<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><book-title>Das letzte Zeichen 02 - Die Verschwundenen</book-title><author><first-name>Gemma</first-name><last-name>Malley</last-name></author><genre>antique</genre><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang></title-info><document-info><author><first-name>Gemma</first-name><last-name>Malley</last-name></author><program-used>calibre 0.9.43, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date>12.8.2013</date><id>3a44d03d-77ff-4adb-96f3-807506530304</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><year>2013</year><publisher>E-Books der Verlagsgruppe Random House GmbH</publisher></publish-info></description><body><section><p>Gemma Malley</p><empty-line/><p>Das letzte Zeichen</p><empty-line/><p>Die Verschwundenen</p><empty-line/><p>Aus dem Englischen von Gabriele Burkhardt</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><empty-line/><empty-line/><p>DIE AUTORIN</p><empty-line/><p><image l:href="#2"/></p><empty-line/><p>Foto: � Daniel Snyder</p><empty-line/><p>Gemma Malley wusste schon als Kind, dass sie sp�ter Autorin werden w�rde. Sie studierte Philosophie in Reading, wo sie sich einer Band anschloss, mit der sie in Frankreich und Japan auf Tournee ging. Anschlie�end arbeitete sie als Journalistin und Beamtin, bevor sie sich endg�ltig dem Schreiben zuwandte. Gemma Malley lebt mit ihrer Familie in London.</p><empty-line/><p>Weitere lieferbare Titel der Autorin bei cbt:</p><empty-line/><p><strong>Das letzte Zeichen</strong>
(30817)</p><empty-line/><empty-line/><p>cbt ist der Jugendbuchverlag</p><empty-line/><p>in der Verlagsgruppe Random House</p><empty-line/><p>1. Auflage</p><empty-line/><p>Deutsche Erstausgabe September 2013</p><empty-line/><p>Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform
� 2013 by Gemma Malley</p><empty-line/><p>Die englische Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel �The Disappearances� bei Hodder &amp; Stoughton, einem Teil der Hachette UK Verlagsgruppe, London.</p><empty-line/><p>� 2013 f�r die deutschsprachige Ausgabe bei cbj/cbt Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, M�nchen
�bersetzung: Gabriele Burkhardt</p><empty-line/><p>Lektorat: Monika Hofko, Scripta Literaturagentur M�nchen
Umschlaggestaltung: *zeichenpool, M�nchen
Umschlagmotiv: Shutterstock Images (Oksa, Silver Tiger)
Umschlaggestaltung: Basic-Book-Design, Karl M�ller-Bussdorf/init.b�ro f�r gestaltung, Bielefeld
KK � Herstellung: kw</p><empty-line/><p>Satz: EDV-Fotosatz Huber/Verlagsservice G. Pfeifer, Germering
ISBN: 978-3-641-09324-2</p><empty-line/><p><strong>www.cbt-jugendbuch.de</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>F�r Abigail und Johnnie</p><empty-line/><empty-line/><p>Im Krieg gelangt der Staat zu wahrer Gr��e: Er gewinnt an Macht, an Zahl, an Stolz und hat die absolute Herrschaft �ber Wirtschaft und Gesellschaft.</p><empty-line/><p>Murray Rothbard, 1963</p><empty-line/><empty-line/><p>Vorwort</p><empty-line/><p>Thomas sah seinen Chef herausfordernd an. �Der Typ ist ein Genie, und Sie wollen, dass ich ihn feure?�</p><empty-line/><p>�Er ist sechzehn. Mit sechzehn ist man kein Genie. Und selbst wenn, er ist noch ein Kind. Gib ihm ein paar Jahre, bis er erwachsen ist.�</p><empty-line/><p>Thomas bekam einen starren Gesichtsausdruck, wie immer, wenn er seinen Willen nicht durchsetzen konnte. Wen k�mmerte schon das Alter? Er selbst war erst neunzehn, und in der Computerwelt f�hlte er sich wie einer aus der alten Garde, der krampfhaft versuchte, mitzuhalten. Mit sechzehn war man kein Kind mehr. Mit sechzehn war man im besten Alter.</p><empty-line/><p>Aber niemand sonst begriff das. Alle sahen nur, dass das �Kind� sich aufplusterte, dass es sein Ding durchzog und sich nicht darum scherte, was die anderen dachten. Und dann war da noch der kleine Vorfall mit dem FBI �</p><empty-line/><p>Prosser setzte sein onkelhaftes L�cheln auf, mit dem er normalerweise jeden entwaffnete. �Er muss einfach noch ein bisschen erwachsen werden�, meinte er mit einem leichten Achselzucken. �Er muss lernen, dass wir uns nicht auf diese Weise in die Privatsph�re der Leute einmischen d�rfen. Wir halten uns hier an die Regeln.�</p><empty-line/><p>�Privatsph�re?� Thomas sah ihn ungl�ubig an. �Kapieren Sie denn nicht? Keiner k�mmert sich heutzutage noch um die Privatsph�re. Die gibt es nicht mehr. Und was diesen Burschen angeht � der ist allen um Jahre voraus. Er sagt uns nicht nur, was die Leute kaufen, er kann uns auch sagen, was sie denken und warum. Das ist die Zukunft. Um die Arbeit, die er heute macht, werden sich einmal alle rei�en.�</p><empty-line/><p>�Und trotzdem werden wir ihn gehen lassen�, sagte Prosser ruhig, aber bestimmt, mit dem unverwechselbaren Ich-bin-der-Boss-und-du-solltest-dich-lieber-daran-gew�hnen-Ausdruck im Gesicht, den Thomas so hasste. �Herrgott noch mal, er hat sich in FBI-Files gehackt!�</p><empty-line/><p>�Er hat dazu gerade mal f�nf Minuten gebraucht�, erwiderte Thomas und verschr�nkte die Arme. �F�nf Minuten, Prosser.�</p><empty-line/><p>Prossers Gesicht wirkte wie versteinert. �Sonst noch was?�</p><empty-line/><p>Thomas sch�ttelte den Kopf. Es hatte keinen Sinn. Prosser kapierte es einfach nicht und w�rde es nie kapieren. Die anderen sahen nicht, was Thomas sah, n�mlich dass in dem Verstand des Jungen die Zukunft lag, dass dessen unglaubliche Ideen alles revolutionieren w�rden. Die anderen erkannten nicht die unglaublichen M�glichkeiten, die sich ihnen dadurch bieten w�rden.</p><empty-line/><p>Sie waren blind.</p><empty-line/><p>Nur Thomas nicht.</p><empty-line/><p>Er drehte sich um und verlie� das B�ro seines Chefs. Sobald Prosser ihn nicht mehr durch die Glasscheiben seines B�ros sehen konnte, lief er rasch durch den Flur, die Treppe hinunter und �ber den Korridor, der zu seiner Abteilung f�hrte. Thomas �ffnete die T�r des Gro�raumb�ros, dem er vorstand, blieb ein paar Minuten stehen und beobachtete den Jungen, das Genie. Dieser surfte gerade auf Websites mit Autos, mit Luxusautos. Thomas hatte ihn eigentlich noch nie richtig arbeiten sehen, und einen Moment lang war er fast neidisch, weil er und der Junge anscheinend so wenig gemeinsam hatten; weil Arbeit f�r Thomas st�ndige Plackerei bedeutete, um vorw�rtszukommen. Aber der Junge � Der lebte in einer ganz anderen Welt als Thomas. Wer so begabt war, dessen Arbeit wurde nicht in Stunden oder Minuten gemessen, sondern nach Produktivit�t bewertet. Er konnte in einer Minute mehr leisten als andere in einer ganzen Woche. Thomas hatte ihn monatelang beobachtet und ihm gleich, nachdem er die Schule beendet hatte, eine Arbeit angeboten, damit er Berufserfahrung sammeln konnte. Und nun sollte er ihn verlieren? Nein, ausgeschlossen.</p><empty-line/><p>Vorsichtig ging Thomas zu dem Jungen hin. �Na, wie l�uft�s denn so?�, fragte er.</p><empty-line/><p>Der Junge zuckte die Schultern. �Ganz gut.� Er klickte die Mercedes-Website weg und widmete sich wieder seiner eigentlichen Arbeit, dem Programmieren.</p><empty-line/><p>Thomas nickte, zog einen Stuhl heran und setzte sich. �Wie lange noch bis zum Start?�</p><empty-line/><p>�Start?� Der Junge sah ihn sp�ttisch an, aber Thomas lie� sich nicht verunsichern. Die meiste Zeit seines Lebens war er verspottet, ignoriert und ausgelacht worden; man hatte ihn als Trottel, Streber und dergleichen beschimpft. Aber das k�mmerte ihn jetzt nicht mehr. Es war ihm nicht mehr wichtig, cool und beliebt zu sein. Wenn man Macht hatte, spielte es keine Rolle, ob die Leute einen mochten. Und er w�rde Macht haben. �Unser kleines Projekt�, sagte er. �Das Programm, �ber das wir gesprochen haben. Wann ist es fertig?�</p><empty-line/><p>Der Junge zuckte die Schultern. �Ich hab doch schon gesagt, das wird nie was.�</p><empty-line/><p>�Nie?� Thomas sp�rte, wie sich sein Magen zusammenzog. �Wie kannst du so etwas sagen, nat�rlich wird es was. Wie lange brauchst du? Brauchst du mehr Hilfe? Ich kann dir Hilfe beschaffen.�</p><empty-line/><p>�Es hat wirklich keinen Sinn�, meinte der Junge, und es schien ihm gar nichts auszumachen. Wie konnte er nur so gleichg�ltig sein?</p><empty-line/><p>Thomas r�usperte sich. �Nat�rlich hat es einen Sinn. Was du hier machst, ist unglaublich. Mehr als unglaublich. Es muss unbedingt umgesetzt werden. Die anderen verstehen das nicht, aber ich schon. Ich werde dich aus eigener Tasche bezahlen. Arbeite f�r mich. Ich richte dir ein B�ro ein, wo du willst ��</p><empty-line/><p>Der Junge seufzte, drehte seinen Stuhl herum und sah Thomas ins Gesicht. �Vergiss es, Thomas. Sieh mal, es hat Spa� gemacht, aber mir ist klar, dass man mich hier raushaben will. Das ist schon okay. Und der Tee schmeckt sowieso schei�e. Man braucht eine Teekanne und frische Teebl�tter.�</p><empty-line/><p>�Ich besorge alles�, sagte Thomas und versuchte, sich seine Verzweiflung nicht anmerken zu lassen. �Du musst deine Arbeit zu Ende bringen.�</p><empty-line/><p>�Warum?� Der Junge durchbohrte Thomas mit seinem Blick, als k�nnte er dessen Gedanken lesen.</p><empty-line/><p>Entt�uscht erhob sich Thomas von seinem Stuhl. �Weil wir uns einig waren. Weil es eine gro�artige Idee ist. Und weil du einen Vertrag unterschrieben hast�, erkl�rte Thomas mit ruhiger Stimme. Der Vertrag war ein Wagnis gewesen, aber der Junge hatte ihn bereitwillig unterschrieben, nachdem Thomas ihm den Zugang zum gesamten Infotec-Server versprochen und ihm volle Handlungsfreiheit zugesichert hatte. Wochenlang hatte er Ausreden erfunden, wenn der Junge Mist baute, und den Kopf f�r ihn hingehalten, und das hatte er nicht aus reiner Herzensg�te getan.</p><empty-line/><p>Der Junge schien das nicht vergessen zu haben. �Ich wei߫, erwiderte er. �Aber wie gesagt, es funktioniert nicht. Bis sp�ter.�</p><empty-line/><p>Der Junge stand auf. Thomas musste sich beherrschen, um ihn nicht wieder auf den Stuhl zu dr�cken.</p><empty-line/><p>�Okay�, sagte er stattdessen und versperrte ihm den Weg, um etwas Zeit zu gewinnen und um Luft zu holen. �Warum funktioniert es nicht? Oder besser gesagt: Unter welchen Bedingungen w�rde es funktionieren?�</p><empty-line/><p>�Unter gar keinen Bedingungen. Jedenfalls nicht in der realen Welt�, meinte der Junge geringsch�tzig.</p><empty-line/><p>�Und in der nicht realen Welt?�, bohrte Thomas mit einem Funken Hoffnung weiter. �Was w�re da?�</p><empty-line/><p>�Willst du das wirklich wissen?�, fragte der Junge. Sein Interesse war geweckt.</p><empty-line/><p>�Ja.� Thomas nickte.</p><empty-line/><p>�Okay.� Der Junge lie� sich wieder auf seinen Stuhl fallen und drehte D�umchen. �Also, zuerst br�uchte man eine kleinere Population, weil man klein anfangen muss. Sie muss organisch wachsen, verstehst du? Und es bringt nichts, nur eine Kontrollgruppe auszuw�hlen, weil das wegen den vielen anderen Verbindungen und Netzwerken nicht funktionieren w�rde. Am besten w�re eine einsame Insel. Ein Dorf auf einer einsamen Insel mit ein paar Hundert oder vielleicht ein paar Tausend Menschen.�</p><empty-line/><p>�Weiter�, sagte Thomas.</p><empty-line/><p>Der Junge dachte einen Moment lang nach. �Alle m�ssten damit einverstanden sein, dass sie Tag und Nacht �berwacht werden, damit wir Diskussionen �ber Politik oder B�rgerrechte und Unstimmigkeiten vermeiden, denn das w�re das Ende.�</p><empty-line/><p>�Verstehe�, sagte Thomas. �Und was noch?�</p><empty-line/><p>Der Junge lachte. �Reicht das noch nicht? Sieh mal, das wird nie funktionieren und es wird nie passieren.�</p><empty-line/><p>�Was noch?�, wiederholte Thomas, und seine Stimme klang angespannt.</p><empty-line/><p>Der Junge lehnte sich zur�ck und verschr�nkte die H�nde hinter dem Kopf, als w�rde er ein Sonnenbad nehmen. Thomas rechnete fast damit, dass er gleich die F��e auf den Schreibtisch legen w�rde, direkt auf die Tastatur.</p><empty-line/><p>�Sie m�ssen es wollen�, sagte der Junge schlie�lich mit einem Achselzucken. �Sie m�ssen es wirklich wollen. Es geht darum, was die Menschen glauben, nicht, was real ist. Man kann das tollste System haben und den Menschen ein tolles Leben bieten, aber wenn sie denken, dass ihnen alles aufgezwungen wird, werden sie es hassen. Aber wenn sie etwas selber wollen und man gibt es ihnen � Na ja, das ist was ganz anderes.� Er stand auf. �Also, danke erst mal.�</p><empty-line/><p>Er streckte die Hand aus und Thomas sch�ttelte sie. �Wirst du das Programm in Angriff nehmen, wenn diese Bedingungen erf�llt sind? Wird es dann funktionieren? Steht unser Vertrag noch?�</p><empty-line/><p>�Klar.� Der Junge grinste. �Du machst das Unm�gliche m�glich, und ich werde tun, was du willst�, meinte er beim Hinausgehen.</p><empty-line/><empty-line/><p>1</p><empty-line/><p>�Morgen.� Evie sah hoch. Neben ihr stand Raffy mit zwei Tassen hei�em Tee. Hastig setzte sie sich auf und nahm ihm eine Tasse ab. �Wie sp�t ist es?�, murmelte sie.</p><empty-line/><p>�Es ist noch fr�h�, sagte Raffy und legte sich wieder ins Bett. �Ich konnte nicht schlafen.�</p><empty-line/><p>Evie machte ihm ein bisschen Platz und trank einen Schluck Tee. �Wie fr�h?�</p><empty-line/><p>�Halb f�nf.�</p><empty-line/><p>Eine halbe Stunde vor der �blichen Weckzeit. Evie versuchte die Augen ganz aufzumachen, aber sie gehorchten ihr nicht. Deshalb stellte sie die Tasse weg, schloss die Augen wieder und lie� den Kopf auf das Kissen fallen.</p><empty-line/><p>�Wird ein aufregender Tag heute. Wir haben Anprobe�, sagte Raffy. Er r�ckte n�her und beugte sich �ber sie. Evie wusste, dass er jetzt erwartete, dass sie die Augen aufmachte, deshalb �ffnete sie sie und l�chelte gezwungen, dann schloss sie die Augen wieder.</p><empty-line/><p>Anprobe f�r ihr Kleid und f�r seinen Anzug. N�chste Woche sollte ihre Begr��ungszeremonie stattfinden, ihre offizielle Aufnahme in die Siedlung.</p><empty-line/><p>Und gleichzeitig sollte es ihr Hochzeitstag sein.</p><empty-line/><p>�Du wirkst gar nicht aufgeregt.�</p><empty-line/><p>Evie sah Raffy besorgt an, aber im selben Moment merkte sie, dass er nur einen Scherz machen und sie aufziehen wollte.</p><empty-line/><p>�Nat�rlich bin ich aufgeregt�, sagte sie und zwang sich wieder, zu l�cheln, ein unbeschwertes Gesicht zu machen. Schlie�lich war sie tats�chlich aufgeregt. Jedes Mal, wenn Raffy die Hochzeit erw�hnte, durchfuhr es sie wie ein Blitz. Aufregung, Angst; das war so ziemlich dasselbe.</p><empty-line/><p>Sie schloss kurz die Augen. �Das wird bestimmt toll.�</p><empty-line/><p>�Nicht wahr?�, fl�sterte Raffy, rollte sich auf die Seite, stieg aus dem Bett und grinste. �So richtig verheiratet. H�ttest du dir das damals in der Stadt je tr�umen lassen?�</p><empty-line/><p>Evie wollte ihm erkl�ren, dass sie eigentlich die offizielle Aufnahme in die Siedlung gemeint hatte, schwieg dann aber lieber. Nat�rlich h�tte sie an die Heirat denken sollen. Irgendetwas stimmte nicht mit ihr. Irgendetwas lief total falsch, und sie musste Raffy sch�tzen, auch wenn sie sich selbst nicht sch�tzen konnte.</p><empty-line/><p>Sie lebten jetzt ungef�hr ein Jahr hier. Nachdem sie die Stadt endg�ltig verlassen und das System zerst�rt hatten, das ihr Leben kaputt gemacht hatte, waren sie nach Base Camp zur�ckgekehrt, wo Linus und dessen Freunde lebten, aber nach ein paar Tagen hatte Linus ihnen erkl�rt, dass sie sich jetzt einen eigenen Platz zum Leben suchen m�ssten, dass Base Camp nur eine vor�bergehende Bleibe sei und dass sie irgendwo ein richtiges Zuhause finden m�ssten. Zun�chst hatte Evie sich geweigert, das hinzunehmen, sie hatte Linus beschimpft und ihm erkl�rt, dass sie zusammenbleiben m�ssten, dass sie hier eine neue Familie gefunden habe und dass sie diese nicht verlieren wollte. Aber Linus hatte nur gel�chelt und ihr mit einem entwaffnenden Augenzwinkern von der Siedlung erz�hlt, einem Ort, an dem er noch nie gewesen war, aber �ber den er gro�artige Dinge geh�rt hatte, von einer Gemeinschaft aus lauter guten Menschen, wo sie leben k�nnten.</p><empty-line/><p>Schlie�lich hatte Evie zugestimmt, nicht weil sie in diese Siedlung wollte, sondern weil sie begriffen hatte, dass f�r Linus hier Schluss war; die Schlacht war gewonnen. Er musste weiterziehen und die anderen verlassen. Linus war anders als alle Menschen, die sie kannte. Er war klug, knallhart, verschlossen, er hatte die Stadt mitbegr�ndet und aus dem Nichts das System aufgebaut, als wohlt�tige Kraft, um die Bed�rfnisse der Menschen zu befriedigen und daf�r zu sorgen, dass alle gl�cklich waren. Doch das System war verf�lscht worden, der Bruder hatte die Kontrolle �bernommen, und aus Angst um sein Leben war Linus geflohen und hatte eine Basis errichtet, von der aus er heimlich mit der Stadt kommunizierte und wo er auf den richtigen Zeitpunkt wartete, um das System ein f�r alle Mal zu deaktivieren und das Ungeheuer zu t�ten, das er ungewollt erschaffen hatte.</p><empty-line/><p>Jetzt war seine Aufgabe erledigt und Linus brauchte Base Camp nicht mehr. Evie sah ein, dass sie und Raffy gehen mussten, denn bald w�rden alle fort sein und sie st�nden vor dem Nichts.</p><empty-line/><p>Deshalb waren sie in die Siedlung gekommen, mit einer Botschaft von Linus an Benjamin, den Anf�hrer, den Linus in den Anfangstagen der Stadt kurz kennengelernt hatte, einen Mann mit g�tigen Augen, und das gen�gte Linus offenbar, um sich ein Urteil �ber die gesamte Siedlung zu bilden.</p><empty-line/><p>Und er hatte wie immer recht gehabt.</p><empty-line/><p>Die Siedlung war eine Gemeinschaft, die Benjamin vor zwanzig Jahren gegr�ndet hatte. Laut Stern, seinem Stellvertreter, der Evie und Raffy nach ihrer Ankunft herumgef�hrt hatte, war es am Anfang nur eine kleine Zeltstadt gewesen, aber mit den Jahren war sie immer weiter gewachsen. Mittlerweile standen auf einer ausgedehnten Fl�che H�user und Farmen, und die Menschen dort arbeiteten nicht, weil ein System es ihnen vorschrieb, sondern weil sie es wollten und weil es die Voraussetzung war, damit sie hier leben konnten.</p><empty-line/><p>Denn hier war das Leben h�rter als in der Stadt, hatte Stern ihnen erkl�rt. Wenn die Menschen das Land nicht bewirtschafteten, gab es nichts zu essen; und die Fundamente f�r die Geb�ude mussten sie selbst graben. Hier gab es keine Computer, keine Regierungsjobs und keine L�den; es gab nur einen Markt, auf dem Tauschhandel betrieben wurde, und die Tage waren ausgef�llt mit harter Arbeit.</p><empty-line/><p>Stern hatte Evie und Raffy nachdenklich angesehen, als w�rde er darauf warten, dass sie etwas sagten. Aber sie hatten beide geschwiegen, weil Benjamin gerade vorbeigegangen war, Benjamin, dessen Name stets voller Ehrfurcht ausgesprochen wurde und dessen Gegenwart schon zu sp�ren war, noch bevor er einen Raum betrat.</p><empty-line/><p>In der Siedlung war Benjamin so etwas wie ein Gott; seine Geschichte hatte etwas von einem Mythos, von einer Legende. Er war ein K�mpfer, der sich von der Schreckenszeit nicht unterkriegen lassen wollte, der weiterk�mpfte, der strebte, motivierte, f�hrte, der die Siedlung gr�ndete als Lohn f�r diejenigen, die ihm beigestanden hatten, der von den Menschen nur das Beste dachte und der, weil er an sie glaubte, in der Regel auch nicht entt�uscht wurde. Keiner wusste, woher Benjamin kam oder wie er vor der Schreckenszeit gelebt hatte. Nat�rlich gab es Ger�chte: er sei Soldat, Priester, Sportler, Politiker gewesen. Aber Benjamin sprach nie �ber die Vergangenheit. Er und Stern hatten gemeinsam die Schreckenszeit �berlebt und beschlossen, aus den Tr�mmern etwas aufzubauen, was den Menschen wieder Hoffnung gab und eine Zukunft.</p><empty-line/><p>Und genau das hatte die Siedlung Evie und Raffy gegeben. Stern hatte recht gehabt, als er sagte, dass die Tage in der Siedlung mit harter Arbeit ausgef�llt seien, aber das Leben hier war nicht m�hsamer als in der Stadt, jedenfalls nicht f�r Evie. Ihr kam es hier vor wie im Paradies; so weit weg von der Stadt mit all den Vorschriften und Restriktionen, dass sie kaum glauben konnte, dass sie sich noch auf demselben Planeten befand.</p><empty-line/><p>Und das alles hatten sie Benjamin zu verdanken.</p><empty-line/><p>�Ah, endlich lernen wir uns kennen.�</p><empty-line/><p>Evie sp�rte immer noch, wie sich ihr die Nackenhaare aufstellten, wenn sie an ihre erste Begegnung mit Benjamin dachte. Eine Woche nach ihrer Ankunft in der Siedlung war Stern bei ihnen aufgetaucht und hatte sie aufgefordert, ihm zu folgen. Als Benjamin sie zu seiner Privatunterkunft f�hrte, hatte ihr Herz schneller geschlagen und sie hatte Raffys aufrechte Haltung und seine leicht geweiteten Augen bemerkt; auch er hatte begriffen, was da gerade vor sich ging und zu wem sie gebracht wurden. Zuvor hatte Raffy noch versucht, die Sache mit der Beurteilung herunterzuspielen, und Evie erkl�rt, die Siedlungsgemeinschaft m�sse sie genauso einsch�tzen, wie sie selbst die Siedlung einsch�tzen m�ssten, aber wie er jetzt so schweigsam hinter Stern her trottete, wurde ihr klar, dass ihm diese Begegnung ebenso viel bedeutete wie ihr. Seit sie hierhergekommen waren, hatte Raffy sich ver�ndert; diesmal schien es ihm wirklich darum zu gehen, dass er einen guten Eindruck machte und dass er akzeptiert wurde.</p><empty-line/><p>Als sie Benjamins Zimmer betraten, lie� Evie den Blick umherschweifen und nahm alles in sich auf: die sp�rlichen Sitzgelegenheiten, die wenigen Einrichtungsgegenst�nde und die Schlichtheit des Raumes. �Nun�, hatte Benjamin gefragt, �wie gef�llt euch unsere Siedlung?�</p><empty-line/><p>Evie blickte zu ihm auf. Er war doppelt so gro� wie Raffy und breitschultrig, ein Mann wie ein Baum. Und obwohl er ein langes Gewand aus Sackleinen trug, verriet die Art, wie er sich bewegte, dass er stark und muskul�s war, ein Mann, mit dem man sich lieber nicht anlegte. Aber er hatte freundliche Augen und ein ehrliches Gesicht. Evie wusste sofort, dass sie alles tun w�rde, damit er sie gernhatte, damit er sie beide gernhatte und damit sie hierbleiben durften.</p><empty-line/><p>Beide nickten eifrig.</p><empty-line/><p>Benjamin l�chelte. �Wisst ihr, als wir mit dem Bau dieser Siedlung angefangen haben, war ich sehr w�tend. W�tend �ber das, was passiert war, �ber die Zerst�rung, die Verw�stungen, die die Schreckenszeit angerichtet hatte. Aber ich erkannte, dass Wut selbst eine destruktive Kraft ist und dass ich sie �berwinden musste, wenn wir einen wirklich guten Ort zum Leben aufbauen wollten.�</p><empty-line/><p>Er sah erst Raffy an, dann Evie, und beide wurden blass. Es war, als w�rde Benjamin tief in ihr Inneres blicken und die Wut, die Entt�uschung und den Groll darin entdecken.</p><empty-line/><p>Evie wollte Benjamin gerade versichern, dass auch sie bereit seien, ihre Wut zu vergessen, aber zu ihrem Erstaunen ergriff Raffy als Erster das Wort. �Wut dient einem Zweck, wenn sie sich gegen etwas richtet�, sagte er und trat einen Schritt vor. �Jetzt sind wir bereit, unsere Wut zu vergessen. Wir wollen gl�cklich sein. Wir wollen hier sein.�</p><empty-line/><p>Evie h�rte Raffy mit offenem Mund zu, weil sie ihn noch nie so ernst erlebt hatte: kein sarkastischer Unterton, kein vielsagender Blick. Er sp�rte ihren Blick und drehte sich zu ihr um. Ein tiefes Gl�cksgef�hl stieg in Evie auf, denn zum ersten Mal wirkte Raffy so, als h�tte er seinen Weg gefunden. Er machte keinen gequ�lten Eindruck, er war nicht w�tend oder d�ster. Stattdessen war seine Miene entschlossen und konzentriert, und das war ansteckend.</p><empty-line/><p>Benjamin l�chelte erneut. �Freut mich zu h�ren. Seht ihr, wir sind dabei, uns hier ein neues Leben, eine neue Zukunft aufzubauen. Die Vergangenheit ist woanders. Eure, meine, unser aller Vergangenheit. Wir k�nnen sie nicht ungeschehen machen, aber wir m�ssen uns auch nicht l�nger damit aufhalten. Wir k�nnen aus dem Geschehenen lernen und wir k�nnen weitermachen und in die Zukunft blicken. Aus dem schlimmsten Schmerz kann St�rke erwachsen, aus Leiden Entschlossenheit, aus Verzweiflung Liebe und Gemeinschaft. Und das haben wir hier. Gemeinschaft. Einen Ort, der denen geh�rt, die dort leben, der von ihnen regiert und organisiert wird. Ein Ort, wo jeder eine Funktion hat und wo jeder seinen Beitrag leistet. H�rt sich das nach einem Ort an, wo ihr leben m�chtet?�</p><empty-line/><p>�Ja�, sagte Raffy sofort, und Evie nickte.</p><empty-line/><p>�Gut�, meinte Benjamin. �Dann will ich euch jetzt ein bisschen �ber die Siedlung erz�hlen. Vor vielen Jahren gab es hier nicht viel. Aber der Fluss im Norden und die H�gel ringsherum haben uns Schutz geboten; ich wusste, dass das ein guter Platz f�r einen Neuanfang sein w�rde. Zuerst waren wir nur wenig Leute, ungef�hr zehn Familien. Vor etwa drei�ig Jahren haben wir die ersten H�user gebaut und die ersten Felder bewirtschaftet. Wir wollten eine sichere, friedliche Gemeinschaft aufbauen, wo niemand Hunger leiden oder Angst haben musste. Aber vor allem wollte ich eine Siedlung errichten, wo die Menschen sich selbst verwirklichen, wo sie lernen und neue Dinge entdecken konnten und wo niemand an seiner Entfaltung gehindert wurde. Wo alle f�r die Kinder Verantwortung tragen, nicht nur deren Eltern. Wo jeder angespornt wurde, seine Aufgabe im Leben, seine Erf�llung zu finden. Das Leben ist nichts wert, wenn es nicht erf�llt ist, wenn wir keine Wertsch�tzung erfahren, stimmt�s?�</p><empty-line/><p>Evie nickte, aber wieder war es Raffy, der das Wort ergriff und ein lautes Ja vernehmen lie�. Und als Benjamin fortfuhr, bemerkte Evie mit Verwunderung, wie Raffy sich vor ihren Augen verwandelte, wie sein Zynismus einer blau�ugigen Verehrung Platz machte. Er hatte Benjamins Worten gelauscht, fasziniert von dessen Geschichte und dessen Hoffnungen f�r die Siedlung und f�r deren Bewohner. Raffy hatte schweigend zugeh�rt, ohne den Blick zu senken oder wie sonst von einem Fu� auf den anderen zu treten, und Benjamin mit gro�en Augen aufmerksam angesehen. Wie ein Hund, dachte Evie unwillk�rlich. Wie die Hunde in der Stadt, die ihrem Herrchen auf Schritt und Tritt folgten, die ihm nie von der Seite wichen und geduldig auf etwas zu fressen warteten.</p><empty-line/><p>�Nun�, sagte Benjamin schlie�lich, nachdem er ihnen von der Gr�ndung der Siedlung erz�hlt hatte, davon, dass alle gleich waren, und von der Zur�ck-zur-Natur-Philosophie, und dass er daf�r sorgen wollte, dass alle genug Kleidung hatten und es keinem an Nahrung f�r Leib und Seele mangelte. �Was meint ihr, k�nnt ihr etwas beitragen zu unserer Gemeinschaft? Was bringt ihr beide in die Siedlung mit ein?�</p><empty-line/><p>Evie hatte besorgt zu Benjamin aufgesehen. Obwohl dies nicht die Stadt war und obwohl sie nicht mehr von dem System, von R�ngen und von einer Mutter beherrscht wurde, die sie st�ndig kritisierte und zurechtwies, fiel es ihr dennoch schwer, ihre Angst vor denjenigen abzusch�tteln, die Verantwortung trugen. �Wir werden hart arbeiten�, brachte sie schlie�lich heraus. �Wir sind geschickt. Ich kann n�hen. Und wir sind entschlossen.�</p><empty-line/><p>�Das freut mich zu h�ren�, hatte Benjamin geantwortet und sich dann an Raffy gewandt. �Und was ist mit dir, junger Mann?�</p><empty-line/><p>In diesem Moment hatte Evie den Atem angehalten. W�hrend sie schon immer Angst hatte vor denen, die Macht besa�en, hatte Raffy f�r solche Leute bisher nur Abscheu und Verachtung �briggehabt; wenn ihm in der Stadt so eine Frage gestellt worden war, hatte er immer eine patzige Antwort parat gehabt, die ihm oft irgendeine Strafe eingebracht hatte. Aber stattdessen trat Raffy wieder einen Schritt vor.</p><empty-line/><p>�Was wir mit einbringen?�, fragte er und sah Benjamin direkt in die Augen. �Wir bringen uns selbst mit ein. Voll und ganz.� Evie sp�rte, wie sich ihr die Nackenhaare aufstellten, denn sie hatte Raffy noch nie so �berzeugend reden h�ren.</p><empty-line/><p>Benjamin hatte gelacht, aber nicht unfreundlich. �Mehr kann ich nicht verlangen�, meinte er augenzwinkernd. �Dann bin ich froh, dass ihr euch uns anschlie�en wollt. Genau genommen freue ich mich immer, wenn junge Leute in unsere Siedlung kommen, weil wir die Jugend hier brauchen; wir brauchen eure Energie, eure Ideen. Aber wir brauchen auch die n�chste Generation. Habt ihr beide vor, zu heiraten und Kinder zu bekommen?�</p><empty-line/><p>Evie hatte zu Raffy hin�bergesehen, weil sie nicht wusste, was sie sagen sollte, aber er war nicht so zur�ckhaltend. �Ja, nat�rlich�, hatte er sofort geantwortet.</p><empty-line/><p>Wenn es eine Gelegenheit f�r Evie gegeben hatte, einzugreifen und zu erkl�ren, dass eigentlich noch nichts entschieden war, dann hatte sie sie verpasst. Und jetzt war es zu sp�t. Denn wenn sie Raffy widersprochen h�tte, w�rde das bedeuten, dass er nicht die Wahrheit gesagt hatte � kein guter Anfang f�r zwei Menschen, die in die Gemeinschaft aufgenommen werden wollten.</p><empty-line/><p>Und au�erdem liebte sie Raffy. Sie hatte ihn schon immer geliebt und sie wollte ihn heiraten.</p><empty-line/><p>Oder?</p><empty-line/><p>Evie �ffnete die Augen. Sie waren in ihrem Schlafzimmer und Raffy sah sie immer noch an. Dunkle Locken umrahmten sein Gesicht. Er grinste. �Warte nur, bis uns alle an unserem Hochzeitstag sehen�, sagte er mit leuchtenden Augen. �Warte nur, bis allen ein f�r alle Mal klar ist, dass du mein bist.�</p><empty-line/><p>Evie atmete tief aus. Auch wenn sie sich bem�hte, sie konnte ihm das nicht durchgehen lassen. �Raffy�, sagte sie in einem wohl�berlegten, achtsamen Ton, den sie in letzter Zeit oft anschlug. �Raffy, ich w�nschte, du w�rdest nicht so sprechen. Als w�re ich dein Eigentum ��</p><empty-line/><p>�Ich wei߫, erwiderte er schnell und sah sie mit einem treuherzigen Hundeblick an. �Es tut mir leid. Aber ich kann nichts daf�r. Ich m�chte dir geh�ren und du sollst mein sein. Und alle sollen es wissen.�</p><empty-line/><p>Er sah so ernst aus, dass Evie dahinschmolz. �Das werden sie auch�, versprach sie. �Wir werden einander ganz geh�ren.�</p><empty-line/><p>Raffy l�chelte. �Und dann wird dich kein anderer mehr ansehen�, sagte er leichthin. �Keiner wird dich mehr ansehen und sich Chancen bei dir ausrechnen.�</p><empty-line/><p>Evie starrte ihn an, alle z�rtlichen Gef�hle waren auf einmal verschwunden. �Keiner sieht mich an�, sagte sie mit gepresster Stimme. �Keiner, Raffy. Diese Vorstellung ist nur in deinem Kopf.�</p><empty-line/><p>Raffy blickte sie ungl�ubig an. �Du wei�t ja gar nicht, wie sch�n du bist.� Er setzte sich aufs Bett und sah ihr beim Anziehen zu. �Du hast ja keine Ahnung, wie die M�nner sind.�</p><empty-line/><p>Evie antwortete nicht. Stattdessen ging sie zu dem kleinen Badezimmer, das sie sich mit vier anderen Paaren teilten, mit denen sie oft zusammen a�en, redeten und lachten. Zumindest Evie. Vor allem mit den M�dchen. Wenn sie mit deren Partnern sprach und Raffy war nicht dabei und wenn er es sp�ter herausfand, wurde er w�tend. In der Stadt hatte das System sie auf Schritt und Tritt �berwacht, aber inzwischen hatte Evie den Eindruck, dass Raffy jetzt die Aufgabe �bernommen hatte, sie zu �berwachen, zu kontrollieren, mit wem sie gesprochen und wer versehentlich ihre Aufmerksamkeit erregt hatte.</p><empty-line/><p>Obwohl seine Eifersucht nervenaufreibend, frustrierend und einengend war, wusste Evie, dass es nicht seine Schuld war. Es war ihre Schuld. Denn vor einem Jahr, an einem Tag, an dem ihre Welt zerbrochen war, an dem Tag, an dem sie und Raffy geflohen waren, hatte sie Lucas, Raffys Bruder, gek�sst. Sie hatte Raffy von dem Kuss erz�hlt in der Hoffnung, er k�nnte ihr verzeihen oder sie vielleicht sogar verstehen. Aber das konnte er nicht. Und seit damals hatte er sie nicht mehr aus den Augen gelassen.</p><empty-line/><p>Ein paar Minuten sp�ter kam Evie zur�ck ins Schlafzimmer, mit dem festen Vorsatz, heute alles besser zu machen, Raffy nicht zu reizen und ihm keinen Grund zur Eifersucht zu geben.</p><empty-line/><p>Ihr Zimmer war eines von vielen in einem niedrigen einst�ckigen Geb�ude, in dem fast hundert Menschen untergebracht waren und wo die R�ume je nach Platzbedarf verteilt wurden. Ihr Zimmer war nur mit einem Bett, einem Stuhl, einem Schreibtisch und einem B�cherregal ausgestattet. Am Ende des Korridors befand sich die Dusche, die sie sich mit den anderen Paaren teilten. Die viereckige Rasenfl�che hinter dem Haus durften alle Bewohner benutzen. Ringsherum lagen zugeteilte Parzellen, auf denen Obst und Gem�se angepflanzt werden konnten, um die w�chentliche Ration der Siedlung aufzubessern; in einigen G�rten wurden jedoch nur Blumen gepflanzt, weil, wie Benjamin zu sagen pflegte, Nahrung f�r die Seele genauso wichtig war wie Nahrung f�r den K�rper.</p><empty-line/><p>�Was arbeitest du heute?�, fragte Evie.</p><empty-line/><p>�Ich helfe auf einem der etwas abgelegenen Felder beim Pfl�gen�, erwiderte Raffy und g�hnte, �obwohl meine Schultern h�llisch wehtun.� Evie drehte sich um und sah auf Raffys Schultern: Sie waren breit und die Muskeln spielten unter der Haut, ganz anders als noch vor einem Jahr. Offenbar war Raffy hier in der Siedlung pl�tzlich ein Mann geworden. Er war auch gr��er, aber seine breite Figur beeindruckte Evie am meisten. Sie passte zu ihm, genauso wie das sonnengebr�unte Gesicht, das von widerspenstigen, zerzausten Haaren umrahmt wurde, die er sich nicht schneiden lassen wollte. Die harte Arbeit tut ihm gut und das Lachen und Herumalbern mit den Kollegen, dachte Evie. Jeden Abend kam er voller Schwung heim, auch wenn er sich dann gleich ersch�pft aufs Bett fallen lie�.</p><empty-line/><p>Davon hatte sie immer getr�umt, als sie noch in der Stadt lebten, wo selbst eine harmlose Unterhaltung als schlimmes Verbrechen angesehen wurde. Hier konnten sie und Raffy Hand in Hand die Stra�e entlangschlendern, ohne dass jemand dar�ber Meldung machte, sie anstarrte oder ihnen sagte, wie verkommen sie seien.</p><empty-line/><p>Und es gab keinen Lucas.</p><empty-line/><p>Evie holte tief Luft, wie immer, wenn sie an Lucas dachte und sein Gesicht vor ihrem inneren Auge auftauchte.</p><empty-line/><p>�Okay, Zeit zum Aufstehen�, sagte Raffy, stellte seine Tasse ab und beugte sich �ber sie. Er nahm ihr Gesicht in beide H�nde, k�sste sie z�rtlich auf den Mund, lie� seine Finger durch ihr Haar gleiten und zog sie an sich. Evie liebte seine sonnengebr�unten H�nde, die so stark waren und doch so z�rtlich.</p><empty-line/><p>Sie schloss kurz die Augen und genoss den Moment, dann �ffnete sie sie schweren Herzens wieder und sah auf die Uhr auf dem Nachttisch. Es war fast f�nf. Punkt sechs begann die Arbeit in der Siedlung. Jeder Bezirk hatte einen eigenen Gemeinschaftsspeisesaal, wo das Fr�hst�ck serviert wurde. Wenn man sp�ter als 5.40 Uhr dort ankam, waren nach ihrer Erfahrung die guten Sachen alle schon aufgegessen.</p><empty-line/><p>�Heute wird ein guter Tag�, meinte Raffy auf einmal, sprang vom Bett auf und schnappte sich ein Handtuch. �Nicht nur wegen der Anprobe. Alles ist gut, Evie. Wenn wir unsere Arbeit gut machen, wird auf dem neuen Feld so viel wachsen, dass es f�r einen ganzen Monat reicht. Simon will es mir zeigen.�</p><empty-line/><p>Evie l�chelte. Simon war ein erfahrener Bauer. Er hatte Raffy unter seine Fittiche genommen, und Raffy hatte schon eine Menge gelernt. Vor ein paar Wochen hatte er Evie erz�hlt, dass er zum ersten Mal in seinem Leben das Gef�hl habe, etwas zu leisten, Teil von etwas zu sein und seinem Leben einen Sinn zu geben.</p><empty-line/><p>�Man traut dir wirklich zu, ein ganzes Feld zu pfl�gen?�, zog Evie ihn auf.</p><empty-line/><p>Raffy schlug mit seinem Handtuch nach ihren Kn�cheln. �Pass auf, was du sagst�, meinte er grinsend. �Hier zollt man den Bauern Respekt.�</p><empty-line/><p>Evie sah ihn nachdenklich an. Das ist es, schoss es ihr auf einmal durch den Kopf. Deshalb war er hier so gl�cklich. Zum ersten Mal in seinem Leben wurde Raffy von anderen respektiert und konnte aufrecht durch die Stra�en gehen. Und dieser aufrechte Bauer liebte sie und hatte sie immer geliebt.</p><empty-line/><p>Als er zur T�r ging, rief sie ihm nach: �Warte mal.�</p><empty-line/><p>�Was ist?�, fragte Raffy, und als er sich umdrehte, schlang Evie ihm die Arme um den Hals. Ihre Zukunft. Die einzige Zukunft, die z�hlte. Wenn sie erst einmal verheiratet w�ren, w�re er bestimmt nicht mehr so eifers�chtig; dann w�rde er wissen, dass er sie hatte. Und alles w�rde gut werden.</p><empty-line/><p>�Ich liebe dich�, sagte sie. �Das ist alles.�</p><empty-line/><p>�Ich liebe dich auch�, erwiderte Raffy, zog sie fest an sich, beugte sich �ber sie und k�sste sie z�rtlich. �Mehr als du dir vorstellen kannst.� Dann l�chelte er und verlie� das Zimmer.</p><empty-line/><empty-line/><p>2</p><empty-line/><p>Es war fr�h am Morgen. Gabby bemerkte, dass die Stra�e, die sie hinunterging � eine der gr��eren Stra�en in der Stadt � fast menschenleer war, und sie ging etwas schneller. Sie war schon f�nf Minuten zu sp�t dran, und das war nicht gut, aber es war auch nicht das Ende der Welt. Nicht mehr. Zehn Minuten Versp�tung w�ren allerdings schon das �u�erste, sonst m�sste sie einen Teil ihrer Mittagspause opfern.</p><empty-line/><p>Die Mittagspause war eine der Verbesserungsma�nahmen, seit das System ausgeschaltet worden war. Oder �abgeschafft�, wie ihre Eltern es ausdr�ckten, mit Furcht in den Augen und mit Groll in der Stimme. Ihre Eltern mochten Lucas, den neuen Anf�hrer der Stadt, nicht. Sie waren der Meinung, dass er wieder Zerst�rung und Verderben in die Stadt brachte. Der Hauptgrund war jedoch, dass ihre Eltern das System jetzt nicht mehr als Druckmittel einsetzen konnten; zumindest schien sie das am meisten zu �rgern. Sie konnten ihr nicht mehr vorschreiben, wann sie abends zu Hause sein sollte, und sie konnten nicht mehr darauf bestehen, dass sie nach dem Abendessen bei ihnen am Tisch sitzen blieb und zuh�rte, wie ihr Vater ihnen einen Vortrag hielt �ber die Bedeutung von innerer Einkehr oder �ber ein anderes langweiliges Thema. Jetzt konnte sie nach der Arbeit ausgehen und sich mit Freunden auf dem Rasenplatz treffen. Jetzt konnte sie selbst entscheiden, wen sie heiraten wollte; sie konnte alles selbst bestimmen.</p><empty-line/><p>Allerdings, rief sie sich in Erinnerung, w�hrend sie in einen leichten Laufschritt fiel, gab es immer noch gewisse Regeln, was das p�nktliche Erscheinen am Arbeitsplatz betraf. Aber jedenfalls wollte sie noch keine gro�en Entscheidungen treffen. Sie konnte sich nicht vorstellen, verheiratet zu sein, ein Haus zu haben und immer so ernst zu sein wie ihre Eltern. Sie wollte einfach auf dem Rasen Ball spielen, die freudige Erregung sp�ren, wenn man hinter dem Ball herlief und ihn bekam, die Begeisterung �ber den Sieg und den Schmerz �ber die Niederlage. Bis es abgeschaltet wurde, entschied in der Stadt das System �ber Sieg und Niederlage, und zwar in Bezug auf die R�nge: eine Aufwertung war ein Sieg, eine Abwertung eine Niederlage. Aber das System war kein Spiel, es entschied alles: wo man arbeitete, wen man heiratete, mit wem man Umgang hatte. Egal, ob man gewann oder ob man verlor, die Dinge konnten sich trotzdem gegen einen wenden. Man hatte keine Kontrolle dar�ber.</p><empty-line/><p>Andererseits verschwand damals auch niemand. Gabby blieb einen Moment stehen, um zu verschnaufen, und blickte sich um. Wurde sie etwa beobachtet? Verfolgte sie jemand? Sie sch�ttelte sich. Nat�rlich nicht.</p><empty-line/><p>Was Clara, ihre beste Freundin, ihr erz�hlt hatte, war vermutlich sowieso erfunden. Es gab keine Spitzel in der Stadt. Es konnte nicht stimmen, was Clara �ber die Verschwundenen gesagt hatte. Es musste eine andere Erkl�rung geben. Aber Claras gro�e Angst schien echt gewesen zu sein. Gabby hatte bemerkt, wie Claras H�nde zitterten, als sie ihr die Geschichte erz�hlte, und sie hatte die Furcht in ihren Augen gesehen. Allerdings war Clara leicht in Angst zu versetzen, denn sie glaubte alles, was man ihr erz�hlte. Und Gabby wollte nicht glauben, dass sie, Gabby, verschwinden w�rde, nur weil Clara ihr von den Leuten in dem Krankenhaus erz�hlt hatte. Sonst w�re Clara selbst schon l�ngst verschwunden.</p><empty-line/><p>In Wahrheit hatte Gabby genauso viel Angst wegen der Verschwundenen wie alle anderen, aber sie weigerte sich, die Angst zuzulassen. Denn unter dem System hatten die Menschen st�ndig Angst gehabt, sie waren nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr aus dem Haus gegangen und hatten sich Sorgen um die Zukunft gemacht. Irgendetwas Schreckliches ging hier vor, da hatte sie keinen Zweifel, aber sie wollte es nicht an sich heranlassen. Sie wollte nicht, dass es wieder so wurde wie fr�her. Lieber wollte sie sterben.</p><empty-line/><p>Vielleicht nicht gerade sterben, berichtigte sie sich. Aber auf keinen Fall wollte sie wegen der Verschwundenen in Panik geraten, so wie alle anderen. Denn sie fing gerade an, ihr Leben als etwas Wertvolles zu begreifen, als etwas, wof�r es sich lohnte, morgens aufzuwachen.</p><empty-line/><p>Bis zu dem gro�en Wandel hatte es in der Stadt keine �ffentlichen Sportveranstaltungen gegeben. Es gab auch keine Tanz-oder Musikevents, ja nicht einmal richtige Gespr�che. Die Menschen hatten zu gro�e Angst und tuschelten nur heimlich miteinander. Und st�ndig sa� ihnen die Furcht im Nacken, vertrauliche Bemerkungen k�nnten ans Licht kommen und das System k�nnte irgendetwas bemerkt haben. Mittlerweile sah man die Leute an den Stra�enecken zusammenstehen und sich unterhalten, man lud sich gegenseitig zum Abendessen ein, alte Gitarren und Akkordeons wurden hervorgeholt, und nach getaner Arbeit erklang �berall Musik.</p><empty-line/><p>F�r Gabbys Eltern war das der Anfang vom Ende; f�r Gabby aber war es ein Wunder.</p><empty-line/><p>Sie beschleunigte den Schritt; in einer Minute w�rde sie bei der T�pferwerkstatt sein, in der sie arbeitete. Sie fragte sich, ob Clara wohl schon da war. Sie beide waren gestern Nacht sp�t ins Bett gekommen, deshalb hatte Gabby heute Morgen auch verschlafen, obwohl ihre Mutter versucht hatte, sie zu wecken.</p><empty-line/><p>Als Clara ihr mit zitternder Stimme von den geheimnisvollen Fremden in dem Krankenhaus erz�hlt hatte, hatte Gabby nur mit halbem Ohr zugeh�rt, und sie hatte Clara nicht sehr �berzeugend beruhigt. Denn als sie Clara gebeten hatte, ihr zu sagen, was sie wusste, hatte Gabby gehofft und erwartet, endlich zu erfahren, dass es mit den Verschwundenen etwas ganz anderes auf sich hatte, dass sie geflohen waren, um irgendwo etwas Aufregenderes, Besseres zu finden. Deshalb hatte sie Clara nicht richtig zugeh�rt und sich eingeredet, dass Clara alles nur erfunden hatte und dass es nicht stimmen konnte, weil � Weil �</p><empty-line/><p>Erst als sie um die Ecke bog, bemerkte sie den Schatten unter ihren F��en, und als die Werkstatt in Sicht kam, klopfte ihr das Herz bis zum Hals, und sie ging noch etwas schneller. Die Spitzel. Clara hatte ihr erz�hlt, dass sie alles wussten, dass sie alle aufsp�rten, die etwas wussten, alle, die sie gesehen hatten. Alle au�er Clara.</p><empty-line/><p>Das konnte nicht wahr sein. Und trotzdem lief Gabby ein kalter Schauer �ber den R�cken, als sie die schnellen Schritte hinter sich h�rte. Denn jetzt gab es keinen Zweifel mehr, dass sie verfolgt wurde. Clara hatte also die Wahrheit gesagt. Und pl�tzlich wurde ihr klar, dass sie um ihr Leben rannte.</p><empty-line/><empty-line/><p>3</p><empty-line/><p>Sie durfte nicht mehr so viel �ber alles nachdenken, dachte Evie auf dem Weg zur Arbeit. Sie hatte schon immer zu viel nachgedacht und an allem gezweifelt. Vielleicht sollte sie einfach lernen, die Gegebenheiten zu akzeptieren; vielleicht w�re sie dann richtig zufrieden.</p><empty-line/><p>Sie und Raffy waren hier zweifellos gl�cklich. Und sie wollte auch keinen anderen heiraten. Raffy zu heiraten war absolut vern�nftig. Und sie wollte es auf keinen Fall vermasseln und alles aufs Spiel setzen. Trotz aller Herzlichkeit, Offenheit und Freundlichkeit, die sie in der Siedlung erlebten, mussten Raffy und Evie feststellen, dass es gar nicht so leicht war, in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden, und Evie wollte auf keinen Fall, dass alles wieder von vorn anfing. Raffy und Evie waren bereits ausf�hrlich befragt worden; sie hatten sich mit verschiedenen Gruppen von Leuten getroffen, hatten eine Probezeit absolviert und waren vor die Ratsversammlung zitiert worden. Wie Benjamin gesagt hatte, geh�rte die Siedlung den Menschen, die dort lebten; die allein konnten entscheiden, wer sich ihnen anschlie�en durfte. Und jeder, der zu der Gemeinschaft dazugeh�ren wollte, musste sich als ihrer w�rdig erweisen und zeigen, dass er engagiert und anpassungsf�hig war.</p><empty-line/><p>All das hatten sie getan. Raffy hatte Arbeit auf einem der vielen Bauernh�fe gefunden, welche die Gemeinschaft mit Nahrungsmitteln versorgten, und Evie hatte in der K�che angefangen und war dann in die N�herei gewechselt, wo man ihre F�higkeiten zu sch�tzen wusste, auch wenn sie etwas aus der �bung war. Und Raffys Freude an der Arbeit hatte auf sie abgef�rbt. W�hrend sie in der Stadt das N�hen gehasst hatte und etwas ganz anderes machen wollte als die Frau, die sich als ihre Mutter ausgegeben hatte, war sie hier dankbar, dass es eine Arbeit f�r sie gab, die sie gut konnte; hier machte es ihr nichts aus, dass ihre Finger zerstochen waren und schmerzten, ja, sie war seltsamerweise beinahe stolz darauf. Stolz auf ihre Arbeit und darauf, Teil einer Gemeinschaft zu sein, die so ganz anders war als die Stadt.</p><empty-line/><p>Benjamin hatte sie von Zeit zu Zeit beobachtet; dabei hob sich das Wei�e in seinen Augen leuchtend von seiner ebenholzfarbenen Haut ab. Wenn er sah, dass man ihn bemerkt hatte, l�chelte er freundlich, winkte kurz und ging weiter, wobei ihm sein langes Gewand um die Kn�chel schwang. Obwohl diese Gew�nder keine Uniform darstellten, folgten die meisten M�nner und Frauen in der Siedlung Benjamins Beispiel und trugen lange flie�ende Gew�nder und lange wallende Haare, die ihre ehrlichen und gl�cklichen Gesichter umrahmten, wenn sie arbeiteten, redeten, lachten und a�en.</p><empty-line/><p>Die Menschen in der Siedlung sprachen nicht viel �ber die Vergangenheit, was Evie und Raffy nur recht sein konnte. Es war so, wie Benjamin gesagt hatte: Die Menschen hier bauten sich ein neues Leben auf, eine neue Zukunft. Die Vergangenheit war abgeschlossen und nicht mehr zu �ndern und die Bewohner der Siedlung erkannten diese Tatsache an. Wie alle anderen hatten sie w�hrend der Schreckenszeit gelitten, so wie es die Absicht von denen gewesen war, die sie entfesselt hatten. Doch die Bewohner der Siedlung hatten �berlebt, und mit dem �berleben kam die Verantwortung. Die Verantwortung, zu leben, zu wachsen, zu lernen, einen Schlussstrich zu ziehen und weiterzumachen.</p><empty-line/><p>Und genau das hatte Evie davon �berzeugt, dass dies ein Ort war, wo sie nicht nur �berleben konnten, sondern auch leben. In der Stadt wurde st�ndig von der Schreckenszeit und von dem B�sen gesprochen, das die Welt beinahe zerst�rt hatte. In der Stadt wurde alles und jedes analysiert, abgestempelt und eingestuft. Hier in der Siedlung dagegen lebten die Leute ihr Leben, den Blick in die Zukunft gerichtet, und suchten nach dem Guten im Menschen, anstatt sich vor dem B�sen zu f�rchten. Hier lag immer Musik in der Luft; die Leute spielten Gitarre, sangen und summten bei der Arbeit vor sich hin. B�cher wurden verteilt und �ffentlich besprochen; unterschiedliche Ansichten wurden begr��t. Fragen wurden nicht mit einem Stirnrunzeln quittiert, sondern waren ausdr�cklich erw�nscht. Man konnte sich unterhalten, mit wem man wollte und wann immer man wollte.</p><empty-line/><p>Zumindest war das die Idee.</p><empty-line/><p>�Hey, Evie!�</p><empty-line/><p>Evie drehte sich um und sah Neil auf sich zukommen. Neil war einer der Lehrer in der Siedlung. Die Lehrt�tigkeit galt in der Siedlung als h�chste Berufung, und jeder wurde angehalten, so viel zu lernen wie m�glich. Es gab regelm��ig Kurse in Kunsthandwerk, Literatur, T�pfern, Tischlern, Technik und Kochen, und es wurde Lesen, Schreiben und Rechnen angeboten f�r diejenigen, die nur sporadisch Unterricht gehabt hatten, und f�r diejenigen, die �berhaupt keine Vorkenntnisse hatten.</p><empty-line/><p>�Neil!� Evies Augen leuchteten auf und sie eilte ihm erwartungsvoll entgegen. Neil, ungef�hr Mitte f�nfzig, war vor zehn Jahren in die Siedlung gekommen. Seit dem Ende der Schreckenszeit hatte er quasi als Einsiedler gelebt. Nach den Geschichten, die man Evie erz�hlt hatte, war er damals in Lumpen gekleidet gewesen, und die Haare reichten ihm bis zur Taille. Er war halb verhungert, und wochenlang war es nicht sicher, ob er �berhaupt �berleben w�rde. Aber allm�hlich war er wieder zu Kr�ften gekommen und mit jeder Woche hatten seine Pfleger mehr �ber ihn erfahren. Der ausgemergelte Mann, der da vor ihnen im Bett lag, war vor der Schreckenszeit ein f�hrender Akademiker gewesen, hatte Preise gewonnen und war um die ganze Welt gereist. Er war Matrose gewesen und Pianist und hatte ein umweltschonendes Verfahren f�r den Fischfang entwickelt; den Erl�s � viele Millionen Pfund � hatte er f�r wohlt�tige Zwecke gespendet. Evie hatte sich das alles angeh�rt, aber es sagte ihr nicht viel; sie fand Geschichten von fr�her verwirrend und seltsam. Was ihr an Neil gefiel, war die Begeisterung in seinem Gesicht, wenn er �ber ein Buch oder �ber ein Konzept sprach; die Art, wie er mit den Augen rollte, wenn einer seiner Sch�ler etwas Wichtiges verstanden hatte.</p><empty-line/><p>Mittlerweile h�tete er tags�ber das Vieh, und abends gab er Unterricht in kreativem Schreiben, musikalischer Bildung, Knotenkn�pfen und Gesang. Dabei erkl�rte er jedem, der es h�ren wollte, dass er noch nie so gl�cklich gewesen sei und dass er hier alles habe, was er sich w�nsche. Aber Evie wusste, dass das nicht ganz stimmte. Sie sah, wie hastig er jeden Abend die mageren Rationen in der Siedlung hinunterschlang, und sie wusste, dass er zu sehr mit seinem Unterricht besch�ftigt war, um sich um seine Parzelle zu k�mmern. Deshalb brachte sie ihm jedes Mal, wenn sie seinen Unterricht besuchte, ein St�ck Brot, ein bisschen Obst oder etwas von ihrem eigenen Essen mit. Er wollte es zwar nie annehmen, aber Evie bestand darauf, weil sie nicht so viel brauchte wie er und weil sie au�erdem unbedingt etwas lernen wollte, und deshalb war es eigentlich ein fairer Handel.</p><empty-line/><p>Raffy erz�hlte sie nichts davon, denn sie war sich nicht sicher, ob er sie verstehen w�rde.</p><empty-line/><p>In Wahrheit wusste Evie, dass Neil mehr Essen bek�me, wenn er nur darum bitten w�rde, denn die Nahrung wurde nur deshalb gleich verteilt, weil das wohl am vern�nftigsten und am fairsten war. In der Siedlung gab es keine Reglementierung, es war ein Ort der Gemeinschaft, wie Benjamin, Stern und die anderen immer wieder betonten. Alles durfte diskutiert werden, und jeder hatte das Recht, anderer Meinung zu sein oder vorzuschlagen, wie man etwas anders machen k�nnte.</p><empty-line/><p>Aber niemand hatte je darum gebeten, dass irgendetwas ge�ndert werden sollte.</p><empty-line/><p>�Ich habe das Buch dabei, das ich erw�hnt habe.� Neil hielt es in die H�he, und auf Evies Gesicht erschien ein L�cheln. Er warf ihr das Buch zu und sie sprang hoch und fing es auf.</p><empty-line/><p>�Danke�, sagte Evie und strahlte, als sie das Buch in den H�nden drehte. Neil hatte ihr in seinem Kurs Kreatives Schreiben, der jeden Mittwochabend stattfand, von dem Buch erz�hlt. Benjamin hatte Evie den Kurs vorgeschlagen, weil er dachte, das Schreiben k�nnte vielleicht eine reinigende Wirkung haben. Anfangs hatte Raffy sie begleitet, weil er angeblich seine Gedanken auch so gern niederschreiben wollte wie sie, aber schlie�lich war er abgesprungen und einem anderen Klub beigetreten, weil ihm die Ausreden ausgegangen waren, warum sie allein in ihren Kurs gehen sollte.</p><empty-line/><p>Evie liebte die Sprache und wie sich durch ein einziges Wort ein ganzer Satz ver�ndern lie�, wie Gef�hle, Spannung oder Angst erzeugt wurden, wie all das Schreckliche, das sie erlebt hatte, durch das Niederschreiben nur noch zu Worten auf einer Seite wurde und wie das Schreiben ihr half, sich davon zu befreien.</p><empty-line/><p>�Ich bin sicher, es wird dir gefallen�, meinte Neil. �Die Autorin hat vor �ber hundert Jahren gelebt, aber ihre B�cher sind immer noch aktuell, weil sie �ber allgemeine Themen schreibt und weil in ihren Worten Wahrheit liegt. Du wirst sehen, was ich meine.�</p><empty-line/><p>Evie l�chelte dankbar. In der Stadt hatte sie Lernen immer gehasst; die Zahlen und Fakten, die sie auswendig lernen und wortw�rtlich wiedergeben musste; wo keine Fragen, keine Fantasie und nichts Neues erlaubt waren. Jeder, der anders war, war gef�hrlich, und man durfte ihm nicht trauen. Jetzt wurde ihr bewusst, wie sehr Angst die Stadt beherrscht hatte; Angst, etwas falsch zu machen; Angst, mit jemandem zu sprechen, der einen wom�glich mit dem B�sen ansteckte; Angst, im Rang herabgestuft zu werden; Angst, dass einem nahestehenden Menschen dasselbe widerfuhr; Angst vor den B�sen au�erhalb der Stadtmauern; Angst davor, was passieren w�rde, wenn die Mauern niedergerissen wurden, wenn die Entschlossenheit schwand, wenn das B�se wieder die Herrschaft �bernahm. Angst l�hmte und schw�chte. Angst machte die Menschen unsicher, nerv�s, ungl�cklich und verschlossen.</p><empty-line/><p>�Sehen wir uns am Mittwoch?�, fragte Neil, und Evie nickte und strahlte ihn an.</p><empty-line/><p>�Also, bis dann�, sagte sie, �ffnete ihre Tasche und steckte das Buch hinein. Es hatte den Titel <emphasis>Alle Menschen sind sterblich.</emphasis> Als sie das Buch in die Tasche schob, streiften ihre Finger einen harten, metallenen Gegenstand, und sie err�tete schuldbewusst. Sie beschleunigte den Schritt, so als h�tte sie Angst, jemand k�nnte ihr folgen, k�nnte wissen, was das war.</p><empty-line/><p>Es war eine Uhr.</p><empty-line/><p>Lucas� Uhr.</p><empty-line/><p>Die Uhr, die er ihr an dem Tag gegeben hatte, als sie und Raffy die Stadt f�r immer verlassen hatten.</p><empty-line/><p>Die Uhr, die Lucas� und Raffys Vater geh�rt hatte. Lucas hatte sie gebeten, sie Raffy zu geben, und dann hatte er ihr gesagt, dass er sie liebe und dass er sie immer geliebt habe.</p><empty-line/><p>�Alles okay, Evie?� Neil ging mit besorgtem Gesicht auf sie zu. Evie sp�rte, dass sie heftig err�tete.</p><empty-line/><p>�Alles in Ordnung�, erwiderte sie rasch, obwohl sie wusste, dass sie alles andere als �berzeugend klang. �Wirklich, mir geht es gut.�</p><empty-line/><p>Es hatte einige Wochen gedauert, bis sie den Moment f�r gekommen hielt, Raffy die Uhr zu geben. Sie hatte gewartet, bis sie dachte, Raffy w�rde es verstehen, er w�rde seinem Bruder vergeben und Lucas so sehen, wie er wirklich war, und nicht als den unterdr�ckerischen �lteren Bruder, als der er sich gab.</p><empty-line/><p>Evie hatte Raffy die Uhr in die Hand gedr�ckt, so wie Lucas es bei ihr getan hatte, und ihm erkl�rt, dass Lucas wollte, dass er sie bek�me. �Er hat gesagt, sie hat immer dir geh�rt. Euer Vater hatte ihn gebeten, f�r dich darauf aufzupassen. Er konnte sie dir nicht fr�her geben. Aber jetzt � jetzt sollst du sie tragen.�</p><empty-line/><p>Raffy betrachtete die Uhr eine Weile und stopfte sie dann in seine Tasche.</p><empty-line/><p>�Willst du sie nicht umtun?�, fragte Evie, fing sich aber nur einen w�tenden Blick ein.</p><empty-line/><p>�Umtun? Nein�, entgegnete Raffy schroff.</p><empty-line/><p>Und damit war die Sache erledigt � dachte Evie zumindest. Ein paar Wochen sp�ter nahm sie noch einmal ihren ganzen Mut zusammen und fragte Raffy, ob er sich vorstellen k�nnte, die Uhr zu tragen.</p><empty-line/><p>�Lucas� Uhr?�, meinte Raffy sp�ttisch. �Die hab ich gar nicht mehr. Ich hab sie beim B�cker gegen Kuchen eingetauscht. Erinnerst du dich an den Schokoladenkuchen? Der ist mehr wert als eine goldene Uhr.�</p><empty-line/><p>Evie hatte ihn ungl�ubig angestarrt. �Aber Lucas hat die Uhr extra f�r dich aufgehoben. Jahrelang. Sie hat doch deinem Vater geh�rt. Er � �</p><empty-line/><p>�Nicht�, unterbrach Raffy sie. Er ging auf Evie zu mit einem Gesichtsausdruck, der ihr v�llig fremd war. Sein Blick war so kalt, als w�re er jemand anders, jemand, den sie nicht kannte und den sie auch nicht kennen wollte. �Erw�hne Lucas mir gegen�ber nie wieder. Oder meinen Vater. Oder diese Uhr. Hast du verstanden?� Sein Gesicht war ganz nah, aber es lag keine Vertrautheit, keine Z�rtlichkeit in seinem Blick. Er nahm sie �berhaupt nicht wahr. Er sah nur seinen Groll, sah nur seine eigene selbsts�chtige Wut.</p><empty-line/><p>Evie hatte nur genickt. Sie sch�umte innerlich vor Wut und konnte Raffy kaum ansehen, geschweige denn mit ihm reden. Doch vier Monate sp�ter hatte der B�cker eine ganze Garnitur Vorh�nge und Kissenbez�ge bekommen, die Evie selbst aus Stoffresten aus den Arbeitsr�umen gen�ht hatte, und sie hatte die Uhr wieder.</p><empty-line/><p>Jetzt brachte sie die Uhr regelm��ig zu einem Versteck und lie� sie nie l�ngere Zeit am selben Ort. Noch etwas, was sie vor Raffy geheim halten musste, eine Zeitbombe, die jeden Moment hochgehen konnte. Aber dieses Risiko ging sie ein. Raffy war ja vielleicht froh, wenn er nicht mehr an Lucas denken musste, wenn er dessen Opfer vergessen und so tun konnte, als h�tte Lucas nie existiert. Aber Evie konnte das nicht. Und sie wollte es auch nicht.</p><empty-line/><p>Lucas existierte. Und Evie hoffte, dass er gl�cklich war, dass er endlich in der Stadt den Frieden gefunden hatte, den er gesucht hatte. �Gut, dann sehen wir uns am Mittwoch�, meinte Neil achselzuckend, l�chelte ihr ein letztes Mal zu und ging davon.</p><empty-line/><empty-line/><p>4</p><empty-line/><p>Lucas atmete tief durch und musterte die Frau, die ihm gegen�bersa�. Amy Jenkins. Er hatte schon oft mit ihr gesprochen; er hatte daf�r gesorgt, dass ihre Zeitung <emphasis>The City News</emphasis> erscheinen konnte, weil er dachte, die B�rger der Stadt w�rden die Einf�hrung der Pressefreiheit, des eigenst�ndigen Denkens, begr��en und dadurch ermutigt, wieder an sich selbst zu glauben und gemeinsam eine neue Welt aufzubauen.</p><empty-line/><p>Das war vor einem Jahr gewesen. Vor einer Ewigkeit.</p><empty-line/><p>Doch jetzt war alles anders.</p><empty-line/><p>Jetzt durchstreiften Suchmannschaften die Stra�en der Stadt; vor seinen B�ros versammelten sich Menschenmassen und forderten seinen Kopf. Er sah �berall nur noch w�tende Gesichter und h�rte verzweifelte Appelle. Und alle wollten nur das eine: das System sollte wieder errichtet werden, die Neutaufe sollte wieder eingef�hrt werden. Zur�ck zum Bruder. Zur Unterw�rfigkeit.</p><empty-line/><p>Lucas sp�rte, wie es ihm die Kehle zuschn�rte.</p><empty-line/><p>�Wir sollten nicht vergessen�, sagte er betont k�hl, ohne sich seine innere Unruhe anmerken zu lassen, �dass das System uns zu Sklaven gemacht hat. Die Urteile waren willk�rlich, sie wurden vom Bruder kontrolliert, um den Menschen Angst zu machen, um sie auseinanderzubringen, um seine Freunde zu belohnen und seine Feinde zu bestrafen. Das System war korrupt.�</p><empty-line/><p>�Aber trotzdem�, erwiderte Amy und kniff die Augen zusammen, �war die Stadt ein Ort der Sicherheit und des Friedens. Heute verschwinden unsere jungen Leute einfach. Jede Woche wird jemand entf�hrt, zu Hause oder auf der Stra�e, und ist wie vom Erdboden verschluckt. Sie haben dir vertraut, ihre Familien haben dir vertraut. Sie haben gedacht, sie w�ren sicher und du w�rdest die B�sen von der Stadt fernhalten. Aber du hast sie entt�uscht und du entt�uschst sie immer noch. Was sagst du dazu?�</p><empty-line/><p>Lucas schloss die Augen. Man nannte sie die Verschwundenen. Jungen und M�dchen, Teenager, alle vermisst. Noch vor ein paar Wochen hatten Jane Anderson, Bill Grainger, Edward Ashleigh und all die anderen ganz normal gearbeitet, gegessen, geschlafen � Und dann war pl�tzlich einer nach dem anderen verschwunden. Sechs Jugendliche, in einer Stadt mit hohen Mauern, die zum Schutze aller errichtet worden waren. Verschwunden in einer Stadt, die jahrelang als sicher galt und in der es angeblich nichts B�ses mehr gab. Verschwunden ohne eine Erkl�rung, ohne irgendeinen Hinweis darauf, was mit ihnen passiert war.</p><empty-line/><p>Lucas �ffnete die Augen wieder, stand auf und ging zum Fenster, eine schmale �ffnung, die gen�gend Tageslicht hereinlie�, aber die K�lte drau�en hielt. Zweckm��ig eben, wie alles andere in der Stadt. Bis vor Kurzem war es Lucas gar nicht aufgefallen, wie trostlos alles war und dass es innerhalb der Stadtmauern kaum etwas Sch�nes gab. Er hatte sich viel zu sehr auf die Machenschaften der Regierung konzentriert und darauf, Raffy und Evie zu sch�tzen und mit einem alten Kameraden seines Vaters irgendwo da drau�en heimlich zu kommunizieren. Aber jetzt waren sein Bruder und Evie fort, jetzt gab es keine Tricks, kein Doppelleben und keine Geheimnisse mehr. Lucas hatte gehofft, er w�rde sich jetzt besser f�hlen und w�re gl�cklicher, aber stattdessen f�hlte er sich einfach nur leer.</p><empty-line/><p>Und jetzt das. Fr�her war Lucas den anderen immer einen Schritt voraus gewesen und wusste Bescheid �ber Dinge, von denen sie nichts wussten. Doch jetzt f�hlte er sich hilflos, aber Hilflosigkeit passte nicht zu ihm.</p><empty-line/><p>�Wir suchen Tag und Nacht nach ihnen�, erkl�rte er. �Wir haben schon jeden Quadratzentimeter dieser Stadt abgesucht.�</p><empty-line/><p>�Und trotzdem habt ihr sie nicht gefunden�, erwiderte Amy mit br�chiger Stimme. �Meine kleine Schwester zum Beispiel. Sie ist seit drei Wochen verschwunden. Sie war zu Hause. Ich hab ihr noch Gute Nacht gesagt, und am n�chsten Morgen war sie weg. Und du erz�hlst mir was von Suchmannschaften? Was n�tzen Suchmannschaften, wenn sie nichts finden? Wenn du, unser selbst ernannter Anf�hrer, uns so etwas antust? Bist du froh, wenn wir alle verschwunden sind? Ist es das, was du willst?�</p><empty-line/><p>Amy hatte Tr�nen in den Augen, aber Lucas blinzelte nicht, er ging einfach zu ihr hin. �Ich m�chte die Stadt zu einem guten Ort machen�, erkl�rte er, �wo die Menschen frei entscheiden und ohne das Stigma von R�ngen leben k�nnen.�</p><empty-line/><p>�Wo man von den B�sen verschleppt wird?�, fragte Amy mit erstickter Stimme. �Wo man Angst haben muss, allein auf die Stra�e zu gehen? Wo man sich nur in gro�en Gruppen durch die Stadt bewegen kann? Wo nachts alle Fenster geschlossen und M�bel vor die T�r geschoben werden m�ssen? Ist es das, was du dir f�r uns w�nschst?�</p><empty-line/><p>Ihre Unterlippe zitterte, w�hrend sie sprach. Mit ihrem herausfordernden Blick und ihrer Weigerung, etwas anderes zu akzeptieren als die Wahrheit, erinnerte sie Lucas an Evie. Er fragte sich, was Evie jetzt wohl zu ihm sagen w�rde. W�rde sie ihm vorwerfen, dass er nicht genug tat? W�rde sie ihn genauso w�tend anstarren wie Amy und ihm erkl�ren, dass er die Menschen und die Stadt im Stich gelassen hatte? Ja, das w�rde sie. Und sie h�tte recht.</p><empty-line/><p>Lucas nahm seinen ganzen Mut zusammen und sch�ttelte den Kopf. �Nein�, sagte er. �Nat�rlich nicht.�</p><empty-line/><p>Amy sah Lucas pr�fend an. �Und was willst du uns sagen, um uns zu beschwichtigen?�, fragte sie. �Den Eltern der vermissten Kinder? Ihren Familien? Und allen, die Angst haben, schlafen zu gehen? Was willst du ihnen und uns sagen?�</p><empty-line/><p>Lucas wich ihrem Blick nicht aus. �Ich werde herausfinden, wer dahintersteckt. Ich werde die Schuldigen finden und sie bestrafen. Ich will Gerechtigkeit. Und ich werde unsere jungen Leute finden und sie zu ihren Familien zur�ckbringen.�</p><empty-line/><p>�Wie denn?�, wollte Amy wissen, aber Lucas war schon zur T�r gegangen, �ffnete sie und gab ihr damit zu verstehen, dass das Gespr�ch beendet war.</p><empty-line/><p>Denn er hatte keine Antwort auf ihre Frage. Und er war sich nicht sicher, ob er �berhaupt auf irgendetwas eine Antwort hatte.</p><empty-line/><p>Aber er wusste, dass er eine Antwort finden w�rde, und er w�rde nicht ruhen, bis derjenige, der das tat, gefasst war und ihm der Prozess gemacht wurde. Sonst w�re alles umsonst, wof�r er und sein Vater gek�mpft hatten. Wer diese jungen Leute entf�hrte, der raubte damit der Stadt ihren Frieden. Und es war seine Aufgabe, den Frieden wiederherzustellen.</p><empty-line/><p>Lucas verlie� sein B�ro, er musste hinaus an die frische Luft. Amy hatte recht: Er hatte die Menschen entt�uscht. Er hatte das System aufgel�st, das System, das jeden verfolgt hatte, das System, das ihm jetzt zeigen k�nnte, wo die Verschwundenen waren und was mit ihnen passiert war. Er, Linus, Evie und Raffy hatten das System freudig und triumphierend zerst�rt. Aber Lucas hatte dabei nicht erkannt, was f�r eine St�tze es f�r die Stadt gewesen war, und dass ohne das System allm�hlich alles zerfallen w�rde.</p><empty-line/><p>Eigentlich stimmte das nicht ganz. Linus hatte versucht, es Lucas zu erkl�ren, aber Lucas hatte nicht zugeh�rt, oder besser gesagt, er wollte nicht zuh�ren. Er wollte einfach sein neues Leben anfangen und die Aufgabe weiterf�hren, mit der sein Vater ihn Jahre zuvor betraut hatte.</p><empty-line/><p>Es war jetzt fast ein Jahr her, dass Linus, Raffy, Evie und die anderen mit Lucas� Hilfe die Stadt gest�rmt hatten. Sie hatten das System, das die B�rger so lange kontrolliert hatte, au�er Kraft gesetzt und die Wahrheit ans Licht gebracht, die der Bruder ihnen vorenthalten hatte. Das System hatte alles gewusst, alles gesehen, alles verstanden. Linus hatte es urspr�nglich aufgebaut, um die Bed�rfnisse der Menschen zu erkennen und eine neue Welt zu schaffen, in der Gl�ck nicht nur Wunschdenken war, sondern wo es Gl�ck tats�chlich gab. Doch schon bald hatte der Bruder das System f�r seine Zwecke missbraucht und manipuliert. Er spielte Polizist statt den Wohlt�ter und �berwachte die B�rger der Stadt, um sicherzugehen, dass sie nicht aus der Reihe tanzten.</p><empty-line/><p>Linus hatte Lucas erkl�rt, dass es nicht gen�gen w�rde, das System abzuschalten, sondern dass jedes �berbleibsel des alten Regimes zerst�rt werden m�sse, damit die Menschen keine andere Wahl hatten, als den Wandel zu akzeptieren. Aber Lucas hatte ihm nicht geglaubt. Genauso wenig wie er Linus� Vorhersage geglaubt hatte, dass die Menschen ihm nicht dankbar sein, sondern dass sie ihm die Schuld geben und ihn am Ende hassen w�rden.</p><empty-line/><p>Und nun kam er zu dem verzweifelten Schluss, dass Linus recht gehabt hatte. Die Menschen hassten ihn tats�chlich. Er sah es in ihren Augen. Die B�rger der Stadt hatten jetzt mehr Angst als je zuvor, und das war seine Schuld, denn trotz seinem ganzen Gerede von einem Neuanfang konnte er nicht verhindern, dass immer wieder Jugendliche verschwanden. Und er hatte absolut keine Erkl�rung daf�r.</p><empty-line/><p>Als er auf den Korridor hinaustrat, sah er sofort, dass der Bruder in Begleitung zweier Wachm�nner auf ihn zukam. Lucas bemerkte reuevoll, dass die Wachen eher aussahen wie Dienstboten als wie Gef�ngnisw�rter.</p><empty-line/><p>�Lucas. Harte Zeiten, was?�, sagte der Bruder mit einem L�cheln auf den Lippen. Lucas starrte ihn an.</p><empty-line/><p>�Ja�, erwiderte er mit versteinerter Miene, damit der Bruder ihm seine inneren Qualen und seine Selbstzweifel nicht anmerkte. �Und bitte, erspar dir diesen triumphierenden Gesichtsausdruck. Ich wei� ja, dass du dich im Grunde nur f�r dich selbst interessierst, aber du k�nntest ja wenigstens so tun, als w�rst du besorgt wegen dem, was passiert ist, anstatt so ausgesprochen gut gelaunt aufzutreten.�</p><empty-line/><p>�Lucas, das ist eine furchtbare Anschuldigung�, meinte der Bruder, ohne dass das L�cheln aus seinem Gesicht verschwand. �Nat�rlich bin ich besorgt. Nicht wegen dir, sondern wegen den armen Menschen in dieser Stadt, die sich darauf verlassen, dass du sie besch�tzt. Aber sie wurden immer wieder entt�uscht. Du bist deinem Vater sehr �hnlich, Lucas. Ich verstehe nicht, warum ich das nicht schon fr�her erkannt habe.�</p><empty-line/><p>Lucas wandte den Blick ab vor Abscheu. Sein Vater war ein Opfer der Regierung des Bruders geworden. Er war zum K herabgestuft worden, als er die L�gen aufgedeckt hatte, auf denen der Bruder die Stadt aufgebaut hatte. K stand f�r Killable. Lucas erschauerte, wenn er an den Blick seines Vaters dachte, als der ihm sagte, was geschehen w�rde, dass er sterben w�rde, dass er Lucas� Hilfe brauche, dass Lucas niemandem etwas sagen d�rfe �</p><empty-line/><p>Und jetzt weidete sich der Bruder an Lucas� Ungl�ck. Lucas hatte noch nie solche Verachtung empfunden wie in diesem Moment. H�tte er Linus� Rat befolgt und den Bruder vor den Toren der Stadt sterben lassen, wie der Bruder es mit Lucas� Vater und mit so vielen anderen Opfern getan hatte, w�re vielleicht alles anders gekommen. Aber Lucas hatte es nicht fertiggebracht. Er wollte eine gute und freie Stadt nicht auf einem so rachs�chtigen und barbarischen Akt aufbauen. Stattdessen hatte er gedacht, er k�nnte die Macht der neuen Regierung demonstrieren, indem er dem Bruder vergab. Und der Bruder war so dankbar gewesen � ja, geradezu mitleiderregend � und hatte versprochen, Lucas zu unterst�tzen, ihm zu helfen und Teil dieser neuen Stadt zu werden.</p><empty-line/><p>Doch trotz der Wachen, die den Bruder in Schach halten sollten, und trotz des Hausarrests, bei dem es ihm nur gestattet war, von seinem Haus zur Arbeit und wieder zur�ck zu fahren, setzte der Bruder alles daran, zu intrigieren, zu manipulieren und Unruhe zu stiften. Lucas hatte zwar keinerlei Beweise, aber er sah, was hier vorging, und er verd�chtigte seine eigenen Leute, an diesen Machenschaften beteiligt zu sein. Die Menschen hatten Angst vor dem Bruder; sie glaubten immer noch an ihn. Aber Lucas wollte daf�r sorgen, dass sich das �nderte.</p><empty-line/><p>�Ich muss gehen�, sagte er w�tend. �Ich muss die jungen Leute suchen.�</p><empty-line/><p>�Und du glaubst im Ernst, dass du sie findest?� Der Bruder sch�ttelte den Kopf. �Lucas, die Mauer ist verst�rkt und auf Bruchstellen untersucht worden. Du selbst hast alle Schl�ssel der Torw�chter konfisziert. Niemand kann aus der Stadt hinaus und niemand kann herein. Du musst akzeptieren, dass sich das B�se innerhalb der Stadtmauern befindet. Du musst akzeptieren, dass du nicht alles kontrollieren kannst und dass du das System brauchst.�</p><empty-line/><p>Lucas sch�ttelte verwundert den Kopf. �Und das sagt ausgerechnet der Mann, der die Menschen in einem Ausma� kontrollieren wollte, dass sie ohne seine Zustimmung nicht einmal Freundschaften schlie�en durften?�</p><empty-line/><p>Der Bruder zuckte die Achseln. �Ich k�mmere mich eben um meine Sch�fchen. Das ist doch kein Verbrechen, Lucas. Aber konzentrier dich ruhig auf die Mauer, wenn du dich dann besser f�hlst. Ich bin sicher, Rab freut sich �ber Gesellschaft.