<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>prose_history</genre><author><first-name>John</first-name><last-name>Jakes</last-name></author><book-title>Die Erben Kains</book-title><annotation><p>Am Vorabend des entsetzlichen amerikanischen B�rgerkrieges, der m�rderischen Auseinandersetzung zwischen den Nord- und S�dstaaten, ahnen Orry Main und George Hazard, die sich 1842 in der Offiziersschule Westpoint begegnen und zu Freunden werden, nichts davon, da� der Krieg sie bald zu erbitterten, unvers�hnlichen Gegnern in gegen�berstehenden Lagern werden l��t.</p><p>Die beiden jungen M�nner sind die Nachfahren zweier europ�ischer Einwanderer, die sich zum Ende des 17. Jahrhunderts zur Eroberung der Neuen Welt aufmachten und im Land der unbegrenzten M�glichkeiten ihr Gl�ck suchten � und vor allem ihrer Vergangenheit entfliehen wollten. Der eine, ein fl�chtiger Vaterm�rder, gr�ndete den Industriellenclan der Hazards. Der andere, ein adeliger Rebell, beharrte f�r die Familie Main auch in Amerika auf den Vorrechten des Adels. Das Schicksal der beiden Familien, verflochten zwischen Leidenschaft und Machtgier, Gro�mut und Neid, spiegelt die bedrohliche Spaltung der amerikanischen Nation, den immer tiefer werdenden Graben zwischen den Nord- und den S�dstaaten. Denn die Hazards k�mpfen f�r eine industrielle Gesellschaft, in der die Sklaverei der Vergangenheit angeh�rt und in der alle Menschen frei sind. Die aristokratischen Mains hingegen beharren auf ihren Vorrechten und verteidigen stolz und unerbittlich ihre Traditionen.</p><empty-line/><p>Die amerikanische Originalausgabe erschien unter dem Titel �North and South� bei Harcourt Brace Jovanovich, Publishers, New York and London</p><empty-line/><p>Ins Deutsche �bertragen von Odette Anne Br�ndli</p><empty-line/><p>Mit Ausnahme der historischen Gestalten sind s�mtliche Figuren dieses Romans Gesch�pfe der Phantasie des Autors. Jede �hnlichkeit mit Lebenden oder Toten ist rein zuf�llig.</p><p>� 1982 by John Jakes</p><p>� 1984 der deutschsprachigen Ausgabe</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><src-lang>en</src-lang><sequence name="Fackeln im Sturm" number="1"/></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used>FictionBook Editor Release 2.6.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2015-08-30">30.08.2015</date><id>16FB3BD8-E593-441F-A217-10B1C11DE5E9</id><version>1.0</version></document-info></description><body><section><empty-line/><p><emphasis>Meine Freunde und N�chsten hast du mir entfremdet,</emphasis></p><p><emphasis>und meine Verwandten h�ltst du fern von mir.</emphasis></p><p>Psalm 88</p></section><section><title><p><strong>Prolog.</strong></p><p><strong>Zwei Schicksale</strong></p></title><empty-line/><p>1686: <emphasis>Der K�hlerjunge</emphasis></p><p>�Es ist nun wirklich an der Zeit, da� der Junge meinen Namen annimmt�, sagte Windom nach dem Abendbrot. Die Sache verdro� ihn. Jedesmal, wenn er zuviel getrunken hatte, kam er darauf zu sprechen. Die Mutter des Jungen sa� neben dem kleinen Feuer und schlo� die Bibel, die sie auf den Knien hielt. Bess Windom hatte sich selbst, wie jeden Abend, etwas vorgelesen. Der Junge konnte an ihren Lippenbewegungen erkennen, da� sie nur langsam vorw�rtskam. Sie war gerade bei ihrem Lieblingsvers im 5. Kapitel des Matth�us-Evangeliums angelangt: �Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich�, als Windom mit seiner Bemerkung herausplatzte.</p><p>Der Junge, Joseph Moffat, sa� mit dem R�cken zur Kaminecke und schnitzte ein kleines Boot. Er zwar zw�lf, von untersetztem K�rperbau wie seine Mutter, mit breiten Schultern, hellbraunem Haar und bla�blauen Augen, die manchmal farblos schienen.</p><p>Windom warf seinem Stiefsohn einen finsteren Blick zu. Fr�hlingsregen prasselte auf das Strohdach. Windoms Augen waren von Kohlestaub verschmiert, die abgebrochenen Fingern�gel wiesen einen Trauerrand auf. Windom war eine verkrachte Existenz, vierzig Jahre alt. Wenn er nicht gerade betrunken war, hackte er Holz und lie� es w�hrend zwei Wochen in zwanzig Fu� hohen Stapeln verschwelen. Er stellte Holzkohle f�r die kleinen Hoch�fen am Flu� her, eine schmutzige, erniedrigende Arbeit. Bezeichnenderweise warnten die M�tter die umherstreunenden Nachbarskinder vor dem Schwarzen Mann.</p><p>Joseph sagte nichts und starrte vor sich hin. Windom entging jedoch nicht, da� der Junge nerv�s mit dem Zeigefinger auf den Messergriff trommelte. Der Junge war temperamentvoll, und manchmal f�rchtete sich Windom vor ihm. Aber jetzt nicht. Das hartn�ckige Schweigen des Jungen, sein herausfordernder Trotz, brachten den Stiefvater in Harnisch.</p><p>Schlie�lich sagte Joseph: �Mein eigener Name gef�llt mir� und widmete sich wieder seinem halbfertig geschnitzten Boot.</p><p>�Du unversch�mter Kerl�, stie� Windom mit barscher Stimme hervor und st�rzte sich auf den Jungen. Sein Stuhl kippte um. Bess warf sich dazwischen. �La� ihn, Thad, kein wahrer J�nger unseres Herrn w�rde einem Kind etwas zuleide tun.�</p><p>�Fragt sich, wer wem etwas antun will. Sieh ihn dir an!� Joseph stand mit dem R�cken zum Kamin. Er keuchte. Mit starrem Blick hielt er das Messer auf H�fth�he, bereit zuzustechen. Langsam �ffnete Windom seine geballte Faust, trat linkisch ein paar Schritte zur�ck und r�ckte seinen Stuhl zurecht. Wie immer war es Bess, die litt, wenn die Angst und der Groll des Jungen sich gegen ihn richteten. Joseph nahm seine Stellung beim Kamin wieder ein und fragte sich, wie lange er das noch aushalten konnte.</p><p>�Ich will nichts mehr von deinem heiligen Herrn h�ren�, sagte Windom zu seiner Frau. �Du sagst immer, da� er den armen Mann erh�hen werde. Dein erster Mann war ein Idiot, da� er f�r einen solchen Mist gestorben ist. Wenn dein lieber Jesus sich mal seine H�nde an meinen Kohlen schmutzig macht, werde ich an ihn glauben, vorher nicht.� Er langte nach der gr�nen Ginflasche.</p><p>Sp�ter in der Nacht, als Joseph regungslos auf seinem Strohsack in der Ecke lag, h�rte er, wie Windom seine Mutter hinter dem zerschlissenen Bettvorhang mit Worten und F�usten mi�handelte. Bess schluchzte, und der Junge pre�te die Z�hne zusammen. Dann h�rte er Bess st�hnen. Der Streit war wieder mal in der typischen Weise beigelegt worden, dachte er zynisch. Er konnte es seiner Mutter nicht ver�beln, da� sie ein bi�chen Geborgenheit und Liebe suchte. Sie hatte den falschen Mann geheiratet, das war alles. Lange nachdem das Bett schon nicht mehr quietschte, lag Joseph noch wach und dachte dar�ber nach, wie er den K�hler t�ten k�nnte. Nie w�rde er den Namen seines Stiefvaters annehmen. Er konnte etwas Besseres werden als Windom. Mit seinem Trotz zeigte er, da� er an ein besseres Leben f�r sich selbst glaubte. An ein Leben, wie es Andrew Archer f�hrte, der Eisenh�ttenbesitzer, zu dem Windom ihn vor zwei Jahren in die Lehre geschickt hatte.</p><p>Manchmal jedoch wurde Joseph mutlos, dann n�mlich, wenn ihm seine Hoffnungen und sein Glaube an ein besseres Leben wie dumme Tagtr�ume vorkamen. Er war doch keinen Dreck wert. Sein K�rper war schmutzig, sein Verstand taugte nichts, und seine Kleider waren dauernd voller Kohlestaub. Obwohl er nicht verstand, welches Verbrechens sein Vater sich in Schottland schuldig gemacht hatte und wof�r er gestorben war, konnte er es nicht ungeschehen machen; es haftete wie ein Makel an ihm. �Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden�� Kein Wunder war dies der Lieblingsvers seiner Mutter.</p><p>Sein Vater, ein hagerer, strenger Bauer, an den er sich nur schemenhaft erinnerte, war ein fanatischer Verfechter des Presbyterianismus in Schottland gewesen. Er war an den Spanischen Stiefeln und der Daumenschraube verblutet. Dies geschah w�hrend der �Zeit des Mordens�, wie Bess es nannte, n�mlich w�hrend den ersten Monaten der Amtszeit des Duke of York, der sp�ter als Jakob II. den Thron bestieg. Nach einer Zeit heftiger Auseinandersetzungen zwischen Staat und Kirche hatte er geschworen, den Presbyterianismus auszurotten und die Episkopalkirche im ganzen Land zu institutionalisieren. Kaum war Robert Moffat im Gef�ngnis eines blutigen Todes gestorben, eilten Freunde zu seinem Hof, um seiner Frau mitzuteilen, sie solle fliehen. Knapp eine Stunde, bevor der Herzog mit seinen M�nnern eintraf, hatte sie sich mit ihrem einzigen Sohn auf den Weg gemacht. Ihr ganzer Besitz wurde niedergebrannt. Nach Monaten der Wanderschaft gelangten Mutter und Sohn schlie�lich zu den H�geln im s�dlichen Shropshire. Bess war m�de und ersch�pft, und so entschlo� sie sich, dort zu bleiben.</p><p>Der Severn River schl�ngelte sich im S�den und im Westen durch das bewaldete Hochland, die Gegend machte einen einigerma�en sicheren und l�ndlichen Eindruck. Mit dem letzten Geld, das sie aus ihrer Heimat hatte retten k�nnen, mietete sie ein H�uschen. Sie arbeitete als Magd, und innerhalb von zwei Jahren begegnete sie schlie�lich Windom und heiratete ihn. Sie gab sogar vor, der offiziellen Kirche beigetreten zu sein, denn obwohl Robert Moffat ihr einen inbr�nstigen Glauben eingefl��t hatte, hatte er ihr nicht den Mut eingefl��t, nach seinem Tod weiterhin den Beh�rden Widerstand zu leisten. Angesichts des Elends verwandelte sich ihr Glaube zusehends in Resignation. Ein halt- und wertloser Glaube, wie Joseph oft dachte. Das wollte er nicht f�r sich. Sein Vorbild war der willensstarke Archer, der oberhalb des Flusses am H�gel in einem herrschaftlichen Haus wohnte und der Besitzer der Eisenh�tte war. Hatte nicht auch der alte Giles Joseph gesagt, da� er intelligent und willensstark genug sei, um einen ebensolchen Erfolg im Leben zu haben? Und in letzter Zeit hatte er es oft wiederholt. Meistens glaubte Joseph dem Alten. So lange zumindest, bis er wieder einmal den Kohlestaub unter seinen Fingern�geln sah und h�rte, wie die andern Lehrlinge sich �ber ihn lustig machten: �Dreckiger Joe, schwarz wie ein Neger.� Dann sah er, wie verblendet seine Tr�ume waren, und lachte so lange �ber seine Bl�dheit, bis die Scham seine bla�blauen Augen mit schier endlosen Tr�nen f�llte.</p><p>Der alte Giles Hazard, ein Junggeselle, war einer der drei wichtigsten M�nner in Archers Eisenh�tte. Ihm war der mit Kohle angefeuerte Frischofen anvertraut, in welchem die vom Schmelzofen kommenden Roheisenbarren wieder eingeschmolzen wurden, damit �bersch�ssiger Kohlenstoff und andere Elemente ausgeschieden wurden; das Gu�eisen w�re sonst f�r die Herstellung von Hufeisen, Fa�reifen und Pflugscharen zu spr�de geworden. Giles Hazard hatte eine rauhe Stimme, seine Gesellen und Lehrlinge mu�ten wie Sklaven arbeiten. Sein ganzes Leben lang hatte er in unmittelbarer N�he des Hochofens gewohnt und schon im Alter von neun Jahren dort zu arbeiten begonnen. Seine untersetzte, beh�bige Gestalt strotzte nur so vor Energie. Man h�tte ihn f�r eine �ltere Ausgabe von Joseph halten k�nnen, und vielleicht behandelte er den Jungen deshalb wie einen Sohn.</p><p>Aber Joseph lernte auch sehr schnell, und das gefiel Giles. Joseph war Giles im letzten Sommer aufgefallen, als er gerade sein zweites Lehrjahr begann. Der Hochofen-Meister hatte damit geprahlt, wie geschickt Joseph an der Sandrinne arbeitete, von wo aus das gl�nzende geschmolzene Eisen in weitere kleine Wannen flo�. Da Giles in der Eisenh�tte der Dienst�lteste war, hatte er keinerlei Schwierigkeiten, den Jungen in die Frischerei versetzen zu lassen. Hier mu�te Joseph nun mit der langen Eisenstange gleichzeitig in drei oder vier Wannen arbeiten, damit das Roheisen einheitlich geschmolzen werden konnte. Joseph erwies sich als sehr geschickt, und bald ertappte Giles sich dabei, wie er ihm ein Kompliment machte.</p><p>�Du bist geschickt und hast das f�r dieses Gewerbe n�tige Verst�ndnis. Zudem bist du umg�nglich, au�er wenn � wie ich festgestellt habe � die andern dich wegen dem Beruf deines Stiefvaters h�nseln. Nimm dir ein Beispiel an Herrn Archer. Zugegeben, er ist ein Dickkopf, aber er wei� auch, da� es manchmal besser ist, nachzugeben. Er verkauft seine Erzeugnisse mit einem L�cheln und mit liebensw�rdigen Worten und zwingt seinen Kunden nichts auf.�</p><p>Im stillen war der alte Mann davon �berzeugt, da� Joseph gar nicht zuh�rte. Josephs Leben und Charakter hatten bereits starre Formen angenommen. Ohne Zweifel hatten ihn Lebensumst�nde und ungebildete Eltern zu einem Leben im Abseits verurteilt. Und doch ermutigte Giles Joseph weiterhin. Vielleicht deshalb, weil er �lter wurde und sah, da� es nicht klug von ihm gewesen war, sein Leben lang Junggeselle zu bleiben. Er zeigte Joseph nicht nur, wie man Eisen herstellt, sondern vermittelte ihm auch das dazugeh�rige Wissen.</p><p>�Eisen regiert die Welt, mein Junge. Es bricht Erde auf und verbindet Kontinente � und auch Kriege werden damit gewonnen.� In Archers �fen wurden Kanonenkugeln f�r Kriegsschiffe hergestellt. Giles wandte sein gro�fl�chiges Gesicht dem Mond zu und sagte: �Eisen kam von irgendwoher auf die Welt, von woher, wei� nur Gott. Schon in den fr�hesten Tagen der Menschheit kannte man Meteorsteine.�</p><p>�Was ist ein Meteor?� warf der Junge ein.</p><p>Giles l�chelte. �Eine Sternschnuppe. Sicher hast du schon welche gesehen.� Der Junge nickte nachdenklich. Giles sprach von vielen Dingen, die nach und nach, je mehr Joseph vom Gewerbe lernte, an Bedeutung gewannen. Giles erz�hlte die Geschichte der Eisenherstellung. Er sprach vom St�ck- und vom Fl��ofen, die es seit dem 10. Jahrhundert in Deutschland gab, von den <emphasis>hauts fourneaux,</emphasis> die im 15. Jahrhundert in Frankreich aufkamen, und von den Wallonen, die vor etwa sechzig Jahren in Belgien das Wiedereinschmelzungsverfahren der Schlacken entwickelt hatten. �Doch all das ist blo� ein Ticken der gro�en Eisenuhr. Vor 700 Jahren hat der heilige Dunstan Eisen bearbeitet. Man sagt, er habe in seinem Schlafzimmer in Glastonbury eine Schmiede gehabt. Die �gyptischen Pharaonen wurden mit eisernen Amuletten und eisernen Dolchklingen begraben, weil das Metall so wertvoll, edel und m�chtig war. Ich habe �ber Dolche aus Babylonien und Mesopotamien gelesen, die es bereits Jahrtausende vor Christus gegeben haben soll.�</p><p>�Ich kann nicht gut lesen.�</p><p>�Dann sollte es dir jemand beibringen, oder du solltest es selber lernen�, brummte Giles. �Ein Mann kann vieles durch Lesen lernen, Joseph, nicht alles, aber vieles. Ich meine, ein Mann, der nicht unbedingt K�hler werden m�chte.� Joseph verstand und nickte ohne eine Spur von �rger. �Kannst du �berhaupt lesen?� fragte Giles.</p><p>�Ja, doch.� Schweigend blickte Joseph Giles an. �Nur ein bi�chen�, schr�nkte er ein. �Meine Mutter versuchte es mir mit der Bibel beizubringen. Ich mag die Heldengeschichten �ber Samson und David. Aber Windom wollte nicht, da� Mutter mir das Lesen beibrachte, und so h�rte sie damit auf.� Giles �berlegte. �Wenn du jeden Abend eine halbe Stunde l�nger bleibst, k�nnte ich es versuchen.�</p><p>�Aber Windom ��</p><p>�Du mu�t eben schwindeln�, unterbrach ihn Giles. �Wenn er fragt, warum du zu sp�t kommst, dann mu�t du ihm eben eine L�ge auftischen. Das hei�t, wenn du wirklich etwas werden willst. Wenn du nicht K�hler werden m�chtest.�</p><p>�Glauben Sie, da� ich das kann, Meister Hazard?�</p><p>�Und du, glaubst du es?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Dann wirst du�s k�nnen. Dem Mutigen geh�rt die Welt.�</p><p>Dieses Gespr�ch hatte im Sommer stattgefunden. Im Herbst und Winter unterrichtete Giles den Jungen. Und sein Unterricht war gut, so gut, da� Joseph dies seiner Mutter mitteilen mu�te. Eines Abends, als Windom irgendwo herumpolterte, zeigte er ihr ein Buch, das er heimlich nach Hause genommen hatte. Es war ein sehr umstrittenes Buch mit dem Titel �Metallum Martis�. Verfasser war der j�ngst verstorbene Dud Dudley, ein unehelicher Sohn des f�nften Lord Dudley. Dud Dudley nahm f�r sich in Anspruch, Eisen erfolgreich durch Mineralkohle � oder <emphasis>Steinkohle</emphasis> � eingeschmolzen zu haben, wie Joseph seiner Mutter, zwar mit etlicher Anstrengung, aber doch mit Erfolg, vorlas. Ihre Augen gl�hten vor Bewunderung, doch dann erlosch der Glanz. �Lernen ist etwas Herrliches, mein Junge, aber es kann zu Hochmut f�hren. Jesus sollte der Mittelpunkt deines Lebens sein.� Joseph h�rte dies nur ungern, aber er sagte nichts. �Es gibt nur zwei Dinge, die im Leben wichtig sind�, fuhr seine Mutter fort, �die Liebe zu Gottes Sohn und die N�chstenliebe. Die Liebe, die ich f�r dich empfinde�, sagte sie abschlie�end und dr�ckte ihn pl�tzlich an sich. Er h�rte ihr Weinen und f�hlte, wie sie zitterte. Seit der Zeit des Mordens hatte sie resigniert und keine Hoffnungen mehr. Sie hoffte nur noch auf das Jenseits und glaubte nur noch an den Heiland und an ihren Sohn. Joseph hatte seine Zweifel. Er empfand Mitleid mit ihr, aber er mu�te sein eigenes Leben leben. Bess erz�hlte Windom nichts von den Unterrichtsstunden. Sie konnte jedoch einen Anflug von Stolz nicht verbergen, was Windom zutiefst �rgerte.</p><p>An einem Sommerabend, nicht lange, nachdem der Streit dar�ber stattgefunden hatte, ob Joseph den Namen seines Stiefvaters annehmen w�rde, kam Joseph nach Hause und fand seine Mutter blutend, gr�n und blau geschlagen, beinahe bewu�tlos auf dem schmutzigen Boden. Windom war weggegangen. Sie wollte nicht sagen, was geschehen war, und flehte Joseph so lange an, bis er versprach, seine Drohungen nicht wahrzumachen. Doch der Ha� auf seinen Stiefvater wuchs in ihm.</p><p>Als die H�gel von Shropshire mit dem Nahen des n�chsten Herbstes rot und golden leuchteten, hatte Joseph so gro�e Fortschritte gemacht, da� Giles einen weiteren k�hnen Schritt wagte.</p><p>�Ich werde mich mit Herrn Archer unterhalten und ihn darum bitten, da� er dir eine Stunde pro Woche mit dem Hauslehrer, der im Herrenhaus wohnt, erlaubt. Sicher wird er es gestatten, da� der Lehrer dir ein bi�chen Mathematik und vielleicht sogar etwas Latein beibringt.�</p><p>�Weshalb sollte er, ich bin doch niemand.�</p><p>Der alte Giles lachte und strich Joseph �bers Haar, bis es ganz zerzaust aussah. �Er wird sich dar�ber freuen, zu einem so redlichen Gesellen zu kommen, und dies praktisch ohne Kosten. Das ist mal eins. Zum andern ist Herr Archer ein anst�ndiger Mensch. Es gibt nur wenige auf dieser Welt.�</p><p>Joseph glaubte ihm nicht, bis Giles ihm mitteilte, da� Herr Archer seine Einwilligung gegeben hatte. Als er an jenem Abend nach Hause rannte, verga� er in seiner Freude und Aufregung seine sonst �bliche Vorsicht. �ber dem Flu� und den H�geln lag schwerer Nebel, und er fr�stelte, als er die H�tte erreichte. Windom war da, ru�ig und halb betrunken. Joseph, der sich so dar�ber freute, da� jemand ihm wohlgesinnt war, reagierte nicht auf die warnenden Blicke seiner Mutter und sprudelte mit der Neuigkeit heraus. Windom war nicht beeindruckt. �Um Himmels willen, weshalb sollte der junge Narr einen Lehrer brauchen!� Er blickte den Jungen voller Spott an, und Joseph hatte das Gef�hl, als ob ein Schwert ihn durchbohre. �Er ist unwissend. Genauso unwissend wie ich.� Bess nestelte an ihrer Sch�rze herum. Sie war verwirrt und wu�te nicht, wie sie aus der Falle herauskommen sollte.</p><p>Mit raschen Schritten ging sie auf das Feuer zu und warf in ihrer Nervosit�t den Sch�rhaken um. Joseph blickte seinem Stiefvater fest in die Augen, als er sagte: �Nicht mehr. Der alte Giles hat mir Unterricht erteilt.�</p><p>�Worin?�</p><p>�Im Lesen. In Allgemeinbildung.�</p><p>Windom grinste und bohrte mit dem kleinen Finger in der Nase. Dann wischte er ihn an seinen Kniehosen ab und lachte. �Welche Verschwendung. Du brauchst doch keine B�cher, um im Frischwerk zu arbeiten.�</p><p>�Doch, wenn man so reich werden will wie Meister Archer.�</p><p>�Oho, du glaubst also wirklich, da� du eines Tages reich sein wirst.�</p><p>Joseph pre�te die Lippen aufeinander. �Verdammt soll ich sein, wenn ich so arm und dumm bleibe wie du.�</p><p>Windom br�llte und st�rzte sich auf den Jungen. Bess, die nerv�s im Schmortopf, der an einer Kette �ber dem Herd hing, herumger�hrt hatte, rannte mit offenen Armen auf ihren Mann los.</p><p>�Er hat es nicht so gemeint, Thad. Sei barmherzig, so wie Jesus es uns gelehrt h��</p><p>�Bl�de, fromme Hure. Ich tue mit ihm, was ich will�, schrie Windom und schlug sie an die Schl�fe. Sie stolperte, prallte mit der Schulter hart auf dem Kaminsims auf und stie� einen Schrei aus. Der Schmerz war st�rker als ihre Gottergebenheit. Sie ersp�hte den Sch�rhaken, ri� ihn hastig an sich und hielt ihn abwehrend hoch. Es sah pathetisch aus, doch Windom empfand es als Bedrohung und fiel �ber sie her. Voller Angst und Wut fing Joseph an, mit seinem Stiefvater zu ringen, aber Windom sch�ttelte ihn ab. Voller Entsetzen tastete Bess nach dem verlorenen Sch�rhaken, war aber nicht in der Lage, ihn fest in den Griff zu bekommen. Windom konnte ihn ihr leicht entrei�en und streckte sie mit zwei Schl�gen an die Schl�fe zu Boden. Ein feiner Blutfaden rann �ber Bess� Wangen.</p><p>Joseph starrte sie einen Augenblick lang an, dann st�rzte er sich in einer unb�ndigen Wut auf den Sch�rhaken. Windom warf ihn gegen die Wand. Joseph rannte zum Herd, ergriff die Kette, an der der Topf hing, und go� den hei�en Inhalt des Topfes �ber Windom. Windom schrie und pre�te die H�nde auf seine verbr�hten Augen. Joseph hatte Brandwunden an den H�nden, aber er sp�rte sie kaum. Er hob den leeren Topf und lie� ihn auf Windoms Kopf niedersausen. Als Windom wimmernd zu Boden fiel, wickelte Joseph die Kette um den Hals seines Stiefvaters und zog so lange daran, bis sie sich ins Fleisch eingefressen hatte. Windom bewegte sich nicht mehr.</p><p>Joseph rannte in den Nebel hinaus und erbrach sich. Seine Handfl�chen brannten, und es wurde ihm bewu�t, was er getan hatte. Er wollte sich gehenlassen und heulen, er wollte wegrennen, aber er tat keines von beidem. Er zwang sich, in die H�tte zur�ckzugehen. Als er drinnen war, sah er, wie sich seine Mutter schwach bewegte. Sie war also nicht tot! Nach vielen Versuchen gelang es ihm schlie�lich, sie auf die F��e zu stellen. Sie murmelte zusammenhangloses Zeug und lachte dazwischen. Er h�llte sie in einen Schal und geleitete sie langsam durch den Nebel bis zur Wohnung von Giles Hazard, der etwa zwei Meilen weit weg wohnte. Sie strauchelte mehrmals auf dem Weg, aber auf sein Dr�ngen hin ging sie weiter. Verdrossen �ffnete Giles die T�r. Durch den Kerzenschimmer konnte man sein Gesicht sehen. Wenige Augenblicke sp�ter half er Bess in sein noch warmes, niedriges Bett. Nachdem er sie untersucht hatte, strich er sich nachdenklich �bers Kinn.</p><p>�Ich werde den Arzt rufen�, sagte Joseph. �Wo finde ich ihn?�</p><p>Der alte Giles konnte seine Besorgnis nicht verbergen. �Ein Arzt wird hier nicht mehr viel machen k�nnen.�</p><p>Joseph war wie bet�ubt, und endlich kamen die Tr�nen. �Das darf nicht wahr sein.�</p><p>�Sieh sie dir an. Sie atmet kaum noch. Und was den hiesigen Barbier anbelangt, er ist ein Analphabet. Er kann nichts f�r sie tun und wird blo� Fragen stellen.� Dieser Satz war bereits eine versteckte Frage, denn Joseph hatte Giles nur berichtet, da� Windom seine Mutter geschlagen hatte.</p><p>�Jetzt hilft nur warten�, sagte Giles schlie�lich und rieb sich die Augen.</p><p>�Und zu Gott beten�, sagte Joseph verzweifelt.</p><p>Giles setzte einen Topf auf den Herd. Joseph sank neben dem Bett auf die Knie, faltete die H�nde und betete voller Inbrunst. Es gab keine Anzeichen daf�r, da� sein Gebet erh�rt worden war. Im Gegenteil, Bess atmete leiser und schw�cher. Als sich der Nebel �ber dem Flu� lichtete, ber�hrte Giles behutsam Josephs Schulter, damit er aufwache. �Setz dich ans Feuer�, sagte er und zog eine Bettdecke �ber das zerschundene und friedliche Gesicht von Bess. �Es ist vorbei. Sie ist unterwegs zu ihrem Jesus, und wir k�nnen nichts mehr tun. Aber wie steht es mit dir? Was mit dir geschieht, h�ngt davon ab, ob man dich erwischt.� Giles atmete tief. �Dein Stiefvater ist tot, nicht wahr?� Der Junge nickte. �Das dachte ich mir. Sonst w�rst du nicht hierhergekommen. Er h�tte sie gepflegt.�</p><p>Josephs ganzer Schmerz verschaffte sich mit einem Schrei Luft: �Ich bin froh, da� ich ihn get�tet habe.�</p><p>�Das glaube ich dir. Aber damit bist du zum M�rder geworden. Herr Archer wird keinen M�rder einstellen, und ich kann es ihm nicht ver�beln. Aber�� Seine Stimme wurde weicher, die aufgesetzte Strenge verflog. �Ich will nicht, da� man dich h�ngt oder vierteilt. Was k�nnen wir tun?� Er fing an, auf und ab zu schreiten. �Sie werden nach Joseph Moffat suchen, oder nicht? Nun gut, dann wirst du eben nicht mehr so hei�en.�</p><p>Nach dieser Entscheidung verfertigte Giles ein Schreiben, das besagte, da� der Inhaber, Joseph Hazard, sein Neffe, in Familiengesch�ften auf Reisen sei. Nach kurzem Z�gern unterschrieb er mit seinem Namen, f�gte noch die Worte Onkel und Vormund hinzu sowie einige Schn�rkel; letztere verliehen dem Ganzen ein echt urkundliches Aussehen.</p><p>Giles versprach Joseph ein christliches Begr�bnis f�r Bess und bestand darauf, da� der Junge nicht helfen und nicht bleiben konnte. Nachdem er ihm zwei Schilling, ein in ein Halstuch gebundenes Brot und den Rat, keine Hauptstra�e zu ben�tzen, gegeben hatte, verabschiedete er sich mit einer v�terlichen Umarmung und entlie� den verwirrten Joseph in die nebelgrauen H�gel.</p><p>Irgendwo auf einer einsamen Stra�e in Gloucestershire hielt Joseph inne und schaute auf. Die Nacht war sternenklar. Im Osten, �ber dem Dach eines kleinen Bauernhofs, sah er einen wei�en Streifen. Etwas Brennendes, das rasch zu Boden fiel. Eisen. Gott sandte den Menschen Eisen, genau wie Giles gesagt hatte. Der Junge verstand, weshalb Eisenh�ttenbesitzer so stolz auf ihren Beruf waren. Es war ein im Himmel geborenes und gesegnetes Gewerbe. Voller Ehrfurcht wartete Joseph, bis der wei�e Streifen am Horizont verschwunden war. Er stellte sich einen enormen Meteor vor, der irgendwo in einem frischen Krater schwelte. Es konnte kein m�chtigeres Material in der ganzen Sch�pfung geben. Kein Wunder, wurden damit Kriege gewonnen, Distanzen �berwunden. Von diesem Augenblick an zweifelte er nie mehr an seinem Lebensweg.</p><p>Joseph marschierte eilends in Richtung des Hafens von Bristol. Er wurde nicht einmal angehalten oder nach dem Schreiben gefragt, das Giles so sorgf�ltig f�r ihn aufgesetzt hatte. So sehr vermi�te die Welt Thad Windom also nicht! Joseph trauerte um seine Mutter, bedauerte jedoch kaum, seinen Stiefvater erschlagen zu haben. Er hatte getan, was er hatte tun m�ssen; die Rache hatte sich mit dem Gebot der Stunde verbr�dert.</p><p>Unterwegs wurde er von neuartigen Gedanken �berrascht, die oft um Religion kreisten. Er hatte sich nie mit dem Glauben seiner Mutter an einen liebenden, vergebenden und offenbar machtlosen Christus anfreunden k�nnen, aber er entdeckte seine Sympathie f�r das Alte Testament. Bess hatte ihm viele Geschichten von starken, tapferen M�nnern vorgelesen, die keine noch so k�hne Tat scheuten. Auf seinem m�hseligen Marsch durch Felder und W�lder auf dem Weg nach dem gro�en Hafen von Westengland f�hlte er sich mehr und mehr mit jenen Gestalten und ihrem Gott verwandt.</p><p>Nach mehreren Fehlschl�gen konnte er endlich einen Kapit�n ausfindig machen, der demn�chst in die Neue Welt segeln w�rde; in jenen Teil der Erde, der vielen Engl�ndern eine zweite Heimat bot. Der Kapit�n mit dem Holzbein hie� Smollet, sein Schiff <emphasis>M�we von Portsmouth.</emphasis> Er machte Joseph einen klaren Vorschlag.</p><p>�Du unterschreibst ein Dokument, mit dem du dich mir verdingst. Daf�r biete ich dir die �berfahrt und die Verpflegung an Bord. Wir werden Bridgetown auf Barbados anlaufen und anschlie�end die Kolonien in Amerika. Dort braucht man gelernte Arbeiter. Wenn du wirklich so gut mit Eisen umgehen kannst, wie du behauptest, wird es f�r mich nicht schwierig sein, dir eine Stelle zu verschaffen.�</p><p>Der Kapit�n sah Joseph verstohlen �ber den Rand des Bierkruges an. Der Junge nahm ihm seinen harten Handel nicht �bel, er bewunderte ihn sogar daf�r. Er sagte sich im stillen, da� ein Mann, der Erfolg haben wollte, immer wieder schwierige Entscheidungen treffen mu�te. So war es auch mit den Helden des Alten Testaments gewesen, mit Abraham und mit Moses. Wenn er sich jemanden zum Vorbild nehmen sollte, dann sie.</p><p>�Nun, Hazard, wie lautet deine Antwort?�</p><p>�Sie haben mir nicht gesagt, wie lange ich Ihnen dienen soll.�</p><p>Kapit�n Smollet l�chelte bewundernd. �Die meisten sind so aufgeregt oder so schuldbeladen� � Josephs Gesicht zeigte keinerlei Regung, er ignorierte den Test �, �da� sie glattweg vergessen, danach zu fragen, bis wir aus der Meeresbucht segeln.� Er blickte in seinen Bierkrug.</p><p>�Der Vertrag l�uft sieben Jahre.�</p><p>Erst wollte Joseph nein schreien. Aber er unterlie� es. Smollet fa�te sein Schweigen als Absage auf; mit einem Achselzucken stand er auf und warf einige M�nzen auf den schmierigen Tisch. Es w�rde nicht leicht sein, w�hrend sieben Jahren der Sklave eines andern Mannes zu sein, dachte Joseph. Doch konnte er die Zeit geschickt und klug nutzen. Er konnte sich weiterbilden, wie Giles ihm eindringlich geraten hatte, und er konnte sich noch mehr Fachwissen �ber sein Gewerbe aneignen. Nach sieben Jahren w�rde er ein freier Mann in einem neuen Land sein, wo man Eisenh�ttenbesitzer brauchte und wo niemals jemand etwas von Thad Windom geh�rt hatte. Kapit�n Smollet blieb an der Kneipent�r stehen, als Joseph rief: �Ich werde unterschreiben.�</p><p>An jenem Abend, als Joseph �ber den Kai zur <emphasis>M�we von Portsmouth</emphasis> eilte, regnete es. Die Fenster am Heck des Schiffes, dort wo der Kapit�n wohnte, waren erleuchtet. Es sah sehr einladend aus, und bald w�rde Joseph in jener Kabine sein Zeichen unter den Verdingungsvertrag setzen. Er l�chelte, als er an Smollet dachte; ein Schurke. Er hatte nur einige fl�chtige Fragen zu Josephs Vergangenheit gestellt. Joseph, der bef�rchtet hatte, das Angebot k�nnte zur�ckgezogen werden, hatte etwas vorschnell Giles� Dokument vorgezeigt! Der Kapit�n hatte es kritisch betrachtet und mit einem Grinsen zur�ckgegeben.</p><p>�Familiengesch�fte. Bis in die Kolonien! Man stelle sich so was vor.� Ihre Blicke trafen sich. Smollet wu�te, da� der Junge auf der Flucht war, aber das k�mmerte ihn nicht. Joseph bewunderte die Skrupellosigkeit des Kapit�ns. Er mochte ihn mehr denn je. Sieben Jahre w�rden vorbeigehen; es war gar nicht so lange. Mit diesen Gedanken hielt er an einer Treppe an, die zum Wasser f�hrte. Er kletterte die halbe Treppe hinunter, hielt sich mit der einen Hand am glitschigen Holz fest und tauchte die andere einmal, zweimal, dreimal ins Salzwasser. Sollte noch symbolisches Blut an ihm haften, so f�hlte er sich jetzt gereinigt. Er fing ein neues Leben an. Im Lichte der Schiffslaterne betrachtete er seine Finger und lachte laut. Fr�her hatte er noch Kohlestaub unter den Fingern�geln gehabt. Auch der war jetzt verschwunden.</p><p>Pfeifend schlenderte er auf das Fallreep zu und ging mit zunehmend besserer Stimmung an Bord. Obwohl er sich f�r die n�chsten sieben Jahre verpflichtet hatte, betrachtete er das Ganze nun mit einem neuen Gef�hl pers�nlicher Freiheit. Das Leben in der Neuen Welt w�rde f�r Joseph Mof � nein, f�r Joseph Hazard anders werden. Gott w�rde schon daf�r sorgen. Der Gott, an den er glaubte, und der ihm in dieser Stunde vertrauter wurde, war eine Gottheit, die dem tapferen Mann, der keine harte Arbeit scheute, wohlgesinnt war. In den letzten Tagen waren sich Joseph und sein Gott n�hergekommen. Jetzt waren sie Freunde geworden.</p><p>1687: <emphasis>Der Aristokrat</emphasis></p><p>Im Fr�hsommer des darauffolgenden Jahres tr�umte jenseits des Ozeans, in der k�niglichen Kolonie Carolina, noch jemand davon, reich zu werden. Sein Ehrgeiz steigerte sich zur Besessenheit. Reichtum, Macht und Sicherheit hatte er bereits erlebt. Doch die Sicherheit hatte sich als Illusion erwiesen; Wohlstand und Macht waren hinweggefegt worden wie der schimmernde Sand am Strand von Charles Town, wenn die Sturmflut kam. Charles de Main war drei�ig Jahre alt. Seit zwei Jahren war er mit seiner sch�nen Frau Jeanne in der Kolonie. Es waren erst siebzehn Jahre her, seitdem die ersten Europ�er nach Carolina eingewandert waren und sich dort niedergelassen hatten. Die insgesamt zwei- oder dreitausend wei�en Einwohner waren also alle mehr oder weniger Neuank�mmlinge.</p><p>Unter den Ansiedlern befand sich eine Gruppe von Abenteurern, die urspr�nglich von Barbados gekommen waren. Sie hatten sich im Dorf Charles Town niedergelassen und hatten es unter den Lords Proprietors, den englischen Aristokraten, die die Kolonie wie ein Finanzgesch�ft gegr�ndet hatten, rasch zu einer gewissen Macht gebracht. Es dauerte nicht lange, bis die Einwanderer aus Barbados ihren Hochmut offen zeigten. Charles war der Meinung, da� sie unpraktische Idioten waren. Sie tr�umten von einem landwirtschaftlichen Paradies, das sie mit dem Anbau von Seide, Zucker, Tabak und Baumwolle reich machen w�rde. Charles war realistischer. Das K�stentiefland von Carolina war f�r die traditionelle Landwirtschaft viel zu feucht. Im Sommer war das Klima fast unertr�glich hei� und fieberverseucht, nur die Widerstandsf�higsten �berlebten. Im allgemeinen gr�ndete der gegenw�rtige Wohlstand der Kolonie auf drei Einnahmequellen: Pelze, mit denen Charles bereits handelte, Viehzucht und jene Art von Wohlstand, die er sich nun eben mit dem Gewehr aus dem Hinterland zu verschaffen versuchte: Indianer f�r den Sklavenhandel.</p><p>Charles de Main war keineswegs in dieses Land der K�stens�mpfe und lichten W�lder gekommen, weil es ihn geographisch oder kommerziell interessiert h�tte. Er und Jeanne waren aus dem Loiretal geflohen, wo Charles als der vierzehnte Herzog seiner Dynastie zur Welt gekommen war. Er hatte mit zwanzig geheiratet und die Verwaltung der Weinberge, die seiner Familie geh�rten, �bernommen. W�hrend einiger Jahre f�hrte das junge Paar ein idyllisches Leben, abgesehen von der traurigen Tatsache, da� Jeanne keine Kinder bekam. Doch dann hatte der sich von Generation auf Generation �bertragene Glaube der Familie sie in den Ruin gef�hrt. Als Ludwig XIV. 1685 das Edikt von Nantes aufhob, war es mit dem Waffenstillstand zwischen den franz�sischen Katholiken und Protestanten vorbei. Wie alle andern stolzen Hugenotten � einige Franzosen ersetzten das Wort <emphasis>stolz</emphasis> durch <emphasis>verr�terisch</emphasis> � waren Charles de Main und seine Gemahlin von der nun in Frankreich w�tenden S�uberungswelle bedroht. Nachdem der Terror einmal ausgebrochen war, wurde jeder Versuch, das Land zu verlassen, als schwerwiegendes Verbrechen angesehen. Doch genau wie Tausende von anderen Hugenotten schmiedeten auch die de Mains Fluchtpl�ne. Im Dorf, in der N�he des Ch�teau de Main mit seinen runden T�rmen, wohnte ein gewisser Rechtsanwalt namens Emilion, der hinter der Fr�mmigkeit, die er an den Tag legte, ebenso bigott wie unehrlich war. Er wu�te sehr wohl, wie in England aus den samtigen Rotweinen und den fruchtigen Wei�weinen des Schlosses Profit zu schlagen war. Es gel�stete ihn sehr nach den Weinbergen der de Mains, und um an sie heranzukommen, bestach er einen Knecht, der ihm Informationen �ber seinen Herrn und seine Herrin liefern sollte. Emilion sch�rte den Verdacht, da� die de Mains fliehen wollten, und es dauerte auch nicht lange, bis der Knecht die ersten Anzeichen von Fluchtvorbereitungen beobachten konnte. Ein Wort an den zust�ndigen Beamten gen�gte. In der Nacht, als sich die de Mains auf den Weg machten, wurden sie � erst knapp einen halben Kilometer vom Schlo� entfernt � bereits von den Beh�rden gestellt.</p><p>Der junge Adlige und seine Frau mu�ten siebzehn Tage im Gef�ngnis verbringen. Sie wurden verh�rt und mit Messern und gl�henden Eisen gefoltert. Doch keiner von beiden wurde schwach, zumindest nicht nach au�en hin, obwohl Jeanne gegen das Ende hin nur noch schrie oder weinte. Sie w�ren im Verlies in Chalonnes gestorben, wenn nicht Charles� Onkel aus Paris ihnen geholfen h�tte. Er war ein kluger Politiker, der es verstand, seinen Glauben so m�helos zu wechseln wie seine Seidenkleider. Er kannte einige wichtige M�nner, deren katholische Prinzipien nichts mit ihrer B�rse gemein hatten. Bestechungsgelder wurden bezahlt, und eine bestimmte Hintert�r wurde offengelassen. Charles und Jeanne de Main fl�chteten im Kielraum eines altersschwachen Bootes, das in den rauhen Gew�ssern des �rmelkanals beinahe kenterte. In London wurde ihnen von andern Hugenotten geraten, nach Carolina auszuwandern. Die religi�s liberale Kolonie war zum sicheren Hafen f�r viele Hugenotten geworden. Monate sp�ter, nachdem sie den Ozean �berquert hatten, fragte sich der durch die Hitze und die in der Kolonie herrschende Arroganz deprimierte junge Adlige, ob die Reise � oder das Leben �berhaupt � die Anstrengung �berhaupt wert gewesen sei. Charles Town war nicht unbedingt ein Gl�cksbringer f�r diejenigen, die Charles hie�en. Wenigstens dachte er dies damals.</p><p>Er hatte seinen Nachnamen in Main umgewandelt, um zu zeigen, da� er in einem neuen Land ein neues Leben anfing. Seinen Pessimismus hatte er schnell �berwunden. In Carolina war er von vielen Regeln befreit, an die er sich hatte halten m�ssen, solange er seinen Adelstitel trug. Er hatte die Folter �berlebt � die Narben an seinen Beinen und auf seiner Brust zeugten davon �, und er w�rde auch die Armut �berleben. Der geldgierige kleine Rechtsanwalt hatte zwar seine L�ndereien und sein Schlo� gestohlen, aber er w�rde neues Land besitzen und ein neues gro�es Haus bauen. Oder seine Nachkommen w�rden dies tun, vorausgesetzt nat�rlich, da� Jeanne ihm jemals einen Erben schenken w�rde.</p><p>Arme Jeanne. Ihre grauen Augen waren so klar und sch�n wie eh und je. Doch eine schmale wei�e Str�hne in ihrem Haar lie� auf die im Gef�ngnis erduldeten Schmerzen schlie�en. Genau wie das liebliche Jung-M�dchen-L�cheln und die Art und Weise, wie sie auf jede ernsthafte Frage als Antwort einfach summte oder lachte. Manchmal erkannte sie ihren Gatten, doch glaubte sie immer noch, da� sie in Frankreich lebe. Ihr Geist hatte die Folter nicht so erfolgreich �berstanden wie ihr K�rper. Der Zusammenbruch ihres Geistes tat ihrer Leidenschaft jedoch keinen Abbruch. Und doch gingen keine Kinder aus ihrem Beisammensein hervor. Zudem war Charles nicht mehr der J�ngste, und so kam es, da� er manch schlaflose Nacht in dieser Sorge verbrachte. Mit drei�ig wurde ein Mann langsam alt; mit vierzig konnte er sagen, da� er ein langes Leben gef�hrt hatte.</p><p>Im Bem�hen, an einer Furt des Cooper River, oberhalb von Charles Town, einen kleinen Handelsposten zu gr�nden, hatte sich Charles auch k�rperlich ver�ndert: Er sah nicht mehr aus wie ein Aristokrat. Er war zwar immer noch gro� und hatte deswegen eine etwas gebeugte Haltung, doch Armut, Arbeit und Anspannung hatten sein einst gutes Aussehen entstellt. Sein ehemals fr�hliches und h�ufiges L�cheln schien falsch, ja fast grausam und zeigte sich �berdies nur noch selten. Seine Haltung hatte jeglichen Stolz eingeb��t. Er sa� schlaff auf dem R�cken des kleinen Ponys, das schwer unter seiner Last zu tragen hatte. Er war beinahe zur unmenschlichen Karikatur seiner selbst geworden.</p><p>Besonders heute sah er kaum wie ein Wei�er aus. Sein braunes Haar hing bis zur Mitte seines R�ckens herab und wurde von einem roten Band zusammengehalten. Seine Haut war ebenso braun wie diejenige der acht gefesselten, halbnackten menschlichen Wesen, die in einer Reihe hinter ihm her stolperten. Obwohl es ein �u�erst hei�er Fr�hlingsmorgen war, trug Charles lange Wildlederhosen und ein Wams aus altem, rissigem Leder. An seinem perlenverzierten G�rtel hingen zwei geladene Pistolen und zwei Messer. �ber den Knien hielt er eine Muskete. Ein vorsichtiger Sklavenh�ndler und ein guter Sch�tze. Dies war die vierte Expedition, die Charles zu den Siedlungen der Tscherokesen an den H�geln am Fu�e des Berges unternommen hatte. H�tte er nicht ab und zu einige Indianer verkaufen k�nnen, w�re er l�ngst ruiniert gewesen. Der kleine Handelsposten am Flu� brachte nicht genug Geld ein, obwohl die Agenten in Charles Town ihm alle Pelze abkauften, die er von jenen St�mmen bezog, deren D�rfer er ab und zu auch �berfiel und pl�nderte.</p><p>Die sieben M�nner und Frauen, die sich alle m�hsam in ihren Ketten dahinschleppten, waren nicht �lter als drei�ig. Es waren sch�ne, dunkelh�utige Menschen mit schlanken Gliedern und dem sch�nsten schwarzen Haar, das er je gesehen hatte. Besonders das M�dchen war sehr attraktiv, dachte er. Bereits war ihm aufgefallen, da� sie ihn h�ufig anstarrte. Zweifellos verbarg sich hinter ihren gro�en, sanften Augen der Wunsch, ihm die Kehle durchzuschneiden. Charles hatte seinen Gefangenen den R�cken zugewandt, denn am Ende der Kolonne ritt ein Helfer, der ebenso schwer bewaffnet war wie er. Es handelte sich um einen bulligen Halbblutindianer, der offensichtlich von einem aus Florida kommenden Spanier gezeugt worden war.</p><p>Vor einem Jahr war er zum kleinen Handelsposten gesto�en. Er konnte bereits etwas Franz�sisch. Er behauptete, sein einziger Ehrgeiz sei es, die feindlichen St�mme zu bek�mpfen. Offenbar arbeitete er gern f�r Charles, vielleicht deshalb, weil es in Carolina an die drei�ig verschiedene St�mme gab und die meisten Beutez�ge gegeneinander unternahmen. Und somit war f�r das Halbblut, der sich selbst �K�nig Sebastian� nannte, Beruf und Berufung ein und dasselbe. K�nig Sebastian hatte das Gesicht eines Schurken, und wie viele andere Indianer liebte er es, sich wie ein Wei�er herauszustaffieren. Heute trug er schmutzige Kniehosen, die fr�her einmal aus rosa Seide gewesen waren, einen flaschengr�nen Brokatmantel, der offen �ber seine imposante schwei�bedeckte Brust fiel, und einen riesigen, schlampigen, mit unechtem Geschmeide geschm�ckten Turban. K�nig Sebastian fand Gefallen an seiner Arbeit. Immer wieder trieb er sein Pony neben die Gefangenen und stie� einen oder mehrere mit der Muskete ins Ges��. In den meisten F�llen hatte dies ha�erf�llte Blicke zur Folge, worauf das Halbblut giftig lachte und eine Warnung ausstie�, wie eben jetzt: �Aufgepa�t, kleiner Bruder, oder ich brauche dieses Feuereisen, um aus dir weniger als einen Mann zu machen.�</p><p>�Auch du solltest aufpassen�, sagte Charles auf Franz�sisch, nachdem er sein Pony angehalten hatte und die Kolonne vorbeiziehen lie�. Er stellte fest, da� die ohnehin finsteren Blicke der Gefangenen ungew�hnlich ha�erf�llt waren. �Ich m�chte meine Beute unversehrt am Auktionstisch abliefern.�</p><p>K�nig Sebastian war nicht empf�nglich f�r Kritik und lie� seinen �rger an einem sich etwas langsam dahinschleppenden Gefangenen aus, dem er seine Reitpeitsche zu kosten gab. Charles lie� es widerwillig geschehen.</p><p>Mit dem Auktionstisch war die �rtliche Versteigerung gemeint. Es handelte sich um eine geheime Versteigerung auf dem Land oberhalb von Charles Town. Seit mehreren Jahren war der Sklavenhandel mit Indianern in der Kolonie ein zwar illegales, aber ertragreiches und durchaus �bliches Gesch�ft. Attraktiv daran war das relativ geringe Risiko. Charles hatte die Indianer in der Abendd�mmerung, als sie auf einem kleinen St�ck Land ihre Melonen anbauten, gefangengenommen. Dabei hatte er nur das Gewehr auf sie gerichtet. Die Tscherokesen waren sowohl Krieger als auch Bauern. Wenn man sie auf ihren Feldern am Fu� der H�gel erwischte, war es relativ einfach, sie gefangenzunehmen. Nat�rlich war immer eine gewisse Gefahr damit verbunden. Auf der Wanderung zur K�ste starben nur wenige Indianer, wohingegen viele von den �ber Bridgetown aus Afrika gebrachten Schwarzen auf der langen Seereise umkamen. Au�erdem konnte man sich kaum am Afrikagewerbe beteiligen, wenn man nicht Schiffe oder wenigstens etwas Kapital besa�. Aber alles, was Charles sein Eigentum nennen konnte, war sein kleiner Handelsposten, sein Pony und seine Gewehre.</p><p>Die Hitze nahm zu, und Schw�rme von winzigen Insekten �berfielen die sich durch sandige H�gel schl�ngelnde Prozession der Gefangenen. Die Temperatur und die wie Kleckse aussehenden W�lder am Horizont waren f�r Charles ein Hinweis, da� sie sich dem K�stengebiet n�herten. Eine Nacht und einen halben Tag noch, und sie w�rden seinen Handelsposten erreichen, wo Jeanne wartete. Er f�hlte sich jedesmal ruhelos auf diesen Streifz�gen. Heute jedoch war er mehr als nur wachsam, er war gereizt. Es fiel ihm auf, da� das M�dchen ihn wiederum anstarrte. Wartete sie auf einen g�nstigen Augenblick, in dem sie den M�nnern ein Zeichen geben konnte, sich davonzumachen? Er z�gelte sein Pony und ritt f�r den Rest des Nachmittags neben K�nig Sebastian einher.</p><p>In der Nacht z�ndeten sie ein Lagerfeuer an, nicht um sich daran zu w�rmen, sondern um die Insekten fernzuhalten. K�nig Sebastian �bernahm die erste Wache. Charles legte sich ausgestreckt hin; seine Waffen lagen griffbereit auf seiner Brust. Tr�ge und schl�frig begann er dar�ber nachzudenken, wie er wieder zu Verm�gen kommen k�nnte. Er mu�te anders vorgehen. Die Tatsache, da� Soll und Haben ausgeglichen waren, brachte kein Geld ein. Abgesehen davon war die Abgeschiedenheit des Postens f�r Jeanne in ihrem bedauerlichen Geisteszustand nicht bek�mmlich. Sie hatte etwas Besseres verdient, und er wollte es ihr geben. Er liebte sie tief. Aber man mu�te praktisch denken. Auch wenn es ihm gelang, wieder Grundbesitz zu erwerben, stellte sich die Frage, wer ihn erben sollte. Seine arme Frau, der er treu geblieben war � das einzige Positive in seinem Leben �, war nicht nur verr�ckt, sie war unfruchtbar.</p><p>Er war beinahe eingeschlafen, als ein Kettenklirren ihn aufschreckte. Seine Augen �ffneten sich genau in dem Augenblick, als K�nig Sebastian einen Warnschrei ausstie�. Auch er war eingeschlafen, wie man aus seiner sitzenden Haltung und der hektischen Art und Weise, mit der er nach der Muskete griff, schlie�en konnte. Die acht Indianer, die an den Fu�- und Handgelenken aneinandergekettet waren, st�rzten in einer Reihe auf ihre H�scher los. Das M�dchen, als dritte von rechts, wurde mitgeschleppt. Sie mu�te direkt �ber das Feuer springen. Voller Entsetzen griff Charles nach einer seiner Pistolen. Gott im Himmel, bitte la� das Pulver nicht von der Nachtluft feucht sein! Die Pistole ging nicht los. Er schnappte die n�chste. Der Tscherokese am linken Ende der Reihe war mit einem Stein bewaffnet. Er schleuderte ihn auf K�nig Sebastian, der eben versuchte, sowohl auf die Knie zu kommen, als auch mit seiner Muskete zu zielen. Er duckte sich, aber der Stein traf ihn an der rechten Schl�fe. Es war nicht schlimm, aber als seine Muskete endlich losging, verpuffte das Pulver sinnlos in der Dunkelheit. Einer der Angreifer wollte Charles eben seinen nackten Fu� auf den Hals setzen, und er h�tte ihn erdrosselt, wenn Charles sich nicht blitzartig auf die linke Seite gerollt, seine rechte Hand erhoben und abgedr�ckt h�tte. Die Kugel durchbohrte den Unterkiefer des Indianers und fegte einen Teil seines Sch�dels weg. Ein f�rchterlicher Anblick, der den Mut der Angreifer brach, obwohl der Kampf nicht sofort aufh�rte. Charles war gezwungen, einen zweiten Indianer zu erschie�en, und K�nig Sebastian t�tete einen weiteren mit seiner Muskete, bevor die vier andern das M�dchen und die Toten zur�ckzogen. Das Haar des einen Leichnams streifte die gl�henden Kohlen und fing Feuer.</p><p>Charles zitterte. Er war schwarz von Dreck und Pulver und vom Blut und Hirn des ersten Indianers bespritzt. Zum Abendessen hatte er stark gesalzenes Wildfleisch gekaut, das ihm jetzt Magenschwierigkeiten bereitete. Als er wieder hinter dem Geb�sch hervortrat, fand er einen offensichtlich ersch�tterten K�nig Sebastian vor, der die noch lebenden Indianer auspeitschte. Er hatte die drei Toten von den Ketten befreit, jedoch ohne lange nach den Schl�sseln f�r die Handschellen zu suchen, er hatte einfach zum Messer gegriffen. Irgendwo im Dunkeln machten sich bereits Geier �ber die K�rper her. Das Halbblut ri� den Kopf des M�dchens an den Haaren hoch. �Ich denke, die Hure hat auch eine Strafe verdient.�</p><p>Einen Augenblick lang konnte Charles hinter dem verrutschten Mieder des Fellkleides die dunklen Br�ste des M�dchens sehen. Der Anblick r�hrte ihn. Ihre Br�ste waren voll und kr�ftig. Lauernd sah sie K�nig Sebastian an und �nderte ihre Haltung, so da� das Kleid wieder sa� und ihren K�rper bedeckte. Charles packte seinen Helfer am Handgelenk, als dieser eben zugreifen wollte. Im Schein des Feuers sah sein blutverschmiertes Gesicht wie dasjenige eines Tscherokesen in voller Kriegsbemalung aus.</p><p>�Du bist derjenige, der bestraft werden sollte�, sagte Charles. �Du bist auf der Wache eingeschlafen.�</p><p>K�nig Sebastian sah aus, als ob er jeden Augenblick �ber seinen Arbeitgeber herfallen w�rde. Charles sah ihn unverwandt an.</p><p>Obwohl das M�dchen das Franz�sisch des gro�en Mannes nicht verstehen konnte, verstand sie den Sinn seiner Worte. Sie wagte nicht zu l�cheln, aber ihre Augen leuchteten kurz vor Dankbarkeit auf. Eine Minute verging. Dann eine weitere. Das Halbblut verscheuchte eine M�cke, die auf seinem Hals sa�, und blickte weg. Und damit war die Sache erledigt.</p><p>Aber nicht f�r Charles. Die ganze Angelegenheit hatte ihn tief ersch�ttert. K�nig Sebastian l�ste ihn wieder mit der Wache ab, doch Charles konnte nicht einschlafen. Die Ber�hrung mit dem Tod hatte ihn an seine Kinderlosigkeit erinnert. Drei Br�der waren als Kinder gestorben. Eine Schwester war zu Beginn der Unruhen in Frankreich �ber die Pyren�en geflohen. Er war der letzte Mann seines Geschlechts. Als er schlie�lich doch in Schlaf sank, hatte er merkw�rdige Tr�ume von den fruchtbaren Feldern der Tscherokesen und den Br�sten der Indianerin.</p><p>Am fr�hen Nachmittag des n�chsten Tages gelangten sie zur Handels-Station am Cooper, einem der beiden nach Anthony Ashley Cooper benannten Fl�sse. Cooper, Graf von Shaftesbury, war einer der ersten Grundbesitzer in Carolina gewesen.</p><p>Jeanne ging es gut. Sie und Charles gingen eine halbe Stunde am Flu�ufer spazieren. Er hatte den Arm um sie gelegt. Sie plauderte wie ein Kind, und sie beobachteten einen Silberreiher, der im seichten Gew�sser auf einem Bein balancierte. Jeanne hatte Besseres verdient � ein Haus und besch�tzende Dienstboten.</p><p>Am n�chsten Morgen traf er die Vorbereitungen f�r die Reise zur K�ste. Er wollte um die Mittagszeit mit den Indianern und einigen Fellen, die er f�r diesen Zweck aufbewahrt hatte, aufbrechen. Wie immer auf seinen Reisen zu der geheimen Auktion w�rde er die Hauptstra�en meiden, wo man ihn und seine Schmugglerware sehen k�nnte. Eine halbe Stunde vor seiner Abreise kam Jeanne aufgeregt und schreiend zu ihm gelaufen. Er konnte sich keinen Reim darauf machen, doch bald kam auch K�nig Sebastian. Er sah ver�ngstigt aus und suchte verzweifelt nach den richtigen franz�sischen Ausdr�cken. �Wer kommt?� unterbrach ihn Charles. �Herren? Provinzgouverneure? Ist es das, was du sagen willst?� Das erschrockene Halbblut nickte und zeigte f�nf ausgestreckte Finger. �Viele.�</p><p>Die Nachricht schlug Charles auf den Magen. Blitzartig brachten sie die Gefangenen in den aus Palmettobaumst�mmen und Zypressenbrettern gebauten Schuppen. Voller Panik kettete Charles die vier M�nner und das M�dchen in einem der Ponyst�lle an, und K�nig Sebastian knebelte sie. Wenn die Gefangenen auch nur einen Ton von sich g�ben, w�rde der ganze Sklavenhandel auffliegen, und Charles w�re verloren. Die wilden Blicke der Gefangenen lie�en keinen Zweifel daran aufkommen, da� dies ihre ganze Hoffnung war. Auf Befehl von Charles �berpr�fte das Halbblut die Knebel ein zweites Mal. Zu allem �bel war der wichtigste Gast ein Mitglied des Regierungsrats der Kolonie, ein eleganter Engl�nder namens Moore. Er bereiste � wie er es nannte � das �verdammte widerliche Hinterland� mit vier schwarzen Dienern. Der eine von ihnen schien alles aufs genaueste zu beobachten. Moore war auf der Suche nach einem St�ck Land f�r eine Sommerresidenz, fernab der fieberverseuchten K�ste. Er blieb drei Stunden. Die ganze Zeit �ber konnte Charles seine Nervosit�t kaum verbergen. Einmal h�rte er dumpfes Stampfen und Kettenrasseln aus dem Schuppen, aber Moore, der eben etwas erz�hlte, schien es nicht zu h�ren. Mit der den Engl�ndern eigenen Arroganz erging er sich in einem Schwall von Kritik am Wetter, dem primitiven Landleben und an der Neuen Welt im allgemeinen. Gegen vier Uhr, als die Hitze etwas nachgelassen hatte, machte er sich mit seinen Dienern wieder auf den Weg.</p><p>Charles schenkte sich einen gro�z�gigen Gin ein, kippte ihn in zwei Schlucken, k��te Jeanne und eilte zum Schuppen. K�nig Sebastian hielt vor der T�r Wache. Als er eintrat, sah er, wie die vier M�nner dem M�dchen w�tende Blicke zuwarfen. Ihr Knebel war heruntergerutscht. Sie h�tte schreien k�nnen.</p><p>Sie starrte Charles wieder mit der ihr eigenen Intensit�t an, und endlich verstand er. Vielleicht hatte er sie bereits die ganze Zeit �ber verstanden, dies aber aus Schuldgef�hlen und R�cksichtnahme auf Jeanne nicht wahrhaben wollen. Abrupt wandte er sich um und rannte in die glei�ende Sonne hinaus. Der Sklavenhandel mit Indianern wurde langsam zu gef�hrlich. Auch am n�chsten Morgen, als er versp�tet zu seiner Reise aufbrach, hing er diesem Gedanken nach, der ihn auch auf den sumpfigen Pfaden bis zum K�stengebiet nicht loslie� � als w�rde ein Kobold auf seinen Schultern mitreiten.</p><p>Die Verkaufsstelle befand sich in der N�he der Palisade, die Charles Town umz�unte. Der Platz war sorgf�ltig ausgew�hlt worden, nicht so nah, da� man ihn leicht h�tte entdecken k�nnen, und nicht so weit abseits, da� es in der Dunkelheit gef�hrlich gewesen w�re hinzugehen. Man konnte ihn in einem Zehn-Minuten-Ritt entlang des Cooper erreichen. Ein halbes Dutzend M�nner hatte sich bereits eingefunden, alles �snobistische Anglikaner�, wie Charles sie insgeheim nannte. Es waren Plantagenbesitzer aus dem Distrikt, die alle auf eine reiche Ernte hofften, um damit die Tr�ume aus ihrer Einwanderungszeit zu verwirklichen. Doch bis dahin waren ihre Anstrengungen erfolglos geblieben. Die ganze Kolonie war ein mi�lungenes Unterfangen. Trotzdem behaupteten sie nach wie vor, da� das Leben in Carolina in mancher Hinsicht ideal sei. Sie nahmen den neuesten Stadtklatsch durch. Sie begl�ckw�nschten Charles zu seinem Angebot, hielten sich aber nicht zu nahe bei ihm auf. Sein Geruch und seine Herkunft waren f�r sie eine Beleidigung.</p><p>Der aus Palmettoscheiten gezimmerte Verkaufstisch war von Fackeln ums�umt, die ein rauchiges Licht abgaben. Die Versteigerung wurde von einem dieser ehrw�rdigen Herren durchgef�hrt, daf�r erhielt er einen bestimmten Prozentsatz der Gesamtverkaufssumme. Charles hatte geh�rt, wie sich der Mann in der Stadt �ber die �bel des Indianerhandels ausgelassen hatte. Solches Gerede war �blich. Die meisten der Anwesenden hatten mindestens schon einen Indianer besessen. Sie verurteilten die Versklavung von Menschen nicht, sie bef�rchteten h�chstens eine m�gliche Beeintr�chtigung des Indianerhandels f�r den Fall, da� sich die verschiedenen St�mme einmal einm�tig zur Wehr setzten. Sie hatten Angst vor einem Indianeraufstand, aber das hinderte sie nicht daran, an diesem Abend dabeizusein. Verdammte Heuchler, dachte Charles.</p><p>Die vier Indianer wurden einer nach dem andern verkauft. Der Preis stieg. Charles stand abseits, und sein Zorn schwand zusehends, als er � eine Tonpfeife rauchend � seinen Gewinn betrachtete. Er h�rte den Gespr�chen zu. Einer der M�nner erw�hnte, da� er seinen neuerworbenen Sklaven zur Abh�rtung nach Westindien schicken w�rde, um den Willen des Mannes zu brechen. Ein anderer er�rterte die neuen Erleichterungen beim Erwerb von Land, das an Fl�sse und B�che grenzte.</p><p>�Ja, aber was n�tzt Grundbesitz, wenn man die Pacht nicht bezahlen kann und es keine Ernte gibt, die anstelle von Bargeld angenommen wird?�</p><p>�Vielleicht gibt es jetzt eine Ernte�, sagte der erste Mann, der auff�llig an einem kleinen prallen Sack herumhantierte. Die andern traten neugierig hinzu. Auch Charles r�ckte etwas n�her, um zuzuh�ren. Die Auktion wurde unterbrochen, w�hrend der Mann eine an ihn gerichtete Frage beantwortete. �Dies sind Samen. Aus Madagaskar. Von derselben Sorte, wie sie in den �berbew�sserten Stadtg�rten so pr�chtig gedeiht.� Ein Mann zeigte aufgeregt auf den Samen. �Ist das jener Reis, den Captain Thurber letztes Jahr Dr. Woodward gegeben hat?� Thurber war der Kapit�n eines kleinen Zweimasters, der in Charles Town �berholt wurde. Charles hatte geh�rt, da� Reis mitgebracht worden war.</p><p>Der Mann steckte die K�rner sorgf�ltig in seine Tasche. �Genau. Reis w�chst in nassem Boden � das hei�t, er ist darauf angewiesen. In der Stadt ist man ganz begeistert, weil er so vielseitig verwendbar ist. Alle wollen jetzt pl�tzlich Land kaufen, und es scheint, als sei f�r diese verdammten S�mpfe endlich eine ertragbringende Verwendung gefunden.�</p><p>Der Mann, der Zweifel hegte, meldete sich mit einer weiteren Frage. �Ja, aber welcher wei�e Mann h�lt die Arbeit in Sumpf und Morast aus?�</p><p>�Kein einziger, Manigault. Dazu braucht es M�nner, die an gro�e Hitze und beinahe unertr�gliche Arbeitsbedingungen gew�hnt sind.� Der Redner machte eine Kunstpause. �Afrikaner � und zwar bedeutend mehr, als derzeit in der Kolonie sind.�</p><p>Charles de Main hatte in Frankreich wegen seiner Religion schweres Leiden auf sich genommen. Die Heuchelei der Kirche, die Intrigen und Gemeinheiten von Leuten wie Emilion, und die Grausamkeiten, denen Jeanne ausgesetzt gewesen war, hatten jedoch seinen Glauben, der ihn ja in diese Feuerprobe gef�hrt hatte, beinahe zerst�rt. Es war sein Wille gewesen, und nicht eine h�here Macht, der ihn trotz der gl�henden Eisen der Folterer am Leben erhalten hatte. Zwar glaubte er immer noch an ein h�heres Wesen, doch das Bild, das er sich davon machte, hatte sich ge�ndert: Gott war gleichg�ltig. Er hatte keinen wohlwollenden Plan f�r den Kosmos oder dessen Kreaturen, wahrscheinlich hatte er �berhaupt keinen Plan. Ein Mann sollte sich deshalb ausschlie�lich auf sich selbst verlassen. Sicher schadete es nicht, wenn man Gott ab und zu h�flich die Ehre erwies, so wie man das auch mit einem altersschwachen Onkel tat, doch wenn es um die eigene Zukunft ging, tat ein weiser Mann besser daran, sein Geschick in die eigenen H�nde zu nehmen. Und doch geschah in dieser vom Feuer erhellten Lichtung, inmitten eines gro�en dichten Waldes mit dampfender, warmer Erde und Vogelgeschrei pl�tzlich etwas Merkw�rdiges mit Charles. Sein alter Glaube flammte unvermutet mit ungeahnter Kraft wieder auf. Einen Augenblick lang sp�rte er intensiv die Anwesenheit einer au�erirdischen Kraft, die ihn in genau diesem Augenblick an genau diese Stelle gef�hrt hatte. Und in diesem Augenblick gab er seinem Leben eine neue Richtung. Nicht einen Schilling von seinem Verdienst w�rde er wieder in die Handelsstation investieren. Was immer er auch einem jener Winkeladvokaten zahlen mu�te, um zu erfahren, wie er hier, n�her am Meer, ein St�ck Land pachten k�nnte, er w�rde es bezahlen. Er wollte noch mehr �ber die Samen aus Madagaskar in Erfahrung bringen. Er war ein Mann, der das Land bearbeitet hatte, und wenn er Wein anbauen konnte, dann auch Reis. Doch das Hauptproblem blieb die Feldarbeit. Charles kannte die Ungastlichkeit dieser Landstriche. Er w�rde es nicht einen Monat aushalten, brusttief in verseuchtem Wasser zu arbeiten, ganz abgesehen von den Alligatoren. Die Antwort war klar: ein Negersklave. Zwei, wenn sein Verdienst ihm das gestatten w�rde. Mit der verzerrten Logik von jemandem, der sich schuldig f�hlt und den Beweis zu seiner Entlastung erbringen mu�, hatte Charles sich bis jetzt immer als einen Mann betrachtet, der zwar Sklaven verkaufte, ohne jedoch das System unterst�tzen zu wollen. In seinem Innersten schreckte er davor zur�ck. �berdies wu�te er nie, was mit den Indianern, die er verkaufte, eigentlich geschah. Vielleicht � so rechtfertigte er sich mit einiger Spitzfindigkeit � wurden sie sp�ter vom Besitzer freigelassen? Doch jetzt konnte er sich kein Gewissen mehr leisten. Er selbst mu�te mindestens einen erstklassigen Neger sein eigen nennen k�nnen. Es war eine Frage der Wirtschaftlichkeit, des �berlebens. Ein Mann tat, was er tun mu�te.</p><p>�Meine Herren�, rief der Versteigerer. �Die vielen Gespr�che lenken uns vom besten Angebot des heutigen Abends ab.�</p><p>Er stieg auf den Tisch, hob das Fellkleid des M�dchens hoch und zeigte auf ihre Geschlechtsteile. Die M�nner schienen pl�tzlich sehr aufmerksam.</p><p><emphasis>Ein Mann tat, was er tun mu�te.</emphasis> Charles wurde auf einmal klar, da� dies auch auf das Problem der Nachfolge zutraf. Sollte es ihm gelingen, in Carolina sein Verm�gen wiederaufzubauen � und jetzt endlich gab es einen Hoffnungsschimmer, etwas, das er seit zwei Jahren nicht mehr gekannt hatte �, dann mu�te er sich mit gewissen Tatsachen abfinden. Er hatte nicht die Absicht, seine geliebte Jeanne zu verlassen. Er konnte es sich aber auch nicht mehr leisten, es mit der ehelichen Treue ganz genau zu nehmen.</p><p>�Meine Herren, wer macht das erste Angebot f�r diese anmutige Squaw? Wer bietet mir einen Preis von �?�</p><p>�Aufh�ren.� Charles stie� die Menge mit kr�ftigen H�nden beiseite.</p><p>�Was ist, Main?� fragte der Versteigerer. Die Herren, die Charles zur Seite gesto�en hatte, wischten sich den Staub von den �rmeln und machten h�hnische Bemerkungen. Er mochte zwar ein Protestant sein, aber er war auch ein Grobian. Was h�tte man auch anderes von einem Franzosen erwarten k�nnen!</p><p>In aufrechter Haltung wie fr�her blickte Charles auf den �berraschten und leicht ver�rgerten Versteigerer. �Ich habe mich anders entschieden. Sie wird nicht verkauft.� Langsam lenkte er seinen Blick auf das M�dchen. Der Versteigerer lie� das Kleid fallen. Sie sah Charles mit ihren gro�en Augen unverwandt an. Sie verstand.</p><p>Nat�rlich war ihm klar, da� es besser war, nicht in Charles Town zu �bernachten. Nicht einmal die allerschmutzigsten Herbergen an der Spitze der Halbinsel, dort wo die beiden Fl�sse zusammenkamen und sich in den Ozean ergossen, w�rden einen wei�en Mann mit einer Indianerin, die offensichtlich nicht seine Sklavin war, aufnehmen. Statt dessen fand er eine abgeschlossene Lichtung nicht weit von der Palisade. Trotz der Gefahr von Schlangen und Insekten breitete er seine Leint�cher aus, stellte seine geladenen Schu�waffen in Reichweite, legte sich neben das M�dchen in die hei�e, feuchte Dunkelheit und nahm sie.</p><p>Er kannte nur einige wenige Worte in ihrer Sprache, und keines davon war z�rtlich. Doch sie wu�te um seine Bed�rfnisse und wollte, da� er sie ber�hrte. Von Anfang an hatte sie nur eines gewollt: seinen Mund auf ihrem Mund, und seine Hand auf ihrem Bauch. Er hatte es in ihren Augen lesen k�nnen, aber nicht verstanden. Charles war ein ausgezeichneter Liebhaber, und er hatte seine Kunst nicht ganz vergessen. Jeannes Treue und ihr Bed�rfnis nach R�cksichtnahme hatten daf�r gesorgt. Doch bald ging sein anf�nglich ruhiger und etwas tr�ger Rhythmus in schnellere, gezieltere K�rperbewegungen �ber. Seine Erregung steigerte sich. Diejenige des M�dchens auch. Ihr passives Vergn�gen wurde zur aktiven Leidenschaft. Auf der feuchten, fruchtbaren Erde, inmitten einer Vielfalt von summendem und kreischendem Leben, unter einem nachtschwarzen, von tausend Sternen �bers�ten Himmel hielten sie sich eng umschlungen. In jener Nacht pflanzte er seinen Samen ebenso zielbewu�t, wie er dies mit jenem neuartigen Samen tun w�rde, mit dessen Ernte er das k�nftige Main-Verm�gen aufbauen wollte.</p><p>Zu jener Zeit bestand Charles Town aus weniger als hundert einfachen Wohn- und Gesch�ftsh�usern. Viele der M�nner aus Barbados redeten davon, jene f�r ihre Insel typischen, ger�umigen und luftigen H�user zu bauen. Doch dazu bedurfte es einer besseren wirtschaftlichen Situation und einer erfolgversprechenden Zukunft. Noch umgab sich das St�dtchen aber mit einer Vornehmheit, die offenkundig vorget�uscht war, und wirkte deshalb sch�big.</p><p>Charles sah all das am n�chsten Morgen mit anderen Augen. Ein erfrischender Wind blies von Nordosten. Er schlenderte zum Kai, das Indianerm�dchen folgte einen Schritt hinter ihm. Seine Haltung hatte sich ge�ndert. Er strahlte jetzt Sicherheit und Kraft aus. Charles war sich der verachtenden Blicke, die ihm folgten, bewu�t. Eine Liaison mit einer Farbigen, ob braun oder schwarz, war gestattet, es war jedoch etwas anderes, dies �ffentlich zur Schau zu stellen. Nach einer Weile brachte ihn die Haltung der Bewohner auf einen neuen Gedanken. Die meisten Einwohner Carolinas waren in bezug auf ihre Herkunft extreme Snobs. Wenn bekannt wurde, da� sein Kind ein halber Tscherokese war, w�rden sie weder ihn noch seine Nachkommen jemals in ihren Kreis aufnehmen, egal wieviel Geld er haben mochte oder wie blaubl�tig seine eigene Abstammung war.</p><p>Charles wu�te, da� das Indianerm�dchen schwanger werden w�rde. Er mu�te irgendwo im Hinterland eine Blockh�tte f�r sie finden und daf�r sorgen, da� niemand au�er ihm und vielleicht K�nig Sebastian sie zu Gesicht bekam. Dann konnte er Jeanne mitteilen, da� er die Absicht habe, einen Knaben zu adoptieren. Er zweifelte keinen Augenblick daran, da� die Indianerin einem Sohn das Leben schenken w�rde. Ebensowenig zweifelte er an seiner F�higkeit, mit ihrem Zorn fertig zu werden, wenn er ihr das Kind wegnahm. Er war ein Mann, das war ein Vorteil. Er war ein Wei�er � ein weiterer Vorteil. Er konnte notfalls Gewalt anwenden, wenn es soweit kommen sollte. Es gab wenig, zu dem Charles nicht bereit war, den Fortbestand seines Geschlechts zu sichern. Sp�ter w�rde er vor Fremden den Knaben als Waisen seiner Schwester ausgeben.</p><p>Dieser Plan erregte sein Gem�t, und es gelang ihm nicht, seine Reaktion zu verbergen. Das M�dchen ging nun neben ihm. Sie bemerkte sein unvermutetes, hartes L�cheln, das ebenso schnell wieder verschwand. Er sah ihren fragenden Blick. Z�rtlich ber�hrte er ihren Arm und sah sie auf eine Art an, die sie offensichtlich als Beruhigung empfand. Sein schnelles, ger�uschvolles Atmen normalisierte sich wieder, und sie schritten weiter.</p><p>Er erkundigte sich �ber Schiffe, die Negersklaven zu verkaufen hatten, und erfuhr, da� erst in drei Wochen eins erwartet wurde. Das einzige Schiff, das Beachtung verdiente, geh�rte einem Gesch�ftsmann aus Bridgetown und hatte nur wenige Passagiere an Bord. Es trug den Namen <emphasis>M�we von Portsmouth.</emphasis> Charles ging an einer Gruppe von f�nf jungen M�nnern vorbei, die offensichtlich von der Aussicht des Hafens fasziniert waren. Er war schon vielen ihrer Art begegnet: Schiffsjungen. Sie machten alle einen geschlagenen Eindruck, mit einer Ausnahme. Ein untersetzter Bursche mit breiten Schultern, hellbraunem Haar und Augen, die wie Eis in der Sonne glitzerten. Sein Gang dr�ckte einen gewissen Stolz aus. Da sie beide in entgegengesetzte Richtungen gingen, sahen sie einander nur kurz an. Der Schiffsjunge wunderte sich �ber den Mann mit den primitiven Kleidern, der aristokratischen Haltung und dem sprie�enden Bart. Der ehemalige Sklavenh�ndler und zuk�nftige Sklavenbesitzer fragte sich, wie jemand sich freiwillig in solche Knechtschaft begeben konnte. Ein Matrose lehnte �ber die Reling des Schiffes. �Zur�ck an Bord, Jungs. Die Flut kommt. In Penn�s Town werdet ihr sch�nere Dinge bl�d angucken k�nnen.� Die Burschen eilten aufs Schiff zur�ck, und der gro�gewachsene Aristokrat verschwand langsam in der Menge; das Tscherokesenm�dchen folgte ihm mit bewundernden Augen. Beide M�nner hatten einander im strahlenden Morgenlicht bereits vergessen.</p></section><section><title><p><strong>Erstes Buch.</strong></p><p><strong>Der Ruf der Trommeln</strong></p></title><p><emphasis>�In zuk�nftigen Kriegen mu� die Nation ihr Augenmerk auf die Milit�rakademie richten; dort findet sich das Talent, das Heldenmut zum Sieg f�hrt.</emphasis></p><p>John C. Calhoun, US-Kriegsminister, zu Sylvanus Thayer Direktor der US-Milit�rakademie1818</p><p><strong>1</strong></p><p>�Hilfe gef�llig, um das an Bord zu bringen, junger Herr?� Der Stauer l�chelte zwar, aber in seinen Augen war keine Spur von Freundlichkeit, sondern reine Geldgier. Kurz vorher hatte der Fahrer des Astor House Passagier-Wagens den zerbeulten Koffer auf den Pier geschmissen. Orry hatte ihn an dem einzigen noch unbesch�digten Seilgriff gepackt und sorgf�ltig einige Meter weit geschleppt, bevor der Stauer sich zwischen ihn und das Fallreep gestellt hatte.</p><p>Es war ein herrlicher, windstiller Morgen im Juni 1842. Orry war bereits nerv�s wegen des ihm bevorstehenden Tages, und das falsche L�cheln des Stauers sowie dessen kalter Blick trugen nicht eben zur Besserung seiner Stimmung bei. Genausowenig wie der Anblick der beiden l�ssig in der N�he stehenden Kumpane. Nervosit�t und Feigheit sind jedoch nicht ein und dasselbe, und Orry hatte nicht die geringste Absicht, den ersteren in letzteren Zustand �berwechseln zu lassen. Man hatte ihn davor gewarnt, da� es in New York nur so von Schwindlern aller Art wimmelte, und offensichtlich war er jetzt einem von ihnen begegnet. Er nahm seinen gro�en, feschen Filzhut ab und wischte sich die Stirn mit einem Leinentaschentuch, das er dem Innenband des Huts entnahm.</p><p>Orry Main war sechzehn Jahre alt und fast einen Meter neunzig gro�. Seine Schlankheit unterstrich seine Gr��e und verlieh seinen Bewegungen eine gewisse Anmut. Er hatte ein langgezogenes, ebenm��iges Gesicht und einen Teint, der verriet, da� er sich viel in der Sonne aufhielt. Seine Nase war schmal und aristokratisch, seine braunen Haare leicht gewellt. Die ebenfalls braunen Augen lagen eher tief. Wenn er nicht gut geschlafen hatte, so wie vergangene Nacht, zeigten sich Ringe unter den Augen. Diese Schatten verliehen seinem Gesicht einen Anstrich von Melancholie. Von Natur aus war er jedoch nicht melancholisch, wie sein h�ufiges L�cheln bewies. Trotzdem war er ein eher bed�chtiger junger Mann, der meistens innehielt, um erst mal nachzudenken, bevor er eine wichtige Entscheidung traf. Der Stauer setzte ungeduldig einen Fu� auf den Koffer. �Mann, ich habe Sie gefragt, ob��</p><p>�Ich habe Sie verstanden, Sir; ich kann selbst mit dem Koffer fertig werden.�</p><p>�Man h�re sich das an�, spottete einer der andern beiden Stauer. �Woher kommst du denn, Bauer?� Es war Orrys Akzent, der ihn verriet, denn seine Kleider sahen nicht aus, als ob er vom Land k�me. �Aus South Carolina.� Sein Herz klopfte. Die drei M�nner waren stark und derb. Aber er wollte nicht klein beigeben. Er langte nach dem Griff. Der erste Stauer packte ihn am Handgelenk.</p><p>�O nein, entweder wir bringen ihn aufs Schiff, oder Sie reisen ohne den Koffer nach West Point.�</p><p>Orry war verbl�fft, sowohl �ber die Drohung als auch �ber die Leichtigkeit, mit der man sein Reiseziel erkannt hatte. Er brauchte Zeit, um nachzudenken, Zeit, um sich zu sammeln, damit er besser mit diesen L�mmeln umgehen konnte. Er sch�ttelte die Hand des Stauers ab und setzte seinen Hut wieder auf. Drei weibliche Passagiere, zwei h�bsche M�dchen und eine �ltere Dame, hasteten vorbei. Die konnten ihm sicher nicht helfen. Dann kam ein kleiner uniformierter Mann �ber die Gangway, wahrscheinlich ein Schiffsbeamter. Ein knapper Wink des Stauers gen�gte, und der Beamte blieb stehen.</p><p>�Wieviel kostet das Verladen?� fragte Orry. Irgendwo hinter ihm klapperten Pferdehufe �ber das Pflaster und Wagenr�der kreischten. Er h�rte Gel�chter, fr�hliche Stimmen. Weitere Passagiere.</p><p>�Zwei Dollar.�</p><p>�Das ist etwa achtmal zuviel.�</p><p>Der Stauer grinste. �Mag sein, schlauer Bursche, aber das ist der Preis.�</p><p>�Wenn�s dir nicht pa�t, dann geh und beklag dich beim B�rgermeister�, sagte der zweite Stauer. �Beklag dich doch bei Bruder Jonathan.� Die drei lachten. Im Volksmund nannte man den Staat Bruder Jonathan.</p><p>Orry schwitzte vor Nervosit�t und Hitze. Er b�ckte sich, um erneut nach dem Koffer zu greifen. �Ich weigere mich, Ihnen auch nur einen � � Der erste Stauer rempelte ihn an. �Dann bleibt der Koffer eben hier.�</p><p>Orry versuchte, seine Angst hinter einem strengen Blick zu verbergen. �Sir, fassen Sie mich nicht wieder an.� Doch die Worte bewirkten genau das Gegenteil. Ungeschickt versuchte der Stauer, Orry zu sch�tteln. Als Antwort rammte Orry dem Stauer die Faust gezielt in den Magen.</p><p>�Aufh�ren!� rief der Beamte und kam auf sie zu. Der zweite Stauer stie� ihn so unsanft zur�ck, da� er beinahe im Wasser gelandet w�re. Der erste Stauer packte Orry an den Ohren. Dann stie� er ihm das Knie in die Leistengegend. Orry taumelte r�ckw�rts und prallte gegen jemanden, der offenbar in der Zwischenzeit hinzugetreten war und jetzt um Orry herumflitzte und mit geballten F�usten auf die drei Stauer losst�rmte. Ein junger Mann, kaum �lter als Orry, wie dieser feststellte, als er sich wieder an der Schl�gerei beteiligte. Ein kurzgewachsener, untersetzter Kerl, der scharfe Schl�ge austeilte. Orry sprang vor, schlug eine Nase blutig und erhielt daf�r Kratzspuren von Fingern�geln auf die Wangen. Offenbar k�mpfte man in den Docks wie in den Pionierzeiten. Der erste Stauer versuchte, seinen Daumen in Orrys Augen zu bohren, doch bevor er sein Ziel erreichen konnte, kam ein langer, mit einem Goldknauf versehener Spazierstock von rechts dazwischen. Der Knauf sauste auf die Stirn des Stauers nieder, der aufschrie und r�ckw�rts taumelte.</p><p>�Schufte!� br�llte ein Mann. �Wo bleiben die Ordnungsh�ter?�</p><p>�William, reg dich bitte nicht auf�, sagte eine Frau. Der untersetzte junge Mann sprang auf Orrys Koffer und wartete gelassen auf die Fortsetzung des Kampfes. Zwei Besatzungsmitglieder des Dampfers hatten sich nun zu dem Beamten gesellt. Die Stauer traten etwas zur�ck, betrachteten die ver�nderte Lage und entfernten sich eilends vom Pier, nicht ohne noch einige Fl�che auszusto�en, die die Atemfrequenz der beiden eben angekommenen Damen betr�chtlich beschleunigten.</p><p>Orry holte tief Luft. Der junge Mann sprang vom Koffer herunter. Seine eleganten Kleider waren kaum in Unordnung geraten. �Ich danke Ihnen sehr f�r Ihre Hilfe, Sir.� Die H�flichkeit gestattete Orry, seine Nervosit�t gegen�ber den Yankees � und offensichtlich wohlhabenden Yankees � zu verbergen.</p><p>Der junge Mann grinste. �Fast h�tten wir sie geschlagen.�</p><p>Auch Orry l�chelte. Sein Gegen�ber reichte ihm knapp bis an die Schulter. Obwohl er nicht dick war, machte sein K�rper einen massigen Eindruck. Sein Gesicht hatte die Form eines gro�en U. Er hatte seinen Hut verloren, und das braune Haar � es war etwas heller als dasjenige von Orry � wies einige sonnengebleichte Str�hnen auf. Die bla�blauen Augen wirkten nicht streng, sondern strahlten einen humorvollen Glanz aus. Auch das L�cheln erweckte diesen Eindruck, obwohl jemand, der den jungen Mann nicht mochte, es sicher als frech bezeichnet h�tte.</p><p>�Wir haben sie geschlagen�, sagte Orry.</p><p>�Unsinn�, sagte ein beleibter, bl��lich aussehender Mann, der drei oder vier Jahre �lter war als Orrys Retter. �Sie h�tten beide verletzt oder gar get�tet werden k�nnen.�</p><p>Der junge Mann wandte sich Orry zu. �Das gef�hrlichste, das mein Bruder je tut, ist Fingern�gel schneiden.� Die Frau, die sich vorher bemerkbar gemacht hatte, klein, etwa in den Vierzigern, sagte: �George, bitte, sei nicht unversch�mt Stanley gegen�ber. Er hat recht. Du bist viel zu waghalsig.�</p><p>Es handelte sich also offensichtlich um eine Familie. Orry tippte mit den Fingern an den Hutrand. �Ob wir nun gewonnen oder verloren haben, Sie alle haben mich aus einer mi�lichen Lage befreit. Nochmals meinen Dank.�</p><p>�Ich helfe Ihnen mit dem Koffer�, sagte George. �Sie nehmen wohl dieses Schiff?�</p><p>�Ja, zur Milit�rakademie.�</p><p>�Sind Sie dieses Jahr einberufen worden?�</p><p>Orry nickte. �Ja, vor zwei Monaten.�</p><p>�Na so was�, sagte George und grinste wieder, �ich auch.� Dann streckte der junge Mann Orry die Hand entgegen. �Ich hei�e George Hazard und komme aus Pennsylvania. Aus einer kleinen Stadt, von der Sie sicher noch nie etwas geh�rt haben: Lehigh Station.�</p><p>�Orry Main. Aus Saint George, South Carolina.�</p><p>Sie blickten einander an, als sie sich die H�nde sch�ttelten. Orry hatte den Eindruck, da� dieser kampflustige Yankee sein Freund werden w�rde.</p><p>Einige Schritte weiter weg schimpfte Georges Vater mit dem Beamten, der w�hrend der Auseinandersetzung tatenlos zugesehen hatte. Der Beamte wies lauthals darauf hin, da� er f�r diesen Pier nicht zust�ndig sei, das sei �ffentlicher Grund und Boden. Der �lteste Hazard rief: �Ich habe mir Ihren Namen notiert, und ich versichere Ihnen, da� es eine Untersuchung des Falles geben wird.�</p><p>Finsteren Blickes gesellte er sich wieder zu seiner Familie. Seine Frau bes�nftigte ihn, indem sie einige Worte murmelte und ihn sanft t�tschelte. George r�usperte sich und stellte mit gesitteter Miene die Familienmitglieder vor. William Hazard war ein ernster, beeindruckender Mann, mit scharfen, klaren Gesichtsz�gen. Abgesehen von den Eltern und den beiden �lteren S�hnen gab es noch eine Tochter, Virgilia � die �lteste der Kinder, wie Orry vermutete � und einen etwa sechs- oder siebenj�hrigen Jungen. Seine Mutter nannte ihn William, f�r die anderen hie� er Billy. Der Junge fummelte an seinem hohen Kragen herum, der dauernd seine Ohrl�ppchen streifte. Alle M�nner, auch Orry, trugen einen �hnlichen Kragen. Billy starrte seinen Bruder mit unverhohlener Bewunderung an.</p><p>�Da Stanley der �lteste ist, wird er die Eisenwerke �bernehmen�, erkl�rte George, als er und Orry den Koffer auf den Dampfer schleppten. �Es war von jeher klar, da� er nie etwas anderes tun w�rde.�</p><p>�Eisen, haben Sie gesagt?�</p><p>�Ja, das produziert unsere Familie bereits seit sechs Generationen. Fr�her hie� die Firma �Hazard Werke�, aber mein Vater hat den Namen in �Hazard Eisen� umgewandelt.�</p><p>�Mein �lterer Bruder w�re fasziniert. Er interessiert sich f�r alles Wissenschaftliche oder Technische.�</p><p>�Sind Sie auch der Zweit�lteste?� fragte Georges Vater, der mit der restlichen Familie an Bord gekommen war.</p><p>�Ja, Sir. Mein Bruder Cooper hat den Ruf an die Akademie abgelehnt, so gehe ich an seiner Stelle.� Weiter sagte er nichts. Es hatte keinen Sinn, �ber Familienstreitigkeiten zu reden und Fremden mitzuteilen, da� Cooper, den Orry bewunderte, seinen Vater dauernd mit seiner selbst�ndigen Art �rgerte und entt�uschte.</p><p>�Dann sind Sie also der Gl�ckliche�, bemerkte Hazard senior und st�tzte sich auf seinen Stock. �Man sagt, da� die Akademie eine Zufluchtsst�tte f�r Aristokraten ist, aber das ist falsch. In Wirklichkeit vermittelt die Akademie die beste wissenschaftliche Ausbildung in ganz Amerika.� Er betonte jeden Satz, indem er lange Pausen einschaltete. Der Mann spricht wie ein Staatsmann, dachte Orry.</p><p>Die Schwester von George trat vor; eine ernste junge Frau von etwa zwanzig Jahren. Ihr eher kantiges Gesicht wies einige unsch�ne Pockennarben auf. Sie war nicht gerade schlank und etwas zu drall f�r das taillierte, mit Puff�rmeln versehene bestickte Batistkleid. Sie trug Handschuhe und eine mit Blumen verzierte Tasche. Miss Virgilia Hazard sagte: �Darf ich Sie bitten, Ihren Vornamen zu wiederholen, Mr. Main?�</p><p>Er konnte verstehen, wieso sie nicht verheiratet war. �Orry�, sagte er und buchstabierte. Er erkl�rte, da� seine Vorfahren zu den ersten Siedlern in South Carolina geh�rt hatten, und da� er der dritte seines Geschlechtes war, der diesen Namen trug. Es war eine Verballhornung von Horry, ein bei den Hugenotten �blicher Name, wobei das H am Anfang stumm war. Die dunklen Augen von Virgilia blickten herausfordernd. �Darf ich erfahren, welchen Gesch�ften Ihre Familie nachgeht?� Er f�hlte sich sofort in die Defensive gedr�ngt und wu�te, worauf sie aus war.</p><p>�Wir sind Besitzer einer Reisplantage, Ma�am. Sie ist recht gro� und ertragreich.� Es wurde ihm bewu�t, da� seine Beschreibung �berfl�ssig und gro�spurig war: Er f�hlte sich offensichtlich angegriffen.</p><p>�Ich nehme an, da� Sie in diesem Fall auch Sklaven haben?�</p><p>Sein Gesicht war jetzt sehr ernst. �Ja, Ma�am, mehr als hundertf�nfzig. Ohne Sklaven k�nnten wir keinen Reis anbauen.�</p><p>�Solange der S�den Sklaverei betreibt, Mr. Main, wird er unterentwickelt bleiben.�</p><p>Die Mutter ber�hrte ihre Tochter am Arm. �Virgilia, dies ist weder der Ort noch die Zeit f�r eine derartige Diskussion. Deine Bemerkung war unh�flich und unchristlich. Du kennst diesen jungen Mann kaum.�</p><p>Sie blinzelte, offenbar die einzige Form von Entschuldigung, die Orry erhalten w�rde.</p><p>�Besucher von Bord, Besucher von Bord bitte!� Ein schriller Glockenton ert�nte. George wirbelte herum, umarmte Billy, seine Mutter und seinen Vater. Er sch�ttelte dem langweiligen Stanley die Hand und verabschiedete sich nur knapp von Virgilia.</p><p>Bald darauf wurde der Anker gelichtet. Die Familie winkte vom Pier aus und verschwand schlie�lich aus der Sicht, als das Schiff stromaufw�rts fuhr. Die beiden Reisenden sahen einander an, und es wurde ihnen klar, da� sie jetzt ganz auf sich gestellt waren.</p><p>Der siebzehnj�hrige George Hazard glaubte, sich bei dem jungen Mann aus dem S�den f�r das Verhalten seiner Schwester entschuldigen zu m� ssen. Er verstand seine Schwester nicht, nahm jedoch an, da� sie es der Welt �belnahm, da� sie nicht als Mann � mit dessen Rechten und Chancen � geboren worden war. Ihre Wut machte sie zum sozialen Au�enseiter; sie war zu direkt, um einen Verehrer zu finden.</p><p>Auch verstand der junge Pennsylvanier die Ansichten seiner Schwester nicht. Er hatte sich nie die geringsten Gedanken �ber Sklaverei gemacht. Sie war eine Tatsache, obwohl viele sie abschaffen wollten. Auf keinen Fall w�rde er deswegen diesen jungen Burschen verurteilen.</p><p>Das Schaufelrad des Dampfers lie� das sonnenbeschienene Wasser aufsch�umen. Die Hafenanlagen und die Geb�ude von New York verschwanden aus dem Blickfeld. George sah Orry verstohlen an. Einerseits erinnerte er ihn an Stanley. <emphasis>Denke, bevor du handelst.</emphasis> Und doch gab es einen wesentlichen Unterschied: Orry hatte ein echtes, nat�rliches L�cheln. Stanleys L�cheln hingegen war geziert und gezwungen.</p><p>George r�usperte sich. �Meine Schwester war frech zu Ihnen.� Er bemerkte, wie Orrys Schultern sich spannten, doch schien ihn der Klang seiner Worte zu beruhigen. �Ist sie f�r die Abschaffung der Sklaverei?� fragte Orry.</p><p>�Ich glaube nicht. Auf jeden Fall ist sie keine aktive Gegnerin, obwohl ich ihr das zutrauen w�rde. Ich hoffe, Sie nehmen ihre Bemerkung nicht pers�nlich. Virgilia w�re wohl mit jedem aus Ihrer Gegend unversch�mt. Wahrscheinlich sind Sie der erste S�dstaatler, dem sie begegnet ist. Es gibt nicht viele in Pennsylvania, und ich kann nicht behaupten, selbst mal einen getroffen zu haben.�</p><p>�In der Akademie werden Sie reichlich Gelegenheit dazu haben.�</p><p>�Sch�n. Ich m�chte gerne wissen, wie sie wirklich sind. Sehen Sie, ich hab� so meine Vorstellungen.�</p><p>�Und wie sind diese Vorstellungen?�</p><p>�Leute aus dem S�den essen Schweinefleisch und Kohl, k�mpfen mit dem Messer und mi�handeln die Nigger.�</p><p>Obwohl sich Orry durch diese Beschreibung verletzt f�hlte, merkte er doch, da� sie humorvoll gemeint war. �Das alles trifft zwar f�r einige S�dstaatler zu, aber beileibe nicht f�r alle. So entstehen Mi�verst�ndnisse, nehme ich an.� Er dachte kurz nach. �Aber ich habe mir auch ein Bild von den Yankees gemacht.�</p><p>George grinste. �Das dachte ich mir. Wie sieht es aus?�</p><p>�Ein Yankee m�chte am liebsten laufend etwas Neues erfinden und ist darauf aus, seinen Nachbarn vor Gericht auszustechen. Er ist vorlaut, versucht jedem seine Taschenmesser oder Blechwaren anzudrehen, und am allerliebsten schr�pft er andere Leute.�</p><p>George lachte laut. �Ich bin einigen von dieser Sorte begegnet.�</p><p>�Mein Vater sagt, da� die Yankees jetzt versuchen, das Land zu regieren.�</p><p>Das konnte George nicht durchgehen lassen. �Auf die Art und Weise, wie dies Virginia w�hrend so vielen Jahren getan hat?�</p><p>Orry legte die H�nde auf die Reling. �Sehen Sie � �</p><p>�Nein, sehen Sie da!� Wenn sie Freunde werden sollten, mu�te George das Thema sofort wechseln. Er deutete auf das Heck, wo zwei junge Damen unter einem Sonnenschirm kicherten. Die �ltere Dame, in deren Begleitung sie waren, war auf einer Bank eingenickt.</p><p>George hatte zu Hause bereits zwei Mal mit einem M�dchen geschlafen und f�hlte sich deshalb sehr weltm�nnisch. �Sollen wir sie ansprechen?� Orry wurde rot und sch�ttelte den Kopf. �Wenn Sie m�chten, ich bleibe hier. Es liegt mir nicht besonders, Damen den Hof zu machen.�</p><p>�Tun Sie es nicht gerne?�</p><p>�Ich wei� nicht, wie�, gab Orry scheu zu.</p><p>�Nun, dann tun Sie gut daran, es zu lernen; Sie verpassen sonst das halbe Leben.�</p><p>George lehnte sich an die Reling. �Ich glaube, ich werde sie nicht ansprechen. Eine Romanze zwischen hier und West Point w�re nicht besonders praktisch.�</p><p>Er schwieg und gab schlie�lich seiner Angst nach, die, seitdem er von zu Hause weg war, zugenommen hatte. Seine Familie w�rde in New York bleiben; sein Vater, um einige Gesch�fte zu erledigen, und die andern, um Restaurants, Museen und Theater zu genie�en. Er jedoch reiste einer ungewissen Zukunft entgegen. Und der Einsamkeit. Auch wenn er die spartanische Disziplin der Akademie �berleben sollte, w�rde er seine Heimat erst in zwei Jahren wiedersehen. Die Kadetten hatten nur einen Diensturlaub, und zwar zwischen dem zweiten und dritten Jahr.</p><p>Nat�rlich mu�te er, bevor es so weit sein w�rde, eine Reihe von Hindernissen �berwinden. Die Akademie war f�r harte Arbeit bekannt. Noch h�rter waren die Schikanen, denen die Neuank�mmlinge von seiten der Senioren ausgesetzt waren. Das Institut wurde deswegen des �fteren kritisiert, und zwar meistens von Demokraten, die mit dem ganzen Konzept nicht einverstanden waren.</p><p>Das Schiff glitt stromaufw�rts. Kein Anzeichen menschlicher Siedlungen an den Steilh�ngen der Ufer. Der Dampfer f�hrte sie in die Wildnis. George freute sich, da� jemand da war, der dem gleichen Schicksal ausgesetzt war und der, sofern er sich nicht t�uschte, unter den gleichen Zukunfts�ngsten litt.</p><p><strong>2</strong></p><p>Der Dampfer fuhr nordw�rts, Richtung Hudson Highlands. Etwa gegen ein Uhr gelangte er in die Gegend von West Point. Orry sah sich gespannt nach dem Denkmal des bekannten polnischen Freiheitshelden Kosciusko auf dem H�gel um, doch es blieb hinter Laub versteckt.</p><p>Als das Schiff ins Norddock hineinman�vriert wurde, bot sich den beiden jungen M�nnern eine atemberaubende Aussicht auf die nach Norden dr�ngende Schlucht des Hudson. Alte Gletscher hatten das Gebirge terrassenf�rmig ausgeh�hlt und jene Berggipfel entstehen lassen, die Orry aus B�chern kannte: Am Ostufer, hinter ihnen, befand sich der Mount Taurus, Crow-Nest lag im Westen und etwas weiter flu�aufw�rts die Shawangunk-Kette.</p><p>�Dort hinten, bei Constitution Island, hatten die Amerikaner w�hrend der Revolution eine Hafensperre errichtet, um die Schiffahrt zu behindern. Dort oben, auf dem Gipfel, stand das nach dem britischen General benannte Fort Clinton, und dort dr�ben sind die Ruinen von Fort Putnam.�</p><p>�Du bist wohl sehr an Geschichte interessiert?� fragte George spitz.</p><p>�Ja, einige Mains haben w�hrend der Revolution gek�mpft.�</p><p>�Nun, ich nehme an, da� auch einige Hazards gek�mpft haben. Aber wir f�hren in Pennsylvania nicht Buch �ber solche Sachen.� Georges Stimme klang gereizt. Hitze und Einsamkeit hatten wohl dazu beigetragen. Er wurde sich dessen bewu�t und versuchte, witzig zu sein. �Oh, jetzt verstehe ich, weshalb du keine Zeit f�r M�dchen hast. Du steckst deine Nase wohl dauernd in B�cher!�</p><p>Orry wurde rot. George machte eine beschwichtigende Handbewegung. �Nun, versteh mich bitte nicht falsch! Was du erz�hlt hast, ist zwar interessant, aber bist du immer so ernst?�</p><p>�Na und? Etwas Ernst t�te dir auch ganz gut, wenn du dein erstes Sommercamp �berleben willst.�</p><p>George war ern�chtert. �Ja, du hast wahrscheinlich recht.�</p><p>Als George und Orry an Land gingen, winkten ihnen die beiden M�dchen auf Wiedersehen. Die Hitze war jetzt fast unertr�glich geworden, und George zog seinen Mantel aus.</p><p>Auf dem Pier wurden sie von zwei Soldaten in Uniform erwartet. Der eine, der eher einf�ltig aussah, lehnte sich gegen ein wackliges Fuhrwerk. Er trug eine kurze Uniformjacke mit Messingkn�pfen, lange Hosen und Handschuhe � alles wei�, aber schmutzig. Auf dem Kopf sa� eine flache runde Kappe mit einem Messingornament. Ein schwerer Degen war an seinem breiten G�rtel befestigt.</p><p>Orry und George waren die einzigen Ank�mmlinge. Matrosen warfen ihre Koffer ohne R�cksicht auf deren Inhalt auf den Pier. W�hrend Orry und George noch etwas verloren um sich starrten, wurde die Gangway bereits wieder an Bord gezogen. Die Schiffsglocke l�utete, die Ruder peitschten das Wasser, und lautes Tuten mahnte zur Weiterfahrt.</p><p>Der kleinere der beiden Soldaten, der in einer etwas saubereren Uniform steckte, umfa�te das Heft seines Degens und machte einen langen Schritt vorw�rts. Auch er trug eine jener runden Kappen. Sein Gesicht war faltig und sein Akzent eindeutig irisch.</p><p>�Unteroffizier Owens, US-Armee.�</p><p>�Wir sind neue Junioren � � begann George.</p><p>�Nein, Sir!�</p><p>�Wie bitte?�</p><p>�Sie sind ein Ding, Sir. Bevor Sie Junior werden, m�ssen Sie erst mal die Eintrittspr�fung bestehen. Bis dahin sind Sie beide weniger als Junioren. Sie sind <emphasis>Dinge.</emphasis> Vergessen Sie das nicht, und benehmen Sie sich entsprechend.�</p><p>George bekam das in den falschen Hals. �Aha, alles sch�n dem Rang nach und mit einem Etikett versehen, ja?�</p><p>Mit einem Naser�mpfen antwortete Owens: �Genau, Sir. Die Akademie legt gro�en Wert auf die Rangordnung. Sogar die einzelnen Truppenverb�nde haben eine Rangordnung. Die Pioniertruppen bilden die Elite, das Non plus ultra, und nehmen nur die Kadetten mit den besten Noten auf. Die mit den schlechtesten Noten werden Dragoner. Vergessen Sie das nicht, und benehmen Sie sich entsprechend!�</p><p>Verdammter L�mmel, dachte Orry. Er mochte Owens nicht. Es sollte sich noch zeigen, da� er diese Abneigung mit vielen Kadetten teilte.</p><p>Owens zeigte auf das Fuhrwerk. �Dort ist Platz f�r Ihr Gep�ck. Nehmen Sie den Weg, der auf den H�gel hinauff�hrt, und melden Sie sich beim Adjutanten.� George wollte wissen, wo sich dessen B�ro befinde, aber Owens gab ihm keine Antwort.</p><p>Die beiden Neuank�mmlinge wanderten m�hsam den stark gewundenen Pfad hinauf; die flache, baumlose Hochebene bot einen entsetzlich staubigen und hei�en Anblick. Orry hatte Heimweh. Er versuchte, es zu �berwinden, indem er sich in Erinnerung rief, weshalb er hier war. Die Akademie bot ihm die beste Chance seines Lebens, das zu erreichen, was er seit jeher angestrebt hatte: eine Karriere als Offizier.</p><p>Falls George sich verloren vorkam, so vermochte er es jedenfalls gut zu verbergen. W�hrend Orry die verschiedenen Steinbauten am Rande der Ebene betrachtete, konzentrierte sich George auf ein Holzhaus unmittelbar zu ihrer Linken, auf dessen schattiger Veranda sich mehrere Besucher unterhielten.</p><p>�M�dchen�, bemerkte George �berfl�ssigerweise. �Das mu� das Hotel sein. Ich frage mich, ob es dort Zigarren zu kaufen gibt.�</p><p>�Kadetten rauchen nicht. Das ist Vorschrift.�</p><p>George zuckte die Achseln. �Ich werde sie zu umgehen wissen.�</p><p>Orry war zwar sehr von der Umgebung der Akademie beeindruckt, fand die Geb�ude selbst jedoch eher spartanisch. Das pa�te nat�rlich zur Armee. Es strafte zweifellos jene Kritiker L�gen, die behaupteten, die Akademie verh�tschle ihre Z�glinge. West Point war keine Hochburg der Tr�gheit, denn wenn auch jedes Jahr im Juni neunzig bis hundert Neue ankamen, so promovierten vier Jahre sp�ter jeweils nur vierzig bis f�nfzig. Orry und sein neuer Freund hatten noch einen weiten Weg vor sich, bis sie in vier Jahren den Ort als voll anerkannte Mitglieder der Klasse von 1846 verlassen w�rden.</p><p>Die Akademie bestand erst seit knapp vierzig Jahren, war aber vom Kongre� und auch von der �ffentlichkeit schon oft stark angefochten worden. Gegenw�rtig geno� sie sowohl in den Staaten als auch in Europa hohes Ansehen, doch war ein guter p�dagogischer Ruf noch lange nicht gleichbedeutend mit einem guten �ffentlichen Ruf. Die Akademie hatte sich dauernd gegen Anklagen zur Wehr zu setzen, sie sei zu elit�r oder sie sei nur f�r die S�hne aus betuchten und ber�hmten Familien.</p><p>Obwohl die Akademie 1802 gegr�ndet worden war, war ihr bis nach dem Krieg von 1812 gegen England wenig Aufmerksamkeit oder Unterst�tzung vom Kongre� oder dem Kabinett zuteil geworden. W�hrend des Krieges hatte sich gezeigt, da� ein gro�er Teil der milit�rischen F�hrungskr�fte versagt hatte. 1817 wurde Major Sylvanus Thayer zum neuen Akademievorsteher gew�hlt. Es gelang ihm, sowohl die milit�rische als auch die sonstige Ausbildung in kurzer Zeit auf ein besseres Niveau zu bringen. Seither hatte die Akademie immer wieder hervorragende Offiziere hervorgebracht. Doch in den vergangenen Jahrzehnten hatten die milit�rischen F�higkeiten der Absolventen der skeptischen Bev�lkerung nie vorgef�hrt werden k�nnen, da keinerlei Kriege stattgefunden hatten, und ohne Krieg blieben die Behauptungen West Points, ein wertvolles Programm zu haben, leere Worte. Die Skepsis wurde noch durch die Haltung vieler Kadetten gesch�rt: Die wenigsten waren auf eine lange Milit�rkarriere aus, sondern ben�tzten die Akademie, um zu einer guten Ausbildung zu kommen. Unter dem gegenw�rtig g�ltigen Gesetz mu�te man nach Abschlu� nur vier Jahre Armeedienst leisten. George hatte Orry auf dem Dampfer erz�hlt, da� er genau so lange Dienst leisten wolle, und dann wieder ins Zivilleben zur�ckkehren werde. Es war also begreiflich, da� einige Leute behaupteten, es sei ein Verbrechen, Gelder der �ffentlichen Hand f�r junge M�nner auszugeben, die nicht die geringste Absicht hatten, dies mit einer langen Dienstzeit abzugelten.</p><p>Vom andern Ende der Ebene her h�rte man Geschrei. Orry und George entdeckten die Ursache ziemlich schnell: uniformierte Kadetten, die in den staubigen Stra�en um die beiden Kasernen herum Befehle ausstie�en. Als Antwort auf das Herumkommandieren bildeten andere junge M�nner in Zivilkleidern stolpernd milit�rische Formationen. Die unordentliche Art und Weise, in der sie in Reih und Glied antraten, verriet, da� es sich um Neuank�mmlinge handelte. Irgendwo r�hrte jemand eine Trommel, ein Stakkato mit einem klar erkennbaren Rhythmus. Ein junger Kadett marschierte munter auf das Hotel los. George hob die Hand, um ihn auf sich aufmerksam zu machen.</p><p>�Entschuldigung!�</p><p>Der Kadett hielt inne, stand stramm und fixierte sie mit einem harten Blick. �Haben Sie mit mir gesprochen, Sir?� bellte er. George brachte es fertig, weiter zu l�cheln. �Jawohl, wir suchen � �</p><p>�Wenn Sie ein Neuling sind, Sir�, schrie der Kadett, �dann nehmen Sie ihren Hut ab, Sir.� Er warf Orry einen funkelnden Blick zu: �Sie auch, Sir. Sie m�ssen immer den Hut abnehmen, wenn Sie sich an einen Vorgesetzten wenden, Sir.� Dann wandte er sich wieder George zu: �Nun, Sir. Was sagten Sie, Sir?�</p><p>George, der durch das Gebr�ll und die vielen �Sirs� eingesch�chtert war, war kaum noch in der Lage, sich nach dem B�ro des Adjutanten zu erkundigen.</p><p>�In dieser Richtung, Sir. Wir werden uns wiedersehen, Sir. Da k�nnen Sie sicher sein, Sir.�</p><p>Er marschierte weiter. George und Orry tauschten einen best�rzten Blick aus. Zum erstenmal hatten sie erfahren, wie man sich in West Point ansprach. Keiner von beiden war davon angetan.</p><p>Der Sekret�r des Adjutanten, ebenfalls ein Ire, aber ein freundlicher, sah sich ihre Papiere an. Ein zweiter Assistent erleichterte sie um ihr Taschengeld und notierte den Betrag in einer Akte. Dann schickte man sie zu Sergeant Stribling, S�dkaserne, Zimmer 14. Kurz vor der Kaserne hielten die beiden bei der Wasserpumpe an und bemerkten, abgesehen von einer grasenden Kuh, junge M�nner beim Exerzieren. Orry und George sahen sofort, da� es sich um Neulinge handelte, denn sie trugen noch Zivil. Auf Orrys Frage nach der Uniform hatte der Sekret�r des Adjutanten geantwortet: �Sie bekommen erst eine, wenn Sie offiziell Junior sind. Und Junior sind Sie erst, wenn Sie die Eintrittspr�fung bestanden haben.� Die auf dem Feld Marschierenden f�hrten die Befehle nur nachl�ssig aus und stolperten oft, was zur Folge hatte, da� ihr Ausbilder um so lauter schrie. Die Neulinge wurden bald von uniformierten Kadetten des Bataillons abgel�st, die derart geschmeidig und synchron exerzierten, da� Orry gro�e Hoffnungen f�r die Neuank�mmlinge hegte.</p><p>Stribling trug makellos wei�e Hosen und die f�r die Kadetten typische graue Jacke, die mit schwarzen Kordeln und drei Reihen kugelf�rmigen Goldkn�pfen verziert war. Genau wie der Kadett von vorhin, schrie Stribling George und Orry erst mal an, bevor er sie zum Zeughaus schickte, wo sie ihre Requisiten zu beziehen hatten: Eimer und Schrubber, einen Blechnapf, ein St�ck Seife, ein Rechenbuch und eine Schiefertafel und Wolldecken, die so neu waren, da� sie noch nach Schaf�l rochen. Es war der f�r die Junioren typische Geruch.</p><p>Ihr Zimmer im dritten Stock der S�dkaserne war nicht gerade luxuri�s: ein einziges Fenster, einige B�cherregale, ein Kamin. Orry fragte sich, ob das Zimmer in verschneiten Wintern�chten wohl gen�gend W�rme speichern w�rde. Er hatte erst einmal Schnee gesehen, und das Ganze hatte nur zwei Stunden gedauert; aber hier war er ja schlie�lich nicht in South Carolina.</p><p>George musterte die schmalen Eisenbetten mit Kennermiene. Die F��e seien schlecht gegossen, bemerkte er. Ein weiterer Trommelschlag, anders als der erste, drang durch die schw�le Luft an ihr Ohr. George verzog das Gesicht: �Jede T�tigkeit scheint hier mit Trommelschlag geregelt zu sein. Ich f�hle mich jetzt schon als Sklave.�</p><p>�Glaubst du, da� dies das Zeichen f�r das Abendessen ist?� fragte Orry hoffnungsvoll.</p><p>�Hoffen wir�s. Ich hab� einen Mordshunger.�</p><p>Aber es war noch nicht Essenszeit. Als sie unten ankamen, wurden sie aufgefordert, der Abendparade beizuwohnen. Eine Milit�rkapelle spielte einen Marsch, und Orry hatte seinen Hunger schnell vergessen. Geschulterte Bajonette flammten r�tlich in der Abendsonne auf; ein Tanz aus Farben und Offiziershutfedern in der Abendbrise. Orry wurde von der Musik und der Parade ganz aufgeregt und hatte schon fast kein Heimweh mehr. Ja, er f�hlte sich schon beinahe zu Hause. West Point schien doch die Erf�llung des Jugendtraums zu sein, der sein Leben bis dahin bestimmt hatte.</p><p>Er konnte sich nicht mehr genau erinnern, wann er beschlossen hatte, Soldat zu werden, aber es war ihm sehr bewu�t, weshalb der Beruf ihm so viel bedeutete. Er war von einem schillernden Glanz umgeben � viel mehr als derjenige eines Reispflanzers �, und er hatte universelle Bedeutung. Viele Menschen standen der Armee herablassend gegen�ber, und doch konnte niemand abstreiten, da� Gener�le und ihre Armeen oft die Grenzen einer Nation und den Lauf der Geschichte bestimmten. In seiner Jugendzeit hatte er zahllose B�cher zu diesem Thema gelesen. Er erinnerte sich an Alexander den Gro�en, an Hannibal, Dschingis Khan und an Napoleon, dessen apokalyptischer Schatten vor knapp f�nfzig Jahren Europa bedeckt hatte. Orrys Entscheidung f�r das Soldatenleben war jener Lekt�re und seinen Knabentr�umen entwachsen; Tr�ume, die eine Mischung aus gef�hrlichem Abenteuer und historischem Schauspiel, aus Heldenmut und Blutvergie�en waren. Sein Leben lang w�rde er dankbar sein, da� sein �lterer Bruder den Ruf nach West Point abgelehnt hatte.</p><p>Nachdem die eindrucksvolle Abendzeremonie zu Ende war, rief sie die Trommel wieder � diesmal zum Abendessen. Kadett Stribling kommandierte den Zug der Neuank�mmlinge, die in liederlicher Art und Weise zur Offiziersmesse abmarschierten. Alle warteten stehend, bis der dienst�lteste Kadettenhauptmann ein Zeichen gab.</p><p>Sie sa�en an einem f�r Neuank�mmlinge reservierten wackligen Holztisch. Orry sah jedoch, da� gewisse neue Kadetten an andern Tischen mit den Senioren sa�en. Er konnte sich dies nur damit erkl�ren, da� jene <emphasis>Dinger</emphasis> schon am Vortag angekommen sein mu�ten. Diejenigen aus der obersten, d. h. der vierten Klasse, hatten die besten Pl�tze am Ende der Tische. An den Seiten sa�en diejenigen aus der dritten Klasse, dann kamen diejenigen aus der zweiten Klasse und dann die Junioren. Schlie�lich, genau in der Mitte der Seitenteile � am weitesten vom Essen entfernt �, sa�en die nerv�sen Neuank�mmlinge, die Orry beobachtete. Die Senioren gaben ver�chtliche Kommentare �ber sie ab und reichten die Sch�sseln nur langsam weiter. Orry war dankbar, da� er sich f�r heute abend nicht an einem jener Tische befand.</p><p>Jemand hatte gesagt, da� das Mittagessen die Hauptmahlzeit sei. Folglich gab es zum Abendessen die �blichen Armeereste: Steak und Dampfkartoffeln. Doch George und Orry waren so hungrig, da� es ihnen nichts ausmachte. Abgesehen davon gab es noch Leckerbissen wie hausgemachtes Brot, Landbutter und starken Kaffee.</p><p>Als alle fertig gegessen hatten, gab der Hauptmann den Befehl, aufzustehen. Die Kadetten und die Neuank�mmlinge marschierten unter Pfeifen- und Trommelklang zu ihren Unterk�nften zur�ck. George und Orry breiteten ihre Decken auf den Eisenbetten aus. Georges d�stere Blicke schienen zu fragen, weshalb sie an diese St�tte der Abgeschiedenheit und der Disziplin gekommen waren.</p><p>In der Zeit bis zum Zapfenstreich kamen einige Senioren vorbei, um sich vorzustellen. Einer, ein baumlanger Kerl namens Barnard Bee, stammte aus South Carolina, wor�ber sich Orry sehr freute. George wurde von einem Kadetten aus seinem Heimatstaat begr��t, Winfield Hancock.</p><p>Die meisten Neuank�mmlinge waren in der S�dkaserne untergebracht. George und Orry lernten an jenem Abend noch mehrere junge M�nner kennen. Einer war ein gescheiter, redegewandter Kerl aus Philadelphia, der sich als George McClellan vorstellte.</p><p>�Geh�rt zu den oberen Zehntausend�, bemerkte George, nachdem McClellan gegangen war. �Jeder in Ostpennsylvania kennt die Familie. Man sagt, er sei intelligent. Vielleicht sogar ein Genie. Er ist erst f�nfzehn.�</p><p>Orry h�rte auf, sein Konterfei im Spiegel �ber dem Waschbecken zu betrachten. Er hatte bereits Befehl erhalten, die Haare schneiden zu lassen. �F�nfzehn? Wie ist das m�glich? Man mu� doch mindestens sechzehn sein, um hierherkommen zu k�nnen.�</p><p>George sah ihn zynisch an. �Nicht, wenn man Beziehungen in Washington hat. Mein Vater sagt, da� m�chtig politischer Druck ausge�bt wird, damit gewisse Leute zugelassen werden. Und auch, damit sie hierbleiben k�nnen, wenn sie ihre Pflichten nicht erf�llen oder in Schwierigkeiten geraten.�</p><p>Etwas sp�ter kamen noch zwei Neuank�mmlinge herein. Der eine war ein mittelgro�er, elegant gekleideter junger Mann aus Virginia namens George Pickett, der oft l�chelte und dunkles, gl�nzendes, bis auf die Schultern fallendes Haar hatte. Pickett sagte, er sei aus Illinois einberufen worden, wo er im Advokaturb�ro seines Onkels als Sekret�r gearbeitet habe, weil Virginia keine weiteren Pl�tze mehr f�r West Point vergeben durfte. Pickett schien noch weniger von den Zulassungsbestimmungen zu halten als George. Sie mochten ihn sofort wegen seiner frischen Art.</p><p>Der zweite stammte ebenfalls aus Virginia, doch Picketts Begeisterung schien etwas gezwungen, als er ihn vorstellte. Vielleicht hatte Pickett mit dem gro�en, merkw�rdigen Kerl Bekanntschaft geschlossen und bereute das jetzt. Zwischen George Pickett aus Fauquier County und dem neuen Kadetten aus Clarksburg bestand ein wesentlicher Unterschied. Nat�rlich konnte man den �u�ersten Westzipfel des Staates kaum noch als dem S�den zugeh�rig betrachten, denn in dieser gebirgigen Gegend wohnten eher primitive Leute, die kaum des Lesens und Schreibens m�chtig waren.</p><p>Tom Jackson, wie er sich nannte, konnte seine Herkunft nicht verleugnen. Seine Haut war fahl, seine lange d�nne Nase sah aus wie eine Messerklinge. Die Intensit�t seiner blaugrauen Augen machte Orry nerv�s. Jackson versuchte sich ebenso lustig wie Pickett zu geben, doch sein mangelhaftes Benehmen war allen h�chst unangenehm.</p><p>�Mit seiner Visage sollte er Priester werden und nicht Soldat�, sagte George, als er die Kerze ausblies. �Er sieht aus, als ob er sich �ber irgend etwas Sorgen machte. Vielleicht hat er Magenschmerzen oder Darmkr�mpfe. Na ja, was macht�s schon. Er wird es ohnehin nicht lange aushalten.�</p><p>Orry fiel fast aus dem Bett, als jemand die T�r aufstie� und mit Stentorstimme schrie:</p><p>�Und Sie, Sir, werden es nicht einmal halb so lange aushalten, wenn Sie zu bestimmten Zeiten nicht geziemend schweigen k�nnen, Sir! Gute Nacht, Sir.� Die T�r fiel krachend ins Schlo�. Sogar in Ruhezeiten konnte man dem System, das hei�t den Senioren, nicht entkommen.</p><p>Schon vor Tagesanbruch rief die Trommel wieder. Der nun folgende Morgen war merkw�rdig und unangenehm. Ein Leutnant aus Kentucky schmi� all ihre Decken auf den Boden und gab ihnen Anweisungen, wie man das Bettzeug auf korrekte Art und Weise zu falten und das Zimmer vor der Inspektion in Ordnung zu bringen hatte. George kochte vor Wut, aber es h�tte noch schlimmer sein k�nnen. Ein Neuank�mmling im Nebenzimmer erhielt Besuch von zwei Unteroffizieren vom Dienst; der eine stellte den anderen als Barbier vor. Der vertrauensselige Neue �berlie� sich Rasierklinge und Schere. Als Orry ihn das n�chste Mal sah, war er kahlgeschoren.</p><p>Nicht alle Senioren waren darauf erpicht, die Neuen zu schikanieren. Einige boten sogar ihre Hilfe an. Kadett Bee meldete sich freiwillig bei seinen Zimmergenossen, um ihnen beim Lernen des Lehrstoffes zu helfen, den sie f�r die Eintrittspr�fung beherrschen mu�ten � Lesen, Schreiben, Orthographie, Bruch- und Dezimalrechnen.</p><p>George bedankte sich bei Bee, meinte jedoch, da� er ohne seine Hilfe bestehen w�rde. Orry nahm das Angebot dankbar an. Er hatte seit jeher nicht zu den besten Sch�lern gez�hlt, hatte ein schlechtes Ged�chtnis und machte sich keine Illusionen. George hielt es nicht einmal f�r n�tig, viel zu b�ffeln, sondern verbrachte seine Morgenstunden damit, den weniger feindlich gesinnten Senioren Fragen zu stellen. Dabei entdeckte er einiges, was ihm riesige Freude bereitete.</p><p>Er erfuhr, da� ein Bootsmann regelm��ig zu einem gesch�tzten Ort am Ufer im unteren Tal ruderte und dort Kadetten erwartete, die Bettzeug oder Schmuggelware bei sich f�hrten. Unter den illegalen G�tern befanden sich Kuchen, Whiskey und � Gott sei Dank � Zigarren. George hatte schon mit vierzehn zu rauchen angefangen.</p><p>Noch erfreulicher war die Nachricht, da� das ganze Jahr �ber im �Roe�-Hotel junge M�dchen abstiegen. Frauen jeden Alters schienen alle von derselben Krankheit befallen zu sein � boshafterweise �Kadettenfieber� genannt. Das vierj�hrige Exil w�rde f�r George also nicht ganz so hart sein.</p><p>Zwar wu�te er, da� er mit der Disziplin M�he haben w�rde, doch die von der Akademie gebotene Ausbildung war als sehr gut bekannt. Und er w�rde die Vorschriften zu umgehen wissen. Sein Zimmergenosse gefiel ihm einigerma�en. Sogar ganz gut. Er legte nicht halb so viel Wert auf die Familie, wie das einige der S�dstaatler, die er beobachtet hatte, taten. In weniger als einem Tag hatten viele von ihnen und auch viele Yankees Bekanntschaft geschlossen und sich in kleinen Gruppen gefunden.</p><p>Nach dem Mittagessen rief die Trommel zum Exerzieren. George freute sich einen Augenblick lang, als er sich zu seinem Zug auf der Stra�e gesellte. Doch jegliches Hochgef�hl verging ihm, als er den Ausbilder sah. Der Kerl mu�te mehr als 100 Kilo schwer sein. Unter seiner Uniform zeichnete sich der Ansatz eines Wanstes ab. Er hatte schwarzes Haar, listige, dunkle Augen, und sein Gesicht nahm in der Sonne eine eher rote als braune T�nung an. Er mochte etwa achtzehn oder neunzehn Jahre alt sein. Er erinnerte George an ein Mastschwein oder an einen Dickh�uter und war ihm auf Anhieb unsympathisch.</p><p>�Meine Herren, ich bin Ihr Exerziermeister, Kadett Bent. Aus dem gro�en, souver�nen Staat Ohio.� Bent blieb ruckartig vor Orry stehen. �Haben Sie etwas dazu zu sagen, Sir?�</p><p>Orry schluckte leer. �Nein.�</p><p>�Sie haben mit �Nein, Sir� zu antworten!�</p><p>George d�mmerte es pl�tzlich, da� der fette Kadett sich Zeit genommen haben mu�te, um zu erfahren, woher seine Z�glinge kamen, und benutzte jetzt die Information, um sie zu provozieren. Viele S�dstaatler dachten, wenn das Wort <emphasis>Ohio</emphasis> fiel, nur an eines: In Ohio befand sich das Oberlin College, wo wei�e und schwarze Studenten friedlich nebeneinander studierten.</p><p>�Die Herren aus den S�dstaaten f�hlen sich wohl dem Westen �berlegen, wie, Sir?�</p><p>Orry bekam einen roten Kopf. �Nein, Sir.�</p><p>�Nun, ich freue mich, da� Sie mit mir einig sind, Sir. Ich bin zwar �berrascht, aber es freut mich.�</p><p>Bent stolzierte langsam am Zug vorbei und w�hlte sich schlie�lich George als n�chstes Opfer aus. �Und Sie, Sir? Was halten Sie vom Westen, Sir? Sie kommen doch aus dem Osten, wenn ich mich nicht irre? Welche der drei Gegenden ist Ihrer Meinung nach �berlegen, Sir?� George bem�hte sich, wie ein perfekter Idiot zu l�cheln. �Nun, der Osten, Sir.�</p><p>�Was sagten Sie?�</p><p>Es konnte einem �bel werden von Bents schlechtem Atem, aber George l�chelte. �Der Osten, Sir. Im Westen gibt�s nur Bauern. Anwesende nat�rlich ausgenommen, Sir.�</p><p>�W�rden Sie dasselbe behaupten, wenn ich Ihnen sagte, da� die Bents Beziehungen zu wichtigen und hochgestellten Leuten in Washington pflegen. Freunde, f�r die ein Wort gen�gt, um Sie hier ihre Stellung verlieren zu lassen!�</p><p>Aufgeblasener Pfau, dachte George. Grinsend sagte er: �Ja, nat�rlich.� Bevor Bent losbr�llen konnte, f�gte er mit zuckers��er Stimme hinzu: �Sir�.</p><p>�Ihr Name ist Mr. Hazard, wenn ich mich richtig erinnere, Sir. Treten Sie vor! Sie werden den hier anwesenden Herren eines der Grundprinzipien des Marschierens demonstrieren. Haben Sie mich verstanden, Sir? Vortreten, hab� ich gesagt!�</p><p>George trat so rasch er konnte vor. Er hatte dem Befehl nicht sofort Folge leisten k�nnen, weil er vom boshaften Glimmen in Bents Augen wie bet�ubt war. Dies war nicht reine Schikane; der Kerl fand offensichtlich Gefallen daran! Trotz der Hitze fr�stelte es George.</p><p>�Nun, Sir, werde ich Ihnen besagtes Prinzip vorf�hren. Man nennt es gemeinhin Stechschritt. Stehen Sie auf einem Bein, so�, Bent hob das rechte Bein, schwankte jedoch, da sein massiger K�rper ihn aus dem Gleichgewicht brachte. �Auf den Befehl �<emphasis>vor�</emphasis> wird das Bein nach vorn geschwungen, so. Vor!� Er war jedoch so schwer, da� er das Bein kaum anheben konnte. Schwitzend hielt er sich m�hsam im Gleichgewicht. Dann br�llte er �Zur�ck� und versuchte, das Bein abw�rts und nach hinten zu schwingen. Er fiel beinahe um. Jemand kicherte. George stellte mit Entsetzen fest, da� es aus Orrys Reihe kam.</p><p>�Sie, Sir, Sie S�dstaatenpflanze. Ich vermute, Sie haben sich bei diesem Milit�rman�ver �ber mich lustig gemacht?�</p><p>�Sir�, sagte ein offensichtlich best�rzter Orry.</p><p>�Wenn Sie formell als Junior aufgenommen worden w�ren, w�rde ich einen Bericht �ber Sie schreiben, und Sie w�rden zwanzig Fehlerpunkte bekommen. Sie wissen ja, Sir, wenn Sie innerhalb eines Jahres auf 200 Fehlerpunkte kommen, werden Sie entlassen. Sogar h�here Akademiemitglieder k�nnen dann nichts mehr f�r Sie tun. Also z�geln Sie Ihren Leichtsinn, Sir!�</p><p>Bent fand sogar noch Gefallen an seiner Eigensucht und Einbildung. Beides geno� er offensichtlich. �Und was noch wichtiger ist: Zeigen Sie, da� Sie dieses Man�ver kapiert haben! Sie werden es �ben, Sir, Sie und Ihr Zimmergenosse. Beide vortreten!�</p><p>George und Orry standen nebeneinander. Bent stolzierte vor ihnen auf und ab. In seinem lautesten M�chtegern-Offizierston br�llte er. �Auf ein Bein! Stehen! Fertig! Los! Vor! Zur�ck!�</p><p>Schon nach einer Minute f�hlte George Schmerzen im rechten Bein. Aber er w�rde um keinen Preis aufgeben. Einer der Offiziere vom Dienst schlenderte vorbei und nickte Bent zustimmend zu. Bents Befehle wurden immer lauter und schneller. George lief der Schwei� �ber das ganze Gesicht. Das Bein zuckte, besonders der Oberschenkel.</p><p>Zwei Minuten vergingen. Dann noch zwei. Er hatte Ohrensausen, und vor seinen Augen verschwamm alles. Er w�rde dies wahrscheinlich keine zehn Minuten aushalten. Eigentlich hatte er eine gute Kondition, aber diese Zerm�rbung war er nicht gewohnt.</p><p>�Vor, zur�ck, vor, zur�ck!� Bents Stimme �berschlug sich vor Erregung. Einige der Gruppenmitglieder tauschten nerv�se Blicke aus. Der Spa�, den der fette Kadett sich erlaubte, ging �ber das normale Ma� hinaus.</p><p>Orry fiel als erster um. Er schlug schmerzhaft auf Handfl�chen und auf Knien auf. Bent machte einen schnellen Schritt auf ihn zu und wirbelte wie versehentlich einigen Staub auf, der Orry ins Gesicht flog. Bent wollte ihm eben den Befehl geben, aufzustehen und mit der �bung fortzufahren, als er bemerkte, da� der Offizier vom Dienst immer noch dastand.</p><p>�Zur�cktreten, Sir�, sagte Bent. In seiner Stimme schwang fast so etwas wie Bedauern mit. Er warf George einen vernichtenden Blick zu. �Sie auch, Sir. Vielleicht haben Sie das n�chste Mal mehr Respekt vor einer milit�rischen �bung, und vielleicht sind Sie Ihrem Vorgesetzten gegen�ber etwas weniger vorlaut.�</p><p>George hatte entsetzliche Schmerzen im rechten Bein. Doch er schaffte es zu den andern zur�ck und versuchte, so wenig wie m�glich zu hinken. Die Junioren wurden ziemlich schikaniert, dachte er, aber dieses geh�ssige Schwein, dem der Schwei� nur so herunterlief, war mehr als nur ein Zuchtmeister. Es war ein Sadist.</p><p>Bents schlauer Blick suchte den seinigen. George sah ihn herausfordernd an. Er wu�te, da� er nun einen Feind hatte.</p><p>Die beiden Freunde informierten sich �ber Bent und erfuhren rasch mehr, als ihnen lieb war. Der Mann aus Ohio war ein Student der h�heren Semester; �u�erst unbeliebt. Seine Klassenmitglieder unterhielten sich gerne �ber seine Mi�erfolge, ein au�erordentliches und selten vorkommendes Verhalten, das blo� zeigte, wie gering man Bent achtete.</p><p>W�hrend seines Juniorenjahres hatte man ihn ungew�hnlich stark schikaniert. Nach Meinung von Hancock und anderen war er selbst schuld daran gewesen mit seinem pomp�sen Gerede �ber Krieg und seiner Prahlerei �ber die Beziehungen seiner Familie zu Washington.</p><p>�Ich vermute, er ist ein Farmer, er ist doch so fett�, sagte Bee. �Ich habe einige dicke Burschen gekannt, denen man das Leben schwermachte, als sie jung waren. Aus ihnen sind ganz gemeine Erwachsene geworden. Aber das erkl�rt nicht, weshalb Bent derart niedertr�chtig ist. Seine Haltung sprengt bei weitem den f�r Soldaten normalen Rahmen. Man k�nnte ihn schon beinahe als verr�ckt bezeichnen�, schlo� Bee und tippte sich an die Stirn.</p><p>Ein anderer Klassenkamerad erz�hlte von Bents Ergebenheit gegen�ber einem der wichtigsten Professoren, Dennis Mahan, der Kriegswissenschaften und Technik unterrichtete. Mahan vertrat die Auffassung, da� der n�chste gro�e Krieg � wo und von wem er auch immer ausgefochten werden mochte � nach den neuesten strategischen Grunds�tzen ausgetragen w�rde.</p><p>Einer der Grunds�tze war Geschwindigkeit. Die schnellste Armee w�rde im Vorteil sein. Sowohl in Amerika als auch in der �brigen Welt war das Transportwesen in revolution�rer Umw�lzung begriffen. Auch in den wirtschaftlich relativ schlechten 1840er Jahren gewann die Eisenbahn immer mehr an Wichtigkeit, und damit w�rde dieser Grundsatz nicht nur Theorie bleiben, sondern in die Praxis umgesetzt werden k�nnen.</p><p>Das zweite neue Prinzip war, laut Mahan, Information. Der Professor meinte damit nicht nur den herk�mmlichen Weg durch die Aufkl�rungstruppen, sondern er spekulierte gern �ber die Einsatzm�glichkeiten von Beobachtungsfreiballons und �ber Experimente, die man mit chiffrierten Botschaften machte, die kilometerweit �ber einen Draht gesandt wurden.</p><p>Viele Kadetten nahmen Mahans Ideen auf, doch wenige vertraten sie auf so fanatische Art und Weise wie Bent. Dies zeigte sich sehr eindr�cklich, als sie zu ihrem Ungl�ck Bent ein zweites Mal als Zuchtmeister erhielten. Mahan lehrte, da� die gro�en Gener�le wie Friedrich und Napoleon nie blo� um ein St�ck Land k�mpften, sondern da� es ihnen um ein sehr viel wichtigeres Ziel ging � n�mlich darum, den Widerstand des Feinds zu brechen. W�hrend des Drills hielt Bent einen seltsamen, kurzen Vortrag, in dem er sich auf die Lehren Mahans bezog und dann betonte, da� es Pflicht der Senioren sei, die milit�rische Disziplin zu f�rdern, indem sie jeglichen Widerstand der Junioren brechen w�rden.</p><p>Ein L�cheln huschte �ber sein Gesicht, als er fortfuhr, doch seine dunklen, kleinen Augen blieben kalt. Jackson war auch in jener Gruppe und wurde an diesem Tag zur besonderen Zielscheibe von Bent. Er nannte den Mann aus Virginia Dummkopf, und zwar nicht nur einmal, sondern gleich ein halbes dutzendmal.</p><p>Als sie wieder in der Kaserne waren, erkl�rte Jackson, da� Bent seiner Meinung nach etwas �gereizt� sei. �Und ein Christ ist er schon gar nicht�, f�gte er in seinem �blichen Eifer hinzu.</p><p>George zuckte die Achseln. �Wenn man dich Elkanah getauft h�tte, w�rst du vielleicht auch verr�ckt.�</p><p>�Ich wei� nicht viel �ber die Armee�, sagte Orry, �aber ich wei�, da� Bent nicht geeignet ist, andere Leute zu f�hren, und er wird es auch niemals sein.�</p><p>�Aber er geh�rt zu denen, die sich durchsetzen�, bemerkte George. �Besonders wenn er diese Beziehungen wirklich hat, mit denen er �berall herumprahlt.�</p><p>Es war Tradition, da� die Schulabsolventen bei ihrer letzten Parade ihre H�te in die Luft warfen, sie dann mit dem Fu� im Tal herumkickten und auf ihren Bajonetten aufspie�ten. Das war die ganze Entlassungsfeier von West Point. Die Absolventen verlie�en die Akademie bald nach der Zeremonie; meistens hatten sie ihre Uniformen und ihr Bettzeug den zur�ckbleibenden Freunden verkauft oder vermacht. Die Klassen r�ckten dann jeweils um eine weitere auf, und die unter General Winfield Scott einberufene Aufsichtsbeh�rde zur Pr�fung der tauglichen Absolventen wandte nun ihre volle Aufmerksamkeit den Junioren zu.</p><p>General Scott war ehedem <emphasis>der</emphasis> Soldat der Nation gewesen; er hatte ein pomp�ses Auftreten und war dickwanstig, aber ein gro�er Held. Er lie� sich mit seinen T�chtern im Hotel nieder und f�hrte den Vorsitz bei den Eintrittspr�fungen, obwohl er meistens mittendrin einschlief. Das taten �brigens die meisten der Aufsichtsbeamten. Die Professoren leiteten die Pr�fungen. Man konnte sie an ihrer Kleidung erkennen � sie trugen nicht die �blichen Uniformen, sondern dunkelblaue M�ntel und Hosen im Milit�rschnitt.</p><p>Die neuen Kadetten waren nach dem Zufallsprinzip in kleine Gruppen eingeteilt worden; die gesamte T�tigkeit der Akademie war in Gruppenarbeiten aufgeteilt. Die Pr�fungen wurden im �blichen Unterrichtsstil abgehalten. Die Studenten in West Point wurden nicht mit Vorlesungen berieselt, die sie dann sp�ter vor ihrem Ausbilder wiederk�uen mu�ten. Gem�� einem festen Plan mu�ten jeden Tag einige Gruppenmitglieder einen Vortrag halten. Zu diesem Zweck wurde jeweils eine Wandtafel benutzt.</p><p>W�hrend der Pr�fung mu�ten George, Orry und die andern vor eine Wandtafel treten und ihr erworbenes Wissen in den verlangten F�chern beweisen. George hatte nicht geb�ffelt, aber die Pr�fungen schienen ihn keineswegs zu beunruhigen, wie seine entspannte Haltung bezeugte. Er bestand ohne Schwierigkeiten. Als Orry an der Reihe war, fand er das Pr�fungszimmer hei�er als einen Stollen; drei Offiziere schienen gelangweilt � Scott schnarchte �, und die Arbeit an der Wandtafel brachte ihn in gro�e Verlegenheit. Er wurde zusammen mit Jackson gepr�ft. Es war v�llig klar, wer von beiden mehr schwitzen oder mehr Kreide auf der Kleidung haben w�rde. Lohnte sich eine solche Folter f�r das f�rstliche Kadettengehalt von vierzehn Dollar pro Monat? Orry mu�te sich selbst dauernd daran erinnern, da� der Kampf an der Wandtafel der Preis f�r ein Soldatenleben war.</p><p>Er hatte Gl�ck. Zwanzig junge M�nner bestanden nicht und wurden nach Hause geschickt. Der Rest wurde mit einer Uniform eingekleidet. Nach diesen ersten, schier endlosen Wochen waren sie nun offiziell Junioren. Und die Tatsache, da� er nun ein Abzeichen auf dem �rmel seines Schwalbenschwanzes trug, war f�r Orry das Ereignis seines Lebens.</p><p><strong>3</strong></p><p>Das gesetzlich vorgeschriebene zweimonatige Sommercamp begann am 1. Juli. Mit Ausnahme der neuen zweitletzten Klasse, die zu Hause auf Urlaub war, schlug das gesamte Kadettenkorps im Tal Zelte auf. Orry wurde in die Geheimnisse des Wachestehens eingef�hrt und lernte, wie man mit Senioren umging, die in der Dunkelheit herumschn�ffelten, um festzustellen, ob sie die neue Wache ablenken konnten.</p><p>Bent war jetzt Unteroffizier. Er schrieb dreimal wegen verschiedener Vergehen einen Bericht �ber Orry. Orry war der Meinung, da� zwei der Anschuldigungen aus der Luft gegriffen waren, die dritte stark �bertrieben. George dr�ngte ihn, f�r letztere eine schriftliche Entschuldigung an den Kadettenkommandanten, Hauptmann Thomas, zu schreiben. Sollte die Entschuldigung �berzeugend genug ausfallen, so w�rden die Fehlerpunkte annulliert werden. Doch Orry hatte geh�rt, da� Hauptmann Thomas ein eifriger Verfechter der Grammatik und ein Liebhaber von gew�hlter und treffender Ausdrucksweise war; oft behielt er einen Kadetten eine Stunde lang zur�ck, und dann korrigierten sie die schriftliche Entschuldigung gemeinsam. Es h�rte sich f�r ihn zu sehr nach der ber�chtigten Wandtafel an; also lie� er den Bericht gelten und steckte seine Fehlerpunkte ein.</p><p>George schien die bevorzugte Zielscheibe von Bent zu sein. Als die Junioren das Camp in Ordnung brachten, schikanierte der Dickwanst George bis zur Ersch�pfung, indem er ihn zwang, Kieselsteine aufzulesen und Grashalme zu gl�tten, die seiner Meinung nach krumm waren. Zum Vergn�gen Bents konnte George sein Temperament nur schwer z�geln und kassierte mit rasanter Geschwindigkeit Fehlerpunkte.</p><p>Trotz der engen Zelte, dem schlechten Essen und den dauernden Schikanen von seiten der Senioren, die so ziemlich alles an den Junioren kritisierten � vom Salutieren bis zu ihren Ahnen � war Orry vom Camp begeistert. Er fand Gefallen an den Infanterie- und Artillerie�bungen, die den gr��ten Teil des Tages in Anspruch nahmen. Die Abendparaden, die von Hotelg�sten besucht wurden, waren herrliche milit�rische Demonstrationen, f�r die sich alle M�he lohnte.</p><p>Jede Woche wurde ein Kadettentanzfest abgehalten. Damit auch sicher gen�gend Tanzpartner f�r die anwesenden Damen vorhanden waren, erlaubte die Akademie ihren Studenten einen deutschen Tanzlehrer. George polierte seine Tanzkenntnisse auf und war, wenn er nicht Dienst hatte, bei jedem Treffen dabei. Es war den Junioren gestattet, sich unter die Damen zu mischen, sie mu�ten jedoch den Senioren den Vortritt gew�hren. Trotzdem vergn�gte sich George ungeheuer und wandelte bei mehreren Gelegenheiten mit einem M�dchen auf den sogenannten Flirtwegen � dies war ein Versto� gegen die Vorschriften, wonach bestimmte Bezirke des Camps f�r seine Klasse nicht zug�nglich waren.</p><p>Eines Abends, nach einem solchen Tanzfest, kam George ins Zelt gekrochen; er roch stark nach Zigarren. Orry lag noch wach, und George forderte seinen Freund auf, doch am n�chsten Tanzfest mitzumachen.</p><p>�Ich bin ein sehr schlechter T�nzer�, sagte Orry g�hnend. �Ich habe einfach nicht die Nerven, um ein M�dchen fest in den Armen zu halten. Das Problem ist, da� die Frau f�r mich ein Objekt darstellt, das man wie eine Statue aus der Ferne bewundert.�</p><p>�Bl�dsinn�, fl�sterte George. �Frauen sind dazu da, angefa�t und gebraucht zu werden � wie sch�ne alte Winterhandschuhe. Sie m�gen das.�</p><p>�Das kann ich nicht glauben, George. Frauen denken anders als M�nner. Sie sind sensible Gesch�pfe. Edel.�</p><p>�Sie geben blo� vor, edel und sensibel zu sein, weil es ihnen manchmal in den Kram pa�t. Glaub mir Orry, eine Frau will genau dasselbe wie ein Mann � sie darf es blo� nicht zugeben, das ist alles. Du t�test besser daran, diese romantische Vorstellung �ber das schwache Geschlecht fallenzulassen. Wenn nicht, dann k�nnte es passieren, da� eines sch�nen, bald kommenden Tages eine Dame dir das Herz bricht.�</p><p>Orry war nahe daran, George recht zu geben, aber er konnte sich in jenem Sommer doch nicht dazu �berwinden, ein Tanzfest zu besuchen.</p><p>Ende August kehrten die andern vom Diensturlaub zur�ck, und das Kadettenkorps zog wieder in die Kaserne um. Die Senioren benutzten die Gelegenheit, die Junioren als Lastesel zu benutzen, und kommandierten sie dazu ab, ihre Habe zu tragen. Unteroffizier Bents Wahl fiel auf George, der bei 36 Grad Hitze viermal mit erdr�ckenden Lasten hin und her eilen mu�te. Beim f�nften Mal erteilte Bent ihm den Befehl zu rennen. George schaffte es bis zur Mitte der Treppe der Nordkaserne, schnappte nach Luft und wurde ohnm�chtig. Er stie� sich die Stirn am Treppenabsatz blutig. Weder entschuldigte sich Bent, noch zeigte er irgendwelche Anteilnahme. Er schrieb einen Bericht �ber George, in dem er ihn beschuldigte, durch Sorglosigkeit die Habe eines Seniors besch�digt zu haben. Orry dr�ngte seinen Freund, eine Entschuldigung zu schreiben. Aber George wollte nicht. �Ich m��te zugeben, da� ich wie ein M�dchen in Ohnmacht gefallen bin. Das will ich aber nicht in meinem Bericht drin haben. Doch mach dir keine Sorgen, ich werde dieses Schwein schon noch kriegen. Wenn nicht n�chste Woche, so n�chsten Monat oder n�chstes Jahr.�</p><p>Das Morgenschie�en, das Abendschie�en, die Pfeifen und Trommeln waren bald zur vertrauten, ja sogar freundlichen Ger�uschkulisse geworden. Orry mochte die Trommeln am liebsten. Sie waren nicht nur eine Art Uhr, sondern erinnerten ihn auch stets daran, weshalb er hier war. Sie munterten ihn auf, wenn er das Studium zu hart fand � was jedesmal der Fall war, wenn er an die Wandtafel mu�te.</p><p>Am Vormittag wurden die Junioren in Mathematik unterrichtet, am Nachmittag erhielten sie Franz�sischunterricht. W�hrend der ersten Woche setzten sich die Arbeitsgruppen rein zuf�llig zusammen. Gegen Ende der Woche wurde den neuen Kadetten ein Rang zugewiesen. In Mathematik war Orry in der zweitletzten Gruppe. In Franz�sisch befand er sich in der letzten Gruppe, unter den �Unsterblichen�, wie sie von den Kadetten genannt wurden.</p><p>Orrys Franz�sischgruppe war Leutnant Theophile d�Oremieux unterstellt, einem geb�rtigen Franzosen, der vom Scheitel bis zur Sohle ein Gallier war. Er reagierte besonders stark auf den Akzent seiner Sch�ler, was sich in den Noten, die er erteilte, niederschlug.</p><p>Der Gruppenrang wurde einmal pro Woche bei der Parade bekanntgegeben. Einige Kadetten stiegen ab und zu aus der Gruppe auf und wurden dann vielleicht wieder r�ckf�llig � aber Orry blieb unten. Dies veranla�te d�Oremieux, ihn nach seinem famili�ren Hintergrund zu fragen. Orry mu�te zugeben, da� der Gr�nder der Main-Familie ein Franzose gewesen war.</p><p>�Dann spricht Ihre Familie sicherlich franz�sisch?�</p><p>�Nein, nicht mehr, leider. Meine Mutter kann es ein bi�chen lesen, und meine Schwestern haben franz�sische Hauslehrer, aber das ist alles.�</p><p>�Gott im Himmel�, rief der Lehrer und rannte wie wild im Zimmer umher. �Wie kann man von mir erwarten, da� ich Barbaren etwas beibringe. Genausogut k�nnte ich versuchen, M�sieu Attila das Bemalen von Teetassen beizubringen.�</p><p>Dieses Gespr�ch hatte die Beziehung zwischen Orry und dem Lehrer keineswegs verbessert. Eines sch�nen Oktobertages, als Orry einen ganz besonders m�hseligen Beweis seiner mangelnden Franz�sischkenntnisse erbracht hatte, konnte d�Oremieux nicht mehr an sich halten:</p><p>�Lassen Sie mich Ihnen etwas sagen, M�sieu Main. Wenn M�sieu <emphasis>J�sus-Christ</emphasis> mich fragte: �M�sieu d�Oremieux, wollen Sie M�sieu Mains Franz�sisch anh�ren oder wollen Sie in die H�lle gehen?� so w�rde ich ihm antworten: �Ich gehe lieber in die H�lle, <emphasis>s�il vous plait,</emphasis> M�sieu <emphasis>J�sus-Christ.�</emphasis> Setzen Sie sich. <emphasis>Setzen Sie sich!�</emphasis></p><p>Am folgenden Tag �bte Orry laut franz�sisch. Er tat dies, sobald er allein im Zimmer war. Bent schn�ffelte dauernd herum und erwischte ihn zwei Tage sp�ter bei einer dieser lauten �bungen. Er fragte br�llend, was los sei. Als Orry es ihm erkl�rte, verh�hnte ihn Bent.</p><p>�Sie unterhalten doch jemanden hier, Sir. Sie haben Gesellschaft.�</p><p>Orry err�tete. �Nein, Sir. �berzeugen Sie sich selbst, Sir.�</p><p>Doch der Unteroffizier war bereits davongewatschelt. Im Bericht stand, Orry h�tte versucht, einen Vorgesetzten hinters Licht zu f�hren.</p><p>Orry schrieb eine Entschuldigung. Nach einem unangenehmen Verh�r durch Hauptmann Thomas wurde der Bericht aus seiner Akte entfernt. Sp�ter erfuhr er, da� Bent zehn Minuten lang getobt und geflucht hatte, als er die Nachricht erhalten hatte.</p><p>Der Herbst verging schneller, als es Orry erwartet hatte. Paraden, Exerzieren, Klassenarbeiten und unerm�dliches Studium lie�en kaum Zeit f�r andere Besch�ftigungen. Das West-Point-System war darauf ausgerichtet, die Kadetten im Wachzustand voll zu besch�ftigen. Die Junioren konnten nur �ber ihre Samstagnachmittage frei verf�gen, und oft mu�ten sie an diesen freien Nachmittagen zus�tzlichen Wachtdienst leisten, um Fehlerpunkte abzuarbeiten.</p><p>Bei schlechtem Wetter war der Dienst m�hselig. Superintendent Delafield mit dem Spitznamen Old Dickey hatte eine merkw�rdige Art, Einsparungen zu machen. Er weigerte sich zum Beispiel, bis nach den Januarpr�fungen �berzieher herauszugeben. Weshalb sollte man einem Kadetten einen teuren Mantel geben, den er blo� mitnehmen w�rde, falls man ihn entlie�? Folglich schoben die neuen Kadetten im Herbstregen und Hagel Wache in einem d�nnen, unglaublich schmutzigen �berzieher, den sie im Wacheraum gefunden hatten und auf dem sich w�hrend Jahren Staub und Ungeziefer angesammelt hatten.</p><p>George b�ffelte immer noch nicht, war aber in Mathematik und Franz�sisch stets in der ersten oder zweiten Gruppe. Er hatte bereits 110 Fehlerpunkte, Orry 93. Bent war in beiden F�llen f�r zwei Drittel der Punkte verantwortlich.</p><p>Als die Januarpr�fungen n�herr�ckten, lie�en die Bel�stigungen durch Bent etwas nach. Orry hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, sich nach dem Lichterl�schen noch in Tom Jacksons Zimmer zu stehlen. Im Lichtschein glimmender Kohlen lernten sie zusammen.</p><p>Orry entdeckte, da� Jackson von Natur aus intelligent, ja sogar brillant war, aber gro�e Schwierigkeiten mit den Lektionen und dem formellen Unterrichtsablauf hatte. F�r jede Versetzungsnote mu�te er einen ungeheuren Energieaufwand leisten. Aber er war entschlossen, sich nicht unterkriegen zu lassen; einige der andern Kadetten erkannten dieses Streben � Jackson hatte bereits seinen Spitznamen: General.</p><p>Manchmal jedoch dachte Orry, Jackson sei verr�ckt, dann n�mlich, wenn er sich w�hrend f�nf Minuten ganz aufrecht hinsetzte, damit seine inneren Organe �in der richtigen Position lagen�. In bezug auf seine Gesundheit war er absolut pedantisch.</p><p>Weihnachten kam, und obwohl der Kaplan in der Kapelle eine interessante Predigt hielt und in der Kantine ein feines Essen aufgetragen wurde, erlebten die meisten Kadetten diesen Tag in Traurigkeit und Einsamkeit.</p><p>Der Januar begann mit bitterer K�lte und d�sterem Himmel. Der Hudson wurde langsam von einer Eisdecke zugedeckt, aber Orry bemerkte es kaum. Auch wenn er w�hrend eines Schneesturms Wache stehen mu�te, waren seine Gedanken beim Franz�sischunterricht. Irgendwie �berstand er die Inquisition an der Wandtafel. Nachdem die Pr�fungsergebnisse bekanntgegeben worden waren, jauchzte er vor Freude, w�hrend andere Kadetten schweigend ihre Koffer packten. Sechzehn Junioren mu�ten gehen. Die anderen wurden vereidigt, unterzeichneten die Aufnahmebedingungen � und erhielten endlich ihre Kadettenm�ntel.</p><p>Der Februar hatte kaum begonnen, als George seinem Zimmergenossen einen gewagten Vorschlag unterbreitete.</p><p>�Ich hab� keine Zigarren mehr, und eigentlich haben wir unseren schlagenden Erfolg nie geb�hrend gefeiert. Komm, wir gehen zu Benny.�</p><p>Orry blickte in Richtung Fenster. Das Mondlicht malte sternf�rmige Frostmuster auf die Fensterscheiben. Die Nacht war so kalt, da� auch das Kaminfeuer nicht mehr viel ausrichten konnte. Der Hudson war jetzt beinahe bis auf den Grund gefroren. �Bei diesem Wetter? Zu dieser Stunde?� Orry zog die Brauen hoch. Bald w�rden der Zapfenstreich und das Signal zum Lichterl�schen ert�nen.</p><p>George sprang vom Bett. Er war dabei gewesen, einen Roman zu lesen. �Nat�rlich! Klar! Wir m�ssen dem Wahrzeichen von West Point noch einen Besuch abstatten. Wir sind uns ein Fest schuldig. Wo bleibt dein Abenteuergeist?� Und schon zog er seinen neuen Mantel an.</p><p>Orry wollte eigentlich nein sagen, aber da George fr�her bereits einige Bemerkungen �ber seine Unentschlossenheit gemacht hatte, f�hlte er sich nun genau zum Gegenteil veranla�t. Eine halbe Stunde nach dem Lichterl�schen schlichen sie die eiserne Treppe hinunter, stahlen sich am Wachtposten vorbei und rannten durch die klirrende, atemberaubende K�lte zum Flu�. M�hsam kletterten sie den Pfad auf der H�gelflanke hinunter und k�mpften sich durch Schnee und gefrorenes Unterholz dem Ufer entlang. Es war ziemlich anstrengend. George schielte auf die glitzernde Eisfl�che zu ihrer Linken.</p><p>�Es w�re einfacher, wenn wir �ber das Eis gehen w�rden.�</p><p>�Glaubst du, es tr�gt uns?�</p><p>�Das werden wir schnell herauskriegen.�</p><p>Orry folgte seinem Freund auf den Fersen und tadelte sich selbst wegen seiner ewig mangelnden K�hnheit. Was war das f�r ein Verhalten von jemandem, der vielleicht einmal das Kommando f�r eine Schlacht �bernehmen mu�te? Er machte einen Schritt auf das glitschige Eis und h�rte ein Krachen.</p><p>George, der ihm voraus war, hielt an. �Was war das?�</p><p>Orry starrte auf die schwarze H�gelmasse hinter ihnen und sagte: �Ich glaube, es kam von dort.�</p><p>�Du glaubst doch nicht, da� uns jemand folgt?�</p><p>Orry blickte umher. Man w�rde sie auf dem mondhellen Eis vom Ufer aus klar erkennen k�nnen. �Zu sp�t, um sich dar�ber Gedanken zu machen.�</p><p>George pflichtete ihm bei. Sie eilten vorw�rts. Das Eis krachte mehrere Male und drohte, unter ihrem Gewicht einzubrechen. Eigentlich war es zu d�nn, um einen sicheren �bergang zu gew�hrleisten. Doch es gab keine Anzeichen daf�r, da� ihnen jemand folgte, und bald blickten sie �ber ein Fenstersims auf ein gem�tliches Kaminfeuer, das in Benny Havens kleiner Kneipe am Flu�ufer brannte. George rieb sich die H�nde.</p><p>�Das Gl�ck ist auf unserer Seite. Kein Senior in Sicht.�</p><p>In der Tat hatte Benny heute abend keine Kunden von der Akademie, blo� zwei aus dem Dorf Buttermilk Falls, das auf dem H�gel oberhalb der Taverne lag. Der freundliche Benny mit seinen pechschwarzen Haaren, seiner gro�en Nase und seinen indianischen Gesichtsz�gen verkaufte seit vielen Jahren Bier, Wein und Spirituosen. Er begr��te die beiden Neuank�mmlinge herzlich. Die Dorfleute warfen ihnen m�rrische Blicke zu.</p><p>George bestellte drei Zigarren und zwei Bier. Die Freunde sa�en an einem Ecktisch in der N�he eines Fensters mit Blick auf den H�gel. Sollte sich ein Senior zeigen, so konnten sie durch die Vorhangt�r neben dem Kamin aus Feldgestein verschwinden. Orry entspannte sich etwas und geno� sein Bier sowie den Duft von hei�em Schinken, der aus der K�che im Hintergrund zu ihnen her�berwehte. Er bestellte einen Teller Schinken und etwas Brot.</p><p>Benny trug das Essen auf und begann dann ein Gespr�ch. Orry sei herzlich willkommen als Neuank�mmling, aber sein Akzent verrate, da� er aus dem S�den komme. H�flich erkundigte Benny sich, wie es denn mit der Forderung der S�dstaaten nach der Annexion von Texas stand. Steckte dahinter der Wunsch der Politiker, der Union mehr Gebiete hinzuzuf�gen, wo Sklaverei herrschte?</p><p>Orry war schon zu oft deswegen angegriffen worden, als da� er sich verletzt gef�hlt h�tte. Abgesehen davon sagte sein Bruder Cooper � sehr zum �rger seines Vaters �, da� dies wahr sei. Orry nahm sich Zeit, um eine Antwort zu formulieren. W�hrend er �berlegte, runzelte Benny die Stirn und blickte in Richtung Vorhangt�r. Alle hatten ein Ger�usch in der K�che geh�rt. Der Gesichtsausdruck von George deutete darauf hin, da� es �rger geben w�rde. Da flog auch schon der Vorhang beiseite und ein vor K�lte ger�teter Kopf, der aus einem zitternden Kadettenmantel herausragte, wurde sichtbar.</p><p>�Aha, was haben wir denn hier? Zwei Misset�ter, wie ich sehe�, sagte Elkanah Bent mit einem h�mischen Grinsen.</p><p>Orry hatte Magenschmerzen. Er war sicher, da� Bent nicht rein zuf�llig hier war. Er erinnerte sich an die Ger�usche, die sie auf dem Weg hierher geh�rt hatten. Wie viele N�chte hatte Bent ihnen wohl nachspioniert und auf diese Gelegenheit gewartet?</p><p>Pl�tzlich schmi� George sein leeres Bierglas in den Raum. Bent br�llte und duckte sich, um nicht getroffen zu werden. �Los!� schrie George und rannte wieselflink durch die K�chent�r. Orry st�rmte hinterher, von einem unsinnigen Gedanken verfolgt: Sie hatten ihre Rechnung nicht bezahlt.</p><p>George stolperte �ber einen Schneehaufen am Ufer. Orry hielt an, rannte zur�ck und half seinem Freund auf die F��e. Er sah, wie Bent schwerf�llig hinter ihnen her war. Benny Haven stand in der T�r und schaute am�siert zu. Er schien sich keine Sorgen um die Rechnung zu machen.</p><p>�Komm doch, George�, keuchte Orry, als sein Freund erneut ausrutschte und im Schnee landete. �Diesmal wird uns der Schweinehund erwischen.�</p><p>�Nicht, wenn wir ihn zusammenschlagen.�</p><p>�Auch wenn wir das tun, wird er einen Bericht �ber uns schreiben, und l�gen k�nnen wir nicht�, sagte Orry keuchend, als sie flu�aufw�rts rannten. Der Ehrenkodex der Akademie war ihnen bereits in Fleisch und Blut �bergegangen.</p><p>�Nein, das k�nnen wir nicht�, sagte George.</p><p>Doch Bent hatte mit seiner K�rpermasse zu k�mpfen. Die beiden jungen Kadetten konnten viel schneller rennen als er, aber sie hatten mit dem Geb�sch Schwierigkeiten. Die gefrorenen �ste peitschten ihnen ins Gesicht und brachen mit einem Knall, der wie ein Schu� t�nte, wenn sie darauf traten. George �nderte nach kurzer Zeit die Richtung. Er sprang �ber ein niedriges Geb�sch und landete auf dem Eis. Orry sah, wie sich Risse in der mondwei�en Eisdecke bildeten und das Eis einbrach.</p><p>�Vielleicht k�nnen wir ihn dazu bringen, keinen Bericht abzufassen�, sagte George, der vorausging. �Auch er ist schlie�lich nach dem Lichterl�schen noch drau�en, vergi� das nicht.�</p><p>Orry gab keine Antwort und rannte weiter. Georges Logik schien irgendwie falsch, aber er konnte den Fehler nicht nachweisen. Es war t�ckisch, auf dem Eis zu gehen, das dauernd einzubrechen drohte. Er blickte zur�ck, sah, wie Bent ihnen stolpernd und schwankend auf den Fersen war, ein riesiger Tintenfleck auf der hellen Eisfl�che.</p><p>�Noch zwanzig Meter und wir sind auf dem Pfad�, schrie George. Im selben Augenblick h�rten sie hinter sich einen Schrei. George schlitterte, bremste und warf einen verstohlenen Blick zur�ck. �O Gott�, st�hnte er.</p><p>Orry taumelte gegen ihn und drehte sich um. Der Klecks auf dem Eis war nur noch halb so gro�. Man sah hektische Armbewegungen. Durch die wei�e Stille drangen Schreckensschreie an ihr Ohr.</p><p>�Er ist eingebrochen�, rief Orry.</p><p>�Erstaunt dich das bei seinem Gewicht? Komm!�</p><p>�George, wir k�nnen ihn doch nicht dem Schicksal �berlassen. Er k�nnte ertrinken!�</p><p>Bents Schreie wurden lauter. George zog eine Grimasse. �Dachte ich mir doch, da� du dies sagen w�rdest.�</p><p>�Ich glaube nicht, da� du von einer Sekunde zur anderen pl�tzlich herzlos geworden bist.�</p><p>�Halt den Mund und komm�, sagte George und rannte zur�ck. In seinen Augen glimmte Zorn, und er brauchte Orry nicht ausdr�cklich zu sagen, da� das Gl�ck sie pl�tzlich verlassen hatte.</p><p>Orry sah, wie Bent versank. Sie rannten beide noch schneller. Dann verschwand Bents Kopf. Seine Feldm�tze schwamm auf dem Wasser, der steife M�tzenschirm gl�nzte im Mondlicht. Gerade als die beiden Kadetten beim Loch in der Eisdecke ankamen, tauchte Bent wieder auf. Schreiend griff er nach ihnen. George und Orry zerrten und zogen, doch die Rettung war schwierig, weil sie dauernd auf dem glatten Eis ausrutschten. Zweimal w�ren sie beinahe kopf�ber ins Wasser gefallen, aber schlie�lich gelang es ihnen, Bent herauszuziehen. W�rgend lag er da, eine enorme Masse. George kniete neben ihm.</p><p>�Bent? Sie m�ssen aufstehen und in die Kaserne zur�ck. Sie erfrieren sonst.�</p><p>�Ja, gut. Helfen Sie mir bitte.�</p><p>George und Orry schoben ihre Schultern unter Bents Arme, um ihn zu st�tzen. Als sie soweit waren, war er schon nicht mehr in der Lage, zusammenh�ngend zu reden, er st�hnte nur noch und schnappte nach Luft. Da seine Kleider v�llig durchtr�nkt waren, waren auch seine Retter mit der Zeit durchn��t und fingen an zu frieren. Sie waren nun am Flu�ufer angelangt. Schweigend kletterte er m�hsam den H�gel hinauf. Oben angelangt, sch�ttelte er sich, holte tief Luft und sagte:</p><p>�Ich sch�tze, was Sie f�r mich getan haben. Es war � tapfer. Ich gehe besser in diese Richtung. Gehen Sie zur Kaserne zur�ck.�</p><p>Er torkelte in die Dunkelheit hinein. Eine Weile noch konnte man seine quietschenden Schuhe und seinen schweren Atem h�ren. Orry klapperte mit den Z�hnen. Seine H�nde waren steif, wie gefroren. �Merkw�rdig, was Bent gesagt hat, wie � � Er konnte den passenden Ausdruck nicht finden.</p><p>George konnte die Gef�hle seines Freundes in Worte fassen. �Er schien ebenso aufrichtig wie eine Frau, die das Jungfrauendasein lobt. Ich glaube, wir h�tten ihn ertrinken lassen sollen.�</p><p>Trotz der K�lte mu�te Orry lachen. �Nun, da alles vorbei ist, mu�t du zugeben, da� wir ein lausiges Fest gehabt haben.�</p><p>�Allerdings.� George zog drei zerbrochene Zigarren aus der Tasche seines �berziehers hervor. Mit wehem Herzen warf er sie weg. �Der einzige Trost ist, da� sie umsonst waren. Komm, wir gehen hinein, bevor wir an Sch�ttelfrost sterben.�</p><p>Bent erschien nicht zum Fr�hst�ck. Er feierte offensichtlich krank. George und Orry berichteten nur den engsten Freunden von ihrer n�chtlichen Eskapade. Sp�ter am Tag �berbrachte ihnen Pickett eine unangenehme Nachricht.</p><p>�Es tut mir leid, aber das fette Schwein hat euch nicht die ganze Wahrheit erz�hlt. Er hatte einen Sonderurlaub f�r Dienstabwesenheit nach dem Zapfenstreich. Er holte sich die Erlaubnis bei einem der Stabsoffiziere. Er sagte, er wisse, da� zwei der Junioren fast jeden Abend zu Benny gingen, und er wolle sie �berraschen.�</p><p>Zum Abendbrot gab es Albany Beef in der Messe � es war dies ein Spitzname f�r St�r, den man noch gefangen hatte, bevor der Hudson zugefroren war. Aus irgendeinem Grund reagierte Orrys Magen schlecht auf den Fisch. Sp�ter fragte er sich, ob er eine Vorahnung gehabt hatte. Noch bevor der Abend zu Ende war, hatte Bent einen Bericht �ber die Kadetten Main und Hazard geschrieben.</p><p>Der Ehrenkodex der Akademie beruhte auf dem Glauben an den guten Charakter der Kadetten. Lehnte ein Kadett einen Vorwurf als falsch ab, verlie� man sich auf sein Wort und zog die Klage zur�ck. Orry glaubte an den Kodex, und sogar der eher zynische George glaubte daran. Deshalb leugneten sie ihre Schuld nicht, obwohl die Fehlerpunkte, die sie sich dabei einhandelten, f�r George fast die Entlassung bedeuteten.</p><p>Um einige der Fehlerpunkte abzuarbeiten, mu�ten die beiden des �fteren zus�tzliche Wachtrunden drehen. Das Wetter schien zusehends st�rmischer zu werden. George �berstand den Wachtdienst, ohne krank zu werden, aber mit Orry war es anders. Seit dem Abenteuer am Flu� hatte er des �fteren niesen m�ssen, und als er an einem Samstagnachmittag Wache schob, f�hlte er sich schwach, und ihm schwindelte.</p><p>Von Nordwesten her, aus den Bergen, zog ein heftiger Schneesturm auf, und in knapp einer Stunde war �ber ein Fu� hoch Schnee gefallen. Orry stapfte am Ausfalltor hin und her und mu�te schlie�lich feststellen, da� er trotz der K�lte beinahe vor Hitze umkam. Auf seinen Wangen vermischte sich Schwei� mit Schnee. Sein Gewehr schien entsetzlich schwer. Er taumelte und lehnte sich an die Kasernenwand, um sich etwas zu erholen. Jemand zupfte ihn am �rmel. Orry erkannte einen Bekannten aus den h�heren Semestern namens Sam Grant, ein unauff�lliger Bursche, der aber ein hervorragender Reiter war.</p><p>�Wer hat Sie in diesem Wetter hierher geschickt?� fragte Grant. �Sie sind so gr�n im Gesicht, als ob Sie jeden Moment ohnm�chtig w�rden. Sie geh�ren ins Krankenhaus.�</p><p>�Es geht gut, Sir�, kr�chzte Orry und machte einen Versuch, geradezustehen.</p><p>Der kleine Kadett mit den dunklen Augen blickte skeptisch. �Es geht ihnen so gut wie meiner Tante Bess f�nf Minuten vor ihrem letzten Atemzug! Soll ich einen Stabsoffizier auftreiben, damit man Sie abl�st?�</p><p>�Nein, Sir, das w�re � Pflichtvers�umnis.�</p><p>Grant sch�ttelte den Kopf. �Aus Ihnen wird mal ein guter Soldat, Mr. Main � wenn Sie nicht vorher wegen Halsstarrigkeit sterben.�</p><p>�Kennen Sie mich denn?�</p><p>�Jeder einzelne des Korps kennt Sie, Ihren Freund und diesen Halunken aus Ohio. Schade, da� Unteroffizier Bent soviel Ansehen genie�t. Einige von uns versuchen, das zu �ndern, und schikanieren ihn ebenso wie er die andern. Ich w�nsche Ihnen, da� Sie das noch erleben, Sir.� L�chelnd stapfte Grant durch den Schnee davon.</p><p>Es mu�te etwa sechzehn Uhr sein. Dunkel wie mitten in der Nacht. Orry zwang sich zu einer weiteren Wachrunde. Er glaubte, er w�rde marschieren, aber er taumelte blo� hin und her. Gl�cklicherweise waren die meisten Offiziere in der Kaserne, so da� niemand sein trauriges Schauspiel mitansehen mu�te.</p><p>Eine weitere halbe Stunde verging. Er hatte pl�tzlich Angst, da� er krank war, todkrank vielleicht, und da� sein t�richter Wunsch, nur ja keine Schw�che zu zeigen, ihn umbringen w�rde.</p><p>�Ihre Schritte sind aber gar nicht schneidig, Sir, gar nicht schneidig.� Wie vom Donner ger�hrt drehte sich Orry um. Bent stand auf der andern Seite des Ausfalltores; in seinem zeltf�rmigen �berzieher sah er wie ein Riesenschatten in der Dunkelheit aus. Seine Augen blitzten.</p><p>�Ich habe geh�rt, da� Sie hier drau�en sind, Sir. Ich wollte mal eben nachsehen, ob � �</p><p>Er stockte, als Orry das alte Gewehr von der Schulter nahm. Orrys Angst war verflogen, er wu�te nicht mehr, was er tat.</p><p>�Weshalb richten Sie das Ding auf mich, Sir?�</p><p>�Weil ich Sie erschie�en werde, Bent. Wenn Sie mich und meinen Freund nicht in Ruhe lassen, erschie�e ich Sie.�</p><p>Bent versuchte, ein h�hnisches L�cheln aufzusetzen. �Das Gewehr ist nicht geladen, Sir.�</p><p>�Nicht geladen?� Orry zog die Brauen hoch und taumelte. �Dann werde ich Sie damit totschlagen, Sir. Und wenn man mich vors Milit�rgericht bringt oder mich erschie�t, ich t�te Sie, wenn Sie undankbarer Hund noch f�nf Sekunden hier herumstehen.�</p><p>�Um Gottes Willen, wir haben einen Verr�ckten in West Point.�</p><p>�Ja, Sir. Einen Wahnsinnigen aus Ohio, der die Junioren wie Tiere behandelt. Nun, Mr. Bent, Sir, hier steht ein Junior, der sich das nicht mehr l�nger gefallen lassen wird. Sie haben f�nf Sekunden, Sir. Eins, <emphasis>Sir,</emphasis> zwei, <emphasis>Sir�</emphasis>�</p><p>Bent war w�tend, aber er schwieg. Das wilde wei�e Gespenst vor ihm sch�chterte ihn ein. Mit einem beinahe manischen Gesichtsausdruck kehrte Orry das Gewehr um und fa�te es wie einen Stock am Lauf.</p><p>Bents Gesicht verriet Ha� und Dem�tigung. Pl�tzlich machte er auf dem Absatz kehrt und schien wie vom Schneesturm verschluckt.</p><p>Orry schluckte leer und br�llte: �Und von jetzt an t�ten Sie besser daran, uns in Ruhe zu lassen!�</p><p><emphasis>�Was sagten Sie eben, Sir?�</emphasis></p><p>Der scharfe Klang einer Stimme lie� ihn herumwirbeln. Ein bis zu den Ohren eingemummter Stabsoffizier stapfte auf ihn zu. Der Wind heulte, und der Offizier mu�te schreien. �Kadett Grant hat mich gebeten, hierherzukommen. Er sagte, Sie seien zu krank f�r diesen Wachtposten. Stimmt das?�</p><p>Orry hatte das Strammstehen schon sicher mindestens tausend Mal ge�bt. Er versuchte es und bemerkte nicht, da� er eben eine Tods�nde begangen hatte: Er hatte sein Gewehr in den Schnee fallen lassen.</p><p>Der Offizier schien hin und her zu schwanken. Orry versuchte klar zu sehen, indem er mit den Augen blinzelte.</p><p><emphasis>�Stimmt das, Sir?�</emphasis></p><p>�Nein, Sir�, schrie Orry und fiel dem Offizier ohnm�chtig in die Arme. Eine Stunde sp�ter kam George ins Krankenhaus gerannt. Im Wartezimmer erwartete ihn Dr. Wheaton.</p><p>�Es steht schlimm mit Ihrem Freund. Er hat au�erordentlich hohes Fieber. Wir versuchen es zu senken, aber wenn es innerhalb von vierundzwanzig Stunden nicht zur�ckgeht, schwebt er in Lebensgefahr.�</p><p>George dachte an Bent, an den Schneesturm und an Orry. �Der verdammte Idiot will um jeden Preis Soldat werden�, sagte er mit bitterem Ton.</p><p>�Solcher Ehrgeiz wird hier gesch�rt�, sagte Wheaton mit Stolz und Bedauern in der Stimme. �Sie sehen auch nicht gerade gut aus, junger Mann. Ich verschreibe Ihnen ein Gl�schen Rum. Kommen Sie in mein B�ro.�</p><p>Mit der Erlaubnis des Arztes hielt George an Orrys Bett Nachtwache. F�r eine Weile gesellten sich Pickett und danach Jackson dazu. Ein Senior namens Grant schaute kurz herein. George konnte sich nicht vorstellen, woher Orry ihn kannte. Am n�chsten Morgen war es kalt und still im Krankenhaus. George rutschte auf seinem Stuhl herum. Die andern waren gegangen. Orrys Gesicht war immer noch genauso wei� wie die ungef�rbte Wolldecke, die man ihm bis ans Kinn gezogen hatte. Im flackernden Licht der Fisch�llampe sah er zerbrechlich und sehr krank aus.</p><p>George starrte auf seinen Freund und stellte zu seinem Erstaunen fest, da� ihm Tr�nen �ber die Wangen liefen. Als er das letzte Mal in seinem Leben geweint hatte, war er f�nf Jahre alt gewesen. Sein �lterer Bruder Stanley hatte ihn verdroschen, weil er mit dessen Lieblingsfrosch gespielt hatte.</p><p>Es �berraschte George nicht, da� das Schicksal von Orry Main ihm so viel bedeutete. Sie hatten in kurzer Zeit vieles zusammen erlebt. Gemeinsame Hoffnungen und M�hsal hatten ein enges Freundschaftsband geschmiedet. Auch das brachte West Point offensichtlich fertig. Er blieb auf seinem Stuhl sitzen, a� nicht und schlief nicht, bis Orrys Fieber um die Mittagszeit schlie�lich sank.</p><p>Am folgenden Nachmittag, als die Februarsonne hell durch die Fensterscheiben schien, sah Orry wesentlich besser aus. Vor dem Abendessen besuchte ihn George nochmals und brachte ihm eine gute Nachricht.</p><p>�Es scheint, als sei Bent es m�de geworden, uns zu schikanieren. Ich bin ihm auf dem Weg hierher begegnet. Er blickte in die andere Richtung.�</p><p>�Ich w�rde ihn immer noch gerne umbringen. Gott vergebe mir diesen Gedanken, aber das sind nun mal meine Gef�hle.�</p><p>George war von der ruhigen Wut Orrys beunruhigt, aber er l�chelte und lie� sich nichts anmerken. �Schau, Freund, du bist derjenige gewesen, der G�te und Erbarmen gepredigt hat, als er im eisigen Wasser unterzugehen drohte. Und ich habe auf dich geh�rt.�</p><p>Orry verschr�nkte die Arme. �Beinahe w�nschte ich, du h�ttest es nicht getan.�</p><p>�Es ist besser, ihn leben und zappeln zu lassen. Die Senioren r�cken ihm auf die Pelle, wie sie nur k�nnen. Das ist s��e Rache.�</p><p>�Aber er wird uns die Schuld daf�r geben. Auch wenn er uns eine Weile in Ruhe l��t, so wird er doch nicht vergessen. Etwas stimmt bei ihm nicht.�</p><p>�Nun gr�me dich nicht deswegen�, sagte George mit einem Schulterzucken. �Wir k�nnen noch genug tun, um unsere Fehlerpunkte unter zweihundert zu halten. Es ist noch lange nicht Juni.�</p><p>Orry seufzte. �Ja, wahrscheinlich hast du recht.�</p><p>Doch keiner von beiden war davon �berzeugt, da� die Gefahr damit gebannt w�re, wenn sie Bent vergessen k�nnten.</p><p>Im Fr�hling stattete die Hazard-Familie, mit Ausnahme von Virgilia, West Point einen Besuch ab. George beschaffte sich die n�tige Erlaubnis, um am Samstag mit ihnen im Hotel essen zu k�nnen. Er nahm Orry mit.</p><p>William Hazard lud Orry ein, sie irgendwann in Lehigh Station zu besuchen. Orry fand die Familie genauso sympathisch, wie er sie in Erinnerung gehabt hatte � au�er Stanley, der dauernd redete oder vielmehr prahlte. Er br�stete sich mit der Tatsache, da� er und sein Vater an diesem Abend mit den Kembles essen w�rden.</p><p>Zwischen zwei Bissen seiner hervorragenden Lammkeule fragte Orry: �Sind Sie mit den Kembles verwandt?�</p><p>Stanley kicherte: �O nein, Junge, sie sind die Besitzer der West-Point-Gie�erei. Wer, glauben Sie wohl, gie�t die meisten von der Armee gekauften Gesch�tze?�</p><p>Das hochtrabende Auftreten Stanleys verleitete seinen kleinen Bruder Billy dazu, Grimassen zu schneiden und ihn nachzu�ffen. Billy sa� neben Stanley, der das Schauspiel nicht sehen konnte und deshalb auch nicht verstand, weshalb George laut loslachte. Billy handelte sich mit seinen Possen eine Ohrfeige seines Vaters ein. Mrs. Hazard sah bek�mmert aus.</p><p>Orry sagte f�rmlich: �Tut mir leid, ich habe noch nie etwas von den Kembles geh�rt.�</p><p>�Sie sind f�r ihre Samstagabendfeste ber�hmt.� Stanleys Ton lie� durchblicken, da� Orry und sein Heimatstaat irgendwie jenseits des Lebensstroms der Nation lagen.</p><p>Orry wandte sich an Mr. Hazard. �Die Kembles stellen Eisen her, nicht wahr?�</p><p>Der alte Mann nickte. �Ich mu� ehrlich und neidisch zugeben, da� sie un�bertroffen sind.�</p><p>�Vielleicht k�nnten Sie meinem Bruder helfen.�</p><p>Stanley stocherte gelangweilt in seinen Kartoffeln herum. Doch William Hazard h�rte h�flich zu, als Orry erkl�rte, da� Cooper sich j�ngst in seinen Briefen �ber eine unm��ige Anzahl von Br�chen im Gu�eisen der Schwungr�der der Reism�hle von Mont Royal beklagt hatte.</p><p>�Das ist der Name unserer Plantage. Fr�her wurde die M�hle von der Wasserkraft des Flusses angetrieben, aber mein Bruder hat meinen Vater dazu �berredet, eine Dampfmaschine einzusetzen. Mein Vater war dagegen und glaubt nun, recht gehabt zu haben.�</p><p>�Die Herstellung von Gu�eisen ist eine schwierige Sache�, sagte Mr. Hazard. �Vielleicht k�nnen die Kembles Ihrem Bruder helfen. Oder noch besser, vielleicht k�nnen wir es. Sagen Sie ihm, er solle mir schreiben.�</p><p>�Das werde ich tun, Sir. Vielen Dank.�</p><p>Orry war stets darauf bedacht, auf seinen �lteren Bruder einen guten Eindruck zu machen. Am n�chsten Tag schrieb er Cooper. Postwendend kam Coopers Antwort. Er dankte Orry f�r seine Hilfe und schrieb, er w�rde sich f�r Ratschl�ge und Beistand sofort an die Hazard-Werke wenden.</p><p>Es wurde Juni. Zu seinem Erstaunen stellte Orry fest, da� er gute Aussichten hatte, sein Juniorenjahr zu �berleben, obwohl er kaum damit rechnen konnte, eine brillante Milit�rkarriere zu machen.</p><p>George stand weiterhin in hohem akademischen Ansehen, ohne sich gro�e M�he zu geben. Zwar beneidete Orry seinen Freund, jedoch nie so stark, da� Eifersucht ihre Beziehung beeintr�chtigt h�tte.</p><p>Beiden war es gelungen, die Gesamtsumme ihrer Fehlerpunkte gerade unter zweihundert zu halten, und als die neue Gruppe zuk�nftiger Junioren eintraf, lie� der Druck auf sie nach. Orry und George machten nun ihrerseits den Neulingen das Leben schwer, aber ohne jegliche Gemeinheiten. Bent hatte einen allzuguten Anschauungsunterricht vermittelt.</p><p>Nat�rlich war es nicht m�glich, dem Mann aus Ohio g�nzlich aus dem Weg zu gehen. Jedesmal, wenn sie ihm begegneten, setzte er einen undurchdringlichen Blick auf, als w�rden die beiden nicht existieren. Doch George und Orry wu�ten, da� Bent sie nicht vergessen hatte, obwohl er sie w�hrend ihrer letzten Juniorenmonate in Ruhe lie�. Und noch klarer wu�ten sie, da� er ihnen nicht verziehen hatte.</p><p>Etwa zehn Tage vor dem Sommercamp kam Cooper �berraschend auf Besuch. Er war eben aus Pennsylvania angekommen, wo William und Stanley Hazard einige der zersprungenen Teile der Mont-Royal-M�hle begutachtet hatten.</p><p>�Ihr Vater und Ihr Bruder haben das Problem in kurzer Zeit gel�st�, sagte er zu George. �Wie ich vermutete, hat der Dummkopf in Columbia, der die Einzelteile der M�hle herstellte, keine Ahnung von der Sache. Anscheinend stimmt seine Schmelztemperatur nicht. Wenn ich ihm das klarmachen kann, werden wir weniger Pannen haben. Es wird nat�rlich nicht leicht sein, ihn zu �berzeugen, da er kaum zugeben wird, da� man von einem Yankee etwas lernen kann.�</p><p>George war von Cooper Main fasziniert. Cooper war dreiundzwanzig und gr��er als Orry. Er trug feine Kleider, die aber irgendwie unordentlich aussahen. Er hatte eingefallene Wangen, stechende, dunkle Augen und einen gewissen Humor, obwohl George fand, da� er eher etwas sarkastisch war. Cooper und Orry teilten einige Gemeinsamkeiten, wie zum Beispiel die schlanke Gestalt, das braune gewellte Haar und die schmale, fast hochm�tige Nase. Doch der �ltere Bruder wies nicht die gesunde Gesichtsfarbe auf, die bei Orry sofort auftrat, wenn er auch nur einen Tag an der Sonne verbrachte. Coopers schmales Gesicht und sein schm�chtiger K�rper schienen etwas Ungesundes auszustrahlen � als ob er bla� und schw�chlich, aber mit einem unerm�dlichen Denkdrang auf die Welt gekommen w�re.</p><p>W�hrend der kurzen Zeit, die Cooper in Roe�s Hotel verbrachte, schien seine Aufmerksamkeit jedoch dauernd abzuschweifen. Einmal ertappte Orry ihn dabei, wie er mit fast melancholischem Blick die Kaserne anstarrte � vielleicht starrte er auch ins Leere. Doch kurz vor seiner Abreise legte er seine Sorgen und seine ironische Haltung ab und sagte mit einem breiten L�cheln zu George: �Sie m�ssen uns einen Besuch abstatten, Sir. Bei uns gibt es viele h�bsche M�dchen. Zwei davon sogar in unserer Familie. Sie werden einmal richtige Sch�nheiten sein. In Lehigh Valley sind mir nicht viele h�bsche M�dchen begegnet. Ich habe nat�rlich die meiste Zeit �ber in Hoch�fen gestarrt. Ihre Familie f�hrt eine h�chst eindr�ckliche Fabrik, Mr. Hazard.�</p><p>�Nennen Sie mich doch George!�</p><p>�Nein, nenn ihn Stumpf�, warf Orry ein. �Alle Kadetten kriegen fr�her oder sp�ter einen Spitznamen. Wir sind letzte Woche getauft worden.�</p><p>�Stumpf?� Cooper warf seinem Bruder einen Blick zu. �Und wie hei�t du?�</p><p>�Stiel.�</p><p>Cooper mu�te lachen. �Nun, Mr. Stumpf, ich m�chte betonen, da� ich Ihr Familienunternehmen bewundere.� Wieder trat dieser abwesende, melancholische Blick in seine Augen. �Ehrlich.�</p><p>Trotz dem Gebr�ll von K�lbern, die auf einem Boot den Hudson hinuntergefahren wurden, konnten sie die Glocke des Dampfers am Norddock h�ren. Cooper packte seinen Koffer und rannte die Verandatreppe des Hotels hinunter.</p><p>�Besuchen Sie uns, Mr. Stumpf. Pa� auf, da� du richtig i�t, Orry. Wir erwarten dich n�chsten Sommer zu Hause.�</p><p>Als Cooper au�er Sicht war, sagte George: �Dein Bruder scheint ein feiner Kerl zu sein.�</p><p>Orry runzelte die Stirn. �Ist er, aber etwas stimmt nicht. Er hat sich zwar ehrlich M�he gegeben zu l�cheln und lustig zu sein � beides ist f�r ihn normalerweise schon schwer �, aber er war nerv�s.�</p><p>�Weshalb?�</p><p>�Ich wollte, ich w��te es.�</p><p><strong>4</strong></p><p>Cooper fuhr mit der Flu�schaluppe <emphasis>Eutaw</emphasis> heimw�rts, weg von der K�ste. An Bord des Bootes befanden sich Postsendungen und Handelsgegenst�nde, die von Charleston flu�aufw�rts zu den verschiedenen Plantagen gesandt wurden. Es war ein ruhiger, sonniger Vormittag; der Ashley war klar und fast unbewegt. Er geh�rte zu den unbedeutenderen �Reisfl�ssen�, da er den Einfl�ssen des Ozeans stark ausgesetzt war. Das Salzwasser des Atlantiks, das durch pl�tzliche Fluten und Orkane manchmal in ihn eindrang, wirkte sich t�dlich auf den Reis aus. Doch nach Meinung von Coopers Vater und anderen Reispflanzern wurde dieses Risiko durch die Leichtigkeit, mit der die Ernte nach Charleston verschifft werden konnte, wettgemacht.</p><p>Die Hitze der sp�ten Junisonne lastete auf Cooper, als er an der Reling stehend nach dem Main-Dock Ausschau hielt. Oft empfand er bittere Ablehnung f�r seinen Staat und insbesondere f�r seine Region, doch tief in seinem Innern liebte er beide. Besonders die vertrauten Flu�ufer hatten es ihm angetan, die Pinien, die alten Eichen und die Palmettob�ume, die gelegentlich an jenen Flu�ufern wuchsen, die nicht bewirtschaftet wurden. Spatzen und Rotkehlchen zwitscherten in den B�umen. An einer Stelle verlief eine Stra�e l�ngs des Ufers. Cooper sah, wie drei junge Leute auf schnellen Pferden dahindonnerten. Pferderennen waren ein beliebter Sport in diesem Landesteil.</p><p>Insekten plagten ihn und nagten an seiner Haut. Er konnte die nun kommende, ungesunde Jahreszeit f�rmlich riechen. Im Herrenhaus wurden jetzt wohl bereits Vorbereitungen f�r die �bersiedlung nach Summerville getroffen. Coopers Vater w�rde von dort aus regelm��ig die Plantage besichtigen und erst wieder nach Mont Royal ziehen, wenn das Wetter k�hler wurde. Es gab ein Sprichwort �ber die K�ste von South Carolina, wo jedes Jahr Dutzende von Wei�en an ansteckenden Fiebern starben: �Im Fr�hling ein Himmel, im Sommer eine H�lle, im Herbst ein Krankenhaus.�</p><p>Auf der Hafenseite hatte das Laubwerk von Menschenhand geschaffenen W�llen weichen m�ssen. Dahinter breiteten sich Felder aus, die schon vor langer Zeit dem Sumpfgebiet in harter Arbeit durch Coopers Vorfahren entrissen worden waren. Die Ufer selbst waren ein Schl�sselgebiet f�r das komplexe landwirtschaftliche Unternehmen, das eine Reisplantage darstellte.</p><p>Die Ufer wiesen in regelm��igen Abst�nden rechteckige, h�lzerne Dolen auf. An beiden Enden der Dolen befanden sich Schleusen, und mittels dieser Schleusen konnte das Flu�wasser sorgf�ltig auf die Reisfelder geleitet oder von ihnen abgeleitet werden. Der Reis gedieh, wenn Tillet Mains Leute ihre Arbeit rechtzeitig und ordentlich verrichteten, wenn die Mai- und die Reisv�gel nicht zu zahlreich auftraten, und wenn der Flu� nicht durch die Herbstst�rme mit Salz verseucht wurde.</p><p>Es gab zahlreiche Risikofaktoren, viele Entt�uschungen und wenig ungetr�bte Erfolge. Der Reisbauer lernte im Laufe seines Lebens, den Naturgewalten geb�hrenden Respekt zu zollen. Cooper hatte oft das Gef�hl, da� die Mains einen etwas weniger launenhaften, moderneren Beruf aus�ben sollten.</p><p>Ein Rucken des Schiffrads r�ttelte ihn aus seiner Tr�umerei. Die Landungsbr�cke war in Sicht, und er hatte es nicht einmal bemerkt. Traurigkeit �berfiel ihn pl�tzlich. <emphasis>Am besten halte ich den Mund �ber das, was ich im Norden gesehen habe.</emphasis></p><p>Er war jedoch nicht sicher, ob ihm dies m�glich sein w�rde.</p><p>Und schon eilte er mit gro�en Schritten �ber den Weg durch den k�nstlich angelegten Garten mit Blick auf den Flu�. Es roch nach Veilchen und Jasmin, nach Holz�pfeln und Rosen. Vom Balkon im zweiten Stockwerk des Herrenhauses �berwachte seine Mutter Clarissa Gault Main einige Haussklaven, die dabei waren, die oberen R�ume abzuschlie�en. Sie erblickte Cooper, rannte ans Gel�nder und gr��te ihn. Cooper winkte und warf ihr eine Ku�hand zu. Er liebte sie sehr.</p><p>Er ging nicht ins Haus hinein, sondern um die eine Seite herum und sagte jedem Neger, der aus dem vom �brigen Haus getrennten K�chengeb�ude kam, guten Tag. Von hier aus bot sich ein herrlicher Blick auf einen kurzen Weg, der sich zwischen alten Eichen bis zur Uferstra�e hin schl�ngelte. Es wehte pl�tzlich eine heftige Brise, die B�ume waren von einem grauen Moosbart �berzogen.</p><p>Am Ende des Wegs sah er zwei kleine M�dchen, seine beiden j�ngeren Schwestern, die sich wie �blich balgten; die eine jagte hinter der andern her. Der nichtsnutzige Vetter Charles war nicht zu sehen.</p><p>Hinter der K�che befand sich das B�rogeb�ude von Mont Royal. Cooper erklomm die Treppe und h�rte die Stimme von Rambo, einem der erfahrensten Fuhrleute der Plantage.</p><p>�Es keimt in South Square, Mr. Main. Auch in Landing Square.� Er meinte damit bestimmte Felder, die alle einen Namen trugen.</p><p>Tillet Main sicherte sein Einkommen, indem er jedes Jahr ein Drittel seines Landes in der Sp�tsaison, Anfang Juni, anpflanzte, wenn die Gefahr einer Besch�digung der Ernte geringer war. Der Fuhrmann teilte seinem Vater mit, da� die Samen auf den Feldern, die sp�t bepflanzt wurden, eben zu keimen begonnen hatten. Bald w�rde man die Felder entw�ssern, und dann w�rde die lange Periode des Trockenwachstums beginnen.</p><p>�Gute Nachricht, Rambo. Wei� es Mr. Jones?�</p><p>�Er war da, mit mir, um zu sehen, Sir.�</p><p>�Ich m�chte, da� du und Mr. Jones alle Leute, die es wissen m�ssen, informieren.�</p><p>�Jawohl, Sir.�</p><p>Cooper �ffnete die T�r und sagte dem gro�en, grauhaarigen schwarzen Mann, der eben heraustrat, guten Tag. Jeder in der Familie nannte die Neger einfach Tillets Leute; <emphasis>Leute</emphasis> war ein herk�mmlicher Begriff, der irgendwie die Wahrheit verschleiern sollte. Cooper fiel es etwas weniger schwer, in seinem Denken ehrlich zu sein und die Schwarzen als das zu bezeichnen, was sie waren: Sklaven.</p><p>�Ich hatte schon geglaubt, die Yankees h�tten dich entf�hrt�, sagte Tillet Main aus einer Wolke von Pfeifentabakrauch heraus, die �ber seinem Schreibtisch hing. Er verzog die Mundwinkel; wahrscheinlich w�rde das die ganze Zuneigung sein, die er an diesem Morgen zeigte, vermutete Cooper.</p><p>�Ich habe mir einen Tag freigenommen, um Orry zu besuchen. Es geht ihm gut.�</p><p>�Ich erwarte, da� es ihm gutgeht. Ich bin jedoch mehr daran interessiert zu erfahren, was du herausgefunden hast.�</p><p>Cooper machte es sich in einem alten Schaukelstuhl, der neben dem aktenbeladenen Schreibtisch seines Vaters stand, bequem. Tillet f�hrte seine Buchhaltung selbst und �berpr�fte jede Rechnung, die sich auf die Bewirtschaftung von Mont Royal bezog. Wie andere Pflanzer aus dem Flachland betrachtete er sein Land als ein Freigut, aber er war ein Freiherr, der sich pers�nlich um jeden Pfennig k�mmerte.</p><p>�Wie sich herausstellte, war mein Verdacht begr�ndet�, sagte Cooper. �Es gibt eine wissenschaftliche Erkl�rung daf�r, weshalb unsere Stangen und Schwungr�der so oft brechen. Wenn beim Gu�eisenverfahren nicht gen�gend Kohle oxidiert � Kohle und noch einige andere Elemente � dann ist das Eisen nicht hart genug f�r Maschinenteile, die stark belastet werden. Ich mu� das nun diesem Idioten in Columbia klarmachen. Sollte es mir nicht gelingen, dann k�nnen wir vielleicht Teile aus einer Gie�erei in Maryland oder sogar in Pennsyl��</p><p>�Es w�re mir lieber, wenn wir das Gesch�ft innerhalb des Staates belassen k�nnten�, unterbrach ihn Tillet. �Es ist einfacher, Druck auf Freunde als auf Fremde auszu�ben.�</p><p>�Na gut�, seufzte Cooper. Es war wieder einmal ein v�terlicher Befehl an ihn ergangen. Jede Woche erhielt er Dutzende davon. �Aber ich habe nun Freunde in Pennsylvania.� Tillet �berh�rte die Bemerkung.</p><p>Das Oberhaupt der Main-Familie war achtundvierzig Jahre alt. Der Kranz Haare um seinen sonst kahlen Kopf herum war bereits wei�. Cooper hatte Tillets Statur und seine dunklen Augen geerbt. Und doch gab es einen klaren Unterschied zwischen Vater und Sohn. Coopers Blick war weich, nachdenklich, manchmal von bitterem Humor gepr�gt. Tillets Blick war selten freundlich oder fr�hlich, sondern eher direkt, starr und manchmal stechend. Tillet Main, der f�r das Verhalten und das Wohlergehen von Dutzenden von wei�en wie auch schwarzen Menschen verantwortlich war, hatte l�ngst gelernt, nicht mehr sch�chtern zu sein.</p><p>Die H�lfte der Kinder, die er gezeugt hatte, waren nicht �lter als vier Jahre geworden. Coopers Mutter sagte, das sei der Grund, weshalb Tillet so selten l�chelte. Doch der �lteste Sohn nahm an, da� es noch andere Gr�nde daf�r gab. Tillets Position und sein Erbe verleiteten ihn zu einer Art nat�rlicher Arroganz. Gleichzeitig litt er jedoch unter zunehmenden Minderwertigkeitsgef�hlen, die er weder unter Kontrolle halten noch bek�mpfen konnte. Eine Krankheit, die Cooper in letzter Zeit bei vielen S�dstaatlern auffiel. Seine Reise hatte ihm erneut best�tigt, da� dies seinen guten Grund hatte.</p><p>Tillet betrachtete seinen Sohn. �Du scheinst dich nicht gerade zu freuen, wieder zu Hause zu sein.�</p><p>�O doch�, sagte Cooper, und er sagte die Wahrheit. �Aber ich bin seit meinem letzten Jahr in Yale nicht mehr im Norden gewesen. Was ich dort gesehen habe, hat mich gr�ndlich deprimiert.�</p><p>�Was hast du denn gesehen?� Tillet war pl�tzlich sehr aufmerksam geworden. Cooper wu�te, da� er sich jetzt h�tte zur�ckhalten m�ssen, aber er weigerte sich hartn�ckig.</p><p>�Fabriken, Vater, riesige, schmutzige Fabriken, die L�rm machen und den Himmel verpesten wie die �fen von Beelzebub. Der Norden entwickelt sich in einem erschreckenden Tempo, die Maschinen haben die F�hrung �bernommen. Und was die Leute betrifft � mein Gott, ich bin nie so vielen Menschen begegnet. Im Vergleich dazu leben wir hier in der Wildnis.�</p><p>Tillet z�ndete seine Pfeife wieder an und paffte gedankenvoll. �Du glaubst also, Quantit�t sei besser als Qualit�t?�</p><p>�Nein, aber � �</p><p>�Wir wollen nicht von einer Menge nichtsnutziger Fremder �berfahren werden.�</p><p>Da war er wieder, dieser dumme, halsstarrige Stolz. Cooper schnappte zur�ck: �War denn Charles Main etwas anderes als ein nichtsnutziger Fremder?�</p><p>�Er war ein Herzog, ein Gentleman und einer der ersten Hugenottensiedler.�</p><p>�Sehr sch�n, aber die Verehrung der Vergangenheit baut uns keine Fabriken und hilft unserer Wirtschaft auch nicht auf die Beine. Dies ist das Zeitalter der Maschine, und wir weigern uns, das anzuerkennen. Wir klammern uns an die Landwirtschaft und an die Vergangenheit und fallen mehr und mehr zur�ck. Einst hat der S�den dieses Land praktisch regiert. Aber jetzt nicht mehr. Jedes Jahr verlieren wir auf nationaler Ebene an Ansehen und Einflu�. Und mit gutem Grund: Wir gehen nicht mit der Zeit.�</p><p>Er hielt inne, kurz bevor er das �bliche Argument vorbringen wollte, n�mlich, da� die Wohlfahrt des S�dens genauso abh�ngig vom System der Sklaverei geworden war wie die Sklaven von ihren Besitzern. Aber Tillet war bereits in Wut geraten. Der alte Mann schlug mit der Faust auf den Schreibtisch. �Halt deinen Mund! Die S�dstaatler reden nicht gegen ihre Heimat. Zumindest die loyalen nicht. Es gibt gen�gend Yankees, die so was tun.�</p><p>Der Sohn f�hlte sich eingezw�ngt zwischen seiner eigenen �berzeugung und seiner Unf�higkeit, Tillet zu einer Meinungs�nderung zu bewegen. Sie hatten bereits fr�her �hnliche Auseinandersetzungen gehabt, aber die Diskussion war noch nie so hitzig gewesen wie diesmal. Cooper br�llte: �Wenn du blo� nicht so verdammt halsstarrig w�rst wie alle andern <emphasis>Freiherrn</emphasis> in diesem umnachteten � �</p><p>Ein Schrei von drau�en unterbrach den Streit. Vater und Sohn rannten zur T�r.</p><p>Der Schrei kam von einem der beiden kleinen M�dchen, die Cooper auf seinem Weg ins B�ro gesehen hatte. Ashton Main und ihre Schwester Brett hatten eine halbe Stunde vor Ankunft des Schiffs ihre Leseunterrichtsstunde beendet. Ihr Hauslehrer, ein Deutscher aus Charleston, Herr Nagel, hatte ein Vormittagsnickerchen gemacht; er freute sich �ber die Wi�begier des j�ngeren M�dchens, �rgerte sich jedoch �ber die Unversch�mtheit der �lteren, die alles Intellektuelle langweilig fand.</p><p>Beide waren unmi�verst�ndlich Mains, und doch waren sie sehr verschieden. Nur die eine fiel Besuchern auf � Ashton; sie war fast acht und beinahe schon sch�n. Sie hatte viel dunkleres Haar, als es in der Familie �blich war. Je nach Licht sah es schwarz aus. Wenn sie w�tend war, glichen ihre Augen genau denjenigen ihres Vaters.</p><p>Brett war zwei Jahre j�nger, nicht h��lich, aber weniger perfekt als ihre Schwester. Sie w�rde hochgewachsen und schlank werden wie Tillet und ihre Br�der; sie und Ashton waren beinahe schon gleich gro�. Es war ein Erbe, das sich als Nachteil erweisen w�rde, wenn es darum ging, Verehrer zu finden, wie Ashton oft betonte.</p><p>Nach ihrem Unterricht hatten die M�dchen einen Spaziergang am Flu�ufer gemacht. Brett hatte auf einem Ast im Geh�lz, hinter dem letzten Feld, auf dem sich die gr�nen Keimlinge der M�rzsaat stolz erhoben, ein leeres Vogelnest mit einem kleinen, blassen Ei gefunden.</p><p>�Ashton, komm, sieh dir das an!� Ashton kam leichtf��ig angesprungen, fast etwas stolz. Jung wie sie war, waren ihr ihre k�rperlichen Vorz�ge im Vergleich zu denjenigen ihrer Schwester wohl bewu�t. Sie zeigte sich �berlegen, als sie auf das Ei blickte.</p><p>Brett sagte: �Ich nehme an, da� es ein Fischreiher vergessen hat.� Sie blinzelte ernst �ber den Flu�. �Wetten, da� die Vogelmutter bald zur�ck sein wird, um es auszubr�ten.�</p><p>Ashton bemerkte den Gesichtsausdruck ihrer Schwester, und sekundenlang spielte ein L�cheln um ihre Mundwinkel. �Nun, dann wird sie entt�uscht sein�, sagte sie, indem sie sich behende nach dem Ei b�ckte und losrannte. Brett verfolgte sie dem Ufer entlang. �Leg es zur�ck. Du hast kein Recht, einer Vogelmutter das Kleine zu stehlen.�</p><p>�O doch�, sagte Ashton und sch�ttelte ihr Haar. Damit schien die Angelegenheit f�r sie erledigt.</p><p>Brett kannte ihre Schwester oder glaubte zumindest, sie zu kennen. Die Situation verlangte rasches, geschicktes Handeln. Brett t�uschte pl�tzliches Desinteresse vor. Bald pa�te Ashton nicht mehr auf, rannte nicht mehr und betrachtete die Troph�e, die sie auf der Hand hielt. Die j�ngere Schwester st�rmte von hinten auf sie zu und schnappte ihr das Ei aus der Hand.</p><p>Ashton verfolgte sie um das Herrenhaus herum bis zum Weg � dort, wo Cooper sie gesehen hatte. Die Verfolgungsjagd dauerte einige Minuten. Als schlie�lich beide au�er Atem waren, schien es, als ob Ashton von Reue erfa�t w�rde.</p><p>�Tut mir leid, Brett. Du hast recht, und ich bin ein Kamel. Wir sollten es zur�cklegen. La� es mich noch einmal sehen.�</p><p>Brett lie� sich von Ashtons s��er Aufrichtigkeit einlullen und gab ihrer Schwester das Ei. Ashtons L�cheln ver�nderte sich. �Wenn�s nicht meins ist, ist es auch nicht deins.� Und damit machte sie eine Faust und zerquetschte das Ei.</p><p>Brett ging auf sie los, und da sie drahtig und behende und nicht sehr damenhaft war, hatte sie ihre Schwester bald auf den Boden gezerrt. Sie ri� Ashton an den Haaren und schlug auf sie ein, bis sie schrie. Die Schreie veranla�ten Papa und Cooper, aus dem B�ro zu st�rzen. Papa ri� die beiden auseinander, erhielt zwei v�llig verschiedene Berichte und legte die beiden nacheinander �bers Knie � dies alles, bevor ihre Mutter auf das Geschrei hin aus dem Haus st�rzte.</p><p>Brett heulte �ber das ihr angetane Unrecht. Ashton heulte noch lauter, doch als sie ihren Kopf zur�ckwarf und Grimassen schnitt, leuchteten ihre Augen. Auf den ersten Blick h�tte man denken k�nnen, es seien Tr�nen. Bei n�herer Betrachtung sah man aber, da� sie sich am�sierte. Clarissa, Tillet und Cooper fiel das nicht weiter auf.</p><p>Aber Brett bemerkte es.</p><p>Etwa dreiviertel Meilen vom Herrenhaus entfernt, in einer getrennten, aber zur Plantage geh�renden Siedlung fand etwa zur selben Zeit ein weiterer Streit statt. Mitten auf der staubigen Stra�e balgten sich ein wei�er und ein schwarzer Knabe um eine Fischerrute aus Bambus. Die Stra�e war auf beiden Seiten von einer Reihe gewei�elter Sklavenunterk�nfte ges�umt. In dieser Stra�e befand sich � ebenfalls s�uberlich vom Herrenhaus getrennt � die Krankenstation der Plantage, die kleine Kirche und am Ende der Stra�e, etwas erh�ht gelegen, eine auf Kalkm�rtels�ulen ruhende F�nf-Zimmer-Residenz. Dieses Haus geh�rte dem Aufseher von Mont Royal, Salem Jones, von Geburt her ein Neuengl�nder und von Natur aus ein Leuteschinder. Jones war bei seiner verwitweten Mutter im S�den aufgewachsen und vor etwa elf Jahren mit erstklassigen Referenzen von einer andern Plantage nach Mont Royal gekommen. Tillet betrachtete ihn immer noch als einen Yankee, also als einen Au�enseiter. Die guten Leistungen, die Jones f�r die Mains erbrachte, trugen dazu bei, Tillets Mi�trauen zu mindern, aber ganz verschwand es nie.</p><p>Kleine schwarze M�dchen und schwarze M�nner, die zu alt zum Arbeiten waren, schauten den beiden Raufbolden teilnahmslos zu. Man h�tte nicht sagen k�nnen, wer von den beiden der wildere oder dreckigere war. Der wei�e Junge � sieben Jahre alt, sonnengebr�unt und kr�ftig � war Charles Main. Vetter Charles nannte ihn Clarissa, um ihn von ihren eigenen Kindern zu unterscheiden.</p><p>Charles war ein au�erordentlich h�bscher Junge. Doch das gute Aussehen war auch schon alles Positive, was er geerbt hatte. Er war der Sohn von Tillets Bruder, einem untauglichen Rechtsanwalt namens Huger Main. Huger Main war zusammen mit seiner Frau 1841 auf einem Dampfer umgekommen, der nach New York fahren sollte und in der N�he von Kap Hatteras aufgelaufen war. Charles war f�r die Dauer der Abwesenheit seiner Eltern von seiner Tante und seinem Onkel aufgenommen worden. Er war ein Einzelkind. Nach der Bestattung, bei der zwei leere S�rge versenkt worden waren, blieb er bei seinen Verwandten. Charles f�hrte ein einfaches und ein einsames Leben. Mit der Kindern eigenen Intuition sp�rte er, da� Onkel Tillet nicht viel von seinem Vater gehalten hatte, also hielt er auch nicht viel von ihm. Die Ablehnung, mit der ihm seine Verwandten begegneten, betrachtete Charles eher als Segen. So konnte er seine eigenen Wege gehen; seine Tante und sein Onkel zwangen ihn nicht, sich der Folter des Unterrichts mit dem deutschen Lehrer zu unterwerfen. Er ging oft fischen und streifte durch die umliegenden W�lder und Sumpfgebiete. Seine Freunde waren Negerjungen wie Cuffey, mit dem er sich jetzt um die Angel raufte.</p><p>Stimmengeschrei, das aus einer der Sklavenh�tten kam, lenkte die Aufmerksamkeit der beiden K�mpfer und einiger Schwarzer auf sich. Aus der H�tte kam mit gro�en Schritten eine bekannte Gestalt in Stiefeln. Gedrungen, kahlk�pfig und mit einem Dickwanst; im Gegensatz dazu das engelhafteste Gesicht der Welt: Salem Jones hielt es f�r notwendig, seine Autorit�t damit zu bekr�ftigen, da� er �berall, wo er auch immer hinging, eine Reitpeitsche und einen dicken Holzkn�ppel an seinem G�rtel mit sich trug.</p><p>Die Jungen h�rten auf zu k�mpfen. Charles hatte die Angel w�hrend des Kampfes beinahe zerbrochen. Sein Hemd hing wie gew�hnlich aus der Hose, Wangen und Kinn waren dreckverschmiert. Der Kampf, den er letzte Woche mit James, dem Vetter von Cuffey, ausgefochten hatte, hatte ihn einen Schneidezahn gekostet. Er war der Meinung, da� die Zahnl�cke ihm einen verwegenen Ausdruck verlieh.</p><p>�Jones hat wieder versucht, mit Semiramis zu schlafen�, fl�sterte Cuffey. �Er versucht es bereits seit sechs Monaten, seit seine Frau gestorben ist.�</p><p>�Er hat es schon lange vorher versucht, nur so, da� niemand es bemerken sollte�, vertraute Charles ihm an. �Das hat Onkel Tillet gesagt.�</p><p>Salem Jones marschierte die Stra�e entlang und verschwand hinter seiner Residenz. Charles n�herte sich der H�tte, in der Semiramis mit ihrer Familie wohnte. Die T�r stand offen, aber das M�dchen war nur undeutlich zu erkennen. Charles konnte sie nicht genau sehen, aber er konnte sie sich lebhaft vorstellen. Semiramis hatte eine seidenweiche schwarze Haut und einen vollkommenen K�rper. Alle Jungen auf der Plantage waren sich einig, da� sie etwas Besonderes war.</p><p>Ver�rgert sattelte Jones sein Pferd und ritt eilends in Richtung Felder. Cuffey sagte ahnungsvoll: �Priam wird heute abend darunter leiden m�ssen. Der alte Jones kriegt nicht, was er will, also wird er sich an ihrem Bruder r�chen.�</p><p>Charles warf einen Blick auf den Stand der Sonne. �Ich wollte nach Hause essen gehen, aber ich glaube, ich bleibe hier, bis Priam mit seiner Arbeit fertig ist.� Die Familie w�rde ihn ohnedies nicht vermissen.</p><p>Er �berlegte sich, was geschehen k�nnte. Priam, der Bruder von Semiramis, war ein kr�ftiger Bursche mit einem starken Willen. Obwohl seine Familie schon vor drei Generationen aus Angola gebracht worden war, hatte er immer noch einen unb�ndigen Drang nach einer Freiheit, die er nie gekannt hatte.</p><p>Charles konnte seinen Groll verstehen. Er konnte ein System, das einigen M�nnern Freiheit bot, weil sie wei�er Hautfarbe waren, und anderen diese Freiheit versagte, weil sie nicht wei� waren, nicht begreifen. Er fand dies ungerecht, ja geradezu barbarisch, obwohl er gleichzeitig glaubte, da� es auf der ganzen Welt so sei und es daran nichts zu �ndern gebe.</p><p>Er hatte mehrere Male �ber gewisse Aspekte der Sklaverei mit Cuffey diskutiert. Sie hatten beide festgestellt, da� Semiramis nicht das geringste gegen den klassischen Namen hatte, mit dem man sie bei ihrer Geburt bedacht hatte. Sie betrachtete es nicht als Ironie. Priam hingegen verstand die Verh�hnung gut und machte keinen Hehl daraus, da� er seinen Namen ha�te.</p><p>Einst hatte Cuffey seinem Freund anvertraut, da� Priam nicht ewig Tillets Sklave bleiben wollte. Charles wu�te, was das zu bedeuten hatte: Priam w�rde fliehen. Aber wohin? Gab es denn nicht �berall Sklaverei? Cuffey meinte nein, aber beweisen konnte er es nicht.</p><p>Charles lungerte den ganzen Nachmittag in der Sklavensiedlung herum. Eine Stunde lang machte er ein Nickerchen in der k�hlen, dunklen Kirche. Als die Feldarbeiter mit geschulterter Hacke hereinzustr�men begannen, sa� er schnitzend auf einem Schemel.</p><p>Vor einer Stunde war Jones nach Hause zur�ckgekehrt. Er stand jetzt auf der T�rschwelle und spielte mit seinem Kn�ppel.</p><p>�Du, Priam�, rief Jones mit einem leutseligen L�cheln. Der Sklave, der f�nfzehn Jahre j�nger und einen Kopf gr��er war als der Aufseher, trat aus der Reihe der vorbeidefilierenden Sklaven hervor. Seine Stimme war knapp respektvoll, als er sagte:</p><p>�Ja, Mist� Jones?�</p><p>�Der Fuhrmann hat mir gesagt, da� du in letzter Zeit in der Arbeit nachgelassen hast. Er sagte mir auch, da� du dich st�ndig beklagst. Soll ich dir jeden Tag anderthalb Tagewerke geben?�</p><p>Priam sch�ttelte den Kopf. �Ich tue jede Kleinigkeit, die man von mir verlangt. Ich mu� die Arbeit ja nicht auch noch lieben, oder?� Sein Blick huschte �ber die andern Sklaven, seine Augen blitzten zornig, ja ha�erf�llt. �Der Fuhrmann hat nie zu mir gesagt, da� er nicht zufrieden mit mir ist.�</p><p>Jones schritt langsam und majest�tisch die Treppe hinunter, blieb aber auf halbem Weg stehen, denn w�re er weitergegangen, so w�re sein Kopf nicht mehr auf Priams Augenh�he gewesen.</p><p>�Glaubst du allen Ernstes, er w�rde dir das sagen? Nein. Du bist zu dumm, um zu begreifen. Du bist gerade gut genug f�r die Arbeit, die du tust. Niggerarbeit. Tierarbeit.�</p><p>Der Aufseher versetzte Priam mit seinem Kn�ppel einen Sto� in den Magen, er versuchte ihn zu provozieren. �Ich werde versuchen, dich eine Woche lang etwas mehr zu besch�ftigen. Anderthalbmal mehr Arbeit pro Tag.�</p><p>Aus den Reihen der umstehenden Neger kamen einige unterdr�ckte Seufzer. Ein Tagewerk war das, was man �blicherweise auf den nicht allzu repressiven Plantagen erf�llen konnte. Ein f�higer Mann konnte dieses Tagewerk vor Sonnenuntergang erledigen und hatte dann Zeit, um im eigenen Garten zu arbeiten oder pers�nliche Arbeiten zu verrichten.</p><p>Priam pre�te die Z�hne zusammen. Er war vern�nftig genug, den Aufseher nicht zu reizen. Aber Jones war entschlossen, ihn herauszufordern. Charles ha�te den aufgeblasenen kleinen Yankee mit seiner Glatze und seiner weinerlichen, n�selnden Stimme.</p><p>�Hast du nichts dazu zu sagen, Nigger?� Jones versetzte Priam einen zweiten, diesmal h�rteren Sto�. �Ich k�nnte noch mehr tun, als nur dein Tagewerk steigern. Ich k�nnte dir das geben, was du f�r deine unversch�mten Blicke verdient hast.� Er drohte Priam mit der Peitsche. �Das hier.�</p><p>Der einseitige Streit �rgerte Charles, und er sprang wie von der Tarantel gestochen von seinem Schemel auf. �Mr. Jones, Sie haben eine Peitsche und einen Kn�ppel, aber Priam hat �berhaupt nichts. Weshalb sind Sie nicht fair? Geben Sie ihm das eine oder andere und k�mpfen Sie dann.�</p><p>Schweigen.</p><p>Die erschrockenen Sklaven wagten sich nicht zu r�hren. Vom Flu� herauf t�nte das heisere Gebr�ll eines Alligators. Sogar Priams Augen verloren ihren ha�erf�llten Ausdruck. Der verbl�ffte Aufseher starrte den Knaben an.</p><p>�Ergreifst du Partei f�r diesen Nigger?�</p><p>�Ich m�chte blo�, da� er gerecht behandelt wird. Alle sagen, da� er ein guter Arbeiter ist. Mein Onkel sagt das.�</p><p>�Er ist ein Nigger, und es wird von ihm nichts anderes erwartet. Er soll hart arbeiten, wenn n�tig, bis er zusammenbricht. Und von dir erwartet man, da� du im Herrenhaus bist, wo du hingeh�rst. Langsam frage ich mich, weshalb du auf diesem Teil der Plantage herumschn�ffelst. Zieht dich etwas hierher? Ein kleines Negerblut vielleicht?�</p><p>Nicht die Beleidigung, sondern der Hohn versetzte Charles in Rage. Mit einem Schrei st�rzte er los und rammte seinen gesenkten Kopf in Jones� Magen. Schnell versetzte er ihm noch zwei Hiebe und rannte wie besessen davon. Bis zur D�mmerung versteckte er sich am Flu�. Schlie�lich sagte er sich, da� er nicht l�nger drau�en bleiben k�nne. Als er durch den gro�en Garten auf das Herrenhaus zuging, h�rte er ein Zischen hinter einem Geb�sch.</p><p>Im D�mmerlicht konnte er Cuffeys Gesicht entdecken. Cuffey sagte ihm grinsend, da� das Ablenkungsman�ver erfolgreich gewesen sei. Jones war nach Charles� Angriff so w�tend gewesen, da� er kein Interesse mehr an Priam gehabt hatte.</p><p>M�de und hungrig schleppte Charles sich zum Haus. Sein Sieg hinterlie� kein Gl�cksgef�hl, sondern erschien ihm im Gegenteil katastrophal, als er sah, da� Onkel Tillet ihn mit finsterer Miene erwartete.</p><p>�Jones war vor einer Stunde hier. Komm in die Bibliothek, ich erwarte eine Erkl�rung von dir!�</p><p>Charles gehorchte und folgte seinem Onkel. Er liebte das Haus um diese Tageszeit am meisten: die silbernen Geschirre und Gef��e, die M�bel aus Rosenholz und Nu�baum, das warme Kerzen- und Lampenlicht. Der Kristall�ster fing die leichte Brise, die vom Flu� her wehte, auf und gab ein sanftes, klirrendes Ger�usch von sich. Die Hausbediensteten murmelten leise und lachten sogar nach getaner Arbeit. Doch von all dem h�rte und sah er heute abend nichts.</p><p>Charles mochte auch Tillets Bibliothek mit ihren schweren, schlichten M�beln und der faszinierenden und sehr realistischen Wandmalerei �ber dem Kamin; sie stellte r�mische Ruinen dar. Auf den B�cherregalen standen Hunderte von feinen englischen, lateinischen und griechischen B�chern. Charles hatte kein Interesse daran, obwohl er seinen Onkelbewunderte, der sie alle lesen konnte. An diesem Abend jedoch erschien ihm die Bibliothek unfreundlich und kalt.</p><p>Tillet bat Charles, sein Verhalten zu erkl�ren. Stockend sagte der Junge, Jones habe eine Peitsche und einen Kn�ppel, Priam aber keine Waffe gehabt. Deshalb sei klar, wessen Partei er habe ergreifen m�ssen.</p><p>Tillet sch�ttelte den Kopf und langte nach seiner Pfeife. �Du darfst bei einem solchen Streit keine Partei ergreifen. Du wei�t, da� Priam einer meiner Leute ist. Er hat nicht dieselben Rechte oder Privilegien wie ein Wei�er.�</p><p>�Aber sollte er das nicht haben? Wenn ihn jemand verletzt, mu� er es dann einfach akzeptieren?�</p><p>Tillet z�ndete seine Pfeife mit raschen, fahrigen Bewegungen an. Seine Stimme wurde leiser, ein Zeichen daf�r, da� er w�tend war.</p><p>�Du bist sehr jung, Charles, und du kannst sehr leicht ein Opfer von falschen Vorstellungen werden. Ich k�mmere mich um meine Leute. Das wissen sie. Und Mr. Jones ist zwar ein guter Verwalter, aber auch ein verdammter Idiot. Es gibt �berhaupt keinen Grund daf�r, weshalb er mit Peitsche und Kn�ppel herumrennen sollte. Bei uns in Mont Royal gibt es keine Nigger, die Unruhe stiften. Nein, ich mu� mich korrigieren. Priam und noch ein oder zwei andere zeigen gewisse Anzeichen eines rebellischen Temperaments, aber nicht immer und nicht im �berma�. Ich gebe mir gro�e M�he, hier eine gute Atmosph�re aufrechtzuerhalten. Meine Leute sind gl�cklich.�</p><p>Er unterbrach sich und erwartete die Zustimmung des Knaben. Charles fragte: �Wie k�nnen sie gl�cklich sein, wenn sie nicht hingehen k�nnen, wo sie hinwollen, und nicht tun d�rfen, was sie tun wollen?�</p><p>Dies schien eine h�chst normale Frage zu sein, aber Tillet reagierte zornig. �Stell keine Fragen �ber Dinge, von denen du nichts verstehst. Wenn sie nicht hier w�ren, w�rden sie in der Wildnis leben. Die Neger sind am gl�cklichsten, wenn ihr Leben f�r sie organisiert und verwaltet wird. Und was dich betrifft, junger Mann � �</p><p>Tillet blickte rasch zur T�r, die er beim Eintreten nicht ganz geschlossen hatte. Drau�en h�rte jemand zu. Tillet schien sich keine Sorgen darum zu machen. Mit dem Pfeifenstiel drohend sagte er: �Wenn du Mr. Jones noch mehr Sorgen machst, lege ich dich �bers Knie und verabreiche dir was. Ich w�nschte mir, da� du dich endlich benehmen und wie ein kleiner Gentleman handeln w�rdest, obwohl dies wahrscheinlich aufgrund deines Charakters unm�glich ist. Und nun, raus hier!�</p><p>Charles machte auf dem Absatz kehrt und rannte los. Er wollte nicht, da� sein Onkel die Tr�nen sah, die ihm so unverhofft in die Augen gestiegen waren. Er ri� die T�r auf und erschrak, als er die Schattengestalt sah � es war Tante Clarissa. Sie streckte ihm tr�stend die Hand entgegen. �Charles��</p><p>Sein Onkel betrachtete ihn als wertlos. Zweifellos teilte sie seine Meinung. Er wich ihrer Hand aus und rannte in die Dunkelheit hinaus.</p><p>Sp�ter am Abend half Tillet im gro�en Schlafzimmer im zweiten Stockwerk auf der Flu�seite des Hauses seiner Frau aus dem Korsett. Sie atmete erleichtert auf, ging an mehreren halbgepackten Koffern vorbei und beendete ihre Nachtvorbereitungen hinter einer spanischen Wand.</p><p>Tillet zupfte an seinen Leinenhosen, die er bei warmem Wetter zum Schlafen trug. Sie waren zwar nicht modisch, aber bequem. Es war still im Raum. Die Stille regte ihn auf. Er blickte nach der Wand. �Komm, Clarissa! Ich m�chte heut nacht einen guten Schlaf haben.� Sie tauchte in ihrem Nachthemd auf und b�rstete ihr offenes, graues Haar. Clarissa Main war eine kleingewachsene Frau mit feinen, aristokratischen Gliedern, die in einem seltsamen Gegensatz zu ihrem eher b�urischen Gesicht standen. Nur wenige Leute waren der Meinung, da� ihre S�hne ihr glichen, au�er in einer Hinsicht: sie hatten genau dieselbe Nase. Die Vorfahren von Clarissa, Hugenotten namens Gault, waren zwei Jahre vor Charles de Main nach Carolina gekommen � eine Tatsache, mit der sie ihren Mann, wenn er zu anma�end wurde, in Schranken weisen konnte.</p><p>�Ich habe mich bereits f�r das Lauschen entschuldigt�, sagte sie. �Es ist deine Angelegenheit, wie du mit Vetter Charles umgehst. Er ist der Sohn deines Bruders.�</p><p>�So leicht kommst du mir nicht davon�, sagte Tillet mit schroffem Sarkasmus, �nicht, wenn ich wei�, da� du ganz klare eigene Vorstellungen von der Sache hast.�</p><p>�W�rdest du mir denn zuh�ren?� Die Frage war ernst gemeint, aber ohne Sch�rfe gestellt. Sie hatten selten Streit, aber zahllose Diskussionen, wie sie es nannten. �Wahrscheinlich nicht, denn du hast den Knaben ja bereits als Versager und Taugenichts abgeschrieben.�</p><p>Tillet zog sich mit einem Sprichwort aus der Aff�re: �Wie der Vater, so der Sohn.�</p><p>�Manchmal. Manchmal auch nicht.�</p><p>�Er hat gef�hrliche Ansichten. Hast du die Fragen, die er gestellt hat, geh�rt?�</p><p>�Tillet, Lieber, Vetter Charles ist nicht der einzige, der Zweifel am System hat, unter dem seine Familie seit sechs Generationen gelebt hat.�</p><p>�Gelebt und gut gelebt�, korrigierte er und setzte sich schwer auf das Himmelbett. �Genau wie die Gaults.�</p><p>�Das leugne ich keineswegs.�</p><p>�Sogar mein eigner Sohn n�hrt solche Ideen und Vorstellungen.�</p><p>Sein anklagender Tonfall erregte ihren �rger. �Wenn dies der Anfang deiner �blichen Vorlesung �ber Coopers Wi�begier ist, f�r die ich verantwortlich sein soll, so kann ich drauf verzichten. Ich erinnere dich lediglich daran, da� Cooper auf dein Dr�ngen hin in Yale studiert hat. Es war deine Wahl. Ja, und ich teile einige seiner Zweifel hinsichtlich der Frage, ob es weise ist, Zehntausende von Menschen als Sklaven zu halten.�</p><p>Er machte eine Handbewegung. �Du und deine Angst vor einem Aufstand. Hier wird nichts dergleichen passieren. Wir sind ja schlie�lich nicht in Haiti. In Mont Royal gibt es keine Veseys.�</p><p>Er meinte den Anf�hrer eines Sklavenaufstands aus dem Jahre 1822, ein Mulatte aus Charleston. Der Aufstand hatte jedoch nie stattgefunden, er war vorher entdeckt und unterdr�ckt worden. Doch die Erinnerung an diese Geschichte verursachte vielen Wei�en in South Carolina immer noch schlaflose N�chte.</p><p>Tillets herablassender Ton versetzte seine Frau in Wut. �Ja, in der Tat habe ich Angst vor der schwarzen Mehrheit. Aber noch mehr als das, ob du mir glaubst oder nicht, bedr�ckt mich mein Gewissen.�</p><p>Er fuhr hoch. Seine Wangen waren pl�tzlich rotgefleckt, aber er hielt sich zur�ck und brachte seine Wut rasch unter Kontrolle. Er liebte Clarissa, deshalb war sie der einzige Mensch, der mit ihm streiten � und den Streit gewinnen konnte.</p><p>Etwas milder gestimmt, sagte er: �Wir sind weit vom urspr�nglichen Thema abgekommen.�</p><p>�Da hast du recht.� Mit ihrer Zustimmung und ihrem L�cheln gab sie ihm zu verstehen, da� sie den Streit beschlie�en wollte. �Ich wollte nur anregen, da� du den Knaben vielleicht nicht nur verurteilst. Er hat viel Energie. Vielleicht k�nntest du sie in positive Bahnen lenken.�</p><p>�Wie?�</p><p>Sie zuckte die Achseln und seufzte. �Ich wei� es nicht, das ist der Punkt, an dem ich jedesmal scheitere.�</p><p>Sie l�schten das Licht, zogen eine leichte Baumwolldecke �ber sich, um sich vor der k�hlen Nachtluft zu sch�tzen, und schmiegten sich aneinander. Er legte wie jede Nacht seinen Arm auf ihre H�fte. Der Konflikt war jedoch nicht beigelegt, vielleicht weil Tillet zuinnerst f�hlte, da� seine Frau, was Vetter Charles betraf, recht hatte. So wie Clarissa zerbrach er sich oft den Kopf, um eine L�sung f�r das Problem zu finden, jedoch ohne Erfolg. Er suchte dann unweigerlich in Feindseligkeiten Zuflucht.</p><p>�Nun, ich habe keine Zeit f�r die Herkulesaufgabe, diesen jungen Nichtsnutz zu bekehren. Sagte ich Herkules? Es gibt keinen besseren Ausdruck. So wie alle andern mit gesundem Menschenverstand ausgestatteten Menschen der Nachbarschaft bin auch ich davon �berzeugt, da� er ein schlechtes Ende nehmen wird.�</p><p>�Wenn alle so denken�, murmelte Clarissa traurig aus der Dunkelheit, �dann wird es auch so geschehen.�</p><p><strong>5</strong></p><p>Das Sommercamp 1843 erschien George und Orry weitaus angenehmer als ihr erstes. George wurde zum Unteroffizier bef�rdert, was seinen Freund, der sich weiterhin innigst eine Milit�rkarriere w�nschte, etwas in Verlegenheit brachte. Trotzdem gratulierte er dem neu bestellten Kadetten-Unteroffizier, und dann machten sie sich gemeinsam zu Benny auf, um mit Zigarren und Bier zu feiern. Sie geh�rten jetzt zu den Veteranen.</p><p>Orry machte sich w�hrend des ganzen Camps Sorgen um das Studium im dritten Semester. Er war zwar kein Junior mehr, was aber nicht hie�, da� er sich jetzt h�tte entspannen k�nnen. Vor allem nicht, wenn er an Franz�sisch, an Darstellende Geometrie und an Technisches Zeichnen dachte.</p><p>George �berredete ihn, am Sommerschlu�fest teilzunehmen. Es wurde wie �blich im Akademiegeb�ude abgehalten. Orry kam sich bei dem Anla� idiotisch vor, er war nur hergekommen, damit sein Freund ihn endlich in Ruhe lie�.</p><p>Er f�hlte sich in seiner Staatsuniform nicht nur unwohl, sondern geradezu komisch. Es gab jedoch einigen Ausgleich f�r das Leiden. Orry freute sich am Anblick der gepuderten Schultern und an den sch�kernden Blicken der weiblichen G�ste, obwohl er mit etwas Bitterkeit feststellen mu�te, da� keine der jungen Damen ihm auch nur einen einladenden Blick zugeworfen h�tte.</p><p>Auch Elkanah Bent sorgte f�r Unterhaltung. Er traf in Begleitung einer jungen Dame mit einem Pferdegesicht und einem sehr schlechten Teint ein. George versetzte seinem Freund einen Rippensto� und schmunzelte. Pickett wieherte vor Lachen.</p><p>�Unglaublich�, sagte Pickett. �Hat er doch noch ein M�dchen auftreiben k�nnen, das gewillt ist, mit einem Elefanten Walzer zu tanzen.� Trotz der Menschenmenge, die sich in der Halle dr�ngte, bemerkte Bent, da� man ihm Aufmerksamkeit zollte. Er blickte giftig in die Runde. George grinste unerschrocken weiter. �Ich sch�tze, wenn man so h��lich aussieht wie diese ungl�ckselige Kreatur, dann ist man sogar mit Bents Visage zufrieden.�</p><p>Doch ob h�bsch oder h��lich, Orry f�hlte sich unter all diesen jungen M�dchen wie ein Holzklotz. George tanzte bereits mit gro�em Elan. Orry stand unter den Zuschauern; zwar wollte er gern eine junge Dame zum Tanz auffordern, aber er wu�te nicht so recht, wie er vorgehen sollte. Nachdem er etwa eine Stunde herumgestanden war, eilte ihm George zu Hilfe. Er kam in Begleitung von zwei M�dchen und stellte klar, da� eines f�r Orry bestimmt war. Als George kurz darauf mit dem anderen M�dchen davontanzte, hatte Orry das Gef�hl, der Boden sei ihm unter den F��en weggezogen worden, und er stehe nur noch auf Luft. Er stellte ungeschickte Fragen, und seine Versuche, schlagfertige Antworten zu geben, waren schlechthin l�cherlich. Doch das M�dchen � eine plumpe, sympathische Blondine � schien sehr von seiner makellosen Uniform angetan zu sein � immer wieder blickte sie auf seine Kn�pfe � und deshalb gewillt, seine Tolpatschigkeit zu �bersehen.