p><p>Eine erneute Explosion auf der H�he des Fockmastes lie� beide zusammenzucken. Dieses Mal mischten sich in das Gebr�ll der M�nner Schmerzensschreie, irgendwer rief um Hilfe.</p><p>Segelmacher-John kniff die Augen zu und schlug das Kreuz �ber seiner Brust: �Heilige Maria, steh uns bei. Es sind doch Piraten! Verschwinde, Junge, schnell!�</p><p>Seth duckte sich hinter Segelmacher-Johns R�cken und klammerte sich an dessen Hemd fest.</p><p><emphasis>Was mache ich jetzt? Segelmacher-John wei� immer alles. Dan muss sich irren, es sind doch Piraten. Wenn ich zum Fockmast laufe, t�ten sie mich. Ich habe nicht einmal eine Waffe. Und wenn ich �ber Deck springe, ersaufe ich. Es ist wie bei den fliegenden Fischen</emphasis>. <emphasis>Sie retten sich vor Feinden mit einem Sprung aus dem Wasser und werden in der Luft von V�geln abgefangen.</emphasis></p><p>Er duckte sich noch tiefer und spannte die Arme an. <emphasis>Ich bin aber kein Fisch,</emphasis> schrie es in ihm, und er stie� sich von Segelmacher-Johns R�cken ab. Um sich Mut zu machen, riss er die F�uste in die H�he, lie� ein Br�llen erklingen und rannte �ber das Schiff. Den M�nnern entgegen, die sich �ber andere b�ckten, die sich gekr�mmt am Boden wanden. Piraten konnte er keine entdecken, sie mussten wohl aus dem Hinterhalt angreifen. Er drehte sich im Kreis. Hilferufe, Befehle und Schmerzensschreie lie�en sich nicht mehr entwirren. Fast taub vor Angst, riss er die F�uste umso h�her und st�rzte vor in das Kn�uel aus Menschen und Ger�uschen.</p><p>Die n�chste Explosion lie� das Schiff erbeben.</p><p>Seth hob sch�tzend den Arm vor sein Gesicht, und gleichzeitig sp�rte er einen Druck, �hnlich einem Windsto�, der �ber ihn hinwegzog.</p><p>Im selben Augenblick wusste er, dass er getroffen worden war.</p><p>Er packte an sein Bein.</p><p>Warm und feucht war der Stoff seiner Hose.</p><p>Gleichzeitig wurde ihm schlecht. Der L�nge nach sackte er in sich zusammen und landete unsanft in der aufspritzenden Bierw�rze. Ihm war kalt, und sein K�rper begann zu zittern. Er konnte kaum die Hand heben, so schwer f�hlte sie sich an, dann sah er die blutverschmierten Finger. Sein Mund stand offen, das sp�rte Seth, ein offener Mund, um aufzuschreien. Doch die Angst umklammerte seine Kehle und schn�rte die Laute ab. Dann erst kam der Schmerz. Mit voller Wucht griff er in den Oberschenkel.</p><p><emphasis>Ich blute! Ich blute wie ein Schwein. Was ist hier los? Helft mir, bitte, helft mir��</emphasis></p><p>***</p><p><emphasis>Es gilt, den Kopf zu bewahren. Eine Analyse der Situation vorzunehmen, um zu einem Ergebnis zu kommen, das es erm�glicht, die n�chsten Schritte einzuleiten.</emphasis> Noch w�hrend Carl zum Fockmast rannte, lie� er den Blick �ber die Ungl�cksstelle wandern.</p><p>Kapit�n Taylor stand an der Reling und suchte mit dem Fernrohr den Horizont ab. Kyle Bennetter, Peter Sohnrey und Randy Hall, ein angehender Offizier mit schiefer Nase, liefen �ber das Deck und br�llten den M�nnern, die unverletzt waren, Befehle zu. Jagten sie die Masten hinauf, die Segel backzubrassen, um dem Schiff die Fahrt zu nehmen. Eine Sandbank musste umschifft werden, so viel konnte Carl ihren Befehlen entnehmen. Senkbleie wurden ausgeworfen, und die Ansagen zur Tiefe des Wassers, die immer wieder ausgerufen wurden, gingen im Tumult beinahe unter. Der Kapit�n und seine Offiziere waren unverletzt und hatten das Geschick des Schiffes im Griff. <emphasis>Wenn wir jetzt noch auf eine Sandbank auflaufen, wird es kritisch,</emphasis> dachte Carl, als er das Ausma� des Ungl�cks am Fockmast �berblickte. <emphasis>Zehn Verletzte, vielleicht f�nfzehn. Das sind bis zu drei�ig H�nde, die fehlen, um zu pumpen und Ballast abzuwerfen, wenn das Schiff leckschl�gt. Die H�nde derjenigen, die noch Verletzte versorgen k�nnen, nicht einmal eingerechnet</emphasis>.</p><p>Er beugte sich zum ersten Verletzten hinab. Eine Schramme im Gesicht, die blutete, aber zweifelsfrei mit der Behandlung noch warten konnte. Die �berwiegende Zahl der M�nner war offensichtlich von herumfliegenden Splittern der explodierenden Holzf�sser getroffen worden. Die vergorene Bierw�rze hatte sich dicks�mig �ber die Planken verteilt. Ein Seesoldat und zwei Matrosen versuchten, die Verletzten aus dem Sud zu ziehen. Ohne mit den F��en stabilen Stand und Halt zu finden, glitten sie auf den schmierigen Planken hin und her.</p><p>Toni, der Zimmermann, rutschte vier, f�nf Fu� von Carl entfernt auf Knien �ber das Deck. Mit der linken Hand presste er den rechten Arm an den Oberk�rper. <emphasis>Der Arm ist ausgerenkt oder gebrochen, jede Bewegung muss h�llisch schmerzen,</emphasis> �berlegte Carl und sah, wie der H�ne vor Seth innehielt. Behutsam legte Toni den rechten Arm auf seinem Oberschenkel ab, dann fuhr die linke Hand vor. Er zog am blutdurchtr�nkten Stoff der Hose des Jungen, dann presste er die Handfl�che auf die Wunde.</p><p>Seth schrie auf, doch der Druck stoppte die massive Blutung.</p><p>Carl machte es Toni nach und ging auf die Knie. Er f�hlte, als er die Tasche �ffnete und die Schere ergriff, dass die Fl�ssigkeit durch den Stoff seiner Str�mpfe und Hose drang. Er nickte dem Zimmermann zu, die Wunde weiter unter Druck zu halten, und begann, den Stoff des Hosenbeines aufzuschneiden.</p><p>Carl legte die Schere aus der Hand und nahm das N�hzeug aus seiner Tasche. Kurz sah er sich um. Ob es die richtige Entscheidung war, den Jungen zuerst zu verarzten? Mit pumpender Bewegung war das Blut aus seinem Bein geschossen, innerhalb weniger Minuten w�re er verblutet. Doch war hier nicht �berall Blut? Waren hier nicht �berall offene Wunden? Die Panik war das Hauptproblem. Die Wucht der Explosionen, das Chaos und das Gebr�ll konfrontierte die M�nner mit ihrem �rgsten Gegner: der Angst. Der Seegang konnte das Schiff noch so arg beuteln, es mit Wasser volllaufen lassen, Hitze ihnen die Haut in Blasen werfen, Eisesk�lte die Finger und Zehen abfrieren, das waren Seiten der Seefahrt, die sie kannten. Sobald aber die schiere Angst sie packte, dann weinten und greinten sie, riefen nach Frauen, Kindern und M�ttern. <emphasis>Ich muss durchgreifen,</emphasis> entschied Carl und setzte zum ersten Stich an. <emphasis>Ich muss die Versorgung der Verletzten organisieren.</emphasis></p><p>Aus den Augenwinkeln bemerkte er Doc Havenport, wahrscheinlich hatte er von den Explosionen, vergraben in seiner Kaj�te, erst jetzt Nachricht erhalten � anders lie� sein sp�tes Erscheinen sich nicht erkl�ren. Die braune Ledertasche unter den Arm geklemmt, hielt er kurz neben Franklin inne, der einen Matrosen zur Reling zog.</p><p>Carl winkte Doc Havenport zu. Nie war ihm aufgefallen, wie alt der Schiffsarzt war. Wie sollten sie diesen gebrechlich wirkenden Mann wohlbehalten nach Hause bekommen? �Was haltet Ihr davon, Euch um die Schnittwunden zu k�mmern�, rief er ihm zu, als er den Faden an der Wunde des Jungen verknotete und den verbleibenden Rest abschnitt. �Nehmt Myers mit. Ich werde�, er packte Marc Middleton, der an ihm vorbeieilte, am Arm, �mit ihm in der Offiziersmesse die Br�che und weiteren Wunden behandeln.�</p><p>Marc verharrte, und Carl sp�rte, dass sich der K�rper seines Gehilfen versteifte. <emphasis>Manche br�llen vor Angst, die anderen haben einfach keine Worte mehr. Doc Havenport nicht, Marc nicht, und selbst Franklin sind seine Kommentare ausgegangen. Es ist, als w�rde ich mit mir selbst reden.</emphasis> �In meiner Kaj�te steht linkerhand eine weitere Tasche mit allerlei medizinischen Ger�tschaften, hole sie und bereite in der Offiziersmesse alles vor. Wir werden den Tisch zur Behandlung der Verwundeten brauchen�, wies er Marc an. Ohne eine Antwort zu erwarten, beugte er sich �ber den n�chsten Verletzten.</p><p>�Wie kommt Ihr dazu, das Gesinde in die Offiziersmesse zu lassen?�</p><p>Carl sah auf und versp�rte den Drang, seine Faust in Kyle Bennetters Fratze zu versenken. Dieser Unheilstifter zettelte eine Diskussion an! Jetzt. Hier in diesem Chaos. Er atmete noch einmal tief durch. �Wir haben sch�tzungsweise zehn bis f�nfzehn Verletzte, die schnellstm�glich behandelt werden m�ssen. Wir haben keine Wahl, wir m�ssen die Messe kurzfristig zum Lazarett umfunktionieren. Und dar�ber werde ich nicht mit Euch diskutieren. Gern k�nnen wir die Frage aber wieder mit dem Kapit�n besprechen.�</p><p>Bennetter schnaufte, drehte sich um und verschwand.</p><p>Carl grinste. �Lasst lieber das Deck z�gig reinigen, damit wir weitere St�rze vermeiden�, rief er dem Bootsmann hinterher.</p><p>***</p><p>Er sp�rte, wie die Nadel in seine Haut stach und dass der Faden hindurchgezogen wurde. Es schmerzte nicht, aber die Angst lie� ihn schreien. Er schrie und schrie und erinnerte sich, als Kind stets gekotzt zu haben, sobald ihn die Angst gepackt hatte. Nach dem Kotzen war es ihm besser gegangen, m�de und ausgelaugt hatte er dann seine Ruhe gefunden. Doch er konnte nicht kotzen. Den Kopf zur Seite gedreht, presste er das Gesicht gegen Tonis Hose. Sie war nass, stank nach Bierw�rze und kratzte.</p><p>�Du hast es geschafft�, sagte Toni pl�tzlich. Er hatte sich vorgebeugt und l�chelte, seine Zahnl�cke sah so noch gr��er aus.</p><p>Seth wischte seine Nase an Tonis Hosenbein ab und lie� den Kopf auf die Planken sinken. Er sp�rte, dass die Bierw�rze an seinen Ohren kitzelte.</p><p>Sir Belham half Toni, sich zu erheben. Er war ein Gentleman, alles an ihm war vornehm und sch�n, ob es die feinen Schuhe, die wei�en Str�mpfe oder der Kragen seines weichen Hemdes waren. Doch jetzt war alles verklebt und verdreckt.</p><p>�Wie geht es dir?�</p><p>Seth wendete den Kopf und sah Franklin Myers vor sich. Mehrfach hatte er ihn beobachtet, und er mochte ihn. Obwohl er der Gehilfe von Sir Belham und damit ein wichtiger Mann war, lachte er viel und war �berhaupt nicht eingebildet. Au�erdem standen seine Haare lustig in der Luft herum. �M�de�, fl�sterte er, und seine Stimme kratzte vom Schreien.</p><p>Mr.�Myers hob ihn hoch. �Ich bringe dich jetzt in die Kaj�te von Doc Havenport, damit wir dich noch einmal in Ruhe untersuchen.�</p><p>Der Schiffsarzt hatte einen Tisch in der Mitte seiner Kaj�te stehen. Darauf sa� einer der Seesoldaten. Mit schmerzverzerrtem Gesicht lie� er die Behandlung �ber sich ergehen. Seth musterte Doc Havenport, oft hatte er ihn noch nicht gesehen. Selten entdeckte man ihn an Deck, und auch in der Offiziersmesse schien er selten die GesellschaftderGentlemenzusuchen. LetzthinhatteSmutjeHenry erz�hlt, dass sich Doc Havenport das Essen gern in seiner Kaj�te servieren lie�. Er hatte sich daran erfreut, dass der Schiffsarzt seine Kaj�te reinlich hielt, dass alles stets geordnet und aufger�umt war. Neugierig sah Seth sich um. Der Smutje hatte recht. An den W�nden waren kleine Borde angebracht. Sie waren mit Tiegeln, Gl�sern, B�chern und allerlei Ger�tschaften gef�llt, die Seth nicht kannte. Eine schmale Leiste vor jedem Bord verhinderte, dass die Sachen bei Seegang auf den Boden fielen und zu Bruch gingen.</p><p>Pl�tzlich br�llte der Seesoldat auf und schlug Doc Havenport derart vor die Brust, dass dieser zur�cktaumelte. Mr.�Myers, der Bartholom�us� Wunde auswusch, sprang auf und eilte ihm zu Hilfe. Als er neben den Doc trat, fiel Seth auf, dass der junge Gentleman z�gerte. �Ihr arbeitet mit Haarseilen?�</p><p>Der Seesoldat hatte sich vom Schiffsarzt abgewandt und beantwortete die Frage. �Ja, das macht er. Er hat mir diese verlumpten Teile durch das schiere Fleisch gezogen.�</p><p>Doc Havenport nickte. �Nat�rlich, das muss ich, um die Wunde zu reinigen. Wenn Ihr nicht stillhaltet, kann ich nichts f�r Euch tun.�</p><p>Franklins Augenbraue sprang in die H�he. �Wollen wir die Wunde nicht mit einem Tuch und Wasser reinigen, um sie dann vielleicht einfach zu n�hen?� Er nahm sich den Arm des Seesoldaten und musterte die Verletzung.</p><p>�Warum sollten wir hier n�hen?�, fragte Doc Havenport und bem�hte sich nicht, die Wut in seiner Stimme zu unterdr�cken.</p><p>�Die Wundr�nder sind nicht sonderlich ausgefranst. Wenn man den Splitter entfernt und die Wunde n�ht, haben wir die besten Wundheilungsvoraussetzungen.�</p><p><emphasis>Wovon reden die da?</emphasis> Seth fasste nach seinem Bein. <emphasis>Wenn die beiden sich nicht einig sind, will ich lieber nicht untersucht werden.</emphasis></p><p>Doc Havenport �ffnete einen der Schr�nke, holte Verbandszeug heraus und legte es neben dem Seesoldaten auf den Tisch. �Man kann die Wunde ausweiten und mit Scharpie f�llen, Verb�nde und Kompressen anlegen, bis sich � plus bonum et laudabile � der heilsame Saft des Eiters bildet, der f�r die Auff�llung der Wunde mit Fleisch sorgt.�</p><p>Mr.�Myers� Stimme wurde lauter. �Das sind Methoden, die sind���</p><p>Doc Havenport fiel ihm ins Wort. �Junger Mann, das sind traditionelle Methoden, und ich vertraue auf die bew�hrten Behandlungen.�</p><p>In der Kaj�te sa�en noch vier weitere Patienten, die verarztet werden mussten. Seth sah zur T�r und dann noch einmal auf sein Bein. <emphasis>Meine Wunde ist gen�ht,</emphasis> dachte er. <emphasis>Ob das gut ist? Wer hat denn nun recht?</emphasis> Wieder wurde ihm �bel. Im Sitzen rutschte er langsam zur angelehnten T�r und schob sich hindurch. Sein Bein schmerzte, als er die ersten Schritte machte, aber er war erleichtert, den Streith�hnen entkommen zu sein.</p><p>***</p><p>Die M�nner hockten in einer Reihe auf dem Boden und warteten schweigend darauf, behandelt zu werden.</p><p>Rafael Peacock reichte einem Seesoldaten, dessen Handgelenk bereits mit Gittert�ll verbunden worden war, einen Becher mit Wasser. Dann ging er weiter und sp�lte den Stofflappen eines Matrosen aus, der sich die aufgesprungene Lippe k�hlte.</p><p>Marc hatte mit den Behandlungen bereits begonnen. Blechh�lsen und Klammern zum Schienen der Br�che, leinene Scharpien und Netze aus Baumwolle zum Bedecken von Wunden lagen in Griffweite. Die Tiegel mit dem Beinwell und der Johanniskrautsalbe waren angebrochen.</p><p>Auf der Tischkante sa� Toni, der Zimmermann. Er hatte den Oberk�rper entbl��t, und Carl zog die Augenbrauen in die H�he. Eine derart ausgepr�gte Muskulatur hatte er seit seiner Studienzeit nicht mehr gesehen. Ausgepr�gter Musculus deltoideus, pectoralis und trapezius, konstatierte er. Wie jung und schm�chtig sein Gehilfe daneben wirkte.</p><p>�Wie hei�t du?�, h�rte er Marc fragen.</p><p>�Toni. Toni Sellers.� Luft zischte beim Sprechen durch die L�cke seiner fehlenden Schneidez�hne. �Und wer bist du?� Der Zimmermann ma� den Gehilfen mit skeptischem Blick.</p><p>�Ich bin Marc Middleton, der botanische Zeichner. Doch ich verstehe mich auch ein wenig auf medizinische Behandlungen. Toni, welche Arbeit verrichtest du an Bord?�</p><p>�Ich bin Zimmermann.�</p><p>�Du brauchst deinen Arm also so schnell wie m�glich, um wieder arbeiten zu k�nnen.�</p><p>Jetzt spiegelte sich die Angst auf Tonis Gesicht. �Das wird doch wieder, oder?�, fragte er.</p><p>�Dein Arm ist ausgekugelt, doch das kann man richten.�</p><p>�Wird�s wehtun?�</p><p>�Sehr sogar. Dann kannst du den Arm aber bald wieder bewegen.�</p><p>Toni biss sich auf die Lippen und nickte, als wolle er das Zeichen geben. Einer der Matrosen, der auf dem Boden sa�, schloss die Augen und hielt sich die Ohren zu.</p><p><emphasis>Er wird ihm doch nicht den Arm einrenken wollen</emphasis>, dachte Carl und runzelte die Stirn.</p><p>�Leg dich bitte auf den Boden.�</p><p>Wortlos kam der Zimmermann der Bitte nach.</p><p>Behutsam hob Marc den ausgekugelten Arm aufrecht in die H�he und stellte seinen linken Fu� in die Achselh�hle des H�nen, der st�hnend den Kopf beiseitedrehte.</p><p>�Ich fange jetzt an, Toni�, sagte er, zog den Arm mit Spannung in die L�nge und f�hrte ihn von rechts dem K�rper entgegen. Eine schnelle Bewegung, ein durchdringender Schrei. Der Zimmermann fuhr auf, die linke Faust erhoben, um sie dann ziellos auf die Planken rasen zu lassen.</p><p>Marc zuckte zusammen, wich aber nicht zur Seite. Er lie� sich von Peacock einen feuchten Lappen reichen, den er an Toni weiterreichte. Der biss in den nassen Stoff und knurrte vor sich hin.</p><p>�Schone den Arm einige Tage. Es ist wichtig, ihn mit nassen Umschl�gen zu k�hlen. Nimm diesen Lappen mit. Tauche ihn einfach in kaltes Wasser, und wasche ihn nach der Anwendung immer wieder aus. Und die Wunde am Schl�sselbein � lass den Schorf darauf. Kratze ihn nicht herunter, und versuche ihn nicht mit Wasser aufzuweichen. Lass der Heilung ihren Lauf.� Marcs Stimme war sanft, fast bet�rend. Geschickt legte er den Arm des Zimmermanns in eine Schlinge und fixierte sie am K�rper.</p><p>St�hnend erhob Toni sich. Ein deutliches �Danke� erklang.</p><p>Carls Augen weiteten sich: Ein H�ne ohne Z�hne, ein Kerl, breit wie ein Schrank mit kindskopfgro�en F�usten bedankte sich bei dem H�nfling, der ihn eben H�llenqualen hatte leiden lassen. Immer noch blass, ein wenig wankend, lehnte der Zimmermann sich an die Wand und rutschte an ihr entlang auf den Boden.</p><p>Sofort war Peacock zur Stelle. �Soll ich dich ins Mannschaftsdeck begleiten?�, fragte er in besorgtem Ton.</p><p>Der Zimmermann schaute ihn mit glasigem Blick an, hob wortlos den linken Arm und lie� sich auf die Beine helfen. Als die beiden M�nner an Carl vorbeiliefen, f�hlte er sich an Paracelsus erinnert<emphasis>: Nicht Titel und Beredsamkeit, nicht Sprachkenntnisse, nicht die Lekt�re zahlreicher B�cher sind die Erfordernisse des Arztes, sondern die tiefste Kenntnis der Naturdinge.</emphasis> Er musterte seinen Gehilfen genauer.</p><p>Inzwischen kniete Marc auf dem Boden und schnitt mit einer Schere durch das Hosenbein eines Seesoldaten, der ihn willenlos gew�hren lie�. Als das Knie freigelegt war, begann er, es vorsichtig zu drehen und zu wenden. Dabei wanderte sein Blick hoch zum Gesicht seines Patienten, um sicherzugehen, dass die Schmerzen bei der Untersuchung ertr�glich blieben.</p><p><emphasis>Etwas Besseres als dieser Mann konnte uns gar nicht passieren</emphasis>, erkannte Carl und hockte sich neben seinen Gehilfen.</p><p>Der schaute kurz auf und l�chelte. �Gut, dass du kommst, ich k�nnte hier deine Einsch�tzung gebrauchen.�</p></section><section><title><p><strong>Nordatlantik, Kapverdische Inseln, 21.�August 1785</strong></p></title><p>Morgen f�r Morgen war es das gleiche Ritual. Ein Sprung aus der Koje, schlurfende Schritte zum Nachttopf, ein G�hnen, dann das Pinkeln. Im Anschluss daran wurde Wasser in die Waschsch�ssel gef�llt und die morgendliche Reinigung samt Rasur erledigt. Morgen f�r Morgen blieb Mary liegen, r�hrte sich nicht und hielt die Augen geschlossen, bis Franklin zumindest seine Hose �bergezogen hatte.</p><p>Doch heute blieb Franklin mit einem Rundr�cken auf der Kante der Koje sitzen. �Was war das f�r ein Abend�, seufzte er und fuhr sich mit dem Handr�cken �ber die Augen.</p><p>Mary rollte sich auf die Seite und schaute ihn an. Tief in der Nacht war er in der Kaj�te erschienen und in voller Montur in die Koje gefallen. �Gab es Schwierigkeiten?�, fragte sie.</p><p>�Schwierigkeiten sind kein Ausdruck.� Franklins Stimme bebte vor Emp�rung. �Doc Havenport arbeitet mit Methoden, die grauen Vorzeiten entstammen. Die Entwicklungen der modernen Wundbehandlung sind offenbar spurlos an ihm vor�bergegangen.� Er stie� sich von der Koje hoch und kn�pfte sein Hemd auf. Dann stie� er mit dem Fu� den Nachttopf an und nestelte an seiner Hose herum.</p><p>Mary drehte sich auf den R�cken, verschr�nkte die Arme hinter dem Kopf und schloss die Augen. Ihr Abend war gro�artig gewesen, soweit man das bei solch einer Katastrophe denken durfte. Sie hatten sieben Patienten versorgt: ein ausgekugelter Arm, eine Quetschung, zwei Stauchungen und drei Frakturen. Drei der M�nner waren durch die Explosionen von den Beinen gerissen worden, die anderen hatten sich in der darauffolgenden Panik oder beim Versuch, Hilfe zu leisten, verletzt. Zwei Patienten hatten zudem Schnittwunden durch umherfliegende Splitter aufgewiesen. Noch immer war Mary von Carls Souver�nit�t und Fachwissen beeindruckt.</p><p>Gemeinsam hatten sie die Patienten behandelt und anschlie�end die Offiziersmesse wieder hergerichtet. Seine H�nde waren gro�, die Finger jedoch feingliederig und geschickt in ihren Ausf�hrungen. Unentwegt hatte sie auf diese H�nde schauen m�ssen.</p><p>Mary blinzelte. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass Franklin aus seiner Hose stieg und sie auf den Boden fallen lie�. Warum musste dieser Mann so reinlich sein? Jeden Morgen die gleiche Prozedur. Sie presste die Augen zusammen und h�rte ihn pinkeln.</p><p>�ber das Pl�tschern hinweg sprach Franklin weiter: �Doc Havenport bedauerte, keine kleingeschnittenen Hasenhaare und Eiwei� zur Hand zu haben, um die Blutung zu stillen. Stattdessen goss er die Wunden mit warmem �l aus.�</p><p>Mary riss die Augen wieder auf und starrte auf Franklins wei�en Hintern. �Das darf nicht wahr sein!�</p><p>�Oh, doch. Wir diskutierten alles, wirklich alles. Ja, wir standen vor den Patienten und diskutierten den Sinn oder Unsinn von Wundn�hten und Wein zum K�hlen und Reinigen. Es war unfassbar. Wir haben im Urschleim der Medizingeschichte angefangen.�</p><p>Franklin machte eine Sch�ttelbewegung und tauchte die H�nde in die Sch�ssel. Er sch�pfte Wasser und spritzte es sich �ber den Leib, bis eine G�nsehaut seinen R�cken bedeckte.</p><p>�Und der Grog, der ist �berhaupt das beste Heilmittel, das wir haben. Neunzig Prozent aller Leiden bekommen wir damit kuriert. Arzt bin ich nicht, wahrhaftig nicht. Aber ertragen habe ich diesen Schwachsinn dennoch kaum. Der Kleine, wie hei�t er? Na, der Sohn vom Bennetter, der hat�s richtig gemacht. Irgendwann drehe ich mich um, und er war weg, hatte das Weite gesucht. Ich kann�s sogar verstehen. Ich werde mir die Naht heute noch einmal anschauen, aber ohne unseren Doc.�</p><p>Die Haut wurde rot, so heftig rieb Franklin sie mit dem Leintuch trocken. �Wei� der Himmel, wer den f�r diese Reise vorgeschlagen hat. Der Mann ist gef�hrlich.� Er stie� gegen die Waschsch�ssel, und das Wasser ergoss sich �ber seine Hose. Franklin wischte beil�ufig mit der Hand �ber den nassen Stoff und fluchte weiter: �Sauberkeit ist das oberste Gebot. Sie ist in den kommenden Tagen entscheidend. Wir k�nnen von Gl�ck sprechen, dass der Kapit�n in den letzten Tagen das Mannschaftsdeck hat ausschwefeln und mit Weinessig s�ubern lassen. Das alles n�tzt uns in dieser Situation mehr als der anwesende Arzt. Und wenn wir endlich San Jago erreichen w�rden, k�nnte die Mannschaft an Land gehen, um sich zu erholen.�</p><p>San Jago. Ein Kribbeln durchlief Mary. Windstille hatte die geringe Strecke von Madeira zu den Kapverdischen Inseln in die L�nge gezogen. Der Gedanke, dass der Kapit�n der Mannschaft voraussichtlich einen Landgang gestatten w�rde, weckte ihre Lebensgeister. Gleich w�rde Franklin die Kaj�te verlassen, sicherlich w�rde er Carl aufsuchen und die Vorg�nge der Nacht mit ihm besprechen. Vielleicht hatte ihre Arbeit Carl zugesagt, vielleicht w�rde er sie nun auf eine Exkursion mitnehmen?</p><p>Der Gedanke, ihm beim Fr�hst�ck in der Offiziersmesse zu begegnen, versetzte sie in Hochstimmung.</p><p>Sie l�chelte �berrascht.</p><p>�Vielleicht kann man es so einrichten, dass Doc Havenport die leichteren Patienten auf der Reise behandelt�, sagte sie.</p><p>Franklin schob seine Locken in ein Zopfband. �Ja, und wie soll man das begr�nden?�</p><p>�In der Herstellung von Salben, Tinkturen und Tabletten ist er wohl ein Fachmann. Soviel ich wei�, sticht er sogar seine Tabletten noch selbst. Das hei�t, dass er damit einen enormen Aufwand hat, und deshalb ben�tigt er an anderer Stelle Entlastung.�</p><p>�Keine schlechte Idee. Ich bin dann bei Carl, mal sehen, wie er die Situation beurteilt.�</p><p>Die T�r schlug zu.</p><p>Mary setzte sich auf. Franklins Kiste stand offen, das Handtuch lag zerkn�llt auf seiner Koje, und der Boden war mit kleinen Wasserlachen �berzogen. Sie schob sich aus der Koje und �ffnete ihren Seesack.</p><p>Just in diesem Moment riss Franklin die T�r auf und st�rmte, wie es seine Art war, in die Enge der Kaj�te hinein.</p><p>Mary schaute nur kurz auf und zog ein frisches Hemd hervor. Das w�rde sie sich heute g�nnen: ein frisches Hemd.</p><p>Sie stutzte.</p><p>Franklin stand hinter ihr und schwieg.</p><p>Erstaunt blickte sie ihn an. �Was fehlt dir? Was hast du vergessen?�</p><p>�Meine Weste�, sagte er. Seine Stimme war tonlos. Die linke Augenbraue ragte steil in die H�he, ein Spitzbogen unter rotblonden Locken.</p><p>Mary fr�stelte.</p><p>�Was ist das?� Er schob das Kinn vor und reckte es in ihre Richtung.</p><p>�Was meinst du?�, fragte Mary und drehte sich zu ihm um.</p><p>�Na, das da � an deiner Hose.�</p><p>Sie schaute an sich herunter. Die helle Hose des Vaters. Ausgeleierte Baumwolle, ein wenig zu gro� und angeschmutzt, aber ansonsten gut in Schuss.</p><p>�Nein, ich meine hinten. Da ist Blut.�</p><p>�Ach, das ist sicherlich von gestern�, erwiderte Mary leichthin, �hoffentlich bekomme ich das ausgesp�lt, wenn es jetzt schon getrocknet ist.�</p><p>Franklin sch�ttelte den Kopf. �Es ist frisches Blut an deiner Hose�, sagte er bedrohlich leise, �ein recht gro�er Fleck.�</p><p>Mary warf den Kopf herum, zerrte am Stoff und sah den Fleck in leuchtendem Rot.</p><p>�Siehst du es? Du blutest.�</p><p>Du blutest.</p><p>Zwei W�rter, die k�rzer kaum sein konnten.</p><p>Drei Silben, die schlimmer schmerzten als Schl�ge.</p><p>Dagegen war Edisons Faustschlag ein Windhauch gewesen.</p><p><emphasis>Ich bin enttarnt.</emphasis></p><p><emphasis>Ich habe verloren.</emphasis></p><p><emphasis>Nein!</emphasis></p><p><emphasis>Nein, gib nicht auf, versuche es. Versuche es wenigstens.</emphasis></p><p>�Du musst wissen���, sie stockte. �Mein Ges��, der harte Stuhlgang���, setzte sie erneut an, doch die Gedanken zerfielen in ihrem Kopf.</p><p>�Komm mir nicht damit�, br�llte Franklin auf. Sein Blick hing an ihrem Gesicht, tastete sich von den Augenbrauen �ber die Nase zu den Lippen herab.</p><p>Sie sah, dass er sah. Dass die Haut zu zart, das Kinn zu weich war. Sie zitterte und schrak zusammen, als er nach ihrem Arm griff und den Hemds�rmel in die H�he schob.</p><p>�Ich h�tte es viel fr�her bemerken m�ssen.� Seine Stimme war ein Fl�stern geworden, gequ�lt und verzweifelt, eine Ansprache an sich selbst. �Ich h�tte es bemerken m�ssen! Nicht ein einziges Mal hast du dich in den letzten Wochen rasiert, und auch auf deinem Arm w�chst kaum ein Haar.� Er packte Marys Halstuch, doch der Knoten gab nicht nach, und ihr Kopf wurde nach vorne gerissen. Jetzt griff Franklin in den Stoff, zerrte am Knoten und zog das Tuch mit einer Kraft herab, dass seine zur Faust geballte Hand auf ihren Brustkorb schlug.</p><p>Ihr Hals lag frei, und die Luft strich k�hl �ber die Haut. Nackt kam sie sich vor.</p><p>�Wie recht ich habe: Du hast auch keinen Adamsapfel, du bist eine Frau.� Er lie� das Tuch fallen, langte an die Kn�pfe ihres Hemdes und �ffnete es. Gr�ulich, fast br�unlich bedeckte der Wickel die Brust.</p><p>Mary sch�mte sich wie nie zuvor. Daf�r, dass der Stoff speckig war und stank, daf�r, dass sie ihn nicht ein einziges Mal hatte abnehmen und waschen k�nnen. Daf�r, dass sie ein schmutziges, dummes Weib war und mehr nicht.</p><p>Franklin trat zwei Schritte zur�ck. Mehrfach fl�sterte er: �Eine Frau habe ich verpflichtet, eine Frau.� Mit jedem Satz raufte er sein Haar, wobei seine rotblonden Locken hin- und hersprangen. Breitbeinig sank er auf die Seemannskiste, die zwischen ihren Kojen stand. Still sa� er da, w�hrend sein Blick noch einmal alles an ihr abtastete. Hals, Brust, H�fte, Beine.</p><p>Mary stand vor ihm und ertrug das Flackern in seinen Augen. Nicht ein Gedanke in ihrem Kopf wollte sich f�gen, kein Wort wollte sich l�sen. Die Zunge lag schwer in ihrem Mund, stumm starrte sie ihn an.</p><p>Jetzt sp�rte sie das Ziehen in ihrem Unterleib.</p><p>Zu sp�t.</p><p>�Alle werden annehmen, dass ich mir ein Liebchen an Bord geholt habe. Direkt in meine Kaj�te. Du hast mich ruiniert, meinen Ruf ruiniert. Was hast du dir dabei gedacht?� Er sprang auf. Packte sie am Hemd und stie� sie gegen die T�r. Dr�ckte den Arm auf ihren Kehlkopf, und der dumpfe Schmerz erschien ihr wie eine wohlverdiente Strafe.</p><p>Die Luft wurde ihr knapp, doch sie wehrte sich nicht. <emphasis>Ob er mich umbringt,</emphasis> fragte sie sich kurz. <emphasis>Er ist au�er sich. Komplett au�er sich.</emphasis></p><p>Abrupt lie� Franklin ihren Hals los, stie� sie zur Seite und verlie� die Kaj�te. Wortlos und ohne seine Weste.</p><p>***</p><p>Gebetb�cher hatten gefehlt. Woher sollte er denn wissen, dass die kleinen Scheuersteine auch Gebetb�cher genannt wurden? Eine Frage zu viel, und schon h�tte sich Vater wieder aufgespielt. Einen Eimer hatte er ihm in die Hand gedr�ckt und ihn losgeschickt, neuen Scheuersand aus dem Ladedeck zu holen. Eine sinnlose Aufgabe. Die Reinigung des Decks war abgeschlossen, und niemand brauchte mehr einen Eimer Sand, er w�rde nur tagelang im Weg herumstehen.</p><p>Misstrauisch be�ugte Seth den Eimer. Er hatte eine beachtliche Gr��e. Damit blieb ihm die Wahl: sich totzuschleppen oder sich vom Vater zur Sau machen zu lassen, wenn er einen halbvollen Eimer zur�ckbringen w�rde. Wie er neben dem Sand noch kleine Scheuersteine tragen sollte, war ihm ein R�tsel. Wahrscheinlich musste er mehrmals laufen.</p><p>Seth seufzte. Er ahnte, was kommen w�rde, sobald der gef�llte Sandeimer und ausreichend Gebetb�cher von ihm an Deck geschafft worden waren: Sicher durfte er dann wieder alles ins Ladedeck hinabschleppen.</p><p>�Langsamer, langsamer.�</p><p>Abrupt blieb Seth stehen, wartete und lauschte. Ein leises Schmatzen war zu h�ren. Er hielt den Atem an, duckte sich hinter zwei gestapelte Vorratskisten, stellte sachte den Eimer ab und lugte �ber den Rand der oberen Kiste.</p><p>Ein Mann.</p><p>Ein R�cken.</p><p>Ein Hintern, der sich vor- und zur�ckbewegte.</p><p>Vor dem Mann kniete ein zweiter Mann. Ein Mann mit einer schiefen Nase. Den Mund ge�ffnet.</p><p>Seth ging in die Hocke. Ihm wurde �bel. <emphasis>Lieber Gott, hilf mir,</emphasis> flehte er stumm. <emphasis>Was soll ich machen? Wenn die beiden mich hier finden, bin ich dran. Und wenn man die beiden entdeckt, werden sie mit der Peitsche totgeschlagen. Ich kann nichts machen. Ich muss abwarten, und vor allem muss ich still sein. Ganz still.</emphasis></p><p>Einer der M�nner begann zu st�hnen. Das Schmatzen wurde lauter. Seth presste die H�nde auf die Ohren. <emphasis>Und wenn ich nicht bald wieder an Deck erscheine, werde ich von Vater totgeschlagen.</emphasis> Tr�nen brannten in seinen Augen. Er hasste das Schiff, und er hasste die M�nner. Alle. Immer ging es um Sex, um M�sen, Titten und Ficken und nichts anderes.</p><p>Das St�hnen und das Schmatzen endeten.</p><p>�Gro�artig, du machst das gro�artig. Aber das n�chste Mal bin ich zuerst dran.�</p><p>Edison. Das war Edisons Stimme. Seth kroch noch ein St�ck weiter hinter die Kiste.</p><p>Der Matrose kam auf seinem Weg zum Niedergang zuerst an der Kiste vorbei. Er zog noch an seiner Hose herum.</p><p>Der Mann mit der schiefen Nase folgte ihm. Fassungslos schaute Seth den beiden hinterher. Der zweite Mann war Randy Hall, ein angehender Offizier, ein Midshipman.</p><p>Es dauerte, bis die �belkeit nachlie� und er sich traute, sein Versteck zu verlassen.</p><p>***</p><p>Als sich Franklins Kopf durch den T�rspalt der Kaj�te schob, hob Carl die Augenbraue. Sein Gehilfe war augenf�llig blass, und, was ihn erst recht aufmerken lie�, er hatte angeklopft. Mit einem Nicken bedeutete Carl ihm, dass er auf der Koje Platz nehmen solle. Er legte die Feder beiseite, lehnte sich auf seinem Stuhl zur�ck und beschloss, Franklin nicht zu dr�ngen.</p><p>Mit einer fahrigen Geste wischte dieser sich �ber die Augen, faltete dann die H�nde im Scho� und r�ckte vor bis zur �u�ersten Kante der Koje. Seine Weste war zerknittert und schief gekn�pft. Erst jetzt hob er den Blick und schaute auf. �Ich habe einen Fehler gemacht�, sagte er.</p><p>Die Kraftlosigkeit seiner Stimme verursachte Carl ein Unbehagen, ein deutliches Signal, dass ein ernsthaftes Problem vorlag. �Probleme sind zum L�sen da�, entgegnete er und �rgerte sich im selben Moment �ber die leere Worth�lse.</p><p>�Dieses Problem werden wir nicht so schnell l�sen k�nnen.�</p><p>�Franklin, bitte, nun sag mir, um was es geht.�</p><p>�Wir haben eine Frau an Bord.�</p><p>Fast h�tte Carl aufgelacht ob der Absurdit�t des Geh�rten, doch sein Gehilfe fuhr fort: �Die Frau ist leider im naturwissenschaftlichen Stab, es ist Marc Middleton. Er�� sie ist eine Frau.�</p><p>Die Zeit schien sich zu dehnen, und Carl verga� das Atmen. Sein Mund �ffnete sich, schnappte nach Luft und schloss sich wieder.</p><p>Franklin vergrub das Gesicht in seinen H�nden. �Es ist mir so unangenehm, dass mir ein solcher Fehler�� ausgerechnet mir���, stammelte er.</p><p><emphasis>Marc Middleton</emphasis>. Der Name dr�hnte in Carls Sch�del und klang dabei hohl und d�rr. Er ergriff die Karaffe und lauschte dem Wasser, das er in ein Glas goss. Zu gern w�re er aufgesprungen, h�tte mit der Faust auf den Tisch geschlagen, dieses Frauenzimmer zu sich zitiert und gebr�llt, dass er�� Ja, was h�tte er ihr entgegengebr�llt? Ruckartig setzte er die Karaffe ab, lie� das Glas stehen und lehnte sich zur�ck. Er schloss die Augen.</p><p>�Ihr Name ist Mary Linley�, sagte Franklin in das Schweigen hinein.</p><p>Carl riss die Augen wieder auf. �Sie ist die Tochter des Arztes und Botanikers aus Plymouth?�</p><p>Franklin nickte.</p><p>�Ihr Vater ist tot, bei Kap Hoorn ist er umgekommen. Und jetzt denkt sie, sie kann an seiner Stelle durch die Welt reisen?�</p><p>�Ja, das trifft es in etwa. Ihr Vater hat sie ausgebildet und an seinen Forschungen teilhaben lassen. Nach seinem Tod sah sie keine andere M�glichkeit, als sich dieses Mittels zu bedienen.�</p><p>�Von welchem Mittel sprichst du? Dass sie sich als Mann ausgibt und uns zum Narren h�lt?�</p><p>�Uns war sie bisher, hier auf dem Schiff, eine anst�ndige Gef�hrtin�, erwiderte Franklin.</p><p>Carl sprang auf und stie� in der Enge der Kaj�te schon beim ersten Schritt gegen die Beine seines Gehilfen. Nicht nur Franklin und ihn hatte sie zum Narren gehalten, nein, auch die Navy, den Kapit�n, die Besatzung, sie allesamt hatte sie f�r dumm verkauft. Sicher hatte er davon geh�rt, dass es immer wieder Frauen gab, die sich als Matrosen auf Schiffen einschleusten, sogar von Piratinnen erz�hlte man sich. Dass sich Frauen aber nun in die Wissenschaft einschleusten, und das ausgerechnet bei ihm, brachte ihn zur Wei�glut. Er hatte nichts gegen Frauen, er hatte nicht einmal etwas gegen denkende Frauen einzuwenden. H�tte sie ihn in ihren Plan eingeweiht, ja, er w�re durchaus bereit gewesen, sich zu �berlegen, eine Frau als Mann verkleidet an Bord zu nehmen. Alles war vorstellbar. Doch die Summe der L�gen, die sie angeh�uft hatte, war unvorstellbar. Er war Wissenschaftler, auf der Suche nach der Wahrheit, die in den Dingen steckte. L�gner konnte er dabei nicht gebrauchen.</p><p><emphasis>Du w�rst auch ein L�gner gewesen, wenn du sie als Mann verkleidet mit an Bord genommen h�ttest,</emphasis> lachte eine Stimme in seinem Kopf auf.</p><p>Erneut stie� Carl gegen Franklins Beine. Aus seinen Gedanken gerissen, blieb er stehen, die Arme auf dem R�cken verschr�nkt und sah auf die wild umherstehenden Locken seines Gehilfen hinab. �Nein, so einfach ist das nicht, so einfach ist das nicht. Sie hat uns betrogen, und das wiegt schwerer als die geleistete Arbeit. Bei einem Matrosen, der N�gel aus den W�nden zieht, um sie auf einer Insel gegen ungez�geltes Vergn�gen einzutauschen, w�rde auch niemand geltend machen, dass er bisher gute Arbeit geleistet hat. Der Kapit�n w�rde die ihm zustehende Leibstrafe verh�ngen.�</p><p>Er wartete, aber Franklin bewegte sich nicht und schwieg.</p><p><emphasis>Wie sie wohl im Kleid und mit langem Haar aussehen mag?</emphasis> Carls Faust krachte auf den Tisch, dass es schmerzte. Was ging es ihn an, wie sie h�bsch zurechtgemacht aussehen w�rde. Kaum war eine Frau an Bord, und schon irrten seine Gedanken umher.</p><p>�Wissenschaft ist�, setzte er erneut an, �die Erweiterung von Wissen durch Forschung. Soweit sind wir uns einig, ja?�</p><p>Immer noch regte sich Franklin nicht. Still sa� er auf dem Rand der Koje und lie� ihn nicht aus den Augen.</p><p>Carls Stimme wurde drohend. �Forschung ist die methodische Suche nach neuen Erkenntnissen. Hiermit meinen wir ihre Dokumentation, eine systematische Aufarbeitung der Ergebnisse und deren Ver�ffentlichung. Prinzipiell soll also jedermann die Forschungsergebnisse nachvollziehen und f�r sich nutzbar machen k�nnen. Und was, denkst du, hat all das mit einer Frau zu tun, die in Hosen durch die Welt l�uft? Die jedermann �ber ihre Identit�t bel�gt? Was haben diese k�mmerlichen L�gen mit der reinen und wahrhaftigen Wissenschaft zu tun?�</p><p>Noch immer erwiderte sein Gehilfe nichts.</p><p>�Seit wann wei�t du es?�</p><p>�Seit heute morgen. Direkt nach der Entdeckung habe ich die Kaj�te verlassen, mir fehlten die Worte, ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Nachdem ich auf dem Deck Luft geholt hatte, bin ich wieder zur�ckgekehrt. Ich wollte wissen, wer sie ist. Sie sitzt in der Kaj�te und wartet. Was machen wir jetzt?�</p><p>�Ich werde jetzt auch erst einmal an Deck verschwinden. Ein paar Runden zu laufen kann nicht schaden. Und du solltest dir �berlegen, was du jetzt zu unternehmen gedenkst�, sagte Carl und warf die T�r hinter sich zu.</p></section><section><title><p><strong>San Jago, 21.�August 1785</strong></p></title><p>Anpassung bedeutete T�uschung. Der Falter, der sich �ber Populationen hinweg an eine Baumrinde, vielleicht auch an einen schlammigen Untergrund angepasst und so seine �berlebenschancen erh�ht hatte, war nichts von alledem. Er war weder Rinde noch Teil des Baumes, er war weder Schlamm noch Wasser. Er war eine T�uschung. Sobald man ihn enttarnte und er sich fl�gelschlagend erhob, wurde es sichtbar:</p><p>Er war ein Falter.</p><p>So wie Mary eine Frau war.</p><p>Es war noch nicht einmal Ende August, kaum vier Wochen war sie unterwegs, und Franklin hatte sie enttarnt.</p><p>Auf dem Schiff w�rde sich die Kunde verbreiten, dass eine Kopie, eine schlechte dazu, eine billige T�uschung unter ihnen weilte. Die M�nner w�rden erfahren, wer sie die letzten Wochen zum Narren gehalten hatte.</p><p>Sie w�rden sie in Gewahrsam nehmen und dar�ber entscheiden, wie es mit ihr weiterginge. W�rden sie eine Frau, die sich als Mann ausgab, auch wie einen Mann bestrafen?</p><p>W�rden sie an ihr die neunschw�nzige Katze ausprobieren? W�rden sie die aus ledernen Schn�ren gebundene Peitsche das erste Mal auf dieser Fahrt aus dem Beutel nehmen und ihr den R�cken blutig schlagen? Wenn sie sich daf�r entschieden, w�rden sie die Schl�ge in Rautenform ansetzen, erst von links und dann von rechts peitschen lassen, bis sich das Fleisch in Fetzen von den Knochen l�ste.</p><p>Schritte. Schwer und schleppend kamen sie den Flur herab und gingen doch vor�ber. Fast w�re Mary aufgesprungen und h�tte die T�r aufgerissen, um den Vor�bergehenden zu beschw�ren: �Kehrt um. Nehmt mich mit. F�hrt mich zum Kapit�n und macht der Ungewissheit ein Ende, aber lasst mich hier nicht mehr allein.�</p><p>Stattdessen war sie in Gesellschaft ihrer Gedanken geblieben und hatte gewartet.</p><p>Das Schiff hatte inzwischen San Jago erreicht und war dabei, in der Bucht von Porto-Praya vor Anker zu gehen. Bald darauf wurde es still an Bord, nur das Schlagen der Wellen, die auf die K�ste klatschten, war zu vernehmen. Ein eint�niges, t�ckisches Klatschen, das die Nerven reizte.</p><p>Mary schob die T�r auf und schaute in den Flur hinaus. Niemand war zu sehen. Z�gerlich verlie� sie die Kaj�te.</p><p>Auf dem Achterdeck eilte ihr der Astronom entgegen, er rieb sich die Stirn, hielt den Kopf gesenkt und murmelte Unverst�ndliches.</p><p>Vielleicht w�rde er sie, verfangen in seinen Gedanken, nicht wahrnehmen, hoffte Mary und schaute �ber ihn hinweg auf die Insel hinaus.</p><p>Doch der hagere Mann blieb vor ihr stehen, lie� die Hand sinken und blinzelte. �Ah, Mr.�Middleton! Sir Belham bat mich, Euch auszurichten, dass die Herren zu Besuch beim Commandanten im Fort sind. Dort ist derzeit der Generalgouverneur zugegen, und man wird gemeinsam speisen.� Damit schien das Gespr�ch f�r ihn beendet, denn er nickte nur, begann erneut an seiner Stirn zu reiben und setzte seinen Weg fort.</p><p>Das Schiff schwankte sanft auf den Wellen. Mary lie� den Blick �ber die K�ste Porto-Prayas schweifen, eine der Inseln des gr�nen Vorgebirges. Steile Felsen vulkanischen Ursprungs, durchsetzt mit verfallenen Festungswerken, verbranntes Gras, ein paar k�mmerliche Dattelpalmen. Auch wenn Cabo Verde, das Kap Westafrikas, in seiner Sch�nheit und Gr��e, gr�n und �ppig, bei der Namensgebung Pate gestanden hatte, war hier wenig zu entdecken, das dem Auge schmeichelte. Dennoch schien ihr K�rper ein Eigenleben zu entwickeln: Alles an ihr gierte danach, festen Boden unter den F��en zu sp�ren, die Beine lechzten, auszuholen und zu laufen. Stundenlang zu laufen, selbst wenn das Auge nur D�rre und Staub geboten bekam.</p><p>Mary sog die Luft ein, die ihr herb und fast sandig erschien. Konnte man Sand riechen? Sie h�tte schw�ren k�nnen, ihn sogar zu schmecken, eine Wohltat nach den Wochen auf See, in denen die Luft nie aus mehr als N�sse und Salz bestanden hatte. Das Messing der Reling unter ihren Armen, lehnte sie sich vor, und der Wind zupfte ihr die Str�hnen aus der Stirn.</p><p>Was hatte Peacock gesagt? Die Herren speisten beim Commandanten. W�rde man sie hier zur�cklassen, um sie mit dem n�chsten Schiff nach England zur�ckzubringen? Sie sah sich erneut auf dem Deck um. Die Wachen, die vereinzelt postiert waren, lungerten herum und nahmen keine Notiz von ihr. Sie musste die Gelegenheit beim Schopfe packen und wenigstens einmal fremdes Land betreten.</p><p>Schnell lief sie in die Kaj�te und packte Botanisiertrommel, Messer, Pinzetten, Glasphiolen, Stoffbeutelchen und das kleinste Schmetterlingsnetz ein. Ihre erste Auslandsexpedition konnte beginnen.</p><p>Der Fu�weg nach Porto-Praya schl�ngelte sich steil zwischen den Felsen hinauf. Immer wieder wandte sie sich um, doch niemand nahm Notiz von ihr, niemand folgte ihr.</p><p>Warum lie� man sie unbewacht von Bord gehen?</p><p>Hatte Franklin vielleicht noch kein Wort �ber ihre Enttarnung verloren? Aber was bezweckte er damit? Wollte er, dass sie sich absetzte und ihnen die Scham der kommenden Ereignisse ersparte?</p><p>War es denn denkbar, auf der Insel unterzutauchen?</p><p>Auf ihrer Wanderung sah Mary sich genau um. Der �berwiegende Teil der Bev�lkerung war arm. Bitterarm. Die M�nner trugen verschlissene Camisole, die Frauen waren in baumwollenes Zeug geh�llt, das von den Schultern bis zu den Knien herabhing. Die Kinder liefen bis zum mannbaren Alter nackt in der Hitze herum. Ebenholzfarbene Haut, so dunkel, wie Mary sie noch nie gesehen hatte. Nachtschwarze Augen, die zu Boden schauten, und weiche Lippen, die geschlossen blieben, wenn Fremde ihnen Befehle erteilten.</p><p>Ob die Sklaverei auf dieser Insel jemals abgeschafft worden war, vermochte Mary nicht zu beurteilen. Die Inselbewohner lebten so elendig, dass es auch keinen Unterschied machte. Sicherlich w�rde man jeden von ihnen halbtot pr�geln, den man �berf�hrte, eine wei�e Frau zu verbergen. Offenbar hatte sich nicht viel ge�ndert, seit ihr Vater hiergewesen war. Schon einst ging alles, was auf diesem kargen Eiland erwirtschaftet wurde, an den Gouverneur und seine Commandanten, an die Kirchenm�nner, die es hier zuhauf gab, oder an die Agenten der Handelsgesellschaften. Darauf, sich an einen dieser M�nner zu wenden, brauchte sie keinen Gedanken zu verschwenden. Jeder w�rde sofort erfassen, dass sie, eine junge Frau aus England, in Schwierigkeiten steckte, sobald sie um Unterkunft bat.</p><p><emphasis>Franklin wird wissen, dass es auf dieser verfluchten Insel f�r mich kein Entkommen gibt. Was bezweckt er mit seinem Schweigen?</emphasis></p><p>Mary zog die Schuhe aus und genoss die Hitze der Felsen, den Sand zwischen den Zehen, den Druck der Steine, die ihre Fu�sohlen massierten. Ihr Kopf f�hlte sich leicht und leer an. Sie lief und lief und lief. Und wenn sie innehielt, dann nur, um Steine und Pflanzen aufzulesen. Jedes Fundst�ck eine Erinnerung an ihre Reise.</p><p>Von einem der H�nge konnte sie den Dorfbrunnen erkennen. M�nner der Mannschaft umstanden ihn oder sa�en im Schatten der B�ume. Augenblicklich machte Mary einen gro�en Bogen, der sie querfeldein an den Zuckerrohrplantagen entlangf�hrte.</p><p>Vor einem Orangenbaum blieb sie stehen und musterte die Fr�chte, die gr�nlich gelb in den Zweigen hingen.</p><p>Eine Frau mit ebenholzfarbener Haut trat zwischen den B�schen hervor und sprach sie an. Und obwohl sie begriff, dass Mary keines ihrer Worte verstand, zerrte die Fremde sie mit sich unter den Baum und zeigte in die Krone hinauf.</p><p>Vereinzelt waren reife Orangen auszumachen, doch Mary sch�ttelte den Kopf. Sie sp�rte die Schwere in ihren Gliedern, die von der Aufregung des Tages herr�hrte. Nein, sie w�rde dort nicht hinaufklettern.</p><p>Die Frau gab ihr einen Klaps auf die Schulter, griff in die Zweige und zog sich in die H�he. Auf einem festen Ast blieb sie stehen und lie� ihre Hand in den dunkelgr�nen Bl�ttern verschwinden. Als die Hand wieder auftauchte, hielt sie eine pralle Frucht, die sie fallen lie�. Mary fing sie auf und strich �ber die glatte Schale. Die Frau sprang herunter, landete neben ihr und langte nach der Orange. Ihre schwarzen Finger mit den hellen N�geln gruben sich in die Schale, dass der Saft herausspritzte. Ehe Mary sich�s versah, hatte die Frau ein St�ck gelbes Fruchtfleisch herausgetrennt und hielt es ihr entgegen.</p><p>Citrus aurantium sinensis. Der Apfel der Chinesen.</p><p>Mary f�hlte die Feuchtigkeit der Frucht, atmete den Geruch ein. Speichel schoss ihr in den Mund, im Gedanken daran, die vielbeschworene S��e zu schmecken. Porridge, D�rrfleisch, Zwieback, Sauerkraut. Woche um Woche. Und nun der �berw�ltigende Duft dieser Frucht.</p><p>Ihr Z�gern schien die Fremde zu belustigen. Sie lachte. Wei�e Z�hne gl�nzten auf, und mit der Hand deutete sie an, Mary solle die Frucht verspeisen.</p><p>Die Augen geschlossen, biss sie zu. Das Fruchtfleisch war nass und s��, die glatten Fasern zerfielen auf der gierenden Zunge. Ein Fest f�r den Gaumen.</p><p>Mary �ffnete die Augen.</p><p>Ein zufriedener Ausdruck huschte �ber das Gesicht der Frau, die ihr die halbge�ffnete Frucht in die Hand legte und zu einer H�tte, die hinter dem Buschwerk zu erahnen war, verschwand.</p><p>Am Strand knirschten die schwarzgrauen Steine unter jedem Schritt. Im Schatten einer Palme lie� Mary sich nieder, lehnte sich gegen den Stamm und beobachtete die <emphasis>Sailing Queen</emphasis>. Sie schaukelte mit den Wellen auf und ab. Immer wieder wurde die Pinasse zwischen Strand und Schiff hin und her gerudert, um Mitglieder der Mannschaft an Land oder zur�ck an Bord zu bringen. In diesem Moment bestiegen zwei Matrosen das kleine Beiboot. Sie trugen einen Beutel bei sich, den sie nur mit M�he b�ndigen konnten. Der derbe Stoff beulte sich, ruckte mal hier, zuckte mal dort.</p><p><emphasis>Was die M�nner da wohl anschleppen</emphasis>, fragte sie sich kurz und sah Franklin vor ihrem inneren Auge auftauchen. Er hatte sie angeschleppt, ohne zu ahnen, was er sich zur Beute gemacht hatte.</p><p>Den warmen Sand des afrikanischen Bodens hatte sie unter ihren F��en gesp�rt, die S��e der frisch gepfl�ckten Orange geschmeckt, den Geruch des Unbekannten in sich aufgenommen und die Botanisiertrommel gef�llt.</p><p>Sie war bereit.</p><p>Am Abend w�rde sie an Bord zur�ckgehen und sich in das Unvermeidliche f�gen.</p><p>Ein wenig abseits sa� Kyle Bennetter. Er sah nicht auf, sein Interesse galt seinen S�hnen. Im schwindenden Tageslicht zeigte der Vater den Jungen Seeknoten, die sie eifrig mit ihren Tauen nachbanden. Selbst aus der Entfernung konnte Mary erkennen, dass Nat, der dicht beim Vater sa�, R�cksicht auf den Bruder nahm. Erst wenn der Kleine den Knoten gebunden hatte, pr�sentierte er auch den seinen. So hielten die Jungen dem Vater zeitgleich ihre Arbeiten hin, und Bennetter l�chelte. Zufrieden sah er aus, als er �ber die flachsgoldenen Haarsch�pfe strich.</p><p>Nat sprang auf, als ein Vogel �ber das Wasser flog. Er ergriff einen Stein, doch als er zum Zielen ansetzte, war der Vogel �ber seinen Kopf hinweggeschossen und verschwunden. Den Wurf flach angesetzt, lie� Nat den Stein zwei-, dreimal �ber die Oberfl�che des Wassers springen, erst dann versank er in der Tiefe.</p></section><section><title><p><strong>Atlantischer Ozean, 13.�September 1785</strong></p></title><p>�Du musst den Affen freikaufen.�</p><p>Seth schaute auf und schirmte seine Augen mit der Hand ab. �Ich denke, ich muss mich freikaufen.�</p><p>�Ja, aber du musst auch den Affen freikaufen.� Dan reckte den Brustkorb. Sicherlich hoffte er, dadurch m�nnlicher auszusehen, was ihm auch gelang. Ver�rgert drehte Seth den Kopf beiseite und beobachtete die Tropfen, die auf den Planken zerplatzten. Seit sie San Jago verlassen hatten, regnete es unentwegt. �Warum muss ich den Affen freikaufen?�, fragte er.</p><p>Dan duckte sich unter eines der ge�lten Zeltt�cher, die der Kapit�n auf dem Deck hatte aufspannen lassen, um den Regen aufzufangen. Er stie� dabei gegen die Plane, und ein Schwall Wasser klatschte neben Seth auf den Boden. <emphasis>Du Trampel</emphasis>, wollte er rufen, <emphasis>verschwendest unser Trinkwasser, weil ein paar Tr�pfchen deinen Leib ber�hren</emphasis>, doch er schwieg und wartete auf eine Antwort.</p><p>�Die M�nner erstellen gerade eine Liste, wer bereits den �quator �berquert hat und wer nicht. Die Salztaufe erh�lt, wer die Linie noch nicht �berquert hat. Tiere z�hlen auch dazu. Und euer bl�der Affe wird bisher kaum die Linie �berquert haben, also musst du ihn freikaufen.�</p><p>Der Affe hockte in der Ecke des K�figs und schaute Seth an. Niedliche Augen hatte er. Wie schwarze Kn�pfe, die auf Hochglanz poliert waren. Er war kleiner als eine Katze, und die Farbe des weichen Felles war, je nachdem, wie das Licht darauf fiel, mal gr�nlich, dann wieder br�unlich. Seth f�hlte sich unbehaglich, wie immer, wenn Dan in seiner N�he war. Jedes Mal schrie dann in seinem Kopf eine Stimme auf, er solle auf der Hut sein. Und wieder einmal mehr verstand er nicht, was hier ausgeheckt wurde. Aber sobald Dan daran beteiligt war, konnte das nichts Gutes bedeuten. �Bist du schon getauft?�, fragte er und ahnte die Antwort.</p><p>�Na, klar!� Dan streckte seine Brust noch weiter vor. Er war in den letzten Wochen wirklich ein gutes St�ck gewachsen, zu allem �berfluss hatte der Dreckskerl auch Muskeln angesetzt.</p><p>�Was macht man bei der Taufe?�</p><p>�Das wirst du dann schon sehen.�</p><p>Seth streckte seinen Finger durch das Gitter des K�figs und strich �ber das weiche Fell des Affen.</p><p>Kaum hatte das Schiff abgelegt, hatte Edison den zappelnden Leinensack ge�ffnet und seine Beute pr�sentiert. �Das ist ein gr�ner Affe�, hatte er �bers Deck gebr�llt und das Tier im Nacken packen wollen. Doch der Affe biss ihm in die Hand und sprang kreischend davon. Durch die Beine der M�nner, um Seekisten herum, �ber H�ngematten hinweg fl�chtete er hinter den Ofen. Dort sa� er und r�hrte sich nicht.</p><p>Edison kam auf Seth zu, packte ihn am Hemd und zerrte ihn zum Ofen. Die riesigen H�nde lagen schwer auf Seths Schultern und dr�ckten ihn auf die Knie. �Du hast d�nne Arme, hol das Vieh vor.�</p><p>Unsicher schaute Seth zu Nat hin�ber, doch der nickte nur. In dem dunklen Spalt zwischen Ofen und Bordwand lie� sich der Affe nicht erkennen. Ob er bei�en w�rde?</p><p>�Hol jetzt das Vieh vor, bevor ich ungeduldig werde. Was glaubst du, wie es klingt, wenn ich dir deine d�nnen �rmchen breche? Ich sag�s dir: wie brechender Reisig.� Der Druck auf seinen Schultern verst�rkte sich.</p><p>Nat stand auf und verschwand wortlos. Seth schluckte und schob seine Hand ins Dunkel. Der Schatten, der in der Ecke kauerte, wich seinen suchenden Fingern aus und dr�ngte sich noch weiter an die Wand. Die ersten M�nner langweilten sich und setzten ihr W�rfelspiel fort.</p><p>�Sag dem Schei�vieh, dass ich den Ofen anwerfe und es zu einem St�ckchen schwarzer Kohle r�ste, wenn es da bleibt.� Edisons Stimme wurde lauter, der Druck seiner H�nde unertr�glich. Seths Finger tasteten sich weiter vor und f�hlten nichts.</p><p>Ein St�ck Banane.</p><p>Pl�tzlich stand Nat neben ihnen, ein St�ck Banane in der Hand.</p><p>�Verdammter Rotzl�ffel�, gr�lte Edison, �leckst du dem Smutje den Schwanz, oder warum gibt er dir von seinen kostbaren Fr�chten?�</p><p><emphasis>Das ist kein Schwanzlutscher,</emphasis> dachte Seth, <emphasis>das ist mein Bruder Nat. Ihm f�llt immer etwas ein.</emphasis></p><p>�Dann kannst du ja auch mal bei mir vorbeischauen.� Edison grinste schmierig, langte nach der Banane und dr�ckte sie Seth in die Hand.</p><p>Die Banane verschwand im Dunkel. Der Schatten huschte ein St�ck vor, und Seth griff in das Fell. Weich war es. Der Affe zappelte und schrie, schrill und laut wie ein Baby. Grimmig zog Seth das B�ndel hervor.</p><p>Edison versuchte, nach dem Tier zu greifen, und erneut gruben sich die wei�en Z�hne in seine Finger. Ohne zu z�gern, holte Edison aus. Ein Tritt traf den kleinen K�rper mit solcher Wucht, dass er Seth aus der Hand glitt und �ber die Planken raste. Mit einem dumpfen Knall prallte der Affe an eine Seekiste und blieb liegen.</p><p>Die W�rfelspieler sahen Edisons blutenden Finger, den vor Wut ger�teten Kopf und lachten. Sie sahen, wie der Matrose dem Affen hinterherstapfte und wie sich Nat ihm in den Weg stellte. �Lass den Affen in Ruhe�, hatte er gesagt und dabei die Arme in die Seite gestemmt. Zwei K�pfe kleiner hatte er vor Edison gestanden und ihn direkt angesehen.</p><p><emphasis>Nein, Nat</emphasis>, hatte es in Seth aufgeschrien, <emphasis>es ist nur ein Affe, ein kleiner, verlauster Affe. Mach das nicht</emphasis>.</p><p>Doch Nat war an diesem Abend Besitzer eines gr�nen Affen geworden, der Augen wie Kn�pfe hatte und ein Fell, das so weich war, dass Seth die Worte fehlten, es zu beschreiben.</p><p>�Ey.� Ein Fu� traf Seth in den Oberschenkel, just an der Stelle, die bei der Explosion der F�sser verletzt worden war. Auch wenn Mr.�Myers die F�den l�ngst gezogen hatte, war die Narbe empfindlich. Er schluckte.</p><p>�Ey. Ich rede mit dir.� Noch ein Tritt.</p><p>Seth schaute auf. Dan. F�r einen Moment hatte er ihn vergessen. �Wie kann man sich denn freikaufen?�, fragte er und br�selte trockenes Brot durch die St�be des K�figs.</p><p>�Tja, dein Bruder und du, ihr seid doch so neunmalklug. Dann macht euch schlau, sonst geht der Affe baden�, sagte Dan sp�ttisch. Kurz schob er seine Hand unter dem Zelttuch hervor. Es hatte aufgeh�rt zu regnen. Wortlos ging er zu Edison hin�ber, der gerade seine Wachschicht antrat.</p><p>Henry hatte sie vorgewarnt. Einen H�hnerk�fig hatte er ihnen �berlassen und Essensreste, unter der Bedingung, dass sie das Tier beim n�chsten Landgang wieder in die Freiheit entlie�en. �Er geh�rt nicht auf ein Schiff�, hatte er gesagt und dabei streng geklungen. �Ich habe es schon zu oft erlebt: Alle m�glichen Tiere werden zum Zeitvertreib mit an Bord gebracht und krepieren dann vor Hunger, weil sich niemand mehr um sie k�mmert. Wenn�s gut l�uft. Wenn�s schlecht l�uft, werden sie von irgendwelchen betrunkenen Hohlk�pfen zu Brei geschlagen.�</p><p>Seth �ffnete die T�r des K�figs und strich dem Affen �bers Fell. Flink kletterte das Tier heraus und setzte sich auf seine Beine. <emphasis>Nat und ich werden uns um dich k�mmern,</emphasis> schwor Seth sich, w�hrend er den kleinen R�cken kraulte<emphasis>, wir sind f�r dich da. Mach dir keine Sorgen. Aber ich muss mich mit Nat beraten. Dieses L�cheln, dieses t�ckische Leuchten in Dans Augen bedeutet Gefahr.</emphasis></p></section><section><title><p><strong>Atlantischer Ozean, 14.�September 1785</strong></p></title><p>Waffendrill war ausgerufen worden. Die Offiziere und Seesoldaten exerzierten auf Deck. Carl lie� das Papier sinken und beobachtete das Procedere. Wie die M�nner ihre Arme mal auf die eine Schulter legten, mal auf die andere � sie sahen fast aus wie das Londoner Trane-Orchester. Albern und unprofessionell. Er schmunzelte.</p><p>Der Kapit�n hatte durchgegriffen, um den einrei�enden M��iggang zu unterbinden. Erneut hatte er das Schiff komplett reinigen lassen, selbst die jungen Offiziere hatten im Zwischendeck mit anpacken m�ssen. Danach hatte Gesch�tzdrill an den Kanonen und Drehbassen auf dem Programm gestanden, und nun mussten die Seesoldaten ihr Waffentraining absolvieren.</p><p>Carl blickte zum Himmel, der heute tiefblau und wolkenfrei war. In der Nacht hatte es aufgeh�rt zu regnen. Peacock und er hatten den Polarstern beobachtet, der nun schon ein St�ck tiefer am Nordhimmel hing. Beeindruckt hatte ihn das Kreuz des S�dens, eines der Sternbilder, die man in England nicht zu Gesicht bekam. Hell hatten die Sterne am Firmament gestanden.</p><p>Am Morgen hatte sich die Sonne rot leuchtend aus dem Wasser erhoben. Schnell war der Dunkelheit das Tageslicht gefolgt, ein untr�gliches Zeichen, dass sie sich dem �quator n�herten. Der Linie, die die S�d- und die Nordhalbkugel voneinander trennte und an der Tag und Nacht stets die gleiche L�nge hatten.</p><p>Das zweite untr�gliche Zeichen war die Liste, die er in den H�nden hielt.</p><p>Ein Matrose hatte sie ihm �berreicht. Katzbuckelnd hatte er sich verbeugt und gebeten, dass Carl das Papier dem Kapit�n �bergeben m�ge. �Das sind die ungetauften Mitglieder an Bord�, hatte er angef�gt und seine Worte mit einem aalglatten L�cheln gekr�nt.</p><p>Erneut rollte Carl die Liste auf. Es war grobes Papier, aber immerhin war die Handschrift gut lesbar. Eine Aufreihung von Namen, die mit �Die Mannschaft� unterzeichnet war. An erster Stelle entdeckte er die Namen seiner Gehilfen�� Franklin Myers und Marc Middleton.</p><p><emphasis>Marc Middleton.</emphasis> Er sch�ttelte den Kopf. Es war ihm nicht leichtgefallen, eine Entscheidung zu treffen, wie er mit Mary Linleys Enttarnung verfahren sollte, und wohl f�hlte er sich bisher nicht damit. Doch welche andere Wahl w�re ihm geblieben?</p><p>Hastig dr�ngte er den Gedanken an die Frau beiseite und schaute wieder auf die Liste. Auch Rafael Peacock wurde genannt. Seth Bennetter, Nathaniel Bennetter, Lukas Smith. Andere Namen sagten ihm nichts. Zwei Kater mit den klingenden Namen <emphasis>Whisky</emphasis> und <emphasis>Grog</emphasis> wurden aufgef�hrt. Zu guter Letzt war selbst der Affe des Schiffes als <emphasis>Affe Bennetter</emphasis> verzeichnet. <emphasis>Das kann man auch falsch verstehen,</emphasis> spottete Carl innerlich. <emphasis>Immerhin wei� ich jetzt, dass manche Tiere an Bord tats�chlich Namen haben. Das sind fast buchhalterische Qualit�ten, die hier an den Tag gelegt werden. Erstaunlich, dass man nicht noch die H�hner aufgef�hrt hat oder die Ziegen, vielleicht noch den mageren Ochsen, den wir aus San Jago mitgenommen haben.