�</p><empty-line/><p>Rab war der W�chter des Osttores. Dieser Abschnitt der Stadtmauer war eine besondere Schwachstelle wegen des Sumpflands ringsherum, sodass dort keine Wachen aufgestellt werden konnten. Aber eben wegen dieser S�mpfe war es auch unwahrscheinlich, dass von dort her jemand in die Stadt eindrang, worauf Rab jedes Mal hinwies, wenn Lucas ihn aufsuchte, befragte und die Mauer �berpr�fte. Schlie�lich hatte Lucas den Schl�ssel konfisziert, weil er irgendwie dachte, er h�tte alles besser unter Kontrolle, wenn nur er allein alle Schl�ssel verwahrte. Jedenfalls hatte der Bruder recht. Die Mauer und die Tore wiesen keine Besch�digungen auf, niemand hatte versucht, gewaltsam in die Stadt einzudringen, und Rab schwor Stein und Bein, dass er keinen herein-oder hinausgelassen hatte. Der, der das tat, befand sich entweder bereits in der Stadt oder gelangte auf unbekannten Wegen hinein oder hinaus. Lucas wurde jedoch den Verdacht nicht los, dass der Bruder mehr wusste, als er zugab.</p><empty-line/><p>�Ich werde jeden Stein umdrehen und jeden Winkel der Stadt durchsuchen�, sagte Lucas mit leiser Stimme. �Ich werde herausfinden, wer dahintersteckt.�</p><empty-line/><p>�Mach, was du willst�, meinte der Bruder abweisend. �Das Dumme ist nur, dass wir kein System mehr haben, das unsere B�rger besch�tzt. Aber das wei�t du ja, nicht wahr, Lucas?�</p><empty-line/><p>Lucas musterte ihn mit eiskaltem Blick. �Das System hat sie nie besch�tzt. Es hat sie mit eiserner Faust regiert und sie auf Schritt und Tritt �berwacht�, sagte er ruhig.</p><empty-line/><p>Der Bruder zuckte die Achseln. �Und trotzdem haben sich die Menschen sicherer gef�hlt. Und sie waren auch sicherer. Du hast das System abgeschaltet. Deshalb bist du f�r das Verschwinden der jungen Leute verantwortlich. Such sie, Lucas. Erkl�r den Familien, warum ihre Lieben verschwunden sind. Oder tu etwas, damit es endlich aufh�rt. Du k�nntest das System wiederherstellen und daf�r sorgen, dass jeder B�rger wieder �berwacht wird. Du k�nntest endlich etwas Sinnvolles tun und den Menschen beweisen, dass du dich um sie k�mmerst.�</p><empty-line/><p>�Immer das System. Das ist deine Antwort auf alles.�</p><empty-line/><p>�Es war tats�chlich die Antwort auf alles�, entgegnete der Bruder mit eisigem Blick. �Und du und deine Terroristen-Freunde, ihr habt es zerst�rt.�</p><empty-line/><p>Lucas holte tief Luft. Die meiste Zeit seines Lebens hatte er seine Gef�hle versteckt, doch jetzt kamen sie hoch, obwohl ihm klar war, dass er sie kontrollieren musste. Sonst w�rden sie ihn �bermannen und er w�re so w�tend und verzweifelt, dass er nicht mehr den Willen h�tte, weiterzumachen.</p><empty-line/><p>�<emphasis>Du</emphasis> bist hier der Terrorist, Bruder�, sagte er schlie�lich. �Du bist derjenige, der die Macht mit Gewalt, durch Unterjochung, an sich gerissen hat. Das System hat das Leben von Menschen zerst�rt, es hat meinen Vater zum Tod verurteilt, nur weil er die Wahrheit herausgefunden hat.�</p><empty-line/><p>Der Bruder runzelte die Stirn. Er war entt�uscht. �Du verstehst es immer noch nicht, Lucas, oder?�, fragte er herablassend.</p><empty-line/><p>�Was verstehe ich nicht?�</p><empty-line/><p>Der Bruder kam n�her und stellte sich ganz dicht vor Lucas hin. �Ich habe dich immer f�r einen cleveren Burschen gehalten�, fl�sterte er mit einem Funkeln in den Augen. �Ich hab gedacht, du h�ttest es verstanden. Aber in Wahrheit bist du genau so naiv wie dein Freund Linus. Du scheinst nicht zu begreifen, dass die Menschen gef�hrt werden wollen. Sie wollen, dass man ihnen sagt, was sie tun sollen. Und genau das habe ich getan. Ich habe ihnen die Freiheit geschenkt, nicht selbst denken zu m�ssen. Und du hast sie ihnen genommen. Darum hassen sie dich, Lucas.�</p><empty-line/><p>�Die Menschen wollen richtig frei sein�, sagte Lucas und trat einen Schritt zur�ck.</p><empty-line/><p>�Glaub doch, was du willst�, meinte der Bruder achselzuckend. �Aber an deiner Stelle w�rde ich hoffen, dass keine jungen Leute mehr verschwinden. Denn wenn das nicht aufh�rt, wird der w�tende Mob, der deinen Kopf fordert, noch gr��er und selbstbewusster und entschlossener. Und ich habe ganz bestimmt nicht die Absicht, ihn aufzuhalten.�</p><empty-line/><p>Der Bruder sah Lucas direkt in die Augen. Lucas riss sich zusammen, damit seine Augen nicht flackerten. �Danke f�r deine Hilfe�, sagte er. �Aber du kannst sicher sein, dass ich jeden Einzelnen, der verschwunden ist, finde, und ich finde auch heraus, wer dahintersteckt. �</p><empty-line/><p>Der Bruder l�chelte und ging in Begleitung der beiden W�chter weiter.</p><empty-line/><p>�Armer Lucas�, sagte er mit einem leisen Seufzer. Dann blieb er stehen und drehte sich mit einem mitleidigen Blick zu Lucas um. �Musst du deine Schlacht mal wieder ganz allein austragen. Wo sind denn deine Freunde, Lucas? Wo sind die Menschen, f�r die du alles geopfert hast?�</p><empty-line/><p>Lucas schwieg.</p><empty-line/><p>�Was ist mit dem M�dchen, mit dem du verlobt warst?�, fuhr der Bruder fort und begann sich f�r das Thema zu erw�rmen. �Sie hat deinem Bruder den Vorzug gegeben, nicht wahr? Deinem Bruder, der dich hier verrotten l�sst, nach allem, was du f�r ihn getan hast. Vielleicht solltest du die Tatsachen akzeptieren, Lucas. Niemand braucht deine Hilfe. Niemand will die Freiheit, die du den Leuten unbedingt schenken willst.�</p><empty-line/><p>Lucas wollte etwas erwidern, aber er wurde durch das Ger�usch von sich n�hernden Schritten unterbrochen, die nur eines bedeuten konnten. Er drehte sich um und bereitete sich mental auf die Nachricht vor.</p><empty-line/><p>Es war Christopher, der Chef der Polizeigarde, das Gesicht kreidebleich. �Es wird schon wieder jemand vermisst�, stie� er hervor, und sein Keuchen verriet, dass er den ganzen Weg vom Polizeigeb�ude hierher gerannt war. �Gabrielle Marchant. Ich habe bereits einen Suchtrupp losgeschickt, aber ��</p><empty-line/><p>�Nichts aber�, meinte Lucas entschlossen und biss die Z�hne aufeinander. �Wir werden jeden Winkel in der Stadt durchk�mmen. Wir werden sie finden.�</p><empty-line/><p>Gabby stolperte, fiel hin und rappelte sich wieder auf. Die Stra�en waren menschenleer, alle waren bei der Arbeit, und sie war jetzt sowieso schon viel zu weit weg. Sie h�tte in ein Haus laufen k�nnen, in die B�ckerei, aber irgendwie war ihr klar, dass sie sie schnappen w�rden, bevor sie die T�r �ffnen konnte. Deshalb musste sie aus dem Stadtzentrum ins umliegende Niemandsland fliehen. Ihre einzige Chance war, dass sie schneller war als ihre Verfolger. Sie konnte sie hinter sich h�ren. Sie hatte keine Ahnung, wie viele es waren oder wie sie aussahen. Sie wusste nur, dass sie hinter ihr her waren, wie Clara es vorausgesagt hatte. Sie wollten sie holen, wie sie schon die anderen geholt hatten.</p><empty-line/><p>Es hatte abstrus geklungen, was Clara gesagt hatte, so wie die Geschichten, die ihre Eltern ihr �ber die Welt vor der Gr�ndung der Stadt erz�hlt hatten, �ber die B�sen, die au�erhalb der Stadtmauer lebten, und �ber die tausend Gefahren, von denen sie st�ndig bedroht waren. Und obwohl sie die Furcht in Claras Augen und das Zittern in ihrer Stimme bemerkt hatte, hatte sie es nicht richtig verstanden. Clara hatte sie gewarnt. Sie hatte ihr gesagt, dass alle, die etwas wussten, verschwunden waren, dass die Fremden irgendwie davon erfuhren; dass sie alles vergessen musste, was Clara ihr erz�hlt hatte, und dass sie es keiner Menschenseele verraten durfte. Aber Gabby hatte nur gel�chelt und genickt, weil Clara selbst nicht verschwunden war. Nach Gabbys Ansicht war das eine wesentliche Schwachstelle in der Geschichte.</p><empty-line/><p>Jetzt begriff sie, wie dumm sie gewesen war. Aber jetzt war es zu sp�t.</p><empty-line/><p>Nein, es war noch nicht zu sp�t. Es war nie zu sp�t.</p><empty-line/><p>Gabby holte tief Luft. Sie wusste, dass sie jedem entkommen konnte, wenn sie es versuchte. Sie w�rde es schaffen. Sie musste es schaffen. Wenn sie nur irgendwie �ber die Stadtmauer kommen k�nnte, dann w�rde sie einfach immer weiterrennen und ihre Verfolger w�rden aufgeben. Sie wischte sich den Schwei� von der Stirn, und auf einmal blieb ihr fast das Herz stehen, als sie hinter sich das Laub rascheln h�rte. Sie waren ihr dichter auf den Fersen, als sie gedacht hatte.</p><empty-line/><p>Mit angstgeweiteten Augen beschleunigte sie das Tempo. Sie war noch zu weit von der Stadtmauer entfernt. Sie �berlegte, ob sie sich einfach auf den Boden fallen lassen und ihre Verfolger anflehen sollte �</p><empty-line/><p>Aber das h�tte keinen Sinn. Flucht war ihre einzige Hoffnung. Angsterf�llt rannte sie in Richtung der S�mpfe auf die Mauer zu, die die Bewohner vor den B�sen besch�tzt hatte, die Mauer im Osten, die jetzt die einzige Chance war, ihren Verfolgern zu entkommen. Es war der einzige Abschnitt der Mauer, der nicht bewacht wurde, der einzige Abschnitt, wo ein Fluchtversuch gelingen k�nnte. Den Gedanken, dorthin zu laufen, wo die Wachen standen, und diese um Hilfe zu bitten, verwarf sie rasch wieder. Die Wachen hatten die anderen ja auch nicht besch�tzt. Wenn Clara recht hatte, mussten die W�chter die Fremden in die Stadt gelassen haben. Sie konnte niemandem trauen.</p><empty-line/><p>Gabby n�herte sich jetzt der Mauer und sah das Tor. Wenn sie es doch nur bis dorthin schaffte, wenn sie diesen Ort doch nur verlassen k�nnte�</p><empty-line/><p>Vor ihr tauchte ein kleines bauf�lliges Haus auf, umgeben von Sumpfland. Das Haus des Torw�chters. Sie st�rzte darauf zu, h�mmerte gegen die T�r und versuchte, den Riegel zu �ffnen. Aber ihre H�nde waren schwei�nass, und sie war zu verzweifelt, um den Sinn und Zweck der T�rklinke vor ihr zu verstehen. Sie schrie um Hilfe und begann zu zittern, als sie ihre Verfolger n�her kommen h�rte. Sie drehte sich um, und ihr stockte der Atem, als sie sie zum ersten Mal sah. Sie waren zu zweit und kamen l�chelnd auf sie zu. Sie lachten �ber sie, �ber ihre Angst, ihr Entsetzen, lachten, weil sie nirgendwohin konnte, weil es vorbei war, weil sie gewonnen hatten � Gabby schloss die Augen und wartete.</p><empty-line/><empty-line/><p>5</p><empty-line/><p>Die Nachricht hatte sich rasch verbreitet und M�nner und Frauen auf die Stra�e getrieben. Als Lucas ins Freie trat, kam es bereits zu Menschenansammlungen. Das Verschwinden der jungen Leute hatte den Menschen in der Stadt Angst gemacht. Die Mauer, die Regeln, die ganze Stadt gr�ndete auf dem Bestreben, die B�rger vor dem B�sen zu besch�tzen. Die Tatsache, dass Jugendliche einfach aus der Stadt verschwanden, war nur schwer zu ertragen und ersch�tterte die Stadt in ihren Grundfesten.</p><empty-line/><p>Die Leute musterten Lucas argw�hnisch, als er in das Gedr�nge trat, aber keiner sagte ein Wort. Immerhin war er ihr Anf�hrer, und trotz allem, was passiert war, war man ihm noch nicht mit offener Feindschaft begegnet, auch wenn er t�glich damit rechnete. In gewisser Weise hatte er das dem Bruder zu verdanken; nicht weil der Bruder etwas daf�r tat, sondern weil dieser ein Klima der Angst geschaffen hatte, das immer noch fortbestand. Das System war zwar seit einem Jahr abgeschaltet, aber die B�rger der Stadt h�teten sich noch immer, Fragen zu stellen oder etwas zu tun, was unter dem alten Regime als verd�chtig angesehen wurde. Au�erdem war Lucas ein A, war immer ein A gewesen. Obwohl er den Leuten st�ndig erkl�rte, dass R�nge nichts bedeuteten und dass man Menschen nicht auf diese Weise in Kategorien einteilen konnte, war er sich bewusst, dass sein fr�herer Rang ihn immer noch sch�tzte und ihm eine Autorit�t verlieh, die er sonst nicht h�tte. Daf�r war er dankbar, auch wenn der Gedanke ihn belastete. Manchmal jedenfalls.</p><empty-line/><p>�Mit wem war sie zuletzt zusammen? Wer kennt sie? Wo sind ihre Freunde?� Lucas stellte dieselben Fragen, die schon fr�her gestellt worden waren, obwohl er wusste, was ihn erwartete: ausdruckslose Gesichter, sprachlose Teenager. Die Freunde und Bekannten der Verschwundenen waren unerm�dlich vernommen worden, einzeln und gemeinsam, und alle hatten beteuert, dass sie nichts w�ssten und nichts sagen k�nnten.</p><empty-line/><p>�Ihr habt sie gestern zuletzt gesehen?� Die Teenager sahen ihn verdutzt an, alle zuckten die Achseln und nickten. Sie hatten Angst. Nat�rlich. Jeder hatte Angst. �Und was dann?�</p><empty-line/><p>�Heute Morgen sind wir zur Arbeit gegangen, aber sie kam nicht�, sagte ein M�dchen.</p><empty-line/><p>�Wie hei�t du?�</p><empty-line/><p>�Clara�, antwortete das M�dchen mit weit aufgerissenen Augen. Sie f�rchtet sich, dachte Lucas. Aber da war noch etwas anderes.</p><empty-line/><p>�Sie wissen nichts�, meinte ein Mann herablassend. �Sie war heute Morgen zu Hause. Sie ist zwischen 7.30 Uhr, als sie das Haus verlassen hat, und 8.00 Uhr, als sie nicht am Arbeitsplatz erschienen ist, verschwunden. Wir m�ssen anfangen zu suchen und d�rfen keine Zeit verlieren.�</p><empty-line/><p>�Und dir ist nichts Ungew�hnliches aufgefallen, als du sie das letzte Mal gesehen hast? Hat sie nichts zu dir gesagt?�, fuhr Lucas fort und behielt das M�dchen dabei genau im Auge, um herauszufinden, woran es lag, dass er den Drang versp�rte, weiter nachzuforschen.</p><empty-line/><p>Das M�dchen schien sich unbehaglich zu f�hlen. �Ich wei� nicht. Wir haben gestern Abend Ball gespielt. Nur gespielt �� Die Kleine schluckte und Tr�nen stiegen ihr in die Augen. Ein Mann stellte sich sch�tzend neben sie. Ihr Vater.</p><empty-line/><p>�Sie wei� nichts. Wir sollten keine Zeit mehr vergeuden und mit der Suche anfangen.�</p><empty-line/><p>Lucas nickte z�gernd. �Okay�, sagte er. �Das �bliche Vorgehen.�</p><empty-line/><p>Die Leute teilten sich in Gruppen auf, bestimmten die Gebiete, wo gesucht werden sollte, und einigten sich darauf, wie sie die Berichterstattung organisieren wollten f�r einen schnellen und effektiven Informationsaustausch. Sie suchten den ganzen Tag, ohne Pause, und bis in den Abend hinein. Als es dunkel wurde, wurden die Frauen und die j�ngeren Leute nach Hause geschickt, und die M�nner setzten die Suche fort. Bei Tagesanbruch waren nur noch Lucas und Gabrielles Vater, Gabrielles Onkel und die Arbeitskollegen ihres Vaters unterwegs. Sie vermieden es, einander anzusehen, und keiner wagte auszusprechen, was insgeheim jedem klar war � dass Gabrielle verschwunden war, genau wie die anderen Jugendlichen, und dass sie sie nicht finden w�rden.</p><empty-line/><p>Am Morgen gingen die Menschen wie gewohnt zur Arbeit. �bern�chtigt brach Lucas die Suche ab, schickte die M�nner nach Hause zum Schlafen und entband sie f�r den restlichen Tag von ihren Pflichten. Sie gehorchten nur widerstrebend. Lucas sah ihnen mit ernstem Gesicht nach, dann drehte er sich um und machte sich auf den Weg zu seinem B�ro. Er wollte nicht schlafen. Er konnte nicht. Er hatte das Gef�hl, als w�rde er nie mehr schlafen k�nnen.</p><empty-line/><p>Die Menschen starrten Lucas an, als er vorbeiging, aber Lucas achtete kaum darauf. Mittlerweile war er immun gegen diese Art Aufmerksamkeit, und er hatte gelernt, es zu verdr�ngen. Er senkte den Kopf, zog den Mantel fest um sich und ging weiter. Der Bruder hatte recht, er konnte nicht gut mit Menschen umgehen, und es fiel ihm schwer, beruhigende Worte zu finden und Kontakt herzustellen. Ein Leben lang hatte er seine Gef�hle unterdr�ckt, und jetzt war er nicht einmal mehr sicher, ob er �berhaupt welche hatte. Er wusste nur, wie man ruhig, cool und gefasst blieb und so tat, als h�tte man keine Angst und als h�tte man alles im Griff.</p><empty-line/><p>Aber er hatte beileibe nicht alles im Griff. W�hrend er so ging, begann er pl�tzlich zu zittern, nicht vor K�lte, sondern weil die Gef�hle ihn �bermannten. Er hatte versagt. Er hatte die Stadt im Stich gelassen.</p><empty-line/><p>Er hatte seinen Vater im Stich gelassen.</p><empty-line/><p>Auf einmal merkte er, dass er einen B�renhunger hatte. An der Ecke war eine B�ckerei. Er ging hinein und kaufte einen Laib Brot und zwei Br�tchen. Essen w�rde daf�r sorgen, dass er durchhielt, und ihm helfen, gegen die Zweifel anzuk�mpfen, die in seinem Kopf kreisten wie Geier, um beim kleinsten Anzeichen von Schw�che zuzuschlagen. Das durfte er nicht zulassen. Sobald er die verschwundenen Teenager gefunden h�tte, wollte er eine Entscheidung treffen: Vielleicht w�rde er dann die Stadt verlassen. Aber bis dahin musste er stark und konzentriert sein.</p><empty-line/><p>Er senkte wieder den Kopf und ging weiter. Als er gerade um die Ecke auf die Hauptstra�e bog, wo sich die Regierungsgeb�ude befanden, blieb er stehen, weil pl�tzlich ein M�dchen neben ihm auftauchte, das ihm irgendwie bekannt vorkam. Dann fiel ihm ein, dass es das M�dchen von letzter Nacht war.</p><empty-line/><p>�Clara?�, sagte er.</p><empty-line/><p>Sie sah �berrascht aus, weil er sich an ihren Namen erinnerte, und nickte.</p><empty-line/><p>�Ist dir noch etwas eingefallen? Etwas, was du mir erz�hlen willst?�</p><empty-line/><p>Das M�dchen sah ihn misstrauisch an. Ihre Fingern�gel waren abgekaut, ihre Augen blutunterlaufen. Lucas nahm an, dass sie auch nicht geschlafen hatte.</p><empty-line/><p>�Erz�hl mir, was du wei�t�, sagte er ruhig. �Du kannst mir vertrauen. Ich m�chte nur deine Freundin finden.�</p><empty-line/><p>Sie biss sich auf die Lippen. �Sie haben fr�her das System geleitet, nicht wahr?�</p><empty-line/><p>Lucas nickte. �Ja.�</p><empty-line/><p>�Und Ihr Bruder � Raffy, meine ich. Er hat den Fehler entdeckt. Wegen ihm haben Sie � wurde das System abgeschaltet?�</p><empty-line/><p>�Mehr oder weniger�, erwiderte Lucas achselzuckend. �Das System h�tte nie in Betrieb genommen werden d�rfen. Nicht so. Eigentlich sollte es uns besch�tzen, aber stattdessen hat es sich zu einem Tyrannen entwickelt und uns kontrolliert. Deshalb haben wir es abgeschaltet.�</p><empty-line/><p>Clara nickte unsicher.</p><empty-line/><p>�Niemand h�rt uns�, sagte Lucas. �Wenn du mir etwas sagen willst, wird es niemand anders erfahren.�</p><empty-line/><p>Clara blickte erschrocken auf. �Aber das ist es ja gerade. Sie werden es doch erfahren. Wenn ich es Ihnen erz�hle, werden Sie auch verschwinden�, fl�sterte sie. �Sie k�nnen alles h�ren.�</p><empty-line/><p>Lucas sah sie zweifelnd an. �<emphasis>Sie</emphasis>?�</p><empty-line/><p>Clara sch�ttelte den Kopf. �Das ist nicht wichtig�, sagte sie und ging.</p><empty-line/><p>�Und ob das wichtig ist�, erwiderte Lucas und lief hinter ihr her. �Clara, rede mit mir. Von wem redest du? Wer kann alles h�ren?�</p><empty-line/><p>Clara sch�ttelte wieder den Kopf, sie hatte Tr�nen in den Augen. �Ich kann nicht�, fl�sterte sie.</p><empty-line/><p>�Doch, du kannst�, sagte Lucas bestimmt. �Und du musst. Von wem redest du? Wer sind diese Leute?�</p><empty-line/><p>Clara sah sich verstohlen um. Angst lag in ihrem Blick, und sie biss sich besorgt auf die Lippen. �Die Spitzel�, fl�sterte sie. �So nennen wir sie. So haben wir sie genannt, meine ich. Sie lassen alle verschwinden. Und ich bin die N�chste. Ich wei� es. Ich bin die Einzige, die noch �brig ist.� Ihre Stimme bebte, und als Lucas n�her kam, bemerkte er, dass sie am ganzen K�rper zitterte.</p><empty-line/><p>�Du wirst nicht die N�chste sein�, sagte er mit grimmiger Miene. �Sag mir, was du wei�t, und ich werde dich besch�tzen.�</p><empty-line/><p>Clara sch�ttelte den Kopf und sah sich nerv�s um.</p><empty-line/><p>�Sind sie hier?�, fragte Lucas.</p><empty-line/><p>�Sie sind �berall�, fl�sterte das M�dchen.</p><empty-line/><p>Lucas �berlegte eine Weile, dann nahm er ihre Hand. �Komm mit�, sagte er, schlug den Mantelkragen hoch und senkte den Kopf. �Ich kenne einen sicheren Ort, wo wir reden k�nnen.�</p><empty-line/><p>W�hrend Lucas und Clara mit etwas zittrigen Beinen losliefen, dachte Lucas daran, wie Evie sich gef�hlt haben musste, als sie sich Nacht f�r Nacht aus dem Haus schlich und denselben Weg nahm, wohl wissend, dass ihr Leben eine schreckliche Wendung nehmen w�rde, falls sie erwischt wurde.</p><empty-line/><p>Er musste daran denken, wie ihm zumute gewesen war, als er auf dem Bildschirm des Systems beobachtet hatte, wie sich der kleine rote Punkt, der f�r das M�dchen stand, das er heiraten sollte, auf einen anderen Punkt, seinen Bruder, zubewegte. Er erinnerte sich, dass er wie angewachsen auf dem Stuhl sa�, unf�hig sich zu bewegen, als die Punkte sich einander n�herten und schlie�lich zu einem Punkt verschmolzen. Nach etwa einer Stunde trennten sie sich wieder. Lucas wartete immer, bis Evies Punkt wieder im Haus war, wo er hingeh�rte. Dann l�schte er die Information fein s�uberlich, um Evie und seinen Bruder zu sch�tzen und s�mtliche Beweise f�r ihre heimlichen Treffen zu vernichten. Dabei redete er sich ein, dass seine Magenschmerzen von der Angst um die beiden kamen und nichts mit Neid oder dem verzweifelten Verlangen zu tun hatten, der Punkt zu sein, den ihr Punkt suchte �</p><empty-line/><p>Lucas hatte Evie immer geliebt. Und jetzt, da sie fort war, hatte er das Gef�hl, als w�re er von dunklen Wolken umgeben. Ohne sie gab es f�r ihn in der Stadt nichts, woran er sich erfreuen konnte. Ohne sie war er zum Scheitern verurteilt, denn er wusste nicht, was er tun sollte, und es gelang ihm nicht, gegen die Wogen der Verzweiflung anzuk�mpfen, die ihn mitzurei�en drohten.</p><empty-line/><p>Doch es hatte keinen Sinn, dar�ber nachzudenken. Sie war fort und sie w�rde nicht zur�ckkommen. Sie geh�rte ihm nicht und w�rde ihm auch nie geh�ren. Er hatte die Stadt, und um die musste er k�mpfen, so wie er es sein Leben lang getan hatte.</p><empty-line/><p>Nach zehn Minuten waren Lucas und Clara am Ziel. Der Baum, wo sich die beiden Punkte gefunden hatten, war riesig, eindrucksvoll und gro�artig; er war h�her als alle Geb�ude, die aus der Vergangenheit �brig geblieben oder die seither erbaut worden waren. Lucas ging dorthin, fand die �ffnung und f�hrte Clara ins Innere, wo sie sich erstaunt umsah. In dem Stamm war es behaglich, wie im Mutterleib, ein sicherer Hafen. Weiter hinten lag eine Decke. Lucas hob sie auf und breitete sie auf dem feuchten Boden aus.</p><empty-line/><p>�Setz dich�, sagte er zu Clara. �Hier sind wir sicher. Erz�hl mir alles, was du wei�t, und ich verspreche dir, dass du besch�tzt wirst.�</p><empty-line/><p>Clara sah sich zaghaft um.</p><empty-line/><p>�Was ist das f�r ein Ort?�, fl�sterte sie.</p><empty-line/><p>�Nur ein Versteck�, erkl�rte Lucas und setzte sich ihr gegen�ber. Er versuchte, die Leere, die sich in ihm ausgebreitet hatte, und das verzweifelte Verlangen nach Evie, das ihn schon den gr��ten Teil seines Lebens qu�lte, zu verdr�ngen. �Hast du Hunger?�</p><empty-line/><p>Er holte das Brot hervor, brach f�r Clara ein St�ck ab und gab ihr dazu noch ein Br�tchen. Den Rest schlang er in Sekundenschnelle hinunter. Clara folgte seinem Beispiel. Dann holte sie tief Luft.</p><empty-line/><p>�Wollen Sie es wirklich wissen?�, fragte sie. �Denn die werden es erfahren. Und sie werden kommen, um Sie zu holen. Deshalb ist Gabby � Wissen Sie, ich habe es ihr erz�hlt. Sie hat geahnt, dass ich etwas wei�. Sie hat gesehen, wie wir miteinander gefl�stert haben. Ich und die � die Verschwundenen. Sie hat mich regelrecht angefleht. Ich wollte es nicht, aber � Ich hatte niemanden, mit dem ich sonst h�tte reden k�nnen. Ich hatte Angst, weil ich dachte, ich w�re die N�chste. Ich h�tte eigentlich die N�chste sein m�ssen. Und jetzt ist sie weg. Verschwunden. Sie wollten mich bestrafen, weil sie uns eingesch�rft hatten, es keinem zu erz�hlen. Und jetzt sind sie hinter mir her. Oder hinter Ihnen. Vielleicht stehen sie jetzt schon drau�en. Sie k�nnten auch hinter Ihnen her sein �� Sie zog die Knie an und schluchzte leise. �Und es macht mir noch nicht mal was aus, ich will einfach nur, dass es vorbei ist. Ich will nur, dass es aufh�rt.�</p><empty-line/><p>Clara sah Lucas �ngstlich an.</p><empty-line/><p>�Erz�hl mir, was du wei�t�, sagte er ruhig. �Sag, wer dahintersteckt, und ich werde �� Er brach ab, er konnte den Satz nicht beenden. Er w�rde sie t�ten. Ja, das w�rde er. Diesmal w�rde er keine Gnade walten lassen und seine Rachsucht unterdr�cken. Ehre z�hlte bei solchen Leuten nicht. Er begegnete Claras Blick. �Ich werde sie aufhalten. Verstehst du?�</p><empty-line/><p>Clara hob eine Braue. �Dabei wollte ich gar nicht gehen�, schniefte sie und blickte zu Boden. �Ich wollte nicht in das bl�de Krankenhaus.�</p><empty-line/><p>�Das Krankenhaus?� Lucas runzelte die Stirn.</p><empty-line/><p>�Da hat alles angefangen�, sagte das M�dchen zitternd. �Da haben wir sie gesehen.�</p><empty-line/><p>�Die Spitzel?�</p><empty-line/><p>Clara nickte.</p><empty-line/><p>Es sei ein Wagnis gewesen, erkl�rte sie, weil der Seitenfl�gel des Krankenhauses, in dem die Neutaufen vorgenommen wurden, verschlossen gewesen sei und sie sich unbedingt dort umsehen wollten.</p><empty-line/><p>Es war die Idee ihres Freundes Edward gewesen, in das Krankenhaus einzubrechen. Er hatte geprahlt, hatte sich einen Kuss von Clara ausbedungen, mit einem Funkeln in den Augen, das sie aufregend fand. Also waren sie zu siebt losgezogen, durch den Haupteingang geschl�pft, die Treppe hochgerannt und so in den Fisher-Fl�gel gelangt. Dort gab es jedoch nur eine verschlossene T�r und undurchdringliche, fensterlose W�nde.</p><empty-line/><p>�Los, gehen wir wieder�, hatte Clara sofort gesagt. Da gab es nichts, jedenfalls nichts Interessantes, und das Krankenhaus war ihr nicht geheuer. Aber Edward wollte noch nicht aufgeben.</p><empty-line/><p>�Ich dachte, in der Stadt darf es keine Geheimnisse mehr geben�, sagte er und zog eine Braue hoch, als betrachtete er das als Herausforderung. �Wir sollen doch jetzt selbstst�ndig denken, oder? Wurde das System nicht genau aus diesem Grund zerst�rt? Also, ich denke gerade selbstst�ndig. Und ich denke, ich will sehen, was hinter dieser Wand ist. Ihr nicht? Los, wir gehen von hinten rein.�</p><empty-line/><p>Edward zwinkerte Clara zu, nahm sie bei der Hand, lief den Korridor zur�ck und bog kurz darauf links um die Ecke. Die anderen rannten hinterher. Sie wussten, was hinter der T�r war und was Edward sehen wollte. Der Fisher-Fl�gel. Der Ort, wo die Neutaufen stattfanden. Oder die Verst�mmelungen, je nachdem, wem man glauben wollte.</p><empty-line/><p>Sie gingen eine Schleife und gelangten in einen kleinen Raum, wo es nach W�sche roch. Dort suchten sie nach einer anderen M�glichkeit, in den Seitenfl�gel zu gelangen, nach einer Hintert�r oder so etwas.</p><empty-line/><p>�Hier!�, rief Clara pl�tzlich, ohne �ber die Konsequenzen nachzudenken. Da war eine schmale �ffnung in der Wand. Verschlossen zwar, aber leicht aufzubrechen. Eine Durchreiche f�r die W�sche. �Meint ihr, wir kommen da durch?�, fragte sie die anderen, die gleich zu ihr gerannt waren, und sie begann innerlich zu gl�hen, als Edward ihr einen triumphierenden Blick zuwarf.</p><empty-line/><p>�Ich denke, das schaffen wir auf jeden Fall�, meinte er grinsend und zog sich an der �ffnung hoch. Gerade als er sich hindurchzw�ngen wollte, waren auf der anderen Seite der �ffnung Schritte und ged�mpfte Stimmen zu vernehmen. M�nner. Im Fisher-Fl�gel. Leise lie� sich Edward wieder auf den Boden gleiten.</p><empty-line/><p>�Und wenn das System nicht mehr zu retten ist?�</p><empty-line/><p>�Nat�rlich ist es zu retten. Der Bruder will uns nur hinhalten, das ist alles. Er meint, je l�nger es dauert, desto besser kann er verhandeln. Aber wir brauchen ihn nicht. Wir brauchen den Jungen. Raffy. Wenn wir ihn finden, k�nnen wir den Bruder beseitigen. Er wird allm�hlich zu anstrengend. Zu schwierig.�</p><empty-line/><p>�Was ist mit Lucas?�</p><empty-line/><p>Ein Seufzer war zu h�ren. �Zuerst m�ssen wir seinen Bruder Raffy finden. Dann k�mmern wir uns um Lucas.�</p><empty-line/><p>Clara hatte nicht bemerkt, dass Harriet rot anlief und dass ihr der Schwei� von der Stirn tropfte. Erst als sie hustete und ein Taschentuch hervorzog, um das Ger�usch zu d�mpfen, begriff Clara, dass Harriet verzweifelt versuchte, den Husten zu unterdr�cken.</p><empty-line/><p>In dem Moment waren die Schritte und die Stimmen verstummt. Clara und ihre Freunde waren wie erstarrt und warfen sich �ngstliche Blicke zu. Nur Sekunden sp�ter standen die M�nner hinter ihnen im W�scheraum und starrten sie an. Sie trugen schwarze Jacken und schwarze Hosen. Ihre Gesichter waren streng und undurchdringlich.</p><empty-line/><p>�Sie sind hier�, rief einer der M�nner. Sie traten zur Seite und ein weiterer Mann betrat den Raum. Nachdem er sich einen �berblick �ber die Szene verschafft hatte, kniff er die Augen zusammen und betrachtete pr�fend jedes einzelne Gesicht.</p><empty-line/><p>�Ihr wisst, wer wir sind?�, fragte er dann, und Clara erkannte die Stimme sofort: Das war der Mann, der zuvor �ber Lucas und den Bruder geredet hatte.</p><empty-line/><p>Clara sch�ttelte den Kopf. Sie sah, dass Harriet am ganzen Leib zitterte.</p><empty-line/><p>Der Mann starrte sie an. �Wir sind die Spitzel. Wir erstatten Bericht �ber Leute, die gegen die Regeln versto�en. Und ihr habt gegen die Regeln versto�en. Das werdet ihr noch bereuen. Und falls ihr mit irgendeiner Menschenseele dar�ber sprecht, wird derjenige es ebenfalls bereuen. Das ist keine leere Drohung. Wir sind aus einem bestimmten Grund in der Stadt. Habe ich mich klar ausgedr�ckt? Vielleicht sollte ich noch deutlicher werden. Du. Edward. Komm mit.� Er sah Edward mit ernstem Gesicht an und der wich zur�ck.</p><empty-line/><p>�Ich sagte, komm mit�, wiederholte der Mann mit ged�mpfter, aber bedrohlicher Stimme. Die beiden anderen M�nner gingen auf Edward zu. Der begann zu zittern, und als er weglaufen wollte, packten sie ihn und schleiften ihn aus der W�schekammer. Clara h�rte ihn eine Weile schreien und rufen, dann war es pl�tzlich still.</p><empty-line/><p>�Ihr solltet jetzt gehen�, sagte der Mann mit einem leisen L�cheln. �Und bitte denkt daran: Wenn ihr auch nur ein Wort ausplaudert von dem, was ihr gesehen oder geh�rt habt, dann seht ihr Edward nie wieder. Und nat�rlich wissen wir, wer ihr seid und wo ihr wohnt.� Er l�chelte sie an, verlie� mit einem Achselzucken den Raum und schloss die T�r hinter sich.</p><empty-line/><p>�Was ist dann passiert?�, fragte Lucas atemlos, und sein Herz klopfte wie wild.</p><empty-line/><p>Clara atmete tief durch. �Wir haben das Krankenhaus verlassen und sind davongerannt, so schnell wir konnten.�</p><empty-line/><p>�Und habt ihr es irgendjemandem erz�hlt?�</p><empty-line/><p>Clara sch�ttelte den Kopf. �Das konnten wir nicht. Wegen Edward. Wegen dem, was der Mann gesagt hat. Die wissen, wer wir sind. Wir konnten es nicht erz�hlen. Wir konnten nicht ��</p><empty-line/><p>Wieder stiegen ihr Tr�nen in die Augen, und sie wischte sie verst�rt weg.</p><empty-line/><p>�Was ist dann passiert?� Lucas versuchte, ruhig zu bleiben und sich nicht anmerken zu lassen, wie w�tend er war und wie gern er gleich zum Krankenhaus gelaufen w�re, um diese M�nner mit blo�en H�nden in St�cke zu rei�en. Wer waren sie? Was hatten sie in seiner Stadt zu suchen? Wie konnten sie es wagen, �ber Raffy zu reden, als ob sie ihn kennen w�rden?</p><empty-line/><p>�Nichts. Wir haben darauf gewartet, dass Edward zur�ckkommt. Aber er kam nicht. Eine Woche sp�ter ist Harriet verschwunden und eine Woche darauf ihr j�ngerer Bruder. Ich wei�, dass keiner von ihnen irgendjemandem etwas erz�hlt hat. Sie hatten so gro�e Angst, dass sie nicht einmal mit mir dar�ber gesprochen haben. Trotzdem sind sie verschwunden. Und dann auch alle andern. Schlie�lich war nur noch ich �brig. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich konnte nicht rausgehen, ich konnte nicht schlafen, ich konnte nicht in den Spiegel schauen vor lauter Angst, sie k�nnten pl�tzlich hinter mir stehen. Und dann ��</p><empty-line/><p>Sie hielt inne.</p><empty-line/><p>�Was dann?�, sagte Lucas sanft, um sie zum Weiterreden zu bewegen.</p><empty-line/><p>�Dann habe ich es Gabby erz�hlt. Sie ist meine beste Freundin, und sie hat geahnt, dass ich etwas wusste. Sie hat gesagt, ich m�sste ihr das gro�e Geheimnis verraten, und sie wollte wissen, warum ich nicht mehr mit ihr rede und warum ich nicht �ber die Verschwundenen sprechen will, so wie die anderen. Und � dann habe ich ihr alles erz�hlt. Ich � ich habe meine beste Freundin auf dem Gewissen.� Sie schluchzte und Tr�nen liefen ihr �bers Gesicht. Mit flehendem Blick sah sie zu Lucas auf.</p><empty-line/><p>�Was machen wir jetzt?�, fragte sie, wischte die Tr�nen weg und schniefte verzweifelt.</p><empty-line/><p>Lucas sah sie eine Weile an, bis er das eben Geh�rte richtig begriffen hatte. Zugleich versuchte er, die Wut zu unterdr�cken, die in ihm hochstieg. Gerade jetzt musste er besonnen bleiben. Es war seine Pflicht, Clara zu besch�tzen. Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag: Es war seine Schuld, dass Clara und ihre Freunde sich auf dieses Abenteuer eingelassen hatten. H�tten er und Linus das System nicht zerst�rt, w�ren sie und ihre Freunde zu Hause geblieben, h�tten ihre Aufgaben erledigt und es nicht gewagt, miteinander zu sprechen, es sei denn, es w�re ausdr�cklich erlaubt gewesen. Die Regeln, die sie eingeschr�nkt hatten, hatten sie gleichzeitig gesch�tzt. �Bist du die Letzte aus der Gruppe? Gibt es noch jemanden, der die Spitzel gesehen hat oder der etwas �ber sie wei�?�</p><empty-line/><p>�Ich bin die Letzte.� Clara nickte.</p><empty-line/><p>Demnach war niemand sonst in unmittelbarer Gefahr. Aber Clara � Er konnte Clara besch�tzen. Eine von sieben. Es war erb�rmlich. Einfach zum Heulen. Aber immerhin etwas. Rache und Gerechtigkeit mussten warten. �Wenn das so ist�, meinte Lucas, �m�ssen wir dich jetzt von hier wegbringen. Verstehst du? Wir m�ssen die Stadt verlassen, und zwar auf der Stelle.�</p><empty-line/><p>Clara sah zu ihm auf, und er war erstaunt, dass keine Angst in ihrem Blick lag, sondern Erleichterung. Erleichterung dar�ber, dass er ihr geglaubt hatte und dass er verstand. �Ja�, sagte sie ruhig und erhob sich.</p><empty-line/><empty-line/><p>6</p><empty-line/><p>Lucas nahm nicht an, dass sie noch verfolgt wurden. Sie hatten keine Spuren hinterlassen und nirgends haltgemacht. Durch dunkle Seitenstra�en und auf verborgenen Pfaden waren sie bis an den Stadtrand gelangt und dann durch das umliegende �dland gerannt, bis sie den Wachposten am Osttor erreichten, eine kleine H�tte in der N�he eines gro�en Sumpfgebiets, die Lucas schon ein paarmal aufgesucht, die er aber wegen des widerlichen Gestanks nie betreten hatte.</p><empty-line/><p>Die offizielle Bezeichnung f�r Rab war �Torw�chter�, obwohl er und der Bruder genau wussten, dass Rab keine Kontrollg�nge machte. Er war ein fieser Kerl, ein kleiner untersetzter Schl�gertyp, f�r den in der Stadt kein Platz war. Aber er hatte keine Angst vor dem Alleinsein, keinerlei Skrupel, eine Waffe zu benutzen, und keine Achtung vor den Menschen, auch nicht vor dem Bruder � die idealen Voraussetzungen, um in dieser bauf�lligen H�tte beim Osttor zu wohnen und zu kontrollieren, was dort vor sich ging.</p><empty-line/><p>In Wahrheit hatte es noch nie jemand ohne Erlaubnis aus der Stadt hinausgeschafft. Von Zeit zu Zeit waren die �B�sen� zur Stadtmauer gebracht worden, um den Menschen, die in der Stadt lebten, Angst einzujagen, aber sie waren keine wirkliche Bedrohung. Sie waren nur Opfer misslungener Hirnoperationen, Gefangene der Stadt, die wie Tiere behandelt und in Lagern au�erhalb der Stadt gehalten wurden. Nur hin und wieder waren sie dort herausgeholt worden, damit sie mit ihrem Schreien und ihrem St�hnen die Stadtbewohner daran erinnerten, wie froh sie sein konnten, dass sie innerhalb der Mauer lebten.</p><empty-line/><p>Mittlerweile wurden die Versehrten anst�ndig versorgt und nicht mehr ausgebeutet, und sie lebten friedlich etwas entfernt von der Stadt, die sie zerst�rt hatte. Die einzigen Fremden, die durch die Stadttore kamen, waren zuk�nftige B�rger, die von den teils wahren, teils falschen Ger�chten angelockt worden waren, dass es in der Stadt sauberes Wasser im �berfluss und genug zu essen gebe und dass man dort sicher sei; ein Ort, wo gute Menschen lebten und wo Ordnung herrschte. Vor ein paar Jahren hatte der Gro�e Anf�hrer seine st�mperhaften Experimente abgebrochen. Jetzt, da keine Notwendigkeit mehr bestand, mit Menschen zu experimentieren und sie zu verst�mmeln, wurden die erwartungsvollen Einwanderer abgewiesen und ins �dland zur�ckgeschickt, von wo sie gekommen waren. Die eigentliche Aufgabe der Wachposten hatte darin bestanden, die B�rger daran zu hindern, die Stadt zu verlassen und mit eigenen Augen zu sehen, was au�erhalb der Stadtmauer war. Indem der Bruder die Angst der B�rger sch�rte vor dem, was jenseits der Mauer lag, hoffte er, sein totalit�res Regime durchsetzen zu k�nnen, und das bedeutete, dass er ein Gef�ngnis schaffen musste, aus dem es kein Entkommen gab.</p><empty-line/><p>Gleich zu Anfang hatte Lucas es sich zum Ziel gesetzt, die Tore zu �ffnen und den Menschen die Welt dort drau�en zu zeigen. Aber aus Vorsicht hatte er sein Vorhaben aufgeschoben, denn er f�rchtete, dass die B�rger noch nicht so weit waren. Und dann war durch das Verschwinden der jungen Leute alles anders geworden. Jetzt war es undenkbar, die Tore zu �ffnen.</p><empty-line/><p>�Rab�, rief Lucas. Obwohl er den W�chter des Osttors nicht mochte, musste dieser ihm noch ein paar Fragen beantworten, bevor er die Stadt verlie�. Nach einer Weile erschien Rab. Vor zwanzig Jahren hatte er in einer Menschenschlange vor der Stadtmauer gewartet und um Einlass gebettelt. Wie alle zuk�nftigen B�rger war er bereit gewesen, sich der Neutaufe zu unterziehen und die �b�se� Amygdala aus seinem Gehirn entfernen zu lassen, nicht wissend, dass die Operation ihn keineswegs von schlechten Gedanken befreien, sondern dass sie aus ihm einen Gehirnamputierten machen w�rde. Durch Zufall war der Bruder auf Rab aufmerksam geworden, als dieser sich in einem Wartezimmer des Krankenhauses mit einem anderen Patienten stritt, und hatte ihn f�r nicht therapierbar erkl�rt. Auf dem Weg zur�ck zur Stadtmauer hatte Rab gebettelt und gefleht und versprochen, dass er alles tun w�rde, wenn er nur bleiben d�rfe. Der Bruder erkannte, dass er Rabs Verzweiflung, dessen Wut und dessen Hang zur Selbstzerst�rung f�r seine Zwecke nutzen konnte. Schlie�lich stimmte er der Operation zu, lie� Rab einen Chip ins Gehirn einpflanzen und schickte ihn los, damit er f�r ihn arbeitete. Am Tag, als der Bruder Lucas das erste Mal zu Rab mitgenommen hatte, hatte er ihm die Geschichte voller Stolz erz�hlt. Damals war Lucas der Goldjunge des Bruders gewesen, die Person, der er am meisten vertraute. Damals sagte der Bruder die Wahrheit, weil er �berzeugt war, dass Lucas ihn verehrte und dass er die Welt mit seinen Augen sah, die Welt, in der nur eines z�hlte: Macht.</p><empty-line/><p>Aber jetzt war alles anders.</p><empty-line/><p>�Da bist du ja endlich.� Rab sah ihn misstrauisch an. �Ich habe schon gewartet.�</p><empty-line/><p>Lucas starrte ihn an. �Tats�chlich?�</p><empty-line/><p>�Die Fliegen. Deswegen bist du doch gekommen?�</p><empty-line/><p>�Fliegen?�, fragte Lucas unsicher.</p><empty-line/><p>�Ja�, erwiderte Rab und blickte mit zusammengekniffenen Augen auf Clara. Rab redete nur wenig; seit Lucas ihn kannte, hatte er ihn kaum ein Wort sagen h�ren. Rab zog es vor zu grunzen, wenn er eine Anordnung befolgen wollte, oder er �u�erte sein Missfallen mit einem ver�chtlichen Blick. �Schrecklich�, sagte er und sah dabei wieder Lucas an. �Es sind Tausende. Sie kommen von da dr�ben. Irgendwas liegt in der Luft.�</p><empty-line/><p>Lucas drehte sich um und schaute in die Richtung, in die Rab deutete.</p><empty-line/><p>Tats�chlich war in der Ferne eine kleine schwarze Wolke zu erkennen. Obwohl sie noch ein paar Hundert Meter weit weg war, konnte Lucas ein schwaches Summen vernehmen, eine Armee, die sich f�r die Schlacht r�stete. Er dachte einen Moment nach, bevor er eine Entscheidung traf.</p><empty-line/><p>�Das ist Clara�, sagte er. �Sie arbeitet mit mir zusammen. Also, die Fliegen. Wie lange sind sie schon da?�, fragte Lucas schroff. Er ging in Richtung Sumpf, zu dem Pfad, der zum Tor f�hrte, und forderte Clara mit einem Wink auf, ihm zu folgen. �Ich war erst letzte Woche hier. Da waren sie noch nicht da.�</p><empty-line/><p>Rab zuckte die Schultern. �Ein paar Tage�, sagte er. �Ich hab es dem Bruder gesagt. Der hat gesagt, er w�rde jemanden schicken. Aber es kam niemand. Ich h�tte selber nachgesehen, wenn du mir nicht den Schl�ssel weggenommen h�ttest.�</p><empty-line/><p>Lucas z�hlte stumm bis drei. �Du hast es dem Bruder gesagt? Nicht mir? Obwohl ich dir ausdr�cklich befohlen habe, an mich Meldung zu machen?�</p><empty-line/><p>Wieder zuckte Rab die Schultern. �Jetzt bist du ja da.�</p><empty-line/><p>Lucas wollte etwas erwidern, �berlegte es sich dann aber anders; es hatte keinen Sinn, mit Rab zu streiten. Nicht jetzt. Stattdessen ging er in Richtung der Wolke, und Rab folgte ihm. �Erz�hl mir was �ber die Spitzel�, sagte er.</p><empty-line/><p>Rab sah ihn lange an. �Ich wei� nichts von irgendwelchen Spitzeln�, grunzte er. �Fliegen sind kein gutes Zeichen.�</p><empty-line/><p>�Nein�, stimmte Lucas zu. Dann blieb er stehen und sah Rab in die Augen. �Du wei�t nichts �ber die Spitzel? Bist du sicher?�</p><empty-line/><p>Rab blickte ihn eine Weile an und zuckte dann die Achseln. �K�mmere dich um die Fliegen. Vielleicht f�llt mir ja inzwischen was ein�, meinte er.</p><empty-line/><p>Lucas wurde allm�hlich ungeduldig, aber schlie�lich beruhigte er sich wieder. Er wollte Clara nicht erschrecken. Au�erdem hatten sie nicht viel Zeit und sie brauchten Informationen. Das bedeutete, er musste Rabs Spiel mitspielen und durfte nicht die Beherrschung verlieren.</p><empty-line/><p>Schweigend gingen sie um Rabs H�tte herum und gelangten zu dem aufgesch�tteten Pfad, der durch den Sumpf zum Osttor f�hrte. Rab ging voraus, gefolgt von Lucas, und dahinter Clara. Obwohl Lucas hinsichtlich der K�rpergr��e gegen�ber Rab im Vorteil war, stellte er zu seinem Erstaunen fest, dass er sich beeilen musste, um mit ihm Schritt zu halten. Je n�her sie dem Tor kamen, desto lauter wurde das Summen. Es war fast unertr�glich. Die Fliegen surrten um ihre K�pfe und das Ger�usch war ohrenbet�ubend. Der Gestank, der in der Luft lag, machte das Atmen schwer, und Lucas� Nackenhaare stellten sich auf. Was auch immer die Fliegen angelockt hatte, es bedeutete nichts Gutes.</p><empty-line/><p>Als sie sich dem Tor n�herten, verlangsamten sie den Schritt. Rab wartete, bis Lucas zu ihm aufschloss. �Bereit?�, fragte Rab.</p><empty-line/><p>Lucas warf einen Blick auf Clara und suchte dann den Horizont ab. �Du wartest hier�, sagte er.</p><empty-line/><p>�Hier?�, fragte Clara erschrocken. �Nein. Ich komme mit. Sie haben es versprochen. Sie d�rfen mich nicht allein lassen ��</p><empty-line/><p>Lucas sah sie an. �In Ordnung�, lenkte er ein. �Aber wenn ich dir sage, dass du umkehren sollst, tust du das, okay?�</p><empty-line/><p>Z�gernd stimmte Clara zu. Lucas nickte und nahm den Schl�ssel ab, den er wie alle anderen, die er konfisziert hatte, um den Hals trug. Er steckte den Schl�ssel ins Schloss, drehte ihn um und zog an dem schweren Tor, das sich mit einem lauten Rasseln langsam �ffnete. Lucas zog wieder, um sie noch ein St�ck weiter aufzumachen, dann trat er hindurch.</p><empty-line/><p>Als sie sich dem Fliegenschwarm n�herten, wurde der Gestank unertr�glich. Clara wich mit vor Schreck geweiteten Augen zur�ck, und Lucas gab ihr mit einem Nicken zu verstehen, dass sie bleiben sollte, wo sie war, w�hrend er und Rab weitergingen, bis sie mitten in dem Schwarm standen. Lucas beugte sich unwillk�rlich vorn�ber, er bekam Magenkr�mpfe, sank auf die Knie und �bergab sich. Rab, der neben ihm stand, streckte die Hand aus und half ihm hoch. �So was hab ich mir schon gedacht�, meinte er schroff. Als Lucas wieder auf den Beinen stand, wanderte sein Blick in die Richtung, in die Rab durch den Fliegenschwarm hindurchschaute. Und da sah er sie. Eine verwesende M�dchenleiche.</p><empty-line/><p>Lucas rannte hin. Ihre Gesichtsz�ge waren noch zu erkennen. Sie kam zweifellos aus der Stadt; ihre Kleidung stammte aus dem Tuchviertel, und ihre Schuhe entsprachen der aktuellen Mode. Sie hatte langes dunkles Haar, und ihr K�rper, oder was davon �brig war, war stark und athletisch.</p><empty-line/><p>Es war Gabrielle, eine der Verschwundenen.</p><empty-line/><p>Lucas konnte sich einen Augenblick lang nicht bewegen, und er war nicht imstande, die Situation zu erfassen. Ihr K�rper verrottete am Boden, ihr Sch�del war eingedr�ckt, und ihr Mund stand offen, als w�rde sie schreien vor Schmerz. Lucas f�hlte sich elend und er war w�tend und verzweifelt.</p><empty-line/><p>Er drehte sich um und sah nach Clara; die hockte auf dem Boden und starrte verst�ndnislos zu ihnen her�ber. Er hob die Hand, um sie auf sich aufmerksam zu machen, und bedeutete ihr, zur�ckzugehen. Er und Rab schritten auf den gro�en Haufen ein St�ck entfernt von Gabrielle zu, und als sie n�her kamen, merkte Lucas, dass Rab dasselbe dachte wie er, denn er verlangsamte den Schritt und wich instinktiv zur�ck. Der Geruch verriet ihm, was sie finden w�rden, noch bevor sie etwas sehen konnten. Obwohl Lucas versucht hatte, sich gegen den Anblick zu wappnen, blieb er dennoch wie angewurzelt stehen und �ffnete den Mund zu einem stummen Schrei aus Wut, aus Angst und aus Schmerz.</p><empty-line/><p>Da lagen sie, die Verschwundenen, alle sechs auf einem Haufen, halb aufgefressen von wilden Tieren, weggeworfen wie M�ll. Jungen und M�dchen, nicht viel j�nger als Evie und Raffy, weggerissen von ihren Familien, ermordet und dem F�ulnisprozess �berlassen.</p><empty-line/><p>Rab zog einen Flachmann aus der Tasche, schenkte einen Fingerhut voll in den Deckel und gab ihn Lucas. Der z�gerte, nahm ihn jedoch schlie�lich und leerte ihn in einem Zug. Rab schenkte nach, gab den Deckel wieder Lucas und nahm selbst einen kr�ftigen Schluck aus der Flasche.</p><empty-line/><p>�Wer hat das getan?�, h�rte Lucas sich sagen, zuerst leise zu sich selbst, dann etwas lauter. Schlie�lich ging er auf Rab los. �Wer hat das getan?�, schrie er ihn an. �Erz�hl mir nicht, dass du nichts wei�t. Sie sind hier. Vor dem Tor, das du bewachen sollst. Sag mir, wie sie hierhergekommen sind. Sag mir, was mit ihnen passiert ist.�</p><empty-line/><p>Rab blickte ihn m�rrisch an. �Ich wei� nichts�, sagte er, aber Lucas sah etwas in seinen Augen: Abscheu. Rab war schlie�lich auch ein Mensch, und sein Blick verriet, dass er nicht der Ansicht war, dass diese jungen Leute es verdient hatten, ermordet und entsorgt zu werden wie M�ll.</p><empty-line/><p>�Man hat sie vor deinem Tor liegen lassen�, sagte Lucas mit rauer Stimme. �Meinst du nicht, dass das etwas zu bedeuten hat? Meinst du nicht, dass man mit dem Finger auf dich zeigen wird? Warum gerade hier? Warum gerade jetzt? Sag es mir, Rab. Sag mir, was du wei�t. Sag es mir auf der Stelle.�</p><empty-line/><p>Rab sah ihn unbehaglich an. �Du glaubst, dass ich etwas wei�?� Sein Ton war anklagend. �Du glaubst, ich wei� etwas �ber diese Leichen? Da liegst du falsch. Ich wei� gar nichts. Ich wollte nur die Fliegen loswerden, das ist alles. Meinst du vielleicht, ich h�tte Meldung gemacht, wenn ich gewusst h�tte, was hier passiert ist?�</p><empty-line/><p>�Du musst etwas wissen�, sagte Lucas und sah stur geradeaus. Er trank den Rest seines Whiskys aus, sp�rte das Brennen im Hals und genoss den herben Geschmack, der den Geruch von verwesenden Leichen �berdeckte. �Du bist der Torw�chter, auch wenn du zu betrunken bist, um etwas zu unternehmen. Die jungen Leute da drau�en vor deinem Tor sind tot, und ich habe Grund zu der Annahme, dass es Fremde in der Stadt gibt, die diese Morde begangen haben, obwohl es dort angeblich sicher ist. Sag mir, was du wei�t, und ich garantiere dir, dass du f�r deine Beteiligung an dem Verbrechen nicht bestraft wirst. Sonst � sonst wird man dir die Schuld geben, wenn die Eltern der Toten kommen und sie besuchen wollen. Denn sie <emphasis>werden</emphasis> sie besuchen wollen. Wir werden sie begraben, jeden Einzelnen von ihnen.�</p><empty-line/><p>Rab schien zu �berlegen. Er holte tief Luft, dann wanderte sein Blick zu Lucas. �Ich tue, was man mir gesagt hat�, erkl�rte er vorsichtig. �Ich beobachte, halte Ausschau und gebe dem Bruder Bescheid, was vor sich geht.�</p><empty-line/><p>�Und hast du dem Bruder auch �ber die Leichen Bescheid gegeben?�</p><empty-line/><p>Rab sch�ttelte energisch den Kopf. �Ich wusste nichts von irgendwelchen Leichen. Ich habe nur vor ein paar Tagen die Fliegen bemerkt�, sagte er abwehrend, und sein Ton wurde aufgeregter.</p><empty-line/><p>Lucas beugte sich vor. �Aber Rab, wie sind denn die Leichen hierhergekommen? Wie sind sie unbemerkt durch dein Tor gelangt?�</p><empty-line/><p>Rab antwortete nicht sofort. Schlie�lich stand er auf. �Mir reicht�s�, stie� er w�tend hervor und wollte davongehen, Richtung Stadt. Doch Lucas war schneller. Er packte Rab am Handgelenk und drehte ihm den Arm auf den R�cken. Rab war zwar stark, aber Lucas wusste, was zu tun war. Gleich darauf lag Rab mit dem Gesicht zum Boden, die Arme auf den R�cken gedreht. Er trat um sich, aber vergeblich.</p><empty-line/><p>�Erz�hl mir alles�, sagte Lucas, und seine Stimme klang jetzt tiefer wegen der Anstrengung, die es ihn kostete, Rab in Schach zu halten. �Erz�hl es mir, oder es wird dir noch leidtun. Allem Anschein nach hast du etwas mit diesen Todesf�llen zu tun, und ich warne dich, ich werde nicht z�gern, dich zu t�ten, hast du verstanden? Das ist keine leere Drohung. Wenn du nicht in einem dieser Gr�ber enden willst, dann rede jetzt.�</p><empty-line/><p>Es herrschte Schweigen und Lucas packte fester zu.</p><empty-line/><p>�Okay�, stie� Rab schlie�lich keuchend hervor, �ich werde dir alles sagen.� Lucas lie� eine Hand los und Rab sackte wieder zu Boden. Er sah frech zu Lucas hoch. �Aber danach will ich mit der Sache nichts mehr zu tun haben. Danach will ich nur noch meine Ruhe. Ist das klar?�</p><empty-line/><p>�Gar nichts ist klar�, sagte Lucas mit d�sterer Miene. �Sag mir, was du wei�t.�</p><empty-line/><p>Rab rappelte sich auf. �Du willst doch die Leichen begraben, oder?�, brummte er. �Dann machen wir das zuerst. Danach erz�hle ich dir, was ich wei�. In meiner H�tte, da sind wir ungest�rt.�</p><empty-line/><p>Lucas nickte grimmig. Dann legte er die Verschlusskappe von Rabs Flasche weg, hielt die Luft an und ging zu dem Berg Leichen. Er verscheuchte die Fliegen und bem�hte sich, die verwesenden K�rper und das angefressene Fleisch nicht anzusehen.</p><empty-line/><p>Schweigend trug er jede Leiche zu einem Fleckchen Erde, das ihre Grabst�tte werden sollte. Es war hart; die meisten Leichen waren nur noch Skelette, an denen verfaultes Fleisch hing. Sie waren �bel zugerichtet, voller Maden, die sich durch das hindurchfra�en, was noch von ihnen �brig war.</p><empty-line/><p>Rab beobachtete Lucas eine Weile, sch�ttelte den Kopf und spuckte auf den Boden. �Wir brauchen ein paar Spaten�, sagte er. �Bin gleich wieder da.�</p><empty-line/><p>�Sag Clara nichts. Sie soll es nicht sehen�, meinte Lucas.</p><empty-line/><p>�Soll ich sie zur H�tte bringen?�, knurrte Rab.</p><empty-line/><p>Lucas sch�ttelte den Kopf. �Sie wird sich sicherer f�hlen, wenn ich ein Auge auf sie habe�, erkl�rte er.</p><empty-line/><p>Rab ging achselzuckend davon.</p><empty-line/><p>Lucas sah ihm eine Weile nach, dann k�mmerte er sich wieder um die Leichen, bis Rab zur�ckkam und beide anfingen zu graben. Ein Grab pro Person. Diejenigen, die in dem Haufen zuunterst gelegen hatten, waren nicht mehr zu erkennen, w�hrend die, die weiter oben lagen, leichter zu identifizieren waren � an einem St�ck von der Kleidung etwa oder an einem Teil des Gesichts, der noch nicht von Tieren zerfleischt war oder verfault oder von Insekten befallen. Jedenfalls kannte Lucas jeden von ihnen, weil er sich ihre Fotos so oft auf der Vermisstenliste angeschaut hatte.</p><empty-line/><p>Sobald die Leichen unter der Erde waren und Lucas jedes Grab mit einem Stein markiert hatte, folgte er Rab zu der ersten Leiche, Gabrielle Marchant. Lucas begrub auch sie und dann ging er zusammen mit Rab zum Tor zur�ck. Unterwegs nahmen sie Clara mit, die kein Wort sagte, und gemeinsam marschierten sie zur H�tte, wo Rab und Lucas sich drau�en unter dem Wasserhahn sehr lange die H�nde wuschen.</p><empty-line/><p>�So�, sagte Lucas.</p><empty-line/><p>�So�, sagte Rab und ging in seine H�tte.</p><empty-line/><p>Lucas folgte ihm, den Arm sch�tzend um Clara gelegt. Er war noch nie in Rabs Behausung gewesen. Von au�en war es nur eine Bretterbude, eine sch�bige Holzkonstruktion. Aber als Lucas durch die T�r trat, war er erstaunt �ber die wohlige W�rme, die ihn empfing, �ber die Decken �ber den St�hlen und �ber den kleinen Ofen in der Ecke neben dem Bett. �ber dem Ofen hing ein Kessel und auf einem kleinen Tisch stand eine Tasse.</p><empty-line/><p>Lucas bedeutete Clara, auf einem h�lzernen Schaukelstuhl Platz zu nehmen, und sie setzte sich sofort hin und zog die Knie an die Brust. Lucas beobachtete sie eine Weile und fragte sich, wie viel sie wohl mitbekommen hatte und was wohl in ihrem Kopf vorging. Dann wandte er sich an Rab. �So, Rab, hier wohnst du also.�</p><empty-line/><p>�Ich w�rde euch ja einen Tee anbieten, aber ich habe nur <emphasis>eine</emphasis> Tasse�, sagte Rab sarkastisch, aber keineswegs unfreundlich. Er deutete auf einen der St�hle, und Lucas setzte sich.</p><empty-line/><p>Rab lie� sich auf dem anderen Stuhl nieder und f�llte zwei Gl�ser mit Whisky. Lucas wollte den Whisky nicht, den Rab ihm einschenkte, deshalb bot Rab ihn Clara an. Die z�gerte zun�chst, lehnte dann aber ebenfalls ab. �Der w�rmt besser als Tee�, sagte Rab, als ob es einer Erkl�rung bed�rfte. Lucas sagte kein Wort, er wartete einfach ab, w�hrend Rab sich auf dem Stuhl zur�cklehnte und langsam ausatmete.</p><empty-line/><p>�Ich habe nicht gewusst, was sie gemacht haben�, begann er schlie�lich. �Ich hatte keine Ahnung. Der Bruder hat nur gesagt, ich soll sie hereinlassen, wenn sie kommen.�</p><empty-line/><p>�Wen?�, fragte Lucas und beugte sich vor. �Wer sind �sie�?�</p><empty-line/><p>Rab zuckte die Achseln. �Ich wei� keine Namen�, entgegnete er mit wiederkehrendem Sarkasmus. �Der Bruder hat sie nur unsere Spitzel genannt.�</p><empty-line/><p>Lucas blickte hin�ber zu Clara, die sichtlich blass wurde.</p><empty-line/><p>�Spitzel?�, fragte Lucas. �Warum wusste ich nichts davon?�</p><empty-line/><p>Rab sah ihn eine Weile an und fing dann an zu lachen. �Du?�, meinte er kopfsch�ttelnd. �Glaubst du wirklich, du h�ttest hier das Sagen? Glaubst du wirklich �� Er sch�ttelte wieder den Kopf, wischte sich eine Tr�ne aus dem Auge und machte ein ernstes Gesicht. �Du wei�t gar nichts. Du tanzt doch nur nach seiner Pfeife.�</p><empty-line/><p>Lucas kniff die Augen zusammen. �Die Lage hat sich ge�ndert�, sagte er ruhig. �Der Bruder hat nicht mehr die Kontrolle.�</p><empty-line/><p>�Nein, Lucas�, erwiderte Rab, beugte sich vor und packte ohne Vorwarnung Lucas� Hand. �Der Bruder hat nicht mehr die Kontrolle. Aber nicht wegen dir. Nicht wegen dem, was du und deine Freunde getan haben. Du denkst, dass sich deswegen alles ge�ndert hat? Du hast ja keine Ahnung.�</p><empty-line/><p>�Keine Ahnung wovon?�, fragte Lucas ver�rgert und schob Rabs Hand weg. �Du wei�t ja nicht, wovon du redest, Rab. Du bist ein S�ufer. Du lebst hier drau�en im Niemandsland � Erz�hl mir einfach von den Spitzeln. Was machen sie hier?�</p><empty-line/><p>Rab holte tief Luft. �Sie bringen Sachen. Lieferungen. Nahrungsmittel, Getreide. Aus anderen Lagern und Siedlungen. Abgaben, nennt es der Bruder.�</p><empty-line/><p>Lucas zog ungl�ubig die Stirn in Falten. �Aber ich verstehe nicht. Ich habe die Lieferungen, die von den Versehrten kamen, doch gestoppt�, sagte er unsicher. Er musste daran denken, wie er dahintergekommen war, dass die �B�sen�, die Opfer der angeblichen Neutaufe, auf Bauernh�fen au�erhalb der Stadt arbeiten mussten und dass deren Erzeugnisse direkt wieder in die Stadt gebracht wurden.</p><empty-line/><p>�Du hast gar nichts gestoppt�, sagte Rab und sch�ttelte m�de den Kopf. �Die Stadt kann ohne die Vorr�te, die die Spitzel bringen, nicht �berleben. Sie kommen mitten in der Nacht, bringen die Lebensmittel, und die M�nner des Bruders tragen sie zusammen. Das ist alles, was ich wei�. Das geht schon so lange, wie ich hier bin.�</p><empty-line/><p>Lucas stand auf und ihm schossen alle m�glichen Gedanken durch den Kopf. Er ging in dem kleinen Raum auf und ab und Rab und Clara beobachteten ihn dabei.</p><empty-line/><p>�Okay�, sagte Lucas auf einmal und setzte sich wieder. �Erz�hl mir alles, was du �ber diese Spitzel wei�t. Alles.�</p><empty-line/><p>Rab verzog das Gesicht. �Da gibt es nicht viel zu erz�hlen�, erwiderte er barsch.</p><empty-line/><p>Lucas beugte sich weit vor und sah Rab direkt ins Gesicht. �Eine Meile von hier befinden sich sechs Gr�ber�, sagte er mit leiser Stimme. �Und hier sitzt ein M�dchen, deren Freunde �� Er hielt inne, weil er nicht wollte, dass Clara von den Leichen erfuhr. �� deren Freunde verschwunden sind.�</p><empty-line/><p>�Die tot sind, meinen Sie�, warf Clara ein. �Die Fliegen? Die Spaten? Wissen Sie, ich bin nicht bl�d. Ich wei�, was Sie da drau�en gemacht haben.�</p><empty-line/><p>Mit leerem Blick schaukelte sie auf dem Stuhl vor und zur�ck.</p><empty-line/><p>�Die tot sind�, wiederholte Lucas mit etwas ruhigerer Stimme. �Dieses M�dchen hat solche Angst, ebenfalls zu verschwinden, dass sie nicht mehr schlafen und ihre Aufgaben nicht mehr erledigen kann. Sie hat sich nicht getraut, jemandem etwas zu erz�hlen, weil sie wei�, dass das ihr Todesurteil w�re. Und jetzt erfahre ich, dass schon seit Jahren Fremde unbemerkt in die Stadt gelangen und dort herumlaufen, als ob sie ihnen geh�ren w�rde. Sag mir, was du wei�t, und zwar sofort.�</p><empty-line/><p>Rab seufzte und genehmigte sich noch einen Drink. Er war nerv�s, und sein Blick huschte durch den Raum, als h�tte er Angst, jemand k�nnte sie belauschen. Dann begann er zu erz�hlen, den Blick auf Lucas gerichtet. �Wie gesagt, sie kommen schon lange. Vielleicht einmal im Monat. Sie kommen und gehen, und immer bei Nacht.�</p><empty-line/><p>Lucas runzelte die Stirn. �Jeden Monat? Und woher kommen sie?�</p><empty-line/><p>�Keine Ahnung. Ich habe nur das Tor aufgemacht und bin dann wieder zum Haus zur�ck, so wie der Bruder gesagt hat.�</p><empty-line/><p>Lucas schnitt eine Grimasse, weil er an den ver�rgerten Blick des Bruders denken musste, als er die Schl�ssel der Torw�chter konfisziert hatte. �Du hast sie nicht beobachtet?�</p><empty-line/><p>Rab sah zu Boden. �Ich sollte sie nicht beobachten.�</p><empty-line/><p>�Aber du hast es getan. Du musst es getan haben. Wie viele sind es? Wie sehen sie aus?�</p><empty-line/><p>Rab zuckte unbehaglich die Schultern. �Ich habe sie vielleicht ein-oder zweimal gesehen. Blo� ganz fl�chtig. Normalerweise sind es zwei oder drei. Mit einem Lastwagen.�</p><empty-line/><p>�Und was machen sie?�, wollte Lucas wissen.</p><empty-line/><p>�Sie sind ein paar Stunden in der Stadt, laden ihr Zeug ab und verschwinden dann wieder�, sagte Rab barsch. �Ich wei� nicht, was sie machen, und ich wei� auch nicht, warum. Ich wei� nur, dass ich das Tor wieder zumachen muss, wenn sie weg sind. Und mehr will ich auch gar nicht wissen.�</p><empty-line/><p>Lucas sch�ttelte den Kopf. Er versuchte, die Informationen zu verarbeiten und einen Sinn darin zu erkennen. �Nein�, sagte er. �Nein, das nehm ich dir nicht ab. Sie m�ssen gesehen worden sein. Das System h�tte sie entdeckt. Ich h�tte sie entdeckt.�</p><empty-line/><p>�Diese Leute k�nnen sich verstecken�, erkl�rte Rab, und seine Stimme klang pl�tzlich d�ster. �Diese Leute k�nnen alles.�</p><empty-line/><p>�Zum Beispiel Menschen umbringen? Sie aus der Stadt schleppen, ohne dass jemand es sieht? Ohne dass du es siehst? Rab, das ergibt doch keinen Sinn.�</p><empty-line/><p>�Ich sage ja nicht, dass sie es waren. Nur, dass es sie gibt.�</p><empty-line/><p>Lucas nickte. �Wann waren sie das letzte Mal hier? Vermutlich, bevor ich dir den Schl�ssel weggenommen habe, oder?�</p><empty-line/><p>�Vor drei Monaten.�</p><empty-line/><p>�Vor drei Monaten?� Lucas machte ein finsteres Gesicht. �Aber das ergibt auch keinen Sinn. Das � verstehe ich nicht.�</p><empty-line/><p>Rab zog eine Augenbraue hoch und lehnte sich mit einem verschw�rerischen Gesichtsausdruck vor. �Das ist es ja gerade�, sagte er leise. �Diesmal war es anders.�</p><empty-line/><p>�Wie anders?�, fragte Lucas ungeduldig.</p><empty-line/><p>Rab l�chelte. Offenbar freute er sich dar�ber, wie frustriert Lucas war. Er trank noch einen Schluck Whisky, dann spuckte er auf den Boden. �Anders eben�, sagte er, hielt sein Glas in der Hand und sah Lucas vielsagend an. �Wie gesagt, sie sind vor drei Monaten gekommen, aber diesmal sind sie nicht wieder gegangen.�</p><empty-line/><p>Lucas schlug das Herz bis zum Hals, und er sp�rte Claras Blick, der sagte: �Ich habe es Ihnen doch gleich gesagt.�</p><empty-line/><p>�Dann waren sie die ganze Zeit hier?�, fragte er, aber Rab gab keine Antwort, stattdessen hob er die Hand und bedeutete Lucas, still zu sein.</p><empty-line/><p>�H�rst du das?� Lucas sch�ttelte den Kopf. �Sind sie euch etwa hierher gefolgt?�</p><empty-line/><p>Lucas war �berrascht, auf einmal so etwas wie Furcht in Rabs Gesicht zu erkennen. �Habt ihr sie zu mir gef�hrt?�, fragte Rab und stand verwirrt auf. �Verschwindet. Sollen sie euch doch schnappen. Ich will nur meine Ruhe. Ich will nichts damit zu tun haben.�</p><empty-line/><p>�Du steckst schon bis zum Hals mit drin�, fl�sterte Lucas, denn jetzt h�rte auch er drau�en Schritte. �Du hast diese Leute in die Stadt gelassen. Und du hast mit mir die Leichen entdeckt.�</p><empty-line/><p>�Ich habe nur die Fliegen bemerkt, das ist alles�, zischte Rab. Dann packte er Lucas am Arm. �Hier entlang�, sagte er und bugsierte Lucas und Clara durch die K�che, in der es nach Schimmel und saurer Milch roch. �Verschwindet, versteckt euch und lasst euch nicht erwischen, kapiert?� Rab �ffnete eine T�r, schob beide hinaus und schloss die T�r hinter ihnen.</p><empty-line/><p>Lucas packte Clara und zog sie mit sich in Richtung Sumpf und tauchte mit ihr in die nach F�ulnis riechenden Tiefen ein. Seine H�nde tasteten nach dem schmalen Steg, der zum Tor f�hrte. Mit einer Hand hielt er Clara fest, mit der anderen klammerte er sich an den Steg. Dann warteten sie schweigend.</p><empty-line/><empty-line/><p>7</p><empty-line/><p>Drau�en war es dunkel und seine Glieder begannen zu schmerzen. Thomas bemerkte, dass er schon seit mehreren Stunden in derselben Haltung dasa�. Er hatte Hunger und Durst. Aber solche banalen Dinge konnten ruhig noch ein paar Minuten warten. Er war so nah dran, dass er es fast sp�ren konnte.</p><empty-line/><p>W�hrend er die Informationen vor sich auf dem Bildschirm durchsah, stellten sich ihm die Nackenhaare auf. Unglaublich, wie einfach das alles war. Vor vier Jahren war er noch Unterabteilungsleiter in einem Technologieunternehmen gewesen und musste einem bl�den Chef, der nichts kapierte, Rechenschaft ablegen. Und jetzt � jetzt hatte er seine eigene Abteilung, ein Budget, das niemand infrage stellte, und einen umfassenden Aufgabenbereich. Er war verantwortlich f�r die Sicherheit, f�r das Archiv und f�r Ermittlungsverst��e. Mit seinem Einverst�ndnis konnte das gesamte Netzwerk ver�ndert, ausgeschaltet und manipuliert werden. Seine Untersuchungen waren so geheim, dass er auf Spesen f�r eine Woche in die Karibik fliegen konnte, ohne dass jemand Fragen stellte. Das war nur m�glich, weil er wusste, wie man Menschen f�r seine Zwecke einsetzte, wie man sich die Technik zunutze machte und wie man Menschen Angst machte, sie begeisterte und ihnen einredete, dass sie einen brauchten.</p><empty-line/><p>Und sie brauchten ihn tats�chlich. Sie brauchten ihn, weil er als Einziger wusste, was m�glich war. Der Einzige, der sich hohe Ziele setzte.</p><empty-line/><p>Und Thomas setzte sich in der Tat sehr hohe Ziele. Er scrollte durch die Liste der Kandidaten und pr�fte immer wieder die Informationen, die er �ber sie hatte. Und er hatte jede Menge Informationen. Er kannte jedes traurige Detail ihres armseligen Lebens. Er musste l�cheln, wenn er daran dachte, wie sein ehemaliger Boss ihm erkl�rt hatte, dass die Privatsph�re gesch�tzt werden m�sste. Prosser war jetzt nicht mehr da, er war der Umstrukturierung zum Opfer gefallen und aus dem Gesch�ft gedr�ngt worden. Es waren Informationen �ber eine Aff�re durchgesickert, �ber dubiose Spesenabrechnungen. In dem Fall war es einfach gewesen. Ziemlich traurig.</p><empty-line/><p>Doch vor ihm lag eine wirkliche Herausforderung. Er w�rde Geduld, Zeit, Geschick, Gerissenheit und Selbstvertrauen brauchen. Es war fast unm�glich, so etwas durchzuziehen. Aber eben nur fast.</p><empty-line/><p>Thomas grinste vor sich hin. Endlich eine echte Herausforderung. Und wenn es funktionierte �</p><empty-line/><p>Was sollte das denn hei�en? Nat�rlich w�rde es funktionieren.</p><empty-line/><p>Er �ffnete ein Fenster auf dem Bildschirm und starrte in das Gesicht eines offenbar verzweifelten M�dchens mit v�llig ausdruckslosem Blick. Dieses M�dchen war eine seiner besten Kandidatinnen. Er scrollte zu einem weiteren angehenden Kandidaten, einem dunkelh�utigen Jungen mit grimmigem Blick, voller Zorn und voller Misstrauen. Er betrachtete das Gesicht ein paar Minuten, dann bl�tterte er zu dessen Akte. Er war der perfekte Kandidat. Aber es w�rde lange dauern und es w�rde viel Zeit in Anspruch nehmen. Und er w�rde Hilfe brauchen.</p><empty-line/><p>Thomas stand auf, �ffnete die T�r und rief seinen Assistenten, der im Vorzimmer an seinem Schreibtisch sa�. �Komm mal r�ber.�</p><empty-line/><p>Zwei Minuten sp�ter erschien sein erst vor Kurzem eingestellter neuer Mitarbeiter, Adrian Crouch, in seinem B�ro. �Tr�gst du dein Abzeichen?�, fragte Thomas.</p><empty-line/><p>Adrian sch�ttelte den Kopf. �Nein. Ich habe es in meiner Tasche�, sagte er, als ob das alles wiedergutmachen w�rde.</p><empty-line/><p>Thomas verengte die Augen.</p><empty-line/><p>�In deiner Tasche?�, sagte er scharf. �Steck es an. Ich habe dir doch gesagt, dass das Abzeichen wichtig ist. Es hebt dich heraus aus der Menge. T�ren werden sich f�r dich �ffnen. Es wird Leute geben, die auf dich aufpassen.�</p><empty-line/><p>Adrian hob eine Augenbraue. Thomas wollte ihn anschreien, ihn auf der Stelle feuern, aber dann �berlegte er es sich anders. Er nahm den Telefonh�rer ab und w�hlte eine Nummer. �Mike?�, sagte er. �Mike, komm mal in mein B�ro.�</p><empty-line/><p>Kurz darauf erschien Mike. �Hey�, sagte er.</p><empty-line/><p>�Adrian hat sein Abzeichen nicht getragen�, erkl�rte Thomas.</p><empty-line/><p>Mike betrachtete den Neuen misstrauisch. �Ach nein?�</p><empty-line/><p>�Ich bin eigentlich nicht der Typ f�r Abzeichen�, meinte Adrian achselzuckend.</p><empty-line/><p>Thomas z�gerte. Adrian war erst seit wenigen Wochen in der Firma. Ein Mitglied aus Thomas� derzeitigem Team hatte ihn als einen der begabtesten Hacker bezeichnet. Und seitdem war er seinem Ruf mehr als gerecht geworden; er war der Beste, den Thomas je kennengelernt hatte. Na ja, fast der Beste. Keiner w�rde es mit seinem Sch�tzling, seinem ehemaligen Praktikanten, aufnehmen k�nnen. Aber das Problem war, dass Adrian wusste, wie gut er war; das machte ihn arrogant, und er dachte, er k�nne machen, was er wollte. Thomas r�ckte mit seinem Stuhl n�her.</p><empty-line/><p>�Die Sache ist die�, erkl�rte er. �Wenn du das Abzeichen tr�gst, wenn du damit deine absolute Loyalit�t beweist, wird keiner den Vorfall mit deinem Onkel erw�hnen. Niemand wird je etwas davon erfahren.�</p><empty-line/><p>Adrian wurde sofort rot vor Furcht und Scham. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er Thomas an, und auf seiner Stirn stand deutlich die Frage geschrieben: Wie haben Sie das herausgefunden? Thomas konnte sich ein L�cheln nicht verkneifen. Er konnte alles herausfinden. Das war der Sinn der Sache.</p><empty-line/><p>Thomas stand auf, ging zu Adrian, legte ihm den Arm um die Schultern und f�hrte ihn zu seinem Computer. �Wir gestalten hier die Zukunft, Adrian�, fl�sterte er. �Wir wollen die Welt ver�ndern. Aber daf�r brauche ich Leute, denen ich vertrauen kann. Leute, die mir vertrauen. Die widerspruchslos das tun, was ich von ihnen verlange. Verstehst du? So wie Mike hier. Wie alle in dieser Abteilung und noch viele andere dar�ber hinaus. Polizisten, Richter, Politiker, Schauspieler, Terroristen, Journalisten. Sie alle arbeiten gemeinsam auf dasselbe Ziel hin. Alle sind stolz, dass sie dazugeh�ren. Verstehst du jetzt, warum das Abzeichen so wichtig ist, Adrian?�</p><empty-line/><p>Adrian nickte. Thomas bemerkte, dass er zitterte. Das war gut.</p><empty-line/><p>�Trag das Abzeichen, und du bist gesch�tzt, Adrian. Du stehst �ber dem Gesetz. Dieses Abzeichen ist so etwas wie ein Ausweis. Verstehst du? �</p><empty-line/><p>Adrian fing an zu schwitzen. Thomas dachte einen Moment lang nach. �Und niemand wird je erfahren, was du getan hast. Oder wo die Leiche deines Onkels ist. Er hat es verdient, oder? Er hat daf�r bezahlt, was er dir und deinem Bruder angetan hat. Wir verstehen das. Wir sind auf deiner Seite, Adrian. Wir sind ein Team. Okay? Ich will nicht, dass du ungl�cklich bist oder dich unwohl f�hlst. Ich will nicht, dass du vor irgendjemandem Angst hast. Wir alle haben eine Vorgeschichte, aber in diesem Team lassen wir das alles hinter uns, verstehst du? Es spielt keine Rolle mehr. Was z�hlt, sind Informationen. Wer hat sie und wer kontrolliert sie. Heute z�hlt nicht die Realit�t, sondern das, was wir der Welt als Realit�t verkaufen. Wer wir sind, was wir getan haben � das liegt in unserer Hand. Wir l�schen alles, was bisher passiert ist, und geben dir eine neue, eine bessere Vergangenheit.� Mit einem Mausklick erschien auf dem Bildschirm ein Foto von Adrian inmitten einer Gruppe Studenten.</p><empty-line/><p>�M�chtest du ein Akademiker sein?�, fragte Thomas. �Mit einem super Examen von Oxford?�</p><empty-line/><p>Adrian runzelte die Stirn. �Ich war nie an einer Universit�t.�</p><empty-line/><p>�Die Belege sagen etwas anderes�, meinte Thomas l�chelnd. �Und das werden potenzielle Freundinnen lesen, wenn sie dich googeln. Oder wie w�r�s mit einer gro�en Erbschaft?�</p><empty-line/><p>Adrian zog eine Augenbraue hoch. �Sie f�lschen also ein paar Fotos und Dokumente. Na und? Ich bin trotzdem immer noch ich.� Er versuchte, cool zu klingen, aber Thomas sah das Verlangen in seinem Blick.</p><empty-line/><p>�Nein, das bist du nicht. Nicht, wenn du es nicht willst�, erkl�rte Thomas aalglatt. �Ich spreche nicht von digitaler Bildbearbeitung. Es geht darum, eine Geschichte, eine Person zu entwerfen.�</p><empty-line/><p>�Aber das ist nicht real�, entgegnete Adrian unsicher.