</p><p>Sie hie� Miss Draper und kam aus Albany. Orrys Unf�higkeit, intelligente � oder �berhaupt irgendwelche � Bemerkungen zu machen, f�hrte dazu, da� er schlie�lich doch mit ihr tanzte. Er stand auf ihren F��en herum, und seine ganze Konversation bestand aus Entschuldigungen. Als er fragte, ob sie einen Spaziergang mit ihm machen wollte, sagte sie schnell und atemlos ja.</p><p>Aber in der Dunkelheit des Gartens, mit dem Rascheln des Laubs � oder war es das Knistern von Seide und Satin? � f�hlte er sich noch verlegener. Wortlos setzten sie sich schlie�lich auf eine Bank.</p><p>Unvermutet �ffnete Mi� Draper ihre gro�e Handtasche und bot ihm kleine Kekse an, die sie aus dem Hotel mitgebracht hatte. Orry versuchte einen zu knabbern, aber er fiel ihm aus der Hand. Den andern steckte er in seine Manteltasche und zerdr�ckte ihn dabei. Etwa eine Minute lang starrte ihn Mi� Draper erwartungsvoll an, dann sprang sie auf.</p><p>�Bitte, bringen Sie mich zur�ck, Sir. Es ist zu k�hl hier drau�en.� Es war jedoch eine au�ergew�hnlich warme Nacht. In t�dlichem Schweigen begleitete Orry Mi� Draper in den Saal zur�ck. In weniger als drei�ig Sekunden tanzte sie mit einem andern Kadetten. Der Abend war ein Mi�erfolg, und er war ein Versager.</p><p>�Nie wieder werde ich zu einem dieser verdammten Anl�sse gehen�, sagte er nach dem Lichterl�schen zu George. �Ich bin zwar gern in Gesellschaft von Damen, aber ich wei� nicht was tun. Und vor allem wei� ich nicht wie flirten. Mi� Draper verabschiedete sich, als h�tte ich eine ansteckende Krankheit.�</p><p>�Mein Junge, du hast das <emphasis>quid pro quo</emphasis> vernachl�ssigt.�</p><p>�Ich verstehe nicht.�</p><p>�Hat Mi� Draper dir nicht ein kleines Geschenk gemacht? Vielleicht Kekse?�</p><p>�Wie um Himmels willen wei�t du das?�</p><p>�Weil ich auch welche bekommen hab�.�</p><p>�Von ihr?�</p><p>�Nat�rlich nicht. Von andern.�</p><p>�Wie vielen andern?�</p><p>�Mehreren. Das geh�rt zum Spiel, Orry. Als Gegengeschenk erwartet das M�dchen ein Andenken, und ein Gentleman erf�llt diesen Wunsch immer. Warum glaubst du wohl, da� ich dauernd Ersatzkn�pfe schnorre und sie an meinen Mantel n�he?�</p><p>�Mir ist aufgefallen, da� du viele Kn�pfe verlierst. Meinst du, Mi� Draper wollte��</p><p>�Die Helden verdienen sch�ne Frauen�, unterbrach ihn George. �Aber die Sch�nen wollen daf�r die Kn�pfe von West Point. Ganz besonders, bevor sie dich umarmen oder k�ssen. Mein Lieber, ein Knopf einer Kadettenuniform ist das wertvollste Liebespfand der ganzen Nation.�</p><p>�O Gott�, sagte Orry, �das h�tte ich nie vermutet. Kein Wunder, hat sie mich beinahe mit ihren Blicken durchbohrt. Nun, ich nehme an, da� ich zu jenen M�nnern geh�re, f�r die der Allm�chtige nur eine Frau bestimmt hat.�</p><p>�So wie er f�r dich nur eine Karriere vorgesehen hat? Orry, du bist zu ernst.�</p><p>Georges Eisenbett quietschte, als er sich in der Dunkelheit aufsetzte, um seinen Freund anzusehen. �Wenn wir schon offen und ehrlich miteinander reden � es gibt etwas, was ich dich schon lange fragen wollte. Ich bef�rchte allerdings, da� ich die Antwort bereits kenne.�</p><p>�Nun?�</p><p>�Warst du jemals mit einer Frau zusammen?�</p><p>�Oh, das ist aber eine pers�nliche, um nicht zu sagen, unh�fliche � �</p><p>�Das kannst du dir sparen; ich m�chte keinen deiner ber�hmten Vortr�ge h�ren. Ja oder Nein?�</p><p>Orry schluckte die Antwort beinahe hinunter. �Nein.�</p><p>�Da m�ssen wir etwas unternehmen.�</p><p>�Etwas unternehmen? Wie? Was?�</p><p>�Deine Stimme klingt, als w�rden wir �ber Cholera reden.�</p><p>Orry war klar, da� der �rger seines Freundes nicht echt war. Er kicherte nerv�s und murmelte: �Entschuldige. Mach weiter.�</p><p>�Im Dorf gibt es einige gef�llige Damen. Wenn du einer von ihnen einen Besuch abstatten w�rdest, w�rst du vielleicht von deinen romantischen Vorstellungen �ber Frauen erl�st. Mindestens aber w�rde es dich davon �berzeugen, da� Frauen nicht gleich zerbrechen, wenn du ihnen einen schiefen � oder leidenschaftlichen � Blick zuwirfst.�</p><p>Orry versuchte ein Gegenargument vorzubringen, aber George war gnadenlos.</p><p>�Keine Argumente. Es kostet dich nicht viel, und du wirst eine wertvolle Erfahrung machen. Wenn dir an unserer Freundschaft etwas gelegen ist, dann mu�t du hingehen.�</p><p>�Ich bef�rchtete, da� du so was sagen w�rdest.�</p><p>Orry hoffte, da� seine Stimme nicht verriet, wie erfreut er insgeheim war.</p><p>Orry hatte erwartet, da� seine Einf�hrung in die k�rperliche Liebe eine private Angelegenheit sein w�rde und da� nur George und die entsprechende Frau dar�ber Bescheid w��ten. Statt dessen trieb George einige N�chte sp�ter vier weitere Kadetten auf, und dann machten sie sich alle sechs auf nach Buttermilk Falls. Die Einweihung schien etwa so privat zu werden wie eine �ffentliche Versammlung.</p><p>Die Dame, die sie aufsuchten, kam ihm alt vor, obwohl sie erst knapp dreiunddrei�ig war: Alice Peet, br�nett und drall. Sie hatte sanfte Augen, aber ein etwas hartes L�cheln und ein Gesicht, das durch Arbeit und Sorgen gepr�gt war und viel von seiner urspr�nglichen Sch�nheit eingeb��t hatte. George sagte, sie sei eine Witwe, die W�sche und anderes mache, um f�r sich selbst, drei Kinder und eine Katze den Lebensunterhalt zu verdienen. Ihr Mann, ein Matrose, sei vor zwei Jahren im Sommer w�hrend eines Sturms �ber Bord gefallen und ertrunken.</p><p>Alice Peet hatte ihre Kinder zu einem Bekannten geschickt, und somit waren sie und ihre Besucher allein im Haus. Haus war an sich nicht das richtige Wort, H�tte w�re angebrachter gewesen. Sie bestand aus einem gro�en Zimmer und einem zus�tzlichen kleineren, das wahrscheinlich f�r die abendlichen Besucher gedacht war. Beide Zimmer waren durch eine locker in den Angeln h�ngende T�r voneinander getrennt. Orry schluckte den brennenden Whisky hinunter, den ihm Alice Peet angeboten hatte. Er wurde pl�tzlich von Scham und Verlegenheit erfa�t und wu�te, da� er keinen Schritt in das Zimmer tun konnte. Ohne ein Wort zu sagen, schlich er auf die Veranda hinaus.</p><p>Die H�tte von Alice Peet stand am s�dlichen Ende des Dorfes, weit genug vom n�chsten Nachbarn entfernt. Wenn der Ort sonst auch keine Reize aufwies, so hatte man doch einen pr�chtigen Ausblick auf den monderhellten Hudson. Orry setzte sich und entspannte sich. Alice schien ihren Mann offensichtlich nicht stark zu vermissen. Sie lachte, trank und am�sierte sich mit den andern Kadetten. Die Party wurde immer lustiger und lauter. Nach ungef�hr einer Stunde glaubte Orry, da� man ihn vergessen habe, und er war dankbar daf�r. Da flog die T�r auf.</p><p>Kadett Stribling schwankte heraus. �Main? Wo bist du, Sir? Madame Pompadour-Peet erwartet dich, und, wie ich sagen w�rde, mit einer gewissen Absicht.�</p><p>Hier fiel Stribling beinahe von der Veranda herunter. Er fing sich jedoch auf und r�lpste. �Mein Gott, sie ist uners�ttlich. Wir werden die ganze Nacht hier sein. Aber was macht das schon, solange sie die Preise nicht erh�ht. Na los, du bist dran!�</p><p>�Danke, aber ich glaube, ich bleibe hier � �</p><p>�Kadett Orry Main, Sir?� Das war George. �Herein, und tun Sie Ihre Pflicht, Sir.�</p><p>Nach einigen weiteren Minuten des Hin und Her ging er schlie�lich z�gernd hinein. Die boshaften Kadetten jagten ihn durch das Haupt- ins Nebenzimmer und schlossen die T�r hinter ihm ab. Er hatte Angst, und gleichzeitig f�hlte er, wie er unter dem Knopfverschlu� seiner Hose steif wurde. Dieser Knopfverschlu� war eine Neuerung in West Point, die gegen den heftigen Widerstand der Moralh�ter, die vor Sittenzerfall warnten, durchgesetzt worden war. Die Sinnlichkeit wurde somit auch von der Regierung anerkannt.</p><p>Orry hatte die wildesten Vorstellungen und dachte, die Kn�pfe m��ten jeden Moment unter dem Druck abspringen. Es roch in der Dunkelheit angenehm nach Moschus, Toilettenwasser, Whisky und warmem K�rper.</p><p>�Komm her�, murmelte die Frau.</p><p>Er stolperte gegen das Bettende und entschuldigte sich h�flich und umst�ndlich. Alice Peet machte sich nicht �ber ihn lustig. Vielleicht war sie betrunken, aber sie klang liebensw�rdig.</p><p>�Komm, mein Lieber. Du bist Orry, nicht wahr? Dein Freund sagte mir, da� dies neu f�r dich sei.�</p><p>�Nun ��</p><p>�Du brauchst nicht zu antworten. Setz dich.�</p><p>Hatte er Fieber? Er setzte sich vorsichtig auf die Bettkante.</p><p>�Wir werden es einfach und angenehm machen f�r dich�, sagte die Frau und fa�te ihn auf so schockierende Weise an, da� er �ber und �ber rot wurde. Aber Alice Peet war eine Expertin. Zehn Minuten sp�ter seufzte Orry unwillk�rlich, und es gab kein Geheimnis mehr.</p><p>Auf dem R�ckweg versuchte er George zu versichern, da� es sch�n gewesen sei. Im geheimen jedoch hatten ihn Alice Peets Umarmungen unerf�llt gelassen und merkw�rdig traurig gemacht. Vielleicht war er nicht so wie alle anderen, aber ein k�rperliches Zusammensein mit einer beinah fremden Frau war nichts f�r ihn. Der Besuch in der H�tte hatte ihn erneut davon �berzeugt, da� es in seinem Leben nur eine Frau geben w�rde. Eine und nur eine. Er war sicher, da� es Liebe auf den ersten Blick sein w�rde.</p><p>Wenn ihn dies zu einem sentimentalen Esel machte � nun gut, dann war er eben einer.</p><p>An einem Samstagnachmittag des Fr�hlings 1844 hatten George und Orry eine Freistunde, da sie keine Fehlerpunkte mehr hatten, die sie mit Extrawachtdienst h�tten abarbeiten m�ssen. Sie wanderten in den H�geln oberhalb der Akademie herum und kamen an einen runden, flachen Krater. Sein Durchmesser war etwas gr��er als ein halber Meter. Im unteren Teil hatte sich Schmutz und Dreck gesammelt, und der Rand war von frischem Gras �berwachsen, was darauf hinwies, da� der Krater schon vor Monaten entstanden war.</p><p>George sah pl�tzlich sehr erregt aus. Er kniete beim Krater nieder und begann, ohne weitere Erkl�rung, mit seinen H�nden darin herumzugraben.</p><p>�George, was um Himmels willen tust -?�</p><p>�Augenblick, ich hab� was gefunden.�</p><p>Unter dem lockeren Dreck zog er seine Entdeckung hervor � eine Art Schlacke, kegelf�rmig und etwa f�nfzehn Zentimeter hoch. Orry hatte noch nie eine Schlacke in genau diesem Braunton gesehen.</p><p>�Was zum Teufel ist das?�</p><p>�Nichts Irdisches�, entgegnete George mit einem merkw�rdigen, beinahe kalten L�cheln. Als Orry durch Stirnrunzeln zu verstehen gab, da� ihn die Antwort keineswegs befriedigte, zeigte George mit dem Finger auf den wolkenbedeckten Himmel. �Daher kommt es. Es ist ein Meteorit. Die Farbe zeigt an, da� er stark eisenhaltig ist. Sterneisen nennen es die �lteren Leute in der Fabrik.� Er betrachtete den rauhen Gegenstand intensiv. Sein Gesichtsausdruck war beinahe ehrf�rchtig. Orry war wie vom Donner ger�hrt.</p><p>�Den alten �gyptern war das Sterneisen ein Begriff�, sagte George mit leiser Stimme. �Vielleicht ist dieses St�ck Millionen und Abermillionen von Meilen gewandert, bis es hier zerschellte. Mein Vater sagt, da� der Eisenhandel den Lauf der Geschichte st�rker beeinflu�t hat als alle Politiker und Gener�le seit Beginn der Menschheit.� Er hielt den Meteorit in die H�he: �Und dies ist der Grund daf�r. Eisen kann alles zerst�ren: Familien, Verm�gen, Regierungen, ganze V�lker. Es ist das M�chtigste, was es im Universum gibt.�</p><p>�Oh?� Orry warf einen skeptischen Blick auf die vor ihnen liegende Ebene. �Glaubst du wirklich, da� es m�chtiger ist als eine gro�e Armee?�</p><p>�Ohne Waffen � ohne dies hier � gibt es keine starken Armeen.�</p><p>Er sagte es mit einer solchen Heftigkeit, da� Orry fr�stelte. Dann gingen sie weiter. Bald war George wieder wie immer, plauderte und machte Witze. Aber er hatte den Meteorit immer noch in der Hand. Als sie wieder in der Kaserne waren, wickelte er ihn ein und bewahrte ihn wie einen Schatz auf.</p><p>Eines Abends, es war Ende Mai, brauchte George Zigarren. In Bennys Taverne brachte eine l�rmende Menge dem Besitzer ein St�ndchen dar. Jede West-Point-Klasse versuchte, dem Lied eine selbstgedichtete Strophe hinzuzuf�gen. Die meisten waren unfl�tig.</p><p>George guckte durchs Fenster und runzelte die Stirn. Da drinnen waren zu viele Senioren, einschlie�lich des verdammten Bent. Zuerst dachte er an Umkehr, aber er hatte nun schon seit mehreren Tagen nicht geraucht.</p><p>Ein zweiter Blick durchs Fenster zeigte ihm, da� sich auch einige Studenten aus dem ersten und zweiten Semester in der Gruppe befanden. Die meisten der Kadetten waren betrunken. Ob der Fr�hling dies bewirkte? Er warf seine Schultern zur�ck, setzte ein keckes L�cheln auf und ging hinein. Die Senioren drehten sich nach ihm um, aber ihre �blichen Drohungen fielen mechanisch und kurz aus. George kaufte seine Zigarren und war beinahe schon wieder drau�en, als Bent auf ihn zuwankte und einen Arm um seine Schulter legte.</p><p>George zog sich der Magen zusammen. Er ballte seine rechte Hand zur Faust. Aber das war nicht n�tig. Bent hatte einen vagen und benebelten Blick. Er bat George, ein Bier mit ihm zu trinken, wobei er etwas murmelte wie �die Vergangenheit begraben�. George lie� sich nicht beeindrucken, nahm aber die Einladung zu einem Bier an, denn er hatte frei und war durstig. Elkanah Bent war beschwipst und deshalb nicht so f�rmlich wie �blich. Er erz�hlte aufgeregt die letzten Neuigkeiten aus Washington. Der Erfinder Morse hatte eine Botschaft per Draht �bermittelt, und das bis nach Baltimore.</p><p>�Verstehen Sie die Bedeutung nicht, Hazard? Nun ist das Zeitalter des verbesserten Informationswesens der Armee angebrochen. Genau das, was der alte Mahan vorausgesagt hat. Im n�chsten Krieg � �</p><p>�Welcher Krieg?� unterbrach ihn George.</p><p>�Ach, was wei� ich.� Bent lief das Bier �bers Kinn und die Uniform, als er trank. �Aber er wird kommen; so sicher wie die Jahreszeiten.� Seine Augen waren jetzt etwas weniger stumpf. �Die Menschen verstehen es nicht, ihre Zwistigkeiten auf andere Art und Weise beizulegen. Die animalische Natur. Gott sei Dank, kann ich nur sagen, f�r unsere Karriere.�</p><p>Einige der andern Kadetten h�rten zu. Der eine starrte Bent genauso ungl�ubig an wie George. Bent schenkte dem keinerlei Beachtung. Seine Stimme wurde ganz aufgeregt. �Wenn dieses Land wieder einmal Krieg f�hrt, wird es sich nach einer neuen F�hrung umsehen.� Er lehnte sich vor, seine Wangen gl�nzten, und seine Lippen waren feucht. �Die Armee wird nach einem amerikanischen Bonaparte Ausschau halten.�</p><p>George lachte nerv�s. �Nun, Mr. Bent, Sie scheinen einen weiteren Blickwinkel entwickelt zu haben als ich. Ich hoffe, da� ich nicht mehr in der Armee bin, wenn Ihr gigantischer Krieg ausbricht. Sollte das jedoch nicht der Fall sein, so werde ich genau zwei Ziele haben: n�mlich Befehle rasch und vern�nftig ausf�hren und den Kugeln ausweichen.�</p><p>�Ganz richtig�, sagte Bent mit einer Handbewegung. �Ein umsichtiger General setzt sich niemals dem Feuer aus. Der einzelne Soldat ist nur ein Ersatzteil, und es ist besser, 50.000 solcher Ersatzteile kommen um als ein einziger brillanter F�hrer.�</p><p>�Eine interessante Theorie�, murmelte George und stand abrupt auf. Er bedankte sich f�r das Bier, aber Bent h�rte ihm nicht zu. Er war zu sehr damit besch�ftigt, George am �rmel zu zupfen, um ihn zum Zuh�ren zu bewegen.</p><p>George trat beiseite. Diese aufgedunsene Kreatur widerte ihn an. Genauso wie das, was er erz�hlte. Er ben�tigte frische Luft und einen andern Anblick als Bents engstehende, irr flackernde Augen.</p><p>Einige Tage sp�ter lud Pickett George, Orry und ein paar weitere Freunde zu einem Hackfleischabend ein, eine West-Point-Tradition. Drei Tage vor dem Ereignis filzten die geladenen G�ste Fleischreste, Kartoffeln, Butter und Brot aus der Kantine. Sie versteckten das Essen in ihren Schirmm�tzen, deren Verst�rkungsstreifen sie entfernt hatten.</p><p>Am Samstagabend, nach der Inspektion der Quartiere, versammelten sich die G�ste in Picketts Zimmer, wo dieser mit den gestohlenen Zutaten und mit ebenfalls gestohlenen Ger�ten das Mischmasch vorbereitete. Der n�chsten Wache wurde eine Portion angeboten, damit man sicher war, da� man bis zum Zapfenstreich ungest�rt blieb.</p><p>Es war ein fr�hliches, gel�stes Treffen. Das Gespr�ch war lebhaft und umfa�te eine ganze Reihe von Themen. Sie unterhielten sich �ber politische Fragen verschiedenster Art. Diejenigen, die sich wie Orry auf ihren Sommerurlaub freuten, besprachen ihre Ferienpl�ne. Dann brachte George seine j�ngste Begegnung mit Bent zur Sprache.</p><p>�Als er von einem amerikanischen Bonaparte redete, meinte er sich selbst, ich k�nnte drauf schw�ren. Schlimmer noch, der Mann ist f�hig, ein ganzes Regiment in den Tod zu schicken, wenn das seinen Zwecken dient. Er nannte die Soldaten Ersatzteile.�</p><p>Pickett langte nach der Bratpfanne im Kamin, in der er den Rest des Gerichts nochmals aufgew�rmt hatte.</p><p>�Der Mann ist auf dem besten Weg zum Erfolg. Gott erbarme sich dessen, der mit oder ohne Absicht Bent im Weg steht.�</p><p>Ein schlanker Kadett aus Missouri sagte: �Ich glaube, ihr nehmt den Mann alle viel zu ernst. Er ist ein Dummkopf, ein Clown.�</p><p>�Wenn du ihn so schnell abhandelst, dann bist du der Dummkopf�, entgegnete George.</p><p>�Amen�, sagte Orry. �Er ist gef�hrlich. Vielleicht sogar verr�ckt. Geht ihm aus dem Weg.�</p><p>�Und e�t auf�, f�gte Pickett hinzu.</p><p><strong>6</strong></p><p>Orry fuhr mit dem Dampfer Richtung S�den. Als er sein Essen im Speisesaal einnahm, war er sich der Wirkung seiner Urlaubsuniform wohl bewu�t. Auf seinem eleganten Mantel sa� eine ganze Reihe edler vergoldeter Kn�pfe, genau wie auf den Manschetten. Die Uniform erregte auf jeden Fall Aufsehen. Alle Menschen zeigten sich zuvorkommend und freundlich, mit Ausnahme eines Kaufmanns aus Connecticut, der etwas von einer aufgeblasenen Milit�raristokratie murmelte. Er war der Meinung, da� die Akademie von einem Zivilgremium �berwacht werden sollte.</p><p>In Charleston mietete Orry ein Pferd, damit er seine Reise verlangsamen konnte. Er hatte die Absicht, den Anblick seines Heimatlandes zu genie�en. Zwei Jahre war er jetzt von zu Hause fort gewesen und hatte zu seinem eigenen Erstaunen eine ganze Reihe von Charakter- und F�higkeitspr�fungen bestanden. Diese Erkenntnis verlieh ihm Fl�gel. Sein Urlaub w�re vollkommen gewesen, wenn ein M�dchen ihn erwartet h�tte. Ein besonderes M�dchen, dem er das traditionelle Liebesgeschenk eines Kadetten machen k�nnte � den goldenen Streifen auf dem schwarzen Samtband seiner Urlaubsm�tze. Auf dem Streifen stand in goldenen Lettern: U.S.M.A.</p><p>Aber es gab kein solches M�dchen. Er hatte sich bereits halbwegs damit abgefunden, da� er sein ganzes Leben allein w�rde verbringen m�ssen. Als er zur Stadt hinausritt, begann es stark zu regnen. Er hielt an, zog seinen blauen Urlaubsmantel an und schob die M�tze tiefer in die Stirn, damit der Regen ihm nicht in die Augen schlug. Aber er wu�te, da� er trotzdem v�llig durchn��t sein w�rde, bis er in Mont Royal ankam. Dort wollte er Cooper treffen, um mit ihm zusammen zur Sommerresidenz der Familie zu fahren. Zu seiner Rechten erblickte er den regengepeitschten Flu�. Zu seiner Linken erhob sich ein Dickicht aus Palmettob�umen und Eichen, und zwischendurch konnte er einen raschen Blick auf das Sumpfgebiet werfen. Die Luft war schwer und feucht, voller vertrauter D�fte und Ger�usche.</p><p>Er begegnete zwei Schwarzen, die mit einer Wagenladung nach Charleston unterwegs waren. Der eine zog einen Ausweis hervor und zeigte ihn Orry unaufgefordert vor. Kein Sklave durfte irgendwohin reisen, ohne da� er eine schriftliche Bewilligung seines Herrn vorweisen konnte. Patrouillen der Gemeinde durchk�mmten die Stra�en, um solche Scheine zu �berpr�fen, obwohl sie das nicht immer mit der von den Pflanzern gew�nschten Sorgfalt taten. Das System war Jahre alt und darauf ausgerichtet, Versammlungen von Sklaven, die zu Aufst�nden h�tten f�hren k�nnen, zu verhindern.</p><p>Orry war eine Stunde geritten, als er aufgeregte Stimmen h�rte. Er galoppierte um eine Biegung und z�gelte dann sein Pferd. Eine sch�ne Kutsche lag umgekippt im Regen.</p><p>Er stellte fest, da� die Stra�e zur H�lfte weggeschwemmt worden war. Die Kutsche mu�te beim Versuch, den Engpa� zu �berwinden, umgekippt sein. Orry sah zerrissene Zugriemen, aber kein Pferd.</p><p>Der wei�e Kutscher stand neben dem umgest�rzten Gef�hrt und versuchte angestrengt, die Seitent�re in die H�he zu stemmen. Orry h�rte aufgeregte Frauenstimmen, obwohl er niemanden sehen konnte. Auf der Stra�e lagen ein halbes Dutzend Taschen und Koffer verstreut. Ein Koffer war aufgesprungen, und wei�e spitzenbesetzte Kleider lagen im klebrigen Schlamm. Offenbar handelte es sich nicht um arme Reisende.</p><p>Der Kutscher nahm Orrys Uniform zur Kenntnis. �Sind Sie Polizist, Sir?�</p><p>�Nein, aber kann ich behilflich sein?�</p><p>�Meine Arme scheinen nicht lang genug zu sein, um diese T�r zu �ffnen.�</p><p>�Lassen Sie mich es versuchen.�</p><p>W�hrend er vom Pferd stieg, glaubte er zu sehen, wie etwas Langes, D�nnes �ber die Seite der Kutsche huschte und dann durch ein Fenster verschwand. Olivfarben mit dunklen Streifen: Er hatte wohl tats�chlich eine Schlange gesehen.</p><p>Orry eilte zur Kutsche. �Ich steige auf�, sagte er zum Fahrer. Er kletterte �ber die Achse und das Hinterrad auf die Kutsche und blickte dann in die zwei dunkelsten und gr��ten Augen, die er je gesehen hatte. Obwohl er sehr angespannt war, konnte er doch feststellen, da� die wei�e Frau jung, bla� und sehr sch�n war. Sie war in Begleitung einer �lteren, schwarzen Frau.</p><p>�Bald werden wir Sie befreit haben, meine Damen.�</p><p>Er b�ckte sich, langte nach dem T�rgriff und versuchte, so unauff�llig wie m�glich das Innere der Kutsche in Augenschein zu nehmen. Dann erblickte er sie: reglos in den Falten des Kleides der wei�en Frau, die die Schlange noch nicht bemerkt zu haben schien.</p><p>Orry schwitzte. �Meine Damen, ich bitte Sie, ruhig Blut zu bewahren und mir zuzuh�ren.� Seine leise dr�ngende Stimme lie� sie aufhorchen. �Bitte bewegen Sie sich nicht abrupt. Tun Sie �berhaupt nichts, bis ich es Ihnen sage. Es ist eine Schlange in der Kutsche ��</p><p>Ihre Augen weiteten sich vor Schreck. Die schwarze Frau blickte umher, worauf Orry fl�sterte: �Tun Sie das nicht. Verhalten Sie sich absolut ruhig.�</p><p>Sie taten, wie ihnen gehei�en. Die Schlange hatte gerade ihr Maul ge�ffnet, und man konnte ihre Giftz�hne und das baumwollwei�e Innere ihres Mauls sehen. Schwei� tropfte von Orrys Stirn; sein Herz klopfte so rasend und laut, da� es ihm wie Donnergrollen vorkam.</p><p><emphasis>�Est-ce que le serpent est venimeux?�</emphasis> fragte das wei�e M�dchen. Dann wurde ihr bewu�t, da� sie franz�sisch gesprochen hatte. �Ist die Schlange giftig?�</p><p>Orrys Stimme blieb leise. �Ja, sehr. Sie bei�en zwar nicht, wenn sie sich nicht bedroht f�hlen; man kann sie jedoch leicht beunruhigen. Deshalb habe ich Sie gebeten, keine ungest�men Bewegungen zu machen und nicht laut zu reden. Wenn Sie sich daran halten, wird nichts geschehen.�</p><p>Er log. Auf jeden Fall �bertrieb er. Gl�cklicherweise konnten sie nicht in seine Haut schl�pfen und seine Spannung und Angst bemerken.</p><p>Mit einem knappen entschuldigenden L�cheln sagte das M�dchen: �Wir verstehen nichts von diesen Dingen, Sir, wir kommen aus der Stadt.�</p><p>Aber nicht aus South Carolina, dachte er, als er ihren Akzent h�rte. Er beobachtete die Giftschlange. Sie hatte ihr Maul wieder geschlossen.</p><p>Pl�tzlich konnte die schwarze Frau ihre Angst nicht mehr unter Kontrolle halten. Ihre Schultern begannen zu zittern, sie bi� sich auf die Unterlippe und versuchte ihre Tr�nen zur�ckzuhalten, aber es gelang ihr nicht.</p><p>�Beruhigen Sie sie�, fl�sterte Orry dem M�dchen zu. �Tun Sie irgendetwas, um Sie stillzuhalten.�</p><p>Das M�dchen war offensichtlich entsetzt, aber nicht gel�hmt vor Schreck. Langsam und mit gro�er Sorgfalt bewegte sie ihre behandschuhte Hand �ber den Arm der schwarzen Frau, z�rtlich und mit leiser, murmelnder Stimme.</p><p><emphasis>�M�re Sally, pri�re de se taire encore un moment. J�aipeur aussi. Mais si nous pouvons rester tranquilles une ininute de plus, nous serons en s�curit�. J�en suis s�re.�</emphasis></p><p>Die schwarze Frau �berwand ihre Furcht. Sie hob die linke Hand und ber�hrte die Hand der jungen Frau � eine Geste der Dankbarkeit. Aber ihre Bewegung war zu abrupt, das Rascheln ihres Kleides zu laut. Bevor Orry eine Warnung aussto�en konnte, schnellte die Schlange los. Das M�dchen konnte sie auf ihrem Rock sp�ren und schrie. Orry flimmerte es vor den Augen, und sekundenlang war auch er in Panik. Er packte den Fensterrand, lehnte sich vor und blickte hinunter � die Schlange war verschwunden. Sie war durch eines der unteren Fenster aus der Kutsche herausgefallen und hatte sich in Angst davongemacht.</p><p>Orry glaubte die Rettungsaktion verpfuscht zu haben. Die Reisenden waren jedoch nicht mit ihm einverstanden. Alle drei bedankten sich �berschwenglich bei ihm, w�hrend er das Innere der Kutsche aufs Genaueste inspizierte, die T�r �ffnete und die Damen heraushob. Erst half er der schwarzen, dann der jungen wei�en Frau. Er hielt sie eine Sekunde l�nger in der Taille umfangen, als dies notwendig gewesen w�re. Er konnte nicht anders. Ihre schneewei�e Haut, ihre dunklen Augen, ihr gl�nzendes schwarzes Haar und ihr fester Busen unter dem eleganten Reisekleid �bten einen seltsamen Zauber auf ihn aus. Sie mochte ebenso alt sein wie er. In seinem ganzen Leben war er noch nie einem solch sch�nen Gesch�pf begegnet.</p><p>�Wir werden ewig in Ihrer Schuld stehen�, sagte sie mit einem leicht fragenden Unterton in der Stimme.</p><p>�Main. Orry Main.�</p><p>�Sind Sie Soldat?�</p><p>�Noch nicht. Ich besuche die Milit�rakademie in West Point. Ich bin f�r einen zweimonatigen Urlaub auf dem Weg nach Hause.�</p><p>�Leben Sie hier in der N�he?�</p><p>�Ja, unsere Plantage befindet sich etwas stromaufw�rts.�</p><p>Er kletterte von der Kutsche herunter, hob die Arme und half ihr, �ber die Achse und das Rad zu klettern. Der Druck ihrer behandschuhten Finger erf�llte ihn mit Freude. Sie hatte ein volles Gesicht und volle Lippen. Ihr Mund strahlte eine gewisse Sinnlichkeit aus, die im Widerspruch zu ihrem sonstigen Wesen stand.</p><p>Orry lie� sie nur z�gernd los.</p><p>�Ich hei�e Madeline Fabray. Wir sind unterwegs zu einer Plantage namens Resolute. Ist sie Ihnen bekannt?�</p><p>Er konnte sich nur mit M�he eines Stirnrunzelns enthalten. �Ja, sie geh�rt den LaMottes. Es ist nicht weit.�</p><p>�Wir alle, Maum Sally, Villefranche und ich, sind den langen Weg von New Orleans bis hierher gereist. Keiner von uns ist je l�nger als eine Zwei-Tage-Reise von zu Hause fort gewesen. Die Leute in New Orleans sind furchtbar provinziell. Viele sagen, da� es auf dem Kontinent nichts mehr zu sehen gibt, wenn man einmal von der Place d�Armes bis zum Mississippi spaziert ist.�</p><p>Sie machte nat�rlich Spa�. Er hing an jedem Wort, das von ihren Lippen kam. �Auf jeden Fall�, fuhr sie fort, �ist South Carolina Neuland f�r uns. Wir hatten gehofft, bis zum Abendbrot in Resolute zu sein, aber das wird nicht mehr reichen. Ich mu� gestehen, da� sich diese Stra�en wirklich in einem schlechten Zustand befinden. So viele Schlagl�cher. Villefranche ist ein guter Kutscher, aber dieses enge St�ck schien doch zu schwierig zu sein. Die Pferde rutschten aus und brannten durch, die Kutsche �berschlug sich �� Sie zuckte die Achseln mit ausdrucksvoller Gestik. Dann l�chelte sie ihn mit gro�er W�rme an. �Gl�cklicherweise kam gerade ein liebensw�rdiger Kavalier dahergeritten, um uns zu retten.�</p><p>Orry wurde knallrot. �Sie haben den schlechten Nerven der Schlange mehr zu verdanken als mir.�</p><p>�Nein, Mr. Main, Ihnen bin ich dankbar.� Sie ber�hrte spontan seinen Arm. �Immer.�</p><p>Einen Augenblick lang sahen sie sich in die Augen. Dann zog sie err�tend ihre Hand zur�ck, und auf ihrem Gesicht zeigte sich eine fl�chtige Spur von Kummer.</p><p>Orry verstand ihre Reaktion nicht. Er hatte geglaubt, sie h�tte ihre Hand absichtlich auf seinen Arm gelegt, aber offensichtlich bedauerte sie dies nun. Er hatte zwar geh�rt, da� die Frauen in New Orleans h�chst subtile Manieren hatten, aber es war doch keine Tods�nde, in Dankbarkeit den Arm eines Mannes zu ber�hren? Nat�rlich wagte er nicht, eine Frage zu stellen. Und auch wenn er gefragt h�tte, so h�tte sie ihm vermutlich keine Antwort gegeben. Er hatte den Eindruck, da� sie sehr sch�chtern war, da� etwas sie daran hinderte, der Welt bestimmte Gedanken und Gef�hle zu zeigen. Hinter diesem Etwas verbarg sich die Antwort auf das R�tsel der behandschuhten Hand auf seinem Arm, die urpl�tzlich mit einem Ausdruck des Erstaunens und vielleicht eines Schamgef�hls zur�ckgezogen worden war.</p><p>Wenn dies auch ein Geheimnis f�r ihn blieb, so hatte er doch in kurzer Zeit einiges �ber die charmante Reisende erfahren.</p><p>Sie schien intelligent, liebensw�rdig und gut erzogen, und doch sagte etwas in ihm, da� sie auch leidenschaftlich sein konnte. Sehr sogar. Diese faszinierenden kurzen Einblicke in ihren Charakter zogen ihn noch mehr an als ihre Sch�nheit. W�hrend eines berauschenden Augenblicks hatte er das Gef�hl, da� sich hier zwei verwandte Seelen getroffen hatten. Romantischer Esel, dachte er eine Minute sp�ter. Villefranche bemerkte h�flich aber bestimmt, da� man nun weiterfahren m�sse. Orry r�usperte sich. �Nach etwa einer Meile kommt eine Kreuzung mit einem Laden. Ich werde dort anhalten und zwei Maultiere und zwei oder drei Negerinnen hierherschicken lassen, die Ihnen dabei behilflich sein k�nnen, die Kutsche wieder aufzurichten.�</p><p>Er half dem Kutscher, das verstreute Gep�ck einzusammeln und wieder zu verstauen, aber er tat es ohne jede Hast. Er ha�te den Gedanken, da� diese h�bsche junge Frau den Eigent�mer von Resolute, Justin LaMotte, den er gut kannte und nicht mochte, besuchen sollte. Die LaMottes waren eine alteingesessene, aristokratische Hugenottenfamilie. Der erste LaMotte war mehr als ein Jahr vor Charles de Main in Carolina angekommen. Deshalb blickten Justin, sein Bruder Francis und der ganze Clan auf die Mains und die meisten andern Familien herab. Und dies, obwohl Justin wegen schlechter Bewirtschaftung der Plantage und einem h�chst aufwendigen Lebensstil beinahe vor dem Bankrott stand. Viele, die ihm zum ersten- oder sogar zum zweitenmal begegneten, fanden ihn �u�erst charmant. Aber Orry wu�te mehr.</p><p>Er wollte soviel wie m�glich �ber die Besucherin in Erfahrung bringen. Als er Villefranche eines der schmutzigen Gep�ckst�cke reichte, sagte er zu Madeline:</p><p>�Ihr Name verleitet mich zu der Annahme, da� Sie Franz�sin sind.�</p><p>Sie lachte. �In New Orleans hat fast jeder einen franz�sischen Namen. Die Leute behaupten, keine anderen Namen aussprechen oder behalten zu k�nnen. Sie wissen ja, wie snobistisch Franzosen sein k�nnen.�</p><p>�Ja, das ist mir bekannt. Auch in South Carolina haben sich Franzosen niedergelassen.� Er wollte einen Kommentar �ber Justin abgeben, unterdr�ckte ihn jedoch. �Woher kommt denn Ihre Familie?�</p><p>�V�terlicherseits aus Deutschland. Mein Ur-Urgro�vater Faber kam als einer der ersten an die sogenannte Deutsche K�ste, etwa 25 Meilen stromaufw�rts von New Orleans. Es gibt Dutzende von Deutschen bei uns, und in den letzten hundert Jahren sind beinahe alle Namen ins Franz�sische �bersetzt worden. Buchwalter wurde zu Bouchvaldre. Kerner zu Quernel. Ich k�nnte Ihnen ein Dutzend davon aufz�hlen.�</p><p>�Aber Ihre Familie lebt jetzt nicht mehr an der K�ste, sondern in der Stadt?�</p><p>Ihre Gesichtsz�ge spannten sich wieder. �Ich habe nur noch meinen Vater.� Sie erl�uterte, da� er ein Zuckerfabrikant sei, wie sein Vater und sein Gro�vater. Er hatte sie auf dieser Reise begleiten wollen, aber er war nicht dazu in der Lage gewesen. Vor sechs Monaten hatte er einen Schlaganfall erlitten, der ihn l�hmte.</p><p>Orry kratzte trockenen Schlamm von der letzten Tasche herunter und machte dann Anstalten zu gehen. �Ich hoffe, da� Sie herrliche Tage in Resolute verbringen werden, Mi� Fabray.� Er hatte Angst, noch mehr zu sagen, aber er wu�te, da� er nicht anders konnte; der Augenblick w�rde nie wiederkommen. �Vielleicht �� er fingerte an seiner M�tze herum, �vielleicht sehen wir uns wieder?�</p><p>�Es w�rde mich freuen, Mr. Main�, sagte sie mit einem kurzen Kopfnicken. Er war zu aufgeregt, um zu bemerken, da� sie nichts anderes als h�flich war.</p><p>Er winkte noch und ritt davon. In gehobener Stimmung sang er den ganzen Weg �ber bis zur Kreuzung. Er konnte nicht begreifen, weshalb ein so h�bsches und intelligentes M�dchen wie Madeline Fabray bei so arroganten und oberfl�chlichen Menschen wie den LaMottes Ferien machen wollte. Sollte sie irgendwie mit ihnen verwandt sein? � Es schien die einzig vern�nftige Erkl�rung zu sein.</p><p>Nun, er k�nnte es verkraften, mit Justin h�flich zu sein, wenn er daf�r dessen Gast sehen durfte. Und dazu war er entschlossen. Er w�rde mehr als anderthalb Monate zu Hause sein, Zeit genug, um Verehrer einer jungen Dame zu werden. Er stellte sich vor, wie er Madeline das gestickte Abzeichen seiner M�tze schenken w�rde, wie beide am Schlu� seiner Ferien sich hoch und heilig versprechen w�rden, einander zu schreiben.</p><p>Wie seltsam waren doch die Wege des Schicksals. Wenn dieser ungl�ckselige Regen nicht die H�lfte der Stra�e hinweggewaschenh�tte, w�ren sie einander wohl nie begegnet. Aber so war es gekommen, und nun erfreute er sich eines neuen und wunderbaren Gl�cks. F�nf Minuten, nachdem er in Mont Royal angekommen war, brachte Cooper seine Traumwelt zum Einst�rzen.</p><p>�Fabray, sagst du. Tut mir leid, aber du bist auf dem Holzweg, Bruder. Fabray ist der Name der jungen Dame, die Justin heiraten wird.�</p><p>Nach einem verbl�fften Schweigen rief Orry: �Wie ist das m�glich? <emphasis>Wie?�</emphasis></p><p>Cooper zuckte die Achseln. Sie befanden sich im E�zimmer, das jetzt, nachdem es erneut zu regnen angefangen hatte, ziemlich d�ster aussah. Orrys Urlaubsm�tze lag in einer Ecke. Er hatte sie voller Freude dorthin geschmissen, nachdem er seinen Bruder begr��t hatte. Cooper war in Hemds�rmeln. Er hatte zwei Gl�ser vom besten Rotwein seines Vaters eingeschenkt. Orry hatte noch keinen Schluck genommen.</p><p>�Keine Ahnung�, sagte Cooper. Er setzte seinen gestiefelten Fu� auf den teuren Mahagonitisch. �Ich bin nicht gerade ein Busenfreund von Justin oder Francis.�</p><p>�Ich kann mir nicht vorstellen, da� dieses M�dchen Justin heiraten soll. Sie kann nicht �lter als zwanzig sein. Er mu� f�nfzehn oder zwanzig Jahre �lter sein als sie. Wie lange ist seine erste Frau schon tot?�</p><p>�Neun Jahre, glaube ich. Was macht das schon? Wahrscheinlich hat der Vater des M�dchens die Sache arrangiert. Das kommt ja noch oft genug vor. Und die LaMottes haben eine gute Ahnentafel vorzuweisen, auch wenn sie seit Jahren unmenschlich geworden sind.� Dies war das erste Mal, da� Orry ernsthaft Interesse an einem M�dchen gezeigt hatte. Er w�tete und bemitleidete sich. Ein Au�enstehender h�tte es belustigend finden m�gen, nicht aber Cooper. Obwohl das Schicksal ihm bis jetzt noch nicht auf diese Weise mitgespielt hatte und er Orrys Schmerz also nicht voll begreifen konnte, zweifelte er nicht daran, da� er h�llisch echt war.</p><p>Er nippte an seinem Rotwein und kehrte zum Plan der M�hle zur�ck, mit dem er sich vor der Ankunft seines Bruders befa�t hatte. Orry schritt um den Tisch herum; sein Gesichtsausdruck wurde zusehends aufgew�hlter. Er hielt abrupt neben Coopers Stuhl.</p><p>�Wann findet die Hochzeit statt?�</p><p>�N�chsten Samstag. Wir sind �brigens als Familie eingeladen. Ich nehme an, du wirst wohl nicht hingehen.�</p><p>�Samstag schon. Weshalb so schnell?�</p><p>�Ich kann nur spekulieren. Justins Mutter h�tte die Hochzeit lieber im Herbst gesehen, wenn es k�hler ist. Aber er ist ja alt genug, um nein zu sagen. Ich wei� nicht, ob er nicht mehr l�nger auf die junge Dame oder auf ihre Mitgift warten mag. Justin ist ebenso ungeduldig wie seine Zuchthengste � Bitte h�r auf mit diesem Herumwandern. Es geht nur um ein M�dchen.�</p><p>Orry wirbelte herum. �Sie ist mehr als das. F�nf Minuten, nachdem wir uns getroffen hatten, war ich sicher, da� wir ein gutes � ein gutes ��</p><p>Er wu�te nicht, wie er den Satz beenden sollte. Oder vielleicht bef�rchtete er Spott. Cooper beobachtete, wie sein Bruder die M�tze vom Boden aufhob, das goldene Abzeichen mit dem Zeigefinger ber�hrte und wortlos hinausging.</p><p>Cooper seufzte und trank den unber�hrten Wein seines Bruders. Pl�tzlich f�hlte auch er sich verdammt traurig.</p><p>Am n�chsten Morgen sattelten die beiden Br�der ihre Pferde und ritten nach Summerville. Bei ihrer Ankunft bem�hte sich Orry, die einzelnen Familienmitglieder aufs w�rmste zu begr��en. Aber Clarissa kannte ihre Kinder, und am Abend nach dem Essen nahm sie Cooper beiseite.</p><p>�Dein Bruder ist ein schlechter Schauspieler. Weshalb ist er so ungl�cklich? Freut er sich nicht, zu Hause zu sein?�</p><p>�Doch. Aber gestern hat er auf der Stra�e von Charleston eine junge Dame getroffen. Er verliebte sich in sie und hat dann erfahren, da� sie die zuk�nftige Frau von Justin LaMotte ist.�</p><p>�O Gott. Das M�dchen, das von allen die Kreolin genannt wird?�</p><p>�Ich nehme es an. Ist sie Kreolin?�</p><p>�Dem Namen nach, ja. O Gott�, antwortete Clarissa. �Dies k�nnte Probleme geben. Ich meine, im Zusammenhang mit der Hochzeit. Dein Vater weigert sich hinzugehen, aber die H�flichkeit gebietet es, da� die Familie vertreten ist. Ich hatte gehofft, da� du und Orry mich begleiten w�rden.�</p><p>Cooper teilte die Antipathie, die sein Vater gegen die LaMottes hegte. Es waren oberfl�chliche, niedertr�chtige Menschen, die Pferdefleisch a�en und Streitigkeiten mit verbotenen Duellen beilegten. Aus R�cksichtnahme auf seine Mutter sagte er:</p><p>�Ehrlich gesagt, w�rde ich lieber nicht hingehen, aber ich komme mit. Ich glaube jedoch, wir sollten Orry nicht dazu zwingen.�</p><p>�Nat�rlich nicht, du hast recht�, sagte Clarissa. �Unter den gegebenen Umst�nden wird er wohl kaum mitkommen wollen.�</p><p>Doch noch am selben Abend �berraschte sie Orry, indem er ihnen mitteilte, da� er sie alle am Samstag begleiten w�rde. Cooper fand sein Vorhaben tollk�hn, sagte jedoch nichts. Tillet befahl Clarissa, Vetter Charles ebenfalls mitzunehmen. �Vielleicht l��t er sich vom Benehmen feiner Damen und Herren inspirieren�, sagte er mit Sarkasmus. Der arme Charles wurde doch immer auf irgendeine Art und Weise bestraft, dachte Cooper.</p><p>Am Samstag herrschte mildes, klares Wetter, und eine frische Brise vertrieb die Insekten. Da Clarissa besch�ftigt war, verz�gerte sich die Abreise nach Resolute um etwa eine Stunde. Gerade vor Sonnenaufgang setzten bei einem der Hausm�dchen die Wehen ein.</p><p>Clarissa war bei jeder Niederkunft, die auf der Plantage stattfand, behilflich, und sie erwartete daf�r weder Komplimente noch irgendwelchen Dank. Sie erf�llte lediglich die traditionelle Pflicht einer Frau ihres Standes. Eines Tages w�rden Ashton und Brett das gleiche tun.</p><p>Die Reise mit der Kutsche dauerte anderthalb Stunden. Vetter Charles war die ganze Zeit �ber zapplig und beklagte sich. Clarissa hatte ihn in einen feinen Anzug mit hohem Kragen und Krawatte gesteckt. Bis sie jedoch in Resolute ankamen, hatte er es fertiggebracht, den Anzug v�llig zu zerknautschen.</p><p>Bei den LaMottes war man bereits zum Empfang der G�ste �bergegangen, die unter den Eichen und Magnolienb�umen lachten und plauderten. Auf dem Rasen waren vier gelb- und wei�gestreifte Pavillons aufgestellt worden. Die Plantage der LaMottes erinnerte Cooper an eine Hure aus Charleston, die versucht hatte, die Spuren der Zeit hinter Puder und Schminke zu verbergen. Auf den ersten Blick machte das riesige Haus zwar einen guten Eindruck, doch bei n�herem Hinsehen konnte man fehlende Balken und Moder feststellen. Ganze M�rtelst�cke waren aus den S�ulen, auf denen die hintere Veranda ruhte, herausgebr�ckelt � vom Herrenhaus von Resolute aus blickte man auf den Flu� und den kleinen H�gel �, und viele der vom Sturm besch�digten Fensterl�den waren nicht repariert worden.</p><p>Doch die festliche Menge schien sich nicht daran zu st�ren. Cooper nahm an, da� mit den Familienmitgliedern, den G�sten und den f�r dieses Fest ben�tigten Sklaven etwa dreihundert Leute anwesend waren. Auf dem Torweg standen viele sch�ne Kutschen und Zweisp�nner. Die Luft war von Rauch erf�llt; es wurde also gegrillt � eine bei Hochzeiten in diesem Teil des Landes �bliche Tradition.</p><p>Ein Orchester aus Charleston spielte auf. Vetter Charles rannte davon. Orry suchte mit grimmigem Gesicht die Braut. Cooper hoffte, da� der Punsch stark war, denn der restliche Nachmittag w�rde nur mit Trinken zu ertragen sein.</p><p>�Da ist sie�, sagte Orry. �Wir sollten unsere Aufwartung machen, bevor die Schlange noch l�nger wird.� Clarissa und Cooper waren einverstanden. Sie stellten sich in die Warteschlange und begr��ten den Pfarrer, die verschiedenen LaMottes, die Braut und den Br�utigam.</p><p>Justin LaMotte war ein h�bscher, kr�ftiger Mann mit gesunder Gesichtsfarbe und seidigem, braunem Haar, das wie gef�rbt aussah. Er nahm die Gl�ckw�nsche der Mains mit einem L�cheln und einigen h�flichen Dankesworten entgegen, aber in seinen Augen war keine W�rme.</p><p>Cooper betrachtete die Braut. Sie war atemberaubend sch�n. Kein Wunder, hatte sich sein Bruder sofort in sie verliebt. Justin hatte so etwas nicht verdient. Ob das M�dchen wohl viel �ber den Mann, den es eben geheiratet hatte, wu�te? Armes Gesch�pf; es w�re eine Trag�die, wenn sie erst jetzt entdecken w�rde, was hinter dem oberfl�chlichen Charme ihres Gatten verborgen war.</p><p>Cooper war absichtlich als erster vorgetreten, damit er sich umdrehen und sehen konnte, wie sein Bruder Madeline LaMotte gegen�bertrat: Er hoffte, da� es nicht zu einer r�hrseligen Szene kommen w�rde. Orry f�hlte sich schon so schlecht genug; er brauchte nicht noch weitere Qualen.</p><p>Aber er benahm sich wie ein vollkommener Gentleman. Einen Augenblick lang hielt er die Hand der Braut und gab ihr den traditionellen, fl�chtigen Ku� auf die Wange. Doch dann sah Cooper, wie die beiden jungen Leute einander anschauten: Ihre Blicke verrieten Kummer und ein kurzes, aber verbl�ffend ehrliches Anerkennen einer verlorenen Chance.</p><p>Dann senkte die Braut mit einem Anflug von Schuld den Blick. Justin begr��te einen neuen Gast, und der Rest entging Cooper. Er dachte an das, was er vor wenigen Augenblicken in Madelines Augen gesehen hatte, und sagte sich: <emphasis>Ich hoffe, da� mich wenigstens einmal im Leben eine Frau so anschaut.</emphasis></p><p>Die Mains traten aus der Reihe der gratulierenden G�ste heraus. Cooper wollte seinem Bruder sein Mitgef�hl zeigen, konnte jedoch nicht die richtigen Worte finden. Wahrscheinlich w�re Orry ohnedies beleidigt gewesen. Statt dessen machte Cooper sich nach der Punschbowle auf. Unterwegs bemerkte er, wie Vetter Charles unter einen der Tische kroch. Er hatte einen Teller mit gegrilltem Lammfleisch und Sauce in der Hand; sein Hemd hing bereits wieder aus der Hose heraus.</p><p>Cooper sah zu, da� man seine Mutter bediente, und lie� sie dann mit drei �lteren Damen � zwei davon waren Basen der Mains und die dritte ein Mitglied der riesigen Smith-Familie � stehen. In einer halben Stunde f�hrte er sich vier Becher Punsch zu Gem�te. Aber es half nicht viel. Von allen Seiten h�rte er Komplimente �ber den Br�utigam, die ihn zusammenzucken lie�en.</p><p>Kurze Zeit sp�ter tanzte er mit einer gutm�tigen �lteren Dame im Freien: Tante Betsy Bull. Cooper liebte Polkas, aber Tante Betsy verdarb ihm seinen Spa�, als sie sagte: �Das reizendste Paar, das es je gegeben hat. Sie wird au�erordentlich gl�cklich sein. Ich kenne Justin nicht sehr gut, aber er machte immer den Eindruck eines liebensw�rdigen und charmanten Mannes.�</p><p>�Bei einem Hochzeitsfest sind alle M�nner Engel.�</p><p>Tante Betsy schien nicht ganz einverstanden. �Wie konnte eine so liebe Frau wie deine Mutter einen so zynischen Nichtsnutz hervorbringen? Ich glaube, du magst Justin nicht. Mit einer solchen Haltung wirst du nie in den Himmel kommen.�</p><p>�Ich m�chte ja gar nicht in den Himmel, sondern blo� zur Punschbowle zur�ck�, dachte Cooper, als die Musik aufh�rte. �Danke f�r den Tanz, Tante Betsy. Du entschuldigst mich?� Er verbeugte sich und ging. Mit einem neuen Glas in der Hand tadelte er sich selbst daf�r, da� er seine Gef�hle gezeigt hatte. Es war ihm egal, was die Leute von ihm hielten, aber er konnte und wollte seine Mutter um nichts in der Welt in Verlegenheit bringen.</p><p>Es war schwierig, in bezug auf Justin LaMotte neutral zu bleiben. Der Mann gab vor, ein echter Gentleman zu sein � alles Schwindel. Er behandelte seine Pferde besser als seine Sklaven. Seitdem Justin nach dem Tode seines Vaters die Bewirtschaftung der Plantage �bernommen hatte, waren Mi�handlungen, ja offene Grausamkeiten, an der Tagesordnung.</p><p>Nachdem Justin im Sommer letzten Jahres beim Pferderennen eine Niederlage erlitten hatte, hatte einer seiner schwarzen Diener etwas getan, was sein Mi�fallen erregte. Justins Wut stand in keinem Verh�ltnis zur Beleidigung. Er hatte befohlen, da� man ein leeres Fa� mit N�geln ausschlug, den Diener hineinsteckte und den Berg hinunterrollen lie�. Die Verletzungen, die er erlitt, machten ihn arbeitsunf�hig, f�r jedermann nutzlos. Vor einem Monat hatte er sich umgebracht.</p><p>Solch barbarische Bestrafungsmethoden waren selten in diesem Teil des Landes, und in Mont Royal kamen sie �berhaupt nicht vor. Cooper war der Meinung, da� dies einer der Hauptgr�nde daf�r war, da� die Ernten in Resolute schlecht waren und der Bankrott Jahr f�r Jahr n�herr�ckte.</p><p>Auch wenn man alle moralischen Bedenken beiseitelie�, wies dieses merkw�rdige System doch eine gro�e praktische Schw�che auf. Schon allein die Tatsache, da� man einen Menschen gegen seinen freien Willen zur�ckhielt, stellte eine Mi�handlung dar. Kam noch k�rperliche Gewaltanwendung dazu, wie konnte man dann erwarten, da� ein Mensch bis an die Grenzen seiner F�higkeiten arbeiten sollte? Alles und noch mehr geben? F�r Cooper lag der wesentliche Unterschied zwischen dem Wirtschaftssystem des Nordens und dem des S�dens nicht im Gegensatz zwischen Landwirtschaft und Industrie, sondern in der Motivierung. Der freie Yankee arbeitete, damit es ihm besserging; der Sklave im S�den arbeitete, um nicht bestraft zu werden. Und dieser Unterschied war es, der den S�den langsam von innen aush�hlte. Aber wie sollte man so was einem Justin LaMotte oder einem Tillet Main beibringen! In d�sterer Stimmung griff Cooper nach einem weiteren Glas Punsch.</p><p>Francis LaMotte war drei Jahre �lter als sein Bruder. Er war ein ausgezeichneter Reiter und schlug Justin und seine andern Gegner regelm��ig bei den ber�hmten, hier �blichen mittelalterlichen Turnieren. Francis verstand es, die Zuschauer in Hochspannung zu versetzen.</p><p>Er war ein kleiner, sehniger Mann mit sonnengebr�untem Gesicht und im Gegensatz zu seinem Bruder ohne jeglichen Charme. Er sah gereizt aus. Da momentan keine G�ste um sie herum waren, tranken er und Justin Punsch. Madeline unterhielt sich ganz in der N�he mit dem Episkopalisten-Pfarrer.</p><p>�Ich wei� nicht, wer im Herbst die Wahlen gewinnen wird, Vater Viktor�, h�rten die Br�der sie sagen. �Aber der Ausgang der Wahlen wird offensichtlich von der Annexion von Texas abh�ngig sein.�</p><p>�Sind Sie sich dar�ber im klaren, da� ein Mann aus South Carolina diese Frage vor die �ffentlichkeit gebracht hat?�</p><p>�Sie meinen wohl Mr. Calhoun?�</p><p>Vater Viktor nickte. Calhoun war dritter Staatssekret�r in der unruhigen Regierung Tyler. Nachdem er zu Beginn des Jahres in sein Amt berufen worden war, hatte er den Entwurf f�r den Annexionsvertrag ausgearbeitet, der im April von der Republik Texas und den Vereinigten Staaten unterzeichnet wurde.</p><p>�Sie haben vollkommen recht. Die Frage ist von ungeheurer Brisanz�, sagte der Pfarrer. �Bevor das Jahr um ist, wird jeder Mann, der im �ffentlichen Leben steht, Stellung beziehen m�ssen.�</p><p>�So sollte es sein�, sagte Madeline. �Man sagt, da� die Texasfrage tiefere Wurzeln hat, als einige der Politiker zugeben wollen. Ich habe geh�rt, da� es in Tat und Wahrheit um die Expansion der Sklaverei geht.�</p><p>Der Pfarrer fuhr auf. �Die einzigen, die so was sagen, sind Agitatoren, skrupellose Agitatoren der Yankees.�</p><p>Aus H�flichkeit gab Madeline zu, da� dies m�glich sei, dann aber murmelte sie: �Ich frage mich ��</p><p>Der Pfarrer sagte nicht sonderlich erfreut: �Sollen wir uns etwas zu essen holen?�</p><p>Madeline merkte, da� sie ihn ver�rgert hatte. �Ja, nat�rlich. Bitte gehen Sie vor.�</p><p>Sie l�chelte ihren Mann an. Er l�chelte eher gezwungen zur�ck.</p><p>Nachdem sie und der Pfarrer in der Menge verschwunden waren, warf Francis seinem Bruder einen verstohlenen Blick zu. �Deine Braut hat zu einer ganzen Reihe von Fragen des �ffentlichen Lebens ihre Meinung.�</p><p>Justin kicherte.</p><p>�So, ist dir das aufgefallen?�</p><p>�Sie sollte nicht so offen daherreden. Es ist zwar erfreulich, wenn eine Frau intelligent ist, aber das sollte sich in Grenzen halten.�</p><p>�Mein lieber Bruder, alles hat seinen Preis, auch die Mitgift des alten Fabray.� Justin starrte �ber den Rand seines silbernen Punschbechers auf das gew�lbte Mieder von Madelines Hochzeitskleid. Mit halbgeschlossenen, schl�frigen Augen berechnete er den Sonnenstand. In wenigen Stunden w�rde er all das, was hinter diesem spitzenbesetzten Satin verborgen war, sein Eigentum nennen k�nnen. Er konnte kaum noch warten.</p><p>Wie merkw�rdig war doch das Schicksal, dachte er. Vor etwa zwei Jahren hatte er beschlossen, nach New Orleans zu reisen, obwohl er sich das kaum leisten konnte. Er war in der Absicht hingereist, sich an den Spieltischen zu vergn�gen und an einem jener legend�ren B�lle teilzunehmen. Doch bevor er zum Ball ging und sich die Niggersch�nheiten ansehen konnte, lenkte das Schicksal ihn an die Bar eines modischen Spielsalons neben Nicholas Fabray. Fabray spielte nicht, aber er kam �fters hierher, weil sich hier die einflu�reichen M�nner der Stadt trafen. Dem Besucher wurde bald klar, da� Fabray zu ihnen geh�ren mu�te. Er kannte jedermann, seine Kleidung war elegant und teuer, und er gab sein Geld mit einer Nonchalance aus, die jenen eigen ist, die sich keine Sorgen dar�ber zu machen brauchen. Sp�ter stellte Justin einige Fragen und erfuhr, da� seine Vermutungen richtig gewesen waren.</p><p>Zwei Abende sp�ter traf er Fabray zuf�llig wieder am gleichen Ort. Und jetzt erfuhr er, da� der Zuckerfabrikant eine junge, unverheiratete Tochter hatte. Von nun an triefte Justin vor H�flichkeit und guter Laune. Fabray lie� sich beeindrucken; in der Tat, wenn Justin charmant sein wollte, konnte es niemand mit ihm aufnehmen.</p><p>Justin lie� einige Male die Bemerkung einflie�en, da� er ein Fremder in dieser Stadt sei, worauf Fabray ihn zu sich nach Hause zum Abendessen einlud. Justin lernte die Tochter kennen, und vom Augenblick an, da er sie gesehen hatte, war er fast verr�ckt nach ihr.</p><p>Er lie� sich jedoch nichts anmerken und behandelte Madeline Fabray mit derselben zur�ckhaltenden H�flichkeit wie ihren Vater. Bevor der Abend zu Ende war, zog Justin die Schlu�folgerung, da� das sch�ne Gesch�pf zwar Respekt vor seinem Alter und seiner Erfahrung, jedoch keine Angst vor ihm hatte.</p><p>Er verl�ngerte seinen Aufenthalt in New Orleans um eine Woche und dann noch um eine weitere. Fabray schien sich dar�ber zu freuen, da� ein Gentleman von Justins Kaliber seiner Tochter den Hof machte. Und alles, was Justin �ber den Vater erfuhr, verst�rkte blo� seinen Wunsch, Madeline zu besitzen. Vor allen Dingen gab es keine religi�sen Probleme. Die Familie war deutsch � der urspr�ngliche Name lautete Faber � und protestantisch. Madeline ging zur Kirche, obwohl ihr Vater dies nicht tat; er war nicht an seiner Seele, sondern an seinem Verm�gen interessiert. Fabray, der ahnte, was Justin durch den Kopf ging, lie� durchblicken, da� er f�r seine Tochter eine gro�e Mitgift vorgesehen hatte.</p><p>Einmal fragte Justin nach Madelines Mutter. Er erfuhr jedoch blo�, da� sie vor einigen Jahren gestorben sei. Sie war Kreolin gewesen, was bedeutete, da� sie in New Orleans als Kind europ�ischer Eltern geboren worden war. Wahrscheinlich waren es Franzosen gewesen; es h�tten aber auch Spanier sein k�nnen. Justin, der sich die kleine Ahnengalerie von Fabray ansah, fragte, ob es irgendwelche Bilder der Frau gab, aber Fabray antwortete ausweichend: �Nein, hier nicht.�</p><p>An diesem Punkt beschlo� Justin, mit seinen Nachforschungen nicht fortzufahren. Jede ehrbare Familie, einschlie�lich seiner eigenen, wies einige verborgene Makel auf. Meistens handelte es sich um Frauen, die ihrem Mann davonliefen oder einer nerv�sen Krankheit anheimfielen, so da� man sie bis zu ihrem Tod einsperren mu�te. Er hatte nichts Skandal�ses �ber die Verstorbene erfahren � alle, die er befragt hatte, hatten sie nicht einmal erw�hnt �, also w�rde er diese Sorge im Austausch f�r Madelines Sch�nheit und das Geld, das er f�r seinen Lebenswandel so dringend ben�tigte, begraben.</p><p>Wenn Fabrays Tochter �berhaupt einen Makel aufwies, so war es ihre offenkundige Intelligenz und die Tatsache, da� sie ihre Meinung zu Fragen, die sonst M�nnern vorbehalten waren, nicht zu verbergen gewillt war. Fabray hatte daf�r gesorgt, da� sie die f�r eine Frau in New Orleans bestm�gliche Ausbildung bekommen hatte � jene, die die Ursulinerinnenschule vermittelte. Fabray hatte viele gute Freunde in der katholischen Gemeinde der Stadt, und es war allgemein bekannt, da� er die katholische Kirche unterst�tzte. Er hatte die Schwestern dazu bewegen k�nnen, eine protestantische Sch�lerin zu akzeptieren, indem er dem von ihnen geleiteten Kranken- und Waisenhaus eine betr�chtliche Summe stiftete.</p><p>Doch die direkte Art Madelines konnte Justin nicht abschrecken. Er wu�te, wie man mit solchen Problemen fertig wurde, obwohl er die Absicht hatte, diese Methoden zu verbergen, bis sie seine rechtm��ige Frau geworden war.</p><p>Bevor er die Stadt verlie�, bat er um die Erlaubnis, um Madelines Hand anhalten zu d�rfen. Dies wurde ihm auch gestattet. Madeline h�rte sich seine lange, komplizierte Liebeserkl�rung an, und er wurde zusehends sicherer, da� sie am Ende ja sagen w�rde. Doch sie sagte nein, obwohl sie sich mehrere Male f�r den Antrag bei ihm bedankte.</p><p>Um sich physisch und geistig abzureagieren, nahm er sich an jenem Abend eine Nutte und mi�handelte sie mit Stock und F�usten. Nachdem sie aus seinem Hotelzimmer hinausgeschlichen war, lag er w�hrend mehr als einer Stunde in der Dunkelheit wach. Er rief sich Madelines Gesicht in Erinnerung, als sie ihn ablehnte, und kam zum Schlu�, da� sie doch Angst hatte. Da sie aber unm�glich Angst vor <emphasis>ihm</emphasis> haben konnte � er war schlie�lich h�flich wie ein Engel gewesen �, mu�te sie Angst vor der Heirat an und f�r sich haben. Diese Haltung war ja unter M�dchen weit verbreitet; dem konnte Abhilfe geschaffen werden. Ihr Nein war eine Verz�gerung, keine endg�ltige Absage.</p><p>In den folgenden Wochen und Monaten schrieb Justin Madeline lange und blumige Liebesbriefe, in denen er seinen Antrag wiederholte. Sie beantwortete jeden Brief mit Dank und h�flicher Ablehnung. Doch dann �nderte sich pl�tzlich alles mit dem Schlaganfall ihres Vaters.</p><p>Justin wu�te nicht, was nun genau zu einer Ver�nderung gef�hrt hatte. Vielleicht hatte Fabray Angst gehabt, da� er nicht mehr lange leben w�rde, und hatte seine Bem�hungen, seine Tochter noch vor seinem Tod zu verehelichen, verst�rkt? Auf jeden Fall hatte Madeline zugesagt, und nun wurden die Bedingungen ausgehandelt. Die finanzielle Belohnung f�r Justins langfristige Bem�hungen war mehr als zufriedenstellend. Abgesehen davon, h�tte er bald das Recht, seine H�nde auf Madelines �</p><p>Francis rief ihn gewaltsam in die Wirklichkeit zur�ck. �Ich sage dir, vielleicht wirst du entdecken, da� Madeline zu unabh�ngig ist. Man sollte es nicht zulassen, da� eine Frau Ansichten �ber politische Fragen �u�ert � und schon gar nicht in der �ffentlichkeit.�</p><p>�Ich bin ja einverstanden, aber ich kann doch nicht eine Wandlung in einem Tag bewirken. Es wird etwas Zeit brauchen.�</p><p>Francis r�mpfte die Nase. �Ich frage mich, ob du jemals mit dieser jungen Dame fertig wirst.�</p><p>Justin legte seinem Bruder seine gro�e, gepflegte Hand auf die Schulter. �Hast du nichts aus deinen Erfahrungen mit wilden Tieren gelernt? Eine intelligente Frau ist nicht anders als ein ungez�hmtes Pferd. Beiden mu� man beibringen, wer der Herr und Meister ist.� Er nahm einen Schluck aus seinem Becher. �Sie m�ssen abgerichtet werden�, murmelte er.</p><p>�Ich hoffe, du wei�t, was du sagst�, sagte Francis zweifelnd, aber seine Erfahrungen mit Frauen beschr�nkten sich auf Sklavinnen, Prostituierte und seine geistig beschr�nkte und unterdr�ckte Frau. �Kreolinnen haben nicht unbedingt ein passives Temperament. All dieses s�dl�ndische Blut! Du bist ein gro�es Risiko eingegangen, indem du sie geheiratet hast.�</p><p>�Unsinn. Madeline mag zwar aus New Orleans kommen, aber sie ist eine Frau. Und Frauen sind trotz allem nur wenig intelligenter als Pferde. Sie wird mir kein � um Himmels willen, was ist denn los?�</p><p>Er wirbelte herum, Schreie und das Ger�usch zerbrechender Teller drangen an sein Ohr. �Jetzt schon Streit?� Er rannte davon.</p><p>Einige Minuten vorher war Vetter Charles noch unter einer Eiche gesessen. Er hatte seinen Mantel hingeschmissen und war mit einer zweiten Portion Lammfleisch besch�ftigt, als ein Schatten auf ihn fiel.</p><p>Er sah auf und bemerkte einen d�nnen, gezierten Knaben mit seinen drei Freunden. Der Knabe, der etwa zwei Jahre �lter war als Charles, geh�rte zum Smith-Clan.</p><p>�Das ist die Kreatur von Mont Royal�, sagte der junge Smith und stellte sich vor seinen Bekannten in Positur. Er blickte auf Charles nieder. �Ein einsames Pl�tzchen. Versteckst du dich?�</p><p>Charles starrte zur�ck und nickte. �Jawohl.�</p><p>Smith l�chelte und fingerte an seiner Krawatte herum. �So, hast du Angst?�</p><p>�Vor dir? Nein. Ich wollte blo� in Ruhe essen.�</p><p>�Oder sch�mst du dich deines Aussehens? Werfen Sie bitte einen Blick auf ihn, Gentlemen�, sagte Smith in �bertrieben geziertem Tonfall. �Bestaunen Sie die unordentliche Kleidung, betrachten Sie den schlechten Haarschnitt; fallen Ihnen die dreckverschmierten Wangen auf? Er sieht eher wie ein Strolch als wie ein Mitglied der Familie Main aus.�</p><p>Die Kr�nkungen versetzten Charles in Wut, aber er beherrschte sich. Er war ziemlich sicher, da� er Smith �rgern konnte, wenn er gelassen blieb. Er hatte recht. W�hrend Smiths Freunde sich �ber Charles lustig machten, h�rte Smith auf zu l�cheln und sagte:</p><p>�Steh auf und sieh H�herstehende an, wenn sie mit dir reden!� Er packte Charles am linken Ohrl�ppchen und zog heftig daran. Charles warf ihm den Teller ins Gesicht. Fleisch und So�e bespritzten die himmelblaue Jacke. Die anderen brachen in Gel�chter aus, und Smith wandte sich fluchend um. Charles ergriff die Gelegenheit beim Schopf, sprang auf, packte von hinten Smiths Ohrl�ppchen und zwickte ihn heftig.</p><p>Smith heulte auf. Einer seiner Freunde sagte: �Du gemeiner Hund!� und wollte ihn packen, aber Charles wich aus. Lachend lief er um den Baum herum und auf die Hochzeitsg�ste zu. Er war sicher, da� Smith und seine Freunde kein �rgernis in der �ffentlichkeit erregen wollten. Aber er hatte nicht mit ihrem Temperament gerechnet: Sie rannten ihm nach.</p><p>Charles glitt auf einem Grasb�schel, wo jemand einen Drink versch�ttet hatte, aus. Er fiel heftig auf den R�cken. Smith holte ihn ein und zerrte ihn auf die F��e.</p><p>�Du L�mmel, ich werde dir eine Lektion erteilen, wie man sich�� Charles stie� ihn in die Magengrube, und daf�r wurde sein Haar mit So�e bespritzt. Das Ergebnis war jedoch die Sache wert. Smith kr�mmte sich zusammen. In dieser Haltung war sein Gesicht ungesch�tzt. Charles stie� ihm den Daumen ins Auge.</p><p>�T�tet ihn!� schrie einer der andern Jungen. Charles war nicht sicher, ob es ihnen nicht ernst war. Er raste auf die E�tafel zu, Smiths Freunde hinter ihm her. Auf H�nden und F��en kroch Charles unter einen der Tische. Jemand umklammerte seine Fu�kn�chel und zog ihn zur�ck. Er schnellte hoch und warf den Tisch um � das war der Punkt, an dem Justin LaMotte, sein Bruder und viele G�ste aufmerksam geworden waren.</p><p>Charles hatte bald herausgefunden, da� Smith sich nicht mit einfachen Kampfmethoden auskannte. Er nahm an, da� die andern drei ebenfalls nicht Bescheid wu�ten. Im Wissen um diesen Vorteil fing er an, sich zu am�sieren. Er drehte sich abrupt nach dem Knaben um, der ihn am Kn�chel gepackt hatte, und als Justin und Francis mit dem zehnj�hrigen Sohn von Francis, Forbes, im Gefolge eintrafen, sa� Charles rittlings auf dessen Brust und hieb ihm den Kopf auf den Boden.</p><p>�Sch�ttle ihn ab!� schrie einer der andern, �er k�mpft nicht wie ein Gentleman.�</p><p>�Nein, Sir, ich k�mpfe, um zu gewinnen.� Charles hob den Kopf des andern an den Ohren hoch und knallte ihn auf den harten Boden.</p><p>�Charles! Genug!�</p><p>Die Stimme lie� ihn aufhorchen. Er f�hlte, wie jemand ihn hochzog, und drehte den Kopf. Da stand Orry in seiner herrlichen Uniform. Seine Augen brannten vor Zorn. Hinter ihm konnte Charles Cooper, Tante Clarissa und ein Meer von G�sten entdecken.</p><p>Er h�rte, wie eine Frau sagte: �Welche Schande! Diese Intelligenz, das gute Aussehen � alles Verschwendung. Er wird ein schlechtes Ende nehmen, dieser Mainknabe.�</p><p>Mehrere stimmten ihr zu. Charles warf der Menge einen herausfordernden Blick zu. Orry sch�ttelte ihn heftig am Arm, und Tante Clarissa entschuldigte sich f�r die Unordnung und anerbot sich, f�r den Schaden aufzukommen. Der Tonfall ihrer Stimme brachte Charles zum Err�ten, und er lie� den Kopf h�ngen.</p><p>�Ich glaube, es ist am besten, wenn wir jetzt gehen�, sagte Tante Clarissa.</p><p>�Oh, tut mir leid, da� Sie nicht l�nger bleiben k�nnen�, sagte Justin. Charles wu�te, da� es �berhaupt nicht so gemeint war.</p><p>Auf dem Heimweg hielt ihm Orry eine Standpauke. �Das war ein v�llig geschmackloses Schauspiel! Es ist mir egal, wie sehr man dich provoziert hat, du h�ttest dein Temperament z�geln sollen. Es ist an der Zeit, da� du anf�ngst, dich wie ein Gentleman zu benehmen!�</p><p>�Ich kann nicht�, gab Charles zur�ck. �Ich bin kein <emphasis>Gentleman,</emphasis> ich bin eine Waise, und das ist nicht dasselbe. Daran l��t in Mont Royal ja auch niemand einen Zweifel.�</p><p>Cooper entdeckte Kr�nkung hinter der Wut in Charles� Augen. Orry spreizte seine Schultern wie ein General, dessen Befehl man nicht gehorcht hatte. �Du unversch�mter � �</p><p>�La� ihn!� sagte Cooper mit milder Stimme. �Er ist schon bestraft worden, als all jene Leute �ber ihn geredet haben.�</p><p>Charles schielte zu Cooper hin�ber. Er war �berrascht, da� der d�nne, gelehrte Mann so gut �ber ihn Bescheid wu�te. Um seine Verlegenheit zu verbergen, starrte er zum Fenster hinaus.</p><p>Orry brauste auf und fing an zu streiten. Clarissa ber�hrte seine Hand. �Cooper hat recht. Keine weiteren Diskussionen mehr, bis wir zu Hause sind.� Einige Minuten sp�ter versuchte sie, ihren Arm um Charles� Schultern zu legen. Er entzog sich ihr. Sie blickte ihren �ltesten Sohn an und sch�ttelte den Kopf.</p><p>Als sie in Mont Royal ankamen, verpr�gelte Tillet Charles, obwohl Clarissa Einspruch erhob. Tillets Worte waren ein Echo auf das, was die Dame auf der Hochzeit gesagt hatte:</p><p>�Er wird ein schlechtes Ende nehmen. Brauchst du noch mehr Beweise?�</p><p>Clarissa sah ihren Mann in stummer Best�rzung an.</p><p>Irgendwo im Herrenhaus in Resolute schlug eine Uhr zwei. Die Nacht war feucht und dr�ckend, und Madeline LaMotte hatte mehr und mehr das Gef�hl, hoffnungslos in der Falle zu sitzen. Ihr feines baumwollenes Nachthemd hatte sich um ihre Taille verwickelt, aber sie wagte nicht, sich zu r�hren, aus Angst, ihr Gatte, der neben ihr schnarchte, k�nnte aufwachen.</p><p>Es war ein h�chst anstrengender Tag gewesen, aber schlimmer noch, in den letzten paar Stunden hatte sie nichts als Schmerz, Schock und Entt�uschung erlebt. Sie hatte sich Justin als einen z�rtlichen und r�cksichtsvollen Mann vorgestellt, und zwar nicht nur, weil er �lter war, sondern weil er sich in New Orleans so benommen hatte. Jetzt wu�te sie, da� alles nur Schwindel gewesen war, nur darauf ausgerichtet, bei ihrem Vater und bei ihr einen falschen Eindruck zu erwecken.</p><p>Dreimal hatte sie sich heute nacht bitter belehren lassen m�ssen. Dreimal hatte Justin seine ehelichen Rechte wahrgenommen. Er war grob gewesen und hatte sich �berhaupt nicht um ihre Gef�hle gek�mmert. Nur etwas verschaffte ihr eine kleine Erleichterung: Nachdem jetzt seine Unehrlichkeit klar zutage getreten war, empfand sie weniger Scham �ber ihr eigenes T�uschungsman�ver.</p><p>Diese T�uschung � das bi�chen Blut beim erstenmal � war mit Hilfe von Maum Sally, die in solchen Dingen Bescheid wu�te, in die Wege geleitet worden. Es war n�tig gewesen, weil Madeline sich in jungen Jahren hatte verf�hren lassen. Dieser eine Fehltritt hatte ihrem Leben eine andere Wendung gegeben. Ohne diesen Fehler h�tte sie ihre eigenen Vorstellungen �ber pers�nliche Ehre nicht ignorieren und in ihrer Hochzeitsnacht zu einer T�uschung Zuflucht nehmen m�ssen. Sie w�re �berhaupt nie in diese f�rchterliche Lage gekommen.</p><p>Madeline war in ihrem vierzehnten Lebensjahr verf�hrt worden. Bis auf den heutigen Tag erinnerte sie sich glasklar an Gerard, den unbeschwerten, gutaussehenden Schiffsjungen von einem der Mississippi-Dampfer. Sie war Gerard zuf�llig eines Nachmittags am Hafen begegnet. Er war siebzehn und so lustig und aufmerksam, da� sie bald nicht mehr auf die Stimme ihres Gewissens h�rte und sich jedesmal, wenn er in der Stadt war, davonschlich, um sich mit ihm zu treffen. Dies war in jenem Sommer etwa alle zehn Tage der Fall gewesen.</p><p>Sp�ter, im August, an einem dunklen, gewittrigen Nachmittag, gab sie seinem Dr�ngen nach und ging mit ihm auf ein schmutziges Zimmer in einer Gasse des Vieux Carre. Sobald er sie in dieser kompromittierenden Situation hatte, verga� er seine H�flichkeit und nahm sie, obwohl er darauf bedacht war, ihr nicht weh zu tun.</p><p>Er kam nicht zum n�chsten vereinbarten Treffen. Sie nahm ein gro�es Risiko auf sich und begab sich zur Landungsbr�cke des Dampfers, um sich nach ihm zu erkundigen. Der Schiffsjunge, mit dem sie redete, reagierte sehr ausweichend; er wisse nicht genau, wo sich Gerard im Augenblick aufhalte. Dann fiel Madelines Blick zuf�llig auf eines der oberen Decks. Hinter einem runden Kaj�tenfenster entdeckte sie die Umrisse eines Gesichts. Im Moment, da Gerard bemerkte, da� sie ihn gesehen hatte, verschwand er in der Dunkelheit. Sie sah ihn nie wieder.</p><p>Tagelang bef�rchtete sie, da� sie ein Kind bekommen w�rde. Als sie dieser qu�lenden Sorge enthoben war, kamen die Schuldgef�hle. Sie hatte mit Gerard schlafen wollen, aber nun, da es geschehen und ihr klargeworden war, da� er nicht mehr als das gewollt hatte, verwandelte sich ihre Leidenschaft in Gewissensbisse und Angst vor allen jungen M�nnern und dem, was sie von ihr wollten.</p><p>In den n�chstfolgenden Jahren entmutigte sie alle jungen M�nner, die ihr den Hof machten, und ging M�nnern fast vollst�ndig aus dem Weg, bis ihr Vater Justin LaMotte zum Abendessen einlud. Der Mann aus South Carolina hatte zwei Tr�mpfe in der Hand: seinen Charme und sein Alter. Sie war �berzeugt, da� er nicht wie Gerard von Leidenschaft getrieben war. Deshalb hatte sie schlie�lich auf Justins wiederholte Antr�ge hin ihre Meinung ge�ndert. Dies geschah wenige Tage, nachdem ihr Vater den Schlaganfall erlitten hatte. Eines Abends flehte er sie beim bleichen Licht der Kerze auf dem Nachttisch an:</p><p>�Ich wei� nicht, wie lange ich noch zu leben habe, Madeline. Tu mir den Gefallen und heirate LaMotte. Er ist ein anst�ndiger und ehrenwerter Mann.�</p><p>�Ja�, sagte sie. Die Kerzen flackerten, Fabrays Atemz�ge waren unregelm��ig. �Das glaube ich auch.�</p><p>Sie hatte ihre Angst vor der Ehe nur �berwinden k�nnen, weil ihr Vater sie auf seinem Krankenlager so inst�ndig darum gebeten hatte. Aber trotz der Achtung, die sie f�r ihren Vater empfand, war sie traurig, da� sie ihr Zuhause, ihren Freundeskreis und die Stadt, die sie kannte und liebte, aufgeben mu�te. Sie unternahm die lange Reise nach South Carolina, weil sie ihrem Vater den Seelenfrieden schenken wollte und weil sie Justin LaMotte traute.</p><p>Doch wie f�rchterlich hatte sie sich get�uscht! In bezug auf seine Bed�rfnisse war Justin nicht anders als die jungen M�nner, und in einer Hinsicht war er schlimmer: Gerard hatte sich wenigstens M�he gegeben, ihr nicht weh zu tun.</p><p>Ihren Vater traf keine Schuld. Und doch glaubte sie, da� es nie so weit gekommen w�re, wenn sie noch eine Mutter gehabt h�tte, die sie um Rat h�tte fragen k�nnen. Madeline hatte ihre Mutter nie gekannt. Nicholas Fabray beschrieb sie als die feinste Frau der Welt. Allem Anschein nach war sie eine intelligente, kultivierte Kreolin von gro�er Sch�nheit gewesen. Fabray sagte, Madeline sehe ihr sehr �hnlich, aber es gab kein einziges Bild von ihrer Mutter, um dies zu best�tigen. Kurz bevor seine Frau so rasch und unerwartet gestorben war, hatte Fabray einem Miniaturportr�tisten den Auftrag gegeben, seine Frau zu malen. Es sei der zweitgr��te Fehler in seinem Leben gewesen, meinte er sp�ter, da� er diese Idee nicht schon fr�her gehabt habe.</p><p>Mein Gott, dachte Madeline, alles war so schrecklich verworren. So voll bitterer Ironie. Wie hatte sie sich doch mit Maum Sally �ber die Hochzeitsnachtt�uschung gestritten! Immer wieder hatte sie es abgelehnt, aber Maum Sally bestand darauf: Die T�uschung sei nicht nur notwendig, sondern in Anbetracht der Vorstellungen der M�nner �ber Jungfr�ulichkeit auch ein Akt der Liebe Justin gegen�ber. Mit der T�uschung w�rde ihre Ehe einen reibungslosen und problemfreien Anfang nehmen. Wie schrecklich schuldig hatte sie sich gef�hlt, weil sie nachgegeben hatte � und wie l�cherlich nahm sich dieses Schuldgef�hl nun im Verh�ltnis zum Betrug ihres Gatten aus!</p><p>Und dann war da die Begegnung mit dem jungen Milit�rkadetten Orry Main. Seine liebensw�rdige Art, seine guten Manieren und seine dunklen Augen hatten sie bezaubert. Sie hatte ihn ber�hren wollen und hatte dies getan, wobei sie nur f�r wenige Sekunden vergessen hatte, da� sie im Begriff stand zu heiraten, und da� er nicht das sein konnte, was er zu sein schien. Immerhin war er in ihrem Alter.</p><p>Unerwartet stieg jetzt, da sie neben ihrem Gatten lag, eine Erinnerung an Orry in ihr auf. Sogar beim Empfang hatte sie sich kurz aber heftig von dem jungen Mann angezogen gef�hlt. Sie betrachtete sein Gesicht vor ihrem geistigen Auge. Pl�tzlich wurde sie wieder von Schuldgef�hlen erfa�t. Was immer ihr Justin auch angetan hatte, er war ihr Ehemann. Allein der Gedanke an einen andern Mann war gemein.</p><p>Und doch sah sie Orrys Gesicht immer noch vor sich. Um den Bann zu brechen, legte sie mit einer heftigen Bewegung den Arm auf die Augen. Die Bewegung war ger�uschvoller ausgefallen, als sie beabsichtigt hatte, und Justins Atemz�ge h�rten sich pl�tzlich ganz anders an. Sie erstarrte. Sie legte die Arme an ihren K�rper und ballte die H�nde zu F�usten.</p><p>Er war aufgewacht.</p><p>Er wollte etwas sagen, fing jedoch an zu husten. Mit schwacher Stimme fragte sie: �Geht es?� Sie f�hlte nichts.</p><p>Er rollte sich auf die Seite und wandte ihr den R�cken zu. �Sobald ich einen Schluck Bourbon genommen habe, ja.�</p><p>Er stie� im Dunkeln ein Glas um und sagte Worte, die Madeline nur wenige Male in ihrem Leben geh�rt hatte, obwohl Fl�che kein Geheimnis f�r sie waren. Ihr Vater hatte zu vielen Dingen seine eigene Meinung gehabt und sie jeweils mit einem Kraftausdruck unterstrichen.</p><p>Justin entschuldigte sich nicht f�r seine vulg�ren Ausdr�cke. Er trank direkt aus der Flasche. Dann stie� er einen langen Seufzer aus und lie� sich auf seine Ellbogen zur�ckfallen. Der Mond stand nun am Himmel, und sie konnte sein seidiges Haar und seine kr�ftige Brust sehen. F�r einen Mann in seinem Alter war seine Haut noch gar nicht schlaff.</p><p>Er grinste. �Du brauchst dir keine Sorgen um meine Gesundheit zu machen. Ich bin kerngesund. Die meisten m�nnlichen LaMottes sind �ber neunzig Jahre alt geworden. Ich werde mich deiner Gunst also noch lange erfreuen k�nnen.�</p><p>Sie war zu nerv�s, um etwas zu sagen. Die Rauheit seiner Stimme und das, was sie durchblicken lie�, machten ihr Angst. In einem fast gereizten Ton fuhr er fort: �Ich m�chte, da� du mir S�hne schenkst, Madeline. Meine erste Frau war dazu nicht in der Lage. Francis hat einmal dreist bemerkt, da� die Schuld bei mir liegen k�nnte, aber das ist nat�rlich Unsinn, wie wir demn�chst beweisen werden.�</p><p>Er bewegte sich wieder und kam wie ein lebendiger Moloch auf sie zu. Er ri� ihr das Leintuch weg.</p><p>�Justin, bitte, ich m�chte zuerst aufstehen und � �</p><p>�Sp�ter�, sagte er. Er schob ihr das Nachthemd hoch und grub seine Hand zwischen ihre Schenkel. Es tat weh.</p><p>Als er sich auf sie warf und zu grunzen anfing, schlo� sie die Augen. Ihre Fingern�gel gruben sich in ihre Handfl�chen.</p><p><strong>7</strong></p><p>Orry kehrte zur Akademie zur�ck. Das gestickte Abzeichen trug er immer noch an seiner M�tze. Der einzige Mensch, mit dem er den ereignisreichen Sommer besprechen konnte, war George, der bemerkte, da� sein Freund melancholisch geworden war. Er versuchte, ihn aufzumuntern.</p><p>�Was dir fehlt, Stiel, ist ein Besuch bei Alice Peet. Bei ihr wirst du diese Madeline bald vergessen haben.�</p><p>Orry sah ihn lange ausdruckslos an, dann sch�ttelte er den Kopf. �Niemals.�</p><p>George machte sich Sorgen, weil Orry dieses Wort so heftig ausgesprochen hatte. Er hoffte sehr, da� sein Freund sich nicht ein Leben lang wegen einer verheirateten Frau gr�men w�rde. Er legte Orry seinen Arm um die Schultern und versuchte, ihm Mut zu machen. Vergeblich.</p><p>Orry selbst war sich dar�ber im klaren, da� er etwas gegen sein Elend unternehmen mu�te. Er versuchte, sich mit �bermenschlicher Anstrengung aus den hintersten Klassenr�ngen emporzuarbeiten, aber der Lehrplan des dritten Jahres war nicht einfacher als derjenige der beiden ersten Jahre. Er mochte die Physikstunden einschlie�lich der Mechanik, der Optik, der Astronomie und etwas Elektrizit�tslehre. Doch wie sehr er sich auch darum bem�hte, er schaffte es nicht, sich in diesen F�chern hochzuarbeiten. Dasselbe galt f�r das Zeichnen f�r Fortgeschrittene. Professor Weir war unerbittlich und bezeichnete Orrys Aquarelle als Klecksereien. George hingegen schien �berall m�helos durchzukommen.</p><p>Eine eindeutige Lehrplanverbesserung im Vergleich zum Vorjahr stellten die Leibes- und Ged�chtnis�bungen dar. Die Kadetten erhielten Reitunterricht. Orry war ein guter Reiter, was wahrscheinlich ein Segen war. Beim Abschlu�examen hatten die Kadetten theoretisch die M�glichkeit, die Waffengattung, in die sie eintreten wollten, frei zu w�hlen. In der Praxis sah es jedoch anders aus: Nur die Besten kamen zur Artillerie oder zu den etwas weniger hoch angesehenen Pionieren. Die Mittelm��igen und Schlechten steckte man in die Infanterie, zu den Dragonern oder den Sch�tzen. Die beiden Letztgenannten standen beim Oberkommando der Armee in derma�en schlechtem Ansehen, da� all diejenigen, die hier Dienst leisteten, sich einen Schnurrbart wachsen lassen durften. Orry vermutete, da� er einen Bart tragen und viel reiten w�rde.</p><p>W�hrend des Sommercamps war Elkanah Bent zum Kadettenoffizier bef�rdert worden. Er stolzierte nun mit einer scharlachroten Binde und einem gefiederten Hut umher, aber mit dem Dienstgrad hatte sich sein Charakter keineswegs gebessert. Er trieb weiterhin sein grausames und r�cksichtsloses Spiel mit den Junioren und den Neulingen. Einer der Junioren, ein schm�chtiger Mann aus Kentucky namens Isham, wurde zu seiner ausgesuchten Zielscheibe, weil er wie Orry und George Trotz bot, wenn Bent ihn schikanierte.</p><p>Kurz vor den nationalen Wahlen klagte Bent Isham daf�r an, da� er bei der Abendparade wiederholt aus dem Schritt gefallen sei. Ersch�pft und mit Fieber stellte sich Isham Bent im Laufe des Abends vor der Kaserne und bat ihn, den Bericht zur�ckzuziehen, da er bereits 164 Fehlerpunkte hatte. Wenn er so weitermachen w�rde, h�tte er nicht einmal mehr die Gelegenheit, festzustellen, ob er sein erstes Examen bestanden hatte oder nicht.</p><p>Wie die erfahreneren Kadetten ihm h�tten sagen k�nnen, machte dies die Sache nur noch schlimmer. Bent beschuldigte Isham der Unversch�mtheit einem Senior gegen�ber und kommandierte den Junior dann in der Abendd�mmerung zu �disziplinarischem Drill� ab.</p><p>Am andern Morgen erfuhren George und Orry, da� sich Isham im Krankenhaus befinde. St�ck f�r St�ck brachten sie die Geschichte zusammen. Bent hatte den Junior auf die Anh�he, von der ein steiler Pfad zum Norddock hinabf�hrte, mitgenommen. Dann hatte er Isham befohlen, den Pfad im Schnellschritt hinauf- und hinunterzulaufen. Es war eine au�ergew�hnlich warme und feuchte Nacht. Nach vierzig Minuten schwankte Isham. Bent sa� in der Mitte des Wegs auf einem Stein, l�chelte und machte ironische Bemerkungen. Isham weigerte sich, um Gnade zu bitten, und Bent gew�hrte von sich aus keine. Der Junior hielt es etwa eine Stunde aus, dann gaben seine Beine nach, er wurde ohnm�chtig und st�rzte den H�gel hinunter. Bis einige Minuten nach Mitternacht lag er bewu�tlos da. Bent war nat�rlich verschwunden, und Zeugen gab es keine.</p><p>Der Junior hatte sich zum Krankenhaus geschleppt, und es stellte sich heraus, da� er eine Gehirnersch�tterung und drei gebrochene Rippen hatte. Es kamen Ger�chte auf. Orry h�rte von mehreren Kadetten, da� Isham ein Kr�ppel bleiben w�rde.</p><p>Aber Isham war kr�ftig und wurde gesund. Erst als man ihn aus dem Krankenhaus entlassen hatte, konnte er einigen Kameraden erz�hlen, was vorgefallen war, und so hatten George und Orry die Wahrheit erfahren.</p><p>Einer der Stabsoffiziere h�rte die Geschichte und schrieb einen Bericht �ber Bent wegen disziplinarischer �bertreibungen. Isham weigerte sich, seinen Peiniger zu beschuldigen, so da� keine Beweise vorlagen. Als man Bent mit der Anklage konfrontierte, stellte er sie mit langen und hitzigen Erkl�rungen in Abrede. Pickett �berbrachte ihnen an einem Samstagnachmittag diese Nachricht. George und Orry und mehrere andere hatten vom Urlaub profitiert und waren in Gee Point schwimmen gegangen. Georges Reaktion war unmi�verst�ndlich. �Der gemeine Hund. Ist die Anklage gestrichen worden?�</p><p>�Nat�rlich�, sagte Pickett. �Was h�tte man sonst tun k�nnen, nachdem er sie ablehnte?�</p><p>George langte nach seinem Hemd, das an einem Ast hing. �Ich glaube, wir sollten endg�ltig etwas gegen Mr. Bent unternehmen.�</p><p>Orry teilte seine Meinung, lie� jedoch wie immer die Vorsicht zu Wort kommen.</p><p>�Glaubst du, da� das unsere Angelegenheit ist, George?�</p><p>�Jetzt geht es das ganze Korps etwas an. Bent hat gelogen, um sich selbst zu retten. M�chtest du, da� jemand wie er das Kommando �ber irgendwelche Truppen �bernimmt? Er w�rde eine ganze Kompanie in den Tod schicken und dann ohne weiteres einem andern die Schuld in die Schuhe schieben. Es ist an der Zeit, da� er endlich von hier verschwindet.�</p><p>Die Wahlkampagne des Jahres 1844 ging anfangs Dezember ihren letzten Tagen entgegen. Doch George und Orry schenkten den heftigen politischen Debatten und den hei�en Wahlkampfthemen keinerlei Beachtung. Sie waren ganz mit ihrem Studium und den Pl�nen, die Bents Sturz herbeif�hren sollten, besch�ftigt. Das Ganze blieb jedoch verschwommenes Wunschdenken, bis George Benny Haven seinen n�chsten Besuch abstattete. Dort erfuhr er, da� einer der regelm��igen Kunden von Alice Peet Armeeleutnant Casimir de Jong war, jener Offizier, der in der Isham-Aff�re Klage gegen Bent erhoben hatte. George berichtete Orry etwas sp�ter:</p><p>�Jeden Mittwochabend um zehn holt der alte Jongie seine W�sche ab. Man sagt, da� die ganze Transaktion mindestens eine Stunde daure. Ich mache jede Wette, da� er nicht nur die W�sche bei Alice holt.�</p><p>Orry war mittlerweile voll und ganz f�r ein Vorgehen gegen Bent. �Dann w�rde ich sagen, da� wir unsere Strategie seinen Gewohnheiten anpassen m�ssen. Wir sollten Bent an einem der kommenden Mittwochabende ungef�hr gegen halb zehn in die Arme von Alice treiben.�</p><p>George grinste. �Du wirst eine gro�artige Karriere auf dem Schlachtfeld machen, aber du solltest deinen Verb�ndeten ebenso gut kennen wie deinen Feind.�</p><p>�Was soll das hei�en?�</p><p>�Die gute Alice ist zwar ein nettes Wesen, aber sie ist auch eine Hure. Sie wird Bent nicht gratis unterhalten, vor allem nicht, wenn sie ihn sich angesehen hat.�</p><p>Die Tatsache war nicht zu umgehen. W�hrend drei Wochen wurde das Pl�neschmieden aufs Eis gelegt; unterdessen beschafften sich einige der Kadetten Leint�cher und K�chenger�te. Dar�ber, wie sie in ihre H�nde geraten waren, schwieg man sich aus. Schlie�lich begab sich die Schmugglerbande zum Flu�posten und kam mit Bargeld zur�ck.</p><p>Am Abend vor den Wahlen stattete George Alice einen Besuch ab. Er hatte viel Geld dabei. Nach dem Abendessen des folgenden Tages lief die Maschinerie, die Bents Fall herbeif�hren sollte, auf Hochtouren.</p><p>George und Pickett inszenierten vor Zeugen einen Streit �ber die aktuellen politischen Fragen. George vertrat den konservativen Standpunkt. Pickett wurde vor �rger ganz rot im Gesicht und gab laute und z�nkische Antworten. Die zuf�lligen Zeugen sowie diejenigen, die in das Spiel eingeweiht waren, waren davon �berzeugt, da� seine Wut echt war.</p><p>In wenigen Tagen war allgemein bekannt geworden, da� die beiden Georges sich miteinander �berworfen hatten, und Pickett hatte somit Gelegenheit, sich bei Bent einzuschmeicheln und ihn mit Charme und K�pfchen erfolgreich hinters Licht zu f�hren. Als es am n�chsten Mittwochabend leicht zu schneien anfing, lud Pickett Bent zu Benny Haven ein, um dort mit ihm ein Gespr�ch unter M�nnern f�hren zu k�nnen. Als sie sich auf den Weg gemacht hatten, meinte Pickett pl�tzlich, da� ein Besuch bei Alice Peet sicher stimulierend auf ihr Gespr�ch wirken w�rde.</p><p>George und Orry sowie die offiziellen Beobachter des Korps verfolgten den Weg der beiden durch den Schnee. Zitternd beobachteten sie hinter dem Fenster, wie Alice ihren Auftritt gestaltete. Sie konnte es in bezug auf schauspielerische F�higkeiten zwar nicht mit Pickett aufnehmen, aber das machte nichts. Als sie sich Bent n�herte, hatte er gerade seine M�tze �ber die Stuhllehne geh�ngt, den Kragenknopf ge�ffnet und sich drei Drinks genehmigt. Sein Blick war bereits glasig.</p><p>Alice trat ganz nah an ihn heran und fl�sterte ihm etwas ins Ohr. Bent wischte sich einige Speicheltropfen von den Lippen. Durch das halbge�ffnete Fenster konnten die beiden Freunde h�ren, wie er Alice nach dem Preis fragte. George umklammerte Orrys Oberarm: Dies war der kritische Moment. Der ganze Erfolg des Man�vers hing davon ab, ob Bent Alice glauben w�rde, da� sie kein Geld von ihm haben wollte, weil sie ihn mochte. Als sie den Plan ausheckten, hatte Pickett bemerkt: �Das ist, als ob man jemanden glauben machen wollte, da� die Niagaraf�lle aufw�rts flie�en.�</p><p>Doch Bent war betrunken, und Orry glaubte in seinen Triefaugen den Blick eines unterw�rfigen, fetten, kleinen Jungen zu entdecken, der geliebt werden wollte. Bent gab Pickett ein Zeichen, und dieser stand auf, grinste und w�nschte gute Nacht. Pickett kam heraus und schlo� die T�r hinter sich. Als er an den andern beiden Verschworenen vorbeimarschierte, fl�sterte er, ohne den Kopf zu wenden: �Ich verlasse mich darauf, da� ihr genauestens Bericht erstattet.� Ohne aus dem Schritt zu fallen, ging er durch den knirschenden Schnee davon. George und Orry konnten durchs Fenster beobachten, wie Alice Bents Hand ergriff und ihn durch die offene T�r ins Schlafzimmer geleitete. Der K�der hatte seine Wirkung getan, die Falle war dabei, sich zu schlie�en.</p><p>Genau um zehn Uhr h�rte man Leutnant Casimir de Jong durch den Schnee stapfen. Er war bis an die Ohren eingemummt und summte ein fr�hliches Lied. Er ging geradewegs auf Alice� Haust�re zu, klopfte kurz und trat ein.</p><p>Die Beobachter h�rten, wie Alice einen offensichtlich unechten Schreckensschrei ausstie�. Sie st�rzte ins Wohnzimmer, wobei sie mit der einen Hand ihr Hemd glattstrich und mit der andern ihr Haar in Ordnung zu bringen versuchte. Aus dem dunklen angrenzenden Zimmer war ein Schnaufen und das Rascheln von Bett�chern zu vernehmen. Old Jongie griff mit spitzen Fingern nach der Kadettenm�tze und betrachtete sie kurz. Dann zerknautschte er sie mit einem Faustschlag und pflanzte sich im T�rrahmen auf. Wie alle guten Offiziere beherrschte er die Technik des einsch�chternden Gebr�lls und brachte sie nun zur praktischen Anwendung.</p><p>�Wer ist da drin? Kommen Sie sofort heraus, Sir!�</p><p>Einen Augenblick sp�ter trat Bent keuchend und mit flatternden Augenlidern heraus. De Jongs Unterkiefer fiel herunter. �Um Himmels willen, Sir � ich traue meinen Augen nicht.�</p><p>�Es ist nicht, was Sie glauben�, schrie Bent, �ich bin lediglich hier, um � um meine W�sche abzuholen.�</p><p>�Mit Hosen auf halbmast? Im Namen der Anst�ndigkeit, <emphasis>bedecken Sie Ihre Bl��e, Sir!�</emphasis></p><p>In gebeugter Haltung gingen George und Orry zur halboffenen T�r der H�tte. George konnte sein Lachen fast nicht unterdr�cken. Orry sah im Licht einer �llampe, wie Bent in frenetischer Hast seine Hosen hochzog. Alice stand h�nderingend daneben.</p><p>�Oh, Herr Bent, Sir, ich war so hingerissen, da� ich glattweg vergessen habe, da� der Leutnant jede Woche um diese Zeit seine W�sche abholt. Das B�ndel, das dort dr�ben ��</p><p>Sie b�ckte sich, um Bents Faust auszuweichen. �Hure, halt den Mund!�</p><p>�Genug, Sir�, schrie de Jong. �Benehmen Sie sich wie ein Gentleman, solange Sie noch Gelegenheit dazu haben.�</p><p>Bents Gesicht gl�hte. Es war totenstill, und aus dem nahen Wald h�rte man das Knacken eines Zweigs. Es nahm sich in der Stille wie ein Schu� aus.</p><p>�Solange Sie noch Gelegenheit dazu haben?� fl�sterte Bent. �Was meinen Sie damit?�</p><p>�Ist das nicht offensichtlich, Sir? Es liegt eine Meldung �ber Sie vor � �ber mehr Vergehen, als ich jetzt aufz�hlen m�chte. Aber seien Sie versichert, da� ich keins auslassen werde. Besonders nicht diejenigen, die mit Entlassung geahndet werden.�</p><p>Bent sah pl�tzlich krank aus. �Sir, dies ist alles ein Mi�verst�ndnis. Wenn Sie mir gestatten, eine Erkl�rung � �</p><p>�Die Art Erkl�rung wie in der Sache Isham? L�gen?� De Jong verstand es gl�nzend, stellvertretend den Zorn einer Beh�rde zu spielen. Orry tat der fette Kadett beinahe leid.</p><p>De Jong ging mit w�tenden, schnellen Schritten zur T�r. Bent sah seine ganze Karriere wegen eines Stabsoffiziers davonschwimmen. Er packte de Jong an der Schulter.</p><p>�Nehmen Sie Ihre H�nde weg, Sie Trunkenbold�, sagte de Jong mit eiskalter, ruhiger Stimme. �Ich erwarte Sie in meinem B�ro, sobald Sie sich zur�ckgemeldet haben � und Sie tun dies besser in den n�chsten zehn Minuten, sonst wird man die Hallorufe bis nach New York h�ren.�</p><p>Mit souver�ner Verachtung stieg Leutnant de Jong die Treppe hinunter und ging in den fallenden Schnee hinaus. Er bemerkte die beiden im Schatten kauernden Kadetten nicht.</p><p>Bent lie� seinen �rger an Alice aus. �Du bl�de, ungeschickte Hure!�</p><p>Er schob den wackligen Tisch beiseite. Alice rannte zum Herd und grapschte ein Fleischmesser. �Raus hier! Stumpf sagte mir, da� du verr�ckt bist, aber leider habe ich ihm nicht geglaubt, ich Idiotin. Raus! <emphasis>Raus!�</emphasis></p><p>Das Messer blitzte im Licht auf. George und Orry tauschten besorgte Blicke aus, als Bent schwankend und verbl�fft stehenblieb.</p><p>�Stumpf? Du meinst, Hazard hat mit dieser Sache etwas zu tun gehabt? Es war Picketts Idee hierherzukommen und deine Idee, mit mir � das hei�t��</p><p>Er war unf�hig weiterzufahren. Seine Wut verwandelte sich in einen solch rasenden und blinden Zorn, da� Orry glaubte, er werde nie mehr einen solchen Ausdruck auf einem menschlichen Gesicht sehen.</p><p>Alice nahm die verletzende Bemerkung mit einem schrillen Lachen zur Kenntnis. �Meine Idee? Ich w�rde ein Schwein wie dich niemals an mich herankommen lassen, es sei denn, man bezahle mich daf�r, und man bezahlte mich gut. Aber auch so war es mir fast unm�glich.�</p><p>Bent zitterte. �Ich h�tte es wissen sollen. Ein Trick. Ein T�uschungsman�ver. Alle gegen mich � das ist es doch, nicht wahr?�</p><p>Alice wurde sich ihres Patzers bewu�t und versuchte ihn auszub�geln. �Nein, ich meinte nicht � �</p><p>�Keine L�gen!� sagte Bent. Die beiden Kadetten drau�en konnten nicht sehen, was jetzt geschah. Offenbar bedrohte Bent die W�scherin, denn sie fing an zu schreien. Es war nicht mehr gespielt.</p><p>�Ruhe, das ganze Dorf wacht ja auf!�</p><p>Das war genau die Absicht von Alice, und sie schrie um so lauter. Bent st�rzte aus der H�tte. Er rannte davon und hielt mit der einen Hand seine Hose hoch. George und Orry starrten einander an. Keiner von beiden f�hlte die Freude der Erleichterung, die sie so lange herbeigesehnt hatten.</p><p>Knapp drei Tage sp�ter war Bent entlassen.</p><p>Die meisten Kadetten sagten, sie seien froh, da� er entlassen worden sei. Orry und George waren auf jeden Fall froh dar�ber. Beide hatten sie jedoch Schuldgef�hle wegen der Art und Weise, in der man Bent in die Falle gelockt hatte. Doch mit der Zeit verga�en sie es. Als Orry wieder erotische Tr�ume von Madeline hatte, wu�te er, da� die Zeit seiner Gewissenskonflikte um war.</p><p>An Weihnachten diskutierte man immer noch �ber den Wahlsieg von James Knox Polk. Da der neugew�hlte Pr�sident nach wie vor die Absicht kundtat, Texas zu annektieren, fragte sich Orry, ob er unmittelbar nach seinem Abschlu�, der im Juni in einem Jahr stattfinden sollte, wohl gegen eine Armee von Mexikanern k�mpfen m��te. Und w�rde es im Nordwesten eine zweite Front geben, als Folge der mit den Briten laufenden Auseinandersetzung �ber die Oregongrenze? Die Zukunft kam ihm spannend, aber auch erschreckend vor.</p><p>Als am letzten Samstagabend im Dezember in Picketts Zimmer wiederum ein Hackfleischessen stattfand, war pl�tzlich ein sch�chternes Klopfen an der T�r zu vernehmen. Orry �ffnete. Tom Jackson stand da. Jackson war es gelungen, sich mit gezielten Bem�hungen in einen ausgezeichneten Studenten zu verwandeln. Auch wenn man ihn, weil er etwas eigenartig war, nicht besonders gut mochte, hatte er doch etwas Respekteinfl��endes an sich, eine Kraft, eine stille Wildheit. Bei den toleranteren Kadettengruppen, wie jener hier, sch�tzte man ihn.</p><p>�Willkommen, General�, rief George, als Jackson die T�r hinter sich schlo�. �Einen Bissen?�</p><p>�Nein, danke.� Jackson deutete auf seinen Magen, um anzuzeigen, da� er Verdauungsschwierigkeiten hatte. Er sah noch bek�mmerter aus als �blich, richtig traurig.</p><p>�Was ist los?� fragte Orry.</p><p>�Ich bringe schlechte Nachrichten, besonders f�r euch beide�, antwortete Jackson mit einem Blick auf George und Orry. �Kadett Bent hat doch mit Beziehungen in Washington geprahlt. Nun, sie sind offensichtlich keine Ausgeburt seiner Phantasie gewesen. Wie ich aus verl��licher Quelle vom Adjutanten wei�, hat Kriegssekret�r Wilkins als eine seiner letzten Amtshandlungen in der Angelegenheit interveniert.�</p><p>George fuhr sich mit dem Zeigefinger �ber die Lippen. �Wie interveniert?�</p><p>�Die Entlassung wurde r�ckg�ngig gemacht. In zwei Wochen wird Mr. Bent wieder hier sein.�</p><p>Es war nicht neu, da� die Akademie eine Entlassung widerrief, sie hatte sich schon oft damit unbeliebt gemacht, weil sie den Familien von Kadetten gestattete, ihre politischen Beziehungen auszunutzen. Es handelte sich um einen Mi�brauch, dem auch der gewissenhafteste Superintendent keinen Einhalt gebieten konnte, da die oberste Instanz f�r West Point Washington war.</p><p>Es dauerte blo� sechs Tage, bis Bent wieder auftauchte. Er hatte seinen fr�heren Rang verloren. George und Orry machten sich auf irgendeine Form von Rache gefa�t, aber es geschah nichts. Die beiden gingen Bent so gut sie konnten aus dem Weg, aber ganz konnten sie ihm nicht ausweichen. Wenn einer von ihnen Bent begegnete, reagierte er immer gleich: Er verzog keine Miene, sein Gesicht blieb steinern. George und Orry h�tten f�r ihn genausogut Fremde sein k�nnen.</p><p>�Das macht mir bedeutend mehr Angst, als wenn er schreien und toben w�rde�, sagte Orry. �Was hat er blo� vor?�</p><p>�Ich habe geh�rt, da� er hart b�ffelt�, sagte George. �Verlorene M�he, wenn du mich fragst. Nach dem, was er getan hat, kann er von Gl�ck reden, wenn er es in die Infanterie schafft, auch mit den besten Noten.�</p><p>Als es langsam Juni wurde und Bent sich weiterhin absonderte, sprach man immer weniger von der widerrufenen Entlassung, und schlie�lich wurde sie �berhaupt nicht mehr erw�hnt. Es gab wichtigere Dinge zu besprechen. Die Nation hatte einen h�chst bedeutsamen Fr�hling hinter sich.</p><p>Am ersten M�rz, drei Tage vor dem Amtsantritt des neuen Pr�sidenten Polk, hatte der abtretende Pr�sident Tyler gemeinsam mit dem Kongre� eine Resolution unterzeichnet, wonach Texas der Union als Staat beitreten sollte. Polk mu�te nun die Konsequenzen dieser Amtshandlung �bernehmen, und zwar als erstes die Reaktion der mexikanischen Regierung. Ende des Monats wurde der US-Botschafter in Mexico City davon unterrichtet, da� die diplomatischen Beziehungen abgebrochen w�rden.</p><p>Einzelne Landesteile, namentlich der S�den, wurden vom Kriegsfieber erfa�t. In einem langen Brief beklagte Cooper sich dar�ber, wie Tillet vehement f�r einen milit�rischen Kreuzzug eintrat. Er war der Meinung, dies sei zum Schutz des neuen Sklavenstaats wichtig, sofern die Regierung von Texas sich mit der Annexion einverstanden erkl�rte, was sie zweifellos tun w�rde. Im Norden war man sich �ber einen Krieg uneinig. In der Gegend um Boston, der Hochburg der Sklavereigegner, war die Opposition am sch�rfsten.</p><p>Bent und seine Kommilitonen bereiteten sich auf die Abschlu�pr�fung vor und unterhielten sich zudem mit den Armeeschneidern, die jedes Jahr um diese Zeit eintrafen. In Bents Klasse, die typisch war, w�rde etwa die H�lfte der Studenten abschlie�en. Jeder ausscheidende Kadett w�rde auf seinem Gebiet ein Titularunteroffizier werden. Da diese nicht den gleichen Sold wie die Offiziere erhielten, waren die meisten Diplomanden darauf bedacht, w�hrend des ersten aktiven Dienstjahres die Bef�rderung zum Offizier zu erlangen.</p><p>George hatte in bezug auf Bent recht behalten. Der Mann aus Ohio schaffte es gerade bis zum Titularinfanteristen.</p><p>Als zum Schlu� des Schuljahrs die Milit�rparade abgehalten wurde, redete Bent schlie�lich wieder mit George und Orry. Es war an einem k�hlen Juniabend bei Sonnenuntergang. Die sanften H�gel waren halb in rotes Licht getaucht, halb schimmerten sie bl�ulich. Unten im Tal nahmen die Diplomanden die Gl�ckw�nsche von strahlenden M�ttern, stolzen V�tern, �berschwenglichen Geschwistern und Verehrerinnen entgegen. George war aufgefallen, da� Bent zu den wenigen geh�rte, zu denen praktisch keine Familienangeh�rigen gekommen waren.</p><p>Bent sah in seiner Kadettenuniform, die er nun zum letztenmal trug, schmuck aus. Er hatte sich einen gro�z�gigen Backenbart wachsen lassen. In etwa einer Stunde w�rde er unten am Hafen sein, um nach New York zu reisen, wo immer am Tag nach der Abschlu�feier das Klassenessen in einem eleganten Hotel stattfand. Der Urlaub w�rde f�r Bent und die andern Diplomanden am letzten Septembertag zu Ende gehen.</p><p>Orry war verwirrt �ber Bents L�cheln, doch dann sah er in der Abendd�mmerung seine Augen. Und er entdeckte Ha� darin.</p><p>�Meine Herren, ich habe Ihnen kurz und ohne Umschweife etwas zu sagen.� Bent sprach in knappen S�tzen, er keuchte, und es schien, als ob er starke Emotionen im Zaum halten m�sse. �Sie haben mir eine milit�rische Laufbahn fast unm�glich gemacht, eine Tatsache, die ich nie vergessen werde. Eines Tages werde ich einen hohen Rang einnehmen � einen sehr hohen Rang �, merken Sie sich das. Ich werde die Namen derjenigen, die meine Karriere mit einem unausl�schlichen Makel versehen haben nicht vergessen.� Er wandte sich so abrupt ab, da� George zur Seite trat � eine nerv�se Reaktion. Bents Augen schienen rot im Licht der untergehenden Sonne. Schwerf�llig marschierte er in Richtung Kaserne. Mit seinem Gewicht hatte er es schwer, eine stramme milit�rische Haltung einzunehmen.</p><p>George warf seinem Freund einen verbl�fften Blick zu, als wollte er sagen, da� er den melodramatischen Auftritt, den er eben erlebt hatte, nicht ernst nehmen k�nnte. Orry hoffte inst�ndig, da� sein Freund das Ganze nicht auf die leichte Schulter nehmen und lachen w�rde, denn Verr�ckte sagten die Wahrheit, und man mu�te ihnen glauben. Man mu�te ihnen glauben und vor ihnen auf der Hut sein.</p><p><strong>9</strong></p><p>W�hrend des Sommercamps wurde George zum Kadettenleutnant bef�rdert. Orry war der einzige unter den Soldaten, dem kein Rang zugesprochen wurde. Es war entmutigend, denn es zeigte, wie wenig seine Vorgesetzten von ihm hielten. Sie sch�tzten ihn zwar als Person, doch zweifelten sie an seinen milit�rischen F�higkeiten. Der Unterricht in der letzten Klasse schien dies zu best�tigen. George strengte sich weiterhin nicht im geringsten an, doch Orry tat sich schwer mit seinem Kurs: Grunds�tze des konstitutionellen Rechts und praktische Anwendung des Kriegsrechts. In den Kursen beim ber�chtigten Professor Mahan hatte er noch gr��ere Schwierigkeiten.</p><p>Mahan sah in seinem dunkelblauen Mantel, seiner blauen Hose und der Lederweste wie ein perfekter Akademieprofessor aus. Trug ein Kadett etwas vor, so erlaubte er nicht die geringste Abweichung, weder von dem, was er gelehrt noch wie er es gelehrt hatte. War ein Kadett je unvorsichtig genug, mit Mahan nicht einverstanden zu sein � wie sch�chtern er seinen Einwand auch immer vortragen mochte �, so sah er sich sofort mit dessen gef�rchtetem Sarkasmus konfrontiert und konnte von Gl�ck reden, wenn die intellektuelle Niederlage nicht zu brutal ausfiel. In Mahans Kopf hatten alle Kadetten einen Rang, und aufgrund dieser Rangordnung, ob sie nun zutraf oder nicht, wurden alle Urteile gef�llt. Es gab kein Erbarmen. Aber die Kadetten mochten Mahan, ja, sie verehrten ihn sogar.</p><p>Mahan unterrichtete auch Milit�rwissenschaften. Hier fl��te er seinen Sch�lern Ehrfurcht ein, indem er f�r das industrielle Zeitalter einen neuen, apokalyptischen Krieg voraussagte. Sie alle w�rden in dieser neuen Art von Krieg das Kommando �bernehmen m�ssen, sagte er. Und vielleicht w�rde dieser Krieg schon fr�her stattfinden, als sie sich das �berhaupt vorstellen konnten. Im Juli 1845 war General Zachary Taylor mit 1.500 Mann an den Nueces River geschickt worden. Mexiko behauptete immer noch, da� dieser Flu� die n�rdliche Landesgrenze bilde. In Corpus Christi, einer Stadt an diesem Flu�, bezog Taylor einen bewaffneten Posten, um einem m�glichen Angriff der Mexikaner vorzubeugen.</p><p>Im Herbst hatte Taylor bereits 4.500 Mann um sich geschart. Am 29. Dezember trat Texas der Union als 28. Staat bei und erhob weiterhin die Forderung, da� aufgrund des Friedensvertrages am Ende des Unabh�ngigkeitskrieges der Rio Grande die S�dgrenze des Landes bilde.</p><p>Der Protest aus Mexiko wurde zusehends bedrohlicher. Der Vertrag sei wertlos und die Republik Texas ein Betrug � nicht existent. Wie aber k�nnte ein illegales politisches Gebilde den Vereinigten Staaten beitreten? Die Antwort war klar: Es war unm�glich.</p><p>Im Winter 1845/46 schlugen die Bem�hungen um Friedensverhandlungen des amerikanischen Botschafters in Mexiko, John Slidell, fehl. Auf Befehl seiner Vorgesetzten in Washington drang General Taylor wieder vor, diesmal s�dw�rts durch die d�nn besiedelte Wildnis, auf die sowohl Texas als auch Mexiko Anspruch erhoben � bis zum Rio Grande. Die Bev�lkerung fa�te den Krieg als reale M�glichkeit ins Auge. �Mr. Polks Krieg�, nannte ihn die Opposition.</p><p>In jenem unruhigen Fr�hjahr des Jahres 1846 sah sich George Hazard um, blinzelte und stellte fest, da� in den vier Jahren, in denen er sich mit Zigarren, M�dchen und gelegentlichem Studium besch�ftigt hatte, tiefgreifende Ver�nderungen stattgefunden hatten. Knaben waren zu jungen M�nnern herangewachsen, junge M�nner hatten sich zu lebensf�higen Menschen entwickelt, die wiederum Titularoffiziere w�rden.</p><p>Orry kam in die Infanterie, und so bem�hte sich George auch darum. Einige der Professoren und Stabsoffiziere waren nicht damit einverstanden. Sie sagten, da� George mit seinen guten Noten in die Artillerie oder zu den Pioniertruppen kommen k�nne. Orry beschwor seinen Freund, die Ratschl�ge zu beherzigen, aber George blieb fest.</p><p>�Lieber diene ich in der Infanterie mit einem Freund, als mit lauter Fremden in der Artillerie. Abgesehen davon habe ich immer noch die Absicht, nach vier Jahren auszutreten. Es ist mir gleichg�ltig, wo ich diese Zeit verbringe, sofern man nicht zu oft auf mich schie�t.�</p><p>War George nicht unbedingt begeistert �ber den Gedanken, in den Krieg zu ziehen, so wollte Orry wirklich die Gefahr auf irgendeinem weit entfernten Schlachtfeld in Mexiko kennenlernen. Manchmal hatte er wegen dieses Wunsches Schuldgef�hle, aber ein Mann, der Milit�rkarriere machen wollte, brauchte unbedingt Kriegserfahrung. Obwohl Orrys Vorgesetzte ihn nicht hatten bef�rdern wollen, �nderte sich seine Zielsetzung nicht.</p><p>Genau wie Orry waren die meisten Senioren hinsichtlich der M�glichkeit einer kriegerischen Auseinandersetzung ganz nerv�s, ja sogar erregt. Endlich w�rde das Aristokratenkorps von West Point Gelegenheit bekommen, zu beweisen, was es wert war. Ja, die ganze Armee konnte dies zeigen. Viele Amerikaner verachteten ihre Armeesoldaten und sagten ihnen nur ein Talent nach, die Kunst der Dr�ckebergerei.</p><p>Die Frage, ob Krieg ausbrechen w�rde oder nicht, wurde noch vor Georges und Orrys Examen entschieden. Am 12. April hatte der mexikanische Befehlshaber in Matamaros General Taylor befohlen, sich zur�ckzuziehen. Die Warnung wurde nicht beachtet, und am Letzten des Monats �berquerten mexikanische Soldaten den Rio Grande. Anfang Mai schlugen Taylors Truppen in Palo Alto eine dreimal st�rkere feindliche Armee zur�ck, und einige Tage sp�ter ereignete sich dasselbe in Resaca de la Palma. Der Streit hatte begonnen, und der Kongre� beantwortete am 12. Mai die Invasion auf amerikanisches Territorium mit einer Kriegserkl�rung.</p><p>Der Krieg f�hrte zu hei�en Kontroversen. George konnte sich f�r keinen der beiden Gegner begeistern, und nachdem er sich auf vier faule Jahre in der Armee gefreut hatte, kam der Krieg ihm jetzt sehr ungelegen und �rgerte ihn.</p><p>Als er sich f�r den Dienst in der Infanterie entschieden hatte, schrieb George seinem Vater einen Brief und bat ihn, einige Hebel in Bewegung zu setzen. Jetzt erhielt er endlich seinen Befehl: Er sollte in die Achte Infanterie. Orry stellte mit Erstaunen fest, da� er zum selben Regiment abkommandiert worden sei. George gab vor, �ber diesen Zufall h�chst �berrascht zu sein.</p><p>W�hrend des herrlichen Juniwetters nahmen die Absolventen die Gl�ckw�nsche ihrer Professoren entgegen und hielten ihre letzte Parade ab. George und Orry erschienen zum erstenmal in den typischen armeeblauen Kleidern: dem dunkelblauen Mantel, der hellblauen Hose mit dem schmalen, wei�en Streifen der Infanterie.</p><p>Georges Vater sowie sein Bruder Stanley wohnten der letzten Parade bei. Von Orrys Familie war niemand gekommen. Gleich nach der Parade nahmen die Hazards ein Schiff nach Albany, wo sie Gesch�fte zu erledigen hatten. Etwa eine Stunde sp�ter waren George und Orry startbereit.</p><p>Als der Dampfer sich vom Landungssteg entfernte, lehnte sich Orry an die Reling und betrachtete noch einmal den steilen Weg, den sie vor vier Jahren zum erstenmal hinaufgegangen waren.</p><p>�Ich werde den Ort vermissen. Wahrscheinlich wirst du jetzt lachen, aber am meisten werde ich die Trommel vermissen. Nach einer Weile geht sie dir in Fleisch und Blut �ber.�</p><p>George lachte nicht, aber sch�ttelte den Kopf. �Du willst eine Trommel vermissen, die dein Leben in Segmente eingeteilt hat?�</p><p>�Ja, sie verlieh den Tagen einen bestimmten Rhythmus, eine Ordnung und ein Muster, auf das man sich verlassen konnte.�</p><p>�Nun, keine Sorgen, Mr. Stiel. In Mexiko werden wir viele Trommeln zu h�ren bekommen.�</p><p>Die Nacht brach herein, w�hrend sie an Constitution Island vorbeifuhren, und als sie auf dem Hudson waren, war es bereits dunkel. Sie meldeten sich in der City im American House und sahen sich am n�chsten Tag New York an. Auf dem Broadway stie�en sie auf einige einfache Soldaten, und man salutierte ihnen zum erstenmal in ihrem Leben.</p><p>Bevor George in den Zug nach Philadelphia stieg, nahm ihm Orry das Versprechen ab, da� er gegen Urlaubsende nach Mont Royal kommen w�rde, um mit ihm zusammen zu ihrem Regiment zu reisen. George war einverstanden. In den vergangenen vier Jahren hatte er fast alle S�dstaatler, denen er begegnet war, sympathisch gefunden. Abgesehen davon hatte er niemals vergessen, da� Cooper Main ihm gesagt hatte, die M�dchen im S�den seien besonders h�bsch.</p><p>Als er in Lehigh Station ankam, packte George als erstes den Meteoriten aus, den er in den H�geln bei West Point gefunden hatte. Er legte ihn in seinem Zimmer sorgf�ltig auf einen Fenstersims, wo ihn keiner der Dienstboten versehentlich f�r Tr�del halten und wegwerfen w�rde. Dann setzte er sich hin und versenkte sich in die Troph�e.</p><p>Zehn Minuten vergingen. Zwanzig Minuten. Das rauhe, eisenhaltige Fragment schien in der Stille stumm und doch mit m�chtiger Stimme zu ihm zu sprechen und ihm zu erz�hlen, mit welcher Macht Eisen alles, was der Mensch erbaute oder erfand, zerst�ren konnte. Als er schlie�lich aufstand und sich zum Gehen wandte, liefen ihm Schauer �ber den R�cken, obwohl es an diesem Sommernachmittag sehr hei� im Haus war.</p><p>Es gab wenige Dinge, die George ernst nahm, und es gab noch wenigere, die ihn nachhaltig beeindruckten. Doch jener Meteorit, der aus demselben Stoff bestand, welcher das Kernst�ck des Hazard-Verm�gens bildete, war eine seltene Ausnahme. Er hatte nicht die geringste Absicht, in Mexiko einen Heldentod zu sterben, den man schnell vergessen w�rde; er hatte in den kommenden Jahren Wichtiges zu tun. Sollte Orry sein Leben damit verbringen, Grenzstreitigkeiten auf dem Schlachtfeld auszutragen. George wollte im Eisengesch�ft dazu beitragen, da� die Welt sich ver�nderte.</p><p>Mitte September packte er seine Sachen und verabschiedete sich von seiner Familie. Taylor marschierte w�hrend eines achtw�chigen Waffenstillstands mit seiner Armee nach Monterrey in Mexiko. George verfolgte den Weg jener Armee, weil sein Regiment zu Taylors zweiter Division geh�rte. Das Kommando f�hrte General Worth. Das achte Infanterieregiment hatte bereits harte K�mpfe hinter sich und wohl noch einige vor sich.</p><p>W�hrend der langen Bahnfahrt nach South Carolina versuchte George, seine Vorstellungen �ber die Nord- und S�dstaaten zu ordnen. In West Point waren sich die Kadetten beider Lager dar�ber einig gewesen, da� die Yankees besser vorbereitet waren, weil es im Norden bessere Schulen gab. Die S�dstaatler jedoch schr�nkten arrogant ein, da� dies keine Rolle spiele; der mutige und nicht der kluge Feldherr gewann normalerweise die Schlacht.</p><p>H�tte man George �ber regionale Unterschiede ausgefragt, w�rde er die Yankees als praktisch und als rastlos beschreiben, als neugierig auf den Alltag und darauf aus, alles zu verbessern. Im Gegensatz dazu schienen ihm die S�dstaatler mit ihrem Hang zum Theoretisieren und Argumentieren sehr abstrakte Menschen zu sein, besonders in bezug auf Themen wie Politik, Sklaven und Verfassung, um nur drei zu nennen.</p><p>Die Sklaverei wurde immer als Positivum verstanden. Interessanterweise erinnerte sich George daran, da� Orry gesagt hatte, dies sei nicht immer so gewesen. Als Junge hatte Orry manchmal Gespr�che seines Vaters mit fremden Herren mitangeh�rt. Oftmals hatten sie sich �ber das merkw�rdige System unterhalten, und einmal hatte er von Tillet die Bemerkung geh�rt, da� einige Aspekte der Sklaverei weder von Gott noch von den Menschen geduldet werden k�nnten. Doch Orry stellte fest, da� man sich nach dem Vesey- und dem Turner-Aufstand in Mont Royal nie mehr so freim�tig ge�u�ert hatte. Tillet sagte, solche �u�erungen k�nnten einem neuen Aufstand Vorschub leisten. George hatte keine feste Meinung in bezug auf das Sklavensystem. Er beschlo�, das Thema in South Carolina nicht aufzuwerfen, und ganz sicher w�rde er den Mains nicht sagen, was die andern Hazards zu dieser Frage dachten. Seine Eltern waren zwar keine fanatischen Gegner der Sklaverei, aber sie waren �berzeugt, da� das System v�llig falsch war.</p><p>Orry holte George bei einer kleinen Waldstation der Eisenbahnlinie mit einer Kutsche ab. Auf der Fahrt zur Plantage unterhielten sich die beiden Freunde angeregt �ber den Krieg und die Ereignisse des vergangenen Monats. Orry teilte ihm mit, da� seine Familie zwei Wochen fr�her als �blich von ihrer Sommerresidenz zur�ckgekommen sei, um George begr��en zu k�nnen.</p><p>George war von der �ppigen Vegetation des S�dens fasziniert. Mont Royal �berw�ltigte ihn durch seine Gr��e und Pracht, und Orrys Familie fand er �u�erst sympathisch. Dies galt zumindest f�r die meisten Familienmitglieder. Tillet Main machte auf ihn den Eindruck eines strengen Mannes, der Fremde scheute. Dann gab es noch Vetter Charles, einen liederlichen, h�bschen Jungen, dessen Hauptbesch�ftigung wohl darin bestand, trotzig zu l�cheln und mit einem gro�en Messer Scheinangriffe abzuwehren.</p><p>Orrys Schwestern waren f�r George nat�rlich viel zu jung. Die knapp neunj�hrige Brett war zwar h�bsch und intelligent, wurde aber von der elfj�hrigen Ashton in den Hintergrund gedr�ngt. Ashton war eines der h�bschesten kleinen M�dchen, die George je gesehen hatte. Mit zwanzig w�rde sie eine richtige Sch�nheit sein.</p><p>Er verbrachte den ersten Tag in Mont Royal mit einem Besuch auf der Plantage, wo er sich �ber den Reisanbau informierte. Am sp�ten Nachmittag kam er in die Obhut von Clarissa und ihren T�chtern, die ihn in eine reizvolle Laube in einer Ecke des Gartens mitnahmen. Als sie es sich alle in Korbst�hlen bequem gemacht hatten, trugen zwei Negerm�dchen Limonade und Kuchen auf. Nach einer Weile entschuldigte Clarissa sich, sie mu�te in der K�che zum Rechten sehen. Ashton faltete die H�nde in ihrem Scho� und sah George mit ihren gro�en, dunklen Augen an.</p><p>�Orry sagt, da� Ihr Spitzname Stumpf ist. Sie sehen aber gar nicht wie ein Stumpf aus.� Sie l�chelte, ihre Augen blitzten.</p><p>George fuhr sich mit dem Zeigefinger unter den engen Hemdkragen. F�r einmal war er um eine Antwort verlegen. Brett kam ihm zu Hilfe: �Das ist die h�bscheste Uniform, die ich kenne, obwohl ich ja noch nicht viele gesehen habe.�</p><p>�Nicht so h�bsch wie das, was drin steckt�, sagte Ashton, und diesmal err�tete George. Die Schwestern kamen ihm nicht wie kleine M�dchen, sondern wie Frauen vor. Er f�hlte sich h�chst unwohl bei diesem kleinen Flirt von Ashton.</p><p>Es mu�te ihr Alter sein, dachte er. Sie war zu jung, um zu kokettieren � und doch tat sie es. Von h�bschen Frauen f�hlte sich George angezogen, aber sch�ne Frauen mied er. Meistens waren sie sich ihres guten Aussehens zu sehr bewu�t und waren deshalb oft launisch oder schwierig. Dies w�rde wahrscheinlich auch Ashton Main so ergehen, dachte er. Ashton beobachtete ihn �ber den Rand ihres Glases hinweg. Er f�hlte sich erleichtert, als er sich sp�ter wieder in M�nnergesellschaft befand.</p><p>Zwei Tage sp�ter k�ndigte Clarissa Main beim Abendessen an, da� sie ein Picknick organisieren w�rde, um George den Nachbarn und Verwandten vorzustellen.</p><p>�Wenn wir Gl�ck haben, wird uns auch Senator Calhoun mit seiner Anwesenheit beehren. Er ist f�r einige Wochen zu Hause in Fort Hill gewesen. Er leidet n�mlich an einer Lungenkrankheit, die in der Potomac-Gegend durch das dort herrschende Klima nur verschlimmert wird. Auf dem Land ist die Luft klar und rein; das verschafft ihm Erleichterung und deshalb � Tillet, warum um Himmels willen ziehst du ein solches Gesicht?�</p><p>Alle Blicke wandten sich dem Tischende zu. Man h�rte ein fernes Donnergrollen. Ashton und Brett tauschten �ngstliche Blicke aus. Dies war die Jahreszeit der Hurrikane, die mit zerst�rerischer Gewalt vom Ozean her �ber das Land fegten.</p><p>�John benimmt sich kaum noch wie unsereiner�, sagte Tillet und wischte mit einer �rgerlichen Handbewegung ein Insekt beiseite, das auf seiner Stirn landen wollte.</p><p>In einer Ecke des Raumes stand ein kleiner Negerjunge mit einem Fliegent�ter. Auf Tillets Handbewegung hin sprang der Junge vor und wedelte mit dem Instrument in der Luft, aber er wu�te, da� er zu sp�t war. Er hatte seinen Herrn ver�rgert. Die Angst, die George in den Augen des Knaben lesen konnte, sagte ihm mehr �ber die Beziehung zwischen Herrn und Sklaven, als er in langen Gespr�chen erfahren h�tte.</p><p>�Bei jedem �ffentlichen Anla� erweisen wir John die Ehre�, fuhr Tillet fort. �Wir lassen Statuen errichten, die ihn als den gr��ten lebenden B�rger des Staats, ja vielleicht sogar der Nation preisen. Doch dann bummelt er nach Washington und vergi�t den Willen seiner W�hler.�</p><p>Cooper r�usperte sich kurz, was seinen Vater �rgerte. �Aber�, sagte Cooper, �du willst doch nicht sagen, da� Mr. Calhoun nur dann als guter Patriot angesehen werden kann, wenn er mit dir einverstanden ist? Er mag zwar nicht beliebt sein, weil er gegen den Krieg ist, aber er ist aufrichtig. Und die meisten deiner andern Ansichten teilt und unterst�tzt er ja.�</p><p>�Was man von dir nicht behaupten kann. Eine Tatsache, die mir allerdings nicht besonders viel ausmacht.� George f�hlte sich bei dem Sarkasmus nicht wohl und vermutete, da� es Tillet wohl sehr viel ausmachte.</p><p>�Sch�n�, gab Cooper zur�ck und machte eine Handbewegung mit dem Weinglas. Die bittenden Blicke seiner Mutter beachtete er nicht. �Mach dir keine Sorgen �ber meine Ansichten. Aber die Meinung der Nation l��t du zu deinem Nachteil au�er acht.�</p><p>Tillet umschlo� die Serviette mit hartem Griff. Er blickte verstohlen auf George und zwang sich zu einem L�cheln. �Mein Sohn hat sich selber zum Fachmann f�r Staatsangelegenheiten erkl�rt. Manchmal habe ich das Gef�hl, da� er sich im Norden wohler f�hlen w�rde.�</p><p>Cooper sa� steif in seinem Stuhl. �Unsinn�, sagte er; er l�chelte nicht mehr. �Ich verachte die verdammten Sklavengegner mit ihrem selbstgerechten Getue, doch ihre Heuchelei blendet mich nicht so sehr, da� ich die Wahrheit in einigen ihrer Argumente nicht sehen k�nnte. Sobald jemand uns im S�den kritisiert, benehmen wir uns wie bedrohte Stachelschweine. Die Yankees sagen, da� die Sklaverei ein �bel ist, und wir betrachten sie als Segen. Sie zeigen auf die Narben auf den R�cken der Neger � �</p><p>�In Mont Royal hat niemand Narben�, unterbrach ihn Tillet, indem er sich George zuwandte. Cooper k�mmerte sich nicht darum.</p><p>�� und wir reagieren mit der Pauschalbehauptung, die Sklaven seien gl�cklich. Kein Mensch, der seine Freiheit nicht mehr hat, ist gl�cklich.�</p><p>�Pa� auf, was du vor den Kindern sagst!� schrie Tillet. Doch der junge Mann war ebenso w�tend wie der �ltere. �Statt der Wahrheit aus dem Weg zu gehen, t�ten wir besser daran, etwas daraus zu lernen. Wir geben uns mit dem zufrieden, was wir seit hundertf�nfzig Jahren gewesen sind: Bauern, deren Ernte vom Schwei� schwarzer Leibeigener abh�ngig ist. M�nner wie Georges Vater ignorieren wir einfach, obwohl es ihrer im Norden immer mehr werden. Georges Vater stellt Eisen her: mit freien Arbeitern. Das Eisen wandert in Maschinen. Und die Maschinen sind die Zukunft. Die Yankees haben verstanden, was es mit diesem Jahrhundert auf sich hat, aber wir begreifen blo� das letzte Jahrhundert. Wenn Senator Calhoun nicht l�nger wie ein Papagei die institutionalisierten Weisheiten des Staats nachplappert, um so besser. Wir brauchen mehr M�nner seines Kalibers.�</p><p>Clarissas Stimme war von ungew�hnlicher Sch�rfe, als sie sagte: �Es ist unh�flich von dir, so z�gellos vor unserm Gast zu reden.�</p><p>�Ja, zum Teufel mit der Wahrheit! Gute Manieren �ber alles!� Cooper hob sein Weinglas, als wolle er einen Trinkspruch ausbringen. Tillet schlug ihm das Glas aus der Hand.</p><p>Der schwarze Junge mit dem Fliegent�ter duckte sich. Das Glas zerschellte an der Wand. Brett stie� einen gellenden Schrei aus und dr�ckte sich in ihren Stuhl, wobei sie ihre Augen mit der Hand bedeckte. Orry blickte seinen Gast an und zuckte die Achseln. Mit einem etwas verzerrten L�cheln bat er um Entschuldigung. Tillet sch�umte vor Wut.</p><p>�Du hast zuviel Wein getrunken, Cooper. Es w�re besser, wenn du dich zur�ckziehen w�rdest, bis du dich wieder unter Kontrolle hast.�</p><p>�Ja, in der Tat�, sagte Clarissa. Obwohl sie dies mit sanfter Stimme gesagt hatte, war es ein Befehl.</p><p>Cooper schien wirklich ein bi�chen angetrunken, dachte George. Der �ltere Bruder stand auf, lachte und eilte aus dem Zimmer. Tillet war wei� im Gesicht; offensichtlich brachte ihn Spott noch mehr in Harnisch als ketzerische Worte.</p><p>Der Rest der Mahlzeit wurde schweigend eingenommen. George war deprimiert. Der Main-Haushalt war eindeutig gespalten. Wie der Norden und der S�den des Landes es nach Meinung seines Vaters wohl bald sein w�rden.</p><p><strong>10</strong></p><p>Obwohl das Picknick in der �schlimmen� Jahreszeit stattfand, kamen mehr als zweihundert Menschen. Viele kamen direkt aus ihrer Sommerresidenz, einige sogar aus Columbia. George war zwar davon beeindruckt, aber nicht so stark wie von John Calhouns Ankunft am sp�ten Vormittag.</p><p>Senator Calhoun und seine Frau Floride fuhren in einer alten, aber eleganten Kalesche vor. Freunde und Neugierige umringten das Vehikel. George hatte geh�rt, da� die Calhouns in Begleitung ihres Kutschers und dreier weiterer Neger, die der Kalesche in einem Eselskarren folgten, in Charleston �bernachtet hatten.</p><p>In den letzten drei�ig Jahren hatte niemand im �ffentlichen Leben Amerikas mehr Rollen mit gr��erer Souver�nit�t gespielt als der gro�gewachsene, hagere Mann, der behende der Kalesche entstieg und die ersten Willkommensgr��e entgegennahm. George konnte sich nicht mehr an alle �mter erinnern, die Calhoun innegehabt hatte. Auf jeden Fall war er Kriegssekret�r und Vizepr�sident gewesen. Zu Beginn seiner Laufbahn war Calhoun ein eifriger Verfechter der Union und der Milit�rakademie gewesen. Hatten andere sich gegen das ehrgeizige Reformprogramm von Sylvanus Thayer ausgesprochen, so hatte Calhoun es unterst�tzt, weil er der Ansicht war, da� Amerika ohne starke Armee nicht wirklich stark sein konnte. Doch wenn man jetzt im Norden von Calhoun sprach, dachte man vor allem an eines: an seine Doktrin. Der Senator hatte mit seiner Doktrin in den 1830er Jahren f�r viel Aufregung gesorgt. Es ging damals um einen in South Carolina unbeliebten Schutzzoll. Calhoun vertrat die Meinung, da� jeder Staat das souver�ne Recht habe, den Zoll aufzuheben, was in Tat und Wahrheit bedeutete, da� jeder Staat sich irgendeinem Bundesgesetz widersetzen konnte.</p><p>George wurde den Calhouns vorgestellt. Er vermutete, da� der Senator in den Sechzigern war. Alter und Krankheit hatten Calhouns Aussehen und Statur stark beeintr�chtigt. Doch der volle graue Haarschopf und die leuchtend dunkelblauen Augen erinnerten an sein fr�heres gutes Aussehen.</p><p>Calhoun machte einige h�fliche Bemerkungen �ber West Point und ging dann weiter; George machte der Mann einen ersch�pften, verbitterten Eindruck. Sein L�cheln wirkte falsch, seine Bewegungen affektiert.</p><p>George wurde so vielen Leuten vorgestellt, da� ihm ganz schwindlig wurde, wenn er an all die Namen dachte: Main und Bull und Smith und Rhett und Huger und Boykins und LaMotte und Ravenel� Ein Mitglied der Smith-Familie, weiblich, etwa in seinem Alter, schien ebenso begeistert von seiner Uniform wie George von ihrem Dekollet�. Sie versprachen einander, sich in zwanzig Minuten beim Punschausschank zu treffen.</p><p>Herr Nagel, der Hauslehrer der Main-Schwestern, war bereits stockbetrunken. George half ihm zu einer Bank. Dann verbrachte er einige unangenehme Minuten im Gespr�ch mit Tillets Aufseher, einem kurzgeratenen Yankee namens Salem Jones. Jones� engelhaftes Gesicht konnte �ber den gemeinen Ausdruck in den Augen nicht hinwegt�uschen. Er blickte seinen Gespr�chspartner nicht direkt an, sondern starrte unentwegt auf einen Fixpunkt auf dem Rasen.</p><p>Einige der beliebtesten Sklaven des Hauses hatten einige Tische auf den Rasen stellen d�rfen, wo sie unter sich ihr eigenes Essen einnahmen. Sie warteten auf den Befehl f�r ihren Chorauftritt. Calhouns schwarze Diener hatten sich sofort zu ihnen gesellt, und die Gesellschaft wurde langsam laut. Jones kniff die Lippen zusammen und beobachtete scharf.</p><p>Gewitterwolken verd�sterten den Himmel. Ein leichter Regenschauer lie� alle Schutz suchen. Als es f�nf Minuten sp�ter zu regnen aufgeh�rt hatte und die G�ste wieder zueinander gefunden hatten, konnte George das Smith-M�dchen nicht mehr finden. Er stie� pl�tzlich auf Orry und bemerkte dessen geistesabwesenden Blick.</p><p>�Welche Medusa ist denn dir �ber den Weg gelaufen, Stiel? Aha � klar.� Sein fr�hliches L�cheln erlosch. �Ich sehe gro�e Ringe an ihren Fingern, einer davon ein Ehering. Ist sie diejenige, in die du dich vor zwei Jahren verliebt hast?�</p><p>Mit weicher Stimme sagte Orry: �Sie ist sehr h�bsch, nicht wahr?�</p><p>�H�bsch ist kein Ausdruck. Sie ist entz�ckend. Das also ist Madeline. Sie sieht ersch�pft aus.� Und doch konnte er sich ihren merkw�rdig starren Gesichtsausdruck nicht mit M�digkeit erkl�ren.</p><p>Orry sagte erkl�rend: �Sie ist eben aus New Orleans zur�ck. Ihr Vater hat einen weiteren Schlaganfall erlitten. Zwei Tage, nachdem sie ihn aufgesucht hatte, starb er. Sie mu�te die Beerdigung ganz allein organisieren. Kein Wunder, ist sie abgek�mpft.�</p><p>George bemerkte die Erregung in der Stimme seines Freundes. In den vergangenen Monaten hatte er nicht viel �ber die sagenhafte Madeline geh�rt und war zum Schlu� gekommen, da� Orry seine Verliebtheit �berwunden hatte. Er hatte sich get�uscht. Er betrachtete sie genauer. Trotz der Schatten unter ihren Augen war sie wirklich eine der sch�nsten Frauen, denen er in seinem Leben begegnet war. Sie hatte einen vollen roten Mund, und die helle Haut stand in verbl�ffendem Gegensatz zu ihrem glatten schwarzen Haar. Er trat n�her an Orry heran.</p><p>�Kenne ich ihren Ehemann?�</p><p>�Ja. Der Kerl dort.�</p><p>Orry deutete mit dem Kopf auf einen der LaMottes. Dann erinnerte sich George. Justin war sein Name. Ein arroganter Kerl. Genau wie sein Bruder Francis, der mit seiner schlampigen Frau und seinem h�bschen Sohn ganz in der N�he stand. Der Sohn, mit seinem eleganten Mantel und passender Krawatte, schien genauso eingebildet wie sein Vater und sein Onkel. Sie benahmen sich, als ob sie nicht amerikanische Farmer w�ren, sondern aus einem europ�ischen K�nigshaus k�men.</p><p>�Wie kann sie es blo� mit diesen Menschen aushalten?� fl�sterte er.</p><p>�Sie wird sehr gut damit fertig. Madeline k�nnte sogar den Teufel f�r sich gewinnen. Und meine Mutter sagte mir, da� sie ihre Pflichten auf der Plantage zur vollsten Zufriedenheit aller erf�llt. Dies ist au�ergew�hnlich, denn Madeline ist ja nicht dazu erzogen worden, Hebamme zu spielen oder eine K�che zu f�hren. Ich bin sicher, da� Justin ihre F�higkeiten gar nicht zu sch�tzen wei�. Komm, ich stelle dich vor.�</p><p>Die beiden gingen auf Madeline zu. F�r einen Augenblick belebte eine spontane Freude ihre Gesichtsz�ge und ihre Augen, dann erstarrte sie wieder. Auf George machte sie den Eindruck von jemandem, der eben etwas F�rchterliches entdeckt hat. Sicher hatte es etwas mit ihrem Ehemann zu tun, dachte er zynisch. Madeline entfernte sich von Justin. Bevor jedoch Orry mit ihr reden konnte, schlenderten Calhoun und Tillet Main mit weiteren G�sten im Schlepptau auf sie zu. Alle hingen an den Lippen des Senators.</p><p>�Manche behaupten, Tillet, da� meine Doktrin falsch gewesen sei. Ich bin nicht damit einverstanden. Von der Verfassung her ist sie korrekt, nur die Art und Weise, in der wir sie zur Anwendung bringen wollten, war tollk�hn. Zum Scheitern verurteilt. Ein einzelner Staat kann sich nicht gegen die Macht der Bundesregierung durchsetzen. Doch mehrere Staaten zusammen, vereint und entschlossen � das w�re etwas anderes.�</p><p>Tillet r�usperte sich. �Reden Sie von Sezession?�</p><p>Calhoun zuckte kurz und heftig die Achseln. �Nun, das ist ein Ausdruck, den man in letzter Zeit oft hier im S�den h�rt. Gerade neulich, in Charleston, sagte ein Herr, den ich sehr achte, die Sezession sei die einzig richtige Antwort auf Wilmots Antrag.� Er meinte damit den Vorschlag des Kongre�abgeordneten Wilmot, die Sklaverei auf jeglichem Territorium, das im Laufe der Friedensverhandlungen mit Mexiko erworben werden w�rde, ausdr�cklich zu verbieten. Die Argumente daf�r und dagegen hatten im ganzen Land heftige Kontroversen ausgel�st. Der Gesetzesentwurf war vom Kongre� verabschiedet worden, doch der Senat hatte ihn vor seiner Sommerpause zur�ckgewiesen.</p><p>�Der Mann hat recht�, sagte jemand. �Der Antrag ist eine wahre Provokation, eine Beleidigung f�r den S�den.�</p><p>�Was erwarten Sie denn anderes von einem Demokraten aus Pennsylvania?� fragte Tillet. �Im Norden kennt die Selbstgerechtigkeit keine Grenzen.�</p><p>Calhoun nickte. �Genau deshalb sind Gespr�che �ber Sezession so aktuell. Vielleicht gibt es keinen andern Weg, um den Beschwerden und Klagen dieser Region Geh�r zu verschaffen.�</p><p>�Ich w�rde sagen, weitermachen�, warf Justin LaMotte ein. Er ging an seiner Frau vorbei und warf ihr einen finsteren Blick zu. George konnte sich nicht vorstellen weshalb, es sei denn, sie w�re an der Diskussion interessiert gewesen � eine Frau unter einem Dutzend M�nner. Die Frau des andern LaMotte war verschwunden.</p><p>Tillet sagte zu Justin: �So sehr ich auch einige dieser Yankee-Politiker verabscheue, so w�rde ich doch nach all den K�mpfen, die zum Aufbau dieser Nation gef�hrt worden sind, auf keinen Fall eine Spaltung wollen.�</p><p>Calhoun verzog das Gesicht. �Das Wort <emphasis>wollen</emphasis> setzt einen falschen Akzent. Wenn es zur Spaltung kommt, dann wird man uns hineintreiben. Wir werden von jenen Nordstaatlern, deren einziges Vergn�gen darin besteht, uns zu verspotten, mit Gewalt dazu gezwungen werden.�</p><p>�Es ginge uns besser, wenn wir selber eine Nation w�ren�, sagte Francis LaMotte.</p><p>�Wie kommst du dazu, so was zu sagen, Francis?�</p><p>Die weibliche Stimme lie� alle verstummen, und manchen stand der Mund offen. Justin sah aus, als ob er im Erdboden versinken wollte. Orry sah, wie schockiert er war und wie seine Scham sich zur Wut steigerte. Madeline schien sich nicht darum zu k�mmern. Ihr merkw�rdiger, starrer Gesichtsausdruck verschwand, und Leben kehrte in ihre Augen zur�ck. Nachdem sie einmal angefangen hatte, wollte sie auch weiterreden. Sie ging auf Calhoun zu.</p><p>�Senator, ich bin eine waschechte S�dstaatlerin. Vor Jahren habe ich zum erstenmal M�nner �ber die Abspaltung von der Union reden geh�rt. Mein Vater sagte, es sei b�sartiges Gew�sch, denn so etwas sei unm�glich. Ich habe mir das seither �berlegt und bin mit ihm einverstanden.�</p><p>Calhoun reagierte h�flicher als die andern M�nner, die finstere Gesichter machten und murrten. Aber auch er war offensichtlich verbl�fft, da� eine Frau sich in das Revier der M�nner vorwagte. Mit einem leichten Hochziehen der grauen Augenbrauen sagte er: �Tats�chlich, Madam?�</p><p>Madeline gelang es, ein entwaffnendes L�cheln aufzusetzen. �Aber ja, denken Sie nur an die praktische, konkrete Seite. Was w�rde denn, wenn wir souver�n w�ren, passieren, falls der Baumwoll- und der Reismarkt zusammenkrachten? Das hat es ja schon mal gegeben. Wieviel Sympathie, wieviel Hilfe k�nnten wir dann von der andern Nation im Norden erwarten? Und wenn dort oben eine h�chst unfreundliche Regierung an der Macht w�re? Wenn sie Gesetze erlassen w�rde, um uns daran zu hindern, G�ter f�r den Alltagsbedarf zu kaufen? Wir sind vom Norden abh�ngig, Senator. Wir haben keine eigenen Fabriken. Keine wesentlichen Bodensch�tze au�er � �</p><p>�Wir haben unsere Prinzipien�, unterbrach sie Justin. �Die sind wichtiger als Fabriken.� Er packte ihren Unterarm. George sah, wie sie sich wand. �Aber ich bin sicher, da� der Herr Senator nicht an einer weiblichen Meinung interessiert ist.�</p><p>Calhoun, den die Wut in LaMottes Augen erschreckte, wollte freundlich sein. �Oh, ich interessiere mich immer f�r die Meinung meiner W�hler, wer auch immer ��</p><p>Justin lie� ihn nicht ausreden. �Komm, Liebes. Jemand m�chte dich sprechen.� Seine Wangen waren rotgefleckt, sein L�cheln eiskalt.</p><p>Sie deutete auf seinen eisernen Griff. �Bitte, Justin ��</p><p><emphasis>�Komm mit!�</emphasis></p><p>Er verst�rkte den Druck auf ihren Arm, so da� sie sich umdrehen mu�te. Francis folgte ihnen, als sie weggingen. George warf seinem Freund einen warnenden Blick zu. Einen Augenblick lang glaubte er, Orry w�rde einen Mord begehen. Dann machte Calhoun einen Witz; die Spannung l�ste sich, die Krise war vorbei.</p><p>Unterdessen hatte Justin Madeline auf die andere Seite des Rasens gezerrt, dort, wo die Kutschen in langen Reihen standen. Er wu�te, da� die Leute sie beobachteten, aber er war zu w�tend, um sich darum zu k�mmern. Francis bat ihn, sich zu beruhigen. Justin fluchte nur und befahl seinem Bruder, ihn in Ruhe zu lassen. Gekr�nkt kehrte Francis zur Menge zur�ck.</p><p>Justin schob seine Frau gegen das hohe Hinterrad einer Kutsche. Die Radnabe fuhr wie ein Dolch in ihren R�cken. Sie atmete schwer.</p><p>�La� mich los. Du hast kein Recht, mich zu behandeln wie � �</p><p>�Ich habe jedes Recht�, sagte er. �Ich bin dein Ehemann. Du erniedrigst mich vor dem Senator und meinen Freunden.�</p><p>Sie starrte ihn an, ihr Gesicht wurde rot. �O Verzeihung, ich wu�te nicht, da� es in South Carolina ein Verbrechen ist, anderer Meinung zu sein. Es war mir nicht bewu�t, da� die Redefreiheit � �</p><p>�Komm mir nicht damit!� Er packte sie am Arm und stie� sie wieder gegen die Nabe. Sie gab einen leisen Schrei von sich und blickte ihn dann voller Abscheu an.</p><p>�Du Ekel. Es geht dir nur um deinen verdammten Ruf und nicht um die Gef�hle von Menschen, die du verletzt, wenn es dir gerade einf�llt. Nach unserer Hochzeitsnacht wurde mir bereits einiges klar. Jetzt habe ich keine Zweifel mehr. <emphasis>Und ich k�nnte deinen kostbaren Ruf auf immer zerst�ren.�</emphasis> Doch trotz ihrer Wut wu�te sie, da� sie es nicht tun w�rde.</p><p>Justin hatte die Kontrolle v�llig verloren. Sogar Madelines Widerstand � etwas, das ihn bei einer Frau �berraschte � konnte seine Wut nicht mehr bremsen. Er sch�ttelte sie wieder.</p><p>�Und ich sage dir etwas, an dem es ebenso wenig Zweifel gibt, meine Liebe. Du bist eine <emphasis>Ehefrau.</emphasis> Das hei�t mit andern Worten, da� du keinerlei Recht hast, deine Meinung zu irgendeinem wesentlichen Thema zu �u�ern. In diesem Teil der Welt nehmen Frauen mit intellektuellen Ambitionen ein schlechtes Ende � eine Lektion, die dir dein verstorbener Vater h�tte beibringen sollen.�</p><p>�Er hat mich gelehrt, da� es kein Unrecht ist, wenn eine Frau selbst�ndig denken � �</p><p>�Die <emphasis>Irrt�mer</emphasis> deines Vaters <emphasis>interessieren mich nicht.</emphasis> Abgesehen davon bin ich dankbar, da� ich die Frage nie mit ihm besprechen mu�te. Ich w�re sonst vielleicht gezwungen gewesen, ihn niederzuschlagen.�</p><p>Mit einem Ruck befreite sie ihren Unterarm und hielt ihn vor die Brust. �Das ist alles, was du kannst, nicht wahr? Die, die nicht mit dir einverstanden sind, zu schlagen und die andern niederzutrampeln.�</p><p>�Nenn es, wie du willst, aber bedenke eins: Frauen sind nicht zum Denken da. Die Grinme-Schwestern mu�ten diesen Staat verlassen, weil sie diese Lektion nicht lernen wollten. Jetzt sind sie im Norden und predigen Niggerfreiheit und freie Liebe und bringen Schmach �ber sich und ihr Geschlecht. Ich dulde keine Frau, die sich so benimmt. Du mu�t wissen, wo du hingeh�rst, und dabei bleiben. Und noch eins verspreche ich dir.� Er kam n�her. Sein seidenweiches, braunes Haar fiel ihm in die Stirn. Ihr Trotz wandelte sich in Furcht, als sie seine Augen sah. �Solltest du jemals wieder etwas in der �ffentlichkeit sagen und mich in Verlegenheit bringen, wie du es vorhin getan hast, dann wirst du leiden. Dies sei dir eine Warnung.�</p><p>Er richtete sich wieder auf und strich sich das Haar aus der Stirn. Dann kehrte er zum Picknick zur�ck und versuchte zu l�cheln, als ob nichts geschehen w�re. Doch etwas in ihrer Beziehung hatte sich ge�ndert, und beide wu�ten es. Sie waren einander zu nahe getreten, hatten den wunden Punkt beim andern ans Tageslicht gezerrt.</p><p>�Ekel�, fl�sterte Madeline erneut. Welch grausam s��er Triumph, wenn sie Justin das sagen w�rde, was ihr Vater ihr auf dem Sterbebett anvertraut hatte. Wenn sie ihm jedes einzelne Wort wiederholen w�rde!</p><p>Sie lehnte sich an das Rad und versuchte ihre Tr�nen zur�ckzuhalten. Sie wu�te nicht, was schlimmer war: die Dem�tigung, die Wut oder die Gewi�heit, da� Justins Worte nicht in den Wind gesprochen waren.</p><p>Orry sah aus der Entfernung zu. Er war selten so angespannt und frustriert gewesen. Er wollte eingreifen, Madeline retten und LaMotte schlagen, bis ihm die Sinne vergingen. Doch sie war durch Standesamt und Traualtar an ihren Ehemann gebunden. Sie war eine <emphasis>Ehefrau.</emphasis> Justins Eigentum. W�rde Orry auf seine Instinkte h�ren, h�tte er die Lage f�r sie nur noch verschlimmert. Als Madeline, ohne sich etwas anmerken zu lassen, zu den tuschelnden Leuten zur�ckging, bewunderte er ihre Tapferkeit. Im stillen verurteilte er die absch�tzigen Blicke, die sie ihr hinter ihrem R�cken zuwarfen. George bemerkte seine Erregung und auch Cooper, dem bereits Ger�chte �ber Madelines Streit mit Calhoun zu Ohren gekommen waren, entging sie nicht. Beide wollten mit Orry Spazierengehen, aber er lie� sie stehen. Nachdem Orry w�hrend einigen Minuten ziellos umhergewandert war, bemerkte er schlie�lich, wie Madeline allein dastand. Er warf seine Vorsicht �ber Bord und tat, was seine Gef�hle schon w�hrend einer ganzen Stunde tun wollten. Er ging direkt auf sie zu.</p><p>�Ist alles in Ordnung?�</p><p>�Ja, ja.� Es stimmte nicht, sie kochte vor Wut. �Man darf uns nicht miteinander sehen.�</p><p>�Ich liebe Sie�, sagte er. Sein Blick war auf seine Stiefelspitzen gerichtet; ihm war sehr hei�. �Ich kann nicht mitansehen, wie man Sie schlecht behandelt. Treffen wir uns morgen. Oder �bermorgen. Bitte!�</p><p>Sie z�gerte keinen Augenblick. �Einverstanden. �bermorgen. Wo?�</p><p>Schnell erkl�rte er ihr den ersten sicheren Ort, der ihm in den Sinn kam. Er war gerade damit zu Ende, als sie den Atem tief einzog. �Es kommt jemand.�</p><p>Er fl�sterte ihr noch die Stunde zu, und sie hastete davon. Er eilte in die entgegengesetzte Richtung; sein Herz klopfte vor Angst und Freude.</p><p>Nathanael Greene war f�r die meiste Zeit seines Erwachsenenlebens das Eigentum von John C. Calhoun gewesen. Er war jetzt sechsunddrei�ig; die M�hsal des Reisens und die Notwendigkeit, sich mit Sklaven niedrigeren Ranges abgeben zu m�ssen, waren ihm gleicherma�en verha�t.</p><p>Sein Stolz hatte zwei Ursachen. Sein Herr war einer der ber�hmten M�nner der Nation, und Greene diente ihm als Haussklave � ein weit h�herer Rang als derjenige der Sklaven, die auf dem Feld arbeiteten.</p><p>Greene war im tiefen S�den geboren, doch verabscheute er die Hitze, den Gestank und die insektenverseuchten S�mpfe. Er sehnte sich nach den vertrauten H�geln von Clemson, nach dem k�hlen, kleinen Haus von Calhoun, mit den Blumenbeeten und den wilden Orangenb�umen. In Mont Royal f�hlte er sich unsicher, und diese Unsicherheit brachte manchmal eine gewisse Gemeinheit zum Vorschein.</p><p>Es dauerte nicht lange, und die Gesellschaft der an den Extratischen versammelten Haussklaven fing an, ihn zu langweilen. Greene geno� bestimmte Vorrechte und wu�te genau, wie weit die Toleranz seines Herrn ging. Er genehmigte sich rasch zwei Schlucke Whisky aus einer Flasche, die er in seinem eleganten Ledermantel verborgen hielt. Dann suchte er eine Ablenkung.</p><p>In der N�he des K�chengeb�udes sah er, wie ein st�mmiger Feldsklave Holz f�r den Herd stapelte. Die Luft neben der K�che war hei� wie die H�lle. Greene grinste und wartete.</p><p>Bald kam der Feldsklave wieder aus der K�che heraus. Greene winkte ihm zu und zeigte ihm fl�chtig die Flasche unter seinem Mantel. Dann sagte er mit einem unschuldigen L�cheln: �Du scheinst gro�en Durst zu haben, Nigger. Komm her in den Schatten und k�hl dich mit einem Schluck Schnaps ab.�</p><p>Das Angebot war verlockend, aber der Feldarbeiter widerstand. �Nigger d�rfen nicht trinken. Das wei�t du.�</p><p>�Nat�rlich wei� ich das, aber heute ist ein Fest, und Mr. Calhoun sieht uns nicht.�</p><p>Der Feldsklave blickte verstohlen auf die Schwarzen an den Extratischen. Sie a�en und plauderten und tranken alkoholfreien Punsch. Von Zeit zu Zeit stand einer auf, um einen Befehl auszuf�hren, w�hrend andere von Boteng�ngen zur�ckkehrten.</p><p>�Ich darf mich auch nicht bei den Hausniggern aufhalten�, sagte der Feldsklave. �Das wollen sie nicht.�</p><p>�La� das meine Sorge sein, Nigger. Ich bin Hausnigger von Mr. Calhoun; wenn ich dich also einlade, ist das okay.� Er dirigierte den Feldsklaven zu der Gruppe. �Wie nennt man dich?�</p><p>�Priam.�</p><p>�Toller Name. Nimm einen Schluck.�</p><p>Priam schwitzte und war durstig. Das und die �berzeugende Art von Nathanael Greene lie�en ihn seine Vorsicht vergessen. Greene f�hrte ihn zu den andern. Nat�rlich erkannten sie Priam sofort und warfen ihm ver�chtliche Blicke zu, bis ihnen Greenes Absicht klarwurde: Er gestikulierte wild hinter Priams R�cken. Die Verachtung schwand aus ihren Blicken, Priams Gesichtsz�ge entspannten sich. In Abst�nden von drei bis vier Minuten zog Greene die Flasche hervor und schirmte Priam beim Trinken mit seinem Mantel ab. Es dauerte nicht lange, bis Priam zu kichern und sogar laut zu lachen anfing. Die �brigen Sklaven, au�er zwei Frauen, die mit dem Spa� nicht einverstanden waren, grinsten und stie�en einander an.</p><p>�N-noch einen Schluck�, sagte Priam.</p><p>�Klar�, grinste Greene, �da.�</p><p>Er hielt die Flasche mit ausgestrecktem Arm. Priam stolperte vorw�rts, um nach der Flasche zu greifen. In letzter Sekunde zog Greene die Flasche weg. Priam strauchelte geradewegs gegen den Tisch und fegte mit der ausgestreckten Hand eine Sch�ssel Bohnen vom Tisch.</p><p>Greene lachte. �Gott, bist du ein Trampel.�</p><p>�Er ist eben ein dummer Feldnigger�, sagte jemand.</p><p>In Priams benebeltem Blick glimmte pl�tzlich Mi�trauen auf. �Gib mir die Flasche�, knurrte er.</p><p>Greene wedelte mit der Flasche. �Hier ist sie, Nigger. Sie ist dein, falls du sie �berhaupt noch sehen kannst.�</p><p>Lautes Gel�chter.</p><p>�Die Flasche!� br�llte Priam:</p><p>�Hoppla, der Herr�, sagte Greene und schwenkte die Flasche immer noch, �er erteilt seinen Vorgesetzten Befehle.�</p><p>�Wie eingebildet�, sagte ein anderer Sklave verachtungsvoll.</p><p>Priam blinzelte und wischte sich mit der Hand den Schwei� vom Nacken. Er sah zu, wie Greene die Flasche boshaft vor ihm hin und her schwenkte. Pl�tzlich schnellte er vor und versuchte die Flasche mit beiden H�nden zu grapschen. Greene t�nzelte zur�ck. Priam griff ins Leere und erntete schallendes Gel�chter. Er senkte den Kopf und ging mit geballten F�usten auf die andern los. Die Frauen kreischten, und die M�nner stoben auseinander. Der Tumult brachte Tillet und einige G�ste auf den Plan. Tillet war wegen der Hitze schlecht gelaunt und hatte den Streit mit Cooper noch nicht verdaut. Seine Laune besserte sich auch nicht gerade, als er Vetter Charles mit einem zerrissenen Hosenbein unter einem der Tische entdeckte. In heller Begeisterung feuerte Charles die beiden Streith�hne an.</p><p>Tillet erschien, als Priam gerade wieder Nathanael Greene packen wollte. Calhouns Sklave versteckte sich schnell hinter drei riesigen Haussklaven, und gerade als der Senator selbst kam, erkannte Greene den Besitzer von Mont Royal und schrie:</p><p>�Der Nigger dort ist auf mich losgegangen, er ist stockbetrunken.�</p><p>Tillet war dies mehr als klar. �Priam, geh in deine H�tte, wir besprechen dies sp�ter.�</p><p>Angst spiegelte sich auf Priams Gesicht. Ihm war klar, da� alle Haussklaven Greenes Partei ergreifen w�rden, und das machte ihn erneut w�tend. Er ging auf Tillet zu und deutete auf die am Boden liegende Flasche.</p><p>�Ich habe einen Schluck daraus getrunken, weil Mr. Calhouns Nigger es mir angeboten hat. Er war freundlich, aber dann fing er an, mich zu beschimpfen.�</p><p>Tillet war so beleidigt, da� er kaum reden konnte. �Deine Erkl�rungen interessieren mich nicht.�</p><p>Greene lachte verwundert. �Was sagt der Nigger? Jeder wei� doch, da� Nigger keinen Alkohol trinken d�rfen. Keinen Tropfen hat er von mir bekommen. Nein, Sir�, schlo� er mit unschuldigem Blick auf seinen Besitzer.</p><p>�Er hat recht�, sagte eine schwarze Frau. �Der Nigger war bereits betrunken, als er hier ankam.�</p><p>Andere Haussklaven nickten und murmelten zustimmend. Einen Augenblick lang wollte Priam nicht glauben, da� seine eigenen Leute ihm dies antun k�nnten. Er sah aus, als h�tte ihm jemand einen Dolch in die Brust gesto�en.</p><p>In selbstgerechtem Zorn hob Greene den Finger: �H�r auf, L�gen �ber mich zu erz�hlen und mich damit in Schwierigkeiten zu bringen, Nigger.�</p><p>�Nein�, sagte Tillet und packte seinen Sklaven am Arm. �La� das, du sitzt bereits tief genug in der Tinte.�</p><p>Priam entzog sich Tillets Hand. Die Zuschauer hielten den Atem an. Die Luft knisterte vor Spannung. Tillet senkte den Blick und starrte seine Hand an, als k�nne er nicht glauben, was Priam eben getan hatte.</p><p>Dann kam Salem Jones. Er schl�ngelte sich neben seinen Besitzer und konnte ein L�cheln kaum unterdr�cken. Priam stand leicht gebeugt, mit geballten F�usten und schwei�triefenden Wangen da. Orry und George gesellten sich zu den Zuschauern. Wenn Tillet auch nicht sehen konnte, da� Priam die Kontrolle v�llig verloren hatte, ihnen war es vollkommen klar.</p><p>�Am besten, wir gehen�, sagte Calhoun zu Nathanael. �Wenn du � �</p><p>�Nein�, sagte Tillet. �Das ist nicht n�tig, John. Die Schuld liegt bei Priam.� Orry sah Anzeichen ungew�hnlicher Wut bei seinem Vater. �Du gehst in deine H�tte, Priam. Und zwar sofort, sonst ergeht es dir schlecht.�</p><p>Priam sch�ttelte den Kopf. Tillet erstarrte wie unter einem Schlag. �Ich befehle es dir zum letztenmal.�</p><p>Der Sklave sch�ttelte wiederum langsam den Kopf. Tillet wurde rot im Gesicht. In der Hoffnung, weiterem Unheil vorzubeugen, wollte Orry etwas zu seinem Vater sagen, doch bevor er den Mund aufmachen konnte, gab Tillet ein Zeichen. Jones verstand. Er zog seinen Kn�ppel unter dem Mantel hervor und winkte mehrere Hausnigger heran. �Jim, Aristoteles, packt ihn.�</p><p>Priam schrie und schwankte. Die M�nner r�cken n�her und n�her. Priam ging drei Schritte zur�ck und fiel r�cklings �ber den Tisch. Sch�sseln und Teller fielen zu Boden.</p><p>Jones sah zu, wie seine beiden schwarzen Helfer Priam �berw�ltigten. Dann lehnte er sich �ber die Schultern von Jim und Aristotle und schlug Priam mit dem Kn�ppel. Er schlug ihn mehrmals. Mit dem letzten Schlag sank Priam in die Knie. Ein Blutfaden rann aus einer klaffenden Stirnwunde. Mit ha�erf�lltem Blick starrte er seinen Herrn an, der vor ihn getreten war.</p><p>�Ich habe dir ja gesagt, da� es dir schlecht ergehen w�rde, Priam. Ich w�nschte wirklich, du h�ttest auf mich geh�rt.�</p><p>Orry, der direkt neben seinem Vater stand, sagte: �Glaubst du nicht, da� er seine Strafe gehabt hat?�</p><p>Tillet war immer noch rot im Gesicht und keuchte. �Nein, Priam hat das Fest unterbrochen und mich vor meinen G�sten in Verlegenheit gebracht. Ich behandle meine Leute gut, aber Undankbarkeit oder Ungehorsam dulde ich nicht. Ich werde an diesem Nigger ein Exempel statuieren.�</p><p>Tillet gebrauchte den Ausdruck Nigger nie, wenn er von seinen Sklaven sprach, und Orry war sich im klaren dar�ber, da� er besser daran tat, seinen Vater nicht von seinen Pl�nen abzuhalten, welcher Art sie auch immer sein mochten.</p><p>Auch Priam nahm die au�ergew�hnliche Wut seines Herrn wahr. Als er im eisernen Griff der beiden andern Sklaven davonhumpelte, weinte er still vor sich hin.</p><p>In Resolute drehte sich Madeline zum zwanzigstenmal im Bett herum. Als sie vor einer Stunde das Nachthemd angezogen und die Kerze ausgel�scht hatte, wu�te sie, da� sie lange nicht einschlafen w�rde. Zu vieles hatte sich ereignet, vieles w�rde noch geschehen, wenn sie mutig und tollk�hn genug war, es zuzulassen.</p><p>Die offenen Schlafzimmerfenster lie�en die Dunkelheit herein, aber kein L�ftchen regte sich. Unmittelbar unter ihrem Zimmer h�rte sie jemanden durch das Haus tappen, um es f�r die Nacht abzusichern. Ihr Atem hob sich von den leisen Ger�uschen der Nacht ab.</p><p>Justin war Gott sei Dank nicht im Hause. Er war mit seinem Bruder nach Charleston geritten; wahrscheinlich hatte er angenommen, da� sie allein sein mu�te, um in der Stille �ber die Ungeheuerlichkeit ihrer S�nden und �ber deren m�gliche Bestrafung nachzudenken.</p><p><emphasis>Schweinehund,</emphasis> dachte sie, als sein selbstgerechter Gesichtsausdruck in ihrer Phantasie aufstieg. Es fiel ihr erstaunlicherweise immer weniger schwer, ihn in Gedanken mit Schimpfworten zu bedenken. Ach, wenn sie doch blo� mehr tun k�nnte! Wenn sie doch blo� den Mut h�tte, ihn mit dem Gest�ndnis zu konfrontieren, das ihr Vater, bevor er f�r immer die Augen schlo�, abgelegt hatte. Sie sehnte sich danach, Justin anzul�cheln und zu sagen:</p><p>�Liebling, ich habe die schmerzliche Pflicht, dir mitzuteilen, da� du mit einer Frau, die Negerblut in ihren Adern hat, verheiratet bist.�</p><p>Justin hatte ihr in der Zeit, in der er ihr den Hof machte, etwas vorgemacht, und so war es nur ausgleichende Gerechtigkeit, wenn sie ihm � wenn auch versp�tet � ebenfalls sagen w�rde, da� auch sie ihm etwas vorgemacht hatte. Nat�rlich war dies nicht mit Absicht geschehen, denn die Wahrheit, die �ber die blassen Lippen ihres Vaters gekommen war, als sie im dunkel verh�ngten, schwach nach Kerzenwachs, Schwei� und Tod riechenden Zimmer an seinem Sterbebett sa�, hatte sie weder wissen noch ahnen k�nnen.</p><p>Sein ganzes Leben lang war Nicholas Fabray besorgt gewesen, seiner Tochter den Weg zu ebnen, und er wollte dies auch in seiner letzten Stunde noch tun. Er versuchte, den Schock so gut wie m�glich zu d�mpfen, sprach bed�chtig, aber gewandt von Madelines Mutter. Feinf�hlig war sie gewesen, taktvoll und liebensw�rdig. Erst dann offenbarte er ihr, da� ihre Mutter, obwohl sie wie eine Wei�e aussah, in Tat und Wahrheit eine Viertel-Negerin war. Madeline hatte also ein Achtel Negerblut in sich.</p><p>�Warum�, sagte sie mit zitternden H�nden, �warum sagst du mir dies jetzt?�</p><p>�Weil du mich verfluchen w�rdest, wenn du die Wahrheit jemals von einem andern erfahren w�rdest.� Unausgesprochen blieb sein etwas h�rterer Gedanke: <emphasis>Weil diese Wahrheit � ungeachtet meiner Bem�hungen, sie zu verbergen � dich verletzlich macht, obwohl sie h�chstwahrscheinlich kaum je ans Tageslicht kommt.</emphasis></p><p>Er und seine Frau hatten es zu verheimlichen gewu�t, da� Madeline ein Mischling war. Viertel- und Achtelnegerinnen konnten, wenn sie Gl�ck hatten, die Gunst wei�er M�nner genie�en und sogar von deren Reichtum profitieren. Aber solcher Segen war immer nur von kurzer Dauer, denn ein Mischling war nie etwas Besseres als die M�tresse eines wei�en Mannes, seine elegante Geliebte.</p><p>Nicholas Fabray hatte sich geweigert, in diesem in New Orleans so beliebten Drama mitzuspielen. Er hatte die Frau, die er liebte, geheiratet, etwas, das sehr viel Mut brauchte. Das sagte er nat�rlich nicht. Doch Madeline verstand es und beugte sich �ber das Bett, um den gebrechlichen, halbgel�hmten K�rper ihres Vaters zu umarmen. Ihre Augen f�llten sich mit Tr�nen.</p><p>Nein, fuhr Fabray fort, es gab nichts zu verlieren, indem er gewisse Tatsachen verbergen w�rde, es gab h�chstens alles zu gewinnen. Es w�rde nicht schwierig sein, die T�uschung aufrechtzuerhalten, sagte er, denn Madelines Mutter war in der Halbwelt der Mischlinge der Stadt nicht bekannt. Und die Zeit hatte ein Ihriges dazu beigetragen, um das Geheimnis zu wahren. Madeline mu�te nun ebenfalls schweigen k�nnen und die Sicherheit, die er so lange f�r sie gesucht hatte, bewahren. Schlie�lich erkl�rte er, weshalb er gewollt hatte, da� Madeline Justin LaMotte heiratete. Justin war nicht nur ein liebensw�rdiger, anst�ndiger Mann � Madeline wandte ihren Kopf ab, ein sardonisches L�cheln umspielte ihren Mund �, sondern er wohnte auch weit von Louisiana weg. In South Carolina w�rde sie kaum jemals mit der Wahrheit �ber ihre Herkunft konfrontiert werden. In New Orleans hingegen war diese, wenn auch sehr geringe, Gefahr vorhanden. Mit ersterbender Stimme murmelte Fabray etwas von einem Bild von Madelines Mutter.</p><p>�Ein Bild, Papa? Meinst du ein Portr�t?�</p><p>�Ja, ein Portr�t.� Er hatte seine Augen wieder geschlossen, und das Sprechen schien ihm schwerzufallen.</p><p>�Irgendwo gibt es also ein Portr�t von ihr?�</p><p>�Gab es.� Er fuhr sich mit der Zungenspitze �ber die ausged�rrten Lippen. Dann �ffnete er die Augen und versuchte seine Antwort etwas klarer zu gestalten, doch seine Stimme war so schwach, seine Worte so vage, da� sich daraus nicht viel Sinn f�r Madeline ergab. Sie hatte den Eindruck, da� das Bild verschwunden war. �ber die Umst�nde sagte ihr Vater nichts.</p><p>Er verlor den Faden seines Gedankengangs, als sein K�rper von leichten Kr�mpfen gesch�ttelt wurde. Sie hielt seine Hand und pre�te die andere an ihre eigene Wange, als ob sie so ihren Kummer zur�ckzuhalten verm�chte. Sie rief nach einem Diener und befahl ihm, sofort einen Arzt zu rufen. Zehn Minuten, bevor er kam, starb Nicholas Fabray.</p><p>Der Schock kam erst am darauffolgenden Tag, nachdem sie sich um die letzten Einzelheiten des Begr�bnisses gek�mmert hatte. Dann brach sie zusammen und weinte beinahe eine Stunde lang �ber den Tod ihres Vaters und das schreckliche Geheimnis, das er ihr aufgeb�rdet hatte. Einen Augenblick lang ha�te sie ihn daf�r; wenn jemand im S�den auch nur einen Tropfen schwarzen Bluts hatte, war das genau so schlimm, wie wenn man pechschwarze Haut hatte.</p><p>Eine gro�e Anzahl der f�hrenden Politiker und Gesch�ftsleute der Stadt, Katholiken wie Protestanten, nahmen am Begr�bnis teil. Sie waren in Begleitung ihrer wei�en Gattinnen, und als Madeline das bemerkte, bewunderte sie das Geschick, mit dem ihr Vater die T�uschung durchgef�hrt hatte. Die letzten Reste jeglichen Ressentiments verschwanden; sie trauerte um ihn und segnete ihn.</p><p>Madeline, die in der Dunkelheit in ihrem Bett lag, wunderte sich, wie sie auf Orrys Wunsch nach einem geheimen Rendezvous hatte ja sagen k�nnen. Sie hatte jetzt schon Gewissensbisse, und doch war ihr klar, da� sie auf jeden Fall zu diesem einen Treffen gehen w�rde. Es war eine nat�rliche Reaktion auf Justins Grausamkeiten � aber auch eine klare Verletzung der Verhaltensregeln, an die sie sich bis jetzt in ihrem Leben gehalten hatte. Justin hatte zwar einen schlechten Charakter, und doch fragte sie sich, wie sie so etwas tun konnte. Viele Frauen hatten bis zu ihrem Tod �hnliche oder sogar noch schlimmere Mi�handlungen zu erdulden. War ihr Fall denn anders?</p><p>Die Antwort auf diese Frage war nicht rein logisch zu erkl�ren. Etwas in den Augen des jungen Kadetten, in seiner h�flichen Art, in seinem sch�chternen Benehmen sprach sie auf einer tiefen und primitiven Ebene an. Dies stimmte, aber sie hatte Angst, da� er aufgrund seines Alters nicht sein konnte, was er zu sein schien.</p><p>Sie legte einen Handr�cken auf die Wange und gab einen kurzen traurigen Laut von sich. Ihr Leben, das ihr verstorbener Vater so sorgf�ltig und gewissenhaft in Ordnung gebracht hatte, schien hoffnungslos in Verwirrung zu geraten. Sie war dankbar daf�r, da� Nicholas Fabray es nicht wu�te.</p><p>Sie stellte sich Orrys Gesicht vor. Er <emphasis>war</emphasis> jung; das war ein gro�es Risiko, eines von vielen, das sie einzugehen bereit war. Eine weitere Gefahr w�rde auftauchen, wenn sie Resolute f�r das Rendez-vous verlassen w�rde. Sie schlo� die Augen und konzentrierte sich auf einen Plan, um jeglichem Verdacht vorzubeugen, wenn sie morgen davonritt. Mit diesem Gedanken schlief sie ein und tr�umte, wie Orry sie k��te.</p><p>Genau wie Madeline konnte das Sklavenm�dchen Semiramis an diesem Abend fast nicht einschlafen. Jones wollte ihrem Bruder etwas Schreckliches antun. Wahrscheinlich wollte er ihn auspeitschen. Priam hatte beim Picknick gro�es Aufsehen erregt. Die Sklaven von Mont Royal unterhielten sich f�r den Rest des Tages �ber nichts anderes. Die meisten waren der Ansicht, da� ihr Bruder das bekommen w�rde, was er verdient hatte. Sie sagten gemeine Dinge �ber ihn, weil sie ihn um seinen Mut beneideten. Er sprach immer vom Norden, von der Flucht in die Freiheit. Man nannte ihn einen Aufschneider. Sie sagten, er w�rde es nie tun, weil sie wu�ten, er k�nnte es wagen und sie nicht. Semiramis wollte schlafen, sie wollte vergessen, da� man ihren Bruder schlagen w�rde. Sie warf sich auf der d�nnen, s�uerlich riechenden Drillichmatratze hin und her; sie konnte nicht still liegen, sie war zu angespannt.</p><p>Durch die Ritzen der geschlossenen T�r hindurch sah man flackerndes Licht. Im Hof hinter dem Haus von Old Jones hatte man Fackeln angez�ndet. Bald w�rde die Bestrafung vollzogen werden, wie sie an den Fackeln und an der au�erordentlichen Stille der Nacht erkennen konnte. Niemand in der ganzen Sklavensiedlung sprach oder lachte.</p><p>Ein fl�chtiges Klopfen an der T�r. Sie richtete sich erschrocken auf.</p><p>�Wer da?�</p><p>Ein Schatten verdeckte das flackernde Licht. �Cuffey.�</p><p>�O Gott, nein�, schrie sie, �heute nacht nicht.� Sie hatte vor mehreren Monaten damit begonnen, sich mit Cuffey zu vergn�gen, obwohl er noch sehr jung war, zu jung, wie einige der eifers�chtigen alten Frauen sagten. Aber sie hatten ihn nie nackt gesehen und hatten keine Ahnung, was er alles mit seinem pr�chtigen �</p><p>Bevor sie den Gedanken zu Ende denken konnte, war der Junge schon hereingekommen und neben die Matratze niedergekniet.</p><p>�Ich bin nicht deswegen gekommen. Ich bin wegen Priam gekommen.�</p><p>�Jones wird ihn auspeitschen.�</p><p>�Hm, hm, schlimmer. Jones hat den alten M�usef�nger von Kater aus dem Herrenhaus mitgebracht. Sie werden ihn mit der Katze auspeitschen.�</p><p>Entsetztes Schweigen. Dann sagte Semiramis: �O Jesus, lieber Jesus. Das wird ihn umbringen.� Sie hielt sich die H�nde auf den Magen. Ihr Bruder hatte Mr. Tillet gr��eren �rger bereitet, als sie angenommen hatte. Priam mu�te wohl sehr stolz gewesen sein und sich verteidigt haben. Sie war nicht dabei gewesen, sie hatte blo� davon geh�rt; sie hatte zu der Zeit anderswo gearbeitet. Jetzt wollte sie am liebsten zum Herrenhaus rennen und um Gnade bitten. Cuffey brachte sie davon ab. Er blieb bei ihr und murmelte, w�hrend sie auf den ersten Schrei warteten, leere Trostworte.</p><p>Der Hof war durch die in den Boden gesteckten Fackeln hell erleuchtet. Priam lag mit ausgestreckten Gliedern b�uchlings auf dem Boden. Jones hatte eine Mannschaft von etwa zwanzig Sklaven um sich versammelt, denn wenn die Arbeit dieser Nacht anst�ndig erledigt wurde, so konnte die Plantage w�hrend Jahren Nutzen daraus ziehen. F�r viele andere Nigger, die vielleicht etwas rebellisch waren, w�rde es eine nachhaltige und abschreckende Lektion sein. Man hatte Priam gezwungen, sich auszuziehen, niederzuknien und seinen Kopf zu senken, w�hrend man Taue um seine Hand- und Fu�gelenke kn�pfte. Mit diesen Tauen wurden seine Glieder in gespreizte Haltung gebracht.</p><p>In der Dunkelheit waren Vogel- und Tierlaute zu vernehmen. In den Sklavenh�tten herrschte ungew�hnliche Stille. Gut, dachte Jones. Viele h�rten oder sahen zu. Sie w�rden sich die Lektion sicherlich zu Herzen nehmen, und die Berichte der Zeugen w�rden noch eine bekr�ftigendere Wirkung haben.</p><p>Ein gro�er Neger namens Harmony hielt einen groben Leinentuchsack mit ausgestrecktem Arm. Der Sack zuckte und wand sich, als ob er ein Eigenleben h�tte. Jones betrachtete ihn gen��lich, w�hrend er sich Zeit nahm, dick gepolsterte Reithandschuhe �berzuziehen. Er hatte in Mont Royal noch nie Gelegenheit gehabt, diese Handschuhe zu ben�tzen, aber er hatte sie f�r alle F�lle in seinem Koffer aufbewahrt. Er war sowohl �berrascht als auch erfreut, da� Tillet Main, den er im geheimen verachtete, f�hig war, ein Auspeitschen mit der Katze anzuordnen. Jones schritt an Priams Kopf vorbei, damit dieser einen Blick auf die gepolsterten Handschuhe werfen konnte. Dann r�ckte er an den drei Eimern mit Salzwasser herum, das er auf Priams Wunden gie�en wollte. Er hatte die Salzwasserl�sung aus eigenem Antrieb als Zugabe hinzugef�gt.</p><p>Er machte eine Bewegung in Richtung des Sacks und streckte dann seine rechte Hand dar�ber aus.</p><p>�Okay, Harmony � jetzt.�</p><p>Der Sklave �ffnete nerv�s den Sack. Jones fuhr mit seiner behandschuhten Hand hinein. Tastend bekam er den Kater an den Hinterbeinen zu fassen und zerrte das w�tende Tier ans Licht.</p><p>Die Sklaven schluckten leer und traten zur�ck. Aus Angst, eine der scharfen Vorderkrallen k�nnte ihm ins Auge geraten, hielt Jones den Kopf halb abgewendet. Schlie�lich kriegte er die Hinterl�ufe des Katers fest in den Griff.</p><p>Keuchend vor Aufregung stellte Jones sich auf die rechte Seite von Priam, wobei er einen Stiefel neben dessen H�fte und einen auf die H�he der Rippen setzte. Dann schwang er die sich windende Katze wie einen Golfschl�ger an den Hinterbeinen durch die Luft. Das Tier krallte sich zwischen Priams Schultern fest und ri� ihm das Fleisch bis ans untere Ende der Wirbels�ule auf, bevor Jones die Katze wieder in die H�he schwang. Er l�chelte, als er die blut�berstr�mten Krallen sah.</p><p>Priam hatte nicht geschrien, aber er hatte seine Unterlippe beinahe durchgebissen, wie Jones feststellte. In fast freundlichem Ton sagte er: �Wir sind noch nicht fertig. Noch nicht.�</p><p>George lag schlaflos im G�stezimmer des zweiten Stockwerks. Er hatte sich bis auf seine baumwollene Unterhose ausgezogen, aber er war immer noch in Schwei� gebadet. Er hatte Magen- und Kopfschmerzen.</p><p>Es war kein erfreulicher Tag gewesen. Der �rger mit jenem Sklaven Priam hatte Orry aufgeregt und in Verlegenheit gebracht. Er hatte sich George gegen�ber pl�tzlich befangen gef�hlt und nur noch das N�tigste gesprochen. Der Zwischenfall hatte auch George nicht gleichg�ltig gelassen. Zum erstenmal seit seiner Ankunft mu�te er �ber alles, was er gesehen hatte, nachdenken. Er machte sich besonders �ber die Sklaven und �ber das, was er in ihren Gesichtern und in ihren Augen gelesen hatte, Gedanken. Es widerstrebte ihm, B�ses von Menschen zu denken, die ihn so liebensw�rdig aufgenommen und behandelt hatten. Doch was er in Mont Royal gesehen hatte � nun, die Schlu�folgerungen dr�ngten sich geradezu auf. Es ersch�tterte ihn. Jetzt endlich verstand er die Kommentare von zu Hause, besonders diejenigen von Virgilia.</p><p>�Mein Gott�, sagte er pl�tzlich, scho� aus dem Bett auf und rannte zum Fenster. Weit weg, irgendwo in der Nacht, h�rte er jemanden schreien. Er war sicher, da� es der Sklave war, der bestraft wurde. W�hrend etwa f�nf Minuten h�rte er ununterbrochenes Schreien. Als es aufgeh�rt hatte, lag er wieder im Bett und starrte die Decke an. Er hatte Zweifel, ob er den Rest der Nacht w�rde schlafen k�nnen. Er wu�te, da� er dieses Schreien nie mehr vergessen w�rde.</p><p>Cooper war auf die Schreie hin mit flatterndem, verschwitztem Nachthemd die Treppe hinuntergerannt. Seit Wochen hatte er das Gef�hl gehabt, da� sich eine Krise in seinem Leben zusammenbraute, da� der Status quo unertr�glich geworden war. Aber irgendein wichtiges Ereignis war n�tig gewesen, um ihn zur Tat anzuspornen. Heute nacht war es soweit. Die Sklaven wohnten etwa einen halben Kilometer vom Herrenhaus entfernt. Wenn man die Schreie so weit h�ren konnte, so besagte dies einiges. Zuviel. Ohne anzuklopfen, st�rmte er in die Bibliothek. �Was in Teufels Namen tun sie mit Priam?� Tillet blickte seinen Sohn durch eine dicke Tabakwolke hindurch an. Auf seinem kahlen Kopf glitzerte Schwei�. Alle Fenster waren geschlossen. Um unangenehme Ger�usche fernzuhalten?</p><p>�Ich habe angeordnet, da� er mit der Katze ausgepeitscht wird.�</p><p>Coopers Z�ge verh�rteten sich. �Mein Gott, das ist barbarisch.�</p><p>Tillet sprang auf. �Ich bin nicht an deinen frommen �u�erungen interessiert.�</p><p>�Und wie steht es mit <emphasis>deinen</emphasis> �u�erungen?�</p><p>�Wovon redest du?�</p><p>�Neulich abends hast du Orrys Freund selbstgef�llig mitgeteilt, da� man in Mont Royal keine vernarbten R�cken findet. Kannst du mir die Narben von Priam erkl�ren?�</p><p>�Ich brauche nichts zu erkl�ren, du sarkastische Rotznase. Priam ist mein Eigentum, und ich kann mit ihm tun, was ich will.�</p><p>Die beiden M�nner standen sich Auge in Auge gegen�ber. Cooper sp�rte pl�tzlich �belkeit in sich hochsteigen.</p><p>�Er ist ein Mann. Du nennst ihn Eigentum. Dieser Staat und der ganze verdammte S�den werden sich wegen dieser unmenschlichen Idee ruinieren.�</p><p>�Die Lektion ist mir bekannt.� Tillet schwenkte seine Pfeife, die eine Rauchspur in der stickigen Luft hinterlie�. Er wandte seinem Sohn den R�cken zu. �Sei so nett und la� mich allein.�</p><p>Beim Hinausgehen schlug Cooper die T�r hinter sich zu.</p><p>Das Fr�hst�ck am n�chsten Morgen war eine d�stere Angelegenheit. George erkundigte sich bei Orry nach Priams Befinden. Orry schien die Frage zu �rgern, er teilte seinem Freund h�flich mit, da� der Sklave in der Krankenstation liege. Wenige Minuten sp�ter sagte Orry, da� er f�r den Rest des Vormittags sowie am fr�hen Nachmittag weg sein w�rde. Er gab keine Erkl�rung daf�r und entschuldigte sich auch nicht, da� er seinen Gast allein lie�; er war �u�erst nerv�s. George wunderte sich dar�ber.</p><p>Clarissa kam herunter, offensichtlich hatte sie eine schlechte Nacht hinter sich. Schweigend stocherte sie in ihrem Essen herum und sah fast dankbar aus, als sie pl�tzlich wegrennen mu�te, um einen Streit zwischen Orrys Schwestern zu schlichten.</p><p>Cooper kam. Sein Haar war zerzaust, sein Hemd hing aus seiner zerknitterten Hose heraus. Er lie� sich in den Stuhl neben George fallen, schenkte seinem Fr�hst�ck keinerlei Aufmerksamkeit und murmelte mit belegter Stimme etwas vor sich hin. Nur einmal konnte George verstehen, was er sagte:</p><p>�Hier kann ich nicht bleiben. Kann nicht hierbleiben und so was leiten helfen. Das ganze System ist nicht nur ein Verbrechen, es ist Bl�dsinn. Bl�d und zum Scheitern verurteilt.�</p><p>Cooper schlurfte bald aus dem Zimmer hinaus. Orry hob eine Augenbraue hoch. �Ich frage mich, was um Himmels willen mit ihm los ist.� Es war als rhetorische Frage gemeint, aber George gab zur Antwort: �Er roch nach Wein. Ich sage so was zwar nur ungern �ber deinen Bruder, Stiel, aber ich glaube, er ist betrunken.�</p><p>Mont Royal und Salvation Chapel waren in der Luftlinie nur zwei Meilen voneinander entfernt. Doch die kleine, ausgebrannte Kirche war bestens im Wald versteckt und konnte nur auf einem sich durch Wald und Sumpf schl�ngelnden Weg erreicht werden. Der Ritt dauerte beinahe eine Stunde. Als die Wege zusehends enger und bewachsener wurden, war Orry zunehmend sicherer, da� Madeline nicht auf ihn warten w�rde. Wahrscheinlich waren seine fl�chtig gefl�sterten Angaben zu ungenau gewesen, oder, was eher wahrscheinlich war, sie hatte den Weg f�r eine Frau allein zu gef�hrlich gefunden.</p><p>Vor f�nf Jahren hatte die Kirche ihre Tore geschlossen. Als der zust�ndige Pastor, ein Methodistenprediger, w�hrend einer besonders bombastischen Predigt pl�tzlich tot umfiel, hatte man keinen Nachfolger finden k�nnen. Die Gemeinschaft der Gl�ubigen war ohnedies nie sehr gro� gewesen: einige kleine Reisfarmer mit ihren Familien sowie einige freie Schwarze, denen es gestattet war, den Gottesdienst zu besuchen.</p><p>Die Wei�en wanderten ab. Die Schwarzen blieben. Bald hatte die Kirche den Ruf eines illegalen Versammlungsortes f�r Schwarze, wo sie verbotene Themen wie allgemeine Befreiung, Rebellion, besprechen konnten. Eines Nachts wurde die Kirche niedergebrannt. Man wu�te nicht, wer der oder die T�ter gewesen waren. Einem Ger�cht zufolge hatten die LaMotte-Br�der ihre H�nde im Spiel. Die freien Neger waren nie mehr zur�ckgekehrt, die Kirche wurde von der Vegetation �berwuchert�</p><p>Auf drei Seiten von Wald eingefa�t, war dies ein ausgezeichneter Platz f�r ein geheimes Rendez-vous. Von der vierten Seite aus hatte man einen atemberaubenden Blick �ber das sich �ber mehrere Meilen erstreckende Sumpfland. Als Orry die letzten vierhundert Meter hinter sich brachte, waren seine Gef�hle in Aufruhr. Er hatte keine �berm��ige Angst vor Justin LaMotte, aber er bef�rchtete, da� er Madeline einem unn�tigen Risiko ausgesetzt hatte. Er rief sich in Erinnerung, da� sie ja wahrscheinlich nicht da sein w�rde. Doch wenn sie da sein sollte, was wollte er denn von ihr? Ehebruch? Sosehr auch ein Teil in ihm dies besch�mt zugeben mu�te, sagten ihm sein Gewissen und seine Sorge um ihr Wohlergehen doch, da� dies unm�glich sei.</p><p>Seine Gef�hle waren durch die Ereignisse in Mont Royal noch mehr in Bewegung geraten. Orry sch�mte sich, da� George nun Zeuge jener Grausamkeiten geworden war, wegen denen die Nordstaaten den S�den verurteilten. Seine Verlegenheit trieb ihn seinem Freund gegen�ber in eine Abwehrhaltung. Als er die letzten herunterh�ngenden �ste wegschob und sein Pferd zu der Kapelle lenkte, war er mehr als nerv�s. Die �berreste verkohlter Balken und Seitenw�nde waren schon seit geraumer Zeit auf das zertr�mmerte Kalkfundament gest�rzt. Stille lag �ber dem Sumpfland und der verlassenen Ruine. Auf Orrys Gesicht spiegelte sich Entt�uschung. Ein Pferd wieherte. Im Unterholz knisterte es. Madeline tauchte am Rande des Sumpfgebietes zu seiner Linken auf. Sie hatte hinter einigen B�umen das sonnenbeschienene Ried und das glitzernde Wasser betrachtet.</p><p>Er sprang vom Pferd herunter, legte ihm die Z�gel um den Hals und rannte ihr entgegen. Wie h�bsch sie in ihrem eleganten Reitkost�m aussah! Er fa�te sie an den Schultern, lehnte sich vor und zog sich dann pl�tzlich mit rotem Gesicht zur�ck.</p><p>�Ich habe nicht einmal daran gedacht, Sie zu fragen, ob es f�r Sie gef�hrlich sei, hierherzukommen.�</p><p>Sie l�chelte befangen und zuckte die Achseln. �Nicht besonders. Zumindest heute nicht. Ich errege nie viel Aufmerksamkeit, wenn ich weggehe, um die Kranken zu besuchen. Das erwartet man von einer Frau. Ich habe meinen Hausboten gesagt, da� ich nach dem Besuch noch eine Weile f�r mich alleine reiten gehen wolle. Das verstehen sie. Sie wissen, da� Justin unertr�glich sein kann. Abgesehen davon ist er bis morgen abend mit Francis in Charleston. Aber ich kann nat�rlich nicht ewig hierbleiben.�</p><p>Er streckte seine Hand aus, um die ihre zu ergreifen. Ihr L�cheln erlosch, sie schien pl�tzlich angespannt. �Ich bin sehr froh, da� Sie hier sind�, sagte er. �W�rden Sie schlecht von mir denken, wenn ich Ihnen sagte� � er schluckte �, �wenn ich Ihnen sagte, da� ich Sie k�ssen m�chte?�</p><p>Panik �berflutete ihr Gesicht, doch sie hatte sich so blitzschnell wieder unter Kontrolle, da� er sich fragen mu�te, ob er �berhaupt richtig gesehen hatte. Hastig f�gte er hinzu:</p><p>�Wenn Sie der Gedanke durcheinanderbringt, ziehe ich meine Frage zur�ck.� Ihre Augen erw�rmten sich wieder, ihr Mund entspannte sich und machte einem herzlichen L�cheln Platz. �Das k�nnen Sie nicht, es ist zu sp�t. Abgesehen davon� � sie erwiderte den Druck seiner Finger � �m�chte ich, da� Sie mich k�ssen. Ich habe blo� ein klein wenig Angst. Das ist alles.�</p><p>Mit ungeschicktem Ungest�m zog er sie in seine Arme. Ihr Mund war weich und k�hl. Nie hatte er die Zunge einer Frau so gesp�rt wie die ihrige. Er sch�mte sich seiner Leidenschaft, aber es schien ihr nichts auszumachen, und sie pre�te sich noch enger an ihn. Sie scherzten nicht mehr miteinander, sondern erlebten gemeinsam einen intensiven Moment des Zusammenseins mit wilden K�ssen auf Augen, Wangen und Ohrl�ppchen und lie�en ihren Gef�hlen, ihren Sehns�chten freien Lauf. Er mu�te laut sagen: �Madeline, ich liebe dich. Ich habe dich vom ersten Augenblick an geliebt.�</p><p>Sie lachte und hatte Tr�nen in den Augen. Sie ber�hrte sein Gesicht, und die Worte sprudelten nur so aus ihr hervor:</p><p>�Oh, mein lieber Orry. Mein Kavalier. Auch ich liebe dich, wei�t du das nicht? Es wurde mir wie dir am Tag unsrer Begegnung klar, und ich habe seither versucht, es nicht wahrzuhaben.� Sie bedeckte sein Gesicht und seinen Mund erneut mit K�ssen. Seine Hand legte sich ganz nat�rlich und ohne, da� er sich etwas dabei gedacht h�tte, auf ihre Brust. Sie erschauerte und pre�te sich fester an ihn. Dann zog sie sich zur�ck. Beide wu�ten, was geschehen w�rde, wenn sie sich jetzt von ihren Gef�hlen �berw�ltigen lie�en.</p><p>Sie setzten sich auf das Fundament der ehemaligen Kapelle und beobachteten die wei�en Reiher, die mit wundersch�nen, anmutigen Kreisen aus dem Sumpf aufstiegen. Er legte den Arm um sie, und sie lehnte sich an ihn. Sie sa�en in v�lligem Schweigen da, wie Gestalten auf einem Gem�lde.</p><p>�Hat dein Ehemann�, er r�usperte sich. �Hat er sich in irgendeiner Weise ger�cht, als ihr nach Hause gekommen seid?�</p><p>�O nein. Die kleine Dem�tigung in Mont Royal reichte ihm.�</p><p>Orry sagte mit einem finsteren Blick: �Du mu�t es mir sagen, wenn er dich jemals k�rperlich verletzen sollte!�</p><p>�So weit geht er nicht. Seine Grausamkeit ist subtiler und bedeutend wirksamer. Justin kennt zahllose M�glichkeiten, jemanden seelisch zu verletzen. Er wei�, wie man einem Menschen nur mit einem Lachen oder einem Blick jegliches Selbstwertgef�hl nehmen kann. Ich finde, die M�nner in diesem Staat sollten sich nicht vor einem Aufstand ihrer Sklaven, sondern vor einer Rebellion ihrer Frauen f�rchten.�</p><p>Er lachte und ber�hrte sie am �rmel ihres Reitanzugs. �Mit weltlichen G�tern ist er offenbar nicht knauserig. Wieviel hat denn dies gekostet?�</p><p>�Zuviel. Du hast recht, er geizt mit nichts, au�er mit R�cksichtnahme auf die Gef�hle der andern. Sobald er glaubt, da� ich etwas brauche, kauft er es. Von ihm aus k�nnte ich tun und lassen, was ich wollte, solange ich eines nicht vergesse: da� ich eine LaMotte bin. Und eine Frau.�</p><p>�Die Dinge s�hen anders aus, wenn du mit mir verheiratet w�rst. Ich wollte, du w�rst es.�</p><p>�Oh, ich auch. Sehr sogar.�</p><p>�Ich h�tte dich nicht bitten sollen, mich einfach so zu treffen, aber� � er blickte sie an und versuchte seinen Kummer zu verbergen � �ich mu�te dir einmal meine Gef�hle mitteilen.�</p><p>�Ja.� Sie dr�ckte ihm leicht die Hand auf die Wange. �Ich auch.� Er k��te sie lange und leidenschaftlich.</p><p>Als sie sich aus seiner Umarmung l�ste, hatte ihre Stimme pl�tzlich einen bitteren Klang. �Justin denkt langsam, da� ich als Frau nichts tauge.�</p><p>�Wieso?�</p><p>�Ich habe ihm keine Kinder geschenkt.�</p><p>�Ist es so, weil � ich meine�� Er unterbrach sich und wurde rot.</p><p>�An Bem�hungen seinerseits fehlt es nicht�, sagte sie und err�tete selbst leicht. �Seine Versuche, Vater zu werden, sind sogar sehr � heftig.�</p><p>Orry hatte ein Gef�hl, als ob jemand ihm ein Messer in den Magen gerammt h�tte. Er sa� reglos da. Der Schmerz lie� nur langsam nach. Madeline fuhr fort: �Ich wage es, so offen zu sein, weil ich niemanden habe, mit dem ich �ber diese Dinge reden k�nnte. In Wirklichkeit�, � sie blickte ihn ernst an �, �bin ich davon �berzeugt, da� es Justins Schuld ist, da� ich nicht schwanger geworden bin. Ich habe erfahren, da� seine erste Frau ebenfalls kinderlos geblieben ist.�</p><p>�Das stimmt�, sagte Orry.</p><p>�Ich darf nat�rlich nie sagen, da� er f�r diesen Zustand verantwortlich ist.�</p><p>�Er erlaubt dir solche Gedanken nicht, nicht wahr?�</p><p>�Er will �berhaupt nicht, da� ich irgendwelche Ideen habe.�</p><p>W�hrend der n�chsten Stunde unterhielten sie sich �ber alles m�gliche: �ber seinen Freund George, den Krieg, der sie beide wahrscheinlich nach Mexiko in den Kampf f�hren w�rde, �ber Priams Ungehorsam und seine Bestrafung sowie �ber den darauffolgenden Tumult in der Familie. Irgendwie schien das alles nicht wirklich. F�r eine Weile gab es keine Au�enwelt, nur diesen verborgenen Ort und keine andere Kraft als die Liebe. Schlie�lich ging jedoch die Sonne langsam unter, und Madeline stand auf.</p><p>�Ich mu� gehen. Ich kann nicht mehr hierherkommen, lieber Orry. K�� mich zum Abschied.�</p><p>Sie umarmten und k��ten einander und lie�en w�hrend einigen Minuten zitternd ihre Gef�hle sprechen. Dann half er ihr in den Sattel. Als sie, anmutig im Damensattel sitzend, das Pferd um die Ruine herumlenkte, blickte sie noch einmal zur�ck und hielt inne.</p><p>�Wenn du aus Mexiko zur�ck bist, werden wir einander bestimmt gelegentlich sehen. Auf Festen, auf Hochzeiten. Und wenn immer ich dich ansehe, wirst du genau wissen, was ich f�hle. O Orry, ich liebe dich so sehr.�</p><p>Freude und Schmerz schwangen in diesen Worten. Sie verschwand aus seinem Blickfeld, und zwanzig Minuten sp�ter machte er sich auf den Heimweg. Fast w�nschte er sich, da� das Treffen nie stattgefunden h�tte. Es hatte eine tiefe Wunde, die bereits vernarbt gewesen war, noch tiefer aufgerissen. Jetzt w�rde sie nie mehr heilen.</p><p><strong>11</strong></p><p>Nach dem Abendessen schlenderten George und Orry zum Bootssteg hinunter. George schmauchte eine Zigarre. Orry hatte keinerlei Erkl�rung f�r seine Abwesenheit abgegeben und war offensichtlich nerv�s. Das und die Ereignisse vom Vortag versetzten George ebenfalls in eine gereizte Stimmung.</p><p>Sie sa�en auf einem Baumstumpf und betrachteten die sich im Ashley spiegelnden Abendsterne. Pl�tzlich wurde im Haus eine T�r aufgerissen, und sie sahen, wie Clarissa den Weg hinunter zur Sklavensiedlung eilte.</p><p>�Sie sieht best�rzt aus�, sagte George.</p><p>�Ich vermute, da� es Priam schlecht geht. Brett hat mir gesagt, da� meine Mutter heute nachmittag zweimal in der Krankenstation gewesen ist.�</p><p>George blies den Rauch durch Mund und Nase. �Sie sorgt sich sehr um eure Sklaven, nicht wahr?�</p><p>�Mit Recht. Die wissen ja nicht, wie sie sich um sich selbst k�mmern sollen; sie sind wie Kinder.�</p><p>�Vielleicht, weil man ihnen nicht erlaubt, etwas anderes zu sein.�</p><p>�Ach komm, wir wollen keine Diskussion anfangen.�</p><p>�Diskussion ist etwas f�r Politiker, ich habe lediglich meine Meinung zum Ausdruck gebracht.�</p><p>�Ich nehme an, du bist fertig damit�, schnappte Orry.</p><p>Aus Orrys Tonfall schlo� George, da� es kl�ger w�re, nichts mehr zu sagen. Doch irgendwie konnte er das nicht. Sein Gewissen war pl�tzlich sehr laut geworden � was selten vorkam �, und er w�rde weder Ruhe noch Frieden finden, bevor er nicht gesagt hatte, was ihm auf dem Herzen lag. Er redete ruhig, aber bestimmt:</p><p>�Nein, ich bin noch nicht ganz fertig. Deine Familie ist wunderbar, Orry. Liebensw�rdig, gro�z�gig und in mancherlei Hinsicht sehr fortschrittlich. Dasselbe k�nnte man auch von den meisten Nachbarn sagen, zumindest von denen, die ich kenne. Doch was die Sklaverei anbelangt, nun � nun ja, da bin ich mit deinem Bruder einverstanden. Die Sklaverei ist ein offenkundiges Verbrechen.�</p><p>�Ich dachte, du w�rdest dir nie �ber solche Dinge Gedanken machen.�</p><p>�Hab� ich auch nicht; bis gestern.� George klopfte die Asche von der Zigarre. �Was haben sie mit jenem Sklaven angestellt?�</p><p>Orry hob den Blick nicht von dem sternen�bers�ten Flu�. �Ich wei� es nicht; was auch immer es gewesen sein mag, es war notwendig.�</p><p>�Aber das ist gerade das, was mir nicht in den Kopf will. Es sollte nicht notwendig sein, da� ein Mensch den andern verletzt. Wenn ein System das verlangt oder bef�rwortet, dann ist dieses System falsch.�</p><p>Orry stand auf. Sein Gesicht gl�hte. George war �ber die Sch�rfe seiner Stimme verbl�fft.</p><p>�Darf ich dir etwas �ber die S�dstaatler sagen? Die S�dstaatler sind es leid, dauernd von selbstgerechten Yankees f�r jede Kleinigkeit kritisiert zu werden. Cooper hat einiges �ber die schmutzigen Lebensbedingungen der Arbeiter der Hazardwerke erz�hlt. Ist denn wirtschaftliche Sklaverei weniger verwerflich als das hier?�</p><p>Auch George war jetzt aufgestanden. �Augenblick mal, diese Arbeiter � �</p><p>�Nein, ich bin noch nicht zu Ende. Der Norden sollte erst mal vor der eigenen T�r wischen, bevor er mit dem Finger auf andre zeigt. Wenn es im S�den Probleme gibt, dann werden die S�dstaatler sie l�sen.�</p><p>�Ich habe nicht den Eindruck, da� ihr irgendwelche Probleme l�st, mein Freund. Und ihr werdet h�chst selbstgef�llig und gereizt, wenn euch jemand Beine machen will.�</p><p>�Wir sind gereizt, wenn die <emphasis>Yankees</emphasis> uns antreiben wollen. Wir werden stinkw�tend. Seit drei�ig Jahren mischt sich der Norden in unsere inneren Angelegenheiten ein. Wenn das so weitergeht, kann es nur eines bewirken.�</p><p>�Einen getrennten Staat, der Sklaverei betreibt? Deine S�dstaatenbekannten in West Point haben schon immer diese Drohung ausgesprochen. Nun, macht weiter so! Spaltet euch ab!�</p><p>�Nein, das ist keine Drohung�, konterte Orry. �Aber ich verspreche dir, da� es �rger geben wird, viel �rger f�r jeden Au�enseiter, der uns beibringen will, was wir zu denken und wie wir uns zu benehmen haben.�</p><p>�Meinst du mit Au�enseiter auch mich?�</p><p>�Verdammt noch mal, ja�, sagte Orry und ging auf den Landungssteg hinaus.</p><p>An jenem Abend �berlegte sich George, ob er packen und abreisen sollte. Aber er blieb. Er wu�te, da� Orry schwere Sorgen hatte, und er vermutete, da� seine Sorgen nichts mit ihrer Diskussion zu tun hatten. Aber der Streit lie� ihm dennoch keine Ruhe. Er erkannte einen neuen, d�steren Aspekt des Sklavenproblems.</p><p>Er konnte verstehen, da� sich Bekannte oder politische Gegner wegen dieser Frage in die Haare gerieten, aber wenn sie sogar eine Freundschaft bedrohte, mu�te sie wohl von enormer Bedeutung sein.</p><p>In den n�chsten Tagen herrschten Spannung und erzwungene H�flichkeit. Die beiden Freunde machten ihren Streit erst am Abend, bevor sie nach Charleston reisen mu�ten, wieder gut. Nach mehreren Drinks ergriff Orry die Initiative.</p><p>�Schau, wir sollten gegen die Mexikaner und nicht gegeneinander k�mpfen.�</p><p>�Da hast du v�llig recht�, antwortete George mit gro�er Erleichterung. �Es tut mir leid, da� ich meine Nase in deine Angelegenheiten gesteckt habe.�</p><p>�Mir tut es leid, da� ich dich angegriffen habe.�</p><p>Sie erneuerten ihr Freundschaftsb�ndnis und stie�en nochmals darauf an. Doch die Erinnerung an diesen Streit und an seine Ursache blieb beiden im Ged�chtnis.</p><p>Der K�stendampfer fuhr um Florida herum in den Golf. Die See war bewegt. In den ersten Tagen hing George die meiste Zeit �ber der Reling. Als der Dampfer New Orleans anlief, um weitere Vorr�te an Bord zu nehmen, war George sehr dankbar, da� er f�r wenige Stunden festen Boden unter den schwachen Beinen f�hlen konnte.</p><p>Er und Orry schlenderten durch die Hafenanlagen und die Altstadt; dann tranken sie einen bitteren, schwarzen Kaffee. George hatte drei Zeitungen gekauft, und nach der zweiten Tasse Kaffee informierte er sich wieder einmal gr�ndlich. General Taylor hatte gegen Ende September Monterrey belagert und eingenommen. Sein Ruhm wuchs. Politiker sagten, da� Taylor der n�chste Pr�sidentschaftskandidat, Gegner der Demokraten, sein w�rde, es sei denn, sein Vorgesetzter, General Scott, w�rde ebenfalls kandidieren. Manchmal fiel es George schwer zu glauben, da� sein Land und Mexiko miteinander im Krieg standen; vor etwas mehr als zwanzig Jahren hatte die mexikanische Regierung die Yankees zur Kolonisierung des Staates Coahuila y Texas aufgefordert. Dies war in den letzten Tagen der spanischen Herrschaft in Mexiko gewesen. Bald darauf wurde Mexiko unabh�ngig, und damit schienen alle Schwierigkeiten ihren Anfang zu nehmen. Die Verfassung von 1824 wurde immer wieder durch Revolutionen gewaltsam ge�ndert. Eine Regierung l�ste die andere mit atemberaubender Schnelligkeit ab.</p><p>Im Jahre 1836 entbrannte der kurze, blutige Kampf um die Unabh�ngigkeit von Texas. Anfang M�rz desselben Jahres wurden die Texaner, die die Alamo-Mission verteidigten, niedergemetzelt. Kaum einen Monat sp�ter gingen die M�nner von Sam Houston als Sieger aus dem Krieg hervor und begr�ndeten in San Jacinto die freie Republik Texas. Seither waren die Ressentiments auf seiten der Mexikaner nie mehr erloschen.</p><p>George stellte fest, da� ein Name, der h�ufig im Zusammenhang mit den mexikanisch-amerikanischen Beziehungen der letzten zwanzig Jahre gefallen war, erneut in den Nachrichten auftauchte: General Antonio Lopez de Santa Anna war mit seinem Gefolge und seiner siebzehnj�hrigen Frau freiwillig aus seinem Exil in Kuba zur�ckgekehrt und w�rde wahrscheinlich wieder einmal das Kommando �ber die mexikanische Armee �bernehmen. Der listige General, der jetzt eben zweiundf�nfzig war, hatte bereits in so vielen verschiedenen Lagern gek�mpft, da� man seine Laufbahn nur mit Hilfe einer Chronik verfolgen konnte. Erst hatte er als junger Armeeoffizier der spanischen Krone gedient, dann hatte er sich den rebellierenden Mexikanern angeschlossen und war milit�rischer Oberbefehlshaber, Pr�sident und schlie�lich Diktator Mexikos gewesen. Er hatte die blutige Schlacht von Alamo gewonnen und in San Jacinto eine Niederlage erlitten, wo er beim Versuch, verkleidet zu entfliehen, schm�hlich gefangengenommen wurde. Als er sein Land gegen einen Wiedereroberungsversuch der Spanier in Tampico verteidigte, hatte der kleine Napoleon des Westens ein Bein verloren, das in der Folge w�hrend seiner Herrschaft in Mexico City in einem Schrein ausgestellt und sp�ter, als sich sein Schicksal wendete, vom P�bel durch die Stra�en geschleppt wurde. Der Mann war ein gewiegter Taktiker, dachte George bei sich, er wu�te sein M�ntelchen nach dem Wind zu h�ngen, wie sich dies bei den gegenw�rtigen Grenzstreitigkeiten erneut bewies.</p><p>Nach seiner Niederlage hatte der General pers�nlich den Friedensvertrag von 1836 unterzeichnet, wonach der Rio Grande die Grenze zwischen Texas und Mexiko bildete. Nun aber gab er bekannt, da� zwar sein Name auf dem Dokument stehe, dies aber nicht bedeute, da� die Regierung unterschrieben habe. Folglich war die mexikanische Regierung durchaus berechtigt, den Vertrag zu widerrufen und um das umstrittene Gebiet zu k�mpfen � selbstverst�ndlich unter seinem Kommando.</p><p>Als George sich mit Orry dar�ber unterhalten wollte, mu�te er feststellen, da� sein Freund keinerlei Interesse zeigte. Er war erstaunt � bis ihm wieder in den Sinn kam, da� Madeline LaMotte aus New Orleans stammte. Er stand auf und teilte Orry mit, da� er zur�ck an Bord gehe, um einen Brief nach Hause zu schreiben. Orry schlo� sich ihm sofort an, und vom Augenblick an, da sie der Stadt den R�cken zuwandten, war er sichtlich besserer Laune.</p><p>Der Dampfer pfl�gte sich durch den Golf in Richtung Rio Grande. Pl�tzlich kam ein f�r diese Jahreszeit zwar nicht ungew�hnlicher, jedoch derart heftiger Sturm auf. da� das Schaufelrad auf der Backbordseite des Schiffs schwer besch�digt wurde und man vor Saint Joseph Island vor Anker gehen mu�te. Alle Soldaten wurden mit Leichtern nach Corpus Christi gebracht.</p><p>Die Freunde trennten sich f�r einige Stunden. Orry war von der flachen Sandk�ste von Texas fasziniert. Als er durch die schmutzige Hauptstra�e schlenderte, stellte er mit Erstaunen fest, da� hinter den heruntergekommenen Geb�uden Antilopen grasten. Ein Ladenbesitzer warnte ihn vor Taranteln, und er gab die Warnung an George weiter. George war jedoch an andern Aspekten der Natur interessiert; seine Informationen waren allerdings niederschmetternd.�Ich bin einer einzigen Frau begegnet. H��lich wie die Nacht. Vielleicht habe ich heute abend mehr Gl�ck.�</p><p>�Wo?�</p><p>�Beim Dorffest, das die Einwohner den armen Soldaten bereiten. Wenn ich nicht demn�chst eine Frau umarmen kann, werde ich noch verr�ckt.�</p><p>Das Fest fand in einer Scheune des Handelspostens von Colonel Kinney statt. Man hatte Laternen aufgeh�ngt, die Dachsparren mit mottenzerfressenen Flaggen geschm�ckt und den Boden mit frischem Stroh belegt. Es gab einen Fiedler und einen wackligen Tisch mit Geb�ck, Torten, Kuchen und einer riesigen Whiskybowle. Es nahmen etwa achtzig Berufsoffiziere und Offiziere auf Zeit an diesem Fest teil, sowie etwa halb soviel Einwohner, unter denen sich nur sieben Frauen befanden. Von den sieben war nur eine h�bsch, und nat�rlich stand sie im Mittelpunkt.</p><p>Sie war es auch wert. Sie war eine schlanke junge Frau mit erstaunlich rotem Haar. Sie hatte eine bl�tenwei�e Haut und tiefblaue Augen. George lie� sich weder durch ihren hohen Wuchs noch durch die zahlreichen Offiziere abschrecken, die sie umwarben. Einige unter ihnen hatten den Rang eines Majors oder eines Obersten. Wenn er einen direkten Angriff wagte, w�rden sie sicher in geschlossener Formation �ber ihn herfallen. Nein, der Feind mu�te �berlistet werden. Als der Fiedler zum Spiel ansetzte, schlenderte George gem�chlich zur Whiskybowle hin�ber und stellte sich selbst einigen Einwohnern vor. In weniger als f�nf Minuten hatte er einen Plan ausgeheckt. Entschlossenen Schrittes ging er auf einen im offenen Scheunentor stehenden Zivilisten zu. George wu�te, wie gut er aussah. Eine halbe Stunde lang hatte er den Reisestaub von seinem hellblauen Anzug geb�rstet und den Messinggriff seines S�bels sowie die Verzierungen auf der Scheide auf Hochglanz poliert.</p><p>Der Mann, den er zu beeindrucken w�nschte, war ein stupsnasiger Kerl mit r�tlichem Teint und wirrem, eher wei�em als rotem Haar. Er trug einen altmodischen schwarzen Wollanzug. George prostete ihm zu.</p><p>�Ein tolles Fest, Sir. Ihr Texaner seid gute Gastgeber.�</p><p>Der Mann antwortete mit einem trockenen L�cheln: �In Kriegszeiten vergi�t man vor lauter Patriotismus die Vorsicht, Leutnant.�</p><p>�Ich verstehe Sie nicht, Sir?�</p><p>�In Corpus Christi h�lt man weniger als nichts von den Soldaten. Die Truppen von Zach Taylor haben auf ihrem Weg zum Rio Grande hier Halt gemacht � eine Erfahrung, die man in dieser Stadt so schnell nicht vergessen wird. Gl�cklicherweise wissen die Texaner, wie sie sich � und ihre T�chter � sch�tzen k�nnen.� Er deutete mit der Hand auf das riesige, an seiner rechten H�fte h�ngende Pistolenhalfter. Der Lauf der Pistole war fast drei�ig Zentimeter lang. Eine Paterson, dachte George, .36er Kaliber.</p><p>�Oh, ist Ihre Tochter heute abend auch hier?�</p><p>Der Mann l�chelte am�siert. �Das habe ich nicht gesagt, junger Mann, aber offensichtlich sind Sie informiert. Wollten Sie sich deshalb mit mir unterhalten?�</p><p>George schluckte leer, dann lachte er: �Und ich glaubte schon, ich sei raffiniert! Sie haben recht, Sir. Mir war klar, da� ich bei dem Gedr�nge um sie herum keine Chance haben w�rde. Wenn Sie mich jedoch vorstellen w�rden�?�</p><p>�Sie m�gen zwar nicht besonders raffiniert sein, Sir, aber klug sind Sie. Wenn ich Sie vorstellen soll, m��te ich allerdings Ihren Namen kennen.�</p><p>�Leutnant George Hazard, achtes Infanterieregiment.�</p><p>Der untersetzte Mann streckte ihm die Hand entgegen: �Patrick Flynn aus Cappamore, County Limerick, Irland, aber ich glaube, da� ich jetzt Texaner bin. Bin schon ziemlich lange hier. Lie� mich ein Jahr, nachdem Oberst Kinney seinen Laden er�ffnete, hier nieder. Im selben Jahr starb meine Frau, doch Constance und ich haben uns irgendwie durchgebracht, obwohl es in dieser Stadt so wenig Rechtsgesch�fte gibt, da� eine Fliege dabei verhungern k�nnte.�</p><p>�Dann sind Sie Anwalt? Hier?�</p><p>�Ab und zu verbringe ich einen Monat in San Antonio. Davon lebe ich eigentlich. In San Antonio ist man sehr streits�chtig. Studiert habe ich in Belfast, eine ausgezeichnete Ausbildung, weil es in jener Hafenstadt eine unerh�rte Anzahl der verschiedensten F�lle gab. Nach einer Reihe von Schicksalsschl�gen bin ich hier in Texas gelandet, gerade zu der Zeit, als Sam Houston es den Mexikanern entrei�en wollte. Ich habe mich in Corpus Christi niedergelassen, weil ich glaubte, da� es sich zu einer Hafenstadt mit vielen Rechtsstreitereien entwickeln w�rde.� Mit trockenem Humor f�gte er hinzu: �So wie die Dinge sich jedoch entwickelt haben, sind meine Hoffnungen nicht gestillt worden.� Er kippte seinen Whisky hinunter. �Und mein Durst auch nicht.�</p><p>�Aber Sie sind sicher gerne hier?�</p><p>�O ja.� Flynn nickte. �Genug Luft und Raum � keiner jener snobistischen Zw�nge, denen ich in meiner Kindheit in der alten Heimat ausgesetzt war. Einige der B�rger hier haben etwas gegen meinen katholischen Glauben, den ich nicht mehr praktizieren kann, weil es keine Kirche in der N�he gibt, doch da ich nicht mit der hier vorherrschenden Meinung �ber Sklaverei einverstanden bin, sind wir quitt.�</p><p>�Ich habe geh�rt, da� die meisten Texaner daf�r sind.�</p><p>�Leider ja. Ich habe bereits des �fteren in meinem Leben feststellen k�nnen, da� ein Mann sich weit mehr f�r das Zuckerbrot seines pers�nlichen beruflichen Vorw�rtskommens einsetzt, als er unter der Peitsche des Sklavenaufsehers zu arbeiten gewillt ist. Doch f�r diese Wahrheit haben meine Nachbarn nur taube Ohren. Es gibt zwar einige Hitzk�pfe, die mich am liebsten davonjagen w�rden, weil ich es wage, so etwas zu sagen, aber sie getrauen sich nicht, weil sie wissen, da� ich, na sagen wir mal, ein selbstsicherer Mann bin.� Er grinste wiederum und ber�hrte seinen Colt. �Aber Sie m�chten ja Constance kennenlernen.�</p><p>�Ja, bitte. Sehr gern.�</p><p>�Es wird mir ein Vergn�gen sein, Sie vorzustellen, sobald es mir gelungen ist, sie aus der Menge dieser Dummk�pfe herauszurei�en. Nicht einer von ihnen hat auch nur einen Funken Ihrer Phantasie. Sind Sie zuf�llig Ire?�</p><p>George lachte. �Nein, Sir.�</p><p>�Ich werde versuchen, �ber diesen Makel hinwegzusehen.�</p><p>Der Rechtsanwalt schlenderte davon. George r�ckte seinen Kragen zurecht, bemerkte, wie Orry auf ihn zukommen wollte, und gab ihm ein Zeichen. Orry sah sich um, begriff die Situation und gesellte sich zu einigen anderen Offizieren, die mit d�steren Gesichtern um die Bowle herumstanden.</p><p>Patrick Flynn lotste seine Tochter aus dem Gedr�nge heraus. George versuchte, den w�tenden Blicken der Offiziere keinerlei Beachtung zu schenken und sich ganz auf das M�dchen zu konzentrieren. Halb am�siert und halb ver�rgert �ber die Art und Weise, wie ihr Vater sie am Handgelenk gepackt und weggezogen hatte, lie� sie sich zu George schleppen und vorstellen.</p><p>�Constance, darf ich dir Leutnant Hazard vorstellen. Er wollte dich kennenlernen und wu�te, da� er mehr Chancen h�tte, wenn er erst mit mir sprechen w�rde.�</p><p>�Aber wie wu�te er, ob ich ihn kennenlernen will?� fragte sie mit einem ironischen L�cheln.</p><p>George versuchte so gro� wie m�glich zu erscheinen. <emphasis>Gott, ich bin immer noch vier Zentimeter kleiner.</emphasis> Er grinste und blickte ihr direkt in die tiefblauen Augen.</p><p>�Geben Sie mir f�nf Minuten Zeit, Miss Flynn, und ich werde alle Ihre Zweifel zerstreut haben.�</p><p>Constance lachte. Aus den Augenwinkeln heraus sah sie, wie ein Dragonermajor mit Schnurrbart sich an sie heranpirschte. Sie ergriff Georges Hand.</p><p>�Tanzen Sie mit mir, Leutnant, oder wir werden nicht einmal f�nf Minuten haben.�</p><p>George lie� sich das nicht zweimal sagen. Der Geiger fiedelte gerade einen Walzer. George fegte mit Constance an dem vor Wut sch�umenden Major vorbei �ber die Tanzfl�che. Sie lag federleicht und wohlduftend in seinen Armen und war so lieblich, da� er sie �u�erst sorgf�ltig hielt. �Sie halten mich sehr vorsichtig, Leutnant, haben Sie Angst, da� ich in St�cke gehe?�</p><p>�Wieso? Nein, Sie sind nicht zerbrechlich, Sie sind au�erordentlich zart � ich meine �� Er hatte Schwierigkeiten mit dem Satz. Was zum Teufel war mit ihm los? Normalerweise benahm er sich anders mit einem M�dchen. Er benahm sich wie Orry, der ihm vom Punschtisch aus zuschaute und gen��lich l�chelte.</p><p>W�hrend des verbleibenden Tanzes machten sie Konversation. Er erz�hlte ihr einiges von West Point und von seinem Zuhause in Pennsylvania. Sie wiederholte einige der Informationen, die er bereits von ihrem Vater bekommen hatte. Sein Kopf rauchte. Er konnte einfach nicht die richtigen Worte finden, geschweige denn sie mit Charme vorbringen. Constance jedoch f�hlte sich au�erordentlich wohl und plauderte, ohne sich im mindesten befangen zu f�hlen.</p><p>Er merkte bald, da� sie nicht blo� sch�n, sondern auch intelligent war. �Mein Vater hat mich auf eine Frauenakademie in San Antonio geschickt. Er findet, da� auch Frauen eine Ausbildung haben sollten. F�r einen Mann mit seiner Herkunft ist er wirklich sehr fortschrittlich. Er sagt, da� der Glaube an die Heilige Dreifaltigkeit ein gesundes Interesse an der Welt nicht ausschlie�en sollte.�</p><p>George l�chelte und entspannte sich etwas dabei. �Ich mag Ihren Vater.�</p><p>�Er mu� Sie auch sympathisch finden, sonst h�tte er uns nicht miteinander bekannt gemacht. Ich bin froh, da� er es getan hat.�</p><p>�Wirklich? Das ist ja herrlich, Miss Flynn.�</p><p>Voller Begeisterung wirbelte er erneut mit ihr herum. Einen Augenblick sp�ter klopfte sie ihm mit ihrem F�cher leicht auf das Handgelenk. Sie wollte, da� er zu tanzen aufh�re. Er gab nach.</p><p>Rundherum grinste alles. Sogar Orry schmunzelte. Constance fl�sterte ihm zu: �Die Musik hat schon eine Weile aufgeh�rt, Leutnant Hazard.�</p><p>�Wirklich? Ver-, das hei�t � Miss Flynn, ich wollte nat�rlich nicht fluchen vor einer Da��</p><p>�Leutnant�, unterbrach sie ihn, �ich werde fluchen, wenn Sie es zulassen, da� ich in die H�nde dieses Dragoners gerate, der um uns herumschleicht. Bitte, machen Sie einen Spaziergang mit mir.�</p><p>�Mit Vergn�gen.�</p><p>George gab ihr den Arm und geleitete sie zum Scheunentor. Der Major folgte ihnen und sah von Sekunde zu Sekunde beleidigter aus. Er war nur noch wenige Schritte hinter ihnen, als Patrick Flynn zu stolpern schien, gegen den Major fiel und ihm fast den Punsch auf die Uniform go�. Er �bersch�ttete den Major mit so viel entschuldigenden Schmeicheleien, da� dieser gute Miene zum b�sen Spiel machen mu�te. Unterdessen waren George und Constance durch die T�r in der Dunkelheit verschwunden.</p><p>�Ich bin verliebt�, sagte George ein paar Stunden sp�ter.</p><p>�Das ist es also�, sagte Orry. �Ich dachte, es h�tte etwas mit deinen Nerven zu tun. Noch nie habe ich dich einer Frau gegen�ber so fassungslos oder so sprachlos gesehen.�</p><p>Sie wanderten m�de am Flu�ufer entlang in Richtung der wei�en Zelte und der Laternen des Lagers, das man f�r die M�nner des Dampfers aufgestellt hatte. George erschrak, als ein dicker Hase seinen Weg kreuzte. Nach einem eindeutig liebeskranken Seufzer sagte er: �Ich glaube, sie liebt mich, aber sicher bin ich nicht.�</p><p>�Nat�rlich liebt sie dich. Sie hat doch den gr��ten Teil des Abends in deiner Gesellschaft verbracht, oder nicht? Und an M�glichkeiten hat es ihr bestimmt nicht gefehlt. Die andern M�nner waren zwar nicht unbedingt h�bscher als du, aber sie waren gr��er als sie�, sagte Orry mit liebensw�rdiger Ironie.</p><p>George bedachte seinen Freund mit einem Schimpfnamen und zwickte ihn in den Arm. Orry lachte. George seufzte erneut. �Ich hoffe, da� es mindestens eine Woche dauert, bis sie den Dampfer repariert haben. Sie hat mich f�r morgen abend zum Essen eingeladen. Texasrindfleisch mit Kartoffeln.�</p><p>�Oh, ihr habt euch also bereits �ber ihre Kochk�nste unterhalten? Es erweckt den Anschein, als ob du die Liebe deines Lebens gefunden h�ttest�, sagte Orry ruhig.</p><p>�Da k�nntest du recht haben. Als ich meinen Arm um sie legte, f�hlte ich etwas � M�chtiges. Aber es g�be Probleme, wenn es ernst w�rde. Sie ist Irin und katholisch dazu. Im Norden ist man von dieser Kombination nicht gerade begeistert.�</p><p>�Nimmst du das Ganze nicht etwas zu ernst?�</p><p>�Ich kann nicht anders. Es ist mir auch egal. George Hazard, der Held des schwachen Geschlechts, ist f�r einmal absolut machtlos. Das ist das Merkw�rdige an der Sache.�</p><p>�Nein, �berhaupt nicht. Ich kann das sehr gut verstehen.�</p><p>George wu�te, da� Orry etwas gesagt hatte, aber er war zu nerv�s, um den Sinn der Worte zu begreifen oder die Melancholie in Orrys Stimme zu bemerken.</p><p>Ein letztes Pfeifen in der Ferne, der Leichter mu�te auslaufen. George sch�ttelte Patrick Flynn die Hand.