</emphasis></p><p>Er lehnte sich zur�ck und sp�rte die Stufe in seinem R�cken. Die Vorbereitungen f�r die Salztaufe wurden getroffen. Wenn sich niemand mehr freikaufte, w�rden heute noch einundzwanzig M�nner ins Wasser fahren. Vier Tage lang, hatte Carl beschlossen, wollte er nicht auf seine Brandy-Ration verzichten. Doch gern w�rde er ein Trankgeld entrichten, um sich freizukaufen. Nochmals sah er auf die Liste. Zwei Kater, ein Affe. F�r die Tiere an Bord w�rde ein Aufschlag zu zahlen sein, den er entrichten w�rde. Damit konnte die Mannschaft dann ordentlich Brandy erwerben.</p><p>An der Gro�rah wurde ein Block festgebunden, ein Gewicht, das mit einem Tau verbunden war. In dieses Tau kn�pfte der Matrose, der ihm die Liste �bergeben hatte, drei kleinere Balken. Wenn man es vom medizinischen Standpunkt aus betrachtete, war die �berquerung der Linie eine f�rderliche Ma�nahme der hygienischen Zust�nde. Einige der M�nner, die heute ins Wasser gehen w�rden, ben�tigten dringend eine anst�ndige W�sche. Seit knapp zwei Monaten waren sie nun unterwegs, und der eine oder andere hatte sich bisher nur widerwillig dem Waschtrog gen�hert.</p><p>Carl erhob sich von der Treppe und stieg zum Achterdeck hinauf, um dem Kapit�n die Liste zu �bergeben.</p><p>Sollte das Spektakel seinen Lauf nehmen.</p><p>Es war der helle Klang der Glocke, der die Besatzung nur wenig sp�ter zusammenrief. Bootsmann Bennetter trat vor, die Liste in der Hand, und rief jeden einzelnen Mann auf. Jeden Namen glich er mit denen der Liste ab, um festzustellen, wer die Linie bereits �berquert hatte. Und er kannte keine Gnade. �Seth Bennetter�, rief er, nachdem er die ersten Kreuze neben die Namen der M�nner gesetzt hatte, die heute getauft w�rden.</p><p>Der Junge wurde nach vorne gesto�en, sein R�cken war gekr�mmt, und er warf angsterf�llte Blicke um sich. Ein erb�rmliches Bild, das Carl anr�hrte.</p><p>Bei den zuvor Aufgerufenen hatte Bennetter immer noch die Frage gestellt, ob sie die Linie jemals �berquert hatten. Dieses Mal setzte er, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, ein Kreuz aufs Papier. Und wieder johlte die Mannschaft.</p></section><section><title><p><strong>Am �quator, 14.�September 1785</strong></p></title><p>Wer sich nicht r�hrt, sp�rt keine Ketten. Eine L�ge war das. Eine L�ge, dick wie ihre geschwollenen Fu�gelenke. Die Kette rieb �ber die aufgedunsene Haut, die inzwischen wund und roh war. Mary drehte sich auf die Seite, doch der Verschlag war eng gehalten. Weder im Stehen noch im Liegen konnte sie ausreichend Platz finden.</p><p>Smutje Henry beugte sich vor und lugte durch die Streben. Durch einen Spalt schob er eine Schale Suppe herein. �Was musstest du auch eine Dummheit solchen Ausma�es begehen�, sagte er und sch�ttelte den Kopf.</p><p>Sie versuchte, Henrys Miene zu deuten, unsicher, ob in seiner Stimme Mitleid oder Missbilligung mitschwang. Doch sein Blick war undurchdringlich.</p><p>�Wie geht es Mr.�Myers?�, fragte sie und nahm das blauschimmelige Brot, das Henry hinterherschob. Hastig legte sie sich einen Brocken davon in den Mund.</p><p>�Der arme Mann, man sieht ihn kaum noch an Deck.�</p><p>�Und Sir Belham? Steht er ihm bei?�</p><p>Leise lachte Henry auf. �Was denkst du? Mr.�Myers� Stern ist vergl�ht. Sir Belham redet nicht mehr mit ihm.�</p><p>Ihr wurde schlecht. Sie w�rgte den Rest Brot hinunter, die Suppe schob sie beiseite. Auf den Fingern ihrer rechten Hand hatte sich ein grindiger Ausschlag breitgemacht, dessen wei�graue Farbe dem Ton der Suppe �hnelte.</p><p>�Iss, M�dchen, iss. Das ist die letzte Suppe. Gleich holen sie dich, und wer wei�, ob du das �berstehst.�</p><p>�Sie holen mich?� Mary sank gegen die Holzstreben. Sp�rte, wie Splitter durch den Stoff ihres Hemdes trieben.</p><p>Henry nickte, mit einem Mal sah sein Blick mitleidig aus. �Ja, sie haben die Striemen der Katze bereits ge�lt���</p><p>Abrupt hob er den Kopf. Auch Mary h�rte die Schritte und sah mehrere Seesoldaten durch das Deck auf ihren Verschlag zukommen, ihnen voran Lukas. Nichts an ihm erinnerte mehr an den Jungen mit dem Dudelsack, der Lieder spielte, die das Herz ber�hrten.</p><p>Er grinste.</p><p>Ein wei�es Blecken seiner Z�hne.</p><p>Henry trat beiseite, damit der Seesoldat den Verschlag �ffnen konnte.</p><p>Der Atem jagte in rasselnden St��en durch Marys Lungen, und sie dr�ckte sich fester gegen die Holzstreben.</p><p>Lukas streckte seinen Arm vor, ein behaarter M�nnerarm, der auf sie zufuhr.</p><p>Ein Schlag traf sie.</p><p>�Du kommst jetzt mit.� Franklin hatte ihre Schulter gepackt und r�ttelte sie. �Du kannst nicht den ganzen Tag in der Koje vert�ndeln. Irgendwann besteht Doc Havenport darauf, dass du vorstellig wirst.�</p><p>Sein Gesicht schwebte vor ihrem. Die Sonne hatte ihm die Stirn, die Wangen und allem voran den Nasenr�cken verbrannt. In wei�en Fetzen l�ste sich die Haut.</p><p>�Bist du wach?� Erst als Franklin sich vergewissert hatte, dass Mary nicht wieder einschlief, lie� er von ihr ab. Drehte sich zu seiner Seekiste, �ffnete sie und w�hlte darin herum.</p><p>Bleischwer lag Mary der Traum auf dem Gem�t.</p><p>Langsam tastete sie �ber die Decke und fuhr mit den Fingern �ber das Holz der Koje.</p><p>Es war die Kaj�te.</p><p>Es war ihre Koje, und vor der stand Franklin.</p><p>Sie hatte nur getr�umt. Einen b�sen Traum, der sie fr�steln lie�.</p><p>�Die Taufe beginnt. Beeil dich. Und leg keines deiner guten Kleidungsst�cke an.� Franklin hob eine leinene Weste in die H�he und musterte sie. Ohne sie aufzukn�pfen, zog er sie �ber ein graues Hemd, das Mary noch nie an ihm gesehen hatte. Der schlichte Schnitt und die gedeckte Farbe standen ihm.</p><p>�Sie werden mich ohnehin taufen�, seufzte Mary. �Bennetter hasst mich. Er w�rde es sich nie entgehen lassen, mich ins Wasser st�rzen zu sehen.�</p><p>�Du wei�t schon, dass du mindestens dein Hemd ablegen musst, um getauft zu werden? Ebenso Schuhe, M�tze, Halstuch?� Den Kopf schr�g gelegt, hielt er inne. Anscheinend verstand er das Schweigen und fuhr fort. �Heute Mittag habe ich unseren Freikauf geregelt. Wir verzichten vier Tage auf den Branntwein. Die Kerle hatten gl�nzende Augen, die wollen nicht uns, die wollen Hochprozentiges. Und jetzt: raus!�</p><p>�Warum machst du das?�</p><p>Franklin z�gerte, doch Mary hielt seinen Blick fest. �Was soll die Frage?�, wich er aus.</p><p>�Bitte sag mir, warum machst du das alles?�</p><p>Seit sie San Jago verlassen hatten, hatte er kein Wort mehr �ber die Enttarnung verloren. Den ersten Abend hatte er geschwiegen und war dann zur Tagesordnung �bergegangen.</p><p>Nochmals neigte er den Kopf zur Seite. �Du verstehst es wirklich nicht, oder?�, fragte er und zog eine Braue in die H�he.</p><p>�Es gibt so viele Gr�nde, die ich f�r denkbar halte, aber���</p><p>�Ja, vielleicht ist es genau das � dass es viele Gr�nde gibt. Vielleicht auch nicht. Vielleicht wirst du es irgendwann verstehen. Vielleicht auch nicht.�</p><p>***</p><p>�Hast du alles erledigen k�nnen?�, fragte Carl und schaute aufs Wasser hinaus.</p><p>Franklin nickte. �Sie wollte wissen, warum ich das f�r sie mache. Warum ich ihr Vergehen nicht preisgegeben habe.� �Du kannst ihr keinen reinen Wein einschenken.�</p><p>�Ich wei�, aber w�re es nicht sinnvoller, wenn wir zumindest den Kapit�n einweihen w�rden?�</p><p>�Nein, dem Kapit�n bliebe keine Wahl, er k�nnte nicht schweigend dar�ber hinweggehen. Und was soll er machen? Sie in ihrer Kaj�te unter Arrest stellen? Ich bin mir sicher, dass die M�nner der Mannschaft auf Dauer schwer im Zaum zu halten w�ren, wenn sie w�ssten, ein Frauenzimmer weilt unter ihnen. Es reicht, wenn sie denkt, dass du es wei�t. Sie muss in ihrer Rolle bleiben. Ich sage dir, es entstehen zu viele vertrauliche Momente, wenn sie sich in unserer Gegenwart sicher f�hlt, wenn sie wei�, dass wir ihre L�ge vertuschen. Vielleicht w�rde sie sogar anfangen, Forderungen zu stellen, dass sie gewisse Aufgaben nicht �bernehmen kann, weil sie eine Frau ist, dass wir R�cksicht nehmen sollen.�</p><p>Franklin nickte. �Ja, wahrscheinlich hast du recht. Sie muss Tag und Nacht darum k�mpfen, ihre T�uschung aufrechtzuerhalten, auch vor dir. Nur so haben wir eine Chance durchzukommen.�</p><p>Die ersten Matrosen sammelten sich am Hauptmast in Erwartung der anstehenden Salztaufe. Zwei der M�nner liefen an ihnen vorbei, sodass sie einen Moment schwiegen.</p><p>�Du willst mir die �ffentliche Blo�stellung ersparen, nicht wahr?�, fragte Franklin, als die beiden au�er H�rweite waren.</p><p>�Sicher, auch das ist ein Grund.�</p><p>Carl musterte Franklin, der angespannt wirkte. Immer noch trug er schwer an seiner Fehlentscheidung. �Das h�tte mir auch passieren k�nnen�, sagte er und klopfte seinem Gehilfen auf die Schulter.</p><p>�Wir hatten viel Arbeit in diesen Tagen, aber ich habe mir keine Empfehlungsschreiben vorlegen lassen. Ich habe die Arbeiten gesehen und war beeindruckt und habe ihr tats�chlich alles geglaubt, was sie mir erz�hlt hat. Das h�tte nicht geschehen d�rfen.�</p><p>�Bisher hat sie sich in ihren Arbeiten bew�hrt.�</p><p>Trocken lachte Franklin auf. �Als ich versucht habe, mich damit zu verteidigen, hast du genau diese Argumentation in Grund und Boden getreten.�</p><p>�Himmel, ich war w�tend�, sagte Carl und konnte ein Grinsen nicht zur�ckhalten. �Sie h�tte ich anfahren m�ssen, nicht dich.�</p><p>�Wir sollten sie trotzdem nicht aus den Augen lassen. Was ist, wenn wir auf Exkursionen gehen? K�nnen wir sie allein an Bord zur�cklassen?�</p><p>Carl seufzte. �Dann nehmen wir sie mit, das ist das kleinere �bel. Allerdings kannst du mit ihr nicht weiterhin die Kaj�te teilen. Sollte die Wahrheit ans Licht kommen, w�rde das ein noch schlechteres Licht auf uns werfen.�</p><p>�Was sollen wir denn machen? Willst du zu mir ziehen und ihr deine Einzelkaj�te �berlassen? Da horcht doch jeder auf und sieht genauer hin.� Franklin strich sich �ber das Haar und schnaufte. �Seit Wochen teilen wir die Kaj�te. Du kannst mir glauben, dass ich andere Sorgen habe, wenn ich mit dieser Frau alleine bin. Und das schlechte Licht, das w�rde auf mich fallen. Diese Verantwortung musst du nicht schultern.�</p><p>Auf dem Achterdeck tauchte eine schmale Silhouette auf. Mary. Mary Linley. Sie hatte die H�nde in die Hosentaschen geschoben, die M�tze ins Gesicht gezogen und das Tuch eng um den Hals geschn�rt.</p><p>Beide sahen sie zu ihr hin�ber.</p><p>***</p><p>Auf dem Deck dr�ngte sich die Menge unter der Gro�rah. Carl und Franklin standen ein wenig abseits beisammen und beobachteten mit verschr�nkten Armen den Beginn der Salztaufe, bei der Zimmermann Toni den Anfang machte. Gut gelaunt stand er im Kreis der M�nner, riss sich sein Hemd vom Leib und pfiff ein Liedchen durch seine Zahnl�cke.</p><p><emphasis>Na, wenigstens wei� ich jetzt, dass sein Arm wieder verheilt ist,</emphasis> fuhr es Mary durch den Kopf.</p><p>Der H�ne gr�tschte die Beine und klemmte sich den untersten Dwarsbalken zwischen seine Schenkel. Den mittleren Balken packte er mit beiden H�nden und presste ihn sich an die Brust. Seine Armmuskeln spannten sich.</p><p>Die M�nner johlten, einige von ihnen hatten schon jetzt blutunterlaufene Augen. Wusste irgendjemand, wann sie mit dem Trinken begonnen hatten?</p><p>Ein Pfiff ert�nte und zog Marys Aufmerksamkeit wieder auf die Gro�rah.</p><p>Toni wurde in die H�he gehievt. Der dritte Balken, der direkt �ber seinem Kopf angebracht war, sorgte daf�r, dass das Tau nicht zu weit an den Mast gezogen und der T�ufling verletzt wurde.</p><p>Der Zimmermann baumelte �ber den K�pfen der Mannschaft, drehte sich ein wenig nach rechts. Er grinste und zeigte dabei seine Zahnl�cke.</p><p>Ein zweiter Pfiff ert�nte.</p><p>***</p><p>Er raste dem Wasser entgegen, das sein dunkelblaues Maul aufriss, um ihn zu verschlingen. Immer wieder hatte er die M�nner, die ihn zur Gro�rah geschleppt hatten, angebettelt, sie sollten ihn nicht anr�hren. Steif gemacht hatte er sich, die Beine schleifen lassen, herausgeschrien, dass er nicht schwimmen konnte.</p><p>Die Schiffsjungen w�rden immer getauft, hatten sie geantwortet und ihm den nach Grog stinkenden Atem ins Gesicht gelacht.</p><p>Immer noch schrie er, grell h�rte er seine eigene Stimme.</p><p>Als er auf das Wasser auftraf, staunte er, wie hart der Schlag war. Mund und Nase f�llten sich mit Wasser, er verschluckte sich und hustete. Das Salzwasser brannte in seinen Augen, doch er konnte sie nicht schlie�en, da er Angst hatte, dass es auch noch dunkel um ihn herum werden w�rde. Vor ihm trieben Blasen, unz�hlige kleine Blasen. Seine Arme wirbelten im Wasser herum, und er merkte, dass er nach hinten sank, weg vom Tau, an dem er sich festhalten musste.</p><p>Der Ruck nach oben brachte ihn v�llig aus dem Gleichgewicht, kopf�berh�ngend holten sie ihn aus dem Wasser. Seine Nase, sein Rachen und seine Augen brannten, seine Schenkel und seine Hinterbacken schmerzten vom Aufprall. F�r einen Moment lie�en sie ihn am Seil in der H�he h�ngen. Er hustete und zitterte, kr�mmte den Oberk�rper und zog sich wieder in die Sitzhaltung zur�ck. Den Balken umklammert, schloss er die Augen.</p><p>Wieder st�rzte er ins Wasser, doch dieser zweite Aufprall schmerzte nicht. Seth sp�rte, dass seine Beine in einer k�lteren Str�mung hingen als sein Oberk�rper. Er winkelte die Beine an, �ffnete die Augen und sah, wie �ber ihm das Licht an der Oberfl�che wogte. Der Druck in seiner Brust wurde unertr�glich.</p><p><emphasis>Worauf warten die,</emphasis> schrie es in ihm.</p><p><emphasis>Warum ziehen die mich nicht hoch?</emphasis></p><p><emphasis>Ich werde sterben!</emphasis></p><p>Pl�tzlich flogen das Schiff und die gr�lende Meute an ihm vorbei. In einem Zug wurde er in die H�he gerissen und sofort wieder in die Tiefe geschickt. Als er das dritte Mal im Wasser verschwand, wusste er, dass er es �berleben w�rde.</p><p>An Bord streckten sie ihm die Arme entgegen, klopften auf seine Schultern und hielten ihm trockene W�sche hin. Vor aller Augen musste er seine Kleider wechseln. <emphasis>Ich hasse sie, ich hasse sie alle,</emphasis> dachte er und nahm dann den Krug mit Bier, den Nat ihm reichte.</p></section><section><title><p><strong>Tahiti, 24.�September 1785</strong></p></title><p>Manchmal sch�mte er sich. Owahiri �ffnete die Faust und schaute auf die graue Figur, die in seiner Hand lag.</p><p>�Das sind Zinnfiguren�, hatte Omai damals gesagt und eine Kiste ge�ffnet. In ihr hatten diese Figuren gelegen, klein und gl�nzend, fast kniehoch gestapelt. �In England spielen die Kinder damit. Wenn du m�chtest, nimm dir eine.�</p><p>Lange hatte Owahiri gesucht, bis er sich entschieden hatte.</p><p>�Das ist ein Reiter.� Omai hatte ihm den Namen des Tieres genannt, auf dem der Mann sa�. Doch an das Wort konnte Owahiri sich l�ngst nicht mehr erinnern. In seinen Augen �hnelte das Tier einem Hund, einem etwas gro� geratenen Hund.</p><p>Es war ein unvergesslicher Besuch bei Omai gewesen. Erst am Abend zuvor hatte er Tupaia die Geschichte erz�hlt. Dass Omai und er miteinander gespielt hatten, bis es wieder einen Krieg gegeben hatte, und dass die Familie seines Freundes nach Huahine hatte fliehen m�ssen. Sein Sohn folgte seinen Worten kaum. M�de rieb er sich die Augen, bis der Vater das Schiff erw�hnte. Das Schiff, mit dem die Fremden mit der wei�en Haut nach Tahiti kamen.</p><p>�Ihre Haut ist wirklich wei� wie Kokosnussfleisch?�, warf Tupaia ein. Jetzt war er wach und zappelig.</p><p>�Ja, das ist sie, und viele der Fremden haben helle Augen. Blau wie das Meer oder grau. Gr�n gibt es auch und hellbraun, das sieht ungew�hnlich aus, sage ich dir.�</p><p>�Und dann, was passierte dann?�</p><p>�Die Fremden nahmen Omai, er war damals ein junger Mann, auf ihre Insel, nach England, mit. Diese Insel ist weit entfernt, bis dorthin ist es eine Reise, die viele Monde w�hrt. Ich h�rte, dass er aufgebrochen war, ans andere Ende der Welt, und war mir sicher, er w�rde nie zur�ckkommen. Aber sie brachten ihn wieder zur�ck. Hier auf Tahiti sind wir uns, inzwischen erwachsene M�nner, wieder in die Arme gefallen. Und dann habe ich ihn begleitet. Er wollte gern nach Huahine. Dort f�hlte er sich inzwischen wohler.�</p><p>�Du bist mit Omai nach Huahine gefahren? Auf dem gro�en Schiff?�</p><p>Owahiri nickte.</p><p>�Stimmt es, dass ihre Schiffe aussehen, als h�tten sie Fl�gel? Wei�e, gro�e Fl�gel?�</p><p>�Ja, sie haben wei�en Stoff an St�mme geh�ngt, und der Wind bl�ht diese Stoffe auf. Das sieht ein wenig so aus wie die Fl�gel eines wei�en Vogels. Vieles an ihnen ist anders als bei uns, nicht nur ihre Schiffe sehen anders aus. In Huahine habe ich gesehen, wie die Fremden Omai eine H�tte gebaut haben, aus Holz, mit geschlossenen W�nden.�</p><p>Tupaia riss seine Augen auf. Sein Mund formte ein leises �Ohhhh!�.</p><p>�Die Luft war schlecht darin. Sie kann sich nicht bewegen, und wenn die Sonne auf das Dach f�llt, wird es auch noch hei� in dieser H�tte.�</p><p>Die kleine Stirn kr�uselte sich. Entt�uschung zeigte sich auf dem Gesicht seines Sohnes. �So etwas Dummes�, sagte er. �Wie kann man denn solche H�tten bauen?�</p><p>�Sie haben viele merkw�rdige Gewohnheiten und Gegenst�nde. Omai hatte etliche dieser seltsamen Gegenst�nde aus England mitgebracht, die ich dir nicht recht erkl�ren kann. Eine Kaffeem�hle. Ein lustiges Wort, oder? Wozu man sie verwendet, habe ich nicht verstanden. Und Musikinstrumente hatte er dabei, sie nannten sich Geige und Fl�te. Eine Fl�te bl�st man mit dem Mund.�</p><p>Tupaias Lachen steckte ihn an. Gemeinsam lachten sie �ber die Vorstellung, eine Fl�te mit dem Mund anstatt mit der Nase zu spielen.</p><p>�Er hatte auch Gl�ser dabei. Sie sind wie unsere Kokosnussschalen, man kann daraus trinken. Sie waren h�bsch, man konnte sehen, was man eingoss. Aber sie gingen so schnell kaputt. Und wenn man dann die Reste wegwerfen wollte, konnte man sich die Haut damit blutig schneiden. Und es gab wei�e, flache Platten, auf die legen die Fremden das Essen. Auch das war h�bsch, aber diese Platten gingen ebenfalls schnell zu Bruch. Omai nutzte bald wieder die guten Bananenbl�tter.�</p><p>Bis in die tiefe Nacht hinein erz�hlte er Tupaia alles: Wie er mit Omai die Sprache der Fremden ge�bt hatte und wie er wieder nach Hause zur�ckgekehrt war.</p><p>Der Abend hatte alles wieder aufgew�hlt.</p><p>Omai hatte er nach seinem Besuch auf Huahine nie wiedergesehen. Nur Erz�hlungen waren immer wieder bis nach Tahiti vorgedrungen, die einander �hnelten. Nachdem die Mitbringsel verschenkt waren, so sagte man, hatte der Freund die h�lzerne H�tte irgendwann verlassen.</p><p>Zum Abschied hatte Owahiri ihn gewarnt, er solle nicht alleine weiterleben, sonst w�rde der Totengeist ihn sich eines Nachts holen kommen. Es war also durchaus denkbar, dass Omai, vereinsamt in seiner H�tte, dem Totengeist zum Opfer gefallen war. So genau konnte das niemand sagen.</p><p>Owahiri �ffnete noch einmal die Hand. Der Reiter. Alles hatte er Tupaia erz�hlt, nur den Reiter, den hatte er nicht erw�hnt. Nicht einmal Revanui wusste von ihm. Wieder breitete sich das Gef�hl der Scham in ihm aus.</p><p>�Das ist merkw�rdig bei den Menschen in England�, erklang noch einmal die Stimme des Freundes in seinem Kopf. �Sie h�ten ihre Sachen. Sie h�ten einfach alles. Und sie geben sie nicht mehr her. Nur sehr ungern, und wenn sie doch etwas hergeben, m�chten sie etwas anderes daf�r haben. So wie sie das hier auch gemacht haben.� Omai und er hatten damals beide einen Moment geschwiegen. Sie waren sich einig gewesen: Tiere konnte man h�ten, aber nicht Sachen.</p><p>Viel Zeit war seitdem vergangen. Und seit jenem Abend hatte er den Zinnsoldaten �ber die Monde hinweg geh�tet.</p></section><section><title><p><strong>Rio de Janeiro, 5.�Oktober 1785</strong></p></title><p>Es war kein Gebr�ll, es war mehr ein Aufheulen gewesen. Und auch in Carl hatte etwas aufgeheult, freudig, fast fiebrig, und ihn nach drau�en an die Reling gedr�ngt, kaum dass der Ruf �Land in Sicht� erklungen war. Leicht war von diesem Moment an alles geworden. Selbst die letzte Faser seines Leibes hatte Reserven freigesetzt, die in den vergangenen Wochen verborgen geblieben waren. Die Arbeit hatte sich von nun an beinah spielerisch erledigt, und der Umgang der Mannschaft untereinander wurde ungezwungen, nahezu friedlich. Man hatte gescherzt, miteinander gesungen, und Lukas� Dudelsack ert�nte ohne Unterlass.</p><p>Sechs Tage waren sie seit jenem Ausruf auf s�dlichem Kurs parallel an S�damerikas K�ste entlanggefahren, mit dem Wissen, dass Rio de Janeiro nur einen Steinwurf entfernt lag. Hier konnte Holz geschlagen, frisches Wasser und Gem�se aufgef�llt werden. Mit ein wenig Gl�ck w�rden sie auch wieder lebende Tiere an Bord nehmen k�nnen und so dem D�rrfleisch f�r ein paar Tage eine willkommene Abwechslung entgegensetzen.</p><p>Seit sechs Tagen hielt auch Carl immer wieder Ausschau nach Rio de Janeiro, und bisher hatte er sich nicht sattsehen k�nnen. Grandiose Landschaften erstreckten sich vor ihnen: steinige H�gel, zerkl�ftete Felsen, gr�ne T�ler und liebliche Buchten. Nichts, was es woanders auf der Welt nicht auch gab, und doch sch�n wie nie. Seine ver�deten Sinne berauschten sich immer aufs Neue am Ausblick und am Wind, der vom Land kam und den Geruch feuchter Erde vor sich hertrieb.</p><p>Am zweiten Tag war ein erstes kleines Fischerboot auf den Dreimaster zugekommen und hatte seine Ware feilgeboten. Als h�tten alle Fischer der K�ste den Verkauf beobachtet, paddelten nun best�ndig kleinere und gr��ere Boote der <emphasis>Sailing Queen</emphasis> entgegen und priesen frischen Fisch an. Einer der M�nner hatte zu Carls Erheiterung das spanische Silbergeld ausgeschlagen und nach englischen M�nzen verlangt. Er hatte erhalten, wonach er verlangte, und im Gegenzug besonders gute Fische ausgew�hlt.</p><p>Schon vom ersten Kauf an hatte Carl sich vorn an die Reling gestellt und jeden der Fische gesichtet, die an Deck gereicht wurden. Er hatte Mary angehalten, Skizzen zu machen, sich Form und Farben zu notieren. Noch immer fiel es ihm schwer, ihr Aufgaben zu �bertragen, ihr Anweisungen zu geben, manchmal ertappte er sich sogar dabei, dass er ihr aus dem Weg ging. Er konnte nicht umhin, sie als Frau wahrzunehmen, und musste sie doch als Mann ansprechen. Konzentration erforderte dieser Umgang, gelegentlich nahm er nahezu groteske Z�ge an. Bei fast jedem Satz, mit dem er sich an sie wandte, betonte er ihren Namen: <emphasis>Marc</emphasis>. Immer wieder <emphasis>Marc</emphasis>. <emphasis>Marc, k�nntest du�� Marc, w�rdest du��</emphasis> Und so war auch der Auftrag, die Fische zu skizzieren, mit <emphasis>Marc</emphasis> eingeleitet worden. Der Smutje hatte die Augen gerollt, als er geh�rt hatte, dass erst der Zeichner ans Werk gehen w�rde, und sich dann doch damit abgefunden, dass ihm eine Vielzahl der Fische erst sp�ter, nach Abschluss der ersten Arbeiten, in die Komb�se gebracht wurde.</p><p>�Der Zuckerhut! Der Zuckerhut!� Die Stimme des Schiffsjungen, der im Kr�hennest Ausschau hielt, verursachte Carl eine G�nsehaut. Der Seehafen von Rio de Janeiro tauchte vor ihnen auf. Er zw�ngte sich zwischen die M�nner, schob ein wenig mit der Schulter und dr�ngte mit der H�fte, bis er einen Platz ergattert hatte, der ihn die K�ste �berblicken lie�. <emphasis>Uneinnehmbar</emphasis>, dachte er, als er wenig sp�ter den Seehafen erblickte. <emphasis>Diese Stadt ist uneinnehmbar</emphasis>.</p><p>Die feinsandige Bucht s�dlich des Zuckerhuts wurde mit einer Gesch�tzabteilung von mehr als zwanzig Kanonen abgedeckt. Am Fu�e des Berges konnte er in einer Landenge ein steinernes Fort erkennen, das ebenfalls mit Kanonen versehen war, die nur dem Zwecke dienten, einfahrende Schiffe treffen zu k�nnen. Am Eingang der Bucht konnte er Fort Lozio ausmachen, die sechseckige Festung aus Stein, die man auf einen Felsen gebaut hatte. Rings um die Bucht waren weitere Kanonen an strategisch wichtigen Positionen aufgestellt. Carl sch�ttelte den Kopf. Eine bis an die Z�hne bewaffnete Stadt. Seine Exzellenz Dom Ant�nio Rolim de Moura hatte Kapit�n Cook das Leben schwergemacht. Ob er noch der k�nigliche Statthalter Brasiliens war?</p><p>Wenig sp�ter ruderte ein Boot mit zehn Riemen auf die <emphasis>Sailing Queen</emphasis> zu, zehn bewaffnete Soldaten und zwei portugiesische Beamte an Bord. Carl beugte sich vor, um die M�nner besser sehen zu k�nnen. Sie reagierten nicht auf die Zurufe der Seeleute, freundliche Gru�worte in holprigem Spanisch. Schweigend kamen die Beamten an Bord und verschwanden mit Kapit�n Taylor in dessen Kaj�te, w�hrend das Boot mit den bewaffneten Soldaten vor der <emphasis>Sailing Queen</emphasis> auf- und abschaukelte.</p><p>Als die Beamten das Achterdeck wieder verlie�en, beobachtete die versammelte Mannschaft, dass die Pinasse hinabgelassen wurde und dass der Kapit�n die Seitenstufen der Bordwand mit den Fremden hinabkletterte. Kaum waren die beiden Boote au�er H�rweite, machte die Nachricht die Runde: Eine Audienz hatte der Kapit�n, beim Statthalter pers�nlich, und der Mannschaft war offiziell untersagt worden, das Schiff zu verlassen.</p><p>Die Sonne schien in die Offiziersmesse und warf die Schatten der Fensterkreuze auf den Tisch. Carl fuhr mit seinem Blick die harten Konturen nach.</p><p>Ihm gegen�ber sa�en Mary und Franklin, Peacock lief vor dem Kamin auf und ab. Selbst Doc Havenport hatte sich zu ihnen gesellt. Zwei der Offiziere hatten den Kapit�n begleitet, die verbliebenen sorgten an Deck daf�r, dass es nicht zu Unruhen unter der Mannschaft kam. Schnell hatte die Nachricht zu Aggressionen gef�hrt. Einige der Seeleute hatten beschlossen, sich nicht den Vorschriften des Statthalters beugen zu wollen, und das Beiboot zu Wasser gelassen. Carl war sich nicht sicher, ob f�r dieses eigenm�chtige Handeln nicht noch die neunschw�nzige Katze zum Einsatz kommen w�rde.</p><p>�Man h�tte St. Egremont auf den Falkland-Inseln anlaufen sollen�, sagte Doc Havenport in das Schweigen hinein. Mit gesch�rzten Lippen zwirbelte der Arzt die Spitze seines Bartes.</p><p>�Es hei�t Port Egmont, und wisst Ihr �berhaupt, wie weit das noch entfernt ist? Zudem sind dort die M�glichkeiten einer Bevorratung schlechter�, entgegnete Franklin.</p><p>Carl h�rte aus der Antwort seines Gehilfen einen gereizten Unterton heraus. Seit dem Streit der beiden M�nner konnte Franklin keinen Satz des Schiffarztes ohne Kommentar stehen lassen. Meist entstanden Wortgefechte, die Carl am�sierten, jetzt strengten sie ihn an. <emphasis>Wir m�ssen bald wieder irgendwelche Tinkturen und Pillen bestellen</emphasis>, befand er im Stillen, <emphasis>damit Doc Havenport genug Grund hat, sich in seiner Kaj�te zu vergraben.</emphasis></p><p>Mit Daumen und Zeigefinger strich er sich kurz �ber die Augenbrauen. Ein leichter Druck war in seiner Stirn zu sp�ren, der bis unter die Sch�deldecke ausstrahlte. Es w�rde nicht mehr lange dauern, und ein satter Kopfschmerz w�rde daraus erwachsen. Er sah auf. Still sa� Mary ihm gegen�ber, doch nichts schien ihr zu entgehen, nicht einmal zwei Finger, die sich �ber eine Stirn schoben. Carl sch�ttelte nur kurz den Kopf, eine Andeutung, dass es keinen Grund zur Besorgnis gab. Sie nickte und konzentrierte sich wieder auf das Gespr�ch.</p><p>�Ja, aber um was geht es denn hier? Was will der Statthalter von Kapit�n Taylor?� Peacock blieb stehen, schaute in die Runde und zupfte gedankenverloren an der Ecke eines zerkn�llten Taschentuchs herum.</p><p>�Das geht schon seit Jahren so. Immer wieder beruft sich der Statthalter auf den K�nig Portugals, dessen Befehle er angeblich ausf�hrt. Er meint, jedes Schiff w�rde in seinem Hafen die gleiche Behandlung erfahren, was nachweislich nicht der Fall ist. Die Besatzungen spanischer Schiffe k�nnen sich hier frei bewegen, w�hrend englische Schiffe unter Aufsicht gestellt werden. Unseren Handelsschiffen wird h�ufig Schmuggel oder gar Spionage vorgeworfen�, antwortete Carl.</p><p>Der Astronom schnappte nach Luft. �Spionage? Was sollen wir denn hier spionieren?�</p><p>�Wir k�nnten uns beispielsweise f�r die Festungsanlagen der Stadt interessieren.�</p><p>�Aber wir sind doch nicht das erste englische Schiff, das hier anlegt. Jedes vor uns k�nnte doch die Bewaffnung l�ngst erfasst und weitergegeben haben.� Peacocks Stimme kletterte in unangenehme H�hen.</p><p>�Derweil k�nnte man durchaus Ver�nderungen an den Befestigungen der Stadt vorgenommen haben. Spionage ist ein laufendes Gesch�ft, das dazu dient, jede Ver�nderung und Neuerung des Gegners auszukundschaften.�</p><p>�Auch wenn dem so ist, der Vorwurf ist absurd�, warf Franklin ein, die Arme vor der Brust verschr�nkt.</p><p>�Ja, das ist es auch. Meist erhalten die Schiffe letztlich auch den gew�nschten Proviant und k�nnen dann weiterreisen.�</p><p>�Will der Statthalter auf diese Weise die Preise in die H�he treiben?� Es war die erste Frage, die Mary in die Unterhaltung einbrachte. Ihrer Stimme fehlten Peacocks Entsetzen und Franklins Hohn. Es war eine klare Frage, ruhig formuliert.</p><p>�Vielleicht spielt das eine Rolle, aber ich denke, dass es hier schlichtweg um Schikane geht.� Carl erhob sich und lief zum Fenster hin�ber. �Ich h�tte eine Idee, wie wenigstens unsere Forschungen nicht zu sehr unter diesen Beschr�nkungen der Bewegungsfreiheit zu leiden h�tten.� Er nickte und war sicher, dass der Plan funktionieren k�nnte.</p><p>Und vor dem Fenster lockte sattgr�n und erdbraun das fremde Land.</p><p>***</p><p>Ein jeder an Bord hatte schlechte Laune, selbst Seth f�hlte die Wut in seinem Bauch. Sie rumorte laut und deutlich. Anstatt eines Landgangs hatte man erneut das gro�e Reinemachen ausgerufen. Das Polieren, Wischen und Schrubben trug nicht gerade dazu bei, seine Stimmung zu heben. �bellaunig schaute er zum Land hin�ber. Was war das f�r ein schwarzer Schatten? Er blinzelte und schirmte mit der Hand das Sonnenlicht ab.</p><p>Der Schatten blieb.</p><p>Genau genommen kam er schwarz und schwankend auf das Schiff zu. Anscheinend waren alle derart in ihre schlechte Laune und ihre Arbeit vertieft, dass ihnen der gr��er werdende Schatten entging. Seth sch�ttelte den Kopf und kniff die Augen zusammen, doch es �nderte nichts an seiner Entdeckung.</p><p>�Da!�, rief er. Einige der Umstehenden blickten in die Richtung, in die sein Finger aufs Wasser hinauszeigte.</p><p>�Ein Schatten.� Jeder konnte h�ren, dass er sich f�rchtete. F�r einen Moment erwog er, wegzulaufen und sich unter Deck zu verstecken, doch er blieb, wo er war.</p><p>�Seth! Nat! Dan! Lukas!�</p><p>Seth fuhr herum.</p><p>Marc eilte die Stufen vom Achterdeck herunter, seine Wangen gl�hten. �Das ist ein Schmetterlingsschwarm. Ein riesiger Schmetterlingsschwarm.� Er trug mehrere Fangnetze bei sich, und im Vorbeilaufen gab er Nat eines in die Hand. Der schaute auf das Netz, lie� seinen Scheuerstein fallen und machte ausholende Bewegungen.</p><p>�Ich brauche jede freie Hand�, rief Marc, und sofort lief Seth ihm entgegen. Auch er wollte ein Netz. Hastig warf er einen Blick auf die Schmetterlinge, die inzwischen so nah herangekommen waren, dass man bei einigen das Schlagen der Fl�gel erkennen konnte.</p><p>Als Marc Dan ein Netz �bergeben wollte, trat der einen Schritt zur�ck. �Ich fange keine Schmetterlinge. Ich bin doch kein Waschlappen.�</p><p>Peacock trat vor und langte nach dem Netz. �Na, dann mache ich das�, sagte er und stellte sich breitbeinig vor der Reling auf. Dem Schmetterlingsschwarm entgegen.</p><p>Seth eilte neben ihn und nahm die K�rperhaltung des Astronomen an, der dar�ber auflachte. Lukas und Nat gesellten sich zu ihnen. �Tara, tara�, br�llte sein Bruder. �Auf in den Kampf.� Nun lachten sie gemeinsam.</p><p><emphasis>Wo ist Marc?</emphasis>, fragte Seth sich. <emphasis>Was soll ich denn machen, wenn ich einen Schmetterling gefangen habe?</emphasis> Sein Herz schlug so laut, dass er schreien musste, als er dem ersten Schmetterling hinterherrannte. Es waren so viele, dass sie, einem Vorhang gleich, das Schiff einh�llten. Sie nahmen ihm die Sicht und streiften seine Haut. �berall lie�en sie sich nieder, auf der Reling, in den Rahen und im Tauwerk, auf den Planken, in den Segeln. Ein Heer aus Fl�geln und Farben. Doch so schnell die Falter gelandet waren, so schnell erhoben sie sich, wenn Seth versuchte, sie mit dem Netz zu erhaschen. Er begann zu schwitzen.</p><p>Auf der Treppe zum Achterdeck gelang es ihm endlich � er hatte den ersten Schmetterling erbeutet. Atemlos ging er auf die Knie, um seinen Fang zu begutachten. Hilflos flatterte der Schmetterling hin und her und blieb dann still sitzen. Die oberen Fl�gel leuchteten rot wie frisch vom Busch gezupfte Himbeeren und waren schwarz ger�ndert. Die unteren Fl�gel waren kleiner. Mittig hatten sie jeweils einen himbeerroten Fleck, daneben war noch ein blauer Streifen und innen, fast schon am K�rper, sa� ein gelber Tupfer.</p><p>Seth lie� den Blick schweifen. Nat sprang �ber das Deck, schlug hier hin, schlug dort hin und gluckste, als er mit Peacock zusammenstie�. Marc hockte neben Lukas, der auch schon erste Beute gemacht hatte, und die M�nner in den Masten waren mit ihrer Arbeit besch�ftigt.</p><p>Langsam hob er das Netz. Der Schmetterling lief einige Schritte auf der Stufe entlang, und seine Fl�gel zitterten einen Moment, bevor er sich in die Luft erhob.</p><p>Seth atmete tief ein und schlenderte zu Lukas und Marc hin�ber.</p><p>�Und�, Marc wandte sich ihm zu, �war das Jagdgl�ck dir hold?�</p><p>�Leider nicht.� Er z�gerte einen Moment, dann gab er sich einen Ruck. �Kann ich dir helfen?�, fragte er, ohne den Blick von Lukas� Schmetterling zu nehmen.</p><p>Erstaunt blickte Marc ihn an.</p><p>�Naja, beim Schreiben oder Malen oder so. Vielleicht kann ich wieder deine Pinsel auswaschen.�</p><p>�Just wollte ich Lukas� Fang in die Kaj�te bringen. Wenn du magst, begleite mich.�</p><p>Seth griff nach Marcs Netz. Mit erhobenem Haupt folgte er ihm aufs Achterdeck.</p></section><section><title><p><strong>Rio de Janeiro, 6.�Oktober 1785</strong></p></title><p>Carl �ffnete das Kaj�tenfenster. �Wollen wir hoffen, dass unsere Beobachtungen stimmen�, fl�sterte er und warf das Seil in die Tiefe.</p><p>�Jetzt ist keine Wachpatrouille im Hafen unterwegs.� Franklins Stimme klang wie die eines kleinen Jungen, der darauf brannte, ein gro�es Abenteuer zu wagen.</p><p>Carl lie� sich am Seil hinab. Kurz darauf h�rte Mary, wie er in der Jolle landete. Sie hob die erste Tasche mit den Sammelutensilien, Pinseln und Skizzenbl�cken an und reichte sie Franklin, der sie am Seil verknotete und in die Tiefe sinken lie�. Es folgte der Proviantbeutel, den Henry gepackt hatte.</p><p>�Jetzt bist du dran.� Franklin gab ihr das Seil in die Hand.</p><p>Mary z�gerte. �Warum nehmen wir nicht die Seitenstufen?�, fl�sterte sie.</p><p>�Weil die dem Hafen zugewandt liegen, auf dieser Seite haben wir Sichtschutz. Beeile dich, du schaffst das.� Er packte das Seil und zog es zwischen seine Beine. �Du klemmst es dir zwischen die Schenkel und Waden, dann kann dir nichts geschehen. Und wenn du doch fallen solltest, schrei nicht auf. Carl fischt dich schon aus dem Wasser.�</p><p>Mary kletterte aus dem Kaj�tenfenster und lie� sich das erste St�ck am Seil hinabrutschen. Der Mond warf einen silbrigen, spitz zulaufenden Streifen auf die glatte Wasseroberfl�che.</p><p>Direkt unter ihr stand Carl in der schwankenden Jolle und hielt seine Arme in die Luft gestreckt.</p><p>Mary schloss die Augen und sp�rte seine H�nde auf ihrer H�fte. Sein Gesicht war dicht vor ihrem, in der Dunkelheit kaum mehr als ein Schattenspiel von Brauen, Nase und Mund. Wortlos drehte sie sich weg und lie� sich auf die Bank sinken, w�hrend Carl Franklin in Empfang nahm. <emphasis>Die beiden nehmen mich mit</emphasis>, jubelte es in ihr, <emphasis>sie nehmen mich wirklich mit. Zwei der bedeutendsten Wissenschaftler Englands nehmen mich mit auf eine Exkursion, eine verbotene dazu.</emphasis> Ihre H�nde waren kaltschwei�ig und umklammerten den Beutel auf ihrem Scho�.</p><p>Franklin blieb stehen und nickte in Richtung der Ruder hin�ber. Die Hitze stieg Mary ins Gesicht, flugs sprang sie auf und tauschte im schwankenden Boot mit Franklin die Pl�tze. Nahezu ger�uschlos lie� sie einen Atemzug sp�ter die Ruderbl�tter ins Wasser sinken.</p><p>Vorab waren klare Absprachen getroffen worden: W�hrend der �berfahrt sollte kein Wort gewechselt werden, bis sie an einer weniger frequentierten Stelle des Hafens angelegt hatten. Auch in der Stadt hatten sie noch zu schweigen, um nicht sofort an ihrer Sprache als Fremde erkannt zu werden. Schnellstm�glich wollten sie in Richtung der Berge laufen und erst Rast machen, sobald sie im Wald verschwunden waren.</p><p>Angespannt behielten sie zu dritt den Hafen im Auge, aber niemand schien die kleine Jolle zu bemerken, die sich langsam durchs Wasser schob.</p><p>Marys Beine zitterten, als sie festen Boden unter ihren F��en sp�rte. Die sp�rliche Beleuchtung des Hafens und auch der Gassen, durch die sie nun eilten, lie� wenig von Rio de Janeiro erkennen. Sie folgte den M�nnern vor sich und glaubte, das Herz m�sse ihr �berlaufen. <emphasis>Das ist Gl�ck</emphasis>, dachte sie. <emphasis>So f�hlt sich Gl�ck an, Vater.</emphasis></p><p>Es d�mmerte bereits, als Carl seinen Beutel abstellte und sich auf den sandigen Boden sinken lie�. Im Schutz wilder B�sche konnten sie die vor ihnen liegende Lichtung gut im Auge behalten, ohne selbst sofort wahrgenommen zu werden.</p><p>Franklin holte den Wasserbeutel, Brot und K�se hervor. Beim Anblick der einfachen Mahlzeit obsiegte der Hunger und verdr�ngte Marys bisherige Anspannung. Schweigend a�en sie, und mit jedem Bissen nahm die M�digkeit zu. Gemeinsam hatten sie am Abend die Vorbereitungen getroffen, um gegen Mitternacht das Schiff zu verlassen. Niemand von ihnen hatte in dieser Nacht ein Auge zugemacht.</p><p>�Was hat Kapit�n Taylor gesagt?�, fragte Franklin und biss in ein Brotst�ck. Aufmerksam schaute er Carl an.</p><p>�Dass wir nicht sonderlich viel Proviant vom Statthalter erwarten k�nnen. Wahrscheinlich wird in erster Linie Wasser und Rum geladen. Sehr erfolgreich waren seine Verhandlungen nicht.�</p><p>�Du wei�t genau, was ich meine. Was hat der Kapit�n zu deinen Pl�nen gesagt? Zu unserem n�chtlichen Ausflug?�</p><p>�Was soll er gesagt haben? Er hat sich dagegen ausgesprochen. Im Ernstfall hat er von unserem Vorhaben nie etwas geh�rt. Das bedeutet, wir haben das Schiff ohne seine Genehmigung verlassen.�</p><p>�Was meinst du mit Ernstfall?�</p><p>�Naja, falls wir inhaftiert werden. Soll vorkommen.�</p><p>Ein Krumen blieb Mary im Hals stecken. Sie hustete.</p><p>�Keine Sorge�, Franklin reichte ihr das Wasser, �wir werden schon wieder unentdeckt an Bord kommen.�</p><p>�Es gen�gt, wenn wir am sp�ten Vormittag aufbrechen. Es ist wichtig, dass der Morgentau getrocknet ist, bevor wir die Pflanzen schneiden�, sagte Carl. Der Gedanke an eine Inhaftierung schien ihn in keinerlei Weise zu beunruhigen. �Das hei�t, wir k�nnen uns gleich noch ein wenig ausruhen. Ich w�rde vorschlagen, dass jeder eine Wachschicht �bernimmt.� Er zog seine Taschenuhr aus der Hose und legte sie in die Mitte. �Gern mache ich den Anfang.�</p><p>�Marc, wir haben einfache Spielregeln bei der Exkursion.� F�r einen Moment sah Carl ein wenig drein wie ihr Vater, wenn sie einst gemeinsam aufgebrochen waren. Mary unterdr�ckte ein L�cheln.</p><p>�Wir entfernen uns nie aus der Sichtweite des anderen. Franklin hat vorgeschlagen, dass wir dich mitnehmen, um heute so effektiv wie m�glich zu arbeiten. Wir teilen uns die Arbeit. Er nimmt sich die krautigen Gew�chse vor, ich k�mmere mich um die holzigen. Ein besonderes Augenmerk werden wir auf die Aufsitzer legen, die Farne und Orchideen. Und du, du zeichnest, so schnell und genau wie m�glich. Aus Zeitgr�nden bleibt die Vogel- und Insektenwelt heute weitestgehend ohne Bedeutung.�</p><p>Franklin senkte den Kopf und polierte sein Messer. Ein leises Zucken umspielte seine Mundwinkel.</p><p><emphasis>Ich habe ihm nie gesagt, dass ich darunter leide, dass ich ausschlie�lich an Bord arbeiten soll. Woher wei� er das?,</emphasis> fragte sie sich kurz und runzelte die Brauen.</p><p>Carl, dem der Blickwechsel entging, war weiterhin in seine Ausf�hrungen vertieft und wollte kein Ende finden. �Bei gr��eren Pflanzen machen wir einen sauberen Schnitt an einer exemplarischen Stelle der Sprossachse. Alles andere wird so tief wie m�glich am Pflanzengrund geschnitten. Lassen sich die Wurzeln aus dem Boden heben, sind sie unbedingt mitzuf�hren, aber nicht zwangsl�ufig. Eine Kategorisierung oder Bestimmung kann meist auch so vorgenommen werden.�</p><p>�Ich nehme an, es werden von jeder Pflanze ein oder zwei Exemplare mehr mitgenommen als n�tig? Falls es Schwierigkeiten beim Pressen gibt?�, warf Mary ein.</p><p>Carl nickte. �Da wir fr�hestens in der Nacht an Bord zur�ckkehren k�nnen, m�ssen wir damit rechnen, dass einige Pflanzen bis dahin unwiederbringlich zusammengefallen und f�r den Pressvorgang ungeeignet sind. Deshalb wirst du einen Gro�teil skizzieren m�ssen. Mache dir genaue Angaben zu den Farben und Farbverl�ufen, es wird nicht viel Zeit bleiben, jedenfalls nicht genug Zeit, um ins Detail zu gehen. Und falls dir au�ergew�hnliche Pflanzen auffallen, nimm sie mit. An Bord k�nnen wir immer noch einen Abgleich machen, inwiefern es Doppelungen gibt.�</p><p>Carl und Franklin streiften sich die Handschuhe �ber und setzten sich in Bewegung.</p><p><emphasis>Ich bin auf einem anderen Kontinent. Vor mir laufen zwei Wissenschaftler, die mich auf ihre Exkursion mitgenommen haben. Noch immer kann ich es nicht glauben, noch immer will der Gedanke sich nicht f�gen: Ich bin einer von ihnen.</emphasis></p><p>Mary schluckte.</p><p><emphasis>Ich bin angekommen.</emphasis></p><p>Sie sog die bl�tens��e Luft ein und genoss die w�rmenden Sonnenstrahlen.</p><p>Schon nach wenigen Schritten beugte sich Franklin vor, bog die �ste einer Pflanze zur Seite und setzte den ersten Schnitt. Nur einen Atemzug sp�ter rief Carl nach ihr.</p><p>�Marc, hiermit kannst du anfangen�, sagte er, beugte sich vor und wies auf ein Bananengew�chs, dessen herrlicher Bl�tenstand dem einer Strelitzie �hnelte.</p><p>Mary lie� sich auf dem Boden nieder, um die Skizze anzufertigen. Doch ihr Blick hing in Carls Nacken, auf den feinen H�rchen, in denen sich kleine Schwei�perlen verfangen hatten. Etwas in ihr lachte hell und gl�cklich auf. <emphasis>Sollten wir verhaftet werden,</emphasis> dachte sie, <emphasis>dann m�chte ich mir wenigstens eine Zelle mir dir teilen.</emphasis></p></section><section><title><p><strong>Plymouth, 2.�November 1785</strong></p></title><p>Ein leises Knarren lie� Landon von seinen Papieren aufschauen. Ein unerfreulicher Vorgang, der auf dem Schreibtisch vor ihm lag � ein neuer Ladekran musste angeschafft werden, eine Ausgabe, die er noch einige Zeit verschieben zu k�nnen gehofft hatte. Dankbar �ber ein wenig Ablenkung, hielt er bereitwillig inne und lauschte. Die Diele vor der T�r, sie knarrte. Irgendwer musste vor dem Zimmer stehen. Ein Klopfen folgte, der T�rgriff wurde heruntergedr�ckt.</p><p>Das Gesicht seines Kontorvorstehers schob sich durch einen schmalen Spalt. �Ihr habt Besuch, Mr.�Middleton w�nscht Euch zu sprechen.�</p><p>Landon nickte nur, erhob sich und trat ans Fenster. Ungew�hnlich fr�h hielt der Winter in diesem Jahr Einzug, hatte es in der Nacht doch bereits das erste Mal geschneit. Inzwischen waren die Flocken in einen Dauerregen �bergegangen und hatten die Stadt in eine graue Schicht aus Matsch und Schlamm geh�llt. Der wei�e Zauber des Morgens war zerst�rt.</p><p><emphasis>Der alte Mann wird mich nicht grundlos im Kontor aufsuchen,</emphasis> dachte Landon, und sein Puls beschleunigte sich.</p><p>William Middleton trug einen Beutel bei sich, vielmehr hielt er ihn regelrecht umklammert. �Wir hatten vereinbart, dass wir einander informieren, wenn sich Neues zutr�gt�, begann er formlos und �ffnete den Beutel. Einen Lumpen zog er hervor, langsam, als k�nne er an ihm etwas zerst�ren, und hielt ihn in die H�he.</p><p><emphasis>Wird der Alte jetzt wunderlich?</emphasis> Doch William Middletons Miene war konzentriert, allenfalls ein wenig blass. Nichts an ihm wirkte �berspannt. Dann erfasste Landons Auge den Umriss: Der Lumpen war ein Kleid, zerrissen und derart verschmutzt, dass der gr�nliche Farbton kaum auszumachen war.</p><p>William stand da und hielt den Stoff in die H�he, nur seine Arme begannen zu zittern. Fragend blickte er Landon an.</p><p>�Ja, Ihr k�nnt das Kleid auf dem Tisch ablegen�, sagte dieser.</p><p>Nochmals griff der alte Mann in den Beutel, ein weiterer Stofffetzen folgte, den er zu dem anderen Lumpen legte. Sand kr�melte �ber die Platte.</p><p>Die Arme hinter dem R�cken verschr�nkt, schob Landon die Finger ineinander.</p><p>�Mrs.�Fincher bat, bevor sie abreiste, darum, den Garten bestellen zu lassen. Sie meinte, es w�rde den Verkauf erleichtern, wenn er nicht voller Unkraut sei. Beim Umgraben entdeckte der G�rtner�, William zeigte auf den Stoffhaufen, �das da.�</p><p>�Was ist das?� Landon sp�rte das sachte Beben seiner Stimmb�nder.</p><p>�Es ist eines von Marys Kleidern und ein Laken.� William beugte sich vor und schob die Falten des Lakens auseinander. Ein dunkles Kn�uel kam zum Vorschein. �Und das hier, das ist das Merkw�rdigste: Es sind Haare. Ihre Haare, nehme ich an.�</p><p>Ein filziger Knoten, der mit Erdklumpen durchsetzt war. Langsam trat Landon zur�ck, tastete nach seinem Stuhl und setzte sich auf die Kante. Er sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Ihr m�sst den Constable informieren. Nicht mich.�</p><p>�Das war kein Verbrechen.�</p><p>�Was denn? Wollt Ihr sagen, dass sie sich in aller Seelenruhe eigenh�ndig das Haar geschnitten hat, bevor sie verschwunden ist?�</p><p>�Ja! Bitte haltet mich nicht f�r �berspannt, wenn ich erneut davon anfange. Aber ich bin mir sicher, dass sie an Bord eines Schiffes gegangen ist. Das hier unterstreicht diese Annahme. Bisher sind wir nur davon ausgegangen, dass sie als Frau an Bord gegangen ist.� Williams Stimme war zu einem Fl�stern geworden. Unsicher blickte er kurz zur geschlossenen T�r und wandte sich dann wieder Landon zu. �Es ist noch schlimmer als das: Sie hat sich das Haar geschnitten. Sie wird als Mann verkleidet an der Reise teilnehmen.�</p><p>�Ihr wisst, dass ich Euch sehr sch�tze, aber ich will das nicht glauben. Das kann nicht sein.� Immer wieder hatte Landon sich in letzter Zeit der Vorstellung hingegeben, Mary k�nne nach Bath gefahren sein, um dort in Begleitung einer Freundin ein wenig Zerstreuung auf langen Spazierg�ngen, beim Besuch von Konzerten, Ausstellungen und Theatervorstellungen zu suchen. Geendet hatte sein Tagtraum ein ums andere Mal damit, dass sie erholt und aufger�umter Stimmung zur�ckkehrte. Jeder andere Gedanke schien unertr�glich zu sein. �Woher wollt Ihr die Gewissheit nehmen, dass es sich nicht um ein Verbrechen handelt? Ihr habt vergrabene Kleidung und Haare gefunden.�</p><p>William lie� sich nicht beirren. �Die gesamte verbliebene Reisegarderobe von Mr.�Linley blieb bei der Haushaltsaufl�sung unauffindbar, auch der alte Seesack war nicht mehr an seinem Platz. Es gab keine Einbruchspuren, und es fehlten nur die Reiseutensilien. Ich habe alles genauestens �berpr�ft.�</p><p>Landon schwieg. <emphasis>Was ist, wenn er recht hat? Dann ist das besser als nichts, dann wissen wir, dass sie lebt.</emphasis></p><p>�Aber warum ist ihr Kleid zerschnitten?�</p><p>Der alte Mann zuckte die Schultern. �Spekulationen kann ich bieten, mehr nicht.� Gedankenverloren zupfte er Erdkl�mpchen vom Stoff, die er in den Beutel fallen lie�. �Was machen wir nun? K�nnen wir eine Nachricht senden? Besteht irgendeine M�glichkeit, das Schiff noch einzuholen, irgendwen zu informieren?�</p><p>�Schon der Gedanke�, Landon sch�ttelte den Kopf, w�hrend er die Worte abwog, �dass Mary als Frau dem Schiff hinterherreist, um nachtr�glich an Bord zu gehen, ist unglaublich. Doch der Gedanke, dass sie auch noch als Mann an Bord gegangen sein k�nnte, ist ungeheuerlich. Niemand wird uns glauben, und wenn diese Annahme sich tats�chlich als wahr erweist, wird ein Skandal das Haus des ehrw�rdigen Francis Linley ersch�ttern, wie ihn Plymouth lange nicht erlebt hat.�</p><p>Den R�cken gew�lbt, klaubte William weiterhin stoisch Erdkl�mpchen aus dem Kleid. �Wir werden nicht umhinkommen, es Mrs.�Fincher mitzuteilen. Sollte Mary an Bord sein, ist es eine irrige Annahme, dass sie die Reise unentdeckt hinter sich bringt. Falls nicht noch schlimmere Dinge geschehen���</p><p>�Und diese Aufgabe wird mir zufallen, nehme ich an?�</p><p>Der alte Mann hob den Blick nicht, aber er nickte. �Wenn der Verkauf des Hauses abgewickelt ist, und wir befinden uns in den letzten Z�gen, werden die K�chin und ich in den Dienst von Mrs.�Fincher treten. Vielleicht lie�e es sich einrichten, dass Ihr wenige Tage sp�ter eintrefft?�</p><p>�Wann wird das sein?�</p><p>�Oh, ich denke, in der kommenden Woche.�</p><p>Landons Blick fiel auf die Unterlagen seines Schreibtischs. Sandk�rner waren �ber die Papiere verstreut. Gleich w�rde er sich wieder mit der Anschaffung eines Ladekrans befassen k�nnen. Welch wunderbarer Vorgang. Kalkulierbar, �berschaubar und emotionslos.</p></section><section><title><p><strong>Atlantik, 21.�November 1785</strong></p></title><p>�Mary, bitte wach auf.�</p><p>Mary. Wie viele Wochen war es her, dass jemand sie beim Namen genannt hatte? Sie l�chelte und zog die Decke �ber die Schultern, denn das Schiff war in dieser Nacht stark ausgek�hlt. Doch dann fuhr sie abrupt in die H�he und versuchte, sich in der Dunkelheit zu orientieren.</p><p>�Mary, bitte.�</p><p>Franklin! Es war Franklin, der sie beim Namen nannte. Nie hatte er sie mit ihrem Namen angesprochen. Und auch ihren falschen Namen hatte er seit der Enttarnung kaum noch verwendet, als wollte ihm das kleine Wort Marc nur schwerlich �ber die Lippen kommen. Nun rief er nach ihr und nannte sie Mary. Sie schluckte. �Franklin? Was ist? Geht es dir nicht gut?� Sie lauschte seinen Atemz�gen. Hatte sie vielleicht getr�umt?</p><p>�Hilf mir.�</p><p>Mit zitternden Fingern z�ndete sie die �llampe an. Die Flamme warf Schatten, die unf�rmig durch den Raum schwankten.</p><p>Klein und kreidebleich erschien ihr Franklins Gesicht, gro� jedoch seine gl�nzenden Augen. �Meine H�nde und F��e sind erstarrt, ich kann sie nicht mehr bewegen�, fl�sterte er.</p><p>Mary warf die Decke beiseite, sprang aus der Koje, beugte sich �ber ihn und bef�hlte seine Stirn. Nasse, kaltschwei�ige Haut. Der K�rper bebte. �Ich hole Doc Havenport, bleib liegen.�</p><p>�Nein, nicht den Doc!�</p><p>�Franklin, wir brauchen Medikamente.� Sie nahm seine Hand. �Ich verspreche dir, ich werde deine Behandlung beaufsichtigen. Aber jetzt brauchen wir den Wirrkopf mit seinen Tiegeln und Pillen, ja?�</p><p>Die Locken wippten sacht.</p><p>Mary griff sich die Lampe.</p><p>Mit aller Kraft, die Hand zur Faust geballt, h�mmerte sie gegen Doc Havenports T�r. <emphasis>Ich habe keine Zeit</emphasis> zu <emphasis>warten, bis unser weinseliger Schiffsarzt wach wird,</emphasis> dachte sie, betrat die Kaj�te und stellte die Lampe auf dem Behandlungstisch ab. Heftig r�ttelte sie an Doc Havenports Schulter. Seine Augenlider zitterten.</p><p>�Wir brauchen Euch, Mr.�Myers liegt darnieder. Schnell, bitte kommt mit mir.�</p><p>Doc Havenport fasste sich an die Stirn und hielt die Augen geschlossen. �Nehmt doch bitte die lederne Tasche, und dann lasst uns gehen�, sagte er, rang nach Luft und schob sich aus der Koje. Seine Bewegungen wirkten m�hsam, kaum, dass er stand, torkelte er zwei Schritte vorw�rts.</p><p>Mary griff ihn um die Taille und setzte ihn wieder auf die Koje. Die nackte Haut seines Unterarmes war nass und kaltschwei�ig. <emphasis>Wie bei Franklin, er hat die gleichen Symptome. Bleib ruhig,</emphasis> ermahnte sie sich. <emphasis>Bleib ganz ruhig.</emphasis></p><p>�Mir ist ein wenig schwindelig�, sagte Doc Havenport, sein Atem eine Mischung aus F�ulnis und Alkohol. �Verzeiht mir. Aber vielleicht kann Euch Sir Belham behilflich sein, ich bef�rchte, unp�sslich zu sein.�</p><p>Mary half ihm, sich wieder hinzulegen, und deckte ihn zu. Kurz f�hlte sie seine Stirn, doch der Befund �nderte sich nicht.</p><p>�Meine H�nde, sie schmerzen. Ich bekomme so schwer Luft.� Er hustete.</p><p>Beklommen wich Mary zur�ck, trat an den Tisch und goss ihm ein Glas Wasser ein.</p><p>Doc Havenport winkte ab. �Unter der Koje, schnell, schnell.�</p><p>Im Halbdunkel erkannte Mary eine ge�ffnete Flasche Madeirawein. Sie hielt sie dem Schiffsarzt hin, er langte danach und nahm gierig einige Schlucke.</p><p>�Das hilft! Das ist so gut wie starker Grog�, sagte er, als er absetzte. �Geht jetzt! K�mmert Euch nicht um mich, versorgt den anderen Patienten.�</p><p>Mary griff nach Tasche und Lampe. R�ckw�rts trat sie aus der Kaj�te, den Blick auf Doc Havenport gerichtet, bis die T�r sich schloss. Sie rannte nicht, sie jagte zu Carls Kaj�te. Sofort sa� er aufrecht in seiner Koje, den Blick wach und klar, als h�tte er auf ihr Eintreffen gewartet.</p><p>�Schnell, komm�, schrie sie. �Franklin, Doc Havenport � sie sind krank. Die H�nde, die F��e, sie k�nnen sie kaum oder gar nicht bewegen. Doc Havenport atmet schwer.�</p><p>In baumwollener W�sche lief Carl vor ihr her, den engen Kaj�tgang entlang. Als sie die T�r zur Kaj�te aufstie�en, war Franklins Koje leer.</p><p>�Dort.� Carl zeigte auf den Boden.</p><p>Franklin kniete vor der Koje. �Ich wollte aufstehen, nur kurz, f�r einen Schluck Wasser. Aber meine Beine wollten mich nicht tragen. Mir ist schwindelig.� Er versuchte, sich an der Seekiste hochzuziehen, doch es gelang ihm nicht, und so kroch er nur ein St�ck weiter.</p><p>Carl packte ihn und half ihm auf sein Bett. �Was fehlt dir?�, fragte er.</p><p>�Fisch. Der Fisch war�s, sage ich dir. Ich habe den Fisch gegessen. Doc Havenport sa� mir gegen�ber, er hat t�chtig zugelangt.� Mehrfach nickte Franklin. �Das Vieh schmeckte �lig. Seid froh, dass ihr nichts davon genommen habt. Widerlich, einfach widerlich. Ich habe nicht viel davon gegessen, aber Doc Havenport, wie ich schon sagte, der hat es sich munden lassen.�</p><p>�Meinst du, der Fisch war verdorben?� Mary blickte zu Carl.</p><p>�Das kann ich noch nicht sagen. Die Atemnot und Starre der Extremit�ten machen mir Sorgen. Verabreiche Franklin ein wenig vom Kreuzdorn, wir m�ssen ihn purgieren. Gib ihm schwei�treibende Mittel, und wenn du ihn versorgt hast, dann komm zu Doc Havenport her�ber.�</p><p>�Du l�sst mich mit ihm alleine?�</p><p>�Marc, bitte lass uns jetzt nicht diskutieren. Wir haben zwei Kranke. Mindestens. Und Franklin hat weniger vom Fisch genommen. Wir m�ssen uns jetzt aufteilen.�</p><p><emphasis>Geh nicht, bitte,</emphasis> flehte es in ihr. <emphasis>Ich habe Angst. Lass mich nicht alleine.</emphasis> �Entschuldige�, sagte sie nur, und die Dunkelheit verbarg das Brennen ihrer Wangen.</p><p>Die T�r schlug zu.</p><p>�Komm schon!� Franklin sog die Luft ein, und ein L�cheln schob sich auf sein Gesicht, es war ein wenig schief und verzerrt, aber es erreichte seine Augen. �Gib mir ordentlich von der Purgiernuss, damit der Fisch mich schnell wieder verl�sst.� Er zeigte auf Doc Havenports Tasche, die Carl hatte stehen lassen.</p><p><emphasis>Wenn er k�nnte, er w�rde mich noch an die Hand nehmen, um mich durch die Behandlung zu f�hren</emphasis>, dachte Mary. Sie �ffnete den Verschluss der Tasche und sp�rte das verwitterte Leder unter ihren Fingerspitzen. <emphasis>Ich muss mich beeilen, das Gift zerfrisst ihn.</emphasis> �Du hast recht, der Fisch muss abgef�hrt werden. Und wenn ich dir daf�r alle Pastillen verpassen muss, die ich zur Hand habe.� <emphasis>Gut so,</emphasis> beschwor sie sich, <emphasis>weiter so. Plaudere auf ihn ein. Lenk ihn von seinen Schmerzen ab. Halt ihn mit deiner Stimme bei Bewusstsein.</emphasis> Sie drehte sich zu Franklin um.</p><p>Sein Mund stand offen. Er presste sich die H�nde auf den Brustkorb, und seine Augen quollen hervor. Wie ein an Land gesp�lter Fisch wand er sich �bers Laken.</p><p>Der Tiegel fiel Mary aus den H�nden. Die kleinen wei�en Pastillen sprangen �ber den Boden. Sie lie� sich auf die Knie fallen, griff schnell eine von ihnen und legte sie auf Franklins Zunge. W�hrend sie sich auf die Koje schob, riss sie seinen Oberk�rper in die H�he, doch seine Augenlider sackten nach unten. Der Atem rasselte.</p><p>�Nein, halt durch. Halt durch. Halt durch.� Ihre Stimme war nicht mehr als ein Fl�stern, heiser und panisch.</p><p>Franklins Kopf kippte vor. Die Pastille rollte aus seinem Mund.</p><p>�Carl�, schrie sie und h�mmerte mit einer Hand gegen die Holzwand zur Nachbarskaj�te. Peacock schlief nebenan. Vielleicht w�rde wenigstens er sie h�ren. Vielleicht w�rde er ihr helfen k�nnen. Mit der anderen Hand versuchte sie, Franklin aufrecht zu halten.</p><p>Er entglitt ihr, sackte hinten�ber und schlug mit dem Kopf gegen das Holz.</p><p>Der Puls dr�hnte Mary in den Ohren, als wollte der Sch�del bersten. Tr�nen tropften auf ihre Hand, als sie sich vorbeugte und in Franklins Locken fasste. Sein Gesicht zu sich drehte.</p><p>Seine Augen standen offen. Starr und leer.</p><p>Kein Wimpernschlag beendete das grausige Bild.</p><p><emphasis>Franklin</emphasis>, br�llte es in ihr auf. <emphasis>Nein, du kannst nicht gehen. Du kannst nicht.</emphasis> Ihr K�rper w�lbte und kr�mmte sich. Zog sich in Kr�mpfen zusammen, dr�ngte den Atem pumpend �ber ihre Lippen, dass er in ein kehliges Schluchzen zerfiel. Das nasse Gesicht an Franklins Hals gepresst, schlang sie die Arme um ihn und zog ihn an sich. Sein Arm rutschte schlaff zur Seite und blieb auf ihr liegen.</p><p>Keine �llampe war vonn�ten. Ihre Beine wussten trotz der Dunkelheit, wohin sie sie zu tragen hatten. Schritt f�r Schritt kam sie der angelehnten T�r n�her, ein schwacher Lichtschein fiel in den Flur. In der Kaj�te war es still. Die Hand schien zu wissen, wie die T�r zu �ffnen war. Nichts in ihr, weder Hirn noch Herz, konnte mehr einen Befehl erteilen.</p><p><emphasis>Carl, wo bist du?</emphasis></p><p><emphasis>Wir haben ihn verloren.</emphasis></p><p><emphasis>Franklin.</emphasis></p><p><emphasis>Carl, hilf mir.</emphasis></p><p>Sie schob die T�r auf. Carl sa� auf dem Rand der Koje und hob den Kopf. Mary schaute an ihm vorbei. Zusammengerollt lag der Schiffsarzt da, das Gesicht im Krampf erstarrt. Ihr Blick wanderte zu Carl zur�ck, und sie antwortete mit einem Kopfsch�tteln auf die Frage, die wortlos zwischen ihnen stand.</p><p>***</p><p>Er war dankbar, dass es diesen einen kurzen Moment gab, in dem er nichts sp�rte. Nichts, au�er einer Leere, die fast wohltuend war. Erst dann tauchte das Bild in seinem Kopf auf: Zuerst sah er den Mund in einem runden Gesicht, einen aufgerissenen Mund, und doch zu klein, dem Schmerz gen�gend Raum zu geben.</p><p>Sophie Myers.</p><p>Eine von vielen M�ttern, die die Nachricht �berbracht bekam, dass ihr Sohn nicht mehr von einer Seefahrt zur�ckkehren w�rde. Franklins Schwester schob sich ins Bild, zwei j�ngere Br�der und der Vater folgten. Auf dem diesj�hrigen Sommerfest der Royal Society hatte er Familie Myers kennengelernt. Wie sollte er ihnen je wieder gegen�bertreten? Carls Augen brannten, langsam zog er die Decke �ber Doc Havenports Leiche.</p><p>�Marc�, sagte er leise, �wir m�ssen jetzt pr�fen, ob noch jemand im Sterben liegt. Noch wissen wir nicht, woran die beiden verstorben sind. Ist es eine Epidemie, m�ssen wir umgehend handeln.