</p><empty-line/><p>Thomas lachte. �Real? Was ist schon real? Das, was du im Fernsehen siehst oder im Internet liest? Verstehst du denn immer noch nicht? Wir kontrollieren die Suchmaschine, wir kontrollieren die Informationen, die die Leute sehen, wir kontrollieren die Realit�t. Verstehst du? Ist dir klar, was wir hier tun k�nnen?�</p><empty-line/><p>�Ja.� Adrian nickte, und er sah wie gebannt auf den Bildschirm.</p><empty-line/><p>Jetzt hatte Thomas ihn so weit, die Angst war verschwunden. Man musste behutsam mit ihm umgehen, ihn direkt ins Zentrum bringen, mit einbinden und unterst�tzen. Aber er w�rde es schon schaffen. Thomas hatte ein gutes Gef�hl.</p><empty-line/><p>�Gut�, sagte er. �Also, nimm dein Abzeichen nie wieder ab ��</p><empty-line/><empty-line/><p>8</p><empty-line/><p>Devil starrte in die Augen des Jungen. Er sah die Angst darin, aber es sprach f�r den Jungen, dass er nicht blinzelte und den Blick nicht senkte, wie die anderen es getan hatten. Seine Arme hingen seitlich herunter, er trug eine helle Jeans und sah aus, als w�re er gerade erst aufgestanden.</p><empty-line/><p>�Verstehst du mich? Hast du geh�rt, was du tun sollst?�</p><empty-line/><p>Der Junge nickte.</p><empty-line/><p>�Dann sag�s mir.�</p><empty-line/><p>Der Junge wiederholte Wort f�r Wort, was Devil ihm aufgetragen hatte.</p><empty-line/><p>�Und was passiert, wenn du es nicht tust?�</p><empty-line/><p>Nicht einmal seine Lippen bebten. Vielleicht war dieser Junge tougher, als er aussah. Vielleicht sollte er ihn im Auge behalten.</p><empty-line/><p>�Ich komme in die H�lle�, sagte der Junge mit leiser, hoher Stimme. Wie ein Chorknabe, dachte Devil und lachte in sich hinein. Hier in der Gegend gab es gar keinen Chor. Der einzige Gesang kam von den Junkies, den Landstreichern, die sich unter der Br�cke herumtrieben und die vor lauter Verzweiflung gr�lten.</p><empty-line/><p>�Du wei�t Bescheid �ber die H�lle?�, fragte Devil. Er wollte eine Weile sein Spielchen mit dem Jungen treiben, um sicherzugehen, dass der wusste, mit wem er redete und womit er es hier zu tun hatte. Der Junge nickte. �Hast du das in der Kirche gelernt? Oder von deiner Mama?� Devil betonte das Wort in der Absicht, den Jungen vor dem Rest der Gang als Waschlappen hinzustellen. Ged�mpftes Lachen war zu h�ren. Die anderen kannten die �bung schon. Sie hatten das alles selbst durchgemacht. Manche stie�en Beleidigungen aus, aber der Junge schien keine Notiz davon zu nehmen. Er nickte nur wieder.</p><empty-line/><p>�Na gut, dann hast du also keine Ahnung�, fuhr Devil fort und erw�rmte sich jetzt so richtig f�r das Thema. Er wusste, wie man den Leuten Furcht einfl��te und sie aufw�hlte. Sein Dad hatte ihm alles beigebracht, was er wissen musste. Er hatte seinem Dad immer zugeh�rt, wenn dieser auf der Kanzel stand und wenn die Gemeinde ihm huldigte. Die Leute hingen an seinen Lippen, als w�re er Jesus Christus h�chstselbst. Das war, bevor sie erkannten, dass er ihnen ihr Geld stahl, und bevor die Polizei kam und ihn mitnahm.</p><empty-line/><p>Und bevor seine Mutter mit ihnen in dieses Dreckloch zog.</p><empty-line/><p>�Die Kirche hat keine Ahnung von der H�lle. Jedenfalls nicht von der H�lle, in die du kommen wirst. Die Kirche glaubt, die H�lle sei ein Ort, wo man hinkommt, wenn man stirbt. Aber es gibt auch eine H�lle auf Erden. Und von dieser H�lle rede ich.� Devil erhob sich und baute sich drohend vor dem Jungen auf. Devil war gro� und breitschultrig, wie sein Vater. Er wusste, dass er von seiner Statur her so ziemlich jeden einsch�chtern konnte, wenn er wollte. Und er wollte meistens. �Ich habe meine eigene H�lle f�r Leute, die mich �rgern. Verstehst du, was ich meine? Eine H�lle voller Schmerzen. F�r dich, f�r deinen kleinen Bruder, f�r deine kleine Schwester, f�r deine Mutter. Willst du deine kleine Schwester schreien h�ren, wenn wir ihre H�nde in kochendes Wasser tauchen? Soll deine Mutter an Fu�ketten gefesselt meine Pisse aufwischen? Das ist die H�lle, die ich meine. Daran musst du denken, wenn du dich entscheidest, ob du deinen Gegner erledigen willst oder nicht. H�rst du? Das ist ein Kampf jeder gegen jeden. Da gibt es keine �berlebenden.�</p><empty-line/><p>Der Junge nickte schweigend. Er zittert zwar nicht, aber er wei�, wer der Boss ist, dachte Devil. Er w�rde tun, was man von ihm verlangte.</p><empty-line/><p>�Gut.� Devil zog ein Messer aus der Tasche und wischte es sorgf�ltig ab, wegen der Fingerabdr�cke. Eines Tages w�rde er etwas Besseres haben als ein Messer. Bald w�rde die Dalston-Bande gro� und stark genug sein, um es mit den Gro�en aufzunehmen, gegen sie zu k�mpfen und zu gewinnen. Bald w�rde er den ganzen Londoner Osten kontrollieren, nicht nur dieses Schei�viertel. Jeder w�rde wissen, dass er der Boss war. Jeder w�rde Angst vor ihm haben. �Und hinterher versteckst du das gut f�r mich, ja? So lange, bis ich es wieder brauche. Du wirst es mir nicht zur�ckbringen. Und was machst du, wenn die Bullen kommen und nachschauen?�</p><empty-line/><p>�Ich wei� von nichts�, sagte der Junge und plapperte nach, was man ihm gesagt hatte.</p><empty-line/><p>�Und wenn sie dich anschw�rzen? Wenn sie hinter dir her sind? Wenn die Polizei deine Mama mit auf die Wache nimmt und sie dich anfleht, die Wahrheit zu sagen, zu sagen, wo du das Messer herhast und wer dich zu der Tat angestiftet hat? �</p><empty-line/><p>�Ich sage ihnen, dass der Kerl mich gereizt hat und dass es ganz allein meine Idee war. Dass ich das Messer gefunden habe.� Die Stimme des Jungen wurde ruhiger, sein Blick verfinsterte sich.</p><empty-line/><p>Devil l�chelte. Ein entwaffnendes L�cheln, das die Menschen glauben machte, er habe vielleicht doch menschliche Gef�hle. Auf diese Weise kontrollierte er sie. Im einen Moment hatten sie Angst vor ihm und im n�chsten Moment wollten sie ihm helfen und waren ihm treu ergeben. So mochte er das. Es hatte lange gedauert, bis er sich diese Position erobert hatte.</p><empty-line/><p>�Okay�, sagte er, �ich bin so weit fertig mit dir. Erledige deinen Job. Und dann steht ihr ein Leben lang unter dem Schutz der Dalston-Bande. Hast du verstanden? Du, deine Mutter, deine Schwester und dein kleiner Bruder. Alle werden sicher sein. Keine eingeschlagenen Fensterscheiben mehr, kein verschwundenes Geld, kein Feuer in eurer Wohnung. Klar?�</p><empty-line/><p>�Klar.�</p><empty-line/><p>Der Junge nahm das Messer und steckte es in seinen Hosenbund. Erst als er sich zum Gehen wandte, bemerkte Devil, dass die Hose des Jungen nass war. Im Schritt war ein gro�er dunkler Fleck zu erkennen. Einen Moment lang f�hlte Devil sich irgendwie schuldig, und er fragte sich, wer er eigentlich war und was er war. Was aus ihm geworden war. Einen Augenblick lang sah er Leona vor sich, die ihn w�tend anstarrte, und er verachtete sich selbst, so wie damals, als er sie wegen ihrer Zahnspange geh�nselt hatte. Er sch�ttelte sich. Nein, er war nicht mehr derselbe wie damals. Er war jetzt Devil und er lie� sich nicht unterkriegen.</p><empty-line/><p>Er verdr�ngte den Gedanken an Leona und l�chelte. Der Junge war doch nicht so tough, er hatte Angst, und er war anst�ndig. Aber er w�rde tun, was man von ihm verlangte, solange Devil das wollte.</p><empty-line/><empty-line/><p>9</p><empty-line/><p>Lucas wischte sich mit einer Hand den Schwei� von der Stirn und mit der anderen hielt er Clara umklammert. Er versuchte, die Blasen an seinen F��en, die Sch�rfwunden an seinen Beinen und die Enge in seiner Brust zu ignorieren, doch es wurde immer schlimmer und drohte ihn zu �bermannen. Lucas hatte das Gef�hl, als w�ren er und Clara schon tagelang auf den Beinen, dabei waren es gerade mal vierundzwanzig Stunden, mit ein paar kurzen Ruhepausen dazwischen. In den letzten Stunden hatte er Clara getragen. Sie hatte sich zwar bem�ht, mit ihm mitzuhalten, doch sie war immer wieder gestolpert vor Ersch�pfung. Und Lucas wusste, dass sie weitergehen mussten, bis sie weit genug weg waren. Bis sie in Sicherheit waren.</p><empty-line/><p>Eine ganze Stunde hatten sie im Sumpf ausgeharrt. Dabei hatten ihre K�pfe gerade so weit aus dem Schlamm herausgeragt, dass sie atmen konnten. Erst als Lucas sicher war, dass niemand mehr in der N�he war, hatte er Clara aus dem Sumpf herausgeholfen, und sie waren in Richtung Mauer gekrochen. Sie hatten das Tor ge�ffnet und waren losgerannt.</p><empty-line/><p>Sie waren den ganzen Tag und fast die ganze Nacht unterwegs gewesen und demselben Pfad gefolgt, den Raffy und Evie vor etwas �ber einem Jahr genommen hatten. Sie waren hungrig und durstig und ersch�pft. Keiner von ihnen war jemals zuvor au�erhalb der Stadtmauer gewesen, und obwohl Lucas wusste, dass keine B�sen die Gegend durchstreiften, sah er dennoch die Furcht in Claras Augen. Auch ihm war beklommen zumute und seine Augen weiteten sich vor Erstaunen beim Anblick der weiten gr�nen ausgestorbenen Landschaft au�erhalb der Stadtmauer.</p><empty-line/><p>Aber sie hatten keine Zeit f�r Erkundungen, f�r Fragen oder Nachforschungen, und jetzt hatte Lucas sowieso kein Interesse an einer Entdeckungsreise. Die Anweisungen, die Linus ihm vor langer Zeit gegeben hatte, waren ihm jetzt von Nutzen. Lucas konnte in der Ferne die Lichter von Base Camp sehen, wie ein Leuchtturm, der ihn leitete.</p><empty-line/><p>Eigentlich hatte er nie hierherkommen wollen, er hatte sich eingeredet, das sei nicht sein Platz. Er hatte es ernst gemeint, als er Evie beim Stadttor Lebewohl gesagt hatte; er wollte sie nie wiedersehen. Base Camp geh�rte ihr und Raffy; die Welt da drau�en war ihre Welt, nicht seine. Aber er hatte keine Wahl. Au�erdem war er nicht gekommen, um hier zu leben, sondern weil er Hilfe brauchte, weil er gegen einen Feind k�mpfte, den er weder kannte noch verstand.</p><empty-line/><p>Die Spitzel.</p><empty-line/><p>Was Clara ihm erz�hlt hatte, war � unglaublich. Unvorstellbar. Und dennoch war ihm jetzt klar, dass das, was sie wusste, nur ein Bruchteil der ganzen Geschichte war; und daf�r hatten ihre Freunde mit dem Leben bezahlt.</p><empty-line/><p>Lucas schloss die Augen, wappnete sich, zwang sich, weiterzugehen, und nahm Clara an der Hand, um ihr zu helfen. Kurz darauf tauchte er vor ihnen auf und kam n�her, dieser sagenumwobene Ort, von dem sein Vater ihm erz�hlt, den er aber noch nie mit eigenen Augen gesehen hatte. In Base Camp w�re Clara in Sicherheit. In Base Camp k�nnte er seine Gedanken ordnen und �berlegen, was als N�chstes zu tun war.</p><empty-line/><p>Sie waren jetzt nur noch knapp eine Meile entfernt. Einen Moment lang hatte Lucas Angst, sie k�nnten noch immer verfolgt werden und dass er die Spitzel direkt nach Base Camp f�hrte, aber kurz darauf schob er den Gedanken weg. Er hatte extra einen Umweg gemacht, und au�erdem h�tte er es gemerkt, wenn sie verfolgt worden w�ren. Er merkte es immer.</p><empty-line/><p>Die Lichter wurden heller und bald konnte er das Lagerfeuer und die Zelte erkennen. Clara stolperte und Lucas hob sie hoch. Er holte noch einmal alles aus seinen Beinen heraus und mit letzter Kraft erreichte er das Lager. Er hatte es geschafft. Er war am Ziel.</p><empty-line/><p>Lucas legte Clara auf den Boden, dann brach er vor dem Feuer zusammen. Sofort eilte eine Frau herbei. F�r den Bruchteil einer Sekunde glaubte er, es sei Evie, und er erstarrte vor Sehnsucht und vor Furcht. Aber es war nicht Evie, es war jemand anders, eine �ltere Frau, die er kannte. �Martha�, stie� er hervor, ehe er das Bewusstsein verlor. �Martha, das ist Clara. Sie muss in Sicherheit gebracht werden ��</p><empty-line/><p>Irgendjemand murmelte vor sich hin und er sp�rte etwas in seinem Gesicht. Tr�umte er? Es war eine Hand, die ihn z�rtlich streichelte, und Lucas h�tte am liebsten laut geschrien, denn er konnte sich nicht erinnern, wann sich das letzte Mal jemand so um ihn gek�mmert oder wann ihn das letzte Mal jemand ber�hrt hatte.</p><empty-line/><p>War es ihre Hand? Sein leerer Magen rebellierte. Sie konnte es nicht sein. Oder doch? Lucas wagte nicht, die Augen zu �ffnen, er wollte die Illusion nicht zerst�ren. Die Realit�t mit all ihren Hindernissen, mit ihrem Chaos und ihrer Traurigkeit sollte diesen Moment nicht ausl�schen.</p><empty-line/><p>�Lucas? Lucas, kannst du mich h�ren?�</p><empty-line/><p>Das war nicht sie. Die Entt�uschung war gro�, aber Lucas riss sich zusammen und machte die Augen auf.</p><empty-line/><p>�Wo ist Clara? Ist sie okay?�</p><empty-line/><p>�Es geht ihr gut.� Martha l�chelte ihn beruhigend an. Lucas hatte sie kennengelernt, als sie zusammen mit Linus, Raffy und Evie in die Stadt gekommen war, um das System au�er Kraft zu setzen. �Du siehst furchtbar aus.�</p><empty-line/><p>�Mir geht es gut.� Er wollte sich aufrichten, doch er sank gleich wieder zur�ck. �Ist Raffy hier? Ich muss mit ihm sprechen.�</p><empty-line/><p>�Du musst erst etwas essen�, berichtigte Martha ihn. �Und dich ausruhen.�</p><empty-line/><p>Lucas setzte sich erneut auf, und diesmal schaffte er es. �Martha, ich werde etwas essen, aber ich kann mich nicht ausruhen. Vor der Stadt liegen Leichen, und Spitzel bringen Leute um. Sie ��</p><empty-line/><p>�Schhh�, machte Martha und erhob sich. �Ich werde dir ein bisschen Suppe und Brot bringen. Raffy ist nicht hier, aber er ist in Sicherheit. Morgen kannst du dich auf den Weg zu Linus machen. Er wird dir alles erkl�ren.�</p><empty-line/><p>Lucas runzelte die Stirn. �Ist er denn nicht hier? Er hat mir versprochen, sich um Evie und Raffy zu k�mmern. Er hat versprochen � �</p><empty-line/><p>Martha l�chelte ihn traurig an. �Das hat er getan, und das tut er immer noch. Nur nicht hier. Linus war schon lange nicht mehr hier�, sagte sie. �Die Dinge haben sich � ge�ndert. Aber ich werde dir verraten, wo du ihn finden kannst. Wenn du dich ausruhst und die Suppe isst, die ich dir bringe.�</p><empty-line/><p>�Morgen? Nein, ich muss ihn heute noch sehen�, sagte Lucas und qu�lte sich aus dem Bett, in dem er gelegen hatte. Seine Glieder schmerzten, und sein Magen f�hlte sich an, als w�rde er sich nach innen w�lben; sofort fiel er zur�ck auf die Matratze. �Ich muss wissen, wo Raffy ist. Woher wei�t du, dass er in Sicherheit ist?�</p><empty-line/><p>Martha hob eine Augenbraue. �Weil Linus es nicht anders wollen w�rde. Er wird es dir morgen erz�hlen�, meinte sie ernst. Dann l�chelte sie. �Mir hat sowieso Gesellschaft gefehlt. Bitte bleib.�</p><empty-line/><p>Lucas sah sie eine Weile an, dann gab er nach. �Vielleicht ist es ja ganz gut, dass Raffy nicht hier ist.�</p><empty-line/><p>Martha nickte. �Linus wei� normalerweise, was er tut.�</p><empty-line/><p>�Ich wei�, ich wei� � und er wird es mir bestimmt morgen sagen?�, fragte Lucas zweifelnd.</p><empty-line/><p>�Bestimmt�, erwiderte Martha mit einem L�cheln und schloss die T�r hinter sich.</p><empty-line/><p>Lucas streckte sich, schwang die Beine aus dem Bett, stellte vorsichtig die F��e auf den Boden, hielt sich am Bettpfosten fest und stand auf. Seine F��e waren nicht gerade im besten Zustand, aber es war nichts Ernstes. Er musste ohnm�chtig geworden sein vor Ersch�pfung. Eine warme Mahlzeit w�rde ihm guttun. Er ging zur T�r, blieb stehen und konnte sich gerade noch fangen. Schwarze Punkte tanzten ihm vor den Augen. Dann �ffnete er vorsichtig die T�r und verlie� das Zimmer.</p><empty-line/><p>Lucas war noch nie in Base Camp gewesen. Er hatte es sich irgendwie gesch�ftiger vorgestellt, voller Menschen. Stattdessen war es unheimlich ruhig, nur das Flattern einer Plane im Wind durchbrach die Stille.</p><empty-line/><p>Linus hatte das Camp vor vielen Jahren aufgebaut, nachdem er die Stadt, die er mitbegr�ndet hatte, verlassen hatte. Die Art und Weise, wie sein wundersch�n entworfenes System korrumpiert worden war, um die Menschen zu manipulieren und zu kontrollieren, hatte ihn krank gemacht. Vor der Schreckenszeit war Linus ein Computergenie gewesen. Mit dem Aufbau eines Computersystems, das in der Lage war, die Bed�rfnisse und W�nsche der Menschen vorauszuberechnen, wollte er eine Art Utopia erschaffen. Nur hatte es leider nicht ganz so funktioniert. Deshalb hatte er schlie�lich die Stadt verlassen, Base Camp errichtet und insgeheim den Plan gefasst, den Bruder zu st�rzen und dessen korruptes System ein f�r alle Mal zu zerst�ren.</p><empty-line/><p>Woche f�r Woche hatte Lucas seine Mitteilungen an einen der Computer in Base Camp geschickt. Nur wenn er das tat, konnte er aufrichtig und wirklich er selbst sein.</p><empty-line/><p>Und jetzt war er also hier. Er blieb in einer T�r�ffnung stehen und sah, dass Clara in dem Zimmer schlief. Er beobachtete sie eine Weile und sp�rte dabei die ungeheure Last der Verantwortung, die er f�r sie, f�r ihre Familie und f�r ihre Freunde trug. Das M�dchen war ungef�hr f�nfzehn und das ganze Leben lag noch vor ihr. Genau wie ihre Freunde, denen man das Leben genommen hatte. Bei dem Gedanken zog sich seine Brust zusammen vor Zorn. Die Spitzel w�rden bezahlen f�r das, was sie getan hatten.</p><empty-line/><p>Lucas atmete tief durch und ging weiter. Pl�tzlich stieg ihm der k�stliche Geruch von H�hnchen in die Nase. Er folgte dem Duft und gelangte in eine Art K�che. Martha drehte sich um und l�chelte.</p><empty-line/><p>�Verstehst du das unter ausruhen?�</p><empty-line/><p>Lucas zuckte die Achseln und grinste. �Hier riecht es einfach zu gut.�</p><empty-line/><p>�Setz dich�, sagte Martha und deutete auf einen Tisch hinter einem Durchgang. �Ich bring dir schon mal etwas Brot.�</p><empty-line/><p>Lucas begab sich in den Nebenraum. Dort standen mehrere Tische, aber alle waren verwaist. Martha folgte ihm, stellte ein Glas vor ihn auf den Tisch und legte ein St�ck Brot daneben.</p><empty-line/><p>�Wo sind denn die anderen alle?�, fragte Lucas. Er hatte Linus so gern zugeh�rt, wenn er von Base Camp erz�hlte, von den rund f�nfzig Leuten, die dort lebten und arbeiteten, darunter Martha und Angel, Linus� engste Vertraute. Lucas hatte oft davon getr�umt, einmal selbst dort zu leben, unabh�ngig von der Stadt und von allem, was sie verk�rperte.</p><empty-line/><p>Martha z�gerte. �Die meisten M�nner sind bei der Arbeit�, sagte sie schlie�lich. �Sie holen Nahrungsmittel und erledigen Reparaturen. Angel ist mit drei anderen auf Erkundungstour. Aber hier leben nicht mehr so viele wie fr�her.� Ihre Blicke trafen sich, und Martha l�chelte traurig. �Ich nehme an, du hast nie erlebt, wie es vorher war, oder? Schade. Es h�tte dir gefallen. Es war � aufregend.�</p><empty-line/><p>�Vorher?�, fragte Lucas neugierig.</p><empty-line/><p>�Bevor wir getan haben, was wir uns vorgenommen hatten, und unsere Daseinsberechtigung verloren haben�, erkl�rte Martha achselzuckend.</p><empty-line/><p>�Und jetzt ist es so, als h�tte die Revolution stattgefunden, aber nichts hat sich ver�ndert?�, fragte Lucas.</p><empty-line/><p>Martha verzog das Gesicht. �Es hat sich sehr wohl etwas ver�ndert�, sagte sie mit einer Spur von Traurigkeit in der Stimme. �Nur nicht �� Sie sch�ttelte sich. �H�r nicht auf mich�, meinte sie und stand auf. �Ich hole dir deine Suppe.�</p><empty-line/><p>Nach ein paar Minuten kam sie mit einer dampfenden Suppenschale zur�ck, stellte sie vor Lucas auf den Tisch und setzte sich ihm gegen�ber.</p><empty-line/><p>Im Nu hatte er alles aufgegessen.</p><empty-line/><p>�Noch mehr?�, fragte Martha mit einem L�cheln. Lucas nickte dankbar und kurz darauf stand eine zweite Schale vor ihm. Gierig a� er alles auf.</p><empty-line/><p>�Bekommt ihr in der Stadt nichts zu essen?�, fragte Martha mit einem leichten Augenzwinkern.</p><empty-line/><p>Lucas zog eine Augenbraue hoch. �Es gibt genug zu essen, aber das, was gerade in der Stadt vor sich geht, verdirbt einem den Appetit.� Es tat gut, es auszusprechen, auch wenn er dabei gequ�lt l�chelte. Lucas sp�rte, wie allein er sich in dem letzten Jahr gef�hlt hatte, ohne Linus als Kommunikationspartner.</p><empty-line/><p>Martha legte ihm die Hand auf die Schulter und dr�ckte sie sanft. �Dann erz�hl mal, was los war�, sagte sie und sah ihn dabei ernst an.</p><empty-line/><p>Lucas erz�hlte ihr alles so knapp wie m�glich: von der Stadt, vom Bruder, der an der Macht festhielt, von dem Misstrauen der B�rger ihm gegen�ber, von den Verschwundenen und von den Fliegen. Obwohl er sich bem�hte, seine Gef�hle im Zaum zu halten, als er ihr von dem Berg Leichen erz�hlte, den Rab und er entdeckt hatten, versagte ihm fast die Stimme, als er schilderte, in was f�r einem Zustand die Leichen der jungen Leute waren, die man entsorgt hatte wie M�ll. Anschlie�end erz�hlte er ihr von Rab und von den Spitzeln. Martha h�rte Lucas schweigend zu, nickte ein paarmal, zuckte manchmal zusammen und rang nach Luft. Dann streckte sie die Hand aus und legte sie auf seine.</p><empty-line/><p>�Und du? Wie geht es dir?�</p><empty-line/><p>Lucas runzelte die Stirn. �Mir geht es gut�, sagte er. Er wollte noch etwas anderes fragen, etwas, was er schon hatte fragen wollen, als er hier angekommen war, und wor�ber er seit seiner Entscheidung, hierherzukommen, nachgedacht hatte. Aber dann �berlegte er es sich anders.</p><empty-line/><p>�Du willst bestimmt wissen, was Evie macht�, sagte Martha, als k�nnte sie seine Gedanken lesen.</p><empty-line/><p>Lucas wurde rot. �Sie ist bei Raffy und in Sicherheit�, erkl�rte Martha beruhigend.</p><empty-line/><p>Lucas nickte und l�chelte. �Das ist gut�, sagte er schnell.</p><empty-line/><p>�Du musst bestimmt oft an sie denken�, meinte Martha und sah ihn dabei auf eine Weise an, die Lucas etwas verwirrte. �Du hast � Evie nahegestanden, nicht wahr? Ich wei�, dass sie dich sehr sch�tzt.�</p><empty-line/><p>Lucas nickte wieder. Das Herz klopfte ihm bis zum Hals, und das Denken und Atmen fiel ihm auf einmal schwer. �Ja�, brachte er hervor. �Ich � ich habe sie auch sehr gesch�tzt. Ich sch�tze sie, meine ich. Ich ��</p><empty-line/><p>Lucas schloss einen Moment lang die Augen und versuchte, sich zusammenzurei�en und das Gef�hl der Einsamkeit zu vertreiben, das pl�tzlich wieder in ihm hochkam.</p><empty-line/><p>Martha machte ein mitf�hlendes Gesicht. �Es ist bestimmt schwer, so allein zu sein.�</p><empty-line/><p>Lucas fing ihren Blick auf und err�tete. �Ich war immer allein�, meinte er achselzuckend. �Das ist nichts Besonderes.�</p><empty-line/><p>Martha schien dar�ber nachzudenken. �Ich glaube, die Menschen sollten nicht allein sein�, sagte sie schlie�lich. �Wir m�ssen Kontakte kn�pfen. Wir m�ssen Teil von etwas sein. Deshalb haben Leute wie der Bruder Erfolg. Weil die Menschen am meisten Angst vor dem Alleinsein haben. Es gibt nicht viele, die so sind wie du, Lucas. Nicht viele, die so stark sind wie du. Aber versuch nicht, zu stark zu sein. Auch du brauchst andere Menschen, so wie jeder von uns.�</p><empty-line/><p>Marthas Stimme klang br�chig und Lucas sp�rte einen Klo� im Hals. Wusste sie es? Waren seine Gef�hle so offensichtlich?</p><empty-line/><p>�Ich nicht�, sagte er. �Mir geht es gut.�</p><empty-line/><p>Martha sch�ttelte traurig den Kopf. �Du bist genau wie Linus. Er denkt auch, dass er niemanden braucht.�</p><empty-line/><p>Lucas musste das eben Geh�rte erst einmal verdauen. �Und wo ist er? Linus, meine ich.�</p><empty-line/><p>Martha hob eine Augenbraue und l�chelte bitter. �Er ist in einer H�hle in den Bergen und arbeitet wie ein Wilder.�</p><empty-line/><p>Lucas sah sie fragend an. �Woran arbeitet er?�</p><empty-line/><p>Martha seufzte. �Ich bin sicher, er wird es dir morgen erz�hlen. Ich kann es dir unm�glich erkl�ren � ich verstehe es selbst kaum. Aber er hat sich in etwas verbissen, es geht um ein Lager, das vor ein paar Monaten an der K�ste aufgetaucht ist. Eine neue Zivilisation, und ziemlich klein, glaube ich. Sie ist auf einmal auf dem �berwachungssystem aufgetaucht und dann offenbar wieder verschwunden, mitsamt einem St�ck K�ste.�</p><empty-line/><p>�Verschwunden?�, fragte Lucas ernst. Sein Interesse war geweckt.</p><empty-line/><p>Martha zog die Augenbrauen hoch. �Ich wei� nicht. Er hat immer gesagt, dass er nicht w�sste, wo sie hergekommen sind. Sie mussten ja von irgendwoher gekommen sein, aber laut den Satellitenbildern gab es jenseits dieser Insel nichts. Das hei�t, dass es diese Leute entweder nicht gibt oder dass seine Informationen falsch waren. Als alle pl�tzlich verschwunden waren, hat er sich aufgef�hrt wie ein Verr�ckter, ist die ganze Zeit auf und ab gegangen, hat vor sich hin gemurmelt und stundenlang, nein, tagelang an seinem Computer gesessen.�</p><empty-line/><p>�Und dann ist er gegangen?�, fragte Lucas.</p><empty-line/><p>Martha nickte. �Linus ist nun mal ein Genie. Er hat das System aufgebaut. Er sieht die Welt mit anderen Augen als wir, er erkennt Zusammenh�nge, die wir nicht erkennen, er ist den anderen immer zwanzig Schritte voraus. Das hei�t, dass andere Menschen ihn einfach erdr�cken, ihm im Weg stehen. Er musste arbeiten, er musste diesem � diesem Problem auf den Grund gehen. Und er musste es tun, ohne dass wir ihn aufhalten. Deshalb ist er in die Berge gegangen. Ich hoffe nur, dass er bald die L�sung findet, damit er wieder nach Hause kommt.�</p><empty-line/><p>�Ist das hier sein Zuhause? Ich dachte, Base Camp ist nur eine �bergangsl�sung.�</p><empty-line/><p>�Nein�, meinte Martha achselzuckend, �dieser Ort ist nicht das Zuhause; es sind die Menschen. Wir sind immer gemeinsam herumgezogen, und Linus hat uns immer gesagt, wann und wohin. Wir brauchen ihn. Und im Grunde braucht er uns auch � als Ausgleich, damit wir ihn daran erinnern, dass das Leben manchmal auch einfach gelebt werden muss, dass gemeinsam essen, schlafen, arbeiten � dass das alles genauso wichtig sein kann, wie die Welt zu retten.�</p><empty-line/><p>�Und du willst auf ihn warten? Hast du nicht manchmal den Wunsch, von hier wegzugehen?�</p><empty-line/><p>Martha sch�ttelte den Kopf. �Ich kenne Linus schon sehr lange. Er ist ein guter Mensch. Ein bisschen verr�ckt, auf jeden Fall ein Genie, aber anst�ndig. Er wird es zwar nie zugeben, aber er braucht uns hier. In seiner N�he. Er muss wissen, dass wir, wenn es sein muss, alles f�r ihn aufgeben w�rden.�</p><empty-line/><p>�Und du w�rst bereit, das f�r ihn zu tun?�, fragte Lucas neugierig.</p><empty-line/><p>�Wir w�rden alle f�r Linus sterben�, sagte sie schlicht. �Er wird zwar schnell w�tend, ist oft unausstehlich und v�llig unm�glich, aber alles, was er tut, hat einen Sinn, auch wenn es manchmal nicht so aussieht. Wie gesagt, er ist uns zwanzig Schritte voraus. Man muss einfach darauf vertrauen, dass man ihn letztendlich einholt. So weit hat er bis jetzt immer recht behalten. Und so weit hat er keinen falschen Schritt gemacht.�</p><empty-line/><p>�Also, wo ist er? Wie ist sein neues Lager?�, fragte Lucas.</p><empty-line/><p>Martha lachte. �Ich w�rde es nicht gerade als Lager bezeichnen. Es ist eher eine armselige Behausung. Er lebt in einer H�hle, nur mit seinem Generator und seinen Computern. Angel wollte ihm helfen, ein paar Zelte aufzustellen, aber er hat abgelehnt. Unter einem Vorwand musste er Linus eine K�che einrichten, sonst w�re er verhungert. Alle vierzehn Tage bringt Angel ihm Vorr�te, zuletzt vor zwei Tagen. Es m�sste also noch etwas Essbares da sein. Aber du solltest dich auf etwas gefasst machen. Das letzte Mal, als ich Linus gesehen habe, hatte er einen Bart.�</p><empty-line/><p>�Einen Bart?� Lucas rang sich ein L�cheln ab.</p><empty-line/><p>�Einen langen.� Martha grinste, wischte sich die H�nde mit einer Serviette ab und ging zur�ck in die K�che.</p><empty-line/><empty-line/><p>10</p><empty-line/><p>Devil blickte auf die ausgestreckte Hand vor ihm und sch�ttelte den Kopf. �N�!�</p><empty-line/><p>Seine Jungs boten ihm st�ndig ihre Joints an, aber er lehnte jedes Mal ab. Gras machte die Menschen schwach und a-pa-thisch. Devil grinste in sich hinein. �Apathisch� war sein neuestes Wort. Es gefiel ihm, jeden Tag ein neues Wort zu benutzen. Das hielt seinen Verstand auf Trab. Und �apathisch� war eines der besten, die er bislang entdeckt hatte. Nach Devils Meinung waren die meisten Menschen apathisch. Zumindest in dieser Gegend. Keiner tat irgendetwas. Keiner au�er ihm.</p><empty-line/><p>Er sprang von der Mauer, und sofort folgten die anderen seinem Beispiel, aber er scheuchte sie mit einer Handbewegung zur�ck. �Ihr bleibt hier�, befahl er. Sie waren an ihrem �blichen Treffpunkt mitten in der Siedlung, auf der Treppe, die zum Spielplatz f�hrte. Der Spielplatz war nicht so, wie er sein sollte. Die Schaukeln und ein sch�biges Karussell standen still; nur Devil und seine Jungs setzten sich gelegentlich darauf und fuhren eine Runde damit und lachten lauthals, aber Kinder kamen nicht mehr hierher. Keiner wagte den Spielplatz zu betreten, es sei denn, Devil hatte es ausdr�cklich erlaubt. Der Spielplatz geh�rte jetzt ihm. Dreckloch oder nicht, das wollte immer noch etwas hei�en.</p><empty-line/><p>Devil marschierte mit leicht gebeugten Knien los, sein Kopf wippte beim Gehen, als w�rde er tanzen. Er war stolz auf seinen Gang, und er hatte lange gebraucht, um ihn zu perfektionieren. Als er hierherkam, war er gegangen wie ein ganz normaler Junge. Spie�ig. Er war dahingetrottet und hatte herumgetr�delt wie fr�her auf dem Schulweg mit Leona.</p><empty-line/><p>Mittlerweile erkannten ihn die Leute schon aus einiger Entfernung an seinem unverwechselbaren Gang. Und sie wussten sofort, wenn er da war, auch ohne dass er den Mund aufmachte. Das ist alles eine Frage der Pr�senz, hatte sein Vater ihm einmal gesagt. Sorge daf�r, dass die Leute wissen, wer du bist und was du bist. Wenn du in der Menge untergehst, gibt es keinen Grund, warum man dich beachten sollte. Wenn du jemand sein willst, musst du als jemand angesehen werden. Du musst daf�r sorgen, dass man von dir Notiz nimmt.</p><empty-line/><p>Devils Vater hatte das schon vor langer Zeit herausgefunden. Man konnte nicht mit ihm die Stra�e entlanggehen, ohne dass die Leute auf ihn zugerannt kamen, seinen Namen riefen und ihm zuwinkten. Die Leute liebten Pastor Jones. Sie brauchten ihn und sie verehrten ihn.</p><empty-line/><p>Ja, sein Vater wusste, was er tat. Er wusste, wie man es besser machte.</p><empty-line/><p>Und Devil wusste es auch � er hatte gleich am ersten Tag nach seiner Ankunft in der Siedlung erkannt, dass sich etwas �ndern musste. Wenn er �berleben wollte, musste er die Kontrolle �bernehmen. Er hatte sich im Spiegel betrachtet und eine Verwandlung vollzogen. Den Jungen aus der Mittelschicht, f�r den schwarz blo� die Farbe seiner Haut war und der die Schultern hochzog, damit seine kr�ftige Statur niemandem Angst einjagte, den gab es nicht mehr. Stattdessen war Devil geboren: gro�, breitschultrig, unversch�mt, arrogant, zornig. Einer, vor dem die Menschen Angst hatten und mit dem sie sich nicht anlegen wollten.</p><empty-line/><p>Devil lief durch die Unterf�hrung zwischen den beiden Hochh�usern, in deren N�he sich nach Einbruch der Dunkelheit niemand wagte, au�er den Junkies und den Schlampen, Menschen, denen alles egal war, die keinerlei Selbstachtung mehr hatten. Devil hatte auch keine Achtung vor ihnen. Er hatte vor niemandem Respekt, au�er vor sich selbst. Sogar seine Bande war wie eine Herde Schafe, die ihrem Sch�fer auf Schritt und Tritt folgte. Die Jungs hatten nicht den Mut, etwas selbst in die Hand zu nehmen.</p><empty-line/><p>Sie waren nicht wie er. Devil zuckte schon bei dem Geruch von Urin, Exkrementen, billigem Fusel und schmutzigen Klamotten zusammen. Als er zum ersten Mal durch die Unterf�hrung ging, h�tte er sich beinahe selbst angepinkelt. Er war vorher noch nie an einem solchen Ort gewesen; bis dahin kannte er nur die gr�ne Vorstadt in Hertfordshire, wo alle in h�bschen neuen H�usern mit Garten wohnten, vor denen Autos parkten, und wo alle ihn kannten, ihm zul�chelten und ihm Geschenke mitbrachten, wenn sie zu seinem Vater kamen. Wo er Leona immer zuh�rte, wenn sie Klavier �bte, und sie mit Grimassenschneiden abzulenken versuchte.</p><empty-line/><p>Aber Devil hatte gelernt, dass sich das Leben ver�nderte, dass man sich auf nichts verlassen konnte au�er auf sich selbst.</p><empty-line/><p>Als er aus der Unterf�hrung kam, traf ihn ein fr�hherbstlicher Sonnenstrahl, und er l�chelte und genoss die W�rme auf der Haut. Es lief gut. Die Green Lanes Massive Gang hatte kapiert, was auf sie zukam. Der Junge hatte seinen Job gemacht. Das bl�de Arschloch hatte sich zwar erwischen lassen, aber er war selber schuld. Anscheinend war er nach der Tat wie erstarrt gewesen und mit dem Messer in der Hand neben der Leiche stehen geblieben wie ein Idiot. Aber das war okay. Diejenigen, die es anging, wussten, dass Devil dahintersteckte. Die Polizei hatte den Jungen zwar verhaftet, brachte ihn aber nicht mit der Dalston-Bande in Verbindung. Deshalb war alles in bester Ordnung.</p><empty-line/><p>Nat�rlich w�rden die Green Lanes Massive zur�ckschlagen, aber darauf war Devil gefasst. Seine Jungs waren tougher, hungriger; sie w�rden weitergehen. Devil hatte schon vor langer Zeit begriffen, dass es genau darum ging. Es war eine Art Mutprobe. Man musste bereit sein, weiterzugehen als die anderen. Man durfte keine Angst haben. Angst bedeutete Schw�che und machte einen angreifbar. Wer nicht angreifbar war, hatte Macht und war unbesiegbar.</p><empty-line/><p>Devil nahm den langen Weg durch das �de Buschland hinter der Siedlung. Fr�her war einmal geplant gewesen, das Land in ein Freizeitgel�nde f�r Kinder und Jugendliche zu verwandeln, mit einem gro�en Fu�ballplatz und einem Jugendklub; das Fundament war sogar schon ausgehoben worden. Aber an dem Tag, als das Holz f�r den Bau geliefert wurde, war alles abgefackelt worden, und kurz darauf wurden die Pl�ne aufgegeben.</p><empty-line/><p>Jetzt schlenderte Devil, die H�nde in den Hosentaschen, die Stra�e hinunter Richtung Spielhalle. Normalerweise verlie� er die Siedlung nicht allein, weil man zu mehreren sicherer war. Aber heute war er voller Selbstvertrauen. Au�erdem wollte er nicht die ganze Zeit mit seinen Jungs herumh�ngen. Die redeten einen ziemlichen Schei�, lachten �ber die bl�desten Sachen und waren einfach nur langweilig. Infantil. Seit ein paar Wochen war das eines seiner Lieblingsw�rter. In-fan-til. Kindisch. Bei jeder Gelegenheit warf er den Leuten dieses Wort an den Kopf. Die Leute mochten es nicht, weil es ein langes Wort war, und das war ein Beweis daf�r, wie dumm sie waren. Sie h�tten etwas gegen ihre Dummheit tun k�nnen, indem sie sich eine W�rterbuch-App herunterluden, so wie er. Aber die dachten gar nicht daran. Sie waren zufrieden mit dem Leben in der Gosse. Sein Vater hatte recht gehabt: Die anderen bekamen, was sie verdienten. Sie hatten es sich selbst zuzuschreiben. Sie waren schon froh, dass sie �berhaupt lebten.</p><empty-line/><p>Drau�en vor dem Zeitschriftenladen stand ein M�dchen und hielt ein Fahrrad fest. Z�gernd schaute sie in den Laden und dann wieder auf das Rad. Es war rosa. Und ganz neu. Billiger Mist, es w�rde bald auseinanderfallen, und die rosa Farbe w�rde abbl�ttern. Aber jetzt sah es ganz okay aus. Das M�dchen trug einen passenden blassrosa Helm. Vorne an dem Rad war ein Korb befestigt. In der linken Hand hielt sie ein Fahrradschloss, und sie sah sich um, wo sie es am besten festmachen konnte.</p><empty-line/><p>Devil ging zu ihr hin. Er versp�rte auf einmal den Drang, ihr das Rad wegzunehmen und ihr zu zeigen, dass er der Boss war und dass er alles in der Siedlung mitnehmen konnte, sogar ein Schei�kinderfahrrad.</p><empty-line/><p>�Du kannst das Rad bei mir lassen.�</p><empty-line/><p>Das M�dchen blickte mit gro�en Augen zu ihm auf. Die Kleine war sechs, zu jung, um zu wissen, dass man ihm nicht in die Augen sehen durfte, aber alt genug, um zu z�gern. Er erinnerte sich an die Zeit, als sie noch ein Baby war. Ihre Mutter sah fr�her einmal gut aus. Aber heute nicht mehr. �Mum hat gesagt, ich soll es abschlie�en.�</p><empty-line/><p>�Deine Mum m�chte eben, dass dein Rad sicher ist. Bei mir ist es sicher.� Er l�chelte und bekam pl�tzlich ganz weiche Gesichtsz�ge. Das hatte er von seinem Vater gelernt. Erst weich, dann hart; erst hart, dann weich.</p><empty-line/><p>Das M�dchen war hin und her gerissen.</p><empty-line/><p>�Wenn du in den Laden gehen willst, musst du das Rad hierlassen. Ich passe darauf auf.�</p><empty-line/><p>Devil l�chelte wieder. Z�gernd ging sie zu dem Laden, drehte sich aber alle paar Sekunden um, um sich zu vergewissern, dass das Rad noch da war.</p><empty-line/><p>�Dein Helm�, sagte Devil. Das M�dchen runzelte die Stirn. �Ich brauche deinen Helm.�</p><empty-line/><p>Das M�dchen wollte etwas sagen, aber dann sah sie Devils Gesichtsausdruck. Das L�cheln war verschwunden. Er sa� auf dem Fahrrad, die Knie an die Brust gepresst. Die Kleine r�hrte sich nicht.</p><empty-line/><p>�Du gibst mir jetzt deinen Helm�, sagte Devil in bedrohlichem Ton. �Ich will mir dein Rad nur kurz ausleihen und f�r dich darauf aufpassen.�</p><empty-line/><p>Das M�dchen versuchte sich r�ckw�rts durch die Ladent�r zu schieben, aber Devil war mit einem Satz bei ihr, packte sie und riss ihr den Helm vom Kopf. Dann zog er sie zu ihrem Fahrrad, das auf dem Gehweg lag. Er packte das M�dchen im Nacken und dr�ckte sie mit der Nase gegen das Rad. �Jetzt kannst du deiner Mama erz�hlen, dass Devil dein Rad hat. Sag ihr: Wenn sie will, dass du es wiederkriegst, muss sie mich f�rs Aufpassen bezahlen. Hast du verstanden? H�rst du, was ich sage?�</p><empty-line/><p>Das M�dchen weinte. Einen Moment lang sah Devil die Kleine an. Unwillk�rlich wollte er ihr die Tr�nen abwischen, wie er es bei Leona getan hatte, damals, als er sie in den Armen wiegte und ihr versicherte, dass es keine Monster gebe, dass er sie besch�tzen werde und dass er immer f�r sie da sei. Aber dieses M�dchen war nicht Leona. Und ihre Mutter, die Schlampe, hatte ihnen kein bisschen geholfen, als sie hierhergekommen waren; sie hatte f�r Leona nicht einmal ein L�cheln �briggehabt. Pl�tzlich stie� er das M�dchen grob auf das Pflaster vor lauter Wut und Hass. �Richte ihr aus, was ich dir gesagt habe.�</p><empty-line/><p>Devil radelte davon und drehte sich nicht um. Es war ihm egal, ob das M�dchen weinte oder nicht. Leona hatte kein Fahrrad. Leona hatte gar nichts. Welches Recht hatte dieses M�dchen? Das Rad war mit dem Geld bezahlt worden, das eigentlich der Dalston-Bande zustand. Zwanzig Prozent vom Einkommen, das war alles, was er von der Mutter der Kleinen verlangte. Nicht viel f�r die Sicherheit ihrer Familie. Aber er wusste, dass sie ihn bestahl, dass sie heimlich Kunden hatte. Er wusste, dass sie sich Geld ergaunerte, dass sie trickste, log und ihn hinterging. Und jetzt sollte sie erfahren, dass er Bescheid wusste.</p><empty-line/><p>Obwohl das Fahrrad viel zu klein f�r ihn war, fuhr er trotzdem damit. Es erinnerte ihn an sein BMX-Rad, als er noch klein war. Er hatte dieses Rad geliebt und war damit �berallhin gefahren. Manchmal hatte Leona sich auf seine Knie gesetzt und er war mit ihr losgeradelt. Sie hatte gekichert, sich am Lenker festgekrallt und laut gekreischt, wenn er nur auf dem Hinterrad fuhr.</p><empty-line/><p>Devil stieg vom Rad, warf es angewidert hin und verbannte die Gedanken an seine kleine Schwester aus seinem Kopf. Leona war nicht mehr da. So war das nun mal. Die Dinge hatten sich ge�ndert.</p><empty-line/><p>Er lief schnell, vorbei an der Spielhalle, vorbei an dem chaotischen Durcheinander von hohen und niedrigen H�usern in der Umgebung der Siedlung, mit G�rten voller W�scheleinen und kaputten Autos und mit Wegen, die �bers�t waren mit zerbrochenen Flaschen und Zigarettenkippen. Kippen von billigen Zigaretten.</p><empty-line/><p>Devil rauchte Silk Cut, die Marke seines Vaters. Nur um anders zu sein. Mit mehr Stil. Man w�rde ihn nie mit einer dieser Billigmarken erwischen, die so schei�e schmeckten.</p><empty-line/><p>Endlich blieb er stehen und sah sich um. Ein paar Jungs sahen ihn vorsichtig an und liefen dann mit gesenktem Kopf davon. Er befand sich auf sicherem Terrain. Eine Meile weiter h�tte er seine Gang gebraucht. Nur f�r den Fall. Aber hier w�rde niemand es wagen, sich mit ihm anzulegen. Keine andere Gang w�rde sein Revier betreten.</p><empty-line/><p>Devil ging weiter, vorbei an den H�usern, bog um die Ecke und grinste sp�ttisch, als er die Leute bei ihren allt�glichen Verrichtungen beobachtete: streiten, W�sche waschen, die Kinder anschreien. Ein Schei�ort zum Leben. In den Zeitungen wurde es als Problemviertel bezeichnet. Als w�rde irgendjemand hier Zeitung lesen. Man sah sich allenfalls mal die Fotos an oder starrte auf die Titten, aber sonst nichts. Ungef�hr einen Monat nachdem Devil hierher gezogen war, hatte er begriffen, was diese Gegend zum Problemviertel machte. Es waren nicht die Wohnungen und die H�user, obwohl die W�nde so d�nn waren, dass man drinnen den feuchten Fleck sah, wenn drau�en jemand dagegenpinkelte. Nein, es waren die Leute hier � tr�ge, dumme, ignorante Leute. Sein Dad h�tte damit aufger�umt, dachte er bei sich. Aber dann fiel ihm ein, dass sein Dad fort war und dass er nicht zur�ckkommen w�rde. Also beschloss er, stattdessen selbst aufzur�umen. Diese Siedlung w�rde ihm geh�ren, so wie die Vorstadt in Hertfordshire seinem Vater geh�rt hatte.</p><empty-line/><p>Als er seinen Vater das erste Mal im Fernsehen gesehen hatte, hatte er das Ganze f�r ein Spiel gehalten. Er hatte gedacht, sein Dad w�rde mit der Kamera irgendetwas Schlaues anstellen, so wie damals, als er die Bilder von Devil mit Leona auf dem Fahrrad auf seinen Computer geladen hatte, damit sie sie anschauen konnten. Doch es war kein Spiel. Es war Realit�t. Sein Dad sprach zu Millionen von Menschen.</p><empty-line/><p>�Sie lieben mich�, hatte sein Dad voller Stolz erkl�rt und dabei gel�chelt. �Sie lieben mich so sehr, dass sie mir ihr Geld schicken. Sogar aus Amerika und aus Afrika. Eines Tages gehen wir nach Amerika, mein Sohn. Sie werden mir aus der Hand fressen.�</p><empty-line/><p>Devil hatte damals einen anderen Namen. Aber damals war vieles anders.</p><empty-line/><p>�Devil? Na so was, du hier?�</p><empty-line/><p>Devil blieb abrupt stehen und verfluchte sich, weil er so in Gedanken versunken war, dass er nicht bemerkt hatte, wie sich die Bullen an ihn heranschlichen.</p><empty-line/><p>�Ja. Soviel ich wei�, leben wir hier in einem freien Land�, sagte er und sah dem Polizisten direkt in die Augen. Der hatte eine Polizeibeamtin bei sich. Ganz sch�n sexy, wenn man auf so was stand. Sie hatte dunkelbraune Haare; der Polizist war rothaarig.</p><empty-line/><p>�Wie ich geh�rt habe�, sagte die Frau, �steckst du hinter der Messerstecherei von letzter Woche. Hast du was dazu zu sagen?�</p><empty-line/><p>Devil zuckte die Schultern. �Ich stecke hinter keiner Messerstecherei. Das ist nicht mein Stil. Meine Gang ist ganz friedlich, Officer.�</p><empty-line/><p>Auf Devils Gesicht erschien ein breites, selbstbewusstes Grinsen. Sie hatten nichts gegen ihn in der Hand. Der Junge w�rde nichts sagen, nicht, wenn seine Familie ihm am Herzen lag.</p><empty-line/><p>�Friedlich, soso.� Der Polizist verengte die Augen zu Schlitzen. �Du bist ein kleiner Schei�kerl, wei�t du das? Wei�t du auch, dass die kleine Schwester deines Handlangers im Krankenhaus liegt? Das war die Rache f�r den Mord, zu dem du ihn angestiftet hast. Die Green Lanes Massive haben gedroht, dass sie sie beim n�chsten Mal t�ten. Dieser Junge dachte, er st�nde unter deinem Schutz. Aber dir ist das schei�egal, oder? Meinst du, dass er weiter dichthalten wird? Meinst du nicht, dass er es sich gut �berlegen wird, ob er uns erz�hlen soll, was du von ihm verlangt hast? �</p><empty-line/><p>Devils Augen weiteten sich. Seine Schwester? Verdammt. Er hatte ja keine Ahnung. �Tja�, meinte er und verschr�nkte unbek�mmert die Arme, �dann viel Gl�ck, denn ich habe nichts damit zu tun.�</p><empty-line/><p>Devil wandte sich rasch um und ging den Weg zur�ck, den er gekommen war. Er hatte ein ungutes Gef�hl. Was war, wenn der Junge redete?</p><empty-line/><p>�Treib es nicht zu weit, Devil�, rief der Polizist hinter ihm her, aber Devil drehte sich nicht um. Er schob einfach die H�nde in die Taschen und ging zur�ck zur Siedlung.</p><empty-line/><empty-line/><p>11</p><empty-line/><p>Die N�herei befand sich am n�rdlichen Ende der Siedlung und bestand aus zwei R�umen; in dem einen wurde die Kleidung sortiert und maschinell gefertigt, in dem anderen wurden kompliziertere Arbeiten gemacht. Evie arbeitete im zweiten Raum. Manchmal musste sie besondere Kleidungsst�cke von Hand n�hen, meistens aber war sie mit dem Ausbessern und Stopfen von bereits getragener Kleidung besch�ftigt, die schon bessere Tage gesehen hatte. Da die meisten Sachen aus Wolle waren und neue Stoffe teuer in der Herstellung, wurden die alten Kleider wiederverwendet. Der Gro�teil ihrer Arbeit bestand darin, die Bauern einzukleiden, die rund um die Uhr ackerten, damit die Gemeinschaft immer etwas zu essen auf dem Tisch hatte. Nach den Lehrern wurden die Bauern in der Siedlung am meisten geachtet. Die meisten M�nner zwischen sechzehn und vierzig bestellten die Felder und k�mmerten sich um die Tiere, da die Nahrung, wie Benjamin erkl�rte, die Energie f�r alle anderen T�tigkeiten lieferte; ohne diese Energie war alles zum Scheitern verurteilt.</p><empty-line/><p>Im Gegensatz dazu bekam man die Bauern in der Stadt nur selten zu Gesicht, au�er wenn sie ihre Waren zum Markt brachten. Ihre Arbeit wurde als selbstverst�ndlich betrachtet und nie besonders hervorgehoben, und Landwirt galt nicht als besonders wichtiger Beruf. Erst nachdem Evie die Stadt verlassen hatte, verstand sie, warum: Die Stadt konnte sich nicht selbst versorgen, und Landwirtschaft war deshalb nichts Besonderes, weil es au�erhalb der Stadtmauern stattfand � ein schmutziges kleines Geheimnis, das der Bruder gern f�r sich behielt.</p><empty-line/><p>Evie wurde immer noch w�tend, wenn sie daran dachte, was Linus ihr �ber die B�sen erz�hlt hatte, die au�erhalb der Stadt unter furchtbaren Bedingungen Nahrung f�r deren B�rger produzierten. Im Gegensatz zu den Bauern in der Siedlung wurden sie so schlecht behandelt, dass es Evie bei dem blo�en Gedanken kalt �ber den R�cken lief. Meistens jedoch versuchte sie, nicht an die Stadt zu denken, sondern nur an das Hier und Jetzt, an die Siedlung und an ihre Zukunft.</p><empty-line/><p>Das Problem war nur, dass es sie auch dabei manchmal schauderte.</p><empty-line/><p>Evie arbeitete gern hier. In der Stadt hatte sie N�hen gehasst und sich bei jeder Gelegenheit davor gedr�ckt. Das lag daran, dass es die Arbeit ihrer Mutter war. Der Mutter, die gar nicht ihre Mutter war, die sie ihren richtigen Eltern weggenommen und es vers�umt hatte, ihr daf�r Liebe zu geben. Jetzt genoss Evie die Kameradschaft unter den Kolleginnen, denn es waren nur Frauen in der N�herei besch�ftigt. �Nicht, weil M�nner nicht n�hen k�nnen�, hatte Benjamin ihr mit einem Augenzwinkern erkl�rt. �Aber ich habe noch keinen Mann gefunden, der mutig genug gewesen w�re, sich an einer Unterhaltung zu beteiligen.�</p><empty-line/><p>Und die Gespr�che waren f�r Evie eine Offenbarung gewesen. Die Frauen unterhielten sich bei der Arbeit, tauschten Geheimnisse aus, erz�hlten sich Geschichten aus ihrer Vergangenheit, sprachen �ber ihre Tr�ume von der Zukunft, neckten einander und halfen sich gegenseitig. Hier war alles ganz anders als in der Stadt, wo die Menschen schweigend ihrer Arbeit nachgingen und wo man seine gesellschaftliche Stellung und seinen Rang gef�hrdete, wenn man sich jemandem anvertraute.</p><empty-line/><p>Hier tratschten die Frauen �ber andere, was meist nicht b�se gemeint war. Evie hatte die Erfahrung gemacht, dass die Menschen in der Siedlung niemanden verurteilten, verachteten oder f�rchteten. Vielmehr suchten sie nach Dingen, die sie mit anderen gemeinsam hatten, nach gemeinsamen Werten und Hoffnungen. Und das war Benjamins Verdienst. Denn Benjamin hatte ihr beigebracht, dass Liebe stets die Angst besiegte und dass Frieden weit st�rker war als Gewalt. Evie liebte die freundliche Atmosph�re in der N�herei, das Surren der Maschinen, das durch die d�nnen W�nde drang, und das schallende Gel�chter, das von Zeit zu Zeit ihre Gespr�che unterbrach.</p><empty-line/><p>Heute jedoch wurde nur �ber ein Thema gesprochen: die Begr��ungszeremonie. Der Tag der Aufnahme in die Gemeinschaft, der gleichzeitig Evies Hochzeitstag sein sollte. Das Kleid, das sie an diesem Tag und k�nftig bei allen Feierlichkeiten tragen w�rde, bis sie schwanger wurde. Nach der Geburt w�rde sie ein neues Kleid bekommen zum Zeichen, dass nun ein neuer Lebensabschnitt begonnen hatte.</p><empty-line/><p>�Dein Kleid ist fast fertig�, sagte Sandra, eine der �lteren Frauen, l�chelnd. �Du wirst darin sehr h�bsch aussehen.�</p><empty-line/><p>Evie err�tete. �Es ist schon fertig?� Sie versuchte, das seltsame Gef�hl in der Magengrube nicht zu beachten. �Hoffentlich hat es nicht zu viel Zeit gebraucht.�</p><empty-line/><p>�Nein, das ging ruck, zuck. Meine Tochter braucht ihr Kleid nicht mehr, weil sie jetzt ein Baby hat. Ich habe nur noch ein paar Schleifen drangen�ht und es ein bisschen enger gemacht. F�r jemanden, der in der Stadt gelebt hat, hast du nicht viel auf den Rippen.� Diese spitzz�ngige, kritische Bemerkung w�re f�r eine Frau aus der Stadt typisch gewesen. Aber Sandra l�chelte nachsichtig bei ihren Worten und Evie lie� sich wie immer von der W�rme im Raum einh�llen. �Hier, probier mal an�, meinte Sandra und reichte Evie das Kleid.</p><empty-line/><p>Evie betrachtete es und versuchte sich vorzustellen, wie sie darin voller Gl�ck ihr Eheversprechen gab. Dann legte sie es wieder weg. �Vielleicht probiere ich es in der Mittagspause an�, stammelte sie. �Ich m�chte nicht w�hrend der Arbeitszeit essen.�</p><empty-line/><p>Sandra zuckte die Schultern. �F�r jemanden, der im �berfluss aufgewachsen ist, hast du allerdings eine erstaunliche Arbeitsmoral�, sagte sie l�chelnd.</p><empty-line/><p>�Und wie geht es dem Baby?�, erkundigte sich Kathy, eine andere Frau, zu Evies Erleichterung pl�tzlich bei Sandra.</p><empty-line/><p>Sandra strahlte vor Freude. �Einfach wunderbar. Ein ganz entz�ckender kleiner Kerl�, sprudelte es aus ihr heraus, und die anderen Frauen lie�en gurrende Laute vernehmen.</p><empty-line/><p>�Wie alt ist der Kleine jetzt? Neun Monate? Dann dauert es ja nicht mehr lange bis zu seiner Willkommensfeier�, meinte Kathy kopfsch�ttelnd und stie� einen lauten Seufzer aus. �Wie die Zeit vergeht, nicht wahr?�</p><empty-line/><p>�Ach ja�, stimmte Sandra zu, legte einen Arbeitshandschuh weg und begann den n�chsten zu stopfen.</p><empty-line/><p>Obwohl Babys in der Siedlung nichts Besonderes waren, l�ste die Geburt eines Kindes immer noch gro�e Aufregung und Freude aus. Jedes Kind wurde m�glichst bald nach dem ersten Geburtstag offiziell in der Siedlung willkommen gehei�en. Die Begr��ungszeremonie wurde abgehalten, um die Kinder � sowie alle neuen Kandidaten � an die Siedlung zu binden. Jedes Jahr fanden zwei Zeremonien statt. Evie und Raffy hatten bereits als Zuschauer an einer Zeremonie teilgenommen, da Neuank�mmlinge ein Jahr warten mussten, bevor eine formelle Aufnahme m�glich war. Trotzdem hatte Evie bei der Feier weinen m�ssen, weil sie so voller Hoffnung, voller Liebe gewesen war, ganz anders als in der Stadt, wo Fremde gef�rchtet wurden, wo Kinder als minderwertige Wesen galten, die von ihrer angeborenen B�sartigkeit befreit, der Neutaufe unterzogen und anschlie�end zu guten B�rgern gemacht werden mussten.</p><empty-line/><p>�Also�, meldete sich pl�tzlich Lucy, eine andere Frau, zu Wort. �Was meint ihr, wann es regnet? Hoffentlich bald.�</p><empty-line/><p>Seit zwei Wochen hatte es nicht mehr geregnet. Das war zwar noch kein Grund, sich ernsthaft Sorgen zu machen, aber als Gespr�chsstoff eignete sich das Wetter allemal. Kein Regen hie� Ernteausfall, und Ernteausfall hie�, dass die Menschen in der Siedlung Hunger leiden mussten. Die Siedlung lag am Fluss Humber, aber das Flussbett war schon vor Jahren ausgetrocknet. Daher war die Siedlung auf Regenwasser angewiesen, das in gro�en Reservoirs gesammelt wurde. Und der Vorrat an Regenwasser musste regelm��ig aufgef�llt werden.</p><empty-line/><p>�Es wird schon noch regnen�, sagte Sandra sofort. Sie war sozusagen die Mutter der Gruppe und hatte immer beruhigende und weise Worte parat.</p><empty-line/><p>�Das sagt sich so leicht�, entgegnete Lucy. �Aber was, wenn nicht?�</p><empty-line/><p>�Es wird schon regnen�, sagte Sandra bestimmt. �Wir sollten uns keine allzu gro�en Sorgen machen. Hat Benjamin uns nicht gewarnt, dass lautes Jammern die Gedanken anstecken kann? Sollten wir nicht positive und hoffnungsvolle Gedanken verbreiten?�</p><empty-line/><p>�Das ist ja alles sch�n und gut, aber wir wissen doch genau, dass wir nicht so abh�ngig vom Regen w�ren, wenn das Wasser nicht in die Stadt geleitet werden w�rde.�</p><empty-line/><p>Obwohl dieser Vorwurf weit hergeholt war und Benjamin ihm regelm��ig widersprach, hielten die Menschen an der Behauptung fest, weil sie so einen S�ndenbock hatten, gegen den sie ihren ganzen Zorn und Groll richten konnten, wenn der Regen ausblieb. Doch wie bei den meisten Ger�chten war auch an dieser Geschichte etwas Wahres dran: Die Stadt hatte mehrere D�mme errichten lassen, um den eigenen Wasservorrat zu erh�hen, und die umliegenden Siedlungen einfach von dem lebensnotwendigen Wasser abgeschnitten.</p><empty-line/><p>Evie wurde rot, wie immer, wenn ihr fr�heres Zuhause erw�hnt wurde, als ob sie in irgendeiner Weise daf�r verantwortlich w�re. Bis sie in die Siedlung gekommen war, hatte sie nichts von den D�mmen gewusst, sie hatte keine Ahnung gehabt, dass die Stadt so skrupellos war, nur auf das Wohl ihrer B�rger bedacht. Sie wusste, dass die Menschen in der Stadt leben wollten, aber es hatte immer gehei�en, sie suchten nach Erl�sung, nach einer M�glichkeit, in einer Welt ohne das B�se zu leben. In Wahrheit hatte die Stadt daf�r gesorgt, dass in allen anderen Siedlungen im Land die Vorr�te knapp waren.</p><empty-line/><p>�Lucy�, sagte Sandra mit drohendem Unterton.</p><empty-line/><p>�Was ist? Es stimmt doch, oder?�, entgegnete Lucy trotzig.</p><empty-line/><p>Es dauerte eine Weile, bis die Frauen, die auf Holzst�hlen im Halbkreis sa�en, das eben Geh�rte verdaut hatten.</p><empty-line/><p>�Sie d�rften nicht ungestraft davonkommen�, stimmte Carlotta, eine kleine, st�mmige Frau mit dunklen Haaren und dunklen Augen, schlie�lich zu. �Wer gibt ihnen das Recht, jeden Fluss zu stauen? Wer?�</p><empty-line/><p>Lucy nickte energisch. �Genau. Benjamin sollte irgendetwas tun. Es ist ja gut und sch�n, wenn man ein Volk des Friedens ist, aber wenn man uns bestiehlt ��</p><empty-line/><p>�Schluss jetzt�, sagte Sandra und erhob sich. Sie sah sich im Kreis um. �Bist du hier etwa nicht gl�cklich?�, fragte sie Lucy. �M�chtest du lieber woanders leben?�</p><empty-line/><p>Lucy sch�ttelte den Kopf.</p><empty-line/><p>�Und h�ltst du Benjamin f�r einen guten Anf�hrer, der sich bisher um uns gek�mmert und alles getan hat, damit es uns gut geht?�</p><empty-line/><p>Lucy nickte und blickte zu Boden.</p><empty-line/><p>�Gut�, sagte Sandra und setzte sich wieder. �Sprich in diesem Raum nie wieder so �ber ihn, h�rst du? Und mach Evie keine Angst. Es geht uns gut. Es wird regnen. Okay?�</p><empty-line/><p>Noch w�hrend sie sprach, verdunkelte sich der Himmel, und ein pl�tzlicher Donnerschlag lie� alle hochfahren. Kurz darauf prasselte der Regen gegen die Fensterscheiben. Sandra l�chelte triumphierend.</p><empty-line/><p>�Netter Trick�, meinte Kathy kichernd. �Du hast gewusst, dass es gleich regnen w�rde, oder?�</p><empty-line/><p>Sandra zuckte die Achseln und ein L�cheln erschien auf ihrem Gesicht. �Vielleicht habe ich ja heute Morgen ein paar dunkle Wolken am Himmel entdeckt�, meinte sie leichthin.</p><empty-line/><p>Eine Weile widmeten sich die Frauen schweigend ihrer N�harbeit. Dann sah Kathy zu Evie hin�ber. �Wahrscheinlich musstest du dir in der Stadt nie Gedanken dar�ber machen, dass du nicht genug zu essen hast, oder?�</p><empty-line/><p>Evie sch�ttelte vorsichtig den Kopf. Die Menschen in der Stadt mussten nicht hungern, das stimmte, aber das hie� nicht, dass sie gl�cklich waren. �Nein�, sagte sie leise. �Aber ich bin lieber hier und bin hungrig als dort mit Essen im �berfluss.�</p><empty-line/><p>Kathy verzog neugierig das Gesicht. �War es dort wirklich so schlimm?�, fragte sie. �Denkst du nicht manchmal daran, ob du zur�ckgehen sollst?�</p><empty-line/><p>Evie sch�ttelte energisch den Kopf. Sie hatte ihren Kolleginnen bereits von den R�ngen erz�hlt, von den strengen Regeln, mit wem man sprechen und mit wem man sich anfreunden durfte, von dem System und von den Ks, die vor der Stadtmauer ausgesetzt wurden, damit die B�sen sie t�teten. Aber viele ihrer neuen Freunde konnten das kaum glauben; sie hatten immer nur von der Stadt des �berflusses, der Guten und der Gl�cklichen geh�rt, und Evie merkte ihnen an, dass sie manchmal am Wahrheitsgehalt ihrer Geschichten zweifelten.</p><empty-line/><p>�Ich will nie mehr zur�ck�, sagte sie gefasst. �In der Stadt gab es zwar Essen, Wasser und Unterkunft f�r alle, aber dort wurde auch st�ndig gelogen, die Menschen wurden von einem System ungerechterweise in R�nge eingeteilt, man hat ihnen eingeredet, sie h�tten eine Zukunft, aber stattdessen wurden sie einer Gehirnoperation unterzogen, die ihr Leben zerst�rte. Ich will nie wieder dorthin zur�ck.�</p><empty-line/><p>�Du w�rdest tats�chlich lieber verhungern?�, fragte Lucy und hob demonstrativ die Augenbrauen.</p><empty-line/><p>�Lucy, niemand hier verhungert. Es regnet doch, oder? Lass das M�dchen in Ruhe�, meinte Sandra leicht angespannt.</p><empty-line/><p>Lucy schnaubte missbilligend.</p><empty-line/><p>�Akzeptanz, Liebe, Lernen und Hoffnung�, sagte Sandra leise. �Das ist alles, was hier z�hlt. Bitte, Evie, h�r nicht auf Lucy. Sie hat heute einfach keinen guten Tag. Stimmt�s, Lucy? Wahrscheinlich ist sie zu sp�t zum Fr�hst�ck gekommen. Vielleicht h�tte sie lieber im Bett bleiben sollen und jetzt bereut sie es. Oder?�</p><empty-line/><p>Lucy wollte schon protestieren, meinte dann aber lachend: �Okay, erwischt.�</p><empty-line/><p>�Wenn mich nicht alles t�uscht, ist es schon fast Mittag�, sagte Sandra. �Evie, sollen wir dir nicht bei der Anprobe helfen? Wir wollen doch sehen, wie h�bsch du in deinem Kleid aussiehst.�</p><empty-line/><empty-line/><p>12</p><empty-line/><p>�Hey, Wajid. Wie geht�s?� Wajid starrte Thomas frech an und sah dann zu dem Gef�ngnisw�rter hin�ber. �Beschissen�, sagte er. �Aber was geht dich das an?�</p><empty-line/><p>Wajid war ein angenommener Name, den man ihm gegeben hatte, nachdem er Erl�sung gefunden hatte, nachdem er im Gef�ngnis �ber eine Gruppe Jungs gestolpert war, die ihm zugeh�rt, ihn verstanden und ihn besch�tzt hatten. Das war jetzt zehn Jahre her. Seitdem war er vier Mal im Gef�ngnis gewesen.</p><empty-line/><p>Aber diesmal w�rde er nicht wegen guter F�hrung vorzeitig entlassen werden. Diesmal w�rde er hier drin verrotten, und er brauchte keinen Fremden, der hier aufkreuzte und ihn verh�hnte.</p><empty-line/><p>Thomas lehnte sich auf seinem Stuhl zur�ck. �Es geht mich deshalb was an, Wajid, weil ich nicht gl�cklich dar�ber bin, wie du hier behandelt wirst. Und ich bin auch nicht gl�cklich �ber die Dauer deiner Strafe.�</p><empty-line/><p>�Meiner Strafe?� Wajid beugte sich mit funkelnden Augen zu Thomas vor. �Was wei�t du �ber mich und meine Strafe? Wer zum Teufel bist du �berhaupt?�</p><empty-line/><p>Eine Weile hielt er Thomas� Blick stand, dann lehnte er sich auf seinem Stuhl zur�ck und musterte ihn eingehend. Dieser seltsame Mann, der aussah wie ein Freak, der aber teure Klamotten trug, hatte ihn schon drei Mal besucht. Beim dritten Mal hatte er Wajid dumme, sinnlose Fragen gestellt, bevor er aufstand und wieder ging. So als w�re Wajid eine Art billige Unterhaltung f�r ihn, so etwas wie eine Witzfigur. Er hatte auch nie seinen Nachnamen genannt, sondern sich nur als �Thomas� vorgestellt, als w�re er ein Freund oder so was.</p><empty-line/><p>Thomas erblasste nicht unter Wajids pr�fendem Blick. �Ich kann dir helfen�, sagte er. �Aber wenn du meine Hilfe nicht annehmen willst, wenn du hier gl�cklich bist, dann ist das auch okay. Dann vergeude ich offenbar meine Zeit.�</p><empty-line/><p>Wajid schlug mit der Faust auf den Tisch. Er hatte diese Spielchen satt. �Sag mir auf der Stelle, was du hier machst. Wer hat dich geschickt? F�r wen arbeitest du?�</p><empty-line/><p>Der Gef�ngnisw�rter kam her�ber. �Alles in Ordnung?�, fragte er.</p><empty-line/><p>Thomas nickte hastig. �Alles okay, Officer.�</p><empty-line/><p>Der W�rter trottete davon.</p><empty-line/><p>Thomas sah Wajid vorsichtig an. �Ich bin Teil eines Netzwerks�, erkl�rte er. �Ein Netzwerk, das dir helfen kann, hier herauszukommen.�</p><empty-line/><p>Wajid verengte die Augen zu Schlitzen. �Verarsch mich nicht.�</p><empty-line/><p>Thomas lachte. �Nein, Wajid. Ich spreche nicht von Flucht. Ich spreche von Richtern, die dein Urteil �berpr�fen sollen, von einer Entsch�digung wegen eines Fehlurteils. Ich wei�, dass du kein Terrorist bist, Wajid. Ich wei�, dass du die Ungerechtigkeit auf der Welt satthast. Dass du es satthast, dass die falschen Leute am Ruder sind und dass du kein Geh�r findest.�</p><empty-line/><p>Wajid schwieg eine Weile.</p><empty-line/><p>�Und woher wei�t du das?�, fragte er schlie�lich.</p><empty-line/><p>Thomas beugte sich wieder vor. �Weil ich dich kenne�, sagte er kaum vernehmlich. �Wir wollen beide dasselbe. Und ich glaube, dass du alle wachr�tteln kannst. Du hast doch Leute, oder? Anh�nger? Leute, die an dasselbe glauben wie du? Leute, die tun, was n�tig ist?�</p><empty-line/><p>Wajid sagte kein Wort. Das war h�chstwahrscheinlich eine Falle und er w�rde auf keinen Fall hineintappen.</p><empty-line/><p>�Du traust mir noch nicht, und das ist gut so. Ich hatte nichts anderes erwartet. Warte einfach ab, was ich tun kann. Ich hol dich hier raus. Und dann bekommst du, was du brauchst�, sagte Thomas. �Du suchst die Ziele aus, und ich sorge daf�r, dass deine Leute dorthin gebracht werden. Du musst nur die richtigen ausw�hlen und ihnen zeigen, wo�s langgeht. Kannst du das tun, Wajid?�</p><empty-line/><p>�H�ltst du mich f�r bl�d?�, sagte Wajid und lehnte sich mit ver�chtlichem Blick zur�ck. �Du redest einen Haufen Schei�e. Willst mir eine Falle stellen. Aber ich bin kein Idiot.�</p><empty-line/><p>�Ich auch nicht�, sagte Thomas und schob Wajid einen Anstecker mit dem Buchstaben �I� darauf hin. Wajid runzelte die Stirn; so einen Anstecker hatte er schon mal irgendwo gesehen. Der Gef�ngnisw�rter r�usperte sich und in dem Moment fiel es Wajid wieder ein. Er hatte auch einen. �Heute Abend wirst du von einem Bombenanschlag erfahren. Das sind meine Leute. Und morgen wird dein Anwalt dich aufsuchen und dir von neuem Beweismaterial erz�hlen. Lass mir eine Nachricht zukommen, ob du dabei bist. Die neuen Beweise werden ausreichen, um dich hier rauszuholen und dich zu entlasten. Falls du nicht mitmachst, wirst du hier drin verrotten. Kapiert?�</p><empty-line/><p>Geschickt lie� Wajid den Anstecker in seinem �rmel verschwinden. Dann starrte er Thomas einen Moment lang an. �Wenn es so ist, wie du sagst, �berlege ich es mir vielleicht�, sagte er und stand auf. �Wenn nicht, solltest du dich lieber in Acht nehmen. Ich habe immer noch Freunde da drau�en.�</p><empty-line/><p>�Davon gehe ich aus�, erwiderte Thomas mit einem Augenzwinkern und erhob sich. �Auf Wiedersehen, Wajid. Bis bald.�</p><empty-line/><empty-line/><p>13</p><empty-line/><p>Lucas sah auf Clara hinunter. Es war am n�chsten Morgen, und Clara hatte, seit sie in Base Camp angekommen waren, fast nur geschlafen. Sie wirkte so verletzlich, wie sie da in dem Bett lag, das Martha ihr hergerichtet hatte. Ihre Eltern in der Stadt waren bestimmt schon ganz verzweifelt, und bestimmt waren schon Suchtrupps unterwegs. Und sie war hier ganz allein, weit weg von ihren Freunden und von ihrer Familie und ohne Kontakt zu ihnen. Aber sie war in Sicherheit.</p><empty-line/><p>Clara schlug die Augen auf und Lucas reichte ihr eine Schale mit M�sli. �Hier�, sagte er steif. �Fr�hst�ck.�</p><empty-line/><p>Schweigend nahm Clara die Schale. Lucas sah ihr an, wie �ngstlich, wie verwirrt und unsicher sie war, und er konnte es ihr nicht verdenken.</p><empty-line/><p>�Das ist Martha�, sagte er und trat einen Schritt zur Seite, damit Clara sie sehen konnte. �Sie wird sich um dich k�mmern.� Seine Stimme klang f�rmlich, und er merkte, dass es sie nerv�s machte, aber er konnte nichts dagegen tun.</p><empty-line/><p>Claras Augen weiteten sich. �Und was ist mit Ihnen?�</p><empty-line/><p>�Ich muss los und jemanden suchen. Ich �� Lucas verstummte. Er war sich nicht sicher, wie viel er Clara erz�hlen sollte; ehrlich gesagt wusste er selbst nicht genau, was er wollte. Er r�usperte sich. �Ich muss daf�r sorgen, dass die Spitzel die Stadt verlassen und dass ihnen der Prozess gemacht wird. Du bist hier sicher.�</p><empty-line/><p>Clara nickte bed�chtig.</p><empty-line/><p>Martha trat vor, setzte sich aufs Bett und nahm Claras Hand. �Wir werden viel Spa� haben�, meinte sie augenzwinkernd. �Es wird dir in Base Camp gefallen. Und wenn es so weit ist, wird Lucas zur�ckkommen, und du wirst in die Stadt zur�ckkehren und allen die Wahrheit erz�hlen. Okay?�</p><empty-line/><p>Clara nickte eifrig, sah zu Thomas auf und suchte nach Best�tigung. Thomas nickte ebenfalls. Dabei fragte er sich, wie Martha es schaffte, Trost zu spenden, beruhigende Worte zu finden und so zu tun, als ob alles ganz einfach w�re.</p><empty-line/><p>Er konnte auch nie mit Evie reden. In all den Jahren, in denen er sich nach ihr gesehnt hatte, hatte er es nicht fertiggebracht, auch nur einen einzigen Satz zu sagen, der nicht gezwungen, f�rmlich und distanziert klang. Kein Wunder, dass sie ihn die ganze Zeit gehasst hatte; er hatte die Verachtung in ihrem Blick ganz genau gesehen. Und er hatte ihr deswegen keinen Vorwurf gemacht. Er hatte sich ja selbst verachtet.</p><empty-line/><p>Manchmal w�nschte er, er h�tte es dabei belassen. Manchmal w�nschte er, er h�tte sich ihr nicht offenbart, h�tte nicht ihren ver�nderten Blick bemerkt, nicht ihre Lippen auf seinen gesp�rt und sich nicht vorgestellt, wie sch�n das Leben sein k�nnte.</p><empty-line/><p>�Okay�, sagte er, rang sich ein L�cheln ab und �berlegte, ob er eine Geste machen, Clara die Hand sch�tteln oder ob er ihr die Schulter dr�cken sollte. Schlie�lich entschied er sich dagegen.</p><empty-line/><p>�Komm zu mir, bevor du gehst�, sagte Martha, als Lucas sich anschickte, den Raum zu verlassen. �Ich muss dir noch den Weg beschreiben. Ich darf nichts aufschreiben, deshalb m�ssen wir alles gr�ndlich durchsprechen.�</p><empty-line/><p>Lucas tr�delte nicht herum. Es gab keinen Grund. Stattdessen duschte er kurz, packte etwas Proviant zusammen und lauschte aufmerksam Marthas Anweisungen. Dann verlie� er Base Camp, bevor die anderen M�nner von der Arbeit zur�ckkamen. Martha hatte sich alle M�he gegeben, Lucas die F��e zu verbinden, aber da er mit den bandagierten F��en nicht in seine Schuhe passte, hatte sie die Verb�nde widerstrebend wieder abgenommen, und nun scheuerte das Leder seiner Schuhe an den offenen roten Blasen.</p><empty-line/><p>Marthas Wegbeschreibung war kompliziert, aber einwandfrei � ohne sie h�tte Lucas Linus nie gefunden. Fast genau zwei Stunden, nachdem er Base Camp verlassen hatte, erreichte Lucas die felsigen H�gel, nach denen er Ausschau halten sollte. Dann ging er im Uhrzeigersinn darum herum, bis er eine etwa drei Meter breite �ffnung entdeckte, die in die H�hle f�hrte. Offenbar war das Linus� neues Zuhause.</p><empty-line/><p>Unsicher betrat Lucas den Tunnel und ging los. Es war feucht und im Halbdunkel stolperte er mehrmals �ber irgendwelche Gesteinsbrocken. Nach ungef�hr 300 Metern blieb er stehen, weil der unterirdische Gang pl�tzlich nach rechts abbog.</p><empty-line/><p>�Linus. Ich bin�s, Lucas�, rief er schlie�lich.</p><empty-line/><p>Er wartete.</p><empty-line/><p>�Linus. Ich bin�s, Lucas�, rief er nach einer Weile noch einmal. Wieder keine Antwort.</p><empty-line/><p>Lucas bog um die Ecke und begann zu laufen. Hatten die Spitzel Linus entdeckt? Nein, unm�glich. Aber wo war er dann? Martha hatte ihm gesagt, dass Linus die H�hle nie verlie�. Der Boden unter seinen F��en war mit feuchtem Schlamm bedeckt und rutschig. Er streckte die H�nde aus und tastete sich an den W�nden entlang. In dem Tunnel war es fast dunkel; das wenige Licht lie� den Fels leuchten, aber man konnte nicht einmal kurz erkennen, was ein paar Meter weiter war.</p><empty-line/><p>Nachdem Lucas mehrmals ausgerutscht war, lie� er sich auf H�nde und Knie sinken und kroch auf allen vieren �ber den feuchten Boden. Alle paar Minuten sagte er sich, dass er den falschen Tunnel genommen hatte und dass er lieber umkehren sollte, aber er kroch trotzdem weiter. Es war der richtige Tunnel. Er hatte Marthas Anweisungen genau befolgt. Lucas bem�hte sich, seine �ngste abzusch�tteln, w�hrend er weiterkroch. Er sch�rfte sich die Handfl�chen und die Knie an den Steinen auf, doch er achtete nicht auf den Schmerz. Er musste Linus finden.</p><empty-line/><p>Lucas streckte die Hand aus und fasste auf einmal ins Leere, und sein K�rper, der sich mit dem ganzen Gewicht auf die H�nde st�tzen wollte, kippte nach vorn. Verzweifelt schob Lucas sich zur�ck, um nicht in die Tiefe zu st�rzen. Dann blickte er mit offenem Mund in den Abgrund vor ihm. Sechs Meter unter ihm tauchte etwas auf, das ihn an die Schaltzentrale des Systems in der Stadt erinnerte. Gro�e Computer mit flimmernden Bildschirmen, St�hle, Schreibtische � Und an einem davon sa� Linus mit einem mehrere Zentimeter langen Bart. Linus� Hand schoss in die H�he.</p><empty-line/><p>�Lucas�, sagte er, ohne aufzusehen. �Gib mir noch eine Minute, okay? Ich bin gerade mitten in einer Sache.�</p><empty-line/><p>Lucas starrte mit offenem Mund auf ihn hinunter. �Linus?�, keuchte er.</p><empty-line/><p>�Nur eine Minute�, warf Linus in leicht gereiztem Ton ein.</p><empty-line/><p>Lucas runzelte die Stirn und z�hlte stumm bis drei, eine Methode, die er vor vielen Jahren erlernt hatte und die er regelm��ig, oft mehrmals am Tag, anwandte, um Reaktionen zu unterdr�cken, die ihm ansonsten Probleme bereiten w�rden. Tausende Ungerechtigkeiten; Tausende vom Bruder auf arrogante Weise gef�llte Pauschalurteile; Tausende Beleidigungen, die gegen seinen Vater und seinen Bruder gerichtet waren; Hunderte Treffen mit Evie, bei denen das, was er tun wollte, und das, was er tun konnte, meilenweit auseinanderklaffte. Bis drei z�hlen war f�r ihn eine Art Mantra, eine kleine Meditations�bung, die seine N�chternheit, seine Gleichg�ltigkeit, seine Distanziertheit und seinen Panzer von ihm abfallen lie�.</p><empty-line/><p>Aber im Moment brachte es gar nichts, bis drei zu z�hlen. �Mitten in einer Sache?� Lucas blickte zweifelnd, drehte sich um und lie� sich in die Tiefe hinabgleiten. Die letzten Meter �berwand er mit einem Sprung und landete dort, wo Linus �ber einen Bildschirm gebeugt sa�. �Mitten in einer Sache?