</p><p>�Auf Wiedersehen, Sir. Ihre Gastfreundschaft war wunderbar.�</p><p>�Sie sind kein Fremder mehr, junger Mann�, sagte der Rechtsanwalt mit einem raschen Blick auf seine Tochter. Constance hatte einen leichten Schal um die Schultern geworfen und hantierte mit einem Sonnenschirm herum. Flynn legte George die freie Hand auf die Schulter und �bte einen leichten Druck aus. �Wir w�nschen Ihnen, da� Gott Sie schnell in die Kriegszone geleite und Sie sicher auf dem Weg Ihrer Pflichterf�llung f�hre. Wir m�chten, da� Sie zur�ckkommen.�</p><p>�Ja, Sir, das werde ich tun.�</p><p>In den Worten lag mehr Hoffnung als Gewi�heit. George hatte genug in den Zeitungen gelesen, um zu wissen, da� bereits viele M�nner in Mexiko gefallen waren. Sie waren nicht blo� unter dem Feind umgekommen, sondern zum Teil auch von Krankheiten dahingerafft worden. Bevor der Krieg zu Ende war, w�rden noch viele sterben. Noch vor wenigen Tagen hatte er keine derartigen Gedanken gehabt, und nun war pl�tzlich das Leben in diesem l�cherlich kleinen Dorf an dieser unwirtlichen K�ste so wunderbar wertvoll f�r ihn geworden.</p><p>Er und Constance verlie�en das Haus. George stieg von der Holzveranda in den Stra�enschmutz hinunter und hob die Hand. Constance ergriff sie und kletterte dann neben ihn. Sie �ffnete den Sonnenschirm.</p><p>Es war ein d�sterer Herbsttag, der schon nach Winter roch. Er k�mmerte sich um den Sonnenschirm und bot ihr den Arm an. Sie dr�ckte ihre Brust gegen seinen Arm, und so redeten sie schweigend miteinander. Als sie in Richtung Pier eilten, wo der letzte Leichter beladen wurde, begann es zu regnen.</p><p>�Wirst du mir schreiben, George?�</p><p>�Regelm��ig. T�glich. Wirst du antworten?�</p><p>�Ja, das wei�t du. Du mu�t, sobald du kannst, zur�ckkommen.�</p><p>�Ich verspreche es. Ich m�chte dir Pennsylvania zeigen und dich meiner Familie vorstellen.�</p><p>Er wu�te, da� sie Constances Charme gegen�ber nicht gleichg�ltig sein w�rden, und da� sie so vielleicht die in der Nation herrschende Abneigung gegen�ber den Katholiken �berwinden k�nnten. Sollte die Familie sie jedoch aus irgendeinem Grund nicht m�gen, dann w�rde er sich nicht mehr als einen Hazard betrachten. In diesen wenigen Tagen war Constance zu seiner Welt geworden; sie war auch die Ursache f�r seine neue und unb�ndige Angst vor einer mexikanischen Gewehrkugel.</p><p>�Mein Vater ist sehr begeistert �ber das, was du ihm von deiner Familie erz�hlt hast�, sagte sie. �Er findet die meisten Texaner Idioten, weil sie nicht zugeben wollen, da� die Industrie nun wichtiger wird als die Landwirtschaft.�</p><p>�Die Familie meines Freundes Orry will es auch nicht wahrhaben.�</p><p>�Manchmal sind die S�dstaatler so engstirnig.�</p><p>Nicht engstirniger als die Nordstaatler, dachte er und erinnerte sich an den Zwischenfall in Philadelphia auf seinem Weg nach Mont Royal. An die W�nde einer katholischen Kirche hatte man in roter Farbe obsz�ne Worte geschmiert. Sogar sein Bruder Stanley, der die Papisten nicht besonders mochte, war entsetzt gewesen. Allerdings mehr �ber die Sprache als �ber die Motivation zur Tat.</p><p>Im Leichter sa�en drei �ltere Offiziere. Sie waren alle sehr ungeduldig. Der Steuermann gab George einen Wink, sich zu beeilen. Ein Windsto� ri� ihm den Sonnenschirm aus der Hand. Die M�nner auf dem Schiff lachten �ber ihn, aber George k�mmerte sich nicht darum. Sein Kopf und sein Herz waren voll von Constance: ihr feuerrotes, im Wind flatterndes Haar, ihre tiefblauen Augen, ihre regennassen Wangen � Nein � er erschrak � das war kein Regen, das waren Tr�nen.</p><p>�Constance, ich habe so etwas noch nie zu einem M�dchen gesagt. Du magst glauben, da� ich unh�flich und zu direkt bin, da wir uns ja noch nicht lange kennen, aber ich mu� es sagen�, � er holte schnell Atem und sagte rasch � �ich liebe dich.�</p><p>�Ich liebe dich auch, George. Gibst du mir einen Ku�?�</p><p>�In der �ffentlichkeit?�</p><p>�In der �ffentlichkeit. Privat. �berall � und f�r immer.�</p><p>Das �f�r immer� war wie ein Schrei. Sie warf ihm die Arme um den Hals und k��te ihn heftig.</p><p>Er zog sie an sich und machte damit den Abschied nur noch schwerer und schmerzvoller. Ihr rotes Haar l�ste sich mehr und mehr und flatterte ihm ins Gesicht. Er f�hlte unm�nnliche Tr�nen auf seinen Wangen � nicht auf den ihrigen � aber auch das war ihm v�llig egal.</p><p>Der Steuermann schrie: �Zum letztenmal, Leutnant, gehen Sie an Bord � oder man wird Sie als Deserteur betrachten.�</p><p>Vom Dampfer, der bei der Sandbank vor Anker lag, ert�nte ein Pfeifen. George ri� sich los und rannte den Pier hinunter. Er sprang auf den Leichter und stolperte gegen den Artillerieoberst, der ihn anschrie. Er setzte sich auf die Ruderbank. Regen prasselte auf ihn nieder, und er bemerkte, da� er seinen Hut verloren hatte. Es war ihm egal.</p><p>Constance Flynn blieb auf dem Pier. Ihr Haar hatte sich jetzt ganz gel�st und flatterte wie eine rote Fahne bis auf ihre Taille herab. �Ich komme wieder�, sagte George leise. Der Offizier neben ihm starrte geradeaus.</p><p>Er wiederholte es, schweigend, als ihre Umrisse immer kleiner wurden. <emphasis>Ich komme wieder.</emphasis></p><p>Es war ein Versprechen. Und ein Gebet.</p><p><strong>12</strong></p><p>Sergeant Jezreel Flicker sp�hte nach dem leeren Strand. �Keine Spur von einem Mexikaner. Verdammt komisch. Wir haben doch aus dieser Invasion kein Geheimnis gemacht.�</p><p>Neben ihm, in dem auf den Wellen tanzenden Boot, knurrte Orry: �Wann zum Teufel schicken sie uns los? Wenn hinter diesen D�nen Scharfsch�tzen verborgen sind, knallen sie uns einen nach dem andern ab.�</p><p>Flickers Mondgesicht zeigte keinerlei Regung. Er war ein wortkarger Soldat aus Kentucky, zehn Jahre �lter als Orry. Beiden war klar, da� er das Kommando �ber den Zug f�hren w�rde. Auf Orrys nerv�sen Ausbruch hin antwortete er: �Aber, aber, Leutnant, ich wei�, da� Sie es kaum erwarten k�nnen, den Feind zu sehen, doch glauben Sie mir, so angenehm ist es nicht.�</p><p>Orry warf ihm einen finsteren Blick zu. Das war ja alles gut und sch�n; Sergeant Flicker konnte es sich leisten, h�hnische Bemerkungen �ber den Krieg zu machen, schlie�lich war er in Monterrey und anderswo mitten im Schlachtget�mmel gewesen und hatte �berlebt. Aber Orry hatte noch keine Pr�fung bestanden. Er hatte nun schon fast sechs Monate in Mexiko verbracht, und die einzigen Sch�sse, die er geh�rt hatte, waren diejenigen der bl�den Freiwilligen, die sich immer betranken und sich beinahe gegenseitig umbrachten.</p><p>Einige von Orrys M�nnern sahen gelb im Gesicht aus; eine starke Str�mung sorgte daf�r, da� das Boot dauernd schaukelte. Das Boot geh�rte zu den hundertf�nfzig, die General Scott eigens f�r diesen Angriff angefordert hatte. In jedem Boot befanden sich neben der acht Mann starken Crew vierzig bis f�nfzig Soldaten. Es waren jedoch blo� 65 Schiffe geliefert worden, die nun in einer langen Reihe in der Collado Beach gegen�ber der Sacrificios-Insel lagen, etwa zweieinhalb Meilen unterhalb der Hafenstadt Veracruz. Von hier aus, au�er Reichweite der Artillerie der Stadt, wollte Scott seinen Angriff auf Mexico City starten.</p><p>George und Orry waren in zwei verschiedenen Kompanien des achten Infanterieregiments. Beide Kompanien geh�rten zu den ersten, die mit weiteren Artillerie- und Infanterieeinheiten sowie mit der ersten Brigade von General Worth an Land gehen sollten. In Orrys Zug befanden sich haupts�chlich Iren, Deutsche, einige Ungarn und sechs richtige Amerikaner.</p><p>Die acht Ruderer k�mpften, um das Boot in der richtigen Position zu halten. Man hatte bereits einige Stunden verloren, weil die Linie der Boote dauernd durch die starke Str�mung auseinandergerissen wurde.</p><p>Hinter den Booten lagen die Truppenschiffe und die restliche Invasionsflotte, Dutzende von Schiffen aller Gr��en. Auf den gr��ten Schiffen dr�ngten sich die Zuschauer: Matrosen und auch Soldaten, die bei der n�chsten Landungswelle dabeisein w�rden. Kanonen wurden geladen, und die Milit�rkapellen auf den einzelnen Schiffen wetteiferten miteinander. Im Landungsboot fluchten ein paar M�nner.</p><p>Orry mu�te zugeben, da� sie Grund dazu hatten. Sie �rgerten sich �ber alles und jedes, angefangen bei den Schuhen, die sie von ihrer Regierung bekommen hatten � billige Ware, die entweder am rechten oder am linken, aber nicht an beiden F��en pa�te � bis zu den Kautschuk-Feldflaschen. Einer nahm einen Schluck, zog eine Grimasse und spie das Zeug �ber Bord.</p><p>�Hei�es Wasser ist nicht gerade ein Genu�, nicht wahr, Novotny?� Sergeant Flicker grinste. �Ihr h�ttet letzte Woche auf mich h�ren sollen, als ich euch sagte, da� Kautschuk die Hitze speichert. Bei der ersten Gelegenheit w�rde ich das wegwerfen und mir so eine besorgen.� Er klopfte auf seine eigene Feldflasche, eine K�rbisflasche, die an einem Strick befestigt war.</p><p>Die M�nner murrten, weil man sie mit Rucks�cken und �berziehern beladen an Land schickte. Und sie meckerten �ber ihre Waffen. Einige Einheiten hatten 1841er Gewehre mit Schlagladung bekommen, aber Orrys M�nner mu�ten noch mit altmodischen Flinten auskommen, weil das Oberkommando der unumst��lichen Meinung war, da� M�nner, die nicht besonders intelligent waren, am besten mit veralteten Waffen umzugehen verstanden. Orry h�tte wegen dieser Denkweise verzweifeln m�gen. Wenn man M�nner als wertlos betrachtete, dann benahmen sie sich auch dementsprechend.</p><p>Es war ein milder, klarer Nachmittag; das Wetter war ausgezeichnet. Im Nordwesten konnte man die T�rme und Kuppen von Veracruz sehen. Geradeaus erhob sich der schneebedeckte Gipfel des Orizaba majest�tisch in der dunstigen Ferne. Aber Orry war zu besch�ftigt, um den Anblick genie�en zu k�nnen. Er dachte dar�ber nach, wie sich seine Meinung �ber das Soldatenleben ge�ndert hatte, seit er in Mexiko war. Er wollte immer noch Karriere in der Armee machen � deshalb brannte er darauf, endlich k�mpfen zu k�nnen � doch ein betr�chtlicher Teil des Zaubers, den der Soldatenstand f�r ihn gehabt hatte, war abgebr�ckelt.</p><p>Bis jetzt war seine Wehrpflicht nur frustrierend, ja sogar h�chst unangenehm gewesen. Der Dampfer aus Corpus Christi war im Hafen von Brazos Santiago, in der M�ndung des Rio Grande, vor Anker gegangen. Er und George waren mit einigen andern Abteilungen landeinw�rts marschiert, und in der zweiten Nacht hatte Orry einen Ruhranfall gehabt � die f�r Neulinge typische Begr��ung, wie man ihm sagte. Nicht einmal die Umgebung, das k�hle herrliche Hochland der Sierra Madre, vermochte ihn aus seinem Elend herauszurei�en. Die Freunde meldeten sich bei ihrem Regiment in Saltillo. Man kommandierte sie dazu ab, Frontoffiziere, die in Monterrey verwundet worden waren, zu ersetzen. Orrys Kompaniekommandant hie� Wilford Place. Er war ein Mann, der sich kaum je beklagte. Hauptmann Place schien jedermann, ob �ber oder unter ihm, zu verabscheuen, und Orry entdeckte bald, da� seine Haltung keineswegs ungew�hnlich, sondern eher typisch war. In der Armee der Vereinigten Staaten war Feindseligkeit an der Tagesordnung.</p><p>Die Offiziere von West Point verachteten die Offiziere, die nicht in West Point abgeschlossen hatten. Die Berufssoldaten ha�ten die undisziplinierten Freiwilligen, die dazu neigten, H�user in Brand zu stecken, mexikanisches Eigentum zu stehlen und mexikanische Frauen zu vergewaltigen. Die einheimischen Soldaten mi�trauten den Immigranten und umgekehrt. Auch in den h�heren R�ngen war man �ber solche Feindseligkeiten nicht erhaben. Seit Beginn des Kriegs lag General Worth mit General Twiggs dar�ber im Streit, wer nun wen �bertrumpfen w�rde. Der l�cherliche Streit hatte die Armee in Parteien aufgespalten und schlie�lich die seit dem Krieg von 1812 bestehende Freundschaft zwischen Worth und Zachary Taylor zerst�rt.</p><p>Sogar oben in Washington spielte man dieses Spiel des gegenseitigen Mi�trauens. Nachdem Taylor die Mexikaner bei Monterrey geschlagen hatte, bot er ihnen gro�z�gige Verhandlungsbedingungen an. Manche fanden sie zu gro�z�gig; er hatte es der geschlagenen Armee gestattet, sich entlang einer Waffenstillstandslinie zur�ckzuziehen. Seine Verleumder sagten, er h�tte die mexikanischen Truppen gnadenlos zerst�ren und den Krieg beenden sollen.</p><p>Pr�sident Polk nahm dies als Vorwand, um Taylor zu kritisieren. Taylor wurde wegen seiner bescheidenen Art und seines offenkundigen Muts von seinen M�nnern mehr als nur gesch�tzt. Der Pr�sident w�nschte eine unabh�ngige zweite Front im S�den, einen direkten Angriff auf die mexikanische Hauptstadt. Um dieses Ziel zu erreichen, setzte er den Oberbefehlshaber der Armee, General Winfield Scott, ein.</p><p>F�r sein Landungsunternehmen bekam Scott etwa neuntausend von Taylors Berufssoldaten, so da� dem Helden von Monterrey kaum mehr als ein Heer von Freiwilligen blieb. Damit sollte er sich einer gewaltigen mexikanischen Armee stellen, die ihn offensichtlich angreifen wollte. Die Mexikaner standen unter dem Kommando von Santa Anna, dem kleinen Napoleon des Westens. F�r Orry bedeutete das ganze strategische Man�ver und die Verleumdungen nur eins: Es w�rde keine unmittelbare Chance f�r einen Kampf geben. Er und George waren unter dem Kommando von Worth Anfang Januar den ganzen Weg nach Santiago zur�ckmarschiert, um sich dort am Strand zu langweilen. Um die Zeit totzuschlagen, schrieb Orry lange Briefe an Madeline. Sobald er mit einem Brief fertig war, zerri� er ihn und fing einen neuen an.</p><p>Und jetzt war der 9. M�rz; und er schaukelte in einem Boot hin und her und war immer noch unverletzt. Der ganze Kampf hatte sich bis jetzt blo� in seiner Phantasie abgespielt. Sicherlich war die Warterei schlimmer, als es der Kampf jemals sein konnte.</p><p>Die �berraschende Detonation einer Kanone holte ihn in die Wirklichkeit zur�ck. Das Kriegsschiff <emphasis>Massachusetts</emphasis> war in eine Rauchwolke geh�llt. Orrys Stimme zitterte vor Erregung, als er sich an Sergeant Flicker wandte:</p><p>�Das ist das Signal.�</p><p>�Ja, Sir, das hab� ich mir auch gedacht.� Flicker schien nun doch angespannt. Es beruhigte Orry festzustellen, da� er nicht der einzige war, der den Widerstand am Ufer herbeisehnte.</p><p>Ein merkw�rdiges, unbekanntes Gebr�ll ert�nte, und die M�nner im Boot sahen einander verdutzt an. Novotny lieferte als erster die Erkl�rung. �Das kommt von den Schiffen. Die Matrosen und Kanoniere feuern auf uns.�</p><p>Die f�nfundsechzig Ruderboote steuerten auf den Strand los. Dreitausend Bajonette blitzten in der Sp�tnachmittagssonne auf. Orry verga� pl�tzlich Krankheit, Langeweile, Plackerei und die Kleinlichkeit der vergangenen Monate.</p><p>Sie wurden von einem langen, leichten Ruderboot �berholt. Die M�nner in den Riemen arbeiteten wild, offenbar sollte das Boot vor ihnen den Strand erreichen. Am Bug des Boots stand mit gez�cktem S�bel ein Mann, den sie alle kannten: der schneidige, wei�haarige Kommandant, General Worth.</p><p>Sergeant Flicker ri� den Hut vom Kopf, winkte und rief dem General etwas zu. Orry schlo� sich ihm mit seinen M�nnern an. Bald hatten sie sich alle heiser geschrien.</p><p>Eine halbe Minute, bevor der Kiel im Sand knirschte, zog Orry seinen eigenen S�bel aus der Scheide. Er stand auf und sprang als erster aus dem Boot. S�belschwingend rief er: �Auf M�nner, los! Auf in die Hallen von Montezuma in Mexico City!�</p><p>Seine M�nner feuerten ihn nun auch durch Zurufe an.</p><p>Nach einem solch aufregenden Start konnte die n�chste Stunde nur entt�uschend sein.</p><p>Das Regiment formierte sich und st�rzte mit gef�llten Bajonetten auf die D�nen los. Aber sie mu�ten bald Dampf ablassen, weil n�mlich gar keine Mexikaner hinter den D�nen warteten. Weit und breit war kein Feind zu sehen. Die einzigen Gegner, mit denen die Amerikaner f�r den Rest des Tages zu ringen hatten, waren Sandfl�he und der aufkommende Wind, der ihnen den rauhen Sand in Mund, Augen und Nase trieb.</p><p>Scott hatte seine M�nner f�r den Angriff in drei gro�e Einheiten zusammengefa�t. Nachdem die ersten beiden an Land gegangen waren � Worths-Einheiten sowie die zweite Brigade von General Davey Twiggs � landeten auch die Freiwilligen, von General Patterson gef�hrt.</p><p>Gegen Abend begann die Armee ihre Front nach Nordwesten auszudehnen. Die Brigade Worth sollte die rechte Flanke decken; in der N�he der Landungsstelle begannen Orry und sein Zug Sch�tzengr�ben auszuheben. Auch wenn das Wetter ausgezeichnet blieb, so w�rde es doch mehrere Tage dauern, bis alle Truppen und alles Material an Land waren. Die Belagerungslinie sollte acht Meilen lang werden. Sobald die Linie um Veracruz gesichert war, w�rde die Artillerie mit der Bombardierung beginnen. Aber die Stadt w�rde wohl nicht gleich aufgeben; sie war stark befestigt. Auf der Landseite waren neun Forts angelegt, und die Seeseite wurde von der Hafenfestung San Juan de Ulua verteidigt.</p><p>Es war schon nach Mitternacht, als Orry in das E�zelt hineinstolperte. Er war v�llig durchgeschwitzt und mit Sand und Insektenstichen �bers�t. Er sank neben George an einem dreckigen Tisch nieder.</p><p>�Mein Gott, wie sieht dieser Tisch aus!�</p><p>Hauptmann Place betupfte seine Wangen mit einem bunten Taschentuch.</p><p>�Er geh�rt nicht uns. Beim Ausladen kam es zu Verwechslungen. Dies sind Operationstische, die zum letztenmal in Monterrey verwendet worden sind, f�r Amputationen und dergleichen.�</p><p>Orry w�rgte und wischte sich die Hand an der Hose ab. Dann h�rte er br�llendes Gel�chter. Sogar Place, der von Natur aus nicht viel Humor hatte, lachte mit. Es handelte sich um einen alten Armeewitz, wie Orry sp�ter erfuhr. Er f�hlte sich besser, weil er sich nun nicht mehr als Anf�nger vorkam. Endlich war er akzeptiert worden.</p><p>Niemand wu�te � weder in dieser Nacht noch sp�ter � weshalb der mexikanische Kommandant in Veracruz nicht eine einzige Kugel auf die Invasoren abgefeuert hatte. Doch die Abwesenheit des Feindes machte Orry nerv�s, als er gegen drei Uhr morgens von Wachtposten zu Wachtposten ging. Er hielt seine rechte Hand immer in der N�he der pers�nlichen Handwaffe, die er auf eigene Kosten gekauft hatte, etwas, das die meisten Offiziere taten. Es war die beste Milit�rpistole, die derzeit zu haben war: eine 1842er Johnson.</p><p>Ein steifer Wind wehte, und am Himmel zeigte sich kein einziger Stern. Orry befand sich gerade auf halbem Weg zwischen zwei Wachtposten, als er zu seiner Linken, landeinw�rts, ein Ger�usch h�rte. Stimmen und Bewegungen. Mit trockenem Mund zog er seine Pistole.</p><p>�Wer da?�</p><p>Pl�tzlich war es still. Man h�rte nur den Wind. Er rief nochmals und merkte dann mit einiger Versp�tung, da� er eine pr�chtige Zielscheibe abgeben mu�te: Das laternenbeleuchtete Regimentszelt befand sich gerade hinter ihm. Er rannte, um aus dem Lichtkegel wegzukommen. Nach wenigen Schritten h�rte er erneut Stimmen � diesmal laut �, die �rgerlich etwas auf spanisch riefen.</p><p>Drei Sch�sse. Er sp�rte, wie eine Kugel seine Hose durchbohrte. Er kniete nieder, zielte und scho�. Ein Mann schrie auf, ein anderer fluchte. Von den umstehenden Wachen waren Wer-da-Rufe zu h�ren. Orry f�hlte einen heftigen Schmerz, der sein Triumphgef�hl verblassen lie�. Er bef�hlte sein Bein und stellte zu seiner �berraschung fest, da� die Kugel nicht nur seine Hose, sondern seine Wade getroffen hatte. Das Sanit�tszelt war einige hundert Meter entfernt, und w�hrend er dorthin humpelte, f�llte sich sein Schuh mit Blut. Die Ordonnanz salutierte, doch bevor Orry den Gru� erwidern konnte, fiel er in Ohnmacht.</p><p>Die Verletzung war nicht ernst, und er f�hlte sich bereits besser, als George ihn am folgenden Abend besuchte.</p><p>�Deine erste Kriegsverletzung.� George grinste. �Gratuliere.�</p><p>Orry verzog das Gesicht. �Ich hatte mir meine Feuertaufe etwas gro�artiger vorgestellt, danke. Ich finde es nicht gerade heldenhaft, von einem umherstreunenden Heckensch�tzen angeschossen zu werden. Ich glaube aber, da� ich einen von ihnen erwischt habe.�</p><p>�Ja, das hast du. Flicker hat die Leiche bei Sonnenaufgang gefunden.�</p><p>�Soldat oder Zivilist?�</p><p>�Ein Soldat, als Bauer verkleidet, aber seine Waffen waren von der Armee.�</p><p>Orry sah etwas weniger ungehalten drein. George kauerte neben seinem Lager nieder und sagte mit sehr viel leiserer Stimme:</p><p>�Sag mal, als die Sch�sse fielen, hattest du da Angst?�</p><p>Orry sch�ttelte den Kopf. �Ich hatte keine Zeit dazu. Aber etwa eine Minute sp�ter� � er schwieg kurz �, �sah ich jede Einzelheit nochmals vor mir, und da hatte ich Angst.�</p><p>Je mehr Orry dar�ber nachdachte, desto mehr war er davon �berzeugt, da� er etwas Wesentliches �ber das Verhalten von M�nnern im Krieg herausgefunden hatte.</p><p>Einige N�chte sp�ter rollte sich George in seinem Zelt n�her an die schwache Laterne heran und drehte einen Bleistiftstumpf zwischen den Fingern hin und her. Wieder einmal schrieb er einen langen Brief an Constance; er schickte fast alle drei Tage einen. Er liebte sie so sehr, da� er so viele Erfahrungen wie m�glich mit ihr teilen wollte.</p><p>Einige der tiefsten Gef�hle lie� er jedoch nicht in die Briefe einflie�en. Seine Sehnsucht, mit ihr zusammen zu sein, hatte einen starken Ha� gegen den Krieg in ihm wachgerufen, eine Reaktion, die weit �ber das hinausging, was in Corpus Christi eine Art resigniertes Akzeptieren gewesen war.</p><p>W�hrend er sich �berlegte, was er als n�chstes schreiben sollte, kitzelte es ihn im Nacken. Blitzschnell und w�tend schnellte seine Hand hoch und t�tete das winzige Insekt. Dann schrieb er:</p><p>Jede Nacht feuern ein paar Heckensch�tzen einige Sch�sse ab, aber heute abend war es ruhig. Ich glaube langsam, da� dieses Land unser wahrer Feind ist. Der Wind bl�st f�rchterlich, und Augen und Haut sind st�ndig voller Flugsand. Wenn man sich in ein Zelt zur�ckzieht, kann man zwar diesem Problem f�r eine Weile aus dem Weg gehen, aber das garantiert keineswegs Ruhe oder Schlaf, denn wir Amerikaner haben noch eine andere Schlacht zu schlagen, von der unsre Vorgesetzten kein W�rtchen gesagt haben, n�mlich gegen die Armee der Fl�he und Insekten, mit denen diese K�ste bev�lkert ist.</p><p>Der kleine McClellan, einer meiner Klassenkameraden, der mit den Pionieren hier unten ist, hat eine neue Art der Verteidigung gegen diese infernalischen Biester erfunden. Jeden Abend schmiert er sich von Kopf bis Fu� mit gesalzenem Schweinefett ein und kriecht dann auf diese widerw�rtige Art und Weise besch�tzt in seinen Schlafsack, den er am Hals fest zubindet. Er sagt, es funktioniere hervorragend, aber ich bin noch nicht verzweifelt genug, um solche Ma�nahmen zu ergreifen.</p><p>George schrak durch einen Gewehrschu� auf. Ein Schrei. M�nner br�llten und rannten hinaus. Er lie� den Brief fallen, rannte los und stellte fest, da� ein in der N�he stehender Wachtposten von der Kugel eines Heckensch�tzen getroffen worden war.</p><p>Der junge Soldat lag auf der Seite, der obere Teil seines Gesichts wurde vom Laternenlicht erhellt. Das eine Auge war offen, der Blick starr. Der t�dliche Schu� hatte ihn mitten im R�cken getroffen.</p><p>Ein Sergeant k�mmerte sich um die Leiche. Der Mann hatte einer andern Kompanie angeh�rt, und George kannte ihn nicht. Ersch�ttert kehrte er in das Zelt zur�ck und hob den Brief auf. Er w�rde nichts davon schreiben. Er wollte weiterschreiben, mu�te jedoch aufh�ren, weil das Gesicht des Toten und die Erinnerung an Orrys knappes Davonkommen ihn nicht loslie�en. Erst f�nf Minuten sp�ter h�rten seine H�nde auf zu zittern, so da� er den Bleistift wieder in die Hand nehmen konnte.</p><p>Der vom Norden her wehende frische Wind verz�gerte das Ausladen von Scotts Artillerie, Munition und Lasttieren. Bis zum 22. M�rz fiel in Veracruz kein Schu�. Scott plante, die Stadt durch �langsames, wissenschaftliches Artilleriefeuer� einzunehmen.</p><p>Orry hatte bald darauf wieder Dienst. Auch als die Beschie�ung von Veracruz endlich begann, blieben die amerikanischen Soldaten unruhig und nerv�s. T�glich hatten sie unter dem Klima zu leiden, und nun konnten sie die ganze Nacht kein Auge schlie�en, weil die Mexikaner mit ihren infernalisch lauten Kanonen zur�ckschossen. Orry mu�te dauernd Streitereien schlichten und seine M�nner zur Disziplin rufen.</p><p>�berall begegneten George und Orry Bekannten von der Akademie. Zu Beginn des Kriegs hatten etwa f�nfhundert Absolventen von West Point berufsm��ig in der Armee gedient, und etwa ebensoviel waren einberufen worden, um das Kommando �ber Freiwilligen-Einheiten zu �bernehmen. Tom Jackson, der von Tag zu Tag ernster und in sich gekehrter schien, war in der Artillerie; Pickett, Bee und Sam Grant in der Infanterie. Viele andere, die die beiden Freunde oberfl�chlich kannten, waren ebenfalls dort. Die Tatsache, da� viele Offiziere aus West Point um sie herum waren, verlieh ihnen ein Sicherheitsgef�hl.</p><p>Am 24. M�rz wurden weitere Waffen von Admiral Matthew Perry geliefert. Am selben Tag mu�ten sich Orry und Hauptmann Place ins Hauptquartier der Brigade begeben, wo sie sich f�r eine Messerstecherei, die in Orrys Zug stattgefunden hatte, verantworten mu�ten. Die Befragung wurde nur routinem��ig durchgef�hrt, weil alle in Hochstimmung waren. Aufkl�rer teilten mit, da� die Bombardierung durch die Amerikaner der Stadt nun endlich erheblichen Schaden zuf�ge.</p><p>�Admiral Perrys Waffen haben uns gerettet�, knurrte Place, als er und Orry nach dem Verh�r das Zelt verlie�en. �Ich glaube, wir sind ihm zu Dank verpflichtet, auch ��</p><p>�Leutnant Main.�</p><p>�Ja, Sir.� Orry salutierte automatisch, obwohl er die Stimme nicht genau erkennen konnte. Als er sich umdrehte, erstarrte er.</p><p>Elkanah Bent gr��te l�ssig, fast sp�ttisch zur�ck. Ein verachtungsvoller Blick traf Orrys Arbeitskappe. Bent trug den formelleren <emphasis>chapeau bras</emphasis> nach dem Muster der franz�sischen Armee.</p><p>�Dachte ich doch, da� Sie es sind�, sagte Bent. �Man hat mir berichtet, da� Sie und Ihr Freund Hazard hier seien.�</p><p>Orry versuchte, unbek�mmert dreinzusehen.</p><p>�Sie sehen gut aus, Hauptmann.�</p><p>�In Anbetracht dessen, was ich letztes Jahr alles erlebt habe, f�hle ich mich au�erordentlich wohl. Ich habe geh�rt, da� Sie zu unseren wenigen Verletzten gez�hlt haben. Sie sind von der Kugel eines Heckensch�tzen angeschossen worden, nicht?�</p><p>�Ja, Sir. Am Abend, als wir landeten. Es war jedoch nichts Ernstes.�</p><p>�Das h�rt man gern.� Bents Gesichtsausdruck sagte genau das Gegenteil. �Nun, Leutnant, ich bin sicher, da� wir einander wieder begegnen werden. Vielleicht k�nnen wir dann Erinnerungen an unsere gemeinsame Zeit in West Point austauschen.�</p><p>Hauptmann Place runzelte die Stirn. Er sp�rte die Spannung. Aber nur Orry verstand Bents Bemerkung. Schauer liefen ihm �ber den R�cken, als Bent davonwatschelte. Er war immer noch dick und gef�hrlich.</p><p>�Haben Sie dieses Schwein in der Akademie gekannt?� fragte Place.</p><p>Orry nickte. �Er war eine Klasse �ber mir. Haben Sie mit ihm Dienst gemacht?�</p><p>�Nein, nie, Gott sei Dank. Aber allen ist Hauptmann Bent vom dritten Infanterieregiment ein Begriff. Sein Regimentskommandant, Oberst Hitchcock, verhehlt die Verachtung nicht, die er f�r ihn empfindet. Er sagt, da� Bent unter grenzenlosem Ehrgeiz leidet und wild entschlossen ist, die Erfolgsleiter emporzusteigen � notfalls �ber Leichen. Seien Sie dankbar, da� Sie nichts mehr mit ihm zu tun haben.�</p><p>Wenn das nur so w�re, dachte Orry, als sie davonmarschierten.</p><p>Die Verteidiger von Veracruz hielten Perrys Kanonen nicht lange stand. Sie kapitulierten am 29. M�rz, und am gleichen Tag wurden �berall in der Stadt die Sternenbanner hochgezogen.</p><p>Der Sieg hatte knapp hundert amerikanische Soldatenleben gefordert. George und Orry waren schockiert, als sie erfuhren, da� die Politiker zu Hause und auch ein Teil der �ffentlichkeit die geringe Anzahl von Toten bedauerten. �Sie messen den Sieg an der Anzahl Leichen�, sagte George, �und dann wundern sie sich, da� niemand in der Armee bleiben will.�</p><p>Scott war mit der Entwicklung des Kriegs zufrieden. Nachdem Taylor im Februar in Buena Vista einen �berraschenden Sieg errungen hatte, kam jetzt noch die Eroberung von Veracruz hinzu. Scott reorganisierte die Armee erneut f�r den Marsch auf die Hauptstadt.</p><p>Am 8. April begann Twiggs-Infanteriedivision ihren Vormarsch ins Landesinnere. General Worths Einheiten warteten auf den Befehl, zu Twiggs Unterst�tzung vorzur�cken, als ein Ger�cht umging, da� Santa Anna, der wieder einmal zum Pr�sidenten aufger�ckt war, erneut in Jalapa auf der Hauptstra�e Richtung Mexico City Stellung bezogen habe. Am 11. und 12. April stie�en Twiggs Einheiten mit feindlichen Aufkl�rertruppen zusammen. General Worth erhielt den Befehl, Twiggs im Dorf von Plan del Rio mit vereinten Kr�ften zu Hilfe zu eilen.</p><p>In den ersten Marschstunden fielen viele M�nner wegen der Hitze auf der Stra�e um. Orry, der beinahe auch ohnm�chtig wurde, riskierte eine Kritik seiner Vorgesetzten, als er zur�ckblieb, um einem stolpernden Soldaten wieder auf die Beine zu helfen.</p><p>Bis es Abend wurde, hatten vier M�nner in Orrys Zug Durchfall. In den anderen Z�gen ging es nicht besser. Die Gr�ben entlang der Stra�e stanken und wimmelten von gr�nen Fliegen. Doch Ruhr war nicht die einzige Krankheit, die sie zu bef�rchten hatten. Schon seit Wochen waren die Offiziere wegen der bevorstehenden Gelbfieber-Zeit beunruhigt gewesen, die jedes Jahr zahlreiche Menschenleben an der K�ste hinwegraffte. Scott hatte seine M�nner vor dem Ausbruch des Fiebers ins Hochland bringen wollen, und Twiggs Alarm bot ihm nun auch Gelegenheit dazu. Als sich ein Unteroffizier dar�ber beklagte, da� man so schnell so weit ging � es waren etwa sechzig Meilen �, sagte Orry rasch:</p><p>�Sobald wir bei General Twiggs sind, wird es Ihnen sehr viel bessergehen.�</p><p>�Besser? Wenn ich dauernd den Kugeln der Mexikaner ausweichen mu�! Bitte um Entschuldigung, Leutnant, aber das kann ich nicht glauben.�</p><p>�Aber es stimmt. Es ist weniger wahrscheinlich, da� Sie einer Kugel zum Opfer fallen, als dem <emphasis>vomito.�</emphasis></p><p>An jenem Abend stellte Orry beim Lagerfeuer fest, da� der Rauch in einen klaren, dunstfreien Himmel aufstieg. K�hlere Luft. Sie waren bereits �ber der Ebene, deren feuchthei�es Klima ihn an zu Hause erinnerte. Er machte den Unteroffizier auf die Ver�nderung aufmerksam, aber der Mann war nicht zu �berzeugen.</p><p>Sergeant Flicker kam. Er meldete, da� die Wachen gem�� Orrys Befehl auf Posten standen. Er kauerte am Feuer nieder, nahm einen Keks und pickte die Kornw�rmer heraus. Er bemerkte, da� die meisten Soldaten einen Kampf mit den Mexikanern w�nschten, es war zu lange ruhig gewesen. Dann sagte er:</p><p>��brigens Sir, ich habe noch nie Gelegenheit gehabt, Ihnen diese Frage zu stellen. Haben Sie mit den Se�oritas in Veracruz Kontakt gehabt?�</p><p>Orry war �ber seine Frechheit erstaunt. Wahrscheinlich ging Flicker davon aus, da� sein Dienstalter ihm gewisse Privilegien im Umgang mit Offizieren einr�umte. �Nein, Sergeant�, sagte er, �ich habe ein M�dchen zu Hause.� Eine passende, wenn auch schmerzhafte L�ge.</p><p>�Oh.� Flickers Gesichtsausdruck besagte, da� es ihm nicht klar war, weshalb das eine das andere ausschlie�en sollte. �Sehr angenehm, einige dieser Damen. Ich hatte nat�rlich das Pech, eines ihrer Etablissements in derselben Nacht zu besuchen wie der Hauptmann des dritten Regiments. Er benahm sich recht unsanft einem M�dchen gegen�ber, das er bezahlt hatte. Sie schrie f�rchterlich laut, und die Haupthure h�tte beinahe das Etablissement geschlossen.�</p><p>�Drittes sagten Sie? Wie war der Name des Hauptmanns?�</p><p>�Bent.�</p><p>Mit ruhiger Stimme: �Ich habe von ihm geh�rt.�</p><p>�Klar. Wer nicht. Schl�chter Bent nennen ihn seine Leute. Es war ein Skandal, was er in Monterrey getan hat.�</p><p>�Davon ist mir nichts bekannt.�</p><p>�Sie sind doch im vergangenen Herbst dort durchgekommen, nicht wahr? Sicher kennen Sie den Grundri� der Festung auf der Ostseite, das Black Fort mit der Redoute. Nun, Bent befand sich in der Kolonne von Garland, die am Black Fort vorbei vorw�rtsst�rmte. Es wurde ziemlich scharf geschossen. Als die Kolonne kehrtmachte, flog die linke Flanke der Redoute in die Luft. Die M�nner rannten los und wollten in den umliegenden Stra�en Schutz suchen, aber die waren nat�rlich auch nicht sicher. W�hrend einiger Minuten ging alles drunter und dr�ber. Der einzige Ausweg waren die Nebenstra�en, wo nicht so viele Mexikaner versteckt waren. Aber Schl�chter Bent war gegen diese rettende L�sung. Er beschlo�, ein Held zu sein und die Redoute zu st�rmen. Er sandte einen Zug los.�</p><p>�Haben sie sie eingenommen?�</p><p>�Nat�rlich nicht. Es war unm�glich. Bent verlor mehr als den halben Zug. Hinterher habe ich geh�rt, da� man mindestens zwei Mann mit Kugeln im R�cken gefunden hat.�</p><p>�Sie wollen sagen, da� sie erschossen wurden, als sie von der Redoute wegrannten?�</p><p>�Sie wurden erschossen, als sie vor Bent wegrannten.�</p><p>�Mein Gott, weshalb erstattet nicht jemand Meldung?�</p><p>�Er ist ein Arschkriecher, Leutnant. Und einigen der Leute, die f�r diese Armee hier verantwortlich sind, ist es v�llig egal, wie ein Mann zu seinen Ergebnissen kommt, Hauptsache, er l��t sie in Ruhe. Man sagt auch, da� Bent recht viele Freunde in Washington habe.�</p><p>Orry h�tte das best�tigen k�nnen, aber er unterlie� es.</p><p>�Niemand kann beweisen, da� er diese Leute erschossen hat�, fuhr Flicker fort. �Ich habe geh�rt, da� Bent mit dem Kriegsgericht gedroht hat, falls jemand Fragen zu dieser Operation stellen sollte. Das sagt Ihnen sicher einiges, oder nicht?�</p><p>Orry nickte. �Seine M�nner reden also nicht �ber ihn?�</p><p>�Mit Recht. Sie haben viel zuviel Angst. Gott wei�, wie viele er noch in den Tod schickt, bevor man ihn erwischt � oder bevor er zum Pr�sidenten gew�hlt wird, was eher wahrscheinlich ist. Verdammt, kann man uns kein anst�ndiges Essen geben!� Er lehnte sich vor und spie einen sich windenden Kornwurm ins Feuer.</p><p>Sp�ter stie� Orry auf die Kompanie von George. Er berichtete, was Sergeant Flicker ihm mitgeteilt hatte.</p><p>�Ich glaube jedes Wort davon�, sagte George. Sorgf�ltig setzte er einen Stein auf ein d�nnes, vollgekritzeltes Blatt Papier. Darunter befanden sich noch weitere acht oder zehn. Wieder ein Brief nach Texas, dachte Orry.</p><p>�Ich sag� dir eins, Stiel�, fuhr George fort. �Falls die Sterne je gegen mich sein sollten und ich unter Bents Kommando k�me, ich glaube, ich w�rde mich umbringen, bevor ich mich zum Dienst melden w�rde. �brigens: Ich habe eben erfahren, da� sich in unserem Artilleriebataillon in Veracruz einige Waffen befanden, die in Cold Springs geschmiedet wurden.� Und damit �berkam ihn die Begeisterung des Eisenherstellens.</p><p>In jener Nacht hatte Orry M�he mit Schlafen. Flickers Worte und Bents Augen lie�en ihn kaum zur Ruhe kommen.</p><p>Am Abend vor Cerro Gordo trank George eine Drittelflasche mexikanischen Wein, der von seinem Kompaniekommandant Enos Hoctor geschmuggelt worden war. George mochte Hauptmann Hoctor nicht besonders. Er war zu ernst und machte sich oft und gern lauthals und ausgiebig Sorgen um den Ruf von West Point.</p><p>George teilte Hoctors Sorgen nicht, aber er teilte gern den Wein mit ihm. Er hatte Orry auch einladen wollen, aber sein Freund wollte sich unbedingt nochmals in Scotts <emphasis>�Taktik der Infanterie�</emphasis> vertiefen. Der arme Orry, er konnte seine erste Schlacht nicht schnell genug erwarten. George w�rde sich gl�cklich sch�tzen, wenn ihm niemals eine feindliche Kugel um die Ohren pfiff!</p><p>Um ihren Marsch nach Mexico City fortsetzen zu k�nnen, mu�ten die Amerikaner die Festung von Cerro Gordo einnehmen. Auf dem Telegrafo, einem befestigten Gipfel, waren die mexikanischen Batterien in Stellung gebracht. Die Stra�e f�hrte in westlicher Richtung vom Camp der Amerikaner in Plan del Rio nach Cerro Gordo. Auch auf einem zweiten H�gel, dem Atalaya, waren feindliche Kanonen stationiert. Hauptmann Robert Lee von den Pioniertruppen hatte einen Maultierpfad entdeckt, der um die Nordflanke dieses H�gels herumf�hrte. Am fr�hen Vormittag des 17. April hatten amerikanische Scharfsch�tzen diesen Weg genommen und nach kurzer Zeit Atalaya eingenommen. Die Kanonen wurden jetzt in Position gestellt, um den Telegrafo unter Feuer zu nehmen.</p><p>Wenn morgen der Hauptangriff begann, fiel Twiggs� Division die Aufgabe zu, �ber die H�gel vorzusto�en und die mexikanische Flanke anzugreifen. Die Division Worth, in der sich George und Orry befanden, war bis zur Nationalstra�e vorw�rtsgest�rmt und stand dort bereit, falls Twiggs Verst�rkung brauchte. George glaubte aber, da� Orry einmal mehr entt�uscht sein w�rde, weil die Division vielleicht gar nicht in den Kampf eingreifen mu�te. Nachdem er Hoctors Wein getrunken hatte, fiel George m�helos in Schlaf.</p><p>Er war schon lange vor Sonnenaufgang aufgestanden, als ein Artillerieduell losging. Von der Stelle aus, an der er und seine M�nner warteten, konnte man nur Rauch und ein rotes Gl�hen sehen. Dann h�rte man Sch�sse, Trommeln und gelegentlich einen Schmerzensschrei. Georges M�nner warteten schweigend und blickten einander stumm an.</p><p>George hatte es schon vor langer Zeit aufgegeben, etwas �ber die Strategie der Schlacht, an der er sich beteiligte, in Erfahrung zu bringen. Er war nur ein kleiner Frontleutnant, ein R�dchen in einer Riesenmaschine. Abgesehen davon kam es ihm nur darauf an, seine Pflicht zu erf�llen und zu �berleben. Orry war anders. Er war von Strategie fasziniert, denn sie war das A und O einer milit�rischen Laufbahn. George konnte seinen Freund weiter vorne mit seinem Zug entdecken und hoffte, da� Orry etwas von dem gro�angelegten Plan mitbekommen w�rde.</p><p>Die Schlacht dauerte etwas mehr als drei Stunden. Um halb neun h�rte man wieder Trommeln, und die M�nner von Worths Division machten die �blichen nerv�sen Witze, als sie sich f�r den Marsch vorbereiteten. Sie hatten den Befehl erhalten, die geschlagene Armee der Mexikaner auf der Hauptstra�e zu verfolgen. Santa Anna hatte �ffentlich geschworen, da� er in Cerro Gordo entweder siegen oder sterben w�rde. Doch der Napoleon des Westens hatte schon oft seine Versprechen �berlebt. Als die Niederlage nahte und ihre Schatten warf, hatte sich Santa Anna � wie George sp�ter erfuhr � ein Pferd geholt und war davongaloppiert.</p><p>Bereits lagen von der Hitze aufgedunsene Leichen zu beiden Seiten der Hauptstra�e. Es waren meistens Mexikaner, aber es befanden sich auch einige amerikanische Dragoner unter ihnen. Vom Gestank, der vom toten Fleisch und den Darminhalten aufstieg, wurde George so �bel, da� er sich in einen Graben erbrechen mu�te. Er fragte sich, was Orry nun wohl von Glanz und Gloria des Kriegs hielt.</p><p>Tote Pferde, umgest�rzte Munitionswagen und andere Tr�mmer des R�ckzugs der Mexikaner erschwerten den Vormarsch zum La Joya-Pa�. Etwa zwei Meilen weiter oben auf der Pa�stra�e wurden sie pl�tzlich von einem felsigen H�gel �ber der Nordseite der Stra�e unter Feuer genommen.</p><p>�In Deckung!� schrie George und zog Pistole und S�bel. Der Befehl erwies sich als �berfl�ssig, denn seine M�nner hatten sich bereits nach rechts und links in den Stra�engraben geworfen. Mit Ausnahme von zweien waren alle dem Kugelhagel schnell genug ausgewichen.</p><p>Am Stra�enrand kauernd, sah George, wie sich der eine der M�nner noch bewegte. George blinzelte mehrere Male im wei�en Rauch, der von der H�gelseite her aufstieg, schluckte zweimal und kletterte dann den Graben hoch.</p><p>�Zur�ck, Leutnant�, rief ihm Hauptmann Hoctor von links zu. Aber George war schon halbwegs beim verwundeten Unteroffizier angelangt, hob ihn hoch und schleppte ihn durch den Kugelregen auf die Seite.</p><p>Er lie� den Verwundeten in den Graben nieder und sprang dann selbst hinein. Die amerikanische Artillerie er�ffnete das Feuer auf die versteckten Heckensch�tzen. Nach drei Salven h�rte man nur noch Schreie und St�hnen.</p><p>�Sie haben sich unn�tiger Gefahr ausgesetzt�, sagte Hoctor m�rrisch zu George, als Sanit�ter den Verwundeten auf einer Bahre davontrugen. �Ihre Pflicht ist es, bei Ihren M�nnern zu sein.�</p><p>�Tut mir leid, Sir�, gab George zur�ck, �ich glaube, ich habe meine Pflicht getan.�</p><p><emphasis>Gef�hlloser Hund,</emphasis> dachte er. <emphasis>Der Soldat ist ihm egal gewesen � und meine Panik auch.</emphasis> Wenn West Point viele von Hoctors Art hervorbrachte, so war seine Kritik durchaus berechtigt.</p><p>Am Abend verschaffte sich George ein Pferd und ritt zum Feldlazarett, um sich nach dem Unteroffizier zu erkundigen. Der junge Mann war in guter Stimmung und w�rde davonkommen. Auf der Pritsche neben ihm lag ein rotb�rtiger Sergeant, dessen Leib mit einer braungefleckten Bandage umwickelt war. Das bedeutete, da� er eine der gef�rchteten Magen- oder Darmverletzungen hatte. George h�rte, wie sich der Mann bei einer Ordonnanz �ber Bent beklagte.</p><p>�Entschuldigen Sie, Sergeant, reden Sie von Elkanah Bent?�</p><p>Der Mann wurde sofort argw�hnisch und fl�sterte mit schwacher Stimme: �Ist er ein Kamerad von Ihnen, Sir?�</p><p>�Genau das Gegenteil. Ich verachte den Hund.�</p><p>Der Sergeant kratzte sich im Bart. �berrascht und mi�trauisch schwieg er eine Weile, bis er schlie�lich davon �berzeugt war, da� er unbehelligt weiterreden konnte.</p><p>�Woher kennen Sie Schl�chter Bent?�</p><p>�Wir waren zusammen in West Point. Ich habe zusehen m�ssen, wie er ein halbes Dutzend Junioren fast umgebracht hat. Was haben Sie �ber ihn erz�hlt? Ist er tot?�</p><p>�Nein, leider nicht. Bent hat mich um meinen besten Zugf�hrer gebracht. Er hat Leutnant Cummins gegen eine Redoute auf dem Telegrafo, die nicht einmal von einer Brigade eingenommen werden konnte, geschickt. Nat�rlich blieb Bent wie immer gesch�tzt im Hintergrund. Ein Fehlschu� von unseren Kanonen auf dem Atalaya hat den Leutnant, seinen Trupp sowie eine betr�chtliche Anzahl Mexikaner in St�cke gerissen. Sp�ter f�hrte uns der Schl�chter durch den Rauch hinauf und befahl uns, die toten Mexikaner zehn Minuten lang mit dem S�bel zu traktieren.�</p><p>�O Gott�, keuchte George. Er sah Bents rundes, w�chsernes Gesicht fast vor sich; er war sicher, da� der Hauptmann w�hrend des Geschehens gel�chelt hatte.</p><p>Die Augen des Verwundeten gl�hten im Lampenlicht wie Feuer. �Was von Cummins �briggeblieben war, steckten sie in einen Sack. Aber Sie wissen ja, wer den Orden bekommen wird.�</p><p>�Sagen Sie, Sergeant, wenn Cummins wu�te, da� der Angriff selbstm�rderisch war � �</p><p>�Nat�rlich wu�te er das. Wir alle haben es gewu�t.�</p><p>�Was ich wissen m�chte: Hat er den Befehl in Frage gestellt?�</p><p>�Nein, das konnte er nicht.�</p><p>�Hat es sonst jemand getan?�</p><p>�Der Zugf�hrer. Er ist � er war ein z�her, alter Knabe; Offiziere beeindruckten ihn nicht so schnell, besonders nicht diejenigen von der Akademie.� Er hustete verlegen. �Ich will Sie keineswegs beleidigen, Sir.�</p><p>�Tun Sie nicht. Weiter.�</p><p>�Der Sergeant hat kein Blatt vor den Mund genommen. Er sagte geradeheraus, da� es glatter Mord sei, M�nner gegen die Redoute zu schicken.�</p><p>�Wie reagierte Bent?�</p><p>�Er steckte den Sergeanten auch in die Angriffstruppe.�</p><p>�Und Cummins sagte immer noch nichts?�</p><p>�Weil er ein guter Offizier war! Und weil er � wie ich annehme � nicht eine von Bents Kugeln im R�cken haben wollte. In Monterrey � �</p><p>�Ja, ich habe davon geh�rt. Ich habe den Eindruck, wenn Bent so weitermacht, wird er von seinen eigenen M�nnern umgebracht werden.�</p><p>Der Sergeant sagte mit schwacher, aber pl�tzlich eiskalter Stimme: �Nicht, wenn ich ihn zuerst erwische.�</p><p>�Erwische? Wie?�</p><p>�Sobald ich wieder auf den F��en bin, gehe ich zum Divisionsvorgesetzten und erz�hle die ganze Geschichte. Wenn es in dieser verdammten Armee noch Gerechtigkeit gibt, dann wird Schl�chter Bent verurteilt und entlassen werden.�</p><p>�Sie wollen also Bent eines Vergehens anklagen?�</p><p>�Ich werde es auf jeden Fall � � er hustete erneut und hatte offensichtlich gro�e Schmerzen dabei, �ich werde es todsicher versuchen.�</p><p>�Aber wenn Sie der einzige sind, der Klage erhebt?�</p><p>�Werde ich nichts ausrichten. Ist es das, was Sie sagen wollen?�</p><p>George nickte.</p><p>�Nun, ich werde nicht allein sein. Ich habe Zeugen vom Zug, ein halbes Dutzend, vielleicht mehr.�</p><p>�Sind alle bereit, eine Zeugenaussage zu machen?�</p><p>�Sie sind alle hier gewesen und haben es mir gesagt.�</p><p>�Sind Offiziere dabei?�</p><p>�Nein, Sir.�</p><p>�Schade. Es w�rde der Anklage mehr Gewicht verleihen.� Erst nachdem George das gesagt hatte, bemerkte er den intensiven Blick des Sergeanten.</p><p>�Ja, das stimmt, Sir. W�rden Sie helfen? W�rden Sie �ber das aussagen, was Sie von Bent wissen? Ich nehme an, Sie halten nicht viel von ihm?�</p><p>�Nein, aber ��</p><p>�Er mu� bestraft werden. Er mu� aufh�ren. Helfen Sie mir, Sir. Bitte.�</p><p>George holte tief Luft. Er war beinahe erstaunt, als er sich sagen h�rte:</p><p>�Einverstanden, ich werde tun, was ich tun kann.�</p><p>Sp�ter am selben Abend stie� er auf Orry mit seinem Zug. Er nahm ihn beiseite und erz�hlte ihm von seiner Unterredung mit dem rotb�rtigen Sergeanten, dessen Namen er am Schlu� erfahren hatte: Lennard Arnesen.</p><p>Als George zu Ende geredet hatte, sch�ttelte Orry den Kopf. George wurde zornig. �Glaubst du Arnesens Geschichte nicht?�</p><p>�Doch, nat�rlich. Aber ich kann mir nicht vorstellen, da� du dich in so was hineinziehen l��t.�</p><p>George ging in die Hocke und versuchte sich unter dem rechten Hosenbein zu kratzen. Er entdeckte eine Zecke und ri� sie los. �Ich kann es selbst kaum glauben. Hazard, der Experte f�r Selbsterhaltung, war drauf und dran, Arnesen im Stich zu lassen. Aber dann hab� ich mich an all das erinnert, was das fette Schwein in West Point angerichtet hat, und ich habe mir gesagt, wenn unsre M�nner erschossen werden, dann sollten die Mexikaner daf�r verantwortlich sein, nicht unsre eigenen Offiziere.�</p><p>�Was willst du tun?�</p><p>�Erst einmal will ich mit meinem Hauptmann reden und ihm sagen, da� ich die Absicht habe, Arnesen zu unterst�tzen. Ich kann nicht bezeugen, was in Arnesens Trupp vorgefallen ist, aber ich kann auf jeden Fall Ma�gebliches zu Bents Charakter und Vergangenheit sagen. Wie der Sergeant sagte � wenn es irgendeine Gerechtigkeit in der Armee gibt, dann wird der Divisionsstab auf uns h�ren. Nat�rlich�, � er schaute Orry fest in die Augen � �w�ren zwei Offiziere �berzeugender als einer.�</p><p>�Ich hatte das Gef�hl, da� du mich darum bitten w�rdest.�</p><p>�Bist du einverstanden?�</p><p>Ohne zu z�gern sagte Orry ja. Er g�hnte. �Aber nicht mehr heute abend.�</p><p>�Ich bin schockiert�, sagte Hauptmann Hoctor. �Nein, schlimmer, ich bin entsetzt.�</p><p>George warf Orry, der neben ihm stand, einen Blick zu, erfreut dar�ber, da� seine einleitenden Worte eine solch heftige Reaktion hervorgerufen hatten. �Es macht mir Mut, da� Sie das sagen, Sir�, fuhr er fort, �Bents Verhalten ist wirklich � �</p><p>�Ich habe nicht von Hauptmann Bents Verhalten gesprochen, sondern ich meinte Sie. Ehrlich gesagt, ich kann es nicht glauben, da� ein Akademieabsolvent die F�higkeiten, die Motive, die Eignung eines andern Akademiemitglieds anfechten kann. Hat �berdies nie jemand den beiden Herren gesagt, da� man von einem Kommandanten <emphasis>erwartet,</emphasis> da� er seine M�nner gegen feindliche Stellungen schickt, egal wie gesichert sie auch immer sein m�gen und ungeachtet der Umst�nde?�</p><p>George schwindelte. �Ja, nat�rlich, Sir. Und oberfl�chlich betrachtet hat Hauptmann Bent ja auch nichts anderes getan. Aber da gibt es noch andere Aspekte, die es zu ber�cksichtigen gilt. Sein Charakter, seine � �</p><p>�Seine Vergangenheit�, warf Orry ein. �Mu� man die Anklage nicht auch in diesem Licht betrachten?�</p><p>Hoctors Blick war vernichtend. �Ich habe noch nie eine Vorschrift in diesem Sinn gelesen, Leutnant. Mein Standpunkt ist klar: Ich kann es nicht fassen, da� Sie, Gentlemen, sich zu einer solch unmoralischen Anklage hinrei�en lassen k�nnen, wenn doch der gute Ruf der Akademie � vielleicht sogar ihr Fortbestehen � davon abh�ngt, was die �ffentlichkeit � und auch das Parlament � von ihren Absolventen h�lt.�</p><p>Mit m�hsam beherrschter Stimme sagte George: �Sir, darf ich untert�nigst fragen, was die Angelegenheit mit der Akademie zu tun hat? Sergeant Arnesen wird darauf schw�ren, da� Hauptmann Bent beinahe Mord begangen hat. Der Zugf�hrer von Bent hat den Befehl in Frage gestellt, und deswegen hat ihn Bent auch in den Tod geschickt. Der Sergeant hat Zeugen, die bereit sind � �</p><p>�Das wissen wir alles schon, Leutnant.� Der Ton des Hauptmanns war schneidend.</p><p>�Entschuldigen Sie, Sir.� Er griff nach seinem Kragen. �Aber ich bin sicher, da� es triftige Gr�nde <emphasis>f�r</emphasis> die Anklage gibt und da� ein Verschulden vorliegt. Leutnant Main und ich sind bereit, weitere Informationen zu liefern. Es gibt vieles zu sagen. Sicher haben Sie von Monterrey geh�rt � �</p><p>�Nat�rlich. Tapfere Offiziere sind seit jeher die Zielscheibe der weniger Tapferen gewesen.� Hoctors Gesichtsausdruck lie� durchblicken, da� er George zur letzten Kategorie z�hlte.</p><p>�Mit Verlaub, Sir�, sagte Orry, �ich glaube, hier mu� man unterscheiden. Nehmen Sie Hauptmann Lee als Beispiel. Es ist mir nicht bekannt, da� auch nur ein einziger Offizier oder Soldat seinen Mut je bezweifelt h�tte. Er hat in Cerro Gordo seine Tapferkeit durch einen pers�nlichen Einsatz bewiesen und nicht dadurch, da� er gute Soldaten einer hoffnungslosen Situation ausgesetzt h�tte. Bent hingegen � �</p><p>�Genug�, unterbrach ihn Hauptmann Hoctor. �Sie haben beide Ihren Standpunkt dargelegt. Ich m�chte Ihnen eine Frage stellen.� Seine Stimme war jetzt bedrohlich. �Haben Sie wirklich die Absicht, diese Angelegenheit auf formellem Weg weiterzuleiten?�</p><p>George z�gerte keine Sekunde. �Ja, Sir.� Orry schlo� sich ihm an. �Ich nehme an, Sir�, f�gte George hinzu, �da� Sie meinen Bericht an die Division erhalten und weiterleiten werden.�</p><p>Hoctors Augen gl�hten. Mit gef�hrlich leiser Stimme sagte er: �Im Gegensatz zu dem, was ich Ihren Worten und Ihrem Benehmen entnehmen darf, bin ich ein Ehrenmann.�</p><p>�Sir, ich habe niemals sagen wollen � �</p><p>�Gestatten Sie mir, da� ich zu Ende rede. Nat�rlich werde ich Ihren Bericht nicht zur�ckhalten oder begraben, das w�re gegen meine Pflicht als Offizier. Das bedeutet jedoch nicht, da� ich mit Ihrem Vorgehen einverstanden bin. Ich verabscheue es. Wenn wir uns nun dar�ber einig sind � hinaus mit Ihnen.�</p><p>In dem Gef�hl, einen Sieg � wenn auch einen gef�hrlichen � errungen zu haben, kehrte George an diesem Abend ins Lazarett zur�ck, um Sergeant Arnesen zu informieren. Als er am Fu�ende des Betts stand, starrte er bl�d vor sich hin: An Arnesens Stelle lag ein blonder junger Mann.</p><p>George drehte sich der Magen um. Er kehrte sich abrupt um und suchte Arnesen fieberhaft im Halbdunkel, dort wo andere M�nner st�hnten. Eine Ordonnanz eilte mit einer �belriechenden Sch�ssel vorbei.</p><p>�Sergeant Arnesen? Er ist gestern abend auf dem Operationstisch gestorben. Den meisten ergeht es so, wenn sie unters Messer kommen.�</p><p>Der blonde Soldat beobachtete sie mit erstaunten, umnebelten Augen. Die Ordonnanz eilte davon. George konnte nur eines denken: <emphasis>Er hat mir die Namen der andern Zeugen nicht gesagt.</emphasis></p><p>Obschon ihm nicht wohl dabei war, ging George zu Hauptmann Hoctor zur�ck, um ihm den neuesten Stand der Dinge mitzuteilen und ihm zu sagen, da� er immer noch die Absicht habe, einen Bericht abzufassen.</p><p>�Sind Sie ganz von Sinnen, Leutnant? Das beste Beweisst�ck im Zusammenhang mit dem Tod dieses Leutnant Cummins ist pures Ger�cht, und jetzt k�nnen Sie nicht einmal sagen, woher es kommt! Der Sergeant ist tot, Sie kennen die sogenannten Zeugen nicht � lassen Sie die Sache fallen.�</p><p>�Ich k�nnte mich erkundigen und versuchen, die Namen der � �</p><p>�Tun Sie das, aber ohne meine Hilfe. Sie sind schon weit genug gegangen. Zu weit, wenn Sie mich fragen.�</p><p>Es war mehr als klar, worauf er hinauswollte. Beharrte George auf seinem Bericht, so w�rde die Sache nicht weitergeleitet, sondern als Akte verstauben oder vielleicht sogar vernichtet werden. Aber sein Gewissen trieb ihn dazu an, noch einen letzten Versuch zu wagen.</p><p>�Sir, Hauptmann Bent ist ein eher labiler Mensch. Er hat einen Fehler begangen, er ist gef�hrlich, und er sollte aus der Armee ent��</p><p>Hoctor fuhr auf. �Ich will nichts mehr davon h�ren. Auch wenn in Ihren Aussagen ein K�rnchen Wahrheit steckt, so glauben Sie doch wohl nicht allen Ernstes, da� Bent der einzige schlechte Offizier � oder gar der schlechteste � der Armee ist? Haben Sie nicht geh�rt, was man alles dem miesen Gideon Pillow vorwirft? Hauptmann Bent ist zumindest ein Absolvent der Akademie, genau wie Sie und Ihr Freund Main. Wei� Gott, weshalb Sie diesen gemeinsamen Nenner nicht sehen k�nnen oder die Verantwortung, die Sie beide damit �bernommen haben. Aber ich hoffe, da� Sie und Leutnant Main, Ihrer Karriere zuliebe, dies demn�chst einsehen werden. Entlassen.�</p><p>�Hauptmann Hoctor � �</p><p>Hoctors Gesicht wurde puterrot. <emphasis>�Entlassen!�</emphasis></p><p>Gedem�tigt ging George hinaus.</p><p>�Nun, das ist keine sch�ne Lektion�, sagte Orry, als sein Freund ihm den Sachverhalt mitteilte. �West Point protegiert die eigenen Leute. Ich nehme an, wir h�tten das bereits beim ersten Mal Hoctors Worten entnehmen k�nnen.� Er seufzte. �Wenigstens wird Bent nicht erfahren, da� wir versucht haben, ihn seiner Lorbeeren zu berauben und ihm einen Strick zu drehen.�</p><p>�Meinst du? Ich habe Hoctor erz�rnt. In seinen Augen sind wir es, die gef�hrlich sind. Ich mache jede Wette, da� Hauptmann Schl�chter Bent demn�chst genauestens �ber unser Vorhaben informiert sein wird. Verdammt, ich bin sicher, da� Hoctor es ihm sagen wird. Schlie�lich� � George zog eine Grimasse �, �protegiert West Point seinesgleichen.�</p><p>Als es Orry langsam d�mmerte, konnte er kein Wort sagen.</p><p>Bald darauf schrieb George wieder einen Brief an Constance. Der Brief begann folgenderma�en:</p><p>Noch nie bin ich so ersch�pft gewesen, obwohl ich glaube, da� das nicht nur auf mangelnden Schlaf, sondern auch auf meine Abneigung diesem Krieg gegen�ber zur�ckzuf�hren ist. Tod, Unrecht, Dreck, ewige Angst � eine Armee von Scharlatanen, Angsthasen, politischen Proteges und Opfern � es gibt immer Opfer, die an Stelle der andern geschlachtet werden �, das ist der Glanz, von dem Orry sich hat verf�hren lassen. Wann wird er entdecken, da� der �Glanz� nur eine schlecht aufgetragene Goldschicht ist, die die darunterliegende F�ulnis �bert�nchen soll? Ich hoffe um seinetwillen, da� die Augen ihm aufgehen, bevor er sein Leben in den Dienst der Armee stellt. Doch in letzter Zeit, Liebes, bin ich manchmal sogar zu m�de, um mir �ber das Schicksal meines besten Freundes Gedanken zu machen.</p><p>Was mir hilft, die Tage und N�chte durchzustehen, was mich wie sonst nichts aufrechterh�lt, ist der Gedanke daran, da� wir eines Tages vereint sein werden und keine geringere Angst vor uns haben werden als diejenige vor den Schicksalsschl�gen eines Lebens zu zweit. Ich bin kein tief religi�ser Mensch, aber ich habe mich in der letzten Zeit oft dabei ertappt, da� ich f�r diese Vereinigung bete. Man sagt, da� auf dem Schlachtfeld viele zu Gott bekehrt werden, und langsam beginne ich das endlich zu verstehen.</p><p>Die Lage, �ber die ich schreibe, wurde noch dadurch verschlimmert, da� es mir neulich nicht gelungen ist, in einer ungerechten Situation Abhilfe zu schaffen. Ich habe es zwar versucht, aber �</p><p>Pl�tzlich las er alles, was er geschrieben hatte, nochmals durch. Angewidert stellte er fest, da� er in seinem grimmigen Gedankengang nur �ber sich selbst geschrieben hatte. Er hatte Schl�ge daf�r verdient, da� er ihr noch mehr Sorgen aufhalsen wollte. Er nahm den angefangenen Brief und zerkn�llte ihn. Es war der einzige, der niemals aus Mexiko abgeschickt wurde.</p><p><strong>13</strong></p><p>Eine Granate pfiff �ber die Hauptstra�e, die nach Churubusco f�hrte. Die mexikanischen Sch�tzen im Kloster San Mateo waren dabei, sich einzuschie�en. Genau wie diejenigen auf der befestigten Br�cke �ber den Rio Churubusco auf der Stra�e nach Mexico City. Den S�bel in der Rechten, die Pistole in der Linken kauerte Orry im sumpfigen Kornfeld neben der Stra�e. Er duckte sich in Erwartung der Explosion. Die Ersch�tterung warf ihn beinahe um.</p><p>Links von ihm scho� eine Font�ne aus dem nassen Feld: Getreidehalme, blutige K�pfe und Glieder wirbelten durcheinander. Es war am fr�hen Nachmittag des 20. August. Orry hatte seit fast drei Stunden schwer gek�mpft und geglaubt, da� er den gewaltsamen Tod nun gleichg�ltig mitansehen k�nne. Doch das Verschwinden eines ganzen Trupps, als die Kanonenkugel einschlug, belehrte ihn eines Besseren. Er w�rgte, als die �berreste menschlicher K�rper zur�ck auf die Erde fielen.</p><p>Der Rauch brannte in seinen Augen, und er konnte die Turmspitzen der mexikanischen Hauptstadt und den schneebedeckten Gipfel des Popocatepetl kaum noch erkennen. Er schaute sich nach vertrauten Gesichtern um, konnte jedoch keines entdecken.</p><p>Von der Hauptstra�e her h�rte er heisere Kommandorufe; man versuchte die Division Worth wieder zu sammeln. Nachdem sie die Garnison von San Antonio besiegt und in die Flucht geschlagen hatten, waren Worths Soldaten in Richtung Churubusco vorw�rtsgest�rmt, hatten dann aber von der Stra�e weg in Kornfelder fl�chten m�ssen, als der m�rderische Beschu� vom Kloster und von der Br�cke her losbrach.</p><p>Eine untersetzte Gestalt sch�lte sich mit zusammengebissenen Z�hnen und einem unter der Dreckschicht kaum erkennbaren Gesicht aus dem Rauch heraus. Orry brach in ein wildes, rauhes Lachen aus und gestikulierte wie verr�ckt mit den Armen.</p><p>�George, George, hierher.�</p><p>George taumelte auf ihn zu. Soldaten und Offiziere rannten kreuz und quer an ihnen vorbei. �Ich hab� die Soldaten aus den Augen verloren�, keuchte Orry.</p><p>�Ich hab� alle meine M�nner verloren�, schrie George zur�ck. �Als das Kreuzfeuer losging, schien sich die ganze Division f�rmlich aufzul�sen, aber dann sah ich, wie Hauptmann Smith vom F�nften auf die Stra�e rannte, um die Truppe wieder � Himmel. <emphasis>In Deckung!�</emphasis></p><p>Er stie� Orry mit dem Gesicht in den Schlamm. Orry schluckte und schluckte, aber das war immer noch besser, als von den explodierenden Kart�tschen zerfetzt zu werden.</p><p>Sie warteten darauf, da� das Artilleriefeuer nachlassen w�rde; dann rannten sie geb�ckt nebeneinander Richtung Hauptstra�e. Der Kugelregen von der Br�cke und aus dem Kloster lie� keine Sekunde nach. George sammelte unterwegs acht seiner M�nner ein. Sie waren verwirrt und ver�ngstigt.</p><p>Unter Georges F�hrung kletterten sie die B�schung bei einer Kreuzung zu einigen Lehmh�tten hinauf. Die W�nde waren von amerikanischen und mexikanischen Kugeln durchsiebt, und zwei D�cher brannten lichterloh. �berall schrien Offiziere wild durcheinander und versuchten, die Truppen mit den noch kampff�higen M�nnern neu zu formieren. Orry sah unbekannte Gesichter und die Abzeichen von Einheiten, die nicht zu diesem Schlachtfeld geh�rten.</p><p>Er �bernahm den Befehl der andern Offiziere: �Formiert euch zu Gruppen!� schrie er, indem er die herumrennenden M�nner packte und in eine Reihe am Stra�enrand stellte. Es gelang ihm, etwa zwanzig zusammenzubringen, aber die H�lfte machte sich wieder davon. George bedrohte die andern mit der Pistole.</p><p>�Ich erschie�e den n�chsten, der ausrei�t.�</p><p>Dies beeindruckte sie w�hrend etwa drei�ig Sekunden, dann tauchte die ganze Gruppe in den Stra�engraben. Eine Granate ri� ein riesiges Loch auf.</p><p>Orry versuchte erneut, im Dreck- und Tr�mmerregen die B�schung hinaufzuklettern. Er bemerkte, da� sein Fu� pl�tzlich in etwas Nassem steckenblieb. <emphasis>Ich dachte, das Wasser sei nur im Kornfeld.</emphasis> Er blickte zu Boden. Sein Fu� stak in der roten warmen H�hle von etwas, das einmal ein Magen gewesen war. Er schreckte zur�ck und w�rgte erneut, aber sein Magen war schon leer.</p><p>Jemand rempelte ihn von hinten an. Er fluchte und merkte dann, da� es George war, der ihn von der Leiche weglotsen wollte. Sie gelangten wieder auf die Stra�e und versuchten, ihren Trupp neu zu formieren. Vier Mann waren umgekommen.</p><p>Pl�tzlich st�rmten uniformierte M�nner von der befestigten Br�cke her. Es waren Amerikaner. �Wir sind zur�ckgeschlagen worden�, schrien sie und rannten an ihnen vorbei.</p><p>Durch den Rauch sah Orry eine Gestalt von links auf sich zukommen: �Vielleicht t�ten wir besser daran, herauszufinden, ob das stimmt, meine Herren.�</p><p>Orrys Unterkiefer fiel herunter. Auch George war wie versteinert. Dreckig, zerzaust und schwei�triefend stand Elkanah Bent mit gezogenem S�bel und Pistole vor ihnen. Orry war nun todsicher, da� der Mann verr�ckt war, als er sah, wie Bent inmitten dieser Feuerh�lle l�chelte. <emphasis>L�chelte.</emphasis></p><p>Bent zeigte wild auf den vorbeihastenden Trupp: �Leutnant Main, gehen Sie mit diesen M�nnern und erstatten Sie mir Bericht �ber die Lage am Flu�.� Sein verschlagener Blick fiel auf George: �Gehen Sie mit, Leutnant Hazard.�</p><p>�Gott im Himmel, Bent, wissen Sie eigentlich, was Sie da sagen? Es ist ausgeschlossen, da� ein Trupp weit genug die Stra�e hinunterkommt, um � �</p><p>Bent entsicherte den Revolver und richtete ihn auf George. Es rannten immer noch M�nner an ihnen vorbei, starrten sie an, blieben jedoch nicht stehen, um sich nach dem Grund f�r dieses merkw�rdige Schauspiel zu erkundigen. Es erweckte den Anschein, als ob der fette Hauptmann zwei feige Untergebene zur Ordnung rufen w�rde.</p><p>Orry umklammerte den Griff seines S�bels. Er k�mpfte gegen den Impuls, Bent zu durchbohren und damit sein eigenes Leben zu verlieren. Bent sp�rte es und richtete seinen Revolver nun auf Orry.</p><p>George legte seine Hand auf den Arm seines Freundes. Beiden war klar, da� Bent keine Sekunde z�gern w�rde, sie in den Tod zu schicken. George blinzelte Orry zu und machte eine schnelle Kopfbewegung in Richtung Br�cke, als wollte er sagen: <emphasis>So haben wir wenigstens eine Chance, hier sind wir verloren.</emphasis></p><p>Sie standen eng nebeneinander, kehrten dem fetten Hauptmann den R�cken zu und beobachteten die Hauptstra�e. Etwa eine Viertelmeile jenseits der Kreuzung standen zwei weitere, offensichtlich verlassene H�tten. �Komm, la� uns dahin gehen�, fl�sterte George. �Wenn wir einmal dort in Deckung sind, kann er uns nichts mehr anhaben. Dann werden wir sehen, was wir als n�chstes tun k�nnen.� Einen kurzen Augenblick lang lie� sich Orry von seinem Ha� �berw�ltigen. �Ich werde ihn umbringen.� Er wiederholte dies zweimal mit monotoner Stimme. George packte seinen Freund so hart er nur konnte am Arm.</p><p>Orry stie� einen kurzen Schmerzenslaut aus, sch�ttelte den Kopf und fa�te sich wieder. George erteilte den Befehl, vorw�rtszust�rmen. Orry schlo� sich stolpernd den andern an. Sie waren noch keine zehn Schritt weit gekommen, als in einer der beiden H�tten eine Fensterscheibe in Br�che ging und ein Gewehrlauf auf sie gerichtet wurde. Die T�r flog auf, und drei weitere Musketen wurden sichtbar. Noch bevor sie sich von ihrer �berraschung erholt hatten, fielen zwei der M�nner knapp neben Orry tot um. George schrie seinen M�nnern zu, sich in den Graben zu werfen. George wurde pl�tzlich von einer unb�ndigen Wut gepackt. Er blickte zur�ck und sah, wie Elkanah Bent auf einen Major des berittenen Sch�tzenbataillons einredete. Der Himmel wu�te, wie der Major und sein Pferd sich in dieses Fleckchen H�lle hatten verirren k�nnen. Dieselben Gef�hle, die vorhin Orry �bermannt hatten, �berw�ltigten nun auch ihn, und er rannte los. Er war zum �u�ersten entschlossen. Ungeachtet aller m�glichen Folgen w�rde er Bent auf der Stelle umbringen.</p><p>Ein Schrei stoppte ihn. Es h�rte sich an, als ob es Orry gewesen w�re, und hatte etwas Entsetzliches an sich. George sp�hte durch den Rauch, als das Schreien sich zu einem Crescendo steigerte.</p><p>Es war kein Schmerzensschrei, sondern ein Wutgebr�ll. Orry rannte die Stra�e hinunter, wild den S�bel schwingend. Die Mexikaner, die sich in der H�tte versteckt hatten, schienen so fassungslos, da� keiner auf die ihnen entgegenrennende Gestalt scho�. Als ihnen klarwurde, da� sie dies tun sollten, stand Orry kurz vor der T�r.</p><p>Die erste Kugel verfehlte ihn, mit der zweiten flog ihm die M�tze vom Kopf. Er war an der T�r angelangt, stie� sie auf und sprang immer noch br�llend und s�belschwingend in die Dunkelheit hinein.</p><p>George sah, wie Bent und der berittene Offizier die Szene mit erstaunten Gesichtern betrachteten. Aus der H�tte h�rte man Schreie. Vielleicht war es Orry. George duckte sich und rannte seinem Freund zu Hilfe.</p><p>Drei der M�nner, die er um sich geschart hatte, kletterten die Stra�enb�schung hinauf und folgten ihm. In Georges N�he schlug eine Granate ein. Er schlo� die Augen, um sich gegen den auffliegenden Schmutz zu sch�tzen, wich nach rechts aus und rannte weiter. Man h�rte immer noch Schreie; die H�tte schien ein Schlachthaus zu sein.</p><p>Pl�tzlich st�rzten zwei Mexikaner in zerlumpten Uniformen aus der H�tte, und zwei weitere suchten durch ein Fenster das Weite. Orry tauchte mit tropfendem S�bel im T�rrahmen auf. Er hielt etwas in seiner linken Hand � ein St�ck eines Menschen �, das er mitleidvoll versteckte, bevor George es erkennen konnte. Die Soldaten gingen mit gesenkten Bajonetten auf die Mexikaner los. George rannte seinem Freund entgegen, doch bevor er irgend etwas rufen konnte, h�rte er ein scharfes Zischen. Er gestikulierte wild. �Orry, raus h��</p><p>Die Granate schlug ein, die H�tte flog in tausend St�cke. Schmutz und Tr�mmer entluden sich in einer pilzartigen Wolke. George blinzelte, w�rgte und sp�rte einen Schmerz in seiner Brust. Er lag auf der Stra�e und konnte sich nicht einmal mehr daran erinnern, wie er sich hingeworfen hatte. Es mu�te die Druckwelle der Explosion gewesen sein. Doch wo war sein Freund? Er konnte Orry nirgends entdecken. Er krabbelte auf die F��e und erblickte an der Stelle, wo fr�her die H�tte gestanden hatte, einen Tr�mmerhaufen. Der Rauch l�ste sich langsam auf. Hinter ihm h�rte er Offiziere schreien � Bent war unter ihnen �, als sie erneut versuchten, die im Kornfeld herumirrenden M�nner zu einem Trupp zu formieren. Pl�tzlich bemerkte George etwas zwischen den Tr�mmern. Er sch�ttelte den Kopf, als wolle er eine Fliege verscheuchen. Er wollte und konnte seinen Augen nicht trauen. Er rannte los.</p><p>Neben geborstenen Mauerst�cken lagen die linke Hand und der halbe Unterarm eines Menschen. Der Stoff um den Unterarm herum war zerrissen und versengt. Er fand Orry ausgestreckt daneben liegen � dem Verbluten nahe.</p><p>Die folgenden vier oder f�nf Minuten waren George nicht im Ged�chtnis haften geblieben. Sp�ter wurde ihm klar, da� er den Anblick niemals h�tte ertragen oder das N�tige h�tte tun k�nnen, wenn er auch nur eine Sekunde nachgedacht h�tte. Indem er sich des Schreckens nicht bewu�t wurde, war er zum Handeln f�hig.</p><p>Er erinnerte sich zwar, da� er neben seinem Freund niedergekniet war und ihm immer wieder die Worte �du darfst nicht sterben� zugefl�stert hatte, aber er konnte sich �berhaupt nicht mehr daran erinnern, da� er Orry mit einem Fetzen seiner Uniform und unter Zuhilfenahme seiner Pistole den Armstummel abgeschn�rt hatte.</p><p>Er hatte den verwundeten Freund �ber seine Schulter gelegt und stolperte mit ihm vorw�rts. Er h�tte nicht sagen k�nnen, ob Orry immer noch atmete. Vielleicht war er dabei, eine Leiche zu retten, aber er wagte nicht, dar�ber nachzudenken. Mit ungeahnter Kraft beschleunigte er seinen Schritt, bis er schlie�lich rannte.</p><p>Der Major galoppierte an ihnen vorbei und versuchte s�belschwingend, die M�nner um sich zu sammeln. Dann tauchte Bent auf, keuchend, aber in sicherer Begleitung mehrerer Soldaten. George warf dem Hauptmann einen vernichtenden Blick zu. Georges Gesicht war schwarz, die Augen stachen merkw�rdig hell hervor. Auch wenn Bent die Erscheinung mit dem �ber der Schulter liegenden K�rper erkannt hatte, so lie� er sich nichts anmerken.</p><p>Die Soldaten verschwanden auf der Stra�e nach Mexico City. George ging weiter in die andere Richtung; die Anstrengung trieb ihm Schwei� und Tr�nen in die Augen. Seine Brust schmerzte. Wenige Minuten sp�ter sah er am Stra�enrand ein Pferdefuhrwerk, auf dem Verletzte lagen.</p><p>Ein Sanit�ter untersuchte Orry fl�chtig. �Helft mir, ihn hineinzuheben.� Auf die Anweisung des Sanit�ters hin wendete der Fuhrmann rasch und trieb die Pferde an. George wurde hin- und hergesch�ttelt. Er st�tzte sich mit den Handfl�chen gegen die Wand, um nicht gegen seinen Freund zu fallen.</p><p>�Um Himmels willen, ihr bringt ihn noch um�, protestierte er, �langsamer!�</p><p>�Wollen Sie ihn lebend und verletzt oder tot?� rief der Sanit�ter. �Seine einzige Hoffnung ist der Chirurg. Halten Sie�s Maul und k�mmern Sie sich um ihn.�</p><p>George pre�te die Augen zusammen, um wieder klar zu sehen. Er starrte auf seinen Freund. Orrys Kopf schlug gegen die schmutzige Wolldecke, die auf dem Boden des Gef�hrts ausgebreitet war. George zog sein Hemd aus, rollte es zu einem Kissen und legte es sorgf�ltig unter Orrys Kopf. In diesem Augenblick � Staub wirbelte durch das Fuhrwerk, drau�en tobte immer noch die Schlacht � wurde ihm klar, wie sehr er seinen Freund liebte.</p><p>Er flehte Gott an, in der Hoffnung, er m�ge ihn erh�ren: �La� ihn nicht sterben.� Tr�nen liefen ihm �ber die Wangen.</p><p>Das Feldlazarett war ein Durcheinander von Blut und Geschrei. Der ersch�pfte Chirurg z�ndete die Lampe �ber dem roten Tisch an, und ein Sanit�ter hielt die Aderpresse. Nach einer fl�chtigen Untersuchung befahl der Chirurg: �Macht ihn bereit.�</p><p>�Was werden Sie tun?� fragte George.</p><p>�Den Rest des Arms abnehmen. Nur so kann ich ihn retten.�</p><p>�Nein�, schrie George mit einer solchen Heftigkeit, da� alle ihn anstarrten. Der Chirurg warf ihm einen vernichtenden Blick zu.</p><p>�M�chten Sie den Fall �bernehmen?�</p><p>George fuhr sich mit dem Handr�cken �ber den Mund. �Nein, nat�rlich nicht, aber � wenn Sie ihm den Arm abnehmen, bringen Sie ihn um.�</p><p>�Unsinn. Die H�lfte hat er schon verloren, und er atmet immer noch � dank Ihrer schnellen Reaktion. Nach jeder Schlacht nehme ich Dutzende von Amputationen vor. Die H�lfte der M�nner �berleben.�</p><p>�Ich hab� nicht das gemeint, als ich sagte, da� � �</p><p>�Wir haben keine Zeit f�r R�tsel�, unterbrach ihn der Chirurg. �Bitte verlassen Sie das Zelt, wenn wir fertig sind, gebe ich Ihnen Bescheid.�</p><p>Orry wachte in einer fremden Umgebung auf. �ber sich sah er acht brennende Laternen. Schmerz durchflutete ihn in gro�en Wellen. Er versuchte, seine Arme zu bewegen, aber es ging nicht. Er hatte das Gef�hl, da� etwas nicht in Ordnung sei, aber er konnte nicht herausfinden, was es war. Pl�tzlich tauchte ein beleibter Mann mit einer schmutzigen Sch�rze auf. In seiner plumpen Hand hielt er eine triefend nasse, rote S�ge. Orry wu�te sofort, wo er war und weshalb. Er schrie. H�nde packten ihn an den Schultern. Er drehte den Kopf und sah einen weiteren Mann, der ein Brenneisen �ber einem Becken mit gl�henden Kohlen erhitzte. Er schrie von neuem. Sie sch�tteten ihm Whiskey in den offenen Mund, um ihn zum Schweigen zu bringen.</p><p>Sechs Tage sp�ter ging George in das Zelt von Orrys Kompaniekommandant. Ohne zu fragen, schenkte er sich ein Glas von Hauptmann Places Whiskey ein. Im Tal von Mexiko herrschte Stille; nur in der Ferne waren einige H�rner und ab und zu ein Krachen von Musketen zu h�ren. Die Gener�le hatten einen weiteren Waffenstillstand vereinbart, wahrscheinlich um die Friedensbedingungen auszuhandeln. George waren die Einzelheiten nicht bekannt, und es war ihm auch gleichg�ltig. Wie die meisten Frontoffiziere und Soldaten der amerikanischen Armee war er der Meinung, da� derjenige, der kurz vor dem Fall von Mexico City diesen Stillhaltebefehl ausgegeben hatte, gelyncht werden sollte.</p><p>�Wie geht�s ihm?� Die Frage des Hauptmanns sowie der abendliche Besuch waren zu einem Ritual geworden.</p><p>�Immer noch unver�ndert. K�nnte so oder so ausgehen.�</p><p>George kippte seinen Whiskey hinunter. Manchmal dachte er besch�mt, da� es wohl besser w�re, wenn Orry sterben w�rde.</p><p>Place ging einen Stapel Berichte und Befehle durch. Er zog ein Dokument heraus, das er George hinhielt; George starrte leer darauf. �Nun�, sagte der Hauptmann, �ich hoffe, da� er sich so weit erholt, da� er das lesen kann.�</p><p>�Was ist es?�</p><p>�Seine Bef�rderung. Er ist nicht mehr Titularoffizier. Von General Scott liegt ebenfalls eine Empfehlung vor. Er wird daf�r gelobt, da� er dazu beigetragen hat, die Hauptstra�e zu s�ubern, so da� die Br�cke gest�rmt und eingenommen werden konnte. Ich nehme an, da� Hauptmann Hoctor f�r Sie die gleiche Frohbotschaft haben wird.�</p><p>�Voller Rang�, sagte George mit ausdrucksloser Stimme. �In weniger als einem Jahr.�</p><p>�Ich habe noch eine Neuigkeit, die weniger zufriedenstellend ist. Hauptmann Bent vom dritten Infanterieregiment hat offensichtlich eine akzeptable Erkl�rung daf�r abgegeben, weshalb er sich so weit von seinem Kommandoposten entfernt hat. Es ist ihm ebenfalls gelungen, seine Vorgesetzten davon zu �berzeugen, da� er den Angriff auf dieses Widerstandsnest geleitet hat. Aus zuverl�ssiger Quelle wei� ich, da� er nun Titularmajor ist.�</p><p>George fluchte und langte nach dem Whiskey. Place war nicht zimperlich, aber sogar er geriet durch Georges Sprache in Verlegenheit.</p><p>Einer der Chirurgen teilte Orry mit, da� er am Leben bleiben w�rde, aber es verging ein ganzer Tag, bis ihm klarwurde, was das genau hie�. Als es endlich soweit war, tobte und weinte er eine Stunde lang; dann drehte er das Gesicht zur Zeltwand und schlo� die Augen. Er wollte nur noch schlafen. Aber auch dieser Fluchtweg war ihm verbaut. Wieder und wieder tr�umte er von einer Armeetrommel, die im Sonnenlicht auf einem Felsen stand. Sie war verstummt. Jemand hatte sie mit einem Bajonett oder einem S�bel angegriffen. Das Fell der Trommel war zerfetzt.</p><p>Erst am sechzehnten September war Orry bereit, einen Besucher zu empfangen. Zwei Tage vorher war General Scott als Sieger in Mexico-City eingeritten. Der Waffenstillstand war fehlgeschlagen, es war in mehreren Ortschaften zu hei�en K�mpfen gekommen, und die Mexikaner hatten schlie�lich kapituliert.</p><p>�Tag, Orry.�</p><p>George setzte sich auf eine Munitionskiste neben dem Lager. Orry hatte eine gesunde Gesichtsfarbe. Sein Bart war pr�chtig und �ppig gewachsen, aber seine Augen waren tot. Er hatte das verschmutzte Leintuch �ber seine Schulter gezogen, so da� sein Freund den bandagierten Armstummel nicht sehen konnte.</p><p>Nach einer Weile erwiderte Orry: �Tag, George. Ich habe geh�rt, da� wir gesiegt haben.�</p><p>George nickte. �Auf dich wartet eine Empfehlung. Du bist jetzt ein richtiger Leutnant. Ich auch. Unser Freund Bent ist leider zum Titularmajor bef�rdert worden. Man hat mir gesagt, da� wir alle auf der Stra�e nach Churubusco gro�e Helden gewesen sind.�</p><p>Er l�chelte, aber Orry verzog keine Miene, sondern starrte auf den Zeltpfosten. George drehte seine Feldm�tze in den H�nden. �Wie f�hlst du dich?�</p><p>�Ach, ich wei� nicht.� Orrys Stimme war derart tonlos, da� nicht klar war, was er genau hatte sagen wollen. George sa� unbeweglich da und hielt seine M�tze in beiden H�nden. Er wollte seinem Freund von den harten K�mpfen, die zur �bergabe von Mexico City gef�hrt hatten, erz�hlen, aber es war offensichtlich nicht der richtige Zeitpunkt daf�r. W�rde es jemals einen richtigen Zeitpunkt geben?</p><p>Irgendwo drau�en begann ein Soldat eine bekannte Melodie auf einer Mundharmonika zu spielen. George w�re am liebsten hinausgest�rmt und h�tte den Mann erw�rgt. Die Musik war zu sehr voller Lebensfreude und erinnerte zu stark an alles, was ein Mann im Leben tun konnte, sofern er gesund war.</p><p>Orry blickte ihn jetzt wieder an. �Ich nehme an, da� ich dir zu Dank verpflichtet bin, weil du mir das Leben gerettet hast. Die meiste Zeit �ber liege ich jedoch da und w�nsche mir, du h�ttest es nicht getan.�</p><p>George sagte etwas scharf: �Aber, aber, Stiel, kein Selbstmitleid. Du lebst! Das Leben ist kostbar.�</p><p>�Ja, wenn es etwas gibt, f�r das es sich zu leben lohnt. Schau mal, ich habe mit Madeline nie eine richtige Chance gehabt. Ich hatte sie bereits verloren, bevor ich ihr begegnete. Aber ich hatte noch die Chance, die einzige berufliche Laufbahn, die mich interessiert, einzuschlagen. Jetzt werden sie mich ausmustern.�</p><p>�Aber du wirst nach Hause gehen k�nnen.�</p><p>Als George bemerkte, wie sehr er Orry verletzt hatte, kam er sich wie ein Idiot vor.</p><p>�Wozu?� fragte Orry.</p><p>Jetzt stieg Zorn in George auf. Aber er unterdr�ckte ihn, weil ihm bewu�t war, da� er eigentlich auf sich selbst w�tend war. Er hatte alles verdorben, er hatte j�mmerlich versagt, weil er seinen Freund nicht aufmuntern konnte. Wenn er es nicht konnte, wer dann? Er machte einen letzten Versuch:</p><p>�Ich komme morgen wieder. Bis dahin kannst du dich ausruhen, dich fassen, und bald wirst du dich besser f��</p><p>Er hielt inne. Die Schamr�te stieg ihm ins Gesicht. Gedankenlos hatte er nach Orrys Arm gegriffen, nach seinem linken Arm. Als er nur noch einige Millimeter vom Leintuch weg war, war es ihm bewu�t geworden.</p><p>Orrys dunkle Augen schienen zu sagen: <emphasis>Siehst du, ich bin nicht mehr derselbe, also tu nicht so, als ob.</emphasis> Als er sich umdrehte, murmelte er teilnahmslos: �Danke, da� du gekommen bist.�</p><p>George schlich geschlagen hinaus. Er hoffte, da� die Zeit Orrys Verbitterung und Melancholie heilen w�rde, aber sicher war er nicht. Orry hatte die beiden Dinge, die er sich am sehnlichsten im Leben gew�nscht hatte, verloren. Wie konnte ein Mann so noch weiterleben? Nur dank der Tatsache, da� er einen Brief von Constance erhielt, endete der Tag f�r ihn nicht in der totalen Katastrophe.</p><p>George setzte sich in einem Caf� in Mexico City an einen Tisch im Freien. Die Oktobersonne schien sanft. Vor sich hatte er den Nationalpalast, wo jetzt die amerikanische Flagge wehte. Pickett, Tom Jackson und Sam Grant waren ebenfalls dabei. Seit Monaten waren die vier zum erstenmal wieder zusammen.</p><p>Pickett und Grant wie auch George hatten mehrere leere Biergl�ser vor sich. Vor Jackson stand ein volles Glas Wein. Er machte sich dauernd Sorgen um seinen Magen, bestellte jedesmal ein Glas Wein und lie� es dann stehen.</p><p>Die mexikanische Bev�lkerung schien merkw�rdigerweise nicht sehr traurig �ber den Ausgang des Krieges. Die Ladenbesitzer und Wirte hatten den Verlust bald verschmerzt und versuchten nun, mit den Besatzern ihre Gesch�fte zu machen. Die Regierung hatte nach der Art der Europ�er Gedenkmedaillen zu jeder denkw�rdigen Schlacht pr�gen lassen. Pickett, der sich �ber Robert Lee auslie�, hatte sich eine Churubusco-Medaille ergattert und sie an seine Weste gepinnt.</p><p>�Ich sage dies nicht als jemand, der aus Virginia stammt, obwohl ihr das wahrscheinlich denkt. Bob Lee ist der beste Mann der Armee. Er hat dies einmal und f�r immer im <emphasis>Pedregal</emphasis> bewiesen.� Pickett bezog sich auf ein Gebiet mit Vulkangestein, auf das die Amerikaner auf ihrem Weg nach Mexico City gesto�en waren. Es schien unm�glich, es zu durchqueren, aber Lee und Pierre Beauregard hatten das Terrain rekognosziert und das Gegenteil behauptet. Dann hatte Lee sich w�hrend eines Gewitters freiwillig zur Verf�gung gestellt, den <emphasis>Pedregal</emphasis> nochmals zu durchqueren und Scott wichtige Informationen zu �bermitteln. Er war im unregelm��igen Licht der Blitze �ber scharfe Grate und durch tr�gerische Schluchten geritten.</p><p>�Einverstanden�, sagte Grant, �mir ist kein kl�gerer oder tapfererer Soldat bekannt. Gott sei Dank ist er nicht beim Feind.�</p><p>Im allgemeinen hatten die Akademieabsolventen w�hrend der sechsmonatigen Kampagne gute Arbeit geleistet. Sogar Elkanah Bent wurde als Held betrachtet. Wenn George ihn wegen Unf�higkeit angeklagt oder ihn k�rperlich angegriffen h�tte, h�tten sich nur wenige mit ihm verb�ndet, und das wu�te er.</p><p>George begann unruhig zu werden. Die andern hatten immer noch nicht ausgetrunken, und er hatte zwei neue Briefe in seiner Tasche � einer von Constance. Als das Gespr�ch sich einem neuen Thema zuwendete, ri� er ihren Brief heraus und �ffnete ihn. Als er mit Lesen fertig war, lachte er und steckte den Brief sorgf�ltig weg. Er wollte ihn mit all den andern, die er bisher bekommen hatte, aufbewahren.</p><p>�Von wem ist er?� fragte Grant. �Von deinem M�dchen?�</p><p>George nickte.</p><p>�Wirst du sie heiraten?�</p><p>�Vielleicht.� Er klopfte mit der Hand auf den dicken Brief. �Sie liebt mich immer noch.�</p><p>�Nat�rlich.� Pickett grinste. �Du bist ein Held. In diesem Monat sind wir gro�e Helden. Sogar das Repr�sentantenhaus ist f�r einmal dieser Meinung.�</p><p>Der ernste Jackson r�usperte sich. �Ist deine Freundin katholisch, George?�</p><p>�Ja, warum fragst du?�</p><p>�Nur um dich daran zu erinnern, da� deine Karriere beeintr�chtigt werden k�nnte, wenn du eine Papstgl�ubige heiraten solltest. Ich habe das neulich erfahren, weil ich � weil ich mich mit einer jungen Frau aus dieser Stadt angefreundet habe.�</p><p>Pickett lehnte sich neugierig vor. �Was, du, General? Du machst einer <emphasis>Se�orita</emphasis> den Hof?�</p><p>Jackson err�tete und starrte in sein Weinglas. �Ja. ich habe die Ehre. Leider bef�rchte ich, da� eine Heirat ausgeschlossen ist. Vor Gott sind zwar alle Menschen gleich, aber in den Augen des Generalstabs und der Mehrheit der Amerikaner sind die Katholiken weniger gleich als andere.�</p><p>Grant und Pickett lachten, aber George blieb ernst. In seiner Liebe zu Constance versuchte er, die religi�se Frage beiseite zu lassen. Er wu�te zwar, da� es ein potentielles Problem war, versuchte jedoch, sich nichts anmerken zu lassen, als er sagte:</p><p>�Ich mache mir keine gro�en Sorgen um meine Karriere. In weniger als drei Jahren ist meine Dienstzeit um.�</p><p>�Das reicht, um dir das Leben schwerzumachen�, sagte Grant.</p><p>�Besonders dem verehrten Major Bent�, f�gte Pickett hinzu.</p><p>Die Glocken l�uteten in der nahegelegenen Kathedrale. Eine Taubenschar flog vom Nationalpalast auf. Die sp�te Nachmittagssonne tauchte nun alles in ein bernsteinfarbenes Licht. Die unbeschwerte Runde, die sich am Kaffeetisch eingefunden hatte, war nun f�r George pl�tzlich weit weg.</p><p>Nun, vielleicht stand in dem andern Brief, den er aus Lehigh Station erhalten hatte, etwas Aufmunterndes. W�hrend Grant und Pickett eine weitere Runde bestellten, brach George das Siegel auf und las die ersten Zeilen, die in der Handschrift seiner Mutter geschrieben waren. Er wurde bla�.</p><p>�Was, ist. Stumpf?�</p><p>Er blickte teilnahmslos auf Grant. �Mein Vater. Vor acht Wochen hat er einen Schlaganfall erlitten. Er ist tot.�</p><p>Zwei Tage sp�ter folgte auf den kurzen Brief von Maude Hazard ein sehr viel l�ngerer von Stanley. Stanley bat seinen j�ngeren Bruder, den Abschied zu nehmen und eilends nach Hause zu kommen. Hazard Iron war ein zu gro�es Unternehmen, als da� es ein Mann allein h�tte leiten k�nnen, besonders jetzt, da ein neues Walzwerk in Betrieb genommen werden sollte. William Hazard hatte die Pl�ne f�r dieses Walzwerk entworfen, den Bau �berwacht und hatte sich am Tag, an dem er starb, mit einem Problem der technischen Anlagen auseinandergesetzt. Die neueste Errungenschaft Hazards war eine Walzmaschine, mit der die schmiedeeisernen Eisenbahnschienen der T-Norm gewalzt werden sollten, die jetzt immer mehr aufkamen. Stanley schrieb, da� Vater habe expandieren m�ssen, weil in Danville, Pennsylvania, ein Konkurrenzbetrieb aufgemacht hatte. H�tte er entscheiden k�nnen, f�gte er an, so h�tte er die Idee als zu neu und riskant abgelehnt. �Zu neu�, sagte George aufgebracht zu Orry, der seine Sachen packte, um nach Hause zu gehen. �Obwohl in Fontley in England Henry Cort seit mehr als zwanzig Jahren ein solches Walzwerk betreibt. Mein Hasenfu� von Bruder wird wahrscheinlich so lange, bis das Eisenbahngesch�ft vorbei ist, �zu riskant� schreiben.�</p><p>Orry faltete ein Hemd zusammen und packte es in seine Feldkiste. Er hatte langsam gelernt, alles mit einer Hand zu tun. Einmal hatte er sich beklagt, der mit Leder �berzogene Stummel bereite ihm viel Schmerzen und hindere ihn oft am Schlafen, aber dar�ber hinaus hatte er nie etwas �ber seine Verletzung gesagt. In letzter Zeit hatte er nur selten gel�chelt.</p><p>Er setzte sich einen Augenblick hin, um kurz auszuruhen. �Hast du bereits entschieden, was du tun willst, Stumpf?� Seit seiner Entlassung aus dem Krankenhaus hatte er George nie mehr mit seinem Spitznamen gerufen.</p><p>George nickte ungl�cklich. �Ich werde meiner Familie treu bleiben, wenn sie mich braucht. So sehr ich die verdammte Armee auch hasse � sosehr ich Constance wiedersehen m�chte �, ich habe kein gutes Gef�hl, was meine Entscheidung anbelangt. Wahrscheinlich, weil ich vier Jahre Dienst leisten wollte � und versprochen ist versprochen. Nun, ich kann nichts �ndern. Ich werde Stanley schreiben und ihm mitteilen, da� ich nach Hause zur�ckkehre. Nat�rlich ist es nicht sicher, ob mich das Kriegsministerium befreien wird. Zumindest sicher nicht so schnell.�</p><p>Aber da sollte er noch eine �berraschung erleben. Am Tag vor Orrys Abreise kam ein weiterer Brief von Stanley. Er schrieb, da� er seinem neuen Freund, Simon Cameron, einem demokratischen Senator aus Pennsylvania, Georges Fall �bergeben habe.</p><p>�Der Senator ist ein schlagender Beweis daf�r, da� die Demokratie in unserm Staat zum Himmel stinkt�, sagte George zu seinem Freund. �Er ist schlau wie eine Schlange und ein Makel f�r die ganze Partei. Stanley hat schon seit jeher durchblicken lassen, da� er politische Ambitionen hat, aber ich h�tte nie geglaubt, da� er sich mit einem Mann wie Cameron einlassen w�rde.�</p><p>�Ist dein Bruder politisch begabt?�</p><p>�Meiner Meinung nach, Orry, geht man in die Politik, wenn man unf�hig ist, sein Brot ehrlich zu verdienen. Aber um deine Frage zu beantworten, nein. Mein Bruder hat sich noch nie durch intellektuelle F�higkeiten ausgezeichnet. Cameron kann nur aus einem einzigen Grund an Stanley interessiert sein: wegen seines Bankkontos. Drahtzieher in Washington � Gott im Himmel!�</p><p>George schlug mit der Faust auf die Handfl�che. �Da stehe ich mit Bent auf demselben Niveau. Ich werde Stanley schreiben und ihm sagen, da� er sofort aufh�ren soll.�</p><p>Am n�chsten Morgen verabschiedeten sich die Freunde voneinander. Orry reiste mit einem Zug von Verwundeten und mehreren Kompanien von Freiwilligen, die nach Hause entlassen wurden, an die K�ste.</p><p>Es war ein peinlicher Moment f�r sie beide. Orry bat George, auf seinem Heimweg in Mont Royal Halt zu machen. George sagte, er w�rde es versuchen. Er war jedoch nicht darauf erpicht, den langsamen Zerfall seines Freundes mitanzusehen. Orry war sehr d�nn geworden und machte einen v�llig geschlagenen Eindruck.</p><p>Georges Protestbrief kam zu sp�t. Drei Wochen, nachdem er ihn abgeschickt hatte, rief ihn Hauptmann Hoctor zu sich.</p><p>�Es sind eben Befehle an Sie eingegangen. Mir war bis dahin nicht bekannt, da� S�hne reicher Eisenh�ttenbesitzer zu Sozialf�llen werden k�nnen.� Hoctor r�usperte sich. �Sie werden Freitag in einer Woche entlassen.�</p><p>Sp�ter hatte Hoctor zu begreifen versucht, weshalb diese Nachricht beim Leutnant eine Tirade von Fl�chen ausgel�st hatte. Er war froh, da� er diesen Unruhestifter endlich los war.</p><p>Der n�chste Zug sollte am Morgen nach dem Tag, an dem Georges Entlassung bekanntgegeben worden war, fahren. George hatte bis dahin �ber einiges nachgedacht. Da� er auch nur eine Sekunde wegen Constances Religion gezweifelt hatte, zeigte, was f�r ein kleinm�tiger Wurm er war. Er w�rde von Veracruz aus geradewegs nach Corpus Christi reisen, egal mit welchen Transportmitteln.</p><p>Am Vorabend seiner Abreise waren George, Pickett und Grant stockbetrunken. George wachte eine Stunde vor der Morgend�mmerung auf. Sein Magen schmerzte, sein Kopf drehte sich, und er hatte einen schalen Geschmack im Mund. Eine Stunde sp�ter begegnete er Major Bent zum erstenmal wieder seit Churubusco.</p><p>George eilte gru�los an ihm vorbei; er bef�rchtete, da� die geringste Provokation ihn zum Mord verleiten k�nnte.</p><p>Bent rief ihn zur�ck: �Weshalb tragen Sie keine Uniform, Leutnant?�</p><p>�Weil ich nicht mehr in der Armee bin, Major.�</p><p>Georges Schl�fen schmerzten. Er wu�te, da� er dabei war, die Kontrolle zu verlieren. Es war ihm egal.</p><p>Bent verdaute die Nachricht mit einem entt�uschten Blick. George fuhr fort: �Meine Gl�ckw�nsche zu Ihrer Bef�rderung. Sie haben sie auf Kosten meines Freundes Orry Main verdient. Wenn Sie nicht gewesen w�ren, h�tte er jetzt noch beide Arme. Alle glauben, da� Sie ein Held sind, aber wir beide wissen, was Sie auf der Stra�e nach Churubusco getan haben, <emphasis>Major.�</emphasis></p><p>�Lassen Sie meinen Arm los, Sie arroganter kleiner � �</p><p>Georges Faust traf ihn mitten ins Gesicht. George f�hlte den Aufprall bis in die Schulter. Bents Nase explodierte. George entfernte sich mit langsamen, entschlossenen Schritten; Bent war zu verbl�fft, vielleicht auch zu ver�ngstigt, um zur�ckzuschlagen.</p><p>Georges Hand f�hlte sich an, als ob sie gebrochen w�re. Er hatte nicht gewu�t, da� Schmerz so befriedigend sein konnte.</p><p><strong>14</strong></p><p>George kam Ende Oktober in Corpus Christi an. Es wehte ein kr�ftiger Wind, und sogar mittags war es k�hl. Als er an Land ging, war es gerade vier Uhr nachmittags, doch die Sonne ging bereits unter. Die Geb�ude warfen lange Schatten. Es herrschte eine typische Herbststimmung, das Licht war gleichzeitig hell und sanft.</p><p>Melancholie �berkam ihn. Das Jahr neigte dem Ende zu, und auch seine Zeit auf Erden war nur kurz. Mexiko hatte ihn mit dem Tod bekanntgemacht; dies war der Preis, den man bezahlen mu�te, wenn man in den Krieg zog � auch wenn man auf der Siegerseite stand.</p><p>Auf dem Pier wartete niemand auf ihn. Seine Stimmung sank noch mehr, hob sich jedoch pl�tzlich, als er eine Stimme h�rte: �Hier bin ich, George.�</p><p>Constance bog gerade um die Ecke eines Geb�udes. �Entschuldige, da� ich so sp�t komme, ich habe l�nger als �blich gebraucht, um fertig zu werden. Ich wollte mich f�r dich sch�n machen und mu�te dann feststellen, da� man mit diesem Kleid unm�glich rennen kann. Ich h�tte so gerne schon gewartet, als dein Schiff anlegte ��</p><p>Sie lachte und weinte. Er stellte seinen Koffer ab. Ihre Hand ber�hrte erst seinen Arm, dann sein Gesicht, als wolle sie, nun, da er aus dem Krieg zur�ckgekehrt war, pr�fen, ob er noch ganz sei, ob er noch gesund sei.</p><p>�Ich war ersch�ttert �ber die Nachricht von deinem Vater. Ich h�tte niemals gedacht, da� du auf dem Heimweg noch hier Halt machen w�rdest.�</p><p>�Das Begr�bnis fand schon vor Wochen statt. Ein paar Tage mehr machen auch nichts mehr aus. Ich mu߫, � er erstickte beinahe an den Worten � �dich etwas Wichtiges fragen.�</p><p>�Was ist es?� Ein fr�hliches L�cheln zeigte, da� sie es wu�te.</p><p>�Ich glaube, ich sollte erst mit deinem Vater reden.�</p><p>�Er wartet auf uns. Er h�tet den Lammbraten, den ich f�r dich gekocht habe. Aber ich brauche einen Ku�.�</p><p>Sie lie� ihren steifen Rock los, den sie hochgehoben hatte, und schlang die Arme um ihn. Weil der Rock so steif war, mu�te er sich vorbeugen, um sie zu umarmen. Sein Koffer verschwand unter ihrem Kleid. Es machte nichts; auch die Leute, die sie teils am�siert, teils emp�rt anstarrten, waren ihm egal. Ihn interessierten nur die Worte, die sie ihm ins Ohr fl�sterte. �O George � wie hab� ich dich vermi�t. Ich liebe dich so sehr.�</p><p>Constance deckte den Tisch, und George ging mit ihrem Vater auf einen Spaziergang. Die notwendige Frage war f�r den Rechtsanwalt keine �berraschung.</p><p>�Ich habe mir gedacht, da� ihr beide bald heiraten m�chtet. Constance hat sich seit Tagen auf Ihre Ankunft vorbereitet. Haben Sie all die Godey-Zeitschriften auf ihrem N�htisch gesehen? Die Schnittmuster und das Zeug? Sie hat mich mit ihren S�umen und Fingerh�ten ganz verr�ckt gemacht � wenn das nicht Liebe ist, dann wei� ich auch nicht, was es ist.�</p><p>Flynn versteckte die H�nde in den weiten �rmeln seines Mantels. �Ich habe keinen grunds�tzlichen Einwand gegen eine Heirat. Aber ich habe eine sehr ernsthafte Frage.�</p><p>Er hielt mitten auf der Stra�e an und sah George direkt ins Gesicht. �Was ist mit Eurer unterschiedlichen Religion?�</p><p>�Ich werde mit Constance �ber ihre W�nsche reden, Sir. Ich werde alles tun, was n�tig ist.�</p><p>�Sch�n. Aber wird Ihre Familie sie aufnehmen?�</p><p>�Ich bin sicher�, log George.</p><p>�Dann k�nnen Sie sie haben.�</p><p>�Oh, Sir, danke � �</p><p>�Unter einer Bedingung!� Der hocherhobene Zeigefinger von Flynn warf einen knochigen Schatten auf den Boden. Pl�tzlich zeigte er auf den baumlosen Horizont. �Heiraten Sie sie im Norden. Dieser Ort ist zu d�ster f�r eine Hochzeit. Abgesehen davon, w�rde ich gern eine Reise machen. Ich habe genug davon, die Leute immer sagen zu h�ren, da� die Yankees des Teufels sind. Eine neue Sicht der Dinge dr�ngt sich auf.�</p><p>�Die werden Sie bekommen�, versprach George mit einem Grinsen. Beide gingen zur�ck zum Abendessen.</p><p>Sp�ter an jenem Abend gingen die beiden Liebenden Hand in Hand am Strand spazieren. Constance hatte sich in ein langes, pelzverbr�mtes Cape geh�llt, die aber eher dekorativ als praktisch war. George legte den Arm um sie, um ihr soviel W�rme wie m�glich zu geben. Vom Hafen her wehte eine frische Brise. Sterne spiegelten sich schimmernd im Flu�, und kleine, wei�e Wellen kr�uselten den Golf.</p><p>�Im Norden wird es sehr viel k�lter, als es jetzt hier ist�, sagte er. �Du wirst das Klima vermissen, bef�rchte ist.�</p><p>�Dann wirst du dich anstrengen m�ssen, um mir im Bett warm zu geben.�</p><p>Er r�usperte sich, um die Verlegenheit, die ihre Bemerkung ausgel�st hatte, zu verbergen. Sie sagte, was sie dachte � eine der Eigenschaften, die er an ihr liebte �, und so schockierte sie die konventionelleren Menschen des �fteren. Vielleicht hatte ihr Siedlerleben zu dieser Direktheit beigetragen. Er hoffte, da� seine Familie Verst�ndnis haben w�rde.</p><p>�Eigentlich�, fuhr sie fort, �freue ich mich, an einen Ort zu gehen, wo man nicht erst 500 Meilen zur�cklegen mu�, um einem Gegner der Sklaverei zu begegnen. Vielleicht befasse ich mich mehr mit dem Thema, wenn wir verheiratet sind.� Sie hielten auf einer D�ne an und blickten �ber den endlosen Golf. �Glaubst du, da� deine Familie etwas dagegen haben k�nnte?�</p><p>Er l�chelte. �W�rdest du denn in diesem Fall damit aufh�ren?�</p><p>�Nein, ich glaube nicht einmal, da� ich das dir zuliebe tun k�nnte.�</p><p>�Gut. Wenn ja, dann w�rst du nicht das M�dchen, in das ich mich verliebt habe.� Er k��te sie auf die Wangen.</p><p>�Du hast meine Frage in bezug auf deine Familie nicht beantwortet.�</p><p>�Constance, wenn wir verheiratet sind, bist du meine Familie. Nur du, und vielleicht noch jemand, der uns beiden geh�rt.�</p><p>Befriedigt mit der Antwort, n�herte sie ihren Mund dem seinen und fl�sterte: �Ich werde mir M�he geben, dich nicht zu entt�uschen.�</p><p>�Du kannst mich gar nicht entt�uschen, ich liebe dich.�</p><p>Er stellte sich hinter sie und legte die Arme um ihre Taille. Er stand auf ihrem Rock, aber es machte ihr nichts aus. Sie lehnte sich an ihn. Er legte seine H�nde auf die Unterseite ihrer Br�ste. Er hatte Angst, sie k�nnte ihm b�se sein, aber sie legte ihre H�nde auf die seinen, so da� sich der Druck verst�rkte.</p><p>�Es ist sehr sch�n hier�, sagte George. �Du wirst es vermissen.�</p><p>�Ich wei�, da� ich es vermissen werde, aber dich w�rde ich mehr vermissen.�</p><p>Sie sah ihn an. Mit ernster und weicher Stimme sagte sie: ��Wo du weilst, will auch ich weilen; dein Volk ist mein Volk. Das erste Kapitel aus dem Buch Ruth.� Wieder k��te sie ihn sanft. �Ich habe es so oft gelesen, als du weg warst, da� ich es auswendig kann.�</p><p>Sie lachten beide. Ihre Stirnen ber�hrten sich. Ihr rotes Haar umflatterte sie wie ein Schleier. Auf dem Nachhauseweg unterhielten sie sich �ber Praktisches, vor allem �ber die Hochzeitsvorbereitungen. George sagte, da� er Orry gern als Trauzeugen h�tte.</p><p>�Er kommt sicher, nicht wahr?�</p><p>�Ich bin nicht sicher�, sagte George nachdenklich. �Der Krieg hat ihm mehr als nur einen Arm genommen. Ich mache mir Sorgen um ihn. Obwohl ich eigentlich keine Lust habe, werde ich auf dem Heimweg kurz in Mont Royal vorbeischauen.�</p><p><strong>15</strong></p><p>Mehrere Meilen unterhalb der Plantage nahm George Rauch wahr. Der ohnehin d�stere Novemberhimmel verdunkelte sich. Beunruhigt fragte er den Kapit�n des Schiffes, ob eines der Geb�ude in Brand geraten sei.</p><p>Der Kapit�n sah ihn herablassend an. �Glaube ich nicht, Sir. Ich vermute, da� sie die Stoppelfelder abbrennen.�</p><p>In der Luft h�rte man das Kr�chzen von V�geln. Schwarze Wellen t�rmten sich auf. George begann zu husten. Als das Schiff anlegte, war kein Orry zu sehen, obwohl George ihm geschrieben hatte, da� er kommen w�rde.</p><p>Er wu�te nicht, ob die Post oder der Zustand seines Freundes daran schuld waren. Er begab sich an Land; der Rauch reizte seine Augen und seinen Hals. Er hatte das Gef�hl, wieder in einer Kriegszone zu sein.</p><p>Eine Gestalt sprang hinter einem riesigen Stapel von Reisf�ssern hervor. George ging in Abwehrstellung und hielt den Atem an. Dann l�chelte er.</p><p>�Du hast mich zu Tode erschreckt, Charles.�</p><p>�Oh�, sagte der Junge. �Ich dachte, du h�ttest mich da oben gesehen.� Vetter Charles entschuldigte sich nicht, sondern fuhr gleich fort: �Orry hat mich geschickt. Er arbeitet in Hull Square.� Mit einem riesigen Jagdmesser kratzte er etwas Schmutz unter einem Fingernagel hervor.</p><p>Ein �lterer Dienstbote eilte �ber den Pier auf sie zu. Charles schrie den Neger an. �Cicero, rei� dich zusammen oder ich schneide dir die Kehle durch.� Er fuchtelte mit dem Messer herum. Der alte Schwarze stie� einen Schrei aus, sprang beiseite, verlor das Gleichgewicht und klatschte dumpf im seichten Wasser auf. Charles rannte, um nach ihm zu sehen.</p><p>�Gott im Himmel, Cicero, ich hab� doch nur Spa� gemacht.�</p><p>�Wie soll ich das wissen?� Der alte Mann keuchte, als Charles ihm aus dem Wasser half. �Manchmal kannst du die Leute mit dem Ding wirklich erschrecken.�</p><p>Charles steckte das Messer in seinen G�rtel. �Ich bedrohe nur die Smiths und die LaMottes, aber nie die Nigger. Aber trag du nun Mr. Hazards Koffer ins Haus.�</p><p>Der alte Mann war patschna�; durch die L�cher in seinen quietschenden Schuhen konnte man die braunen Zehen sehen. Er nahm Georges Koffer und eilte davon; offenbar war er nicht sonderlich darauf erpicht, die Begegnung mit Charles zu verl�ngern.</p><p>�Los�, sagte der Junge belustigt. Er konnte nicht �lter als elf sein, sah aber vier oder f�nf Jahre �lter aus. Seit George ihn zum letztenmal gesehen hatte, war er um einige Zentimeter in die H�he geschossen und hatte deutlich breitere Schultern bekommen.</p><p>Charles f�hrte ihn die Uferpfade entlang, die die breiten quadratischen Felder voneinander abtrennten. Von den Feldern zur Rechten stieg Rauch auf. Sklavinnen zogen mit langen Hacken brennende B�schel durch die Stoppeln. Sie hatten ihre R�cke auf Knieh�he zusammengebunden und trugen Kopft�cher. In der Ferne sah George Salem Jones auf einem Maultier sitzen. Mit seinem Kn�ppel und seiner Peitsche sah er wie ein Reiterstandbild aus.</p><p>George befolgte Charles� Rat und pre�te ein Taschentuch auf den Mund. Den schwarzen Frauen schien der Rauch nichts auszumachen. Vielleicht hatten sie ihn schon w�hrend so vieler Jahre einatmen m�ssen, da� sie sich daran gew�hnt hatten. Wenn die Flammen zu hoch schlugen, rannten die Frauen zum n�chsten Bew�sserungsgraben und brachten sich so in Sicherheit.</p><p>�Achtung Feuer�, riefen sie einander zu. �Los, lauf weg!� Mit Hallorufen und Lachen taten sie dies denn auch. Aber es kam George kaum wie ein Spiel vor, eher wie eine Szene aus dem Inferno. Doch vielleicht war das Stoppelfeuer eine willkommene Abwechslung zum t�glichen Einerlei?</p><p>�Es ist jetzt nicht mehr weit�, sagte Charles und f�hrte ihn �ber bereits abgebrannte Felder. Riesige Scharen schwarzer V�gel und wilder Enten machten sich auf der Erde zu schaffen.</p><p>�Sie suchen ungekeimte K�rner�, sagte Charles auf Georges Frage hin. W�hrend der Wachstumszeit verjagten die Mains die V�gel, aber zur Zeit des Stoppelfeuers rechneten sie mit ihrer Hilfe.</p><p>Lautes H�mmern lenkte Georges Aufmerksamkeit in Richtung Flu�. Er konnte Orry ersp�hen, der einzige Wei�e in einer Gruppe von sechs schwarzen M�nnern. Orry schlug N�gel ein. Ein nerv�ser Sklave brachte jeden Nagel in die richtige Stellung und trat dann schnell zur Seite, bevor Orry den ersten Schlag ausf�hrte. Er holte wuchtig aus.</p><p>Warum in aller Welt versuchte Orry sich als Zimmermann, wenn er ein Kr�ppel war? George war ratlos. Dann wurde ihm bewu�t, da� Orry wohl gerade, weil er ein Kr�ppel war, so wild arbeitete.</p><p>Schlie�lich war er fertig. Er wandte sich seinem Freund zu, der in der N�he gewartet hatte:</p><p>�Gr�� dich, George. Tut mir leid, da� ich dich nicht abgeholt habe. Diese Knaben hier haben die Reparaturen verpfuscht, und ich mu�te ihnen zeigen, wie man es richtig macht.� Er lie� den Hammer fallen, ohne darauf zu achten, da� er fast den Fu� eines Sklaven getroffen h�tte.</p><p>George war �ber den Anblick seines Freundes schockiert. Er sah �lter aus, hager, grimmig, beinahe biblisch mit seinem ungez�hmten Bart. Der linke �rmel seines schmutzigen, wei�en Hemds war an der Schulter mit einer Stecknadel befestigt.</p><p>�Wie ist es dir ergangen?� fragte George, als sie in Richtung Herrenhaus gingen.</p><p>�Ich bin sehr besch�ftigt�, Orry spuckte die Worte beinahe aus. �Ich versuche so schnell wie m�glich, mich wieder an die Alltagsroutine zu gew�hnen. Vater ist zu alt, um alles alleine zu machen, und Cooper geht fort. Heute nach dem Abendessen, um genau zu sein.�</p><p>George runzelte die Stirn. �Wohin geht er?�</p><p>�Nach Charleston. Im Einverst�ndnis mit Vater. Eine Art selbstgew�hltes Exil. Er kommt mit Vater einfach nicht mehr zurecht. Er hat zu viele radikale Ideen, und beide sehen das klar. Cooper hat sich anerboten, wegzuziehen, bevor der Streit zu heftig wird.�</p><p>Eine verbl�ffende Nachricht. Kein Wunder, schien Orry nerv�s zu sein.</p><p>�Wird er eine Stelle finden?�</p><p>�Ja. Vor einem Jahr schuldete ein Mann Vater eine Menge Geld und konnte nicht zahlen. Er hat ihm seinen einzigen Besitz verschrieben, eine kleine Baumwollfirma. Das Verm�gen ist nicht sehr gro�: zwei alte Schaufelraddampfer, ein heruntergekommenes Warenlager und ein Dock. Vater ist �berhaupt nicht daran interessiert. Deshalb regte er sich auch nicht auf, als Cooper sagte, er wolle das Ganze �bernehmen. Ich freue mich, dich zu sehen, George, aber es ist eine ung�nstige Zeit f�r einen Besuch in Mont Royal. Seit Tagen schreit man einander hier nur noch an.�</p><p>Schreist du auch, wunderte sich George. Aber er behielt die Frage f�r sich. Wie hager und hohlwangig Orry aussah. Der Zustand seines Freundes machte George traurig.</p><p>�Ich mu�te hier Halt machen�, sagte er, als er bemerkte, da� Vetter Charles verschwunden war. Er sah, wie der Junge in einem Feld grinsend den R�cken einer schwarzen Frau t�tschelte, die etwa doppelt so alt sein mochte wie er. �Ich werde Constance heiraten und w�rde mich freuen, wenn du unser Trauzeuge w�rst.�</p><p>�Das ist eine gute Nachricht. Meinen Gl�ckwunsch.� Orry hielt die Hand hinter dem R�cken und suchte nach dem Taschentuch in seiner rechten Hosentasche.</p><p>�Es ist in der andern Tasche�, sagte George und wollte es ihm geben.</p><p>�Danke, ich finde es allein.� Mit grimmigem Gesicht versuchte Orry, mit seinem Arm an die linke Hosentasche heranzukommen. Er erwischte schlie�lich einen Zipfel des Taschentuchs und zog es heraus.</p><p>�Wirst du kommen, Orry?�</p><p>�Was? O ja, nat�rlich. Vorausgesetzt, es gibt hier nicht zuviel Arbeit. Ich hoffe, es macht dir nichts aus, mit meinem Vater und mit Cooper Abendbrot zu essen. Wahrscheinlich wird es nicht sehr angenehm sein.�</p><p>Heute war nichts angenehm in Mont Royal. George w�nschte, er w�re gar nicht gekommen, und beschlo�, so schnell wie m�glich wieder abzureisen.</p><p>Das Abendessen erwies sich als genauso unangenehm, wie Orry es vorausgesagt hatte. Auch Tillet war um Jahre gealtert. Er und Cooper f�hrten eine oberfl�chliche Diskussion �ber Probleme der kleinen Baumwollfirma. Sogar einem Au�enstehenden war klar, da� Tillet nicht das geringste Interesse an der Angelegenheit hatte. Er wollte lediglich ein harmloses Gespr�chsthema.</p><p>Cooper hingegen sprach mit Begeisterung von einem Plan, der der Gesellschaft Gewinn bringen sollte. �Jedes Jahr wird mehr und mehr Baumwolle aus diesem Staat verschifft, sicher werden wir unseren Anteil an diesem Handel vergr��ern k�nnen.�</p><p>�Nun, tu, was du kannst�, sagte Tillet mit einem Schulterzucken. Orry hatte einmal erw�hnt, da� Tillet es nicht gern h�rte, wenn man sagte, South Carolina expandiere die Baumwollindustrie. Er betrachtete es irgendwie als eine Bedrohung f�r die Reisbauern im allgemeinen und f�r die Mains im besonderen. Er war der Meinung, da� alle Baumwollpflanzer Empork�mmlinge ohne jegliche Abstammung waren, obwohl einer der geachtetsten und wahrscheinlich der reichsten B�rger dieses Staates, Wade Millwood, Baumwolle anpflanzte.</p><p>Cooper konnte dies alles aus der Bemerkung des alten Mannes heraush�ren, und es �rgerte ihn. �Darauf kannst du dich verlassen�, sagte er entschlossen. Clarissa seufzte und t�tschelte seinen Arm. Tillet beachtete ihn nicht weiter.</p><p>W�hrend der Mahlzeit starrte Ashton, die langsam zur jungen Frau heranwuchs, George unentwegt an. Es machte ihn nerv�s. Brett stie� ihre Schwester mit dem Ellbogen an, damit sie aufh�re. Ashton zog Brett an den Haaren, worauf Tillet in Wut geriet und die beiden mit Clarissa f�r eine Tracht Pr�gel hinausschickte.</p><p>Brett hatte rote Augen und w�rgte, als die andern herauskamen. Ashton starrte ihren Vater mit wildem, ha�erf�lltem Blick an. Wenn das Kind �berhaupt irgendwelche Gef�hle hatte, dachte George, so waren sie alle verkehrt.</p><p>Vetter Charles sa� mit dem R�cken gegen eine der S�ulen und schnitzte. Ungew�hnlich m�rrisch, zupfte Clarissa ihn am Ohr und sagte: �Steh auf, und sag deinem Vetter auf Wiedersehen!�</p><p>Charles blickte verdrie�lich. �Ich versuche gerade, mit dieser Schnitzerei fertig zu werden.�</p><p>Orry trat vor. �Auf die F��e.� Er schob seine Hand unter den linken Arm von Charles und ri� ihn so heftig hoch, da� der Junge aufschrie. W�tend starrte Charles ihn an. Orry starrte ohne mit der Wimper zu zucken zur�ck.</p><p>George betrachtete Orrys Hand. Sie sah viel kr�ftiger aus, als er sie in Erinnerung hatte. Orry hatte offensichtlich �bungen gemacht, um sie zu st�rken.</p><p>Nachdem Charles ein Adieu hingemurmelt hatte, steckte er sein Jagdmesser in den G�rtel und rieb sich den Arm. Er rieb immer noch, als Coopers Kutsche f�nf Minuten sp�ter Mont Royal verlie�.</p><p>George teilte den Mains noch am selben Abend mit, da� er am andern Morgen weiter nach Pennsylvania m�sse. Orry sagte, er w�rde seinen Freund bis zur kleinen Bahnstation der Nordwestlinie begleiten. George schlief unruhig und war beim ersten Lichtstrahl wach. Er zog sich an und verlie� sein Zimmer. Er nahm an, da� au�er den Sklaven noch niemand auf sein w�rde. Zu seiner �berraschung h�rte er unten lautes Stimmengewirr; es schien eher von den Herrschaften als von den Sklaven zu kommen. Tillet, Clarissa und Orry waren auf. Warum?</p><p>Er eilte die gro�e Treppe hinunter und fand die Mains im E�zimmer. Drau�en zog das erste schwache Tageslicht durch die B�ume. Ein leichter Nebel hing �ber den frostbedeckten Wiesen.</p><p>�Guten Morgen, George�, sagte Clarissa. Er hatte sie noch nie mit gel�stem Haar gesehen. Das Kleid, das sie trug, war alt und verschossen.</p><p>�Guten Morgen.� Was sollte er als n�chstes sagen? Weshalb hatten sie sich schon so fr�h versammelt? War jemand w�hrend der Nacht gestorben?</p><p>Tillet plumpste in einen Stuhl; er sah �lter aus denn je. Neben ihm stand eine Tasse mit dampfendem Kaffee. Orry stie� einen langen Seufzer aus und wandte sich seinem Freund zu. �Es ist sinnlos, es vor dir verstecken zu wollen. Die ganze Pflanzung ist in Aufruhr. In letzter Zeit haben wir mit dem Nigger Priam � du erinnerst dich? � nichts als �rger gehabt.�</p><p>George nickte. Wie h�tte er die Schreie jener Nacht vergessen k�nnen?</p><p>�Nun�, sagte Orry, �es sieht aus, als ob er davongelaufen w�re.�</p><p>W�hrend des darauffolgenden Schweigens kam eines der Hausm�dchen mit einem Tablett mit Keksen und einem Topf wilden Honig. George erinnerte sich von seinem fr�heren Besuch her an sie. Sie hatte ein sonniges Gem�t und spa�te mit allen. Heute morgen jedoch hielt sie den Kopf gesenkt und den Blick abgewandt. Man h�rte ihre Schritte kaum.</p><p>Als sie wieder hinausging, h�rte er �ngstliche Stimmen. Die Hausboten unterhielten sich in der K�che. George h�rte kein einziges Lachen. Das Verbrechen eines Sklaven war offensichtlich das Verbrechen aller. Aber die Sklaven waren nicht die einzigen, die sich Sorgen machten. Hier im Wohnzimmer konnte man die Angst beinahe so gut riechen wie die hei�en Kekse.</p><p>�Was ist los, Papa? Weshalb sind alle auf?�</p><p>Alle fuhren hoch. Brett stand mit ernstem Gesicht im Nachthemd in der Halle.</p><p>�Einer der Nigger ist davongerannt. Wir werden ihn einfangen. Geh wieder ins Bett zur�ck!�</p><p>�Wer ist es, Papa? Wer ist davongerannt?�</p><p>Tillet schlug mit der Faust auf den Tisch. �Zur�ck auf dein Zimmer!�</p><p>Brett fl�chtete. George h�rte das Ger�usch ihrer nackten F��e auf der Treppe. Clarissa r�ckte ihren Stuhl zurecht. Sie verschr�nkte die Arme und starrte auf den gl�nzend polierten Tisch. Orry wanderte vor dem Fenster auf und ab.</p><p>Mit zunehmender Morgend�mmerung lichtete sich der Nebel. Tillet fuhr sich mit den Handfl�chen �ber Gesicht und Augen.</p><p>George knabberte an einem Keks; er war verwirrt. Weshalb waren drei Erwachsene so aufgeregt, weil ein Mann geflohen war? In die Freiheit. War Freiheit eine solch unannehmbare Vorstellung? Hatten denn nicht Tillet Mains Vorfahren in diesem Staat f�r ihre Freiheit gegen die Briten gek�mpft? Aber er wu�te, da� dies eigentlich m��ige Fragen waren. Die Mains hatten f�r die Freiheit von Wei�en gek�mpft. Mit der Freiheit von Schwarzen war es etwas anderes. Es ging nicht nur um den Fl�chtling selbst, sondern auch um die Konsequenzen seiner Flucht. Endlich begann George etwas vom Dilemma, in dem der S�den steckte, zu verstehen. Er begann zu begreifen, welcher Angst die Sklavenhalter selbst ausgesetzt waren. Nicht ein einziger Sklave durfte entfliehen, denn wenn die Flucht einem einzigen gelang, so k�nnten Tausende es versuchen. Die Mains und alle andern waren Gefangene des Systems, aus dem sie ihren Nutzen zogen. Und sie waren Gefangene ihrer Angst. Er hatte Mitleid mit Orrys Familie, aber zum erstenmal verachtete er sie auch.</p><p>Das Ger�usch eines Pferdes brachte Tillet auf die F��e. Salem Jones tauchte in der Toreinfahrt auf. Einen Augenblick sp�ter trat er ins Zimmer. Der Aufseher machte einen fr�hlichen Eindruck. Er unterdr�ckte ein L�cheln, als er Bericht erstattete.</p><p>�Immer noch keine Spur von diesem Nigger. Man hat ihn offensichtlich gestern zum letztenmal bei Sonnenuntergang gesehen. Ich habe seine H�tte durchsucht. Jetzt verstehe ich, weshalb er soviel Schwierigkeiten gemacht hat.� Er warf Clarissa einen kurzen, anklagenden Blick zu. Sie war offensichtlich in Gedanken versunken, aber Tillet entging der Blick des Aufsehers nicht.</p><p>�Wovon redest du?� fragte er.</p><p>Jones zog etwas unter dem Mantel hervor. �Davon. Ich habe es unter Priams Matratze gefunden.� Er schmi� ein schmutziges Buch mit Eselsohren auf den Tisch. Die andern dr�ngten sich heran, um zu sehen. �Ich nehme an, da� er es gelesen hat, bevor er geflohen ist. Sicher hat es ihm einige Ideen gegeben, wie schlecht er behandelt worden ist�, f�gte Jones betont hinzu.</p><p>George sagte: �Ich dachte, man w�rde Sklaven das Lesen nicht beibringen?�</p><p>�Gew�hnlich nicht�, entgegnete Orry.</p><p>�Bei Priam haben wir eine Ausnahme gemacht�, sagte Tillet, ohne seine Frau anzusehen. �Mrs. Main war der Meinung, da� er sehr begabt sei. Sie meinte auch, da� er einen friedfertigen Charakter habe. Was das erste anbelangt, so mag sie recht gehabt haben, aber das zweite � nun, Clarissa, ich will dich nicht tadeln.�</p><p>Jetzt endlich blickte er seine Frau an. Er schob die ganze Verantwortung auf sie.</p><p>�Ich habe dir erlaubt, Priam Rechnen und Lesen beizubringen�, fuhr Tillet fort, �ein gravierender Fehler.� Er wandte sich George zu. �Jetzt verstehen Sie vielleicht, weshalb der S�den Gesetze haben mu�, die die Ausbildung f�r Neger verbieten. Sogar die Bibel, wenn man sie falsch interpretiert, kann eine Quelle aufst�ndischer Ideen sein.�</p><p>Orry nahm das Buch mit dem Papierumschlag in die Hand. �Wer hat diesen Schund auf die Plantage gebracht?�</p><p>�Keine Ahnung�, sagte Tillet, �aber k�mmere dich darum, da� es verbrannt wird.�</p><p>Jetzt endlich konnte George sehen, um welches Buch es sich handelte. Er hatte vor einigen Jahren zu Hause ein Exemplar davon zu Gesicht bekommen. Auf dem Umschlag befand sich das Signet der Amerikanischen Gesellschaft zur Abschaffung der Sklaverei, New York, und die Worte <emphasis>�American Slavery As It Is�.</emphasis> Reverend Theodore Weld hatte das Werk 1839 ver�ffentlicht. Es war ein Kompendium von Gesetzen �ber die Sklaverei, von Zeugnissen entwichener Sklaven und Zitaten von S�dstaatlern, die das System vehement verteidigten und die Mi�handlung von Schwarzen herunterspielten oder gar leugneten. George hatte seine Schwester Virgilia sagen h�ren, da� Welds Traktat das wichtigste und einflu�reichste Dokument gegen die Sklaverei sei, das je in den Vereinigten Staaten ver�ffentlicht worden war.</p><p>Clarissa sagte: �Moralisieren ist gut und recht, Tillet, aber was schl�gst du nun vor?�</p><p>Salem Jones sprach als erster. �Ich werde Priams Schwester ein paar Fragen stellen, obwohl wahrscheinlich nicht viel dabei herauskommen wird. Sie hat Angst und, was schlimmer ist, sie ist dumm. Auch wenn sie mir noch eine n�tzliche Antwort geben wollte, k�nnte sie dies nicht. Wenn ich sie fragte, wohin ihr Bruder gegangen ist, k�nnte sie nur zwei Worte sagen: nach Norden. Und ich nehme an, sie w�rde die Wahrheit sagen. Wenn Sie meine bescheidene Meinung wissen wollen, ich glaube, wir haben keine andere Wahl, als uns an unsere Nachbarn zu wenden und eine berittene Patrouille zu organisieren, die den Nigger verfolgen kann.�</p><p>Tillet fragte steif: �Eine bewaffnete Patrouille?�</p><p>�Schwer bewaffnet, Sir. Bedauerlich, aber notwendig.�</p><p>Das wird ein Fressen f�r dieses Monster sein, dachte George bitter.</p><p>Tillet fuhr sich nerv�s mit der Hand �ber die Stirn. �Noch nie in der Geschichte von Mont Royal haben die Mains zu diesem Mittel Zuflucht nehmen m�ssen. In meinem ganzen Leben ist noch nicht einer meiner Sklaven davongerannt. Nicht einer!� Er blickte George �ngstlich und flehend an. George, der immer noch verwirrt, aber auch �rgerlich war, wandte den Blick ab.</p><p>Tillets Gesicht wurde hart. �Aber du hast recht, Jones. Offenbar hat das Auspeitschen mit der Katze auf Priam keinen Eindruck gemacht. Es mu� ein Exempel statuiert werden.�</p><p>�Ich stimme dem zu�, sagte Orry, beinahe ohne zu z�gern. George starrte seinen Freund an; er war entsetzt. Jones schritt, ohne seine Gier im mindesten verbergen zu wollen, hinaus.</p><p>Einige Stunden sp�ter machten George und Orry sich auf den Weg zur Bahnstation. Unterwegs tauschten sie nur wenige Worte. Der Nebel lag immer noch �ber dem Boden, und das orangefarbene Licht der Sonne, das durch die B�ume drang, verlieh dem Wald, durch den sie ritten, eine beinahe gespenstische Sch�nheit. Die Pferdehufe hinterlie�en auf dem feinen Nadelteppich und dem faulenden Laub ein sanftes Ger�usch. Georges Koffer schwang hinter seinem Sattel hin und her.</p><p>Weshalb war Orry so schweigsam? Er schien w�tend. Aber auf wen? Auf Priam? Auf seinen Vater? Die Welt im allgemeinen? <emphasis>Oder auf mich?</emphasis></p><p>Er wollte nach Madeline LaMotte fragen. Ihr Name war nicht einmal erw�hnt worden. Aber er beschlo�, es lieber bleibenzulassen.</p><p>Als sie etwa eine halbe Meile von der kleinen Bahnstation entfernt waren, war ein langgezogenes Pfeifen zu h�ren. George trieb sein Pferd neben dasjenige von Orry. �Ist das mein Zug?�</p><p>Orry zog eine schwere Golduhr aus der Tasche. Er lie� den Deckel aufspringen, klappte ihn dann wieder zu und sch�ttelte den Kopf. �Ein G�terzug nach Norden. Er kommt jeden Morgen um diese Zeit. Er ist immer noch f�nf bis sechs Meilen s�dlich von uns. In den S�mpfen werden Ger�usche �ber lange Strecken �bermittelt. Der lokale Personenzug kommt erst in zwanzig Minuten.�</p><p>Er ritt weiter. Der Pfad f�hrte sie aus den B�umen heraus an den Rand eines weiteren Sumpfes und dann wieder zur�ck in den Wald. Kurz danach tauchten sie in einer d�steren Lichtung auf, die durch einen von S�dosten nach Nordwesten laufenden Pfad praktisch zweigeteilt war. Auf der einen Seite befand sich ein bauf�lliger Unterstand aus Zypressen, der auf die Seite der Eisenbahn hin offen war. Orrys Einsch�tzung der Entfernung war richtig gewesen. Der G�terzug war nah, aber noch nicht in Sicht. Man h�rte Weichenstellen und R�derknirschen. W�hrend George die nerv�sen Pferde z�gelte, ging Orry in den Unterstand und hob den Deckel eines an der Wand h�ngenden Holzkastens. Er zog eine rote Flagge heraus, die er auf einem Mast auf der anderen Seite des Unterstands hi�te.</p><p>�So. Nun wei� der Zugf�hrer, da� er halten mu�.� Er �berquerte die Schienen, als die Lok des G�terzugs zu ihrer Linken um die Ecke bog. Wieder ert�nte ein ohrenbet�ubendes Pfeifen. Die Lok ratterte mit einer Geschwindigkeit von zehn Meilen pro Stunde an ihnen vorbei. Zugf�hrer und Mechaniker winkten ihnen zu. Orry winkte automatisch zur�ck; George wischte sich die Kohlenasche aus dem Haar.</p><p>Die Lokomotive verschwand im Wald zu ihrer Rechten. Orry wollte etwas sagen, aber George starrte an ihm vorbei; er war durch den Anblick eines schwarzen Mannes, der aus dem Unterholz hervorgebrochen war und nun am Zug entlanglief, verbl�fft. Orry bemerkte den entgeisterten Gesichtsausdruck seines Freundes und drehte sich um. �berraschung machte rasch �rger Platz. �Priam! Halt!�</p><p>Der Sklave hatte die wei�en M�nner gesehen, aber offensichtlich nicht erkannt. Er sah ver�ngstigt aus, als er an der T�r�ffnung des Waggons festen Griff bekam und sich hochzuziehen begann. Orry hatte sich mit einem Schrei auf sein Pferd gest�rzt.</p><p>Priam machte den Fehler, zur�ckzuschauen. Er erkannte das b�rtige Gesicht. Schrecken f�llte seine Augen; Orry gab dem Pferd die Sporen. Weiter, rief George schweigend, steig in den Waggon, damit er dich nicht sieht und erschie�t!</p><p>Aber der Anblick seines Besitzers brachte Priam offensichtlich in Verwirrung. Er lag jetzt b�uchlings im Eingang des Waggons, beide Beine hingen in der Luft, er schien irgendwie festzustecken und zappelte wie ein Fisch an der Angel. Keuchend gelang es ihm schlie�lich, das rechte Bein in den Zug zu kriegen. George war klar, da� der Sklave nicht nur ver�ngstigt, sondern auch ersch�pft war, sonst h�tte er ohne Schwierigkeiten in den Waggon hineinklettern k�nnen. Sein linkes Bein hing immer noch in der Luft.</p><p>Als der gedeckte G�terwagen langsam vorbeifuhr, streckte Orry den Arm aus und packte Priams Fu�gelenk. Priam wurde r�ckw�rts durch die �ffnung gezogen. Er versuchte sich festzuhalten, doch dann schrie er und lie� los, als ob seine Hand zersplittert w�re. Orry zog immer noch. Priam landete schlie�lich auf dem Schotter neben den Schienen. George konnte die Schluchzer des Sklaven durch das Rattern des Zugs hindurch h�ren.</p><p>�George, ich brauche deine Hilfe�, schrie Orry, indem er vom Pferd stieg und die Pistole zog. George eilte zu ihm. Orry hielt ihm den Pistolenknauf hin.</p><p>�Richte sie auf ihn. Wenn er sich bewegt, dann schie�!�</p><p>Priam blickte auf. George konnte seinen Blick fast nicht aushalten.</p><p>�Mist� Orry � bitte, Mist� Orry � �</p><p>�Schlag diesen Ton nicht mit mir an�, unterbrach ihn Orry und nahm ein Tau von seinem Sattel. �Du wu�test, was du tatest, als du wegranntest. Steh auf, die H�nde auf den R�cken!�</p><p>�Mist� Orry�, wiederholte Priam, als er auf die F��e stolperte. Keine Spur mehr von seinem fr�heren Trotz. Seine Flucht hatte ihn verletzlich wie ein Kind gemacht. Es lag etwas Besch�mendes, ja, etwas Unanst�ndiges im Gesicht dieses verzweifelt flehenden Mannes. Tr�nen liefen �ber seine Wangen.</p><p>�Halte die Pistole auf ihn gerichtet�, sagte Orry, ohne seinen Blick von Priam abzuwenden. Er band das eine Ende des Stricks an Priams Handgelenken fest. Er war mit einer Hand so geschickt wie die meisten Menschen mit zwei H�nden. Er hatte sich selbst in kurzer Zeit vieles beigebracht.</p><p>George leckte sich die Lippen. �Und was geschieht jetzt?�</p><p>�Ich wei� nicht, wahrscheinlich wird man ihn l�hmen, damit er nicht mehr wegrennen kann. Aber mein Vater ist so w�tend, da� er ihn vielleicht t�ten lassen wird.�</p><p>Priam senkte den Kopf. �O Jesus, Jesus.�</p><p>�Ruhe, Priam. Die Strafe war dir bekannt, bevor du � �</p><p>�Orry, la� ihn gehen.�</p><p>George war �ber die Rauheit seiner eigenen Stimme �berrascht. Er war vor einem Abgrund gestanden und impulsiv dar�ber hinweggesprungen. Die Angelegenheit ging ihn nichts an. Aber etwas in ihm konnte nicht unbeteiligt dabeistehen und zusehen, wie der schwarze Mann nach Mont Royal zur�ckverfrachtet und verkr�ppelt oder wahrscheinlich get�tet werden w�rde.</p><p>F�r einen Augenblick kam er sich wie ein Idiot vor. Priam bedeutete ihm nichts: seine Freundschaft zu Orry hingegen sehr viel. Aber er wu�te, er w�rde niemals wieder mit sich in Frieden leben k�nnen, wenn er jetzt schwieg.</p><p>�Was hast du gesagt?� fragte Orry mit einem Gesichtsausdruck, der so ungl�ubig war, als w�re die Sonne im Westen aufgegangen oder als w�rden Banknoten statt Bl�tter an den B�umen wachsen.</p><p>�La� ihn gehen. Werde nicht zum Mitm�rder.�</p><p>Orry unterdr�ckte eine w�tende Bemerkung und holte tief Luft: �Du verwechselst Sklaven mit Menschen. Das ist nicht dassel��</p><p>�Verdammt noch mal, nein! Tu es nicht!� George zitterte und versuchte die Kontrolle nicht zu verlieren. Seine Stimme m��igte sich. �Wenn dir unsre Freundschaft etwas bedeutet, so gew�hre mir diese eine Bitte.�</p><p>�Das ist unfair. Du �bervorteilst mich.�</p><p>�Ja, um sein Leben zu retten.�</p><p>�Ich kann nicht nach Mont Royal zur�ckkehren und meinem Vater sagen � �</p><p>�Mu�t du denn etwas sagen?� unterbrach ihn George. �Ich werde schweigen, und du wirst Priam nie wiedersehen.�</p><p>�Ja, Sir, ich werde den Mund halten�, brabbelte Priam. �Um Gottes willen, Mist� Orry, ich schw�re, da� nie jemand � �</p><p>�Halt�s Maul, verdammt noch mal!�</p><p>Orrys Ruf widerhallte in der Stille. Er warf seinem Freund einen w�tenden Blick zu, dann ri� er ihm die Pistole aus der Hand. <emphasis>O Gott, er wird ihn auf der Stelle erschie�en.</emphasis></p><p>Orrys Gesichtsausdruck sagte, da� er das am liebsten getan h�tte. George wu�te, da� seine Bitte all dem, was Orry gelernt hatte, zuwiderlief. Pl�tzlich schlug Orry mit der Pistole in die Luft, die Bewegung dr�ckte Wut und Einverst�ndnis aus.</p><p>�Verschwinde�, sagte er, �bevor ich meine Meinung �ndere.�</p><p>Priam verlor keine Zeit mit Worten. Seine gro�en, w��rigen Augen wandten sich George eine Sekunde lang zu � sein einziger Dank. Dann verschwand er hinter den Pinien auf der Nordseite der Lichtung.</p><p>Orry machte ein paar Schritte, hielt dann mit gesenktem Kopf inne. Priams Fu�stapfen verhallten. Von der anderen Seite her h�rte George das Pfeifen des nahenden Passagierzugs.</p><p>George holte Luft und ging dann auf seinen Freund zu. �Ich wei�, da� ich dich nicht h�tte darum bitten sollen, ihn gehen zu lassen. Ich wei�, da� er dein Eigentum ist. Aber ich konnte einfach nicht danebenstehen und � �</p><p>Er hielt inne. Orry wandte ihm immer noch den R�cken zu. �Na, auf jeden Fall danke ich dir.�</p><p>Orry wirbelte herum; er umklammerte die Pistole so fest, da� seine Hand schneewei� war. George glaubte, er w�rde br�llen, aber seine Stimme war sehr leise, als er sagte:</p><p>�Ich habe schon einmal versucht, dir etwas �ber den S�den zu erkl�ren. Ich habe dir gesagt, da� wir unsre eigenen Probleme und unsre eigenen Bed�rfnisse besser verstehen als Au�enseiter. Ich habe dir gesagt, da� wir diese Probleme l�sen werden, solange Au�enseiter sich nicht einmischen. Ich nehme an, da� dies alles keinen Eindruck auf dich gemacht hat, sonst h�ttest du mich nicht gebeten, Priam freizulassen. Ich bin deiner Bitte nachgekommen, weil wir Freunde sind. Aber wenn du m�chtest, da� wir Freunde bleiben, dann verlange nie mehr so etwas von mir.�</p><p>George f�hlte einen Augenblick lang �rger in sich aufsteigen. Orrys heftige Entschlossenheit beeindruckte ihn. Er hatte den zuk�nftigen Rahmen f�r ihre Freundschaft klar abgesteckt.</p><p>�Einverstanden�, sagte George, �ich kann deine Gef�hle verstehen.�</p><p>�Das hoffe ich.�</p><p>Orry nahm die Pistole unter den Arm und w�hlte in der Tasche nach seiner Uhr. Bis der Passagierzug in die kleine Bahnstation einfuhr, hatte er sich weit genug gefa�t, um andere Dinge zu besprechen.</p><p>�Tut mir leid, da� dein Besuch in eine Zeit fiel, in der hier alles drunter und dr�ber zu gehen scheint.� Sein Blick war jetzt weniger ernst. Er hielt ihm einen verbalen Friedenszweig hin. �Wenn du das n�chste Mal kommst, wird es anders sein. Bis dahin freue ich mich, bei deiner Hochzeit Trauzeuge zu sein, das hei�t, wenn du das immer noch m�chtest.�</p><p>Mit gro�er Erleichterung klopfte George seinem Freund auf die Schulter. �Nat�rlich. Sobald ich die Einzelheiten wei�, schreibe ich dir.�</p><p>�Sch�n. Gute Reise � und gr�� mir deine Familie.�</p><p>�Das werde ich, Orry, danke.�</p><p>Er mu�te einsteigen. Bald stand er auf der Plattform und winkte. Orry winkte zur�ck. Er hielt immer noch die Pistole. Langsam entfernte sich der Zug, und Orry verschwand aus Georges Blickfeld. Er verstaute seinen Koffer und starrte zum Fenster hinaus auf die vorbeifliegenden Pinien. Ab und zu wurde der Wald von Sumpfland unterbrochen. Doch das Bild, das immer wieder vor seinem inneren Auge aufstieg, sah anders aus. Er sah Priam, der aus dem G�terwagen herausgezerrt wurde, das Gesicht verzerrt durch das Wissen um seinen bevorstehenden Tod.</p><p>Priam mu�te bestraft werden, weil er Freiheit wollte, dieselbe Freiheit, die Orry genie�en konnte, weil er ein wei�er Mann war. George hatte sich nie als F�rsprecher der schwarzen Rasse betrachtet, aber er nahm an, da� das jetzt anders werden w�rde, besonders was das Thema Freiheit betraf. Weshalb hatten nicht alle Menschen ein Recht auf Freiheit? Besonders in Amerika?</p><p>Er hoffte, Orry habe in bezug auf die L�sung der Probleme im S�den recht. Wenn der S�den seine Probleme nicht zu l�sen vermochte, w�rde die restliche Nation sicherlich Schritte unternehmen. Zum erstenmal sah er dies ganz klar, und zum erstenmal verstand er auch die Gr�nde daf�r.</p><p><strong>16</strong></p><p>Einige Tage sp�ter stand Madeline in Resolute im Dunkel ihres Ankleidezimmers und ber�hrte sich selbst. Sie hatte Schmerzen � nicht k�rperlicher Art: schmerzhaft waren die Einsamkeit, der Mangel an Liebe, die zunehmende Isolierung. Sie dr�ckte die H�nde auf ihre Br�ste, als ob sie so dem Schmerz Einhalt gebieten k�nnte. Einen Augenblick stand sie mit zur�ckgelehntem Kopf und geschlossenen Augen da, aber es half nicht. Mutlos ging sie durch das ger�umige Schlafzimmer auf die Veranda im zweiten Stockwerk. Sie zitterte in der D�mmerung. Vom K�chengeb�ude stieg der Duft von gebratenem Wild f�r das Samstagabendessen auf. Morgen <emphasis>war</emphasis> doch Samstag? Die Tage hatten nicht mehr viel Sinn. Der eine war wie der andere: eine Pr�fung. Wie sehr w�nschte sie sich, da� Maum Sally noch bei ihr w�re. Aber die alte Frau war nach New Orleans zur�ckgegangen, um Madelines Vater in den letzten Tagen beizustehen. Da sie eher eine Angestellte als eine Sklavin von Nicholas Fabray war, hatte sie es vorgezogen, nach dessen Tod nicht nach South Carolina zur�ckzukehren. Madeline konnte ihre Entscheidung begreifen: Einige Monate mit den LaMottes hatten Sally gereicht. Sie hatte keine Geduld mit arroganten, lieblosen Menschen, und Justin sowie die meisten Familienmitglieder schienen beide Eigenschaften zur Gen�ge zu besitzen.</p><p>Madeline hatte eine Person gefunden, die eines Tages vielleicht an Maum Sallys Stelle treten k�nnte. Nancy war ein Hausm�dchen, etwa zwanzigj�hrig, eine wundersch�ne Mulattin. Sie und Madeline kamen sehr gut zusammen aus und waren so etwas wie Vertraute geworden. Zweimal hatte Nancy Madeline eine m�ndliche Botschaft von Mont Royal �berbracht.</p><p>Beide Male war die Nachricht kurz gewesen: �Salvation Chapel�, dann folgten Zeit und Datum. Kein Name wurde ausgesprochen, und in Nancys Blick war keine Spur eines listigen L�chelns. Ihr Blick dr�ckte � wenn �berhaupt etwas � Sympathie. Verst�ndnis aus.</p><p>Madeline hatte nie danach gefragt, wie die Botschaft von den Sklaven einer Plantage zu denjenigen der andern getragen wurde. Sie vertraute auf die Diskretion der Botschafter. Hatte sie eine andere Wahl? Indem sie Nancy als Mittlerin akzeptierte, hatte sich eine Br�cke des Vertrauens zwischen ihnen entwickelt.</p><p>Madeline hatte nie auf eine der beiden Botschaften geantwortet, und sie war auch nicht zur Kapelle gegangen, obwohl sie f�rmlich danach lechzte, von Orry umarmt und gek��t zu werden. Als sie jetzt am Gel�nder der Veranda lehnte, stellte sie fest, da� sie keine Gespr�che aus der K�che h�ren konnte, obwohl die Sklaven doch dort an der Arbeit waren. Sie wunderte sich �ber das merkw�rdige Schweigen. Dann h�rte sie ein Ger�usch aus dem B�ro � dem kleinen Geb�ude, in dem Justin so wenig Zeit verbrachte. Es war das Ger�usch von Hieben auf einen nackten R�cken.</p><p>Noch ein weiteres Ger�usch war klar durch die Abendstille zu h�ren. Ein St�hnen. Justin peitschte einen der Sklaven aus. Es war schon fr�her vorgekommen.</p><p>Abgesto�en und doch unwiderstehlich angezogen, huschte sie hinunter und durch das Foyer, wo ein alter S�bel als Schmuck an der Wand hing. Er befand sich schon seit mehreren Generationen im Besitz der LaMottes. Justin hatte ihr erz�hlt, ein Vorfahre habe damit an der Seite von Gamecock Sumter in der Revolution gek�mpft.</p><p>Sie rannte einen Pfad entlang, der sie zu einem Geb�sch in der N�he des B�ros f�hren sollte. Als sie hinter das Geb�sch kroch, h�rte sie Schreie und St�hnen. Dann die rauhe Stimme von Justin:</p><p>�Mein Bruder hat mir gesagt, da� in der Nacht, als Mains Nigger davonrannte, jemand auf dieser Plantage ihm geholfen hat, sich zu verstecken. Wer war es, Ezekiel? Sag es mir!�</p><p>�Ich wei� es nicht, Mr. LaMotte. Ich schw�re bei Gott, da� ich es nicht wei�.�</p><p>�L�gner.� Justin schlug wieder zu. Ezekiel schrie auf.</p><p>Madeline verhielt sich still, ein Schatten im Schatten. Sie war beunruhigt, da� Justin sich nach Priam erkundigte. Wie hatte Francis LaMotte entdecken k�nnen, da� jemand in Resolute dem Fliehenden geholfen hatte? Beruhte sein Wissen auf Tatsachen, oder handelte es sich nur um einen Verdacht? Wie weit w�rde Justin mit seinen Fragen gehen? Bis ins Haus hinein? Bis zu Nancy? Madeline wu�te, da� sie eigentlich Angst hatte, hier herumzustehen. Wenn jemand sie entdeckte, w�rde sie in Verdacht geraten. Aber nicht weit vom B�ro gab es eine kleine Pergola. Dort konnte sie sich hinsetzen, und dann w�rde es den Anschein erwecken, als ob sie frische Luft schnappen w�rde. Der Abend war windstill, und mit etwas Gl�ck w�rde sie h�ren k�nnen, was im B�ro vor sich ging.</p><p>Sie versteckte sich in der Pergola, und ihre Erwartungen wurden belohnt. Justin befragte w�hrend der n�chsten dreiviertel Stunde verschiedene Sklaven einzeln und schlug sie. Was Madeline in Wut versetzte, war die Art und Weise, wie er mit einigen Negerinnen umging. Er schlug sie genauso hart wie die M�nner. Immer wieder stellte er dieselben Fragen.</p><p>�Wer hat es getan? Wer hat ihm geholfen? Wer hat mit einem fliehenden Nigger sympathisiert? Sag es mir, Clyta.�</p><p><emphasis>Clyta?</emphasis> Madeline fuhr wie von einer Tarantel gestochen auf. Ihre Gedanken waren herumgewandert; es gab nur eine einzige Clyta in Resolute, ein achtzehnj�hriges, lediges M�dchen. Madeline hatte den Verdacht, da� Justin einige Male mit ihr geschlafen hatte. Sie war schwanger. Doch schon h�rte sie, wie Justin das M�dchen erneut schlug. Sie schrie auf vor Schmerzen.</p><p>�Wer hat es getan?� br�llte er. Madeline grub die Fingern�gel in ihre Handfl�chen.</p><p>Der entflohene Sklave Priam hatte das Geheimnis mitgenommen, bis er von einer Patrouille einige Meilen vor der Grenze zu North Carolina aufgegriffen worden war. Er hatte sich zur Wehr gesetzt und war durch Pistolensch�sse t�dlich verwundet worden. Mit ihm war auch der Name seines geheimen Wohlt�ters gestorben.</p><p>Madeline fror. Ihr Atem bildete Nebel. Justin wiederholte seine Frage laut. Dann folgten ein weiterer Schlag und ein Schrei. Madeline grub ihre Fingern�gel noch tiefer, bis sie wie kleine Messer in ihre Handfl�chen schnitten.</p><p><emphasis>Wer hat es getan, Justin? Deine Frau. Es war deine Frau, die Nancy in der Nacht, als Priam hungrig und �ngstlich ankam, rief. Ich bin hingegangen, um ihm zu helfen. Du hast nichts bemerkt, du warst wieder einmal bei den Pferden oder bei einer Sklavenhure, wie �blich. Ich bin diejenige, die ihm geholfen hat, du Schuft. Ich bin diejenige, die eine merkw�rdige Sympathie f�r deine Nigger empfindet.</emphasis></p><p>Sie hatte nicht den Mut, ins B�ro hin�berzugehen und es ihm offen zu gestehen. Sie sch�mte sich daf�r. Sie fl�chtete aus der Pergola und bedeckte ihre Ohren mit den H�nden, um Clytas Schreie nicht h�ren zu m�ssen.</p><p>Die meiste Zeit �ber schlief Justin in einem getrennten Schlafzimmer und kam nur zu ihr, wenn er seine Bed�rfnisse befriedigen wollte. Sie war dankbar, da� er sie heute nacht allein lie�. Was sie in der Pergola geh�rt hatte, hatte sie derma�en aufgeregt, da� sie nicht schlafen konnte. Sie versp�rte den Drang, an ihrem Mann Rache zu nehmen. Rache war auch der Grund gewesen, weshalb sie Nancy geholfen hatte, Priam in der Dachkammer des Krankenhauses zu verstecken.</p><p>Sie beruhigte sich jetzt etwas, und ihre Gedanken wandten sich Orry zu. Die Leute sagten, er sei verbittert geworden, seit er einen Arm in Mexiko verloren hatte. Und doch hatte er zweimal eine Botschaft geschickt und hatte sie an ihrem geheimen Ort treffen wollen.</p><p>Da sie sich auch jetzt noch an ihren anerzogenen Verhaltenskodex hielt, hatte sie keine der beiden Botschaften beantwortet. Als ob Justin eine solche R�cksichtnahme verdient h�tte! Sie rutschte mit der Hand ihren Leib hinunter, als ob sie das, was sie in sich sp�rte, unterdr�cken wollte. Sie konnte es nicht unterdr�cken. Morgen nach dem Abendessen w�rde sie Clarissa Main einen Besuch abstatten. Justin w�rde nicht mitkommen, weil er f�r die meisten sozialen Verpflichtungen ja h�chstens ein G�hnen �brig hatte. Bei diesem Besuch w�rde sie selbst eine Botschaft schicken. Warum hatte sie so lange gewartet? Weshalb hatte sie sich auch nur einen Augenblick des Gl�cks versagt? Die zwingendsten Gr�nde waren ihre unbegr�ndete Angst wegen Orrys Jugend, ihr strenges Gewissen und das Geheimnis, das ihr Vater ihr kurz vor seinem Tod anvertraut hatte. Aber keiner der Gr�nde schien mehr eine Berechtigung zu haben. Sie hoffte, da� Orry durch die fr�here Abweisung nicht so ver�rgert war, da� er jetzt nicht auf ihre Bitte eingehen w�rde.</p><p>Am n�chsten Morgen vor Tagesanbruch ging sie im Morgenrock in die K�che. Wie sie gehofft hatte, fand sie Nancy vor, allein; sie war dabei, einen Truthahn zu rupfen.</p><p>�Heute nachmittag gehen wir nach Mont Royal, Nancy.�</p><p>�Ja. Ma�am.�</p><p>Madeline war so voller Vorfreude, da� sie sich nicht die Zeit nahm, um zu �berlegen, weshalb Nancy einen so ernsten, verh�rmten Gesichtsausdruck hatte. �Kannst du dort eine Botschaft �bermitteln? Auf demselben Weg wie die andern, die du mir mitgeteilt hast?�</p><p>Nancy �ffnete die Augen etwas weiter. �Eine Botschaft an den jungen Herrn?�</p><p>�Ja. Das soll unser Geheimnis bleiben.�</p><p>�Ja, Ma�am. Nat�rlich.�</p><p>�Nancy, was ist los?�</p><p>Die Mulattin blickte auf den riesigen Eisenherd, aus dem w�rzige D�fte aufstiegen. Madeline ber�hrte den d�nnen Arm des M�dchens. Ihre Haut war kalt.</p><p>�Sag es mir.�</p><p>�Clyta, Ma�am. Nachdem Mr. Justin sie letzte Nacht geschlagen hat, hat sie ihr Baby verloren.�</p><p>�O nein! O Nancy�, sagte Madeline und nahm das M�dchen in die Arme, um sie zu tr�sten.</p><p>Tr�nen liefen Madeline �ber die Wangen, aber tief in ihr drinnen weinte sie nicht, als sie an ihren Mann dachte. Abschaum. <emphasis>Abschaum.</emphasis></p><p>Orry ritt ohne seinen Hut zur Salvation Chapel, obwohl ein d�sterer Himmel Regen versprach. W�hrend der letzten halben Meile fing es denn auch an zu regnen, zwar nicht heftig, aber es wurde sehr k�hl. Ein Winterregen, das Zeichen, da� wieder eine Erntezeit vorbei war und das gesellschaftliche Leben in Charleston demn�chst beginnen w�rde.</p><p>Heute morgen konnte nichts Orrys gute Laune tr�ben. Er duckte sich unter den letzten tief herunterh�ngenden �sten. Die Ruine kam in Sicht. Dahinter war das Sumpfland im Nebel verborgen. Er rief Madelines Namen. �Hier, Liebster.�</p><p>Die Stimme kam von seiner Linken. Wie beim ersten Mal hatte sie unter den B�umen Schutz gesucht. Er sprang vom Pferd herunter, band es fest und rannte ihr entgegen. Er nahm sie an der rechten Schulter, sie wollte nach seinem andern Arm greifen und wurde rot, als sie ihre Gedankenlosigkeit bemerkte. Ein Grinsen �berflutete pl�tzlich sein Gesicht.</p><p>�Du wirst dich daran gew�hnen, da� er nicht mehr da ist. Ich habe mich fast daran gew�hnt.�</p><p>Das L�cheln verschwand, als er seinen Arm um sie legte. Er zog sie an sich, als wollte er jedes Fleckchen ihres weichen K�rpers sp�ren, aber er war sich auch seiner langen Entbehrung bewu�t. Sie konnte seinen K�rper durch ihre Kleiderschichten hindurch sp�ren. Sie r�ckte n�her an ihn heran und stie� einen kleinen Seufzer aus. Sie lehnte sich an seine Brust. Er streichelte ihr Haar. �Ich dachte, du wolltest mich nie wiedersehen.�</p><p>�Weil ich die Botschaften nicht beantwortet habe? Ich habe mich nicht getraut.� Sie zog sich etwas zur�ck. �Ich sollte jetzt nicht hier sein. Ich liebe dich zu sehr.�</p><p>�Dann geh fort mit mir.�</p><p>�Wohin?�</p><p>�Irgendwohin.�</p><p>Es erleichterte ihn, dies endlich sagen zu k�nnen. Madeline l�chelte und weinte gleichzeitig. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihn zu k�ssen, und pre�te ihre Handfl�chen auf sein Gesicht.</p><p>�Ich w�rde mein Leben darum geben, aber ich kann nicht.�</p><p>�Warum nicht? Du h�ltst sicher nicht so viel von Justin?�</p><p>�Ich verabscheue ihn. Erst neulich habe ich entdeckt, wie sehr ich ihn verabscheue. Deshalb habe ich am Samstag deiner Mutter einen Besuch abgestattet. Ich konnte es nicht mehr ertragen, l�nger von dir getrennt zu sein. Ich m�chte, da� du mir alles �ber Mexiko erz�hlst.� Sie streichelte sein Gesicht mit langsamen, zaghaften Bewegungen. �Wie du verletzt wurdest, wie es dir ergangen ist � �</p><p>�Es w�rde mir sehr viel besser ergehen, wenn wir zusammen w�ren.�</p><p>�Orry, das ist unm�glich.�</p><p>�Wegen Justin?�</p><p>�Nicht wegen seiner Person, sondern wegen meines Versprechens, als ich ihn geheiratet habe. Ich habe ein lebenslanges Versprechen abgegeben. Wenn ich es brechen w�rde, wenn ich mit dir fortginge, h�tte ich mein Leben lang Schuldgef�hle. Die Schuld w�rde unser Leben ruinieren.�</p><p>�F�hlst du dich auch schuldig, wenn du mich hier triffst?�</p><p>�Nat�rlich, aber es ist ertr�glich. Ich kann mich davon �berzeugen, da� ich die ehelichen Gebote immer noch einhalte.�</p><p>Er sch�pfte Verdacht. Sie war nicht ganz aufrichtig. Sie hatte einen andern Grund, um nein zu sagen. Dann beschlo� er, da� er sich das blo� einbilde, vielleicht, um der Ablehnung etwas von ihrer Sch�rfe zu nehmen.</p><p>Sie l�ste sich von ihm und machte einige rasche Schritte auf den Rand des Sumpfes zu. �Wahrscheinlich denkst du, da� ich eine gemeine Heuchlerin bin.�</p><p>Er stand hinter ihr und hob ihr Haar hoch, damit er ihren Nacken hinter dem Ohr z�rtlich k�ssen konnte. �Ich denke, da� ich dich liebe, das ist alles. Ich m�chte, da� du bis ans Ende unsrer Tage bei mir bist.�</p><p>�Ich f�hle genau gleich, Liebster. Aber auch du hast eine Verantwortung. Was auch immer du sagen magst, ich glaube nicht, da� du einfach davonrennen und gl�cklich sein k�nntest.�</p><p>Er versuchte dem Gespr�ch eine andre Wendung zu geben, damit sie beide eine Atempause kriegten. �Ich w�re gl�cklich, wenn mein Vater vern�nftig werden w�rde. Wei�t du, da� er Priams K�rper als Beispiel f�r unsere Sklaven ausgestellt hat?�</p><p>�Nein, das wu�te ich nicht.� Sie rieb ihre Arme, ohne ihn anzusehen. �Das ist barbarisch.�</p><p>�Auf jeden Fall �berfl�ssig. Unsere Leute haben den Sinn von Priams Tod schon lange, bevor sie seinen K�rper gesehen haben, verstanden. Manchmal glaube ich, da� mein Vater bereits senil ist. Oder vielleicht wird er von den verdammten Sklavengegnern dazu getrieben? Er ist ein stolzer Mann, und er kann trotzig sein.�</p><p>�Es scheint eine Eigenschaft dieser Gegend zu sein�, sagte sie mit trotzigem L�cheln.</p><p>Er fand es unm�glich, so weiterzureden, als ob sie oberfl�chliche Bekannte w�ren. Der physische Hunger war zu gro�, fast schmerzhaft. Er sah sie direkt an.</p><p>�Kein Gerede mehr. Was ich m�chte, bist du. Komm � bitte � � Er nahm sie an der Hand und zog sie in unmi�verst�ndlicher Absicht zu einem Platz, wo das Laub und die Baumnadeln trocken aussahen.</p><p>�Nein, Orry.� Als sie sich von ihm l�ste, flammte �rger in ihren Augen auf. Sie warf sich ihm entgegen und umklammerte mit ihren Armen seine Brust. �Kannst du nicht sehen, da� wir nicht so weit gehen d�rfen? Nie! Wenn wir es tun, wird die Schuld fast so gro� sein, wie wenn wir davongerannt w�ren.�</p><p>Mit harten Bewegungen w�hlte er in ihrem Haar, k��te ihre Augen und die feuchten Mundwinkel. �Du m�chtest mich lieben, du kannst es nicht leugnen.� Er legte den Arm um ihre Taille, �berrascht �ber seine eigne K�hnheit. Er war wie von einem Fieber gepackt, und es schien absolut nat�rlich, ihre H�ften an sich zu ziehen und sie erneut zu k�ssen. �Nein, du kannst nicht.�</p><p>�Nein, ich m�chte so von dir gehalten werden. Aber wir d�rfen nicht.�</p><p>Er lie� sie los. �Ich verstehe dich nicht.�</p><p>Eine Str�hne ihres schimmernden schwarzen Haars war ihr in die Stirn gefallen. Sie schob sie zur�ck und l�chelte dann traurig.</p><p>�Wie kannst du das von dir erwarten, wenn ich mich selbst nicht ganz verstehe? Wer versteht sich schon? Ich wei� nur, da� ein bi�chen Schuld ertr�glich ist. Mehr nicht.�</p><p>Orry wurde wieder bla�. Die Spannung, die er mit der Umarmung �bertragen hatte, lie� nach. �Wenn wir nicht zusammen leben k�nnen oder einander richtig lieben k�nnen, was bleibt dann noch?�</p><p>�Wir k�nnen � �, sie holte tief Luft und sah ihn an. Ihre Stimme wurde entschlossener. �Wir k�nnen uns ab und zu hier treffen. Das w�rde mir das Leben zumindest ertr�glich machen.�</p><p>�Aber auch das ist Untreue, Madeline.�</p><p>�Aber nicht Ehebruch.�</p><p>�Ich dachte, das ist dasselbe.�</p><p>�Nicht f�r mich.�</p><p>�Nun, der Unterschied ist subtil. Ich zweifle daran, ob Au�enstehende ihn sehen k�nnten.�</p><p>�Ich kann nicht anders. K�nnen Au�enstehende denn Liebe �berhaupt begreifen?�</p><p>Er pre�te die Lippen zusammen, und mit einem scharfen Kopfsch�tteln ging er in Richtung Sumpf in den leichten Regen hinaus. Sie war zu einer Aff�re mit ihm bereit, aber nach ihren Regeln.</p><p>Er ging, soweit er konnte, und hielt erst dann inne, als der Boden unter seinen F��en weich wurde. Seine langen Schritte hatten Spuren hinterlassen. Er drehte sich um; der Regen rieselte durch seinen Bart. �Das sind harte Bedingungen. Ich m�chte dich zu sehr. Ich wei� nicht, ob ich einer dauernden Versuchung standhalten kann.�</p><p>�Ist ein bi�chen Liebe nicht besser als gar keine?� Fast h�tte er nein geschrien. Sie kam langsam auf ihn zu. Der Regen ruinierte ihre Kleider und durchn��te ihr Haar, aber auch so war sie das sch�nste Gesch�pf auf der Welt. Er konnte sie nicht zur�ckweisen, obwohl ihre Bedingungen fast ebenso schmerzvoll waren wie die Situation, aus der heraus sie entstanden waren.</p><p>Sie dr�ckte sich an ihn und starrte in seine Augen. �Stimmt es nicht, Orry?�</p><p>Er l�chelte, ohne jedoch etwas zu empfinden. �Doch.� Sie stie� einen kurzen Schrei aus und umschlang ihn noch enger. Er legte den Arm um sie, sein L�cheln war hohl. �Gott, ich w�nschte mir, du w�rest zur Hure und nicht zur anst�ndigen Frau erzogen worden.�</p><p>�Manchmal w�nsche ich mir das auch.�</p><p>Sie mu�ten beide lachen, und dies minderte ihren Kummer etwas. Sie gingen zu den B�umen zur�ck, machten es sich so bequem wie m�glich, sprachen eine gute Stunde miteinander. Orry machte sich Sorgen um ihren geheimen Treffpunkt. Je �fter sie hierher kamen, desto gr��er wurde die Gefahr, entdeckt zu werden. Sie sagte, sie w�rde dieses Risiko eingehen. Dann k��ten und umarmten sie sich wieder. Bevor sie Abschied nahmen, machten sie Pl�ne f�r das n�chste Rendez-vous. Orry hielt sich f�r verr�ckt, weil er den Bedingungen zugestimmt hatte. Das Verleugnen ihrer Bed�rfnisse verursachte in beiden eine fast unertr�gliche physische und psychische Spannung. Er wu�te, da� die Spannung noch schlimmer w�rde, wenn sie sich weiterhin trafen.</p><p>Und doch, als er bei der Ruine der Kapelle stand und ihr zuschaute, wie sie davonritt, �nderte sich seine Stimmung. Obwohl die Spannung blieb, schien die Enthaltung seine Sehnsucht und seine Liebe zu vertiefen.</p><p><strong>17</strong></p><p>W�hrend der ganzen Reise nach Norden sah George Priams Augen vor sich. Auch jetzt, als er mit aufgest�tztem Kinn durch das Eisenbahnfenster auf den Delaware River blickte.</p><p>In dem d�steren D�mmerlicht fiel Schnee, der schmolz, sobald er den Boden oder das Glas des Fensters ber�hrte. George war von der langen Reise und dem h�ufigen Z�gewechseln ersch�pft. Sein Magen reagierte verstimmt auf eine Mahlzeit, und w�hrend der letzten hundert Meilen war er fast vor Hitze verschmachtet, weil die andern Passagiere darauf bestanden hatten, immer mehr Holz in den Ofen zu werfen.</p><p>Nun ja, morgen w�rde er in Lehigh Station sein. Er hatte vor, die Nacht in Haverford House zu verbringen, wo die Hazards, wenn sie in Philadelphia waren, immer abstiegen. Am Morgen w�rde er den Lokalzug nehmen, und wenn er einmal zu Hause war, w�rde er seine Familie langsam, vorsichtig und sorgf�ltig darauf vorbereiten, da� er die Absicht hatte, eine Katholikin zu heiraten.</p><p>Wieder kam die Erinnerung an Priam. Er dachte nun auch an seine Beziehung zu Orry und zu Orrys Familie. George fand eigentlich an jedem einzelnen Familienmitglied etwas Liebenswertes, sogar am leichtsinnigen Vetter Charles, aber er geriet deswegen auch in die altbekannte Verwirrung und hatte Schuldgef�hle, denn die Mains hielten Negersklaven.</p><p>Der Zug verlangsamte seine Fahrt, bevor er langsam in den Bahnhof einfuhr. Das Dach �ber dem Bahnsteig lie� fast kein Tageslicht durch, und statt Schneeflocken wirbelten nun Funken von der Lokomotive am Fenster vorbei. Reisende standen auf und sammelten ihre Gep�ckst�cke ein. Das ru�ige Glas warf ihr Spiegelbild zur�ck, aber George sah nur Priam. Die Sklaverei mu�te aufh�ren. Davon war er seit seinem letzten Besuch in South Carolina �berzeugt. Das Ziel w�rde nicht einfach zu erreichen sein, denn es gab viele Hindernisse auf dem Weg: Tradition, Stolz, wirtschaftliche Abh�ngigkeit vom System, der verh�ltnism��ig starke Einflu� der kleinen Anzahl jener, die Sklaven hielten, ja sogar die Bibel. Kurz bevor George die Plantage verlassen hatte, hatte Tillet aus der Bibel zitiert, um die bewaffnete Suche nach Priam zu rechtfertigen. Priam hatte ganz klar gegen das dritte Kapitel des Briefs an die Kolosser versto�en: �Ihr Sklaven, seid in allem eurem irdischen Herrn gehorsam�� Wollte man das ungerechte und unzeitgem��e System niederrei�en, so ben�tigte man dazu Flexibilit�t, guten Willen und vor allen Dingen Entschlossenheit. George konnte nichts davon in Mont Royal entdecken.</p><p>F�r einige Augenblicke betrachtete er das Problem von einer anderen Seite, indem er davon ausging, da� seine Freundschaft mit Orry unbedingt erhalten werden mu�te. Auch dann ergaben sich Schwierigkeiten. Er erinnerte sich an Orrys klare Warnung, als er sich f�r Priams Freiheit eingesetzt hatte. Wenn ihm an der Freundschaft etwas gelegen war, so durfte er sich nie wieder einmischen. Aber wie stark war diese Freundschaft? Konnte sie Uneinigkeit �ber eine grundlegende Frage wie menschliche Freiheit einfach ausschalten? So als ob das Problem und die Meinungsverschiedenheiten einfach nicht existierten? Konnte Freundschaft in einem Klima zunehmender Spannung �berhaupt �berleben? Orry sagte ja, wenn man die Frage der Sklaverei beiseite lie�e. Aber der alte, kranke und verbitterte Calhoun hatte angedeutet, da� eine Trennung die einzig m�gliche L�sung f�r das Problem sei.</p><p>Sollte eine L�sung gefunden werden, glaubte George, dann mu�ten Leute wie die Mains die Hauptlast und Verantwortung daf�r tragen. Auch wenn der S�den nicht allein am Problem schuld war, so hatte er es doch gef�rdert, und es lag am S�den, Schritte zu dessen L�sung zu unternehmen. George glaubte, da� den Norden in der ganzen Angelegenheit keine Schuld traf. Zumindest dachte er dies, als er mit seinem Koffer �ber den Bahnsteig ging.</p><p>Gl�cklicherweise konnte er ohne vorherige Reservation im Haverford House �bernachten. Er war gerade dabei, sich einzutragen, als der Empfangschef sagte: �Ich glaube, wir haben noch einen andern Gast aus Ihrer F��</p><p>�George, bist du es?�</p><p>Die Stimme hinter ihm hatte diejenige des Mannes �bert�nt.</p><p>George drehte sich um und l�chelte dann die junge Frau an, die auf ihn zukam. Die schmelzenden Schneeflocken funkelten wie Diamanten auf ihrem Muff und dem Pelzrand ihres Hutes.</p><p>�Virgilia! Guter Gott, ich hatte nicht erwartet, dich hier zu treffen.�</p><p>Sie war ganz aufgeregt, und f�r einen Augenblick schien ihr viereckiges Gesicht fast h�bsch. Sie hatte w�hrend seiner Abwesenheit zugenommen, wie er feststellte.</p><p>�Ich habe ein Zimmer reserviert, weil ich heute hier in der Stadt bleibe�, sagte sie atemlos.</p><p>�Allein? Was tust du hier?�</p><p>�Ich halte meine erste Rede auf einer �ffentlichen Versammlung, die von der Gesellschaft organisiert wurde.�</p><p>�Von welcher Gesellschaft?� Er runzelte die Stirn.</p><p>�Der Gesellschaft zur Abschaffung der Sklaverei nat�rlich. O George, ich bin so nerv�s � ich habe die Rede w�hrend Wochen vorbereitet und auswendig gelernt.� Sie nahm seine H�nde � wie kalt und hart sich ihre Finger anf�hlten, fast wie diejenigen eines Mannes! �Ich habe v�llig vergessen, da� du heute zur�ckkommst. Du mu�t unbedingt zur Versammlung kommen. Alle Karten sind schon seit Wochen ausverkauft, aber wir werden sicher noch einen Platz f�r dich finden.�</p><p>�Ich komme gern. Ich gehe erst morgen nach Hause.�</p><p>�O prima. M�chtest du erst was essen? Ich kann nicht, ich bin zu nerv�s. George, ich habe endlich eine Sache gefunden, f�r die ich mich voll engagieren kann.�</p><p>�Ich freue mich dar�ber�, sagte er, als sie hinter dem Portier, der Georges Gep�ck trug, zur Hoteltreppe gingen. <emphasis>Du hast eine Sache gefunden, weil du keinen Mann gefunden hast.</emphasis></p><p>Er tadelte sich im stillen f�r seine Lieblosigkeit. Er und Virgilia waren einander nie nahegestanden, aber sie war immer noch seine Schwester. Er war m�de, und ihre Begeisterung stie� ihn etwas ab.</p><p>�Es ist eine Sache, f�r die es sich lohnt, obwohl Orry Main sicher anderer Meinung w�re. Ehrlich gesagt, ich verstehe nicht, wie du dich mit solchen Menschen abgeben kannst.�</p><p>�Orry ist mein Freund. Komm, lassen wir ihn aus dem Spiel.�</p><p>�Aber das ist unm�glich. Er besitzt schlie�lich Negersklaven.�</p><p>George schluckte eine heftige Bemerkung hinunter und �berlegte sich, ob er den Rest des Abends allein verbringen sollte. Sp�ter bereute er, es nicht getan zu haben.</p><p>Es waren an die zweitausend Menschen in der Halle, die bis auf den letzten Platz besetzt war. Sogar in den Seiteng�ngen standen die M�nner; es waren auch Kinder anwesend und einige gutgekleidete Schwarze. Die �berall in der Halle angez�ndeten Lampen verbreiteten ein rauchiges, gelbes Licht.</p><p>George wurde in einen Stuhl in der hinteren Reihe der Loge auf der rechten Seite der Trib�ne gedr�ckt. Vor ihm sa�en drei M�nner und drei Frauen, alle in formeller Kleidung. Als er sich vorstellte, zeigten sie sich kurz angebunden und reserviert. Vermutlich geh�rten sie zu den oberen Zehntausend von Philadelphia.</p><p>Obwohl es drau�en ziemlich kalt war, war es in der Halle durch die vielen Menschen sehr hei�, und alle Gesichter waren mit einem leichten Schwei�film �berzogen. Noch bevor das offizielle Programm er�ffnet wurde, waren die Zuh�rer bereits in Stimmung, viele stampften, klatschten oder sangen Lieder.</p><p>George warf einen Blick auf die Karte, die man ihm beim Eingang in die Hand gedr�ckt hatte. Er seufzte. Das Programm umfa�te neun Teile. Es w�rde ein langer Abend werden.</p><p>Die sechs Redner, die auf die Trib�ne traten, wurden mit lautem Applaus begr��t. Virgilia sah ruhig und gefa�t aus, als sie durch die langen Stuhlreihen, die vor einem knallroten Vorhang aufgestellt waren, hindurchschritt. Sie setzte sich auf den dritten Stuhl auf der linken Seite und warf George einen Blick zu. Er nickte und l�chelte. Der Vorsitzende, ein methodistischer Geistlicher, n�herte sich dem Podium und rief mit dem Hammer zur Ruhe. Zuerst sang die Hutchinson-Familie aus New Hampshire. Die S�nger wurden mit viel Beifall empfangen, als sie sich auf der rechten Seite der Trib�ne aufstellten.</p><p>Der �lteste stellte die Gruppe vor: �Mitglieder des Stammes Jesse und Freunde der Gleichberechtigung.� Daraufhin wurde noch mehr gestampft, geklatscht und gerufen. Die Gruppe war in Kreisen der Sklavereigegner offensichtlich bekannt, obwohl George noch nie etwas von diesen Leuten geh�rt hatte. Die Begeisterung des Publikums �berraschte und befremdete ihn. Er hatte nicht gewu�t, da� die Gegner der Sklaverei in Pennsylvania so emotional sein konnten.</p><p>Die erste Rede, die zehn Minuten dauerte, wurde von einem Geistlichen aus New York City gehalten. Er erl�uterte und unterst�tzte die Haltung des ber�hmten Gegners der Sklaverei, William Ellery Channing aus Boston. Laut Channing konnte die Sklaverei am besten dadurch �berwunden werden, da� man an die christlichen Prinzipien der Sklavenbesitzer appellierte. Der Redner kam etwa zur gleichen Schlu�folgerung wie George w�hrend der Bahnfahrt. Als George sich jedoch vor seinem geistigen Auge Tillet Mains Reaktion auf diese Theorie vor Augen hielt, hatte er einen Schock. Er wu�te, da� Channings Plan niemals funktionieren konnte.</p><p>Auch die Zuh�rer schienen nicht sonderlich begeistert und spendierten nur m��ig Applaus.</p><p>Der zweite Redner erntete mehr Beifall. Es handelte sich um einen gro�en, grauhaarigen Schwarzen namens Daniel Phelps, der fr�her ein Sklave gewesen war, �ber den Ohio gefl�chtet war und nun �ber seine Tage der Gefangenschaft in Kentucky berichtete. Ein guter Redner. Seine vierzehn Minuten dauernde Ansprache brachte die letzten Emotionen aus den Zuh�rern heraus; seine grauenhaften Schilderungen von Schl�gen und Folter brachten die M�nner mit Wutgeschrei auf die F��e. Er erhielt eine stehende Ovation.</p><p>Virgilia spielte nerv�s mit einem Taschentuch, als der Vorsitzende sie ank�ndigte. Er betonte besonders ihren Familiennamen. Gemurmel in der Halle zeigte, da� einige sie als Familienmitglied der ber�hmten Eisenh�ttenbesitzer erkannten. Eine der Frauen in der Loge drehte sich nach George um und nickte ihm kurz zu. Er f�hlte sich jetzt, nachdem man seine Person gew�rdigt hatte, etwas besser.</p><p>Als Virgilia das Podium bestieg, war sie immer noch nerv�s. Das arme M�dchen war wirklich zu drall, dachte George. �berhaupt nicht anziehend. Aber vielleicht w�rde ein Mann Gefallen an ihrer Intelligenz finden. Er hoffte dies f�r sie.</p><p>Zuerst sprach Virgilia sehr z�gernd und gab den Zuh�rern nicht mehr als die �blichen Argumente gegen die Sklaverei. Aber nach etwa vier bis f�nf Minuten nahm ihre Rede pl�tzlich eine andere Wendung. Das Publikum h�rte auf, nerv�s mit den F��en zu scharren, und buchst�blich alle Augen waren auf sie gerichtet.</p><p>�Ich hasse es, in Anwesenheit von Frauen und kleinen Kindern �ber solche Dinge zu reden, aber man sagt, da� die Wahrheit nie und nimmer unrein sein kann. Wir d�rfen deshalb nicht davor zur�ckschrecken, jeden Aspekt des merkw�rdigen Systems des S�dens zu pr�fen, wie geschmacklos und wie unmoralisch es auch immer aussehen mag.�</p><p>In der Halle herrschte absolutes Schweigen. Die Zuh�rer sp�rten, da� Virgilia geschickt mit ihren Gef�hlen spielte. Die M�nner und Frauen, die vor George sa�en, lehnten sich vor, um sie besser h�ren zu k�nnen. Er starrte in die Menge und sah schwei�gl�nzende, aber ernste Gesichter. Was ihn jedoch am meisten beunruhigte, war seine Schwester. Sie hielt sich am Rednerpult fest, und in ihrer Stimme war jetzt nicht mehr das geringste Z�gern.</p><p>�Der S�den legt zwar H�flichkeit und Kultiviertheit an den Tag, aber diese Eigenschaften ruhen auf einem faulen Fundament. Auf einem Fundament, das f�r die meisten Menschen und f�r Gott ein Hohn ist. Das hassenswerte System des S�dens, die Sklaverei, braucht ein unersch�pfliches Reservoir an Arbeitskr�ften. Und woher kommen die neuen Arbeitskr�fte, wenn die alten durch grausame Plackerei und brutale Behandlung ersch�pft am Wegrand liegen bleiben? Die neuen Arbeiter kommen von denselben Plantagen, deren wirkliche Ernte Menschen sind!�</p><p>Ein Schauer erfa�te die Zuh�rer, als ihnen klarwurde, was sie meinte. Auf der Galerie stand eine Frau auf und zog ihr kleines M�dchen zum Ausgang. Um sie herum mahnte man zur Ruhe.</p><p>�Die Plantagen im S�den sind nichts anderes als Zuchtfarmen f�r Schwarze. Gigantische Bordelle, die von einer dekadenten Aristokratie gutgehei�en, aufrechterhalten und fortgef�hrt werden, einer Aristokratie, die sich blindlings hinwegsetzt �ber den christlichen Glauben einiger weniger freier S�dstaatler, die mit schwachen Stimmen gegen diese verr�ckten Satyre, gegen diese Gottlosigkeit protestieren!�</p><p>Dekadente Aristokratie? Verr�ckte Satyre? Zuchtfarmen f�r Schwarze? George sa� mit trockenem Mund da und traute seinen Ohren nicht. Virgilia warf alle S�dstaatler in einen Topf, aber ihre Anklagen trafen schlichtweg nicht auf die Mains zu. Es sei denn, er w�re ein Idiot und h�tte sich in Mont Royal bl�dsinnig hinters Licht f�hren lassen. Das System wies viele �bel auf, aber er hatte keine Spur von dem entdecken k�nnen, was Virgilia behauptete. Was ihn jedoch am meisten entsetzte, war die Reaktion der Zuh�rer. Sie glaubten jedes Wort. Sie wollten jedes Wort glauben. Und wie eine gute Schauspielerin hatte Virgilia dieses Fluidum aufgefangen und reagierte darauf. Sie trat hinter dem Rednerpult hervor, um sich ihren Zuh�rern ganz zu zeigen. Sollten sie ihre selbstgerechte Raserei, ihren flammenden Blick, ihre vor Zorn zitternden H�nde, die sie in Richtung ihres Bruders hob, sehen.</p><p>�Sogar die Steine schreien angesichts dieser Gottlosigkeit. Jedes aufrechte Menschenherz sagt entschlossen und in gerechter moralischer Emp�rung � nein. Nein! <emphasis>Nein!�</emphasis> Sie warf den Kopf in den Nacken und streckte bei jedem Nein den Busen vor. Ein Mann auf der Galerie griff das Wort auf, und bald sang die ganze Halle. <emphasis>�Nein! Nein! NEIN! NEIN!�</emphasis></p><p>Langsam lie� der Tumult nach. Virgilia hielt sich am Rednerpult fest, sie atmete schwer. Ihre Kleider wiesen Schwei�flecken auf, und sie suchte nach ihrem Text. Au�er Atem k�mpfte sie sich zu ihrer Schlu�folgerung vor, aber George schenkte den Worten wenig Aufmerksamkeit. Er war �ber ihre heftigen Aussagen entsetzt � und �ber den Beifall, den sie beim Publikum fanden.</p><p>Seine Schwester hatte offensichtlich ein Ventil f�r ihre lang aufgestauten Emotionen gefunden. Es kam ihm fast unanst�ndig vor, wie sie sich vor den Zuschauern in Szene setzte. Ihre Sprache war sexuell gef�rbt, ihr Stil fast orgiastisch, als sie erkl�rte, da� es die Moral verlange, Schritte gegen die Zuchtfarmen f�r Schwarze zu unternehmen.</p><p>�Sie m�ssen verbrannt, zerst�rt, ausgetilgt werden. Mitsamt ihren Besitzern!�</p><p>Er sprang auf und verlie� die Loge. In der Eile h�tte er beinahe seinen Stuhl umgesto�en. Er rannte die endlose Treppe hinunter und wollte so schnell wie m�glich frische, klare Luft atmen. Er h�rte, wie das Publikum das Ende der Rede mit Fu�stampfen und lautem Applaus quittierte, und warf einen Blick zur�ck. Das Publikum war aufgestanden. Virgilia stand mit zur�ckgelehntem Kopf auf der Rednertrib�ne. Ihr Haar hatte sich durch die Anstrengung gel�st, ihre Kleider waren in Unordnung geraten, aber es machte ihr nichts aus. Ihr Gesicht leuchtete in tr�umerischem �berschwang und in Erf�llung. Er drehte sich um. Ihm wurde �bel.</p><p>Als er drau�en war, atmete er die frische Luft tief ein und freute sich an den Schneeflocken. Er w�rde ihr nat�rlich sagen m�ssen, da� sie gut gesprochen hatte. Aber er nahm sich auch vor, sie auf ihre allzu undifferenzierten Verallgemeinerungen aufmerksam zu machen. Er f�hlte sich durch ihr Verhalten tief beleidigt, nicht nur aus intellektuellen, sondern auch aus pers�nlichen Gr�nden. Es stimmte zwar, da� Virgilia eine erwachsene Frau war, die f�r ihr Leben selbst verantwortlich war, aber wenn er seine Schwester oder auch eine andere Frau sich so schamlos produzieren sah, zuckte er innerlich zusammen. Unter dem Deckmantel der Moral war ihre Rede ein Ergu� leidenschaftlicher Sexualit�t gewesen. Sie hatte es seiner Schwester erm�glicht, Dinge zu sagen, die kein Mann und keine Frau jemals in der �ffentlichkeit in einem andern Kontext sagen k�nnten.</p><p>Was ihn am meisten entsetzte, war sein Eindruck, da� Virgilia Gefallen an der Sache gefunden hatte � und nicht nur aus den moralischen Gr�nden, die sie vorgab.</p><p>Aber auch wenn er seine pers�nlichen Betrachtungen beiseite lie�, �rgerten ihn die Beifallrufe aus der Halle. Sie machten ihn auf eine Dimension des Sklavereiproblems aufmerksam, die er bis jetzt nicht gekannt hatte. Wie gerecht die Sache, f�r die sich Virgilia engagiert hatte, auch immer sein mochte, sie hatte das Ganze irgendwie verdreht: Ein Aufruf zur Gerechtigkeit wurde zu einem gemeinen, erschreckenden Aufruf zu einem Heiligen Krieg. Und in der Halle schien es viele potentielle Krieger zu geben. Er konnte sie immer noch nach dem Blut des S�dens rufen h�ren.</p><p>Auf seiner Reise hatte er geglaubt, da� die ganze Schuld beim S�den liege, bei den Sklavenbesitzern mit ihrem zerst�rerischen Hochmut. Heute abend hatte er eine be�ngstigende Lektion lernen m�ssen. Er hatte sich geirrt.</p><p>In einer Stunde hatte er seine Meinung �ber die Gegner der Sklaverei ge�ndert, denn sicherlich hatte sich Virgilia nach der Meinung anderer Mitglieder der Bewegung ausgerichtet. Wie viele von ihnen waren mehr an einer Konfrontation als an einer echten L�sung des Problems interessiert? Er entschuldigte weder die Sklaverei noch die Mains aufgrund dessen, was er heute abend geh�rt und gesehen hatte, aber zum erstenmal glaubte er, da� die Ressentiments der Mains vielleicht nicht ganz unberechtigt waren.</p><p>Konnte die Freundschaft zwischen M�nnern verschiedener Regionen oder die aus gemeinsamen Erlebnissen geborene Kameradschaft einem solch entsetzlichen Druck standhalten? Hatten die Menschen und die Nation genug guten Willen, um die kopflosen Leidenschaften, die seine Schwester heute abend entfesselt hatte, wieder einzud�mmen?</p><p>Er fr�stelte, als der Wind ihm Schnee ins Gesicht trieb. Der Sturm wurde heftiger, und man konnte kaum noch die Lichter der Stadt sehen. Pl�tzlich sah er eine sehr viel grimmigere Zukunft vor sich, als er sich das bis jetzt hatte vorstellen k�nnen. Eine kurze, d�stere Vision tauchte vor ihm auf: die Nation unter dem Hammer des Sklavenproblems, bis sie schlie�lich wie spr�des Gu�eisen auseinanderbrach.</p><p>Er vermutete, da� er bis zu diesem Augenblick in Unwissenheit oder mit einer Illusion gelebt hatte. Jetzt, an die Wand gelehnt und wegen des aufkommenden Windes kaum in der Lage, seine Zigarre anzuz�nden, sah er der Realit�t ins Auge. Er war ersch�ttert.</p><p>Die letzte Etappe seiner Reise bew�ltigte George mit einem Lehigh-Kanalboot. Der Kanal folgte dem Flu�lauf von Maunch Chunk bis Easton. Vier Generationen der Hazards war das Lehigh-Tal bereits eine Heimat gewesen. Georges Urgro�vater hatte seinen Posten in New Jersey aufgegeben und versucht, in Pennsylvania sein eigener Herr und Meister zu werden.</p><p>Es gab keine gro�en nat�rlichen Erzvorkommen im Tal wie zum Beispiel das Raseneisenerz in Jersey. Und es bestand auch nicht die M�glichkeit, Flu�mittel aus Tonerde und Austernmuscheln zu gewinnen, wie dies die M�nner in den Salzbuchten bei Pine Barrens tun konnten. Aber der Urgro�vater von George hatte gro�e Holzbest�nde entdeckt, die man in Holzkohle verwandeln konnte. Dazu hatte er einen Flu� gefunden, dessen Wasserkraft nutzbar war. Und am wichtigsten von allem: Er hatte Gl�ck. W�hrend Jahren hatte er den einzigen Ofen am Flu� betrieben. Das Erz mu�te in Leders�cken �ber die Berge gebracht werden, aber das schreckte ihn nicht ab. Auch in Jersey waren Maultiere lange das einzige Transportmittel gewesen.</p><p>Man sagte, er sei verr�ckt, nicht in das Schuylkill-Tal zu gehen, aber Georges Urgro�vater k�mmerte sich nicht um solches Gerede und hielt durch. Im Lehigh-Tal war er sein eigener Herr und Meister und war in Gl�ck und Ungl�ck von seinen eigenen Entscheidungen abh�ngig.</p><p>W�hrend der Revolution hatten sich die Hazards ganz auf den Krieg konzentriert und waren hinterher finanziell fast ruiniert. Gl�cklicherweise trugen die Rebellen den Sieg davon, und die Familie konnte weiterbestehen. Aber der Erfolg erwies sich als sehr wetterwendisch.</p><p>Jahr f�r Jahr mu�ten die Hazards ihr Eisen auf alte, bauf�llige Durham-Boote verladen, um es �ber den Delaware zu bringen. Man wu�te nie, ob die Boote ankommen w�rden. 1829 wurde der Lehigh-Kanal er�ffnet. Damit begann jedes Gesch�ft im Tal zu florieren, und die Hazards waren keine Ausnahme mehr. Ein Jahrhundert lang hatte das Eisen der Familie ein zwar stetiges, aber bescheidenes Einkommen gesichert. Mit dem Kanal waren nun pl�tzlich mehrere M�rkte erschlie�bar, und im Laufe einer Generation � der Generation von Georges Vater � kamen die Hazards nun zu Reichtum.</p><p>George war sozusagen mit dem Kanal aufgewachsen. Die Rufe der Bootsleute und das gelegentliche Iah der Esel auf dem Treidelpfad geh�rten unausl�schlich zu seinen Kindheitserinnerungen. Es hie�, die guten Zeiten des Kanals gingen jetzt zu Ende. Sie hatten knapp drei�ig Jahre gedauert, ein weiterer Beweis daf�r, wie schwindelerregend schnell sich das Zeitalter der Maschine ver�nderte. William Hazard hatte offensichtlich auf diese Prophezeiungen geh�rt, sonst h�tte er nicht damit angefangen, Eisenbahnschienen herzustellen.</p><p>Das Boot hielt eine halbe Stunde in der aufstrebenden Stadt Bethlehem an. Einige Meilen hinter der Stadt erhoben sich die ersten Gipfel der South Mountains. Es war ein st�rmischer, dunkler Tag. George stand an Deck und erfreute sich am Anblick seiner Heimat.</p><p>Unter den rasch dahintreibenden, grauen Wolken sahen die runden H�gelkuppen beinahe schwarz aus. Jetzt waren sie kahl, aber im Fr�hling waren sie mit Tausenden von rosa und wei�en Blumen �bers�t. Georges Mutter liebte sie auf eine fast religi�se Art. Sie sagte, sie seien wie die Hazard-Familie: Sie fa�ten oft auf steinigem Boden Fu� und gediehen, wo andere Pflanzen starben. Sie hatte George dieses Gef�hl vermittelt, so wie sein Vater seinen Glauben an die Macht des Eisens auf ihn �bertragen hatte. Das Kanalboot bog um eine lange Kurve, und nach und nach kam die kleine Stadt Lehigh Station in Sicht. Etwas weiter flu�aufw�rts waren die gro�en Hazardwerke bereits deutlich erkennbar.</p><p>In Flu�n�he befand sich eine Ansammlung bescheidener H�user. Hier wohnten die Iren, Waliser und Ungarn, die in den Hazardwerken arbeiteten. Mehr und mehr Gu�eisen wurde f�r den H�userbau in gro�en St�dten verwendet, es war schon fast zu einer Manie geworden. Und die Hazards stellten jetzt ja auch Schienen her.</p><p>Auf dem H�gel oberhalb der Arbeitersiedlung erhoben sich die gr��eren Ziegelgeb�ude der Angestellten sowie die Wohnh�user der Vorarbeiter und Aufseher des Eisenwerks. Und auf dem h�chsten Punkt, in der Mitte eines riesigen Grundst�cks, stand, terrassenf�rmig aus dem Berg herausragend, das Haus, in dem George zur Welt gekommen war.</p><p>Er liebte das Haus, weil es sein Zuhause war, aber er fand, es sehe scheu�lich aus. Der vorderste Teil des Hauses war vor hundert Jahren erstellt und bereits viele Male umgebaut worden � jedesmal in einem andern Stil. Es gab drei�ig oder vierzig Zimmer im ganzen, aber es herrschte keine Einheit; das Haus trug nicht mal einen Namen und hatte seiner Meinung nach keinen Stil.</p><p>Das Hauptmerkmal der Hazardwerke waren die drei Hoch�fen, die kegelf�rmig in den Himmel ragten. Von der Spitze eines jeden f�hrte eine h�lzerne Br�cke zu den H�geln. Zwei der �fen waren in Betrieb und spien Rauch aus, der den ohnehin schon dunklen Himmel noch mehr verd�sterte. Kohle war ein schmutziger Brennstoff und ziemlich altmodisch. Auf der Br�cke des dritten Ofens gingen Arbeiter mit Schubkarren hin und her. Sie sch�tteten den Inhalt der Schubkarren in ein Ladeloch und kehrten dann f�r die n�chste Ladung zum andern Ende der Br�cke zur�ck. Sicherlich gab es rationellere Methoden, wie etwa ein dampfgetriebenes F�rderband. Sein Bruder Stanley wollte sicher, da� jeder Ofen im ganzen Land erst ein solch neues System installierte, bevor er sich daf�r entscheiden konnte.</p><p>Auch in der Gie�erei herrschte reger Betrieb. George staunte, wie gro� die Hazardwerke eigentlich waren, besonders nachdem er ein neues Geb�ude entdeckte, das er noch nie gesehen hatte. Wahrscheinlich war dies das Schienenwalzwerk.</p><p>Hazard Iron war ein l�rmiger, gesch�ftiger und unsauberer Betrieb. Die Landschaft wurde durch die Schlackenhaufen und die Kohle verunstaltet. Der Rauch war scheu�lich, die Hitze und das Get�se manchmal infernalisch. Aber mit jedem Tag schien es klarer zu werden, da� die Vereinigten Staaten dank des Eisens wuchsen und gediehen. Das Gesch�ft war George in Fleisch und Blut �bergegangen, und als er diesmal nach Hause kam, wurde es ihm bewu�t.</p><p>Wie w�rde Constance darauf reagieren? W�rde sie sich hier gl�cklich f�hlen, verheiratet mit einem Eisenh�ttenbesitzer, an einem unvertrauten, fremden Ort? Er gelobte, alles M�gliche zu tun, damit sie sich wohl f�hlte, aber es lag nicht ganz in seiner Macht, ihr Leben in Lehigh Station gl�cklich zu gestalten. Und das machte ihm Sorgen.</p><p>Er freute sich, da� Virgilia noch in der Stadt hatte bleiben m�ssen und er somit Gelegenheit hatte, allein nach Hause zu kommen und langsam zu seinem alten Leben und seinen alten Gewohnheiten zur�ckzufinden. Mit all den Sorgen und Freuden. Sein Vater war nicht mehr da. Er hatte Schuldgef�hle, weil er, vom Anblick seiner Heimat �berw�ltigt, seinen Vater ganz vergessen hatte. Das mu�te er wiedergutmachen. Er mu�te auf Wiedersehen sagen.</p><p>Der Marmorstein mit den eingravierten Worten WILLIAM HAZARD gl�nzte im pr�chtigen Sonnenuntergang. George r�ckte den schwarzen Kranz, den er niedergelegt hatte, nochmals zurecht, bevor er wieder aufstand. Als seine Mutter auf ihn zukam, war er dabei, Erde von seiner Hose abzuklopfen. Sie hatte ihn auf den Friedhof begleitet, war aber im Hintergrund geblieben, als er schweigend von seinem Vater Abschied nahm.</p><p>Sie gingen den steilen Pfad zur wartenden Kutsche hinunter. George war erst seit wenigen Stunden zu Hause, aber Maude Hazard schmiedete bereits tausend Hochzeitspl�ne.</p><p>�Es ist ein Jammer, da� dein Vater nicht mehr lebt, um Constance kennenzulernen�, sagte sie.</p><p>�Glaubst du, sie h�tte ihm gefallen?�</p><p>Maude seufzte. �Wahrscheinlich nicht. Aber wir werden sie willkommen hei�en, das verspreche ich dir.�</p><p>�Wird Stanley sie auch willkommen hei�en?� In seiner Stimme schwang Skepsis.</p><p>�George� � sie sah ihn direkt an �, �du wei�t, da� einige dich f�r deinen Schritt hassen werden. Die Iren werden verachtet, obwohl mir nicht ganz klar ist, weshalb. Aber du bist offensichtlich sehr realistisch, und das bewundere ich. Ich bewundere dich f�r deine Bereitschaft, dem Ha� die Stirn zu bieten.�</p><p>�Ich habe mir das noch nicht so rum �berlegt, Mutter. Ich liebe Constance.�</p><p>�Ich wei�, aber es gibt immer noch sehr viel unchristlichen Ha� in der Welt. Die Liebe wird ihn irgendwie besiegen, da bin ich sicher, und wenn wir alle �berleben sollen, dann mu� die Liebe st�rker sein.�</p><p>Er dachte an Elkanah Bent, an Tillet Main und an seine eigene Schwester. Er konnte sich das �<emphasis>muߋ</emphasis> vorstellen, aber das �<emphasis>wird�</emphasis>? Daran zweifelte er.</p></section><section><title><p><strong>Zweites Buch.</strong></p><p><strong>Freunde und Feinde</strong></p></title><p><emphasis>Die Menschen m�gen widerspr�chlich sein, aber die menschliche Natur bleibt sich selber treu. Seit dem das Monstrum der Sklaverei geschaffen wurde, hat sie immer wieder schreiend davon Zeugnis abgelegt, und bis es unter den Verw�nschungen des Universums zugrunde gegangen ist, wird es unbeirrt ihren Weg gehen, ihre Pfeile abschie�en und die Brut verurteilen.</emphasis></p><p>Theodore Dwight Weld. American Slavery As It Is 1839</p><p><strong>18</strong></p><p>Mit einem Weihnachtsfest wurde George bald darauf feierlich zu Hause willkommen gehei�en. Er hatte Gelegenheit, all die Ver�nderungen, die sich in kurzer Zeit in der Familie ereignet hatten, zu beobachten. Einiges �berraschte ihn sehr.</p><p>Sein Bruder Billy, der erst zw�lf war, handelte bereits wie ein Erwachsener und sah auch so aus. Sein Gesicht war voller geworden und hatte nun ebenfalls den leicht derben Ausdruck angenommen, der allen Hazards � mit Ausnahme von Stanley � eigen war. Sein braunes Haar war dunkler als dasjenige von George, seine blauen Augen weniger bla� und durchdringend. Er hatte ein liebensw�rdiges L�cheln, aber wenn er sachliche und intelligente Fragen zum Krieg stellte, war er sehr ernst. Wer war der bessere General, Taylor oder Scott? Was konnte man �ber einen Vergleich der mexikanischen mit der amerikanischen Armee sagen? Was hielt George von Santa Anna? Billy konnte wohl nicht so ernst sein, wie es den Anschein erweckte, dachte George. Aber dann erinnerte er sich daran, da� es ihm selbst, als er in Billys Alter gewesen war, meistens sehr ernst gewesen war. Manchmal hatten ihn Frauen in Verlegenheit gebracht. Ob wohl Billy �hnliche Probleme hatte?</p><p>Dann mu�te er �ber sich selbst lachen. Auch er hatte sich ver�ndert, nicht nur die andern Hazards.</p><p>Virgilia schwatzte pausenlos �ber die Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei. Sie nannte es ihre Arbeit. Sie war nicht nur fanatisch geworden, sondern nahm sich selbst auch sehr wichtig. Nat�rlich sagte George dies nicht laut, aber er verbarg auch nicht seinen �rger, als er ihr mitteilte, da� Orry sein Trauzeuge sein w�rde.</p><p>Virgilia entgegnete darauf: �Ach ja, dieser Freund von dir, der Sklaven besitzt. Nun, George, sei gewarnt: Ich werde ihn weder anl�cheln noch vor ihm kriechen.�</p><p>Es versprach eine unangenehme Hochzeit zu werden. Virgilia war offensichtlich entschlossen, Orrys Besuch zu verderben, und Stanleys Frau machte mehrere eisige und sarkastische Bemerkungen in bezug auf Constance Flynns Religion und den Ort der Hochzeit � die kleine, unpr�tenti�se katholische Kapelle am Kanal.</p><p>Stanley hatte vor etwas mehr als einem Jahr geheiratet, als George nach Mexiko unterwegs war. Isabel Truscott Hazard war 28, zwei Jahre �lter als ihr Mann. Sie kam aus einer Familie, die von sich behauptete, einen Freund und Kollegen von William Penn als Stammvater zu haben. Obwohl sie sich w�hrend ihres ersten Jahres in Lehigh Station vornehmlich ihrer Schwangerschaft gewidmet hatte, war sie dank dem Namen ihres Mannes und ihrem eigenen Ehrgeiz zu einer f�hrenden sozialen Position aufger�ckt.</p><p>George versuchte Isabel zu m�gen, aber nur f�nf Minuten lang. Isabel war h��lich wie ein Pferd, was ihn nicht gest�rt h�tte, wenn sie intelligent oder anmutig gewesen w�re. Aber sie betonte mit einigem Stolz, da� sie nie etwas anderes als den Gesellschaftsklatsch lese. George h�tte Mitleid mit ihr haben k�nnen, aber weshalb sollte er sich �berhaupt um sie k�mmern? Sie glaubte ja doch, da� sie perfekt sei. Dasselbe dachte sie auch �ber ihr Zuhause, ihre Garderobe, ihren Geschmack in bezug auf M�bel und ihre Zwillingss�hne, die neun Monate auf den Tag genau nach der Hochzeit auf die Welt gekommen waren. Sie hatte Stanley bereits dar�ber informiert, da� sie keine weiteren Kinder mehr haben wollte, da sie das ganze ekelhaft gefunden hatte.</p><p>Mit gro�em Stolz zeigte George seiner Familie eine kleine Photographie von Constance. Wenige Minuten sp�ter, als ein Diener ihnen Rumpunsch servierte, bemerkte Isabel:</p><p>�Mi� Flynn sieht sehr h�bsch aus.�</p><p>�Danke, da bin ich einverstanden.�</p><p>�Man sagt, da� die M�nner des S�dens k�rperliche Sch�nheit ohne, sagen wir, Substanz m�gen. Ich hoffe, deine Verlobte ist nicht so naiv zu glauben, da� man im Norden auch so denkt.�</p><p>George wurde rot. Offensichtlich hatte Isabel beschlossen, Constance zu verurteilen, weil sie zuf�llig sch�n war.</p><p>Maude Hazard mochte die Bemerkung ihrer Schwiegertochter nicht. Stanley bemerkte, wie seine Mutter die Stirn runzelte und etwas zu Isabel sagte. F�r den Rest des Abends schwieg sie nun zwar, aber George war sicher, da� dies nicht f�r immer sein w�rde.</p><p>F�r die Weihnachtsfeiertage war der Kamin mit Berglorbeer geschm�ckt worden. Fenster und T�ren ebenfalls. Auf dem Kaminsims stand der Stolz der Familie, ein massiver, etwa siebzig Zentimeter hoher Pokal, der vom ber�hmten John Amelung aus Maryland stammte. Williams Vater hatte den Pokal in einer Zeit des �berflusses gekauft. Auf dem Glas hatte der K�nstler einen Schild und einen amerikanischen Adler mit ausgebreiteten Schwingen eingraviert. Vom Schnabel des Adlers flatterte ein Band mit der Inschrift <emphasis>E pluribus unum.</emphasis> Gegen Ende der Feier stellte Maude sich vor den Kamin und hielt eine kurze Ansprache.</p><p>�Nun, da George endg�ltig zu Hause ist, m�ssen wir eine �nderung der Leitung der Hazardwerke vornehmen. Von jetzt an werden Stanley und George in gleichem Ma�e f�r den Betrieb des Ofens und des Walzwerks verantwortlich sein. Deine Zeit wird auch noch kommen, Billy, mach dir keine Sorgen.�</p><p>Stanley versuchte, ein L�cheln aufzusetzen, aber er sah aus, als h�tte er eine Zitrone verschluckt. Maude fuhr fort:</p><p>�Da die Familie immer gr��er wird, k�nnen wir nicht mehr alle unter einem Dach wohnen. Es m�ssen also auch in dieser Hinsicht einige �nderungen vorgenommen werden. Dieses Haus wird von nun an Stanley und Isabel geh�ren. Ich werde auch hier wohnen, und f�r eine gewisse Zeit auch noch Billy und Virgilia.�</p><p>Sie wandte ihren Blick George zu und nahm ein gefaltetes Dokument vom Kaminsims, das er vorher nicht bemerkt hatte. �Einer der letzten W�nsche deines Vaters war, da� du ein eigenes Haus haben sollst. Dies also f�r dich und deine Braut: Es ist eine Urkunde f�r ein St�ck Land. Die Parzelle ist recht gro� und befindet sich gleich nebenan. Dein Vater hat das Schriftst�ck zwei Tage vor seinem Schlaganfall unterzeichnet. Bau Constance und deinen Kindern ein Heim.�</p><p>Georges Augen f�llten sich mit Tr�nen, als er die Urkunde in Empfang nahm; Billy klatschte. Stanley und Isabel schlossen sich ihm ohne Begeisterung an. George verstand den Grund ihres Verhaltens. Stanley war nicht sonderlich darauf aus, die Leitung des Unternehmens mit einem Bruder zu teilen, den er als unerfahren und waghalsig betrachtete.</p><p>Constance und ihr Vater trafen Ende M�rz im Norden ein, und die jungen Leute heirateten an einem milden Apriltag. George hatte seinen neuen, verantwortungsvollen Posten bereits vor drei Monaten �bernommen.</p><p>In seiner Jugendzeit hatte er hier und dort einige Arbeiten in den Eisenwerken verrichtet, aber jetzt betrachtete er das Ganze mit den Augen eines Unternehmers und nicht mit dem Blick eines gelangweilten Knaben, der anderswo zu sein w�nschte. Er streifte oft durch die Hochofenanlagen, die Gie�erei und das Walzwerk, lernte die Arbeiter kennen und hoffte, ihnen zeigen zu k�nnen, da� sie ihm vertrauen konnten. Er stellte Fragen und konzentrierte sich immer voll auf die Antwort. Stie� er dabei auf ein Problem, das er l�sen konnte, so tat er es.</p><p>Viele Male blieb er bis zur Morgend�mmerung auf und las. Er sah die alte Korrespondenz durch, schlug sich mit dicken Handb�chern �ber die Eisenindustrie und mit technischen B�chern herum. Seine Neugier �rgerte Stanley. George war es egal. Was er las, war recht aufschlu�reich und manchmal �rgerlich. Die Akten zeigten n�mlich, da� Stanley jedesmal den Weg des geringsten Risikos eingeschlagen hatte, wenn ihm sein Vater die Entscheidung �ber ein Projekt erlaubt hatte. Gl�cklicherweise hatte William Hazard seinem �ltesten Sohn nicht zu viele Kompetenzen �bertragen. George war davon �berzeugt, da� die Werke sonst auf den Stand des 18. Jahrhunderts zur�ckgefallen w�ren.</p><p>George fand daneben noch Zeit, einen Architekten aus Pennsylvania kommen zu lassen, der Pl�ne f�r sein neues Haus entwerfen sollte. Villen im italienischen Stil waren jetzt sehr <emphasis>en vogue,</emphasis> und der Architekt entwarf einen Plan f�r eine Villa in asymmetrischer L-Form mit einem raffinierten Aussichtsturm im Winkel. Dieser Turm sollte dem Geb�ude den Namen geben: Belvedere � sch�ne Aussicht. War das Haus einmal fertiggestellt, w�rde dies sicher stimmen. Die Fundamente waren eben ausgehoben worden, als die Flynns ankamen.</p><p>Constance merkte bald, da� Isabel sie verachtete; sie l�chelte und versuchte, das beste daraus zu machen. F�hlte sich Orry w�hrend der Hochzeitsfeierlichkeiten durch Virgilia beleidigt, so zeigte er dies nicht. Die beiden Neuverm�hlten machten sich auf ihre Hochzeitsreise nach New York. Die Familienkutsche f�hrte sie am Handelsposten vorbei, der der Stadt ihren Namen verliehen hatte, aber Constance hatte keinen Blick f�r die Landschaft �brig. Sie lagen einander in der Kutsche in den Armen. Sie hatten eine einzige Nacht f�r sich allein in Easton, eine selige Nacht, als ein Kurier George nach Hause rief � f�r eine der ersten gro�en Auseinandersetzungen mit seinem Bruder Stanley.</p><p>Einer der Hoch�fen war durch die enormen Spannungen, die sich im Innern anstauten, explodiert � ein Unfall, der sich bereits mehrere Male ereignet hatte. Zwei Arbeiter hatten dabei den Tod gefunden. Nachdem George die Unfallstelle inspiziert hatte, ging er in Stanleys B�ro.</p><p>�Weshalb waren die Schornsteine nicht mit den gu�eisernen Ringen versehen? In den Akten steht, da� Geld daf�r vorgesehen war.�</p><p>Stanley sah bla� und ersch�pft aus. Seine Stimme verriet Unmut, als er sagte: �Das war Vaters Idee, nicht meine. Nachdem er gestorben war, habe ich den Auftrag annulliert. Ich hatte den Eindruck, da� wir uns das nicht leisten k�nnten.�</p><p>�Du glaubst, da� wir uns zwei Leichen und zwei vaterlose Familien eher leisten k�nnen! Ich m�chte, da� diese Ringe angebracht werden, und werde sofort einen Auftrag erteilen.�</p><p>Stanley versuchte einen entr�steten Ton anzuschlagen. �Ich glaube nicht, da� du das Recht hast, eine Bestellung � �</p><p>�Verdammt! Du hast auf einem einzigen Gebiet mehr Rechte als ich. Du bist der einzige, der Wechsel unterschreiben darf. Diese Ringe werden bestellt. Und wir bezahlen jeder Familie tausend Dollar.�</p><p>�George, das ist bl�dsinnig.�</p><p>�Nicht, wenn wir weiterhin gute Arbeiter haben wollen. Nicht, wenn wir ruhig schlafen wollen. Du unterzeichnest die Wechsel, Stanley, oder ich komme mit hundert Mann und belagere dein Haus so lange, bis du es tust.�</p><p>�Verdammter Empork�mmling�, knurrte Stanley, aber er unterzeichnete.</p><p>Als er Maude mitteilte, da� man Schutzringe an den Schornsteinen anbringen w�rde, stellte er die Sache so dar, als ob das Ganze seine Idee gewesen sei.</p><p>Im November 1848 ging Zachary Taylor als Sieger aus der Pr�sidentenwahlkampagne hervor. Ungef�hr gleichzeitig wurde Belvedere fertiggestellt, und George und Constance, die schwanger war, zogen in das neue Haus. Nicht lange danach kam William Hazard III zur Welt. Die beiden liebten ihr neues Zuhause. Constance m�blierte erst das Kinderzimmer und stattete dann die �brigen R�ume mit teuren, aber bequemen M�beln aus, die dazu da waren, ben�tzt und nicht bewundert zu werden. Im Gegensatz dazu betrachteten Stanley und Isabel ihr Haus als Museum.</p><p>George besprach jede wichtige Entscheidung mit Constance. Am Anfang wu�te sie noch nichts �ber Eisen, aber sie war intelligent und praktisch und lernte schnell. Er gestand ihr, da� er wahrscheinlich des �fteren einen Mi�erfolg haben w�rde, weil er oft zu rasch und un�berlegt handelte, besonders bei Problemen, bei denen er sich nicht auf seinen Instinkt verlassen konnte. Aber er glaubte, da� der Fortschritt nicht auf einem andern Weg zu erreichen sei, und sie teilte seine Meinung.</p><p>Das sich stetig erweiternde amerikanische Eisenbahnnetz brauchte bald alle Schienen auf, die das Walzwerk in 24 Stunden herstellen konnte � und dies trotz der schlechten Wirtschaftslage. Doch George mu�te weiterhin um jeden Schritt, um jede wichtige Entscheidung mit seinem Bruder feilschen.</p><p>�Um Himmels willen, Stanley, wir befinden uns im Herzen einer wichtigen Kohleregion, aber du scheinst das nicht zu bemerken. Es ist fast hundertf�nfzig Jahre her, seit die Darbys in England versucht haben, Eisen mit Koks zu schmelzen. Ist dies f�r dich immer noch zu neu?�</p><p>Stanley blickte George an, als ob dieser verr�ckt geworden w�re. �Holzkohle ist traditionell und sehr zufriedenstellend. Wozu sie aufgeben?�</p><p>�Weil die B�ume nicht ewig leben. Nicht, wenn wir weiterhin so abholzen.�</p><p>�Wir k�nnen Holzkohle verwenden, bis es keine mehr gibt, <emphasis>dann</emphasis> k�nnen wir experimentieren.�</p><p>�Aber Holzkohle ist schmutzig. Wenn sie dies bewirkt�, er wischte mit dem Zeigefinger �ber Stanleys Pult: sein Finger war schwarz, �was glaubst du, was geschieht, wenn wir den Staub und Ru� einatmen? Ich m�chte, da� du zustimmst, da� wir ein Experiment � �</p><p>�Nein, ich werde nicht daf�r bezahlen.�</p><p>�Stanley � �</p><p>�Nein. Du hast mich zu allem anderen gedr�ngt, aber da wirst du mich nicht herumkriegen.�</p><p>George wollte auch etwas Kapital in ein Verfahren investieren, mit dem die Garrard-Br�der in den 1830er Jahren in Cincinnati hochqualitativen Tiegelgu�stahl hergestellt hatten. Cyrus McCormick war offensichtlich genug von dem Verfahren �berzeugt gewesen, um damit die Sicheln f�r seine ersten M�hmaschinen herzustellen. Aber w�hrend der Regierung Jackson hatte eine Verringerung der Einfuhrabgaben dazu gef�hrt, da� genug europ�ischer Stahl eingef�hrt wurde, um die Inlandnachfrage zu s�ttigen. Die noch in den Kinderschuhen steckende amerikanische Stahlindustrie war somit nicht zum Zug gekommen.</p><p>Amerika stellte gegenw�rtig nur etwa zweitausend Tonnen harten Kohlestahl pro Jahr her. Mit der zunehmenden Expansion sah George jedoch eine wachsende Nachfrage und gr��ere Absatzm�rkte voraus. Das Problem war nicht die Stahlherstellung an und f�r sich � das Verfahren war seit Jahrhunderten bekannt �, sondern wie rasch man ihn herstellen konnte, damit die Produktion gewinnbringend wurde. Mit dem alten Verfahren dauerte es zehn Tage, bis eine kleine Menge hergestellt war. Die Garrard-Br�der hatten offensichtlich ein besseres Verfahren entdeckt. George gab also in der Koksfrage nach und sparte seine Energien f�r den Kampf, der ausbrechen mu�te, wenn er Stanley vorschlug, das Garrard-Verfahren anzuwenden.</p><p>Zweifellos wurde Stanley von Isabel dazu angespornt, auf fast alle Vorschl�ge seines j�ngeren Bruders mit nein zu reagieren. Dies geschah auch, als George seinen Investitionsvorschlag machte. Er w�tete tagelang, und erst Constances Ank�ndigung, da� sie ihr zweites Kind erwartete, konnte seinen Zorn bes�nftigen.</p><p>Im Sommer 1849 erhielten Stanley und seine Frau Besuch von einem Herrn aus Middletown. Der Gast blieb �ber Nacht. George und Constance wurden nicht zum Abendessen eingeladen, Virgilia war in Philadelphia, und Maude war mit Billy nach New York gefahren. Offensichtlich wollten sie den Besuch geheimhalten.</p><p>Vom gesellschaftlichen Standpunkt aus gesehen war es George egal, aber er fragte sich, was wohl der Zweck des Besuchs sein mochte. Er hatte den gro�en, etwa f�nfzigj�hrigen, w�rdigen Mann, der aus der Kutsche stieg und dann in Stanleys Haus verschwand, sofort erkannt. Simon Cameron war �berall in Pennsylvania bekannt; er hatte im Lauf der Jahre mit Druckereien, Banken, Eisenbahnen und sogar mit Eisenwerken Geld gemacht.</p><p>George hatte jedoch das Gef�hl, da� er aus ganz andern Gr�nden nach Lehigh Station gekommen war. Handelte es sich um politische Interessen? Als George sp�ter im Bett lag, seine Hand auf Constances Bauch, wurde ihm pl�tzlich eine Verkn�pfung zwischen der Situation von Cameron und einer andern Tatsache klar.</p><p>�Um Gottes willen! Ich frage mich, ob er der Empf�nger jener Schecks sein k�nnte?�</p><p>�Ich wei� nicht, wovon du redest, Liebling.�</p><p>�Ich hatte noch keine Zeit, es dir zu sagen, aber ich habe vor kurzem entdeckt, da� Stanley in den vergangenen drei Monaten Schecks im Betrag von je 500 Dollar ausgestellt hat. Ohne Namen � bar an den Empf�nger. Vielleicht versucht er, Cameron wieder politisch auf die Beine zu helfen.�</p><p>�Du meinst, da� er in den Senat zur�ckkehren kann?�</p><p>�M�glich.�</p><p>�Als Demokrat?�</p><p>�Nein, das nicht. Er hat zu viele Leute ver�rgert, als er von der Parteilinie abgewichen ist. Der alte Jim Buchanan war besonders w�tend. Andererseits wird man Cameron nicht los. indem man einfach nein sagt. Im Gegenteil, das spornt ihn geradezu an. Ich mu� herausfinden, ob Stanley ihm Geld gibt, um eine neue Organisation aufzuziehen.�</p><p>Sie k��te ihn sanft auf die Wange. �All diese Streitereien mit Stanley machen dich vorschnell alt.�</p><p>�Und wie ergeht es dir mit Isabel?�</p><p>Sie wandte sich mit einem Achselzucken ab, das zu �bertrieben war, um echt zu sein. �Sie l��t mich in Ruhe.�</p><p>�Ich erwarte nicht, da� du etwas anderes sagst, aber ich wei�, da� sie dich bel�stigt.�</p><p>�Ja�, sagte Constance. �Sie ist niedertr�chtig. Gott vergebe mir, aber ich w�nsche mir, da� sie beide von der Erde verschluckt w�rden.� Sie kuschelte sich an ihn, die eine Hand auf seiner Brust, und weinte.</p><p>�Ja, ich gebe Cameron Geld�, gab Stanley am n�chsten Morgen zu. Er fuchtelte vor seinem Gesicht herum. �Mu�t du dieses verdammte Kraut auch hier drin rauchen?�</p><p>George paffte weiter an seiner Havanna. �Weich nicht vom Thema ab. Du gibst Geld der Gesellschaft aus, Geld, das im Gesch�ft bleiben sollte, schlimmer noch, du gibst es einem politischen Mietling.�</p><p>�Simon ist kein Mietling. Er hat seinen Dienst in Ehren geleistet.�</p><p>�Ach ja? Weshalb wollten die Demokraten ihn denn nicht mehr? Ich mu� sagen, es �berrascht mich keineswegs. Niemand wei�, wo er steht, oder welche Partei er unterst�tzt, es sei denn die Partei, die gerade emporstrebt. Wo steht er denn gegenw�rtig? Aber du wei�t sicher von nichts.�</p><p>Stanley hustete heftig, um zu zeigen, da� er mit dem Rauch gar nicht einverstanden war, und um Zeit f�r eine Antwort zu gewinnen. Drau�en rannten M�nner in schmutziger Kleidung den H�gel hinunter � die Nachtschicht. Ein kohlebeladener G�terzug knirschte in die andre Richtung.</p><p>�Simon baut eine staatliche Organisation auf�, sagte Stanley schlie�lich. �Er wird diejenigen, die ihm geholfen haben, nicht vergessen.�</p><p>�Stanley, der Mann ist ein Opportunist! Du kennst doch den Witz, den man sich �ber ihn erz�hlt? Camerons Definition eines ehrlichen Politikers: Einmal korrupt � immer korrupt. M�chtest du wirklich mit einem solchen Menschen etwas zu tun haben?�</p><p>Stanley blieb unersch�tterlich. �Simon Cameron wird es in Pennsylvania zu Macht und Ansehen bringen. Und auch in der Nation. Er hatte nur einige vor�bergehende Mi�erfolge.�</p><p>�Nun, hilf ihm nicht, sie mit unserm Geld zu �berwinden. Wenn du es trotzdem tust, werde ich Mutter in die Angelegenheit einweihen m�ssen. Bedauerlicherweise scheint dies der einzige Weg zu sein, dich vor dem Allerschlimmsten zu bewahren.�</p><p>Sein Bruder gl�hte und fand die Bemerkung �berhaupt nicht lustig. George sch�chterte ihn ein. Er bi� sich auf die Lippen und sagte dann:</p><p>�Na gut. Ich werde deinen Einwand pr�fen.�</p><p>�Danke�, schnappte George und ging hinaus. Er wu�te, da� er gewonnen hatte. Er hatte eine Waffe verwendet, eine Drohung, die er fr�her nie gebraucht hatte. Er tat es ungern; nur ein Narr dem�tigte andere Menschen, denn ein gedem�tigter Mensch schlug oft auf gemeinere Art und Weise zur�ck. Dieses Risiko war bei Stanley sehr gro�. Aber George hatte hier keine andere Wahl.</p><p>Constance hat recht, dachte er, als er den H�gel zu den Hoch�fen hinaufging. Die endlosen Wortgefechte laugten ihn aus. Heute morgen beim Rasieren hatte er mehrere graue Haare entdeckt. Und er war noch nicht einmal f�nfundzwanzig!</p><p>Als Isabel vom letzten Streit erfuhr, explodierte sie.</p><p>�Willst du ihn damit durchkommen lassen, Stanley? Wenn der Senator wieder oben ist, wird er sich sicher an deine Gro�z�gigkeit erinnern, und dann bekommst du die politische Stellung, die wir beide haben m�chten. Es ist unsere Chance, endlich diesem kleinen, schmierigen Dorf zu entfliehen.�</p><p>Stanley sank in einen der St�hle, die im Schlafzimmer standen. Mit einer m�den Bewegung l�ste er seine Krawatte. �Wenn ich nicht mit den Spenden aufh�re, wird George Mutter einweihen.�</p><p>Sie grinste h�misch. �Der kleine Junge sucht also Hilfe bei Muttern.�</p><p>�Ich kann ihn daf�r nicht verurteilen. Solange ich die Finanzen verwalte, hat er keine andere Wahl.� Es sei denn, er ginge mit F�usten auf mich los, dachte Stanley, und ein Angstschauer lief ihm den R�cken hinunter. George war temperamentvoll. Er hatte im Krieg gek�mpft und kannte sich aus. Er konnte sich gut vorstellen, da� er seinen eigenen Bruder angreifen w�rde, und dieses Risiko wollte Stanley nicht eingehen.</p><p>Isabel st�rmte wieder auf ihn ein. �Nun, du t�test gut daran, diesem verdammten Schuft keine Kontrolle �ber die Finanzen zu gew�hren.�</p><p>�Nein, da werde ich nicht nachgeben�, versprach Stanley. <emphasis>Es ist mein letzter Rest Autorit�t.</emphasis></p><p>�Und du wirst einen Weg finden, Cameron weiterhin Gelder zu schicken, nicht wahr?�</p><p>�Ja, Liebling. Das werde ich.� Stanley seufzte schwer. �Ich f�rchte, da� ich meinen eigenen Bruder zu hassen beginne.�</p><p>�Oh, ich glaube nicht, da� du so weit gehen solltest�, entgegnete sie, aber im geheimen frohlockte sie.</p><p>Er err�tete und verschwand hinter einem Wandschirm, um sein Hemd auszuziehen. �Ich wei�, ich meine es auch nicht immer so, blo� manchmal.�</p><p>�Das Problem, das zwischen dir und deinem Bruder steht, ist jene G�tzendienerin, die er geheiratet hat.� Sie betrachtete sich in einem dekorativen Spiegel, aber sie sah blo� das sch�ne Gesicht der rothaarigen Herrin von Belvedere. �Diese papstgl�ubige Hexe! Es ist an der Zeit, da� sie mal von ihrem hohen Ro� heruntersteigt.�</p><p>Stanley streckte den Kopf hinter dem Wandschirm hervor. �Wie?�</p><p>Isabels Antwort war ein eisiges L�cheln.</p><p><strong>19</strong></p><p>Das �Moravian Seminary and College for Women� befand sich am Ufer des Monocacy Creek, nicht weit von Bethlehem. Es war 1742 gegr�ndet worden und war als erstes Pensionat f�r junge Frauen in den Kolonien bekannt. Virgilia hatte die Schule w�hrend zwei Semestern besucht, war dann aber nach Hause zur�ckgeschickt worden, weil sie sich weigerte, die Regeln zu befolgen.</p><p>Jedes Jahr im September f�hrten die Frauen der Umgebung einen Bazar durch, um Gelder f�r die Schule zu sammeln. Der Bazar fand auf dem Rasen vor der Colonial Hall statt. Im Sommer begann man bereits mit den Vorbereitungen. Wurde man gebeten, den Vorsitz bei einem der zahlreichen Aussch�sse zu f�hren, so war dies ein Zeichen daf�r, da� man gesellschaftlich akzeptiert worden war. Isabel war im Vorjahr Vorstand eines solchen Komitees gewesen.