�</p><p>Ihre Augen waren blind vor Tr�nen. <emphasis>Ob sie mich verstanden hat,</emphasis> fragte er sich. <emphasis>Sie muss denken, dass ich herzlos bin. Aber wir haben keine Wahl, denn wenn es nicht der Fisch war, bleibt uns keine Zeit. Was uns aber bleibt, ist unser Schmerz.</emphasis></p><p>Er z�gerte einen Moment, legte dann aber doch die Hand auf ihre Schulter und f�hrte sie zur T�r. �Lauf und hol den Smutje. Ich benachrichtige derweil die anderen. Wir treffen uns gleich in der Kapit�nskaj�te.�</p><p>Smutje Henrys Gesicht war blutrot, und der Schwei� rann ihm in die Augen. Er wischte mit dem Arm �ber sein Gesicht, doch augenblicklich entstanden die n�chsten Schwei�tropfen. Alle Blicke waren auf ihn gerichtet, und Carl f�hlte Mitleid. Seine Stimme klang nachsichtig, als er die Frage wiederholte: �Hast du die Fischreste noch?�</p><p>�Nein, die Reste werden jeden Abend �ber Bord gekippt, damit die Ratten nicht darangehen.�</p><p>�Wie sah der Fisch aus?�</p><p>Henry runzelte die Stirn. �Rundlich und gedrungen.�</p><p>�Hatte der Fisch Z�hne?�</p><p>Er nickte und wischte wieder mit dem Arm �ber sein Gesicht.</p><p>�Hatte der Fisch Schuppen?�</p><p>Henry sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Was?� Mary sprang aufgebracht in die H�he. �Henry, du hast einen Tetraodon serviert?�</p><p><emphasis>Halt an dich,</emphasis> flehte Carl innerlich, dem der Ton ihrer Stimme auff�llig hoch erschien. Er sah sich um, doch weder der Ausbruch noch die Tonlage schien Argwohn zu erregen. <emphasis>Bitte, beherrsch dich und werd jetzt nicht zur Furie.</emphasis></p><p>Kapit�n Taylor schlug mit der Hand auf den Tisch. �Mr.�Middleton, niemandem ist damit geholfen, wenn wir hier jetzt in einen Tumult ausbrechen�, beschied er streng und blickte in die Runde. �Und jetzt w�re ich dankbar, wenn man mir erkl�rte, was ein Tetraodon ist.�</p><p>�Ein Kugelfisch�, antwortete Carl.</p><p>Henry br�llte auf. �Ich habe es doch gesagt��� Seine Stimme �berschlug sich, und er schnappte nach Luft. �Ich habe Doc Havenport gefragt, ob das ein Kugelfisch ist. Mein Gehilfe Dan, der kann es bezeugen. Noch nie habe ich so einen Fisch gesehen, ich habe nur davon geh�rt. Aber ich habe ihn gefragt. Ich habe ihn gefragt.� Der Smutje schluchzte. �Ich habe sie nicht umgebracht, ich schw�re es bei Gott.�</p><p>Peacock erhob sich und trat an den Smutje heran, der bebend vor dem Tisch stand. �Komm, Henry. Nimm meinen Stuhl. Setz dich�, sagte er sanft.</p><p>Henry fiel auf den Stuhl, sein Kopf sank auf den schmalen Brustkorb. Er begann, hemmungslos zu weinen.</p><p>Der Astronom griff in seine rechte Manteltasche, dann in die linke und zog ein Taschentuch hervor. Er reichte es Henry, der sich darin festkrallte.</p><p>�Also, du hast beim Fang der Fische darauf verwiesen, dass einer davon ein Kugelfisch sein k�nnte, ja?� Carl formulierte seine Frage behutsam. Den Mann mehr aufzuregen als bisher erschien ihm grausam.</p><p>Henry nickte erneut. �Es waren sogar zwei. Doc Havenport ging vorbei, und er sah, dass ich die Fische wieder ins Meer zur�ckwerfen wollte. Er befahl mir innezuhalten. Ich erkl�rte mich, und er musterte die Fische. Dann sagte er, ich m�sse mir keine Gedanken machen. Nicht alle Kugelfische w�ren giftig. Und von dieser Art h�tte er schon in Neu-Kaledonien gespeist. Ich habe ihm geglaubt.�</p><p>�Ja, auch er hat daran geglaubt. An sich ist es ja auch recht unwahrscheinlich, in dieser Region giftige Kugelfische anzutreffen�, erwiderte Carl.</p><p>Kapit�n Taylor rang die H�nde. �Meine Herren, die Lage ist ernst, denn man wird der Mannschaft nicht erkl�ren k�nnen, dass ein tragisches Versehen den Tod zweier M�nner verursacht hat. Angst und Aberglaube werden dazu f�hren, dass ein S�ndenbock gesucht wird. Wenn die M�nner dem Smutje das Essen verweigern, droht uns die Meuterei, darum m�chte ich als Grund f�r das Ableben der beiden M�nner eine Krankheit benennen. Es ist ausreichend, wenn der wahre Sachverhalt im Logbuch vermerkt und erst in England bekannt wird. Auf diesem Weg werden wir nur dem Aberglauben Rechnung tragen m�ssen, aber uns immerhin die Meuterei ersparen.�</p><p>Alle schwiegen. Carl und Peacock nickten.</p><p>�Gut, meine Herren. Dann erwarte ich von Sir Belham und Mr.� Middleton die Nennung einer Krankheit, und�, er machte eine Pause, bevor er weitersprach, �ich erwarte Ihr Schweigen.�</p><p>Mehrfach hatte Carl Segelmacher-John bei der Arbeit beobachtet. Stets hielt er den Kopf in die H�he, gab eine seiner Geschichten zum Besten, und die H�nde auf der h�lzernen Bank schienen ein Eigenleben zu f�hren. Doch sobald sich Segelmacher-John erhob, wandelte sich das Bild. Suchend ertasteten seine H�nde sich den Weg. Carl vermutete, dass sich Johns Sehverm�gen auf der Fahrt noch einmal verschlechtert hatte, dass er wahrscheinlich gerade noch Licht von Schatten zu unterscheiden wusste. Und so verlie� Segelmacher-John seine Bank so selten wie m�glich, offensichtlich in der Hoffnung, dass man seine Unsicherheit nicht zur Kenntnis nahm.</p><p>Die Unsicherheit, von der jeder an Bord wusste.</p><p>Carl konnte sich nicht erinnern, den Segelmacher auch nur ein einziges Mal in den Masten erlebt zu haben. Immer schickte er einen der Toppsgasten und gab ihnen Anweisungen, die sie widerspruchslos befolgten. Niemand sprach dar�ber, aber die Besatzung schien sich einig, den Mann in dem Glauben zu lassen, man w�rde ihm sein Gebrechen nicht anmerken.</p><p>Mit einem wei�en Leintuch �ber dem Arm betrat Segelmacher-John die Kaj�te des Schiffsarztes. Er blieb in der T�r stehen und lie� seinen silbern-leeren Blick durch den winzigen Raum gleiten. Doch Carl wusste, dass er dabei mehr wahrgenommen hatte als viele Sehende.</p><p>Franklins kalten K�rper, der auf dem Behandlungstisch ruhte.</p><p>Den Schiffsarzt, der zusammengerollt in seiner Koje lag.</p><p>Den schm�chtigen Zeichner, der in der Ecke auf einem Stuhl kauerte und sacht mit dem Oberk�rper hin- und herschwankte.</p><p>Und sicher hatte er auch Carls Hand bemerkt, die immer wieder eine von Franklins Locken glattstrich und sp�rte, wie sie sich aufrichtete, als w�re nichts geschehen.</p><p>�Ich habe Segeltuch Nr.�1, einen Stoff von hervorragender Qualit�t, mitgebracht, da ich nicht wei�, ob die Herrschaften H�ngematten haben, in die sie eingen�ht werden. Es ist das beste Tuch, das wir an Bord haben. Hierin werden wir sie auf ihre letzte Reise schicken.�</p><p>Er trat neben den Tisch, und Mary stand m�hsam auf, aschfahl im Gesicht. Gemeinsam hoben die beiden Franklin an, um ihn in das Segeltuch zu legen. Kaum, dass Segelmacher-John das Tuch �ber ihm zusammenschlug, rannen Mary erste Tr�nen �ber die Wangen.</p><p>Eine Zwinge legte sich um Carls Brust und dr�ckte ihm den Atem ab.</p><p>Stich um Stich wurde Franklin in das Segeltuch eingen�ht. Mit jedem Stich verschwand ein St�ck mehr von ihm aus ihrem Leben. Als sich Segelmacher-John Franklins Nase n�herte, beugte er sich vor und strich ihm �ber die Wange. Leichen erkannte er einwandfrei. Der Stich durch die Nase, um sicherzugehen, dass derjenige, der in das Segeltuch eingen�ht wurde, nicht mehr lebte, war nicht vonn�ten.</p><p>Franklin war und blieb tot.</p><p>Kein Wunder wollte geschehen.</p><p>Es erschien Carl wie ein Hohn, dass heute die Sonne lachte, der Himmel hellblau leuchtete und das Meer gestrichen glatt vor ihnen lag. Salutsch�sse donnerten �ber ihre K�pfe hinweg, und unter dem Beben jedes Schusses drohte ihm das Herz zu zerspringen. Doch es zersprang nicht. Sein Herz schlug weiter.</p><p>Die gesamte Mannschaft stand an Deck, als die beiden M�nner zu Wasser gelassen wurden. Sie versanken und trieben noch einmal kurz zur Oberfl�che auf, das Segeltuch bereits schwer vom Wasser. Dann glitten Franklin und Doc Havenport in ihren wei�en Kokons in die Tiefe. Eine Weile waren es noch helle Schatten, die sich gegen das dunkle Blau abzeichneten, bis das Auge nicht mehr ausmachen konnte, ob es das Tuch war oder der Wunsch, den Stoff noch in der Tiefe schimmern zu sehen.</p><p>Carl zwang sich aufzuschauen. <emphasis>Wir,</emphasis> dachte er und fixierte die Frau an seiner Seite, <emphasis>wir werden die L�cken, die diese beiden M�nner hinterlassen haben, schlie�en m�ssen. Ob du eine Ahnung hast, worauf du dich mit dieser Reise eingelassen hast?</emphasis></p><p>***</p><p>Den ganzen Tag �ber hatte sie die Kaj�te nicht betreten. Hatte ihre Zeit an Deck und in der Offiziersmesse zugebracht. L�ngst war die Nachtruhe ausgerufen worden, und die Stille hatte das Regiment an Bord �bernommen. Das Feuer im Kamin war erloschen, hin und wieder war noch ein leises Knacken in der glimmenden Glut zu h�ren.</p><p>Die Arme gestreckt, erhob sich Mary, und jeder Muskel ihres K�rpers erschien ihr verh�rtet. Mit z�gerlichen Schritten lief sie zur Kaj�te.</p><p>Sie wusste nicht, welche der M�nner Franklin ins Behandlungszimmer geschafft hatten. Es war offensichtlich, dass sie ihn lediglich aus der Koje gehoben und fortgetragen hatten. Decke und Laken waren zerw�hlt, jede Falte von Franklins K�rper in die W�sche gezogen. Auf der Seemannskiste lag seine Kleidung vom Vortag. Mary sank neben der T�r auf den Boden, schlang die Arme um ihre Beine und r�hrte sich nicht.</p></section><section><title><p><strong>Atlantik, 22.�November 1785</strong></p></title><p>Der Morgen graute, als sie erwachte. Die Lampe stand neben ihr und malte mit der Flamme unscharfe Schatten in den Raum. Es waren die Schmerzen, die sie geweckt hatten. Die K�lte und die sitzende Haltung hatten ihren R�cken versteift. Langsam erhob sie sich und stand unschl�ssig in der Kaj�te. Besah sich die W�sche, dann das Bettzeug. Beugte sich vor und ordnete Franklins Laken, faltete die Decke und strich die Kanten, bis sie aussahen, als w�ren sie mit dem Ma�band gezogen worden. St�ck um St�ck legte sie seine Kleidung zusammen, und mit jedem Handgriff, der den Stoff bewegte, konnte sie den Geruch wahrnehmen. Einen letzten Hauch von Franklin. <emphasis>Der Geruch ist immer das Letzte, was uns bleibt,</emphasis> dachte sie. <emphasis>Und wenn der Geruch verschwunden ist, k�nnen wir uns nur noch in unsere Erinnerungen fl�chten</emphasis>.</p><p>In der Weste ersp�rten ihre Finger eine Innentasche auf Brusth�he. Ohne nachzudenken, griff sie hinein und f�hlte k�hles Metall. Sie zog es hervor. Ein Medaillon. Silbern gl�nzte es im Licht. Mary lie� den mit Ornamenten verzierten Deckel aufspringen und erstarrte.</p><p>Sie wusste nicht, was sie erwartet hatte.</p><p>Das Bild einer jungen Frau.</p><p>Vielleicht der Mutter oder auch der Eltern.</p><p>Einer Schwester.</p><p>Ein Heiligenbild vielleicht.</p><p>Aber nicht das.</p><p>Die Tuschezeichnung zeigte Carl.</p><p>Eine G�nsehaut, die vom R�cken ausging, zog sich �ber ihre Arme und Beine. Hastig band sie ihren Seesack auf und schob das Medaillon unter die W�sche<emphasis>. Jetzt verstehe ich dich,</emphasis> rief es in ihr<emphasis>. Jetzt begreife ich, was du damals gemeint hast, als ich dich fragte, warum du dich so f�r mich einsetzt, warum du mich nicht enttarnt hast. Jetzt erkenne ich den Grund, den du nicht benennen wolltest: Auch du warst falsch an Bord, auch dich h�tte niemand hier geduldet, wenn man um dein Geheimnis gewusst h�tte. Franklin, ich werde es h�ten, so wie du meines geh�tet hast. Sollten sie deine Habe an Bord verteilen oder sie verwahren, um sie nach der R�ckkehr deiner Familie zu �bergeben � niemand wird etwas erfahren. Das bleibt unser Geheimnis.</emphasis></p><p>Dan war dabei, den Tisch einzudecken, als Mary die Offiziersmesse betrat. Bleich schimmerte sein Gesicht im fahlen Morgenlicht. Der Tod zweier M�nner durch eine Krankheit, die niemand aus der Mannschaft kannte, hatte jeden schockiert.</p><p>Einen Augenblick sp�ter traf Carl ein und nahm Mary gegen�ber Platz. Noch nie hatte sie ihn unrasiert und mit derart dunklen Augenringen gesehen. Er trug die Kleidung vom Vortag, in der er, dem Zustand nach zu urteilen, geschlafen hatte. Er goss sich Tee ein und nahm ein paar Schlucke.</p><p><emphasis>Ob er wei�, welche Zuneigung Franklin f�r ihn gehegt hat,</emphasis> �berlegte Mary, w�hrend sie den Blick �ber sein Gesicht wandern lie�. <emphasis>Sicher hat er nicht einen Gedanken daran verschwendet. Sein Hang zu wechselnden Liebschaften in der Londoner Damenwelt ist hinl�nglich bekannt. Ich wette darauf, dass er nicht auf den Gedanken kam, dass sein Gehilfe anders empfinden k�nnte. Aber das werde ich wohl nie erfahren.</emphasis></p><p>Carl schaute auf. Die Augen gl�nzten dunkel, die Lippen waren weich und wund. Sein Kehlkopf sprang bei jedem Schluck.</p><p>Sch�ner hatte er nie ausgesehen.</p></section><section><title><p><strong>Feuerland, 6.�Dezember 1785</strong></p></title><p>�Zwischen Rio de Janeiro und Kap Hoorn liegen zweitausendf�nfhundert Meilen.� Nats Wangen waren vom Wind ger�tet, ein Rotztropfen hing an seiner Nasenspitze.</p><p>�Na und? Au�erdem sind wir ja noch gar nicht da.� Seth starrte wieder auf das Wasser hinaus. Heute war es steingrau, formte mannshohe Wellen, die wei�e Schaumk�mme trugen und in Font�nen �ber Deck schlugen. Das Schiff kr�ngte auf die Seite, und er spreizte die Beine, um die Schwankung auszugleichen. <emphasis>Wenigstens bin ich nicht wieder seekrank geworden,</emphasis> dachte er kurz, derweil Sir Belham an ihm vorbeiwankte und sich �ber die Reling erbrach.</p><p>Nat wischte mit dem �rmel der Jacke �ber seine Nase. �Ja, aber bald erreichen wir Kap Hoorn, und zweitausendf�nfhundert Meilen, das ist eine weite Strecke�, sagte er eindringlich und zog die Augenbrauen zusammen.</p><p><emphasis>Ja, zweitausendf�nfhundert Meilen Langeweile,</emphasis> erg�nzte Seth in Gedanken. <emphasis>Morgens das Deck aufwischen, bis die Sonne aufgeht, donnerstags und sonntags wird�s gescheuert. Dann das Mannschaftsdeck fegen, Dienstag und Freitag wischen. Fr�hst�ck, Wache schieben, am Montag W�sche waschen. Mittags Grog und Essen, am Nachmittag entweder Drill oder Wachschicht. F�nf Uhr Abendbrot und Grog, vielleicht Freiwache. Um acht Uhr Licht aus und schlafen, bis die n�chste Wachschicht ansteht. In jedem Fall um vier Uhr wieder antreten zum Reinschiffmachen. Zweitausendf�nfhundert Meilen die gleiche Plackerei. Und die Stunden, die ich bei Marc verbringen kann, sind viel zu selten. Der Geruch der Tinte, das Rascheln des Papiers und die wohlige W�rme in der Offiziersmesse.</emphasis></p><p>Seth hob die H�nde vor den Mund, formte eine Muschel und hauchte hinein. Aber weder seine H�nde noch sein Gesicht wurden w�rmer. Eine Freiwache in dieser K�lte lie� sich in der d�nnen Kleidung kaum noch ertragen. Sobald er zur Wache eingesetzt wurde, bewegte er sich wenigstens, ob nun beim Aufentern in die Takelage oder beim verhassten Reinemachen. Die Arbeit w�rmte, dabei kam er ins Schwitzen.</p><p>�Und wenn du dir �berlegst, wie lange wir seit Rio de Janeiro unterwegs sind, dann m�chte ich gern mal wissen, wie weit entfernt London ist. So weit kann ich jedenfalls nicht mehr z�hlen.�</p><p>�Du kannst auch nicht bis zweitausendf�nfhundert z�hlen. Du hast irgendwem gelauscht.� Seth verzog das Gesicht. Sein Magen knurrte, das D�rrfleisch am Mittag war wieder knapp bemessen gewesen. Erst f�r Weihnachten plante Smutje Henry noch einmal reichlich Essen aufzutischen. Mit beiden H�nden, das hatte Seth sich vorgenommen, w�rde er in die Sch�sseln fassen, essen, bis ihm �bel wurde, und sich dann in seiner H�ngematte zusammenrollen. Sollte doch die Mannschaft bis tief in die Nacht feiern und sich an den versprochenen Sonderrationen Rum bl�de saufen. Er w�rde schlafen wie lange nicht mehr, denn satt schlief man gut.</p><p>In den letzten Wochen war das Essen immer ekelhafter geworden. Das Wasser stank, doch wirklich widerlich war der Zwieback: Er lebte. Die Maden konnte man herausklopfen, wenn man jedoch nicht alle erwischte, bekam der Bissen eine Sch�rfe, die Seth an Senf erinnerte. Und der Schimmel, der oft schon Haare hatte und blau leuchtete, hinterlie� in der gesamten Zwiebackscheibe stets einen faden Geschmack. Doch der Hunger war eine gute Sauce, die daf�r sorgte, dass gegessen wurde, was auf den Tisch kam.</p><p>�Aber ich kann fast bis zweitausendf�nfhundert z�hlen�, unterbrach Nat seine Gedanken.</p><p>Seth schaute auf. Sein Magen knurrte lauter.</p><p>�Findest du nicht auch, dass das unheimlich weit weg ist? Was ist, wenn wir den Weg nach London nicht mehr zur�ckfinden?�</p><p>Seth lie� einen Furz fahren. �Was willst du heute dauernd mit London?�</p><p>�Du alte Sau. Na, London ist England. Und England ist unser Zuhause. Da ist das Wetter fast so schlecht wie hier.�</p><p>Seth riss die Augen auf. �Deshalb denkst du an London? Du willst nach Hause?�</p><p>Nat drehte den Kopf beiseite und zeigte auf das Wasser hinaus. �Schau mal. Ich glaube, ich habe da gerade einen Haifisch gesehen.�</p><p>Obwohl er sich auf die Zehenspitzen stellte und lange nach einer R�ckenflosse Ausschau hielt, konnte Seth keinen Hai entdecken. Als er sich zu Nat umdrehte, war der verschwunden.</p><p>Von oben betrachtet, sah Segelmacher-Johns Hinterkopf merkw�rdig aus. Das Haar war verknotet und schuppig wie eh und je, aber oben auf dem Sch�del, in der Mitte, schaute auch noch die nackte Haut hervor. Rot, nein, schweinefarbene Haut, entschied Seth und sp�rte, wie die flinken H�nde des Segelmachers seine Hosenbeine einschlugen.</p><p>Dann setzte sich Segelmacher-John wieder auf und ma� Seths H�fte, wobei er leise lachte. �Da gibt das Navy Board warme Kleidung mit. Das ist eine gute Idee. Aber jedem ist das Zeug zu kurz, vielen auch zu eng, aber dich d�rres H�hnchen k�nnen wir darin dreimal einwickeln.�</p><p><emphasis>So gro� ist die Hose doch gar nicht,</emphasis> befand Seth, w�hrend er an sich herabblickte. <emphasis>Das liegt sicher daran, dass er nicht gut sehen kann. Wie soll er das mit diesen Augen auch beurteilen k�nnen?</emphasis> Er richtete sich auf, reckte den Hals in die H�he und schob den Bauch hervor, aber Segelmacher-John hatte sich schon wieder seiner Bank zugewandt.</p><p>�Wo hast du denn deinen Bruder gelassen?�, fragte er. �Dem k�nnte ich dann auch gleich die Kleidung k�rzen. Wir brauchen jeden Fetzen, um bei den langen Kerlen die Hosen und die Jacken zu verl�ngern.�</p><p>�Wei� nich, wo der ist.�</p><p>�Nun schl�pf mal aus der Hose, damit fangen wir an. Die Jacke k�nnen wir sp�ter machen.�</p><p>Kaum, dass Seth in seiner langen Unterhose dastand, war er dankbar, dass man Segelmacher-Johns Bank inzwischen unter Deck getragen hatte. Hier war zwar das Licht schlecht, doch das bemerkte der Segelmacher nicht, die W�rme sp�rte er sehr wohl. Und seitdem sprudelten auch wieder die Geschichten aus ihm heraus.</p><p>�Komm, Kleiner, setz dich zu mir.� Segelmacher-John rutschte zur Seite und klopfte mit der Hand auf den Platz neben sich. Er begann, den �berfl�ssigen Stoff abzutrennen.</p><p>�Und wie gef�llt es dir auf unserer gro�en Reise?�</p><p>Seth z�gerte. �Na ja.�</p><p>�Was meinst du damit?�</p><p>�Es ist ein bisschen, na ja, halt ein bisschen langweilig.�</p><p>�Da fahren wir nun seit Wochen immer wieder in der N�he der K�ste entlang und d�rfen T�ler, H�gel, Steppenlandschaft und nun auch die Anden in ihrer Gr��e erleben. Und neulich, als wir inmitten der Wildnis angelegt haben, um die Vorr�te aufzufrischen, da haben die Gentlemen von ihrem Landgang Pflanzen mitgebracht, die in der Heimat noch kein Mensch gesehen hat. Sie haben V�gel geschossen, deren Namen niemand kennt. Erinnerst du dich? Einige davon haben wir verspeist. Wie kommt es, dass du dich langweilst? M�sste das f�r einen Jungen in deinem Alter nicht eher ein Abenteuer sein? Ein gro�es, aufregendes Abenteuer?�</p><p>Seth schaute Segelmacher-John an. �Woher wei�t du das alles?�, platzte es aus ihm heraus.</p><p>�Na, ich habe doch Augen im Kopf.� Er packte ein Lederb�ndchen, das er um den Hals trug, und zog unter seinem Hemd einen kleinen Beutel hervor. �Hier drin ist Augenwurzel, das sch�tzt die Sehkraft. Die ist wichtig f�r meine Arbeit. Oder hast du schon mal einen Blinden mein Tagewerk verrichten sehen?�</p><p>�Nein, nat�rlich nicht�, antwortete Seth gehorsam und rutschte ein St�ck vom Segelmacher ab, besorgt, er k�nne die L�ge sp�ren.</p><p>�Siehst du.� Segelmacher-John klang zufrieden, als er nach der Jacke griff. Die Stoffreste der Hose legte er beiseite. �Und, hast du gestern von dem Hai gegessen, den man gefangen hat?�</p><p>Seth sch�ttelte den Kopf. �Nein�, erg�nzte er. �Der roch widerlich.�</p><p>Segelmacher-John hatte bei seiner letzten Frage die Stimme gesenkt. Wenn er das tat, fasste er meist Ungeheuerliches in Worte. Nun hie� es, sich vorzubeugen, die Luft anzuhalten und aufmerksam zu lauschen, um ja kein Wort zu verpassen.</p><p>�Mach das blo� nicht�, sagte er leise.</p><p>�Was?�, fl�sterte Seth.</p><p>�Fleisch vom Haifisch zu essen.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Haie fressen Menschen, das wei�t du. Und vielleicht ist hier irgendwann, irgendwo ein Schiff gekentert. Verstehst du?�</p><p>Seth sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Na, vielleicht hat der Hai Menschenfleisch gefressen.�</p><p>�Ja, und?�</p><p>�Na, wenn der Hai einen Menschen gefressen hat und du diesen Hai isst, dann isst du ja Menschenfleisch.�</p><p>Das war ein beeindruckender Gedanke. Eine G�nsehaut lief Seth �ber die Arme, und er r�ckte wieder n�her an Segelmacher-John heran.</p><p>�Na, sieh mal, wer da kommt.� Segelmacher-John deutete mit dem Ellenbogen nach links.</p><p>Lukas kam den Gang heruntergelaufen. �Wo ist dein Bruder?�, rief er schon von Weitem.</p><p>Seth zuckte die Schultern und schl�pfte in die Hose, die ihm Segelmacher-John entgegenhielt.</p><p>�Vielleicht bei seinem Affen.�</p><p>�Na, auch egal.� Lukas packte ihn am �rmel. �Komm schnell, ich zeig dir was.�</p><p>�Herrlich�, griente Segelmacher-John vor sich hin. �Kinder und Weibsvolk sind wie das Meer: Sie schweigen nie.�</p><p>Seth klammerte sich in den Wanten fest, dass die Taue in seine Handinnenfl�chen schnitten. Der Wind riss an der Jacke, doch er wollte nicht ein St�ck weiter in die Tiefe klettern. Er wollte alles sehen. Ganz genau. �Terra de Fueko�, br�llte er in den Wind und verschluckte sich daran. Er hustete und h�rte, dass Lukas, der auf seine H�he geklettert war, kicherte.</p><p>�<emphasis>Tierra del Fuego</emphasis> hei�t das. Land des Feuers. Magellan hat die Inseln so getauft, als er hier vorbeisegelte.�</p><p>Seth blinzelte und schaute zu Lukas hin�ber. Woher wusste er das alles? Und wer war dieser Magellan? Er sagte nichts und lie� sich wieder vom Anblick der d�steren Bergketten in den Bann ziehen. Schwarzgraue Wolken hingen so weit hinab, dass es den Eindruck erweckte, sie wollten die Gipfel der Berge verschlingen.</p><p>�Er hat die K�ste <emphasis>Tierra del Fuego</emphasis> genannt, weil er einzelne Feuer �ber die Berge hinweg verteilt sah. Die Bewohner sind Nomaden, die haben keinen festen Wohnsitz. Sie ziehen mit ihrem Hab und Gut umher, und so kann man Lagerfeuer an vielen verschiedenen Orten sehen. Das ist nicht so wie bei uns, wo man sich in einem Dorf zusammenrottet, nie weiterkommt als bis zum Rand des eigenen Feldes und dem n�chstgelegenen Marktplatz.�</p><p>Die Berggipfel waren mit wei�leuchtendem Schnee und eisgrauen Gletschern bedeckt, die sich scharf gegen die dunklen Felsen absetzten. Die Wolkendecke riss auf, und Sonnenlicht fiel in einzelnen Strahlen aufs Wasser.</p><p>�Es soll Menschen geben, die verlassen ihr Dorf nie. Sie werden dort geboren, in der Enge, und dort sterben sie auch. Nichts sehen sie von der Welt. Ob sie wissen, was sie vers�umen?�</p><p>Seth sch�ttelte den Kopf und stimmte Lukas in Gedanken zu. Der Seesoldat war schlau, und er konnte den Dudelsack spielen, dass einem das Herz schwer wurde. In den letzten Wochen hatte er selten musiziert, doch vielleicht w�rde sich das �ndern, sobald sie wieder Land betraten. Vom Deck her erscholl mehrstimmig das erste Lied, das die M�nner anstimmten. Gleichzeitig begannen die beiden den Abstieg.</p><p>***</p><p>Im Grunde waren sie nackt. Zumindest so nackt, dass Mary err�tete und in den Wipfel eines Baumes hinaufsah<emphasis>. Du hast gewusst, dass die Einwohner Feuerlands ohne Kleidung herumlaufen,</emphasis> r�gte sie sich, senkte den Blick und musterte verstohlen eine Frau. <emphasis>Immerhin tr�gt sie ein Seehundfell um die Schultern, und einen Lendenschurz aus Leder hat sie um die H�ften geschlungen. So schlimm ist das doch nicht.</emphasis> Die Stimme in ihrem Kopf hatte einen beschwichtigenden Ton angenommen, den Ton einer Mutter, die ein verschrecktes Kind zu tr�sten versucht.</p><p>Zwei M�nner kamen ihnen mit ausholenden Geb�rden entgegen. <emphasis>Die M�nner</emphasis>, rief eine andere Stimme in ihrem Kopf, heller und aufgeregter als die bisherige.</p><p><emphasis>Ja, was ist mit ihnen?,</emphasis> entgegnete die m�tterliche Stimme, im Ton gereizter.</p><p><emphasis>Sie haben keinen Lendenschurz. Ihr Gem�cht baumelt zwischen ihren Schenkeln herum! Bei jedem Schritt.</emphasis></p><p><emphasis>Stell dich nicht so an, du bist Wissenschaftler!</emphasis></p><p><emphasis>Ja, ich wei�, dass viele V�lker dieser Welt nackt oder halbnackt durchs Leben laufen.</emphasis></p><p><emphasis>Hier hast du die Rousseau�sche Lehre sichtbar vor Augen! Den Beweis f�r seine Theorie, dass der Mensch nur im Naturzustand gl�cklich sein kann.</emphasis> Die m�tterliche Stimme war zu einem w�tenden Zischen geworden. <emphasis>Es ist doch in der Theorie oft genug behandelt worden, das Bild vom Edlen Wilden.</emphasis></p><p><emphasis>Das hier ist keine Theorie mehr, und falls doch, bewege ich mich inmitten dieser Theorie. Und ich kann nicht sagen, ob diese Menschen gl�cklich sind, aber sie sind so nackt und haben eine enorme physische Pr�senz.</emphasis></p><p>Eine Hand legte sich auf Marys Arm, dunkle Finger spielten �ber den wollenen Stoff ihrer Jacke hinweg. Erschrocken zuckte sie zusammen, schob die Stimmen beiseite und blickte um sich.</p><p>Die Eingeborenen umringten die Ank�mmlinge, r�ckten n�her und zerrten an der Kleidung, an den Haaren und an den Musketen der Seesoldaten. Dr�ngten die Mannschaft in Richtung zweier H�tten, die in unmittelbarer N�he im Windschatten einer Felsengruppe errichtet waren. Aus �sten war ein Geflecht gebogen worden, ein Halbrund, das mit Reisig und Seehundfellen bedeckt war. Spartanisch und kaum als ernstzunehmender Schutz gegen die k�hle Witterung zu verstehen.</p><p>Einer der M�nner trug einen Korb bei sich, der aus Zweigen geflochten war. Kleine Holzspie�e, die offensichtlich zum Fischen dienten, schauten daraus hervor. Aus der Tiefe des Korbes hob er einen Fisch, deutete eine Essbewegung an und zeigte zur H�tte hin�ber.</p><p>Kapit�n Taylor, Carl und Mary wurden in die H�tte geschoben, die zu einer Seite hin offen war. Ein Feuer brannte, und nackte Kinder sprangen herum. Zwei Frauen spie�ten Fisch auf und hielten ihn �ber die Flammen. Die rundlichere der beiden hatte mit B�ndern einen S�ugling auf ihren R�cken gebunden.</p><p>Der Mann setzte seinen Korb ab. Die Kinder beugten sich dar�ber, langten nach dem Fisch und brachten ihn zum Feuer. Von der Decke hingen Tierblasen. Die Frau mit dem S�ugling auf dem R�cken griff nach einer, f�llte sie mit Wasser und �berreichte sie Carl, wobei sie dem�tig den Kopf beugte und ihn nicht ansah. Sie war dunkelhaarig, ihre Haut von tiefer Bronzefarbe.</p><p>Immer mehr M�nner der Mannschaft wurden zur Laubh�tte gef�hrt. Angewidert beobachtete Mary, dass einige von ihnen versuchten, im Gedr�nge die Leiber der Frauen zu ber�hren. Doch die schoben die H�nde der M�nner kichernd von sich und wiesen in die Reisigh�tte.</p><p>Besorgt musterte Mary die Wilden, die sich jedoch am Verhalten der Fremden nicht zu st�ren schienen. Bis auf wenige Ausnahmen hatten die M�nner bemalte Gesichter. Waagerechte Streifen in schwarzer und roter Farbe, die pastos auf der Haut lag und ihnen etwas Bedrohliches verlieh. An den Hand- und Fu�gelenken trugen sie Muschelreife, die bei jedem Schritt leise aneinanderschlugen und einen eigenwilligen Kontrast zur Bemalung bildeten.</p><p>�Hast du es gesehen?�, fl�sterte Carl. �Sie haben keine Boote.�</p><p>Mary trat an die �ffnung der H�tte. An der K�ste und auch auf dem Wasser war kein Boot auszumachen. Nirgends. Und Kapit�n Taylor schien darauf vorbereitet gewesen zu sein, er lie� die Beiboote mit doppelter Wachmannschaft sichern.</p><p>�Du hast recht�, entgegnete sie und zuckte zusammen, als sie sich umwandte. Carl war ihr gefolgt, er stand dicht hinter ihr und lie� seinen Blick �ber die Bucht und das Meer schweifen. Sie r�usperte sich. �Mir ist aufgefallen�, setzte sie erneut an, �dass wir hier wahrscheinlich nicht die ersten Besucher sind. Einer der M�nner zeigte vorhin auf eine Muskete und bellte auf. Sicherlich, um ein Schussger�usch zu imitieren. Sie kennen die Kraft unserer Waffen.�</p><p>Carl nickte und r�hrte sich nicht.</p><p>Kyle Bennetter zog Marys Aufmerksamkeit auf sich. Er betrat die H�tte, einen schweren Beutel auf dem R�cken, den er behutsam absetzte und �ffnete.</p><p>Bevor Kapit�n Taylor hineinlangen konnte, hielt ihm der Gastgeber die offene Hand entgegen.</p><p>Taylor brachte rote Glasperlen zum Vorschein und reichte sie seinem Gegen�ber.</p><p>Der Mann schaute nicht einmal hin und gab die Perlen an die M�nner neben sich weiter. Erneut streckte er die ge�ffnete Hand vor.</p><p>�Sie erwarten Geschenke.� Mary wusste sich nicht zu fassen und sch�ttelte den Kopf.</p><p>Carls Miene blieb ernst, selbst die Jauchzer der Kinder, die erklangen, als der Kapit�n ihnen Glasperlen zuwarf, �nderten nichts daran.</p><p>Nachdem die Fische verspeist und die Tierblasen geleert waren, erhoben sich drei der M�nner. Der �lteste von ihnen wurde in die Mitte genommen und von den beiden anderen gest�tzt. Sie verlie�en die H�tte und hielten auf das Schiff zu, die Kinder und Hunde tollten auf ihrem Weg um sie herum. Als die M�nner mit den F��en im Wasser standen, blickten sie den Kapit�n auffordernd an, der umgehend das Beiboot heranwinkte.</p><p>An Bord bewegten sich die Eingeborenen ruhig und sicher, lie�en sich f�hren und sich alles zeigen. Unter dem Hauptmast hielt der �lteste inne. Er schloss die Augen und sprach leise vor sich hin, bis seine Stimme ein weicher Singsang wurde, der an Kraft und Lautst�rke gewann.</p><p>�Er vollzieht Rituale, die der Vertreibung b�ser Geister dienen.� Carl trat einen Schritt zur�ck, um dem Mann gen�gend Platz zu lassen. Der hob die Arme in die H�he, drehte sich in alle Himmelsrichtungen, verneigte sich, lie� die Arme sinken und verharrte einen Atemzug. Als er die Augen wieder aufschlug, war seine Konzentration einer Neugier gewichen.</p><p>�Das w�re wunderbar, wenn er das k�nnte. Von b�sen Geistern hatten wir in letzter Zeit genug. Sie haben zu viel Raum beansprucht�, antwortete Mary und f�hlte Carls Blick auf ihrem Gesicht.</p></section><section><title><p><strong>Feuerland, 7.�Dezember 1785</strong></p></title><p>Das Schlagen der �xte, das Krachen fallender B�ume, das Gebr�ll der See, das Kl�ffen der Hunde � ein nicht endender Ger�uschereigen erf�llte die Luft. Carl legte die Botanisiertrommel um, lauschte noch einmal dem L�rm, bis er in ihm nachklang, und ergriff das Netz.</p><p>Mary trat neben ihn und wies auf zwei M�nner in seiner Begleitung. �Diese beiden Herren werden uns begleiten. Da w�re Midshipman Randy Hall. Der Kapit�n hat ihn f�r die Exkursion freigestellt.�</p><p>Carl erkannte den angehenden Offizier mit der schiefen Nase, der bei dem Ungl�ck mit den Bierf�ssern resolut durchgegriffen hatte, und nickte ihm zu.</p><p>�Das ist�, fuhr Mary fort und wandte sich einem hochgewachsenen Dunkelhaarigen mit freundlichem Gesicht zu, �Bartholom�us Kellington. Ich denke, du kennst beide.�</p><p>�Mr.�Hall, Mr.�Kellington, ich freue mich, dass wir so tatkr�ftige Unterst�tzung erhalten und dass eine Freistellung einzurichten war. Ich w�rde vorschlagen, dass wir sofort aufbrechen, um jede Minute des Tageslichtes zu nutzen.� F�r einen Moment glaubte Carl, seiner Gewohnheit folgend, noch auf Franklin warten, ihn zur Eile und zum Aufbruch treiben zu m�ssen. Unmerklich sch�ttelte er den Kopf. Sie waren vollst�ndig. Er schritt aus.</p><p>Nach einem m�hseligen Aufstieg erwartete sie ein berauschender Ausblick auf die Ebene. Vor ihnen lag ein Streifen Grasland, kniehoch die Halme, flaches Buschwerk mit vereinzelten Buchen, deren St�mme sich unter dem Druck des Windes bogen. Die Sonne, die im Zenit stand, brach durch die Wolkenwand.</p><p>Der Ausblick und der Abstieg in die Ebene beschwingten Carl und lie�en ihn z�gig ausschreiten. Doch schon bald darauf wurde der Weg beschwerlich: Die Schuhe sackten ein, und der Boden schmatzte auf, sobald er den Fu� hineinsenkte. Sumpfland. Dunkler, weicher Morast, der die Waden erm�dete und nach kurzer Wegstrecke vor Hitze brennen lie�.</p><p>Die Ebene schien sich zu weiten und mit einem Mal kein Ende mehr zu nehmen. Mehrfach hielt Carl inne und orientierte sich aufs Neue. Immer noch lag der Berghang zum Greifen nah, so als w�ren sie auf der Stelle gelaufen.</p><p>Bartholom�us und Randy waren zur�ckgefallen, mit gesenkten K�pfen staksten sie inzwischen ersch�pft hinterher<emphasis>. Sie haben die Kraft von Bullen, aber keine Ausdauer,</emphasis> dachte Carl. Er seufzte.</p><p>Auch Mary lief mit gebeugtem R�cken, derweil sie mit dem Blick ihre n�here Umgebung absuchte. Kurz warf sie das Netz aus, und ein K�fer verschwand in einem der Sammelgl�ser. Die Tasche mit dem Zeichenger�t hing �ber die schmale Schulter und schlug mit jedem Schritt an ihren Schenkel, doch es schien ihr nichts anzuhaben. <emphasis>Sie hat einen eisernen Willen, das muss man ihr lassen. Sie l�uft, schleppt, klagt nicht und arbeitet ohne Verdruss. Wie sie wohl im Kleid mit langem, hochgestecktem Haar aussieht?</emphasis> �berrascht von diesem Gedanken wischte er sich den Schwei� von der Stirn. <emphasis>Wie oft willst du dich das noch fragen? Rei� dich zusammen, es ist kaum der richtige Zeitpunkt f�r solche Vorstellungen,</emphasis> ermahnte er sich und blickte sich noch einmal um.</p><p>Randy Hall sa� inzwischen im Gras, und sein Hinterteil versank, selbst auf die Entfernung erkennbar, im Morast.</p><p>�Gut, lasst uns eine Rast machen�, rief Carl und breitete eine �lgetr�nkte Plane aus.</p><p>Stirnrunzelnd erhob sich Randy und versuchte, den Morast von seiner Hose zu wischen. Alsbald gab er auf und folgte den anderen, um mit ihnen Reisig f�r ein Feuer zusammenzutragen. Kaum erreichte der Midshipman die Plane, lie� er das gesammelte Ge�st fallen und ging in die Hocke, die Augen geschlossen, das Gesicht blass und angestrengt.</p><p>�Wenn der uns jetzt erkrankt, m�ssen wir sofort umkehren�, sagte Mary leise und brach vertrocknetes Astwerk aus einem kniehohen Busch.</p><p>Carl nickte und schaute zum Himmel hinauf. Es hatte sich zugezogen, die Wolken ballten sich zu einer wei�en Wand. Es war merklich k�lter geworden. �Du hast recht, Marc, und wenn es jetzt noch zu regnen beginnt�, er lie� den Blick �ber die Umgebung schweifen, in der die Buchen sich zur h�chsten Erhebung aufspielten, �dann finden wir nicht einmal einen Unterstand. Nehmen wir die Plane zum Schutz, werden wir vom Morast unter uns durchn�sst.�</p><p>�Es kommt sogar schlimmer�, antwortete sie und hielt Carl ihren rechten Arm entgegen. Auf dem dunklen Stoff lag eine kristallene Schneeflocke, die langsam schmolz. Gleichzeitig schauten sie auf. Vor der wei�en Wolkenwand tanzten vereinzelte Flocken zum Boden herab.</p><p>�Wir m�ssen zum Schiff zur�ck. Sofort�, rief Carl, und beide liefen los, dem Lager entgegen. Immer schneller, immer dichter fielen die Flocken. Schwer von Feuchtigkeit, durchn�ssten sie in k�rzester Zeit das Haar und die Kleidung. Der Wind fuhr in die N�sse und lie� Carl schaudern. Kaum, dass sie das Gep�ck wieder verschn�rt hatten, lag eine geschlossene Decke Schnee.</p><p>Nochmals schickte er einen Blick gen Himmel. Das Wei� der Wolkenwand war in ein beunruhigendes Dunkelgrau �bergegangen. War das die D�mmerung, die hereinbrach, oder k�ndigte sich ein l�nger anhaltendes Schneetreiben an?</p><p>Ein Tippen auf seiner Schulter lie� ihn aus seinen Gedanken auffahren.</p><p>�Randy kann nicht mehr�, sagte Mary und deutete hinter sich.</p><p>�Wer?� F�r einen Augenblick war Carl desorientiert.</p><p>�Der Midshipman. Von dem wir dachten, er w�rde erkranken.�</p><p>�Was hei�t hier �dachten�? Ist er erkrankt, oder ist er nicht erkrankt?�</p><p>Mary krauste die Stirn. �Nein, er hat unsere Rumvorr�te vernichtet und ist schlichtweg betrunken.�</p><p>Bartholom�us stand neben Randy Hall, nahm ihm das Gep�ck ab und warf es sich auf den R�cken. Er bot dem Midshipman, der inzwischen schwankte wie die B�ume im Schneetreiben, seinen Arm.</p><p>�Verdammt, wer hat uns den mitgegeben?�, fragte Carl und presste sich die Finger auf die Augenbrauen.</p><p>Sie zuckte mit den Schultern. �Sohnrey hatte sich f�r Bartholom�us ausgesprochen. Verwundert hat es mich durchaus, dass ein angehender Offizier f�r die Exkursion freigestellt wurde, also nahm ich an, Randy interessiere sich wirklich f�r unsere Arbeit. Wer wei�, wer den armen Teufel dem Kapit�n anempfohlen und damit ihn wie auch uns in diese Situation gebracht hat.�</p><p>Carl hob den Arm und gab Bartholom�us ein Zeichen. Sie liefen los. Laut schmatzten die Schritte im Morast.</p><p>Auf dem Hinweg waren sie �ber den Bergkamm gewandert, an B�schen vorbei und �ber Ger�ll hinweggestiegen. Doch nun liefen sie seit geraumer Zeit durch einen pfadlosen Wald. Carl fiel auf, dass es in dieser Gegend lediglich sechs Baumarten gab, wobei eine Buchenart dominierte. Irritiert sch�ttelte er den Kopf, dass ihm selbst in dieser misslichen Lage derlei Details nicht entgingen. Doch er konnte nicht umhin, diese Erkenntnisse flogen ihm zu, und wenn er in sich hineinsp�rte, gab ihm die Flucht in gedanklich vertrautes Terrain ein wenig Trost.</p><p>Der Boden war wieder fest, was das Vorankommen keinen Deut erleichterte, denn derweil k�mpften sie sich durch dichtes Unterholz. Zweige schlugen ihnen in die Gesichter, die Kleidung verfing sich in dornigem Buschwerk, und die Dunkelheit nahm zu.</p><p>Mary schloss zu ihm auf. �Wir haben den Weg verloren�, stellte sie unumwunden fest.</p><p>Carl nickte und sp�rte die Unruhe in seinem Leib. �Ich wei�.� Seine Schultern sackten herab.</p><p>Der Wind wurde sch�rfer.</p><p>***</p><p>Die Glocke schlug acht Glasen, der selige Ruf, dass die Wachschicht beendet war. Ob er noch einen Landgang unternehmen sollte? Seths F��e und Finger schienen zu Eiszapfen gefroren zu sein, seine Nase lief ununterbrochen. Er beschloss, an Bord zu bleiben, unter Deck w�rde es zwar stinken, aber es w�re wenigstens warm.</p><p>Die Luke wurde aufgesto�en, und Dan hastete an Deck. Er warf die Luke zu, und das dumpfe Krachen verriet, dass er jemanden getroffen hatte. Hastig schaute Seth sich um. Vater hielt sich am Fockmast auf. Dan w�rde ihm direkt in die Arme laufen. Ein zufriedenes Grinsen zog �ber sein Gesicht. Er verharrte auf der Mars, um einen besseren �berblick zu behalten.</p><p>Die Luke vom Niedergang �ffnete sich. Nat erschien. Die Hand auf den Kopf gepresst, folgte er Dan. �Du Schwein�, br�llte er. �Wo ist der Affe?�</p><p>Seth erkannte die Stimme kaum. Nein, er konnte sich nicht erinnern, seinen Bruder jemals derart w�tend erlebt zu haben.</p><p>Dan wandte sich im Laufen um. �Ich habe das Schei�vieh nicht anger�hrt�, rief er.</p><p><emphasis>Er sieht nicht, dass er Vater in die Arme rennt,</emphasis> jubilierte es in Seth. <emphasis>Ja, jetzt hat er ihn. Wie er ihn am Ohr rei�t, herrlich! Das kenne ich, das tut h�llisch weh.</emphasis></p><p>Nat bremste ab, als er den Vater bemerkte. Doch der winkte ihn heran, und sofort verschwand das rechte Ohr des Sohnes in seinem Klammergriff. �Ihr k�nnt von Gl�ck reden, dass der Kapit�n gerade nicht an Deck ist. Sonst h�tte es ein Donnerwetter gegeben.�</p><p>Dan begann zu heulen. Das Ohr sah aus, als w�re es inzwischen doppelt so lang gezogen.</p><p>�Also, was ist hier los?�</p><p>Keiner der beiden sagte etwas. Seth wurde unruhig und verlie� die Mars, er musste Nat beistehen. Der Vater hatte die H�nde voll, er konnte nicht auch noch nach ihm greifen. �Dan war gestern am K�fig von dem Affen�, rief er und lief ihnen entgegen.</p><p>�Ja, und?� Es war nicht zu �berh�ren, dass der Vater ungeduldig wurde.</p><p>�Na, jetzt scheint der Affe weg zu sein.�</p><p>Nat biss sich auf die Lippen.</p><p>�Ich habe das Vieh nicht anger�hrt�, schluchzte Dan, und Seth genoss den Anblick seiner Tr�nen.</p><p>Vater stie� ihn von sich und versetzte ihm eine Ohrfeige. �Verschwinde�, sagte er. �Und wenn ihr hier noch mal so einen Wirbel macht, kommt ihr mir nicht so einfach davon.�</p><p>Nat gab er eine Kopfnuss. �Das war f�r den Bockmist. Und du, Seth, wenn du keine Beweise hast, halte dich zur�ck mit deinen Unterstellungen. Es ist nicht rechtens, �ber jemanden zu urteilen���</p><p>Der Vater stockte und blickte Nat an, dessen Augen glasig gl�nzten. F�r einen Moment blieb seine Hand auf Nats Schulter liegen. �Und jetzt schnapp dir deinen kleinen Bruder, die Petze�, sagte er leise zu ihm, �und sucht in Gottes Namen dieses Vieh, wenn es dir so viel bedeutet.�</p><p>***</p><p>Der Riemen der Tasche schn�rte sich in Carls Schulter, und seine R�ckenmuskulatur brannte vor Ersch�pfung. In seiner Stirn setzte das leise Summen ein, das den nahenden Schmerz ank�ndigte. Er, der Leiter der Expedition, hatte die Orientierung verloren. Sein Herzschlag beschleunigte sich, und seine H�nde wurden feucht.</p><p>�Es scheint mir das Beste zu sein, dass wir uns eine gesch�tzte Stelle suchen, nochmals ein Feuer entz�nden und versuchen, dort die Nacht zu verbringen�, sagte Mary mit unersch�tterlicher Ruhe.</p><p>�Marc�, setzte Carl an und verbat sich den Impuls, sie bei ihrem Vornamen zu nennen, sich mit ihr als Frau zu besprechen, ohne den bisherigen Umweg der st�ndigen gegenseitigen und vor allem aufreibenden T�uschung. �Wir haben nichts zu essen mitgenommen. Ein wenig Zwieback f�r die Rast hatten wir eingepackt, doch der ist l�ngst verbraucht.�</p><p>�Du k�nntest uns was schie�en. Bartholom�us und ich werden Reisig sammeln und die Nacht im Freien vorbereiten.�</p><p>Carl wurde warm, und diese W�rme erl�ste seine Glieder aus ihrer Starre. Sie war gut, sie war wirklich gut. Wenn sein Hirn versagte, dann gab es immer noch das von Mary. Sobald sein Verstand aussetzte, wusste sie, dass es an der Zeit war, die Verantwortung zu �bernehmen, ohne viele Worte dar�ber zu verlieren. Erleichtert langte Carl nach dem Seitengewehr und stapfte davon. Er w�rde sich um Nahrung k�mmern, das war er den beiden M�nnern und auch Mary schuldig.</p><p>Ein Feuer brannte. Daneben sa�en dicht aneinandergedr�ngt auf einem Baumstamm, die �lplane um die Schultern gelegt, seine drei Gef�hrten. Zu jedem anderen Zeitpunkt h�tte Carl der Anblick am�siert, doch jetzt w�nschte er sich nur, ebenfalls unter die Plane zu klettern.</p><p>�Oh, ein Geier�, rief Bartholom�us erstaunt aus.</p><p>Carl lie� den Vogel auf den Boden fallen. �Ja, mehr war in der Dunkelheit nicht zu holen.� Seine Stimme klang flach vor Wut, aber er konnte nicht aus seiner Haut. Es war sein Verschulden, dass sie die Nacht hier verbringen mussten. Der K�lte, dem Wind und dem Schnee ausgesetzt. Und mit einem Geier, einem jungen, mageren Vogel dazu, w�rden sie den Hunger kaum lindern k�nnen. Er ging vor dem Feuer in die Knie und hielt seine H�nde vor die z�ngelnden Flammen. Das war also der Sp�tsommer auf Feuerland.</p><p>�Er ist noch warm�, sagte Carl, zog sein Messer und schnitt dem Vogel die Kehle durch. Er lie� das Blut in eines der Sammelgl�ser hineinlaufen, bis es halb gef�llt war, und hielt es Randy hin. Der verzog das Gesicht, wodurch seine Nase noch schiefer wirkte.</p><p>�Trink�, sagte Carl. �Das kann uns das Leben retten. Wer wei�, wie lange wir ohne Nahrung auskommen m�ssen.�</p><p>Das Blut schwappte im Glas, als der angehende Offizier danach griff. Er hielt die Luft an und nahm einen Schluck. Angeekelt wischte er sich mit der Hand den Mund aus und gab den Trank an Bartholom�us weiter.</p><p>�Nimm vom Schnee, damit kannst du den Mund sp�len�, riet Mary dem Midshipman.</p><p>Bartholom�us nippte und w�rgte, sog die Luft ein und nahm einen Mundvoll. Dann langte Mary nach dem Glas und trank mehrere Schlucke. Als sie Carl das Glas her�berreichte, ber�hrten sich beider Finger. <emphasis>Sie hat warme H�nde, das beruhigt mich,</emphasis> bemerkte er und schaute in das Glas. Ein Spiegel Fl�ssigkeit, der im Schein des Feuers fast braunschwarz gl�nzte. <emphasis>Die K�lte setzt auch mir zu, ich sitze hier und mache mir �ber die unsinnigsten Dinge Gedanken.</emphasis> Er trank. Das Blut hinterlie� einen metallischen Geschmack auf der Zunge und rann lauwarm seine Kehle hinab. Nicht unangenehm, nur ungew�hnlich, in jedem Fall unvergesslich.</p><p>Hei�es Wasser. H�tte er den Geier in hei�es Wasser legen k�nnen, h�tten sich die Federn leichter l�sen lassen. M�hselig hatte er sie stattdessen gerupft und �ber dem Feuer die restlichen Haare geflammt. Carl streckte ein Bein des Vogels, bis das Gelenk deutlich hervortrat. Mit mehreren Schnitten durchtrennte er die Sehnen und B�nder am Fersengelenk. Mit zwei Fingern hob er die Haut �ber dem Kropf und rieb sie gegeneinander. In die Haut stie� er das Messer, ein sorgf�ltiger Schnitt, dann zog er die hellen Lappen nach links und rechts auf. Den nun freiliegenden Kropf, die Speisewie auch die Luftr�hre zog er mit einer kreisenden Bewegung heraus. Unter dem Brustbein schnitt er den Bauch auf, behutsam, um nicht den Darm zu treffen. Mit der Klinge l�ste er die Bauchdecke und entfernte die Innereien samt Darm. Am Ende rieb er den Vogel mit Schnee ab, dann nahm er das Tuch, in das der Zwieback eingeschlagen gewesen war, und h�llte die magere Beute darin ein.</p><p>�Wir sollten den Vogel erst morgen fr�h aufbereiten. Ist das in eurem Sinne? Ich denke, wir brauchen vor dem Marsch eine St�rkung�, schlug Carl vor, und die anderen nickten.</p><p>�Dann lasst uns schlafen. Wer �bernimmt die erste Wache?�</p><p>Carl schlug die Augen auf. Es war dunkel und kalt. Dicht �ber sich sah er Mary, der Schein des Lagerfeuers warf Schatten �ber ihr Gesicht. Weshalb, fragte er sich schlaftrunken, war ihm in den ersten Wochen nie aufgefallen, dass ihr Kinn trotz des Gr�bchens viel zu schmal und der Mund wiederum zu voll und sinnlich war? Offensichtlich gen�gten Hose, Hemd und ein paar derbe Schuhe, um die Wahrnehmung zu tr�ben.</p><p>�Wachwechsel�, fl�sterte sie.</p><p>M�hsam streckte Carl die ausgek�hlten Beine durch. Linkerhand lag Bartholom�us, in der Mitte, direkt vor ihm, Randy Hall.</p><p>�Da. Da���, fl�sterte Mary pl�tzlich und richtete ihren zitternden Finger auf den Midshipman.</p><p>Carls Herz machte einen doppelten Schlag. Er packte den Mann an der Schulter und riss ihn herum. Die Augen waren ge�ffnet, der Blick gebrochen. <emphasis>Wenn es einen Gott gibt, werde ich im Fegefeuer schmoren,</emphasis> br�llte es in ihm auf. <emphasis>Es sind zu viele. Wir verlieren auf dieser Fahrt zu viele M�nner. Es ist, als w�rde ein Fluch auf unserem Schiff liegen.</emphasis></p><p>�Dich trifft keine Schuld.�</p><p>Carl schaute die Frau an seiner Seite an. Die dunklen Augen hielten seinen Blick fest. �Nein, ich wei�. Mich trifft keine Schuld, dass wir uns verlaufen haben, und mich trifft auch keine Schuld, dass ein Mann auf einer Expedition unter meiner Leitung zu Tode gekommen ist.� Er langte sich an die Stirn, sein Kopf schmerzte wieder. Schlagartig und berstend.</p><p>�Genauso ist es. Randy war betrunken. Und heute nicht das erste Mal. Der Alkohol hat ihn geschw�cht.�</p><p>�Wenn es so einfach w�re.�</p><p>�Es ist so einfach. Du denkst, dass wir deinetwegen hier in der Wildnis sitzen. Aber dem ist nicht so. Keiner kennt den Weg zum Schiff. Wir leben, und w�re er kein S�ufer gewesen, er h�tte die Nacht �berlebt.�</p><p>Bartholom�us schnarchte laut auf.</p><p>Carl und Mary schwiegen kurz und erhoben sich gleichzeitig. Sie beugten sich und hoben Randy Hall an.</p><p>Das Knacken der Zweige, vielleicht auch die K�lte, die Bartholom�us nun vollst�ndig umfing, lie� ihn erwachen. Es dauerte einen Wimpernschlag, bis er sich orientiert hatte und begriff, was das Bild, das sich ihm bot, bedeutete. Vor ihm standen Carl und der Zeichner Marc, die den vierten Mann der Exkursion, an Armen und Beinen gepackt, trugen.</p><p>�Er hatte Brustschmerzen. Die hat er versucht, mit Grog zu bet�uben. Immer wieder.� Bartholom�us r�usperte sich, seine Stimme war belegt. �Kaum einer hatte mit ihm zu schaffen. Er war ein Trinker, aber ein wirklich netter Kerl. Einsam halt.�</p><p>Carl schaute dem Mann, der vor seinen Beinen in der Luft baumelte, ins Gesicht. Morgen, wenn sie mehr Licht haben w�rden, suchte er sich zu beschwichtigen, k�nnten sie ihn beisetzen. Mit Anstand und W�rde. Etwas abseits des Feuers legten sie ihn ab.</p><p>�Lasst mich die Wache �bernehmen. Schlaft ein wenig.� Bartholom�us kniete sich neben Randy Hall.</p><p>Carl sank auf das �ltuch, und Mary setzte sich neben ihn.</p><p>�K�nnen wir zusammenr�cken, damit wir uns beim Schlafen w�rmen?�, fragte Carl und sch�mte sich, dass er auf einen Moment N�he hoffte.</p><p>Sie rutschten n�her aneinander und sagten kein Wort mehr.</p><p>***</p><p>Es war aufgeklart. Sterne waren zu sehen. Grau schob sich der eigene Atem, sobald er in die k�hle Luft aufstieg, ins Blickfeld. Mary neigte den Kopf zur Seite. Carls Augen waren ge�ffnet, das Gesicht dem Himmel zugewandt. Seine H�fte ber�hrte die ihre. Gern h�tte sie seinen Kopf an ihre Schulter gezogen, ihre Wange an ihn geschmiegt und ihm �ber das wirre Haar gestrichen. Ihm ein wenig seines Schuldgef�hls genommen. Gern h�tte sie ihn daran erinnert, dass sie die �bernachtung vorgeschlagen hatte, doch sie wusste, dass dieser Einwand zwecklos war.</p><p>Bartholom�us gab Reisig ins Feuer. Laut knackte das trockene Holz, als das Feuer nach ihm langte.</p><p>Mary drehte sich um, sp�rte Carls W�rme und schloss die Augen, ohne Schlaf zu finden.</p></section><section><title><p><strong>Feuerland, 8.�Dezember 1785</strong></p></title><p>F�nf Happen z�hes Fleisch f�r jeden. Mehr gab der Geier zum Fr�hst�ck nicht her. M�de und ausgek�hlt sa�en sie um das Feuer, und Mary ahnte, dass jeder von ihnen den gleichen Gedanken vor sich herschob. Randy musste w�rdig beigesetzt werden, doch die Erde war gefroren, und ihnen fehlte das Werkzeug, eine Grube auszuheben.</p><p>�Steine�, sagte Carl unvermittelt. �Wir k�nnen ihn unter Steinen begraben.�</p><p>W�hrend sie Steine auflasen und Randys Leiche darunter verschwand, ging die Sonne auf. Der Schnee schmolz, doch der Boden blieb knochenhart.</p><p>Irgendwann zeigte Bartholom�us in Richtung eines Berghanges. �Dort vorn ist die Buchenlichtung, dort sind wir heruntergekommen.�</p><p>Er schwieg, und erneut wusste Mary, dass sie zu dritt einen Gedanken teilten: Sie waren nicht weit vom Schiff entfernt gewesen. Sie waren im Kreis gelaufen.</p><p>Carl legte einen weiteren Stein auf das Grab. Sein Kehlkopf sprang, als er schluckte.</p></section><section><title><p><strong>Atlantik, 13.�Dezember 1785</strong></p></title><p><emphasis>Wie ein Korken</emphasis>, dachte Seth. <emphasis>Das Schiff schlingert wie ein Korken durchs Wasser.</emphasis> Er rieb seine H�nde aneinander. Es war �ber Nacht derart kalt geworden, dass er die Finger kaum noch sp�rte. Der Wind jagte eisig ums Schiff und wollte nicht abflauen. Immer wieder schob er Wellen in die H�he, die auf die Planken krachten. Immer wieder suchte das Wasser sich seinen Weg. Rinnsale schossen durchs Mannschaftsdeck bis ins Lager hinab. Inzwischen war alles klamm. Die H�ngematten, das Holz der Seekisten, die Kleidung.</p><p>Auch auf dem Deck der Gentlemen hatte eine schwere B�e, die am Abend zuvor das Schiff erfasst hatte, f�r erheblichen Schaden gesorgt. Gl�ser, Flaschen und Geschirr, alles war durch die Messe und die Kaj�ten geschossen und zerbrochen. Das Kr�ngen des Schiffes verteilte die Scherben noch in die letzten Ecken. Seth st�rte der abendliche Putzeinsatz nicht, war doch die Reinigung der Kaj�ten der Gentlemen eine gute Gelegenheit, sich zu vergewissern, ob sich der Affe vielleicht hierhin verkrochen hatte.</p><p>Bis tief in die Nacht wischte und fegte er, ohne jedoch eine Spur des Tieres zu entdecken. Feinste Splitter hatte er sich trotz aller Vorsicht zugezogen, das war das karge Ergebnis seiner Suche gewesen.</p><p>Seth schob sich die M�tze, die mit zur ausgegebenen Kleidung geh�rte, �ber die Ohren. Sie war aus Segeltuch und mit Flanell ausgeschlagen und gro� genug, dass er seinen ganzen Kopf darin verschwinden lassen konnte. Nach dem Porridge in der Fr�h hatte es einen Becher Brandy extra gegeben, und immer noch glaubte er, das Brennen im Hals zu sp�ren, ebenso die W�rme, die sich in seinem Bauch ausgebreitet hatte.</p><p>Nat stand neben ihm und starrte auf das Meer hinaus.</p><p>Seth schob seinen Kopf in die M�tze hinein, hob die H�nde und knurrte. Durch den Stoff konnte er seinen Bruder nicht sehen, aber er h�rte ihn.</p><p>Sein Lachen.</p><p>Das erste Lachen, seitdem der Affe verschwunden war. Erwartungsvoll riss sich Seth die M�tze vom Gesicht.</p><p>�Du bist so bl�de�, sagte Nat, seine Mundwinkel zuckten noch leicht.</p><p>Fr�her hatte Nat jeden Unfug mit einem anderen beantwortet. Fr�her hatte er oft gelacht, lange und laut. Und dabei waren seine Augen hell wie Kerzenschein gewesen. In letzter Zeit waren sie, egal, ob er gerade aufwachte, a� oder arbeitete, stumpf wie Segelmacher-Johns Haar. Und dieses Abstumpfen hatte bereits begonnen, bevor der Affe verschwunden war. <emphasis>Vielleicht ist das mit der M�tze auch albern,</emphasis> �berlegte Seth. Er schaute verzweifelt gen Himmel. <emphasis>Lieber Gott, hilf mir. Was soll ich denn nur machen?</emphasis></p><p>Eine weitere Wolkenfront zog auf, aus der eine der Wolken herausragte. �Schau, Nat�, rief er und packte seinen Bruder am Arm. �Die Wolke sieht aus wie ein Pilz.�</p><p>�Ja, du hast recht.�</p><p>Sofort zeigte Seth auf die Wolke daneben. �Und die sieht aus wie ein Weiberarsch.� Manchmal lachte Nat �ber Witze, die schmutzig waren, �ber Witze, in denen es um Frauen ging. Er beobachtete seinen Bruder aus den Augenwinkeln.</p><p>Nat sah kurz in den Himmel und nickte.</p><p><emphasis>Es geht doch</emphasis>, dachte Seth. <emphasis>H�r nicht auf, mach weiter! Was jetzt? Gott, bitte hilf mir noch einmal.</emphasis> �Und da, das sind zwei echt dicke Dinger, richtig dicke Titten. Siehst du die���</p><p>Nat fuhr herum, seine erste Bewegung seit Langem, die Kraft und Schnelligkeit hatte. �Geh weg�, br�llte er. �Kannst du mich nicht einfach in Ruhe lassen?�</p><p>An diesem Abend schwoll der Wind zu einem Tosen an. Er raste um das Schiff, dass die Segel beschlagen und die Luken verschalkt werden mussten. Nur ein Gro�segel lie� Kapit�n Taylor setzen, und im gesamten Schiff konnte man das �chzen des Mastes h�ren, sobald der Wind sich im Stoff verbiss. Wer Freiwache hatte, verkroch sich in der anheimelnden W�rme des Mannschaftsdecks. Doch gesellige Stimmung wollte nicht aufkommen, die M�nner hielten sich an ihrem Grog fest und blieben schweigsam.</p><p>Immer h�ufiger brach die See �ber Deck. Seth lauschte. Ohne M�he konnte er das Gurgeln der Wellen ausmachen, die sich �ber die Planken schoben. Er rollte sich in seiner H�ngematte ein und zog die M�tze �ber sein Gesicht. Wieder donnerte ein Brecher an das Schiff. Die H�ngematte schlug hin und her, dass Seth sich auf den R�cken drehte und mit beiden H�nden am Stoff festklammerte. Er war dankbar f�r den L�rm des Sturmes, �bert�nte er doch sein Heulen.</p></section><section><title><p><strong>Atlantik, 15.�Dezember 1785</strong></p></title><p>�Das Schiff hat sich in den Gelenken gelockert. Es liegt jetzt gut in den Wellen�, sagte Bartholom�us und zog der Robbe das Fell ab.</p><p>�Das liegt nicht daran, dass sich das Schiff in den Gelenken gelockert hat. Das liegt daran, dass diese Bark in der Cat-Bauweise entstanden ist. Sie ist im Grunde ihres Herzens ein Kohlenschiff. Eine stabile Lady, die viel ertragen kann und deshalb gut in den Wellen liegt. Und jetzt erspare uns dein Halbwissen.� Sohnrey packte das Fell und reichte es Dan weiter. Linkisch hielt der Junge es in die H�he.</p><p>Henry sch�ttelte den Kopf und schnappte sich den Robbenleib. �Eure Sorgen m�chte ich haben�, knurrte der Smutje und verschwand.</p><p>Mary beugte sich vor und tastete den Hals des Zimmermanns ab. Die Schwellungen waren zur�ckgegangen, das Fieber gesunken. F�r einen Moment sah sie �ber den Rand der H�ngematte hinweg, sah Edison, der hinter den arbeitenden M�nnern stand und die Arme verschr�nkt hielt.</p><p>�Warum nimmt der Smutje das Vieh mit? Das Fleisch schmeckt ranzig.� Er lie� seine Fingergelenke knacken, derweil er Henry hinterherblickte.</p><p>�Es war zu wenig Fisch im Netz. Den fressen die Robben, also m�ssen wir die Robben fressen. So einfach ist das.� Sohnrey wischte die blutverschmierten H�nde an seiner Hose ab.</p><p>Mary schloss Doc Havenports Koffer und wandte sich an Toni. �Es ist eine herk�mmliche Halsentz�ndung, die abklingt, und dein Fieber ist bereits gesunken. Morgen kannst du sicherlich wieder arbeiten�, sagte sie.</p><p>Der Zimmermann nickte, zog sein Halstuch zurecht und lehnte sich zur�ck.</p><p>Edison gab keine Ruhe. �Und dieses �l, es blakt und stinkt�, p�belte er weiter.</p><p>�Aber es gibt Licht, und jetzt halt dein Maul�, entgegnete Bartholom�us mit angespanntem Gesicht und vorgeschobenem Kiefer.</p><p>Der Umgang der M�nner war nie r�cksichtsvoll gewesen, doch in den letzten Tagen war der Tonfall noch eine Nuance aggressiver geworden. Die K�lte zerm�rbte die Mannschaft, und das k�rglicher werdende Essen schw�chte sie. Der verhangene Himmel machte sie m�de, und vor ihnen lag die Le-Maire-Stra�e. Ein Nadel�hr zwischen Feuerland und Staten Island.</p><p>Mary stieg den Niedergang hinauf. Eisiger Wind schlug ihr ins Gesicht, als sie das Deck betrat. Nahezu magisch zog es sie in den letzten Tagen an die Reling. Die Beine in die Breite gestemmt, hielt sie das Gesicht in den Wind und starrte aufs dunkelgraue Wasser. Und wieder war es der eine Gedanke, der, seitdem sie die erste der Feuerland-Inseln betreten hatten, best�ndig in ihr aufkam: <emphasis>Vater, hier irgendwo zwischen Feuerland und Kap Hoorn, irgendwo in diesen ungest�men Gew�ssern ist dein Grab. Irgendwo in diesen Wellen bist du ertrunken.</emphasis></p><p>Ein gellender Schrei aus dem Kr�hennest lie� sie zusammenzucken, lie� sie den Blick heben, doch das Dunkelgrau blieb auf Augenh�he. Eine Welle erhob sich vor dem Schiff, so gewaltig, dass sie ihren Blick daran hinaufklettern lassen musste, bis der Kopf im Nacken lag, um die sch�umende Krone zu erblicken.</p><p>Steinern sah die Welle aus, wie sie einen Moment aufrechtstand.</p><p>Zu kurz war die Zeit, einen Gedanken zu fassen, um Angst zu versp�ren oder um wegzulaufen.</p><p>F�r den Bruchteil einer Sekunde verharrte die Welle, fiel dann zusammen und krachte mit dem ihr eigenen Gewicht auf das Schiff. Die Wucht riss Marys F��e von den Planken, doch sie sp�rte nicht das Wasser, das sie einh�llte, nur ihre H�nde sp�rte sie. Sie gaben den Koffer frei und umklammerten die Reling. Sollte sie loslassen, w�rde die Welle sie fortrei�en und auf der anderen Seite des Schiffes von Deck sp�len. Es gab einen dumpfen Schlag, und ihre F��e sp�rten wieder Halt. Nass hing sie an der Reling, der kalte Wind traf sie. Salz brannte in ihren Augen.