� Innerlich vor Wut sch�umend, aber �u�erlich ganz cool wie immer, trat er neben Linus. �Ich dachte, dir sei etwas passiert�, sagte er leise. �Ich habe nach dir gerufen, aber du hast nicht geantwortet.�</p><empty-line/><p>�Jetzt nicht, bitte�, sagte Linus noch einmal und hob die Hand, wie ein Vater es bei seinem Kind tun w�rde. �Gib mir noch zwanzig Sekunden.�</p><empty-line/><p>Linus wandte den Blick nicht vom Computer. Verbl�fft kam Lucas Linus� Bitte nach. W�hrend er wartete, sah er sich noch einmal in dem Raum um, und allm�hlich trat an die Stelle der Wut Fassungslosigkeit, als er die Technik und die Gr��e von Linus� neuer Wirkungsst�tte bestaunte.</p><empty-line/><p>�Fertig�, sagte Linus pl�tzlich und stand auf. �Also, Lucas, was kann ich f�r dich tun?�</p><empty-line/><p>Er l�chelte nerv�s, als w�re Lucas nur mal eben auf eine Tasse Tee vorbeigekommen und als h�tten sie sich erst gestern das letzte Mal gesehen.</p><empty-line/><p>Lucas war verwirrt, und fast h�tte er vergessen, warum er �berhaupt hier war. Er kannte Linus zwar erst seit Kurzem, aber zuvor hatten sie jahrelang heimlich miteinander kommuniziert, und davor hatte Lucas� Vater mit Linus in Kontakt gestanden. Trotzdem hatte Lucas jetzt das Gef�hl, als st�nde er einem v�llig Fremden gegen�ber.</p><empty-line/><p>�Ich �� Es hatte keinen Sinn. Sein Blick wanderte wieder umher. �Was ist das f�r ein Ort?�, fragte er. �Wie bist du � ich meine�was <emphasis>ist</emphasis> das hier?�</p><empty-line/><p>�Toll, nicht?� Linus grinste und setzte sich wieder. �Ich nenne es mein Hauptquartier.�</p><empty-line/><p>�Aber au�er dir ist hier niemand.�</p><empty-line/><p>�Stimmt.� Linus� Augen leuchteten. �Ich bin der Boss, und es ist niemand da, der mir in die Quere kommen k�nnte. Perfekt, findest du nicht?� Lucas wusste genau, was Linus meinte � er tr�umte selbst manchmal davon, ganz allein zu sein und sich nicht mit anderen Leuten, mit deren Problemen, dem Misstrauen und den Versuchen, ihn auszubooten, herumschlagen zu m�ssen. Aber er sagte nichts. Linus schien Lucas� Schweigen nicht zu bemerken, oder es k�mmerte ihn nicht. �Also, dann verrat mir jetzt doch, warum du hier bist, denn ich habe nicht viel Zeit. Ich hab viel zu tun. Okay?� Er setzte sich wieder auf seinen Stuhl vor dem Computer.</p><empty-line/><p>Lucas nickte ernst. �Es sind Fremde in der Stadt�, sagte er und ging in die Hocke, damit er mit Linus auf gleicher H�he war. �M�rder. Sie machen mit dem Bruder gemeinsame Sache, unterst�tzen ihn, bieten ihm Nahrungsmittel und Schutz, und wer wei�, was sonst noch. Ein paar Jugendliche sind in dem alten Krankenhaus zuf�llig auf sie gesto�en, und sie � sie haben alle umgebracht. Bis auf ein M�dchen. Sie ist jetzt bei Martha in Base Camp. Und ��</p><empty-line/><p>�Und?�</p><empty-line/><p>Lucas holte tief Luft. Er hatte eigentlich nicht n�her auf die andere Sache eingehen wollen, von der Clara ihm erz�hlt hatte; er hatte sich gesagt, dass sie nur flohen, um Clara zu sch�tzen. Aber es hatte noch einen anderen Grund gegeben, weshalb sie die Stadt sofort verlassen mussten. �Als die jungen Leute die Spitzel entdeckten, sprachen die gerade �ber �� Er atmete noch einmal tief durch. �Sie sagten, sie m�ssten Raffy finden. Sie br�uchten ihn, um das System wieder anzuschalten.�</p><empty-line/><p>Lucas sah Linus an und wartete auf dessen Reaktion. Aber Linus schien nicht im Entferntesten schockiert, �berrascht oder gar w�tend zu sein, er nickte nur gedankenverloren.</p><empty-line/><p>�Sie sind in der Stadt, oder? Und sie interessieren sich f�r das System? Nun, das erkl�rt, warum �� Linus brach stirnrunzelnd ab. Dann wandte er sich wieder dem Computer zu und begann zu tippen. Nach einer Weile trat Lucas n�her. �Also?�, fragte er.</p><empty-line/><p>�Also was?�</p><empty-line/><p>�Darum muss ich Raffy und Evie finden�, sagte Lucas. �Ich muss mich vergewissern, dass sie in Sicherheit sind, und dann werde ich in die Stadt zur�ckgehen und die Spitzel suchen. Es wird ihnen noch leidtun, was sie getan haben.� Seine Augen funkelten vor Zorn.</p><empty-line/><p>Linus hob die Augenbrauen. �Okay, wenn du darauf bestehst. Aber da, wo Raffy jetzt ist, ist er vollkommen sicher. Wahrscheinlich k�nnte er hier kaum sicherer sein. Du kannst ihn hierher bringen, wenn du willst, wenn er verspricht, keinen L�rm zu machen. Wenn ich mich in der Zwischenzeit darauf verlassen kann, dass du selbst nicht die Absicht hast, das System neu zu starten, dann ist die Angelegenheit damit erledigt.�</p><empty-line/><p>Lucas verengte die Augen und Linus wurde ein wenig blass. �Und danke, dass du es mir erz�hlt hast�, sagte er schnell. Offenbar dachte er, Lucas w�rde sich �ber seine schlechten Manieren �rgern. �Das ist sehr hilfreich. Wirklich sehr hilfreich.�</p><empty-line/><p>Lucas stand aus der Hocke auf. �Linus, hast du mir denn nicht zugeh�rt? Innerhalb der Stadtmauer sind junge Leute ermordet worden. Der Bruder muss darin verwickelt sein, weil die Spitzel vom Torw�chter in die Stadt hineingelassen wurden. Sie liefern schon seit Jahren Lebensmittel und Vorr�te.�</p><empty-line/><p>�Aus den anderen Gemeinden und Siedlungen im Land. Ja, ich wei߫, sagte Linus besorgt. �Aber mich interessiert eher, woher sie kommen, wo ihre Basis ist. Denn im Moment ergibt das alles keinen Sinn.� Linus starrte angestrengt auf seinen Computer. �Sch�n, dich zu sehen, Lucas. Dahinten ist �brigens ein Bad, falls du Bedarf hast. � Und da findest du Raffy.�</p><empty-line/><p>Linus kritzelte etwas auf ein St�ck Papier, gab es Lucas und wandte sich wieder seinem Computer zu. Lucas starrte auf den Fetzen Papier. �Ist das alles, was du zu sagen hast?�</p><empty-line/><p>Linus atmete ger�uschvoll aus. �Gibt es denn noch etwas zu sagen?�, fragte er. �Lucas, ich bin keine Armee, sondern nur ein einzelner Mann. Ich k�nnte versuchen, dir zu helfen, aber ich bezweifle, dass ich dabei n�tzlicher w�re als, sagen wir mal, Angel. Genau genommen w�re ich noch weniger n�tzlich als Angel. Bitte doch ihn um Hilfe, er begibt sich immer gern auf sinnlose Expeditionen, bei denen nichts herauskommt, au�er dass sie verhindern, dass er verr�ckt wird. Ich habe jedenfalls eine Menge zu tun. Und wenn du nichts dagegen hast, w�rde ich jetzt gern weitermachen.�</p><empty-line/><p>Lucas beobachtete mit offenem Mund, wie Linus sich wieder seinem Computer zuwandte.</p><empty-line/><p>�Ich brauche nicht deine <emphasis>Hilfe</emphasis>�, erkl�rte er verbittert, �ich will, dass du dich k�mmerst.�</p><empty-line/><p>�Das tue ich doch�, versicherte Linus. �Absolut. Ach, du kommst �brigens nicht auf demselben Weg hinaus, auf dem du hereingekommen bist. Strikter Einbahnverkehr. Du musst den Gang da entlanggehen.� Er deutete in die entgegengesetzte Richtung. �Wenn du zu der �ffnung kommst, musst du ein bisschen klettern, aber das schaffst du schon. Du musst nur aufpassen, dass du nach rechts und nicht nach links gehst.�</p><empty-line/><p>Lucas sch�ttelte entr�stet den Kopf. �Du hast es anscheinend nicht kapiert, oder? Wir sind daf�r verantwortlich. Wir haben das System abgeschaltet. Oder besser gesagt, du hast es getan, und ich habe es zugelassen, weil ich dir geglaubt habe. Und jetzt sind sieben junge Leute tot. Und du � du hockst hier vor deinem Computer, als ob das gar nicht wichtig w�re. Aber es ist wichtig. Und ich werde etwas dagegen tun.� Er wollte schon losgehen, blieb dann aber stehen.</p><empty-line/><p>�Du wei�t genau, dass ich alles riskiert habe, um damals in der Stadt mit dir in Kontakt zu bleiben�, sagte er pl�tzlich und ging wieder zur�ck zu Linus. �Und vor mir hat mein Vater alles riskiert. Ich dachte, die Stadt bedeutet dir etwas.�</p><empty-line/><p>�Nat�rlich�, erwiderte Linus erstaunt. �Das System war mir wichtig, und es zu zerst�ren, war mir wichtig.� Er sah Lucas mit ernster Miene an. �Aber das ist jetzt erledigt. Es gibt andere Dinge, denen ich mich widmen muss. Es gibt Fragen, auf die ich keine Antwort habe und die ich nicht verstehe.�</p><empty-line/><p>�Welche zum Beispiel?�, fragte Lucas mit eisigem Blick. �Was ist wichtiger als Menschen, die brutal ermordet und vor der Stadtmauer den Aasgeiern zum Fra� vorgeworfen werden? Was ist wichtiger als die Entdeckung, dass der Bruder au�erhalb der Stadt, die v�llig autark sein sollte, Verb�ndete hat? Verb�ndete, von denen ich bis gestern nichts wusste? Verb�ndete, die �ber das System Bescheid wissen und die kommen und gehen k�nnen, wie es ihnen beliebt? Linus, h�rst du mir eigentlich zu? Verstehst du denn nicht, wie wichtig das ist?�</p><empty-line/><p>Linus atmete tief aus und sah Lucas besorgt an. �Nat�rlich ist es wichtig�, erwiderte er. �Aber ehrlich gesagt wei� ich es schon. Nicht alles, aber genug, um die meisten Puzzleteile zusammenzuf�gen. Ich verstehe, dass du w�tend und frustriert bist, aber ich habe das gro�e Ganze im Blick.�</p><empty-line/><p>�Das gro�e Ganze?� Lucas packte Linus am Kragen und zerrte ihn vom Stuhl hoch. �Du wei�t das alles und hast mir nichts gesagt? Du hast zugelassen, dass sie die jungen Leute umbringen, und hast nichts getan?�</p><empty-line/><p>�Ich wusste nicht, was sie in der Stadt wollten�, keuchte Linus, als Lucas ihn wieder auf den Stuhl fallen lie�. �Ich � ich habe nicht dar�ber nachgedacht.�</p><empty-line/><p>�Wor�ber <emphasis>hast</emphasis> du denn nachgedacht?�, wollte Lucas wissen. Mit unerschrockenem Blick beugte er sich �ber Linus. Er kochte vor Wut. �Sag�s mir. Wor�ber hast du nachgedacht, Linus?�</p><empty-line/><p>Linus schien einen Moment zu �berlegen. Dann schob er seinen Stuhl zur Seite, zog noch einen heran und bedeutete Lucas, Platz zu nehmen. Lucas lehnte ab.</p><empty-line/><p>�Schau her�, sagte Linus und deutete auf den Bildschirm. Es war eine Landkarte. Linus dr�ckte eine Taste, das Bild vergr��erte sich und zeigte ein St�ck Land, das Lucas sofort wiedererkannte. Dort stand der Baum, wo Evie und Raffy sich fr�her immer getroffen hatten, der Baum, wo er selbst erst neulich abends gewesen war. �Ganz sch�n clever, was?� Linus grinste. �Alte Software, aber der Satellit ist immer noch am Himmel. Es hat eine Weile gedauert, bis er wieder funktionst�chtig war. Er erkennt Aktivit�ten, Bewegungen, aktive Computerchips. Ziemlich cool, findest du nicht?�</p><empty-line/><p>Lucas sah verwirrt auf die Landkarte. Schlie�lich trat er n�her, und seine Wut legte sich allm�hlich. Es war unglaublich. Absolut unglaublich. �Du kannst die Stadt beobachten?�, fl�sterte er. �Mithilfe des Satelliten k�nnen wir die Spitzel aufsp�ren, sie fassen und vor Gericht stellen.�</p><empty-line/><p>Linus verzog das Gesicht. �Vielleicht. Aber ich interessiere mich weniger f�r die Stadt als f�r das, was woanders passiert�, erkl�rte er.</p><empty-line/><p>�Ja, das hast du ziemlich klargemacht�, meinte Lucas. �Aber ich interessiere mich f�r die Stadt.�</p><empty-line/><p>Linus dr�ckte eine weitere Taste; die Landkarte wurde kleiner, und statt des St�ckchens Land sahen sie jetzt die gesamte Stadt. Linus dr�ckte die Taste erneut und die gewaltigen Umrisse des Vereinigten K�nigreichs wurden sichtbar. Lucas konnte nicht fassen, was er da sah; bisher kannte er Landkarten nur aus alten B�chern, aber jetzt hatte er sie direkt vor sich.</p><empty-line/><p>�Es ist seltsam�, entgegnete Linus.</p><empty-line/><p>�Seltsam?�</p><empty-line/><p>�Seltsam�, wiederholte Linus. �Sieh mal, hier.�</p><empty-line/><p>Er scrollte quer hin�ber zur Ostk�ste und deutete auf ein bestimmtes Gebiet. �Siehst du das?�, fragte er Lucas.</p><empty-line/><p>Lucas nickte.</p><empty-line/><p>�Da fehlt ein St�ck�, erkl�rte Linus.</p><empty-line/><p>�Was hei�t <emphasis>fehlt</emphasis>?� Lucas zog die Stirn in Falten. �Was meinst du damit?�</p><empty-line/><p>�Ich meine, dass dort ein St�ck herausstehen m�sste�, erkl�rte Linus geduldig. �Es hie� fr�her Margate. Und jetzt ist es nicht mehr da.�</p><empty-line/><p>Lucas �berlegte. �Vielleicht wurde es w�hrend der Schreckenszeit zerst�rt.�</p><empty-line/><p>�Ein ganzer Landstrich? Unm�glich. �brigens ist das nicht das einzig Merkw�rdige. Die Satelliten melden keinerlei Aktivit�ten au�erhalb Gro�britanniens.�</p><empty-line/><p>Lucas sah Linus verwundert an. �Aber der Rest der Welt wurde in der Schreckenszeit zerst�rt. Warum sollte es dann irgendwelche Aktivit�ten geben?�</p><empty-line/><p>�Stimmt�, sagte Linus. �Aber wenn dort Insekten am Boden krabbeln, w�rde der Satellit sie wahrnehmen. Es ist doch ziemlich unwahrscheinlich, dass die ganze Welt in Schutt und Asche gelegt wurde, bis auf unsere h�bsche Insel, das musst du doch zugeben, oder?�</p><empty-line/><p>�Unwahrscheinlich, aber m�glich�, erwiderte Lucas.</p><empty-line/><p>�Okay, aber das erkl�rt nicht, warum in Margate keinerlei Aktivit�t zu erkennen ist. Oder auch in Ramsgate. Nettes Fleckchen, dieses Margate. Und jetzt ist es verschwunden. Oder besser gesagt, der Satellit denkt, es sei verschwunden. Aber ich wei�, dass es noch da ist, weil ich Angel losgeschickt habe, damit er nachschaut. Es gibt dort eine neue kleine Gemeinschaft. Allem Anschein nach ein Zeltlager. Deshalb stellt sich mir die Frage, warum sie dort sind und wie es kommt, dass ich sie oder den Ort, von dem sie gekommen sind, nicht sehen kann.�</p><empty-line/><p>Linus� Gesicht war auf einmal todernst und Lucas blickte nachdenklich auf den Bildschirm. �Glaubst du, es sind die Spitzel?�, fragte er leise.</p><empty-line/><p>�K�nnte sein�, meinte Linus.</p><empty-line/><p>�Dann haben wir ein gemeinsames Interesse�, sagte Lucas und wandte sich Linus zu.</p><empty-line/><p>�Vielleicht�, erwiderte Linus mit matter Stimme.</p><empty-line/><p>Lucas schaute ihm in die Augen. �Linus, hier in dieser H�hle kannst du keine Probleme l�sen.�</p><empty-line/><p>�Nicht, wenn du mich st�ndig st�rst�, meinte Linus verschmitzt.</p><empty-line/><p>Lucas packte ihn bei den Schultern. �Linus, diese Spitzel wollen das System wieder in Gang setzen. Deshalb sind sie hier. Oder jedenfalls ist das ein Grund. Wer sind diese Leute? Ich werde es herausfinden und ich werde sie aufhalten. Und du kannst mir dabei helfen.�</p><empty-line/><p>Linus sah ihn eine Weile an, dann stand er ersch�pft auf. �Du wei�t, dass ich hierhergekommen bin, um allein zu sein?�, sagte er mit einem tiefen Seufzer.</p><empty-line/><p>Lucas gab keine Antwort.</p><empty-line/><p>Linus schob seinen Stuhl zur�ck. �Also, wenn wir wieder gemeinsam in die Schlacht ziehen, sollte ich dir vielleicht eine Tasse Tee anbieten? Ich h�tte auch noch ein St�ck Obstkuchen, wenn du m�chtest.�</p><empty-line/><p>Lucas runzelte die Stirn, dann lie� er sich auf einen Stuhl fallen. �Da sage ich nicht Nein. Danke.�</p><empty-line/><p>�Keine Ursache�, sagte Linus. Ein L�cheln erschien auf seinem Gesicht, seine Augen begannen wieder zu funkeln, und leichtf��ig begab er sich in die K�che. �Du solltest dir das ansehen�, meinte er. �Angel hat mich richtig verw�hnt. Es ist wie ein richtiges Zuhause weg von Zuhause ��</p><empty-line/><empty-line/><p>14</p><empty-line/><p>Devil bemerkte sofort die Farben. Das leuchtende Rot, das sich von dem grauen Betonboden abhob; der strahlend blaue Himmel hinter den monstr�sen grauen Wolkenkratzern. Es war ganz unwirklich, es war so, als w�re es gar nicht passiert.</p><empty-line/><p>Aber es war passiert.</p><empty-line/><p>�Wie lange liegt er schon da?�, fragte Devil mit scheinbar ruhiger Stimme, so als w�re alles in Ordnung.</p><empty-line/><p>�Keine Ahnung�, erwiderte Nelson. �Vielleicht zehn Minuten. Ich hab ihn schreien h�ren. Davon bin ich aufgewacht. Ich bin nach drau�en gegangen, und �� Nicht nur seine Stimme zitterte. Mist. Nelson zitterte am ganzen K�rper. Devil musste das sofort kl�ren. Nicht weil Nelson sein Freund war. Er hatte hier keine Freunde. Das konnte er sich nicht leisten, und er wollte es auch nicht. Er war jetzt ein anderer; hier ging es ums �berleben und Freunde waren nur Ballast.</p><empty-line/><p>Aber Nelson war so etwas wie sein Stellvertreter. Jeden anderen, der ihn um f�nf Uhr morgens geweckt h�tte, h�tte er umgebracht. Aber es war nicht irgendjemand; es war Nelson. Deshalb hatte er ihm zugeh�rt und war ihm auf den winzigen Balkon hinausgefolgt, der sich um die Wohnungen herumzog, um einen Blick auf die Leiche dort unten zu werfen. Kaum hatte er sie gesehen, hatte er nicht den Jungen, sondern den leblosen K�rper seiner Schwester auf dem Asphalt vor Augen gehabt. Wut und Reue waren in ihm hochgestiegen, und das Gef�hl der Trauer war so stark gewesen, dass es ihn zu verzehren und aus ihm eine Jammergestalt zu machen drohte. Doch er hatte sich gerade noch zusammengerissen, bevor Nelson es bemerkte. Devil hatte seine Emotionen im Zaum gehalten und rasch umgelenkt. Die Trauer war der Wut auf den Jungen gewichen. Auf diesen dummen toten Jungen. Er h�tte n�tzlich sein k�nnen. Er h�tte etwas aus sich machen k�nnen, und stattdessen � stattdessen hatte er f�r �rger gesorgt, eine Show abgezogen, ein Problem geschaffen.</p><empty-line/><p>�Warum hat man ihn �berhaupt freigelassen?�, fragte er und gab insgeheim schon der Polizei die Schuld an allem. �Eigentlich sollte er noch im Gef�ngnis sein. Glaubst du, er hat den Bullen erz�hlt, was sie h�ren wollten?�</p><empty-line/><p>Nelson zuckte die Achseln. �Wei� nicht. Sie haben ihn auf Kaution freigelassen, weil er noch so jung ist, Erstt�ter. Seine Mum hat ihn abgeholt.� Nelson r�usperte sich. �Sie war mit den Nerven fertig und meinte, er m�sste seine Schwester im Krankenhaus besuchen.�</p><empty-line/><p>Devil musste an den Blick seiner Mutter denken, als sie von der Sache mit Leona erfuhr. Er hatte sie nicht wiedererkannt; es war, als h�tte sie sich in ein wildes Tier oder so etwas verwandelt.</p><empty-line/><p>�Was soll�s�, meinte er schlie�lich achselzuckend und wandte sich rasch ab. Er f�hlte sich eingeengt und elend, er musste jetzt allein sein, um gegen eine Wand zu schlagen, um irgendjemanden zu schlagen. �Jedenfalls m�ssen wir uns jetzt keine Sorgen mehr machen, dass er auspackt�, sagte Devil schroff. �Okay?�</p><empty-line/><p>�Okay�, erwiderte Nelson, aber Devil wusste nur zu gut, dass �berhaupt nichts okay war.</p><empty-line/><p>�Das �ndert �berhaupt nichts�, sagte er und wandte sich Nelson zu. Sein Blick war d�sterer als sonst. Devil sah Nelson pr�fend an. �Es ist nicht unsere Schuld. Das hat nichts mit uns zu tun, okay?� Nelson nickte, aber Devil sah ihm an, dass er nicht �berzeugt war. �Der Junge war schwach, Nelson�, f�gte Devil rasch hinzu. �Er kam nicht klar mit dem Leben. Aber wir kommen klar. Wir sind stark. Wir sind auf dem Weg nach oben, wir tun was. Die ganze Welt liegt uns zu F��en, okay? Okay?�</p><empty-line/><p>Nelson nickte wieder. �Die ganze Welt liegt uns zu F��en�, wiederholte er.</p><empty-line/><p>Devil klopfte ihm auf die Schulter. �Es war richtig, dass du es mir gesagt hast.�</p><empty-line/><p>�Sollen wir ihn einfach da liegen lassen?�</p><empty-line/><p>Devil �berlegte hin und her: Sollten sie seiner Mutter Bescheid sagen oder die Polizei rufen? �Wir m�ssen von hier verschwinden�, sagte er schlie�lich. �Wenn die Bullen uns hier finden, bringen sie uns vor Gericht und stellen es so hin, als wenn es kein Unfall gewesen w�re. Geh nach Hause und schlaf ein bisschen. Wir reden sp�ter dar�ber, ja?�</p><empty-line/><p>�Okay�, sagte Nelson und schob die H�nde in die Taschen. �Bis sp�ter dann.�</p><empty-line/><p>Nelson marschierte davon. Devil wusste, dass er dasselbe tun sollte, aber er konnte nicht. Noch nicht. Er konnte den Blick nicht von dem Jungen wenden. Es sah aus, als w�re er in einen Farbtopf gefallen. Komisch, dass Blut so rot war. Die meisten Farben hatten eine Bedeutung. Seine Mutter hatte ihm das in Hertfordshire beigebracht, als sie noch nicht arbeiten musste und sich nur um den Haushalt k�mmerte. Damals hatte sie viel gelacht und ihn einfach mal so auf die Stirn gek�sst. �Siehst du die Blume da?�, hatte sie gesagt. �Ihre Farbe leuchtet deshalb so, weil sie damit Bienen anlocken will, wei�t du?�</p><empty-line/><p>Sie hatte leuchtende Farben geliebt. Das Haus war voll davon. Teller mit Blumenmuster, Bilder an den W�nden, sogar das Sofa war leuchtend rosa. Sein Dad hatte einen Anfall bekommen, als er es das erste Mal sah. Eine Weile hatte Stille geherrscht, und es hatte so ausgesehen, als bek�me er einen seiner Wutausbr�che. Aber dann hatte er es mit Humor genommen und ihr erkl�rt, dass sie sich keine Sorgen machen m�sste und dass es okay sei.</p><empty-line/><p>Jetzt hatten sie ein beschissenes braunes Sofa, das Flecken hatte und das unbequem war.</p><empty-line/><p>Inzwischen redete sie nicht mehr, sie sa� nur da und starrte ins Leere, ohne sich darum zu k�mmern, ob er �berhaupt noch lebte.</p><empty-line/><p>Sie war keine Siegerin. Sie war eine Verliererin. Sie hatte Leona verloren, seinen Dad und sich selbst.</p><empty-line/><p>Devil musste sich regelrecht dazu zwingen, den Balkon zu verlassen, �ber den man zu den Wohnungen gelangte, und in den winzigen Raum zur�ckzukehren, den seine Mutter als Wohnzimmer bezeichnete, obwohl niemand hier in der Umgebung wusste, was damit gemeint war. Es war der Raum, wo sie auf dem Sofa sa�en und Dosenspaghetti auf Toast a�en � aber nur an den Tagen, an denen sich seine Mutter die M�he machte, irgendeine Mahlzeit zusammenzur�hren. Devil fand seine Mum auf dem Sofa liegend vor; um ihre Augen lagen tiefe Schatten. Selbst im Schlaf sah sie ersch�pft aus. Sie schlief immer auf dem Sofa; das Schlafzimmer war f�r Devil. Als sie einzogen, hatte sie ihm erkl�rt, dass er und Leona ein eigenes Zimmer br�uchten.</p><empty-line/><p>Damals hatte er seine Mutter noch geliebt. Er hatte sich, seine Mum und Leona als Einheit betrachtet, als Team, das es auch ohne Dad schaffen w�rde.</p><empty-line/><p>Aber das war schon lange her.</p><empty-line/><p>Inzwischen gab es nur noch sie beide. Aber eigentlich gab es nur noch ihn. Denn an dem Tag, als man Leona fand, hatte seine Mum aufgeh�rt zu existieren; allerdings nur psychisch, nicht physisch, denn dazu fehlte ihr der Mumm.</p><empty-line/><p>Devil warf einen Blick auf sie, und ihm war klar, dass er hier nicht bleiben konnte. Er konnte sich jetzt nicht wieder schlafen legen. Er musste herumlaufen, Energie verbrennen. Wie man es auch drehte und wendete, ein Selbstmord am fr�hen Morgen war ein beschissener Start in den Tag. Bald w�rde es hier nur so wimmeln von Leuten � Polizei, Krankenwagen, jede Menge Fragen und Schlussfolgerungen. Es war am besten, wenn er von hier verschwand, bevor es losging. Noch etwas frische Luft schnappen, bevor der Nebel sich senkte.</p><empty-line/><empty-line/><p>15</p><empty-line/><p>Raffy schlang die Arme ganz fest um sich und zitterte ganz leicht, aber er wusste, dass es nicht an der K�lte lag, wenn er an den Armen und im Nacken G�nsehaut hatte. Er wollte weg hier, wollte einfach gehen, aber er war keiner, der einfach ging. Deshalb hockte er verkrampft und zitternd im Ge�st und sah zu, wie Evie etwas �ber Literatur lernte.</p><empty-line/><p>Raffy hasste Neil.</p><empty-line/><p>Er hasste ihn, weil er gut aussah, weil er klug war und freundlich. Weil er ein guter Mensch war, dem es nur darum ging, Evie zu helfen. Raffy hasste ihn, weil er selbst kein guter Mensch war und auch nie ein guter Mensch sein w�rde. Er dachte rational und sah die Welt so, wie sie war. Aber seine Gedanken wurden nicht immer von der Vernunft gesteuert. Manchmal ver�nderten die D�monen in seinem Kopf seine Sichtweise, sie verf�lschten die Dinge, sodass alles ganz anders und be�ngstigend wirkte. Dann meinte er zu sehen, wie Evie Neil verz�ckt ansah und �ber dessen Witze lachte. Raffy glaubte etwas in ihrem Blick zu entdecken, wie fr�her, als sie <emphasis>ihn</emphasis> so angesehen hatte: Liebe. Sie war verliebt in Neil. Sie w�rde ihn wegen Neil verlassen. Neil wartete nur auf den passenden Moment, um sie zu verf�hren, und sie w�rde es bereitwillig geschehen lassen und dar�ber lachen, wie jung und dumm Raffy doch war. Und Raffy w�re allein, einsamer als jemals zuvor in seinem Leben, allein, ungl�cklich und einsam, und �</p><empty-line/><p>Ein Ger�usch durchbrach die Stille. Eine Eichel l�ste sich vom Baum und fiel herunter, weil Raffy eine zu hastige Bewegung gemacht hatte. Er erstarrte. Evie und Neil sahen kurz her�ber, wandten sich dann aber wieder ihren B�chern zu. Sie sprachen �ber die Emanzipation der Frau, �ber die Entwicklung der Rolle der Frau und �ber die M�glichkeiten, die sich ihr im einundzwanzigsten Jahrhundert er�ffneten.</p><empty-line/><p>Evie war so sch�n. So wundersch�n. Sie war es immer gewesen. Raffy musste daran denken, wie er sie mit knapp sechs Jahren zum ersten Mal gesehen hatte. Sie war ziemlich klein gewesen, misstrauisch, mit ihren dunklen Augen blickte sie die anderen Kinder unsicher an, als sie ins Klassenzimmer zu ihren Pl�tzen gef�hrt wurden und man ihnen sagte, was sie tun sollten. Sie kam nicht gut aus mit den anderen; etwas an ihr war anders, etwas, das sie von den anderen Kindern unterschied, genau wie bei Raffy. Deshalb hatten sie einander gefunden; sie hatten sich in dem anderen wiedererkannt. Und schon damals, als er sie zum ersten Mal hatte l�cheln sehen, als dieses breite Grinsen auf ihrem Gesicht erschien, weil er irgendetwas zu ihr gesagt hatte, wollte er nicht, dass jemand anders sie so zum Lachen brachte. Und obwohl er damals noch ein kleiner Junge war, war ihm bereits klar gewesen, dass er sie nicht verlieren wollte, aber dass dies zwangsl�ufig geschehen w�rde.</p><empty-line/><p>Weil er kein guter Mensch war so wie Neil.</p><empty-line/><p>Weil er nicht perfekt war so wie Lucas.</p><empty-line/><p>Wie Lucas.</p><empty-line/><p>Raffy atmete aus und schloss die Augen. Sein �lterer Bruder. Sein ganzes Leben hatte Raffy im Schatten von Lucas gestanden, und auch jetzt hatte er das Gef�hl, die Sonnenstrahlen w�rden nicht bis zu ihm durchdringen. Weil Lucas besser war als er. Edler, gro�z�giger. Er hatte erlebt, wie Evie mit ihm umgegangen war, in jener Nacht in der Stadt, als sie das System abgeschaltet hatten. Raffy kannte Evie besser als sie sich selbst. Er hatte die verstohlenen Blicke gesehen, ihre Energie, immer wenn die beiden zusammen waren. Au�erdem wusste er, dass Lucas auch deshalb in der Stadt geblieben war, damit Raffy und Evie problemlos zusammen sein konnten. Ein selbstloser Akt, genau wie Lucas� ganzes Leben.</p><empty-line/><p>Und deshalb hasste er ihn. Denn Raffy w�re niemals so edel gewesen. Er wollte Lucas� Gro�z�gigkeit nicht. Er wollte Evie. Er wollte sie so eng an sich binden, dass sie keinen anderen mehr ansah, geschweige denn mit ihm redete oder ihn gar anl�chelte. Er wollte sie ganz f�r sich haben; er war egoistisch und besitzergreifend. Es sollte wieder so sein wie damals in dem Baum, wo sie sich abends immer getroffen hatten. Ihr Alltag war zwar unertr�glich gewesen, aber das hatte Raffy nicht gek�mmert, denn in den Momenten mit Evie hatte er erkannt, dass sie ihn brauchte. Sie beide gegen den Rest der Welt. Sie waren sich so nah, dass der eine wusste, was der andere sagen wollte. Die Stadt hatte sie, hatte alle unterdr�ckt, aber Raffy war das im Grunde egal gewesen, weil sie einander dadurch n�hergekommen waren. Er w�rde sein restliches Leben im Gef�ngnis verbringen, wenn er sicher sein k�nnte, dass er die Zelle mit Evie teilte.</p><empty-line/><p>Und Evie �</p><empty-line/><p>Raffy beobachtete, wie sie sich angeregt unterhielt, wild gestikulierte und mit den Augen rollte.</p><empty-line/><p>Evie wollte frei sein. Frei von allem.</p><empty-line/><p>Auch von ihm.</p><empty-line/><p>Raffy wusste es. Er sah es in ihren Augen. Sie war so lange in der Stadt eingesperrt gewesen und hatte sich eingeengt und ungl�cklich gef�hlt. Und jetzt schwebte sie wie auf Wolken und lachte jeden Tag.</p><empty-line/><p>Raffys schlimmste Bef�rchtungen w�rden sich best�tigen. Schon sehr bald w�rde Evie erkennen, wie Raffy wirklich war, und dann w�rde sie ihn verlassen.</p><empty-line/><p>Schon bald w�rde sie erkennen, dass sie ihn nicht brauchte und dass sie ihn eigentlich nie gebraucht hatte.</p><empty-line/><p>�Ich sollte dich jetzt gehen lassen�, meinte Neil l�chelnd. �N�chste Woche werde ich dich mit <emphasis>Frankenstein</emphasis> bekannt machen, einem von Menschenhand erschaffenen Monster. Da du aus der Stadt kommst, findest du es vielleicht passend.�</p><empty-line/><p>Evie stand auf. �Danke�, sagte sie ernst. �Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie verbl�ffend es ist, zu � zu ��</p><empty-line/><p>�Zu erkennen, wie viel es noch zu entdecken gibt? Wie viele begabte Menschen so unglaubliche Dinge geschrieben haben, so au�ergew�hnliche Ideen hatten und den Mut aufbrachten, ihre �berzeugungen zu ver�ffentlichen?�</p><empty-line/><p>Evie nickte gl�cklich. Neil schaffte es immer, die Gedanken, die ihr im Kopf herumschwirrten und die sie verzweifelt auszudr�cken versuchte, in Worte zu fassen.</p><empty-line/><p>Neil zuckte die Schultern. �Ich w�nschte nur, wir h�tten hier noch mehr B�cher. Aber sie waren im Grunde nicht wichtig. Beim �berlebenskampf, meine ich. Kurzsichtige Idioten haben Nahrung und Wasser �ber das geschriebene Wort gestellt.� Er grinste. �Aber noch haben wir genug B�cher. Und wer wei�? Vielleicht kommt ja eines Tages jemand mit einer ganzen Bibliothek hier vorbei, die irgendwo vergraben war. Man kann ja nie wissen, stimmt�s?�</p><empty-line/><p>�Stimmt�, sagte Evie, und ihre Augen funkelten. Es hatte eine Weile gedauert, bis sie sich in Neils Gesellschaft entspannen konnte, bis sie seine st�ndigen ironischen Bemerkungen verstand und bis sie begriff, dass er nicht deshalb aufgeregt war und eine Frage nach der anderen stellte, weil sie etwas falsch verstanden hatte oder weil er ihretwegen frustriert war, sondern weil er ebenso wie sie erpicht darauf war, Antworten zu finden. Mittlerweile genoss sie es, Zeit mit ihm zu verbringen, �ber die Feinheiten eines Buches, das sie gelesen hatte, zu sprechen und stundenlang dar�ber zu diskutieren.</p><empty-line/><p>�Also dann, bis n�chste Woche.� Neil winkte ihr zu und schlenderte in Richtung Zentrum davon, wo er sich auf dem Rasenplatz der Siedlung mit Freunden noch auf einen Drink treffen wollte. Evie wusste das, weil er sie schon mehrmals dazu eingeladen hatte. Er meinte, sie solle Raffy mitbringen und dass sie beide willkommen seien. Aber sie hatte abgelehnt, weil sie wusste, was Raffy sagen w�rde. Sie wollte keinen Streit, wollte sich die Entt�uschung ersparen, wenn sich ihre Bef�rchtungen best�tigten und er sich weigerte, mitzukommen oder sie allein gehen zu lassen.</p><empty-line/><p>Vielleicht w�rde ja alles anders, wenn sie erst verheiratet waren, sagte sie sich.</p><empty-line/><p>Vielleicht w�rde er dann endlich begreifen, dass sie zu ihm geh�rte, dass sie nirgendwo hingehen wollte und dass sie ihn liebte.</p><empty-line/><p>Evie machte sich auf den Heimweg. Sie liebte Raffy wirklich. Sie hatte ihn schon immer geliebt. Und doch � Sie seufzte. Pl�tzlich h�rte sie etwas und blieb stehen. Ein Ger�usch in dem Baum �ber ihr. Ein Vogel vielleicht? Nein, es musste etwas Gr��eres sein. Sie sp�hte nach oben, nicht sicher, wonach sie eigentlich suchte, aber sie hatte es auch nicht eilig, nach Hause zu kommen. Pl�tzlich begegnete sie Raffys Blick, und der Mund blieb ihr offen stehen. Sie sah, wie er rot wurde, von dem Baum heruntersprang und mit ausgestreckten Armen auf sie zurannte.</p><empty-line/><p>�Evie!� Er l�chelte verlegen, dann verschwand das L�cheln aus seinem Gesicht, und sie sah die Furcht in seinen Augen. Schlie�lich versuchte er, die Sache herunterzuspielen. �Evie, komm schon. Ich war nur � nur ��</p><empty-line/><p>Evie starrte ihn an und versuchte zu begreifen, was hier vor sich ging. �Wie � wie lange warst du da oben?�, fragte Evie tonlos.</p><empty-line/><p>Raffy biss sich auf die Unterlippe.</p><empty-line/><p>�Wie lange?�</p><empty-line/><p>Raffy zuckte die Achseln. Er f�hlte sich unbehaglich. �Ich � ich wollte nur wissen, was du so lernst.�</p><empty-line/><p>�Ach wirklich?� Evie verschr�nkte die Arme. �Dann wei�t du ja auch, �ber welches Buch wir heute gesprochen haben. Also, was hast du gelernt?�</p><empty-line/><p>Raffy machte den Mund auf, brachte aber keinen Ton heraus.</p><empty-line/><p>�Na sag schon, Raffy, was hast du heute gelernt?�</p><empty-line/><p>Evie bekam wieder keine Antwort. Raffys Blick verfinsterte sich, wie immer, wenn er sich in die Enge getrieben f�hlte. Normalerweise nahm sie dann seine Hand, beruhigte ihn und redete ihm seine Wut aus. Seit sie in die Siedlung gekommen waren, hatte sie das viele Male getan. Aber jetzt nicht. Jetzt hatte Evie keine Lust, Raffy zu beruhigen. Er hatte eine Grenze �berschritten und Evie bebte vor Zorn.</p><empty-line/><p>�Fr�her hast du das System gehasst�, sagte sie mit leiser Stimme. �Und jetzt verh�ltst du dich genauso. Du w�rdest mich am liebsten jeden Tag zu Hause festhalten, so wie meine falschen Eltern. Aber das kannst du nicht, Raffy. Das lasse ich nicht zu.�</p><empty-line/><p>Evie wandte sich ab. Sie hatte Tr�nen in den Augen, Tr�nen, die Raffy nicht sehen sollte, weil er sie sofort in den Arm genommen h�tte, um sie zu tr�sten, aber sie wollte nicht getr�stet werden, nicht von ihm. Sie wollte, dass er ihr vertraute und sie ihr eigenes Leben f�hren lie�.</p><empty-line/><p>�Wo gehst du hin?�, rief Raffy ihr nach. �Wo gehst du hin?�</p><empty-line/><p>Seine Stimme klang gequ�lt. Evie wusste, dass er ihr nachschauen w�rde, verzweifelt und ungl�cklich. Trotzdem ging sie weiter. Weil es seine Schuld war. Das w�rde ihm eine Lehre sein. Denn wenn sie blieb, w�rde alles noch schlimmer. Wenn sie nicht weiterging, bis sie weit genug von Raffy entfernt war, w�rde sie vielleicht etwas sagen, was sie hinterher bereute.</p><empty-line/><empty-line/><p>16</p><empty-line/><p>Lucas versuchte, den Tee und den Kuchen zu genie�en, den Linus ihm hingestellt hatte. Und er versuchte, dem Drang zu widerstehen, aufzuspringen und ungeduldig auf und ab zu gehen. Er hatte von Linus gelernt, dass es keinen Zweck hatte, �berst�rzt zu handeln. Und deshalb erz�hlte er Linus einfach alles, was er wusste. Linus h�rte aufmerksam zu.</p><empty-line/><p>Als Lucas geendet hatte, schaute Linus auf.</p><empty-line/><p>�Wir h�tten diesen Bastard t�ten sollen.�</p><empty-line/><p>Lucas schnitt eine Grimasse. �Den Bruder?�</p><empty-line/><p>Linus nickte. �Wen sonst?�</p><empty-line/><p>�Was wei�t du �ber die Spitzel?�, fragte Lucas. �Was sind das f�r Leute? Warum interessieren sie sich so f�r das System?�</p><empty-line/><p>Linus hob eine Augenbraue und auf seiner Stirn zeigten sich tiefe Falten. Er hatte ein wettergegerbtes Gesicht, ein Gesicht, das vom Leben gezeichnet war. Wenn er l�chelte, vertieften sich die Falten um seine Augen und gingen ineinander �ber, sodass es aussah, als w�rden sie sich in immer kleiner werdenden Kreisen �ber sein Gesicht ziehen. �Das ist eine gute Frage�, sagte er.</p><empty-line/><p>Lucas gab sich alle M�he, seine Entt�uschung dar�ber zu verbergen, dass Linus in den Monaten, die er hier in der H�hle zugebracht und in denen er offenbar die Spitzel �berwacht hatte, um ihre Spur zu verfolgen, anscheinend keinerlei Anhaltspunkte gefunden hatte, was sie in der Stadt machten. Aber jetzt in die Offensive zu gehen w�re sinnlos. Er musste Martha glauben, dass Linus wusste, was er tat, und er musste seinem Vater glauben, dass man Linus vertrauen konnte. Trotzdem musste er sichergehen, dass Linus tats�chlich begriff, was vor sich ging.</p><empty-line/><p>�Die Stadt ist nicht mehr wiederzuerkennen�, sagte Lucas mit leiser Stimme. �Ganze Familien ziehen nach Einbruch der Dunkelheit durch die Stra�en, um denjenigen zu finden, der das getan hat. Und sie werfen mir vor, dass ich das Systems aufgel�st habe. Und allm�hlich werfe ich es mir selbst vor. Ich habe sie nicht besch�tzt. Wenn das System noch in Kraft w�re ��</p><empty-line/><p>�Lass dich nicht so gehen�, meinte Linus abweisend. �Das System ist nicht dein Problem. Wir haben es hier mit b�sen Jungs zu tun, die schlimme Dinge machen. H�r auf, dir um deine F�hrungsposition Sorgen zu machen, und �berlegen wir lieber, wie wir sie aufhalten und wie wir es schaffen k�nnen, dass sie f�r ihre Taten bestraft werden. Klingt das gut?�</p><empty-line/><p>Linus sah Lucas direkt in die Augen und Lucas nickte. Es hatte keinen Sinn zu versuchen, Linus zu beeinflussen. Genauso gut h�tte man gegen eine Wand reden k�nnen.</p><empty-line/><p>�Okay�, sagte Linus. �Komisch, anscheinend neigen die Guten immer dazu, sich selbst die Schuld zu geben, w�hrend die B�sen sich immer von jeder Schuld freisprechen.�</p><empty-line/><p>Lucas sah ihn unsicher an und Linus grinste. �Ich halte dich f�r einen guten Jungen�, meinte er augenzwinkernd. �Du solltest das als Kompliment nehmen.�</p><empty-line/><p>�Okay�, sagte Lucas, weil er nicht wusste, was er sonst antworten sollte. Er konnte nicht gut mit Komplimenten umgehen. Er verteilte lieber Komplimente, als dass er welche bekam, obwohl er im Komplimenteverteilen auch nicht gerade toll war.</p><empty-line/><p>�Also, sieben sind tot, und Clara wird vermisst. Sie werden nach ihr suchen�, murmelte Linus. �Okay, ich glaube, es ist an der Zeit, ihnen einen kleinen Besuch abzustatten.�</p><empty-line/><p>Linus erhob sich und Lucas beobachtete ihn.</p><empty-line/><p>�Also?�, sagte Linus ungeduldig und ging pl�tzlich auf Lucas zu. Er war so gro�, dass er Lucas um einiges �berragte. Lucas war auch gro� � �ber einen Meter dreiundachtzig und breitschultrig. Aber Linus � Lucas hatte nie bemerkt, wie gro� Linus war und dass er gebaut war wie ein Krieger. Mit den langen Haaren und dem Bart sah er absolut furchteinfl��end aus.</p><empty-line/><p>�Also was?�, fragte Lucas mit betont ruhiger Stimme.</p><empty-line/><p>�Gehen wir.�</p><empty-line/><p>Lucas fuhr zusammen. �Was, jetzt gleich? Und wohin?�</p><empty-line/><p>�Zu dem Lager nat�rlich. Na los�, sagte Linus ungeduldig.</p><empty-line/><p>Auf Lucas� Stirn bildeten sich tiefe Falten. �Du willst doch nicht schon packen? Meinst du nicht, wir sollten erst einen Plan machen und ein bisschen dar�ber nachdenken? Und meinst du nicht, du solltest dich rasieren?�</p><empty-line/><p>Linus starrte ihn ungl�ubig an. Aber dann erschien wie aus heiterem Himmel ein L�cheln auf seinem Gesicht. �Du hast vielleicht nicht ganz unrecht mit dem Bart und den Haaren. Das ist schon ein bisschen unpraktisch. Okay, dann werde ich mich rasieren, und du machst dich inzwischen abmarschbereit.�</p><empty-line/><p>Linus verschwand in einer Ecke der H�hle. Lucas h�rte den Wasserhahn laufen, und gleich darauf das Summen eines Elektrorasierers. Er wusste nur deshalb �ber elektrische Rasierapparate Bescheid, weil sein Vater einen besessen hatte; er stammte noch aus den Tagen vor der Schreckenszeit. �In der Stadt gibt es nur noch drei davon�, hatte er Lucas stolz erkl�rt. Der Rasierapparat hatte zu den Dingen geh�rt, die nach der Verhaftung seines Vaters verschwunden waren. Lucas fragte sich oft, ob der Bruder jetzt den Rasierapparat hatte und ob er jemals an Lucas� Vater dachte, wenn er sich den Bart stutzte.</p><empty-line/><p>Nach zehn Minuten erschien Linus wieder, diesmal ohne Bart und mit zur�ckgek�mmten Haaren, so wie Lucas ihn kannte: glatt rasiert, die kahler werdende Stelle auf dem Kopf weniger auff�llig.</p><empty-line/><p>�Hier entlang�, sagte Linus und ging zur anderen Seite der H�hle, entgegen der Richtung, aus der Lucas gekommen war. �Klettere da hinauf.�</p><empty-line/><p>Lucas folgte ihm auf eine kleine Plattform, die zu einem Tunnel f�hrte. Kurz darauf kamen sie an eine Gabelung.</p><empty-line/><p>�Hier geht�s nach rechts�, sagte Linus. �Immer nach rechts.�</p><empty-line/><p>�Und was ist links?�, fragte Lucas.</p><empty-line/><p>�Das kannst du ja irgendwann mal ausprobieren�, meinte Linus achselzuckend. �Dann wirst du wissen, warum wir uns immer rechts halten.�</p><empty-line/><p>Lucas sp�hte in den linken Gang, der ziemlich steil abfiel, und der Boden war glatt und rutschig wie Stein. Ein falscher Schritt, und man w�re verschwunden.</p><empty-line/><p>�Also gut�, sagte er mit einem leichten Achselzucken und folgte Linus. �Dann begeben wir uns jetzt also zu einem Lager in einem Gebiet von England, das gar nicht mehr existiert? Ohne klare Vorstellung, was wir tun sollen, wenn wir dort sind?�</p><empty-line/><p>�So ungef�hr�, erwiderte Linus und nickte.</p><empty-line/><p>�Verstehe�, sagte Lucas. �Wollte nur mal nachfragen. Du gehst voraus.�</p><empty-line/><p>�Wie kommen wir jetzt zur K�ste? Die ist meilenweit weg�, sagte Lucas zu Linus, w�hrend sie eine steile Felswand hinunterkletterten. Sie waren jetzt auf der anderen Seite des H�gels entgegengesetzt von der Stelle, wo Lucas Linus� neuen Unterschlupf betreten hatte. Nachdem sie durch einen Tunnel gekrochen waren, was ihnen vorkam, als h�tte es Stunden gedauert, waren sie jetzt endlich wieder an der frischen Luft.</p><empty-line/><p>Linus l�chelte gezwungen. �Da lang�, sagte er und blinzelte, als er mit einem Sprung ein St�ck weiter unten auf dem Boden landete. Lucas folgte seinem Beispiel. Linus lief bereits gegen den Uhrzeigersinn um den H�gel herum, und Lucas musste rennen, um mit ihm Schritt zu halten. �Es w�re mir lieber gewesen, du h�ttest es mir gesagt�, meinte er.</p><empty-line/><p>�Aber wo w�re dann der Spa� geblieben?�, sagte Linus mit Lachf�ltchen im Gesicht, bevor er sich umdrehte und weiterlief.</p><empty-line/><p>Lucas stie� einen tiefen Seufzer aus und folgte ihm. W�hrend sie liefen, starrte er st�ndig auf Linus� R�cken und staunte, wie muskul�s und tief gebr�unt er war, obwohl er doch mehrere Monate in einer H�hle zugebracht hatte. Er bewegte sich so lautlos wie ein Tier bei der Jagd, Augen und Ohren in h�chster Alarmbereitschaft. Lucas beobachtete an Linus etwas, was auch er gelernt hatte, einen Zustand st�ndiger Wachsamkeit, st�ndiger Bereitschaft zum Kampf oder zur Flucht. Wahrscheinlich konnte Linus genau vorhersagen, was passieren w�rde, noch bevor die beteiligten Personen selbst es wussten. Vielleicht hatte er sogar gewusst, dass Lucas kommen w�rde; vielleicht war er deshalb nicht �berrascht gewesen.</p><empty-line/><p>Endlich blieb Linus stehen. Er stand im Eingang zu einer weiteren H�hle. Lucas sah ihn befremdet an. �Wir sind der K�ste noch keinen Schritt n�her.�</p><empty-line/><p>�Nein�, stimmte Linus zu. �Aber von hier aus gelangen wir sicher hin.�</p><empty-line/><p>Er betrat die H�hle, holte eine Taschenlampe hervor und richtete den Strahl auf die gegen�berliegende Seite. Lucas sah etwas, irgendeine Spiegelung, doch als sie n�her kamen, erkannte er, was es war. Etwas, was er noch nie gesehen hatte. Etwas, von dem er bislang nur geh�rt hatte und was er nur von Zeichnungen kannte.</p><empty-line/><p>�Ein Auto�, sagte er. Mit offenem Mund ging er um das Fahrzeug herum, ber�hrte es und bekam einen regelrechten Adrenalinschub, als er die gl�nzende Oberfl�che der schimmernden Karosserie f�hlte. Kein Vergleich zu den Lkw, die die Polizeigarde au�erhalb der Stadt benutzte, oder zu den alten Fahrzeugen in Base Camp. Das war ein blitzblankes, offenbar ganz neues Auto, das nur dem Fahrspa� dienen sollte und nicht dem praktischen Nutzen. �Ein richtiges Auto.�</p><empty-line/><p>�Und auch nicht irgendein altes Auto.� Linus grinste. Offenbar freute er sich �ber Lucas� Reaktion. �Das ist erste Sahne. Hat damals eine sch�ne Stange Geld gekostet. Aber f�r mich ist es heute viel mehr wert.�</p><empty-line/><p>Er dr�ckte mit der Hand gegen eine der T�ren, und das Schloss sprang auf. �Steig ein�, sagte er und deutete auf den Beifahrersitz.</p><empty-line/><p>�Aber wie willst du � hast du �berhaupt Benzin?�</p><empty-line/><p>�Der Tank ist voll. Und ich habe mir noch mehr besorgt. Nat�rlich nur f�r den Notfall. Aber ich glaube, das ist ein Notfall, oder was meinst du?�</p><empty-line/><p>Lucas nickte. Er war zu beeindruckt, um antworten zu k�nnen. Stattdessen �ffnete er die Beifahrert�r und stieg ein. Er seufzte unwillk�rlich vor Entz�cken, als er sich auf das weiche cremefarbene Leder sinken lie�.</p><empty-line/><p>�Wie hast du � ich meine, wie lange hast du � Wie ist das m�glich?�, fl�sterte er.</p><empty-line/><p>�Ich habe es gefunden�, sagte Linus und startete den Motor. �Ist sie nicht wundersch�n? Irgendwer hat sie einfach stehen lassen. Der Schl�ssel hat noch gesteckt, als ob sie nur auf mich gewartet h�tte. Es ist schon eine ganze Weile her, seit ich das letzte Mal gefahren bin, und ich will nicht, dass das alte M�dchen Kratzer bekommt. Also, sei bitte so gut und stell keine Fragen mehr. Ich muss mich konzentrieren ��</p><empty-line/><p>Lucas nickte und langsam rollte der Wagen r�ckw�rts zum Eingang der H�hle und bog um die Ecke. Lucas bet�tigte einen Hebel, bedachte Lucas abermals mit einem L�cheln und dr�ckte das Gaspedal durch. �Genie� die Fahrt�, sagte er und fuhr los. Der Wagen schien �ber die herumliegenden Steine regelrecht hinwegzugleiten. �Willkommen zur Fahrt im Mercedes.�</p><empty-line/><empty-line/><p>17</p><empty-line/><p>�Du hast meinen Sohn get�tet! Meinen kleinen Jungen! Willst du mich auch t�ten? Dann tu es! Tu es gleich und t�te auch mein Baby. Du bist b�se. Du wirst in der H�lle schmoren f�r das, was du getan hast. Du wirst ��</p><empty-line/><p>Devil drehte sich um und ging, lief, rannte. Er wusste, es war ein Fehler gewesen, in die Siedlung zur�ckzukommen. Er war den ganzen Morgen weg gewesen, hatte gewartet, bis alles erledigt, bis alles beseitigt war, und gegen vier hatte er sich sicher genug gef�hlt, um zur�ckzukommen. Aber sie wartete schon auf ihn, genau an der Stelle, wo ihr dummer Sohn vom Balkon gesprungen war.</p><empty-line/><p>�Ich habe ihm gesagt, er ist b�se�, schrie die Mutter des Jungen ihm hinterher. �Ich habe ihm gesagt, es ist alles seine Schuld. Deshalb hat er sich umgebracht. Aber es war nicht seine Schuld. Es war deine Schuld. Gott wird dich finden und dich bestrafen, und ��</p><empty-line/><p>Devil war au�er Atem, doch er lief trotzdem weiter, als hinge sein Leben davon ab. Sie war verr�ckt. Er musste weg, weit weg. Er hasste dieses Dreckloch. Er hasste seinen Dad, weil er sie verlassen hatte und sie deshalb hierher umziehen mussten. Er sollte eigentlich gar nicht hier sein. Nichts von alledem h�tte passieren d�rfen.</p><empty-line/><p>Devil lief an ein paar Jungs seiner Bande vorbei, doch er blieb nicht stehen. Er konnte sich jetzt nicht mit ihnen befassen. Er konnte sich mit gar nichts befassen.</p><empty-line/><p>Er rannte die Treppe hinunter, �ber den Spielplatz und durch die Unterf�hrung. Als er wieder ins Freie kam, atmete er tief aus, wie sonst immer, wenn er in der Unterf�hrung die Luft anhielt, um sich vor dem Gestank zu sch�tzen. Diesen Luxus hatte er sich diesmal allerdings nicht geg�nnt. Mann, er war v�llig au�er Atem. Er musste unbedingt fitter werden. Er musste eine Menge tun. Devil st�tzte die H�nde auf die Knie und atmete ein paarmal tief durch. Dann richtete er sich auf, bog um die Ecke, �berquerte die Hauptstra�e und nahm den �blichen Weg in die Stadt. Pl�tzlich blieb er stehen. Vor ihm stand ein Wagen, den er nicht kannte, der nicht hierher geh�rte, der so auff�llig war wie ein Leuchtturm.</p><empty-line/><p>Es war ein sehr sch�ner Wagen.</p><empty-line/><p>Und er war leer.</p><empty-line/><p>Das bedeutete, dass sein Besitzer entweder sehr dumm war oder so m�chtig, dass es ihm egal sein konnte, wo er parkte.</p><empty-line/><p>Devil sah sich um, trat vorsichtig an den Wagen heran und �berpr�fte die Nummernschilder. Das Auto war erst zwei Jahre alt. Sehr gepflegt. Silberfarben, Alufelgen, get�nte Scheiben. Zaghaft streckte er die Hand aus und ber�hrte die Motorhaube. Kein Alarm. Er strich anerkennend �ber den Lack und ging um den Wagen herum zur Fahrerseite. Derjenige, der den Wagen hier abgestellt hatte, hielt sich jetzt in der Siedlung auf. Er hatte Geld. Hatte Klasse. Aber was sonst noch? Das war ein Gangsterauto.</p><empty-line/><p>Ein leeres Gangsterauto.</p><empty-line/><p>Behutsam holte Devil sein Taschenmesser hervor. Er konnte jeden Wagen knacken; das war das Erste, was er gelernt hatte. Niemand war in der N�he, niemand w�rde ihn sehen. Er konnte das Leder, den Wohlstand, f�rmlich riechen. Wie der Wagen seines Dad. Gro�, weiche Ledersitze, das dumpfe Ger�usch beim Zuschlagen der schweren T�ren. Er wollte dieses Auto haben. Er wollte es so sehr, dass er h�tte schreien k�nnen. Das war das Auto, das er verdiente. Dieser Wagen w�rde der Welt zeigen, mit wem sie es zu tun hatte.</p><empty-line/><p>Dennoch steckte er das Messer wieder in die Tasche. An einem Wagen wie diesem spielte man nicht herum, ohne dass das Folgen hatte oder Schwierigkeiten gab. Und im Moment konnte Devil keine Aufmerksamkeit gebrauchen.</p><empty-line/><p>Also blieb er einfach neben dem Wagen stehen und stellte sich das Ger�usch der T�ren beim Zuschnappen des Schlosses vor, das Gef�hl von weichem Leder, den Geruch, das Summen des Motors. Irgendwann, dachte er bei sich. Irgendwann �</p><empty-line/><p>Da sp�rte er das kalte Metall im Genick. �Gef�llt dir mein Wagen? Du solltest einsteigen.�</p><empty-line/><p>Devil wagte nicht, sich umzudrehen. Aber das musste er auch nicht. Ein gro�er Mann mit breitem Sch�del tauchte neben ihm auf und �ffnete die Wagent�r.</p><empty-line/><p>�Lust auf eine Spritztour?�, fragte der Mann mit der Waffe.</p><empty-line/><p>Devil gab keine Antwort. Man legte sich mit niemandem an, der eine Waffe hatte. Vielleicht war�s das jetzt f�r ihn. Vielleicht hatten die Green Lanes Massive Freunde, mit denen er nicht gerechnet hatte. Er schloss die Augen, sprach ein kurzes Gebet und stieg in den Wagen.</p><empty-line/><p>Die M�nner waren zu viert. Devil hockte eingezw�ngt zwischen zwei gro�en Burschen auf dem R�cksitz, vorn sa� der Fahrer und daneben auf dem Beifahrersitz der Mann mit der Waffe. Auf ihn richtete sich Devils Blick. Er musterte ihn eingehend und pr�gte sich jede Einzelheit ein. Zuerst hatte er gedacht, er sei schon ziemlich alt. Der Mann hatte eine Glatze, und es sah so aus, als w�ren ihm die Haare ausgegangen. Aber aus der N�he betrachtet, war er nicht viel �lter als Devil. Davon abgesehen verriet sein Gesicht nicht viel.</p><empty-line/><p>Devil beobachtete ihn genau, betrachtete seine H�nde, sein Kinn, f�r den Fall, dass er etwas preisgab, was Devil von Nutzen sein konnte. �Menschen geben immer etwas von sich preis�, pflegte sein Vater zu sagen. �Du musst lernen, die Menschen zu verstehen, dann liegen sie dir zu F��en.�</p><empty-line/><p>Er hatte keine Angst, noch nicht. Keiner sprach ein Wort und Devil wartete gern. Das leise Summen des Motors machte ihn schl�frig. Sie jagten die Stra�en hinunter, und die unz�hligen Schlagl�cher sp�rte man kaum.</p><empty-line/><p>Sein Vater hatte einen Lexus gefahren, jedenfalls in Hertfordshire. Erst nachdem er verschwunden war und die Polizei Fragen gestellt hatte, hatte Devil erfahren, dass sein Vater ein Doppelleben f�hrte, dass Pastor Jones nur einer seiner Decknamen und die Church of Good Faith nur eines seiner kleinen Imperien war. Devil hatte sich damals gefragt, ob er in seinen anderen Heimatorten wohl auch einen Lexus fuhr. Jedenfalls hoffte er es. Damit er wenigstens irgendetwas �ber den Mann wusste, der sein Vater war, der abgehauen war und der, wie sich herausgestellt hatte, nicht der Mensch war, den Devil zu kennen glaubte. Er fuhr gern einen Lexus. Das war immerhin etwas. Sonst wusste er nichts von ihm.</p><empty-line/><p>Wegen des Lexus hatte sein Dad ihn das erste Mal geschlagen. Devil war damals vier. Er war so aufgeregt gewesen, weil er mit zur Kirche fahren durfte, auf dem R�cksitz, wie ein Erwachsener, wie sein Vater. Er hatte den Wagen nicht ruinieren wollen, hatte nicht riskieren wollen, rausgeworfen zu werden, deshalb hatte er nichts gesagt, als er pinkeln musste, hatte es verhalten und gewartet. Aber er hatte nicht damit gerechnet, dass sein Vater einen Telefonanruf bekommen, w�tend werden und in den H�rer br�llen w�rde. Devil war es vorgekommen wie Stunden und schlie�lich hatte er dem Drang nachgegeben und direkt auf den Ledersitz gepinkelt.</p><empty-line/><p>Jahre sp�ter, als sein Vater ihn endlich wieder im Auto mitnahm, hatte er ihm im Lexus private Predigten gehalten, Lektionen, die Devil bis heute nicht vergessen hatte, die ihm seine Identit�t und seine Entschlossenheit verliehen. �Mein Sohn, es gibt zwei Sorten von Menschen auf dieser Welt � die Besitzenden und die Besitzlosen. Die Anf�hrer und die Anh�nger. Die Starken und die Schwachen. Die Gewinner und die Verlierer. Die Leute in meiner Kirche sind die Verlierer. Sie brauchen mich. Man muss ihnen sagen, wie sie sich die Schuhe zu binden haben, wann sie essen, wann sie schei�en und wann sie beten sollen. Das alles tue ich f�r sie, mein Sohn. Deshalb geben sie mir ihr Geld. Ich zeige ihnen den Weg. Ich gebe ihnen, was sie brauchen. Und deshalb fahre ich diesen Wagen. Weil ich ihn verdiene. Nicht Gott. Ich. Gott tut nichts f�r die Menschen, das ist die Wahrheit. Und du darfst hier mit mir sitzen und die Fahrt genie�en, aber es ist nicht dein Auto, sondern meins. Wenn du selbst einmal so einen Wagen haben willst, dann musst du zu den Besitzenden, zu den Gewinnern geh�ren. Verstehst du?�</p><empty-line/><p>Mit zehn hatte Devil diesen kleinen Vortrag zum ersten Mal geh�rt. Der starke nigerianische Akzent seines Vaters hatte sich ihm tief in die Seele gebrannt. Und er hatte ihn laut und deutlich geh�rt.</p><empty-line/><p>�Also�, hatte sein Vater mit einem L�cheln gesagt, �das ist jetzt unser kleines Geheimnis, was, Junge? Ich muss dir noch eine Menge beibringen, mein Sohn. Und du musst noch viel lernen. Du h�rst mir zu und ich werde dich unterrichten. Aber wenn du irgendjemandem auch nur ein Sterbensw�rtchen von dem verr�tst, was ich dir sage, wirst du erfahren, was Schmerz bedeutet. Habe ich mich klar ausgedr�ckt?�</p><empty-line/><p>Devil hatte genickt, wie jedes Mal, wenn sein Vater genau das sagte. Devil hielt Wort und sagte niemandem etwas, und schlie�lich h�rte sein Vater auf zu drohen. Stattdessen hielt er an den Lektionen fest. Dabei kam er immer wieder auf das Auto zu sprechen. �Autos machen Leute�, lautete einer seiner Lieblingsspr�che.</p><empty-line/><p>Einen Tag, nachdem sein Vater ihm zum zweiundvierzigsten Mal eine Lektion erteilt hatte, war die Polizei aufgetaucht, hatte den Wagen beschlagnahmt und ihnen das Haus weggenommen. Die Polizeibeamten wollten auch seinen Vater mitnehmen, aber der hatte sich bereits in der Nacht aus dem Staub gemacht und sich in ein anderes Zuhause, in ein anderes Leben gefl�chtet.</p><empty-line/><p>Und als Devil und seine Familie ein paar Tage sp�ter in die Vorstadtsiedlung umziehen mussten, hatte er erkannt, dass sein Vater mit allem recht gehabt hatte. Er war allen anderen immer einen Schritt voraus. So musste es im Leben sein: allen anderen einen Schritt voraus sein, am Steuer sitzen, sich von nichts und niemandem aufhalten lassen. Weder sein Dad noch das Geld wurden je gefunden, es war mit ihm verschwunden, wohin auch immer er sich gefl�chtet hatte. Wie sich sp�ter herausstellte, war das Haus nur gemietet und der Wagen noch nicht abbezahlt. Selbst die Heiratsurkunde seiner Mutter war nicht echt.</p><empty-line/><p>Devil beugte sich etwas vor. Das alles war jetzt Vergangenheit. Das alles war irrelevant. Ir-re-le-vant. Das Wort der Woche. Soll hei�en, dass es bedeutungslos war. Das beruhigte ihn. Nichts bedeutete mehr etwas. Leona hatte ihm etwas bedeutet, aber sie war nicht mehr da, mit ihrem leisen Geplapper im Hintergrund, mit den Puppen, die sie �berall mit sich herumtrug. Sie war fort.</p><empty-line/><p>Und das war gut so, sagte sich Devil. Sie war sein Schwachpunkt gewesen. Er h�tte alles getan, um Leona zu besch�tzen, und er h�tte jeden umgebracht, der ihr zu nahe kam. Aber was hatte das letztlich gen�tzt? Gegen einen Unfall war man machtlos. Man konnte nur demjenigen die Schuld geben, der das Fenster offen gelassen hatte. Man konnte nur weggehen und sich fest vornehmen, in seinem ganzen Leben nie wieder jemanden gernzuhaben, weil es zu wehtat, weil man das Gef�hl hatte, als w�rde man innerlich explodieren.</p><empty-line/><p>Devil holte tief Luft. �Wo fahren wir eigentlich hin?�, fragte er.</p><empty-line/><p>Der Mann mit der Waffe drehte sich zu ihm um und l�chelte. �Wir wollen doch kein Geheimnis verraten, was, Devil?�</p><empty-line/><p>Devil kniff die Augen zusammen. �Und woher kennst du meinen Namen?�</p><empty-line/><p>�Oh, ich wei� eine Menge �ber dich, Devil�, sagte der Mann und drehte sich wieder nach vorn, w�hrend die M�nner neben Devil ihn wieder zur�ck in den Sitz dr�ckten. �Aber dar�ber sollten wir uns jetzt keine Gedanken machen, oder? Ich h�re beim Fahren gern Musik, wenn du nichts dagegen hast. Au�erdem sind wir schon fast da. Du wirst deine Antworten noch fr�h genug bekommen. Ich hei�e �brigens Thomas. Sch�n, dich endlich kennenzulernen.�</p><empty-line/><p>Devil wollte etwas sagen, �berlegte es sich dann aber anders. Ihm war klar, dass es keinen Sinn hatte. Deshalb schwieg er, als Thomas einen Knopf dr�ckte, woraufhin laute Musik erklang. Egal, was dieser Typ vorhatte, er wollte es zu seinem Vorteil wenden. Das hie� stark sein. Das hie�, ein Gewinner sein.</p><empty-line/><empty-line/><p>18</p><empty-line/><p>Raffy rannte in Richtung Zentrum, ohne zu wissen, wo er eigentlich hinwollte. Er kochte vor Wut. F�r Evie war alles in Ordnung. Sie war hierhergekommen und hatte bereitwillig jede Gelegenheit ergriffen. Alle hatten Evie gern. Immer hatten alle Evie gerngehabt. Die Leute f�hlten sich zu ihr hingezogen und wollten in ihrer N�he sein. Leute wie Neil. Wie Lucas. Einfach alle.</p><empty-line/><p>Und alle wollten sie ihm wegnehmen. Ihm, Raffy, den niemand mochte, den niemand gernhatte. Seine eigene Mutter hatte ihm die meiste Zeit seines Lebens kaum in die Augen gesehen, und sein Bruder hatte ihn im Auge behalten f�r den Fall, dass er aus der Reihe tanzte. In der Stadt waren ihm die Leute stets mit Misstrauen begegnet und hatten getuschelt, wenn er vorbeiging. Aber das hatte ihn nie gek�mmert, weil er Evie hatte.</p><empty-line/><p>Raffy wusste, dass er unvern�nftig war. Er h�tte ihr nicht nachspionieren d�rfen. Aber sie war einfach zu vertrauensselig; sie erkannte nicht, wie die Menschen wirklich waren. Sie brauchte Raffy als Besch�tzer. Es war noch gar nicht lange her, dass sie um ihr Leben gerannt waren; er konnte das nicht so einfach vergessen wie Evie.</p><empty-line/><p>Raffy dr�ngte sich an einem Tisch vorbei. Er befand sich jetzt im Zentrum der Siedlung, wo Tische und St�hle aufgestellt worden waren, damit die Leute sich unterhalten, Karten spielen oder das von ein paar Bauern gebraute Bier genie�en konnten. Die meisten Bauern kamen an zwei oder drei Abenden in der Woche hierher, um Dampf abzulassen, sich zu entspannen und miteinander zu reden. Und obwohl Raffy schon des �fteren eingeladen worden war, war er nie hingegangen. Da er den ganzen Tag von Evie getrennt war, ging er nach der Arbeit immer lieber zu Evie nach Hause, um bei ihr zu sein und sie ganz f�r sich zu haben. Und au�erdem mochte er kein Bier. Er hatte es einmal probiert und es hatte widerlich geschmeckt. Aber wenn er sich jetzt so umsah, fand er, dass ein Bier vielleicht gar keine schlechte Idee w�re. Vielleicht war ein Bier genau das, was er jetzt brauchte.</p><empty-line/><p>Als Raffy sich gerade hinsetzen wollte, kam Simon auf ihn zu, ein Bauer, der Raffy unter seine Fittiche genommen hatte und der so etwas wie ein Mentor f�r ihn war. �Raffy! Endlich kommst du mal!� Er grinste. �Ich wusste, dass du schwach werden w�rdest. Komm, setz dich zu uns.�</p><empty-line/><p>Raffy betrachtete die Gruppe � es waren ungef�hr zehn M�nner, alles Kollegen, die er mochte. Er nickte und folgte Simon an dessen Tisch. Kaum hatte Raffy sich hingesetzt, wurde schon ein Bierkrug vor ihn hingestellt.</p><empty-line/><p>Er trank einen Schluck, aber Simon sch�ttelte den Kopf. �Wenn du trinkst, dann trink wie ein Mann�, sagte er augenzwinkernd. Raffy setzte den Krug an den Mund und kippte den Inhalt hinunter. Dabei h�tte er sich fast verschluckt an dem modrig schmeckenden Saft, der ihm die Kehle hinunterlief, und er musste an den Sumpf in der N�he des Stadttors denken, an den Morast, der ihm auf der Flucht mit Evie in Mund und Nase gelaufen war.</p><empty-line/><p>�So ist es schon besser�, meinte Simon gut gelaunt und schenkte ihm nach. �Wo ist eigentlich deine reizende Freundin? Hast sie wohl zu Hause gelassen, was?�</p><empty-line/><p>Raffy starrte Simon w�tend an, riss sich dann aber zusammen und nickte. Ihm war klar, dass Simon sich nichts dabei gedacht hatte. Er war ein freundlicher, st�mmiger, grobknochiger Mann, ein Mann, dessen Kraft Raffy verbl�fft hatte, als er ihn auf dem Feld gesehen hatte; ein Mann, dessen Gesicht sich immer zu einem Grinsen verzog und der Lachfalten um die Augen hatte. Seine Frau Marion war nur halb so gro� wie er, aber genauso fr�hlich. Die beiden hatten f�nf Kinder, die oft in der Siedlung herumtobten und Chaos anrichteten. Ihr Vater l�chelte meist wohlwollend und wurde nur w�tend, wenn sie ungezogen oder r�cksichtslos waren.</p><empty-line/><p>�Sie liest�, sagte Raffy, ohne Simon dabei anzusehen. Das war nicht gelogen � zumindest k�nnte es so sein �, aber es war auch nicht die Wahrheit.</p><empty-line/><p>�Soso, sie liest.� Simon nickte gedankenverloren. Dann zuckte er die Achseln. �Ich hatte nie viel Zeit f�r B�cher. Aber es ist eine vornehme Art, den Abend zu verbringen. Ganz anders bei uns, was, Gentlemen?�</p><empty-line/><p>Die M�nner lachten und tranken weiter. Bei Raffy machte sich der Alkohol schon bemerkbar, denn er f�hlte sich ganz benommen. Er grinste und lachte, obwohl am Tisch �ber nichts gesprochen wurde, was besonders komisch gewesen w�re. Vielleicht h�tte er das schon viel fr�her tun sollen. Vielleicht h�tte er lieber mit diesen M�nnern ausgehen sollen, anstatt zu Hause zu bleiben und Evie zu beobachten oder auf und ab zu gehen und zu warten, bis sie nach Hause kam.</p><empty-line/><p>Aber in dem Moment, als er diesen Gedanken in Erw�gung zog, sp�rte er den vertrauten Druck im Magen, und er sah Evie vor sich, allein und verletzlich. Er stellte sich vor, wie Neil oder ein anderer Mann vorbeikamen, um Hallo zu sagen, wie sie sie ansahen und sich einbildeten, sie seien ihrer w�rdig und dass ihr L�cheln etwas bedeutete �</p><empty-line/><p>Raffy schloss die Augen, und er sah nur noch Evies w�tenden Blick, als sie entdeckt hatte, dass er ihr nachspionierte. Sie hatte ihn noch nie so angesehen, so zornig, so entt�uscht.</p><empty-line/><p>Er stand auf. �Ich muss gehen�, sagte er und stie� dabei gegen den Tisch, sodass ein paar Gl�ser �berschwappten.</p><empty-line/><p>Simon sah ihn seltsam an. �Immer mit der Ruhe, Raffy. Warum die Eile?�</p><empty-line/><p>�Ich muss gehen�, beharrte Raffy. �Ich muss zu Evie.�</p><empty-line/><p>�Ich bin sicher, es geht ihr gut�, sagte Simon ruhig, aber bestimmt. �Sie h�tte bestimmt nichts dagegen, wenn du noch ein oder zwei Bierchen trinkst.�</p><empty-line/><p>�Sie h�tte nichts dagegen�, erwiderte Raffy, �aber ich muss trotzdem gehen. Ich muss zu ihr. Ich muss �� Er schob seinen Stuhl zur�ck und wankte davon. Simon rief noch etwas hinter ihm her, aber er drehte sich nicht um. Er musste zu Evie. Er musste sich bei ihr entschuldigen. Er musste ihr begreiflich machen, warum er sie beobachtet hatte und dass er es nur f�r sie getan hatte. Weil er sie liebte. Weil er sie brauchte. Und weil sie ihn brauchte.</p><empty-line/><p>Pl�tzlich blieb Raffy stehen. Direkt vor ihm sa� der Mann, der die Ursache war f�r das alles, der Schuld hatte, dass Evie w�tend auf ihn war.</p><empty-line/><p>�Neil.� Er st�tzte sich an dem Tisch ab, an dem der Lehrer sa�. �Neil. Lassen Sie sich auch ein Bierchen schmecken?�</p><empty-line/><p>Neil sa� mit einer kleinen Gruppe von M�nnern und Frauen am Tisch, die ernste Gesichter machten. Alle h�rten auf zu reden und sahen Raffy an. Neil l�chelte. �Raffy�, begr��te er ihn freundlich. �Wie sch�n, dich zu sehen. Geht es dir gut?�</p><empty-line/><p>Raffy kniff die Augen zusammen. �Gut? Nein, eigentlich nicht. Aber machen Sie sich keine Sorgen um mich. Sie k�mmern sich ja sonst auch nicht um mich, nicht wahr, Neil?�</p><empty-line/><p>Neil runzelte die Stirn. �Tut mir leid, Raffy. Ist irgendwas?�</p><empty-line/><p>Raffy hielt sich an dem Tisch fest. Dann beugte er sich tief zu Neil hinunter und sah ihm direkt in die Augen. �Lassen Sie Evie in Ruhe, verstanden?�, knurrte er. �Halten Sie sich von ihr fern, oder es wird Ihnen noch leidtun.�</p><empty-line/><p>Neil wich nicht zur�ck. �Wenn du mit �fernhalten� meinst, dass ich sie nicht mehr unterrichten soll, dann f�rchte ich, dass ich das nicht kann, Raffy. Solange Evie etwas lernen m�chte und Spa� an unseren Diskussionen hat, stehe ich ihr zur Verf�gung, so wie ich allen anderen zur Verf�gung stehe. Auch dir, wenn du Interesse hast. Ich k�nnte ��</p><empty-line/><p>Doch bevor er seinen Satz beenden konnte, hatte Raffy ihn am Genick gepackt und zu Boden gedr�ckt, wobei der Stuhl umfiel. Dann hockte er rittlings auf Neil, schlug auf ihn ein, sch�ttelte ihn und schrie ihn an, bis ein paar M�nner ihn packten, von Neil wegzerrten und ihn festhielten.</p><empty-line/><p>Raffy hatte keine Ahnung, wie lange er festgehalten wurde und dabei Neil anbr�llte und wie wild um sich trat. Aber dann bemerkte er, dass es auf einmal ganz still wurde und dass die Atmosph�re sich ver�nderte und dass jemand auf ihn zukam.</p><empty-line/><p>�Lasst ihn los�, h�rte er Benjamin mit ruhiger, aber fester Stimme sagen. �Raffy, komm bitte mit. Ich glaube, wir sollten uns ein bisschen unterhalten, meinst du nicht auch?�</p><empty-line/><empty-line/><p>19</p><empty-line/><p>Es war eine holperige Fahrt. Das lag nicht am Wagen, wie Linus immer wieder betonte, sondern an den Stra�en. Oder besser gesagt, an den fehlenden Stra�en. �Diese Lady ist kein Gel�ndefahrzeug�, erkl�rte er Lucas und streichelte dabei anerkennend �ber das Lenkrad. �Steinige Wege bew�ltigt sie spielend, aber nicht solche Schlagl�cher wie hier. Sie ist f�r einen zivilisierteren Ort gedacht.�</p><empty-line/><p>Lucas sah Linus fragend an. �Dann war die alte Welt also zivilisiert?�</p><empty-line/><p>�Teilweise war sie sehr unzivilisiert�, meinte er achselzuckend. �Aber es gab auch Lichtblicke. Und es gab Stra�en. Sch�ne lange, ebene Stra�en.�</p><empty-line/><p>W�hrend sie �ber Steine und Ger�ll dahinbrausten, sah Lucas nachdenklich aus dem Fenster. Die Landschaft war genauso trostlos, wie man es ihm erz�hlt hatte. Keine gr�nen Felder oder Wiesen, keinerlei Hinweise auf landwirtschaftliche Betriebe, auf Produktionsst�tten oder H�user. Es war, als ob die Stadt nichts zu tun h�tte mit ihrer Umgebung, als existierte sie in ihrem eigenen Mikrokosmos. Die gro�e hohe Mauer hielt nicht nur die Menschen fern, sondern auch den Rest der Welt.</p><empty-line/><p>W�hrend Lucas die Welt an sich vorbeifliegen sah, erkannte er, wie wenig er �ber das Land au�erhalb der Stadtmauer wusste und �ber die Menschen, die dort lebten. In den Jahren, die ihn gepr�gt hatten, hatte er alles geglaubt, was man ihm �ber die B�sen erz�hlt hatte, die au�erhalb der Stadtmauer umherstreiften und die Tod und Zerst�rung heraufbeschw�ren w�rden, wenn sie nur k�nnten. Er hatte geglaubt, dass Menschen zu extrem b�sen Handlungen f�hig waren und dass nur die Entfernung der Amygdala sie voreinander und vor sich selbst sch�tzte.</p><empty-line/><p>Und dann hatte sein Vater ihm die Wahrheit gesagt, hatte ihm geduldig, aber in aller Hast erkl�rt, dass die Dinge nicht so waren, wie er gedacht hatte, dass der Bruder die Menschen belogen hatte, dass Lucas tapfer sein musste, dass er ihm ein Versprechen geben sollte und dass er st�rker sein musste, als er sich je vorstellen k�nnte.</p><empty-line/><p>Lucas hatte getan, was von ihm verlangt wurde: Er hatte gelernt, das System zu bedienen, und daf�r gesorgt, dass der Bruder ihm Beachtung schenkte und ihm vertraute. Er hatte seinen Vater als Verr�ter hingestellt, und er hatte zugelassen, dass sein Bruder ihn hasste. Und die ganze Zeit hatte er sich mit dem Gedanken getr�stet, dass er wusste, dass er begriff, was wirklich vor sich ging.</p><empty-line/><p>Aber jetzt, auf dieser Fahrt durch eine Landschaft, die er noch nie zuvor gesehen hatte, wurde Lucas bewusst, dass er keine Ahnung hatte.</p><empty-line/><p>�Leben hier Menschen?�, fragte er schlie�lich.</p><empty-line/><p>Linus sch�ttelte den Kopf. �Hier nicht. Hier gibt es kein Wasser. Daf�r hat die Stadt gesorgt. Aber es gibt bewohnbare Orte. Zum Beispiel die Siedlung, in der dein Bruder lebt.�</p><empty-line/><p>Lucas hielt den Atem an.</p><empty-line/><p>�Sie liegt im Norden�, fuhr Linus im Plauderton fort. �Etwa dreihundert Meilen entfernt.�</p><empty-line/><p>�Okay�, sagte Lucas und versuchte, ruhig zu klingen. �Verstehe.�</p><empty-line/><p>�Nettes M�dchen, diese Evie�, bemerkte Linus.</p><empty-line/><p>Lucas sah ihn scharf an, aber Linus blickte stur geradeaus auf die Stra�e, und sein Gesicht verriet nichts. �Willst du ein bisschen Musik h�ren?�, fragte Linus.</p><empty-line/><p>Lucas antwortete nicht. Linus griff in ein Seitenfach in der Autot�r und zog eine CD heraus, die er in einen Schlitz neben dem Lenkrad schob. Kurze Zeit sp�ter ert�nte laute, schrille Musik, die Lucas �berrumpelte. Er warf sich in seinem Sitz zur�ck, sodass Linus laut auflachte.</p><empty-line/><p>�So macht das Reisen Spa߫, sagte Linus mit einem Grinsen im Gesicht. �Das weckt sch�ne Erinnerungen an die schlechte alte Zeit.�</p><empty-line/><p>Er klopfte mit den Fingern im Takt der Musik auf das Lenkrad, und Lucas lehnte sich zur�ck und lie� die merkw�rdigen Kl�nge �ber sich hinwegschwappen. Aber der Takt und die Melodie weckten in ihm auf einmal das Bed�rfnis, einfach aufzuspringen und zu tanzen.</p><empty-line/><p>�Ja, die schlechte alte Zeit hatte auch ihre sch�nen Seiten�, meinte Linus. Dann wandte er den Blick von der Stra�e und sah Lucas an. �Wei�t du, eigentlich waren die alten Zeiten gar nicht so schlecht. Okay, die Schreckenszeit war schlimm. Aber davor war es besser als heute, so viel ist sicher.�</p><empty-line/><p>Lucas wollte etwas erwidern, �berlegte es sich dann aber anders. Die Musik war zu laut, der Wagen r�ttelte zu heftig, und er konnte nicht klar denken. Au�erdem hatte es sowieso keinen Sinn, Linus zu bitten, mehr ins Detail zu gehen. Linus w�rde ihm auf seine �bliche frustrierende Art nur so viel an Information geben, wie er f�r angebracht hielt. Fragen zu stellen hie�e nur, bei seinem Verwirrspiel mitzumachen. Da war es weitaus besser, einfach nur zu nicken.