</p><p>Constance war f�r die Ausbildung von Frauen, soweit es ihnen m�glich war, auch wenn sie dadurch in Wettbewerb mit den M�nnern gerieten. George fand ihre Haltung etwas eigent�mlich, widersprach aber nicht. Ihre Schwangerschaft beeintr�chtigte sie noch nicht so weit, da� sie nicht mehr auf den rauhen Stra�en des Hochlands h�tte herumreisen k�nnen. George versprach, da� er Stanley auf ihren Wunsch aufmerksam machen w�rde, aber er verga� es.</p><p>Constance wartete. Sie hatte immer etwas zu tun. Mehrere Stunden am Tag k�mmerte sie sich um den kleinen William, weil sie der Meinung war, da� Babies, wenn sie im S�uglingsalter nicht gen�gend Aufmerksamkeit und k�rperliche Zuwendung bekamen, zu schwierigen und gest�rten Erwachsenen heranwachsen w�rden. Abgesehen davon liebte sie es, sich um den rundlichen, kleinen Knaben mit der rosa Haut zu k�mmern.</p><p>Sie hatte auch einiges im Haushalt zu tun. Sie wu�te die Angestellten von Belvedere gut zu f�hren, verstand es, ihre Streitigkeiten auf bestimmte und gerechte Art und Weise zu schlichten, und half ihnen, in k�rzerer Zeit mehr zu erledigen, indem sie ihnen zeigte, wie sie ihre Pflichten organisieren und effizienter erf�llen konnten. Sie wurde bald von ihren Angestellten respektiert und bewundert; manche hatten auch etwas Angst vor ihr. Sie hatte ein irisches Temperament, das mit ihr durchging, wenn die Arbeit schlampig erledigt wurde, wenn die Leute vorlaut waren oder schwindelten.</p><p>Trotz all ihrer Besch�ftigungen dachte Constance jedoch immer noch an den Bazar. Schlie�lich fragte sie George, ob er ihre Botschaft �bermittelt habe. Er schlug sich an die Stirn und st�hnte auf. Constance verzieh seine Verge�lichkeit, sie w�rde sich eben direkt an Isabel wenden. Dies machte besondere Vorbereitungen erforderlich, da die beiden Frauen einander au�er durch Zufall kaum sahen. Sicherlich war das Isabels Absicht, dachte Constance manchmal etwas pikiert.</p><p>Sie lud Maude und Isabel zum Tee ein. Erst redeten sie �ber ihre Schwangerschaft. Constance sagte, sie sei sicher, da� es diesmal ein M�dchen werden w�rde; sie und George hatten sich bereits auf den Namen Patricia Flynn Hazard geeinigt. Als sie das h�rte, spitzte Isabel die Lippen und starrte ins Weite.</p><p>Constance erw�hnte, da� sie Interesse am Bazar habe. Maude sagte sofort: �Das ist sch�n von dir; ich bin sicher, da� die Damen sich freuen werden, wenn du mitmachst. Ich werde ihnen gerne mitteilen, da� du interessiert bist, obwohl ich seit zwei Jahren nicht mehr aktiv bin. Ich hatte den Eindruck, es sei nun an j�ngeren Frauen, das Ruder zu �bernehmen.�</p><p>�Ich werde es erw�hnen, Liebste�, sagte Isabel zu Constance, �und zwar bei der Sitzung der f�r die Organisation zust�ndigen Gruppe, die sich am n�chsten Montag trifft.�</p><p>�Danke�, sagte Constance und versuchte herauszufinden, ob Isabels s��es L�cheln aufrichtig war. Aber es gelang ihr nicht.</p><p>Isabel erw�hnte den Namen ihrer Schw�gerin bei jener Sitzung. �Ich dachte, sie k�nnte vielleicht den Vorsitz im Ausschu� f�r die Steppdecken � � fing sie an.</p><p>�Ausgezeichnet�, sagte eine der Damen.</p><p>�Aber als ich die Idee vortrug, lehnte sie ab.�</p><p>Diese Bemerkung rief einiges Stirnrunzeln hervor. �Mit welcher Begr�ndung, Isabel?� wollte jemand wissen.</p><p>Eine andere Dame fragte: �Ist sie gegen die Ausbildung f�r Frauen?�</p><p>�Ich wei� es nicht�, antwortete Isabel. �Sie sagte mir, sie k�nne nicht teilnehmen, weil die, �h, die religi�se Ausrichtung des Seminars gegen viele Konzepte ihrer Kirche versto�e, die ihrer Meinung nach nat�rlich die einzig wahre Kirche sei.�</p><p>Die Frau, die den Vorsitz f�hrte, sagte: �Nun, das ist das letzte Mal, da� wir sie in Betracht ziehen.�</p><p>Isabel sch�ttelte den Kopf. �Es ist ein Jammer. Constance ist eine kluge Person und hat mehrere gute Eigenschaften. Man hat mir gesagt, da� die Katholiken ein sonderbar bigottes Volk sind, aber ich habe das nie glauben wollen, bis ich sie kennengelernt habe. Ich bin sicher, da� ihre Haltung auf den Einflu� der Priester und Nonnen zur�ckzuf�hren ist. Wie kann jemand, der ewig in einer dunklen Zelle lebt, na ja, ganz richtig sein? Und man h�rt ja auch die entsetzlichen Sachen �ber Frauenkl�ster.�</p><p>Diese Bemerkung wurde mit weisem Kopfnicken begr��t. Das Thema war gerade im ganzen Land hochaktuell, und man war geneigt, solche Geschichten zu glauben.</p><p>Am n�chsten Nachmittag suchte Isabel Constance auf. Ihr Gesicht dr�ckte Entt�uschung aus, als sie sagte:</p><p>�Es ist nicht einfach, dir dies mitzuteilen, Liebes. Ich habe dein so gro�z�giges Angebot vorgetragen, aber die Damen der Organisation lehnten es ab. Es hat nichts mit deiner Person zu tun, bitte versteh mich nicht falsch, aber es geht schlie�lich um einen Bazar, mit dem Gelder f�r eine Institution eingeholt werden sollen, die religi�s anders orientiert ist als du.�</p><p>Constance zupfte an einem Spitzentaschentuch herum. �Du meinst, sie wollen die Hilfe einer Katholikin nicht?�</p><p>Isabel seufzte: �Es tut mir ja so leid. Vielleicht n�chstes Jahr.� Sie wu�te, da� der Gesichtsausdruck ihrer Schw�gerin ihr ein Leben lang Freude bereiten w�rde.</p><p>W�hrend des Besuchs von Isabel bei Constance war George zum Schienenwalzwerk unterwegs. Er war von einem ver�ngstigten Vorarbeiter gerufen worden. Ein Streit hatte zu einem Unfall gef�hrt. Stanley delegierte solche Aufgaben immer an seinen Bruder. Mit ausdruckslosem Gesicht sagte er, George sei doch so kontaktfreudig. H�tte Isabel diese Bemerkung fallengelassen, w�re es auf jeden Fall eine Beleidigung gewesen, dachte George.</p><p>Der Sommer war au�erordentlich hei� gewesen, und der nahe Herbst brachte immer noch keine Abk�hlung. In der Hazard-Familie schlugen gelegentlich die Wellen des Temperaments hoch, und George konnte sich vorstellen, wie gro� die Spannung im Walzwerk sein mu�te, wo es infernalisch hei� war.</p><p>Das Walzwerk war nach belgischem Muster organisiert. Der lange Strom des roten, hei�en Metalls wurde Schritt f�r Schritt flachgedr�ckt und mittels einer Serie von auf St�ndern montierten Rollen in die richtige Form gepre�t. Zwischen den St�ndern packten st�mmige M�nner � die sogenannten F�nger � das Metall mit Zangen und f�hrten es zum n�chsten Rollenpaar. Es war eine harte, gef�hrliche Arbeit. Ein gro�er Teil dieser Arbeit w�rde wegfallen, wenn es jemandem gel�nge, ein Walzwerk zu konzipieren, in dem das Metall kontinuierlich �ber die Rollen laufen konnte. Vor einigen Jahren hatte ein Walzwerkbesitzer namens Serrell in New York es fast geschafft, aber der Plan wies einige Makel auf. Auch George hatte sich mit dem Problem auseinandergesetzt, bis jetzt jedoch ohne Erfolg.</p><p>Er rannte, so schnell er konnte. Die Arbeit im Walzwerk stand still. Das Eisen, das man bereits dem ersten Rollenpaar zugef�hrt hatte, war schon wieder abgek�hlt. Einer der F�nger lag st�hnend auf dem dreckigen Boden. George w�rgte, als ihm der Geruch von versengten Kleidern und Menschenfleisch in die Nase stieg.</p><p>Es handelte sich um einen drahtigen Slawen, dessen Nachnamen man nicht aussprechen konnte. Im Gegensatz zu seinem Mitarbeiter, einem grobschl�chtigen Kerl namens Brovnic, war er ein guter Arbeiter.</p><p>�Wir haben Dr. Hopple gerufen�, sagte der Vorarbeiter.</p><p>�Gut.� George kniete neben dem Verletzten nieder und sah das verzerrte, erkaltete Eisenst�ck. Offensichtlich war es quer �ber die rechte K�rperh�lfte des Mannes gefallen und hatte Hemd, Brust und den nackten Oberarm verbrannt. George versuchte die aufsteigende �belkeit zu unterdr�cken. Nur Gott wu�te, ob der Mann seinen Arm jemals wieder w�rde brauchen k�nnen. Er fuhr sich mit dem Handr�cken �ber den Mund und fragte: �Wie ist es passiert?�</p><p>�Ein Unfall�, stie� Brovnic hervor. Sein hervorstehender Unterkiefer sah h�chst bedrohlich aus und sollte wohl alle einsch�chtern, aber ein schwei�triefender, schmutziger Arbeiter trat vor.</p><p>�Unfall, verdammt! Brovnic hat Tonys Frau bel�stigt. Tony sagte ihm, er solle aufh�ren und � �</p><p>Brovnic fluchte und st�rzte vor. Drei M�nner packten ihn und hielten ihn zur�ck, als der Sprecher auf das Eisenst�ck zeigte. �Brovnic hat ihn niedergeschlagen und hat es dann auf ihn fallen lassen.�</p><p>�Verdammter L�gner�, schrie Brovnic und versuchte, sich aus dem Griff der M�nner zu befreien. Es w�re ihm gelungen, wenn nicht George auf ihn losgest�rmt w�re und ihn an seinem dreckigen Hemd gepackt h�tte.</p><p>�Seit dem Tag, an dem ich dich eingestellt habe, hast du nichts als Unruhe gestiftet, Brovnic. Hol deinen Lohn und verschwinde, sofort.�</p><p>George hatte Herzklopfen. Brovnic schielte auf ihn nieder. �Sie sollten dies lieber bleiben lassen ��</p><p>George mu�te seinen Kopf zur�ckbeugen, um dem andern in die Augen zu sehen.</p><p>�Ich habe gesagt, <emphasis>sofort.�</emphasis></p><p>�Ich werde dir deinen Teil noch geben�, sagte der Mann, als er davonstapfte.</p><p>Eine Minute, nachdem Isabel weggegangen war, brach Constance in Tr�nen aus. Sie stand neben einem gro�en Fenster im Wohnzimmer, von dem aus man eine herrliche Sicht �ber die Stadt und den glitzernden Flu� hatte. Sie sah jedoch nichts davon. Sie hielt sich an den Vorh�ngen fest, als w�rde sie sonst umfallen.</p><p>Sie schluchzte und verachtete sich daf�r, da� sie weinte. Es war nur selten vorgekommen w�hrend ihrer Zeit in Texas, aber hier waren die Dinge anders. Manchmal ha�te sie Lehigh Station, obwohl sie George liebte; sie ha�te Lehigh Station und wollte weg. Statt dessen weinte sie.</p><p>Sie war sicher, da� Isabel die Ablehnung provoziert hatte. Stanleys Frau ha�te sie; es gab kein anderes Wort daf�r. Sobald George nach Hause kam, wollte sie ihm den Vorfall erz�hlen. Sie versuchte immer, ihren Mann mit ihren Sorgen zu verschonen, aber dies war zuviel f�r sie. Isabel hatte ihre Religion in den Vordergrund geschoben, aber sicher hatte die arrogante Frau andere Gr�nde, um sie zu verachten. Isabel war eine verzerrte, ungl�ckliche Person, und sie hatte die M�glichkeit, Constance tief zu verletzen.</p><p>�Ma�am, stimmt etwas nicht? Ich dachte, ich h�tte etwas geh�rt �� Das M�dchen hielt inne. Es versuchte, sich wieder zur�ckzuziehen. Constance war verlegener wegen des M�dchens als wegen sich selbst. Sie wischte die Tr�nen mit beiden H�nden vom Gesicht.</p><p>�Tut mir leid, wenn ich dich gest�rt habe, Bridgit. Ich bin f�r einen Moment nicht ich selbst gewesen. Bitte, sag niemandem etwas. W�rdest du bitte William herunterbringen, wenn er wach ist?�</p><p>�Sofort, Ma�am.� Erleichtert zog sich Bridgit zur�ck.</p><p>Kurz darauf, mit ihrem kleinen Sohn auf dem Arm, f�hlte sich Constance bereits besser. Sie bedauerte, da� es Isabel gelungen war, sie niederzudr�cken. Nat�rlich w�rde sie ihrem Mann nichts sagen. Sie w�rde ihre K�mpfe allein ausfechten, wie sie dies immer tat. Sie hatte beschlossen, in diesem Teil der Welt zu leben, weil sie George liebte, und sie w�rde es nicht zulassen, da� Isabel oder eine ganze Legion dieser bigotten H�hner sie zerst�rten.</p><p>Sie war w�tend auf sich selbst, da� sie sich auch nur einen Augenblick lang vor Isabel hatte gehenlassen. Sie wu�te, da� Stanleys Frau gesehen hatte, da� ihre grausame kleine Strategie erfolgreich gewesen war. Aber es ist das letzte Mal, dieses b�se Weib wird niemals wieder eine solche Befriedigung haben, dachte sie, als sie mit William herumkoste.</p><p>�Wir sollten uns �berlegen, ob wir nicht eine Sommerresidenz kaufen�, sagte Maude. �In den vergangenen Monaten war das Wetter absolut scheu�lich.�</p><p>�Ich bin einverstanden�, sagte Stanley. �Isabel beklagt sich Tag und Nacht �ber die Hitze.� George, der �ber eine Akte gebeugt war, warf ihm einen Blick zu, als wolle er sagen, da� Isabel sich dauernd �berdies oder jenes beklage.</p><p>�Wir k�nnen uns auf jeden Fall ein Sommerhaus leisten�, fuhr Stanley fort. �Hast du irgendwelche Vorstellungen, wo wir uns danach umsehen k�nnten, Mutter?�</p><p>�Die Atlantikk�ste w�re angenehm.�</p><p>In dem kleinen B�ro herrschte dicke Luft. Es waren zwei Stunden vergangen, seitdem Brovnic das Walzwerk in aller Eile verlassen hatte. Maude stattete eben ihren w�chentlichen Besuch ab. Sie hatte seit dem Tod ihres Mannes sofort mit dieser Gewohnheit angefangen. Vorher hatte sie nie einen Fu� auf das Werksgel�nde gesetzt.</p><p>Stanley hatte sie zuerst in ihrem Interesse nicht ermutigt und ihr vorgehalten, da� es f�r eine Frau nicht schicklich sei, sich um Gesch�fte zu k�mmern. Als George nach Hause kam, fand er bald den wahren Grund f�r Stanleys Ablehnung heraus. Maude hatte in wenigen Monaten mehr �ber die Produktion, den Lagerbestand und die Finanzen gelernt, als Stanley in seinem ganzen Leben lernen w�rde. Ihr instinktives Erfassen der Dinge verunsicherte Stanley und veranla�te ihn, einen Streit vom Zaun zu brechen.</p><p>Aber das half nicht viel. Auf ihre bescheidene Art und Weise war Maude ebenso hart wie das Hazard-Eisen, das mit den Kanalbooten auf den Markt gebracht wurde.</p><p>Als Maude die Bemerkung �ber die K�ste machte, sagte George: �Orry hat mir einmal gesagt, da� viele der Pflanzer aus South Carolina den Sommer in Newport verbringen.�</p><p>Maude klatschte in die H�nde. �Oh, ja, Aquidneck Island. Ich habe geh�rt, es mu� wundersch�n sein.�</p><p>Stanley wollte eben einen Einwand vorbringen, als die T�r aufflog. Brovnic stand in der T�rf�llung. Er stank nach Whiskey und fuchtelte mit einer alten Flinte herum.</p><p>Maude erschrak und erstarrte. Stanley warf sich auf den Boden. �Ich hab�s dir gesagt!� schrie Brovnic und schwankte hin und her, den Gewehrlauf auf George richtend. Ohne zu z�gern fegte George das Tintenfa� vom Schreibtisch, die Tinte spritzte Brovnic ins Gesicht.</p><p>Brovnic br�llte und prallte gegen den T�rrahmen zur�ck. Ein Schu� war dabei losgegangen, aber die Kugel schlug in die Decke. Schon hatte George einen Satz �ber das Gel�nder, das das B�ro in zwei Abschnitte trennte, gemacht: Er entri� Brovnic die Waffe und schlug ihm den Kolben auf die Nase. Mit einem schrillen Wutschrei versuchte sein tintenbefleckter Gegner ihn zu packen. George wich einen Schritt zur�ck und gab ihm mit seinen schweren Stiefeln einen Tritt in den Unterleib.</p><p>Brovnic schrie und fuchtelte mit den Armen. Dann verlor er das Gleichgewicht und fiel r�ckw�rts die Treppe hinunter. Erst jetzt sp�rte George seine Panik. Er hielt sich am T�rrahmen fest und winkte vier vorbeigehende Arbeiter heran. �Packt den betrunkenen Idioten. Einer soll ins Dorf hinunterrennen und den Polizisten holen.�</p><p>Stanley krabbelte wieder auf die F��e. Maude hatte sich w�hrend der ganzen Zeit nicht ger�hrt. Sie sah Stanley an und sagte mit sanfter Stimme: �Du h�ttest deinem Bruder helfen sollen. Man h�tte ihn t�ten k�nnen.�</p><p>Stanley wurde rot; er war zu erschrocken, um etwas zu sagen. Zum erstenmal hatte seine Mutter eine Wahl zwischen den beiden S�hnen getroffen; kein gutes Omen.</p><p>Als George an jenem Abend nach Belvedere zur�ckkehrte, zeigte Constance nichts von ihrem Ungl�ck. George plauderte das ganze Abendessen hindurch; er war offensichtlich immer noch von den schrecklichen Ereignissen im Walzwerk beeindruckt. Er hatte dem verletzten Arbeiter einen Besuch zu Hause abgestattet. Dr. Hopple war der Meinung, da� man den Arm retten k�nne, obwohl nicht sicher war, ob der Mann wieder harte k�rperliche Arbeit w�rde verrichten k�nnen. Falls nicht, w�rde George ihm eine leichtere Arbeit im Werk besorgen. Brovnic wurde festgenommen.</p><p>Im Haus nebenan war das Abendessen fast vorbei. Maude war nach drau�en gegangen, um mit Billy einen Spaziergang zu machen. Virgilia war auf ihrem Zimmer. Isabel hatte den Zwillingen Laban und Levi ihren �blichen f�nf Minuten dauernden Besuch abgestattet und war dann ins Wohnzimmer zur�ckgekehrt. Sie und Stanley waren jetzt allein. Sie wollte ihm eben von ihrem Triumph �ber Constance erz�hlen, als er wieder auf die Szene im B�ro zu sprechen kam. Er hatte sie nach seiner Heimkehr kurz erw�hnt und war dann in ein moroses Schweigen versunken. Maude hatte eine leichte Konversation gef�hrt, aber das Thema vermieden.</p><p>�Mutter hat mich angeschaut, als ob ich der schlimmste Feigling w�re�, sagte er mit einem wehm�tigen Gesichtsausdruck. �Ich komme nicht dar�ber hinweg.�</p><p>�Stanley, ich kann verstehen, da� dich das Ereignis aufgeregt hat, aber ich habe davon geh�rt. Ich w�nschte, du lie�est mich etwas sagen.�</p><p>Er warf ihr eine zerkn�llte Serviette ins Gesicht. �Halt den Mund, du raubgierige Person. Bist du so dumm, da� du nicht siehst, was los ist? George bewirkt, da� Mutter sich gegen uns wendet. Als n�chstes wird sie ihm die Kontrolle �ber die Finanzen �bertragen. Und wo bist du dann mit deiner Verschwendungssucht?�</p><p>Er schrie so laut, da� das Geh�nge am Kerzenleuchter zu klirren anfing. Isabel starrte sprachlos die Serviette an, die ihr ans Kinn und von dort in den leeren Teller geflogen war.</p><p>Erst wollte sie ihren Mann wegen seines ungeh�rigen Betragens zurechtweisen. Doch dann dachte sie rasch, da� er sie blo� anschrie, weil seine Mutter ihn getadelt hatte. Und zu Recht. Stanley war ein Feigling. Es machte nichts, solange er die Autorit�t in der Familie beibehielt.</p><p>Sie �berzeugte sich selbst bald davon, da� George der eigentlich Schuldige war. Der streberische, arrogante kleine George. George hatte Stanley in einen solchen Zustand versetzt, da� er sich weigerte, ihren Bericht anzuh�ren. Nat�rlich war sie h�chst befriedigt zu wissen, da� Constance sich ungl�cklich f�hlte. Aber auch diese Gewi�heit wurde einen Augenblick sp�ter in Frage gestellt. Von der Wiese beim Belvedere her h�rte man fr�hliche Stimmen. Isabel trat ans Fenster und sah, wie George und Constance auf dem Rasen in der D�mmerung eine Krocketpartie spielten. Sie lachten und neckten einander wie Kinder.</p><p>Stanley redete mit Isabel. Sie ignorierte ihn. Sie starrte auf Maude, die in der Loggia sa� und den kleinen William auf ihren Knien hielt. Der kleine Billy lungerte in der N�he herum. Isabel kochte vor Wut. Maude k�mmerte sich nie in dieser Art um ihre Zwillinge.</p><p>Constance sah gl�cklich aus. <emphasis>Gl�cklich.</emphasis> Ihre Kraft hatte die Niederlage offensichtlich �berwunden. Und Isabel war jetzt mehr als klar, da� Constance und ihr Mann alles versuchten, um Maude auf ihre Seite zu bringen. Von diesem Augenblick an ha�te Isabel die beiden noch leidenschaftlicher als vorher.</p><p>�Wieder ein Zug entgleist�, sagte Constance. �Vier Leute sind dabei ums Leben gekommen. Das ist der dritte Eisenbahnunfall in diesem Monat.� Sie sch�ttelte den Kopf und faltete die Zeitung zusammen.</p><p>George studierte weiterhin die Baupl�ne, die er auf dem Tisch in der Bibliothek ausgebreitet hatte. Ohne aufzublicken sagte er: �Je mehr Schienenwalzwerke gebaut werden und je mehr Z�ge es gibt, desto gr��er sind die Chancen f�r einen Unfall.�</p><p>�Die Erkl�rung ist sicher zu simpel. Ich habe wiederholt gelesen, da� die H�lfte der Unf�lle � oder mehr � verhindert werden k�nnte.�</p><p>�Nun, das mag sein. Es gibt menschliches Versagen, es wird schlechtes Material verwendet. Es w�re gut, wenn die Eisenbahnen sich endlich auf eine Norm einigen k�nnten.�</p><p>Er stand auf, streckte sich und r�ckte dann sorgf�ltig den Gegenstand auf dem Tisch zurecht, als ob es sich um eine kostbare Antiquit�t handelte. Es war jedoch nichts anderes als das St�ck Eisenmeteorit, das er in der N�he von West Point gefunden hatte. Er h�tete es wie einen Schatz, weil es, wie er sagte, ein Symbol f�r die Bedeutung seiner Arbeit war. Sie bemerkte, da� er den Meteoriten kaum einen Millimeter verschoben hatte, und l�chelte.</p><p>Er ging zu ihrem Stuhl hin�ber und gab ihr einen Ku� auf die Stirn. �Wie Orry sagen w�rde, ich glaube, da� der Fortschritt immer seinen Preis hat.�</p><p>�Du hast schon lange keinen Brief mehr von Orry bekommen.�</p><p>�Sechs Wochen.� George schlenderte zum Fenster. Die Lichter des Orts schimmerten durch die ersten fallenden Schneeflocken. �Ich habe ihm geschrieben und ihm gesagt, er solle n�chsten Sommer alle Mains nach Newport mitbringen.�</p><p>Im Oktober hatten George und Stanley die Insel in der Narragansett-Bucht aufgesucht und ein gro�es, weitl�ufiges Haus mit zehn Hektar Boden in Bath Road gekauft, nicht weit vom Strand. Ein Architekt aus Providence hatte die Pl�ne f�r einen gro�z�gigen Umbau des Hauses unterbreitet, und dies waren die Pl�ne, die sich George eben angeschaut hatte. Der Architekt hatte versprochen, da� der Umbau bis zum Sommer 1850 fertig sein sollte.</p><p>�Und seither hast du nichts mehr von ihm geh�rt?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Stimmt etwas nicht?�</p><p>�Wenn, so wei� ich es nicht.�</p><p>�Newport ist ein Ferienort der Nordstaatler. Glaubst du, da� er die Einladung annehmen wird?�</p><p>�Ich sehe keinen Grund, weshalb er das nicht sollte. Die Leute aus South Carolina gehen im Sommer immer noch scharenweise dorthin.�</p><p>Er war nicht ganz aufrichtig mit seiner Frau. Die seltenen Briefe von Orry, die oberfl�chlich lustig waren, wiesen einen merkw�rdig bitteren Unterton auf. George fiel dies auf, weil er Orry fr�her als einen fr�hlichen Menschen gekannt hatte. Orry hatte in seinen Briefen mehrere Male von seinem �ewigen Junggesellenleben� gesprochen. Nur ab und zu beantwortete er die vorsichtigen Fragen von George bez�glich <emphasis>M.</emphasis> Manchmal h�pfte er unerwartet von einer harmlosen Nachricht auf ein Thema, das blo� als Protest gegen die Bewegungen des Nordens zur Bek�mpfung der Sklaverei bezeichnet werden konnte. Er war ein Widersacher jener politischen Gruppierungen, die erreichen wollten, da� in jedem neuen Bundesstaat und in jedem neuen Territorium die Sklaverei automatisch verboten sein sollte. Er �bte auch scharfe Kritik an der Wilmot-Klausel. Offenbar w�rde der S�den noch lange einen Groll dar�ber hegen.</p><p>Obwohl also George seinen Freund gerne wiedergesehen h�tte, schreckte etwas in ihm vor einer neuen Begegnung zur�ck.</p><p>Mitte Dezember erhielt er die Nachricht, da� eine solche Begegnung nun doch stattfinden w�rde. Der Brief erreichte ihn an einem eiskalten Tag. In der Nacht kroch George neben seine hochschwangere Frau ins Bett und begann wie immer damit, die Ereignisse des Tags tr�ge zu besprechen.</p><p>�Orry hat einen Brief geschrieben.�</p><p>�Endlich! Ist er erfreulich?� Sie atmete schwer beim Sprechen, aber es fiel ihm nicht weiter auf, weshalb.</p><p>�Nicht besonders. Aber er sagte, er w�rde uns im Sommer einen Besuch abstatten und so viele der andern Mains mitbringen, wie er �berzeugen k�nne.�</p><p>�Das ist � ausgezeichnet�, keuchte Constance. �Aber ich glaube, es ist besser, wenn du jetzt eine Einladung an Dr. Hopple ergehen l��t.�</p><p>�Was? Ist es soweit? Jetzt? Mein Gott, deshalb bist du so au�er Atem.�</p><p>Er sprang aus dem Bett und stellte in der Hast einen Fu� in den Nachttopf, der Gott sei Dank leer war. Trotzdem verlor George das Gleichgewicht und fiel auf den R�cken. <emphasis>�Au!�</emphasis></p><p>�Um Himmels willen�, sagte sie und versuchte aufzustehen. �Wenn du so weiter machst, werden wir nie mehr Kinder haben.�</p><p>In der Morgend�mmerung kam Patricia Flynn Hazard ohne weitere Schwierigkeiten zur Welt. George erhielt die Nachricht, als er in der Bibliothek war, wo er schl�frig l�chelte und seinen bandagierten Fu� rieb.</p><p>Billy, der jetzt vierzehn war und mit jedem Tag gr��er wurde, kam �ber Weihnachten aus dem Internat nach Hause. Er war sehr von seiner neuen Nichte beeindruckt und verbrachte die meiste Zeit in Belvedere, obwohl er seine Sachen bei Stanley hatte.</p><p>Billy f�hlte sich erwachsen und unabh�ngig. Er neckte seine Mutter oft damit, da� er nach Kalifornien auf die Goldfelder gehen w�rde. Die halbe Nation war dem Goldrausch erlegen, weshalb sollte er nicht auch Gold suchen?</p><p>�Weil du das Geld nicht brauchst, junger Mann�, sagte Maude ihm einmal beim Mittagessen.</p><p>�Doch, ich hab� ja keins f�r mich.� Doch er war des Spiels m�de, lief zu ihr hin�ber und umarmte sie. �Ich bin eigentlich nicht darauf aus, nach Gold zu graben.�</p><p>�Was m�chtest du denn?�</p><p>�Ich m�chte wieder etwas �ber die Schlacht von Churubusco h�ren.�</p><p>Billy wurde nie m�de, sich die Geschichte anzuh�ren. George landete dabei unweigerlich bei einer langwierigen Beschreibung seiner Tage in West Point. Er w�rmte gern die alten Erinnerungen am Kaminfeuer auf, und es war auch eine gute Gelegenheit, seinen j�ngeren Bruder f�r eine Extrastunde von Stanley und Isabel fernzuhalten. Seit dem Ereignis mit Brovnic hatte Stanley ein m�rrisches Wesen entwickelt. Isabel war immer noch dasselbe b�se Weib, das sie immer gewesen war. George glaubte, da� die beiden einen schlechten Einflu� auf Billy aus�bten, und er war froh, da� Billy die meiste Zeit des Jahres im Internat verbrachte.</p><p>�Ich glaube, Orry ist ein feiner Mensch�, sagte Billy, nachdem George wieder einmal einen Monolog �ber die Akademie gehalten hatte.</p><p>�Das ist er. Er ist auch mein bester Freund. Ich hoffe, da� du ihn n�chsten Sommer kennenlernen wirst.�</p><p>�Schl�gt er seine Nigger?�</p><p>�Warum? Nein, ich glaube nicht.�</p><p>�Aber er hat Sklaven?� Billy mi�billigte das offensichtlich. George runzelte die Stirn und griff nach der Weinkaraffe; offenbar war dem Thema nicht auszuweichen.</p><p>�Ja, er hat einige wenige Sklaven.�</p><p>�Dann �ndere ich meine Meinung. Dann glaube ich nicht, da� er ein so guter Mensch ist, wie du sagst.�</p><p>George unterdr�ckte seinen �rger. �Wohl eher deswegen, weil du beinahe f�nfzehn bist. Keiner in deinem Alter ist je mit Erwachsenen einverstanden.�</p><p>�O doch�, gab Billy so schnell zur�ck, da� George in Lachen ausbrechen mu�te.</p><p>Billy verstand den Scherz nicht. Er fuhr hartn�ckig fort: �Ich bin mit all dem, was du �ber West Point sagst, einverstanden. Es mu� ein herrlicher Ort sein.�</p><p>George nippte an seinem Wein und h�rte auf die vertrauten Ger�usche des Hauses. Familien sollten eine Tradition haben, und er hatte sich jetzt eben eine herrliche Tradition vorgestellt. Er wollte dies jedoch einem halsstarrigen J�ngling nicht so direkt mitteilen. Sonst w�re es f�r Billy zu einfach, nein zu sagen. Er umkreiste das Thema.</p><p>�Oh, es gab harte Zeiten, aber man f�hlte sich mehr als Mann, wenn man sie �berlebte. Es gab auch herrliche Zeiten, und ich habe einige gute Freunde gewonnen. Tom Jackson zum Beispiel � er unterrichtet an einer Milit�rschule in Virginia, und George Pickett. Gute Freunde�, murmelte er und blickte auf eine kurze Zeitspanne von Jahren zur�ck, die ihm allerdings sehr viel l�nger vorkam. �Und es steht ohne Zweifel fest, da� West Point die beste wissenschaftliche Ausbildung von ganz Amerika vermittelt.�</p><p>Billy grinste. �Ich bin mehr daran interessiert, in Schlachten zu k�mpfen.�</p><p>George dachte an das Blutvergie�en von Churubusco und daran, da� Orry seinen Arm verloren hatte. <emphasis>Dann begreifst du nicht, wie eine Schlacht wirklich ist.</emphasis> Er l�chelte, behielt aber den Gedanken f�r sich. Er �berlie� es Billy, die Frage zu stellen, was dieser auch einen Augenblick sp�ter etwas z�gernd tat:</p><p>�Wei�t du, George, ich wollte dich eigentlich fragen, welche Chancen ich h�tte � �</p><p>George zeigte nicht, wie erfreut er war. �Chancen wozu?�</p><p>Billys Blick verriet die Bewunderung, die er f�r seinen �lteren Bruder hegte. �Um so wie du die Akademie zu absolvieren.�</p><p>�Glaubst du, das w�rde dir gefallen?�</p><p>�Ja, sehr.�</p><p>�Gro�artig.�</p><p>Das Soldatenleben war ein hartes und manchmal verdammt absto�endes Gesch�ft. Der Krieg hatte ihm jede Illusion geraubt: Er hatte es ekelerregend und unmenschlich gefunden und war auch jetzt noch dieser Meinung. Trotzdem konnte Billy in dieser Zeit und in diesem Land nichts Besseres tun, als sein Erwachsenendasein mit einer Ausbildung in West Point zu beginnen. George erinnerte sich, fr�her anders dar�ber gedacht zu haben. Die Tatsache, da� er nun zu dieser �berzeugung gelangt war, zeigte ihm auf �berraschende Art und Weise, wie stark er selbst sich inzwischen ver�ndert hatte.</p><p>�Es gibt nat�rlich immer sehr viele Bewerber, und die Aufnahmebedingungen sind hart�, sagte er, �aber du w�rdest ja erst in, sagen wir, drei Jahren eintreten k�nnen. Du w�rst siebzehn, wenn du dich f�r die �sechsundf�nfziger� Klasse einschreiben w�rdest. Ideal. Ich mu� mal pr�fen, ob f�r unsern Distrikt noch ein Freiplatz vorhanden ist. Ich werde das gleich erledigen.�</p><p>Und das tat er auch.</p><p><strong>20</strong></p><p>Gegen Ende des Jahres 1849 ging unter den Leuten am Ashley das Ger�cht um, da� Orry Mains Bart mit jedem Monat etwas l�nger, er selbst jedoch immer wortkarger werde.</p><p>Orry wollte eigentlich nicht kurz angebunden sein, er wollte sich blo� kurz fassen. Ihm gingen st�ndig tausend Dinge durch den Kopf, die sorgf�ltiger Planung bedurften: Familienangelegenheiten, die Leitung der Plantage. Dazu kam, da� er mindestens einmal pro Woche in irgendeiner Krisensituation eingreifen mu�te. Kurz: Er hatte sehr wenig Zeit und ging im Gespr�ch mit andern Menschen �u�erst sparsam damit um.</p><p>Wenn die lieben Nachbarn und Bekannten ihm dies als Verdrossenheit ankreiden wollten � bitte sch�n. Der praktische Nutzen war auf jeden Fall nicht zu untersch�tzen: Die Leute erwarteten nicht mehr, da� er �ber sein Privatleben redete, und bedr�ngten ihn auch nicht mehr mit Fragen zu einem Thema, das ihm besonders l�stig geworden war.</p><p>Mit einer Ausnahme � sein Vater.</p><p>Tillet war jetzt beinahe f�nfundf�nfzig, gichtgeplagt und streits�chtig. �Verdammt noch mal, Junge, du w�rst eine gute Partie�, sagte er eines Abends in der Bibliothek. �Weshalb weigerst du dich, eine Frau zu suchen?�</p><p>Der Dezemberregen prasselte an die Fensterscheiben. Orry stie� einen Seufzer aus und legte seine Schreibfeder nieder. Er war eben dabei gewesen, die Jahresbilanz zu �berpr�fen. Seit es mit Tillets Gesundheit bergab ging, war Salem Jones f�r die Buchhaltung verantwortlich. In der Bilanz war die Anzahl Reisf�sser aufgef�hrt, die jedesmal nach Charleston geschickt wurden.</p><p>Orry hatte nach der Ernte zuf�llig einen Blick auf die laufende Rechnung geworfen. Irgendwie stimmten die Zahlen nicht mit seinem Gef�hl �berein. Auch nicht mit der Anzahl F�sser, die die Plantage verlassen hatten, und schon gar nicht mit der Zahl derjenigen, die auf dem Pier gestapelt waren, wie er sich erinnerte. Schon seit Wochen hatte er sich eine Notiz machen wollen. Das tat er jetzt, bevor er sich seinem Vater zuwandte.</p><p>�Darf ich erfahren, was dich bewogen hat, diese Frage, die meines Erachtens l�ngst zur Zufriedenheit aller beantwortet ist, erneut zu stellen?�</p><p>�Deine Mutter mag mit der Antwort zufrieden sein, ich nicht.�</p><p>Tillet fuchtelte in seinem Stuhl mit Coopers letztem Brief herum. �Dein Bruder f�hrt eine Menge heiratsf�higer Damen zu all diesen Weihnachtsb�llen und Veranstaltungen und macht ihnen den Hof. Klar, h�tte er jemals ernste Absichten, so w�rde ihn der Vater des M�dchens wahrscheinlich zum Teufel schicken, weil er immer noch diese komischen Ideen hat. Aber das ist mir ja eigentlich alles egal; ich erw�hne deinen Bruder lediglich als Beispiel. Du solltest auch � �</p><p>Tillet st�hnte und umklammerte sein ausgestrecktes Bein. Dann fuhr er fort: �Du solltest heiraten und eine Familie gr�nden.�</p><p>Orry sch�ttelte den Kopf. �Zu besch�ftigt.�</p><p>�Aber du f�hlst dich doch sicher einsam? Ein kr�ftiger Mann in deinem Alter braucht doch � �</p><p>Orry l�chelte, worauf sein Vater innehielt. Er sah erleichtert aus. Orry sagte: �Darum k�mmere ich mich schon, mach dir keine Sorgen.�</p><p>Tillet verzog das Gesicht. �Ja, das habe ich bereits von mehreren Herren der Nachbarschaft vernommen. Aber Frauen dieser Art � ob gew�hnliche oder solche mit einem Tropfen Negerblut � sind nur f�r etwas zu gebrauchen, heiraten kannst du sie nicht.�</p><p>�Will ich auch nicht. Wie ich bereits wiederholt gesagt habe�, er ber�hrte seinen mit einer Nadel befestigten �rmel mit der Schreibfeder, �betrachte ich mich nicht mehr als heiratsf�hig. Und nun m�chte ich arbeiten. Ich habe einige merkw�rdige Unstimmigkeiten festgestellt, die schon mehr als zweieinhalb Jahre zur�ckliegen.�</p><p>Tillet zuckte die Achseln � seine Art von Einverst�ndnis. Sein Sohn war etwas barsch gewesen, als er sagte, da� er nicht heiratsf�hig sei. Tillet hatte die Entschuldigung schon oft geh�rt, und so ungern er es auch zugeben mochte, etwas Wahres schien dran zu sein. Er wu�te, was die Leute am Ashley von Orry dachten. Sie dachten, da� seit dem Krieg etwas mit seinem Kopf nicht mehr ganz in Ordnung war.</p><p>Es gab gen�gend Beweise f�r diese Behauptung. Die Art und Weise, in der Orry seinen Pflichten in Mont Royal nachging, als ob er sich beweisen m�sse, da� er trotz seiner Kriegsverletzung nicht weniger als andere wert sei. Seine Kleider, die f�r das Klima und die Atmosph�re immer etwas zu schwer und zu d�ster waren. Seine schroffe Art. Der verdammte Bart, der so lang und dicht war, da� Kohlmeisen darin nisten konnten.</p><p>Einmal war Tillet, mit der Kutsche aus Charleston kommend, Orry im Torweg begegnet, als dieser eben wegritt, um etwas zu erledigen. Drei G�rtner, die Unkraut j�teten, hatten Orry angestarrt, als er an ihnen vorbeigaloppierte; die Sklaven hatten einander Blicke zugeworfen, einer hatte den Kopf gesch�ttelt, und einen andern schauderte es. Tillet hatte dies alles beobachtet und war traurig geworden. Sein Sohn war den andern fremd, ja unheimlich geworden.</p><p>Nat�rlich durfte man nicht �bertreiben. Auch wenn Orry eigenartig geworden war, fand Tillet doch mehr Gefallen an ihm als an Cooper.</p><p>Cooper k�mmerte sich mit Feuereifer um die kleine Schiffsgesellschaft � nicht ohne Erfolg, aber er vertrat weiterhin beleidigende, um nicht zu sagen verr�terische Ansichten.</p><p>Man hatte in letzter Zeit viel �ber verschiedene Resolutionen lesen k�nnen, die der alte Henry Clay zu Beginn des n�chsten Jahres dem Senat vorlegen wollte. Clay hoffte, ein weiteres Auseinanderdriften zwischen Nord und S�d vermeiden zu k�nnen. Die drei�ig Staaten starke Union befand sich in einem labilen Gleichgewicht: F�nfzehn waren Anh�nger und f�nfzehn Gegner der Sklaverei. Clay wollte beiden Seiten entgegenkommen. Er schlug vor, den neuen Staat Kalifornien dem Norden anzugliedern, das hei�t, die Sklaverei dort zu verbieten. Als Gegenleistung w�rde man dem S�den zusichern, den zwischenstaatlichen Sklavenhandel nicht zu beeintr�chtigen und sch�rfere Gesetze gegen die Sklavenflucht zu erlassen.</p><p>H�tte man Tillet gefragt, was er dem Norden am meisten vorwerfe, dann h�tte er spontan das Problem der Sklavenflucht genannt. Der vierte Verfassungsartikel besagte ausdr�cklich, da� ein Mann ein Recht auf seinen davongelaufenen Sklaven hatte. Er besagte ebenfalls, da� dieses Gesetz auch f�r Staaten, die keine Sklaverei betrieben, g�ltig sei. Dieses Gesetz, der <emphasis>Fugitive Slave Act</emphasis> von 1793, war eine Ausf�hrungsbestimmung zur Verfassung gewesen, und seither hatten die selbstgerechten Heuchler im Norden immer wieder Mittel und Wege gefunden, das Gesetz zu verw�ssern oder ganz zu umgehen.</p><p>Tillet war gegen Clays Kompromi�l�sung, wie auch die meisten Politiker des S�dens, einschlie�lich die Senatoren Jeff Davis und John Calhoun. Der ber�hmte und einflu�reiche Senator Webster stand hingegen auf Clays Seite, doch hatte er mehrere scharfe Gegner der Sklaverei gegen sich. F�r einmal war Tillet diesem V�lkchen dankbar.</p><p>Cooper war der Ansicht, da� die hei� diskutierte Kompromi�l�sung sowohl vern�nftig als auch dringend notwendig war. Tillet meinte, da� es dringend notwendig sei, Cooper eine Tracht Pr�gel zu verabreichen.</p><p>W�hrend Tillet seinen Gedanken nachhing, sinnierte Orry �ber die Bemerkung seines Vaters, die Leute in der Nachbarschaft w��ten, da� er Frauen besuche. Dies freute ihn au�erordentlich, denn es bedeutete, da� sein Plan funktionierte. Im Lauf des vergangenen Jahres hatte er sich mehrere M�tressen genommen, die letzte eine Mulattin, eine N�herin, der er auf dem Weg nach Charleston begegnet war. Er gab sich M�he, seinen Umgang diskret, aber nicht geheimzuhalten.</p><p>Die Frauen gaben ihm das, was Madeline aufgrund ihrer Vereinbarung nicht geben konnte. Obwohl Tillet anderer Meinung war, h�tte Orry sich niemals auf diese Aff�ren eingelassen, nur um seine Bed�rfnisse zu befriedigen. Er besuchte verschiedene Frauen, damit es den Leuten auffiel und sie nicht dazu verleitete, zwischen seiner gelegentlichen und unvorhergesehenen Abwesenheit von Mont Royal und Madelines gleichzeitiger Abwesenheit von Resolute eine Verbindung herzustellen. Sosehr er sie regelm��ig sehen wollte, so sehr war ihm daran gelegen, jeglichen Verdacht von ihr fernzuhalten.</p><p>Hocherfreut dar�ber, da� das T�uschungsman�ver erfolgreich war, wandte sich Orry wieder der Bilanz zu. Er war auf etwas gesto�en, das offensichtlich zum Himmel stank, und besch�ftigte sich w�hrend der n�chsten halben Stunde damit, w�hrend Tillet in einen gen��lichen Traum hineind�ste, in dem Senator Seward vom P�bel gesteinigt wurde.</p><p>Tillet fuhr auf: ein Knall wie von einer Pistole. Orry hatte das Hauptbuch heftig zugeklappt und war ruckartig aufgestanden.</p><p>Tillet rieb sich die Augen: �Was ist los?�</p><p>�Eine Menge. Wir haben einen Dieb ern�hrt. Er hat dein Vertrauen und deine G�te mit Betrug vergolten. Ich habe den Schurken nie gemocht und werde ihn jetzt sofort vor die T�r setzen.�</p><p>�Wen?� fragte Tillet schl�frig und verwirrt.</p><p>Orry drehte sich an der T�r um. �Jones.�</p><p>�Aber � ich habe ihn eingestellt, du kannst ihn doch nicht einfach rausschmei�en.�</p><p>�Ich erlaube mir, eine andere Meinung zu haben�, sagte Orry mit so harter und leiser Stimme, da� der alte Mann ihn wegen des Regens kaum h�ren konnte. �Ich leite jetzt diese Plantage, und du wirst mit meinem Entscheid einverstanden sein, wenn ich dir den Beweis vorlege. Aber auch wenn du nicht einverstanden sein solltest: Jones hat verspielt.�</p><p>Orry starrte seinen Vater an; nicht w�tend, aber eindringlich. Bart, Augen, die gro�e, hagere Gestalt, der leere �rmel � all dies machte auf Tillet pl�tzlich einen merkw�rdigen Eindruck. Er hatte das Gef�hl, da� er mit einem Fremden, und dazu noch mit einem furchteinfl��enden, redete.</p><p>�Wie du meinst�, murmelte er. Sein Sohn nickte kurz und heftig und ging hinaus.</p><p>Das Hauptbuch unter dem Arm schritt Orry mit wehendem Mantel zum Haus des Aufsehers. Regentropfen verfingen sich in Haar und Bart. Er machte weitausholende, entschlossene Schritte und war so auf seine Sache konzentriert, da� er nicht bemerkte, wie Vetter Charles bei der dunklen T�r einer Sklavenh�tte herumlungerte.</p><p>Jones schlief. Orry weckte ihn mit lauter Stimme und stellte ihn dann in der K�che seines makellos sauberen Hauses zur Rede. Der �berraschende Besuch machte den Aufseher nerv�s: Schwei�perlen glitzerten auf seinem kahlen Kopf, und dunkle Ringe zeichneten sich auf seinem Nachthemd ab. Jones hatte seine Reitpeitsche und seinen Kn�ppel dabei; er trennte sich also offensichtlich auch bei Nacht nicht von ihnen.</p><p>�Ein einfacher Plan, nicht wahr?� sagte Orry und knallte das schwere Hauptbuch auf den K�chentisch. Panik flackerte in Jones� Augen. �Sie haben bei jeder Schiffsladung etwa ein Dutzend F�sser weniger aufgeschrieben, als in Tat und Wahrheit verladen wurden. Unsere Abnehmer bezahlen jedoch f�r die Zahl der tats�chlich gelieferten Reisf�sser. Da Sie auch hier�ber Buch f�hrten, mu�ten Sie lediglich diese Summe der Zahl der verbuchten F�sser anpassen und konnten dann den Rest in die eigene Tasche stecken. Als ich das letzte Mal in Charleston war, habe ich mir die B�cher unserer Abnehmer angesehen. Aus ihnen geht eindeutig hervor, da� uns immer mehr bezahlt wurde, als Sie verbucht haben.�</p><p>Jones schluckte leer und pre�te den Kn�ppel gegen seinen Fettwanst, als ob er urpl�tzlich Schmerzen h�tte. �Sie k�nnen nicht beweisen, da� ich f�r den Unterschied verantwortlich bin.�</p><p>�Vor Gericht vielleicht nicht, aber ich glaube, da� der Fall ziemlich klarliegt. Bis ich aus Mexiko zur�ckgekommen bin, haben nur Sie und mein Vater diese B�cher gef�hrt; bedauerlicherweise hat die Gesundheit meines Vaters nachgelassen, und er ist etwas vertrauensselig geworden. Doch ich nehme kaum an, da� mein Vater sich selber betr�gen w�rde.�</p><p>�Sie k�nnen sagen, was Sie wollen, Sie werden niemals einen Beweis��</p><p>�Was quasseln Sie da von Beweisen. Ich brauche keinen gerichtlichen Entscheid, um Sie zu entlassen. Und mein Entschlu� steht fest.�</p><p>�Das ist ungerecht�, schrie Jones. �Ich habe alles f�r diese Plantage gegeben.�</p><p>Orrys Gesicht sah im Licht der Lampe h��lich aus. Seine Augen blitzten. �Sie haben auch viel genommen.�</p><p>�Ich bin nicht mehr jung, Mr. Main. Bitte, geben Sie mir noch eine Chance ��</p><p>�Nein.�</p><p>�Ich brauche mindestens�, Jones legte den Kn�ppel beiseite, �eine Woche, um meine Sachen zu packen.�</p><p>�Sie werden dieses Haus bei Tagesanbruch verlassen haben. Ich werde Befehl erteilen, da� alles, was bis morgen fr�h noch rumsteht, verbrannt wird.�</p><p>�Hol Sie der Teufel�, schrie Jones. Der Schatten des erhobenen Kn�ppels fiel erst auf die Wand, dann auf die Decke, doch bevor er auf Orrys Stirn niedersausen konnte, machte dieser eine leichte Drehung, um seinen rechten Arm besser gebrauchen zu k�nnen. Er packte Jones am Handgelenk.</p><p>�Ich bin kein Sklave, Mr. Jones. Wenn Sie noch einmal die Stimme oder die Hand gegen mich erheben, werde ich daf�r sorgen, da� Sie die Plantage auf einer Tragbahre verlassen.�</p><p>Zitternd vor Wut entri� er Jones den Kn�ppel und klemmte ihn unter die Achsel. Dann griff er behend nach dem Hauptbuch und schritt zur T�r. Er nahm kaum Notiz von Vetter Charles, der drau�en in beinahe and�chtiger Haltung neben einer S�ule stand.</p><p>�Was ist los?� fragte Charles. �Hat Jones etwas verbrochen?�</p><p>Es nieselte. Orry marschierte an ihm vorbei, und seine schroffe Antwort wurde vom schweren Stiefelschritt �bert�nt. Vetter Charles glaubte, da� Orry es nicht f�r n�tig befunden hatte, ihm eine Antwort zu geben. Seine Aufregung wandelte sich in Verstimmung.</p><p>Vetter Charles lag nackt neben Semiramis. Ihr weicher, warmer K�rper strahlte noch einen schwachen Schwei�geruch vom eben vollzogenen Geschlechtsverkehr aus.</p><p>Das M�dchen h�rte in der Dunkelheit pl�tzlich dumpfe Laute. <emphasis>Tonk, tonk.</emphasis> Vor jedem Schlag machte Vetter Charles eine heftige K�rperbewegung. Immer wieder stie� er sein Jagdmesser in die Holzplanke neben dem Strohsack.</p><p>Jedesmal, wenn er w�tend war, spielte er mit dem gro�en Messer herum. Aber er war sicher nicht auf sie w�tend, denn ihre K�rper hatten sich wie immer lustvoll vereinigt � obwohl, wenn sie sich das jetzt so �berlegte, er ungew�hnlich heftig in sie eingedrungen war.</p><p>Semiramis r�kelte sich, f�hlte sich jedoch nicht schl�frig. Charles bearbeitete weiterhin die Wand mit seinem Messer. Es war jetzt etwa eine Stunde her, seitdem er zu ihr hereingeschlichen war, um ihr zu sagen, da� er Mr. Orry begegnet war. Die Nachricht von Salem Jones� Entlassung breitete sich wie ein Lauffeuer in der Sklavensiedlung aus. Das Haus des Aufsehers war hell erleuchtet; er war am Packen. Aus der k�hlen Dunkelheit konnte Semiramis Lachen und frohe Stimmen h�ren. Man war immer noch auf den Beinen und freute sich. Die ganze Sklavensiedlung w�rde in den n�chsten Wochen von einer heiteren Stimmung erf�llt sein.</p><p>Die Nachricht von Jones� Entlassung hatte auch Semiramis in Freude versetzt. Als sich der stramme vierzehnj�hrige Bursche auf sie gelegt hatte, war sie in einer herrlich gel�sten Stimmung gewesen. Charles befriedigte sie zwar immer, doch heute abend wurde ihre Lust noch durch Jones und dadurch, da� Charles zu ihr zur�ckgekommen war, gesteigert. Sie war die erste gewesen, die ihm gezeigt hatte, was Frauen und M�nner zusammen tun, und egal mit wie vielen wei�en M�dchen er auch herumspielen mochte, er kam doch immer wieder zu ihr zur�ck. Sie hatte geh�rt, da� er sich j�ngst mit einem der Smith-M�dchen eingelassen hatte. Sue Marie Smith hie� sie. H�bsch, doch zu h�flich f�r einen solch ungest�men jungen Freier.</p><p><emphasis>Tonk.</emphasis> Die Wand vibrierte. Sie ergriff seine freie Hand und legte sie auf ihr Geschlecht. Er zog sie mit einer heftigen Bewegung zur�ck.</p><p>�Gott im Himmel�, sagte sie mit einem etwas erzwungenen Lachen. �Auf wen bist du denn so w�tend?�</p><p>�Auf Orry. Er sieht durch mich hindurch, als ob ich ein Fenster w�re. Er wei� gar nicht, da� es mich gibt. Oder es ist ihm egal.�</p><p><emphasis>Tonk.</emphasis></p><p>�Hm. Du mu�t ihn ebenso sehr ha�en, wie ich seinen Vater daf�r hasse, da� er meinen Bruder wie einen H�hnerdieb behandelt hat. Ich f�rchte, ich habe mich in Orry geirrt.�</p><p>�Was meinst du?�</p><p>�Ich glaubte eigentlich, da� du ihn magst.�</p><p>Vetter Charles schnaubte ver�chtlich. �W�rdest du jemanden m�gen, der glaubt, da� du nichts wert bist, da� du Dreck bist?�</p><p>Hunderte von wei�en Gesichtern gingen ihr pl�tzlich durch den Kopf. �O nein, mein Lieber, bestimmt nicht.�</p><p>�Dann erwarte das auch nicht von mir.�</p><p><emphasis>Tonk.</emphasis> Diesmal schlug er so hart zu, da� die Klinge summte.</p><p>�Ich glaube, du hast dich dar�ber gefreut, Jones zu entlassen�, sagte Madeline, als sie Orry das n�chste Mal bei der Kapelle traf.</p><p>�Der Hund! Ich hab� das nicht eingef�delt, das wei�t du.�</p><p>�Reg dich nicht so auf, Liebling. Nat�rlich nicht. Aber ich wei�, was ich meine.�</p><p>Sie legte ihm ihre k�hle Hand auf die Wange. �Ich kenne dich jetzt. Du hast jetzt schon zuviel Arbeit, aber du nimmst immer noch mehr auf dich. Man h�tte Jones in einer Woche oder in einem Monat entlassen k�nnen, aber du wolltest unbedingt seine Arbeit auch noch �bernehmen, und zwar sofort.� Sie k��te ihn sanft. �Du siehst ersch�pft aus. Du bist nicht unverw�stlich, wei�t du.�</p><p>Er hatte das Gef�hl, da� sie mitten in ihn hineinsah, dorthin, wo er die Gef�hle und Gedanken verbarg, deren er sich sch�mte. Ihr Scharfblick �rgerte ihn, aber er konnte ihr wie immer nicht lange b�se sein. Vielleicht � die Erkenntnis kam pl�tzlich � vielleicht war Liebe dann am echtesten, am tiefsten, wenn man einander ins Herz blicken konnte, ohne vor dem zu erschrecken, was man dort sah.</p><p>Er l�chelte m�de. �Ich glaube, du hast mein Geheimnis entdeckt. Harte Arbeit und unsere Treffen sind das einzige, das mich am Leben erh�lt.�</p><p>Obwohl er l�chelte, bemerkte sie den Schmerz in seinen Augen. Sie war sich seiner verzweifelten Wahrheit bewu�t. Sie hielt ihn eng umschlungen und schwieg.</p><p><strong>21</strong></p><p>Am 29. Januar 1850 unterbreitete Senator Clay dem Kongre� seine acht Gesetzesentw�rfe.</p><p>Man hatte sich in Resolute bereits heftig damit auseinandergesetzt. Zwei von Justins Onkeln, beide wohlhabende Gesch�ftsleute aus Columbia, wurden von den s�dlicheren LaMottes ge�chtet, weil die beiden einmal an Justins Tisch gesagt hatten, da� der S�den sich nicht so sehr gegen Kompromisse str�uben solle. Besonders nicht, da der Norden immer m�chtiger wurde und nur noch 90 von 234 Kongre�mitgliedern die Sklavenstaaten vertraten.</p><p>Tagelang hatte Justin wegen der ketzerischen �u�erungen seiner Onkel gew�tet. Er konnte es nicht ausstehen, wenn jemand eine Meinung vertrat, die dem traditionellen Denken � seinem Denken � zuwiderlief. Dies war einer der Gr�nde daf�r, da� Madeline oft daran dachte, wegzugehen.</p><p>Es gab jedoch mehrere Dinge, die sie davon abhielten. Sie war immer noch der Ansicht, da� ein solcher Schritt unmoralisch w�re. Abgesehen davon m��te sie allein fliehen, denn sie konnte von Orry nicht verlangen, da� er ihre Schande teilen w�rde. Das w�rde jedoch bedeuten, da� sie ihn nie wieders�he. So konnte sie ihn wenigstens fast jede Woche sehen.</p><p>Ein weiterer, beinahe ebenso zwingender Grund, der gegen eine Flucht sprach, hatte sich im Lauf der letzten zwei Jahre herauskristallisiert. Als Madeline nach Resolute gekommen war, war ihr das Landleben noch v�llig fremd gewesen. Die auf einer Plantage herrschenden Sitten und Gebr�uche waren ihr unbekannt, doch sie war entschlossen, sie zu meistern. Obwohl es nicht lange dauerte, bis ihr die Augen �ber ihre Heirat aufgingen, minderte dies ihre Entschlossenheit nicht. Im Gegenteil, sie nahm sogar zu, denn es wurde ihr bald klar, da� ein m��igender Einflu� in Resolute wichtig war. Jemand mu�te so gut wie m�glich die Interessen der Schwarzen vertreten und ihr unertr�gliches Los etwas lindern.</p><p>Sie verb�ndete sich mit den K�chenangestellten, um zus�tzliches Essen f�r die Sklavensiedlung zu beschaffen. Sie zweigte ab und zu etwas von ihrem Haushaltsgeld ab, sparte es zusammen, bis es reichte, um bessere Kleider oder zus�tzliche Medikamente f�r die Krankenstation zu kaufen. Sie lernte, einfache Krankheiten zu diagnostizieren und sie mit traditionellen Heilmitteln zu behandeln, was ja auch ihre Pflicht als Justins Ehefrau war. Auch versuchte sie, ungew�hnlich harte Bestrafungen, die ihr Ehemann verordnete, zu entsch�rfen � was nicht zu ihren Pflichten geh�rte.</p><p>Nach der Auseinandersetzung mit seinen Onkeln d�rstete Justin danach, seine Wut an jemandem auszulassen. Seine Wahl fiel auf Tom, den vierzehnj�hrigen Hausburschen. Der Junge hatte einige der Messinggegenst�nde nicht zu Justins Zufriedenheit poliert.</p><p>Als Antwort auf Justins Fragen murmelte der ver�ngstigte Junge nur unverst�ndliches Zeug, was Justin veranla�te, Tom der Anma�ung zu beschuldigen. Er gab Befehl, da� dem Jungen zwanzig Peitschenschl�ge verabreicht werden sollten. Madeline protestierte; sie protestierte immer gegen seine Grausamkeit. Justin k�mmerte sich wie immer nicht darum, sondern lie� sie mit einer ver�chtlichen Bemerkung �ber weibliche Empfindsamkeit stehen. Wenige Minuten sp�ter rannte Madeline zur Sklavensiedlung, um den f�r die Ausf�hrung der Strafe verantwortlichen schwarzen Kutscher zu sprechen.</p><p>Es war eine heikle Angelegenheit. Wenn sie sich gegen Justins Befehl stellen w�rde, w�rde sie den Kutscher gef�hrden. Das einzige, das sie tun konnte, war, den gro�en, pechschwarzen Mann namens Samuel zu bitten, die Schl�ge so weit zu mildern, ohne da� er selbst auch noch bestraft werden w�rde.</p><p>�Das werde ich tun, aber ich mu� ihm noch Schlimmeres als Schl�ge verabreichen�, sagte Samuel. �Mist� Justin will, da� ich einen Eimer auf seine Wunden gie�e.�</p><p>�Einen Eimer mit was?�</p><p>Der Fahrer blickte besch�mt zur Seite.</p><p>�Hast du mich verstanden, Samuel? Was soll in dem Eimer drin sein?�</p><p>�Terpentin.�</p><p>�O Gott.� Sie pre�te die Lippen zusammen. �Das wird ihn umbringen.�</p><p>�Mist� Justin war ziemlich w�tend. Ich mu� es tun�, sagte Samuel mit einem traurigen Achselzucken.</p><p>Sie faltete die H�nde �ber der Brust und sagte nachdenklich: �Wenn dir jemand den Eimer reicht, Samuel, bist du doch nicht f�r den Inhalt verantwortlich.�</p><p>Er blickte sie erst scheu, dann verst�ndnisvoll an. �Sie haben recht, Miz� Madeline.� Er wollte l�cheln, wagte es aber nicht.</p><p>�Ich werde den Eimer mit Terpentin selbst holen. Ich werde ihn dir �bergeben, und du wirst deine Pflicht erf�llen. Du mu�t lediglich daf�r besorgt sein, da� wir keine Zuschauer haben, die meinem Mann mitteilen k�nnten, wonach der Eimer gerochen hat oder eben nicht.�</p><p>�Nein, Ma�am, niemand wird zuschauen. Das verlangt Mist� Justin nicht.�</p><p>Tom wurde also ausgepeitscht, statt ausgepeitscht und gefoltert. Aber dies war weder f�r Madeline noch f�r den Jungen ein Triumph. Aber sie wu�te genau, da� es noch schlimmer w�re, wenn sie davonrennen w�rde.</p><p>Vieles, was Madeline �ber das Leben auf einer Plantage und die Stellung einer anst�ndigen Frau wu�te, hatte sie von einigen Nachbarn, haupts�chlich aber von Clarissa Main gelernt. Obwohl die beiden Frauen einen unterschiedlichen famili�ren Hintergrund aufwiesen, waren sie sich in ihren Empfindungen doch sehr �hnlich. Und vielleicht sp�rte Clarissa irgend etwas von den Gef�hlen, die ihr Sohn f�r Justins Frau empfand. Auf jeden Fall verbrachte Clarissa viele Stunden mit Madeline in Mont Royal und f�hrte sie mit viel Geduld in die verschiedensten T�tigkeiten ein; unter anderem in die Rolle der Hebamme.</p><p>In einer mondhellen Nacht Anfang Februar wurde Madeline in die Sklavensiedlung gerufen, um einer Feldsklavin namens Jane bei der Geburt zu helfen. Es war Janes erstes und Madelines zehntes Baby.</p><p>Mehrere schwarze Frauen hatten sich in Janes H�tte eingefunden; Madeline kniete neben der schwangeren Frau und hielt deren H�nde, als sie von den Geburtswehen erfa�t wurde. Zuvor hatte Jane die Hilfe einer anderen Frau ausgeschlagen. Madeline war die Herrin; ihr vertraute man. Ob dies nun half oder nicht, Madeline freute sich auf jeden Fall dar�ber. Sie half dabei, Janes Kn�chel festzubinden, und beobachtete dann, wie die �ltere Hebamme, Aunt Belle Nin, mit der h�lzernen Zange hantierte. Bei weniger schwierigen Geburten �bernahm Madeline diese Arbeit, diesmal jedoch �berlie� sie Aunt Belle Nin, die man extra geholt hatte, das Feld. Das Baby war in einer falschen Lage; die Hebamme drehte es mit der h�lzernen Zange um, und kurz darauf stie� das Kind den ersten Schrei aus.</p><p>Aunt Belle Nin war eine r�stige f�nfundsechzig-, vielleicht auch siebzigj�hrige Frau mit einem Achtel Negerblut. Sie lebte allein im entlegenen Sumpfgebiet und kam, wenn sie gerufen wurde, um bei schwierigen Niederk�nften zu helfen. Als Entsch�digung daf�r nahm sie E�waren, Kleider und Kautabak an. Sie hielt das feuchte, kakaofarbene Neugeborene im Arm und liebkoste es, als w�re es ihr eigenes.</p><p>�Er wird�s schaffen�, sagte sie. �Ich bin sicher. Ich habe Elend, Hurrikane und Ehem�nner �berlebt. Und wenn ich so stark bin, wie stark mu� denn erst dieser kleine, stramme Kerl sein.�</p><p>Madeline blickte sich verstohlen in der �rmlichen H�tte um. Die W�nde hatten seit Jahren keine T�nche mehr gesehen. Sie fragte sich, wie eine Frau �berhaupt noch ein Kind zur Welt bringen konnte, wenn gewi� war, da� das Kind sein Leben in Armut und Sklaverei verbringen w�rde. In letzter Zeit war ihr mehr und mehr klargeworden, was die Gegner der Sklaverei eigentlich wollten und weshalb.</p><p>Jane bat Madeline, das Baby zu halten. Madeline kam ihrem Wunsch nach und dachte dabei, wie gern sie Orry das Kind gezeigt h�tte. Sp�ter, als sie im Begriff war zu gehen, machte eine gebeugte, verhutzelte Frau mit sorgenvollem Blick eine bittende Geste. Madeline hielt inne.</p><p>�Ich bin die Mutter von Tom, des Jungen, der ausgepeitscht wurde, weil er frech war.�</p><p>�Ach ja, ich hoffe, es geht ihm gut.�</p><p>�Ja, besser, aber nie mehr gut. Er wird sein Leben lang Narben auf dem R�cken haben. Samuel �� Sie pre�te angstvoll die Lippen zusammen. �Samuel hat mir gesagt, was Sie getan haben. Ich danke Ihnen, Miz� Madeline. Sie sind eine gute Christin.�</p><p>Madeline h�rte verbl�fft zustimmendes Gemurmel. Auch Aunt Belle Nin hatte zugeh�rt. Nachdem sie ihre Tonpfeife angez�ndet hatte, sagte sie: �Alle sagen das von Ihnen, Mistre�. Ich habe Sie heute nacht beobachtet und glaube, da� die andern recht haben. Sollten Sie je ein Problem haben, bei dem ich Ihnen helfen kann, wissen Sie, wo Sie mich finden.�</p><p>�Vielen Dank, Aunt Belle.�</p><p>Hocherfreut lief Madeline zum Herrenhaus zur�ck: Justin betrachtete ein Buch mit Lithographien von Pferderennen. Die Sklaven mochten sie respektieren, er nicht. Dies zeigte sich erneut, als sie ihm sagte, wo sie gewesen war.</p><p>�Fein�, sagte er, �wie bezaubernd h�uslich du langsam wirst. Du kannst Niggerbabys zur Welt bringen. Schade, da� du nicht f�hig bist, ein eigenes Kind zur Welt zu bringen.�</p><p>Sie wandte sich ab, gekr�nkt und verletzt. Er sp�rte es und doppelte nach.</p><p>�Vielleicht brauchst du eine stimulierende Beihilfe. Soll ich einen jener B�cke ausw�hlen, damit er dich deckt? Mir scheint, du hast eine Vorliebe f�r Nigger � keine f�r mich.�</p><p>Ihr Schmerz wandelte sich in Wut. �Justin, ich habe mich stets bem�ht, dir eine gute Frau zu sein, und dies in jeder Hinsicht. Mach mir nicht immer Vorw�rfe, da� ich nicht schwanger werde.� <emphasis>Vielleicht solltest du die Schuld bei dir selber suchen.</emphasis></p><p>Er schwang ein Bein �ber die Armlehne des Sessels. �Wieso nicht? Du bist ja nie sehr lebhaft, wenn wir uns um einen Stammhalter bem�hen; abgesehen davon, da� dies immer seltener vorkommt, obwohl ich zugeben mu�, da� auch ich nicht unschuldig daran bin. Wie du siehst, lasse ich dich bewu�t links liegen. Deine Vorliebe f�r Nigger geht mir langsam auf die Nerven. Gute Nacht, Liebling.�</p><p>Er vertiefte sich wieder in sein Buch.</p><p>Madeline war erst vor einer Woche bei der Salvation Chapel gewesen, doch am n�chsten Morgen machte sie sich todungl�cklich auf den Weg nach Mont Royal, damit Nancy Orry eine Botschaft �bermitteln konnte.</p><p>�Glaubst du, er wei� etwas von uns?� fragte Orry, als sie sich am folgenden Nachmittag bei der Kapelle trafen. Es herrschte klares, mildes Wetter, was f�r den Februar im S�den nicht ungew�hnlich war. Orry hatte Mantel und Krawatte abgelegt.</p><p>Madeline sch�ttelte den Kopf. �Wenn ja, w�rden wir uns die Frage nicht stellen. Justin geh�rt nicht zu den Menschen, die schweigend leiden.�</p><p>Orry klopfte geistesabwesend mit einem Finger auf das Buch, das er mitgebracht hatte. �Warum gibt er sich denn so viel M�he, dich ungl�cklich zu machen?�</p><p>�Weil keine Kinder da sind; das ist auf jeden Fall der Hauptgrund. Justin geh�rt zu jenen armen, ungl�ckseligen Menschen, die immer ungl�cklich sind. Aber anstatt die Ursache mal bei sich selber zu suchen, macht er immer andere Menschen oder Dinge daf�r verantwortlich und f�ngt an, um sich zu schlagen. Manchmal w�nschte ich mir, er w�rde �ber uns Bescheid wissen. Dann k�nnte ich meine Gef�hle offen zeigen, sowohl ihm als auch dir gegen�ber.�</p><p>Sie war auf und ab geschritten und hielt jetzt inne. Orry hatte sich auf dem Fundament niedergelassen und scharrte mit den schmutzigen Stiefeln im braunen Gras. Madeline legte ihm den Arm um den Hals und k��te ihn.</p><p>�Ich bin wirklich froh, da� du heute gekommen bist; ich h�tte es keine Sekunde l�nger in Resolute ausgehalten.�</p><p>Der zweite Ku� fiel bereits etwas heftiger aus. Dann gl�ttete sie ihr Kleid und ging bis zu dem Sumpf. Wie immer, wenn sie sich trafen, erz�hlte sie von den Ereignissen der vergangenen Tage: die Geburt von Janes Sohn, das Auspeitschen von Tom, und damit stiegen ihre Gef�hle �ber die Sklaverei wieder hoch. Normalerweise vermied sie das Thema, weil sie Orry nicht verletzen wollte, aber heute gelang es ihr nicht.</p><p>�Ich glaube, die S�dstaatler w�rden das ganze System irgendwie anders betrachten, wenn sie es mit den Augen der Sklaven s�hen.� Sie wandte sich vom Sumpf, in dem die Sonne spiegelte, ab und sah ihn mit ernsten Augen an. �Wie w�rdest du dich f�hlen, wenn du zusehen m��test, wie ein Mann deiner Mutter Hand- und Fu�ketten anlegte und sie dann jemandem �berlie�e, der bis zu ihrem Todestag �ber sie verf�gen darf?�</p><p>Orry schien leicht irritiert. �Meine Mutter ist eine wei�e Frau; der Junge, dem du geholfen hast, ist ein Neger.�</p><p>�Ist damit das Verbrechen gerechtfertigt? Oder auch nur ann�hernd erkl�rt? Tom ist zwar Neger, aber ist er deswegen kein Mensch?�</p><p>�Und ich bin in deinen Augen jetzt ein Verbrecher?�</p><p>Einen Augenblick lang erinnerte er sie an Justin, denn sie hatte auch bei ihm das Gef�hl, da� sie kein Recht habe, das Thema aufzuwerfen. Sie brachte ihre aufkeimende Wut unter Kontrolle, ging zu ihm zur�ck und versuchte, ruhig und nicht emotional zu antworten:</p><p>�Ich mache dir keinerlei Vorw�rfe, Liebling; ich m�chte blo�, da� du die Dinge klarer siehst. Du bist vern�nftiger als �� Sie h�tte beinahe gesagt �dein Vater�, besann sich jedoch rasch eines Besseren, �die meisten Menschen. Die Einstellung der S�dstaatler zum ganzen System ist so f�rchterlich unlogisch. Jedes Jahr an Weihnachten schenkt ihr euren Sklaven ein neues Hemd, aber ihr versagt ihnen die Freiheit � und daf�r sollen sie euch dankbar sein. Und von der Welt erwartet ihr, da� sie euch lobt!�</p><p>�Madeline, du redest von einem Mann, der � �</p><p>�Weniger wert ist.� Sie warf die H�nde hoch. �Diese Ausrede habe ich schon tausendmal geh�rt. Ich glaube einfach nicht daran. Auf Resolute gibt es schwarze M�nner, die wesentlich intelligenter sind als Justin. Aber ihre Intelligenz wird nicht gef�rdert, und sie d�rfen ihren Verstand nicht ben�tzen. Doch lassen wir das. Gehen wir einmal davon aus, da� in der Ausrede ein K�rnchen Wahrheit steckt und da� die Wei�en aus irgendeinem Grund die wertvolleren Menschen sind. Haben wir deshalb ein Recht, andere Menschen ihrer Freiheit zu berauben? Sollte man sich nicht vielmehr verpflichtet f�hlen, ihnen zu helfen, weil sie weniger beg�nstigt sind? W�re das nicht eine christliche Haltung?�</p><p>�Wei� ich doch nicht, verflixt noch mal.� Orry stand auf und schlug sich mit dem d�nnen Buch auf den Schenkel. �Du machst mich ganz konfus mit deinen Ansichten.�</p><p>�Tut mir leid.�</p><p>Eigentlich tat es ihr nicht leid, sondern sie freute sich. Orry machte keinen Versuch, ihre Argumente zur�ckzuweisen oder zu widerlegen. Dies k�nnte bedeuten, da� er dar�ber nachdachte. Vielleicht w�rde es ihr nie gelingen, ihn davon zu �berzeugen, da� Sklaverei ein Unrecht war, doch wenn sie den einen oder andern Zweifel in ihm hervorriefe, w�re dies bereits ein Erfolg.</p><p>Er schwieg eine Weile und zuckte dann die Achseln. �Ich bin nicht gescheit genug, um mich in dieser ganzen Argumentation zurechtzufinden. Abgesehen davon glaubte ich, da� wir lesen w�rden?�</p><p>Er zeigte ihr den in goldenen Lettern gepr�gten Titel des Buches, das gestern mit dem Boot aus Charleston eingetroffen war.</p><p>Madeline brachte ihre Kleider in Ordnung und setzte sich neben ihn. �E. A. Poe. Die Frau von Francis LaMotte hat ihn irgendwann letzte Woche erw�hnt. Sie hat einige seiner phantastischen Geschichten gelesen und ha�t ihn offenbar. Sie meinte, er geh�re ins Irrenhaus.�</p><p>Orry lachte zum erstenmal an diesem Tag. �Die typische Reaktion auf einen Yankee-Schriftsteller. Aber die Gefahr, da� man ihn hinter Schlo� und Riegel bringt, besteht nicht mehr. Er ist letztes Jahr in Baltimore gestorben. Er war erst vierzig. Alkoholiker. Im <emphasis>Southern Literary Messenger</emphasis> sind einige Artikel �ber ihn erschienen, und er war auch eine Zeitlang Redakteur. Was mich jedoch interessiert, ist die Tatsache, da� er in West Point war.�</p><p>�War er Kadett?�</p><p>�Ein Semester lang; ich glaube im Herbst 1830. Man sagte ihm offenbar eine brillante Karriere voraus. Er war �berall unter den ersten, aber irgendwo lief etwas schief, und er wurde wegen grober Pflichtvers�umnis vors Kriegsgericht gestellt. Kurz bevor er entlassen wurde, verbrachte er fast seine ganze Zeit bei Benny Haven.�</p><p>�Trinkend?�</p><p>�Ich nehme an, obwohl die Hauptattraktion bei Benny seit jeher das Essen gewesen ist. Du kannst dir nicht vorstellen, wie himmlisch Benny Spiegeleier zubereiten konnte! Aber du hast nat�rlich auch nie in der Offiziersmesse gegessen.�</p><p>Mit der Erinnerung war seine Stimme ganz weich geworden, und sein Blick schweifte in die Ferne. Wie sehr er das alles vermi�t, dachte sie und hakte sich bei ihm ein. Sie war immer darauf bedacht, sich rechts neben ihn zu setzen, damit sie ihn nicht aus Unachtsamkeit an seine Behinderung erinnerte.</p><p>�Sei�s drum�, er schlug das Buch auf, �ich kann Gedichte nicht beurteilen, aber ich mag einige von diesen. Sie sind von einer eigenartigen, wunderbaren Melodik. Sollen wir mit diesem hier beginnen?�</p><p>Das Gedicht trug den Titel �Annabel Lee�. Sie begann zu lesen:</p><p>�Es ist lange her, da lebte am Meer,</p><p>Ich sag Euch nicht wo und wie �</p><p>Ein M�gdelein zart, von seltener Art,</p><p>Mit Namen Annabel Lee.�</p><p>Sie hielt am Ende der Zeile inne und deutete ihm damit an, da� er weiterlesen solle.</p><p>�Und das M�gdelein lebte f�r mich allein,</p><p>Und ich lebt� allein f�r sie.�</p><p>Sie waren bereits darauf eingespielt, Gedichte laut zu lesen. Sie hatten vor etwa zwei Monaten damit begonnen, als Orry �berraschenderweise einmal mit einem Buch gekommen war. Einige der Gedichte waren nicht besonders gut, aber sie erfreuten sich am Ritual, und auch heute geschah es, da� sie w�hrend der Lekt�re pl�tzlich einen Anflug von Erregung versp�rte.</p><p>Das erste Mal war sie �ber ihre physische Reaktion erschrocken, aber jetzt freute sie sich schon im voraus darauf. Ihre Stimmen fielen im sanften Wechselspiel der Lekt�re in eine Art sexuellen Rhythmus, so, als w�rden sie voneinander Besitz ergreifen, als liebten sie einander auf die einzige Art, die ihnen gestattet war. Sie hielten das Buch zusammen, und sie streichelte seine Kn�chel. Der physische Kontakt schien eine Welle von W�rme durch ihren K�rper zu jagen. Sie wandte sich leicht um, damit sie ihn, w�hrend sie weiterlasen, direkt anschauen konnte.</p><p>Der unbekannte Liebhaber des Gedichts verlor seine Geliebte, und sie erlebten beide diesen Verlust mit, als die Strophen langsam den H�hepunkt erreichten. Ihre Stimme wurde heiser:</p><p>�Wenn die Sterne aufgehn, so kann ich drin sehn</p><p>Die �uglein der Annabel Lee.�</p><p>Orry wurde schneller:</p><p>�Und noch jegliche Nacht hat mir Tr�ume gebracht</p><p>Von der lieblichen Annabel Lee.�</p><p>Ihr Blick wanderte nerv�s zwischen dem Gedicht und seinem Gesicht hin und her. Ihre Br�ste schmerzten, und ihr schwindelte.</p><p>�So ruh� ich denn, bis der Morgen graut,</p><p>Alln�chtlich bei � meinem Liebchen traut�</p><p>Sie stolperte �ber ein Wort und mu�te schnell einen Blick auf das Buch werfen, um die Zeile zu Ende zu lesen.</p><p>�In des sch�umenden Grabes N�h��</p><p>�An der See, an der brausenden See�, las er.</p><p>Er schlo� das Buch und ergriff ihre Hand. Schweigend blickten sie einander an. Doch dann vermochte sie nicht l�nger an sich zu halten, warf ihm mit einem leisen Schrei die Arme um den Hals und pre�te ihren ge�ffneten Mund auf seine Lippen.</p><p>Orry ritt in der fr�hen D�mmerung des Februarnachmittags nach Hause. Er f�hlte sich wie jedesmal, wenn er Madeline getroffen hatte. Die Zeit, die sie zusammen verbrachten, war immer viel zu kurz, und die gemeinsame Lekt�re von Gedichten war kein Ersatz f�r das, was Gott beabsichtigt hatte, als er Mann und Frau erschuf.</p><p>Heute waren sie bis zum �u�ersten gegangen und hatten sich beinahe von ihrem Hunger �berw�ltigen lassen. Nur �u�erste Zur�ckhaltung und eine �bermenschliche Anstrengung, ihre Gef�hle zu beherrschen, hatten sie davon abgehalten, sich in das braune Gras neben dem Fundament fallenzulassen. Wohl weil sie einander so nahe gekommen waren, f�hlte sich Orry einsamer und frustrierter denn je, als er an einem der Hausdiener vorbeiritt. Der Sklave l�chelte und gr��te ihn. Orry antwortete mit einem h�flichen Kopfnicken. Was dachte der Neger wohl wirklich? <emphasis>Du schenkst mir jedes Jahr an Weihnachten ein Hemd, versagst mir die Freiheit und erwartest, da� ich dir die Hand k�sse. Ich w�rde sie dir am liebsten ausrei�en.</emphasis> Orry h�tte Madeline verfluchen m�gen, weil sie seinen Kopf mit Zweifeln an einem System angef�llt hatte, das er zeit seines Lebens als moralisch und gerecht betrachtet hatte.</p><p>Er ging w�tend in die Bibliothek und ri� die Vorh�nge auf, um die letzten schwachen Sonnenstrahlen hereinzulassen. Es war eine Qual, Madeline immer wieder zu sehen, aber der Gedanke, das Ganze aufzugeben, war ebenso qu�lend. Was sollte er tun?</p><p>Er schenkte sich ein gro�es Glas Whiskey ein. Die Dunkelheit brach herein, und das Messing auf seiner S�belscheide blitzte immer weniger h�ufig auf. S�bel und Uniformmantel hingen an einem Kleiderst�nder in einer Ecke des Zimmers. Nat�rlich handelte es sich nicht um den Mantel, den er getragen hatte, als er seinen Arm verlor. Dieser Mantel wies noch beide �rmel auf. Sowohl die Messingkn�pfe wie auch der S�belgriff waren mit einer gr�nlichen Schicht �berzogen, und auf dem Mantel entdeckte er vereinzelte Schimmelflecke.</p><p>Er lie� sich in seinen Lieblingssessel sinken und br�tete �ber Vergangenes nach. Er mu�te diese Erinnerungen loswerden, denn sie mahnten ihn dauernd an den Strich, den man ihm durch seine ehrgeizigen Pl�ne gemacht hatte. Sie waren umsonst gewesen, wie sein Leben. Sie hatten keinen Sinn, keine Bestimmung gefunden, und er auch nicht. Sie existierten, das war alles.</p><p>Gott, wenn dieser Tag in Churubusco doch blo� anders verlaufen w�re! Wenn er doch blo� fr�her mal nach New Orleans gegangen w�re und Madeline dort getroffen h�tte! <emphasis>Wenn doch blo�!</emphasis> Irgendwo mu�te es ein Gegengift gegen dieses �wenn� geben. Aber wie war es zu finden?</p><p>Er ging stolpernd zum Schrank, um sich noch ein zweites Glas Whiskey einzuschenken. Im Stockwerk �ber ihm h�rte er seine Schwestern streiten, was sie in letzter Zeit dauernd zu tun schienen. Er schlo� die Fensterl�den und setzte sich wieder. Als er sein Glas langsam leerte, h�rte er entfernte Trommeln in seiner Phantasie. Schlie�lich war die Uniform in der Dunkelheit nicht mehr zu sehen.</p><p>Gegen elf Uhr �ffnete Clarissa die T�r und sah ihn schlafend auf dem Boden liegen. Zwei Diener brachten ihn ins Bett.</p><p>Obwohl Ashton und Brett langsam zu jungen Damen heranwuchsen, teilten sie sich immer noch ein Schlafzimmer im zweiten Stockwerk. Die vierzehnj�hrige Ashton, die bereits eine voll entwickelte, strahlend sch�ne junge Frau war, beklagte sich dauernd �ber diese Regelung. Weshalb erlaubte man ihr keine Privatsph�re? Weshalb mu�te sie dauernd mit einem zw�lfj�hrigen Kind leben, das immer noch flach wie ein Brett war, wie sie sich auszudr�cken pflegte.</p><p>An diesem Abend war es au�erordentlich warm im Zimmer. Ashton, die in der N�he des Fensters schlief, murrte dauernd. Immer wieder klopfte sie ger�uschvoll ihr Kissen zurecht und pre�te seufzend den Handr�cken auf die feuchte Stirn.</p><p>Schlie�lich sagte ihre Schwester schl�frig und �rgerlich: �Um Himmels willen, sei endlich ruhig und la� mich schlafen!�</p><p>�Ich kann nicht, ich bin v�llig verspannt.�</p><p>�Manchmal versteh� ich dich nicht, Ashton.�</p><p>�Kein Wunder�, sagte ihre Schwester scharf. �Du bist ja noch ein Baby mit milchwei�er Haut und wei�en H�schen. Wahrscheinlich wirst du dein Leben lang so bleiben.�</p><p>�Du � �, sagte Brett und schmi� ein Kissen nach ihr. Von all den Beleidigungen, mit denen Ashton sie bedachte, konnte nichts sie mehr verdrie�en als Anspielungen auf die Tatsache, da� sie noch keine Anzeichen vom monatlichen Unwohlsein der Frauen aufwies. Einmal pro Monat stolzierte Ashton im Zimmer auf und ab, um sicherzugehen, da� ihre Schwester ihre blutbefleckte Unterw�sche bemerkte. Brett f�hlte sich jedesmal gedem�tigt, so wie sie auch unter ihrer mangelnden k�rperlichen Entwicklung litt.</p><p>Aber sie war sich immer noch nicht im klaren dar�ber, ob sie �berhaupt erwachsen werden wollte. Sollte dies bedeuten, da� sie jedem Mann unter drei�ig sch�ne Augen machen und ein zuckers��es und scheues Wesen an den Tag legen mu�te � dann auf keinen Fall. Und wenn Erwachsenwerden bedeutete, jemanden wie den Rechtsanwalt Huntoon zu umschmeicheln, dann kam es schon gar nicht in Frage.</p><p>Mit dem Gedanken an Huntoon erinnerte Brett sich wieder an eine ihrer wenigen M�glichkeiten f�r einen Vergeltungsangriff. Sie ahmte den s��esten Tonfall ihrer Schwester nach und sagte: �Meiner Meinung nach solltest du heute abend eigentlich �bergl�cklich sein. Morgen kommt doch James Huntoon vorbei � er und all jene Politiker, mit denen Papa in letzter Zeit verkehrt. Du magst Mr. Huntoon doch?�</p><p>Ashton schmi� das Kissen wieder zur�ck. �Ich finde, er ist ein Esel, und das wei�t du. Er ist ein alter Mann, beinahe zwanzig. Wenn du wissen willst, was ich von ihm halte:�</p><p>Sie streckte die Zunge heraus und w�rgte viermal.</p><p>Brett hielt sich lachend das Kissen vor den Bauch.</p><p>Im S�den war es immer noch �blich, da� die Eltern dar�ber befanden, welcher junge Mann als Kavalier f�r ihre Tochter in Frage kam. Ashton war alt genug, um mehrere Galane zu haben, aber bis jetzt war Huntoon der einzige geblieben, der Tillet Mains Erlaubnis erhalten hatte, seiner Tochter den Hof zu machen.</p><p>Brett wollte mit der Neckerei fortfahren, aber auf ein Ger�usch von drau�en hin st�rzten beide M�dchen zum Fenster. In Neugier vereint sahen sie, wie eine gespenstische Gestalt zu Pferd �ber den Torweg galoppierte, einen Augenblick vom Mondlicht bestrahlt wurde und dann in Richtung Stall verschwand.</p><p>�Das war Vetter Charles�, sagte Brett mit ehrf�rchtiger Stimme.</p><p>�Klar�, sagte Ashton. �Er mu� wieder mal bei Sue Marie Smith gewesen sein. Oder bei einer der Negerhuren.�</p><p>Brett err�tete bei dem Gedanken.</p><p>Ashton kicherte. �Wenn Whitney Smith jemals herauskriegt, da� seine Kusine Sue Marie mit Charles herumspielt, wird der Teufel los sein. Sue Marie und Whitney sind verlobt.�</p><p>�Wann werden du und Huntoon eure Verlobung bekanntgeben?�</p><p>Ashton zerrte ihre Schwester an den Haaren. �Wenn es in der H�lle schneit.�</p><p>Brett knuffte Ashton leicht auf die Schulter und verzog sich dann ins Bett. Ashton stellte sich vor das mondhelle Fenster und rieb sich mit beiden Handfl�chen den Bauch. Brett fand es schamlos.</p><p>�Ich bef�rchte, da� Sue Marie keine gro�e Erleichterung bei Vetter Charles finden wird. Oder bei irgendeinem Knaben. Man sagt, sie sei scharf wie ein Korb voll Schw�rmer. Ich wei�, wie ihr zumute sein mu߫, sagte Ashton mit einem tiefen Seufzer. �Du hast nat�rlich keine Ahnung.�</p><p>Brett knuffte ihr Kissen und drehte sich eher verletzt als w�tend um. Ashton �berragte sie an Witz, Sch�nheit und Talent. Wahrscheinlich w�rde dies immer so bleiben.</p><p>Ashton hatte auch mehr Mut. Sie ging Risiken ein. In dieser Hinsicht war sie Vetter Charles sehr �hnlich. Vielleicht w�rde Rechtsanwalt Huntoon sie z�hmen k�nnen. Brett hoffte es. Sie mochte ihre Schwester eigentlich, aber manchmal gingen ihr Ashtons Possen schlichtweg auf die Nerven.</p><p>James Huntoon trug eine runde Brille und einen unsichtbaren Mantel aus Selbstgerechtigkeit. Obwohl er blo� sechs Jahre �lter war als Ashton, wies er bereits Anzeichen von Fettleibigkeit auf. Seine ansonsten h�bschen Gesichtsz�ge wurden durch den beginnenden Fettansatz verunstaltet.</p><p>Huntoons Familie wohnte schon seit langer Zeit im Staat, aber es fehlten ihr ungef�hr f�nfzig Jahre, um so alt wie die Main-Familie zu sein. Der erste der Huntoons in Carolina, ein des Lesens und Schreibens unkundiger Immigrant, hatte sich in der H�gelregion im Norden des Staates niedergelassen. Ein Mitglied der n�chsten Generation war auf den Gedanken gekommen, da� der Weg zum Erfolg nicht �ber das Dasein eines unwissenden, schmutzigen Farmers f�hrte, und hatte sich an die K�ste verzogen, wo er mit harten Handelsgesch�ften und einigen gl�cklichen Landk�ufen der Familie zwei Generationen sp�ter einen betr�chtlichen Wohlstand bescherte. Die Huntoons heirateten immer wieder in ber�hmte Familien hinein und brachten es so mit der Zeit zu einer ansehnlichen Ahnengalerie.</p><p>Die Familie verf�gte gegenw�rtig kaum noch �ber eigenen Grundbesitz. Ihr ehemaliger Reichtum war, genau wie bei den LaMottes, durch Mi�wirtschaft und einen zu aufwendigen Lebensstil verlorengegangen. Die betagten Eltern von James Huntoon waren auf die Barmherzigkeit der Verwandten angewiesen. Sie wohnten mit f�nf Negersklaven im heruntergekommenen Herrenhaus der Plantage. James war sich schon sehr fr�h in seinem Leben dar�ber klargeworden, da� er nicht von diesem Landbesitz zehren konnte, wenn er �berleben und es zu etwas bringen wollte.</p><p>Gl�cklicherweise konnten die Huntoons immer noch auf eine beeindruckende Zahl von Freunden und Bekannten z�hlen. Verlor eine Familie in South Carolina ihren Wohlstand, bedeutete dies nicht notwendigerweise den Verlust ihres gesellschaftlichen Ansehens. Nur der Versto� gegen die sozialen Regeln f�hrte unweigerlich zum Ausschlu� aus der Gesellschaft. James wu�te also genau, an wen er sich wenden konnte, als er beschlo�, es in Charleston zu etwas zu bringen. Er beriet eines der f�hrenden Unternehmen in Rechtsangelegenheiten und hatte vor kurzem eine eigene Praxis in der Stadt er�ffnet.</p><p>Nach Tillets Auffassung verdienten die meisten Mitglieder des Huntoon-Clans keinerlei Beachtung. W�hrend andere wichtige Familien sich um die Zukunft des Staats sorgten, meckerten die Huntoons blo� �ber die Vergangenheit und taten, als ob die dr�ngenden Probleme der Gegenwart �berhaupt nicht existierten. Doch in James glaubte Tillet ein gewisses Potential zu versp�ren, auch wenn der junge Mann vor der manchmal harten Arbeit eines Rechtsanwalts zur�ckscheute. Auf jeden Fall waren ihm dank seiner vielf�ltigen Kontaktm�glichkeiten im ganzen Staat alle Chancen f�r einen Erfolg gesichert.</p><p>Huntoon interessierte sich sehr f�r Politik und war ein geschickter Redner. Ideologisch stand er denjenigen am n�chsten, die dem Staat und der Region in einer zunehmend feindseligeren Welt Unabh�ngigkeit w�nschten.</p><p>Huntoon hatte Ashton zum erstenmal im vergangenen Winter bei einer Theaterauff�hrung in Charleston getroffen. Clarissa war f�r die Zeit der gesellschaftlichen Anl�sse mit ihren T�chtern in die Stadt gekommen. Kaum hatte der junge Rechtsanwalt seinen ersten Blick auf Ashton Main geworfen, als er von einer verzehrenden Leidenschaft gepackt wurde. Trotz ihrer Jugend war sie sch�n und bereits sinnlich. Huntoon schickte Clarissa eine Karte, auf der er um die Erlaubnis bat, ihrer Tochter den Hof machen zu d�rfen, sobald ihre Eltern der Meinung waren, da� sie im richtigen Alter daf�r sei.</p><p>Es vergingen mehrere Monate und ein Geburtstag, bis Clarissa mit einem kurzen, h�flichen Brief antwortete. Andere M�dchen hatten auch mit vierzehn die ersten Kavaliere, also wollten sie und Tillet sich Ashton nicht in den Weg stellen. Aber sie erlie� eine Warnung an den potentiellen Freier: �Mein Gatte ist ein entschiedener Verfechter der Sitte, wonach der Name einer Frau nur zweimal in der Zeitung erscheinen sollte � einmal, wenn sie heiratet, und das zweite Mal, wenn sie stirbt. Ich m�chte dies erw�hnt haben, damit Sie sich �ber seine Einstellung zu unangebrachtem Benehmen jeglicher Art im klaren sind.�</p><p>Im Bewu�tsein dieser Warnung begann Huntoon seine Werbung mit den traditionellen Geschenken: erst Blumen, dann Lederhandschuhe und Pralinen. Er war nun in dem Stadium, in dem er Ashton allein im Haus einen kurzen Besuch abstatten durfte. Allein mit ihr irgendwohin zu gehen oder ohne Anstandsdame mit ihr einen Ausritt zu machen, war immer noch au�er Reichweite. Huntoon tat sein m�glichstes, um seine Lust zu z�geln. Eines Tages, wenn alles richtig verlief, w�rde dieser herrliche K�rper ihm geh�ren.</p><p>Er mu�te sich eingestehen, da� Ashton ihn ein wenig schockierte. Nach au�en hin war sie zwar nicht unkonventionell, aber sie war von einer f�r M�dchen ihres Alters und ihrer Herkunft unversch�mten K�hnheit. Er bewunderte ihre W�rde, die einige f�r Arroganz hielten. Er bewunderte auch Tillet Mains Reichtum.</p><p>Die andern Familienmitglieder vermochten ihn nicht zu beeindrucken. Clarissa war eine harmlose gute Seele und Ashtons kleinere Schwester eine entsetzlich graue Maus. Huntoon schrak vor jeglichem Kontakt mit Orry � diesem einarmigen D�mon � zur�ck, und was Cooper Main anbelangte, der in Charleston herumstolzierte, als h�tte er irgendein Recht, sich als S�dstaatler zu bezeichnen, so war Huntoon der Meinung, da� man ihn exportieren sollte. Die vier ehrw�rdigen Herren, die Huntoon an diesem Vormittag nach Mont Royal begleitet hatten, waren derselben Meinung. Einer der Herren war Robert Barnwell Rhett, der einflu�reiche Redakteur des <emphasis>Charleston Mercury.</emphasis></p><p>�Die Parteiversammlung ist f�r Juni einberufen worden�, sagte Huntoon zu ihrem Gastgeber. �In Nashville. Abgeordnete aus s�mtlichen S�dstaaten werden vertreten sein, um die Resolutionen von Senator Clay zu pr�fen und eine gemeinsame Antwort auszuarbeiten.�</p><p>�Juni, sagten Sie?� Tillet kratzte sich am Kinn. �Soll bis dahin nicht �ber die Resolutionen abgestimmt werden?�</p><p>Einer der G�ste lachte. �Das scheint mir sehr unwahrscheinlich in Anbetracht der gegenw�rtigen Spaltung innerhalb des Parlaments.�</p><p>Huntoon spitzte den Mund � eine unbewu�te Reaktion auf den forschenden Blick von Orry, der von Tillet irgendwie dazu �berredet worden war, an diesem Gespr�ch teilzunehmen.</p><p>Orry tat seine Abneigung kund, indem er nachl�ssig mit gekreuzten Beinen als stiller Beobachter in einer Ecke sa�.</p><p>Warum beobachtete ihn der verfluchte D�mon? Die Verehrer seiner Schwester gingen Orry nichts an. Huntoon kam zum Schlu�, da� die Aufmerksamkeit, die Orry ihm zollte, auf Antipathie beruhte. Sie war gegenseitig.</p><p>�Lohnt es sich �berhaupt, diese Versammlung abzuhalten?� fragte Tillet. �Sie haben mir gesagt, da� es sich nicht um einen offiziellen Parteitag � �</p><p>Rhett war pl�tzlich aufgestanden. Der f�nfzigj�hrige Redakteur stand im Mittelpunkt dieser wie auch aller andern Versammlungen,die er besuchte. �Tillet, mein lieber Freund, Sie haben sich schon zu lange nicht mehr um die Politik gek�mmert.�</p><p>�Ich mu� mich um mein Leben k�mmern, Robert.�</p><p>Die andern lachten. Rhett fuhr fort: �Sie wissen so gut wie ich, da� unsere Gegner seit mehr als zwanzig Jahren eine Doktrin der Feindseligkeit dem S�den gegen�ber predigen. Sie haben unsere Empfindsamkeit mit ihren L�gen schwer verletzt und haben uns mit ihren ungerechten Abgaben auf landwirtschaftliche Erzeugnisse systematisch ausgeraubt. Dazu kommt, da� viele unserer schlimmsten Feinde Mitglieder der demokratischen Partei sind. Die Partei hat sich deshalb langsam aus South Carolina zur�ckgezogen, so da� man sagen kann, da� wir eher Verb�ndete als aktive Mitglieder der nationalen Organisation sind. Wir k�nnen unsere Antipathie f�r die Ansichten und Praktiken der Partei nicht anders zum Ausdruck bringen.�</p><p>Schlie�lich ergriff Orry das Wort: �Aber wenn wir mit dem Verhalten der Partei nicht einverstanden sind, w�re es dann nicht besser, �nderungen von innen als von au�en herbeizuf�hren?�</p><p>Rhett warf ihm einen mi�billigenden Blick zu. �Mr. Main, meiner Meinung nach ist Ihre Frage eines Mannes, der in diesem Staat geboren und aufgewachsen ist, nicht w�rdig. Der S�den schlie�t keine Kompromisse mit seinen erkl�rten Feinden. Seit f�nfundzwanzig Jahren sind wir den Aggressionen des Nordens ausgesetzt. W�re es nicht ein bi�chen dumm von uns, wenn wir, um diese Situation zu kl�ren, uns an dieselben M�nner wenden w�rden, die sie verursacht haben? Es gibt nur einen einzigen Weg zur Behebung der Mi�st�nde � den Weg in die Unabh�ngigkeit!�</p><p>Calhoun lag im Sterben, und es schien sicher, da� Rhett insgeheim bereits als sein Nachfolger im Senat bestimmt worden war. Es �rgerte Tillet, feststellen zu m�ssen, da� sein Sohn von Rhett �berhaupt nicht beeindruckt war, sondern ihm sogar skeptisch gegen�berstand.</p><p>�Pers�nlich bin auch ich der Meinung�, f�gte Rhett hinzu, �da� diese Nashville-Versammlung nicht besonders sinnvoll ist, da ich nur schon den Gedanken an eine Kompromi�l�sung Gift finde. Aber ich werde die Versammlung der Einheit des S�dens zuliebe unterst�tzen.�</p><p>�Mit allem Respekt, den ich meinem gesch�tzten Verwandten gegen�ber empfinde�, sagte Huntoon mit einem seiner teuflischen Grinsen, �scheint es so zu sein, da� einige unter uns � obwohl sie f�r den autonomen S�den sind � nicht ganz mit dem, was Sie und der <emphasis>Mercury</emphasis> in der letzten Zeit vertreten, einiggehen wollen.�</p><p>Orry sagte mit einem frostigen Gesichtsausdruck: �Die Aufl�sung der Union.�</p><p>�Genau�, sagte Rhett. Orry glaubte einen siegesbewu�ten Streithahn vor sich zu haben.</p><p>Er wandte sich in offenkundiger Mi�billigung ab. Zwei der Besucher zwinkerten Huntoon zu, denn auch Tillet blickte jetzt skeptisch. Huntoon unterdr�ckte seine unz�chtigen Gedanken an Ashton, die er noch nicht gesehen hatte, legte schnell die Beine �bereinander und �bernahm die Gespr�chsf�hrung.</p><p>�Tillet, wir sind nicht hierhergekommen, um dieses Thema zu er�rtern, sondern um Sie um Ihre Unterst�tzung f�r die Nashville-Versammlung zu bitten. In der Tat wollten wir Sie um eine ganz konkrete Art der Unterst�tzung bitten. Sie haben doch vor kurzem Ihr Interesse ge�u�ert, sich wiederum mit Politik zu befassen.� Der alte Mann nickte vorsichtig. Huntoon fuhr hastig fort: �Wenn die Delegation von South Carolina nach Tennessee reist, wird dies gewisse finanzielle Aufwendungen f�r Reise, Mahlzeiten und �bernachtungen mit sich bringen. Wir haben uns vorgestellt, da� � �</p><p>Deshalb sind sie also hierhergekommen, dachte Orry. Geld. Den Rest des Gespr�chs verfolgte er nicht mehr. Er hatte der Versammlung beigewohnt, weil er seinem Vater den Wunsch erf�llen wollte. Jetzt bereute er seinen Entschlu�.</p><p>Tillet war bald f�r die Idee gewonnen. Er versprach, f�nfhundert Dollar zu stiften, um die Delegation zu unterst�tzen. Angewidert blickte Orry zum Fenster hinaus. Es klopfte. Er sprang erleichtert auf, entschuldigte sich und ging auf die im Fl�sterton abgegebene Aufforderung seiner Schwester hin hinaus.</p><p>�Was ist los, Ashton?�</p><p>Brett stellte sich atemlos hinter ihre Schwester. Die beiden waren schreckensbleich.</p><p>�Es ist wegen Vetter Charles�, sagte Ashton. �Er sitzt f�rchterlich in der Tinte. Da ist ein Mann, der sich mit ihm duellieren will.�</p><p><strong>22</strong></p><p>�Wir k�nnen Vetter Charles nirgends finden�, sagte Brett, als die drei nach drau�en st�rmten. �Deshalb hat Ashton dich bei der Sitzung gest�rt.�</p><p>Orry marschierte �ber den Platz auf den Besucher zu, der neben seinem Pferd wartete. �Das ist das L�cherlichste, das ich je geh�rt habe. Vetter Charles hat �berhaupt keinen Grund, ein Duell auszufechten, er ist ja noch ein Knabe.�</p><p>�Ich glaube nicht, da� das f�r den Herrn dort dr�ben auch nur den geringsten Unterschied ausmacht�, sagte Ashton atemlos. Orry mu�te ihr recht geben. Die �bertriebene Art und Weise, in der der junge Stutzer zur Begr��ung an seinen altmodischen Biberhut tippte, zeugte von kaltem Stolz und Feindseligkeit.</p><p>�Ihr ergebenster Diener, Mr. Main. Mein Name ist Smith Dawkins.�</p><p>�Ich kenne Sie. Was w�nschen Sie?�</p><p>�Nun, Sir, ich dachte, die jungen Damen h�tten Ihnen den Grund meines Besuchs bereits verraten. Ich bin hierhergekommen als Vertreter und Verwandter von Mr. Whitney Smith, der gestern abend Mr. Charles Main von dieser Plantage hier dabei �berrascht hat, wie er mit seiner Verlobten Miss Sue Marie Smith herumt�ndelte. Die beiden Herren haben ein paar Worte miteinander gewechselt, und Mr. Main hat die Hand erhoben, worauf Mr. Smith ihn zum Duell herausforderte. Ich bin hier, um die Abmachungen zu treffen. Ich nehme an, Sie werden Mr. Mains Sekundant sein?�</p><p>�Ich habe das Recht, dies bleiben zu lassen. Was Sie vorschlagen, ist gesetzeswidrig.�</p><p>Dawkins machte keinen Hehl aus seiner Verachtung. �Sir, Sie wissen so gut wie ich, da� der <emphasis>code duello</emphasis> trotz der Gesetze in South Carolina oft und gern praktiziert wird.�</p><p>Der junge Hund stellte eine gemeine Falle, und Vetter Charles konnte ihr nicht ausweichen, ohne als Feigling dazustehen. Nahm er die Herausforderung an, rettete er zwar seine Ehre, lief aber Gefahr, sein Leben zu verlieren. Genau das machte den Kodex so idiotisch. W�re Mr. Smith Dawkins in Churubusco gewesen, w�rde er nicht so leichtsinnig mit dem Leben spielen.</p><p>Der Besucher dr�ckte sich entschlossen den Hut auf den Kopf. �W�rden Sie mich zu Mr. Mains Sekundant, oder besser noch, zu Mr. Main direkt f�hren.�</p><p>Orry seufzte und gab nach. �Ich wei� im Augenblick nicht, wo sich Vetter Charles befindet. Ich werde sein Sekundant sein.�</p><p>�Sehr gut, Sir.�</p><p>�Ich nehme an, da� wir uns auf die andere Seite des Savannah River begeben m�ssen, um einer gerichtlichen Verfolgung aus dem Weg zu gehen?�</p><p>�Wir werden absolut diskret sein und nur Familienmitglieder als Zeugen zulassen. Wenn Sie dies ebenfalls zusichern k�nnen, brauchen wir uns nicht in einen andern Staat zu begeben.�</p><p>In Anbetracht der Gr��e des Smith-Clans konnten unter Umst�nden Hunderte von Zeugen anwesend sein. Aber Orry lie� es durchgehen und nickte kurz. �Einverstanden, weiter.�</p><p>Sie unterhielten sich noch etwa f�nf Minuten lang, einigten sich auf die �blichen Duellpistolen und setzten den kommenden Dienstagmorgen, nach Sonnenaufgang, als Termin fest. Das Duell sollte in einer Lichtung, die unter dem Namen Six Oaks bekannt war, etwa zwei Meilen flu�aufw�rts stattfinden.</p><p>Der junge Dawkins tippte hocherfreut nochmals an den Hut und ritt davon. Orry machte ein finsteres Gesicht, als er sich aufmachte, um Charles die schlechte Nachricht mitzuteilen.</p><p>Die beiden M�dchen hatten die Szene, hinter einer der S�ulen versteckt, beobachtet. Ashton wollte Orry etwas zurufen, aber Brett ri� ihre Schwester am Arm und legte warnend den Zeigefinger auf die Lippen. F�r einmal beugte sich Ashton dem Ratschlag eines andern Menschen.</p><p>Orry beschlo�, Clarissa und Tillet nichts von dem Duell zu sagen. Seine Mutter w�rde sich sorgen, und sein Vater w�rde wahrscheinlich dem Duell beiwohnen wollen. Orry hoffte, da� er das Ganze m�glichst geheimhalten konnte. Aber viel wichtiger war ihm, da� Charles nicht verletzt wurde.</p><p>Gew�hnlich war der Junge um diese Tageszeit in der N�he der K�chengeb�ude zu finden, wo er sich Maisgr�tze oder ein St�ck frisches Brot erbettelte. Doch heute hatte ihn noch keiner der K�chensklaven gesehen. Orry lenkte seinen Schritt in Richtung Stall; wahrscheinlich war es einfacher, Charles zu Pferd zu suchen. Aus der Ferne h�rte man einen Schu�.</p><p>Er �nderte die Richtung und ging mit raschen Schritten die Stra�e hinunter in Richtung Sklavensiedlung.</p><p>Orry schwang erst das eine, dann das andre Bein �ber den Holzzaun. Am anderen Ende des Stoppelfeldes �bte Vetter Charles die Schritte eines Duellanten, der von seinem Gegner wegmarschiert. In seiner Rechten hielt er eine riesige, rostige Pistole, die Orry noch nie zuvor gesehen hatte.</p><p>Orry stand reglos da, bis Charles den zehnten Schritt tat und auf dem Absatz kehrtmachte. Der Junge ri� die Pistole mit einer wilden, fuchtelnden Bewegung hoch. Als er sich umdrehte, bemerkte er Orry und erkannte ihn an seinem Bart und dem im Wind flatternden leeren �rmel. Charles ri� die Augen auf, aber er f�hrte seine Drehung aus und scho�.</p><p>Der Rauch des Pulvers verflog langsam. Orry st�rmte los.</p><p>�Smith Dawkins war eben beim Herrenhaus�, rief er. Charles sah ihn vorsichtig an, als er mit gl�henden Wangen endlich vor ihm stand. �Wir haben Vereinbarungen f�r dieses herrliche Unterfangen getroffen. Pistolen, n�chsten Dienstag. Ich bin offenbar dein Sekundant.�</p><p>�Ich glaubte, du seiest gegen Duelle.�</p><p>�Bin ich auch. Du und die anderen jungen Herren, ihr habt keine Ahnung, was richtiges K�mpfen hei�t.�</p><p>Der Junge versuchte es mit einem seiner entwaffnenden L�cheln. �Du redest wie ein richtiger Soldat.�</p><p>Als Antwort erhielt er einen starren Blick. Charles h�rte auf zu l�cheln. �Tut mir leid, da� man dich in die Sache hineingezogen hat, Orry. Ich habe gestern abend die Zeit vergessen und Sue Marie nicht fr�h genug verlassen, sonst w�re dies nicht passiert.�</p><p>�Aber es ist nun mal so, und davon m�ssen wir ausgehen. Was wei�t du �ber Schie�eisen?�</p><p>�Nicht viel, aber ich nehme an, da� ich das, was ich wissen mu�, lernen kann.�</p><p>�Nicht in der Art und Weise, wie du damit umgehst�, sagte Orry und zeigte tadelnd mit dem Finger auf die rostige Pistole. �Woher hast du dieses Unget�m?�</p><p>Charles senkte den Kopf und zuckte die Achseln. �Das spielt keine Rolle.�</p><p>Gestohlen, dachte Orry angewidert. �Nun, als erstes werden wir darauf verzichten.� Er schnappte die Pistole und warf sie weit von sich.</p><p>�Na, h�r mal!� protestierte Charles mit rotem Gesicht. �Ich mu� doch �ben.�</p><p>�Wir werden meine Armeepistole benutzen. Duellpistolen sind zwar �blicherweise etwas anders, aber mit meiner Pistole bist du immer noch besser dran als mit diesem rostigen Ding. Noch etwas: Bei einer Duellpistole wirst du meistens einen Stecher vorfinden. Wenn du dich umdrehst wie vorhin und mit dem Arm wie mit einem gebrochenen Windm�hlenfl�gel wedelst, geht die Duellpistole viel zu fr�h los. Dann wirst du h�chstens die B�ume oder den Himmel treffen und deinem Gegner gen�gend Zeit lassen, dich zu t�ten. Du mu�t in deinen Bewegungen ruhig und geschmeidig sein.�</p><p>Orry ging langsam Richtung Stra�e zur�ck. Als Charles ihm nicht folgte, drehte er sich um und winkte. �Nun komm schon, du wirst am Dienstag und nicht erst n�chstes Jahr k�mpfen.�</p><p>�Ich dachte, ich w�rde dies allein � �</p><p>Die Worte verebbten in der leichten Brise, die �ber das sonnenbeschienene Feld wehte. In Charles� Gesicht spiegelten sich Zorn und Herausforderung.</p><p>�Wenn du dich aus Unwissenheit t�ten lassen willst�, schrie Orry zur�ck, �dann kannst du das allein tun.�</p><p>Mit bleichen Lippen gab Charles zur�ck: �Weshalb solltest du mir helfen wollen? Du magst mich doch nicht.�</p><p>�Was ich nicht mag, Charles, ist dein Benehmen w�hrend des vergangenen Jahres. Wenn du glaubst, da� das dasselbe ist, bitte sch�n. Aber ich habe immer noch eine Verantwortung f�r dein Wohlergehen. Ich kann nicht einfach danebenstehen und zusehen, wie Whitney Smith einen Mord begeht. Komm jetzt mit oder la� es bleiben, ganz wie du willst.�</p><p>Orry ging weiter �ber das Feld. Charles stand reglos mit geballten F�usten da. Doch wie schmelzendes Eis wich die Feindseligkeit langsam aus seinem Gesicht und machte einem scheuen, erstaunten L�cheln Platz.</p><p>Sie �bten drei Stunden am Tag. Orry beschwor seine Schwestern, kein Wort �ber das Duell verlauten zu lassen. Aber Ashton lie� die Katze aus dem Sack. Es geschah w�hrend des Abendessens, und Charles war �berrascht, wie sehr sich Clarissa aufregte. Orry wies darauf hin, da� er Charles unterrichtete und da� der Junge die besten Chancen hatte, mit nur einer leichten oder �berhaupt keiner Wunde davonzukommen.</p><p>Tillet schlo� sich ihm an und machte abf�llige Bemerkungen �ber den Charakter und die Unbeherrschtheit von Whitney Smith. Er w�nschte seinem Neffen alles Gute. Alles in allem war es eine �berw�ltigende Erfahrung f�r Charles. Noch nie hatte jemand soviel Interesse f�r ihn aufgebracht.</p><p><emphasis>�Nein!�</emphasis> war das Wort, das Orry w�hrend des �bens am meisten ausstie�. �Du nimmst dir nicht gen�gend Zeit, um zu zielen. Ich wei�, da� dich die Angst zur Eile antreibt, aber diese Eile wird dich geradewegs ins Grab bringen.�</p><p>Er packte Charles am rechten Arm und sch�ttelte ihn. �Um Gottes willen, du solltest das nicht vergessen. Wenn du dich t�ten l��t, werde ich wie ein Idiot dastehen.�</p><p>Er hatte den letzten Satz gedankenlos ausgesprochen und merkte nicht, wie l�cherlich er war, bis Charles zu grinsen anfing. �Nun�, sagte Charles, �wenn ich mich aus irgendeinem Grund t�ten lassen wollte, dann sicher aus diesem.�</p><p>Sein L�cheln f�hlte sich pl�tzlich steif auf seinen Lippen an. Orry war ein strenger Mann, ein harter Lehrmeister. Mit diesem Witz hatte Charles die Grenze �berschritten. Er hatte sich durch die Ver�nderung, die sich in den vergangenen Tagen in ihrer Beziehung vollzogen hatte, einlullen lassen; seine Wut auf Orry hatte einem Gef�hl der Br�derlichkeit, ja sogar einem gelegentlichen Aufflammen von Zuneigung Platz gemacht. Offensichtlich dachte Orry nicht, da� er v�llig wertlos sei, sonst h�tte er nicht so viel Zeit daf�r aufgewendet, ihm zu helfen. Aber jetzt war Charles zu weit gegangen.</p><p>Und doch tauchte in Orrys verfilztem Bart ein wei�er Schimmer auf. Er l�chelte.</p><p>�Nat�rlich nicht�, sagte er, und ihm wurde klar, wie t�richt seine Bemerkung gewesen war. �Zum Teufel mit deinem Leben! Meine Ehre sollst du retten und meinen Stolz! Schlie�lich bin ich ein Mann aus dem S�den.�</p><p>Nun lachten sie beide herzhaft und ausgiebig. Dann ber�hrte Orry den gl�nzenden Lauf der Johnson-Pistole. �Wir werden nat�rlich gar nichts erreichen, wenn wir weiterhin wie junge Eichelh�her schnarren. Ich z�hle bis zehn. Du gehst los, drehst dich um und schie�t auf diesen Ast. Versuch es diesmal richtig zu machen, wir haben nur noch zwei Tage.�</p><p>Eine K�ltewelle brach herein. Am Tag des Duells standen Charles und Orry um halb f�nf Uhr morgens auf, a�en jeder einen Zwieback, tranken Kaffee und st�rzten sich dann in ihre �berzieher. Da Orry Ort und Stunde bestimmt hatte, w�rden die Waffen von den Smiths geliefert werden.</p><p>Sie gingen nach drau�en, wo Diener mit Pferden in der Dunkelheit auf sie warteten. Tillet und Clarissa waren ebenfalls da; den M�dchen hatte man nicht erlaubt herunterzukommen.</p><p>Nebelschwaden hingen �ber der Erde; ein tr�ber Morgen. Vielleicht war es aber auch nur in seinem Herzen tr�b, dachte Orry, als er auf sein Pferd stieg.</p><p>Tillet gab Charles einen festen H�ndedruck, Clarissa umarmte ihn. Als sie den Weg hinunterritten, glaubte Orry, im Osten die Morgend�mmerung zu sehen. Die Pferde stie�en beim Ausatmen lange Dunststreifen aus. Charles r�usperte sich.</p><p>�Orry?�</p><p>�Ja?�</p><p>�Was auch immer geschehen mag, ich m�chte, da� du wei�t, da� ich deine Hilfe sehr gesch�tzt habe. Ich h�tte nie geglaubt, da� sich jemand auch nur im geringsten um mich k�mmern w�rde.�</p><p>�Wir alle m�gen dich, Charles. Du bist ein Main. Wir sind eine Familie.�</p><p>Er meinte es ernst. Er war �berrascht, wie sehr sich seine Haltung dem Jungen gegen�ber in der bemerkenswert knappen Zeit ver�ndert hatte. Charles war ein wi�begieriger Sch�ler gewesen und hatte die sp�ttischen Bemerkungen, die Orry fr�her so sehr an ihm geha�t hatte, v�llig unterlassen. Nat�rlich stand diesmal sein eigenes Leben auf dem Spiel. Und doch glaubte Orry, da� die Ver�nderung in dem jungen Mann noch auf etwas anderes zur�ckzuf�hren war: Orry hatte Charles die Hand hingehalten, und er hatte sie wie ein echter Bruder ergriffen. Schade nur, da� sich die Ver�nderung zu dieser sp�ten Stunde ereignet hatte.</p><p>Hunderte von Sternen funkelten bla� in der Morgend�mmerung. Charles atmete tief ein.</p><p>�Orry?�</p><p>�Ja?�</p><p>�Ich habe h�llisch Angst.�</p><p>�Ich auch�, sagte Orry, als sie ihre Pferde auf die Flu�stra�e lenkten.</p><p>Als sie Six Oaks erreichten, hatte das Tageslicht den Nebel aufgefressen. Orry stellte ver�rgert fest, da� die Smiths mit mehr als zwanzig Mann, verschiedenen m�nnlichen Verwandten aller Altersklassen, aufgekreuzt waren. Bei dieser Anzahl Zuschauer gab es wenigstens gen�gend junge M�nner, die man als Beobachter zur Stra�e und zum Flu�ufer abkommandieren konnte. Sie protestierten zwar, weil sie das Schauspiel verpassen w�rden, waren aber rasch �berstimmt.</p><p>Orry band die Pferde am Rand der Lichtung fest. Charles entledigte sich seines �berziehers, seiner Jacke, seiner Weste und Krawatte und rollte dann die �rmel hoch. Der makellos gekleidete Whitney Smith und die anderen seines Clans sahen Charles� Vorbereitungen mit offensichtlicher Verachtung zu.</p><p>Smith Dawkins, Whitneys Verwandter, stolzierte mit einem wundersch�nen Pistolenkasten aus Rosenholz auf die Mains zu und �ffnete ihn zur Inspektion. Die Waffen machten dem Kasten alle Ehre. Jeder der achteckigen L�ufe lag zur H�lfte in einer Einbuchtung auf lackiertem Nu�baumholz, und f�r den Ladestock war eine kleine Nische ausgespart worden. Die Pistolen zeugten von einem vortrefflichen Handwerk und waren mit dem Namen eines Londoner B�chsenmachers sowie der Jahreszahl 1828 versehen.</p><p>�Zufrieden?� erkundigte sich Dawkins.</p><p>�Das sage ich Ihnen, nachdem ich sie begutachtet habe.� Orry nahm eine der Pistolen aus ihrem violetten Samtbett heraus.</p><p>Auf Charles� Stirn glitzerten kleine Schwei�perlen. W�hrend die Sekundanten die Pistolen luden, schritt er auf und ab. Sie �berreichten den beiden Duellanten je eine Pistole und zeigten ihnen dann den vereinbarten Standort. Es verblieben noch f�nf Minuten f�r die letzten Vorbereitungen.</p><p>Charles sah ruhig aus. Er konnte seine Spannung nur unter Kontrolle halten, indem er sich immer wieder mit den Handfl�chen �ber die Schl�fen strich. Orry mu�te unbedingt austreten � Nervosit�t vermutete er �, aber er wollte Charles nicht allein lassen, besonders nicht, da das Rundgesicht Whitney Smith und sein Freund, der Stutzer Dawkins, fl�sternd �ber ihren Gegner witzelten.</p><p>Orry kehrte ihnen den R�cken zu. �Ich wei�, da� du Angst hast, Charles. Aber vergi� eins nicht, du hast einen echten Vorteil. Du wirst wissen, was ich meine, wenn du dir den Pfau hinter dir sorgf�ltig ansiehst. Da er mehr Wert auf Schein als auf Beweglichkeit legt, tr�gt er immer noch seinen schweren Mantel. Abgesehen davon ist er zu dumm, um Angst zu haben. M�nner, die Angst haben, sind vorsichtig. Die M�nner von Whitneys Art sind die ersten, die in einer Schlacht fallen.�</p><p>Charles wollte eine Antwort geben, aber heraus kam nur ein nerv�ses Kr�chzen. Orry dr�ckte seinen Arm. Charles legte seine Hand auf diejenige von Orry und dr�ckte sie kurz.</p><p>�Danke�, sagte er.</p><p>�Meine Herren, sind Sie bereit?� rief Smith Dawkins. Er schien ungeduldig.</p><p>Orry drehte sich behend um. �Fertig.�</p><p>Er ging �bers Feld, Charles hinter ihm. Die Zuschauer verstummten. Ein Silberreiher segelte �ber die in der Sonne gl�nzenden Baumwipfel davon. Der Flu� trieb friedlich und goldglitzernd am Rande der Lichtung dahin.</p><p>Whitney und Charles begr��ten einander mit einem Kopfnicken; Whitneys Nicken sah wie eine gn�dige Entlassung aus, dachte Orry. Bei n�herem Hinsehen konnte man feststellen, da� er eine unreine Haut hatte. Charles, der f�nf Jahre j�nger war, sah wesentlich reifer und gelassener aus. Als Whitney den Pistolenlauf senkrecht vors Gesicht hielt, zitterte seine Hand. Ein gutes Zeichen, es sei denn, Whitney geh�rte zu jenen seltenen Duellanten, die besser zielten, wenn sie nerv�s waren.</p><p>Dawkins r�usperte sich und wandte sich an die beiden Gegner, die mit erhobener Pistole R�cken an R�cken standen. �Ich werde erst das Wort <emphasis>los</emphasis> sagen. Auf dieses Signal entfernen Sie sich voneinander, w�hrend ich Ihre Schritte z�hle. Beim zehnten und letzten Schritt d�rfen Sie sich umdrehen und feuern. Fertig? Los.�</p><p>Charles schritt in die eine, Whitney in die andere Richtung. Orrys Herz begann wie wild zu klopfen. Er atmete tief ein und hielt dann den Atem an. Er und Dawkins wichen rasch zur Seite. Dawkins stand neben ihm und z�hlte.</p><p>�Drei. Vier. F�nf.�</p><p>Charles machte weitausholende, zuversichtliche Schritte. Das durch die B�ume fallende Sonnenlicht blitzte in seinem Haar auf. Er ist so begabt, dachte Orry. Wenn man sein Talent nur zur vollen Entfaltung bringen k�nnte. Wenn er nur lange genug lebte, damit es jemand versuchte.</p><p>�Sieben. Acht.�</p><p>Schwei� gl�nzte auf Whitneys fleckiger Haut. Das Zittern hatte nun auch seine Schultern erfa�t. W�rde er schie�en oder zusammenbrechen?</p><p>�Neun.�</p><p>Charles starrte geradeaus. Orry sah, wie er mit der Zungenspitze Schwei�tropfen von seinen Lippen leckte, das einzige �u�ere Anzeichen der Angst, die ihm sicher den Magen umkehrte.</p><p>Orry h�tte ihm am liebsten zugerufen: �Vergi� nicht, <emphasis>ruhig und geschmeidig.�</emphasis></p><p>�Zehn.�</p><p>Whitneys Knie sackten ein, aber er gab nicht nach und schaffte es, sich umzudrehen. Er holte mit derselben Heftigkeit aus, die Orry das erste Mal auf dem Feld bei Charles kritisiert hatte. Das Krachen verbl�ffte Charles. Er blinzelte so heftig, da� Orry glaubte, er sei getroffen worden. Dann segelte von einem Baum, etwa einen halben Meter hinter Charles, langsam ein Ast herunter.</p><p>Auf Whitneys Hose zeichnete sich ein dunkler Fleck ab. Er drehte sich unbeholfen halb um und wollte einen Schritt machen, als von den Zuschauern ein Schnauben und von Dawkins ein zischendes Fl�stern kam.</p><p>�Du mu�t stehenbleiben, Whitney. Stehen!�</p><p>Das tat er, nicht ohne M�he. Der erniedrigende Fleck dehnte sich aus. Whitney zitterte so stark, da� seine Pistole auf und ab schwankte. Charles streckte langsam den Arm aus und zielte. Gelassen �ber den achteckigen Lauf blickend, feuerte er.</p><p>Whitney kreischte wie ein M�dchen. Er taumelte nach links, hielt sich den Arm und fiel. Blut str�mte zwischen seinen Fingern hervor, aber Charles hatte ihn nur gestreift. Mehr noch: Er hatte den Punkt, auf den er gezielt hatte, genau getroffen. Orry rannte freudestrahlend auf ihn los.</p><p>Dawkins kniete neben dem bewu�tlosen Whitney. Die Zuschauer brachen in Beifall aus. Ersch�pft vor Anspannung taumelte Charles in Richtung Flu�ufer. Orry holte ihn ein.</p><p>�Du mu�t diesen Applaus w�rdigen. Er ist f�r dich.�</p><p>Der junge Mann starrte Orry wie vom Donner ger�hrt an. Dann blickte er auf die Smith-Familie. Es stimmte. Sie zollten seiner Treffsicherheit, seinem Mut und seiner Gro�herzigkeit Beifall; er hatte Whitney nur verwundet, obwohl er ihn h�tte t�ten k�nnen. Er hat alle Eigenschaften eines echten Gentlemans aus Carolina, dachte Orry trunken vor Gl�ck. Charles salutierte den Zuschauern mit der Pistole. Aber er konnte immer noch nicht glauben, was geschehen war.</p><p>�Ich m�chte mich nochmals bei dir bedanken�, sagte Charles, als sie heimw�rts ritten. Der durch die B�ume fallende milde Sonnenschein warf Licht- und Schattenstreifen auf die Stra�e. Die beiden M�nner fanden das Leben an diesem strahlenden Wintertag herrlich.</p><p>Kaum hatten Tillet, Clarissa und die M�dchen die Pferde ersp�ht, rannten sie bereits nach drau�en. Doch bevor sie ihrer Freude freien Lauf lassen konnten, h�rten sie gebannt Orrys Bericht an. Tillet begl�ckw�nschte Charles mit gro�er Begeisterung, Clarissa schluchzte vor Erleichterung, und die M�dchen sprangen wild herum und baten Orry, die Geschichte von Charles� gelassenem Mut noch einmal zu erz�hlen. Nach einer Weile fa�te Charles Orry bei der Schulter und sagte: �Als ich fr�her Schl�gereien hatte, fanden dies alle Leute schlecht. Auch du. Weshalb war es heute morgen anders? Es war ja viel gef�hrlicher als eine gew�hnliche Balgerei! Weshalb hat niemand protestiert?�</p><p>Ohne ihm eine Antwort zu geben, zog Orry seinen Vetter in die d�stere Bibliothek und zeigte ihm den Kleiderst�nder mit Uniform, Mantel und S�bel.</p><p>�Da hast du deine Antwort.�</p><p>Charles sah verdutzt aus. �Ich verstehe nicht, was du meinst.�</p><p>�M�nner ziehen in den Krieg. Was tun sie?�</p><p>�K�mpfen.�</p><p>�Ja, aber mehr noch. Sie tun das auf eine vorher genau vereinbarte Art und Weise. So hart dies auch sein mag, Ehrenm�nner k�mpfen nach einem Verhaltenskodex. Die Smiths haben dir nicht nur Beifall gezollt, weil du gesiegt, sondern auch, weil du die Regeln befolgt hast. Im Gegensatz zu Whitney. Er wollte deiner Kugel ausweichen. Du hast ihre Reaktion gesehen. Fr�her hast du nie nach den Regeln gek�mpft. Das ist der Unterschied.�</p><p>Orry hob den linken �rmel des Mantels hoch. �Es ist nicht so, da� der Mann, der den Kampf liebt, von der Welt verurteilt wird, sondern er wird ermutigt und manchmal belohnt. Sogar f�r den ehrenwerten Verlierer f�llt etwas vom Glorienschein ab, wenn die Geschichtsb�cher geschrieben werden. Ich bin mir nicht sicher, ob es richtig ist, K�mpfen und T�ten zu f�rdern und zu belohnen, aber so sind die Dinge nun mal. Habe ich damit deine Frage beantwortet?�</p><p>Charles nickte bed�chtig und starrte auf die S�belscheide, die Messingkn�pfe und den dunkelblauen Mantel, als ob sie eine religi�se Bedeutung bergen w�rden. Was Orry eben gesagt hatte, war wie eine Offenbarung.</p><p>Orry begann in einem Schrank herumzuw�hlen. �Hier ist Whiskey. Ich wei� nicht, wie du�s hast, aber ich hab� einen Mordsdurst.�</p><p>�Ich auch.�</p><p>Charles ging um den Kleiderst�nder herum, ohne seinen Blick auch nur einen Augenblick von der Uniform abzuwenden. Auch Orry wurde pl�tzlich wie von einer Offenbarung erfa�t. Er sah Vetter Charles pl�tzlich in einem v�llig neuen Licht.</p><p><emphasis>Vielleicht ist doch nicht alles verloren. Sieh ihn dir an, wie er die Uniform anstarrt. Er ist fasziniert.</emphasis></p><p>Noch am selben Tag nahm er Vetter Charles unter seine Fittiche.</p><p>Er fing mit kleinen Anpassungsversuchen an. Mit sanften, beinahe scheuen Anregungen in bezug auf Aussehen, Manieren, P�nktlichkeit. Nichts, das zu wichtig oder zu fordernd gewesen w�re, denn er erwartete Widerstand. Aber Charles f�gte sich sofort und auf beinahe �bertriebene Weise. Er tauchte regelm��ig mit geschrubbten H�nden und sauberem Gesicht, mit dem Hemd in der Hose und ohne Jagdmesser am G�rtel zu den Mahlzeiten auf.</p><p>Als n�chstes erteilte Orry seinem Vetter Unterricht in Gesellschaftskunde: Zuvorkommenheit den Damen gegen�ber und die allgemein anerkannte richtige Kleidung f�r famili�re und �ffentliche Anl�sse. Charles h�rte nicht nur aufmerksam zu, sondern schritt gleich von der Theorie zur Praxis. Es dauerte nicht lange, und er behandelte Ashton und Brett mit einer H�flichkeit, die sie schlichtweg verbl�ffte. Aber sie genossen es, denn Charles war ein h�bscher Bursche, und sein h�fliches Benehmen wirkte �berzeugend.</p><p>�Der Junge ist ein geborener Kavalier�, teilte Orry Madeline bei ihrem n�chsten Treffen freudig mit. �Er besch�mt mich. Er ist gewandt, charmant � und mehr noch, es ist alles nat�rlich bei ihm. Wo hat er diese Seite seines Charakters blo� all die Jahre hindurch versteckt?�</p><p>�Wahrscheinlich unter einer Schicht Dreck und Groll�, sagte sie mit einem liebensw�rdigen L�cheln.</p><p>�Ich nehme an, du hast recht. Die Ver�nderung ist frappant. Alles, was er brauchte, um ein bi�chen zu sich selbst zu kommen, war etwas Zuneigung von seiner Familie.�</p><p>�Haupts�chlich von dir. Sogar in Resolute ist er das Tagesgespr�ch. Nancy sagte mir, da� Charles dir �berallhin folgt.�</p><p>�Den ganzen Tag, wie ein kleiner Hund. Es ist peinlich.�</p><p>Doch aus Orrys Gesichtsausdruck war zu schlie�en, da� er eigentlich nicht gegen die Heldenverehrung war. �Dumm ist nur, da� mit der L�sung des einen Problems bereits wieder ein neues geschaffen ist.�</p><p>�Was denn nun? Du hast doch gesagt, da� es mit Charles besser � �</p><p>�Genau das meine ich ja. Fr�her war ich davon �berzeugt, da� man ihn eines Tages nach einer Rauferei oder einem Pferderennen tot im Stra�engraben auflesen w�rde. Und jetzt zermartere ich mir den Kopf, was er mit seinem Leben anfangen k�nnte. Ich mu� ihm einen Vorschlag machen, und zwar bald.�</p><p>�Das klingt, als w�rst du sein Vater.�</p><p>�Mach keine Witze. Die Verantwortung ist nicht leicht.�</p><p>�Nat�rlich nicht, und ich mache auch keinen Spa�. Ich habe gel�chelt, weil du so gl�cklich bist. Ich habe dich noch nie in einer solch guten Verfassung gesehen. Du tr�gst gerne Verantwortung.�</p><p>Er blickte sie an. �Ja, du hast recht.�</p><p>Jeden Abend nach dem Essen, wenn Orry nichts im B�ro zu tun hatte, tranken er und Charles in der Bibliothek einen Whiskey. Manchmal gesellte sich Tillet zu ihnen, doch er war meist ein stiller Gast. Er wu�te, da� sich in der Beziehung zwischen seinem Sohn und seinem Neffen eine positive und heilsame Ver�nderung ergeben hatte und wollte sich nicht einmischen. Es wurde ihm ebenfalls bewu�t, da� Orry langsam zum Haupt der Familie aufr�ckte. Dies machte Tillet stark zu schaffen, aber es freute ihn auch. Wenn Tillet anwesend war, verhielt sich Charles zur�ckhaltend. War er nicht da, so konnte der junge Mann nicht genug �ber Orrys Erfahrungen als Kadett h�ren.</p><p>�Du hast dich in West Point wirklich wohl gef�hlt, nicht wahr?�</p><p>�Nun, nicht nur. Aber ich habe dort mehrere gute Freunde gewonnen, und vor allem habe ich dort meinen besten Freund getroffen.�</p><p>�George.�</p><p>Als Orry nickte, fragte Charles: �Wolltest du in der Armee bleiben?�</p><p>�O ja, aber General Scott hat leider ein so merkw�rdiges Vorurteil gegen einarmige Offiziere. Vielleicht, weil er immer noch zwei hat.�</p><p>Charles l�chelte. Der Witz war etwas unbeholfen, aber es wurde ihm klar, da� es Orry noch nie gelungen war, ungezwungen �ber seine Verletzung zu reden. Eine bemerkenswerte Ver�nderung.</p><p>Charles starrte wieder auf die Uniform auf dem Kleiderst�nder. �Ich kann schlichtweg nicht begreifen, da� man k�mpfen kann und daf�r bezahlt wird.�</p><p>Orry hielt den Atem an. War dies der richtige Moment? Er ergriff die Gelegenheit. �Charles, mir geht so ein Gedanke durch den Kopf. Es w�re m�glich, da� wir dir einen Platz in der Akademie sichern k�nnten.�</p><p>�Aber � ich bin doch nicht gescheit genug.�</p><p>�Doch, das bist du. Du wei�t blo� nicht genug, um die Aufnahmepr�fung zu bestehen. Mit andern Worten, du verf�gst zwar �ber die Intelligenz, aber nicht �ber das Wissen. Herr Nagel wird dir dies jedoch sicher im Lauf des n�chsten Jahres beibringen k�nnen. Du m��test dich zwar selbst bewerben, aber ich wei�, da� du das kannst, wenn du wirklich willst.�</p><p>Von den neuen Zukunftsaussichten �berw�ltigt, sa� Charles eine Weile schweigend da, bevor er antwortete: �Ja, Sir, ich will.�</p><p>�Gro�artig! Ich werde Nagel morgen abfangen.�</p><p>�Was?� rief der Hauslehrer, als er von Orrys Plan h�rte. �Unterrichten? <emphasis>Ihn?</emphasis> Ich w�rde meinen, nein, Herr Main. Wenn ich ihn das erste Mal tadle, weil er seine Hausaufgaben nicht gemacht hat, wird er dieses f�rchterliche Messer ziehen und <emphasis>zzzt!�</emphasis> Nagel fuhr blitzschnell mit dem Daumen �ber die Kehle. �Und hiermit nimmt meine brillante akademische Karriere bei Ihrer Familie ein schm�hliches Ende.�</p><p>�Charles hat sich ver�ndert�, versicherte ihm Orry. �Geben Sie ihm eine Chance. Ich zahle Ihnen ein Extrahonorar.�</p><p>Unter diesen Umst�nden war Herr Nagel bereit, ein Risiko einzugehen. Am Ende der Woche tauchte er mit einem verbl�fften Gesichtsausdruck bei seinem Arbeitgeber auf.</p><p>�Sie haben v�llig recht. Die Ver�nderung ist erstaunlich. Er ist zwar manchmal noch widerspenstig und aufbrausend � meistens, weil er nicht mit Dingen vertraut ist, die er schon l�ngst gelernt haben sollte �, aber er hat eine rasche Auffassungsgabe. Ich glaube, da� ich ihn rasch weiterbringen kann, obwohl dies nat�rlich eine zus�tzliche, hm, Anstrengung erfordert.�</p><p>�F�r die Sie nat�rlich jede Woche ein Extrahonorar bekommen.�</p><p>�Sie sind zu liebensw�rdig�, murmelte Herr Nagel, indem er sich verneigte. �Wir werden noch einen Gelehrten aus ihm machen.�</p><p>Orrys Stimme klang am�siert, und seine Augen leuchteten. �Wir wollen lediglich einen West-Point-Kadetten aus ihm machen. Es wird doch noch einen Berufssoldaten in dieser Familie geben.�</p><p>Ende der ersten Aprilwoche ging Orry zu seinem Vater. �In zwei oder drei Jahren wird Charles so weit sein, da� er in die Akademie eintreten kann. Ich habe erfahren, da� es bis dahin einen Freiplatz gibt. Ich glaube, es ist nicht zu fr�h, sich jetzt schon darum zu bewerben. Schreiben wir erst mal einen Brief ans Kriegsministerium. Wir k�nnten Senator Calhoun bitten, ihn zu �bermitteln. Soll ich ihn schreiben, oder m�chtest du?�</p><p>Tillet zeigte ihm eine Ausgabe des <emphasis>Mercury.</emphasis> �Calhoun ist tot.�</p><p>�Um Himmels willen. Wann?�</p><p>�Am 31. M�rz, in Washington.�</p><p>Eigentlich war es nicht �berraschend, dachte Orry. Calhoun war in letzter Zeit nicht mehr erfolgreich gewesen, und vom politischen Standpunkt aus gesehen war der vergangene Monat einer der st�rmischsten der j�ngsten Vergangenheit gewesen. Henry Clays Kompromi�vorschl�ge waren im Senat debattiert worden. Weil Calhoun der amts�lteste Redner war, sah man seiner Reaktion, obwohl sie vorauszusehen war, von allen Seiten mit gespannter Erwartung entgegen. Aber er war zu krank gewesen, um das Wort zu ergreifen, und Senator Mason hatte an seiner Stelle seinen Kommentar vorgelesen. Calhoun sprach sich nat�rlich gegen Clays Programm aus und warnte erneut davor, da� der Norden mit seiner Feindseligkeit den S�den in die Sezession treibe. Im Lauf der Jahre hatte sich Calhoun immer weiter von seinem gesamtnationalen Standpunkt entfernt und mehr und mehr der Wohlfahrt des S�dens den Vorrang gegeben. Die meisten S�dstaatler waren sich darin einig, da� er durch die Bestrebungen der Sklavengegner sowohl innerhalb als auch au�erhalb des Kongresses zu dieser Kirchturmpolitik getrieben worden war.</p><p>Drei Tage nachdem Calhouns Rede vorgetragen worden war, vertrat Senator Daniel Webster den Standpunkt der Opposition. Mit brillanter Rhetorik unterst�tzte er Clays Vorschl�ge und setzte die Einheit der Union als oberstes Ziel. F�r die meisten seiner Kollegen war die Rede jedoch zu optimistisch und zu kompromi�bereit, und sie begannen bald darauf, ihn heftig zu kritisieren. Auch Tillet war Websters Ansprache vom 7. M�rz ein Greuel, obschon er v�llig andere Gr�nde daf�r ins Feld f�hrte als die Kritiker aus Websters eigenem Lager.</p><p>Doch im Augenblick dachte Orry in einem andern Zusammenhang an Calhoun. �Der Senator war einer der treuesten Freunde der Akademie.�</p><p>�Das war einmal�, schnappte Tillet, �er war auch ein Freund der Union, wie wir alle. Dann sind die Yankees uns in den R�cken gefallen.�</p><p>Tillet schien andeuten zu wollen, da� dies grundlos gewesen war. Orry dachte an Priam, sagte aber nichts. Der �berraschende Gewissenskonflikt verunsicherte ihn. Sein Vater fuhr fort: �Nicht nur Alter und Sorgen haben John Calhoun ins Grab gebracht. Es waren Jackson, Garrison, Seward � die ganze verfluchte Bande, die sich ihm, und uns, auf der ganzen Linie entgegenstellten. Sie waren wie eine Meute von Jagdhunden hinter ihm her. Sie haben ihn bis zur Ersch�pfung gejagt.� Tillet schmi� die Zeitung auf den Boden. �Wir werden uns daran erinnern.�</p><p>Orry schwieg; der unerbittliche Ton seines Vaters beunruhigte ihn.</p><p>Einige Wochen sp�ter fand Tillet einen neuen Anla� f�r einen Wutausbruch. Ein Sklave, der von einer Plantage in der N�he von Mont Royal gefl�chtet war, war in Columbus, Ohio, von einem berufsm��igen Sklavenh�ndler wieder eingefangen worden. Der Sklavenf�nger hatte den Auftrag vom Besitzer des Sklaven bekommen.</p><p>Bevor der Mann und sein H�ftling Columbus jedoch verlassen konnten, griffen die Sklavengegner ein. Sie drohten dem Sklavenf�nger mit Lynchjustiz und nahmen den schwarzen Fl�chtling in Schutzhaft; sie behaupteten, da� das Gericht den gesetzm��igen Besitzanspruch pr�fen m�sse. Dies war jedoch nur ein Vorwand, denn sie wu�ten, da� das Gericht keine Entscheidungsbefugnisse hatte. Doch sie gewannen Zeit, um den Ausrei�er entkommen zu lassen. Eine Hintert�r war auf mysteri�se Art und Weise nicht abgeschlossen worden, und der Fl�chtling konnte sich �ber die Grenze nach Kanada in Sicherheit bringen, bevor die meisten Leute etwas davon erfuhren. Das plumpe R�nkespiel in Ohio beleidigte den Besitzer des Sklaven und viele seiner Nachbarn schwer.</p><p>Mittlerweile teilte Orry sein pers�nliches Gl�ck mit Madeline. Vetter Charles war ganz in sein Studium bei Herrn Nagel vertieft, und Orry konnte nicht umhin, mit den Fortschritten seines Sch�tzlings zu prahlen.</p><p>�Wir werden den Unterricht im Sommer jedoch f�r zwei Monate unterbrechen m�ssen.� Es war ein linkischer Versuch, ein anderes Thema, das ihn besch�ftigte, zur Sprache zu bringen, aber es mu�te sein.</p><p>�Geht Charles fort?�</p><p>�Ja, mit uns. Ich habe ein Sommerhaus in Newport, in der N�he von George, gemietet.�</p><p>�Ihr werdet euch also endlich wiedersehen.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Oh, Orry, wie aufregend.� Ihre Freude schien echt. War sie entt�uscht, so verbarg sie es gut.</p><p>�Wirst du mich nicht vermissen?�</p><p>�Sag das nicht, ich werde dich schrecklich vermissen. Diese beiden Monate werden die l�ngsten meines Lebens sein.�</p><p>Sie warf ihm die Arme um den Hals und k��te ihn leidenschaftlich. Nachdem sie wieder Luft geholt hatte, sagte sie: �Aber ich werd�s �berleben, wenn ich wei�, da� du zu mir zur�ckkommst. Ich k�nnte es nicht ertragen, wenn du dich mit einem Yankee-M�dchen einlassen w�rdest.�</p><p>�Das w�rde ich nie tun�, antwortete Orry mit seiner humorlosen Aufrichtigkeit, die Madeline manchmal r�hrend und andere Male unausstehlich fand. �Es ist an der Zeit, da� Charles einen Blick �ber die Grenzen von South Carolina wirft. Wenn er zur Akademie geht, wird er viele Menschen mit neuen Ideen und andern Ansichten treffen. Das kann wie ein Schock wirken. Mir erging es jedenfalls so. Er mu� vorbereitet werden.�</p><p>Sie ber�hrte sein Gesicht. �Du klingst mit jedem Tag mehr wie ein Vater.�</p><p>�Das macht doch nichts, oder?�</p><p>�Nein.� Sie gab ihm einen freundschaftlichen, fl�chtigen Ku� auf die Wange. Als sie sich an ihn schmiegte, ging ihr eine Frage durch den Kopf.</p><p>�Du sagst, die ganze Familie geht nach Rhode Island?�</p><p>�Cooper nat�rlich nicht.�</p><p>�Genau das meinte ich. Lag die Entscheidung, zu Hause zu bleiben, bei deinem Vater oder bei ihm?�</p><p>Cooper war vor zwei Tagen nach Mont Royal gekommen. Er und Tillet hatten es nicht geschafft, im selben Zimmer zu bleiben, ohne sich heftig �ber Clays Vorschl�ge zu streiten. Orrys L�cheln erlosch.</p><p>�Bei beiden�, sagte er.</p><p><strong>23</strong></p><p>Cooper Main liebte Charleston.</p><p>Er liebte die engen Pflastersteinstra�en, die viele Besucher an Europa erinnerten; die eleganten Sachen, die in den L�den zu kaufen waren; das Glockenspiel von den wei�en Kircht�rmen, die in all den Jahren der salzigen Luft und den St�rmen standgehalten hatten. Er liebte die politische Beredsamkeit, die in der Saloon-Bar des Charleston Hotels an den Tag gelegt wurde, und das Klappern der Fuhrwerke, deren Kutscher st�ndig wegen �berh�hter Geschwindigkeit Bu�en erhielten. Er liebte den warmen Schein der Stra�enlaternen, nachdem sie von den beiden st�dtischen Laternenanz�ndern oder einem ihrer Sklaven angez�ndet worden waren. Und er liebte das Haus, das er mit einem Teil des Gewinns aus der Carolina Shipping Company erworben hatte.</p><p>Das Haus befand sich in der Tradd Street, ganz in der N�he der ber�hmten, alten Heyward-Residenz. Es war eines der typischen Charlestonh�user, k�hl und gem�tlich. Auf jedem der drei Stockwerke befand sich eine Veranda, die sich jeweils �ber die ganze L�nge des Geb�udes, das hei�t, �ber etwa zwanzig Meter, erstreckte. Das Haus war sechs Meter tief, was genau eine Zimmerbreite ausmachte, und seine L�ngsseite grenzte an den B�rgersteig.</p><p>Obwohl man von dieser Seite her das Haus betrat, wurde die andere Seite, vor der ein sch�ner Garten lag, als Portalseite betrachtet. Cooper nannte den Garten sein zweites B�ro. Oft arbeitete er hier stundenlang hinter einer hohen Ziegelsteinmauer, umgeben von den der Jahreszeit entsprechenden Blumen und B�umen, wie Azaleen und Magnolien und dem kontrastreichen Gr�n der Kreppmyrte und des Yucca. Fast sch�mte er sich, ganz allein in einem so wundersch�nen Haus zu wohnen.</p><p>Aber er war zu besch�ftigt, um oft daran zu denken. Er hatte sein Scheinexil wie auch die kleine Baumwollversandgesellschaft zu einem triumphalen Erfolg gef�hrt und war jetzt eben dabei, den Lagerraum durch einen zus�tzlichen Ankauf zu verdoppeln. Bei solchen Entscheidungen fragte er seinen Vater nie um Rat. Tillet war immer noch der Ansicht, da� die Schiffsgesellschaft eine Last, ein finanzielles Risiko sei, und somit hatte Cooper freie Hand.</p><p>Das Hauptgeb�ude der Gesellschaft, das Warenlager und der Pier befanden sich auf der Concord Street, oberhalb des Zollgeb�udes. Das Firmenzeichen, das sowohl auf einem Schild vor dem Geb�ude als auch auf den Flaggen der beiden altersschwachen Schiffe zu sehen war, stellte die Buchstaben C.S.C. von einem ovalen Tau umgeben, dar.</p><p>Cooper war sich dar�ber im klaren, da� Charleston niemals <emphasis>der</emphasis> Baumwollhafen sein w�rde, so wie es fr�her <emphasis>der</emphasis> Reishafen gewesen war. Die Baumwollproduktion hatte sich nach Alabama und Mississippi verlagert. Doch es wurde immer noch eine betr�chtliche Menge von Charleston aus verschifft, und Cooper wollte f�r die C.S.C. einen noch gr��eren Anteil. Aus diesem Grund hatte er vor einigen Monaten eine Hypothek auf seinen ganzen Besitz aufgenommen und der Black Diamond Schiffswerft in Brooklyn, New York, den Auftrag f�r ein moderneres Schiff erteilt.</p><p>Es sollte ein Schrauben-, nicht ein Raddampfer sein. Unter den Decks w�rden drei diagonale Trennw�nde f�r vier wasserdichte Abteile sorgen. Sollte der Schiffsrumpf irgendwo auflaufen, w�rde der Ladung in den unversehrten Abteilen nichts passieren.</p><p>Die Trennw�nde verteuerten das Ganze ungemein. Aber Cooper hatte bereits mit einigen Baumwollfabrikanten �ber seine Pl�ne gesprochen, und sie hatten so positiv reagiert, da� er sicher war, da� die Extrakosten sich lohnten. Schiffe liefen zwar nicht so oft auf Grund, aber die Fabrikanten lie�en sich bei der Wahl eines Schiffes doch stark von dem beeinflussen, was geschehen k�nnte.</p><p>Ein Bruch im Schiffsrumpf war noch unwahrscheinlicher, weil statt Holz Stahl verwendet wurde, was nicht �blich war. Die Hazard-Werke w�rden diesen besonderen Stahl f�r den Rumpf liefern.</p><p>Cooper war stolz auf die Bauart des neuen Schiffes, das den Namen <emphasis>Mont Royal</emphasis> erhalten sollte. Bevor er eine Liste mit technischen Details zusammenstellen und nach Brooklyn bringen konnte, hatte er Monate mit der Lekt�re von Schiffsarchitektur und dem Skizzieren von Pl�nen verbracht.</p><p>Cooper hatte keine gro�e M�he, die Finanzierung seines Vorhabens zu sichern. Die Bankiers von Charleston k�mmerten sich nicht gro� um seine politischen Ansichten, sondern vertrauten seinem Gesch�ftssinn. Er hatte den Umsatz der C.S.C. bereits um achtzig und den Gewinn um zwanzig Prozent steigern k�nnen. Dies war ihm gelungen, indem er die alten Schiffe �berholen lie�, so da� sie zuverl�ssiger waren, und den Fabrikanten, die ein gr��eres Gesch�ft mit ihm abschlossen, einen Rabatt anbot.</p><p>Neben den Geb�uden in der Concord Street geh�rte der C.S.C. jetzt noch ein weiteres Grundst�ck: vierhundert Hektar Land auf James Island, gegen�ber der Halbinsel, auf welcher sich die Stadt befand. Dieses Grundst�ck lief etwa eine halbe Meile dem Wasser entlang und war nicht weit vom verlassenen Fort Johnson entfernt. Cooper hatte dieses scheinbar wertlose St�ck Land im Zuge einer langfristigen Planung erworben, die er geheimhielt. Es machte ihm zwar nichts aus, wenn man sich �ber ihn lustig machte, aber er war der Meinung, da� ein vorsichtiger Gesch�ftsmann seine Ideen erst dann �ffentlich bekanntgab, wenn dies seinen Interessen diente. In der D�mmerung des ersten Montags im Mai schlenderte er der Battery entlang und blickte auf sein Grundst�ck jenseits des Wassers. Er war immer noch der Meinung, da� seine Entscheidung richtig gewesen war. Es mochte Jahre dauern, bevor er das Land nutzen konnte, aber es w�rde auf jeden Fall einen Vorteil bringen.</p><p>Unter dem Arm trug er die letzte Ausgabe des <emphasis>Mercury.</emphasis> Er f�hlte sich von der extremen Haltung der Zeitung abgesto�en, aber sie brachte doch viele gute Berichte �ber st�dtische und staatliche Ereignisse. Auf der ersten Seite war ein haarstr�ubender Artikel �ber eine alte Frau zu lesen, die von zwei Haussklaven, die sie getadelt hatte, erdrosselt worden war. Die Sklaven waren verschwunden und blieben unauffindbar; in einem Leitartikel lie� sich die Zeitung �ber die rebellischen Tendenzen der Neger aus und wetterte �ber die Yankee-Propagandisten, die die Stimmung noch anheizten. Wenn er an den gro�en Anteil der Schwarzen an der Einwohnerschaft dachte, fiel es Cooper nicht schwer, die Nervosit�t der Sklavenhalter zu verstehen.</p><p>Ein weiterer Artikel berichtete �ber verschiedene neue Feuergesetze. In Charleston wurden dauernd neue Feuergesetze erlassen, um eine weitere Brandkatastrophe wie diejenige, die die Stadt 1838 beinahe dem Erdboden gleichgemacht hatte, zu vermeiden. Auf dem Zeitungsrand hatte sich Cooper eine Liste von Dingen notiert, die er morgen f�r seine Reise in den Norden ben�tigte.</p><p>Die Bev�lkerung von Charleston war auf beinahe 28.000 angewachsen, von denen etwas mehr als die H�lfte Wei�e waren. Abgesehen vom alten �Adel� gab es eine betr�chtliche Anzahl temperamentvoller Iren, traditionsbewu�ter Deutscher und orthodoxer Juden. In der Abendd�mmerung sahen die durch feste Eichen und Palmettob�ume aufgelockerten Hausd�cher und Kircht�rme lieblich aus. Die herrliche Aussicht sowie die kr�ftige Meerluft erinnerten ihn an ein Gel�bde, das er vor ein paar Monaten abgelegt hatte: Solange er lebte, sollte dies sein Heim sein � oder zumindest so lange, bis er wegen seiner politischen Ansichten vom P�bel vertrieben w�rde.</p><p>Mit einem herben L�cheln wanderte sein Blick von der Stadt zum Hafen und dem dahinterliegenden Ozean. Der Hafen von Charleston geh�rte immer noch zu einem der wichtigsten St�tzpunkte der Bundesregierung. Wohin man auch blickte, war ein Fort zu sehen. Zu seiner Linken lag Fort Moultrie auf Sullivan�s Island. Etwas n�her, in einem Sumpfgebiet, konnte er Castle Pinckney entdecken. Geradeaus war der gr��te Teil von Fort Sumter zu sehen und auf James Island die alten, verlassenen Geb�ude von Fort Johnson. Die verschiedenen Forts vermochten Cooper �berhaupt nicht zu beeindrucken. Was ihn hingegen tagaus, tagein besch�ftigte, war der Dampfschiffverkehr im Hafen. Cooper hatte in relativ kurzer Zeit eine tiefe Liebe zu den Schiffen und zur See entwickelt.</p><p>Das Land hinter ihm kam ihm alt und in jahrhundertealten Traditionen erstarrt vor. Das Land geh�rte der Vergangenheit an, doch die See mit all den hin- und herfahrenden Dampfschiffen war ein modernes Reich der ungeahnten M�glichkeiten, der Entdeckungen und des Fortschritts. Die See geh�rte der Zukunft.</p><p>Cooper fuhr mit dem Zug nach New York und verbrachte dort zwei Wochen in einem sch�bigen Hotel in Manhattan. Sein Schiff befand sich bereits im Bau, und die Trennw�nde w�rden noch vor Ende des Monats fertiggestellt sein.</p><p>Er fertigte zahlreiche Zeichnungen des Schiffs und der Werft an und schrieb ganze Notizb�cher voll, bevor er mit einem Gef�hl der Erleichterung abreiste. Neben den Zwillingsst�dten Brooklyn und New York schien Charleston langweilig und r�ckst�ndig. Die Gr��e dieser St�dte mit ihren gesch�ftigen, aggressiven Einwohnern sch�chterte ihn ein.</p><p>Er nahm den Zug nach Pennsylvania. Seitdem er das letzte Mal in New York gewesen war, schienen sich die Eisenbahnlinien verzehnfacht zu haben. Die erste Lokomotive Amerikas, die ber�hmte �Best Friend� aus Charleston, hatte ihre Jungfernfahrt im Dezember 1830 gemacht, also fast zwanzig Jahre zuvor. Schon drei Jahre sp�ter wurde die Charleston &amp; Hamburg-Linie in Betrieb genommen, eine 136 Meilen lange Eisenbahnlinie, die bis zum Hafen am Savannah River f�hrte. Cooper fand es eine traurige Ironie, da� das Eisenbahngesch�ft nun gerade in dem Staat, der es am meisten gef�rdert hatte, ins Hintertreffen geriet. Die Yankees waren dabei, die K�nige der Eisenbahn zu werden, so wie sie auch K�nige jedes gr��eren Industriezweigs werden wollten.</p><p>Nachdem Cooper in Lehigh Station angekommen war, nahm ihn George mit ins Walzwerk und zeigte ihm den f�r den Schiffsrumpf der <emphasis>Mont Royal</emphasis> bestimmten Stahl. Durch den tosenden L�rm rief George ihm zu: �Viele Schiffsbauingenieure �u�ern sich immer noch abf�llig �ber den Schiffsstahl, aber es ist das Gesch�ft der Zukunft.�</p><p>Cooper schrie ihm eine Antwort zu, aber George h�rte ihn nicht. �Der britische Ingenieur Brunei�, fuhr er fort, �hat die <emphasis>Great Britain</emphasis> aus Eisen konstruiert, und sie hat den Atlantik m�helos �berquert. Brunei will eines Tages ein so gro�es Stahlschiff konstruieren, da� die <emphasis>Great Britain</emphasis> daneben wie ein Reiskorn aussehen wird. Du befindest dich mit deiner Idee also in guter Gesellschaft.�</p><p>�Ich wei߫, schrie Cooper zur�ck. �Die <emphasis>Mont Royal</emphasis> ist im Grunde eine kleinere Ausgabe von Bruneis Schiff.� Die Idee war Cooper gekommen, als er zum erstenmal eine Beschreibung der <emphasis>Great Britain</emphasis> las.</p><p>George zeigte seinem Gast die gesamten Hazard-Werke, die seit Coopers letztem Besuch stark gewachsen waren. Die riesigen Hoch�fen, das Walz- und das Stahlwerk, die neuen Eisenbahninstallationen liefen auf Hochtouren, sagte George. Der Flu� des geschmolzenen Eisens, der Tausende von Funken und grelles Licht und eine h�llische Hitze abgab, sch�chterte Cooper noch mehr ein als die beiden St�dte, die er vor kurzem hinter sich gelassen hatte. Im Feuer und L�rm der Hazard-Werke erblickte er erneut die wachsende industrielle Macht des Nordens.</p><p>Jene Macht und die wimmelnde Menschenmenge in den St�dten lie� die Forderung des S�dens nach Unabh�ngigkeit in einem l�cherlichen Licht erscheinen. Weshalb verbrachten die Hitzk�pfe aus den beiden Carolinas nicht eine Woche hier oben? Sie w�rden bald feststellen, da� es der Norden und nur der Norden war, der die meisten ihrer Gebrauchsgegenst�nde lieferte: vom Baueisen zu den landwirtschaftlichen Ger�ten, von den Haarnadeln ihrer Frauen und M�tressen bis zum Metall f�r die Schie�eisen, mit denen einige ihre absurden Anspr�che auf einen freien und autonomen S�den zu verteidigen beabsichtigten.</p><p>Und doch w�rde Tillet Main seine Ansichten niemals aufgrund eines solchen Besuches �ndern. Sein Vater wollte sich seinen Glauben nicht durch die Wirklichkeit beeintr�chtigen lassen. Cooper kannte eine Menge M�nner, die �hnlich dachten. Wahrscheinlich gab es auch im Norden einige davon.</p><p>W�hrend des Abendessens war er in gedr�ckter Stimmung. W�hrend er d�steren Gedanken nachhing, setzte er ein L�cheln auf, das nicht aus seinem Innersten kam. Er gab sich redlich M�he, der Konversation von Georges charmanter irischer Ehefrau und ihrer lebhaften Schwiegermutter zu folgen. Die Kinder von George, William und Patricia, hatten schon fr�her gegessen. �Es sind gute Kinder�, sagte Constance, �aber manchmal etwas temperamentvoll. Es ist besser, in Ruhe zu essen, ohne jeden Augenblick bef�rchten zu m�ssen, da� uns der Nachtisch an den Kopf fliegt.�</p><p>Georges Beitrag zum Tischgespr�ch bestand zur Hauptsache aus einem Monolog �ber die Notwendigkeit einer besseren und billigeren Methode der Stahlherstellung. Er erkl�rte einige der technischen Probleme mit einer solchen Klarheit, da� Cooper sich noch lange danach an alle Einzelheiten erinnerte. Constance hatte volles Verst�ndnis f�r die Sorgen ihres Mannes und unterbrach ihn nicht. Am Ende der Mahlzeit und des Monologs zogen sich die beiden M�nner ins Rauchzimmer zur�ck. George z�ndete sich eine Zigarre an, und Cooper genehmigte sich einen Brandy.</p><p>�Wir werden die Damen in einer Weile wieder im Musikzimmer treffen�, sagte George. Es klang nicht sehr begeistert. �Mein Bruder Billy wird auch her�berkommen, zusammen mit Stanley und seiner Frau. Billy wird die Milit�rakademie besuchen. Hat Orry dir das nicht gesagt?�</p><p>�Nein. Welch herrliche �berraschung. Vielleicht wird es in einem Jahr oder in zwei wieder zu einer Zusammenkunft kommen.�</p><p>�Eine Zusammenkunft? Was meinst du damit?�</p><p>�Erinnerst du dich an Vetter Charles? Er hat sich stark ver�ndert, seitdem du ihn das letzte Mal gesehen hast. Auch er m�chte nach West Point.�</p><p>George lehnte sich vor. �Du meinst, es besteht die M�glichkeit, da� ein weiterer Main und ein weiterer Hazard zusammen in West Point sind?� L�chelnd lehnte sich George zur�ck. �Nun, damit sieht der Abend besser aus.� Er wurde jedoch wieder ernst, als er sagte: �Ich hoffe, da� der Rest f�r dich nicht unangenehm sein wird.�</p><p>�Weshalb denn?�</p><p>�Meine Schwester Virgilia wird f�r einige Tage kommen. Sie i�t selten mit uns zu Abend, aber sie ist hier.�</p><p>�Ich kann mich gut an sie erinnern. Ein h�bsches M�dchen.� Cooper lie� die L�ge geschickt in die Konversation einflie�en.</p><p>�Auch eigenwillig. Besonders was das Thema der Abschaffung der Sklaverei betrifft�, sagte George mit einem entschiedenen Blick auf seinen Gast. �Sie hat es in der Tat geschafft, sich die meisten Einwohner von Lehigh Station zum Gegner zu machen. Sie nimmt ein K�rnchen Wahrheit und umgibt es mit einer Schale unm�glicher Kommentare und Urteile. So zum Beispiel behauptet sie, da� die Freiheit der Neger mit dem Grundsatz der freien Liebe eine gemeinsame ideologische Basis habe. Der Glaube an das eine verlange den Glauben an das andere. Diese Verkn�pfung f�hrt nat�rlich zu Rassenvermischungen, die ihrer Meinung nach w�nschenswert sind.�</p><p>Cooper kippte seinen Cognac hinunter und enthielt sich eines Kommentars.</p><p>�Ohne auf letzteres eingehen zu wollen�, George kaute an seinem glimmenden Zigarrenstummel, �kann ich ohne weiteres behaupten, da� Virgilias Benehmen eine Menge Feindseligkeiten bei Menschen hervorruft, die ansonsten einigen ihrer Ideen positiv gegen�berst�nden. Sie bringt auch Unruhe in unseren Haushalt. Die Geduld meiner Mutter wird aufs �u�erste strapaziert, und ich kann dir nicht beschreiben, welche Wirkung Virgilia auf Stanleys Frau aus�bt � oh, aber du kennst Isabel noch gar nicht, nicht wahr? Du wirst sie heute abend sehen, und du wirst sie im Sommer kennenlernen.�</p><p>�Leider nein�, murmelte Cooper. �Meine Gesch�fte halten mich in Charleston zur�ck.� Eine weitere L�ge, aber diesmal zu seinen Gunsten.</p><p>�Das tut mir leid. Wo war ich steckengeblieben?�</p><p>�Bei Isabel und deiner Schwester.�</p><p>�Ach ja. Von den beiden ist es Virgilia, die mir Sorgen macht. Seitdem sie nach Hause gekommen ist, hat sie bereits zwei gemeine anonyme Briefe erhalten, und neulich wurde sie unten im Dorf mit Dreck beworfen. Nicht auszudenken, was ihr passieren kann, wenn sie weiterhin ihre wilden Ideen verbreitet. Ich nehme an, da� sie heute abend auch kommen wird, und ich fand es angebracht, dich zu warnen.�</p><p>Cooper legte ein Bein �ber das andere und l�chelte. �Ich danke dir f�r deine Besorgnis. Sie wird mich nicht st�ren.�</p><p>�Ich hoffe nicht, aber sei dir nicht zu sicher.�</p><p>Cooper fand Stanley Hazard immer noch langweilig. Stanley prahlte dauernd mit Politikern aus Pennsylvania. Dabei sprach er jeden Namen so aus, als ob Cooper ihn kennen und beeindruckt sein m��te.</p><p>Von Isabel hatte Cooper den Eindruck einer hinterlistigen Frau. Sie hatte ihre Zwillinge mitgenommen. Sie rutschten unruhig auf ihrem Scho� umher und versuchten, einander mit Schreien zu �bertrumpfen. Constance anerbot sich, den einen Jungen auf ihren Scho� zu nehmen, aber Isabel lehnte ab � zu heftig, wie Cooper dachte; offensichtlich mochten die Schw�gerinnen einander nicht. Schlie�lich befahl Stanley seiner Frau, die l�rmenden Kinder aus dem Zimmer zu entfernen. Man war allerseits erleichtert.</p><p>Billy redete begeistert von den bevorstehenden Ferien in Newport. Er hatte das Internat abgeschlossen und setzte nun sein Studium zu Hause fort, wobei er gelegentlich einen Abstecher nach Philadelphia machte, um sich mit seinem Lehrer zu besprechen. Der Junge war unverkennbar ein Hazard, obwohl er George �berhaupt nicht �hnlich sah. Er hatte dunkleres Haar als George, und seine Augen waren von einem tieferen Blau.</p><p>Virgilia kam an. Sie ergriff Coopers Hand und sch�ttelte sie wie ein Mann. Ihre Mutter runzelte die Stirn. Nachdem sie etwas Konversation gemacht hatte, setzte sie sich neben Cooper und startete einen Direktangriff.</p><p>�Mr. Main, wie reagiert man bei Ihnen im S�den auf die Vorschl�ge von Senator Clay?�</p><p>Vorsicht, dachte er bei sich, als er ihren feurigen Blick sah. Sie will dich provozieren. Salonpolitik f�hrt meist zu nichts anderem als zu Emotionen, sicherlich nicht zu einem Einvernehmen. Also antwortete er mit einem h�flichen L�cheln:</p><p>�Wie man das ungef�hr erwarten konnte, Miss Hazard. Die meisten Leute in South Carolina widersetzen sich jeglichem Kompromi�, der � �</p><p>�Ich auch�, unterbrach sie ihn. Maude lie� ein leises, tadelndes Wort fallen. Cooper war sicher, da� Virgilia es geh�rt hatte, aber sie k�mmerte sich nicht darum. �Wenn es um die menschliche Freiheit geht, dann darf es weder Kompromisse noch Verhandlungen geben. Webster, Clay und die ganze Bande sollten gelyncht werden.�</p><p>Cooper l�chelte steif. �Ich glaube, John Calhoun reagierte �hnlich, wenn auch etwas weniger heftig, auf jene Herren und ihre Vorschl�ge, aber aus andern Gr�nden.�</p><p>�Dann w�re ich f�r einmal mit dem verstorbenen, unbeweinten Mr. Calhoun einverstanden. Ansonsten war er ein Verr�ter.�</p><p>George, der eben ein Streichholz angez�ndet hatte, warf es gedankenlos auf den Teppich. �Um Himmels willen, Virgilia, benimm dich.�</p><p>Maude sprang auf und l�schte das Streichholz aus. �George, sieh mal, was du angerichtet hast.� Stanley r�mpfte die Nase und kreuzte die Arme. �Das war Virgilias Zunge.�</p><p>�Ein Verr�ter?� wiederholte Cooper. �Sicherlich meinen Sie das nicht so, Miss Hazard.�</p><p>�Es gibt keinen anderen Namen f�r jemanden, der Uneinigkeit bef�rwortet, um die Sklaverei zu protegieren.� Sie lehnte sich vor, die H�nde auf ihren Knien zu F�usten geballt. �Genauso wie es kein anderes Wort f�r einen Sklavenbesitzer als Hurenmeister gibt.�</p><p>Das unmittelbar darauf folgende Schweigen war so tief, da� man das Lamento von Isabells Zwillingen vom andern Ende des Hauses her h�ren konnte. Ruhig sagte Cooper: �Wenn ich nicht w��te, da� Sie unbesonnen gesprochen haben, w�rde ich dies als eine Beleidigung f�r meine ganze Familie auffassen. Ich will keineswegs leugnen, da� die Mains Sklaven besitzen, aber sie f�hren eine Plantage, kein Bordell.� Er hielt den Atem an und wandte sich Maude zu: �Entschuldigen Sie, Mrs. Hazard, ich wollte nicht vulg�r werden.� Er brauchte nicht zu sagen, da� die Wut ihn dazu bewogen hatte. Das war mehr als klar.</p><p>�Virgilia, entschuldige dich bei unserem Gast�, sagte George.</p><p>�Ich � � Sie zupfte nerv�s an ihrem Taschentuch herum. Ihr vernarbtes Gesicht wurde rot, und auf ihrer Oberlippe zeigten sich Schwei�tropfen. �Ich wollte nur eine pers�nliche �berzeugung zum Ausdruck bringen, Mr. Main. Wenn ich Sie beleidigt habe, so geschah dies nicht mit Absicht.�</p><p>Aber das stimmte nicht. Sie tupfte sich mit dem Taschentuch die Lippen und konnte so einen Teil ihres Gesichts verbergen. Aber ihre Augen verrieten sie. Ihr Blick richtete sich mit einer fanatischen Wut auf Cooper.</p><p>�Auch ich habe zu heftig reagiert. Tut mir leid.�</p><p>Er ha�te es, das zu sagen, aber die H�flichkeit verlangte es. George stand auf, ging um das Loch im Teppich herum und ri� Cooper praktisch aus dem Stuhl heraus. �Machen wir einen Spaziergang!�</p><p>Kaum waren sie drau�en, sagte er: �Mein Gott, wie f�rchterlich, da� sie all das sagen mu�te. Ich wei� nicht, welche Art Vergn�gen es ihr bereitet, grob zu sein.�</p><p>�Mach dir keine Sorgen.� Cooper ging �ber die Steinplatten bis an den Rand des aufgesch�tteten Rasens. Zu seiner Rechten warfen die drei Hoch�fen rote Flammen in den n�chtlichen Himmel.</p><p>�Ich mache mir aber Sorgen! Ich m�chte nicht, da� Virgilia dich beleidigt, und vor allen Dingen m�chte ich nicht, da� sie im Sommer deine Familie beleidigt. Ich werde mit ihr reden.� Seine Entschlossenheit machte einer pl�tzlichen Verwirrung Platz. �Sie ist meine Schwester, aber auch wenn ich mich auf den Kopf stelle, ich verstehe sie nicht. Jedes Mal, wenn sie �ber die Sklaverei und �ber den S�den herzieht, tut sie das, na ja, mit sexuellen Begriffen. Irgendwie hat sie es sich in den Kopf gesetzt, da� der ganze S�den ein S�ndenpfuhl ist.�</p><p>Er schielte rasch auf Cooper, um zu sehen, ob er schockiert war. Cooper dachte nach. Oft verurteilen die Menschen das, was sie sich im geheimen w�nschen.</p><p>�Sie hat sich zu stark engagiert�, knurrte George. �Manchmal bef�rchte ich, sie verliere den Verstand.�</p><p>Ich f�rchte, du k�nntest recht haben, dachte Cooper, aber er behielt es f�r sich.</p><p>Damit war das Thema abgeschlossen. Cooper reiste am n�chsten Morgen ab, ohne Virgilia noch einmal zu sehen. Bald verbla�te die Erinnerung an ihren zornigen Blick etwas, und er �berpr�fte seine eigene, �berraschende Reaktion: Ihre �u�erungen hatten ihn beleidigt; sie hatten ihn als ein Mitglied der Main-Familie und, ja, auch als S�dstaatler beleidigt.</p><p>Cooper betrachtete sich selbst als einen Mann mit gem��igtem Temperament. Doch wenn schon er von einer Yankee-Fanatikerin in Harnisch gebracht werden konnte, um wie vieles mehr mu�ten dann die Hitzk�pfe des S�dens w�tend werden? Und welche heftige Reaktion mu�te diese Wut bei ihnen ausl�sen? Das war der Aspekt, der ihn bei der ganzen Sache am meisten beunruhigte.</p><p>Etwa eine Stunde nachdem der K�stendampfer New York in Richtung Charleston verlassen hatte, sah er die junge Frau zum erstenmal auf Deck. Sie war in den Zwanzigern und reiste offensichtlich allein. Sie war gro�, mit d�nnen Armen und Beinen, einem flachen Busen und einer langen Nase. Unter ihrem Hut quoll eine F�lle von dunkelblondem, gelocktem Haar hervor. Sie ging langsam an der Reling entlang, hielt inne und starrte dann auf den Ozean. Ihre Gelassenheit und Selbstsicherheit verrieten Eigenst�ndigkeit und Vertrautheit mit der Welt. Cooper beobachtete sie heimlich aus respektvoller Entfernung.</p><p>Ihr Blick war liebevoll, und sie hatte einen freundlichen Zug um den Mund, als ob sie oft und auf nat�rliche Art und Weise l�chelte. Ein unbeteiligter Beobachter h�tte jedoch geurteilt, da� sie im besten Fall gew�hnlich und im schlimmsten Fall h��lich war. Weshalb fand er sie dann etwas so Besonderes? Er wu�te es nicht, aber er brauchte auch keine Erkl�rung.</p><p>Kurz darauf bemerkte er, wie ein anderer Mann die junge Frau auf etwas weniger diskrete Art und Weise beobachtete. Der Mann war fett, nicht mehr der J�ngste und trug einen karierten Anzug. Cooper war ver�rgert und dann entt�uscht, als die junge Frau davonschlenderte. Wenn sie den fetten Mann bemerkt hatte, so lie� sie sich nichts anmerken.</p><p>Kurz darauf war sie verschwunden. Cooper wu�te, da� er sie unbedingt wiedersehen mu�te, aber wie? Ein Gentleman sprach nicht einfach eine junge Dame an, die ihm nicht vorgestellt worden war. Er war immer noch dabei, eine L�sung f�r das Problem zu finden, als ein schwarzer Steward mit dem Gong zum Abendessen rief.</p><p>Im E�saal mu�te er w�tend feststellen, da� der Zufall die junge Frau und den Mann im karierten Anzug an denselben Tisch gesetzt hatte. Der Mann war kein Gentleman. Er r�ckte mit dem Stuhl n�her an sie heran, indem er geflissentlich die hochgezogenen Augenbrauen der vier andern Passagiere, die am selben Tisch sa�en, �bersah. W�hrend des Essens stie� er wiederholt mit der Hand ihren Unterarm an und lehnte sich �fters plump zu ihr hin�ber, wobei er einen Scherz machte, den sie mit einem h�flichen L�cheln quittierte. Sie a� rasch und verlie� als erste den Tisch. Augenblicke sp�ter raste Cooper an Deck, um sie zu suchen.</p><p>Er entdeckte sie schlie�lich an der Steuerbordreling, wie sie die entfernten D�nen der K�ste von New Jersey betrachtete. Ich werde es tun, zum Teufel mit dem Risiko, dachte er. Er r�usperte sich und straffte die Schultern, doch das kribblige Gef�hl in seinem Magen lie� sich nicht verscheuchen. Er ging langsam auf sie zu, mit der festen Absicht, sie anzusprechen. Sie wandte sich um und sah ihn freundlich an. Er hielt inne und wollte seinen Hut ziehen, als er bemerkte, da� er ihn in der Kabine vergessen hatte. Die Anrede blieb ihm im Hals stecken.</p><p>Er brachte stotternd einen Gru� hervor � eigentlich war es mehr ein Grunzen � und eilte davon. Idiot. <emphasis>Idiot.</emphasis> Jetzt w�rde sie nie mit ihm reden, und er konnte ihr keinen Vorwurf machen. Er hatte einen guten ersten Eindruck bei ihr erwecken wollen, ihr irgendwie mitteilen wollen, da� er h�flich und sogar sch�chtern war � Eigenschaften, die sie seiner Meinung nach sicher gemocht h�tte. Aber die mangelnde Erfahrung hatte ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Alles, was sie gesehen hatte, war ein Esel, der nicht gr��te, sondern grunzte.</p><p>Er beschlo�, nicht an der Abendunterhaltung teilzunehmen, �nderte seine Meinung jedoch in letzter Minute und gesellte sich zu den etwa drei�ig Leuten im Salon. Der Conf�rencier, ein fr�hlicher Italiener, k�ndigte an, da� anstelle des urspr�nglich vorgesehenen Programms ein Sonderprogramm stattfinden w�rde. Man hatte herausgefunden, da� sich ein musikalisches Talent unter den Passagieren befand, und hatte es zu einem Vortrag �berreden k�nnen. Er selber w�rde sie am Klavier begleiten. Er stellte Miss Judith Stafford aus Boston vor.</p><p>Miss Stafford stand auf � sie war die junge Frau von vorhin. Sie war in der ersten Reihe gesessen, wo Cooper sie nicht sehen konnte. Sie trug immer noch das einfach geschnittene Kleid, das er zum erstenmal auf Deck an ihr gesehen hatte.</p><p>Er war hingerissen, als sie als erstes eine Arie aus der <emphasis>Normet</emphasis> ank�ndigte. Sie hatte einen lieblichen Sopran, und ihre Phrasierung, ihre Gestik und Mimik zeugten von einer berufsm��igen Ausbildung.</p><p>Sie gab noch drei Darbietungen, alles Opernarien; die letzte war ein dramatisches St�ck aus Verdis <emphasis>Attila.</emphasis></p><p>Cooper verliebte sich mit jeder Note mehr in sie. Er erschrak jedoch, als er bemerkte, wie ein Zuschauer der Wand entlang nach vorne schlich: der Mann im karierten Anzug. Er schwankte leicht, und dies nicht, weil die See rauh gewesen w�re, denn sie war ruhig. Der l�sterne Blick des Kerls verriet, woran er interessiert war. Nicht an Miss Staffords Talent.</p><p>Das Publikum beantwortete ihre letzte Arie mit rauschendem Beifall und wollte noch mehr h�ren. Miss Stafford besprach sich kurz mit dem Conf�rencier und entz�ckte dann das Publikum mit einer lebhaften Darbietung von �Oh! Susanna�, der von den kalifornischen Goldsuchern �bernommenen Negerballade. Wiederum verlangten die Zuh�rer eine Zugabe. Sie sang das ber�hmte Lied: �Woodman, Spare That Tree�. Einige der Zuh�rer waren zu Tr�nen ger�hrt. Nicht aber Herr Karo, wie Cooper ihn insgeheim nannte. In seinen Augen glomm nur Lust.</p><p>Nach einer letzten Ovation ging das Publikum auseinander. Der Conf�rencier bedankte sich bei ihr und trollte sich; sie stand nun allein da und wurde sich unvermittelt der Anwesenheit von Herrn Karo bewu�t, der ihr, ein �liges L�cheln auf dem Gesicht, entgegenschwankte. Cooper f�hlte sich pl�tzlich wie von einem Magnet zu den beiden hingezogen. <emphasis>Wahrscheinlich ist er ein Berufsringer. Wenn du dich einmischst, wird er dich zusammenschlagen, und sie wird dich f�r einen T�lpel halten.</emphasis> Trotz dieser pessimistischen Gedanken eilte er unbeirrt nach vorne. Herr Karo war etwa zwei Meter von Miss Staffords Linker zum Stillstand gekommen und blinzelte dumm. Cooper packte das M�dchen am Ellbogen.</p><p>�Das war entz�ckend, Miss Stafford. Darf ich Sie nun um den Spaziergang bitten, den Sie mir vorhin versprochen haben?�</p><p>Sie wird um Hilfe schreien, dachte er. �Augenblick, warten Sie!� rief Herr Karo, eilte auf sie zu und fiel dabei kopf�ber �ber einen gro�en Ledersessel, den er �bersehen hatte.</p><p>Judith Stafford wandte sich mit dem ihr eigenen strahlenden L�cheln Cooper zu: �Ja, ich erinnere mich, und ich habe mich darauf gefreut.�</p><p>Als sie sich bei ihm unterhakte, stand ihm beinahe das Herz still. Er durfte sie nach drau�en geleiten. Sobald sie an Deck waren, dr�ckte sie seinen Unterarm spontan.</p><p>�Vielen Dank, diese Blindschleiche hat mich angestarrt, seit wir New York verlassen haben.� Sie zog ihre Hand zur�ck. �Ich will mich nicht aufdr�ngen, aber ich bin Ihnen sehr dankbar, Mr. � �</p><p>Sie z�gerte. Konnte er seinen Ohren trauen?</p><p>�Cooper Main aus Charleston. Sind Sie zuf�llig aus South Carolina?�</p><p>�Ja, ich bin in Cheraw geboren. Ich besuche meine Familie. Nochmals vielen Dank f�r Ihre Hilfe, Mr. Main. Gute Nacht.�</p><p><emphasis>Wenn du sie jetzt verlierst, wirst du sie f�r immer verloren haben.</emphasis> Er ergriff ihre Hand und bot ihr erneut den Arm an.</p><p>�Miss Stafford, ich m�chte meine Belohnung, den Spaziergang � um Himmels willen, da ist er. Hier entlang.�</p><p>Sie eilten an einem Bullauge vorbei, hinter dem ein deprimierter Herr Karo hervorschielte. Er kam w�hrend der restlichen Reise nicht mehr an Deck und bel�stigte sie auch nicht mehr.</p><p>Judith Stafford lachte �ber Coopers K�hnheit, aber sie dr�ckte seinen Arm, und sie gingen munter im Mondlicht zum Heck des Schiffs. Er war so gl�cklich, da� er �ber Bord gesprungen w�re, wenn sie dies von ihm verlangt h�tte. Er h�tte es getan, obwohl er nicht einmal einen Meter weit schwimmen konnte.</p><p>Sie verbrachten fast den ganzen n�chsten Tag miteinander. Cooper wu�te, da� sie seine Gesellschaft wahrscheinlich suchte, um sich andere, weniger vertrauensw�rdige Herren vom Leib zu halten. Er hoffte jedoch, aus der Bekanntschaft werde sich eine Freundschaft entwickeln, bevor sie Charleston erreichten. Sie hatte vor, einen Tag in Charleston zu bleiben, um dort einzukaufen und dann mit Eisenbahn und Postkutsche nach Cheraw weiterzureisen.</p><p>Sie war als einziges Kind von Farmern am Fu�e der Berge von South Carolina zur Welt gekommen. Ihre Mutter war tot, und ihr Vater lebte nun mit einer Verwandten in Cheraw; durch einen Unfall mit dem Pflug war er vor zwei Jahren zum Kr�ppel geworden.</p><p>�Mein Vater ist ein Waliser, ein Schotte und noch vieles mehr�, sagte sie, als sie am sp�ten Vormittag eine Fleischbr�he l�ffelten. �Er ist als freier Bauer geboren und wird auch als solcher sterben. Als er noch sein Land bearbeitete, tat er dies ganz allein, es sei denn, Nachbarn, die er sp�ter bezahlte, halfen ihm mal. Er ha�t die Reis- und Baumwollpflanzer, weil sie nur dank Armeen von Sklaven erfolgreich sein k�nnen. Und er ha�t sie auch, weil sie eine kleine Minderheit sind und doch den ganzen Staat unter ihrer Kontrolle haben. Diese Macht ist �brigens einer der Gr�nde daf�r, weshalb ich vor f�nf Jahren, als ich einundzwanzig war, fortgezogen bin.�</p><p>�Es gibt eine Menge Farmer in South Carolina, die ebenso denken wie Ihr Vater, nicht wahr?�</p><p>�Tausende. Wenn es nach ihnen ginge, w�re die Sklaverei in einer Minute abgeschafft.�</p><p>�Um in der n�chsten Minute von einem Aufstand der Schwarzen gefolgt zu werden?�</p><p>�Ach, das ist blo� eine Ausrede�, sagte sie mit einem Kopfsch�tteln.</p><p>�Nun, ich h�re sie des �fteren.� Er schluckte und er�ffnete ihr die Wahrheit: �Seit Generationen baut meine Familie Reis an und h�lt sich Sklaven.�</p><p>Sie stie� einen kleinen �berraschungsschrei aus: �Sie haben mir zwar Ihren Namen gesagt, aber ich habe ihn nicht mit den Mains in Mont Royal in Verbindung gebracht.�</p><p>�Weil ich sagte, da� ich in Charleston lebe, was stimmt. Ich bin vor zwei Jahren von zu Hause fortgegangen. Mein Vater und ich sind uns �ber vieles nicht einig, unter anderem �ber die Sklaverei.�</p><p>�Sie sind also dagegen?�</p><p>�Ja, aus praktischen wie auch aus ethischen Gr�nden.�</p><p>�Dann f�hlen wir gleich.�</p><p>�Ich freue mich, Miss Stafford.� Er merkte, wie er err�tete.</p><p>Ihre braunen Augen leuchteten, wie er es bis jetzt nur getr�umt hatte. Pl�tzlich war jede Erinnerung an die Feuer�fen von Lehigh Station wie weggeblasen, und die Zukunft sah ganz anders aus.</p><p>�Bitte�, sagte sie, �M�chten Sie mich nicht Judith nennen?�</p><p>Cooper konnte gut reden, wenn es sein mu�te, aber er mu�te sich anstrengen. Auch sie war eher sch�chtern. Vielleicht war das der Grund, weshalb die Verbundenheit zwischen ihnen so schnell so stark geworden war.</p><p>Auf der Reise nach Charleston erz�hlte er ihr vieles �ber sich selbst. Sie tat ein gleiches. Ihr Vater war davon �berzeugt, da� eine Ausbildung wichtig war, und hatte sein ganzes Leben lang gespart, um ihr dies zu erm�glichen. Sie hatte die beiden letzten Schuljahre im Norden, auf Miss Deardorfs <emphasis>Female Academy</emphasis> in Concord, Massachusetts, verbracht und war nach Abschlu� ihres Studiums gebeten worden, als Musik- und Literaturlehrerin dort zu bleiben.</p><p>Sie kam also, genau genommen, nicht aus Boston, ging jedoch so oft wie m�glich in die Stadt. Sie geh�rte der Federal Street Church an und teilte die gem��igten Ansichten des Sklavereigegners William Ellery Channing.</p><p>�Ein Unitarier also�, Cooper grinste. �Man sagt, die meisten von ihnen h�tten Haare auf den Z�hnen.�</p><p>�Nun, die einen sind radikaler als die andern. Aber auf welcher Seite stehen Sie denn?�</p><p>�Ich bef�rchte, ich lasse mich nicht so leicht einordnen. Ich bin ein Gegner der Sklaverei, aber ich werde nie f�r Gewalt zu ihrer Abschaffung eintreten. Ich bin der Ansicht, da� der Versuch, in einem unabh�ngigen S�den die Sklaverei beizubehalten, l�cherlich ist. Wir m�ssen uns mit den Yankees verst�ndigen. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit ihnen w�re zu riskant, denn erstens sind sie uns zahlenm��ig �berlegen, und zweitens sind wir von ihrer Industrie abh�ngig. Wenn wir unsere eigenen Wege gingen, so w�re das unser Ende.�</p><p>�Nach dem, was ich gelesen habe, sind die meisten Politiker des S�dens anderer Meinung.�</p><p>�Sie erinnern sich nicht mehr an das, was sie in der Bibel gelernt haben�, entgegnete er mit einem schwachen, bitteren L�cheln. ��Da� die andern dich f�rchten, hat dich verf�hrt, und dein Herz ist hochm�tig.� Jeremias neunundvierzig.�</p><p>�Nun, ich denke nicht so � so differenziert wie Sie�, gab sie zur Antwort. �Die Sklaverei ist ein �bel, das mit allen daf�r notwendigen Mitteln ausgerottet werden mu�. Reverend Channing versucht, an die christlichen Gef�hle der Sklavenbesitzer zu appellieren, aber das hat sich bislang als erfolglos erwiesen.�</p><p>�Damit wird er auch nie Erfolg haben. Die Stimme des Geldes ist hier im S�den lauter als die Stimme Gottes.�</p><p>�Ist das nicht �berall so? Aber wie k�nnen wir in diesem Land von Freiheit reden, wenn die H�lfte der Bev�lkerung in Unfreiheit lebt?�</p><p>�Mein Vater sagt, da� die Sklaverei ein Positivum ist.�</p><p>�Nichts gegen Ihren Vater, aber Despoten glauben immer, da� sie Wohlt�ter sind.�</p><p>Er l�chelte. �Ich sehe, Sie haben Ihren Reverend Weld gelesen.�</p><p>�Und Garrison und Douglas. Ich glaube, was sie alle sagen. Wir m�ssen den Preis f�r die Emanzipation bezahlen � wie hoch er auch immer sein mag.�</p><p>�Ich bin nicht einverstanden, aber vielleicht werde ich es eines Tages sein. Ich stelle fest, da� ich mehr und mehr von der vorherrschenden Meinung abweiche. Wahrscheinlich wird man mich demn�chst aus Charleston verjagen. Doch bevor das geschieht, w�rde ich Ihnen gerne mein Haus zeigen.�</p><p>�Was? Ohne Anstandsdame?� neckte sie ihn. Ihre Blicke trafen sich. �Ich w�rde Ihr Haus sehr gern sehen, Cooper.�</p><p>Ermutigt durch ihren ernsten Blick, k��te er sie wenige Minuten sp�ter auf der Schwelle ihrer Luxuskabine. Sie erwiderte seinen Ku� leidenschaftlich, entschuldigte sich sofort f�r ihre Schamlosigkeit und bat ihn dann fl�sternd, sie nochmals zu k�ssen.</p><p>Es war eine zauberhafte Reise, und am Schlu� gestanden sie sich ihre Liebe zueinander. Als der Dampfer in den Hafen von Charleston einlief, unterhielten sie sich dar�ber, wie schnell es ihr gelingen w�rde, ihre Zelte in Concord abzubrechen, und ob sie sich wohl in South Carolina wieder gl�cklich f�hlen k�nne.</p><p>Der Lotse kam bei Sonnenuntergang an Bord. Cooper und Judith standen an der Reling und betrachteten die letzten Sonnenstrahlen auf den Kircht�rmen der Stadt. Cooper war noch nie jemandem begegnet, dem er so fest vertrauen konnte, jemandem, mit dem er reden konnte, ohne Angst, mi�verstanden oder verachtet zu werden.</p><p>�Die Mains waren seit jeher Landleute, aber ich habe mich in die See verliebt. Vielleicht deshalb, weil das Land untrennbar mit der Sklaverei und deren Elend verbunden ist.� Sein Blick schweifte �bers Heck und �ber den Atlantik. �F�r mich bedeutet dieser Ozean eine echte Chance, wie fr�her frei zu sein. Er ist ein Symbol f�r die Geschwindigkeit der Dampfschiffe, f�r eine kleiner werdende Welt, f�r die Zukunft.� Er z�gerte kurz und wurde rot. �Findest du das l�cherlich?�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf. �Bewunderungsw�rdig und auch realistisch. Aber es dauert lang, bis altmodische Ideen sterben. Das ist ja auch der Grund, weshalb es in letzter Zeit so viel Aufruhr gibt. Eine alte Idee liegt im Sterben, aber die Menschen dieses Staats wollen die unvermeidbare Tatsache nicht akzeptieren. W�rden sie dies tun, w�re alles sehr viel einfacher.�</p><p>Cooper seufzte. �Ja, aber ihr Widerstand ist begreiflich. Ein Mann gibt vieles auf, wenn er seine Neger aufgibt. Er gibt etwas hin, das ich noch keinen einzigen Sklavenbesitzer habe erw�hnen h�ren, aber es existiert, es ist wesentlich, und es ist das Grund�bel des ganzen Systems.� Die Hafenbrise spielte in seinem Haar, als er �ber den Ozean blickte. �Die totale Macht. Die Sklaverei verleiht einem Menschen die totale Macht �ber einen andern. Kein Mensch auf der Welt d�rfte eine solche Macht haben, kein K�nig, kein Pr�sident � und sicherlich nicht mein Vater. Macht ist destruktiv, das habe ich schlie�lich eingesehen. Mein Vater ist immer ein guter und menschlicher Herr gewesen, aber eines Tages wurde er w�tend und ordnete an, da� einer unserer Sklaven mit der Katze ausgepeitscht wurde. Wei�t du, was das ist?�</p><p>Sie erschauerte. �Ja. Ich habe dar�ber gelesen.�</p><p>�Nun, mein Vater lie� es geschehen. Und weil er der Besitzer des Mannes war und als solcher nie in Frage gestellt wurde, konnte nichts ihn daran hindern, sich wie ein Tier zu benehmen und einen andern Menschen wie ein Tier zu behandeln. Deshalb habe ich meine Zweifel an Reverend Channings Methode. Die totale Macht �bt eine geheimnisvolle Anziehungskraft auf die schlechte Seite in uns allen aus.�</p><p>Als sie seinen lauteren Gesichtsausdruck sah, war Judith pl�tzlich k�hn genug, um etwas zu tun, von dem sie bisher nur getr�umt hatte: die Hand eines Mannes zu ergreifen � in der �ffentlichkeit.</p><p>Sanft umschlossen ihre Finger die seinen. Sie freute sich �ber den Mut, den sie im Laufe dieser Reise an den Tag gelegt hatte. Als sie in Boston abreiste, h�tte sie sich dies nie tr�umen lassen. Zweifellos war diese herrliche neue Freiheit nur ein weiteres Zeichen daf�r, da� sie schlie�lich den Mann gefunden hatte, den sie f�r den Rest ihres Lebens lieben konnte.</p><p>Auch Cooper hatte eine Gef�hrtin gefunden. Eine anst�ndige, intelligente Frau, die in seinen Augen von �berragender Sch�nheit war. Eine Frau, welche sein differenziertes Denken, viele seiner �berzeugungen und einige seiner Zweifel zu teilen verstand. Mit ihr � sollte sie ihn heiraten wollen � w�rde er die st�rmischen Zeiten, die bestimmt kommen w�rden, sicher �berstehen. Heute abend noch wollte er ihr im Haus in der Tradd Street den Heiratsantrag machen.</p><p>Mit dieser Entscheidung breitete sich Ruhe in ihm aus. Ohne sich um die Blicke einiger schockierter Passagiere zu k�mmern, hielten sich Judith und Cooper die H�nde und blickten einander in die Augen, als Fort Sumter langsam am Bug vorbeiglitt und in der Dunkelheit versank.</p><p><strong>24</strong></p><p>In jenem Sommer kam es bei den Hazards zu l�stigen Streitereien und starken Spannungen. Die Diener wetteten kleine Geldsummen, wer noch mit wem reden w�rde, wenn die Familie endlich nach Newport aufbrechen w�rde. Einige der Hausangestellten setzten sogar darauf, da� man �berhaupt nicht gehen w�rde.</p><p>George entdeckte, da� Stanley Cameron eine weitere Spende hatte zukommen lassen, diesmal im Betrag von zweitausend Dollar. �Du hast doch versprochen, damit aufzuh�ren!� Er unterstrich seinen Vorwurf, indem er so hart auf den Schreibtisch schlug, da� das Fenster klirrte. Bevor er antwortete, wich Stanley in die andere Ecke des Zimmers aus. George war zwar klein, aber Stanley hatte Angst vor ihm. Er hatte jedoch noch mehr Angst vor Isabel.</p><p>�Ich habe nie gesagt, da� ich endg�ltig damit aufh�ren w�rde. Du mu�t mich mi�verstanden haben. Abgesehen davon, brauchte Simon dringend � �</p><p>�Ach, du nennst ihn schon beim Vornamen. Busenfreunde! Welchen B�ren l��t du dir aufbinden? Was ist der Preis?� Stanley wurde rot. George ging w�tend auf und ab. �Mit jedem Tag steigen unsere Kosten, und du verschleuderst unser Geld an korrupte Politiker und f�r private Eisenbahnwaggons.�</p><p>Stanley hatte auf eigene Faust einen Vertrag f�r einen vierachsigen Eisenbahnwaggon mit Wohnzimmer, Schlafabteilen und einer K�che abgeschlossen. Der au�ergew�hnliche Waggon, einer von wenigen in den Vereinigten Staaten, wurde zum weiteren Ausbau nach Delaware verschickt. Stanley war von seiner Frau zum Kauf gedr�ngt worden, die immer wieder betonte, da� sie nicht in einem �ffentlichen Bahnwagen nach Rhode Island fahren w�rde.</p><p>�Wir k�nnten dies sicher diskutieren, ohne ausf�llig zu werden, George.�</p><p>�Diskutieren! Zum Teufel! F�r den Eisenbahnwaggon ist es zu sp�t, aber ich verbiete dir, Cameron auch nur noch einen Cent zu geben!�</p><p>�Solange ich die Finanzen unter Kontrolle habe, tue ich, was mir gef�llt. Du kannst dich ja mit Mutter unterhalten, wenn�s dir nicht pa�t.�</p><p>Er hatte nicht den Mut, seinen j�ngeren Bruder anzusehen, als er diese Trumpfkarte ausspielte. George gab w�tend nach, wie Stanley dies erwartet hatte. George mochte wohl damit drohen, zu Maude zu gehen, aber Stanley wu�te jetzt, da� sein Stolz dies nie zulassen w�rde. Mit einem h�mischen Grinsen verlie� Stanley das Zimmer. Die T�r fiel mit einem Knall ins Schlo�, ein herausfordernder Schlu�punkt.</p><p>George setzte sich fluchend hin. Er versuchte, sich zu beruhigen, aber es mi�lang. Er war in Stanleys H�nden, und beide wu�ten es. Er weigerte sich, zu Maude zu rennen, aber die gegenw�rtige Lage war unm�glich, es gab keinen Ausweg. Er griff nach einem Tintenfa� und schleuderte es an die Wand.</p><p>�Kindisch�, murmelte er eine Minute sp�ter. Aber obwohl das Problem immer noch ungel�st war und die Tinte sein Hemd ruiniert hatte, f�hlte er sich jetzt wesentlich besser.</p><p>Stanley erz�hlte Isabel von der Auseinandersetzung: Nat�rlich war George der B�sewicht und Stanley der Held.</p><p>Sie r�chte sich mit einem neuen Angriff auf ihre Verwandten. Mit einem falschen L�cheln �wunderte� sie sich � laut � �ber die religi�se Erziehung von William und Patricia. Sie kramte die alten Horrorgeschichten �ber die katholischen Priester wieder hervor, die einen schlechten Einflu� auf ihre Pfarrei und folglich auf deren Kinder aus�bten. Doch ihre eigentliche Zielscheibe war George. W�hrend Wochen war sein angeblich total fehlender Glaube ein beliebtes Gespr�chsthema unter den Frauen der Oberschicht von Lehigh Station.</p><p>Nein, George sei nicht katholisch, verk�ndete Isabel, aber er setze auch keinen Fu� in seine eigene Kirche, die Methodistenkirche. Liefen die armen Kinder nicht Gefahr, gottlos aufzuwachsen? Leute, die sich fr�her nie Gedanken �ber dieses Problem oder �ber Georges Charakter gemacht hatten, redeten pl�tzlich kaum noch �ber etwas anderes.</p><p>Erst h�rte Constance, dann George den Klatsch. Sie wurde traurig, er w�tend. Es war ein schwacher Trost f�r sie, als sie einen Brief von Orry erhielten, in dem stand, da� auch in der Main-Familie Zwietracht herrschte. Cooper hatte seine bevorstehende Heirat mit einer Frau angek�ndigt, die Unitarierin war und auf der Seite der Sklavereigegner stand. Tillet konnte kaum noch an sich halten. Orry hoffte, da� die Reise nach Newport die Spannungen wenigstens eine Zeitlang mildern w�rde.</p><p>Virgilia reiste f�r zehn Tage nach Philadelphia, wo sie wiederum eine Rede halten sollte. Maude hatte den Gedanken an eine Anstandsdame schon lange aufgegeben. Virgilia tat, was sie wollte.</p><p>F�nf Tage sp�ter, als man die ersten Reisevorbereitungen traf, wurde Isabel von einer ihrer Freundinnen angesprochen. Grace Truitt war eben aus Philadelphia zur�ckgekommen. Sie und ihr Mann hatten dort das Chestnut Street Theater f�r eine Auff�hrung des <emphasis>People�s Lawyer</emphasis> besucht, ein uraltes, aber immer noch popul�res St�ck, in dem ein anscheinend dummer Yankee kl�gere Leute immer wieder �bert�lpelte.</p><p>�Ihre Schw�gerin sa� in einer Loge in Begleitung eines gutaussehenden Mannes namens Toby Johnson�, sagte die Besucherin.</p><p>�Ich kenne den Herrn nicht.�</p><p>�Das w�re auch �berraschend, aber in Philadelphia haben alle von ihm geh�rt oder gelesen. Virgilia und Mr. Johnson waren zusammen an der Versammlung der Gegner der Sklaverei.� Grace Truitt machte eine Pause, bevor sie die Katze aus dem Sack lie�. �Bei diesem Anla� hat Mr. Johnson von seinen Erfahrungen in North Carolina vor seiner Flucht erz�hlt.�</p><p>�Flucht? Um Himmels willen. Er ist doch nicht etwa ein � Neger?�</p><p>�Schokoladenbraun�, sagte die andere nickend. �Sie stolzierten im Theater herum, ber�hrten einander immer wieder und tauschten Blicke aus, die, na ja � � Die Dame betupfte ihre gl�nzende Oberlippe mit dem Taschentuch. �Man kann sie nur verliebt nennen. Ich hasse es, Ihnen eine solch tragische Nachricht �bermitteln zu m�ssen, aber ich hatte das Gef�hl, da� Sie es wissen sollten.�</p><p>Isabel wurde �bel. �Haben sie mit ihrer Anwesenheit im Theater Aufsehen erregt?�</p><p>�Ich w�rde meinen, ja. Mehrere Paare verlie�en emp�rt den Saal, bevor der Vorhang hochging. In der ersten Pause hat jemand eine T�te Dreck in die Loge geschmissen. Ohne Zweifel eine vulg�re Reaktion. Aber Virgilia und ihr Begleiter sa�en wie die �lg�tzen da und ignorierten es.�</p><p>Isabel ergriff die Hand der Frau. �Bitte behalten Sie das f�r sich, Grace. Ich werde die Familie zum gegebenen Zeitpunkt, wenn Virgilia nach Hause kommt, unterrichten.�</p><p>�Sie k�nnen sich auf meine Diskretion verlassen.�</p><p>Aber es war ein leeres Versprechen.</p><p>Maude schickte einen Kutscher ins Dorf, um Virgilia vom Boot abzuholen. Nicht weit vom Kanal entfernt wurde sie von zwei herumlungernden M�nnern mit ihrem Gep�ck in der Kutsche bemerkt. Einer der M�nner hob einen Stein auf.</p><p>�Bring deinen Nigger-Geliebten nicht nach Lehigh Station!�</p><p>Er warf den Stein allerdings mit mehr Emotionen als Treffsicherheit, und er flog an Virgilia vorbei. Der Kutscher blickte verdutzt. Sie ignorierte seinen Blick und starrte auf den Angreifer. Als George und seine Familie sich gegen Abend um Stanleys Tisch zum Essen scharten, sprachen schon alle Familienmitglieder �ber das Ereignis.</p><p>Bevor der erste Gang aufgetragen wurde, sagte Maude: �Virgilia, ich habe erfahren, da� heute ein unangenehmer Zwischenfall stattgefunden hat. Was war denn die Ursache?�</p><p>Virgilia zuckte die Achseln. �Meine Freundschaft mit Toby Johnson, nehme ich an. Ich bin in Philadelphia mit ihm im Theater gewesen. Klatsch verbreitet sich schnell. Vielleicht hat mich eine engstirnige Person aus Lehigh Station gesehen.�</p><p>Es �rgerte Isabel, da� ihr Auftritt verdorben worden war. Aber wenigstens konnte sie versuchen, die Ungeheuerlichkeit von Virgilias Fehltritt zu betonen.</p><p>�Falls es jemand nicht wissen sollte, Johnson ist ein Neger.�</p><p>F�r George war dies nichts Neues; er hatte den Zwischenfall vor einer Stunde mit Constance besprochen. Er kaute w�tend auf seinem Zigarrenstummel, da Virgilia, nach ihrem Gesichtsausdruck zu schlie�en, die peinliche Verlegenheit der Familie offensichtlich zu genie�en schien. Zwar �berraschte ihn ihr Benehmen nicht mehr, aber es machte ihn immer noch w�tend.</p><p>Virgilia schob trotzig das Kinn vor. �Toby Johnson ist ein feiner Mann, und ich werde ihn so oft sehen, wie ich will.�</p><p>Billy sah vergn�gt aus, alle andern waren aufgeregt. Stanley stotterte, unf�hig, klar zu reden. Maude betrachtete ihre Tochter in trauriger Resignation. George ergriff das Wort.</p><p>�Wir haben nichts gegen dein Engagement, Virgilia, aber du gehst zu weit. Ich sage dies nicht nur, weil der Mann ein Schwarzer � �</p><p>Er schrumpfte unter ihrem Blick zusammen. �Nat�rlich, George. Sei kein Heuchler.�</p><p>�Na sch�n � vielleicht spielt seine Hautfarbe eine Rolle. Aber ich nehme an, da� ich dar�ber hinwegsehen k�nnte, wenn du diesen Mann wirklich liebtest.�</p><p>�Wie kannst du es wagen, etwas �ber meine wirklichen Gef�hle �?�</p><p>�Virgilia, halt den Mund und la� mich ausreden. Ich glaube, im Grunde m�chtest du nur die Aufmerksamkeit auf dich lenken. Du bietest der Welt trotzig die Stirn, weil du � irrt�mlicherweise � glaubst, da� sie dir wehgetan hat. Dabei bringst du Schande �ber deine Mutter und die Familie. Eine anst�ndige Frau tut gewisse Dinge einfach nicht, ob der Mann nun schwarz, wei� oder violett ist.�</p><p>Virgilia kn�llte ihre Serviette zusammen und schmi� sie beiseite. �Wie entsetzlich selbstgef�llig du geworden bist.�</p><p>Maude stie� einen leisen Schrei aus und wandte das Gesicht ab.</p><p>�Es geht nicht um mich, sondern um dich und dein Benehmen�, entgegnete George. �Wir werden es nicht tolerieren.�</p><p>Sie stand auf und sah ihn mit einem kalten Blick an. �Es wird dir nichts anderes �brigbleiben, Bruderherz. Ich bin eine erwachsene Frau. Es ist meine Sache, mit wem ich schlafe.�</p><p>Verlegen schielte Constance zu Billy hin�ber. George und Stanley blickten einander an, der Schock und die Wut hatten sie f�r einmal vereint. Isabel atmete schwer. Virgilia rauschte aus dem Zimmer.</p><p>Maude legte die Hand auf ihre Augen, um die aufsteigenden Tr�nen zu verbergen.</p><p>Als die Familie am n�chsten Nachmittag mit zwei Kutschen abreiste, war George schlechter Laune. Eine dritte Kutsche folgte mit dem Gep�ck. Die Hazards w�rden von Philadelphia aus mit ihrem privaten Eisenbahnwaggon weiterfahren.</p><p>George war nerv�s, weil er sich acht Wochen nicht um das Gesch�ft k�mmern konnte. Er hatte seitenweise Instruktionen f�r die Aufseher und Vorarbeiter hinterlassen und hatte vor, mindestens einmal nach Lehigh Station zur�ckzufahren. Aber die Familie brauchte seine Hilfe mehr als die Hazard-Werke. Etwas mu�te geschehen, um den Frieden wieder herzustellen und um Virgilia daran zu hindern, ihn im Laufe des n�chsten Monats wieder zu zerst�ren.</p><p>Isabel blickte Virgilia dauernd scheel von der Seite an. Virgilia blieb unbeeindruckt und schwatzte munter �ber die Landschaft, das Wetter, alles, blo� nicht �ber den Zwischenfall. Sie war auf eine unbek�mmerte, beinahe arrogante Art fr�hlich.</p><p>W�hrend des Zwischenhalts in Philadelphia blieb sie ohne Erkl�rung die ganze Nacht fort. An jenem Abend ging Maude noch vor Sonnenuntergang zu Bett. Am n�chsten Morgen jedoch schien sie sich besser zu f�hlen, als w�re sie entschlossen, die Situation, so traurig sie auch war, zu akzeptieren. Um vier Uhr nachmittags stiegen die Hazards in den privaten Eisenbahnwagen. Auf jeder Seite des Wagens stand in gro�en goldenen Lettern <emphasis>Pride of Hazard.</emphasis> Dar�ber befand sich ein goldener Adler mit ausgebreiteten Fl�geln. Das Innere des Wagens war ebenso luxuri�s ausgestattet. Alle staunten �ber die geschnitzten Fensterrahmen, die gl�nzenden Messingverzierungen, die mit Intarsien aus Rosenholz ausgestattete T�felung und die dunkelrote Damasttapete.</p><p>Stanley hatte keine Kosten gescheut. Die Sessel waren aus feinstem Pl�sch, die Waschsch�sseln aus teurem Marmor. George mu�te zugeben, da� der Eisenbahnwagen wundersch�n war, aber er wagte nicht, nach dem Preis zu fragen. Er wollte zu Hause in einem Sessel sitzen und leicht betrunken sein, wenn er sich die Rechnung ansah.</p><p>F�r den Sommer hatte man einen schwarzen Koch engagiert. Er stand bereits hinter den T�pfen und bereitete Seezungenfilets f�rs Abendessen zu. Virgilia unterhielt sich gut zehn Minuten mit ihm. �Als ob es keinen Unterschied zwischen ihnen g�be�, zischte Isabel Constance hinter der Hand zu. �Es mu� etwas geschehen.� Constance ging nicht auf sie ein. Virgilia kam aus der K�che und verschwand in ihrem Schlafabteil, eine Ausgabe des <emphasis>Liberator</emphasis> unter dem Arm.</p><p>Die Jungen, William, Laban und Levi, rannten im Wagen herum, kletterten auf die M�bel, r�ttelten an T�rklinken und veranstalteten auf der Tretorgel ein h�llisches Konzert. Um viertel vor f�nf wurde der Wagen an den New-York-Expre� angeh�ngt, der wenige Minuten sp�ter losdonnerte.</p><p>Die Familie a� das Seezungenfilet und trank teuren franz�sischen Wein, w�hrend der Schnellzug nordw�rts durch die langweilige Ebene von New Jersey raste. Virgilia war nicht anwesend; sie hatte sich ein Tablett mit ins Schlafabteil genommen.</p><p>�Wahrscheinlich wird sie ihren dunklen Freund nach Newport einladen�, sagte Isabel mit schriller Stimme. Sie hatte eine betr�chtliche Menge Rotwein getrunken und den Wei�wein der �brigen verachtet.</p><p>�Wir sollten etwas tun.�</p><p>George bemerkte, wie die Augen seiner Frau funkelten, aber es gelang Constance, sich unter Kontrolle zu halten. �Vielleicht sollten wir lediglich Geduld haben. Wenn sie sich nur mit Johnson eingelassen hat, um ihre Unabh�ngigkeit zu best�tigen, wird das ganze nicht von Dauer sein.�</p><p>Unbefriedigt von dieser Antwort sagte Isabel mit weinerlicher Stimme: �Und was sollen wir in der Zwischenzeit tun? Unter der Dem�tigung leiden? Von der Gesellschaft ge�chtet werden? Ich sage euch, wir m�ssen etwas unternehmen!�</p><p>�Das hast du schon mal gesagt�, sagte Maude unwirsch. �Was schl�gst du vor?�</p><p>Isabel �ffnete den Mund, schlo� ihn wieder und stand mit nerv�ser Gestik auf.</p><p>�Entschuldigt mich bitte, ich glaube, ich habe die Kinder geh�rt.�</p><p>Sie eilte ins Schlafabteil. George suchte unter dem feinen Leinentischtuch nach der Hand seiner Frau und dr�ckte sie mit einem resignierten Blick. Dann schenkte er sich ein weiteres Glas Chardonnay ein und trank es in wenigen Z�gen leer.</p><p>Gegen Mitternacht wurde der <emphasis>Pride of Hazard</emphasis> im New Yorker Zentralbahnhof vom Zug aus Philadelphia abgekoppelt und an einen nach Providence angeh�ngt. Der Privatwagen befand sich jetzt zwischen den Fracht- und Gep�ckwaggons und den Passagierwagen, also genau in der Mitte des Zuges.</p><p>Etwa zur selben Zeit griff in einem Weiler namens West Haven an der Connecticut-K�ste ein Weichensteller, der eben mit seiner Freundin einen Riesenkrach gehabt hatte, zur Flasche, um seinen �rger herunterzusp�len. Er trank so schnell und so viel, da� er verga�, eine Weiche umzustellen, nachdem ein Zug nach New York das Nebengleis verlassen hatte und auf der Hauptlinie weitergefahren war. Dieser Lokalzug h�tte auf dem Nebengleis warten m�ssen, bis der Eilzug nach Boston durchgefahren war.</p><p>Der Weichensteller marschierte auf unsicheren Beinen nach New Haven. W�re er ein zuverl�ssiger Mann und n�chtern gewesen, so h�tte er sich Gedanken �ber die vergessene Weiche gemacht. Der n�chste Zug aus New York w�rde nun auf das kurze Nebengleis gelenkt werden und in eine Barrikade prallen. Dahinter g�hnte eine tiefe Grube.</p><p>Constance wand sich unruhig in den Armen ihres Mannes. Der Platz war etwas knapp f�r zwei, aber sie ha�te es, allein in ihrer Koje zu liegen und hatte sich f�r eine Weile neben ihren Mann gelegt.</p><p>�Bevor ich regelm��ig Schlafwagen ben�tze, mu� irgendein Genie eine bessere Schlafgelegenheit erfinden�, murmelte sie ihrem Mann ins Ohr.</p><p>�Aber sonst ist es doch recht gem�tlich, nicht wahr?� Gerade als er das sagte, sp�rte er einen Ruck. �Hast du das bemerkt? Als ob wir das Gleis gewechselt h�tten.�</p><p>Der F�hrer der vierachsigen Winans-Lokomotive war zu Tode erschrocken. Er hatte die Position der Weiche einige Sekunden zu sp�t gesehen, und die Maschine war �berraschend auf das Nebengleis gelenkt worden. Obwohl er blitzschnell das Notsignal zog, wu�te er bereits, da� es den Bremsern nie gelingen w�rde, den Zug rechtzeitig anzuhalten.</p><p>Im Licht der �llaterne an der Spitze des Zuges sah er die Barrikade auf sich zukommen. �Spring, Fred!� schrie er seinem Gehilfen zu, der bereits auf dem Trittbrett stand.</p><p>Dies w�rde also sein Ende sein, dachte der Lokomotivf�hrer: ein Name in einem Zeitungsbericht �ber ein weiteres Eisenbahnungl�ck. Es ereigneten sich so viele, da� die Pfarrer und Politiker sagten, es sollten keine Eisenbahnen mehr gebaut werden.</p><p>Er zog wieder am Notsignal; es zerbrach ihm in der Hand. Als letztes sah er die Barrikade auf sich zurasen. Mit einer Geschwindigkeit von f�nfzig Kilometern pro Stunde durchbrach die Lokomotive die Barrikade, raste einen kurzen Abhang hinunter und sauste wie ein riesiger Flugk�rper in die Tiefe, den Rest des Zuges hinter sich herziehend.</p><p><strong>25</strong></p><p>�Constance, hol die Kinder. Irgend etwas � �</p><p>George konnte die �berfl�ssige Warnung nicht zu Ende sprechen. Constance wu�te, da� etwas geschehen war: Der Wagen wurde hin- und herger�ttelt und kippte leicht auf die linke Seite.</p><p>Sie hatte das merkw�rdige Gef�hl zu schweben. Der Boden unter ihren F��en war pl�tzlich schr�g, und sie k�mpfte sich bis zum Schlafabteil ihrer Kinder vor. Die Lokomotive prallte auf dem Grund der Grube auf. Sekunden bevor sie zerschmettert wurde, erkannte Constance, da� der private Eisenbahnwagen, und wahrscheinlich der ganze Zug, entgleist war.</p><p>Sie ri� die Zwischent�r auf. Als erstes sah sie den ru�igen Zylinder einer Lampe, die sie brennengelassen hatte. Der Eisenbahnwagen war ganz mit Holz und Lackarbeit verkleidet. Wenn sie den Aufprall �berlebten, w�rden sie hier drin lebendigen Leibes ger�stet werden.</p><p>Der langsame Gleitflug schien eine Ewigkeit zu dauern. Mit lautem Ger�usch barsten die Eisenkupplungen. Durch den Aufprall der Waggons explodierte der Dampfkessel der Lokomotive, und eine Riesenwolke von hei�em Dampf und herumfliegenden Metallst�cken entfaltete sich wie eine Blume aus dem Garten eines Wahnsinnigen.</p><p>Eisen kreischte, Menschen schrien. Der Hazard-Wagen brach mitten entzwei. Der dahinter folgende Wagen kippte zur Seite und sauste neben dem ineinandergeschachtelten Metallhaufen, auf dem die vordere H�lfte des <emphasis>Pride of Hazard</emphasis> lag, in die Tiefe. Constance h�rte, wie verletzte M�nner in der Dunkelheit schrien: Die Angestellten der Gep�ckwagen sa�en im Graben unten in der Falle.</p><p>�William? Patricia? Bleibt bei Mutter! Haltet euch an mir fest. Es wird alles gut werden.�</p><p>Die Kinder schluchzten, wie auch Dutzende von andern Passagieren in den andern Wagen � ein Chor von zu Tode erschrockenen Menschen, die versuchten, durch das Krachen von Holz, das Klirren von Glas und das Knistern der Flammen hindurch geh�rt zu werden. Wo war George? In ihrem Schrecken hatte sie ihn aus den Augen verloren. Sie vermutete, da� er ihr Abteil durch die Zwischent�r zum Korridor verlassen hatte.</p><p>Die Lampen im Hazard-Wagen brannten nicht, und doch war es hell. Vom Feuer. Es erhellte das Gesicht von George, als er wieder in das Abteil kam, wobei er auf der Decke ging, die nun zum Fu�boden geworden war.</p><p>�Gib mir eins der Kinder.� Er streckte die Arme aus. Hinter ihm erkannte sie Stanley, der sich durch den Korridor k�mpfte. Er stie� Maude vor sich her und zog Isabel, die einen Zwilling auf jedem Arm trug, hinter sich her.</p><p>Constance �berreichte George William. Mit Patricia kletterte sie durch das Abteilfenster, was nun sehr schwierig war, da der Wagen auf dem Dach lag. Sie wagte es nicht, einen Blick auf das sich schnell ausbreitende Feuer zu werfen. Es fra� sich mit sengender Hitze durch die Wand hinter ihr.</p><p>�Mach nur, George, ich bin okay.� Mit der noch freien Hand hob sie ihr Nachthemd hoch, damit sie nicht stolpern w�rde. Sie begann zu husten; der Rauch wurde zusehends dichter.</p><p>Sie folgte ihrem Mann in den Korridor, der in der einen Richtung durch Tr�mmer und in der andern durch Isabel blockiert war. Isabel hatte pl�tzlich die Nerven verloren. Sie lie� die Zwillinge zu Boden gleiten und brach in hysterische Schreie aus. Ihre beiden S�hne weinten und klammerten sich an die Beine ihrer Mutter, in der Hoffnung, ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Sie nahm keine Notiz von ihnen.</p><p>�Wir m�ssen sie von hier wegkriegen�, schrie Constance und hielt ihrem Mann Patricia entgegen. Er versuchte, William mit einem Arm zu halten und hob seine Tochter auf die Schultern. Constance dr�ckte sich an ihm vorbei, packte Isabel an den Schultern und sch�ttelte sie. Als das nicht half, versetzte sie ihr eine Ohrfeige. Isabel stolperte gegen Stanley, der sie an den Handgelenken packte und durch den bei�enden Rauch zog.</p><p>�Laban, Levi�, keuchte Constance und kauerte neben die Zwillinge, w�hrend George sich an ihr vorbeiwand. Es blieben ihr nur noch Sekunden. Das Abteil hinter ihr stand in Flammen, das Feuer z�ngelte bereits durch die T�r. Die plumpen Zwillinge klammerten sich an sie, w�hrend sie versuchte, ihre Nerven unter Kontrolle zu halten.</p><p>Sie hielt ihnen die H�nde hin. �Haltet euch an mir fest!� Sie f�hrte sie in die Richtung, in die George gegangen war, den Korridor hinunter. Er war vom Rauch verschluckt worden � wie alle andern.</p><p>Die h�lzerne Wand zu ihrer Rechten war mit Blasen bedeckt. Einen Meter vor ihr z�ngelten pl�tzlich Flammen an der Wand. Der Ausweg war versperrt. Hinter ihr stand ebenfalls alles in Flammen.</p><p>Es blieben noch die Fenster. Sie versuchte, die Scheibe mit ihrem nackten Fu� zu zertr�mmern. Das Glas zitterte, zerbrach aber nicht. Sie versuchte es ein zweites Mal. Das Glas zersprang und ri� ihr die Fu�sohle auf.</p><p>Die hereinstr�mende Luft fachte die Flammen an. Was erwartete sie wohl drau�en? Wie tief mochte es sein? W�rden sie auf gef�hrlichen Tr�mmern landen? Sie konnte nichts sehen, aber es gab keinen andern Ausweg. Sie ri� ein St�ck Holz aus der verbogenen Wand und vergr��erte die �ffnung, indem sie noch mehr Glas zertr�mmerte. Sie sp�rte keinen Schmerz, merkte aber, da� ihre Handgelenke bluteten. Sie lie� das Holz fallen und hob Laban hoch.</p><p>Sie warf erst ihn und dann seinen Bruder durch die �ffnung. Dann sprang sie selbst, nur wenige Augenblicke, bevor der Wagen von einer Wolke aus Feuer und Rauch verschluckt wurde.</p><p>Sie landete etwa zwei Meter weiter unten auf einem steinigen Abhang und rollte dann verdutzt ein kleines St�ck hinunter. Die brennenden Tr�mmer �ber ihr wurden undeutlicher, als sie, nach Luft schnappend und unf�hig, sich zu bewegen, beinahe das Bewu�tsein verlor.</p><p>Schreie �berall. Rauchschwaden. Das Dr�hnen von Feuer und das schrille Zischen von Dampf, der immer noch aus irgendeinem Ventil der Lokomotive entwich.</p><p>Verletzt und benommen wie sie war, gelang es Constance immer noch, die verschiedenen Ger�usche voneinander zu unterscheiden: Sie h�rte Laban und seinen Bruder in Angst und Schrecken schreien, die Zwillinge mu�ten ganz in der N�he sein. Sie brauchten jemanden. Mit letzter Willensanstrengung zwang sie sich aufzustehen, strich sich mit blutigen H�nden das Haar aus dem Gesicht und stolperte �ber den Hang, bis sie die Zwillinge endlich fand. Als sie sie aufhob, kam ein merkw�rdig gurrendes Ger�usch aus ihrem Mund � ein Ersatz f�r ein Lachen.</p><p>�Jetzt wird alles gut, Jungs.� Sie hielt einen unter jedem Arm und erklomm den Hang. Die spitzen Steine verletzten ihre blutenden F��e noch mehr. �Alles wird gut. Wir werden eure Mutter finden. Wir finden sie.�</p><p>Wenn sie nicht tot war.</p><p>W�rden die kleinen Jungen sich an die Schreie der Opfer erinnern, die unter den Eisenbahnwagen begraben worden waren? W�rden sie sich an den gellenden und erstickenden Schrei eines Menschen erinnern, der in einem Wagen gefangen war und lebendig verbrannte? Sie w�rde es nicht vergessen. Sie w�rde es nie vergessen, Gott helfe ihr.</p><p>Das Massengrab, wie die Katastrophe von West Haven sp�ter etwas sensationsgierig von der Presse genannt wurde, hatte zwanzig Tote gefordert: vierzehn Passagiere und sechs Eisenbahnangestellte einschlie�lich des Lokomotivf�hrers. Die Hazards hatten keine Toten zu beklagen � der schwarze Koch jedoch war gegen eine Wand geschleudert und von einem herausragenden St�ck Metall wie von einem Speer durchbohrt worden. Die Zugmitte war offenbar am sichersten gewesen; s�mtliche Todesf�lle hatten sich vorn und in den zwei letzten Wagen ereignet.</p><p>Nach und nach fand Constance die restlichen Familienmitglieder wieder. Erst Billy, dann Maude, die reglos und wie bet�ubt auf dem Boden sa�, George und ihre Kinder und schlie�lich Stanley, der Isabel, die abwechslungsweise schluchzte und tobte, zu beruhigen und zu tr�sten versuchte.</p><p>Als letzte erblickte sie Virgilia am �u�ersten Ende des Tr�mmerhaufens. Georges Schwester hatte ihr Kleid in Streifen gerissen, um Verb�nde anzulegen. Sie rannte in ihrer Unterw�sche und strotzend vor Dreck wie eine Bergziege die Ger�llhalde auf und ab, auf der Jagd nach �berlebenden, die sie zu befreien versuchte. Den <emphasis>Pride of Hazard</emphasis> gab es nicht mehr.</p><p>Constance rieb sich die Augen. Sie sah, wie Stanley neben seinen S�hnen kniete und ihre blutigen F��e untersuchte.</p><p>�Wie geht es ihnen?� fragte sie.</p><p>�Ich wei� es nicht. Wie kommt es, da� ihre F��e so f�rchterlich zerschunden sind?�</p><p>Constance schwieg; sie konnte blo� ihren Kopf sch�tteln. Der Idiot war w�tend auf sie. Es war unglaublich.</p><p>�Wer ist zerschunden? Sind meine Kinder verletzt? La�t mich sehen.�</p><p>Isabel, die sich offensichtlich wieder gefa�t hatte, rannte schreiend an Maude vorbei und warf sich neben ihren Zwillingen, die ihre Tr�nen zur�ckzuhalten versuchten, auf die Knie. �Laban! Levi! Meine armen Lieblinge! All das Blut, die schrecklichen Wunden! Was hat sie euch angetan?�</p><p>Sie umschlang die Knaben und schielte mit einem Blick �u�erster Feindseligkeit zwischen ihnen hindurch. �Constance, wenn meine Kinder dauernde Sch�digungen davontragen, werde ich es dir nie verzeihen.�</p><p>�Dauernde Sch�digungen?�</p><p>Constance fand das ganze so l�cherlich, da� sie nicht weiterreden konnte. Sie warf den Kopf zur�ck und lachte, ein rauhes und hysterisches Lachen, worauf sich Stanleys und auch Georges Gesicht verfinsterte. �Um Gottes willen, Isabel�, keuchte sie schlie�lich, �ist dir auch nur im geringsten klar, was du da sagst?�</p><p>Isabel lie� die Knaben los und sprang auf die F��e. Haarstr�hnen fielen ihr in die Stirn, als sie auf ihre Schw�gerin zustolperte. �Nat�rlich. Sieh sie dir an. Sieh dir ihre F��e an!�</p><p>�Es tut mir leid, wenn du nicht zu sch�tzen wei�t, was ich getan habe, Isabel. Aber das tust du ja nie. Ich habe die Zwillinge gerettet. Niemand half ihnen, du schon gar nicht. Du hast hysterisch geschrien und deine Kinder ihrem Schicksal �berlassen.�</p><p>George redete ihr sanft zu: �Ich glaube, mehr brauchst du nicht zu sagen.�</p><p>Constance war klar, da� er nicht schon wieder Streit wollte. Er bat sie darum, damit die Probleme nicht noch gr��er w�rden. Sie verstand seine Botschaft, aber ihr war jetzt alles egal. Die Ber�hrung mit dem Tod hatte lange aufgestaute Gef�hle hochgebracht.</p><p>Den Blick auf Isabel geheftet, sagte sie: �Oh, ja, es g�be vieles zu sagen. Du solltest ausgepeitscht werden f�r deine Undankbarkeit. Ich w�rde es tun, wenn du nicht eine so bedauernswerte Kreatur � �</p><p>�Aber � � Stanley wollte etwas sagen, aber Isabels Schrei �bert�nte ihn: �Du irische Hure!� Sie packte einen spitzen Stein und rannte damit auf Constance los. George stellte sich eilends vor seine Frau, ri� Isabel den Stein aus der Hand und schmi� ihn gegen die ineinandergeschachtelten Waggons, die immer noch gl�hten.</p><p>Isabel wollte ihm einen Faustschlag versetzen, aber George packte ihren Unterarm und dr�ckte ihn mit eisernem Griff herunter. Mit ersch�tterter Stimme sagte er: �Sie hat recht, du bist undankbar. Seit Constance nach Lehigh Station gekommen ist, hast du nichts anderes getan, als ihr dauernd eins auszuwischen. Sie versuchte es zu ignorieren, es dir zu verzeihen � und ich auch. Aber das hier ist zuviel. Sie hat den Zwillingen das Leben gerettet, und statt ihr dankbar zu sein � �</p><p>�George, du gehst zu weit�, lie� sich Stanley hinter ihm vernehmen.</p><p>George w�rdigte seinen Bruder keines Blickes. �Halt dich da raus. Isabel, ich werde stets darauf bedacht sein, da� meine Familie dich h�flich behandelt, aber das ist alles. Von nun an m�chte ich dich nicht mehr in Belvedere sehen. Du wirst nie wieder einen Fu� in mein Haus setzen.�</p><p>�Willst du wohl nicht so mit meiner Frau reden�, rief Stanley und packte George an der Schulter. Stanleys impulsive Geste brachte das Fa� zum �berlaufen. George wirbelte herum, fegte Stanleys Hand weg und trat dann einen Schritt zur�ck, um seinen Schlag mit gro�er Treffsicherheit auszuf�hren.</p><p>Stanley redete wild auf ihn ein, doch George schenkte der ersterbenden Stimme der Vernunft kein Geh�r und tat, wovon er schon lange getr�umt hatte: Mit aller Kraft schlug er Stanley in die Magengrube.</p><p>Isabel stie� einen gellenden Schrei aus. Stanley schnappte nach Luft. George auch; er hatte so hart zugeschlagen, da� er glaubte, die Hand gebrochen zu haben.</p><p>�Papa�, br�llte einer der Zwillinge. Stanley versuchte, nicht in die Knie zu gehen, aber der Schlag hatte ihn aus dem Gleichgewicht geworfen. Mit rudernden Armen stolperte er r�ckw�rts und landete schlie�lich auf seinem Hintern. Seine Wangen gl�nzten rot im Licht der brennenden Eisenbahnwagen. Als er zu seinem j�ngeren Bruder aufblickte, war ein hilfloses Bitten in seinen Augen zu lesen. Er keuchte schwer und sah dick, weich und pl�tzlich alt aus. Hilflos.</p><p>O Gott, ich w�nschte, ich h�tte das nicht getan, dachte George. Aber der Schlag war nicht mehr r�ckg�ngig zu machen, er w�rde ihm und auch den andern stets in peinlicher Erinnerung bleiben. Merkw�rdig, da� er gleichzeitig Reue wie auch Erleichterung und einen gewissen Stolz auf seine Tat empfand.</p><p>Er ging auf seinen Bruder zu und hielt ihm die Hand hin. �La� mich dir auf die Beine helfen.�</p><p>Stanley packte Georges Unterarm und stand auf. Er nahm die Hilfe mit einem Flattern der Augenlider zur Kenntnis, aber sein Blick verriet keine Dankbarkeit. George hatte auch keine erwartet. Doch da war etwas anderes, ein Gef�hl, das George schon fr�her geahnt hatte und das sich jetzt best�tigte.</p><p><emphasis>Er hat Angst vor mir. Er hat schon immer Angst vor mir gehabt.</emphasis></p><p>Obwohl George die Angst schon fr�her bemerkt hatte, hatte er nie erkannt, welche Macht sie ihm verlieh; dies wurde ihm erst jetzt klar.</p><p>Stanley schwankte an ihm vorbei und versicherte Isabel, da� er in Ordnung war. Dann wandte er sich einem weinenden Zwilling zu, hob den kleinen Jungen hoch und tr�stete ihn. George und Constance umarmten ihre Kinder. Billy ging zu Maude hin�ber. W�hrend der n�chsten Minuten sagte niemand etwas, alle standen wie unter einer Art Schockwirkung. George war sich nicht sicher, ob das Ungl�ck oder der Kampf schuld daran war.</p><p>Stanley und Isabel vermieden es, George und seine Familie anzusehen. Georges Schuldgef�hle lie�en rasch nach. Die Abrechnung mit Stanley war schon l�ngst f�llig gewesen.</p><p>Etwa zwanzig Minuten sp�ter kam Virgilia mit f�nf M�nnern aus dem Weiler West Haven an. Zwei von ihnen trugen Maude auf einer improvisierten Tragbahre davon.</p><p>Als die Sonne aufging, schw�rmten etwa zweihundert Eisenbahnarbeiter und Freiwillige zur Ungl�cksst�tte. Die Hazards hatten sich unterdessen in ein Hotel nach New Haven begeben. Virgilia beschlo�, nach Newport weiterzureisen; es waren bereits mehrere Hausangestellte dort. Gegen Ende des Vormittags war der Eisenbahnverkehr in beiden Richtungen wieder gesichert. Virgilias Zug ging um drei. Da Billy sich freiwillig zur Verf�gung stellte, die Kinder zu h�ten, w�hrend sie schliefen, konnten George und Constance Virgilia zum Bahnhof begleiten und dann noch kurz zum Einkaufen gehen. Bei ihrer R�ckkehr ins Hotel schauten sie kurz nach Maude, die immer noch im Bett war. Sie hatte zwei Rippen gebrochen. Aber abgesehen von einem leichten Schwindelgef�hl ging es ihr gut, wie sie sagte.</p><p>�Das freut mich, Mutter�, sagte George. �Ich werde mal nachschauen, wo Stanley ist.�</p><p>In Maudes Blick war keine Spur von Tadel. �Wo war er den ganzen Vormittag?�</p><p>�Ich wei� es nicht.�</p><p>�Er, Isabel und die Kinder haben sich sofort nach dem Fr�hst�ck auf ihre Zimmer begeben�, warf Constance ein.</p><p>Maude seufzte. �Ich freue mich, da� du mit ihm reden wirst.�</p><p>George fuhr sich mit dem Zeigefinger �ber den Schnurrbart. �Nicht nur um mich zu entschuldigen. Stanley und ich m�ssen einiges klarstellen.�</p><p>Sie fand sich damit ab und murmelte: �Ich verstehe. Ich habe es schon seit einer Weile kommen sehen, und vielleicht ist dieser Zeitpunkt so gut wie jeder andere.�</p><p>Sie schlo� die Augen und faltete die H�nde auf der sauberen Steppdecke. Er freute sich �ber ihr Verst�ndnis; es machte ihm die Sache wesentlich leichter.</p><p>Er klopfte sanft an die T�r der Suite seines Bruders. Isabel �ffnete und teilte ihm mit, da� Stanley unten in der Hotelbar sei. George ging hinunter; Stanley hockte vor einem riesigen Glas Kentucky-Whiskey. George bestellte ebenfalls einen, lie� ihn jedoch stehen. Er versuchte, m�glichst ruhig zu bleiben, als er sagte: �Ich werde mich ab jetzt um die finanziellen Angelegenheiten des Gesch�fts k�mmern.�</p><p>�Oh, hast du mit Mutter geredet?� fragte Stanley m�de und verbittert.</p><p>�Nein. Dies ist eine Sache zwischen dir und mir. Sobald wir in Newport sind, werden wir einen Brief an s�mtliche Banken aufsetzen.� Er hatte rasendes Herzklopfen. �Von nun an werden Ausgaben �ber f�nfzig Dollar nur mit meiner Unterschrift get�tigt. F�r eine Weile wird es keinen privaten Eisenbahnwagen mehr geben.