</p><p>Schreie l�rmten durcheinander, und irgendwer l�utete die glocke im Sturm, um die Mannschaft an Deck zu rufen. Die Segel mussten eingeholt werden, bevor einer der Masten brach.</p><p>Aus dem Wasser bleckten Felsvorspr�nge, die zum Greifen nah kamen. Die Wellen dr�ckten und schoben die <emphasis>Sailing Queen</emphasis>, brandeten auf die Felsen, sprangen zur�ck, rollten wieder �ber das Schiff hinweg und wurden zu Sturzb�chen, die �ber die Planken jagten. Mary presste sich gegen die Reling und sah die Matrosen. Die sich gegen den Wind stemmten und �ber die Wanten in die Takelage aufenterten. <emphasis>Mit welchem Mut diese M�nner den Naturgewalten trotzen,</emphasis> dachte sie und war versucht, ein Kreuz �ber Stirn und Brust zu schlagen.</p><p>Ihr Blick fiel auf das Bugspriet. Zwei H�nde krallten sich an der Spiere fest. Sie schrie auf, doch der Wind schlug ihr ins Gesicht, dass sie husten musste. Mit dem Finger zeigte sie zum Bugspriet, das sich erneut neigte und im Wasser versank. �Mann �ber Bord!� Marys Stimme �berschlug sich. Noch einmal sog sie die Lungen voll Atem und rief: �Vorn am Bug. Mann �ber Bord.�</p><p>�Der Junge�, br�llte Sohnrey. Nats schmaler K�rper baumelte in der Luft. Mit einem Arm umklammerte er das nasse Holz, die andere Hand hielt er in die Tiefe. Abermals sank das Schiff, und die Beine des Jungen wurden mit Wasser umsp�lt.</p><p>Eine M�nnerhand tauchte aus dem Wasser auf und packte die Hand des Jungen. Kurz erschien Kyle Bennetters Kopf, er schnappte nach Luft.</p><p>�Nat hat ihn.� Sohnrey st�rzte zum Bug vor. Das Schiff senkte sich erneut, und der K�rper des Jungen verschwand in einer Woge. Die Hand des Vaters glitt aus der des Sohnes, der noch nach dem Arm des Vaters langte. Dann kam die n�chste Welle, die �ber das Schiff hinwegrollte. Es war Sohnreys R�cken, der Mary kurz die Sicht auf Nat und den Arm, den er gepackt hielt, nahm. Das Wasser erfasste die beiden und schluckte die Schreie des Jungen.</p><p>F�r einen Augenblick war kein menschlicher Laut an Bord mehr zu h�ren.</p><p>Das Grollen des Windes, das Knarzen des Holzes, das Schlagen der Segel und das Krachen des Wassers bet�ubten das Geh�r.</p><p>Als die Welle �ber den Bug hinweggerollt war, ragte die leere Spiere in die Luft, von der das Wasser troff. Mary lie� die Reling los. Wankte und schlitterte �ber Deck, wurde von M�nnern angerempelt, die schneller waren. Erst als sie n�herkam, sah sie das Kn�uel aus Armen und Beinen auf den Planken. Sohnrey hielt den Jungen an sich gepresst.</p><p>�Vater�, schrie Nat. �Vater!�</p><p>Die Wellen schlugen weiterhin unabl�ssig auf das Schiff ein. Schulter an Schulter standen die M�nner und hielten Ausschau, doch Kyle Bennetter war nicht mehr auszumachen.</p><p>Mary sp�rte etwas unter ihrem rechten Fu�. Sie war auf Seths Hand getreten, der vor ihr auf dem Boden kauerte. Er reagierte nicht, sein Blick hing an seinem Bruder fest. Sein Unterkiefer zitterte, und Mary meinte, �ber das W�ten des Windes hinweg seine Z�hne aufeinanderschlagen zu h�ren.</p><p>�Klar zum Wenden!�</p><p>Kapit�n Taylors Befehl, das Schiff beizudrehen, l�ste Marys Bet�ubung. <emphasis>Wir haben einen Mann verloren, den Vater zweier Kinder. Steh nicht herum,</emphasis> schalt sie sich. <emphasis>Wir haben die Meeresenge nicht passiert. Wir m�ssen uns der See beugen und ruhigere Gew�sser erreichen, wir m�ssen in einer Bucht Schutz suchen. Wir m�ssen die Sch�den am Schiff in Augenschein nehmen. Carl, wo bist du? Wir m�ssen die Verletzten versorgen.</emphasis> Sie beugte sich zu Seth hinab. Er musste aus den nassen Kleidern heraus, seine Lippen waren bereits blau angelaufen.</p><p>�Komm mit mir�, sagte sie leise.</p><p>Der Junge sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Peter Sohnrey wird deinen Bruder gleich in Doc Havenports Kaj�te bringen. Kommst du mit mir, damit er dort nicht alleine ist?�</p><p>Sofort stand Seth auf und wankte dem Niedergang entgegen.</p><p><emphasis>Den Zustand der Patienten beurteilen, eine Reihenfolge der Behandlungen festlegen, Br�che ertasten und fixieren, Blutungen stillen und Platzwunden reinigen. Du schaffst das,</emphasis> ermutigte sich Mary und schaute sich verzweifelt um. Es war stickig in der Kaj�te, und zu viele M�nner warteten darauf, dass ihnen geholfen wurde. Die Ersch�pfung machte Marys Glieder schwer und lie� die Augen brennen. Sie griff in Doc Havenports Instrumentenkoffer, der sich unter der Jolle verkeilt hatte und nicht �ber Bord gesp�lt worden war. Sie nahm die nasse Schere und zog die Schneiden �ber ihre Jacke, doch der feuchte Wollstoff verwischte die Tropfen zu feinen Schlieren. Ihr fehlte Hilfe.</p><p>Einige der Verletzten sa�en st�hnend am Boden, Medikamente und Instrumente fielen durch das R�tteln des Sturms immer wieder vom Tisch.</p><p>In der Koje des Schiffsarztes lagen die beiden Kinder. Von Carl narkotisiert, waren sie zur Ruhe gekommen. Besonders Nats Zustand war bedenklich. Im Wechsel hatte er sich mehrfach erbrochen oder wimmernd zusammengerollt. Sein K�rper hatte dabei unentwegt gezittert. Seth hatte regungslos danebengesessen und nur den Mund ge�ffnet, als sie ihm von der Opiumtinktur verabreicht hatten.</p><p>Carl riss die T�r auf. �Komm zur Messe, so schnell wie m�glich. Wir werden jede Hand ben�tigen.� Er �ffnete einen der Schr�nke und zerrte einen Holzkoffer hervor.</p><p><emphasis>Keine neuen Katastrophen</emphasis>, schrie es in Mary. Schnell warf sie die Instrumente in Doc Havenports Koffer und versprach den wartenden Patienten, bald zur�ck zu sein.</p><p>Sie betrat die Messe, als Carl die beiden Haken aus den �sen schob und den Koffer aufklappte. Auf einem sandfarbenen Bezug, der mit braunem Muster durchzogen war, ruhten eine Schere, zwei Spatel, drei riesige Messer mit Holzgriffen und zwei S�gen, allesamt mit rotbraun gl�nzenden Griffen.</p><p>Auf dem Esstisch der Offiziersmesse lag Bartholom�us. Er war nicht bei Bewusstsein. Auf seiner Stirn klaffte eine blutende Wunde.</p><p>Carl band das Schraubentourniquet um Bartholom�us� Oberarm. Unterhalb des Ellenbogens war kaum noch eine Hand, ein Gelenk oder ein Unterarm auszumachen. Schieres Fleisch, aus dem wei� die Knochen stakten. Das Blut tropfte nicht, es lief in fingerdickem Fluss gen Boden.</p><p><emphasis>Er ist Toppsgast, ganz oben in den Segeln ist er zu Hause. Wie ein T�nzer springt er dort umher, ich habe es gesehen, wir k�nnen ihn nicht zum Kr�ppel machen</emphasis>. Mary schwieg, trat an den Tisch und rang nach Atem.</p><p>Peacock streute Sand in die dunkelrot schimmernde Lache unter dem Tisch, bis sich Sand und Blut verklumpten.</p><p>�Was ist mit ihm geschehen?�, fragte sie, griff Bartholom�us� Kinn und �ffnete seinen Mund. Quer �ber die Mundwinkel legte sie einen Bei�stab und versicherte sich, dass die Zunge nicht abgequetscht wurde.</p><p>�Eine Kanone hat sich gel�st�, sagte Peacock und schluckte, erst dann sprach er weiter. �Sie ist wie ein Geschoss �bers Deck gerast. Bartholom�us geh�rte zu denen, die sie aufhalten wollten, bevor sie gr��eren Schaden anrichten konnte. Sie hat ihn erwischt. Er wurde zur Seite geschleudert, als w�re er��� Einen Moment suchte er nach dem passenden Wort, dann zuckte er hilflos mit den Schultern.</p><p>Bartholom�us� Lider flackerten. Er st�hnte, warf den Kopf zur Seite und dr�ckte mit der Zunge den Bei�stab aus dem Mund. Langsam �ffnete er die Augen. Dunkelblaue Augen, von Wimpern schwarz umrandet. Er blickte sich um. Sofort begriff er, dass er in der Offiziersmesse lag, sah die ernsten Mienen der M�nner, die den Tisch umstanden.</p><p>Carl drehte den Holzkoffer von ihm weg, dass er die Instrumente nicht sehen konnte.</p><p>Bartholom�us versuchte sich aufzurichten, doch der zerschmetterte Arm gab nach. Seine Augen weiteten sich, als er das Schraubentourniquet entdeckte, das �ber dem schieren Fleisch, dem Rest seines Unterarmes und der Hand, angelegt worden war. Br�llend fuhr er in die H�he und schob sich vom Tisch, wobei sich eines seiner Beine in einem der festgeschraubten St�hle verfing.</p><p>Peacock sprang beiseite. Sein schmaler Leib bebte. �Bartholom�us, bitte beruhige dich�, rief der Astronom mit flehender Stimme.</p><p>Doch Bartholom�us, gut einen Kopf gr��er, stie� ihn mit dem linken Arm zu Boden. Als der Matrose mit beiden F��en auf dem Boden stand, schwankte er. Sein Blick irrte durch den Raum. Kaum, dass er die T�r entdeckte, machte er einige wacklige Schritte darauf zu. Sein Br�llen ebbte nicht ab, und Mary glaubte, ihr Kopf m�sse zerspringen. Tr�nen rannen ihr �ber das Gesicht.</p><p>Carl stellte sich dem Toppsgast in den Weg und legte ihm die H�nde auf die Schultern. �Wir m�ssen dir helfen�, sagte er, �du wirst die Nacht sonst nicht �berleben.�</p><p>Bartholom�us� Kopf schoss vor und schlug in Carls Gesicht. W�hrend Carl auf die Knie sank, die Finger auf Nase und Mund gepresst, durch die das Blut sickerte, hob Toni den Arm und holte aus. Seine Faust landete auf Bartholom�us� Kinn, und das Br�llen erstarb. Wie ein gef�llter Baum kippte er nach hinten und landete auf den Planken.</p><p>Gel�hmt und still umstanden alle den Toppsgast.</p><p>Mary wischte sich die Tr�nen aus dem Gesicht, ergriff einen der baumwollenen Lappen und dr�ckte ihn in die Sch�ssel mit dem warmen Wasser. Sie ging um den Tisch und kniete sich vor Carl.</p><p>�Danke�, stie� er hervor und dr�ckte sich das Tuch unter die Nase. �Wie geht�s ihm?� Seine Frage klang dumpf durch den Stoff.</p><p>Peacock und Toni hoben Bartholom�us auf den Tisch.</p><p>�Ich k�mmere mich um ihn. Wie steht es um dich? Kannst du operieren?�</p><p>Carl nahm das Tuch beiseite, und Mary legte ihre Hand unter sein Kinn, schob es leicht in die H�he. Nase und Oberlippe waren geschwollen.</p><p>�Mach den Mund auf.�</p><p>Langsam sch�rzte Carl die Lippen, bewegte dann den Unterkiefer. Seine Z�hne waren unversehrt.</p><p>�Nase und Lippen sehen �bel aus, aber Kiefer und Z�hne scheinen in Ordnung zu sein.�</p><p>�Lass mir einen Moment, dann wird es gehen.�</p><p>Peacock reichte einen neuen, sauberen Lappen.</p><p>Dankbar sah Mary den Astronomen an. <emphasis>Er wei�, worauf es ankommt,</emphasis> dachte sie. <emphasis>Er hat ein Gesp�r daf�r, in kritischen Situationen das Richtige zu tun.</emphasis> Sie schob sich zwischen zwei St�hlen an den Tisch heran und pr�fte, ob Bartholom�us bei dem Sturz Kopfverletzungen davongetragen hatte. Abschlie�end zog sie das Tourniquet nach und schob erneut den Bei�stab in seinen Mund.</p><p>Carl erhob sich und griff in den h�lzernen Koffer. Sofort war Toni neben ihm und schob ihn beiseite.</p><p>�Was soll das?�, fuhr Carl ihn an.</p><p>�Ich mache das.�</p><p>�Mir geht es gut, ich kann den Eingriff durchf�hren.�</p><p>Toni legte die Hand auf das S�geblatt. �Das bezweifle ich nicht. Es ehrt Euch, dass Ihr das machen wollt. Aber die S�ge ist mein Werkzeug.�</p><p>Zwischen den beiden M�nnern stand gl�nzend das S�geblatt mit den auf Hochglanz polierten Z�hnen.</p><p>�Habt Ihr schon amputiert?�, fragte Toni. Er lie� Carl nicht aus den Augen, der auf den Toppsgast schaute und dann den Kopf sch�ttelte.</p><p>�Es ist nicht das erste K�rperteil, das ich abs�ge. Und es soll schnell gehen�, sagte Toni. Seine Stimme blieb ruhig.</p><p>Carl wischte sich eine Str�hne aus dem Gesicht und reichte die S�ge weiter. Dann packten die Umstehenden Bartholom�us. Obwohl er nicht bei Bewusstsein war, banden sie seine Beine und den verbliebenen Arm mit Tauen an den Tischbeinen fest. F�r den Fall, dass er zu Bewusstsein kommen sollte, stellten sie die Opiumtinktur bereit, und Mary h�rte, dass Peacock leise ein Sto�gebet gen Himmel sandte.</p><p>Sie konnten beginnen.</p><p>Toni setzte das S�geblatt an. Knackend arbeitete sich das Metall durch Fleisch, Knochen und Sehnen. Das Blut rann �ber die S�ge, an Tonis H�nden herab, auf den Tisch und von dort auf den Boden, wo es sich mit dem Sand vermengte.</p><p>Mary wurde �bel. Und w�hrend Carls Finger im Fleisch nach den Gef��en w�hlten und sie abbanden, wischte sie mit nassen T�chern das Blut in der Wunde beiseite. Sie tat es Peacock gleich und atmete durch den Mund ein und aus.</p><p><emphasis>Vater</emphasis>, dachte sie und unterdr�ckte die wieder aufsteigenden Tr�nen. <emphasis>Du hast mir nie erz�hlt, wie schlimm es auf solch einer Reise wirklich ist.</emphasis></p><p>***</p><p>Zuerst war da das Dr�hnen.</p><p>In seinem Kopf.</p><p>Dann h�rte Seth das St�hnen.</p><p>Es war sein St�hnen.</p><p>Langsam �ffnete er die Augen. Eine Kaj�te. Ein Tisch. Kleine Regale an den W�nden. Eine Koje. Er lag in Doc Havenports Koje. Wie gem�tlich das war. Kein Rundr�cken, wie man ihn nach einer Nacht in der H�ngematte hatte. Seth streckte die Beine. Sein Oberschenkel ber�hrte etwas. Er drehte den Kopf. Nat lag neben ihm, zusammengerollt schlief er.</p><p>Nat.</p><p>Und pl�tzlich war da ein schmerzhafter Druck in seinem Bauch.</p><p><emphasis>Vater!</emphasis></p><p>Er fuhr auf.</p><p>Der Druck stieg vom Bauch aufw�rts und nahm ihm die Luft.</p><p>Dann kam das Zittern.</p><p>�berall. Die Beine, die Arme, die H�nde, selbst die Lippen, alles an ihm zitterte.</p><p>Die Hand am Bugspriet. Die Welle, die Nat und Vater wegsp�lte.</p><p>Seth keuchte. Der Rotz verstopfte seine Nase. Er wischte mit der Hand durch sein Gesicht.</p><p>Und er sah, dass Nat die Augen �ffnete, sah, dass sein Bruder ihn anschaute. Kein Blinzeln. Kein Zucken der Mundwinkel. Nicht eine Bewegung war in seinem Gesicht zu erkennen.</p><p>Pl�tzlich schoss Nat in die H�he, stie� Seth beiseite, beugte sich �ber den Rand der Koje und kotzte. Deutlich vernahm er das kehlige Ger�usch, das Klatschen auf den Planken, den bei�enden Geruch. Seth schloss die Augen und atmete schneller und schneller.</p><p>Er sp�rte, dass Nat zusammensank. Einen Wimpernschlag lang war nur ihr Atem zu h�ren. Versetzter Atem. Erst Nat, dann Seth. Nat und wieder Seth.</p><p>Der Schrei zerriss die Stille. Ein greller Schrei, so grell, dass er wehtat. Seth drehte sich um und umarmte seinen Bruder, dessen Leib sich kr�mmte und krampfte. Erst jetzt sp�rte er, dass auch sein eigener Leib vom Heulen gesch�ttelt wurde. �H�r auf, h�r auf�, br�llte er.</p><p>Doch Nat schwieg nicht, stattdessen schraubte seine Stimme sich h�her und h�her.</p><p>�Vater�, glaubte Seth zu verstehen. Er presste seinen Kopf gegen den krampfenden R�cken seines Bruders und schluchzte.</p><p>�Du hast doch noch mich�, rief er. �Du hast doch noch mich.�</p></section><section><title><p><strong>Kap Hoorn, 9.�Januar 1786</strong></p></title><p>�Warst du bei den Jungen?�, fragte Mary und legte die Schere beiseite.</p><p>Carl nickte. Er beugte sich �ber Bartholom�us und legte die Hand auf dessen Stirn. �Das Fieber ist gesunken.�</p><p>�Ja, endlich. Vielleicht wird er wieder auf die Beine kommen. Wie geht es den Jungen?�</p><p>�Unver�ndert. Seth isst regelm��ig und antwortet immerhin, wenn man ihn anspricht. Aber Nat musste ich wieder f�ttern.�</p><p>Nats leerer Blick tauchte vor Marys innerem Auge auf. Der Mund, der L�ffel, das Schlucken. Ihre Fragen. Sein Schweigen.</p><p>�Ich habe eben mit dem Kapit�n gesprochen�, sagte Carl und reichte ihr saubere Scharpie, �wir werden jetzt in K�rze Kap Hoorn erreichen und eine der Inseln anlaufen.�</p><p>Mit der Pinzette entfernte Mary die durch Blut, Wundwasser und Eiter verklebte Scharpie von Bartholom�us� Stumpf. <emphasis>Wie lange warten wir schon darauf, endlich wieder festen Boden unter den F��en zu sp�ren,</emphasis> fragte sie sich und seufzte. <emphasis>So lange ist der letzte Landgang nicht her, mir scheint er jedoch inzwischen zu einem anderen Leben zu geh�ren.</emphasis></p><p>Es mochte zwei Wochen her sein, dass sie Kapit�n Taylor an Deck getroffen hatte, der konzentriert die Gezeitenstr�me beobachtet hatte, die an Feuerlands Spitze aufeinandertrafen. Tagelang bezog er, sobald der Morgen graute, seine Position. Die See war weiterhin unruhig, der Wind b�ig, sein Schiff nicht viel mehr als ein schwimmendes Lazarett. Nur f�r einen Moment hob er den Blick, dann vertiefte er sich wieder in seine Aufzeichnungen.</p><p>Z�gigen Schrittes war Mary gegen das Fr�steln angelaufen, um in der K�lte der D�mmerung dem stickigen Dunst unter Deck zu entkommen.</p><p>Kurz sah sie auf, und Carl beugte sich �ber Bartholom�us� Armstumpf. Die Wunde verheilte gut. Aus medizinischer Sicht ein Erfolg, ein wirklich beeindruckender Erfolg. Doch wie w�rde dieser Mann, den die Natur reich beschenkt hatte und dem zu Hause sicher alle Frauen nachsahen, wie w�rde er, der seine Arbeit liebte, darauf reagieren, dass er zum Kr�ppel geworden war? Noch lag er in einem D�mmerzustand, der ihn sch�tzte, doch wer w�rde ihm Halt geben, wenn er erwachte?</p><p>Gern w�re sie wieder an Deck geflohen, um Trost zu finden. Trost f�r die Augen, die mit ansehen mussten, wie die Verletzten litten. Trost f�r die Nase, die den Gestank der ungewaschenen M�nner, die mit eiternden Wunden nebeneinanderlagen, riechen musste. Trost f�r die Ohren, die das endlose St�hnen vernahmen.</p><p>Carl und sie schliefen, um Wege zu vermeiden, bei der Mannschaft. Mal war es ein Husten, dann wieder ein Wimmern oder der Wachwechsel, der sie beide nachts aufschrecken, sich wortlos erheben und erneut ihre Runden drehen lie�, um Verb�nde zu wechseln, frische Lappen zum K�hlen zu verteilen und Medikamente zu verabreichen.</p><p>�Es ist der Tidenstand�, hatte der Kapit�n an jenem Morgen gesagt, ohne sich umzuwenden. �Die von mir erstellte Tidenkurve�, er hatte auf sein B�chlein getippt, �gibt Aufschluss �ber die Phase des Niedrigwassers und die des Hochwassers.�</p><p>Mary lehnte sich neben Kapit�n Taylor an die Reling und nickte. Mehr wusste sie nicht zu erwidern.</p><p>�Wir m�ssten es schaffen, die Meeresenge zu passieren, wenn wir die Windverh�ltnisse und den Tidenstand ber�cksichtigen.� Erleichterung breitete sich in ihr aus. �Das w�re gut. Wir brauchen milderes Klima, die M�nner m�ssen sich erholen.�</p><p>Pl�tzlich sah Taylor sie an, konzentriert und eindringlich.</p><p>�Es tut mir leid, Mr.�Middleton, aber es wird nur andersherum funktionieren: Bringt mir die Mannschaft schnellstm�glich wieder auf die Beine, nur dann k�nnen wir dieser H�lle hier entkommen.� Er schlug seine Notizen zusammen und verschwand.</p><p>Noch am selben Tag meldeten Carl und Mary dem Kapit�n, welche Mitglieder der Mannschaft den Sturm unverletzt �berstanden hatten, wen weder die katastrophale Ern�hrung geschw�cht noch die Melancholie gepackt hatte.</p><p>Die Folgen waren drastisch: Die Freiwachen wurden verk�rzt und die Besetzung in den Segeln auf das N�tigste reduziert. Doch niemand murrte. Wortlos arbeitete jeder Mann an Bord noch h�rter.</p><p>Die Berechnungen des Kapit�ns erwiesen sich als richtig. Mit dem zweiten Versuch passierte das Schiff die Meeresenge und lie� die Le-Maire-Stra�e hinter sich. Reichlich Felsen ragten aus dem Wasser und mahnten scharfkantig, w�hrend das Schiff sich langsam durch die Wellen schob, dass die Mannschaft die Konzentration halten musste. Und so hatte jeder auf den letzten Meilen seine verbliebenen Reserven verbrannt.</p><p>Carl warf einen Blick auf die Wunde. �Das sieht erfreulich aus�, murmelte er und begann, die R�nder vorsichtig zu s�ubern. Bartholom�us wimmerte.</p><p>�Wenn wir bald Land erreichen�, fuhr Carl fort, �k�nnen wir die Sturmsch�den reparieren, das Schiff reinigen und Wasser nachf�llen. Der Kapit�n will die Gesch�tze unter Deck verstauen. Hoffentlich haben wir genug kr�ftige M�nner zur Hand.�</p><p>�Ist das nicht gef�hrlich, wenn die Gesch�tze anderweitig gelagert werden?�</p><p>�Sie m�ssen gut vert�ut sein, aber �ber das Gewicht im Ladedeck k�nnen wir mehr Tiefgang erreichen�, sagte Carl und trat einen Schritt beiseite.</p><p>Mary bedeckte den Stumpf mit Scharpie.</p><p><emphasis>F�r eine Exkursion werden wir wohl kaum Zeit finden,</emphasis> dachte sie, als die Luke des Niedergangs aufgerissen wurde.</p><p>�Land in Sicht�, rief Dan und lie� die Luke scheppernd zufallen.</p><p>�ber Bartholom�us� H�ngematte hinweg starrten sich Carl und Mary an.</p><p>Es war kalt an Deck. Klar und wundersch�n. Vor dem Schiff waren mehrere Inseln auszumachen, und die M�nner stritten, welche von ihnen die s�dlichste sei.</p><p>�Hier�, sagte Carl und zeigte �ber das Wasser, �hier ber�hren sich Pazifik und Atlantik. Ein erhebender Anblick.�</p><p>Mary blieb einen Schritt hinter ihm.</p><p><emphasis>Das ist Kap Hoorn?</emphasis>, fragte sie sich und sah sich zweifelnd um. <emphasis>Das sagenhafte Kap Hoorn? Nichts als ein grauer Felsen? Vater, was habe ich mir immer vorgestellt? In den Himmel ragende Felsw�nde. Tiefschwarzes Gestein, aus dem Felsbrocken st�rzen, die Schiffe erschlagen.</emphasis></p><p><emphasis>Und nun ist Kap Hoorn ein H�gel.</emphasis></p><p><emphasis>Rund, fast lieblich, von dunklen, leicht gekr�uselten Wellen umspielt.</emphasis></p><p><emphasis>Ich bin bei dir angekommen und kann dir endlich Lebewohl sagen.</emphasis></p></section><section><title><p><strong>Pazifischer Ozean, 2.�Februar 17</strong></p></title><p><strong>86</strong></p><p>Das Wetter hatte sich gebessert. Carl steuerte auf den Niedergang zu und sah sich zufrieden um. Die Anzahl der Patienten hatte sich deutlich verringert. Die sonnenverbrannten Wangen und die leuchtenden Augen der M�nner, die von ihren Wachschichten zur�ckkehrten, hatten Wunder bewirkt. Was keine Pille und keine Tinktur erreicht hatte, hatte die Hoffnung �bernommen. Der Gedanke, blauen Himmel sehen und die W�rme der Sonne sp�ren zu k�nnen, hatte die Kranken auf die Beine gebracht.</p><p>Selbst Nat hatte, auch wenn er nicht arbeitsf�hig war, inzwischen wieder das Deck betreten. Er sprach kaum und duldete ausschlie�lich Seths N�he. Der kleine Bruder war es, der ihn zum Essen holte, der darauf achtete, dass er die Nachtruhe einhielt, der ihm morgens das Haar k�mmte und seine H�ngematte verstaute.</p><p>Carl fr�stelte. Die Luke stand zum L�ften des Decks offen. Sonnenlicht fiel herein. Kurz blieb er stehen und genoss die W�rme.</p><p><emphasis>V�gel</emphasis>, dachte er, als er das Deck betrat und sein Blick �ber den Himmel fuhr. <emphasis>Und was f�r welche.</emphasis> Er beugte sich vor und kniff die Augen zusammen. Er erkannte einen Albatros. Ein zweiter Albatros folgte. Dann der dritte. Vorboten des Schwarmes, der kurz darauf das Schiff umkreiste. Beeindruckt hielten die M�nner mit der Arbeit inne, denn einige der V�gel hatten eine Fl�gelspannweite von bis zu zehn Fu�.</p><p>�Schnell�, rief Carl einem Matrosen zu. �Lasst die Jolle zu Wasser. Ich hole mein Jagdgewehr. Heute gibt es wieder mal einen deftigen Braten.�</p><p>Lukas griff nach seiner Muskete und legte sie an.</p><p>�Schie� sie nicht, Junge�, rief Segelmacher-John. �Das sind heilige V�gel.�</p><p>Carl blieb stehen. �Warum sollen wir das nicht tun? Das sind gro�gewachsene V�gel mit viel Fleisch.�</p><p>�Sie verk�rpern den Geist der toten Kameraden.�</p><p>Kapit�n Taylor und Astronom Peacock, die dabei waren, die K�ste einer Insel zu bestimmen, schauten her�ber.</p><p>�Das ist ein Einwand, den ich ber�cksichtigen werde�, sagte Carl. �Seesoldat, unterlasst die Schie�erei.�</p><p>Lukas z�gerte. Dicht vor ihm zog ein Albatros seine Kreise.</p><p>F�r einen Augenblick wurde es still an Bord. Alle Augen richteten sich auf Carl, der neben Segelmacher-Johns Bank stand.</p><p>�Darf ich?�, fragte Carl und griff sich Lukas� Muskete. �Gut�, er wandte sich Segelmacher-John zu, �ich halte das f�r Aberglauben. Aber Ihr wisst Dinge, von denen ich nichts verstehe. Vielleicht versteht Ihr auch von Albatrossen mehr. Und da es hier mehr als genug andere Vogelarten gibt, werde ich der Mannschaft jetzt ein Abendessen schie�en, das ohne einen Albatros auskommt.�</p><p>Segelmacher-Johns Ohren wurden rot, konzentriert zog er an einem Faden, der sich im Stoff verknotet hatte.</p><p>Carl winkte Mary zu sich. Gemeinsam mit Lukas kletterten sie in das Beiboot.</p><p>Bevor Lukas auch nur ein Ruder gezogen hatte, legte Carl, die Schwankungen des kleinen Beibootes ausbalancierend, die Muskete an. Er zielte, sp�rte den R�cksto� und sah den ersten Vogel aufs Wasser fallen. Beifall brandete an Bord auf. Sofort lud er nach.</p><p>Mit kr�ftigen Schl�gen ruderte Lukas los, und kurz darauf beugte Mary sich vor, um ein wildes Perlhuhn aus dem Wasser zu ziehen.</p><p>Erneut setzte Carl an. Der zweite Treffer. Aufladen. <emphasis>Wei�es Fleisch, knusprig gebraten, mild gew�rzt.</emphasis> Sein Magen knurrte. Erneut donnerte ein Schuss. Wieder klatschte ein Vogel auf die Wasseroberfl�che. Carl h�rte die Mannschaft jubeln. Er schaute zum Schiff hin�ber. Aufgereiht standen die M�nner nebeneinander. Bartholom�us war an Deck, blass und ernst. Das Wei� der Bandage des abgebundenen Stumpfes leuchtete im Licht. Selbst Seth konnte er erkennen. Das helle Haar, der schmale Kopf, der gerade einmal auf Brusth�he der M�nner reichte, sprang ins Auge. Doch den zweiten blonden Schopf konnte er nicht entdecken. <emphasis>Nat, vielleicht tr�stet dich wenigstens der Gedanke, dass die Albatrosse weiterleben und die Seele deines Vaters holen k�nnen</emphasis>, dachte er, hob an und schoss.</p></section><section><title><p><strong>Pazifischer Ozean, 1.�M�rz 1786</strong></p></title><p>Erschrocken fuhr Seth auf. Sein Herz schlug laut in die Stille hinein. Er schaute sich um, doch die M�nner um ihn herum schliefen. Bartholom�us, der neben ihm lag, hatte den Mund ge�ffnet und atmete flatternd ein und aus. Seth lie� sich in die H�ngematte zur�cksinken. Sein Herzschlag wurde regelm��iger, doch die M�digkeit war verflogen. Leise setzte er die F��e auf den Boden und schob sich an Bartholom�us vorbei, darauf bedacht, nicht den Verband zu ber�hren. Es war stickig unter Deck und stank nach Furzen und faulem Atem. Er brauchte Luft. Die Stufen des Niederganges knarrten. Bei jedem Schritt verharrte Seth und lauschte, ob er irgendjemanden mit seinem n�chtlichen Ausflug weckte.</p><p>Als er die Luke des Niederdecks �ffnete, sp�rte er den Wind. K�hl und salzig strich er �ber sein schwei�nasses Gesicht. Er kletterte auf Deck und blieb breitbeinig in der Dunkelheit stehen. Die Nachtwache war nicht zu sehen. Das Schiff schob sich durch seichte Wellen, und am Himmel waren nur vereinzelte Wolken im Mondlicht zu erkennen.</p><p>Seth atmete tief durch. Die Luft beruhigte ihn. F�r einen Moment glaubte er, einen bei�enden Geruch auszumachen. Nochmals sog er die Luft ein. Keiner der M�nner w�rde es wagen, auf Deck zu schei�en, nicht einmal in tiefster Nacht. Unter Deck, das war etwas anderes. Dort gab es dunkle Ecken, aber hier? Er musste sich geirrt haben. Er h�rte ein leises Ger�usch, direkt neben sich. Irgendetwas stimmte hier nicht. Wieder vernahm er das Ger�usch, es war ein leises Klopfen. Ein St�ck von ihm entfernt, auf den Planken. Seth trat einen Schritt vor. Was war das? Eine kleine, kreisrunde Lache gl�nzte auf dem Holz. Und jetzt sah er es. Es war kein Klopfen, vereinzelte Tropfen fielen vom Himmel. Direkt in die Lache. Sein Herz begann wieder schneller zu schlagen, schneller als zuvor.</p><p>Was tropfte da?</p><p>Langsam hob er den Kopf.</p><p>Zuerst sah er die F��e, direkt �ber sich.</p><p>Nackte, wei�e F��e.</p><p>Sein Blick fuhr an den Kn�cheln entlang, die Hosenbeine hinauf. Eine helle Leinenhose. Selbst im Mondlicht konnte Seth erkennen, dass sich eine dunkle, feuchte Spur vom Schritt ausgehend den Stoff hinabzog. Ungl�ubig schaute er auf die H�nde und die Arme, die schlaff neben dem K�rper herabhingen. Der Wind bauschte kurz das Hemd auf. Seth hatte gehofft, dass Nat schneller wachsen und ihm das Hemd bald zu klein werden w�rde. Er hatte sich auf den Tag gefreut, an dem er es vererbt bekommen w�rde. Sein erstes Hemd mit roten Ringeln, und das vielleicht noch nach Nat gerochen h�tte. Sein Blick wanderte weiter in die H�he. Der Kopf des Bruders hing nach vorn geneigt. Das Kinn ber�hrte fast den Brustkorb. Die Augen waren geschlossen. Der Mund stand offen. Um den Hals lag ein Tau, das sich tief in seine Haut eingeschnitten hatte. Das obere Ende war an der Fockrah verknotet. Eine Welle lie� das Schiff schlingern, und Nats K�rper pendelte, den Bewegungen des Mastes folgend, hin und her. Seth stand starr und schaute, und sein Bruder baumelte im Wind.</p><p><emphasis>Nein!</emphasis></p><p><emphasis>Nein!</emphasis></p><p><emphasis>Neiiiiiiin!</emphasis></p><p>Mit einem Mal h�rte Seth Schritte. Schnelle Schritte, die auf ihn zukamen. Ein gehetzter Atem, eine Hand legte sich auf seine Schulter und schob ihn zur Seite.</p><p>�Nein, verdammte Schei�e, nein!� Lukas schrie, dass seine Stimme brach. So laut, wie das <emphasis>Nein</emphasis> in Seth h�mmerte. Doch Nat blieb stumm. Und kalt. Vielleicht war er auch schon tot.</p><p>Er sah, dass Lukas die Arme hob und um Nats Beine schlang. Dass er versuchte, den Bruder in die H�he zu heben.</p><p>�Nat, nein, nein!� Lukas h�rte nicht auf zu schreien, und Tr�nen liefen sein Gesicht hinab. Er presste es gegen Nats Beine, wobei seine Wange auf der Pissespur lag.</p><p>�Was ist los? Verdammt, was ist da los?� Dan. Er musste im Kr�hennest sitzen. Seine Stimme klang verschlafen und �ngstlich.</p><p>�Los, Kleiner, lauf. Hol Hilfe!� Lukas sah zu ihm her�ber, und Seth erwiderte kurz seinen Blick. Dann schaute er wieder in Nats Gesicht. <emphasis>Was soll ich denn tun?</emphasis></p><p>�Bitte, Kleiner! Lauf! Hol die Nachtwache, hol den Kapit�n. Hol Sohnrey, hol irgendjemanden. Mach was.� Die letzten Worte gingen in einem Schluchzen unter.</p><p>Seth wollte Lukas helfen, aber konnte der nicht sehen, dass er keinen K�rper mehr hatte? Da waren keine Arme mehr, die zupacken, keine Beine, die laufen, keine Stimme, die rufen konnte. Kein Herz, das mehr schlug. Er hatte nur noch Augen, und die konnten Nat doch nicht allein lassen.</p><p><emphasis>Mein Nat. Mein M�wenbezwinger.</emphasis></p><p>Er blinzelte. Seine Augen f�llten sich mit Tr�nen. Sie liefen so voll, dass das Bild verschwamm. Lukas, der Nats Beine umklammerte. Der gesenkte Kopf, die baumelnden Arme.</p><p>Dann wurde es still. Das Bild flackerte.</p><p><emphasis>Ja, das ist gut. Jetzt sterbe ich auch. Nat, warte auf mich. Ich komme mit dir. Lass uns gemeinsam zu Mutter und Vater gehen.</emphasis></p><p>***</p><p>Laternen h�llten die M�nner, die beieinanderstanden, in goldgelbes Licht. Schweigend umringten sie den Hauptmast. Auf der Fockrah hockte Lukas, der sich vorn�berbeugte. Mary kniff die Augen zusammen und sah ein Messer blinken, das ein Seil durchtrennte, einen blonden Haarschopf, der in hochgereckte Arme sackte und aus ihrem Blickfeld verschwand. Ein gellender Schrei ert�nte. Es war Seths Stimme, er musste irgendwo zwischen den M�nnern stehen, irgendwo in unmittelbarer N�he des Geschehens. Er schrie so j�mmerlich, dass Mary f�rchtete, ihr Herz w�rde in feinste Splitter zerfallen. Dann verstummte der Junge, und die gespenstische Stille, die das Geschehen bereits zuvor umgeben hatte, kehrte zur�ck.</p><p>Mary blieb auf der Treppe stehen, die vom Achterdeck hinabf�hrte, und klammerte sich am Gel�nder fest.</p><p><emphasis>Nein, Nat,</emphasis> flehte sie, <emphasis>das darf nicht sein</emphasis>. <emphasis>Er ist fast noch ein Kind, er hat nach uns zu gehen. Wie viel Raum will sich der Tod auf unserem Schiff denn noch verschaffen?</emphasis></p><p>Die Traube der M�nner �ffnete sich, und eine Gasse entstand. Zuerst konnte sie Sohnrey erkennen, der die Kn�chel des Jungen umfasst hatte. Mit den nackten F��en voraus wurde der Leichnam �ber Deck getragen. Henry hatte ihn unter den Achseln gepackt, sodass der Leib zwischen den M�nnern bei jedem Schritt hin- und herschaukelte. Die Prozession verlie� die Gasse, und die M�nner dr�ngten wieder zusammen, enger als zuvor standen sie beieinander. Und �ber ihnen, auf dem Mast, hockte Lukas, dessen Schultern vom lautlosen Weinen bebten.</p><p>Magens�ure schoss Marys Hals hinauf und ver�tzte den Kehlkopf, als sie die Reflexe des blakenden Lichtes �ber Nats weizenblondes Haar tanzen sah. Sie wankte zur Reling, spie in hohem Bogen und wischte sich mit dem Arm �ber das Gesicht. Schwerf�llig hob sie den Kopf, um sich zu vergewissern, ob all das hier gerade tats�chlich geschah.</p><p>Ja, es geschah.</p><p>Toni schob sich durch die M�nner, Seth auf den Armen.</p><p>Mary zuckte zusammen. Der Junge hatte gesehen, wie Nat am Mast baumelte, das verzerrte Gesicht war das letzte Bild des Bruders, das sich in ihn eingebrannt hatte.</p><p>Sie sp�rte den Impuls hin�berzust�rzen, Seth die Stirn zu streicheln und ihn mit sanftem Fl�stern zu bes�nftigen. Ihn in einen traumlosen Schlaf der Ersch�pfung zu wiegen, der ein paar Stunden Erl�sung versprach. Doch sie blieb stehen und verhielt sich wie jeder an Bord: Sie schwieg. Schwieg hilflos.</p><p>Leise �ffnete Mary die T�r.</p><p>Nat lag auf dem Behandlungstisch.</p><p><emphasis>Bald habe ich mehr Tote auf diesem Tisch gesehen als lebendige Patienten,</emphasis> dachte sie und zog die T�r hinter sich zu.</p><p>Kapit�n Taylor und Sohnrey standen am Kopf des Tisches, w�hrend Carl sich vorbeugte und das Seil, das um den Hals des Jungen geschlungen lag, genauer ansah. Kurz blickte er auf und nickte ihr zu, sie solle hin�berkommen.</p><p>�Nathaniel Bennetter hat also mit Sicherheit selbst Hand angelegt?�, fragte Kapit�n Taylor.</p><p>Carl beugte sich noch weiter vor und nickte.</p><p>Mary folgte seinem Blick. Getrocknete Spuren wei�en Salzes zogen sich �ber Nats Wangen. �Er hat geweint�, entfuhr es ihr. Erschrocken schaute sie auf, nichts lag ihr ferner, als das Gespr�ch der M�nner zu unterbrechen.</p><p>�Das kann man nicht mit Bestimmtheit sagen.� Carls Stimme war br�chig. �Wenn der Tod eintritt, erschlaffen die Muskeln. Die Blase verliert ihr Wasser, der Darm entleert sich, und h�ufig tritt letzte Tr�nenfl�ssigkeit aus den Augen. Vielleicht hat er geweint, vielleicht auch nicht.�</p><p>Wieder blickten sie auf den Jungen.</p><p>�Hat der���, Sohnrey z�gerte, bevor er weitersprach, �hat es lange gedauert?�</p><p>Carl zuckte mit den Schultern. �Ich wei� es nicht, ich wei� es wirklich nicht. Wenn sein Genick gleich gebrochen ist, ging es schnell. Ist es nicht gebrochen, ist er erstickt. Wir k�nnten das pr�fen, aber ich denke, das ist nicht vonn�ten.� Er nahm eine Schere, schob die Finger an Nats Kehlkopf entlang unter das Seil und schnitt es auf. Unter dem Knoten zeigte sich eine bl�ulich rote Verf�rbung und aufgesch�rfte Haut. �Sein Bruder hat ihn gefunden�, fuhr er dabei fort, �wer wei�, ob er den Todeskampf hat miterleben m�ssen. Grausam. Erst den Vater sterben sehen und jetzt auch noch das. Wo ist er?�</p><p>�Sie haben ihn ins Mannschaftsdeck getragen und k�mmern sich um ihn.� Mary schluckte, doch ihre Kehle blieb staubtrocken.</p><p>�Lasst uns nach Segelmacher-John schicken, er soll die H�ngematte des Jungen mitbringen�, sagte Taylor. �Und wer schaut nach dem kleinen Bennetter?�</p><p>�Das �bernehme ich.�</p><p>Dankbar nickte der Kapit�n Mary zu und verlie� die Kaj�te.</p><p>Da an Schlaf nicht zu denken war, hatten die M�nner die Back heruntergelassen. In ihrer Mitte, nicht mehr als ein winziges, in sich zusammengesacktes H�ufchen Mensch, hing Seth.</p><p>Vor Bartholom�us stand ein Holznapf, aus dem er mit einem L�ffel Wasser sch�pfte. Die Bewegungen seines linken Armes waren ruhig und gleichm��ig, als h�tte er nie den anderen genutzt. �Kleiner, du musst was trinken�, sagte er sanft und strich dem Jungen eine Str�hne aus der Stirn.</p><p>Seth schien den L�ffel, der seine halbge�ffneten Lippen ber�hrte, nicht zu sp�ren. Vorsichtig fl��te ihm die Pranke des Matrosen einen Schluck Wasser ein, das aus den schlaff herabh�ngenden Mundwinkeln wieder herauslief.</p><p>�Das ist mein L�ffel�, knurrte Edison, �her damit. Ich habe meinen L�ffel noch nicht abgegeben.�</p><p>Mary stockte der Atem, und auch Lukas und die anderen M�nner, die am Tisch sa�en, hielten f�r einen Augenblick inne. Sie verharrten in ihren Bewegungen und starrten zu Edison hin�ber.</p><p>Nur Bartholom�us schien den Satz nicht vernommen zu haben. Er legte den L�ffel behutsam auf den Tisch, dann holte er aus und lie� seinen Handr�cken auf Edisons Nase krachen. Durch die abrupte Bewegung schoss sein Stumpf in die H�he und fiel gegen den Oberk�rper zur�ck. Kurz verzog Bartholom�us das Gesicht und presste die Hand auf den Stumpf. Ruhig blickte er Edison an. �Wenn du jetzt nicht endlich mal dein Schandmaul h�ltst, sorge ich pers�nlich daf�r, dass du deinen L�ffel nie wieder brauchst. Das sage ich das allerletzte Mal. Kr�ppel bin ich eh schon, und f�r dich werde ich auch noch zum M�rder, wenn es sein muss.�</p><p>Edison wich zur�ck.</p><p>Bartholom�us zog seinen Hemds�rmel in die L�nge, wischte Seth die Mundwinkel trocken und hob den Holznapf, um ihn dem Jungen an die Lippen zu f�hren. Dabei stie� er mit dem Ellenbogen den L�ffel vom Tisch. �Komm, Kleiner, nun mach schon. Trink�, sagte er mit unbewegter Stimme und stellte den Fu� auf den L�ffel.</p><p>Edison ballte die F�uste, blieb aber auf seinem Platz und r�hrte sich nicht.</p><p><emphasis>Wir fallen hier alle noch dem Wahnsinn anheim</emphasis>, fuhr es Mary durch den Kopf. Hastig trat sie vor in den Lichtkegel der Lampe, deren verbrennendes �l tranig roch. �Wie geht es ihm?�, fragte sie leise.</p><p>Lukas schaute auf. �Gut, dass Ihr kommt, Mr.�Middleton. Er hat kein Wort mehr gesprochen. Seht selbst���</p><p>Mit der Hand fuhr er vor den Augen des Jungen auf und ab, ohne dass der mit der Wimper zuckte. Leer hing der Blick im Raum, als w�re er �ber das Gesehene erblindet.</p><p>�Er fiebert, glaube ich.� Bartholom�us� Stimme lie� Mary aufschrecken. Er tunkte den Rand seines �rmels in den Wassernapf und zog den tropfenden Stoff �ber Seths Nacken. �Er schwitzt, und seine Stirn gl�ht.�</p><p>Mary ging in die Knie und schob die rechte Hand unter ihr Hemd, um die W�rme des Streifens Haut, den der Brustwickel freilie�, zu sp�ren. Mit der Linken fasste sie nach Seths Leib, der keine Reaktion zeigte, sein R�cken blieb gekr�mmt, die Haut seines Bauches in Falten gelegt. Als w�rde sie ihn nicht ber�hren, als w�re er nicht anwesend. Bartholom�us hatte recht. Der Junge gl�hte.</p><p>�Wir sollten ihn ins Behandlungszimmer schicken�, schlug Lukas vor, w�hrend seine Finger auf die Holzplatte der Back trommelten.</p><p>Mary sch�ttelte den Kopf. �Da ist gerade Segelmacher-John�, fl�sterte sie, �dort kann er nicht hin.�</p><p>Lukas �chzte auf, und das Trommeln seiner Finger wurde schneller.</p><p>Vorsichtig nahm Mary die Hand von Seths Bauch, zog sein Hemd glatt und strich �ber sein Haar.</p><p>Der letzte weizenblonde Schopf an Bord.</p><p>�Bringt ihn bitte in meine Kaj�te�, sagte sie und wandte sich Toni zu. �Er kann in die Koje von Franklin Myers gelegt werden.�</p><p>Der Zimmermann, der schweigend im Hintergrund gestanden hatte, trat vor. Mit einer Leichtigkeit, als w�rde er ein H�ufchen Federn ergreifen, nahm er den Jungen auf die Arme. Der r�hrte sich nicht. Sein Blick glitt durch jeden von ihnen hindurch.</p><p>Sie n�herten sich dem Niedergang und h�rten Schritte auf den Stufen. Segelmacher-John kam ins Mannschaftsdeck herunter.</p><p><emphasis>Dann hat er Nat in seine H�ngematte eingen�ht,</emphasis> dachte Mary und sah den schmalen Segeltuch-Kokon vor sich, der nun in Doc Havenports Kaj�te lag. Es dunkelte bereits. Sicher w�rde Kapit�n Taylor im ersten Morgengrauen die Seebestattung vollziehen.</p><p>Segelmacher-John passierte Mary. Obwohl sein sehendes Auge auch Toni streifte, schien er den Jungen, der schlaff in den Armen des Zimmermanns hing, nicht wahrzunehmen.</p><p>Seth jedoch reagierte auf den Segelmacher und stemmte sich abrupt in die H�he. �Nein, nein! Du darfst ihn nicht einn�hen! Nat darf nicht ins Wasser geschmissen werden!�, schrie er ihm entgegen.</p><p>Toni zuckte derart zusammen, dass ihm der Junge aus den Armen glitt. Die d�nnen Beine knickten um, auf einer Stufe blieb er hocken und schlug mit den F�usten auf das splitterige Holz. �Er hasst Wasser. Das Schei�wasser hat unseren Vater verschlungen. Es darf nicht auch noch Nat bekommen.�</p><p>Segelmacher-John presste die Hand auf seine Brust, dass Mary f�rchtete, er k�nne einen Herzschlag erleiden. Sie beugte sich vor und h�rte, dass er fl�sterte: �Der Junge, der arme Junge, m�ge Gott ihn sch�tzen!�</p><p>�Er muss in die Erde. Er muss ein Kreuz bekommen, und ich will beten. Gott soll ihn holen. Wenn ihn die Haie fressen, wie soll ihn dann Gott holen?� Seths Gesicht war rot angelaufen, feine Schwei�perlen sammelten sich �ber seiner Lippe.</p><p>Mary schaute zu Toni hin�ber. Er verstand und packte den Jungen, schlaff und widerstandslos lie� er sich aufheben. Sein Geschrei war in ein langgezogenes Wimmern �bergegangen.</p><p><emphasis>Wenn wir jetzt das Deck �berqueren, wei� jeder, dass der Junge dabei ist, den Verstand zu verlieren. Was sollen wir nur machen? Carl,</emphasis> flehte Mary innerlich, <emphasis>hilf mir.</emphasis></p><p>�Was ist hier los? Man h�rt den Jungen �ber das gesamte Schiff hinweg.�</p><p>Mary wirbelte um ihre eigene Achse. Hinter ihr stand Carl. Ernst blickte er den Niedergang herab.</p><p>Mary lief ihm einige Stufen entgegen. �Er hat Angst, dass wir seinen Bruder im Meer beisetzen�, fl�sterte sie.</p><p>�Und was hast du mit ihm vor?�</p><p>�Ich wollte ihn in Franklins Koje legen, um ihn �ber Nacht unter Beobachtung zu haben.� Sie z�gerte. �K�nnen wir die Beisetzung nicht um ein paar Meilen verschieben?�</p><p>�Gut, ich kl�re das mit Kapit�n Taylor.�</p><p>Marys Herz wurde warm, so warm, dass sie f�rchtete, es sei selbst hier im D�mmerlicht noch als Leuchten in ihren Augen erkennbar. Sie blinzelte. �Meinst du, Taylor wird sich darauf einlassen? Du wei�t, die Mannschaft f�rchtet, Tote k�nnten den Kompass durcheinanderbringen.�</p><p>�Er wird sich darauf einlassen, denn auf Seemannsgarn gibt er gar nichts. Morgen gegen Mittag passieren wir eine kleine Inselgruppe. Die paar Stunden k�nnen wir tats�chlich abwarten, schlie�lich ist der Junge nicht an einer ansteckenden Seuche gestorben. Bring Seth jetzt in die Koje und sage ihm, dass wir seinen Bruder morgen in Mutter Erde begraben werden. Und organisiere eine Nachtwache, damit die Ratten nicht��� Er brach ab und lief den Niedergang hinauf.</p></section><section><title><p><strong>Nat�s Island, 2.�M�rz 1786</strong></p></title><p><emphasis>Nat, mein lieber Nat. Habe keine Angst, dass Segelmacher-John dich in deine H�ngematte eingen�ht hat. Du wirst nicht ins Wasser geworfen und von Haien gefressen werden. Wir bringen dich gerade in unserem Beiboot an Land. Zu einer Insel, die vor uns liegt. Sie ist sehr klein, aber sie wird dir allein geh�ren. Ich habe sie Nat�s Island getauft. Wir werden ein Loch ausheben, und dort, in der Erde, wirst du ruhen. Die Engel werden dich holen und zu Gott bringen. Gott wird dein Grab sehen k�nnen, denn Toni, der Zimmermann � du wei�t schon, der Mann, dem die Schneidez�hne fehlen � hat heute Nacht ein kleines Holzkreuz f�r dich gebaut. Und Marc hat in der Fr�h mit seinen Farben deinen Namen daraufgeschrieben. Damit Gott wei�, dass du hier liegst.</emphasis></p><p>Seth strich �ber das Segeltuch. Er glaubte, einen Arm zu ertasten, und fuhr fort, bis er die Finger sp�rte. Dort lie� er seine Hand liegen.</p><p><emphasis>Es sind nicht viele, die dich zur Insel bringen k�nnen, in der Jolle ist nicht viel Platz. Doch die wichtigsten Menschen sind hier. Sir Belham, Marc Middleton, Zimmermann Toni und Smutje Henry. Der Kapit�n ist an Bord geblieben, er will das Zeichen f�r die Salutsch�sse geben. Der Astronom, der kleine Mann, der immer alles sucht, du wei�t schon, wer, hat ein Gebet f�r dich gesprochen. Alle haben die H�nde gefaltet und mitgebetet.</emphasis></p><p><emphasis>Die Mannschaft steht an Deck, und alle schauen her�ber. Alle sind in Gedanken bei dir.</emphasis></p><p><emphasis>Nat, ich werde jetzt aus dem Boot aussteigen. Die M�nner werden dich tragen. Sie werden dich an die Stelle tragen, die ich f�r dich aussuche.</emphasis></p><p>Seth sprang aus dem Boot und eilte einige Schritte den Strand hinauf. Bei einem Felsen blieb er stehen, zeigte auf den Boden und sah den Zimmermann an. Und der begann, mit dem Spaten das Loch auszuheben.</p><p>Ein kleines Loch.</p><p>Seth sah sich um. Er lief weiter, den Strand hinab und musterte die Steine, die im Sand und Wasser lagen. Die Runden und Grauen hob er auf. Je flacher sie waren, desto besser. <emphasis>Das sind genug,</emphasis> dachte er, als seine Hosentasche sich beulte, und lief zur�ck. Neben dem Grab schichtete er die Steine auf.</p><p><emphasis>Nat, mein M�wenbezwinger. F�r den Fall, dass dir beim Warten auf die Engel langweilig wird, lege ich dir ein paar Steine hin.</emphasis> Er hob den Kopf und suchte den Himmel ab. <emphasis>Ich sehe gerade nicht einen einzigen Vogel, aber vielleicht l�sst du sie einfach nur �ber das Wasser springen. Das kannst du doch auch so gut.</emphasis></p><p>Toni lie� das wei�e Paket in die Erde hinab.</p><p><emphasis>Und jetzt, Nat, schlie�e deine Augen, damit du keinen Sand hineinbekommst.</emphasis></p><p>W�hrend das Loch zugeschaufelt wurde, erklangen die Salutsch�sse.</p><p>Mit jedem Donnerschlag, so schien es Seth, wurde das Licht heller.</p><p>Mit jedem Donnerschlag f�hlte er sich leichter.</p><p>So leicht, dass Sir Belham und Marc nach seinen Armen greifen mussten.</p></section><section><title><p><strong>Plymouth, 7.�M�rz 1786</strong></p></title><p>Zur Bek�mpfung eines Fiebers empfiehlt es sich, zwei Lot Enzianwurzel, ein Lot Kalmus sowie ein Lot Pomeranzenschalen nebst drei H�nden voll Kamillenblumen und einer Hand voll Koriandersamen in einem M�rser zu zersto�en. Hiervon gie�e man eine halbe Hand voll mit siedendem Wasser auf und gebe dem Fiebernden t�glich drei bis vier Tassen davon zu trinken.</p><p>Landon biss auf den Griff der Feder, die er zwischen den Fingern hin- und herdrehte. Ver�rgert legte er die Feder beiseite und packte das Sandwich, das ihm das M�dchen bereitgestellt hatte. Knuspriges Wei�brot und Rindfleisch. Er biss hinein, wischte sich die Finger an der Serviette sauber und bl�tterte noch einmal zur�ck.</p><p>Konzentration, ermahnte er sich. Hier ist Konzentration vonn�ten.</p><p>Diese Medikation wurde im Abschnitt des viert�gigen Fiebers empfohlen. Sollte in diesem Fall die Chinarinde keine Anwendung finden? Oder war die Chinarinde nur im Hinblick auf das Wechsel- und das Quartanfieber zu verabreichen? In Gedanken ging er die Namen nochmals durch: Kaltweh, Scharlachfieber, Febris simplex, Wechsel- und Quartanfieber. Er stockte, weiter kam er nicht. Er fluchte. Vierunddrei�ig. Es waren vierunddrei�ig verschiedene Arten Fieber in diesem Buch aufgelistet, und er hatte gerade mal f�nf davon in Erinnerung behalten. Wie sollte man hier auch einen �berblick bewahren?</p><p>Bisher hatte er eine erh�hte Temperatur des K�rpers f�r ein l�stiges �bel gehalten, doch nun warf das Wissen �ber die Fieberarten eine g�nzlich andere Frage auf: Wenn Mary Linley schon so viel �ber das Fieber wusste, was wusste sie dann noch alles? Mit welcher Genauigkeit sie die Verl�ufe der Temperaturkurven mit einhergehendem Sch�ttelfrost voneinander unterschieden hatte, um ein Fieber vom anderen zu trennen, beeindruckte ihn.</p><p><emphasis>Sie hat mir damals die Sammlung gezeigt, durchfuhr es ihn. K�fer, Schmetterlinge, anderes Getier.</emphasis></p><p><emphasis>Das Offensichtliche.</emphasis></p><p><emphasis>Gerade recht f�r den Laien.</emphasis></p><p><emphasis>Nicht einmal im Ansatz habe ich dar�ber nachgedacht, womit sich diese Frau ansonsten befasst, was sich noch alles hinter ihrer Stirn verbirgt</emphasis>. Sein Blick blieb an der Schrift h�ngen. Die lesbaren, steil geschwungenen B�gen mussten aus Marys Feder stammen. Sie waren deutlich von den gedrungenen Lettern des Vaters zu unterscheiden, die hastig hingeworfen und partiell verwischt waren.</p><p><emphasis>Eine Handschrift, von der ich annehme, dass sie die deine ist. Viel mehr ist mir von dir nicht geblieben,</emphasis> dachte Landon und schloss das Buch. Er legte es auf vier weitere B�cher, die detailreiche Abhandlungen zu den unterschiedlichsten Krankheiten enthielten. M�de st�tzte er den Kopf in seine H�nde.</p><p><emphasis>Hol dir das n�chste Buch</emphasis>, versuchte er sich zu ermuntern. <emphasis>Du wirst nicht umhinkommen, dich weiter in die Materie zu vertiefen. Mit ein wenig Umherbl�ttern ist es nicht getan.</emphasis></p><p>Der Himmel war bedeckt, kein Stern war auszumachen. Landon �berquerte den Hof und war erstaunt, dass die Nacht so kalt geworden war. Der Schnee war verharscht und knackte unter seinen Stiefeln. Warum war er nicht ausgefahren, hatte ein wenig Zerstreuung gesucht? Eine Abendgesellschaft samt ihren oberfl�chlichen Gespr�chen, vielleicht auch ein T�nzchen oder ein Besuch im Theater. Nein, er hatte sich erneut einem der B�cher widmen m�ssen. Was erhoffte er sich davon? Sie zu beeindrucken, wenn sie jemals zur�ckkam? <emphasis>Du machst dich zum Narren</emphasis>, schalt er sich, <emphasis>doch was soll�s? Wer wird je erfahren, wie du dir deine N�chte vertreibst</emphasis>?</p><p>Er feixte, passierte die Stallungen und lief zum Schuppen hin�ber. Ein solider Bau, dessen Dach noch im Herbst frisch abgedichtet worden war. Trotzdem zog es ihm das Herz zusammen, als er das Tor �ffnete. Gut zwanzig bis drei�ig Holzkisten stapelten sich auf dem sandigen Boden. In ihnen ruhte Francis Linleys Nachlass, lieblos und ohne System in Kisten verpackt, die zu beschriften sich niemand die M�he gemacht hatte. <emphasis>Die Kisten m�ssen schnellstm�glich ins Haus,</emphasis> beschloss Landon. <emphasis>Dann werde ich sie durchgehen, gewissenhaft durchgehen.</emphasis></p><p>Wahllos hatte er, nachdem die Lieferung schon Wochen im Schuppen gestanden hatte, eine erste Kiste ge�ffnet. B�cher hatte sie enthalten. Er hatte eines zur Hand genommen, es aufgeschlagen und dabei Marys Schrift entdeckt. Nach wenigen Zeilen hatte er sich festgelesen. Die Erkrankungen des menschlichen Organismus, genaueste Beschreibungen der Krankheitsbilder und deren Behandlung hatten ihn in den Bann gezogen. Ekel vor ihm bisher unbekannten Krankheiten und Respekt vor der Genauigkeit der Arbeit hatten sich vereint und ihn Seite um Seite weiterbl�ttern lassen.</p><p>Er war Kaufmann.</p><p>Sein Gesch�ft war der Handel mit Waren.</p><p>Darauf verstand er sich.</p><p>Ein �berschaubares Gesch�ft, das von einer immer gleichen Voraussetzung gepr�gt war: der Nachfrage. Er schauderte, als er dagegenhielt, wie viele Organe in seinem K�rper verborgen waren und wie viele M�glichkeiten es gab, an jedem einzelnen zu erkranken. <emphasis>Zu forschen bedeutet anscheinend, t�glich mit der Verg�nglichkeit des K�rpers oder vielmehr des Lebens konfrontiert zu sein,</emphasis> dachte er, schaute an sich herab und strich seine Weste glatt. Dann hob er die �llampe hoch, beugte sich vor, ergriff eines der B�cher und wischte mit der Hand �ber den Einband. <emphasis>Nicht nur, dass du dich zum Narren machst, jetzt wirst du auch noch sentimental. H�r auf damit.</emphasis></p></section><section><title><p><strong>Pazifischer Ozean, 9.�M�rz 1786</strong></p></title><p>Dass das Leben von alten Menschen abfiel wie vertrocknete Bl�tter von einem Baum, hatte Mary erlebt. Dass das Leben von einem Kind abfiel, auch das hatte sie erlebt. Doch dass das Leben schneller von Seth abfiel, als der Herbstwind die Bl�tter von den B�umen riss, schn�rte ihr die Kehle ab. Vor dem Grab des Bruders war er zusammengesackt, gerade noch rechtzeitig hatten Carl und sie ihn an den Armen packen k�nnen, sonst w�re er in das Grab gest�rzt.</p><p><emphasis>Er will ihm hinterher</emphasis>, war es Mary durch den Kopf geschossen. <emphasis>Doch das lassen wir nicht zu.</emphasis></p><p>Ein Gedanke. Ein Wunsch. Ihr Wunsch. Mehr nicht.</p><p>Als sie die T�r zur Kapit�nskaj�te �ffnete, sah sie in Gedanken Seths R�cken vor sich. Ein kleiner, ausgemergelter K�rper, ohne Kraft und Lebenswillen. Vielleicht hatte die Natur recht: Was sollte ein Knabe in einer Welt, in der er keine Familie mehr hatte? Gerade zehn Jahre alt war er und hatte sie alle gehen sehen. Mit einem sachten Kopfsch�tteln schob Mary das Bild beiseite.</p><p>Der Kapit�n stand an der Fensterfront. Dunkelgrau und zerw�hlt lag das Meer vor ihm, der Himmel hing zerfetzt in bauchige Wolken. Er wandte sich nicht um, als Mary eintrat. Sie blickte zu Carl hin�ber, der m�de aufschaute.</p><p>�Verzeiht�, sagte sie, �dass ich st�re, aber ich k�nnte Hilfe gebrauchen.�</p><p>�Einige deiner Zeichnungen sind noch nicht fertig�, entgegnete er. �Wir haben viel Zeit verloren. Es hilft nichts, wir m�ssen die Arbeiten wieder aufnehmen.�</p><p>�Nein, m�ssen wir nicht.� Ihre Stimme hatte eine Sch�rfe, die man von ihr nicht gewohnt war.</p><p>Kapit�n Taylor drehte sich um, die Augenbraue erhoben.</p><p>Doch Mary fuhr unerbittlich fort: �Wir m�ssen die L�cke f�llen, die die anderen hinterlassen haben, hast du gesagt. Wir m�ssen unsere Aufgaben annehmen, und dazu geh�rt Seth. Er ist unser Patient, und unsere Aufgabe ist es, ihn mit allen uns zur Verf�gung stehenden Mitteln ins Leben zur�ckzuholen.�</p><p>�Er ist ein Kind.�</p><p>Mary schaute zu Kapit�n Taylor hin�ber. Sie begann zu schwitzen. �Was meint Ihr damit?�</p><p>�Mr.�Middleton, haltet mich nicht f�r unchristlich, aber er ist ein Kind. Kein vollwertiges Mitglied der Mannschaft.�</p><p>Ihr Schwei� stank.</p><p>Er stank nach Angst.</p><p>Sie ahnte, was Kapit�n Taylor sagen w�rde.</p><p>�Unsere Medikamente sind knapp bemessen. Ich kann nicht zulassen, dass sie �ber Geb�hr auf ein Kind verwendet werden. Es wird der Mannschaft zum Schaden gereichen, wenn im Falle weiterer Erkrankungen keine medikament�se Versorgung mehr m�glich ist.�</p><p>�Ja, Sir.� Mary nickte. �Ich habe verstanden.� Ohne Carl eines weiteren Blickes zu w�rdigen, verlie� sie den Raum.</p><p>�Henry, du musst mir helfen.�</p><p>Der Smutje schnitt Zwiebeln. Seine Augen tr�nten, und er wischte sich mit dem Handr�cken �ber das Gesicht. �Wie kann ich dir helfen?�, fragte er.</p><p>�Seth, der Kleine���</p><p>Henry nickte. �Ja, ein Jammer ist das.�</p><p>�Ich brauche verschiedene Dinge, mit denen ich ihn behandeln kann.�</p><p>�Da kann ich doch nichts f�r dich tun.�</p><p>�Doch, ich bitte dich, hilf mir. Sonst muss Segelmacher-John schon wieder ein Kind einn�hen. Ich brauche nicht viel. Rosmarin, Zwiebeln, ein wenig Tee.�</p><p>�Doc Havenports Kaj�te quillt �ber. Schr�nkeweise Salben und W�sserchen. Was soll das? Warum holst du dir da nicht die n�tigen Medikamente?�</p><p>Mary senkte den Kopf. �Der Kapit�n meint, dass ich die Medikamente nicht an ein sterbendes Kind verschwenden soll.�</p><p>�Ach, und du meinst, ich w�rde meine wertvollen Vorr�te an ein sterbendes G�r verschwenden?� Henry nickte Dan zu, der an einem Teigberg herumknetete. �Deck das mit einem feuchten Tuch ab und hol Zwieback herauf.�</p><p>Der Junge tat, wie ihm gehei�en.</p><p>Was sollte sie mit Zwieback? Irritiert schaute Mary den Smutje an.</p><p>Der wischte sich die Finger an seiner Hose ab. �Ein verstockter und zuchtloser Kerl ist das, der muss nicht alles wissen�, sagte er und stellte eine Holzschale auf den Tisch. �Rosmarin. Wachkraut brauchst du also. Du kannst von Gl�ck reden, dass wir solche Sch�tze noch bei uns haben.� Henry setzte Wasser in einem Kessel auf. �Einen Aufguss solltest du davon herstellen. Zwiebeln sind als Umschlag fabelhaft, und Honig vollbringt Wunder. Du kannst ihn in den Tee r�hren, oder besser noch: Gib ihn dem Jungen auf die Lippen. Manche lieben die S��e und werden munter dadurch.� Rosmarinzweige und Zwiebeln wanderten in die Schale. Mit einer flinken Bewegung �ffnete Henry den Honigtopf und strich einen L�ffel des z�hen Goldgelbs in einen Becher. �Und Eier�, sagte er, �rohe Eier brauchst du auch.�</p><p>Mary lachte auf. �Eier? Was soll ich mit Eiern anfangen?�</p><p>�Das ist gut gegen Fieber. Du trennst das Eiklar, schmierst es in ein Tuch und bindest es dem Jungen um die F��e. Wenn das Eiklar trocken ist, schl�gst du das n�chste Ei auf und wiederholst den Vorgang.�</p><p>�Woher wei�t du das alles? Vielleicht solltest du meine Arbeit �bernehmen?�</p><p>Henrys Wangen r�teten sich. �Ich bin zwar kein Doktor, aber von meinen Lebensmitteln und Gew�rzen verstehe ich was.� Kurz verd�sterte sich seine Miene. �Zumindest manchmal. Und jetzt mach, dass du wegkommst, bevor der Verstockte wieder zur�ckkehrt.� Henry legte ein Tuch �ber die Sch�ssel und den Honigbecher, schenkte hei�es Wasser in eine Kanne und zog ein Tablett hervor. �Marc, und wenn er wach wird, dann gib mir Bescheid. Ich habe noch einiges auf Lager, was so einen kleinen Mann st�rken kann. Und wenn du irgendwem sagst, was hier gerade vor sich ging�, Henry ergriff sein Messer und lie� den Finger �ber die Klinge wandern, �dann gibt es Unannehmlichkeiten.�</p><p>Mary grinste, und der Smutje warf die T�r hinter ihr zu.</p><p>Carls Blick fiel auf die lederne Tasche. Erstaunt sah er auf.</p><p>�Der Kapit�n sagte, ich solle keine Medikamente verwenden. Aber niemand hat mir verboten, Doc Havenports Instrumente zu nutzen.�</p><p>�Wenn dir so viel an dem Jungen liegt�, sagte Carl und trat n�her, �wollen wir ihn dann nicht in Doc Havenports Kaj�te bringen? Dort ist eine Behandlung besser durchzuf�hren.�</p><p>�Was bleibt denn dort noch? Ein Behandlungstisch! Den Rest soll ich nicht anr�hren. Und es ist gleich, wo der Junge liegt.�</p><p>�Gut, gut. Hast du ihn purgiert? Oder irgendwelche Einl�ufe gemacht?�</p><p>�Nein, ich denke, Durchfall w�rde ihn schw�chen.�</p><p>�Hast du ihn zur Ader gelassen?�</p><p>�Nein. Ich versuche es mit Umschl�gen aus Rosmarinausz�gen. Und mit ein wenig W�rme. Zudem fl��e ich ihm Tee mit Honig ein und lege Wadenwickel an.�</p><p>�Sehr gut.� Carl schob eines der T�cher beiseite, das auf der Seekiste lag, und seine Hand zuckte zur�ck. �Was ist das?�, fragte er und zog die Stirn kraus.</p><p>Mary err�tete. �Eiklar.�</p><p>Er hob die Decke hoch und schaute auf Seths gewickelte F��e.</p><p>�Ich will nichts unversucht lassen.�</p><p>�Das hat schon meine Gro�mutter bei mir angewandt. Schaden kann es nicht. Aber ich frage mich, wie du an die Eier kommst. Hast du die St�lle gepl�ndert?�</p><p>Sie schwieg.</p><p>�Ach, du hast ja Beziehungen aus deinen alten Komb�senzeiten.� Er l�chelte. �Dann k�nnen wir jetzt nicht mehr viel machen, au�er warten. Du hast den Jungen derweil auf das Beste versorgt.� Sanft klopfte er ihr auf die Schulter und lie� seine Hand f�r einen Wimpernschlag dort liegen.</p><p>Eine Nacht konnte lang werden. Der Lichtschein der �llampe erhellte einen scharf abgegrenzten Raum, hinter dem die Dunkelheit lauerte. Die Schwester der M�digkeit.</p><p>Mit einem Ruck hob Carl den Kopf. Er blinzelte, reckte sich, ergriff den Becher mit dem Tee und setzte sich neben Seth. Er hob den Kopf des Jungen und fl��te ihm Schluck um Schluck ein. Ein feines Rinnsal floss aus dem Mundwinkel und tropfte auf Carls Hose.