</p><empty-line/><p>Und so fuhren sie dahin. Dunkelheit senkte sich �ber die Landschaft, und Lucas� Augenlider wurden schwer, bis er die Augen nicht mehr offen halten konnte und der Schlaf ihn �bermannte.</p><empty-line/><p>Pl�tzlich schreckte er aus dem Schlaf hoch und st�hnte. �Anhalten. Mir ist schlecht�, sagte er, beugte sich vor und umklammerte den T�rgriff.</p><empty-line/><p>Linus lachte. �Du hast dir wohl die Reisekrankheit geholt. Das vergeht wieder. Schlaf weiter.�</p><empty-line/><p>Lucas schloss die Augen, machte sie aber schnell wieder auf, als er merkte, dass es dadurch nur noch schlimmer wurde. �Es geht nicht weg. Bitte halt an�, flehte er und hielt sich den Bauch.</p><empty-line/><p>�Gleich�, meinte Linus beruhigend. �In f�nf Minuten.�</p><empty-line/><p>�Du solltest lieber nicht l�gen�, bat Lucas kl�glich. �Denn wenn du nicht gleich anh�ltst, kotze ich dein kostbares Auto voll ��</p><empty-line/><p>�Siehst du die Lichter da?�, fiel Linus ihm ins Wort, als h�tte Lucas gar nichts gesagt. Lucas blickte angestrengt in die Dunkelheit. Er hatte keine Lichter bemerkt, der Wagen rollte weiter �ber Steine und Ger�ll, und um sie herum war es vollkommen finster. Lucas hatte sich die ganze Zeit gefragt, ob Linus �berhaupt eine Ahnung hatte, wohin er fuhr, ob er ihn eher auf eine Entdeckungsreise mitnahm, auf die er nur wieder mit einem r�tselhaften L�cheln reagierte. Aber als er jetzt aus dem Fenster sah, erkannte er, dass Linus recht hatte. In der Ferne waren Lichter zu sehen. Zwar nur ganz schwach, aber sie waren da.</p><empty-line/><p>�Was ist das? Noch ein Lager? Oder eine Stadt?�</p><empty-line/><p>Linus verzog das Gesicht, und Lucas st�hnte innerlich auf, aber nicht nur wegen seiner Bauchschmerzen. Wenn man Linus irgendwelche Informationen entlocken wollte, h�tte man sich ebenso gut mit einem Zweij�hrigen unterhalten k�nnen. Lucas fragte sich manchmal, warum sein Vater so viel Vertrauen in jemanden gehabt hatte, der zu keiner normalen Unterhaltung f�hig war und dem es offenbar gro�en Spa� machte, wenn jemand dastand wie ein Idiot. Die einzige L�sung w�re, Linus zu ignorieren und ihm keine Fragen mehr zu stellen, aber das konnte Lucas nicht. Zum einen wollte er noch mehr erfahren, und zum anderen war reden die einzige M�glichkeit, seine Reisekrankheit zu vergessen.</p><empty-line/><p>�Also?�, fragte er. Ihm war sterbenselend, und er f�hlte sich noch mehr gedem�tigt, weil es ihm so schlecht ging. Lucas zeigte nie eine Schw�che, er war stark, ruhig, ein Besch�tzer und ein K�mpfer. Aber jetzt hatte ihn ein Fahrzeug fertiggemacht und er konnte nichts dagegen tun. �Sag mir, ist das der Ort, der von der Landkarte verschwunden ist? Ist es das Lager der Spitzel?�</p><empty-line/><p>Linus� Augen funkelten im Mondlicht. �Teils Lager, teils Stadt�, meinte er nachdenklich. �Sehr interessant.�</p><empty-line/><p>Erleichtert stellte Lucas fest, dass sie schon ganz nah waren. Bald w�rden sie anhalten. �Hast du Waffen im Auto?�, erkundigte er sich.</p><empty-line/><p>Linus grinste. �Oh, wir brauchen keine Waffen�, erwiderte er augenzwinkernd. �Jedenfalls nicht gleich.�</p><empty-line/><p>�Bist du sicher?�, fragte Lucas unsicher.</p><empty-line/><p>�Wir brauchen Informationen und die holt man sich nicht mit Waffengewalt.�</p><empty-line/><p>Lucas wollte eine Frage stellen, besann sich dann aber anders. Stattdessen lehnte er sich auf dem Sitz zur�ck und wartete darauf, dass der Wagen anhielt. Linus drosselte das Tempo und fuhr auf einen Berg zu. Als sie n�her kamen, entdeckte Lucas eine �ffnung: Linus hatte sich f�r seinen Wagen wieder eine H�hle ausgesucht. Er fuhr langsam hinein und stellte den Motor ab. Um sie herum war es vollkommen dunkel. Linus holte eine Taschenlampe hervor und stieg aus.</p><empty-line/><p>Lucas folgte seinem Beispiel. Der Boden war steinig. Z�gernd folgte er Linus zum H�hleneingang, trat ins Freie und atmete dankbar die frische Luft ein.</p><empty-line/><p>�Dann wollen wir mal herausfinden, was sie im Schilde f�hren�, sagte Linus und beschleunigte den Schritt. Lucas nickte und folgte ihm.</p><empty-line/><p>Nachdem sie etwa eine halbe Stunde schweigend marschiert waren, blieb Linus so unvermittelt stehen, dass Lucas fast in ihn hineingelaufen w�re.</p><empty-line/><p>�Was ist?�, fl�sterte er.</p><empty-line/><p>�Da�, sagte Linus und deutete auf einen Haufen Felsbrocken. �Von dort aus k�nnen wir sie beobachten.�</p><empty-line/><p>Leise bewegte er sich auf die Felsbrocken zu und kletterte hinauf. �Kommst du?�</p><empty-line/><p>Lucas z�gerte. Die Lichter wurden heller. Er sch�tzte, dass das Lager, oder was immer es war, ungef�hr eine halbe Meile entfernt war. Selbst von hier aus wirkte es riesig, viel gr��er, als Lucas es sich vorgestellt hatte. Es bestand aus einer Ansammlung von niedrigen Geb�uden in der Mitte, die von Hunderten kleinerer Geb�ude umgeben waren.</p><empty-line/><p>�Fertigh�user�, erkl�rte Linus sachkundig. �Keine dauerhaften Bauten, aber es hat sicher eine Weile gebraucht, sie zu errichten. Diese Leute meinen es ernst.�</p><empty-line/><p>�Ernst womit?�, fragte Lucas.</p><empty-line/><p>�Das ist die Frage�, erwiderte Linus achselzuckend. �Und ich glaube, dass es nichts bringt, wenn wir sie von hier aus beobachten. Wir m�ssen direkt ins Lager.�</p><empty-line/><p>�Ohne Waffen? Hast du eine Idee?�, fragte Lucas.</p><empty-line/><p>�Hab ich�, sagte Linus mit einem Funkeln in den Augen. �Aber sie wird dir vielleicht nicht gefallen.�</p><empty-line/><p>�Wetten, dass?�, meinte Lucas trocken.</p><empty-line/><p>�Gut�, sagte Linus nachdenklich. �Wenn wir geschnappt werden, sterben wir. Aber wenn sie einen von uns ��</p><empty-line/><p>�Gefangen nehmen?� Lucas runzelte die Stirn.</p><empty-line/><p>�Das nicht gerade. Gefangene werden meist eingesperrt, geschlagen und gequ�lt. Ich wei� nicht, wie es hier ist, aber wie wir wissen, schrecken sie nicht davor zur�ck, Menschen zu t�ten. Nein, ich habe eine andere Idee.�</p><empty-line/><p>�Und zwar?�, fragte Lucas ungeduldig.</p><empty-line/><p>Linus machte ein nachdenkliches Gesicht. �Es ist riskant, aber ich glaube, es k�nnte klappen. Wirf mal einen Blick �ber den Rand des H�gels und sag mir, was du siehst.�</p><empty-line/><p>Lucas wollte schon erwidern, dass Linus doch selbst gehen und nachsehen sollte, aber dann �berlegte er es sich noch einmal und fing an zu klettern.</p><empty-line/><p>�Ich kann nichts sehen�, sagte er.</p><empty-line/><p>�Du musst weiter hinauf�, rief Linus ihm zu und deutete auf die Spitze des Felsens. Lucas zog sich hoch, aber erst als er ganz oben war, bemerkte er, dass Linus direkt hinter ihm war � zu sp�t, als dass er noch h�tte erkennen k�nnen, was vor sich ging. Er konnte sich nicht mehr halten und st�rzte kopf�ber �ber den schmalen Felsvorsprung in die Tiefe.</p><empty-line/><empty-line/><p>20</p><empty-line/><p>�Gef�llt dir die Musik, Devil?� Mit einem halbherzigen L�cheln drehte Thomas sich um. Er sah zwar nicht gut aus, aber sein st�hlerner Blick verriet Devil, dass er Autorit�t hatte. Seine Augen standen eng zusammen, die Haare waren kurz geschnitten, am Handgelenk trug er eine teure Schweizer Uhr, und sein Anzug sah ma�geschneidert aus.</p><empty-line/><p>�Ich denke schon�, sagte Devil achselzuckend und in unverbindlichem Ton. Es war nicht sein Musikgeschmack. Gitarrengeklimper. Die Art Musik, die wei�e Jungs mit langen Ponyfrisuren spielten. Fr�her hatte er solche Musik auch geh�rt. �Das ist eine neue Band. Ich glaube, die Jungs werden es noch weit bringen�, sagte der Mann, trommelte mit den Fingern auf seinen Oberschenkel und nickte im Rhythmus mit dem Kopf. Dann grinste er. �Eigentlich wei� ich genau, dass sie es weit bringen werden, weil ich daf�r sorgen werde. Kennst du die Redensart &gt;zu viel Vertrautheit schadet nur&lt;? Das ist Quatsch. Je �fter wir etwas h�ren, desto besser gef�llt es uns. Als ich diese Musik das erste Mal geh�rt habe, fand ich sie furchtbar. Aber jetzt liebe ich sie.�</p><empty-line/><p>Devil zuckte die Achseln, als wollte er sagen: �Mir doch egal.� Er zog sich die Kapuze �ber den Kopf. Im Grunde hatte er keine Ahnung, wovon Thomas �berhaupt redete, und deshalb tat er das, was er immer tat, wenn er nicht wusste, worum es ging: Er ignorierte ihn. �Ignoranz bedeutet Versagen�, hatte sein Vater immer gesagt. �Ignoranz bedeutet Schw�che. Und wenn du schwach bist, wird der Starke dich ausnutzen. Du musst immer einen Schritt voraus sein. Du musst sehen, was kommt. Du musst gebildet und gut informiert sein, damit dich niemand aufs Kreuz legt, verstehst du, mein Sohn?�</p><empty-line/><p>�Du rauchst diesen Mist?�, fragte Thomas und blickte auf Devils Zigaretten.</p><empty-line/><p>Devil kniff abwehrend die Augen zusammen. �Das ist kein Mist�, entgegnete er. �Silk Cut. Unverf�lschte Ware.� Diese Zigaretten hatte sein Vater immer geraucht. �Mittelklasse-Zigaretten� hatte er sie genannt.</p><empty-line/><p>�Das ist alles Mist�, meinte Thomas. �Diese Zigaretten sind sch�dlich, unter Umst�nden sogar t�dlich. Es ist nicht gut, wenn man abh�ngig ist, Devil. Gar nicht gut.�</p><empty-line/><p>Devil sah ihm frech ins Gesicht.</p><empty-line/><p>Thomas l�chelte. �Du bist w�tend auf mich, weil du denkst, ich setze dich herab, stimmt�s?�</p><empty-line/><p>Devil gab keine Antwort.</p><empty-line/><p>�Vielleicht tue ich das�, meinte Thomas achselzuckend. �Aber eine solche Angewohnheit fordert das geradezu heraus. Du gibst der Zigarettenindustrie Macht und l�sst dich von ihr vereinnahmen. Fr�her hat man mich herabgesetzt, aber heute nicht mehr. Heute w�rde es keiner mehr wagen. Ich nehme mein Schicksal selbst in die Hand.�</p><empty-line/><p>Devil starrte m�rrisch vor sich hin. Er war w�tend, doch er konnte nichts dagegen tun. Er w�rde seine Wut sp�ter an irgendjemandem auslassen.</p><empty-line/><p>�Woher wissen Sie, wie ich hei�e?�, fragte er.</p><empty-line/><p>Thomas l�chelte. �Ich wei� nicht nur, wie du hei�t, Devil. Ich wei� alles �ber dich.�</p><empty-line/><p>�Ach wirklich?� Devil rutschte unruhig auf seinem Sitz hin und her.</p><empty-line/><p>�Ja�, sagte Thomas nachdenklich. �Schade um diesen Jungen, nicht? Du musst dich ziemlich beschissen gef�hlt haben. Ich meine, schlie�lich war es deine Schuld, dass er sich umgebracht hat, oder? Du wirst mit dieser Schuld leben m�ssen.�</p><empty-line/><p>Devil konnte sich gerade noch beherrschen, um nicht auf Thomas loszugehen. Und gerade noch rechtzeitig fiel ihm ein, dass er mit diesen beiden gro�en Typen neben ihm nicht gewinnen konnte. �Das hatte nichts mit mir zu tun�, erkl�rte er stattdessen mit finsterem Blick.</p><empty-line/><p>Thomas lachte. �Wir wissen beide, dass das nicht stimmt, Devil. Wenn du mit dem Leben anderer spielst, musst du auch bereit sein, die Konsequenzen zu tragen. Damit zu leben. Sie anzunehmen. Du darfst dich nicht selbst bel�gen. Dein Vater hat dir das doch sicher beigebracht?�</p><empty-line/><p>Devil drehte hastig den Kopf weg und Thomas lachte.</p><empty-line/><p>�Oh, ich wei� Bescheid �ber deinen Vater. Ich wei� alles �ber ihn. Deshalb bist du hier.�</p><empty-line/><p>Devil schloss einen Moment lang die Augen. Nachdem er sie wieder ge�ffnet hatte, sagte er: �Wir haben nichts von seinem Geld. Ganz gleich, was Sie denken. Er hat alles mitgenommen. Ich habe nichts.�</p><empty-line/><p>�Das wei� ich�, sagte Thomas beschwichtigend. Der Fahrer setzte den Blinker und der Wagen bog in eine gro�e Lagerhalle ein. Devil sah sich nerv�s um. Au�er ihnen war kein Mensch da und anscheinend kam auch sonst niemand hierher.</p><empty-line/><p>�Keine Angst�, meinte Thomas und l�chelte wieder. �Wir sind nur hier, um zu reden. Nichts weiter.�</p><empty-line/><p>Devil wandte den Blick ab. Wieso konnte dieser Typ ihn so leicht durchschauen? Das verwirrte ihn. Mehr noch, es machte ihn w�tend.</p><empty-line/><p>Der Mann zu seiner Linken und Thomas stiegen aus und tauschten die Pl�tze. Devil bekam einen trockenen Hals.</p><empty-line/><p>�Mmm.� Thomas lehnte sich auf dem Sitz zur�ck. �Das zeichnet einen tollen Wagen aus. Man sitzt hinten genauso bequem wie vorn. Er zollt seinen Insassen Respekt. Respekt ist wichtig, Devil. Findest du nicht auch?�</p><empty-line/><p>Devil zuckte die Schultern. Er w�nschte, dieser Typ w�rde endlich zur Sache kommen und ihm sagen, was er wollte. Zumindest w�sste er dann, worum es ging.</p><empty-line/><p>�Das Dumme ist nur�, fuhr Thomas fort, �dass die Leute nicht mehr viel Respekt voreinander haben, stimmt�s? Sie wissen gar nicht, was Respekt �berhaupt ist. Sie sind vom Weg abgekommen, Devil. Sie richten ihre ganze Aufmerksamkeit auf unwichtige Dinge statt auf das Wesentliche, wie Respekt oder Manieren. Sie sind viel zu sehr damit besch�ftigt, Drogen zu nehmen oder unn�tzes Zeug anzuh�ufen. Sie haben vergessen, worum es im Leben wirklich geht, Devil. Findest du nicht auch?�</p><empty-line/><p>�Kann sein�, meinte Devil verhalten.</p><empty-line/><p>�Kann sein?�, wiederholte Thomas nachdenklich. �Glaubst du, deine Mutter setzt ihre Priorit�ten richtig? Glaubst du, deine Mutter hat ihre Priorit�ten richtig gesetzt, als deine kleine Schwester aus dem Fenster gest�rzt ist?�</p><empty-line/><p>Devil erstarrte.</p><empty-line/><p>�Tatsache ist, Devil, dass es nicht ihre Schuld war. Die Gesellschaft ist schuld. Sie h�tte ihr helfen sollen, anstatt sie sich selbst zu �berlassen. Sie ist nicht die Erste, die sich in Alkohol, Drogen, ins Gl�cksspiel oder in sonst irgendwas fl�chtet. Aber sie ist Teil dieses Problems, Devil. Die Menschen brauchen F�hrung, aber niemand f�hrt sie.�</p><empty-line/><p>Devil schwieg. Er hasste seine Mutter, ihre Schw�che, dass sie zusammengebrochen war, als sein Vater sie verlie�, dass sie die ganze Zeit heulte und behauptete, sie sei immer etwas Besonderes gewesen, aber er habe ihr das Selbstvertrauen genommen, dabei hatte er ihr gar nichts genommen, weil sie ein Nichts gewesen war, als er sie geheiratet hatte. Oder nicht geheiratet hatte. Egal. Fest stand, dass sie f�r Leona verantwortlich war. Nicht f�r ihn. Er konnte sich um sich selbst k�mmern. Aber Leona war noch klein. Sie brauchte ihre Mutter. Und ihre Mutter hatte sie im Stich gelassen. Ihre Mutter war eine verdammte Witzfigur. Eine Chaotin.</p><empty-line/><p>Aber sie war immer noch seine Mum. Sie zu hassen war das eine, aber mitanh�ren zu m�ssen, wie dieser Thomas �ber sie herzog, war etwas ganz anderes.</p><empty-line/><p>�Na und�, sagte er.</p><empty-line/><p>�Na und? Du kannst viel mehr erreichen.� Thomas beugte sich n�her zu Devil und legte ihm die Hand auf den Arm. �Du wei�t, wovon ich rede, denn du verkaufst diesem Pack Drogen�, fl�sterte er. �Dieser Abschaum ist �berall. Sie sind wie Schafe. Du wei�t, dass sie nichts taugen. Du wei�t es. Die anderen Gangs. Deine eigene Gang. Das sind keine Gewinner, oder, Devil? Das sind alles Verlierer.�</p><empty-line/><p>Devil r�hrte sich nicht. �Sie haben meinen Dad gekannt?�, fragte er.</p><empty-line/><p>�Ich kenne deinen Dad�, antwortete Thomas. �Ich kenne ihn sogar gut. Und er will dir helfen. Er will, dass ich dir helfe. Wir haben einen Plan, Devil. Einen Plan, um etwas zu ver�ndern. Um alles zum Guten zu wenden. Ich muss nur wissen, ob du uns helfen willst. Ob du die Dinge ver�ndern willst. Ob du reinen Tisch machen, den ganzen Unrat loswerden und neu anfangen willst.�</p><empty-line/><p>Devil sah ihn befremdet an. �Ich wei� nicht, wovon Sie reden�, meinte er.</p><empty-line/><p>Thomas l�chelte. �Doch, das wei�t du genau. Du kennst doch die Bibel, Devil. Ich wette, du kannst sie sogar auswendig.� Devil hob eine Augenbraue und Thomas lachte. �Sag mir, was in Genesis, Kapitel 6 steht.�</p><empty-line/><p>Devil schwieg.</p><empty-line/><p>�Sag es mir�, wiederholte Thomas mit strengem Blick.</p><empty-line/><p>Devil sah ihn misstrauisch an. �Die Geschichte von der Arche Noah?�, fragte er.</p><empty-line/><p>�Die Arche Noah.� Thomas l�chelte wieder. �Ein Neubeginn. Erz�hl mir die Geschichte.�</p><empty-line/><p>Devil rutschte unsicher auf dem Sitz hin und her. �Ich soll Ihnen die Geschichte von der Arche Noah erz�hlen?�</p><empty-line/><p>�Ja, Devil. Ich warte. Und ich warte nicht gern.�</p><empty-line/><p>Devil sch�ttelte den Kopf. Er war doch kein dressierter Affe.</p><empty-line/><p>Der gro�e Typ zu seiner Rechten r�ckte n�her zu ihm hin. �Erz�hl ihm die Geschichte�, sagte er mit tiefer, drohender Stimme. Devil begegnete seinem Blick und er wandte sich wieder zu Thomas. Mist. Er musste es tats�chlich tun. Mist.</p><empty-line/><p>Z�gernd und mit leiser Stimme begann er zu rezitieren, wie er fr�her f�r seinen Vater die Bibel rezitiert hatte, um ihm zu gefallen, um ihn l�cheln zu sehen vor Stolz und um ihn nicht zu ver�rgern. �Als aber die Menschen sich zu mehren begannen auf Erden und ihnen T�chter geboren wurden�, murmelte er vor sich hin.</p><empty-line/><p>�Lauter�, befahl Thomas und schloss die Augen.</p><empty-line/><p>Devil seufzte innerlich. �Da sahen die Gottess�hne, wie sch�n die T�chter der Menschen waren, und nahmen sich zu Frauen, welche sie wollten.�</p><empty-line/><p>�Und?�, fragte Thomas. �Weiter?�</p><empty-line/><p>�Da sprach der Herr: Mein Geist soll nicht immerdar im Menschen walten, denn auch der Mensch ist Fleisch. Ich will ihm als Lebenszeit geben hundertundzwanzig Jahre.�</p><empty-line/><p>Devil hielt inne und Thomas machte die Augen wieder auf. �Mach weiter�, sagte er.</p><empty-line/><p>Devil kniff die Augen zusammen. �Zu der Zeit und auch sp�ter noch, als die Gottess�hne zu den T�chtern der Menschen eingingen und sie ihnen Kinder gebaren, wurden daraus die Riesen auf Erden. Das sind die Helden der Vorzeit, die hoch ber�hmten. Als aber der Herr sah, dass der Menschen Bosheit gro� war auf Erden und alles Sinnen und Trachten ihres Herzens nur b�se war immerdar, da reute es ihn, dass er die Menschen gemacht hatte auf Erden, und es bek�mmerte ihn in seinem Herzen.�</p><empty-line/><p>�Es bek�mmerte ihn in seinem Herzen.� Thomas nickte anerkennend. �Das kommt hin. Na los, weiter. Jetzt kommt die beste Stelle.�</p><empty-line/><p>Devil verdrehte die Augen. �Und der Herr sprach: Ich will die Menschen, die ich geschaffen habe, vertilgen von der Erde, vom Menschen an bis hin zum Vieh und bis zum Gew�rm und bis zu den V�geln unter dem Himmel; denn es reut mich, dass ich sie gemacht habe. Aber Noah fand Gnade vor dem Herrn.�</p><empty-line/><p>Thomas �ffnete die Augen und auf seinem Gesicht erschien ein breites Grinsen. �Na also�, meinte er. �Er hat alle B�sen vernichtet und Noah gerettet. Weil Noah mit ihm wandelte, weil Noah anders war als der Rest der Menschheit. Siehst du, Devil? Verstehst du jetzt?�</p><empty-line/><p>Devil sch�ttelte den Kopf. �Was soll ich verstehen?�</p><empty-line/><p>Thomas lachte. �Vergiss es. Es wird Zeit, dass wir zur�ckfahren.�</p><empty-line/><p>Er �ffnete die T�r. �Was soll ich verstehen?�, fragte Devil noch einmal.</p><empty-line/><p>Thomas hielt inne und drehte sich um, das Gesicht immer noch zu einem Grinsen verzogen. �Das wirst du noch fr�h genug herausfinden. Wirst du mir helfen, Devil? Wirst du deinem Dad helfen, es besser zu machen?�</p><empty-line/><p>�Warum sollte ich?� Die Worte brachen unkontrolliert aus ihm heraus, aber Thomas schien nicht ver�rgert zu sein.</p><empty-line/><p>�Weil dir klar ist, dass du es willst.�</p><empty-line/><p>�Mir ist gar nichts klar�, versetzte Devil, ermutigt durch die Tatsache, dass keiner ihn bisher anger�hrt hatte. Vielleicht waren diese beiden gro�en Typen gar nicht so tough. Vielleicht war das von diesem Thomas alles nur Gerede und nichts dahinter.</p><empty-line/><p>�Oh doch�, sagte Thomas. Seine Stimme klang pl�tzlich ganz sanft und f�rsorglich. �Meinst du, Anf�hrer einer beschissenen kleinen Gang in einer beschissenen kleinen Siedlung zu sein, w�re erstrebenswert? Denkst du, du bist jemand, nur weil du zehnj�hrige Jungs einsch�chtern und dazu bringen kannst, Boteng�nge f�r dich zu erledigen? Du bist ein Nichts, Devil. Und wenn du so weitermachst, landest du innerhalb eines Jahres im Gef�ngnis. Ein Versager. Ein Verlierer. Arbeite f�r mich und du wirst jemand sein. Du wirst etwas Bedeutendes tun. Etwas, woran dein Vater glaubt. Etwas, an dem er schon sehr lange arbeitet. Also sag mir, Devil, willst du mir helfen oder nicht?�</p><empty-line/><p>�Sie arbeiten f�r meinen Vater?�, fragte Devil, und seine Augen weiteten sich ein wenig.</p><empty-line/><p>�Ich arbeite f�r niemanden, Devil�, sagte Thomas. �Beantworte einfach meine Frage.� Seine Stimme klang hart, wie eine unterschwellige Drohung. Devil starrte ihn an. Er war w�tend und beleidigt. Aber auch wenn er es nie zugeben w�rde, war ihm klar, dass Thomas recht hatte. Die Gang war schei�e. Alles war schei�e. Seit dem Selbstmord des Jungen konnte Devil das Gef�hl der Leere, der Sinnlosigkeit, der Wut auf den Jungen und auf sich selbst, weil er es zugelassen hatte und weil er nicht zwei Schritte voraus gewesen war, nicht mehr absch�tteln. Er hatte sich eingeredet, dass es ihn nichts anginge, dass das Problem damit sauber gel�st sei und dass er es gar nicht besser h�tte inszenieren k�nnen. Aber im Grunde hatte ihn das nicht �berzeugt. Und jetzt � jetzt ergaben Thomas� Worte einen Sinn. Es war nicht seine Schuld. Die Gesellschaft war schuld. All die Verlierer, die ihm im Weg standen.</p><empty-line/><p>Jetzt bot sich ihm eine Gelegenheit. Sein Dad brauchte seine Hilfe. Sein Dad wollte ihn retten.</p><empty-line/><p>�Ich arbeite auch f�r niemanden�, erkl�rte Devil schlie�lich. �Aber ich werde mit Ihnen arbeiten, wenn es das ist, was Sie wollen.�</p><empty-line/><p>Thomas grinste �ber das ganze Gesicht. �Ich wusste es�, sagte er und war offenbar zufrieden mit sich. �Willkommen im Team, Devil.� Er reichte ihm einen Anstecker, eine Krawattennadel, mit dem Buchstaben �I� darauf.</p><empty-line/><p>�Was ist das?�, fragte Devil.</p><empty-line/><p>�Steck ihn an�, sagte Thomas. �Das bedeutet, dass du Teil von etwas bist. Von etwas Besonderem. Von etwas Gro�em. Ich habe gro�e Pl�ne mit dir, Devil. Ich glaube, du wirst etwas ganz Besonderes. Ich glaube, du hast genau die gleichen Talente wie dein Vater. Und das brauchen die Menschen jetzt.�</p><empty-line/><p>�Was soll ich tun?�, fragte Devil unsicher und befestigte den Anstecker an seinem T-Shirt.</p><empty-line/><p>�Nichts�, erwiderte Thomas, stieg aus dem Wagen und ging wieder nach vorn zur Beifahrert�r. �Im Moment. Aber wir bleiben in Kontakt. Ich gebe dir dann Bescheid.�</p><empty-line/><empty-line/><p>21</p><empty-line/><p>Raffy brummte der Sch�del. Er lag auf einer Art Ruhebett und um ihn herum waren hauchd�nne Vorh�nge. Er wusste, dass Benjamin im Zimmer war, aber durch den feinen Stoff war dieser nur schemenhaft zu erkennen. Er r�usperte sich, und kurz darauf wurden die Vorh�nge zur�ckgezogen, und Benjamins Gesicht erschien.</p><empty-line/><p>�Geht es dir besser?�, fragte Benjamin.</p><empty-line/><p>Raffy nickte verlegen.</p><empty-line/><p>�Es tut mir leid�, sagte er dann.</p><empty-line/><p>Er hatte ungef�hr eine Stunde auf dem Bett gelegen. Anfangs hatte er sich nicht hinlegen wollen, er wollte sich unbedingt entschuldigen und Benjamin alles erkl�ren. Aber Benjamin hatte sich geweigert, ihn anzuh�ren. Stattdessen hatte er darauf bestanden, dass Raffy sich hinlegte, seine Gedanken ordnete, sich besann und, so hatte er mit einem L�cheln hinzugef�gt, wieder einigerma�en n�chtern wurde.</p><empty-line/><p>Schlie�lich hatte Raffy nachgegeben, hatte geschmollt, gegr�belt, sich ge�rgert, geraucht und seinem gerechten Zorn neue Nahrung gegeben, indem er sich Neil und Evie vorstellte, und Lucas, wie er Evie k�sste, Evies finsteres Gesicht, das ihn w�tend anstarrte.</p><empty-line/><p>Doch allm�hlich waren die Bilder verschwunden. Nach und nach war sein Atem ruhiger geworden, und seine Wut hatte sich gelegt, aber daf�r wuchs seine Verlegenheit.</p><empty-line/><p>�Was tut dir leid, Raffy?�, fragte Benjamin.</p><empty-line/><p>�Dass ich mich wie ein Idiot benommen habe�, antwortete Raffy und wurde rot. Benjamin sa� am Fu�ende der Liege und sah ihn mit seinen freundlichen Augen ernst an. �Dass ich Neil geschlagen habe. Dass ��</p><empty-line/><p>Er brach ab. Es gab so viel, was ihm leidtat. Zu viel, um es in Worte zu fassen.</p><empty-line/><p>�Neil ist ein guter Lehrer�, sagte Benjamin mit ruhiger, sanfter Stimme. �Ich glaube nicht, dass sein Unterricht jemals Anlass zu so einem Ausbruch gegeben hat.�</p><empty-line/><p>�Nein�, meinte Raffy. �Ich kann mir das auch nicht vorstellen.�</p><empty-line/><p>�Und trotzdem warst du so erbost �ber etwas, was er gesagt oder getan hat?�, fragte Benjamin neugierig.</p><empty-line/><p>Raffy sch�ttelte den Kopf und setzte sich auf. �Es liegt nicht an Neil�, sagte er mit einem Seufzer. �Es liegt an mir. Ich � ich werde jedes Mal w�tend, wenn jemand Evie zu nahe kommt. Ich kann nichts daf�r. Ich sehe dann einfach rot.�</p><empty-line/><p>�Hast du Angst, sie zu verlieren? Dass sie dich durchschaut?�</p><empty-line/><p>Raffys Augen weiteten sich und Benjamin lachte. �Bis zu einem gewissen Grad haben wir alle Angst davor. Ich hatte fr�her immer Angst, dass die Leute mich durchschauen.�</p><empty-line/><p>�Wirklich?�, fragte Raffy ungl�ubig. �Sie?�</p><empty-line/><p>Benjamin nickte. �Niemand ist unfehlbar. Wir alle haben Fehler.�</p><empty-line/><p>Raffy musste das erst einmal verdauen. Dann holte er tief Luft. �Die Sache ist die�, erkl�rte er, �ich darf sie nicht verlieren. Wenn ich sie verlieren w�rde, h�tte das Leben keinen Sinn mehr f�r mich. Wenn ich sie mit jemand anderem lachen sehe, dann w�rde ich am liebsten ��</p><empty-line/><p>Er konnte den Satz nicht beenden.</p><empty-line/><p>�Denjenigen t�ten?�, fragte Benjamin behutsam.</p><empty-line/><p>Raffy sah ihn an und nickte schuldbewusst.</p><empty-line/><p>�Und glaubst du, dass sie dich mehr liebt, wenn du dich so verh�ltst?�</p><empty-line/><p>Raffy runzelte die Stirn. �Nein, ich glaube �� Er r�usperte sich. �Sie findet mein Verhalten furchtbar. Das wei� ich. Aber sie � sie erkennt nicht � Sie ��</p><empty-line/><p>�Sie sieht die Welt nicht so, wie du sie siehst? Voller Bedrohungen? Voller Herausforderungen?�</p><empty-line/><p>Raffy nickte dankbar. Benjamin verstand ihn.</p><empty-line/><p>Benjamin l�chelte traurig. �Raffy�, sagte er. �Wei�t du, warum der Bruder euch in der Stadt so einengen konnte? Wei�t du, warum er tun konnte, was ihm beliebte, warum er euch eurer Grundfreiheiten berauben und uneingeschr�nkt und unbehelligt nach seinen eigenen Regeln �ber die Stadt herrschen konnte?�</p><empty-line/><p>Raffy nickte. �Wegen des Systems.�</p><empty-line/><p>�Nein�, erwiderte Benjamin ruhig. �Das System war nur ein Teil seiner Macht. Der wahre Grund war Angst. Die Menschen hatten Angst vor der Alternative. Auch die Schreckenszeit wurde von Angst beherrscht. Angst vor den anderen. Angst, Hass und Misstrauen. Wir alle sind daf�r empf�nglich. Wir brauchen das: Ohne Angst w�rden wir in gef�hrliche Situationen geraten. Ohne Angst w�rde die menschliche Rasse nicht �berleben. Aber ungehindert und ohne Beschr�nkung kann Angst eine �beraus zerst�rerische Kraft sein. Und das ist die Art Angst, die dich qu�lt, Raffy. Neil ist keine Bedrohung f�r dich. Niemand hier ist eine Bedrohung f�r dich, au�er du selbst. Meinst du nicht, dass Evie gar nichts anderes �brig bleibt, als die Flucht zu ergreifen, wenn du dich ihr gegen�ber genauso verh�ltst, wie der Bruder sich in der Stadt verhalten hat? W�rdest du nicht das Gleiche tun?�</p><empty-line/><p>Raffy starrte ihn an. Evie hatte fast genau dasselbe gesagt. Er hatte ein ungutes Gef�hl in der Magengegend.</p><empty-line/><p>�Ich war wirklich dumm�, gestand er.</p><empty-line/><p>Benjamin l�chelte. �Du warst ungest�m und irregeleitet. Nicht dumm.�</p><empty-line/><p>Raffy �berlegte.</p><empty-line/><p>�Ich � ich will sie nicht verlieren, Benjamin. Jetzt, da wir frei sind, gibt es nichts mehr, was sie an mich bindet.�</p><empty-line/><p>�Doch�, meinte Benjamin sanft. �Wenn du es schaffst, deine Zweifel und deine Angst abzulegen, wirst du erkennen, dass es vieles gibt, was sie an dich bindet. Neil ist keine Bedrohung f�r dich. Nur du selbst und deine Eifersucht.�</p><empty-line/><p>Raffy atmete tief durch. Er wusste, dass Benjamin recht hatte. �Ich werde es versuchen�, sagte er. �Danke, Benjamin.�</p><empty-line/><p>�Du musst dich nicht bedanken�, erwiderte Benjamin mit einem freundlichen L�cheln. �Wir alle machen Fehler. Vertrau mir.�</p><empty-line/><p>Raffy riss sich zusammen. �Ich gehe jetzt lieber und entschuldige mich bei Neil.�</p><empty-line/><p>�Gute Idee�, meinte Benjamin augenzwinkernd. �Keine Sorge, Raffy. Alles wird gut.�</p><empty-line/><empty-line/><p>22</p><empty-line/><p>In der Siedlung war es ruhig. Ein paar Jungs von Devils Bande hingen herum, sa�en auf der hohen Mauer mit Blick auf die Fu�wege, rauchten, tranken und benutzten die Wand auf der gegen�berliegenden Seite, um das treffsichere Werfen mit leeren Getr�nkedosen zu �ben. Die Gesch�fte liefen schleppend, aber das lag nicht an mangelnder Nachfrage. Es sah so aus, als k�nnte nichts mehr Devil aus der Ruhe bringen, als interessierte ihn nichts mehr. Und seine Gleichg�ltigkeit war ansteckend. Ohne ihn, der das Tempo bestimmte und Anforderungen stellte, war seine Gang in Lethargie verfallen, und niemand, Devil eingeschlossen, hatte gro�e Lust, sie aus diesem Zustand herauszurei�en. Der Rubel rollte trotzdem, ohne dass man sich gro� anstrengen musste, und es gab keine Probleme. Die Green Lanes Massive mischten sich nicht mehr in ihre Gesch�fte ein; niemand mischte sich mehr ein. Devil dachte nicht allzu oft dar�ber nach, aber wenn doch, dann kam ihm manchmal der Gedanke, dass das vielleicht ein bisschen merkw�rdig war. Andererseits hatten sie vielleicht etwas Besseres zu tun.</p><empty-line/><p>Im Grunde spielte es keine Rolle, weil Devil auf jeden Fall etwas Besseres zu tun hatte. Er hatte ein gr��eres Spiel im Auge. Er wollte sich in eine andere Welt begeben. In eine Welt, die ihm gefiel. Mit schicken Autos und mit Leuten, die wahre Macht hatten und denen man Respekt zollte, ohne bl�de Gangs, die sich st�ndig stritten wie kleine Kinder. Das war ihm jetzt klar geworden. Sie unterschieden sich nicht von den Kids, die sich auf dem Spielplatz pr�gelten, nur dass sie ihre K�mpfe mit Messern und Gewehren austrugen.</p><empty-line/><p>Eben das hatte Thomas ihm in den vergangenen Wochen klargemacht. Thomas wusste alles. Er war sozusagen ein wandelndes Lexikon. Er wusste alles �ber Devil, �ber Dalston, �ber Devils Leben davor, �ber die Siedlung, �ber Musik, �ber Politik, einfach alles. Sobald Devil ein Thema anschnitt, zog Thomas die Augenbrauen hoch und spuckte eine ganze Ladung Informationen aus. Anschlie�end l�chelte er triumphierend.</p><empty-line/><p>Thomas hatte Devil beigebracht, �ber den Tellerrand zu schauen und seine fr�heren Ambitionen als das zu sehen, was sie waren: erb�rmlich.</p><empty-line/><p>�Wer interessiert sich schon f�r Dalston?�, hatte er einmal mit einem L�cheln gesagt. �Meinst du, irgendjemand au�erhalb von Dalston schert sich einen Dreck darum? Meinst du, du verdienst Respekt, weil deine Gang die gr��te in Dalston ist? Den kannst du h�chstens von den Leuten in Dalston erwarten. Und die sind schei�egal.�</p><empty-line/><p>Devil h�tte ihm am liebsten einen Fausthieb verpasst, wie er es immer machte bei Leuten, die nicht seiner Meinung waren und ihn nicht respektierten. Aber bei den vielen Besch�tzern um Thomas herum war das unm�glich. Deshalb schwieg er beleidigt. Doch je l�nger er dar�ber nachdachte, desto klarer wurde ihm, dass Thomas recht hatte. Dalston war ein unbedeutendes Kaff. Und dann nahm Thomas ihn im Auto mit ins Londoner Zentrum, zu Pl�tzen, von denen er nicht einmal zu tr�umen gewagt hatte. In Klubs, vor denen lange Schlangen standen und in die sie einfach so hineinmarschierten. In Bars, die die ganze Nacht ge�ffnet hatten, mit sch�nen Frauen, die sie umschwirrten wie Motten das Licht. Thomas genoss es sichtlich, das Geld, die Macht, die Aufmerksamkeit. Und Devil am�sierte sich ebenfalls. Er trank Champagner, a� Speisen, die so gut schmeckten, dass ihm jedes Mal das Wasser im Mund zusammenlief, wenn er nur daran dachte, und lie� sich von Frauen umgarnen, die �ber seine Witze lachten und die ihm das Gef�hl gaben, als w�re er ein K�nig.</p><empty-line/><p>Devil hatte keine Ahnung, ob er jetzt zu Thomas� Team geh�rte oder nicht. Von Zeit zu Zeit schickte Thomas ihm eine SMS und kreuzte ein paar Stunden sp�ter mit seinem Wagen bei ihm auf. Dann lie� Devil alles stehen und liegen und stieg zu ihm ins Auto. Die Jungs seiner Gang l�cherten ihn st�ndig mit Fragen, wer der Mann in dem Wagen sei, aber Devil gab keine Antwort. Das ging nur ihn etwas an. Er war ein Gewinner, ein Anf�hrer; die anderen waren nur sein Fu�volk. Sie erfuhren nur so viel, wie er ihnen erz�hlen wollte, das gen�gte.</p><empty-line/><p>Und bald w�rde er ihnen �berhaupt nichts mehr erz�hlen. Bald w�re er fort. Er wusste zwar nicht genau, wann, aber Thomas gab ihm Hinweise. Von einem gro�en Auftrag war die Rede, von etwas, was Devils Bestimmung war. Er sollte ein Anf�hrer werden. Er w�rde Anh�nger haben, genau wie sein Dad; er w�rde ihnen sagen, was sie tun sollten und wie sie leben sollten. Und er w�rde Dalston verlassen. Danach h�tte er vielleicht ein eigenes Auto.</p><empty-line/><p>Devil vernahm ein Motorenger�usch und schaute mit einem breiten Grinsen im Gesicht auf. Er verabschiedete sich nicht einmal von seiner Gang; ein Nicken gen�gte. Die Jungs wussten, dass er wichtige Gesch�fte zu erledigen hatte und dass sie die Stellung halten mussten, bis er zur�ckkam.</p><empty-line/><p>Aber kurz darauf verschwand das L�cheln aus Devils Gesicht. Es war nicht der Mercedes. Es war ein blau-wei�er Wagen. Die T�ren gingen auf, und zwei Polizisten, ein Mann und eine Frau, stiegen aus und kamen auf ihn zu. Es waren dieselben beiden Bullen, die ihn schon einmal verh�rt hatten. Seine Jungs machten sich aus dem Staub und mit ihnen verschwand auch belastendes Beweismaterial.</p><empty-line/><p>�Na?� Devil sah die Beamten frech an. Er hatte es gewusst. Es w�re ja auch zu sch�n gewesen. Bestimmt waren sie nur hier, weil er sich schon dazu begl�ckw�nscht hatte, dass sie ihn in Ruhe lie�en. Dumm gelaufen.</p><empty-line/><p>�Wir haben mit verschiedenen Leuten gesprochen�, sagte der Rothaarige in seinem �blichen drohenden Tonfall. �Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir dich wegen Mordes anklagen. Das ist dir doch klar. Vermutlich kommt auch noch Totschlag dazu. Wegen dem Jungen, den du gezwungen hast, f�r dich die Drecksarbeit zu erledigen. Wie f�hlt es sich an, wenn man ein Killer ist, Devil? Gut? Bist du stolz auf dich?�</p><empty-line/><p>Devil verdrehte die Augen und setzte eine gelangweilte Miene auf. �Was soll�s.�</p><empty-line/><p>�Wir haben das Messer, Devil. Und wir haben die Aussage der Mutter. Sie hat uns best�tigt, dass du ihren Sohn zu der Tat angestiftet hast.�</p><empty-line/><p>�Ich wei� nichts von einem Messer�, sagte Devil mit zu Schlitzen verengten Augen. �Und ich habe auch niemanden zu etwas angestiftet.�</p><empty-line/><p>Die Polizistin l�chelte. �Nat�rlich nicht. Aber wir werden dich mit diesem Messer in Verbindung bringen und dann wanderst du f�r sehr lange Zeit in den Knast.�</p><empty-line/><p>Devil schwieg. Das Messer war sauber; daf�r hatte er gesorgt. Sie hatten nichts gegen ihn in der Hand. Sonst h�tten sie ihn schon l�ngst unter Anklage gestellt, anstatt hier herumzulungern.</p><empty-line/><p>�Und in der Zwischenzeit�, fuhr sie fort, �werden wir dich auf Schritt und Tritt beobachten. Ein Husten gen�gt, und schon sind wir da. Denk dran�, sagte sie, drehte sich um und ging zum Auto zur�ck. Als der Wagen davonfuhr, tauchten nach und nach Devils Jungs wieder auf.</p><empty-line/><p>Devil blickte gereizt in die Runde. �Was ist?�, fragte er.</p><empty-line/><p>Dann stand er auf und steckte die H�nde in die Hosentaschen. Er hatte das alles hier so satt.</p><empty-line/><p>W�tend ging Devil davon, den Fu�weg hinunter, vorbei an diesen Versagern, auf die Stra�e. Er wollte nur noch weg. Er kickte ein paar Steine auf die Stra�e und traf etwas. Ein Auto. Diesmal war es kein Streifenwagen, sondern ein Mercedes.</p><empty-line/><p>Die T�r ging auf, Devil stieg ein, lehnte sich auf dem Sitz zur�ck und schnallte sich an.</p><empty-line/><p>�Du musst vorsichtig sein, wenn du mit Steinen herumkickst.� Thomas streckte ihm die Hand hin; er sa� auf dem R�cksitz.</p><empty-line/><p>Devil zuckte die Schultern. �Ich habe diesen Ort hier so satt�, meinte er m�rrisch. �Geh�re ich nun zu Ihrem Team, oder was? Was wollen Sie �berhaupt von mir? Sie tauchen einfach auf, verschwinden wieder und sagen mir nichts.�</p><empty-line/><p>Thomas sah ihn eine ganze Weile an. Der Wagen fuhr los, und ein paar Minuten herrschte tiefes Schweigen, bis Thomas schlie�lich das Wort ergriff. �Mach dir keine Sorgen wegen der Polizei, Devil. Dir kann nichts passieren. Die k�nnen dir nichts anh�ngen. Und in der Zwischenzeit habe ich einen Job f�r dich.�</p><empty-line/><p>�Einen Job?� Devils Augen weiteten sich vor Erstaunen. �Klar, Mann. Sagen Sie mir, wie und wann. Ich sorge daf�r, dass alles zu Ihrer Zufriedenheit erledigt wird.�</p><empty-line/><p>�Nein�, sagte Thomas ruhig. �Ich will nicht, dass einer deiner Jungs den Job erledigt. Ich will, dass du es tust, verstanden? So kannst du dich bew�hren. Zeig mir, dass du das Zeug dazu hast. Wenn du deine Sache gut machst, dann wird das Messer verschwinden. Kein Messer, keine Zeugenaussage, nichts. Mach deine Sache gut und du musst nie wieder in diese Siedlung zur�ck, okay?�</p><empty-line/><p>Thomas sah ihn aufmerksam an und Devil nickte rasch. �Alles klar�, erkl�rte er, und seine Stimme klang etwas weniger gro�spurig.</p><empty-line/><p>�Gut�, meinte Thomas und zog die Mundwinkel leicht nach oben. �Das ist sehr gut, Devil.�</p><empty-line/><empty-line/><p>23</p><empty-line/><p>Raffy trank einen Schluck Wasser und genoss, ausgestreckt im saftigen Gras, die warmen Sonnenstrahlen, einen Moment der Ruhe, bevor er wieder an die Arbeit musste. So eine Arbeit kannte er bis jetzt nicht, ein Knochenjob, eine schwei�treibende Arbeit, bei der ihm die Puste wegblieb und ihm die Knochen wehtaten. Und nach getaner Arbeit war er so ersch�pft, dass er zu Hause oft kein Wort mehr herausbrachte und gleich ins Bett fiel vor M�digkeit.</p><empty-line/><p>Doch er liebte die Ordnung, die Regeln, die Disziplin und die Kameradschaft. In den zehn Stunden am Tag, die er bei der Arbeit war, hatte Raffy das Gef�hl, dass das Leben einen Sinn hatte, dass er es unter Kontrolle hatte, dass alles in Ordnung war. Die Arbeit war zwar einfach, aber sie erf�llte einen Zweck; er sorgte daf�r, dass die Menschen genug zu essen und zu trinken hatten. Er war Bauer; er konnte erhobenen Hauptes durch die Siedlung gehen. Zum ersten Mal in seinem Leben begegnete ihm weder Hass noch Misstrauen.</p><empty-line/><p>Zumindest bis jetzt.</p><empty-line/><p>Er stie� einen tiefen Seufzer aus und st�tzte sich auf die Ellenbogen. Gleich nachdem er von Benjamin weggegangen war, war er zu Neil geeilt und hatte sich bei ihm entschuldigt. Er hatte ihn um Verzeihung gebeten und sogar erkl�rt, er werde ein paar Unterrichtsstunden nehmen. Anschlie�end war er besch�mt nach Hause gegangen, um sich bei Evie zu entschuldigen und ihr zu versprechen, dass so etwas nicht wieder vorkommen w�rde.</p><empty-line/><p>Neil hatte ihm zugeh�rt, ihm ein paar Fragen gestellt und ihn genau beobachtet. Dann hatte er Raffy umarmt und ihm gesagt, dass er jetzt zur Siedlung geh�re, dass er sein Bruder sei und dass er sich nicht entschuldigen m�sse. Raffy war sich ganz klein vorgekommen, als Neil ihm zum Zeichen seiner Freundschaft die Hand gab, ihm ohne Weiteres verzieh und ihm zum wiederholten Mal anbot, Raffy k�nne an seinem Unterricht teilnehmen und er werde ihm ein Buch seiner Wahl besorgen.</p><empty-line/><p>Evie jedoch war seinem Blick ausgewichen und hatte nichts erwidert auf seine verzweifelten Bitten, sie m�ge ihm verzeihen. Evie hatte ihn nur mit versteinerter Miene angesehen und war dann zur Arbeit gegangen � allerdings nicht in der gewohnt aufrechten Haltung. Sogar sp�ter beim Mittagessen hatte sie ihm vorwurfsvolle Blicke zugeworfen. Er hatte sie entt�uscht. Er hatte alle entt�uscht.</p><empty-line/><p>Deshalb hatte er beschlossen, Benjamins Rat zu befolgen und sich in die Arbeit zu st�rzen, sich darauf zu konzentrieren, die Werte der Siedlung hochzuhalten und ein wertvolles und wichtiges Mitglied der Gemeinschaft zu werden. Er hatte schwerer gearbeitet, als er sich je zugetraut h�tte, war fr�h zur Arbeit erschienen, hatte keine Pause gemacht und f�r zwei geschuftet. Und jetzt ging es ihm tats�chlich viel besser. Er war zwar v�llig ersch�pft, und alle Muskeln � auch die, von denen er bislang gar nicht gewusst hatte, dass es sie �berhaupt gab � schmerzten, aber er f�hlte sich besser.</p><empty-line/><p>Und auch sein Verh�ltnis zu Evie war besser geworden. Sie taute allm�hlich auf, wich seinem Blick nicht mehr aus und lachte manchmal sogar �ber seine Witze.</p><empty-line/><p>Alles kommt wieder in Ordnung, dachte er bei sich. Er wollte sich bew�hren und ihr beweisen, dass er ihrer w�rdig war. Und wenn er und Evie erst verheiratet w�ren, dann w�re sein Gl�ck vollkommen. Davon hatte er immer getr�umt, und es war mehr, als er jemals erwartet hatte. Und wenn sie f�r immer miteinander verbunden waren, w�rde er sich bestimmt entspannen und h�tte keine Angst mehr, dass jemand sie ihm wegnehmen k�nnte. Er wusste, dass Benjamin recht hatte, als er von Vertrauen sprach und davon, Evie ihre Freiheit zu lassen. Und Raffy bem�hte sich wirklich sehr. Aber es lag nicht in seiner Natur, sich vollkommen zu entspannen. Die Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass die Habichte st�ndig �ber ihm kreisten und er immer auf der Hut sein musste.</p><empty-line/><p>Raffy lie� sich wieder ins Gras zur�cksinken und blickte zum Himmel hinauf. Hier war der Himmel so unendlich weit, viel weiter als in der Stadt, und es gab so unendlich viel Luft, Licht, Sauerstoff.</p><empty-line/><p>Hier in der Siedlung konnte er endlich wieder atmen.</p><empty-line/><p>Hier konnte er einfach nur sein.</p><empty-line/><p>Raffy h�rte die Glocke, setzte sich auf und st�tzte sich mit der Hand auf dem Boden ab, um wieder aufzustehen. Pl�tzlich hielt er inne, weil jemand dicht neben ihm stand, jemand, den er noch nie gesehen hatte. Er starrte den Fremden an, sein Puls raste. Es war niemand sonst in der N�he; die M�nner verbrachten ihre Mittagspause in der Regel auf der Baustelle, wo neue H�user und neue Klassenzimmer entstehen sollten. Die Baustelle befand sich ganz in der N�he der Felder. Nun, nachdem die Glocke das Ende der Mittagspause angezeigt hatte, w�rden die Bauarbeiter wieder auf die D�cher klettern und sich an die Betonmischer begeben, w�hrend die Bauern wieder aufs Feld gingen. Nur Raffy war zum Essen hierhergekommen, f�nf Gehminuten von der Baustelle entfernt, wo er im Gras liegen und den Geruch von Freiheit genie�en konnte.</p><empty-line/><p>�Nette H�user entstehen da. Du musst begeistert sein�, meinte der Mann.</p><empty-line/><p>Raffy schwieg und starrte den Mann argw�hnisch an. Er kannte ihn nicht, und der Mann hatte etwas an sich, was ihn misstrauisch machte.</p><empty-line/><p>Der Mann l�chelte. �Tut mir leid, du kennst mich nicht. Ich bin ein Freund von Benjamin. Dieser Ort ist sehr beeindruckend.�</p><empty-line/><p>Raffy verengte die Augen. Niemand hatte etwas von einem Besuch erw�hnt. �Sie kennen Benjamin?�</p><empty-line/><p>�Schon lange�, erwiderte der Mann. �Und du bist also Raffy, hm?�</p><empty-line/><p>Raffy blickte ihn streng an.</p><empty-line/><p>Der Mann lachte. �Du bist vorsichtig, was? Keine Sorge. Ich auch. Das ist auch richtig so. Vor allem in deiner Lage.�</p><empty-line/><p>�In meiner Lage?�</p><empty-line/><p>�Na, du wei�t schon. Wenn man aus der Stadt kommt und Lucas zum Bruder hat�, meinte der Mann achselzuckend. Er hatte ein verkniffenes Gesicht, kleine Augen und ein schwach ausgepr�gtes Kinn. Raffy mochte ihn nicht. Er k�nnte ihn in Sekundenschnelle �berw�ltigen.</p><empty-line/><p>Aber dann musste Raffy an Benjamin denken. Gewalt geh�rte nicht zu den Grundwerten der Siedlung. Deshalb riss er sich zusammen und war auf der Hut. �Wer sind Sie?�, sagte er und ging drohend auf den Mann zu. �Was wollen Sie?�</p><empty-line/><p>�Ich? Gar nichts. Nur �� Der Mann neigte den Kopf zur Seite. �Ich habe Freunde hier. Ich bin nicht offiziell hier � Du musst also nicht jedem von mir erz�hlen. Aber, wie gesagt, ich habe Freunde. Freunde, die � sich Sorgen um dich machen. Sie wollten es dir nicht direkt ins Gesicht sagen f�r den Fall, dass du es ihnen �bel nimmst. Deshalb habe ich mich dazu bereit erkl�rt. Mir macht das nichts aus.�</p><empty-line/><p>�Freunde? Was sind das f�r Freunde?�, fragte Raffy und suchte den Horizont ab, um herauszufinden, ob die Arbeiter auf der Baustelle seine Rufe h�ren w�rden. Aber ihm wurde sofort klar, dass sie zu weit weg waren.</p><empty-line/><p>Der Mann warf ihm einen unbehaglichen Blick zu. �Das kann ich dir wirklich nicht sagen�, meinte er. �Aber wie ich sehe, bist du besch�ftigt. Das ist wohl nicht der richtige Zeitpunkt. Nur � die Nachricht hat etwas mit einer Uhr zu tun. Mit einer goldenen Uhr. Anscheinend hat sie sie wieder. Ich wei� nicht, was das bedeutet und ob dir das etwas sagt. Ich sollte es dir nur ausrichten und das habe ich hiermit getan. Wenn es dir recht ist, mache ich mich jetzt wieder auf den Weg. Und, �h, mach so weiter. Das war die andere Nachricht.�</p><empty-line/><p>Der Mann ging davon. Raffy starrte ihm nach. Er sollte nicht auf ihn h�ren und sich nicht um dessen Worte k�mmern, sagte er sich. Alle m�glichen Gedanken schossen ihm durch den Kopf und der Schwei� stand ihm auf der Stirn. Die Uhr? Meinte er Lucas� Uhr? Was meinte er mit �sie hat sie wieder�? Er musste es unbedingt wissen und rannte los. �Wer sind Sie?�, fragte er noch einmal, als er den Fremden eingeholt hatte. �F�r wen sollten Sie diese Nachricht �berbringen?�</p><empty-line/><p>Der Mann zuckte die Achseln. �Das kann ich dir leider nicht sagen. Ich habe mein Wort gegeben.�</p><empty-line/><p>Raffy sah ihn w�tend an. �Wo kommen Sie her? Wieso haben Sie hier Freunde, wenn Sie gar nicht hier leben?�</p><empty-line/><p>Der Mann l�chelte verlegen und blickte zu Boden. �Man muss in die Siedlung aufgenommen werden, nicht wahr? Ich hab es versucht, aber ich wurde f�r ungeeignet erachtet. Ich war leider zu faul. Nicht so wie du. Aber, wie gesagt, ich habe Freunde, die mich von Zeit zu Zeit mit Essen versorgen. Also bis demn�chst. Und pass auf deine Freundin auf, ja?�</p><empty-line/><p>�Raffy?� Raffy drehte sich um und sah Simon auf sich zukommen. �Raffy, was machst du denn hier? Du bist sp�t dran.�</p><empty-line/><p>�Tut mir leid�, sagte Raffy sofort. Er drehte sich nach dem Mann um, aber der war schon verschwunden.</p><empty-line/><p>�Na los�, meinte Simon, der mit einer Hand die Augen vor der Sonne sch�tzte und mit der anderen Raffy ein Zeichen gab. �Wir m�ssen wieder an die Arbeit.�</p><empty-line/><p>Raffy warf einen letzten Blick hinter sich und folgte dann Simon mit Herzklopfen zur�ck aufs Feld.</p><empty-line/><empty-line/><p>24</p><empty-line/><p>Lucas wachte ganz langsam auf. Er hatte das Gef�hl, als w�rde er mit einem Lift von tief unter der Erde an die Oberfl�che fahren; eine falsche Bewegung, und es w�rde wieder abw�rtsgehen. Er �ffnete die Augen, doch er konnte kaum etwas erkennen. Sein Kopf war schwer und wie benebelt. Er hatte keine Ahnung, wo er war und wie er hierhergekommen war, aber er wusste, dass das kein guter Ort war. Er sp�rte es in den Knochen.</p><empty-line/><p>Er schloss die Augen wieder. Sein Herz schlug schnell, und ihm war klar, dass er mit seinen Kr�ften haushalten, dass er sich konzentrieren und sich erinnern musste. Er atmete langsam ein und aus, damit seine Lungen sich mit Sauerstoff f�llten. Ein und aus. Ganz ruhig. Lucas vernahm ein mechanisches Surren, aber keine Stimmen, nichts, was darauf hindeutete, dass Menschen in der N�he waren. Aber das hie� nicht, dass keine da waren. Vielleicht beobachteten sie ihn heimlich.</p><empty-line/><p>Vorsichtig machte er wieder die Augen auf. Alles war wie in Nebel geh�llt, aber ganz allm�hlich l�ftete sich der Schleier und er konnte seine Umgebung wieder deutlich wahrnehmen. Er lag auf einem Metallbett. Links neben dem Bett stand eine Maschine, die an seinen Kopf angeschlossen war. Als er sich bewegte, sp�rte er ein Ziehen, und es tat weh, deshalb blieb er regungslos liegen. Seine linke Hand hing ebenfalls an einem Schlauch. Soviel er sehen konnte, war das alles.</p><empty-line/><p>Er atmete wieder langsam ein und aus und versuchte, die Wut und die Angst zu unterdr�cken, die in ihm hochstiegen. Wut, als ihm wieder einfiel, was passiert war � Linus hatte ihn von dem Felsvorsprung gesto�en �, und Angst, als ihm bewusst wurde, wo er war: in dem Lager, in einem Bett, als Gefangener. Er musste ruhig bleiben. Er musste herausfinden, wo genau er sich befand, was sie von ihm wollten und wie er von hier wegkam. Und was diese Schl�uche an seinem Kopf bedeuteten.</p><empty-line/><p>Lucas wartete. Es w�rde schon irgendwer kommen. Er musste nur solange wach bleiben und dann w�rde er vielleicht etwas erfahren. Er z�hlte bis hundert, um sein Gehirn zu besch�ftigen, und danach begann er r�ckw�rts zu z�hlen.</p><empty-line/><p>Er kam nur bis dreiundachtzig.</p><empty-line/><p>Lucas wachte wieder auf. Er f�hlte sich schwach. Das Licht in dem Zimmer hatte sich ver�ndert; vermutlich war es inzwischen Abend geworden. Er betastete mit der Hand sein Gesicht; seine Bartstoppeln sprossen. Er war mindestens schon ein paar Tage hier.</p><empty-line/><p>Der Kopf tat ihm weh, er hatte Durst, und sein Hals war ganz trocken. Er wollte rufen, aber es dauerte eine ganze Weile, bis er einen Ton herausbrachte. Und als es ihm schlie�lich gelang, schien ihn niemand zu h�ren.</p><empty-line/><p>Obwohl es dunkel war in dem Raum, konnte er jetzt mehr erkennen; seine Augen funktionierten wieder besser. Die L�sung aus einem Infusionsbeutel tropfte in die Vene an seiner Hand.</p><empty-line/><p>Lucas rief noch einmal, etwas lauter diesmal. Da ging die T�r auf und eine Frau trat ins Zimmer. �Oh, Sie sind wach�, sagte sie.</p><empty-line/><p>Sie war jung, h�bsch und hatte ein freundliches Gesicht. Lucas brachte ein L�cheln zustande.</p><empty-line/><p>�Ja, ich bin wach�, best�tigte er. �Wo bin ich?�</p><empty-line/><p>Sie schob seine Augenlider hoch, schaute ihm in den Mund und f�hlte ihm den Puls. �Sie sind in einem Krankenhaus, wo Sie betreut werden.�</p><empty-line/><p>�Von Ihnen?�</p><empty-line/><p>�Unter anderem.�</p><empty-line/><p>�Es gibt noch andere?�</p><empty-line/><p>�Richtig�, sagte sie l�chelnd.</p><empty-line/><p>Darauf war Lucas nicht gefasst, und er beschloss, weiter so zu tun, als h�tte er das Ged�chtnis verloren. �Was ist los mit mir?�, fragte er. �Ich kann mich an nichts erinnern. Ich wei� nicht mal mehr, wie ich hei�e.�</p><empty-line/><p>Die Schwester sah ihn an, �ffnete den Mund, als wollte sie etwas sagen, �berlegte es sich dann aber anders. �Ich muss jetzt gehen�, sagte sie pl�tzlich, verlie� eilig das Zimmer und lie� die T�r hinter sich zufallen.</p><empty-line/><p>Lucas h�rte, wie die T�r von au�en abgeschlossen wurde. Er seufzte und schloss die Augen und begann erneut zu z�hlen. Diesmal kam er nur bis dreiundvierzig.</p><empty-line/><p>�Und er war ganz bestimmt bei Bewusstsein?�</p><empty-line/><p>Lucas wurde von einer schroffen M�nnerstimme geweckt, er h�rte sie klar und deutlich.</p><empty-line/><p>�Ganz bestimmt. Ungef�hr vor vier Stunden. Er wollte wissen, warum er hier ist.�</p><empty-line/><p>�Verstehe.� Der Ton war barsch, herablassend, abweisend. Lucas blieb regungslos liegen. Dieser Mann hatte hier offenbar das Sagen. Vielleicht war es der Arzt. �Und was haben Sie ihm gesagt?�</p><empty-line/><p>�Nichts, Sir. Gar nichts.� Die Schwester klang besorgt, ja beinahe �ngstlich. Sir, nicht Doktor? Lucas fragte sich, wer der Mann war. �Er kann sich an nichts erinnern. Er wei� nicht mal, wer er ist.�</p><empty-line/><p>�Tats�chlich?� Der Mann, oder jemand anders, beugte sich �ber Lucas. Das Licht hinter Lucas� Augenlidern ver�nderte sich. Das grelle Licht, das auf sein Gesicht gerichtet war, wurde jetzt von der Person, die ihn untersuchte, verdeckt. �An sich spielt es keine Rolle. Er ist f�r uns nicht von Interesse. Wir sollten ihn loswerden.�</p><empty-line/><p>�Ihn loswerden?�, fragte die Schwester unsicher.</p><empty-line/><p>Eine Weile herrschte Stille. �Ich meine, wir sollten die lebenserhaltenden Ma�nahmen einstellen. Er wird sich offensichtlich nicht wieder erholen.�</p><empty-line/><p>Der zweite Mann r�usperte sich. �Und was ist mit dem Papierkram?�</p><empty-line/><p>�Er ist keiner von uns, Sie Idiot. Da braucht es keine Formalit�ten�, sagte er ungeduldig.</p><empty-line/><p>Wieder herrschte Stille. Dann sagte der zweite Mann mit leiser, kaum vernehmlicher Stimme: �Das entspricht nicht der �blichen Vorgehensweise. Ich wei�, dass Ihre Leute au�erhalb des Lagers machen k�nnen, was sie wollen, aber hier gibt es Vorschriften. Wir k�nnen uns nicht einfach irgendwelcher Leute entledigen.�</p><empty-line/><p>�Und ob wir das k�nnen�, erwiderte der erste Mann mit drohender Stimme. �Wir tun, was ich f�r richtig halte. Verstanden?�</p><empty-line/><p>�Ja, Sir.�</p><empty-line/><p>�Okay.�</p><empty-line/><p>Lucas h�rte, wie der erste Mann von seinem Bett wegging und diensteifrigen Schrittes den Raum verlie�. Als er fort war, r�usperte sich der andere Mann. �Mr Weizman m�chte, dass wir die lebenserhaltenden Ma�nahmen abbrechen. Ich lasse die n�tigen Formulare ausf�llen und hole mir die Zustimmung des Direktors. Geben Sie ihm vorerst weiter ein Bet�ubungsmittel�, wies er die Schwester an.</p><empty-line/><p>�Aber er bekommt gar keine lebenserhaltenden Ma�nahmen�, fl�sterte sie. �Ihm fehlt nichts. Er hat nur eine Kopfverletzung.�</p><empty-line/><p>�Das macht es noch schlimmer�, sagte der Mann nach kurzem Z�gern. Ein paar Sekunden herrschte Stille. Dann h�rte Lucas, wie der Mann tief ausatmete. �Und er ist wirklich in Ordnung?�</p><empty-line/><p>�Vollkommen gesund�, erkl�rte die Schwester.</p><empty-line/><p>Der Mann seufzte. �Okay. Geben Sie ihm trotzdem ein Bet�ubungsmittel.�</p><empty-line/><p>�Ja, Doktor.� Lucas sp�rte etwas Kaltes auf seinem Handr�cken. Er versuchte, wach zu bleiben, zu denken, zu �berlegen, was er tun sollte. Aber es hatte keinen Zweck. Der Nebelschleier h�llte ihn ein, und seine Glieder wurden so schwer wie Blei.</p><empty-line/><p>Linus sa� still da, das Fernglas auf das flache wei�e Geb�ude mit den hellen Lichtern gerichtet. Er war jetzt schon ein ganzes St�ck n�her beim Lager. Allein war es leichter f�r ihn, sich zu tarnen. Und St�ck f�r St�ck f�gte er die Puzzleteile zusammen: Die Begrenzungsmauer, die der Landschaft angepasst war, war durch elektrischen Strom gesichert, um neugierige Tiere abzuhalten. Das Tor war zus�tzlich mit Starkstrom gesichert, der ausgereicht h�tte, um einen Elefanten zu r�sten. Diese Leute hatten bestimmt nicht vor, G�ste zu empfangen. Aber Linus konnte das Sicherheitssystem umgehen. Es war zwar ausgekl�gelt, aber es gab nichts, womit Linus nicht fertig wurde. Lucas lag hinter dem dritten Fenster von links in dem wei�en Geb�ude, in dem Zimmer, wo die ganze Zeit die Jalousien heruntergelassen waren. Linus warf einen Blick nach rechts und sah durch die Fenster der leeren Zimmer, deren T�ren weit offen standen und die offenbar nicht gebraucht wurden, wie die Schwester den Korridor entlangging. Warum so viele Zimmer? F�r wen waren die bestimmt? Linus hatte so eine Ahnung, aber es war nur eine Theorie.</p><empty-line/><p>Linus dachte einen Moment lang nach, dann richtete er das Fernglas wieder auf die T�ren in dem Geb�ude. In den letzten zwei Tagen hatte er das Lager st�ndig beobachtet und alles �berwacht. Und jetzt war er bereit: Er hatte alles gecheckt: s�mtliche Zugangscodes, die t�glichen Abl�ufe, und wer wann was machte. Das Geb�ude, in dem sich Lucas befand, hatte einen sechsstelligen Zahlencode. Ausgefallene Technik, aber nichts, womit Linus nicht klarkam. Er k�nnte Lucas problemlos dort herausholen.</p><empty-line/><p>Wenn es so weit war. Im Augenblick gab es f�r Linus interessantere Orte. Lucas befand sich zwar in dem wei�en Geb�ude, aber an dem grauen Geb�ude dahinter war Linus am meisten interessiert. Dort gab es drei Sicherheitsstufen und offenbar hatten nur f�nf Leute Zutritt. In diesem Geb�ude waren sicher Informationen zu finden und dort wollte Linus als Erstes hin. Wenn er es schaffte, in das Geb�ude zu gelangen, w�rde er bestimmt die Antworten auf seine Fragen finden. Au�erdem war er sich ziemlich sicher, dass er in das Netzwerk eindringen und ein paar tickende Zeitbomben einbauen konnte, die sp�ter zum Einsatz kommen sollten.</p><empty-line/><p>Linus beobachtete und wartete. Als einer von den f�nf Leuten mit Zugang zu dem grauen Geb�ude um die Ecke bog, wie er es in den vergangenen zwei Tagen nach dem Mittagessen immer getan hatte, kam Linus vorsichtig aus seinem Versteck. Der Mensch ist eben ein Gewohnheitstier, dachte Linus, w�hrend er den Mann �berw�ltigte, zu dem Platz schleifte, den er am ersten Abend entdeckt hatte, ihm die Kleider auszog und ihn fesselte. �Die kann ich gut gebrauchen�, sagte er im Plauderton, als er in die Uniform des Mannes schl�pfte. �Ich hoffe, du hast nichts dagegen.�</p><empty-line/><p>Der Mann konnte nicht antworten, weil Linus ihn geknebelt hatte. Linus betrachtete ihn eine Weile und zuckte dann die Achseln. Der Mann w�rde bald wieder okay sein; Linus w�rde ihn sp�ter freilassen. Und wenn nicht, w�rde jemand anders ihn finden.</p><empty-line/><p>Linus warf einen Blick auf den Weg, um sicherzugehen, dass niemand ihn sah. Dann kam er wieder aus seinem Versteck hervor und schlenderte zu dem grauen Geb�ude.</p><empty-line/><empty-line/><p>25</p><empty-line/><p>Raffy klopfte das Herz bis zum Hals. Er hatte nur f�nf Minuten, dann w�re Evie wieder zur�ck. Er hatte �berall nachgesehen: zwischen ihren Kleidern, unter dem Bett, ganz hinten in den Schr�nken. Aber die Uhr war nicht da, nat�rlich nicht. Trotzdem musste Raffy weitersuchen. Denn der Mann hatte von der Uhr gewusst, und wie h�tte er so etwas erfinden sollen? Er w�re ja zum B�cker gegangen, aber wenn es nicht stimmte und Evie herausfand � Nein, es war besser, einfach zu suchen, um sich zu vergewissern.</p><empty-line/><p>Denn Evie h�tte sich die Uhr nicht zur�ckgeholt.</p><empty-line/><p>Niemals.</p><empty-line/><p>Ausgeschlossen.</p><empty-line/><p>Oder doch?</p><empty-line/><p>Lucas� Uhr. Raffy schloss einen Moment die Augen und versuchte, die Welle von Hass und Wut zu unterdr�cken, die allein schon der Name �Lucas� in ihm ausl�ste, die Verbitterung und die Entt�uschung, die sein bisheriges Leben bestimmt hatten. Obwohl Lucas inzwischen weit weg war, wurde Raffy immer noch von seinem Schatten verfolgt, und er empfand Lucas� blo�e Existenz als einen Angriff auf ihn, um ihn zu unterdr�cken und zu schw�chen, so wie Lucas es immer getan hatte.</p><empty-line/><p>Wenigstens war es fr�her noch ertr�glich gewesen, wenigstens war Raffys sch�umende Wut fr�her berechtigt gewesen. Auch wenn Lucas nach Meinung der �brigen Bewohner der Stadt perfekt war, Raffy kannte das B�se, das in ihm lauerte, die Kaltherzigkeit, mit der er den eigenen Vater verraten hatte. Damals war alles noch kontrollierbar gewesen. Raffy hatte gewusst, wer Lucas war und was er war, und dieses Wissen hatte ihn stark gemacht, sodass er den Hass und das Misstrauen der Leute ertragen konnte. Er wollte gar nicht, dass sie ihn mochten, nicht, wenn sie Lucas mochten.</p><empty-line/><p>Es hatte nur einen einzigen Menschen gegeben, der ihn mochte und nicht seinen Bruder. Und das hatte Raffy gen�gt. Denn dieser Mensch war Evie gewesen. Evie, die mit Lucas verlobt war, zog die Gesellschaft von Raffy vor und riskierte Kopf und Kragen, wenn sie sich nachts aus dem Haus schlich, um sich mit ihm zu treffen.</p><empty-line/><p>Das allein hatte das Leben lebenswert gemacht. Das allein hatte Raffy klargemacht, dass die Stadtbewohner denken konnten, was sie wollten; dass er und Evie im Recht waren, und nur das z�hlte.</p><empty-line/><p>Und dann � dann war alles um ihn herum in die Br�che gegangen. Es stellte sich heraus, dass Lucas die Wahrheit all die Jahre f�r sich behalten hatte, dass Lucas ein Held war. Lucas hatte ihren Vater nicht verraten; ihr Vater hatte Lucas vertraut, hatte ihm das Versprechen abgenommen, die Familie, ihn, Raffy, zu besch�tzen. Wegen dieses Versprechens hatte Lucas all die Jahre gelitten.</p><empty-line/><p>Und wegen dieses Versprechens konnte Raffy seinem Bruder nicht verzeihen. Denn jetzt hatte er nichts mehr. Jetzt war er nicht mehr stark, jetzt war er schwach. Jetzt war er nicht mehr gut, jetzt war er b�se: der zornige junge Mann, der keinen Grund mehr hatte, zornig zu sein. Au�er darauf, dass Lucas Evie ausgerechnet an dem Abend gek�sst hatte, als er, Raffy, sie losgeschickt hatte, damit sie ihm bei der Flucht aus der Stadt half. Er hatte Evie die Wahrheit gesagt, hatte ihr alles erz�hlt, was passiert war. Evie, nicht ihm, seinem eigenen Bruder. Und nun erwartete jeder, dass er froh und dankbar war und sich dar�ber freute, dass Lucas, der ihn bereits in der Stadt in den Schatten gestellt hatte, ihn jetzt auch hier in den Schatten stellen wollte. Sogar bei Evie. Vor allem bei Evie.</p><empty-line/><p>Das wollte Raffy auf keinen Fall zulassen. Er wollte Lucas vergessen, ihn ein f�r alle Mal aus dem Ged�chtnis streichen und so tun, als ob er gar nicht existierte. Hier k�nnte ihm das gelingen, weil in der Siedlung niemand wusste, dass Lucas, der neue Anf�hrer der Stadt, sein Bruder war. Hier war er einfach Raffy, er wurde nach seinen Leistungen beurteilt und konnte er selbst sein. Aber als Evie ihm Lucas� Uhr gegeben hatte, die Uhr, die sein Vater Lucas gegeben hatte, war seine Freiheit bedroht gewesen. Er hatte gesp�rt, wie Panik ihn erfasste, wie sie ihm die Kehle zuschn�rte, sodass er nach Luft schnappen musste. Aber er war damit fertig geworden, hatte die Uhr angenommen und sie gleich am n�chsten Tag wieder weggegeben.</p><empty-line/><p>Er h�tte sie zerst�ren sollen.</p><empty-line/><p>Er h�tte seinen Hunger ignorieren und sie zerst�ren sollen.</p><empty-line/><p>Raffy setzte sich aufs Bett und holte ein paarmal tief Luft. Die Uhr war nicht hier. Der Mann hatte unrecht. Alles war okay. Er musste sich beruhigen.</p><empty-line/><p>Raffy h�rte, wie die T�rklinke heruntergedr�ckt wurde, und sah sich rasch im Zimmer um, ob er auch alles wieder an seinen Platz gelegt hatte. Dann stand er auf und begr��te Evie. Sie sah ihn misstrauisch an, zog den Mantel aus und legte sich aufs Bett.</p><empty-line/><p>�Ich bin so m�de�, seufzte sie. �Und ich habe solchen Hunger.� Sie schaute zu Raffy hin�ber und runzelte die Stirn. �Raffy? Was ist los?�</p><empty-line/><p>Raffy verstand kaum, was sie sagte. Ihm dr�hnte der Kopf, sein Magen zog sich zusammen, und er hatte das Gef�hl, als w�rde sich der Boden unter seinen F��en auftun. Sein Blick war auf die Tasche ihres Kleides gerichtet. Dort, wo ihr Taschentuch steckte, schimmerte durch den wei�en Stoff unverkennbar etwas Goldenes.</p><empty-line/><p>Raffy st�tzte sich an der Wand ab und zwang sich zu einem L�cheln, einem L�cheln, das aussah, als h�tte es ihm jemand ins Gesicht gemalt. Seine Augen suchten in Evies Gesicht nach einem Hinweis, nach einer Erkl�rung f�r ihren Verrat, aber er konnte nichts entdecken.</p><empty-line/><p>�Raffy?�, sagte Evie noch einmal, stand vom Bett auf und ging zur T�r. �Ist alles okay?� Sie schlich davon, als h�tte sie Angst vor ihm.</p><empty-line/><p>Raffy nickte. �Klar�, sagte er, schluckte seine Verzweiflung hinunter und unterdr�ckte seine Gef�hle, damit sie ihn nicht �bermannten. �Was hast du denn heute so getrieben?�</p><empty-line/><empty-line/><p>26</p><empty-line/><p>Devil lehnte sich in dem weichen Ledersessel zur�ck und tat so, als w�re er gar nicht da. Aber er war da, und zwar schon seit Stunden, seit Thomas mit ihm hierher gefahren war, in eine Gegend mitten in London mit lauter hohen Geb�uden, wo es von Menschen in Anz�gen nur so wimmelte. Thomas war auf einen Parkplatz gefahren und hatte Devil durch eine Hintert�r in einen fensterlosen Versammlungsraum gebracht, und seitdem sa� er dort, lie� seinen Blick umherschweifen und starrte L�cher in die Luft.</p><empty-line/><p>Er wusste, wie das ging, weil er in der Siedlung die meiste Zeit auch nichts anderes tat.</p><empty-line/><p>Allerdings war er nicht zum ersten Mal hier. Als Thomas ihn das erste Mal hierher gebracht hatte, hatte er ihm einen Stuhl angeboten und war dann f�r ungef�hr eine Stunde verschwunden. Diesmal war Devil fast ausgeflippt, war auf und ab gelaufen und hatte versucht, die T�r zu �ffnen. Sie war abgeschlossen, und er hatte sich gefragt, ob Thomas irgend so ein durchgeknallter Psychopath war, dem es Spa� machte, Leute einzusperren. Doch kurz bevor Devil tats�chlich in Panik geriet, war Thomas zur�ckgekommen, hatte ihm ein B�ndel Geldscheine in die Hand gedr�ckt, ihm Fragen �ber Gott und �ber die Bibel gestellt und ihm erkl�rt, dass die Menschen Anleitung br�uchten, dass man sie begeistern und ihnen das Gef�hl geben m�sse, dass es sich zu leben lohnte. Sie hatten ewig lange geredet, mindestens zwei Stunden, und dann waren sie gegangen. Das war alles gewesen. Devil war irgendwie �berrascht gewesen, aber er beklagte sich nicht und wollte auch nicht zu viele Fragen stellen.</p><empty-line/><p>Dieses Geb�ude war irgendwie seltsam. Vielleicht lag es daran, dass man so hoch oben war � sie waren mit dem Aufzug in den f�nfzigsten Stock gefahren. Hier oben hatte man das Gef�hl, als w�rde der Rest der Welt hier keine Rolle spielen, als w�re alles ganz normal. Als k�nnte das Chaos nicht durch das solide Mauerwerk dringen.</p><empty-line/><p>Denn da drau�en herrschte Chaos. Da drau�en � und das machte Devil, ehrlich gesagt, ein bisschen wahnsinnig.</p><empty-line/><p>Beim n�chsten Mal hatte Thomas eine Kamera mitgebracht. Er hatte Devil gebeten, in die Kamera zu schauen und sich dabei vorzustellen, sein Vater st�nde dahinter und er selbst w�rde eine von den Predigten seines Vaters halten. Zuerst war er sich ziemlich bl�d vorgekommen, war von einem Fu� auf den anderen getreten, hatte woandershin geschaut und so etwas gemurmelt wie, er sei nicht Pastor Jones. Aber als Thomas ein finsteres Gesicht gemacht und erkl�rt hatte, dass Devil wohl doch nicht der Richtige sei f�r den Job, hatte Devil mir nichts, dir nichts angefangen zu reden. Das Seltsame war, dass er sich Wort f�r Wort an die Predigten seines Vaters erinnerte, aber nach ein paar Versuchen begann er sie mit seinen eigenen Geschichten und Gedanken auszuschm�cken. Und, Mann, das gefiel ihm. Er hatte das Gef�hl, er war jemand und er hatte etwas zu sagen.</p><empty-line/><p>Allm�hlich erkannte er, dass Thomas recht hatte, dass die Menschen ihn brauchten. Denn die Welt wurde immer beschissener. �berall explodierten Bomben, Menschen gingen auf die Stra�e, und die Bereitschaftspolizei schoss auf sie. In Europa brachten sich die Leute mit Maschinengewehren gegenseitig um. Sie drangen in H�user ein und schlachteten ganze Familien ab. Devil hatte das in den Nachrichten gesehen, auf dem gro�en Fernsehbildschirm in Thomas� B�ro. Die Menschen schrien vor der Kamera und flehten um Hilfe. Zwei Leute wurden vor laufender Kamera get�tet. Echt beschissen. Und jede Woche hielt er eine andere, neu formulierte Predigt f�r die Anh�nger seines Vaters. �Denn du wirst der neue Pastor Jones�, erkl�rte Thomas ihm. �Du siehst genauso aus wie er. Du wirst die Menschen aus diesem Chaos f�hren.�</p><empty-line/><p>Nat�rlich wusste man in diesem Geb�ude nichts von den Menschen und von der Gewalt. Die Leute liefen auf den dicken Teppichen herum wie immer, in schicken Anz�gen, h�bsch frisiert, mit leisen, ruhigen Stimmen, und nicht schreiend wie die Menschen da drau�en, die gegen die T�ren der Banken h�mmerten und ihr Geld verlangten.</p><empty-line/><p>Devil sah sich in dem Raum um. Diesmal war er nicht allein. Thomas war da und hatte noch jemanden bei sich, einen j�ngeren Typen, nur ein paar Jahre �lter als Devil. Ein Streber, die Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden, mit heller Haut und mit Brille, mit d�nnen Armen und Beinen, der keinen Schlag landen k�nnte, wenn er es versuchen w�rde. Sie tranken Kaffee. In dem Raum stand jetzt ein Fernseher und sie zappten durch die Kan�le und sprachen leise miteinander. Devil sa� in der Ecke und beobachtete die beiden.</p><empty-line/><p>Pl�tzlich wandte sich Thomas an Devil. �Also, ich habe da einen Job f�r dich.�</p><empty-line/><p>Der Streber stellte den Fernseher aus und verlie� den Raum.</p><empty-line/><p>Devil starrte Thomas unverwandt an. �Ich tue, was Sie wollen, Mann.�</p><empty-line/><p>�Gut. Und hier ist etwas Geld. Damit solltest du �ber die Runden kommen.� Thomas zog einen Umschlag aus der Tasche und gab ihn Devil. Devil bl�tterte schnell die Scheine durch; er wusste, wie man ein B�ndel Banknoten nach Augenschein und Gewicht z�hlte.</p><empty-line/><p>Seine Augen blickten gierig. ��ne Million?�</p><empty-line/><p>Thomas nickte. �H�r genau zu, Devil. Du machst Folgendes ��</p><empty-line/><empty-line/><p>27</p><empty-line/><p>Linus sah sich erstaunt um. So etwas hatte er nicht erwartet. Das war � nun, er h�tte gesagt, unm�glich, wenn er nicht hier w�re und es mit eigenen Augen sehen w�rde.</p><empty-line/><p>Er ging auf den Bildschirm zu.</p><empty-line/><p>�Haben Sie eine Frage?�, meldete sich eine sanfte Frauenstimme, die sexy und entwaffnend zugleich war.</p><empty-line/><p>Linus hob eine Augenbraue. �Ich bin nicht sicher, ob du mir antworten wirst�, fl�sterte er.</p><empty-line/><p>�Probieren Sie es aus�, schlug der Computer vor.</p><empty-line/><p>Linus zuckte mit den Schultern. �Okay. Was bist du?�</p><empty-line/><p>�Ich bin ein G-4-Benning-8-Modell mit Software-Version 8.9 und einer Million Megabyte Datenspeicher�, antwortete der Computer.</p><empty-line/><p>Linus runzelte die Stirn. �Das ist unm�glich�, sagte er. Ihm schwirrte der Kopf, w�hrend er �berlegte, woran der Name Benning ihn erinnerte. �Ich habe noch nie von dir geh�rt. Und ich kenne mich aus mit Computern. Ich kenne jeden Computer, der jemals konzipiert oder erfunden wurde.�</p><empty-line/><p>�Ich w�rde das Gegenteil behaupten, denn was Sie sagen, ist unm�glich, da ich existiere und mit Ihnen spreche.