�</p><p>Stanley starrte in den Spiegel mit dem Mahagonirahmen, der hinter der Bar hing. Dar�ber war ein ausgestopfter Hirschkopf mit Geweih befestigt, der sie mit gl�sernen Augen gelangweilt anstarrte. Stanley lachte abrupt.</p><p>�Ich hab� mir doch gedacht, da� so was kommen w�rde; es ist mir schei�egal. Ich hab den Eisenhandel sowieso nie gemocht. Und du warst ja schon immer darauf aus, das Ganze zu �bernehmen.�</p><p>George unterdr�ckte seinen �rger und fuhr mit ruhiger Stimme fort: �Ich kann dem Gesch�ft meine volle Aufmerksamkeit widmen, und du kannst andern Interessen nachgehen. Ich k�nnte mir vorstellen, da� du nichts dagegen h�ttest, in die Politik einzusteigen.�</p><p>�Kann sein�, meinte Stanley. �Auf jeden Fall k�me ich so von Lehigh Station weg.� <emphasis>Und von dir.</emphasis></p><p>George ging nicht darauf ein. �Ich freue mich, da� wir uns einig geworden sind. Ich bitte um Entschuldigung f�r das, was ich gestern abend getan habe.�</p><p>Er hielt Stanley die Hand hin. Stanley warf einen Blick darauf, umschlo� dann mit den Fingern sein Glas und neigte sich vor, als wolle er es besch�tzen. �Ich m�chte lieber allein trinken, wenn du nichts dagegen hast.�</p><p>�Wie du willst.�</p><p>George verlie� die Bar.</p><p>Die andern sp�rten, da� eine Ver�nderung in der Familie stattgefunden hatte. Isabel verbarg ihren Groll nicht, aber Stanley zeigte sich ab und zu erleichtert. Er lachte und machte Witze � etwas, das er seit Jahren nicht mehr getan hatte.</p><p>Sie blieben noch einen weiteren Tag in New Haven und stiegen am n�chsten Morgen alle etwas nerv�s in einen Zug nach Rhode Island. Als sie etwa eine Stunde unterwegs waren, ereignete sich ein Zwischenfall, der die Machtverlagerung innerhalb der Familie endg�ltig besiegelte.</p><p>Es ging darum, einen Namen f�r das Sommerhaus zu finden. Stanley erw�hnte, da� sich vor dem Haus eine gro�e und herrliche Rasenfl�che befand, und schlug deshalb den Namen <emphasis>Fairlawn</emphasis> vor.</p><p>�Sehr h�bsch�, sagte Maude. �Was meinst du, George?�</p><p>George fand den Namen phantasielos, doch dann erinnerte er sich an einen der Grunds�tze von West Point: Es ziemte sich f�r einen Offizier, dem geschlagenen Gegner H�flichkeit zu erweisen.</p><p>�Ich mag den Namen�, sagte er, indem er seinem Bruder zul�chelte.</p><p>�Ich nehme an, damit hat sich die Sache�, sagte Isabel ver�chtlich.</p><p>Stanley l�chelte zufrieden wie ein kleiner Junge.</p><p><strong>26</strong></p><p>Fairlawn war ein herrliches, ger�umiges, dreist�ckiges Haus, das soeben strahlend wei� gestrichen worden war. Der Garten sah jedoch etwas verwahrlost aus. In den Blumenbeeten wucherte Unkraut, und totes Ge�st verunstaltete die B�ume. Auch die niedrige Ziegelsteinmauer um das Grundst�ck herum h�tte ausgebessert werden m�ssen. George schlug vor, Stanley solle sich um die Handwerker und G�rtner k�mmern. Sein Bruder schien es zu genie�en.</p><p>Alle Familienmitglieder versuchten sich so weit wie m�glich zu besch�ftigen, in der Hoffnung, so das Ungl�ck schneller vergessen zu k�nnen. Maudes Verletzung erinnerte sie jedoch immer wieder daran. Sie hatte weiterhin Schwindelanf�lle und konnte sich wegen der gebrochenen Rippen nur langsam bewegen. Constance litt unter Alptr�umen, in denen sie sich jedesmal aus dem brennenden Wagen zu befreien versuchte. Auch William tr�umte vom Ungl�ck; w�hrend zwei Wochen wachte er immer wieder schreiend und um sich schlagend auf.</p><p>Die Mains kamen am 5. Juli an, einen Tag, nachdem Pr�sident Taylor bei einer Nationalfeier zu viele Gurken gegessen und zu viel kalte Milch getrunken hatte und krank geworden war. Am 9. Juli starb er an <emphasis>Cholera morbus.</emphasis> Einige Zeitungen berichteten, da� er in Tat und Wahrheit wegen der Last seines Amtes und den vielen Sorgen gestorben war, insbesondere wegen seinen vielen Widersachern. Am 10. Juli �bernahm Millard Fillmore das Amt des Pr�sidenten.</p><p>Bis dahin hatten die Mains sich in ihrem gemieteten Haus ganz in der N�he, an der Old Beach Road, eingerichtet. Beide Familien machten regen Gebrauch von den zahlreichen Vergn�gungsm�glichkeiten, die Newport im Sommer bot. Der Strand von Newport war ganz in der N�he, aber ziemlich belagert; die Familie zog es vor, sich an einen abgelegeneren Ort am s�dlichen Ende der Insel zur�ckzuziehen, von wo aus man einen herrlichen Blick auf einen aus dem Meer herausragenden Felsen, den sogenannten Spouting Rock, hatte.</p><p>Zuerst f�hlte sich Tillet auf Yankee-Boden nicht wohl. Doch bald erneuerte er seine Bekanntschaft mit andern Familien aus South Carolina einschlie�lich der Izards, und dann konnte er sich endlich entspannen und die Ferien genie�en, au�er wenn er die Neuigkeiten aus Washington las.</p><p>Fillmore hatte die Absicht, Clays Kompromi�vorschl�ge, die h�chstwahrscheinlich noch vor Ende des Jahres angenommen werden w�rden, zu unterst�tzen. Unter der F�hrung von Stephen Douglas aus Illinois hatte eine Gruppe junger Kongre�mitglieder versprochen, dem von der alten Garde geschaffenen Stimmenpatt ein Ende zu setzen.</p><p>Die vier jungen Leute waren viel zusammen. Sowohl Ashton als auch Brett verstanden sich gut mit dem untersetzten, kampflustigen und fr�hlichen Billy Hazard, der jedoch haupts�chlich an Ashton interessiert war. Er war f�nfzehn, sie ein Jahr j�nger, und Brett war noch ein zw�lfj�hriges Kind.</p><p>Der vierzehnj�hrige Charles erweckte den Eindruck, als sei er der Reifste des Quartetts. Seine Gr��e hatte etwas damit zu tun; er war bereits einen ganzen Kopf gr��er als Billy. Er war h�bsch und lachte gern. Charles und Billy waren so herzlich zueinander, wie man das von zwei Knaben, die sich eben erst kennengelernt hatten, erwarten konnte. Orry und George beobachteten die wachsende Freundschaft mit gro�em Interesse.</p><p>George kaufte eine Jolle, und eines Abends nach dem Essen nahmen die Jungen das Segelboot mit zum Strand, um es auszuprobieren. George und Orry begleiteten sie, um ein Auge auf die Segelanf�nger zu werfen. Billy hatte etwas Erfahrung im Umgang mit kleinen Booten, Charles jedoch nicht.</p><p>George und Orry sa�en einander auf einem gro�en Felsen gegen�ber. Der Atlantik war ruhig, und der Wind war gerade stark genug, um der K�ste entlang zu segeln. Orry lie� Sand durch seine Hand rieseln. Er schien sich in den Ferien zu entspannen, doch ab und zu schwang immer noch ein bitterer Unterton in seiner Stimme mit, wie George feststellte. Heute abend jedoch nicht. Orry l�chelte, als er auf das Segelboot schaute. �Sieh sie dir an. Ein paar kleine �nderungen, und man k�nnte sie f�r uns halten: Stumpf und Stiel II.�</p><p>George nickte und paffte an seiner Zigarre. �Ich hoffe, da� sie in West Point ebenso gute Freunde werden, wie wir es waren, auch wenn sie ein Jahr auseinander sind. Charles sieht h�llisch gut aus, nicht wahr? Beinahe der perfekte Gentleman aus dem S�den.�</p><p>Orry grinste. �Wer h�tte es f�r m�glich gehalten, da� aus dem h��lichen Entlein ein sch�ner Schwan werden w�rde. Er hat sich gemacht, wie man so sagt.�</p><p>�Dein Vater sagt, es sei dein Verdienst.�</p><p>Orry zuckte die Achseln. �Charles k�mpft gerne. Als er merkte, da� es Mittel und Wege gibt, um zu k�mpfen, ohne da� man daf�r ins Gef�ngnis kommt oder alle Menschen gegen sich hat, war er tief beeindruckt. Er hat die Lektion schnell gelernt.�</p><p>�Und noch vieles dazu. Ich habe immer geglaubt, da� ich mit Damen gut umzugehen verstehe, aber ich verstehe es nicht, die Hand einer Dame mit so viel Charme zu k�ssen wie Charles. Als ihr am ersten Abend nach Fairlawn gekommen seid, hat er einen solchen Wirbel um meine Mutter veranstaltet, da� sie wie ein junges M�dchen err�tete.�</p><p>Vom Wasser her war Kampfgeschrei, fr�hliches L�rmen und Platschen zu h�ren. Billy stie� Charles ins Wasser. George und Orry sprangen auf. Charles kletterte rasch wieder in das kleine Boot. Er zeigte auf etwas Unsichtbares am Horizont, und als Billy sich umdrehte, packte er ihn an Hemd und G�rtel und schmi� ihn ins Wasser. Wenige Augenblicke sp�ter sa�en die beiden v�llig durchn��t, aber lachend im Boot.</p><p>�Ich bin stolz auf die Art und Weise, wie er sich entwickelt�, gab Orry zu, als er sich wieder auf den Felsen setzte. �Ich war ganz verbittert aus Mexiko heimgekehrt. Charles hat mir geholfen, mich etwas davon zu befreien.�</p><p>�Die Ver�nderung zeigte sich auch in deinen Briefen. Ich hab� mich dar�ber gefreut.�</p><p>�Und ich freue mich �ber diese Ferien, das hei�t � die meiste Zeit �ber. Ich hab� mich allerdings immer noch nicht an den Gestank des Krauts, das du rauchst, gew�hnen k�nnen.�</p><p>George lachte. Orry reckte den rechten Arm und g�hnte. Die untergehende Sonne warf die letzten schwachen Strahlen �ber den Strand. Der Wind nahm zu und berieselte sie sanft mit Sand. George f�hlte sich leicht melancholisch, als er sich daran erinnerte, wie schnell die Zeit verging. Auch die in den beiden lachenden Jungen scheinbar wiedergewonnene Jugendzeit war nur eine Illusion; eine Illusion, die sein Verstand als Gegengewicht zur Wirklichkeit schuf, doch vergebens.</p><p>Weder die Zeit noch die sich ver�ndernden Dinge konnten jemals aufgehalten werden. Mit dieser Erkenntnis hatte das Leben in letzter Zeit einen bitters��en Beigeschmack bekommen.</p><p>Trotzdem, es war ein guter Moment; einer jener Augenblicke der Ruhe und des Friedens, die in letzter Zeit so selten geworden waren. Auch Orry versp�rte es, er schien ganz mild gestimmt. �Und ich sage dir, ich f�hle mich so wohl wie schon lange nicht mehr. So wohl, da� ich sogar ganz neue Gef�hle meinem �lteren Bruder gegen�ber entwickle.�</p><p>�Wie geht es Cooper?�</p><p>�Er ist gl�cklich. Er ist mit jener liberalen Unitarierin verheiratet. Eine gl�ckliche Ehe. Mein Vater kann sich nicht ganz damit abfinden. Andererseits findet er sich wohl mit dem Ertrag ab, den Cooper aus der Schiffsgesellschaft herauswirtschaftet. Hab� ich dir schon von unserem neuen Schiff geschrieben? Es wird in einem Monat vom Stapel laufen. Cooper spricht bereits von Neuinvestitionen. Er m�chte nach Gro�britannien gehen, um sich mit den dortigen Schiffsbaumethoden vertraut zu machen.�</p><p>George r�usperte sich und stellte endlich die Frage, die ihn schon seit Orrys Ankunft besch�ftigte.</p><p>�Gibt es etwas Neues von Madeline?�</p><p>Orry wandte sich von der Sonne ab und seinem Freund zu. Seine Augen waren umschattet. �Nichts Neues und keine �nderung.�</p><p>�Siehst du sie immer noch?�</p><p>�So oft ich kann. M�hsam, aber besser als gar nichts.�</p><p>Sand umspielte ihre F��e. Dunkelheit legte sich �ber den Strand. George stand auf und gab den Knaben ein Zeichen. Billy und Charles hievten die Jolle an den Strand, legten den Mast um und nahmen sie auf ihre Schultern. �Aus dir wird noch ein Matrose�, sagte Billy, als sie ihren beiden �lteren Br�dern auf die staubige Stra�e folgten, die nach Hause f�hrte.</p><p>Charles grinste. �Ein Matrose, aber hoffentlich nie ein Yankee.�</p><p>�Was hast du gegen Yankees?�</p><p>�Mr. Hazard, Sir. Das werde ich dir gerne sagen � wenn du heute abend frei bist.�</p><p>�Nicht um mir M�rchen und L�gen anzuh�ren.� Der Scherz verdro� Billy etwas. �Reden wir doch �ber etwas, wor�ber wir uns einig sind.�</p><p>�M�dchen?�</p><p>�M�dchen�, sagte Billy gen��lich; seine gute Laune war wiederhergestellt. Er dachte dabei an ein ganz besonderes M�dchen namens Ashton.</p><p>George und Orry, die wie zwei violette Schattengestalten in der Abendd�mmerung aussahen, l�chelten �ber das Gespr�ch: Stumpf und Stiel II.</p><p>Sobald sie in Fairlawn ankamen, l�ste sich jedoch die friedliche Stimmung auf. Die Damen hatten es sich in der Veranda gem�tlich gemacht und Eistee getrunken � erst ohne Virgilia. Doch sie war jetzt auch anwesend. Sie war zu ihnen gesto�en, nachdem sie eine betr�chtliche Menge Rotwein getrunken hatte. Als George und die andern ankamen, ereiferte sie sich eben �ber die Revision zum Gesetz �ber Sklavenflucht von 1793, �ber die zu jener Zeit im Kongre� debattiert wurde.</p><p>�Das ganze Man�ver soll lediglich dazu dienen, den S�den zu bes�nftigen�, erkl�rte sie mit schwerer Zunge.</p><p>�Lieber Gott�, seufzte Clarissa. �Ich f�hle mich bei solchen Gespr�chen immer so verloren.�</p><p>�Dann w�rde ich mich an Ihrer Stelle informieren, Mrs. Main.�</p><p>Virgilias Ton �rgerte die andern Frauen der Familie. Ashtons Reaktion war am sch�rfsten. Sie sa� mit einem frischen Glas Tee in der Hand in einem Schaukelstuhl und warf Virgilia ha�erf�llte Blicke zu. Virgilia k�mmerte sich jedoch nicht darum.</p><p>�Es ist ganz einfach. Mit der Revision werden solche F�lle der staatlichen Gesetzgebung entzogen und der Bundesregierung unterstellt. Man k�nnte jetzt nat�rlich annehmen, da� somit die Ausrei�er beg�nstigt w�rden, nicht wahr?�</p><p>�Ja, genauso stelle ich es mir vor�, sagte Clarissa.</p><p>�Aber genauso ist es nicht. Die Revision beabsichtigt in Tat und Wahrheit, freiheitliche Gesetze, wie zum Beispiel diejenigen von Vermont, zu umgehen. Die Revision ist zugunsten der Sklavenf�nger und Sklavenbesitzer. Alles was es braucht, um den Sklavenbesitz nachzuweisen, ist eine eidesstattliche Erkl�rung, die leicht gef�lscht werden kann. Dazu kommt, da� es einem ausgerissenen Sklaven nicht gestattet sein wird, auch nur ein einziges Wort zu seinen Gunsten zu sagen. Das Ganze ist ein abgekartetes Spiel. Schamlos. Ich werde nie begreifen, weshalb Washington vor dem S�den kriecht.�</p><p>Maude hatte so lange wie m�glich geschwiegen. Mit fester Stimme sagte sie jetzt zu ihrer Tochter: �Es ist ziemlich unh�flich von dir, bei einem gesellschaftlichen Anla� eine politische Rede zu halten. Wenn du fertig bist, k�nntest du dich entschuldigen. Du siehst m�de aus.�</p><p>Isabel lachte. �Nennen wir die Dinge doch beim Namen: Das arme Kind hat zuviel getrunken.�</p><p>�Isabel � �, sagte Maude, doch bevor sie weiterreden konnte, sprang Ashton auf und rannte w�tend auf Virgilia los.</p><p>�Wenn Sie die S�dstaatler nicht ausstehen k�nnen, warum haben Sie uns dann hierher eingeladen?�</p><p>Clarissa stand auf.</p><p>�Ashton. Genug!� Sie wandte sich den M�nnern zu, die schweigend dagestanden hatten. �Ich freue mich, da� du zur�ck bist, Orry. Begleitest du uns bitte nach Hause? Vielen Dank f�r die Einladung�, sagte sie abschlie�end, indem sie Maude die Hand entgegenstreckte. Der Besuch endete mit einer peinlichen Note.</p><p>Nachdem die Mains gegangen waren, stellte George seine Schwester zur Rede; sie hatte sich auf den Rasen zur�ckgezogen, um dem Zorn der Familie zu entgehen. �W�rdest du mir bitte sagen, weshalb du unsere G�ste dauernd provozierst?�</p><p>�Warum soll ich nicht sagen, was ich denke?�</p><p>�Wenn ich wirklich glaubte, da� das die Wahrheit w�re, w�rde ich mich nicht beklagen. Aber deine Offenheit schie�t �bers Ziel hinaus: Du versuchst, die Menschen zu beleidigen und zu verletzen. Und du tust es mit meinen besten Freunden!�</p><p>�Es sind nicht <emphasis>meine</emphasis> Freunde. Sie vertreten einen Lebensstil, der verachtenswert und v�llig falsch ist. Es w�rde mir nichts ausmachen, wenn die Erde sie pl�tzlich alle verschluckte.�</p><p>�Mein Gott, du bist das frechste und r�cksichtsloseste � �</p><p>Er sprach mit den Gl�hw�rmchen; Virgilia hatte ihn stehengelassen und war ins Haus gegangen.</p><p>George mu�te drei Zigarren rauchen und einen ausgedehnten Spaziergang durch Newports leere Stra�en unternehmen, bevor er sich wieder einigerma�en beruhigt hatte. Was n�tzte es, mit ihr zu diskutieren? Sie war unverbesserlich. <emphasis>O Gott, wie w�rde blo� der Rest der Ferien werden?</emphasis></p><p>Gl�cklicherweise wurde Virgilia zwei Tage sp�ter durch den Brief eines Gesinnungsgenossen nach Boston geholt. Sie wechselte kaum ein Wort mit jemandem, packte ihre Sachen und begab sich zur F�hre. Maude wirkte erleichtert. Auch George, obwohl er es nicht zeigte.</p><p>Die st�rkste Reaktion, die seine Schwester letzten Endes in ihm hervorrief, war Mitleid. Sie ging mit zu vielen Menschen �u�erst b�swillig um. Eines Tages w�rde jemand zur�ckschlagen. Es k�nnte sogar ein Yankee sein. Die Nordstaatler waren bei weitem nicht so tugendhaft, wie Virgilia immer behauptete.</p><p>Und wie w�rde wohl ihre Zukunft aussehen? Worauf konnte sie sich denn freuen? Aufs Ungl�cklichsein? Zweifellos. Auf eine Trag�die? Durchaus m�glich, wie er mit einem Gef�hl der Traurigkeit zugeben mu�te.</p><p>�Verdammt. Was haben wir denn hier?�</p><p>�Dem Aussehen nach geh�rt er zum Ferienp�bel.�</p><p>�Ich meine nicht ihn, Oral. Sieh dir die teure Angel und den Fischkorb an.�</p><p>Billy hielt sich ruhig in seinem Versteck. Er sa� hoch oben in einem Apfelbaum, um an die guten �pfel heranzukommen. Tief unter ihm waren die vier Dorfjungen durch ein Loch in der Hecke in den Obstgarten hereingekrochen. Drei von ihnen waren wei�, einer schwarz.</p><p>Billy und Charles waren nordw�rts gewandert, hatten w�hrend zwei Stunden erfolglos in der Bucht gefischt und auf ihrem Heimweg einen Umweg �ber den Obstgarten gemacht. Doch jetzt waren sie in Schwierigkeiten. Die meisten D�rfler der Gegend ha�ten die Horden von G�sten, die die Insel jeden Sommer �berschwemmten. Diese vier waren wohl keine Ausnahme.</p><p>Billy kauerte in einer Astgabel. Er hatte sein linkes Bein angezogen, die Ferse dr�ckte gegen seinen Oberschenkel. Die Muskeln taten ihm jetzt schon h�llisch weh. Die Kerle hatten ihn nicht gesehen. Sie konzentrierten sich auf die kostspielige Angelausstattung, die neben Charles im Gras lag. Charles sa� mit dem R�cken zum Baum, das Kinn auf der Brust, die Augen geschlossen.</p><p>�Wenn es dir gef�llt, bedien dich�, sagte der schwarze Junge, den man Oral nannte. �Er wird sich nicht aufregen, er schl�ft.�</p><p>Wie der Blitz �ffnete Charles die Augen. Einer der Kerle schrie auf. Charles ben�tzte die Gelegenheit und zog sein rechtes Bein an, so da� er den Stiefel, in dem er sein Jagdmesser verbarg, in Griffweite hatte.</p><p>�Tut mir leid, ihr habt euch in zweifacher Hinsicht geirrt�, sagte er mit einem breiten L�cheln. Billy blickte auf den Kopf von Charles hinunter, auf sein vom Wind zerzaustes Haar. Es fiel ihm auf, wie Charles so ganz nebenbei seine rechte Hand auf das Knie wenige Zentimeter vom Stiefel legte.</p><p>�Verflucht noch mal, das h�rt sich doch nach einem S�dstaatler an�, sagte einer der D�rfler, ein langgesichtiger, schlaksiger Kerl. Er versetzte dem Schwarzen einen Rippensto�. �Wetten, da� er zu den Leuten geh�rt, die deine Verwandten unten in Georgia auspeitschen.�</p><p>�Bestimmt�, sagte Oral. Er blickte b�se. �Wir nehmen ihm die Angelsachen.�</p><p>Immer noch l�chelnd, legte Charles seine Rechte leicht auf die Wade. �Damit w�rdet ihr einen schwerwiegenden Fehler begehen, Jungs.�</p><p>�Ach ja?� schnappte Oral. �Es sind vier gegen einen.� Er beugte sich vor, um nach Charles� Weidenkorb zu langen. Pl�tzlich ersp�hte das Langgesicht die zweite Angelrute, die am Baumstamm lehnte. �Sieh mal, Oral. Da sind ja zwei Ruten. Wozu soll der zwei haben!�</p><p>Doch Oral war so begierig, in den Besitz von Charles� Sachen zu kommen, da� er den �ngstlichen Unterton seines Freundes �berh�rte. Die beiden andern Jungen blickten sich verdutzt im Obstgarten um. Langsam und leise streckte Billy sein linkes Bein, ohne den Blick auch nur einen Moment von Charles� rechter Hand abzuwenden. Als dieser nach der Spitze seines Stiefels griff und aufsprang, lie� Billy sich fallen.</p><p>�Allm�chtiger�, schrie das Langgesicht, eine Sekunde bevor Billy mit seinen schweren Stiefeln auf seinen Schultern landete.</p><p>Knochen krachten. Das Langgesicht fiel kopf�ber in die Hecke. Charles machte in geduckter Stellung eine langsame Bewegung mit der rechten Hand. Oral starrte auf die Messerspitze, die einen Kreis in die Luft zeichnete. Der schwarze J�ngling begann zu schwitzen.</p><p>�Nun, Sir�, sagte Charles zu Oral, �haben Sie etwas gegen alle S�dstaatler oder nur etwas gegen S�dstaatler, die Diebe nicht ertragen?� Inzwischen war Billy wieder auf den F��en. Er hatte die beiden andern Burschen f�r einige Augenblicke aus den Augen verloren. Pl�tzlich sah er sie durch das Gras rennen. Sie rasten von hinten auf Charles los, jeder einen Ast schwingend.</p><p>�Hinter dir!� schrie Billy.</p><p>Charles wirbelte herum. Der eine der Angreifer versetzte ihm einen Schlag auf den Kopf. Das Holz war morsch und zerbrach. Doch durch die Wucht des Schlags fiel Charles gegen Oral, der ihm das Messer m�helos entwand. Oral grinste h�misch, machte einen Schritt zur Seite, packte Charles am Hemdkragen und holte mit der andern Hand aus, um das Messer in Charles� Brust zu bohren.</p><p>Voller Entsetzen warf sich Billy von hinten auf Oral. Das Messer sauste um Haaresbreite an Charles� Kopf vorbei.</p><p>Billy zerrte Oral zu Boden. Charles langte nach der n�chstbesten Waffe, seiner Fischerrute, und warf die Leine nach den beiden andern Jungen aus, die eben wieder angreifen wollten, jetzt aber gleich zur�ckwichen.</p><p>Das Langgesicht war inzwischen wieder auf den F��en und drohte mit einem spitzen Stein. Eine schnelle Reaktion von Charles, und der Angelhaken bohrte sich in den Nacken von Langgesicht. Charles ri� die Angel mit einem scharfen Ruck zur�ck und hielt die Leine mit dem Daumen fest. Der Haken sa� fest. Das Langgesicht schrie auf.</p><p>Unterdessen w�lzte sich Billy hin und her, w�hrend Oral auf seiner Brust kniete. Oral war z�h, stark und entschlossen, ihm die Kehle durchzuschneiden. Billy warf den Kopf nach rechts, gerade bevor das Messer an seinem linken Ohr vorbei in den Boden sauste.</p><p>�Du wei�er Hurensohn�, keuchte Oral und stie� ihm das Knie in den Unterleib.</p><p>Billy wurde eine Sekunde schwarz vor Augen. Der Schmerz verlangsamte sein Reaktionsverm�gen, und er wu�te, da� er dem n�chsten Stich nicht w�rde ausweichen k�nnen. Langsam zog Oral das Messer hoch, feierlich wie ein heidnischer Priester vor dem Opfertier.</p><p>Die lange Klinge gl�nzte im Sonnenlicht. Doch dann verschwand das Messer pl�tzlich aus Orals Hand. Oral ri� den Mund auf und fiel mit schmerzverzerrtem Gesicht seitw�rts ins Gras. Mit einer eleganten Bewegung zog Charles das Messer aus Orals rechtem Oberschenkel.</p><p>Obwohl er schwer atmete, schien Charles vollkommen ruhig und gefa�t, als er den D�rflern mit einem �berlegenen Grinsen sagte: �Jungs, macht euch aus dem Staub, bevor wir euch umbringen. Und wenn ihr jemals wieder meinem Freund oder mir auf der Stra�e begegnet, so macht kehrt und geht in die entgegengesetzte Richtung. Dies war nur der Anfang.�</p><p>Er setzte den rechten Stiefel auf einen Baumstumpf und st�tzte den Ellbogen aufs Knie. Die beiden unverletzten Angreifer zogen Oral zur Hecke, wobei er Blutspuren im Gras hinterlie�.</p><p>Billy nahm sein eigenes Messer, um die Leine durchzuschneiden. Der Langgesichtige, dem immer noch der Haken im Nacken steckte, stand starr.</p><p>Charles schwang das Messer, das in der Sonne aufblitzte. �Verschwinde!� Das Langgesicht rannte davon.</p><p>Erst jetzt atmete Billy auf. �Warum, zum Teufel, haben sie Streit gesucht?�</p><p>�Weil ich eine Angel und einen Fischkorb besitze, die sie haben wollten. Weil sie meine Sprache oder meine Herkunft nicht mochten � � Er zuckte die Achseln. �Der menschlichen Bosheit sind keine Grenzen gesetzt. Egal, wir haben�s �berstanden. Wir sind ein gutes Team. Vielen Dank f�r Ihre rechtzeitige Hilfe, Mr. Hazard.�</p><p>Billy l�chelte weniger selbstsicher als sein Gef�hrte. �Nicht der Rede wert, Mr. Main. Ich w�nschte, ich k�nnte k�mpfen wie Sie. Ich habe Todes�ngste ausgestanden.�</p><p>�Glaubst du, ich nicht? Meine Knie f�hlten sich an wie Gummi.�</p><p>�Aber man hat es nicht gesehen.�</p><p>�Um so besser. Wenn der Gegner nicht merkt, was in dir vorgeht, wird er nerv�s und f�ngt an, Fehler zu machen. Das hab� ich von Orry gelernt.�</p><p>�Vielleicht sollte ich auch etwas Unterricht nehmen�, sagte Billy, als sie ihre Sachen zusammenr�umten.</p><p>�Aber dann m��test du ja erkl�ren, weshalb.� Charles wurde wieder ernst. �Ich pers�nlich m�chte diese kleine Aff�re geheimhalten. Orry, Tante Clarissa und Onkel Tillet glauben, da� ich �ber diese Art von Rauferei hinausgewachsen bin. Ich m�chte ihre Illusion nicht zerst�ren.� Er streckte die Hand aus: �Abgemacht?�</p><p>�Abgemacht.�</p><p>Billy ergriff die Hand, um den Geheimbund zu besiegeln. Zum erstenmal hatte er das Gef�hl, da� Charles Main sein Freund war.</p><p>Das Geheimnis blieb jedoch nicht lange geheim.</p><p>Zwei Tage sp�ter gingen Ashton und ihre Schwester zum Strand, wo Billy und Charles ausgestreckt im warmen Sand lagen.</p><p>Ashton ruhte etwas weiter weg in einer Liege unter einem riesigen, gestreiften Sonnenschirm. Sie trug ein leichtes lila Sommerkleid, das die Brise auf ihre sich entwickelnden Br�ste pre�te. Die Wirkung war so aufreizend, da� Billy wegblicken mu�te.</p><p>Er dachte fast permanent an Ashton. In seinen Tagtr�umen war sie immer nackt. Die Sommerhitze schien solche Phantasien noch zu f�rdern. Da waren sie also: zwei junge M�nner und zwei junge M�dchen, ohne Anstandsdame, an ein und demselben Strand.</p><p>Billy glaubte nicht, da� dies rein zuf�llig war. Brett, der Qu�lgeist, folgte ihm �berall hin. Wahrscheinlich hatte sie ihre Schwester so lange beschwatzt und umschmeichelt, bis sie mit ihr an den Strand gekommen war. Doch leider interessierte sich Ashton nicht f�r Billy; die meiste Zeit �ber benahm sie sich so, als ob er Luft w�re.</p><p>Er kniete sich hin, begann, eine Sandburg zu bauen, und pre�te ein Gemisch aus Wasser und Sand aus seiner Faust heraus, um die T�rme zu formen. Er war etwa zehn Minuten damit besch�ftigt gewesen, als pl�tzlich ein Schatten auf das Gewirr von T�rmen und W�llen fiel. Brett stand da und nestelte an einem ihrer Z�pfe herum.</p><p>�Hallo, Billy.�</p><p>�Hallo.�</p><p>Sie war zwar nicht h��lich, obwohl die Sommersprossen, die durch die Sonne nur noch dunkler wurden, nicht zu �bersehen waren. Da sie so jung war, war sie flach wie ein Brett. Aber das war nicht das einzige an ihr, das ihn �rgerte.</p><p>�Ich habe geh�rt, da� du dich gerauft hast�, sagte sie.</p><p>Er machte eine nerv�se Handbewegung und schmi� einen Turm um. �Wer sagt das?�</p><p>�Gestern bin ich in den Laden gegangen, um etwas S��holz zu kaufen, und dort erz�hlte ein Junge, er sei neulich von zwei Raufbolden angegriffen worden.�</p><p>�Kennst du den Jungen?�</p><p>Brett sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Wie sah er aus?�</p><p>�Er hatte blondes, fast wei�es Haar. Auf seinem Nacken klebte ein schmutziges Pflaster.� Sie zeigte ungef�hr die Stelle an, an der Charles den Angelhaken beim Langgesichtigen plaziert hatte.</p><p>�Und?�</p><p>�Ich hab� mir die S��igkeiten angeschaut, bis er mit seiner Geschichte zu Ende war. Er sagte, die Raufbolde seien Sommerg�ste gewesen. Als er sie beschrieben hatte, war ich sicher, da� es um dich und um Charles ging.�</p><p>Billy blickte an ihr vorbei. Ashton ruhte immer noch und w�rdigte ihn keines Blickes. Verflixt noch mal.</p><p>�Du mu�t dich geirrt haben, Brett.�</p><p>�Um Himmels willen, bei� mir nicht gleich den Kopf ab. Ich wei�, da� du es warst.� Sie sah ihn ernst an. Es �rgerte ihn, und er f�hlte sich nicht wohl in seiner Haut. �Du wirst in Schwierigkeiten geraten, wenn du dich mit Vetter Charles herumtreibst�, fuhr sie fort. �Ich wei�, er ist zwar h�bsch und lustig, aber er ist zu sehr auf Streit aus. Er hat einen schlechten Einflu� auf dich.�</p><p>Billy warf ihr einen finsteren Blick zu. �Verdammt noch mal, gibst du deine Meinungen immer ungefragt ab?�</p><p>�Fluchen solltest du auch nicht.�</p><p>Er sprang auf und gab der Sandburg einen Tritt. �Wenn ich deinen Rat brauche, werde ich dich danach fragen. In der Zwischenzeit verbiete ich dir, etwas B�ses �ber Charles zu sagen. Er ist mein Freund.�</p><p>Verwirrt sah sie zu, wie er davonst�rmte und dem Sand Fu�tritte gab. �Ich wollte dir ja blo� helfen. Ich wollte dir blo� ehrlich sagen � �</p><p>Der Satz wurde nie zu Ende gesprochen. Sie zog so stark an ihrem Zopf, da� es weh tat. Billy mi�verstand sie in allem. Er verstand nicht, da� sie ihm nachlief, weil sie ihn verehrte; da� sie ihn warnte, weil sie ihn gern hatte. Er konnte, genau wie all die andern Jungen, nicht mit M�dchen umgehen, die ehrlich waren.</p><p>O ja, sie wu�te, da� sie oft schroff mit ihm war, aber das kam daher, weil sie nerv�s war. Weil sie ein Sehnen versp�rte und es nicht auszudr�cken verstand. Weshalb konnte er nicht hinter ihre Worte, in ihre Augen und ihre Seele sehen? Weshalb konnte er nicht herausfinden, woran sie den ganzen Tag dachte und wor�ber sie die ganze Nacht weinte? Weshalb <emphasis>verstand</emphasis> er nicht?</p><p>Sie bemerkte, wie er seine Schritte vor dem riesigen, gestreiften Sonnenschirm verlangsamte. Nun hatte sie die Antwort auf all ihre verzweifelten Fragen. Billy verstand sie nicht wegen Ashton.</p><p>Ashton war eine Expertin im Umgang mit Jungen. Sie schlug mit der ihr eigenen vornehmen Art die Augen auf, und jeder Junge schmolz dahin. Sie war immer mit der Meinung des Jungen einverstanden, und wenn sie wirklich etwas von ihm wollte, erreichte sie dies auf eine so liebensw�rdige und geschickte Art, da� er nie den Verdacht hatte, manipuliert worden zu sein.</p><p>Sie hatte noch einen weiteren enormen Vorteil: Sie war �lter, beinahe eine Frau.</p><p>Brett, die w�tend auf Billy, aber noch w�tender auf sich selbst war, machte auf dem Absatz kehrt und marschierte in der entgegengesetzten Richtung los. Ha�erf�llt pre�te sie die Handfl�che gegen ihren flachen Busen, bis es weh tat.</p><p>Oh, Billy, Billy, dachte sie. Du wirst nie sehen, wer ich wirklich bin. Du wirst nie verstehen, wie sehr ich dich liebe.</p><p>Ashton war, noch w�hrend sich Billy mit ihrer Schwester unterhielt, aufgewacht. Sie wu�te, da� Brett Billy verehrte, aber sie hatte ihre j�ngere Schwester noch nie so direkt und gef�hlvoll mit ihm reden sehen. Man konnte den bettelnden Ausdruck auf Bretts Gesicht sogar von weitem sehen.</p><p>Arme Kuh, dachte Ashton. Brett hatte keine Ahnung, was das Wort <emphasis>Liebe</emphasis> wirklich bedeutete. Ashton hingegen schon; sie hatte es schon dreimal erfahren. Doch bei keiner dieser drei Erfahrungen war ihr Liebhaber dieser langweilige Huntoon gewesen.</p><p>Das erstemal war es schrecklich gewesen, das zweitemal etwas weniger. Sie hatte beide Male kein k�rperliches Vergn�gen bei ihrem Partner finden k�nnen, einem jungen Mann der Smith-Familie, der etwa in ihrem Alter und v�llig unerfahren war. Nicht, da� es auf die Erfahrung angekommen w�re � Angst und Neugier hatten sie damals verspannt.</p><p>Sie war sicher, da� der Junge an ihrer Unf�higkeit, etwas zu f�hlen, schuld war. Wenn sie andern M�dchen glauben konnte, die ein bi�chen �lter als sie waren, mu�te Liebe etwas Herrliches sein. Beim drittenmal zeigte sich, da� die andern M�dchen recht hatten: Das Erlebnis war wie eine Offenbarung. Es geschah an einem dunklen, regnerischen Tag in Charleston. Gerade als die D�mmerung hereinbrach und das Gewitter vorbei war, hatte Ashton sich davongeschlichen. Die Stra�en waren praktisch menschenleer. Der Mann, den sie zuf�llig traf, war ein Matrose, grobschl�chtig und gute f�nfzehn Jahre �lter als sie. Sie gingen eine Weile spazieren. Dann willigte sie mit vor Erregung und Angst klopfendem Herzen ein, ihn zu einem sch�bigen Gasthof am Flu� zu begleiten. Sie war sich wohl dar�ber im klaren, da� irgend jemand sie erkennen k�nnte, aber die Erregung war so stark, da� sie auf keinen Fall umkehren wollte.</p><p>Etwa einen Block weit vom Gasthof fing es wieder zu regnen an, und ihr Hut wurde na�. Sie hielt an, um ihn abzunehmen und um sich im Schaufenster eines Tr�dlerladens zu betrachten.</p><p>Die ausgestellte Ware war Tand, einschlie�lich des Kettchens mit dem Medaillon, auf das ihr Blick gefallen war. Der Matrose war ungeduldig, und es kam ihr pl�tzlich in den Sinn, seine Geduld auf die Probe zu stellen. Sie deutete auf das Kettchen mit dem Medaillon und machte ihm umst�ndlich und mit einem s��en L�cheln klar, da� das Geschmeide der Preis f�r ihre Gunst sei. Der Matrose z�gerte einen Augenblick und verschwand im Laden, und so entdeckte Ashton, wie leicht manipulierbar ein sexuell erregter Mann war.</p><p>Nachdem sie diese wertvolle Lektion gelernt hatte, steigerte sich ihr Vergn�gen, als sie sich f�r den Matrosen in dem billigen Zimmer auszog und merkte, da� sie kaum Angst hatte. Im Gegenteil, sie war feucht und zitterte vor neugieriger Erwartung, als er sich auszog. Sein Organ war enorm; eine Welle der Erregung �berflutete sie. Es dauerte nicht lange, bis sie st�hnend von einer Welle von Zuckungen, eine heftiger als die andere, �berrascht wurde.</p><p>Niemand hatte sie auf einen solchen Genu� vorbereitet. Der ganze Akt war nicht nur ungeheuer praktisch, sondern man konnte ihn auch mit gro�er Lust genie�en. Diese neue Erfahrung war fast zu viel f�r sie. Das Kettchen mit dem Medaillon warf sie bald weg, aber sie war tagelang gl�cklich.</p><p>Ashton, mit ihrem Erfahrungsvorsprung, bemitleidete ihre d�nne, naive, kleine Schwester. Doch jetzt war sie pl�tzlich auch eifers�chtig auf sie. Ashton machte sich �berhaupt nichts aus Billy Hazard, aber sie erwartete von jedem jungen Mann, der ihr �ber den Weg lief, da� er ihr, und nur ihr, den Hof machte. Obwohl Brett als ernsthafte Rivalin nicht in Frage kam, konnte sie schon jetzt keine Art von Rivalit�t dulden � und ihre Schwester als Nebenbuhlerin war schlicht undenkbar. Als Billy w�tend durch den Sand gestapft kam, war Ashton hellwach und setzte ihr s��estes L�cheln auf.</p><p>Sie rief ihn beim Namen und winkte ihm zu. In Sekundenschnelle lag er ihr zu F��en. �Ich dachte, du schl�fst�, sagte er.</p><p>�Mit der Zeit wird es langweilig. Wir haben so wenig Gelegenheit gehabt, uns kennenzulernen. Wollen wir nicht ein wenig plaudern?�</p><p>�Ja, nat�rlich. Sofort.�</p><p>Seine F�gsamkeit am�sierte sie. Er sah wirklich gut aus in seiner st�mmigen, strammen Art. Vielleicht w�rde sie mehr tun, als ihn nur von Brett abhalten.</p><p>Eine Woche sp�ter, als sie auf dem Segelschiff waren, sagte Charles zu Billy: �Ich hab� gesehen, wie du dich gestern abend wieder mit Ashton herumgetrieben hast. Auf der Beach Road. Kann mir gar nicht vorstellen, was dabei so faszinierend ist � es sei denn die Einsamkeit.� Billy lachte.</p><p>Billy lehnte sich �ber den Balken und spielte mit dem Wasser.</p><p>�Ich h�tte nie geglaubt, da� sich Ashton mit einem Yankee einlassen w�rde.�</p><p>Die scherzhafte Bemerkung �ber Yankees war der Anla� zu einem Gespr�ch �ber Themen, die in ihren Familien h�ufig diskutiert wurden. Der Anfang des Gespr�chs verlief freundlich, doch bald unterhielten sich die Knaben mit der f�r ihr Alter typischen Heftigkeit.</p><p>�Es ist doch so�, sagte Charles, �da� die h�chste Gewalt beim einzelnen Staat liegt.�</p><p>�Nicht bei der Union?�</p><p>�Auf keinen Fall. Die Union wurde durch Zustimmung der einzelnen Staaten geschaffen. Jeder Staat kann jederzeit seine Zustimmung zur�ckziehen.�</p><p>�Nein, Charles, das Ganze ist ein gesetzlicher Vertrag. Und wenn es in dem Vertrag keine Klausel gibt � �</p><p>�Wie gew�hlt du dich ausdr�ckst.�</p><p>�La� mich ausreden�, sagte Billy �rgerlich. �Ein Vertrag kann nicht rechtm��ig aufgel�st werden, wenn er keine entsprechende Klausel enth�lt. Was den Unionsvertrag betrifft, so enth�lt er keine solche Klausel.�</p><p>�Du redest wie ein Rechtsanwalt aus Philadelphia. Es geht ja nicht um eine Vereinbarung zwischen Hausierern. Es geht um einen Pakt zwischen der Regierung und den B�rgern. Das ist etwas ganz anderes. Ich bleibe dabei, da� jeder Staat jederzeit das Recht hat, sich zur�ckzuziehen.�</p><p>Das Segel wurde schlaff. Als Billy ihren Kurs korrigierte, knurrte er: �Das w�rde ins Chaos f�hren.�</p><p>�Nein, Sir � nur zum Ende einer Tyrannis der Union. Da hast du noch einen weitern gew�hlten Ausdruck f�r deine Sammlung.� Er spie die Bemerkung f�rmlich aus. Billy konnte sich nicht daran erinnern, seinen Freund jemals so heftig und humorlos erlebt zu haben. Er versuchte, der Situation den Ernst zu nehmen, indem er l�chelte und sagte: �George sagte mir, da� ihr S�dstaatler gerne streitet. Er scheint recht zu haben.�</p><p>�Die S�dstaatler lieben die Freiheit�, gab Charles zur�ck. �Und sie lieben sie so sehr, da� sie nicht zusehen k�nnen, wie sie langsam zerbr�ckelt.�</p><p>�ber dem Meer ert�nte ein Donnergrollen. Billy pre�te die Lippen zusammen. Charles� Spott machte ihn pl�tzlich w�tend.</p><p>�Du sprichst nat�rlich von der Freiheit der Wei�en.�</p><p>Billy wu�te, da� er zu weit gegangen war, aber er w�rde um keinen Preis nachgeben. Charles stierte ihn an und wollte etwas sagen. Dann sah er Sturzwellen am Horizont. W�hrend ihrer Auseinandersetzung war ein Nordostwind aufgekommen.</p><p>�Es wird einen Sturm geben�, murmelte Charles. �Wir tun besser daran, zum Ufer zur�ckzugehen.�</p><p>�Einverstanden.�</p><p>F�r den Rest des Tages gingen sie h�flich miteinander um. Keiner entschuldigte sich, und die Diskussion wurde nicht fortgef�hrt. Sie lie�en es einfach dabei bewenden. Langsam verga�en sie den Streit. Doch in den Augenblicken, in denen sich Billys Phantasie nicht mit Ashton besch�ftigte, erinnerte er sich an die Auseinandersetzung und stellte mit Erstaunen fest, da� sie einander beinahe angeschrien hatten. Noch vor zwei Jahren hatte er immer dar�ber gelacht, wenn Mitglieder seiner Familie sich wegen politischer Probleme in die Haare gerieten. Nun mu�te er feststellen, da� er �ber genau diese Probleme nachdachte und Partei ergriff.</p><p>Aber genau das durfte er nicht tun, wenn ihm an Charles� Freundschaft etwas gelegen war. Von da an enthielt er sich sorgf�ltig jeder Bemerkung, die eine Kontroverse h�tte ausl�sen k�nnen. Charles legte die gleiche Zur�ckhaltung an den Tag.</p><p>Trotzdem hatte sich ihre Beziehung entscheidend ver�ndert. Sie waren sich beide einer Kraft bewu�t geworden, die ihre junge Freundschaft zerst�ren konnte. Obwohl sie beide vorgaben, sich dar�ber hinwegzusetzen, gelang es ihnen nicht. Die Kraft war immer da, bedrohlich wie der Sturm an jenem Nachmittag, an dem sie sich gestritten hatten.</p><p>Ashton f�hrte ihn hinter einen Felsen, der wie ein zwei Meter hohes Ei auf dem Strand sa�. Sie lehnte sich, abgeschirmt von beobachtenden Blicken, gegen den Felsen. Billy pre�te die Beine zusammen und hoffte, sie w�rde den Grund daf�r nicht erkennen.</p><p>Unter dem grauen Himmel grollte die See. �ber ihnen das Geschrei von M�wen, die nach Fischen tauchten. Der Sommer neigte sich dem Ende zu und warf einen Schatten voller Melancholie.</p><p>�Ich hasse es, daran zu denken, da� wir morgen abreisen m�ssen�, sagte sie.</p><p>Billy st�tzte sich auf beiden Seiten ihres Kopfes mit den Handfl�chen auf den Felsen, als wolle er sie f�r immer festhalten. Durch den k�hlen Wind bekam er eine G�nsehaut auf den nackten Armen. �Ich werde einmal pro Woche schreiben�, versprach er.</p><p>�Oh, das ist herrlich.�</p><p>�Wirst du mir auch schreiben?�</p><p>Ihre roten Lippen gl�nzten, als sie l�chelte. Sie runzelte leicht die Stirn. �Ich werde mir M�he geben, aber ich werde diesen Herbst f�rchterlich besch�ftigt sein.�</p><p>Wie geschickt sie doch war! Sie gab etwas, hielt aber auch etwas zur�ck. Sie hielt gerade genug zur�ck, damit er nicht zufriedengestellt war. Sie tat es im kleinen, aber sie tat es mit ihrem ganzen Wesen. Manchmal ha�te er sie daf�r. Dann blickte er in ihre dunklen Augen und dachte an nichts anderes mehr, als daran, sie zu besitzen � zu welchen Bedingungen auch immer.</p><p>�Wirst du n�chsten Sommer wieder hier sein?� fragte er.</p><p>�Ich hoffe. Es war so herrlich.�</p><p>Er war entt�uscht. �Ist das alles � herrlich?�</p><p>Sie starrte �ber sein nacktes Handgelenk auf das Meer. �Es w�re unanst�ndig, wenn ich mehr sagte. Aber vielleicht findest du mich nicht undamenhaft, wenn ich dir meine Gef�hle zeige.�</p><p>Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und k��te ihn auf den Mund. Dann schl�ngelte sich ihre Zunge zwischen seine Lippen. Billy wurde schwindlig. Von solchen K�ssen hatte er bisher nur geh�rt.</p><p>Er fummelte an ihrer Taille und zog sie an sich, so da� sie ihn durch ihre Kleiderschichten hindurch f�hlen konnte. Sie gab ein leises St�hnen von sich. Ein St�hnen der Freude, dachte er.</p><p>Wieviel Erfahrung hatte sie? Um dies herauszufinden � aber nicht nur deswegen �, glitt seine Hand aufw�rts. Als er ihre Brust ber�hrte, entwand sie sich ihm, rannte lachend zum Wasser hinunter und r�ckte ihre Frisur zurecht.</p><p>Er lief hinter ihr her, weil er bef�rchtete, da� er sie ver�rgert hatte. Aber das war nicht der Fall.</p><p>�Billy�, keuchte sie, den Blick dem Meer zugewandt, �so was d�rfen wir nicht tun. Bei dir vergesse ich, was Anstand ist.�</p><p>Er f�hlte sich geschmeichelt, war jedoch verwirrt. Er glaubte ihr nicht. Sie wu�te genau, was sie tat. Sie wu�te es immer. Das war ein Teil der f�rchterlichen Faszination, die sie auf ihn aus�bte. Aber das ersch�tterte ihn nicht lange. Er war zu sehr von der Erinnerung an ihre Umarmung gefesselt.</p><p>Ashton ebenfalls; das �rgerte sie. Sie hatte Billy manipuliert, bis zu dem Augenblick, da sie einander k��ten. Da hatte er sich gegen sie geworfen, und sie hatte die Kontrolle verloren. F�r einen kurzen Moment war sie wirklich verliebt gewesen. Doch das durfte nie geschehen. Sie � und niemals der Mann � mu�te immer die Oberhand behalten.</p><p>Doch sie f�hlte sich machtlos, den Gedanken in die Tat umzusetzen. Als sie sich auf die Heimreise machten, schlang sie ihre Finger um seine Hand und pre�te sie gegen ihren Rock. Sie lehnte ihren Kopf zur Seite, so da� ihre Schl�fe seine Schulter ber�hrte. Dann gurrte sie wie ein verliebtes T�ubchen: �Ich werde daf�r sorgen, da� wir n�chsten Sommer mit Orry wieder hierherkommen. Ich m�chte dich so gern wiedersehen, Liebling. Ich glaube, ich habe mir noch nie etwas sehnlicher gew�nscht.�</p><p><strong>27</strong></p><p>Cooper ging zum Pier, um die Familie zu Hause zu begr��en. Sobald sie sich von der Reise erholt hatten, wollte er ihnen mitteilen, da� Judith eine Familienzusammenkunft im Haus an der Tradd Street plante. Er war guter Stimmung, die unerwartete Ankunft von James Huntoon verdarb sie ihm jedoch.</p><p>Der junge Rechtsanwalt war von einem gro�en, pechschwarzen, etwa drei�igj�hrigen Mann begleitet. Cooper erkannte in ihm einen der wenigen Sklaven, die immer noch im Besitz der Familie Huntoon waren. Sein Name war Grady. Er geh�rte der zweiten Generation der Ibos an; sein Vater war gegen 1810, zwei Jahre, nachdem der Kongre� die Einfuhr von Schwarzen verboten hatte, illegal aus Benin importiert worden; wahrscheinlich �ber Havanna und irgendeinen der Schlupfwinkel an der K�ste von Florida. Cooper kam gelegentlich zu Ohren, da� der geheime Sklavenhandel immer noch existiere.</p><p>Man hatte Ibos als Sklaven nie besonders gesch�tzt, weil sie als Ausrei�er bekannt waren. Die Huntoons hatten sichergestellt, da� Grady � sollte er jemals auf diesen Gedanken kommen � leicht identifiziert werden konnte: Man hatte ihm die vier oberen Schneidez�hne gezogen. Es war nicht un�blich, Sklaven so zu kennzeichnen.</p><p>Grady gr��te Cooper h�flich, viel h�flicher als Huntoon.</p><p>�Ich habe Grady mitgenommen, um Ihrer Schwester mit dem Gep�ck zu helfen�, erkl�rte der Rechtsanwalt. Er zeigte auf einige armselig gekleidete schwarze M�nner, die in der N�he standen. �Diese Nigger-Gep�cktr�ger taugen nichts. Ich habe gesehen, wie sie absichtlich einen Koffer fallen lie�en, weil der Besitzer ein Wei�er war, sie aber als befreite M�nner nicht bestrafen konnte.�</p><p>Cooper bi� sich auf die Zunge. Was um Himmels willen mochte Ashton an diesem Idioten finden?</p><p>Der Dampfer wurde wegen irgendwelcher Schwierigkeiten noch eine halbe Stunde aufgehalten. Huntoon begann, gegen Clays Kompromi�vorschl�ge zu wettern. Cooper hatte keine Lust auf eine Diskussion, aber der Rechtsanwalt ging ihm so sehr auf die Nerven, da� er bald mittendrin war. Sie diskutierten dar�ber, ob ein Staat das Recht habe, sich von der Union zu trennen � ein in letzter Zeit h�ufiges Gespr�chsthema im ganzen Land.</p><p>Keiner der beiden konnte sich durchsetzen. Das einzige, was dabei herausschaute, war Verstimmung auf beiden Seiten. Huntoon w�nschte sich die n�tige k�rperliche Kraft � und den Mut �, um Cooper zu verdreschen. Aber das k�mpferische Talent des Rechtsanwalts war rein verbaler Art, und er wu�te es. Er mu�te sich damit zufriedengeben, das letzte Wort zu behalten.</p><p>�Kein Wunder, da� Sie in der Oberschicht dieses Staates keinen einzigen Freund mehr haben.�</p><p>Der Dampfer legte an. Clarissa und Brett winkten und gr��ten von der Reling her.</p><p>Mit einem Stirnrunzeln sagte Cooper zu Huntoon: �Haben wir in South Carolina eine Oberschicht? Ich hatte den Eindruck, da� wir seit der Revolution auf diese Einrichtung verzichtet haben. Was wird als n�chstes wieder auferstehen? Die Idee der Plantagenbesitzer von Gottes Gnaden?�</p><p>Der k�hle Sarkasmus versetzte den Rechtsanwalt in Rage. Doch Cooper war im Vorteil, denn seine ganze Familie beobachtete die beiden.</p><p>Als er in Richtung Gangway ging, die von schwarzen Schiffsjungen heruntergelassen wurde, ersp�hte er auf dem �berf�llten Pier eine vertraute Gestalt: Huntoons Verwandter, Robert Rhett vom <emphasis>Mercury.</emphasis> In seiner Begleitung war ein Mann, auf den man Cooper gestern auf der Stra�e aufmerksam gemacht hatte, ein Politiker aus Georgia namens Bob Toombs � ein weiterer radikaler Verfechter des S�dens.</p><p>Toombs und Rhett gingen Arm in Arm. Als sie Cooper erblickten, verschwand ihr L�cheln. Cooper gr��te sie, doch keiner der beiden gab eine Antwort. Sie rauschten an ihm vorbei, geradewegs auf Huntoon zu, sch�ttelten ihm die Hand und begr��ten ihn so laut, da� es Cooper h�ren mu�te.</p><p>Ashton bemerkte, wie Rhett und sein Begleiter ihren Bruder schnitten. Sie war ungern nach Charleston zur�ckgekehrt, weil es bedeutete, da� Huntoon sie wieder bel�stigen w�rde. Und da war er auch schon, der arme Tropf. Er hatte sogar seinen gutaussehenden Nigger mit den fehlenden Z�hnen mitgenommen.</p><p>Wie weich Huntoon im Vergleich zu Billy Hazard aussah. Wie schw�chlich, mit seiner in der Sonne gl�nzenden Brille. Und doch war sie von der herzlichen Begr��ung, die Rhett dem jungen Rechtsanwalt zuteil werden lie�, beeindruckt.</p><p>Ihr Vater deutete auf Rhetts Begleiter: �Das ist Bob Toombs aus Georgia.� Er schien beeindruckt. Sie mu�te mehr �ber den Fremden herausfinden. Sie hatte in letzter Zeit dar�ber nachgedacht, was es bedeutete, eine Main aus South Carolina zu sein; was es bedeutete, wohlhabend, ber�hmt, m�chtig � und ein Freund der M�chtigen zu sein. Der Unterschied trat zusehends klarer und deutlicher zutage, als ihr bewu�t wurde, was es hie�, machtlos zu sein und abseits zu stehen, wie dies eben mit ihrem Bruder der Fall gewesen war.</p><p>Macht war seit jeher die Triebfeder in ihrer Beziehung zu Brett gewesen. Ashton wu�te sehr wohl, da� sie ein tiefes, wenn auch zum Teil unerkl�rliches Bed�rfnis hatte, immer die Hauptrolle zu spielen. Jetzt versp�rte sie pl�tzlich dieses Bed�rfnis gegen�ber der Gesellschaft. Auch dort wollte sie diejenige sein, die die Befehle erteilte � und sie wollte als solche anerkannt werden.</p><p>Als sie an der Reling stand, wurde ihr nicht nur dieses neue Ziel bewu�t, sondern sie erkannte auch, da� sie in ihrem Verhalten berechnender werden mu�te, wenn sie dieses Ziel erreichen wollte. Huntoon hatte Beziehungen. Das durfte sie nicht vergessen, was auch immer sie pers�nlich von ihm hielt. Billy � das war ein Sommer. Huntoon � das war die Zukunft.</p><p>Als die Mains den Dampfer verlie�en, richtete sie es ein, da� ihr Vater sie am Arm nahm, weil sie wu�te, da� er geradewegs auf Rhett und die andern zugehen w�rde. So war es auch. Als sie vor Huntoon stand, begr��te sie ihn mit einem k�hnen Ku� auf die Wange.</p><p>�James! Ich hab� dich ja so vermi�t.�</p><p>�Wirklich? Wie sch�n.�</p><p><emphasis>Eine L�ge,</emphasis> aber das dachte sie blo�. Sie war mit sich selbst zufrieden, weil sie allen gezeigt hatte, wo ihre Interessen und ihre Loyalit�t lagen. Sollte doch Brett auf Cooper zurennen und ihn umarmen, wie sie das eben tat. Brett war keine Gefahr f�r sie, sie z�hlte sowieso nicht.</p><p>Eines fr�hen Oktoberabends sagte Constance in Belvedere zu George: �Liebling, erinnerst du dich noch an den Schuppen hinter der Fabrik?�</p><p>Er legte das Blatt, auf dem er eben geschrieben hatte, zur Seite. Er war dabei, einen Plan f�r eine rasche Expansion des Walzwerks zu entwerfen. Im September hatte die Bundesregierung den Eisenbahngesellschaften zum erstenmal �ffentliches Land zur Verf�gung gestellt, um den Bau von neuen Linien zu f�rdern. George zahlte einem Rechtsanwalt in Washington jeden Monat eine betr�chtliche Summe; daf�r wurde er �ber Entscheidungen, die den Eisenhandel betrafen, vorzeitig informiert. Der Rechtsanwalt hatte ihm vorausgesagt, da� auch im Westen und S�den mit solchen Beihilfen zu rechnen sei. F�r George bedeutete dies einen Aufschwung im Eisengesch�ft f�r die n�chsten zehn, m�glicherweise zwanzig Jahre.</p><p>Er hatte bemerkt, da� Constance, bevor sie die Frage stellte, eine Weile geschwiegen hatte. Es mu�te etwas Wichtiges sein.</p><p>Es war still im Raum und im Haus. Die goldene Wanduhr tickte. Es war schon nach zehn. Er stand auf und reckte sich. �Der Schuppen, in dem wir fr�her Werkzeug aufbewahrten?� fragte er nickend. �Was ist damit?�</p><p>�D�rfte ich ihn benutzen?�</p><p>�Wozu?�</p><p>Sie gab keine direkte Antwort. �Ich w�rde ihn nicht oft brauchen. Aber ich m�chte, da� du wei�t, was dort geschehen k�nnte.�</p><p>�Gott im Himmel, was f�r eine Geheimniskr�merei. Was ist los?�</p><p>Er l�chelte, aber sie runzelte die Stirn und schien �ber seine Reaktion bek�mmert. Sie eilte auf ihn zu.</p><p>�Ich zeig�s dir. Komm mit.�</p><p>�Wohin?�</p><p>�Zum Schuppen.�</p><p>�Jetzt?�</p><p>�Ja, bitte.�</p><p>Wenige Minuten sp�ter stiegen sie eine steile Stra�e hinter der Fabrik hinauf. Die Nacht war k�hl, der Himmel hell. Der Schuppen war im Sternenlicht klar zu sehen.</p><p>George hielt pl�tzlich inne. Durch eine Ritze in der Bretterwand war ein heller, gelber Lichtstreifen zu sehen.</p><p>�Da ist jemand drin.�</p><p>�Ja, ich wei�.� Sie nahm seine Hand. �Es besteht keine Gefahr. Komm!�</p><p>�Du wei�t Bescheid�, fragte er, als sie ihn mitzog. �W�rdest du die G�te haben, mir zu erkl�ren, was das alles zu bedeuten ��</p><p>�Mr. Beizer�, fl�sterte sie, als sie vor der Schuppent�r angekommen waren. �Es ist Constance. Sie m�ssen die Laterne umstellen. Man kann sie von drau�en sehen.�</p><p>Das Licht verschwand. Beizer war ein Ladenbesitzer aus dem Dorf, ein Qu�ker. Was um Himmels willen tat er hier oben? Die T�r wurde ge�ffnet, und George erblickte den mageren, nerv�sen Kaufmann. Hinter ihm ersp�hte er eine zweite, in alte Leint�cher geh�llte Gestalt, deren Aussehen ihn zutiefst erschreckte und ihm alles erkl�rte.</p><p>Der junge Mann war wahrscheinlich noch nicht einmal zwanzig, aber er war so ver�ngstigt und ausgemergelt, da� er doppelt so alt aussah. Seine Haut war bernsteinfarben.</p><p>�Wir hatten keinen andern Ort, an dem wir ihn h�tten verstecken k�nnen�, sagte Beizer zu George. �Er kam heute fr�h zu meinem Haus, aber es wird langsam gef�hrlich f�r mich, �h� Reisende aufzunehmen. Es wissen zu viele von meiner T�tigkeit. Der Junge mu�te unbedingt heute nachmittag in Sicherheit gebracht werden, denn ein Vertreter des neuen Distriktkommissars ist in Lehigh Station angekommen.�</p><p>Beizer bezog sich auf den Bundesbeamten, der f�r die geflohenen Sklaven zust�ndig war. Pr�sident Fillmore hatte das Gesetz am 18. September unterzeichnet, und der Verwaltungsapparat zu seiner Einhaltung lief bereits auf Hochtouren.</p><p>Der Ausrei�er schniefte und nieste dann zweimal. George war immer noch verbl�fft und wandte sich seiner Frau zu. �Wie lange befa�t du dich schon mit dieser T�tigkeit?�</p><p>�Mr. Beizer hat mich im Fr�hling darauf angesprochen. Seither habe ich ihm geholfen.�</p><p>�Weshalb hast du nichts gesagt?�</p><p>�Sei nicht b�se, George. Ich wu�te nicht, wie du darauf reagieren w�rdest.�</p><p>�Aber du wei�t, was ich von der Sklaverei halte. Wenn man hingegen das neue Gesetz zu umgehen oder gar zu verhindern versucht, so ist das ein schweres Vergehen. Wenn man dich dabei erwischt, w�rdest du wahrscheinlich im Gef�ngnis landen.�</p><p>Constance deutete auf den zitternden Jungen. �Und wohin geht er, wenn er erwischt wird? Geradewegs zur�ck nach North Carolina; zur�ck zu wei� Gott welcher Art brutaler Bestrafung.�</p><p>�Was hat dich veranla�t, dich da einzumischen?�</p><p>�Weil die Sklavenbesitzer nun s�mtliche Vorteile f�r sich haben. Die Bundesbeamten sollen zwar bei der Beurteilung der einzelnen F�lle neutral sein, aber sie bekommen f�r jeden Sklaven, den sie zur�ckschicken, zehn und f�r jeden, den sie nicht zur�ckschicken, f�nf Dollar. Neutral? Da� ich nicht lache!�</p><p>�Es war eine Kompromi�l�sung�, entgegnete George.</p><p>Beizers Stimme klang beinahe scharf, als er sagte: �Sie k�nnen es nennen, wie Sie wollen, Mr. Hazard, aber das neue Gesetz ist und bleibt eine Beleidigung Gottes und des nationalen Gewissens. Constance, es tut mir leid, wenn ich Uneinigkeit zwischen Sie und Ihren Mann gebracht habe. Ich glaube, wir haben ihn falsch eingesch�tzt. Ich werde versuchen, f�r Abner einen andern Platz zu finden.�</p><p>Betroffen antwortete George: �Einen Augenblick!� Die andern sahen ihn an. �Ich habe nicht nein gesagt, oder?�</p><p>Der Zorn in den Augen seiner Frau machte wieder Hoffnung Platz. Sie rannte zu ihrem Mann. �Alles, was wir brauchen, sind einige Vorr�te, ein paar Decken, einen Riegel f�r die T�r und ein oder zwei Schilder mit �Kein Zutritt�, um die Leute fernzuhalten. Sollte ich dar�ber hinaus noch Geld brauchen, werde ich es dir sagen. Ansonsten brauchst du dir keine Sorgen zu machen �ber das, was hier vor sich geht.�</p><p>�Keine Sorgen �ber Fluchtverstecke auf meinem Grundst�ck? Ich bin nicht einverstanden.� Er nagte an seiner Unterlippe. �Weshalb um alles in der Welt braucht ihr gerade diesen Ort?�</p><p>Beizer antwortete: �Der Ort ist abgelegen und kann leicht vom Wald aus erreicht werden. Die Leute k�nnen gefahrlos hier �bernachten und nach Kanada weiterfliehen.�</p><p>Etwa f�nfzehn Sekunden lang starrte George den schniefenden, unterern�hrten Fl�chtling an. Er wu�te, da� er keine Wahl hatte.</p><p>�Na gut, aber ich mu� zum Schutz aller Beteiligten einige Bedingungen � �</p><p>Er konnte den Satz nicht zu Ende sprechen. Constance warf sich ihm in die Arme und k��te ihn, w�hrend Beizer Abner einige beruhigende Worte zufl�sterte. Abner grinste und bekam erneut einen Niesanfall.</p><p>George war stolz auf Constance. Sie zogen Maude ins Vertrauen. Alle drei waren sich dar�ber einig, da� sonst niemand in der Familie etwas vom Fluchtversteck erfahren durfte. Stanley und Isabel w�rden Einw�nde erheben, weil Stanley keine Schwierigkeiten haben wollte. In letzter Zeit verbrachte er blo� zwei oder drei Tage pro Woche zu Hause und machte den Rest der Zeit neuen Freunden in Harrisburg oder Philadelphia seine Aufwartung.</p><p>In der Demokratischen Partei des Staats war ein Machtkampf zwischen Stanleys Freund Cameron und dem Parteivorsitzenden Buck Buchanan aus Lancaster ausgebrochen. Nachdem er Polks Staatssekret�r gewesen war, hatte sich Buchanan 1848 f�r das Amt des Pr�sidenten nominieren lassen wollen. F�r seinen Mi�erfolg gab er Cameron und dessen Machenschaften die Schuld. Die beiden M�nner stellten einander nun �ffentlich blo�. Stanley stellte sich hinter Cameron, was George unklug fand.</p><p>Aber wer konnte in einer Zeit, in der sich politische Gepflogenheiten innerhalb einer Partei sowie die Parteien selbst �ber Nacht ver�nderten, schon seiner Sache sicher sein? Vor kurzem war eine neue politische Gruppierung aufgetaucht, die Freie-Boden-Partei, eine Koalition von Demokraten, fr�heren Mitgliedern der Freiheitspartei und einigen Radikaldemokraten. George schien es, als wollte diese Partei das Kind mit dem Bade aussch�tten. Sie wehrte sich n�mlich vehement gegen die nationale Expansion, wenn diese zur Sanktionierung der Sklaverei in den neuen Territorien f�hren sollte. Virgilia besuchte jede Versammlung der neuen Partei innerhalb des Staats, das hei�t jede, bei der Frauen als Beobachterinnen zugelassen waren. Sie schrieb lange Bittschriften, in denen sie eine aktive Beteiligung der Frauen forderte.</p><p>Die drei Verb�ndeten waren sich dar�ber einig, da� auch Virgilia nichts vom Fluchtversteck erfahren durfte. Sie w�rde zwar nichts dagegen haben, aber sie k�nnte das Geheimnis verraten. Und in den Hazard-Werken arbeiteten immer noch viele M�nner, die die Schwarzen ha�ten, weil sie f�rchteten, die freien Schwarzen w�rden ihre Arbeitspl�tze gef�hrden. George wu�te, da� dieser Ha� von keiner Regierung mit Gesetzen � und schon gar nicht mit einem Appell an die Menschlichkeit � abgeschafft werden konnte, weil er in der Angst und Irrationalit�t wurzelte. Es w�rde noch mindestens eine Generation dauern und viel Aufkl�rung ben�tigen, bevor diese negativen Einstellungen f�r immer aus dem Weg ger�umt waren.</p><p>�Ich glaube nicht, da� es klug w�re, deinen Freunden im S�den davon etwas zu sagen�, meinte Constance.</p><p>George runzelte die Stirn. �Du sagst das so, als ob mit ihnen etwas nicht ganz in Ordnung w�re. Ich hatte geglaubt, sie w�ren auch deine Freunde.�</p><p>�Oh, ja, nat�rlich�, sagte sie hastig. �Aber ich stehe den Mains nicht so nahe wie du. Wenn man mich vor die Wahl stellte, es entweder Orry recht zu machen oder Joel Beizer zu helfen, w�rde dir mein Entscheid vielleicht nicht ganz passen.�</p><p>Er wu�te, da� sie ihn weder ver�rgern noch provozieren wollte. Sie war ehrlich, und doch irritierten ihn ihre Worte. Maude bemerkte dies und befa�te sich mit ihren H�nden.</p><p>�Weshalb sagst du das�, fragte George nicht ohne Sch�rfe. �Du wirst niemals vor eine solche Wahl gestellt werden.�</p><p>Aber er war sich nicht so sicher, und diese nagende Ungewi�heit war der eigentliche Grund seiner Besorgnis und seiner Gereiztheit.</p><p><strong>28</strong></p><p>Charles hielt den Gegenstand hoch, den er geschnitzt hatte. Er zeigte mit der Spitze seines Jagdmessers auf eine lange Rinne, die er aus dem Holz herausgeschnitzt hatte. �Ein Kanu, wie wir es in Carolina haben. In Louisiana nennt man es, glaube ich, eine Piroge.�</p><p>Der vierj�hrige Laban Hazard sa� auf der Vordertreppe von Fairlawn zu Charles� F��en. Der Knabe verehrte Charles und hatte ein ganzes Jahr darauf gewartet, ihn wiederzusehen. Die Mains waren am Vormittag in Newport angekommen.</p><p>Labans Zwillingsbruder tauchte mit einem Reifen an der Hausecke auf. Er zeigte mit dem Finger auf das Boot. �F�r Laban?�</p><p>Charles nickte.</p><p>Levi machte eine saure Miene. �Ich will eins.�</p><p>Charles grinste. Levi schien das Temperament seiner Mutter geerbt zu haben. �Einverstanden�, sagte Charles. �Sobald ich mit dem hier fertig bin.�</p><p>Levi schob die Unterlippe vor und sch�ttelte den Kopf. �Mach meins zuerst.�</p><p>Charles richtete das Messer auf ihn. �Sei du mal manierlich, Mr. Yankee. Sonst steck� ich dich auf einen Spie� und servier� dich zum Abendessen.�</p><p>Er sagte es im Spa�, aber Levi schrie und ergriff die Flucht. Laban lachte und lehnte sich an das Knie des von ihm verehrten Helden. Billy kam aus dem Haus.</p><p>�Der Kavalier geht schon so fr�h aus?� fragte Charles. �Die M�dchen werden noch nicht einmal ausgepackt haben.�</p><p>Billy ignorierte ihn und nestelte an seiner Krawatte herum. Charles stie� einen Pfiff aus.</p><p>�Oho, sieh mal einer an. Ich kann mich nicht erinnern, dich letzten Sommer so schick gesehen zu haben. Wenn das nicht Liebe ist!�</p><p>Billy grinste. �Zum Teufel mit dir. Laban, sag deinem Vater nicht, da� ich vor dir geflucht hab�.� Und weg war er. Auf halbem Weg rannte er los. Er machte einen Satz �ber die Ziegelsteinmauer, so da� die Maurer, die wieder einmal am Ausbessern waren, ihm verdutzt nachblickten.</p><p>In jenem Fr�hling hatten sich bei Brett Main erste Anzeichen von Weiblichkeit gezeigt. Wird er es bemerken, fragte sie sich, als sie sich im Spiegel betrachtete und versuchte, ihren kleinen Busen etwas zu vergr��ern, indem sie ihr Kleid und ihre Unterw�sche straffzog.</p><p>Voller Freude rief Ashton hinter ihr: �Ach Gott, er ist schon hier. Ich h�re ihn mit Orry reden.�</p><p>Sie sauste wie ein Pfeil die Treppe hinunter. Brett war nur ein paar Schritte hinter ihr. Aber es n�tzte nichts. Als Brett in der H�lfte der Treppe war, hatte Orry das Wohnzimmer verlassen, und Billy und Ashton rannten aus dem Haus, ohne sich auch nur einmal nach ihr umzudrehen.</p><p>Langsam ging sie den Rest der Treppe hinunter. Eine Hand legte sich ihr von hinten auf die Schulter. Sie stie� einen gellenden Schrei aus.</p><p>�Papa!�</p><p>�Ich dachte, du w�rdest dich ausruhen, kleines Fr�ulein.�</p><p>Tillet bemerkte eine Tr�ne auf ihrer Wange. Mit einem leisen St�hnen und einem Krachen der Kniegelenke setzte er sich auf die unterste Treppenstufe und zog sie neben sich. Er legte ihr den Arm um die Schulter.</p><p>�Warum so ungl�cklich?�</p><p>�Ach, Billy Hazard, er ist der aufgeblasenste Mensch, dem ich je begegnet bin. Ich wollte ihm guten Tag sagen, aber er hat mich nicht mal angeschaut.�</p><p>�Sei nicht zu hart mit dem Burschen. Er ist in deine Schwester vernarrt. Ich glaube, es ist gegenseitig.�</p><p>�Sie kriegt immer alles, was sie will! Sie wird ihn auch bekommen, nicht wahr?�</p><p>�Ich wei� nicht. Sie sind beide noch ziemlich jung, um schon Heiratspl� Kleines Fr�ulein, komm zur�ck, ich wollte dir nicht wehtun.�</p><p>Aber sie war schon nach oben gerast und brach in lautes Klagegeheul aus.</p><p>Billy und Ashton gingen geradewegs zum Felsen, bei dem sie sich letzten Sommer gek��t hatten. Von dem Augenblick an, da Ashton Billys Arm um sich sp�rte und den s��en, scheuen Druck seiner Lippen, verflogen s�mtliche praktischen �berlegungen.</p><p>Wieviel Zeit hatte sie doch mit all jenen tiefsch�rfenden Pl�nen verschwendet, die sie im vergangenen Jahr geschmiedet hatte, nachdem sie vom Dampfer aus gesehen hatte, wie Mr. Bob Rhett ihren Bruder geschnitten hatte. Sowohl die Pl�ne als auch der pathetische Huntoon waren jetzt vollkommen vergessen. Sie w�rde Billy heiraten und sonst niemanden.</p><p>Das lie�e sich jedoch sehr h�bsch in ihr langfristiges Schema einbauen. Die Hazards waren zwar Yankees, aber reich und ber�hmt. Sie mu�te mit Billy �ber ihre ehrgeizigen Absichten reden. Aber nicht jetzt. Alles, was sie jetzt wollte, war, sich der Liebe und ihm gen��lich hinzugeben.</p><p>Sie dr�ckte sich so fest an ihn, da� er ihre Br�ste sp�ren mu�te. �Ich h�tte nie geglaubt, da� ich jemanden so vermissen k�nnte. Ich bin fast gestorben, als ich wochenlang auf deine Briefe wartete.�</p><p>�Ich bin nicht gut im Briefeschreiben. Auf einen, den ich abschicke, kommen zehn, die ich zerrei�e.�</p><p>�Das kannst du jetzt gutmachen, Liebling. K�� mich und h�r erst damit auf, wenn ich die Sinne verliere.�</p><p>Er kam der Aufforderung mit Begeisterung nach.</p><p>Im Sommer 1851 wiegten sich die beiden Familien und die Nation in einem tr�gerischen Frieden. Die meisten Amerikaner waren vom Krieg und dem Gerangel um die Sklavenfrage ersch�pft. Auch wenn der Kompromi� von 1850 keine Dauerl�sung herbeigef�hrt hatte, waren die meisten Leute damit zufrieden. Auf beiden Seiten blieben jedoch einige hartn�ckige Mahner, die behaupteten, da� sich wenig ver�ndert habe und nichts gel�st worden sei; auch ein von einem Verband verdecktes Krebsgeschw�r blieb ein Geschw�r. Aber all die James Huntoons und die Virgilia Hazards hatten w�hrend jener warmen Sommermonate gro�e M�he, ihre militanten Ansichten an den Mann zu bringen. Die Mehrheit der Amerikaner w�nschte sich eine Atempause � mindestens f�r drei Monate oder ein halbes Jahr.</p><p>Cooper und Judith hatten am 1. Juni 1850 geheiratet. Die Natur hatte Coopers Plan, eine Reise nach Gro�britannien zu machen, durchkreuzt. Genau neun Monate nach der Hochzeit brachte seine Frau Judah Tillet Main, oder J.T. wie ihn der stolze Gro�vater von Anfang an nannte, zur Welt. Ende Juli 1850 reisten die Eltern, das Baby und eine Amme nach Newport, um zehn Tage mit den Mains zu verbringen.</p><p>Einige Stunden nach ihrer Ankunft setzte sich Tillet auf der Veranda des gemieteten Hauses in einen Schaukelstuhl. Cooper setzte sich neben ihn. Tillet blickte stolz auf seinen Enkel, der in eine Decke geh�llt in Coopers Armen lag. Judith spielte mit George, Billy und Ashton ein Kugelspiel auf dem Rasen. Langsam senkte sich die Abendd�mmerung auf sie nieder.</p><p>Tillet r�usperte sich. �Deine Gattin ist eine feine Frau.�</p><p>Cooper war �berw�ltigt. Sein Vater hatte ihr noch nie ein Kompliment gemacht. �Danke, da sind wir gleicher Meinung.� Er faltete die Decke so, da� der Kopf seines Sohnes vor dem Wind gesch�tzt war.</p><p>Tillet lehnte sich zur�ck und verschr�nkte die H�nde auf dem Bauch, der mit jedem Jahr dicker wurde. Wie alt er aussieht, dachte Cooper. Wie alt ist er denn jetzt? F�nfundf�nfzig? Nein, sechsundf�nfzig. Das Alter zeigt sich in seiner runzligen Haut und auch in seinen Augen. Er wei�, da� es schon bald mit ihm zu Ende sein wird. Zum erstenmal seit langer Zeit f�hlte Cooper eine starke Liebe f�r seinen Vater � eine bedingungslose Liebe.</p><p>Tillet fuhr fort: �Ich mag Judith zwar, aber nicht alles, was sie sagt. Keineswegs. Doch Familien sollten nicht untereinander streiten.�</p><p>�Einverstanden.� <emphasis>Aber es ist verdammt hart, dieses Ideal in unseren Zeiten zu erreichen.</emphasis></p><p>�Du hast die Gesellschaft gut gef�hrt�, sagte sein Vater. �Die Bilanz ist hervorragend. Die <emphasis>Mont Royal</emphasis> ist ein sch�nes Schiff. Ja, ich wei�, auch ein hervorragendes Gesch�ft.�</p><p>�Wir k�nnten drei davon brauchen, um all die Gesch�fte annehmen zu k�nnen, die man uns anbietet. Ich bin dabei, mich umzusehen. Und noch etwas: Man hat mich gebeten, f�r andere Schiffe zu entwerfen und zu bauen. Auch damit befasse ich mich.�</p><p>Tillet kratzte sich am Kinn. �Glaubst du, da� es klug ist, so schnell zu expandieren?�</p><p>�Ja, sicher. Ich glaube, da� wir mit Schiffsbau mehr Geld verdienen und ein sichereres Einkommen haben werden, als mit dem Baumwollhandel.�</p><p>�Sind das nur Spekulationen?�</p><p>�Wenn du wissen m�chtest, ob ich bereits feste Zusagen habe, so kann ich die Frage mit Ja beantworten. Eine Anfrage von einer Schiffsgesellschaft in Savannah und eine andere von einer Firma in Baltimore. Wir stehen zwar noch in Verhandlungen, aber beide Firmen m�chten ein Schiff wie die <emphasis>Mont Royal �</emphasis> sofern ich liefern kann. Ich m�chte es auf jeden Fall versuchen.�</p><p>Er lehnte sich begeistert vor. �Ich stelle mir vor, da� eines Tages � vielleicht schon in f�nf Jahren � die Main-Dampfer an der Ostk�ste auf und ab und nach Europa fahren, und dies unter der Flagge von einem Dutzend Gesellschaften. Der Baumwollmarkt mag schrumpfen, aber ich bin davon �berzeugt, da� die Nachfrage nach Lagerraum und schnellem Versand aller m�glichen G�ter nur zunehmen wird.�</p><p>�Vielleicht w�hrend meines Lebens. Aber langfristig m�chte ich mich da nicht festlegen. Die Yankee-Politiker sind unberechenbar; gierig und hinterlistig wie � aber lassen wir das. Ich bin ehrlich �berrascht �ber den Namen, den du dir mit nur einem Schiff gemacht hast.�</p><p>�Auf der <emphasis>Mont Royal</emphasis> gibt es viele Neuerungen. Zwei kleinere Erfindungen stammen von mir; ich habe sie patentieren lassen.�</p><p>�K�nnten diese zwei Gesellschaften sich denn nicht direkt ein Schiff bei der Werft in Brooklyn beschaffen?�</p><p>�Doch, aber sie m�chten noch etwas mehr. Sie m�chten, da� ich den Bau und die Planung �berwache. Ich bin rein zuf�llig einer der wenigen Schiffsbauexperten des S�dens geworden.� Cooper l�chelte. �Du kennst doch die Definition eines Experten? Jemand, der von anderswoher kommt.�</p><p>Tillet lachte. Das Ger�usch weckte seinen Enkel, der zu schreien anfing. Cooper streichelte die weiche, warme Wange, bis das Baby wieder ruhig war.</p><p>�Sei nicht zu bescheiden�, sagte Tillet zu seinem Sohn. �Du hast harte Arbeit geleistet in Charleston � ich hab� das von vielen verschiedenen Seiten geh�rt �, und du arbeitest immer noch hart. Wenn ich mir nur all den Lesestoff betrachte, den du mit in die Ferien genommen hast: Schiffsbau, Eisen und Stahl � B�cher, die ich kaum zu tragen, geschweige denn zu verstehen imstande bin.�</p><p>Cooper zuckte die Achseln, aber er sonnte sich im unvermuteten Lob. �Um diesen Lernproze� zu vervollst�ndigen, werden wir schlie�lich im November nach Gro�britannien gehen.�</p><p>�Mein Enkel auch?�</p><p>�Ja, wir alle. Der Arzt sagte, da� Judah mit der Amme reisen k�nne. Brunei will mich empfangen. Stell dir vor, ich kann eine Stunde mit dem Mann verbringen. Sein Talent, seine ungeheure Phantasie � es ist unglaublich. Er und sein Vater haben zusammen den Tunnel unter der Themse gebaut. Wu�test du das?�</p><p>�Nein. Aber wozu braucht man einen Tunnel unter einem Flu�? Was ist denn mit den F�hren? Oder mit den Br�cken? Und �berhaupt, wozu braucht jemand schnellere Schiffe? Ich erinnere mich an etwas, das der Herzog von Wellington �ber die Eisenbahnen in Europa gesagt hat. Er sagte, sie w�rden nur zu sozialer Unrast f�hren, weil die Armen dann auch herumreisen k�nnten. Ich habe �hnliche Gedanken, wenn ich an all den modernen Firlefanz denke. Zu revolution�r!�</p><p>�Das ist genau das Wort, Vater. Wir <emphasis>sind</emphasis> mitten in einer Revolution � eine friedliche Revolution der Industrie und der Erfindungen.�</p><p>�Wir sollten f�r eine Weile damit aufh�ren.�</p><p>�Das ist unm�glich � du kannst das Rad nicht zur�ckdrehen. Wir k�nnen nur noch vorw�rts gehen.�</p><p>�Das klingt nicht gerade begeistert.� Tillet seufzte. �Aber lassen wir das auch. Du hast sicherlich einen Anspruch auf die Reise. Du hast sogar noch mehr verdient, und ich wollte dir etwas sagen.� Wiederum r�usperte er sich. �Ich habe den Rechtsanw�lten der Familie den Auftrag gegeben, Dokumente vorzubereiten, wonach die Eigentumsverh�ltnisse innerhalb der C.S.C. ge�ndert werden sollen. Von nun an wirst du �ber einundf�nfzig Prozent des Gesellschaftskapitals verf�gen, und auch einen entsprechenden Prozentsatz vom Ertrag bekommen, und zwar ohne weitere Abz�ge. Ich habe jeden Bericht, den du mir geschickt hast, gelesen. Bei dem Tempo, mit dem du Geld hereinholst, wirst du mit der neuen Regelung bald ein sehr reicher Mann sein � und zwar aus eigener Kraft. Auch das ist eine Leistung.�</p><p>Es dauerte eine geraume Weile, bis Cooper sich von seiner �berraschung so weit erholt hatte, da� er sagen konnte: �Ich wei� nicht, wie ich dir f�r dein Vertrauen und f�r deine Gro�z�gigkeit danken soll.�</p><p>Tillet winkte ab. �Du bist mein Sohn. Du hast deinem Erstgeborenen meinen Namen gegeben. Das ist Dank genug. In der Familie sollte es keinen Streit geben.�</p><p>Es klang diesmal etwas sch�rfer. War es eine Bitte? Eine Warnung? Hoffentlich nicht, dachte Cooper. Ich hoffe nicht, da� er sich auf diese Art mein Schweigen oder meine Bejahung seiner Ansichten sichern will. Ich liebe ihn, aber ich bin nicht k�uflich.</p><p>Dann fragte er sich, ob er undankbar war. Eigentlich wollte er Tillet fragen, was er genau mit der Bemerkung �ber Familien, die sich nicht streiten sollten, gemeint hatte, aber er wollte den Frieden an jenem Abend nicht zerst�ren. Er war so zerbrechlich wie der Frieden der Nation. Er w�rde nicht von Dauer sein.</p><p>In beiden Familien wurde der Sommer willkommen gehei�en. Es herrschte eine entspannte, freundliche Stimmung, eine Stimmung, zu der jeder nach besten Kr�ften beitrug. Sogar Constance und Isabel unterhielten sich ab und zu.</p><p>Politische Fragen wurden in beiderseitigem Einvernehmen nicht angetastet � mit einer Ausnahme. Virgilia, die eines Abends zu sehr dem Wein zugesprochen hatte, brandmarkte die j�ngsten offiziellen Erkl�rungen von William Yancey, einem Rechtsanwalt aus Georgia und fr�heren Kongre�mitglied, der das geistige Erbe von Calhouns radikalsten Ansichten angetreten hatte. Der S�den hatte immer noch Ressentiments gegen Senator Seward aus New York. Seward hatte die Wilmot-Klausel mit der Begr�ndung verfochten, sie diene einem h�heren Gesetz als der Verfassung, dem Gesetz Gottes, das eines Tages st�rker als die Sklaverei sei. Yancey griff den Senator vom Rednerpult aus aufs Heftigste an. Als Virgilia davon h�rte, bedachte sie Yancey mit einer Serie von Schimpfnamen einschlie�lich Zuh�lter. Es dauerte nicht lange, und Yancey wurde f�r sie zum Stellvertreter des S�dens. Orry explodierte:</p><p>�Was f�r ein Riesengeb�ude von Selbstgerechtigkeit Sie doch hier im Norden gezimmert haben, Virgilia. S�ndigen tut man nur unterhalb der Mason-Dixon-Linie, und es macht ja nichts, da� Iowa jeden freien Neger, der es auch nur wagt, einen Fu� in den Staat zu setzen, sch�rfstens bestraft. Auch die Heuchelei ist nur im S�den zu finden, und es macht ja nichts, da� Kalifornien, das von euren Politikern so eifrig als freier Staat in die Union gezerrt wurde, M�nner in den Senat schickt, die f�r die Sklaverei sind. Sie, Virgilia, w�rden so was nie zugeben. Sie machen einfach die Augen zu und speien Gift.�</p><p>Er schmi� seine Serviette zur Seite und verlie� den Tisch. Zehn Minuten sp�ter stellte George seine Schwester zur Rede und schrie auf sie ein, bis sie versprach, sich zu entschuldigen. Sie tat es mit gro�em Widerwillen.</p><p>Mit Ausnahme dieses einen Ausrutschers verstrichen die warmen, euphorischen Tage weiterhin friedlich. Brett entz�ckte jedermann mit ihrem Klavierspiel. George schien im Krocket unschlagbar. Auf der Veranda diskutierte man lebhaft �ber die eifrigen Bem�hungen einiger Prediger, den unz�chtigen Roman �Der scharlachrote Buchstabe� von Hawthorne auf die schwarze Liste zu setzen. Einer der geistlichen W�rdentr�ger nannte das Buch �die Vermarktung der Lust�.</p><p>Isabel und Tillet waren sich dar�ber einig, da� solche Schundliteratur von Gesetzes wegen verboten sein sollte. George meinte, da� jeder, der diese Ansicht teilte, nichts von Redefreiheit wisse. Clarissa warf sch�chtern ein, da� der Roman zwar sicher unanst�ndig sei, George aber grunds�tzlich recht habe.</p><p>�Weib�, br�llte Tillet, �du wei�t nicht, wor�ber du sprichst.� Gl�cklicherweise wurde die Diskussion gleich darauf in andere Bahnen gelenkt, weil Ashton, Billy und Vetter Charles auf dem Rasen vor dem Haus der Mains auftauchten.</p><p>Die jungen Leute waren gerade auf dem Weg zum Strand. Sie gingen fast jeden Abend dorthin, mit Charles als Anstandsdame. Das am�sierte Orry. Charles hatte sich zwar ver�ndert, aber es erweckte doch den Anschein, als h�tte man den Teufel als Missionar engagiert.</p><p>George sah zu, wie die jungen Leute langsam im Mondlicht verschwanden. Dann sagte er zu Orry: �Mir scheint, als h�tte sich deine Schwester Billy auserkoren.�</p><p>�Nicht so schnell, George�, rief Constance halb scherzend, halb ernst. �Billy wird n�chsten Sommer zur Akademie gehen. F�r vier Jahre.�</p><p>�Trotzdem�, warf Orry ein, �ich glaube, George hat recht.�</p><p>Er befand es nicht f�r n�tig, zu sagen, da� er jedoch Zweifel an einer Heirat hegte. Ashton war zu unbest�ndig. Aber sie k�nnte sich nat�rlich noch �ndern � wie Charles. In der Erw�gung dieser M�glichkeit f�gte er hinzu: �Ihr solltet mit Billy nach South Carolina kommen.�</p><p>�Oh, ja, wir w�rden uns freuen, euch bei uns begr��en zu d�rfen � euch alle�, sagte Clarissa. Virgilia, die am andern Ende der Veranda sa�, blickte skeptisch.</p><p>�Ich w�rde Mont Royal gerne sehen�, sagte Constance.</p><p>Orry lehnte sich vor. �Weshalb nicht im Herbst? Der Oktober ist bei uns einer der sch�nsten Monate. Cooper w�rde sich freuen, euch Charleston zu zeigen, und danach k�nntet ihr f�r einen langen Besuch zu uns kommen.�</p><p>�Einverstanden�, sagte George, nachdem Constance seine Hand gedr�ckt hatte, um ihm Mut zu machen.</p><p>Einen Augenblick sp�ter scho� ihm ein Gedanke durch den Kopf. Virgilia beobachtete und verfolgte das ganze mit gro�em Interesse. Wenn sie sie mitn�hmen, w�rden die Mains ihr gastfreundliches Angebot vielleicht bereuen.</p><p>Charles lehnte sich gegen den feuchten Felsen; das Mondlicht streichelte seine Augenlider, w�hrend er sich nackte Oberschenkel in allen m�glichen Schattierungen von rosa bis braun vorstellte. Er dachte besonders an diejenigen von Cynthia Lackey, einem drallen und willigen M�dchen. Charles hatte sie in der ersten Sommerwoche getroffen, als er im Kolonialwarenladen ihres Vaters S��igkeiten eingekauft hatte.</p><p>Zu seiner Linken h�rte er Gel�chter. Er �ffnete die Augen und sah zwei Gestalten aus dem Schatten der Klippen auftauchen, zwei Gestalten, die eher wie eine aussahen. Eng umschlungen gingen sie �ber den im Mond schimmernden Sand.</p><p>�Pa� auf, da ist unsere Anstandsdame�, sagte Billy. Ashton kicherte. Der Schatten teilte sich. Charles verscheuchte den letzten Rest seiner erotischen Phantasien, doch die Spannung in der Leistengegend blieb. Es war Zeit, Cynthia wieder mal aufzusuchen.</p><p>Ashton gl�ttete sich das Haar. Billy stopfte das Hemd in die Hose. Charles hatte Mitleid mit seinem Freund. Er war zwar nicht genau dar�ber im Bild, wie erfahren Ashton war, aber er hatte seinen Verdacht. Zweifellos w�rde sie es gl�nzend verstehen, ihren Bewerber so lange aufzureizen und zu erregen, bis er vor lauter Frustration einen glasigen Blick bek�me. Charles stellte genau diesen Blick an Billy fest.</p><p>Auf dem Heimweg schmiedete Ashton Pl�ne f�r den folgenden Abend: erst Muscheln suchen, dann ein Treibholzfeuer am Strand und dann�</p><p>�Tut mir leid, das geht morgen abend nicht�, unterbrach sie Charles. �Billy und ich m�ssen einer schon l�ngst f�lligen Verpflichtung am andern Ende der Insel nachkommen.�</p><p>Verbl�fft sagte Billy: �Tats�chlich? Ich erinnere mich nicht � � Charles deutete ihm mit einem Rippensto� an, da� er schweigen solle.</p><p>Ashton schmollte und wurde ihnen mit ihrer Quengelei l�stig. Doch Charles l�chelte und blieb unnachgiebig. Nachdem Billy Ashton bis zur T�r des Hauses an der Beach Road begleitet hatte, st�rzte er auf die Veranda, wo Charles im Mondlicht sa�, ein Bein auf dem Gel�nder.</p><p>�Was zum Teufel soll diese bl�de Abmachung am andern Ende der Insel?�</p><p>�Mein Junge, das ist �berhaupt nicht bl�de. Ich werde dich Mi� Cynthia Lackey und ihrer Schwester Sophie vorstellen. Aus sicherer Quelle wei� ich, da� Sophie ihrer Schwester Cynthia in keiner Weise nachsteht, wenn es darum geht, Jungen zu verw�hnen und sich von ihnen verw�hnen zu lassen. Hast du schon mal mit einem M�dchen geschlafen?�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�Mit wie vielen?�</p><p>Charles blickte Billy unverwandt an, und Billy gab schlie�lich zu: �Na sch�n, ich hab� noch nie.�</p><p>�Das hab� ich mir gedacht. Du wirst dich an diesen Sommer erinnern.�</p><p>Er klopfte seinem Freund auf die Schulter. �Abgesehen davon wei� ich, da� die liebe Ashton f�r ihre Gefallsucht bekannt ist. Ich habe euch zwei so oft allein gelassen, da� ich glaube, da� dir ein Abend mit Mi� Sophie die sicher n�tige Erleichterung verschaffen wird.�</p><p>Am n�chsten Abend fuhren sie mit einer Ponykutsche zu den Lackeys. Morgens um zwei fuhren sie nach Newport zur�ck; Billy bedankte sich bei seinem Freund und meinte, da� er diesen Sommer bestimmt nicht vergessen w�rde.</p><p>�Aber ich m�chte den S�den kennenlernen�, sagte Virgilia zu George. �Und ich bin eingeladen worden.�</p><p>�Sie haben dich aus Gr�nden der H�flichkeit eingeladen, das ist alles.� Seit zwei Tagen waren sie wieder in Lehigh Station. Dies war ihre vierte Auseinandersetzung wegen der Reise. �Sie sind nicht darauf erpicht, da� du sie dort unten dauernd kritisierst und dich Tag und Nacht �ber ihren Lebensstil lustig machst�, sagte George. �Wahrscheinlich w�rdest du hiermit in Mont Royal herumstolzieren wollen.� Er hob mit einer heftigen Bewegung das breite Satinband auf, das sie mit ins Arbeitszimmer gebracht hatte. Sie w�rde das Band am Samstag bei einer Parade der Freie-Boden-Partei in Harrisburg tragen. Auf dem Band war der Parteislogan zu lesen: <emphasis>Freiheit des Bodens � Freiheit der Rede � Freiheit der Arbeiter � und Freiheit f�r die Menschheit.</emphasis> �Dich mitzunehmen hie�e, mit einer brennenden Fackel durch einen d�rren Wald zu laufen. Ich w�re ein Idiot, wenn ich ja sagte.�</p><p>�Und wenn ich dir verspreche, da� ich mein allerbestes Verhalten an den Tag lege? Ich glaube, es w�re gut, wenn ich den S�den mit eigenen Augen sehen k�nnte. Wenn du mich mitnimmst, werde ich kreuzbrav sein. Ich werde nicht ein Wort �ber Bodenfreiheit oder irgend etwas sagen, das die Mains beleidigen k�nnte.�</p><p>Er starrte sie durch den Zigarrenrauch an. �Ist dir das ernst? W�rst du die ganze Zeit �ber h�flich?�</p><p>�Ja, ich verspreche es. Ich schw�r� es dir auf die Bibel, wenn du m�chtest.�</p><p>Es gelang ihm, ein L�cheln aufzusetzen. �Das ist nicht n�tig.� Er spitzte den Mund, stie� eine Rauchwolke aus und erwog das Risiko.</p><p>�Also einverstanden. Aber beim ersten Ausrutscher schicke ich dich nach Hause.�</p><p>Sie warf ihm die Arme um den Hals und bedankte sich �berschwenglich. Sie hatte sich schon lange nicht mehr so jungm�dchenhaft benommen. Einen Augenblick lang glaubte er, wieder eine Schwester zu haben.</p><p>Als Virgilia an jenem Abend zu Bett ging, war sie zu aufgeregt, um schlafen zu k�nnen. Als der Schlaf sie schlie�lich �bermannte, tr�umte sie von schwarzen M�nnerk�rpern.</p><p><strong>29</strong></p><p>Die Reisegesellschaft der Hazards setzte sich aus acht Mitgliedern zusammen: Maude, George und Constance, die Kinder, das Kinderm�dchen, Billy und Virgilia. Alle au�er Billy wurden auf der st�rmischen Reise nach Charleston seekrank. Nach einigen Tagen der Erholung in Coopers Haus ging es ihnen rasch wieder besser.</p><p>Die <emphasis>Mont Royal</emphasis> lag zuf�llig im Hafen und wurde mit Baumwolle beladen, die nach New York verfrachtet werden sollte. Cooper zeigte ihnen das ganze Schiff, wobei er sie auf jede Einzelheit aufmerksam machte, vom schlanken Bug bis zur modernen Propellerschraube. Da die G�ste nicht so viel von den technischen Neuerungen verstanden wie ihr Gastgeber, konnten sie auch nicht ganz so begeistert sein, doch alle vermochten die �u�ere Form des Schiffes zu w�rdigen. Es war schlank, elegant und unverkennbar modern.</p><p>Als n�chstes nahm Cooper sie mit nach James Island, zu dem Grundst�ck, das er fr�her erworben hatte. �Ich m�chte hier mit meinen Ertr�gen aus der C.S.C. eine Werft bauen. F�r Handelsschiffe. Die Werft soll die beste an der Ostk�ste werden.�</p><p>�Du redest beinahe schon wie ein Yankee�, sagte George. Sie lachten beide.</p><p>Cooper und Judith zeigten ihnen die Sehensw�rdigkeiten von Charleston, einschlie�lich der Marmor-Gedenktafel auf dem Grab von Calhoun auf dem St. Philip-Friedhof. Dann machte Cooper den Vorschlag, da� man � sofern Interesse vorhanden � zu einer Versammlung der sogenannten Charleston-Koalition f�r die Rechte des S�dens ginge.</p><p>�Ist das eine politische Partei?� fragte George.</p><p>�Das wei� man nicht so genau�, antwortete Cooper. �Noch nicht. Andererseits verschwinden die traditionellen Parteien schneller, als ich hinschauen kann. Die Liberalen und Demokraten haben hier unten fast keine Bedeutung mehr.�</p><p>�Wer ist an ihre Stelle getreten?� wollte Virgilia wissen.</p><p>�Gruppierungen, die sich in zwei Lager teilen. Auf der einen Seite befinden sich die Unionisten mit M�nnern wie Bob Toombs aus Georgia, die den S�den lieben, aber die bittere Pille der Sezession nicht schlucken k�nnen; auf der anderen Seite stehen die Radikalen: Yancey, Rhett, Ashtons Freund Huntoon � �brigens wird er einer der Redner bei der Versammlung sein. Wahrscheinlich werden Sie sich �ber das, was Sie zu h�ren bekommen, nicht freuen�, die liebensw�rdige Anspielung brachte ein steifes und humorloses L�cheln auf Virgilias Lippen, �aber Sie werden eine Vorstellung davon bekommen, wie man in Charleston denkt.�</p><p>Nur George und seine Schwester nahmen seine Einladung an. George bef�rchtete, da� Virgilia trotz ihres Versprechens eine Szene machen w�rde, ja vielleicht sogar einen der Redner mit Beleidigungen unterbrechen w�rde. Doch sie schien sich nicht gro� um die Reden zu k�mmern, sondern in Gedanken versunken. Als Huntoon am Rednerpult auf die Notwendigkeit �einer gro�en Sklavenbesitzenden Republik vom Potomac bis zu den s�dlichen Gefilden� hinwies, fl�sterte sie George zu, da� sie frische Luft brauche, und ging hinaus.</p><p>Sie rannte durch das d�stere Treppenhaus ins Foyer. Und da war er auch � er lungerte mit den andern Kutschern vor dem Haupteingang herum � ein au�erordentlich gutaussehender Schwarzer in einer Samtlivree. Sie war schon fr�her auf ihn aufmerksam geworden, als er seinem Herrn die Kutschent�r �ffnete � Huntoon, wie ihr pl�tzlich klarwurde.</p><p>Ihr Busen f�hlte sich straff und schwer an, als sie auf und ab ging und sich mit ihrem Spitzentaschentuch Luft zuf�chelte, damit alle sahen, weshalb sie den Saal verlassen hatte. Schwei�perlen glitzerten auf ihrer Oberlippe. Immer wieder mu�te sie den Neger ansehen.</p><p>Durch die offene T�r hinter ihr vernahm sie die donnernde Stimme Huntoons: �Unsere Sitten und Gebr�uche m�ssen der amerikanischen Flagge folgen, wo sie auch immer wehen mag. Wenn unser System sich nicht stetig ausbreiten kann, w�re dies gleichbedeutend mit einer Niederlage. Das werden wir nicht zulassen.�</p><p>An dieser Stelle wurde er von begeistertem Applaus und lauten Zurufen unterbrochen. Das Publikum stampfte wie wild. Das Get�se str�mte vom Saal her auf sie zu, �berw�ltigte sie und steigerte ihr Verlangen. Hinter dem R�cken eines anderen Kutschers versuchte sie den Blick des gro�en Schwarzen zu erhaschen.</p><p>Er bemerkte sie, wagte es jedoch nicht, einer wei�en Frau gegen�ber Gef�hle zu zeigen, aus Angst, daf�r bestraft zu werden. Sie verstand und versuchte, ihr Verst�ndnis und noch etwas anderes mit einem langandauernden Blick zu �bermitteln. �berrascht zog er die Brauen hoch. Dann l�chelte er sie �ber die Schulter des andern Kutschers hinweg an. Sie hielt den Atem an. Vier seiner Vorderz�hne fehlten. Er war einer jener Ungl�cklichen, die von ihren Besitzern auf diese entw�rdigende Art und Weise markiert wurden.</p><p>Eine Sekunde lang blickte er mit seinen dunklen, schimmernden Augen auf ihre Br�ste. Sie glaubte das Bewu�tsein verlieren zu m�ssen.</p><p>Er verstand! Ein andrer Kutscher bemerkte seinen starren Blick und drehte sich nach dem Gegenstand seiner Aufmerksamkeit um. Angesichts der wei�en Haut von Virgilia sah er seinen Gef�hrten schockiert und ungl�ubig an.</p><p>�Da bist du�, rief George und eilte auf sie zu. �Du bist so schnell verschwunden, da� ich mir Sorgen machte. Ist dir �bel?�</p><p>�Nein, es war blo� zu hei� da drin. Jetzt geht es mir besser.� Sie hakte sich bei ihm ein und f�hrte ihn in den Saal.</p><p>Es gelang ihr nicht, ihre Gedanken von dem gro�en Schwarzen loszurei�en. Auf dem Weg zur�ck zur Tradd Street erkundigte sie sich, ob es irgend etwas Besonderes bedeute, wenn einem Sklaven mehrere Z�hne fehlten. �Ich habe einen solchen Mann drau�en vor dem Saal gesehen.�</p><p>George wurde nerv�s, w�hrend Cooper den m�glichen Grund f�r das Ausziehen der Z�hne erl�uterte. Virgilia reagierte, als ob sie noch nie etwas davon geh�rt h�tte, aber sie verhielt sich ruhig. Dann sagte Cooper: �Der Mann, den Sie gesehen haben, mu� der Sklave von Huntoon sein, Grady. Gro�? Gutaussehend?�</p><p>�Ehrlich gesagt, ich wei� es nicht�, log Virgilia und pre�te die Beine unter ihrem Kleid zusammen. Sie hatte die Information, die sie ben�tigte.</p><p><emphasis>Grady.</emphasis> Sie sprach den Namen genu�voll vor sich hin, bevor sie an jenem Abend in den Schlaf sank. Vom duftenden Garten her wehte eine warme Brise. Der s��e Duft und die feuchte Nacht steigerten ihr Verlangen, bis es schmerzte.</p><p>�Grady�, fl�sterte sie im Dunkeln. Sie wu�te, da� sie ihn nie wiedersehen w�rde, aber sie w�nschte sich, es w�re anders.</p><p>Gerade als die Hazards in Mont Royal ankamen, wurde das Wetter k�hler. Das klare, weiche Oktoberlicht verlieh den Tagen eine melancholische Sch�nheit, doch Billy bemerkte sie nicht. Er bemerkte �berhaupt kaum etwas oder jemanden au�er Ashton.</p><p>Er verbrachte jede freie Minute mit ihr. Sie ritt oft mit ihm auf der Plantage herum, aber er hatte den Verdacht, da� das meiste, was sie ihm dar�ber erz�hlte, erfunden war. Er sp�rte, da� sie wenig Verst�ndnis oder Interesse f�r den Reisanbau aufbrachte.</p><p>Die Sklavensiedlung faszinierte Billy auf eine fast morbide Art und Weise. In den Augen der Neger sah er Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit; ab und zu war ein Lachen zu h�ren, aber nicht oft. Zum erstenmal begann er zu begreifen, weshalb Virgilia, Constance und die �brige Familie dieses System ablehnten.</p><p>Fr�her hatte er mehr oder weniger ihre Haltung �bernommen � sie war korrekt und emotionslos. Als er jedoch durch die schmutzigen Stra�en zwischen den sch�bigen H�tten hindurchritt, ver�nderte sich pl�tzlich etwas in ihm. Wenn die Sklaven so sorglos und gl�cklich waren, wie die S�dstaatler behaupteten, so war auf dieser Plantage jedenfalls nichts davon zu sehen. Wut stieg in ihm auf. Das Unrecht war himmelschreiend. Es war, als h�tte er einen Splitter in seinem Fu�: Die Wunde war nicht tief genug, um etwas dagegen zu unternehmen, erinnerte ihn jedoch dauernd an das Unrecht.</p><p>Auch in seiner Beziehung zu Ashton erging es ihm �hnlich, doch es war ihm anfangs nicht klar, weshalb er sich in ihrer Gegenwart nicht wohlf�hlte. Sie erregte ihn immer noch, auch wenn der Sex kein Geheimnis mehr f�r ihn war, nachdem er mit dem Newport-M�dchen herumgespielt hatte. Erst war er in Verlegenheit geraten, als er sich auszog, doch dann hatte er die Stunde mit Sophie genossen.</p><p>K�rperlich war und blieb Ashton eines der perfektesten Gesch�pfe, das er je gesehen hatte. Auch wenn sie nicht unbedingt intelligent war, so zeichnete sie sich durch eine angeborene Gewandtheit und Schlagfertigkeit aus. Was ihn beunruhigte, wie er am Ende seiner ersten Woche in Mont Royal feststellte, war die Art, wie sie ihn k��te, sein Gesicht ber�hrte oder ihn ansah � <emphasis>erwachsen;</emphasis> es gab kein anderes Wort daf�r. Und doch war sie dieses Jahr erst f�nfzehn geworden.</p><p>Zu Ehren der G�ste veranstaltete Orry am Samstagabend ein Picknick. Verwandte und Nachbarn str�mten in der k�hlen D�mmerung herbei. Unter den G�sten befand sich eine h�bsche Frau namens Mrs. LaMotte, der Orry mit �u�erster Zuvorkommenheit begegnete. Sie verbrachte fast die ganze Zeit ohne ihren Mann, der sich in M�nnergesellschaft befand und, den ged�mpften Stimmen und dem schallenden Gel�chter nach zu schlie�en, Zoten erz�hlte.</p><p>Als die Dunkelheit hereinbrach, wurden Fackeln angez�ndet, die gleichzeitig die Insekten abhielten. Billy und Ashton verlie�en die Gesellschaft und stahlen sich, Hand in Hand, zum Flu� davon.</p><p>�Es ist herrlich, da� du hier bist�, sagte sie, als sie sich zum Pier begaben und auf das dunkle, windgekr�uselte Wasser blickten. �Wirst du lange bleiben?�</p><p>�George sagt, noch etwa eine Woche.�</p><p>�Ich freue mich sehr dar�ber. Aber es macht mich auch traurig.�</p><p>�Traurig? Warum?�</p><p>�Wenn du in meiner N�he bist � �</p><p>Sie wandte sich ihm zu, ihre Augen sahen im Fackellicht hart aus. G�ste bewegten sich schemenhaft im rauchigen Licht.</p><p>�Ja?� sagte er.</p><p>�Wenn wir zusammen sind, mu� ich dauernd gegen meine Gef�hle ank�mpfen. Ich m�chte noch n�her bei dir sein.� Sie schmiegte ihren Oberk�rper, ihren Mund und dann ihren ganzen K�rper gegen ihn. Er sp�rte die Bewegungen ihrer Lippen, als sie fl�sterte: �N�her als erlaubt.�</p><p>Er wollte sie gerade k�ssen, als er etwas unterhalb der Taille sp�rte. Gott im Himmel! Sie fa�te ihn durch seine Hose und Unterw�sche hindurch an. H�tte sich die Erde unter seinen F��en aufgetan, die �berraschung w�re nicht gr��er gewesen.</p><p>Sie murmelte seinen Namen, umschlo� ihn mit der Hand und k��te ihn wild. Schnell �berwand er seine �berraschung und sein Z�gern und erwiderte den Ku�. Mit dem linken Arm hielt sie seinen Hals umschlungen, und mit der rechten Hand dr�ckte und dr�ckte sie. Das Spiel der Lippen und H�nde f�hrte bald zu einem peinlichen H�hepunkt. Sie f�hlte, wie er in ihren Armen erstarrte.</p><p>Sie sprang zur�ck und pre�te die Handfl�chen auf die Lippen. �Um Himmels willen, habe ich�?�</p><p>Er f�hlte sich entsetzlich gedem�tigt und war unf�hig zu sprechen. Er starrte auf den Flu�.</p><p>�Billy, es tut mir ja so leid. Es war st�rker als ich.�</p><p>�Schon gut�, murmelte er.</p><p>F�nf Minuten sp�ter schlenderten Brett und Charles �ber den Rasen daher, auf der Suche nach ihnen. Billy mu�te sie damit konfrontieren, ob er wollte oder nicht. Gl�cklicherweise trug er eine wollene, gemusterte Hose; sollte also jemand so unh�flich sein und ihn fragen, was geschehen war, k�nnte er l�gen und sagen, da� er eine Tasse Punsch ausgeleert habe.</p><p>Sie gesellten sich wieder zu den andern. Es kamen keine Fragen. Doch Ashtons Verhalten ging ihm nicht aus dem Kopf. Sie war zu erfahren. Dies waren die Worte, die sich die halbe Nacht und noch einige Tage lang in seinem Kopf herumdrehten. Sie war viel zu jung, um bereits <emphasis>so erfahren</emphasis> zu sein.</p><p>Wie war es dazu gekommen? Als er sich verschiedene M�glichkeiten durch den Kopf gehen lie�, wurde er von Eifersucht gepackt. Er h�tte gerne gewu�t, wie und wo sie ihre Erfahrungen gesammelt hatte. Aber irgendwie war es ihm auch gleichg�ltig. Er wu�te, da� sich ihre Beziehung dem Ende zuneigte. Es machte ihn traurig, erleichterte ihn aber auch.</p><p>Das Wetter wurde grau. Zwischen Billy und Ashton kam es zu kleineren Reibereien. So zum Beispiel verstand sie etwas nicht, das er sagte, obwohl er es zweimal wiederholte. Oder er hatte einen Kiesel im Schuh und konnte nicht so schnell gehen, wie sie es gew�nscht h�tte. Kleinigkeiten, die sie ver�rgerten und ihnen die Stimmung verdarben.</p><p>Das Ende kam an einem stillen Samstag. Sie waren unf�hig, sich auf etwas zu einigen, das ihnen die Langeweile vertreiben w�rde. Schlie�lich schlenderten sie �ber den Uferdamm, der die Felder vom Flu� abtrennte. Nach zehn Minuten setzte sich Ashton; es k�mmerte sie nicht, ob ihr Kleid dabei dreckig wurde oder nicht. Als er sich neben sie setzte, sagte sie ohne Umschweife:</p><p>�Freust du dich darauf, n�chstes Jahr zur Akademie zu gehen?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Ich glaube, ein Mann k�nnte Gescheiteres tun.�</p><p>Er zog die Augenbrauen hoch. �Was k�mmert dich das? Du bist ja kein Mann.�</p><p>Sie sah ihn an, nicht gerade feindselig, aber auch nicht mit der W�rme, die er w�hrend des Sommers gesehen hatte.</p><p>�Nein, aber ich werde einen Mann heiraten�, sagte sie.</p><p>�Und du wei�t bereits, was du von ihm erwartest, ja?�</p><p>�Ich wei�, was ich f�r mich erwarte. Ich wei�, was ich haben m�chte, und er mu� es mir geben.�</p><p>Das Gespr�ch wurde zusehends unfreundlicher; ahnte sie, da� er sich zur�ckziehen wollte? Er mochte jedoch nicht mit ihr streiten und l�chelte, in der Hoffnung, die Spannung dadurch zu mildern. Er klopfte sich mit einem unsichtbaren Bleistift auf die Handfl�che.</p><p>�Wie sieht denn Ihre Wunschliste aus, Miss Main?�</p><p>�Mach dich nicht lustig, Billy. Ich bin f�nfzehn. In f�nf Jahren wird mein Leben zur H�lfte vorbei sein. Deins auch.�</p><p>�Das stimmt�, sagte er ern�chtert.</p><p>�Wenn du planlos durchs Leben gehst, wirst du es zu nichts bringen. Ich m�chte einen Mann mit Geld heiraten, mindestens mu� er genug Geld haben, damit ich wei�, da� er nicht auf meins aus ist. Aber was noch wichtiger ist, es darf nicht irgend jemand sein. Er mu� ein Senator oder Gouverneur sein. Ich h�tte auch nichts dagegen, wenn er Pr�sident w�re. Es w�re an der Zeit, da� wir einen neuen Pr�sidenten aus dem S�den bek�men.�</p><p>�Der alte Zach Taylor kam aus Louisiana.�</p><p>�Pah. Er war ein gr��erer Yankee als du. Wie dem auch sei, ich m�chte die Frau eines Mannes sein, der Macht und Bedeutung hat.�</p><p>Der Rest war klar, auch wenn sie ihn nicht aussprach. Der Mann, den sie heiraten w�rde, m��te ihre Ziele verwirklichen, selbst wenn er andere Ziele h�tte. Ihre dunklen Augen spr�hten, als sie sagte: �Es kann nat�rlich sein, da� es ein Soldat zu Ber�hmtheit bringt, wie zum Beispiel General Scott oder jener Yankee aus New Hampshire, der vielleicht Pr�sident wird. Wie war sein Name doch?�</p><p>�Pierce. General Franklin Pierce.�</p><p>Sie l�chelte provozierend. �Wirst du ein solcher Soldat werden?�</p><p>Es war aus. Er wu�te es. �Nein�, sagte er.</p><p>Sie war nicht auf eine solch offene und endg�ltige Antwort gefa�t gewesen. Sie setzte ein scheues L�cheln auf, lehnte sich an ihn, wobei sie mit ihrem Busen seinen Arm leicht streifte, als wollte sie ihn daran erinnern, was sie einem Mann zu geben wu�te.</p><p>�Ich wette, du k�nntest es, wenn du wolltest.�</p><p>�Ich habe nicht den Ehrgeiz dazu.� Er stand auf und klopfte sich den Staub vom Hosenboden. �Wollen wir zur�ckgehen? Es sieht aus, als ob es demn�chst regnen w�rde.�</p><p>Schweigend gingen sie zum Herrenhaus zur�ck. Sie war verbl�fft und verdrossen. In Billy breitete sich ein neues Gef�hl der Ruhe aus. Sie hatte sich ihm angeboten und den Preis genannt. Sie war unergr�ndlich und zu gef�hrlich f�r ihn. Er war vom Rand des Abgrunds zur�ckgetreten und f�hlte sich erleichtert.</p><p>Der aufkommende Wind beraubte die neben dem Haus stehenden Eichen einiger ihrer Bl�tter, die um die jungen Leute herumwirbelten, als sie auf Orry stie�en; er �berwachte ein halbes Dutzend Sklaven, die die Fensterl�den festnagelten.</p><p>�Cooper hat eben einen seiner M�nner mit dem Pferd aus Charleston hierhergeschickt�, sagte Orry. �Einlaufenden Schiffen zufolge soll sich etwa 150 Kilometer vor der K�ste ein schwerer Sturm zusammenbrauen. Ich habe Leute losgeschickt, um die andern Plantagenbesitzer zu warnen. Es k�nnte einen Hurrikan geben.�</p><p>Ashton hob den Rock hoch und rannte ins Haus. Orry beobachtete sie und kratzte sich dann im Bart. �Es sieht aus, als ob wir bereits einen Hurrikan im Haus h�tten.�</p><p>Billys L�cheln war neutral. �Hast du Charles gesehen?�</p><p>Am n�chsten Morgen war Ashton wieder die Liebensw�rdigkeit in Person. Sie rauschte ins E�zimmer und setzte sich neben Billy, der sich eben das letzte St�ck ger�ucherten Schinkens einverleibte. Sie t�tschelte seine Hand.</p><p>�Was machen wir heute?�</p><p>Er stand auf. �Ich geh mit Charles auf die Jagd, mit Pfeil und Bogen. Bis heute abend.�</p><p>Als er gegangen war, zog sich ihr Magen zu einem schmerzhaften Klumpen zusammen. Sie bereute das, was sie ihm am Flu� gesagt hatte. Sie hatte ihn eigentlich pr�fen wollen, hatte wissen wollen, aus welchem Holz er geschnitzt war und wie weit sie ihn herumkriegen konnte. Nicht, da� es wichtig gewesen w�re � sie liebte Billy. Auch wenn er sein ganzes Leben lang ein Leutnant w�re, w�rde sie ihn immer noch lieben. F�r ihn w�rde sie ihre Tr�ume, ihren Ehrgeiz � ja alles � hingeben.</p><p>Aber sie hatte das Gef�hl, da� es zu sp�t war.</p><p>Billy lehnte sich schielend �ber den Hals seines Pferdes. Es go� in Str�men, und er sah kaum einen Meter weit. B�ume krachten, �ste knackten und segelten davon. Obwohl es kaum sp�ter als vier Uhr sein mochte, war der Himmel von einem unheimlichen, dunklen Grau �berzogen.</p><p>�Da ist das Haus�, schrie ihm Charles, der vor ihm ritt, zu. Billy konnte nur den hin- und herschlagenden Schweif des Pferdes sehen. Ohne Charles w�re er verloren gewesen. Der Ritt durch den heftigen Wind hatte ihn ersch�pft. Charles schrie noch irgend etwas, aber es ging in einem ohrenbet�ubenden Krachen unter. Als Billy aufblickte, sah er, wie sich ein riesiger Ast von einer Eiche l�ste und geradewegs auf ihn zufiel. Er gab dem Pferd die Sporen. Er wurde von kleineren Zweigen getroffen, aber der schwerste Teil des Astes verschonte Ro� und Reiter.</p><p>Das Pferd geriet in Panik und b�umte sich auf. Eine Hand kam aus der Dunkelheit hervor, streichelte das Tier und beruhigte es. Als der Schrecken nachgelassen hatte, fragte Charles:</p><p>�Ist alles in Ordnung?�</p><p>Billy schluckte und nickte.</p><p>F�nf Minuten sp�ter waren sie im Stall. Die andern Pferde waren unruhig. Billy und Charles �bergaben ihre Pferde den ver�ngstigten Stallburschen und legten Pfeile und K�cher auf einen Ballen Heu. Zwei nasse, m�de und ungl�ckliche J�ger. Sie hatten den ganzen Tag nur einen einzigen Rehbock gesehen. Charles hatte Billy den Vortritt gelassen, doch Billys Pfeil flog zu weit, und der Bock fl�chtete. Daraufhin hatte Charles Billys Hemdzipfel entzweigeschnitten � die traditionelle Kennzeichnung eines Anf�ngers, der sein Ziel verfehlt hatte.</p><p>Billy war zwar verstimmt, aber der Mi�erfolg �berraschte ihn nicht. Den ganzen Tag war er von Gedanken an Ashton abgelenkt worden. Er sah sie jetzt realistischer und nicht mehr durch Emotionen verzerrt. Sie war immer noch ein sch�nes M�dchen, in mancherlei Hinsicht begehrenswert, aber sie war nichts f�r ihn. Er war dankbar, da� er dies gerade noch rechtzeitig entdeckt hatte.</p><p>�Gott sei Dank ist die Ernte schon eingebracht worden�, schrie Charles, als sie in Richtung Haus rannten. �Manchmal dringt das Salzwasser durch den Sturm bis hierher, und die Felder werden verseucht.�</p><p>�Ich dachte, die gro�en St�rme k�men im August oder im September.�</p><p>�Normalerweise ja, aber sie k�nnen auch sp�ter kommen, manchmal bis in den November hinein.�</p><p>Sie erreichten das Haus. Keuchend vor Erleichterung rannten sie hinein und sahen sich verdutzt in der Halle einer �ngstlichen Gruppe von Familienmitgliedern gegen�ber. �Nun, zumindest seid ihr beide sicher�, sagte George mit angespannter Stimme. Billy strich sich das nasse Haar aus dem Gesicht. �Was ist?�</p><p>Orry antwortete. �Deine Schwester wollte heute vormittag ausreiten. Ich habe ihr einen meiner Sklaven mitgegeben. Sie sind immer noch nicht zur�ck.�</p><p>Billy bemerkte Brett neben der Treppe. Sie blickte ihn angstvoll an, als er zu Orry sagte: �Sollen wir nochmals satteln und sie suchen gehen?�</p><p>�Ich habe die gleiche Frage gestellt�, sagte George, �aber Orry ist dagegen.�</p><p>�Mit gutem Grund.� Orry klang gereizt, als h�tte ihn die leichte Kritik von George verletzt. �Virgilia kann irgendwo auf einem der Dutzend Pfade und Wege herumreiten. Ich w��te nicht, wo ich sie zuerst suchen sollte. Abgesehen davon ist der Sturm bereits so stark, da� wir weniger als zehn Meter an ihr vorbeireiten k�nnten, ohne sie zu sehen. Aber wenn du m�chtest, George, dann gehe ich.�</p><p>�Nein, nicht, wenn es riskant ist. Ich wollte nicht heftig sein.�</p><p>�Cuffey ist ein zuverl�ssiger Bursche�, sagte Orry zu den andern. �Er wird sicher einen Unterschlupf finden. Ich bin sicher, da� ihnen nichts geschehen wird.�</p><p>Irgendwo �ber ihnen ri� der Wind einen Fensterladen weg und fegte durch ein Zimmer; M�bel fielen um, und Glas klirrte. Clarissa eilte besorgt die Treppen hoch, gefolgt von Maude und drei Hausm�dchen. Brett rannte zu Charles hin�ber. Billy bemerkte etwas sp�t, da� Ashton nicht anwesend war.</p><p>�Ich bin froh, da� ihr beide zur�ck seid�, sagte Brett, indem sie Orrys Arm ber�hrte, aber Billy ansah. Er blinzelte und sah sie buchst�blich zum erstenmal. Ihre Besorgnis �berraschte und freute ihn.</p><p>Tillet schlug den beiden J�gern vor, mit ihm ein Glas Whiskey zu trinken, um sich aufzuw�rmen. Charles willigte begeistert ein, und Billy schlenderte hinter ihnen her. Als er an Brett vorbeikam, ruhten seine Augen einen Augenblick auf ihr. Sie war jung, aber h�bsch. Ihr Gesicht hatte im Gegensatz zu demjenigen von Ashton etwas Sanftes. Er fand sie �u�erst anziehend.</p><p>Vielleicht hatte er seine Aufmerksamkeit dem falschen M�dchen geschenkt.</p><p>�Miss, wir t�ten besser daran umzukehren�, sagte Cuffey etwa eine Stunde, nachdem sie Mont Royal verlassen hatten.</p><p>�Nein, das hier ist so aufregend�, sagte Virgilia durch den brausenden Wind.</p><p>Cuffey schnitt eine Grimasse, aber da er sich vor ihr auf einem alten Maultier abm�hte, konnte sie seine Reaktion nicht sehen.</p><p>Virgilia ritt im Damensattel. Sie hatte den jungen Schwarzen gebeten, ihr malerische Pl�tze am Flu� zu zeigen. Sie ritten auf einem engen, schlammigen Waldpfad. Die dichtgewachsenen B�ume hielten zwar das bereits schw�cher werdende Licht ab, lie�en jedoch den Regen durch.</p><p>Der Wind hatte an Heftigkeit zugenommen. Virgilia hatte noch nie einen Hurrikan erlebt, der aufkommende Sturm erregte sie jedoch auf eine vollkommen unerwartete Weise: Sie begann unter ihrem Reitkleid zu schwitzen. Ihr Korsett schmerzte sie.</p><p>�Cuffey, du hast die Frage nicht beantwortet, die ich dir vor einer Weile gestellt habe.�</p><p>�Ich mach� mir Sorgen wegen des Sturms, Miss. Ich hab� die Frage vergessen.�</p><p>L�gner, dachte sie eher mitleidig als w�tend. Irgendwo hinter ihnen wurde ein Baum entwurzelt und krachte ins Unterholz. Der Boden zitterte.</p><p>�K�nnen Sie hier eine Minute warten, Miss? Ich m�chte schnell nachsehen, ob der Reitpfad nicht blockiert ist.�</p><p>Er spornte sein Maultier mit nackten Fersen an, warf einen nerv�sen Blick zur�ck und ritt davon. Ein h�bscher Bursche, etwa im gleichen Alter wie Charles. Er war auch intelligent � tat aber sein M�glichstes, es zu verbergen. Er hatte offensichtlich Angst vor den Fragen, mit denen sie ihn in der letzten halben Stunde bombardiert hatte. Die Mains hatten ihn so eingesch�chtert, da� er seine scharfe, nat�rliche Intelligenz verleugnete und unterdr�ckte. Dies war ein weiterer Grund daf�r, weshalb sie die Familie und die ganze verdammte Sklavokratie ha�te.</p><p>Um nach South Carolina kommen und sich das System mit eigenen Augen ansehen zu d�rfen, hatte sie Freundlichkeit vorsch�tzen und ihre �berzeugungen, Emotionen und W�nsche unterdr�cken m�ssen. Es war ihr nicht immer gelungen. Als der hochn�sige Orry Main sie heute von ihrem Ausritt hatte abhalten wollen, hatte sie ihm h�flich die Stirn geboten. Sie hatte es grunds�tzlich getan und auch deshalb, weil sie sich allein mit einem Sklaven hatte unterhalten wollen. Auf seinem eigenen Grund und Boden, sozusagen. Bis jetzt war das Gespr�ch aber eher einseitig verlaufen.</p><p>Cuffey kam zur�ck und trieb sein Maultier mit einem Kn�ppel an. Er schien sich vor einer erneuten Gesellschaft mit ihr zu f�rchten und au�erdem andere Sorgen zu haben.</p><p>�Miss, jener Baum ist gerade auf ein Nest von Mokassinschlangen gefallen, die nun �ber den ganzen Pfad ausschw�rmen. Sie haben Angst vor dem Sturm und sind gef�hrlich. Wir k�nnen nicht auf dem Weg zur�ckreiten, sondern wir m�ssen einen andern Weg nehmen. Es wird etwa eine Stunde l�nger dauern.�</p><p>�Das macht nichts. Du bist ein ausgezeichneter F�hrer.�</p><p>Sie lehnte sich l�chelnd vor, um seine Hand zu t�tscheln, doch er zog sie zur�ck, als ob er Feuer ber�hrt h�tte. Dann gab er dem Maultier die Fersen. �Wir k�nnen nichts anderes tun, als bis zur Stra�e am Flu� reiten�, murmelte er.</p><p>�Da es eine Weile dauern wird, bis wir nach Hause kommen, kannst du ja unterdessen meine Frage beantworten. Ich m�chte wissen, ob du wei�t, was das Wort <emphasis>Freiheit</emphasis> bedeutet.�</p><p>Schweigen. Nur der Regen war zu h�ren. Sekunden wurden zu Minuten. �Nun sag schon, Cuffey�, doppelte sie nach.</p><p>�Ich glaube schon�, erwiderte er, ohne sich nach ihr umzudrehen.</p><p>�Hast du eine Ahnung, wie dein Leben aussehen w�rde, wenn du frei w�rst?�</p><p>�Nein, Miss, ich mach� mir keine Gedanken dar�ber. Ich bin gl�cklich hier.�</p><p>�Sieh mich an und sag das noch einmal.�</p><p>Er tat keines von beidem.</p><p>�Cuffey, ich k�nnte dir Geld geben, wenn du fliehen m�chtest.�</p><p>Als er das h�rte, wirbelte er mit seinem Maultier herum; er warf wilde Blicke um sich, als ob er den Regen durchbohren wolle.</p><p>Der arme Kerl bef�rchtete, da� jemand mitten im Wald zuh�ren k�nnte. Verdammt sollten sie sein! Zum Teufel mit jedem einzelnen Main, mit jedem S�dstaatler, zum Teufel auch mit ihrem Bruder George. Er wurde ein richtiger Gimpel � ein Yankee mit Sympathie f�r den S�den. Sie w�rde alles hingeben, um die ganze Bande bestraft zu sehen.</p><p>Cuffey starrte sie mit gro�en, bittenden Augen an. �Ich w�rde nie davonlaufen, Miss. Mist� Tillet und Mist� Orry behandeln mich gut. Ich bin ein gl�cklicher Nigger.�</p><p>Wie verzweifelt das klang! Sie winkte h�flich ab.</p><p>�Na gut. Geh�n wir weiter. Es gie�t.�</p><p>Der Pfad f�hrte sie tief in den Wald hinein, und es wurde zusehends dunkler. Hatte es anf�nglich blo� stark geregnet, so go� es jetzt in Str�men, und sie war v�llig durchn��t. Sie erblickte zwei Hirsche, die sich nach Westen davonmachten. Das Dickicht belebte sich mit Rascheln und Knistern, als die Tiere vor dem dr�uenden Sturm fl�chteten.</p><p>Mit dem zunehmend heftigeren Wind wuchs auch Virgilias Wut. Sie hatte sich verstellt und falsche Versprechen abgegeben, um George dahin zu bringen, da� er sie mit in den S�den nahm. Jetzt war sie gar nicht mehr so sicher, ob sie den Rest der Ferien durchstehen konnte, ohne diejenigen, die Cuffeys Lebensgeister im Keim erstickt und seinen Mut beschnitten hatten, zu denunzieren. Sie wollte sie schlagen, verletzen�</p><p>�Was zum Teufel tust du hier, Nigger?�</p><p>Cuffey mu�te am Waldrand angekommen sein. Er schrie jemanden an, den sie nicht sehen konnte. Sie ritt rasch an seine Seite und erblickte eine sch�ne Kutsche, die mit den Hinterr�dern bis zur Nabe im Schlamm stak.</p><p>Der Kutscher sa� immer noch auf dem Bock. Der Regen trommelte auf seinen kahlen Sch�del, und er schwenkte das handgeschriebene K�rtchen, das er an einer Schnur um den Hals trug.</p><p>�Schrei mich nicht an, Nigger. Ich hab meinen Passierschein.�</p><p>Virgilia sa� regungslos da. Das Gesicht des Kutschers war verzerrt, als ob er so den Regen abhalten k�nne. Wegen der Grimasse wurden seine Z�hne sichtbar � die vier Vorderz�hne fehlten. Etwas weniger feindselig sagte Cuffey: �Hab� dich nicht erkannt, Grady. Was ist geschehen?�</p><p>�Wonach, zum Teufel, sieht�s denn aus? Die alte Mrs. Huntoon wollte, da� ich nach Charleston zur�ckfahre, damit Mr. Jim die Kutsche hat. Ich hab� ihr gesagt, da� der Sturm die Stra�en aufweichen w�rde, aber sie wollte nicht auf mich h�ren.�</p><p>Virgilia h�rte Emp�rung, ja sogar unterdr�ckte Wut aus diesen letzten Worten. Die Besitzer von Grady hatten <emphasis>ihn</emphasis> seiner M�nnlichkeit nicht berauben k�nnen!</p><p>Cuffey bemerkte, wie der andere Sklave Virgilia mit gro�em Interesse anstarrte. Eine leise Warnung lag in seiner Stimme. �Diese Dame ist ein Gast von Mont Royal. Wir sind �ber den Reitweg gekommen, aber er ist jetzt voller Schlangen, und wir m�ssen einen Umweg machen.�</p><p>�Aber jetzt lieber nicht�, empfahl ihm Grady. �Zumindest die Dame nicht. Der Sturm ist zu heftig. Sie sollte in der Kutsche warten, und ich halte Wache. Und du reitest schnell wie der Wind nach Mont Royal und sagst ihnen, da� es ihr gut geht.�</p><p>Cuffey nagte an seiner Lippe. �Ich finde, du solltest gehen.�</p><p>�Du kennst den Weg besser als ich. Geh du!�</p><p>Cuffey sah elend aus. Er hatte offensichtlich Angst, bestraft zu werden, wenn dem Besuch etwas zustie�. Aber Grady war �lter und st�rker und sch�chterte Cuffey ein. Doch dieser gab nicht nach, bis Virgilia ihre Stimme �ber das W�ten des Windes und das Klatschen des Regens erhob. �Ja, Cuffey, geh! Sie werden sich Sorgen machen. Ich bin bei diesem Mann in Sicherheit!�</p><p>�Einverstanden�, sagte er. �Aber pa� gut auf sie auf, Grady. Ich komm� so rasch wie m�glich mit einigen Herren zur�ck.�</p><p>Er ritt davon. Als der Sturm das letzte <emphasis>Plopp</emphasis> der Hufe im Schlamm verschluckt hatte, kletterte Grady vom Bock herunter. Ohne den Blick auch nur eine Sekunde von Virgilia abzuwenden, ging er zur Kutschent�r.</p><p>�Ich wei� nicht, ob Sie hier drinnen Schutz suchen m�chten, Miss? Es k�nnte na� und schlammig sein.�</p><p>�Ja, besonders wenn die T�r nicht gut schlie�t.� Sie versuchte ihm mit ihrer Mimik und ihren Blicken zu zeigen, da� er keine Angst zu haben brauchte.</p><p>Er blickte sie kurz und pr�fend an und packte dann mit beiden H�nden den T�rrahmen. Er zog heftig. Als er loslie�, fiel die T�r in den Schlamm und war nur noch durch die unterste Angel mit der Kutsche verbunden. Die zwei anderen Angeln waren losgerissen.</p><p>Er zeigte mit dem Finger darauf. �Jetzt schlie�t sie bestimmt nicht mehr. Und das Wasser wird auch eindringen.�</p><p>�Was ist � � � sie schluckte � �was ist, wenn Cuffey sich daran erinnert, da� die T�r vorher nicht kaputt war?�</p><p>�Er ist zu aufgeregt, um sich an etwas zu erinnern. Und wenn doch, wird er nichts sagen. Daf�r werde ich sorgen.�</p><p>Ihr schwindelte beinahe vor Erregung. �Wo k�nnen wir hin?�</p><p>�Nicht weit von hier ist eine alte, verlassene M�hle. Ich werde Wache stehen, wenn die andern wieder auftauchen, aber das wird mindestens noch ein paar Stunden dauern.� Er blickte sie noch einmal lange an, ergriff dann die Z�gel ihres Pferdes und ging in Richtung Stra�e.</p><p>�Ich hei�e Grady.�</p><p>�Ja, ich wei�.�</p><p>Er drehte sich um und l�chelte ihr zu.</p><p>Die alte M�hle war voller Spinnweben, und es roch nach Schimmel. Das Dach hingegen war noch dicht und bot einen ausgezeichneten Schutz.</p><p>Virgilia war nerv�s wie ein Schulm�dchen beim ersten Walzer � eine f�r sie ungew�hnliche Reaktion. Der Grund war Grady: Er sah so wild und doch so edel aus. Edel, obwohl seine H�nde und F��e schmutzig und seine Kleider zerrissen waren.</p><p>Mit einem zynischen Blick fragte er: �Weshalb wollen Sie es tun?�</p><p>�Grady, Grady�, sie fuhr ihm mit der Handfl�che �ber den kr�ftigen, nassen Unterarm, �sieh mich nicht so an. Ich will dir helfen.�</p><p>�Es gibt keinen wei�en Mann und auch keine wei�e Frau, die einem Nigger helfen w�rde. Nicht in South Carolina.�</p><p>�Im Norden ist es anders.�</p><p>�Kommen Sie von dort?�</p><p>�Ja. Im Norden ha�t man die Sklaverei. Ich hasse die Sklaverei. Ich geh�re Organisationen an, die gefl�chteten Sklaven helfen, ein neues Leben anzufangen. Ein Leben als freie Menschen.�</p><p>�Ich habe mir ein- oder zweimal �berlegt, ob ich in den Norden gehen sollte. War mir nicht sicher, ob das Risiko es wert ist.�</p><p>Sie ergriff mit beiden H�nden seinen Arm und pre�te ihn stark. �Glaub mir, es lohnt sich.�</p><p>�Sie wollen mir also blo� helfen? Ist das alles?�</p><p>�Nein�, fl�sterte sie, �du wei�t, da� das nicht alles ist.�</p><p>Er grinste. �Aber ich frage mich immer noch warum. Bin ich Ihr erster Nigger?�</p><p>�Sei nicht so eingebildet!�</p><p>Ihre etwas heftige Reaktion provozierte ein polterndes Lachen. �Nun, Sie sind nicht gerade die h�bscheste Frau, die mir je begegnet w�re��</p><p>Sie bi� sich auf die Lippen und quittierte die Beleidigung mit einem L�cheln. Er stellte die Machtverh�ltnisse klar.</p><p>�� aber daf�r haben Sie den w�rmsten Blick.� Er streichelte mit den Fingerkn�cheln sanft ihre Wangen. �Ich h�tte nichts dagegen, mehr von Ihnen zu sehen.�</p><p>Einen Augenblick sp�ter entledigte sich Virgilia ihrer Beinkleider. Mit beiden H�nden hob sie ihr Reitkleid und ihren Unterrock hoch. Grady l�chelte nicht mehr.</p><p>�Oh! Ich glaube, ich war vorhin nicht besonders liebensw�rdig. Sie sind doch h�bsch!�</p><p>�Nein, bin ich nicht. Aber das macht nichts.�</p><p>�Aber ich mu� Ihnen die Wahrheit sagen, Miss Virgilia. Ich bin noch nie mit einer wei�en Frau zusammengewesen.�</p><p>�Dann komm�, sagte sie und wippte leicht mit dem Kleid.</p><p>Die Zeit existierte nicht mehr f�r sie, als sie ihn wieder und wieder in sich aufnahm. Und der Hurrikan tobte.</p><p>Auf die von Wind und Regen gesch�ttelte Nacht folgte ein sanftes, leises Morgenrot. Als es tagte, kamen George, Billy und Cuffey zur M�hle geritten. Grady stand drau�en Wache.</p><p>�Wir haben stundenlang gesucht!� schrie Orry vorwurfsvoll. �Weshalb sind Sie nicht bei der Kutsche geblieben?�</p><p>Grady antwortete respektvoll: �Sir, wollt� ich tun. So wie ich es auch Ihrem Nigger gesagt hab�. Aber die Kutschent�r ging kaputt, und Wasser und Schlamm drangen ein. Kein geeigneter, trockener Platz f�r �ne wei�e Dame. Ich erinnerte mich an diese alte M�hle, und wir kamen hierher, gerade bevor der Sturm so richtig losging. Ich wu�te, da� Sie �n bi�chen Schwierigkeiten haben w�rden, uns zu finden, aber ich wu�te auch, Sie w�rden hier lang kommen, und Sie w�rden mich seh�n oder ich Sie. Bin die ganze Nacht hier Wache gestanden. Die Dame ist drin, und es geht ihr gut. Sie wird Hunger haben, aber sonst geht es ihr gut.�</p><p>Innerlich lachte er. Immer wenn er mit einem wei�en Mann redete, verschluckte er Silben. Sie hatten dann das Gef�hl, da� sie es mit einem dieser dummen, treuherzigen Neger zu tun hatten. Das T�uschungsman�ver funktionierte hervorragend.</p><p>Virgilia trat aus der M�hle heraus und gab vor, sehr erleichtert zu sein. Sie bedankte sich bei Grady f�r seine H�flichkeit und Loyalit�t. George sah erleichtert aus, als sie wieder hineinging, um ihre nassen Schuhe und Str�mpfe zu holen � das einzige, das sie zum Schlafen ausgezogen hatte, wie sie sagte.</p><p>Der Sturm hatte der K�ste entlang am schlimmsten gew�tet. Als er �ber den Ashley und Mont Royal hinweggefegt war, hatte er zwar B�ume entwurzelt und Stra�en blockiert, die H�user aber nur leicht besch�digt. Die Sturmflut war nicht heftig genug gewesen, um das Salzwasser bis zu den Reisplantagen flu�aufw�rts zu treiben. Alles in allem konnten die Mains dankbar sein, da� ihnen das Schlimmste wieder einmal erspart geblieben war.</p><p>Am Mittwoch der letzten Ferienwoche der Hazards k�ndigte Virgilia an. da� sie mit der Schaluppe nach Charleston fahren w�rde, um einige Eink�ufe zu erledigen, und bat um ein Hausm�dchen als Begleiterin. Virgilias Verhalten war Maude ein R�tsel. Aber schlie�lich hatte sie sich w�hrend der ganzen Reise merkw�rdig benommen, dachte Maude. Nun, vielleicht wollte sie nach Charleston, um f�r die Mains Geschenke zu kaufen? Maude hatte vor, ihre Geschenke von Lehigh Station abzuschicken. Wenn es ihrer Tochter ein Bed�rfnis war, ihre Dankbarkeit schon vor der R�ckkehr nach Hause auszudr�cken, so wollte sie sie beileibe nicht daran hindern. Die �nderung in Virgilias Benehmen war viel zu positiv, als da� sie h�tte eingreifen m�gen.</p><p>Es erwies sich als doch nicht so einfach, von ihrer Anstandsdame wegzukommen, wie Virgilia sich vorgestellt hatte. Sie mu�te warten, bis das M�dchen eingeschlafen war, was l�nger dauerte als erwartet. Schlie�lich schlich sich Virgilia aus dem Zimmer und die Hoteltreppe hinunter.</p><p>Die wei�e Frau, die allein zu sp�ter Stunde durch die Meeting Street hastete, lenkte nat�rlich Blicke auf sich, aber sie w�rde diese Menschen ja nie wiedersehen. Ihre vor kurzem entbrannte Leidenschaft war st�rker als ihre Angst vor einem m�glichen Entdecktwerden. Sie traf Grady, der im Dunkel eines Torbogens kauerte, in einer Allee in der N�he des Dock-Street-Theaters. Sie hatten in der M�hle Ort, Tag und Stunde ihres Treffens vereinbart. Er schnauzte sie an: �Du bist zu sp�t!�</p><p>�Es ging nicht anders. Hattest du Schwierigkeiten, dich aus dem Haus zu schleichen?�</p><p>�Nein, das war nicht schwierig, aber f�r Nigger begann vor einer halben Stunde Ausgehverbot. Mein Passierschein ist seit zwei Wochen nicht mehr g�ltig. Wir h�tten uns tags�ber treffen sollen.�</p><p>�Bei Tageslicht k�nnten wir dies nicht tun.� Sie legte ihm die Arme um den Hals und k��te ihn wild. �Wir h�tten Monate warten m�ssen, bis sich eine Gelegenheit geboten h�tte. Aber wir haben beschlossen, da� es heute sein sollte, und wir haben die Entscheidung zusammen getroffen, erinnerst du dich?�</p><p>�Ja.�</p><p>Sie k��te ihn wieder und �ffnete dann ihre Handtasche. �Da. Das ist alles Geld, das ich habe. Auf diesem St�ck Papier steht eine Adresse f�r Philadelphia. Ein sicheres Haus, das von Qu�kern gef�hrt wird. Von Freunden�, verbesserte sie sich, als sie merkte, da� er den andern Begriff nicht verstand.</p><p>Er befingerte sch�chtern den Zettel. �Das kann ich nicht lesen. Ich kann �berhaupt nicht lesen.�</p><p>�O Gott, daran hab� ich nicht gedacht.�</p><p>�Aber in klaren N�chten finde ich immer den Polarstern.�</p><p>�Nat�rlich! Frag bei einer Kirche nach, wenn du dich verlaufen hast. Kirchen sind zwar nicht immer der geeignete Ort f�r Ausrei�er, aber ich wei� im Moment nichts Besseres � oder etwas, das leichter zu erkennen w�re. Nun zum Essen. Kennst du die Zahlen?�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Es kann also sein, da� man versucht, dich zu betr�gen, wenn du Essen kaufst und nicht mit dem Geld umgehen kannst. Das k�nnte sogar Verdacht erregen. Stehlen w�re vielleicht weniger riskant, aber das mu�t du selbst entscheiden.�</p><p>Er vernahm die Angst in ihrer Stimme und klopfte ihr sanft auf die Schulter. �Ich werde mir schon zu helfen wissen. Mach dir keine Sorgen. Jetzt habe ich einen guten Grund, um nach Norden zu gehen.�</p><p>Sie umarmten sich wieder, lange und innig. Sie pre�te die Wange gegen sein sauberes Arbeitshemd. �Du hast mehr als nur einen Grund, Grady. Ich werde dir im Norden Schreiben und Rechnen beibringen. Du wirst neue Z�hne bekommen, und dann bist du der sch�nste Mann der Welt.�</p><p>Sie trat einen Schritt zur�ck und betrachtete ihn im schwachen Lichtschein der Allee. �Ach, ich hab� dich so gern.�</p><p>Es �berraschte sie. Weshalb war es so gekommen? Weil sie den Mains und Konsorten eins auswischen wollte? Weil sie sich total f�r eine Sache engagieren wollte? Es war beides und noch etwas mehr.</p><p>Mit einem verlegenen L�cheln fl�sterte er: �Manchmal habe ich das Gef�hl, da� wir beide einmal in der H�lle b��en m�ssen.�</p><p>Es klang eher traurig. Sie versuchte ihn aufzumuntern. �In der H�lle des wei�en oder jener des schwarzen Manns?�</p><p>�In der H�lle der Wei�en. Ich habe geh�rt, dort soll es viel netter sein. Aber es kommt letzten Endes wohl auf dasselbe heraus.�</p><p>�Nein. Wir werden ein gl�ckliches und sinnvolles Leben zusammen f�hren.�</p><p><emphasis>Und George oder wer auch immer soll ja nicht versuchen, uns davon abzuhalten.</emphasis></p><p>Ein Schatten tauchte am Ende der Allee auf. Eine Laterne blitzte auf.</p><p>�Wer ist das?�</p><p>�Lauf, Grady!� fl�sterte sie ihm zu. Er verschwand in der Dunkelheit.</p><p>Sie z�hlte bis zehn. Ihr Herz klopfte wie rasend, als der Schatten sich n�herte. Sie schmi� ihre Handtasche weg und rief: �Polizist? Bitte hierher. Ein Junge hat meine Handtasche geschnappt, und ich habe ihn verfolgt.�</p><p>Sie hatte Grady ihr ganzes Geld gegeben. Die Geschichte w�rde einleuchten. Der schwerf�llige Polizist kam keuchend auf sie zu und leuchtete mit der Laterne in ihre Augen.</p><p>�Ein Nigger?�</p><p>�Nein, ein Wei�er. Etwa f�nfzehn, sch�tze ich. Am linken Ohrl�ppchen trug er einen kleinen Goldring. Ich mache jede Wette, da� er ein Schiffsjunge auf einem der Dampfer dort dr�ben ist. Bitte leuchten Sie mit Ihrer Laterne mal dort hin�ber � ich glaube, ich sehe etwas.�</p><p>Einen Augenblick sp�ter zeigte sie ihm die Handtasche.</p><p>�Alles Geld weg. Es war dumm von mir, das Hotel zu verlassen, um frische Luft zu schnappen. Ich dachte, Charleston w�re f�r wei�e Frauen nach der Sperrstunde f�r Sklaven sicher.�</p><p>Der Polizist fiel auf ihr geschicktes T�uschungsman�ver herein. Er stellte keine weiteren Fragen und begleitete sie sogar zum Hotel zur�ck.</p><p>Zwei Tage sp�ter tauchte der Besitzer von Grady in Mont Royal auf.</p><p><strong>30</strong></p><p>Als der Besucher angek�ndigt wurde, hatten sich Orry und die andern gerade um den E�zimmertisch versammelt, wo Virgilia die Geschenke f�r die Familie ausgebreitet hatte. Bis jetzt hatte blo� Tillet sein Geschenk ausgepackt: eine teure Seidenkrawatte.</p><p>Orry stand auf. �Entschuldigt mich bitte, ich will nachsehen, was er will.�</p><p>�Ich kann es mir nicht vorstellen�, sagte Tillet. �Glaubst du, es k�nnte etwas mit Gradys Flucht zu tun haben?�</p><p>�Wieso?� entgegnete Clarissa. Dann bemerkte sie, wie ihr Gatte Virgilia anstarrte, die sich, ohne dazu aufgefordert worden zu sein, am Kopfende des Tisches niedergelassen hatte. Sie sch�rzte in eigenartiger Weise die Lippen. Blasiert, dachte Clarissa im geheimen. Auch George fiel es auf, und er runzelte die Stirn.</p><p>Orry ging in die Halle hinaus. �James, guten Morgen.�</p><p>Er ergriff Huntoons Hand, die sich wie gew�hnlich weich anf�hlte und zudem �berraschend feucht war. Trotz des k�hlen Wetters schwitzte der Besucher stark. Seine Brillengl�ser waren beschlagen. Als er sie an einem Zipfel seines Mantels abwischte und mit einer ruckartigen Bewegung wieder aufsetzte, wunderte sich Orry, wie Ashton es mit einem solchen Weichling aushalten konnte.�Was f�hrt Sie hierher?� fragte Orry.</p><p>�Ich komme nicht aus gesellschaftlichen Gr�nden. Ist Ihnen bekannt, da� einer meiner Nigger davongerannt ist?�</p><p>�Ja. Grady. Wir haben es vernommen. Tut mir leid.�</p><p>�Es scheint mir kein reiner Zufall zu sein, da� ein Nigger, der fr�her nie die leisesten Anzeichen von Unzufriedenheit zeigte, gerade dann ausrei�t, wenn Sie Besuch aus dem Norden haben.�</p><p>Orry nahm eine straffe Haltung ein. �James, Sie wollen doch nicht etwa unterstellen � �</p><p>�Ich unterstelle gar nichts�, unterbrach ihn Huntoon. �Ich sage es geradeheraus.�</p><p>Durch die offene T�r hatte er die Mains und ihre G�ste ersp�ht, und seine Stimme war so laut, da� man ihn h�ren konnte. Und schon wurde ein Stuhl beiseite geschoben. Orry erkannte den schweren Tritt seines Vaters.</p><p>Huntoon fuhr fort: �Ich bin �berzeugt, da� jemand Grady dazu ermutigt hat, fortzurennen. Mehr noch, ich glaube, da� dieser Jemand in diesem Haus zu Gast ist.�</p><p>Tillet tauchte auf, gefolgt von den andern. Huntoon warf ihnen finstere Blicke zu.</p><p>�Orry, es ist allgemein bekannt, da� einer Ihrer G�ste aus dem Norden sich f�r die Befreiung der Nigger im S�den einsetzt. In jener Nacht, als der Sturm w�tete, hat Grady bei eben diesem Gast angeblich Wache gehalten.� Huntoon schritt an ihm vorbei. �Ich m�chte mich direkt an Sie wenden, Miss Hazard. Haben Sie meinem Sklaven zur Flucht verholfen?�</p><p>Orry packte Huntoon am Arm. �Moment mal, James. Sie k�nnen nicht hier hereinplatzen und meine G�ste ins Kreuzverh�r nehmen. Es ist mir klar, da� Sie einen finanziellen Verlust erlitten haben, aber das ist keine Entschuldigung f�r � �</p><p>�Sie soll antworten�, entgegnete Huntoon unwirsch.</p><p>Die andern standen im Halbkreis um ihn herum. Ashton betrachtete Virgilia mit unverhohlener Feindseligkeit. Billy war ebenfalls w�tend, aber auf Huntoon. Tillet blickte ungl�cklich, Clarissa war verwirrt, George best�rzt, Virgilia hatte trotzig das Kinn vorgeschoben.</p><p>Orry fa�te sich und sagte: �Nein, James. Nicht bevor Sie uns einen Grund genannt haben.�</p><p>Huntoons Wangen r�teten sich. �Wozu?�</p><p>�Es f�llt mir schwer zu glauben, da� Sie nur wegen einer Vermutung gekommen sind, um gerade hier nach dem Schuldigen zu suchen.�</p><p>Blitzschnell antwortete Huntoon: �Es ist mehr als eine Vermutung. Erstens hat Miss Hazard, wie bereits gesagt, eine ganze Nacht in Begleitung meines Niggers verbracht � etwas, auf das sich eine wei�e Frau aus dem S�den nie einlassen w�rde, aber das ist ja nebens�chlich. Ich nehme an, sie hat Grady irgendwelche Flausen in den Kopf gesetzt � �</p><p>�Virgilia, bist du dir im klaren dar�ber, was dieser Mann sagt�, unterbrach ihn George.</p><p>Sie l�chelte unbeirrt. �V�llig.�</p><p>�Dann sag ihm um Himmels willen, da� es nicht stimmt.�</p><p>�Weshalb sollte ich? Weshalb sollte ich auf sein Gew�sch eingehen?�</p><p>Orry bekam Magenschmerzen. Sie hatte nicht gesagt, da� sie ohne Schuld sei. Auch George war das klar, und er sah dementsprechend aus.</p><p>�Nun�, sagte Huntoon selbstgef�llig, �da haben wir ein weiteres Beweisst�ck. Aus verl��licher Quelle wei� ich, da� Mi� Hazard an dem Abend in der Stadt war, als Grady aus Charleston fl�chtete; er trug einen alten Passierschein bei sich, den ich leider zu vernichten vergessen habe.�</p><p>Das stimmte, erinnerte sich Orry.</p><p>Huntoons Stimme wurde lauter. �Sie war nur von einem Niggerm�dchen dieser Plantage begleitet, einem M�dchen, das wegen seiner rassentypischen Dummheit leicht get�uscht werden kann. Ferner bin ich informiert worden, da� dieses M�dchen an dem fraglichen Abend kurz nach neun aufgewacht ist und dabei entdeckt hat, da� Mi� Hazard nicht mehr im Hotelzimmer war. Was, glauben Sie, hat sie zu so sp�ter Stunde anderes drau�en getan, als meinem Sklaven zur Flucht verholfen?�</p><p>Huntoon ging energisch auf Virgilia zu. �Weshalb geben Sie darauf keine Antwort, Mi� Hazard?�</p><p>�Ja, warum nicht�, sagte Ashton. �Es ist an der Zeit, da� Sie unsere Gastfreundschaft mit der Wahrheit entgelten.�</p><p>Tillet zupfte seine Tochter am �rmel. �Halt dich da raus.� Aber sie war schon an ihm vorbeigeschl�pft und hatte sich, offensichtlich Partei ergreifend, bei Huntoon eingehakt.</p><p>Orry starrte seine Schwester an und begriff nun endlich, weshalb Huntoon ausgerechnet nach Mont Royal gekommen war. Ashton, die sich in ihrem Verdacht durch einige bruchst�ckhafte Informationen best�tigt sah, hatte ihn dazu aufgefordert. Ihr Benehmen schockierte ihn zwar, aber es �berraschte ihn keineswegs. Es war l�ngst klar gewesen, da� Ashton Virgilia nicht leiden konnte.</p><p>Orry erging es �hnlich. Virgilia trug immer noch eine blasierte Miene zur Schau. Er r�usperte sich. �Es w�re vielleicht nicht schlecht, wenn Sie James� Frage beantworten w�rden, Virgilia.�</p><p>�Beantworten? Wie?�</p><p>�Indem du sagst, da� es nicht stimmt!� platzte George heraus.</p><p>�Weshalb sollte ich?�</p><p>�Verdammt noch mal, Virgilia, h�r endlich auf zu l�cheln!� George achtete nicht darauf, wie seine Frau h�rbar Atem holte. �Verdirb nicht alles. Sag, da� es nicht stimmt!�</p><p>�Das werde ich nicht.� Sie stampfte. �Ich lasse mich von diesem Mann nicht einsch�chtern und tyrannisieren, wenn er selber Dreck am Stecken hat. Wie kann er etwas von Schuld faseln, wenn er sich Leibeigene h�lt?�</p><p>In einem Anflug von Verzweiflung sagte Constance: �Es stellt ja niemand deine Prinzipien in Frage. Aber sei doch vern�nftig und vergelte die Gro�z�gigkeit der Mains nicht mit Feindseligkeit und schlechten Manieren.�</p><p>�Tut mir leid, Constance, aber ich tue, was mein Gewissen mir sagt.�</p><p>Sie ist ebenso verr�ckt wie Huntoon, dachte Orry. Der Rechtsanwalt trat dicht an Virgilia heran.</p><p>�Sie haben es getan, nicht wahr? Deshalb wollen Sie es nicht leugnen.�</p><p>�Das werden Sie nie erfahren, Mr. Huntoon�, sagte sie mit einem liebensw�rdigen L�cheln.</p><p>�Was haben Sie meinem Nigger sonst noch alles gegeben? Ihre Gunst? Haben Sie mit ihm gev�gelt, um ihm Ihre egalit�re Haltung zu beweisen? Das w�rde mich bei einer Abolitionistenhure nicht wundern.�</p><p>Billy und seine Schwester waren einander noch nie sehr nahe gestanden, aber das war zu viel f�r ihn. Mit einem Schrei st�rzte er sich auf Huntoon.</p><p>Ashton kreischte und versuchte Billy wegzuschubsen. Aber er war zu stark f�r sie. Huntoon sprang zur�ck, so da� Billy seine Gurgel verfehlte und ihm lediglich die Brille von der Nase ri�. Sie fiel zu Boden, und die Gl�ser funkelten im Licht. Als George dazwischensprang, um Billy am Arm zu packen, wurden sie zermalmt.</p><p>�H�r auf! Rei� dich zusammen! La� ihn!�</p><p>�Aber er beschimpft Virgilia!� keuchte Billy.</p><p>George stellte sich vor seinen Bruder hin und hob seinen linken Arm wie eine Eisenbahnschranke. Tillet hob die kaputte Brille auf und hielt sie Huntoon mit spitzen Fingern hin.</p><p>�Bitte gehen Sie, James�, sagte er. �Sofort.�</p><p>Huntoon fuchtelte mit der kaputten Brille in Virgilias Richtung. �Sie hat dazu beigetragen, da� ich mein Eigentum verloren habe. Und der junge Raufbold hat mich angegriffen. Ich fordere Genugtuung. Mein Sekundant wird sich mit Ihnen in Verbindung setzen.�</p><p>�Es wird kein Duell geben�, sagte Orry. Vetter Charles, der schweigend im Hintergrund stand, war entt�uscht.</p><p>Billy sch�ttelte seinen Bruder am Arm. �Warum nicht? Ich will mit ihm k�mpfen. Ich bring� den verdammten Hurensohn um.�</p><p>Huntoon schluckte h�rbar. Ashton warf Billy einen �berraschten, beinahe bewundernden Blick zu, drehte sich dann um und dr�ngte ihren Freier zur T�r. Er schimpfte und tobte, doch einige Augenblicke sp�ter sa� er in seiner Kutsche. Der erschrockene Kutscher gab dem Gespann die Peitsche.</p><p>Eine Staubwolke wirbelte auf, und Orry sagte den Hazards unumwunden, was gesagt werden mu�te:</p><p>�Wenn Huntoons Anschuldigungen bekanntwerden, wird die Nachbarschaft stark darauf reagieren. Es w�re weise, wenn Sie noch heute nach Charleston abreisen w�rden.�</p><p>�In einer Stunde sind wir soweit�, sagte George.</p><p>Er schob Billy zur Treppe. Virgilia folgte ihren Br�dern ger�uschlos; sie trug immer noch ihr k�niglich arrogantes L�cheln zur Schau. Was Orry am meisten beunruhigte, war die Reaktion seines Freundes auf die Warnung. George schien ver�rgert. Orry sch�ttelte den Kopf, fluchte und ging nach drau�en, um frische Luft zu schnappen.</p><p>Dreiviertel Stunden sp�ter machte sich George, etwas ruhiger geworden, auf die Suche nach seinem Freund. Er fand Orry in einem Schaukelstuhl auf der Veranda. Die Kutsche stand auf dem Torweg bereit, und die Hausbediensteten waren dabei, das Gep�ck auf dem Dach zu verstauen.</p><p>Orry hatte den einen Fu� auf einen Stuhl gelegt und die Augen mit der rechten Hand abgeschirmt. Seine Haltung dr�ckte ein Gef�hl der Niederlage aus. George drehte verlegen den Hut in seinen H�nden.</p><p>�Vor unserer Abreise hat mir Virgilia versprochen, da� sie dich und deine Familie in keiner Weise kompromittieren w�rde. Nun hat sie ihr Versprechen gebrochen, aber vielleicht wollte sie das schon von Anfang an. Tatsache ist, da� ich nicht wei�, was ich tun soll. Ich habe eben mit ihr gesprochen, aber sie zeigt kein bi�chen Reue; sie scheint eher noch stolz auf ihr Benehmen zu sein, was meiner Meinung nach unverzeihlich ist.�</p><p>�Ich schlie�e mich deiner Meinung an.�</p><p>Orrys direkte Antwort bewirkte, da� George die Schamr�te ins Gesicht scho�. Orry stand abrupt auf; er schien jetzt gar nicht mehr niedergedr�ckt. �Nun ja, ich wei�, da� du nichts damit zu tun hast, und Grady wird man ohnehin bald erwischen. Es tut mir leid, da� es geschehen ist, aber es ist nun mal so, und wir k�nnen nichts daran �ndern.�</p><p>�Au�er, da� meine Schwester in Zukunft nicht mehr nach South Carolina kommt.�</p><p>�Ja, das w�re nicht schlecht.�</p><p>George sprach f�r beide, als er sagte: �Wir leben in einer schlimmen Zeit. Die Unruhe wird mit jedem Tag gr��er � und wir sto�en immer wieder auf Fragen, auf die es offensichtlich keine Antwort gibt. Ich m�chte jedoch nicht, da� diese Fragen einen Keil zwischen unsere Familien treiben.�</p><p>Orry seufzte. �Ich auch nicht. Und ich mache dich auch nicht f�r das Betragen deiner Schwester verantwortlich.� Aber irgendwo blieb ein bitteres Gef�hl zur�ck.</p><p>�Wirst du n�chsten Sommer mit deiner Familie wieder nach Newport kommen? Ich werde daf�r besorgt sein, da� Virgilia anderswo ist.�</p><p>Orry z�gerte mit der Antwort: �Wenn sich bis dahin nichts ver�ndert hat � ja, ich will�s versuchen.�</p><p>�Sch�n!�</p><p>Die beiden Freunde umarmten einander. George setzte den Hut auf. �Wir tun besser daran zu verschwinden, bevor Huntoon mit einer ganzen Meute anr�ckt, um uns zu lynchen.�</p><p>�Wir kennen keine Lynchjustiz im S�den!�</p><p>�Beruhige dich, Orry. Es war blo� ein Scherz.�</p><p>Orry wurde rot. �Tut mir leid. Ich bin im Moment etwas empfindlich. Das scheint in letzter Zeit im S�den an der Tagesordnung zu sein.�</p><p>Maude und Constance traten, gefolgt von der Amme und den Kindern, aus dem Haus. �Sind alle bereit?� fragte George seine Frau.</p><p>�Nicht ganz�, antwortete sie, �wir k�nnen Billy nicht finden.�</p><p>Billy hastete eben durch den Verbindungsgang zwischen dem Herrenhaus und dem K�chengeb�ude. Eines der Hausm�dchen hatte ihm gesagt, da� Brett beim Backen half.</p><p>�Billy?� Einen Augenblick lang dachte er, es sei Brett, doch dann sah er Ashton um die Ecke biegen. �Ich habe dich �berall gesucht.�</p><p>Sie lie� ihren Reifrock, den sie beim Laufen hochgehoben hatte, fallen und betrachtete ihn pr�fend. �Oh, wie h�bsch du in deinem Reiseanzug aussiehst.�</p><p>�Es tut mir leid, da� wir unter diesen Umst�nden abreisen m�ssen.� Er hatte M�he, die Worte hervorzubringen, und f�hlte sich in ihrer Anwesenheit h�chst unbequem. �Ich wei�, da� Virgilia euer Vertrauen mi�braucht hat, aber ich konnte einfach nicht zusehen, wie dein Freund sie beschimpfte.�</p><p>Er hatte erwartet, da� Ashton ihm widersprechen w�rde, und war �berrascht, als sie nickte. �Auch mein Temperament ist mit mir durchgebrannt. Ich h�tte nicht � ich wei� nicht, warum ich es getan habe. James Huntoon ist mir v�llig wurst.�</p><p>Die Spannung wich etwas, und Billy gelang es zu l�cheln. �Dann bist du aber eine gute Schauspielerin.� Nat�rlich war ihm das schon l�ngst klar. �Ich w�nschte, dein Bruder und George h�tten mir gestattet, mit Huntoon zu k�mpfen. Ich gehe nicht schlecht mit der Pistole um.�</p><p>�Ach, James ist viel zu hasenf��ig f�r ein Duell. Nichts als Schall und Rauch � wie die meisten Politiker, mit denen er herumrennt. Du bist anders � �</p><p>Sie fingerte unter der Samtmanschette an seinem Handgelenk herum. �Du bist tapfer. Ich bewundere Tapferkeit bei einem Gentleman. Tapferkeit und St�rke � �</p><p>Ihr Zeigefinger spielte mit dem Haar auf seinem Handgelenk. Sie wollte ihn und versuchte, ihm dies mit ihrem Blick, ihrem Mund und ihrem Streicheln zu sagen. Sie versuchte, ihn zu sich zur�ckzuholen. Der Versuch scheiterte.</p><p>�Danke f�r deine Worte, Ashton, aber ich mu� jetzt gehen. Ich hab� noch etwas in der K�che zu erledigen.�</p><p>�Oh, hast du Hunger?� fragte sie mit einem spr�den L�cheln. �Man sagt, da� junge Burschen immer Hunger haben.� Sie betonte das Wort <emphasis>junge.</emphasis></p><p>Die Beleidigung brachte ihn zum Err�ten. �Entschuldige mich jetzt bitte.� Er drehte sich um und eilte davon. Es war aus mit ihm. Der abrupte Abschied hatte auch die geringste Hoffnung zerst�rt. Ihre Augen f�llten sich mit Tr�nen, die sie vergeblich zur�ckzuhalten versuchte.</p><p>Billy kam sich irgendwie idiotisch vor, als er auf der Suche nach der einen vor der andern Schwester fl�chtete. Aber er war entschlossen, Brett zu finden. Wie w�rde sie reagieren? W�tend? Mit Verachtung? Er konnte sich nur das eine oder das andere vorstellen, und doch rannte er geradewegs in die dampfende und l�rmige K�che hinein, wo eine stattliche Anzahl Haussklaven an den verschiedensten T�pfen herumhantierten. Auf dem Herd brodelte Suppe in riesigen Kesseln. Ab und zu drang ein Windsto� durch den Kamin und erf�llte den Raum mit bei�endem Rauch. Durch eine solche Rauchwolke hindurch sah er Brett beim Teigkneten.</p><p>�Sir, was kann ich f�r Sie tun?� fragte eine dralle K�chin mit Schielaugen, offensichtlich hatte sie etwas dagegen, da� ein Fremder in ihr Revier einbrach.</p><p>�Ich m�chte Miss Main sprechen.�</p><p>Brett schaute auf, sah ihn und wurde nerv�s. Mit der Sch�rze wischte sie sich das Mehl von der Wange. Als sie um den Tisch mit dem gro�en Hackbrett herumhastete, tauschten die K�che und Gehilfen verstohlen am�sierte Blicke.</p><p>�Ich wollte dir noch auf Wiedersehen sagen�, sagte Billy.</p><p>Sie strich sich einige Haarstr�hnen aus der Stirn. �Ich dachte, du w�rdest dich von Ashton verabschieden.�</p><p>�Sie ist die Freundin von Mr. Huntoon.� Der Rauch reizte ihn so stark, da� er husten mu�te. Brett ergriff spontan seine Hand.</p><p>�Komm, wir gehen nach drau�en. Es ist h�llisch hei� hier drinnen.� Das Wort h�llisch lie� vermuten, da� sie entweder k�hn oder nerv�s war. Billy entschied sich f�r letzteres.</p><p>Der k�hle Herbstwind wirkte erfrischend. Langsam wich die R�te aus Bretts Gesicht. �Ich sehe bestimmt schrecklich aus. Ich hatte nicht erwartet, da� mich jemand aufsuchen w�rde.�</p><p>�Ich mu�te dich einfach vor der Abreise noch sehen. Virgilia hat diese Ferien zwar verdorben, aber ich m�chte nicht, da� damit auch die Freundschaft zwischen unsern Familien zugrunde geht. Wir sind ja erst dabei, uns kennenzulernen.�</p><p>�Wirklich? Du meinst � �</p><p>Sie w�re am liebsten auf der Stelle gestorben. Im entsetzlichen Bewu�tsein ihres totalen Mangels weiblicher Grazie konnte sie kaum zwei Worte hintereinander aussprechen. Wie h��lich sie aussehen mu�te, mit all dem Mehl und der Hefe im Gesicht. Aber sie war wirklich nicht auf diesen Besuch gefa�t gewesen, und das hatte sie ihm gesagt. Sie hatte zwar oft davon getr�umt, da� er sie bemerken w�rde � aber um Himmels willen nicht, wenn sie schwitzend in der K�che stand.</p><p>�Ich hoffe, wir sind, wir werden � � Auch bei Billy war die Verlegenheit st�rker. Er gab auf und lachte, und damit war das Eis gebrochen.</p><p>�Niemand macht dich f�r das Benehmen deiner Schwester verantwortlich�, sagte Brett.</p><p>Er betrachtete ihre Augen. Wie h�bsch sie waren, und ganz ohne Falschheit. Sie war nicht so aufregend attraktiv wie Ashton und w�rde es auch niemals sein. Und doch strahlte sie eine gewisse Sch�nheit aus, dachte er, eine einfache und nat�rliche Sch�nheit, die teils auf ihren scheuen, sanften Blick und teils auf ihr liebevolles L�cheln zur�ckzuf�hren war. Es war eine Sch�nheit, die � im Gegensatz zu derjenigen ihrer Schwester � dem Alter standhalten w�rde. Es war eine Sch�nheit, die wie ein klarer, ruhiger Strom direkt zu ihrem Herzen f�hrte.</p><p>So sah er es wenigstens durch sein romantisches Auge.</p><p>�Es ist lieb von dir, dies zu sagen, Brett. Virgilia hat sich v�llig unm�glich benommen. Aber wir alle m�chten, da� ihr n�chsten Sommer wieder nach Newport kommt. Ich habe mich gefragt, ob � �</p><p>Die Hintert�r des Herrenhauses �ffnete sich, und das Kinderm�dchen streckte den Kopf durch die T�r.</p><p>�Master Billy? Wir haben Sie gesucht. Wir sind startbereit.�</p><p>�Ich komme.�</p><p>Die T�r wurde wieder geschlossen. Er lie� alle Vorsicht fahren. �Wenn Orry nach Newport kommen sollte, kommst du dann auch?�</p><p>�Ich hoffe es.�</p><p>�Inzwischen � ich kann zwar nicht gut schreiben � k�nnte ich dir vielleicht ab und zu einen Brief schicken?�</p><p>�Das w�re sch�n.�</p><p>Ihr L�cheln war so sanft, da� eine Welle der Freude ihn durchflutete. Durfte er sie k�ssen? Doch statt seinem Impuls nachzugeben und ihr einen Ku� auf die Wange zu dr�cken, b�ckte er sich, ergriff ihre Hand und dr�ckte wie ein romantischer Ritter seine Lippen darauf. Dann rannte er wie der Teufel los � haupts�chlich, um seinen knallroten Kopf zu verbergen. Brett dr�ckte ihre H�nde auf den Busen und starrte ihm gl�ckstrahlend nach. Endlich wandte sie sich um und ging ins Haus zur�ck.</p><p>In jenem Moment wurden die Sonnenstrahlen von den Fensterscheiben rotgolden reflektiert. Es war unm�glich festzustellen, ob jemand am Fenster stand. Aber Ashton konnte das nicht wissen. Da sie bef�rchtete, von ihrer Schwester entdeckt zu werden, zog sie rasch ihren Kopf von der Scheibe weg, durch die sie das ganze widerliche Schauspiel zwischen ihrer Schwester und Billy Hazard betrachtet hatte.</p><p>Brett war bald aus ihrem Blickfeld verschwunden, aber Ashton starrte noch lange regungslos auf das Fenster. Das durch den Spitzenvorhang fallende Sonnenlicht warf ein Schattenmuster auf ihr Gesicht � wie ein Spinnennetz. Doch ihre harte Mundlinie und die halb geschlossenen Augen verrieten ihre Wut.</p><p>�Papa, was wollte der Mann mit dem Schnurrbart?�</p><p>Die Frage kam von dem kleinen William Hazard, der sich an die Beine seines Vaters schmiegte. Patricia sa� auf Georges Scho�, die Arme um seinen Hals und den Kopf m�de auf seiner Schulter. Die beiden Kinder trugen Nachthemden aus Flanell.</p><p>In Belvedere roch es weihnachtlich nach frischen Tannenzweigen. Im Wohnzimmer vermischte sich der Duft mit demjenigen des Apfelbaumholzes im Kamin und dem Geruch von frischer Seife, der von den Kindern kam.</p><p>�Er wollte, da� ich wieder Soldat werde�, sagte George.</p><p>William wurde ganz aufgeregt. �Wirst du wieder Soldat werden?�</p><p>�Nein. Einmal ist genug. Ins Bett mit euch beiden.�</p><p>Er gab jedem Kind einen herzhaften Ku� und einen Klaps auf den Po, damit sie sich beeilten. Constance wartete auf sie in der Halle. Sie warf George ein Ku�h�ndchen zu, kr�mmte die Zeigefinger vor der Stirn und meckerte wie ein Ziegenbock. Die Kinder kreischten vor Vergn�gen und rannten davon. Sie liebten die abendliche Verfolgungsjagd. Manchmal spielte Constance einen Elefanten, manchmal einen L�wen, manchmal einen Frosch. Die Kinder erfreuten sich an ihrer Phantasie. Das �berraschte George nicht. Auch er war entz�ckt.</p><p>Doch an diesem Abend war er, obwohl er mit den Kindern gespielt hatte, etwas desorientiert. Der Besucher hatte den Generaladjutanten der Miliz von Pennsylvania vertreten. Er hatte das Gespr�ch mit der �u�erung er�ffnet, die Miliz brauche qualifizierte Offiziere, um sich auf den Krieg, der mit Gewi�heit in den kommenden Jahren ausbrechen w�rde, vorbereiten zu k�nnen.</p><p>�Welcher Krieg?� wollte George wissen.</p><p>�Der Krieg, mit dem die verr�terischen �u�erungen im S�den zum Schweigen gebracht werden k�nnen. Der Krieg, mit dem die pers�nliche Freiheit in den neugewonnenen Territorien der Nation garantiert werden soll.� Der Besucher entpuppte sich folglich als ein Bef�rworter der Freie-Boden-Partei. W�rde George der Miliz beitreten, k�nnte er bestimmt mit einem Hauptmannsrang rechnen, erkl�rte der Besucher. �Meine Gew�hrsleute in Lehigh Station haben mir gesagt, da� Sie beliebt sind. Ich bin sicher, da� damit der Nachteil Ihrer West-Point-Ausbildung wettgemacht w�re.�</p><p>Er sagte dies mit einer solchen Herablassung, da� George ihn beinahe in den Schnee hinausgeworfen h�tte. Die Erinnerungen an den Krieg in Mexiko verbla�ten langsam, und die �ffentlichkeit kehrte zu ihrem alten Mi�trauen gegen�ber dem Milit�r zur�ck � und zu ihrer Abneigung gegen�ber der Milit�rakademie.</p><p>Der Besucher war hartn�ckig, und George mu�te sein Angebot dreimal ausschlagen. Beim dritten Mal war er so ver�rgert, da� er sagte, die Sklaverei d�rfte nur mit friedlichen Mitteln abgeschafft werden.</p><p>George hatte die Disziplin des Soldatenlebens schon immer verabscheut und gehofft, ihm f�r immer entronnen zu sein. Noch mehr aber verabscheute er den Besucher und dessen sp�ttische Anspielung, da� George zu wenig patriotisch war, weil er andere Amerikaner nicht t�ten wollte. Als George daraufhin grob wurde, verlie� der Mann abrupt das Haus.</p><p>Doch mit dem Besucher waren auch die alten, unbequemen Fragen wieder aufgetaucht. Wie konnte die Sklaverei im S�den abgeschafft werden, ohne zu Gewalt Zuflucht nehmen zu m�ssen? George wu�te es nicht. Niemand wu�te es. Und bei den meisten Gespr�chen, die vielleicht zu einer Antwort gef�hrt h�tten, wurde die Vernunft meistens von den Emotionen beiseitegeschoben. Der Streit war zu tief verwurzelt und dauerte schon zu lange. Er war so alt wie die Missouri-Kompromi�linie von 1820. So alt wie die erste Schiffsladung voller Neger.</p><p>Er erinnerte sich an den Brief, den er schon seit einigen Tagen hatte schreiben wollen. Vielleicht war er deshalb liegengeblieben, weil er es ha�te, nicht die ganze Wahrheit schreiben zu k�nnen. In gedr�ckter Stimmung setzte er sich an sein Pult und starrte etwa zehn Minuten auf das leere Blatt vor ihm, bevor er die ersten Zeilen schrieb:</p><p><emphasis>Mein lieber Orry</emphasis></p><p><emphasis>Vielleicht kann ich die d�steren Erinnerungen an den vergangenen Herbst etwas abschw�chen, wenn ich dir mitteile, da� meine Schwester auf meine Aufforderung hin ausgezogen ist. Virgilias Benehmen in ihren verschiedenen Abolitionistenvereinen wurde f�r uns alle unertr�glich.</emphasis></p><p>Mehr sagte er nicht. Er schrieb nichts dar�ber, da� Grady sicher in Philadelphia angekommen war, und da� Virgilia mit dem geflohenen Sklaven �berall hinging. Sie hatte neue k�nstliche Z�hne f�r ihn besorgt, und diese Angelegenheit hatte sie und George endg�ltig entzweit.</p><p>Sie hatte George um ein Darlehen f�r die neuen Z�hne gebeten. Er war � unter einer Bedingung � einverstanden gewesen: da� sie damit aufh�rte, mit Grady herumzustolzieren. Der Streit, der darauf folgte, war kurz, laut und bitter. Er endete damit, da� George ihr befahl, Lehigh Station zu verlassen. Stanley unterst�tzte f�r einmal seinen Bruder.</p><p>Virgilia und ihr Liebhaber lebten nun in Philadelphia. Vermutlich im Elend, dachte George. Es gab wohl einige Hausbesitzer, die gewillt waren, einem unverheirateten Paar eine anst�ndige Unterkunft zu vermieten, aber niemals dann, wenn die Frau eine Wei�e und der Mann ein Schwarzer war.</p><p>�ber Gradys Vergangenheit war bis jetzt nichts bekanntgeworden. Virgilia war aber bereits in Konflikt mit sich selbst geraten, weil sie einerseits ihren Freund sch�tzen und ihn andererseits f�r ihre Sache einsetzen wollte. Grady war bereits zweimal aufgefordert worden, in der �ffentlichkeit zu reden, hatte dies jedoch abgelehnt.</p><p>Der Ausrei�er hatte jedoch vor Privatleuten in Philadelphia eine Rede gehalten, und einer der Abolitionisten war ein Gesch�ftsfreund von George. Entsetzt berichtete der Mann George, da� Grady zur Abschaffung der Sklaverei durch �Rebellion, Brandstiftung, Terror oder andere wirkungsvolle Mittel� aufgerufen hatte. George hegte den Verdacht, da� die Rede zum gr��ten Teil oder ganz von Virgilia geschrieben worden war. Nur die G�tter mochten wissen, welche irrsinnigen Pl�ne sie und Grady ausheckten.</p><p>Was f�r ein Heuchler ich doch bin, dachte George. Er scherte sich einen Dreck um Virgilias Beziehung mit dem ehemaligen Sklaven, und doch besch�tzte er sie und protegierte einen Neger, der geflohen war. Aber es war wie ein Zwang, und doch hatte er ein ungutes Gef�hl dabei, das Gef�hl, seinen Freund zu verraten.</p><p>Gott, wie er diese unruhigen Zeiten ha�te. Genau wie die Nation f�hlte er sich immer mehr gespalten.</p><p><strong>31</strong></p><p>In jenem Winter kam Brett zu einem neuen Kavalier, obwohl sie ihn nicht eigentlich ausgew�hlt hatte.</p><p>In der Familie von Francis LaMotte mu�te irgendwann mal jemand sportliche Z�ge gehabt haben, die in Forbes LaMotte zum Durchbruch gekommen waren. Er war weitaus gr��er als sein Vater, sah wesentlich besser aus und war zu einem strammen Mann herangewachsen, mit blondem Haar, stolzem Gang und einer Neigung zur Tr�gheit � au�er wenn es ums Trinken, um Pferderennen oder um Sch�rzenjagd ging. Francis hatte die Hoffnung gehegt, da� sein Sohn die 1842 gegr�ndete West-Point-Kopie, The Citadel, absolvieren w�rde. Doch Forbes wurde bereits nach einem Semester wegen mangelnder akademischer Leistungen von der Milit�rschule in Charleston gewiesen.</p><p>Forbes, der allzu leichten M�dchen der niederen Klassen �berdr�ssig und an Ashton Main nicht interessiert, hatte sein Augenmerk auf Brett gerichtet. Brett w�rde 1852 ihren vierzehnten Geburtstag feiern. Sie reifte rasch zur Frau heran und wurde zusehends ausgeglichener. Gleichzeitig war sie sich auch ihrer Anziehungskraft auf M�nner bewu�t geworden.</p><p>Forbes ritt nach Mont Royal, wo er um die Erlaubnis bat, Brett zu sehen. Normalerweise h�tte er das Haupt der Familie um die Erlaubnis bitten m�ssen, aber mit Tillets Gesundheit ging es in letzter Zeit mehr und mehr bergab. Tillet litt an Atemnot und war die meiste Zeit ans Bett gefesselt. Orry war nun praktisch f�r alles verantwortlich.</p><p>Forbes hatte in der Nachbarschaft Ger�chte geh�rt, Brett erhalte ab und zu einen Brief von jenem Burschen aus Pennsylvania, der im Herbst auf der Plantage zu Besuch gewesen war. Forbes betrachtete Billy Hazard jedoch nicht als einen Rivalen; er war weit weg, und langfristig w�rde er ohnedies vom Temperament her nicht mit einem M�dchen aus dem S�den auskommen. Sollte Billy doch jemals eine ernsthafte Bedrohung darstellen, so w�rde Forbes, der kr�ftiger war, ihm ein paar runterhauen und ihn verscheuchen.</p><p>Orry hatte gegen Forbes zwar weniger einzuwenden als gegen die meisten LaMottes, aber er mochte ihn auch nicht besonders. Trotzdem erteilte er ihm die Erlaubnis, Brett zu besuchen, was ja noch lange nicht bedeutete, da� er sie auch heiraten w�rde. Abgesehen davon glaubte er nicht, da� Brett Forbes� Geschenken oder ihm selber gro�e Aufmerksamkeit widmen w�rde.</p><p>Brett �berraschte ihren Bruder jedoch, und sie hatte ihre Gr�nde daf�r.</p><p>Auch wenn sie Billy nicht gekannt h�tte, w�re Forbes nie ernsthaft als Heiratskandidat in Frage gekommen. Wie die meisten LaMottes betrachtete er seine eigenen Ansichten als die einzig richtigen und wurde schnell w�tend, wenn jemand seine Meinung nicht teilte. Er konnte jedoch charmant sein, wenn er n�chtern und guter Laune war.</p><p>Brett war sich �ber die Ernsthaftigkeit von Billys Absichten nicht im klaren. Zwischen seinen kurzen, unbeholfen formulierten Briefen lagen lange Pausen, und Brett stellte sich vor, da� er sich sozusagen �ber Nacht mit einem M�dchen aus dem Norden einlassen k�nnte. Sie hoffte folglich, indem sie Forbes ab und zu sah, einer m�glichen Entt�uschung vorzubeugen. Sie liebte Billy mehr, als sie es sich zugestand.</p><p>Forbes war f�nf Jahre �lter als Brett und drei Jahre j�nger als der blasse Frosch Huntoon. Es gab nicht die geringste �hnlichkeit zwischen den beiden Kavalieren � Ashtons Freund war wie ein Hund an der Leine, Forbes aber war ein eigenst�ndiger Mann, was Brett freute.</p><p>Dauernd mu�te sie Forbes abwehren. �La� das!� waren die Worte, die sie am h�ufigsten zu ihm sagte, nie barsch, aber immer unmi�verst�ndlich. Auch jetzt wieder, als er �ber ihre Schulter lehnte, w�hrend sie Klavier spielte. Anstatt ihr die Noten umzubl�ttern, fa�te er sanft ihre Brust an.</p><p>�La� das, Forbes, hab� ich gesagt!� wiederholte sie, als er die Hand nicht zur�ckzog. Sie nahm ihren F�cher und gab ihm eins auf die Finger. �Weshalb behandelst du mich wie eine jener Dirnen aus Charleston, hinter denen du her bist?�</p><p>Er grinste. �Weil du zehnmal h�bscher bist als sie alle und weil ich dich zehnmal mehr begehre.�</p><p><emphasis>�Begehren</emphasis> ist ein Wort nur f�r Ehem�nner�, sagte sie mit einem L�cheln.</p><p>�Oh, du hast aber eine ganz sch�n starke Sprache f�r ein M�dchen in deinem zarten Alter!�</p><p>Aber er geno� es. Sie offenbar auch, denn sie fuhr mit der Neckerei fort: �Wenn du dir schon Gedanken �ber mein zartes Alter machst, weshalb fummelst du dann so an mir herum, als ob ich eine alte Henne w�re?�</p><p>�Ich kann nicht anders�, sagte er und wechselte ans andre Ende des Klaviers hin�ber, st�tzte den Ellbogen auf und blickte auf sie herunter. Sie wand sich unter seinem �berraschend ernsten Blick. �Du wei�t, da� ich nach dir verr�ckt bin, Brett. Bald werden wir beide heiraten.�</p><p>�Sei nicht so sicher�, entgegnete sie ihm, indem sie aufsprang. �Du bringst mir ja nicht einmal die Geschenke, um die ich dich bitte.�</p><p>�Na h�r mal, verflixt und zugen�ht, in Charleston verkauft niemand die <emphasis>National Era.</emphasis> Zudem m�chte ich nicht umgebracht werden, weil ich ein Abolitionistenblatt gekauft habe.�</p><p>�Aber Forbes � in allen Zeitungen und Zeitschriften wird der Roman von Mrs. Stowe abgedruckt. Ich m�chte einen Teil davon lesen.� Sogar Orry hatte Interesse an dem neuen Roman bekundet.</p><p>�Lesen!� �ffte Forbes sie verachtungsvoll nach. �M�dchen sollen nicht lesen. Ich nehme an, da� <emphasis>Godey�s</emphasis> und die Gedichte von Mr. Timrod zwar keinen Schaden anrichten, aber wenn Gott gebildete Frauen gewollt h�tte, w�rde er daf�r sorgen, da� sie nach Harvard gehen k�nnten. Aber sie werden nicht zugelassen, und somit nehme ich an, da� die Dinge klargestellt sind.�</p><p>�Idiotisch, was du da sagst. Idiotisch und konservativ.�</p><p>�Zum Teufel damit. Onkel Justin leidet schwer, weil Tante Maddie so viel liest. Du solltest mal den Schund sehen, den sie aus New York kommen l��t. Justin sch�umt vor Wut.�</p><p>�In deiner Familie kriegt jeder gleich einen Wutanfall, wenn ihm etwas nicht pa�t. Gute Nacht, Forbes�, sagte sie in sehr bestimmtem Tonfall und ging hinaus.</p><p>Wie vom Donner ger�hrt stand er da und starrte auf die T�r. �Brett? Warte, verdammt noch mal! Ich wollte nicht � �</p><p>Es hatte keinen Sinn; sie war schon die Treppe hochgerannt.</p><p>Ver�rgert lie� er seine rechte Faust auf seine linke Handfl�che klatschen. Als er aufblickte, bemerkte er Ashton und Huntoon in der Halle. Ashtons Kavalier hatte kaum je Gelegenheit, jemandem eins auszuwischen, der so kr�ftig wie Forbes war. Diese Chance durfte er sich nicht entgehen lassen.</p><p>�Sie fluchen, lieber Freund? Aber, aber! Das ist nicht die richtige Art, mit einer Dame umzugehen. Sie sollten � � Huntoon schluckte den Rest hinunter, denn Forbes war auf ihn losgest�rmt.</p><p>�Ein Wort mehr, und ich schlag� Ihnen in die Schweineblase, die Sie Ihr Gesicht nennen.� Er packte Huntoon am Hemdkragen. ��berall auf Ihren feinen Kleidern wird Blut sein. Wahrscheinlich k�nnten Sie den Anblick nicht ertragen und w�rden in Ohnmacht fallen.�</p><p>Er drehte sich abrupt um und zerri� dabei Huntoons Kragen. Dann nahm er Hut, Stock und Handschuhe und stapfte in den milden Februarabend hinaus. �Nigger, mein Pferd!�</p><p>Ashton sch�ttelte sich vor Ekel. �Er ist wie ein Tier.�</p><p>�Absolut�, pflichtete ihr Huntoon bei und nestelte an seinem zerrissenen Kragen herum. �Ich begreife nicht, wie deine Schwester das aushalten kann.�</p><p>Ashton warf einen Seitenblick auf die fettig gl�nzenden Wangen Huntoons und unterdr�ckte ein Schaudern. Darauf nahm sie ihn l�chelnd am Arm.</p><p>�Sie hat keinen Ehrgeiz. Sie rennt einem miesen Burschen nach dem andern nach.�</p><p><emphasis>Darunter einem, den ich haben will.</emphasis></p><p>Forbes und Brett s�hnten sich bald darauf wieder aus. Dies war haupts�chlich Bretts Verdienst. Sie hatte n�mlich beschlossen, nichts von dem, was Forbes sagte, ernst zu nehmen.</p><p>In jenem Winter stattete Huntoon Mont Royal mindestens zweimal pro Woche einen Besuch ab, aber Ashton f�hlte sich trotzdem nicht gl�cklich. Ihre Gedanken drehten sich um jemand anderen. Eines Nachmittags verfolgte sie ihre Schwester bis zum Weidenkorb, in dem die eingegangene Post aufbewahrt wurde. Da sie als erste ankam, schnappte sie sich einen versiegelten Briefumschlag. �Oh, da ist ja schon wieder ein Brief von Billy! Das ist bereits der zweite diesen Monat. Er macht sich!�</p><p>Brett langte nach dem Brief. Die Eifersucht in den Augen ihrer Schwester war nicht zu �bersehen. �Ashton, der geh�rt mir!�</p><p>Das �ltere M�dchen lachte und schwenkte den Brief hoch �ber ihrem Kopf. �Was gibst du mir daf�r?�</p><p>�Wenn du mich weiterhin foppst, ein blaues Auge.�</p><p>�Du meine G�te! Das h�rt sich ja mehr und mehr wie Mr. LaMotte an.� Sie schmi� den Brief zu Boden. �Wei� Billy etwas von ihm?�</p><p>Bretts Stimme zitterte. �Scher dich zum Teufel!�</p><p>Ashton war v�llig verbl�fft. Noch nie hatte ihre Schwester einen auch nur ann�hernd so profanen Ausdruck verwendet. Vielleicht war sie doch zu weit gegangen. Aber sie konnte nicht anders. Sie f�hlte sich elend, und die Besuche von Huntoon verst�rkten dieses Gef�hl nur. Er versuchte jedesmal, sie in eine stille Ecke zu dr�ngen und an ihr herumzufummeln. Wenn sie Widerstand leistete, greinte er jedesmal verletzt: �Weshalb behandelst du mich so, Ashton?�</p><p>�Weil wir noch nicht verheiratet sind. Blo� weil Orry und du euch �ber die Mitgift einig geworden seid, glaubst du wohl, du k�nntest dir jetzt schon s�mtliche Freiheiten nehmen.�</p><p>Ihr unberechenbares Benehmen stellte ihn immer wieder vor ein R�tsel. Oft schien sie Gefallen an seinen Avancen zu finden, obwohl er nie zu weit gehen durfte. Doch dann wies sie ihn wieder mit einer beinah eifrigen Pr�derie ab. Das alles verwirrte ihn sehr, besonders wenn er an die Ger�chte dachte, die sie mit einem m�nnlichen Mitglied der Smith-Familie in Verbindung brachten.</p><p>�Aber manchmal gibst du mir gewisse Rechte�, beklagte er sich.</p><p>�Ja, aber jetzt nicht. Und ich hab� auch keine Lust, mich mit dir dar�ber zu streiten.�</p><p>Huntoon hatte pl�tzlich Flecken im Gesicht. �Hast du die Absicht, dich so nach unsrer Heirat zu benehmen?�</p><p>�Du wirst es abwarten m�ssen.�</p><p>Sie bemerkte, da� sie ihn ver�rgert hatte. In ihrem eifrigen Bem�hen, ihn immer wieder wissen zu lassen, wer in ihrer Beziehung das Zepter f�hrte, war sie zu weit gegangen. Sie gab ihm einen fl�chtigen Ku�. �Beruhige dich, James. Du wei�t, da� ich dich heiraten m�chte. Und wenn wir verheiratet sind, wirst du eine brillante Karriere machen.�</p><p>�Gem�� den Pl�nen, die du bereits f�r mich geschmiedet hast?�</p><p>Jetzt war er es, der zu weit ging. Sie erbla�te und erstarrte und trat zur�ck. �Mein Lieber, das klingt aber sauert�pfisch. Wenn du deine Meinung �ber die Dinge, die wir besprochen haben, ge�ndert haben solltest � �</p><p>Sie brach ab. Es war genau die richtige Taktik. Panikartig ergriff er ihre Hand.</p><p>�Nein, nein, ich habe meine Meinung �berhaupt nicht ge�ndert. Ich m�chte, da� du unsre Zukunft planst. Ich bin nicht wie die engstirnigen LaMottes, sondern ich bin daf�r, da� die Ehefrau eine Partnerin ihres Mannes sein soll. Besonders wenn der Mann im �ffentlichen Leben eine Rolle spielen will.�</p><p>�Deine guten Absichten freuen mich, James. Du hast bereits ber�hmte Freunde, und du wirst noch mehr haben. Sollen die LaMottes ihr Leben mit W�rfelspielen und Pferderennen verbringen � man wird sie vergessen, noch bevor sie gestorben sind. Nicht aber Mr. und Mrs. James Huntoon aus South Carolina!�</p><p>Er lachte, wenn auch etwas nerv�s. �Ashton, du bist einfach wundervoll. Ich wette, da� ich � w�re ich nicht meines eigenen Schicksals Schmied � mich ganz dir �berlassen k�nnte, wenn ich das wollte; da� du jede Entscheidung f�r mich treffen k�nntest und der Erfolg mir immer noch gewi� w�re.�</p><p><emphasis>Immer noch?</emphasis> Der eingebildete Kerl glaubte doch wohl nicht daran, da� er es aus eigener Kraft zu einem durchschlagenden Erfolg bringen k�nnte? Oh, er w�rde nicht ganz erfolglos sein, aber ohne sie w�rde er nie ber�hmt werden. Und dies w�rde er bald kapieren.</p><p>�Du hast recht, Liebling.� Sie schenkte ihm ein warmes L�cheln. Dann k��te sie ihn und �ffnete den Mund, als sich ihre Lippen ber�hrten.</p><p>Er war ihrer Wahrheit zu sehr auf die Schliche gekommen. Sie w�rde ihn heiraten, aber die Ehe w�rde nach den von ihr gesetzten Bedingungen ablaufen. Der arme Dummkopf hatte dies geahnt und sich ihr bereits ergeben. Doch wenn er zu sehr darauf herumreiten w�rde, k�nnte das ganze unangenehm werden.</p><p>Gott sei Dank wu�te sie, wie er abzulenken war. W�hrend sie einander k��ten, legte sie die Handfl�che auf die Innenseite seines Hosenbeins und machte tr�ge kreisf�rmige Bewegungen.</p><p>Der Fr�hling r�ckte n�her. Eines Abends im M�rz zog sich Orry mit einem Brief von Billy, den er dreimal gelesen hatte, in die Bibliothek zur�ck. Aber auch nach dem dritten Mal wu�te er noch nicht, wie er reagieren sollte.</p><p>Er sa� gedankenverloren da, den Brief immer noch in der Hand haltend. Die Schatten wurden l�nger. In der ihm gegen�berliegenden Ecke befand sich der Kleiderst�nder mit seiner Uniform und seinem S�bel. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit h�rte er Hufgeklapper, und wenige Augenblicke sp�ter platzte Charles schwitzend herein. Er grinste.</p><p>�Wo warst du?� fragte Orry, obwohl er sich das denken konnte.</p><p>�Bin mit Minx am Flu� unten geritten.�</p><p>�Du hast bestimmt mal wieder ein Rennen veranstaltet.�</p><p>Charles lie� sich in einen tiefen Sessel fallen und schwang ein Bein �ber die Lehne. �Ja, Sir. Ich habe Forbes und auch Clinch Smith geschlagen. Minx hat die beiden einen halben Kilometer hinter sich gelassen. Und zwanzig Dollar hab� ich auch gewonnen.�</p><p>Er zeigte ein paar Goldst�cke, lie� sie in der Hand klinken und sprang dann auf. �Ich habe einen B�renhunger. Du solltest ein Licht anz�nden. Es ist finster wie in einer H�hle.�</p><p>Wahrscheinlich n�tzte der Ratschlag nichts, dachte Charles. Wenn Orry in eine seiner d�steren Stimmungen versank, konnte er stundenlang in der finsteren Bibliothek sitzen. Meistens fanden ihn die Hausbediensteten bei Sonnenaufgang schnarchend in seinem Stuhl. Nicht ohne einen Krug mit Whiskey und ein leeres Glas.</p><p>Charles zeigte auf den Brief. �Irgendeine schlechte Nachricht?�</p><p>�Ich glaube nicht. Der Brief ist von Billy.� Orry streckte Charles die Hand mit dem Brief hin.</p><p>Orrys Worte verwirrten Charles. Er z�ndete eine Lampe an und las den kurzen, f�rmlichen Brief seines Freundes. Bevor er im Juni auf die Milit�rakademie ging, wollte Billy nach Mont Royal zur�ckkehren, und, gem�� den herrschenden Sitten, formell um die Erlaubnis bitten, um Brett freien zu d�rfen.</p><p>�Das ist ja gro�artig�, rief Charles schlie�lich aus. Er klang pl�tzlich ern�chtert: �W�rde es Probleme geben, wenn Billy hierherk�me � wegen der Huntoons, meine ich?�</p><p>�Nein. Ich habe ihnen schon vor langem tausenddreihundertf�nfzig Dollar f�r Grady gegeben, um Schwierigkeiten vorzubeugen.�</p><p>Charles stie� einen leisen Pfiff aus und sank im Stuhl zur�ck. �Davon hatte ich keine Ahnung.�</p><p>Orry zuckte die Schultern: �Ich f�hlte mich f�r ihren Verlust irgendwie schuldig und wollte, da� George wieder einmal nach Mont Royal zu Besuch kommen kann, ohne da� es deswegen Probleme gibt. Au�er den Huntoons und meinem Vater wei� niemand etwas davon. Behalt es f�r dich.�</p><p>�Selbstverst�ndlich.�</p><p>Charles schwenkte den Brief. �Wei� Brett etwas davon?�</p><p>�Noch nicht.�</p><p>�Du schreibst Billy, da� er kommen darf, nicht wahr? Und du wirst ihm erlauben, ihr den Hof zu machen?�</p><p>�Ich bin mir noch nicht sicher, wie ich die Fragen beantworten soll. Billy ist ein feiner junger Mann, aber er will Offizier werden.�</p><p>�Ich auch. Ich werde im Sommer in einem Jahr nach West Point gehen, erinnerst du dich? Guter Gott, Orry � du hast das arrangiert. Du hast mich dazu ermutigt!�</p><p>�Ja, ja, ich wei߫, sagte Orry schnell. �Und ich freue mich, da� du gehst. Aber seit unseren ersten Gespr�chen �ber die Akademie hat sich die politische Lage ver�ndert. Zum Schlechten. Sollte es Schwierigkeiten geben, glaube ich, da� du in erster Linie deinem Heimatstaat gegen�ber loyal bist. Und Billy ist ein Yankee.�</p><p>Sanft fragte Charles: �Glaubst du, da� es Schwierigkeiten geben wird?�</p><p>�Manchmal ja. Ich wei� nur nicht, welcher Art und wie ernst sie sein werden.�</p><p>�Na und? Sind die Hazards und die Mains nicht trotz allem gute Freunde? Wenn du nicht davon �berzeugt w�rst, h�ttest du die Huntoons nicht ausbezahlt.�</p><p>�Ich glaube, du hast recht. Aber ich will Brett auch nicht ins Ungl�ck st�rzen.�</p><p>Charles sagte frostig: �Ich nehme an, da� es ihre eigene Entscheidung ist.�</p><p>�Es ist auch meine. Jetzt, da Vater kaum noch aufstehen kann, bin ich das Oberhaupt der Familie.�</p><p>Orry sah, da� er vielleicht etwas zu pessimistisch gewesen war. Obwohl es tats�chlich viele Anzeichen f�r eine Spaltung gab, zeigten ebenso viele Anzeichen auf eine andere Entwicklung hin. Die S�dstaatler spielten immer noch eine f�hrende Rolle im Leben der Nation. General Scott, ein Mann aus Virginia, war immer noch der Oberbefehlshaber der Armee, und Orry hatte vor kurzem gelesen, da� Robert Lee, der gute Chancen hatte, Scotts Nachfolger zu werden, wahrscheinlich bald zum Superintendenten von West Point ernannt w�rde. Die meisten hervorragenden Pers�nlichkeiten des Offizierskorps der Armee waren S�dstaatler.</p><p>Cooper behauptete, in der ganzen Region gebe es Anzeichen f�r ein wachsendes Interesse an der Industrialisierung. Die durch Sklavenarbeit gewonnene Baumwolle war zwar immer noch das wichtigste Produkt, aber die Eisenbahnlinien des S�dens wurden ausgebaut und verbessert. Die <emphasis>Mont Royal</emphasis> hatte zu viele Frachtauftr�ge f�r ihre Kapazit�t. Cooper war voller Enthusiasmus aus Gro�britannien zur�ckgekehrt: Er glaubte an eine Zukunft f�r den Handel im S�den im allgemeinen und f�r seine Frachtlinie im besonderen. Vielleicht w�rden diese neuen Str�mungen die alten allm�hlich ersetzen, vielleicht w�rden M�nner guten Willens die Rhetts und Huntoons verdr�ngen und die Schwierigkeiten aus dem Wege schaffen�</p><p>Aber irgendwie war Orry davon nicht �berzeugt.</p><p>�Orry?�</p><p>Er wurde aus seiner Tr�umerei gerissen. �Ja?�</p><p>�Du beantwortest beide Fragen mit Ja, nicht wahr? Du wirst Billy einladen und ihm die Erlaubnis geben, um Brett zu werben?�</p><p>�Ich werde Brett den Brief geben und dar�ber nachdenken. Mehr kann ich im Augenblick nicht tun.�</p><p>Niedergeschlagen verlie� Charles das Zimmer.</p><p>�Er hat mir verboten, den Roman zu lesen�, �rgerte sich Madeline. �Er ri� ihn mir aus den H�nden und befahl, ihn zu verbrennen � wie ein Kind hat er mich behandelt!�</p><p>Sie ging bis zum Ufer des Sumpfs. Orry blieb auf dem Kalkfundament sitzen und trommelte mit den Fingern auf das Buch, das er mitgebracht hatte. Es war von einem Journalisten aus dem Norden namens Whitman; in einer eigenartigen neuen Versform. Cooper lobte die unzusammenh�ngenden Gedichte, die seiner Meinung nach den Rhythmus des Maschinenzeitalters wiedergaben. Orry fand sie holprig, obwohl sicher ein Rhythmus darin war. F�r ihn war es wie der Schlegel einer Trommel.</p><p>�Ich werde George bitten, mir ein Exemplar zu schicken�, sagte Orry. �Aber es ist mir ein R�tsel, wieso du einen solch aufwieglerischen Schund lesen willst?�</p><p>Sie wirbelte herum. �Fang um Gottes willen nicht an, wie Justin zu reden. Mrs. Stowes Roman ist der Erfolg des Jahres.�</p><p>Sie hatte recht. George hatte geschrieben, da� seine ganze Familie die sentimentale Geschichte �ber Sklaven und Sklavenbesitzer gelesen hatte, zuerst als Fortsetzungsroman und dann noch einmal als Buch, das erst vor kurzem in zwei B�nden erschienen war. Trotz all der Beachtung, die dem Roman geschenkt wurde, war Orry jedoch �berhaupt nicht am Leben der �rmsten unter den Armen interessiert. Er wurde Tag f�r Tag Zeuge dieses Lebens und brauchte sich dessen H�rte nicht von Mrs. Stowe beschreiben zu lassen. Er machte sich in letzter Zeit selbst gen�gend Gedanken dar�ber.</p><p>Als Antwort auf Madelines Bemerkung brummte er: �In diesem Teil des Landes ist es nicht der Erfolg des Jahres. Ein passenderer Ausdruck daf�r w�re Skandal.�</p><p>Sie h�tte sich gekr�nkt f�hlen k�nnen, aber sie war es nicht, denn sie wu�te, da� er sich wegen Billy Hazards Brief Sorgen machte, �ber den er lange mit ihr gesprochen hatte. Sie legte den Arm um seine Taille und k��te ihn.</p><p>�Ihr M�nner hier seid solche Hitzk�pfe. Ich vergesse das immer wieder � zu meinem eigenen Nachteil.�</p><p>�Was hei�t das?�</p><p>�Das hei�t, da� die Konsequenzen au�erordentlich unangenehm waren, als Justin <emphasis>Onkel Toms H�tte</emphasis> letzte Woche entdeckte.�</p><p>�Er wurde zornig��</p><p>�Er tobte. Aber das war nicht das Schlimmste. Er entdeckte das Buch kurz vor dem Abendessen. Francis war an jenem Abend bei uns, und so lie�en sich beide fast w�hrend des ganzen Essens �ber die Notwendigkeit eines freien und unabh�ngigen S�dens aus.�</p><p>�Es tut mir leid, da� du das �ber dich ergehen lassen mu�test.�</p><p>Sie betrachtete ihre H�nde. �Das tat ich eben nicht. Ich sagte, da� solche Spr�che f�r eine Wahlrede �u�erst geeignet, in der Praxis jedoch v�llig l�cherlich sind. Ich wei�, da� es ein Fehler war, etwas zu sagen, aber bei diesen zwei kann ich einfach den Mund nicht halten. Justin ist jedoch fest entschlossen, mir meinen angestammten Rang klarzumachen � und der schlie�t aus, da� ich meine Meinung �ber etwas Wichtigeres als die neueste � �, ihre Kehle war zugeschn�rt, und sie konnte den Satz nicht beenden. Orry bemerkte, da� ihr die Erinnerung sehr weh tat. Mit schwacher Stimme fuhr sie fort: �� die neueste Stickereimode �u�ere.�</p><p>Er legte das Buch von Whitman beiseite und ergriff ihre Hand. �Wie reagierte Justin auf deine �u�erung?�</p><p>�Schlimm. Er sperrte mich f�r einen Tag und eine Nacht in meinem Zimmer ein. Nancy mu�te mir alle B�cher wegnehmen und das Essen hinstellen. Sie war die einzige Person, die ich w�hrend der ganzen Zeit sah. Ich mu�te ihr sogar den Nachttopf hinausreichen � �</p><p>Madeline senkte den Kopf und verdeckte die Augen. �Mein Gott, war das erniedrigend.�</p><p>�Dieses Schwein. Ich sollte ihn umbringen.�</p><p>Rasch strich sie sich die Tr�nen von den Wangen. �Ich m�chte dir keine Sorgen machen. Ich kann nur mit niemandem sonst dar�ber reden.�</p><p>�Ich w�re zorniger, wenn du es mir nicht gesagt h�ttest. Ich m�chte dich von diesem verdammten Platz entf�hren. Resolute ist kein Heim, es ist ein Gef�ngnis.�</p><p>�Das stimmt. Es wird immer schwieriger, Justin und meine eigene Stellung zu akzeptieren. Fr�her einmal hatte ich edle eigene Vorstellungen �ber Ehre und die heilige �Verpflichtung� des Eheversprechens.� Sie verzog den Mund, aber das L�cheln mi�lang. �Justin hat aus jeder einzelnen einen Witz gemacht.�</p><p>Sie hielt seine Taille umschlungen und schaute ihn mit Tr�nen in den Augen an. Dann umarmte sie ihn heftig; sie hatte ein wenig Zuneigung und Trost bitter n�tig. Sie k��te ihn immer wieder.</p><p>Er versteckte sein Gesicht in ihrem Haar und kostete die bittere Liebe voll aus. Wie immer verriet ihn sein K�rper. Sie sp�rte, da� er sie wollte, und pre�te ihn noch mehr an sich, um ihm zu zeigen, da� auch sie ihn wollte. Die Spannung, die durch ihre selbstauferlegte Zur�ckhaltung entstand, war immer qualvoll, aber heute war sie kaum noch zu ertragen.</p><p>Sie �ffnete ihr Korsett und zog an ihrer Unterw�sche. Sie dr�ckte ihn fest an sich und warf den Kopf in den Nacken. Mit geschlossenen Augen geno� sie in vollen Z�gen, wie er ihre Br�ste liebkoste und k��te.</p><p>Nie zuvor waren sie so weit gegangen. Nur �u�erste Willensanstrengung hielt sie zur�ck, den letzten Schritt zu gehen.</p><p>�Orry, wir d�rfen nicht.� Ihre Stimme war heiser.</p><p>�Nein.�</p><p>Aber er wu�te nicht, wie lange er es noch aushalten w�rde, sie zu lieben, sie zu begehren und dies zu unterdr�cken.</p><p>Einige Tage sp�ter gingen Orry und Charles nach dem Abendessen auf die Veranda, um einen Whiskey zu trinken. Dunst verschleierte die Sonne und verlieh dem Licht eine schwache rosa F�rbung. Orry starrte auf das Lichtspiel auf dem Flu�, w�hrend Charles in einer Ausgabe des <emphasis>Mercury</emphasis> bl�tterte. Seit einiger Zeit verbrachte er jeden Tag ein paar Minuten damit, ein weiteres Zeichen daf�r, da� er erwachsen wurde.</p><p>Seit seinem letzten Treffen mit Madeline litt Orry wieder unter k�rperlicher Frustration. Es war wieder einmal Zeit f�r einen n�chtlichen Besuch bei einer nicht gerade sch�nen, aber feurigen Witwe, mit der er eine Abmachung getroffen hatte. Er war sich seiner Antwort Billy gegen�ber immer noch nicht im klaren, und auch jetzt konnte er sich nicht entscheiden.</p><p>Charles legte die Zeitung nieder. �Hast du sie schon gelesen?�</p><p>Orry sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Huntoon hat schon wieder eine Rede gehalten.�</p><p>�Wo?�</p><p>�In Atlanta. Was ist Volkssouv�? Da, sprich das Wort f�r mich aus.�</p><p>Orry lehnte sich hin�ber, um das Wort zu sehen, auf das Charles zeigte. �Souver�nit�t. Senator Douglas pr�gte es. Es bedeutet, da� die Leute in neuerworbenen Territorien das Recht haben, sich f�r oder gegen die Sklaverei zu entscheiden.�</p><p>�Huntoon sagt, da� dies nicht annehmbar sei, genauso wie die Freie-Boden-Doktrin. Die kenne ich auch nicht.�</p><p>�Die Freie-Boden-Doktrin besagt, da� der Kongre� die moralische Verpflichtung hat, Sklaverei in den neuen Territorien zu verbieten, ohne den Volkswillen zu ber�cksichtigen. Ich kann mir die Rede von James gut vorstellen.� Orry spreizte die Finger und pre�te die Spitzen wie ein Redner auf die Brust. Die Stimme war pomp�s: �Ich bekenne mich zum gro�en Calhoun. Unsere Institutionen m�ssen der Flagge folgen. Es ist die heilige Pflicht des Kongresses, alles Eigentum in einem Territorium zu besch�tzen � �</p><p>An diesem Punkt hielt er mit seiner Mimik inne. �Eigentum bedeutet Sklaven. Das ist die einzige territoriale Doktrin, die von unseren Nachbarn akzeptiert wird.�</p><p>�Was ist deine Meinung?�</p><p>Orry �berlegte kurz. �Ich glaube, ich bin mit Douglas einverstanden. George vermutlich auch.�</p><p>�Tja, ich habe versucht, mich �ber diese Dinge zu informieren. Ich glaube, ich werde es brauchen k�nnen, denn in West Point werde ich schlie�lich Leute aus allen Landesteilen treffen.�</p><p>�Wahrscheinlich wird sich die Territorialfrage schon viel eher zuspitzen. Vielleicht schon, wenn wir im Herbst einen neuen Pr�sidenten w�hlen. Die Bev�lkerung im Westen nimmt rasant zu, die Loyalit�t wird auf eine harte Probe gestellt werden. Auch diejenige innerhalb der Familien�, schlo� er mit einem strengen Blick auf Charles.</p><p>Der j�ngere Mann streckte seine Beine aus und sah auf den Flu� hinaus, in dem nur noch vereinzelt rosa Lichtflecken aufleuchteten. �Du machst dir immer noch Sorgen dar�ber, nicht wahr? Hast du deshalb Billy noch nicht geschrieben?�</p><p>Orry runzelte die Stirn. �Woher wei�t du, da� ich noch nicht geantwortet habe?�</p><p>�Sonst w�rde Brett nicht mit dieser Leichenbittermiene herumlaufen. Ich wei�, ich sollte mich da nicht einmischen, aber ich werde den Eindruck nicht los, da� du Billy nur aus einem einzigen Grund eine Absage erteilen willst: Weil er ein Yankee ist. Das ist genau wie � � Er schluckte. Jetzt brauchte es Mut. �Genau wie Huntoon. Oder wie Virgilia Hazard. Sie schmei�en jeden, der auf der andern Seite steht, in den gleichen Topf.�</p><p>Es fuchste Orry in der Tat, da� Charles ein Werturteil abgegeben hatte, aber es dauerte nur einige Sekunden, bis seine Vernunft schlie�lich die Oberhand gewann. Vernunft und Gef�hl, denn wenn Billy um die Hand seiner Schwester anhielt, w�rde das die Bande zwischen den beiden Familien st�rken. Virgilia hatte sie beinahe zerst�rt.</p><p>Ein L�cheln k�mpfte sich durch Orrys dichten Bart. �Charles, du entwickelst dich zu einem klugen jungen Mann. Das freut mich.� Er holte tief Atem. �Ich werde heute abend einen Brief an Billy aufsetzen. Einen Brief, �ber den er sich freuen wird. Vielleicht hast du Lust, Brett zu informieren?�</p><p>Charles stie� einen Freudenschrei aus, sch�ttelte Orry die Hand, da� ihm H�ren und Sehen verging, und rannte ins Haus.</p><p>Orry schrieb den Brief tats�chlich an jenem Abend. Billy sei herzlich willkommen in Mont Royal und sollte alle Hazards mitbringen. Au�er Virgilia, dachte er, aber es war nicht n�tig, das zu schreiben. Er w�rde ein Fest oder einen Ball organisieren, um den ungl�cklichen Ausgang des letzten Besuchs wettzumachen.</p><p>Dieser Brief tat Orry gut. Es war zwar ein kleiner, aber ein positiver Schritt. Wenn es Freunden aus Nord und S�d nicht gelang, Eintracht zu bewahren, wie konnte man es dann von den M�nnern in Washington erwarten?</p><p><strong>32</strong></p><p>Die Hazards nahmen Orrys Einladung an und trafen am Mittwoch der dritten Maiwoche ein. Maude war nicht dabei; sie hatte sich bei der Gartenarbeit den Fu� verrenkt und war nicht reisef�hig.</p><p>Am Samstag w�rde in Mont Royal ein Ball abgehalten werden. Man hatte Einladungen an die ganze Nachbarschaft verschickt. �In Anbetracht der Herkunft eurer G�ste wird Justin es vorziehen, zu Hause zu bleiben�, hatte Madeline Orry bei ihrem letzten Rendez-vous gesagt.</p><p>Er k��te ihren Hals. �La� ihn. Aber du kommst.�</p><p>�W�re das nicht himmlisch? Aber ich bef�rchte, da� uns dieses Gl�ck nicht beschieden sein wird. Justin wird anwesend sein. Er hat n�mlich Angst, da� �bel �ber ihn geredet wird, wenn er eine Einladung der Mains ausschl�gt. Aber rechne nicht damit, da� er guter Laune sein wird.�</p><p>Am ersten Abend versammelten sich Damen und Herren nach dem Abendessen getrennt. George geno� Whiskey und Zigarre und sagte: �W�hrend der Eisenbahnfahrt durch Virginia und North Carolina habe ich nur zwei Gespr�chsthemen geh�rt: Der Roman von Mrs. Stowe� � Tillet tat ger�uschvoll seine Verachtung kund ��und die Sezession.�</p><p>�Die Idee rast wie ein Sturmwind durch unsern Staat�, sagte Orry. �Das geschieht alle paar Jahre.�</p><p>�Aber diesmal scheint es ernster zu sein�, warf Charles ein.</p><p>Cooper schwenkte sein Whiskeyglas. Er war etwa gegen siebzehn Uhr mit seiner Frau und dem kleinen Judah eingetroffen. �Es ist wirklich ein Sturm. Und er wird unser Haus niederrei�en. Einige S�dstaatler scheinen das begriffen zu haben, vor allem Alexander Stephens. Doch die meisten Idioten sind von ihrer eigenen Rhetorik geblendet und merken nicht, da� die Union nicht so einfach gespalten werden kann wie ein St�ck Holz. Zu vieles steht auf dem Spiel, wirtschaftlich und politisch, als da� die Bundesregierung einfach zusehen k�nnte. In Charleston reden die Leute von einer friedlichen Sezession. Absurd. Ein totaler Widerspruch.�</p><p>�Du bist nat�rlich ein Experte in der ganzen Angelegenheit�, gab Tillet von Sarkasmus triefend zur�ck. Cooper entschied sich daf�r, den Inhalt seines Glases zu betrachten. Tillet fuhr fort: �Eine Trennung mit friedlichen Mitteln w�re ideal, aber wenn das unm�glich ist � wie du behauptest �, dann gibt es nur noch Trennung mit Waffengewalt. Es gibt einige Wahrheiten, die ewig g�ltig sind, Cooper. Tod ist besser als Tyrannei.�</p><p>Cooper blickte seinen Vater ruhig an und sagte mit sanfter Stimme: �Das sagen auch die Neger, wenn sie dir davonrennen.�</p><p>Tillet stand auf. �Entschuldigt mich bitte. Ich dachte, dies sei ein gesellschaftliches Treffen.�</p><p>Mit langsamen, z�gernden Schritten verlie� er das Zimmer und knallte die T�r zu.</p><p>George blickte ganz verdattert. �Es tut mir leid. Daran bin ich schuld.�</p><p>Billy erhob Protest. Orry ebenfalls: �Sind wir nun schon so weit, da� wir uns nicht einmal mehr eine normale Meinungsverschiedenheit erlauben d�rfen?�</p><p>Cooper lachte, jedoch ohne Humor. �Wir haben dieses Stadium schon vor Jahren in diesem Haushalt erreicht. Ich sage mir zwar immer wieder, da� sich die Dinge �ndern k�nnen, aber sie �ndern sich nie.�</p><p>Er hielt Orry sein Glas hin. Orry sah den Schmerz hinter dem trockenen L�cheln seines Bruders.</p><p>�Schenk mir noch einen ein, bitte.�</p><p>Constance klatschte in die H�nde. �Das ist eine herrliche Nachricht, Judith.�</p><p>Die andern schlossen sich ihr an, au�er Ashton, die gelangweilt die Decke anstarrte. Die Damen hatten sich im Musikzimmer versammelt und tranken Sherry. Brett hatte man nur starken Tee erlaubt. Als eines der Hausm�dchen die leeren Gl�ser abr�umte, fragte Clarissa: �Wann rechnest du mit der Niederkunft, Liebes?�</p><p>�Ungef�hr in sechseinhalb Monaten�, sagte Judith. �Der Arzt hat mir bereits das Reisen verboten, und Cooper hat sich seiner Meinung angeschlossen. Dein Sohn ist manchmal wirklich konservativ�, f�gte sie mit einem L�cheln hinzu. �Er wird leider diesen Sommer allein nach England gehen.�</p><p>�Schon wieder nach England?� rief Brett. �Ihr beide seid doch eben erst zur�ckgekommen.�</p><p>�Ja�, antwortete Judith, �aber du wei�t ja, da� Cooper sehr von Brunei, dem ber�hmten Ingenieur, eingenommen ist. Sie haben sich das erste Mal herrlich verstanden, und Brunei hat Cooper f�r einen zweiten l�ngeren Besuch eingeladen. Cooper tr�umt ja davon � �</p><p>Sie h�rten jemanden murren und fluchen. Clarissa eilte zur T�r. Schlie�lich war Tillets ver�rgerte Stimme nicht mehr zu h�ren.</p><p>�Du meine G�te�, sagte sie, als sie sich wieder setzte. �Mein Mann. Ich wette, es gab wieder mal ein politisches Gespr�ch.�</p><p>�Ja, die Politik verdirbt heutzutage alles�, sagte Judith mit einem Seufzer.</p><p>Clarissa hatte pl�tzlich einen entschlossenen Zug um den Mund. �Ich m�chte nicht, da� sie eure Ferien verdirbt. Und ich will auch nicht, da� sie den Ball verdirbt. Es wird ein fr�hliches Fest werden, an das wir uns alle gerne erinnern werden. Und da die M�nner nicht daf�r besorgt sind, m�ssen wir uns eben darum k�mmern.�</p><p>Alle waren einverstanden. Ashton mu�te sich ihnen wohl oder �bel anschlie�en. Aber ein Ball zu Ehren von Billy Hazard und seiner Familie, zu Ehren von Brett, lie� in ihr eine �tzende Wut hochsteigen. Und diese Wut gebar den Wunsch auf Rache an all denen, die ihr Unrecht getan hatten.</p><p>�Mh, mh, sto� ihn rein.�</p><p>�Ashton, ich�, � er keuchte ebenso stark wie sie � �m�chte dir nicht weh tun.�</p><p>�Verdammt, Forbes, sto� ihn rein. Ganz tief. Oh! Ja!�</p><p>Die letzten Worte gingen in einem St�hnen unter. Wie aus weiter Ferne h�rte Ashton das Orchester und die eintreffenden Kutschen. Forbes war mit seiner Familie unter den ersten G�sten gewesen. Ashton hatte ihm aufgelauert und ihn gleich in diese dunkle und abgeschiedene Stallecke gelockt.</p><p>Sie war wild darauf gewesen, mit einem Mann zu schlafen. Aber nicht mit irgendeinem Mann, sondern mit demjenigen, dessen Brett sich entledigen wollte. Dies war aber nicht der einzige Grund, weshalb sie sich sofort auf Forbes gest�rzt hatte. Es war ihr n�mlich zu Ohren gekommen, da� er ein hervorragender Liebhaber war. In dieser Hinsicht entt�uschte er sie nicht. Sie hatte das Gef�hl, ein Kanonenrohr in sich zu haben.</p><p>Sie standen einander von Angesicht zu Angesicht gegen�ber, und sie lehnte mit dem R�cken gegen die Stallwand. Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern, wie sie ihren Rock hochgehoben und sich ihrer Beinkleider entledigt hatte. Der rasende Rhythmus warf sie immer wieder gegen die Stallwand. Ihr rechtes Bein lag auf Forbes� H�fte, und sie hatte das Gef�hl, da� das linke Bein jeden Augenblick unter ihr nachgeben w�rde.</p><p>Als sie den H�hepunkt erreichten, mu�te sie sich auf die Unterlippe bei�en, um ihre Schreie etwas zu d�mpfen. Ihre Fingern�gel gruben sich in Forbes� Nacken. Als er etwas sp�ter Blutflecken auf seinem Taschentuch entdeckte, sagte er: �Wie zum Teufel soll ich das erkl�ren?�</p><p>Er stand mit heruntergelassener Hose da, w�hrend Ashton bereits wieder ihre diversen R�cke glattstrich. �Du wirst dir schon etwas einfallen lassen, Lieber. Wie w�r�s mit den Moskitos? Sie sind heute abend besonders schlimm. Ich bin bereits zweimal gestochen worden.�</p><p>�Klar, das ist�s. Moskitos.� Er betupfte sich nochmals den Nacken und grinste dann halb bewundernd, halb respektvoll: �Ashton, du bist wirklich Klasse.�</p><p>�Es tut dir also nicht leid, da� du hierhergekommen bist?�</p><p>�Um keinen Preis. Das war � na, seien wir ehrlich � fast das Beste, was ich je erlebt habe.�</p><p>Sie zog einen Schmollmund. �Ist das alles? Fast?�</p><p>Er lachte. �Eingebildet bist du auch nicht, du Dirnchen.� Er spielte liebevoll mit ihrer Brust. �Einverstanden, das Beste also.�</p><p>�Danke, Forbes. Aber la� bitte die H�nde von meinem Kleid, sonst seh� ich wieder ganz unordentlich aus.�</p><p>Sie brachte emsig und geschickt ihre Kleider wieder in Ordnung. Sie h�tte dasselbe sagen k�nnen wie Forbes. Noch nie zuvor war sie so sehr erregt und hinterher so befriedigt gewesen. Er war grob, er hatte ihr weh getan, aber sie hatte jede Sekunde genossen.</p><p>Sie wagte es ihm jedoch nicht zu sagen. Es w�rde ihm blo� in den Kopf steigen. Sollte er doch schmachten. Sie summte vor sich hin.</p><p>Schlie�lich platzte er heraus: �Darf ich dich wiedersehen? Ich meine, auf diese Art?�</p><p>�Heute abend nicht mehr. Ich mu� schlie�lich nett sein mit all den Yankees.�</p><p>�Nat�rlich nicht heute abend. Ich meinte so lange, bis du Jim Huntoon heiratest.�</p><p>Sie trat ger�uschlos mit wippendem Kleid an ihn heran. �Forbes, es ist wichtig, da� du etwas klarsiehst: Meine Beziehung mit Mr. James Huntoon ist � na, sagen wir � gesch�ftlicher Art. Dies hier ist Vergn�gen. Solange man diskret ist, gibt es keinen Grund daf�r, weshalb das Vergn�gen nicht unbegrenzt weitergehen soll.�</p><p>�Du meinst also auch, nachdem du und Huntoon � �</p><p>�Warum nicht? Es sei denn, du w�rdest wieder mal zuviel trinken und mich mit deiner lockeren Zunge in Verlegenheit bringen. Sollte das auch nur einmal geschehen, wirst du mich nie wiedersehen.�</p><p>�Ich schw�re dir, ich werde schweigen wie ein Grab. Verlange von mir, was du willst, Ashton, und ich werde es tun. O Gott, du bist wirklich ein Biest.�</p><p>Bevor sie den Stall in zwei verschiedenen Richtungen verlie�en, durfte er sie nochmals k�ssen. Bis jetzt war sie durchaus mit sich zufrieden. Forbes hatte ihr etwas von der f�rchterlichen Spannung, die sich in letzter Zeit in ihr gestaut hatte, genommen. Doch was nicht minder wichtig war, er hatte sich ihr ganz unterworfen. Sie hatte das Gef�hl, Besitzerin eines neuen Sklaven geworden zu sein.</p><p>Als sie �ber den Rasen in Richtung des hell erleuchteten Herrenhauses eilte, war ein L�cheln auf ihren roten Lippen zu sehen. Es war nicht unwahrscheinlich, da� aus Mr. Forbes LaMotte ein wertvoller Verb�ndeter w�rde.</p><p>An jenem Abend standen hinter jedem Fenster Kandelaber, und der Rasen war mit Lampions �bers�t. Das Haus war zu klein f�r all die G�ste, die mit Kutsche und Pferd eingetroffen waren, und sie hielten sich drau�en unter den B�umen auf oder fanden sich in kleinen Gr�ppchen.</p><p>Mit Ausnahme der St�hle hatte man im Erdgescho� alle M�bel entfernt. Im E�zimmer wurde zu der Musik von �Grabow�s Orchestra� aus Charleston getanzt. Orry hatte die <emphasis>Eutaw</emphasis> gemietet, um die vierzehn Musiker und ihre Instrumente auf die Plantage zu bef�rdern. Um Mitternacht w�rde der Flu�dampfer, falls das Wetter g�nstig blieb, eine kleine Fahrt mit den G�sten machen, wobei man an Bord speisen w�rde.</p><p>Auf der Wiese vor dem Flu� waren Tische mit Speise und Trank aufgestellt worden. Sklavenjungen versuchten, mit Wedeln die Insekten von Schinken, Lamm, gebratenem Rindfleisch, Huhn, Austern, Krabben und andern Meeresfr�chten fernzuhalten. Es waren fast hundert Kilo Schinken und ebensoviel von den anderen Leckereien f�r das Fest eingekauft worden. Man trank Champagner, franz�sischen und deutschen Wein.</p><p>Die G�ste hatten sich dem Anla� entsprechend elegant gekleidet, und es duftete nach teuren Parf�ms. Es war noch keine Stunde vergangen, und doch wu�te Orry bereits, da� das Fest ein Riesenerfolg war.</p><p>Obwohl ihm sehr hei� war, geno� Orry den Abend. Das Fest war f�r ihn ein Symbol all dessen, was sein Heimatstaat an Eleganz und Positivem zu bieten hatte. Die Lichter, Essen, Wein und Musik verbreiteten eine wohlige Atmosph�re. Ein magischer Zauber lag �ber dem Abend.</p><p>Tillet und George erz�hlten Geschichten und brachen immer wieder in lautes Gel�chter aus, als h�tten sie die Diskussion �ber die Sezession v�llig vergessen. Orry sah, wie sie ihre Gl�ser auff�llten und Arm in Arm davonschlenderten.</p><p>Constance stolperte eben mit rotem Gesicht, atemlos und kichernd, von der Tanzfl�che. Einer der Smiths hatte sie zu einer Polka aufgefordert und ihrem anf�nglichen Z�gern schlie�lich mit Charme den Garaus gemacht. Es waren viele Damen und Herren namens Smith anwesend, aber niemand war mit Whitney Smith verwandt.</p><p>Constance hatte schnell und viel getanzt und von ihrem Partner ein Kompliment bekommen. Clarissa umarmte sie und sagte: �Sie tanzen wie eine Frau aus dem S�den. Sind Sie sicher, da� Sie nicht ganz hierherziehen wollen?�</p><p>�Es ist ein so herrliches Fest mit so vielen herrlichen Menschen, da� ich mich noch �berzeugen lassen k�nnte, Clarissa.�</p><p>Orry schlenderte wieder nach drau�en. Er lehnte sich an eine wei�e S�ule, nippte an seinem Glas und l�chelte jedermann zu. Er f�hlte sich etwas umnebelt, aber herrlich. Nicht alle waren jedoch so euphorisch gestimmt. Cooper war immer noch �ber das Verhalten seines Vaters vom vergangenen Abend verstimmt, wie sein finsterer Gesichtsausdruck bewies.</p><p>Orry ging auf ihn zu und klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter, wobei er etwas Champagner versch�ttete.</p><p>�Na, komm, genie� es doch f�r einmal! Du mu�t zugeben, da� es ein verflucht sch�nes Fest ist.�</p><p>�Ja�, sagte Cooper ohne gro�e Begeisterung. �Es w�re herrlich, wenn die Leute sich den Yankees gegen�ber immer so gro�herzig benehmen w�rden.�</p><p>Orry war etwas verdutzt. �Wenn dir das Fest gef�llt, warum l�chelst du dann nicht?�</p><p>�Ich mu� immer wieder an den Aufwand denken, den ein solches Fest verlangt. Nicht alle Menschen hier k�nnen sich vergn�gen, wie du siehst.�</p><p>Mit einer langsamen, majest�tischen Bewegung lenkte er Orrys Blick auf einen Mann, der sich schwitzend, zwei schwere Weinkisten auf den Schultern, durch das Gew�hl k�mpfte. Der Mann war ein Haussklave, achtundsechzig Jahre alt.</p><p>W�tend drehte Orry sich um und ging.</p><p>Von diesem Augenblick an verd�sterte sich seine Stimmung. Alles was er sah und h�rte, steigerte sein Unbehagen und seine Melancholie.</p><p>Einer der Jungen der Bull-Familie ri� eine Schnur mit Papierlaternen herunter; eine davon fing Feuer und h�tte beinahe den Reifrock von Tante Betsy Bull entflammt. Sie schnauzte ihren jungen Verwandten an und empfahl ihm, seinen Kopf in eine Pferdetr�nke zu stecken, bis er wieder n�chtern sei. Der Junge machte ein ernstes Gesicht, als ob er sich den Tadel zu Herzen genommen h�tte. Aber es war nicht ein reum�tiges Herz, das an dem ver�nderten Gesichtsausdruck schuld war, sondern ein durch zuviel Alkohol in Aufruhr geratener Magen. Der Junge mu�te sich vor Tante Betsy erbrechen. Einige Zuschauer ergriffen angewidert die Flucht; einem wurde beinahe �bel. Die Dinge schienen pl�tzlich einen schlechten Lauf zu nehmen. Etwas sp�ter begegnete er Justin LaMotte in dem �berf�llten Haus. Justin hatte einen Stuhl f�r sich in Anspruch genommen, indem er seinen in einem gl�nzenden Stiefel steckenden Fu� darauf st�tzte. Alle andern St�hle rund herum waren besetzt.</p><p>�� ist mir ehrlich gesagt egal, wen die Partei nominiert�, sagte er eben. �Yancey hatte recht. Die traditionelle Loyalit�t der Partei gegen�ber ist am Verrotten. W�hlt man die Whigs, w�hlt man eine kranke, wenn nicht tote Partei. W�hlt man die Demokraten, steht man auf Seiten einer politischen Organisation, die nicht mehr die Interessen der Region vertritt. Ich pers�nlich bin f�r die Amerikanische Partei. Keine Immigranten. Kein Pfaffentum. Und demn�chst auch �keine Abolition�.�</p><p>Orry starrte unmi�verst�ndlich auf Justins Stiefel. Justin blickte seinen Gastgeber ver�chtlich an und fuhr unbeirrt mit seinen dramatischen Ausf�hrungen fort. Orry wandte sich angewidert ab.</p><p>Zehn Minuten sp�ter lehnte er an der E�zimmerwand und sah George und Madeline beim Walzer zu. George schien es zu genie�en.</p><p>Als Orry sein Glas hob, versch�ttete er etwas Champagner und bemerkte, da� er betrunken war. Aber es war ihm egal. Es war ein Viertel nach elf Uhr und das Fest lief auf vollen Touren.</p><p>Orry betrachtete Madeline. Wie sch�n sie aussah, und wie anmutig sie mit seinem besten Freund tanzte. Ihr Busen hob sich milchwei� gegen ihr smaragdgr�nes Kleid ab. Die Farbe pa�te gut zu ihrem dunklen Haar und den dunklen Augen.</p><p>George tanzte gekonnt und mit Schneid. Kein Wunder, dachte Orry, und genehmigte sich ein weiteres Glas, er hatte ja noch alle n�tigen Glieder zur Verf�gung.</p><p>Ach, wie sehr w�nschte er sich, ein ganzer Mann zu sein, Madeline um einen Tanz zu bitten und die Liebe, die ihn erf�llte, nicht mehr verstecken zu m�ssen! Er pre�te die Lippen zu einem Strich zusammen. Seine dunklen Augen verrieten seine Wut. Er hielt sein Glas hin, ohne hinzusehen. Und genau wie er es erwartet hatte, war ein Sklave zur Stelle, um ihm neu einzuschenken.</p><p>�Sie ist eine charmante Partnerin�, sagte George, als er nach dem Tanz Madeline zu Orry geleitete. ��u�erst charmant. Aber ich sehe, da� Constance nach mir auf der Suche ist. Du entschuldigst mich, Orry, ja? Ich bedanke mich, Mrs. LaMotte.�</p><p>Und weg war er. Madeline err�tete und stand nerv�s neben Orry.</p><p>�Ich verstehe, weshalb du ihn gern hast�, sagte sie. �Er ist lieb, intelligent und am�sant.� Sie �ffnete ihren Spitzenf�cher. �Es ist ein wundervoller Abend. Schade, da� die Zeit so schnell vergeht.�</p><p>Er blickte ihr tief in die Augen; betrunken wie er war, machte es ihm nichts aus, ob jemand sie sah.</p><p>�Alles geht so schnell vorbei, Madeline. Die Monate. Die Zeit, die uns bleibt��</p><p>Sie klappte den F�cher so ruckartig zu, da� eine der Rippen brach. Sie schlo� die Augen und sagte schweigend und inst�ndig: <emphasis>Bitte nicht!</emphasis></p><p>Zu seiner �berraschung trat sie pl�tzlich zur�ck. Sie kam ihm wie eine Marionette vor. �Ja, die Zeit vergeht wirklich schnell. Und bevor wir uns versehen, sind wir pl�tzlich alt.� Weshalb redete sie so laut? �Wei�t du, wie der Junge von Francis, Forbes, mich jetzt nennt? Tante Maddie!� Sie lachte, aber er wu�te, da� sie am liebsten geweint h�tte.</p><p>�Da bist du ja, Liebling!�</p><p>Sie drehten sich um. Es war Justins Stimme. �Jemand sagte mir, da� du mit einem Yankee getanzt hast. Ich hoffe, es ist nichts davon h�ngengeblieben.�</p><p>Justins Gesicht spiegelte eine Mischung aus Langeweile und s��lichem Humor. Seine Bemerkung war offensichtlich als Beleidigung von Orrys Gast gemeint. Obwohl Orry w�tend war, konnte er nichts dagegen tun. Justin l�chelte, und Orry mu�te die Bemerkung als Witz nehmen.</p><p>Justin hielt seiner Frau den Arm hin. �Sollen wir uns einige der Leckerbissen genehmigen, die unser Gastgeber bereitgestellt hat, Liebling?�</p><p>�Geh du nur, Justin, ich habe bereits gen�gend � �</p><p>�Ich bestehe darauf.� Er packte sie an der rechten Hand und zwang sie, seinen Arm zu nehmen. Sie f�hlte sich gedem�tigt und err�tete. Als Justin sie wegf�hrte, warf sie Orry heimlich einen sehnsuchtsvollen Blick zu. Er f�hlte die gleiche Sehnsucht; es war beinahe unertr�glich. <emphasis>Das kann nicht so weitergehen. Es mu� etwas geschehen.