</p><p>Mary reichte ihm ein Tuch und schob die Bettdecke von Seths F��en. Die Wadenwickel waren trocken. Sie nahm sie ab und legte sie in die Wassersch�ssel, schlug ein Ei auf und trennte das Eiklar. Als sie die F��e anhob, um sie wieder in den kalten, nassen Stoff einzuschlagen, hielt sie kurz inne. Wie klein die F��e in ihrer Hand wirkten.</p><p>Carl wischte den Schwei� von Seths Gesicht und tastete den d�rren Brustkorb ab, um Atmung und Herzt�ne zu pr�fen. �Sein Zustand ist unver�ndert�, sagte er und setzte sich auf die Seekiste. Lehnte sich an die Bordwand und schloss die Augen.</p><p>Mary sank auf den Rand ihrer Koje. Ihr Blick strich �ber Carls Gesicht, und ihre Gedanken schw�rmten aus. <emphasis>Wir sitzen hier beisammen, mitten in der Nacht. Schauen auf das Kind, und ich kann kaum ausatmen, so laut schl�gt mein Herz. Ich bin fast toll vor Angst, dass du in der Ruhe zu lange auf meine H�nde schaust und die Frau in mir siehst.</emphasis></p><p><emphasis>Nein, das stimmt nicht,</emphasis> ert�nte eine mahnende Stimme in ihrem Kopf. <emphasis>Noch mehr f�rchtest du, dass du einer un�berlegten Gem�tsbewegung nachgibst und ihn ber�hrst. Und dass er nicht die Frau in dir sehen k�nnte.</emphasis></p></section><section><title><p><strong>Pazifischer Ozean, 10.�M�rz 1786</strong></p></title><p><emphasis>Sie schl�ft wie ein Kleinkind, den R�cken rund gebogen, den Kopf auf die Arme gelegt. Und sieht noch j�nger aus als sonst. Was f�r Grausamkeiten hat sie in den letzten Stunden ertragen m�ssen. Vielleicht sollte ich ihr sagen, dass ich alles wei�, vielleicht sollte ich ihr die Gelegenheit geben, sich f�r einen Augenblick die Last von der Seele zu reden und sich anzulehnen?</emphasis> Carl streckte sich und nahm vorsichtig den Lappen von der Stirn des Jungen. Der Stoff war inzwischen getrocknet. Die Haut war k�hl und schwei�frei. Er lauschte dem Atem. <emphasis>Flach und gleichm��ig, vielleicht haben wir es geschafft,</emphasis> dachte er.</p><p>Der kleine Kopf bewegte sich und rutschte auf die linke Seite. Die Lippen, spr�de und gesprungen, �ffneten sich einen Spalt.</p><p>Carl nahm das Tuch, benetzte es mit Wasser und befeuchtete die Lippen. �Komm, mach die Augen auf, Kerlchen�, sagte er leise, und tats�chlich schlug der Junge die Lider auf. Unbewegt schaute er ihn an.</p><p><emphasis>Jetzt kommt die Erinnerung zur�ck. Du armer Kerl.</emphasis> Carls Herz zog sich zusammen. �Sch�n, dass du wieder wach bist�, sagte er. �Hast du Schmerzen?�</p><p>Seth reagierte nicht.</p><p><emphasis>Ich muss Mary wecken. Sie wird sich freuen, dass der Kleine die Nacht �berstanden hat.</emphasis> Carl drehte sich zur Seite und wollte sich vorbeugen, um sie an der Schulter zu packen. Doch er stie� fast mit ihr zusammen. Aufrecht sa� sie auf dem Rand der Koje, ihre Miene unbewegt wie die des Kindes. Er zuckte zur�ck und schwieg.</p><p>***</p><p><emphasis>Was wollen die?</emphasis></p><p><emphasis>Merkst du das? Die schauen mich so merkw�rdig an.</emphasis></p><p><emphasis>Wo bin ich hier?</emphasis></p><p><emphasis>Wo ist meine H�ngematte?</emphasis></p><p><emphasis>Warum redet Sir Belham best�ndig auf mich ein? Ich bin so m�de, ich will weiterschlafen. Alles an mir ist so schwer.</emphasis></p><p><emphasis>Warum verl�sst Marc die Kaj�te?</emphasis></p><p><emphasis>Vielleicht wird Sir Belham aufh�ren, mit mir zu reden, wenn ich den Kopf zur Seite drehe.</emphasis></p><p><emphasis>Ja, sehr gut, er schweigt. Endlich. Hat er nichts zu tun? Warum sitzt er hier?</emphasis></p><p><emphasis>Habe ich gerade Freiwache?</emphasis></p><p><emphasis>Ich habe es genau geh�rt, die T�r ist wieder aufgegangen. Was meinst du, Nat? Kann ich nachschauen, wer gekommen ist?</emphasis></p><p><emphasis>Ja?</emphasis></p><p><emphasis>Gut!</emphasis></p><p><emphasis>Ach so, Marc ist wieder da. Kannst du sehen, was er auf dem Tablett tr�gt?</emphasis></p><p><emphasis>Speck?</emphasis></p><p><emphasis>Gebratenen Speck mit Eiern?</emphasis></p><p><emphasis>Bist du dir sicher?</emphasis></p><p><emphasis>F�r mich? Nein, das glaube ich nicht. Das ist f�r den Sir.</emphasis></p><p><emphasis>Du hast recht. Marc stellt mir den Teller hin! Wann habe ich das letzte Mal Speck zu essen bekommen?</emphasis></p><p><emphasis>Ja, ist ja gut. Ich probiere ihn.</emphasis></p><p><emphasis>Der schmeckt lecker.</emphasis></p><p><emphasis>Guck nicht so. Ich kann doch nichts daf�r, dass du ihn nicht essen kannst.</emphasis></p><p><emphasis>Er knuspert beim Kauen, h�rst du das?</emphasis></p><p><emphasis>Wenn die beiden doch mal aufh�ren w�rden, mich anzuschauen.</emphasis></p><p><emphasis>Nimm die Finger aus meinem Gesicht, Marc. Ich kann es nicht leiden, wenn man mich anfasst.</emphasis></p><p><emphasis>Sie fl�stern.</emphasis></p><p><emphasis>Was? Ehrlich?</emphasis></p><p><emphasis>Hast du das richtig geh�rt?</emphasis></p><p><emphasis>Marc hat gesagt, ich k�nnte den Verstand verloren haben?</emphasis></p><p><emphasis>Das ist nicht wahr, ich tue einfach so, als h�tte ich das nicht mitbekommen.</emphasis></p><p><emphasis>Ja, etwas zu trinken w�re gut.</emphasis></p><p><emphasis>Ich soll nicken, meinst du? Gut, dann nicke ich.</emphasis></p><p><emphasis>Tee? Die haben nur Tee? Wie langweilig.</emphasis></p><p><emphasis>Naja, ein, zwei Schluck werden nicht schaden.</emphasis></p><p><emphasis>Oh! Der Tee ist mit Honig ges��t! So hat das Mutter immer gemacht. Tee mit Honig. Das ist lecker.</emphasis></p><p><emphasis>Nat, warum sind die so nett zu mir?</emphasis></p></section><section><title><p><strong>Pazifischer Ozean, 14.�M�rz 1786</strong></p></title><p>Anfangs hatte er sich immer schlafend gestellt. Den Kopf zur Wand gedreht, hatte er die Augen geschlossen gehalten und sich nicht ger�hrt. Am zweiten Tag hatte Mary sich verabschiedet, die T�r zufallen lassen und war in der Kaj�te stehen geblieben. Kaum hatte der Junge sich allein gew�hnt, hatte er sich aufgerichtet. Hatte Mary gesehen und sein Gesicht verzogen, den R�cken gegen die Wand gelehnt und leise mit sich selbst gesprochen.</p><p>Das Buch hatte sie auf eine Idee gebracht.</p><p>Als sie sich am Tag zuvor auf den Weg gemacht hatte, um sein Essen aus der Komb�se zu holen, hatte sie ein Buch aufgeschlagen auf der Seekiste liegen lassen. Bei ihrer R�ckkehr lag es auf dem Scho� des Jungen, der konzentriert darin las. Das erschien ihr als eine M�glichkeit: Er wollte nicht sprechen, aber offensichtlich wollte er lesen. Vielleicht w�rde er auch schreiben wollen?</p><p>Heute war der vierte Tag nach seinem Erwachen. Zeit, ihn aus der Reserve zu locken. Sie �ffnete die Seekiste und holte eines der einfachen Skizzenbl�tter und einen Bleistift heraus.</p><p>�Hier�, Mary legte beides auf seine Decke, �m�chtest du vielleicht zeichnen oder schreiben?�</p><p>Die H�nde auf der Decke gefaltet, schaute Seth den Papierbogen an. Eine Reaktion blieb aus. Nicht einmal ein Kopfnicken oder Kopfsch�tteln kam als Antwort.</p><p>��berlege es dir in Ruhe�, sagte sie und verlie� die Kaj�te.</p><p>Am Abend lag auf der Seekiste ein abgetrennter Streifen des Papierbogens. �<emphasis>Kann ich bitte noch ein anderes Buch haben? Das habe ich ausgelesen. Danke sch�n.�</emphasis> Mary musste ein L�cheln verbergen, als sie die wackelige Schrift las. Unter dem Kopfkissen, das Seth sich in den R�cken geschoben hatte, lugte eine Ecke des restlichen Papiers hervor.</p></section><section><title><p><strong>Paumotu-Archipel, 3.�April 1786</strong></p></title><p>Es war ein knittriger Papierfetzen gewesen, den Mary ihm entgegengehalten hatte. Mit ungelenker Handschrift hatte Seth die Frage �<emphasis>Darf ich dir wieder bei deiner Arbeit helfen?�</emphasis> daraufgeschrieben. Vor R�hrung hatte Carl kein Wort hervorbringen k�nnen.</p><p>Mary hatte intuitiv das Schweigen richtig interpretiert und war wortlos verschwunden. Ob es sie wirklich gab, die weibliche Intuition? Vor wenigen Monaten h�tte Carl den Gedanken rundheraus abgelehnt, aber diese Frau schien manches Mal seine Gedanken zu erahnen, noch bevor sie in seinem Kopf Form angenommen hatten. Sie hatte dem Jungen in seine Kleider geholfen und ihn nach Wochen das erste Mal wieder in die Offiziersmesse gef�hrt. Aus dem aufgeweckten Kind war ein Schatten geworden, ein stummer Schatten, der ihr von nun an �berallhin folgte.</p><p>Immer noch wichen einige der M�nner dem kleinen Kerl aus, wenn sie seiner ansichtig wurden. Sie verbargen ihre Furcht nicht, der Knabe k�nne ansteckend sein und sie k�nnten ebenfalls dem Wahnsinn anheimfallen.</p><p>Carl strich dem Jungen kurz �ber das Haar und folgte seinem Blick. Das Meer hing heute in einem abgewetzten Blau unter einem aschgrauen Himmel. Doch aus dem Kr�hennest hatte man gemeldet, es seien V�gel gesichtet worden.</p><p>�Bald m�ssten wir Land erreichen. Wenn V�gel auftauchen, ist irgendwo Land in der N�he�, sagte Carl, ohne eine Antwort zu erwarten. �Wir haben inzwischen den Pazifik erreicht. Man nennt ihn auch Stillen Ozean, weil das Wasser hier friedlicher, das Wetter konstanter und der Wind tr�ger ist.� Wie so oft in letzter Zeit redete er auf Seth ein, sagte irgendwelche Dinge, von denen er nicht wusste, ob sie ihn �berhaupt interessierten. Doch das beharrliche Schweigen des Jungen machte ihn m�rbe, und so �bert�nte er es mit seinen Worten.</p><p>�Land in Sicht.�</p><p>Es war keine Meldung, es war ein Triumphschrei. Carl f�hlte, dass sich die Haare auf seinen Armen aufstellten. <emphasis>Wenn der Umriss dieser Insel eine T�uschung ist, eine Wolkenwand, die wie ein Gebirge aussieht,</emphasis> dachte er, <emphasis>oder eine Nebelbank, die f�r eine K�ste gehalten wird, dann werde ich verr�ckt. Dann kann die Mannschaft erleben, was wirklicher Wahnsinn ist.</emphasis></p><p>Seth zerrte an seinem Hemds�rmel. Die kleine Hand zeigte mit ausgestrecktem Finger aufs Wasser hinaus, auf ein kreisrundes Riff, das eine dicht begr�nte Lagune umschloss. Am Strand flatterten die Bl�tter dreier Kokospalmen im Wind, und augenblicklich lag Carl der Geschmack des s��lichen Fruchtfleisches auf der Zunge.</p><p>Still war es an Deck geworden. In der Takelage hingen die M�nner, an der Reling dr�ngten sie sich. Offenbar wollte jeder die Sch�nheit der pazifischen Perle, die sie just passierten, bewundern.</p><p>�Da! Ein Weib!�, schrie Edison auf. Ein Raunen strich �ber Bord, und noch weiter reckten sich die H�lse, um die beste Sicht zu haben.</p><p><emphasis>Der Kerl besteht nur aus Muskeln und vielleicht noch Augen, die er nutzt, um Weiber auszusp�hen</emphasis>, fuhr es Carl durch den Kopf, und er begann zu z�hlen. Vierundzwanzig M�nner konnte er ausmachen und eine Frau. Und die hatte Edison nat�rlich als Erster entdeckt.</p><p>Als das Schiff l�ngs der Insel entlangfuhr, liefen die Inselbewohner am Strand mit, ohne jedoch auf die Zurufe der Mannschaft zu reagieren. Sie liefen und trugen ihre Waffen, h�lzerne Keulen und Lanzen, eng am K�rper. Die Lenden waren mit Schurzen bedeckt, mehr Kleidung trugen die M�nner nicht am Leibe. Weitere Frauen tauchten auf, sie hielten sich jedoch im Hintergrund, im Schatten der Palmen, wo auch kleinere H�tten zu erkennen waren.</p><p>Inzwischen hatte das Schiff die Insel umrundet. Immer mehr M�nner kletterten aus der Takelage und verlie�en die Reling. Jeder hatte es gesehen: So wundersch�n die Perle dort im Sonnenlicht schimmerte, das Schiff konnte nicht anlegen.</p><p>�Schade�, sagte Carl, und der Kleine nickte.</p></section><section><title><p><strong>Paumotu-Archipel, 14.�April 1786</strong></p></title><p>Die Tage wurden zur Qual. Je mehr Riffe und Inseln auftauchten und die Hoffnung befl�gelten, man k�nne endlich vor Anker gehen, umso beengter nahm Carl das Schiff wahr. Das Deck schien zu schrumpfen, und die W�nde und Decken der ohnehin beengten Kaj�ten r�ckten, da war er sich sicher, unaufhaltsam n�her. Unentwegt lungerte er an Deck herum, doch das Bild wiederholte sich: Steinige Riffe lie�en es nicht zu, die Inseln anzusteuern, und die, an denen man h�tte anlegen k�nnen, waren zu karg und zu winzig, um das Schiff zu bevorraten und zu �berholen.</p><p>Carl bemerkte, dass die Mannschaft sich in diesen Tagen in zwei Lager spaltete. Die einen waren von der Hoffnung, bald Tahiti zu erreichen, beseelt und verrichteten ihr Tagewerk mit neuer Kraft. Die anderen, denen es so erging wie ihm, wurden von einer l�hmenden M�digkeit befallen. Ihr Gem�t wurde von der best�ndig aufkeimenden und wieder in sich zusammensinkenden Hoffnung, an Land gehen zu k�nnen, geschw�cht.</p><p>Carl hatte nicht erwartet, dass ihm so kurz vor der Ankunft die Kr�fte schwinden w�rden, und nicht einmal ausreichender Schlaf �nderte etwas an seinem Zustand. Am gestrigen Abend hatte er sich fr�hzeitig zur�ckgezogen, und als er jetzt einen Blick aus dem Bullauge warf, verriet ihm der Stand der Sonne, dass der Vormittag weit vorangeschritten war. Er blieb liegen, sp�rte die Schwere in den Gliedern und tastete mit der Zunge seinen Gaumen ab.</p><p>�Marc! Das hat aber gedauert�, begr��te Carl Mary, als sie sich gen Mittag in Begleitung des Jungen in seine Kaj�te schob.</p><p>�Oh, ich dachte, ich m�sste mir Gedanken �ber deinen Zustand machen, aber wie ich sehe, geht es dir gut.�</p><p>�Nein, mir geht es nicht gut. Ich habe beginnenden Skorbut.�</p><p>Ihr L�cheln erstarb, und der Blick strafte ihn, damit nicht zu scherzen.</p><p>�Sieh selbst nach�, seufzte Carl und �ffnete den Mund.</p><p>Mary trat n�her. �Zunge raus�, forderte sie.</p><p>Gehorsam streckte Carl die Zunge heraus.</p><p>�Wieder reinnehmen.�</p><p>Die Zunge verschwand, und Mary zog die Oberlippe in die H�he.</p><p>�Es ist unfassbar: Der Mann, der der Mannschaft immer predigt, sie m�sse Gem�se und vor allem das gute Sauerkraut zu sich nehmen, erkrankt am Skorbut. Eine Meisterleistung.�</p><p>Seth kicherte und schaute verlegen zu Boden.</p><p>Carl sch�ttelte den Kopf, doch Mary lie� die Lippe nicht los. Vielmehr winkte sie Seth zu, n�herzutreten. Als der Junge neben ihr stand, schob sie die Lippe noch weiter in die H�he.</p><p>�Sieh, das Zahnfleisch zieht sich zur�ck. Es ist ger�tet, und der Gaumen ist wund. Der Patient ist m�de und sp�rt meist jetzt schon erste Schmerzen in den Gliedern.�</p><p>Carl nickte.</p><p>�Du l�ufst jetzt zum Smutje und bittest ihn um Brandy. Wir haben noch ein F�sschen Zitronensaft bei uns. Hiervon werden wir ein wenig mit dem Brandy mischen und dem Patienten t�glich sechs Unzen verabreichen. Das m�sste ihn wiederherstellen.�</p><p>Seth nickte und sprang davon.</p><p>Mary lie� Carls Lippe wieder los.</p><p>�Ich denke, der Junge spricht nicht. Wie soll er beim Smutje dann Zitronensaft bekommen?�, fragte er und rieb sich die Lippe.</p><p>�Seth ist hilfsbereit, vielleicht wird eine der Aufgaben, die ich ihm �bertrage, seine Zunge wieder l�sen. Wer weiߠ��</p><p>�Manchmal erinnerst du mich an Franklin, er war �hnlich raffiniert.�</p><p>�Er war mir ein guter Lehrmeister.� F�r einen Moment legte sich Stille �ber sie.</p><p>�Ja, Marc, das glaube ich, dass Franklin dir ein Lehrmeister war, wie es so schnell keinen Zweiten mehr geben wird.� Es war nur ein kurzer Blick, den Mary ihm zuwarf.</p><p>�Ich meine das ernst. Ich bin sehr zufrieden mit unserer Zusammenarbeit.�</p><p>Carl war sich nicht sicher, ob ihre H�nde zitterten oder ob es seine m�den Augen waren, die ihn t�uschten. Da sie nichts entgegnete, fuhr er fort. �Ich habe von der Royal Society den Auftrag erhalten, die Forschungen im Pazifik zu intensivieren. Aus diesem Grund werde ich vor Ort auf Tahiti bleiben. Der Plan war, dass Franklin mit der <emphasis>Sailing Queen</emphasis> zur�ckreist. Er sollte die bis dahin gesammelten Fundst�cke mitnehmen und sie auf der R�ckfahrt ordnen und katalogisieren. Es war vereinbart, dass er von London aus Vorkehrungen trifft, damit ich in ein bis zwei Jahren abgeholt werde.�</p><p>Die Frau stand vor ihm, schaute nicht auf, hielt ihm den R�cken zugewandt und sortierte Zeichnungen, die �berarbeitet werden mussten. Konnte sie nicht f�r diesen Moment in ihrem Arbeitseifer innehalten und sich ihm zuwenden, fragte Carl sich und f�hlte immer noch den Druck ihrer Finger auf seiner Haut.</p><p>�Wie kannst du sicher sein, dass man dich abholt?�</p><p>�Dahinter steht ein Vorhaben der Royal Society, das vor allem von Sir Joseph Banks vorangetrieben wird. Man beabsichtigt, die Ergebnisse der Forschungen auszuwerten und zum finanziellen Vorteil der Gesellschaft zu nutzen. Du kannst dir sicher vorstellen, dass wirtschaftliche Interessen ein nicht zu untersch�tzender Beweggrund sind, sich zu engagieren. Insofern waren Sir Joseph Banks und ich bei unserem letzten Gespr�ch einig, dass sich eine Abholung arrangieren lie�e.�</p><p>Nun schaute Mary auf, die Stirn in Falten geworfen.</p><p>�Marc, du wirst sehen, es wird zus�tzliche Reisen in den Pazifik geben�, versicherte Carl und richtete sich weiter auf. Das Gespr�ch nahm einen Verlauf, der ihn unruhig machte. Wieder schwieg sie, erneut wandte sie ihm den R�cken zu und sortierte die Unterlagen auf dem Tisch.</p><p>�Jedenfalls halte ich es nach den Erfahrungen dieser Fahrt f�r keine gute Idee, mich alleine auf die geplante Expedition zu begeben. Was ich sagen will: Ich k�nnte mir vorstellen, dass du mich begleitest. Wie denkst du dar�ber?�</p><p>Sie drehte sich nochmals zu ihm um und lehnte sich gegen den Tisch. Weder Ablehnung noch Begeisterung lie�en sich in ihrer Miene ausmachen. Wieder sah sie jung aus, und wieder wirkte sie mit den vorh�ngenden Schultern schm�chtig. �Wenn wir gemeinsam zur�ckbleiben�, sagte sie emotionslos, �w�re das Schiff ohne �rztliche Versorgung.�</p><p><emphasis>Sie wei� es,</emphasis> fuhr es Carl durch den Kopf, <emphasis>sie wei�, dass ich erfahren habe, dass sie eine Frau ist. Sie findet meinen Vorschlag, alleine mit mir in der Wildnis zur�ckzubleiben, verwerflich. Sie wei� nicht, dass ich auf ihre Kompetenz baue.</emphasis> Carl griff nach dem Wasser und nahm einen Schluck. Er r�usperte sich. �Es ist ehrenhaft, dass du dir um die Mannschaft Gedanken machst. Der Kapit�n und ich haben uns �ber diese Situation bereits beraten. Er denkt, dass Peacock, bis das Schiff Batavia erreicht, im Notfall die Versorgung �bernehmen kann.�</p><p>�Rafael Peacock? Unser Astronom?�</p><p>�Ja, warum denn nicht? Du bist kein Arzt, und auch ich bin keiner. Peacock ist uns oft zur Hand gegangen, wir haben ihn beide beobachten k�nnen, und du wei�t, dass er ein Gesp�r f�r Patienten hat. Sein Vater war ebenfalls Arzt, aus diesem Grund verf�gt er �ber medizinische Grundkenntnisse. Es gibt Schiffe, die reisen erheblich weitere Strecken ohne Arzt, wenn dieser einer Krankheit erliegt.� Carl sog die Luft ein und seufzte. �Marc�, er versuchte seiner Stimme einen eindringlichen Klang zu verleihen, �wir haben einen Auftrag, und der besteht, so grausam das klingen mag, nicht darin, die medizinische Versorgung zu �bernehmen, wenn Doc Havenport ausf�llt.� Er z�gerte. Es war der richtige Zeitpunkt, sich zu erkl�ren und ihr reinen Wein einzuschenken, um ihr die M�glichkeit zu geben, aufgrund der Fakten eine Entscheidung zu f�llen. �Gut, wenn das so ist, dann muss ich dir etwas���</p><p>�Lass mich einen Moment dar�ber nachdenken, ja?�, unterbrach sie ihn, sah ihn nur fl�chtig an und verlie� t�rschlagend die Kaj�te.</p><p>�Warte, Mary, bitte warte�, rief er ihr nach, doch seine Worte verloren sich in der Stille.</p></section><section><title><p><strong>Paumotu-Archipel, 16.�April 1786</strong></p></title><p>Zwei Tage hatte Mary ihre Kraft darauf verwendet, Carl aus dem Weg zu gehen. Zwei Tage, die sie hatten sp�ren lassen, dass jede Stunde, in der sie kein Wort miteinander gesprochen hatten, leer war. Gezeichnet hatte sie, Bilder beschriftet, Verzeichnisse erstellt und Seth im Beschriften der Belege des Herbariums unterwiesen. Jeden Morgen, mit dem Beginn des Reinschiffmachens, hatte sie auf dem Achterdeck gestanden, um die unruhigen N�chte durch k�hlen Wind zu vertreiben, bevor die Sonne wieder die scharfkantigen Schatten der Segel und Masten aufs Schiff warf. Und immer wieder hatte sie Franklins Vorwurf im Ohr gehabt: �Du hast meinen Ruf ruiniert. Was hast du dir dabei gedacht?�</p><p>Es gab nur eine Antwort auf Carls Frage: Sie konnte ihn nicht begleiten. Sie musste jeden Skandal vermeiden. Ein Botaniker, der mit einer Frau durch den Pazifik reiste � das war ein handfester Skandal. Sie konnte ihn nicht der Gefahr aussetzen, seinen Ruf als exzellenter Wissenschaftler aufs Spiel zu setzen. Und selbst wenn keine Menschenseele jenseits des Pazifiks von ihrer T�uschung erfahren w�rde, so lie�e sich zu zweit in der Wildnis nichts voreinander verbergen. Gar nichts. Carl w�rde bemerken, dass sie eine Frau war, die N�he w�rde den Verrat offenbaren.</p><p>Das war der Preis, den sie f�r ihre L�ge zu zahlen hatte. N�he konnte sie nicht zulassen, sie musste ihm fernbleiben und sein Angebot ablehnen.</p><p>Mary �ffnete die T�r zu seiner Kaj�te.</p><p>Carl sa� an dem winzigen Tisch und nutzte das karge Tageslicht, das durch das salzverkrustete Bullauge fiel. Das Tintenfass war ge�ffnet, die Feder lag in seiner Hand, doch selbst von der T�r aus konnte sie erkennen, dass das Papier unber�hrt war.</p><p>�Wie geht es dir?�, fragte sie.</p><p>Carl drehte sich auf seinem Stuhl um, den Arm seitlich auf die Lehne gest�tzt, und musterte sie. Er antwortete nicht.</p><p>�Es tut mir leid, dass ich mich zur�ckgezogen habe. Ich brauchte Zeit, dein Angebot zu �berdenken.�</p><p>�Was gibt es daran zu �berdenken? Hast du famili�re Verpflichtungen? Wirst du zu Hause erwartet? Dar�ber k�nnen wir doch reden. Es gibt so vieles, �ber das wir reden m�ssen.�</p><p>Mary sch�ttelte den Kopf. Seine Augenringe waren verschwunden. Das Haar war frisch gewaschen, das Gesicht rasiert. Die �rmel seines blendend wei�en Hemdes waren bis zu den Ellenbogen umgeschlagen. Braun hob sich sein behaarter Unterarm gegen den hellen Stoff ab.</p><p><emphasis>Du k�nntest es doch versuchen</emphasis>, ert�nte die Stimme in ihrem Kopf.</p><p><emphasis>Nein, das darfst du nicht. Du hast einen Entschluss gefasst, und du bist hier, um ihm diesen mitzuteilen.</emphasis></p><p>Die erste Stimme hob erneut an. <emphasis>Selbst wenn er es irgendwann bemerken w�rde, was soll geschehen? Er wird dich wohl kaum im Stillen Ozean zur�cklassen.</emphasis></p><p><emphasis>Untersteh dich. Du wirst sein Angebot ausschlagen.</emphasis></p><p>Ihr Blick lag auf seinem Arm, den ausgepr�gten Adern, die sich unter der Haut abzeichneten und am Handgelenk vorbeischl�ngelten, den Handr�cken entlangfuhren und in den Fingern ausliefen. Sie hob den Kopf und schaute ihn direkt an. �Nein, niemand erwartet mich�, sagte sie betont langsam, um nicht die falsche Formulierung zu w�hlen, �dennoch ist es eine schwerwiegende Entscheidung, die gut �berlegt sein muss, und so habe ich mich schwer damit getan.�</p><p>Ungeduld wurde in Carls Augen sichtbar, und seine Lippen pressten sich aufeinander, sodass sie zu einem blassen, schmalen Strich wurden.</p><p>Mary atmete tief durch. �Ich kann�� Ich kann nicht�� Ich kann doch nicht alleine nach Hause zur�ckkehren und dich hier der Wildnis �berlassen.�</p><p>Ein Schmunzeln umspielte Carls Lippen, die wieder eine rosige Farbe bekamen und voll wurden. Er sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Nat�rlich will ich dich bei deinen Forschungen begleiten. Danke f�r dein Vertrauen�, sagte sie.</p><p>Ein warmes Gl�cksgef�hl breitete sich in ihrem Bauch aus.</p><p>***</p><p>Sir Belham hatte es ihm vorgerechnet: Neun Monate hatten sie von England bis in den Pazifik ben�tigt, und in wenigen Tagen w�rden sie Tahiti erreichen. Seth lugte �ber den Rand seiner H�ngematte zu den M�nnern hin�ber, die beim Grog zusammensa�en. Sie w�rden noch eine Weile trinken, so schnell war heute Abend nicht mit Ruhe im Mannschaftsdeck zu rechnen. Wahrscheinlich w�rde erst die Nachtglocke die Runde aufl�sen.</p><p>Der Smutje, der mit im Mannschaftsdeck sa�, erhob seinen Holzbecher: �Jungs, auf die Leiber der sch�nsten Weiber! Bald sind wir ja da!�</p><p>Toni runzelte die Stirn. �Wie, die sch�nsten Weiber? Was meinsten damit?�</p><p>Seth stie� sich mit dem Bein an der Wand ab, um die H�ngematte zum Schaukeln zu bringen. <emphasis>Jetzt geht das wieder los,</emphasis> dachte er verzweifelt, <emphasis>jetzt kommen wieder diese Weibergeschichten!</emphasis> F�r einen Moment �berlegte er, sich die H�nde auf die Ohren zu pressen und den Rest des Abends so in seiner H�ngematte liegen zu bleiben.</p><p>Seit er ins Mannschaftsdeck zur�ckgekehrt war, besa� er eine grenzenlose Narrenfreiheit, die er gern nutzte. Ob er sich tags�ber in die H�ngematte legte oder beim Reinschiffmachen aufs Wasser hinaussah, niemand wagte, ihn zurechtzuweisen. Schweigend sahen die M�nner �ber Dinge hinweg, f�r die sie ihm vor kurzem noch kr�ftige Maulschellen verpasst h�tten. Selbst wenn er den gesamten Abend in seiner H�ngematte verbracht und sich die Ohren zugehalten h�tte, da war er sich sicher, h�tte man das ignoriert.</p><p>Es war Segelmacher-John, der �bertrieben laut aufseufzte und das Wort ergriff. �Das wei� doch jedes Kind�, er seufzte ein zweites Mal, �dass die Frauen in Tahiti sehr sch�n sind.�</p><p>�Sch�n? Wie sch�n?�, hakte Lukas nach.</p><p>Seth schaute �ber den Rand seiner H�ngematte. Das Gesicht des Seesoldaten war rot angelaufen. <emphasis>Der bekommt �nen roten Kopf, wenn er nur an Weiber denkt. Wahrscheinlich ist er doch nicht so schlau, wie ich angenommen habe.</emphasis> Genervt trat er noch einmal gegen die Wand.</p><p>�Die Tahitianer sind sehr sanftm�tig, sie sind gute Menschen. Da kann selbst der Geringste unter ihnen mit dem K�nig sprechen, wann immer er will. Ihre G�ter verteilen sie gerecht�, fuhr Segelmacher-John fort.</p><p>Abrupt setzte Seth sich auf, und die H�ngematte schwankte, dass er sich am Stoff festhalten musste, um das Gleichgewicht wiederzufinden. Das klang wesentlich interessanter.</p><p>�Das will niemand h�ren�, rief Edison dazwischen. �Konzentrier dich auf das Wesentliche.�</p><p>�Die Frauen�, Segelmacher-John senkte die Stimme, dass selbst Seth die Luft anhielt, um beim Ausatmen nichts zu �berh�ren, �bewegen sich anmutig. Sie haben kaum Kleidung am Leib und�� Himmel, was das f�r Leiber sind! Wie Henry schon sagte � lasst uns auf diese Leiber trinken!�</p><p>Der halbblinde Blick hing in der Luft, und Seth war versucht, ihm zu folgen, im Glauben, dort sehen zu k�nnen, was Segelmacher-John beschrieb.</p><p>�Das sch�ne, dunkle Haar flie�t ihre R�cken herab. Und wenn man seine Nase in diese weiche Pracht versinken l�sst, dann riecht man einen leichten Hauch Kokosnuss. Diese Frauen, das sind Perlen, wie es sie nirgends wieder auf der Welt gibt.�</p><p>Es krachte. Lukas war der Holzbecher aus der Hand gefallen, regungslos sa� er zwischen den M�nnern, und erst das Gel�chter lie� ihn auffahren. Er sch�ttelte den Kopf und beugte sich hastig vor, um seinen Becher aufzuheben.</p><p>�Aber sie sind nicht wie die Frauen�, rief Segelmacher-John energisch in die Runde und brachte das Gel�chter mit einer Handbewegung zum Verstummen, �die sich euch in anderen H�fen lustlos gegen Geld feilbieten!�</p><p>�Hei�t das, sie haben Lust, und wir k�nnen dort ordentlich einen wegstecken?� Edisons Stimme klang gierig.</p><p>�Dort wird nichts weggesteckt. Die Frauen sind die G�ttinnen der Liebe. Sie f�ttern einen mit s��en Fr�chten, sie �len einem die Haut, und dann geben sie sich gern und lustvoll hin.�</p><p>Seth h�rte ein St�hnen. Er konnte nicht heraush�ren, von wem es kam, doch wieder lachten die M�nner.</p><p>Segelmacher-John wusste, wie er die Meute zu packen bekam, abermals fuhr seine Hand in die H�he, und sofort herrschte Stille. �Ich habe sie gesehen, die zuckenden Leiber, und ich habe das Keuchen geh�rt. Die Liebe ist dort ein Ritual der Religion.�</p><p>�Die Frauen sind, wie ich schon sagte, Perlen, ihre Haut schimmert wundersch�n, und ihre schwarzen Augen gl�nzen wie die See bei Nacht. Sie werden respektvoll von den M�nnern behandelt, wie goldene Sch�tze. Und�, er schwieg kurz, um seinen Worten mehr Nachdruck zu verleihen, �die Tahitianer lieben sich in aller �ffentlichkeit.�</p><p>Mit offenen M�ndern sa�en die M�nner da, selbst Seth war beeindruckt.</p><p>�Das glaube ich nicht�, rief Toni. Er verschr�nkte die Arme vor der Brust und sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Doch, es stimmt. Ich habe es auch erlebt, und ich sage euch, es ist wundervoll�, pflichtete Henry bei. Er hob den Becher und nahm einen Schluck Grog.</p><p>Segelmacher-John fuhr fort. �Also, wenn ihr einem alten Mann wieder Glauben schenken wollt, bin ich bereit, weiterzuerz�hlen. Stellt euch das so vor: In Tahiti haben die H�user keine W�nde. Es sind vier Pfosten, auf denen ein Dach liegt, und das wars. So kann jeder alles sehen, immer. Und wenn zwei Liebende zueinanderfinden, dann singen die Umstehenden und feuern sie an. Je wilder und hemmungsloser der Akt wird, desto begeisterter feiert man ihn. Und im Moment der Erl�sung des Paares beginnen alle zu klatschen.�</p><p>Da sa�en die Kerle und fra�en ihm aus der Hand.</p><p>�Ich schw�re es euch: Tahiti ist das Paradies. Und die Frauen sind so sch�n, so zart und duften so wunderbar nach s��en Bl�ten, dass es einem den Verstand raubt, insofern man noch einen Funken davon auf dieser Reise bewahrt hat. Und so liegt es doch auf der Hand: Wenn ihr Dreckskerle da ankommt, k�nnt ihr sie mit den sch�bigen Gastgeschenken sicherlich nicht �berzeugen, dass sie euch in ihr Paradies einlassen und zu ihrem Fest der Liebe einladen. Aber ich kann euch verraten, was ihr unternehmen m�sst, dass sie genau das tun���</p><p>Das l�sterne Grinsen, das Segelmacher-Johns Gesicht �berzog, lie� Seth schaudern. Sofort lie� er sich in seine H�ngematte zur�ckfallen, presste die H�nde auf die Ohren und trat gegen die Wand.</p><p>Sollte Segelmacher-John geahnt haben, was er mit seiner Erz�hlung heraufbeschwor, so lie� er es sich nicht anmerken. In den folgenden Tagen wurde sein Bericht vom Paradies st�ndig wiederholt. �berall. Beim Klettern im Gro�mast, beim Schrubben des Decks, bei jeder Gelegenheit wurde die Geschichte von den wundersamen Weibern weitergetragen. Gern h�tte Seth die M�nner gesch�ttelt und angebr�llt, sie sogar angefleht, dass sie doch einen Tag, einen einzigen Tag �ber andere Dinge sprechen sollten.</p><p>Doch es kam noch �rger: Die Mannschaft geriet in ein nicht gekanntes Fieber: Die M�nner stutzten sich die B�rte, schnitten sich die verfilzten Haare und reinigten sich die verteerten H�nde. Sie zogen sich aus und kn�pften ihre Kleidungsst�cke an Schn�re, die sie vom Heck ins Wasser warfen, sodass die <emphasis>Sailing Queen</emphasis> einen ellenlangen W�scheschwanz hinter sich herzog. Und als Toni ihm auf die Schulter klopfte und sagte, es sei Zeit, sich f�r die M�dchen frischzumachen, z�gerte Seth. Er sah dem H�nen ins Gesicht und fragte sich, ob er ihm erkl�ren sollte, dass er beschlossen hatte, ewig dreckig zu bleiben und ohne eine Frau in seinem Leben auszukommen. Doch Tonis Blick lie� ihm keine Wahl, er entkleidete sich, bis er nackt an Deck stand.</p><p>Seit der Abfahrt hatte Kapit�n Taylor Morgen f�r Morgen Reinlichkeit gepredigt, und nur widerwillig war die Mannschaft seinen Anweisungen gefolgt. Nun wurden die M�nner eifriger als er selbst. Einige Wagemutige folgten sogar seinem Beispiel und st�rzten sich zum Waschen vom Heck ins Meer. Sir Belham und Marc standen an Deck bereit, um einzugreifen, denn das Wasser konnte selbst starken M�nnern bei einem Sprung aus dieser H�he die Knochen brechen. Nach den Anweisungen der beiden hatten sie sich, und darunter auch einige, die nicht schwimmen konnten, die Nasen zugehalten, die Augen geschlossen und waren mit �bereinandergekreuzten Beinen in die Tiefe gesprungen.</p><p>Seth hatte sich damit begn�gt, mit der Kelle Wasser aus dem Bottich zu sch�pfen und es sich �ber den Kopf zu sch�tten. Dann hatte er darauf gewartet, dass die Leine wieder eingeholt wurde, um Hose und Hemd an sich zu rei�en und die tropfnassen Kleidungsst�cke anzuziehen.</p></section><section><title><p><strong>Tahiti, 22.�April 1786</strong></p></title><p>Und so standen an diesem Morgen reihenweise aufgeputzte M�nner in salzstarrend steifer Kleidung auf dem Deck. Sie stierten auf das seichte Wasser und die Insel, deren bewaldete Berge in den Himmel ragten.</p><p>Am Strand konnten sie kleine H�tten und an Land gezogene Kanus erkennen. Parallel zum Ufer verliefen mehrere Klippenreihen, an denen sich wei�sch�umend die Wellen brachen. �ber das Ger�usch der Brandung hinweg vernahmen sie das Quieken von Schweinen, und das Wasser lief ihnen bei dem Gedanken an einen knusprigen Braten im Mund zusammen.</p><p>Seth nickte und sah mit eigenen Augen, was Segelmacher-John beschrieben hatte: die Frauen. Ihre Haut war hellbraun, und sie hatten wirklich schwarzes Haar, das mit Bl�tenkr�nzen geschm�ckt war. Einige trugen T�cher, die sie �ber der Schulter verknotet hatten und die bis zu den Knien herabhingen. Aber ebenso viele standen mit nackten Br�sten, nur ein Tuch um die H�fte geschlungen, am Strand.</p><p>Lukas verga� das Blinzeln, so glotzte er zur Insel hin�ber.</p><p>Zwei Seesoldaten, die Seth auf der Reise fremd geblieben waren, dr�ngten sich hinter Lukas und sahen aus, als w�rden sie jeden Moment zu sabbern beginnen.</p><p>Und Toni, der kletterte die Wanten hinauf, riss seine M�tze vom Kopf und schwang sie durch die Luft. �Willkommen im Paradies, M�nner�, br�llte der Zimmermann, und das Gejohle der M�nner, das ihm antwortete, klang viehisch.</p><p>Erschrocken hielt Seth sich die Ohren zu.</p><p>***</p><p>Mary schirmte ihre Augen mit der Hand gegen das glei�ende Licht ab und schaute zur Insel hin�ber. Dort standen sie, die Frauen, deren Sch�nheit und Sanftmut noch im fernen Europa besungen wurde.</p><p>Und ja, sie waren sch�n.</p><p>Auch in Feuerland hatten die Frauen kaum ihre Scham verdeckt, die Br�ste freischwingend und unbefangen vor den gierigen Blicken der Mannschaft hergetragen. Aber diese Frauen hier waren anders, auf eine Art, die sich nicht benennen, aber selbst auf die Entfernung erkennen lie�. Der bet�rende Duft der Bl�ten der Insel, der �ber das Wasser zum Schiff getrieben wurde, schien ein Versprechen, wie wohlriechend die Haut dieser Sch�nheiten sein w�rde.</p><p>An der Reling dr�ngten sich die M�nner. Mary bemerkte Carl, der nicht weit entfernt von ihr stand. Auch er lie� die Insel nicht aus den Augen, sein Blick war nicht zu deuten. <emphasis>Er will mit mir hierbleiben, aber ich habe nur dar�ber nachgedacht, was geschieht, wenn er mich als Frau wahrnimmt. Vielmehr sollte ich mich fragen, ob ich es ertragen werde, dabei zuzusehen, wenn er sich mit diesen Sch�nheiten vergn�gt. Werde ich es an seiner Seite aushalten, wenn er sich ein Liebchen nimmt, das vielleicht sogar sein Herz ber�hrt? Und wie wird es mir ergehen, wenn er mich dabei weiterhin f�r einen Mann h�lt?</emphasis></p><p>Der Anker fiel. Das Rasseln der Kette lie� das gesamte Schiff erzittern.</p><p>�Achtzehn Wochen�, Bartholom�us� Stimme klang heiser. �Seit achtzehn Wochen haben wir kein Land mehr betreten.�</p><p>�So lange ist das her? Das kann nicht sein.� Mary fixierte die Palmenbl�tter, die sich im Wind wiegten.</p><p>�Den letzten Landgang hatten wir in Feuerland.�</p><p><emphasis>Da hatte er noch zwei Arme,</emphasis> durchfuhr es sie. <emphasis>Die Meeresenge vor Kap Hoorn wird sein Leben auf ewig in ein Davor und ein Danach unterteilen. Kein Wunder, dass er das auf den Tag genau wei�.</emphasis></p><p>Die Glocke wurde geschlagen.</p><p>Carl starrte immer noch zur Insel hin�ber.</p><p>Mit der Hand fuhr Mary �ber ihren Nacken und hasste das kurze Haar.</p><p>Kapit�n Taylors Uniform sa� akkurat, der Stoff war geb�rstet, jeder Knopf poliert worden. Die Per�cke war gek�mmt, das Gesicht rasiert. Er nahm den Dreispitz ab.</p><p>Sofort ergriffen die M�nner der Mannschaft ihre M�tzen und senkten die H�upter.</p><p>Mit tragender Stimme verlas Taylor h�chstselbst die Bestimmungen, die beim Aufenthalt zu ber�cksichtigen waren: �Diese Regeln hat jedermann zu beachten, der Seiner Majest�t Bark <emphasis>Sailing Queen</emphasis> angeh�rt. Sie wurden zum Zwecke eines geregelten und einheitlichen Handels von Vorr�ten mit den Einwohnern von Tahiti erlassen.</p><p>Alle erlaubten Mittel sind anzuwenden, um die Freundschaft mit den Eingeborenen zu pflegen. Sie sind mit aller nur erdenklichen Leutseligkeit zu behandeln.</p><p>Es sollen eine oder mehrere t�chtige Personen ernannt werden, die berechtigt sind, mit den Eingeborenen um alle Arten von Lebensmitteln, Fr�chten und anderen Erzeugnissen den Handel zu f�hren.</p><p>Wer am Ufer Arbeiten zu verrichten hat, soll seine Pflicht mit allem Flei�e erf�llen. Wenn er jedoch aus Nachl�ssigkeit eine seiner Waffen oder Ger�tschaften verliert oder sich bestehlen l�sst, wird ihm der Wert von seiner Besoldung abgezogen werden. Zudem soll er bestraft werden, je nachdem, welches Vergehen zugrundeliegt.</p><p>Mit einer Bestrafung m�ssen auch diejenigen rechnen, die irgendetwas vom Schiff und seinen Vorr�ten rauben, um damit handeln zu wollen.�</p><p>Er lie� das Papier sinken und schwieg einen Moment. �Und von Bord geht mir nur, wer hier ohne ein venerisches Leiden angekommen ist.�</p><p>Mary stutzte. Hatte sie den Kapit�n richtig verstanden? Flugs suchte ihr Blick Carl, auch seine Stirn lag in Falten. Sollte jetzt wirklich jeder dieser M�nner vor sie beide treten, sein Gem�cht auspacken und es ihnen vorhalten? Sollten sie es anpacken, die Hoden heben und den Schritt abtasten? Ihr schwindelte. Und was war, wenn Carl darauf bestand, auch sie zu untersuchen?</p><p>Seine Hand fiel auf ihre Schulter. �Marc, ich bin daf�r, dass du die Arbeitsmaterialien f�r die Exkursion zusammenstellst, w�hrend ich die Untersuchungen vornehme�, sagte er laut.</p><p>Mary atmete tief durch, eine Welle der Erleichterung durchlief sie.</p><p>Der Kapit�n hielt inne und wandte sich um. �Carl, in diesem Fall muss ich, auch wenn mir dies sonst nicht in den Sinn k�me, in Eure Arbeit eingreifen. Ich bestehe darauf, dass die Untersuchungen z�gig durchgef�hrt werden, Ihr k�nnt kaum erwarten, dass sich neunzig Mann hier �ber Stunden gedulden werden.�</p><p>�Es wird schnell gehen, auch wenn ich das alleine erledige.�</p><p>�Nein, ich lasse mich, was die Untersuchungen betrifft, auf keinerlei Diskussionen ein. Bitte nehmt unverz�glich die Arbeit auf.�</p><p>Carl wandte sich Mary zu. Seine Augen gl�nzten vor Wut. �Marc, du h�rst, was der Kapit�n angeordnet hat. Ich w�rde vorschlagen, wir treiben die M�nner hinter den Hauptmast. Zum Beiboot vorgelassen wird man nur nach unserer Untersuchung. K�nntest du die Vorbereitungen treffen?�</p><p>Mary fragte nicht weiter und leistete seiner Bitte Folge.</p><p>�Hier sind die Instrumente�, sagte sie und stellte Doc Havenports Koffer und Carls Tasche ab.</p><p>�Hocker w�ren gut, holst du die noch?�, fragte Carl und �ffnete den Koffer.</p><p>�Seth bringt sie uns�, sagte Mary und knetete ihre H�nde. �Worauf muss ich achten? Ich kenne die Anzeichen nicht.�</p><p>�Geschw�re auf der Schleimhaut. Schwellungen in den Leisten. Du wirst es schon bemerken. Aber ich denke, dass einige der Kerle es trotz der Bem�hungen der letzten Tage mit der Reinlichkeit nicht so genau nehmen, deshalb musst du�, er seufzte, �genau hinschauen.� Er reichte ihr einen Spatel.</p><p>Mary schaute auf das gl�nzende Metall in ihrer Hand. Geschw�re auf der Schleimhaut. Schwellungen in den Leisten. Vielleicht war das einer der Gr�nde, weshalb Schiffs�rzte so gern �berm��ig tranken. Vielleicht ekelten sie sich selbst des �fteren in ihrem Beruf. Grog. Doc Havenport hatte sich in jeder Lebenslage auf seinen Grog berufen. Mit einem Mal erschien ihr dieser Gedanke nachvollziehbar.</p><p>�Lass dir Zeit, ich habe die Symptome mehrfach zu Gesicht bekommen. Sicherlich werde ich z�gig die Diagnose stellen und vorankommen. Solltest du Fragen haben, frag nach.�</p><p><emphasis>Ich muss auf der Hut sein! Er ist derart darum bem�ht, mir die Untersuchung zu ersparen, dass sich die Frage stellt, ob er etwas ahnt. Jetzt darf ich nicht zimperlich sein</emphasis>, beschwor Mary sich und sank auf den von Seth bereitgestellten Hocker.</p><p>Edison war der Erste, der vor ihr stand. Er lie� seine Hose in die Knie sinken. Wei� und schlaff baumelte sein Gem�cht vor ihren Augen.</p><p><emphasis>Nenne das Ding jetzt blo� nicht Gem�cht</emphasis>.</p><p><emphasis>Schwanz und Eier.</emphasis></p><p><emphasis>Schwanz und Eier.</emphasis></p><p><emphasis>Du hast es oft genug geh�rt.</emphasis></p><p>Mit dem Spatel hob Mary das Gem�cht in die H�he.</p><p>�Heb mal deine Dinger, na, die Eier an�, sagte sie.</p><p>Ohne mit der Wimper zu zucken, griff Edison sich in den Schritt und zog sie in die H�he. Falten in braunrosa und Haare, mehr konnte sie nicht entdecken. <emphasis>So l�sst es sich machen, dass ich wenigstens keinen der Kerle anr�hren muss</emphasis>, dachte sie und seufzte. <emphasis>Und solange wir hier unsere Arbeit verrichten, muss ich mir keine Gedanken darum machen, ob Carl sich mit den Inselsch�nheiten am�siert.</emphasis></p><p>Die n�chste Hose wurde vor ihren Augen ge�ffnet. <emphasis>Ans andere Ende der Welt bin ich gereist. Wallis war hier, Bougainville und Cook. Jetzt bin ich hier, schaue der H�lfte der Kerle aufs baumelnde Gem�cht und habe dabei nur eine Sorge: Carl und die Frauen, denen wir gleich begegnen werden</emphasis>.</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf.</p><p>***</p><p>Das Schiff sah aus wie die anderen zuvor. Es glich einem riesigen Wald, der auf dem Meer dahergetrieben kam. Langsam passierte es das Riff, und kurz darauf wurden die kleinen Boote zu Wasser gelassen. Die M�nner benahmen sich wie die anderen zuvor, die vor vielen Monden hier angekommen waren und der Insel l�ngst wieder den R�cken gekehrt hatten. Sie betraten den Strand, und einige von ihnen fielen auf die Knie, lie�en ihre H�nde durch den Sand gleiten, nahmen ihn und warfen ihn um sich. Sie lachten. Sie lachten immer, wenn sie ihre Schiffe verlie�en, die M�nner mit den eckigen K�pfen und ihrer merkw�rdig anzuschauenden wei�en Haut. Dieses Mal nahmen sie von sich aus die Palmenwedel und traten auf die Lichtung, um die Bl�tter �bereinanderzuwerfen. Sie mussten von den Ritualen geh�rt haben, denn sie schienen zu wissen, dass jetzt der Frieden besiegelt war.</p><p>Owahiri bemerkte, dass sein Sohn Tupaia und dessen Freunde sich im Hintergrund hielten. Die meisten von ihnen waren, als das letzte Schiff in Tahiti angelegt hatte, noch nicht einmal geboren gewesen. Sie kannten nur die Erz�hlungen und warteten ab. Erst als die �ltesten den Fremden furchtlos entgegentraten, dr�ngten sie vor. Neugierig keilte sich nun ein jeder, von den J�ngsten bis zu den �ltesten, um die M�nner mit den hellen Augen. Die Mutigeren von ihnen nahmen die H�nde der G�ste und tasteten sie ab.</p><p>Owahiri konnte sich an das erste Schiff erinnern, dessen Ankunft er erlebt hatte. James Cook, der Wortf�hrer des Schiffes, war ein baumlanger Mann gewesen. Sehr d�nn, sehr wei�, sehr zur�ckhaltend. Einfach angenehm in seinem Wesen. Zweimal war er noch auf ihre Insel gekommen, und bei seiner zweiten Reise hatte er Omai von Huahine mitgenommen. Ob Cook wieder mitgekommen war?</p><p>Einst hatte Owahiri, so wie es sein Sohn jetzt tat, selbst den weichen Stoff, den einer der Fremden �ber seinen Leib gedeckt hatte, in die H�he geschoben. Er hatte die Haut abgetastet, die anders ausgesehen, aber sich so angef�hlt hatte wie die seine. Glatt und weich. Zu seiner Verwunderung hatte er nirgends eine T�towierung entdecken k�nnen. Ob ihr Hinterteil schwarz t�towiert war wie sein eigenes, hatte er sich gefragt. Zu gern h�tte er damals, um eine Antwort zu finden, auch die H�llen entfernt, in denen ihre Beine steckten. Doch er hatte sich zur�ckgenommen und gewartet, bis die ersten von ihnen in den Wellen des Meeres ihr Bad nahmen.</p><p>Owahiri trat einen Schritt vor. Am Strand l�ste sich das Gedr�nge auf, die ersten Ank�mmlinge wurden �ber die Insel gef�hrt. Immer noch wurden M�nner vom Schiff an Land gerudert. Er musterte die Insassen des kleinen Bootes.</p><p><emphasis>Eine Frau.</emphasis></p><p>Er zog eine Augenbraue in die H�he. <emphasis>Dieses Mal haben sie eine Frau dabei,</emphasis> dachte er, <emphasis>und auch wenn sie wie ein Mann aussieht, sie ist eindeutig eine Frau.</emphasis> L�chelnd erinnerte sich Owahiri, dass sie bei der ersten Ankunft des Schiffes verwundert gewesen waren, dass so viele M�nner ohne eine Frau reisten. So boten sie den Fremden zur Begr��ung Jungen und M�nner an, damit sie sich ein wenig verw�hnen lassen konnten. Doch die wehrten ab und verlangten nach Frauen, nach weicher Haut und sanften Stimmen. So recht verstanden hatte er bis heute nicht, warum sie aus ihren Erfahrungen nichts gelernt hatten und bei den darauffolgenden Reisen noch immer keine Frauen mitnahmen.</p><p>Nun hatten sie eine Frau dabei.</p><p>Eine einzige.</p><p><emphasis>Wie sind diese M�nner auf ihrem langen Weg mit einer Frau an Bord ausgekommen?</emphasis>, fragte er sich und sch�ttelte den Kopf. Vieles an den Bleich�ugigen w�rde ihm r�tselhaft bleiben, und auch das Verhalten der Frau erschien ihm sonderbar. Sie stieg aus dem Boot, stand bis zu den Knien im Wasser und wehrte die H�nde ab, die nach ihr griffen, um ihr an Land zu helfen.</p><p>Er sah den Lauf der Dinge vor sich. Die G�ste w�rden die Insel abgehen, aber selbst die, die bereits hiergewesen waren, w�rden vieles nicht wiedererkennen. Maulbeerb�ume und Gras hatten sich �ber die Haine ausgebreitet, an denen fr�her die sch�nsten H�user gestanden hatten. Aber was sollte er den G�sten vom Krieg erz�hlen? Sicher wollten sie erst einmal von den Fr�chten kosten, sich an den Speisen satt essen und in die Arme der Frauen schmiegen. Er konnte es ihnen nicht verdenken.</p><p>Ob die Frau sich auch erst einmal einen Mann erw�hlte? <emphasis>Vielleicht sollte ich sie</emphasis>, �berlegte er, <emphasis>danach mit Revanui zusammenbringen. Die beiden k�nnten sich gemeinsam im Fluss erfrischen gehen, bis ich das Essen zubereitet habe. Bei einem Essen kann man vieles besprechen. Wenn ich die fremden Worte noch gut genug erinnere, habe ich dieses Mal viele Fragen. Krankheiten sind zur�ckgeblieben, und vielleicht k�nnen sie uns bei der Behandlung helfen. Wie bauen sie ihre Boote? Und wie sch�rfe ich die �xte und die Scheren, wenn sie stumpf werden?</emphasis></p><p>Sicher, es war unklug, die G�ste gleich mit Fragen zu bedr�ngen, erst sollten sie sich erholen und st�rken. Dann konnten sie in Ruhe die Fragen beantworten und im Anschluss ihr Eisen verteilen. Auch er brauchte N�gel und Nadeln, um neue Angelhaken zu biegen. Revanui w�rde w�tend werden, aber das war es wert.</p><p>Owahiri ging in die Hocke. Er sah die Blicke der M�nner, deren H�nde die Frauen ber�hrten, die wiederum ebenso neugierig zulangten.</p><p>Die Frau mit der hellen Haut stand noch immer abseits im Wasser. Ihr Oberk�rper war mit mehreren Lagen Stoff verdeckt, selbst die Arme hatte sie bis zu den Handgelenken verh�llt. Nur die Beinkleider hatte sie zu den Knien hinaufgeschoben, sodass die dahinrollenden Wellen hin und wieder ein wenig ihrer wei�en Waden aufblitzen lie�en. Gebannt starrte sie auf die Begr��ungsszenen und r�hrte sich nicht.</p><p>Lautes Gel�chter lie� Owahiris Blick abschweifen. Vier Frauen, eine davon war Revanuis beste Freundin, zogen erste M�nner mit sich und verschwanden auf der Lichtung, die zum Wasserfall in die Tiefe des Waldes f�hrte.</p><p>Zwei der j�ngeren M�nner aus seiner Nachbarschaft hatten die Frau entdeckt. Sie liefen ins Wasser, fassten sie an den H�nden, begleiteten sie an den Strand und schoben sie ebenfalls in Richtung des Waldes.</p><p><emphasis>Die Frau wehrt sich. Ob sie heilig ist? Vielleicht d�rfen wir ihr die Ehren der Insel nicht erweisen? Vielleicht d�rfen das nur ausgesuchte M�nner? Vielleicht will sie gebeten werden oder m�chte eine bestimmte Zeremonie damit verbinden?</emphasis> Er seufzte und erhob sich. So wei� die Fremden waren, so sonderbar benahmen sie sich auch zuweilen.</p><p>***</p><p>Das Wasser hatte ihre F��e umsp�lt und der Wind die Wangen gestreichelt. Wohin sie zuerst schauen sollte, hatte sie nicht gewusst. Auf die Palmen, den Strand, die vereinzelten H�tten im Schatten der B�ume, die bl�tenbedeckten B�sche?</p><p>Es waren letztlich die H�nde gewesen, die ihren Blick auf sich gezogen hatten. Dunkle H�nde waren vor ihr aufgetaucht, H�nde mit flinken Fingern, die sie sachte ber�hrten und die ihr eine G�nsehaut verursachten. <emphasis>Wann hat mich das letzte Mal ein Mensch in Zuneigung ber�hrt?,</emphasis> hatte sie sich einen Wimpernschlag lang gefragt und die Antwort samt den H�nden von sich geschoben. Doch die H�nde waren zur�ckgekehrt. Zwei M�nner, lachende M�nder, blitzende Augen und Worte, s�� gefl�stert, die sie nicht verstand. Arme, die sich sanft um ihre Schultern legten und sie vorw�rts dr�ngten. Straffe M�nnerwaden neben sich, eine H�fte an ihrer, die Lichtung, die n�herr�ckte. Zweige, die sie streiften, Schatten, der sich auf sie legte. Der schmalere von beiden nahm ihr Gesicht in die H�nde. Sanft dr�ckte sie ihn beiseite, um den Strand hinunterzuschauen.</p><p>Wo waren die M�nner ihres Schiffes geblieben?</p><p>Waren sie alle ihren Lenden gefolgt?</p><p>Sah denn niemand ihre Not? Dass ihr Puls trommelte und dass die Angst ihr die Kehle zudr�ckte, sodass ihr kein Laut entsprang? Wieder tauchten die H�nde auf und nestelten an ihrem Hemd herum.</p><p>�Nicht das Hemd�, schrie sie auf. �Geh weg und r�hr mich nicht an.�</p><p><emphasis>Es steht offen.</emphasis></p><p><emphasis>Dein Hemd steht offen.</emphasis></p><p><emphasis>Hoffentlich sind alle M�nner dem Gieren ihrer Lenden gefolgt.</emphasis></p><p>Mary beugte sich in den Schatten des Mannes, und ihr Brustwickel geriet ins Rutschen. Mit zitternden H�nden raffte sie ihr Hemd zusammen und zog die Weste wieder dar�ber.</p><p>Der Mann strich ihr sanft �ber das Haar.</p><p>Mit einer heftigen Bewegung sch�ttelte sie seine Hand ab, doch er schien es f�r ein Spiel zu halten, denn er fasste ihre Schulter und zog sie wieder an sich.</p><p>Just in diesem Moment entdeckten Bartholom�us und Sohnrey sie im Halbschatten des Buschwerkes. Sie zeigten hinauf zu ihr und jagten den Strand entlang.</p><p>Bartholom�us br�llte, doch der Mann vor ihr ahnte nicht, was sich hinter seinem R�cken anbahnte.</p><p>Der zweite Mann, ebenso ahnungslos, legte seine H�nde auf ihre Schultern, ein knetender Griff, der offensichtlich der Entspannung dienen sollte. Der schmalere der beiden nestelte erneut an ihrer Weste, und Mary packte seine Arme.</p><p>Der Mann, der hinter ihr stand, dr�ckte sie auf die Knie. Seine H�nde zogen den Stoff des Hemdes die Schultern herab. Zogen ihn auseinander und gaben die Brustwickel den Blicken frei.</p><p>Und so standen sie vor ihr: der schmale Tahitianer, Bartholom�us und Sohnrey. Sie schauten auf den Stoff der verrutschten Wickel, die das wei�e Fleisch ihrer linken Brust blo�legten.</p><p>Der Tahitianer musterte ihre Brust, ihr Gesicht und dann die beiden Matrosen. Die standen starr, die Augen aufgerissen und die M�nder halboffen. Erst verkrallten sich die Blicke auf der wei�en Rundung ihrer Haut, dem braunen Hof, der sich im Wind zusammenzog, und sprangen dann hinauf zu ihrem Gesicht.</p><p>Mary sah, dass Bartholom�us und Sohnrey begriffen: Marc, der Arzt, vor dem sie soeben die Hosen heruntergelassen hatten, war eine Frau. Den Kopf gesenkt, kn�pfte sie das Hemd zu.</p><p>Schweigend standen sie beieinander.</p><p>Der Mann, der hinter ihr stand, nahm seine H�nde von ihren Schultern. Die beiden Tahitianer traten beiseite und verschwanden im Dickicht der Insel.</p><p>Marys Blick hetzte �ber die Bucht, suchte das Schiff, die Beiboote und den Sandstrand ab. Sie atmete auf. Carl war nirgends zu entdecken.</p><p>Ihre Beine schmerzten, als sie sich erhob. Sie zerrte an der Weste und schloss die Kn�pfe. Den Blick auf ihre Finger gerichtet, durchzuckte sie der Gedanke: <emphasis>Da war noch jemand. Am �u�eren Rand des Strandes stand noch jemand.</emphasis></p><p>Ihre Finger klammerten sich an der Weste fest, als sie den Kopf hob. Das glei�ende Licht blendete sie, doch zweifelsfrei erkannte sie den Umriss seiner Schultern, die Haltung des Kopfes. Er stand dort und sah her�ber. Sir Carl Belham sah zu ihr her�ber.</p><p>***</p><p>Sohnrey rannte den Strand entlang, dicht gefolgt von Bartholom�us, dessen Stumpf im Laufen auf- und absprang. Sie rannten Marc entgegen, der sich in den B�schen gegen zwei Wilde wehrte. Es war ein Durcheinander aus Armen und H�nden, die miteinander rangen. Sofort lief Seth den beiden Matrosen hinterher.</p><p>Pl�tzlich sah er eine Brust, eine wei�e Frauenbrust.</p><p>J�hlings bremste er ab. Ein R�cken versperrte ihm die Sicht. Es waren nur M�nner dort, er konnte keine Brust gesehen haben.</p><p>Bartholom�us und Sohnrey hatten Marc und die beiden Wilden erreicht und blieben stehen. Sie z�gerten, und nichts geschah. Als der Wilde, der ihm die Sicht versperrte, einen Schritt zur�cktrat, sah er wei�e H�nde, die hastig ein Hemd �ber einer wei�en Brust zusammenzogen.</p><p>Seths Nackenhaare stellten sich auf.</p><p>Ohne den Kopf zu wenden, rief Sohnrey nach Lukas. Seine Stimme donnerte den Strand herab, und der Seesoldat hetzte den Hang hinauf. Er hatte sich f�r die Frauen aufgeputzt, gut sah er aus in seinem roten Mantel, der wei�en Hose und mit der Muskete im Arm.</p><p>Als er die Gruppe atemlos erreichte, zeigte Sohnrey auf Marc.</p><p>�Bring sie an Bord�, sagte er laut.</p><p>Der Seesoldat schaute, als w�rde Sohnrey eine fremde Sprache sprechen. Die Muskete baumelte vor seinem Bauch.</p><p>�Ich sagte, du sollst das Weibsbild an Bord schaffen.�</p><p>Lukas fixierte Marc.</p><p>�Ich sage dir, das ist ein Weib. Wenn du mir nicht glaubst, kann ich es dir beweisen.�</p><p>Lukas sch�ttelte so heftig den Kopf, dass sein Haar sich aus dem Zopf l�ste und in Str�hnen umherflog.</p><p>Sohnreys Arm schoss vor.</p><p>Erschrocken wich Marc zur�ck, doch da hatte er schon das Halstuch gepackt und riss daran.</p><p>�Siehst du? Ein Schwanenhals. Schlank und wei�. Kein Haar und kein Adamsapfel.�</p><p>Seth f�hlte, dass ihm schwindelig wurde, er kniete sich in den Sand.</p><p>Die M�nner setzten sich in Bewegung, langsam schritten sie dem Schiff entgegen.</p><p>Als sie ihn passierten, wollte Seth den Kopf nicht heben und musterte den Stoff der Hosen. Zwei Beine in braunem Stoff vorweg. Ein St�ck dahinter drei weitere Hosen, eine wei�e, eine schwarze und eine graubraune.</p><p>Im Gleichschritt liefen sie �ber den Strand. Die Muskete in die H�he gerissen, schloss Lukas neben die Frau auf.</p><p>Die M�nner und die Wachen der Beiboote, die am Strand verblieben waren, bewegten sich nicht. Unergr�ndlich schauten sie, wie die vier an ihnen vorbeizogen und die Jolle bestiegen, um zum Schiff zur�ckzufahren.</p><p><emphasis>Nat, er hat uns get�uscht. Er ist kein Mann, er ist ein Weib mit Titten! Eine Verr�terin!</emphasis></p><p>***</p><p>Der Kapit�n stand mit Rafael Peacock auf dem Achterdeck. Wieder besprachen sie eine Karte und zeigten zur Insel. Die Schritte lie�en sie aufblicken.</p><p>Die Schultern in die H�he gezogen, blieb Mary vor Kapit�n Taylor stehen. Eine Taubheit breitete sich in ihr aus. Niemand sprach ein Wort. Lukas hatte seine Waffe sinken lassen.</p><p>�Was k�nnen wir f�r Euch tun?�, fragte Taylor.</p><p>Mary richtete sich auf. �Ich bin eine Frau�, antwortete sie laut.</p><p>Er schaute ihr, einige Wimpernschl�ge lang, ins Gesicht, direkt in die Augen. �Bringt sie in ihre Kaj�te�, sagte er dann zu Lukas, w�hrend er die Karte in seinen H�nden zusammenlegte. Die Finger strichen mehrfach �ber den Falz, wobei die N�gel eine scharfe Kante im Papier hinterlie�en.</p><p>Der Astronom erinnerte Mary an einen Chorknaben, der b�se Worte vernommen hatte. Die Augen aufgerissen, die Hand auf den Mund geschlagen, wippte sein Kopf federnd hin und her.</p><p>Mary wandte sich ab und stieg die Treppe zum Achterdeck hinauf.</p><p>Die T�r fiel hinter ihr zu, ohne dass das Ger�usch sich entfernender Schritte erklang. Lukas blieb im Gang stehen. Durch das Bullauge schien Sonnenlicht und zeichnete einen hellen Streifen auf den Boden, der an ihren F��en endete.</p><p><emphasis>Das war es</emphasis>, dachte Mary, <emphasis>die Reise ist endg�ltig beendet.</emphasis> Die Taubheit wollte nicht weichen, bis in den letzten Winkel ihres K�rpers war sie vorgedrungen, stellte sie ruhig und lie� sie ertragen, was auf sie zukommen w�rde. Sie setzte sich auf die Seekiste und wischte mit der Hand �ber die Scheibe des Bullauges. Auf ihrer Haut blieb eine graue Schmutzschicht zur�ck.</p><p>Die Insel.</p><p>Sie lag vor ihr.</p><p>Arkadien.</p><p>Sie hatte sie erreicht.</p><p>Ihr Blick fiel auf zwei Seesoldaten, die mit einem Stock eine Linie in den Sand zogen. Einige Tahitianer leisteten ihnen Gesellschaft und beobachteten, wobei sie ausholend gestikulierten, das Geschehen. Die Seesoldaten vertieften die Linie, bevor sie sich, die Arme vor der Brust verschr�nkt, zwischen den Tahitianern und der Linie zur Schildwacht positionierten.</p><p>Im Hintergrund luden mehrere M�nner derweil Werkzeuge und Messinstrumente aus. Toni lief mit einer Axt �ber den Strand, w�hlte einen Baum mit schlankem Stamm und schlug zu. Nach wenigen Hieben kippte er, und flugs wurden die �ste abgetrennt.</p><p>Dan lief den Strand herauf und zog den Stamm zur Linie. Mit einem der M�nner, die die Schildwacht bildeten, rammten sie ihn in den Sand. Kurz darauf brachte der Zimmermann einen zweiten Stamm und setzte ihn an das andere Ende der Linie. Um seine H�fte hatte er ein Seil gebunden, das er nun abkn�pfte und zwischen den Pfosten aufspannte. Zufrieden betrachtete er die Grenzanlage.</p><p>Einer der Tahitianer zuckte die Schultern und wollte die Linie passieren. Doch da �ffneten die M�nner in den roten M�nteln ihre Arme und schubsten ihn zur�ck. Der Tahitianer st�rzte in den Sand. Selbst auf die Entfernung konnte Mary den Unglauben in seinem Gesicht ausmachen. Der Mann erhob sich und schlug sich den Sand aus seinem Umhang, dann trat er vor und br�llte auf. Mit der flachen Hand schlug er dem Seesoldaten auf die Brust und zeigte hinter die Linie. Dann fuhr er herum und riss seinen Umhang in die H�he: Blank hielt er seinen tiefschwarz t�towierten Hintern in die Luft. Mit den H�nden klatschte er darauf und drehte sich drohend wieder den Seesoldaten zu, die hastig hinter der Begrenzung verschwanden.</p><p>Mary sch�ttelte den Kopf. <emphasis>Wir haben zu viel von uns selbst im Gep�ck. Zu vieles, was wir mit uns herumschleppen und nicht loslassen. Auch hier ziehen wir unerkl�rliche Grenzen und verweisen die Menschen in Schranken,</emphasis> dachte sie. <emphasis>Auch hier ist es nicht anders als daheim.</emphasis></p><p>Die T�r wurde ge�ffnet. Lukas bedeutete ihr, ihm zu folgen.</p><p><emphasis>Du hast die Wahl,</emphasis> beschwor sie sich. <emphasis>Es ist Zeit, die Grenzen zu �berschreiten und die Schranken hinter dir zu lassen.</emphasis> Sie strich das Haar glatt, r�ckte den Hemdkragen zurecht und erhob sich.</p><p>***</p><p>�Wenn Ihr das w�nscht, kann ich die Unterredung mit ihr alleine f�hren.� Kapit�n Taylor lehnte sich auf dem Stuhl zur�ck, dr�ckte seine Arme durch und drehte den Kopf in die eine Richtung, dann in die andere. Ein lautes Knacken war zu vernehmen. Er runzelte die Stirn und rieb sich das Genick.