�</p><empty-line/><p>�Dann kann man mit dir auch �ber Philosophie reden?�, fragte Linus.</p><empty-line/><p>��ber philosophische Denkweisen, ja, aber nur als Teil eines normalen Diskurses�, erkl�rte die Computerstimme. �F�r eine umfassendere philosophische Er�rterung empfehle ich Ihnen, die Philosophie-App der Alpha-Website herunterzuladen. Falls Sie es w�nschen, kann ich sie gleich herunterladen.�</p><empty-line/><p>�Nein�, sagte Linus schnell. �Das ist nicht n�tig.�</p><empty-line/><p>�Sie wirken nerv�s�, stellte der Computer fest. �Soll ich Musik spielen? Oder w�rden Sie eine optische Darstellung vorziehen? Vielleicht mit gr�nen Wiesen? Oder ist Ihnen das Meer lieber?� Auf dem Bildschirm erschienen mehrere Optionen. Linus starrte darauf und sch�ttelte den Kopf.</p><empty-line/><p>�Nein, keine Bilder�, sagte er entschlossen. �Aber verrate mir, wo du herkommst.�</p><empty-line/><p>�Von Alpha Ltd., 11189 East Street, Sacramento, USA.�</p><empty-line/><p>�Und wann bist du gebaut worden?�</p><empty-line/><p>�Im Januar 2053. Im Februar wurde ich verschifft. Streng geheimer Auftrag.� Es klang, als sei der Computer stolz auf sich.</p><empty-line/><p>Linus sch�ttelte den Kopf. �Das ist unm�glich�, sagte er wieder.</p><empty-line/><p>�Nicht unm�glich�, erwiderte die Computerstimme. �Im Gegenteil, ich kann gar nicht vor diesem Datum gebaut worden sein, da die neueste Chip-Technologie erst 2052 eingef�hrt wurde.�</p><empty-line/><p>�Aber es gibt die USA nicht mehr�, fl�sterte Linus. �Jedenfalls nicht so, wie es sie mal gegeben hat.�</p><empty-line/><p>�Nein�, sagte der Computer, �Sie sind �� Er z�gerte. �Wussten Sie, dass sich auf dem Korridor jemand auf Zehenspitzen diesem Raum n�hert, um Sie zu �berraschen?�</p><empty-line/><p>Linus hob eine Augenbraue. �Du bist wirklich klasse. Nur eine Person?�</p><empty-line/><p>�Nur der Nachtw�chter. Und danke.�</p><empty-line/><p>�Nichts zu danken.� Linus duckte sich und schlich zur T�r.</p><empty-line/><p>�Nein, gern geschehen�, sagte die Computerstimme.</p><empty-line/><p>�Okay, sei jetzt still�, zischte Linus, und der Bildschirm wurde schwarz. Linus zog eine Pistole aus der Tasche, pr�fte, ob sie geladen war, und machte sich bereit.</p><empty-line/><p>Die T�r ging auf. Linus packte den Wachmann, hielt ihm die Waffe an den Kopf und gebot ihm, still zu sein. Dann �ffnete er seine Tasche und holte eine Rolle Klebeband heraus. Innerhalb von ein paar Minuten hatte er den Wachmann an einen Stuhl gefesselt und ihm den Mund mit Klebeband zugeklebt. Zuletzt schob er den Stuhl mit dem Wachmann vor den Computer.</p><empty-line/><p>�Jetzt h�tten wir gern etwas mit Meerblick�, meinte Linus.</p><empty-line/><p>�Nat�rlich�, sagte die Computerstimme, und sofort erschien auf dem Schirm das Bild von einem sonnigen Strand, an den sanft die Wellen rollten.</p><empty-line/><p>�Noch eine letzte Bitte�, sagte Linus, nachdem er sich vergewissert hatte, dass es dem Wachmann trotz seiner Fesseln gut ging. �Der Patient in dem Krankenfl�gel. Stell die Medikation ein und gib ihm etwas, damit er wach wird.�</p><empty-line/><p>�Daf�r ist eine Genehmigung erforderlich�, erkl�rte der Computer. Linus ging zu dem Bildschirm, rief die Sicherheitsbestimmungen auf, gab den Code ein und suchte nach den n�tigen Informationen. Schlie�lich tippte er zufrieden l�chelnd das Passwort ein.</p><empty-line/><p>�Tust du es jetzt?�, fragte er. �Und wirst du auch s�mtliche T�ren des Krankenhauses aufschlie�en?�</p><empty-line/><p>�Fertig�, schnurrte der Computer.</p><empty-line/><p>�Danke�, sagte Linus mit einem Grinsen und ging zur T�r. �Sch�n, dich kennengelernt zu haben.� Linus warf einen letzten Blick auf den Computer, und dann schlich er sich auf den Korridor, bevor der Kollege des Wachmanns auftauchte.</p><empty-line/><empty-line/><p>28</p><empty-line/><p>Lucas wachte pl�tzlich auf und sah sich in dem Zimmer um. Es war steril, wei�, mit einem kleinen geschlossenen Fenster zum Korridor. Es gab einen Schrank und ein Waschbecken, und �ber ihm befand sich eine Art Apparat mit Schl�uchen, die mit seinem Handr�cken verbunden waren.</p><empty-line/><p>Und er war nicht tot.</p><empty-line/><p>Er f�hlte sich sogar sehr lebendig, er hatte so viel Energie wie seit Wochen oder Monaten nicht mehr.</p><empty-line/><p>Lucas sprang aus dem Bett, zog die verschiedenen Schl�uche aus seinem Handr�cken und fragte sich, warum er eigentlich so lange hier gelegen hatte. Es war so still, dass er annahm, es m�sse Nacht sein, obwohl das ohne Fenster unm�glich festzustellen war. Er schlich zur T�r, dr�ckte die Klinke herunter, und zu seiner �berraschung ging sie gleich auf. Das Zimmer f�hrte auf einen schwach beleuchteten Korridor hinaus. Alles war ruhig, nichts regte sich; keine Krankenschwestern zu sehen, keine Wachleute, kein Mr Weizman.</p><empty-line/><p>Lucas ging zur�ck in sein Zimmer, um nach etwas zu suchen, was er gebrauchen k�nnte. Er fand seine Kleider, sorgf�ltig zusammengelegt, in einem Schrank, eine Flasche Wasser und einen Beutel. Er stopfte die Sachen in den Beutel, zog seine Schuhe an und verlie� das Zimmer. Er schlich den Korridor entlang und beschleunigte den Schritt, als er die T�r vor sich sah, die, wie er annahm, nach drau�en f�hrte. Dann blieb er stehen, streckte z�gernd die Hand aus und zog die T�r einen Spaltbreit auf. Hier war es noch heller. Ein Treppenabsatz, eine Treppe, die hinauf-und hinunterf�hrte. Ein Fenster, das ihm sagte, dass er sich ein Stockwerk �ber dem Erdgeschoss befand. Lucas stieg die Treppe hinunter und ging auf eine andere T�r zu, die offensichtlich ins Freie f�hrte, weil er durch die Glasscheibe im Mondlicht einen Pfad erkennen konnte.</p><empty-line/><p>Lucas stellte sich innerlich darauf ein, dass die T�r verschlossen war. Er sagte sich, dass er ruhig bleiben und sich etwas �berlegen m�sste. Aber als er an dem T�rgriff zog, ging sie ganz leicht auf, wie die T�r zu seinem Zimmer. Es war fast so, als h�tten sie gewollt, dass er hier herauskam.</p><empty-line/><p>Lucas z�gerte. War das eine Falle? Einen Moment lang �berlegte er, ob er in sein Zimmer zur�ckgehen sollte. Aber eine Falle konnte auch nicht schlimmer sein als die Aussicht, in diesem Bett zu sterben. Warum sollten sie ihm eine Falle stellen, wenn sie ihn schon erwischt hatten? Wenn sie ihn umbringen wollten?</p><empty-line/><p>Leise schl�pfte er durch die T�r, warf einen Blick auf den Weg und auf die Zelte vor ihm und n�herte sich dann ganz vorsichtig der Begrenzungsmauer des Lagers. Die Mauer war gesichert, so viel stand fest, aber irgendwo musste es einen Durchgang geben, und er musste ihn unbedingt finden.</p><empty-line/><p>Eins war klar: Er musste zu Raffy. Linus glaubte vielleicht, dass Raffy in Sicherheit war, aber Linus hatte ihn von einem Felsvorsprung gesto�en. Linus hatte seine eigenen Pl�ne und daran w�rde sich auch nichts �ndern. Lucas� Aufgabe war es, seinen Bruder zu besch�tzen, so wie er es immer getan hatte.</p><empty-line/><p>Lucas erinnerte sich an den Tag, an dem Raffy geboren wurde, als w�re es gestern gewesen. Er dachte daran, wie verwundert er gewesen war �ber dieses kleine zerbrechliche Wesen mit dem dunklen Haarschopf, den dunklen Augen und dem zerknautschten, scheinbar knochenlosen Gesicht, das da zusammengerollt lag, vollkommen hilflos, und dessen einziger Schutz ein durchdringendes Geschrei war, das alles �bert�nte und das in n�chster Zeit das Hintergrundger�usch im Haus sein w�rde. Es war ihr Vater gewesen, der ihm, Lucas, Raffy gezeigt hatte, w�hrend ihre Mutter schlief.</p><empty-line/><p>�Das ist dein Bruder�, hatte er seinem f�nfj�hrigen Sohn mit ernster Miene erkl�rt. �Du musst auf ihn aufpassen.�</p><empty-line/><p>Lucas hatte seinen kleinen Bruder behutsam auf den Arm genommen und den winzigen K�rper fest an sich gedr�ckt. Im Nachhinein dachte Lucas, dass die Worte seines Vaters keine Bedeutung hatten und dass er damit nur Lucas das Gef�hl geben wollte, zu Raffys Leben dazuzugeh�ren. Aber Lucas hatte die Worte ernst genommen. W�hrend er auf das winzige B�ndel hinabblickte, gelobte er, seinen Bruder immer zu besch�tzen und auf ihn aufzupassen, so gut er konnte.</p><empty-line/><p>In Raffys ersten Lebensjahren hie� das nichts weiter, als dass Lucas nach ihm sehen, ihm die Regeln der Stadt beibringen und ihm aufhelfen musste, wenn er hinfiel. Aber als Raffy f�nf und Lucas gerade elf geworden war, wurde alles anders.</p><empty-line/><p>Die Nacht, als sein Vater zu ihm gekommen war, ihn aus dem Tiefschlaf gerissen und ihn aufgefordert hatte, ihm leise in sein Arbeitszimmer zu folgen, w�rde Lucas nie vergessen. Der Blick seines Vaters � voller Angst und voller Entschlossenheit � erf�llte ihn auch heute noch mit Trauer und Sehnsucht nach dem Mann, den er so geliebt hatte, und er war wild entschlossen, dessen Tod zu r�chen. Denn das, was sein Vater ihm erz�hlt hatte, hatte das Ende von Lucas� Kindheit bedeutet. Sein Vater hatte schreckliche Dinge �ber die Stadt herausgefunden, Dinge, die streng geheim gehalten wurden, und es war gef�hrlich, dar�ber Bescheid zu wissen. Er erkl�rte Lucas, dass die R�nge nicht durch das Streben nach dem Guten bestimmt w�rden, sondern durch das Streben nach Macht; dass er mit einem alten Kameraden au�erhalb der Stadt in Verbindung stehe, der ihnen helfen k�nnte.</p><empty-line/><p>Von da an war Lucas in eine andere Welt eingetaucht, in eine Welt voller Geheimnisse, voller Schatten, in der er nie wieder seine wahren Gef�hle zeigen konnte, au�er gegen�ber seinem Vater; in eine Welt, in der er rund um die Uhr arbeitete und von seinem Vater alles lernte, was dieser ihm beibringen konnte.</p><empty-line/><p>Und eines Tages kam sein Vater zu ihm und erz�hlte ihm, dass etwas passiert sei, etwas, das bald herauskommen w�rde, dass er zu einem K herabgestuft werde und dass er verschwinden m�sse. Die ganze Familie werde dieses Schicksal teilen, es sei denn, Lucas w�rde genau tun, was er ihm sagte: Er sollte ihn verraten und dem Bruder erz�hlen, dass sein Vater ein Verr�ter sei, bevor der Bruder herausfand, was passiert war. Auf diese Weise k�nnte Lucas die Familie besch�tzen, das Werk seines Vaters fortf�hren und weiter mit dessen Freund kommunizieren. Auf diese Weise h�tte die Stadt noch eine Chance.</p><empty-line/><p>Lucas wollte protestieren und seinem Vater sagen, dass er ihn nie verraten und dass er nie zulassen w�rde, dass ihm etwas passierte, aber er tat es nicht, weil er schon damals wusste, dass es keinen Sinn hatte. Er hatte bereits �ber die Folgen, die M�glichkeiten und die unterschiedlichen Ergebnisse nachgedacht und war zu dem Schluss gelangt, dass er keine andere Wahl hatte.</p><empty-line/><p>�Du musst die Wahrheit f�r dich behalten, bis die Zeit gekommen ist�, hatte sein Vater gesagt. �Du darfst es Raffy nie erz�hlen. Er wird dich hassen, weil du mich verraten hast, und du wirst damit leben m�ssen. Kannst du damit leben, mein Sohn?�</p><empty-line/><p>Lucas hatte genickt.</p><empty-line/><p>�Gut�, hatte sein Vater erwidert, und die Erleichterung war ihm anzusehen gewesen, Erleichterung gepaart mit Stolz und mit Liebe, und das gab Lucas die Kraft, nicht zu weinen. �Dann wollen wir ein letztes Mal Kaffee kochen.�</p><empty-line/><p>Eine Stunde sp�ter, nachdem Lucas die Stadtpolizei wegen verd�chtiger Ger�usche im Haus alarmiert hatte, war sein Vater weggebracht worden, und Lucas war nicht nur zum Besch�tzer seines Bruders, sondern auch zum Bewahrer des Verm�chtnisses seines Vaters geworden, von allem, wof�r dieser gek�mpft hatte.</p><empty-line/><p>Lucas blieb stehen und holte tief Atem. Vor ihm tauchte jetzt eine Mauer auf, und er duckte sich, weil er wusste, dass sie bewacht wurde. Zu seiner Rechten befand sich ein Tor. Ob er da durchk�me? Vielleicht, wenn er wartete, bis jemand hereinkam, ein Fahrzeug vielleicht � Aber da m�sste er unter Umst�nden die ganze Nacht oder eine ganze Woche warten.</p><empty-line/><p>Lucas hob einen Stein auf und warf ihn gegen das Tor, um zu sehen, was passierte. Zuerst war ein lautes Scheppern zu h�ren, und dann leuchtete eine Taschenlampe auf. Lucas wich zur�ck.</p><empty-line/><p>�Vorsicht. Es k�nnte sein, dass du jemanden getroffen hast.�</p><empty-line/><p>Beim Klang der vertrauten Stimme fuhr Lucas� Kopf herum. �Linus?� Ungl�ubig starrte Lucas auf die Gestalt, die auf ihn zukam. �Du bist hier? Warum? Warum bist du nicht gekommen und hast mich da rausgeholt?�</p><empty-line/><p>�Das war nicht n�tig�, meinte Linus achselzuckend. �Aber ich w�rde nicht versuchen, durch das Tor zu gehen. Wenn du da durchgehst, wirst du ger�stet. Ungelogen.�</p><empty-line/><p>Misstrauisch betrachtete Lucas das Tor.</p><empty-line/><p>�Danke�, sagte er. �Ich glaube dir.�</p><empty-line/><p>�Kein Problem�, meinte Linus. �Da entlang.�</p><empty-line/><empty-line/><p>29</p><empty-line/><p>Lucas �berlegte, ob er Linus Vorw�rfe machen sollte wegen dem, was er getan hatte, aber dann musste er sich eingestehen, dass es ihm eigentlich egal war. Sie verlie�en das Lager durch eine schmale Fu�g�ngerpforte, deren Code Linus zu kennen schien, und fuhren die ganze Nacht durch. Lucas f�hlte sich ausnahmsweise einmal nicht elend. Stattdessen bestaunte er die Landschaft, die an ihnen vorbeiraste, und h�rte Linus zu, der ihm von der Siedlung erz�hlte, in der Raffy und Evie jetzt lebten. Seltsamerweise spielte sein Magen diesmal nicht verr�ckt, als er ihren Namen h�rte; er musste sogar l�cheln bei dem Gedanken, Evie wiederzusehen.</p><empty-line/><p>�Ich f�hle mich gro�artig�, sagte er zu Linus gewandt, und seine Augen strahlten.</p><empty-line/><p>Linus grinste. �Dieser Computer hatte ganz gro�artige Drogen�, bemerkte er trocken, und als er Lucas� Gesichtsausdruck sah, musste er lachen. �Sie haben dich unter Drogen gesetzt, deshalb habe ich den Computer dazu gebracht, die Medikation einzustellen und dir ein Mittel zu geben, das dich wieder munter macht. Offenbar hat sie genau das Richtige getan. Genie� es, solange die Wirkung noch anh�lt.�</p><empty-line/><p>�Sie?� Lucas sah Linus neugierig an.</p><empty-line/><p>�O ja�, meinte Linus trocken. �Der Computer hatte eine tolle Stimme. Ich glaube, unter anderen Umst�nden h�tten wir uns prima verstanden.�</p><empty-line/><p>Der Wagen wurde langsamer und fuhr in eine von mehreren H�hlen. Lucas sah sich um. �Wo sind wir?�</p><empty-line/><p>�Im Norden�, erkl�rte Linus. �In den North Pennines. Zumindest hat man sie fr�her so genannt. Eine h�bsche Gegend zum Wandern. Mit vielen H�hlen.�</p><empty-line/><p>�Verstehe�, sagte Lucas. Linus stellte den Motor ab und sie waren in Dunkelheit geh�llt. �Du hast das alles geplant, oder?�</p><empty-line/><p>Linus holte eine Taschenlampe hervor, machte sie an und grinste. �So ungef�hr�, meinte er augenzwinkernd. �Bis zur Siedlung braucht man von hier aus zu Fu� etwa eine Stunde�, sagte er und �ffnete die Wagent�r. �Bist du okay?�</p><empty-line/><p>�Mir geht es ausgezeichnet�, betonte Lucas, sprang aus dem Wagen und folgte Linus hinaus in die Dunkelheit.</p><empty-line/><p>Mr Weizman starrte auf den Computerbildschirm, in das w�tende Gesicht seines Chefs.</p><empty-line/><p>�Nur damit ich Sie richtig verstehe. Sie hatten ihn? Er war im Lager und konnte fliehen?�</p><empty-line/><p>Mr Weizman nickte. Er hatte schon ein paarmal erkl�rt, dass es keinerlei Hinweise gegeben habe, dass der Gefangene aus der Stadt kam und dass noch jemand bei ihm war. Er sei au�erhalb der Begrenzungsmauer mit einer Kopfwunde aufgefunden und vorsichtshalber ins Lager gebracht worden. Nachdem er als �untauglich� eingestuft worden war, hatte Weizman angeordnet, die Behandlung abzubrechen. Die Flucht, der Partner, der sich Zugang zum Zentralrechner verschafft hatte � nichts hatte darauf hingedeutet.</p><empty-line/><p>Weizman war die Ereignisse mehrmals pers�nlich durchgegangen und hatte zwei Leute gefeuert. Aber das half ihm jetzt auch nichts.</p><empty-line/><p>Der Mann vor dem Computer stie� einen tiefen Seufzer aus und sch�ttelte m�de den Kopf.</p><empty-line/><p>�Sie erschweren mir die Sache ganz erheblich�, sagte er. �Wie Sie wissen, traue ich den Leuten durchaus etwas zu, aber sie kriegen es nie hin. Nie.� Er seufzte wieder. �Zum Gl�ck bin ich Ihnen und denen ein paar Schritte voraus. Zum Gl�ck wei� ich, wo sie hinwollen, und bin darauf vorbereitet. Aber lassen Sie sich das eine Lehre sein. Verstanden?�</p><empty-line/><p>�Ja, Sir�, sagte Mr Weizman.</p><empty-line/><p>Sein Boss stutzte, als w�re er �berrascht, ihn noch auf seinem Schirm zu sehen. �Ich bin fertig mit Ihnen �, erkl�rte er schroff, und der Bildschirm wurde dunkel.</p><empty-line/><p>Mr. Weizman drehte sich langsam um und verlie� das Zimmer. Er brauchte jetzt einen Drink.</p><empty-line/><empty-line/><p>30</p><empty-line/><p>Der Bruder schritt gem�chlich auf das Gemeinschaftshaus zu, wo neben Versammlungen auch die w�chentlichen Predigten stattfanden, von denen die B�rger der Stadt immer ganz begeistert waren. Als er an den Mitgliedern seiner Gemeinde vorbeiging, genoss er die bewundernden Blicke und das Raunen, das durch die Menge ging. Das war seine Gemeinde � schon immer. Er hatte ein Jahr in der Wildnis verbracht; man hatte ihm die Fl�gel gestutzt, und er hatte so tun m�ssen, als h�tte er seine Fehler eingesehen und als w�re er Lucas dankbar.</p><empty-line/><p>Dankbar? Er verachtete Lucas. Noch nie im Leben hatte er jemanden so gehasst. Lucas war ein Verr�ter, er manipulierte, und er war verschlossen, ein Verr�ter, der � Der Bruder sch�ttelte voller Abscheu den Kopf. Er konnte nicht einmal beschreiben, was aus Lucas geworden war. Lucas, der sich nach au�en so stark und kompromisslos gegeben hatte, war die ganze Zeit ein erb�rmlicher, wehleidiger Ideologe gewesen. Genau wie sein Vater.</p><empty-line/><p>Aber jetzt war er fort. Und falls er jemals versuchen sollte, zur�ckzukommen, w�rde es ihm noch leidtun. Er w�rde in der Stadt keinen Tag �berleben, wenn der Bruder mit ihm fertig war.</p><empty-line/><p>Vor dem Versammlungshaus blieb der Bruder kurz stehen und sah voller Freude an dem Geb�ude hinauf. Er war erleichtert, dass er wieder da war. Die Versammlungen waren seine Lieblingsveranstaltungen in der Stadt gewesen, die er mitgestaltet hatte. Die w�chentliche Versammlung hatte ihm eine Plattform geboten, eine M�glichkeit, alle daran zu erinnern, wie gl�cklich sie sich sch�tzen konnten und wie wichtig es war, sie vor dem B�sen zu sch�tzen, das sich nur allzu leicht ausbreitete, wenn es Gelegenheit dazu bekam. Alle hatten stets den ihrem Rang entsprechenden Platz eingenommen � ein �ffentliches Forum, wenn es darum ging, die verschiedenen Ranggruppen zu beobachten. Der Bruder hatte das geliebt: die ver�chtlichen Blicke der As, wenn sie die j�mmerliche Gruppe der Ds betrachteten; wie die Bs den Kopf hoch trugen, w�hrend sie neidische Blicke in Richtung der As warfen; und dann waren da die Cs, die sich an ihre Ehrbarkeit klammerten und so gro�e Angst hatten, zu Ds herabgestuft zu werden, dass sie diese kaum ansahen, um ihren Ruf nicht zu beflecken. Teile und herrsche � lautete so nicht eine Redensart? Und es stimmte. Schlicht und einfach.</p><empty-line/><p>Die Menschen wollten einen vorgegebenen Platz im Leben einnehmen und ihn sich nicht selbst aussuchen, wie Lucas das vorgesehen hatte. Zum Gl�ck hatte Lucas nicht den Mumm gehabt, die Stadt zu f�hren, und er war kl�glich gescheitert, sodass es f�r den Bruder ganz einfach war, alles wieder ins Lot zu bringen.</p><empty-line/><p>Der Bruder wusste nur zu gut, dass es nicht leicht war, ein Anf�hrer zu sein. Man musste Opfer bringen, es kostete Zeit und M�he. Man musste st�ndig auf der Hut sein, war st�ndig Gefahren ausgesetzt und musste sich st�ndig neue M�glichkeiten ausdenken, um die Menschen zu manipulieren, sie zu �berreden, zu begeistern und ihnen unterschwellig zu drohen. Der Bruder hatte schon vor vielen Jahren gelernt, dass die Menschen wie Schafe waren. Sie lie�en sich gern f�hren. Aber wenn man dabei nicht energisch genug war und nicht die absolute Kontrolle behielt, konnte es sein, dass ein Schaf aus der Herde ausscherte und andere ihm blind folgten.</p><empty-line/><p>Nat�rlich sah das nicht jeder so. Lucas war der Ansicht, dass die Menschen es begr��en w�rden, wenn er ihnen Freiheit bot, und dass sie ihn daf�r respektieren w�rden. Aber die Menschen wollten keine Freiheit, sie wollten Regeln und Vorschriften und eine Struktur. Warum h�tten sich die Menschen sonst so viele Jahre an die Religion klammern sollen? Warum h�tten Diktatoren sonst im Lauf der Geschichte so gro�en Erfolg gehabt? Die Menschen wollten keine Freiheit, sie wussten einfach nichts damit anzufangen. Sie wollten blo� den Schein von Freiheit; sie wollten ein Ger�st, das ihnen vorgab, wie sie sich zu verhalten hatten, in dem die B�sen bestraft wurden und das allen anderen das Gef�hl von Sicherheit gab, und im Gegenzug ignorierten sie s�mtliche Logikl�cken im System, s�mtliche Widerspr�che und s�mtliche unerfreulichen Fakten, mit denen sie sich nicht abgeben wollten. So hatte die Menschheit es schon immer gehalten und so w�rde es auch immer bleiben.</p><empty-line/><p>Der Bruder betrat das Versammlungshaus, schritt durch die Halle, begab sich hinauf zum Rednerpult und hob die H�nde in die H�he. Es wurde still im Saal.</p><empty-line/><p>�Meine Freunde, liebe Br�der und Schwestern�, begann der Bruder. �Es ist sch�n, euch alle hier zu sehen, wie immer. Lasst uns daf�r danken.�</p><empty-line/><p>Zuerst ging nur ein Raunen durch die Menge, dann wurde es immer lauter, bis die Menschen schlie�lich in tosenden Beifall ausbrachen. Der Bruder l�chelte, als alle f�nftausend Einwohner der Stadt die H�nde in die H�he streckten und ihm laut zujubelten.</p><empty-line/><p>�Bruder!�</p><empty-line/><p>�Willkommen zur�ck, Bruder!�</p><empty-line/><p>�Lasst uns daf�r danken!�</p><empty-line/><p>�Wir sind wieder sicher!�</p><empty-line/><p>Der Bruder lie� seine Gemeinde ein paar Minuten gew�hren und sonnte sich in der Verehrung, die die Menschen ihm entgegenbrachten. Dann hob er erneut die H�nde.</p><empty-line/><p>�Freunde�, sagte er nun mit ernster Stimme. �Freunde, ich bin ger�hrt von dem herzlichen Empfang und von eurer Begeisterung. Aber heute ist kein Tag zum Feiern. Heute ist ein Tag des Gedenkens an unsere Toten, an unsere Gefallenen. Wie ihr wisst, hat uns euer ehemaliger Anf�hrer Lucas vor Kurzem verlassen. Er ist einfach aus der Stadt geflohen, die sich sein Leben lang um ihn gek�mmert hat, und hat ein junges M�dchen mitgenommen. Clara, die letzte von den Verschwundenen. Wir wissen nicht, wo er sie hingebracht hat, und vielleicht wollen wir es auch gar nicht wissen. Denn als er ging, haben wir die Wahrheit herausgefunden � die Leichen vor der Stadtmauer, die �berreste der Verschwundenen. Lucas, liebe Br�der und Schwestern, ist f�r den Tod unserer jungen Leute verantwortlich. Lucas ist dem B�sen verfallen, Br�der und Schwestern, und es ist uns nicht gelungen, ihm zu helfen und das B�se zu besiegen. Wir haben ebenso gro�e Schuld auf uns geladen wie er. Aber jetzt m�ssen wir zusammenstehen, jetzt m�ssen wir uns einig sein in unserem Bestreben, das B�se von dieser Stadt fernzuhalten. Aber lasst uns zuerst danken f�r alles, was wir haben, f�r diese Stadt, f�r einander, f�r unser Essen und f�r die Arbeit, die unseren Geist wachh�lt und unseren K�rper stark macht.�</p><empty-line/><p>�Wir sagen alle Dank�, riefen alle voller Inbrunst.</p><empty-line/><p>Der Blick des Bruders fiel auf Claras Eltern. Die Augen noch immer blutunterlaufen, die H�nde ineinander verschlungen, klammerten sie sich aneinander, um sich gegenseitig Halt zu geben. Der Bruder l�chelte still vor sich hin.</p><empty-line/><p>�Lasst uns dieser gro�artigen Stadt danken.�</p><empty-line/><p>�Wir sagen alle Dank.� Die Stimmen waren jetzt lauter und eindringlicher.</p><empty-line/><p>�Und schlie�lich �� Der Bruder hielt inne, und sein Blick wanderte zu dem hinteren Teil des Saales, wo ein Mann sa�, umgeben von ehemaligen Ds, die noch immer ihren Platz kannten und denen es hoch anzurechnen war, dass sie es nicht wagten, sich neben As oder Bs zu setzen, wie sie es getan hatten, als Lucas die Leute zusammengerufen hatte. Der Mann nickte und der Bruder lie� sich zu einem schwachen L�cheln herab. �Und schlie�lich lasst uns dem System danken, das von den M�chten des B�sen abgeschaltet wurde, aber das wir so bald wie m�glich wiederherstellen werden, damit es uns besch�tzt und �ber uns wacht. Damit wir keines von unseren geliebten Kindern mehr verlieren. Damit wir vor dem B�sen gesch�tzt sind, das da drau�en umgeht und das sich auch in dieser Stadt ausbreiten wird, wenn wir nicht auf der Hut sind.�</p><empty-line/><p>�Wir sagen alle Dank.�</p><empty-line/><p>Der Bruder l�chelte. Alles w�rde gut werden. Alles war wieder so, wie es sein sollte.</p><empty-line/><empty-line/><p>31</p><empty-line/><p>Kaum hatte Raffy sich zum Mittagessen hingesetzt, wusste er, dass der Mann wieder da war. Noch war nichts von ihm zu sehen, aber Raffy hatte die besondere Gabe, auf die kleinsten Dinge zu achten: den ver�nderten Gesang der V�gel, ein unbestimmtes Rascheln in den Zweigen der B�ume, Dinge, die andere nicht bemerken w�rden, Dinge, die ihm sagten, dass er auf der Hut sein musste.</p><empty-line/><p>Raffy holte sein Sandwich heraus und begann zu essen, aber eigentlich wartete er. Und ein paar Minuten sp�ter erschien der Mann tats�chlich. Raffy sah ihn nachdenklich an. �Sie hatten recht�, sagte er mit ausdrucksloser Stimme.</p><empty-line/><p>�Ja�, erwiderte der Mann. Er setzte sich ein paar Meter von Raffy entfernt hin. �Das tut mir leid. Ich dachte nur, du solltest es wissen.�</p><empty-line/><p>�Es tut Ihnen nicht leid�, sagte Raffy, und mit seinen dunkelbraunen Augen sah er dem Fremden frech ins Gesicht. �Sie haben es mir aus einem bestimmten Grund gesagt, und ich nehme an, Sie sind jetzt hier, um mir den Grund zu nennen. Sie wollen etwas von mir. Was ist es?�</p><empty-line/><p>Der Mann l�chelte. �Dir entgeht fast nichts, oder?�</p><empty-line/><p>�Im Gegenteil�, meinte Raffy und blickte den Mann mit seinen gro�en braunen Augen an, die von den zerzausten Haaren halb verdeckt wurden. �Mir entgeht anscheinend eine ganze Menge. Erst durch Sie habe ich von der Uhr erfahren. Offenbar erfahre ich von vielen Dingen immer als Letzter. Also, warum sind Sie wirklich hier?�</p><empty-line/><p>�Meinst du mit den vielen Dingen deinen Bruder und die L�gen, die er dir die ganzen Jahre �ber aufgetischt hat?�</p><empty-line/><p>Raffy schwieg und biss in sein Sandwich, aber kurz darauf w�nschte er, er h�tte es nicht getan, denn er sp�rte, dass seine Kehle ganz ausgetrocknet war. Er hatte jetzt keine Lust zu essen und spuckte den letzten Bissen wieder aus.</p><empty-line/><p>�So schlimm?�, fragte der Mann. �Dann wirst du wahrscheinlich auch nicht erfreut sein, wenn ich dir sage, dass dein Bruder hierher unterwegs ist.�</p><empty-line/><p>Raffy sah j�h auf. �Was?�</p><empty-line/><p>Der Mann zuckte die Achseln. �Er will herkommen und dich mitnehmen. Dich und deine Freundin.�</p><empty-line/><p>Raffy verengte die Augen. �Wir gehen nirgendwohin�, sagte er mit leiser, drohender Stimme. �Lucas kann machen, was er will, aber ich bin fertig mit ihm.�</p><empty-line/><p>Der Mann verzog das Gesicht. �Sicher, Raffy. Aber kannst du das auch von Evie sagen? Jetzt, wo du von der Uhr wei�t?�</p><empty-line/><p>Raffy antwortete nicht; der Mann sollte nicht merken, dass er kochte vor Wut.</p><empty-line/><p>�Sie hat sich f�r mich entschieden, nicht f�r Lucas. Und sie wird sich immer f�r mich entscheiden�, sagte er schlie�lich und stand auf. �War�s das? Ich muss n�mlich wieder an die Arbeit.�</p><empty-line/><p>Der Mann nickte. �Du hast nicht gerade viel gegessen�, bemerkte er.</p><empty-line/><p>Raffy starrte ihn mit finsterem Blick an. �Ich habe keinen gro�en Hunger�, erwiderte er.</p><empty-line/><p>�Okay�, meinte der Mann mit einem L�cheln. �Du hast bestimmt recht. Wenn Lucas hierherkommt, wird Evie ihn wegschicken. Sie wird auf dich h�ren. Aber, und jetzt kommt ein gro�es Aber, wenn sie es nicht tut, wenn nicht alles ganz planm��ig l�uft, dann h�tte ich einen Vorschlag f�r dich.�</p><empty-line/><p>�Was f�r einen Vorschlag?�, fragte Raffy schroff. Seine Augen funkelten. �Wer sind Sie �berhaupt? Sie haben sich nie darum bem�ht, in die Siedlung aufgenommen zu werden. Ich habe mich erkundigt.�</p><empty-line/><p>Der Mann lachte. �Okay, du hast mich erwischt.� Er sah Raffy wachsam an und lehnte sich zur�ck. �Im Grunde genommen haben wir etwas gemeinsam. Du bist nicht gerade ein Freund von Lucas, und ich bin auch nicht zufrieden mit deinem Bruder und mit ein paar Dingen, die er getan hat. Ich denke, dass wir uns gegenseitig helfen k�nnten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass du besonders begeistert bist, dass er hierherkommt, um dich von dem Ort wegzuholen, an dem du zum ersten Mal in deinem Leben gl�cklich bist, und dass er dir Evie wegnehmen will. Sieh mal, ich glaube nicht, dass man Lucas vertrauen kann. Ich meine, das hat er in der Vergangenheit doch zur Gen�ge bewiesen, oder? Also, wie w�r�s, wenn du dich wieder hinsetzt und dir meinen Vorschlag anh�rst? Nur f�r den Fall, dass Evie die Dinge nicht so sieht wie du. H�r mich an, und dann entscheide, was du tun willst. Na, wie klingt das?�</p><empty-line/><p>Hoffnungsvoll sah er zu Raffy auf. Raffy holte tief Luft. Er mochte diesen Mann nicht. Er traute ihm nicht �ber den Weg. Aber mit der Uhr hatte er recht gehabt. Wenn er jetzt auch mit Lucas recht hatte � wenn Lucas tats�chlich hierher unterwegs war � Raffy atmete tief aus, setzte sich wieder und sah den Mann an. �Gut�, sagte er. �Erz�hlen Sie mir Ihren Plan. Aber ich kann Ihnen nichts versprechen.�</p><empty-line/><p>�Das erwarte ich auch nicht�, meinte der Mann l�chelnd und streckte Raffy die Hand hin. �Ich hei�e �brigens Thomas. Sch�n, dich kennenzulernen.�</p><empty-line/><p>�Hier sind sie?� Lucas betrachtete den gro�en Zaun vor ihnen, der so ganz anders war als die Stadtmauer. Anscheinend diente er nur als Grenzmarkierung und nicht dazu, Leute drau�en oder drinnen zu halten. �Hier leben sie jetzt?�</p><empty-line/><p>Linus nickte. �Warte hier�, sagte er. Sie waren nur ein paar Hundert Meter von der Umz�unung der Siedlung entfernt. Lucas beobachtete neugierig, wie Linus auf den Zaun zurannte, einen Moment wartete, dann offenbar etwas hin�berwarf und wieder zur�ckkam. Lucas fand Linus� Verhalten zwar ziemlich irritierend, aber im Moment konnte er diesen Mann nur bewundern, der doppelt so alt war wie er, aber anscheinend so fit und gelenkig wie ein Teenager, der alles zu wissen schien und der immer f�r eine �berraschung gut war. Lucas, der sein Leben lang Anordnungen befolgt hatte, wurde nicht schlau aus Linus, aber als er ihn nun zur�ckrennen sah, konnte er nur bewundernd den Kopf sch�tteln. Obwohl er nat�rlich keine Ahnung hatte, was Linus vorhatte. Denn Linus hatte ihm wieder einmal nichts gesagt.</p><empty-line/><p>�Na?�, fragte er, obwohl er eigentlich keine Antwort erwartete, zumindest keine befriedigende.</p><empty-line/><p>�Na?�, wiederholte Linus verwirrt.</p><empty-line/><p>�Was sollte das alles?�, fragte Lucas und versuchte, seinen �rger hinunterzuschlucken und daran zu denken, wie sehr er ihn bewunderte.</p><empty-line/><p>�Nur eine Nachricht f�r Benjamin�, erkl�rte Linus achselzuckend. �Das haben wir uns vor ein paar Jahren ausgedacht.�</p><empty-line/><p>�Wir? Du kennst Benjamin? Das hast du nie erw�hnt�, sagte Lucas.</p><empty-line/><p>�Ich kenne ihn gar nicht�, erwiderte Linus. �Aber vor langer Zeit, als wir die Stadt aufgebaut haben, dachte ich mir, es k�nnte vorausschauend sein, sich mit den F�hrern der verschiedenen Kulturen von ganz England zu treffen und einen Code, ein Nachrichtensystem oder so etwas �hnliches zu entwickeln.�</p><empty-line/><p>�Und?�, bohrte Lucas weiter, denn wenn er Linus nicht dazu ermunterte, w�rde der ihm nichts erz�hlen.</p><empty-line/><p>�Und ich habe ihm eine Nachricht hinterlassen, damit er wei�, dass wir kommen�, sagte Linus und machte ein verwirrtes Gesicht, als k�nnte er nicht verstehen, warum Lucas das alles nicht wusste � oder warum er es �berhaupt wissen wollte.</p><empty-line/><p>�Gut�, lenkte Lucas ein. �Und was jetzt?�</p><empty-line/><p>�Jetzt?� Linus sah sich um und hielt die Hand �ber die Augen, um sie vor der Sonne zu sch�tzen. �Jetzt suchen wir uns einen Platz, wo wir warten k�nnen, bis man uns hineinl�sst.� Und mit diesen Worten ging er davon. Lucas sah ihm eine Weile nach, stie� einen tiefen Seufzer aus und folgte ihm.</p><empty-line/><empty-line/><p>32</p><empty-line/><p>�Benjamin? Benjamin?� Benjamin schreckte hoch und einen Moment lang war er irgendwo anders. Einen Moment lang versetzte ihn der Klang von Sterns Stimme viele Jahre zur�ck in eine Gef�ngniszelle, eine Zelle, die sich die beiden M�nner manchmal dreiundzwanzig Stunden am Tag geteilt hatten, wo sie sich vorsichtig be�ugten, ab und zu ein paar Worte wechselten, sich gegenseitig taxierten und wo sie ausknobelten, wer wohl wen besiegen w�rde, wenn es so weit k�me, was eines Tages unweigerlich der Fall sein w�rde.</p><empty-line/><p>Drei Jahre lang hatten sie sich die Zelle geteilt, von den insgesamt zwanzig Jahren, zu denen Benjamin verurteilt worden war. Von dieser Zelle oder vom Freigel�nde aus hatten sie mitangesehen, wie um sie herum die Schreckenszeit losbrach. Als Benjamin verhaftet wurde, hatte sich die Gewalt in Bombenanschl�gen gegen Kirchen und Moscheen, in �bergriffen auf Schwulenparaden, in Stra�enschlachten ge�u�ert, und es herrschte �berall der Eindruck, dass das Chaos �berhandnahm, dass es nicht mehr aufzuhalten war und dass Polizei und Armee nur Fangen spielten.</p><empty-line/><p>Aber das war nur der Anfang gewesen. Das, erkannte Benjamin sp�ter, waren die guten alten Zeiten gewesen.</p><empty-line/><p>Er erinnerte sich noch genau daran, wie ihm klar wurde, dass die Schreckenszeit niemals ein gutes Ende nehmen w�rde und dass die Zerst�rung nicht aufzuhalten war, bis sie von selbst aufh�rte, bis nichts mehr �brig war, was zerst�rt werden konnte. Es war ein ganz normaler Tag im Gef�ngnis gewesen: K�chenarbeit am Morgen, anschlie�end Mittagessen, dann Freizeit am Nachmittag. Benjamin hatte sich f�r das Ausbildungsprogramm eingetragen. Er hatte bereits die mittlere Reife abgeschlossen und bereitete sich nun auf das Abitur vor. Der Unterricht war hier weitaus besser als in der Schule; es gab kleinere Klassen, und die Leute hier wollten wirklich etwas lernen, auch wenn sie ab und zu frustriert waren und dieser Frust sich in Gewalt entlud, auch wenn manchmal die Wachen gerufen und Gefangene weggeschafft werden mussten, weil sie den Lehrer mit dem Messer bedroht hatten, weil er oder sie eine Arbeit rot durchgestrichen hatte. Benjamin hatte das Gef�hl, dass er endlich etwas aus sich machte; dass er endlich erkannte, wer er war und was vielleicht aus ihm werden k�nnte.</p><empty-line/><p>Damals war die Armee bereits auf den Stra�en in England und in gro�en Teilen von Europa pr�sent. Haupts�chlich wegen der Unruhen. Ursache f�r die Ausschreitungen war die Lebensmittelknappheit, die sich durch die Unruhen noch versch�rfte, weil die H�lfte der Stra�en gesperrt war und weil jedes Fahrzeug, das die Grenze passierte, mehrmals durchsucht werden musste. Und wer wollte schon etwas in dieses gottverdammte Land bringen? Selbst die Mitarbeiter von Hilfsorganisationen luden die Lebensmittel an der Grenze ab und kehrten sofort wieder nach Hause zur�ck. Alle, die genug Geld hatten, hatten das Land bereits verlassen. Zur�ck blieben nur eine Handvoll �rzte und Manager; diejenigen, die sich weigerten zu gehen, und diejenigen, die nicht weggehen konnten; die Terroristen, die sich gegenseitig umbrachten, und die randalierenden hungrigen Massen, die damit begonnen hatten, ganze St�dte niederzubrennen. Und je schlimmer es wurde, desto weniger Nahrungsmittel konnten geliefert und verteilt werden. Es war ein Teufelskreis. Benjamin beobachtete das alles von einer relativ sicheren Warte aus, verfolgte die Nachrichten im Fernsehen und warf seinen Mitgefangenen einen strengen Blick zu, wenn sie ihm dabei im Weg waren oder zu viel L�rm machten. Einmal hatte die Regierung sogar in Erw�gung gezogen, s�mtliche Gefangenen freizulassen, um deren Unterhaltskosten zu sparen. Allerdings wurde der Plan wieder verworfen, da es unvern�nftig gewesen w�re, noch zus�tzlich Tausende von hartgesottenen Kriminellen auf die Stra�e zu lassen und die Stimmung noch mehr aufzuheizen. Und somit waren die Gef�ngnisse neben den Krankenh�usern und den Pflegeheimen die letzten Bastionen menschlicher Zivilisation, die bei der Nahrungsverteilung vorrangig behandelt wurden und die so sicher waren, dass viele Gef�ngnisbeamte mittlerweile auf den Korridoren schliefen und ihre Familie mitbrachten, um sie vor den Gefahren und vor den Randalierern da drau�en in Sicherheit zu bringen.</p><empty-line/><p>Benjamin hatte schon ein paar Jahre im Gef�ngnis verbracht und sich in einer ganzen Reihe von Auseinandersetzungen bew�hrt. Er war sozusagen Teil des Establishments. Keiner wollte sich mit ihm anlegen. Und die meisten Gefangenen wollten alles �ber die Verw�stungen erfahren, denn schlie�lich war es ihre Welt, die da zerst�rt wurde, auch wenn sie jetzt nicht unmittelbar davon betroffen waren. Aber ihre Familien wurden get�tet, von Terroristen, von Aufst�ndischen, von Polizei oder Armee, die versuchten, die Ordnung aufrechtzuerhalten. Woche f�r Woche kamen neue schlechte Nachrichten, und so mancher Schrank ging durch w�tende F�uste zu Bruch.</p><empty-line/><p>Die Lage war schlimm, Benjamin wusste das nur zu gut. Aber an jenem Tag wurde ihm erst richtig bewusst, wie schlimm es war. An dem Tag begann er, den Sinn seiner harten Arbeit und der bestandenen Pr�fungen in Zweifel zu ziehen. Weil er pl�tzlich erkannte, dass es sich nicht um ein kleines, �rtlich begrenztes Feuer handelte, das schnell gel�scht werden konnte, sondern um einen riesigen Waldbrand, der so lange w�ten w�rde, bis nichts mehr �brig war. Und ihm war klar, dass alle, die dem Feuer im Weg waren, sterben w�rden, es war nur eine Frage der Zeit. Es war klar, dass es zu Ende ging, es fragte sich nur, auf welche Weise: ob alle starben oder ob ein paar Menschen �brig blieben und ob es unter mehr oder weniger gro�en Qualen vor sich gehen w�rde.</p><empty-line/><p>Es war nur ein Interview gewesen. Das �bliche Interview mit dem Premierminister nach einem traumatischen Ereignis, in dem er die j�ngsten Gr�ueltaten verurteilte und wo er erkl�rte, dass die V�lker der Welt solche Dinge nicht l�nger hinnehmen w�rden, dass das gemeine Volk den Kampf gegen diese Terroristen, diese Vandalen, diese M�rder aufnehmen w�rde, dass er auf der Seite des gemeinen Volkes stehe und dass er mehr Polizei und mehr Panzer auf die Stra�en schicken werde. Die Reporterin hatte nur mit halbem Ohr zugeh�rt, war ihm ins Wort gefallen und hatte erkl�rt, dass es noch eine weitere Stellungnahme gebe. Ein gewisser Pastor Hunt meldete sich zu Wort, und w�hrend er redete, bemerkte Benjamin, dass er das alles schon einmal geh�rt hatte, dass er die Predigt Wort f�r Wort kannte. Und als er genauer hinsah, entdeckte er das �I�-Abzeichen an dessen Revers. Als die Kamera zu der Reporterin zur�ckschwenkte, sah er, dass auch sie ein Abzeichen trug. In dem Moment war ihm klar geworden, dass es keine Hoffnung mehr gab, kein Zur�ck.</p><empty-line/><p>W�hrend Benjamin sich ruhig das Interview ansah, hatte er gesp�rt, wie sich etwas in ihm ver�nderte, und auf einmal kam ihm die Erleuchtung. Er hatte das alles so satt � diese Wut, diese Gewalt �, das alles war wie eine Krankheit, die so weit fortgeschritten war, dass sie nicht mehr geheilt werden konnte. Benjamin schwor sich, dass, wenn er �berlebte, wenn alles vorbei war, wenn das Feuer die Welt verw�stet hatte, er es besser machen w�rde. Er w�rde irgendwo, irgendwann einen besseren Ort schaffen, wo keine Gewalt mehr herrschte, wo die Menschen ohne Angst vor �bergriffen frei ihre Meinung �u�ern konnten, wo man ihnen zuh�rte, sie ermutigte und f�rderte. Einen Ort, an dem er die F�hrung �bernehmen w�rde, aber nicht an der Spitze, um den Leuten zu sagen, was sie tun sollten, sondern mitten unter ihnen.</p><empty-line/><p>Benjamin h�tte nie gedacht, dass sein Traum einmal Wirklichkeit werden w�rde, weil er �berzeugt war, dass er angesichts der Zerst�rung nicht mehr so lange leben w�rde. Aber an diesem Tag ging er gleich nach den Nachrichten zur�ck in seine Zelle, baute sich vor Stern auf, sah ihm direkt in die Augen und sagte etwas, was er bis heute nicht vergessen hatte. �Schlag mich, wenn du willst. Bringen wir es hinter uns. Das ist deine letzte Chance. Wenn du mir �berlegen sein willst, musst du mich t�ten. Und wenn nicht, wirst du tun, was ich sage. Und ich sage, dass es keine K�mpfe, keine Gewalt mehr geben soll. Ich habe das alles satt. Ich sch�me mich. Wir k�nnen entweder hier warten, bis alles vorbei ist, wir k�nnen uns in St�cke rei�en wie wilde Tiere, oder wir k�nnen St�rke zeigen. Ich will stark sein. Ich will etwas Gutes schaffen. Ich will etwas Neues, etwas Besseres aufbauen. Also, schlag mich jetzt, oder hilf mir, etwas aufzubauen. Du hast die Wahl.�</p><empty-line/><p>Dann hatte er darauf gewartet, dass Stern seinen Schlag landete. Aber er tat es nicht. Stattdessen hatte er Benjamin die Hand hingestreckt. Er habe gerade erfahren, sagte er, dass sein Sohn tot sei. Er war das Einzige gewesen, was seinem Leben einen Sinn gegeben hatte. Sein Sohn war erst drei gewesen. Er hatte sich gerade vor einem Restaurant aufgehalten, als dieses in die Luft flog, und war durch herumfliegende Glassplitter lebensgef�hrlich verletzt worden. Er war zu sp�t in das �berf�llte Krankenhaus gebracht und von den wenigen, v�llig ersch�pften und �berarbeiteten �rzten zu sp�t behandelt worden. Und jetzt war er tot.</p><empty-line/><p>Benjamin erinnerte sich an all das, als w�re es gestern gewesen, und doch schien es schon eine Ewigkeit her zu sein, so als w�re es nicht in seinem eigenen Leben passiert, sondern im Leben eines anderen, den er fr�her einmal gekannt hatte. Er �ffnete das Fenster, trat hinaus in den Sonnenschein und atmete tief durch. Es war gut, noch am Leben zu sein, dachte er bei sich. Gut, zu diesem Ort des Wachstums, der Akzeptanz und des Neuanfangs zu geh�ren. Jeder brauchte manchmal einen Neuanfang. Jeder hatte eine zweite Chance verdient.</p><empty-line/><p>Benjamin ging ins Zentrum der Siedlung, vorbei an den Handwerkern, die M�bel f�r die st�ndig wachsende Bev�lkerung herstellten, vorbei an den B�ckern, vorbei an der grasbedeckten Anh�he, wo kleine Kinder spielten. Auf einmal blieb er stehen, denn aus der N�herei kam ein neues Mitglied der Siedlung in einem langen wei�en Kleid, das ungef�hr drei Nummern zu gro� war. Benjamin l�chelte, als er die Frauen um das junge M�dchen herumt�nzeln sah und wie Sandra das Kleid hier und da absteckte, damit es Evie mit ihrer zierlichen Figur passte.</p><empty-line/><p>Als Evie aufblickte und ihn sah, musste Benjamin seine Tagtr�ume unterbrechen. Er ging auf sie zu und meinte: �Evie, du wirst eine wundersch�ne Braut abgeben. Und eine wundervolle B�rgerin.�</p><empty-line/><p>Evie l�chelte, aber Benjamin bemerkte, dass ihr L�cheln nicht von Herzen kam.</p><empty-line/><p>�Danke�, sagte sie und wandte sich dann an Sandra. �Ich sollte es jetzt ausziehen.�</p><empty-line/><p>�Noch nicht�, schimpfte Sandra. �Ich muss es noch fertig abstecken. Du wirst immer d�nner, Evie. Und du hast dich nicht genug gedreht. Wir wollen, dass du dich noch ein paarmal drehst, nicht wahr, M�dels?�</p><empty-line/><p>Die Frauen lachten und feuerten Evie an, und Evie drehte sich noch zweimal. Aber Benjamin fiel auf, dass sie nicht mit dem Herzen dabei war.</p><empty-line/><p>�Ich mache euch einen Vorschlag�, sagte er. �Du steckst das Kleid fertig ab, Sandra, und anschlie�end gehen Evie und ich zum Mittagessen. Wie klingt das?�</p><empty-line/><p>Sandra nickte kurz und steckte in aller Eile das Kleid ab, bevor sie Evie in die N�herei zur�ckscheuchte. Sekunden sp�ter erschien Evie in ihrer normalen Kleidung und sah mit ernstem Gesicht zu Benjamin auf. So war das bei Benjamin; er machte einen Vorschlag, und noch bevor er dar�ber nachgedacht hatte, ob er gut war, war er auch schon ausgef�hrt. So etwas konnte einem schon zu Kopf steigen und einen berauschen. Benjamin wusste das nur allzu gut. Aber ihm war auch bewusst, dass die Macht, die er hatte, auch eine gro�e Verpflichtung gegen�ber den Menschen war. Sie waren keine Schafe, die ihm bedingungslos folgten, sondern er diente ihnen, denn ihnen hatte er alles zu verdanken.</p><empty-line/><p>Evie sah zu ihm auf und die Angst war ihr ins Gesicht geschrieben. Benjamin l�chelte. �Also, gehen wir? Heute ist so ein herrlicher Tag, findest du nicht auch?�</p><empty-line/><p>�Ja, herrlich�, stimmte Evie zu.</p><empty-line/><p>�Und bald wirst du ein Mitglied unserer Gemeinschaft sein. Macht dich das gl�cklich, Evie?�</p><empty-line/><p>Sie nickte eifrig. �Sehr gl�cklich�, sagte sie. Ihre Augen sahen �beranstrengt aus.</p><empty-line/><p>�Aber trotzdem hast du Angst. Hat deine Angst mit diesem Ort zu tun, oder geht es eher um die Liebe, um deine pers�nliche Verpflichtung?�</p><empty-line/><p>Als er sah, wie Evies Blick sich verfinsterte, wusste er sofort, dass er den Nagel auf den Kopf getroffen hatte.</p><empty-line/><p>�Ich habe keine Angst�, sagte Evie rasch. �Ich bin hier so gl�cklich, Benjamin. Ich habe wirklich Gl�ck gehabt und ich wei� das. Wir beide wissen das. Raffy tut es wirklich aufrichtig leid, was er getan hat. Und im Grunde war es wohl meine Schuld. Nehmen Sie es ihm bitte nicht �bel. Neil meinte, es ist okay. Er hat es verstanden. Bitte, denken Sie nicht, Raffy � Er meint es nicht so. Er versucht nur �� Evie verstummte, und Benjamin erkannte den Zwiespalt, in dem sie steckte: Einerseits wollte sie ihn sch�tzen, und andererseits war sie entt�uscht von ihm.</p><empty-line/><p>Benjamin nickte bed�chtig. Dann blieb er stehen und sofort hielt auch Evie inne.</p><empty-line/><p>�Die Liebe ist eine komplizierte Angelegenheit�, sagte er. �Wir k�nnen auf ganz verschiedene Weise lieben. Wir k�nnen unser Land lieben, unsere Eltern. Wir k�nnen uns verlieben und wieder trennen.� Er holte tief Luft. �Aber die Liebe sollte uns nie Angst machen oder uns erdr�cken. Wir sind nicht verantwortlich f�reinander, verstehst du?�</p><empty-line/><p>Evie biss sich auf die Lippen. �Ich � ich glaube schon. Aber ich liebe Raffy. Ich liebe ihn wirklich.�</p><empty-line/><p>Benjamin l�chelte. �Gut. Und keine Angst wegen der Hochzeit. Ich glaube, jeder hat Lampenfieber in so einer Situation. Ah, da ist ja Raffy. Na, auch schon nerv�s vor dem gro�en Tag?�</p><empty-line/><p>Evie fuhr herum. Sie hatte nicht bemerkt, dass Raffy auf sie zukam. �Nerv�s? �berhaupt nicht�, sagte Raffy sofort, und seine Stimme klang etwas gereizt. �Ich w�nschte, die Hochzeit w�re schon heute. Und Evie auch. Nicht wahr, Evie?�</p><empty-line/><p>Raffy sah sie forschend an, und Evie nickte. �Nat�rlich�, sagte sie. �Nat�rlich.�</p><empty-line/><p>�Sch�n.� Benjamin l�chelte und warf noch einmal einen Blick auf Evie. Dann machte er sich auf den Heimweg. Bestimmt stand das Essen schon auf dem Schreibtisch, wie jeden Mittag. Doch unterwegs entdeckte er etwas, was er viele Jahre nicht mehr gesehen hatte und von dem er nicht gedacht h�tte, dass er es jemals wiedersehen w�rde. Das Mittagessen musste warten. Es konnte zuf�llig hierhergekommen sein, vielleicht hatte der Wind es hierher geweht. Aber Benjamin wusste, dass es nicht so war. Es war alt, schmutzig und hatte mehrere L�cher. Bei dem Stofffetzen, der da vor ihm auf dem Weg lag, handelte es sich zweifellos um ein rotes seidenes Taschentuch. Und das konnte nur eines bedeuten.</p><empty-line/><p>�Was hat er zu dir gesagt?�, fuhr Raffy Evie an, kaum dass Benjamin au�er H�rweite war, und packte sie am Handgelenk.</p><empty-line/><p>Evie sah ihn misstrauisch an. So hatte sie ihn noch nie erlebt. Nach dem Vorfall mit Neil hatte es so ausgesehen, als t�te ihm die ganze Sache aufrichtig leid und als h�tte er tats�chlich vor, sich zu �ndern. Ein paar Tage lang war er ein ganz anderer Mensch gewesen � vielleicht etwas zu sehr auf die Arbeit konzentriert, aber ungezwungen im Umgang mit ihr, hilfsbereit, fr�hlich; keine w�tenden Blicke, wenn sie sich mit anderen Leuten unterhielt, keine vorwurfsvollen Blicke, wenn sie abends vom Unterricht nach Hause kam. Und dann war er pl�tzlich wieder r�ckf�llig geworden, nur diesmal war es noch schlimmer, diesmal explodierte er schon bei der geringsten Kleinigkeit und fuhr aus der Haut und war nicht mehr zu beruhigen. �Er hat mit mir �ber die Hochzeit gesprochen�, sagte Evie. �Er hat gesagt, was f�r ein herrlicher Tag heute ist und dass die Liebe eine Himmelsmacht w�re.�</p><empty-line/><p>Raffy nickte und biss sich auf die Lippen. �Und, bist du seiner Meinung? Hast du ihm gesagt, dass du seiner Meinung bist?�</p><empty-line/><p>�Ich denke schon. Ich wei� nicht recht. Raffy, du tust mir weh.�</p><empty-line/><p>Doch Raffy lie� sie nicht los, sondern packte noch fester zu. �Du liebst mich doch, oder?�, fragte er. �Ich meine, wir sind doch gl�cklich, oder? Wir beide? Es gab doch immer nur uns beide, oder? Und wir sind gl�cklich. Wir werden heiraten. Das wollten wir doch immer, oder?� Raffy sah sie aufmerksam an und sein schmachtender Blick durchbohrte sie. Sie sah den Schmerz und die Furcht in seinen Augen, aber sie wusste nicht, was sie sagen sollte und warum er das tat.</p><empty-line/><p>�Evie, bist du okay, meine Liebe?� Es war Sandra. Sie kam auf Evie zu. Raffy lockerte den Griff, und Evie rang sich ein L�cheln ab.</p><empty-line/><p>�Ja, alles okay�, sagte sie.</p><empty-line/><p>�Ich wollte nur wissen, wie das Kleid aussieht�, meinte Raffy leichthin.</p><empty-line/><p>�Sag es ihm blo� nicht!�, scherzte Sandra. �Aber sie wird einfach umwerfend aussehen!� Sie l�chelte beide an und ging davon.</p><empty-line/><p>Evie blickte Raffy an. Seine Augen gl�hten vor Wut.</p><empty-line/><p>�Raffy, ich wei� nicht, was mit dir los ist. Nat�rlich werden wir heiraten. Nat�rlich sind wir gl�cklich ��</p><empty-line/><p>Evies Augen f�llten sich mit Tr�nen, und sie versuchte, sie zu unterdr�cken, aber Raffy hatte sie schon bemerkt und wischte sie sanft mit den Daumen fort.</p><empty-line/><p>�Ich wei�, es tut mir leid�, sagte er pl�tzlich. Die Wut verschwand aus seinem Gesicht, und er zeigte Bedauern und Reue. �Ich liebe dich einfach so sehr�, sagte er, beugte sich �ber sie, k�sste sie, nahm ihr Gesicht in beide H�nde und strich ihr mit den Daumen �ber die Wangen. �Ein Leben lang haben sie versucht, dich mir wegzunehmen. Aber das lasse ich nicht zu. Ich w�rde eher jemanden t�ten, als zuzulassen, dass man dich mir wegnimmt. Ganz gleich, wer es ist. Das wei�t du doch, oder?� Raffy blickte sie so eindringlich, so leidenschaftlich an, dass Evie in ihm wieder den Zigeunerjungen sah, den sie fast ihr ganzes Leben lang geliebt hatte, aber sie sah auch den Jungen, der sie f�r sich haben wollte, der ihr nicht vertraute und der ihr nie ihre Freiheit lassen w�rde.</p><empty-line/><p>�Ich wei߫, sagte Evie, und sie hatte ein flaues Gef�hl im Magen. Aber sie dr�ngte es weg, weil sie wusste, dass er die Wahrheit sagte und dass sie nichts dagegen tun konnte.</p><empty-line/><empty-line/><p>33</p><empty-line/><p>Lucas erblickte Evie in der Ferne und rang unwillk�rlich nach Luft.</p><empty-line/><p>�Was ist? Was hast du gesehen?�, fragte Linus.</p><empty-line/><p>Er und Lucas hockten schon seit Stunden auf einem Laubbaum ein paar Hundert Meter von der Siedlung entfernt, beobachteten abwechselnd das Tor und warteten auf die Spitzel. Mit dem Fernglas konnte Lucas die ganze Siedlung �berblicken und dabei hatte er Evie entdeckt.</p><empty-line/><p>�Nichts�, erwiderte er rasch. �Da war nur � ein Vogel, der in meine Richtung geflogen ist.�</p><empty-line/><p>Linus hob eine Augenbraue, nahm das Fernglas und richtete es auf die Siedlung. Dann zog er beide Augenbrauen hoch; offenbar hatte er dasselbe gesehen wie Lucas. �Ein Vogel, sagst du? Ein ziemlich gro�er Vogel, w�rde ich meinen.�</p><empty-line/><p>Lucas atmete tief aus und lehnte sich gegen den Stamm des Baumes, wo er sich auf einen Ast gesetzt hatte. Evie. Sie war da, so nah, dass er sie fast h�tte zu sich rufen k�nnen. Sie hatte gl�cklich ausgesehen. Nat�rlich war sie gl�cklich. Sie war ja bei Raffy. Er schloss die Augen, �ffnete sie aber gleich wieder. Er war so m�de, dass er auf der Stelle einschlafen w�rde, wenn er die Augen zumachte. Stattdessen legte er die Hand an die Stirn und sp�hte zur Siedlung hin�ber, als w�rde er dort eine Antwort finden. Dabei wusste er noch nicht einmal, wie die Frage lautete.</p><empty-line/><p>Er sollte nicht hier sein, das wurde ihm mit einem Mal klar. Es war ein Fehler gewesen, hierherzukommen. Das Ganze war ein gro�er Fehler.</p><empty-line/><p>Er sah zu Linus hin�ber. Es war fr�her Abend und es d�mmerte schon. �Du hast gesagt, hier seien sie sicher.�</p><empty-line/><p>�Ja�, sagte Linus.</p><empty-line/><p>�Vielleicht sollten wir sie hierlassen und lieber nach den Spitzeln suchen. Die beiden sind hier gl�cklich. Das z�hlt doch auch.�</p><empty-line/><p>Linus machte ein nachdenkliches Gesicht und legte das Fernglas weg.</p><empty-line/><p>�Schon, aber ich glaube, die Torpfosten haben sich etwas verschoben.�</p><empty-line/><p>�Wirklich?� Lucas zog die Augenbrauen hoch. �Aber wie?�</p><empty-line/><p>�Wie?� Linus atmete langsam aus. �Wie�, wiederholte er, mehr zu sich selbst. �Nun, zuerst einmal sind die Spitzel nicht so, wie ich gedacht habe. Ich meine, in mancher Hinsicht schon, aber in mancher Hinsicht auch wieder nicht ��</p><empty-line/><p>Linus verstummte, und Lucas sah ihn ungeduldig an. �Was soll das? Linus, bitte, hier geht es um Menschenleben. Red keinen solchen Schei�. Wenn du was zu sagen hast, dann sag es.�</p><empty-line/><p>Linus� Augen weiteten sich vor Erstaunen. �War es das, was du loswerden wolltest?�, fragte er mit einem Anflug von Sarkasmus in der Stimme. Dann lie� er den Kopf in den Nacken fallen. �Ehrlich gesagt, Lucas, wei� ich es nicht.�</p><empty-line/><p>�Was wei�t du nicht?�</p><empty-line/><p>�Keine Ahnung�, meinte Linus kopfsch�ttelnd. �Ihre Technologie. Diese Perfektion. Hier handelt es sich nicht um irgendeine Gruppe von �berlebenden, die sich gutes Material geschnappt haben, bevor in der Schreckenszeit alles zerst�rt wurde. Das geht viel weiter. Die Informationen, die sie haben. Das �� Er verzog das Gesicht. �Das l�sst die Dinge in einem anderen Licht erscheinen�, sagte er nach kurzem Z�gern. �Ich sehe mich veranlasst, meine fr�here Annahme zu �berdenken, dass Raffy dort, wo er jetzt ist, sicher ist. Dass alles so einfach ist, wie ich dachte. Sie haben Bomben, Lucas. Sie haben Waffen, wie sie nicht einmal w�hrend der Schreckenszeit erfunden wurden. Was f�ngt eine Gruppe �berlebender mit solchen Bomben an? Wen wollen sie damit angreifen?�</p><empty-line/><p>Lucas musste das alles erst einmal verdauen. �Wir m�ssen Raffy und Evie da rausholen�, sagte er.</p><empty-line/><p>�Noch nicht�, sagte Linus vorsichtig.</p><empty-line/><p>Lucas rutschte unruhig auf seinem Ast hin und her. �Willst du mir auch verraten, warum? Innerhalb von f�nf Minuten kann ich �ber den Zaun klettern und die beiden holen. Worauf warten wir noch?�</p><empty-line/><p>�Wir warten auf die Spitzel. Weil sie uns gefolgt sind, seit wir ihr Lager verlassen haben.�</p><empty-line/><p>Lucas starrte Linus w�tend an. �Ist das dein Ernst? Wir haben sie hierher gef�hrt? Ausgerechnet zu den Menschen, die wir besch�tzen wollen?�</p><empty-line/><p>Linus sch�ttelte den Kopf. �Sie haben immer gewusst, wo Raffy ist�, sagte er ruhig. �Sie wissen alles. Genau das versuche ich dir ja zu erkl�ren. Dieses Computersystem � So etwas habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen.�</p><empty-line/><p>�Warum sind sie uns �berhaupt gefolgt? Clara hat gesagt, sie wollen Raffy.�</p><empty-line/><p>Linus zuckte erneut die Achseln. �Ich habe nicht auf alles eine Antwort�, sagte er schroff. �Aber ich habe Fragen. Zum Beispiel: Warum ist Clara nicht gestorben? Warum sind die Spitzel hinter uns her? Was wollen sie wirklich? Diese ganze Sache ist viel komplexer, als wir denken. Es ist wie ein Spiel. Ich wei� nur noch nicht, um was oder mit wem wir spielen.� Er hob das Fernglas wieder an die Augen. �Okay, ich glaube, es ist Zeit, dass wir gehen. Schau mal.�</p><empty-line/><p>Linus reichte Lucas das Fernglas, und dieser richtete es auf die Absperrung, die die Siedlung von dem umliegenden �dland trennte. Der schwache Zaun, �ber den Linus etwas geworfen hatte, ein Zaun, der fast bescheiden aussah und der auf Lucas dennoch wesentlich vertrauenerweckender wirkte als die hohe und gut bewachte Stadtmauer. Aber vor wem bewachen sie sie? Und vor was? Bestimmt nicht vor den Spitzeln. In der Ferne vernahm er ein Motorenger�usch. Und dann sah er es. Es war kein Auto, sondern ein kleiner Lieferwagen, der schnell auf die Siedlung zufuhr und dabei eine Staubfahne hinter sich her zog. �Sie sind da�, fl�sterte Linus mit kaum h�rbarer Stimme. �Sie sind da.�</p><empty-line/><p>Benjamin sa� ganz still da, eingeh�llt in einen Mantel des Schweigens. Das einzige Ger�usch war ein emsiges Summen, das durch das offene Fenster drang. Seine R�umlichkeiten waren sp�rlich eingerichtet und seine Kleidung war schlicht. Aber einen Luxus g�nnte er sich, den einzigen, der z�hlte. Frieden. Frieden und Ruhe. Ein paar Minuten am Tag ohne L�rm, ohne St�rungen, darauf bestand er. Zeit, um seine Gedanken zu ordnen, um zu planen, nachzudenken; Zeit, die Gedanken treiben zu lassen; Zeit, sich zu entspannen. Es hatte genug L�rm in seinem Leben gegeben. Einen ganz bestimmten L�rm, den er nie wieder h�ren wollte.</p><empty-line/><p>Benjamin holte tief Luft und atmete langsam und nachdenklich wieder aus. Eine wundervolle Sache, der menschliche K�rper, dachte er. So komplex und doch so simpel. Luft zum Atmen, Nahrung zum Essen, Kleidung und Obdach zum Schutz, ein freundliches Gesicht, eine Umarmung � Der Mensch strebte nach so vielem und brauchte doch eigentlich so wenig. Benjamin sah sich in dem Zimmer um, wie er es um diese Zeit immer so gern tat, und die Ruhe und die spartanische Einrichtung gefielen ihm ungemein.</p><empty-line/><p>Wieder atmete Benjamin langsam und vielsagend ein und aus, dann stand er auf und ging zum Fenster, einem gro�em Fenster mit Blick auf einen Innenhof. Auf der anderen Seite war Ackerland, das st�ndig bestellt wurde. Essen. Nahrung. Er hatte diese Aussicht ganz bewusst ausgew�hlt. Er wollte das Leben sehen, nicht den Tod; Hoffnung, nicht Zerst�rung.</p><empty-line/><p>Es klopfte an der T�r und er drehte sich um. �Herein.�</p><empty-line/><p>Es war Stern. �Benjamin, wir haben Besuch. Die Spitzel.�</p><empty-line/><p>�Die Spitzel?� Benjamin runzelte die Stirn. Er hatte zwar Besuch erwartet, aber nicht diesen. Andererseits hatte er im Leben gelernt, dass nur wenige Dinge vorhersehbar waren. �Wo sind sie?�</p><empty-line/><p>�Sie sind drau�en. Sie wollen mit dir sprechen.�</p><empty-line/><p>�Gib mir eine Minute�, sagte er. �Dann wollen wir sehen, warum sie gekommen sind.�</p><empty-line/><p>Benjamin wartete, bis Stern das Zimmer verlassen hatte. Dann schloss er die Augen und atmete tief die reinigende Luft ein, um sich mental vorzubereiten. Zuvor hatte ihn schon das Zeichen durcheinandergebracht. Es war schon so lange her, seit er es das letzte Mal gesehen hatte, dass er die Vereinbarung fast vergessen h�tte, die er vor Jahren getroffen hatte, als ein Fremder namens Linus, ein Mitbegr�nder der Stadt, ihn aufsuchte, fast wie ein Prophet aus der Bibel: Er war weise f�r sein Alter, seine Lehre bestand aus Geschichten, die Benjamin nicht recht zu deuten vermochte, aber er war ein guter Mensch. Benjamin hatte es ihm angesehen, und er wusste, dass man ihm vertrauen konnte. Und bevor er ging, hatten sie sich auf ein Zeichen geeinigt. Ein Zeichen, das sie auf Gefahren aufmerksam machen sollte und das nicht missachtet werden durfte. Und nun diese M�nner � Hatten die beiden etwas damit zu tun? Sie mussten etwas damit zu tun haben.</p><empty-line/><p>Benjamin wappnete sich, �ffnete die T�r und ging nach drau�en. Als er auf die M�nner zuging, bemerkte er, dass sie und ihr Fahrzeug sich gerade noch innerhalb der Umz�unung befanden. Sie suchten nicht Gastfreundschaft. Sie hatten nicht vor, l�nger zu bleiben als unbedingt n�tig. Das war vermutlich die gute Nachricht. Wahrscheinlich ging es um die Abwicklung eines Gesch�fts oder um einen gestiegenen Bedarf an Nahrungsmitteln. Benjamin fragte sich oft, ob Linus etwas mit diesen Forderungen zu tun hatte, aber insgeheim hoffte er, dass das nicht der Fall war.</p><empty-line/><p>Es waren drei M�nner. Einer von ihnen war elegant gekleidet, die beiden anderen trugen Kakihemden und Kakihosen. Den gut gekleideten Mann erkannte er wieder. Sie waren sich fr�her schon ein paarmal begegnet. Sechs Monate, nachdem Benjamin die Siedlung gegr�ndet hatte, war der Mann zu ihm gekommen und hatte ihm mit einem aalglatten L�cheln Schutz angeboten. Im Gegenzug verlangte er Nahrungsmittel. Abgaben an die Stadt; eine monatliche Lebensmittellieferung f�r die B�rger der Stadt.</p><empty-line/><p>Und Benjamin hatte zugestimmt, wof�r er sich ewig sch�men w�rde. Aber er hatte das K�mpfen satt und wollte nicht, dass noch mehr Menschen sterben mussten.</p><empty-line/><p>Benjamin nahm die beiden anderen M�nner genau unter die Lupe. Waren sie bewaffnet? Die Spitzel hatten immer behauptet, sie br�uchten keine Waffen.</p><empty-line/><p>Er nickte dem elegant gekleideten Mann zu, der nie seinen Namen preisgegeben hatte. �Ich hei�e Benjamin. Willkommen, Br�der�, sagte er und streckte die Hand aus. Die beiden M�nner in Kaki schwiegen.</p><empty-line/><p>�Sch�n, Sie zu sehen, Benjamin�, meinte der Mann im Anzug mit einem L�cheln. �Wir sind gekommen, um Sie um einen Gefallen zu bitten.�</p><empty-line/><p>Benjamin erwiderte das L�cheln nicht. Besuche von diesen M�nnern bedeuteten immer �rger. Entweder verlangte die Stadt von der Siedlung h�here Abgaben oder es gab irgendwelche Beschwerden. Benjamin w�rde den Bitten nachkommen. Sie w�rden h�rter arbeiten, mehr produzieren und alles tun, was n�tig war. Wie jede andere Gemeinschaft in diesem gottverdammten Land wusste Benjamin nur zu gut, dass die Spitzel zu m�chtig waren, als dass er ihre Forderungen ablehnen k�nnte. Wenn man ihnen bezahlte, was sie verlangten, behielt man seine Unabh�ngigkeit und den lang ersehnten Frieden. Benjamin hatte den Leuten in der Siedlung noch gar nicht gesagt, dass jeden Monat ein Viertel ihrer Erzeugnisse in die Stadt wanderte; es gen�gte, wenn die Spitzel den Transport �bernahmen, und es war viel besser, wenn die Menschen mit ihrem Schicksal zufrieden waren, als wenn sie einen Groll gegen eine weit entfernt liegende Stadt hegten. Verbitterung f�hrte zu Krieg, und einen Krieg wollte Benjamin nie wieder erleben.</p><empty-line/><p>�Einen Gefallen?� Benjamin h�rte, wie Stern sich hinter seinem R�cken r�usperte. Das war seine Art, Widerstand zu leisten und seine Unzufriedenheit zu zeigen. Aber Stern war nicht der Anf�hrer der Siedlung, er musste keine schwierigen Entscheidungen treffen. Bevor Benjamin zum ersten Mal Besuch von den Spitzeln bekommen hatte, hatte er von Siedlungen geh�rt, die niedergebrannt und deren Bewohner erschossen worden waren. Siedlungen, die f�r die Vorschl�ge der Spitzel nicht so empf�nglich gewesen waren, weil sie fanden, dass die Stadt schon genug hatte und nicht noch mehr br�uchte. Benjamin hatte von Anfang an gewusst, dass die Spitzel es ernst meinten. �Wir waren nicht darauf eingestellt, dass wir schon so bald wieder Besuch bekommen w�rden. Ich f�rchte, wir sind nicht vorbereitet.�</p><empty-line/><p>�Ich bin nicht hier, um etwas abzuholen�, sagte der Mann mit einem beruhigenden L�cheln. �Zumindest nicht das �bliche. K�nnten wir vielleicht drinnen weiterreden?�</p><empty-line/><p>Benjamin nickte bed�chtig und bereitete sich mental vor. Normalerweise betraten die Spitzel nie ein Geb�ude in der Siedlung; sie zogen es vor, nur kurz zu bleiben und gleich auf den Punkt zu kommen, und entfernten sich nur selten von ihrem Fahrzeug. Wenn sie bei Nacht die Lebensmittel abholten (und sie kamen immer nachts), �berpr�ften sie nur, ob alles in Ordnung war, und fuhren anschlie�end zur�ck zur Sammelstelle, wo die Waren auf Lkw verladen wurden.</p><empty-line/><p>Obwohl er sp�rte, wie sein Herz pochte, blieb sein Gesichtsausdruck unbewegt. �Nat�rlich�, sagte er, zeigte dem Mann den Weg und bedeutete Stern, mit den beiden anderen M�nnern drau�en zu warten. Sie betraten Benjamins R�umlichkeiten und der schloss die T�r. �Bitte, nehmen Sie Platz. Machen Sie es sich bequem.�</p><empty-line/><p>Doch der Mann setzte sich nicht. Er schaute sich im Zimmer um und dann sah er Benjamin in die Augen. �Benjamin, wir glauben, dass sich vor Kurzem zwei junge Leute Ihrer Gemeinschaft angeschlossen haben. Junge Leute, die aus der Stadt geflohen sind und die wir gern zur�ckhaben wollen. Sie werden vermisst. Deshalb sind wir gekommen. Ich w�rde es begr��en, wenn Sie sie sofort holen w�rden, damit wir sie nach Hause bringen k�nnen.�</p><empty-line/><p>�Verstehe�, sagte Benjamin nachdenklich und bekam pl�tzlich Angst. Bis jetzt hatte er gehofft, dass es vielleicht eine M�glichkeit g�be, die M�nner abzuwimmeln. Aber jetzt war ihm klar, dass das nicht ging. Mit Waren konnte er handeln, aber nicht mit Menschen. �Zwei junge Leute, sagen Sie?�</p><empty-line/><p>Der Mann nickte. �Die Einzigen, die sich in den letzten zwei Jahren Ihrer Gemeinschaft angeschlossen haben. Sie wissen genau, von wem ich spreche. Von Raffy und Evie. Wir brauchen sie, und zwar jetzt gleich.�</p><empty-line/><p>Benjamin blickte ihn aufmerksam an. �Alle Leute in unserer Gemeinschaft sind B�rger. Sie auszuliefern � ist nicht so einfach�, sagte er.</p><empty-line/><p>Die Gesichtsz�ge des Mannes verh�rteten sich. �Benjamin, seien Sie nicht dumm�, knurrte er. �Sie sind noch nicht lange hier, sie verdienen Ihren Schutz nicht. �bergeben Sie sie uns und wir verschwinden still und leise. Aber wenn Sie es nicht tun ��</p><empty-line/><p>�Was dann?�, fragte Benjamin leichthin.</p><empty-line/><p>Der Mann l�chelte. �Sie wissen, was dann passiert. Es w�re eine Schande. Eine nette Siedlung haben Sie da. Wirklich sehr nett.�</p><empty-line/><p>Benjamin lie� die Worte sacken und traf eine Entscheidung. �Sie haben recht�, meinte er achselzuckend. �Sie sind gerade erst zu uns gesto�en. Ich bin sicher, wir k�nnen sie gehen lassen. Ich muss nur feststellen, wo sie gerade sind. F�r die anderen werde ich mir eine Geschichte ausdenken m�ssen. Ich m�chte nicht, dass die Leute Angst bekommen.�</p><empty-line/><p>Benjamin warf dem Mann einen strengen Blick zu, aber der schien es nicht zu bemerken. Benjamin ging langsam zur T�r, �ffnete sie, rief Stern zu sich und fl�sterte ihm etwas ins Ohr. Stern machte ein verdutztes Gesicht, nickte aber sofort. Dann ging Benjamin ganz gem�chlich hin�ber zum Regal, zog einen Aktenordner heraus und begab sich wieder zu seinem Schreibtisch. �Nicht hier drin�, murmelte er vor sich hin, legte den Aktenordner auf den Schreibtisch und schlug den Aktendeckel auf. �Ah, da ist er ja�, sagte er.</p><empty-line/><p>Der Mann entdeckte das schimmernde Metall zu sp�t; Benjamin hatte bereits einen Schuss abgegeben. Drau�en waren zwei weitere Sch�sse zu h�ren. Kurz darauf sprang die T�r auf, und Benjamin und Stern tauschten einen vielsagenden Blick, einen Blick, der alles sagte, was sie wissen mussten, den sie sich vor Jahren angew�hnt hatten, als sie noch zusammen im Gef�ngnis sa�en, damals in der alten Welt, �ber die sie heute kaum noch sprachen.</p><empty-line/><p>�Wir m�ssen die Leichen fortschaffen�, meinte Benjamin grimmig.</p><empty-line/><p>Stern nickte.</p><empty-line/><p>�Und w�rst du so gut und w�rdest zum Tor gehen und das hier mitnehmen?� Benjamin gab ihm das schmutzige Tuch, dass er fr�her am Tag aufgehoben hatte. Das Tuch mit dem roten Zeichen, das besagte: <emphasis>Tu, was n�tig ist</emphasis>. Benjamin hatte getan, was von ihm verlangt wurde, und Stern ebenfalls. Und jetzt musste er wissen, warum. �Ich glaube, wir haben noch mehr Besucher. Ich w�rde sie jetzt gerne sehen.�</p><empty-line/><p>Stern runzelte unsicher die Stirn und nahm das Tuch. Als er sich zum Gehen wandte, streckte Benjamin die Hand aus und ber�hrte Stern an der Schulter. �Danke�, sagte er, �dass du an mich glaubst.�</p><empty-line/><p>Stern sah ihn merkw�rdig an. �Alle glauben an dich. Aber du bist der Einzige, der an mich glaubt. Du musst dich nicht bedanken.� Und mit diesen Worten verschwand er. Benjamin starrte auf den Spitzel, der in einer Blutlache vor ihm auf dem Boden lag.</p><empty-line/><empty-line/><p>34</p><empty-line/><p>Evie schreckte aus dem Schlaf hoch und sah ein Gesicht, das sich �ber sie beugte. Es war Benjamin. Sie starrte ihn unsicher an, das Herz klopfte ihr bis zum Hals, und sie wickelte sich fest in ihre Decke ein.</p><empty-line/><p>�Evie�, sagte er sanft. �Es tut mir leid, dass ich dich so sp�t noch st�re, aber du musst aufstehen.�</p><empty-line/><p>�Aufstehen?�</p><empty-line/><p>�Ja�, ert�nte eine Stimme, die ihr so vertraut war, dass sie glaubte, sie w�rde tr�umen, weil er es nicht sein konnte. Es konnte nicht Linus sein. Das ergab keinen Sinn. Sie setzte sich auf und starrte Linus und Benjamin an, die an ihrem Bett standen. Und dann tauchte hinter ihnen noch ein weiteres Gesicht auf. Evie riss die Augen auf, wurde rot im Gesicht, und ihr Herz pochte wie wild. Jetzt gab es keinen Zweifel mehr: Das musste ein Traum sein.</p><empty-line/><p>�Lucas?� Es war tats�chlich Lucas. Evie starrte ihn an, unf�hig, sich zu bewegen, unf�hig, zu denken, ihr Herz pochte, und ihre H�nde waren pl�tzlich feucht und kalt. War das ein Test? Eine Warnung? Ein �</p><empty-line/><p>�Lucas?� Beim Klang von Raffys Stimme drehte sie sich um. Er war aufgewacht und sa� jetzt kerzengerade im Bett. W�tend sah er Lucas an. �Was machst du hier? Was macht ihr alle hier?�, fragte er in barschem Ton. Er r�ckte ein St�ck nach vorn, als k�nnte er Evie so vor den Blicken der anderen sch�tzen.</p><empty-line/><p>�Tut mir leid, Raffy, aber wir m�ssen hier weg�, sagte Lucas leise. �Ihr beide seid in Gefahr.�</p><empty-line/><p>�Weg? Nein�, sagte Raffy und wandte sich ab. �Wir gehen nirgendwohin.�</p><empty-line/><p>�Raffy�, meinte Benjamin ernst. �Ich f�rchte, ihr m�sst. Ein paar M�nner waren hier und haben euch gesucht. Wir sind mit ihnen fertig geworden, aber es werden wieder welche kommen. Ihr m�sst unbedingt von hier verschwinden.