</emphasis></p><p>Irgendeine Intuition sagte ihm, da� eine �nderung zwar vielleicht nicht sofort, aber doch irgendwann eintreten mu�te. Es <emphasis>w�rde</emphasis> etwas geschehen. W�rde es zu ihren Gunsten oder zu ihrem Nachteil sein?</p><p>Billy und Brett wirbelten walzertanzend an Orry vorbei. Sie bemerkten weder seinen verwirrten Gesichtsausdruck noch sonst etwas, sondern lebten ganz in ihrer momentanen Gef�hlswelt. Billy w�nschte sich, da� die Musik und die Nacht nie ein Ende n�hmen.</p><p>�Die Kamelien kamen gerade, bevor ich heruntergekommen bin�, sagte Brett. Er stie� einen Seufzer der Erleichterung aus. Es war das erste Mal, da� sie etwas von dem Geschenk sagte. �Es sind so viele! Das Arrangement mu� ein Verm�gen gekostet haben�, f�gte sie hinzu.</p><p>�Die Hazards werden sich das wohl leisten k�nnen.�</p><p>Nun f�hlte er sich wie ein Idiot. Die Bemerkung war hochtrabend. Gott im Himmel, wie sehr sie ihn doch mit ihren leuchtenden Augen, ihrem geneigten Kopf und ihren Lippen verwirrte! George hatte ihm einmal gesagt, da� viele Kadetten in West Point sich gegen eine Romanze aussprachen, weil die Liebe einem den Kopf verdrehte und dies wiederum nicht mit dem Studium zu vereinbaren sei. Billy konnte eine solche Einstellung begreifen, aber jetzt war es f�r ihn schon zu sp�t.</p><p>�Auf jeden Fall sind die Blumen wundervoll � genau wie der Gedanke, der dahinter steckt.�</p><p>�Danke. Es gibt M�dchen, die so was nicht bemerken w�rden.�</p><p>�Das kann ich mir nicht vorstellen.�</p><p>�Aber es stimmt. Deshalb bist du anders als die andern. Du flirtest nicht und l��t den andern nicht im dunkeln herumtappen. Du sagst, was du denkst. Das geh�rt zu den Dingen, die ich an dir so sehr liebe�� � er schluckte das Wort hinunter und wurde rot � ��so sehr mag.�</p><p>�Fr�her hatte ich den Eindruck, da� dir gerade das nicht gefiel.�</p><p>Er grinste. �Es ist vielleicht besser, wenn wir uns nicht �ber meine vergangenen Fehler unterhalten. Es gibt n�mlich so viele, da� uns kaum noch Zeit f�r etwas anderes bleiben w�rde.�</p><p>�Oh, du machst nicht viele Fehler. Auf jeden Fall keine schwerwiegenden.�</p><p>�O doch.� Wie durch einen Schleier hindurch sah er das blasse Gesicht von Ashton. Sie stand neben Huntoon und beobachtete ihn. �Manchmal mache ich auch etwas richtig. Zum Beispiel, als ich Orry gebeten habe, um dich werben zu d�rfen. Ich w�nschte, ich k�nnte dich �fters als nur einmal im Jahr besuchen.�</p><p>�Aber ich freue mich, da� du ihn gefragt hast, und ich freue mich, da� er ja gesagt hat.� Sie dr�ckte seine Hand. �Ich werde dir eine Menge Briefe schreiben. Und vielleicht darf ich dich mit Orry einmal in West Point besuchen. Es ist doch ein ber�hmter Ferienort, nicht wahr?�</p><p>�Ich glaube ja. Aber du wirst hier ja wahrscheinlich nicht zu einsam sein. Der LaMotte-Bursche wird dir wahrscheinlich den Hof machen.�</p><p>�Nicht mehr. Forbes ist ein gut aussehender Mann, aber er benimmt sich, na ja, zu alt. Er wird mich nicht mehr besuchen�, sagte sie betont.</p><p>�Wei� er das?�</p><p>�Ja, ich habe es ihm vor einigen Minuten gesagt. Ich fand es n�tig, da du mir Kamelien geschickt hast und � � Ihr Gesicht wurde puterrot. �Billy, sieh mich bitte nicht so an! Ich verschmelze. Wie ungeschickt von mir, das so offen zu sagen, aber ich kann nicht anders � � Sie pre�te einen Augenblick ihre Wange an die seinige und fl�sterte: �Ich mag dich schon so lange! Ich dachte, du w�rdest mich nie bemerken.�</p><p>Er lehnte etwas zur�ck und blickte wieder in ihre Augen. Diesmal fiel es ihm nicht schwer, die richtigen Worte zu finden:</p><p>�Ich werde nie eine andere bemerken. Nie!�</p><p>Mit einem halbleeren Glas in der Hand sah Forbes LaMotte Billy und Brett beim Tanzen zu. Der Anblick ihrer verliebten Gesichter widerte ihn an und machte ihn w�tend. Er bemerkte nicht, da� Ashton sich an seine Seite stahl. Als sie sich bei ihm einhakte, erschrak er.</p><p>�Forbes, Liebling, du siehst stinkw�tend aus.�</p><p>�So f�hle ich mich auch.� Er blickte auf die Menge hinter ihr. �Wo ist Huntoon?�</p><p>�Ich habe ihn f�r eine Weile fortgeschickt. Ich wollte mich mit dir unterhalten.�</p><p>�Sch�n. Ich bin es m�de, mir die beiden dort anzusehen.�</p><p>Er kehrte der Tanzfl�che den R�cken zu und f�hrte Ashton durch das Gew�hl. Sie l�chelte, nickte geschickt nach rechts und links und unterhielt sich dabei die ganze Zeit �ber mit ihm im Fl�sterton.</p><p>�Was ist? Ich dachte, du genie�t das Fest?�</p><p>�Hab� ich auch. Bis deine liebe Schwester mir mitteilte, da� sie es vorziehen w�rde, mich nicht mehr zu sehen.�</p><p>�Ah, ja? Und wie f�hlst du dich jetzt?�</p><p>�Ich bin verdammt beleidigt.�</p><p>�Das kann ich begreifen.�</p><p>�Versteh mich nicht falsch, Ashton. Brett ist nicht die einzige Frau, die � ich meine, sie ist nicht die einzige Frau auf der Welt.�</p><p>Sie dr�ckte l�chelnd seinen Arm. �Ich wei�, was du sagen m�chtest, du Bengel. Du hast heute abend eine andere gefunden, nicht wahr?�</p><p>Er grinste woll�stig. �Gewi�. Aber ein Mann mu� schlie�lich auch ans Heiraten denken. Ich h�tte mir Brett gut als Ehefrau vorstellen k�nnen. Ihre Absage macht mir nicht eitel Freude.�</p><p>�Und wie, glaubst du, f�hle ich mich, nachdem Mr. Hazard mich sitzengelassen hat!�</p><p>�Ich nehme an, genauso wie ich. Wolltest du dar�ber mit mir sprechen?�</p><p>�Genau. Hier ist die Punschbowle. Bitte, hol mir ein Glas.�</p><p>Er st�rzte sich f�rmlich darauf. Bevor sie hinausgingen, leerte er rasch sein Glas und f�llte es erneut. Vor dem Haus trank er den Punsch in gro�en Schlucken und schmi� das Glas mitten in einen Azaleenstrauch hinein. Manchmal fand ihn Ashton wirklich absto�end. Aber er w�rde ihren Zwecken dienlich sein, sowohl den k�rperlichen als auch den andern.</p><p>Sie verlie�en den Hof und gingen �ber den Rasen. �Ehrlich gesagt, Forbes, deine Mitteilung �berrascht mich keineswegs. Ich habe irgendwie geahnt, da� Brett heute abend mit dir reden w�rde.�</p><p>�Wieso?�</p><p>�Sie hat es erw�hnt, als wir uns umgezogen haben. Sie schnatterte wie eine Ente. Total aufgeregt wegen Billy � �</p><p>�Gott im Himmel�, knurrte er. �Ich verstehe nicht, wie Orry einem Yankee erlauben kann, deiner Schwester den Hof zu machen.�</p><p>�Ach, er ist doch in den ganzen Clan verliebt.�</p><p>�Wenn Brett unbedingt einen Soldaten m�chte, weshalb denn nicht einen von The Citadel? Und wie in Teufels Namen soll Hazard ihr den Hof machen, wenn er Tausende von Meilen weit weg ist?�</p><p>�Forbes, h�r auf zu fluchen! Du wirst die Aufmerksamkeit auf uns lenken. Es wird unsrer Sache mehr n�tzen, wenn die Leute uns nicht zusammen sehen; jetzt nicht, und in Zukunft nicht.�</p><p>�Unsere Sache?� wiederholte Forbes. �Was meinst du?�</p><p>�Nun, die Abrechnung mit Billy und Brett.�</p><p>Er blieb stehen, blickte sie an, warf den Kopf in den Nacken und lachte.</p><p>�Donnerwetter, du bist wirklich einzigartig. Eine echte, unversch�mte Hure.�</p><p>Sie klopfte ihm mit dem F�cher auf das Kinn. Ein leichter Schlag, aber er sa� � wie sie erwartet hatte. Sie l�chelte zwar immer noch, aber ihre Augen spr�hten Gift.</p><p>�Ich fasse das als Kompliment auf. Aber wenn du noch einmal fluchst oder die Stimme erhebst, wirst du das, was du so hei� begehrst, nie mehr zu sehen kriegen.�</p><p>�Schon gut, schon gut, tut mir leid.�</p><p>�Das klingt schon besser.�</p><p>Sie lenkten ihre Schritte in Richtung Flu�. Die mit Laternen geschm�ckte <emphasis>Eutaw</emphasis> hatte eben ihre n�chtliche Fahrt begonnen. Das Orchester spielte, und die fr�hliche Musik drang �ber das dunkle Wasser bis ans Ufer.</p><p>�Nun�, sagte Ashton mit fr�hlicher Stimme, �la� uns unser Gespr�ch fortsetzen. Gehe ich richtig in der Annahme, da� du einer kleinen Rache nicht abgeneigt bist?�</p><p>�Du gottverd� �h � ja.� Ihn schauerte. Sie konnte einem wirklich Angst machen.</p><p>�Na herrlich. Ich m�chte sicher sein. Wir werden geheime Verb�ndete sein. Wahrscheinlich werde ich demn�chst James heiraten, aber ein Mann und ein Verb�ndeter sind nicht ein und dasselbe. Abgesehen davon, da� unser B�ndnis ja noch ein gewisses Extra � �</p><p>Mit geschlossenem F�cher streichelte sie sanft seinen Handr�cken. �Nat�rlich nur, sofern du dich benimmst.�</p><p>Wieder lief ihm ein Schauer �ber den R�cken. �Ich verstehe. Aber du bist nicht betrunken, oder?�</p><p>Sie trat emp�rt zur Seite. �Was zum Teufel willst du damit sagen?�</p><p>�Du sprichst davon, etwas gegen deine eigene Schwester zu unternehmen.�</p><p>�Richtig.� Sie l�chelte wieder. �Ich hasse sie.�</p><p>Er erbla�te. �Wieso zum Teufel � � Er vermochte den Ausdruck nicht zu unterdr�cken. �Na sch�n, ich wollte mich nur vergewissern.�</p><p>Er hatte das Gef�hl, wegrennen zu m�ssen. Doch dann dachte er an das, was sich im Stall ereignet hatte. Er bot ihr wieder den Arm an. �K�nntest du mir vielleicht sagen, wie wir�, � er schluckte � �das tun werden, wor�ber wir uns unterhalten?�</p><p>�Nein, ich wei� es noch nicht. Wir m�ssen unsern Plan den Umst�nden anpassen, aber wir werden den richtigen Augenblick erkennen. Wir d�rfen nichts �berst�rzen. Wir m�ssen l�cheln und abwarten, und eines Tages, wenn Billy Hazard und meine Schwester am wenigsten darauf gefa�t sind, werden wir es ihnen heimzahlen.�</p><p>Forbes l�chelte, obwohl er Bedenken hatte. Es war ein etwas tr�bes L�cheln, aber Ashton fand es trotzdem charmant.</p><p>�Ja, das werden wir�, sagte er. Er deutete auf das festlich erleuchtete Haus. �Darf ich um einen Tanz bitten, um das ganze zu besiegeln?�</p><p>�Du darfst, Mr. LaMotte. Bitte geh vor.�</p><p><strong>33</strong></p><p>Am 1. Juni 1852 betrat Billy das Norddock in West Point. �ber dem Flu� und den H�geln lag hei�er, grauer Dunst. Billy versuchte die Akademie zu ersp�hen, aber sie war von einem steilen Abhang, der sich hinter dem Dock erhob, verdeckt. Wie hatte sich sein Bruder wohl am ersten Tag gef�hlt? Auch so nerv�s? Auch so aufgeregt?</p><p>Billy war fest entschlossen, sich w�hrend der n�chsten vier Jahre anzustrengen. Er wollte zu den Pioniertruppen, und das bedeutete, da� er ausgezeichnete Noten haben mu�te. Er wu�te, da� er sie mit Flei� und ein wenig Gl�ck auch bekommen w�rde. Er hatte schon mit den Vorbereitungen begonnen und vor und w�hrend der Reise stark geb�ffelt. Seine gro�e Reisetasche war fast ausschlie�lich mit B�chern gef�llt: gebrauchte Algebra-, Geometrie- und Trigonometrieb�cher, darstellende Geometrie � alle von Professor Davies der Milit�rakademie �berarbeitet und erweitert.</p><p>�Sir, stehen Sie nicht so rum und glotzen Sie nicht so in der Weltgeschichte herum. Sind Sie der einzige Neuank�mmling? Sehr gut, Sir. Stellen Sie Ihr Gep�ck auf den Karren, Sir.�</p><p>Die Stimme und der irische Akzent geh�rten zu einem runzligen, eher h��lichen kleinen Mann in einer verschmutzten Armeeuniform. Er legte eine Hand stolz auf das Heft seines S�bels. Der Mann sah nicht gerade so aus, wie man sich einen idealen Soldaten vorstellte, aber er beeindruckte Billy; er strahlte etwas von der Tradition dieses Ortes aus. Billy war stolz, dort zu sein, wo sein Bruder vor zehn Jahren gewesen war. W�hrend Jacksons Zeit hatte die Akademie einen schlechten Ruf genossen, aber George sagte, da� dies langsam am Abklingen sei und die Akademie nun zusammen mit Woolwich und Sandhurst in Gro�britannien, St. Cyr und der �cole Polytechnique in Frankreich eine der f�hrenden Milit�rschulen sei. Der alte Thayer hatte sich bei der Umstrukturierung des Lehrplans von West Point am Modell der franz�sischen �cole Polytechnique orientiert.</p><p>�Sir, ich sage Ihnen nicht noch einmal, da� Sie vorw�rts machen sollen. Ich bin Sergeant Owens. Vergessen Sie nicht, da� Sie sich nun auf Milit�rgebiet befinden. Benehmen Sie sich entsprechend!�</p><p>�Ja, Sir�, sagte Billy und eilte ihm nach.</p><p>Hauptmann Elkanah Bent sa� da und zupfte mit Daumen und Zeigefinger an seiner Unterlippe. Schwei� tropfte von seinem Kinn auf die offene Akte. Obwohl alle Fenster des altmodischen Backsteinhauses weit offen standen, kam der fettleibige Offizier vor Hitze fast um.</p><p>Das Haus stand am westlichen Ende des President-Park. In acht Monaten w�rde ein neuer Mann in die Residenz in der Mitte des bewaldeten Parks ziehen. Die Demokraten hatten bei der 49. Abstimmung Franklin Pierce von New Hampshire nominiert. Nach seiner Ernennung zum General im Mexiko-Krieg wurde Pierce sogleich als einer jener unf�higen Politiker verschrien, die unbedingt auch noch einen milit�rischen Rang haben m�ssen. Aber er stellte sich als �berraschend kompetenter Befehlshaber heraus, und viele Berufsoffiziere begr��ten seine Wahl.</p><p>Die Republikaner ihrerseits hatten sich f�r den Oberbefehlshaber selbst entschieden. General Scott hatte sich schon 1848 nominieren lassen wollen, wurde damals aber gezwungen, weitere vier Jahre zu warten. Diesmal hatte er es nach der dreiundf�nfzigsten Abstimmung geschafft, nachdem Pr�sident Fillmore die Nomination durch seine eigene Partei verweigert worden war � sofern die Republikaner �berhaupt noch als lebensf�hige Partei bezeichnet werden konnten.</p><p>Nun gut. Das Land w�rde also auf jeden Fall einen Pr�sidenten mit milit�rischer Erfahrung sehen. Vielleicht w�rde ein solcher Mann begreifen, da� die Hauptaufgabe der Regierung darin lag, sich auf einen Krieg gegen die Verr�ter im S�den vorzubereiten.</p><p>Bent war vor etwas weniger als vier Wochen zum Kriegsministerium gekommen. Er hatte jetzt schon genug von der Hauptstadt, aber dar�ber war er sich schon im klaren gewesen, als er die Versetzung akzeptierte. Washington war eine permanente Baugrube. Der Stil der bereits gebauten H�user und die Ansichten der meisten Leute entsprachen denen des S�dens, und die Stadt war voll von Fliegen, Ratten und anderen unangenehmen Kreaturen. Er ha�te die freien Neger, die in der �ffentlichkeit herumstolzierten und sich so benahmen, als seien sie gleich viel wert wie die Wei�en. Er ha�te auch die B�rokraten, diese Hosenschei�er, die immer hin und her rannten, als m��ten sie beweisen, da� es ohne sie nicht ginge.</p><p>Trotz aller Widerw�rtigkeiten war die Versetzung ein wichtiger und schon l�ngst f�lliger Schritt, denn die Stabsarbeit war eine notwendige Erfahrung. Die letzten vierunddrei�ig Monate hatte Bent an einem unwichtigen Posten in der Carlisle-Kaserne verbracht. Diese neue Aufgabe k�nnte einen Wendepunkt in seiner Karriere bedeuten, die bis jetzt � auch f�r friedliche Zeiten � viel zu langsam vorw�rtsgegangen war. Er wu�te, wer daran schuld war.</p><p>Durch das B�ro des Generaladjutanten liefen alle pers�nlichen Akten der Armee. Kurz nach seinem Eintreffen hatte Bent die Liste durchgesehen, auf der alle best�tigten Akademiebewerber des n�chsten Jahres aufgef�hrt waren. Dabei entdeckte er Charles Main aus South Carolina. Nachforschungen ergaben, da� dieser Charles Main der Vetter eines ehemaligen Offiziers war � einer von Bents Bekannten.</p><p>Und gerade heute war mit der offiziellen Post die endg�ltige Liste der im Juni Eingetretenen, die schon im Camp waren, und auch diejenige der Nachz�gler, die erst im Herbst eintreten w�rden, eingetroffen. Ein Name stach ihm sofort in die Augen: William Hazard II, Lehigh Station, Pennsylvania.</p><p>Er mu�te zur selben Familie geh�ren.</p><p>Bent konnte seine Freude kaum unter Kontrolle halten. Er hatte Orry Main und George Hazard aus den Augen verloren, woran auch der Druck seiner eigenen Karriere nicht ganz unschuldig war. Zudem waren ja beide nicht mehr in der Armee und hatten sich so seinem Einflu� entzogen.</p><p>Am �u�ersten Ende von Bents Schreibtisch tauchte eine kleine, haarige Raupe auf, die sich langsam zur geschlossenen Akte vork�mpfte. Aus lauter Gewohnheit fielen Bent, als er an seine alten Gegner dachte, deren Spitznamen ein. Hatten Stumpf und Stiel das Versprechen vergessen, das er ihnen gegeben hatte? Wenn ja, um so besser, denn Diskretion und �berraschung erwiesen sich sowohl bei privaten als auch bei milit�rischen Man�vern als �u�erst wertvoll.</p><p>�Hauptmann Bent?� Aus dem Hauptb�ro drang die Stimme des Generalsadjutanten. �Bitte kommen Sie einen Augenblick hierher.�</p><p>�Sofort, Sir.�</p><p>Elkanah Bent hievte sich aus dem Stuhl, machte einen Schritt, blieb stehen, hielt seine Hand �ber die Raupe und dr�ckte seinen Daumen kr�ftig nieder. Als das Insekt tot und vom Schreibtisch gefegt war, polterte Bent los, um der Aufforderung nachzukommen.</p></section><section><title><p><strong>Drittes Buch.</strong></p><p><strong>�Die Bande, die uns zusammenhalten, zerrei�en eins nach dem andern.�</strong></p></title><p><emphasis>Wenn sie zerrei�en, dann la�t die Union in Gottes Namen gehen</emphasis>� <emphasis>Ich liebe die Union wie meine eigene Frau. Doch wenn meine Frau mich um eine Trennung b�te und darauf best�nde, ich w�rde sie gehenlassen � auch wenn es mir das Herz br�cht</emphasis></p><p>John Quincy Adams zu dem Ger�cht �ber die sezessionistische Verschw�rung von Burr, 1801</p><p><strong>34</strong></p><p>George Hazard behauptete, da� ihm an West Point nicht sonderlich viel gelegen sei. Und doch hatte er sich des �fteren ausgiebig mit Billy dar�ber unterhalten, so da� dieser, als er in der Milit�rakademie eintraf, schon gut dar�ber Bescheid wu�te.</p><p>George hatte ihn vor �Thayers M�nnern und Thayers System� gewarnt. Kernst�ck des Systems bildete der Glaube daran, da� die pers�nliche Leistung in absoluten Werten und in einer Rangfolge ausgedr�ckt werden konnte. Sowohl das System als auch die mit dessen Durchf�hrung beauftragten M�nner herrschten immer noch in West Point.</p><p>Doch in den sechs Jahren seit dem Abschlu� von George waren doch einige Ver�nderungen vorgenommen worden. Am offensichtlichsten waren diejenigen architektonischer Art. Die Nord- und S�dkaserne waren dem Erdboden gleichgemacht worden und durch eine Kaserne mit 176 Zimmern ersetzt worden. Das Dachgesims aus rotem Sandstein erinnerte Billy an englische Schl�sser, die er auf Ansichtskarten gesehen hatte.</p><p>�stlich der Kaserne und s�dlich der Kapelle befand sich eine neue Offiziersmesse im Bau. Die alte Sternwarte, die Bibliothek und das Schulgeb�ude hatte man jedoch stehengelassen.</p><p>Seit dem Ende des Kriegs in Mexiko waren zwecks Demonstrationen permanent Pioniertruppen auf dem Areal anwesend. Man konnte sie an ihren dunkelblauen Uniformen mit dem schwarzen Samtkragen und dem T�rmchen auf dem Kragenspiegel erkennen. Billy hoffte, eines Tages diese Uniform tragen zu d�rfen.</p><p>Er war sich im klaren dar�ber, da� er in den kommenden vier Jahren hart w�rde arbeiten m�ssen. Doch die Vorbereitung auf seine Eintrittspr�fung im Juni war reine Verschwendung gewesen. In Mathematik zum Beispiel hatte er nur ein einfaches Rechenproblem an der Tafel l�sen und drei ebenso einfache Fragen m�ndlich beantworten m�ssen. Kein Wunder hatte man in der Zivilbev�lkerung oft den Eindruck, die Aufnahmepr�fung sei l�cherlich einfach.</p><p>Statt mit Trommeln wurden die Kadetten nun mit Signalh�rnern gerufen. Billy war noch keine zehn Minuten auf seinem Zimmer, als bereits ein Student der dritten Klasse hereinst�rmte, sich als Kadett Caleb Slocum vorstellte und von Billy die Achtungstellung verlangte.</p><p>Billy tat sein Bestes. Der Kadett, ein hagerer Bursche mit plattem, schwarzem Haar und einem schlechten Teint, kritisierte ihn und sagte dann mit affektierter Stimme: �Erz�hlen Sie mir etwas �ber sich, Sir. Ist Ihr Vater Demokrat?�</p><p>Billy antwortete freundlich: �Ich glaube, das h�ngt davon ab, wen die Partei diesen Monat nominieren wird.�</p><p>�Sir, ich habe Ihnen eine Frage gestellt, die mit einem einfachen Ja oder Nein zu beantworten ist. Statt dessen haben Sie eine Vorlesung �ber Politik gehalten.� Der Kadett senkte bedrohlich die Stimme und zischte: �Darf ich Ihrer Antwort entnehmen, da� Ihr Vater Politiker ist, Sir?�</p><p>Billy schluckte und w�rgte seinen �rger hinunter. �Nein, Sir. Er ist Eisenh�ttenbesitzer.�</p><p>�Sir!� br�llte der Kadett, �ich habe Sie geradeheraus gefragt, ob Ihr Vater Politiker ist oder nicht, und als Antwort darauf liefern Sie mir einen Diskurs �ber die Industrie! Stellen Sie sich dort in die Ecke und verharren Sie eine Viertelstunde mit dem Gesicht zur Wand! Ich werde ab und zu nachsehen. Unterdessen k�nnen Sie sich vielleicht einige Gedanken machen. Wie zum Beispiel: Wenn ich weiterhin so geschw�tzig und stur bin, wird meine Karriere an dieser Schule nur von kurzer Dauer und h�chst unangenehm sein. Nun, Sir. In die Ecke!�</p><p>Billy gehorchte mit rotem Gesicht. W�re er wie sein Bruder, h�tte er dem arroganten Kadetten eine geknallt und sich hinterher Gedanken �ber die m�glichen Folgen gemacht. Aber er war etwas bed�chtiger, und deshalb war George der Meinung, da� er ein hervorragender Pioniersoldat werden w�rde. Mit seiner vertrauensseligen Art wurde er aber auch leicht zum Opfer. Er stand beinahe eine Stunde in der Ecke, bis endlich ein Student der zweiten Klasse hereinkam und sich seiner erbarmte. Slocum hatte nat�rlich nicht die geringste Absicht gehabt wiederzukommen.</p><p>Slocum. Billy rieb sich die schmerzenden Beine und merkte sich den Namen.</p><p>�Sie tun besser daran, sich an solche Schikanen zu gew�hnen, Sir�, sagte der Kadett. �Sie werden recht lange Junior sein.�</p><p>�Ja, Sir�, murmelte Billy. Einige Dinge in West Point hatten sich nicht ge�ndert und w�rden sich auch nie �ndern.</p><p>Billy und die anderen Neuank�mmlinge, die alle noch Zivilkleider trugen, marschierten hinter dem uniformierten Bataillon durch die Ebene f�r das Sommercamp. Sie stolperten schwerbeladen durch den Staub, bis sie die ganze Habe der Senioren verstaut hatten.</p><p>Am ersten Tag des Sommerlagers wurde Billy noch mit einer weiteren Neuerung der Akademie vertraut gemacht. Sie war zwar weniger spektakul�r als die andern, aber nicht weniger bedeutend. Sp�ter sagte man, da� es die wichtigste Ver�nderung �berhaupt gewesen sei, weil sie so destruktiv war.</p><p>In jedem Zelt war Raum f�r drei Mann, ihr Bettzeug, ein Gestell mit Musketen, die ihnen eventuell ausgeh�ndigt w�rden, sowie f�r eine meistens zerkratzte gr�ne Truhe. Die Truhe wies drei F�cher f�r die W�sche der Kadetten auf. Au�erdem bildete sie die einzige Sitzgelegenheit im Zelt. Als Billy hereinmarschierte, gefolgt von einem hageren, blassen, verwirrt dreinblickenden Junior, sa� der dritte Bewohner des Zelts gerade auf der Truhe und polierte seine teuren Wellington-Stiefel mit dem Taschentuch.</p><p>Er blickte kurz auf. �Guten Abend, die Herren. Ich hei�e McAleer. Dillard McAleer.� Er streckte die Hand zum Gru� hin.</p><p>Billy sch�ttelte sie und versuchte herauszufinden, was f�r einen Akzent der Bursche hatte. Es klang nach S�den, aber etwas h�rter und nasaler als die Sprache in South Carolina.</p><p>�Ich bin Billy Hazard aus Pennsylvania, und das ist Fred Pratt aus Milwaukee.�</p><p>�Frank Pratt�, sagte der gro�gewachsene junge Mann. Seine Stimme klang entschuldigend.</p><p>�Na, na. Zwei Yankees.� Dillard McAleer grinste.</p><p>McAleer hatte bla�blaue Augen und blonde Locken, die in seine r�tliche Stirn fielen. Billy hatte ihn schon vorher, als die Neuank�mmlinge erfa�t und in vier Gruppen aufgeteilt wurden, bemerkt. Jede der Gruppen war einer Kadettenkompanie angeschlossen worden.</p><p>�Habt ihr zwei vor, euch gegen mich zu verb�nden?� fragte McAleer. Etwas an McAleer lie� Billy aufhorchen. Was war es? McAleer l�chelte zwar immer noch, aber die Frage barg einen gewissen Ernst. Billy fand es ein schlechtes Omen.</p><p>Drau�en h�rte er Schritte und Gefl�ster. Billy antwortete auf McAleers Frage mit einer Gegenfrage: �Weshalb sollten wir? Wir leiden doch hier gemeinsam.�</p><p>�Ich habe nicht die Absicht zu leiden�, gab McAleer zur�ck. �Dem ersten Yankee-Hurensohn, der mir in die Quere kommt, schlag� ich die Nase zum Hinterkopf raus.�</p><p>Billy kratzte sich am Kinn. �Woher kommst du, McAleer?�</p><p>�Aus einer kleinen Ortschaft in Kentucky namens Pine Vale. Mein Daddy ist ein Farmer.� Er starrte Billy an. �Und der Besitzer von vier Sklaven.�</p><p>Offensichtlich erwartete der Kadett eine Reaktion. Er sa� immer noch auf der Truhe, und seinem h�misch groben Gesichtsausdruck nach zu schlie�en, w�rde er mit jeder Form von Kritik fertig werden. Billy war nicht darauf gefa�t gewesen, in West Point auf regionale Feindseligkeit zu sto�en, und die Erkenntnis seiner Naivit�t versetzte ihm einen leichten Schock. Aber er w�rde sich um keinen Preis auf eine Diskussion �ber Sklaverei einlassen.</p><p>Als Bewohner ein und desselben Zelts waren sie alle gleichgestellt, und McAleer mu�te das einsehen. Billy machte eine Handbewegung. �Ich m�chte meine W�sche verstauen. W�rdest du bitte aus dem Weg gehen?�</p><p>�Na klar.� Langsam stand McAleer auf. Es sah aus, als ob sich eine Schlange langsam aufrollte. Obwohl untersetzt, hatte er eine nat�rliche Anmut, die sein m�dchenhaftes Aussehen eher unterstrich. Doch als er sich mit den Fingerspitzen �ber die Handfl�chen fuhr, als ob er sich f�r einen Kampf vorbereite, bemerkte Billy, da� er Schwielen an den H�nden hatte.</p><p>McAleers Grinsen wurde noch etwas breiter. �Wetten, da� du mich beiseite schieben mu�t, wenn du an diese Truhe ran willst.�</p><p>Von Frank Pratt war ein unterdr�cktes, pathetisches St�hnen zu vernehmen. Jetzt wu�te Billy, weshalb ihm Dillard McAleer bekannt vorkam: Der Kadett aus Kentucky benahm sich genau wie einige der jungen M�nner, die er in Mont Royal getroffen hatte, arrogant und fast verzweifelt streits�chtig. Vielleicht war dies die �bliche Abwehr Yankees gegen�ber?</p><p>Billy blickte McAleer fest in die Augen. �McAleer, ich habe keinen Streit mit dir. Wir werden zwei Monate in diesem H�llenloch zusammenleben m�ssen, und es w�re besser, wenn wir miteinander ausk�men. Meiner Meinung nach hat das nichts damit zu tun, wer wir sind oder woher wir kommen, sondern damit, wie wir miteinander umgehen. Nun, ich habe nichts Au�ergew�hnliches verlangt, sondern ich will lediglich an diese Truhe herankommen, die zu einem Drittel mir zusteht. Aber wenn ich dich wegschieben mu�, wie du es nennst, so glaube ich, da� ich dazu f�hig bin.�</p><p>McAleer war von der Bestimmtheit in Billys Stimme beeindruckt. Er winkte ab. �Zum Teufel, Hazard, ich hab� blo� Spa� gemacht.� Mit einer tiefen Verbeugung machte er Platz. �Er geh�rt dir. Dir auch, Fred.�</p><p>�Frank.�</p><p>�Na klar, Frank.�</p><p>Billy entspannte sich und wandte sich nach dem Zelteingang um, wo er seine Sachen deponiert hatte. Pl�tzlich:</p><p><emphasis>�Los Jungs � ziehen!�</emphasis></p><p>Billy erkannte Slocums Stimme, gerade bevor alle Pfl�cke aus dem Boden gezogen wurden und das ganze Zelt �ber ihnen zusammenfiel.</p><p>McAleer fluchte und schlug um sich. Als die drei Junioren sich schlie�lich hervorgebuddelt hatten, mu�te Billy den Jungen aus Kentucky festhalten, damit er nicht auf die lachenden Senioren losging.</p><p>George hatte erz�hlt, er und Orry seien als Junioren besonders von einem Senior geplagt worden, der sie nicht ausstehen konnte. Billy erging es gleich. Caleb Slocum aus Arkansas hatte es immer wieder auf ihn abgesehen und beschuldigte ihn irgendwelcher realer oder imagin�rer Vergehen. Es dauerte nicht lange und Billy tr�umte nachts von Slocums h��lichem, fleckigem Gesicht und von Augenblicken des Triumphs, in denen er Slocum auf mannigfaltige Art und Weise umbrachte.</p><p>Er hielt die Schikaniererei aus, weil er wu�te, da� ihm nichts anderes �brigblieb, wenn er sein Ziel erreichen wollte. Wenn er Wache stand, dachte er gern �ber die Zukunft nach. Die �bung bestand darin, da� man zwei Stunden auf dem Posten auf und ab marschierte, dann vier Stunden Ruhestellung, dann wieder zwei Stunden auf Posten stehen und so weiter, w�hrend vierundzwanzig Stunden. Um sich die Zeit zu vertreiben, lie� Billy seiner Phantasie freien Lauf und stellte sich einen sonnigen Tag vor, an dem er seine Aufnahme in die Pioniertruppen geschafft haben und in der Lage sein w�rde, eine Frau zu heiraten. Es gab keinen Zweifel mehr daran, wer seine Frau sein w�rde. Er hoffte lediglich, da� Brett ihn ebenso sehr wollte wie er sie.</p><p>Eine Woche vor dem Ende des Sommercamps geriet McAleer mit zwei Junioren aus dem Norden in Streit. Es ging um die Frage der Sklaverei in den neuen Territorien. Ein Kampf entspann sich. McAleer behauptete sich, bis ein Frechmaul aus New York namens Phil Sheridan, der als Z�nker bekannt war, sich einmischte. Diesmal stellte Sheridan sich auf die Seite der Disziplin. Er versuchte, den Streit zu schlichten, aber sein Intervenieren machte McAleer nur um so w�tender. Er ri� einen Ast von einem nahestehenden Baum ab und st�rmte auf Sheridan los. Gl�cklicherweise gelang es den andern Kadetten, die beiden Kampfh�hne voneinander zu trennen, aber es dauerte etwa f�nf Minuten, bis sie McAleer beruhigt hatten.</p><p>Am folgenden Tag lie� Superintendent Henry Brewerton McAleer zu sich ins B�ro holen. Niemand wu�te, was hinter der verschlossenen T�r vor sich ging, aber am sp�ten Nachmittag sah man McAleer seine Sachen packen.</p><p>�Jungs�, sagte er mit einem frechen Grinsen, �ich lasse euch zwei zwar nicht gern zur�ck, aber der Super hat sich ziemlich klar ausgedr�ckt: entweder die Entlassung oder eine formelle Anklage. Nun, wenn ich schon dieses abolitionistische Drecksnest verlassen mu�, dann wenigstens mit Stil.�</p><p>Empfand McAleer Bedauern, so verbarg er dies gut. Billy fand es absurd, da� der Bursche aus Kentucky ausgerechnet die Akademie einer abolitionistischen Neigung beschuldigte. Im gr��ten Teil des Landes war man genau gegenteiliger Ansicht.</p><p>Frank Pratt, der stets darauf bedacht war, keinen Ansto� zu erregen, sagte: �Ja, das ist dir gelungen, Dillard.� Billy zeigte seine Gef�hle nicht; die Sinnlosigkeit und die Heftigkeit des Streits widerten ihn an.</p><p>Frank fuhr mit seiner hohen Stimme fort: �Du hast diese beiden Junioren und Sheridan wie zwei kleine Jungs abgesch�ttelt.�</p><p>McAleer zuckte die Achseln. �Klar. Gentlemen k�mpfen immer besser als der P�bel, und das ist es, was die Yankees sind � P�bel. Bastarde. Die meisten Yankees�, f�gte er in Anbetracht seiner Zeltmitbewohner hinzu. Billy hatte dieselbe Meinung bereits von andern Kadetten aus dem S�den kennengelernt. Vielleicht wollten sie damit nur ein Minderwertigkeitsgef�hl wettmachen?</p><p>McAleer verabschiedete sich mit einem H�ndesch�tteln. �Es war ein Riesenspa�, Jungs.�</p><p>�Ja�, sagte Billy, obwohl er es nicht so meinte. �Mach�s gut, Dillard.�</p><p>�Na klar. Macht euch keine Sorgen um mich!�</p><p>Er winkte nochmals und trottete von dannen. Die Erinnerung an den Ast und an sein ha�verzerrtes Gesicht blieb.</p><p>Am ersten September traf ein neuer Superintendent ein. Wie Brewerton, war auch Robert Lee Mitglied der Pioniertruppen, aber er geno� einen wesentlich besseren Ruf. Lee wurde allgemein als der beste Soldat Amerikas betrachtet. Man sagte, da� Winfield Scott ihn sozusagen verehrte. Lee mu�te sich an der Akademie mit einem ganz besonderen Problem auseinandersetzen: Sein �ltester Sohn, Curtis, geh�rte zu der 54er Klasse, und es fehlte nicht an abf�lligen Bemerkungen �ber Nepotismus.</p><p>Billy sah den neuen Superintendenten zum erstenmal beim sonnt�glichen Kapellenbesuch aus n�chster N�he. Dieser Besuch war �brigens Pflicht � auch etwas, das sich seit Georges Tagen nicht ver�ndert hatte. Lee war fast einsachtzig gro�, hatte braune Augen, buschige Augenbrauen und ein Gesicht, das Charakterst�rke verriet. In seinem schwarzen Haar zeigten sich vereinzelt graue Str�hnen, nicht aber in seinem Schnurrbart, der beiderseits gut einen Zentimeter �ber die Mundwinkel hervorragte. Billy sch�tzte Lee auf etwa f�nfundvierzig.</p><p>Der Kaplan hielt eine seiner �blichen einschl�fernden Predigten zu einem beliebten kirchlichen Thema: das tausendj�hrige Reich Christi. Daraufhin schlug er ein Gebet f�r den neuen Superintendenten vor. Anschlie�end stieg Oberst Lee von seinem Kirchenstuhl herunter und hielt eine kurze Ansprache.</p><p>Er zitierte den jungen K�nig aus Shakespeares <emphasis>Heinrich V.</emphasis> und nannte die Kadetten eine Schar von Br�dern. Er rief jeden Zuh�rer dazu auf, in diesem Sinn an das Armeekorps zu denken und sich daran zu erinnern, da� die M�nner von West Point einzig und allein der Nation, der sie Treue geschworen hatten, verpflichtet waren.</p><p>�Was h�ltst du von ihm?� fragte Frank Pratt in seiner ihm eigenen vorsichtigen Art. Billy hatte den Jungen aus Wisconsin zum Zimmergenossen bekommen, und sie waren eben dabei, sich rasch vor dem Abendessen in ihrem neuen Quartier einzurichten.</p><p>�Er entspricht zweifellos dem Bild des idealen Soldaten�, sagte Billy. �Ich hoffe blo�, da� er den Frieden hier aufrechterhalten kann.�</p><p>�Eine Schar von Br�dern�, murmelte Frank. �Der Satz geht mir nicht mehr aus dem Sinn. Das ist es, was wir sind, nicht wahr?�</p><p>�Was wir sein sollten.� Ein Bild tauchte vor Billys geistigem Auge auf � das Gesicht von McAleer, als er Sheridan angriff.</p><p>Ein herrisches T�rklopfen, auf das das �bliche �In Ordnung?� folgte.</p><p>�In Ordnung�, wiederholte Billy.</p><p>Doch statt weiterzugehen, trat der inspizierende Senior ein. James E. B. Stuart war ein jovialer, �u�erst beliebter Junge aus Virginia, dem jemand den Spitznamen Beauty gegeben hatte, gerade weil er h��lich war.</p><p>Mit gespielter Strenge sagte Stuart: �Sirs, seid vorsichtig, jetzt, da dieser Institution ein Mann aus Virginia vorsteht.� Er warf einen verstohlenen Blick �ber seine Schulter und senkte dann die Stimme. �Ich bin gekommen, um euch zu warnen. Einer der Trommler hat eine Ladung Schnaps hereingeschmuggelt. Slocum hat ihm etwas davon abgekauft. Er ist betrunken und erw�hnt immer wieder eure Namen� � Frank Pratt erbla�te �, �also seid vor ihm auf der Hut!�</p><p>�Wir werden aufpassen, Sir�, sagte Billy. �Vielen Dank.�</p><p>�Ich m�chte nicht, da� ihr von jedem S�dstaatler, dem ihr begegnet, Schlechtes denkt�, f�gte Stuart noch hinzu und verschwand.</p><p>Billy betrachtete nachdenklich die Herbstsonne, die ihre Strahlen verschwenderisch durch das bleiverglaste Fenster warf. <emphasis>Ich m�chte nicht, da� ihr von jedem S�dstaatler, dem ihr begegnet, Schlechtes denkt.</emphasis> Sogar bei einfachen Gespr�chen wurde man unweigerlich an die sich vertiefende Kluft erinnert.</p><p>Frank brach das Schweigen. �Was haben wir Slocum getan?�</p><p>�Nichts.�</p><p>�Weshalb kann er uns denn nicht leiden?�</p><p>�Wir sind Junioren, und er ist bereits l�nger hier. Er kommt aus dem S�den, und wir sind Yankees. Woher soll ich wissen, weshalb er etwas gegen uns hat, Frank? Ich vermute, da� es immer irgend jemanden auf der Welt gibt, der einen ha�t.�</p><p>Frank nagte an seiner Lippe und stellte sich dabei eine d�stere Zukunft vor. Er war kein Feigling, wie Billy herausgefunden hatte, blo� pessimistisch und leicht aus der Fassung zu bringen. Hatte er seine Scheu erst mal �berwunden, w�rde ein guter Offizier aus ihm werden.</p><p>�Nun�, sagte Frank schlie�lich, �ich k�nnte mir denken, da� Slocum in absehbarer Zeit unsere Skalps an die T�r nageln m�chte.�</p><p>�Glaub� ich auch. Am besten, wir beherzigen den Ratschlag von Beauty und gehen ihm aus dem Weg.�</p><p>Aber er hatte das Gef�hl, da� ein Zusammentreffen mit Slocum nicht abwendbar sei. Sei�s drum. Wenn es soweit w�re, w�rde er es schon mit dem Kadetten aus Arkansas aufnehmen, und zum Teufel mit dem Preis, den er daf�r zahlen m��te.</p><p>Er wollte Frank beruhigen und ihm klarmachen, da� sie mit Slocum fertig werden w�rden, doch bevor es dazu kam, erklang das Signalhorn. T�ren flogen auf, und Kadetten rannten ger�uschvoll die Treppe hinunter, um gemeinsam in die Kantine zu marschieren. Frank stolperte auf der Treppe, fiel hin und ri� sich das Hosenbein auf. Drau�en in der hellen Sonne fiel Slocum das Dreieck auf, und er erstattete Bericht �ber Frank.</p><p>Billy wollte etwas sagen, aber er hielt sich unter Kontrolle. Slocum grinste h�misch und erstattete Bericht wegen �frechem Verhalten und frechem Gesichtsausdruck�.</p><p>Zweifellos w�rde es eines Tages zu einer Abrechnung kommen.</p><p><strong>35</strong></p><p>Von Schlaflosigkeit und Gedanken an Madeline gequ�lt, nahm Orry den Brief nochmals zur Hand.</p><p>Die Schrift verschwamm vor seinen Augen. Als er das Papier ein wenig weiter weghielt, vermochte er das Datum � 16. Dezember � und auch den Rest zu lesen. Er hatte schon anfangs Herbst bemerkt, da� mit seiner Sehsch�rfe etwas nicht stimmte; es deprimierte ihn, wie auch so vieles andere.</p><p>Der Brief war eine Mischung aus Freude und Zynismus. George hatte Billy anfangs Dezember in West Point besucht. Billy hielt sich gut, er geh�rte in jeder Klasse zu den Besten und w�rde die Pr�fungen im Januar sicher ohne Schwierigkeiten bestehen.</p><p>Der Brief endete mit einigen Bemerkungen �ber den neugew�hlten Pr�sidenten. Viele Nordstaatler bezeichneten Franklin Pierce schon jetzt als Gimpel. Einer der vielen und auch prominentesten Namen, der im Zusammenhang mit der Kabinettsbildung genannt wurde, war derjenige von Senator Jefferson Davis.</p><p>Davis von den �Mississippi Rifles�, erinnerte sich Orry mit einem schwachen L�cheln. Oberst Davis und seine Freiwilligen, die Rothemden, hatten heroisch in Buena Vista gek�mpft. Sollte er Kriegsminister werden, h�tte die Akademie einen echten Freund in Wash�</p><p>Ein Knall, der von unten kam, ri� ihn mit einem Sprung aus dem Bett. Er war noch nicht einmal an der Schlafzimmert�r, als ihn seine steifen Knie bereits schmerzten. Gott im Himmel, er war wirklich am Auseinanderfallen! Das Alter und der in diesen Gegenden feuchte Winter beschleunigten diesen Proze�.</p><p>�Orry? Was war dieser L�rm?� fragte seine Mutter von ihrem Schlafzimmer her.</p><p>�Ich schaue mal eben nach. Sicher nichts Schlimmes. Geh wieder ins Bett.�</p><p>Er hatte es sanft sagen wollen, aber aus irgendeinem Grund klang seine Stimme heiser vor Angst. Unten auf dem Treppenabsatz huschten schwarze Gesichter im Widerschein von Kerzen vorbei. Orry fa�te das Treppengel�nder und eilte nach unten. Die Anstrengung verst�rkte den Schmerz in den Gelenken.</p><p>�La�t mich durch.�</p><p>Die Sklaven stoben zur Seite. Hinter ihm kam Vetter Charles die Treppe heruntergerannt. Orry �ffnete die T�r zur Bibliothek.</p><p>Das erste, was er sah, war die Lache versch�tteten Whiskeys auf dem polierten Fu�boden. Tillets Glas war zerbrochen, und der L�rm, den Orry geh�rt hatte, war durch den umkippenden Stuhl verursacht worden.</p><p>Orry st�rzte ins Zimmer, zu bet�ubt, um Trauer zu versp�ren. Tillet lag steif auf der Seite, Augen und Mund offen, als ob er von etwas �berrascht worden w�re.</p><p>Schlaganfall, dachte Orry. �Papa, kannst du mich h�ren?�</p><p>Er wu�te nicht, weshalb er das sagte. Schock, dachte er sp�ter. Als er Clarissas verdrie�liche Stimme aus dem zweiten Stock h�rte, wu�te er, da� er einem Toten die Frage gestellt hatte.</p><p>Am 2. Januar beerdigten sie Tillet auf dem kleinen Friedhof der Plantage. Viele Sklaven schauten durch den schwarzen Eisenzaun zu. W�hrend des Gebets, bevor der Sarg in die Grube gesenkt wurde, begann es zu nieseln. Ashton stand auf der andern Seite des Grabs bei Huntoon; sie mi�achtete die Sitte, die besagte, da� alle Familienmitglieder zum Trauern beisammen stehen sollten.</p><p>Clarissa weinte nicht, sondern starrte nur vor sich hin. Sie hatte seit Tillets Tod nicht geweint. Nach dem Begr�bnis redete Orry mit ihr, aber offensichtlich h�rte sie ihn gar nicht. Er fragte sie erneut, wie es ihr ginge, doch ihre Antwort bestand nur aus unverst�ndlichem Gemurmel, und ihr Gesicht war wie eine Maske. Orry konnte sich an keinen traurigeren Tag in Mont Royal erinnern.</p><p>Nachdem die Familie die Einfriedung verlassen hatte, kamen die Sklaven, umringten das Grab und verabschiedeten sich von Tillet mit einigen Gebetsworten, kurzen Hymnen oder auch nur mit einem Kopfnicken. Cooper ging neben seinem Bruder her. Er wunderte sich dar�ber, da� die Neger ihrem Besitzer freundlich gesinnt waren. Dann aber dachte er, da� die Menschen aller Hautfarben noch nie f�r logisches oder konsequentes Benehmen ber�hmt gewesen waren.</p><p>Judith und Brett gingen neben Clarissa. Voller Stolz betrachtete Cooper seine Frau. Mitte Dezember hatte sie ihm eine Tochter geschenkt: Marie-Louise. Das Kind befand sich im Herrenhaus in der Obhut von Dienstm�dchen.</p><p>Cooper fielen die schlaffen Schultern und der ernste Gesichtsausdruck seines Bruders auf. Er versuchte, Orry auf andere Gedanken zu bringen.</p><p>�Bevor ich Charleston verlie�, sind mir Neuigkeiten �ber Davis zu Ohren gekommen.�</p><p>�Was?�</p><p>�Du wei�t doch, da� er es letzten Monat abgelehnt hat, mit Pierce in Washington zu verhandeln.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Man sagt, da� er nun doch eingelenkt hat. Vielleicht geht er trotzdem zur Antrittsrede. Es w�re au�erordentlich gut f�r den S�den, wenn er Kabinettsmitglied w�rde. Er ist ehrlich und meistens auch recht vern�nftig.�</p><p>Orry zuckte die Achseln. �Das wird auch nichts bringen, Cooper.�</p><p>�Ich kann und will nicht glauben, da� <emphasis>ein</emphasis> Mann nichts bringen kann. Wenn du das glaubst, wozu denn weitermachen?�</p><p>Sein Bruder ignorierte die Frage. �Heutzutage ist Washington ein riesiges Irrenhaus � und die Wahnsinnigsten sind diejenigen, die das amerikanische Volk w�hlt, um es im Kongre� zu vertreten. Mit Ausnahme unserer eigenen Legislative ist mir kaum eine verachtungsw�rdigere Institution bekannt.�</p><p>�Wenn du etwas dagegen hast, wie sich die Dinge in South Carolina entwickeln, �ndere sie! La� dich w�hlen und geh selber nach Washington!�</p><p>Orry blieb abrupt stehen und starrte seinen Bruder an. Hatte er richtig geh�rt? �Hast du gesagt, da� ich in die Politik gehen soll?�</p><p>�Wieso nicht? Wade Hampton hat�s ja auch gemacht.� Der wohlhabende und respektable Plantagenbesitzer war vor kurzem in die Legislative gew�hlt worden. Cooper fuhr fort: �Du hast genug Zeit und Geld. Und mit deinem Geschlechtsnamen hast du in der Gegend hier gro�e Chancen. Du hast die Leute auch nicht so vor den Kopf gesto�en wie ich. Du bist Hampton recht �hnlich. Ihr k�nntet im rhetorischen Sturm der Hauptstadt die Stimme der Vernunft und der M��igung erheben. Es gibt nur noch wenige solche M�nner � und die sind wertvoll.�</p><p>Es reizte Orry; aber nur einen Augenblick lang. �Ich w�rde eher Zuh�lter als Politiker werden, das ist ehrenvoller.�</p><p>Cooper l�chelte nicht. �Hast du schon mal was von Edmund Burke gelesen?�</p><p>�Nein. Wieso?�</p><p>�Ich hab� all seine Reden und Referate studiert, die ich auftreiben konnte. Burke war ein guter Freund der Kolonien und ein Mann mit einem hervorragenden Verstand. In einem Brief schrieb er einmal, da� f�r den Triumph eines schlechten Mannes nur eins n�tig sei � die Unt�tigkeit guter M�nner.�</p><p>Ver�rgert �ber diese Anspielung wollte Orry eine scharfe Antwort geben, aber Brett stie� pl�tzlich einen Schrei aus.</p><p>�Es ist Mutter�, schrie Cooper. Clarissa sank in Judiths Arme und schluchzte laut. Orry war dankbar, da� sie dem Schmerz nun endlich freien Lauf lassen konnte.</p><p>Seine Erleichterung verwandelte sich in Angst, als er eine Stunde sp�ter seine Mutter immer noch auf ihrem Zimmer weinen h�rte. Er lie� den Arzt rufen, der ihr zur Beruhigung Laudanum gab. Dann sagte er zur versammelten Familie:</p><p>�Der Tod ist niemals leicht zu ertragen, aber f�r eine Frau, die ein Leben lang untrennbar mit ihrem Gatten verbunden war, ist es noch viel schwerer. Doch Clarissa ist stark und wird bald wieder sie selbst sein.�</p><p>In diesem Punkt irrte er sich jedoch.</p><p>Nach knapp einer Woche bemerkte Orry die erste Ver�nderung. Wenn Clarissa l�chelte und plauderte, schien sie durch ihn hindurchzusehen. Stellten die Diener ihr eine Frage �ber den Haushalt, so versprach sie zu antworten, sobald sie etwas, das sie nicht beim Namen nannte, erledigt h�tte, doch dann ging sie weg und kam nicht wieder.</p><p>Sie entwickelte eine neue Leidenschaft; ein Vergn�gen, dem in South Carolina recht h�ufig gefr�nt wurde: Sie begann, Nachforschungen anzustellen und einen Stammbaum zu zeichnen.</p><p>Eine gr�ne Linie stellte die Bretts, die Familie ihrer Mutter, dar. Eine rote Linie war f�r die v�terliche Seite gedacht, die mit ihrem Vater, Ashton Gault, zu Ende ging. F�r die Mains verwendete sie nochmals andere Farben, so da� der ganze Stammbaum, der ein gro�es Pergamentblatt f�llte, einem regenbogenfarbenen Spinnennetz glich.</p><p>Clarissa legte das Pergamentpapier auf den Tisch, der beim Fenster ihres Zimmers stand. Sie verbrachte Stunden mit dieser Arbeit, so da� das Papier bald verschmiert und beinahe unlesbar war; aber dennoch fuhr sie mit der Arbeit fort. Sie nahm keine Notiz mehr von den Aufgaben auf der Plantage, die sie fr�her so sorgf�ltig erledigt hatte.</p><p>Orry sagte nichts. Er verstand, da� Tillets Tod ihren Verstand an einen fernen Ort entr�ckt hatte. Wenn sich dadurch ihr Schmerz linderte � um so besser. Er w�rde versuchen, ihre vergessenen Pflichten so gut wie m�glich zu �bernehmen.</p><p>Aber es gab Gebiete, auf denen er ungeschickt war oder sich ganz einfach nicht auskannte. Die Plantage funktionierte nicht mehr so gut wie fr�her � wie eine Uhr, die immer zwanzig Minuten nachgeht, wie oft man sie auch richtig stellt.</p><p>�Gerade, verdammt noch mal � gerade! Was ist los mit euch?�</p><p>Es war ein strahlend blauer Februarmorgen, und Orry �berwachte die Vorbereitungen f�r die Fr�hlingssaat. Er hatte einige �ltere, erfahrene Neger angeschrien, die in drei�ig Zentimeter Abstand Richtseile in parallelen Linien anlegten. Im Augenblick arbeiteten die M�nner am andern Ende des rechteckigen Feldes. Sie drehten sich um und starrten ihren Besitzer mit Befremden an; die Linien waren gerade.</p><p>Die meist j�ngeren Sklaven und Sklavinnen, die das Saatgut mit Hacken den Seilen entlang eingruben, waren genauso verdattert. Orry hatte so laut geschrien, da� sogar einige Sklaven, die am andern Ende einen Bew�sserungsgraben aushoben, aufschauten. All die Blicke bezeugten, da� Orry im Unrecht war.</p><p>Er schlo� die Augen und rieb sich die Lider mit den Fingerspitzen. Fast die ganze Nacht �ber war er wach gewesen, hatte �ber seine Mutter nachgedacht und einen Brief an George aufgesetzt, in dem er schrieb, da� die Mains ihre Sommerferien nicht mehr in Newport verbringen w�rden. Als Grund daf�r gab er Clarissas Gesundheitszustand an; die Wahrheit blieb unerw�hnt. Im letzten Sommer hatte er eine unverhohlene Feindseligkeit seitens einiger Bewohner des kleinen Badeorts gesp�rt. Die Unfreundlichkeit von Yankees �ber sich ergehen lassen zu m�ssen � das war nicht gerade Orrys Vorstellung von Ferien.</p><p>�Orry, die Linien sind gerade!�</p><p>Bretts Stimme schreckte ihn aus seinem Gedankengang auf, und er �ffnete rasch die Augen. Er drehte sich um und erblickte seine Schwester, nicht weit von ihm entfernt, am Flu�ufer. Sie mu�te also gerade in dem Augenblick, in dem er die Sklaven angeschrien hatte, hinzugekommen sein. Ihre Wangen waren rot, und sie atmete schwer.</p><p>Er schielte �ber die Schulter. Sie hatte recht. M�digkeit oder eine Sinnest�uschung hatte ihn so weit gebracht. Die Sklaven hatten ihre Arbeit wieder aufgenommen; sie wu�ten, da� der Fehler bei ihm lag.</p><p>Brett ging zu ihm hin und ber�hrte seine Hand: �Du bist wieder einmal zu lange aufgeblieben.� Er zuckte die Achseln. Sie fuhr fort: �In der K�che war vorhin ein schreckliches Durcheinander. Dilly zog Sue an den Ohren, weil sie vergessen hatte, Badesalz zu bestellen. Sue hat geschworen, sie h�tte es dir gesagt.�</p><p>Er konnte sich pl�tzlich wieder daran erinnern. �Mein Gott, das stimmt. Ich bin derjenige, der es vergessen hat. Ich wollte es eben auf die Bestelliste schreiben, als ich zu Semiramis� Kind, das Masern hatte, gerufen wurde.�</p><p>�Das Schlimmste ist �berstanden, es wird wieder gesund werden.�</p><p>�Nicht wegen mir. Ich hatte �berhaupt keine Ahnung, was ich mit dem sechs Monate alten Baby machen sollte. Wieso wei�t du �berhaupt so gut Bescheid?�</p><p>Sanft erwiderte sie: �Sie haben nach mir gefragt, gleich nachdem du fortgegangen bist. Ich konnte nicht viel mehr f�r das Kind tun, als es gut einzuwickeln und darauf zu achten, da� es warm hatte. Aber Semiramis war vor Sorgen ganz aufgeregt, und so habe ich eine Weile mit ihr geplaudert und ihr die Hand gehalten. Das hat sie beruhigt, und das Baby konnte etwas schlafen � genau das, was es brauchte.�</p><p>�Ich wu�te wirklich nicht, was tun. Ich bin mir wie ein hilfloser Idiot vorgekommen.�</p><p>�Mach dir keine Vorw�rfe, Orry. Mama hat eben viel auf der Plantage getan, mehr als ihr M�nner je wahrgenommen habt.� Mehr wagte sie nicht zu sagen. Sie l�chelte und ber�hrte leicht seine Hand. �Ich m�chte dir helfen, die Plantage zu f�hren. Ich kann es.�</p><p>�Aber du bist ja noch ein � �</p><p>�Ein kleines M�dchen? Oh, das klingt ja beinahe wie Ashton.�</p><p>Sie hatte aus ihrem K�cher von Pfeilen genau den richtigen ausgew�hlt, um ihn zu treffen und seinen Widerstand zu brechen. Er mu�te lachen. Dann sagte er: �Du hast recht, ich wu�te nicht, wieviel Mama f�r die Plantage getan hat, und ich bin sicher, da� Vater sich auch nicht dar�ber im klaren war. Ich w�rde mich �ber deine Hilfe freuen. Ja, ich w�re dankbar daf�r. Spring �berall dort ein, wo es deiner Meinung nach n�tig ist. Wenn sich jemand dar�ber wundern sollte, sag ihm, da� ich dir freie Hand gegeben habe. Sag ihm, er solle sich an mich wenden. Na, was ist?�</p><p>�Wenn die Sklaven bei jedem wichtigen Befehl erst noch dich fragen m�ssen, ist es sinnlos f�r mich, die Arbeit zu machen. Und unter den Umst�nden m�chte ich auch nicht. Ich mu� die gleichen Machtbefugnisse haben wie du, und jedermann mu� es auch wissen.�</p><p>�Also gut, du hast gewonnen.� In seine Bewunderung mischte sich Ehrfurcht. �Du bist ein Wunder. Und dabei bist du noch nicht einmal f�nfzehn � �</p><p>�Das Alter hat damit nichts zu tun. Es gibt M�dchen, die lernen schon mit zw�lf, Frauen zu sein. Ich meine, nicht nur keck und kokett!� Die Anspielung auf Ashton verfehlte ihre Wirkung bei Orry nicht. �Es gibt auch solche, die es nie lernen. Lieber sterbe ich, als da� ich zu diesen geh�re.�</p><p>Mit einem liebevollen L�cheln sagte er: �Keine Angst, das wirst du sicher nicht.� Er war nicht weniger m�de, f�hlte sich jetzt dennoch viel besser. �Nun, ich denke, wir sollten sehen, da� wir zu Badesalz kommen.�</p><p>�Cuffey ist mit dem Karren nach Charleston unterwegs. Ich habe den Passierschein selbst geschrieben.�</p><p>Wieder lachte er und legte dann den Arm um sie: �Ich habe das Gef�hl, da� es nun auf der Plantage besser werden wird.�</p><p>Ashton ging im Schlafzimmer auf und ab. Brett beugte sich �ber den Schreibtisch. Eisbedeckte �ste und Zweige klirrten gegen die Fensterscheiben. Der Wind heulte �ber den Flu�.</p><p>Aus dem G�stezimmer drang erneut eine Niessalve. Ashton zog eine Grimasse. Huntoon hatte sie von Charleston, gerade bevor der Sturm aufzog, nach Hause gebracht und lag nun mit einer f�rchterlichen Erk�ltung im Bett.</p><p>�Wenn er nur endlich mit diesem schrecklichen Niesen aufh�rte!� sagte sie aufgebracht. Brett schaute vom Bilanzbuch auf und erschrak �ber die Geh�ssigkeit in der Stimme ihrer Schwester. Wie konnte jemand nur so w�tend auf eine Krankheit sein?</p><p>Aber dies war nicht der eigentliche Grund f�r Ashtons Zorn. Sie vermi�te jetzt schon den Glanz und die Fr�hlichkeit von Charleston. Huntoon hatte sie zum gr��ten gesellschaftlichen Anla� der Saison, zum gro�en Ball, der von der Saint-Cecilia-Gesellschaft organisiert wurde, eingeladen. Jetzt, wieder zur�ck am Ashley, f�hlte sie sich eingesperrt.</p><p>Ihre kleine Schwester begn�gte sich anscheinend damit, ihre Zeit mit Bestellisten und Bilanzen zu verbringen. Brett hatte in den letzten Wochen damit angefangen, sich als Herrin der Plantage aufzuf�hren. Aber noch schlimmer � die Nigger behandelten sie auch so.</p><p>�Wenn ich hier fertig bin, werde ich einen von Mamas Zitronengrogs mischen�, sagte Brett. �Vielleicht hilft das.�</p><p>�Willst du den Onkel Doktor spielen?�</p><p>Wieder schaute Brett ihre Schwester an, diesmal jedoch strenger. �Es gibt keinen Grund, schnippisch zu sein. Ich tue blo�, was ich kann.�</p><p>�Es scheint, du packst jede Gelegenheit beim Schopf. Ich habe geh�rt, da� du heute schon wieder bei den H�tten warst!�</p><p>�Hattie hat eine Eiterbeule bekommen; ich hab� sie aufgestochen und die Wunde verbunden. Wieso?�</p><p>�Ich verstehe wirklich nicht, wieso du deine Zeit mit solch widerlichen Sachen vergeudest.�</p><p>Brett klappte das Bilanzbuch zu, stand auf und zupfte ihren Rock zurecht.</p><p>�Jemand sollte dich daran erinnern, da� all die widerlichen Sachen � wie du es nennst � Mont Royal fortbestehen lassen. Damit wurden die Brokatrollen bezahlt, die du f�r dein Abendkleid am Saint-Cecilia-Ball gekauft hast.�</p><p>Ashtons mockiertes Lachen war eine Abwehr. Sie hatte sich daf�r entschieden, ihre Ziele durch die Manipulation anderer zu erreichen, w�hrend sie vorgab, die traditionelle Rolle der Frau zu spielen. Brett hingegen machte ihre Unabh�ngigkeit geltend! Ashton beneidete sie darum, und zugleich ha�te sie ihre Schwester noch mehr.</p><p>Sie versteckte ihren Ha� hinter einem Achselzucken und einer eleganten Bewegung in Richtung T�r. �Beruhige dich. Mir ist es egal, wenn du dich hier vergraben willst. Aber la� dir eins sagen: Diejenigen, die es in der Welt zu etwas bringen wollen, vertr�deln ihre Zeit nicht mit den Problemen der Nigger und der armen Wei�en. Sie bem�hen sich um wichtige Pers�nlichkeiten.�</p><p>�Ich wei�, da� sie das tun, aber ich will es nicht, wie du sagst, zu etwas bringen. Ich will blo� Orry helfen.�</p><p>Selbstgef�llige kleine Hure, dachte Ashton. Am liebsten h�tte sie ihrer Schwester die Augen ausgekratzt, sie verletzt, bis sie um Gnade flehte. Aber sie l�chelte und sagte fr�hlich: �Du machst es auf deine Art und ich auf meine � mit James. Oh, aber etwas w�rde mich noch interessieren: Du bist ja so mit Verarzten und Rechnen besch�ftigt � hast du �berhaupt noch Zeit, all die Briefe deines Kadetten zu beantworten? Er k�nnte dich sonst leicht vergessen!�</p><p>�F�r Billy habe ich immer Zeit. Mach dir keine Sorgen.�</p><p>Bretts ruhige Art brachte Ashton beinahe zum Explodieren. Ein neuerliches, heftiges Niesen Huntoons lenkte sie ab. Sie eilte in die Halle, wo sie beinahe mit Charles zusammengeprallt w�re, der nach unten wollte. Sie trat beiseite, und nun war sie es, die niesen mu�te.</p><p>�Sag, Ashton, woher hast du die Erk�ltung?� Charles grinste und zeigte mit dem Daumen in Richtung G�stezimmer. �Hast du in Charleston noch etwas anderes von ihm bekommen?�</p><p>�Fahr zur H�lle, du mit deiner schmutzigen Phantasie!�</p><p>�Was ist los? Bist du zu vornehm geworden f�r einen Spa�?�</p><p>Als Antwort knallte sie nur die T�r zu.</p><p>Im G�stezimmer starrte Huntoon Ashton an, w�hrend er einen Schwall der �belsten Schimpfworte, die ihm je zu Ohren gekommen waren, �ber sich ergehen lassen mu�te.</p><p>Nach seiner Amts�bernahme bereiste Pr�sident Pierce mit Kabinettsmitgliedern den Norden. In verschiedenen gr��eren St�dten wurden riesige Bankette veranstaltet. George und Stanley waren an der Feier in Philadelphia zugegen.</p><p>Pierce war ein gut aussehender, freundlicher Mann. Stanley war derart von ihm �berw�ltigt, da� er praktisch die ganze Zeit um ihn herumscharwenzelte. George hingegen interessierte sich mehr f�r den neuen Kriegsminister, Jefferson Davis. Davis benahm sich wie ein Soldat. Er war Mitte Vierzig und immer noch schlank. Er hatte hohe Backenknochen, tiefliegende graublaue Augen, und in seinem Haar zeigten sich schon recht viele graue Str�hnen. George hatte geh�rt, da� er auf einem Auge blind sei, konnte aber nicht feststellen, auf welchem.</p><p>W�hrend des kurzen Empfangs vor dem Abendessen konnte George einiges �ber die Meinungen und Ansichten, die der Minister vertrat, in Erfahrung bringen. Davis sprach �ber eines seiner Lieblingsthemen: die F�rderung einer transkontinentalen Eisenbahn.</p><p>�Ich bin ein strikter Verfechter der Verfassung�, sagte der neue Minister zu George und einigen andern G�sten, die um ihn herumstanden. �Ich wei�, da� die Bundesregierung kein Recht hat, sich in innere Angelegenheiten der einzelnen Staaten einzumischen. Deshalb k�nnte man logischerweise fragen � �</p><p>�Wie dann eine Regierungsbeihilfe f�r eine Eisenbahn gerechtfertigt werden kann?�</p><p>Davis l�chelte den Mann, der ihn unterbrochen hatte, freundlich an. �Ich h�tte es nicht besser sagen k�nnen, Sir.� Alle lachten. �Meiner Meinung nach handelt es sich hierbei jedoch um eine Angelegenheit der nationalen Verteidigung�, fuhr er fort. �Wenn die Territorien an der Pazifikk�ste keine Verbindung zum Rest des Landes haben, k�nnen sie uns von einem ausl�ndischen Feind problemlos entrissen werden. Au�erdem w�re eine transkontinentale Linie � vorzugsweise durch den S�den � �, bei dieser Bemerkung atmeten einige Zuh�rer h�rbar ein, doch der Minister schien sich nicht darum zu scheren, �f�r die Verteidigung unserer Grenzen sehr n�tzlich, denn Truppenverschiebungen zu den gef�hrdeten Gebieten w�ren so wesentlich einfacher. Im Augenblick bel�uft sich die Zahl der Offiziere und Soldaten auf nur zehntausend Mann. Zwischen hier und Kalifornien gibt es sch�tzungsweise vierhunderttausend Indianer, von denen vierzigtausend als Feinde betrachtet werden m�ssen. Diese Gefahr mu� mit neuen Mitteln gebannt werden.�</p><p>�Wie k�nnten die aussehen, Herr Minister?� fragte George.</p><p>�Zum einen � eine gr��ere Armee. Mindestens zwei neue Regimenter, und zwar berittene Regimenter, die gro�e Distanzen in kurzer Zeit bew�ltigen k�nnen. Die Indianer haben keine Angst vor unsern Fu�truppen; sie werden von ihnen �marschierender Haufen� genannt � eine recht absch�tzige Bezeichnung.�</p><p>George hatte geh�rt, da� Davis eher Soldat als Politiker war, und langsam begann er es zu glauben. Davis beeindruckte ihn.</p><p>�Vieles in unserer Armee ist �berholt�, fuhr der Minister fort. �So zum Beispiel die Taktik. Um diesem �bel abzuhelfen, habe ich vor, einen Offizier nach Frankreich zu schicken, um die Taktik der Franzosen zu studieren. Wenn es auf der Krim zum Krieg kommt, wie dies im Augenblick den Anschein erweckt, so haben wir die seltene Gelegenheit, die europ�ischen Armeen auf dem Feld zu beobachten. Zudem sollte auch in der Milit�rakademie einiges verbessert werden.�</p><p>�Das interessiert mich, Sir�, sagte George. �Mein Bruder ist momentan ein Junior, und ich habe �46 abgeschlossen.�</p><p>�Ja, Mr. Hazard. Ich bin �ber beides informiert. Meiner Ansicht nach sollte der Lehrplan von West Point ausgebaut werden.� Das war nichts Neues; die Idee eines f�nfj�hrigen Studiums geisterte schon seit einigen Jahren herum. �Der Taktik der berittenen Truppen aber mu� mehr Bedeutung zukommen. Ich m�chte eine neue Reithalle bauen, die St�lle vergr��ern � �</p><p>Ein Zuh�rer unterbrach ihn: �Man sagt, da� Sie eine zweite Milit�rakademie im S�den er�ffnen wollen, Herr Minister.�</p><p>Davis wandte sich dem Sprecher zu und wurde zum erstenmal etwas heftig: �Das ist falsches und b�sartiges Gerede, Sir. Der Vorschlag mag von andern stammen, auf keinen Fall von mir. So etwas w�rde eine Spaltung vorantreiben, und das ist das letzte, das wir im Augenblick in diesem Land brauchen k�nnen. Als sich John Calhoun gegen den Clay-Kompromi� aussprach, sagte er, da� die Bande, die die Staaten zusammenhalten, eins nach dem andern rei�en. Er war sicher, da� eine Spaltung nicht verhindert werden konnte. Aber ich teile seine Ansicht nicht. Wenn es eine Institution gibt, die einen nationalen Standpunkt vertritt, dann ist es West Point. Und ich, f�r meinen Teil, will es auch so halten.�</p><p>Obwohl George jedem Politiker aus dem tiefen S�den unwillk�rlich mi�traute, bemerkte er, wie er in den Applaus der andern einstimmte. Dennoch gab Davis� Haltung eher das Ideal als die Realit�t wieder.</p><p>Vor kurzem hatte Billy geschrieben, in West Point formierten sich Cliquen von Nord- und S�dstaatlern, zwischen denen die Spannung st�ndig wachse. Charles Main w�rde im Juni in die Akademie eintreten. W�rden diese Spannungen der Freundschaft zwischen ihm und Billy etwas anhaben k�nnen? George hoffte nicht.</p><p>Als der Beifall verklungen war, sagte George: �Sehr gut, Herr Minister. Es gibt heutzutage zu viele Extremisten auf beiden Seiten. Wir sollten mehr Leute wie Sie haben.�</p><p>Er erhob das Glas: �Auf die Akademie.�</p><p>Auch Davis erhob das Glas: �Und auf die Union.�</p><p><strong>36</strong></p><p>W�hrend Charles nordw�rts reiste, bereitete sich, am andern Ende der Welt, Ru�land auf den Krieg gegen die T�rkei vor. Der zuk�nftige Kadett trug bei seiner Ankunft in West Point einen breitkrempigen Farmerhut und einen alten rostroten Samtmantel. Das Haar fiel ihm bis auf die Schultern; in einem seiner Stiefel stak das Jagdmesser.</p><p>Billy und sein Freund und Klassenkamerad, ein vergn�gter Bursche aus Virginia namens Fitzhugh Lee, lehnten sich aus einem Fenster des zweiten Stocks der Kaserne und beobachteten, wie Charles auf der unter ihnen liegenden Stra�e herantrottete. Sie hatten ihn bereits den ganzen Nachmittag erwartet. Sicher hatte Charles schon den Einberufungsbefehl abgegeben und sich im Register des Adjutanten eingetragen. Zweifellos hatte er Orrys finanzielle Verh�ltnisse mit �wohlhabend� und nicht mit �durchschnittlich� bezeichnet. Er hatte sein Bargeld beim Kassierer hinterlegt und war nun auf der Suche nach seinem Zimmer.</p><p>�Mein Gott�, rief Fitz Lee verwundert. �Schau dir die Haarpracht an!�</p><p>Billy nickte. �Ich hab� zwar gewu�t, da� er viel hat, aber das hab� ich doch nicht erwartet.� Seine Augen gl�nzten pl�tzlich. Trotz der Freundschaft mit Charles hatte es Billy nicht unterlassen k�nnen, ihm einen w�rdigen Empfang zu bereiten.</p><p>�Er ist zottig wie ein Bison�, meinte Fitz. Im gleichen Moment wu�te Billy, da� dies Charles� Spitzname sein w�rde. Er selber hatte immer noch keinen.</p><p>Charles sp�rte, da� ihn jemand beobachtete, und sp�hte hinauf. Billy sprang hastig vom Fenster weg und zerrte Fitz mit.</p><p>�Er darf dich nicht sehen. Ist das Zimmer fertig?�</p><p>�Glaub� schon�, sagte Fitz mit unverhohlener Schadenfreude.</p><p>Der junge Mann aus Virginia war der Neffe des Superintendenten, aber Billy war sicher, da� ihm dies eine m�gliche Entlassung nicht ersparen w�rde. Fitz Lee verstie� gew�hnlich gegen die Regeln � und das mit Hochgenu�. �Beauty ist vor einer Weile nach oben gegangen, um das Werkzeug zurechtzulegen und in einen der Kittel zu schl�pfen, die wir gen�ht haben. Ich hol� jetzt meinen. Du h�ltst das Opfer hier zur�ck, bis ich wiederkomme.�</p><p>�In Ordnung, aber beeile dich. Wir haben nicht mehr viel Zeit bis zur Parade.� Billy lehnte sich aus dem Fenster und winkte. �Hallo Charles!�</p><p>Charles blinzelte und erwiderte dann voller Freude den Gru�. �Teufel noch mal, du bist�s! Wie geht�s dir?�</p><p>�Sch�n, da� du da bist. Komm rauf.�</p><p>Er trat wieder vom Fenster zur�ck und bemerkte, da� Fitz immer noch bei der T�r herumlungerte. �Was ist?�</p><p>�Ich hab� vergessen, dir zu sagen, da� sich Slocum selber zum Empfang eingeladen hat. Du kennst ja Beauty � er ist so verflixt aufrichtig, da� er allen alles erz�hlt.�</p><p>Billys Miene verfinsterte sich. �Slocum t�te besser daran, uns das nicht zu verderben. Sag ihm einen sch�nen Gru�, und er soll das Maul halten.�</p><p>�Du meinst, ich soll es so � �h � direkt sagen?�</p><p>�Ja. Ich bin nicht mehr sein Pr�gelknabe. Ich bin kein Junior mehr.�</p><p>�Da hast du vollkommen recht�, sagte Fitz grinsend und st�rmte hinaus.</p><p>Wenig sp�ter eilte Charles mit wehendem Mantel die Treppe hinauf. Billy und er stie�en ein Freudengeschrei aus und umarmten sich wie zwei Br�der, die sich f�r lange Zeit aus den Augen verloren haben. Dann schmi� Charles Hut und Koffer auf eines der Betten und strich sich das lange Haar aus der feuchten Stirn.</p><p>�Allm�chtiger, du siehst wirklich gut aus in der Uniform, Billy! Aber ich hab� vergessen, da� es im Norden so verdammt hei� ist.�</p><p>�F�r dich wird es, bevor das Sommercamp vorbei ist, noch viel hei�er werden � auch wenn die Temperatur f�llt. Du wirst ein Junior sein, vergi� das nicht. Und ich werde es ziemlich sicher schaffen, Kadettenkorporal im Camp zu werden.�</p><p>Charles runzelte die Stirn. �Bedeutet das, da� wir f�r ein Jahr nicht mehr Freunde sein k�nnen?�</p><p>�Doch, aber wir k�nnen es nicht offen zeigen, sonst � �</p><p>�Kadett Main?�</p><p>Der Schrei aus der Halle lie� Charles zusammenzucken. Billy mu�te seinen Freund am Arm halten, damit dieser nicht das Jagdmesser zog.</p><p>Charles blickte den Fremden, der in der T�re stand, feindselig an. Es war Fitz Lee, der einen halblangen, grauen Kittel aus rauhem Stoff trug. �Wer zum Teufel sind Sie?� wollte Charles wissen.</p><p>Fitz pa�te sich Charles� grobem Tonfall an. �Erheben Sie Ihre Stimme nicht, Sir! Ich bin Mr. Fitz und, zusammen mit Mr. Jeb, einer der Armeebarbiere.�</p><p>�Und?�</p><p>�Ihr Haar, Sir. Es ist wirklich unerl��lich, da� man ihm Beachtung schenkt. Sollten Sie dies ablehnen, so w�re ich gezwungen, dem Superintendenten zu rapportieren.�</p><p>Mit erhobener Stimme sagte Charles: �Nein, warten Sie! Billy, wird das bei allen Neuen gemacht?�</p><p>�Ja sicher�, antwortete Billy mit unbeweglichem Gesicht. �Mr. Fitz und Mr. Jeb haben mir das Haar in meiner ersten Stunde hier zurechtgestutzt.�</p><p>�Verflucht noch mal, die sind ja noch gar nicht so alt, da� sie schon Barbiere sein k�nnten.�</p><p>�Oh, als sie mich unter die Fittiche genommen haben, waren sie noch Lehrlinge.�</p><p>�Na dann eben.�</p><p>Obwohl Charles immer noch seine Zweifel hegte, folgte er Fitz die Treppe hoch zum Abstellraum, der f�r diese Gelegenheit geputzt und vorbereitet worden war. Billy bildete die Nachhut und hatte M�he, sein Kichern zu unterdr�cken.</p><p>Im Abstellraum war es infernalisch hei�. Die Hitze im fensterlosen Raum wurde durch zwei brennende �llampen noch erh�ht. Auf einem billigen Tisch lagen ein Spiegel mit Silberrahmen, K�mme, B�rsten, Scheren und ein Rasiermesser. Neben einem wackligen Stuhl stand Beauty Stuart. Er trug einen Kittel und strahlte Autorit�t aus.</p><p>�Nehmen Sie Platz, Sir. Schnell, schnell! Dieser Kadett wartet auch darauf, da� ihm das Haar geschnitten wird.�</p><p>Er zeigte auf Caleb Slocum, der an der Wand herumlungerte. Billy und der Kadett aus Arkansas nickten sich zu; keiner von beiden l�chelte. Sobald die Senioren die neuen Uniformen bekamen, w�rde Slocum in Urlaub gehen � keinen Augenblick zu fr�h f�r Billy.</p><p>Charles setzte sich. Mit wichtigem Gehabe winkte Stuart und schnippte mit den Fingern. �Mr. Fitz? Den Umhang bitte.�</p><p>Fitz Lee brachte ein schmutziges, zerrissenes Tuch, das er Charles um den Hals band. �Das ist aber verdammt schmutzig�, beklagte sich Charles. �Sieht aus, als ob da schon scharenweise Leute geblutet h�tten. Was f�r ein Barbiersalon ist�?�</p><p>�Ruhig, Sir. Ich kann mich nicht konzentrieren, wenn Sie dauernd plappern�, sagte Stuart und warf seinem Kunden einen strengen Blick zu. Er schnippte mehrere Male mit der Schere und ging dann gezielt auf das Haar oberhalb des linken Ohrs von Charles los. Billy versuchte anhand der Ger�usche, die von unten kamen, die Zeit abzusch�tzen. Um vier Uhr mu�ten sie fertig sein.</p><p>�Den Spiegel bitte, Mr. Fitz.�</p><p>Der Hilfsbarbier st�rzte sich nach vorn und drehte den Spiegel auf Stuarts �bertriebene Gesten hin einmal in diese und dann in die andere Richtung. Konnte Charles denn nicht sehen, da� alles nur fingiert war? Aber kein Neuank�mmling bemerkte es je; Angst und die ungewohnte Umgebung waren die Garanten daf�r, da� das Spiel jedes Jahr wieder klappte.</p><p>Stuart stand mit geneigtem Kopf, das Kinn in der rechten Hand, den rechten Ellbogen in der linken Handfl�che da und betrachtete sein Kunstwerk. Auf der linken Seite war das Haar nur noch einen Zentimeter lang, auf der rechten jedoch � durch einen exakten Mittelscheitel getrennt � noch genauso lang und unber�hrt wie zuvor. Billy drehte sich zur Wand und bi� sich auf die Unterlippe. Tr�nen rannen ihm �ber die Wangen.</p><p>�Die eine H�lfte ist fertig�, gab Stuart bekannt. �Nun zur anderen � �</p><p>Von der Ebene her t�nte das Signal: genau der richtige Zeitpunkt. Mr. Jeb lie� die Schere fallen, Mr. Fitz warf den Spiegel auf den Tisch, Billy und Slocum rannten zur T�r.</p><p>�He�, schrie Charles. �Was ist los?�</p><p>Stuart ri� sich den Kittel vom Leib. �Wir m�ssen antreten. Kommen Sie mit, Sir.�</p><p>�Wir werden das Haar ein anderes Mal fertig schneiden�, rief Fitz vom untern Treppenabsatz.</p><p>�Ein anderes Mal?� br�llte Charles und verfolgte seine Peiniger. Unter der T�r des Abstellraums warf er Billy einen vernichtenden Blick zu � den Blick eines hintergangenen Mannes �, aber jener bemerkte es wegen der Tr�nen in den Augen nicht. �Welch anderes Mal?� schrie Charles. �Wie zum Teufel soll ich mein Aussehen erkl�ren?�</p><p>�Das wei� ich nicht, Sir�, frohlockte Fitz, als er die Treppe hinuntersauste. �Aber erkl�ren m�ssen Sie es � denn ich bin sicher, da� sich alle Offiziere dar�ber wundern werden.�</p><p>�Ein verdammter Trick�, polterte Charles. Er zog das Messer aus dem Stiefel und warf es den Davoneilenden nach. Slocum war ein wenig zur�ckgeblieben. Das Jagdmesser sauste an seinem Ohr vorbei und grub sich in einen Balken des Treppengel�nders. Die Klinge summte, und Charles lie� eine Tirade von Fl�chen �ber die M�nner von West Point und deren Gemeinheiten vom Stapel.</p><p>Als man Charles �ber seinen Haarschnitt ausfragte, sagte er blo�, da� er allein daf�r verantwortlich sei. Trotz Drohungen von Stabsoffizieren und Senioren lie� er sich nicht von seiner Geschichte abbringen. Seine Verschwiegenheit brachte ihm den Respekt der meisten F�hrer des Kadettenkorps ein � auch denjenigen von Beauty Stuart.</p><p>Es dauerte nicht lange, bis Charles Stuart zu verg�ttern begann, obwohl die beiden auf den ersten Blick gesehen nicht viel gemeinsam hatten. Charles sah gut aus; Stuart war das augenf�llige Gegenteil: Sein gedrungener K�rper stand in scharfem Gegensatz zu seinen ungew�hnlich langen Armen. Doch mit Schneid und Charme machte er seine �u�ere Erscheinung mehr als wett. Seine blauen Augen strahlten fast immer Humor aus, und bei den jungen Damen, die im Hotel abstiegen, war er ungeheuer erfolgreich.</p><p>In milit�rischer Hinsicht hatte Charles keine Schwierigkeiten mit der Ausbildung in West Point � in schulischer Hinsicht sah es ein wenig anders aus. Die Kurse in englischer Grammatik und in Geographie waren recht einfach, um nicht zu sagen langweilig. Aber trotz der ausgezeichneten Vorbereitung von Herrn Nagel blieb Algebra ein absolutes Mysterium. Charles gesellte sich unverz�glich zu den Unsterblichen und verlie� sie auch nach den Januarpr�fungen nicht, bei denen er beinahe durchgefallen w�re. Auch im zweiten Semester, als er mit dem Franz�sischstudium begann, verbesserte sich seine Lage kaum.</p><p>�Wieso zum Teufel m�ssen Soldaten Franz�sisch k�nnen?� fragte er Billy bei einer der seltenen Gelegenheiten, bei denen sie sich miteinander unterhalten konnten, ohne da� ihre verschiedenen R�nge sie behindert h�tten. Es war an einem Samstagnachmittag im Februar, und das Wetter wurde allm�hlich w�rmer. Sie strolchten in den H�geln oberhalb von Fort Putnam herum. Wenn sie nordw�rts blickten, konnten sie gro�e Eisbl�cke auf dem grauen Flu� treiben sehen. Vereinzelt stiegen Rauchschwaden aus den Kaminen der Steinh�user unter ihnen in die trockene Winterluft auf. Billy, der Fausthandschuhe trug, zerbrach einen Ast und schleuderte beide St�cke fort.</p><p>�Weil eine ganze Menge milit�rischer und wissenschaftlicher Schriftst�cke auf franz�sisch verfa�t sind, Mr. Bison! Vielleicht mu�t du eines Tages einen solchen Text �bersetzen.�</p><p>�Ich nicht. Ich gehe zu den Dragonern und mache Jagd auf die Indianer.� Er blickte seinen Freund argw�hnisch an. �Ist das wirklich der Grund?�</p><p>�Wieso sollte ich dich anl�gen?�</p><p>�Weil ich ein Junior bin und du ein gewiefter Rhetoriker. Das hast du ja schlie�lich bewiesen, als du mich dem Barbier ans Messer geliefert hast.�</p><p>Billy zog eine Grimasse.</p><p>�Ein gewiefter Rhetoriker�, wiederholte Charles gen��lich. Dann, einer pl�tzlichen Eingebung folgend, stellte er sich wie ein Ankl�ger vor Billy hin und sagte: �Ha, ich hab�s, du hei�t von nun an Rhet.�</p><p>Billy r�mpfte die Nase und murrte, aber im geheimen freute er sich, denn es hatte ihn gest�rt, immer noch ohne Spitznamen zu sein. Zudem schien es ihm h�chst angebracht, da� er von seinem besten Freund auserkoren worden war.</p><p>Gegen Ende Mai des Jahres 1854 verabschiedete der Senat die Kansas-Nebraska-Bill. Senator Douglas hatte den Gesetzesentwurf im Januar vorgelegt und damit die schwelende Sklavenkontroverse wieder einmal zum Aufflackern gebracht.</p><p>Mit dem Gesetz wurden zwei neue Territorien ins Leben gerufen. Douglas fand, es sei ein Ausdruck der Volkssouver�nit�t; die Sklavengegner hingegen waren der Ansicht, da� es Verrat sei � eine Aufhebung des alten Missouri-Kompromisses, der die Sklaverei n�rdlich des 36. Breitengrades verboten hatte. Es wurde gemunkelt, da� Jefferson Davis Pr�sident Pierce dazu angehalten habe, das Gesetz zu unterzeichnen. Die Sklavengegner vertraten die Meinung, da� offensichtlich eine neue politische Partei notwendig sei, um die finsteren Komplotte, die in Washington geschmiedet wurden, zu bek�mpfen.</p><p>In einem Brief an Charles schrieb Orry, da� der vor vier Jahren geschlossene Clay-Kompromi� � wie dies aus den Phrasendreschereien beider Seiten zu schlie�en sei � in Schutt und Asche liege. Charles, der nicht viel von den nationalen Problemen verstand und sich auch nicht allzu sehr daf�r interessierte, f�hlte sich deswegen in die Enge gedr�ngt, denn ab und zu schrieben Senioren wegen eines heftigen Blicks oder eines gemurmelten Protests einen Bericht �ber ihn und nannten sein Benehmen eine typische �s�dliche Unversch�mtheit�. S�dstaatler wie zum Beispiel Slocum reagierten auf ein solches Vorgehen mit grausamen Schikanen Junioren aus dem Norden gegen�ber. Lee ermahnte die Kadetten immer noch, ein Bund von Br�dern zu sein, aber Charles sah, wie sich das Korps langsam in zwei feindliche Lager spaltete.</p><p>Innerhalb beider Lager gab es nat�rlich verschiedene Abstufungen. So vertrat Slocum das eine Extrem der S�dstaatler und Beauty Stuart das andere � das hei�t, wenn er sich anst�ndig benahm und sein Temperament nicht mit ihm durchging. Charles nahm sich sowohl Stuart als auch Billy zum Vorbild, denn Billy hielt sich aus den politischen Diskussionen heraus und konzentrierte sich auf gute Noten, die er, allem Anschein nach, ohne gro�e M�he erzielte. Dennoch fand es Charles � in Anbetracht seiner Erziehung und der Lage der Dinge � manchmal sehr schwierig, sein Temperament zu z�geln. W�hrend eines Anwesenheitsappells wurde er von einem verha�ten Kadettenfeldwebel aus Vermont herausgepickt. Der Yankee ri� ihm unter dem Vorwand einer Inspektion drei Uniformkn�pfe ab.</p><p>�Kein Wunder, da� Sie nie ordentlich aussehen, Sir�, knurrte der Yankee. �Die Nigger fehlen Ihnen hier.�</p><p>�Ich poliere meine Kn�pfe selbst und k�mpfe meinen Kampf selbst.�</p><p>Der Kadett aus Vermont schob den Unterkiefer vor; seine Augen funkelten in der Morgensonne.</p><p><emphasis>�Was haben Sie gesagt, Sir?�</emphasis></p><p>�Ich habe gesagt � � Charles erinnerte sich pl�tzlich an seine hundertneunzig Fehlerpunkte und daran, da� seine Juniorenzeit erst in zwei Wochen zu Ende sein w�rde. �Nichts, Sir.�</p><p>Der Kadettenfeldwebel stolzierte selbstgef�llig weiter. Vielleicht war auch er erleichtert, denn Charles hatte den Ruf, da� er mit Jagdmesser und F�usten ausgezeichnet umzugehen verstand.</p><p>Charles ha�te es, sich von einem Yankee beleidigen zu lassen und klein beizugeben. Er verhielt sich nur so, weil er Orry eine angemessene Leistung an der Akademie schuldig war, und dies war ihm wichtiger als echte oder imagin�re Kr�nkungen seiner Ehre. Zumindest glaubte er das zu diesem Zeitpunkt.</p><p>Eigenartigerweise war es ein S�dstaatler, der Charles zum erstenmal dazu veranla�te, ernsthaft �ber die Sklaverei nachzudenken. Der Schuldige war Caleb Slocum, der nun zum Kadettenfeldwebel aufger�ckt war.</p><p>Der Kadett aus Arkansas hatte ausgezeichnete Noten und befand sich in den meisten F�chern unter den Besten. Billy meinte, er sei so gut, weil er sich die Pr�fungsfragen zum vornherein beschaffe und auch sonst mogle. Obwohl auf Mogeln nat�rlich auch strenge Strafen standen, schenkten weder die Offiziere noch die Professoren diesem Tatbestand die Aufmerksamkeit, die sie andern disziplinarischen Vergehen, wie zum Beispiel dem Trinken, widmeten.</p><p>Dies war ein weiterer Grund daf�r, da� Billy Slocum verachtete. Er sagte Charles, da� er die Absicht habe, den Kadetten aus Arkansas eines Tages zu verdreschen.</p><p>Slocum verstand es meisterhaft, die Junioren zu qu�len. Er trieb sich oft bei Benny Haven herum � der Besitzer lebte immer noch, er schien unsterblich � und konnte dort verschiedene Schikaniermethoden in Erfahrung bringen, die in der Vergangenheit ausprobiert und als zu gemein verworfen worden waren.</p><p>Aber f�r Slocum waren sie nicht zu gemein. Seine Opfer waren Junioren aus dem Norden. Als Charles die absolute Macht bemerkte, die Slocum aus�bte, wurde ihm klar, da� zu Hause genau die gleichen Machtverh�ltnisse zwischen dem wei�en Herrn und dem schwarzen Sklaven herrschten. Nat�rlich waren diese Verh�ltnisse schon immer dagewesen, aber er hatte noch nie zuvor erkannt, wie mi�br�uchlich und grausam sie ausgenutzt werden konnten.</p><p>Charles f�hlte sich dem S�den gegen�ber unloyal, aber er vermochte einige Zweifel an der Sklaverei nicht zu unterdr�cken. Tag f�r Tag wurde er mit ihm fremden Ideen bombardiert; es g�rte in der Nation, und es g�rte in der Akademie. Im stillen begann er �ber verschiedene Aspekte der eigent�mlichen Institution der Sklaverei nachzudenken: �ber ihre Berechtigung und �ber ihre langfristige praktische Anwendbarkeit. Es fiel ihm schwer zuzugeben, da� das System v�llig falsch war � schlie�lich war er trotz allem ein S�dstaatler �, aber da so viele Leute dagegen waren, mu�te irgend etwas daran falsch sein. In Anbetracht der Feindseligkeiten, die durch die Sklaverei geschaffen wurden, schien sie f�r den S�den eher eine Last als ein Gewinn. Manchmal war Charles sogar beinahe bereit, jenem Wahlreden haltenden Mann aus Illinois, Lincoln, zuzustimmen; er sagte n�mlich, da� das Problem einzig und allein mit einer stufenweisen Emanzipation gel�st werden k�nne.</p><p>Obwohl er immer noch aufgew�hlt war, wollte Charles unter allen Umst�nden Auseinandersetzungen wegen dieser Frage vermeiden. In der Nacht auf den 1. Juni aber wurde dieser Entschlu� �ber den Haufen geworfen.</p><p>Um halb zehn nahm Charles Seife und Handtuch und ging nach unten zum Waschraum der Kaserne. Da es schon sp�t war, hoffte er, allein zu sein. Einmal pro Woche mu�ten die Kadetten ein Bad nehmen, aber sie durften dies ohne eine Sondererlaubnis von Oberst Lee nicht �fter tun.</p><p>�llampen verbreiteten im Korridor ein schummriges Licht. Es wurde gemunkelt, da� Minister Davis demn�chst ein Gaslichtsystem zu installieren gedachte. Charles eilte durch den Eingang am Getr�nkeladen vorbei; er wollte nicht gesehen werden. Das viele Marschieren hatte ihn ersch�pft, und seine Beine schmerzten. Er lechzte danach, sich in der Badewanne auszustrecken und vor dem Zapfenstreich noch zehn oder f�nfzehn Minuten lang im warmen Wasser zu d�sen.</p><p>Als er sich der Doppelt�r des Waschraums n�herte, begann er leise zu pfeifen. Doch pl�tzlich hielt er inne und spitzte die Ohren. Er runzelte die Stirn. Hinter der T�r waren Stimmen zu h�ren; zwei verhalten, eine dritte etwas lauter.</p><p>Flehend.</p><p>Mit einem Ruck ri� er die T�r auf. Verdutzt wirbelten Caleb Slocum und ein schm�chtiger Klassenkamerad aus Louisiana herum. Slocum hielt in der einen Hand einen offenen Beh�lter, aus dem ein durchdringender Terpentingeruch aufstieg, der sich mit dem Duft von Seife und der feuchten Luft vermischte.</p><p>Der Kadett aus Louisiana hielt einen dritten jungen Mann am Nacken fest und pre�te sein Gesicht in die leere Wanne. Der Junge starrte Charles aus gro�en, dunklen, feuchten und ver�ngstigten Augen an. Charles erinnerte sich an ihn: ein erst am selben Tag angekommener Neuling.</p><p>�Verschwinden Sie, Sir�, sagte Slocum zu Charles. �Diese disziplinarische Angelegenheit geht Sie nichts an.�</p><p>�Disziplinarische Angelegenheit? Da� ich nicht lache! Der Bursche ist erst seit heute nachmittag hier. Er kann sich wohl noch ein oder zwei Fehler leisten!�</p><p>�Der Yankee hat uns beleidigt�, br�llte der Kadett aus Louisiana.</p><p>�Das ist nicht wahr�, protestierte der Junge in der Wanne. �Sie haben mich geschnappt, hierhergezerrt und � �</p><p>�Du sagst gar nichts�, polterte der Louisianer, packte den Neuling wieder am Nacken und dr�ckte so stark, bis der Bursche winselte.</p><p>Slocum trat nach vorn, um Charles die Sicht zu versperren. Sein mit Pusteln �bers�tes Gesicht verfinsterte sich, als er sagte: �Ich sage Ihnen nur noch einmal, da� Sie gehen sollen, Sir!�</p><p>Charles sch�ttelte langsam den Kopf. Die mit den Wannen verbundenen Wasserleitungen strahlten W�rme aus. Er trocknete sich seine feuchten H�nde am Hemdzipfel ab und sagte: �Nicht, bis ich wei�, was ihr mit ihm vorhabt.� Allerdings glaubte er es jetzt schon zu wissen.</p><p>Schnell machte er einen Schritt zur Seite und st�rzte sich nach vorn, bevor Slocum reagieren konnte. Das Opfer war nackt. Es war ganz ausgemergelt und sah mit seinem nackten, leicht erhobenen Ges�� erb�rmlich aus. Seine Hoden waren mit einer Schnur so stark zugeschn�rt, da� sie bereits geschwollen waren.</p><p>Charles befeuchtete sich den Gaumen, der auf einmal wie ausged�rrt schien. Es wurde hier wieder einmal eine der schon fr�her erprobten Qu�lereien angewendet. Charles war gerade vor dem Abschlu� des Unterfangens dazugekommen � dem Opfer sollte Terpentin in den Anus gegossen werden.</p><p>Die Galle kam ihm hoch, die Wut verschlug ihm beinahe die Sprache: �So behandelt man nicht einmal einen Hund! La�t ihn los!�</p><p>Slocum konnte und wollte sich nicht von einem Junioren herumkommandieren lassen. �Main, ich warne Sie � �</p><p>Die T�r wurde ge�ffnet. Charles wirbelte herum und erblickte Frank Pratt mit einem Handtuch �ber dem Arm. �berraschung spiegelte sich auf seinem Gesicht, als er die Lage �berblickte. Er w�rgte und sah sehr w�tend aus. In sanftem, aber �u�erst bestimmtem Ton sagte Charles:</p><p>�Hol Billy Hazard. Ich will, da� er sieht, welche Schweinerei Slocum diesmal ausgeheckt hat.�</p><p>Frank rannte hinaus und schmetterte die T�r zu. Slocum stellte den Beh�lter mit dem Terpentin auf den glitschigen Boden und massierte sich dann gem�chlich die Kn�chel mit der linken Handfl�che. �Anscheinend verstehen Sie nur eine Art von Befehl, Sir. Nun gut, ich werde mich anpassen.�</p><p>Charles h�tte wegen diesem Getue beinahe losgelacht, aber er wagte es nicht, denn die zwei waren Senioren und sa�en obendrein noch in der Patsche. Das machte sie gef�hrlich.</p><p>Der Kadett aus Louisiana lie� von dem Jungen in der Wanne ab, der nach vorn fiel und einen leisen Schrei ausstie�. Slocum massierte sich immer noch melodramatisch die Hand. Sein Kamerad packte ihn am Arm.</p><p>�La� dich nicht mit ihm ein, Slocum. Du kennst seinen Ruf. Es fehlen ihm blo� noch zehn Minuspunkte, und er wird entlassen. Wenn wir einen Rapport schreiben, sind wir ihn los.�</p><p>Die Idee �berzeugte den Kadetten aus Arkansas, der sich im Grunde nicht mit jemandem, der so gro� und stark wie Charles war, auf einen Kampf einlassen wollte. Slocum rieb sich immer noch die Hand und sagte, ohne sich direkt an jemanden zu wenden: �Der verdammte Idiot sollte sowieso auf unserer Seite stehen. Wir kommen alle aus dem gleichen Teil � �</p><p>Die T�r wurde ge�ffnet. Frank und Billy kamen herein. Billy schlug die T�r zu. Als er sah, was los war, explodierte er.</p><p>�Mein Gott! Sir� � er zeigte auf den zusammengekauerten Burschen � �ziehen Sie sich an und gehen Sie auf Ihr Zimmer.�</p><p>�J-ja, Sir.� Der Neuank�mmling tastete zaghaft �ber den Badewannenrand nach seinen Kleidern, aber sie waren weit weg. Charles kickte sie ihm zu. Slocum starrte Billy feindselig an.</p><p>�Kommen Sie nicht hier herein, um Befehle zu erteilen, Sir. Vergessen Sie nicht, da� ich Ihr Vorgesetzter bin, und � �</p><p>Billy unterbrach ihn. �Zum Teufel damit! Sie glauben wohl, West Point sei Ihre Plantage und jeder Junior ein Nigger, den Sie mi�handeln k�nnen. Sie verdammter Sklavenhalter!�</p><p>�Komm, la� das, Rhet�, schrie Charles. �Diese Art von Gerede ist wirklich unn�tig.�</p><p>Aber sein Freund sch�umte vor Wut. �Wenn du auf seiner Seite stehst, dann sag es doch gleich.�</p><p>�Du verdammter � �</p><p>Charles� Schrei widerhallte im feuchten Raum, und seine Faust schnellte nach vorn, bevor er wu�te, was er tat. Er vermochte gerade noch den Schlag zu bremsen.</p><p>Billy war schon einen Schritt zur�ckgesprungen und hatte die F�uste erhoben, um den Schlag abzuwehren. Er war nicht weniger verbl�fft als Charles.</p><p>Charles fiel es pl�tzlich wie Schuppen von den Augen. Nur wegen ein paar Worten, die er nicht als Individuum, sondern als S�dstaatler aufgefa�t hatte, war er bereit gewesen, einen Streit vom Zaun zu brechen. Er hatte genau wie Whitney Smith und die ganze Bande reagiert.</p><p>Er fuhr sich mit dem Handr�cken �ber den Mund: �Rhet, es tut mir leid.�</p><p>�Schon gut.� Billys Ton war nicht gerade freundlich.</p><p>�Slocum ist derjenige, den wir � �</p><p>�Schon gut, sagte ich!�</p><p>Billy starrte seinem Freund einen kurzen Augenblick w�tend in die Augen, dann beruhigte er sich etwas. Er machte eine Kopfbewegung Richtung T�r.</p><p>�Alle raus � au�er dir, Slocum. Deine Art von Disziplinierung wird in dieser Gegend nicht gesch�tzt. Es ist an der Zeit, da� dir das jemand klarmacht.�</p><p>Besorgt sagte Frank Pratt: �Billy, du wirst die H�lfte des Korps gegen dich haben, wenn du das machst.�</p><p>�Glaub� ich nicht. Aber ich geh� das Risiko ein. Raus hier!�</p><p>�Ich steh� drau�en Wache�, sagte Charles. �Es wird dich niemand st�ren.�</p><p>Charles hatte ein Angebot gemacht, das vom Korps verstanden w�rde: Ein Nordstaatler, der sich mit Slocum befa�te, und ein S�dstaatler, der Wache stand, waren der Beweis daf�r, da� Slocums Benehmen und nicht sein Geburtsort die Ursache des Kampfes war.</p><p>�Beeil dich�, sagte Charles zum Neuank�mmling, der gro�e M�he hatte, sein zerknittertes Hemd �berzuziehen. �Zieh deine Schuhe drau�en an.�</p><p>Der Junge verlie� den Raum, gefolgt von Frank Pratt. Charles starrte den Kadetten aus Louisiana an. �Sieht so aus, als m��te ich Sie raustragen.�</p><p>�Nein � nein!� Der Mann aus Louisiana fl�chtete wie eine Krabbe seitw�rts. Erst in der Halle drehte er sich um und rannte wie der Teufel.</p><p>Charles sp�hte den d�steren Korridor hinunter, in dem sich niemand au�er Frank Pratt befand, der bei der Treppe kauerte und �ngstlich nach oben starrte. Der Mann, der den Getr�nkeladen bediente, kam heraus, schlo� die T�r ab, bemerkte Charles und Frank und stieg dann ohne ein Wort zu sagen die Treppe hoch.</p><p>Charles lehnte sich gegen die Doppelt�r, er war immer noch von den Ereignissen aufgew�hlt. Aus weiter Ferne vernahm er die ersten T�ne des Zapfenstreichs. Vom Waschraum her kam ein leiser Angstschrei und gleich danach der erste Schlag einer Faust.</p><p>Zehn Minuten sp�ter kam Billy heraus. Au�er den Blutspritzern auf seinem Hemd und den kleinen Bluterg�ssen auf dem Handr�cken war ihm nichts anzumerken.</p><p>Nein, das stimmte nicht ganz, wie Charles feststellte. Die Augen strahlten eine gewisse Unruhe aus. �Kann er noch gehen?� fragte Charles.</p><p>�Ja, aber es wird ihm f�r eine Weile nicht danach zumute sein.� Ihre Blicke trafen sich, aber Billy schaute weg. �Ich bef�rchte, da� ich zu gro�en Gefallen daran gefunden habe.�</p><p>Von der Treppe her bedeutete Frank Pratt ihnen, sich zu beeilen. Sie w�rden sich alle Minuspunkte einhandeln, wenn der inspizierende Offizier vor ihrer T�r �Alles in Ordnung?� riefe und keine Antwort erhielte.</p><p>Aber Charles war das egal. Er dachte �ber Billys Bemerkung nach. Hatte Billy Slocum so durchgepr�gelt, weil dieser ein S�dstaatler war? Sie gesellten sich zu Frank, der angstvoll fragte: �Was wird passieren, wenn Slocum dar�ber redet?�</p><p>Als sie die Treppe hinaufstiegen, sagte Billy: �Ich habe ihm klarzumachen versucht, dies besser zu unterlassen. Ich glaube, er wei�, da� ich ihm � sollte unsere kleine Sitzung in irgendeinem offiziellen Bericht auftauchen � vor meiner Entlassung nochmals einen Besuch abstatten werde; und seinem Genossen aus Louisiana ebenfalls.�</p><p>Frank fuhr fort: �Du k�nntest ja auch formell Klage gegen ihn einreichen, wegen Mi�handlung dieses Neuen � �</p><p>Billy sch�ttelte den Kopf. �Wenn ich das t�te, w�rde man Slocum als Helden betrachten und mich als einen rachs�chtigen Yankee. Die Spannung ist hier schon gro� genug. Ich bin der Ansicht, da� wir es dabei bewenden lassen sollten.�</p><p>Schweigend trotteten sie die d�stere Treppe hinauf. Charles qu�lten Zweifel an sich selbst wie auch an Billy. Sie konnten beide nicht abstreiten, da� nun auch sie von der Krankheit befallen worden waren, die das ganze Land erfa�t hatte, und noch im selben Augenblick beschlo� er, da� es auf keinen Fall schlimmer werden durfte.</p><p>Bald darauf verlie�en die Senioren die Akademie. Unter den Absolventen befanden sich Stuart, der Neffe des Superintendenten, und ein Bursche aus Maine namens Ollie O. Howard, dem Charles eine noch praktisch neue Wolldecke abkaufte. Billy packte f�r seinen Urlaub.</p><p>Die ganze Akademie redete �ber die �nderungen, die im Herbst eingef�hrt werden sollten. Fast zehn Jahre lang hatte das Direktorium davon gesprochen, die Studienzeit auf f�nf Jahre zu erh�hen, und Minister Davis hatte es endlich geschafft, die �nderung durchzusetzen. Die H�lfte der Neuen w�rde gem�� dem neuen Programm ausgebildet, w�hrend die andere H�lfte noch einmal den Vierjahreskurs absolvieren w�rde. Die Teilung wurde deshalb vorgenommen, weil es kein Jahr ohne Absolventen geben sollte.</p><p>Das f�nfj�hrige Studium sollte die von vielen angeprangerte einseitige Ausrichtung auf Mathematik, Wissenschaft und Technik �ndern. In Zukunft w�rden auch Englisch, Geschichte, Rhetorik und Spanisch zu den Studienf�chern geh�ren.</p><p>�Was zum Teufel soll ich mit noch einer Sprache?� beklagte sich Charles. �Ich hab� schon mit Franz�sisch genug Schwierigkeiten.�</p><p>�Durch den Krieg haben wir viele neue Territorien gewonnen � und dort sprechen viele Leute Spanisch. Das wird wohl der Grund daf�r sein.� Billy schlo� den Koffer, streckte sich und ging ans Fenster.</p><p>�Die Dragoner�, sagte Charles, �treiben keine Konversation mit den Mex�, sie knallen sie ab.�</p><p>Billy sah ihn schief an. �Ich glaube nicht, da� die Mexikaner das lustig finden w�rden.� Mit einem Achselzucken gab Charles seinem Freund zu verstehen, da� er recht hatte, aber Billy bemerkte es nicht; die H�nde auf dem Fenstersims, starrte er einer bekannten Gestalt nach, die �ber die Ebene hinkte. Zuf�lligerweise bemerkte der Kadett, da� Billy am Fenster stand, und schaute weg.</p><p>�Slocum�, sagte Billy trocken.</p><p>Charles trat zu Billy. �Er kann schon wieder besser gehen.�</p><p>Der Kadett aus Arkansas hinkte davon. Charles wandte sich vom Fenster ab. Schon seit Tagen plagten ihn Schuldgef�hle. Doch heute, da er seinen Freund erst im September wiedersehen w�rde, war seine letzte Chance, mit Billy dar�ber zu reden.</p><p>�Ich f�hle mich elend wegen jenes Abends. Nicht wegen Slocum, sondern wegen dem, was ich dir beinahe angetan h�tte.�</p><p>Billys abwehrende Handbewegung erleichterte Charles ungemein. �Ich war genauso schuld daran�, sagte Billy. �Ich finde, es war f�r uns beide eine gute Lektion. Soll doch der Rest des Korps sich pr�geln! Wir sollten und werden dies nicht tun.�</p><p>�Du hast vollkommen recht.� Charles freute sich �ber Billys Zusicherung, aber er hatte das Gef�hl, da� es sich eher um Wunschdenken handelte.</p><p>Einen Augenblick lang herrschte Stille. Charles zupfte sich einen Strohhalm von der Hose. Der Wunsch, sich mitzuteilen, war �berm�chtig.</p><p>�Ich mu� dir noch etwas sagen. Die meiste Zeit �ber hier hasse ich es, ein S�dstaatler zu sein, denn es bedeutet schlie�lich, akademisch minderwertig zu sein � nein, nein, du kannst es ruhig zugeben, ihr Yankeeburschen stecht uns doch immer aus. Daf�r haben wir bessere Nerven und sind z�her.�</p><p>�Auch wenn das stimmen w�rde � was ich zwar nicht glaube �, so sind genau dies die Eigenschaften eines guten Soldaten.�</p><p>Charles �berh�rte das Kompliment. �Als S�dstaatler f�hlt man sich hier automatisch zweitrangig. Man sch�mt sich seiner Herkunft. Man ist w�tend, weil der Rest des Korps sich so selbstgerecht gibt� � er streckte das Kinn vor �, �was, verdammt noch mal, nicht stimmt.�</p><p>�Ich habe das Gef�hl, da� Selbstgef�lligkeit eine Yankee-Krankheit ist, Bison.�</p><p>Ein L�cheln entkr�ftete den Trotz in Charles� Blick ein bi�chen. �Ich glaube, nur ein S�dstaatler kann verstehen, was ich eben gesagt habe. Ich meine, wirklich verstehen. Aber ich danke dir, da� du zugeh�rt hast.� Er streckte Billy die Hand hin. �Freunde?�</p><p>�Klar. F�r immer.� Ihr Handschlag war fest und kraftvoll.</p><p>Vom Norddock her war ein Pfiff zu h�ren. Billy nahm seinen Koffer und st�rzte zur T�r. �Wenn du Brett schreibst, sag ihr, da� ich sie vermisse.�</p><p>�Schreib doch selber!� Charles� Augen funkelten. �Ich glaube, sie kommt hierher zu Besuch, wenn du zur�ck bist.�</p><p>Billy blieb die Luft weg. �Wenn du einen Witz machen solltest � �</p><p>�Ich w�rde mich nie �ber dich lustig machen. Nicht, nachdem ich gesehen habe, wie du Slocum verm�belt hast.� Charles nahm seine franz�sische Grammatik vom Regal, �ffnete das Buch und entnahm ihm einen zusammengefalteten Brief. �Ich hab� ihn erst heute morgen von Brett bekommen. Sie schreibt, sie wolle dich in einem�, er suchte das Wort, �g�nstigen Moment �berraschen. Verstehst du das?�</p><p>�Na klar.� Billy tanzte mit dem Koffer in der Hand herum. Zwei Kadetten, die drau�en vorbeigingen, lachten. �Und wer wird die Anstandsdame spielen?�</p><p>�Orry. Er nimmt Ashton auch mit; sie bek�me sonst einen Wutanfall.�</p><p>Doch dies vermochte Billys Freude nicht zu tr�ben. Singend h�pfte er die Treppe hinunter, und Charles sah ihm zu, wie er v�llig unmilit�risch �ber die Ebene raste und einigen Professoren �berm�tig salutierte.</p><p>Charles f�hlte sich eine volle halbe Stunde lang wohl. Dann h�rte er vier Kadetten im Nebenzimmer lauthals �ber Kansas diskutieren. Eine Erkl�rung, ein Handschlag mochten wohl die Spannungen zwischen Freunden lindern, aber sie w�rden niemals die Probleme l�sen, von denen das Land beherrscht wurde. Und schon gar nicht, solange immer noch einige S�dstaatler diese Probleme in Abrede stellten.</p><p>Zum Teufel noch mal, dachte er, welch h�llisches Durcheinander.</p><p>Superintendent Lee und ein j�ngerer Offizier schlenderten gem�tlich zum Westende der Ebene. Eine gro�e Anzahl von Hotelg�sten waren mit einigen Kindern herbeigekommen, um den Vorf�hrungen der Reiter beizuwohnen. Der j�ngere Offizier hatte die �bung nach drau�en verlegt, da es in der Reithalle zu hei� war. Es war Samstag nachmittag; die umliegenden H�gel schimmerten im Dunst der Julihitze. Doch die Hitze schien weder den Applaus der Zuschauer zu schm�lern, noch konnte sie dem Enthusiasmus, mit dem die Kadetten ihre �bungen vorf�hrten, etwas anhaben. Einige von ihnen zeigten die korrekte Art des Sattelns und Z�umens sowie des Auf- und Absteigens. Andere ritten in den verschiedenen Gangarten oder sprangen �ber einige Strohballen. Eine ausgew�hlte Gruppe von Senioren griff im Galopp Strohpuppen an und hieb im Vorbeireiten mit dem S�bel auf sie ein.</p><p>Der j�ngere Offizier beobachtete die ganze Szene kritisch. Er trug eine Dienstm�tze mit einer orangefarbenen Quaste und einem Emblem � gekreuzte S�bel mit der Nummer zwei in oberen Winkel. Leutnant Hawes vom Zweiten Dragonerregiment erteilte den Reitunterricht. Vor einem Jahr hatte er einen schon lange �berf�lligen Instruktionskurs in Kavalleriestrategie eingef�hrt � eine Neuerung f�r die Akademie.</p><p>�Beeindruckend�, sagte Lee und erhob seine Stimme �ber den L�rm der trottenden Hufe. �Sie haben gute Arbeit geleistet, Leutnant.�</p><p>�Vielen Dank, Sir.� Hawes zeigte auf einen dunkelhaarigen, gutaussehenden Reiter, der seinen Fuchs gekonnt f�hrte; es schien, als w�rden Ro� und Reiter �ber die Heuballen fliegen. �Er ist der beste Reiter des Kadettenkorps. Eigentlich sollte er die Vorf�hrungen nicht mit den anderen bestreiten; er ist n�mlich erst in der dritten Klasse. Aber er ist das ganze Jahr hindurch in jeder freien Minute in die Reithalle gekommen. Wenn er diesen Herbst mit der Reitausbildung beginnt, werde ich ihm kaum noch etwas beibringen k�nnen. Ich lasse ihn gern mit den andern Burschen reiten, weil das ein Ansporn f�r sie ist.�</p><p>Der Kadett, �ber den gerade diskutiert wurde, sprang �ber einen weiteren Ballen und landete mit einer nat�rlichen Anmut auf seinem Grimsley-Dienstsattel. Lee betrachtete sein dunkles, wehendes Haar und sein Profil und dachte einen Augenblick nach.</p><p>�Er kommt aus South Carolina, nicht wahr?�</p><p>�Ja, Sir. Sein Name ist Main.�</p><p>�Ah ja. Ein Vetter von ihm war vor ungef�hr zehn Jahren hier. Der Junge macht einen guten Eindruck.�</p><p>Leutnant Hawes nickte begeistert. �Ungef�hr der gleiche Schlag wie Stuart � nur, da� er besser aussieht.�</p><p>Beide lachten. Dann fuhr Hawes fort: �Ich bin sicher, da� er nach seinem Abschlu� zu den Dragonern oder den Kavalleriej�gern eingeteilt wird.�</p><p>�Oder vielleicht zu einem dieser neuen Reiterregimenter, die der Minister bilden will.�</p><p>�Mains Noten werden ihm keine Wahl lassen�, bemerkte Hawes. �Aber im milit�rischen Unterricht ist er ausgezeichnet. Die Idee, da� ein Mann k�mpfen kann und daf�r bezahlt wird, scheint ihn sehr zu beeindrucken.�</p><p>�Das wird vorbeigehen, wenn er zum erstenmal ein Schlachtfeld sieht.�</p><p>�Ja, Sir. Aber ich hoffe auf jeden Fall, da� er die Abschlu�pr�fung schaffen wird. Er ist ein Draufg�nger, eine weitere �hnlichkeit mit Stuart.�</p><p>�Dann wird er �berall eingesetzt werden k�nnen.�</p><p>Hawes schwieg, aber er war einverstanden. Er wu�te, warum er die Tortur, Hunderte von unf�higen Burschen auszubilden, aushalten konnte; Burschen, die nie in der Lage sein w�rden, auf etwas unruhigerem als einem Schaukelstuhl zu sitzen. Aber er hielt durch in der Hoffnung, einen �berdurchschnittlich begabten Sch�ler zu finden. Dieses Jahr war er erfolgreich gewesen.</p><p>Beide Offiziere betrachteten Charles, wie er mit einem breiten L�cheln �ber den letzten Ballen sprang. F�r einen Augenblick schienen Ro� und Reiter zentauren�hnlich im schw�len Himmel zu schweben.</p><p><strong>37</strong></p><p>An einem Freitag im September traf Orry mit den beiden Schwestern im Hotel ein; sie kamen gerade rechtzeitig zur Abendparade. Als Brett Billy sah, klatschte sie entz�ckt in die H�nde: Er hatte neue Rangabzeichen.</p><p>Wie sie sp�ter herausfand, war er zum ersten Kompaniefeldwebel ernannt worden. Er hatte Brett die Neuigkeit verschwiegen � es sollte eine �berraschung sein.</p><p>Ashton entging der erfreute Ausdruck ihrer Schwester nicht. Ha� stieg in ihr hoch � und auch eine unerwartete Reaktion beim Anblick von Billy Hazard. Eine Welle des Verlangens durchflutete sie, die sie jedoch mit Willensanstrengung unterdr�ckte. Billy hatte sie verlassen, und er w�rde daf�r b��en.</p><p>Aber sie wollte nicht, da� er anfing, sich vor ihr in acht zu nehmen � weder jetzt noch in Zukunft. Ihr von der Sonne bestrahltes Gesicht zeigte keinerlei Regung, und sie behielt unentwegt ihr charmantes L�cheln bei. Kurz darauf bemerkte sie, da� zwei Gentlemen des Hotels sie beobachteten, und sie f�hlte sich sofort wesentlich besser. Ihrer kleinen, farblosen Schwester zollte man keinerlei Aufmerksamkeit � zumindest nicht solcher Art.</p><p>Billy Hazard war schlie�lich nicht der einzige Mann auf Erden. Vor ihren Augen marschierten gerade mehrere hundert in genauen Formationen. Sicher waren einige davon gewillt, ihren Aufenthalt hier zu vers��en. Da James auf eine Heirat dr�ngte, war dies vielleicht die letzte Gelegenheit, sich noch mal richtig auszutoben.</p><p>Sie betrachtete die starken, strammen Beine der marschierenden Kadetten. Mit der Zungenspitze befeuchtete sie ihre Oberlippe. Ihre Leistengegend f�hlte sich warm und feucht an. Sie wu�te, da� sie eine wundervolle Zeit in West Point verleben w�rde.</p><p>F�r Orry war die Parade ein stark gef�hlsbetontes Erlebnis. Es tat gut, die Trommeln, Pfeifen und H�rner wieder zu h�ren. Die wehenden Flaggen und die in herbstliches Gold und Karmin getauchten H�gel im Hintergrund brachten lebhafte Erinnerungen und vergessene Gedanken zur�ck. Und als er Charles ersp�hte, der zwischen den gr��eren Kadetten in einer Kompanie am Fl�gel marschierte, war er ungemein stolz.</p><p>Am n�chsten Tag lud Billy Orry und die M�dchen ein, sich seinen Fechtunterricht anzuschauen. Ashton sch�tzte Kopfschmerzen vor und blieb auf der Veranda des Hotels. Brett und ihr Bruder sa�en w�hrend einer Stunde auf einer harten Bank und schauten zu, wie Billy und ein Dutzend andere Kadetten mit verschiedenen Fechtwaffen �bten: breite Schwerter aus Nu�baum f�r die Anf�nger, Florette oder, wie zum Beispiel Billy und sein Gegner, leichte S�bel.</p><p>De Jaman, der Fechtmeister, gesellte sich zu den Besuchern. Billy verwirrte seinen Gegner mit T�uschungsman�vern, St��en und Ausf�llen. �Der Bursche ist au�erordentlich talentiert f�r diesen Sport�, sagte der Franzose mit der Begeisterung eines stolzen Vaters. �Aber die meisten Kadetten, die sich beim Studium auszeichnen, sind begabt, denn Fechten ist haupts�chlich von der Intelligenz abh�ngig.�</p><p>�Ja, das stimmt�, sagte Orry und erinnerte sich, da� er in dieser Disziplin nicht besonders gut gewesen war.</p><p>Billy beendete den Kampf mit einem einfachen Ausfall, indem er den Schutzknopf seines S�bels genau in die Treffl�che der gepolsterten Jacke seines Gegners bohrte. Nach dem Sto� gr��te er seinen Gegner, ri� die Maske vom Kopf und drehte sich grinsend zu Brett um. Sie war aufgesprungen und applaudierte ihm.</p><p>Orry strahlte. Dann bemerkte er das Gesicht von Billys Gegner. Unter dem rechten Auge des Burschen war ein blauer Halbmond zu sehen. �Woher hat er diese Prellung?� fragte Orry, als Billy zu ihnen trat.</p><p>Billy versuchte ein L�cheln aufzusetzen. �Soviel ich wei�, hatte er eine Diskussion mit einem seiner Zimmergenossen.�</p><p>�Was f�r eine Diskussion?� wollte Brett wissen.</p><p>�Ich glaube, es hatte irgend was mit Senator Douglas zu tun. Mein Gegner kommt aus Alabama und � � er sprach den Satz nicht zu Ende.</p><p>Beunruhigt fragte Orry: �Passieren solche Sachen h�ufig hier?�</p><p>�O nein, �u�erst selten�, antwortete Billy viel zu hastig. Ihre Blicke trafen sich. Beide wu�ten, da� sich der andere �ber die L�ge im klaren war.</p><p>An diesem Abend machte sich Orry nach Buttermilk Falls auf, um Benny Haven den ersten nicht verbotenen Besuch abzustatten. Billy nahm Brett, nachdem er Orry um Erlaubnis gefragt hatte, auf den �Liebespfad� mit.</p><p>Schemenhaft glitten Paare auf dem in der Dunkelheit versinkenden Pfad an ihnen vorbei. Durch die Bl�tter der herunterh�ngenden �ste waren die im Osten dahingleitenden Wolken im letzten Sonnenlicht zu sehen. Unten auf dem Flu� bewegte sich das Albany-Nachtschiff wie ein Gl�hw�rmchen.</p><p>Brett trug ihr reich besticktes Spenzerj�ckchen mit dazu passenden Handschuhen � was, wie sie bemerkt hatte, im Norden nicht mehr in Mode war. Billy fand sie die entz�ckendste Gestalt, die er je gesehen hatte:</p><p><emphasis>�Mademoiselle, vous �tes absolument ravissante.�</emphasis></p><p>Sie lachte und ergriff seinen Arm. �Das mu� ein Kompliment sein. Es t�nt so sch�n, da� es gar nichts anderes sein kann. Was bedeutet es?�</p><p>Sie waren neben einer der B�nke, die es in den verschiedenen Winkeln entlang des Pfades gab, stehengeblieben.</p><p>�Es bedeutet, da� ich endlich eine praktische Verwendung f�r all die unendlich langen Franz�sischstunden gefunden habe.�</p><p>Sie lachte erneut. Er beugte sich vor und k��te sie sanft auf den Mund.</p><p>�Es bedeutet, da� ich dich sch�n finde.�</p><p>Der Ku� verwirrte sie, obwohl sie sich schon lange danach gesehnt hatte. Ihr fiel nichts ein, das sie h�tte sagen k�nnen. Sie bef�rchtete, da� er lachen w�rde, wenn sie das Wort <emphasis>Liebe</emphasis> aussprechen w�rde. Verunsichert stellte sie sich auf die Zehenspitzen, legte ihre Arme um seinen Nacken und k��te ihn von neuem � diesmal kr�ftig. Sie sanken h�ndehaltend auf die Bank.</p><p>�Mein Gott, bin ich froh, da� du hier bist, Brett. Ich glaubte, der Urlaub w�rde nie zu Ende gehen.�</p><p>�Du bist sicher gern nach Hause gegangen.�</p><p>�O ja. Ich war froh, wieder in Lehigh Station zu sein, aber doch weniger, als ich es mir vorgestellt hatte. Alle waren dort � au�er der Person, die mir am meisten am Herzen liegt. Die Tage zogen sich dahin, und gegen das Ende konnte ich es kaum noch erwarten, zu packen und zu gehen. George verstand mich, nicht aber meine Mutter. Ich glaube, da� ich sie mit meiner Langeweile verletzt habe. Es tat mir leid, und ich versuchte, meine Gef�hle zu verbergen, aber � aber ich hab� dich so vermi�t.�</p><p>Nach einem kurzen Schweigen sagte sie leise: �Auch ich hab� dich vermi�t, Billy.� Er dr�ckte ihre Hand noch st�rker. �Du kannst dir nicht vorstellen, wie einsam ich das ganze Jahr �ber gewesen bin. Meine Tage bestanden nur noch aus dem Warten auf deine Briefe. Ich glaube nicht, da� du hier �berhaupt Zeit hast, einsam zu sein. Dein Stundenplan ist ja unheimlich vollgestopft. Es hat mich gefreut, da� ich deine Freunde kennenlernen konnte, aber einige von ihnen haben mich, als ich das erste Mal den Mund ge�ffnet habe, schief angeschaut.�</p><p>�Dein Akzent hat ihnen gefallen.�</p><p>�Hat er ihnen gefallen oder hat er sie abgesto�en?� Einige Kadetten � Yankees, wie sie vermutete � hatten sie mit unverhohlener Geh�ssigkeit angestarrt.</p><p>Er gab keine Antwort, denn er war sich der Ablehnung, ja sogar offenen Feindseligkeit bewu�t, die einige Nordstaatler den gelegentlichen Besucherinnen aus dem S�den entgegenbrachten. Die Tatsache, da� Brett und er nicht die gleiche Herkunft hatten, warf einige praktische Probleme f�r die Zukunft auf, Probleme, mit denen er sich jetzt nicht herumschlagen wollte, die er aber auch nicht ewig auf die Seite schieben konnte. Und hier war nicht der Ort, um dar�ber zu sprechen. Er schob den S�belgurt zur Seite, langte in die Tasche und zog das St�ck schwarzen Samts hervor, das er von seiner Urlaubsm�tze abgetrennt hatte. Er drehte es zwischen den Fingern, als er die damit verbundene Tradition erkl�rte, und sagte abschlie�end:</p><p>�Aber ich konnte es diesen Sommer, als ich nach Hause ging, meinem M�dchen nicht geben, denn es war in South Carolina.�</p><p>Er dr�ckte ihr das Samtband in die Hand. Sie strich �ber die Goldstickereien und fl�sterte: �Vielen Dank.�</p><p>�Ich hoffe�, er schluckte leer, �ich hoffe, da� du immer mein M�dchen bleiben wirst.�</p><p>�Ja, Billy. Immer.�</p><p>Ein Kadett, der mit seiner Begleiterin in der Dunkelheit an ihnen vorbeiging, stie� ein zynisches Lachen aus, als er das Gespr�ch h�rte. Aber Brett und Billy nahmen nichts wahr: Sie sa�en eng umschlungen da und k��ten sich.</p><p>Kurz darauf schlenderten sie wieder zum steilen Abhang zur�ck. Billy hatte noch nie eine solch vollkommene Nacht erlebt, und noch nie war er so sicher gewesen, da� die Zukunft genauso vollkommen sein w�rde.</p><p>Schemenhafte Gestalten zeichneten sich in der Dunkelheit ab; ein Kadettenleutnant mit einem M�dchen am Arm. Der Kadett � er kam aus Michigan � war noch nie besonders freundlich mit Billy gewesen. Nun, da er mit seiner Gef�hrtin �ber den Liebespfad ging, redete er so laut, da� Brett ihn h�ren mu�te.</p><p>�Das ist sie. Glaubst du, da� ein M�dchen aus dem S�den ihrem Yankee-Liebhaber beibringt, wie man die Nigger mi�handelt? Nur f�r den Fall, da� er in die Familie hineinheiratet?�</p><p>Das M�dchen kicherte. Billy wollte sich auf ihn st�rzen, aber Brett hielt ihn zur�ck.</p><p>�La� doch, es lohnt sich nicht.�</p><p>Das Paar verschwand. Billy sch�umte vor Wut und entschuldigte sich dann bei Brett f�r das Verhalten des Leutnants, aber sie versicherte ihm, da� sie schon Schlimmeres erlebt habe. Dennoch war die Stimmung nicht mehr dieselbe. Die beleidigende Bemerkung zeigte ihm, da� sie beide � wenn er sie heiraten w�rde � der Wut der bigotten Leute ihres Landesteils ausgesetzt sein w�rden.</p><p>Sein Bruder George hatte nat�rlich gleiche Beleidigungen �ber sich ergehen lassen m�ssen, als er Constance aus Texas brachte. Aber er war mit der Situation fertig geworden. Und wenn es ein Hazard geschafft hatte, so w�rde auch er es k�nnen.</p><p>�Law, was ist das f�r ein stinkiger Ort?� fl�sterte Ashton, als der Yankee-Senior das Schl�sselloch zu finden versuchte, was in der Dunkelheit nicht so einfach war.</p><p>�Delafields Pfefferdose�, sagte der Senior undeutlich. Anscheinend hatte er recht viel getrunken, bevor er sie aus dem Hotel gelotst hatte, aber es war ihr gleichg�ltig. Vielleicht w�rde er sie um so besser befriedigen. Sein Verstand war eher langsam, aber seine Schultern sehr kr�ftig. Nicht nur die Schultern, hoffte sie.</p><p>�Es ist das Ordonnanzlaboratorium�, fuhr er fort und fand endlich das Schl�sselloch. Es roch nach Pech, Paste und Schwefel. �Die Senioren m�ssen hier unten arbeiten. Wir mischen P�lverchen, nehmen Gestein auseinander � �</p><p>�Wie bist du zum Schl�ssel gekommen?�</p><p>�Hab� ihn von einem Kadetten gekauft, der im letzten Juni abgeschlossen hat. Kommst du nicht rein? Wolltest du nicht�?�</p><p>Er war nicht genug betrunken, um den Satz zu beenden.</p><p>�Ja, das hab� ich gesagt, aber ich wu�te doch nicht, da� du mich an einen derart stinkenden Ort f�hren w�rdest.�</p><p>Als sie in der T�r stand, z�gerte sie. �ber ihr verdeckte einer der schlo�artigen T�rme die Sterne am herbstlichen Abendhimmel. Das Geb�ude stand einsam unterhalb des n�rdlichen Rands der Ebene.</p><p>Aus dem dunklen Zimmer heraus ergriff der schweratmende Kadett ihre Hand. �Komm herein, und ich werde dir ein Andenken geben. Alle M�dchen, die im Hotel �bernachten, wollen ein West-Point-Andenken.�</p><p>Er schlurfte zu ihr, lehnte sich an den T�rrahmen und fingerte an einem der Messingkn�pfe seines Mantels herum, die sich Ashton zuvor genau angesehen hatte. <emphasis>Kadett</emphasis> stand oben, <emphasis>U.S.M.A.</emphasis> unten und in der Mitte waren ein Adler und ein Schild zu sehen.</p><p>Sie z�gerte immer noch. Der Gestank des Laboratoriums war �berw�ltigend, aber ihr Verlangen, das sie schon seit Wochen versp�rte, ebenfalls.</p><p>�Willst du sagen, da� du mir einen Knopf gibst, wenn ich mit dir �reinkomme?�</p><p>Er schnippte mit den Fingern gegen einen der Kn�pfe. �Du hast freie Wahl.�</p><p>�Nun � einverstanden.� Ein L�cheln umspielte ihre Mundwinkel. �Aber ich hab� nicht diese Kn�pfe gemeint�, fuhr sie fort, als sie ihm ihre Hand auf den Unterleib legte.</p><p>Sp�ter fl�sterte er in der Dunkelheit. �Wie f�hlst du dich?�</p><p>�Als h�tte ich noch fast nichts bekommen, Liebling.�</p><p>H�rbares Schlucken. �Ich hab� ein paar Freunde. Ich k�nnte sie holen. Sie w�ren unheimlich dankbar. Bis ich wieder zur�ck bin, bin ich so weit, da� ich ein zweites Mal zur Quelle gehen k�nnte.�</p><p>Ashton lag da und ruhte sich aus, ihr Unterarm �ber den Augen.</p><p>�Hol sie, Liebling. So viele, wie du willst, aber la� mich nicht zulange warten! Und stell klar, da� jeder, der kommt, mir auch ein Andenken geben will!�</p><p>�Ich sage dir, ich hab� es mit eigenen Augen gesehen�, sagte ein Kadett aus New Jersey, den Billy recht gut kannte. Vor drei Tagen waren die Mains nach New York aufgebrochen. Der Kadett zeichnete mit dem Zeigefinger einen Umfang von f�nf Zentimetern in die Luft. �Die Schachtel war ungef�hr so gro�. Darin hatte sie die Kn�pfe von allen, denen sie ihre Gunst erwiesen hat.�</p><p>�Wie viele Kn�pfe waren drin?�</p><p>�Sieben.�</p><p>Billy starrte ihn v�llig entgeistert an. �In eineinhalb Stunden?�</p><p>�Vielleicht sogar weniger.�</p><p>�Waren S�dstaatler darunter?�</p><p>�Kein einziger. Es scheint, da� einige Yankees ihre Vorurteile den S�dstaatlern gegen�ber recht schnell abbauen k�nnen.�</p><p>�Sieben. Ich kann�s nicht glauben. Wenn Bison das h�rt, wird er von einer blinden Wut gepackt werden.�</p><p>�Und das schwache Geschlecht verteidigen?�</p><p>�Ja genau�, sagte Billy. �Schlie�lich ist sie seine Kusine.�</p><p>�Aber es hat sie ja niemand dazu gezwungen�, entgegnete der Kadett hastig. �Ich m�chte behaupten, da� es in Tat und Wahrheit genau umgekehrt war. Und �berhaupt � ich glaube nicht, da� es Bison zu Ohren kommen wird.�</p><p>�Wieso nicht?�</p><p>�Die Dame behauptete, da� sie in weniger als sechs Monaten wieder hier sein werde. Falls auch nur einer der sieben in der Zwischenzeit etwas ausplaudere � ihren Namen oder sonst etwas �, w�rde er die H�lle auf Erden erleben.�</p><p>�Die H�lle auf Erden? Hat sie noch mehr gesagt?�</p><p>�Nein. Vielleicht glaubte ihr keiner, aber alle tun wenigstens, als ob. Ich hab� das Gef�hl, sie wollen sie alle wiedersehen�, sagte er mit einem genie�erischen, aber merkw�rdig nerv�sen L�cheln. �Oder vielleicht wollen sie Mains Jagdmesser nicht zu nahe kommen.�</p><p>Billy vermutete, da� Ashton die sieben Kadetten hinters Licht gef�hrt hatte. Er wu�te nichts von einem zweiten Besuch der Schwestern. Dann merkte er pl�tzlich, da� er das N�chstliegende � gerade vor seiner Nase � �bersehen hatte: den grinsenden Kadetten.</p><p>�Moment mal. Wenn alle dichthalten, wieso wei�t du denn Bescheid?�</p><p>Der Kadett grinste noch breiter, ein Augenzwinkern verriet unz�chtige Gedanken, doch seine Nervosit�t blieb. �Ich war die Nummer sieben. Aber das beste kommt noch: Sie wollte von uns allen, die sie � �h � mit unserer Gro�z�gigkeit beehrten, keine Mantelkn�pfe.�</p><p>Billy f�hlte sich elend. �Was wollte sie?�</p><p>�Hosenkn�pfe!�</p><p>Er wurde leichenbla� und konnte nur stammeln: �Warum erz�hlst du mir das alles?�</p><p>�Freundschaftsdienst.� Es t�nte zwar falsch, aber Billy blieb ruhig. �Zudem hab� ich gesehn, wie du der andern Schwester den Hof gemacht hast, und ich fand, du solltest es wissen. Du hast die bessere ausgew�hlt � auf jeden Fall vom Standpunkt des Gentlemans.� Er zwinkerte. Billy nahm kaum Notiz davon und blieb todernst.</p><p>�Allm�chtiger! Sieben Hosenkn�pfe! Bison darf das nie erfahren.�</p><p>Der Kadett l�chelte nicht mehr. �Deshalb bin ich zu dir gekommen, Hazard. Es war mir ernst mit dem, was ich �ber Bison und sein Jagdmesser gesagt habe. Ich bin kein Feigling, aber vor ihm hab� ich Angst. Und die andern sechs auch. Es wird weder Prahlerei noch Geschw�tz geben. Verla� dich drauf.�</p><p>Nachdem Billy wieder allein war und sich vom ersten Schreck erholt hatte, dachte er �ber die Worte des Kadetten nach. Pl�tzlich wurde ihm klar, welch gro�es Gl�ck es f�r ihn gewesen war, die Verbindung mit Bretts Schwester rechtzeitig abzubrechen. Er wu�te nicht, was er �ber sie denken sollte, er wu�te nur, da� irgend etwas mit ihr nicht stimmte. Wie gut, da� sie nicht mehr an ihm interessiert war. W�hrend ihres ganzen Aufenthalts hatte sie kaum ein Wort mit ihm gesprochen und so getan, als existiere er nicht. Gott sei Dank, sie hatte ihn vergessen.</p><p><strong>38</strong></p><p>Virgilia zog den zerschlissenen Schal enger um die Schultern und befestigte ihn mit einer Nadel. Dann r�hrte sie wieder im Haferschleim auf dem kleinen Eisenherd, dessen viertes Bein fehlte und durch kaputte Ziegelsteine ersetzt worden war.</p><p>Ein Novembersturm bedeckte die Blechd�cher der umliegenden H�tten mit einem wohltuenden Schneemantel. Schnee f�llte auch die Furchen im gefrorenen Schlamm auf der Gasse. Der schneidende Wind r�ttelte an den mit Wachspapier verh�ngten Fenstern und wehte Schneeflocken durch die L�cher in der Wand, an der ein Stich von Frederick Douglass hing.</p><p>Grady sa� an einem wackligen Tisch. Sein verwaschenes blaues Flanellhemd war bis an den Hals zugekn�pft. Er hatte ungef�hr f�nfzehn Kilo abgenommen und sah nicht mehr gesund aus. Wenn er l�chelte � was in letzter Zeit selten vorkam �, waren perfekte, handgefertigte und richtig eingesetzte Oberz�hne zu sehen. Nur ein leicht gelblicher Schimmer deutete darauf hin, da� sie k�nstlich waren.</p><p>Grady gegen�ber sa� ein Besucher � ein schlanker, elegant gekleideter Schwarzer mit hellbrauner Haut, grauem Haar und eindringlichen braunen Augen. Lemuel Tubbs. Als er zur T�r hereingekommen war, hatte er augenf�llig gehinkt.</p><p>Die Tasse mit dem d�nnen Kaffee, die Virgilia Tubbs vorgesetzt hatte, war unber�hrt geblieben. Er fand keinen Spa� daran, die Slums w�hrend eines Schneesturms aufsuchen zu m�ssen, aber die Pflicht hatte es verlangt. Er redete ernst auf Grady ein.</p><p>�Mit einem Bericht �ber Ihre Erfahrungen w�rden Sie unserer n�chsten �ffentlichen Zusammenkunft mehr Glaubw�rdigkeit verleihen und ihre Gewichtigkeit steigern. Nichts kann das Publikum besser davon �berzeugen, da� die Sklaverei b�se ist, als ein pers�nlicher Bericht von einem ehemaligen Sklaven.�</p><p>�Eine �ffentliche Zusammenkunft, sagten Sie?� Grady dachte laut. �Ich wei� nicht, Mr. Tubbs� Die Sklavenf�nger aus South Carolina k�nnten doch davon erfahren!�</p><p>�Ich verstehe Ihre Besorgnis�, sagte Tubbs verst�ndnisvoll. �Nat�rlich kann Ihnen niemand die Entscheidung abnehmen.�</p><p>Er z�gerte, bevor er auf den heiklen letzten Punkt zu sprechen kam. �Falls aber Ihre Entscheidung positiv ausfallen sollte, so h�tten wir eine Bedingung. Wir m�chten die St�rkstm�gliche Verurteilung der Sklaverei, aber keinen Aufruf zu einem gewaltsamen Aufstand im S�den. Diese Art Reden beunruhigt und st��t einige Wei�e ab, die wir dringend zur F�rderung unserer Sache ben�tigen. Um ehrlich zu sein: Sie w�rden aus Angst kein Geld mehr spenden.�</p><p>�Sie verw�ssern also die Wahrheit?� fragte Virgilia. �Sie prostituieren sich und Ihre Organisation f�r einige Silberst�cke?�</p><p>Zum erstenmal runzelte der Besucher die Stirn, und in seinen Augen zeigte sich eine Spur von Zorn. �So w�rde ich es nicht ausdr�cken, Miss Hazard.� In den Kreisen der Sklavereigegner nannte man sie immer noch so und nicht Mrs. Grady.</p><p>In Wirklichkeit waren die f�hrenden K�pfe der Bewegung in Philadelphia sich nicht einig, ob die Hilfe von Virgilia und ihrem Liebhaber w�nschenswert war. Beide vertraten extreme Ansichten, die die Bewegung in ernsthafte Schwierigkeiten bringen konnte. Ein Teil der F�hrungsspitze wollte mit ihnen �berhaupt nichts zu tun haben; die andern, deren wichtigster Vertreter Tubbs war, wollten Gradys Hilfe zwar annehmen, doch nur, wenn er bereit war, sich etwas unter Kontrolle zu halten. Tubbs beschlo� widerwillig, da� er gut daran t�te, dies noch einmal zu betonen.</p><p>�Bei Verhandlungen mit den M�chtigen m�ssen immer gewisse Kompromisse eingegangen werden, wenn man etwas zu erreichen � �</p><p>�Mr. Tubbs�, unterbrach ihn Grady. �Ich glaube, es ist besser, wenn Sie gehen. Wir sind an einer Zusammenarbeit unter den von Ihnen gestellten Bedingungen nicht interessiert.�</p><p>Tubbs gab sich M�he, seiner Stimme nichts von seiner Erregung anmerken zu lassen. �Ich w�nschte, Sie w�ren weniger voreilig. Vielleicht �berlegen Sie sich das ganze noch mal, wenn ich Ihnen Folgendes sage: Ich pers�nlich bin der Meinung, da� Sie der Sache der Sklavenabschaffung von gro�em Nutzen sein k�nnen � aber nicht die ganze Bewegung teilt diese Ansicht. Es dauerte recht lange, bis einige unserer Mitglieder davon �berzeugt werden konnten.� Er blickte Virgilia kurz an. �Und ich bezweifle, da� man diese Einladung wiederholt.�</p><p>�Grady will nicht vor Schlappschw�nzen und Huren reden�, sagte Virgilia und sch�ttelte den Kopf. Ihr Haar war ungek�mmt, stumpf und ungewaschen. �Wir halten es punkto Sklavenabschaffung mit der Meinung von Mr. Garrison.�</p><p>�Die Verfassung verbrennen? Unterst�tzen Sie das?� Tubbs sch�ttelte den Kopf. Am Jahrestag der Unabh�ngigkeit hatte Garrison einen nationalen Aufruhr provoziert, als er anl��lich einer politischen Versammlung in der N�he von Boston eine Abschrift der Verfassung verbrannt hatte. Virgilia war anscheinend der Meinung, da� er richtig gehandelt habe.</p><p>�Wieso nicht? Die Verfassung ist nichts anderes als das, was Garrison �ber sie sagte: ein Bund mit dem Tod und eine Abmachung mit der H�lle!�</p><p>�Solche Aussagen sind es gerade, die die Leute absto�en, die wir am n�tigsten � �</p><p>Virgilia unterbrach ihn h�hnisch: �Ach, kommen Sie mir nicht damit, Mr. Tubbs. Was f�r eine Haltung ist das � wenn Sie wirklich von der Sache �berzeugt sind?�</p><p>In seinen Augen blitzte es erneut. �Vielleicht dr�cke ich meine �berzeugung anders aus als Sie, Miss Hazard.�</p><p>�Indem Sie es ablehnen, Risiken einzugehen? Indem Sie sich elegant kleiden und freundschaftliche Beziehungen mit bigotten Wei�en pflegen? Indem Sie es ablehnen, Ihren eigenen Wohlstand zu opfern und � �</p><p>Tubbs konnte nicht l�nger an sich halten und schlug mit der Faust auf den Tisch. �Kommen Sie mir nicht mit Risiko und Opfer! Ich bin als Sklave in Maryland aufgewachsen und mit vierzehn davongerannt, zusammen mit meinem j�ngeren Bruder. Man erwischte uns und schickte uns zu Sklavenb�ndigern. Mir haben sie das hier angetan� � er zeigte auf sein verkr�ppeltes Bein �, �aber meinem Bruder ist es schlimmer ergangen. Er ist seither geistig gest�rt.�</p><p>Grady fragte ver�chtlich: �Und Sie w�rden es ihnen nicht gerne heimzahlen?�</p><p>�Nat�rlich! Zuerst gab es nur diesen einen Gedanken. Dann floh ich nach Philadelphia, und als ich nach ein oder zwei Jahren keine Angst mehr hatte, verfolgt zu werden, begann ich nachzudenken. Nun bin ich weniger an einer pers�nlichen Rache als an der Freiheit anderer interessiert. Es ist das <emphasis>System,</emphasis> das ich am meisten hasse � es ist das <emphasis>System,</emphasis> das ich abschaffen will.�</p><p>�Es soll mit Gewalt zugrunde gehn�, schrie Virgilia.</p><p>�Nein. Jede Bewegung dieser Art wird die Aufrechterhaltung der Sklaverei nur f�rdern und auch die Unterdr�ckung � �</p><p>Tubbs z�gerte, als er ihre Feindseligkeit bemerkte. Er stand auf und setzte sorgf�ltig den Zylinder auf das graue Haar. �Ich glaube, ich rede in den Wind.�</p><p>Sie lachte ihn aus: �Ja, das tun Sie wirklich.�</p><p>Tubbs pre�te die Lippen zusammen, sagte jedoch nichts. Er drehte sich um und hinkte zur T�r. Virgilia rief ihm garstig hinterher: �Vergessen Sie nicht, die T�r hinter sich zu schlie�en.�</p><p>Keine Antwort; die T�r wurde sanft, aber energisch geschlossen.</p><p>War Grady zuvor noch kerzengerade auf dem Stuhl gesessen, so sackte er nun pl�tzlich zusammen. �Dieses T�reschlie�en wird auch nichts n�tzen.� Er fr�stelte � nicht nur vor K�lte, sondern auch vor Hoffnungslosigkeit. �Leg noch etwas mehr Holz auf.�</p><p>�Wir haben kein Holz mehr � und gerade noch so viel Geld, da� ich nach Lehigh Station fahren kann.� Sie war nicht w�tend, sondern schilderte nur den Tatbestand. Sie l�ffelte etwas Brei in eine Blechsch�ssel und stellte sie ihm hin. �Ich mu� wieder nach Hause gehen.�</p><p>Grady starrte in die Sch�ssel, schnitt eine Grimasse und stie� sie weg. �Ich hab� es nicht gern, wenn du dorthin gehst. Ich hasse es, da� du betteln mu�t.�</p><p>�Ich bettle nie. Ich sage ihnen, was ich brauche, und ich bekomme es. Und wieso eigentlich nicht? Sie haben genug. Sie verschleudern mehr Geld an einem einzigen Tag, als die ganze Niggersiedlung hier in einem Jahr ausgibt.� Sie hatte sich hinter ihn gestellt und versuchte, ihm mit einer Nackenmassage etwas W�rme zu geben. �Soldaten im Krieg f�hren kein Luxusleben.�</p><p>�Tubbs denkt nicht, da� wir uns im Krieg befinden.�</p><p>�Eunuchen wie Tubbs haben zu lange zu bequem gelebt. Sie haben alles vergessen. Wir werden den Krieg ohne sie gewinnen. Eines Tages werden wir triumphieren, Grady. Ich wei� es.�</p><p>Teilnahmslos und zweifelnd griff Grady nach ihrer Hand: Virgilia starrte in die Ferne. Der Schnee drang immer noch durch die Risse in der Wand und fiel auf ihre Wolldecken, die ihnen als Schlafst�tte dienten. In der gegen�berliegenden Ecke, wo ein gro�er Spalt klaffte, hatte der Schnee auf einem Haufen Lumpen bereits einen luftigen Zuckerhut geformt. Grady sammelte Lumpen f�r ihren Lebensunterhalt. Gab es keine Lumpen, so stahl er, und wenn auch das nichts brachte, ging Virgilia f�r einige Tage nach Lehigh Station.</p><p>�Der Ofen gibt �berhaupt keine W�rme mehr ab�, sagte sie. �Wir sollten f�r eine Weile unter die Decken schl�pfen.�</p><p>�Manchmal mache ich mir Vorw�rfe, weil ich dich in dieses Leben hineingezogen � �</p><p>�Pst, Grady.� Sie dr�ckte ihre kalten Finger auf seine Lippen. �Es war meine Wahl. Du und ich, wir sind Soldaten. Wir werden Hauptmann Weston helfen, den Tag des Triumphs herbeizuf�hren.�</p><p>Er schaute sie mi�billigend an. �Du solltest seinen Namen nicht laut sagen, Virgilia.�</p><p>Sie lachte, und er �rgerte sich wegen ihrer f�r die wei�e Frau typischen �berlegenheit. �Du nimmst diesen Unsinn doch nicht f�r bare M�nze? All diese Decknamen und chiffrierten B�cher? Dutzende kennen die wahre Identit�t des Mannes, der sich Hauptmann Weston nennt. Hunderte wissen �ber seine T�tigkeit Bescheid, und in einigen Monaten werden es Hunderttausende sein. Nachdem wir ihm geholfen haben, deine Leute unten im S�den zu befreien, werden wir uns um meine Leute hier im Norden k�mmern. Wir kn�pfen uns jeden Wei�en und jede Wei�e vor, die uns in unserem Kampf aktiv oder durch ihre Gleichg�ltigkeit behindert haben. Und wir werden uns Stanley und die Hure, die er geheiratet hat, als erste vornehmen.�</p><p>Ihr L�cheln und die gefl�sterten Worte erschreckten Grady so sehr, da� er seine Wut verga�.</p><p>�Es macht mir nichts aus, des Essens oder der Kleider wegen nach Hause zu gehen�, versicherte sie ihm, als sie unter die kalten Decken schl�pften, die nach Dreck und Ru� stanken. �Aber ich w�nschte, ich d�rfte dich ab und zu mitn��</p><p>�Nein.� In diesem Punkt blieb er unbeugsam. �Du wei�t, was uns die Leute antun w�rden, wenn wir uns zusammen in diesem Nest zeigten.�</p><p>�O ja, ich wei߫, seufzte sie und dr�ckte sich gegen ihn. �Und ich hasse sie deswegen. Mein Gott, wie ich sie hasse. Liebling. Ihnen werden wir es auch zur�ckzahlen. Wir � oh!�</p><p>Sie war verbl�fft. Sogar in dieser K�lte begehrte er sie. Und bald darauf verga�en die beiden ihr Elend auf die einzig m�gliche Art, die ihnen geblieben war.</p><p>Ein Ausl�ufer des Wintersturms zog �ber Lehigh Station hinweg und best�ubte den Boden und die Hausd�cher mit einer wei�en Puderschicht. Als Virgilia mit dem Nachtboot ankam, fielen immer noch vereinzelt Schneeflocken. N�chstes Jahr w�rde sie in einem geheizten Zug reisen k�nnen, und es w�rde keine Rolle mehr spielen, ob der Flu� zugefroren war. Die Lehigh-Eisenbahngesellschaft hatte verlauten lassen, da� sie die Strecke nach Bethlehem hinunter und auch talaufw�rts verl�ngern w�rde.</p><p>Wie sehr sie ihre Familie auch ha�te, so war ihr doch klar, da� sie in Philadelphia nur dank ihrer Toleranz �berleben konnte. Genauer gesagt, dank der Toleranz ihres Bruders George und seiner Frau, die es ihr gestatteten, eine Nacht in Belvedere zu bleiben und sich mit einem Leinensack voller abgetragener Kleider, mit E�waren und mit etwas Geld davonzustehlen. Obwohl sie sich mehr und mehr dem Gedankengut der Extremisten verschrieben hatte, blieb Virgilia in einem Punkt realistisch. Sie wu�te, da� sie Grady nie nach Lehigh Station bringen w�rde, und sie versuchte, jeweils in der Nacht anzukommen, damit die Dunkelheit ihr Schutz bot. Sonst w�rden gewisse bigotte Einwohner sie entdecken und wom�glich angreifen. Sie wu�te genau, wer diese Leute waren, und sie w�rde es ihnen zum gegebenen Zeitpunkt heimzahlen.</p><p>Mit einem f�r die Jahreszeit zu leichten Mantel und zu d�nnen Wollhandschuhen bekleidet, k�mpfte sie sich durch das Schneegest�ber den H�gel hoch. Als sie in Belvedere ankam, war ihr Haar schneewei�. Sie betrat das Haus, ohne zu klingeln � George erlaubte ihr das � und h�rte Stimmen aus dem Wohnzimmer: Sie kamen von Constance, George und einem r�misch-katholischen Priester aus der Gegend.</p><p>�Was ist eine christliche Antwort auf die Kansas-Frage?� fragte der Priester. �Dieses Problem verfolgt mich in letzter Zeit. Ich f�hle mich verpflichtet, die Angelegenheit mit jedem Gemeindemitglied zu besprechen, damit ich wei�, wie sie � �</p><p>Er hielt inne und bemerkte Virgilia in der T�r. George sah sie �berrascht, Constance etwas best�rzt an.</p><p>�Guten Abend, George. Constance. Pater Donnelly.�</p><p>�Wir haben dich nicht erwartet � �, sagte George z�gernd. Sie wu�ten nie, wann Virgilia kommen w�rde, und jedesmal machte George die gleiche Bemerkung. In letzter Zeit fing sie an, ihn langweilig zu finden.</p><p>Mit einem unaufrichtigen L�cheln nahm sie seine Bemerkung zur Kenntnis. Dann sagte sie zum Priester: �Es gibt keine christliche Antwort auf die Situation in Kansas. Sogenannte Christen haben die Neger zu Sklaven gemacht. Jeder, der es wagt, einen Sklaven �ber eine territoriale Grenze zu bringen, hat nur eine einzige Antwort verdient, ja, fordert sie geradezu heraus: eine Kugel. Wenn ich dort w�re, w�re ich die erste, die schie�en w�rde.�</p><p>Sie sagte das alles derma�en ruhig und vern�nftig, da� der �ltliche Priester sprachlos war.</p><p>George nicht. Bla� vor Wut, aber gefa�t, entgegnete er: �Ich glaube, du solltest nach oben gehen und deine nassen Kleider wechseln.�</p><p>Sie starrte ihn einen Augenblick an. �Nat�rlich, George. Auf Wiedersehen, Pater.�</p><p>Nachdem der Priester gegangen war, schritt George w�tend auf und ab. �Ich verstehe nicht, wieso wir Virgilia �berhaupt noch tolerieren. Manchmal habe ich das Gef�hl, wir seien Dummk�pfe.�</p><p>Constance sch�ttelte den Kopf. �Du willst Virgilia doch nicht behandeln, wie es Stanley tut. Sie ist immer noch deine Schwester.�</p><p>Er starrte auf die kleine Lache geschmolzenen Schnees, die Virgilias Schuhe hinterlassen hatten. �Es f�llt mir zusehends schwerer, mich an diese Tatsache zu erinnern.�</p><p>�Aber es ist so�, sagte Constance.</p><p>Sp�ter in der Nacht erwachte George und bemerkte, da� Constance sich in der Dunkelheit hin und her warf.</p><p>�Was ist? Bist du wieder krank?�</p><p>Der Gedanke kam ihm, weil sie sich seit einiger Zeit nicht wohl f�hlte. Kaum zwei Monate, nachdem sie bemerkt hatte, da� sie wieder schwanger war, hatte sie eine Fehlgeburt erlitten. Es war die dritte in drei Jahren, und die k�rperlichen Nachwirkungen � Schwindel, Schwei�ausbr�che und �belkeit in der Nacht � schienen jedesmal l�nger zu dauern. George machte sich nicht nur �ber ihren k�rperlichen, sondern auch �ber ihren seelischen Zustand Sorgen, denn der Arzt hatte anget�nt, sie w�rde vielleicht nie mehr ein Kind ganz austragen k�nnen.</p><p>�Mir geht es gut�, sagte sie. �Ich mu� mich anziehen und f�r eine Stunde weggehen. Es kommt wieder jemand.�</p><p>�Ach ja, das stimmt. Das hab� ich ganz vergessen.�</p><p>�Schlaf du nur weiter.�</p><p>Aber er hatte die F��e schon auf dem eisigen Boden. �Das kommt nicht in Frage. Das Wetter ist f�rchterlich, und du kannst nicht den ganzen Weg bis zum Schuppen zu Fu� gehen. Ich zieh� nur schnell die Kleider �ber und bring den Einsp�nner zur Vordert�r.�</p><p>Sie versuchte weiter, ihn davon abzuhalten, mit ihr in die K�lte hinauszugehen, aber er beharrte auf seinem Vorhaben. Beide wu�ten, da� er seinen Kopf durchsetzen w�rde. In Tat und Wahrheit war Constance gl�cklich, da� er sie begleiten wollte. Sie f�hlte sich schwach, und die ersten Anzeichen einer starken Erk�ltung machten sich bemerkbar. Sie ha�te den Gedanken, sich allein in die Winternacht zu wagen, aber sie h�tte es dennoch getan.</p><p>George wollte auch aus einem andern Grund mitgehen: um den Neuank�mmling zu sehen und mit ihm zu sprechen. Mehr als alle Meinungen von Rednern, Journalisten und Theologen halfen ihm die Gespr�che mit den Fl�chtlingen, sich �ber das Problem, das die Nation entzweite, eine Meinung zu bilden. Er zog seine Jacke zu und t�tschelte seiner Frau den Arm.</p><p>�Ich komme mit. Keine weiteren Einw�nde.�</p><p>Zwanzig Minuten sp�ter lenkte er den quietschenden Einsp�nner zum Schuppen, der sich am Ende des Fabrikgel�ndes befand. Drinnen flackerte eine Laterne. Er half Constance beim Aussteigen. Sie hatte einen Koffer mitgebracht. Pl�tzlich k��te sie ihn. Ihre Lippen und seine Wangen waren eiskalt und steif wie Pergament, aber der Ku� war dennoch erw�rmend.</p><p>Sie eilte zur T�r und gab das vereinbarte Zeichen: zweimal Klopfen, Pause, zweimal Klopfen. George stapfte durch den knirschenden, gl�nzenden Schnee, der in die Schuhe drang und seine Str�mpfe na� machte. Der Sturm war vor�ber. Der Mond hing wie ein edler Porzellanteller im sternenklaren Nachthimmel.</p><p>Beizer, der H�ndler, �ffnete vorsichtig die T�re und schrak zusammen, als er die zweite Gestalt sah.</p><p>�Ich bin es nur�, sagte George.</p><p>�Ach ja. Kommen Sie schnell herein.�</p><p>Der Fl�chtling sa� an einem Tisch; in der Hand hielt er ein St�ck getrocknetes Rindfleisch. Er war ein muskul�ser, rotbrauner Mann, dessen Backenknochen auf einen Schu� Indianerblut hindeuteten. Er mochte ungef�hr f�nfunddrei�ig sein, aber sein krauses Haar war schneewei�. George konnte sich den Grund vorstellen.</p><p>�Das ist Kee�, sagte Beizer mit so stolzer Stimme, als w�rde er ein Mitglied seiner eigenen Familie vorstellen. �Er ist den ganzen Weg von Alabama hierhergekommen. Sein Name ist eine Abk�rzung f�r Chero-kee. Seine Gro�mutter m�tterlicherseits war eine Angeh�rige dieses Stamms.�</p><p>�Nun, Kee, es freut mich, da� Sie hier sind�, sagte Constance. Sie stellte den Koffer neben den Tisch. �Da drin sind ein Paar Stiefel und zwei Hemden. Haben Sie einen Wintermantel?�</p><p>�Ja, Ma�m.� Der Ausrei�er hatte eine kr�ftige, sonore Ba�stimme. Er wirkte nerv�s.</p><p>�Er hat einen beim Bahnhof in der N�he von Wheeling bekommen�, sagte Beizer.</p><p>�Gut�, meinte Constance. �In Kanada ist es meist noch k�lter als in Pennsylvania. Aber wenn Sie einmal �ber der Grenze sind, brauchen Sie keine Angst mehr vor den Sklavenf�ngern zu haben.�</p><p>�Ich will arbeiten�, antwortete Kee hastig. �Ich bin ein guter Koch.�</p><p>�Ich nehme an, da� dies seine Hauptaufgabe gewesen ist�, sagte Beizer.</p><p>George nahm das Gespr�ch nicht bewu�t auf, so fasziniert war er von der Haltung und dem Benehmen des einstigen Sklaven. Kees Kopf schien tief zwischen den Achseln zu sitzen, als w�rde er sich fortw�hrend ducken. Sogar hier, auf freiem Gebiet, waren Angst und Mi�trauen in seinen Augen zu lesen. Er schielte st�ndig zur T�r, als erwarte er jeden Augenblick, da� jemand hereinst�rze.</p><p>�� arbeitete f�r einen au�ergew�hnlich harten und gemeinen Herrn�, sagte Beizer eben. �Kee, zeigen Sie ihnen bitte, was Sie mir gezeigt haben.�</p><p>Der Ausrei�er legte das unber�hrte St�ck Fleisch auf die Seite. Er stand auf, kn�pfte das Hemd auf und zog es aus. Constance w�rgte und ergriff den Arm ihres Gatten. George wurde es angesichts solch vieler Narben ebenfalls �bel. Sie bedeckten den ganzen R�cken, von den Schulterbl�ttern bis zum Kreuz; stellenweise sah es aus, als w�re ein Schlangennest unter der Haut erstarrt.</p><p>Beizers sonst sanfte Augen gl�hten vor Zorn. �Einige r�hren von der Peitsche her, andere von gl�henden Eisen. Wann passierte es zum erstenmal, Kee?�</p><p>�Als ich neun war. Ich hab� Beeren aus dem Garten des Herrn genommen.� Er kr�mmte die Finger, um eine kleine Handvoll zu zeigen. �So viele Beeren.�</p><p>George sch�ttelte den Kopf. Er wu�te, warum er in den letzten Monaten so hart urteilte.</p><p>Sp�ter, als sie wieder in Belvedere im Bett lagen, hielt George Constance in den Armen, und sie w�rmten sich aneinander. �Jedesmal, wenn ich einen Mann wie Kee treffe, frage ich mich, wieso wir die Sklaverei so lange toleriert haben.�</p><p>Er konnte ihren bewundernden Blick nicht sehen, als sie antwortete: �George, bist du dir bewu�t, wie sehr du dich ver�ndert hast? So etwas h�ttest du nie gesagt, als wir uns kennenlernten.�</p><p>�Vielleicht nicht. Aber jetzt bin ich mir meiner Gef�hle bewu�t. Wir m�ssen der Sklaverei ein Ende setzen. Wenn es geht, mit dem Einverst�ndnis und der Mitwirkung derjenigen, die das System unterst�tzen. Aber wenn sie der Vernunft kein Geh�r schenken wollen, dann mu� es eben ohne sie gehen.�</p><p>�Was w�rde passieren, wenn du zwischen der Abschaffung der Sklaverei und der Freundschaft mit Orry w�hlen m��test? Schlie�lich ist er einer von denen, die das System unterst�tzen.�</p><p>�Ich wei�. Aber ich hoffe, da� es nie zu einer solchen Entscheidung kommen wird.�</p><p>�Aber wenn es soweit k�me, was w�rde passieren? Ich will dich nicht dr�ngen, aber das Problem besch�ftigt mich schon lange. Ich wei�, wie gern du Orry magst und wie sehr du ihn respektierst � �</p><p>Obwohl ihn die Entscheidung au�erordentlich schmerzen w�rde, gab es eine Antwort vor seinem Gewissen: �Ich w�rde die Freundschaft aufgeben, nicht meine �berzeugung.�</p><p>Sie umarmte ihn. Bald darauf schlief sie in seinen Armen ein. Er lag noch eine Weile l�nger wach; Bilder von w�sten Narben und dunklen Augen, die dauernd auf eine T�re starrten, tauchten vor ihm auf. Als er endlich eingeschlafen war, tr�umte er von einem schwarzen Mann, der schrie, w�hrend ihn jemand mit einem gl�henden Eisen brandmarkte.</p><p>Vertraten Angeh�rige der Pflanzerklasse des S�dens eine extreme Seite, die George nicht leiden konnte, so vertrat seine eigene Schwester die andere. W�hrend ihres zweit�gigen Besuchs in Belvedere diskutierten sie �ber Volkssouver�nit�t, �ber die Gesetze zur Verfolgung und Auslieferung fl�chtiger Sklaven und eigentlich �ber fast alle Aspekte der Sklaverei. Virgilias Standpunkt lie� keinerlei Spielraum f�r Kompromisse.</p><p>�Ich w�rde das ganze Problem mit einem Schlag l�sen�, sagte sie beim Abendessen zu George und Constance. Constance hatte die Kinder bereits zum Spielen geschickt, denn sie bef�rchtete, da� das Gespr�ch � wie gew�hnlich � geh�ssig enden w�rde. �Ein Tag Arbeit im S�den, und alles w�re vorbei. Das ist auf jeden Fall mein Traum�, f�gte Virgilia mit einem L�cheln hinzu, das George erschaudern lie�.</p><p>Sie dr�ckte ihre Gabel in das dritte St�ck Kuchen, nahm einen Bissen und go� noch mehr hei�e Rumsauce, die auf einem Silbertablett stand, dar�ber. Sie blickte ihren Bruder ruhig an. �Du kannst schaudern und Grimassen schneiden, soviel du willst, George. Du kannst �ber Gewissen und Gnade reden, bis du schwarz wirst, aber der Tag wird kommen.�</p><p>�Virgilia, das ist Quatsch. Eine Revolution der Sklaven kann unm�glich erfolgreich sein.�</p><p>�Nat�rlich kann sie � wenn sie richtig finanziert und organisiert wird. Eine triumphale Nacht des Feuers und der Gerechtigkeit, und die Ungleichheit wird in einem riesigen Strom von Blut ertr�nkt.�</p><p>Er war derma�en entsetzt, da� er beinahe die Tasse fallen gelassen h�tte. Er und Constance starrten zuerst einander, dann die Besucherin an. Diese schaute an die Wand � oder auf eine apokalyptische Szene dahinter.</p><p>George wollte sie anschreien, entschlo� sich aber, die Bemerkung nicht ernst zu nehmen.</p><p>�Du solltest melodramatische St�cke schreiben.�</p><p>Sie sah ihn pl�tzlich an: �Mach Witze, solang du willst, der Tag wird kommen.�</p><p>Constance, die sich durch den eisigen Blick nicht einsch�chtern lie�, sagte: �Du bist dir nat�rlich bewu�t, da� die Angst vor einer Revolution der Schwarzen viele Wei�e davon abh�lt, sich auch nur auf eine Diskussion �ber eine stufenweise, kompensierte Emanzipation einzulassen?�</p><p>�Eine stufenweise, kompensierte Emanzipation ist ein gef�hrlicher Gedanke. Wie Mr. Garrison sagte: Das ist, als ob man einem Dieb Geld g�be, damit er gestohlenes Eigentum zur�ckgibt.�</p><p>�Trotzdem � was die S�dstaatler von der Emanzipation bef�rchten, sind befreite Sklaven, die mit Steinen und Mistgabeln auf sie losgehen. Deine aufr�hrerischen Theorien machen die Situation auch nicht gerade besser.�</p><p>Virgilia schob ihren Nachtischteller beiseite. �Ich sage dir, es sind mehr als blo�e Theorien.�</p><p>�Du wiederholst dich�, sagte George heftig. �Wenn wir schon beim Thema sind, la� mich dir etwas offen und ehrlich sagen. Du solltest deinen Kontakt mit Hauptmann Weston abbrechen.�</p><p>Sie ri� die Augen auf. F�r einmal war ihre Stimme leise. �Was wei�t du �ber Hauptmann Weston?�</p><p>�Ich wei�, da� es ihn gibt. Ich wei�, da� Weston nur ein <emphasis>nom de guerre</emphasis> ist, und ich wei�, da� er genauso extremistisch ist wie die schlimmsten Hitzk�pfe des S�dens.�</p><p>Es gelang ihr, sich sp�ttisch zu geben. �Hast du Spione angestellt, um mich zu beobachten?�</p><p>�Sei nicht bl�d! Ich habe im ganzen Staat Gesch�ftsverbindungen, und ich kenne viele M�nner der Legislative in Harrisburg. Und alle h�ren sie immer wieder etwas Neues. So unter anderem, da� Hauptmann Weston tatkr�ftig eine Revolte der Schwarzen im S�den sch�rt. Er macht sich jedermann zum Feind, sogar Leute, die sonst gegen die Sklaverei k�mpfen. Du tust besser daran, dich von ihm zu trennen, oder du wirst unter den Konsequenzen zu leiden haben.�</p><p>�Wenn es Konsequenzen gibt, wie du das nennst, dann werde ich stolz sein, sie zu tragen.�</p><p>Ihm schwindelte. Was sollte er mit ihr anfangen? Er versuchte einen anderen Weg. �Ich w�re nicht so voreilig. Es gibt auch in Pennsylvania viele, die die Sklavengegner hassen. Gewaltt�tige Leute.�</p><p>�Ist es das, was Erfolg und Geld aus dir gemacht haben, George? Haben sie dich deiner Prinzipien beraubt und sie durch Feigheit ersetzt?� Sie stand wie eine beleidigte K�nigin auf und verlie� das Zimmer.</p><p>Constance pre�te die H�nde auf die Augen. �Ich kann sie nicht l�nger ertragen. Welch ekelhafte, besessene Kreatur sie doch ist!�</p><p>Er streckte den Arm aus, um ihre Hand zu ergreifen und sie zu beruhigen, aber seine Augen waren immer noch auf die T�r geheftet, durch die Virgilia verschwunden war.</p><p>�Es ist mehr als Besessenheit�, sagte er sanft. �Manchmal habe ich das Gef�hl, da� sie wahnsinnig ist.�</p><p>Mit hervorgequollenen, offenen Augen und einer verf�rbten, zwischen den zusammengepre�ten Z�hnen hervorh�ngenden Zunge baumelte der Mann am Dachsparren. Die Kopfstellung zeigte deutlich, da� die Schlinge das Genick des Mannes gebrochen hatte.</p><p>Unter der sich langsam drehenden, todesstarren Gestalt unterhielt sich ein halbes Dutzend M�nner mit ged�mpfter Stimme. Zwei der M�nner hielten brennende Fackeln in den H�nden. Hinter ihnen standen gro�e Kisten mit aufgemalten Aufschriften: GEOR. AL. MISS. Eine der Kisten war mit einem Brecheisen aufgebrochen worden. Sie enthielt neue Gewehre.</p><p>Grady, die Todesangst in den Gliedern, sah all dies durch eine Ritze in der Stallt�r. Er war mit einer zwei Seiten langen, verschl�sselten Meldung von Philadelphia in die Umgebung von Lancaster geschickt worden. Der Mann, dem er die verschl�sselte Meldung h�tte �berbringen sollen, hing nun im Stall. Gott sei Dank hatte er Stimmen geh�rt, als er durch das Weideland gekrochen war, und hatte rechtzeitig innehalten k�nnen.</p><p>Er wollte sich wieder davonstehlen. Eine Sau, die gerade ihre Ferkel s�ugte, quietschte laut, als er an ihrem Verschlag vorbeischlich. Vom L�rm aufgeschreckt, kam ein bewaffneter Mann an die Stallt�r.</p><p>�Halt, du da!�</p><p>Grady rannte los. Ein Schu� pfiff �ber seinen Kopf hinweg.</p><p>�Fangt diesen Nigger. Er hat uns gesehen!�</p><p>Grady rannte, wie noch nie in seinem Leben. Ab und zu warf er einen Blick zur�ck. Die M�nner verfolgten ihn zu Pferd. Hinter ihnen tauchte die untergehende Dezembersonne den Stall in ein leuchtend rotes Licht. Pl�tzlich z�ngelten Flammen aus dem Heuboden und verschlangen das riesige, grelle Zauberzeichen, das auf den Stall gemalt worden war. Sie hatten das Haus in Brand gesteckt.</p><p>Ihre Sch�sse trafen ihn nicht, trieben ihn jedoch an. Er hetzte keuchend �ber eine steinige B�schung, verlor das Gleichgewicht und prallte hart mit dem Kiefer auf. Blut rieselte aus seinem Mund, aber er beachtete es kaum und schnappte nach Luft, als er ins dichte Unterholz st�rmte. Schlie�lich gelang es ihm, den Verfolgern zu entkommen, nachdem er unter dem �berh�ngenden Ufer eines Fl��chens eine halbe Stunde im kalten Wasser hatte ausharren m�ssen. Erst dann bemerkte er, wie hoch der Preis f�r sein Leben gewesen war. Als er seine Oberlippe ber�hrte, gl�nzten Tr�nen in seinen Augen.</p><p>Am n�chsten Morgen stolperte er in die H�tte in Philadelphia. Erst dort brach er zusammen. Die Worte sprudelten wirr aus ihm hervor: �Hauptmann Weston ist tot. Ich hab� ihn h�ngen gesehen. Sie haben ihn verbrannt, zusammen mit dem Stall. Mich haben sie fast erwischt. Ich bin gerannt und hingefallen. Ich hab� meine Z�hne verloren. Verdammt noch mal, ich hab� meine Z�hne verloren!� Tr�nen rollten ihm �ber die Wangen, als er sich in Virgilias Arme st�rzte.</p><p>�Komm, es wird alles wieder gut.� Sie hielt ihn und streichelte seinen Kopf. �Weine nicht. Hauptmann Weston war nicht der beste Mann. Er hat zuviel geredet. Zu viele Leute wu�ten von seiner Existenz. Fr�her oder sp�ter wird ein besserer Mann kommen. Dann wird die Revolution gelingen.�</p><p>�Ja, aber � ich hab� meine neuen Z�hne verloren, verdammt noch mal!�</p><p>Sie legte sanft seinen Kopf an ihre Brust und schwieg. Dann starrte sie in die Ferne und sah l�chelnd das Blut von Wei�en flie�en.</p><p><strong>39</strong></p><p>Ashton drehte den Schl�ssel herum und vergewisserte sich, ob die T�r auch wirklich abgeschlossen war. Dann eilte sie durch ihr Schlafzimmer und schlo� die Fensterl�den. Sie versuchte, gegen ihre Panik anzuk�mpfen, aber es wollte ihr nicht so recht gelingen.</p><p>Schicht um Schicht entledigte sie sich ihrer Kleider und lie� sie im ganzen Zimmer verstreut liegen. Dann trat sie nackt vor den Spiegel und betrachtete sich genau.</p><p>Konnte man schon etwas sehen? Nein, noch nicht. Ihr Bauch war immer noch flach und glatt. Aber er w�rde es nicht lange bleiben. Seit ihrer Reise nach West Point waren ungef�hr neunzig Tage verstrichen, und nun war sie durch ihre eigene Sorglosigkeit in die Falle getappt.</p><p>Der Zeitpunkt ihres Mi�geschicks h�tte unpassender nicht sein k�nnen. Etwa vor einem Monat hatte sie Huntoons l�stigem Dr�ngen nachgegeben und mit ihm vereinbart, da� sie im Fr�hling heiraten w�rden. Bereits zu jenem Zeitpunkt war ihre Blutung einen Monat �berf�llig gewesen. Sie hatte sich eingeredet, da� es sich blo� um eine kleine St�rung handle, die sicher wieder verschwinden w�rde. Den Gedanken, da� die himmlische Nacht im Labor Folgen haben k�nnte, hatte sie hartn�ckig beiseite geschoben.</p><p>Aber die St�rung verschwand nicht von allein, und inzwischen hatte Huntoon zusammen mit Orry ein Datum f�r M�rz festgesetzt. Die Falle war zugeschnappt.</p><p>�Allm�chtiger, was soll ich blo� tun?� fragte sie das dunkelhaarige M�dchen, das ihr aus dem Spiegel entgegenstarrte.</p><p>Orry! Sie w�rde zu Orry gehen. Er w�rde nett sein und Verst�ndnis haben. Es gelang ihr, sich selber zu �berzeugen, und sie glaubte so lange daran, bis sie sich wieder angezogen und ihr Haar mit K�mmen und Nadeln hochgesteckt hatte. Doch dann wu�te sie, da� sie ein Dummkopf war. Orry w�rde niemals ihrem Vorhaben zustimmen.</p><p>Und Brett? Nein, das kam �berhaupt nicht in Frage. Auf keinen Fall w�rde sie ihrer Schwester die Freude bereiten und ihr sagen, da� sie in der Klemme sa�. �berdies stand Brett in letzter Zeit auf viel zu vertrautem Fu� mit Orry. Sie lief ihm �berall hin nach, beriet sich mit ihm �ber dies und das, als w�re sie die Herrin von Mont Royal � diese anma�ende, kleine Hure. W�rde Ashton sich ihr anvertrauen, ginge Brett schnurstracks zu Orry und w�rde sie verpetzen.</p><p>F�rchterliche, stechende Kopfschmerzen strahlten pl�tzlich von ihrer Stirnmitte aus. Sie schlo� die Schlafzimmert�r auf und ging langsam die Treppe hinunter. Unten in der Halle hatte sie das Gef�hl, in ihrem Leib bewege sich etwas. Entsetzt pre�te sie die H�nde auf ihr Kleid und suchte verzweifelt nach irgendwelchen Anzeichen. Sie sp�rte nichts. Es mu�ten Bl�hungen sein. Ihr K�rper war in letzter Zeit v�llig durcheinandergeraten.</p><p>Brett tauchte vom hinteren Teil des Hauses her auf mit einem Brief in der Hand. �Billy studiert Chemie! Er schreibt, da� Professor Bailey einfach gro�artig ist. Er zeigt ihnen, wo man die Chemie �berall anwenden kann, wie zum Beispiel bei der Herstellung von Schie�baumwolle und beim Heliograph � �</p><p>�Glaubst du, ich schere mich auch nur im geringsten um Billys Angelegenheiten?� schrie Ashton und st�rmte an Brett vorbei.</p><p>�Ashton, was um Himmels willen ist denn in letzter Zeit mit dir l�?�</p><p>Doch die T�r fiel mit einem Knall ins Schlo� und verschluckte den Rest der Worte.</p><p>Ver�ngstigt und von der tiefstehenden Dezembersonne geblendet, rannte Ashton zum Ashley hinunter. Sie w�re beinahe kopfvoran �ber das Ende des Piers hinausgest�rzt, bevor sie merkte, wo sie war. Eine Weile lang starrte sie auf den schimmernden Flu� hinaus und spielte mit dem Gedanken, Selbstmord zu begehen.</p><p>Doch eine resolute innere Stimme rebellierte. James Huntoon mochte zwar eine tr�ge, dumme Schnecke sein, aber er verkehrte in wichtigen politischen Kreisen, und zudem wurde er immer einflu�reicher. Sie hatte nicht die Absicht, auf die Heirat oder die damit verbundenen Chancen zu verzichten und sich wie die einf�ltige Heldin eines Groschenromans zu ertr�nken.</p><p>Doch was dann? Wohin konnte sie sich wenden? Sie hatte das Schicksal mit ihrer Verhaltensweise herausgefordert, und obwohl sie gewu�t hatte, da� sie eines Tages in die Klemme geraten k�nnte, hatte sie keinerlei praktische Vorkehrungen getroffen. Nun, von Mont Royal war keine Hilfe zu erwarten. Alle Niggerfrauen ha�ten sie und mi�trauten ihr. Es beruhte auf Gegenseitigkeit. Auch ihre arme Mutter konnte nicht weiter als Helferin in Betracht gezogen werden. Alles, was Clarissa tat, war, mit einem todgeweihten L�cheln auf den Lippen durchs Haus zu streifen oder stundenlang am Zeichentisch Linien auszuradieren, die sie tags zuvor in den Stammbaum eingetragen hatte.</p><p>�Verdammt noch mal�, sagte Ashton zu einem gro�en, blauen Eichelh�her, der sie von einer wilden Palme her mi�mutig anstarrte. �Im ganzen Staat von South Carolina gibt es nicht eine einzige Person, die intelligent oder vertrauensw�rdig genug w�re, um � �</p><p>Pl�tzlich tauchte ein Gesicht vor ihren Augen auf. Wenn jemand helfen konnte, dann sie. Zumindest w�rde sie vielleicht wissen, an wen Ashton sich wenden k�nnte. Alle sagten doch, da� ihre Nigger sie ausnahmslos verehrten und ihr blindes Vertrauen entgegenbrachten.</p><p>Aber was w�rde sie von der L�sung halten, die Ashton f�r das Problem vorzuschlagen gedachte? Es gab Frauen, f�r die so etwas eine Tods�nde war.</p><p>Das kannst du nur herausfinden, wenn du sie fragst, sagte sie sich. Welche Wahl hatte sie denn � au�er den totalen Ruin hinzunehmen? Aber dazu war sie unter keinen Umst�nden bereit.</p><p>�berraschenderweise f�hlte sie sich besser, je l�nger sie �ber diesen Einfall nachsann. Sie schlief tief, und als sie am n�chsten Morgen, elegant gekleidet, mit Handschuhen und Sonnenschirm die Treppe herunterkam, sah sie frisch und ausgeruht aus.</p><p>Gleich nachdem sie nach der Kutsche gerufen hatte, kam Orry um die Hausecke. Er hatte den rechten Hemds�rmel hochgerollt und hielt einen Hammer in der Hand.</p><p>�Oh, wie h�bsch du heute aussiehst!� sagte er und steckte den Hammer in den G�rtel.</p><p>�Mein lieber Orry, du glaubst doch nicht, ich sei eine jener braven, flei�igen Hausfrauen, die nichts auf ihr �u�eres geben? Brett vielleicht, aber nicht ich.�</p><p>Er fingerte an seinem langen Bart herum und reagierte nicht auf die Bemerkung. �Stattest du jemandem einen Besuch ab?�</p><p>�Ja, Sir. Ich gehe nach Resolute hin�ber. Es ist schon zu lange her, seitdem ich Madeline zum letztenmal meine Aufwartung gemacht habe.�</p><p>Ein runzliger, schwarzer Diener �ffnete die T�r. �Mistress Madeline? Sie ist im Musikzimmer. Wenn Sie bitte hier warten wollen, werde ich Sie anmelden, Miss Ashton.�</p><p>Er schritt vornehm davon. Eine andere T�r wurde ge�ffnet und Justin streckte den Kopf heraus.</p><p>�Wer ist da? Oh, Ashton! Guten Morgen. Ich habe Sie schon seit einer Ewigkeit nicht mehr hier gesehen.�</p><p>�Ja, das stimmt. Ich bin wirklich schon viel zu lange nicht mehr hier gewesen.� Ashton l�chelte. �Sie sehen aufgebracht aus, Justin.�</p><p>�Mit gutem Grund.� Er schlenderte zu ihr hin und hielt ihr eine Ausgabe des <emphasis>Mercury</emphasis> vor die Augen. �Es bilden sich immer mehr von diesen verfluchten republikanischen Gruppen im Norden, und alle wollen sie verdammt noch mal dasselbe: die Aufhebung des Gesetzes �ber die Verfolgung und Auslieferung fl�chtiger Sklaven sowie der Kansas-Nebraska-Bill.�</p><p>Ashton stie� einen Seufzer aus. �Es ist einfach schrecklich. Orry sagte, da� es aber doch wenigstens eine gute Nachricht gibt. In Kansas soll ein sklavenfreundlicher Abgeordneter in den Kongre� gew�hlt worden sein.� Doch Ashton f�hlte sich bei solchen Themen nie besonders sicher. �Das stimmt doch?�</p><p>�Ja. Es mu�ten allerdings viele M�nner �ber den Missouri reiten, um sicherzustellen, da� die Wahlen auch richtig durchgef�hrt wurden. Ich bete zum Himmel, da� diese neue Partei zugrunde geht. Es sind n�mlich blo� lauter Yankee-Fanatiker, die nur darauf aus sind, uns B�ses anzutun.�</p><p>Er schlug mit der Zeitung auf seine Handfl�che und ging davon. Ashton war erleichtert, denn sie war ziemlich nerv�s. Sie entnahm ihrer Handtasche ein gest�rktes Spitzentaschentuch und tupfte ihre Oberlippe trocken. Der Diener kam zur�ck und geleitete sie ins Musikzimmer.</p><p>Madeline erhob sich, um Ashton zu gr��en, strich ihr Kleid glatt und l�chelte. Ein h�fliches L�cheln, aber nicht mehr. Die beiden Frauen waren sich noch nie besonders nahegestanden. Ashton warf einen Blick auf das kleine Buch, das Madeline auf den Tisch gelegt hatte: <emphasis>Walden, oder das Leben in den W�ldern.</emphasis> Sie hatte noch nie etwas davon geh�rt. Die Leute sagten, Madeline lese eine Menge Schundliteratur aus dem Norden.</p><p>�Welch unerwartetes Vergn�gen, Ashton. Sie sehen blendend aus.�</p><p>�Sie � Sie auch.� Nach diesem kurzen Z�gern gewann sie ihre Fassung wieder und beschlo�, die beste schauspielerische Leistung zu erbringen, deren sie f�hig war.</p><p>�M�chten Sie eine Erfrischung?�</p><p>�Nein, danke. Ich bin hierhergekommen, weil ich ein ernsthaftes Gespr�ch mit Ihnen f�hren m�chte. Nur Sie k�nnen mir helfen.� Mit einem �bertriebenen Blick �ber ihre Schulter f�gte sie hinzu: �Ist es Ihnen recht, wenn ich die T�r schlie�e, damit wir unter vier Augen reden k�nnen?�</p><p>Madeline zog ihre dunklen Brauen hoch. �Nat�rlich. Ist jemand in Ihrer Familie krank? Orry?�</p><p>Ashton eilte zur T�r und schlo� sie. W�re sie nicht so sehr mit ihrem eigenen Auftreten besch�ftigt gewesen, w�re ihr vielleicht der eigenartige Tonfall nicht entgangen, mit dem Madeline den Namen ihres Bruders ausgesprochen hatte.</p><p>�Nein, danke, es sind alle wohlauf. Ich bin diejenige, die Hilfe braucht. Um es kurz und offen zu sagen, Madeline, ich kenne niemanden au�er Ihnen, dem ich vertrauen und der mir raten kann. An meine Familie kann ich mich unter gar keinen Umst�nden wenden. Sehen Sie, vor einigen Monaten habe ich�, sie z�gerte absichtlich, um einen starken Effekt zu bewirken �mir eine Indiskretion zuschulden kommen lassen. Und nun bin ich, wie man so sch�n sagt, in Schwierigkeiten.�</p><p>�Ich verstehe.�</p><p>Madeline, die sehr mitf�hlend war, sagte dies ohne eine Spur von Verurteilung in der Stimme. Bla� deutete sie auf einen Stuhl. �Bitte, nehmen Sie doch Platz.�</p><p>�Vielen Dank. Es ist so belastend, das Geheimnis ganz allein mit sich herumtragen zu m�ssen. Ich wei� mir nicht mehr zu helfen.� Die Tr�nen traten ihr, genau nach Plan, in die Augen. Warum auch nicht? Sie war wirklich verzweifelt. Nichts durfte schiefgehen, sonst war sie erledigt. Es w�rde keine zweite Chance hier geben.</p><p>�Ich kann Sie verstehen�, murmelte Madeline.</p><p>�Wissen Sie, die Leute in der Nachbarschaft � sie alle reden mit solcher Achtung von Ihnen. Das ist der Grund, weshalb mir klar war, da� ich mit Ihnen w�rde sprechen k�nnen, da� ich Sie um Ihre Hilfe bitten � �</p><p>�Ich nehme an, Sie wollen das Kind nicht haben?�</p><p>�Nein, ich kann nicht! Im Fr�hling werde ich James heiraten. Das Datum ist bereits vereinbart worden. Ich liebe ihn, Madeline � �</p><p>Klang die L�ge glaubw�rdig? Ihre Knie zitterten unter der Kleiderschicht wie Espenlaub. Sie pre�te sie gegeneinander.</p><p>�Gott m�ge mir vergeben�� Sie hatte das Gef�hl, da� ihr Seufzer eine Nuance zu stark gewesen sei. Sie senkte den Blick. �Es ist nicht sein Kind.�</p><p>�Es interessiert mich nicht, wer der Vater ist. Aber ich m��te l�gen, wenn ich Ihnen nicht sagte, da� ich die L�sung, die Sie ins Auge gefa�t haben, moralisch ablehne.�</p><p>Jetzt, dachte Ashton in voller Panik. Jetzt! La� dich gehen! Sie beugte sich von der Taille an vor und schluchzte derart gekonnt, da� sie beinahe selbst davon �berzeugt war.</p><p>�Oh, ich habe bef�rchtet, da� Sie so denken. So viele Frauen sind dagegen. Ich sch�tze es, da� Sie Ihre pers�nliche Meinung haben, und ich will offen zugeben, da� ich ges�ndigt habe. Aber soll ich wegen eines einzigen dummen Fehlers James verlieren und mein ganzes Leben zerst�ren lassen? K�nnen Sie mir nicht wenigstens einen Namen nennen? Ich wei�, da� es Leute im Hinterland gibt, die M�dchen helfen, die in Schwierigkeiten sind. Ich werde nie jemandem sagen, woher ich die Information habe. Sagen Sie mir nur, an wen ich mich wenden kann.� Sie faltete die H�nde wie zum Gebet. �Bitte, Madeline!�</p><p>Madeline blickte ihren Gast pr�fend an. Als sie Ashtons ger�tete Augen sah, �berwand sie allm�hlich ihr Mi�trauen. Mit raschelnden Kleidern ging sie zu der j�ngeren Frau hin�ber, legte ihr den Arm um die Schultern und sagte, w�hrend Ashton ihre Hand ergriff: �Beruhigen Sie sich. Ich werde Ihnen helfen. Ich kann zwar nicht vorgeben, da� ich in moralischer Hinsicht einverstanden bin, aber, wie Sie selber sagten, finde ich es auch nicht richtig, da� Ihr ganzes Leben wegen eines Augenblicks unkontrollierter Gef�hle zerst�rt werden soll. Wir alle haben solche Momente.� Dann fuhr sie mit ernster Stimme fort: �Ich kenne eine Frau. Sie lebt im Sumpfgebiet und sagte mir einmal, da� ich zu ihr kommen k�nnte, wenn ich je Hilfe n�tig h�tte. Es w�re jedoch gef�hrlich f�r Sie, sie allein aufzusuchen. Es sollte Sie jemand begleiten.�</p><p>In Ashtons Gesicht spiegelte sich Hoffnung. Madeline holte tief Atem, als w�rde sie in tiefes Wasser springen. Das war genau das Gef�hl, da� sie empfand. Es widerstrebte ihr, sich auf die Probleme dieses oberfl�chlichen, eingebildeten M�dchens einzulassen, das nur aus reiner Verzweiflung zu ihr gekommen war. Aber Ashton war ein Mensch, ein Mensch, der Hilfe brauchte. Und es war Madelines Pech, da� sie sich immer wieder von solchen �berlegungen beeinflussen lie�.</p><p>�Ich werde Sie begleiten�, sagte sie unvermittelt. �Ich werde ein paar Tage brauchen, um Vorbereitungen zu treffen und mir den Weg beschreiben zu lassen. Ich habe Aunt Belle noch nie besucht.�</p><p>�Oh, ich danke Ihnen. Ach, Madeline, Sie sind die wundervollste, einf�hlsamste � �</p><p>�Nicht so laut�, unterbrach Madeline sie sanft. �Ich mu� meine Dienerin Nancy einweihen, aber sonst d�rfen nur Sie und ich es wissen. Wir wollen nicht, da� Ihr Ruf leidet oder da� Sie in Schwierigkeiten geraten.�</p><p>Und auch ich will deswegen keine Schwierigkeiten haben, sagte sie sich und dachte dabei nerv�s an Justin.</p><p>Die Vorbereitungen waren umst�ndlich. Zuerst mu�te mit der Hebamme Kontakt aufgenommen werden. Nancy k�mmerte sich darum. Dann mu�te ein Zeitpunkt vereinbart und Ashton mittels eines versiegelten Briefes mitgeteilt werden. Der Brief wurde von dem einzigen Mann, dem Nancy trauen konnte, nach Mont Royal geschmuggelt: einem kaffeebraunen Sklaven namens Pete, mit dem sie schon seit mehr als einem Jahr zusammenlebte.</p><p>Mehrere Tage vor dem vereinbarten Termin sagte Madeline Justin, da� sie einige Eink�ufe in Charleston erledigen wolle. Er murmelte sein Einverst�ndnis und nahm kaum Notiz davon, als sie sagte, sie wolle �ber Nacht wegbleiben. Aber er bestand darauf, da� sie Nancy und auch einen m�nnlichen Sklaven mitnehme. Sie hatte mit dieser Bedingung gerechnet.</p><p>In der Nacht vor der fingierten Reise nach Charleston schlief sie beinahe nicht. Gegen elf Uhr torkelte Justin in ihr Zimmer; er war in den vergangenen zwei Stunden mit Francis unten gesessen; sie hatten getrunken und �ber die aufwieglerischen Sklavengegner in Kansas geflucht. Wortlos n�herte er sich ihrem Bett. Er zerrte ihr Nachthemd bis �ber die Taille hoch, legte die H�nde um ihre Kn�chel und ri� ihr die Beine auseinander. Zehn Minuten sp�ter, immer noch wortlos, ging er wieder.</p><p>Sie ha�te seine rohe Art des Geschlechtsverkehrs. Aber wenn er so zu ihr kam, ging er danach in sein eigenes Zimmer und lie� sie f�r den Rest der Nacht in Frieden. Jetzt w�rde er wenigstens ihre Nervosit�t nicht bemerken.</p><p>Am Morgen � es war ein sonniger, lieblicher Tag, genau zwei Wochen vor Weihnachten � packte Nancy Madelines Koffer. Um zw�lf Uhr fuhr Pete mit der Kalesche mit dem Klappverdeck vor. Die Sonne war seit etwa einer Stunde verschwunden, und das Wetter sah bedrohlich aus. Madeline wollte die Stra�en des Hinterlandes nicht w�hrend eines Sturms befahren, aber nun war es f�r irgendwelche �nderungen zu sp�t.</p><p>Sobald Resolute au�er Sicht war, �bergab Nancy Madeline die Z�gel. Pete trottete auf der linken Seite der Kalesche dahin. Auf diese Art und Weise bewegten sie sich auf eine verlassene Stra�enkreuzung zu, wo Ashton in ihrem Wagen wartete. Sie sah bleich und ver�ngstigt aus.</p><p>Pete �bernahm Ashtons zweir�drige Kutsche und fuhr in den Wald. Ein Freund von ihm, ein freier Mann, wohnte in der N�he; Pete w�rde bei ihm �bernachten und die Frauen am n�chsten Tag zu etwa derselben Zeit wieder bei der Kreuzung treffen. Ashton plauderte kurz �ber den Grund, den sie f�r ihr Fernbleiben von Mont Royal angegeben hatte; auch sie hatte gesagt, sie w�rde eine Freundin besuchen, die aber gar nicht existierte. Madeline h�rte zwar Ashtons Stimme, nahm aber nur wenige Worte auf.</p><p>Es war eng im Wagen f�r die drei Frauen. Ashton sa� in der Mitte. Es war Madeline klar, da� Orrys Schwester nicht gern gegen eine Negerin gepre�t wurde, aber sie w�rde sich damit abfinden m�ssen.</p><p>Madeline zog an den Z�geln, und die Kalesche setzte sich in Bewegung. Besorgt warf sie einen Blick auf die rasch dahinziehenden, schieferfarbenen Wolken. Die ganze Angelegenheit machte sie zusehends nerv�ser. Etwas war wenigstens von Vorteil: der abgeschiedene Ort, an dem Aunt Belle Nin lebte. Die H�tte lag tief in den S�mpfen oberhalb von Resolute und konnte nur �ber schlechte, kaum befahrene Wege erreicht werden. Madeline war ziemlich sicher, da� ihnen niemand auf dem Weg zu Aunt Belle begegnen w�rde, zumindest nicht jemand, der sie erkennen w�rde.</p><p>Als sie ungef�hr die H�lfte des Wegs zur�ckgelegt hatten, wurde der Himmel pechschwarz, und es fing an, heftig zu regnen. Obschon der Sturm nur kurz dauerte, verwandelte sich die Stra�e in einen Morast, und sie blieben mit dem linken Rad in einer aufgeweichten Furche stecken.</p><p>�Alle aussteigen�, befahl Madeline.</p><p>Sie und Nancy pre�ten ihre Schultern gegen das Rad und legten es frei; Ashton stand daneben und schaute zu. Gerade als sie das Rad aus dem Schlamm gehoben hatten, h�rte Madeline ein Ger�usch, das ihr Herz beinahe zum Stillstand gebracht h�tte. Ein Reiter kam ihnen auf der Stra�e entgegen.</p><p>�Ducken Sie sich! Verstecken Sie sich dort dr�ben!� sagte Madeline zu Ashton, die �ber ihren Befehl verwirrt war. Madeline glaubte doch wohl nicht, da� sie sich ins nasse, dreckige Unterholz kauern und ihr sch�nes Kleid ruinieren w�rde?</p><p>�Zum Teufel, so beeilen Sie sich doch!� Madeline stie� sie weg. Keine Sekunde zu fr�h. Der Reiter galoppierte ins Blickfeld und wurde langsamer, als er die Kalesche entdeckte.</p><p>Irgendwie kam ihr die untersetzte Gestalt mit dem schwarzen, breitkrempigen Hut bekannt vor. Madeline sp�rte einen bohrenden Schmerz im Magen. Sie erkannte ihn. W�rde auch er sie erkennen?</p><p>�Miz Madeline, was um Himmels willen tun Sie denn bei diesem scheu�lichen Wetter so weit von Resolute?� sagte Watt Smith, ein Mann mittleren Alters, der oft Pferderennen mit ihrem Gatten bestritt.</p><p>�Nur ein Botengang, Mr. Smith.�</p><p>�Hier drau�en? Au�er ein paar dummen Niggern lebt doch hier niemand! Sind Sie sicher, da� Sie sich nicht verirrt haben?�</p><p>Madeline sch�ttelte den Kopf, aber Smith war nicht �berzeugt. Unfreundlich starrte er Nancy an. �Die Stra�en sind f�r wei�e Frauen nicht sicher, wenn die H�lfte der Nigger st�ndig von einem Aufstand redet. M�chten Sie, da� ich Sie begleite?�</p><p>�Nein, vielen Dank. Es ist alles in Ordnung. Auf Wiedersehen.�</p><p>Verwirrt und beleidigt �ber die Zur�ckweisung warf Smith Madeline einen finsteren Blick zu, tippte an den Hut und ritt mi�mutig davon.</p><p>Madeline wartete etwa f�nf Minuten und rief dann Ashton aus ihrem Versteck. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie bef�rchtete, da� nun das ganze Komplott ans Tageslicht k�me.</p><p>Nun, es war zu sp�t; sie konnten also genausogut weitermachen.</p><p>Ashton st�hnte in der bauf�lligen H�tte, obwohl �berhaupt noch nichts geschehen war. Madeline sa� von der Anstrengung des Nachmittags v�llig ersch�pft auf der kleinen Veranda in Aunt Belles Schaukelstuhl.</p><p>Die z�he, alte Frau mit einem Achtel Negerblut horchte auf die Schreie ihrer Patientin und paffte an ihrer Tonpfeife. �Sobald es vorbei ist und sie sich ausruht, werden wir drinnen die Strohs�cke f�r Sie und Nancy zurechtmachen.�</p><p>�Das ist lieb, vielen Dank, Aunt Belle.�</p><p>�Ich mu� Ihnen sagen� � sie zeigte mit dem Pfeifenstiel auf Madeline �, �da� ich ihr nur helfe, weil Sie mich darum gebeten haben. Dieses M�dchen mi�handelt seine Leute.�</p><p>�Ja, ich wei�. Wir sind uns nie sehr nahegestanden, aber ich hatte das Gef�hl, ich m��te ihr helfen. Sie wu�te nicht, an wen sie sich h�tte wenden k�nnen.�</p><p>�Machen Sie es sich nicht zur Gewohnheit, Ihre Haut f�r Leute ihres Schlags zu riskieren. Sie ist ein gemeiner, verw�hnter Schreihals, und das Wort Dankbarkeit kennt sie nicht.�</p><p>Madeline l�chelte m�de. Aunt Belle ging hinein. Die T�r wurde geschlossen.</p><p>Beim Anblick der Hebamme brach Ashton erneut in �ngstliches St�hnen aus. Die alte Frau sagte heftig: �Nancy, nimm die Flasche Schnaps dort und gie� ihr etwas in die Kehle. Und Sie, Missy � Sie sind ruhig und liegen still, oder ich schicke Sie fort, und dann k�nnen Sie Ihren Bastard haben � ob Ihnen das pa�t oder nicht.�</p><p>Ashtons Klagelaute wurden leiser. Madeline sackte im Sessel zusammen und versuchte, sich zu entspannen, aber es gelang ihr nicht. Immer wieder mu�te sie an den mi�trauischen Blick von Watt Smith denken.</p><p>Als sie am n�chsten Tag zur Kreuzung zur�ckfuhren, fiel Ashton mehrere Male in Ohnmacht. Madeline hatte das Gef�hl, da� Ashton ihr etwas vorspielte; wahrscheinlich glaubte sie, ohnm�chtig werden zu m�ssen. Pete traf sie mit der anderen Kutsche. Beim Abschied hatte Ashton gerade noch ein schwaches L�cheln und ein halbherziges Dankwort f�r sie �brig.</p><p>Der Sturm vom Vortag hatte die Stra�en mit �sten und Palmettowedeln �bers�t. Madeline sah, da� auch in Resolute Unordnung herrschte. Sie mu�te einigen Leuten sagen, da� sie aufr�umen sollten. Aber nicht heute. Morgen war immer noch fr�h genug�</p><p>�Miz Madeline!� Nancys eindringliches Fl�stern ri� sie aus ihrer m�den Tr�umerei. Sie schaute auf und sah, wie Justin mit gro�en Schritten vom Haus herkam. Sein Gesicht war wutverzerrt.</p><p>�Ich hab� geh�rt, da� du Charleston flu�aufw�rts gesucht hast�, br�llte er. �Hast du vergessen, wo es sich befindet?�</p><p>Sie wurde von Panik und Verwirrung gesch�ttelt. Watt Smith mu�te hierhergeritten sein und erz�hlt haben, wo er sie gesehen hatte: auf einer abgelegenen Stra�e, wo keine anst�ndige wei�e Frau hingeh�rte. Jeder gewissenhafte Mann h�tte so gehandelt. Eigentlich hatte sie es von Smith erwartet, aber sie hatte sich die Wahrheit nicht eingestehen wollen.</p><p>�Justin � �</p><p>Das Wort verhallte. Sie war zu bet�ubt und m�de, als da� sie sich eine L�ge h�tte ausdenken k�nnen.</p><p>Nancy und Pete blickten sich entsetzt an. Justin ging auf die Kalesche los, packte Madeline am Arm und zerrte sie heraus. Ihr Herz zitterte, und sie konnte es nicht fassen, da� er dabei noch l�chelte. Er freute sich, da� sie in der Falle sa�.</p><p>�Wo bist du gewesen?� Er sch�ttelte ihr Handgelenk; es tat weh. �Hast du mir H�rner aufgesetzt?�</p><p>�Justin, um Himmels willen, sag solche Sachen nicht vor � <emphasis>au!�</emphasis></p><p>Tr�nen stiegen ihr in die Augen; er hatte sie wieder am Arm gezerrt, diesmal noch heftiger. Er trat dicht an sie heran.</p><p>�Hast du hinter meinem R�cken herumgehurt? Bald werden wir es wissen.� Er schleppte sie ins Haus.</p><p>�Ich frage dich zum letztenmal: Wo bist du gewesen?�</p><p>�La� das, Justin. Ich hab� dich nicht betrogen, wie du das nennst. Ich w�rde nie so etwas tun. Ich hab� dir an unserem Hochzeitstag mein Versprechen gegeben.�</p><p>W�hrend sie redete, trat sie einige Schritte zur�ck. Er folgte ihr quer durchs Schlafzimmer, die Schritte seiner schmutzverkrusteten Stiefel widerhallten sanft und stetig. Ein dreif��iger St�nder mit einer Vase stand ihm im Weg. Er packte den St�nder und warf ihn beiseite. Der St�nder klirrte, die Vase zerbrach.</p><p>�Wo bist du dann gewesen?�</p><p>�Auf einem � einem privaten Botengang. Eine Frauensache.� Sie war zu Tode ver�ngstigt und wu�te nichts anderes zu sagen.</p><p>�Die Antwort befriedigt mich nicht.� Seine Hand schnellte vor, und er packte sie erneut am Handgelenk. �Ich will die Wahrheit wissen.�</p><p>�La� mich los; tu mir nicht mehr weh, oder ich schreie so laut, da� das ganze Haus herbeieilt.�</p><p>Das am�sierte ihn offensichtlich. Er lie� sie los und trat zur�ck. �Mach nur. Niemand wird sich darum k�mmern, au�er vielleicht dieser Niggerschlampe, mit der du so dick befreundet bist. Aber warte nur, ich werd� sie mir auch noch vornehmen.�</p><p>Eine neue, st�rkere Furcht erfa�te Madeline. Obwohl sie Angst hatte, wu�te sie, da� sie seinen Fragen beinahe unbegrenzt w�rde standhalten k�nnen. Aber wenn die arme Nancy da hineingezogen w�rde�</p><p>�Du brauchst nicht so beunruhigt zu sein, Liebes.� Sein Tonfall war freundlich und gespr�chig. �Ich werde dir nicht weh tun. Kein Haar werde ich dir kr�mmen; das w�rde einen schlechten Eindruck machen. �berdies bist du eine Lady oder solltest wenigstens eine sein. Peitschenschl�ge und �hnliche �berzeugungsmittel sind f�r Nigger. Ich werde sie heute abend an deiner Niggerhure ausprobieren, und auch an ihrem Bock. Mittlerweile ersuche ich dich weiterhin h�flich um eine Antwort.�</p><p>Sie konnte die Tr�nen nicht l�nger zur�ckhalten. Sie ha�te die Schw�che, die die Tr�nen aufsteigen lie�, aber die Schw�che war auf die Spannung, Ersch�pfung und Angst zur�ckzuf�hren. Sie hatte sich nicht l�nger unter Kontrolle.</p><p>�Ich hab� dir schon eine Antwort gegeben, Justin. Ich habe dich nicht betrogen. Das w�rde ich nie tun.�</p><p>Ein langgezogener, gekr�nkter Seufzer. �Liebes, das kann ich nicht akzeptieren. Ich werde dich leider in diesem Zimmer lassen m�ssen, bis du vern�nftig wirst.�</p><p>�Hier lassen�?�</p><p>Sie verstand ihn erst nach einer Weile, und ihre Augen weiteten sich vor Schreck. Wie ein Tier, das um sein Leben rennt, hastete sie an ihm vorbei zur T�r. Beinahe h�tte sie es geschafft. Ihre Finger waren nur noch Zentimeter vom polierten Messingknopf entfernt. Da fuhr seine Hand dazwischen. Er packte sie am Handgelenk und schleuderte sie durchs Zimmer. Sie schrie auf, schlug gegen den Bettrand und fiel auf den Boden.</p><p>�Du hast mich mit deinen L�gen und deinem Ungehorsam zutiefst verletzt. Dieses Mal werde ich die Strafe nicht auf einen Tag und eine Nacht beschr�nken. Auf Wiedersehen, Liebes.�</p><p><emphasis>�Justin!�</emphasis></p><p>Sie drehte den T�rknopf heftig hin und her, und es gelang ihr, die T�r einen Spalt breit zu �ffnen. Aber er war st�rker und zog sie von der anderen Seite zu. Als der Schl�ssel im Schlo� herumgedreht wurde, brach sie zusammen.</p><p>Sobald Justin drau�en war, h�rte er auf zu l�cheln und lie� seinem wahren Gef�hl, der Wut, freien Lauf. Die Bestrafung, die er soeben angeordnet hatte � Madeline w�rde f�r mindestens eine Woche eingesperrt bleiben �, w�rde nicht von gro�em Nutzen sein. Madeline hatte ihm w�hrend Jahren mit ihren B�chern und ihren unweiblichen Ansichten die Stirn geboten. Ihre letzte Eskapade war nur der H�hepunkt ihrer Auflehnung gewesen. Eine Auflehnung, die durch seine Toleranz noch gen�hrt worden war�</p><p>Durch seine Schw�che.</p><p>Aber das w�rde nun alles anders werden, gelobte er sich, als er die Treppe hinunterst�rmte. Er br�llte die Hausneger an, sie sollten Nancy und Pete suchen. Aber die beiden waren nirgends zu finden.</p><p>Eine Stunde sp�ter wurde ihm klar, da� sie davongerannt waren. Seine ungeheure Wut wurde noch heftiger. Er lie� durch einen Boten Francis ausrichten, unverz�glich eine Patrouille zu organisieren. Sollten sie gefa�t werden, waren die Fl�chtlinge auf der Stelle zu erschie�en.</p><p>Die beiden wurden nur einmal kurz gesehen, und zwar zwei Tage sp�ter auf einer F�hre, als sie den Savannah-Flu� �berquerten. Irgendwoher hatten sie gef�lschte P�sse bekommen. Keiner der Nachbarn von Resolute sah sie jemals wieder.</p><p>Wie lange war sie schon eingeschlossen? Drei Tage? Nein, es mu�ten vier Tage sein, dachte sie.</p><p>Es gab keine M�glichkeit, herauszufinden, was mit Nancy und Pete geschehen war. Sie bef�rchtete, da� sie mi�handelt oder get�tet worden waren. Sie war verwirrt und konnte sich kaum noch in Erinnerung rufen, weshalb sie sich um die beiden sorgte. Tags�ber schlief sie, und des nachts irrte sie in ihrem Zimmer � in ihrem K�fig � umher. Vor den verriegelten Fenstern stand rund um die Uhr eine Wache. Einmal pro Tag, bei Sonnenaufgang, kamen zwei Hausneger an die T�r. Einer pa�te auf, und der andere stellte die Essensration f�r einen Tag hinein. Sie bestand aus drei halben Schnitten grobk�rnigem Schwarzbrot und einer kleinen Sch�ssel Wasser. In den wenigen Sekunden, w�hrend denen die T�re offen stand, warfen ihr die Sklaven hastige, mitleidige Blicke zu, aber sie trauten sich nicht, etwas zu sagen.</p><p>Da sie kein Wasser bekam, um sich zu waschen, brauchte sie jeden Tag ein wenig daf�r aus der kleinen Sch�ssel. Es half nichts; sie bemerkte bald, da� sie anfing zu stinken. Am dritten Tag, w�hrend sie schlief, schl�pfte jemand herein und leerte den randvollen Nachttopf. Zu diesem Zeitpunkt roch es in ihrem Zimmer bereits wie in einem Stall.</p><p>Aber was machte es schon? Mit jeder Stunde, die verstrich, nahm sie ihre Umgebung weniger wahr. Sie h�rte eigenartige Ger�usche, und in den Zimmerecken tanzten merkw�rdige Lichtreflexe, blutrot oder schneewei߅</p><p>Oder waren sie in ihrem Kopf?</p><p>�Orry. Orry, warum bist du nicht fr�her gekommen?�</p><p>Sie sah ihn mit traurigen Augen bei der T�r stehen, die rechte Hand ausgestreckt. Dankbar rannte sie zu ihm hin. Als sie ihn eben ber�hren wollte, verschwand er.</p><p>Sie begann zu weinen. Zutiefst in ihr sagte eine d�nne, ruhige Stimme: <emphasis>�Wie besch�mt dein Vater w�re, wenn er das sehen w�rde.�</emphasis></p><p>Aber sie k�mmerte sich nicht darum. Sie war krank, ersch�pft, ver�ngstigt. Nach einer Weile gingen ihre Schluchzer in Schreie �ber.</p><p>�Eine st�rkende Mahlzeit � das ist es, was sie braucht.�</p><p>�Ja, Herr Doktor�, sagte Justin besorgt, �wir haben schon die ganze Woche versucht, sie davon zu �berzeugen, aber sie weigert sich.�</p><p>Justin und der Arzt schauten sich an; ihre Gesichter strahlten Mitgef�hl und Besorgnis aus. Nur ihre Augen verrieten ihre wahren Gef�hle.</p><p>Madeline bemerkte es, aber sie verstand die Bedeutung nicht. Sie war halb bewu�tlos; das schwarze Haar fiel ihr unordentlich �ber die Schultern; ihre gro�en Augen blickten wie die eines Kindes; ihr Gesicht war leichenbla�.</p><p>�Oh, das erstaunt mich keineswegs�, sagte der Arzt mit weisem L�cheln. �Das ist ein h�ufiges Symptom bei nerv�ser Ersch�pfung.� Er war ein rundlicher, elegant gekleideter, an Erfolg gew�hnter Mann namens Lonzo Sapp.</p><p>�Gl�cklicherweise�, fuhr er fort, �verf�gt die moderne Medizin �ber eine Behandlungsweise, die meistens erfolgreich ist: Bettruhe, viel hei�en Tee und Essen, wenn sie sich besser f�hlt. Ich verschreibe ihr auch noch ein recht starkes Sellerietonikum, das sie einmal t�glich einnehmen soll.�</p><p>�Sellerietonikum?� wiederholte Justin. �Ihre eigene Mischung?�</p><p>Dr. Sapp nickte. �Die Basis ist Weinessig, dem Sellerie zugesetzt wird.�</p><p>Der Arzt lehnte sich �ber das Bett und strich Madeline eine Str�hne aus der Stirn. Ihre Haut gl�nzte im Licht der Kerzen, die neben dem Bett in einem Kandelaber standen. Als er ihr so �ber das Haar strich, glich er einem liebensw�rdigen Vater. �Wenn Sie mich h�ren k�nnen, Mrs. LaMotte, m�chte ich Ihnen sagen, da� Sie bald wieder Sie selbst sein k�nnen. Wollen Sie das?�</p><p>Ihre dicke, ausgetrocknete Zunge hing �ber die aufgesprungene Unterlippe. Sie gab keinen Laut von sich, starrte den Arzt mit gepeinigten Augen an, die sie kurz schlo�, um ihr Einverst�ndnis kundzutun.</p><p>�Dann m�ssen Sie meine Anordnungen genau befolgen. Ihr Gatte hat mich aus Charleston holen lassen. Er ist �ber Ihren Zustand zutiefst besorgt. Ich habe ihn beruhigt, aber es liegt letztlich allein in Ihren H�nden, ob Sie gesund werden. Werden Sie alles tun. was ich Ihnen sage?�</p><p>�J-ja.�</p><p>Justin b�ckte sich und k��te sie sanft auf die Wange. Jetzt, da er ein Mittel gegen ihr rebellisches Wesen gefunden hatte, f�hlte er sich sehr viel besser. Zudem war es auch eine Art Rache, da sie ihn zum Hahnrei gemacht hatte. Er war ganz sicher, da� dies letzte Woche der Fall gewesen war, und vielleicht hatte sie es schon seit Jahren getan. Auf jeden Fall war sie oft genug allein fortgegangen.</p><p>Indem er sie eingesperrt hatte und sie hungern lie�, hatte er ihren Widerstand gebrochen. Nur etwas warnte ihn: Sie hatte ihm noch immer nicht verraten, mit wem sie an jenem Tag wo gewesen war.</p><p>Zuerst hatte es ihn rasend gemacht, da� er nicht an diese Information herangekommen war. Als er aber merkte, da� sie ihm dies nie sagen w�rde, interpretierte er ihr Schweigen anders. Eigentlich war es f�r ihn von Vorteil, denn h�tte er den Namen ihres Liebhabers erfahren, so h�tte er sich wahrscheinlich gedem�tigt gef�hlt. Es h�tte ja ein wei�er Tr�dler oder irgendein Handwerker sein k�nnen, oder, noch schlimmer, ein Nigger. Nein, Unwissenheit war der Wahrheit vorzuziehen. Zumindest sagte ihm dies sein Verstand. Was seine Gef�hle betraf, so wuchs in ihm ein neuer, stetiger Ha� auf seine Frau.</p><p>Davon war ihm jedoch nichts anzumerken, als er neben ihrem Bett stand. Zuvor hatte er sich gro�z�gig mit einem nach Zimt duftenden Hautwasser eingestrichen, denn Madeline und das Zimmer stanken f�rchterlich. Das konnte ja jetzt aufh�ren. Er ging zu den Fensterl�den und ri� sie auf.</p><p>K�hle Nachtluft str�mte herein, die Kerzen flackerten. Ihre Augen gl�nzten vor Dankbarkeit.</p><p>�Sobald sie wieder bei Kr�ften ist, wird sie auch wieder bei Sinnen sein�, versicherte ihm Sapp, als sie das Zimmer verlie�en. �Es ist die Schw�che, die die Verwirrung ihres Geistes hervorgerufen hat.�</p><p>Der Arzt schlo� die Schlafzimmert�r, schaute sich in der Halle nach allen Seiten um und fuhr dann fl�sternd fort: �Nach einer Woche sollte sie sich an das Tonikum gew�hnt haben und nicht mehr argw�hnisch sein. Dann k�nnen Sie es durch das Mittel, das wir besprochen haben, ersetzen.�</p><p>�Dasjenige mit dem Laudanum?�</p><p>�Nur eine kleine Dosis. Nichts, was schaden k�nnte, verstehen Sie. Nur so viel, da� sie ruhig und ertr�glich bleibt.�</p><p>Sie schlenderten zum Treppenabsatz. Dr. Sapp fuhr fort: �Sollten wir das Tonikum absetzen wollen, dann gibt es andere M�glichkeiten, um die medizinische Behandlung fortzusetzen. Opiumtinktur ist eine dunkle Fl�ssigkeit, aber sie kann in Kekse eingebacken, zum Einstreichen von gewissen Fleischst�cken verwendet oder auch mit Weinessig gemischt �ber Gem�se gegossen werden. Ich m�chte damit sagen, da� es sehr viele Anwendungsm�glichkeiten gibt. Wenn Sie de Quincey gelesen haben, dann wissen Sie nat�rlich, da� Nebenwirkungen auftreten werden. M�digkeit, Verstopfung, und vielleicht auch Anzeichen von vorzeitigem Altern. Die Symptome k�nnen jedoch ohne Schwierigkeiten andern Ursachen zugeschrieben werden. Anstrengung und Belastung des t�glichen Lebens�, sagte er achselzuckend. �Sie braucht niemals zu erfahren, da� sie Laudanum bekommt.�</p><p>�Das ist wirklich eine gute Neuigkeit�, sagte Justin mit der Erleichterung eines Mannes, der die ganze Nacht aufgeblieben war und endlich schlafen gehen konnte. Auf seinem Gesicht machte sich ein trauriges L�cheln breit. �Ich habe mir solche Sorgen um sie gemacht.�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�Ich will alles daransetzen, damit ihre Nerven beruhigt werden und ihr Seelenfrieden wieder einkehrt.�</p><p>�Ein bewundernswertes Ziel.�</p><p>�Ich m�chte nicht, da� sie sich � oder die Familie � kompromittiert.�</p><p>�Ich verstehe�, murmelte Dr. Sapp mit einem L�cheln, das genauso h�flich war wie dasjenige seines Gastgebers.</p><p>�Noch eine Frage, Doktor. Wie lange kann die Behandlung fortgesetzt werden?�</p><p>�Nun, wenn Sie mit dem Ergebnis zufrieden sind � ein Jahr. Zwei Jahre. Unbegrenzt.�</p><p>Die beiden M�nner schauten sich erneut ohne ein Wimpernzucken in die Augen: Ihr Einvernehmen war perfekt. Sie plauderten wie alte Freunde und begaben sich nach unten.</p><p><strong>40</strong></p><p>Ende M�rz des Jahres 1855 wurde Ashtons Hochzeit mit James Huntoon in Mont Royal gefeiert. Orry fand es eine tr�be Angelegenheit. Clarissa l�chelte der Braut zu, wu�te jedoch nicht, wer sie war.</p><p>Gleich nach der Zeremonie machte Ashton eine Szene. Huntoon hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt stets widersetzt, eine Hochzeitsreise nach New York in Betracht zu ziehen. Dies war jedoch der einzige Ort, der Ashton interessierte. Die Tatsache, da� sie einerseits alle Yankees verachtete, andererseits jedoch ihre Restaurants und Theater hei� und innig liebte, schien kein Widerspruch f�r sie darzustellen. Bis zur letzten Sekunde bestand Huntoon darauf, da� sie nach Charleston gingen. Ashton warf ihm ein St�ck Kuchen ins Gesicht, schmollte, und der schwitzende Br�utigam �nderte unverz�glich seine Meinung; er hatte n�mlich Angst, da� sonst Wochen vergehen k�nnten, bis seine Frau ihm ihre Gunst erweisen w�rde. Als sie mit der Kutsche wegfuhren, war Ashton wieder bester Laune.</p><p>Von diesem Zwischenfall abgesehen, erz�rnte Cooper nat�rlich die meisten m�nnlichen G�ste mit seinen Ansichten. Er stellte immer wieder die Frage, weshalb weder die Sklavengegner noch die Plantagenbesitzer Emersons Vorschlag, den er im Februar der �New Yorker Gesellschaft zur Abschaffung der Sklaverei� unterbreitet hatte, auch nur einen Augenblick lang in Erw�gung zogen. Emersons sorgf�ltig ausgearbeiteter Entwurf f�r eine stufenweise Emanzipation sah vor, da� den Sklavenhaltern Zahlungen von nicht weniger als zweihundert Millionen Dollar geleistet wurden � ein seiner Ansicht nach geringer Preis f�r die Beseitigung einer nationalen Schande und die Erhaltung des Friedens.</p><p>�Beide Seiten hatten nur Hohn �brig�, sagte Cooper. �Nun, ich denke, ich habe eine Erkl�rung daf�r. Sobald es keinen Anla� mehr f�r einen Protest gibt, haben die Protestierenden ausgespielt.�</p><p>�Wollen Sie damit sagen, da� der Kampf f�r die Rechte des S�dens von zynischen M�nnern gef�hrt wird?� fragte ein Zuh�rer.</p><p>�Einige davon meinen es ehrlich. Aber andere wollen, da� die Abolitionisten weiterhin extrem handeln, denn nur dann kann der S�den eine Losl�sung von der Union oder eine eigene Regierung rechtfertigen � was nat�rlich barer Wahnsinn ist.�</p><p>Die andern dachten, da� Cooper verr�ckt und dazu gef�hrlich war. Fr�her mochte er ein l�stiger Kerl gewesen sein, doch seit er sich f�r Edmund Burke und dessen politische Ideen interessierte und der Demokratischen Partei von Charleston beigetreten war, durfte er nicht mehr als harmlos bezeichnet werden.</p><p>Er hatte sich den Eintritt in die Partei auf ganz einfachem Weg verschafft, indem er mehrere gr��ere Betr�ge spendete. Es handelte sich um so gro�e Summen, da� es sich die Parteispitze nicht leisten konnte, ihn zu ignorieren. Zudem war er nicht der einzige Mann im Staat, der eine unpopul�re Meinung �ber die Entwicklung des S�dens vertrat.</p><p>Cooper fing an, herumzureisen und sich mit andern gem��igten Demokraten zu treffen und zu besprechen. In Virginia wurde er einem Mann vorgestellt, dessen Ansichten ihn sehr �berzeugten. Es handelte sich um einen Politiker namens Henry Wise, der unbedingt Gouverneur werden wollte. Wise verteidigte die Sklaverei mit Leib und Seele, aber er vertrat zugleich die Ansicht, da� diejenigen, die die Sezession bef�rworteten, R�nkeschmiede oder Idioten waren.</p><p>�Ich verstehe nat�rlich, weshalb sie sich so verhalten�, sage Wise. �Sie wollen die Macht, die der S�den an den Norden und Westen verloren hat, wieder zur�ckgewinnen. Vielleicht gestehen sie sich das selber nicht einmal ein. Verdammt noch mal, vielleicht glauben sie an ihre eigenen bl�den �u�erungen. Aber sie sind gef�hrlich, Cooper. Sie sind organisiert, aktiv und vertreten ihre Meinung lautstark � eine Gefahr f�r den ganzen S�den.�</p><p>Cooper l�chelte auf die ihm eigene trockene, traurige Art. �Wenn sich schlechte M�nner zusammentun, dann m�ssen sich die guten verb�nden, denn sonst fallen sie, einer nach dem andern; ein Opfer, das sinnlos ist.�</p><p>�Ein weiser Ratschlag.�</p><p>�Das war er auch schon, als er 1770 das erste Mal von Burke niedergeschrieben wurde. Das Problem ist, da� man alles wieder vergessen hat.�</p><p>�Man hat es nicht vergessen; die Extremisten wollen es einfach nicht h�ren. Die Extremisten auf beiden Seiten.� Wise hielt inne und betrachtete den Gast. �Ich habe viel von Ihnen geh�rt, Cooper. In Ihrem Heimatstaat werden Sie schon seit langem wie ein Ausgesto�ener behandelt. Ich bin froh, da� Sie der Demokratischen Partei beigetreten sind. Wir k�nnten noch viele von Ihrer Sorte gebrauchen � vorausgesetzt, es ist nicht bereits zu sp�t.�</p><p>Die politische Entwicklung schien ihm recht zu geben; beide Seiten fuhren mit ihren Provokationen fort.</p><p>In Massachusetts trat ein Gesetz in Kraft, das die pers�nliche Freiheit aller, auch der Schwarzen, garantierte. Das Gesetz war eine Reaktion auf die Burns-Aff�re vom Vorjahr. Ein fl�chtiger Sklave namens Anthony Burns war im Gericht von Boston in Haft gehalten worden, w�hrend Abolitionisten versuchten, ihn freizubekommen, was ihnen aber nicht gelang. Die Bundes- und Staatsbeh�rden hatten sich daraufhin damit einverstanden erkl�rt, den Sklaven an den Eigent�mer im S�den zur�ckzugeben.</p><p>In der Zwischenzeit wurde in Kansas mit Hilfe der sogenannten Grenzraufbolde aus Missouri eine sklavereifreundliche Legislative gew�hlt. Die Raufbolde waren mit Pistolen und Gewehren bewaffnet nach Kansas gestr�mt und hatten die Wahl durch Einsch�chterung und Betrug zu ihren Gunsten entschieden. Die auf betr�gerische Art gew�hlte Legislative setzte daraufhin Gesetze in Kraft, die harte Strafen f�r sklavereifeindliche Agitation vorsah.</p><p>Monat f�r Monat erh�hten beide Seiten ihren Einsatz bei diesem grausamen Spiel. Missouri sandte Horden von n�chtlichen Reitern �ber die Grenze. Der Nordosten schickte den Sklavereigegnern Kisten, gef�llt mit Waffen. Als Inhalt dieser Kisten wurde �Bibeln� angegeben, was Cooper bei einem Treffen der Demokraten in Columbia zu der Bemerkung veranla�te: �Sogar Gott ist schon einberufen worden. Beide Lager behaupten, da� Er auf ihrer Seite stehe. Glauben Sie, da� Er hin und her rennt? Er mu� ja v�llig ersch�pft sein.�</p><p>Keiner lachte.</p><p>An einem Nachmittag kam Cooper auf dem Dock der C.S.C. mit dem Vorarbeiter, einem Mann namens Gerd Hochwalt, ins Gespr�ch. Seine Eltern hatten sich als Einwanderer in Charleston niedergelassen. Der Vorarbeiter konnte zwar mit Dr�ckebergern hart sein, im Grunde war er jedoch ein sanfter Mann mit einem gutm�tigen Charakter und einem starken Glauben. Er war verheiratet, hatte elf Kinder und wohnte in einem Haus am Stadtrand, das kaum gro� genug war, um allen Platz zu bieten.</p><p>Das Gespr�ch kam bald auf die j�ngst in Big Springs, Kansas, abgehaltene Anti-Sklaverei-Konferenz. Die Teilnehmer hatten einen Plan vorgelegt, wonach das Territorium sich um eine Aufnahme als freier Staat in die Union bem�hen sollte. Zudem hatten sie die von der betr�gerisch gew�hlten Legislative erlassenen Gesetze als null und nichtig erkl�rt. Das Vorgehen von Big Springs war in einem besonders scharfen Leitartikel des <emphasis>Mercury</emphasis> verurteilt worden. Hochwalt lobte den Artikel in den h�chsten T�nen.</p><p>�Ich habe ihn auch gelesen�, sagte Cooper, �aber ich finde, da� er genauso nichtssagend ist wie die fr�heren Artikel.� Beide M�nner behielten w�hrend des Gespr�chs die schwarzen Packer im Auge, die die <emphasis>Mont Royal</emphasis> mit Baumwollballen f�r eine Fabrik in Liverpool beluden. Das Schiff wurde wie immer voll ausgelastet, und auf jeden Kunden kamen drei, die warteten. Die Frachtlinie wies einen monatlichen Gewinn von sechzig bis siebzig Prozent aus. Sogar Orry hatte mit der Zeit bemerkt, wie erfolgreich Cooper war.</p><p>Hochwalt r�gte einen Packer, der gestrauchelt war und die andern Arbeiter aufhielt. Dann wischte er sich mit einem Taschentuch den schwei�nassen Nacken ab und sagte: �Mr. Rhetts �u�erungen m�gen zwar abgedroschen sein, aber ich glaube daran.�</p><p>�Wie k�nnen Sie das blo�, Gerd? Er hat wiederum dazu aufgerufen, eine eigene Regierung zu bilden.�</p><p>�Und wieso nicht, Sir? Soweit ich mich zur�ckerinnern kann, haben uns die Nordstaatler beleidigt und verh�hnt. Sie glauben, jeder einzelne von uns sei ein St�ck Dreck. Eine Nation von Bordellbesitzern! Das ist doch der Ausdruck, den sie gebrauchen, oder nicht? Ich habe nie einen Sklaven besessen oder das System unterst�tzt; nie in meinem ganzen Leben. Die Beleidigungen der Nordstaatler treiben mich zur Wei�glut. Wenn sie nicht damit aufh�ren, dann m�ssen wir in Gottes Namen unsere eigenen Wege gehen.�</p><p>Gef�hlsm��ig konnte Cooper Hochwalt verstehen, verstandesm��ig war es ihm jedoch unm�glich.</p><p>�Aber sehen Sie denn nicht, da� M�nner wie Bob Rhett, James Huntoon und Mr. Yancey von Alabama uns in den Abgrund st�rzen werden?�</p><p>Hochwalt �berlegte kurz. �Nein, Sir. Aber auch wenn sie das tun, so werde ich mich ihnen anschlie�en.�</p><p>�Um Himmels willen, Mann, wieso?�</p><p>Der Vorarbeiter starrte Cooper an, als w�re dieser nicht ganz bei Trost.</p><p>�South Carolina ist meine Heimat. Diese M�nner setzen sich daf�r ein. Niemand sonst tut das, Mr. Main.�</p><p>Ein paar Abende sp�ter sagte Cooper zu seinem Bruder: �Ich mu� dir gestehen, Orry, mir graute, als Hochwalt mir das sagte. Er ist kein hei�bl�tiger Revolution�r, sondern ein seri�ser, respektabler Deutscher. Wenn er und andere anst�ndige M�nner seiner Art den Extremisten Geh�r schenken, dann steht es schon schlimmer um uns, als ich je vermutet h�tte.�</p><p>Orry war nach Charleston geritten, um die B�cher der Schiffsgesellschaft durchzusehen. Er und Cooper hatten sich fast den ganzen Tag dieser Arbeit gewidmet; Orry hatte schlie�lich seine Zufriedenheit ge�u�ert und seinem Bruder ein Lob ausgesprochen � eine Seltenheit. Nun sa�en die beiden in bequemen, wei�gestrichenen Schaukelst�hlen und sahen in den Garten der Tradd Street hinaus. Der kleine Judah, ein st�mmiger Junge, rollte dem Baby, Marie-Louise, die mit gespreizten Beinen im dichten Gras sa�, einen Ball zu.</p><p>Orry kam wieder auf das Gesch�ft zu sprechen. �Ich bin dankbar, da� die Schiffe voll ausgelastet sind. Der Reismarkt in S�deuropa befindet sich immer noch in einer Krise, und die Nachfrage sinkt mit jedem Monat mehr. Du hast gut daran getan, unsere T�tigkeit zu erweitern.�</p><p>Als er dies sagte, t�nte seine Stimme eigentlich nicht anders als gewohnt. Und doch wu�te Cooper, da� irgend etwas nicht stimmte, aber die Ursache war ihm nicht klar. Gerade als er Orry fragen wollte, kam Judith mit einem P�ckchen in der Hand aus dem Haus.</p><p>�Ein Bursche der Colony-Buchhandlung hat das f�r dich abgegeben, Orry.�</p><p>�Oh � das Buch, das ich heute morgen kaufen wollte. Sie hatten es nicht mehr am Lager, aber sie erwarteten eine Sendung von zw�lf Exemplaren f�r heute nachmittag.� Er packte das Paket hastig aus. Als Judith die Goldschrift sah, klatschte sie �berrascht in die H�nde.</p><p><emphasis>�Leaves of Grass!</emphasis> Das ist ja der Gedichtband, gegen den Reverend Entwhistle am letzten Sonntag gewettert hat. Ich habe seine ganze Predigt in der Zeitung gelesen. Er sagte, das Buch sei durch und durch unfl�tig, es sei das Werk eines Mannes, der nicht mehr auf die Stimme von Vernunft und Ordnung h�ren wolle.�</p><p>Cooper sagte: �Das Buch wird von den Geistlichen des Nordens genauso verdammt. Wie war doch der Name des Verfassers?� Er drehte das Buch in der Hand seines Bruders um: �Whitman. Seit wann hast du denn Zeit f�r moderne Poesie, und seit wann interessierst du dich daf�r?�</p><p>Orry err�tete unter seinem Bart. �Ich habe es als Geschenk gekauft.�</p><p>�F�r jemanden in Mont Royal?�</p><p>�Nein, f�r einen Bekannten.�</p><p>Cooper dr�ngte nicht, aber er fragte sich, ob er auf diese Art vielleicht den Grund f�r die schlechte Stimmung seines Bruders erfahren h�tte.</p><p>�Das Abendessen ist demn�chst soweit�, sagte Judith. �Rachel hat seit dem fr�hen Morgen Krabben gefangen.� Rachel war die freie schwarze K�chin. �Ich habe Ashton und James eingeladen, aber sie waren schon anderweitig verpflichtet. Wir sehen sie selten. Ich mu� leider gestehen, da� sie noch nie hier gegessen haben, obwohl wir so nahe beisammen wohnen. Jedesmal, wenn ich sie einlade, haben sie etwas vor.�</p><p>Die Huntoons waren in ein elegantes, luftiges Haus an der East Battery gezogen, nur wenige Schritte von der Tradd Street entfernt. Orry war an Ashtons Haus vorbeigeritten, aber eigenartigerweise hatte er gar keine Lust, seine Schwester zu besuchen.</p><p>�Sie haben eine Menge neuer Freunde�, erkl�rte Cooper. �Die meisten von ihnen sind Anh�nger von Bob Rhett. Ich mu� gestehen, da� es nicht gerade angenehm ist, von seinen Blutsverwandten gemieden zu werden, aber ich glaube, es ist besser, wenn sie uns nicht besuchen oder mit uns essen. James und ich vertreten so radikal verschiedene politische Ansichten, da� wir unter Umst�nden schon nach der Vorspeise einen Zeitpunkt f�r ein Duell vereinbaren m��ten.�</p><p>Er sah etwas fr�hlicher aus, als er in die H�nde klatschte und rief: �Kinder! Es ist beinahe Essenszeit. Kommt und setzt euch auf meinen Scho�!�</p><p>Orry konnte seine Gedanken nicht von Madeline abwenden. Er starrte das Buch an, wickelte es wieder ein und lie� es sorgf�ltig in seine Tasche gleiten.</p><p>Beim Abendessen versuchte Cooper mehrere Male das Gespr�ch auf das Erweiterungsvorhaben zu lenken, �ber das er in letzter Zeit viel nachgedacht hatte. Es handelte sich um einen nicht allt�glichen Plan, der gute Nerven und weitaus mehr Kapital erforderte, als die Mains problemlos fl�ssig machen k�nnten. Als m�glichen Partner hatte er sich George Hazard vorgestellt, aber das Gespr�ch kam nie soweit, denn Orry lie� alle Diskussionen �ber das Gesch�ft im Sand verlaufen. W�hrend des ganzen Essens gab er kaum zwanzig Worte von sich. Als Cooper in dieser Nacht mit Judith im Bett lag, wurde ihm bewu�t, da� sein Bruder seit den ersten Monaten nach der R�ckkehr aus Mexiko nie mehr in einer solch eigenartigen, gedr�ckten Stimmung gewesen war.</p><p>Huntoons Anwaltskanzlei wie auch sein Ruf wuchsen stetig, Ashton war ma�geblich daran beteiligt. Sie gab Parties, Empf�nge und Abendessen; sie pflegte die Beziehungen mit den f�hrenden M�nnern der Umgebung und ihren h��lichen, herrischen Frauen, ohne jemals durchblicken zu lassen, wie sehr sie sie abstie�en oder wie raffiniert sie sie zu manipulieren verstand.</p><p>Huntoon arbeitete viele Stunden an einer Ansprache �ber die sich zuspitzende nationale Krise. An einem Sp�tsommerabend hielt er vor ungef�hr drei�ig G�sten im Haus an der East Battery eine Kurzfassung der Rede. Unter den G�sten befanden sich der Verleger Rhett und der vielleicht sch�rfste Verfechter der Sezession, William Yancey aus Alabama. Er sah sanft und ungef�hrlich aus, aber er war ein brillianter Redner. Einige nannten ihn �Prinz der Extremisten�. Ashton tr�umte davon, da� er zum K�nig bef�rdert werden w�rde, damit ihr Gatte den andern Titel �bernehmen k�nnte.</p><p>Huntoon, die Silberrandbrille sozusagen als Requisit in der einen Hand, gab sich die gr��te M�he, seine Redegewandtheit unter Beweis zu stellen. Die G�ste h�rten dem Abschlu� seiner Rede, die Ashton auswendig kannte, gespannt zu.