</p><p><emphasis>Wenn du w�sstest</emphasis>, dachte Carl, <emphasis>es geht nicht nur um sie, es geht auch um mich. Ich werde bei dieser Unterredung dabeibleiben bis zum bitteren Ende.</emphasis></p><p>Die T�r wurde ge�ffnet, und der Seesoldat lie� Mary eintreten. Sie war gekleidet wie in den vorangegangenen Tagen: Eine derbe Hose, ein leinenes Hemd, dar�ber eine Weste, nur das Halstuch fehlte. Und doch war etwas an ihr ver�ndert: Ob ihr Gang schon immer so aufrecht gewesen war? Die Augen blickten dunkel und wachsam.</p><p>Furchtlos. Sie wirkte furchtlos.</p><p>Carl hob eine Augenbraue. W�hrend seine H�nde feucht geworden waren und die Unruhe seinen Leib zerw�hlte, schien sie keinerlei Angst zu versp�ren.</p><p>Kapit�n Taylor erhob sich und wies auf einen Stuhl. �Verzeiht mir, aber meine Umgangsformen sind auf der Reise ein wenig eingerostet. Bitte nehmt Platz und teilt uns doch erst einmal Euren Namen mit. Ich gehe nicht davon aus, dass Ihr auf den Namen Marc Middleton h�rt.�</p><p>Die Form wurde gewahrt. Kapit�n Taylor wahrte die Form. Erleichtert atmete Carl ein.</p><p>�Ich bin Mary Linley. Die Tochter des Arztes und Botanikers Francis Linley aus Plymouth.�</p><p>Kapit�n Taylor beugte sich vor. �Ich h�rte von ihm. Er hat Euch ausgebildet, nehme ich an? Von ihm habt Ihr Euer Wissen?�</p><p>Sie nickte, senkte den Blick, und Carl bemerkte die langen Wimpern. Er schluckte.</p><p>�Doch auch wenn er Euch umfassend ausgebildet hat, kann er wohl kaum den Plan gehabt haben, Euch auf einem Schiff um die Welt reisen zu lassen, nicht einmal, wenn es unter meiner F�hrung steht.�</p><p>�Nein, sicher hat mein Vater dies nicht f�r mich in Erw�gung gezogen. Es war meine Entscheidung, als Wissenschaftler arbeiten zu wollen. Es tut mir leid, aber ich sah keine andere M�glichkeit, als mich solcher Mittel zu bedienen.�</p><p>�Was man auch immer davon halten mag�, Kapit�n Taylor schmunzelte, �Euer Verhalten hat Euch weit gebracht. Ihr werdet, so sieht es zumindest derweil aus, die erste Frau sein, die die Welt umsegelt.�</p><p>Galanter konnte man einer Frau, die ein ganzes Schiff �ber Monate hinweg genarrt hatte, kaum gegen�bertreten. Carl erinnerte sich an den Moment, in dem er von Marys Betrug erfahren hatte. An den brennenden Wunsch, sie zu sich zu zitieren und ihr die Leviten zu lesen, ihr zu demonstrieren, dass sie so nicht mit ihm umgehen konnte. Das kaum zu bremsende Bed�rfnis, Worttiraden �ber sie zu ergie�en, um seine Wut zu lindern. F�r Kapit�n Taylor schien all dies jedoch nicht viel mehr als ein Kavaliersdelikt zu sein, eines, das eben von einer Frau begangen worden war.</p><p>�Carl�, die Stimme des Kapit�ns riss ihn aus seinen Gedanken, �Ihr seid so schweigsam. Wie steht Ihr zu der Erkenntnis, dass Euer Gehilfe eine junge, charmante Dame ist?�</p><p>Mary sah zu ihm her�ber, doch er wich ihrem Blick aus und suchte nach Worten. �Sicherlich wird Miss Linley die erste Frau sein, die den Globus umrundet, da teile ich Eure Meinung. Und ich w�rde mich sogar zu der Feststellung hinrei�en lassen, dass sie uns sehr gute Arbeit geleistet hat.� F�r einen Moment z�gerte Carl, holte Luft und f�gte hinzu: �Doch halte ich ihre Entscheidung, sich an Bord eines Schiffes zu begeben, f�r sehr riskant. Ich f�r meinen Teil wusste mir, um ihre Sicherheit zu gew�hrleisten, nicht anders zu behelfen, als dar�ber Stillschweigen zu bewahren.�</p><p>Aus den Augenwinkeln nahm er wahr, dass Mary zusammenzuckte, doch er fixierte sein Gegen�ber. �Ich bef�rchte, ich muss mich erst einmal bei Euch entschuldigen, Kapit�n Taylor. Mir war die Tatsache, dass Miss Linley mit uns reist, bereits geraume Zeit bekannt. Ich habe mich dahingehend nicht ge�u�ert, weil ich davon ausging, dass eine Frau in der Rolle eines Mannes an Bord eines Schiffes mit einer f�nfundneunzigk�pfigen�, er pausierte kurz, um das folgende Wort in die L�nge zu ziehen, �m�nnlichen Besatzung am besten gesch�tzt ist.�</p></section><section><title><p><strong>Tahiti, 28.�April 1786</strong></p></title><p>Gedanken waren rund. Sobald sie einem entfielen, rollten sie davon und waren nicht mehr zu greifen. Und kaum, dass Seth die Insel betreten hatte, war ihm der Gedanke an die Heimat entfallen. England. Kaum etwas war geblieben. Vielleicht war da eine Erinnerung, blass wie die Sonne �ber St. Albans, die oftmals die tiefh�ngenden Wolken nicht durchsto�en konnte. Eine Erinnerung, so blass wie die Gesichter der Menschen in den feuchten H�usern des St�dtchens.</p><p>Hier, auf Tahiti, f�hrten die Menschen ein sch�nes Leben. Das erkannte er sofort: Sie f�hrten ein sch�nes, buntes Leben. Der Himmel und das Meer, die waren blau. Die Wellenk�mme waren wei�, und die W�lder waren dicht und dunkelgr�n. Und allerorten gab es Bl�ten, die rosafarben, in sattem Gelb oder tiefem Rot um seine Aufmerksamkeit rangen. Er hatte sogar Farben entdeckt, f�r die er keine Namen kannte.</p><p>Doch das wirkliche Wunder der Insel war der Tagesablauf. Von den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne lie�en die Tahitianer sich wecken. Die Luft war in den fr�hen Morgenstunden noch ein wenig k�hl und gleicherma�en schon von der kommenden W�rme des Tages erf�llt<emphasis>. Weich,</emphasis> dachte Seth<emphasis>, die Luft hier ist weich, als h�tte die Nacht sie klargewaschen.</emphasis> Kaum waren die Wilden aufgestanden, verlie�en sie ihre H�tten und liefen zu den B�chen, die sich �ber die Insel zogen. Sie entkleideten und wuschen sich, schwatzten und scherzten dabei. Nach dem Bad k�mmerten sie sich um ihre allt�glichen Aufgaben, und wer keine zu verrichten hatte, der lief umher oder setzte sich zum Nachbarn. Sobald die Sonne zu hoch stieg, wurden alle T�tigkeiten, die Arbeiten, die Spazierg�nge und selbst die Spiele der Kinder, eingestellt. Gemeinsam zog man sich in den Schatten zur�ck, manche strichen sich das Haar mit Kokos�l, andere d�mmerten ein, und erst gestern hatte ein Mann die Nasenfl�te gespielt. Gegen Mittag speisten die Tahitianer, wobei hier M�nner und Frauen getrennt voneinander a�en. Wenn die Hitze des Tages nachlie�, widmeten sie sich wieder ihren T�tigkeiten.</p><p>Es schien Seth ein Leben zu sein, das aus wenig Arbeit und jeder Menge M��iggang bestand. Ein Leben, das er auch f�hren wollte, ausgef�llt mit Tanz, Musik und B�dern in den B�chen. Und die Tahitianer waren freundlich, nicht so grob wie die M�nner an Bord. Aber wie sollte man bei diesem Leben auch �bellaunig werden? Am Abend speisten sie noch einmal und nahmen ein Bad, um sich dann zur Ruhe zu begeben.</p><p><emphasis>Es ist ein sch�nes Leben. Es k�nnte mir gefallen, und wem w�rde schon auffallen, wenn ich bei der Abfahrt fehle?</emphasis> Niemand war ihm geblieben, und selbst Marc war verschwunden. Auch wenn keiner mit ihm dar�ber sprach, wusste Seth, was er gesehen hatte. Marc war eine Frau, und ihr richtiger Name, das hatte er sich erlauscht, war Mary Linley.</p><p>Am ersten Tag hatte Lukas vor ihrer Kaj�te gewacht, sie hatte nicht hinaus und niemand hatte zu ihr hinein gedurft. Am Abend, so munkelte man, war sie vor den Kapit�n gef�hrt worden, und auch Sir Belham war bei diesem Gespr�ch dabeigewesen. Und so hatten sie darauf gewettet, ob Kapit�n Taylor das Weib in Ketten legen und in den Verschlag sperren oder sie gar der Auspeitschung unterziehen w�rde. Sie alle hatten ihren Wetteinsatz verloren, denn es war nichts geschehen.</p><p>Bis heute nicht.</p><p>Die Frau war wieder in ihrer Kaj�te verschwunden, und Lukas hatte nicht mehr Wache schieben m�ssen. Die M�nner gingen bald dazu �ber, die N�gel aus den W�nden zu ziehen und jedes Metallst�ck, dessen sie habhaft werden konnten, zu entwenden. Warum sollten sie Zeit auf ein Weib mit kurzen Haaren, das auch noch Hosen trug, verschwenden? Dort auf der Insel gab es alles, was sie sich in ihren Fantasien ertr�umen konnten. Alles war gegen ein kleines St�ck Metall, eine Glasperle oder einen Fetzen Leintuch zu ertauschen.</p><p>Seth lief den Strand entlang. Hier, am Wasser, hatte er seine Ruhe. Seit der Kapit�n verk�ndet hatte, dass es nur ein kurzer Aufenthalt auf der Insel werden w�rde, schien es, als h�tte er dazu aufgerufen, dass die M�nner das Paradies noch schneller auskosten sollten. Das Mannschaftsdeck und auch die Insel waren zu einem einzigen St�hnen schwitzender und sabbernder Kerle geworden. Er hatte M�nner gesehen, deren �rsche �ber M�dchen auf- und abwippten, die kaum �lter sein konnten als er selbst. Aber alle schienen Vergn�gen an diesen Verderbtheiten zu finden, nur ihn �dete es an. Dass �berhaupt noch Wachen besetzt und G�ter nachgef�llt werden konnten, erstaunte ihn.</p><p>Er schoss einen Stein ins Wasser. <emphasis>Nat, du fehlst mir. Hier k�nnten wir V�gel abschmei�en, vom Morgen bis zum Abend.</emphasis> Er beugte sich vor, um sich einen rundgewaschenen Stein, den die Wellen vor- und zur�ckschoben, zu greifen. Als er sich aufrichtete, sah er zwei F��e, direkt neben sich im Wasser. Er sprang beiseite.</p><p>�Entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken.�</p><p><emphasis>Was macht die denn hier?,</emphasis> durchfuhr es ihn<emphasis>. Darf die von Bord? Wer hat die zur Insel gerudert?</emphasis> Er kniff die Augen zusammen und trat noch einen Schritt zur�ck. Sie trug die Kleidung, in der er sie kannte: das Hemd, die Weste, die weite Hose. <emphasis>Das Gesicht,</emphasis> dachte er, <emphasis>das ist ein Weibergesicht. Warum hast du das nie gemerkt?</emphasis></p><p>�Bist du mir b�se?�</p><p>Jetzt konnte er es auch h�ren. Die Stimme war viel zu hell. Nicht einmal seinen Ohren konnte er mehr trauen. Er drehte sich um und lief davon. Nach wenigen Schritten stolperte er und fiel, m�hsam rappelte er sich auf und rannte nass und sandig weiter. Es war ihm egal. Er wollte weg, weit weg, irgendwohin, wo er alleine sein konnte.</p><p>***</p><p><emphasis>Jetzt hast du die Grenzen �berschritten. Du hast ihnen gesagt, dass du eine Frau bist und dass du wissenschaftlich arbeiten willst.</emphasis></p><p>Der Verschluss ihrer Botanisiertrommel klickte, als Mary ihn schloss.</p><p><emphasis>Jetzt wissen alle, dass du, eine Frau, zeichnest, katalogisierst und sammelst, aber du tust es allein. Niemand spricht mehr mit dir. Der Kapit�n, gut, er ist freundlich. Doch was n�tzt es? Was n�tzt es, Grenzen zu �berschreiten, wenn dahinter niemand mehr ist, der dir begegnet?</emphasis></p><p>Sie schob die M�tze in den Nacken und strich sich �ber die nasse Stirn. Die Sonne stand im Zenit, und der Schatten des Maulbeerbaumes lud ein, sich einen Moment zu erholen. Zwei Fregattv�gel zogen ihre B�gen am zartblauen Himmel.</p><p>Sie sank auf den Boden. Vor ihr, in der Bucht, schwankte das Schiff auf den Wellen.</p><p><emphasis>Carl.</emphasis> Ihre Finger tasteten �ber das Medaillon, das sie in der Innentasche ihrer Weste trug. Ihre Lippen formten seinen Namen. <emphasis>Carl.</emphasis> Seine wohlgesetzten Worte am Ende des Gespr�ches mit dem Kapit�n hatten ihr den Atem genommen. Er hatte um ihren Betrug gewusst, doch er hatte sich nicht dazu ge�u�ert, wie lange schon. Der Kapit�n war Gentleman genug gewesen, in ihrer Gegenwart nicht genauer darauf einzugehen. Freundlich l�chelnd hatte er sie aufgefordert, die Kapit�nskaj�te zu verlassen, sich frei zu bewegen und gern die Insel in Augenschein zu nehmen. H�tte Lukas nicht im Gang gestanden, dann h�tte sie sicher ihr Ohr ans Holz der T�r gepresst, um zu erlauschen, was die beiden M�nner noch miteinander zu besprechen hatten.</p><p>Ob Carls Angebot noch galt, sie mit auf die Insel zu nehmen? Oder w�rde er sie nun mit der <emphasis>Sailing Queen</emphasis> nach Hause schicken? Die Vorstellung lie� sie fr�steln. Erst hatte sie den Gedanken gef�rchtet, er k�nnte mit ihr die Zeit auf Tahiti verbringen und in ihr nur den Mann sehen. Doch schlimmer, geradezu schmerzhaft, war der g�nzlich neue Gedanke: dass er sie als Frau wahrnahm und sie aus diesem Grund von der Arbeit ausschloss. Dass sie nach Hause reisen musste, vielleicht ohne ein kl�rendes, zumindest abschlie�endes Gespr�ch, und dass sie ihn nie wiedersehen w�rde.</p><p>�Geht es dir gut?�</p><p>Ein gro�gewachsener Tahitianer stand vor ihr, und obwohl er ihre Sprache beherrschte, schrak sie zusammen. Ihr Blick wanderte umher, doch niemand war in der N�he, ihr im Notfall beizustehen. Sie schaute auf seine H�nde und nickte.</p><p>�Du bist eine Frau.�</p><p>Sie begann zu zittern.</p><p>Er �ffnete die rechte Hand, und in der rosigen Innenfl�che lag eine Zinnfigur. �Du bist eine Frau, dann hast du Kinder. Hier, nimm ihn.�</p><p>�Ich habe keine Kinder�, sagte sie leise, und ihr Zittern verst�rkte sich.</p><p>�Du wirst Kinder bekommen. Ein Freund hat ihn mir geschenkt. Ich m�chte ihn dir zur Begr��ung �bergeben.�</p><p>Der Mann beugte sich vor, �ffnete ihre Hand und legte die Zinnfigur hinein. �Es ist ein Reiter�, sagte er und l�chelte. Dann verschwand er.</p><p>***</p><p>Wie eine Traube hingen die Kanus der Tahitianer an der <emphasis>Sailing Queen</emphasis>. Das Deck war �berf�llt mit Wilden, die nun ihrerseits das Schiff in Augenschein nehmen wollten. <emphasis>Verdammter Mist, was war das f�r eine fixe Idee, an Bord zur�ckzukehren,</emphasis> fluchte Seth innerlich. <emphasis>Hier wimmelt es von Fremden, in jeder Ecke des Schiffes w�hlt irgendeiner von ihnen herum</emphasis>. Er mochte die Tahitianer, aber erkannte denn niemand, dass er seine Ruhe wollte, nur f�r einen Moment? Dass ihm das Gedr�nge widerw�rtig war? St�ndig griffen M�nner und Frauen in seine Haare, es war unverkennbar, dass der blonde Ton sie zu begeistern schien. Begriffen sie denn nicht, dass er nicht ber�hrt werden wollte? Erneut legte sich eine Hand auf seine Schulter, der feste Griff lie� ihn aufmerken.</p><p>�Du kommst jetzt mit�, h�rte er Mary Linley sagen, erstaunt �ber die Strenge in ihrer Stimme.</p><p>W�tend riss er seine Schulter aus ihrer Hand, die hernach umso fester zugriff. <emphasis>Ich hasse dich, ich hasse dich. Ich hasse dich,</emphasis> dachte er und traute sich nicht, auch nur ein Wort zu sagen.</p><p>Die Frau schob Seth in ihre Kaj�te und deutete mit einem Kopfnicken an, er solle sich auf die Koje setzen. Die Tasche warf sie achtlos neben ihn und wandte sich der Seekiste zu. Die Scharniere mussten rostig geworden sein, sie knarrten, als die Frau den Deckel �ffnete. Erst hob sie mehrere B�cher heraus und stapelte sie neben sich, dann folgte das Schreibzeug.</p><p>Seth starrte auf die offene Tasche. Die �blichen Utensilien, die er inzwischen einwandfrei benennen konnte: Glasphiolen, Botanisiertrommel, Skizzenblock, Messer��</p><p>Was war das?</p><p>Auf dem Boden der Tasche lag etwas Silbernes. Etwas Gl�nzendes. Schnell schaute er zu Mary Linley hin�ber. Sie war dabei, die B�cher wieder in die Kiste zu r�umen.</p><p>Langsam fuhr seine Hand �ber den Stoff, an der Botanisiertrommel vorbei, und packte zu. Obwohl das Ding klein war, f�hlte es sich f�r seine Gr��e schwer an. Kurz �ffnete er die Finger: eine Zinnfigur. Ein Reiter auf einem Pferd. Noch einmal schaute er zu ihr hin�ber. Unauff�llig verschwand der Reiter in seinem Hosenaufschlag. <emphasis>Ich hasse dich, ich hasse dich, ich hasse dich,</emphasis> dachte er noch einmal und faltete zufrieden die H�nde im Scho�.</p><p>�Entschuldige, dass ich eben derart grob zu dir war�, sagte die Frau und wandte sich ihm wieder zu.</p><p>�Macht nichts�, sagte Seth und winkte ab. Gro�z�gig fand er sich und geschickt. Sehr geschickt.</p><p>�Mir war es wichtig, noch einmal kurz mit dir zu sprechen. Ich m�chte mich bei dir entschuldigen. Mein Name ist Mary. Mary Linley.�</p><p><emphasis>Das wei� doch inzwischen jeder an Bord. Kann ich jetzt gehen?</emphasis> Er sah auf seine H�nde, die N�gel musste er sich schneiden. Sie waren lang geworden und sahen weibisch aus.</p><p>Die Frau wartete einen Moment, erst dann fuhr sie fort: �Sicher, ich kann nichts mehr gutmachen, nichts ungeschehen machen, aber ich m�chte dir diesen Brief geben. Bitte lies ihn irgendwann, wenn du ein wenig Zeit hast, ja?�</p><p>Seth hatte keine Lust, sich weiteres Ges�usel anzuh�ren, sprang von der Koje und fasste nach dem Brief. �In Ordnung, mache ich�, rief er und verlie� eiligst die Kaj�te.</p><p>Vor der T�r blieb er stehen und holte den Reiter aus dem Hosenumschlag hervor. Ein Grinsen zog sich �ber sein Gesicht.</p></section><section><title><p><strong>Tahiti, 2.�Juni 1786</strong></p></title><p><emphasis>Wir haben ihnen wieder Schweine �berlassen. Dieses Mal haben wir im Austausch jedoch nicht einen Nagel pro Schwein erhalten, wir haben ihnen zehn Schweine gegeben, und daf�r haben sie uns eines ihrer Beiboote nachgebaut.</emphasis></p><p><emphasis>Nun sind sie weg. Das Schiff hat uns l�ngst verlassen. Am Abend, bevor die Fremden fuhren, haben sie noch ein Lichterfest mit uns gefeiert. Sie haben wieder Blitze und Sterne hervorgebracht, heulende Blitze und Sterne, die am Himmel aufleuchteten und dann zerfielen. Allesamt, ob Kind, ob K�nig, haben wir am Strand gestanden und uns daran erfreut.</emphasis></p><p><emphasis>Am Morgen darauf haben wir Abschied genommen, wir haben am Strand gestanden und zugesehen, wie das Schiff am Horizont verschwand. Die wei�en Gesichter waren noch in weiter Entfernung auszumachen</emphasis>.</p><p><emphasis>Carl und Mary sind nicht mit ihnen aufgebrochen, sie sind geblieben, um zu sammeln. Alles, was die Insel hergibt: Pflanzen, Fische, Gestein, kleines Getier. Sie sagen, auf diesem Weg lernen sie die Insel kennen.</emphasis></p><p>Owahiri zuckte die Schultern. Ein Spaziergang w�rde ausreichen, befand er, um alles �ber die Insel zu erfahren, <emphasis>doch ich will ihnen nicht in ihre �berlegungen hineinreden.</emphasis> Er erhob sich aus der Hocke und lief den Strand entlang, wobei er darauf achtete, Abstand zu halten. Er wollte die beiden nicht st�ren.</p><p><emphasis>Mary und Carl.</emphasis></p><p><emphasis>Carl und Mary.</emphasis></p><p><emphasis>Einen sch�nen Klang haben ihre Namen, ob ich mein n�chstes Kind nach ihnen benennen soll?</emphasis></p><p>Schweigend liefen sie nebeneinander her, schwer beladen mit ihrem Arbeitsgep�ck. Viele M�nner und Frauen der Insel hatten ihre Hilfe angeboten, sie bei ihrer Suche zu unterst�tzen, was auch immer sie gerade begehrten. Doch jeden Tag zogen sie alleine los, und jeden Tag brachten sie Sachen aus den W�ldern mit, die Owahiri zum Lachen reizten: Bl�ten, Schmetterlinge, K�fer, Farne, und am Meer angelten sie Fische. Sie interessierten sich f�r diese Dinge, daran hatte er sich gew�hnt. Dass sie aber derart viel Zeit daf�r hergaben, wo selbst die Kinder der Insel das Gesuchte in k�rzester Zeit h�tten besorgen k�nnen, daran konnte er sich nicht gew�hnen. Doch er hatte es aufgegeben, ihnen das erkl�ren zu wollen.</p><p>Am Strand hatten sie sich eine H�tte gebaut, und sobald sie diese nach einer Wanderung erreichten, wiederholte sich der Ablauf stets und unersch�tterlich. Mary nahm einen der kleinen St�cke mit Haaren an seiner Spitze und begann zu malen. So nannte sie es: malen. Owahiri hatte ihr Muscheln angeboten, die man auf der Insel zum T�towieren benutzte, aber sie hatte den Kopf gesch�ttelt.</p><p>Und w�hrend Mary malte, setzte Carl sich oft in den Schatten eines Baumes und malte ebenfalls. Doch er widmete sich nicht den Pflanzen und Tieren, meist waren es Zeichen, die er malte. Zeichen, um sich Dinge zu merken.</p><p>Omai hatte ihm davon erz�hlt: Es gab unterschiedliche schwarze Zeichen, die von den Menschen in England aneinandergereiht wurden. Vielleicht waren sie vergesslich, vielleicht konnten sie in ihren eckigen K�pfen die Erinnerung nicht so gut festhalten. Er �berlegte, aber er kannte nichts Vergleichbares. Hier gab es keine Zeichen, hier konnte man die Dinge im Kopf behalten. Oder man erz�hlte sie weiter, dann wussten die anderen darum, und kein Gedanke konnte verlorengehen. Und wenn doch einer verlorenging, war er nicht wichtig gewesen.</p><p>Es war merkw�rdig, die beiden zu beobachten. Sie teilten das Haus, in der Nacht jedoch legten sie sich weit voneinander entfernt nieder. Das Essen nahmen sie gemeinsam ein, und oft war es Mary, die kochte. Jeder konnte sehen, dass sie zusammengeh�rten, und doch benahmen sie sich, als w�rden sie es nicht wissen. Wenn sie unterwegs waren und sammelten, was ihnen in die Finger fiel, redeten sie viel miteinander, doch immer bewahrten sie dabei einen unerkl�rlichen Abstand. Niemals ber�hrten sie sich, dabei war es so einfach: die Hand heben und auf die Haut des anderen legen. Zwei Menschen, die so offensichtlich zusammengeh�rten, so weit voneinander entfernt zu sehen, schmerzte Owahiri. Carl hatte helle Augen, aber er schien kein sonderlich helles Herz zu besitzen.</p><p>Mary war stehen geblieben. Sie schaute sich um und winkte ihm zu. �Owahiri, warum folgst du uns?�</p><p>�Wenn du etwas brauchst, bin ich da.�</p><p>�Wir k�nnten ein Boot gebrauchen. Morgen. In der Fr�h�, antwortete Carl an ihrer Stelle.</p><p>Die Augen der Frau waren dunkel. F�r einen Moment trafen die dunklen und die hellen Augen einander und hielten sich fest. Doch Carl lie� los und sprach in die Leere. �Dann k�nnen wir uns der Entwicklung der Vogelpopulationen auf den anderen Inseln widmen. Gern w�rde ich mit Moorea anfangen.�</p><p>�Gut, wir treffen uns am Strand an der umgeknickten Palme, dort hole ich euch ab.�</p><p>Wortlos verschwand Carl im Wald. Verwundert schaute Owahiri ihm hinterher.</p><p>�Er hat Kopfschmerzen�, sagte Mary entschuldigend und fasste sich, um ihre Worte zu unterstreichen, an die Stirn. �Wollen wir ein St�ck laufen?�</p><p>Owahiri ergriff ihren Beutel und warf ihn sich auf den R�cken. Dann schritt er aus.</p><p>�Warum sprichst du unsere Sprache so gut?�</p><p>�Omai hat sie mich gelehrt.�</p><p>�Du hast Omai kennengelernt?�</p><p>�Ja, wir waren Freunde.�</p><p>�Wie geht es ihm?�</p><p>Owahiri zuckte die Schultern. �Das wei� niemand. Aber er hat viel erz�hlt, damals. Er hat sich in London wohlgef�hlt, er sagte, dass es ein Meer aus H�usern ist. Mit H�usern aus Steinen. Ich glaube, er f�hlte sich England n�her, wenn er mit mir die Sprache �bte.�</p><p>�Ich habe ihn einmal gesehen. Auf mich wirkte er stets aufgeregt und �berdreht.�</p><p>Owahiri lachte. �Er hatte ein gro�es Herz. Alles hat er verteilt, vor allem das Metall. Wir mussten nicht mehr warten, bis welches von versunkenen Schiffen angesp�lt wurde.�</p><p>�Das war ein feiner Zug von Omai.�</p><p>Owahiri schaute auf das Wasser hinaus. �Ihr habt uns vieles mitgebracht. Omai hat auch vieles mitgebracht. Aber nicht genug, denn nun m�chte jeder ein St�ck Eisen.�</p><p>�Ja, vielleicht w�re es f�r beide Seiten besser gewesen, wenn die S�dsee uns ewig unbekannt geblieben w�re.� Marys Ton war unergr�ndlich geworden, ihre Miene ernst.</p><p>Sie hatte spazieren gehen wollen. Wie waren sie auf dieses Thema gekommen? Owahiri l�chelte sie an. �Wer wei�, was die G�tter mit uns vorhaben. Vertrauen wir ihnen einfach.�</p><p>Sie liefen weiter und schwiegen, bis sie die H�tte erreichten. Carl sa� im Schatten eines Baumes und schlief.</p><p>�Heute Abend feiern wir ein Fest�, sagte Owahiri. �Ihr seid herzlich willkommen.�</p><p>***</p><p>Das Herz schlug Mary bis in den Hals, dass sie dachte, daran ersticken zu m�ssen.</p><p>Der junge Mann beugte sich �ber das M�dchen und schob seine Finger zwischen ihre Beine. Sie streckte sich und dr�ckte ihm ihre rechte Brust auf die Lippen, w�hrend zwischen seinen Beinen die Lust un�bersehbar anschwoll.</p><p>Mehrfach hatte Mary diese Zeremonie inzwischen erlebt und immer wieder den Blick auf den Boden geworfen und nur den Ger�uschen gelauscht. Die Umstehenden begannen den Gesang und klatschten rhythmisch in die H�nde.</p><p>Carl stand im Gedr�nge hinter ihr, sein K�rper an den ihren� gepresst. Seine Haut war feucht vom Schwei�, und er roch erdig.</p><p>Mary wagte es nicht, sich umzudrehen. Sie lie� ihren Blick, wo er war, auf dem nackten Paar. Dort war er in Sicherheit. Der junge Mann schob sich �ber das M�dchen, das seine Beine spreizte. Er ergriff sein Gem�cht und f�hrte es ein. Das M�dchen schloss die Augen und sog die Luft ein. Die ersten St��e waren sanft und langsam, dann wurden sie schneller. Die Beine des M�dchens umklammerten das Ges�� des Jungen und pressten ihn noch tiefer in sich hinein. Ihre Br�ste bewegten sich unter dem Rhythmus seiner St��e. Er richtete sich auf, warf den Kopf zur�ck, st�hnte auf. Dann sackte er zusammen, und die Arme des M�dchens schlossen sich um ihn.</p><p>Es war die Hand im Nacken.</p><p>Vielmehr sein Finger, der �ber ihren Nacken strich, zarte, kleine Kreise schrieb, Ber�hrungen, die alles, was ungekl�rt zwischen ihnen stand, zusammenfallen lie�en.</p><p>Sie wandte sich zu ihm um und sp�rte, dass ihr Mund halboffen stand. Warum sollte sie ihn auch schlie�en?</p><p>Sie wollte, dass er sie k�sste.</p><p>Sie wollte, dass seine Zunge ihren Mund ertastete.</p><p>Sie wollte ihn schmecken.</p><p>Sie wollte mit ihrer Zunge seinen Mund ertasten, ihn erforschen und erobern.</p><p>Seine Lippen waren geschlossen. Fahrig tasteten seine Augen ihr Gesicht ab, die Stirn, die Augen, den Mund. Er hob die Hand. Schob sie unter ihr Kinn und zog sie an sich. Dann hielt er inne. Keine Handbreit vor ihrem Gesicht hielt er inne. Sie sp�rte seinen Atem. Und dann k�sste er sie. <emphasis>Jetzt wei� ich, warum ich losgezogen bin, die Welt zu entdecken,</emphasis> fuhr es ihr durch den Kopf.</p><p>Die Umstehenden begannen, erneut zu klatschen, und r�ckten von ihnen ab. Mary schauderte. <emphasis>Sie machen uns Platz. So schamlos k�nnen wir nicht sein.</emphasis> Eine weiche Frauenstimme sang engelsgleich, sanft wie Carls Zungenspitze, die ihren Hals entlangfuhr.</p><p>�Mein Gott, bist du sch�n.� Carl lachte ihr leise ins Ohr, der kehlige Klang seiner Stimme machte sie verr�ckt. Sie presste ihren Unterleib gegen seinen Oberschenkel und k�sste seine weichen Lippen, dass ihr der Atem ausblieb. Er schob seine H�nde ihren K�rper entlang, hoch auf ihre Brust. Das Zittern hatte ihren gesamten K�rper erfasst.</p><p>�Ich will dich�, h�rte sie sich sagen. Es war nat�rlich so. Es war richtig so.</p><p>Carl hob den Kopf, legte seine H�nde um ihr Gesicht und zwang sie, ihn anzuschauen. �Hier?�</p><p>Sie konnte den Blick nicht von ihm wenden. Da war nur er, niemand sonst. Ein rhythmisches Klatschen, vielleicht ein lieblicher Gesang, aber beides weit entfernt.</p><p>Carl beugte sich vor und �ffnete die Kn�pfe an ihrem Hemd. Sie sp�rte, dass auch seine H�nde bebten. Ein glucksendes Lachen presste sich durch ihre Kehle. Sie lachte und suchte seine Lippen.</p><p>Er zog sie zu Boden. Das Gras war weich, seine Haut k�hl und seine Lust hei�, als er sich in sie schob.</p><p><emphasis>Ja,</emphasis> schrie es in ihr. <emphasis>Ja!</emphasis></p><p>Mehr Platz blieb nicht in ihrem Kopf.</p></section><section><title><p><strong>Tahiti, 3.�Juni 1786</strong></p></title><p>Sie lag in seinem Arm. Endlich hatten sie eine Nacht in ihrer H�tte miteinander verbracht, hatten beieinandergelegen und den weichen Schein der �llampe genutzt, um sich in ihrer Nacktheit aneinander sattzusehen. Mehrere Stunden hatten sie sich nicht ger�hrt, sich festgehalten und angeschaut und immer wieder gelacht. Leise gelacht, um das Gl�ck nicht zu verschrecken. Zeit hatten sie sich gelassen, bis sie sich wieder geliebt hatten, um es dann sofort noch einmal zu wiederholen.</p><p>Die Sonne stand l�ngst am Himmel, und sie lag in seinem Arm. So sch�n wie in der Nacht, das Haar zerzaust, die Haut weich vom Schlaf, die Lippen leicht ge�ffnet. Carl bewegte sich nicht, um nichts in dieser Welt wollte er sie wecken, um den Zauber dieses Moments nicht zu zerst�ren.</p><p>Die Bilder der letzten Monate liefen ineinander. Mary, die hart arbeitete, meist schon am Morgen �ber den Tisch gebeugt stand und oft noch tief in der Nacht am Sortieren war. Wie sie klaglos auf Feuerland durch die K�lte stapfte. Ihre Tr�nen w�hrend der Amputation. Ihre Anspannung, als sie die M�nner auf venerische Leiden untersuchte. Innerlich lachte er auf und fuhr, um sich abzulenken, mit dem Blick den Schwung ihrer Augenbrauen nach.</p><p>Jetzt gab es keinen Grund mehr, es zu leugnen: Er hatte sie gewollt. Von dem Moment an, in dem er gewusst hatte, dass sie eine Frau war, hatte er sie gewollt. So wie sie war. Vielleicht sogar gerade weil sie so war. Der Gedanke, Marc nun Mary zu nennen und dabei eine Erleichterung zu sp�ren, hatte ihn besch�mt und gleicherma�en eine Last von ihm genommen.</p><p>Und jetzt? Wieder rollte ein Lachen durch seinen Brustkorb.</p><p>Ihre Wimpern waren nussbraun und leicht gebogen. Irgendwann w�rde er sie z�hlen, sie hatten Zeit, hier in ihrem Paradies.</p></section><section><title><p><strong>Tahiti, 18.�Juni 1786</strong></p></title><p>Konzentriert sah Carl auf das Papier in seinen H�nden. �Georg Forster sch�tzte, dass Tahiti hundertzwanzigtausend Bewohner hat. Die Insel besteht aus zwei Halbinseln, die wiederum in dreiundvierzig Distrikte unterteilt sind. Wir k�nnen davon ausgehen, dass Forsters Einsch�tzung, dass jeder Distrikt zwanzig Kriegskanus besetzen kann, jeweils mit einer f�nfunddrei�igk�pfigen Bemannung, auch heute noch G�ltigkeit besitzt�, las er vor, wobei er vor Mary auf und ab lief. Er trug nur die enganliegende Kniebundhose. An einen Baumstamm gelehnt, genoss sie den Anblick der verh�llten Oberschenkel und seiner nackten Waden.</p><p>�Damit k�men wir bei ungef�hr drei�igtausend Wehrhaften an�, fuhr er fort, �wobei das Verh�ltnis von Wehrhaften und Unwehrhaften eins zu vier ausmacht, ein Verh�ltnis, das in Europa anders ausfiele, da dort auf einen wehrhaften Mann weitaus mehr unwehrhafte Menschen k�men.� Er hob den Kopf und runzelte die Stirn. �So weit kann man dem Text folgen, oder?� Er strich ihr �ber das Haar, nahm eine Str�hne und drehte sie um seinen Finger.</p><p>Sie sah zu ihm auf und nickte.</p><p>Zufrieden lie� er die Str�hne fallen, hob das Papier an und setzte seinen Vortrag fort: �Die Flotte besteht aus einzelnen, aber auch aus doppell�ufigen Kanus.�</p><p>�Sei mir nicht b�se, aber das Wort �doppell�ufig� versteht man in diesem Zusammenhang nicht.�</p><p>Er blieb stehen, runzelte wieder die Stirn, und die weich geschwungenen Brauen w�lbten sich �ber den Augen. Sein Blick umfasste ihre Br�ste. Sie schaute an sich herab, die H�fe zeichneten sich unter dem d�nnen Gewebe ab.</p><p>�Es war einfacher, als du noch die Brustwickel getragen hast. Wie soll man sich da auch konzentrieren�, sagte er und grinste.</p><p>Mary lachte auf und sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Na, ich meine mit doppell�ufig, dass zwei Kanus nebeneinander liegen.�</p><p>�Ich wei�, was du meinst, aber wer diese Boote noch nie gesehen hat, bekommt keine Vorstellung davon. Beschreibe es ausf�hrlicher, oder setze ein Bild daneben.�</p><p>�Gut, dass du so genau zuh�rst. Dann werden wir eine Zeichnung einf�gen. Kann ich weiterlesen?�, fragte er und nahm seine Wanderung wieder auf. �Einige haben �berdachte Hinterteile, teils um von den Befehlshabern als Nachtlager genutzt zu werden, teils um als Proviantschiff zu dienen. Einige Schiffe f�hren ausschlie�lich Pisangbl�tter mit sich, die f�r die Toten bestimmt sind. Dies sind die Schiffe der G�tter.� F�r einen Moment sah er auf. �Irgendwelche Anmerkungen?�</p><p>Das Haar auf seiner Brust kr�uselte sich, von der Sonne ausgeblichen, setzte es sich gegen die braune Haut sichtbar ab. <emphasis>Er sieht inzwischen aus wie ein Landarbeiter,</emphasis> bemerkte Mary. <emphasis>Sonnenverbrannt und muskul�s. Seine englische Bl�sse ist dahin, und es steht ihm wunderbar. Wer fragt mich eigentlich, wie ich mich da konzentrieren kann?</emphasis></p><p>�Und? Irgendwelche Anmerkungen?� Wieder lief er an ihr vorbei und strich �ber ihren Nacken.</p><p>�Was macht man mit den Bl�ttern? Werden die Toten darin eingewickelt? Oder nur damit zugedeckt?�, fragte Mary und sp�rte die G�nsehaut, die seine Finger hinterlie�en.</p><p>�Hmmm, ich wei� es nicht. Gut, da m�ssen wir Owahiri fragen.� Er kratzte sich am Kopf. �Meinst du, das interessiert �berhaupt irgendjemanden?�</p><p>�Allerdings. Lass uns diesen Aufsatz noch bis zum Ende durchgehen.�</p><p>Er seufzte und hob die Stimme: �Die Bewaffnung der Kanus besteht aus Speeren, langen Keulen und Streit�xten. Zudem werden Steine mitgef�hrt, die einzige Bewaffnung, mit der man den Gegner auf eine gro�e Entfernung hinweg erreichen kann.� Absichtlich lie� er das Papier in den Sand fallen. �Mary, egal, wen es interessiert, mich interessieren die milit�rische Streitkraft und die kriegerischen Auseinandersetzungen der Tahitianer jetzt keinen Deut.� Er kniete sich vor sie und legte seine H�nde auf ihre Arme. �Alles hat seine Zeit. Und jetzt ist keine Zeit f�r den Krieg.�</p><p>Sie strich �ber seine Wange. Wie m�hsam war die Arbeit geworden, seit er in ihr Leben getreten war. Best�ndig kamen ihr wunderliche Dinge in den Sinn: Sie wollte singen, sie wollte sch�n sein f�r ihn, sie wollte, w�hrend sie zeichnete, aufstehen, den Pinsel nehmen und seinen Leib damit erkunden, sie wollte tanzen, mit ihm durch die Wellen springen und ihn lieben. Ihn in sich sp�ren. Immer und immer wieder.</p><p>Halb ge�ffnet forderten seine Lippen auf, in sie hineinzubei�en, ganz sanft, um ihn dann zu k�ssen, bis er keine Luft mehr bekam. Flach und schnell ging sein Atem, ein Rhythmus, der sie rasend machte.</p><p>�Welch unfassbares Gl�ck, dass wir uns begegnet sind�, fl�sterte er und lie� seine Lippen �ber ihre Stirn und Augen spielen. �Glaube nicht, dass ich dich jemals wieder von mir lasse.�</p><p>Marys Lachen glich einem gurrenden St�hnen. Sie genoss das fremde Ger�usch und seine federleichten Ber�hrungen, so warm und weich, dass sie w�nschte, der Moment m�ge niemals enden. Er m�ge sich ausdehnen und das Kribbeln, das ihren K�rper durchlief, festhalten.</p><p>In den Sand zog er sie und schob ihren Rock in die H�he. Ein Rascheln lie� sie den Kopf drehen. Der Aufsatz. Sie lag darauf. Leise lachte sie auf. So war das eben: Alles, was sich bisher in ihrem Leben abgespielt, Raum und Aufmerksamkeit gefordert hatte, musste sich jetzt in Demut �ben, musste warten, bis wieder seine Zeit kam.</p><p>Sie schloss die Augen.</p><p>F�r einen Moment sah sie die Teakschatulle mit dem Schmetterling vor sich.</p><p>Seine kr�ftigen Farben verliefen ineinander.</p><p>Carls Finger lie�en sie schweben.</p><p>Mit kraftvollen Fl�gelschl�gen erhob sie sich.</p><p>Carl.</p><p>Er war es, der sie vollst�ndig machte.</p></section><section><title><p><strong>Tahiti, 11.�Juli 1786</strong></p></title><p>Ein kurzes R�cheln lie� sie aufschrecken. Sie wrang den Lappen in der Wassersch�ssel aus und legte ihn wieder auf Carls Stirn. Schob das Kissen ein St�ck tiefer in seinen Nacken und sp�rte, dass die Haut gl�hte. Sein Brustkorb hob und senkte sich, langsam, als w�rde ein immenses Gewicht auf ihm lasten. Seit Stunden hatte er sich nicht mehr ger�hrt. Stumm hatte Mary zugesehen, wie der Schwei� begann, an seinem K�rper herabzulaufen, wie sich die Rinnsale ihren Weg �ber Stirn, Hals und Bauch hinweg suchten. Schon morgens waren auf seinem Hemd kleine, feuchte Stellen erschienen. Sie waren ihr aufgefallen, als er sich neben ihr �ber die Karte gebeugt hatte.</p><p>Der Tag war sonnig gewesen, und ein leichter Wind war vom Meer her auf die Insel zugetrieben. Die Arbeitsbedingungen waren gut gewesen. Es war nicht so hei� wie an den vorangegangenen Tagen, und trotzdem hatten sie M�he gehabt, sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Dann hatte er �ber Kopfschmerzen geklagt, und sie hatten die Exkursion ins Landesinnere verschoben. Stattdessen hatten sie ihr Lager am Strand aufgeschlagen und sich in den Schatten zur�ckgezogen.</p><p>Doch die Bilder stimmten nicht. Je �fter Mary sie sich in Erinnerung rief, desto klarer sah sie, dass Carl nicht einfach unter Kopfschmerzen gelitten hatte. Sie waren an diesem Tag nur langsam vorangekommen, zu oft hatte er mit dem Arm �ber die Stirn gewischt, obwohl es keinen Grund zum Schwitzen gegeben hatte. So hatten sie �ber der Karte gesessen, bis sie beschlossen hatten, die Arbeit einzustellen und an den Strand zu gehen. Und sp�testens hier, am Strand, als Carl sich vorgebeugt und die Arme ausgestreckt hatte, um eine Kokosnuss aus dem Sand zu heben, h�tte sie sehen m�ssen, dass die kleinen, feuchten Stellen zu Flecken geworden waren, zu gro�fl�chigen und nassen Flecken. Sie h�tte den glasigen Blick sehen m�ssen. Sie h�tte laut schreien, den Strand entlanglaufen und Owahiri suchen m�ssen. Sie h�tte irgendetwas unternehmen m�ssen.</p><p>Sie hatte es nicht getan, sie war nicht von seiner Seite gewichen, und nun war es zu sp�t.</p><p>Ihre Augen brannten, und in ihrer Nase kribbelte es.</p><p>Seine Lider zitterten, langsam bewegte er seinen Kopf. Hastig blinzelte sie und wischte die Tr�nen weg. Er sollte nicht aufwachen und sie so sehen, mit ger�teter Nase und vom Weinen verschwollenen Augen. Sie wollte l�cheln und ihm das Gef�hl geben, dass er bei ihr gut aufgehoben war, dass sie sich nicht f�rchtete und mit klarem Blick seine medizinische Betreuung leistete.</p><p>�Mein Engel�, sagte er mit schwacher Stimme. Sofort ergriff Mary die Kokosnussschale, hob seinen Kopf und f�hrte sie ihm an den Mund. Er trank langsam. Seine Lippen waren farblos und aufgesprungen.</p><p><emphasis>H�tten wir doch fr�her von dem Fieber erfahren</emphasis>, rief es in Mary. Innerlich kr�mmte sie sich und weinte, zerfra� die Angst ihre Eingeweide, �u�erlich sa� sie aufrecht, mit durchgedr�cktem R�cken, und lie� Carl nicht aus den Augen.</p><p>Sie hatten einen Vorsprung gehabt, zumindest hatten sie das angenommen. Das verfluchte Fieber war auf Tahaa ausgebrochen und nach Raiatea und Huahine �bergesprungen. Sie hatten die Geschichten, dass kaum einer der Erkrankten es �berlebte, sehr wohl vernommen. Und es war Owahiri gewesen, der richtig gehandelt hatte. Ohne ein Wort dar�ber zu verlieren, hatte er alle Vorbereitungen f�r die R�ckfahrt nach Tahiti getroffen. Als er zum Aufbruch gemahnt hatte, war sie f�r einen Moment unsicher geworden, vielleicht war sie auch einen Moment zu sicher gewesen. Vieles hatte daf�r gesprochen, die Arbeit einzustellen und erst wieder zur�ckzukehren, wenn das Fieber vor�ber war. Aber Carls Entscheidung war ihr so klar, so �berzeugend erschienen: Sie hatten so kurz vor der Beendigung der Vermessung gestanden, dass auch sie dachte, diesen kleinen Aufschub k�nnten sie sich noch herausnehmen. Huahine und Moorea lagen weit voneinander entfernt. <emphasis>Wir werden schon davonkommen, das habe ich gedacht. Dein Argument, dass wir erst aufbrechen m�ssten, wenn das Fieber die Insel erreicht, leuchtete mir ein. Wir haben es nicht gewusst. Wir haben einfach nicht wissen k�nnen, dass das Fieber nicht nur die Insel, sondern � was inzwischen naheliegt � auch dich l�ngst erreicht hatte. Als wir nach Tahiti aufbrachen, haben wir es von Moorea mitgenommen.</emphasis></p><p>Wieder flatterten Carls bl�ulich wei� schimmernde Lider. Sanft strich sie �ber sein Haar. �Schlaf weiter. Wenn du gesund bist, werden wir in der Sonne sitzen und Fr�chte essen, schwimmen und am Strand spazieren gehen. Und erst wenn wir einander ein paar Tage genossen, angeschaut und geliebt haben, dann werden wir die Arbeit wieder aufnehmen�, fl�sterte sie und sp�rte den Knoten im Hals. <emphasis>Nicht weinen,</emphasis> dachte sie<emphasis>. Fang nur nicht an zu weinen.</emphasis></p><p>Sein Zittern riss sie aus ihren Gedanken, in Wellen durchlief es Carls K�rper. W�hrend sie ihm den Schwei� aus dem Gesicht wischte, bemerkte sie, dass sein Hemd durchn�sst war. Sie kn�pfte es auf und versuchte, seinen Arm durch den �rmel zu schieben. Es gelang ihr nicht.</p><p>Sie stand auf und sah, dass inzwischen die Nacht hereingebrochen war. Die Abendr�te war nur noch in einem zarten Streifen am Horizont zu erkennen, gefolgt von einem violetten Ton, der flie�end ins tiefe Schwarz �berging. In der Nacht w�rde sein Fieber steigen, sie wusste, dass erneut der Kampf begann, es bis zum kommenden Tag zu schaffen. Nur das z�hlte.</p><p>W�hrend sie die h�lzerne Kiste �ffnete, w�lzte Carl sich auf die Seite. Sein Atem ging schnell und unregelm��ig. Neben seinen B�chern lagerte er, sorgf�ltig in ein leinenes Tuch gebunden, seine medizinischen Instrumente. Sie nahm die Schere heraus. Vorsichtig begann sie, sein Hemd zu zerschneiden und die Streifen unter ihm hervorzuziehen. Er st�hnte, als sie dabei seinen Arm anhob.</p><p>�Es tut mir leid, mein Liebling, aber du musst aus dem nassen Hemd heraus�, fl�sterte sie und wusch seinen K�rper. Die breite Brust mit den zerzausten Haaren darauf, die Lenden, die in wundersch�nem Fluss in die kr�ftigen Schenkel �bergingen.</p><p>Vorsichtig deckte sie ihn zu. Dieses Tuch hatte sie gemeinsam mit den tahitianischen Frauen aus Maulbeerbaumrinde hergestellt. Schicht um Schicht hatten sie die Fasern mit Holzkeilen weichgeklopft, um sie dann mit weiteren Schl�gen miteinander zu verbinden. Sie hatte gewusst, dass er es liebte, auch bei warmen N�chten in T�cher geh�llt zu schlafen. So hatte sie sich bei der Arbeit immer wieder Carls Gesicht vorgestellt, das Leuchten in seinen Augen, wenn sie ihm das Tuch �berreichen w�rde. Und es war so gekommen, wie sie es sich ausgemalt hatte. Das Leuchten in seinen Augen lie� sie auch jetzt noch l�cheln.</p><p>F�r einen Augenblick glaubte sie, dass seine Augen jede ihrer Bewegungen, jede Geste ihrer H�nde verfolgten, dass er wachlag und bei ihr war. Ein sch�ner Gedanke. Sie senkte den Kopf und schmiegte ihre Wange gegen die weiche Haut seiner Handinnenfl�che.</p><p><emphasis>Mein gesammeltes Wissen! Alles, was ich gelernt habe, muss ich f�r Carl nutzen. Ich brauche einen Plan. Ich muss eine Diagnose stellen und mir genau �berlegen, wie ich ihn behandle. Jede Minute z�hlt. Meine Angst l�hmt mich, ich darf sie nicht gewinnen lassen.</emphasis></p><p>Ein angenehm k�hler Wind wehte, und der Sand war noch von der Sonne angew�rmt. Mary lief zum Meer hinunter und lie� das Wasser �ber ihre F��e sp�len, die K�lte weckte die Lebensgeister. Um eine Diagnose stellen zu k�nnen, musste sie zusammentragen, was sie bisher �ber das Fieber geh�rt hatte. Es begann mit Abgeschlagenheit und M�digkeit, Gliederschmerzen und Kopfweh, und sobald das Fieber ausbrach, schnellte es hoch und war nicht zu senken. Es kamen unterschiedliche Symptome hinzu, bei einigen Patienten Erbrechen, bei anderen Hautausschl�ge. Die Benommenheit steigerte sich bei allen im Verlauf der Erkrankung. Es trat Blut im Stuhl oder auch im Urin auf. Und in der Haut. Gro�fl�chige, rote Einblutungen in der Haut, die sich nach und nach dunkelblau f�rbten.</p><p>Nein.</p><p>Nein, das durfte nicht passieren.</p><p>Ein Fieber, an dem man verblutete. Dagegen gab es kein Mittel. Sie hatte nichts, was Abhilfe schaffte, aber gleicherma�en konnte jede Ma�nahme die gesuchte Linderung bringen. Und genau aus diesem Grund musste sie alles versuchen. Wirklich alles.</p><p>***</p><p>Sie hatte sein Kommen nicht bemerkt. F�r einen Moment stand Owahiri im Eingang der H�tte und sah zu, wie Carl in unruhigem Schlaf auf der Matte lag. Sein Atem rasselte, und die Gesichtsz�ge waren verzerrt.</p><p>Mary kniete auf dem Boden, wo sie mit einer Kokosschale zwei Kuhlen im Sand aushob, eine f�r die Schulter und eine f�r die H�fte. Als sie sich ausstreckte, um sich zum Schlafen niederzulegen, entdeckte sie ihn. Die �llampe flackerte und verlosch, nur das Licht seiner Fackel erhellte die H�tte.</p><p>�Ich wollte dich nicht erschrecken�, sagte er leise.</p><p>Mary richtete sich auf.</p><p>�Wie geht es dir? Und wie geht es Carl?� Owahiri steckte die Fackel in den Sand und betrat die H�tte.</p><p>�Danke, mir geht es soweit gut. Carl schl�ft. Und du geh lieber, lass uns alleine. Nicht, dass dich das Fieber auch bef�llt.�</p><p>�Keine Angst. Ich habe den Schutz der G�tter erbeten.� Owahiri hob die Arme in die H�he, mehrere Kokosn�sse, von Revanui in Netze gebunden, schwangen an seinem Handgelenk. Er stellte sie neben Mary auf den Boden. �Frisches Wasser.�</p><p>Runde �ffnungen waren in die Schalen geschlagen worden, schwarzgl�nzend schwappte das Wasser darin hin und her. Vorsichtig l�ste Owahiri ein Bananenblatt-P�ckchen aus einem der Netze und faltete es auseinander. �Die M�nner und ich waren im Wald, wir haben Kava geholt.�</p><p>Er begann, die Kava-Pflanzen auf dem Bananenblatt vor ihnen auszubreiten. Er ergriff eine Kokosnussschale, f�llte sie mit Wasser und reichte sie Mary. Sie trank in kleinen Schlucken, w�hrend er den Pflanzen die Wurzeln abdrehte. Dann erhob er sich. Inzwischen kannte er die H�tte so gut wie die seine. Er �ffnete die Holzkiste, nahm eine Steinschale heraus und f�llte die Wurzeln hinein. �Sch�le die Wurzeln.�</p><p>Ohne den Blick von ihm zu nehmen, begann Mary die Arbeit, die er ihr aufgetragen hatte.</p><p>Owahiri setzte sich wieder neben sie, nahm das erste gesch�lte Wurzelst�ck und schob es sich in den Mund. Langsam zerkaute er es, wobei er es von einer Wange in die andere wandern lie�. Dann ergriff er eine Kokosnussh�lfte und spuckte den Inhalt seines Mundes hinein. Als er die Schale zur H�lfte mit einem graublasigen Schleim gef�llt hatte, tippte er auf Marys Hand. Ihre Fingerkn�chel traten wei� hervor. Als h�tte er sie geweckt, schaute sie auf ihre Hand und lockerte ihren Griff um das Messer. Sorgf�ltig zerkaute er die restlichen Wurzeln, spuckte sie in die Schale und tr�ufelte Wasser und Kokos�l hinein, bis ein gr�uliches Gebr�u entstand.</p><p>�Brauchst du ein Tuch?�, fragte Mary, und ihre Stimme klang angestrengt. �Um den Brei abzuseihen?�</p><p>Owahiri sch�ttelte den Kopf. �Nein, frisch ist er gut.�</p><p>Mary nahm die Schale in die Hand, kniete sich vor Carl und ber�hrte seine Schulter, strich zaghaft dar�ber, bis er die Augen �ffnete. Sein Blick war gl�nzend und f�r einen Moment orientierungslos. Als er die Schale sah, hob er den Kopf.</p><p>Owahiri wusste um den scharfen Beigeschmack des Trunks, doch Carl verzog keine Miene. Sein Schlucken war das einzige Ger�usch in der H�tte, gelegentlich setzte er ab und kaute. Wahrscheinlich waren die Wurzeln nicht so fein zerkaut, wie er angenommen hatte. �Gib ihm morgen den Rest�, sagte er leise zu Mary und strich ihr kurz �ber den Arm. �Und schlaft ein wenig.�</p><p>Er sp�rte, dass Marys Blick ihm folgte, als er die H�tte verlie�. Die Fackel lie� er im Sand stecken, so konnte sie den beiden noch f�r einen Moment Licht spenden.</p><p><emphasis>Solltest du morgen nicht mehr unter uns weilen, Carl, werden die G�tter sich mit Freuden deiner annehmen. Sie werden wissen, dass die Menschen einen wie dich vermissen werden. Unser Schmerz wird ihnen zeigen, wie wertvoll du uns bist,</emphasis> dachte Owahiri und lief in die Dunkelheit hinein.</p></section><section><title><p><strong>Tahiti, 12.�Juli 1786</strong></p></title><p>Am Tag zuvor war der Wind vom S�den �ber die Insel hinweg zum Strand getrieben. Bl�tenduftges�ttigt war er aufs Wasser hinausgelaufen und hatte sich im Nirgendwo verloren. Heute wehte ein anderer Wind. Er kam vom Norden und roch nach Meer, nach Algen, ein wenig nach Fisch und eine Nuance nach warmem Sand. Mary sog den Geruch tief ein. Ein Atemzug, ein zweiter Atemzug, erst dann �ffnete sie die Augen. Neben ihr lag Carl, sein Gesicht dicht vor ihrem. Sie bewegten sich nicht, und mit ihren Blicken hielten sie sich aneinander fest. Noch immer konnte sie sich nicht an ihm sattsehen. <emphasis>Es ist fast so wie vor wenigen Tagen. Vielleicht habe ich alles nur getr�umt. Gleich fasst er in mein Haar und streicht mir �ber das Gesicht. Dann lieben wir uns, ganz z�rtlich kosten wir jede Ber�hrung wortlos aus. Und erst, wenn wir einander wieder loslassen k�nnen, beginnen wir unser Tagewerk.</emphasis></p><p>�Wie geht es dir?�, fragte sie und wusste, dass diese Frage das Eingest�ndnis war, dass er ihr nicht �ber das Haar streichen, sie lieben und mit ihr das Tagewerk beginnen w�rde. Seine Stirn f�hlte sich k�hler an. Eine gesunkene Morgentemperatur war zwar der Sieg �ber die Nacht, doch sie lie� noch keinen Schluss �ber den Verlauf der Fieberkurve am Tag und noch viel weniger �ber den Fortgang der Krankheit zu.</p><p>�Besser, viel besser. So eine durchschlafene Nacht lindert so manche Beschwerden�, sagte er, und beide wussten, dass er log. Sie reichte ihm den restlichen Kava-Sud vom Abend und hob seine Decke an, um die Beine freizulegen.</p><p>�Ich gehe die Wickel aussp�len und mache dir dann die Sch�ssel f�r die Morgenw�sche fertig.�</p><p>Carl nickte.</p><p><emphasis>Ich bin wie eine Mutter, die ihre Brut pflegt, und er l�sst sich umsorgen. Dieser Baum von einem Mann ist inzwischen zu schwach, meine Zuwendung abzuwehren,</emphasis> dachte sie, biss sich auf die Lippe und verlie� die H�tte.</p><p>Das Meer lag spiegelblank und schimmerte in hellem T�rkis. Mary zerrte sich Hemd und Hose vom Leib und rannte mit den Wadenwickeln in der Hand ins Wasser. Die K�lte lie� ihr Herz pumpen und ihren Atem schneller gehen. Als sie sich an die Wassertemperatur gew�hnt hatte, legte sie sich f�r einen Moment auf den R�cken und lie� sich treiben. Bei Tageslicht verloren die Ereignisse, die nachts bedrohlich erschienen waren, ihren Schrecken. Noch einen Moment genoss sie das seichte Wogen der Wellen und schwamm dann zum Strand zur�ck. Ihre Kleidung konnte sie sp�ter holen, beschloss sie und lief nackt auf die H�tte zu, nur die Wickel in den H�nden, um sie Carl wieder nass und k�hl anzulegen.</p><p>Das Halbdunkel in der H�tte lie� sie blinzeln, doch kaum konnte sie die Umrisse im Inneren erkennen, schreckte sie zur�ck.</p><p>Vor ihr stand Carl. Er wankte, seine Augen waren verdreht und halb geschlossen, sichtbar nur das Wei� seiner Aug�pfel. Langsam kippte sein Oberk�rper nach vorne, und die linke Gesichtsh�lfte schlug auf die Kante einer der Kisten. Es krachte, derb und dumpf. Mit der rechten Hand riss er im Fallen seine Instrumententasche herunter, aus der sie gestern Schere und Messer genommen hatte. Sein Kopf rutschte am Holz herab, bis er im Sand liegenblieb.</p><p>Mary schrie, fiel auf die Knie und schob ihre Hand unter seinen Kopf. Vorsichtig tastete sie nach Blut und drehte sein Gesicht zu sich. Bis auf einige Schrammen konnte sie nichts entdecken. Carl st�hnte, dann �ffnete er die Augen.</p><p>�Tut dir etwas weh? Wage nicht noch einmal aufzustehen�, fl�sterte sie und raffte die Instrumente um ihn herum zusammen.</p><p>Auf allen Vieren krabbelte Carl zur Matte und zog die Decke �ber seinen zitternden Leib.</p><p>Derweil riss Mary den Deckel der Medikamentenkiste auf. Irgendwo musste es einen letzten Rest Tee geben, vereinzelte Pastillen, die aus den Tiegeln gefallen waren und von den B�chern zerdr�ckt auf dem Boden lagen. Vielleicht hatte sie etwas �bersehen.</p><p>�Was brauchst du?�</p><p>�Ich schaue nach, ob wir nicht doch noch irgendwo fiebersenkende Medikamente haben. Ein wenig Tee, ein paar vergessene Pastillen, irgendetwas.�</p><p>�Davon gibt es nichts mehr. Komm, setz dich zu mir.�</p><p>Sie lie� den Deckel der Kiste zufallen, ergriff eine Mangofrucht und schnitt sie auf. Ihre H�nde bebten noch immer, als sie Carl die Schnitzchen reichte. Sein Arm streifte ihre Finger. <emphasis>Die Haut gl�ht,</emphasis> stellte sie fest und sp�rte das Entsetzen, das in ihr aufstieg. <emphasis>Das Fieber steigt wieder, so fr�h am Tag, das ist ein schlechtes Zeichen.</emphasis></p><p>Er rang nach Luft, und Mary fasste seine Hand. �Ich werde meine Kleidung holen, sie liegt noch am Strand�, fl�sterte sie und k�sste seine Fingerspitzen. �Bitte, bleib liegen, ja?�</p><p>Carl nickte und rollte sich zusammen, ein kraftloser Rundr�cken unter einer Decke aus Maulbeerbaumrinde.</p><p>Nackt rannte sie den Strand entlang und unterdr�ckte das Bed�rfnis, laut aufzuschreien. Erst als sie ihre Kleidungsst�cke erreichte, sank sie in die Knie, riss das Hemd an sich, presste es an ihre Brust, biss in den Stoff und begann haltlos zu schluchzen.</p><p>***</p><p>Der letzte Funken Optimismus, den die Sonne am Tag geweckt und den der Schrecken sich vielleicht noch nicht zur�ckerobert hatte, zerfiel mit der heraufziehenden Dunkelheit. Mary z�ndete die �llampe an, und Carl fragte sich, ob sie heute �berhaupt etwas zu sich genommen hatte. Ob er sie inzwischen angesteckt hatte? Angst stieg in ihm auf, und er schob den Gedanken beiseite. Langsam l�ste er die Arme, die schwei�nass auf seinem Brustkorb lagen und festgewachsen schienen. Der Schmerz lie� ihn die Luft anhalten. Noch hatte Mary nicht bemerkt, dass er wach war, dass sein Blick ihr folgte. Sehr gut, er wollte ihr die Zeit geben, sich zu erholen. Sobald sie entdecken w�rde, dass er nicht mehr schlief, w�rde sie sich wieder selbst vergessen. Sie w�rde ihn mit ihrer F�rsorge �bersch�tten und die Krankheit noch unertr�glicher machen. Eine Windb�e sch�ttelte die Bl�tter des Daches, und das Ger�usch lie� ihn erschrocken auffahren, sodass der R�cken sich verkrampfte. Hastig spannte er die Muskulatur an, doch der Schmerz blieb.</p><p>Ein Wimmern.</p><p>Er war es, der wimmerte.</p><p>Carl schloss die Augen und sank auf die Matte zur�ck. <emphasis>Himmel, ich klinge wie ein altes Weib. Der Verschluss der Tasche klickt, sie hat geh�rt, dass ich wach bin.</emphasis></p><p>Ihr Gesicht tauchte �ber seinem auf, die Augen waren dunkel vor Sorge.</p><p>Sein Herz zog sich zusammen. <emphasis>Wenn sie doch nur Medikamente h�tte,</emphasis> dachte er, <emphasis>wenn sie doch die Chance h�tte, mir die Schmerzen zu nehmen, bis ich gehen kann.</emphasis></p></section><section><title><p><strong>Tahiti, 13.�Juli 1786</strong></p></title><p>Wenn es keine Medikamente mehr gab, musste sie auf die alten Mittel zur�ckgreifen. Die Kiste mit den Schr�pfkugeln, das Reisig, den �lkrug, das Instrumentent�schchen, die brennende �llampe. Sie hatte alles zusammengetragen, was sie ben�tigte, und beugte sich vor.</p><p>Vorsichtig packte sie Carl an der Schulter und drehte ihn auf�den�Bauch. Ob sie die Haut anritzen und dann die Kugeln setzen sollte? Sie durchw�hlte das Instrumentent�schchen. Weder ein Aderlassmesser noch einen Schnepper hatten sie dabei. Es reichte, die Haut zu �len, entschied sie, und den Aderlass sp�ter vorzunehmen. Sie w�lbte die linke Handfl�che und goss �l hinein, w�rmte es an und zog mit der rechten Hand die Decke ein wenig beiseite. In kreisenden Bewegungen rieb sie Carls Schultern ein.</p><p>Ihr R�cken warf einen Schatten, sodass sie die �llampe ein St�ck n�her heranzog. Die Schr�pfkugeln gl�nzten im Licht, als sie die Kiste �ffnete. Nie hatten sie die Kugeln benutzt, genaugenommen verstand Mary nicht einmal, warum sie welche bei sich hatten. Ob sie zur Standardausr�stung der <emphasis>Sailing Queen</emphasis> geh�rt hatten? Oder waren die Kugeln noch aus Doc Havenports Nachlass? Sie zuckte die Schultern, nahm eine heraus, z�ndete ein �stchen an und hielt die Flamme in das Glas. Die W�lbung f�llte sich mit Rauch. Schnell zog sie Carl die Decke zur H�fte herunter, drehte die Kugel, um sie unter dem Schulterblatt senkrecht anzusetzen. Und entdeckte den Fleck.</p><p>Ein blauroter Schatten, der sich auf der wei�en Haut abzeichnete.</p><p>Faustgro� und auf H�he der linken Niere.</p><p>Sie lie� den Arm sinken, die Kugel fiel in den Sand.</p><p><emphasis>Carl verblutet. Er verblutet innerlich.</emphasis></p><p>Eine Leere breitete sich in ihr aus, die alles �berdeckte: die Angst, die Einsamkeit, die M�glichkeit, einen klaren Gedanken zu fassen. Und niemand war da, den sie fragen konnte, ob man diesen Prozess ausheilen lassen konnte.</p><p>Pl�tzlich hob Carl den Kopf und schaute sie �ber die Schulter hinweg an: �Engel, was ist los?�</p><p>�Nichts, nichts, ich bin nur sehr m�de. Ich habe dir den R�cken ge�lt und wollte die Schr�pfkugeln ansetzen, um die Muskulatur zu lockern.�</p><p>�Danke, das ist lieb von dir. K�nnen wir das auf morgen verschieben? Ich w�rde gern schlafen.�</p><p>Lautlos weinend r�umte Mary die Schr�pfkugeln wieder in die mit Samt ausgeschlagene Kiste. Nichts konnte sie f�r ihn tun, und diese Hilflosigkeit trieb sie fast in den Wahnsinn. Sie nahm die letzte Kokosnuss und goss das Wasser in die gro�e Schale, wrang den Lappen aus und begann, Carls R�cken zu waschen. Langsam kreisende Bewegungen auf blau-roter Haut. <emphasis>Ob ich es ihm sagen soll? Mich mit ihm beratschlagen soll, wie weiter vorzugehen ist? Wenn ich nichts sage und ihn nicht beunruhige, solange ich ruhig bleibe, wird er mich gew�hren lassen.</emphasis> Der Gedanke tr�stete sie. <emphasis>Nein</emphasis>, beschwor sie sich, <emphasis>ich werde es ihm nicht sagen.</emphasis></p><p>Carl wand sich auf der Matte. Seine Aug�pfel bewegten sich unter den geschlossenen Lidern ruckartig hin und her. Pl�tzlich riss er die Augen auf, drehte sich auf den R�cken und starrte sie an. �Die Sch�ssel, gib mir die Sch�ssel�, flehte er mit gepresster Stimme.</p><p>Sie schaute auf den Lappen, den sie immer noch in den H�nden hielt, warf ihn neben sich, ergriff die Sch�ssel mit dem Wasser und kippte sie aus. Direkt neben die Matte.</p><p>Kaum, dass sie ihm die Sch�ssel gereicht hatte, verlie� sie die H�tte. �Wenn du mich brauchst, sage mir Bescheid�, rief sie ihm zu und schaute in den wolkenlosen Himmel hinauf. Gab es dort oben M�chte oder vielleicht wirklich einen Gott und seinen Sohn, die dar�ber entschieden, was sie gleich zu sehen bekommen w�rde? Gab es ein Schicksal, dem zu entrinnen unm�glich war?</p><p>Carl hatte das nasse Tuch �ber die Sch�ssel gedeckt. Wei� schimmernd verbarg es den Inhalt. Kaum, dass sie ihm den R�cken zudrehte, zog sie am Stoff.</p><p>Darunter lag rot das Blut.</p><p>Mary lief an den Rand des Strandes und sch�ttete alles �ber die Pflanzen. Ihr war schwindelig. Sie beugte sich vor und �bergab sich. Die H�nde auf die Knie gest�tzt, wartete sie, bis sich ihr Magen beruhigte. Mehrmals atmete sie tief ein und aus, bevor sie sich wieder aufrichtete.</p><p>Linkerhand, am Ende der sichelf�rmigen Bucht, liefen einige Kinder am Strand entlang. Ihr Lachen war auch auf die Entfernung hin zu h�ren, sie spielten, als w�re nichts geschehen. Es gab auf dieser Insel noch Leben, das so weiterging wie bisher.</p><p>Ersch�pft setzte sich Mary in den Sand, lauschte dem Lachen der Kinder und dem Wasser, das sich sch�umend an den Korallenriffen brach. Die winzige unbewohnte Insel, die rechterhand vor der K�ste lag, war heute deutlich zu erkennen. Dort waren sie hin�bergeschwommen und nackt am Strand herumgelaufen.</p><p>Sie schluckte und wendete den Kopf, schaute auf den schroffen Hang hinter sich. Maulbeer- und Brotb�ume bedeckten ihn, zum Strand hin mischten sich Farne dazu. Die Bl�ten verschiedenster Orchideenarten setzten farbige Punkte in das dichte Buschwerk. Im Schatten der Bl�tter tanzten Lichtkegel der Sonnenstrahlen, die durch die �ste hindurchfielen. Bei ihrer letzten Expedition hatten sie pr�fen wollen, ob es auf Tahiti einen aktiven Vulkan gab. Dabei waren sie auf einer Lichtung auf einen Wasserfall gesto�en. Eine Frau hatte Fr�chte gewaschen, w�hrend zwei Kinder Wasser gesch�pft und es in Kokosnussschalen davongetragen hatten. Sie hatten an diesem Tag die Suche nach dem Vulkan abgebrochen und sich auf einem Felsen in die Sonne gesetzt, um dem Rauschen des herabst�rzenden Wassers zuzuh�ren.