�</p><empty-line/><p>Es klopfte leise an der T�r, und als sie aufging, erschien Sterns Gesicht im T�rrahmen. Er war erstaunt, weil so viele Leute im Zimmer waren, und als er Benjamin entdeckte, schlich er zu ihm.</p><empty-line/><p>�Ich habe Klarschiff gemacht�, sagte er und sah seinen Anf�hrer vielsagend an.</p><empty-line/><p>Benjamin machte ein finsteres Gesicht und nickte. �Wir haben nicht mehr viel Zeit. H�chstens eine Stunde.� Er sah Linus an. �Und du behauptest, die Stadt h�tte nichts damit zu tun? Es waren M�nner aus der Stadt. Die Spitzel.�</p><empty-line/><p>Linus verzog das Gesicht. �Es sieht vielleicht so aus, als w�rden die Spitzel im Auftrag der Stadt handeln, weil sie f�r deren Bewohner Nahrungsmittel sammeln. Aber in Wahrheit ist es umgekehrt. Die Spitzel kommen nicht aus der Stadt. Diese beiden M�nner handeln vielleicht im Auftrag der Stadt, aber sie tun es in ihrem eigenen Interesse. Wie dem auch sei, sie sind gef�hrlicher, als ihr euch vorstellen k�nnt.�</p><empty-line/><p>Benjamin schien Linus� Worte erst verdauen zu m�ssen. Dann packte er Stern am Arm. �Stern, du musst eine Zeit lang die F�hrung der Siedlung �bernehmen. Die Siedlung ist in gro�er Gefahr. Du musst die Leute in die Berge bringen, so wie wir es ge�bt haben. Die Vorr�te dort reichen, falls n�tig, f�r mehrere Monate.�</p><empty-line/><p>Stern nickte stumm.</p><empty-line/><p>�Sorg daf�r, dass die Anweisungen genau befolgt werden. Ich k�mmere mich darum, dass Raffy und Evie sicher von hier wegkommen. Dann sto�e ich zu euch.�</p><empty-line/><p>�Nat�rlich, Benjamin�, sagte Stern etwas verwirrt.</p><empty-line/><p>�Sch�rf allen ein, dass sie stark sein m�ssen und dass wir das gemeinsam durchstehen.� Er entlie� Stern, warf ihm aber zum Schluss noch einen Blick zu. �Geh jetzt�, befahl er. Dann wandte er sich wieder an Raffy. �Ihr m�sst hier weg. Auf der Stelle. Euer Leben ist in Gefahr.�</p><empty-line/><p>Evie fing Lucas� Blick auf und wurde rot. Sie schaute schnell weg und sah auf den Boden, auf das Bettlaken, auf irgendetwas.</p><empty-line/><p>�Vielleicht k�nntet ihr � uns ein paar Minuten allein lassen�, schlug sie vor, �damit wir uns fertig machen k�nnen?�</p><empty-line/><p>Sie l�chelte Benjamin verlegen an und der nickte sofort.</p><empty-line/><p>�Nat�rlich. Tut mir leid. Wir warten drau�en.�</p><empty-line/><p>�Da k�nnt ihr auch bleiben�, sagte Raffy. �Wir gehen nirgendwohin. Keiner von uns.�</p><empty-line/><p>�Ihr habt f�nf Minuten�, meinte Linus verschmitzt. �Dann holen wir euch, ob ihr nun angezogen seid oder nicht.�</p><empty-line/><p>Linus verlie� das Zimmer, gefolgt von Benjamin und Lucas. Evie holte eine Reisetasche hervor und stopfte ein paar Sachen hinein. Raffy setzte sich im Bett auf. �Wir werden nicht gehen, Evie. Stell die Tasche weg. Das ist ein Trick.�</p><empty-line/><p>Evie drehte sich ungl�ubig zu ihm um. �Ein Trick? Raffy, bist du verr�ckt? Benjamin hat selbst gesagt, dass wir wegm�ssen.�</p><empty-line/><p>�Weil Lucas ihn �berzeugt hat. Es geht um Lucas�, sagte Raffy kopfsch�ttelnd und verengte die Augen zu Schlitzen. �Er kann es nicht ertragen, dass ich gl�cklich bin. Du kennst ihn nicht. Nicht wirklich. Ich gehe nirgendwohin mit ihm. Und du auch nicht.�</p><empty-line/><p>Evie sch�ttelte verwundert den Kopf. �Du musst deine Wut auf Lucas �berwinden�, sagte sie. �Hier geht es nicht um euch beide. Es geht nicht immer um dich und Lucas.�</p><empty-line/><p>Raffy sah sie finster an. �Ich sehe schon, er hat dich genau da, wo er dich haben will. Aber das war schon immer so, oder?�</p><empty-line/><p>Evie sch�ttelte verzweifelt den Kopf. Dann zog sie den Rei�verschluss ihrer Reisetasche zu. �Wei�t du was?�, sagte sie und zupfte an einem Gewand herum. �Ich gehe. Und wenn du dich nach allem, was wir durchgemacht haben, wie ein Idiot auff�hren willst, dann ist das okay. Aber ich werde nicht unt�tig hier herumh�ngen. Du kannst bleiben und tun, was du willst.�</p><empty-line/><p>Evie ging zur T�r, aber Raffy sprang aus dem Bett, riss ihr die Reisetasche aus der Hand und warf sie auf den Boden. �Nein!� Er ging auf sie los und packte sie an den Handgelenken. �Wenn du mich liebst, dann gehst du nicht, dann bleibst du bei mir.�</p><empty-line/><p>�Fertig?� Linus� Gesicht erschien in der T�r. Als er sah, wie Raffy Evie festhielt, runzelte er die Stirn. �Los, wir haben nicht mehr viel Zeit.�</p><empty-line/><p>�Wir kommen nicht mit�, erkl�rte Raffy mit leiser, angespannter Stimme. �Wenn Benjamin uns hier nicht mehr haben will, dann gehen wir eben woandershin. Aber auf eigene Faust. Ohne jede Hilfe.�</p><empty-line/><p>�Nein, Raffy�, sagte Evie. �Lass mich los.� Sie starrte auf Raffys H�nde. Er lie� ihre Handgelenke los, und seine Arme fielen schlaff herunter. �Pack jetzt dein Zeug zusammen�, befahl sie.</p><empty-line/><p>Sie hatte sich noch nie so w�tend, noch nie so beherrscht erlebt. Und zu ihrem Erstaunen widersprach Raffy nicht, bedrohte sie nicht und verlor auch nicht die Kontrolle. Er sah sie nur mit blitzenden Augen an, sch�ttelte den Kopf und packte seine Tasche.</p><empty-line/><empty-line/><p>35</p><empty-line/><p>Devil sah sich um. Stell den Aktenkoffer an dem Fu�weg ab, hatte Thomas gesagt. An dem Fu�weg in seiner Siedlung. Versteck ihn da, wo keiner ihn sieht. Und dann lauf weg, weit weg. Aber Devil wollte nicht weglaufen. Er wusste, was in dem Aktenkoffer war. Er hatte nachgesehen.</p><empty-line/><p>Er stellte den Koffer ab und begann auf und ab zu gehen. Der Schwei� stand ihm auf der Stirn. Thomas wusste, was er tat. Er musste es wissen. Er war klug. Er verstand sein Handwerk. Er wusste alles �ber Devil. Er hatte ihn ausgew�hlt, und Devil wollte ihn nicht entt�uschen.</p><empty-line/><p>Er sollte verschwinden und machen, dass er wegkam, hatte Thomas gesagt.</p><empty-line/><p>Aber er konnte nicht. Noch nicht. Erst wenn er sich sicher war. Aber inwiefern sicher? Was sollte er sonst mit dem Aktenkoffer machen? Er �ffnete ihn noch einmal ganz vorsichtig und lie� die Finger �ber die Verschl�sse gleiten. Er schluckte und sp�rte einen Klo� im Hals. Ihm wurde flau im Magen. Laut Zeitschaltuhr waren es noch drei�ig Minuten. Drei�ig Minuten und f�nfunddrei�ig Sekunden. Vierunddrei�ig Sekunden. Dreiunddrei�ig �</p><empty-line/><p>Thomas wollte, dass er das tat. Und sein Vater wollte es auch. Thomas sprach viel von Devils Vater. Der habe Devil nicht vergessen, sagte er. Er hatte seine Familie verlassen m�ssen, aber er hatte Thomas gebeten, auf Devil aufzupassen. Devil sei ein Gewinner, hatte er Thomas erkl�rt, und er solle seine Gemeinde �bernehmen. Sein Sohn sollte ein Anf�hrer werden, genau wie er. Bald w�re Dalston nur noch ein b�ser Traum, bekam Devil regelm��ig von Thomas zu h�ren.</p><empty-line/><p>Ein b�ser Traum oder ein beschissenes Tr�mmerfeld?</p><empty-line/><p>Devil wischte sich �ber die Stirn. Sein Herz schlug so schnell, dass er meinte, es m�sse jeden Moment zerspringen. Noch achtundzwanzig Minuten und zw�lf Sekunden. Elf �</p><empty-line/><p>Er musste von hier verschwinden. Das Ganze ging ihn nichts an. Er machte nur seinen Job. Um sich zu bew�hren. Um zu beweisen, dass er das Zeug dazu hatte.</p><empty-line/><p>Das Zeug wozu? Menschen zu t�ten?</p><empty-line/><p>Er starrte auf den Aktenkoffer. Blickte hin�ber zur Siedlung. Er hasste und verabscheute sie. Aber er wollte nicht, dass alle starben. Die Leute, die hier lebten, waren in Ordnung. Man konnte gut mit ihnen auskommen.</p><empty-line/><p>�Mach deinen Job und danach erwartet dich ein neues Leben, Devil.�</p><empty-line/><p>Devil sah sich hektisch um. Dann nahm er auf einmal den Aktenkoffer und rannte los. Er war noch nie so schnell gerannt. Er lief in Richtung des �dlands, das hinter der Siedlung lag. W�hrend er rannte, schrie er und scheuchte ein paar Leute auf, die hinter der Siedlung herumlungerten. �Verschwindet von hier�, br�llte er. �Hier ist es gef�hrlich. Verdammt, haut ab! Das Ding hier fliegt gleich in die Luft.� Und die Leute rannten, rannten schnell, weg von Devil, weg von dem Aktenkoffer in seiner Hand. Schlie�lich fand er, was er suchte: das Loch, das f�r die Fundamente des Jugendklubs ausgehoben worden war. Zwei oder drei Meter tief. Devil warf den Aktenkoffer hinein und machte sich auf eine Explosion gefasst, aber nichts passierte.</p><empty-line/><p>Er drehte sich um und fing wieder an zu rennen; er wollte so weit wie m�glich von der Siedlung weg.</p><empty-line/><p>W�hrend er rannte, klingelte das Handy in seiner Tasche, und auf dem Display leuchtete Thomas� Name auf.</p><empty-line/><p>�Ja?�, keuchte Devil.</p><empty-line/><p>�Hast du es getan?�, fragte Thomas.</p><empty-line/><p>Devil z�gerte. �Ja.�</p><empty-line/><p>�Gut. Wo bist du jetzt?�</p><empty-line/><p>�Ich verlasse gerade die Siedlung.�</p><empty-line/><p>�An deiner Stelle w�rde ich rennen.�</p><empty-line/><p>�Ich renne ja�, sagte Devil. �Ich renne ja.�</p><empty-line/><p>Und w�hrend er rannte, sah er, dass die paar Leute, die er zuvor gewarnt hatte, gerade dabei waren, andere aus der Siedlung zu holen. Sie liefen nicht weg, sondern trommelten die Leute zusammen, holten die Menschen aus ihren Wohnungen und h�mmerten gegen T�ren. Devil wusste nicht warum, aber er fing an zu weinen. Die Menschen waren keine Schafe. Sie waren nicht schwach. Sie waren gut. Sie waren viel besser als er. Und er machte wieder kehrt und rannte zur�ck, h�mmerte an die T�ren, zerrte die Leute aus ihren Wohnungen und erz�hlte ihnen Geschichten von Gangs, die die Siedlung niederbrennen wollten, um ihnen klarzumachen, dass sie hier nicht mehr sicher waren. Es blieb keine Zeit mehr, aber er rannte trotzdem weiter und schrie, bis er heiser war und bis, soviel er sehen konnte, alle Leute die Siedlung verlassen hatten. Er folgte der Menge, die keine Ahnung hatte, wohin sie gehen sollte oder warum. Da klingelte sein Handy wieder.</p><empty-line/><p>�Bist du inzwischen weit genug weg?�</p><empty-line/><p>�Noch nicht ganz�, sagte Devil.</p><empty-line/><p>�Dann renn los�, sagte Thomas. �Du wirst ber�hmt, Devil. In ein paar Minuten stelle ich deine Predigten ins Netz. Du wirst ber�hmt-ber�chtigt und die Menschen werden dir folgen.�</p><empty-line/><p>�Was meinen Sie damit?�, fragte Devil, den Blick auf die Siedlung und das Land dahinter gerichtet.</p><empty-line/><p>�Die Genesis, das Erste Buch Mose�, sagte Thomas. �Du hast selbst daraus zitiert. �Und der Herr sprach: Ich will die Menschen, die ich geschaffen habe, vertilgen von der Erde, vom Menschen an bis hin zum Vieh und bis zum Gew�rm und bis zu den V�geln unter dem Himmel; denn es reut mich, dass ich sie gemacht habe. Aber Noah fand Gnade vor dem Herrn.� Das bist du, Devil. Du bist Noah. Und Gott selbst. Die B�sen werden bestraft, und den anderen wird Erl�sung gew�hrt, wenn sie dir folgen, wenn sie tun, was du von ihnen verlangst.�</p><empty-line/><p>Devil sch�ttelte den Kopf. �Das wird nicht funktionieren, Thomas. Hier wird heute niemand sterben.�</p><empty-line/><p>�Was meinst du damit?� Thomas� Stimme klang auf einmal kalt und zornig.</p><empty-line/><p>Aber Devil bemerkte es nicht, weil er gerade etwas entdeckt hatte. Ein Kind. Das kleine M�dchen, dem er das Fahrrad geklaut hatte. Mit �ngstlichem Gesicht stand es auf dem Fu�weg und blickte unsicher zu Boden. Es waren nur noch wenige Sekunden bis zur Explosion. Trotzdem rannte Devil zur�ck zur Siedlung und die Treppe hinauf. Er setzte das M�dchen auf seine Schultern und rannte los, obwohl er wusste, dass er es nicht mehr schaffen w�rde. Als er unten an der Treppe anlangte, gab es einen Knall, als ob eine Million Feuerwerksk�rper auf einmal explodierten, nur noch lauter. �Es geht los�, h�rte er Thomas durchs Handy. �Die Flut kommt.�</p><empty-line/><p>Devil roch den Rauch, h�rte die Menschen rennen und schreien, aber er war wie gel�hmt und konnte keinen Muskel bewegen wegen des Rauchs, der ihm in die Nase drang. Er hatte keinen solchen Rauch mehr gerochen seit � seit langer Zeit. Als er sich wieder bewegen konnte, lie� er sich zu Boden sinken, denn nun kamen die Erinnerungen wieder hoch. Er erinnerte sich an den Rauch, der ihm in den Mund und in die Nase drang. Er erinnerte sich, dass er Angst hatte, Angst wegen der Zigarette, die er geraucht hatte, der Zigarette, die den Rauch verursacht hatte, denn wenn seine Mum davon Wind bek�me, w�rde sie ihn windelweich pr�geln. Er erinnerte sich, wie er aus der Wohnung gerannt war, um sich in Sicherheit zu bringen, weg von dem Rauch, weg von dem Feuer.</p><empty-line/><p>Und er erinnerte sich, dass er �berhaupt nicht an Leona gedacht hatte.</p><empty-line/><p>Er sp�rte die W�rme, konnte den Hauch des Todes in der Luft riechen, der ihm in die Lungen drang. Menschen schrien, aber Devil h�rte nicht hin. Denn er war mit seinen Gedanken ganz weit weg, irgendwo, wo alles voller Rauch war und hei�. Er erinnerte sich. Er war wieder in der Wohnung. Es war der Tag, an dem Leona starb.</p><empty-line/><p>Auf einmal bemerkte Devil, dass er etwas im Arm hielt. Es war das M�dchen. Sie lag in seinen Armen, das Handy gegen ihre Schulter gepresst. Leona?</p><empty-line/><p>Nein, es war nicht Leona. Sie konnte es ja nicht sein.</p><empty-line/><p>Leona war nicht aus dem Fenster gefallen. Wahrscheinlich hatte seine Mum es gar nicht offen gelassen.</p><empty-line/><p>Leona hatte es selbst ge�ffnet.</p><empty-line/><p>Leona war aus dem Fenster gesprungen.</p><empty-line/><p>Sie war gesprungen, weil er gez�ndelt und sie allein in der Wohnung zur�ckgelassen hatte.</p><empty-line/><p>Ein roter Blitz schoss durch seinen Kopf und langsam rappelte er sich wieder auf. Das M�dchen hustete, es lebte. Es hatte die Arme um Devils Hals geschlungen und sah zu ihm auf. Und er hielt es ganz fest und weinte.</p><empty-line/><p>�Sag mir, was los ist, Devil�, h�rte er Thomas durch das Handy schreien. �Sag mir sofort ��</p><empty-line/><p>Devil warf einen Blick auf das Handy, das zu Boden gefallen war, und kickte es mit dem Fu� weg. Er hielt das M�dchen noch ein paar Sekunden ganz fest und sp�rte seine W�rme, seine Lebendigkeit. Als der Klang der Sirenen n�her kam, setzte er das M�dchen ab, strich ihm �ber den Kopf, verabschiedete sich und rannte davon.</p><empty-line/><empty-line/><p>36</p><empty-line/><p>Evie marschierte schweigend durch die Dunkelheit, den Blick nach vorn gerichtet. Neben ihr ging Raffy, die H�nde in den Taschen vergraben und mit finsterem Gesicht. Sie beobachtete ihn eine Weile und dachte daran, wie sein Zorn auf die Welt sie fr�her fasziniert hatte, wie seine Weigerung, sich anzupassen, ihn so unwiderstehlich gemacht hatte. Damals in der Stadt hatten sie und Raffy allein gegen den Rest der Welt gestanden. Ihre geheimen Treffen waren das Einzige gewesen, worauf sie sich gefreut hatte. Er war der Einzige, der die Dinge offenbar ebenso infrage stellte wie sie; der die Regeln der Stadt als derart einengend empfand, als h�tten sie ihm Ketten angelegt.</p><empty-line/><p>Aber jetzt war alles ganz anders. Au�er dass Raffy immer noch w�tend, gereizt und eifers�chtig war, so als h�tte sich nichts ver�ndert, als w�re es nicht die Stadt gewesen, die ihn letztlich zu dem gemacht hatte, was er heute war.</p><empty-line/><p>Und w�hrend sein Zorn ihn fr�her aufregend und gef�hrlich erscheinen lie�, irritierte er Evie heute mehr, als sie mit Worten ausdr�cken konnte.</p><empty-line/><p>Raffy ging neben ihr und passte seinen Schritt ihrem Tempo an; wenn sie den Schritt verlangsamte, ging auch er langsamer, und wenn sie den Schritt beschleunigte, ging auch er schneller. W�hrend sie so nebeneinanderhergingen, wurde Evie bewusst, dass sie ihn absch�tteln wollte; dass sie es schon eine ganze Weile versuchte und dass er es nicht zulassen w�rde. Je mehr sie versuchte, sich davonzumachen, desto mehr verfolgte er sie.</p><empty-line/><p>Die ganze Zeit hatte sie ihm seinen Willen gelassen, hatte vern�nftig mit ihm geredet, war um ihn herumgeschlichen, hatte sich vereinnahmen lassen und hatte sich damit abgefunden, dass er grundlos w�tend wurde. Weil sie wusste, dass er sie brauchte. Weil sie dachte, sie sei ihm etwas schuldig. Weil sie in der Siedlung gl�cklich sein wollte und weil sie keinen �rger machen wollte.</p><empty-line/><p>Sie mussten die Siedlung verlassen, und etwas Schreckliches ging vor sich. Aber alles, was Raffy interessierte, war, dass er mit ihr Schritt hielt, dass er direkt neben ihr ging und dass sie in Sichtweite blieb, obwohl er zuvor, trotz Linus� Warnung, dass sie in Lebensgefahr seien, bereit gewesen war, mit ihr in der Siedlung zu bleiben.</p><empty-line/><p>Weil er nicht an sie dachte, sondern nur an sich selbst.</p><empty-line/><p>Er dachte immer nur an sich selbst.</p><empty-line/><p>Evies Herz pochte vor Emp�rung und vor Entt�uschung, weil sie das nicht schon fr�her erkannt hatte. Sogar Raffys Wut auf Lucas diente der Selbsterhaltung und war selbst auferlegt. Es ging gar nicht um den Kuss. Raffy hatte Lucas schon lange vorher verachtet. Selbst als er erfuhr, was Lucas erduldet hatte, um ihn zu besch�tzen. Raffy sollte seinem Bruder dankbar sein. Er sollte ihn anh�ren, ihn alles erkl�ren lassen und sich im Zweifelsfall auf seine Seite stellen.</p><empty-line/><p>Er sollte endlich erwachsen werden.</p><empty-line/><p>Evie steckte die linke Hand in ihre Tasche und griff nach dem k�hlen metallenen Gegenstand, den sie dort versteckt hatte, den sie schon seit fast einem Jahr immer an einer anderen Stelle verbarg, stets darauf bedacht, dass er nicht gefunden wurde. Ihn hatte Evie als Erstes in ihre Reisetasche gesteckt; es war der einzige Gegenstand, ohne den Evie das Lager nicht verlassen konnte. Bevor sie aus dem Zimmer ging, das sie sich mit Raffy teilte, hatte sie ihn aus der Reisetasche genommen und in ihre Manteltasche gesteckt f�r den Fall, dass die Tasche verlorenging oder dass Raffy sie �ffnete.</p><empty-line/><p>Es war Lucas� Uhr, die Uhr, die sie sich so m�hsam zur�ckgeholt hatte, nachdem Raffy sie weggegeben hatte. Sie hatte die Uhr so lange versteckt, ohne genau zu wissen, was sie eigentlich damit machen sollte.</p><empty-line/><p>Jetzt hielt sie die Uhr in der Hand und f�hlte sich wieder stark, denn ihre alte Energie kehrte zur�ck. Sie wollte sich nicht mehr damit abfinden. Sie wollte nicht mehr zulassen, dass Raffy immer seinen Kopf durchsetzte.</p><empty-line/><p>Evies Blick ruhte auf Lucas, der ein paar Meter vor ihr ging. Er war ungef�hr so gro� wie Raffy, vielleicht ein oder zwei Zentimeter gr��er, aber selbst gegen Raffys neue muskul�se Statur war er immer noch breitschultriger. Er ging aufrecht und blickte stur geradeaus, stets konzentriert und wachsam. Evie konnte es sehen, obwohl sie sich nicht ganz sicher war, woran sie das erkannte. Sie wusste nur, dass er beobachtete und lauschte, wie er es fr�her in der Stadt getan hatte.</p><empty-line/><p>Evie fragte sich, was er wohl gemacht hatte, seit sie sich das letzte Mal gesehen hatten. Sie fragte sich, ob er jemanden gehabt hatte, mit dem er reden konnte, oder ob er sich in sein Schneckenhaus zur�ckgezogen hatte. In der Stadt war er immer so unergr�ndlich gewesen, als h�tte er kein Herz, keine Seele. Evie hatte Lucas gehasst; er war f�r sie der Inbegriff dessen gewesen, was sie an der Stadt verabscheute. Und dann � dann hatte sie den wahren Lucas kennengelernt. Als er sich ihr anvertraut und ihr die Wahrheit gesagt hatte, damit sie Raffy davon �berzeugte, die Stadt zu verlassen und damit dem sicheren Tod zu entgehen. Sie hatte erlebt, wie schwer es ihm gefallen war; nicht, die Wahrheit zu sagen, sondern seine Gef�hle zu unterdr�cken. Es war wie bei einem Leitungsrohr, das zum Bersten voll mit Wasser war; er musste nur den Wasserhahn so weit aufdrehen, dass ein paar Tropfen herauskamen, bevor er ihn wieder zudrehte.</p><empty-line/><p>Lucas blieb stehen, drehte sich um und sprach mit Linus und Benjamin. Evie sah sich um und entdeckte direkt vor ihnen einen H�gel. Sie war so in Gedanken versunken gewesen, dass sie ihre Umgebung gar nicht wahrgenommen hatte.</p><empty-line/><p>�Okay�, sagte Lucas. �Hier machen wir halt. Linus wird da vorn in die H�hle gehen und seinen Wagen holen.�</p><empty-line/><p>Linus verschwand in der Dunkelheit und Raffy ging mit schlurfendem Schritt zu Evie. �Linus hat ein Auto?� Er wandte sich mit hochgezogenen Augenbrauen an Lucas und seine Stimme hatte einen patzigen, ungl�ubigen Unterton.</p><empty-line/><p>Lucas drehte sich zu ihm um und meinte mit st�hlernem Blick: �Ja, Raffy, er hat ein Auto. Sonst noch Fragen?�</p><empty-line/><p>Raffy zuckte die Achseln, um zu zeigen, wie gleichg�ltig es ihm war. �Komm, Evie, wir warten da dr�ben.�</p><empty-line/><p>Er ging zu einem Felsen und setzte sich. Evie sah ihn an und r�hrte sich nicht. Trotz Raffys w�tendem Blick blieb sie, wo sie war. Schlie�lich wandte sie sich an Lucas. �Wann hat er sich denn ein Auto zugelegt?�</p><empty-line/><p>Ihre Blicke trafen sich und Evie wurde von einem warmen Gef�hl durchstr�mt. �Ich wei� nicht�, sagte Lucas und schaute schnell weg. �Ich glaube, er hat es schon immer gehabt. Es ist fast unm�glich, eine Antwort aus ihm herauszubekommen.�</p><empty-line/><p>Lucas blickte zu Boden.</p><empty-line/><p>�Es ist unm�glich, �berhaupt irgendetwas aus ihm herauszubekommen.� Evie lachte verlegen. Ihre Stimme zitterte ein wenig und Adrenalin str�mte durch ihren ganzen K�rper. Aber Lucas hatte sich schon wieder abgewandt und untersuchte einen Stein auf dem Boden. Ihre Unterhaltung war beendet.</p><empty-line/><p>Evie hatte einen Klo� im Hals und ging zu Raffy hin�ber. Er r�ckte ein St�ck, damit sie sich ihm gegen�ber hinsetzen konnte, aber sie setzte sich so, dass sie in die andere Richtung schaute, weg von Raffy, weg von Lucas. Dann verschr�nkte sie die Arme und blickte zum Himmel.</p><empty-line/><p>Evie hatte keine Ahnung, wie lange sie so verharrten; sie drei zusammen und doch getrennt, in Gedanken versunken. Als Evie den Blick wieder senkte, entdeckte sie zwei Lichter am Horizont, zuerst weit entfernt, aber dann kamen sie immer n�her, bis Evie ihre Augen mit den H�nden vor dem grellen Licht sch�tzen musste. Der Wagen hielt an und Linus sprang heraus. �Na, was sagt ihr jetzt?�, fragte er und strahlte.</p><empty-line/><p>Evie war erleichtert, dass er die unertr�gliche Stille durchbrochen hatte, und sprang von dem Felsen. �Sieht toll aus�, meinte sie und bem�hte sich, echte Begeisterung zu zeigen.</p><empty-line/><p>�Dann steig ein. Innen wird er dir auch gefallen.�</p><empty-line/><p>Evie nickte und ging auf das Auto zu.</p><empty-line/><p>�Steig hinten ein�, sagte Linus. �Lucas wird vom Autofahren immer �bel, deshalb muss er vorn sitzen. Stimmt�s, Lucas?�</p><empty-line/><p>Lucas trat hinter Evie und hielt ihr die T�r auf. Einen Moment lang ber�hrten sich ihre H�nde und Evie blieb fast das Herz stehen. �Mir wird nicht �bel�, meinte Lucas. �Ich � ich mag Autos nur nicht besonders.�</p><empty-line/><p>Ihre Blicke trafen sich, und Evie entdeckte etwas, was sie bei Lucas nicht erwartet hatte, ausgerechnet bei dem Mann, der so verschlossen war, dass sie sich oft gefragt hatte, ob er �berhaupt Gef�hle hatte. Es war ein jungenhaft verlegener und sch�chterner Ausdruck. Lucas wollte nicht, dass sie seine Schw�che erkannte. Er begriff nicht, dass seine Schw�che ihn auf einmal so menschlich, so verletzlich machte, dass es Evie den Atem verschlug.</p><empty-line/><empty-line/><p>37</p><empty-line/><p>�Okay, nun mal ganz langsam. Du musst deutlicher sprechen�, sagte der Polizist, w�hrend er nach einem Stift kramte. �Du behauptest also, die Explosion vor einer Stunde, das bist du gewesen? Und dass du eine Bombe hast hochgehen lassen?�</p><empty-line/><p>Devil nickte. Er schwitzte. Er war den ganzen Weg hierher gerannt und hatte ungeduldig in der Schlange gewartet, bis er jetzt endlich vor dem Tresen der Polizeiwache stand. Die Wache war in einem niedrigen grauen Geb�ude untergebracht, das direkt an der Hauptstra�e lag. �Ja. Dieser Typ hat mich dazu angestiftet. Sein Name ist Thomas. Ich muss mit jemandem sprechen, der hier das Sagen hat. Es ist wichtig, Mann. Wirklich. Der Typ ist verr�ckt.�</p><empty-line/><p>Der Polizeibeamte nickte bed�chtig. �Einen Moment.�</p><empty-line/><p>Er ging weg und Devil verschnaufte erst einmal. Er war noch nie freiwillig auf einer Polizeiwache gewesen. Die Polizei hatte ihn nur ein paarmal mitten in der Nacht hierher geschleppt, um zu fragen, wo er sich zum Zeitpunkt eines Verbrechens oder so aufgehalten hatte. In der Regel war er so unkooperativ gewesen wie nur m�glich, mit m�rrischem Gesicht und hasserf�lltem Blick.</p><empty-line/><p>Aber diesmal nicht. Das Atmen fiel ihm immer noch schwer, und er musste sich am Tresen abst�tzen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.</p><empty-line/><p>Ein Polizeibeamter in Zivil tauchte neben ihm auf, und an dessen Tonfall erkannte Devil, dass das der Chef war. Devil war erleichtert. Sie wussten Bescheid �ber die Explosion. Sie nahmen ihn ernst. �W�rden Sie bitte mitkommen?�, sagte er.</p><empty-line/><p>Devil nickte und folgte dem Beamten in ein Vernehmungszimmer.</p><empty-line/><p>Der Mann setzte sich und forderte Devil mit einem Wink auf, ebenfalls Platz zu nehmen. Devil setzte sich auf einen Metallstuhl, holte tief Luft, sah den Polizeibeamten an und wartete auf das einleitende �Also ��, damit er loslegen konnte.</p><empty-line/><p>Aber der Beamte schwieg und starrte ihn nur an. Devil starrte zur�ck, eine instinktive Reaktion: starrer Blick, zusammengepresste Lippen, der ganze Gesichtsausdruck eine einzige Herausforderung. Schlie�lich riss er sich zusammen und schaute weg. Er war nicht auf Konfrontation aus � er war hier, um �ber Thomas zu sprechen. Er wollte ihnen beweisen, dass sie ihm vertrauen konnten, dass er die Wahrheit sagte.</p><empty-line/><p>Devil sah sich in dem Zimmer um. Normalerweise waren bei einer Vernehmung zwei Polizisten anwesend. Aber vielleicht war das nur dann der Fall, wenn man verhaftet wurde, dachte er bei sich. Vielleicht z�hlte ein hochrangiger Bulle so viel wie zwei normale Beamte.</p><empty-line/><p>�Wollen Sie das Gespr�ch nicht aufnehmen?�, fragte er und sah sich suchend nach einem Tonbandger�t um.</p><empty-line/><p>�Das wird nicht n�tig sein�, meinte der Polizist mit einem schiefen L�cheln.</p><empty-line/><p>Devil �berlegte. �Ich finde, Sie sollten es aufnehmen�, wagte er zu widersprechen. �Jedes Wort. Denn was ich Ihnen hier erz�hle � Der Typ, der hinter dem Anschlag steckt, ist verr�ckt. Er ist gef�hrlich. Sie m�ssen ihn aufhalten, Mann. Aber er hat Freunde. Arbeitet f�r ein gro�es Unternehmen. In der Stadt.�</p><empty-line/><p>Devil trommelte mit den Fingern auf den Tisch. Der Polizeibeamte ihm gegen�ber hatte ein unauff�lliges Gesicht, gro�e Ohren, und aus seiner Nase wuchsen dunkle H�rchen. �Dann werden Sie mir jetzt also Fragen stellen, oder was?�, fragte Devil ungeduldig.</p><empty-line/><p>Der Polizist sch�ttelte den Kopf. �Wie gesagt, das wird nicht n�tig sein.�</p><empty-line/><p>�Also � was dann?�, fragte Devil misstrauisch. Er blickte hin�ber zur T�r. Ob sie wohl abgeschlossen war? Sein Herz begann schneller zu schlagen. �Hat man Ihnen nicht gesagt, warum ich hergekommen bin? Was ich Ihnen zu sagen habe?�</p><empty-line/><p>�Doch�, erwiderte der Polizist. �Es ist nur so, Mr �� Er warf einen Blick auf seine Notizen. �Mr Jones. Da war keine Bombe.�</p><empty-line/><p>Devil sch�ttelte den Kopf. �Keine Bombe? Nee, Mann. Nat�rlich war da eine Bombe. Es gab Tote und Verletzte, Mann.�</p><empty-line/><p>�Es gab tats�chlich eine Explosion�, sagte der Beamte. �Aber die wurde durch eine undichte Stelle in der Gasleitung verursacht. Spurensicherung und Feuerwehr waren vor Ort.�</p><empty-line/><p>�Wollen Sie mich verarschen?�, sagte Devil kopfsch�ttelnd. �Es war eine Bombe. Ich hatte sie in einem Aktenkoffer. Sie ist explodiert. Es war eine Bombe.�</p><empty-line/><p>Der Polizist l�chelte angespannt. �Also, war�s das dann?�</p><empty-line/><p>Als er aufstand, entdeckte Devil einen kleinen Anstecker mit einem �I� an dessen Hemd.</p><empty-line/><p>Die Farbe wich aus seinem Gesicht.</p><empty-line/><p>�Das war�s�, sagte Devil mit leicht zitternder Stimme.</p><empty-line/><p>�Gut. Und um den Papierkram brauchen wir uns nicht zu k�mmern, oder?�, meinte der Polizeibeamte. �Wir wollen dir ja nicht die Verschwendung unserer kostbaren Zeit in Rechnung stellen. Die Explosion hat dich wahrscheinlich durcheinandergebracht, und jetzt bildest du dir Dinge ein, die gar nicht passiert sind. Habe ich mich klar ausgedr�ckt? An deiner Stelle w�rde ich mich bedeckt halten und niemanden behelligen und keine Unruhe stiften. Kapiert? Wir wollen doch nicht, dass dir etwas passiert.� Er beugte sich noch weiter vor. �Du hast alles vermasselt, du kleiner Schei�kerl�, zischte er. �Monatelange Arbeit umsonst, nur wegen dir. An deiner Stelle w�rde ich abhauen, bevor Thomas richtig w�tend wird. Bevor er kommt, um dich zu holen. Okay?�</p><empty-line/><p>Der Polizist sah Devil direkt in die Augen. Devil wusste, wie eine Drohung klang. Seinerzeit hatte er genug Drohungen ausgesprochen.</p><empty-line/><p>Er nickte. �Ja, Mann. Was soll�s. Ich will keinen �rger�, murmelte er.</p><empty-line/><p>�Nein, ganz sicher nicht�, meinte der Polizist und �ffnete die T�r. Er f�hrte Devil hinaus auf den Korridor, durch eine weitere T�r und nach drau�en vor die Wache. Devil f�hlte sich benommen, als er auf die Stra�e trat. Es war dieselbe Stra�e wie vorher, aber irgendwie f�hlte sich alles anders an, so als h�tte sich die ganze Atmosph�re, als h�tte sich alles auf Knopfdruck ver�ndert. Er lief los, doch er hatte das Gef�hl, als ob er verfolgt w�rde. Er drehte sich um, aber da war niemand, nur eine alte Frau, die grummelnd ihre schweren Eink�ufe die Stra�e hinunterschleppte, und eine j�ngere Frau, die sich lautstark mit einem kleinen Kind herumstritt. Ob sie auch f�r Thomas arbeiteten? Ob sie auch solche Anstecknadeln trugen? Nein, nat�rlich nicht. Sei nicht albern. Geh einfach weiter.</p><empty-line/><p>Devil senkte den Kopf und lief schneller, zur�ck zur Siedlung. Keine Bombe. Eine Gasexplosion. Wie viele Leute arbeiteten eigentlich f�r Thomas? Warum hatten sie ihn nicht einfach umgebracht, statt so ein Theater zu veranstalten?</p><empty-line/><p>Mit einem Schlag wurde ihm klar, warum: weil Thomas Devil zeigen wollte, wer der Boss war. Weil Devil den Spie� umgedreht und sich gestellt hatte. Weil Thomas nicht verlieren konnte, weil er wollte, dass Devil Angst hatte, jeden Tag, und sich fragte, was wohl als N�chstes kommen w�rde.</p><empty-line/><p>Die Siedlung war kaum wiederzuerkennen. Die H�lfte der Geb�ude war verschwunden. Das ganze Gel�nde war von der Polizei abgesperrt worden und �berall standen Schilder mit der Aufschrift �Vorsicht! Lebensgefahr!�. Sanit�ter k�mmerten sich um die Verletzten. Au�erhalb der Absperrung schrien Frauen, und Kinder standen mit schreckgeweiteten Augen da. Zwei Busse hielten an. Reisebusse. Ein Mann stieg aus und rief, die Bewohner w�rden woanders hingebracht. Niemand k�nne hierbleiben. Devil ging bis zur Absperrung. Mehrere Sicherheitsbeamte stellten sich ihm in den Weg und verweigerten ihm den Zutritt zur Siedlung. �Tut mir leid, Kumpel, zu gef�hrlich�, sagte einer zu Devil.</p><empty-line/><p>�Ich wohne hier, Mann�, erkl�rte er und versuchte, an dem Mann vorbeizukommen. Doch der zerrte ihn zur�ck. �F�ll ein Formular aus�, sagte er. �Alle Bewohner werden in eine provisorische Unterkunft gebracht. Deine Sachen kannst du sp�ter holen. Oder das, was davon noch �brig ist. Ihr werdet eine Entsch�digung bekommen. Du wei�t doch, dass es eine defekte Gasleitung war? Behalte das Formular. Vielleicht kriegst du ja Geld.�</p><empty-line/><p>Devil nahm das Formular. �Eine defekte Gasleitung?� Er blickte auf das Formular, aber er konnte sich nicht richtig konzentrieren, um es genau durchzulesen. Eine defekte Gasleitung. Und die Leute glaubten diesen Unsinn tats�chlich.</p><empty-line/><p>�Richtig. Anscheinend wusste die Kommune schon seit einem Jahr von den kaputten Leitungen, aber sie haben sie nicht reparieren lassen. In einer halben Stunde f�hrt da dr�ben ein Bus ab. Du kannst so lange warten. Und vergiss nicht, das Formular auszuf�llen.�</p><empty-line/><p>Devil ging ganz benommen zu der gro�en Gruppe von Leuten, die auf den Bus warteten. Seine Mum stand neben einem Mann, den Devil kannte, und sie war sehr freundlich zu ihm. Sie sah ersch�pft aus und verwirrt. Das kleine M�dchen war mit seiner Mutter da, und Nelson auch. Er kam zu Devil her�ber. �Schei�e, Mann�, sagte er.</p><empty-line/><p>�Ja. Ja.� Devil schossen alle m�glichen Gedanken durch den Kopf.</p><empty-line/><p>Dann steckte er die Hand in die Tasche und holte das Geld heraus, das Thomas ihm gegeben hatte. Ein Tausender f�r das In-Die-Luft-Sprengen seiner Siedlung, f�r den Tod all dieser Menschen. Devil ging hin�ber zu seiner Mutter. �Hier�, sagte er und dr�ckte ihr das Geld in die Hand. �Pass auf dich auf.�</p><empty-line/><p>Seine Mutter starrte ihn unsicher an, dann nickte sie.</p><empty-line/><p>�K�mmern Sie sich um sie�, sagte er zu dem Mann, der bei seiner Mutter stand.</p><empty-line/><p>Devil ging wieder zu Nelson. �Behalt sie im Auge. Pass auf, dass keiner ihr das Geld klaut. Kapiert?�</p><empty-line/><p>Nelson sah ihn erstaunt an. �Okay, Mann. Alles klar�, meinte er achselzuckend. Dann runzelte er die Stirn. �Wo willst du denn hin? Warum passt du nicht auf, dass keiner es klaut?�</p><empty-line/><p>Devil gab keine Antwort. Er wusste es selbst nicht. Er sah zu, wie sich die T�ren des Busses �ffneten und die Leute einstiegen. Die meisten waren voller Staub. Und dann sah er ihn, den Fahrer des Busses, wie er einem alten Mann beim Einsteigen behilflich war. Devil entdeckte den Ring an seinem Finger, den Ring mit dem Buchstaben �I� darauf.</p><empty-line/><p>�Steig in den Bus, Mann�, sagte er zu Nelson. �Ich komme sp�ter nach, okay?�</p><empty-line/><p>�Sp�ter? Aber ��, begann Nelson, doch Devil war schon davongerannt. Und w�hrend er rannte, machte er den Anstecker von seiner Kapuze ab, den er die ganze Zeit getragen hatte, warf ihn auf den Boden und zertrat ihn mit dem Schuh. Er geh�rte nicht zu Thomas� Gang. Nicht mehr. Er hielt einen Moment inne und blickte voller Verachtung, Scham und Angst auf den Anstecker. Dann rannte er wieder los.</p><empty-line/><p>Devil wusste, dass er von jetzt an st�ndig auf der Flucht sein w�rde, es sei denn, er tat, was Thomas von ihm verlangte. Denn M�nner wie Thomas gaben niemals auf und sie lie�en Leute wie Devil nicht entkommen. Er k�nnte ein Leben lang auf der Hut sein, aber das w�rde nicht gen�gen, denn er w�rde immer etwas oder jemanden �bersehen.</p><empty-line/><p>Er w�rde nie mehr frei sein, weil er zu viel wusste.</p><empty-line/><p>Und da wusste Devil, was er zu tun hatte. Das Einzige, das er tun konnte und wollte. Denn er wollte weder vor Thomas davonlaufen noch vor sich selbst.</p><empty-line/><p>Deshalb rannte er zur�ck in die Stadt, zur�ck zur Polizeiwache, dr�ngte sich an der Schlange vorbei, stellte sich an den Tresen und haute mit der Faust darauf.</p><empty-line/><p>�Ich will mich stellen�, rief er.</p><empty-line/><p>Der Mann hinter dem Besuchertresen dr�ckte einen Knopf, und sofort kam der Polizeibeamte mit der Anstecknadel aus einer T�r und ging zu Devil hin.</p><empty-line/><p>�Du schon wieder�, sagte er mit eiskaltem Blick. �Ich habe dir doch gesagt, du sollst nicht unsere kostbare Zeit vergeuden. Da war keine Bombe. Da war kein ��</p><empty-line/><p>�Darum geht es nicht�, warf Devil rasch ein. �Ich will mit dem rothaarigen Polizisten sprechen.�</p><empty-line/><p>�Pete?�, sagte der Mann hinter dem Tresen. �Soll ich Wachtmeister Wainright holen?�</p><empty-line/><p>�Das wird nicht n�tig sein�, meinte der Beamte. �Du kannst mit mir sprechen.�</p><empty-line/><p>�Ich will aber Pete�, sagte Devil verzweifelt. �Bitte�, bat er den Mann am Tresen. Dieser zuckte die Achseln und hob den Telefonh�rer ab. Nach einer Weile ging die T�r auf und der rothaarige Polizist erschien. Er sah Devil unsicher an.</p><empty-line/><p>�Er verschwendet nur unsere Zeit�, erkl�rte der leitende Polizeibeamte, der, dem die H�rchen aus der Nase wuchsen. �Ich erledige das.�</p><empty-line/><p>�Wie Sie meinen�, sagte Wachtmeister Wainright achselzuckend und wandte sich zum Gehen.</p><empty-line/><p>�Warten Sie�, schrie Devil. �Warten Sie.� Er musterte Wachtmeister Wainright von oben bis unten. Da war kein Anstecker und kein Ring.</p><empty-line/><p>�Worum geht�s denn?�, fragte der Wachtmeister.</p><empty-line/><p>�Ich will mich stellen�, erkl�rte Devil.</p><empty-line/><p>�Wegen etwas, was nicht passiert ist�, sagte der schmallippige Polizist.</p><empty-line/><p>�Wegen Mordes an einem Mitglied der Green Lanes Massive Gang�, sagte Devil und schlug mit der Faust auf den Tresen. �Wegen Drogenhandel. Und wegen F�hrens einer Gang. Sie wissen alles dar�ber. Sie waren dort. Sie haben mit den Leuten gesprochen. Sie wissen, was passiert ist. Ich m�chte ein Gest�ndnis ablegen ��</p><empty-line/><empty-line/><p>38</p><empty-line/><p>Sie waren inzwischen vierzig Minuten marschiert und schon gut vorangekommen; bei Tagesanbruch w�rden sie in einem sicheren Versteck sein. Linus hatte Benjamin dar�ber aufgekl�rt, wie viel Sicherheit die H�hlen boten, ein Geschenk der Natur, wenn man �berleben wollte. Schon bei ihrer ersten Begegnung war dieses Thema zur Sprache gekommen. Linus hatte Benjamin �ber die Siedlung ausgefragt, wie sie gef�hrt wurde und wie es mit der Versorgung der Menschen aussah. Er hatte so viele Fragen gestellt, dass Benjamin misstrauisch geworden war und gedroht hatte, Linus aus der Siedlung schaffen zu lassen, wenn er ihm �ber die wahren Gr�nde seines Besuchs nicht reinen Wein einschenkte. Aber Linus war deswegen anscheinend �berhaupt nicht beunruhigt gewesen, denn er hatte weitergeredet, Bemerkungen und Vorschl�ge gemacht und Fragen gestellt. Er hatte Benjamin erkl�rt, dass seine Siedlung und er als deren Oberhaupt angreifbar seien. �Du musst immer eine R�ckzugsm�glichkeit haben�, hatte er gesagt. �Einen Ort, an den du dich fl�chten kannst. Glaub mir, eines Tages wirst du mir dankbar sein.�</p><empty-line/><p>�Glaubst du, dass alles gut geht?�, fragte Benjamin.</p><empty-line/><p>Stern sah ihn merkw�rdig an. Es kam nicht oft vor, dass Benjamin Best�tigung suchte. Vielleicht zweimal in zwanzig Jahren. Stern nickte. �Wir sind alle am Leben. Wir haben Essen und Wasser. Die H�hlen sind bereit und warten auf uns. Nat�rlich geht alles gut.�</p><empty-line/><p>Benjamin nickte, obwohl er ein ungutes Gef�hl hatte. Sie waren alle am Leben. Aber wie lange noch? Wo f�hrte er sie eigentlich hin? Wie kam er dazu, sich zu ihrem Anf�hrer zu erkl�ren, der alle Entscheidungen traf? Manchmal h�rte er, wie die Leute �ber ihn redeten, als w�re er so etwas wie ein Gott, eine Art Erl�ser, den der Himmel ihnen geschickt hatte. Aber er wusste, was er wirklich war. Er wusste, dass er alles andere war als ein Gott.</p><empty-line/><p>Andererseits hatte Gott auch nicht viel f�r die Menschen getan. Der Gott des Alten Testaments hatte nach Art eines Kriegsherrn mehr Interesse an Grausamkeiten, am T�ten und Verst�mmeln gezeigt. Dann sandte er seinen Sohn auf die Erde, damit der in seinem Namen predigte, und lie� es zu, dass er gefoltert und ermordet wurde. Vielleicht hatte sein Sohn sein Missfallen erregt, �berlegte Benjamin. Vielleicht war er unzufrieden damit, wie sein Sohn seine Botschaft interpretiert hatte. Denn Jesus sprach nicht von Bestrafung, sondern von Vergebung, von Geduld, von einem bescheidenen, rechtschaffenen Leben, von Toleranz gegen�ber anderen, obwohl sein Vater eindeutig nicht tolerant war. Sein Vater kannte keine Vergebung. Er war ein zorniger, machtbesessener Gott, der von seinen Anh�ngern bedingungslose Ergebenheit und Unterwerfung verlangte. Sicher, in der Bibel stand, dass Gott seinen Sohn opferte, um die Welt zu retten, aber daran hatte Benjamin nie wirklich geglaubt. Jesus schien nicht von derselben Schrift zu sprechen wie sein alter Herr. Vielleicht hatte er �ber die Str�nge geschlagen. Vielleicht hatte sein Vater nicht damit gerechnet, dass er eine eigene Meinung hatte. Benjamin musste l�cheln, als er sich Jesus als Sohn eines Diktators vorstellte, der versuchte, das Regime zu modernisieren und es menschenfreundlicher und angenehmer erscheinen zu lassen, w�hrend sein Vater kein Interesse daran hatte, den Status quo zu �ndern. Vielleicht hatte Jesus deshalb mit seinem Leben bezahlt, und nicht, um irgendjemanden zu retten.</p><empty-line/><p>�Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, sich mit der Stadt anzulegen�, meinte Stern pl�tzlich. �Vielleicht k�nnen wir unseren Leuten jetzt die Wahrheit sagen. Jetzt, da wir der Stadt die Stirn geboten haben.�</p><empty-line/><p>Benjamin drehte sich verwundert um. Er hatte immer gedacht, dass Stern dasselbe wollte wie er; dass es besser war, die Spitzel zu beschwichtigen, als noch mehr Blut zu vergie�en. �H�tte ich ihnen schon fr�her die Stirn bieten sollen? Obwohl das alle in Lebensgefahr gebracht h�tte?�</p><empty-line/><p>Stern blieb nicht stehen. �Es ist immer besser, sein Leben nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten, auch wenn es dann k�rzer ist als ein Leben in Knechtschaft.�</p><empty-line/><p>�Aber keiner wusste, dass wir in Knechtschaft gelebt haben�, sagte Benjamin.</p><empty-line/><p>�Ich schon�, erwiderte Stern schlicht.</p><empty-line/><p>Benjamin nickte, und er hatte das Gef�hl, als l�ge eine Zentnerlast auf seinen Schultern. Seine Siedlung sollte ein w�rdevoller, von Stolz erf�llter Ort sein. Aber die Spitzel hatten ihm die W�rde genommen. Und er hatte sie Stern genommen.</p><empty-line/><p>Benjamin holte tief Luft und begriff, dass Stern recht hatte: Das war ein Neubeginn, eine Chance, noch einmal von vorn anzufangen. Sie brauchten nicht viel zum Leben. Luft zum Atmen, Nahrung, Kleidung und Obdach, ein freundliches Gesicht, eine Umarmung �</p><empty-line/><p>�Tut mir leid�, sagte er zu Stern. �Aber eins musst du wissen: Die M�nner sind nicht aus der Stadt. Sie handeln zwar in deren Auftrag und schaffen Nahrung heran, aber sie verfolgen ihre eigenen Pl�ne. Und diese Pl�ne zu durchkreuzen ist gef�hrlich. Du musst vorbereitet sein.�</p><empty-line/><p>�Ich bin immer vorbereitet�, erkl�rte Stern mit einem Achselzucken.</p><empty-line/><p>Jeder trug nur eine Tasche bei sich, und nicht mal eine gro�e. Die Leute konnten, wenn n�tig, auch mit wenig Gep�ck reisen, und trotzdem taten sie oft das Gegenteil. Benjamin erinnerte sich noch an die Zeit des �berflusses und der Habgier, als sich in jedem Zimmer und in jedem Schrank materielle Dinge stapelten, die ihre Besitzer infizierten und die Umwelt verschmutzten. So viele Dinge, und dennoch waren alle immer darauf aus, noch mehr zu kaufen. Wie eine Sucht, dachte er bei sich. Als ob materielle Dinge die Leere ausf�llen oder irgendwie eine Antwort geben k�nnten.</p><empty-line/><p>Das schien eine Ewigkeit her zu sein. Damals hielt sich jeder f�r unbesiegbar, er auch. Niemand konnte ahnen, was kommen w�rde, niemand konnte die Schreckenszeit vorhersehen.</p><empty-line/><p>Au�er einem.</p><empty-line/><p>Benjamin blieb stehen, weil die altbekannte �belkeit in ihm aufstieg, wie immer, wenn er daran dachte. Auf einmal runzelte er die Stirn und wandte sich an Stern. �H�rst du was?�</p><empty-line/><p>Stern sch�ttelte den Kopf. �Was soll ich denn h�ren?�</p><empty-line/><p>Benjamin legte Stern die Hand auf den Arm und konzentrierte sich. War das nur Einbildung? Nat�rlich, was sonst.</p><empty-line/><p>Aber dann wurde das Pfeifen lauter und Stern und die anderen h�rten es auch. Sekunden sp�ter h�rten sie eine Explosion. Die Leute rannten schreiend davon, und Benjamin schickte ein Sto�gebet zu einem Gott, der seiner Ansicht nach gar nicht existierte. Dann rannte er hinter den anderen her, um sie so schnell wie m�glich zu den H�hlen zu bringen.</p><empty-line/><p>�Was ist das f�r ein Ort?�, fragte Raffy vorsichtig und schaute sich um. Dabei wanderte sein Blick immer wieder zu Evie und zu Lucas hin�ber.</p><empty-line/><p>�Das�, sagte Linus, w�hrend er zu dem gr��ten Computer ging, �ist mein Versteck. Mein Forschungszentrum. Bitte, nimm Platz.�</p><empty-line/><p>Raffy ging nicht darauf ein. �Aber was tun Sie hier? Was sollen diese ganzen Computer? Ich dachte, wir w�rden nach Base Camp gehen.�</p><empty-line/><p>�Du hast also angenommen, wird w�rden nach Base Camp gehen�, sagte Linus achselzuckend. �Ich bezweifle, dass das viel mit Denken zu tun hatte. Deine Annahme beruht lediglich auf einer fr�heren Erfahrung.�</p><empty-line/><p>Raffys Blick verfinsterte sich.</p><empty-line/><p>Lucas trat vor. Er war nicht in der Stimmung f�r Linus� kleine Scherze und Ausfl�chte. �Linus, h�r auf, Raffy zu bevormunden, und sag ihm, was wir hier machen. Oder ich sage es ihm.�</p><empty-line/><p>Linus hob eine Augenbraue und selbst Raffy blickte verbl�fft drein. �Meinst du nicht, wir sollten zuerst Tee kochen?�, sagte Linus sp�ttisch. �Na los, Lucas. Sollten wir uns nicht wie zivilisierte Menschen benehmen?�</p><empty-line/><p>Lucas wollte etwas erwidern, �berlegte es sich dann aber anders. Er hatte ihn nicht so anblaffen wollen. Er wollte nicht hier sein. Er wollte nicht mit den beiden in dieser H�hle sein. Er hatte gedacht, Raffy w�re okay, doch er war ganz und gar nicht okay. Sein Bruder hasste ihn offensichtlich, und Evie war zwar h�flich, aber man sah ihr an, dass sie ungl�cklich war. Wie k�nnte es auch anders sein? Es gab nichts, wor�ber man h�tte gl�cklich sein k�nnen. Sein Vater war umsonst gestorben; die Stadt wurde zwar nicht mehr von dem System regiert, aber daf�r wurde sie jetzt von den Spitzeln bedroht, den M�rdern, die nun auf der Suche nach Raffy waren. Die Stadt war kein besserer Ort. Sie w�rde nie ein besserer Ort sein und daf�r sch�mte er sich.</p><empty-line/><p>Linus� Blick fiel zuf�llig auf Lucas und sein Gesicht verzog sich zu einem leichten L�cheln. Seine Liebensw�rdigkeit spiegelte sich in den F�ltchen auf seinen Wangen und um seine Augen wider. Einen Moment lang sah Lucas in Linus nicht den w�tenden Deserteur, sondern den Mann, der das System entwickelt hatte, der daran geglaubt hatte und der aus der Stadt fliehen musste, als er feststellte, dass es korrumpiert wurde und dass andere sich alles, wof�r er gearbeitet hatte, widerrechtlich aneigneten. Als sie sich ansahen, glaubte Lucas ganz kurz, sich in Linus wiederzuerkennen. Denn Linus war auch einmal voller Hoffnung gewesen.</p><empty-line/><p>�Also machen wir jetzt Tee�, sagte Lucas ruhig. �Aber dann erz�hlen wir Raffy und Evie alles.�</p><empty-line/><p>Linus nickte und hielt Lucas� Blick noch ein paar Sekunden stand. Dann suchte er nach einer alten Teekanne und kurz darauf machte er Feuer.</p><empty-line/><p>Raffy sah ihn erstaunt an. �F�r alle diese Computer ist genug Strom da, aber f�r eine Kanne Tee m�ssen Sie extra ein Feuer machen? Was ist mit dem Kessel da dr�ben?�</p><empty-line/><p>Linus runzelte die Stirn. �Ich dachte, Lucas wollte den Tee machen�, sagte er mit einem leichten Achselzucken und mit seinem �blichen heiteren Blitzen in den Augen. �Ich mache Feuer, damit wir uns sp�ter davorsetzen k�nnen. Willst du mir nicht dabei helfen, Raffy? Da dr�ben liegt Holz.�</p><empty-line/><p>Raffy schlurfte z�gernd in die Richtung, in die Linus deutete. Lucas l�chelte in sich hinein und machte sich daran, den Tee zu kochen. Evie ging zu Lucas in Linus� behelfsm��ige K�che und gemeinsam suchten sie nach ein paar Tassen. Die beiden schienen umeinander herumzut�nzeln, immer darauf bedacht, sich nicht anzusehen, nicht mit dem anderen zusammenzusto�en, sich nicht zu ber�hren � Lucas bemerkte, dass Evie ihm auswich. Und er verstand auch, warum. Also tat er dasselbe und vermied m�glichst jeglichen Blickkontakt. Das war er ihr und Raffy schuldig.</p><empty-line/><p>Ein paar Minuten sp�ter brachte Lucas die Teekanne dorthin, wo Raffy Holzscheite in das eben angefachte Feuer warf. In der ganzen Gesch�ftigkeit hatte sich die Atmosph�re etwas entspannt. Evie und Linus unterhielten sich und selbst Raffy machte kein so finsteres Gesicht mehr. Vielleicht hatte Linus recht gehabt, als er darauf bestand, Tee zu kochen, �berlegte Lucas. Vielleicht hatte Linus in mehr Dingen recht, als Lucas ihm zugestand.</p><empty-line/><p>�Okay�, meinte er, goss den Tee in die Tassen und reichte diese herum. �Dann reden wir jetzt, oder?�</p><empty-line/><p>�Gut�, sagte Linus und trank einen Schluck Tee. �Also, die Spitzel waren von Anfang an in der Stadt�, erkl�rte er und warf einen vorsichtigen Blick auf Raffy. �Allm�hlich glaube ich sogar, dass sie an ihrer Entstehung beteiligt waren.�</p><empty-line/><p>�Dann sind es also B�rger der Stadt?�, fragte Evie neugierig und beugte sich vor, als w�re sie einsatzbereit.</p><empty-line/><p>Linus sch�ttelte den Kopf. �Es sind keine B�rger der Stadt, Evie. Ich habe keine Ahnung, woher sie kommen. Ich wei� nur, dass sie nach der Schreckenszeit beobachtet und gewartet haben. Und als sie von der Stadt und den Pl�nen erfahren haben, sind sie zu Fisher gegangen, zu unserem Gro�en Anf�hrer �� Linus hob eine Augenbraue, um seine Bemerkung ironisch zu unterstreichen. �Sie haben ihm f�r seine neue Stadt finanzielle Unterst�tzung und Hilfe angeboten. Fisher hat mir nichts davon erz�hlt. Er hat einfach genommen, was er kriegen konnte, und sp�ter hat er dann den Bruder eingeschaltet, um den Spitzeln bei ihren kleinen Gaunereien behilflich zu sein. Im Gegenzug f�r die Unterst�tzung wurde ihnen freier Zutritt zur Stadt gew�hrt. Sie haben sie die ganze Zeit beobachtet. Ich wei� nicht genau, warum. Ich wei� nur, dass sie in der ganzen Zeit ihre eigene Zivilisation aufgebaut haben, und zwar mithilfe einer Technologie, die meiner weit voraus ist. Diese Technologie wurde seit der Schreckenszeit an Orten entwickelt, die angeblich v�llig zerst�rt wurden.�</p><empty-line/><p>�Aber wozu brauchen sie Raffy? Ich wei�, Sie haben gesagt, weil sie glauben, dass er das System wieder in Gang setzen kann. Aber wieso?�</p><empty-line/><p>�Genau das m�ssen wir herausfinden�, sagte Linus und atmete tief aus. �Wir m�ssen herausfinden, was sie mit der Stadt und dem System vorhaben. Wir m�ssen dahinterkommen, warum sie hier sind. Denn eins ist sicher, sie f�hren nichts Gutes im Schilde. Und sie sind ziemlich schlau. Meiner Meinung nach ist das keine gute Kombination.�</p><empty-line/><p>Linus rieb sich den Kopf.</p><empty-line/><p>�Und weiter?�, fragte Evie mit zu Schlitzen verengten Augen.</p><empty-line/><p>Linus sah sie neugierig an.</p><empty-line/><p>�Was noch?�, sagte sie und verschr�nkte die Arme. �Ich wei�, dass Sie uns noch nicht alles gesagt haben.�</p><empty-line/><p>Linus grinste. �Das kannst du gar nicht wissen�, erwiderte er und zog eine Braue hoch.</p><empty-line/><p>Evie hob ebenfalls eine Braue, und Lucas sp�rte, dass ihm das Herz schwer wurde.</p><empty-line/><p>�Na sch�n�, lenkte Linus ein. �Es ist eigentlich nur eine Vermutung, eine Idee. Aber wenn man die chronologische Entwicklung dieser Zivilisation betrachtet, die bereits vor dem Ende der Schreckenszeit bestand �� Linus verstummte, als w�re er nicht gewillt, den Satz zu beenden.</p><empty-line/><p>�Erz�hlen Sie uns, was Sie vermuten�, meinte Evie stirnrunzelnd, und Linus seufzte. �Das alles kann kein Zufall sein. Es passt einfach zu gut. Es sieht fast so aus, als h�tten sie es gewusst. Als h�tten sie gewusst, was passieren w�rde.�</p><empty-line/><p>�Aber das ist unm�glich�, meinte Lucas und runzelte die Stirn.</p><empty-line/><p>�Vielleicht.� Linus verzog das Gesicht. �Aber aus einem anderen Blickwinkel betrachtet kann das, was an einem Tag noch unm�glich erscheint, schon am n�chsten Tag m�glich sein. Die meisten Dinge, die die Menschen zu wissen glauben, entsprechen nicht der Wahrheit. Fr�her haben die Menschen geglaubt, die Erde sei eine Scheibe und dass die Sonne sich um die Erde dreht. Die Menschen glauben eine Menge Dinge, die sich sp�ter als falsch herausstellen. Sie glauben das, was am einfachsten ist. Ich habe noch nicht den richtigen Blickwinkel. Vielleicht, wenn ich es noch eingehender betrachte ��</p><empty-line/><p>�Also irren Sie sich vielleicht?�, fragte Evie, und ihre klugen Augen durchbohrten ihn furchtlos. �Ich meine, Sie haben doch gesagt, dass das meiste, was wir glauben, falsch ist. Dann k�nnten Sie sich jetzt doch auch irren, oder?�</p><empty-line/><p>Linus schien ihr diese Bemerkung nicht �bel zu nehmen und l�chelte. �K�nnte sein�, gab er zu. �Aber wie dem auch sei, da drau�en gibt es eine Zivilisation, um die lange Zeit ein Geheimnis gemacht wurde und die in der Lage war, sich vor mir zu verbergen.�</p><empty-line/><p>�Und sie wird sich auch weiterhin verbergen m�ssen, wenn sie nicht von mir zerst�rt werden will�, sagte eine dr�hnende Stimme, die von dem Felsvorsprung hinter ihnen kam. Dann erschien ein hochgewachsener, majest�tisch wirkender Mann mit dunkler Haut und kurzem grau melierten Haar. �Sie haben die Siedlung zerst�rt. Alles, was wir aufgebaut haben. Alles ��</p><empty-line/><p>�Benjamin!� Raffy sprang auf, lief zu ihm hin und half ihm von dem Felsvorsprung herunter. �Was ist passiert? Warum sind Sie hier? Sie sollten nicht hier sein.� Lucas bemerkte, dass Raffy zutiefst verwirrt und ernsthaft besorgt war.</p><empty-line/><p>�Was passiert ist?�, sagte Benjamin. Er legte den Arm um Raffy und ging langsam und mit grimmigem Blick auf die Gruppe zu. �Wir befinden uns wieder im Krieg.�</p><empty-line/><p>Er ging hin�ber zu Linus und streckte die Hand aus. Evie sah, dass er Tr�nen in den Augen hatte. �Ich stehe zu Diensten�, sagte er. �Wenn du mich willst.�</p><empty-line/><p>�Nat�rlich will ich�, meinte Linus und r�ckte ein St�ck zur Seite, damit Benjamin sich hinsetzen konnte. �Sonst h�tte ich dir nie gesagt, wie du hierher findest. Aber jetzt sag mir, was passiert ist.�</p><empty-line/><p>�Es ist so gekommen, wie du vorausgesagt hast. Nur dass der Angriff aus der Luft kam. Eine Bombe. Die ganze Siedlung wurde zerst�rt.�</p><empty-line/><p>Lucas sah, dass Raffy ganz blass wurde. �Sie wurde zerst�rt?�, stie� er hervor und sah dabei ganz elend aus.</p><empty-line/><p>�Nur die Geb�ude�, sagte Benjamin ernst. �Die Menschen sind in den H�hlen in Sicherheit.� Benjamin nickte und warf Linus einen dankbaren Blick zu. Evie bemerkte, dass er auf einmal �lter aussah, als w�re er in nur einem Tag um zehn Jahre gealtert. Seine Augen funkelten vor Zorn, aber sein K�rper wirkte wie erschlagen. �Ein paar Wochen wird es ihnen gut gehen. Aber mir geht es gar nicht gut. Ich bin w�tend.�</p><empty-line/><p>�Sind Sie zu Fu� gekommen?�, fragte Lucas. �Wie haben Sie es so schnell hierher geschafft?�</p><empty-line/><p>Benjamin sch�ttelte den Kopf. �Linus hat mir vor vielen Jahren vorgeschlagen, in der H�hle ein Fahrzeug bereitzustellen. Nur f�r den Fall. Ich h�tte nie gedacht, dass ich es einmal brauchen w�rde.�</p><empty-line/><p>�Ich bin froh, dass du gekommen bist�, sagte Linus, ging auf ihn zu und legte ihm die Hand auf den Arm. �Auch wenn der Anlass nicht erfreulich ist. Aber es ist einfach sch�n, dich hierzuhaben.�</p><empty-line/><p>�Ich bin hier, damit der Gerechtigkeit Gen�ge getan wird. Ich bin hier, weil ich dem Ganzen ein Ende machen muss�, sagte Benjamin bestimmt. Seine Augen funkelten, und seine Kiefermuskeln waren gespannt. �Die Siedlung war ein guter Ort. Wir haben niemandem Schwierigkeiten gemacht, und wir haben der Stadt gegeben, was sie verlangt hat.�</p><empty-line/><p>Linus zog die Augenbrauen hoch. �Das k�mmert diese Leute nicht�, meinte er achselzuckend. �Das wei�t du genauso gut wie ich. Die Stadt ist ihnen im Grunde egal. Dass sie als Vertreter der Stadt aufgetreten sind, war nur Mittel zum Zweck.�</p><empty-line/><p>�Worum geht es ihnen dann?�, fragte Evie mit zitternder Stimme.</p><empty-line/><p>Linus atmete tief aus. �Das ist die Frage�, sagte er und beugte sich vor. �Vielleicht haben sie sich vor langer Zeit f�r etwas anderes interessiert. Vielleicht waren sie der Meinung, ihr Handeln sei gerechtfertigt. Das Problem ist, Evie, dass jeder, der glaubt, er h�tte eine Antwort, eine L�sung, und jeder, der sich im Recht f�hlt, unvermeidlich zum Tyrannen wird. Sobald man eine richtige Antwort verk�ndet, m�ssen alle anderen Antworten falsch sein. Diktatoren, Religionen � alle wollen sie uns retten, aber in Wirklichkeit trampeln sie auf uns herum und bek�mpfen jeden, der sie herausfordert. Das ist alles Gr��enwahn mit einer dazugeh�rigen Geschichte als Rechtfertigung.�</p><empty-line/><p>�Dann sind sie also gr��enwahnsinnig?� Evie runzelte die Stirn.</p><empty-line/><p>�So etwas �hnliches�, meinte Linus l�chelnd. �Der Zweck heiligt die Mittel. Gewalt wird unter den Teppich gekehrt, Andersdenkende werden zum Schweigen gebracht. Glaub mir, das ist nichts Neues. Aber wir haben etwas, was sie brauchen, oder zumindest den Schl�ssel dazu. Wir m�ssen sehr behutsam vorgehen. Das ist die einzige M�glichkeit, wie wir diese Schlacht gewinnen k�nnen.�</p><empty-line/><p>�Du meinst das System, oder?�, fragte Lucas.</p><empty-line/><p>�Ja, das System.� Linus nickte und atmete langsam aus. �Aber was mich eigentlich interessiert, ist das Warum.�</p><empty-line/><p>Er lie� die Frage ein paar Sekunden im Raum stehen, dann klatschte er in die H�nde. �Aber jetzt ist es Zeit, dass wir uns ausruhen.�</p><empty-line/><p>�Ausruhen?�, meinte Evie emp�rt und unterdr�ckte ein G�hnen.</p><empty-line/><p>�Schlafen�, sagte Linus bestimmt. �Na los, ich zeige dir, wo die Decken sind.�</p><empty-line/><empty-line/><p>39</p><empty-line/><p>Thomas Benning sah sich die Nachrichten an und l�chelte, als verzweifelte Reporter vor laufenden Kameras die j�ngsten Anschl�ge zu erkl�ren versuchten, die am selben Tag die St�dte London und Birmingham verw�stet hatten. Der erste wurde als Anschlag auf Wohlstand und Kapitalismus gedeutet, der zweite als das Werk religi�ser Extremisten.</p><empty-line/><p>Sollen sie das ruhig glauben, dachte Thomas mit einem Grinsen.</p><empty-line/><p>Thomas ging in Adrians B�ro. �Noch zwei Wochen, dann legen wir richtig los�, sagte er.</p><empty-line/><p>�Sie meinen ��</p><empty-line/><p>�Ich spreche von Krieg, von Armeen, von Zerst�rung auf globaler Ebene. Es muss sich anf�hlen, als ginge die Welt unter.�</p><empty-line/><p>Adrian schien zu �berlegen. �Aber � die Bomben hier. Die sind schon ziemlich gro�.�</p><empty-line/><p>�Ja, ja�, sagte Thomas ungeduldig. �Aber sie sind nur <emphasis>hier</emphasis>. Jetzt wird es Zeit f�r Phase zwei. Wir schneiden den Rest der Welt von jeglichen Informationen ab. Totaler Blackout.� Adrian verzog das Gesicht und machte den Mund auf, wie um etwas zu sagen. �Ein Blackout, von dem keiner etwas mitbekommt, weil wir gleichzeitig die L�cke mit dem Inhalt f�llen, den sie sehen sollen�, fuhr Thomas fort, bevor Adrian ihn unterbrechen konnte. Er fand Erkl�rungen immer so erm�dend. �Und dasselbe l�uft von England aus.�</p><empty-line/><p>�Also wei� niemand, was wir getan haben?�</p><empty-line/><p>�W�sstest du, dass ich den �ther �bernommen habe, wenn dein Fernsehprogramm ganz normal weiterlaufen w�rde?�, fragte Thomas.</p><empty-line/><p>Adrian sch�ttelte den Kopf.</p><empty-line/><p>�W�sstest du, dass dein Freund in Europa tot ist, wenn du weiterhin E-Mails, Telefonanrufe und Web-Updates von ihm bekommen w�rdest?�</p><empty-line/><p>Adrian sch�ttelte erneut den Kopf. �Aber wenn Leute hierherkommen, wenn sie hierher fliegen, werden sie die Wahrheit wissen�, sagte er.</p><empty-line/><p>�Deshalb wird als Erstes eine Ausgangssperre verh�ngt und die Flugh�fen werden geschlossen�, erkl�rte Thomas und verdrehte die Augen. �Meinst du nicht, dass ich an alles gedacht und jede Einzelheit ber�cksichtigt habe?�</p><empty-line/><p>Thomas lachte. �Tu einfach, was ich dir sage, Adrian. Tu, was ich verlange, und alles wird nach Plan laufen.�</p><empty-line/><empty-line/><p>40</p><empty-line/><p>Evie folgte Linus zu dem Schrank, in dem er die Decken aufbewahrte, und nahm ein paar heraus. Lucas stand hinter ihr und sie gab ihm eine. Er blickte verlegen drein. �Danke�, sagte er. �Sind genug da?�</p><empty-line/><p>Evie sah ihn kurz an. Sie konnte seinen Duft riechen, konnte die W�rme seiner Haut sp�ren. Er sah ganz anders aus als der Mann, den sie in der Stadt gekannt hatte, wie ein v�llig anderer Mensch. Aber nicht wie ein Fremder. Er wirkte �lter als damals, als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte; er hatte Falten um seine klaren blauen Augen und er sah ersch�pft aus. Fast so, als h�tte er sich aufgegeben, dachte sie bei sich.</p><empty-line/><p>Evie nickte. �Es sind genug�, sagte sie und r�usperte sich. �Nimm noch eine. Es wird bestimmt kalt.�</p><empty-line/><p>Raffy stand ein paar Meter entfernt, zu weit weg, um zu verstehen, was sie sagten, aber Evie sp�rte seinen pr�fenden Blick und seine Wut.</p><empty-line/><p>�Eine reicht.� Lucas rang sich ein L�cheln ab. �Und es tut mir leid, dass du hierherkommen musstest. Es tut mir leid, dass es so weit gekommen ist.� Ihre Blicke trafen sich, aber Lucas sah gleich wieder weg, als k�nnte er es nicht ertragen, sie anzusehen, als wollte er vergessen, was zwischen ihnen gewesen war.</p><empty-line/><p>Evie l�chelte ebenfalls gezwungen. �Das muss dir nicht leidtun. Es ist nicht deine Schuld. Du hast nur versucht, ihn zu besch�tzen. Die Stadt zu besch�tzen.�</p><empty-line/><p>Lucas nickte. Er stand nur ein paar Zentimeter von ihr entfernt, und keiner von beiden schien imstande zu sein, sich zu bewegen. �Ich dachte, ich w�rde dich nie wiedersehen�, sagte er pl�tzlich mit heiserer Stimme und sah ihr dabei direkt ins Gesicht. Evie sp�rte seinen bohrenden Blick, so als k�nnte er sie damit verschlingen, wenn sie nicht aufpasste.</p><empty-line/><p>�Ich dachte auch, ich w�rde dich nicht wiedersehen�, sagte sie leise. Ihre Fingern�gel gruben sich in ihre Handfl�chen und erinnerten sie daran, dass sie sich zusammennehmen musste. �Wie war es � Ich meine � in der Stadt? Was hast du �?� Sie hatte keine Ahnung, was sie eigentlich sagen wollte. In ihrem Kopf herrschte v�llige Leere.</p><empty-line/><p>�Evie? Kommst du?� Es war Raffy, er kam auf sie zu. Lucas verschwand sofort und der Bann war gebrochen. Evie sah ihm noch nach und drehte sich dann wieder zu Raffy um. Ihr Herz raste.</p><empty-line/><p>�Ich komme�, sagte sie.</p><empty-line/><p>Alle suchten sich einen Platz zum Schlafen � Raffy und Evie in einem Bereich neben der K�che, Lucas vor dem Feuer, Linus und Benjamin am anderen Ende der H�hle. Lucas nahm an, dass sie noch reden wollten, aber kurz darauf drang aus ihrer Richtung ein leises Schnarchen an sein Ohr.</p><empty-line/><p>Lucas schloss die Augen und lie� den Kopf nach hinten fallen. Er hatte Kopfschmerzen und brauchte dringend Schlaf, aber er fand keine Ruhe, weil er sich nicht entspannen und abschalten konnte. Er hatte das Gef�hl, als w�re sein Gehirn ganz fest verknotet, als w�rde jemand es zusammendr�cken und das letzte bisschen Feuchtigkeit und Luft, das ihm Linderung verschaffen k�nnte, herauspressen. Seine Gedanken waren wie ein Kn�uel, das er nicht entwirren konnte. Er konnte nicht klar denken. Seine Glieder waren schwer vor M�digkeit, aber er war zu wach, um zu schlafen. Sein Geist war zu aktiv und sein K�rper steckte voller Tatendrang.</p><empty-line/><p>Er hatte es sich leichter vorgestellt und sich f�r st�rker und kl�ger gehalten. Aber das war er ganz und gar nicht. Wenn er Evie mit seinem Bruder zusammen sah, empfand er einen k�rperlichen Schmerz, so als w�rde ihm ein gl�hend hei�er Sch�rhaken ins Auge gesto�en. Er hatte gehofft, er k�nnte gelassen bleiben, aber diese Hoffnung war in dem Moment zunichtegemacht worden, als er Evie erblickte, als er ihre Augen sah, die so voller Leben waren, und ihren fragenden, sprechenden Blick. Und jedes Mal, wenn er sie ansah, wusste er, dass er niemals Frieden finden, dass er niemals gl�cklich sein w�rde, solange sie mit jemand anderem zusammen war, solange sie mit seinem Bruder zusammen war.</p><empty-line/><p>Lucas holte tief Luft. Er musste schlafen.</p><empty-line/><p>Er dachte an das Krankenhaus und beschloss, wieder zu z�hlen, diesmal nicht, um wach zu bleiben, sondern um seine Gedanken von diesem Ort, von der Realit�t abzulenken. Er z�hlte bis tausend und dann wieder r�ckw�rts. Und w�hrend er z�hlte, wurden seine Glieder immer schwerer. Als er schlie�lich in einen tiefen Schlummer sank, sah er Evies Gesicht neben sich, und er stellte sich vor, wie Evie ihn streichelte, ihn umarmte und ihm ins Ohr fl�sterte, dass alles gut werden w�rde, dass er jetzt bei ihr sei und dass der ganze Schmerz f�r immer vorbei w�re.</p><empty-line/><p>Evie beobachtete Raffy, der am Rand ihres Nachtlagers sa� und weder schlafen noch sie ansehen wollte. Und je l�nger sein w�tendes Schweigen dauerte, desto weniger f�hlte Evie sich imstande, es zu brechen. Es war, als w�re ihr der Gespr�chsstoff ausgegangen, aber das war nicht der Fall. Es gab unz�hlige Dinge, �ber die sie gern gesprochen h�tte, aber sie konnte einfach nicht anfangen, denn wenn sie es t�te, k�nnte sie nicht mehr aufh�ren, und daf�r war jetzt nicht der richtige Zeitpunkt. Also hatte sich Evie in ihr provisorisches Bett gelegt und Raffy gesagt, dass sie m�de sei. Er hatte sie b�se angesehen, war langsam aufgestanden, hatte sich ausgezogen und sich ans Fu�ende des Bettes gesetzt. Und dort sa� er jetzt seit einer Stunde. Evie konnte nicht schlafen, und Raffy r�hrte sich nicht von der Stelle. Sie wusste, dass er sich qu�lte, dass er w�tend war �ber den Verlust der Siedlung, w�tend auf die Spitzel, auf Lucas, auf Linus. Und sie wusste, dass es ihre Aufgabe war, ihm zu helfen. Er musste sich aussprechen und die Gedanken loswerden, die ihm gerade durch den Kopf gingen. Bisher war sie immer sein Resonanzboden gewesen, seine Vertraute, die ihn beruhigt und die ihm bestimmte Dinge erkl�rt hatte. Aber jetzt fand sie nicht die richtigen Worte, um ihm seine Verwirrung und seine Angst zu nehmen. Ihr schossen immer nur stumme Bilder von Lucas durch den Kopf, ihr Magen krampfte sich zusammen, und ihr Herz schlug schneller. Jedes Mal, wenn Raffy sie ansah, wurde sie rot, sie hatte Schuldgef�hle, und sie war w�tend, weil Raffy so stur, so unm�glich war, wenn es um seinen Bruder ging.</p><empty-line/><p>�Raffy�, sagte sie schlie�lich, weil sie wusste, dass nur sie ihn aus der Sackgasse herausf�hren konnte, und weil sie wusste, dass Raffy nicht als Erster etwas sagen w�rde. �Raffy, komm ins Bett. Sei nicht mehr w�tend. Lucas ist gekommen, weil du in Schwierigkeiten warst. Und deshalb sind auch alle anderen hier. Die Siedlung existiert nicht mehr. Das ist schlimmer als die Sache mit dir und Lucas. Das ist viel wichtiger.�</p><empty-line/><p>Raffy wollte etwas erwidern, doch er �berlegte es sich anders. Er erhob sich mit gequ�ltem Blick. �Du kapierst es nicht, oder? Nach der ganzen Zeit kapierst du es immer noch nicht.�</p><empty-line/><p>�Was?�, fragte Evie unsicher.</p><empty-line/><p>Raffy sch�ttelte den Kopf. �Egal. Wei�t du was? Es spielt keine Rolle mehr. Ich will jetzt schlafen.�</p><empty-line/><p>Er legte sich ins Bett, das Gesicht von Evie abgewandt, und zog die Decke �ber sich. Evie schlug die Decke zur�ck.</p><empty-line/><p>�Offenbar spielt es doch eine Rolle�, sagte sie und versuchte, ruhig zu bleiben. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, sagte sie sich immer wieder, aber es half nichts. �Also�, sagte sie kurz und b�ndig und h�rte sich dabei an wie eine Lehrerin, obwohl Mitgef�hl und Unterst�tzung eigentlich angebrachter gewesen w�ren. �Was genau hat Lucas denn Schlimmes getan? Abgesehen davon, dass er sich ein Leben lang verstellt hat, um dich zu besch�tzen? Abgesehen davon, dass er mehrmals alles riskiert hat, um dir das Leben zu retten? Was hat er so Schlimmes getan?� Raffy knurrte, und Evie r�ckte ein St�ck von ihm weg. �Ich w�nschte, du w�rst nicht so verbohrt�, sagte sie. �Lucas ist kein schlechter Kerl. Ich verstehe nicht, warum du das nicht einsiehst.�</p><empty-line/><p>�Weil er schlecht ist�, sagte Raffy pl�tzlich, setzte sich auf und sah Evie finster an. �Du bist diejenige, die das nicht einsieht.�</p><empty-line/><p>�Dann sag mir, warum�, bat Evie verzweifelt. �Nenn mir einen triftigen Grund, warum er so schlecht ist.�</p><empty-line/><p>Raffy sah sie an und sagte dann kopfsch�ttelnd: �Es hat keinen Sinn. Es ist sowieso zu sp�t. Er hat getan, was er sich vorgenommen hat.�</p><empty-line/><p>�Was denn?�, sagte Evie, und ihre Stimme klang mindestens eine Oktave h�her als sonst. �Was hat er getan? Was?�</p><empty-line/><p>Aber Raffy gab keine Antwort. Er legte sich wieder hin, drehte Evie den R�cken zu und zog sich das Kissen �ber den Kopf. Minuten sp�ter h�rte Evie ihn tief atmen, ein Zeichen, dass er schlief.</p><empty-line/><p>Evie starrte ihn emp�rt an. Wie konnte er nur so ruhig daliegen und schlafen? Sie zitterte am ganzen Leib vor Wut. Wie konnte Raffy nur so unvern�nftig sein? So unbeweglich? So � stur?</p><empty-line/><p>Je l�nger sie ihn beobachtete, desto w�tender wurde sie. Sie musste sich beruhigen und den Kopf freibekommen, damit sie endlich schlafen konnte. Sie wusste, dass er sie brauchte; er w�rde nicht eher ruhen, als bis sie verheiratet w�ren oder weit weg von allen anderen lebten. Aber im Moment bekam sie Schwei�ausbr�che bei dem Gedanken, mit ihm zusammen zu sein, nur mit ihm und f�r immer, und ihr stockte der Atem. Sie musste nach Luft schnappen, so als w�rde ihr allm�hlich die Sauerstoffzufuhr abgedreht.</p><empty-line/><p>Ihr war genauso zumute wie damals, in der Stadt, als sie Lucas heiraten sollte. Damals hatte sie gedacht, dass Raffy der einzige Mensch auf der Welt sei, den sie gernhatte.</p><empty-line/><p>Sie schloss die Augen. War das wirklich sie? War sie unf�hig, gl�cklich zu sein oder Liebe zu geben? Sie atmete tief aus, machte die Augen wieder auf, erhob sich von ihrem Lager und tappte vorsichtig in die K�che. Vielleicht w�rde ein Glas Wasser helfen. Sie k�nnte sich ein paar Minuten ans Feuer setzen, sich aufw�rmen und dabei vielleicht ihre d�steren Gedanken und ihre W�nsche vergessen. Sie war w�tend auf Raffy, aber ihr war klar, dass es im Grunde nicht seine Schuld war. Sie war w�tend auf sich selbst und auf die ganze Welt. Aber das w�rde nicht ewig dauern. Sie w�rde sich auch wieder beruhigen und dann w�re alles wieder gut.