</p><p>�Die Union gleicht einem riesigen Fort, meine Damen und Herren, das bereits zur H�lfte in die H�nde der barbarischen Eindringlinge �bergegangen ist. Loyalisten halten immer noch die andere H�lfte, die sie w�hrend Generationen r�ckhaltlos verteidigt haben. Nun ist auch dieser Teil bedroht. Und ich f�r meinen Teil w�rde eher das Magazin anz�nden und alles in die Luft fliegen lassen, als da� ich den Barbaren auch nur einen Zentimeter zugestehen w�rde!�</p><p>Ashton f�hrte den Applaus an, der laut und �berschwenglich war. W�hrend Haussklaven Punsch auf Silbertabletts anboten, n�herte sich Yancey Huntoon.</p><p>�Eine solche extreme Tat mag sehr wohl n�tig werden, James. Und danach mu� ein neues Fort auf dem Schutt des alten errichtet werden. F�r diese Arbeit brauchen wir loyale Helfer � und f�hige F�hrungskr�fte.�</p><p>Seinem Gesichtsausdruck nach zu schlie�en, betrachtete er Huntoon als einen der letzteren, oder wenigstens als einen Anw�rter, wie Huntoon sich einbildete.</p><p>Ashton verstand wenig von den Fragen, die die M�nner so endlos er�rterten. Sie scherte sich einen Dreck um die Rechte des S�dens und wu�te nicht einmal, worin sie bestanden � abgesehen vom gottgegebenen Recht, Eigentum in Form von Niggern zu besitzen. Die ganzen Diskussionen faszinierten sie, weil sie sah, wie andere davon aufgew�hlt wurden. In dieser Reaktion ahnte sie instinktiv eine M�glichkeit, Macht zu bekommen und zu halten. Ihr Gatte hatte sie davon �berzeugt, da� es eines Tages eine eigene Regierung im S�den geben werde. Und sie wollte eine der wichtigsten Damen der politischen Kreise werden.</p><p>�James, du warst einfach gro�artig�, sagte sie, als sie seinen Arm ergriff. �Ich m�chte sagen, du hast dich selber �bertroffen.� Sie lechzte nach mehr Applaus, und die Taktik hatte Erfolg. Die umstehenden G�ste spendeten erneut Beifall. Yancey schlo� sich den andern mit einem �H�rt, h�rt� an.</p><p>�Vielen Dank, Liebling.� Huntoons dankbarer Blick grenzte ans Pathetische. Wenn sie allein waren, machte ihm Ashton selten ein Kompliment und sagte ihm oft, er sei ein schlechter Liebhaber.</p><p>An diesem Abend l�sten die vielen wichtigen Pers�nlichkeiten und die erfolgreiche Rede jedoch eine unerwartete sexuelle Erregung bei Ashton aus. Sie konnte es kaum erwarten, bis alle G�ste gegangen waren und sie nach oben eilen, die Kleider ausziehen und ihren Gatten neben sich zerren konnte.</p><p>Er schwitzte und schnaufte und gab sich alle erdenkliche M�he. Sp�ter fragte er fl�sternd: �War es gut so?�</p><p>�Ausgezeichnet�, log sie. Er war in seiner Rolle als Extremist so gut, da� sie ihn nicht entt�uschen wollte. Aber er vermochte sie mit seiner plumpen Art nie zu erregen, und im Grunde widerte er sie an. An diesem Abend tr�stete sie sich damit, da� alles, auch die Rolle einer angesehenen Dame, seinen Preis hatte.</p><p>Sie beschlo�, da� wieder mal eine Reise nach Hause f�llig war � und zwar bald.</p><p>Ashtons Liebhaber hatte einen neuen Ort f�r ihre Treffen gefunden: die Ruinen einer Kirche auf dem Land mit dem Namen Salvation Chapel. Was f�r ein k�stlich lasterhaftes Erlebnis war es doch, im Sonnenschein drau�en ihre Kleider hochzuziehen und sich von Forbes auf dem Kalkfundament nehmen zu lassen!</p><p>Sein angebundenes Pferd wieherte und scharrte in der N�he, und aus der Ferne waren Sch�sse zu h�ren; man versuchte, die V�gel von den Reisfeldern wegzutreiben. Das Ger�usch des Pferdes und der Gewehre steigerte ihre Erregung, und danach war sie schlaff vor Befriedigung.</p><p>�Ich hab� Angst, da� ich dir ein Kind mache�, sagte Forbes, sein h�bsches, schwei�triefendes Gesicht knapp �ber dem ihrigen.</p><p>Ashton leckte sich die Mundwinkel. �Ich finde, das Risiko verleiht der ganzen Sache einen zus�tzlichen Reiz.�</p><p>Sie war sich ziemlich sicher, da� die Gefahr, schwanger zu werden, recht klein war. Huntoon war die ganze Zeit bei ihr, und bis anhin war sie noch nicht in Erwartung. Sie vermutete, da� bei Aunt Belle Nin irgend etwas besch�digt worden war. Vielleicht w�rde sich dies auf die Dauer als Vorteil erweisen, obwohl der Gedanke an Unfruchtbarkeit sie manchmal traurig stimmte.</p><p>�Ja, so lange, bis ein Baby den Kopf in die Welt streckt, das mir anstatt Huntoon gleicht�, sagte Forbes.</p><p>�La� James meine Sorge sein. Du sollst dich um etwas anderes k�mmern.�</p><p>Mit diesem Satz zog sie ihn in ihre Arme. Das Ger�usch der in der Ferne explodierenden Gewehre erregte sie von neuem.</p><p>Das Fundament hinterlie� Sch�rfungen auf ihrem Hinterteil, aber das nahm sie gern in Kauf. Forbes war ein ausgezeichneter Liebhaber, aufmerksam und st�rmisch, wenn sie zusammen waren, aber bereit, ohne sie auszukommen, bis sie ihn wieder treffen wollte. Eitelkeit hielt Ashton davon ab zu fragen, wo Forbes w�hrend ihrer Abwesenheit seine au�erordentlichen F�higkeiten praktizierte.</p><p>Aber offensichtlich konnten die andern ihr nicht das Wasser reichen, denn Forbes war jedesmal, wenn sie rief, zur Stelle.</p><p>Als sie nach Mont Royal zur�ckritten � Forbes begleitete sie bis knapp eine Meile vor das Herrenhaus � diskutierten sie wieder einmal wie besessen, auf welche Art und Weise sie Billy Hazard verletzen k�nnten. Forbes war immer wieder von Ashtons Phantasie fasziniert, und zwar nicht zuletzt darum, weil sie so stark auf Macht, sexuelle Abenteuer und Rache ausgerichtet war.</p><p>�Ich hab� gelesen, da� du vor ein paar Tagen Mr. Yancey zu Gast hattest�, bemerkte Orry an diesem Abend beim Essen.</p><p>Ashton war stolz darauf, da� der <emphasis>Mercury</emphasis> dem Treffen eine halbe Spalte gewidmet hatte. �Ja, das stimmt. Er hatte einige gepfefferte Dinge �ber die Yankees zu sagen. James �brigens auch. Nat�rlich� � sie wandte sich Brett zu, die ihr gegen�ber sa� � �machen wir Ausnahmen f�r Freunde der Familie.�</p><p>�Das hab� ich mich schon gefragt�, sagte Brett, ohne zu l�cheln.</p><p>�Sicher tun wir das. Billy ist etwas Besonderes.� Ashton l�chelte liebensw�rdig und vollkommen aufrichtig, aber ihre Gef�hle waren so heftig und giftig, da� sie Bauchschmerzen bekam. �Hat er schon etwas wegen einem Hochzeitstermin gesagt?�</p><p>Orry beantwortete die Frage. �Nein. Er wird ja erst im n�chsten Juni abschlie�en. Und was verdient ein Leutnant heutzutage? Tausend Dollar pro Jahr? Davon kann eine Familie nicht leben. Ich bin der Ansicht, da� es viel zu fr�h ist, um �ber eine Heirat zu reden.�</p><p>Bretts Augen funkelten, als sie ihren Bruder anschaute. �Das haben wir auch noch nicht.�</p><p>Aber Ashton f�hlte, da� es eines Tages so weit kommen w�rde. Das k�nnte der ideale Augenblick sein, um zuzuschlagen: genau dann, wenn sie am gl�cklichsten waren.</p><p>Nach dem Abendessen ging Ashton zum Familienfriedhof. Ein regelm��iger, starker Wind war aufgekommen. Er w�hlte in ihrem Haar, das wie eine dunkle Flagge flatterte. Sie kniete bei Tillets Grab nieder. Dies war der einzige Ort, wo sie sich �ber ihr Verhalten M�nnern gegen�ber sch�mte. Ihre Stimme war sanft, aber voller Gef�hl.</p><p>�Die Dinge entwickeln sich gut f�r James, Papa. Ich w�nschte, du k�nntest hier sein und es sehen. Ich wei�, da� du dir einen dritten Sohn statt einer Tochter gew�nscht hast, aber du wirst auf mich stolz sein k�nnen. Ich hab� dir das ja schon fr�her versprochen. Ich werde eine ber�hmte Dame werden. Mein Name wird im ganzen S�den bekannt sein. Sie werden um meine Gunst werben, und auch um diejenige von James. Ich schw�re es dir, Papa, ich schw�re es dir.�</p><p>Als Ashton das Haus verlie�, ging Orry in die Bibliothek und blies die schon brennende Lampe wieder aus. Er �ffnete die Fensterl�den und atmete die k�hle Abendluft tief ein. Sie roch nach Herbst und nach dem Wasser vom Flu�. Sein Blick schweifte langsam im Zimmer herum und blieb in einer dunklen Ecke h�ngen. Er starrte seine Uniform an. Dann erinnerte er sich, da� die Ernte eingeholt werden sollte, aber er versp�rte �berhaupt keine Lust dazu.</p><p><emphasis>Was war mit Madeline geschehen?</emphasis></p><p>Die Frage qu�lte ihn schon seit Tagen. Madeline hatte sich zur�ckgezogen, verlie� Resolute nur noch selten und dann auch nur in Begleitung ihres Gatten. Orry war der Kutsche der LaMottes vor ein paar Wochen auf der Flu�stra�e begegnet. Er hatte ihnen zugewinkt � vielleicht etwas zu heftig, wie er bef�rchtete, aber er h�tte sich keine Sorgen machen m�ssen. Madeline erwiderte seinen Gru� auf die genau gleiche Art wie Justin: ein lebloses L�cheln, ein starrer Blick und eine Handbewegung, die einen Gru� nur andeutete. Die Kutsche fuhr an ihm vorbei und war bald au�er Sichtweite.</p><p>Orry nahm <emphasis>�Leaves of Grass�</emphasis> vom B�chergestell; das Buch war immer noch im braunen Einpackpapier. Er hatte noch keine M�glichkeit gehabt, es Madeline zu schenken. Sie besuchte Clarissa nicht mehr und antwortete nicht mehr auf seine Bitten, ihn zu treffen. Dreimal hatte er bei der Kapelle gewartet, nachdem er heimlich einen Brief nach Resolute geschickt hatte. Aber sie war nie erschienen.</p><p>Als er das letzte Mal gewartet hatte, waren �berall geknickte �ste auf dem zertrampelten Gras herumgelegen; es erweckte den Anschein, als h�tten andere Liebhaber die verfallene Kirche entdeckt. Er ging nicht mehr zur Kapelle. V�llig verzweifelt befahl er einem der Haussklaven, herauszufinden, ob seine Briefe vielleicht abgefangen worden waren. Nancy war vor Monaten weggerannt; vielleicht war deshalb ihre Kommunikation unterbrochen worden. Anscheinend traf dies jedoch nicht zu � wenigstens nicht so, wie er bef�rchtet hatte. Schon nach ein paar Tagen berichtete ihm der Sklave: �Ich habe Neues von Resolute erfahren, Mr. Orry. Sie bekommt die Briefe. Ein M�dchen namens Cassiopeia gibt sie ihr.�</p><p>�Liest sie Mrs. LaMotte?�</p><p>�Soviel ich wei�, ja. Aber dann zerrei�t sie sie oder wirft sie in den Kamin.�</p><p>Als ihm dies wieder einfiel, schleuderte Orry das Buch in eine Ecke. Dabei traf er versehentlich den Uniformst�nder, der umfiel. Vom L�rm aufgeschreckt, eilten Brett und zwei Hausm�dchen herbei. Ohne die T�r zu �ffnen, schrie Orry, da� alles in Ordnung sei.</p><p>Dann kam ihm ein Gedanke, der seine Hoffnung wieder aufleben lie�. Am Samstag w�rde in der N�he von Six Oaks ein Reitturnier stattfinden. Es war m�glich, da� Madeline mit Justin hinginge. Normalerweise mied Orry solche Treffen, aber dieses Mal w�rde er hingehen. Vielleicht g�be es eine M�glichkeit, mit ihr zu sprechen und herauszufinden, was los war.</p><p>Am Samstag war das Wetter schw�l, regnerisch, und ab und zu grollte der Donner. Eine riesige, aufgeregte Menschenmenge war zum Turnier gekommen. Orry hatte jedoch keine Lust, den jungen M�nnern zuzuschauen, die sich selber Sir Gawain oder Sir Kay getauft hatten. W�hrenddem sie waghalsig auf dem Platz herumritten und versuchten, einander an den Lanzen zu packen, streifte er durch die Menge und suchte die LaMottes.</p><p>Schlie�lich ersp�hte er Justin, der sich lauthals mit seinem Bruder und einigen andern M�nnern unterhielt. Voll guten Muts setzte Orry seine Suche nach Madeline fort. Er erblickte sie von dem Ort aus, wo Charles damals auf Whitney Smiths Schu� gewartet hatte. Madeline sa� auf einem Baumstamm und sah zu, wie kleine Regentropfen die glatte Oberfl�che des Flusses leicht aufwirbelten.</p><p>Er n�herte sich ihr und bemerkte, da� der Baumstamm ihr Kleid beschmutzt hatte. Sie mu�te ihn geh�rt haben, aber sie drehte sich nicht um. Er f�hlte sich linkisch, unreif, �ngstlich � und r�usperte sich.</p><p>�Madeline?�</p><p>Sie stand langsam auf. Als er ihr Gesicht sah, schrak er zur�ck. Es war wei� � leichenbla�. Sie hatte mindestens zehn oder f�nfzehn Pfund abgenommen. Ihre Wangen waren hohl. Es schien ihr schwerzufallen, ihren Blick nicht von ihm abschweifen zu lassen.</p><p>�Orry, wie nett, dich zu sehen.�</p><p>Sie l�chelte, aber es war dasselbe leblose L�cheln wie damals, als er sie in der Kutsche gesehen hatte. Er konnte ihren Blick kaum ertragen. Er war immer so lebendig und warm gewesen. Und jetzt �</p><p>�Madeline. Was ist los? Wieso hast du meine Botschaften nicht beantwortet?� Obwohl sich niemand in ihrer N�he befand, fl�sterte er. Sie stierte �ber seine Schulter. Dann trafen sich ihre Blicke wieder. Orry konnte Schmerz und einen Hilferuf darin lesen. Er ging auf sie zu.</p><p>�Ich sehe dir an, da� etwas nicht stimmt. Du mu�t es mir sagen � �</p><p>�Madeline?� Die Stimme von Justin! Orry zuckte zusammen. �Komm bitte zu uns her�ber, Liebes. Wir gehen bald.�</p><p>Orry wandte sich um, wobei er versuchte, sich so nat�rlich wie m�glich zu bewegen und seine Spannung nicht zu zeigen. Madelines Gatte hatte sie von der andern Seite des Kampffeldes her gerufen. Um jeglichem Verdacht vorzubeugen, gr��te er Justin auf formelle Art, indem er seinen Hut leicht antippte. Justin erwiderte den Gru� auf die gleiche Weise. Orry l�chelte breit und steif, als w�rde er nur H�flichkeiten mit einer Nachbarin austauschen.</p><p>In Tat und Wahrheit fl�sterte er: �Ich mu� wenigstens noch einmal mit dir allein sprechen, Madeline.�</p><p>Sie schaute ihn wieder an. Sehns�chtig, dachte er. Aber sie seufzte und sagte: �Nein. Es tut mir leid, aber es ist zu schwierig.�</p><p>Mit langsamen, schlaffen Schritten ging sie weg, um sich zu ihrem Gatten zu gesellen. Orry sch�umte vor Wut; am liebsten h�tte er Justin an der Gurgel gepackt und ihn so lange gesch�ttelt, bis er gestand, was mit Madeline los war. Von ihr war ja offensichtlich nichts zu erfahren. Madeline war apathisch und verwirrt � wie in einem Fieberwahn.</p><p>Als er nach Hause ritt, war es jedoch die Erinnerung an ihre Augen, die ihn am st�rksten peinigte. Sie hatte einen eigenartig unterw�rfigen Blick, ohne eine Spur von Hoffnung, beinahe leblos. Der Blick eines geschlagenen Tieres.</p><p><strong>41</strong></p><p>Bei der Betrachtung seiner neuen Pionierkorpsabzeichen fand Billy, da� seine Welt eigentlich ganz in Ordnung sei.</p><p>Die Bef�rchtungen des Kadetten aus New Jersey, der von Ashton begl�ckt worden war, hatten sich nie bewahrheitet. Die Sieben hatten eisern geschwiegen, Charles war nie etwas zu Ohren gekommen. Einer der Gruppe hatte sich bei Billy dar�ber beklagt, da� Ashton in bezug auf ihren zweiten Besuch gelogen haben mu�te � aber das h�tte Billy ihm schon fr�her sagen k�nnen. Danach geriet der Zwischenfall wegen dem dauernden milit�rischen Drill und dem akademischen Druck langsam in Vergessenheit.</p><p>Billys Weltanschauung wurde haupts�chlich von den Begebenheiten des t�glichen Lebens und nicht von anderweitigen Ereignissen gepr�gt. H�tte er seinen Blick etwas in die Ferne gerichtet und nicht ausschlie�lich in Gedanken an die Akademie und an Brett gelebt, so h�tte er Zeichen von Aufruhr entdecken k�nnen.</p><p>Der blutige Krieg auf der Krim dauerte immer noch an. Einer der Klassenkameraden seines Bruders, George McClellan, war von Verteidigungsminister Davis als Beobachter auf die Halbinsel geschickt worden. In Amerika waren es andere Arten der Gewaltt�tigkeit, die B�ses ahnen lie�en. Die M�nner bek�mpften sich in Kansas � und in den Kongre�hallen. W�hrend Senator Sumner aus Massachusetts eine politische Rede �ber Kansas hielt, griff er ungerechtfertigterweise pl�tzlich Senator Andrew Butler aus South Carolina pers�nlich an. Am 22. Mai 1856 betrat der Kongre�abgeordnete Preston Brooks aus South Carolina den Senat mit einem goldbeknauften Spazierstock, den er in der Folge dazu verwandte, seine Meinung �ber Sumners Rede und dessen Person kundzutun.</p><p>Sumner schrie um Gnade, als das Blut auf seinen Schreibtisch tropfte. Brooks schlug auf ihn ein, bis der Stock zerbrach. Andere Senatoren schauten zu, ohne einzugreifen. Darunter befand sich Douglas, dessen Gesetzesantr�ge die Kontroverse verursacht hatten, gegen die Sumner wetterte.</p><p>Einige Wochen sp�ter schrieb Brett Billy, da� Brooks in ganz South Carolina gefeiert worden sei. Ashton und ihr Gatte hatten ihn in ihrem Haus freundschaftlich bewirtet und ihm einen Spazierstock mit eingravierter Widmung geschenkt. Brooks hatte Dutzende davon erhalten. Weiter schrieb Brett:</p><p><emphasis>Als James und Ashton letzte Woche hier waren, sagte Orry, da� Sumner sicher nicht vor einem Jahr genesen w�rde. James zog daraufhin eine Augenbraue hoch und sagte: �So schnell? Wie schade!� Billy, ich hasse diese Zeiten, in denen wir leben. Es scheint, als w�rden sie das Allerschlimmste im Menschen hervorrufen.</emphasis></p><p>Aber nicht einmal das konnte Billy zu diesem Zeitpunkt entmutigen. In ein paar Tagen w�rde er die Akademie verlassen, und er hatte, besonders w�hrend des letzten Jahres, gute Arbeit geleistet. Mahan hatte seine Arbeit w�hrend des Kurses f�r Milit�rwissenschaft und Bauingenieurwesen �ffentlich gelobt. Billy kannte nun den Unterschied zwischen <emphasis>Pinus mitis</emphasis> und <emphasis>Pinus strobus,</emphasis> er konnte eine Abhandlung �ber die Verwendung von Ton- und Kalkgestein als Baumaterial schreiben oder die Formel f�r M�rtel im Schlaf aufsagen. Er w�rde den sechstbesten Durchschnitt aller Absolventen der 1856er Klasse haben.</p><p>George, Constance, Maude und sogar Stanley und Isabel waren f�r diesen Anla� nach West Point gekommen. Wenn n�tig, brachten George und Isabel es fertig, ein paar Worte miteinander zu wechseln, das Gespr�ch war jedoch stets steif und k�hl; das Besuchsverbot zwischen den beiden H�usern war immer noch in Kraft. Billy h�rte Constance einmal sagen, es sei eine Schande, in diesem kurzen Leben so lange beleidigt zu sein, worauf George konterte, da� er alles, was ihn von Isabels Gesellschaft abhielt, als Geschenk Gottes betrachte � gerade <emphasis>weil</emphasis> das Leben so kurz sei.</p><p>Charles begl�ckw�nschte Billy zu seinen guten Noten und erleichterte ihn dann um Wolldecken und andere pers�nliche Milit�reffekten. In akademischer Hinsicht war Charles nie mit seinem Freund in einen Wettstreit getreten; er war und blieb einer der Unsterblichen und wurde f�r die berittene Truppe vorgesehen � genau das, was er wollte. Die Aussichten auf eine Bef�rderung bei der Kavallerie � das hei�t, eigentlich bei allen Truppen � waren merklich besser geworden, seit Davis vor einem Jahr einen Ausbau der Armee durchgesetzt hatte. Es waren zwei neue Infanterie- und Kavallerieregimenter aufgestellt worden. Charles hoffte, da� er im n�chsten Jahr in eine dieser neuen Einheiten versetzt w�rde.</p><p>Billy wu�te bereits, wo sein erster Standort als Brevetleutnant sein w�rde. Im Anschlu� an den auf den Akademieabschlu� folgenden Urlaub w�rde er sich im Fort Hamilton im Hafen von New York melden, wo er Ausbesserungsarbeiten an den K�stenfestungen und der Hafenanlage vorzunehmen hatte.</p><p>Als er mit der Familie nach Hause reiste, fuhr Billy zum erstenmal mit der Lehigh-Eisenbahnlinie, die nun auch die flu�aufw�rts liegenden Ortschaften einschlie�lich Lehigh Station bediente. Als die Hazards den Zug verlie�en, machte der Bahnhofvorsteher George ein Kompliment �ber Billys Aussehen.</p><p>�Sie haben recht, er macht sich gut als Soldat. Er sieht so schneidig aus, da� ich richtig Sehnsucht nach der Armee kriege.�</p><p>�Beinahe�, f�gte George l�chelnd hinzu.</p><p>�Es w�re sch�n gewesen, wenn Brett im Juni f�r eine Woche h�tte hierherkommen k�nnen�, sagte Billy.</p><p>George betrachtete pr�fend seine Zigarrenspitze. �Habt ihr beide etwas zu besprechen?�</p><p>�Nein, noch nicht. Aber ich glaube demn�chst. Eben dar�ber mu� ich mit jemandem reden.�</p><p>�T�te es ein �lterer Bruder auch?�</p><p>�Ich hatte gehofft, da� du das sagen w�rdest.�</p><p>�Na denn, heute abend�, sagte George, nicht ohne zu bemerken, wie ernst es Billy war.</p><p>Nach dem Abendessen ging Billy nach oben, um Zivilkleider anzuziehen. George k��te die Kinder und eilte dann zum Schreibtisch, wo er hastig einen Brief �ffnete, der w�hrend seiner Abwesenheit eingetroffen war; er war in Eddyville, Kentucky, abgeschickt worden.</p><p>Vor einigen Monaten hatte er von einem Mann aus Pittsburgh namens William Kelly geh�rt, der in Eddyville einen Hochofen und eine Gie�erei betrieb. Kelly behauptete, er habe eine rasche und wirksame Methode herausgefunden, um Silizium, Phosphor und andere Elemente aus Roheisen auszuscheiden und dabei den Kohlenstoffgehalt stark zu senken. Laut Kelly resultierte aus seinem �pneumatischen Verfahren� eine gute, elastische Stahlqualit�t.</p><p>W�hrend Kelly von Gl�ubigern bedr�ngt und von Konkurrenten, die sein Verfahren eine �Luftverbrennungsanstalt� nannten, verh�hnt wurde, arbeitete er weiterhin an einem geheimen Ort in den W�ldern von Kentucky an der Verbesserung des Kernst�cks seiner Anlage, dem Konverter. George hatte ihm in einem Brief angek�ndigt, er werde nach Eddyville reisen und den Konverter besichtigen. Falls ihm die Sache gefiele, w�re er nicht abgeneigt, Kellys Arbeit gegen eine Beteiligung zu finanzieren.</p><p>George machte ein langes Gesicht, als er den Antwortbrief las. Kelly h�tte zwar das Geld brauchen k�nnen, um seine Gl�ubiger fernzuhalten, aber er wollte seinen Konverter geheimhalten, bis er mit dessen Form zufrieden war und sein Verfahren patentiert hatte. Kellys Mi�trauen war nicht aus der Luft gegriffen, denn im Eisengesch�ft gab es M�nner, die sich mit allen Mitteln Informationen �ber ein erfolgreiches Verfahren beschafften, um es sich dann, wenn es nicht patentiert war, ohne Skrupel anzueignen. Kellys Antwort entt�uschte George trotzdem, und in dieser Stimmung ging er auf die Veranda, um seinen Bruder zu treffen.</p><p>Billy war jedoch noch nicht dort. George lie� sich in einen Schaukelstuhl fallen. Unten am Flu� fuhr ein G�terzug talaufw�rts; der Kamin spuckte Rauchwolken aus, die scharlachrot in der Abendd�mmerung aufleuchteten und sich dann aufl�sten.</p><p>George war verbl�fft �ber die zahlreichen �nderungen, die er in seinen einunddrei�ig Jahren erlebt hatte. Er war mit Kanalbooten aufgewachsen � es gab sie nicht mehr. Z�ge auf Gleisen waren die Symbole des neuen Zeitalters.</p><p>Auch in Washington spielte die Eisenbahn im Gesch�ftsleben eine wichtige Rolle. Die Sklaverei und das endg�ltige Schicksal von Kansas und Nebraska waren unaufl�sbar mit der bevorstehenden Entscheidung �ber die Route einer transkontinentalen Linie verflochten. Minister Davis wollte, da� die Route durch den S�den, durch die sklavenhaltenden Staaten, f�hre. Senator Douglas bef�rwortete eine n�rdliche Route mit einer Seitenlinie bis Chicago. Es war ein offenes Geheimnis, da� Douglas mit Land im Westen spekulierte. Seine Feinde warfen ihm �ffentlich vor, er habe das Kansas-Nebraska-Gesetz eingef�hrt, um die Besiedlung voranzutreiben, die ihrerseits den Eisenbahnausbau f�rdern und den Wert seines Besitzes steigern w�rde.</p><p>In diesen Zeiten gab es offensichtlich keine lauteren Beweggr�nde mehr, dachte George, als er die sinkende Sonne betrachtete, die die tiefen Gipfel jenseits des Flusses in goldenes Licht tauchte. Es schien keinen Menschen mehr zu geben, der noch mit allen Problemen und Leidenschaften des komplizierten und zynischen neuen Zeitalters zurecht kam. Es gab keine Staatsm�nner mehr, nur noch Politiker.</p><p>Oder �berkamen ihn nur solche Gedanken, weil er �lter wurde? Mit einunddrei�ig hatte man schon drei Viertel eines durchschnittlichen Lebensalters hinter sich. Dieses Wissen belastete ihn. Er sann dar�ber nach, da� die Hoffnungen und Tr�ume, die ein Mensch hegte, und auch seine Zeit auf dieser Erde beinahe so schnell vergingen wie die Rauchwolken des G�terzugs.</p><p>Er h�rte Billys Schritte auf der Treppe und ri� sich zusammen. Sein j�ngerer Bruder wollte einen Rat von ihm � einen weisen Rat � und merkte nicht, da� �ltere Leute beinahe genauso unsicher waren wie er selbst � oder vielleicht noch unsicherer! George tat sein Bestes, um diese Tatsache zu verbergen. Als Billy kam, schaukelte er hin und her und paffte gen��lich an seiner Zigarre.</p><p>�Sollen wir einen Spaziergang auf den H�gel machen?� fragte George.</p><p>Billy nickte. Sie verlie�en die Veranda, schlenderten ums Haus, lie�en bald darauf den Stall und den Holzschuppen hinter sich und gelangten dann auf eine offene Ebene, wo Berglorbeer aus Felsspalten herauswuchs. Auf dem Abhang �ber ihnen hatte sich der Lorbeer noch st�rker ausgebreitet und stand nun in voller Bl�te. Hunderte von wei�en Bl�ten schaukelten sanft in der Abendbrise, und die spitzigen Bl�tter raschelten leise.</p><p>George begann den H�gel hinaufzugehen, der betr�chtlich h�her als Belvedere lag. Der Weg war nicht einfach zu finden, aber er konnte sich an den Ausgangspunkt erinnern und k�mpfte sich bald darauf hinauf. Der Lorbeer umspielte seine Beine. Der Aufstieg erm�dete ihn stark, Billy nicht.</p><p>Einige wenige verkr�ppelte Lorbeerstr�ucher fristeten ihr Dasein auf der runden H�gelkuppe. Sie erinnerten ihn an das mystische Gef�hl, das seine Mutter diesem widerstandsf�higen Busch gegen�ber empfand und an die Art, wie sie ihn mit der Familie und der Liebe verglich.</p><p>Im Tal unter ihnen waren die Stadt, die H�user und die Eisenwerke deutlich zu erkennen. Billy geno� die Aussicht f�r einen Augenblick, griff dann in die Tasche und reichte seinem Bruder etwas in einem billigen, wei�en Metallrahmen.</p><p>�Ich wollte dir das zeigen.�</p><p>George drehte sich seitw�rts, um das Bild in den letzten Sonnenstrahlen betrachten zu k�nnen. �Guter Gott, das bist ja du mit Charles! Ihr seht nicht gerade n�chtern aus.�</p><p>Billy grinste und steckte das Bild wieder in die Tasche. �Die Aufnahme wurde unmittelbar nach einem unserer Besuche bei Benny gemacht�, sagte er.</p><p>�Wann haben sie in West Point mit Photographieren begonnen?�</p><p>�Letztes Jahr wurden die ersten Klassenbilder gemacht. Charles und ich wollten eins, auf dem wir zusammen waren.�</p><p>George lachte glucksend und sch�ttelte dann den Kopf. �Cooper Main hat recht: Wir leben wirklich in einer wunderbaren Zeit.�</p><p>Billy wurde pl�tzlich ernst. �Ich m�chte, ein paar Wunder w�rden nach South Carolina ziehen. Ich habe das Gef�hl, Orry will nicht, da� ich Brett heirate.�</p><p>�Ist es das, wor�ber du reden wolltest?� Als Billy nickte, fuhr er fort: �Hast du mit Orry gesprochen oder ihm deine Absicht mitgeteilt?�</p><p>�Nein. Und ich werde es mindestens ein Jahr lang auch nicht tun. Ich mu� zuerst sicher sein, da� ich eine Frau ern�hren kann.�</p><p>Wie vorsichtig und �berlegt er doch ist, dachte George. Aus ihm wird ein guter Ingenieur werden.</p><p>Billy fuhr fort: �Brett hat ihm gegen�ber jedoch einige Andeutungen gemacht. Wir haben beide das Gef�hl, da� er mit unserer Verbindung nicht einverstanden ist. Ich nehme an, er mag mich nicht.�</p><p>�Nein, das ist ganz sicher nicht der Grund. Brett und du, ihr kommt aus verschiedenen Welten. Ihr kommt aus Landesteilen, die einander mit jedem Tag feindlicher gesinnt sind. Ich bin sicher, da� sich Orry �ber die Zukunft, die euch erwartet, Sorgen macht. Und ich teile diese Sorge.�</p><p>�Was soll ich denn tun?�</p><p>�Befolge den Rat, den mir Mutter gab, als die Leute sagten, ich solle keine Katholikin heiraten und sie nach Lehigh Station bringen. Sie sagte mir, ich solle meinen eigenen Gef�hlen trauen und mich nicht von den bigotten oder sonstigen Meinungen anderer Leute beirren lassen! Sie sagte, Liebe sei immer st�rker als Ha�. Und es m�sse so sein, wenn die Menschen �berleben wollten. Orry ha�t dich nicht, aber vielleicht zweifelt er an deinen Absichten.� Ein L�cheln umspielte seinen Mund. �Stehen Sie stramm, Leutnant. Geben Sie Ihre Haltung nicht auf, dann wird Orry schlie�lich einlenken.�</p><p>�Und wenn das eine Weile dauert?�</p><p>�Na und? Willst du Brett heiraten oder nicht?� Pl�tzlich b�ckte sich George. Er ri� einen Lorbeerzweig ab und hielt ihn in der D�mmerung hoch. �Du kennst Mutters Gef�hle �ber diese Pflanze. Sie sagt, da� sie zu den wenigen Dingen geh�rt, die ihre nat�rlichen Feinde �berleben.� Er gab Billy den gr�nwei�en Zweig. �Nimm dir ein Beispiel daran. Sieh zu, da� deine Gef�hle f�r Brett st�rker sind als all die Zweifel der andern. Wenn du sp�rst, da� die Hoffnung schw�cher wird, dann denke an den Lorbeer, der hier oben in der Sonne und im Sturm w�chst. Nicht aufgeben! Das ist der beste Rat, den ich wei�.�</p><p>Billy betrachtete die Bl�tter und Bl�ten einen Augenblick. Er wollte l�cheln, aber es gelang ihm nicht. Zutiefst ger�hrt sagte er: �Vielen Dank. Ich kann ihn brauchen.� Er steckte den Zweig in die Tasche.</p><p>Die Nacht war hereingebrochen. Die beiden Br�der gingen plaudernd und lachend den Weg hinunter. Sie verschwanden in der Dunkelheit des Abhangs, wo der Lorbeer immer noch leise rauschte � wie die See.</p><p><strong>42</strong></p><p>In jenem Herbst zerbr�ckelten die alten politischen Loyalit�ten mehr und mehr. Buck Buchanan hatte es nun endlich geschafft, sich als Kandidat der Demokraten f�r die Pr�sidentenwahl aufstellen zu lassen. Obwohl Cameron immer noch Streit mit seinem fr�heren Kollegen hatte, wollte er nicht � wie so viele West- und Nordstaatler � ins Lager der Republikaner �berwechseln, denn er hatte das Gef�hl, dies k�nnte seiner sorgf�ltig geplanten politischen Karriere schaden. So trieb er denn im Herbst des Jahres 1856 unter dem Banner einer sogenannten Unions-Partei Wahlpropaganda, w�hrend er im geheimen Vorschl�ge f�r ein B�ndnis pr�fte. Republikaner wie David Wilmot sicherten Cameron ihre Hilfe f�r einen Sitz im Senat zu f�r den Fall, da� er sich ihnen anschlie�en w�rde. Stanley leistete loyale Arbeit f�r seinen Boss Cameron, ohne zu wissen, wof�r der Mann eigentlich eintrat.</p><p>In South Carolina proklamierte Huntoon weiterhin seine Ansichten in der �ffentlichkeit. Er f�rchtete sich vor der wachsenden Macht der Republikaner, war aber auch von Buchanan kaum begeistert, denn dieser beabsichtigte zwar, sich nicht in die Sklaverei einzumischen, aber die Douglas-Doktrin in den Territorien zu bekr�ftigen. Wie sollte der S�den mit der einen oder andern Partei �berleben? fragte Huntoon in seinen Reden. �Unm�glich � Sezession ist die einzige Antwort.� Mit diesen Worten schlo� Huntoon all seine Ansprachen, indem er theatralisch den Arm erhob und in einen Hochruf ausbrach:</p><p>�Auf das Schwert! Den Schiedsrichter der nationalen Uneinigkeiten! Je fr�her es f�r den Kampf um die Rechte des S�dens eingesetzt wird, desto besser!�</p><p>Der Hochruf l�ste jedesmal frenetischen Beifall aus, und die Presse von South Carolina berichtete ausf�hrlich �ber Huntoon. Der <emphasis>Mercury</emphasis> taufte ihn �Junger Hitzkopf�. Ashton war hingerissen und betrachtete es als einen gewichtigen Schritt in der Laufbahn ihres Gatten. Ein Mann konnte von sich sagen, da� er zu Ruhm gelangt war, wenn ihn die �ffentlichkeit �Jung Dies� oder �Alt Das� nannte.</p><p>Im Norden hatten die Hazards in letzter Zeit immer mehr die Konkurrenz der britischen Eisenindustrie gesp�rt. George fand, die Demokraten mit ihrer Niedrig-Zoll-Politik seien daran schuld, und aus diesem Grund trat er der Republikanischen Partei bei. Seine Entscheidung hatte nichts damit zu tun, da� die Partei in bezug auf die Sklaverei einen h�rteren Kurs steuerte, obwohl er auch dies bejahte. Er stimmte f�r den republikanischen Kandidaten, Fremont, der ungef�hr f�nfhunderttausend Stimmen weniger erhielt als Buchanan. F�r eine neue Partei, die das erste Mal an Pr�sidentenwahlen teilnahm, war dies ein au�erordentlich gutes Ergebnis.</p><p>Einige Tage nach der Wahl tauchte Cooper mit einer technischen Zeichnung unter dem Arm in Mont Royal auf. Als er die Zeichnung aufrollte, sah Orry den Plan und Aufri� eines Frachtschiffes. Ein schmuckes Band umrahmte den Namen <emphasis>Star of Carolina</emphasis> am unteren Blattende.</p><p>�Wie gro� ist das Schiff?� fragte Orry verbl�fft.</p><p>�Hundertsechsundsiebzig Meter vom Bug bis zum Heck. Etwas weniger als der Dampfer, den mein Freund Brunei baut, um Kohle und Passagiere nach Trincomalee in Ceylon zu transportieren. Das Schiff tr�gt den Namen <emphasis>Leviathan.</emphasis> Es wird zur Zeit auf der Isle of Dogs auf der Themse gebaut. In zwei Wochen reise ich mit der Familie ab, um es mir anzuschauen.�</p><p>Orry spielte nachdenklich mit seinem Bart. �Es mag sein, da� du weitere Ferien in Gro�britannien brauchst, aber ich bin nicht sicher, ob die Mains ein neues Schiff brauchen.� Er klopfte mit dem Zeigefinger auf die Zeichnung. �Du willst dieses Monstrum doch nicht etwa bauen lassen�?�</p><p>�O doch. Ich schlage vor, da� die Main-Werft in Charleston errichtet wird � und zwar eigens f�r den Bau der <emphasis>Star of Carolina,</emphasis> damit es als amerikanisches Flaggschiff vom Stapel gelassen werden kann.�</p><p>Orry f�llte zwei Gl�ser mit Whiskey und reichte eins seinem Bruder. �Hast du deshalb das Land auf James Island gekauft?�</p><p>Cooper l�chelte. �Genau.�</p><p>Orry kippte die H�lfte seines Whiskeys hinunter und sagte dann in einem etwas sarkastischen Ton: �Es ehrt mich, da� du glaubst, unsere Familie k�nne ihren Wohlstand vermehren, w�hrend alle andern untergehen. Die Arbeitslosigkeit nimmt zu � George sagt, da� er eine Rezession, ja sogar einen wirtschaftlichen Zusammenbruch bef�rchtet � und du willst ein neues Frachtschiff bauen!�</p><p>�Das gr��te in Amerika�, stimmte Cooper nickend zu. Er trat ruhig und sicher auf. Er hatte gelernt, mit dem Widerstand anderer Leute umzugehen, auch mit demjenigen seiner Familie.</p><p>�Das Schiff wird in kurzer Zeit � durch den Transport von Baumwolle und vielen anderen Dingen � selbsttragend sein�, fuhr er fort. �Ich wei�, da� uns harte Zeiten bevorstehen, aber sie werden nicht ewig dauern, und wir sollten unsern Blick in die Zukunft richten. Betrachte nur einen Augenblick den Stand der einheimischen Schiffsindustrie. Die Klipper wurden ja nur der Geschwindigkeit wegen gebaut; jeder wollte der erste bei den Goldminen sein, und zum Teufel mit der Ladekapazit�t � das war doch die vorherrschende Haltung. Nun gibt es kein Gold mehr, und es werden auch keine Klipper mehr gebaut. Diejenigen, die immer noch gebraucht werden, sind in einem desolaten Zustand. Ihre Frachtkapazit�t ist f�r das, was unsere Farmer und Fabrikanten alles verschiffen wollen, viel zu gering. Ich sage dir, Orry, als seefahrende Nation sind wir in dieser Hinsicht hoffnungslos im R�ckstand. Die Gesamttonnage Amerikas auf den Ozeanen betr�gt neunzigtausend Registertonnen. Diejenige von Gro�britannien ist beinahe sechsmal gr��er. Die <emphasis>Star of Carolina</emphasis> kann diesen R�ckstand aufholen helfen. Und noch eins: Die Werft wird sowohl Charleston als auch dem ganzen Staat zugute kommen. Wir brauchen eine Industrie, die nicht von der Sklaverei abh�ngig ist.�</p><p>Lachend � wie h�tte er sich angesichts eines solchen Feuereifers anders verhalten k�nnen? � hob Orry die Hand hoch. �Einverstanden. Du hast mich �berzeugt.�</p><p>�Sicher?�</p><p>�Vielleicht nicht v�llig, aber genug, um dich zu fragen, wieviel diese Sch�nheit denn kosten soll.�</p><p>Das Funkeln in Coopers Augen erlosch. �Wenn ich aus Gro�britannien zur�ck bin, werde ich genauere Zahlen haben. Vorl�ufig kann ich mich blo� auf die Vorausberechnungen von Brunei st�tzen. Die Eastern Steam Navigation Company sch�tzt, da� die <emphasis>Leviathan</emphasis> umgerechnet � vier Millionen kosten wird.�</p><p>W�hrend sich Orry vom Schreck zu erholen versuchte, holte Cooper tief Atem. �Oder mehr.�</p><p>�Bist du verr�ckt geworden, Cooper? Auch wenn wir unser ganzes Hab und Gut verpf�ndeten, k�nnten wir kaum die H�lfte davon zusammenbringen.�</p><p>Cooper entgegnete ruhig: �Ich habe vor, George wegen der andern H�lfte anzufragen.�</p><p>�Jetzt, da die Stahlindustrie in Schwierigkeiten steckt? Du bist von Sinnen.�</p><p>�George ist ein guter Gesch�ftsmann � wie du. Ich glaube, er wird die langfristigen guten Aussichten sehen und nicht nur die kurzfristigen Risiken.�</p><p>Orry war sich bewu�t, da� dies eine Herausforderung war. Er fand die Idee seines Bruders phantastisch und aufregend und gar nicht so abwegig, wie dies seine anf�ngliche Reaktion h�tte glauben machen k�nnen. Er war jedoch nicht gewillt, dem Vorhaben unverz�glich zuzustimmen.</p><p>�Ich brauche Zahlen. Realistische Voranschl�ge �ber Frachtkapazit�t, Kosten, zuk�nftige Ertr�ge. Ich werde mit keinem einzigen Bankier Kontakt aufnehmen, bevor ich nicht �ber diese Informationen verf�ge.�</p><p>Cooper war zufrieden. Strahlend sagte er: �Zwei Wochen nach meiner R�ckkehr hast du sie. Vielleicht auch schon fr�her. Es hat mal eine Zeit gegeben, da wurden in Charleston kleine Schiffe gebaut. Eine neuerwachte Industrie k�nnte die Rettung f�r diesen Teil des Staates bedeuten.�</p><p>�Vom Ruin der Mains reden wir lieber nicht�, f�gte Orry hinzu. Aber er l�chelte.</p><p>Cooper kam mit seiner Familie in Bristol an und stieg dort in die Great Western Railway um. Der Zug verlie� den Bahnsteig unter dem riesigen Balkendach des Temple-Meads-Bahnhof, den Brunei entworfen hatte. Die Breitspureisenbahnlinie war zweihundert Kilometer lang und f�hrte �ber die Backsteinb�gen der Maidenhead-Br�cke, die von Brunei gebaut worden war und als Meisterwerk galt. Dann wurde der Paddington-Bahnhof angefahren, der vor zwei Jahren vom Prinzgemahl offiziell er�ffnet worden war. Auch dieser Bahnhof mit dem angrenzenden Paddington-Hotel war Bruneis Werk. Da Brunei Mitglied des Verwaltungsrats des Hotels war, hatte sich Cooper entschlossen, dort abzusteigen. Er stellte fest, da� ihnen eine viel gr��ere Suite zugewiesen wurde, als abgemacht worden war � und dies zum gleichen Preis.</p><p>Isambard Kingdom Brunei war nun in seinem f�nfzigsten Altersjahr; ein rastloser, phantasievoller Mann, der nie ohne einen Zylinder ausging und dauernd eine Zigarre im Mundwinkel hatte. Nicht all seine Ideen waren gut. Er wurde heftig angegriffen, weil er f�r die G.W.R. ein Breitspurgleis gew�hlt hatte, so da� Z�ge von andern Eisenbahnlinien, die seine Gleise kreuzten, nicht darauf fahren konnten. Doch in seinen grandiosen Zukunftsvisionen war er den meisten anderen Ingenieuren weit voraus. Cooper fiel dies erneut auf, als ihn der kleine Ingenieur zur Werft seines Partners, Scott Russell, an die Themse mitnahm.</p><p>Die <emphasis>Leviathan</emphasis> war der Grund daf�r, da� die Millwall Werft zur gr��ten Touristenattraktion Europas geworden war. Rund um das Baugel�nde herum waren auf der sumpfigen Isle of Dogs Kaffeest�nde und aus Segeltuch und billigem Holz errichtete Souvenirbuden aus dem Boden geschossen. Jede nur erdenkliche Art von Kitsch wurde verkauft: Miniaturmodelle des fertigen Schiffs, Lithographien, ein <emphasis>Leviathan-</emphasis>ABC f�r Kinder. Doch jetzt � an einem Wochentag mit schlechtem Wetter � machten die L�den kein allzu gro�es Gesch�ft.</p><p>Der achtzehn Meter hohe doppelte Schiffsrumpf ragte in den regengrauen Himmel. Zwischen dem Innen- und Au�enrumpf befand sich ein meterbreiter Zwischenraum. Die beiden R�mpfe waren fest verst�rkt. Das Schiff w�rde mit sechs Masten, f�nf Schornsteinen und zwei Motoranlagen, eine f�r das Schaufelrad und eine f�r die riesige Schraube, ausger�stet werden. Es wurde so gebaut, da� es seitw�rts in die Themse gelassen werden konnte, denn seine gro�e L�nge verunm�glichte einen normalen Stapellauf.</p><p>�Wir hoffen, da� es in einem Jahr fertig ist; vorausgesetzt, ich kann meinen Plan f�r die Helling ausf�hren und die Zusammenarbeit mit Mr. Russell wird wieder besser. Es ist nun v�llig klar, da� sein urspr�nglicher Kostenvoranschlag f�r den Rumpf und den Motor des Schaufelrads leichtsinnig und unverantwortlich war.�</p><p>Brunei kaute auf der kalten Zigarre herum. Trotz seiner augenf�lligen Entt�uschung �ber seinen Partner war sein Stolz, als er den Blick �ber den riesigen Kiel wandern lie�, offenkundig. Er zeigte mit der Zigarre auf einen Teil des �u�eren Rumpfs, der schon fertig war und zentimeterdicke Platten aufwies.</p><p>�Die <emphasis>Leviathan</emphasis> wird drei�igtausend solcher Platten brauchen, bevor sie fertig ist. Und drei Millionen Nieten. Zu Spitzenzeiten h�mmern zweihundert Leute die Nieten ein.�</p><p>Cooper nahm seinen alten Kastorhut ab, damit er das Stahlmonstrum �ber ihm besser sehen konnte. Regentropfen fielen ihm ins Gesicht. �Ich will auch so eins bauen. Nur kleiner. In Charleston. Ich hab� ja auch schon die <emphasis>Great Britain</emphasis> kopiert.�</p><p>�Und gar nicht schlecht. Ich kenne die Zeichnungen. Aber das, was Sie eben sagten, war wohl als Witz gemeint, Cooper. Ich hatte schon immer den Eindruck, da� Sie sehr intelligent sind, aber auch die Annehmlichkeiten des Lebens zu sch�tzen wissen. Sie wollen doch nicht Ihre Freunde, Ihre Familie und Ihr ganzes Verm�gen f�r ein solches Abenteuer hingeben?�</p><p>�Ich wei�, da� Risiken damit verbunden sind. Enorme Risiken. Aber ich kann dem Drang einfach nicht widerstehen. Ich will das Schiff nicht nur aus eigenn�tzigen Gr�nden bauen. Ich bin sicher, da� es f�r den S�den von gro�em Nutzen sein kann, und zwar zu einer Zeit, da der S�den diese Hilfe bitter n�tig haben wird.�</p><p>�Ich bin mir der zunehmenden Isolation der S�dstaaten in Handel und Politik bewu�t�, sagte Brunei mit einem Kopfnicken. �Die Sklavereigegner sind sehr aktiv. Nun, wenn es Ihnen wirklich ernst ist, zeige ich Ihnen meine Zeichnungen und Berechnungen. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, da� meine Pl�ne vielerorts auf Argwohn sto�en. Die <emphasis>Leviathan</emphasis> ist das erste Schiff der Geschichte, das keine Rippen aufweist, und meine Gegner behaupten, da� es sich in der Mitte kr�mmen und auseinanderbrechen wird � �</p><p>�Ich glaube Ihnen mehr als Ihren Kritikern.�</p><p>Der Ingenieur l�chelte. Als er die gro�en, vierzylindrigen Schrauben, die er der James-Watt-Gesellschaft in Auftrag gegeben hatte, beschrieb, schienen seine eigenen negativen Gef�hle diesem Unterfangen gegen�ber kleiner zu werden. �Hier ist noch der Paddelschaft. Vierzig Tonnen schwer. Das gr��te einteilige St�ck, das je von Menschenhand geschwei�t wurde.�</p><p>Als sie durch den Nieselregel gingen, sprach er mit immer gr��erer Begeisterung. Ganze Scharen von Kr�hen hockten auf den verlassenen Souvenirbuden. Die Segeltuchstoffe flatterten im Wind. Arbeiter winkten Brunei von ihren Ger�sten aus zu, aber er bemerkte es meistens nicht, denn er redete viel und schnell; so schnell, da� Cooper kaum mehr in der Lage war, Notizen zu machen.</p><p>Am n�chsten Tag hatten sich Cooper und Brunei �ber den Kostenvoranschlag der <emphasis>Leviathan</emphasis> unterhalten wollen. Cooper verschob jedoch das Treffen kurzfristig und jagte einer neuen F�hrte nach � diesmal f�r George Hazard.</p><p>Die Jagd wurde von einer Schlagzeile im <emphasis>Mail</emphasis> ausgel�st. Die Zeitung war schon mehrere Wochen alt. Cooper hatte die Zeitung auf einem Tisch in der Vorhalle ihrer Hotelsuite entdeckt und wollte sie schon fortwerfen, als ihm die Schlagzeile in die Augen stach:</p><p>Bessemer fordert amerikanisches Patent an</p><p>Cooper, der sich mit Erfindern und Erfindungen auskannte, war der Name sofort ein Begriff. Henry Bessemer, ein erfolgreicher Erfinder, war vor allem durch die Entwicklung einer Methode zur genauen Berechnung der Flugbahn von Kugeln, die aus einem Gewehr mit glattem Lauf abgefeuert wurden, bekannt geworden. Er hatte diese Arbeit w�hrend des Krim-Kriegs mit der Unterst�tzung und Ermutigung des franz�sischen Kaisers Napoleon III. ausgef�hrt.</p><p>Was wollte er in Amerika patentieren lassen? Zwei kurze Abschnitte gaben Auskunft dar�ber. �Guter Gott, wie phantastisch!� rief Cooper.</p><p>Judith kam aus dem Salon. �Ist etwas nicht in Ordnung?�</p><p>�Ganz im Gegenteil. Schau dir das an! Ein Kerl namens Bessemer behauptet, ein schnelleres Verfahren zur Stahlherstellung aus Roheisen gefunden zu haben. Er will das Patent in Amerika anmelden. Ich frage mich, ob George das wei�. Ich mu� unbedingt Informationen f�r ihn sammeln!� Und das war auch der Grund, weshalb er das Treffen mit Brunei verschob. Cooper lie� Bessemer verschiedene Mitteilungen zukommen, in denen er um eine Unterredung bat. Der Erfinder antwortete nicht.</p><p>�Das ist nicht �berraschend�, sagte Brunei einige Tage sp�ter. �Bessemer behauptet, er sei dazu gedr�ngt worden, seine Erfindung zu fr�h bekanntzugeben.�</p><p>�Auf welche Art hat er sie denn bekanntgemacht?�</p><p>�Er hielt einen recht langen Vortrag vor der �Gesellschaft zur F�rderung der Wissenschaft�. Die <emphasis>Times</emphasis> druckte ihn <emphasis>in toto</emphasis> ab.�</p><p>�Wann?�</p><p>�Ich glaube, irgendwann im August.�</p><p>�So weit bin ich nicht zur�ckgegangen.�</p><p>Cooper schrieb dem Erfinder noch einmal, Brunei auch. Das gab den Ausschlag: Bessemer antwortete Cooper, meinte jedoch, er k�nne ihm nicht mehr als zehn Minuten seiner Zeit widmen.</p><p>Brunei hatte eine hervorragende Begabung f�r sch�pferisches Denken, f�r Ideen, die nicht patentiert werden konnten und die er gern mit andern teilte. Henry Bessemers Erfindungsgabe fand ihren Niederschlag in speziellen Ger�ten oder Verfahren, die gesch�tzt werden mu�ten � sollten sie ihm nicht gestohlen werden. Bessemer machte auf Cooper den Eindruck eines mi�trauischen, abweisenden Mannes.</p><p>�Ich habe die Sache zu fr�h angek�ndigt. Wie ein Rudel wilder W�lfe sind sie �ber mich hergefallen. Sie bek�mpfen mich und gehen aufeinander los, um einen Teil meiner Entdeckung zu bekommen. Die Stahlhersteller von Sheffield verh�hnen mich, aber sie k�nnen ja gar nicht anders. Im Augenblick brauchen sie zwei Wochen, um ein wenig Tiegelgu�stahl aus Roheisen zu gewinnen. Wenn ich in einer halben Stunde f�nf Tonnen Stahl herstellen kann, sind sie erledigt.�</p><p>�Was k�nnen Sie mir �ber Ihr Verfahren sagen, Mr. Bessemer?�</p><p>�Nichts. Ich habe der �ffentlichkeit oder Ihnen bereits alles Nennenswerte mitgeteilt. Auf Wiedersehen, Mr. Main.�</p><p>Cooper war bereits einer der Gr�nde f�r Bessemers abweisende Haltung bekannt: Er hatte Probleme mit dem Verfahren. Als er sich wieder durch alte Zeitungen k�mpfte, fand Cooper den Artikel in der <emphasis>Times</emphasis> und erfuhr mehr �ber die Kontroverse rund um den Erfinder. Er schrieb alles heraus, was seinen Freund in Lehigh Station interessieren k�nnte.</p><p>Bessemer war auf seine Entdeckung gesto�en, als er mit Minie, dem R�stungsexperten von Napoleon III. am Problem der Kugeldrehung gearbeitet hatte. Als �u�erst neugieriger Mensch wurde er von andern Aspekten der Feuerwaffe angezogen und sann dar�ber nach, wie das weiche Gu�eisen, das damals zur Herstellung von Kanonenkugeln verwendet wurde, ersetzt werden k�nnte. Seine Nachforschungen auf diesem Gebiet gaben den Ansto� zum Verfahren, hochwertigen Stahl in gro�en Mengen herzustellen. Gleichzeitig entwickelte Bessemer die dazu notwendige Anlage: einen eif�rmigen Konverter � ein hydraulischer Apparat, der aus sicherer Distanz bedient werden konnte und einen sauerstoffreichen Luftstrahl �ber das Roheisen blies.</p><p>Theoretisch war das Verfahren verbl�ffend einfach, aber das war bei vielen bahnbrechenden Erfindungen der Fall. Einen Monat, nachdem Bessemer seine sensationelle Entdeckung gemacht hatte, lie� er das Verfahren bei verschiedenen Firmen f�r Tausende von Pfund patentieren. Einen Monat sp�ter stempelte ihn die Presse als Scharlatan ab. �Ein brillanter Meteor, der �ber den metallurgischen Horizont sauste, um danach in der Finsternis zu verschwinden.�</p><p>Als Cooper in England angekommen war, hatte sich der �rger der �ffentlichkeit schon gelegt. Bessemer glaubte immer noch an sein Verfahren und versuchte es in Amerika patentieren zu lassen, aber die englischen Stahlhersteller waren hinter ihm her, vor allem diejenigen, die ihn finanziell unterst�tzt hatten. Die Qualit�t des Stahls war nicht zufriedenstellend. Bessemer war besessen davon, die Ursache herauszufinden, und arbeitete nun Tag und Nacht in seinem Laboratorium. Der Grund f�r den Fehlschlag schien im hohen Phosphorgehalt des in Gro�britannien gesch�rften Erzes zu liegen. Ohne es zu wissen, hatte der Erfinder bei seinen Experimenten schwedisches Erz verwendet; ein Erz, das praktisch frei von Phosphor war.</p><p>Hartn�ckigen Ger�chten zufolge hatte ein unbekannter Stahlhersteller in Wales einen Weg gefunden, um das Verfahren doch noch nutzbar zu machen. Anscheinend beabsichtigte er, es als seine eigene Methode patentieren zu lassen. Es war also nicht verwunderlich, da� sich Bessemer bedr�ngt f�hlte und in Panik war. In nur drei Monaten war er kometenhaft aufgestiegen, ber�hmt geworden und dann im Nichts verschwunden.</p><p>Cooper war dennoch von diesem Mann beeindruckt und glaubte an Bessemer, nicht zuletzt deshalb, weil die Hersteller aus Sheffield den Erfinder und die theoretische Grundlage seines Verfahrens weiterhin �ffentlich verurteilten. Immer, wenn eine Idee derart vehement bek�mpft wurde, war etwas Wahres daran.</p><p>Cooper h�rte nicht damit auf, Artikel aus alten Zeitungen herauszuschneiden. Er sammelte alles in einer dicken Mappe und f�gte seine eigenen Notizen hinzu. Er beabsichtigte, George die Mappe gleich nach seiner R�ckkehr nach Amerika zu �bergeben.</p><p>�Schlie�lich�, sagte er zu Judith, als sie auf dem Weg nach Southampton waren, um von dort aus nach Hause zu reisen, �ist es nicht schlecht, wenn ich ihm erst einen Gefallen erweise, bevor ich ihn um zwei Millionen f�r mein Schiff bitte.�</p><p><strong>43</strong></p><p>�Wie hei�t eigentlich dieser mysteri�se Knabe, der Bessemers Retter ist?� fragte Stanley Hazard.</p><p>Der Tonfall, in dem die Frage gestellt worden war, dr�ckte nicht nur Skepsis, sondern auch Hohn aus. Einen leichten Hohn, zugegeben � die gegenw�rtige Situation gebot ja wohl H�flichkeit �, aber doch Hohn. Cooper empfand eine gleicherma�en starke Verachtung f�r Stanleys Engstirnigkeit wie f�r seine blasierte Miene; mit jedem Jahr wurde sein Gesicht einer Sch�ssel �berlaufenden Haferbreis �hnlicher.</p><p>Er konnte seine Wut nur unter Kontrolle halten, weil er an den Hauptzweck seines Besuchs dachte. �Ich wei� es nicht, Stanley. Seine Gie�erei befindet sich in Wales, aber sonst ist nichts bekannt.� Er schob die dicke Mappe �ber den Tisch. �Alles, was ich herausfinden konnte, steht hier drin.�</p><p>Cooper hatte Judith und die Kinder in New York auf einen Dampfer nach Charleston verfrachtet und war dann geradewegs nach Lehigh Station gekommen. Er war mitten in der Nacht eingetroffen und hatte ein Zimmer im Station House genommen. Das Hotel befand sich eine H�userreihe vom Bahnhof entfernt und war kurz nach der Verl�ngerung der Eisenbahnlinie bis nach Lehigh Station gebaut worden. Es war klein, aber in jeder Hinsicht modern. Jedes Hotelzimmer verf�gte �ber eine Badewanne in einem kleinen Nebenzimmer, und �berall gab es Gaslampen.</p><p>Nach einem reichlichen Fr�hst�ck hatte Cooper George einen kurzen Brief geschrieben, ihm seine Ankunft mitgeteilt und George und seinen Bruder zum Abendessen eingeladen. Eigentlich wollte Cooper Stanley den Plan seines Schiffes nicht zeigen, aber er hatte das Gef�hl, es tun zu m�ssen. Die Entscheidungsgewalt �ber alle Ausgaben, die direkt mit dem Hazard-Eisenwerk zusammenhingen, lag zwar bei George, aber das Schiff w�re ja eine Art Investition, die zudem so hoch war, da� es George mit gro�er Wahrscheinlichkeit nicht wagen w�rde, seine Einwilligung zu geben, ohne zuvor seinen Bruder um Rat zu fragen.</p><p>George bl�tterte immer noch in den Zeitungsausschnitten und Notizen herum. �Das erinnert sehr stark an das Verfahren von Kelly!�</p><p>Cooper a� die letzten Kr�mel des Kuchens aus dem Teller, der vor ihm stand. �Wer ist Kelly?�</p><p>George informierte ihn �ber den Stahlhersteller aus Kentucky. �Aber wenn Bessemer schon einen Antrag f�r ein amerikanisches Patent gestellt hat � �</p><p>�Hab� ich dir das nicht gesagt?� unterbrach ihn Cooper. �Er hat es schon bekommen, bevor ich aus London abgereist bin.�</p><p>�Dann ist es ziemlich sicher zu sp�t f�r Kelly. Auf jeden Fall�, George war die Zigarre ausgegangen; er z�ndete ein Streichholz an und paffte, �werde ich unverz�glich zwei Pl�tze auf einem Dampfer buchen. Constance kann sich die franz�sischen Kathedralen ansehen, w�hrend ich mich um diese Angelegenheit k�mmere.�</p><p>Stanley sagte: �Ich finde, du bist ein Narr, wenn du das Risiko � �</p><p>�Welches Risiko? Meine Zeit? Der Preis f�r eine Reise? Mein Gott, Stanley, wenn du im Gesch�ftsleben nicht ins Hintertreffen geraten willst, kommst du nicht um Risiken herum. Wieso begreifst du das nie? Stell dir mal vor, die Hazards w�rden das amerikanische Patent f�r das Bessemer-Verfahren bekommen! Stell dir mal den Gewinn vor, wenn wir die ersten auf dem Markt w�ren!�</p><p>�Gewinn � oder Verlust�, konterte Stanley. �Es ist doch eine Tatsache, da� der mit diesem Verfahren gewonnene Stahl qualitativ immer noch unbrauchbar ist.�</p><p>George schlug aufgebracht mit der Faust auf den Tisch. �Was zum Teufel geht dich das eigentlich an! Ich werde die Reise aus meiner eigenen Tasche bezahlen.�</p><p>Stanley lehnte sich zur�ck und l�chelte. �Ich mu� sagen, da� ich dagegen nichts einzuwenden habe.�</p><p>George pre�te die Lippen zusammen, atmete tief ein und wandte sich dann Cooper zu. �Ich m�chte Bessemer gern kennenlernen. Vielleicht ist er mir gegen�ber weniger mi�trauisch, weil ich ja aus dem Eisengesch�ft komme.�</p><p>Cooper l�chelte etwas gezwungen. �Das ist ziemlich unwahrscheinlich. Fast die gesamte Eisenindustrie Gro�britanniens macht sich �ber ihn lustig.�</p><p>�Was glaubst du, wissen die, was wir nicht wissen?� fragte Stanley seufzend und stand auf.</p><p>George nahm die Zigarre aus dem Mund und starrte seinen Bruder durch eine Rauchwolke an. �Stanley, ich wei�, es ist schon Jahre her, seit du dich zum letztenmal anst�ndig benommen hast. Versuche dich wenigstens an deine guten Manieren zu erinnern, die du mal hattest, bevor du dich mit den Politikern eingelassen hast. Cooper hat uns mit seinem Besuch einen gro�en Dienst erwiesen. Die H�flichkeit gebietet es, da� wir ihn zumindest anh�ren. Du wolltest doch noch etwas <emphasis>anderes</emphasis> besprechen, nicht wahr?�</p><p>�Ja�, sagte Cooper. Widerwillig setzte Stanley sich wieder.</p><p>Mit gemischten Gef�hlen b�ckte sich Cooper nach seiner Tasche. Er ha�te es, seine Zeichnung der <emphasis>Star of Carolina</emphasis> in dieser vergifteten Atmosph�re vorzuzeigen.</p><p>Er r�ckte Teller und Besteck zur Seite und rollte dann die schon ganz schmuddlige und zerknitterte Zeichnung auf. Ernst und langsam setzte er zum Sprechen an. Zuerst beschrieb er die Besonderheiten seines Projekts. Begeistert sprach er von der gro�en Kapazit�t und der vielseitigen Verwendbarkeit des Frachtraums. Schlie�lich gab er bekannt, da� er das Schiff in Charleston bauen wolle. Zum Schlu� sagte er:</p><p>�Unsere Familie verf�gt �ber etwas Kapital, aber es reicht nicht ganz f�r ein Vorhaben solchen Ausma�es. Wenn sich die Hazards beteiligen w�rden, dann k�nnten wir sofort damit beginnen. Ich bin sicher, da� beide Familien gute Aussichten auf einen Gewinn h�tten. Vielleicht sogar auf einen sehr gro�en.�</p><p>Stanley �berflog die Zeichnung nochmals mit einem sp�ttischen Blick. �Was meinen die Banken dazu?�</p><p>�Ich habe noch keine Verbindung mit einer Bank aufgenommen. Ich wollte euch zuerst eine Chance geben.� Er wandte sich an George: �Nat�rlich gibt es gewisse Risiken � �</p><p>Stanley kicherte und lie� eine sp�ttische Bemerkung fallen. George konnte das Wort <emphasis>Untertreibung</emphasis> h�ren. Er warf seinem Bruder einen vernichtenden Blick zu. Stanley sa� zur�ckgelehnt, mit verschr�nkten Armen und halbgeschlossenen Augen da.</p><p>George sagte: �Du hast alles schon genau erkl�rt, Cooper. Aber ich kenne mich auf diesem Gebiet zu wenig aus, um deinen Vorschlag beurteilen zu k�nnen. Ich verstehe �berhaupt nichts vom Schiffbau.�</p><p>�Alles, was ich dar�ber wei�, habe ich mir selbst angeeignet�, erwiderte Cooper. �Ich habe vor, die besten Schiffsbauingenieure nach Charleston zu holen � �</p><p>Er redete noch weitere zehn Minuten, h�tte sich die Zeit und den Atem jedoch sparen k�nnen. Die Arme immer noch verschr�nkt, sagte Stanley: �Ich bin dagegen. Ich w�rde nicht einen Pfennig da reinstecken.�</p><p>Cooper machte ein langes Gesicht. George spielte an einem Eselsohr der Zeichnung herum. Dann setzte er sich aufrecht hin, straffte die Schultern und fragte den Besucher:</p><p>�Wieviel brauchst du?�</p><p>�F�r den Anfang? Etwa zwei Millionen.�</p><p>Der �ltere Bruder schnaubte und stand abermals auf. George starrte ihn wutentbrannt an. �Um Himmels willen, Stanley, sei endlich ruhig. Es war ein Irrtum von mir, dich mitzunehmen. Ich werde mein eigenes Geld investieren. Ich werde meine Grundst�cke verpf�nden, und wenn das nicht geht, verkaufe ich sie eben. Niemand wird auch nur im geringsten dein kostbares Verm�gen anr�hren.�</p><p>Best�rzt fragte Stanley: �Woher hast du Grundst�cke, die zwei Millionen wert sind?�</p><p>�Ich bin nicht ganz sicher, ob sie wirklich so viel wert sind. Ich mu� die Bankiers fragen. Aber ich habe eine Menge Geld, von dem du keine Ahnung hast. Ich hab�s erwirtschaftet, w�hrend du damit besch�ftigt warst, dich bei Boss Cameron einzuschmeicheln. Jedem das Seine�, sagte er achselzuckend.</p><p>Sprachlos vor Erniedrigung lie� sich Stanley wieder auf den Stuhl fallen.</p><p>George streckte Cooper die Hand hin. �So sind wir denn also Gesch�ftspartner. Das hei�t, wir fassen die M�glichkeit, Partner zu werden, ins Auge. Ich brauche ungef�hr eine Woche Zeit, um herauszufinden, ob ich das Geld auch wirklich auftreiben kann.�</p><p>�Du bist leichtsinnig�, explodierte Stanley. �Du bist schon immer leichtsinnig gewesen.� Er beugte sich zu Cooper vor. �Wie lange dauert es denn, bis dein gro�artiges Schiff geplant und fertiggestellt sein wird? F�nf Jahre? Zehn?�</p><p>�Drei. 1860 wird es seet�chtig sein.�</p><p>�Fein�, sagte Stanley schnippisch, �dann kann es ja das Flaggschiff eurer neuen Nation im S�den werden. Der Staat, von dem all die Verr�ter deines Staats reden.�</p><p>Er griff nach Hut, Stock und Mantel. George sagte: �Sein Freund Cameron lieb�ugelt mit den Republikanern. Stanley bem�ht sich nun, die Parteirhetorik in den Griff zu bekommen.�</p><p>Damit handelte sich George erneut einen ha�erf�llten Blick von Stanley ein, der mit dem Stock auf die Zeichnung zeigte und sagte: �Das Ding ist ein Witz. Ihr werdet euch beide in den Ruin st�rzen. Ihr werdet euch noch an meine Worte erinnern.�</p><p>Er stolzierte hinaus. George seufzte. �Er hat sich nicht einmal f�r das Abendessen bei dir bedankt. Wenn er nicht mein Bruder w�re, w�rde ich ihm den Hals umdrehen.�</p><p>Cooper grinste und hielt die zusammengerollte Zeichnung hoch. �Mach dir nichts draus. Wir schaffen es ohne ihn.�</p><p>In weniger als zwei Wochen hatte George Grundst�cke im Wert von einer Million neunhunderttausend Dollar f�r den Bau der <emphasis>Star of Carolina</emphasis> verpf�ndet.</p><p>F�nfzigtausend Dollar in Form eines Wechsels und der gleiche Betrag der Mains w�rde gen�gen, um die ersten Ausgaben zu decken, wie zum Beispiel die Vermessung des Gebiets auf James Island, die Freilegung des Gel�ndes und ein Depot auf einem Sperrkonto, das dem Dreijahreslohn eines Mannes entsprach, wegen dem Cooper extra nach Norden gefahren war, um ihn von der Black-Diamond-Gesellschaft abzuwerben. Der Mann hie� Levitt Van Roon; er war einer der bedeutendsten Schiffsbauingenieure des Landes. Es dauerte nicht lange, bis Cooper Van Roon und seine Familie nach Charleston gebracht hatte. Danach schickte er Van Roon nach England, um die Millstone Werft zu besuchen und sich mit Brunei zu unterhalten. Dann mu�te ein Vertrag, welcher die Carolina Marine Company inkorporierte, sowie ein Abkommen �ber die Teilhaberschaft zwischen den Mains und George Hazard vorbereitet werden. F�r diese Arbeit ging Cooper zu Ashtons Gatte; Huntoon war zwar teuer, daf�r aber ein Fachmann. Cooper war mit dem siebenundzwanzig Seiten starken Dokument einverstanden und �bergab es Orry, der es George schickte.</p><p>Einige Wochen sp�ter sagte Orry zu seinem Bruder: �George hat den Vertrag zerrissen.�</p><p>�Mein Gott, will er aussteigen?�</p><p>�Nein, nichts dergleichen. Er ist der Ansicht, da� ein Vertrag nicht n�tig sei. Er sagte, der Handschlag zwischen euch beiden gen�ge.�</p><p>�Und auf dieser Basis vertraut er mir beinahe zwei Millionen Dollar an?�</p><p>Orry nickte und am�sierte sich �ber die Reaktion seines Bruders. Cooper verstand nun besser denn je, wieso Orry diesen kleinen, st�mmigen Mann aus Pennsylvania so sehr sch�tzte und achtete.</p><p>Im Fr�hling des Jahres 1857 beendete Billy seinen kurzen Aufenthalt in Fort Hamilton. Er hatte dort dem dienst�lteren Offizier geholfen, Reparaturen an einer mit dreiundzwanzig Kanonen best�ckten Redoute auszuf�hren. Au�erdem hatte er noch ein Projekt in eigener Regie durchgef�hrt.</p><p>Eigentlich konnte man es nicht gerade ein Projekt nennen � im Pulvermagazin der Battery Morton sollten zwei Stockwerke und eine Decke ausgebessert werden. Doch Billy hatte alle Berechnungen selbst durchgef�hrt, die Pl�ne angefertigt und sechs zivile Arbeiter beaufsichtigt, die alle mindestens zehn Jahre �lter und oft sehr streits�chtig waren. Sie k�mmerten sich keinen Deut um seinen Rang, begannen ihn aber zu respektieren, nachdem er einen Streit geschlichtet und sich gegen den Anf�hrer der Gruppe in einem zweimin�tigen, brutalen Boxkampf behauptet hatte.</p><p>Billy liebte die Farbenpracht und die Gesch�ftigkeit von New York. Als Yankee f�hlte er sich dort zu Hause. Aber er sp�rte, da� sein Herz nun f�r den S�den schlug, und hoffte, da� ihn sein n�chster Auftrag dorthin bringen w�rde. Zum Beispiel auf Cockspur Island im Savannah-Flu�. Oder � was noch besser w�re � in die Festungen im Hafen von Charleston. Aber zu seiner Entt�uschung schickte ihn die mysteri�se Armeeb�rokratie ins Landesinnere, wo er in die Fu�stapfen eines Riesen treten w�rde.</p><p>Ungef�hr zwanzig Jahre zuvor hatte man Robert Lee, der mit gro�er Wahrscheinlichkeit General Scotts Nachfolger wurde, mit einem Gehilfen nach St. Louis geschickt, wo er sich um ein Problem im Zusammenhang mit dem Mississippi k�mmern sollte. Das Westufer des Flusses versandete immer mehr und behinderte die Schiffahrt nach St. Louis.</p><p>Lee, damals bei den Pioniertruppen, war der Ansicht, da� lange Deiche gebaut werden m��ten, um das Problem zu l�sen. Er errichtete am oberen und unteren Ende von Bloody Island, einer langgestreckten Sandbank auf der Illinois-Seite, je einen Deich. Zweieinhalb Jahre seines Lebens widmete Lee dieser und andern Verbesserungen am Flu�bett in der N�he. Als er seine Arbeit beendet hatte, leiteten die Deiche die Str�mung so um, da� sie den angeh�uften Sand wegsp�lte und den Dampfschiffkanal auf der Seite der Stadt gen�gend vertiefte.</p><p>Die Stadt war Lee f�r seine Arbeit sehr dankbar, und zusammen mit seinen mutigen Taten im Mexikokrieg f�hrte dies dazu, da� er beinahe zu einer legend�ren Figur emporgehoben wurde. Nun wurde Brevetleutnant Hazard, auch wieder mit einem Gehilfen, nach St. Louis versetzt, um die Deiche zu reparieren � ein wesentlich einfacherer, aber deswegen nicht weniger einsamer Auftrag als derjenige von Lee.</p><p>Billy schrieb Brett, da� er sich im Grenzland wie in der Verbannung f�hle. Aber einen Vorteil hatte es: Er brachte immer noch einen Teil seines Soldes auf die Bank; ihren Heiratsschatz, wie sie dies in ihren h�ufigen und �u�erst sentimentalen Briefen nannten. Brett versprach ihm, ihn in St. Louis zu besuchen, falls sie Orry davon �berzeugen konnte, sie zu begleiten.</p><p>Charles schlo� die Akademie als Drittletzter der Klasse von 1857 ab. Er bestellte Uniformen mit gelben Aufschl�gen, steckte das Zeichen der Kavallerie daran und ging auf Urlaub nach Hause. Er war zum Zweiten Kavallerieregiment in Texas eingeteilt worden, eines der neugeschaffenen Regimenter. In dieser Einheit waren so viele S�dstaatler von West Point, da� sie �Jefferson Davis� Eigenmarke� genannt wurde, was nicht immer als Kompliment aufzufassen war.</p><p>Als Ashton h�rte, wo Charles einr�cken mu�te, reagierte sie �hnlich wie Billy: �Das ist ja am Ende der Welt. Dort gibt es ja nichts als Staub, Nigger und rote Wilde.�</p><p>�Unsinn, Ashton. Dort sind Texaner, Spanier � und das beste berittene Regiment der Armee, unter dem Kommando von Robert Lee. Lee hat Freunden in der Akademie einen Brief geschrieben und gesagt, Texas sei wundersch�n. Er hat einen Garten und h�lt sich eine Klapperschlange als Haustier. Ich glaube, ich werde dasselbe tun.�</p><p>�Ich hab� schon immer gewu�t, da� du verr�ckt bist�, sagte sie, w�hrend ihr ein kalter Schauder den R�cken hinunterlief.</p><p><strong>44</strong></p><p>Mit einem Dampfer aus New Orleans fuhr Charles nach Indianola an der K�ste des Golfs von Texas. Von dort aus ging es mit der Postkutsche weiter nach San Antonio, dem Hauptquartier des Regiments und dem Sitz des texanischen Heeresministeriums, das vor�bergehend ebenfalls unter dem Kommando von Lee stand.</p><p>Texas war ein f�r Charles v�llig neues Erlebnis, weil es landschaftlich v�llig anders war als alles, was er bisher gekannt hatte. Es gab weder Berge wie am Hudson noch �ppig wuchernde, feuchte Landstreifen wie im Tiefland von South Carolina. Texas war flach oder von sanften Erdwellen durchzogen, der brennenden Sonne und wilden Winden ausgesetzt, tropisch hei� im Sommer und eiskalt im Winter. Etwas in seinem Innern f�hlte sich unmittelbar von der Weite und dem damit verbundenen Gef�hl der Freiheit angezogen. Ihn d�nkte, ein Mensch k�nne sich hier voll entfalten, ohne durch Traditionen und die leeren Verhaltensregeln, die die dichter besiedelten Regionen des Landes beherrschten, eingeengt zu werden.</p><p>San Antonio lag am Flu� mit demselben Namen. Die Stadt bildete eine merkw�rdige, aber dennoch faszinierende Mischung dreier verschiedener Kultureinfl�sse, auf die Charles zuerst durch die Architektur aufmerksam wurde. Auf der holprigen Fahrt mit der Postkutsche durch die Vororte fielen ihm die adretten, einst�ckigen H�user aus quadratischen, wei�en Kalksteinen auf, die alle ein Schildchen mit dem aufgemalten Namen des Eigent�mers aufwiesen. Es handelte sich in der Mehrzahl um deutsche Namen. Sp�ter schlenderte er in der Commerce Street an L�den mit sowohl deutschen als auch englischen Namen vorbei. Die Amerikanersiedlung befand sich ganz in der N�he; solide Backsteinbauten, zwei- oder dreist�ckig und mit Holzz�unen umgeben. Und dann gab es nat�rlich noch die H�user aus ungebrannten Ziegeln mit dem klaren quadratischen Grundri� und dem typischen Flachdach. Alles in allem mochte er die Stadt ebenso sehr wie den Staat. Die Leute wirkten freundlich und vermittelten den Eindruck, da� das Leben sie gut behandelt hatte und da� sie deshalb vertrauensvoll in die Zukunft blicken konnten. Charles begegnete einer Menge verwegen dreinblickender, schwer bewaffneter Gesellen, aber vor allem gefielen ihm die dunkelh�utigen Spanierinnen.</p><p>Bevor er sich bei Lee zur Stelle meldete, b�rstete er sorgf�ltig den Staub von seiner bla�blauen Hose und der exakt sitzenden dunkelblauen Jacke. Er polierte s�mtliche Messingkn�pfe auf Hochglanz und zupfte die schwarzen Strau�enfedern auf seinem Hardee-Hut zurecht � dem grauen breitkrempigen Filzhut der Kavallerie, der 1855 bei der Armee eingef�hrt worden war. Die linke Seite des Hardees war hochgekrempt und wurde von den Krallen eines Metalladlers festgehalten.</p><p>Nachdem Charles dem Gehilfen von Lee seine Papiere �bergeben hatte, einem lustigen Polen namens Leutnant Radziminski, wurde er vom Regimentskommandanten empfangen. Lee bat ihn, Platz zu nehmen. Die Septembersonne durchflutete den wei� get�nchten Raum. Durch die ge�ffneten Fenster str�mte trockene, frische Luft herein.</p><p>Lee war formell und doch herzlich. �Sch�n, Sie wieder zu sehen, Leutnant. Sie sehen gut aus. Die Akademie scheint Ihnen also gut bekommen zu sein.�</p><p>�Jawohl, Sir. Ich bin gern dort gewesen, obwohl ich gestehen mu�, da� ich im Studium nicht besonders gut abgeschnitten habe.�</p><p>�Hier drau�en sind andere Eigenschaften mindestens so wichtig. Hier mu� man reiten k�nnen und die F�higkeit haben, Unbequemlichkeiten zu ertragen. Und hier m�ssen Sie in der Lage sein, M�nner verschiedenster Herkunft zu f�hren.� Hinter Lee hing eine gro�e Karte von Texas. S�mtliche Armeeposten waren mit Nadeln und F�hnchen gekennzeichnet. �Dort, wo man Sie hinschicken wird, setzen sich die Truppen haupts�chlich aus M�nnern aus Alabama und Ohio zusammen. Nat�rlich haben wir auch noch ein Einwandererkontingent im Regiment. �brigens � �</p><p>Charles Neugier war nicht befriedigt: Er hatte seinen Bestimmungsort noch nicht erfahren. �Mein Neffe leistet im Regiment Dienst.�</p><p>�Ja, Sir, ich wei�.�</p><p>�Sie und Fitz waren Freunde � �</p><p>�Gute Freunde! Ich freue mich, ihn wiederzusehen.�</p><p>Lee nickte und �berlegte kurz. �Ich mu� Ihnen ferner mitteilen, da� General Twiggs demn�chst eintreffen und das Kommando �ber den Bezirk �bernehmen wird. Major George Thomas wird das Regiment �bernehmen und das Hauptquartier wieder nach Fort Mason verlegen. Ich kehre nach Virginia zur�ck.�</p><p>Charles versuchte, seine Entt�uschung zu verbergen. �Ein neues Kommando, Sir?�</p><p>Ernst sch�ttelte Lee den Kopf. �Mein Schwiegervater ist gestorben, und ich mu� Urlaub nehmen, um einige Familienangelegenheiten zu regeln.�</p><p>�Mein herzliches Beileid, Sir. Ich bedaure, da� Sie fortgehen.�</p><p>�Danke, Leutnant. Ich habe vor, sobald wie m�glich zur�ckzukommen. Mittlerweile werden Sie mit Major Thomas einen f�higen Kommandanten haben. Er hat 1840 abgeschlossen.�</p><p>Er sagte das so, als wolle er Major Thomas mit einem G�testempel versehen. Charles lernte nach und nach, da� die Offiziere, die die Akademie besucht hatten, zu einer Klasse geh�rten, die sie von all jenen Offizieren, die nicht in West Point abgeschlossen hatten, trennte.</p><p>Lee entspannte sich, und sein Tonfall wurde etwas formell. �Wir haben hier nur wenige Pflichten zu erf�llen, aber eine jede hat ihre Bedeutung: das �berwachen der Postkutschen und der Auswandererz�ge, Aufkl�rungsdienste und nat�rlich die Unterdr�ckung eines eventuellen Indianeraufstands. Die Bedrohung durch die Indianer ist nicht so �berw�ltigend, wie unsere St�ckeschreiber und Romanciers es die leichtgl�ubigen Oststaatler glauben machen m�chten, aber sie ist auch nicht ganz aus der Luft gegriffen. Ich vermute, da� Ihnen der Dienst hier gefallen und eine Herausforderung f�r Sie darstellen wird.�</p><p>�Das glaube ich auch, Oberst. Texas gef�llt mir bereits ganz gut. Man kriegt hier ein Gef�hl der Freiheit.�</p><p>�Mal sehn, ob Sie immer noch dieser Ansicht sind, wenn Sie mal einen Blizzard erlebt haben�, antwortete Lee mit einem L�cheln. �Aber ich kann verstehen, was Sie meinen. Letztes Jahr habe ich ein Buch von einem Mann namens Thoreau gelesen. Ein Satz ist in meinem Ged�chtnis haften geblieben. �Niemand ist gl�cklicher in der Welt als Menschen, die frei einen weiten Horizont genie�en.� Dies trifft sicherlich auf den Siedler zu. Vielleicht k�nnen damit auch die vielen Unruhen und Konflikte in unserem Land erkl�rt werden? Oh, aber ich hab Ihnen ja noch gar nicht gesagt, wo Sie hinkommen werden.�</p><p>Er stand auf, trat vor die Landkarte hin und deutete auf eines der F�hnchen etwa vierhundert Kilometer n�rdlich von San Antonio.</p><p>�Camp Cooper am Brazos-Flu�. Zwei Meilen flu�aufw�rts vom Penateka-Reservat der Komantschen. Ihr Truppenkommandant ist ebenfalls ein West-Point-Absolvent, der j�ngst aus Washington dorthin abkommandiert wurde. Sein Name ist Hauptmann Bent.�</p><p>Charles bezog f�r die Reise nach Camp Cooper seine Ausr�stung und ein gutes Pferd, einen Rotschimmel. Er w�rde mit dem Zahlmeister des Bezirks und dessen Verband nach Norden reiten. Als er am Vorabend der Abreise auf dem Weg zum Abendessen war, begegnete er Oberst Lee und Major Thomas auf der Stra�e. Lee lud ihn ein, sie zum Plaza Hotel zu begleiten. Charles dankte beiden �lteren Offizieren f�r die Einladung und marschierte neben ihnen her.</p><p>Das hei�e, feuchte Wetter hatte � sozusagen �ber Nacht � einen neuen Schwarm von Fliegen und Moskitos mit sich gebracht. Im E�saal des Hotels standen �berall schwarze Jungen, die die Insekten mit Palmwedeln zu verscheuchen versuchten. Charles dachte mit einem etwas schlechten Gewissen an zu Hause. Obwohl er immer noch ein loyaler S�dstaatler war, hatten die vier Jahre West Point ihn doch neuem Gedankengut ausgesetzt und seine Denkweise leicht ver�ndert. Er neigte nun zur Ansicht, da� die Wirtschaft des S�dens auf einem morschen Fundament ruhe, das, w�rde es nicht von �u�eren Kr�ften hinweggefegt, eines Tages zusammenbrechen mu�te.</p><p>Lee und Thomas unterhielten sich fr�hlich �ber die verschiedensten Themen: das Indianerproblem; die neue Infanterietaktik von Major Bill Hardee, welche diejenige von General Scott abl�ste; ein Pferderennen, das von einem Hauptmann aus South Carolina namens Nathan Evans aus Marion gewonnen worden war.</p><p>Schlie�lich kamen sie auf das Wetter zu sprechen. �Texas bringt das Temperament unsrer M�nner voll zur Geltung�, sagte Lee. �Warten Sie mal, bis Sie in dieser Hitze zwanzig oder drei�ig Tage hintereinander patrouillieren m�ssen!�</p><p>�Und dabei zehn diebische Komantschen auf Tausenden von Quadratkilometern suchen m�ssen�, f�gte Thomas hinzu. Der Major war von einem etwas kr�ftigeren K�rperbau als Lee, zur�ckhaltender in seiner Art und etwa vierzig Jahre alt. Sein stilles Auftreten und auch das gelegentliche Aufblitzen seiner stahlblauen Augen lie�en auf einen starken Willen schlie�en. Er kam wie Lee aus Virginia.</p><p>�Wenn die meisten Komantschen in Reservaten leben, weshalb stehlen sie denn?� fragte Charles.</p><p>Lee gab eine etwas weitl�ufige Antwort. �Wir haben versucht, Farmer aus den Komantschen des S�dens zu machen, aber ich glaube, da� sie sich temperamentm��ig nicht daf�r eignen. Und abgesehen davon, hat sich das Wetter etwa ein Jahr lang gegen uns verb�ndet. Nichts als D�rre. Ihre Ernten sind also samt und sonders verdorrt, was bedeutet, da� sie kein Geld haben. Aber wie alle Menschen haben sie Bed�rfnisse: Tabak, Messer, Wolldecken. Es gibt einige gewissenlose Leute, die mit ihnen Handel treiben. Sie stammen meist aus Indianerterritorien. Einige sind auch Comancheros aus Neu-Mexiko.�</p><p>Charles, der immer noch nicht ganz verstand, fragte: �Aber wenn die Komantschen kein Geld f�r ihre Ernten bekommen haben, womit handeln sie denn?�</p><p>�Mit Pferden.�</p><p>�Gestohlenen Pferden�, berichtigte Thomas. �Der Vorg�nger von Oberst Lee war der Meinung, da� man den Indianern mit H�rte begegnen m�sse, mit Patrouillen, Verfolgungen und Bestrafungen. In letzter Zeit verfolgt Washington jedoch eine etwas passivere Politik. Wir haben Befehl, nichts zu unternehmen, bis es zu einem Aufruhr kommt, bis die Komantschen auf einen wei�en Siedler losgehen, der ungl�cklicherweise �ber einige Pferde auf der Koppel verf�gt. Erst dann treten wir in Aktion und senden Sto�gebete zum Himmel, in der Hoffnung, da� der Wei�e noch nicht ermordet worden ist.�</p><p>Lee betrachtete nachdenklich sein Wildbretsteak. �Man kann die Schuld nicht nur bei den Komantschen suchen. Wir haben ihnen schlie�lich Land f�r die Besiedlung weggenommen, und dann haben wir das Wild vertrieben, von dem sie sich ern�hrten. Wir sind also zum Teil mitverantwortlich daf�r, da� sie nichts haben und deshalb stehlen.�</p><p>�Sagen Sie das um Himmels willen nie zu Gouverneur Houston!� sagte Thomas mit einem traurigen L�cheln.</p><p>Aber Charles sah blo� die Abenteuerseite: eine Jagd zu Pferd mit rasselnden S�beln. Er freute sich, da� man ihn zum Zweiten Kavallerieregiment und nicht zu irgendeiner langweiligen Einheit in einem sicheren Landesteil abkommandiert hatte.</p><p>Sechsmal pro Jahr machte der Zahlmeister sich auf den Weg nach s�mtlichen Forts in Texas, den Sold jedes einzelnen Soldaten sorgf�ltig unter Verschlu�. Er reiste in einem Eselsfuhrwerk, begleitet von einem Proviantwagen und sechs Kavalleristen unter dem Kommando eines Sergeants.</p><p>Die berittenen M�nner waren Dragoner in der orangefarbenen Uniform. Charles, der mit ihnen ritt, f�hlte sich der stillen Verachtung ausgesetzt, die man einem Anf�nger entgegenbrachte. Die Dragoneruniformen und ihr Pferdegeschirr sahen bereits recht abgeschossen aus; bei Charles hingegen war noch alles brandneu.</p><p>Die Dragoner waren die ersten Reitertruppen Amerikas gewesen und wurden nun nach und nach durch die Kavallerie � die leichte Kavallerie ersetzt. Wie auch das andere berittene Regiment, verf�gte das zweite nicht �ber schwerbewaffnete Soldaten wie dies zum Beispiel in Europa der Fall war. �berdies sollte das zweite Regiment zu Pferd k�mpfen und nicht zu irgendeinem Schlachtfeld reiten und dann absteigen. Die Dragoner f�hlten sich durch diesen neuen Stil des berittenen Kampfes, der offensichtlich die Zustimmung von Kriegsminister Davis fand, bedroht, und sie machten keinen Hehl aus ihrem Groll. Abgesehen von den milit�rischen H�flichkeitsfloskeln lie�en sie Charles w�hrend der ganzen Reise links liegen.</p><p>In Fort Mason feierten er und Fitz Lee, der immer noch so sorglos und fr�hlich und respektlos wie fr�her war, ihr Wiedersehen mit Jubel und Alkohol. Sie gingen die meisten West-Point-M�nner des Regiments durch: Evans aus South Carolina; Earl Van Dorn aus Mississippi; Kirby Smith aus Florida; John Hood aus Kentucky; Bill Hardee aus Alabama, der seinen Namen w�hrend seiner Dienstzeit beim Zweiten Dragonerregiment f�r die neuen H�te hergegeben hatte. Kein Wunder, warfen die Kritiker Davis vor, da� er ein Eliteregiment geschaffen habe, das ausschlie�lich aus Gentlemen des S�dens bestehe.</p><p>Kurz bevor der Lohnzug sich wieder auf den Weg machte, sagte Fitz zu seinem Freund: �Nimm dich vor deinem Truppenkommandanten in acht! Er ist erst seit kurzem hier drau�en, hat aber bereits einen schlechten Ruf.�</p><p>�Ist er unf�hig?�</p><p>�Nicht unbedingt. Verlogen. Man kann ihm nicht �ber den Weg trauen. Sei vorsichtig!�</p><p>Charles sann �ber die Warnung nach, als er im Staub, den der Proviantwagen aufwirbelte, dahinritt und ab und zu seinen Rotschimmel t�tschelte und ihm liebevolle Worte zufl�sterte; er hatte ihn zu Ehren seines Heimatstaates Palm getauft.</p><p>Der hei�e S�dwestwind trieb ihm Streusand in den Nacken. Innerhalb von zehn Minuten wechselte er die Richtung um genau 180 Grad, pechschwarze Wolken verd�sterten den Himmel, die Temperatur st�rzte, und der gef�rchtete Nordsturm lie� einen Regengu� mit Hagelst�cken �ber ihn niedergehen, die so gro� waren, da� sein Gesicht aufgesch�rft wurde und zu bluten anfing.</p><p>Eine Stunde sp�ter schien die Sonne wieder. Die schlammige Stra�e vor ihnen wand sich bis zum zusehends klarer werdenden Horizont durch eine sanfte H�gellandschaft. Als die Reiter aus einem Tal mit regenglitzernden Nu�b�umen auf eine Anh�he mit schweren Eichen kamen, hoppelte ein Wei�schwanzkaninchen vor den Schimmel. Lerchen trillerten in den Eichen.</p><p>Charles l�chelte wieder; sein altes, keckes L�cheln. Seine Uniform war v�llig durchn��t, aber das machte ihm nichts aus. Das ungest�me, wechselhafte Wetter kam seinem Abenteuersinn entgegen, und von Minute zu Minute liebte er Texas mehr.</p><p>Von einer Anh�he oberhalb der Flu�gabelung stieg die Gesellschaft des Zahlmeisters in ein liebliches gr�nes Tal hinunter, das sich nordw�rts erstreckte, bis es sich schlie�lich im glei�enden Dunst der Mittagshitze verlor. Charles hatte kaum je einen sch�neren Ort gesehen. Die gewundenen Mesquiteb�ume und die verkr�ppelten Feigenb�ume trugen ihren Teil zur wilden Sch�nheit bei.</p><p>Doch das gr�ne Aussehen des Tals war eine optische und perspektivische T�uschung. Die von der Hitze verdorrten Bl�tter der riesigen Ulmen am Flu� bewegten sich kaum in der schw�len Luft. Die Gruppe ritt an Melonen- und Erbsenfeldern vorbei, die wie Pergamentpapier aussahen. Ab und zu begegneten sie Indianern, die von einer staubigen Furche aus die Soldaten traurig oder gelangweilt anblickten.</p><p>Hinter den ausged�rrten Feldern erblickte Charles die erste Indianersiedlung � etwa zweihundert mit roten und gelben Zeichen und Symbolen bemalte H�tten. Das Dorf erweckte einen Eindruck �berw�ltigender Armut.</p><p>Von den Feuerstellen stiegen Rauchs�ulen auf, und der Geruch von gebratenem Fleisch vermischte sich mit demjenigen von menschlichen Abfallprodukten. Kinder lachten und spielten, ausgemergelte Hunde streunten �berall herum, und etwa ein halbes Dutzend M�nner wirbelten eine riesige Staubwolke auf, als sie sattellos durch die Siedlung ritten. Sie achteten jedoch darauf, da� sie der Gruppe von Soldaten nicht zu nahe kamen, wie Charles bemerkte.</p><p>Noch etwa zwei Meilen, und er w�rde absteigen k�nnen. Er war schwei�gebadet, und obwohl seine Hose auf der Innenseite vorschriftsm��ig durch ein St�ck Leder verst�rkt war, waren seine Oberschenkel wundgescheuert. Als er Camp Cooper schlie�lich sichtete, kam es ihm wie das Paradies vor, obwohl es sich lediglich aus vierzehn primitiven Geb�uden aus Stein, Baumst�mmen, Schindeln und ungebrannten Ziegeln zusammensetzte.</p><p>Der Posten war in der Form eines losen, verkehrt stehenden L angelegt. Auf dem Exerzierplatz vor dem Flaggstock �bten Infanteristen lustlos die Handhabung von Waffen. Charles erinnerte sich daran, da� zwei Kompanien der Ersten Infanterie wie auch eine Schwadron der Zweiten Kavallerie hier stationiert waren.</p><p>Die Abteilung des Zahlmeisters kam an einer kleinen B�ckerei mit einem Schindeldach vorbei. Zwei schwitzende B�cker standen mit nacktem Oberk�rper im Schatten einer Wand und bewegten blo� ihre Pfeife zum Gru� auf und nieder. Gerade als der Duft von frischgebackenem Brot in den Geruch von Stallmist �berging, ritt der Dragonersergeant neben Charles.</p><p>�Dort sind die St�lle, Sir. Die beiden Holzgeb�ude.�</p><p>Charles erwiderte den milit�rischen Gru� und trabte weiter. Er lenkte sein Pferd in das n�chstbeste Geb�ude, das an beiden Enden offen und abgesehen von Pferden leer war. Einen Augenblick sp�ter tauchte ein hoch aufgeschossener Mann mit weit ausholenden Schritten am andern Eingang auf.</p><p>Er trug verblichene Kordhosen und ein gemustertes Flanellhemd. Von der linken H�fte hing ein Messer und von der rechten eine Holster-Pistole � wie die 1848er Colts von den Kavalleristen genannt wurden. Charles besa� ein �hnliches Modell, ein .44-Kaliber mit einem herrlichen Griff aus Walnu�holz und einem Abzug aus Messing. Er hatte sich noch zwei zus�tzliche Annehmlichkeiten auf eigene Kosten geleistet: einen abnehmbaren Schulterschaft mit einem Tragriemen sowie einen Lauf mit einer dekorativen Gravierung, die Dragoner im Kampf mit Indianern darstellte. Der Revolver eines Kavalleristen war eine kostbare und h�chst pers�nliche Waffe.</p><p>Der Mann blickte Charles pr�fend an. Er war um die vierzig Jahre alt und hatte ein l�ngliches, freundliches Gesicht mit einem kupferroten Bart. An beiden Ohrl�ppchen trug er Messingringe im Piratenstil. Offenbar ein Zivilist, der irgendwie zum Indianerreservat geh�rte, vermutete Charles. Oder vielleicht der Marketender des Camps? Charles stieg vom Pferd und wandte sich br�sk an ihn:</p><p>�F�hren Sie mich bitte zum B�ro des Adjutanten!�</p><p>Der Mann zeigte ihm die Richtung. Aus irgendeinem unerkl�rlichen Grund fingen seine Augen pl�tzlich zu gl�hen an.</p><p>�Wo kann ich Hauptmann Bent finden?�</p><p>�In seinem Quartier. Er hat einen schweren Ruhranfall.�</p><p>M�de und irritiert schlug sich Charles mit Palms Z�geln gegen das Bein. �Wer ist dann f�r die K-Kompanie zust�ndig?�</p><p>�Ich, Sir.� Der Blick war vernichtend. �Oberleutnant Lafayette O�Dell.�</p><p>�Ober�?�</p><p><emphasis>�Stehen Sie stramm, Sir!�</emphasis></p><p>Auf diesen Tausende von Malen in West Point geh�rten Befehl hin nahm Charles automatisch die korrekte Haltung ein. Er salutierte mit rotem Gesicht.</p><p>O�Dell lie� sich mit dem Gegengru� Zeit. Er betrachtete Charles mit einem � wie Charles das auffa�te � feindseligen Blick. �Bitte um Entschuldigung, Leutnant�, stotterte Charles. �Ich bin � �</p><p>�Der neue Unterleutnant�, unterbrach ihn O�Dell. �Hab� Sie erwartet. Von der Akademie?�</p><p>�Ja, Sir. Ich hab� im Juni abgeschlossen.�</p><p>�Nun, der Hauptmann war auch auf der Akademie. Wir haben einen richtigen Club von Akademieabsolventen hier im Regiment. Bedaure, ich bin nicht Mitglied dieses verdammten Clubs. Ich bin ein einfacher Farmerssohn aus Ohio, der von Ackerg�ulen zu Kavalleriem�hren aufgestiegen ist. Der Hauptmann ist nicht sehr erpicht auf den Truppendienst, schon gar nicht hier. Aber ich hab� nichts dagegen einzuwenden. Wenn Sie wollen, da� die M�nner Sie respektieren, tun Sie besser daran, sich auch damit zufrieden zu geben.�</p><p>�Das werde ich, Sir.� Charles verschluckte die Worte beinahe und gab sich ebenso gro�e M�he, seinen �rger und seine Verlegenheit hinunterzuschlucken.</p><p>�Etwas m�chte ich Ihnen noch �ber den Dienst in Texas sagen: Sie tun gut daran, sich entsprechend zu kleiden. Dieser h�bsche Mantel eignet sich nicht besonders f�r lange Patrouillen, und Ihr S�bel �brigens auch nicht. Die Feinde sitzen nicht wartend herum und lauern auf einen Fechtkampf. Bis Sie dieses Fleischermesser gezogen haben, haben sie Sie schon l�ngst �berw�ltigt und Ihren Skalp gekapert. Der Hauptmann freut sich auch nicht sonderlich �ber diesen Tatbestand, aber er mu� sich damit abfinden.�</p><p>Das Temperament ging schlie�lich mit Charles durch, und mit blitzenden Augen fl�sterte er: �Ich danke Ihnen f�r den Rat, Sir!�</p><p>Pl�tzlich hellte sich O�Dells finstere Miene auf, er kicherte und trat einen Schritt vor.</p><p>�Das gef�llt mir besser. Ich hatte schon geglaubt, da� man uns einen v�llig humorlosen Unterleutnant beschert habe. Warten Sie, ich helfe Ihnen, das Pferd abzusatteln. Dann k�nnen Sie sich zur Stelle melden und Hauptmann Bent die Ehre erweisen � vorausgesetzt, er kauert nicht mehr auf seinem Nachttopf. Lachen Sie nicht! Das Wasser hat diese Wirkung bei jedem Neuank�mmling.�</p><p>Grinsend streckte Leutnant O�Dell Charles seine schwielige Hand hin.</p><p>�Willkommen im Norden von Texas oder im S�den der H�lle � ich bin mir da nicht ganz im klaren.�</p><p>Charles war dankbar daf�r, da� der Oberleutnant nicht so grob war, wie es zuerst den Anschein erweckt hatte. Wie alle andern Truppen, verf�gte die K-Kompanie blo� �ber drei Offiziere, und Charles konnte sich m�helos vorstellen, welche Probleme sich ergaben, falls sie einander nicht unbedingt mochten. Da� der Truppenkommandant nicht beliebt war, hatte sich ja bereits zur Gen�ge herausgestellt.</p><p>Bis Palm schlie�lich abgerieben und mit vollem Magen im Stall stand, hatte Charles eine ganze Menge �ber O�Dell erfahren. Er war in der N�he von Dayton, Ohio, geboren und aufgewachsen und hatte mit vierzehn in bezug auf sein Alter geschummelt, um sich als Soldat anwerben zu lassen. Sein gegenw�rtiger Dienstgrad war derjenige eines Brevetleutnants, was f�r einen Mann, der West Point nicht besucht hatte und in seinem Alter war, einen ganz h�bschen Erfolg darstellte.</p><p>O�Dell geleitete Charles in die N�he einer gelblich-braunen Lehmh�tte und deutete auf das Quartier des Hauptmanns � eine T�r am andern Ende, von der die sp�rliche Farbe abbr�ckelte. Im selben Augenblick galoppierte ein weiterer Trupp mit flatternder rotwei�er Standarte in das Camp. Nur drei der Reiter trugen die vorschriftsm��ige Uniform, der Rest sah eher wie O�Dell aus. Charles mu�te feststellen, da� ihn niemand darauf vorbereitet hatte, da� man in Camp Cooper saloppe Kleidung trug.</p><p>�Was Sie brauchen�, sagte O�Dell, �sind Kleider, die dem Wetter angepa�t sind und in denen Sie sich frei bewegen k�nnen. Suchen Sie sich irgendwo etwas zusammen, stehlen Sie es, falls n�tig, aber lassen Sie sich um Himmels willen vom Hauptmann nicht davon abbringen.�</p><p>�Vielen Dank, Sir. Ich werde mir Ihren Rat zu Herzen nehmen.� Er war beinahe sicher, da� es nicht bei dem einzigen Rat bleiben w�rde � und t�uschte sich nicht.</p><p>�Wenn ich Sie w�re, w�rde ich jetzt sofort zum Hauptmann gehen. Es ist zwar l�stig, aber je schneller Sie es hinter sich bringen, desto eher k�nnen Sie sich wieder angenehmeren Dingen zuwenden.�</p><p>Eine Stunde sp�ter, nachdem Charles seine eigene winzige Unterkunft aufgesucht hatte, klopfte er an besagte T�r. Eine m�rrische Stimme bat ihn einzutreten.</p><p>Das Quartier des Truppenkommandanten bestand aus einem einzigen gro�en Zimmer. Die der T�r gegen�berliegende Wand war zur H�lfte nichts weiter als ein offenes Fenster mit einem aufgerollten Segeltuch als Rolladen.</p><p>O�Dell hatte bereits nicht der typischen Vorstellung eines Kavalleristen entsprochen, aber Hauptmann Bent entsprach dem Bild noch wesentlich weniger. Er war von einer weichen, walro��hnlichen Statur und etwa in Orrys Alter. Er hatte kleine Augen mit einem unsteten Blick und eine rote, mit Blasen bedeckte Haut, die offensichtlich unter der Texassonne nicht braun werden wollte. Charles reagierte von Anfang an mit negativen Gef�hlen.</p><p>Anstelle eines Uniformrocks trug Bent einen gesteppten Hausmantel, auf dem sich unter den �rmeln und auf der R�ckseite gro�e Schwei�flecken abzeichneten.</p><p>�Ich bin seit vier Monaten hier�, beklagte sich Bent, nachdem Charles ihn begr��t hatte. �Und eigentlich sollte ich diese verfluchte Krankheit l�ngst hinter mir haben, aber ich kriege immer wieder einen R�ckfall.� Der Hauptmann deutete auf eine Truhe, die mit B�chern �berladen war. �Setzen Sie sich doch.�</p><p>�Danke, Sir, aber ich m�chte lieber stehen. Ich bin heute ziemlich lang im Sattel gesessen.�</p><p>�Wie Ihnen beliebt.�</p><p>Der Anblick der vielen B�cher hatte eine einsch�chternde Wirkung auf Charles � wie auch der merkw�rdige Ausdruck in Bents dunklen Augen. Der Hauptmann lie� sich mit einem schweren Seufzer auf den einzig vorhandenen Stuhl nieder. �Es tut mir leid, da� Sie mich in einer solch unangenehmen Situation vorfinden.�</p><p>�Der Oberleutnant hat mich schon darauf vorbereitet, Sir. Ich bedaure, da� Sie � �</p><p>�Oh, Sie haben O�Dell bereits getroffen�, unterbrach ihn Bent. �Wir stammen beide aus Ohio, aber sonst haben wir nichts gemeinsam. Er gibt ein sch�nes Vorbild ab, nicht wahr? Der liederlichste Offizier, der mir je �ber den Weg gelaufen ist. Aber das Schlimmste daran ist, da� ihn alle M�nner nachahmen. Major Thomas hat mir mitgeteilt, ich h�tte mit einer Meuterei zu rechnen, falls ich die Kleidervorschriften zu streng handhabte. Hauptmann Van Dorn teilte seine Ansicht, und ich wurde praktisch dazu gezwungen, unmilit�risches Aussehen gutzuhei�en. Stellen Sie sich das einmal vor!�</p><p>Bent brummte einige unverst�ndliche Worte. Unter den Augen hatte er dunkle Ringe, so als ob jemand seine rosarote Haut mit Schmiere bestrichen h�tte. Charles r�usperte sich.</p><p>�Auf jeden Fall, Sir, tut es mir leid, da� Sie krank sind.�</p><p>�An diesem gottverlassenen Ort ist sogar Krankheit eine Abwechslung.�</p><p>In einem verzweifelten Versuch, die Spannung etwas zu mildern, versuchte es Charles mit einem Witz: �Falls Dysenterie eine Abwechslung sein sollte, so werde ich bald alle H�nde voll zu tun haben, wie man mir bereits sagte.�</p><p>Ernst entgegnete ihm Bent: �Beten Sie zu Gott, da� Sie nichts Schlimmeres bekommen. Einige der Neuen kriegen jeweils Magengeschw�re. Und es gibt solche, die sich nie davon erholen.�</p><p>Er schlenderte zum offenen Fenster, starrte hinaus und wischte sich den Schwei� mit einem Taschentuch vom Hals. �Wir haben die herrlichsten Unterhaltungsm�glichkeiten in Camp Cooper � der Name stammt �brigens vom General, unter dem ich diente, bevor ich das Ungl�ck hatte, in dieses Drecknest zu kommen.� Er drehte sich abrupt um und blickte Charles an. �Wie gef�llt Ihnen Texas?�</p><p>�Soweit ganz gut.�</p><p>�Sie m�ssen verr�ckt sein. Moment mal, Sie sind doch S�dstaatler, nicht wahr? Nun, das kommt auf dasselbe heraus � � Bent zwinkerte ihm zu. �Na, na, gehen Sie nicht gleich in die Luft, ich hab� mir ja blo� einen kleinen Scherz erlaubt.�</p><p>�Ja, Sir.� Die Antwort klang gezwungen, nicht sehr �berzeugend, aber es ging nicht anders.</p><p>Bent kehrte zu seinem Stuhl zur�ck und lie� sich erneut mit einem Seufzer der Ersch�pfung niederfallen. �Wie Sie vielleicht vermutet haben, habe ich den Posten hier nicht beantragt und hasse ihn. Der Dienst bei der Truppe ist nicht unbedingt meine Leidenschaft. Meine St�rke sind Milit�rwissenschaften.� Er deutete auf die B�cher. �Interessiert Sie das?�</p><p>Charles hatte langsam wieder etwas Gesichtsfarbe bekommen. �An der Akademie hatte ich mit dem Fach etwas M�he, Sir.�</p><p>�Vielleicht w�rde uns beiden etwas Privatunterricht gut tun und Spa� machen.�</p><p>Wieder f�hlte Charles den durchbohrenden Blick von Bent auf seinem Gesicht; es machte ihn nerv�s. Die H�flichkeit gebot eigentlich eine Antwort, aber er weigerte sich, mehr als �Ja, Sir, vielleicht�, zu sagen.</p><p>�Wei� der Himmel, ein gewisser intellektueller Anreiz ist auf diesem Posten wirklich vonn�ten. Der Dienst hier in Camp Cooper setzt sich fast gleicherma�en aus schlechter Ern�hrung, scheu�lichem Wetter, gelegentlichen Eins�tzen gegen dumme Indianer und der Jagd auf Deserteure zusammen, die die Einsamkeit oder der Goldwahn davongetrieben haben. Was die Freizeitbesch�ftigung anbelangt, so ist die Wahl nicht gerade attraktiv. Die meisten M�nner trinken oder schlie�en Wetten f�r Hahnenk�mpfe ab. Falls Sie sich temperamentm��ig vom Verkehr mit Squaws angezogen f�hlen, k�nnen Sie sich auch die Syphilis holen.�</p><p>Der Hauptmann befeuchtete sich die Lippen. Charles hatte das eigenartige Gef�hl, Bent wolle auf diese merkw�rdige und umst�ndliche Art erfahren, ob er Frauen mochte. Vorsichtig sagte er:</p><p>�Ich glaube nicht, da� ich Zeit daf�r haben werde.�</p><p>�Sch�n.� Bent fixierte einen Punkt auf Charles� Kinn. Der j�ngere Offizier fand diese Art der Inspektion h�chst l�stig. �Gentlemen haben andere Mittel zur Verf�gung, sich die Langeweile zu vertreiben.�</p><p>Wieder ein Seufzer. �Ich nehme an, man erwartet von uns, Langeweile und M�hsal ohne Klagen zu ertragen. Wir sind Berufssoldaten, und die Grenze mu� verteidigt werden. Ich habe diesen Posten lediglich angenommen, weil eine Absage sp�ter unter Umst�nden gegen mich verwendet werden k�nnte. Ich k�nnte mir denken, da� es Oberst Lee nicht anders ergangen ist.�</p><p>Was f�r ein Prahlhans, dachte Charles im stillen. Er fand es �berhaupt nicht komisch, sondern eher erschreckend, da� Bent sich mit dem besten Offizier der Armee verglich. Der Hauptmann r�usperte sich.</p><p>�Ich danke f�r Ihren Besuch, Leutnant. Ich glaube, ich sollte jetzt ruhen. Ach, �brigens, wu�ten Sie, da� man die K-Kompanie in und um Cincinnati herum ausgehoben hat? Die Mehrheit der M�nner stammt aus Ohio. Wir werden versuchen, Sie nicht zu sehr darunter leiden zu lassen, da� Sie aus einem weniger aufgekl�rten Gebiet stammen.�</p><p>Charles h�tte beinahe etwas Vorwitziges erwidert, konnte aber den Impuls gerade noch unterdr�cken. Bent forderte ihn absichtlich heraus, wohl um herauszufinden, wie gut � oder wie schlecht � er sein Temperament unter Kontrolle zu halten vermochte. Was hatte Fitz Lee f�r einen Ausdruck verwendet? Verlogen. Das traf zu.</p><p>�Noch ein kleiner Scherz, Leutnant Main. Sie werden noch merken, da� ich Sinn f�r Humor habe. Es gibt nur eine Art von Klassenbewu�tsein in dieser Truppe: diejenige, die bei der Armee �blich ist. Entweder Sie stellen die W�nsche und Bed�rfnisse Ihrer M�nner an die erste Stelle oder umgekehrt, diejenige Ihres Kommandanten. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, welche Alternative Ihrer Laufbahn und Zukunft am ehesten f�rderlich ist. Entlassen.�</p><p>Charles salutierte und ging. Als er in das Sonnenlicht hinaustrat und die T�r hinter sich schlo�, fr�stelte er. Bents Warnung war unmi�verst�ndlich gewesen. W�rde er bei Bent Speichelleckerei betreiben, erg�ben sich nur Vorteile f�r ihn, wenn er sich hingegen auf die Seite der M�nner schlagen w�rde � und das hie�e nat�rlich auf O�Dells Seite �, w�rde er zu leiden haben.</p><p>Er erinnerte sich an den guten Eindruck, den O�Dell auf ihn gemacht hatte, und wunderte sich dar�ber, ob der Hauptmann seine Warnung aus einer Haltung der St�rke oder der Schw�che ausgesprochen hatte. Letzteres, vermutete Charles. Wahrscheinlich hatte Bent vor dem Oberleutnant Angst.</p><p>Nun, darauf kam es nicht an, denn Charles wu�te bereits, wo er stand: nicht auf der Seite der fetten Mi�geburt hinter der sch�bigen T�r.</p><p>H�bscher junger Mann, dieser Vetter von Orry Main, dachte Elkanah Bent, nachdem die T�r ins Schlo� gefallen war. Beinahe zu h�bsch. Sein gutes Aussehen k�nnte ihn, Bent, von seinem Vorhaben ablenken. Aber vielleicht gab es einen Weg, das Angenehme mit der Rache zu verbinden? Man konnte nie wissen.</p><p>St�hnend eilte er hinter die billige Papiertrennwand, die eine Ecke des Raums abschirmte. Zehn Minuten sp�ter tauchte er wieder auf und sann dar�ber nach, wie sehr er Texas ha�te. Seit seiner Ankunft in Camp Cooper hatte er fast zehn Kilo abgenommen. Sein R�ckgrat und seine Oberschenkel schmerzten permanent von der ewigen Reiterei, obwohl es dank des Gewichtsverlusts langsam besser wurde. Und nun gesellten sich die Darmschmerzen wieder zu seinen sonstigen Plagen.</p><p>Und doch � eigentlich war der heutige Tag unter einem g�nstigen Vorzeichen gestanden. Sein Plan funktionierte.</p><p>Der �berraschende Befehl, sich nach Texas zu begeben, war ein Schock f�r ihn gewesen. Er h�tte zwar seine Beziehungen spielen lassen k�nnen, damit der Befehl ge�ndert wurde, aber er hatte es unterlassen. Er wu�te, da� er bei einigen seiner Vorgesetzten einen ung�nstigen Eindruck hinterlassen h�tte, wenn er dem Befehl nicht nachgekommen w�re. Und das konnte er zum gegenw�rtigen Zeitpunkt seiner nur langsam fortschreitenden Karriere nicht brauchen.</p><p>Aber der Befehl hatte ihn so stark aus dem Gleichgewicht geworfen, da� er seinem Schreibtisch im Kriegsministerium den R�cken zuwandte und sich kurzerhand auf eine dreit�gige Sauftour begab. Er wachte zweimal neben einer Hure auf � eine davon war eine Schwarze. Das dritte Mal entdeckte er mit �berraschung einen Schiffer vom Potomac neben sich, fast noch ein Knabe, und erinnerte sich schwach daran, ihn bezahlt zu haben. Bereits vor langer Zeit hatte Bent heftige Triebe in sich entdeckt, die beinahe so stark waren wie sein Ehrgeiz. An und f�r sich zog er die Gesellschaft von Frauen vor, doch reizte ihn jeder K�rper, der sich ihm anbot.</p><p>Nachdem er sich mit dem Gedanken an einen Dienst in Texas vers�hnt hatte, machte er sich daran, Vorbereitungen zu treffen, damit der Aufenthalt sich doch noch f�r ihn lohnen w�rde. Aus der Liste der West-Point-Absolventen ersah er, da� Brevetleutnant Main zu den berittenen Truppen sto�en sollte. Da im Amt des Generaladjutanten die pers�nlichen Angelegenheiten aller Armeeoffiziere erledigt wurden, war es f�r Bent ein Leichtes, die Abkommandierung von Charles Main zur Zweiten Kavallerie zu veranlassen.</p><p>Bents Ha� auf Orry Main und George Hazard hatte niemals nachgelassen. Und sollte es ihm nicht gelingen, die beiden M�nner, die seine Laufbahn beeintr�chtigt hatten, direkt zu treffen, so w�rde er sich eben damit zufriedengeben, Rache an ihren Verwandten zu nehmen � angefangen bei dem jetzt unter seinem Kommando stehenden jungen Offizier.</p><p>Er w�rde den g�nstigen Moment abwarten.</p><p><strong>45</strong></p><p>Wie Bent gesagt hatte, kamen etwa drei Viertel der angeworbenen M�nner der K-Kompanie aus Ohio; die �brigen waren Immigranten. Deutsche, Ungarn, Iren � eine f�r die meisten Armee-Einheiten typische Mischung.</p><p>Die Soldaten behandelten O�Dell anders als Charles und den Hauptmann. Gehorsam brachten sie zwar den drei Offizieren entgegen, aber der Oberleutnant geno� zudem noch den Respekt und die Freundschaft seiner M�nner. Charles war entschlossen, sich denselben Respekt zu verschaffen. Freundschaft w�rde sich ergeben, oder auch nicht.</p><p>W�hrend der vierten Woche im Lager entdeckte er, da� einer seiner M�nner beim Morgengrauen fehlte. Er fand den Soldaten voll wie eine Strandhaubitze im Stall. Charles erteilte ihm den Befehl, erst mal im Wachthaus den Rausch auszuschlafen, aber Halloran fluchte und zog das Messer.</p><p>Charles wich dem ungeschickten Hieb aus, entwaffnete Halloran und schubste ihn in den Wassertrog. Halloran kletterte sofort wieder heraus und ging zum n�chsten Angriff �ber. Charles schlug viermal auf ihn ein � zweimal mehr, als wahrscheinlich n�tig gewesen w�re. Daraufhin schleppte Charles den Mann h�chstpers�nlich ins Wachthaus.</p><p>Eine Stunde sp�ter rief er den ersten Sergeanten der Truppe, den stupsnasigen Zachariah Breedlove, der bereits seit achtzehn Jahren bei den berittenen Truppen im Dienst stand, zu sich.</p><p>�Wie geht es Halloran?� erkundigte sich Charles.</p><p>�Dr. Gaenslen sagte, er habe sich eine � Rippe gebrochen, Sir.� Das kurze Z�gern vor dem Wort �Rippe� war typisch f�r Breedloves standesgem��e Unversch�mtheit. Der Veteran war �lter und hatte wesentlich mehr Erfahrung als die meisten Offiziere � und dar�ber lie� er auch nie jemanden im unklaren.</p><p>Charles rieb sich das Kinn. �Ich hab� wohl etwas zu hart zugeschlagen ��</p><p>�Nun, Sir, mit Verlaub, Sie haben es hier mit Soldaten und nicht mit Niggersklaven zu tun.�</p><p>�Danke f�r die Erkl�rung�, sagte Charles eisig und ging.</p><p>Sp�ter, als er sich beruhigt hatte, wurde ihm die Bedeutung des Zwischenfalls klar. Sergeant Breedlove und zweifellos auch die Mehrheit der andern M�nner mi�trauten ihm, weil er ein S�dstaatler war. Vielleicht w�rde es ihm nie gelingen, ihr Vertrauen zu gewinnen? Der Gedanke entmutigte ihn zwar, aber er w�rde noch nicht aufgeben.</p><p>Jeden Morgen um f�nf vor sechs wurde die Reveille geblasen. Es machte Charles zur Abwechslung nichts aus, fr�h aufzustehen. Der Herbst in Texas war herrlich und k�hl; der Himmel in der Morgend�mmerung so klar und von einem solch reinen Blau, wie er es noch nirgends gesehen hatte. Er hatte auch das Gef�hl, noch nie etwas K�stlicheres als das Standard-Fr�hst�ck des Kochs gegessen zu haben � hei�e Br�tchen, Beefsteak, Apfel- und Birnenkompott und der altvertraute Armeekaffee.</p><p>Die Truppe verbrachte einen gro�en Teil ihrer Zeit mit Reit-, Fecht- und Schie��bungen wie auch mit der Pflege der Pferde. Kriegsminister Davis, der das zweite Regiment zu einer Eliteeinheit f�rdern wollte, hatte verf�gt, da� jede Kompanie einheitliche Pferde haben sollte. Die K-Kompanie war mit lauter Rotschimmeln ausgestattet, Van Doorns Kompanie mit den M�nnern aus Alabama mit Grauschimmeln � daher der Name �die mobilen Grauen�. Es dauerte nicht lange, bis den M�nnern der K-Kompanie auffiel, wie gut Charles im Sattel war, und sogar O�Dell lie� sich zu einem lakonischen Kompliment hinrei�en. Er tat dies in Anwesenheit der ganzen Truppe � ein kleiner, aber wichtiger Fortschritt, wie Charles dachte.</p><p>Ab und zu mu�te eine kleine Abteilung auf einen Hilferuf eines Siedlers einen Ausritt unternehmen, aber dabei stie� man nur selten auf pl�ndernde Indianer. Trotzdem wurden weiterhin Pferde von Siedlern entwendet. Und die von der Armee eingestellten Delaware-Sp�her stie�en immer wieder auf Spuren umherziehender Yamparikas � Komantschen aus dem Norden �, die st�ndig aus dem Indianerterritorium entwichen.</p><p>Der Hauptfeind des Camplebens war immer noch die Langeweile. Charles grub Erde um und legte sich einen Garten an, den er im n�chsten Fr�hling anpflanzen wollte. Dann kaufte er sich noch ein Paar d�rrer Hennen und baute ihnen einen kleinen Stall. Und schlie�lich setzte er sich widerwillig hin, um Orry endlich den l�ngst f�lligen Brief zu schreiben. Zu Beginn versuchte er es mit einer Schilderung der Landschaft von Texas, aber er wu�te, da� seine Wortwahl und seine literarischen F�higkeiten eigentlich nicht ausreichten. Er mu�te sich �ber die ersten Abs�tze so intensiv den Kopf zerbrechen, da� er rasch zum Schlu� �berging und Orry versprach, im n�chsten Brief eine Beschreibung von Camp Cooper und dem eigenartigen Kompaniekommandanten zu liefern.</p><p>Da er nicht wie ein M�nch leben wollte, schlief er ab und zu mit einem Indianerm�dchen. Er fand sie temperament- und liebevoll und blieb von der Syphilis verschont. Abgesehen davon, nahm er auch � wie es sich f�r ein Leben in der Armee wohl geziemte � am Lieblingssport der Offiziere teil: Diskussionen.</p><p>Sie diskutierten �ber alles m�gliche. Eines der beliebtesten Themen, �ber das man sich stundenlang ereifern konnte, war der vor zehn Jahren eingef�hrte Grimsley-Sattel. Albert Sydney Johnston hatte sich daf�r eingesetzt, aber die meisten Offiziere schlossen sich Van Doorns Meinung an, der immer wieder betonte, da� der Sattel schuld daran sei, da� so viele Pferde einen wundgescheuerten R�cken bekamen.</p><p>Auch das Thema Waffen wurde durchgenommen. Und nat�rlich das Essen, Trinken und die Frauen. Man unterhielt sich �ber die Motive der Indianer und den Charakter von Oberst Lee, �ber den Zweck und die Durchf�hrung der Kampagne von Oberst Johnston gegen die Mormonen und ihren sogenannten �State of Deseret�. Am hitzigsten wurden die Debatten jedoch, sobald es um politische Fragen ging, wie um den sklavereifreundlichen Verfassungsentwurf von Kansas, der in Lecompton angenommen worden war.</p><p>Dieser Verfassungsentwurf gab den B�rgern von Kansas die freie Wahl zwischen einer begrenzten Form der Sklaverei und deren uneingeschr�nkter Handhabung. Pr�sident Buchanan unterst�tzte dieses Vorgehen, w�hrend Senator Douglas es scharf verurteilte. Die meisten Nordstaatler von Camp Cooper waren mit seiner Meinung einverstanden. Charles hielt sich aus den Auseinandersetzungen heraus, aber seine Zur�ckhaltung erwies sich f�r ihn nicht als von Vorteil. Alle gingen davon aus, da� er die Sklaverei bef�rwortete.</p><p>Es verhielt sich des �fteren so, da� Hauptmann Bent am Schlu� der Debatten eine Erkl�rung abgab, die die vielleicht noch freundliche Atmosph�re endg�ltig vergiftete und die andern Offiziere dazu veranla�te, in ihre Teller oder ihre Kaffeetasse zu stieren. Ab und zu bemerkte Charles, da� Bent ihn mit mehr als routinem��igem Interesse beobachtete. Er fand keine Erkl�rung f�r dieses Verhalten, und es beunruhigte ihn.</p><p>Am 2. Dezember 1857 kehrte die Truppe bei k�hlem Regen von Man�vern aus dem n�rdlichen Teil des Tals zur�ck.</p><p>Charles hatte sich O�Dells Ratschlag zu Herzen genommen und die Dienstuniform im Falle von Felddienst gegen lockere Kleidung eingetauscht. Heute trug er einen tief ins Gesicht gezogenen Schlapphut, Hosen aus B�ffelleder und einen Wildledermantel. Um den Hals trug er eine Kette aus B�renklauen.</p><p>Bent ritt schlammaufwirbelnd neben ihn. Im allgemeinen verrieten die Blicke des Hauptmanns, da� er gar nicht mit Charles� Kleidung einverstanden war, diesmal jedoch setzte er ein L�cheln auf.</p><p>�Ein Feuerchen w�rde uns gut tun, nicht wahr, Charles?�</p><p>Es war nicht �blich, einander mit Vornamen anzureden, und diese Vertrautheit machte Charles nerv�s.</p><p>�Ja, Sir, sehr gut.�</p><p>�Wenn Sie Ihr Pferd abgerieben und frische Kleider angezogen haben, k�nnten Sie ja auf einen Punsch bei mir vorbeikommen? Ich w�rde Ihnen gerne meine Ausgabe von Jominis <emphasis>Summary of the Art of War</emphasis> zeigen. Sie sind doch mit den Konzepten des Barons vertraut, oder nicht?�</p><p>�Nat�rlich, Sir; wir haben sie an der Akademie durchgenommen.� Einige der Kritiker von Professor Mahan waren in der Tat der Auffassung, da� er innerhalb seines Kurses �ber Kriegswissenschaften viel zu viel Zeit f�r die Ideen jenes Schweizer Milit�rtheoretikers aufgewendet habe.</p><p>�Na, dann erwarte ich Sie. Wir werden ein herrliches Gespr�ch haben.�</p><p>Charles warf einen kurzen, pr�fenden Blick auf Bents nasses Gesicht. Etwas in den Augen des Hauptmanns mahnte ihn zur Vorsicht. Er wu�te, da� er h�flich bleiben mu�te, aber er weigerte sich, auf das Angebot einzugehen.</p><p>�Ich danke Ihnen f�r Ihr liebensw�rdiges Angebot, Sir, aber ich bef�rchte, bei mir ist eine Grippe im Anzug.� Es stimmte; nach der stundenlangen Reiterei in diesem schlechten Wetter f�hlte er sich fiebrig.</p><p>�Na, dann sp�ter. N�chste Woche � �</p><p>�Sir � � Er wu�te, da� er eigentlich nicht sagen sollte, was er sagen wollte, aber er weigerte sich, auf das Freundschaftsangebot des Hauptmanns einzugehen. �Wenn es Ihnen nicht zuviel ausmacht, m�chte ich mich entschuldigen. Ich halte nicht viel von Theorie.�</p><p>Der schmeichlerische Glanz in Bents Augen erlosch. �Sehr sch�n, Leutnant. Sie haben Ihre Meinung klar zum Ausdruck gebracht.�</p><p>Er gab seinem Pferd die Sporen und ritt an die Spitze der Kolonne. Ein Blitz erhellte f�r einen Augenblick den Horizont. Charles fr�stelte, als Lafayette O�Dell neben ihn ritt.</p><p>�Was wollte er?�</p><p>Charles erkl�rte es ihm.</p><p>�Haben Sie seine Einladung abgelehnt?�</p><p>�Rundweg. Er hat sich nicht besonders dar�ber gefreut.�</p><p>O�Dell lehnte sich �ber seinen Sattelknopf, an dem zwei teure Pistolenhalfter befestigt waren. Charles verf�gte �ber ein �hnliches Paar. In dem einen Halfter befand sich sein Colt, im andern ein Reservehufeisen, einige N�gel, eine kleine B�rste und ein Striegel.</p><p>�Sie sind klug, da� Sie sich nicht mit dem Hauptmann einlassen�, sagte O�Dell. �Ich nehme an, ich sollte Ihnen etwas �ber ihn sagen.�</p><p>�Was sollten Sie mir sagen?�</p><p>�Da� er gewisse Gel�ste hat. Starke Gel�ste.�</p><p>�Haben wir die nicht alle?�</p><p>�Nein, nicht von derselben Art � zumindest vermute ich das. Der Hauptmann gibt vor, die Indianer zu hassen, nicht aber die Squaws. Es hei�t, er schlafe mit jeder Frau, die sich ihm zur Verf�gung stellt. Wenn keine Frau in der N�he ist, gibt er sich auch mit einem Knaben zufrieden, oder auch mit einem gemeinen Soldaten, der zu dumm oder zu �ngstlich ist, um nein zu sagen. Es gibt einige davon im Lager, falls Sie es nicht bemerkt haben sollten.�</p><p>�Nein, hatte ich nicht�, sagte Charles und stie� einen Fluch aus.</p><p>�Der Hauptmann ha�t es, abgewiesen zu werden. Ich vermute, da� harte Zeiten auf Sie zukommen werden.�</p><p>Pl�tzlich warf O�Dell den Kopf zur�ck, und �ber sein Gesicht huschte blitzartig ein Ausdruck der Verbl�ffung. Keiner der beiden Leutnants hatte gemerkt, da� Bent sein Pferd an den Rand des schlammigen Wegs gelenkt hatte und sie von dort aus beobachtete; der Regen tropfte von seiner Schirmm�tze und durchn��te den knielangen Mantel. Sekunden sp�ter stand Bent in seinen Steigb�geln und rief: �Trab � vorw�rts!� Die Stra�e war in viel zu schlechtem Zustand daf�r, aber Charles verstand das Motiv f�r den Befehl. Weil er Bent abgewiesen hatte, sollten alle darunter leiden.</p><p>Als Charles einen Tag sp�ter auf der Stra�e von Camp Cooper nach dem Indianerreservat der Komantschen dahinritt, stie� er auf einen Ochsenkarren, der mit einem seiner riesigen R�der im Schlamm steckengeblieben war. Ein alter Indianer, dessen edle Z�ge unter dem fortschreitenden Alter und der schweren Arbeit gelitten hatten, versuchte vergebens, den Karren zu befreien. Ohne Z�gern stieg Charles von seinem Pferd.</p><p>�Hallo, kann ich helfen?� Da Charles nicht sicher war, wie gut der Indianer Englisch verstand � wenn �berhaupt �, unterstrich er seine Worte mit deutlichen Gesten.</p><p>�Geben Sie dem Ochsen ein paarmal die Peitsche, w�hrend ich sto�e.�</p><p>Gleich darauf war das Rad mit einem starken Ruck frei; ein halbes Dutzend Melonen purzelten dabei vom Karren. Gerade als Charles sich wieder zu seinem Pferd begeben wollte, h�rte er Reiter hinter sich herankommen. Er bemerkte den Hauptmann, Sergeant Breedlove und sechs Soldaten. Bent und die andern z�gelten ihre Pferde.</p><p>�Was zum Teufel tun Sie da, Leutnant?� wollte Bent wissen.</p><p>�Ich hab� dem Mann geholfen, den Karren aus dem Schlamm zu ziehen.� In seiner Stimme schwang Groll mit; die Situation war offensichtlich.</p><p>Sergeant Breedlove warf Charles einen beinahe sympathischen Blick zu. Bent sagte: �Erkennen Sie den Burschen nicht? Katumse ist der H�uptling der Indianer des Reservats! Wir leisten dem Feind keinerlei Hilfe.�</p><p>Mit diesen Worten ritt er weiter; die �brigen hinter ihm her. Charles erinnerte sich an O�Dells Prophezeiung. Bents Tadel sowie der Blick, den er Charles zugeworfen hatte, waren Vorboten �bler Zeiten.</p><p>Von jenem Zeitpunkt an hatte der Hauptmann an allem, was Charles tat, etwas auszusetzen. Er kritisierte ihn vor der ganzen Truppe und erteilte ihm zus�tzliche Pflichten. Charles konnte sein Temperament nur mit den gr��ten Schwierigkeiten unter Kontrolle halten; aber er ging davon aus, da� die Schikaniererei gelegentlich aufh�ren w�rde, wenn er sich den Befehlen nicht widersetzte und sich nichts anmerken lie�e.</p><p>Aber es ging weiter, ja, es wurde sogar noch schlimmer. Als er im Januar von einer Patrouille zur�ckkam, fand er den Hauptmann wartend im Stall vor. Bent stellte sich neben Palm, fuhr mit dem Zeigefinger unter das wollene, blaue Gurtband und zerrte.</p><p>�Der Sattelgurt ist viel zu eng.�</p><p>Charles war m�de, fror und hatte keine Lust, sich von Bent aufhalten zu lassen. �Er sitzt vollkommen richtig, Sir.�</p><p>Ein h�misches Grinsen. �Was? Ungehorsam? Das k�nnen wir nicht zulassen. Bevor Sie sich in Ihr Quartier begeben, werden Sie absatteln und dann wieder satteln, sagen wir � zehnmal.�</p><p>�Verdammt noch mal, Sir, was soll�?�</p><p>Charles bi� sich auf die Zunge. Er wu�te wohl, was der Zweck der �bung war, aber das konnte er seinem Vorgesetzten unm�glich sagen.</p><p>Der Hauptmann schien sich �ber seinen Ausbruch zu freuen. �Noch mehr Auflehnung? Tun Sie es f�nfzehnmal. Ich werde einen Mann zur Beobachtung schicken, der mir anschlie�end Bericht erstatten kann. Ich denke, Sergeant Breedlove k�nnte das machen.� Bent war bestens �ber die Beziehungen der M�nner innerhalb der Truppe informiert. Breedlove war bekannt daf�r, da� er nicht besonders viel vom Unterleutnant hielt.</p><p>Kurz darauf traf der Sergeant im kalten Stall ein, wo Charles eben zwei Laternen angez�ndet hatte. Zum erstenmal zeigte sich in seinen Augen eine Spur von Mitgef�hl.</p><p>�Tut mir wirklich leid, Leutnant.�</p><p>�Halten Sie den Mund, dann sind wir beide um so schneller fertig�, entgegnete Charles.</p><p>Breedlove bemerkte ein kleines Fa�, kehrte es um und setzte sich. Seine Miene hatte sich wieder verfinstert. Charles f�hrte seine Strafarbeit mit w�tenden Bewegungen aus. Als er �ber zwei Stunden sp�ter fertig war � gegen Ende waren seine Bewegungen vor Ersch�pfung langsamer geworden �, zitterten seine Arme und Schultern. Als er den Stall verlie�, strauchelte er und fiel hin.</p><p>Sergeant Breedlove bot ihm keinerlei Hilfe an.</p><p>�Die Butterfield-Kutsche ist schon seit vier Stunden f�llig�, sagte Bent und versuchte den heulenden Wind zu �bert�nen.</p><p>Im Kamin des Aufenthaltsraumes flackerte ein gem�tliches Feuer aus dem aromatischen Holz des Mesquitebaums. O�Dell stand vor dem Feuer und w�rmte sich die H�nde. Er hatte immer noch seinen Pelzmantel an, jenes zottige Kleidungsst�ck, das die Komantschen dazu bewogen hatte, die Kavalleristen B�ffelsoldaten zu nennen.</p><p>Der Oberleutnant konnte nicht auf den Mantel verzichten. Das Feuer gab praktisch keine W�rme ab, und es war eiskalt im Raum. Wie kalt mochte es wohl drau�en sein? Minus f�nfundzwanzig? Gegen Ende des Winters fiel die Temperatur bei diesen St�rmen manchmal sogar noch tiefer.</p><p>Bent war aufgestanden. Seine schmalen Augen, in denen sich das Licht mehrerer �llampen spiegelte, blickten nachdenklich, als er die an die Wand geheftete Landkarte betrachtete. Die j�ngst er�ffnete Postkutschenlinie stellte eine Verbindung zwischen dem Fort Smith mit El Paso und Kalifornien her. Ein Teil der Linie f�hrte an der Milit�rstra�e s�dwestlich von Camp Cooper vorbei. Dort irgendwo mu�te sich die Kutsche befinden.</p><p>�Ich nehme an, da� sie einfach einen Halt eingelegt haben, bis der Sturm vorbei ist�, sagte O�Dell.</p><p>�Das ist nat�rlich die naheliegendste Annahme. Aber wir d�rfen uns deshalb nicht in falscher Sicherheit wiegen. Es k�nnte sich ein Unfall ereignet haben! Die Reisenden sind vielleicht verletzt und brauchen Hilfe? Wir m�ssen einen Suchtrupp losschicken. Ich habe bereits mit dem Kommandanten gesprochen, und er ist einverstanden.�</p><p>�Sir, drau�en tobt ein Blizzard! �berall liegt zentimeterdickes Eis. Wir sollten zumindest bis morgen fr�h warten, bevor � �</p><p>Bent unterbrach: �Der Kommandant hat es ganz mir �berlassen, den richtigen Zeitpunkt festzusetzen. Der Suchtrupp geht in einer Stunde los.� Er vermied es, O�Dell in die Augen zu blicken, als er hinzuf�gte: �Zehn Mann. Mit Extrarationen und Whiskey. Leutnant Main f�hrt das Kommando.�</p><p>O�Dell war derart verbl�fft, da� er es nicht einmal fertigbrachte, einen Soldaten zu Charles zu schicken, um ihn aufzuwecken. Er ging selbst und brauchte volle zehn Minuten, um sich durch den Sturm bis zur Kaserne durchzuk�mpfen. Charles setzte sich fr�stelnd auf und auf seinem Gesicht spiegelte sich v�llige Verwirrung.</p><p>�Heute nacht? Um Gottes willen, ist er verr�ckt?�</p><p>�Das w�rde ich meinen. Aber die Umst�nde sind nat�rlich wieder mal sehr g�nstig f�r ihn. Die Kutsche ist l�ngst �berf�llig, und es besteht wirklich die M�glichkeit, da� die Reisenden Hilfe brauchen.�</p><p>�Wahrscheinlicher ist, da� sie festsitzen. Oder tot sind. Ich glaube, der Schweinehund will mich umbringen.�</p><p>�Blo� weil Sie ihn damals abgewiesen haben?� O�Dell war skeptisch.</p><p>�Ich wei�, da� es unsinnig erscheint, aber weshalb sonst wohl?�</p><p>Charles schleuderte die Decken und Bett�cher beiseite, unter denen er etwas W�rme gesucht hatte. �Es ist mir nicht klar, weshalb er mich unbedingt aus dem Weg schaffen will, aber ich werde ihm, verdammt noch mal, den Triumph nicht g�nnen. Und ich werde es auch nicht zulassen, da� er das Leben guter Soldaten aufs Spiel setzt. Ich werde mit dem ganzen Trupp zur�ckkehren, verlassen Sie sich darauf!�</p><p>Seine Stimme klang sicherer, als er sich f�hlte. Er zog s�mtliche Hemden und Kordhosen �bereinander an, die er besa�. Drau�en tobte und br�llte der Texas-Blizzard wie ein Irrer.</p><p>Um ein Uhr morgens verlie�en die elf berittenen Soldaten Camp Cooper. Der Eisregen hatte die Pfade tr�gerisch gemacht, und nach vier Stunden waren sie kaum mehr als zwei Meilen weit gekommen. Sergeant Breedlove bedachte Bent mit allen ihm bekannten Schimpfnamen, und als er sie durch hatte, erfand er neue.</p><p>Charles hatte sich einen langen Wollschal um die Ohren und die untere Gesichtsh�lfte gewickelt. Er h�tte genausogut Gaze verwenden k�nnen: Sein Gesicht f�hlte sich wie ein Holzklotz an. Er konnte kaum die Lippen bewegen, um Befehle zu erteilen.</p><p>Seine M�nner fluchten und beklagten sich, aber sie hielten durch. Sie folgten einer hinter dem andern hinter Charles, und es war ihnen klar, da� Charles, der an der Spitze ritt, dem Wind und dem tr�gerischen Terrain noch st�rker ausgesetzt war.</p><p>Bei Tagesanbruch wechselte der Wind pl�tzlich nach S�dwesten und lie� etwas nach. Die Wolkendecke ri� auf und lie� die Strahlen der aufgehenden Sonne durchschimmern. Als sie sich eine halbe Stunde sp�ter durch eine Landschaft k�mpften, die immer noch wie Glas aussah, kr�chzte Breedlove: �Schauen Sie mal, Sir, dort auf der Stra�e!�</p><p>Eine d�nne Rauchs�ule stieg in den sich kl�renden Himmel auf. �Ich mache jede Wette, da� es die Kutsche ist�, sagte Charles mit einer nicht minder heiseren Stimme. �Wahrscheinlich haben sie sie in St�cke geschlagen und angez�ndet, um sich zu w�rmen. Sieht so aus, als ob es etwa anderthalb Kilometer von hier w�re.�</p><p>Das traf denn auch zu. Sie ben�tigten mehr als drei Stunden, um zur Rauchs�ule zu gelangen. Die Kutsche lag auf der Seite; zwei R�der und die T�ren fehlten. �berreste davon waren noch im Feuer zu erkennen. Als der Trupp beinahe bei der Kutsche angelangt war, rutschte Breedloves Pferd aus und lahmte am linken Vorderlauf.</p><p>Die andern Soldaten k�mmerten sich um die �berlebenden des Unfalls � den Kutscher, die Wache und drei m�nnliche Passagiere, die reglos auf dem Boden lagen. Charles h�rte den Kutscher stockend erkl�ren, da� das Gef�hrt auf der glatten Eisfl�che umgekippt sei. Drei der Pferde lagen erfroren in der N�he, die andern drei waren in den Sturm hinausgaloppiert und wohl ebenfalls umgekommen.</p><p>Charles sah, wie Breedlove sein verletztes Pferd untersuchte. Z�gernd bot er dem Sergeanten seinen Revolver an.</p><p>�Erschie�en Sie ihn. Ich kann es tun, wenn Sie es nicht fertigbringen.�</p><p>�Und wie komme ich zum Camp zur�ck?�</p><p>�Genau wie die Passagiere. Sie werden bei jemandem hinten aufsitzen. Bei mir.�</p><p>�Leutnant, ich wei� � ich wei�, da� Sie genauso sehr an Palm h�ngen wie ich an Old Randy. Ein Pferd, das bei diesem Wetter f�r eine l�ngere Strecke die doppelte Last zu tragen hat, wird so gut wie tot sein � lange bevor wir Camp Cooper wieder erreichen. Wenn Sie mich aufsitzen lassen, dann werden Sie Palm ebenfalls erschie�en m�ssen. Ich reite mit einem der M�nner.�</p><p>�Verdammt noch mal, ich will keine langen Diskussionen. Ein Mann ist mehr wert als ein Pferd. Sie reiten mit mir.�</p><p>Sie stritten sich wie Kinder. Zwei der Soldaten halfen der halb erfrorenen Wache auf ein Pferd. Breedlove starrte den Revolver, dann sein verletztes Pferd an. Er sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Ich kann es nicht tun. Wenn Sie es mir abnehmen wollen, werde ich f�r immer in Ihrer Schuld stehen.�</p><p>�Drehen Sie sich um.�</p><p>Breedlove kam der Aufforderung sofort nach und blinzelte auf die sonnengl�nzende Eisfl�che. Charles hob die Waffe und hoffte, da� der Mechanismus nicht eingefroren war. Jegliche Verz�gerung w�re eine Folter f�r den Sergeanten. Entschlossen dr�ckte er ab. Das Echo verlor sich in der Ferne; Old Randy wieherte schrill auf. Fleischst�cke fielen rauchend auf das Eis.</p><p>Sergeant Breedlove stand mit gesenktem Kopf da und weinte still.</p><p>Eine halbe Meile vor dem Camp brach Palm zusammen, unf�hig, auch noch einen Schritt weiterzugehen. Charles blutete das Herz, als er zwei Sch�sse abfeuerte. Er und Breedlove gingen den Rest des Wegs zu Fu�; in ihren Stiefeln sammelte sich Blut. Der Arzt teilte Charles mit, da� ihm drei Zehen beinahe erfroren w�ren.</p><p>Er schlief achtzehn Stunden lang. Kurz nachdem er aufgewacht war, kam Breedlove auf einen kurzen Besuch vorbei und entschuldigte sich verlegen.</p><p>�Ich hatte Sie v�llig falsch eingesch�tzt, Leutnant, und es tut mir hundertprozentig leid. Sie haben verdammt viel Schneid an den Tag gelegt, als es darauf ankam. So was hab� ich noch bei keinem der S�dstaatler in diesem Regiment erlebt.�</p><p>�Und bei Oberst Lee oder Van Doorn?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Nun, glauben Sie mir, es ist bei ihnen in genau demselben Ma� vorhanden wie bei andern M�nnern. Wie bei Yankees, zum Beispiel�, f�gte Charles mit einem trockenen L�cheln hinzu. �Vielleicht haben Sie nie danach Ausschau gehalten, Sergeant?�</p><p>�Ja�, murmelte Breedlove mit puterrotem Gesicht. �Das k�nnte stimmen.�</p><p>An jenem Abend schrieb Charles Orry den schon lange versprochenen Brief. Die Wut, die sich in ihm aufgestaut hatte, schien in dem harten Kratzen der Feder auf dem Papier ein Ventil gefunden zu haben. Nach der Anrede kam er unmittelbar zum Thema.</p><p><emphasis>Ich habe Gl�ck, da� ich �berhaupt noch am Leben bin und Dir diesen Brief schreiben kann. Ich will Dir den Grund daf�r kurz erkl�ren. Du wirst dies alles recht eigenartig finden, aber glaube mir, ich l�ge nicht, wenn ich Dir sage, da� ich beinahe sicher bin, da� mein Kompaniekommandant mir Schaden zuf�gen m�chte. Er ist der unumst��lichen Meinung, ich bringe ihm nicht die n�tige Achtung entgegen und sei ungehorsam. Orry, irgendwie bin ich in die H�nde eines verdammten Irren geraten, und da er etwa in Deinem Alter und Akademieabsolvent ist, m�chte ich Dich fragen, ob Du ihn zuf�llig kennst.</emphasis></p><p>Charles hielt inne und tauchte seinen Federkiel erneut in die Tinte. Das flackernde Licht seiner Schreibtischlampe warf unruhige Schatten auf sein blasses Gesicht. In seinen Augen zeigten sich Verwirrung und Zorn, als er hinzuf�gte: <emphasis>Sein Name ist Elkanah Bent.</emphasis></p><p><strong>46</strong></p><p>Bents Plan war mi�lungen. Hoffnungslos. Charles Main hatte nicht nur die Rettungsaktion �berlebt, die ihn sein Leben h�tte kosten oder ihn zumindest zum Kr�ppel h�tte machen k�nnen, sondern war �berdies vom Hauptquartier des Department of Texas offiziell gelobt worden. F�r die �Durchf�hrung eines humanit�ren Auftrages unter lebensgef�hrlichen Bedingungen� hatte der Kommandant ein Ehrenbankett veranstaltet und einen Trinkspruch auf Mains Tapferkeit ausgegeben.</p><p>Inoffiziell hatte der Kommandant Bents Beurteilung der Lage und Mut in Frage gestellt.</p><p>�Als ich Ihnen die Verantwortung f�r den Notfall �bertrug, Hauptmann, habe ich mir nicht eine Sekunde lang vorgestellt, da� Sie M�nner losschicken w�rden, bevor der Sturm wenigstens etwas nachgelassen hatte. Zudem mu� ich festhalten, da� Sie den Suchtrupp nicht selbst anf�hrten, sondern zur�ckblieben und dies Leutnant Main �berlie�en, der sich somit einer gro�en Gefahr ausgesetzt hat. Aus einem einzigen Grund will ich keine Staatsaff�re aus diesen Vergehen machen: Dank Main hat sich alles zum Guten gewendet, und es sind keine Verluste von Menschenleben zu verzeichnen. Diesmal stand der Himmel auf Ihrer Seite!�</p><p>Die Kritik traf ihn hart, und Bent h�rte unverz�glich damit auf, Orry Mains Vetter zu qu�len; ja, er gab sich sogar M�he, ihn � wenn m�glich im Beisein von anderen � zu loben. Aber es fiel ihm immer schwer. Eine unmittelbare Folge des Ritts im Sturm war, da� Sergeant Breedlove nun unersch�tterlich zu Charles hielt. Da O�Dell Charles ebenfalls unterst�tzte, stand Bent nun v�llig isoliert da. Nat�rlich machte Bent Charles daf�r verantwortlich. Er sah in ihm nicht mehr blo� einen Vertreter der Mains: Er ha�te ihn nun ganz pers�nlich.</p><p>Aber etwas hatte Bent bei der ganzen Angelegenheit gelernt: Er w�rde den Unterleutnant niemals mehr einer Gefahr aussetzen, ohne selber dabeizusein. Er w�rde mitgehen und irgendeinen Weg finden, Charles pers�nlich zu erledigen, vielleicht w�hrend eines Gefechts. Diese Methode hatte er bereits fr�her mit Erfolg angewandt.</p><p>Doch in den folgenden Wochen sollte sich ihm keine Gelegenheit bieten. An der Grenze zu Texas blieb alles ruhig. Bent mu�te sich bald mit einer neuen Sorge herumschlagen. Es fing damit an, da� er eine leichte, aber doch deutliche �nderung in Charles� Verhalten bemerkte. Charles verhielt sich seinem Kompaniekommandanten gegen�ber zwar weiterhin h�flich, aber er hatte es aufgegeben, auch nur den geringsten Anschein von Herzlichkeit zu erwecken.</p><p>Hatte Charles herausgefunden, da� Bent sein Feind war? Hatte er Bents Namen in einem Brief an Orry Main erw�hnt? Und hatte vielleicht Orry seinem Vetter bereits geraten, auf der Hut zu sein? Es dauerte zwar meistens recht lange, bis die Postsendungen die einzelnen Forts in Texas erreichten, denn der Zustelldienst wurde oft wochen- und sogar monatelang durch schlechtes Wetter im Golf von Mexiko, durch die Aktivit�ten feindlich gesinnter Indianer oder schlicht und einfach durch unsachgem��es Behandeln der Posts�cke hinausgez�gert.</p><p>Die Tage zogen sich dahin. Bent wartete auf eine Gelegenheit, die sich ihm jedoch nicht bieten wollte, und wurde zusehends frustrierter. Ab und zu h�rte man etwas von Indianer�berf�llen, aber das Zweite Regiment gab nicht einen Schu� ab, weil man der Pl�nderer nie habhaft werden konnte. H�uptling Katumse wiederholte immer wieder, seine Leute seien so schm�hlich behandelt worden, da� nur ein gnadenloser Krieg die einzig m�gliche Antwort sein k�nne. Aber es blieb vorderhand bei den Drohungen.</p><p>Im Osten dauerten die Wortgefechte �ber die Sklaverei an. Senator Douglas wetterte �ber die Lecompton-Verfassung, welche die Souver�nit�t der Siedler verletze. Senator Hammond aus South Carolina entgegnete, Douglas� Meinung sei bedeutungslos, die S�dstaaten k�nnten auf eine Zustimmung oder eine Allianz mit dem Norden verzichten. �Die Baumwolle ist unser K�nig!� erkl�rte Hammond.</p><p>In Illinois bereitete sich ein Rechtsanwalt und fr�herer Kongre�abgeordneter namens Abraham Lincoln darauf vor, Douglas den Senatssitz streitig zu machen. Anl��lich einer Ansprache, die er in Springfield vor den versammelten Republikanern hielt, griff Lincoln die Sklaverei, nicht aber die Sklavenbesitzer an und warnte mit einem Zitat aus Matth�us 12: �� kein Haus, das in sich selbst entzweit ist, kann Bestand haben.�</p><p>Bent hatte eine Zeitung, die bereits einen Monat alt war, vor sich und las das Zitat immer wieder. Er fa�te es nicht als Warnung, sondern als Tatbestand auf. Erst die Sezession und dann der Krieg. Immer wieder schlo� er die Augen und stellte sich als siegreichen General auf einem leichen�bers�ten Schlachtfeld vor. Die Leichen waren eigentlich nur Requisiten, denn er war der von allen bewunderte Protagonist.</p><p>Vom ersten Mai bis Mitte Juni traf in Camp Cooper keine allgemeine Postsendung ein, sondern nur offizielle, von Kurieren �berbrachte Meldungen. Schlie�lich wurden mit einigen Proviantwagen doch noch zwei dicke Posts�cke abgegeben. Der eine Postsack war versehentlich erst nach Fort Leavenworth geschickt worden und nun, da er in Texas eintraf, bereits einige Monate alt. In beiden Sendungen befand sich ein Brief von Orry. Charles ri� die beiden Briefe ungeduldig auf und mu�te dann entt�uscht feststellen, da� der erste Brief im Januar und der zweite Anfang M�rz geschrieben worden war, zwei Wochen bevor Bent die Rettungstruppe in den Sturm hinausgeschickt hatte. Seine Frage in bezug auf den Kommandanten der K-Kompanie blieb folglich noch unbeantwortet.</p><p>Im August, mitten in einer neuen D�rreperiode, kam f�r Bent endlich eine Chance, gegen Charles vorzugehen. Ein Farmer kam voller Angst auf einem Maulesel ins Lager geritten. Der Kommandant lie� Bent zu sich holen und sagte zu ihm:</p><p>�Es handelt sich um die Lantzman-Farm, zwei Meilen hinter Phantom Hill.�</p><p>Phantom Hill war ein verlassenes Fort, dessen ru�ige Schornsteine von weitem sichtbar waren. �Ich lebe in der N�he der Lantzman-Farm�, erkl�rte der grauhaarige Farmer. �Sie haben Penateka-Komantschen in der Nachbarschaft gesehen und sich eingeschlossen und mich losgeschickt, um Hilfe zu holen.�</p><p>�Penatekas, sagen Sie?� Bent runzelte die Stirn. �Indianer aus dem Reservat?�</p><p>�Wahrscheinlich geh�ren sie zu Sanacos Kriegern�, sagte der Kommandant. Sanaco war ebenfalls ein H�uptling, ein Widersacher von Katumse. Er hatte sich geweigert, mit seinem Stamm in das Reservat zu ziehen.</p><p>�Haben die Indianer jemanden verletzt?� fragte Bent.</p><p>Der Farmer sch�ttelte den Kopf. �Lantzman vermutet, da� sie sich eine Weile � ein oder zwei Tage � vergn�gen wollen, bevor sie seine Pferde stehlen.�</p><p>�Ich kann nicht begreifen, weshalb nicht die ganze Familie hierhergekommen ist.�</p><p>�Der �lteste Sohn der Lantzmans ist ein Kr�ppel und kann nicht gut reiten. Und der alte Lantzman ist ein Dicksch�del. Er glaubt, da� er mit seinen Jungen ein halbes Dutzend Feinde abhalten kann, bis Hilfe kommt. Wenn er fliehen w�rde, w�rden die Indianer das Haus wahrscheinlich aus lauter Gemeinheit abbrennen.�</p><p>Der Kommandant �berlie� Bent die Angelegenheit. Nach dem Fiasko mit der Postkutsche gab sich Bent M�he, sowohl kompetent als auch vorsichtig zu sein. Er t�uschte zehn Sekunden lang vor, ernsthaft nachzudenken, und sagte dann:</p><p>�Ein halbes Dutzend. Sind Sie sicher, da� Lantzman nicht mehr gesehen hat?�</p><p>�Ich bin sicher, Hauptmann.�</p><p>Bent hatte keinerlei Grund, die Aussage zu bezweifeln. Die Komantschen tauchten selten in gr��eren Gruppen auf. Wieder dachte er nach und sagte dann: �Ich werde zwanzig Mann mitnehmen, einschlie�lich beider Leutnants und des Aufsp�rers, Doss.�</p><p>Der Kommandant blickte skeptisch. �Sind Sie sicher, da� Sie nicht die ganze Kompanie mitnehmen wollen?�</p><p>F�r einen Augenblick sp�rte Bent einen Klo� von Panik im Hals. Wieder einmal wurde seine Beurteilung der Lage in Zweifel gezogen. Er ergriff die Flucht nach vorn.</p><p>�Vierundzwanzig gegen sechs sollte eigentlich ein sicheres Verh�ltnis sein, Sir. Besonders wenn es sich um M�nner wie die meinigen handelt.�</p><p>Der leichte Stolz, mit dem das gesagt wurde, gefiel dem Vorgesetzten. Bent ging rasch weg. Er war zwar nicht sonderlich auf einen Kampf erpicht, aber die Tatsache, da� er eine Truppe, wenn auch eine kleine, gegen Komantschen anf�hrte, w�rde sich in seiner Akte gut ausnehmen. Vielleicht konnte er damit das Postkutschenfiasko wettmachen.</p><p>Er sandte seine Ordonnanz auf die Suche nach O�Dell und Main. Er schilderte ihnen die Lage auf der Lantzman-Farm und erteilte ihnen Befehl, in einer Stunde zwanzig Mann mit Proviant f�r zwei Tage bereitzuhalten. Ein Proviantwagen w�rde ihnen nachfolgen.</p><p>Die beiden Leutnants salutierten und eilten zur T�r. Gerade als Charles hinausging, warf er Bent einen fl�chtigen Blick zu. Wie ha�te Bent seine stolze Art, sein Verh�ltnis zu seinen M�nnern � alles, was ihn betraf. Doch mit ein bi�chen Gl�ck w�rde Main demn�chst ins Gras bei�en. Bent �ffnete die Truhe in seiner Kammer und entnahm ihr seinen brandneuen Wheelock-Armeerevolver. Er hielt den achteckigen Lauf behutsam in der Hand und streichelte ihn, als er an das Gesicht seines Unterleutnants dachte. Wenn die Komantschen unterdessen nicht von der Lantzman-Farm verschwunden sein sollten, w�rde sich bestimmt die Gelegenheit zu einem gut gezielten, aber scheinbar verirrten Schu� ergeben.</p><p>Bent zitterte vor Vorfreude.</p><p>Die Zweierkolonne raste in s�dwestlicher Richtung auf der Stra�e dahin. Die Landschaft war ausgetrocknet. Seit drei Wochen war nicht ein Tropfen Regen gefallen. Charles beschlich bei dem Gedanken an die Expedition ein ungutes Gef�hl. Das Wetter trug noch dazu bei. Wie auch die Abwesenheit von Sergeant Breedlove, der vor einer Woche auf Urlaub gegangen war. Charles war noch nicht mit seinem neuen Rotschimmel vertraut, und das Pferd scheute etwas. Aber der Hauptgrund f�r sein Mi�behagen ritt an der Spitze der Kolonne.</p><p>Hauptmann Bent war das einzige Mitglied der Abteilung, das die vorschriftsm��ige Uniform trug. Alle andern hatten sich dem Klima und der Landschaft gem�� gekleidet. Charles trug sein leichtestes blaues Flanellhemd sowie wei�e � im Augenblick noch saubere � Hosen. An seinem G�rtel hingen Colt und Jagdmesser, am Sattel seine zwei Jahre alte Harpers-Ferry-Muskete. Mit einem Schlapphut sch�tzte er sich vor der Sonne.</p><p>Charles zweifelte an Bents F�higkeiten, diese Expedition zu f�hren. Die Armee hatte noch keine gro�e Erfahrung im Kampf mit Indianern. Professor Mahan hatte im Lauf seines ganzen Kurses nur eine Stunde auf dieses Thema verwendet. Aber es war nicht blo� Bents Unerfahrenheit, die bei Charles Mi�trauen ausl�ste, sondern seine B�sartigkeit und Verlogenheit, sein ma�loser Geltungstrieb. Aus Gr�nden, die nur der Himmel kennen mochte, war er offensichtlich Bents Zielscheibe.</p><p>Die Landschaft, durch die sie ritten, war monoton; flache, ausged�rrte H�gel, Schluchten, ausgetrocknete Flu�betten. Die Sonne hing wie eine dunstige Scheibe am Himmel.</p><p>Doss stie� mehrmals auf Spuren von Indianern. Kleine Gruppen, wie er sagte. Die Spuren waren ein oder zwei Tage alt. Charles f�hlte sich unwohl bei dem Gedanken, da� sich die Leere der Landschaft als Illusion erweisen k�nnte.</p><p>Nachdem sie am sp�ten Nachmittag einen Halt eingelegt hatten, um die Pferde auszuruhen, ritten sie weiter. Bent hoffte, bis Sonnenuntergang in die N�he der Lantzman-Farm zu gelangen. Charles schwitzte und hatte genug vom Reiten, aber er wu�te, da� Geschwindigkeit eine Notwendigkeit war. Die meisten M�nner wu�ten es, denn es handelte sich hier nicht um Drill, sondern um einen Hilfeauftrag. Es gab kaum jemanden, der gemeckert h�tte.</p><p>Eine Weile ritt O�Dell neben Charles her. Irgendwann sagte er pl�tzlich: �Verdammt langweilig, nicht wahr? Wenn ich mein Buch mitgenommen h�tte, k�nnte ich eine Weile lesen.�</p><p>�Jenes Werk von Mr. Helper?�</p><p>Der Oberleutnant versuchte auf gutm�tige Art, ihn zu provozieren. Charles hatte von dem Buch geh�rt: <emphasis>The Impending Crisis of the South � How to Meet It</emphasis> (Die bevorstehende Krise des S�dens � wie ihr zu begegnen ist), aber er hatte es noch nicht gelesen. Er wu�te, da� Hinton Helper in seinem Buch eine Jeremiade auf die Sklaverei losgelassen hatte, die seiner Meinung nach den S�den ruiniert hatte. Bemerkenswert am ganzen war, da� der Verfasser in North Carolina sa�.</p><p>�Ich schw�re dir, Charles, der Mann ha�t die Schwarzen ebenso sehr wie die Sklaverei. Allerdings wirft er in seinem Buch einige interessante Fragen auf. Wie zum Beispiel, warum ihr S�dstaatler euch weigert, eure Sklaven aufzugeben.�</p><p>�Die Antwort ist heutzutage einfach: In England und Frankreich erleben die Spinnereien einen rasanten Aufschwung. Das bedeutet, da� die Baumwollpflanzer ihre Ernten nach Europa verkaufen und �ber Nacht reich werden k�nnen. Niemand t�tet die Gans, die goldene Eier legt.�</p><p>�Glaubst du, das ist der Grund? Ich frage mich?�</p><p>�Was sonst k�nnte es sein?�</p><p>�Nun, die Nigger k�nnen mit der Sklaverei einfach und elegant unter Kontrolle gehalten werden. Ich mache jede Wette, da� ihr S�dstaatler im Grunde eine H�llenangst vor den Niggern habt. Sie sind dunkel und anders. Die Menschen m�gen etwas, das zu andersartig ist, nicht. Ich zum Beispiel auch nicht. Ich bin ziemlich sicher, da� ihr nicht nur des Geldes wegen am System h�ngt, sondern vor allem wegen der Tatsache, da� es Schwarze und Wei�e gibt.�</p><p>�Und wenn es nach dir ginge, w�rdest du dann alle Sklaven befreien?�</p><p>�Ja, in der Tat.�</p><p>�Was w�rdest du mit ihnen tun?�</p><p>�Nun, das, was die meisten Republikaner vorschlagen.�</p><p>�Schwarze Republikaner nennt man sie im S�den.�</p><p>�Wie auch immer. Ich w�rde die Nigger wieder exportieren. Sie wieder nach Liberia oder Zentralamerika schicken. Wei� der Himmel, sie sollten wirklich frei sein, aber wir wollen sie nicht hier haben.�</p><p>Charles warf den Kopf in den Nacken und lachte. �Du hast recht, Lafayette. Schwarz und wei�, das ist es. Auch bei dir.�</p><p>Leutnant O�Dell freute sich nicht gerade �ber dieses Kompliment und brummte. Charles hatte sich mittlerweile an die unbewu�te Heuchelei der Yankees gew�hnt, die sich jedesmal in Wut verwandelte, wenn man sie ans Tageslicht zerrte.</p><p>O�Dell hatte jedoch einen wunden Punkt getroffen. Sowohl im S�den wie auch in andern Landesteilen wu�te niemand so genau, wie die Sklaverei abzuschaffen w�re, ohne eine wirtschaftliche und soziale Krise heraufzubeschw�ren. Dem Kommentar von O�Dell nach zu schlie�en, schienen sich eine Menge Leute auf beiden Seiten mit diesem Problem herum �</p><p><emphasis>�Kolonne � Halt!�</emphasis></p><p>Charles erblickte jenseits des Mesquitew�ldchens zerbr�ckelnde Schornsteine aus ungebrannten Ziegeln, die in die Abendd�mmerung hineinragten. Er und O�Dell trabten weiter. Bent befahl den Sp�her aus Delaware mit dem runden Gesicht zu sich. Kurz darauf galoppierten O�Dell und der Sp�her zu den Ruinen von Phantom Hill und �ber einen dahinterliegenden H�gel.</p><p>Die M�nner stiegen von ihren Pferden, kramten ihre Feldflaschen hervor und unterhielten sich ruhig. Charles hatte Bent nichts zu sagen, der abrupt etwa f�nfzig Meter weiterritt und sich dann aus dem Sattel hievte. Charles trank einige Schlucke brackiges Wasser aus seiner Feldflasche und beobachtete den Hauptmann. Der einsame Kommandant, dachte er. Doch die Ironie vermochte die nagende Angst, die er vor Bent empfand, nicht zu bannen. Was sie noch bedrohlicher machte, war die Tatsache, da� er sich den Grund daf�r immer noch nicht erkl�ren konnte. Alles, was ihm zu diesem Thema in den Sinn kam, schien entweder zu banal oder zu unwahrscheinlich.</p><p>�Dort kommen sie!�</p><p>Auf diesen Ausruf eines Korporals hin wandte Charles sich dem H�gel zu. Doss und Lafayette O�Dell kamen langsam den H�gel hinunter; sie f�hrten ihre Pferde am Z�gel, um keinen Staub aufzuwirbeln. Sie gingen geradewegs zu Bent. Ihrem Gesichtsausdruck nach zu schlie�en war Charles klar, da� ihr Bericht nicht besonders ermutigend sein konnte. Charles und die Soldaten pirschten sich langsam auf H�rweite heran. Alle konnten h�ren, wie Doss sagte:</p><p>�Eine ganze Menge von Panateka. Anh�nger von Sanaco. Auch einige von H�uptling Buffalo Hump. Ziemlich schlecht.�</p><p>Schwei� glitzerte auf Bents Wangen. �Wie viele sind es?�</p><p>O�Dell sagte: �Ich habe etwa vierzig gez�hlt.�</p><p>�Vierzig!� Der Hauptmann h�tte beinahe das Gleichgewicht verloren. �Beschreiben Sie � � Er schluckte. �Beschreiben Sie die Lage!�</p><p>O�Dell zog sein Messer aus der Scheide, kauerte sich nieder und zeichnete ein gro�es U in den Staub. �Das ist die Flu�biegung. Die Feinde sitzen hier.� Mit der Messerspitze deutete er auf das Gebiet au�erhalb des U-Bogens. In das U hinein zeichnete er ein Rechteck mit einem daran angrenzenden Quadrat. Er deutete auf das Rechteck. �Das ist das Haus der Lantzmans.� Dann zeigte er auf das Quadrat. �Ihre Pferdekoppel.�</p><p>Er zeichnete zwei kleine Kreise in der N�he der Koppel in den Sand. �Hier liegt je ein Junge mit einem Gewehr hinter einem Heuballen. Vermutlich die S�hne des Farmers. Sie besch�tzen etwa ein Dutzend Pferde.�</p><p>�Was ist hinter dem Haus?� wollte Charles wissen.</p><p>O�Dell kratzte drei parallele Linien am offenen Ende des U hin. �Eine Ebene. Getreide, das von der Sonne so ausged�rrt ist, da� man die Ernte f�r dieses Jahr vergessen kann. Das Getreide ist niedrig und sehr d�nn. Zwei Gewehre reichen aus, um jeden abzuknallen, der sich durch dieses Feld heranschleichen will.�</p><p>Bent atmete ger�uschvoll. �Was tun die Indianer gerade?�</p><p>Langsam erhob sich O�Dell; die untergehende Sonne lie� kleine Feuerpunkte in seinen Augen aufleuchten. �Abendessen. Trinken. Sie lassen ihre Opfer noch eine Weile schmoren.�</p><p>�Vierzig�, sagte der Hauptmann erneut. Er sch�ttelte den Kopf. �Das sind zu viele. Wir sollten umkehren.�</p><p>�Umkehren?� explodierte Charles. O�Dell tat seine Verachtung kund, indem er sich r�usperte und genau zwischen seine staubigen Stiefel spuckte.</p><p>Hastig hob Bent die Hand. �Nur bis wir eine Verst�rkung bekommen.�</p><p>Stirnrunzeln und Murmeln unter den Soldaten machte den Hauptmann darauf aufmerksam, da� er etwas Falsches gesagt hatte. Die raschen Blicke, die die M�nner untereinander austauschten, verrieten ihm, was sie von ihm dachten:</p><p><emphasis>Feigling.</emphasis></p><p>Er schob die Schuld daf�r den andern Offizieren zu: Sie hatten mit ihrem Verhalten diese Reaktion provoziert. Main hatte sie dazu ermutigt, dieser verdammte Schuft. Und er lie� nicht locker:</p><p>�Wenn wir Verst�rkung anforderten, so w�rde das einen weiteren Tag in Anspruch nehmen. Bis dahin hat man die Lantzmans vielleicht skalpiert und ihre Farm ausger�uchert.�</p><p>Bent schob den Unterkiefer vor: �Und was w�rden Sie vorschlagen, Leutnant?�</p><p>�Da� wir die Familie befreien.�</p><p>�Das hei�t, da� wir uns dorthinbegeben m�ssen.�</p><p>�Genau. Doss, gibt es eine M�glichkeit?�</p><p>Die leichte Brise spielte mit den Fransen am Fellhemd des Burschen aus Delaware. Er deutete mit dem Finger und sagte: �Zwei Meilen, vielleicht knappe drei. �ber die H�gel, dann ein Umweg, und wir k�nnen durch das Getreidefeld an das Haus herankommen. Wird zwar �ne ganze Zeit dauern, aber bis dahin sind die Komantschen betrunken und schlafen. Einige werden zwar das Feld beobachten, aber vielleicht schlafen sie auch.�</p><p>Charles wischte sich die feuchten H�nde an seinen schmutzigen wei�en Hosen ab. Der Wind trug Gesang und schwache Trommelschl�ge vom Flu� her�ber.</p><p>Dr�nge den Hauptmann nicht zu sehr, sagte er zu sich selbst. Sonst w�rde Bent scheuen, den R�ckzug befehlen und den Farmer und seine Familie den Komantschen ausliefern.</p><p>Mit ruhiger Stimme sagte Charles: �Ich stelle mich freiwillig zur Verf�gung, um einige M�nner zur Farm zu f�hren, Hauptmann. Wir sollten heute abend losziehen, falls die Komantschen bei Tagesanbruch angreifen.�</p><p>Bent gab sich gro�e M�he, um ebenso ruhig wie sein Untergebener zu bleiben. �Sie haben nat�rlich recht. Was ich sagte, war nicht als letztes Wort gemeint. Ich habe mir die verschiedenen M�glichkeiten blo� laut �berlegt.�</p><p>Aus den Augenwinkeln heraus beobachtete er die andern. Sie schienen nicht �berzeugt zu sein. Aber was konnten sie schon tun? Innerlich meckern, beschlo� er schlie�lich. �Wir werden zwei Mann losschicken, um Verst�rkung zu holen. Der Rest wird bei Anbruch der Dunkelheit losziehen.�</p><p>�Alle?� erkundigte sich Charles.</p><p>Einen Augenblick lang verriet Bents Blick seinen rasenden Zorn. <emphasis>Ich schw�re, da� er noch vor Tagesanbruch tot sein wird.</emphasis></p><p>�Alle.� gab er zur�ck.</p><p>�Sch�n�, sagte O�Dell und schob endlich sein Messer in die Scheide zur�ck. Von den H�geln, die rot in der Abendsonne schimmerten, war das Geschrei der Indianer zu vernehmen.</p><p><strong>47</strong></p><p>Das verk�mmerte Getreide raschelte, als die Reiter hindurchgingen. Es bot �berhaupt keine Deckung. Die h�chsten Halme reichten gerade bis zur H�fte von Charles� Schimmel. Er hatte vorgeschlagen, die Soldaten absteigen zu lassen, um das bi�chen Schutz, den das Feld bot, auszun�tzen. Aber Bent hatte Einspruch erhoben.</p><p>�Mu� ich Sie daran erinnern, da� die neue Kavallerie zu Pferde k�mpfen soll, Leutnant?�</p><p>Charles fand Bents Konsequenz in dieser Situation v�llig fehl am Platz, aber er hielt den Mund. Es mu�te ungef�hr vier Uhr oder etwas sp�ter sein. Der Mond war untergegangen, noch funkelten die Sterne am Himmel, aber am Horizont verschwanden sie bereits im Dunst. Die durch das Kornfeld trottenden Reiter sahen gespenstisch aus. Sie bildeten einen Halbkreis, der sich langsam vorw�rtsbewegte; zwischen den einzelnen Reitern war ein Abstand von etwa einem Meter. Bent hielt sich im Zentrum, seine Ordonnanz unmittelbar hinter ihm. Charles ritt ungef�hr in der Mitte der rechten Flanke. O�Dell in derselben Position links.</p><p>Bent hatte w�hrend des langen Umwegs nur ganz wenig Wasser getrunken, aber seine Blase war so voll, da� sie ihn schmerzte. Wahrscheinlich die Angst. Die Angst vor dem Feind; die Angst vor dem Sterben. Angst auch, da� seiner Akte ein weiterer Bericht wegen Fehlbeurteilung der Lage hinzugef�gt werden k�nnte. Er war davon �berzeugt, da� jeder einzelne Mann der Abteilung ihm einen Mi�erfolg w�nschte, allen voran Main.</p><p>Vorsichtig, um nicht die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, blickte Bent nach rechts. Im dunstigen Zwielicht merkte er sich die Position des Unterleutnants. Ein K�uzchen schrie. Bent umfa�te seinen Revolver noch fester und hoffte, da� seine Kugel im richtigen Augenblick ihr Ziel nicht verfehlen w�rde.</p><p>Charles sp�hte in das Zwielicht hinaus. Wie weit war es noch bis zur Farm? Etwa vierhundert Meter. Es war alles dunkel, aber sicher standen Lantzman und seine Familie Wache.</p><p>W�rden sie, sobald sie Reiter im Getreidefeld entdeckten, wild drauflos schie�en? Bent sollte eigentlich an diese M�glichkeit denken und seiner Ordonnanz den Befehl erteilen, das Signalhorn zu blasen, damit man wu�te, da� es sich um Soldaten handelte. War er �berhaupt zu einer solchen �berlegung f�hig?</p><p>Furcht qu�lte Charles. Er schob seinen Colt in die Sattelhalfter. Den Karabiner in der linken Armbeuge haltend, versuchte er mit der rechten, einen Moskito zu zerquetschen. Zweimal schlug er sich aufs Ohr; das Summen lie� nach, kehrte aber nach einer Weile wieder. Fluchend langte er wieder nach seinem Revolver.</p><p>Am �u�eren Ende der Farm wieherte ein Pferd. Aus dem Lager der Komantschen war kein Laut zu vernehmen. Falls sie einen Angriff beim Morgengrauen planten, so hatten sie noch nicht mit den Vorbereitungen angefangen.</p><p>Pl�tzlich tauchte eine Schattengestalt etwa zehn Meter vor dem Haus im Getreidefeld auf. Charles sah undeutlich langes Haar und ein Gewehr mit langem Lauf in Schie�stellung. Einer der Soldaten stie� einen Warnruf aus. Das Gewehr des Indianers spuckte Feuer.</p><p>Ein Soldat, der zwischen Charles und der Mitte geritten war, kippte aus dem Sattel. Pl�tzlich tauchten weitere Wachen der Komantschen auf, etwa f�nf oder sechs, und feuerten. Charles st�tzte seinen Karabiner gegen die H�fte und scho�, aber die Kugel flog hoch �ber das Ziel hinaus. Er steckte den Karabiner in die Halfter zur�ck, legte den Colt �ber den linken Ellenbogen und lenkte sein Pferd mit den Knien.</p><p>Er zielte auf den n�chstbesten Komantschen. Die Pferde scheuten, die Soldaten fingen an zu schreien. Er dr�ckte ab, der Komantsche verschwand aus dem Blickfeld.</p><p>Auf der Farm schlug ein Mann Alarm. Von der andern Seite des Flusses waren weitere Schreie zu vernehmen, vermischt mit Gewehr-Sch�ssen. Ein Schu� aus einem Mauerschlitz des Hauses f�llte einen Soldaten. Weshalb um Himmels willen gab der Hauptmann sie nicht als Soldaten zu erkennen, bevor die Lantzmans sie alle abknallten?</p><p>Bent versuchte es. Zum drittenmal rief er: �Ordonnanz � blasen! Trott, marsch!�</p><p>Die Ordonnanz schwankte im Sattel hin und her, als ob sie zuviel getrunken h�tte. Wutentbrannt zog Bent den S�bel und brachte das sich aufb�umende Pferd unter Kontrolle. Er streckte die Hand nach dem Hemd des Signalbl�sers aus; es f�hlte sich klebrig an. Ohne zu �berlegen, gab er dem Mann einen Sto�; er fiel mit einer merkw�rdigen Kopfbewegung vom Pferd, und Bent erkannte im schwachen Lichtschein, da� das rechte Auge des Mannes von einer Musketenkugel durchbohrt worden war.</p><p>Zwischen den Soldaten und der Farm befanden sich noch zwei oder drei Indianer. Die Kugeln sausten rechts und links an Bent vorbei, als er vom Pferd sprang. Verwirrt und ver�ngstigt konnte er nur eines denken, n�mlich da� es unbedingt n�tig war, ein Hornsignal abzugeben.</p><p>�Aufschlie�en. Aufschlie�en und vorw�rts!�</p><p>Wessen Stimme war das, fragte er sich, als er auf den Bl�ser zustolperte und das Horn packte. Main! Hinterher w�rde man sagen, da� Main die Initiative ergriffen habe. Verdammt sollte er sein! <emphasis>Verdammt!</emphasis></p><p>Mit dem blutigen Horn in der Hand schwang er sich wieder in den Sattel und sah Charles von rechts nach links an sich vorbeisausen. Bent schmi� das Horn beiseite, packte seinen Revolver und warf einen raschen pr�fenden Blick auf seine Umgebung.</p><p>Niemand befand sich in der N�he, niemand beobachtete ihn. Die M�nner hatten die Formation aufgel�st, und jeder einzelne Soldat verteidigte sich selbst, so gut es eben ging. Bent zielte auf Charles, die Lippen zusammengepre�t, den Finger am Abzug gespannt.</p><p>Die Kugel eines Indianers streifte sein Pferd an der Flanke. Der Schimmel wieherte und ging hoch, eben als Bent abdr�ckte. Im allgemeinen Durcheinander war der Schu� kaum zu h�ren. Charles ritt unverletzt weiter.</p><p>Wutentbrannt wollte Bent einen zweiten Schu� abgeben � er hatte jegliche Vorsicht vergessen. Ein Rascheln im Kornfeld erregte jedoch seine Aufmerksamkeit. Sein Kopf flog herum. Keine drei Meter hinter ihm stand ein Reiter.</p><p>�O�Dell! Ich hab� Sie nicht bemerkt � � Entsetzt f�hlte Bent, wie seine Blase nachgab.</p><p>�Was zum Teufel tun Sie, Sir? Weshalb haben Sie auf einen Ihrer eigenen M�nner geschossen?�</p><p>Die in ruhigem Tonfall vorgebrachte Anklage hatte eine unerwartete Wirkung. Bent war schlagartig beruhigt und wurde sich der Tragweite der Gefahr bewu�t, in die ihn sein Ha� gef�hrt hatte. Jetzt halfen ihm keine Worte. Er antwortete O�Dell, indem er seinen Revolver hob.</p><p>O�Dell �ffnete den Mund, hatte aber nicht mehr gen�gend Zeit, um einen Schrei auszusto�en. Die Kugel zerfetzte sein Gesicht, und er fiel seitw�rts vom Pferd, wobei der linke Stiefel aus dem Steigb�gel glitt, nicht aber der rechte. Der Schimmel trabte mit O�Dell, der kopf�ber herunterhing, davon. Sein Sch�del wurde durch das fortw�hrende Aufprallen auf dem harten Boden schnell zu einer blutigen Masse geschlagen.</p><p>Bent versuchte seiner Panik Herr zu werden und blickte hastig umher. Keiner hatte etwas bemerkt; es war immer noch zu dunkel, abgesehen vom Pulverrauch und Nebel. Bent steckte seinen Revolver in die Halfter zur�ck und zog wieder seinen S�bel. Mit lauter Stimme befahl er seinen M�nnern, vorw�rtszutraben.</p><p>Doch Charles hatte bereits denselben Befehl erteilt. Drei der Soldaten hatten den letzten Indianer eingekreist. Von mehreren Kugeln durchbohrt, sank der Krieger in die Knie. Einer der M�nner schlug ihm mit dem S�bel den Kopf ab.</p><p>Charles ritt ganz nahe an das Farmhaus heran, damit die Lantzmans ihn wirklich h�ren w�rden:</p><p>�Dies ist die Zweite Kavallerie. Stellen Sie das Feuer ein!�</p><p>Schweigen folgte, und der Rauch verzog sich im Nebel. Bent trabte vorw�rts. �Absteigen! <emphasis>Absteigen!�</emphasis></p><p>Die Soldaten kamen seinem Befehl nur langsam nach. Keuchend lie� sich Bent inmitten der unruhigen Pferde aus dem Sattel gleiten. Er hoffte, da� seine feuchte Hose nicht allzusehr auffallen w�rde.</p><p>�Ihr habt gute Arbeit geleistet, M�nner! Wir haben�s geschafft.�</p><p>�Wir haben drei M�nner verloren�, sagte Charles, der immer noch im Sattel sa�. Bent h�tte am liebsten den Revolver gezogen und Charles vom Pferd geschossen, aber er konnte sich nicht noch einmal eine waghalsige Tat leisten.</p><p>�Moment mal�, rief Charles. �Wo ist O�Dell?�</p><p>Zweimal rief er laut den Namen des Offiziers. Dann sagte Bent endlich: �Das hilft nicht, Leutnant. Einer der Wilden hat ihn getroffen. Ich hab� gesehen, wie er vom Pferd gefallen ist. Das Pferd schleifte ihn hinter sich her.�</p><p>Bent klopfte das Herz bis zum Hals. Wenn jemand seine L�ge nicht glauben w�rde, dann w�rde es jetzt geschehen, <emphasis>jetzt�</emphasis></p><p>�O Gott!� sagte Charles leise fl�sternd und stieg vom Pferd. Niemand sagte ein Wort.</p><p>Bent atmete aus. Er f�hlte sich wieder in Sicherheit und zog die Schultern stramm. �Ich bedaure den Verlust nicht weniger als Sie, aber wir m�ssen unsern Sieg konsolidieren und unsern n�chsten Schritt planen. Wir brauchen einen Wachdienst auf dieser Seite des Hauses, Leutnant. K�mmern Sie sich darum, und ich sehe mal drinnen nach.� Er wandte sich abrupt um, die Hand auf dem Heft seines S�bels. Als er auf das Haus zuschlenderte, f�hlte er sich wie ein siegreicher General. �Lantzman?�</p><p>Charles kommandierte vier Soldaten dazu ab, die Toten einzusammeln; Bent hatte offensichtlich nicht daran gedacht.</p><p>Er wies einen der Soldaten an, vor der Hauswand Zeltleinwand auszubreiten. Langsam stieg die Morgend�mmerung am �stlichen Himmel auf, und der Nebel l�ste sich auf. Aus dem Haus drangen Stimmen, Bent unterhielt sich offenbar mit den Lantzmans. Der barsche Tonfall Bents �rgerte ihn. Der Mann mochte als Stabsoffizier vielleicht passabel sein, aber als Frontkommandant war er unbrauchbar. Er hatte den Vormarsch zur Farm verpatzt. Sie h�tten sich in Erwartung der Wachen in einer Doppelreihe vorw�rtsbewegen sollen, um eine kleinere Zielscheibe abzugeben. Oder noch besser, sie h�tten zu Fu� gehen sollen, wie Charles vorgeschlagen hatte.</p><p>Die Weigerung des Hauptmanns hatte sie vier Tote gekostet. Ein weiterer Soldat war kampfunf�hig, weil er eine Kugel im Fu� hatte. Dazu kamen die beiden Soldaten, die in Camp Cooper Verst�rkung anfordern sollten. Es blieben siebzehn Mann � gegen drei�ig oder mehr Komantschen.</p><p>Zwei der M�nner, die Charles abkommandiert hatte, kehrten eben mit einer Last zur�ck. �Wir haben alle mit Ausnahme von Leutnant O�Dell gefunden, Sir. Keine Spur von ihm.�</p><p>Charles nickte abwesend und betrachtete die H�gel auf der andern Seite des ungl�ckseligen Feldes. Der Mann, der sein Freund geworden war, lag dort drau�en, ohne da� jemand bei ihm Totenwache hielt. Tr�nen traten Charles in die Augen. Dann kam der Schock. Seine Beine zitterten, und er mu�te sich an die Hauswand lehnen, um nicht hinzufallen. Die M�nner wandten ihre Blicke ab, bis das Schlimmste vorbei war.</p><p>Pl�tzlich waren Schreie von der Flu�seite des Hauses her zu vernehmen. Charles eilte zur Hausecke und sp�hte hinaus. Dr�ben, im Lager der Komantschen, f�hrten die Krieger ihre Pferde im Kreis herum, schwangen ihre Lanzen und stie�en ihr Kriegsgeschrei aus. Es waren fast alles junge M�nner, die ihr gl�nzendes Haar in der Mitte gescheitelt und in langen Z�pfen trugen. Ihre Gesichter waren rot bemalt, die Augenbrauen wei� oder gelb. Einer der Krieger hatte sich rund um den Mund riesige schwarze Z�hne gemalt.</p><p>Ein Wagen holperte den H�gel hinunter ins Indianercamp. Charles erstarrte vor Schreck. Es war der Proviantwagen, der hinter den Soldaten h�tte herfahren sollen, jetzt aber von drei Indianerkriegern angef�hrt wurde. Das Segeltuch auf der linken Seite des Wagens wies einen riesigen Blutfleck auf.</p><p>Hinter Charles dr�ngten sich Soldaten heran und zeigten fl�sternd auf den Wagen. �Die roten Hurens�hne�, knurrte ein Mann. �Was glauben Sie wohl, was die mit unsern Jungs gemacht haben?�</p><p>Charles sagte: �Ich m�chte es lieber nicht wissen.�</p><p>Er eilte zur Hintert�r der Farm. Mit dem Tod von Lafayette O�Dell lastete nun pl�tzlich eine nicht gewollte Verantwortung auf seinen Schultern. Dazu kam, da� der Hauptmann nicht zugeben wollte, da� er �berfordert war. W�rde man auch nur eine von Bents Ideen in Frage stellen, so bek�me er todsicher einen Wutanfall. Gott sei Dank mu�ten nicht sofort Entscheidungen getroffen werden. Es gab nichts zu tun als die Verst�rkung abzuwarten. In der vergangenen Stunde hatte Charles seine Vorstellungen �ber den Krieg ge�ndert. Krieg, das hie� nicht eine fr�hliche Parade der strikt geordneten Dienstr�nge mit auf Hochglanz polierten Uniformkn�pfen, flatternden Fahnen und Trommelwirbel. Nein, Krieg, das hie� Unordnung, Dreck, Tod, zerm�rbender Schrecken.</p><p>Seine Beine zitterten immer noch ein wenig, als er die Farm betrat. Sie bestand aus einem l�nglichen Raum mit einer flachen Decke und Alkoven sowie einem weiteren Zimmer, in dem ein eiserner Herd stand. Daneben lagen zwei Leichen, die bis zum Hals mit Leint�chern zugedeckt waren. Der eine, ein �lterer grauhaariger Mann, war vermutlich Lantzman. Der andere wohl sein �ltester Sohn Karl, dessen Beinverletzung die Familie an der Flucht gehindert hatte. Er nahm an, da� die beiden M�nner drau�en umgekommen waren.</p><p>Es blieben noch vier Familienmitglieder. Mrs. Lantzman war eine kleine verh�rmte Frau mit Leberflecken auf dem Kinn. Zwei blonde Burschen unter zwanzig bewegten sich wie Schlafwandler mit glasigem Blick. Die vierte �berlebende, ein M�dchen, schien weniger unter der Belagerung zu leiden, vielleicht weil sie j�nger war. Sie mu�te etwa zw�lf sein, vermutete Charles. Auf ihrem Gesicht spiegelte noch der Liebreiz eines Kindes, aber sie hatte bereits den K�rper einer Frau. Charles bemerkte, wie Bents Blicke immer wieder �ber den Busen des jungen M�dchens glitten. Das M�dchen war sich der Aufmerksamkeit nicht bewu�t. Es war damit besch�ftigt, Gewehrkugeln aus einem Lederbeutel herauszuklauben. Das lange Gewehr hatte es gegen die H�fte gelehnt.</p><p>Den Tr�nen nahe, sagte Mrs. Lantzman: �Wie k�nnen wir hierbleiben, Hauptmann? Wir haben keine Lebensmittel mehr. Mein Mann ist get�tet worden, als er versuchte, Wasser vom Flu� zu holen.�</p><p>�Wir haben Rationen, die wir mit Ihnen teilen k�nnen. Und auch Wasser.� Bents Stimme klang sanft und vertrauenerweckend. �Meine M�nner k�nnen sich um das Haus herum postieren� � Charles hatte den Raum durchquert und blickte jetzt durch eine Mauerritze auf die Flu�seite hinaus. Seine rechte Hand ballte sich zur Faust �, �w�hrend wir auf die Verst�rkung warten. Falls sie nicht durch schlechtes Wetter aufgehalten wird, sollten sie noch vor Einbruch der Nacht hier sein.�</p><p>Ohne sich umzudrehen, sagte Charles: �Ich glaube nicht, Sir.�</p><p>�Was ist?�</p><p>�Schauen Sie sich das hier einmal an! Eben sind etwa sechs Indianerkrieger eingetroffen. Schauen Sie sich diejenigen mit den Lanzen an!�</p><p>Bent watschelte zur Mauerritze und sp�hte hinaus. Jegliche Farbe wich aus seinem Gesicht. Vier der Neuank�mmlinge hielten ihre Lanzen hoch und sch�ttelten sie. Auf zwei Lanzen waren Troph�en aufgespie�t.</p><p>Es waren die K�pfe der beiden Soldaten, die man nach Camp Cooper geschickt hatte.</p><p>Charles dachte, der Hauptmann w�rde zusammenbrechen. Bent schritt auf und ab, murmelte vor sich hin, blieb mehrere Male abrupt stehen, als wolle er einen Gedanken �u�ern, tat es dann aber doch nicht. Seine Augen glimmten bald eindringlich, bald starrten sie ins Leere. Die beiden bet�ubten Lantzman-Jungen wu�ten, da� etwas nicht stimmte. Sogar das M�dchen starrte den Hauptmann �ngstlich an.</p><p>Jetzt z�hlte jede Sekunde. Charles r�usperte sich. �Sir � �</p><p>Bent wirbelte herum und schrie: �Was ist?�</p><p>�Ich bitte um Erlaubnis, einen Sp�htrupp zur�ck durch das Getreidefeld zu schicken. Das ist unsere einzige R�ckzugsm�glichkeit.�</p><p>Der Hauptmann machte eine schlaffe Handbewegung und sank auf einen Stuhl. �Einverstanden.� Als Charles hinausst�rmte, starrte er in die Ferne.</p><p>Zwanzig Minuten sp�ter war Charles mit grimmigem Gesichtsausdruck zur�ck. �Sie haben bereits M�nner in den Abzugsgr�ben hinter dem Feld postiert. Mindestens f�nfzehn, sagte Korporal Ostrander. Wir sind abgeschnitten. Eingekreist.�</p><p>Weshalb waren sie nicht fr�her gegangen, fragte sich Charles in einem stummen Wutanfall. Aber er konnte Bent nicht daf�r verantwortlich machen; sie hatten ja alle auf die Verst�rkung gewartet. Aber offensichtlich waren die beiden Soldaten in die H�nde von jenen umherstreunenden Banden geraten, auf deren F�hrten Doss gesto�en war. Charles hatte das Gef�hl, da� die ganze Expedition von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen war.</p><p>Bent wischte sich mit dem Handr�cken �ber die schwei�gl�nzende Stirn. �Eingekreist? Dann m�ssen wir uns verstecken und auf Hilfe warten.�</p><p>�Hilfe woher?� schrie Charles.</p><p>�Ich wei� nicht! Irgend jemand wird � � Der Satz blieb unbeendet.</p><p>�Aber Hauptmann�, sagte das M�dchen, �haben wir denn genug zu essen?�</p><p>Mrs. Lantzman sch�ttelte den Kopf. �Still, Martha. Stell den Soldaten keine Fragen. Sie wissen besser, was es zu tun gilt, als wir.�</p><p>�Ja, genau�, sagte Bent mit abwesendem Blick. Er machte innerlich schon wieder schlapp. Charles konnte es nicht weiterhin zulassen. �Augenblick mal�, sagte er.</p><p>Bent warf den Kopf herum; in seinen feuchten Augen schimmerte Groll. Charles wandte sich eher an die andern als an seinen Vorgesetzten: �Wir m�ssen uns eingestehen, da� wir uns in einer mi�lichen Lage befinden. Wir sind in der Minderheit, und es wird uns niemand von Camp Cooper aus zu Hilfe eilen. Die Komantschen k�nnen noch mehr Krieger auftreiben und nach Lust und Laune angreifen. Ich glaube nicht, da� irgend jemand von uns hier sitzen bleiben m�chte, um darauf zu warten, da� er umgebracht wird. Oder gefangengenommen wird�, f�gte er mit einem Blick auf Martha hinzu. Mrs. Lantzman verstand, was er sagen wollte.</p><p>�Und was ist Ihr Vorschlag?� fuhr ihn Bent an.</p><p>�Abwarten bis es dunkel wird und dann einen Ausbruch versuchen. Ich habe mir etwas ausgedacht, wie wir die Indianer ablenken � �</p><p>Bent sprang auf; der Stuhl kippte um; seine Stimme �berschlug sich beinahe, als er schrie: �Nein!�</p><p>Als der Schrei verklungen war, wurde Charles von einem merkw�rdigen Gef�hl erfa�t. Das Gef�hl, als h�tte er eben beschlossen, in einen Abgrund zu st�rzen � und irgendwie hatte er das bereits getan. Aber blieb ihm denn eine andere Wahl? Bent hatte die Kontrolle verloren und war au�erstande, mit der Situation fertig zu werden.</p><p>�Tut mir leid, Sir, aber Flucht ist das einzige, was uns bleibt.�</p><p>Die Farbe kehrte wieder in Bents Gesicht zur�ck. Er packte einen kleinen Tisch, der ihm im Weg stand, schleuderte ihn beiseite und st�rzte sich auf Charles. �Stellen Sie mich in Frage? Bezweifeln Sie meine Autorit�t?�</p><p>�Wenn Sie hierbleiben wollen, Hauptmann, so bef�rchte ich, ja.�</p><p>�Leutnant�, Bent holte tief Atem, aber es gelang ihm nicht ganz, seine Stimme unter Kontrolle zu bringen, �Sie werden kein Wort mehr sagen. Das ist ein Befehl. Gehen Sie hinaus, bis ich Sie wieder rufen lasse.�</p><p>Charles bedauerte, da� es soweit gekommen war � zu einer Machtprobe. Sie h�tten beide am selben Strick ziehen sollen, um die andern zu retten. Aber wie konnte man einen Wahnsinnigen davon �berzeugen, fragte er sich m�de.</p><p>�Ich gehe, Sir�, sagte er, �aber dem Rest des Befehls kann ich nicht Folge leisten. Wenn wir hierbleiben, sind wir erledigt.�</p><p>Bent blickte ihn einen Augenblick lang an und sagte dann mit ruhiger Stimme: �Leutnant Main, Sie befolgen meinen Befehl � oder Sie landen vor dem Kriegsgericht.�</p><p>�Hauptmann, wir gehen.�</p><p>Bent packte Charles am Kragen und zerrte. �Verdammt noch mal! Ich werde daf�r besorgt sein, da� man Sie entl��t!�</p><p>Charles wischte Bents Hand beiseite. Am liebsten h�tte er dem fetten Offizier eine runtergehauen, aber er bewahrte mit gro�er M�he die Fassung und sagte mit leiser Stimme: �Wenn wir lebend hier herauskommen, k�nnen Sie es gern versuchen.�</p><p>Er blickte Mrs. Lantzman an, ihre beiden S�hne und schlie�lich das M�dchen, das seine Muskete mit beiden H�nden festhielt. �Sobald es dunkel wird, gehen wir. Jeder der will, kann mitkommen. Wenn Sie mitkommen m�chten, tun Sie besser daran, die beiden dort zu begraben. Wir k�nnen sie nicht mitnehmen.�</p><p>Mrs. Lantzman kniete neben der Leiche ihres Mannes nieder, fegte die Fliegen mit dem Schuh fort und strich das Leintuch glatt. Pl�tzlich brach sie in Tr�nen aus. Charles blickte weg.</p><p>Marthas entschlossener Gesichtsausdruck zeigte, da� sie ihre Entscheidung bereits getroffen hatte. Charles wandte sich dem Hauptmann zu und sagte: �Ich werde den M�nnern dasselbe Angebot machen. Niemand wird zum Gehen gezwungen.�</p><p>Bent fl�sterte: �Verschwinden Sie mir aus den Augen!�</p><p>Wenige Minuten sp�ter raste Charles zum Rand des Getreidefeldes. Von den Gr�ben auf der andern Seite her ert�nte ein Schu�. Die Kugel zischte durch die �hren �ber seinem Kopf. Er kniete hin, ri� einige ab und rollte sie zwischen den Handfl�chen hin und her. V�llig verdorrt.</p><p>Wenn es ihm gelingen w�rde. Mrs. Lantzman davon zu �berzeugen, ihre Pferde davonzujagen � die Komantschen w�rden sie ja ohnehin bekommen �, h�tten sie vielleicht eine kleine Chance.</p><p><strong>48</strong></p><p>Von Westen fielen die letzten Sonnenstrahlen �ber die H�gel. Dunkle Schatten breiteten sich �ber Erde und Himmel aus. Charles hatte sich den Fluchtplan in allen Einzelheiten ein halbes dutzendmal durch den Kopf gehen lassen.</p><p>Vor einer Stunde hatten Kavalleristen auf seine Instruktionen hin ein Lagerfeuer zwischen dem Haus und dem Feld angez�ndet, damit es von den Indianern auch sicher gesehen werden konnte. Mrs. Lantzman und ihre Tochter hatten im Haus Lumpen in Lampen�l getaucht und sie dann um das Ende von Baumwollstauden�sten gewickelt. Die Lantzman-Jungen hatten die Pferde f�r die ganze Familie gesattelt und lagen nun startbereit hinter den Heuballen, um den gef�hrlichen Angriff auf die Koppel durchzuf�hren.</p><p>Korporal Ostrander schlich sich an Charles� Seite: �Sir, es ist alles bereit.�</p><p>�Gut, es ist Zeit. Wir � �</p><p>Er hielt inne, als er bemerkte, da� Ostrander verwirrt auf etwas hinter ihm blickte. Charles wandte sich um. Bent stand in der T�r der Farm und sagte: �Ich komme mit.�</p><p>Der Hauptmann war das einzige Hindernis gewesen. Charles versuchte, ihm einen Friedenszweig hinzuhalten, indem er mit sanfter Stimme sagte: �Fein, Sir.�</p><p>Aber es half nichts. �Ich komme haupts�chlich, um dabeisein zu k�nnen, wenn Sie mit Schimpf und Schande aus der Armee entlassen werden.�</p><p>Charles� Gesichtsausdruck verh�rtete sich. �Wie Sie meinen, Sir. Aber darf ich Sie h�flich daran erinnern, da� ich vor�bergehend das Kommando �bernommen habe.�</p><p>T�uschte er sich oder hatte Bent mit den Augen gezwinkert? Ein Schauer lief Charles �ber den R�cken. Bent l�chelte beinahe, als er sich die mit Fransen besetzten Reithandschuhe �berzog.</p><p>�Dar�ber haben Sie mich keineswegs im Zweifel gelassen, Leutnant. Ich habe beobachtet, wie Sie sich alle erdenkliche M�he gegeben haben, meine Autorit�t zu untergraben und die M�nner gegen mich aufzuhetzen. Genie�en Sie Ihr Kommando! Es wird Ihr letztes sein.�</p><p>Unverwandten Blickes sah er Charles an. Von der andern Seite des Flusses h�rte man die Felltrommeln und das Kriegsgeschrei der Belagerer.</p><p>Martha Lantzman tauchte mit den noch nicht angez�ndeten Fackeln auf. Sie hielt sie gegen den Boden gerichtet, damit die Wachen auf der andern Seite des Feldes sie nicht sehen konnten, und �berreichte eine nach der andern Ostrander, der sie wiederum den M�nnern weitergab, die um das Lagerfeuer standen. Pferde wieherten zu beiden Seiten des Hauses in der Dunkelheit. Die �brigen Kavalleristen sa�en im Sattel und hielten die Pferde der M�nner, die die Fackeln anz�nden sollten.</p><p>�Gehen Sie zu Ihren Pferden!� sagte er zu Mrs. Lantzman und deren Tochter. Sie eilten davon. Er blickte kurz auf den Hauptmann, der � es war kaum zu fassen � zu lachen schien und ihnen dann folgte.</p><p>Charles wandte sich um und betrachtete das Kornfeld. W�rde er, w�rden sie alle dort umkommen? Unvermutet, wie ein gewaltig anschwellender Flu� im Fr�hling, stieg ein unb�ndiger Lebenswille in ihm auf. Die Lage war ohnehin beinahe hoffnungslos, er hatte nichts mehr zu verlieren und konnte deshalb k�hn handeln. Die Dreckkruste auf seinem b�rtigen Gesicht zerbarst, als er pl�tzlich grinste.</p><p>Einige der M�nner sahen dies und fingen ihrerseits an zu l�cheln. Charles wurde bewu�t, da� er eben das Geheimnis eines guten Offiziers in einer aussichtslosen Lage entdeckt hatte. Vielleicht w�rde er �berleben und es wieder anwenden k�nnen?</p><p>Er blickte jeden einzelnen der M�nner an, um ihnen zu zeigen, da� nun der Moment gekommen war. Dann schwang er seinen Revolver �ber den Kopf und feuerte.</p><p>Als der Schu� losging, lie�en die Komantschen alles stehen und liegen. Charles h�rte, wie die Pferde auf der Koppel in Bewegung gerieten und kurz darauf einer der Lantzman-Jungen �H�!� schrie.</p><p>Die Pferde galoppierten davon. Einige landeten im Flu�, gerade bevor der erste Schu� der Komantschen fiel. Die Indianer hatten zwar kein klares Ziel, aber es war ihnen offensichtlich klar, da� etwas nicht stimmte.</p><p>Charles gab nochmals zwei Sch�sse ab. Als Antwort auf das Signal tauchten die Kavalleristen die Fackeln in die glimmende Asche. Die Lumpen fingen langsam Feuer. Jeder der M�nner eilte zu einem vorher bestimmten Ort nach rechts oder nach links und z�ndete das Kornfeld an. In der Mitte sollte ein etwa f�nfzehn Meter breiter Streifen frei bleiben. Charles hoffte, es w�rde lange genug windstill bleiben, damit sie alle auf diesem Streifen fliehen k�nnten.</p><p>Er sprang auf sein Pferd. Die Flammen schossen bereits in den Himmel; das Feuer breitete sich rascher aus, als er vermutet hatte. Er ritt zur Stelle, wo der Fluchtstreifen anfing, und erteilte den Befehl: �Zweierkolonne, traben, los!�</p><p>Von jeder Seite des Hauses her ritten die M�nner herbei und bildeten rasch die Zweierkolonne. Charles hatte die erfahrensten Reiter an die Spitze und die Lantzmans in die Mitte des Zuges befohlen.</p><p>M�nner und Pferde trabten auf den Streifen los, dessen �ffnung bereits durch das sich rasch ausbreitende Feuer gef�hrdet schien. Das leichte Ger�usch von pl�tscherndem Wasser teilte Charles mit, da� die Komantschen dabei waren, den Flu� zu �berqueren. �Beeilt Euch, verdammt noch mal!� schrie er den M�nnern mit den Fackeln zu. Sie bestiegen ihre Pferde und trabten auf den Streifen los. Charles f�hlte die Hitze des Feuers im R�cken. Bents Pferd scheute, aber er zwang es vorw�rts.</p><p>Zu beiden Seiten des Wegs schlugen die Flammen empor und z�ngelten immer n�her aufeinander zu. An einer Ecke des Hauses tauchte ein Indianer in Kriegsbemalung auf. Charles scho� ihn nieder. Dann gab er seinem Rotschimmel die Sporen und lenkte ihn zwischen den beiden Feuern durch. Sich tief �ber den Hals seines Pferdes beugend, erkannte er Bent, der etwa zwanzig Meter vor ihm ritt. �ber den Hauptmann hinaus vermochte Charles nur noch schemenhafte Gestalten zu erkennen.</p><p>Eine Flamme z�ngelte an Bents �rmel. Rauch stieg auf. Der Hauptmann lie� einen Schrei los und schlug sich auf den �rmel, um das Feuer zu ersticken. Sein Pferd trabte aus dem brennenden Kornfeld in die Dunkelheit hinein, wo Ostrander die Kolonne zusammenhalten und im Galopp davonf�hren sollte. Charles hoffte, da� der Korporal noch am Leben war.</p><p>Bei�ender Rauch stieg ihm nun von allen Seiten her in die Nase. Das Kornfeld brannte jetzt lichterloh, und schon z�ngelten Flammen auf dem Weg vor ihm. Charles beugte sich so tief �ber sein Pferd, da� er glaubte, die Rippen m��ten ihm zerspringen. Er fl�sterte seinem Rotschimmel kurz vor der Feuerwand ermutigende Worte zu. Das Pferd setzte furchtlos zum Sprung an. Das Feuer blendete Charles, und die Hitze sch�rfte ihm die Wangen auf. Doch dann waren sie bereits hindurch und in der k�hlen Dunkelheit.</p><p>Der Schimmel setzte sicher, aber hart auf. Charles wankte im Sattel, konnte sich aber halten. Keine Sekunde sp�ter tauchte ein Schreckgespenst vor ihm auf � das gelbverschmierte Gesicht eines Komantschen, der mit hoch erhobenem Kriegsbeil auf Charles losst�rmte. Charles gab dem Rotschimmel die Sporen. Der Indianer warf sein Beil mit einem schnellen Armschwung. Es verfehlte Charles� Bein, traf aber die Flanke des Rotschimmels, der schrill wieherte und scheute. Charles flog aus dem Sattel.</p><p>Noch im Fallen richtete er den Revolver auf die Brust des Angreifers und dr�ckte ab. Der Indianer flog r�cklings in das Kornfeld. Binnen Sekunden brannte er von Kopf bis Fu�.</p><p>Charles lag unter dem keuchenden, wiehernden Pferd. Er befreite ein Bein und gab die beiden noch verbleibenden Sch�sse in den Kopf des sterbenden Tieres ab.</p><p>Charles sah sich um, konnte jedoch keinen seiner M�nner sehen. Er wurde von Panik erfa�t. Dann rannte er los. Er erinnerte sich, da� der letzte Reiter der Kolonne der Hauptmann gewesen war. �Bent!� schrie er, �Bent, helfen Sie mir!�</p><p>Er keuchte weiter. Hatte der Hauptmann ihn h�ren k�nnen? Hatte ihn irgend jemand geh�rt?</p><p>Er wandte sich nach dem Feuer um. Es hatte sich ausgebreitet und bildete auf einer Breite von etwa achthundert Metern eine Lichtwand. Die Flammen hatten gerade den letzten Rest von Lantzmans Feld verschlungen und griffen nun auf das trockene Pr�riegras �ber.</p><p>Ein bitteres L�cheln umspielte seine ru�igen Mundwinkel. Er hatte erwartet, da� das Feuer den Komantschen, die �ber den Flu� kommen w�rden, den Weg abschneiden w�rde. Jetzt h�rte er sie hinter der Feuerwand w�ten und toben. Die Wachposten auf der andern Seite hatten das kleinere Risiko dargestellt. Einen davon hatte er erledigt, aber es mu�ten wohl noch mehr �</p><p><emphasis>�Leutnant! Achtung!�</emphasis></p><p>Der Schrei kam von einem Kavalleristen, der seinen Hilferuf geh�rt hatte und umgekehrt war. Als Charles sich nach der verschwommenen Reitergestalt umdrehte, stie� er einen schweren Seufzer aus: Ein Komantsche lief mit einer Lanze auf ihn zu.</p><p>Charles wirbelte herum. Sein Revolver war leer. Er konnte den Sto� der Lanze nur gerade so weit abwenden, da� er nicht durchbohrt wurde. Die eiserne Spitze traf ihn an der Schulter.</p><p>Der Indianer war dicht an Charles herangekommen. Charles zog mit der linken Hand das Messer. Der bemalte Mund verzerrte sich; der Indianer konnte nicht mehr schnell genug ausweichen. Charles rammte ihm das Messer bis an das Heft in die Magengrube und zog es dann mit einem Ruck heraus.</p><p>Der Komantsche taumelte seitw�rts. Mit einem Wutschrei versuchte er nochmals, mit der Lanze zuzusto�en. Charles sprang jedoch zur Seite und wartete auf den Zusammenbruch des Kriegers. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis der Komantsche schlie�lich hinfiel.</p><p>Dann setzte bei Charles die Reaktion ein: Schwindel, Zittern, Augentr�bung. Er konnte den Soldaten, der auf seinen Hilferuf zur�ckgeritten war, nicht erkennen. �Bent?�</p><p>�Nein, Sir, ich bin Gefreiter Tannen. Hauptmann Bent ist weitergeritten.�</p><p><emphasis>Nachdem er mich um Hilfe rufen h�rte.</emphasis></p><p>�Steigen Sie auf, Sir�, sagte der Gefreite. �Wir schaffen es � wir werden es alle schaffen.�</p><p>Sie folgten der fl�chtenden Kolonne. Charles hielt sich am Leibgurt des Gefreiten fest und ritt mit geschlossenen Augen. Schock und Erleichterung mischten sich in sein Schweigen.</p><p>Die Komantschen verfolgten sie beinahe eine Stunde lang durch die Dunkelheit, kamen jedoch nie auf Schu�weite heran. Schlie�lich war ihr Kriegsgeschrei kaum noch zu h�ren, sie hatten offensichtlich die hoffnungslose Jagd aufgegeben.</p><p>Die Kolonne ritt noch eine Stunde lang weiter und legte dann einen Halt ein, um sich etwas auszuruhen. Wunderbarerweise war es nur zu einigen wenigen Verletzungen gekommen, leichte Fleischwunden, wie diejenige von Charles. Trotz ihres schrecklichen Erlebnisses freuten sich die Lantzmans, und auch die Kavalleristen lachten und l�rmten. Einige begl�ckw�nschten Charles zum Erfolg seines wagemutigen Plans.</p><p>Charles kommandierte einige Sp�her ab, und ein Kavallerist bot ihm einen kr�ftigen Schluck Whiskey an. Charles stellte keine Fragen nach Besitzer oder Herkunft des verbotenen Getr�nks. Er nahm dankend an und go� dann etwas Schnaps in seine Schulterwunde, die Mrs. Lantzman ihm anschlie�end mit einem Taschentuch verband. Bent hielt sich abseits von allen.</p><p>Bald ging es Charles schon wieder wesentlich besser. Er f�hlte sich zwar m�de, aber wieder im Vollbesitz seiner geistigen Kr�fte. Er lie� die Kolonne neu formieren und fand nach kurzer Zeit einen idealen Lagerplatz in einer Schlucht, deren offenes Ende gut bewacht werden konnte.</p><p>Zum erstenmal, seitdem sie Camp Cooper verlassen hatten, kramten sie ihre Wolldecken hervor. Einige Soldaten hatten Mesquiteholz gesammelt und Feuer angez�ndet, um die Insekten fernzuhalten. Charles kauerte bei einem der kleinen Feuer und knabberte an einem Zwieback. Er kam ihm ungemein k�stlich vor.</p><p>Pl�tzlich fiel ein unf�rmiger Schatten �ber das Feuer. Charles blickte auf und zog scharf den Atem ein. Bents Gesichtsausdruck war angespannt, maskengleich. Der Hauptmann hatte das Kommando wieder �bernommen, was Charles nur recht sein konnte, denn er versp�rte nicht den geringsten Wunsch, Bent noch mehr in Verlegenheit zu bringen. Er hatte den M�nnern nichts von Bents Verhalten im Farmhaus erz�hlt und sich sogar bem�ht, den Eindruck zu vermitteln, der Hauptmann habe ihm die Verantwortung f�r die Flucht �bertragen.</p><p>�Ich m�chte Ihnen ein Lob aussprechen f�r Ihre Haltung w�hrend des Ausbruchs, Leutnant. Sie haben einen au�ergew�hnlichen Mut an den Tag gelegt.�</p><p>�Vielen Dank, Sir.�</p><p>Charles wunderte sich �ber das unerwartete Kompliment, und der Grund daf�r wurde ihm erst klar, als er f�nf Soldaten beim Feuer nebenan bemerkte. Gerade vorhin hatten sie sich �ber den Kampf auf der Lantzman-Farm unterhalten, doch jetzt h�rten sie schweigend zu. Bent hatte darauf geachtet, da� er nicht zu �berh�ren war.</p><p>Der Hauptmann warf den Zuh�rern einen raschen Blick zu und machte dann ein paar Schritte in die andere Richtung. Er bedeutete Charles, ihm zu folgen. Widerwillig kam Charles der Aufforderung nach.</p><p>Bent griff den Faden wieder auf: �Vielleicht sind wir beide auf der Farm etwas zu sehr in Harnisch geraten. Wenn Gefahr droht, kann man schlie�lich von keinem Menschen erwarten, da� er immer den �berblick �ber die Situation beh�lt.�</p><p>Ich w�rde meinen, da� man genau das von einem guten F�hrer erwarten darf, dachte Charles im stillen, aber er schwieg. Es hatte keinen Sinn, Bent gerade jetzt zu provozieren, wo er auf seine tolpatschige Art versuchte, einen Waffenstillstand herzustellen.</p><p>Sie traten langsam aus dem Feuerschein heraus und gingen eine Weile schweigend nebeneinander her. Zum erstenmal roch Charles die Whiskeyfahne. Es wunderte ihn nicht, da� Bent �ber eine Geheimration verf�gte.</p><p>Als sie sich in sicherer Entfernung von den f�nf Soldaten befanden, blieb Bent stehen und blickte Charles an.</p><p>�Der Erfolg der ganzen Rettungsaktion tilgt nat�rlich Ihre Schuld nicht. Sie haben sich einem direkten Befehl widersetzt.�</p><p>Charles stieg die Galle hoch. Jetzt verstand er das Man�ver des Hauptmanns. Bent hatte absichtlich gewollt, da� die M�nner ihn seinen Untergebenen loben h�rten. Nachdem das einmal erledigt war, konnte er jetzt, bei einem Gespr�ch unter vier Augen, mit seiner wirklichen Botschaft herausr�cken. Bents Stimme wurde um einige Grad h�rter, als er sagte:</p><p>�Es mu� und wird eine Anklage gegen Sie vorgebracht werden.�</p><p>Charles ahnte dumpf, was dem Hauptmann schon lange klar war, und begriff dann pl�tzlich mit einem Schlag. Nur die Lantzmans waren Zeugen des heftigen Wortwechsels zwischen Charles und dem Hauptmann und Bents Nervenkrise gewesen. Sie w�rden nicht als Zeugen vor das Milit�rgericht geholt, es sei denn, Charles w�rde darauf bestehen. Aber auch in diesem Fall w�re es f�r den Staatsanwalt ein leichtes, ihre Eignung als Zeugen in Frage zu stellen, denn erstens handelte es sich um Zivilpersonen, die von milit�rischen Angelegenheiten keine Ahnung hatten, und zweitens k�nnte er geltend machen, da� durch den schweren Schicksalsschlag des Verlustes zweier Familienmitglieder ihre Wahrnehmung getr�bt gewesen sei.</p><p>Charles f�hlte die Falle hinter sich zuschnappen. Niemand w�rde ihn unterst�tzen und aussagen, da� er das Kommando in einer absoluten Notsituation �bernommen hatte. Niedergeschlagen mu�te er feststellen, da� seine eigene Gutm�tigkeit ihn in diese Lage gebracht hatte. Beim Versuch, den Hauptmann zu schonen, hatte er nichts �ber dessen Verhalten bei den Soldaten verlauten lassen. Bent konnte ohne weiteres �bertreiben und seine Zeugenaussage nach Belieben modifizieren. Zudem war er Charles� Vorgesetzter, und das Gericht w�rde eher einem erfahrenen Hauptmann als einem Brevetunterleutnant Glauben schenken.</p><p>Bents Profil leuchtete im Schein des Feuers auf, als er sich abwandte und gen��lich vor sich hinl�chelte.</p><p>�Ich glaube, Sie � nicht ich � werden das Hauptopfer dieser Expedition gewesen sein, Leutnant! Guten Abend.�</p><p>Schlaflos und angespannt lag Charles sp�ter da, den Kopf auf dem Sattel. Das Feuer brannte nicht mehr, und seine Knochen waren steif vor K�lte. Seine verletzte Schulter schmerzte ihn.</p><p>Was f�r ein Dummkopf war er doch gewesen, auch nur einen Augenblick lang zu glauben, da� Bent hatte Frieden schlie�en wollen.</p><p>Charles war die Zielscheibe eines Hasses, der so unbegr�ndet und unvers�hnlich war, da� er jeder Erkl�rung spottete. Mit einer Ausnahme: Bent mu�te verr�ckt sein. Er hatte diesen Verdacht schon fr�her gehabt; die tragischen Ereignisse auf der Lantzman-Farm best�tigten lediglich seinen Eindruck.</p><p>Er sch�ttelte sich und zog sich den Hut �ber die Augen, um einschlafen zu k�nnen. Aber es half nichts. W�hrend Stunden lag er wach und h�rte immer wieder die Stimme des Hauptmanns, sah immer wieder dessen Gesicht.</p><p><strong>49</strong></p><p>Bent hatte vor, den Weg bis zum Camp Cooper in einem Tagesritt zur�ckzulegen, aber gegen drei Uhr nachmittags wurde der j�ngere der Lantzman-Knaben von akuten Magenkr�mpfen befallen. Seine Mutter bat den Hauptmann, f�r eine Weile einen Halt einzulegen, damit der Junge sich etwas ausruhen k�nne. Aus einigen Minuten wurde schlie�lich eine Stunde. Im Norden braute sich ein Gewittersturm zusammen. Bent erteilte Befehl, den Lantzmans ein Halbzelt aufzurichten, und beschlo�, da keine Gefahr drohte, dort zu �bernachten und den Rest des Wegs am folgenden Tag zur�ckzulegen. Die M�nner murrten �ber den Entscheid, aber Bent k�mmerte sich nicht darum, denn er hatte ein wundes Ges�� vom Reiten und war froh um die Gelegenheit, seine Autorit�t wieder zu festigen.</p><p>Der Wind peitschte das Gras, und eine halbe Stunde lang flogen Staub und �ste durch die Luft. Aber es fiel nicht ein Tropfen Regen. Der Sturm entfernte sich, und die Soldaten waren m�rrischer denn je. Sie h�tten weiterreiten und noch vor dem Zapfenstreich im Camp sein k�nnen.</p><p>Das Lager wurde auf einer Ebene neben einem ausgetrockneten Flu�bett aufgeschlagen. Am Ufer entlang wuchsen einige Baumwollstr�ucher, und dort hatte Bent seine Decken ausgebreitet und ein Feuer angefacht. Normalerweise h�tten sich andere Offiziere ebenfalls um das Feuer geschart, aber Charles ging Bent bewu�t aus dem Weg.</p><p>Das Halbzelt befand sich in etwa sechs Meter Entfernung von den Baumwollstr�uchern, wo Bent im Schatten sa� und trank. Nachdem er sich zweimal ausgiebig aus der Feldflasche bedient hatte, f�hlte er sich wesentlich ruhiger. Er geno� den Duft des Feuers, das Summen der Insekten und die ged�mpften Stimmen der M�nner. Wieder griff er zur Flasche. Seine Phantasie gaukelte ihm farbenpr�chtige Visionen von Alexander dem Gro�en, Dschingis Khan und Napoleon vor.</p><p>Er hatte bereits eine Entschuldigung f�r sein Benehmen auf der Farm gefunden und andere Faktoren daf�r verantwortlich gemacht: der Mangel an Soldaten; der ungl�ckselige Umstand, da� die beiden M�nner, die Verst�rkung holen sollten, umgekommen waren; die Feindseligkeit der Leutnants.</p><p>Nun, den einen der beiden Verr�ter hatte er ja bereits aus dem Weg ger�umt und den andern w�rde er auch demn�chst loswerden. Er stellte sich das Gesicht von Orry Main vor, wenn er vom unehrenhaften Abgang seines Verwandten h�rte.</p><p>Kichernd stand er auf und setzte die Flasche wieder an. Stimmen, die vom Zelt der Lantzmans herkamen, erweckten seine Aufmerksamkeit. Regungslos verbarg er sich hinter den Str�uchern und h�rte zu.</p><p>�Weshalb soll ich da liegen, wenn ich nicht schlafen kann, Mama? La� mich doch einen kleinen Spaziergang machen!�</p><p>Mrs. Lantzman folgte ihrer Tochter, die Muskete in den H�nden, aus dem Zelt. �Na, einverstanden, aber geh nicht zu weit weg, und nimm das hier mit.�</p><p>�Brauch� ich nicht�, entgegnete Martha. �Es besteht keine Gefahr mehr. Der Delaware-Sp�her hat es gesagt.�</p><p>Ihr �lterer Bruder, der im Schneidersitz beim erl�schenden Feuer sa�, lachte und breitete die Arme aus. �Bei all den Soldaten, die hier herumsitzen, will Martha unbedingt ohne Schutz ausgehen.�</p><p>�Nimm das zur�ck�, rief sie ihm mit geballter Faust zu.</p><p>�Geh, wenn du nicht anders kannst, aber lassen wir diese Art Gespr�ch�, sagte Mrs. Lantzman ernst. Sie st�tzte sich auf den Lauf ihrer Waffe und sah ihrer Tochter nach, unter deren F��en Gras raschelte. Sie lie� Martha einige Meter weit gehen und rief ihr dann mit sanfter Stimme zu:</p><p>�Nicht in die Richtung! Du wirst den Hauptmann st�ren.�</p><p>�Ach ja, stimmt. Hab� ich vergessen.�</p><p>Sie �nderte die Richtung und schlug einen Bogen um die Baumwollstr�ucher. Sie war dankbar f�r die Warnung ihrer Mutter. Sie verabscheute den Hauptmann mit seinem groben, fetten Gesicht und den kleinen Augen, die sie so genau beobachtet hatten. Sie wu�te wohl, weshalb er sie so angestarrt hatte. Sie war alt genug, um von seinen Blicken eine vage Erregung zu sp�ren, aber noch jung genug, um Angst davor zu haben.</p><p>Sie kam an einem zweiten kleinen Feuer vorbei. Der junge Leutnant sa� dort mit nacktem Oberk�rper und versuchte, seine l�stige Schulterwunde neu zu verbinden. Martha anerbot sich, ihm zu helfen. Er dankte ihr auf seine galante Art, und sie ging aufgeregt weiter.</p><p>Charles st�tzte sich auf seine Ellbogen und blickte ihr fast wie ein besorgter Vater nach, bis sie in der Dunkelheit verschwand.</p><p>Elkanah Bent hatte die Hand zwischen die Oberschenkel gepre�t und wunderte sich �ber seine unerwartet heftige Reaktion. Das Lantzman-M�dchen, das er von seinem Versteck aus beobachtet hatte, war noch ein Kind. Aber nicht von der Taille an aufw�rts, dachte er und fuhr mit der Zunge �ber die Lippen.</p><p>Es war schon lange her, seit er mit einer Frau geschlafen oder auch nur eine ber�hrt hatte. Nat�rlich w�rde es kein Offizier wagen, Hand an ein so junges M�dchen zu legen. Aber er hatte dennoch das Bed�rfnis, mit ihr zu reden, und mit ein wenig Gl�ck konnte er sie vielleicht ber�hren.</p><p>Nur schon die Tatsache, da� ein solcher Impuls in ihm vorhanden war, schien ihm ein Zeichen daf�r, da� das Gl�ck wieder auf seiner Seite stand. Er hob die Feldflasche hoch, sch�ttelte sie und leerte sie in einem Zug. Immer noch etwas sch�chtern, stand er langsam auf und ging ger�uschlos durch das Baumwollgestr�pp, weg vom Lichtschein des Lagerfeuers.</p><p>Martha hatte die Anweisungen ihrer Mutter befolgt, sich nicht allzu weit zu entfernen, und war am Flu�ufer auf der andern Seite des Baumwollgestr�pps stehengeblieben. Sie war �berrascht, wieviel sie im milden Licht des aufgehenden Mondes zu sehen vermochte. Sie kreuzte die Arme �ber der Brust, warf den Kopf in den Nacken und seufzte erleichtert.</p><p>Die n�chtliche Brise hatte eine beruhigende Wirkung auf sie; das Gras raschelte leise. Mit sanfter Stimme begann sie �Old Folks at Home� vor sich hin zu summen, als sie pl�tzlich durch ein Ger�usch aufgeschreckt wurde.</p><p>�Ist da jemand?�</p><p>�Nur Hauptmann Bent, kleines Fr�ulein.�</p><p>Er sch�lte sich aus dem Schatten der B�ume hervor, hutlos und etwas wacklig auf den Beinen. Ihr Herz begann zu rasen, doch sie schalt sich selbst einen Angsthasen. Sicherlich hatte sie nichts von einem Armeeoffizier zu bef�rchten.</p><p>�Ich habe ein Ger�usch geh�rt�, sagte er und trat n�her. �Es freut mich, da� es kein Feind ist.�</p><p>Sein Tonfall falscher Herzlichkeit beunruhigte sie. Er roch nach Whiskey und Schwei� und sah wie ein grotesker, zweibeiniger Elefant aus.</p><p>�Eine herrliche Nacht, nicht wahr?�</p><p>�Ich wei� nicht, das hei�t, ja. Ich mu� zur�ck � �</p><p>�So schnell? Ach bitte nicht! Noch nicht.�</p><p>Wie sanft und liebensw�rdig er doch klang. Mit seiner tiefen Stimme erinnerte er sie eigentlich an einen vertrauensw�rdigen Onkel. Und doch schwang etwas in der Stimme mit, das sie verwirrte und f�r einen Augenblick l�hmte.</p><p>Er fa�te es als Zustimmung auf. �Na, das ist besser. Ich wollte Ihnen blo� meine Hochachtung ausdr�cken.�</p><p>Betrunken, dachte sie. Er ist betrunken. Sie hatte ihren armen Vater des �fteren betrunken erlebt und kannte die Anzeichen.</p><p>�Sie sind ein charmantes M�dchen. Au�erordentlich h�bsch und noch so jung.�</p><p>Sein gro�er runder Sch�del verdeckte den Mond. Er war ja inzwischen dicht an sie herangetreten. �Ich m�chte, da� wir Freunde sind.�</p><p>Er streckte seine Hand nach ihrem Haar aus und lie� einige ihrer langen gl�nzenden Str�hnen durch seine Finger gleiten. Sie stand reglos vor Schreck.</p><p>Er t�tschelte ihren Kopf und rieb ihr Haar zwischen Daumen und Fingern. Nach und nach zog er etwas st�rker daran, bis er zerrte. Er <emphasis>zerrte</emphasis> sie. Sein Atem ging keuchend wie eine Dampfmaschine.</p><p>�Lassen Sie mich los! <emphasis>Bitte!�</emphasis></p><p>Jegliche Freundlichkeit wich aus seinem Tonfall: �Reden Sie leise. Wir wollen keine Aufmerksamkeit erregen.� Und mit diesen Worten packte er sie am Unterarm. Sie stie� einen ged�mpften Schrei aus.</p><p>�Verdammt noch mal, lassen Sie das!� rief Bent in Panik. �Ich warne Sie.� Diesmal schrie sie lauter. Er ebenfalls. �Aufh�ren! Aufh�ren, hab� ich gesagt!�</p><p>Er sch�ttelte sie, bis er pl�tzlich einen Ausdruck der Erleichterung in ihren Augen bemerkte. Er wirbelte herum, wie ein Mann, der sich pl�tzlich einem Schie�kommando gegen�bersieht. Als er Charles Main erkannte, wich er einige Schritte zur�ck.</p><p>Von der andern Seite her n�herten sich der �ltere der Lantzman-S�hne, gefolgt von seiner Mutter. Die Muskete, die sie in der Hand trug, blitzte im Mondlicht auf.</p><p>Als Charles Bents Gesichtsausdruck und dann denjenigen des M�dchens sah, war ihm die Lage vollkommen klar. Mrs. Lantzman eilte auf ihre Tochter zu, und es folgte ein Durcheinander von Stimmen.</p><p>�Martha, hat er dir wehgetan?� fragte der Bruder.</p><p>�Ich wu�te ja, da� es gef�hrlich f�r dich sein w�rde, spazierenzugehen�, sagte die Mutter.</p><p>Dazwischen Bents heisere und aufgeregte Stimme: �Ich hab� ihr nichts getan! Nichts!�</p><p>Und das M�dchen: �O doch. Er hat seine H�nde auf mich gelegt und mit meinem Haar gespielt. Er wollte nicht aufh�ren � �</p><p>�Ruhe�, befahl Charles. �Seid mal alle ruhig!�</p><p>Sie gehorchten. Inzwischen waren mehrere Soldaten herbeigeeilt. Charles machte eine abwehrende Handbewegung.</p><p>�Geht ins Lager zur�ck! Es ist alles in Ordnung.�</p><p>Die M�nner machten kehrt und gingen zur�ck. Charles wartete, bis sie hinter den Baumwollstr�uchern verschwunden waren, und warf Bent dann einen eindringlichen Blick zu. Der Hauptmann schwitzte heftig und schwankte auf seinen F��en hin und her. Er wich Charles� Blick aus.</p><p>�Martha, sind Sie verletzt?� fragte Charles.</p><p>�N-nein.�</p><p>�Bringen Sie sie zur�ck ins Zelt, Mrs. Lantzman, und behalten Sie sie f�r den Rest der Nacht dort.�</p><p>Die Muskete umklammernd, fixierte die Frau den Hauptmann mit wildem Blick und sagte entschlossen: �Was sind das f�r M�nner, die sie uns nach Texas schicken? Kerle ohne jegliche Moral?�</p><p>�Mrs. Lantzman, bitte unterlassen Sie das�, unterbrach sie Charles. �Ihrer Tochter ist nichts geschehen. Der Zwischenfall ist h�chst unangenehm, aber wir waren alle einer gro�en Anspannung ausgesetzt. Ich bin sicher, da� der Hauptmann seine versehentliche Indiskretion bedauert und � �</p><p>�Versehentlich?� rief der Bruder des M�dchens ver�chtlich. �Er ist betrunken. Schnuppern Sie mal!�</p><p>�Verdammt noch mal, du unversch�mter � �, platzte Bent heraus, aber Charles hatte bereits seinen erhobenen Arm gepackt und hinuntergedr�ckt. Bent keuchte, �ffnete die Faust und lie� den Arm fallen.</p><p>Charles packte Martha und ihren Bruder sanft an der Schulter, drehte sie zu den B�umen herum und sagte: �Bleibt im Zelt und versucht, den Zwischenfall zu vergessen. Ich bin sicher, da� Hauptmann Bent sich bei euch allen entschuldigen wird.�</p><p><emphasis>�Entschuldigen?</emphasis> Unter keinen Umst�nden werde ich � �</p><p>Doch dann hielt er inne und fl�sterte: �Doch. Betrachten Sie es bitte als getan.�</p><p>Mrs. Lantzman sah aus, als h�tte sie ihn am liebsten erschossen. Charles redete sanft auf sie ein. �Bitte, gehen Sie jetzt.�</p><p>Die Frau reichte ihrem Sohn die Muskete, legte den Arm um Martha und f�hrte sie weg. Bent pre�te beide Handfl�chen auf sein Gesicht.</p><p>�Danke�, sagte er zu Charles.</p><p>Charles entgegnete nichts.</p><p>�Ich verstehe nicht, weshalb Sie mir geholfen haben, aber ich bin � Ihnen dankbar.�</p><p>�Es h�tte nichts an der Situation ge�ndert, wenn sie Sie erschossen h�tte. Sie h�tte es h�chstens sp�ter bereut. Wenn es eine Strafe f�r das gibt, was sich vorhin zugetragen hat, dann mu� sie von einer andern Instanz kommen.�</p><p>�Strafe? Was meinen Sie genau?�</p><p>Wiederum schwieg Charles. Er drehte sich um und marschierte durch das windgekr�mmte Gras davon.</p><p>Wenige Meilen vor Camp Cooper galoppierte Bent an die Spitze der Kolonne neben Charles. Sie waren kurz nach dem Fr�hst�ck aufgebrochen und seither durch den Nieselregen geritten. Charles f�hlte sich in einer etwa gleich dreckigen Stimmung, wie seine M�nner aussahen.</p><p>Bent r�usperte sich. Charles ahnte, was nun kommen w�rde.</p><p>�Ich sch�tze das, was Sie gestern abend f�r mich getan haben. Ich h�tte Ihnen gern meine Gef�hle mitgeteilt, aber Sie waren nicht in der richtigen Stimmung, um zuzuh�ren, und so dachte ich mir, es nochmals zu versuchen.�</p><p>Charles starrte Bent unter seiner tropfenden Hutkrempe an. Es fiel ihm schwer, seinen Ekel zu verbergen. �Hauptmann, verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe es nicht getan, um Ihnen pers�nlich zu helfen. Ich tat es um der Uniform willen, die Sie tragen. Ich tat es f�r das Regiment. Verstehen Sie?�</p><p>�Ja nat�rlich. Ich � ich erwarte nicht, da� Sie mir freundschaftliche Gef�hle entgegenbringen. Was ich Sie fragen m�chte � ich meine � wir werden ja bald wieder im Camp sein � was glauben Sie, wird Mrs. Lantzman sagen?�</p><p>�Nichts.�</p><p>�Was?�</p><p>Wie ekelerregend hoffnungsvoll Bent doch aussah! Charles lehnte sich auf die andere Seite und spuckte.</p><p>�Sie wird nichts sagen. Ich habe mich beim Fr�hst�ck mit ihr unterhalten, und sie hat begriffen, da� eine Anklage nichts bringen w�rde. Vielleicht hat Martha sogar aus der ganzen Angelegenheit eine Lehre gezogen. Mrs. Lantzman ist eine einfache und anst�ndige Frau. Es ist niemandem ein schweres Leid zugef�gt worden, und weshalb sollte sie dann Ihr Leben ruinieren?�</p><p>Nun kam der schwierigere Teil. Obgleich Charles� Methode auch nicht ganz makellos war, verfolgte er trotzdem einen lauteren Zweck. Ohne seinen Blick auch nur eine Sekunde von Bent abzuwenden, fuhr er fort:</p><p>�Aber ich wei�, da� sie jederzeit bereit w�re, nach Camp Cooper oder sogar nach Fort Mason zu kommen, wenn ich sie darum bitten w�rde. Sie w�rde es tun, wenn ich ihre Hilfe vor dem Milit�rgericht brauchte, um eine Aussage �ber meinen Charakter und den Charakter von andern zu machen.�</p><p>Bent zog die Augenbrauen hoch. Er verstand. Es wurde ihm bewu�t, da� er zwar der einen Falle entkommen war, nun aber in einer andern sa�, die noch erniedrigender war. Schlagartig verwandelte sich sein Gesicht in eine wutverzerrte Maske.