</p><p><emphasis>Nichts auf dieser Insel und den Inseln der Umgebung ist unber�hrt, alles erinnert an Carl. Wie soll ich hier weiterleben, wenn er geht?</emphasis> Ihre Schultern schmerzten, die Glieder waren schwer. <emphasis>Vielleicht habe ich mich angesteckt,</emphasis> dachte sie und versp�rte Erleichterung. Sie nahm die Sch�ssel und sah auf dem R�ckweg zur H�tte sein Blut, das sich in Schlieren �ber die Bl�tter verteilt hatte.</p></section><section><title><p><strong>Tahiti, 14.�Juli 1786</strong></p></title><p>�Liebling, ich bin hier. H�rst du mich? Wir werden das durchstehen.�</p><p>Hei� war ihm, und sein R�cken war immer noch verkrampft. Die Schmerzen im Unterleib hatten jedoch nachgelassen. Carl drehte den Kopf und �ffnete die Lider. Seine Augen brannten. Ein sicheres Zeichen seines K�rpers, dass das Fieber gestiegen war. Er hatte das Zeitgef�hl verloren, dem Lichteinfall nach musste es Nachmittag sein.</p><p>Ein L�cheln. Sein Herz machte einen Doppelschlag. Sie musste neben der Matte gewartet haben und hielt ihm nun die Sch�ssel an den Mund. Schweigend strich sie ihm die Haare aus der Stirn. Unf�hig, den L�ffel zu greifen, lie� er sich mit einem Fr�chtebrei f�ttern. Unf�hig, sich zu erheben, lie� er sich waschen und am Ende wieder auf die Matte betten. Als sie ihm am Schluss einen Lappen auf die Stirn legte, reagierte er kaum, und die Augen fielen ihm zu.</p><p>�Bitte, bitte, bleib wach.� Ein flehentliches Fl�stern. Er schlug die Augen wieder auf. Angst. In ihrer Stimme h�rte er Angst.</p><p>�Carl, du musst mit mir deine Behandlung durchgehen. Schaffst du das?�</p><p>Er nickte.</p><p>�Vorhin habe ich mich gefragt, ob ich die Wickel weiterhin anlegen soll oder ob ich mit der K�lte, wie es Paracelsus behauptet, das Fieber nur verdr�nge, wodurch es an anderen Stellen Schaden anrichtet.�</p><p>�Nein, das ist gut so. Fahr fort damit, mir ist es angenehm.� <emphasis>Du beginnst, deinen Behandlungsmethoden zu misstrauen,</emphasis> f�gte er in Gedanken hinzu, <emphasis>und verr�tst f�r mich deine Grunds�tze. Mache das nicht, vertraue dir und deinen F�higkeiten. Sie reichen bis zu einem gewissen Punkt, und hinter dem beginnt die Ratlosigkeit. So ist sie, die Wissenschaft: Vieles bleibt vorerst verborgen, manches vielleicht auch auf ewig. Doch all dies hat nichts mit deinen F�higkeiten zu tun.</emphasis> Gern h�tte er die Hand gehoben und ihr die Str�hne des Haares aus der Stirn geschoben, um dann den Bogen ihrer Wange hinabzufahren. Doch er begn�gte sich damit, seinen Blick �ber die Konturen ihres Gesichtes gleiten zu lassen. <emphasis>Mir w�rde es nicht anders gehen. W�rest du erkrankt, und ich m�sste mich darum k�mmern, dich am Leben zu erhalten, w�re es nicht besser um mich bestellt. Die Angst raubt einem die Kraft in noch st�rkerem Ma�e als das Fieber. Sie macht uns zu Jahrmarktsbadern, blind probieren wir herum, und da wir zunehmend unsere Grenzen begreifen, klammern wir uns an jede M�glichkeit.</emphasis></p><p>�Du hast den ersten Fleck auf dem R�cken.�</p><p>Nichts geschah.</p><p>Sein Atem blieb ruhig.</p><p>Sein Herz schlug weiter.</p><p>Gleichm��ig.</p><p>Schlag um Schlag.</p><p>�Es tut mir leid�, presste sie heraus. �Ich will dich nicht erschrecken.� Sie nahm seine Hand und klammerte sich daran fest.</p><p>�Mein Engel, wir wissen es doch beide. Du erschreckst nicht mich, du erschrickst. Das Blut in meiner Haut gibt uns die Antwort: dass wir aufh�ren k�nnen, dar�ber nachzudenken, wie es mit meinem Leben weitergeht. Wie es mit deinem Leben weitergeht, wenn du allein hier zur�ckbleibst, dar�ber sollten wir sprechen. Lass uns die Zeit nicht mehr mit sinnlosen Behandlungen verschwenden. Ich denke, dass wir uns jetzt um dich k�mmern m�ssen.� Er schloss die Augen und sp�rte ihre Hand, die seinen Arm ber�hrte, ihn sanft r�ttelte, damit er wach blieb.</p><p>�Soll ich dich zur Ader lassen? Oder schr�pfen? Vielleicht purgieren? Soll ich Einl�ufe vornehmen? Was ist jetzt das Dringlichste?�</p><p>�Dass wir den Tatsachen ins Auge sehen.� Liebevoll hatte er sprechen und sie in seinen Armen wiegen wollen, doch seine Worte hatten hart geklungen. Unter zwei flachen Atemz�gen hervorgesto�en, hatten sie Mary zur�ckzucken lassen. Nur ihre Fingerspitzen lagen noch auf seiner Haut. Tr�nen begannen, ihr Gesicht hinabzulaufen, keine von ihnen schien sie zu bemerken. <emphasis>Wegk�ssen m�sste ich sie dir.</emphasis></p><p>�Mary, es ist nicht nur ein Gef�hl, es ist eine Gewissheit. Meine Zeit ist vor�ber, lass uns �ber dich sprechen.�</p><p>Ihr Kopf fiel vorn�ber auf die Brust, sie sch�ttelte ihn immer wilder hin und her, und das Schluchzen lie� ihren Leib in Kr�mpfen zucken.</p><p>�Ich habe eine Bitte an dich. Eine Bitte, die du mir noch erf�llen musst.� Seine Stimme war nicht mehr als ein Fl�stern, und er war nicht sicher, ob sie ihn geh�rt hatte. Doch das Sch�tteln des Kopfes lie� nach, und die Hand krallte sich in seinen Arm. Ein wohliger Druck, ihre N�gel in der Haut zu sp�ren, ein Druck, der den Schmerz in seinem Leib kurzzeitig �berlagerte. Sie sah ihn an. Rote Augen, nasse Wimpern, bebende Lippen.</p><p><emphasis>H�tte ich geahnt, dass der Abschied ein so grausamer Bruder des Sterbens ist, w�nschte ich, ich w�re heute Nacht von dir gegangen. Leise und unbemerkt, als du schliefst. Dann w�rest du erwacht und h�ttest es hinter dir gehabt.</emphasis></p><p>***</p><p>�Wir haben etwas geschaffen, gemeinsam. Unsere Sammlung muss vollendet und dann nach England geschafft werden. Ich bitte dich, sie der Royal Society zu �bergeben. Unsere Arbeit, sie ist dein Erbe.�</p><p>Die Gedanken rasten mit einer Schnelligkeit durch ihren Kopf, dass ihr schwindelte. Das Herz pumpte, und die Lungen schmerzten bei jedem Atemzug, sie schienen nicht genug Luft zu bekommen. Er sprach von ihrem Erbe. Es gab nichts zu vererben, es gab nur ein Leben, ein gemeinsames Weiterleben. Er durfte nicht vom Sterben sprechen, den Tod nicht herbeireden, nicht daran glauben. Sie beugte sich vor und schlang ihre Arme um Carl. Sie musste ihn halten, in diesem Leben halten.</p><p>Vielleicht war es der fremde, ein wenig s��liche Geruch seiner Haut, vielleicht war es die faulige Note seines Atems, vielleicht war es die Weichheit seiner Muskeln. Als sie ihn umarmte, sp�rte sie, was er ihr zu sagen versuchte.</p><p>Er starb.</p><p>Er hatte recht. Es war kein tr�gerisches Gef�hl eines Fiebernden. Es war die Gewissheit des Sterbenden, die sie in ihren W�rgegriff nahm. Vor ihrem inneren Auge zog alles vorbei.</p><p>Gedanken.</p><p>Blicke.</p><p>Ber�hrungen.</p><p>Lachen.</p><p>K�sse.</p><p>Alles, was sie nicht mehr hatten miteinander tauschen k�nnen.</p><p>Ihr gemeinsames Heim, das sie nicht mehr hatten miteinander einrichten k�nnen.</p><p>Kinder, die sie nicht hatten ins Leben bringen k�nnen, um ihnen Namen zu geben.</p><p>L�nder, die sie nicht zusammen hatten bereisen k�nnen, um weitere Entdeckungen zu machen.</p><p>Sie musste ihn halten. Sie musste die Arme fester um ihn schlie�en. Er sollte ihre W�rme sp�ren, das Beben ihres Brustkorbs, den Hauch ihres Atems. Reden musste sie. Leise seinen Namen aussprechen und von ihrer Liebe erz�hlen, dass er ihre Stimme h�ren konnte. Jeden seiner Sinne wollte sie erreichen. Alles in ihm sollte wissen, dass sie bei ihm war und ihn begleitete, wenn sie ihn schon nicht im Leben halten konnte. Das Gesicht in seinem Haar verborgen, sp�rte sie seinen Herzschlag an ihren Rippen. Erstaunlich kraftvoll, als wollte jeder Schlag ihr sagen:</p><p>Ich bin noch da.</p><p>Ich bin noch da.</p><p>Ich bin noch da.</p><p>Und so kraftvoll, wie es schlug, so abrupt schwieg es.</p><p>Die Stille war bet�ubend. Sein Brustkorb hob und senkte sich nicht mehr, die Glieder erschlafften, der Mund �ffnete sich einen kleinen Spalt, und ein Seufzer entwich den Lungen.</p><p>Doch war noch W�rme in ihm. Sie klammerte sich an ihn. Diese W�rme, das war das Letzte, was ihr von ihm blieb.</p></section></section><section><title><p><strong>Teil 3</strong></p></title><section><title><p><strong>Tahiti, 15.�Juli 1786</strong></p></title><p>Ob ihr Gott sie erl�st und beide zu sich genommen hatte? Owahiri hielt inne und lauschte. Er konnte keinen Atemzug vernehmen, still lagen die K�rper nebeneinander. Mary hielt Carl umschlungen, sein Gesicht war zum Boden gedreht, sodass er es nicht sehen konnte. Doch ihres war ihm zugewandt, die Augen offen, der Blick starr in der Unendlichkeit verloren. Ja, der Gott, dem die Fremden huldigten, hatte sich erbarmt. Er hatte erkannt, dass diese Seelen nicht zu trennen waren.</p><p>Er hatte nie mit den beiden dar�ber gesprochen, aber er w�rde ihr Zeremoniell w�hlen, um sie zu bestatten. Ein schweigender Abschied, bei dem man die Toten in die Erde hinablie� oder mit Steinen bedeckte und zwei H�lzer �bereinanderschlug, in Kreuzform. Einige Matrosen waren im Laufe der Jahre hier zu ihrem Gott geholt worden, die verwitterten Holzkreuze, verstreut auf der Insel, erinnerten daran.</p><p>Er wandte sich ab, um Hilfe zu holen, denn die beiden mussten aufgrund der Hitze des Tages schnell beigesetzt werden.</p><p>Unvermittelt z�gerte er.</p><p>Hatte Mary gerade die Lider bewegt? Geblinzelt? Sofort beugte er sich vor. Ihre Aug�pfel bewegten sich, um ihn anzuschauen. Er sah in tote Augen, die lebten. Er fr�stelte.</p><p>�Mary. H�rst du mich?�</p><p>Sie nickte.</p><p>Er tastete mit der Hand nach Carls Haut. Sie war k�hl. �Er ist tot, Mary.�</p><p>�Ich wei�.�</p><p>Carls Kopf bewegte sich, als sie ihren Leib fester an seinen presste und die Finger tiefer in den Stoff seiner Decke hineinbohrte. �Mein Vater hat es mir gesagt�, fl�sterte sie.</p><p><emphasis>Der Gott hat ihren K�rper vergessen und nur ihren Verstand mitgenommen, damit sie am Schmerz nicht zerbricht.</emphasis> �Was hat dein Vater dir gesagt?�, fragte er.</p><p>Sie hob den Kopf und schaute nach rechts, dann nach links. Es war der Blick eines gejagten Tieres, das seine Beute sichert. �Dass die Wissenschaft fortw�hrend Opfer verlangt. Aber dass sie immer die zum Opfer verlangt, die einem am teuersten sind, das hat er mir nicht gesagt.�</p><p><emphasis>Sie haben nur einen Gott, das ist zu wenig. Er kann nicht alles im Blick behalten, sicherlich hat er �bersehen, was hier gerade geschieht.</emphasis></p><p>Er kniete nieder und strich ihr �ber die Hand. Die Finger lockerten sich. �Komm mit mir�, sagte er und schob seinen Arm unter sie. Langsam hob er sie an, bis sie auf ihren Beinen stand. Auf ihn gest�tzt, verlie� sie die H�tte.</p><p>Carl blieb zur�ck. Er lag auf dem Boden, sein Gesicht in den Sand gedreht.</p><p>Die Tage vergingen. Owahiri verlie� morgens seine H�tte, um beim Versorgen der Kranken und beim Einsammeln der Leichen zu helfen.</p><p>Revanui hatte, auch wenn die Frauen wahrscheinlich gleich alt waren, Mary angenommen wie eine Tochter. Sie berichtete ihm, dass sie Mary einmal am Tag zum Fluss f�hrte und badete. Das immer gleiche Ritual, das damit begann, dass sie einen der por�sen Steine nahm und den hellen K�rper schrubbte, bis die Haut rot und weich war. Anschlie�end f�hrte Revanui sie aus dem Wasser, trocknete sie ab und �lte sie von Kopf bis Fu� ein. Und w�hrend sie mit Mary sprach, �ber die allt�glichen Dinge, auf die sie schon bald keine Reaktion mehr erwartete, richtete sie das hellbraune, schulterlange Haar und zupfte ihr die Augenbrauen. Mary r�hrte sich nicht, wenn Revanui ihr sagte, sie solle stillehalten, und sobald Revanui sie aufforderte, sich zu erheben, stand sie auf. Kein Wort kam �ber die Lippen, ihr Blick schien blind geworden zu sein. Willenlos lie� sie sich den Pareo um die H�ften und den Umhang um den Oberk�rper h�llen. �Wir wollen doch deine Haut vor der Sonne sch�tzen�, sagte Revanui jedes Mal zum Abschluss des morgendlichen Bades, bevor sie sich einhakte und mit Mary zur�ck zur H�tte schlenderte, um sie auf ihren angestammten Platz zu setzen. Dort sa� sie noch, wenn Owahiri zur�ckkehrte und den Leichengeruch in der Nase und auf der Haut mitbrachte.</p></section><section><title><p><strong>Tahiti, 2.�September 1786</strong></p></title><p>Anderthalb Monde verbrachten sie so miteinander, und als Owahiri eines Morgens aufwachte, stand Mary neben ihm. Er konnte nicht sagen, wie lange sie neben der Matte darauf gewartet hatte, dass er die Augen aufschlug.</p><p>�Wo ist er?�, fragte sie. Eine schlichte Frage, die Stimme kr�ftig, als h�tte sie sich in den letzten Tagen ausgeruht und w�re zu Kr�ften gekommen.</p><p>Owahiri erhob sich und f�llte Wasser in Schalen. �Du warst lange fort�, antwortete er.</p><p>�Ich wei�, und ich bin euch dankbar, dass ihr euch um mich gek�mmert habt.�</p><p>�Es war Revanui, ihr geb�hrt dein Dank. Ich hatte auf der Insel zu tun.�</p><p>Er sah sie an. Sie war zur�ckgekehrt. Ihr Gott hatte entdeckt, dass er ihren K�rper vergessen hatte, und sich zu dem Entschluss durchgerungen, ihm wieder Lebenswillen einzuhauchen. Auch�wenn sie schmal geworden war, stand sie doch aufrecht vor ihm.</p><p>�Bring mich zu ihm. Bitte.�</p><p>An der Lichtung beim Wasserfall stieg Owahiri auf eine Anh�he und zeigte auf einen Steinhaufen, aus dem ein Kreuz ragte. Zwei kr�ftigere �ste, die mit einem Band gegeneinandergebunden worden waren. Der Schatten eines Maulbeerbaumes wiegte sanft �ber den Steinen hin und her.</p><p>�Er mochte diesen Ort.�</p><p>�Haben eure Priester nichts dagegen, dass er hier liegt?�</p><p>�Sie haben andere Sorgen. Der Totengeist ist kaum zu bes�nftigen. Einen nach dem anderen holt er sich.�</p><p>Mary nickte und schritt auf das Grab zu.</p><p>Owahiri lie� sie alleine.</p><p>***</p><p>Ein Steinhaufen war ein Steinhaufen. Sich vorzustellen, dass er etwas mit Carl zu tun hatte, gelang Mary nicht. Eine Weile sa� sie neben dem H�gel, z�hlte die Steine, sah den flatternden Schatten zu und sp�rte das Gras, das, vom Wind gebogen, �ber die Haut ihrer Waden strich. Nichts in ihrem K�rper reagierte auf den Anblick der schwarzgrauen Steine und das anr�hrend schief gebundene Kreuz.</p><p><emphasis>Dass du ein Kreuz auf deinem Grab haben w�rdest, das h�ttest du dir nicht tr�umen lassen,</emphasis> dachte sie, als sie sich erhob und zum Strand hinunterlief.</p><p>Der Anblick der H�tte lie� Mary schlucken. Die Zunge lag trocken und pelzig in ihrem Mund. Zuerst war es ein Zupfen, ein leises Flattern im Leib, das mit jedem Schritt zunahm, und als sie vor der H�tte stand, war es zu einem rei�enden Ziehen angeschwollen. Es krallte sich in den Magen, presste auf die Lunge und machte ihr Herz hart wie eine geballte Faust.</p><p>Die Decke lag auf der Matte, das zerschnittene Hemd auf dem Boden. Und auf der Kiste, die Carl als Tisch genutzt hatte, stapelten sich verschiedene Schriften. Dicht beschriebene Bl�tter. Es war ihre Handschrift, doch der Inhalt der Zeilen war ihrer beider Werk. Niemand hatte die H�tte seitdem betreten, alles war noch an seinem Platz, so wie sie es zur�ckgelassen hatten. Sicher f�rchteten die Inselbewohner den Totengeist, der hier bereits einmal zugeschlagen hatte.</p><p>Mary kr�mmte sich. Etwas in ihr brach auseinander und zerfiel. Die H�nde, die sie eben noch gegen den Leib gepresst hatte, fuhren vor. Packten das erste Papier und rissen es durch. Aus einem Teil wurden zwei, aus zweien wurden vier. Das Ger�usch des Rei�ens brachte Erleichterung. Sie lie� die Papierfetzen fallen, fasste sofort nach dem n�chsten Blatt und sp�rte, dass mit jedem Riss, mit jedem Schnipsel, der zu Boden fiel, mehr Luft in ihre Lunge str�mte. Immer schneller riss und zerkn�llte sie, was sie zu packen bekam. Eines der B�cher. Die Seiten regneten nieder, doch der R�cken des Einbandes wollte sich nicht von den Buchdeckeln trennen. Sie warf ihn gegen das Bl�tterdach. Ihr Arm fuhr �ber die Kiste, wischte die restlichen Schriften und die Tasche mit den Instrumenten zu Boden. Die Schr�pfkugeln brachen, als sie diese mit den blo�en H�nden zerdr�ckte. Blut und Glas vermischten sich, als die Splitter sich in ihre Haut gruben. Mary lie� die Scherben zu Boden fallen.</p><p>Ihr Blick wurde unscharf. Kisten, gef�llt mit Gl�sern, die Gl�ser gef�llt mit Pflanzensamen, Erd- und Gesteinsproben. B�cher, Zeichnungen und gepresste Bl�ten. Larven, K�fer, Schmetterlinge. Federn, Muscheln, Werkzeuge und Waffen. Sammlungsst�cke aller Art und Geschenke, die sie erhalten hatten. Zeugnisse ihres Schaffens. Tote Zeugnisse ihres Schaffens. Alles Tand, wert- und bedeutungsloser Tand. Nichts davon lebte, konnte von den Stunden erz�hlen, nichts davon konnte sie in die Arme schlie�en, nichts davon konnte sie in W�rme h�llen, die den Schmerz ertr�glich machte.</p><p>Sie zerrte die vorderste der Kisten aus der H�tte durch den Sand hinab zum Wasser. Die Muskeln der schlaff gewordenen Arme traten hervor, und Kr�fte erwuchsen in ihr, die sie berauschten. Sie zog und zerrte, bis das Wasser ihr �ber die Knie reichte, sich die Wellen �ber dem Holz schlossen und die Konturen der Kiste verschwammen.</p><p>Die zweite Kiste war leichter und schneller zum Wasser gezogen. Ihr Atem ging sto�weise. Schneller, sie musste schneller machen und ihr Werk vollenden, um sich Ruhe zu verschaffen. Sie musste den Schmerz im Meer versenken.</p><p>Nichts hatte sie geh�rt au�er ihrem Atem, nichts hatte sie gesehen au�er den Kisten und dem Wasser. Pl�tzlich wurde sie gepackt, hart am Arm gepackt und mit voller Wucht in den Sand geschleudert. Zwei H�nde fassten nach der Kiste, an der erste Wellen z�ngelten, und schoben sie auf den Strand zur�ck. Mary schrie auf, flehte, dass er sie dort lassen solle.</p><p>Owahiri richtete sich auf, sein Blick war bedrohlich und lie� sie auf Knien im Sand verharren. Er lief ins Wasser, dem dunklen Fleck entgegen, der sich immer weiter vom Land entfernte. Als ihm das Wasser bis zu den Schultern stand, b�ckte er sich, und sein Kopf verschwand zwischen den Wellen. Einen Wimpernschlag sp�ter richtete er sich auf und stemmte die Kiste in die H�he. Wasser troff auf ihn herab. Das Holz war schwarz vor N�sse und gl�nzte im Licht.</p><p>Mary schnappte nach Luft. Sie hatte den Schmerz im Wasser versenkt, Owahiri holte ihn wieder heraus und trug ihn vor sich her. Direkt auf sie zu. Vor ihr lie� er die Kiste fallen, lie� die Schl�sser aufschnappen und hob jedes Teil aus der Kiste heraus, wischte es mit den H�nden ab und legte es behutsam in den Sand, dass die Sonne es trocknen konnte.</p><p>Ihr Schreien war verebbt, und nicht mehr als ein Schluchzen ab und an war geblieben. Das Rauschen des Windes in den Palmenbl�ttern, ein sanftes Pl�tschern der Wellen. In der Ferne rief ein Vogel.</p><p>�Was tust du, Mary? Du zerst�rst alles.�</p><p>Er sa� vor ihr, sein rechter Fu� verschwand im Sand, feine wei�e K�rner rieselten die dunkle Haut hinab.</p><p>�Steine und Pflanzen, sieh hin, das ist alles kalt und tot. Was soll ich noch damit?�</p><p>�Du wei�t, dass es nicht so ist.�</p><p>Er ergriff einen Umhang. Die gelben und roten Federn waren von der N�sse verklebt. <emphasis>Carls Augen haben geblitzt wie blankpolierte Sterne, als er ihn in den H�nden hielt.</emphasis></p><p>Eine Holzmaske tauchte vor ihren Augen auf. <emphasis>Die Holzmaske hat er vor sein Gesicht gehalten und mich damit gejagt. Geheult hat er wie ein Wolf, bis wir stehen bleiben und uns die Seiten halten mussten, die vor Lachen schmerzten.</emphasis></p><p>Owahiri legte die Maske beiseite und nahm ein geflochtenes Netz heraus. <emphasis>Darin hat er Fr�chte von einem Spaziergang mitgebracht. Er hat sie aufgeschnitten, und gemeinsam haben wir sie gegessen.</emphasis></p><p>Mary nahm eines der Vogeleier auf, wischte den Sand ab und lie� die Finger dar�bergleiten. <emphasis>Dieses Ei hat er selbst ausgeblasen. Seine Finger haben die Schale ber�hrt, sie gehalten.</emphasis></p><p>�Ich halte das nicht aus, Owahiri.�</p><p>�Ihr habt das zusammengetragen. Auch wenn du es wegwirfst, bleibt es bei dir.�</p><p>�Er hat mich gebeten, alles nach England zu schaffen.�</p><p>�Ja, du sollst allen Menschen davon erz�hlen. Ich wei� von Omai, dass die Menschen in eurem Land gern von Tahiti erz�hlt bekommen. Doch du h�rst nur, was jedes Teil dir erz�hlt. Du h�rst nur eure Geschichte heraus.�</p><p>Mary ergriff eines der Gl�ser, �ffnete es und sch�ttete die Samen heraus. Sie waren trocken geblieben.</p><p>�Es war sein letzter Wille. Nimm ihn an. Du hast eine Aufgabe.�</p><p>Owahiri half Mary auf die Beine. Gemeinsam liefen sie den Strand entlang, der H�tte, die sie mit Carl bewohnt hatte, entgegen.</p><p>Ein Knoten bildete sich in ihrer Kehle. Sie blieb stehen und sah, dass Owahiri zwei Matten holte. Er breitete sie im Schatten aus. �Es ist hei� geworden, lass uns ein wenig ausruhen�, sagte er. Er verschwand im Dickicht hinter der H�tte und kam mit zwei ge�ffneten Kokosn�ssen zur�ck.</p><p>Mary nahm einen Schluck. S��e breitete sich in ihrem Mund aus, k�hl rann ihr die Fl�ssigkeit die Kehle hinab. Der Knoten l�ste sich.</p><p>Owahiri streckte sich auf der Matte aus und schloss die Augen.</p><p><emphasis>Es war sein letzter Wille. Nimm ihn an.</emphasis></p><p>Der Wind bewegte sanft die Bl�tter des Baumes. Ein leises Rauschen, das sich mit dem immerw�hrenden Ger�usch der Brandung verband.</p><p>Im Sand vor ihnen zwei dunkle Flecken, zwei nasse Holzkisten und darum herum verstreute Erinnerungen.</p><p><emphasis>Du hast eine Aufgabe, Mary.</emphasis></p><p>Sie nahm einen weiteren Schluck des Kokosnusssaftes und wendete den Kopf. Die H�tte. Ohne Carl und doch mit Carl erf�llt.</p><p><emphasis>Es fehlt noch so vieles, um die Arbeiten abzuschlie�en, doch du hast Zeit. Niemand wei�, wann das n�chste Schiff kommt, auch wenn Carl darum gebeten hat, abgeholt zu werden. Also, was fehlt, um die Arbeit abzuschlie�en?,</emphasis> fragte sie sich und wusste sofort um die Antwort. <emphasis>Wir m�ssen�� ich m�sste die restlichen Inseln aufsuchen. Einen Abgleich der Vegetation erstellen.</emphasis></p><p>Es war ein Gedanke, ein Plan, ein Hinweis darauf, dass sich ihr Geist f�gte, dass er wieder seine T�tigkeit aufnahm. Es gab keinen Grund mehr, sich Carls letztem Wunsch zu entziehen.</p><p>Der R�cken wurde ihr schwer. Sie legte sich auf die Matte, sp�rte die W�rme und roch den Duft der Bl�ten.</p><p>�Owahiri, k�nnte ich in zwei Tagen ein Boot bekommen, um nach Raiatea �berzusetzen?�</p><p>�Nat�rlich. Wie lange werden wir dort bleiben?�</p><p>�Du willst mitkommen?�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�Es k�nnte einen, vielleicht zwei Monde dauern.�</p><p>�Gut. Sehr gut.�</p></section><section><title><p><strong>Atlantik, 4.�April 1787</strong></p></title><p>Sie hatte ihm nicht gefehlt.</p><p>Nur das Schreiben, das hatte ihm gefehlt.</p><p>Irgendwann hatte er bemerkt, dass er das Kratzen der Feder vermisste, wenn sie �ber das Papier strich, und den Geruch der Tinte, sobald er das Fass �ffnete. Aber es hatte nichts mehr gegeben, was noch zu beschreiben, zu beschriften gewesen w�re, nichts, was noch h�tte gez�hlt, vermessen oder gewogen werden m�ssen. Geblieben war ihm die stupide Arbeit an Deck. Wiewohl er nicht wusste, wor�ber er schreiben sollte, hatte er eines Abends Feder, Tintenfass und vier Bl�tter aus der Kiste geholt. Die Feder, das Fass und den Rest der Bl�tter, die Mary ihm nach Nats Tod neben die Koje gestellt hatte. Er hatte sich in die H�ngematte gehockt, um ungest�rt zu sein, und hatte begonnen, Reisenotizen anzufertigen. Inzwischen schrieb er regelm��ig in seiner H�ngematte, jeder wusste es, und niemand scherte sich darum. Die Narrenfreiheit hatten sie ihm gelassen, wenigstens die war ihm geblieben.</p><p>Vorsichtig zog er das Papier zwischen seiner Kleidung hervor und rollte das Tintenfass aus der Winterm�tze, in die er es zum Schutz geh�llt hatte. Das Papier war durch die Lagerung in den Stofflagen zerknittert. Seth fuhr �ber eine tiefe Falte, die sich unter dem Druck seines Fingers gl�ttete und danach sofort wieder erhob. Er wendete das Blatt, Vorder- als auch R�ckseite waren dicht beschrieben. Kurz �berflog er die Zeilen: <emphasis>Keiner hat mehr Lust, seine Arbeit zu machen. Seit wir Tahiti verlassen haben, sehen viele so aus, als w�ren sie seekrank. Ich glaube aber, dass sie verliebt sind und dass sie traurig sind, weil sie ihre Liebchen zur�cklassen mussten. Ich sehe auch so aus, als w�re ich seekrank, aber ich bin nicht verliebt. Ich bin immer noch w�tend. Auf diese --------.</emphasis></p><p>Es war ihm untersagt, Aufzeichnungen zu machen, und er musste damit rechnen, dass man ihm am Ende der Reise die Bl�tter abnahm. Kurz hatte er �berlegt, als er diese ersten Zeilen zu Papier gebracht hatte. Sie waren gut geschrieben. Nur das eine Wort, das hatte er vorsichtshalber entfernt. Es wusste auch so jeder, dass Mary eine L�gnerin war.</p><p>Weitere Berichte folgten. Von den menschenfressenden Maori, die sie aber nur aus der Ferne gesehen hatten. Aus Batavia, wo sie nur kurz Halt gemacht hatten, weil der Kapit�n bef�rchtete, man k�nnte sich, so wie es Cook und seiner Mannschaft ergangen war, in der Enge des �berf�llten Hafens Krankheiten einfangen. Die Beschreibung der Tafelberge hatte er schon in winzigen Buchstaben in die rechte untere Ecke des Papiers geschrieben, so eng, dass ihm die Tinte verwischt war. Auch die drei anderen Bl�tter sahen nicht anders aus.</p><p>Noch einmal ging er den Inhalt seiner Seekiste durch: die Feder, ein halbvolles Tintenfass und kein Papier. Er musste sich welches besorgen. Aber bei wem und wo? W�tend packte er seine M�tze, um das Tintenfass wieder hineinzulegen, als er eine wei�e Ecke unter dem zu klein gewordenen Hemd hervorlugen sah. <emphasis>Marys Brief</emphasis>, fuhr es ihm durch den Kopf. Er nahm ihn in die Hand. Es war ein gro�er, schwerer Umschlag. Vorne sein Name, hinten ein Wachssiegel. Er brach es auf und nahm den Inhalt heraus: ein Briefbogen und ein weiterer Briefumschlag, ebenfalls versiegelt und an Landon Reed in Plymouth adressiert.</p><p>Seth hockte sich auf seine Kiste, legte den Briefbogen und den Brief an Landon Reed in seinen Scho� und kratzte das Siegel vom Papier, bevor er den mit seinem Namen versehenen Umschlag aufzutrennen begann. Es sah zwar merkw�rdig aus, aber er hatte eine Seite Papier gewonnen. Zufrieden l�chelte er. Dann nahm er das einzelne Blatt aus seinem Scho� und faltete es auseinander. Es war ein Brief, an ihn gerichtet, der mit den Worten <emphasis>�Lieber Seth�</emphasis> begann. Dicht beschrieben war er, sodass hier kein Platz f�r seine eigenen Notizen blieb, doch die R�ckseite war leer. Innerlich jubilierte Seth. Drei Seiten, er hatte drei Seiten Papier gewonnen: sowohl die Vorder- und die R�ckseite des Umschlags als auch die R�ckseite des Briefes.</p><p>Kurz nahm er das Schreiben an Landon Reed in die H�he und tastete es ab. Hierin befanden sich mindestens zwei Bl�tter, so sehr w�lbte sich der Umschlag. Kopfsch�ttelnd stand er auf, legte ihn unanger�hrt in die Kiste und griff nach Feder und Tintenfass. Wieder setzte er sich auf seine Seekiste, kreuzte die Beine und strich das Papier glatt. <emphasis>Was soll ich notieren?</emphasis><strong>,</strong> �berlegte er und f�hlte sich feierlich, als die Tinte feucht auf der Feder gl�nzte. <emphasis>Wir haben vor wenigen Tagen das Kap der guten Hoffnung verlassen. Die See ist ruhig.</emphasis> Das war es noch nicht, nein, das konnte er besser formulieren. Doch das Ziehen in seinem Bauch lenkte ihn ab. Jedes Mal, wenn er an zu Hause dachte, wurde ihm flau. Es gab kein Zuhause mehr, und er wusste nicht, was geschehen w�rde, wenn sie in England anlegten. W�rde er in ein Waisenheim kommen? W�rde die Royal Navy oder das Navy Board Verwendung f�r ihn haben? Beide Gedanken verst�rkten den Druck im Bauch. Tinte tropfte von der Feder auf das Holz der Kiste, mit den Fingern wischte er sie in die Breite. Das Papier war immer noch wei� und unber�hrt. Nur an einigen Stellen, an denen Marys Tinte sich durchgedr�ckt hatte, waren schwarze Punkte zu erkennen, die sich verteilten wie Fliegendreck.</p><p><emphasis>Was hat sie wohl geschrieben? Egal</emphasis>, dachte er im selben Moment. <emphasis>Es ist mir gleich, was sie geschrieben hat!</emphasis> Der tintenverschmierte Daumen und Zeigefinger fuhren vor, packten den Brief und drehten ihn um.</p><p><emphasis>Lieber Seth,</emphasis></p><p><emphasis>ein Brief wird mir nicht die M�glichkeit geben, Dir ausf�hrlich zu erl�utern, was mich zu der T�uschung, die ich euch zugemutet habe, getrieben hat. Vielleicht verstehst Du es ein wenig, wenn ich es mit der Schreiberei vergleiche. Wie ich wei�, magst Du das Schreiben. Versuche Dir vorzustellen, man w�rde Dir das Schreiben verbieten. F�r immer. W�rdest Du nicht auch versuchen, wieder in den Besitz einer Feder und ein wenig Tinte zu kommen, um die Worte, die durch Deinen Kopf gehen, festzuhalten? So musst Du Dir meine Lage vorstellen. Ich liebe meine Arbeit, und ich durfte sie nicht aus�ben. Und so habe ich jeden Preis in Kauf genommen, um mein Ziel zu erreichen. Ich habe mein Ziel erreicht, zumindest f�r eine Weile, aber ich habe erst, als nichts mehr r�ckg�ngig zu machen war, einen Gedanken daran verschwendet, dass ich damit viele Menschen in meinem Umfeld vor den Kopf gesto�en habe. Zu Hause habe ich meine Lieben im Ungewissen zur�ckgelassen. Auf dem Schiff habe ich die Menschen, die sich blind auf mich verlassen haben, von Anfang an belogen. Ich habe viel Schuld auf mich geladen.</emphasis></p><p><emphasis>Seth, Du kannst kaum ermessen, wie leid mir all dies tut, aber ich bef�rchte, dass ich immer wieder so handeln w�rde. Ich wei� nicht, ob Du meinem Versuch einer Erkl�rung folgen konntest oder m�chtest, aber ich bitte Dich, mir zu erlauben, Dir ein Schreiben mitzugeben. Es ist an Landon Reed gerichtet, der ein Handelskontor in Plymouth betreibt. Da der Brief viele pers�nliche Gedanken enth�lt, habe ich ihn versiegelt. Bitte versteh das nicht falsch. Wichtig f�r Dich ist, dass ich ihn frage, ob er Dich in seinem Kontor zur Lehre aufnehmen kann. Ich habe Deine Leidenschaft f�r die Schreiberei, aber auch Deine Geduld, Deine Ausdauer, Deine Genauigkeit beschrieben und betont, dass Du ein sehr aufgeweckter junger Mann bist. Ich nehme an, die Navy wird nach Deiner Heimkehr f�r Dich sorgen, aber ob das in Deinem Sinne ist, kann ich nicht beurteilen. Eventuell nimmt Landon Reed dich in die Lehre, dann h�ttest Du eine Wahl.</emphasis></p><p><emphasis>Lieber Seth, ich w�nsche Dir aufrichtig das Allerbeste f�r Deine Zukunft und danke Dir von Herzen f�r die gemeinsamen Stunden, die wir miteinander verbracht haben. Nicht eine davon m�chte ich missen.</emphasis></p><p><emphasis>Deine Mary Linley</emphasis></p><p>Seths Kinn und Lippen zitterten. Langsam stand er auf und legte den Brief wie auch die Schreibutensilien in die Kiste zur�ck. Der Druck in seinem Bauch war unertr�glich geworden.</p></section><section><title><p><strong>Tahiti, 16.�Juni 1787</strong></p></title><p>Konzentriert zog sie den Stock durch den wei�en Sand, mit dem der Boden der H�tte ausgestreut war. In wackeligen Linien f�gte sich Letter an Letter, bis der Name T-U-P-A-I-A zu lesen war. �Ist das richtig so?�, fragte Revanui und schaute Mary an.</p><p>�Ja, so schreibt man den Namen deines Sohnes in unserer Sprache.�</p><p>�Sch�n sieht das aus.�</p><p>�Es ist auch ein sch�ner Name.�</p><p>Ein versonnenes L�cheln ging �ber Revanuis Gesicht.</p><p>Mary sah sich um. Owahiris Haus war gro�z�gig geschnitten, es ma� knapp vierzig Fu� an jeder Seite. Die Familie hatte Platz, mehr Platz, als ihr lieb war. Seit dem Fieber fehlten drei Mitglieder. Owahiris Mutter und zwei von Revanuis Schwestern waren der Krankheit erlegen. Sie hatten mit zu den letzten Opfern geh�rt, die sich das Fieber geholt hatte, als niemand mehr daran dachte, dass es noch einmal aufflackern k�nnte. Die leeren Schlafstellen, Revanuis verweinte Augen und Owahiris dumpfes Schweigen � der Schmerz hatte f�r Wochen eine Schneise in die Familie geschlagen, die un�berbr�ckbar schien. <emphasis>Aber sie haben noch ihren Sohn,</emphasis> dachte Mary. <emphasis>Jeden Tag k�nnen sie ihn in den Arm nehmen und den Geruch seiner sonnengew�rmten Haut und seines salzverkrusteten Haares riechen. Sie k�nnen erleben, wie er heranw�chst.</emphasis></p><p>Mit dem Stock zog Revanui die Linien der Buchstaben nach. �Vielleicht sollte ich mir diese Zeichen eint�towieren. Was denkst du?�</p><p>Mary nickte nur. Ihr Herz zog sich zusammen. Dass sie nach ihrer Genesung nicht in die H�tte am Strand zur�ckkehrte, war au�er Frage gestanden. Die Familie hatte sie aufgenommen, in ihre Mitte, und doch war sie eine Fremde geblieben. Owahiri, revanui, Tupaia � sie hatten einander. Und sosehr Mary den Gedanken daran mied, jede einsetzende Blutung f�hrte es ihr vor Augen: Sie hatte kein Kind von Carl empfangen, Monat um Monat wurde das Gef�hl der Leere in ihr erneut aufgerissen und drang aus ihr heraus.</p><p>Flugs wandte sie den Kopf ab und hielt das Gesicht in den Wind. Die Schmalseiten des Hauses waren offen und erm�glichten einen Ausblick, der �berw�ltigend war. Gen Norden konnte man den Strand einsehen und die t�rkisfarbene Lagune. Im S�den lag das Viapoopoo-Tal, in der Entfernung erhob sich der Orohena mit seinen Schluchten und grob aufragenden Felsen.</p><p>Das Schlimmste waren die N�chte, denn in ihren Tr�umen tauchten sie alle wieder auf. Carl, William, Henriette. Auch der Vater war ihr erschienen, und selbst von Landon Reed und James Canaughy hatte sie getr�umt. Immer wieder �hnelte sich die Szene: Die Lebenden und die Toten sa�en beisammen. In Plymouth, im Garten hinter dem Haus, neben dem wilden Wein. Der Tisch war gedeckt, nur ein Platz blieb frei, und gemeinsam warteten sie darauf, dass Mary zur�ckkam. Mehrfach war sie aus diesem Traum aufgeschreckt, auch in dieser Nacht.</p><p>Die Sonne stand im Zenit, als sie sich ersch�pft erhob und zu ihrer Matte hin�berging. Eine kleine Mittagsruhe w�rde ihr guttun. Tags�ber blieb ihr Schlaf seltsam traumfrei. Ihr Blick wanderte am Kap Venus entlang �ber das Riff hinweg.</p><p>Das Schiff war noch weit entfernt. Es w�rde dauern, bis es die Enge in die Bucht hinein passieren w�rde.</p><p>Sie legte sich nieder, schloss die Augen und schlug sie wieder auf.</p><p>Ein Schiff?</p><p>Ein Schiff!</p><p>Am Horizont war ein Schiff zu erkennen!</p><p>Ein Dreimaster mit Kurs auf die Insel.</p><p>Mary sprang auf und lief vor die H�tte, um besser sehen zu k�nnen. <emphasis>Egal, woher die Mannschaft kommt, sie muss mich mitnehmen. Selbst wenn sie mich in Batavia oder am Kap der guten Hoffnung absetzen, habe ich von dort immer noch mehr Chancen weiterzureisen.</emphasis></p><p>Ein ums andere Mal hatte sie den Plan im Kopf durchgespielt: Sobald ein Schiff auftauchen w�rde, musste sie die Arbeiten abbrechen und alles in Kisten verstauen. Sie wusste, es w�rde noch eine Weile dauern, bis die Mannschaft den Strand erreichte. Ihr blieb genug Zeit, ein Bad zu nehmen, das Haar zu �len und mit einem Stab im Nacken zusammenzustecken, den beigen, bodenlangen Rock anzulegen und das Schultertuch �ber das verbliebene, von ihr geschonte Hemd zu werfen. Rock und Tuch hatte sie, nachdem die Reiseausstattung zerschlissen war, in Anlehnung an die englische Mode aus dem Stoff der Tahitianer f�r diesen Augenblick, ihre Abfahrt, selbst gefertigt.</p><p>Noch einmal blickte sie zum Horizont.</p><p>Ihr blieb genug Zeit, einen kultivierten Eindruck zu erwecken.</p><p>Als ihr Fu� die Planke ber�hrte, wich die Besatzung der <emphasis>Challenge</emphasis> zur�ck. Schweigend r�ckte die Meute zusammen und nahm Mary von Kopf bis Fu� in Augenschein. Gut f�hlte sie sich, und ihr Auftreten war ruhig und sicher. Ihr Blick streifte die M�nner, und sie senkten die K�pfe oder sahen auf das Wasser hinaus.</p><p><emphasis>Die alten Geschichten, dass Frauen an Bord das Verderben mit sich bringen, sind lebendig und sicher im Vorfeld t�chtig beschworen worden,</emphasis> dachte Mary und musterte Kapit�n Fairbanks, der ihr den Arm reichte. <emphasis>Ohne Frage, er ist ein mutiger Mann. Es liegt auf der Hand, dass bei der kleinsten Begebenheit die Mannschaft aufbegehren und mir, der Frau an Bord, die Schuld an allen widrigen Vorkommnissen zuweisen wird. Flaute, raue See, verdorbenes Essen � alles werden sie mir zum Vorwurf machen. Und Fairbanks wird die Verantwortung tragen und seine M�nner zwingen m�ssen, sich dem Auftrag, mich nach England zu bringen, zu beugen.</emphasis></p><p>Die Seesoldaten trugen ihre Musketen geschultert. Sicherlich sollten sie die Mannschaft in Schach halten, bis Mary an Bord gekommen und ihr Gep�ck verladen worden war.</p><p>Eine G�nsehaut lief ihr den R�cken herab.</p><p>Es war still, zu still.</p><p>Kapit�n Fairbanks f�hrte sie auf das Achterdeck, und kaum waren sie au�er H�rweite der Mannschaft, sagte er: �Ihr werdet verstehen, dass ich darum bitten muss, dass Ihr Euch in erster Linie in der Kaj�te und in der Offiziersmesse aufhaltet. Das Deck betretet Ihr vorerst nicht ohne Begleitung eines Seesoldaten. Und wann diese Vorsichtsma�nahme endet, das werde ich entscheiden.�</p><p>Mary nickte. Sie schaute aus dem Fenster. Die Palmen winkten im Wind.</p></section><section><title><p><strong>Plymouth, 7.�September 1787</strong></p></title><p>Leise l�uteten die T�rglocken, als Landon das Kontor betrat. Kurz nickend eilte er am Pult des Vorstehers vorbei, der den Kopf hob und ihm einen Brief entgegenhielt: �Entschuldigt, Mr.�Reed, das hier wurde f�r Euch abgegeben.�</p><p>Er warf einen Blick auf die Schrift und verz�gerte den Schritt. Die B�gen und die Linienf�hrung, sie erschienen ihm vertraut. Er wendete das Kuvert. �Mary Linley� stand dort als Absender.</p><p>�Wer hat diesen Brief abgegeben?�, rief er durch das Kontor und hastete zum Pult des Vorstehers zur�ck.</p><p>�Ein Junge. Er wollte Euch sprechen, aber ich habe ihm erkl�rt, dass er wiederkommen kann, und wenn Ihr ihn dann zu sprechen w�nscht���</p><p>�Wann war der Junge da?�</p><p>�Das ist noch nicht lange her. Er hat noch eine Weile vor dem Kontor herumgelungert. Knapp f�nf Fu� hoch, blondes Haar, Sommersprossen.�</p><p>Landon riss die T�r auf und sah die Stra�e hinab. Reisedroschken, Postkutschen, fliegende H�ndler und Passanten dr�ngten sich hier aneinander vorbei. Dennoch erblickte er sofort einen Blondschopf, der nicht weit entfernt auf einer Mauer sa�, die Beine baumeln lie� und dem Treiben zusah. Zwei Frauen hatten seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen, nur kurz schaute er zum Kontor her�ber. Als ihre Blicke sich trafen, riss er die Augen auf, sprang von der Mauer und zog seine Jacke zurecht. Landon winkte ihm zu.</p><p>�Landon Reed�, sagte er, als der Junge vor ihm stand.</p><p>�Seth Bennetter.� Sein Oberk�rper deutete eine Verbeugung an. Wortlos drehte Landon sich um und betrat das Kontor.</p><p>Er hatte Tee servieren lassen und den Brief unge�ffnet auf den Tisch vor sich gelegt. Der Junge sa� auf der �u�eren Kante des Stuhles vor seinem Tisch und hielt seine M�tze in den H�nden. Unentwegt kneteten die Finger den Stoff. Der Blick der auff�llig blauen Augen huschte unruhig durch den Raum, zu ihm zur�ck, dann wieder auf den Brief, um erneut ins Zimmer zu entschwinden.</p><p>�Woher hast du diesen Brief?�</p><p>Der Junge zuckte zusammen.</p><p>�Den habe ich von Miss Linley. Wir waren gemeinsam auf der <emphasis>Sailing Queen</emphasis>.�</p><p>Auch wenn William Middleton von nichts anderem gesprochen hatte, auch wenn Landon unz�hlige Male den Gedanken durchgespielt und ihn irgendwann f�r m�glich gehalten hatte, traf ihn die schlichte Aussage wie ein Faustschlag. Er r�usperte sich. �So, Miss Linley�, er z�gerte und suchte die richtigen Worte, �Miss Linley ist also mit euch gereist. Das ist ja sch�n, wenn eine Frau mit an Bord eines Schiffes ist, oder?�</p><p>Das Gesicht des Jungen blieb ausdruckslos. �Ich wei� nicht�, murmelte er.</p><p>�Warum? Was meinst du?�</p><p>�Naja, sie war, naja, sie war erst ein Mann. In Tahiti haben es die Wilden bemerkt.�</p><p>�Dass sie eine Frau ist?�</p><p>Ein Nicken.</p><p>Landon beschloss, den Jungen nicht weiter mit seinen Fragen zu bedr�ngen. Er �ffnete den Brief. <emphasis>William Middleton, ich verneige mich vor dir, alter Mann</emphasis>, dachte er, <emphasis>du kennst Mary gut. Wirklich gut.</emphasis></p><p>Er faltete das Papier auseinander. Ein zweiter, kleinerer Umschlag fiel heraus, der an Henriette Fincher adressiert war. Wenn der Junge die Geschichte kennt, kennt sie auch die gesamte Besatzung der <emphasis>Sailing Queen</emphasis>. Sie wird schneller durch die Salons gehen als eine Pockenepidemie durch die Stadt. Ich muss Henriette und William informieren. Er seufzte, strich das Papier glatt und erkannte die feine, steilgeschwungene Handschrift, die immer wieder in den Schriften der Wunderkammer auftauchte.</p><p><emphasis>Lieber Landon,</emphasis></p><p><emphasis>dieses armselige Papier wird nicht ausreichen, das Schuldgef�hl, das ich Dir gegen�ber mit mir herumtrage, in Worte zu fassen. Ich habe eine Ahnung, was ich Dir angetan habe, als ich heimlich die Stadt verlie�. Doch ich musste diesen Schritt gehen, um meiner Berufung zu folgen. Tats�chlich ist es ist mir gelungen, wissenschaftlich zu arbeiten, mich durchzusetzen und f�r meine Leistung die entsprechende Anerkennung zu bekommen.</emphasis></p><p><emphasis>Es w�rde mich gl�cklich machen, Dir auch nur den Hauch einer Ahnung vermitteln zu k�nnen, welche Verzweiflung mich damals bewogen hat fortzugehen. Solltest Du mir nicht verzeihen k�nnen, so kann ich das verstehen, dennoch m�chte ich Dich bitten, Dir kurz die Zeit zu nehmen und den Brief bis zum Ende durchzulesen. Denn ich habe, auch wenn es unverfroren und vielleicht ein St�ck weit anma�end ist, eine Bitte an Dich.</emphasis></p><p><emphasis>Du hast diesen Brief � so hoffe ich � von Seth Bennetter erhalten, der als Schiffsjunge an Bord der Sailing Queen war. Er ist aufgeweckt und wissbegierig, vernarrt in das Schreiben, ein Talent im Rechnen und hat mir bei meinen Arbeiten geholfen. Ihn zeichnen Geduld und Akribie aus, und er ist ein Junge, der mit seinem Intellekt und seiner Gutherzigkeit sicherlich perfekt als Lehrling in Dein Kontor passen w�rde. Er hat ein schweres Schicksal erlitten: Auf der Reise verlor er Vater und Bruder. Seine Mutter verschied bereits vor der Abreise, und andere Verwandte sind ihm nicht bekannt. Auch wenn eine Laufbahn in der Seefahrt f�r ihn sicherlich einzurichten ist, vermute ich, dass dies nicht seinem Wunsch entspricht. Wenn Du Dir vorstellen kannst, den Jungen bei Dir in Lohn und Brot zu nehmen, dann w�rdest Du nicht nur mir ein gro�es Gl�ck bereiten, sondern sicherlich auch ihm.</emphasis></p><p><emphasis>Davon ausgehend, dass ich irgendwann die Heimat wieder erreiche, und darauf hoffend, dass Du dann noch mit mir sprichst, verbleibe ich mit dem gr��ten Dank f�r Deine Geduld, mit der Du�meinen Ausf�hrungen bis hierher gefolgt bist,</emphasis></p><p><emphasis>Deine Mary</emphasis></p><p><emphasis>PS: W�rdest Du den Brief an Henriette weiterleiten oder Seth bitten, ihn vorbeizubringen?</emphasis></p><p>Seth. Seinen Namen hatte der Kleine genannt, doch er war ihm bereits wieder entfallen. Seit er den Brief ge�ffnet hatte, hatte sich der Junge nicht mehr bewegt, den Tee nicht anger�hrt und den Blick nicht von seinem Gesicht genommen.</p><p>Landon wusste nicht, ob ihm zum Lachen oder zum Fluchen zumute war. Er wusste nicht, ob er Marys Bitte als unangemessen oder schlichtweg als ungew�hnlich, aber damit typisch f�r sie beurteilen sollte. Nochmals blickte er auf den Jungen und seufzte.</p></section><section><title><p><strong>Tahiti, 9.�September 1787</strong></p></title><p>Owahiri nahm die Kokosnuss, die mit Wasser gef�llt war, und sp�lte seine H�nde ab. Er reichte die Schale an seinen Bruder weiter, der sich ebenfalls die H�nde wusch, und erst dann begannen sie, schweigend zu essen. Gebackenen Fisch mit Bananen und Schweinefleisch hatten sie sich zubereitet, ein Gericht, das beide mochten, doch heute stocherten sie lustlos darin herum. Irgendwann schlugen sie die Bananenbl�tter �ber den Resten zusammen, schoben sie beiseite und wuschen sich erneut die H�nde. Noch immer hatten sie kein Wort gesprochen, es gab nichts zu sagen.</p><p>Owahiri streckte sich auf seiner Matte aus, verschr�nkte die Arme im Nacken und starrte in den Himmel, der sich tiefblau mit wenigen Wolken, die leicht zerfaserten, �ber ihn spannte. Die Kinder spielten, und der Wind zerriss ihr Gel�chter. Trotz der M�digkeit kreisten die Gedanken in seinem Kopf und lie�en ihn keine Ruhe finden.</p><p>Der Abschied von Mary lag bald drei Monde zur�ck und setzte ihm noch immer zu. So wie ihm jeder Abschied zusetzte. W�hrend die meisten Bewohner der Insel es begr��ten, wieder unter sich zu sein, blieb bei ihm ein schaler Nachgeschmack zur�ck. Auch wenn die Fremden l�ngst au�er Sichtweite waren, war immer etwas von ihnen zur�ckgeblieben. Die gew�lbten Leiber der Frauen, denen Kinder mit hellen Augen entschl�pften, legten nach jeder Abfahrt beredtes Zeugnis davon ab.</p><p>Auch nach diesem Besuch war erneut Streit um die Mitbringsel entstanden. Erst gestern war Tupaia mit einem Schuh nach Hause gekommen, wie ihn die Fremden trugen. Immer wieder hatte der Junge seinen Fu� hineingeschoben und versucht, damit zu laufen. Als seine Knie vom Hinfallen blutig geschlagen waren, hatte Revanui ihm den Schuh weggenommen. L�cherig war er gewesen und hatte so erb�rmlich gestunken, dass sie ihn wutentbrannt ins Feuer geworfen hatte. Tupaia hatte geschrien, seine kleinen H�nde zu F�usten geballt und versucht, seine Mutter zu schlagen. Owahiri wurde flau, als er das Bild vor seinem geistigen Auge noch einmal sah. Die Wut in den Augen des Kleinen hatte ihn zutiefst ersch�ttert.</p><p>Inzwischen sprach nicht nur Revanui davon, dass die Fremden ihr Untergang werden w�rden.</p><p>Ein unvorstellbarer Gedanke.</p><p>Inzwischen hatte auch er bemerkt, dass zunehmende Missgunst die M�nner und Frauen seines Volkes umtrieb. Sicherlich w�rden die Gem�ter sich beruhigen, die Mitbringsel w�rden irgendwann ihren Reiz verlieren und im Buschwerk landen. Auch die Kinder mit den hellen Augen w�rden heranwachsen wie alle anderen Kinder der Insel auch.</p><p>Ihn beunruhigte vielmehr der Gedanke daran, dass Mary und Carl Spuren hinterlassen hatten. Sichtbare Spuren wie ein mit Korallen bedecktes Steingrab und eine halb verfallene H�tte am Strand, die inzwischen von den Kindern zum Spielen genutzt wurde. Doch entscheidend waren die unsichtbaren Spuren, die sie in ihm zur�ckgelassen hatten. Die Leere, die er f�hlte, wenn er an die kommenden Tage dachte, machte ihn ruhelos. Keine Fragen mehr, keine Wanderungen durch unwegsame Lichtungen, keine Bootstouren auf die Inseln der Umgebung. Kein Austausch mehr �ber die unterschiedlichen Welten, aus denen sie kamen, �ber den Bootsbau, die Behandlung von Krankheiten und die Zubereitung von Speisen. Nirgends mehr w�rde er auf Mary treffen, die, ins Malen oder Schreiben vertieft, sein Kommen nicht bemerkte und aufschrak, sobald er neben ihr Platz nahm. Jeder Tag war anders, jeder Tag war anregend gewesen, und jetzt blieb ihm nichts als der Alltag.</p><p>Auch wenn die anderen Zeit und Ruhe brauchten, wieder in ihren Alltag zu finden, und die G�tter beschworen, es m�gen keine Schiffe mehr �ber das Meer gefahren kommen, die ihnen Krankheiten und Streit brachten, er w�rde warten. Darauf warten, dass erneut ein Schiff erschien, und er war sich sicher, dass eines auftauchen w�rde. Und wieder w�rden fremde Menschen die Insel betreten und seine Gedankenwelt bereichern.</p><p>Sehns�chtig fragte Owahiri sich, was die eckigen Wei�gesichter dann wieder an Anregung und Abwechslung mit sich bringen w�rden. Vielleicht, aber das galt es mit Revanui und Tupaia abzustimmen, w�rde auch er sich einmal auf einem der gro�en Schiffe nach England mitnehmen lassen.</p></section><section><title><p><strong>Plymouth, 10.�September 1787</strong></p></title><p>Sie schritten durch den Garten. Nur im Schatten lie� sich die ungew�hnliche Hitze ertragen, die der Herbst in diesem Jahr bereithielt. Selbst den V�geln schien es zu hei�, ihre Lieder zu singen, eine br�tende Stille lag �ber allem.</p><p>Mrs.�Fincher trug trotz der ungew�hnlichen Temperaturen ein hochgeschlossenes, dunkles Damastkleid, das mit feinen Ornamenten durchwirkt war. Die Jahreszeit hatte ihren Teint rosiger gemacht, der sanfte Farbton auf den Wangen nahm jedoch nicht die Strenge von ihren Z�gen.</p><p>�Was f�hrt Euch nach so langer Zeit zu mir?�, fragte sie, w�hrend sie stehen blieb und eine vertrocknete Bl�te aus einem Rosenbusch zupfte.</p><p>Kurz sah Landon sich um. Rosen, nichts als Rosenb�sche. Akkurat gestutzt und eint�nig nach Farben gepflanzt. Er r�usperte sich. �Mrs.�Fincher, ich habe um ein Gespr�ch gebeten, um Euch dies hier zu �bergeben.� Mit kalten Fingern zog er das Kuvert aus seinem Mantel.</p><p>An ihrem Blick sah er, dass sie die Schrift sofort erkannte. Den Brief r�hrte sie nicht an und zupfte stattdessen eine zweite Bl�te aus dem dornigen Busch.</p><p>�Sie lebt?�</p><p>Landon nickte.</p><p>�Gut�, fl�sterte sie. �Ich habe es gewusst.�</p><p>�Wenn Ihr den Brief erst einmal in Ruhe lesen m�chtet, k�nnen wir dieses Gespr�ch auch gern zu einem anderen Zeitpunkt fortsetzen.�</p><p>�Ich m�chte diesen Brief jetzt nicht lesen, ich m�chte wissen, woher Ihr ihn habt.�</p><p><emphasis>Das h�ttest du dir ausrechnen k�nnen, dass sie dich nicht einfach gehen l�sst, dass sie nachhakt. Es gibt kein Zur�ck, du wirst ihr jetzt die ganze Wahrheit sagen m�ssen.</emphasis> �Ein Schiffsjunge, der auf der <emphasis>Sailing Queen</emphasis> mitreiste, �berbrachte ihn mir. Dort hatte Mary angeheuert.�</p><p>Er z�gerte. <emphasis>Sag es ihr,</emphasis> beschwor er sich, <emphasis>du musst es ihr sagen.</emphasis> Kurz sog er die Luft ein und fuhr dann fort, ohne Mrs.�Fincher aus den Augen zu lassen. �Sie hat sich als Mann verkleidet. Als Gehilfe des Botanikers war sie t�tig, und noch immer scheint sie sich zu Forschungszwecken im Stillen Ozean aufzuhalten.� Er sp�rte die Brutalit�t seiner Worte und w�nschte, es langsamer angegangen zu sein. �ber Tage hatte er im Kopf die S�tze formuliert, behutsame Formulierungen, um ihr die Wahrheit beizubringen, und herausgekommen war eine sachliche und schonungslose Zusammenfassung der Umst�nde.</p><p>Jegliche Farbe war Henriettes Wangen entwichen. Sie starrte auf die wei�en Bl�tenk�pfe. Auf ihrem Hals hatten sich rote Flecken gebildet. �Sie ist�� Sie hat��� Kopfsch�ttelnd unterbrach sie sich.</p><p>�Mrs.�Fincher, es geht noch weiter. Sie wurde auf Tahiti enttarnt, und die gesamte Mannschaft kennt diese Geschichte. Ich f�rchtete schon, sie sei mir vorausgeeilt und h�tte Euch l�ngst erreicht.�</p><p>�Nein, das hat sie nicht. Doch das sind jetzt sehr viele Informationen auf einmal. Ich danke Euch daf�r, dass Ihr mir diese Nachricht �berbracht habt. Sollte ich noch Fragen haben, w�rde ich gern William nach Euch schicken, wenn es recht ist?� Sie trat auf Landon zu, nahm ihm den Brief aus der Hand und wandte sich ab.</p><p>William stand in der T�r zum Garten, als Landon sich dem Haus n�herte. �Braucht sie etwas?�, fragte er nur.</p><p>�Zeit wird sie brauchen, um die Neuigkeiten zu erfassen.�</p><p>William nahm den Blick nicht von der reglosen Silhouette vor den Rosenb�schen. �Es ist so, wie wir es angenommen haben, oder? Sie war an Bord, nicht wahr?�</p><p>Landon nickte.</p><p>�Dann m�ssen wir jetzt nur noch auf ihre R�ckkehr warten�, sagte William leise und l�chelte.</p></section><section><title><p><strong>Land�s End, 22.�Mai 1788</strong></p></title><p>Gnadenlos verbiss sich der Wind in der dicken Jacke und fuhr selbst noch durch die darunterliegenden Schichten w�rmender Wolle. Mary schlang die Arme um ihren Oberk�rper. Trotz der K�lte waren auch viele M�nner der Freiwache an Deck. Englands K�ste konnte augenblicklich auftauchen, und offensichtlich wollte kaum jemand die Ankunft in der Heimat verpassen.</p><p>Eines der Bramsegel riss mit einem knallenden Ger�usch auseinander. Lose flatterten die Stofffetzen im Wind. Am Tag zuvor hatte der Zimmermann erst einen Bruch in der Gro�mars notd�rftig geflickt. <emphasis>Das Schiff �chzt in jeder Planke. Die Masten sind morsch, die Segel k�nnen dem Wind nicht mehr standhalten. Wie wohl der Kiel aussieht? Von W�rmern zerfressen, und was noch nicht zerfressen wurde, ist durchgefault. Hoffentlich erreichen wir bald Land, dieses Schiff hat seinen Dienst getan,</emphasis> dachte Mary. Vor K�lte zitternd rieb sie die H�nde aneinander.</p><p>�Wir werden jeden Moment Land sehen k�nnen.� Kapit�n Fairbanks lehnte sich neben sie und st�tzte die Arme auf der Reling ab. Der Seesoldat, der, sobald Mary das Deck betrat, stets an ihrer Seite blieb, zog sich zur�ck. Auch nach den Monaten der gemeinsamen Reise, in denen sich die Mannschaft ihr gegen�ber vortrefflich verhalten hatte, lie� der Kapit�n nicht von dieser Anordnung ab.</p><p>In springenden Wellen jagte das Wasser blaugrau am Schiff vorbei. Nirgends waren �ste, ein gr��eres St�ck Holz oder gar ein Baumstamm auszumachen. Sie hob den Blick gen Himmel, der sich tief herabsenkte. Kein Vogel, kein Insekt. �Woher wisst Ihr so genau, dass bald Land zu sehen ist?�</p><p>Der Anflug eines L�chelns war in den Mundwinkeln des Kapit�ns erkennbar. �Diese Aussage ist das Ergebnis von Berechnungen, dem Lauf der Wellen, dem Geruch der Luft und meinem Gef�hl. Vielen Kapit�nen ergeht das ebenso. Sie sp�ren und riechen Land, bevor sie es sehen. Das bringt die langj�hrige Erfahrung mit sich.�</p><p>Der Segelmacher lief an ihnen vorbei, das Bramsegel unter dem Arm.</p><p>�Wollen wir hoffen, dass wir unsere Ankunft noch erleben�, sagte der Kapit�n. Er zwirbelte die Spitze seines Bartes und schaute Mary direkt an. �Genug der Scherze. Dass das Schiff in einem besorgniserregenden Zustand ist, wird Euch aufgefallen sein. Doch das soll nicht Eure Sorge sein.�</p><p>Er lie� die Bartspitze los, und der Wind riss die ineinandergedrehten Haare auseinander.</p><p>�Ich m�chte wissen, ob wir Euch, bevor wir in Plymouth einlaufen, von Bord bringen sollen? Vielleicht m�chtet Ihr erst einmal unerkannt nach Hause reisen.� Er griff sich wieder an seinen Bart.</p><p>�Lasst mich die Frage andersherum formulieren: M�chtet Ihr, dass ich fr�her von Bord gehe? Ist Euch der Gedanke unangenehm?�</p><p>Der Kapit�n sch�ttelte den Kopf. �Nein, da t�uscht Ihr Euch, es geht mir um Euer Wohlbefinden.�</p><p>Vor ihrem inneren Auge sah Mary die Kisten, die im Ladedeck einen Gro�teil des Raumes einnahmen. Pflanzen, Samen, Insekten, Felle, Gesteinsproben, Waffen und Gebrauchsgegenst�nde aus ungez�hlten Regionen dieser Welt. Skizzen, Zeichnungen und Texte, zum Teil noch von Carl aufs Papier gebracht. Ihr wurde warm ums Herz. Kostbarstes Gut, das sie nach Hause brachte und das sie nicht alleinlassen konnte. Tag f�r Tag hatte sie w�hrend der Heimreise am kleinen Tisch in ihrer beengten Kaj�te gesessen und weiter daran gearbeitet. �Habt Dank f�r Eure F�rsorge, aber ich m�chte in Plymouth von Bord gehen.� <emphasis>Ich werde es jetzt zu Ende bringen. Mit aller Konsequenz,</emphasis> dachte sie und zuckte zusammen, als zeitgleich der Ruf erscholl: �Land in Sicht!� <emphasis>Das ist das letzte Mal, dass ich diesen Ruf h�re.</emphasis> Sie schaute zum Horizont.</p><p>Der Kapit�n legte ihr die Hand auf die Schulter, dr�ckte sie und eilte davon.</p><p>Marys Augen brannten vom Wind und konnten doch nichts entdecken. Der Horizont blieb �de und leer.</p><p>�Da, da hinten. Es ist kaum zu erkennen.� Der Arm des Matrosen neben ihr fuhr vor und deutete in den Dunst.</p><p>Ein Schatten.</p><p>Ein farbloser Schatten, der erste Konturen annahm. Die Klippen von Land�s End sch�lten sich mit jeder Sekunde, die verging, deutlicher aus dem Grau heraus.</p><p>Unruhe brach aus. Ein Gro�teil der Mannschaft kletterte in die Masten, sodass Mary f�rchtete, das Schiff k�nnte topplastig werden. Trauben von M�nnern hingen in der windigen H�he, umklammerten die Wanten und lie�en den Schatten nicht aus den Augen.</p><p>Kein Gejohle ert�nte, keine M�tzen, die in die Luft geworfen wurden, keine Lieder, die angestimmt wurden. Regungslos schaute ein jeder aufs Wasser hinaus, der Heimat entgegen, und malte sich sein Wiedersehen mit der Familie und Freunden aus.</p><p><emphasis>Carl, was w�re gewesen, wenn wir gemeinsam die R�ckfahrt angetreten h�tten? Auch wenn ich weitergesammelt habe, wie viel prachtvoller w�re unsere Sammlung heute? Wie w�re es, jetzt deinen Arm zu sp�ren, mich gegen deinen w�rmenden K�rper zu lehnen. Sicherlich w�rden wir beide gerade jetzt gemeinsam daran denken, von nun an in der Gesellschaft als Paar aufzutreten. Sir Carl Belham und Miss Mary Linley. Vielleicht w�rden wir beide gerade jetzt daran denken, eine Familie zu gr�nden und das vermutlich erste Forscherehepaar der Welt zu werden.</emphasis></p><p>Ihre Finger gruben sich in die Hosentasche, sp�rten das kalte Metall des Medaillons, die feinen Linien auf dem Deckel, seine ovale Form. Ihre Hand schloss sich.</p><p><emphasis>Aber so ist es nun: Wir haben keine R�ckfahrt mehr angetreten. Ich komme allein, bin ohne dich schutzlos, und das werden sie mich sicher sp�ren lassen.</emphasis></p></section><section><title><p><strong>Plymouth, 24.�Mai 1788</strong></p></title><p>Sie strich noch einmal die W�sche glatt und richtete sich auf, senkte den Deckel der Kiste und schob die Schl�sser zu. Da war dieser unangenehme Druck in ihrem Hals, die Adern, in denen das Blut pulsierte, als w�ren sie zu klein geworden. Es war zu k�hl f�r das tahitianische Kleid, doch sie hatte keine Wahl. Das Haar trug sie zusammengebunden, der Mode entsprechend, die sie aus der Zeit der Abreise in Erinnerung hatte.</p><p>Bei Falmouth, als sie den Hafen passierten, hatte ein Dreidecker der K�nigsflotte beigedreht, die Zweiunddrei�ig-Pf�nder geladen und das weitgereiste Schiff mit Salutsch�ssen begr��t. Stolz hatte Mary in diesem Augenblick erf�llt. Stolz auf die Mannschaften der <emphasis>Sailing Queen</emphasis> und der <emphasis>Challenge</emphasis> und die gro�artigen Kapit�ne, die so anders waren als der Ruf ihres Berufsstandes. Und Stolz darauf, nach England zur�ckzukehren. Stolz, die Welt umrundet zu haben.</p><p>Wo war dieser Stolz geblieben? Selbst der Versuch, sich die Detonationen der Salutsch�sse, das leichte Vibrieren des Schiffes in Erinnerung zu rufen, bewirkte nichts. In ihr regte sich nichts. Durch das Bullauge konnte sie den Leuchtturm erkennen.</p><p>Musik ert�nte. Unz�hlige Menschen warteten im Hafen, winkten und suchten mit ihren Blicken das Deck nach ihren Liebsten ab.</p><p>Die Kette wurde herabgelassen, die Musik schepperte, schief und laut, ein liebevoller Gru�, der das Herz erw�rmte. Spitze Schreie von Frauen und Kindern ert�nten, M�nnerstimmen antworteten.</p><p><emphasis>Wie soll ich den Menschen dort drau�en gegen�bertreten? Wenn sie schon vor meiner Abreise nicht gewusst haben, was sie von einer Frau wie mir halten sollen, wie wird es ihnen dann jetzt ergehen? Wie soll ich Moral, Anstand und Etikette noch ernst nehmen? Sieht denn niemand, womit man sich hier belastet? Mit was f�r Unsinnigkeiten das Leben schwer gemacht wird?</emphasis></p><p>Mary strich das Kleid zurecht und legte den Umhang um. Sie konnte nicht ewig in der Kaj�te ausharren.