</p><empty-line/><p>Evie konnte Linus und Benjamin sehen, die am anderen Ende der H�hle schliefen. Sie goss sich ein Glas Wasser ein und ging hin�ber zum Feuer, um sich zu w�rmen und sich zu beruhigen. Doch als sie n�her kam, sah sie, dass Lucas beim Feuer unter einem Stapel Decken schlief. Sie wusste nicht recht, warum sie es tat, aber sie ging zu ihm hin�ber und hockte sich nahe bei seinem Schlafplatz auf den Boden. Sie betrachtete ihn eingehend, sein Gesicht, den Verband um seinen Kopf, seinen Arm, seine Hand. Er sah so ruhig aus und so friedlich. Sie stellte sich ihn im Lager der Spitzel vor, voller Furcht, aber dennoch ruhig und besonnen, wie er es immer war. Und w�hrend sie ihn ansah, wurde ihr bewusst, dass sie ihn immer nur sehr kontrolliert erlebt hatte. Er war f�r alle immer der Starke, der die F�hrung �bernahm. Sie hatte ihn noch nie so verletzlich gesehen und sie konnte den Blick nicht von ihm wenden.</p><empty-line/><p>Ohne lange nachzudenken, streckte sie die Hand aus und legte sie ganz vorsichtig auf seine Hand. Gegen seine Hand wirkte ihre selbst nach einem Jahr in der Siedlung noch immer schmal und zerbrechlich. Sie lie� ihre Hand ein paar Sekunden lang auf seiner ruhen und sp�rte die W�rme seiner Haut. Dann zog sie ihre Hand vorsichtig wieder weg. Sie wusste, dass sie nicht hier sein sollte. Aber ob es nun Absicht war oder nicht, es hatte funktioniert. Es hatte sie beruhigt, hier bei Lucas zu sitzen, und sie war jetzt bereit, schlafen zu gehen. W�hrend sie zusah, wie sich seine Brust hob und senkte, wurde auch ihr Atem ruhiger, und sie war nicht mehr so durcheinander. Als sie vorsichtig aufstand, schlug Lucas die Augen auf. Evie wurde rot und sah ihn besorgt an. �Tut mir leid�, fl�sterte sie. �Schlaf weiter.�</p><empty-line/><p>Aber Lucas sch�ttelte den Kopf und schaute ihr direkt in die Augen. �Geh nicht�, fl�sterte er. �Bleib da.�</p><empty-line/><p>Evies Nackenh�rchen stellten sich auf, und sie bekam eine G�nsehaut, als sie sich wieder setzte.</p><empty-line/><p>�Wie geht es Raffy?�, fragte Lucas leise.</p><empty-line/><p>Evie l�chelte halbherzig. �Er schl�ft�, sagte sie. �Er ist w�tend auf dich. W�tend auf alles.�</p><empty-line/><p>Lucas lachte gepresst. �Gut, dass er schl�ft. Und was er �ber mich denkt, ist unwichtig. Wenn das alles hier vorbei ist, kann er ja mit Benjamin zur�ckgehen. Und du �� Er z�gerte und r�usperte sich. �Ich meine, ihr k�nnt beide mit ihm gehen. Ihr k�nnt heiraten, wie geplant.�</p><empty-line/><p>Evie nickte bed�chtig, ihre Blicke trafen sich, und sie konnte den Blick nicht abwenden. Sie entdeckte etwas in seinen Augen, das ihr Hoffnung und Angst zugleich machte, etwas, das den Anfang von etwas und das Ende von etwas anderem bedeuten konnte, etwas, das alles zum Ausbruch brachte, was sie schon seit Langem gef�hlt hatte.</p><empty-line/><p>�Vielleicht�, sagte sie, noch bevor sie die Gedanken, die ihr im Kopf herumschwirrten, verarbeiten konnte, und ohne sich �ber die Folgen im Klaren zu sein.</p><empty-line/><p>�Vielleicht?� Lucas runzelte die Stirn und setzte sich auf.</p><empty-line/><p>�Vielleicht�, fl�sterte Evie und biss sich auf die Lippen.</p><empty-line/><p>Er streckte die rechte Hand aus, fasste sie am Kinn und streichelte mit dem Daumen �ber ihre Wange. �Du hast es verdient, dass du endlich Frieden findest�, sagte er und sah sie so forschend an, dass sie den Blick abwenden musste.</p><empty-line/><p>�Nein�, meinte sie kopfsch�ttelnd. �Nein, Lucas. Ich habe gar nichts verdient.� Ihre Hand ber�hrte den Verband um seinen Kopf. �Was ist passiert?�</p><empty-line/><p>�Linus hat mich von einem Felsvorsprung gesto�en�, erwiderte er mit einem Achselzucken.</p><empty-line/><p>Evie entfernte den Verband, strich mit dem Daumen �ber die Wunde und sp�rte die rauen Wundr�nder. �Tut das weh?�</p><empty-line/><p>�Nicht besonders�, sagte Lucas mit kaum vernehmlicher Stimme.</p><empty-line/><p>Evie nickte. Ihre Hand glitt langsam nach unten zu seinem Nacken. Sie wollte ihm beweisen, dass es neben Schmerz und Leid auch Gl�ck und Freude gab. Er sollte wissen, dass es zumindest <emphasis>einen</emphasis> Menschen gab, der ihn so sah, wie er wirklich war.</p><empty-line/><p>�Du solltest wieder zu Raffy gehen�, meinte Lucas mit heiserer Stimme. �Er wartet bestimmt schon auf dich.�</p><empty-line/><p>�Nein�, sagte sie, und dabei wurde ihr klar, dass sie es schon lange gewusst hatte. Raffy war der Junge, mit dem sie aufgewachsen war, aber er war nicht der Mann, den sie liebte. Nicht mehr. �Du solltest zu Raffy gehen�, wiederholte Lucas atemlos, w�hrend Evie seine Arme um ihre Taille legte und sich an ihn presste. In jeder Ber�hrung zeigte sich sein Verlangen nach ihr.</p><empty-line/><p>Sie sch�ttelte den Kopf, strich Lucas mit der Hand �ber das Gesicht, fuhr ihm mit den Fingern durch die Haare und st�hnte, als ihre Lippen sich trafen. Ihr ganzer K�rper brannte vor Sehnsucht und Verlangen und sie wurde fast �berw�ltigt von ihren Gef�hlen.</p><empty-line/><p>�Evie�, h�rte sie Lucas fl�stern. �Evie, Evie ��</p><empty-line/><p>Wieder und wieder sagte er ihren Namen, als er sie an sich zog und mit den Lippen ihr Gesicht und ihren Hals liebkoste. W�hrend Evie sich an ihn klammerte und ihren K�rper an seinen presste, war ihr klar, dass sie sich ihm ganz hingeben w�rde und dass sich alles f�r immer ver�ndern w�rde.</p><empty-line/><empty-line/><p>41</p><empty-line/><p>Raffy seufzte und �ffnete die Augen. Er streckte die Hand aus und tastete �ber das Bett neben ihm, aber da war nichts. Er runzelte die Stirn, setzte sich auf, sah sich um und versuchte die beklemmende Angst zu verdr�ngen, die jedes Mal in ihm hochkam, wenn Evie au�er Sichtweite war. Bestimmt war sie ins Bad gegangen oder holte sich etwas zu trinken. Bestimmt war sie gleich wieder da. Aber eine Minute verging, und Evie war immer noch nicht da, und mit jeder Sekunde schn�rte es ihm die Brust mehr ein vor Angst, dass sie ihn verlassen hatte, dass man sie ihm weggenommen hatte, dass er jetzt ganz allein war, dass sie bei Lucas war �</p><empty-line/><p>Raffy stand auf, atmete langsam ein und aus und st�tzte sich mit der Hand an der H�hlenwand ab. Er musste sich beruhigen, er musste sich beherrschen. Sie w�rde ihm das nicht antun, egal, was dieser Thomas sagte. Er irrte sich. Er kannte Evie nicht. Obwohl er mit allem anderen recht gehabt hatte. Raffy schloss die Augen, machte sie aber gleich wieder auf, als Bilder von Evie und Lucas vor ihm auftauchten, Bilder, die ihn gequ�lt hatten, seit Evie ihm gestanden hatte, dass sie Lucas in jener Nacht gek�sst hatte, als sie aus der Stadt geflohen waren. Evie und Lucas. Lucas und Evie. Schon bei dem Gedanken brach ihm der kalte Schwei� aus. Lucas, der schon alles hatte, durfte nicht auch noch sie haben. Und solange Raffy lebte, w�rde er sie auch nicht bekommen.</p><empty-line/><p>Ruhelos ging er auf und ab. Sie w�rde wiederkommen. Thomas irrte sich. Er musste sich irren. Trotzdem konnte Raffy dessen Worte immer noch ganz deutlich h�ren, und die L�sung, die er ihm angeboten hatte �</p><empty-line/><p>Raffy atmete tief durch, z�hlte bis drei und dann bis zehn. Er musste sich endlich beruhigen. Lucas war nicht gekommen, um Evie zu holen; er war gekommen, um ihnen zu helfen, wie er es immer getan hatte. Obwohl Raffy das wusste, war sein Groll gegen Lucas immer noch weiter gewachsen. Lucas, der Held. Lucas, der Retter. Lucas, der �ltere Bruder, den Raffy sein Leben lang so gehasst hatte, dass dieser Hass zu einem festen Bestandteil seines Ichs geworden war. Wenn er aufh�rte, seinen Bruder zu verachten, w�rde er aufh�ren zu existieren. Und genau das verstand Evie nicht. Als Raffy die Wahrheit �ber Lucas erfahren hatte, hatte er ihn sogar noch mehr gehasst.</p><empty-line/><p>Denn Lucas� Mut und Entschlossenheit lie�en Raffys eigene Vers�umnisse nur noch deutlicher zutage treten. Verglichen mit Lucas w�rde Raffy immer der Verlierer sein, eine Entt�uschung. Eine Tages w�rde Evie das erkennen und ihn wegen seines gro�en Bruders verlassen.</p><empty-line/><p>Raffy sch�ttelte sich. Er wurde langsam paranoid. Er lie� sich von diesem Thomas verunsichern, dabei war er sowieso schon ganz durcheinander. Evie war nicht bei Lucas. Sie liebte ihn, Raffy. Wenn das alles vorbei war, w�rden sie mit Benjamin in die Siedlung zur�ckkehren, ihm beim Wiederaufbau helfen, und sie w�rden heiraten. Alles w�rde sich wieder einrenken. Alles.</p><empty-line/><p>Aber sie war immer noch nicht zur�ck. Vielleicht sollte er einfach gehen und sie suchen. Nur f�r alle F�lle.</p><empty-line/><p>Er nahm seine Taschenlampe und ging durch den Tunnel zum Computerraum. Wenn Evie nicht in der K�che war oder im Wohnzimmer, dann w�rde er Lucas aufwecken und ihn fragen, ob er Evie gesehen hatte. Es war nicht so, dass er Lucas� Hilfe br�uchte, aber so bek�me er die Gelegenheit, mit Lucas zu sprechen, sich wie ein Erwachsener zu verhalten, vern�nftig zu sein. Denn er wusste, dass Evie das von ihm erwartete. Er w�rde es ihr zuliebe tun. Er w�rde Lucas danken, dass er gekommen war, und ihn fragen, wie es in der Stadt gewesen war.</p><empty-line/><p>Raffy ging weiter und spitzte die Ohren. Auf einmal blieb er stehen; er hatte etwas geh�rt. Evie. Ihre Stimme klang ged�mpft, dann ein leiser Aufschrei. Das war eindeutig Evie. Wutentbrannt beschleunigte er den Schritt. Wenn irgendjemand ihr wehtat, w�rde er ihn umbringen; mehr noch, er w�rde ihn in St�cke rei�en und ihm solche Schmerzen zuf�gen, wie er sie noch nie versp�rt hatte. Raffy rannte in die Richtung, aus der ihre Stimme kam, und pl�tzlich blieb er wie angewurzelt stehen, sein Mund klappte auf, und seine ganze Welt brach �ber ihm zusammen.</p><empty-line/><p>Sie war nicht in Schwierigkeiten.</p><empty-line/><p>Es war alles ganz anders.</p><empty-line/><empty-line/><p>42</p><empty-line/><p>Evie kroch zur�ck ins Bett, und als sie Raffy dort liegen sah, den Kopf auf dem Kissen, nichts ahnend, da fing sie an zu weinen. Und sie hasste sich nur noch mehr wegen der Tr�nen, denn sie hatte kein Recht zu weinen. Sie hatte kein Recht, etwas zu f�hlen, denn sie hatte gerade den Jungen betrogen, den sie immer geliebt hatte und der so an ihr hing.</p><empty-line/><p>Sie legte sich hin, machte die Augen zu und versuchte zu schlafen. Und als der Schlaf sie schlie�lich �bermannte, hatte sie Fiebertr�ume. Sie w�lzte sich hin und her, schwitzte, schrie und schreckte hoch. Als sie die Augen �ffnete, drang durch einen Spalt schon das Tageslicht in die H�hle, und sie tastete mit der Hand hin�ber zu Raffy.</p><empty-line/><p>Aber Raffy war weg.</p><empty-line/><p>Nicht weg, sagte sie sich, sondern nur nicht im Bett. Er konnte �berall sein. Wahrscheinlich hing er irgendwo herum. Er wusste nichts. Er konnte nichts wissen. Vermutlich redete er mit Benjamin oder stritt sich mit Linus. Nat�rlich.</p><empty-line/><p>Evie stand schnell auf, zog sich an und eilte nach drau�en. Sie versuchte, einen entspannten Eindruck zu machen und sich ihre Schuldgef�hle nicht anmerken zu lassen. Aber die erste Person, die sie zu Gesicht bekam, war Lucas, und als sie seinen Blick sah, wusste sie, dass das, was zwischen ihnen vorgefallen war, kein Geheimnis bleiben konnte. Denn so, wie er sie ansah, gab sein Blick all seine Gedanken und Gef�hle preis, und bei ihr war es vermutlich genauso.</p><empty-line/><p>Evie zwang sich zu einem L�cheln. �Hast du Raffy gesehen?�, fragte sie mit sanfter, aber zitternder Stimme. Sie bem�hte sich, ganz normal zu klingen, aber sie hatte vergessen, wie sich normal anh�rte, weil nichts normal war, weil nichts jemals wieder normal sein w�rde.</p><empty-line/><p>Lucas sch�ttelte den Kopf und runzelte die Stirn. �Ist er nicht �� Evie wusste, wie der Satz weiterging: �� bei dir?� Worte, die Lucas nicht �ber die Lippen brachte. Ob er wohl die ganze Nacht gelitten hatte, weil er wusste, dass sie mit Raffy in einem Bett schlief? Ob er wohl eine ebenso unruhige Nacht hinter sich hatte wie sie?</p><empty-line/><p>Evie sch�ttelte den Kopf. �Hast du ihn auch nicht hier drau�en gesehen?�</p><empty-line/><p>Wieder sch�ttelte Lucas den Kopf, und Evie begann durch die H�hle zu laufen und Raffys Namen zu rufen, aber sie bekam keine Antwort. Kurz darauf rief auch Lucas nach seinem Bruder und suchte jeden Winkel der H�hle nach ihm ab. Und w�hrend sie suchten, warfen sich Evie und Lucas immer wieder besorgte Blicke zu.</p><empty-line/><p>�Was ist los? Ist euch Raffy abhandengekommen?� Es war Linus, der gerade aus seinem Schlafsack kroch.</p><empty-line/><p>�Er � er hat geschlafen. Aber jetzt ��, sagte Evie besorgt. �Ich bin sicher, er ist hier irgendwo.� In Gedanken sah sie Raffy vor sich, wie er in der Nacht aufwachte, sie suchte und sie dann mit Lucas zusammen sah � Aber sie verdr�ngte diesen Gedanken sofort wieder. Nein. Nein �</p><empty-line/><p>Linus sah Lucas an. Evie hatte ihn noch nie so ernst erlebt. �Wir k�nnen ihn nicht finden�, sagte er.</p><empty-line/><p>Linus machte ein langes Gesicht und wurde aschfahl. �Ob die Spitzel ihn geschnappt haben? Nein, das ist unm�glich. Hier kommt keiner rein, wenn er nicht wei�, wie.� Er lief los, um Benjamin zu wecken. �Benjamin, bist du dir ganz sicher, dass dir niemand gefolgt ist?�</p><empty-line/><p>Benjamin schreckte aus dem Schlaf hoch und stand langsam auf. �Mir ist niemand gefolgt�, erwiderte er rasch. �Was ist denn los?�</p><empty-line/><p>�Raffy ist verschwunden�, sagte Linus grimmig. �Sie m�ssen hier hereingekommen sein. Aber wie? Und wie konnten sie Raffy mitnehmen, ohne dass sie Evie aufgeweckt haben? Das ergibt keinen Sinn.�</p><empty-line/><p>�Mir ist niemand gefolgt�, erkl�rte Benjamin kategorisch. �Da bin ich mir sicher. K�nnten sie uns nicht auf andere Weise entdeckt haben?�</p><empty-line/><p>Linus ging unruhig auf und ab, die Arme vor der Brust verschr�nkt. �Nein. Ich meine, ja, offenbar schon. Aber nein, es ist unm�glich, dass jemand einfach hier hereinkommt und Raffy mitnimmt, ohne dass wir etwas davon mitbekommen ��</p><empty-line/><p>�So oder so, wir m�ssen ihn finden�, sagte Lucas. �Ich werde ihn finden. Ich werde mich auf den Weg machen. Sie k�nnen noch nicht weit sein.�</p><empty-line/><p>�Du gehst nirgendwohin�, erkl�rte Linus mit zu Schlitzen verengten Augen.</p><empty-line/><p>�Doch�, erwiderte Lucas mit entschlossenem Blick. �Wir k�nnen nicht warten, bis du dir einen Plan ausgedacht hast. Raffy ist in Gefahr und ich werde ihn suchen. Ich werde meinen Bruder finden.�</p><empty-line/><p>�Nein, Lucas�, sagte Evie �ngstlich. �Vielleicht warten sie da drau�en.� Es waren nicht die Spitzel gewesen. Raffy war nicht deswegen verschwunden. Das sagte ihr ihr Bauchgef�hl. Er hatte etwas gemerkt. Irgendwie hatte er es herausgefunden. Aber sie durfte nichts sagen, weil sie wusste, dass niemand ihr die Schuld geben w�rde; sie w�rden Lucas daf�r verantwortlich machen.</p><empty-line/><p>Lucas kam zu ihr her�ber und streckte die Hand aus, um sie zu ber�hren, doch dann schien er sich anders zu besinnen. �Wenn die Spitzel Raffy geholt h�tten, h�tten sie uns alle mitgenommen�, meinte er mit leicht erstickter Stimme. �Sie waren es nicht, da bin ich mir sicher.�</p><empty-line/><p>Und als er ihr in die Augen sah, wusste sie, warum er seinen Bruder suchen wollte. Er glaubte auch nicht, dass sie Raffy geholt hatten. Lucas wusste genauso gut wie Evie, dass sie beide f�r sein Verschwinden verantwortlich waren und nicht die Spitzel; dass er von sich aus weggelaufen war. Und Evie wusste auch, dass Lucas sich nie damit abfinden w�rde, wenn sie ihn nicht heil zur�ckbrachten. Keiner von ihnen w�rde sich damit abfinden.</p><empty-line/><p>�Wir werden alle gehen�, sagte sie mit belegter Stimme. �Wir werden uns verteilen und suchen. Vielleicht ist er gegangen, weil � weil wir uns letzte Nacht gestritten haben. Wenn wir alle gehen, werden wir ihn finden �� Sie warf Linus und Benjamin einen flehenden Blick zu, aber die Gesichter der beiden waren wie versteinert.</p><empty-line/><p>�Warum sollte er gegangen sein?�, fragte Linus. �Die Spitzel sind hinter ihm her, und er wei� genau, dass er ihrem Angriff schutzlos ausgesetzt ist, sobald er die H�hle verl�sst. Warum also sollte er von hier weggehen?�</p><empty-line/><p>Evie sah ihn herausfordernd an. Sie w�rde ihre Schuld annehmen und ihren Kummer ertragen, aber sie w�rde nicht zulassen, dass man Lucas daf�r verurteilte oder ihm allein die Schuld gab. �Sie wissen, dass er nicht hier sein wollte. Er wollte wieder in die Siedlung zur�ck.�</p><empty-line/><p>�Die Siedlung existiert nicht mehr�, sagte Benjamin und ging zu ihr. �Und er w�rde nicht ohne dich gehen. Evie, gibt es etwas, was du uns verschwiegen hast?�</p><empty-line/><p>Evie sah hin�ber zu Lucas, aber der sch�ttelte den Kopf. �Da gibt es nichts�, erkl�rte er bestimmt. �Raffy war doch noch da, als du dich wieder schlafen gelegt hast, oder, Evie?�</p><empty-line/><p>Evie nickte. Ihr wurde ganz hei�, weil alle Augen auf sie gerichtet waren.</p><empty-line/><p>�Dann lasst mich gehen und ihn suchen, bevor die Spitzel ihn finden. Bevor sie ��</p><empty-line/><p>�Ihn t�ten?�, sagte Linus leise. �Das w�rden sie nicht tun, Lucas. Wenn sie ihn tats�chlich finden, werden sie ihm kein Haar kr�mmen. Sie brauchen ihn. Wenn sie ihn finden, werden sie ihn in die Stadt bringen.�</p><empty-line/><p>�Dann werde ich hier nach ihm suchen, und wenn ich ihn nicht finde, gehen wir in die Stadt�, erkl�rte Lucas und rannte zum Ausgang.</p><empty-line/><p>�Zuerst werden <emphasis>wir</emphasis> ihn hier suchen�, verbesserte Evie ihn und lief ihm nach. Als sie Schritte h�rte und sich umdrehte, sah sie, dass Linus und Benjamin hinter ihr herkamen.</p><empty-line/><p>�Wir suchen zehn Minuten. Nicht l�nger�, meinte Linus schroff. �Obwohl es wenig Sinn hat. Wenn die Spitzel ihn geschnappt haben, ist er schon weit weg, und wenn er von sich aus gegangen ist, dann hat er ein paar Stunden Vorsprung.�</p><empty-line/><p>�Warum suchen wir dann �berhaupt?�, fragte Benjamin, w�hrend sie aus der H�hle kletterten.</p><empty-line/><p>�Weil Lucas und Evie sich sonst vor lauter Wut und Schuldgef�hlen den Kopf zerbrechen und niemandem von Nutzen sind�, meinte Linus achselzuckend.</p><empty-line/><p>Evie warf ihm einen Blick zu und hielt pl�tzlich inne. �Was ist das?�, fragte sie. Von drau�en drang ein lautes Dr�hnen zu ihnen, und Lucas blieb wie angewurzelt stehen. Auf einmal gab es einen so starken Sog, dass Lucas sich an der H�hlenwand festhalten musste, damit er nicht umgeweht wurde.</p><empty-line/><p>�Ein Hubschrauber�, rief Linus und eilte zu Lucas.</p><empty-line/><p>�Ein was?�</p><empty-line/><p>�Ein Flugger�t�, erkl�rte Benjamin und griff nach Evies Hand. �Evie, komm zur�ck. Komm mit mir.�</p><empty-line/><p>Evie sah, wie Lucas und Linus gegen den L�rm des Hubschraubers anschrien, und schlie�lich rannten sie zu ihr und Benjamin zur�ck. Lucas� Gesicht war bleich vor Zorn, und Linus wirkte so �ngstlich, wie sie ihn noch nie erlebt hatte.</p><empty-line/><p>�Zur�ck�, schrie er. �Zur�ck in die H�hle. Schnell!�</p><empty-line/><p>Alle kletterten wieder ins Innere der H�hle und Linus warf einen verzweifelten Blick in die Runde. �Sie haben uns entdeckt�, sagte er und kratzte sich am Kopf, als k�nnte er so eine Antwort finden. �Ich wei� nicht, wie, aber sie haben uns gefunden.�</p><empty-line/><p>�Linus�, meinte Benjamin. �Sie wissen zwar, wo wir sind, aber nicht, wie man hier reinkommt. Du hast mir viel beigebracht �ber H�hlen, auch �ber die Struktur komplexerer H�hlensysteme. Es w�rde Stunden, vielleicht sogar Tage dauern, bis man herausfindet, wie man hier reinkommt. Deshalb schlage ich vor, dass wir uns erst einmal beruhigen und uns dann �berlegen, was wir tun sollen.�</p><empty-line/><p>Linus nickte und begab sich zu seinen Computern.</p><empty-line/><p>�Ich muss Dateien l�schen�, sagte er. �Ich muss meine Arbeit sch�tzen.�</p><empty-line/><p>�Deine Arbeit sch�tzen?� Lucas starrte ihn ungl�ubig an. �Und was ist mit Raffy?�</p><empty-line/><p>�Daf�r ist es jetzt zu sp�t�, meinte Linus, ohne aufzublicken. �Sie haben Raffy. Das wei�t du genauso gut wie ich. Sonst w�ren sie nicht drau�en vor der H�hle. Entweder haben sie ihn dort entdeckt, oder sie haben ihn unterwegs aufgelesen und herausgefunden, wo er herkam. Ich kann nicht zulassen, dass sie an diese Informationen kommen. Au�erdem wissen wir, dass sie Raffy nichts tun werden, bis er getan hat, was sie von ihm verlangen. Also, lass mich meine Arbeit machen, und dann gehen wir los und holen ihn zur�ck, okay?�</p><empty-line/><p>Lucas schwieg. Evie streckte die Hand aus, aber er nahm sie nicht.</p><empty-line/><p>�Kann ich helfen?�, fragte Benjamin und hockte sich neben Linus.</p><empty-line/><p>�Wei�t du, wie man eine Festplatte l�scht?�</p><empty-line/><p>Benjamin zuckte die Achseln. �Ich kann es versuchen�, sagte er, zog sich einen Stuhl heran und machte sich an die Arbeit.</p><empty-line/><p>�Lucas, pack das N�tigste zusammen, nur f�r alle F�lle�, knurrte Linus.</p><empty-line/><p>Lucas sah ihn herausfordernd an und machte sich dann auf die Suche nach ein paar Taschen. Evie wollte ihm folgen, �berlegte es sich dann aber anders und ging zur�ck zu dem Schlafplatz, den sie mit Raffy geteilt hatte. Ihre Reisetasche war noch da, aber Raffys Tasche war weg. Wenn die Spitzel ihn geschnappt hatten, dann nur deshalb, weil sie ihn denen in die Arme getrieben hatte.</p><empty-line/><p>Evie griff in die Reisetasche, nahm etwas heraus, steckte es in ihre Jackentasche und ging wieder in die K�che, wo Lucas Essensvorr�te und Wasser einpackte.</p><empty-line/><p>�Hi�, sagte er, ohne sie dabei anzusehen. Dann streckte er die H�nde aus und legte sie ihr auf die Schultern. �Du wei�t, dass es nicht deine Schuld ist, oder? Ich bin schuld. Ich h�tte nicht herkommen sollen � ich h�tte Linus allein gehen lassen sollen. Aber ich werde keiner Menschenseele sagen, was passiert ist. Niemals. Raffy braucht dich. Das wei� ich jetzt � er braucht dich, und ich habe versprochen, ihn zu besch�tzen. Und wenn das bedeutet, dass �� Die Worte blieben ihm im Hals stecken und er r�usperte sich. �Ihr beide k�nnt gl�cklich werden, wenn er zur�ckkommt. Denn wir bringen ihn zur�ck. Wir finden ihn. Wir ��</p><empty-line/><p>�Nat�rlich werden wir gl�cklich.� Evie nickte, doch sie hatte Tr�nen in den Augen. Sie versuchte sie wegzuwischen, aber es hatte keinen Zweck. Alles, was sie sp�rte, war die Uhr in ihrer Tasche, die Uhr, die sie sich so m�hsam zur�ckgeholt hatte, die Uhr, die ihr so viel und die Raffy so wenig bedeutete. Sie nahm sie aus der Tasche und dr�ckte sie Lucas in die Hand. Erstaunt und v�llig verwirrt starrte er auf die Uhr.</p><empty-line/><p>�Aber das ist Raffys Uhr�, sagte er.</p><empty-line/><p>Evie sch�ttelte den Kopf. �Nein�, sagte sie und schluckte. �Er wollte sie nicht. Sie geh�rt dir, Lucas. Du musst sie nehmen.�</p><empty-line/><p>Sie hatte keine Ahnung, ob Lucas sie �berhaupt verstand, aber er behielt die Uhr. Er legte sie nicht an, und daf�r war Evie ihm dankbar, obwohl sie nicht recht wusste, warum.</p><empty-line/><p>Schlie�lich nahm Lucas die Tasche mit dem Proviant, und alle versammelten sich um Linus, der noch immer am Computer sa� und wie wild tippte.</p><empty-line/><p>�Los�, dr�ngte Lucas. �Wir m�ssen gehen.�</p><empty-line/><p>�Ich wei� nicht�, meinte Linus stirnrunzelnd. �Der Hubschrauber ist immer noch da drau�en. Wenn sie Raffy haben, warum bringen sie ihn dann nicht in die Stadt?�</p><empty-line/><p>�Weil sie ihn gar nicht haben�, sagte Evie mit einem Hoffnungsschimmer im Blick. �Weil sie ihn immer noch suchen. Vielleicht hat er den Hubschrauber geh�rt und ist noch irgendwo in der H�hle. Wir m�ssen los und ihn suchen.�</p><empty-line/><p>Benjamin sch�ttelte den Kopf. �Hier drin sind wir sicher. Wir m�ssen zusammenbleiben.�</p><empty-line/><p>�Und was sollen wir dann tun? Warten?�, fragte Lucas ungeduldig. �Wenn Evie recht hat, d�rfen wir ihn nicht da drau�en lassen, wo die Spitzel nach ihm suchen.�</p><empty-line/><p>�Sie suchen gar nicht nach mir�, sagte pl�tzlich eine Stimme.</p><empty-line/><p>Alle drehten sich um und sahen Raffy, der mit verlegenem Blick auf sie zukam.</p><empty-line/><p>�Raffy!�, rief Evie und lief ihm entgegen. �Raffy, wo warst du? Wir haben uns solche Sorgen gemacht.�</p><empty-line/><p>Aber Raffy sah sie nur seltsam an, und im selben Moment bemerkte Evie, dass er nicht allein war. Aus dem Schatten trat ein Mann, den sie noch nie zuvor gesehen hatte. Trotzdem war ihr sofort klar, dass er zu den Spitzeln geh�rte.</p><empty-line/><p>�Sie?�, stie� Benjamin hervor. �Sie �� Er sprang auf und machte einen Satz nach vorn, aber Linus packte ihn gerade noch rechtzeitig und hielt ihn zur�ck. Evie sah, dass Benjamin zitterte und dass sein Gesicht aschfahl geworden war.</p><empty-line/><p>�Ja, ich�, erwiderte der Mann mit einem L�cheln. �Hallo, Devil. Es ist lange her, aber ich wusste, dass ich dich eines Tages kriegen w�rde.�</p><empty-line/><p>Mit einem breiten Grinsen wandte er sich an Evie. �Thomas Benning. Sch�n, dich kennenzulernen. Und du �� Er drehte sich zu Linus um. Linus kniff seine blauen Augen zusammen und sah sich das Gesicht des Mannes genauer an. Dann schnappte er pl�tzlich nach Luft und sch�ttelte ungl�ubig den Kopf. Benning. Jetzt erinnerte er sich wieder an den Namen.</p><empty-line/><p>Thomas lachte. �Sch�n, dich wiederzusehen, Linus. Es wird Zeit, dass du deinen Vertrag erf�llst, findest du nicht?�</p><empty-line/><empty-line/><p>43</p><empty-line/><p>�Sie kennen diesen Mann?�, sagte Evie an Linus und dann an Benjamin gewandt. Die beiden schwiegen, fassungslos und mit angstverzerrtem Gesicht. Evie hatte die beiden noch nie so verst�rt gesehen und sie bekam eine G�nsehaut. Sie drehte sich zu Thomas um und sah einen schlanken Mann mit kurzem silbergrauen Haar und einem unauff�lligen Gesicht vor sich. Das war niemand, der aus der Menge herausstach. Geh�rte er tats�chlich zu den Spitzeln? Wie konnte jemand so b�se sein? Sie erinnerte sich, dass man ihnen in der Stadt erkl�rt hatte, alle Menschen, die noch ihre Amygdala h�tten, seien b�se und zu allem f�hig, das B�se sei allgegenw�rtig und warte nur auf eine Gelegenheit, um zutage zu treten. Aber Evie hatte nie wirklich geglaubt, dass ein Kind bereits mit b�sen Gedanken auf die Welt kam und dass ein guter Mensch ganz einfach auf Knopfdruck zu einem b�sen Menschen werden konnte. Aber wenn sie Thomas so ansah, wurde ihr bewusst, dass zumindest manche Menschen dazu imstande waren, wirklich schlimme Dinge zu tun. Und er geh�rte dazu. Aber sein Blick verriet, dass es ihm nicht einmal etwas ausmachte.</p><empty-line/><p>�Sie sind immer noch hier?�, sagte Benjamin mit zitternder Stimme.</p><empty-line/><p>�O ja, ich bin noch hier�, meinte Thomas l�chelnd.</p><empty-line/><p>�Woher kennst du diesen Mann?�, fragte Linus mit erstickter Stimme, die kaum wiederzuerkennen war.</p><empty-line/><p>Benjamin kniff die Augen zusammen. �Er ist b�se, und ich hatte das Pech, dass sich unsere Wege gekreuzt haben.�</p><empty-line/><p>Thomas lachte. �Wie h�tten sich unsere Wege je kreuzen sollen? Du wurdest ausgew�hlt, weil ich dich f�r n�tzlich hielt. Du warst nichts weiter als das Ergebnis eines Forschungsprojekts. Und du hast dich als nutzlos erwiesen.�</p><empty-line/><p>Linus sah Benjamin an. �Wann hast du ihn kennengelernt? Wann?�</p><empty-line/><p>�Vor Beginn der Schreckenszeit�, sagte Benjamin, ohne Thomas aus den Augen zu lassen. �Er hat sie ausgel�st. Ich sollte es f�r ihn tun. Ich sollte die Menschen in den Krieg f�hren.�</p><empty-line/><p>�Ausgel�st?�, spottete Thomas. �Ich habe mehr getan als das. Ich habe sie erschaffen. Jeden Schritt inszeniert.�</p><empty-line/><p>�Du kannst keinen globalen Krieg inszenieren�, meinte Linus erbost.</p><empty-line/><p>�Vielleicht nicht.� Thomas l�chelte k�nstlich. �Aber vielleicht kannst du es. Denk dran, es z�hlt nur das, was nach Ansicht der Menschen passiert, nicht das, was tats�chlich passiert. Wahrnehmung ist alles. Das hast du mir beigebracht.�</p><empty-line/><p>Linus starrte ihn an und runzelte die Stirn.</p><empty-line/><p>�Warum haben Sie nichts dagegen getan?�, fuhr Evie Benjamin pl�tzlich an. �Wenn Sie wussten, was er vorhatte, warum haben Sie ihn dann nicht aufgehalten?�</p><empty-line/><p>Benjamin holte tief Luft. �Diese Frage stelle ich mir selbst jeden Tag, aber ich habe immer noch keine Antwort gefunden. Die einzige Erkl�rung ist, dass ich Angst davor hatte, was er tun k�nnte. Er konnte die Fakten ver�ndern und Dinge ungeschehen machen. Au�erdem hatte er �berall Freunde, sogar bei der Polizei. Ich war damals nicht stark genug. Ich �� Er atmete tief aus. �Ich hatte meine eigenen Probleme.�</p><empty-line/><p>�So kann man es auch ausdr�cken�, meinte Thomas achselzuckend. �Genau genommen musstest du ins Gef�ngnis, weil du ein gewaltt�tiger Schl�ger warst.�</p><empty-line/><p>Benjamin ging auf Thomas zu und blieb dicht vor ihm stehen. �Ich war im Gef�ngnis, weil ich mich gestellt habe, um Ihnen zu entkommen�, sagte er leise. �Weil ich erkannt habe, dass ich, wenn ich die Wahl h�tte, nicht auf Ihrer Seite sein wollte. Weil ich geradestehen wollte f�r das, was ich getan hatte. Weil ich noch einmal von vorn anfangen wollte.�</p><empty-line/><p>Thomas verzog das Gesicht. �Wie du meinst, Devil�, sagte er augenzwinkernd.</p><empty-line/><p>�Benjamin. Mein Name ist Benjamin.�</p><empty-line/><p>Sofort trat er einen Schritt zur�ck und Lucas packte Thomas im Genick.</p><empty-line/><p>�Geben Sie meinen Bruder heraus�, sagte er mit d�sterem, drohendem Ton. �Lassen Sie Raffy gehen oder Sie werden es bereuen.�</p><empty-line/><p>�Ach wirklich? Das bezweifle ich�, meinte Thomas sp�ttisch und zuckte die Achseln. �Du kannst deinen Bruder haben�, sagte er und warf einen Blick in Raffys Richtung, �aber nur, weil er seinen Zweck erf�llt hat. Raffy und ich hatten n�mlich eine Abmachung, stimmt�s, Raffy?� Dann wandte er sich wieder an Lucas. �Er war wirklich eine �beraus gro�e Hilfe.�</p><empty-line/><p>Alle starrten Raffy an, der trotzig in die Runde blickte.</p><empty-line/><p>�Raffy?�, fragte Evie. �Raffy, wovon redet er?�</p><empty-line/><p>Thomas l�chelte. �Er hat mich nur ein bisschen unterst�tzt, stimmt�s, Raffy? Er hat mir geholfen, meine alten Freunde wiederzufinden. Und jetzt sind wir hier. Offen gesagt, habe ich keine Verwendung mehr f�r ihn. Du kannst ihn gerne haben, Lucas. Wenn er will. Was ich allerdings stark bezweifle, aber das ist nicht mein Problem.�</p><empty-line/><p>Evie sah zu Raffy hin�ber. Ihr Herz klopfte laut und ihr Kopf dr�hnte. Erst allm�hlich begriff sie, was Thomas gerade gesagt hatte. �Du hast ihn hierher gebracht? Du hast ihm gesagt, wo wir sind?�, fragte sie, obwohl sie sich kaum zu sprechen traute.</p><empty-line/><p>Raffy sah sie finster an. �Was sollte ich denn machen? Er hat mir gesagt, dass Lucas hierherk�me. Er hat gesagt, Lucas wollte dich mir wegnehmen.�</p><empty-line/><p>�Nein�, keuchte Evie. �Nein, du l�gst. Das kannst du nicht getan haben, Raffy. Sag mir, dass du es nicht getan hast. Sag es mir!�</p><empty-line/><p>Sie sah Raffy flehend an, aber der sch�ttelte nur den Kopf. �Ich dachte, ich k�nnte dir vertrauen, Evie�, sagte er mit zornigem Blick. �Ich habe mir immer wieder gesagt, dass alles nur Einbildung ist, dass ich dir glauben muss, wenn du beteuerst, dass du mich liebst. Aber du liebst mich nicht. Du liebst ihn. Ich habe euch mit eigenen Augen gesehen, Evie. Du hast mich betrogen. So wie Thomas es vorausgesagt hat.�</p><empty-line/><p>Raffy ballte die F�uste und sein Blick war schmerzerf�llt. Einen Moment lang sah Evie den �ngstlichen Jungen vor sich, den sie immer auf dem Spielplatz gesehen hatte, den Jungen, der sie so fasziniert hatte, der sie angestarrt hatte, als k�nnte er ihre Gedanken lesen, als w�sste er, wer sie wirklich war. Aber dieser Raffy h�tte so etwas nie getan, er h�tte diesen widerlichen Kerl nicht einmal in ihre N�he gelassen. Sie hatte Raffy das angetan. Sie hatte ihn zu dem gemacht, was er jetzt war.</p><empty-line/><p>�Du hast uns gesehen?�, fragte sie mit kaum vernehmlicher Stimme.</p><empty-line/><p>Raffy nickte und wandte sich zu ihr. �Es ist schon okay�, meinte er. �Es ist nicht deine Schuld. Es ist Lucas� Schuld.� Er nahm ihre H�nde, streichelte sie mit den Daumen und dr�ckte sie. �Komm mit mir. Es steht uns frei zu gehen. Wir k�nnen gehen, wohin wir wollen.� Seine Stimme klang heiser, und er sah ihr tief in die Augen, so als w�re niemand sonst mehr im Raum. �Thomas � die Spitzel �, sie wollen nicht mich, Evie. Es ging ihnen nie um mich oder um dich. Thomas wollte nur Linus finden. Und jetzt hat er ihn gefunden. Also k�nnen wir gehen. Komm mit mir. Jetzt gleich.�</p><empty-line/><p>Evie sah ihn wachsam an, und w�hrend sie ihn ansah, wurde ihr bewusst, was er meinte, was er mit Thomas geplant hatte, was er sich vorstellte. �Wo sollen wir denn hin, Raffy?�, sagte sie gefasst. �Zur�ck in die Stadt? Zur�ck in die Siedlung, die er zerst�rt hat? Wo sollen wir deiner Meinung nach hingehen?�</p><empty-line/><p>�Ist mir egal�, sagte Raffy.</p><empty-line/><p>Evie sch�ttelte ungl�ubig den Kopf. �Jetzt begreife ich, dass es dir wirklich egal ist. Aber mir ist es nicht egal, Raffy. Mir ist es nicht egal, dass du diesen Mann hierher gebracht hast. Dass du Lucas, Linus und Benjamin hintergangen hast, die Menschen, die dich immer besch�tzt haben, die sich selbst in Gefahr begeben haben, um dich zu retten.�</p><empty-line/><p>�Nein�, sagte Raffy und dr�ckte ihre H�nde fester. �Sag das nicht, Evie. Thomas hat mir von der Uhr erz�hlt, Evie. Er wusste, dass du sie dir von dem B�cker zur�ckgeholt hast. Ich habe ihm nicht geglaubt. Ich habe ihm gesagt, dass er sich irrt. Aber er hatte recht. Er wollte mir helfen. Er wollte uns helfen.�</p><empty-line/><p>�Woher kennst du diesen Mann, Raffy?�, fragte Linus mit ausdrucksloser Miene. �Wie lange habt ihr das schon geplant?�</p><empty-line/><p>�Wir sind uns in der Siedlung begegnet, stimmt�s, Raffy?� Thomas l�chelte.</p><empty-line/><p>�Dann hast du es die ganze Zeit gewusst?�, keuchte Evie, und sie sp�rte, wie es ihr die Kehle zuschn�rte. �Du hast die ganze Zeit gewusst, dass du ihn zu uns f�hren w�rdest?�</p><empty-line/><p>�Ich habe getan, was ich tun musste, Evie�, sagte er, ohne mit der Wimper zu zucken. �Eines Tages wirst du verstehen, warum ich es getan habe. Ich musste dich wegbringen. Ich musste ��</p><empty-line/><p>�Ich werde es nie verstehen�, meinte Evie kopfsch�ttelnd und mit Tr�nen in den Augen. �Ich werde es nie verstehen und ich werde dir nie verzeihen. Nie, Raffy. Begreifst du denn nicht, was du getan hast?� Ihr Blick wanderte zu Lucas, der Raffy mit weit aufgerissenen Augen ungl�ubig anstarrte. Als sich ihre Blicke trafen, ver�nderte sich sein Gesichtsausdruck schlagartig. Seine Augen blickten sie voller Verlangen an, voller Liebe, Gef�hle, die er wegen seines Bruders immer versteckt und gegen die er sich gewehrt hatte. Und er hatte sich daf�r gehasst, dass er ihnen erlegen war. Aber jetzt hasste er sich nicht mehr daf�r.</p><empty-line/><p>Raffy machte einen Schritt auf Evie zu. Er sah aus, als h�tte man ihm einen Faustschlag verpasst. �Nein, Evie�, sagte er verzweifelt. Er sch�ttelte den Kopf, streckte die H�nde aus und packte sie an den Schultern. �Nein, sag so etwas nicht ��</p><empty-line/><p>�Was ich gesagt habe, habe ich auch so gemeint�, erkl�rte Evie und l�ste sich aus seinem Griff, ohne ihn anzusehen. Sie konnte einfach nicht fassen, was Raffy ihretwegen getan hatte.</p><empty-line/><p>Und pl�tzlich stand Raffy nicht mehr neben ihr, sondern ging wutentbrannt auf Lucas los. �Das ist alles deine Schuld�, schrie er und stie� Lucas zu Boden. �Musstest du mir das Einzige nehmen, was ich hatte? Ich hasse dich. Ich habe dich immer gehasst �� Er st�rzte sich auf seinen Bruder und trat und schlug so heftig auf ihn ein, dass Evie zu schreien anfing und zu ihm rannte. Auch nachdem es ihr und Benjamin gelungen war, Raffy von seinem Bruder wegzuziehen, h�rte dieser nicht auf, um sich zu treten.</p><empty-line/><p>�Raffy�, sagte Benjamin streng, packte seine Arme und drehte sie ihm auf den R�cken, sodass er sich nicht mehr bewegen konnte. �So ist es besser. Beruhige dich, okay?�</p><empty-line/><p>�Lassen Sie mich los�, sagte Raffy sch�umend vor Wut. �Ich will weg. Evie, sag ihm, dass er mich loslassen soll.�</p><empty-line/><p>Aber Evie sagte nichts. Stattdessen sch�ttelte sie den Kopf und ging zu Lucas. �Nein, Raffy�, fl�sterte sie. �Nein.�</p><empty-line/><p>�Gute Arbeit�, sagte Thomas zu Benjamin. �Du siehst gut aus, mein Freund. Sehr gut.�</p><empty-line/><p>�Ich bin nicht Ihr Freund�, erwiderte Benjamin ruhig. �Ich bin nie Ihr Freund gewesen.�</p><empty-line/><p>Thomas zuckte die Schultern. �Also los, Linus. Ende der Vorstellung. Kommen wir endlich zur Sache, okay?�</p><empty-line/><p>Linus ging nerv�s auf und ab, kratzte sich am Kopf, wiegte ihn hin und her und murmelte laut vor sich hin. Dann sah er Thomas an und sch�ttelte wieder den Kopf. �Nein, nein, das ist nicht m�glich. Nein. Nein ��</p><empty-line/><p>Aber Thomas lachte nur. �Linus, ich habe dir schon vor langer Zeit gesagt, dass alles m�glich ist. Du h�ttest mir damals glauben sollen. Du solltest dankbar sein. Siehst du denn nicht, was ich f�r dich getan habe? Ich habe f�r dich die perfekte Umgebung geschaffen. Alles, was du wolltest. Ich habe dir sogar ein Auto gegeben und den Schl�ssel f�r dich stecken lassen. Und was ist mit Ilsa, meinem G4 Benning 8? Ist sie nicht gro�artig? Bist du nicht beeindruckt?�</p><empty-line/><p>Sein irrer Blick war Furcht einfl��end und Evie wich zur�ck. Unterdessen starrte Linus in die Luft und sch�ttelte wieder den Kopf. �Aber � wie? Nein, nein, ich � Das kann nicht sein.� Sein Gesicht war kreidebleich, und sein Blick schweifte umher, als ob er ganz woanders w�re.</p><empty-line/><p>Thomas verdrehte ungeduldig die Augen. �Linus. Das wird allm�hlich langweilig. Kommen wir endlich zur Sache, okay? Ich brauche dich, um dein System neu zu starten und es wieder in Gang zu setzten. Das ist alles. Tu es, und alles ist gut. Tu es, und wir k�nnen alle den Rest des Tages genie�en.�</p><empty-line/><p>Pl�tzlich ver�nderte sich Linus� Gesichtsausdruck. Er wurde ganz ruhig und sah Thomas in die Augen. �Ich � es geht nicht�, sagte er leise. �Ich habe den Code ge�ndert. Das System kann nicht neu gestartet werden. Es ist tot.�</p><empty-line/><p>�Ich habe bef�rchtet, dass du das sagen w�rdest�, meinte Thomas achselzuckend. �Dann gehen wir jetzt zu Plan B �ber. Eigentlich meine bevorzugte Variante, wenn auch etwas riskant.�</p><empty-line/><p>�Und wie sieht dieser Plan aus?�, fragte Linus.</p><empty-line/><p>�Du kommst mit mir�, sagte Thomas l�chelnd, �und baust mir ein neues. Denn ich kriege das System so oder so. Das bist du mir schuldig, Linus. Und jetzt bin ich hier, um mir zu holen, was du mir schuldest.�</p><empty-line/><empty-line/><p>44</p><empty-line/><p>Ein paar Minuten lang herrschte Schweigen. Dann ergriff Benjamin das Wort. �Linus geht nirgendwohin�, sagte er mit drohender Stimme und machte ein paar Schritte auf Thomas zu. Er �berragte ihn um Hauptesl�nge.</p><empty-line/><p>�Doch, ich werde gehen�, erkl�rte Linus. Benjamin, der immer noch Raffy festhielt, drehte sich zu ihm um.</p><empty-line/><p>�Nein�, sagte er.</p><empty-line/><p>�Doch.� Linus streckte die Hand aus, ber�hrte Benjamins Arm und dr�ckte ihn. Dann begegnete er Evies Blick und einen Moment lang hielt er ihm stand. Dann schaute er weg. �Ich muss gehen�, sagte er. �Verstehst du das denn nicht? Wegen mir hat das alles angefangen. Ich muss mit Thomas gehen.�</p><empty-line/><p>�Einfach so?�, fragte Evie mit br�chiger Stimme. �Nach allem, was er getan hat?�</p><empty-line/><p>Sie sp�rte, dass Lucas hinter ihr stand. Sie fasste nach hinten, und sofort nahm Lucas ihre Hand, hielt sie fest und dr�ckte sie. Am liebsten h�tte sie sich an ihn gelehnt, sich von ihm umarmen lassen und so getan, als ob nichts anderes mehr wichtig w�re, nur sie beide, eng aneinandergeschmiegt. Aber sie tat es nicht. Das andere war eben doch wichtig, ziemlich wichtig sogar. Sie und Lucas w�rden sp�ter Zeit f�reinander haben. Sp�ter �</p><empty-line/><p>Linus ging immer noch auf und ab, machte einen verwirrten Eindruck und lie� den Blick umherschweifen, offenbar unf�hig, sich auf irgendetwas zu konzentrieren. �Aber ich verstehe jetzt, dass Thomas und ich noch etwas zu erledigen haben. Darum ging es die ganze Zeit. Von Anfang an. Ich h�tte es erkennen m�ssen. Ich habe auf alles geachtet, nur nicht auf das, was wichtig war � Auf mich selbst. Ich h�tte � Und wir haben es abgeschaltet. Wir �� Er starrte Thomas an. �Wie hast du das gemacht? Wie hast du der Welt weisgemacht, dass England nicht mehrt existiert?�</p><empty-line/><p>Thomas l�chelte. �So viel radioaktiver Abfall�, meinte er mit einem Achselzucken. �Eine Schande. Bis zur Schreckenszeit war es ein gro�artiges Land.�</p><empty-line/><p>�Und die hat es sonst nirgends gegeben?�, fragte Linus.</p><empty-line/><p>�Wovon redest du?�, warf Benjamin ein. �Was hat es sonst nirgends gegeben?�</p><empty-line/><p>�Die Schreckenszeit�, hauchte Linus.</p><empty-line/><p>Benjamin machte einen v�llig verst�rten Eindruck. �Ich wei� nicht, was du meinst. Die Schreckenszeit war weltweit. In ganz Europe, �berall, haben sich die Menschen gegenseitig umgebracht. Sie haben Bomben geworfen. Die Japaner haben halb China ausgel�scht. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen.�</p><empty-line/><p>�Du hast das gesehen, was du sehen solltest, so wie alle�, sagte Linus und drehte sich zu Thomas um. �Eine totale Nachrichtensperre, nicht?�</p><empty-line/><p>Thomas� Gesicht hellte sich auf. �Es war einfach genial. Und ich durfte keiner Menschenseele etwas davon erz�hlen. Kannst du dir das vorstellen? Die ganze Arbeit! Und keiner hatte eine Ahnung.�</p><empty-line/><p>�Moment�, sagte Benjamin mit tiefer, nachhallender Stimme. �Noch mal ganz langsam zum Mitschreiben. Linus, wovon redet er eigentlich? Was geht hier vor?�</p><empty-line/><p>Linus sch�ttelte den Kopf, als wollte er nicht antworten. Und Thomas l�chelte. �Linus f�ngt gerade an zu begreifen, was ich geplant habe. Einen globalen Krieg, den es gar nicht gab. Ein Land, von dem die restliche Welt annahm, es sei durch Nuklearwaffen zerst�rt worden. Ein Land, das von sich glaubte, es w�rde die einzigen �berlebenden beherbergen. Das ist wirklich ziemlich brillant, wenn man so dar�ber nachdenkt.�</p><empty-line/><p>�Und wozu das alles? Wozu hast du so viele Menschenleben zerst�rt, Thomas?�, fragte Linus.</p><empty-line/><p>Thomas sah ihn verdutzt an. �F�r das System nat�rlich�, sagte er. �Damit du das System aufbaust. Um es ganz gro� herauszubringen. Ich war schon so dicht dran, Linus, wirklich. Und dann hast du den Stecker gezogen. Sehr ung�nstig.�</p><empty-line/><p>Linus sah ihn ungl�ubig an. �Dann hast du die ganze Zeit dein Spielchen gespielt und keiner hat es gemerkt? Dein Geheimnis wurde nie gel�ftet? Das ist beeindruckend.�</p><empty-line/><p>�Information ist alles�, meinte Thomas achselzuckend. �Es ist wirklich ganz einfach. Wenn du Informationen �ber die Menschen hast, geh�ren sie dir. Und mir geh�ren eine Menge Menschen. Du eingeschlossen. Aber vielleicht sollten wir jetzt wieder in die reale Welt zur�ckkehren, damit du tun kannst, was du schon vor langer Zeit h�ttest tun sollen.�</p><empty-line/><p>�Du willst mich von dieser Insel wegbringen?�</p><empty-line/><p>Thomas lachte. �Hast du es nicht kapiert? Diese Insel existiert nicht mehr, jedenfalls nicht f�r die anderen. Warte nur ab, Linus. Was du zu sehen bekommst, wird dich umhauen.�</p><empty-line/><p>Linus holte tief Luft. �Wei�t du, Thomas, ich muss das erst mal verdauen, was du uns da erz�hlt hast.�</p><empty-line/><p>�Verstehe�, sagte Thomas mit gl�nzenden Augen. �Das Tragische ist nur, dass es au�er euch niemand erfahren wird. Und wie es aussieht, werdet ihr es keinem erz�hlen d�rfen. Und niemanden sehen d�rfen.�</p><empty-line/><p>�Sieht so aus�, meinte Linus. �Aber wie w�r�s, wenn wir uns ein bisschen ausruhen, bevor wir gehen? Wie w�r�s mit einer Tasse Tee?�</p><empty-line/><p>Thomas hob eine Augenbraue. �Davon halte ich nichts, Linus. Es ist Zeit zu gehen.�</p><empty-line/><p>Linus sch�ttelte den Kopf. �Thomas�, sagte er, �was du mir da gerade erz�hlt hast � Was ich glaube, verstanden zu haben � Was du mich gefragt hast � Mir geht so viel im Kopf herum. Ich glaube, wir brauchen alle eine Pause. Au�erdem muss ich mich noch von meinen Freunden verabschieden. Also, trinken wir Tee. Nur eine Tasse, ja?�</p><empty-line/><p>Thomas starrte ihn ungl�ubig an. �Willst du mich auf den Arm nehmen?�</p><empty-line/><p>Linus sch�ttelte den Kopf. �Du h�ltst uns hier in Schach. Wir k�nnen nirgendwohin. Und ich bin bereit, mit dir zu kommen. Also lass mich erst noch einen Tee trinken. Du hast so lange gewartet, da kommt es jetzt auf ein paar Minuten auch nicht mehr an, oder? Lass uns wie zivilisierte Menschen miteinander umgehen, Thomas.�</p><empty-line/><p>Thomas sah Linus pr�fend an, als suchte er in dessen Gesicht nach einem Hinweis, nach einem Anhaltspunkt. Dann gab er offenbar auf und zuckte die Achseln. �Okay�, sagte er. �Aber du hast recht, dass ihr nirgendwohin k�nnt. Denk dran, da drau�en steht ein Hubschrauber, eine Armee von M�nnern wartet nur darauf, dass ich den Befehl gebe, hier reinzumarschieren und �� Er l�chelte. �Nun, ich muss wohl nicht ins Detail gehen.�</p><empty-line/><p>�Nein�, erwiderte Linus. �Evie, willst du mir zur Hand gehen?�</p><empty-line/><p>Evie nickte z�gernd und folgte Linus in die K�che. Thomas beobachtete die beiden mit Argusaugen, w�hrend sie das Teewasser aufsetzten, Tassen zusammensuchten und sie sp�lten, Teebeutel in die Teekanne h�ngten und das kochende Wasser dar�bergossen.</p><empty-line/><p>�Tief durchatmen�, fl�sterte Linus Evie zu, als er merkte, wie aufgew�hlt sie war. �Mach dir keine Sorgen, alles wird gut.�</p><empty-line/><p>Doch Evie machte sich Sorgen, weil nichts gut werden w�rde � es w�rde nie wieder alles gut werden. Trotzdem rang sie sich ein L�cheln ab und versuchte, sich ganz normal zu verhalten, nicht so, als w�rde ihr der Boden unter den F��en weggezogen.</p><empty-line/><p>�Zucker?�, rief Linus.</p><empty-line/><p>�F�r mich nicht�, sagte Thomas.</p><empty-line/><p>�Wollen wir uns nicht setzen?� Linus f�hrte alle zu einem Platz hinter seinem Computer, wo Kissen auf dem Boden verteilt waren. �Es ist nicht gerade komfortabel�, meinte er, �aber wir k�nnen wenigstens versuchen, es uns ein bisschen bequem zu machen.�</p><empty-line/><p>Sie setzten sich hin, Evie neben Lucas, dann Benjamin und neben ihn Linus.</p><empty-line/><p>Ihnen gegen�ber, ein paar Meter von Evie und Linus entfernt, sa� Thomas. Raffy wurde immer noch von Benjamin festgehalten.</p><empty-line/><p>�Setz dich�, befahl Benjamin, und bei seiner dr�hnenden Stimme fuhr Evie zusammen. Raffy setzte sich hinter Thomas, das Gesicht von der Gruppe abgewandt. Ab und zu wanderte sein Blick zu Evie, die sich alle M�he gab, ihn nicht zu beachten.</p><empty-line/><p>�Also�, sagte Linus, an Thomas gewandt. Seine blauen Augen waren jetzt wieder ganz klar, und sein Gesicht wirkte entspannt. �Dann erz�hl mal.�</p><empty-line/><p>�Erz�hlen? Was?�, fragte Thomas. Er blickte auf seinen Tee. �Komm, tauschen wir die Tassen�, befahl er Linus.</p><empty-line/><p>Linus zuckte die Achseln und tauschte die Tassen aus. �Ich will dich nicht vergiften. Ich bin doch nicht bl�d.�</p><empty-line/><p>�Ich auch nicht�, entgegnete Thomas l�chelnd. �Also, was willst du wissen?�</p><empty-line/><p>�Alles�, sagte Lucas und sah ihn forschend an. �Von dem Moment an, als ich Infotec verlassen habe, bis jetzt.�</p><empty-line/><p>�Infotec?�, fragte Benjamin.</p><empty-line/><p>�Die Firma, f�r die wir gearbeitet haben. Nun, ich sage arbeiten. Ich habe dort nur ein paar Wochen ein berufsbegleitendes Praktikum gemacht�, erkl�rte Linus.</p><empty-line/><p>�I f�r Infotec?� Benjamin sah Thomas an. �Ihr Ring. Der, den der Polizist anhatte? Der Anstecker, den Sie mir gegeben haben?�</p><empty-line/><p>Thomas machte einen selbstzufriedenen Eindruck. �Das war meine Idee�, sagte er und nickte.</p><empty-line/><p>�Du warst ziemlich flei�ig�, bemerkte Linus. �Du hast eine Menge getan.�</p><empty-line/><p>�Hab ich�, stimmte Thomas zu. �Ja, das habe ich wirklich. Aber ich hab es f�r dich getan. F�r uns. F�r das System. Das, was du wolltest. Was du nie f�r m�glich gehalten h�ttest. Ich hab es getan, Linus. Alles.� Seine Augen funkelten. Der Blick eines Wahnsinnigen, dachte Evie und rutschte auf ihrem Kissen ein St�ck zur�ck. Doch als sich Lucas� Arm um ihre Taille legte, f�hlte sie sich gleich sicherer.</p><empty-line/><p>�Also, erz�hl uns alles�, sagte Linus ruhig. �Ich wette, es juckt dich schon in den Fingern, es endlich loszuwerden. Erz�hl uns, was du getan hast.�</p><empty-line/><p>Thomas �berlegte eine Weile und auf einmal strahlte er �bers ganze Gesicht. �Aber du wei�t ja, Linus, dass ich nur getan habe, was du gesagt hast.�</p><empty-line/><p>�Was ich gesagt habe?�, fragte Linus mit leiser Stimme.</p><empty-line/><p>�Nat�rlich!� Thomas grinste. �Du hast gesagt, du br�uchtest eine kleine Gemeinschaft, die ein System wollte, das sie kontrollierte. Abgeschnitten vom Rest der Welt. Ich habe �berlegt, ein paar Leute Schiffbruch erleiden zu lassen, aber das h�tte nicht funktioniert; ich habe versucht, ob sie auf einen falschen Linus hereinfallen w�rden, aber es hat nicht geklappt. Und au�erdem wollte ich nicht nur die perfekte Umgebung f�r den Aufbau deines Systems schaffen; der Rest der Welt sollte schlie�lich auch etwas davon haben. Die Schreckenszeit war die perfekte L�sung. Es gab eine kleine Gruppe �berlebender, die perfekte kleine Gemeinde f�r dich. Au�erdem hat die Schreckenszeit �berall Angst verbreitet. Und wenn die Menschen Angst haben, vergessen sie die Freiheit und wollen stattdessen lieber Kontrolle und Armeen, die sie besch�tzen. Die Welt ist jetzt bereit f�r dein System, Linus. Die Welt ist bereit, sich in unvorstellbarem Ausma� kontrollieren zu lassen. Und rate mal, wer derjenige sein wird, der alles kontrolliert? Was meinst du, wer alles kontrolliert hat, seit du von Infotec weggegangen bist?�</p><empty-line/><p>Er trank einen Schluck Tee und schaute in die Runde. �Es war so einfach�, sagte er. �Unheimlich einfach.�</p><empty-line/><p>�Was war einfach?�, fragte Lucas steif.</p><empty-line/><p>�Die Schreckenszeit�, erwiderte Thomas. �Ich musste nur ein paar Streichh�lzer anz�nden und kurz darauf gab es einen Fl�chenbrand.�</p><empty-line/><p>�Meinen Sie damit meine Siedlung, die in die Luft gejagt werden sollte?�, fragte Benjamin mit erstickter Stimme. �Das T�ten unschuldiger Menschen?�</p><empty-line/><p>Thomas zuckte die Achseln. �Das war ein Tiefschlag. Vergeudete M�he. Aber das spielte keine Rolle bei dem gro�artigen Plan. Du warst nur einer von vielen, Devil. Du wei�t, wie leicht es ist, eine Armee aufzustellen, wenn man wei�, was die Menschen wollen und wie sie sind, und wenn man ihre Verunsicherung, ihre Hoffnungen und ihre �ngste kennt. Die Menschen sind so leicht zu manipulieren, wenn man alles �ber sie wei�. Wirklich erb�rmlich.� Er warf einen Blick auf Linus. �Darum geht es doch, nicht wahr? Lerne die Menschen kennen, und du kannst mit ihnen machen, was du willst. Du kannst sogar die ganze Welt kontrollieren!�</p><empty-line/><p>Linus l�chelte ihn aufmunternd an. �Du hast also die Schreckenszeit in Gang gesetzt. Und was dann?�</p><empty-line/><p>Thomas verengte die Augen zu Schlitzen. �Ich erz�hle dir doch nicht alles, Linus. Ich gebe nicht all meine Geheimnisse preis.�</p><empty-line/><p>�Okay�, meinte Linus achselzuckend. �Na gut. Aber was ist mit der Stadt? Da hast du doch bestimmt auch dahintergesteckt, oder?�</p><empty-line/><p>Jetzt erschien auf Thomas� Gesicht ein breites L�cheln. �Oh, die Stadt�, sagte er mit gl�nzenden Augen. �Das war schon spitze. Ich wollte dich eigentlich direkt ansprechen, aber ich war zu nerv�s, weil ich Angst hatte, du w�rdest die Sache vielleicht anders sehen als ich oder du w�rdest deine Meinung �ndern. Deshalb habe ich beobachtet und abgewartet. Ich habe daf�r gesorgt, dass es dir gut geht, dass man sich um dich k�mmert und dass du alles hattest, was du brauchtest. Ich habe dich die ganze Zeit im Auge behalten, Linus, und ich habe auf dich aufgepasst. Und dann, kurz nach dem Ende der Schreckenszeit, bin ich zuf�llig �ber Fisher gestolpert. Ich habe gesehen, wie du dich mit ihm getroffen hast. Ich habe schnell herausgefunden, was er dir vorgeschlagen hat und was f�r Pl�ne ihr beide hattet. Und ich habe die Stadt aufgebaut, Linus!�</p><empty-line/><p>Er hatte einen ganz kindlichen Gesichtsausdruck, und Evie erkannte pl�tzlich, warum. Er wartete auf Linus� Zustimmung, darauf, dass der sagte: �Gut gemacht.�</p><empty-line/><p>�Aber du hast die Stadt nicht aufgebaut�, sagte Linus vorsichtig. �Das waren wir.�</p><empty-line/><p>�Ach, ihr habt die k�rperliche Arbeit geleistet�, meinte Thomas achselzuckend. �Aber ich habe im Hintergrund agiert. Ich habe es allen gesagt und habe daf�r gesorgt, dass es �berzeugend klang und dass Fisher sich angeh�rt hat wie ein Guru und nicht wie ein Spinner. Ich habe sichergestellt, dass die Stadt Wasser und Nahrungsmittel hatte, eben alles, was sie brauchte. Ich habe f�r Generatoren gesorgt. Hast du dir je �ber die Ressourcen der Stadt Gedanken gemacht?�</p><empty-line/><p>Linus sch�ttelte den Kopf.</p><empty-line/><p>�Nein!�, sagte Thomas triumphierend. �Weil du, wie ich mir schon gedacht hatte, viel zu sehr mit dem Aufbau deines Systems besch�ftigt warst. Ich habe die perfekte Umgebung geschaffen, Linus. Ich habe das Unm�gliche m�glich gemacht.�</p><empty-line/><p>�Und dann haben wir das System abgeschaltet. Und du hast Panik bekommen. Du hast deine M�nner in die Stadt geschickt, damit sie es neu starten. Aber sie wurden entdeckt, stimmt�s? Von den jungen Leuten. Deshalb habt ihr sie alle umgebracht�, sagte Linus mit sehr ernster Stimme.</p><empty-line/><p>Thomas sah ihn erstaunt an. �Nat�rlich!�, meinte er aufgeregt. �Wir mussten es doch wieder in Gang bringen. Und dabei durften wir nicht gest�rt werden. Wir konnten niemanden gebrauchen, der Fragen stellt. Als das System noch in Betrieb war, hat niemand Fragen gestellt; niemand ist irgendwohin gegangen, wo er nicht hingehen sollte. Darum mussten wir sie loswerden.� Er l�chelte in sich hinein. �Nat�rlich war der Bruder daf�r. Er dachte, er k�nnte die Verschwundenen dazu benutzen, Angst zu sch�ren und Lucas zu st�rzen. Vor allem das letzte M�dchen, mit dem du geflohen bist.� Er sah Lucas triumphierend an. �Der Bruder hat ihr Verschwinden als Beweis daf�r benutzt, dass du ein M�rder bist.�</p><empty-line/><p>Lucas wurde rot vor Zorn.</p><empty-line/><p>�Es spielt so oder so keine Rolle�, meinte Thomas achselzuckend. �Du hast mich auf Umwegen zu Linus gef�hrt, und das war alles, worum es mir gegangen ist. Wenn du willst, bist du wirklich schwer zu fassen, Linus.�</p><empty-line/><p>�Das ist immer so�, sagte Linus, und ein leises L�cheln spielte um seine Lippen.</p><empty-line/><p>Mit leuchtenden Augen wandte sich Thomas zu ihm. �Da haben wir es! Ich bin ein Genie, das musst du zugeben.�</p><empty-line/><p>Linus nickte bed�chtig. �Ein richtiges Genie.�</p><empty-line/><p>�So�, meinte Thomas und klatschte in die H�nde. �Es ist zwar sch�n und gut, auf diese Weise an Informationen zu kommen, aber jetzt m�ssen wir wirklich gehen.�</p><empty-line/><p>�Und wo gehen wir hin?�, fragte Linus. �In dein Lager an der K�ste?�</p><empty-line/><p>Thomas zog eine Augenbraue hoch. �Oh nein, w�hrend wir hier miteinander reden, wird es gerade aufgel�st.�</p><empty-line/><p>�Und wird dieser Landstrich jetzt wieder auf der Karte erscheinen?�</p><empty-line/><p>Thomas lachte. �Ich dachte mir, dass dir das gefallen w�rde. Aber du hast wirklich keine Ahnung, Linus. Mach dich auf was gefasst. Du wirst staunen, was ich dir zeigen werde. Richtig staunen.�</p><empty-line/><p>�Da wett� ich drauf�, sagte Linus leise.</p><empty-line/><p>�Du gehst doch nicht wirklich, oder?�, wandte sich Benjamin an ihn. �Wir k�nnen diesen Kerl �berw�ltigen. Wir k�nnen k�mpfen.�</p><empty-line/><p>�Nein, das k�nnen wir nicht�, erkl�rte Linus rundheraus. �Nicht mehr. Er hat die Siedlung zerst�rt. Er wird auch die Stadt zerst�ren. Er wird alles zerst�ren.� Er sah Thomas an. �Aber wenn ich mit dir komme, l�sst du die anderen frei. Du l�sst sie in Ruhe. Verstanden?�</p><empty-line/><p>Thomas sah ihn eine Weile an und zuckte dann die Schultern. �Wie du willst.�</p><empty-line/><p>�Au�erdem brauche ich meine Computer�, sagte Linus und sah sich um. �Ich brauche sie alle.�</p><empty-line/><p>Thomas l�chelte. �Nat�rlich. Meine M�nner werden sie holen.�</p><empty-line/><p>Linus nickte, erhob sich und ging zu seinem Computer. �Ich mache nur alles fertig�, sagte er und begann, die Ger�te abzust�pseln und die Laptops zusammenzuklappen. Dabei bemerkte Evie, dass er an einem Computer seitlich etwas herausnahm. Dann schaute er zu ihr her�ber, und w�hrend er um den Schreibtisch herumging, um ein weiteres Ger�t abzuschalten, lie� er direkt neben Lucas� Hand etwas auf den Tisch fallen. Blitzschnell legte Thomas seine Hand dar�ber, nahm es und steckte es in seine Hosentasche, ohne dass Thomas etwas davon mitbekam.</p><empty-line/><p>Thomas wandte sich an Benjamin. �W�nschst du dir manchmal, du w�rdest noch f�r mich arbeiten, Devil?�, fragte er, und seine Augen leuchteten.</p><empty-line/><p>Benjamin gab keine Antwort und blickte stur geradeaus.</p><empty-line/><p>�Nein�, meinte Thomas nachdenklich. �Nun, wahrscheinlich k�nnen wir nicht alle Vision�re sein.� Er stand auf. �Okay, ich bin so weit�, sagte er mit einem Blick auf Linus. �Gehen wir.�</p><empty-line/><p>Linus richtete sich auf. �Okay�, sagte er. �Ich will mich nur noch von meinen Freunden verabschieden.�</p><empty-line/><p>Thomas verzog das Gesicht. �Wei�t du was?�, sagte er. �Ich glaube nicht, dass wir sie hier lassen k�nnen. Ich hasse es, wenn etwas unerledigt bleibt. Wir steigen alle in den Hubschrauber, und deine Freunde werden � Nun, wir werden uns etwas einfallen lassen. Etwas Schmerzloses.�</p><empty-line/><p>�Sie haben gesagt, ich d�rfte mit Evie weggehen�, meinte Raffy und starrte Thomas w�tend an.</p><empty-line/><p>Thomas zuckte die Achseln. �Ich habe gelogen.�</p><empty-line/><p>Linus� Gesicht war wie versteinert. �Du willst mich, also musst du die anderen freilassen. So lautet die Abmachung.�</p><empty-line/><p>�Wie w�r�s damit: Du arbeitest mit mir zusammen oder ich werde sie alle t�ten. Ich finde, das ist ein besserer Deal�, meinte Thomas aalglatt. Benjamin packte Raffy fester am Genick, um zu verhindern, dass der sich auf Thomas st�rzte.</p><empty-line/><p>Linus sah Thomas eine Weile an. �Sieht so aus, als h�ttest du mich drangekriegt�, meinte er schlie�lich.</p><empty-line/><p>�Ja.� Thomas l�chelte. �Ja, das habe ich. Also, k�nnen wir gehen?�</p><empty-line/><p>Linus nickte schwerf�llig und ging los. Als er an Lucas vorbeiging, fl�sterte er ihm etwas zu. Keiner bemerkte etwas, au�er Evie, die direkt hinter ihm war.</p><empty-line/><p>Lucas streckte die Hand nach hinten aus und sie ergriff sie. Als er sie zu sich hinzog, fl�sterte er ihr ins Ohr: �Bei der Gabelung links halten, nicht rechts.� Obwohl sie nicht genau wusste, was er meinte, nickte sie ernst und tat so, als w�rde sie stolpern, damit Benjamin ihr aufhelfen und sie die Botschaft an ihn weitergeben konnte.</p><empty-line/><p>Linus ging voraus, dann folgten Lucas, Evie, Benjamin und Thomas; Raffy bildete das Schlusslicht. Als sie zum Ausgang der H�hle kamen, wandte sich Linus nach rechts. Lucas nahm die linke Abzweigung und verschwand sofort. Evie folgte ihm, doch noch bevor sie einen Schritt machen konnte, wurde sie von einer Hand gepackt. �Nein. Nein!� Es war Raffy. Er hatte einen Satz nach vorn gemacht und sie gepackt. Evie stie� ihn weg und schrie, er solle sie loslassen, aber es war zu sp�t. Thomas stand neben ihr, das Gesicht wei� vor Wut.</p><empty-line/><p>�Kommt her�, rief er seinen M�nnern zu, die jetzt am Eingang der H�hle auftauchten. �Kommt her und bringt die Gefangenen zum Hubschrauber.�</p><empty-line/><p>�Nein!�, schrie Evie, als mehrere bewaffnete M�nner herunterstiegen und sie aus der H�hle zerrten. �Wo ist Lucas? Wo ist er?�</p><empty-line/><p>�Er ist in Sicherheit�, rief Linus ihr zu. Der L�rm des Hubschraubers �bert�nte ihn fast. Er streckte die Hand nach Evie aus, w�hrend man ihn in die seltsame, unheimliche Flugmaschine verfrachtete, in die auch Evie gezerrt wurde. �Tut mir leid. Tut mir leid, Evie ��</p><empty-line/><empty-line/><p>Nachwort</p><empty-line/><p>Lucas holte tief Luft und musterte die Frau, die ihm gegen�bersa�. Amy Jenkins. Sie war die Erste, die ihn nach seiner R�ckkehr in die Stadt interviewen durfte. Obwohl er sehr angeschlagen war, war ihm bewusst, dass er mit Clara an seiner Seite den Eindruck von St�rke und Siegesfreude vermitteln musste. Martha hatte ihn eigentlich noch ein paar Tage in Base Camp behalten wollen, um ihn gesund zu pflegen, aber er hatte abgelehnt. Nachdem er den ganzen Weg von Linus� H�hle dorthin gerannt war, hatte er nur kurz etwas gegessen, bevor er mit Clara zur Stadt aufgebrochen war.</p><empty-line/><p>Es war eine triumphale R�ckkehr. Nach einem kurzen Aufenthalt im Gef�ngnis wegen Mordverdacht hatte Claras Zeugenaussage zu seiner Freilassung gef�hrt. Aufgrund von Linus� Aufnahme, die alles wiedergab, was Thomas �ber die Stadt und �ber den Bruder gesagt hatte, wurde Letzterer verhaftet. Als der Inhalt des USB-Sticks, den Linus Lucas heimlich zugespielt hatte, den Menschen im Versammlungshaus vorgespielt wurde, reagierten sie mit best�rztem Schweigen, und alle, die fr�her an Lucas gezweifelt hatten, schluchzten vor Bedauern.</p><empty-line/><p>Nat�rlich bekamen sie nur einen Teil der Aufnahme zu sehen, n�mlich den Teil, den Angel f�r Lucas bearbeitet hatte. Lucas wollte den Bewohnern der Stadt nicht jede Hoffnung nehmen und ihnen nicht solche Angst einjagen, wie er erdulden musste.</p><empty-line/><p>Amy l�chelte ihn an, und Lucas hatte das Gef�hl, als w�re sein letztes Interview mit ihr schon eine Ewigkeit her.</p><empty-line/><p>Jetzt war alles ganz anders.</p><empty-line/><p>Auf den Stra�en der Stadt streiften keine Suchtrupps mehr umher; stattdessen sammelten sich die Menschen vor seinem B�ro und forderten den Tod des Bruders. Jetzt blickte er nur noch in dem�tige, bescheidene Gesichter, und M�nner und Frauen baten darum, ihm die Hand sch�tteln zu d�rfen. Jetzt fingen die Menschen endlich an, ihre Freiheit anzunehmen, sich aus den F�ngen des Bruders zu befreien und seine Lehren aus ihren K�pfen und aus ihren Herzen zu verbannen.</p><empty-line/><p>Und Lucas versuchte, sich f�r sie zu freuen und Befriedigung dar�ber zu empfinden, dass er endlich sein Ziel erreicht hatte. Aber stattdessen musste er gegen einen undurchdringlichen Nebelschleier von Nihilismus ank�mpfen. Denn die Stadt war nicht wie Ph�nix aus der Asche entstanden, sondern am Computer. Sie war kein Leitstern des �berlebens, sondern das Werk eines Verr�ckten, ein Spiel, ein Projekt.</p><empty-line/><p>Und Evie befand sich in der Gewalt dieses Irren, meilenweit entfernt von Lucas.</p><empty-line/><p>�Keiner von uns hat Ihnen geglaubt�, sagte Amy. �Und jetzt erkennen wir, wie falsch es war, Ihnen zu misstrauen.�</p><empty-line/><p>Lucas nickte und versuchte, sich zu konzentrieren und alles andere zu verdr�ngen, zumindest f�r den Moment.</p><empty-line/><p>�Sie d�rfen nicht vergessen�, sagte er und ber�hrte mit der rechten Hand wie zuf�llig sein linkes Handgelenk, �dass das System uns zu Sklaven gemacht hat. Die Urteile, die es gef�llt hat, waren willk�rlich und wurden vom Bruder kontrolliert, um den Menschen Angst zu machen, um sie zu entzweien, um seine Freunde zu belohnen und seine Feinde zu bestrafen. Das System war genauso korrupt wie der Bruder. Er ist verantwortlich f�r das, was passiert ist. Er hat die Bewohner der Stadt manipuliert, damit sie ihm glauben und nicht mir. Niemand sollte sich selbst daf�r die Schuld geben. Wir m�ssen nach vorn schauen, nicht zur�ck. Ich will, dass wir wieder anfangen zu leben.�</p><empty-line/><p>Doch er war sich nicht sicher, ob es ihm gelingen w�rde, bei diesen Worten keine Miene zu verziehen. Er hatte keine Ahnung vom Leben. Nicht mehr, seit Thomas Evie mitgenommen hatte, seit er beim H�hlenausgang nach links gegangen und einen Tunnel hinuntergesaust war, unf�hig, sich umzudrehen oder auf Evies Rufe zu antworten. Er hatte versucht, wieder hochzuklettern, hatte gerufen, geschrien, sich die H�nde aufgesch�rft, hatte versucht, zu ihr und zu seinen Freunden zu gelangen, aber es war sinnlos gewesen. Er hatte mitansehen m�ssen, wie sie weggebracht wurde und wie der Hubschrauber mit ihr, Linus, Raffy und Benjamin davonflog, in eine Welt, die angeblich nicht mehr existierte, in eine Welt, die Lucas immer noch nicht begreifen konnte, auch wenn er es noch so sehr versuchte.</p><empty-line/><p>Hatte Linus gewusst, dass er es als Einziger schaffen w�rde zu entkommen? Er hatte keine Ahnung, aber er hatte so seine Vermutungen. Vermutungen, die ihm nachts den Schlaf raubten, weil ihm alle m�glichen Gedanken und Fragen durch den Kopf gingen. Hatte Linus ihm deshalb den USB-Stick mit Thomas� Gest�ndnis gegeben, in dem er ihnen alles offengelegt hatte: seine Beteiligung an dem Verschwinden der jungen Leute, an der Schreckenszeit, an dem Verrat des Bruders? Hatte Linus deshalb daf�r gesorgt, dass Lucas direkt hinter ihm ging? Er wusste es nicht. Er wusste nur, dass er innerlich ganz leer war und dass das so bleiben w�rde, bis er Evie wiedersehen w�rde.</p><empty-line/><p>�Was w�re Ihrer Meinung nach die passende Strafe f�r den Bruder?�, fragte Amy mit zusammengekniffenen Augen. �Die Leute fordern seinen Kopf. Immerhin hat er die brutale Ermordung der Verschwundenen mitgetragen.�</p><empty-line/><p>Lucas schloss f�r einen Moment die Augen. Dann �ffnete er sie wieder, stand auf und ging zu dem gro�en breiten Fenster. Er hatte nach seiner R�ckkehr �ber ein neues B�ro, ein neues Geb�ude, einen Neuanfang nachgedacht. Aber dann hatte er sich doch mit einem neuen Fenster begn�gt. Einem gro�en Fenster, durch das er den Himmel sehen konnte.</p><empty-line/><p>�Ich denke, wir werden eine angemessene Strafe finden�, sagte er leise. �Ich habe vor, eine Jury aus M�nnern und Frauen dieser Stadt einzuberufen, um zu entscheiden, ob er in der Stadt inhaftiert oder ob er verbannt werden soll. Die Menschen sollen entscheiden. Schlie�lich waren sie es, die er betrogen hat.�</p><empty-line/><p>�Und was f�r Pl�ne haben Sie sonst noch f�r die Stadt auf Lager?�, fragte Amy weiter.</p><empty-line/><p>Lucas dachte einen Moment lang nach und drehte sich dann zu ihr um. Sie hatte keine Ahnung, dass das alles nur Schein war, genauso wenig wie auch die anderen Menschen in diesem Land eine Ahnung hatten, dass sie betrogen und benutzt wurden und dass ihr Leben zerst�rt wurde. Und das alles wegen eines Computersystems.</p><empty-line/><p>�Frieden�, sagte Lucas schlie�lich. Denn sie brauchten es nicht zu wissen. Jedenfalls noch nicht. Immerhin hatten sie schon genug gelitten. �Frieden und Wohlstand f�r die Bewohner der Stadt. Harte Arbeit. Stabile Verh�ltnisse. Humor. Spa�. Liebe. Die Menschen sollen sich an den kleinen und gro�en Dingen freuen, frei ihre Meinung sagen und miteinander und mit mir diskutieren k�nnen; sie sollen wieder Spa� haben am Leben. Die Mauer um uns herum soll niedriger werden. Ich m�chte mit den anderen Gemeinden zusammenarbeiten. Und ich m�chte, dass wir keine Angst mehr haben m�ssen.�</p><empty-line/><p>Amy schrieb wie wild mit, sah dann Lucas an und neigte den Kopf zur Seite. �Und Sie? Glauben Sie, dass auch Sie Frieden finden werden? Nach allem, was passiert ist?�</p><empty-line/><p>Lucas schaute sie an, aber dann wanderte sein Blick zu seinem Schreibtisch hinter ihr. Auf seinem Computerbildschirm leuchtete eine Nachricht f�r ihn auf, eine Nachricht, die nur von <emphasis>einem</emphasis> Menschen stammen konnte, eine Nachricht, die ihn an die Zeit erinnerte, als er mit Linus kommunizierte, ohne zu wissen, wer das war oder wo er lebte. Er wusste nur, dass sein Vater Linus vertraute und dass auch er ihm vertrauen musste. Jetzt benutzten sie wieder dasselbe Kommunikationsmittel, doch diesmal ohne Worte. Es war nur ein Signal, um Lucas Bescheid zu geben, dass sie am Leben waren und dass alles in Ordnung war. Nach f�nf Sekunden verschwand es wieder und wurde durch seinen Bildschirmschoner ersetzt, ein Bild von Clara an ihrem sechzehnten Geburtstag vor zwei Wochen, mit den strahlenden Gesichtern ihrer Eltern, die sich �ber die R�ckkehr ihrer geliebten Tochter freuten. Das Bild erinnerte ihn daran, dass sein Kampf sich gelohnt hatte, zumindest f�r Claras Familie. Die Menschen kamen zur�ck, und auch Evie w�rde zur�ckkommen. Er w�rde sie wiederfinden, irgendwann �</p><empty-line/><p>Lucas holte tief Luft und zwang sich zu einem L�cheln.</p><empty-line/><p>�Das hoffe ich�, sagte er. �Denn die Hoffnung stirbt zuletzt.�</p><empty-line/><empty-line/><p>Ende des zweiten Bandes</p><empty-line/><empty-line/><p>Dank Mein Dank gilt wie immer meiner Lektorin Kate Howard und allen Mitarbeitern bei Hodder, die sich so gro�e M�he gegeben haben, diese Reihe lebendiger zu machen; vor allem Eleni Lawrence und Justine Taylor.</p><empty-line/><p>Dank auch an Dorie Simmonds, meine wunderbare Agentin. Und vielen Dank an Alan Greenspan, dessen Gedanken und Ideen Anlass f�r eine Neufassung dieses Buches waren, zum Besseren, wie ich hoffe �!</p><empty-line/><p>Und schlie�lich danke ich all denen, die sich die Zeit genommen haben, mit mir Kontakt aufzunehmen und mich anzuspornen. Ohne euch h�tte ich es nicht geschafft!</p><empty-line/><empty-line/><p><strong>Table of Contents</strong></p><empty-line/><p>Vorwort</p><empty-line/><p>1</p><empty-line/><p>2</p><empty-line/><p>3</p><empty-line/><p>4</p><empty-line/><p>5</p><empty-line/><p>6</p><empty-line/><p>7</p><empty-line/><p>8</p><empty-line/><p>9</p><empty-line/><p>10</p><empty-line/><p>11</p><empty-line/><p>12</p><empty-line/><p>13</p><empty-line/><p>14</p><empty-line/><p>15</p><empty-line/><p>16</p><empty-line/><p>17</p><empty-line/><p>18</p><empty-line/><p>19</p><empty-line/><p>20</p><empty-line/><p>21</p><empty-line/><p>22</p><empty-line/><p>23</p><empty-line/><p>24</p><empty-line/><p>25</p><empty-line/><p>26</p><empty-line/><p>27</p><empty-line/><p>28</p><empty-line/><p>29</p><empty-line/><p>30</p><empty-line/><p>31</p><empty-line/><p>32</p><empty-line/><p>33</p><empty-line/><p>34</p><empty-line/><p>35</p><empty-line/><p>36</p><empty-line/><p>37</p><empty-line/><p>38</p><empty-line/><p>39</p><empty-line/><p>40</p><empty-line/><p>41</p><empty-line/><p>42</p><empty-line/><p>43</p><empty-line/><p>44</p><empty-line/><p>Nachwort</p><empty-line/><p>Dank</p><empty-line/><empty-line/></section></body><binary 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