</p><p>Kapit�n Fairbanks kam ihr entgegengelaufen, als sie das Deck betrat. �Ich suche Euch schon �berall�, rief er. �Darf ich bitten?� Er hielt ihr den Arm entgegen und f�hrte sie zur Laufplanke, die mit jedem Schritt auf und ab federte. Sie atmete tief durch, reckte den R�cken und hob das Kinn. Kurz darauf ber�hrte ihr Fu� festen Boden.</p><p>Englands Boden.</p><p>M�nner, die sie nie zuvor gesehen hatte, pr�chtig herausgeputzt, begr��ten den Kapit�n, darunter auch M�nner in Navy-Uniformen. Marys Puls schlug so derb und laut, dass sie ihn in ihren Ohren sp�rte und dass keine der Begr��ungen sie erreichte. Sie knickste, sie l�chelte, sie nickte. Das Einzige, was sie immer wieder verstand, waren Kapit�n Fairbanks� Worte: �Sir, das ist Mary Linley, Ihr h�rtet sicherlich bereits von ihr.�</p><p><emphasis>Das Begr��ungskomitee ist abgeschritten. Sie haben mich gehen lassen. Erst einmal. Ich habe etwas Zeit gewonnen,</emphasis> dachte sie wenig sp�ter und sp�rte das Zittern ihrer Knie.</p><p>Der Kapit�n schaute sie an. �Danke�, fl�sterte sie, dann drehte er sich um und verschwand, um einen der Honoratioren der Stadt zu begr��en.</p><p>Sie stand in der Menge, die Menschen dr�ngten an ihr vorbei, und niemand nahm Notiz von ihr. Vielleicht hielt man sie f�r die Ehefrau eines Offiziers, die man in Falmouth an Bord genommen und das St�ck hatte mitreisen lassen.</p><p>Ein Mann hob einen kleinen Jungen auf seine Schultern, eine Frau weinte, lachte und winkte. Kinder dr�ngten sich vorbei, um in den ersten Reihen bessere Sicht zu erlangen.</p><p>M�de war sie. Der Puls hatte das Rasen, die Beine das Zittern aufgegeben, und zur�ckgeblieben war nichts als bleierne M�digkeit. Wieder lie� sie ihren Blick schweifen. <emphasis>Niemand ist gekommen, um mich zu begr��en. Kein Wunder, woher sollen sie wissen, dass ich auf diesem Schiff bin? Dass ich lebe? Ich bin gestorben f�r sie, irgendwann in den letzten Jahren bin ich f�r sie gestorben. Wo soll ich mich hinwenden?</emphasis></p><p><emphasis>Henriette.</emphasis></p><p><emphasis>Mehr bleibt mir nicht, auch wenn sie mir sicherlich die T�r vor der Nase zuschl�gt</emphasis>. Den immer noch in den Hafen eilenden Menschen entgegen, schob sich Mary durch das Gedr�nge.</p><p>Es waren die Augen, die sie zuerst entdeckte. Die dunklen Augen, mit dem warmen, alles durchdringenden Blick. Kurz sahen sie einander an, dann schoben sich zwei eingehakte Frauen vor ihn und nahmen ihr die Sicht.</p><p>William. Er war es.</p><p>Mary dr�ngte zur Seite, stellte sich auf die Zehenspitzen und sah den winkenden Arm. Er hatte sie erkannt.</p><p>Den Rock angehoben, lief sie auf ihn zu. Die Falten hatten sich tief in seine Haut gegraben, das Haar war sch�tter geworden, und seine gesamte Erscheinung wirkte noch d�nner, fast hager. Aber er war es. William Middleton. Der warme Ton seiner Stimme umarmte sie: �Willkommen, Miss Linley. Darf ich Euch bitten, mir zu folgen.�</p><p>�William. Du bist hier. Wie geht es dir?� Sie blieb vor ihm stehen, lachte und legte ihre H�nde um seine und hielt sie fest. �Wo fahren wir hin?�</p><p>Das letzte Mal, dass sie Henriettes Haus besucht hatte, war zur Beisetzung des Onkels gewesen. Viel ver�ndert hatte sich seitdem nicht. Der Eingangsbereich hatte etwas Rustikales, etwas Warmes, Gem�tliches, so wie es der Onkel in seiner Bodenst�ndigkeit gern gemocht hatte.</p><p>William nahm ihr den Umhang ab, und sein Blick blieb an ihrem Kleid h�ngen.</p><p>�Das ist selbst gefertigt. Etwas anderes hatte ich nicht dabei.�</p><p>�Ich wei߫, sagte William, und Mary sp�rte, wie sich das Schuldgef�hl warm in ihrer Magengrube ausbreitete. Dann schritt er zur Fl�gelt�r am Kopf des Flures. �Bitte, tretet ein.�</p><p>Henriette sa� vor dem Feuer, in einem Sessel. Keine Handarbeit, kein Buch auf dem Scho�.</p><p><emphasis>Sie hat unsere Ankunft erwartet. Nein. Sie hat auf mich gewartet.</emphasis></p><p>Mary knickste. <emphasis>Was soll ich sagen? Wie geht es dir? Nichts als eine Phrase, so hohl und leer. Das kann ich nicht machen. Was erwartet sie von mir? Was erhofft sie sich zu h�ren?</emphasis> Nach wenigen Schritten blieb sie unschl�ssig im Raum stehen.</p><p>�So, da bist du wieder. Setz dich bitte zu mir�, sagte Henriette und winkte Mary heran. �William, gern w�rden wir einen Tee zu uns nehmen.�</p><p>Er nickte, schob den Stuhl zurecht und wartete, bis Mary Platz genommen hatte. Erst dann verlie� er das Zimmer.</p><p>Es war ein unangenehmes, ein betretenes Schweigen, das sich ausbreitete. Ein Schweigen, das sie nur mit ihren Blicken zu f�llen vermochten. Eine Ewigkeit erschien es Mary, in der die eine das Gesicht der anderen abtastete und dann doch nichts zu sagen hatte. Henriette war Henriette geblieben, und Mary war als Mary zur�ckgekehrt.</p><p>Irgendwann senkte Henriette den Blick und schaute auf ihre H�nde, die sie, wie zum Gebet ineinander verschr�nkt, im Scho� liegen hatte. Ohne den Kopf zu heben, ergriff sie das Wort: �Viele Menschen, die dir nahestanden, haben sich gro�e Sorgen gemacht. Aber was sage ich dir? Du bist eine kluge Frau, du wirst darum gewusst haben, und du hast es in Kauf genommen. Das war der Preis, den wir zahlen mussten. Ich hoffe nur, dass du erreicht hast, was dir wichtig war.�</p><p>�Ich werde das erkl�ren k�nnen und mich darum bem�hen, wiedergutzumachen, was ich angerichtet habe�, warf Mary eilig ein, und ihre Wangen begannen vor Scham zu brennen. Armselig klangen ihre Worte.</p><p>�Du wirst nichts wiedergutmachen m�ssen�, warf die Tante ihr m�de hin. �Ich habe jedem, der nach dir fragte, erz�hlt, dass du bei Verwandten in Colchester lebst. Und bei dieser Version m�chte ich bleiben: Du bist gerade wieder aus Colchester angereist.�</p><p>�Jeder wird erfahren, dass ich an Bord eines Schiffes war.� Mary sprang auf.</p><p>�Niemand wird sich daf�r interessieren, was ein paar versoffene und verdreckte Matrosen in ihren Kaschemmen von sich geben.�</p><p>�Nein, Henriette, es geht nicht darum, was ein paar Matrosen erz�hlen werden. Ich war an einer gro�en Forschungsarbeit beteiligt, und �berall, auf bald jedem Bogen, taucht auch mein Name auf. Man wird das nicht ignorieren k�nnen. Au�erdem habe ich die Aufgabe, die Ergebnisse dieser Arbeit der Royal Society zu �bergeben, und das werde ich tun.�</p><p>�Also geht es wieder nur darum, was du willst?�</p><p>�Nein, das ist ein letzter Wunsch, den ich jemand anderem erf�lle. Dem auf der Reise verstorbenen Botaniker Sir Carl Belham. Du hast mich gefragt, ob ich erreicht habe, was ich wollte. Ja, Henriette, ich konnte von Vater Abschied nehmen. Ich habe so viel erlebt und so viel gelernt und auch, was meine Arbeit betrifft, mehr erreicht, als ich mir je h�tte tr�umen lassen. Aber ich habe auch ebenso viel verloren. Auch ich habe meinen Preis gezahlt. Das Leben ist so verg�nglich, es ist so kostbar, zu kostbar, es mit L�gen zu verstellen, ich w�re in Colchester gewesen.� Sie biss sich auf die Lippen und f�hlte ihr Herz h�mmern.</p><p>Henriette blickte noch immer auf ihre H�nde und schwieg.</p><p>�Ich werde nicht leugnen, wo ich war. Das kann ich nicht. Daf�r ist zu viel geschehen.�</p><p>Die T�r �ffnete sich und William kam herein. Er trug ein Tablett, auf dem zwei Gl�ser mit goldbraun schimmerndem Tee standen und einen Hauch Behaglichkeit verbreiteten.</p><p>Henriette sah auf. �Gut, dann w�re ja alles gesagt. Lass mich nachdenken. William wird dir derweil dein Zimmer zeigen. Erfrisch dich bitte, im Schrank findest du W�sche und Kleider.�</p><p><emphasis>Es hat sich nichts ge�ndert,</emphasis> durchfuhr es Mary. Ihr wurde kalt.</p></section><section><title><p><strong>Plymouth, 27.�Mai 1788</strong></p></title><p>Als das Schiff am Horizont aufgetaucht war, hatte sich, wer laufen konnte, auf den Weg zum Hafen gemacht, um die Ankunft mitzuerleben. Best�ndig legten Schiffe in Plymouths Hafen an, auch weitgereiste. Selten war eines davon ein Grund, es mit besonderer Aufmerksamkeit zu bedenken. Doch ein Schiff, das von einer Expedition zur�ckkehrte, war eine Sensation, vielmehr ein Versprechen, dass in der Stadt �ber Wochen der Gespr�chsstoff nicht ausging. Was hatten die Seefahrer nicht ein ums andere Mal an Geschichten mitgebracht? Hinter vorgehaltener Hand Gerauntes von den ungez�gelten Leidenschaften der Wilden im Pazifik, entsetzliche Details aus der Cannibal Cove der Maori, die Menschenfleisch verspeisten, oder kaum Fassbares �ber Kapit�n Cooks grausamen Tod auf Hawaii. Kein Anwohner Plymouths wollte sich die Ankunft entgehen lassen, und Landon konnte es niemandem verdenken.</p><p>Auch in sein Handelskontor war ein Junge gest�rzt, laut hatte er die Neuigkeit ausgerufen, um sofort weiterzueilen. Schweigend hatten seine Angestellten zu ihm, dem Direktor, geschaut, hatten auf ein Wort gehofft, auf eine Schlie�ung des Kontors f�r einige Stunden. Die Blicke hatte er kaum ertragen, hatte die Korrespondenz ergriffen, und ein jeder hatte die Geste richtig gedeutet. Die K�pfe hatten sich gesenkt, und die Arbeit war wieder aufgenommen worden.</p><p>Er hatte sich an seinen Schreibtisch zur�ckgezogen und doch immer wieder den Blick aus dem Fenster geworfen. Aufs Wasser, auf den Hafen. Er hatte das Schiff gesehen, die Briefe festgehalten und sich nicht ger�hrt. Lange hatte er �berlegt, warum er nicht imstande war, die wenigen Schritte hin�berzulaufen. Wenige Schritte, die es bedurft h�tte, um sich zu �berzeugen, ob Mary Linley auf der <emphasis>Challenge</emphasis> mitgereist und wohlbehalten angekommen war. Es war keine Wut in ihm, aber auch das Gef�hl, das damals so dr�ngend in ihm gebrannt hatte, war erloschen.</p><p>Der Schmerz war verschwunden und mit ihm die Leidenschaft. Er war sich nicht sicher, was zur�ckgeblieben war. Freundschaft? Vorw�rfe?</p><p>Warum sollte er riskieren, gut verheilte Wunden wieder aufzurei�en?</p><p>Er konnte nicht sagen, wie viele Stunden er �ber den B�chern der Linleys verbracht hatte, wie sehr ihn die Materie begeisterte. Dieser Aspekt erschien ihm unstrittig, hier wusste er sehr wohl, dass er Mary jeden erdenklichen Respekt zollte. Doch der Hafen, das Gew�hl, der L�rm und die freudigen Begr��ungen erschienen ihm nicht als der richtige Rahmen, ihr zu sagen, dass er ihren Scharfsinn und ihr Wissen bewunderte.</p><p>Vielleicht hatte ihn auch die Angst abgehalten, dass sie mit einem Mann zur�ckkam, dass sie ihn nicht erkannte oder dass sie vor aller Augen abgef�hrt wurde. Es gab zu viele �ngste in seiner Brust, die Unruhe w�re unertr�glich gewesen. Das Wissen, dass William Middleton ihn aufsuchen und berichten w�rde, hatte seinen Teil dazu beigetragen, im Kontor zu verharren und sich nicht zu r�hren.</p><p>Und da stand er nun, der alte Mann. Direkt vor ihm und wartete darauf, seinen Bericht beginnen zu k�nnen.</p><p>Landon nickte ihm zu.</p><p>�Mr.�Reed, Miss Linley geht es gut, sie l�sst Euch herzlichste Gr��e ausrichten���</p><p>Leise �ffnete sich die T�r. Seth kam herein, mit vorgestreckten Armen trug er ein Tablett, auf dem zwei Tassen Tee standen.</p><p>William sah kurz auf und fuhr fort. �Sie ist bei ihrer Tante untergebracht.�</p><p>Die erste Tasse wurde auf dem Beistelltisch neben William abgestellt, und der silberne L�ffel klapperte auf der Untertasse.</p><p>Landon lehnte sich in seinem Sessel zur�ck und versuchte, den Abstand zu William zu vergr��ern. Aufmerksam musterte er ihn. <emphasis>Dieser alte Mann und ich, wir haben im Laufe der Jahre ein Verh�ltnis aufgebaut, das merkw�rdig ist. Warum lasse ich mich immer wieder auf ihn ein?</emphasis></p><p>Seth trat hinter den Schreibtisch und stellte die Tasse auf den Tisch. Die K�chin hatte Kekse gebacken und auf jeden Tellerrand einen gelegt. Landon griff danach, biss zu und lie� William nicht aus den Augen. Der Mann sa� aufrecht und rang die H�nde.</p><p><emphasis>Ihm geht jede Boshaftigkeit ab. Er handelt nach seinem Gef�hl und vergisst dabei die Etikette. Ich k�nnte boshaft sein und denken, er vergisst sie absichtlich. Vielleicht ist der Anstand ihm schlicht egal, wenn es um Mary geht. Ob er eigene Kinder hat? Erw�hnt hat er nie welche.</emphasis></p><p>William r�usperte sich. �Soweit die guten Nachrichten. Die schlechte Nachricht hat uns jedoch gleich heute am fr�hen Morgen erreicht: Miss Linley ist aufgefordert worden, vor der Royal Society zu erscheinen.�</p><p>Der Junge stand immer noch neben seinem Stuhl. Landon nickte ihm zu und beugte sich zur Schreibtischplatte vor. �Wann?�</p><p>�In drei Tagen. Man will ihr genug Zeit f�r die Anreise lassen. Ihr wisst, was das bedeutet?�</p><p>Eine Ahnung durchlief Landon, doch er sch�ttelte den Kopf. Seth r�hrte sich noch immer nicht von der Stelle, vielmehr starrte er William unentwegt an.</p><p>�Wenn die Royal Society ihre Arbeit nicht anerkennt�, William griff nach der Teetasse und umschloss sie mit den H�nden, �wird sie sich vor der Royal Navy verantworten m�ssen.�</p><p>Landon seufzte. Er hatte nicht einmal eine Vorstellung, welcher Taten man sie bezichtigen w�rde. Einen Anwalt konnte er empfehlen, aber das hatte Henriette Fincher sicher schon bedacht.</p><p>Sein Blick fiel auf den Jungen, der mit seinen d�rren, zum K�rper unverh�ltnism��ig langen Beinen zur T�r schlich und sie behutsam schloss. Landon wandte seinen Blick ab, stutzte und sah noch einmal zur T�r. Sie war wieder einen Spalt ge�ffnet worden und blieb angelehnt. <emphasis>Der Kleine lauscht,</emphasis> stellte er erstaunt fest und konzentrierte sich auf William. �Auch wenn sie wieder in der Stadt ist�, sagte er, �k�nnen wir nicht viel f�r sie tun. Richtet den Damen bitte aus, dass ich im Zweifelsfall einen guten Anwalt empfehlen kann.�</p><p>William erhob sich und zog aus seiner Brusttasche einen Umschlag. �Mrs.�Fincher bat mich, dies bei Euch abzugeben. Sie m�chte Euch in der kommenden Woche zum Dinner bitten. Zu Marys Begr��ung.�</p><p>Landon starrte auf den Umschlag und hob die Augenbrauen in die H�he. �Verzeiht die Indiskretion. Aber wie kommt es zu diesem Sinneswandel? Letzthin schien sie mir noch recht ungehalten �ber das Verhalten ihrer Nichte zu sein.�</p><p>William wiegte den Kopf. �Verstehe einer die Frauen. Vielleicht bleibt ihr nicht mehr, als die Flucht nach vorne anzutreten?� Spitzb�bisch l�chelte er. �Verzeiht den Scherz. Wenn Ihr ernsthaft nach meiner Einsch�tzung fragt, w�rde ich sagen, sie hat ihr gefehlt. Es war einfach zu still im Haus.�</p></section><section><title><p><strong>Plymouth, 28.�Mai 1788</strong></p></title><p>Mrs.�Finchers Haus war h�bsch anzusehen. Roter Backstein, Fenster mit Butzenrahmen, die in Wei� erstrahlten, und eine gelbe Eingangst�r, �ber der sich ein gl�serner Fensterbogen w�lbte. So ein Haus hatte sich seine Mutter zeitlebens gew�nscht. Seth entdeckte, dass die Kutsche bereits angespannt war. Er verfiel in einen Laufschritt, als sich die T�r �ffnete. Abrupt bremste er ab und blieb stehen. Er sp�rte, dass er die Augen aufriss und dass der Mund ihm offen stand. In Tahiti hatte er sie das letzte Mal gesehen, mit kurzem Haar, in Hemd und Hose. Jetzt trug sie ein Schultertuch �ber einem hellen Kleid. Eine Haube bedeckte ihren Kopf, unter der seitlich dunkle Locken hervorsprangen. So fremd sie ihm erschien, sie war es. Er setzte an, wollte sie rufen, bevor sie den Wagen bestieg. Doch immer noch wollte ihr Name ihm so schwer �ber die Lippen.</p><p>�Mary�, rief er, �Mary, warte!� Doch seine Stimme sackte weg. Er sog die Luft ein und br�llte mit aller Kraft: �Marc!�</p><p>Alle blickten zu ihm her�ber. Der alte Mann, der am Tag zuvor im Kontor aufgetaucht war, und die Frau, die in der T�r auf die Abfahrt wartete. Sie musste Mrs.�Fincher sein. Und Mary. Sie wirbelte um ihre eigene Achse. Ungl�ubig schaute sie ihn an, einen Wimpernschlag lang, bis sie einen Schrei ausstie� und ihm entgegenlief. Die Arme ge�ffnet, kam sie auf ihn zu.</p><p>Seth schloss die Augen und ertrug ihre Umarmung. Dann machte er sich frei und trat einen Schritt zur�ck. Sie war viel blasser, als er sie in Erinnerung hatte, und sie war geschminkt. Nur ein wenig, aber sie hatte Farbe auf den Augenlidern, den Wangen und den Lippen. Seth runzelte die Stirn, er hasste Schminke noch immer. Aber Mary war trotzdem h�bsch anzusehen, trotz der Schminke und des Gr�bchens im Kinn. Er konnte sich kaum noch vorstellen, dass er an ihrer Seite um die halbe Welt gereist war. Irgendwie erschien sie ihm verkleidet und fremd.</p><p>�Was machst du hier? Arbeitest du bei Landon? Geht es dir gut? Wie war eure Heimreise? Seit wann bist du wieder in England?� Ihre Fragen prasselten auf ihn ein, und erstaunt bemerkte er, dass er ihre ungeteilte Aufmerksamkeit ein klein wenig genoss. Immer noch lagen ihre H�nde auf seinen Armen. Sie schien ihn nicht loslassen zu wollen und musterte ihn eingehend. �Himmel, was bist du gewachsen, du bist fast so gro� wie ich. Ein stattlicher Mann wirst du werden.�</p><p>Seth wurde rot und trat einen Schritt zur�ck. <emphasis>Jetzt reicht es,</emphasis> dachte er und strich seine Jacke glatt<emphasis>.</emphasis> Wenn er etwas mehr hasste als Schminke, dann waren es Komplimente. Als er den Kopf hob, sah er, dass der alte Mann auf sie beide zukam. Die Zeit wurde knapp, Seth wusste, er musste sich beeilen.</p><p>Er zog den zinnernen Reiter aus seiner Tasche. �Ich habe ihn dir�� Ich habe ihn dir geklaut. Das tut mir so leid, aber er hat mir viel Gl�ck gebracht, und jetzt brauchst du ihn.�</p><p>Mary starrte auf die Zinnfigur und schloss die Finger darum. Dann blickte sie auf, und er sah die Tr�nen in ihren Augen.</p><p>Ihm wurde hei�. �Wirklich, ich sch�me mich, bitte verzeih mir. Ich bin kein Dieb. Ich war w�tend, ich wollte dich mit irgendetwas �rgern.�</p><p>Mit der Ecke ihres Umhangs tupfte sie sich die Augenwinkel trocken und lachte. �Ich freue mich so, dich zu sehen! Danke, dass du gekommen bist, und danke f�r den Gl�cksbringer. Er ist von Owahiri, und er wird mir helfen. Da bin ich sicher.�</p><p>Seth nickte und atmete auf.</p><p>�Wir m�ssen aufbrechen, wenn wir rechtzeitig ankommen wollen.� Der alte Mann war neben Mary getreten, hatte seine Hand auf ihre Schulter gelegt und schaute streng. Ob er ihn wiedererkannte, fragte Seth sich und wich den durchdringend blickenden Augen aus.</p><p>�Komm, bring mich schnell zur Kutsche und erz�hl mir, ob du bei Landon lernst�, sagte Mary und eilte dem alten Mann hinterher.</p><p>Mit zwei gro�en Schritten war er neben ihr. �Ja, der Direktor ist sehr nett. Er l�sst mich schon sehr viele Aufgaben �bernehmen, und ich habe eine eigene Kammer, in der ich wohne.�</p><p>Sie l�chelte. �Ich wusste es. Auch wenn er nicht mehr mit mir redet, er ist ein guter Mann.�</p><p>Ohne nachzudenken, beugte Seth sich vor. �Versprich mir, dass du mich nicht verr�tst, ja?�, fl�sterte er.</p><p>Neugierig kam Mary n�her.</p><p>�Er hat deine Wunderkammer aufgekauft und viele deiner B�cher gelesen�, fl�sterte er ihr zu. �Ich habe es gesehen. Erst lagerten die Kisten im Schuppen, sp�ter lie� er sie in den Keller des Kontors bringen. Dort bin ich hinuntergeschlichen und habe heimlich nachgeschaut. Dein Name stand in vielen B�chern. Es gibt viele Belege, so wie die, die wir auf der Fahrt angelegt haben. Sie sind gut erhalten, und die Kisten sind voll mit Sammlungsst�cken aller Art.�</p><p>Ihre Augen wurden rund. �Was sagst du da?�</p><p>Er nickte heftig. �Freust du dich?�, fragte er, und seine Augen gl�nzten.</p><p>Die Kutschent�r stand offen, doch Mary r�hrte sich nicht.</p><p>Flugs schaute Seth zu dem Mann und beugte sich erneut vor. �Bitte, glaube mir, er ist dir nicht b�se.�</p><p>Ihre Arme flogen in die H�he und schlossen sich um seinen Hals. Er sp�rte die kalten H�nde, die sich in seinen Nacken legten und seinen Kopf vorzogen. Ihre Lippen kamen n�her, um ihm einen Kuss auf die Stirn zu geben. Er schnappte nach Luft und schaute zu dem Mann, dann zu der Frau in der T�r. Ob sie das gesehen hatten?</p><p>Wortlos drehte Mary sich um und bestieg die Kutsche, die anfuhr. Sie schaute aus dem Fenster, hob die Hand, und ihre Finger deuteten ein Winken an.</p><p>�Ich w�nsche dir Gl�ck, Mary�, fl�sterte Seth und tastete nach seiner Stirn.</p><p>Es war Mittag, als er das Kontor betrat. Der Vorsteher verlor kein Wort, sah ihn nur an, hob den Daumen und zeigte hinter sich, auf das B�ro des Direktors.</p><p>Seth hatte gewusst, dass sein Fehlen nicht unentdeckt bleiben w�rde. Er hatte gewusst, dass es �rger geben w�rde, und trotzdem f�rchtete er sich nun, dem Direktor gegen�berzutreten.</p><p>Mit gesenktem Kopf betrat er das Zimmer und blieb neben der T�r stehen. Seine M�tze hielt er hinter dem R�cken, und die Finger kneteten den weichen Stoff.</p><p>�Du wei�t, dass ich dich daf�r sofort auf die Stra�e setzen kann?� Mr.�Reeds Stimme war ruhig und gelassen und lie� Seths Herz noch schneller schlagen.</p><p><emphasis>Warum kann er mich nicht anbr�llen und mir eine runterhauen?,</emphasis> fragte er sich.</p><p>�Jetzt komm schon her, oder willst du da hinten Wurzeln schlagen?�</p><p>Bis zum Tisch trat er vor, doch aufzuschauen traute er sich nicht. �Es tut mir leid�, sagte er leise.</p><p>Mr.�Reed lachte auf. �Das will ich hoffen. Wo warst du?�</p><p>Ihm wurde hei�. Er hatte sich keine Ausrede einfallen lassen. Was war er f�r ein einf�ltiger St�mper!</p><p>�Wo warst du? Ich erwarte eine Antwort. Von ihr wird das Strafma� abh�ngen.�</p><p>�Ich war bei Mrs.�Fincher. Also, bei ihrem Haus.�</p><p>�Verdammt noch mal, jetzt schau mich an, wenn wir miteinander reden. Was hast du da gemacht?�</p><p>�Ich wollte Miss Linley sehen.�</p><p>�Wie bitte?�</p><p>�Ich hatte noch etwas von ihr. Das wollte ich ihr wiedergeben.�</p><p>�Heute morgen? Du h�ttest es ihr nicht heute Nachmittag oder in drei Tagen vorbeibringen k�nnen?�</p><p>Seth bem�hte sich, Mr.�Reed in die Augen zu schauen, und sp�rte, dass seine H�nde feucht wurden. Noch fester packte er seine M�tze. �Nein, sie musste es haben, bevor sie nach London abreiste. Es sollte ihr Gl�ck bringen.�</p><p>�Gl�ck bringen?�</p><p>�Bei ihrer Vorladung, bei der Royal Society.�</p><p>Der Direktor lie� ihn nicht aus den Augen. Er lehnte sich zur�ck, langte nach der Schreibfeder und biss auf ihr herum. Das Schweigen war schlimmer als die bohrenden Fragen.</p><p>�Du magst sie?�</p><p>Seth nickte. �Sie war immer gut zu mir.�</p><p>Die Feder flog auf den Tisch. �Verschwinde, wir sprechen uns sp�ter.�</p><p>Seth gl�ttete Bestell- und Warenlieferscheine, kontrollierte Bogen um Bogen, z�hlte nach, hakte ab. Doch die Zeit dehnte sich, und das Warten schien kein Ende zu nehmen.</p><p>Als der Vorsteher an ihm vorbeilief, wieder den Daumen hob und wortlos in Richtung des B�ros zeigte, versp�rte er grenzenlose Erleichterung. Sofort sprang er auf, krempelte die �rmel aus, strich das Haar zur Seite und �ffnete die T�r.</p><p>Mr.�Reed stand am Fenster. �Ich mag es nicht, angelogen zu werden�, begann er. �Doch ich verstehe deine Begr�ndung, denn ich h�tte dir wahrscheinlich keinen freien Vormittag gew�hrt.�</p><p>Mit gesenktem Kopf lauschte Seth seinen Ausf�hrungen.</p><p>�Da ich dein Verhalten nicht dulden kann, m�chte ich wissen, was du als angemessene Strafe ansehen w�rdest?�</p><p><emphasis>Warum kann er mir nicht einfach wie Vater eine runterhauen? Warum ist das so schwierig mit ihm,</emphasis> fuhr es Seth erneut durch den Kopf. <emphasis>Was soll ich denn jetzt sagen?</emphasis> �Den Pferdestall�, platzte er heraus. �Ich k�nnte den Pferdestall ausmisten. Der ist gro�, da habe ich zu tun. Nach dem Feierabend, meine ich nat�rlich.�</p><p>Der Direktor wiegte den Kopf hin und her. �Das ist gut. Sag dem Stallburschen, dass er dann frei hat. Die Pferde kannst du gleich mitversorgen, wenn du ohnehin da bist.�</p><p>Ob er jetzt gehen durfte? Ob es damit schon ausgestanden war? Die Schultern sackten ihm vor Erleichterung nach vorn, als er sie sah, die winkende Hand, die ihm andeutete, das Zimmer zu verlassen. Er hastete zur T�r und fasste die Klinke.</p><p>�Seth, was machst du kommende Woche, am Mittwochabend?�</p><p>�Nichts, Mr.�Reed.�</p><p>�Ich bin bei Mrs.�Fincher und Miss Linley eingeladen. Willst du mich begleiten?�</p><p>�Ich? Euch begleiten?� Ihm brach die Stimme. Ein Klo� rutschte durch seinen Kehlkopf.</p><p>�Ja, ich denke, Miss Linley wird erfreut sein. Du musst ihr wichtig sein. Jedenfalls wird sie schon einen Weg finden, ihre Tante davon zu �berzeugen, dass ein Gedeck mehr aufgelegt wird.�</p><p>�Danke. Danke. Ich���</p><p>�Nun mach dich wieder an die Arbeit, und zieh dir an dem Tag ein frisches Hemd an, ja?�</p><p>Vor der T�r lehnte sich Seth gegen die Wand. <emphasis>Mittwoch werden wir gemeinsam an einem Tisch sitzen und zu Abend speisen. Wir werden uns an die Reise erinnern. Das wird sch�n, Mary.</emphasis> Seine Beine wankten, als er ins Kontor lief.</p><p>Kaum, dass er sich �ber seine Bestellscheine beugte, wurde ihm siedendhei�. <emphasis>Wer sagt denn, dass sie noch einmal nach Hause kommt? Was ist, wenn sie inhaftiert wird?</emphasis> Seine Hand zitterte, und ein Tintentropfen fiel von der Feder. Kreisrund sog ihn das Papier ein. Kurz blickte Seth sich um und legte die Feder ab. Bed�chtig faltete er die H�nde und schloss die Augen. <emphasis>Lieber Gott, bitte hilf uns. Besch�tze Mary, dass sie nicht ins Gef�ngnis muss, ja? Ich werde dir auf dem Heimweg auch zum Dank in St. Andrew�s eine Kerze anz�nden.</emphasis></p></section><section><title><p><strong>London, 30.�Mai 1788</strong></p></title><p>Sie hatte die Welt umrundet. Hier, in England, hatte sie nie zuvor auch nur den Weg von Plymouth nach London zur�ckgelegt. Nun zogen Stra�en um Stra�en am Fenster der Kutsche vorbei, vom Regen verschwommene Bilder. Im Hintergrund, rechter Hand, konnte Mary bald die Themse als silbern gl�nzendes Band erkennen. Linker Hand �berragte die bleierne Kuppel von St. Paul�s das D�chermeer. Dreihundertf�nfundsechzig Fu� hoch, f�r jeden Tag des Jahres einen Fu�, von einem verschwindend kleinen Kreuz in sanftem Gold gekr�nt.</p><p>Langsam lie� sie sich zur�cksinken. <emphasis>Du hast eine Aufgabe,</emphasis> beschwor sie sich. <emphasis>Du wirst hineingehen und ihnen deine Erkenntnisse pr�sentieren. Die werden sie dir nicht nehmen k�nnen.</emphasis></p><p>Der Wagen hielt an. William �ffnete die T�r, und Mary erblickte das Somerset House. Ein Palast, ein wei�schimmernder Palast des Wissens, aus grobem Portlandstein gebaut. Un�berschaubar mit seiner kaum endenden L�ngsfront und dem mittig platzierten Eingangsportal samt seinem flachen Spitzgiebel, dessen dar�berliegende Fensterfront von S�ulen eingefasst war. Der Wind umarmte sie, als sie aus dem Wagen stieg.</p><p>William nahm ihre Hand und hielt sie f�r einen Moment fest umschlossen. Seine Augen waren schwarz und gl�nzend, als h�tte er Fieber. Gern h�tte sie ihre nassen Finger noch einen Augenblick in seiner Hand gew�rmt, doch sie durfte nicht zu sp�t erscheinen. Sie versuchte, ihm ein L�cheln zu schenken, bevor sie sich dem Wind �berlie�, der sie kraftvoll dem Portal entgegenschob und ihren R�cken st�tzte.</p><p>Ein junger Mann nahm sie in Empfang und f�hrte sie durch das Entree, dem Gang auf Gang und T�r auf T�r folgten. Menschen eilten ihnen entgegen und verschwanden.</p><p>Vor einer Fl�gelt�r hielt der Mann inne. Erst jetzt bemerkte Mary, dass er aussah wie der kleine Bruder von Ebenezer Stone, dem Portier des Navy Board. Mit ebenjenem w�ssrigen Blick zeigte Ebenezer Stones Ebenbild auf die Fl�gelt�r. �Die Herrschaften erwarten Euch bereits�, sagte er. Dann legte er die in einem wei�en Handschuh steckende Hand auf die Klinke und schwang die Fl�gelt�r auf.</p><p>Mary r�hrte sich nicht. Ein Saal lag vor ihr, so gro�, wie sie noch keinen gesehen hatte. In U-Form angeordnete Tische, in der Mitte, weitm�glichst von der Stirnseite entfernt, ein Stuhl. Am Tisch M�nner jeden Alters, f�nfundzwanzig, vielleicht auch mehr. �ber den M�nnern wieder M�nner, die von ihren Portr�ts auf die Szenerie herabschauten.</p><p>Der Mann neben ihr h�stelte. Mary betrat den Saal und h�rte das Klappern ihrer Abs�tze auf dem gl�nzenden Parkett und das Schlagen der Fl�gelt�ren, die hinter ihr geschlossen wurden. Sie blieb stehen, fasste in den Stoff ihres Rockes, hob ihn leicht an und machte einen Knicks.</p><p>Die M�nner erhoben sich, nickten ihr zu und sanken wieder in ihre St�hle. Unergr�ndliche Blicke, die sie musterten, flogen durch den Raum. Der Mann, der mittig der Stirnseite seinen Platz hatte, blieb stehen. �Miss Linley, seid gegr��t. Wir m�chten Euch bitten, Platz zu nehmen.�</p><p>Diese Stimme kannte sie. Sir Joseph Banks. Er war pers�nlich erschienen, um �ber ihr Schicksal zu befinden. Hoffnung keimte in Mary auf. Er w�rde die Tragweite der Arbeit verstehen, er w�rde die Ergebnisse zu sch�tzen wissen. Die unz�hligen Belege des Herbariums, die Insektensammlung, die Gesteinsproben, das erweiterte Vokabularium, selbst in Fragen der Grammatik waren sie vorangekommen. Gemeinsam hatten sie Sir Banks� W�rterbuch mit nach Tahiti genommen, und nun w�rde sie es ihm erheblich ausgebaut wieder �berreichen. Auch die Aufzeichnungen zu den Ritualen der V�lker auf den Inseln des Stillen Ozeans waren umfassend. All das w�rde sein Interesse wecken. Sie atmete tief durch. <emphasis>Vielleicht wird alles gut</emphasis>, dachte sie.</p><p>Sir Joseph Banks wies auf den Mann zu seiner Rechten, der eine dick gepuderte Per�cke trug, die tief in seine Stirn hing. Eine Stirn mit einer Falte, die aussah, als w�re sie mit dem Messer zwischen die Augenbrauen gezogen.</p><p>�Jetzt m�chte ich das Wort Sir Wellington �bergeben�, sagte Banks und lehnte sich in seinen Stuhl zur�ck, legte die Arme �ber seinen Bauch und faltete die H�nde. F�r einen Wimpernschlag sah Mary ihn in der Loge eines Theaters in genau jener Position darauf warten, dass der Vorhang sich hob und das Schauspiel des Abends seinen Lauf nahm.</p><p>�Miss Linley�, sagte Sir Wellington und machte eine Pause. �Miss Mary Linley. Die Tochter von Francis Linley.� Er schob seinen Stuhl zur�ck, erhob sich und verschr�nkte die Arme hinter dem R�cken.</p><p>Wo sich eben noch Hoffnung ausgebreitet hatte, machte sich mit einem Schlag Entsetzen breit. Marys H�nde, die auf ihrem Scho� lagen, begannen so stark zu zittern, dass sie das leise Rascheln des Damast-Rockstoffes unter ihnen vernahm.</p><p>�So, so�, murmelte Wellington und lief links hinter den Beisitzern entlang, bog dann nach rechts, ohne den Blick von ihr zu l�sen. F�r einen Moment verschwand er aus ihrem Blickfeld, dann tauchte rechts neben ihr sein massiger Leib auf. Er schlug einen Bogen, umrundete sie, blieb an der inneren Stirnseite des Tisches stehen und lehnte sich gegen die Platte. Die Arme verschr�nkte er vor der Brust. �So sieht also die Frau aus, die K�nig Georg, die Royal Navy und nat�rlich auch uns zum Narren gehalten hat. Die sich unter Vort�uschung falscher Tatsachen, ohne eine Qualifikation den gut dotierten Posten eines Zeichners erschlichen hat, um�, Wellington atmete tief ein, �ja, um was? Was hatte eine Frau an Bord eines wissenschaftlichen Expeditionsschiffes zu suchen?�</p><p>Er schwieg und blickte auf Marys Finger, die sich in den Stoff ihres Beutels gruben und die Form des Medaillons und der Zinnfigur ersp�rten. <emphasis>Soll ich etwas sagen? War das eine ernstgemeinte Frage?</emphasis> �Sir�, setzte sie leise an, �mir ist bewusst, dass ich���</p><p>�So, Euch ist etwas bewusst? Euch ist das ganze Ausma� Eures Handelns bewusst? Euch ist bewusst, dass sich die Royal Society der Royal Navy gegen�ber wird erkl�ren m�ssen?� Wellington stie� sich vom Tisch ab und lief hinter sie.</p><p>�Und Euch ist bewusst, dass Ihr das Ansehen eines renommierten Forschers und seines Gehilfen, der auf dem besten Weg war, ein neuer Stern am Firmament der Wissenschaft zu werden, beschmutzt habt? Dass Ihr, man m�ge mir den Ausdruck verzeihen, zwei Narren aus ihnen gemacht habt, die offensichtlich nicht in der Lage waren, Mann von Weib zu unterscheiden?�</p><p>Die Hand war nicht nur nass, sie war eiskalt, als Mary sich damit �ber die Stirn fuhr. Wellington schwieg, und kurz hoffte sie, er w�re ans Ende seiner Schm�hungen gekommen. Sie wagte nicht, sich umzudrehen und ihn anzusehen.</p><p>�Ihr habt die M�nner der L�cherlichkeit preisgegeben. Das wisst Ihr?� Er war n�hergetreten, leise erklang die Stimme, dieses Mal direkt hinter ihr.</p><p>Sie schloss die Augen, und ihr R�cken fiel in sich zusammen.</p><p>�Habt Dank f�r Euren Vortrag�, ert�nte die Stimme von Sir Joseph Banks, �ich h�tte da auch noch gern einige Aspekte erl�utert.� Die Arme auf den Tisch gest�tzt, wartete er, bis Sir Wellington wieder neben ihm Platz nahm. �Miss Linley, gehe ich recht in der Annahme, dass Sir Belham nicht dar�ber informiert war, dass Ihr eine Frau seid, als man Euch anheuerte?�</p><p>Sie schaute auf den Boden und nickte.</p><p>Sir Wellington schnaufte auf. �Sag ich�s doch. Eine Betr�gerin ist sie�, rief er in den Raum.</p><p>�War Sir Belham�, fuhr Sir Joseph Banks unbeirrt fort, �dar�ber unterrichtet, dass Ihr eine Frau seid, als er mit Euch die Arbeit auf Tahiti aufnahm?�</p><p>Sie nickte. �Ja, das war er�, sagte sie, erleichtert, dass ihre Stimme in dem riesigen Saal nun deutlich zu vernehmen war.</p><p>�Warum, meint Ihr, nahm er Euch mit? Er h�tte Euch auch unter Kapit�n Taylors Obhut wieder gen Heimat reisen lassen k�nnen.�</p><p>�Sir, sicherlich wird Euch die Antwort verwundern. Er versicherte mir mehrmals, er w�rde meine Arbeit sch�tzen.�</p><p>�Worin bestand Eure Arbeit?�</p><p>�Durch meinen Vater erfuhr ich eine umfassende Ausbildung zum Botaniker���</p><p>�Wollt Ihr damit sagen, Ihr seid ein Botaniker?�, lachte Wellington auf.</p><p>�Nein, Sir, genaugenommen m�chte ich damit sagen, dass ich Botaniker<emphasis>in</emphasis> bin.�</p><p>Wellingtons Kinnlade klappte herunter. Einige der Beisitzer hatten sich zueinandergebeugt und fl�sterten miteinander.</p><p>�Vertraut mit den Systema Naturae�, Mary hob ihre Stimme, um die Unruhe im Saal zu �bert�nen, �und mit dem Verfertigen von Skizzen und dem Anlegen eines Herbariums, aber auch mit den Grundkenntnissen der Medizin versehen.�</p><p>Die Falte auf Wellingtons Stirn hatte sich vertieft, und erneut lachte er boshaft auf.</p><p>Sir Banks erhob die Hand, lie� sie flach auf den Tisch fallen und brachte die M�nner der Versammlung zum Schweigen.</p><p><emphasis>Nie h�tte ich gedacht, dass ich mich einmal so dar�ber freue, dass diese Hand auf einen Tisch f�llt.</emphasis> �Bei einer �berpr�fung der mitgebrachten Sammlungsst�cke k�nnt Ihr Euch gern davon �berzeugen�, fuhr sie fort. �Alle Schriften, Zeichnungen und Belege des Herbariums, die meiner T�tigkeit entstammen, sind mit meinem Namen gekennzeichnet. Auch die von mir zusammengetragenen Sammlungsst�cke sind mir zugeordnet. Darauf legte Sir Belham wert.� Sie legte ihre H�nde auf die Lehnen des Stuhls.</p><p>Wellingtons Kopf schoss vor, dass sein faltiges Kinn von einer Seite zur anderen schwappte. �Ihr hattet genug Zeit, auf der R�ckfahrt alles so vorzubereiten, um auch uns zu t�uschen.�</p><p>Sir Banks wiegte den Kopf. �Langsam, langsam. Wir sollten erst einmal in Betracht ziehen, dass Sir Belham diese Frau mit sich nahm. Wir sollten in Erw�gung ziehen, dass dies sein Entschluss war. Zudem�, er l�chelte, �kann ich mich daran erinnern, dass Miss Linley eine, nennen wir es ungew�hnliche erzieherische Aufmerksamkeit seitens ihres Vaters erhielt.�</p><p>Das Blut schoss Mary in den Kopf, und ihre Wangen wurden hei�.</p><p>Zwei M�nner lachten auf, und Sir Wellington kreuzte die Arme vor der Brust.</p><p>�Ja, ich halte es durchaus f�r denkbar, dass Miss Linley von ihrem Vater eine f�r M�dchen ungew�hnliche F�rderung erfuhr. Deshalb w�rde ich gern von den Anschuldigungen abgehen und zu der Aufstellung kommen, die der Royal Society von Euch vorgelegt wurde, in der Ihr die Sammlungsst�cke in einer �bersicht kategorisiert.�</p><p>Ihr Atem wurde flach, und das Bild verschwamm vor ihren Augen.</p><p>�Die Herren�, Sir Banks sah sich um, �wenn au�er mir noch jemand Fragen hat, bitte ich um Wortmeldungen.�</p><p>Mary folgte seinem Blick. Ein Arm hob sich, ein zweiter folgte. Sie richtete sich auf und bat um ein Glas Wasser. W�hrend sie einen Schluck nahm, erhob ein Mann, der unweit von ihr entfernt am linken Ausl�ufer des Tisches sa�, seine Stimme. �Miss Linley, mein Name ist Alexander Warden, Experte f�r landwirtschaftliche Fragen. Mich w�rde Eure Einsch�tzung zur Bedeutung der Brotbaumfrucht f�r die Landwirtschaft in den Kolonien interessieren.�</p><p>Sir Banks lehnte sich interessiert vor.</p><p>Mary nahm noch einen Schluck. <emphasis>Sie fragen mich, sie fragen mich um meine Meinung? Die gelehrten Herren sprechen mit mir �ber die Arbeit und fragen nach einer Interpretation der Ergebnisse?</emphasis> Die Gedanken flogen durch ihren Kopf, sprangen im Takt ihres Herzschlages und waren nicht zu b�ndigen.</p><p><emphasis>Ja, ich werde ihnen davon berichten.</emphasis></p><p><emphasis>Carl, ich habe die Ergebnisse unserer gemeinsamen Arbeit nach Hause gebracht. Jetzt ist der Moment, deinen Wunsch zu erf�llen. Man h�rt mir zu. Nun werde ich allen von unseren Erkenntnissen berichten. Das ist unser Erbe.</emphasis></p></section><section><title><p><strong>Plymouth, 3.�Juni 1788</strong></p></title><p>�Es wird Zeit aufzustehen. Du kannst unm�glich den halben Tag verschlafen.� Henriette �ffnete das Fenster und sperrte die Holzl�den auf. �Das Fr�hst�ck ist angerichtet, und die Zeitung wird dich interessieren.�</p><p>�Warum?�, fragte Mary und drehte sich auf die Seite. Die Anspannung der letzten Tage lag wie Blei in ihren Gliedern.</p><p>�Es wird �ber die Sammlung des Botanikers Sir Belham berichtet, die seine Gehilfin Miss Mary Linley nach seinem Tod nach Europa �berf�hrt hat.�</p><p>Mary fuhr in die H�he, und die Decke rutschte auf den Boden.</p><p>Henriette hob sie auf, legte sie neben Mary und setzte sich an den Tisch, der gegen�ber dem Bett vor dem Fenster stand. �Da werden so einige Damen und Herren recht erstaunt sein, wenn sie diese Zeilen lesen werden. Doch was soll es dich scheren? Dich wird beruhigen, dass niemand ein Wort dar�ber verliert, dass du noch von der Royal Navy geh�rt werden sollst.�</p><p>�Sir Banks wird diese Frage mit dem First Lord der Admiralit�t, einem Richard Howe, besprechen. Sie sind gute Freunde, und sie gehen am Wochenende gemeinsam angeln. Howe angelt gern. Und Sir Banks versicherte mir, dass eine Vorladung dann nicht mehr vonn�ten sein wird�, sagte Mary und zog sich fr�stelnd die Decke �ber die Beine.</p><p>�M�nner und ihre Seilschaften, doch in diesem Fall w�ren sie zu begr��en. Und wie wird es weitergehen?�</p><p>Mary musterte Henriette. Entspannt sa� sie auf dem Stuhl, die H�nde auf der Tischplatte abgelegt, und hielt ihrem Blick stand. Keine Ablehnung war in ihrem Gesicht zu erkennen, dennoch war Mary einen Augenblick lang versucht, der Frage auszuweichen und die Tante mit einer schwammigen Antwort hinzuhalten. Die Worte lagen ihr schon auf der Zunge, leicht w�rden sie ihr �ber die Lippen gehen. Dass sie nicht absch�tzen k�nne, wie die kommenden Wochen aussehen w�rden. Fr�h genug w�rde Henriette noch sehen, dass die Ankunft in Plymouth nicht das Ende ihrer Arbeit bedeutete. Die Kisten waren im Lager von Landon Reeds Handelskontor eingelagert worden. Sie mussten St�ck um St�ck ge�ffnet und gesichtet werden. Hatten die Sammlungsst�cke die Reise wohlbehalten �berstanden? Waren sie alle entsprechend erfasst und katalogisiert? F�r diese Arbeit w�rde sie einen Raum suchen m�ssen, der ihr Platz bot, einen hellen Raum mit trockener Luft, um ideale Arbeitsbedingungen zu haben. Erst nach Abschluss der �berpr�fung konnte sie die Belege, die Sammlungs- und Schriftst�cke der Royal Society �bergeben.</p><p>�Ich werde in den kommenden Monaten noch viel Zeit darauf verwenden, die Sammlung fertigzustellen�, sagte sie und wusste nicht, was sie dazu veranlasste. �Es sind noch l�ngst nicht alle Sammlungsst�cke ordnungsgem�� beschriftet und katalogisiert.�</p><p>Zu Marys Erstaunen nickte Henriette, als h�tte sie ebenjene Antwort erwartet. �Nun gut. Das werden wir sehen. Genug geschw�tzt, heute Abend erwarten wir G�ste. Und auf uns wartet vorab in diesem Haus jede Menge Arbeit.�</p><p>�G�ste?� Mary schwang die Beine aus dem Bett.</p><p>�G�ste, die dich gern begr��en m�chten, Menschen, die sich freuen, dich wieder bei uns zu haben.� Henriette �ffnete die T�r und hielt inne. Sie z�gerte. �Sag mal, du hast so viele Dinge von deiner Forschungsfahrt mitgebracht. Hast du dabei m�glicherweise an ein paar Samen f�r unseren Garten gedacht? Das w�re doch h�bsch, einige exotische Pflanzen zu ziehen.�</p><p><emphasis>Unseren Garten. Sie hat �unseren Garten� gesagt</emphasis>. In ihrem Rock aus derbem Wollstoff, den Hut zum Schutz gegen die Sonne tief ins Gesicht gezogen, sah Mary die Tante im Garten stehen. Sah, wie sie Furchen in die Erde zog und die Samen darin verschwinden lie�. Wie sie die Furchen schloss und Mary antrieb, die Saat zu w�ssern.</p><p><emphasis>Wir werden gemeinsam im Garten arbeiten.</emphasis></p><p>Der Knoten im Hals, gegen den Mary anschlucken musste, war gro�.</p><p>Zu gro�, um Worte passieren zu lassen.</p><p>Sie nickte und l�chelte.</p></section></section><section><title><p><strong>Anhang</strong></p></title><section><title><p><strong>Nachwort</strong></p></title><p>Inspiriert von der Biografie der franz�sischen Botanikerin Jeanne Baret, die im Jahre 1740 geboren wurde und wahrscheinlich 1803 starb, wurde die Geschichte der Protagonistin Mary Linley entwickelt.</p><p>Auch wenn die Erlebnisse der Romanfigur Mary Linley abenteuerlich wirken, wurde bei der Verarbeitung der historischen Fakten darauf geachtet, stets im realistischen Rahmen zu erz�hlen. Die Begebenheiten, seien es etwa die Reiserouten, die Lebensbedingungen an Bord oder auch der Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse, sind genauestens recherchiert, um ein Bild des Lebens im 18.�Jahrhundert und vor allem ein Bild von den Entdeckungsfahrten dieser Zeit zu vermitteln.</p><p>Das Leben der Jeanne Baret ist in Deutschland so gut wie unbekannt. Auch wenn ihr Schicksal in Frankreich gel�ufiger ist, l�sst sich feststellen, dass sowohl ihr Verdienst um die Wissenschaft als auch ihr Mut dem Vergessen anheimgefallen sind. Der Roman hat es sich zur Aufgabe gemacht, der Leserschaft eine Vorstellung davon zu verschaffen, welche Risiken diese Frau auf sich genommen hat, um ihren Traum zu leben. Und somit steht die Geschichte der Jeanne Baret stellvertretend f�r die Biografien von Frauen, die im 18. und 19.�Jahrhundert den gesellschaftlichen Vorstellungen vom klassischen weiblichen Rollenmodell trotzten und ihr Leben der Forschung widmeten.</p></section><section><title><p><strong>Portr�t Jeanne Baret</strong></p></title><p>1768 sticht das Schiff des franz�sischen Kapit�n Bougainville in See, um den S�dpazifik zu erkunden. An Bord befinden sich viele Wissenschaftler, darunter auch der Botaniker Commerson in Begleitung seines Assistenten Jean Bar�. Was keiner ahnt: Jean Bar� ist eine Frau. Sie ist ausgebildete Botanikerin, doch nur in M�nnerkleidung ist es ihr m�glich, wissenschaftlich zu arbeiten und die Welt zu erkunden.</p><p>Obwohl sie �ber Monate auf engstem Raum mit den Wissenschaftlern und Seeleuten zusammenlebt, mit ihnen die Mahlzeiten, Quartiere und Sanit�reinrichtungen teilt, gelingt es ihr, die T�uschung aufrechtzuerhalten.</p><p>Auf Tahiti wollen die Eingeborenen Bar� �die Ehren der Insel erweisen�. Die begleitenden Matrosen bef�rchten schlichtweg, dass der Kollege vergewaltigt werden soll. Sie verteidigen ihn und m�ssen erstaunt feststellen, was die Tahitianer sofort erkannt haben: Bar� ist eine Frau.</p><p>Kapit�n Bougainville zitiert Bar� zu sich, die sich als Jeanne Baret vorstellt. Doch ihn beeindrucken der Ehrgeiz und der Wille dieser Frau. In seinen Aufzeichnungen stellt er fest: �Sie wird die Erste ihres Geschlechtes sein, die den Globus umsegelt.�</p><p>Das Schiff reist weiter, und wenig sp�ter nehmen Commerson und Baret Abschied von der Mannschaft, um ihre Forschungen auf Mauritius und Madagaskar fortzuf�hren. Knapp f�nf Jahre sp�ter verstirbt Commerson, vermutlich an einem Fieber, im Alter von vierundvierzig Jahren auf der Insel Mauritius. Sein Testament bringt zutage, dass er Jeanne Baret selbst ausgebildet hat. Er stellt ihr sein Haus und die finanziellen Mittel zur Verf�gung, um die naturhistorische Sammlung zu ordnen und dem k�niglichen Cabinet des Estampes zu �bergeben.</p><p>Jeanne Baret erf�llt seinen letzten Wunsch. Sie l�sst die Sammlung nach Frankreich verschiffen, vollendet sie und schafft damit einen der wichtigsten Beitr�ge zur Botanik im 18.�Jahrhundert. Die Ehren werden posthum Commerson, aber auch � was ungew�hnlich war � Jeanne Baret, einer Frau, zuteil.</p></section><section><title><p><strong>Glossar</strong></p></title><p><emphasis>Achterdeck</emphasis> Hinterdeck des Bootes, meist ein Aufbau, in dem sich die Offiziersmesse befand</p><p><emphasis>Aderlass</emphasis> Ein seit der Antike angewandtes Heilverfahren, das seine Bedeutung erst im 19.�Jahrhundert verlor. Entsprechend der Viers�ftelehre glaubte man, das Gleichgewicht der vier k�rpereigenen S�fte (Blut, schwarze und gelbe Galle sowie Schleim) durch einen Aderlass wiederherstellen zu k�nnen.</p><p><emphasis>Amaryllis belladonna</emphasis> Diese Pflanzenart geh�rt zur Familie der Amaryllisgew�chse, die aus S�dafrika stammt.</p><p><emphasis>Back</emphasis></p><p>1.�Esstisch der Mannschaft</p><p>2. gro�e Sch�ssel aus Holz oder Zinn</p><p>3.�Aufbau auf dem Vordeck</p><p>4.�Leute, die an einer Back zusammen essen</p><p><emphasis>backbrassen</emphasis> Beim Backbrassen werden die Segel eines Schiffs so in Stellung gebracht, dass der Wind von vorn auf ihre Fl�che trifft. Dies verlangsamt die Fahrt des Schiffs.</p><p><emphasis>Backsvorsteher</emphasis> Vorsteher einer Back, also der M�nner, die sich einen Tisch und meist auch einen Topf zum Essen teilen</p><p><emphasis>Banks, Sir Joseph</emphasis> 1743���1820, englischer Naturforscher, der Cook bei seiner ersten Weltumsegelung begleitete. Er leitete die K�niglichen G�rten in Kews und war Vorsitzender der Royal Society.</p><p><emphasis>Bark, Kohlenbark</emphasis> Urspr�nglich ein Segelschiff mit drei Masten, das insbesondere im 18. und 19.�Jahrhundert als Frachtschiff genutzt wurde</p><p><emphasis>Bootsmann</emphasis> Der Bootsmann war verantwortlich f�r die �berwachung des Zustandes der Segel, des Tauwerks und der Anker.</p><p><emphasis>Bougainville, Louis Antoine de</emphasis> 1729���1811, franz�sischer Offizier, Seefahrer und Schriftsteller. Umsegelte als erster Franzose die Welt, sein Buch <emphasis>Reise um die Welt</emphasis> macht das idealisierte Bild der S�dsee-Insulaner als �Edle Wilde� popul�r.</p><p><emphasis>Bugspriet</emphasis> Eine �ber den Bug und das Galion hinausragende Spiere (Rundholz), die zum Abst�tzen des vorderen Mastes genutzt wird</p><p><emphasis>Chinarinde</emphasis> Der Chinarindenbaum (Cinchona) stammt aus S�damerika. Man sprach der Rinde des Baumes lange Zeit heilende Wirkung im Kampf gegen Malaria und Fieber zu.</p><p><emphasis>Cochenille</emphasis> Farbstoff, der aus der in Mittel- und S�damerika lebenden Cochenille-Schildlaus hergestellt wurde. In Europa wurde die Farbstoffmischung aus Kermes-Schildl�usen gewonnen.</p><p><emphasis>Cook, James</emphasis> 1728���1779, englischer Seefahrer und Entdecker, der drei Forschungsreisen befehligte, bei denen er den Pazifik vom s�dlichen Polarkreis bis zur Beringstra�e erkundete.</p><p><emphasis>Drehbasse</emphasis> Ein Gesch�tz mit kurzer Reichweite, das auf Schiffen eingesetzt und oft mit grobem Schrot, selten mit Vollkugeln geladen wurde</p><p><emphasis>Faden</emphasis> Ein in der Seefahrt noch genutztes L�ngenma�. Ein Faden entspricht 1,82�Meter.</p><p><emphasis>Fockmast</emphasis> Der vorderste Mast zwei- oder mehrmastiger Schiffe</p><p><emphasis>Fockrah</emphasis> Erste Rah am Fockmast, Rundholz, das quer zur Fahrtrichtung am Mast angebracht ist</p><p><emphasis>Forster, Georg</emphasis> 1754���1794, deutscher Naturwissenschaftler und Ethnologe, der James Cook bei seiner zweiten Weltumsegelung begleitete</p><p><emphasis>Forster, Johann Reinhold</emphasis> 1729���1798, deutscher Naturwissenschaftler und Ethnologe, der James Cook zusammen mit seinem Sohn Georg bei der zweiten Weltumsegelung begleitete</p><p><emphasis>Fregatte</emphasis> Im 18.�Jahrhundert werden Schiffe mit Vollschiff-Takelage als Fregatten bezeichnet.</p><p><emphasis>Fu�</emphasis> Eines der �ltesten L�ngenma�e, das heute mit 30,48�Zentimeter gleichgesetzt wird</p><p><emphasis>Galion</emphasis> Eine Plattform, die �ber den Bug hinausragte und von der aus ein Blinde-Segel bedient werden konnte</p><p><emphasis>Glasen</emphasis> Die vierst�ndige Wachschicht unterteilte sich in acht Glasen, die mit der Glasenuhr, h�ufig eine Sanduhr, gemessen wurde. Ein halbst�ndiger Glockenschlag gab die Zeit an, beim achten Glasenschlag war Wachwechsel.</p><p><emphasis>Glasphiole</emphasis> Ein Gef�� in Birnenform mit l�nglichem Hals</p><p><emphasis>Gouache</emphasis> Eine Maltechnik, bei der deckende und eher matte Farben aufgetragen werden</p><p><emphasis>Gro�mars</emphasis> Der Mastkorb am Hauptmast</p><p><emphasis>Gro�rah</emphasis> Die unterste Rah am Gro�mast bzw. Hauptmast</p><p><emphasis>Heberden, Thomas</emphasis> 1703���1769, Mitglied der Royal Society, Arzt und Botaniker, arbeitete u.�a. auf Teneriffa und in Funchal auf Madeira</p><p><emphasis>Herbarium</emphasis> Eine Sammlung von getrockneten Pflanzen und Pflanzenteilen f�r wissenschaftliche Arbeiten. Einzelne Pflanzen bzw. ihre Teile sind dabei als Einheit auf einem Bogen erfasst, der auch �Beleg� genannt wird.</p><p><emphasis>Howe, Richard</emphasis> 1726���1799, englischer Flottenadmiral, der sp�ter First Lord der Admiralit�t der Royal Navy wurde</p><p><emphasis>Hydrographie</emphasis> Teilbereich der Vermessungskunde, die sich mit Gew�ssern besch�ftigt</p><p><emphasis>Jolle</emphasis> Bezeichnung f�r kleinere Ruder- oder Segelboote. Die Jolle geh�rt zu den kleinsten Beibooten auf Schiffen.</p><p><emphasis>Kabelgatt</emphasis> Lagerraum f�r Werkzeug und Tauwerk</p><p><emphasis>Kalfatern</emphasis> Das Abdichten der Plankenfugen mit Werg</p><p><emphasis>Kalmus</emphasis> Eine aus Asien stammende Sumpfpflanzenart, die zur Gattung Kalmus geh�rt</p><p><emphasis>Kaltweh</emphasis> Sch�ttelfrost</p><p><emphasis>Kattun</emphasis> Festes Gewebe aus Baumwolle in Leinwandbindung, abgeleitet vom englischen Wort �cotton�</p><p><emphasis>Kava</emphasis> Eine im Pazifik entdeckte Pflanzenart aus der Gattung der Pfeffer. Die Inhaltsstoffe aus den Wurzeln und der Rinde sollen unter anderem Angstzust�nde mindern und eine schmerzstillende Wirkung haben.</p><p><emphasis>Komb�se</emphasis> K�che auf einem Schiff</p><p><emphasis>K�nig Georg III</emphasis> 1738���1820, K�nig des Vereinigten K�nigreiches Gro�britannien und Irland. Wegen seiner Naturbegeisterung erhielt er den Beinamen �Farmer George�.</p><p><emphasis>K�nigliche G�rten von Kews</emphasis> Einer der �ltesten botanischen G�rten der Welt in der N�he von London</p><p><emphasis>Kr�hennest</emphasis> Plattform oder auch Mastkorb an der Mastspitze</p><p><emphasis>Kr�ngen</emphasis> Wenn sich das Schiff auf die Seite neigt, spricht man von �kr�ngen�.</p><p><emphasis>Kriegsartikel</emphasis> Benennen die F�hrung von Offizieren und Seeleuten</p><p><emphasis>Linienschiff</emphasis> Schiffe, die im Gefecht hintereinander in einer Linie segelten, um gleichzeitig eine Breitseite feuern zu k�nnen</p><p><emphasis>Linn�, Carl von</emphasis> 1707���1778, schwedischer Naturwissenschaftler. Die Grundlagen der modernen Taxonomie (Linn�sches System) sind auf ihn zur�ckzuf�hren.</p><p><emphasis>Lot</emphasis></p><p>1.�Einheit der Masse, die zwischen 10 und 20�Gramm schwankte</p><p>2. in der Schifffahrt ein Ger�t zum Messen der Wassertiefe</p><p><emphasis>Mantelrock</emphasis> Knielange, enge Herrenjacke</p><p><emphasis>Masson, Francis</emphasis> 1741���1805, schottischer Botaniker, der im Auftrag der K�niglichen G�rten in Kews auf Forschungsreisen ging. Er reiste u.�a. im Jahr 1772 mit Kapit�n Cook bis nach Kapstadt, um dort zu Sammlungszwecken ins Landesinnere aufzubrechen.</p><p><emphasis>Muskete</emphasis> Gewehr mit langem Lauf, findet im 18.�Jahrhundert h�ufig Verwendung bei den Fu�truppen (Musketiere)</p><p><emphasis>Navy Board</emphasis> Das Navy Board war u.�a. f�r den Bau und die Ausr�stung der Schiffe sowie f�r den Betrieb der Werften in England verantwortlich.</p><p><emphasis>Niedergang</emphasis> Treppe, die von einem Deck ins daruntergelegene f�hrt</p><p><emphasis>Offiziersmesse</emphasis> Aufenthalts- und Speiseraum der Offiziere. Auf kleineren Schiffen ist der Kapit�n Mitglied der Offiziersmesse. Bei den Forschungsfahrten stand die Messe auch den Wissenschaftlern zur Verf�gung.</p><p><emphasis>Paracelsus</emphasis> 1493�/�4&#x200B; �1541, Theophrastus Bombast von Hohenheim, bekannt als Paracelsus, Arzt, Alchemist, Laientheologe und Philosoph. Er kritisierte die Viers�ftelehre nach Galen.</p><p><emphasis>Pelargonie</emphasis> Geh�rt zur Familie der Storchschnabelgew�chse, der Geraniaceae, weshalb sie im Volksmund auch als �Geranie� bezeichnet wird.</p><p><emphasis>Pier</emphasis> Kaizunge, die im rechten Winkel vom Kai aus ins Wasser reicht, um mehr Anlegepl�tze f�r Schiffe zu schaffen</p><p><emphasis>Pinasse</emphasis> Ein mit acht Einzelrudern, auch �Riemen� genannt, ausgestattetes, 10 bis 12�Meter langes Beiboot. Die Pinasse war das zweitgr��te Beiboot auf Segelschiffen.</p><p><emphasis>Pomeranze</emphasis> Eine Zitrusfrucht, die durch die Kreuzung von Pampelmuse und Mandarine entstand</p><p><emphasis>Porridge</emphasis> Ein Getreidebrei, der aus jedem beliebigen Getreide gekocht werden kann. Am h�ufigsten ist jedoch die Zubereitung als Haferbrei.</p><p><emphasis>Protea cynaroides</emphasis> Protea stammen aus S�dafrika und geh�ren zur Gattung der Zuckerb�sche.</p><p><emphasis>Purgieren</emphasis> Von lateinisch �purgare� f�r reinigen, einen d�nnfl�ssigen Stuhlgang haben oder ihn medikament�s verursachen</p><p><emphasis>Reinschiff</emphasis> Gr�ndliche Schiffsreinigung, die erst als beendet galt, wenn der Kapit�n mit den Arbeiten zufrieden war</p><p><emphasis>Rigg</emphasis> Bezeichnung f�r die Takelage</p><p><emphasis>Rousseau, Jean-Jacques</emphasis> 1712���1778, aus Genf stammender Schriftsteller, Philosoph, Naturforscher und Komponist. Er gilt als prominentester Vertreter der Ideen zum �Edlen Wilden�, dem Idealbild des Naturmenschen, der unverdorben fern von der Zivilisation lebt.</p><p><emphasis>Royal Navy</emphasis> Die Kriegsmarine Gro�britanniens</p><p><emphasis>Royal Society</emphasis> Eine Gelehrtengesellschaft, die 1660 zur F�rderung der Wissenschaften und der Forschung in London gegr�ndet wurde</p><p><emphasis>Scharpie</emphasis> Ein bis Anfang des 20.�Jahrhunderts verwendetes Verbandsmaterial</p><p><emphasis>Schnepper</emphasis> Auch �Schr�pfschnepper� genannt, ein Ger�t zum Anritzen der Haut</p><p><emphasis>Schraubentourniquet</emphasis> Um 1700 findet das Schraubentourniquet das erste Mal Anwendung: zum gezielten Abdr�cken der gro�en Arterien w�hrend der Amputation.</p><p><emphasis>Segelmacher</emphasis> Fertigt, repariert und wartet Segel und Planen von Segelschiffen</p><p><emphasis>Senkblei</emphasis> Ein Handlot, mit dem die Wassertiefe bestimmt werden konnte</p><p><emphasis>Skorbut</emphasis> Eine Erkrankung, die durch Vitamin-C-Mangel entsteht. Bis in das 18.�Jahrhundert hinein verlief die Krankheit oft t�dlich. <emphasis>Smutje</emphasis> Spitzname der Schiffsk�che, der sich vom Niederdeutschen �smutt � Schmutz� herleitet</p><p><emphasis>Solander, Daniel Carlsson</emphasis> 1733���1782, schwedischer Botaniker, der an James Cooks erster Reise teilnahm</p><p><emphasis>Spiere</emphasis> In der Seefahrt jede Art von Rundholz, hiervon ausgenommen sind nur die Schiffsmasten</p><p><emphasis>Strelitzie</emphasis> Geh�rt zur Familie der Strelitziengew�chse und wurde</p><p>1773 aus S�dafrika in Europa eingef�hrt <emphasis>S�dwester</emphasis> Kopfbedeckung der Seeleute, getragen zum Schutz vor Regen und Seewasser</p><p><emphasis>Systema Naturae</emphasis> Das Buch �Systema Naturae� von Carl von Linn� erschien 1735.�Es begr�ndet die biologische Systematik.</p><p><emphasis>Takelage</emphasis> Gesamtheit der Segel und Masten mit komplettem Zubeh�r zur Anbringung, Befestigung und Bedienung der Segel</p><p><emphasis>Topplastig</emphasis> Sobald der Schwerpunkt eines Schiffes zu hoch liegt, spricht man von �topplastig�. Ein topplastiges Schiff kann schneller kentern.</p><p><emphasis>Toppsgast</emphasis> Matrosen, die ihre Arbeit in den Masten verrichten</p><p><emphasis>verschalken</emphasis> Das Abdichten von Schiffsluken</p><p><emphasis>Waffendrill</emphasis> Eine �bungseinheit zur Waffenhandhabung bei Soldaten</p><p><emphasis>Wallis, Samuel</emphasis> 1728���1795, englischer Marineoffizier, der bei seiner Weltumsegelung Tahiti entdeckte</p><p><emphasis>Wanten</emphasis> Taue in quadratischer Anordnung, die die Masten nach der Seite abst�tzen</p><p><emphasis>Werg</emphasis> Aus altem Tauwerk gezupfter Faserstoff, der zum Abdichten von Hohlr�umen zwischen den Holzplanken genutzt wird</p><p><emphasis>Wunderkammer</emphasis> Im Barock entstehen im privaten Besitz Schatz-, Wunder-, Kuriosit�ten- bzw. Naturalienkammern. Die Sammlungen aus allen Bereichen der Natur und Kunst gelten als Vorl�ufer der heutigen Museen.</p><p><emphasis>Zwischendeck</emphasis> Das unter dem obersten durchlaufenden Deck befindliche Deck</p></section><section><title><p><strong>Danksagung</strong></p></title><p>Dass das Schreiben kein einsamer Prozess ist, habe ich bei der Arbeit an �Vom anderen Ende der Welt� erfahren d�rfen. Gro�artige Menschen haben die Entstehung des Romans auf vielf�ltige Weise begleitet, sei es als Freunde, Testleser oder mit ihren dramaturgischen Kenntnissen, ihren schriftstellerischen Erfahrungen, mit ihrer Kompetenz auf den Fachgebieten der Botanik, der Gesellschaft im 18.�Jahrhundert, der Medizin, der Medizingeschichte wie auch der historischen Schifffahrt. Jeder von ihnen hat auf seine Art seinen Teil dazu beigetragen, dass der Roman zu dem wurde, was er ist.</p><p>Deshalb m�chte ich mich an dieser Stelle ganz herzlich bei Frank Adam, Christiane B�r, Ines Barth, Stella Billert, Axel Breiter, Lisa-Marie Dickreiter, Matthias Ehrlicher, Monika Griffin, Faik Hasenfu�, Loni Heinze, Katrin und Carsten Knobloch, Lisa Kuppler, Charlotte Lyne, Dr.�Birgit Mory, Iris und Clemens Oeltjen, Kerstin Richter, Isabella Schmid, Barbara Slawig, Maike Stein und Jenny Zeller bedanken.</p><p>Auch meiner wunderbaren Agentin Dr.�Astrid Poppenhusen m�chte ich danken und den vielen engagierten Mitarbeitern des dtv, vor allem aber Hannelore Hartmann und Bianca Dombrowa, die dieses Buch erst m�glich gemacht haben.</p><p>Abschlie�end m�chte ich meiner gesamten Familie, das hei�t meinem Mann und meinem Sohn, meinen Eltern, meiner Schwester und ihrer Tochter sowie meinen Schwiegereltern und Gro�eltern danken, denn ohne ihre Liebe, ihr Vertrauen und ohne ihren einzigartigen R�ckhalt w�re das Schreiben nicht denkbar.</p></section></section></body><binary id="cover" 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