</p><p>�Ihre Taktik steht derjenigen eines Verbrechers in nichts nach!�</p><p>�Quatsch, Hauptmann. Ich rette meine Karriere und gebe Ihnen eine Chance, Ihre zu retten. Es ist ganz einfach: Sie halten den Mund. Sollten Sie sich nicht mit diesem Gedanken anfreunden k�nnen, dann bringen wir die ganze Angelegenheit vor Major Thomas. Er hat Erfahrung mit Milit�rgerichten, und ich werde gerne seinem Urteilsverm�gen vertrauen.�</p><p>�Nein, nein � � Bent hob beschwichtigend seine Arme. �Ich bin mit Ihren Bedingungen einverstanden. Es wird keine Klage erhoben werden.�</p><p>Charles konnte sich ein k�hles L�cheln nicht verkneifen.</p><p>�Ich war sicher, da� Ihre Entscheidung so ausfallen w�rde.�</p><p>Er tippte an die Hutkrempe, schwenkte nach links ab und galoppierte an der Kolonne vorbei zur�ck; Schlamm wirbelte hinter ihm auf. Ein dicker Klumpen klatschte auf Bents Schulter.</p><p><strong>50</strong></p><p>Die Lantzmans �bernachteten in Camp Cooper und machten sich dann mit einer Begleitmannschaft auf den Weg zur�ck zur Farm. Bent verschwand in seinem Quartier; erneut hatte ihn ein heftiger Ruhranfall gepackt. Charles verstand wenig von Medizin, aber er vermutete, da� die Aufregung der letzten Tage an Bents Krankheit schuld war.</p><p>Charles und der Hauptmann wurden vom Hauptquartier in Washington f�r ihre Rettungsaktion gelobt. Lafayette O�Dell wurde posthum geehrt. Seine Leiche wurde nie gefunden.</p><p>Bent beantragte einen Urlaub aus gesundheitlichen Gr�nden, der ihm auch gew�hrt wurde. Somit fiel Charles die Aufgabe zu, die Familienangeh�rigen von O�Dell und den drei andern M�nnern, die bei der Expedition ums Leben gekommen waren, zu benachrichtigen. Es mangelte ihm an Talent f�r derartige Pflichten, und er machte sich mit Widerwillen daran, erledigte dann aber doch alles an einem Abend.</p><p>Als er mit dem letzten Brief zu Ende war, konnte er endlich im stillen �ber Gef�hle nachdenken, die ihn in den letzten Tagen immer wieder bedr�ngt hatten. Er war nicht mehr derselbe Offizier, nicht mehr derselbe Mensch, der sich mit der Rettungstruppe zur Lantzman-Farm aufgemacht hatte.</p><p>Oberfl�chlich schien sich nichts ver�ndert zu haben. Er war immer noch voller Tatendrang und lachte genauso viel wie fr�her, aber in seinem tiefsten Innern hatte sich eine gro�e �nderung vollzogen, eine Wandlung auf Grund all dessen, was er w�hrend der Expedition erlebt und getan hatte. Die Kadettenzeit in West Point war zu einer angenehmen Erinnerung verbla�t. Der romantische Abenteurer hatte sich in einen abgeh�rteten Berufssoldaten verwandelt.</p><p>Der junge Charles war gestorben, und wie der Ph�nix aus der Asche war ein Mann geboren worden.</p><p>�Ich habe geh�rt, da� heute morgen eine Postsendung eingetroffen ist�, sagte Charles am vierten Tag nach seiner R�ckkehr ins Camp.</p><p>�Ja, Sir. Das ist f�r Sie gekommen.� Der Unteroffizier �berreichte ihm ein B�ndel von drei Briefen und f�gte entschuldigend hinzu: �Der Postsack lag sechs Wochen in einem Camp in San Antonio.�</p><p>�Weshalb?� fragte Charles �rgerlich und sah das P�ckchen rasch durch. Der oberste Brief war mehr als zentimeterdick; Charles erkannte Orrys Handschrift auf allen dreien. �Wei� ich nicht, Sir. Das ist wohl so bei der Armee.�</p><p>�Bei der Armee in Texas zumindest.�</p><p>Charles begab sich in sein Quartier zur�ck und ri� schon unterwegs den dicken Brief auf. Der Brief war im April abgeschickt worden: <emphasis>Deine Frage in bezug auf Deinen Kommandanten veranla�t mich zu einer unverz�glichen und besorgten Antwort. Falls es sich um denselben Elkanah Bent handeln sollte, den ich von der Akademie und von Mexiko her kenne, mu� ich Dich dringend vor ihm warnen: Du k�nntest Dich in gro�er Gefahr befinden.</emphasis></p><p>Charles hielt abrupt inne. Obwohl es brennend hei� war, fror er pl�tzlich:</p><p><emphasis>Ich will versuchen, es Dir zu erkl�ren � obwohl, wie Du zweifellos selbst durch Deine Zusammenk�nfte mit dem fraglichen Herrn festgestellt haben wirst, sein Verhalten weder logisch noch sonstwie zu erkl�ren ist. Dies war auch schon so, als George Hazard und ich das Ungl�ck hatten, ihm zum erstenmal zu begegnen.</emphasis> � Hastig faltete Charles den Brief wieder zusammen, warf einen pr�fenden Blick nach allen Seiten und ging auf sein Zimmer, wo er sich hinsetzte und die eng beschriebenen Seiten las, die ihm die merkw�rdige Geschichte von zwei West-Point-Kadetten erz�hlten, die sich die ewige Feindschaft eines dritten zugezogen hatten. Als er mit dem Brief zu Ende war, legte er ihn auf seinen Scho� und starrte durch das Rechteck des ge�ffneten Fensters in die sonnenhelle Ferne. Orry hatte recht: Es war schlichtweg unm�glich, einen Ha� zu verstehen, der so tief und verzehrend war, da� Bent sich weitere Mitglieder der Hazard- und Main-Familie als Opfer suchte. Aber der Ha� war Wirklichkeit und hatte ihn in den vergangenen Wochen immer wieder auf eine harte Probe gestellt.</p><p>Er las den Brief mehrmals durch und schenkte Orrys Bericht �ber die Ereignisse in Mexiko besondere Aufmerksamkeit. Doch der Schock lie� kaum nach, ganz im Gegenteil.</p><p>Er war dankbar daf�r, da� sein Vetter ihn gewarnt hatte. Und doch kam ihm das, was er nun wu�te, irgendwie schlimmer vor als seine fr�here Unwissenheit. Bent hatte seine Ha�gef�hle w�hrend mehr als f�nfzehn Jahren gen�hrt, was Charles zeigte, wie verr�ckt der Mann tats�chlich sein mu�te. Ein v�llig neues Gef�hl, das ihn besch�mte, dessen er sich aber nicht erwehren konnte, beschlich ihn: Todesangst.</p><p>Wenn er in der Folge mit Bent zusammentraf oder mit ihm reden mu�te, hatte er die gr��ten Schwierigkeiten. Immer wieder wurde er sich der Wahrheit bewu�t, die er nun kannte und die hinter dem listigen Blick des Hauptmanns verborgen lag.</p><p>Bent seinerseits wirkte betr�chtlich lockerer. Er redete kaum mit seinem Unterleutnant, au�er wenn es der Dienst verlangte. Das war eine Erleichterung. Vielleicht hatte sich die Gefahr verringert, weil Charles immer noch die Trumpfkarte Mrs. Lantzman gegen Bent ausspielen konnte. Im Lauf der Wochen lie� Charles� Furcht etwas nach, und er wartete gespannt auf den Tag, an dem er und Bent zu anderen Einheiten versetzt und getrennte Wege gehen w�rden.</p><p>Bis dahin mu�te er wachsam bleiben.</p><p>W�hrend der Zeit des Nichtstuns, die auf die Rettungsaktion auf der Lantzman-Farm folgte, diskutierten die M�nner aus Ohio der K-Kompanie heftig �ber die Ereignisse im Osten. Der um seine Wiederwahl in den Senat k�mpfende Stephen Douglas hatte mit dem Republikaner Lincoln in verschiedenen St�dten in Illinois �ffentlich debattiert. Experten waren der Meinung, Douglas werde wahrscheinlich im Januar nach Washington zur�ckkehren, seinen Sieg jedoch teuer erkaufen. Bei ihrem Treffen in Freeport hatte Lincoln seinem Gegner w�hrend einer hitzigen Debatte �ber den Missouri-Kompromi� von 1820 und den Fall Dred Scott ein schwerwiegendes Zugest�ndnis abgerungen. Das Oberste Bundesgericht war bei seiner Dred-Scott-Entscheidung f�r die Unverletzbarkeit der Eigentumsrechte der Sklavenbesitzer eingetreten und hatte den Missouri-Kompromi�, der ein Sklavereiverbot n�rdlich einer Demarkationslinie vorgesehen hatte, f�r ungesetzlich erkl�rt. Die Theorie der Volkssouver�nit�t war somit wirksam negiert worden. In seiner Antwort auf Lincolns scharfsinnige Fragen meinte Douglas, da� es � Bundesgericht hin oder her � f�r die Territorien immer noch einen einfachen, verfassungsm��igen und �u�erst praktischen Weg gebe, die Sklaverei zu verhindern, und zwar indem die Regierung sich weigere, Gesetze zum Schutz der Rechte der Sklavenbesitzer zu erlassen. Kein vern�nftiger Mann w�rde sich Neger leisten, wenn er Gefahr lief, sie wieder zu verlieren. �Die Sklaverei kann nirgends f�r einen Tag oder f�r eine Stunde bestehen�, meinte Douglas, �es sei denn, sie wird durch lokale polizeiliche Ma�nahmen unterst�tzt.�</p><p>Douglas� Ansicht fand ihren Niederschlag in der sogenannten Freeport-Doktrin. Ein Offizier aus dem S�den, der der Ersten Infanterie angeh�rte, sagte in Camp Cooper zu Charles:</p><p>�Der Mann hat sich selbst zu Fall gebracht. Die Demokraten in unserm Landesteil werden ihm nie wieder ihre Stimme geben.�</p><p>Im Oktober hielt Senator Seward im Norden des Staats New York eine Ansprache, die allgemeinen Anklang fand. Er sagte, da� der Norden und der S�den in bezug auf die Sklaverei in einem �offenen Konflikt� zueinander st�nden, eine Aussage, die den S�den erneut in Harnisch brachte. Sogar eifrige Verfechter der Republikaner im Camp waren der Ansicht, da� Seward mit seinen Worten das Land einen Schritt weiter in Richtung B�rgerkrieg getrieben habe.</p><p>Und doch konnten es sich nur wenige vorstellen, da� eines Tages Amerikaner gegen andere Amerikaner die Waffen erheben w�rden. Es blieb vorderhand bei Wortgefechten.</p><p>Bei all diesen Diskussionen gab auch Elkanah Bent gelegentlich seinen Kommentar zum besten. Er war von seinem langen Urlaub zur�ckgekehrt, hatte gut vier Kilo abgenommen, seine h�chst eigenartigen Ansichten aber nicht ge�ndert. Seiner Meinung nach war ein bewaffneter Konflikt durchaus vorstellbar, und er lie� keinen Zweifel daran, da� er dies genie�en w�rde.</p><p>�Mit einem Krieg k�nnten wir endlich die Theorie in die Praxis umsetzen. Wozu werden wir schlie�lich ausgebildet? Was ist denn Ziel und Zweck unseres Berufs? Wir sind nicht zur Erhaltung des Friedens da, sondern um den Krieg zu gewinnen, wenn das Blut einmal flie�t. Das ist unsere einzige Berufung. Ein heiliger Auftrag, meine Herren.�</p><p>Mehreren Offizieren einschlie�lich Charles fiel Bents �berschwenglicher Gesichtsausdruck auf. Einige sch�ttelten den Kopf; Charles nicht. Nichts von alledem, was der Mann sagte, konnte ihn noch �berraschen.</p><p>W�hrend des Winters redete Charles nur mit Bent, wenn es die Pflicht gebot, und war deshalb eines Abends im April 1859 ziemlich �berrascht, als es an seiner T�r klopfte und der Hauptmann in der milden D�mmerung stand.</p><p>Bent l�chelte. �Guten Abend, Leutnant. Sind Sie bereit, einen Gast zu empfangen?�</p><p>�Nat�rlich, Sir. Treten Sie ein.�</p><p>Er trat zur�ck; die Anwesenheit des Hauptmanns spannte seine Nerven aufs �u�erste. Bent stolzierte herein, und Charles schlo� die T�r. Es roch nach Whiskey.</p><p>Bents Erscheinen verbl�ffte ihn. Der Hauptmann hatte sich in volle Uniform gest�rzt, mit S�bel und allem, was dazugeh�rte. Er nahm den Hut ab. Er trug einen Mittelscheitel, sein pomadisiertes Haar gl�nzte. Er warf einen fl�chtigen Blick auf einige gro�e braune Fotos, die auf einem Stuhl lagen.</p><p>�Bilder von zu Hause?�</p><p>�Ja, Sir. Sie wurden bei einem Fest zum Jahrestag der Hochzeit meiner Kusine Ashton aufgenommen. Die meisten Leute stammen von benachbarten Plantagen.�</p><p>Er reichte Bent eine der Fotografien, um ihn auf die Probe zu stellen, deutete auf ein finsteres, b�rtiges Gesicht und sagte vorsichtig: �Das ist mein Vetter, Orry Main. Er hat mich dazu ermutigt, die Akademie zu besuchen. Er selbst hat auch dort abgeschlossen. Ich glaube, etwa zu Ihrer Zeit.�</p><p>Bent pre�te die Lippen zusammen, betrachtete das b�rtige Gesicht, aber Charles bemerkte nicht die geringste Reaktion. Der Mann war ein guter Schauspieler; auch das machte ihn gef�hrlich.</p><p>�Ich erinnere mich vage an einen Kadetten namens Orry�, sagte Bent. �Ich habe ihn kaum gekannt. Sogar in jenen Tagen haben sich Yankees und S�dstaatler nicht viel miteinander abgegeben.�</p><p>Der Hauptmann wollte das Bild eben zur�ckreichen, als etwas seine Aufmerksamkeit erneut erregte. Er klopfte mit dem Zeigefinger auf eine dunkelhaarige Frau, die am Rand der Gruppe stand. Ihrem starren Blick haftete etwas Lebloses an, und doch fand er sie atemberaubend sch�n.</p><p>�Welch sch�nes Gesch�pf. Sie sieht irgendwie exotisch aus.�</p><p>Weshalb zum Teufel war der Hauptmann an Madeline LaMotte interessiert? Weshalb kam er �berhaupt hierher?</p><p>�Sie ist Kreolin und stammt aus New Orleans.�</p><p>�Aha, deswegen.�</p><p>Bent fragte sich, in welchem Zusammenhang die Frau wohl mit den Mains stehen k�nnte. War sie durch Heirat mit ihnen verwandt oder handelte es sich lediglich um eine Nachbarin? Aber er mu�te seine Neugier z�geln, denn wenn er Charles weiter Fragen stellte, k�nnten am Ende seine wahren Gef�hle f�r Orry Main zutage treten. Er starrte noch einige Sekunden auf das h�bsche Gesicht und gab Charles das Bild zur�ck.</p><p>Charles nahm die andern Fotografien vom Stuhl, und Bent setzte sich. Sein Blick ruhte auf dem jungen Mann. �Ich wollte Sie schon seit einiger Zeit besuchen, Leutnant, um Ihnen meinen Dank f�r Ihre Diskretion in den vergangenen Monaten abzustatten.�</p><p>Charles zuckte die Achseln, wie um zu sagen, da� der Hauptmann nichts anderes zu erwarten hatte.</p><p>�Aber Schweigen ist im wesentlichen negativ�, fuhr Bent fort. �Ich habe mich bem�ht, unser Verh�ltnis auf ein Niveau der Freundschaft zu heben. Ich m�chte in Zukunft mit Ihrer Freundschaft rechnen k�nnen.�</p><p>Mein Schweigen, dachte Charles; er macht sich also Sorgen. Er m�chte eine Zusicherung, da� ich ihn weiterhin decke. Aber Charles fragte sich, ob damit alles erkl�rt sei.</p><p>Bent blickte ihn merkw�rdig eindringlich an. Er fuhr sich mit der Zungenspitze �ber die Oberlippe und f�gte hinzu: �Selbstverst�ndlich k�nnen Sie auch auf meine Freundschaft z�hlen.�</p><p>Charles f�hlte bei diesen Worten ein Unbehagen in sich aufsteigen, und auch der Tonfall kam ihm h�chst befremdlich vor. Welche Falle verbarg sich hinter Bents schmeichlerischer Herzlichkeit? Er wu�te es nicht, und diese Ungewi�heit machte ihn nerv�s, als er entgegnete:</p><p>�Die Vergangenheit existiert nicht mehr, Hauptmann, und ich habe nicht die Absicht, sie wieder hervorzukramen.�</p><p>�Na sehr sch�n! Dann k�nnen wir wirklich Freunde werden. Ich habe einflu�reiche Bekannte im Kriegsministerium, ja, eigentlich in ganz Washington. Sie waren meiner Laufbahn f�rderlich und k�nnten auch etwas f�r Ihre Karriere tun.�</p><p>Orry hatte Charles erkl�rt, weshalb Bent trotz seines schlechten Rufs immer wieder erfolgreich gewesen war. Charles nahm dem Hauptmann diesen plumpen Ann�herungsversuch �bel.</p><p>�Vielen Dank, Sir. Aber ich ziehe es vor, selbst�ndig weiterzukommen.�</p><p>Bent sprang auf. Farbflecke traten auf seine Wangen. �Ein Mann kann immer Hilfe gebrauchen, Charles � � Er ri� sich zusammen: Das war ihm eine Spur zu w�tend herausgerutscht, aber er konnte nichts daf�r. Einerseits stie� ihn der gro�e, schlanke junge Offizier ab, weil er ein Main und ein S�dstaatler war, andererseits f�hlte er sich stark von ihm angezogen. So stark, da� er nach Wochen der Unentschlossenheit schlie�lich gen�gend Whiskey getrunken hatte, um den Mut f�r diesen Vorsto� aufzubringen.</p><p>Hatte Charles etwas davon bemerkt? Er hoffte es nicht und versuchte zu l�cheln.</p><p>�Ich w�rde meinen, da� Sie weniger Hilfe n�tig haben als die meisten. Sie sind wirklich ein Soldat, wie er im Buch steht.� Pl�tzlich lie� er trunken vor Erregung seinen Gef�hlen freien Lauf und ber�hrte Charles� Unterarm. �Sie sind ein au�erordentlich gut aussehender junger Mann.�</p><p>Sanft aber bestimmt zog Charles seinen Arm zur�ck.</p><p>�Sir, ich glaube, es ist besser, wenn Sie gehen.�</p><p>�Bitte, schlagen Sie nicht diesen Tonfall an! Waffenbr�der sollten einander helfen und Trost spenden, besonders an einem so einsamen und gottverlassenen Ort wie � �</p><p>�Hauptmann, gehen Sie, bevor ich Sie rausschmei�e!�</p><p>Leichenbla� setzte Bent seinen Hut auf und knallte die T�r hinter sich zu. Sein Gesicht brannte.</p><p>Ein Koyote jaulte, als er in die Dunkelheit davonhastete, zum Mord entschlossen. Eines Tages w�rde er es tun, bei Gott.</p><p>Charles hatte geglaubt, da� Bent ihn nicht mehr schockieren k�nne. Welch fataler Irrtum!</p><p>Dieser Zwischenfall war mehr als eine blo�e Best�tigung der Ger�chte �ber die sexuellen Neigungen des Hauptmanns. Es war ein Beweis daf�r, da� Bents eigenartige Triebe mit seinen Ha�gef�hlen koexistierten, und je nach Stimmung und Alkoholmenge �berwog der eine oder der andere Aspekt. Mit dieser Erkenntnis setzte Charles dem Bild, das er sich von Bents Wahnsinn machte, einen letzten widerlichen Klecks hinzu.</p><p>Sein Zimmer kam ihm pl�tzlich eng vor. Er zog sein bestes Hemd �ber, stopfte es in die Hose und stapfte zum Stall, um nach seinem Pferd zu sehen. Die n�chtlichen Ger�usche des Camps � die Rufe der Wachposten, ein K�uzchen im Fr�hlingswind � beruhigten seine Nerven wieder.</p><p>Vor dem Stall blieb er stehen und betrachtete den Sternenhimmel. Dabei atmete er den kr�ftigen Geruch von Heu, Stallmist und Pferden ein und f�hlte sich wie gereinigt. Immer wieder w�rde ihn dieser Geruch an Texas und an die Armee erinnern; er liebte beide.</p><p>Er dachte wieder an Bent und wurde von einem unerwarteten Gef�hl des Mitleids gepackt. Was mu�te das f�r ein Gef�hl sein, in diesem elefant�sen K�rper gefangen zu sein mit W�rmern, die dauernd an der geistigen Gesundheit nagten? Das Mitleid verst�rkte sich, doch dann gewann eine klare und stille Warnung die Oberhand:</p><p><emphasis>Besser nicht zuviel Mitleid mit einem Mann, der dich im n�chternen Zustand liebend gerne ermorden w�rde.</emphasis></p><p>Damit r�ckten die Dinge wieder in die richtige Perspektive. Charles war sich dar�ber im klaren, da� er weiterhin wachsam sein mu�te, bis zum Tag, da sich ihre Wege trennen w�rden. Und dieser Tag mu�te kommen! Er holte erneut tief Atem und erfreute sich an den s��en D�ften dieser Nacht in Texas. Pfeifend betrat er den Stall.</p><p><strong>51</strong></p><p>In jenem Sommer und Herbst 1859 konnte Orry beobachten, wie sich das Sezessionsfieber seuchenartig ausbreitete. Huntoon bereiste ganz S�dkarolina sowie einige Nachbarstaaten und hielt Ansprachen in Kirchen, bei Privatfesten und in �ffentlichen Geb�uden. Er bewarb sich um die Mitgliedschaft bei der �African Labor Supply Association�, die sich f�r die Wiederherstellung des Sklavenhandels einsetzte. Huntoon bef�rwortete weiterhin eine eigene Regierung f�r den S�den, wobei er alle m�glichen Begr�ndungen vorbrachte, angefangen bei Sewards �offenem Konflikt� bis zu Argumenten, die er Hinton Helpers Buch entnahm, ohne nat�rlich jemals seine Quelle zu verraten.</p><p>Orry bewunderte die unerm�dliche Energie seines Schwagers, wenn auch nicht unbedingt dessen Ansichten. Er bewunderte auch Ashton, die ihren Gatten �berallhin begleitete.</p><p>Im Herbst fiel Orry eine interessante und vielleicht nicht unbedeutende Entwicklung auf. In Columbia wandte sich Senator Wade Hampton in einer Ansprache an den Staat und pl�dierte f�r die Erhaltung der Union und gegen die Wiederaufnahme des Sklavenhandels. Seine �u�erungen wurden �berall bekanntgemacht und beinahe einm�tig von der Pflanzeraristokratie verworfen. Er fiel sozusagen �ber Nacht in Ungnade, w�hrend Huntoon immer beliebter wurde.</p><p>Cooper, der die eine H�lfte seiner Zeit in seiner Werft auf James Island und die andere in den R�umlichkeiten der Demokratischen Partei verbrachte, �bermittelte die Frohbotschaft, da� zu Beginn des n�chsten Jahres mit dem Bau der riesigen <emphasis>Star of Carolina</emphasis> begonnen w�rde. Orry beschlo�, George diese Nachricht pers�nlich zu �berbringen. Er vermi�te seinen besten Freund und freute sich unb�ndig darauf, ihn wiederzusehen.</p><p>Als Brett von seiner Reise h�rte, bat sie ihn, mitkommen zu d�rfen. Sie hatte vor, von Pennsylvania aus nach St. Louis weiterzufahren, wo sie Billy � in Begleitung ihres Bruders � einen Besuch abstatten k�nnte. Orry war �ber die Aussicht einer solch langen Reise nicht gerade begeistert, aber er konnte verstehen, da� Brett Sehnsucht nach ihrem Billy hatte, und gab deshalb ohne lange Diskussion nach.</p><p>Sie waren noch nicht sehr weit gekommen, als er seine Entscheidung, eine Reise zu unternehmen, bereits bedauerte. In North Carolina, wo sie zum erstenmal umsteigen mu�ten, bat er den Bahnhofsvorstand um einen Fahrplan.</p><p>�Haben wir nicht�, sagte der Mann mit dem f�r den Staat typischen Nasalakzent.</p><p>�K�nnen Sie mir dann bitte sagen, wann unser Zug in�?� Er brauchte den Satz nicht mehr zu beenden, denn der Mann hatte einfach kehrtgemacht und war weggegangen.</p><p>Mi�mutig schlenderte Orry zur Bank zur�ck, wo Brett sich niedergelassen hatte. �Man scheint hier etwas gegen Fragen zu haben. Oder gegen Leute aus South Carolina.� In North Carolina waren viele gegen die Sklaverei, und wahrscheinlich hatte der Mann Orrys Akzent erkannt.</p><p>Auf der n�chsten Etappe ihrer Reise schaffte es ein schwarzer Gep�cktr�ger � ein befreiter Sklave �, einen von Bretts Koffern fallenzulassen, es war genau jener, bei dem sie ihn um besondere Sorgfalt gebeten hatte. Er enthielt n�mlich einige zerbrechliche Geschenke f�r Lehigh Station. Das Mi�geschick ereignete sich, als der Neger das Gep�ckst�ck vom Gep�cknetz herunternahm. Den Tr�nen nahe, wickelte Brett einen gl�sernen Pelikan aus, den sie f�r Constance gekauft hatte. Das dekorative St�ck war in drei Teile zerbrochen.</p><p>�Es tut mir wirklich leid, Ma�am�, sagte der Gep�cktr�ger, aber Orry bemerkte ein b�swilliges Funkeln in den Augen des Mannes.</p><p>In Petersburg, Virginia, kam ein neuer Schaffner an Bord. Orry zeigte die Fahrkarten vor, die den Stempel der Ausgabestation in Charleston trugen. Der Schaffner schlug pl�tzlich einen sehr amtlichen Ton an. �In Washington und dann in Baltimore umsteigen�, sagte er mit einem Akzent, der auf Neu-England schlie�en lie�.</p><p>�Danke�, sagte Orry. �Wir haben sieben Gep�ckst�cke. Werde ich in Washington einen Gep�cktr�ger auftreiben k�nnen?�</p><p>�Tut mir leid, das wei� ich nicht. Ich habe nichts mit Gep�cktr�gern zu tun. Vielleicht h�tten Sie einen Ihrer Niggersklaven mitnehmen sollen.�</p><p>Orry stand langsam auf; er war gut einen halben Kopf gr��er als der Schaffner, der sofort eine etwas manierlichere Haltung einnahm. �Ich bin emp�rt �ber Ihre Unversch�mtheit�, sagte Orry. �Meines Erachtens habe ich nichts getan, das eine solche Unh�flichkeit rechtfertigen k�nnte�, er schwenkte die Fahrkarten, �es sei denn, da� Sie es als �rgernis betrachten, wenn man aus dem S�den kommt.�</p><p>�Bitte Orry�, fl�sterte Brett, �wir wollen kein Aufsehen.�</p><p>Der Schaffner ben�tzte die Gelegenheit und verschwand. �Ich schicke Ihnen den f�r diesen Wagen zust�ndigen Dienstmann�, rief er ihnen zu, als er in der T�r am Ende des Erstkla�wagens verschwand.</p><p>Sie sahen ihn nicht wieder. Den Dienstmann nat�rlich auch nicht.</p><p>Der Zug ratterte in der herbstlichen Abendsonne in Richtung Richmond. Orry starrte durch das schmutzige Fenster hinaus. �Weshalb zum Teufel haben wir soviel Schwierigkeiten? Liegt es an mir? Fordere ich sie heraus?�</p><p>Brett klappte ihr Buch zu. Mit einem traurigen Blick auf ihren Bruder sagte sie: �Nein � es sei denn, dein Carolina-Akzent.�</p><p>�Bist du sicher, da� ich nicht an irgendeinem Verfolgungswahn leide?�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf. �Es ist mir aufgefallen, da� man uns ganz anders behandelt als fr�her. Ganz anders als zum Beispiel in Newport. Damals waren die Leute freundlich. Jetzt nicht mehr.�</p><p>�Aber in Virginia und North Carolina sind wir doch noch im S�den!�</p><p>�Nicht im tiefen S�den; nicht im Baumwoll-S�den. In beiden Staaten gibt es viele M�nner und Frauen, die eher Yankees als S�dstaatler sind. Das ist der Unterschied.�</p><p>Dann widmete sie sich wieder ihrer Lekt�re. Orry reagierte auf die feindselige Haltung, die ihnen entgegenschlug. Als sie in Baltimore ankamen, hatte sich seine d�stere Stimmung mitnichten gelegt.</p><p>Von der Camden Street mu�ten sie sich zum Bahnhof der Philadelphia-Wilmington-Baltimore-Linie begeben. Brett freute sich �ber die Fahrt mit der Pferdekutsche, aber Orry war viel zu hungrig. Er mu�te unbedingt etwas essen, bevor ihr n�chster Zug ging.</p><p>Die Eisenbahnverwaltungen lie�en zwar immer wieder verlauten, da� demn�chst alle Z�ge mit Speisewagen ausger�stet sein w�rden, aber bis dahin war dies nur bei wenigen Z�gen der Fall. Die Alternative war nicht sonderlich attraktiv. Man konnte entweder etwas von den fliegenden H�ndlern kaufen, die den Zug entlang liefen und ihre Ware feilboten, oder mit stoischer Gelassenheit in eines der sch�bigen Bahnhofrestaurants eintreten und sich mit einer schlechten Mahlzeit zufriedengeben. Orry entschied sich in Baltimore f�r die letztere Variante.</p><p>Er hielt Brett die T�r zum E�saal offen. Sie hob ihre R�cke hoch, wollte �ber die Schwelle treten und warf rasch einen Blick auf die Theke und die darum herum stehenden Tische. Lauter M�nner, die ihr k�hne, fast beleidigende Blicke zuwarfen. In Orry stieg bereits Zorn hoch. Brett sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Ich hab� eigentlich keinen Hunger, Orry. Ich werde hier drau�en auf der Bank auf dich warten. Mach dir keine Sorgen.�</p><p>Er half ihr, sich auf der Bank niederzulassen, und betrat dann das Restaurant. �berall unterhielt man sich l�rmend. Er sp�hte durch den Saal, bemerkte einen leeren Tisch und setzte sich hin.</p><p>Er bestellte ger�uchertes Schweinefleisch mit wei�en R�ben und Maiskuchen. Dann zog er die kleine Bibel aus der Tasche, die er in letzter Zeit fast immer bei sich trug; wieder und wieder las er das Hohelied von Salomo, weil ihn so viele Verse an Madeline erinnerten. Seit dem Fest zum Jahrestag der Hochzeit von Ashton hatte er nicht mehr mit ihr reden k�nnen. Sie hatten sich damals kurz und f�rmlich unterhalten; sie war nicht sie selbst und wirkte irgendwie der Realit�t entr�ckt. Er hatte sich bei Justin erkundigt, ob sie krank gewesen sei, aber Justin hatte blo� gel�chelt.</p><p>Orry beugte sich �ber die offene Bibel. Wenige Minuten sp�ter knallte der Kellner ihm einen Teller auf den Tisch. Er brachte es ebenfalls fertig, etwas von dem Kaffee, den Orry bestellt hatte, zu versch�tten. Orry hielt sich unter Kontrolle.</p><p>Er versuchte w�hrend des Essens zu lesen, aber er konnte sich nicht konzentrieren; die Stimmen am Nachbartisch waren zu laut. Schlie�lich lehnte er sich in seinem Stuhl zur�ck und h�rte dem Gespr�ch zu.</p><p>�Das ist alles, wor�ber die verdammten S�dstaatler reden k�nnen, eine eigene Regierung.� Der Redner war der �lteste Mann einer Dreiergruppe, ein hohlwangiger Typ mit Kinnbart. �Von mir aus, sollen sie sie haben! Sollen sie doch in das Boot mit dem Leck einsteigen und untergehen.�</p><p>�Verdammt noch mal, nein!� schrie ein Mann mit einer Hakennase, der t�lpelhafte Typ des Handlungsreisenden. �Jeder, der so etwas sagt oder sich damit einverstanden erkl�rt, sollte geh�ngt werden, und zwar hoch genug, damit alle sehen k�nnen, wie ein Verr�ter aussieht.�</p><p>�Das stimmt�, sagte ein unscheinbarer Mann in mittleren Jahren.</p><p>Orry war klar, da� es sich bei den drei M�nnern um Grobiane handelte, die untereinander Best�tigung suchten. Er wu�te, da� er sich ruhig verhalten und keinen �rger erregen sollte. Doch all die B�swilligkeiten, denen er im Lauf des Tages ausgesetzt gewesen war, lie�en ihn seine Vorsicht �ber Bord werfen. Er setzte seine Kaffeetasse gerade laut genug auf dem Tisch auf, um die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.</p><p>�Aber meine Herren�, sagte er mit einem k�hlen L�cheln, �das klingt ja so, als ob Sie pers�nlich durch eine friedliche Regierung des S�dens bedroht w�ren. Ich habe zwar auch nicht viel f�r die Idee �brig, aber ich w�rde es doch nicht Verrat nennen. Es ist blo� Bl�dheit � die man zwar begreifen kann. Der S�den hat w�hrend einer ganzen Generation unter Beleidigungen und Verleumdungen gelitten.�</p><p>Wenn jemand mit Orry einverstanden war, lie� er sich nichts anmerken. Der Kerl mit dem Kinnbart fragte: �Aus welchem Staat kommen Sie, Sir?�</p><p>�South Carolina.�</p><p>Der Mann lehnte sich auf den Silberknauf seines Spazierstocks und l�chelte selbstgef�llig. �Das hab� ich mir gedacht.�</p><p>Der Mann mit der Hakennase f�gte scharf hinzu: �Lesen Sie die Verfassung � und dann werden Sie wissen, da� Sezession Verrat ist. Ihr Burschen aus den Baumwollstaaten bedroht uns ja schon seit Jahren damit! Macht nur weiter so. Nur weiter! Aber wenn Ihr nicht aufh�ren k�nnt, steht es Buck Buchanan rechtm��ig zu, Euch in Ketten zu legen. Oder aufzuh�ngen!�</p><p>Ein Mann in der N�he sagte: �Amen.�</p><p>Orry fielen die feindseligen Gesichter an der Theke auf. Zwei st�mmige Burschen in schmutzigen �berkleidern. Offensichtlich Weichensteller, den dicken Kn�ppeln nach zu schlie�en, die auf ihren Knien lagen.</p><p>�Hol�s der Teufel�, kicherte einer der beiden, �das w�rde Old Buck nie tun, dieser Gimpel.�</p><p>Der Mann, der Amen gesagt hatte, pflichtete ihm bei. �Dann soll sie die Armee h�ngen�, schlug ein anderer vor. Drau�en wurden die Passagiere f�r den Zug nach Philadelphia aufgerufen.</p><p>�Das funktioniert nicht�, sagte die Hakennase. �Die Armee wird ja vom West-Point-P�bel regiert. Die meisten sind S�dstaatler. Und wenn sie vor die Wahl gestellt werden, ihrem Eid, das Land zu verteidigen, treu zu bleiben oder eine Regierung zum Schutz ihrer Nigger aufzustellen, dann ist ja klar, wof�r sie sich entscheiden werden.�</p><p>Orry h�mmerte das Blut in den Schl�fen. Sein Hemd f�hlte sich unter seinem Mantel schwei�durchn��t an. Er legte die Hand auf die Bibel.</p><p>�Passen Sie auf, was Sie sagen, Sir.�</p><p>�He, was soll das?� rief die Hakennase und sprang derart heftig auf, da� der Stuhl umkippte. Die beiden Weichensteller traten mit ihren Kn�ppeln in der Hand hinter ihn. Zwei Kunden schmissen ihr Geld auf den Tisch und verschwanden eilends.</p><p>Orry stand ganz langsam auf. Als die Hakennase sah, wie gro� er war und wie wild er dreinblickte, trat er zur�ck.</p><p>�Ich habe gesagt, da� Sie aufpassen sollten, was Sie �ber die Milit�rakademie sagen. Ich habe in West Point abgeschlossen, und ich habe in Mexiko gek�mpft.� Er neigte den Kopf zu seinem leeren linken �rmel hinunter. �Ich habe f�r das ganze Land gek�mpft. Auch f�r die Yankees.�</p><p>�Stimmt das wirklich?� sagte der Hakennasige aufgebracht. �Nun, <emphasis>Sir,</emphasis> ich behaupte immer noch, da� Ihr West-Point-Aristokraten eine sezessionistische Ader habt, die mindestens einen Kilometer lang ist.�</p><p>Zwischenrufe und Beifall. Einer der Weichensteller sp�hte �ber die Schulter des Hakennasigen. �Vielleicht verpa�t dieser Gentleman aus dem S�den seinen Zug? Vielleicht mu� er sich in Baltimore einen neuen Mantel kaufen!�</p><p>Die Hakennase fing an zu grinsen. Orry warf einen hastigen Blick auf die ihn umringenden Gesichter. Alle feindselig. Sein Magen schmerzte. Die Weichensteller kamen langsam auf ihn zu.</p><p>Ein Ger�usch, das hinter der Theke herkam, gebot ihnen Einhalt. An der K�chent�r stand ein Mann mit einem Gewehr im Anschlag.</p><p>�Falls hier jemand neue M�ntel austeilen will, mu� er mich auch mit einem versehen.� Er wandte sich an Orry. �Ich stamme aus Baltimore. Bin hier geboren und aufgewachsen. Es tut mir leid, da� man Sie in unsrer Stadt so schlecht empfangen hat.�</p><p>�Orry?�</p><p>Bretts Stimme kam von der T�r her. Sie rannte auf ihn zu. Der Bahnhof Vorsteher rief erneut die Passagiere f�r den Philadelphia-Expre� auf.</p><p>�Orry, ich m�chte den Zug nicht verpassen. Komm!�</p><p>Der Hakennasige br�llte: �Aha, das kleine Fr�ulein k�mpft wohl f�r Sie? Wie kommen Sie �berhaupt zu ihr? Ich hab� immer geglaubt, da� Ihr Jungs aus den Baumwollstaaten eine Vorliebe f�r schwarze Haut habt!�</p><p>Da schlug Orry zu. Ein heftiger, aber ungezielter Schlag direkt in die Magengrube des Hakennasigen. Einer der Weichensteller hielt ihn, damit er nicht zusammenklappte, der andere hob seinen Kn�ppel, aber der Mann mit dem Gewehr rief ihm eine Warnung zu.</p><p>Der Mann mit der Hakennase gab einige st�hnende Laute von sich, kr�mmte sich zusammen, torkelte r�ckw�rts und fiel dann �ber seinen umgekippten Stuhl. Orry hielt die Faust so fest geballt, da� die Kn�chel wei� hervortraten. Er warf dem P�bel einen zornentbrannten Blick zu.</p><p>�Orry, so komm doch!� Brett zupfte ihn am �rmel.</p><p>�Der Philadelphia-Expre� � letzter Aufruf!� Die Stentorstimme hallte durch den ganzen Bahnhof.</p><p>Damit war die Spannung gebrochen, und alles eilte zur T�r. Orry nickte dem Mann mit dem Gewehr dankend zu, drehte sich um und ging dann widerwillig auf den Bahnsteig hinaus.</p><p>Der Expre� ratterte in Richtung Wilmington. Orry sagte mit einer Mischung aus Wut und Traurigkeit:</p><p>�Ich wu�te nicht, da� die Feindschaft schon solche Ausma�e angenommen hat. M�nner sind bereit, in der �ffentlichkeit aufeinander loszugehen. Unglaublich.�</p><p>Er war best�rzt �ber seine fr�here Naivit�t. Die Situation im ganzen Land war weitaus schlimmer, als er es sich je vorgestellt hatte. Nur Idioten konnten behaupten, eine friedliche Trennung der Staaten sei m�glich.</p><p>�Ich bin froh, da� wir rechtzeitig gegangen sind�, sagte Brett. �Du h�ttest schwer verletzt werden k�nnen. Und das f�r nichts und wieder nichts.�</p><p>Seine Hand f�hlte sich immer noch etwas flau an von dem Schlag, den er dem Mann im karierten Anzug versetzt hatte. Er betrachtete seine Kn�chel. �Ja, vermutlich hast du recht. Aber ich renne nicht gern vor einem Kampf davon.�</p><p>Sie versuchte, seine d�stere Stimmung etwas zu heben, indem sie sagte: �Ja, aber du ranntest, um den Zug zu erwischen.�</p><p>Mi�mutig brummte er vor sich hin: �Verdammtes Yankee-Pack.�</p><p>�Orry, wenn du so redest, bist du keinen Deut besser als diese Esel im Restaurant.�</p><p>�Ich wei�. Aber komisch � es ist mir eigentlich egal.� Er holte tief Atem. �Ich hab� etwas dagegen, mich wie ein Gentleman benehmen zu m�ssen. Ich hasse es, Fersengeld geben zu m�ssen. Ich werde es nie wieder tun.�</p><p>In Belvedere wurden die G�ste aus dem S�den herzlich empfangen. Sie �berreichten ihre Geschenke � Brett versprach Constance einen Ersatz f�r den zerbrochenen Pelikan �, wunderten sich dar�ber, wie sehr die Kinder gewachsen waren, und gingen schlie�lich nach einem herrlichen Entenschmaus dankbar zu Bett. Orry schlief w�hrend neun Stunden, f�hlte sich aber nicht ausgeruht, als er aufwachte.</p><p>�Ich kann es kaum erwarten, dir den Bessemer-Konverter zu zeigen�, sagte George beim Fr�hst�ck. Er war voller Energie und Begeisterung, was merkw�rdigerweise Orrys tr�be Stimmung nur verst�rkte. Aber George hatte nichts Falsches getan. Der ganze Norden hatte Orry beleidigt. Er hoffte, da� die Stimmung verfliegen w�rde und nicht das ganze Treffen verderben w�rde.</p><p>George z�ndete sich seine zweite Vormittagszigarre an. �Sobald du fertig bist, sehen wir uns das Ding an. Ich zahle zwar eine recht hohe Lizenzgeb�hr, aber ich vermute, da� sich die Investition, langfristig gesehen, lohnen wird.�</p><p>�Das klingt nicht sehr �berzeugend�, sagte Orry.</p><p>�O doch � bis zu einem gewissen Grad. Die Zeiteinsparung ist enorm, aber wir haben noch ein Problem mit dem ganzen Verfahren. Ich werd�s dir zeigen.�</p><p>Orry hatte keine Lust, durch das ganze rauchende und stinkende Hazard-Werk zu fahren, sich in eine Fabrikhalle zu begeben und dort ein eif�rmiges, sich um eine Achse drehendes Gebilde zu betrachten. Aber er tat es seinem Freund zuliebe.</p><p>Die Arbeiter waren eben mit einem Gu� fertig geworden und lie�en den Konverter in eine Rinne im Boden hinunter. Der Stahl flo� wie ein Lichtband dahin.</p><p>Wie ein stolzer Vater sagte George: �Ein Kerl in Wales hat das schwierigste Problem von Bessemer gel�st. Hat Cooper dir schon davon erz�hlt?�</p><p>�Ja, aber ich habe das meiste nicht begriffen.� Dem Tonfall nach war es ihm offensichtlich egal.</p><p>George reagierte erst entt�uscht, dann leicht ver�rgert, aber nur w�hrend wenigen Sekunden. �Bessemer stellte Roheisen her, das er entkohlte. Somit war aber kein Kohlenstoff mehr f�r die Umwandlung in Stahl vorhanden, und er wu�te nicht, wie er den Kohlenstoff wieder zusetzen k�nnte. Der Waliser experimentierte mit Kohle und Manganoxid. Dann versuchte er es mit einer Mischung, die die Deutschen Spiegeleisen nennen � Eisen, Kohlenstoff und etwas Mangan. Damit klappte es. W�hrend nun Bessemer und der Waliser sich dar�ber in den Haaren liegen, wer wem was schuldet, experimentiere ich mit dem Spiegeleisen und zahle gleichzeitig eine Geb�hr an Bessemer, obwohl er sein amerikanisches Patent immer noch nicht hat. Ich bin aber noch nicht ganz davon �berzeugt, da� das Verfahren wirklich zweckm��ig ist.�</p><p>�Warum nicht?�</p><p>�Man mu� zuviel dabei spekulieren. Der Kohlenstoffgehalt kann nur anhand der Farbe der Konverterflamme beurteilt werden. Aber mit dieser Methode kann man sich nicht auf eine bestimmte, fortgesetzte G�te des Stahls verlassen. Es gibt da noch jemanden, der eine vielleicht bessere Methode als diejenige von Bessemer entwickelt hat, ein in Deutschland geborener Engl�nder namens Karl Siemens. Ich habe ihm geschrieben � aber nicht wahr, Orry, das interessiert dich sicher alles �berhaupt nicht?�</p><p>�Doch, nat�rlich.�</p><p>George sch�ttelte den Kopf. �Komm, la� uns nach drau�en gehen, wo es k�hler ist.�</p><p>Als sie drau�en waren, blickte er seinen Freund besorgt an. �Du scheinst ver�ndert, seit du hier bist. Was ist los?�</p><p>�Ich wei� nicht.�</p><p>Er wu�te es, aber er konnte es nicht aussprechen. Er war w�tend auf seinen Freund, aus dem einfachen Grund, weil dieser ein Yankee war.</p><p>Um zwei Uhr nahmen die Hazards das Mittagessen ein. Orry war angespannt und ver�rgert. Er informierte George zwar �ber den Stand der Arbeiten an der <emphasis>Star of Carolina,</emphasis> aber er kam ihm dabei immer wieder wie ein Fremder vor. Es schien unvorstellbar, da� sie einander fr�her einmal mit solch l�cherlichen Namen wie Stumpf und Stiel betitelt hatten. In diesen grimmigen Zeiten gab es keinen Raum mehr f�r Spitznamen oder Gel�chter. Vielleicht auch nicht mehr f�r eine Freundschaft?</p><p>�Das klingt alles ausgezeichnet�, sagte George, als Orry mit seinem Bericht zu Ende war. �Ich freue mich �ber den Fortschritt.� Er z�ndete sich eine Zigarre an.</p><p>Orry mu�te husten und fuchtelte mit der Hand in der Rauchwolke herum. George runzelte die Stirn und murmelte eine Entschuldigung. Aber er l�schte die Zigarre nicht aus, sondern nahm sie blo� in die andere Hand.</p><p>Nach einem verlegenen Schweigen fragte Orry: �Du hast mir nie geschrieben, wie du auf die Nachricht, da� Elkanah Bent in Texas ist, reagiert hast.�</p><p>�Ich war wie vom Donner ger�hrt, als du es in jenem Brief erw�hntest. Ich hatte ihn vollkommen vergessen.�</p><p>�Tja, aber er hat uns nicht vergessen. Wenn Bent mich immer noch ha�t und diesen Ha� sogar auf meinen Vetter �bertr�gt, k�nnte es dir �hnlich ergehen.�</p><p>Sein Freund lachte kurz und trocken. �Er soll ruhig nach Lehigh Station kommen! Ich werde ihm einen unverge�lichen Empfang bereiten.�</p><p>�Ich habe eher an deinen Bruder Billy gedacht. Er ist ja immer noch in der Armee.�</p><p>George machte eine abwehrende Handbewegung mit der Zigarre.</p><p>�Oh, ich habe ihm davon erz�hlt, gleich nachdem ich deinen Brief bekommen hatte. Aber ich habe ihm geraten, seine Zeit nicht mit Sorgen wegen irgendeines Wahnsinnigen zu vergeuden, zumindest so lange nicht, bis seine Wege diejenigen des niedertr�chtigen Hauptmanns Bent kreuzen. Auch du solltest dir keine Sorgen machen. Gott, ich kann es nicht fassen, da� die Armee ihm immer noch nicht auf die Schliche gekommen ist�, f�gte er mit einem Kopfsch�tteln hinzu.</p><p>Die nonchalante Art und Weise, mit der George das Thema vom Tisch fegte, �rgerte Orry noch mehr. Gl�cklicherweise wurden sie abgelenkt. William, ein h�bscher Knabe, der eine starke �hnlichkeit mit seinem Vater aufwies, war in den letzten paar Minuten ganz aufgeregt geworden. Schlie�lich platzte er mit der Frage heraus:</p><p>�Erz�hl mir, wie Charles mit den Indianern k�mpft!�</p><p>�Das war letztes Jahr�, gab Orry etwas heftig zur�ck. �Er ist jetzt am Rio Grande und jagt dort einen mexikanischen Banditen namens Cortinas. Ich habe deinem Vater alles im letzten Brief dar�ber geschrieben � frag ihn.�</p><p>Der junge William merkte, da� Orry ver�rgert war, und Orry merkte, da� er den Knaben verwirrt hatte. Um es wiedergutzumachen, erz�hlte er dem Knaben alles, was er �ber die Verfolgungsjagd der Zweiten Kavallerie wu�te. Die ein Jahr j�ngere Patricia war nicht an diesem Thema interessiert. Sie, Brett und Constance fingen an, �ber Mode zu reden, insbesondere �ber das Kleid von Charles Worth in Paris, das Constance f�r einen Wohlt�tigkeitsball bestellt hatte. Mit dem ersten Ball dieser Art in Lehigh Station sollten Gelder f�r ein Schulhaus zusammengebracht werden.</p><p>�Das Kleid ist viel zu elegant f�r einen solchen Anla�.� Constance lachte. �Aber es gef�llt mir au�erordentlich gut, und George bestand darauf, da� ich es kaufe. Aber ich bef�rchte, da� die Damen dieser Gegend hinter meinem R�cken tuscheln werden.�</p><p>�Eifers�chtig�, f�gte George hinzu. Orry war neidisch auf die liebevollen Blicke, die die beiden austauschten.</p><p>�Besonders Tante Isabel�, sagte Patricia.</p><p>�Wie geht es Stanley und seiner Frau?� fragte Orry.</p><p>Patricia antwortete, indem sie die Zunge herausstreckte und eine Grimasse schnitt. Constance gab ihrer Tochter einen leichten Klaps auf den Handr�cken und sch�ttelte den Kopf.</p><p>George meinte: �Wir sehen sie kaum noch. Stanley ist dick mit Bo� Cameron befreundet, und Isabel hat ihre eigenen Bekannten. Dem Himmel sei�s gedankt: Um der Bibel und Lincoln zu widersprechen � unser Haus ist in sich selbst entzweit, aber es hat trotzdem noch Bestand.�</p><p>Constance l�chelte traurig. �Aber da gibt es einen Unterschied, Liebster. Stanley und Isabel haben sich nicht freiwillig von uns zur�ckgezogen: Du hast sie rausgeschmissen.�</p><p>�Das stimmt, aber � � George und die andern wurden von einem Ger�usch aus dem E�zimmer abgelenkt. �Oh, Virgilia.�</p><p>Hastig schob Orry seinen Stuhl zur�ck und stand auf. �Guten Abend, Virgilia.�</p><p>�Guten Abend, Orry�, entgegnete sie und rauschte auf einen leeren Stuhl zu. Sie benahm sich, als h�tte sie einen Pestkranken begr��t.</p><p>�Ich wu�te nicht, da� Sie zu Besuch weilen�, sagte Orry und setzte sich wieder. Er war �ber Virgilias Aussehen schockiert. Sie schien seit ihrer letzten Begegnung um �ber zehn Jahre gealtert. Ihre Haut war gelblich verf�rbt, ihr Kleid schmutzig und zerknittert, ihr Haar wirr und ihre tiefliegenden Augen, um die sich Schattenringe abzeichneten, glimmten intensiv.</p><p>�Ich bin heute morgen angekommen.� Wie immer, wenn sie sich �u�erte, wurde daraus eine Art Deklaration. Orry fragte sich, was ihr Nigger-Liebhaber wohl machte, Grady, der entlaufene Sklave. Ger�chte ihrer Liaison, die mit der Zeit immer sensationsl�sterner geworden waren, waren bis nach Charleston vorgedrungen. Nat�rlich war jedermann skandalisiert. Ob sie noch immer mit ihm zusammenlebte? Aber Orry hatte nicht die Absicht, sie danach zu fragen.</p><p>�Morgen werde ich nach Chambersburg reisen�, fuhr sie fort. Irritiert machte sie einer der Dienerinnen, die an der Wand standen, ein Zeichen. Das M�dchen eilte dienstfertig herbei, um Virgilia die Suppe aufzutragen.</p><p>Virgilias Blick ruhte auf Orry. La� dich nicht von ihr provozieren, sagte er sich. Aber es war schwierig, die Warnung zu beachten, denn Virgilia hatte ihn schon zu oft zur Wei�glut gebracht. In Anbetracht seiner gegenw�rtigen Gem�tsverfassung w�re es leicht m�glich.</p><p>Brett beobachtete die beiden aufmerksam, als Virgilia hinzuf�gte: �Ich helfe einem Abolitionisten bei seiner Arbeit. Er hei�t Brown. John Brown aus Osawatomie.�</p><p>Orry hatte nat�rlich schon von Brown geh�rt. Wer nicht? In der Wochenzeitschrift <emphasis>Harper�s Weekly</emphasis> war der Mann mit dem hageren Gesicht und dem langen wei�en Bart abgebildet worden. Er stammte aus Connecticut und war schon seit l�ngerer Zeit als Abolitionist t�tig. Aber ber�hmt war er erst in Kansas geworden, wo er mit f�nf seiner S�hne mehrere blutige K�mpfe f�r den �Freien Boden� gef�hrt hatte. 1856 hatten M�nner unter Browns Kommando f�nf sklavenhaltende Siedler umgebracht � die Aktion war als Pottawatomie-Massaker in die Geschichte eingegangen. Vor kurzem hatte er im Nordosten Vortr�ge gehalten, um Gelder f�r irgendeines seiner verr�ckten Vorhaben zusammenzubringen � eine provisorische Regierung, die er in Kanada proklamiert hatte. Browns S�ndenregister und Virgilias herausfordernder Blick veranla�ten Orry zu einer barschen Antwort:</p><p>�Ich kann nicht begreifen, wie jemand einem M�rder helfen kann.�</p><p>Brett und Constance tauschten �ngstliche Blicke aus. Virgilia sch�rzte die Lippen.</p><p>�Es war zu erwarten, da� Sie so was sagen w�rden. Leute, die die Wahrheit �ber die Sklaverei im S�den sagen, werden meistens beschimpft und in Mi�kredit gebracht. Nun, Sie und Ihre ganze Sippe im S�den sollten sich die Warnungen zu Herzen nehmen, denn Ihren Grausamkeiten und geheimen Zuchtfarmen wird bald ein Ende gesetzt werden.�</p><p>�Was zum Teufel soll das hei�en?�</p><p>�Es wird nicht mehr lange dauern, und dann wird ein Messias Ihre Sklaven in eine gro�e Revolution f�hren. Jeder wei�e Mann, der sich dagegenstellt, wird umkommen.�</p><p>Alle schwiegen v�llig schockiert. Sogar Brett war aufgebracht. Orrys Wut, die schon seit Tagen schwelte, kam nun offen zum Ausbruch. Er stie� den Stuhl vom Tisch weg und sagte steif zu George: �Bitte, entschuldigt mich.�</p><p>Constance warf ihrer Schw�gerin einen vernichtenden Blick zu. Dann wandte sie sich an Orry. �Nicht du solltest gehen.�</p><p>Virgilia l�chelte. �Aber nat�rlich. Die S�dstaatler k�nnen die Wahrheit nicht ertragen.�</p><p>Orry ballte hinter dem Stuhl seine Hand zur Faust. �Welche Wahrheit? Ich habe noch nichts davon an diesem Tisch geh�rt. Ich habe es mehr als satt, mich so behandeln zu lassen, als w�re ich pers�nlich f�r jeden Fehler verantwortlich, den der S�den begangen hat � ob es sich nun um echte Fehler handelt oder um solche, die Sie sich mit Ihrer kranken Phantasie einbilden.�</p><p>Georges Gesicht wechselte die Farbe. �Orry, das ist etwas stark!�</p><p>Orry h�rte ihn kaum. �Zuchtfarmen! Wie kommen Sie auf solche Ideen? Von Ihren Groschenromanen?� George zuckte bei dieser Anspielung auf Pornographie erneut zusammen, aber Orry erhob die Stimme. �Finden Sie Gefallen daran? Erregen sie Sie? Reden Sie deshalb immer wieder davon?�</p><p>Er nahm noch knapp wahr, da� Constance die Kinder aus dem Zimmer bugsierte. Virgilia setzte ein cherubinisches L�cheln auf. �Es ist v�llig klar, da� diejenigen, die das B�se immer wieder unterst�tzen, es leugnen m�ssen.�</p><p>Das Zimmer verschwamm vor seinen Augen. Er konnte und wollte ihre selbstgef�llige Stimme nicht l�nger h�ren. Ohne sich l�nger zu beherrschen, schleuderte er ihr w�tend ins Gesicht: �Frau, Sie sind verr�ckt!�</p><p>�Und Sie und Ihre Sippe, Ihr seid erledigt.�</p><p>�Halten Sie den Mund!� schrie er. �Halten Sie den Mund und gehen Sie zur�ck zu Ihrem Nigger-Liebhaber, wo Sie hingeh�ren!�</p><p>Kaum hatte er das letzte Wort ausgesprochen, als ihn die Scham �berw�ltigte. Er hatte das Gef�hl, im Boden versinken zu m�ssen. Hatte er eben noch alles verschwommen gesehen, so sah er die Gesichter um ihn herum jetzt klar und deutlich. Es waren w�tende Gesichter. Am w�tendsten war wohl George, der mit einer heftigen Bewegung die Zigarre aus dem Mund genommen hatte und sie nun derart kr�ftig dr�ckte, da� das dunkelgr�ne Papier ri�.</p><p>Virgilia rang um ihre Fassung und gab sich gro�e M�he, ihr falsches L�cheln beizubehalten, und Brett starrte finster vor sich hin. Wieder einmal war es Constance, die versuchte, den Frieden wiederherzustellen:</p><p>�Ich glaube, Virgilia, du bist zu heftig gewesen.�</p><p>Sie starrte Georges Frau mit einem kalten Blick an. �Findest du?�</p><p>�W�re es so schwierig, dich zu entschuldigen?�</p><p>�Schwierig nicht � aber unn�tig.�</p><p>Orry h�tte am liebsten sein Weinglas gepackt und ihr den Inhalt ins Gesicht geleert. Trotz der Scham �berwog sein verletzter Stolz. Diese Leute provozierten, urteilten und verurteilten ein ganzes soziales System und warfen dabei Gut und B�se unterschiedslos in einen Topf. Es war unertr�glich.</p><p>Er bemerkte den grollenden Blick von George und brauste auf: �Du zumindest k�nntest gegen ihr Verhalten Einspruch erheben!�</p><p>George warf seine zerbrochene Zigarre auf den Tisch. �Ich erhebe Einspruch gegen ihre Wortwahl, aber sie steht auf der richtigen Seite.�</p><p>Georges Feindseligkeit fuhr wie ein Speer durch Orry hindurch. Die so lange gef�rchtete Spaltung schien nun unvermeidbar. Er ri� sich zusammen, straffte die Schultern und sagte mit betonter Eindringlichkeit:</p><p>�Ich glaube nicht, Sir, da� es dem noch irgend etwas hinzuzuf�gen gibt.�</p><p>�Nein�, sagte George, �ich glaube nicht.�</p><p>Orry sah ihn an. Es war unm�glich, die Wut, die er auf dem Gesicht von George sah � und die er in sich selbst versp�rte �, zu leugnen. Niemals zuvor waren George Hazard und er Feinde gewesen � jetzt waren sie es.</p><p>�Ich hole meinen Hut�, sagte er zu seiner Schwester. �Wir gehen.�</p><p>Brett war �berhaupt nicht darauf gefa�t gewesen und hatte die Sprache verloren. Er trat neben sie, fa�te sie am Ellbogen und schob sie in die Halle.</p><p>�Darf ich darum bitten, da� man unser Gep�ck ins Hotel bringen l��t�, sagte er, ohne sich umzuwenden. Sekunden sp�ter fiel die T�r ins Schlo�.</p><p>Nur Virgilia l�chelte.</p><p>An jenem Nachmittag ging George nicht ins Werk zur�ck. Er irrte ziellos durchs Haus, in der einen Hand eine Zigarre, in der andern ein Glas Whiskey. Er war w�tend auf Orry, w�tend auf sich selbst, und er hatte keine Ahnung, was als n�chstes zu tun war.</p><p>Virgilia verschwand auf ihrem Zimmer. Constance hatte sich um die Kinder gek�mmert und kam wieder nach unten. Sie hatte William in den Garten und Patricia ins Musikzimmer geschickt. George stie� dort eine halbe Stunde sp�ter auf seine Tochter, die auf dem Klavier an einem Menuett herum�bte.</p><p>Patricia bemerkte, wie ihr Vater mit d�sterer Miene in der T�r stand.</p><p>�Papa, seid ihr, Orry und du, nun keine Freunde mehr?�</p><p>Mit dieser einfachen Frage war er pl�tzlich wieder bei Sinnen und sah alles in der richtigen Perspektive.</p><p>�Nat�rlich sind wir noch Freunde. Orry wird noch vor dem Abendessen wieder zur�ck sein. Ich werde daf�r sorgen.�</p><p>Er setzte sich an seinen Schreibtisch in der Bibliothek, schob den Meteoriten beiseite und tauchte seine Feder in die Tinte. Seine Mitteilung fing an mit den Worten: <emphasis>Stiel � wirst du meine Entschuldigung akzeptieren?</emphasis></p><p>�Sie m�chten Mr. Main sprechen?� Der Mann am Empfang des Station House bl�tterte in seinem Buch. �Er hat f�r seine Schwester ein Zimmer f�r heute gemietet, aber ihn werden Sie, glaube ich, in der Saloon-Bar finden.�</p><p>Der Diener aus Belvedere betrat die leere Bar durch die Dreht�r und ging zu einem Tisch am Fenster, wo ein hagerer, b�rtiger Mann in sein leeres Glas starrte.</p><p>�Mr. Main? Von Mr. Hazard, Sir.�</p><p>Orry las die Mitteilung und �berlegte sich noch einmal kurz, ob er wirklich mit dem Nachtzug abreisen wollte. Doch dann erinnerte er sich an die Atmosph�re, die in Belvedere herrschte, und an all die Worte, die gefallen waren. Er konnte Georges Entschuldigung oder seine Bitte nach einer R�ckkehr nicht einfach akzeptieren, als ob nichts geschehen w�re. Wenn damit die <emphasis>Star of Carolina</emphasis> unterging, so w�rde das Coopers Problem sein.</p><p>Der Diener r�usperte sich. �Kann ich eine Antwort �berbringen, Sir?�</p><p>�Nur dies.�</p><p>Orry zerri� die Mitteilung und lie� die Papierfetzen in einen Messing-Spucknapf fallen.</p><p>�Der Teufel soll ihn holen!� rief George. �Kannst du dir vorstellen, was er getan hat?�</p><p>�Ja�, sagte Constance. �Du hast es bereits zehn oder zw�lf mal geschildert.�</p><p>Aber der Scherz half nicht. Sie fand das ganze ohnehin nicht am�sant, obwohl ihr die Situationskomik unter weniger ernsten Umst�nden nicht entgangen w�re: Ihr Mann rannte barfu� im Schlafzimmer hin und her, die kalte Zigarre zwischen die Lippen gepre�t. Unter den leinenen Unterhosen � dem einzigen Kleidungsst�ck, das er im Augenblick trug �, begann sich bereits ein Fettb�uchlein abzuzeichnen.</p><p>�Das wei� ich auch�, entgegnete George. �Ich schreibe ihm eine aufrichtig gemeinte Entschuldigung, und daf�r mu� ich mich von dem gemeinen Hund beleidigen lassen!�</p><p>Die Fenster von Belvedere standen offen und lie�en die frische Herbstbrise herein. Bei k�hlem Wetter kuschelte sich George gerne an seine Frau. Doch sie zweifelte daran, da� sie beide heute nacht viel schlafen w�rden. Seit der Diener vom Station House zur�ckgekehrt war, hatte er nur noch geflucht und getobt.</p><p>�Du bist auch nicht zimperlich mit Orry umgesprungen, Liebling.� Sie st�tzte sich gegen das Kopfende des Bettes; ihr loses Haar fiel in seiner ganzen F�lle �ber ihr Musselinnachthemd. �Beide Seiten haben sich schuldig gemacht � und eigentlich hat Virgilia das ganze ausgel�st. Ich werde es nicht mehr zulassen, da� sie weiterhin Zwietracht in diesem Haus s�t.�</p><p>Er fuhr sich wild mit der Hand durchs Haar. �Mach dir keine Sorgen, sie sitzt bereits im Zug nach Chambersburg.�</p><p>�Auf ihre eigene Initiative hin?�</p><p>�Nein, ich hab� darauf bestanden, da� sie geht.�</p><p>�Nun, das ist schon mal etwas.� Constance r�ckte ein Kissen in ihrem R�cken zurecht. Das Nachthemd spannte sich �ber ihren Br�sten. Mit langsamen, tr�gen Bewegungen begann sie ihr Haar zu b�rsten. Sie hatte sich widerwillig zur �berzeugung durchgerungen, da� das schm�hliche Benehmen von Virgilia offensichtlich nicht mehr zu korrigieren war und die Grenze dessen, was man noch h�tte tolerieren k�nnen, �berschritten hatte. Sie h�tte George eigentlich gerne gesagt, da� er das Problem nicht gel�st hatte, sondern da� es erst dann aus dem Weg ger�umt w�re, wenn er seiner Schwester f�r immer die T�r wies, aber dies war nicht der richtige Zeitpunkt, um auf ein solch heikles Thema zu sprechen zu kommen.</p><p>�Und Orry? Hat er Lehigh Station bereits verlassen?�</p><p>�Ich habe keine Ahnung, und es ist mir auch vollkommen egal. Ich habe das Gef�hl, da� ich Cooper einen Brief schreiben und mein Darlehen zur�ckverlangen sollte. Ich wei� Gescheiteres mit zwei Millionen Dollar anzufangen. Die Schufte! Die wollen wahrscheinlich das Flaggschiff einer sezessionistischen Marine vom Stapel lassen!�</p><p>�W�rdest du Cooper Main das wirklich vorwerfen?� Sie l�chelte sanft. �Jetzt klingst du aber genauso unvern�nftig wie deine Schwester.�</p><p>George schmi� die kalte Zigarre zum Fenster hinaus. Vom Bahnhof her kam das Pfeifen einer Lokomotive � d�ster und traurig. �Er hat sich nicht einmal die M�he genommen, eine Antwort zu schreiben.� Seine Stimme klang eher traurig als w�tend.</p><p>�Liebling, komm hierher.�</p><p>Er wandte sich um; sein Gesicht sah hilflos, fast knabenhaft aus. Er kam langsam zum Bett her�ber und setzte sich, den R�cken an ihre H�fte gelehnt. Seine Beine hingen �ber dem Bettrand in der Luft.</p><p>Sie sah, wie verletzt er war, und begann seine Schl�fe zu streicheln. �Wir alle haben uns heute erb�rmlich benommen. Gib Orry eine Woche Zeit, um sich etwas zu beruhigen. Auch du brauchst etwas Zeit. Bis dahin wollt ihr beide bestimmt wieder Frieden schlie�en. Ihr seid zu lange miteinander befreundet gewesen, als da� jetzt alles zu Ende sein k�nnte.�</p><p>�Ich wei�, aber er � �</p><p>Sie legte ihm ihre Finger auf die Lippen, und sein Protest verstummte. �Heute nachmittag hast du dich mit deinem allerbesten Freund wegen einer politischen Frage zerstritten. Kannst du nicht sehen, wie unsinnig das ist? Wie schrecklich? Wie soll die Nation �berleben, wenn Freunde sich nicht �ber einen Streit hinwegsetzen k�nnen? Wenn M�nner wie du und Orry � gute, vern�nftige M�nner � ein solches Problem nicht l�sen k�nnen, wie stellst du dir dann die Alternative vor? Die Zukunft wird in die H�nde der s�dstaatlichen Extremisten und der John Browns geraten.�</p><p>Der sanfte liebevolle Druck ihrer Finger schien ihn schlie�lich zu beruhigen. �Du hast recht. Bis zu einem gewissen Grad. Ich bin mir nicht ganz sicher, da� Worte wie <emphasis>Streit</emphasis> und <emphasis>Problem</emphasis> das beschreiben, was in diesem Land geschieht.�</p><p>�Ich wei� nicht, ob ich dich richtig verstehe?�</p><p>�Diese Worte klingen f�r mich � na ja, irgendwie trivial. Sie erwecken bei mir den Eindruck, da� die Menschen wegen, wegen � � er suchte mit der Hand in der Luft nach dem Rest � �einer bestimmten Haartracht oder dem Schnitt von Rockaufschl�gen �bereinander herfallen. Aber die Auseinandersetzung geht doch sehr viel tiefer. Der Konflikt reicht bis zu den Anf�ngen unserer Nation zur�ck. Hat man ein Recht, einen Menschen in Knechtschaft zu halten, blo� weil er schwarze Haut hat? Kann man die Union nach Belieben spalten? Ich wei�, wie ich pers�nlich diese beiden Fragen beantworte, aber ich wei� keine Antwort auf die n�chste Frage: Wie kann man in Anbetracht solcher Umst�nde gleichzeitig f�r seine �berzeugungen geradestehen und einen Freund nicht verlieren?�</p><p>Constance blickte ihn liebevoll an. �Mit Geduld�, sagte sie. �Geduld, Vernunft und gutem Willen.�</p><p>Er seufzte. �Ich hoffe, du hast recht. Aber sicher bin ich nicht.�</p><p>Aber er war dankbar f�r ihren Rat und ihre Hilfe. Zum Zeichen daf�r lehnte er sich zu ihr hin�ber und k��te sie lange und z�rtlich.</p><p>Es dauerte nicht lange, bis sich der Druck ihrer Lippen verst�rkte. Er lie� seine Hand zwischen das Kissen und ihren R�cken gleiten. Sie hatte ihre Arme um seinen Hals geschlungen und k��te ihn leidenschaftlich. Der Herbstwind bl�hte die Vorh�nge auf, w�hrend sie einander liebten, Trost spendeten und f�r eine Weile ihre Sorgen verga�en.</p><p>Als sie sp�ter mit verschlungenen Armen entspannt beisammen lagen, ging ihnen beiden derselbe unausgesprochene Gedanke durch den Kopf: Geduld, Vernunft und guter Wille � alles sch�n und gut, aber w�rde es gen�gen? Vielleicht hatte die Nation ihre Angelegenheiten schon nicht mehr unter Kontrolle? Vielleicht lag das Schicksal bereits in den H�nden der Extremisten und der John Browns?</p><p>Ja, und auch der Virgilias?</p><p><strong>52</strong></p><p>Der Landauer von Simon Cameron krachte durch die Pennsylvania Avenue. Stanley, der mit seinem Mentor eine kleine Ausfahrt machte, r�kelte sich im angenehmen Sonnenschein.</p><p>Langsam verklang hinter ihnen die Musik der Marinekapelle, die eben das Lied �Listen to the Mocking Bird� gespielt hatte. Der Komponist hatte es Harriet Lane, Pr�sident Buchanans Nichte und Gastgeberin im Pr�sidentenhaus, gewidmet. Zweifellos befanden sich die beiden � der Pr�sident war schon beinahe siebzig und ein eingefleischter Junggeselle � eben auf dem Rasen hinter dem Haus und begr��ten das beim Konzert anwesende Publikum. Der Pr�sident zeigte sich �berall in Washington herum. Erst gestern war Stanley nach einem opulenten Diner mit Austern, Schildkr�tensuppe und franz�sischem Wei�wein auf dieser Avenue spazierengegangen und dem Pr�sidenten begegnet, der seinen t�glichen, einst�ndigen Spaziergang absolvierte.</p><p>Dank dem Weingenu� war Stanley k�hn genug gewesen, um auf den Pr�sidenten loszugehen und sich mit ihm zu unterhalten. Die beiden waren einander nat�rlich bereits fr�her in Pennsylvania begegnet. Der Pr�sident hatte Stanley nicht nur wiedererkannt, sondern er hatte mit seiner leicht frostigen Stimme auch durchblicken lassen, da� er �ber Stanleys Koalition mit Boss Cameron auf dem laufenden war. In Erinnerung an die Begegnung bemerkte Stanley:</p><p>�Ich wei�, da� der Pr�sident nicht zu Ihren Freunden geh�rt, Simon, aber er kommt immerhin aus unserem Staat. Und als ich ihm gestern wieder begegnet bin, hat er mich wirklich beeindruckt.�</p><p>�Ja, aber Sie haben mir auch gesagt, da� Washington Sie beeindruckt.�</p><p>Der Sarkasmus brachte Stanley zum Err�ten. Er hatte offensichtlich etwas Falsches gesagt.</p><p>�Aber das kann Sie doch nicht wirklich beeindrucken�, sagte Cameron mit einer ver�chtlichen Bewegung Richtung Kapitol, dessen unfertige Kuppel immer noch mit einem Ger�st umgeben war. Cameron seufzte und sch�ttelte den Kopf. �Wie kann ich Sie zu meinem vertrauensw�rdigen Partner machen, wenn Sie weiterhin solchen Fehleinsch�tzungen unterliegen? Wann endlich begreifen Sie, da� es in dieser Stadt nichts gibt, was auch nur einen Penny wert ist � au�er Macht?�</p><p>Stanley wurde puterrot. Er wu�te, da� Cameron sich nicht seines Verstandes wegen mit ihm abgab, sondern weil er �ber andere Aktiva verf�gte. Aber er ha�te es, wenn man sich so offen oder so sarkastisch �ber seine Schw�chen �u�erte.</p><p>Doch er durfte seinen Mentor nicht ver�rgern. Es lagen gewaltige Ver�nderungen in der Luft, Ver�nderungen, die ihn und Isabel in diese Stadt und auf einen Posten im Scho� der nationalen Regierung bringen k�nnten.</p><p>Aber Cameron lie� nicht locker. �Ich will von Ihnen nicht wieder h�ren, da� Sie vom alten Buck beeindruckt sind. Wir sind jetzt Republikaner � und der Pr�sident ist unser Feind.�</p><p>Stanley nickte, versuchte es unbeholfen mit einem L�cheln und wollte dann dem Gespr�ch eine andere Wende geben. �Und wie steht es n�chstes Jahr? Glauben Sie, da� die Demokraten Steve Douglas als Kandidat aufstellen werden?�</p><p>�Schwer zu sagen. Die Partei ist ziemlich uneins. Douglas hat den ganzen S�den mit seiner Freeport-Doktrin vor den Kopf gesto�en.�</p><p>�Dann besteht ja eine echte Chance, da� Seward gew�hlt wird.�</p><p>An jenem Abend waren Stanley und Cameron zu einem Privatempfang f�r den Senator im Kirkwood-Hotel eingeladen. Die beiden M�nner waren extra aus Pennsylvania angereist, um sich mit Seward und General Scott zu treffen, der, genau wie der Senator, gro�e Ambitionen auf den Pr�sidentenstuhl hatte. Gestern abend hatten sie sich eine Stunde lang mit Scott unterhalten; er war extra aus New York angereist, nur um Cameron zu sehen, was zeigte, wie wichtig der Pennsylvanier f�r die Angelegenheiten der Republikaner war. Alle diese Treffen mit jenen Ber�hmtheiten hatten eine berauschende Wirkung auf Stanley. Er wollte um jeden Preis nach Washington zur�ckkehren � als Angeh�riger einer bestimmten Gesellschaftsschicht.</p><p>Cameron reagierte negativ auf den Namen Seward. �Nach jener Bemerkung �ber einen �offenen Konflikt� wird er unm�glich gewinnen k�nnen. Nat�rlich d�rfen wir ihm das heute abend nicht sagen, aber Tatsache ist, da� sich die Partei einen etwas weniger k�mpferisch veranlagten Mann ausw�hlen mu�. Einer, der m�glichst wenig Leute beleidigt.�</p><p>Stanley zog die Augenbrauen hoch. �Wen?�</p><p>�Ich wei� es noch nicht. Aber etwas sage ich Ihnen�, l�chelte er triumphierend, �ich werde als erster seinen Namen kennen. Er wird nicht nominiert werden, bevor ich es erlaube.�</p><p>Stanley wu�te, da� sein Boss nicht scherzte. Es gab nur wenige republikanische Politiker, die so viel wie er zu bieten hatten � eine praktisch absolute Kontrolle eines riesigen Apparates in einem bedeutenden Staat.</p><p>Cameron fuhr weiter: �Ich habe die Absicht, nach dem Treffen der Partei einen Posten auf Kabinettsebene zu bekommen. Jeder Kandidat, der nicht mindestens das zu bieten hat, wird von mir nicht unterst�tzt werden. Und wenn ich schon in diese erb�rmliche Stadt ziehe, dann werden meine Freunde mitkommen.�</p><p>Das Sonnenlicht funkelte in seinen Augen, als er Stanley anblickte. �Ich meine jene Freunde, die ihre Loyalit�t einwandfrei bewiesen haben.�</p><p>Die Botschaft war vollkommen klar und vertraut. Stanley fragte: �Wieviel brauchen Sie diesmal?�</p><p>�Zehntausend w�ren ausreichend. Zwanzig ideal.�</p><p>�Geht in Ordnung.�</p><p>Strahlend lehnte sich Cameron in die Pl�schkissen zur�ck. �Wu�te ich�s doch, da� ich auf Sie z�hlen kann, Stanley. Ich bin sicher, da� es hier einen Posten f�r einen Mann Ihrer Intelligenz geben wird.�</p><p>Billy ruderte in der D�mmerung nach Bloody Island. Brett sa� am Bug mit einem Sonnenschirm �ber der Schulter. Er mu�te sie unabl�ssig ansehen und konnte eine k�rperliche Reaktion beinahe nicht mehr unterdr�cken.</p><p>Immer wieder rief er sich ins Ged�chtnis, da� ihr Bruder von ihm erwartete, da� er sich wie ein Gentleman ben�hme. Eine nicht einfache Aufgabe in Anbetracht der vielen einsamen Monate, die er hier verbrachte, und der atemberaubenden Sch�nheit von Bretts Gesicht und K�rper.</p><p>Nach einer Reise, die beinahe eine Woche gedauert hatte, waren Brett und Orry vorgestern in St. Louis eingetroffen. Brett hatte Billy sofort vom Streit in Lehigh Station berichtet. Sie sagte, da� Virgilia das ganze ausgel�st habe, was Billy zwar anwiderte, aber keineswegs �berraschte. Er und seine Schwester waren einander nie besonders nahegestanden. Oft konnte er es kaum glauben, da� sie Blutsverwandte waren.</p><p>Orry hatte bis jetzt seine Pflicht als �Anstandsdame� mit einer gewissen L�ssigkeit wahrgenommen. Er hatte die beiden jungen Leute bereits zweimal w�hrend mehr als einer Stunde alleingelassen, und sie hatten somit Gelegenheit gehabt, frei in der derben Stadt am Flu� herumzuspazieren. Heute war Orry wegen einer leichten Magenverstimmung im Hotel geblieben, und Billy hatte Brett mit der F�hre �ber den Mississippi mitgenommen und dann das Ruderboot gemietet. Er wollte ihr zeigen, womit er sich in all den Monaten besch�ftigt hatte.</p><p>Orry benahm sich ihm gegen�ber h�flich und r�cksichtsvoll, dachte Billy, als das Boot durch das seichte Gew�sser zu der langen Sandbank glitt. Hie� das nun, da� er seine Meinung �ber ihre Heirat ge�ndert hatte? Billy hoffte es sehr.</p><p>Das Boot knirschte, als es auf dem Kies auflief. Billy sprang an Land. Er stand kn�cheltief im Wasser und streckte seine Arme gegen Brett aus.</p><p>�Komm! Spring! Du wirst nicht na� werden.� Aber das Boot stak nicht so fest, wie er das gehofft hatte, und als sie aufstand, wurde es durch die Bewegung etwas abgetrieben. �Warte, ich will versuchen, das Tau zu erwischen!� rief er.</p><p>Doch zu sp�t. Sie sprang. Er versuchte, sie aufzufangen, verlor jedoch das Gleichgewicht. Sie landeten beide im fu�tiefen Wasser und wirbelten Dutzende von kleinen, silbrigen Fischen auf.</p><p>Er half ihr aufzustehen. Ihr Kleid klebte an ihrem K�rper, und die Brustwarzen zeichneten sich unter der nassen Stoffschicht ab. Sie sch�ttelte ihren Sonnenschirm und betrachtete kichernd den Spr�hregen, den sie dabei verursachte.</p><p>�Nein, wie deine Uniform aussieht! Aber wahrscheinlich sehe ich nicht besser aus.�</p><p>�Nun�, entgegnete er todernst, �wenigstens wirst du dich jetzt an deinen Besuch in St. Louis erinnern.�</p><p>�Wie k�nnte ich St. Louis vergessen, wenn du hier bist?�</p><p>Sie sagte es zwar leichthin, aber es war ernst gemeint. Ihre Blicke trafen sich. Er watete durch das seichte Wasser zu ihr hin, legte ihr die H�nde um die Taille und zog sie an sich. Ihre s��en feuchten Lippen erregten ihn noch mehr. Sie �ffnete den Mund und dr�ckte sich an ihn.</p><p>�F�r ein anst�ndiges M�dchen aus dem S�den k�mmerst du dich aber nicht allzusehr um Konventionen�, fl�sterte er. �Wir k�ssen uns am hellichten Tag � �</p><p>�Und wenn der ganze Staat Illinois uns sieht, was soll�s. Ich liebe dich, Billy. Ich werde nie einen andern lie�� �ber seine Schulter hinweg erblickte sie etwas, das jegliche Romantik zerst�rte. �Das Boot!�</p><p>Er mu�te in tiefes Wasser waten, um es zur�ckzuholen. Er zog es an den Strand und vert�ute es fest unter einem schweren Stein. Als er wieder zu ihr ging, klopfte er die nasse M�tze an der Hose ab und war dankbar f�r die Ablenkung durch das Boot. Er hatte sich somit etwas beruhigen k�nnen.</p><p>Sie hielten sich an den H�nden und gingen auf die Baumwollstr�ucher zu. Der Druck in seiner Leistengegend nahm wieder zu. Das auferzwungene Z�libat war einfach zuviel f�r ihn. Er warf Brett einen versch�mten Blick zu und bemerkte, da� es ihr offenbar �hnlich erging.</p><p>Er zeigte ihr die beiden Pfahlreihen am oberen Ende der Sandbank. Der zw�lf Meter breite Zwischenraum zwischen den Reihen war mit Sand und Steinen aufgef�llt, und die Au�enseite des Damms war mit Strauchwerk bepflanzt worden.</p><p>Es war harte, schmutzige Arbeit gewesen. Billy hatte den ganzen Sommer damit zugebracht, die Pf�hle zu richten, neue Pf�hle zu verankern, Steine aufzusch�tten, die Insekten zu vertreiben und die Querelen unter den Arbeitern zu schlichten. Die meiste Zeit �ber hatte er ohne Hemd gearbeitet und immer wieder einen Sonnenbrand und Blasen auf dem R�cken bekommen. Doch jetzt war er dunkelbraun gebrannt, die Arbeiten waren fertiggestellt, und er konnte alles mit Stolz vorzeigen.</p><p>�Am S�dende der Sandbank war der Deich durch Eis besch�digt worden, und wir haben auch dort Ausbesserungen vornehmen m�ssen. Noch zwei oder drei Wochen, und wir sind fertig damit.�</p><p>�Und dann?�</p><p>�Werde ich versetzt.�</p><p>�Wohin?�</p><p>�Wo auch immer Ingenieure gebraucht werden. Einer meiner M�nner hat mich gefragt, weshalb ich vier Jahre lang in West Point habe lernen m�ssen, wie man Steine aufl�dt, und ich konnte ihm bei Gott keine vern�nftige Antwort geben. Aber die Arbeit ist sinnvoll und n�tzlich, sie hat mir Spa� gemacht. Ich w�rde gerne etwas �hnliches anderswo wieder tun.�</p><p>Sie nickte. Arm in Arm schlenderten sie durch die raschelnden Baumwollstr�ucher. Der Himmel war nun tiefblau, oktoberfarben, wie Billy das nannte. �ber ihren K�pfen zogen einige Kumuluswolken gem�chlich dahin. Die untergehende Sonne tauchte sie in ein flammendes Orange. Der Gegensatz war kra� und romantisch, dachte Billy.</p><p>�Es ist mir egal, wohin sie mich versetzen�, fuhr er fort, �wenn ich nur in deiner N�he sein kann.� Er blieb stehen, drehte sie sanft zu sich hin und hielt sie an den Unterarmen. �Brett, ich m�chte dich heiraten. Bald.�</p><p>�Mir geht es nicht anders, Billy. Ich habe das Gef�hl, da� wir schon seit Jahrhunderten aufeinander warten. Wei�t du, da� ich bereits einundzwanzig bin?�</p><p>�Das hatte ich vergessen. Dann bist du ja schon fast steinalt.�</p><p>Trotz des Witzes war auch er sich in letzter Zeit seines Alters bewu�t geworden. Mit vierundzwanzig war ein Mann so weit, da� er Verantwortung �bernehmen konnte. �Ich kann jetzt wirklich f�r dich sorgen. Ich habe jeden Monat die H�lfte meines Lohns gespart und so � � Er r�usperte sich. �Was w�rdest du davon halten, wenn ich mich, solange ihr beiden noch hier seid, mit Orry unterhalten w�rde?�</p><p>Sie umarmte ihn st�rmisch. �O ja, bitte tu das.�</p><p>�Ich m�chte sichergehen, da� ich ihn zum richtigen Zeitpunkt anspreche � �</p><p>Sie l�chelte liebevoll. �Du bist immer so vorsichtig und sorgf�ltig. Ich glaube nicht, da� es jemals wieder einen richtigen Zeitpunkt geben wird. Die Welt befindet sich in solchem Aufruhr � �</p><p>�Aber ich bin nicht sicher, da� Orry mich mag. Wenn ich jetzt mit ihm rede und er immer noch auf George w�tend ist?�</p><p>�Da ist er dr�ber hinweg.� Sie pre�te sich wieder an ihn und fl�sterte. �Ich verliere den Verstand, wenn wir noch lange warten m�ssen.�</p><p>�Ich auch.�</p><p>�Rede morgen mit ihm. Oder heute abend.�</p><p>�Gut. Sobald ich kann. Versprochen.�</p><p>Es klang entschlossen und sollte seine letzten Zweifel bannen. Er f�hlte sich wie ein General, der endlich seine M�nner in die Schlacht schickt.</p><p>Sie k��ten sich wieder. Die orangefarbenen Wolken schwebten �ber dem Mississippi in einem so lieblichen Himmel, da� es schien, als g�be es �berhaupt keine Probleme mehr auf der Welt.</p><p>Orry fand St. Louis zwar lebhaft und voller Dynamik, aber die Leute hatten keine Manieren und benahmen sich aufgeblasen. Die Stadt war derb wie das rohe Holz der meisten Geb�ude. Als er mit Billy am n�chsten Morgen den Flu� entlangschlenderte, f�hlte er sich sehr als eleganter S�dstaatler.</p><p>Er trug einen teuren Walnu�spazierstock bei sich, den er als Andenken gekauft hatte, und schwang ihn bei jedem Schritt in einem Halbkreis vor- und r�ckw�rts. Sie gingen an einem Dutzend l�rmender Neger vorbei, die Kisten auf ein Schiff luden. In der Mitte des Kanals tuckerte ein Schaufelraddampfer nach Norden in Richtung Des Moines. Die Passagiere lehnten winkend an der Reling. Orry betrachtete das Schiff mit gro�er Bewunderung; er hatte sich in die Mississippi-Dampfer verliebt, die ihm wie elegante schwimmende Pal�ste vorkamen.</p><p>Billy r�usperte sich. Seine hellblaue Hose wies immer noch Spuren vom gestrigen unfreiwilligen Bad auf. Orry wu�te, was nun kommen w�rde, und w�nschte, er k�nnte der Situation ausweichen.</p><p>�Orry, ich sch�tze es sehr, da� du bereit bist, mich anzuh�ren.�</p><p>Der gr��ere Mann wirbelte seinen Stock herum und sagte scherzhaft: �Das ist nichts Neues. Wir reden ja schon seit Jahren miteinander.�</p><p>�Ja, aber es geht diesmal um etwas sehr Wichtiges. Es betrifft Brett.�</p><p>Orry nickte ernst. �Das habe ich vermutet.�</p><p>Ein mit Baumwollballen beladener Karren fuhr vorbei; die Hufe des Esels dr�hnten �ber das Pflaster. Die beiden M�nner gingen w�hrend zehn Sekunden schweigend nebeneinander her. Manchmal fand Orry Billy zu vorsichtig � ein ironischer Gegensatz zu seinem �lteren Bruder. Er bedauerte es, da� das Gespr�ch gerade jetzt stattfinden mu�te, obwohl sein Zorn auf George eigentlich nichts damit zu tun hatte. Im Grunde hatte er sogar das Gef�hl, da� er selber zu einem gro�en Teil f�r den Streit in Lehigh Station verantwortlich war. Er w�rde George nach einiger Zeit einen Brief schreiben und den Streit wiedergutmachen.</p><p>Der aromatische Duft von frischem Kaffee str�mte ihnen aus einem Kaffeehaus an der linken Stra�enseite entgegen; lautes Stimmengewirr und der Geruch von S�gemehl kamen aus einem Saloon. Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte Orry Billys besorgte Miene. Um ihm die Sache zu erleichtern, sprach er als erster.</p><p>�Du m�chtest um die Erlaubnis bitten, Brett zu heiraten?�</p><p>Billy explodierte beinahe vor Erleichterung. �Ja! Ich kann jetzt f�r sie sorgen. Wir werden zwar nicht in Saus und Braus leben, aber sie wird nie Not leiden m�ssen, das verspreche ich dir. Ich glaube, da� ich bei der Armee ausgezeichnete Chancen habe. Ich werde St. Louis demn�chst verlassen � �</p><p>�Wei�t du, wohin du versetzt wirst?�</p><p>�Ich habe darum gebeten, da� man mich auf eines der Bundesforts im S�den schickt. Fort Pulaski in Savannah. Fort Monroe. Charleston w�re nat�rlich ideal. Ich habe geh�rt, da� man die Absicht hat, die Hafenanlagen zu befestigen.�</p><p>�Nun, Brett w�rde sich dar�ber freuen, wenn du in der N�he von Mont Royal w�rest.�</p><p>�Orry, wir m�chten einander nicht nur gegenseitige Besuche abstatten � wir m�chten heiraten!�</p><p>Die Worte klangen mehr als nur etwas br�sk. Orry blieb auf dem Pier stehen und sah den jungen Mann stirnrunzelnd an.</p><p>�Das kann ich verstehen, Billy, aber ich kann dir meine Erlaubnis leider nicht geben.�</p><p>In Billys Augen blitzte Zorn auf. �Warum nicht? Glaubst du, da� ich kein guter Ehemann f�r Brett w�re?�</p><p>�Ganz im Gegenteil. Es hat nichts mit deinem Charakter zu tun.�</p><p>�Was ist es denn? Hast du deine Meinung �ber die Armee ge�ndert? Glaubst du, da� es keine gute Laufbahn ist?�</p><p>�Nein, und ich bin sicher, da� du vieles leisten wirst. Auf jeden Fall in normalen Zeiten. Aber wir haben ja keine normalen Zeiten mehr. Das Land wird von Unruhen gesch�ttelt, und die Zukunft ist ungewi�, wenn nicht total finster.� Er seufzte schwer und r�ckte dann mit dem Rest der Wahrheit heraus. �Besonders f�r zwei junge Menschen, die aus zwei v�llig verschiedenen Teilen des Landes kommen.�</p><p>�Du meinst, weil ich aus Pennsylvania komme und Brett aus dem S�den, k�nnten wir uns nicht vertragen?� Ruhig und bestimmt f�gte er hinzu: �Beurteile uns nicht im Lichte dessen, was zwischen dir und George vorgefallen ist.�</p><p>Orry gelang es, die Fassung zu bewahren, und mit ruhiger Stimme zu fragen: �Brett hat dich also informiert?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Nun, ich kann nicht behaupten, da� mein Entschlu� gar nichts mit dem Streit zu tun h�tte, aber nicht so, wie du dir das vorstellst. Dein Bruder und ich, wir haben uns nicht auf ewig verkracht. Er ist immer noch mein bester Freund. Das hoffe ich zumindest. Aber eins steht fest: Wir haben uns �ber Probleme gestritten, denen man heutzutage nicht mehr aus dem Weg gehen kann. Dieselben Probleme k�nnten dich und meine Schwester einer starken Belastung aussetzen. Nimm einmal an, da� dieses absurde Gerede von Sezession zu einer konkreten feindlichen Handlung f�hrt. Was w�ren die Auswirkungen auf die Armee? Oder genauer, auf einen Offizier, der sich sowohl der Regierung als auch seiner Frau, die aus dem S�den stammt, verpflichtet hat?�</p><p>�Ich habe das Gef�hl, da� du ziemlich weit gehst, um Einw�nde zu finden.� Billys Stimme klang jetzt etwas scharf.</p><p>Orry entgegnete nicht minder unwirsch: �Ich erkl�re dir den Grund f�r mein Nein.�</p><p>�Ist es endg�ltig oder nur vor�bergehend gemeint?�</p><p>�Vor�bergehend. Glaube mir, ich w�rde mich freuen, wenn Brett einen Hazard heiraten w�rde. Aber erst, wenn die Zukunft etwas klarer aussieht.�</p><p>Billy starrte ihn an. �Und wenn wir beide beschlie�en w�rden, ohne deinen Segen zu heiraten?�</p><p>Orrys Miene verfinsterte sich. �Ich glaube nicht, da� Brett so was tun w�rde. Aber es steht dir nat�rlich frei, sie zu fragen.�</p><p>�Ja, Sir�, sagte Billy und nickte. �Ich glaube, das werde ich tun. Darf ich mich entschuldigen? Ich habe noch etwas mit meinem Sekret�r zu besprechen.�</p><p>Mit traurigem Blick sah Orry dem jungen Mann zu, wie er steif davoneilte.</p><p>An jenem Abend sagte Brett im Salon ihrer Hotelsuite zu Orry: �Ich bin �ber die Antwort, die du Billy gegeben hast, entt�uscht.�</p><p>�Wann hast du ihn gesehen?�</p><p>�Vorhin, als ich unten war. Er ist davon �berzeugt, da� du ihn nicht magst.�</p><p>Orry hieb mit der Faust auf die Stuhllehne. �Das ist nicht wahr! Offenbar habe ich mich nicht klar genug ausgedr�ckt. Ich m�chte mir das ganze blo� noch eine Weile �berlegen. Du wei�t doch selbst, da� die Leute in diesem Land Partei ergreifen. Die Umst�nde k�nnten euch in zwei entgegengesetzte Lager zwingen, und ich m�chte nicht, da� du eine Ehe eingehst, die dich einer solchen Belastung aussetzen w�rde.�</p><p><emphasis>�Ich</emphasis> heirate ja schlie�lich.� Sie stampfte mit dem Fu� auf. �Ich glaube, ich bin diejenige, die zu entscheiden hat.�</p><p>�Jetzt redest du wie Ashton�, gab er erbost zur�ck und ging ans Fenster. �Wenn du dich mir widersetzen willst, dann sag es geradeheraus.�</p><p>�Ich habe Billy gesagt, da� ich das nicht tun kann. Zumindest nicht, solange noch eine Chance besteht, da� du deine Meinung �nderst.�</p><p>Die Drohung war zwar leise, aber unmi�verst�ndlich. Ihre Entschlossenheit lie� ihn unvermutet melancholisch werden � vielleicht weil er immer wieder verga�, da� sie bereits erwachsen war und selbst �ber ihr Schicksal entscheiden konnte? Und auch, weil er wieder einmal daran erinnert worden war, da� seine F�hrung jetzt nicht mehr n�tig und auch nicht mehr erw�nscht war. Abgesehen davon merkte er erneut, wie schnell die Zeit verging und wie rasch sich alles ver�nderte.</p><p>Er starrte zum Fenster hinaus und betrachtete einen Dampfer auf dem Mississippi. Funken spr�hten und leuchteten kurz im Rauch auf, aber sie erloschen schnell. Wie die Begierden eines Mannes. Wie seine Tr�ume.</p><p>Er wollte sich nicht schuldig machen und den andern das Gl�ck verwehren, blo� weil man es ihm verwehrt hatte. Nein, das w�re gemein und egoistisch. Diese Gedanken lie�en ihn die Dinge wieder etwas klarer sehen und den Wunsch in ihm aufsteigen, Frieden zu schlie�en. Frieden mit ihr und mit Billy.</p><p>Er ging auf Brett zu und ergriff ihre Hand.</p><p>�Ich habe Billy gern. Ich wei�, da� er dir ein guter Ehemann w�re. Aber eine Heirat ist eine Verpflichtung auf Lebenszeiten� � <emphasis>ach, wie stolz Madeline jetzt auf dich w�re,</emphasis> dachte er in einem Anflug von Sarkasmus, �und deshalb solltest du deiner Gef�hle sehr sicher sein.�</p><p>�Orry, das bin ich! Ich kenne Billy nun seit Jahren. Ich warte seit Jahren auf ihn!�</p><p>�W�re es schlimm, noch etwas l�nger zu warten?�</p><p>Der Salon war in der Dunkelheit versunken. Sie konnten einander nicht mehr klar sehen. Brett stie� einen leisen, m�den Seufzer aus.</p><p>�Ach, ich glaube nicht.�</p><p>Er hatte gewonnen. Es war kein Sieg. Eher eine Frist.</p><p>Billy verbrachte eine noch ungl�cklichere Nacht als Brett. Der Schlaf wollte nicht kommen, und er wurde von deprimierenden Gedanken �ber Orrys Ablehnung heimgesucht, von Gedanken auch �ber die Feindseligkeiten zwischen dem Norden und dem S�den und einem m�glichen Krieg. Er erinnerte sich an eine ihm nicht verst�ndliche Warnung von George. Es ging um einen verr�ckten Offizier, der aus unerkl�rlichen Gr�nden alle Hazards ha�te. Sein Bruder hatte ihn sogar davor gewarnt, da� besagter Offizier irgendwie eine Gefahr f�r ihn sein k�nnte.</p><p>Nun, er hatte weder die Zeit noch die Absicht, das ganze ernst zu nehmen � oder sich auch blo� daran zu erinnern, es sei denn, er f�hlte sich so deprimiert wie eben jetzt. Nein, da war doch Brett, von der er tr�umen konnte.</p><p>Drei Tage sp�ter, an einem Donnerstag, begleitete Billy die beiden zu ihrem Zug nach Osten.</p><p>Orry hatte sich im Anschlu� an ihre Diskussion kaum mit dem jungen Offizier unterhalten. Als er nun vor der Kutsche stand, wurde ihm klar, da� dies die letzte Gelegenheit war, um �ber die f�rmlichen, leeren Plaudereien hinauszukommen und Billy einen Schritt entgegenzugehen.</p><p>Er ergriff Billys Hand und sch�ttelte sie. Billy war entwaffnet und blickte Orry, der ihm zul�chelte, �berrascht an.</p><p>�Ich glaube, da� ihr beide, du und Brett, zusammen beinahe jedem Sturm die Stirn bieten k�nntet. Aber la�t mir bitte einen Monat oder so Zeit, um mich selbst davon zu �berzeugen, ja?�</p><p>�Du meinst, wir k�nnen � �</p><p>Orry hob die Hand, um ihn zu unterbrechen. �Keine Versprechen, Billy. Ich habe die T�r nicht zugeschlagen, und es tut mir leid, wenn ich diesen Eindruck bei dir erweckt habe. Wie du, bin auch ich immer vorsichtig im Leben. Frag mal deinen Bruder.�</p><p>�Danke, Sir.� Strahlend ergriff Billy Orrys Hand und dr�ckte sie fest. Brett umarmte ihren Bruder.</p><p>Orry lie� die beiden jungen Leute allein; sie standen so dicht beieinander, da� sich ihre Stirnen fast ber�hrten, und sie fl�sterten. Er hatte jetzt zwar sein Gewissen erleichtert, aber er f�hlte sich mitnichten besser, als er in den Zug stieg.</p><p><strong>53</strong></p><p>Orry wurde durch Schreie aufgeweckt, besonders durch eine schrille Frauenstimme. Er rieb sich die Augen. Der Zug hatte angehalten, und Menschen rannten durch den Gang des Eisenbahnwagens. Ein hochgewachsener Mann prallte mit dem Kopf gegen die von der Decke baumelnde �lfunzel, die heftig hin und her schaukelte und verzerrte Schatten auf die W�nde warf.</p><p>Brett sa� hellwach auf ihrem Sitz. Orry stand und versuchte, dem Durcheinander einen Sinn abzugewinnen. Die Frau drau�en schrie immer noch. Eine h�fliche M�nnerstimme bes�nftigte sie. Vom Verbindungsgang her h�rte Orry den Schaffner rufen:</p><p>�Alles aussteigen! Ich wei� nicht, was los ist, aber ich bin sicher, niemandem wird ein Leid geschehen. Bitte beeilen Sie sich! Achten Sie auf die Stufen!�</p><p>Der Schaffner k�mpfte sich durch die gegen ihn anst�rmende Menschenmenge. Er rief Orry, Brett und noch ein paar andern Reisenden, die versucht hatten, so gut wie m�glich sitzend zu schlafen, zu: �Bitte, beeilen Sie sich! Alle m�ssen aussteigen.�</p><p>Orry, der immer noch nicht ganz wach war, fragte sich, ob wohl diese ganze Aufregung n�tig sei. Sicher handelte es sich blo� um einen kleinen Unfall. Er zog gem�chlich seine silberne Uhr aus der Westentasche und schlug mit dem Daumen den Deckel zur�ck. Brett stand auf, ging zum Fenster, stie� den Laden hoch und starrte in die Dunkelheit hinaus.</p><p>Die Uhr zeigte eine halbe Stunde nach Mitternacht. Es war also bereits Montag morgen, Montag, 17. Oktober 1859. Sie hatten Wheeling am fr�hen Sonntag mit diesem B&amp;O-Eilzug Richtung Baltimore verlassen, wo Orry f�r mehrere tausend Dollar Schiffsbestandteile f�r Cooper kaufen sollte. Er f�hrte eine lange Liste der einzelnen Teile in seinem Gep�ck mit.</p><p>Brett lehnte am Fenster und sp�hte in die Dunkelheit hinaus. Pl�tzlich zuckte sie zur�ck; ihr Gesicht war schneewei�.</p><p>�Ich habe eben einen Mann vorbeigehen sehen. Er trug ein Gewehr.�</p><p>�Glaub� ich nicht.�</p><p>Er stellte sich neben sie und blickte hinaus. In der Ferne war undeutlich der schwache Lichtschein einiger Lampen zu erkennen. Der Anblick von Zeichen der Zivilisation erleichterte Orry. Pl�tzlich umschlo� eine kr�ftige Hand von hinten seine Schulter.</p><p>Er wirbelte herum, bereit zuzuschlagen. Es war blo� der Schaffner.</p><p>�Bitte, Sir, steigen Sie aus.� Der Mann war in Panik und bettelte Orry f�rmlich an. �Ich bin der Vertreter dieser Eisenbahn. Meine Name ist Phelps. Ich bin f�r die Passagiere verantwortlich. Bitte tun Sie, was ich sage, bis wir die Erlaubnis zur Weiterfahrt bekommen.�</p><p>�Erlaubnis? Von wem?� Orrys Stimme klang nun hellwach.</p><p>�Von den bewaffneten M�nnern drau�en. Die Station ist unter ihrer Kontrolle. Sie sagen, sie h�tten auch das Bundesarsenal und Hall�s Gewehrfabrik besetzt. Ich habe den Eindruck, da� sie zum �u�ersten entschlossen sind.�</p><p>Von irgendwoher knallte ein Gewehrschu�. Brett stie� entsetzt einen leisen Schrei aus und blickte sich dann im Wagen um. �Alle andern sind ausgestiegen. Wir sollten tun, was der Herr sagt.�</p><p>Orrys Mund f�hlte sich trocken an. Er war angespannt und instinktiv in Alarmbereitschaft, wie dies oft in Mexiko der Fall gewesen war. Er folgte Phelps bis zum Kopfende des Wagens und stellte erst dann die naheliegende Frage:</p><p>�Wo sind wir?�</p><p>�In Harpers Ferry. Der letzte Halt in Virginia, bevor wir den Flu� an der Grenze zu Maryland �berqueren.�</p><p>Es war grotesk. Ein Melodrama wie aus einem Groschenheft, das mitten in der Nacht, aus bis jetzt noch unverst�ndlichen Gr�nden, inszeniert wurde. Und doch hing Angst in der Luft. Brett ging hinter Orry her und umklammerte seine Hand, als er Phelps in die feuchte, k�hle Dunkelheit hinaus folgte.</p><p>Als er die Eisenstufen hinunterkletterte, schaute er sich um. Vom Holzdach des Bahnsteigs baumelten Lampen. In ihrem Lichtkegel standen f�nf bewaffnete M�nner, vier Wei�e und ein Schwarzer. Auf der rechten Seite des Bahnsteigs trieben weitere M�nner mit Revolvern und Gewehren die Reisenden wie eine Viehherde in ein kleines, sch�biges Geb�ude ganz in der N�he des Bahnsteigs.</p><p>Zu seiner Linken konnte Orry eine weitere Gestalt ersp�hen. Sie lag r�cklings auf einem leeren Karren. Ein Gep�cktr�ger, vermutete Orry. Seine Uniform war blutbefleckt.</p><p>Orry half seiner Schwester �ber die letzten Stufen und ging dann vor. Phelps wandte sich an die bewaffneten M�nner.</p><p>�Ich will wissen, wann Sie diesem Zug die Weiterfahrt erlauben.�</p><p>Trotz der entschlossenen Worte war die Stimme des Schaffners br�chig. Der Schwarze klemmte das Gewehr unter den Arm, ging auf Phelps zu und schlug ihm die Faust ins Gesicht.</p><p>�Du hast �berhaupt nichts zu wollen, Mister.�</p><p>Der Schaffner rieb sich die Backe. �Ist Ihnen bewu�t, welche Strafe auf die Beeintr�chtigung der Bundespost aussteht? Wenn wir eine Nachricht dieser Brutalit�t nach Baltimore telegrafieren � �</p><p>Einer der Wei�en unterbrach ihn. �Alle Verbindungen sind unterbrochen. Gehen Sie, l�schen Sie das Licht in s�mtlichen Eisenbahnwagen und bleiben Sie dann mit allen andern dort. Sie haben die Wahl zwischen dem Bahnhof und dem Hotel nebenan.� Bei dem Hotel handelte es sich offensichtlich um das kleine, sch�bige Geb�ude.</p><p>�Was zum Teufel geht hier vor sich?� sagte Orry.</p><p>Der Mann mit dem Gewehr blickte ihn scharf an.</p><p>�S�dstaatler, was? Du h�ltst besser den Mund, sonst la� ich meine Niggerjungen los. Sie h�tten sicherlich nichts dagegen, mit dir ein H�hnchen zu rupfen.�</p><p>Orry legte den Arm um Bretts Schultern und f�hrte sie �ber den Bahnsteig zum Hotel. Auf einem kleinen Schild war �Wager House� zu lesen.</p><p>Bretts Gesichtsz�ge waren angespannt, ihre Augen schienen riesengro�. �Was ist los, Orry? Ist dies ein Raub�berfall?�</p><p>�Wahrscheinlich.� Er hatte keine andere Erkl�rung.</p><p>Beim Hoteleingang stand ein junger Mann mit einem Gewehr Wache. In der Halle schluchzte eine Frau, und ein Mann versuchte ihr mit nerv�ser, aber eindringlicher Stimme klarzumachen, da� sie ihr Korsett lockern und sich beruhigen solle. Brett stolperte an der T�r, und die erschrockene Wache, die offensichtlich einen Angriff bef�rchtete, versetzte ihr einen Sto�.</p><p>Brett taumelte gegen eine Fensternische. Orry fluchte und ging auf die Wache los. Der Mann trat zur�ck und hob das Gewehr.</p><p>�Noch einen Schritt und Sie werden Baltimore nie sehen.�</p><p>Orry stand mit geballter Faust still.</p><p>�La� das Gewehr, Oliver. Wir haben keinen Streit mit diesen Menschen.�</p><p>Die tiefe, klangvolle Stimme geh�rte einem gro�en Mann mittleren Alters, der aus der Dunkelheit des Bahnsteigs aufgetaucht war. Er trug ein Farmerhemd, alte Kordhosen und schmutzige Stiefel. Sein wei�er Bart war kurz geschnitten. Sein schroffes Gesicht kam Orry bekannt vor, und doch wu�te er nicht sofort, wer der Mann war.</p><p>Der junge Mann hielt das Gewehr immer noch schu�bereit.</p><p>�Oliver�, sagte der B�rtige.</p><p>�Schon gut, Pa.� Er senkte das Gewehr. Der Kolben schlug sanft auf dem Boden auf.</p><p>Orry starrte den Mann mit dem Bart an. �Sind Sie f�r diese Raufbolde verantwortlich?�</p><p>Mit �bertriebener H�flichkeit antwortete der Mann: �Seien Sie sorgf�ltig mit Ihren Worten, Sir. Vor Ihnen steht der Oberbefehlshaber der Provisorischen Regierung der Vereinigten Staaten. Mein Name ist Brown.�</p><p>Nat�rlich. Brown aus Osawatomie. Orry erinnerte sich daran, das Gesicht in Zeitschriften gesehen zu haben, aber der Bart war auf den Bildern viel l�nger gewesen. Hatte er ihn gestutzt, in der Hoffnung, nicht so leicht erkannt zu werden?</p><p>Browns blaue Augen blickten eiskalt. �Mein Sohn hatte nicht die Absicht, der jungen Dame etwas zu tun; er hat sich blo� selbst sch�tzen wollen. Es ist klar, da� die Wellen bei einem Unterfangen dieser Tragweite manchmal etwas hochschlagen.�</p><p>�Unterfangen?� gab Orry h�misch zur�ck. �Verdammt komischer Name f�r einen Zug�berfall!�</p><p>�Sie beleidigen mich, Sir. Wir sind keine Diebe. Ich bin aus Kansas gekommen, um alle Neger dieses Staats zu befreien.�</p><p>Obwohl Brown mit ruhiger Stimme sprach, glaubte Orry in dem durchdringenden Glimmen seines Blickes eine Spur von Wahnsinn zu entdecken. Er mu�te an Virgilia denken. War dies ihr revolution�rer Messias?</p><p>�Sie sind also der Anf�hrer einer Revolte?� fragte er Brown.</p><p>�In der Tat. Ich bin bereits im Besitz des Arsenals der Vereinigten Staaten. Und hier wird kein Zug mehr durchgelassen. Gehen Sie hinein und verhalten Sie sich ruhig, bis ich beschlossen habe, was hier geschehen soll. Sollte sich irgend jemand einmischen, werde ich die Stadt niederbrennen lassen, und es wird zu Blutvergie�en kommen. Haben Sie mich verstanden?�</p><p>Orry nickte grimmig. Dann hielt er Brett den Arm hin und f�hrte sie in die Hotelhalle, wo er ihr einen Platz anbot.</p><p>Ein kleiner Junge fing an zu weinen und wurde von seiner Mutter auf den Scho� genommen. Ein Mann rieb seiner schniefenden Ehefrau die H�nde. Orry z�hlte die Passagiere, die in der Hotelhalle herumsa�en oder -standen: Er kam auf achtzehn.</p><p>Gegen�ber der T�r, durch die sie hereingekommen waren, befand sich eine weitere, die auf die Stra�e hinausging. Sie stand halb offen, und ein weiterer von Browns M�nnern war zu erblicken, ein Neger, der langsam mit einem Marinerevolver in der Hand auf und ab marschierte. Orry sah, da� er Farmerschuhe und eine abgewetzte, viel zu kurze Hose trug.</p><p>Orry setzte sich neben Brett und rieb sich das Knie. John Brown hatte offensichtlich Sklaven oder ehemalige Sklaven um sich geschart. Alte Kindheits�ngste stiegen in Orry auf.</p><p>Phelps streckte den Kopf zur T�r herein und sagte: �Ich versuche mit Captain Brown dar�ber zu verhandeln, ob der Zug mit den Postsendungen weiterfahren kann. Bitte bewahren Sie Geduld und Ruhe!� Daraufhin entfernte er sich.</p><p>Eine Uhr tickte laut hinter dem Empfangsschalter. Der Knabe weinte immer noch. Orry g�hnte. Er dachte an die Augen von John Brown, und zum erstenmal glaubte er Senator Seward, der von einem nicht zu unterdr�ckenden Konflikt gesprochen hatte.</p><p>Er schrak auf, als Brett ihm etwas zufl�sterte: �Orry, der Mann dort beobachtet uns.�</p><p>�Welcher Mann?�</p><p>�Der Wachtposten, drau�en.�</p><p>�Der Sohn von Brown?�</p><p>�Nein, der andere; der Neger. Da ist er wieder.�</p><p>Orry blickte auf. Eine Katastrophe war offensichtlich noch nicht genug!</p><p>Drau�en huschte ein schwarzes Gesicht vorbei; es war ein sch�nes, aber von Sorge und Hunger gezeichnetes Gesicht. Orry hatte es unten am Ashley schon gesehen und h�tte es �berall wiedererkannt.</p><p><emphasis>�Grady�,</emphasis> fl�sterte er und ging raschen Schrittes zur T�r.</p><p>Grady trat zur�ck, als Orry herauskam und die T�r hinter sich schlo�. Auf den H�geln waren einige schwache Lichter im Dunst zu erkennen, aber die Stadt war beinahe nicht zu sehen.</p><p>�Grady, erinnerst du dich nicht an mich?�</p><p>�Nat�rlich erinnere ich mich, Mr. Main.� Er spannte den Revolver. �Bleiben Sie lieber dort stehen. Captain Brown hat gesagt, wir sollen schie�en, falls jemand Schwierigkeiten macht.� Es h�rte sich an, als w�nschte er nichts sehnlicher als das.</p><p>�Wie viele seid Ihr?� Orrys Atem bildete in der k�hlen Nachtluft kleine Nebelw�lkchen.</p><p>�Achtzehn� antwortete Grady rasch. �Dreizehn wei�e M�nner, und der Rest Neger.�</p><p>�Wie um Himmels willen habt Ihr einen solchen Plan ausarbeiten k�nnen?�</p><p>�Captain Brown; er hat es schon seit langem geplant. Wir leben nun schon seit einer Weile auf der andern Seite des Flusses in einem gemieteten Farmhaus. Wir werden von Chambersburg aus mit Nahrungsmitteln und Gewehren versorgt.�</p><p>Noch ein weiterer Schock; Virgilia hatte doch gesagt, da� sie nach Chambersburg ginge!</p><p>�Ist deine � � Er konnte sich nicht dazu bringen, <emphasis>Frau</emphasis> zu sagen. �Ist die Schwester von George Hazard auch dabei?�</p><p>�Ja, sie ist mit den andern Frauen auf der Farm.�</p><p>�Gott�, fl�sterte Orry.</p><p>�Gehen Sie wieder hinein, Mr. Main. Verhalten Sie sich ruhig, provozieren Sie uns nicht, und vielleicht erlaubt der Captain die Weiterfahrt des Zuges. Wir werden mit den Gewehren und der Munition des Arsenals unseren Triumph feiern. Wenn uns jemand den Weg versperrt, wird Blut flie�en.�</p><p>�Ihr k�nnt nicht gewinnen, Grady. Euer Blut wird flie�en.�</p><p>Gradys Stolz machte sich in Wut Luft. Er streckte den rechten Arm aus. Seine Hand zitterte � ob vor Aufregung oder vor Unsicherheit, war nicht auszumachen.</p><p>Die M�ndung des Revolvers zitterte zwei Fingerbreit vor Orrys Nase. Er stand regungslos, schreckensstarr da. F�nf Sekunden vergingen. Weitere f�nf Sekunden�</p><p>Pl�tzlich flog die Hotelt�re auf. �Orry?�</p><p>Grady senkte rasch den Revolver; Ekel zeigte sich auf seinem Gesicht.</p><p>�Dort hinein!� Er schob Orry zu seiner Schwester hin. Orry folgte ihr in die Halle. Grady gab der T�r mit seinen schweren Schuhen einen Sto�.</p><p>Es war still in der Halle. Die Reisenden waren eingenickt oder starrten ins Leere. Stunden waren verstrichen. Es gab auch keine Emotionen mehr. Es hatte schon lange niemand mehr etwas gesagt.</p><p>Brett schlief mit dem Kopf auf der Schulter ihres Bruders. Orry betrachtete das hin und her schwingende Pendel der Uhr. Es schien zu schweben. Er rieb sich die Augen. Die M�digkeit und die ganze Anspannung forderten ihren Tribut.</p><p>Phelps kam wieder herein; er sah verst�rt aus. �Bitte alle zur�ck an Bord. Wir k�nnen gehen.� Er fl�sterte ihnen die Nachricht f�rmlich zu, wohl aus Angst, Captain Brown k�nnte seine Meinung sonst wieder �ndern.</p><p>M�nner und Frauen atmeten auf und st�rzten zur T�r. Orry weckte Brett und f�hrte sie �ber den Bahnsteig an den Gewehren von vier Wachtposten vorbei. Sie stiegen in den dunklen Zug ein, und nach wenigen Minuten puffte der Zug langsam �ber die �berdachte Br�cke des Shenandoah.</p><p>Phelps kontrollierte den ganzen Zug auf irgendwelche Besch�digungen hin. Langsam rollten die Wagen einer nach dem andern aus dem Schatten der Br�cke. Es d�mmerte. Orry sa� mit der Stirn ans Fenster gelehnt da und blickte auf das �ber den Bergspitzen des Blue Ridge auftauchende Sonnenlicht.</p><p>Im Mittelgang des Zugs tanzte ein Mann mit seiner weinenden Frau. Phelps betrat den Waggon. Eine Frau rannte auf ihn zu und hielt ihm einen Papierfetzen vors Gesicht. �Ich werde das hinauswerfen. Wir m�ssen die Leute warnen.�</p><p>�Aber wir werden demn�chst in Baltimore � �</p><p>Die Frau nahm keine Notiz davon. Als sie davonrannte, nahm Phelps seine Kappe ab und kratzte sich am Sch�del.</p><p>Orry f�hlte sich wie ausgepumpt, und zum erstenmal war er davon �berzeugt, da� einer Bedrohung durch Yankees von John Browns Sorte nur mit Waffengewalt begegnet werden konnte. Angenommen, man w�rde zusichern, da� die Sklaverei ein Ende nehmen sollte � und im geheimsten Winkel seiner Gedanken tat er dies manchmal �, w�re eine gewaltsame Revolution dann der richtige Weg? Nein, dazu durfte es nicht kommen, dachte er, als er Papierfetzen an seinem Fenster vorbeiwirbeln sah. Es waren Botschaften von Reisenden, die die Nacht �berlebt hatten.</p><p>Botschaften, die der Welt mitteilten, was in Harpers Ferry geschehen war.</p><p>Drei Tage sp�ter kaufte Orry im Hotel in Baltimore eine Zeitung. �berall in Hotelhallen, Restaurants und auf den Stra�en sprachen die Leute von nichts anderem als von dem �berfall; nur zwei der Aufr�hrer hatten �berlebt. Browns M�nner hatten vier Menschen aus der Stadt get�tet. Einer davon war der schwarze Gep�cktr�ger, den Orry auf dem Bahnsteig gesehen hatte. Eine Weile lang war auch ein Neffe dritten Grades von Pr�sident Washington als Geisel gefangengehalten worden.</p><p>Ein eilends aus Washington abgeordneter Marinetrupp hatte dem Aufstand schlie�lich ein Ende gesetzt. Das Kommando hatte Lee gef�hrt; er war von einem alten Freund von Charles, Stuart, begleitet gewesen. Brown war verwundet worden, als er einen Lokomotivschuppen verteidigte, in dem er Unterschlupf gesucht hatte. Er befand sich nun in Charles Town, Virginia, im Gef�ngnis.</p><p>Orry las weiter in der Zeitung. �Hier sind Browns M�nner, die get�tet wurden, aufgef�hrt�, sagte er zu Brett. �Einer davon ist Grady Garrison, Neger.�</p><p>�Garrison?� wiederholte sie.</p><p>Orry zuckte die Achseln. �Wahrscheinlich hat er den Namen von jenem Aufwiegler aus Boston �bernommen.�</p><p>Brett hatte einen fast ebenso melancholischen Gesichtsausdruck wie Orry. �Wird Virgilia irgendwo erw�hnt?�</p><p>�Nein, nicht mit einem Wort. Man nimmt an, da� alle Verschw�rer, die nicht direkt am �berfall beteiligt waren, geflohen sind, als die Schie�erei losging. Die Farm ist ja nicht so weit von Harper�s Ferry entfernt, da� sie die Sch�sse nicht h�tten h�ren k�nnen.�</p><p>�Nun, sosehr ich Virgilia auch verabscheue, so hoffe ich doch, da� sie hat fl�chten k�nnen.�</p><p>�Ich hoffe es auch. George zuliebe.�</p><p>So schreckenerregend der �berfall auch ausgesehen hatte, als Orry mitten drin steckte, so war jetzt doch klar, da� die pathetische Sache von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen war. Eine von Verr�ckten organisierte und von sozialen Au�enseitern durchgef�hrte Verschw�rung. Dennoch wurde das Land von einer Schockwelle erfa�t. Waren der Norden und der S�den durch die Ereignisse der letzten Jahre noch nicht unwiderruflich auseinandergetrieben worden, so w�rde die Spaltung jetzt vollzogen werden, dachte Orry.</p><p>Die folgenden Tage schienen dies zu best�tigen. Nicht einmal die blutigen Auseinandersetzungen in Kansas hatten das Land so vollst�ndig in zwei Lager zu teilen vermocht. Ende Oktober kam Brown wegen Anstiftung zu einem Sklavenaufstand und Verrat gegen den Staat Virginia vor Gericht.</p><p>Einflu�reiche Nordstaatler r�hmten ihn und traten zu seiner Verteidigung auf. Emerson nannte ihn einen neuen Heiligen. Im S�den reagierte Huntoon mit typischer Heftigkeit. Er nannte Brown einen fanatischen M�rder und malte gr��liche Bilder von Komplotten, welche �die schrecklichsten �ngste unseres Heimatlandes best�tigen�. Orry erkl�rte sich traurig mit letzterem einverstanden. Obwohl der �berfall von Brown Orry nicht dazu bewegen konnte, ins Lager der Extremisten �berzuwechseln, stand er ihnen nun doch wesentlich n�her.</p><p>Die Angst vor weiteren Aufst�nden breitete sich seuchenartig aus. Dem Ashley entlang redeten die Plantagenbesitzer und ihre Frauen kaum noch von etwas anderem. Die Br�der LaMotte gr�ndeten eine miliz�hnliche Organisation gleichgesinnter M�nner, die Ashley-Garde. Huntoon wurde zum Ehrenhauptmann ernannt.</p><p>George schrieb Orry einen Brief, um sich f�r sein Benehmen in Lehigh Station zu entschuldigen. Er erw�hnte Virgilia mit keinem Wort. Er �u�erte Bedauern dar�ber, da� einige S�dstaatler die sogenannten Schwarzen Republikaner f�r Browns Aufstand verantwortlich machten. Er sagte, da� Brown eindeutig im Unrecht gewesen sei � mit Ausnahme vielleicht seiner urspr�nglichen Motivation. Der Wunsch nach einer Befreiung aller Sklaven war Georges Meinung nach lobenswert.</p><p>�Lobenswert!� Orry zerkn�llte den Brief und schmi� ihn in eine Ecke.</p><p>In der Nacht des 1. Dezember 1859 widerhallten im Norden von Maine bis nach Wisconsin die Kirchenglocken. Man trauerte um John Brown. Am folgenden Tag stieg er in Charles Town aufs Schafott, und als ihm der Henker den Strick um den Hals knotete, blickte er friedlich in den klaren Winterhimmel.</p><p>An jenem Abend war Cooper in Mont Royal zum Abendessen. Er sprach sein Bedauern zu den Ereignissen des Tages aus. �Brown h�tte nicht geh�ngt werden sollen. Zeit seines Lebens war er blo� ein armer Verr�ckter. Jetzt haben sie ihn zu einem M�rtyrer gemacht.�</p><p>Einige Tage vor Weihnachten erhielt Orry einen weiteren Brief von George, der Coopers Aussage best�tigte. Am Schlu� des Briefes war zu lesen:</p><p><emphasis>Die Leute reden immer noch voller Emotionen �ber den �berfall. Wei�t du, da� Grady auch daran beteiligt war und in Harper�s Ferry gestorben ist? Man hat mir gesagt, da� Virgilia auch f�r kurze Zeit auf der Farm gewesen ist. Sie ist verschwunden; seit dem Abend unseres Streits habe ich sie weder gesehen noch etwas von ihr geh�rt. Ich m�chte mich f�r den Streit noch einmal aufrichtig bei dir entschuldigen. M�chtest du dein Schweigen nicht brechen, alter Freund, und mir schreiben, da� du meine Entschuldigung annimmst?</emphasis></p><p>Widerwillig setzte Orry sich hin und schrieb einen Brief, den er eine Stunde sp�ter wieder zerri�.</p><p>Seine Gedanken kreisten unabl�ssig um die Ereignisse von Harper�s Ferry. Sie waren ma�gebend f�r seine Entscheidung, die er Ende Dezember in bezug auf Brett traf.</p><p><strong>54</strong></p><p>Clarissa war �ber den mit Kerzen geschm�ckten Weihnachtsbaum entz�ckt gewesen, und deshalb hatte Orry ihren Zeichentisch heruntergeholt und in einer Ecke in der N�he des Baumes aufgestellt. Jetzt sa� sie am Tisch und starrte abwechselnd w�hrend f�nf bis zehn Minuten in eine Kerzenflamme oder murmelte vor sich hin, w�hrend sie an der neuesten Fassung des Familienbaumes arbeitete.</p><p>Ihr Haar war nun schneewei� und ihr L�cheln treuherzig, wie dasjenige eines Kleinkindes. Manchmal beneidete Orry seine Mutter um ihre Entfremdung von der Wirklichkeit. Er war in letzter Zeit mit fast allem auf dieser Welt unzufrieden. Insbesondere ha�te er die Verantwortung, die auf ihm lastete und von der er sich gern befreit h�tte.</p><p>Brett kam herein und schlo� behutsam die T�r.</p><p>�Eines der Hausm�dchen sagte mir, da� du mit mir sprechen m�chtest.�</p><p>Er nickte; er stand breitbeinig vor dem Kamin. Brett runzelte die Stirn; sie konnte die Spannung sp�ren und versuchte, sie mit einem Scherz zu mindern.</p><p>�Die wei�en Str�hnen in deinem Bart stehen dir gut zu Gesicht. In ein oder zwei Jahren wirst du einen herrlichen Sankt Nikolaus abgeben.�</p><p>Er l�chelte nicht. �Ich mu� im Augenblick eine andere Rolle spielen � diejenige deines Besch�tzers. Ich bin der Meinung, da� wir �ber dich und Billy miteinander reden sollten.�</p><p>�Sein Brief war eines der herrlichsten Geschenke f�r mich!� Billy hatte ihr mitgeteilt, da� er h�chstwahrscheinlich einer Gruppe von Ingenieuren zugeteilt werden w�rde, die demn�chst Ausbesserungsarbeiten am Fort Moultrie auf der Sullivan-Insel in der N�he vom Hafen von Charleston vornehmen w�rde.</p><p>Brett blickte ihren Bruder pr�fend an. �Ich hoffe, da� du mir das zweite Weihnachtsgeschenk, das ich mir sehnlichst w�nsche, wirst geben k�nnen.�</p><p>�Ich kann dir die Erlaubnis f�r die Heirat nicht erteilen. Auf jeden Fall nicht jetzt.�</p><p>Er sagte das so direkt, da� sie am liebsten geweint h�tte. Aber ein solches Benehmen schickte sich wohl nicht f�r eine Dame, und sie bewahrte die Fassung. Clarissa summte in ihrer Ecke �Stille Nacht� vor sich hin.</p><p>�Darf ich dich bitten, mir die Gr�nde f�r deine Entscheidung mitzuteilen.�</p><p>Ihr ironischer Tonfall verstimmte ihn. �Es sind immer noch dieselben. Wir steuern auf Kollisionskurs mit den Yankees. Es gibt zwar noch einige vern�nftige M�nner, die sich f�r eine Kompromi�l�sung einsetzen, aber es passiert nichts. Und wenn jemand daf�r verantwortlich ist, da� der S�den in die Unabh�ngigkeit getrieben wird � �</p><p>�M�chtest du damit sagen, da� du dir das w�nschst?�</p><p>�Nein. Ich sage blo�, da� es kommen wird. La� mich bitte ausreden. Wenn jemand die Sezession gef�rdert hat, dann ist es John Brown gewesen. Im Norden teilt man diese Ansicht. Am letzten Samstag stand etwas von Professor Longfellow zu diesem Thema im <emphasis>Mercury.</emphasis> Er war nat�rlich gegen die Todesstrafe f�r Brown. Wei�t du, was dieser gro�e Dichter, dieser Philanthrop gesagt hat? �Dies ist, als w�rde man Wind s�en, um den Sturm zu ernten, und das wird demn�chst der Fall sein.�� Orry hob den Zeigefinger wie ein Prediger. �Demn�chst. Das war das Wort, das er gebrauchte.�</p><p>�Orry, verstehst du denn nicht? Billy und ich sind uns der traurigen Situation, in der sich unser Land befindet, bewu�t. Aber das spielt keine Rolle. Wir lieben uns. Wir werden das Schlimmste �berleben.�</p><p>�Das glaubst du, aber ich bin weiterhin der Meinung, da� der Druck, dem eure Ehe ausgesetzt sein wird, sie zerst�ren k�nnte.�</p><p>Orry war insgeheim nicht nur von Browns �berfall und dessen Folgen beeinflu�t, sondern auch von Madelines ungl�cklicher Ehe und dem Tribut, den sie daf�r entrichten mu�te. Er f�rchtete, da� seine Schwester ebenso ungl�cklich werden k�nnte, wenn auch aus andern Gr�nden.</p><p>�Tut mir leid, Brett. Ich kann es dir nicht erlauben. Bitte sag Billy, da� es mir leid tut.�</p><p>Sie antwortete ruhig: �Nein, das werde ich nicht tun.�</p><p>�W�rdest du mir das bitte erkl�ren?�</p><p>�Es ist ganz einfach: Wenn du mir deinen Segen zur Heirat verweigerst, dann werde ich eben ohne ihn heiraten.�</p><p>Mit harscher Stimme sagte er: �Die Zustimmung deiner Familie ist also nicht mehr von Belang?�</p><p>�O doch, eure Zustimmung w�re mir lieber. Ich m�chte lieber keinen Unfrieden zwischen uns. Doch wenn ich, um den Frieden zu erhalten, Billy nicht heiraten darf, dann zum Teufel mit dem Frieden.�</p><p>�Pa� auf, was du sagst! Du hast kein Recht, �u�erungen wie diese � zu sagen, was du willst und was du nicht willst. Du bist ja noch ein M�dchen! Und ein dummes dazu!�</p><p>Orry schrie so laut, da� Clarissa mit einem leichten Stirnrunzeln aufblickte. Sie starrte auf den b�rtigen Mann und die junge Frau, die einander gegen�berstanden, sch�ttelte dann aber den Kopf, weil sie sie nicht erkannte.</p><p>Brett fl�sterte mit br�chiger Stimme: �Besser dumm, als das, was aus dir geworden ist.�</p><p>�Was soll das hei�en?�</p><p>�Ich meine, da� es dir nicht ansteht, andern Verhaltensma�regeln vorzuschreiben. Du lachst nie. Du bist mit allen und allem unzufrieden. Es tut mir leid, da� du allein leben mu�t, und es tut mir leid, da� du darunter leidest. Aber ich weigere mich, so zu leben wie du.�</p><p>Orry war �berrascht, da� er den Wunsch versp�rte, sie zu schlagen. Es gelang ihm jedoch, die Fassung zu bewahren.</p><p>�Geh auf dein Zimmer!�</p><p>Mit einem letzten, giftigen Blick hob sie ihre R�cke und lief hinaus.</p><p>Eine Stunde sp�ter torkelte Orry in seinem Schlafzimmer vor den Ankleidespiegel. Die leere Malzbierflasche fiel ihm aus der Hand und kollerte �ber den Boden.</p><p>Er sp�hte nach etwas im Spiegel, das die Anklage seiner Schwester widerlegt h�tte, aber er fand nichts. Er gab dem Spiegel einen leichten Schubs mit der Hand. Er fiel nicht auf den Teppich, sondern auf den gl�nzend gebohnerten Boden und zerbrach in tausend St�cke. Orry stolperte zur T�r; sein Hemdkragen und seine Weste standen offen und der rechte �rmel war nicht zugekn�pft. Er lallte vor sich hin.</p><p>�Es ist lange � es ist lange her, da lebte am Meer, da lebte am��</p><p>Er kam nicht weiter. Sein vom Alkohol getr�btes Ged�chtnis lie� ihn im Stich. Er packte einen zierlichen Stuhl und schleuderte ihn gegen die Wand, wo das sch�ne M�bel mit einem dumpfen Knall in seine Einzelteile zerbrach. Drau�en in der Halle erblickte er einen kleinen Messingspiegel, den er mit einer unwirschen Handbewegung zu Boden fegte und mit den F��en zertrat. Dann stolperte er auf das Treppenhaus zu.</p><p>Aus dem unteren Stockwerk blickten einige Haussklaven beunruhigt und verstohlen zu ihm hinauf. Er hielt sich krampfhaft am Gel�nder fest, und irgendwie gelang es ihm, heil nach unten zu kommen. Zu seiner Linken prangte ein weiterer Spiegel, ein sch�nes St�ck, das Ashton vor langer Zeit einmal in Charleston erstanden hatte. Noch nie war ihm bewu�t geworden, da� es so viele Spiegel im Haus gab. Die Spiegel zeigten ihm, was er eigentlich war: ein Versager als Mann, ein Versager in allem, was er je unternommen hatte.</p><p>Er ri� den Spiegel von der Wand, trug ihn in die frostige Nacht hinaus und schleuderte ihn gegen den n�chstbesten Baum; die herunterfallenden Glassplitter sahen wie Silberregen aus.</p><p>Orry rannte zur�ck ins Haus, trieb eine weitere Flasche Malzbier auf und wankte, vor sich hinfluchend, in sein Zimmer.</p><p>Clarissa blickte best�rzt von ihrem Zeichentisch auf, seufzte und widmete sich wieder ihrer Arbeit.</p><p>�Nach Charleston? Mitten in der Nacht?� Es war am folgenden Morgen, und Orrys schwere Augenlider mu�ten hart gegen das stechend helle Tageslicht ank�mpfen. �Wo ist sie hingegangen? In ein Hotel?�</p><p>�Nein, Sir�, antwortete der nerv�se Haussklave. �Zu Mr. Cooper. Sie hatte vier Koffer bei sich. Sie sagte, sie wolle eine Weile dort bleiben.�</p><p>�Gott�, fl�sterte er.</p><p>Sein Magen rumorte, sein Kopf h�mmerte. W�hrend er in seinem ruinierten Schlafzimmer vor sich hinged�mmert hatte, war Brett davongerannt. Noch nie hatte er sich so benommen. Sein Leben lang nicht. Die Scham war noch st�rker als die �belkeit, und sein Stolz war vernichtet. Er war von seiner eigenen Schwester geschlagen worden. Es w�re m�glich gewesen, sie aus dem Mills House oder irgendeinem andern Hotel zur�ckzuschleppen, aber sie hatte sich klugerweise f�r das Haus an der Tradd Street entschieden. Sie und auch Orry wu�ten, da� Cooper ihr so lange wie n�tig Obdach gew�hren w�rde.</p><p>Mit der Stiefelspitze kickte er einige Spiegelscherben. �Los, schafft das weg!� Krank und v�llig niedergeschlagen schleppte er sich wieder die Treppe hinauf.</p><p>Am Neujahrstag 1860 schrieb Orry seiner Schwester einen Brief. Der Tonfall war leicht drohend, und es kamen Worte wie <emphasis>Trotz, Pflicht</emphasis> und <emphasis>Autorit�t</emphasis> darin vor. Orry forderte Brett auf, unverz�glich nach Mont Royal zur�ckzukehren.</p><p>Er lie� den Brief von einem Sklaven nach Charleston �berbringen. Doch bereits als er den Passierschein ausstellte, hatte er ein Gef�hl der Niederlage. Es sollte ihn nicht t�uschen � er erhielt keine Antwort.</p><p>Einige Tage sp�ter kam Cooper vorbei. Orry machte ihm Vorw�rfe:</p><p>�Du leistest einem Familienstreit Vorschub, indem du ihr erlaubst, bei euch zu bleiben.�</p><p>�Sei nicht bl�d�, gab Cooper zur�ck. �Es ist besser, sie wohnt bei uns, als in einem �ffentlichen Haus. Brett hat vollkommen recht � und ich bin eigentlich hierhergekommen, um dir das zu sagen. Im �brigen unterst�tze ich gar nichts, es sei denn ihren �berf�lligen Versuch, unabh�ngig zu werden. Schlie�lich ist es ihr Leben. Sie ist nicht irgendein Niggerm�dchen, das du mit demjenigen verheiratet kannst, der die beste Nachkommenschaft verspricht.�</p><p>�Du Hurensohn!�</p><p>Cooper langte nach seinem Hut. �Ich habe bereits geh�rt, da� du dich wie ein besoffener Matrose benommen hast. Jetzt mu� ich feststellen, da� es stimmt. Auf Wiedersehen.�</p><p>�Cooper, Augenblick! Entschuldige! Ich bin au�er mir ��</p><p>Doch sein Bruder hatte das Zimmer bereits verlassen.</p><p><strong>55</strong></p><p>Das politische Klima wurde von Monat zu Monat rauher. Gegen Ende des Fr�hlings trat die Demokratische Partei in Charleston zur Aufstellung ihrer Wahlkandidaten zusammen. Die Kandidatur von Douglas � auf die Cooper stark setzte � schien von Anfang an gef�hrdet.</p><p>Cooper und andere vertraten in den Versammlungsr�umen der Institute Hall in der Meeting Street die Meinung, die Partei m�sse einen Mann w�hlen, der den Stimmb�rgern in andern Regionen ebenfalls genehm w�re, weil sonst der S�den leiden w�rde. Cooper betonte, da� die Republikaner eine noch schlimmere Medizin als Douglas sein k�nnten, aber es gab nur wenige, die ihm zuh�rten, und Douglas� Anh�nger wurden schnell zu einer kleinen Minderheit.</p><p>Es kam zu einer heiklen Grundsatzdebatte. Die Anh�nger von Douglas weigerten sich, eine Bestimmung zu bef�rworten, wonach die Sklaverei in den Territorien gesch�tzt werden sollte. Wutentbrannt verlie�en Delegierte, darunter Huntoon mit den andern M�nnern aus South Carolina, den Saal, um unter sich zu diskutieren. Cooper erblickte Ashton auf der Galerie; sie war ganz aufgeregt und spendete eifrig Beifall.</p><p>Es war alles aus. Nach siebenundf�nfzig Wahlg�ngen wurde die Versammlung vertagt, ohne da� ein Kandidat aufgestellt worden w�re. Die Partei hatte endg�ltig Schiffbruch erlitten.</p><p>Zu Beginn des Sommers traten die Nationalen Demokraten in Baltimore zusammen und nominierten Douglas. Die Abtr�nnigen, die sich selbst den Namen Konstitutionelle Demokraten gaben, versammelten sich in Richmond, um die uneingeschr�nkte Sklaverei in den Territorien zu bef�rworten und John Breckinridge aus Kentucky zu nominieren. Eine dritte Splittergruppe versuchte, besorgte B�rger f�r ein bedingungsloses Eintreten f�r die Verfassung zu gewinnen, doch das ganze war nicht mehr als ein Strohfeuer.</p><p>Am Parteitag der Republikaner in Chicago wurde Seward von Lincoln geschlagen. Das Parteiprogramm enthielt eine Erkl�rung, die zu heftigen Kontroversen Anla� gab. Es hie�, da� der Kongre� nicht erm�chtigt sei, die Sklaverei gutzuhei�en oder zu f�rdern, indem er es zulasse, da� sie in den Territorien Fu� fasse. Die Sklaverei konnte �berall dort toleriert werden, wo sie bereits fr�her existiert hatte, aber die Republikaner waren einm�tig dagegen, da� sie sich weiter verbreitete.</p><p>�Das republikanische Parteiprogramm ist ein Greuel�, sagte Huntoon zu Cooper. �Es ist wirklich eine Gew�hr daf�r, da� der S�den in den Kampf ziehen wird, wenn dieser Affe gew�hlt werden sollte.�</p><p>�Da Sie ja offensichtlich den Kampf wollen, �berrascht es mich, da� Sie keine Propaganda f�r Lincoln machen.�</p><p>�Ich wei� wirklich nicht, was Sie meinen, Cooper�, entgegnete Huntoon mit unbewegtem Gesicht.</p><p>Doch seine Augen hinter den Brillengl�sern blitzten am�siert.</p><p>Mitte August machte Ashton einen Besuch in der Tradd Street.</p><p>�Um Himmels willen, Brett, ich habe wirklich geglaubt, da� dein Zuk�nftiger jetzt in Charleston sein m�sse!�</p><p>�Ich auch�, entgegnete Brett. �Es hat Monate gedauert, bis sie seinen Befehl ausgearbeitet hatten.�</p><p>�Die Armee hat sich schon seit jeher wie eine Schnecke bewegt�, bemerkte Cooper. Er war in letzter Zeit mager geworden, und die M�digkeit hatte tiefe Furchen unter seinen Augen gegraben. Der Bau der <emphasis>Star of Carolina</emphasis> lief schlecht, und Cooper f�hlte sich nat�rlich in Anbetracht des Ungl�cks, das Bruneis Frachter <emphasis>Trincomalee</emphasis> im Vorjahr ereilt hatte, keineswegs ermutigt. Das Schiff hatte im September die Themsem�ndung gerade verlassen, als sein riesiger Frachtraum durch eine Explosion zerst�rt wurde. Das Schiff war zwar nicht gesunken, aber Brunei hatte das nie mehr erfahren: Der Bericht �ber die Katastrophe war das letzte, was er vernommen hatte, bevor er am f�nfzehnten September 1859 gestorben war.</p><p>Ashton k�mmerte sich nat�rlich �berhaupt nicht um solche Dinge. Mit vorgeschobener Unterlippe ergriff sie Bretts Hand, t�tschelte sie und sagte: �Es tut mir wirklich leid f�r dich. Wei� man denn schon etwas Genaues �ber Billys Ankunft?�</p><p>�Ja, Gott sei Dank�, warf Judith ein. �Vorgestern kam eine Nachricht.�</p><p>Ashtons Augen funkelten. �Ach, erz�hle!�</p><p>Brett sagte: �Billy mu� sich in der ersten Septemberwoche bei Hauptmann Foster melden. Foster ist Ingenieur und soeben in der Stadt eingetroffen. Er soll Fort Moultrie ausbessern.�</p><p>�Ach, das ist ja eine herrliche Nachricht. Es wird sehr angenehm sein, Billy hier in Charleston zu haben.�</p><p>Cooper wunderte sich �ber den eigenartigen Gesichtsausdruck seiner Schwester und �ber ihre merkw�rdige Aussage. Weshalb sollte die Tatsache, da� Billy in Charleston sein w�rde, f�r irgend jemanden au�er f�r Brett angenehm sein? Ashton mu�te wohl Bretts Situation im Auge gehabt haben.</p><p>Und doch befremdete ihn das eigenartige Glimmen in Ashtons Augen. Er konnte sich nicht vorstellen, was es zu bedeuten hatte, aber schlie�lich verstand er Ashton noch weniger, als er Orry in letzter Zeit verstand.</p><p>Hoch oben auf der Galerie der �berf�llten Institute Hall h�rte Cooper sich Huntoons Rede an. Es war die letzte einer Serie von Ansprachen, in denen er die Wahl von Breckinridge zum Pr�sidenten bef�rwortet hatte. Im Grunde redete er eine halbe Stunde lang gegen Lincoln.</p><p>�Ein vulg�rer Mann des P�bels!� Huntoon schlug mit der Faust aufs Rednerpult. Das Publikum spendete donnernden Beifall. �Ein ungebildeter Raufbold, ein Bauernt�lpel, der dazu angeheuert wurde, den Ha� gegen den S�den zu sch�ren und f�r die Gleichheit der Nigger einzutreten!�</p><p>Gebr�ll und �Nein! Nein!� aus allen Ecken der Halle. Cooper konnte und wollte es nicht mehr ertragen und stand auf; man warf ihm w�tende Blicke zu, die er ignorierte. Als er die Halle verlie�, erw�hnte Huntoon erneut Lincolns Namen, was zu weiteren Buhrufen und Zischen Anla� gab, bis jemand aus voller Kehle schrie: <emphasis>�T�tet den Affen!�</emphasis></p><p>Tosender Beifall. Sie wollten den Kampf. Sie weigerten sich, Lincolns Worten Beachtung zu schenken, wonach er sich an das Programm seiner Partei halten und sich nicht in die Angelegenheiten jener Staaten, in denen Sklaverei bereits bestand, einmischen w�rde. Sie h�rten nur ihre eigenen Stimmen, die von Verrat und der Notwendigkeit des Widerstands faselten. Cooper f�hlte sich mutloser, als dies seit Jahren der Fall gewesen war.</p><p>Als Billy in Fort Moultrie ankam, erlebte er nicht nur einen Schock, sondern gleich mehrere.</p><p>Er hatte Charleston als eine ruhige und gastfreundliche Stadt in Erinnerung, als einen Ort, wo die Menschen ohne Hast und Aufregung lebten. Jetzt herrschten Mi�trauen und Gereiztheit. Die Leute redeten aufgeregt von Sezession und verfluchten Lincoln und Douglas. Billy erntete in seiner Uniform blo� unfreundliche Blicke.</p><p>Der zweite Schock kam, als ihm klarwurde, welcher Art die bevorstehenden Arbeiten am Fort auf der Sullivan-Insel sein w�rden. Die Sandh�gel vor den W�llen mu�ten beseitigt werden, weil das Fort sonst zu leicht h�tte gest�rmt werden k�nnen. Im �brigen mu�ten die ungef�hr f�nfundf�nfzig Kanonen des Forts neu plaziert werden, damit Castle Pinckney und Fort Sumter im Hafen besser gesch�tzt waren. Kriegsvorbereitungen.</p><p>Jedermann, ob Zivilist oder Soldat, wu�te, da� die Bundesgarnison einem organisierten milit�rischen Angriff wahrscheinlich nicht w�rde standhalten k�nnen. Die Sullivan-Insel war ein langer, sandiger Landstreifen am Meer. Rund um das Fort waren zahlreiche Sommerh�user errichtet worden, und das Innere des Forts war von den D�chern jener H�user aus leicht einzusehen.</p><p>�berdies war die Moultrie-Garnison nicht besonders stark: Sie umfa�te vierundsechzig Mann und elf Offiziere. Das Kommando f�hrte Oberst John Gardner, ein schroffer Yankee aus Massachusetts, der keinerlei Hehl daraus machte, da� er die S�dstaatler nicht mochte.</p><p>Der �ltere Hauptmann, Abner Doubleday, war ein z�her und kompetenter Offizier, der im selben Sommer, als George nach West Point gekommen war, abgeschlossen hatte. Er war in Charleston besonders deswegen nicht beliebt, weil er offen zeigte, da� er gegen die Sklaverei war.</p><p>Vier Offiziere der Pioniertruppen waren in Fort Moultrie stationiert: Hauptmann John Foster sowie die Leutnants Meade, Snyder und Hazard.</p><p>W�hrend der ersten Woche wurde Billy zweimal von Hauptmann Foster nach Charleston geschickt. Wiederum fiel ihm die unverhohlene Feindseligkeit auf, die man jedem Vertreter der Bundesregierung entgegenbrachte. Billy erz�hlte am Abend Hauptmann Doubleday best�rzt �ber seinen Empfang in der Stadt. Sie standen im Abendwind neben einer auf den Atlantik gerichteten Haubitze.</p><p>�Was haben Sie denn erwartet?� sagte Doubleday aufgebracht, nachdem er sich Billys Kommentar angeh�rt hatte. �Die Leute in South Carolina bereiten sich auf den Krieg vor. Wenn Sie mir das nicht glauben wollen, so warten Sie blo� das Ergebnis der n�chsten Wahlen ab.�</p><p>Er blickte sich verstohlen um. �Das ist ja auch der Grund daf�r, weshalb wir jeden Tag mit diesem Ding hier feuern! Damit die Leute nicht denken, wir k�nnten uns nicht verteidigen � obwohl das nat�rlich in gewisser Hinsicht stimmt.�</p><p>An einem warmen Samstagabend Ende Oktober erhielt Billy von Hauptmann Foster die Erlaubnis, ausw�rts zu essen. Billy war dankbar f�r die Gelegenheit. Er hatte Brett bereits einige Male getroffen und war �ber den Streit mit ihrem Bruder auf dem laufenden. Doch jedesmal, wenn er auf das Thema der Heirat zu sprechen kam, redete sie sofort von etwas anderem. Hatte sie sich umstimmen lassen? Er mu�te wissen, was los war. An jenem Samstag abend nahmen sie das Abendessen im eleganten Moultrie House ein. Das Hotel befand sich in Moultrieville, einem Dorf am Ende der Insel, ganz in der N�he des Hafens. Nach dem Essen gingen die beiden Arm in Arm am Strand spazieren. Das Licht, das durch die tiefh�ngenden Wolken schien, verlieh dem Meer einen schneewei�en Schimmer. Zehn Pelikane flogen einer hinter dem andern dicht �ber die Wellen, die leise murmelnd am Strand verebbten.</p><p>�Brett, weshalb heiraten wir nicht?�</p><p>�Weil du so sehr damit besch�ftigt bist, das Fort vom Sand zu befreien, und keine einzige freie Minute hast.�</p><p>�Sei bitte ernst! Du hast doch Orry gesagt, da� du auch ohne seine Einwilligung � �</p><p>�Nicht ganz. Ich habe ihm gesagt, da� ich sie nicht brauche, aber es w�re mir lieber, wenn er seinen Segen geben w�rde. An dem Abend, als ich Mont Royal verlie�, war ich w�tend auf Orry, und ich habe einiges gesagt, das ich jetzt bereue.�</p><p>Sie streichelte sanft den �rmel seiner Uniform. �Nat�rlich liebe ich dich. Und ich werde dich heiraten, komme was wolle. Aber ich m�chte meine Familie nicht vor den Kopf sto�en. Ich liebe sie genauso sehr wie du die deinige. Kannst du das verstehen?�</p><p>�Ja, nat�rlich. Aber wir haben nun schon so lange gewartet � �</p><p>Seine Stimme verlor sich. Er blickte �ber den Strand und sah Hauptmann Doubleday mit einer Frau auf dem Wall Spazierengehen. Sogar im Gespr�ch mit seiner Ehefrau machte der Hauptmann ein ernstes Gesicht.</p><p>�Ich m�chte diese Chance nicht verpassen�, sagte Billy. �In Charleston herrscht eine gespannte Stimmung. Alles ist m�glich.�</p><p>�Billy, das klingt, als ob du mir b�se w�rst.�</p><p>�Ich bin ver�rgert �ber die Verz�gerung. Ich verstehe sehr wohl, da� du dich nicht mit deinem Bruder entzweien m�chtest, aber wird er die Dinge jemals so sehen k�nnen wie wir? Vielleicht nicht.�</p><p>Sie antwortete nicht. Ein harter Zug zeichnete sich um seinen Mund ab.</p><p>�Ich liebe dich, Brett, aber ich kann nicht ewig warten.�</p><p>�Ich auch nicht, Liebster. Cooper hat versprochen, da� er nochmals mit Orry reden wird. Gib beiden doch noch ein bi�chen Zeit.�</p><p>Er blickte auf das Meer hinaus. �Es scheint, als ob die Zeit immer knapper w�rde. Komm, la� uns zum Hotel zur�ckkehren und nachschauen, ob dein F�hrmann sich unterdessen nicht hoffnungslos betrunken hat.�</p><p>Er klang so ver�rgert, da� Brett kein Wort mehr sagte, als sie in der hereinbrechenden Dunkelheit nach Moultrieville eilten.</p><p>Am Wahltag schickte Oberst Gardner Billy nach Charleston. Wegen der Stimmung, die in der Stadt herrschte, hatte der Oberst Humphreys, dem f�r das Bundesarsenal zust�ndigen Offizier, eine Botschaft zukommen lassen. Humphreys sollte sich bereithalten, am folgenden Tag eine gr��ere Menge von Waffen und Munition auf ein Leichterschiff von Fort Moultrie zu verladen. Die in Charleston gelagerten Gesch�tze waren f�r den P�bel zu leicht zug�nglich.</p><p>Billy ruderte eigenh�ndig zur Battery hin�ber, ein hartes und zeitaufwendiges Unterfangen. Gardner hatte ihm erlaubt, in der Tradd Street zu Abend zu essen, und Billy wollte nicht, da� ein Soldat vor dem Haus auf ihn warten mu�te. Er bemerkte, wie Arbeiter auf der Battery einen Freiheitspfahl errichteten. Von vielen H�usern wehte die dunkelblaue Flagge mit dem Palmettobaum, dem Wahrzeichen des Staats. Nachdem Billy das Boot vert�ut hatte, mu�te er an einigen bei der Treppe herumlungernden Gestalten vorbeigehen. Einer der Burschen, ein st�mmiger, kleiner Kerl mit einer schmierigen ledernen Augenklappe, schnippte mit dem Daumen in Richtung Boot.</p><p>�Was wollen Sie denn darin zum Fort transportieren, Sir?�</p><p>Billy erklomm gerade die oberste Stufe und legte die Hand auf sein Pistolenhalfter. �Mich selbst. Haben Sie etwas dagegen einzuwenden, Sir?�</p><p>�La� ihn, Cam�, sagte ein anderer der Rowdies zu dem Burschen mit der Augenklappe. �Es dauert noch ein paar Stunden, bis Nigger Abe gew�hlt worden ist. Danach k�nnen wir uns, sch�tze ich, um diesen Fatzke k�mmern.�</p><p>Billy hatte Herzklopfen und einen verkrampften Magen, als er auf die Kerle losmarschierte. Im letzten Augenblick traten sie jedoch zur Seite und lie�en ihn durch. Er beschleunigte seine Schritte. Sein Griff nach der Pistole war nur Bluff gewesen. Er durfte die Waffe nicht einmal zur Selbstverteidigung benutzen, denn eine solche Reaktion k�nnte einem Angriff auf das Fort Vorschub leisten.</p><p>Er richtete dem nerv�sen Kommandanten des Arsenals die Botschaft von Oberst Gardner aus. �Ich werde alles bereithalten�, versprach Humphreys. �Aber ich mache jede Wette, da� wir die Waffen nicht weiter als bis zum Dock bringen werden. Die Hitzk�pfe werden es uns nicht gestatten.�</p><p>Auf dem Weg zu Cooper ging Billy am Mills House vorbei. Er ging auf der gegen�berliegenden Stra�enseite, hatte jedoch keine M�he, Huntoon und Ashton zu erkennen, die gerade aus dem Hotel kamen. Huntoon gr��te, indem er leicht an den Hut tippte, aber Ashton nickte blo� absch�tzig.</p><p>In der Tradd Street herrschte eine melancholische Stimmung. Cooper war noch nicht zu Hause. Judith versuchte die G�ste zu unterhalten, indem sie die Kinder um das Klavier scharte und zum Singen ermutigte, aber sie gaben bald auf; irgendwie fehlte es an Begeisterung. Schlie�lich traf Cooper ein und entschuldigte sich f�r sein Zusp�tkommen. Er kam von der James-Insel, wo es Schwierigkeiten mit der Kiellegung der <emphasis>Star of Carolina</emphasis> gegeben hatte.</p><p>Judith hatte zum Abendessen ein vorz�gliches Austerngericht zubereitet, aber Billy war nicht hungrig. Brett wirkte zerstreut, geistesabwesend. Das Tischgespr�ch erlahmte. Gerade als Judith Erdbeereis in silbernen Schalen auftrug, begannen die Glocken zu l�uten.</p><p>Cooper runzelte die Stirn. �Sankt Michael. Wahrscheinlich sind die ersten Wahlergebnisse aus dem Norden eben telegrafisch durchgegeben worden.�</p><p>�Stimmt es, da� morgen ein offizieller Feiertag ist?� fragte Judith.</p><p>�Ja. Ich bin Bob Rhett auf dem Nachhauseweg begegnet. Er triumphierte. Er sagte, da� der heutige Tag den Beginn der Amerikanischen Revolution von 1860 markiere.� Cooper zog eine Grimasse.</p><p>Sie h�rten Musik von drau�en. �Ich w�rde gern sehen, was los ist�, sagte Billy. �Vielleicht ist das Armeeblau in ein oder zwei Wochen nicht mehr gefragt. W�rdest du dich drau�en nicht wohl f�hlen, Brett?�</p><p>Sie nickte, und bald darauf schlenderte sie mit Billy durch die Meeting Street in Richtung Battery. Cooper und Judith waren zu Hause geblieben.</p><p>Es war noch recht fr�h am Abend, und doch war die Stra�e au�erordentlich belebt; es herrschte eine laute, aber durchaus friedfertige Stimmung. Billy merkte, da� er mehrmals finstere Blicke einheimste � wahrscheinlich war die Uniform schuld daran. Brett hielt �berrascht den Atem an.</p><p>�Sie spielen ja die �Marseillaise�!�</p><p>�Verr�ckt�, antwortete er blo�. Ein dumpfer Knall und ein greller Lichtstrahl � beides kam von der Battery her �, und Billy blieb j�h stehen. Kanonen?</p><p>Dann entspannte er sich wieder. Es war blo� ein Salutschu� gewesen, nichts Feindliches. Gott im Himmel, er war schon so nerv�s wie ein Frosch auf einem hei�en Herd.</p><p>Als sie die Water Street hinuntergingen, fragte Brett: �Kennst du die M�nner dort? Sie beobachten uns.�</p><p>�Nein�, entgegnete Billy, �ich glaube nicht. Moment mal! Einen davon erkenne ich; es ist einer der Raufbolde, denen ich heute nachmittag auf der Battery begegnet bin.�</p><p>Der Mann, der st�mmige Kerl mit der Augenklappe, gab den andern ein Zeichen und rief Billy und Brett laut und vernehmlich zu: �He, wir wollen uns mit der jungen Dame unterhalten. Ich m�chte gern wissen, weshalb sie mit einem dieser verdammten Yankees herumzieht.�</p><p>�Wir sollten ihr sagen, da� das unpatriotisch ist�, sagte ein andrer.</p><p>�Na, dann �berzeug sie mal�, rief ein dritter und hob einen Stein auf.</p><p>Billy z�hlte insgesamt sieben Mann. Vier oder f�nf hatten sich mit Steinen bewaffnet. �Stell dich hinter mich�, sagte er mit ruhiger Stimme zu Brett.</p><p>�Aber wir sind ja mitten in der Stadt � �</p><p>Die Raufbolde betraten den Gehsteig. Menschen str�mten in Richtung Battery an Billy und Brett vorbei, ohne von ihnen Notiz zu nehmen. Der Mann mit der Augenklappe nahm seine schmutzige Kappe vom Kopf, straffte die Schultern und stellte sich in Positur.</p><p>�Entschuldigen Sie, Miss, aber die patriotischen B�rger von Charleston ersuchen Sie untert�nigst, sich selbst nicht zu besudeln, indem Sie mit dem Abschaum des Forts verkehren.�</p><p>Wieder wurde ein Salutschu� abgegeben. Die Geb�ude auf der Stra�e leuchteten kurz rot auf.</p><p>�Sie k�nnen zum Teufel gehen�, sagte Brett. �Ich verkehre, mit wem ich will.�</p><p>�Ah ja? Da bin ich aber nicht so sicher.�</p><p>Der Mann mit der Augenklappe kam n�her heran. Billy zog seine Pistole. Auch diesmal war es reiner Bluff; es waren so viele Menschen um sie herum, da� er es nicht gewagt h�tte zu schie�en. Eine Frau hinter ihm ersp�hte die Pistole und stie� einen Schrei aus. Mehrere Fu�g�nger dr�ngten sich auf die Stra�e, um etwaigen Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen.</p><p>Der Rowdy t�uschte einen Angriff auf Billys Pistole vor. Billy sprang zur Seite. Ein andrer Mann warf einen Stein. Er flog an Billy vorbei und traf Brett an der Schulter; sie stie� einen Schrei aus. Billy fluchte, sprang vor und ri� dem Steinwerfer mit dem Pistolenknauf die Wange auf. Dieser heulte auf und fiel r�ckw�rts zu Boden; er blutete.</p><p>Billy blickte sich vorsichtig um. Die M�nner bildeten einen Halbkreis, der sich langsam schlo�. Er wollte es nicht riskieren, da� Brett in ein Handgemenge geriet. Widerstrebend rief er Brett ein Wort zu, das seinem Charakter und seiner ganzen Erziehung zuwiderlief:</p><p>�Lauf!�</p><p>Brett z�gerte. Er packte sie am Arm und schleppte sie praktisch zur Tradd Street. Der Mann mit der Augenklappe und seine Kumpane waren wie die Aasgeier hinter ihnen her. Steine flogen. Einer erwischte Billy am Hals und ri� ihm die Haut auf.</p><p>An der Ecke Meeting und Tradd Street machten die Verfolger halt. Billy geleitete Brett bereits durch Coopers Gartentor. Keuchend schlossen sie das Tor hinter sich und lehnten sich an die Wand. Auf der Battery wurde eben ein zweiter Kanonenschu� abgefeuert.</p><p>�Ich bin noch nie vor jemandem oder etwas davongerannt�, keuchte Billy.</p><p>�Es ist � �, auch Brett war v�llig au�er Atem, �das einzige, was du tun konntest. Ich begreife nicht, wie Menschen aus South Carolina sich so benehmen k�nnen.�</p><p>Er ergriff ihre Hand und f�hrte sie zur Treppe. Es war ihm nicht bewu�t gewesen, wie tief der Ha� eigentlich sa�. Kein Wunder war der alte Gardner nicht besonders von seinem Posten angetan und feuerte Doubleday seine Haubitze als Warnung. Charleston war nicht mehr unter Kontrolle.</p><p>Als am folgenden Tag Lincolns Sieg feststand, nahmen die Festivit�ten zu. Als der Leichter aus Fort Moultrie eintraf, lie� es die aufgeregte Menge nicht zu, da� die Waffen und die Munition verladen wurden � genau wie es der Offizier aus dem Arsenal prophezeit hatte.</p><p>Am Abend feierte die ganze Stadt: Musikkapellen spielten, Lampen und Kerzen brannten in fast jedem Fenster, und Gruppen n�chtlicher Spazierg�nger, teils n�chtern, teils nicht, l�rmten an Huntoons Haus auf der East Battery vorbei.</p><p>Huntoon und Ashton waren eben dabei, sich f�r das Feuerwerk auf der Battery umzuziehen. Huntoon hatte eine alte, blaue Satinkokarde aufgetrieben, die er an seinem besten Kastorhut befestigte. Ashton stand vor dem Spiegel und r�ckte ihre M�tze mit den schwarzen und wei�en Federn zurecht. Sezessionsm�tzen wurden sie von den Damen genannt. Sie waren hochmodisch.</p><p>�Plant man wirklich einen Sonderkongre�?� fragte sie.</p><p>�Klar. Er wurde von der Legislative f�r den siebzehnten Dezember einberufen, damit die zuk�nftige Beziehung des Staats mit dem Norden festgelegt werden kann. Sie kommt, Liebling.� Er umfa�te ihre Taille und wirbelte sie herum. �Die Unabh�ngigkeit. Senator Chestnut ist heute in Washington zur�ckgetreten. Senator Hammond auch.�</p><p>Ihre Ad-hoc-Feier wurde von einem Haussklaven unterbrochen.</p><p>�Da ist ein Herr, der Sie sehen m�chte, Mist� Huntoon.�</p><p>�Verflucht, Rex, ich hab� jetzt f�r niemanden Zeit.�</p><p>�Er sagt, es sei wichtig.�</p><p>�Wie hei�t er?�</p><p>�Mist� Cam�ron Plummer.�</p><p>�Oh.� Huntoons Wichtigtuerei war wie weggeblasen. �Schick ihn zum Nebeneingang.�</p><p>Der Sklave ging hinaus. Huntoon und Ashton tauschten ern�chterte Blicke aus. Dann verlie� Huntoon das Zimmer.</p><p>Im Schatten des Nebeneingangs fl�sterte ihm ein Mann zu: �Ich habe mein M�glichstes getan, Mr. Huntoon. Genau, was Sie mir sagten. Bin auf der Lauer gelegen, bis sie auf der Stra�e auftauchten, und dann hinterher. Doch bevor wir sie richtig schnappen konnten, machten sie kehrt und rannten zum Haus an der Tradd Street. Ich mu� meine Jungs aber noch zahlen. Wir haben alle unser Bestes getan.�</p><p>�Ich wei�, ich wei� � seien Sie leise.�</p><p>Es �berraschte Huntoon nicht, da� der Plan mi�lungen war. Es war Ashtons Idee gewesen, und er hatte sich ihr widersetzt. Doch sie hatte so lange geheult und gew�tet, bis er ihr nachgab. Sie hatte ihm auch damit gedroht, da� sie einen Monat lang in einem andern Zimmer schlafen w�rde, und das hatte ihn in nicht geringem Ma� bei seiner Entscheidung beeinflu�t.</p><p>Doch kaum hatte er nachgegeben, als er es auch schon bereute. Ein Mann mit seinen Ambitionen konnte sich keine solch gef�hrlichen Sp��e leisten. Ashton sollte in Zukunft ihren Rachegel�sten allein fr�nen, er w�rde sich nicht mehr hineinziehen lassen. Dies war sein Beschlu�, als er langsam einige Geldst�cke in die Hand des Mannes mit der Augenklappe fallen lie�.</p><p><strong>56</strong></p><p>Orry schob seinen Teller beiseite. Cuffey sprang eilfertig vor. �Stimmt etwas nicht, Mist� Orry?�</p><p>�Sag dem K�chenpersonal, da� das Rindfleisch schlecht ist.�</p><p>Cuffey nahm den Teller, schnupperte und verzog das Gesicht. �Klarer Fall. M�chten Sie etwas anderes?�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. �Ist deins auch schlecht, Cooper?�</p><p>�Ja. Ich wollte nichts sagen. Ich h�tte es einfach stehengelassen.�</p><p>Cuffey verschwand mit den Tellern. Orry hing schlaff in seinem Stuhl, Herbstregen prasselte gegen die Fensterl�den des E�zimmers.</p><p>�Etwas stimmt wieder nicht in der R�ucherkammer�, sagte Orry seufzend. �Sie ist feucht. Ich sage dir, erst seit Brett weg ist, bin ich mir dar�ber klargeworden, wie sehr ich von ihr abh�ngig war.�</p><p>Cooper wu�te sehr wohl, was sein Bruder sagen wollte. Es gab einige nicht zu �bersehende Zeichen. Die Fensterl�den von Mont Royal waren v�llig verwittert und hatten einen neuen Anstrich bitter n�tig. Im G�stezimmer l�ste sich die teure geflockte Tapete. �berall in den Zimmerecken h�ufte sich der Staub. Bei seinem letzten Besuch in Mont Royal hatte Cooper erfahren, da� Cuffeys Frau, Anne, Zwillingen das Leben geschenkt hatte, da� aber eines der M�dchen gestorben war, weil es Komplikationen gegeben hatte. Niemand hatte Aunt Belle Nin holen lassen.</p><p>Cooper versuchte, die d�stere Stimmung etwas anzuheben: �Nun, du mu�t eben eine der Damen aus deinem Bekanntenkreis heiraten und ihr als Hochzeitsgeschenk einen Besen und einen Pinsel in die Hand dr�cken.�</p><p>�Nicht eine von ihnen w�re f�r diese Plantage geeignet.�</p><p>Cooper war von der kurzangebundenen Antwort �berrascht; sie best�tigte ihm jedoch, was er schon von Brett wu�te: Orry l�chelte nicht mehr, und sein Verstand bewegte sich in d�steren Welten, die nur er allein kannte. Cooper glaubte es. Er befand, da� es wohl besser sei, auf den eigentlichen Grund seines Besuches zu sprechen zu kommen. �Nun ja, ich w�nschte, du w�rst an jemandem interessiert, denn Brett wird wohl kaum zur�ckkommen.�</p><p>�Wegen Billy.�</p><p>�Ja, das stimmt.�</p><p>�Du willst mir doch nicht etwa mitteilen, da� die beiden schon geheiratet haben?�</p><p>Cooper sch�ttelte den Kopf. �Sie schieben es immer noch hinaus, obwohl Billy sich deswegen �rgert. Brett wartet immer noch aus R�cksicht auf dich.�</p><p>Orry brummte ver�chtlich und langte nach der Whiskeyflasche aus geschliffenem Glas. Sie geh�rte neuerdings zum festen Zubeh�r auf dem Tisch, wie Cooper feststellte.</p><p>�Meinetwegen braucht sie nicht zu warten.� Orry schenkte sich einen Whiskey in den Weinkelch ein, aus dem er schon eine betr�chtliche Menge wei�en Bordeaux getrunken hatte. �Ich habe nicht die Absicht, meine Meinung in absehbarer Zukunft zu �ndern.�</p><p>Cooper lehnte sich vor. �Glaubst du nicht, da� du das eigentlich solltest?�</p><p>�Hat sie dich deswegen von Charleston hierhergeschickt?�</p><p>�Nein. Verflucht noch mal. Orry�, er klopfte auf den Tisch, �trotz dem Benehmen der LaMottes und einiger unserer Nachbarn leben wir nicht mehr im Mittelalter. Die Frauen haben ein Recht darauf, ihr eigenes Leben zu f�hren. Bitte, erlaube Brett ihr eigenes Leben, unabh�ngig von den Gefahren, die du dir vorstellst oder einbildest. Sie versucht, den Familienfrieden zu erhalten � was mehr ist, als ich an ihrer Stelle tun w�rde.�</p><p>�Meine Antwort ist immer noch ein Nein.�</p><p>Aber seine Entschlossenheit geriet ins Wanken. Er hatte in letzter Zeit viel �ber Bretts Situation nachgedacht und wu�te, da� Cooper recht hatte und er die Erlaubnis geben sollte. Aber irgendwie konnte er es nicht. Die Ereignisse in Washington, in Charleston, ja �berall, waren zu bedrohlich �</p><p>Cooper faltete seine Serviette zusammen und hielt sie zwischen Daumen und Zeigefinger. �Na sch�n. Cuffey, w�rdest du bitte meinem Kutscher sagen, da� er sofort vorf�hrt?�</p><p>�Ich dachte, du w�rdest �ber Nacht bleiben?� sagte Orry.</p><p>�Wozu? Ich bin ebenso pessimistisch, was die Zukunft anbelangt, wie du, aber an diesem Punkt gehen unsere Meinungen auseinander. Das Leben ist m�hselig, und das war schon immer so. Brett verdient es, das Leben zu genie�en, solange sie das noch kann. Du stehst ihr im Weg und hast offensichtlich die Absicht, dort zu bleiben. Ich bedaure es zwar, aber ich bef�rchte, ich kann nichts dagegen tun. Ich werde noch bei Mutter hereinschauen und dann gehen. Entschuldige mich.�</p><p>Steif und ohne L�cheln verlie� er das Zimmer.</p><p>Orry blieb sitzen und h�rte dem Regen zu. Nun hatte auch Cooper sich gegen ihn gewandt. Vor einer Weile war er noch in bezug auf Bretts Heirat ins Wanken geraten, aber diese neuerliche Zur�ckweisung sch�rte seine Wut und festigte seine Entschlossenheit.</p><p>Er bemerkte, da� sein Glas leer war. Wann hatte er den ganzen Whiskey getrunken? Er konnte sich nicht erinnern. Er streckte den Arm aus und umschlo� den Flaschenhals mit der Hand.</p><p>�Sieh dir den Nebel an�, murmelte Judith. �Ich hoffe, da� Cooper nicht die halbe Nacht lang ausbleibt. Ich glaube, er wird krank.�</p><p>Brett blickte von den Stricknadeln auf, deren Handhabung sie eben der achtj�hrigen Marie-Louise erkl�rt hatte. �Weshalb ist er zur Werft zur�ckgegangen? Arbeitet noch jemand?�</p><p>�Nein. Er ging hin, weil er sich Sorgen macht. Sie sind mit dem Bau des Schiffes zeitm��ig arg im R�ckstand. Der wichtigste Architekt hat Cooper verlassen, weil er nicht mit den hiesigen Arbeitern zurechtkam. Die Banken z�gern mit weiteren Darlehen, weil es nicht sicher ist, ob die Handelsbeziehungen mit dem Norden nicht unterbrochen werden. Ach Gott, wie furchtbar das alles ist!�</p><p>Sie h�tte noch hinzuf�gen k�nnen, da� Cooper sich auch wegen Brett Sorgen machte, aber sie unterlie� es. Es h�tte nur Schuldgef�hle bei Brett ausgel�st, und Brett ging es ohnehin nicht besonders gut.</p><p>Judith war sehr beunruhigt �ber ihren Mann. Letzte Woche war er morgens gegen halb f�nf aus Mont Royal zur�ckgekehrt. Seither hatte er jeden Tag in der Werft auf James Island verbracht und war jeden Abend nach dem Essen nochmals hin�bergefahren. Er hatte einen F�hrmann auf Abruf eingestellt. Der Mann fing an, sich zu beklagen. Aber er war wenigstens noch gesund. Cooper hingegen hatte etwa f�nf Kilo abgenommen, was f�r einen Mann von seiner schlanken Statur nicht wenig war. In letzter Zeit sah sein Gesicht ziemlich w�chsern aus. W�hrend Brett mit Marie-Louise lachte und fl�sterte, beobachtete Judith den Nebel, der langsam am feuchten Fenster vorbeistrich. Was mochte Cooper in einer solchen Nacht wohl auf der Werft tun?</p><p>Sie wu�te es. Er war in der Lage, sich vor lauter Sorgen selber zu zerst�ren.</p><p>Das gro�e Kielschwein der <emphasis>Star of Carolina</emphasis> ragte in den Nebel hinaus wie das R�ckgrat eines l�ngst gestorbenen und vermoderten Sauriers.</p><p>Cooper wandte sich ab. Der Traum vom Schiff war ausgetr�umt; das hatte er sich schlie�lich eingestehen m�ssen. Er hatte Schiffbruch erlitten. Doch was sollte er jetzt tun?</p><p>Er zog sein Taschentuch heraus, schneuzte sich die triefende Nase und rieb sie mehrmals. Er wurde krank, aber es war ihm egal.</p><p>Aus der Ferne war das Horn eines Dampfers zu vernehmen. Dichter Nebel hing �ber James Island. Cooper h�tte sich verirrt, wenn nicht die beiden Laternen an dem B�rogeb�ude ihm mit ihrem f�cherf�rmigen Lichtschein den Weg gewiesen h�tten.</p><p>Ich h�tte die ganze Sache noch hinkriegen k�nnen, wenn Van Roon nicht fortgegangen w�re, dachte Cooper, als er durch den Schlamm trottete, der ihm �ber die Schuhe schwappte. Der Architekt, Van Roon, war der Eckpfeiler des Vorhabens gewesen. Leider waren er und ein armer Teufel, den man dazu eingestellt hatte, eimerweise Nietbolzen anzuschleppen, miteinander in ein Handgemenge geraten. Obwohl Van Roon ein gebildeter und zur�ckhaltender Mann war, hatte er Schl�ge ausgeteilt und geflucht wie ein Matrose. Und weshalb? Es ging um die Frage, wem bei einer Unabh�ngigkeit von South Carolina das Bundeseigentum, das hei�t, das Arsenal und die Festungen, zugesprochen w�rde. Ein halbes Dutzend Arbeiter hatten abwechselnd auf Van Roon eingeschlagen, bevor Cooper hingekommen und seinen Architekten gerettet hatte.</p><p>Cooper war am Ufer angelangt und sp�hte �ber den Schiffskanal, in seiner Phantasie stieg das f�nfeckige Fort Sumter vor ihm auf. Die Festung war im Winter 1828-29 errichtet, aber nie fertiggestellt worden. Bis auf den heutigen Tag war sie unbemannt geblieben. Doch da sie sich in der N�he des Kanals und des Hafens befand, war sie strategisch gesehen nat�rlich von Bedeutung, vielleicht von noch gr��erer Bedeutung als eines der andern Charleston-Forts. Und wenn der alte Gardner sie befestigen w�rde? Dann w�rde wohl die H�lle los sein.</p><p>Der Staat, den Cooper so sehr liebte, war unter die Kontrolle von Idioten geraten, von Idioten und Opportunisten nach der Art von Ashtons Ehemann. Sie gaben ihre Parolen zum besten, lie�en ihre aufgeblasene Rhetorik vom Stapel und verga�en dabei die Fabriken, die gro�en Industriewerke wie dasjenige der Hazards im Norden. Im ganzen S�den gab es nur ein einziges gr��eres Eisenwerk: Tredegar in Richmond. Wenn der Krieg ausbrach, wie wollte der S�den es verteidigen? Mit gewandten Deklamationen und einem Bollwerk aus Baumwolle?</p><p>Was w�rde in den n�chsten Monaten geschehen? Cooper starrte in den Nebel und hatte dabei das Gef�hl, da� er die Antwort auf diese Frage kannte.</p><p>�Die Apokalypse�, sagte er leise vor sich hin und nieste dann so heftig, da� ihm der Hut vom Kopf fiel.</p><p>Der Hut fiel ins Wasser und wurde von einer leichten Welle erfa�t. Cooper watete hinein, aber der Hut trieb immer weiter ab. Als das Wasser ihm schlie�lich bis an die Oberschenkel reichte, gab er seine Verfolgungsjagd auf.</p><p>Herrlich, dachte er und grinste im stillen. Der Allm�chtige holt dich wieder auf die Erde zur�ck, indem er dir den Hut davonbl�st. Oder sollte es eine Warnung sein? Ein Hinweis darauf, da� nur derjenige, der sich um die kleinen Dinge sorgte, die beinahe sichere Apokalypse �berleben w�rde?</p><p>Er watete ans Ufer zur�ck und eilte, von einer Inspiration befl�gelt, ins B�ro: Da man in diesen Zeiten offensichtlich keinen anst�ndigen Schiffsarchitekten nach Charleston locken konnte, mu�te er eben sein eigener Architekt sein.</p><p>Er ri� s�mtliche Pl�ne von den W�nden und schmetterte sie auf den gro�en Arbeitstisch. Dann drehte er das Licht voll auf. Er vertiefte sich in die Pl�ne, w�hlte darin herum, stellte Berechnungen an, doch schlie�lich mu�te er zugeben, da� er zwar einiges �ber die einzelnen Aspekte des Vorhabens wu�te, aber nicht genug. Die <emphasis>Star of Carolina</emphasis> war nicht zu retten.</p><p>Als der Morgen d�mmerte, fand der g�hnende F�hrmann Cooper bewu�tlos und fiebernd mit dem Kopf auf dem Arbeitstisch.</p><p>�Den Schubkarren hierher! Bitte, treten Sie zur Seite!�</p><p>Billys erster Befehl wendete sich an einige zivile Arbeiter, der zweite an einige Touristen, die auf den D�nen in der N�he von Fort Moultrie spazierengingen. Die Ausbesserungsarbeiten wurden immer wieder durch Gaffer gest�rt, und Billy verlor des �fteren die Geduld.</p><p>Heute war keine Ausnahme. Er befahl einer Familie, ihre Picknickreste von einer D�ne zu r�umen, die von seinen M�nnern abgetragen wurde, damit sie nicht von Heckensch�tzen besetzt werden konnte. F�r November war das Wetter ungew�hnlich warm, und er schwitzte stark.</p><p>Er bemerkte, wie Hauptmann Foster gestikulierend vom Fort herkam. Eilends verlie� er seine M�nner und ging seinem Vorgesetzten entgegen. Foster fiel erneut auf, da� Billy wieder einmal barfu� arbeitete. Er war zwar nicht damit einverstanden, sagte heute morgen jedoch nichts, weil er etwas anderes auf dem Herzen hatte.</p><p>�Gardner ist abgel�st worden. Wir bekommen einen neuen Kommandanten.�</p><p>�Wen?�</p><p>�Major Robert Anderson.�</p><p>�Mein Bruder kannte einen Robert Anderson in Mexiko. In der Artillerie. Er hat einige Jahre vor Lee in West Point abgeschlossen.�</p><p>�Das ist der Mann. Er kommt aus Kentucky. Er war fr�her Sklavenbesitzer. Ich nehme an, da� man ihn ausgew�hlt hat, um die einheimische Bev�lkerung zu beruhigen.�</p><p>Die Entscheidung war zu verstehen. Der Versuch von Gardner, Waffen und Munition aus dem Arsenal her�berzuholen, hatte im ganzen Staat einen Sturm der Entr�stung ausgel�st.</p><p>Die Forts von Charleston in den H�nden eines Sklavenbesitzers? Billy fand es ein schlechtes Omen.</p><p>Er �nderte seine Meinung, als der Major eintraf.</p><p>Robert Anderson war f�nfundf�nfzig Jahre alt, gro�, grauhaarig und von vollendeter H�flichkeit. Er w�rzte seine Gespr�che mit Hinweisen auf Gott und bezeugte absolute Loyalit�t zur Flagge und zur Uniform. Er hatte tapfer in Mexiko gek�mpft und war in Molino del Rey verwundet worden, was den Respekt seiner M�nner noch steigerte. Billy fand ihn streng, aber gewissenhaft und vertrauensw�rdig.</p><p>Wenige Tage nach seiner Ankunft begab sich Anderson nach Sumter. Billy und Foster sa�en am Ruder, Doubleday im Vorderschiff. Anderson hatte keine Soldaten dabei haben wollen, weil er f�rchtete, die Inspektion w�rde unn�tig ins Gerede kommen.</p><p>Sie umfuhren das f�nfeckige Fort, dann gab Anderson das Zeichen, anzuhalten. Anderson lie� seinen Blick pr�fend �ber die ganze Befestigungsanlage schweifen.</p><p>�Bitte rudern Sie zur Esplanade�, sagte er, als er mit der Inspektion zu Ende war.</p><p>Er betrachtete alles ausgiebig und ging von einem Ende der Esplanade zum andern, bevor er zu sprechen begann.</p><p>�Ich habe einige der urspr�nglichen Pl�ne dieses Forts gepr�ft. Ein solider Bau. Das Fundament besteht aus zehntausend Tonnen Granit und sechzig- bis siebzigtausend Tonnen Gestein und Muscheln. Wenn das Fort mit allem N�tigen ausgestattet wird, kann es alles �berleben. Auch mit einer so kleinen Armee wie der unsrigen.�</p><p>�Sir�, sagte Hauptmann Doubleday, �wenn wir das Fort befestigen, wird man das als eine feindliche Handlung betrachten.�</p><p>Der Hauptmann stellte seinen Vorgesetzten aus Kentucky auf die Probe, dachte Billy. Zum erstenmal war eine Spur Heftigkeit in Andersons Stimme.</p><p>�In der Tat, Hauptmann. Ich habe nicht die Absicht, Sumter sofort zu befestigen. Aber aufgepa�t! Diese Forts sind das Eigentum der rechtm��igen Regierung in Washington und geh�ren niemandem sonst. Ich werde gem�� meinen Pflichten alles N�tige veranlassen, um sie zu sch�tzen. F�r jetzt habe ich genug gesehen. Gehen wir?�</p><p>�Er ist noch strenger als der alte Gardner�, fl�sterte Billy Foster zu, als sie zum Boot zur�ckkehrten. Foster nickte zustimmend.</p><p>Am n�chsten Nachmittag ging Brett paketbeladen die Meeting Street hinunter. Jemand rief ihr etwas zu. Verbl�fft erkannte sie Forbes LaMotte.</p><p>�Guten Nachmittag, Mi� Brett.� Er tippte sich an den Hut. �Darf ich dich begleiten? Dir vielleicht einige Pakete abnehmen?�</p><p>�Nein, Forbes, ich mu� weiter.�</p><p>Es war eine schwache Ausrede, aber sie wollte ihm keinerlei Hoffnungen machen. Seine Wangen waren rot wie �pfel, und er verdrehte die Augen. Wahrscheinlich hatte er sich in der Saloon-Bar des Mills House die Zeit vertrieben. Das tat er des �fteren, wie sie geh�rt hatte.</p><p>Gekr�nkt trat Forbes zur Seite � und sah Brett nur noch von hinten.</p><p>�Hure�, murmelte er und zog sich in den Schatten eines Hoteleingangs zur�ck.</p><p>Eigentlich meinte er es nicht so b�se. Aber er ha�te Brett Main, weil sie diesem Soldaten aus Pennsylvania den Vorzug gab; er liebte sie immer noch. Sie geh�rte zu den Frauen, die man heiratete, im Gegensatz zu Ashton, die f�rs Vergn�gen da war. Sie trafen einander ungef�hr einmal pro Woche, wann immer sie eine sichere Verabredung treffen konnten.</p><p>Er erinnerte sich an ihr letztes Rendez-vous. Hinterher hatte er geblutet und sein feines Leinenhemd verdorben, weil sie ihre N�gel so heftig in seinen R�cken eingegraben hatte.</p><p>Ein Siegespfand, dachte er, aber er durfte sich nicht einmal damit br�sten, und gerne h�tte er es gegen ein Wort der Ermutigung von Ashtons Schwester eingetauscht.</p><p>Ende November fiel eine Nachricht im <emphasis>Mercury</emphasis> Orry besonders auf: Der West-Point-Kadett Henry Farley aus South Carolina hatte am neunzehnten des Monats seinen Abschied genommen und die Milit�rakademie verlassen. Seine Handlung wurde als Protestreaktion gegen Lincolns Wahlsieg dargestellt.</p><p>Orry fand die Nachricht deprimierend. Er war sicher, da� es nicht bei diesem einzigen R�cktritt bleiben w�rde. Vielleicht w�rden sogar Berufssoldaten aus der Armee austreten.</p><p>Noch am selben Tag kam ein Brief von Judith. Sie sagte, da� Cooper sich langsam von seiner schweren Grippe erhole. W�hrend mehr als einer Woche war er gef�hrlich krank gewesen. Die gute Nachricht von seiner Schw�gerin war ihm zwar willkommen, vermochte jedoch nicht die Melancholie, die die Nachricht aus West Point in ihm ausgel�st hatte, aufzul�sen.</p><p>Er l�schte das Licht in der Bibliothek und blieb in der Dunkelheit sitzen. Die Dunkelheit schien dem Zerfall, der sich �berall um ihn herum bemerkbar machte, zu entsprechen. Gab es irgendwo im Land noch Anla� zu einem hoffnungsvollen Licht?</p><p>W�hrend Stunden sa� er einfach da und h�rte den gespenstischen Klang von Kriegstrommeln.</p><p>�Unsere Jungens verlassen die Akademie in Scharen�, sagte Justin LaMotte w�tend. �Herrlich!� Er schmi� die Zeitung auf einen Korbweidentisch und sch�pfte Pfefferminzpunsch aus einer silbernen Schale. Er reichte Francis die Tasse und schenkte sich dann selbst ein.</p><p>Die Br�der waren eben von einer Inspektion der Ashley-Garde zur�ckgekehrt. In ihren hellen Hosen und den dunkelgelben M�nteln mit den blauen Aufschl�gen sahen sie wie zwei bunte V�gel aus. Keiner der beiden besa� im Augenblick einen S�bel, aber jeder hatte bereits einen in New York bestellt; in South Carolina gab es keine der hervorragenden Solingen-Waffen.</p><p>�Glaubst du, da� wir bald Krieg haben werden?� fragte Francis, w�hrend er sich setzte. Die Veranda war im milden Dezemberlicht sehr angenehm.</p><p>Justin strahlte. �In einem Jahr, sch�tze ich. Wenn es soweit ist, werde ich h�chstpers�nlich ein Regiment ausheben und dann��</p><p>Er sprach den Satz nicht zu Ende. Stirnrunzelnd blickte er auf die Gestalt, die ger�uschlos auf die Veranda getreten war.</p><p>�Guten Abend, Liebes. M�chtest du etwas Punsch?�</p><p>Madelines Kleid war ebenso schwarz wie ihr Haar. Sie war totenbleich, und ihre Pupillen waren riesengro�. �Nein.� Sie l�chelte verf�hrerisch. �Danke.� Daraufhin verschwand sie im Haus.</p><p>Francis schnalzte anerkennend. �H�bsche Frau, obwohl sie etwas kr�nklich aussieht. Wie ruhig sie geworden ist! Ich staune immer wieder �ber ihre Ver�nderung. Bemerkenswert.�</p><p>�Ja, nicht wahr?� Justin seufzte. �Ein Gottesgeschenk. Noch etwas Punsch?�</p><p>Madeline konnte sich nicht mehr daran erinnern, da� ihre Welt einmal scharfe Kanten gehabt hatte. Jetzt glitt sie durch runde Tage und sah alles durch einen Schleier hindurch. Die Menschen oder die Dinge, die um sie herum geschahen, ber�hrten sie nicht. Ab und zu dachte sie mit einer leisen Sehnsucht an Orry, aber sie hatte die Hoffnung, ihn jemals wiederzusehen, l�ngst aufgegeben.</p><p>Manchmal kam es vor, da� sie unvermutet in eine scheinbare Normalit�t zur�ckkehrte. Sie hatte pl�tzlich wieder einen klareren Kopf, einen st�rkeren Willen, einen sch�rferen Blick. Und sie war dann jedesmal auf sich selbst w�tend, weil sie mit ihrem Mann nicht mehr �ber Politik redete oder seine �u�erungen, egal wie verletzend oder ungeh�rig sie waren, in Frage stellte. Sie hatte aufgegeben. Wenn ihr dies manchmal bewu�t wurde, �berkam sie eine stille Verzweiflung.</p><p>Aber sie hatte nicht mehr die Kraft, um diese Verzweiflung zu bek�mpfen oder sich �ber deren Ursachen Gedanken zu machen. Wozu k�mpfen? Wozu hoffen? Die Welt wurde von grausamen Verr�ckten beherrscht. Zwei davon sa�en eben grinsend beim Punsch in ihrem Haus.</p><p>Als sie die Veranda verlassen hatte, hatte sie einige luzide Augenblicke. Sie ging in ihrem d�steren Wohnzimmer auf und ab, rezitierte fragmentarisch Gedichte, die ihr von Gott wei� woher zugeflogen kamen, und dachte an Orrys dunkle Augen und an den Klang seiner Stimme, mit der er ihr vorgelesen hatte.</p><p>Sie mu�te ihn wiedersehen. Als sie dies beschlo�, l�chelte sie seit Tagen wieder zum erstenmal.</p><p>Sie nahm das Tuch vom Geschirr mit dem Essen, das ihr wie gew�hnlich auf einem Tablett ins Zimmer gestellt worden war. K�stlich, diese dickfl�ssige Tunke �ber dem Gem�se! Sie war ganz wild danach und bestellte sie nun jeden Tag. Sie a� genie�erisch alles auf und summte vor sich hin, als sie sich ihr bevorstehendes Rendez-vous bei der Kapelle mit dem Namen �</p><p>Mit dem Namen �</p><p>Sie konnte sich nicht mehr an den Namen erinnern. Langsam machte sich die Ersch�pfung wieder in ihr breit. Sie sank in ihre Schleierwelt der Gleichg�ltigkeit zur�ck und tastete nach dem Bett. Tr�nen gl�nzten in ihren Augen � warum, war ihr nicht bewu�t. Als sie sich auf das Bett niederlie�, murmelte sie Orrys Namen vor sich hin. In voller Kleidung schlief sie die Nacht durch.</p><p>Am n�chsten Morgen stellte sie fest, da� das Tablett entfernt worden war und da� man ihr Treibhausblumen aufs Zimmer gestellt hatte. Sie freute sich wie ein Kind �ber ein neues Spielzeug. Und dachte kein einziges Mal mehr an Orry.</p><p><strong>57</strong></p><p>�Ein Besucher?� sagte Orry, als er dem Haussklaven zur Treppe folgte. �Ich erwarte nie� Gott im Himmel, bist du es wirklich, George?�</p><p>�Ich glaube schon�, antwortete der vor N�sse und Schmutz triefende Reisende und l�chelte. �Wasch mir die Asche vom Haupt und b�rste mir den Staub aus den Kleidern, dann werden wir es mit Sicherheit feststellen k�nnen.�</p><p>Orry rannte die Treppe hinunter. �Cuffey, bring die Reisetaschen gleich aufs G�stezimmer. George, hast du schon was zu essen gehabt? Das Abendessen wird in einer halben Stunde aufgetragen. Warum hast du uns nicht mitgeteilt, da� du kommst?�</p><p>�Ich wu�te es selbst noch nicht bis vor ein paar Tagen, als ich den Entschlu� fa�te. Abgesehen davon�, er suchte nerv�s nach einer Zigarre, �h�ttest du mir wohl ohnehin nicht geantwortet, wenn ich dir meine Ankunft schriftlich mitgeteilt h�tte. Du hast keinen meiner Briefe beantwortet.�</p><p>Orry err�tete. �Ich hatte sehr viel zu tun. Die Ernte � und dann befindet sich der ganze Staat in Aufruhr, wie du wei�t.�</p><p>�Das kann ich nur bezeugen. Als ich in Charleston aus dem Zug stieg, hatte ich das Gef�hl, ich sei in einem fremden Land.�</p><p>�Du k�nntest bald recht haben damit�, sagte Orry mit einem trockenen Lachen. �Sag mir, ist dieses Gef�hl im Norden weit verbreitet?�</p><p>�Ich w�rde beinahe sagen, auf der ganzen Welt.�</p><p>Orry sch�ttelte den Kopf, obwohl ihn das, was sein Freund sagte, nicht �berraschte: Der von Gouverneur Pickens anberaumte Sonderkongre� war bereits in der Baptistenkirche in Columbia zusammengetreten. Alle nahmen an, da� die Abgeordneten f�r die Sezession stimmen w�rden.</p><p>George r�usperte sich, um das Schweigen zu brechen. �Schenkst du mir bitte einen Drink ein? Und dann wollen wir reden.�</p><p>Orrys Gesicht hellte sich etwas auf. �Nat�rlich. Komm.�</p><p>Er f�hrte George in die Bibliothek. Er freute sich unb�ndig, seinen Freund wiederzusehen, aber die Spannungen, die es zwischen ihnen gegeben hatte, wirkten wie ein Damm, und er konnte George seine Gef�hle nicht mitteilen. Er holte seinen besten Whiskey. Als er einschenkte, bemerkte George, da� er einige Stunden mit Cooper verbracht habe.</p><p>�Aber ich bin eigentlich nicht deswegen hierhergekommen�, fuhr er fort und streckte sich gem�tlich in einem Stuhl aus. Er zog einen Schuh aus und rieb sich den Fu�.</p><p>Orry stand mit dem Glas in der Hand mit dem R�cken zum Fenster. Schultern und Hinterkopf waren ganz in das blasse Winterlicht getaucht. �Weshalb bist du denn gekommen?�</p><p>Kann er mir nicht wenigstens halbwegs entgegenkommen, dachte George in einem Anflug von Frustration. Doch dann erinnerte er sich an die eigene Traurigkeit, die ihn schlie�lich dazu gedr�ngt hatte, diese Reise zu unternehmen. Er sah den gro�en, finsteren Mann beim Fenster an und entgegnete:</p><p>�Aus zwei Gr�nden. Erstens m�chte ich unsere Freundschaft retten.�</p><p>Es folgte ein bet�ubendes Schweigen. Orry war zu best�rzt, um Worte zu finden.</p><p>George lehnte sich vor; die vorgeschobene Schulter und das vorgestreckte Kinn unterstrichen die Eindringlichkeit in seiner Stimme.</p><p>�Diese Freundschaft ist mir sehr wichtig, Orry. Abgesehen von Constance und meinen Kindern, ist es das, was ich auf dieser Welt am h�chsten sch�tze. Nein, warte � la� mich ausreden! Ich habe mich zwar schriftlich bei dir entschuldigt, aber ich hatte jedesmal ein Gef�hl der Unzul�nglichkeit. Ich nehme an, dir ist es �hnlich ergangen. Deshalb bin ich hergekommen, um von Angesicht zu Angesicht mit dir dar�ber zu reden. La� es nicht zu, da� die Hitzk�pfe hier im S�den oder die Extremisten wie meine Schwester die Gef�hle der Freundschaft, die wir f�reinander hegen, zerst�ren.�</p><p>�Hast du etwas von Virgilia geh�rt?�</p><p>George sch�ttelte den Kopf. �Sie versteckt sich immer noch. Ehrlich gesagt, mir ist es egal, was sie tut. Ich h�tte nicht so eilfertig ihre Partei ergreifen d�rfen. Nun, ich bin w�tend geworden.�</p><p>Orry versuchte der Verlegenheit die Spitze abzubrechen und sagte leise: �Wir alle sind w�tend geworden.�</p><p>�Ich bin nicht gekommen, um anzuklagen, sondern um dich um Verzeihung zu bitten. Es ist mehr als klar, da� South Carolina beabsichtigt, aus der Union auszutreten, obwohl die Handlung meiner Meinung nach ein schrecklicher Irrtum ist. In bezug auf die Sklaverei sind Kompromisse noch immer m�glich gewesen, doch wenn ich die in Washington herrschende Stimmung richtig auslege, so gibt es im Falle einer Aufl�sung der Union keinen Kompromi�. Dazu kommt, da� andere Staaten dem Beispiel dieses Staats folgen werden, und die Konsequenzen k�nnen nicht anders als schrecklich sein. Das Land kommt mir vor wie ein Schiff, das auf eine Sandbank aufgelaufen ist: Es ist unf�hig, sich selber aus der Lage zu befreien und wird langsam zersplittern. Die Hazards und die Mains sind einander w�hrend Jahren sehr nahegestanden. Ich m�chte nicht, da� diese Freundschaft auseinanderbricht.�</p><p>Orry sah seinen Besucher direkt an; der Damm in seinem Innern zerbr�ckelte langsam, und er f�hlte sich erleichtert, als er sagte:</p><p>�Ich auch nicht. Ich bin froh, da� du gekommen bist, George. Jetzt kann auch ich um Entschuldigung bitten. Begraben wir das Kriegsbeil.�</p><p>George ging auf seinen Freund zu. �So gut das in den heutigen Zeiten m�glich ist.�</p><p>Sie umarmten einander wie Br�der.</p><p>Bald darauf plauderten sie gem�tlich wie in alten Tagen. George wurde nachdenklich. �Ich bef�rchte wirklich, da� es zu einer harten Auseinandersetzung kommen wird, wenn South Carolina abf�llt. Und nicht nur zu einer politischen.�</p><p>Orry nickte. �Die Frage nach dem Eigentum der bundesstaatlichen Forts hat sich aufs �u�erste zugespitzt.�</p><p>�Das wurde mir bei meinem kurzen Aufenthalt in Charleston klar. Jemand mu� einen Ausweg aus diesem ganzen Schlamassel finden, bevor die Verr�ckten auf beiden Seiten uns in einen Krieg zerren.�</p><p>�Gibt es einen Ausweg?�</p><p>�Lincoln und einige andere haben eine L�sung vorgeschlagen: Aufhebung der Sklaverei und Entsch�digung des Verlusts f�r den S�den. Entsch�digung, auch wenn das Schatzamt die letzte Unze Gold hergeben mu�. Sicher keine Ideall�sung und auch nicht moralisch einwandfrei, aber wenigstens k�nnte damit eine bewaffnete Auseinandersetzung vermieden werden.�</p><p>Orry blickte skeptisch. �Du hast Ashtons Ehemann noch nie geh�rt, und er vertritt die f�r diesen Staat typische Haltung. Der Konflikt soll gar nicht vermieden werden.�</p><p>�Wenn der Hurensohn jemals ein Schlachtfeld gesehen h�tte, w�rde er anders denken.�</p><p>�Zugegeben, aber das hat er nicht.� Orry seufzte. �Manchmal habe ich das Gef�hl, da� du in der Sklavereifrage recht hast.�</p><p>Er kniff die Lippen zusammen und fuhr mit einem bekennenden Seufzer fort: �Ist dir klar, was es einen Mann aus South Carolina kostet, so etwas zu sagen? Doch abgesehen von mir � ich kenne die andern Pflanzerfamilien am Ashley sehr gut. Alles Gold in der Staatskasse wird nicht ausreichen, um sie davon zu �berzeugen, die Sklaverei aufzugeben. Und das gleiche gilt f�r die Reispflanzer an den andern Fl�ssen und f�r die n�rdlicheren Baumwollplantagen. Kein Mann au�er einem Heiligen w�rde sich damit einverstanden erkl�ren, das System, das seinen Reichtum garantiert, aufzugeben. Ich glaube, meine Nachbarn w�rden sich eher von Gott den Tod w�nschen.�</p><p>�Den werden sie vermutlich auch haben k�nnen�, sagte George durch die blaue Rauchwolke seiner Zigarre hindurch. �Die Hitzk�pfe auf beiden Seiten wollen Blut sehen. Aber es mu� doch noch einen andern Weg geben.�</p><p>Wieder Schweigen. Keiner der beiden M�nner wu�te, was f�r ein Weg das h�tte sein k�nnen.</p><p>Orry hatte sich seit Monaten nicht mehr so ruhig und gl�cklich gef�hlt. Die lang angestaute Spannung, die sowohl auf die �u�eren Ereignisse als auch auf die innere Unzul�nglichkeit zur�ckzuf�hren war, hatte pl�tzlich ein Ventil gefunden. Er war in einer offenen und empf�nglichen Stimmung, als George den zweiten Grund f�r seinen Besuch ins Gespr�ch brachte.</p><p>�Ich m�chte �ber meinen Bruder und deine Schwester mit dir reden. Sie wollen heiraten. Weshalb erlaubst du es ihnen nicht?�</p><p>�Oh, ich habe den Eindruck, da� Brett in letzter Zeit durchaus tut, was ihr gef�llt.�</p><p>�Verflucht nochmal, Orry, weich mir nicht aus.�</p><p>Orry err�tete schuldbewu�t und blickte weg. George lie� nicht locker. �Sie hat sich dir immerhin nicht so weit widersetzt, da� sie ohne deine Erlaubnis geheiratet h�tte! Und ich kann einfach nicht begreifen, warum du damit zur�ckh�ltst.�</p><p>�Nein? Wir haben den Grund doch diskutiert. Es wird Unruhen geben, m�glicherweise Krieg!�</p><p>�Ein Grund mehr f�r die beiden, das Gl�ck so lange zu genie�en, wie es ihnen m�glich ist.�</p><p>�Aber du kennst doch Billys Pflichttreue der Armee und der Regierung in Washington gegen�ber? Und er hat ja auch vollkommen recht. Brett hingegen��</p><p>�Verdammt noch mal�, explodierte George, �du l��t es zu, da� der Ha� von einer Handvoll von Fanatikern und politischen Opportunisten ihr Leben ruiniert! Das ist ungerecht. Und v�llig unn�tig! Billy und Brett sind jung. Das verleiht ihnen Kraft, Schwung. Nat�rlich werden sie einem Druck ausgesetzt sein. Ich kenne das, Orry. Doch zusammen werden mein Bruder und deine Schwester die Zukunft besser als wir alle meistern. Sie lieben einander � und zuf�llig kommen sie aus zwei Familien, die einander tief verbunden sind.�</p><p>Die Worte widerhallten in dem mit B�chern vollgestopften Zimmer. George ging zum Schrank, in dem der Whiskey stand. Seine Stimmung sank, seine Hoffnungen zerstoben. Orry runzelte die Stirn.</p><p>Zum drittenmal senkte sich Schweigen �ber den Raum. Schlie�lich:</p><p>�Einverstanden.�</p><p>George nahm den Zigarrenstummel aus dem Mund. Er wagte es kaum, seinen Ohren zu glauben.</p><p>�Sagtest du�?�</p><p>�Einverstanden�, wiederholte Orry. �Ich war schon immer der Meinung, da� du viel zu k�hn bist. Aber meistens hast du ja damit recht gehabt. Ich sch�tze, da� Billy und Brett eine Chance haben sollten. Geben wir sie ihnen.�</p><p>George brach in ein Freudengeschrei aus und h�pfte herum. Dann rannte er zur T�r, ri� sie auf und sagte: �Ruf einen deiner Diener und schicke ihn geradewegs nach Charleston. Das arme M�dchen soll nicht l�nger in ihrem Elend schmoren.�</p><p>Orry ging hinaus, schrieb einen Passierschein f�r Cuffey und war �berrascht, wie wohl er sich f�hlte: wie ein Junge, voll einfacher Freude � ein Gef�hl, das er jahrelang nicht mehr gekannt hatte.</p><p>Als er wieder in die Bibliothek zur�ckgekehrt war, nahm George eine ironisch ernste Haltung ein und begl�ckw�nschte seinen Freund f�r seine Klugheit. Sie h�rten, wie Cuffey davonritt und gingen dann dazu �ber, die letzten Neuigkeiten auszutauschen. George erz�hlte von Constance und den Kindern; Orry schilderte den �berraschenden R�ckzug von Madeline, ihre angeblich angeschlagene Gesundheit. Dann kam George auf die <emphasis>Star of Carolina</emphasis> zu sprechen.</p><p>�Wie bereits gesagt, ich habe mit Cooper gesprochen. Ich mu� zugeben, da� es mir etwas schwerf�llt, mich mit einem Zwei-Millionen-Dollar-Verlust abzufinden.�</p><p>�Cooper k�nnte jeden Cent zur�ckbezahlen, wenn alles liquidiert w�rde, aber ich nehme an, da� er das nicht tun m�chte, weil es das Eingest�ndnis einer Niederlage w�re.�</p><p>�Obwohl er selbst sagt, da� das Schiff nicht fertiggestellt werden kann? Na ja � � George zuckte die Achseln, �ich glaube, ich bewundere das � oder ich w�rde es bewundern, wenn ich nicht so viel investiert h�tte. In welch f�rchterlichen Schlamassel haben wir alle diese Welt gebracht!�</p><p>�So klagen alte M�nner�, murmelte Orry.</p><p>�M�chtest du damit sagen, da� wir alte M�nner sind?�</p><p>�Ich wei� nicht, wie es um dich steht, aber was mich betrifft, ja.�</p><p>�Tja, ich glaube, ich bin auch alt. Entsetzlicher Gedanke.�</p><p>George kaute auf seiner Zigarre herum. �Stiel, komm, wir wollen uns betrinken.�</p><p>Orry strahlte, als er seinen alten Spitznamen wieder h�rte. Auch wenn die Dinge niemals mehr so sein w�rden, wie in jenen ersten, jugendfrischen Tagen an der Akademie, so konnten sie beide sich zumindest etwas vort�uschen. Weshalb sollten alte M�nner sich nicht mit einem Spiel tr�sten? Die Welt versank in Dunkelheit.</p><p>�Stumpf, du gestattest�, sagte er und griff als erster nach der Whiskeyflasche. �Ich bin ein Experte f�r Betrunkenheit geworden.�</p><p>Sie lachten beide und glaubten, da� es ein Witz war.</p><p><strong>58</strong></p><p>Am selben Nachmittag, an dem George in Mont Royal eintraf, reisten die Abgeordneten des Sonderkongresses mit dem Zug von Columbia nach Charleston, denn in der Hauptstadt South Carolinas bef�rchtete man eine Pockenepidemie. Huntoon kam folglich fr�her nach Hause, als es Ashton erwartet hatte. Doch wie die meisten B�rger der Stadt fand sie es h�chst aufregend, da� die gewichtigen Debatten demn�chst in der Institute Hall �ber die B�hne gehen sollten, und sie freute sich k�niglich dar�ber, da� ihr Mann daran teilnehmen durfte. Sicher w�rde er es im neuen Staat zu einer Machtposition bringen, und sie w�rde mit ihm aufsteigen.</p><p>Sie war gerade dabei, ihre Garderobe f�r die erste Tagung in der Halle in der Meeting Street zusammenzustellen, als Brett unangek�ndigt in ihr Schlafzimmer platzte.</p><p>�Oh, Ashton � herrliche Nachrichten! Cuffey kam gestern abend aus Mont Royal. George Hazard ist da � �</p><p>�Was will denn der? Sich �ber unsre patriotischen Absichten lustig machen?�</p><p>�Sei nicht so zynisch! Er kam, um sich mit Orry �ber Billy und mich zu unterhalten. Und wei�t du, was dabei herauskam?�</p><p>Die Wut stieg bereits in Ashton auf und verdarb ihr die gute Stimmung. �Ich habe keine Ahnung�, sagte sie und trat vor den Spiegel.</p><p>�Orry hat seine Meinung ge�ndert! Billy und ich k�nnen heiraten, wann immer wir wollen!�</p><p>Ashton hatte bereits bef�rchtet, da� ihre Schwester das sagen w�rde, und sie mu�te ihre ganze Willenskraft aufbieten, um nicht in Raserei zu geraten. Brett plauderte munter drauflos.</p><p>�Ich habe Cuffey zum Fort geschickt. Ich kann es nicht fassen! Nun ist doch noch alles gut geworden.�</p><p>�Ich freue mich ja so f�r dich.�</p><p>Noch nie in ihrem Leben hatte Ashton es so schwer gefunden, zu l�cheln. Aber sie l�chelte. Dann umarmte sie ihre Schwester und dr�ckte ihr einen Ku� auf die Wange. Brett war zu aufgeregt, um die Wut in den Augen ihrer Schwester zu bemerken. Ansonsten spielte Ashton perfekt.</p><p>�Wir m�ssen uns unbedingt �ber die Hochzeit unterhalten�, sagte Ashton, als sie zur T�r eilte. �Es wird mir ein Vergn�gen sein, dir bei den Vorbereitungen zu helfen. Aber wir m�ssen noch ein, zwei Tage warten, bis der Kongre� vorbei ist. Noch nie war Charleston so voller Leben � �</p><p>Und weg war sie. Von Ha� und Eifersucht �berw�ltigt, war sie mehr denn je davon �berzeugt, da� sie um jeden Preis gegen ihre Schwester und Billy Hazard vorgehen mu�te.</p><p>Schweigen herrschte in der Institute Hall, eine gespannte Atmosph�re. Die Zuschauer auf der Galerie lehnten sich vor, um jedes Wort vom Bericht des Ausschusses, der mit der Ausarbeitung der Sezessionserkl�rung beauftragt worden war, mitzubekommen.</p><p>Seit der Ankunft der Delegierten waren zwei Tage verstrichen. Antr�ge waren vorgelegt, abge�ndert, angenommen worden. Sondergruppen von Beobachtern aus den Staaten Mississippi und Alabama waren mit gro�em Zeremoniell empfangen worden. Doch nun, am Nachmittag des zwanzigsten Dezember, kamen die Abgeordneten auf den Kern der heiklen Angelegenheit zu sprechen. Der Vorsitzende las den Entwurf vor.</p><p>Cooper sa� in der ersten Reihe der Galerie, die Ellbogen auf die Rampe gest�tzt. Der Platz war eng. Seine Blicke wanderten �ber den Saal unter ihm, vom fr�heren Senator Gist zu Senator Chestnut zu Huntoon, der mit rotem Gesicht da sa� und wie ein m�rderischer Cherub l�chelte.</p><p>Die Zuschauer auf der Galerie setzten sich zur H�lfte aus Frauen zusammen, von denen die meisten Sezessionsh�te trugen. Zu seiner Rechten konnte Cooper in der Ferne Ashton entdecken, die den Verhandlungen mit feuchter Stirn und ge�ffneten Lippen folgte. Sie sah aus, als ob sie etwas weitaus Erregenderes erlebe als die Lesung der Proklamation. Cooper fand ihren Gesichtsausdruck nicht nur �berraschend, sondern geschmacklos.</p><p>Er h�rte dem Vorsitzenden zu, obwohl er am liebsten nichts geh�rt h�tte. Sein Sch�del brummte. W�rde es morgen schon zwei verschiedene Postsysteme geben? Zwei Bankensysteme n�chste Woche? Die Leute schienen sich �berhaupt keine Gedanken zu machen. Als er einigen f�hrenden Finanzleuten diese Fragen gestellt hatte, hatte er nur best�rzte Blicke geerntet, die rasch in Feindseligkeit umgeschlagen waren. Armer alter Main, sagten diese Blicke. Du bist und bleibst verr�ckt.</p><p>Traurig schweifte sein Blick wieder �ber den Saal. Die M�nner, die sich f�r diese Sache eingesetzt hatten, waren fast ausnahmslos Ber�hmtheiten. M�nner, die intelligent waren und etwas geleistet hatten. Er konnte ihre Wut, die sich seit einer Generation angestaut hatte, verstehen. Aber er w�rde niemals die Mittel verstehen, mit denen sie dieser Wut Luft zu machen suchten.</p><p>Der Vorsitzende fuhr mit der Lesung fort. Zwischendurch Applaus. Cooper erkannte unter den Zuschauern einen Beamten der Zollbeh�rde der Vereinigten Staaten sowie die Frau eines Pfarrers. Er h�tte nicht sagen k�nnen, wer von den beiden am lautesten schrie. Cooper beugte sich �ber die Rampe und erntete ver�chtliche Blicke.</p><p><emphasis>�� und da� die unter dem Namen Vereinigte Staaten von Amerika bestehende gegenw�rtige Union mit South Carolina und andern Staaten hiermit aufgel�st ist.�</emphasis></p><p>Es war wie ein Pand�monium. Die ganze Galerie stand wie auf Befehl auf. Cooper blieb sitzen. Der Zollbeamte packte ihn an der Schulter.</p><p>�Steh auf, verdammt noch mal!�</p><p>Cooper fa�te das Handgelenk des Mannes und schob es ruhig beiseite. Der Mann fluchte. Cooper sah ihn einen Augenblick lang an und richtete seine Aufmerksamkeit dann wieder auf den Saal.</p><p>Dort unten klopfte man sich auf den R�cken, sch�ttelte einander die H�nde und begl�ckw�nschte sich gegenseitig mit viel L�rm. Er w�rde diese kollektive Verblendung niemals begreifen. Wie, um Himmels willen, wollten der Staat oder der S�den im Alleingang bestehen? Wie konnte es einen Kontinent, ein Volk und zwei Regierungen geben?</p><p>Nach einer l�ngeren W�rdigung der Arbeit des Vorsitzenden und des Ausschusses setzten sich die Delegierten und Zuschauer wieder. Die Sezessionserkl�rung wurde ohne weitere Debatte mit 169 Stimmen ohne Gegenstimme angenommen. Sie w�rde noch am selben Abend unterzeichnet und besiegelt werden.</p><p>Nach dieser Ank�ndigung brach erneut die H�lle in der Institute Hall los. Cooper seufzte, stand auf und k�mpfte sich zum Ausgang. Es gab nur wenig verdrie�liche Gesichter. Darunter J.L. Petigru, ein ber�hmter Rechtsanwalt und Vertreter der Whig-Partei in Charleston. Ihre Blicke trafen sich kurz, wie zwei Trauernde an einer Beerdigung.</p><p>Cooper marschierte aus der Halle; er hatte seine Wut beinahe nicht mehr unter Kontrolle.</p><p>Das Abendessen an der Tradd Street wurde in grimmiger Stimmung eingenommen. Orry war am Vormittag mit George aus Mont Royal gekommen, um der Debatte in der Institute Hall beizuwohnen. Aber sie waren nicht mehr hineingekommen. Orry schien fast ebenso niedergeschmettert �ber die Sezession wie Cooper. George verzichtete darauf, erneut zu betonen, da� die Bundesregierung ohne Nachsicht reagieren werde.</p><p>Brett deprimierten die m�glichen Folgen, die die Verf�gung f�r ihre Zukunft haben k�nnte. Fort Moultrie war in Alarmbereitschaft, falls die unvermeidbaren Kundgebungen in Gewalt ausarten sollten. Sie w�rde Billy heute Abend nicht treffen k�nnen, und es war noch ungewi�, wann sie sich wiedersehen w�rden.</p><p>Schon den ganzen Nachmittag hatte man auf den Stra�en Geschrei und Musik geh�rt. Nach dem Abendessen steigerte sich der L�rm. In der ganzen Stadt wurden die Glocken gel�utet. Die melancholische Stimmung im Haus war praktisch unertr�glich. Cooper langte nach seinem Hut.</p><p>�Nun, meine Herren, sie haben es unterzeichnet. Ein historischer Augenblick � sollen wir rausgehen, und sehen wie Charleston seinen eigenen Untergang feiert?�</p><p>�Wir kommen mit�, sagte Judith und kam mit ihrem und mit Bretts Schal an. Die Frauen lie�en sich auf keine weitere Diskussion ein.</p><p>Als die f�nf Menschen das Haus verlie�en und Richtung Meeting Street gingen, gingen die B�llersch�sse los.</p><p>Der Volksauflauf anl��lich Lincolns Wahlsieg war offenbar nur eine Probe f�r die heutigen Festlichkeiten gewesen. In den Stra�en wimmelte es von Menschen, und ein Vorw�rtskommen war fast unm�glich. Knapp einen Meter von George und den Mains entfernt explodierte eine Serie von Schw�rmern. Judith kreischte, pre�te eine Hand auf die Brust und versuchte dann zu l�cheln.</p><p>Sie gingen die eine Seite der Meeting Street hinauf und die andere wieder hinunter. In vielen Auslagen hatte man Lichter und Photos ausgestellt. F�sser mit brennendem Harz tauchten die Stra�en in ein grelles, rotes Licht. �berall gingen Feuerwerksk�rper los.</p><p>Auf der Battery wurden B�llersch�sse abgefeuert. Musikkapellen spielten. Die Menge dr�ngte zur�ck, damit die Ashley-Garde vorbeidefilieren konnte.</p><p>Ein st�mmiger Deutscher marschierte mit einem Plakat hinterdrein.</p><p>HURRA!</p><p>Die Union</p><p>ist</p><p>AUFGEL�ST</p><p>�Wunderbar, ja?� schrie der Plakattr�ger und blies Cooper seine Schnapsfahne ins Gesicht. �Aber es hat viel zu lange gedauert. Viel zu lang!�</p><p>Cooper wurde kreidewei�, ri� dem Mann das Plakat aus den H�nden, zerfetzte die Pappe und zerbrach den h�lzernen Tr�ger. Judith war bla�.</p><p>Zuschauer bedachten Cooper mit Schimpfnamen und begannen ihn anzurempeln. Orry stellte sich neben seinen Bruder und schubste zur�ck. George ebenfalls.</p><p>�Ich bin ein Fremder in dieser Stadt, aber Ihr werdet Grund haben, Euch an mich zu erinnern, wenn Ihr nicht gleich weitermarschiert!�</p><p>Orry lachte. F�r einen Augenblick war die Zeit verschwunden, und der junge Kadett Hazard aus West Point war pl�tzlich vor ihm gestanden. Die Leute und auch der Deutsche zogen schlie�lich weiter.</p><p>Es stank nach einem Gemisch aus Puder, Parf�m, Tabak und Schwei�. Der Himmel war blau und zitronengelb erleuchtet. Die Kanonensch�sse waren so laut, da� die Musik darin unterging und nur gelegentlich ein Trommeln oder einige heisere H�rner zu vernehmen waren.</p><p>�Ich glaube nicht, da� ich dich jemals so w�tend gesehen habe�, sagte Orry zu seinem �lteren Bruder.</p><p>Cooper blieb abrupt stehen und sah diese vier Menschen, die er liebte, an. Wenn es irgendwo auf der Welt noch Menschen gab, die seinen bohrenden Schmerz verstehen w�rden, dann sie.</p><p>�Ich bin so w�tend, weil diese verdammte Sezession mich in eine unm�gliche Situation gedr�ngt hat. Ich wei� �berhaupt nicht mehr, wie ich reagieren soll, wohin mit meiner Loyalit�t! Ich hasse es, mich dem Staat gegen�ber, den ich mein ganzes Leben lang geliebt habe, als Verr�ter zu f�hlen. Aber noch schlimmer ist das Gef�hl, die Nation verraten zu haben. Die Aufl�sung der Union! Es schreit zum Himmel, verdammt � �</p><p>�Cooper, wie redest du�, fl�sterte seine Frau, aber er h�rte sie nicht.</p><p>�� ein Main hat sein Blut vergossen f�r diese Union! Wenn ihr jetzt noch nicht das Gef�hl habt, entzweigerissen zu werden � wartet�s nur ab. Diese verr�ckten Idioten wissen nicht, was sie getan haben. Was sie sich, ihren Kindern, uns allen angetan haben. Sie wissen es nicht!�</p><p>Aschfahl im Gesicht, drehte er sich abrupt um und marschierte weiter � eine Schattengestalt gegen den feuerhellen Himmel. Die andern folgten dicht hinter ihm. Brett versuchte Judith zu tr�sten, die ansonsten nicht leicht zu schockieren war, aber nun v�llig die Sprache verloren hatte. Orry empfand bereits etwas von der Verwirrung, von der Cooper gesprochen hatte.</p><p>George hatte Kopfweh wegen den Kanonensch�ssen. Er schien blo� die donnernden Sch�sse, nicht aber das Jubelgeschrei und Gel�chter zu h�ren. Er dachte an Mexiko. Es war ein leichtes, die Augen halb zu schlie�en, die in den Feuerschein getauchten Geb�ude verschwommen vor sich zu sehen und sich vorzustellen, da� Charleston bereits eine Stadt im Krieg war.</p><p>Gesichter schwebten an Orry vorbei, vom Feuerschein und von Leidenschaft verzerrte Gesichter. Mit jedem Augenblick schienen die glotzenden Augen und die gaffenden M�uler unmenschlicher zu werden. Die primitiven Emotionen verwandelten normale Gesichter in Fratzen.</p><p>Brett schmiegte sich an Orry und umklammerte seinen Arm; sie hatte offensichtlich Angst vor dem Gedr�nge der Menge. Cooper und Judith gingen dicht hinter ihnen, gefolgt von George wie von einer wachsamen Nachhut. Man beobachtete sie jetzt nicht mehr.</p><p>Orry sah, wie drei junge Rowdies mit ihren St�cken auf einen alten Neger einschlugen und dann den Inhalt ihrer gro�en, bauchigen Biergl�ser, die sie aus einer Bar mitgenommen hatten, �ber ihn gossen. Er sah, wie ein ehrw�rdiges Mitglied der Methodistenkirche, die Flasche in der Tasche, an einem Laternenpfahl Halt suchte und sich bekotzte. Er sah, wie die Frau eines bekannten Juweliers der Meeting Street sich in einem dunklen Hauseingang von einem Fremden betasten lie�. �berall kam es zu Exzessen.</p><p>Auch die Parolen, die man ihm ins Ohr schrie oder auf Plakaten oder scheinbar �ber Nacht hergestellten Seidenbannern zur Schau trug, lie�en in dieser Hinsicht nichts zu w�nschen �brig. Drei M�nner rauschten mit einem ausgebreiteten Banner auf dem Gehsteig an ihm vorbei. Orry mu�te sich ducken und die andern auffordern, es ihm gleichzutun.</p><p><emphasis>Die Rechte des S�dens d�rfen nicht mit F��en getreten werden!</emphasis></p><p>Orry und die andern richteten sich wieder auf. Pl�tzlich bemerkte er Huntoon, der mit andern hinter den Bannertr�gern hereilte.</p><p>�Orry! Guten Abend!� Huntoon tippte an seinen Hut, der mit einer auff�lligen blauen Kokarde geschm�ckt war. Orry hatte die Dinger heute abend bereits dutzendweise gesehen. Huntoons Krawatte war lose, und der Hemdzipfel hing unordentlich �ber die Hose � ungew�hnlich f�r einen sonst tadellos gekleideten Mann.</p><p>Aber dies war ja auch eine ungew�hnliche Nacht, wie Huntoons au�erordentlich breites L�cheln bezeugte. �Entsprechen die Feierlichkeiten Ihrem Geschmack?�</p><p>Die Frage war mit einem h�mischen Unterton an alle f�nf gerichtet worden, aber wohl haupts�chlich auf Cooper gem�nzt, wie Orry sich vorstellte. �Nicht ganz�, antwortete er. �Ich hasse es, wenn anst�ndige Leute sich l�cherlich machen.�</p><p>Doch Huntoon ging nicht darauf ein. �Ich meine, da� Lustbarkeiten v�llig in Ordnung und Exzesse durchaus verst�ndlich sind. Wir haben der Welt unsere Freiheit proklamiert.� Sein Blick streifte Brett. �Nat�rlich r�ckt mit unserer Unabh�ngigkeit die Frage nach dem Bundeseigentum in Charleston ins Blickfeld, die Zollbeh�rde, das Arsenal, die Forts. Wir sind dabei, eine Gruppe von Unterh�ndlern zusammenzustellen, die Pr�sident Buchanan die Frage vorlegen werden. Die �bergabe des Eigentums an den souver�nen Staat South Carolina ist nun zwingend geworden.�</p><p>George stellte sich neben Brett. �Und wenn der alte Buck die Dinge anders sieht?�</p><p>Huntoon l�chelte. �Dann, Sir, werden wir die Frage mit andern Mitteln beantworten.�</p><p>Er tippte wiederum an den Hut, ging weiter und tauchte in der Menschenmasse unter, die sich l�rmend und singend durch die Stra�en schob: �Die Rechte des S�dens! <emphasis>Die Rechte des S�dens!�</emphasis></p><p>Brett sah Huntoon nach, bis er verschwunden war. Orry sp�rte, wie sie seinen Arm fester umklammerte. �Das mit den Forts sagte er wegen Billy, nicht wahr?�</p><p>Cooper h�rte die Frage. �Daran zweifle ich nicht. Menschlichkeit ist bei Mr. Huntoon, wenn �berhaupt, nur in einer kleinen Dosierung vorhanden.�</p><p>Sie sahen ihn nochmals kurz auf der andern Stra�enseite, als er sich die Stufen zum Mills House hinaufk�mpfte und dann von oben einen Blick auf das Treiben der Menge warf. Seine Brillengl�ser widerspiegelten die Flammen eines Fasses mit brennendem Harz. Wie die Augen eines grinsenden D�mons, dachte Orry. Eines von vielen Spukbildern.</p><p>Er dachte an Major Anderson von Fort Moultrie. Er hatte Anderson in Mexiko gekannt: ein Offizier mit gutem Ruf, gewissenhaft und kompetent. Was mochte wohl in ihm vorgehen? Wem w�rde er in den nun kommenden Monaten die Treue halten? Den Sklavenbesitzern seines Heimatstaats Kentucky oder der Armee?</p><p>Viele Amerikaner � viele M�nner aus West Point � w�rden jetzt auf eine harte Probe gestellt werden; sie wurden jetzt zu einer Entscheidung gezwungen. Orry hatte beinahe das Gef�hl, da� die Welt in die H�nde einer b�sen Macht geraten war.</p><p>�Tja, wie du bereits gesagt hast, Cooper, ein historischer Moment!� sagte er. �Komm, gehen wir nach Hause.�</p><p>Das taten sie, schweigend und deprimiert.</p><p>Von den schwitzenden und schreienden Schaulustigen umgeben und beinahe erdr�ckt, f�hlte sich Ashton auf der Battery unerwartet erregt. Es war, als ob gewaltige Energien vom P�bel in die Erde abgeleitet w�rden und dann �ber ihre Beine bis zu ihrem Zentrum wieder aufstiegen. Sie f�hlte sich ganz schwindlig und atemlos.</p><p>Doch wie gew�hnlich war es nicht die Welle von Patriotismus, die sie erregte, sondern dessen Bedeutung, die Chance, die sie darin erblickte. Die Fl�che, Drohungen und Parolen waren die Geburtsschreie einer neuen Nation. James prophezeite, weitere Baumwollstaaten w�rden dem Beispiel South Carolinas folgen. Bald werde auch eine neue Regierung aufgestellt, und er, Huntoon, werde eine wichtige Rolle dabei spielen. Es konnte sich nur noch um Wochen handeln, und dann w�rde ein lange getr�umter Traum endlich Wirklichkeit. Die Macht w�rde ihr zu F��en liegen und sie brauchte nur noch danach zu greifen.</p><p>Eine neue Serie von Feuerwerksk�rpern tauchte ihr Gesicht in ein scharlachrotes Licht. Die Schw�rmer schossen in den Himmel und explodierten �ber Sullivan Island, wobei sie die W�lle des Forts kurz erleuchteten. Sie verzerrte das Gesicht.</p><p>Dann tauchte hinter dem Phantasiebild von Billy Hazard pl�tzlich eine ihr vertraute Gestalt auf.</p><p>�Forbes!� Sie umklammerte ihren Sezessionshut und k�mpfte sich die paar Meter zu ihm vor. �Forbes!�</p><p>�Mrs. Huntoon�, sagte er mit jener �bertriebenen H�flichkeit, die er jedesmal, wenn sie sich in der �ffentlichkeit trafen, an den Tag legte. Er verneigte sich. Sie roch Whiskey und M�nnlichkeit. Ihre Erregung steigerte sich, aber jetzt war nicht der Zeitpunkt, um solchen Gel�sten nachzugehen.</p><p>�Forbes, wir m�ssen uns unbedingt unterhalten�, fl�sterte sie. �Morgen � so fr�h wie m�glich. Orry hat Billy und meiner Schwester die Heiratserlaubnis erteilt. Ich ertrage es nicht. Ich kann es nicht zulassen.�</p><p>Eben noch hatte Forbes LaMotte heiter betrunken ausgesehen; jetzt hing sein Mund schief, als h�tte jemand mit einem Messer sein Gesicht aufgeschlitzt. Die Schw�rmer, Kanonensch�sse und Glocken verursachten einen ohrenbet�ubenden L�rm. Er mu�te dicht an Ashton herantreten, um zu verstehen, was sie sagte.</p><p>�South Carolina ist zur Offensive angetreten. Ich glaube, es ist an der Zeit, da� wir das gleiche tun.�</p><p>Er l�chelte wieder entspannt und schl�frig. �Da hast du recht�, murmelte er. �Ich stehe zu deiner Verf�gung.�</p><p><strong>59</strong></p><p>Am Morgen des 25. Januar 1861 traf Hauptmann Elkanah Bent in New Orleans ein. Er war auf dem Weg nach dem einzigen Zuhause, das er kannte, nach Washington. Er hatte sich gerade rechtzeitig um eine Versetzung bem�ht. Die Situation im ganzen Land war kritisch und verschlechterte sich von Tag zu Tag. Er war davon �berzeugt, da� das Kriegsministerium Bef�rderungen vorbereitete und f�r den bevorstehenden Konflikt Umstrukturierungen vornahm. Oder zumindest w�rde dies der Fall sein, sobald der Gimpel Buchanan das Wei�e Haus ger�umt h�tte.</p><p>Bent trug heute brandneue und teure Zivilkleider. Er hatte sie in Texas erworben, unmittelbar nach seinem Entschlu�, in New Orleans einen Tageshalt einzulegen. Er hatte das Gef�hl, da� es gef�hrlich sein k�nnte, in einer so vehement auf der Seite des S�dens stehenden Stadt seine Uniform zur Schau zu tragen. Wie er erfahren hatte, w�rde Louisiana demn�chst dem Beispiel der andern f�nf Baumwollstaaten folgen und aus der Union austreten.</p><p>Als er durch Bienville schlenderte, stieg ihm der aromatische Duft von starkem Kaffee in die Nase. Die Stadt war f�r ihren guten Kaffee bekannt, ein Genu�, den er sich nicht entgehen lassen wollte.</p><p>Er war froh, nicht mehr in Texas zu sein. Auch dort stand die Sezession bevor, man sympathisierte offen mit dem S�den. Der alte Davey Twiggs und Bob Lee, die letztes Jahr aus Virginia zur�ckgekehrt waren, um das Kommando �ber die Zweite Kavallerie zu �bernehmen, waren ohnehin zwei potentielle Verr�ter.</p><p>Aber es gab weitere Gr�nde, weshalb er sich gl�cklich sch�tzte, aus Texas weggekommen zu sein. Er mu�te sich eingestehen, da� er den Versuch, Charles Main zu beseitigen, selber verpfuscht hatte, und er hatte Gl�ck gehabt, nicht vors Kriegsgericht gekommen zu sein. Doch die Chancen f�r einen Krieg standen ziemlich gut, und so w�rde er erneut Gelegenheit haben, den Mains und den Hazards eins auszuwischen. Er brannte darauf, ihre Akten in Washington durchzusehen. Diese Aussichten machten ihm den Mi�erfolg etwas leichter.</p><p>Auf eine Frage hatte Bent bis jetzt noch keine befriedigende Antwort gefunden: Kannte Charles den wahren Grund f�r seine Feindseligkeit? Zu diesem Zeitpunkt mu�te er ihn eigentlich kennen, denn Charles und dieser verfluchte Orry Main hatten sicher Briefe zu diesem Thema ausgetauscht. Briefe, die die Beziehung Bents zu Orry und George Hazard enth�llt hatten. Sollte jedoch kein solcher Briefwechsel stattgefunden haben � was zwar eher unwahrscheinlich war �, so w�rde Charles das Geheimnis bestimmt bei seinem ersten Urlaub erfahren.</p><p>Sobald die Mains �ber Bents Rachedurst einmal Bescheid wu�ten, w�rden die Hazards es zweifellos auch erfahren. Doch er hatte immer noch einen Vorteil: Die Mitglieder beider Familien w�rden bestimmt damit rechnen, da� sein Ha� in den Wirren des Kriegs verginge, wenigstens abnehmen w�rde. Und diese irrt�mliche Annahme w�rde ihr Verderben sein.</p><p>Wenn Bent die Situation, in der sich das ganze Land befand, richtig interpretierte, so waren Feindseligkeiten unvermeidbar. Charleston stand im Brennpunkt. Ein Tag nach Weihnachten hatte die kleine Garnison von Anderson geheime Vorbereitungen getroffen und im Schutze der Dunkelheit mit Booten nach Fort Sumter �bergesetzt. Die Palmettoflagge wehte jetzt also �berall auf dem Bundeseigentum in und um Charleston herum, mit Ausnahme des von Anderson besetzten Forts mitten im Hafen.</p><p>Seine Garnison durfte sich immer noch auf dem Markt in Charleston mit frischem Fleisch und Gem�se eindecken, aber die Miliz des Staats drang vermehrt in die Stadt ein und k�mmerte sich um die Kanonen von Fort Moultrie, Castle Pinckney und Fort Johnson.</p><p>In den vergangenen Wochen hatte Buchanan sein Kabinett von s�dlichen Einfl�ssen gereinigt und einen h�rteren Kurs eingeschlagen. Er weigerte sich, die Unterh�ndler aus South Carolina, die �ber die �bergabe von Fort Sumter mit ihm verhandeln wollten, zu empfangen und hatte ihr Memorandum ungelesen zu den Akten gelegt.</p><p>Am 9. Januar nahm der Konflikt zwischen Nord und S�d eine gef�hrliche Wendung. Buchanan hatte ein Schiff mit Nahrungsmitteln, Munition und 250 Soldaten nach Charleston geschickt. Als die <emphasis>Star of West</emphasis> an der Sandbank vorbeifuhr, er�ffneten die Kadetten von �The Citadel�, die die Kanonen im Hafen besetzt hatten, das Feuer.</p><p>Die Truppen von Anderson verzichteten darauf, das einfahrende Schiff zu verteidigen. Schon nach dem ersten Treffer wendete die <emphasis>Star of West</emphasis> und fuhr wieder aufs Meer hinaus. Damit war die Sache erledigt � au�er in Washington, wo das Gerangel zwischen der Regierung und einer weiteren Delegation aus South Carolina weiterging.</p><p>Vor nur wenigen Tagen hatten Davis und weitere S�dstaaten-Senatoren nach langen Abschiedsreden, deren k�nstliche Sentimentalit�t ihren Verrat verschleiern sollte, das Kapitol verlassen. Heute fr�h hatte Bent vernommen, da� Davis und die andern demn�chst in Montgomery, Alabama, zusammentreten sollten, um eine neue Regierung zu bilden.</p><p>Es w�rde auf jeden Fall zwischen dieser Regierung und Washington zu einem ernsthaften Konflikt kommen. Der alte Buchanan w�rde nicht mehr lange im Amt sein, und der neue Mann, dieser komische Lincoln, vertrat in der Sklavenfrage zwar einen nachgiebigen Standpunkt, w�rde jedoch unnachgiebig sein, wenn es um die Erhaltung der Union ging. Der Krieg stand bevor. Die Zukunftsaussichten waren herrlich.</p><p>In dieser Geistesverfassung stieg Bent die Stufen einer wundersch�nen schmiedeeisernen Treppe hinauf und klopfte an die T�r eines Etablissements, das ihm von einem Herrn auf der Reise empfohlen worden war. Als die T�r ge�ffnet wurde, stellte er sich unter fremdem Namen vor.</p><p>Zwei Stunden sp�ter f�hrte ein finster blickender, riesiger Schwarzer den halbnackten Bent in das Zimmer der Besitzerin, dr�ckte ihn in einen Pl�schsessel und wartete mit verschr�nkten Armen den Ausgang des Streits ab.</p><p>�Einhundert Dollar ist eine Unversch�mtheit!� ereiferte sich Bent, stopfte das Hemd in die Hose und kn�pfte sich die Hemds�rmel zu. Hier h�tte seine Uniform vielleicht Eindruck erwecken k�nnen.</p><p>Madame Conti wirkte hinter ihrem prunkvollen Schreibtisch �u�erst entspannt; das indigofarbene Seidenkleid mit dem aufgestickten Pfau stand ihr hervorragend. Sie war gro�, kr�ftig, etwa sechzig. Das ungew�hnlich wei�e Haar war apart frisiert.</p><p>�Trotzdem, Monsieur Benton, einhundert Dollar ist der Preis. Das ist das, was einem so jungen M�dchen wie Otille geb�hrt.� Die Dame betrachtete ein St�ck Papier. �Sie haben ebenfalls mehrere, mh, Sonderdienstleistungen verlangt. Ich kann sie Ihnen aufz�hlen, falls Ihr Ged�chtnis Sie im Stich lassen sollte. Hat sie Ihnen nicht gesagt, da� daf�r ein Zuschlag erhoben wird?�</p><p>�Nein, davon wei� ich garantiert nichts.�</p><p>Madame Conti zuckte die Achseln. �Ein Versehen. Aber das �ndert nichts am Preis.�</p><p>�Ich weigere mich, zu zahlen, verdammt noch mal. Ich weigere mich.�</p><p>Madame Conti quittierte den Wutanfall mit einem nachsichtigen L�cheln. Sie blickte an Bent vorbei und sagte: �Was sollen wir mit ihm machen, Pomp?�</p><p>�Weiterhin wie einen Gentleman behandeln�, knurrte der Schwarze. �Vielleicht �ndert er seine Meinung?�</p><p>Schwei� perlte auf Bents Oberlippe. Der bedrohliche Ton war ihm nicht entgangen. Er versuchte tapfer die Fassung zu bewahren. Madame Conti l�chelte unentwegt.</p><p>�Schenk unserem Besucher einen kleinen Champagner ein. Vielleicht hilft das.�</p><p>�Es wird nicht helfen�, sagte Bent. Sie lachte und verlangte auch nach einem Glas f�r sich selbst.</p><p>Bent verzichtete auf eine weitere Bemerkung und versuchte, seinen n�chsten Schritt zu planen. Er w�rde sich den Weg aus dem Bordell nicht freik�mpfen k�nnen und hatte auch nicht die Absicht. Er lie� es f�r einen Augenblick bei der gegenw�rtigen Situation bewenden und akzeptierte den ausgezeichneten franz�sischen Champagner von Pomp. Er kippte ihn hinunter und hielt das Glas ein zweites Mal hin. Madame Conti nickte dem Schwarzen zustimmend zu.</p><p>Der Champagner �bte eine beruhigende Wirkung aus. Bent registrierte die Eleganz des B�ros. An den mit rotem Samt tapezierten W�nden hingen mehr als ein Dutzend beleuchtete �lbilder. Eines davon war eine lustige Studie von Pelzj�gern auf einem Flo�.</p><p>�Das ist mein Stolz�, sagte die Dame. �Ein Weststaatler namens Bingham hat es gemalt.�</p><p>Ihr Stolz ist falsch angebracht, dachte Bent und trank noch mehr Champagner. Er betrachtete das Portr�t einer jungen Frau, das hinter Madame Contis linker Schulter hing. Irgendwie kamen ihm die Z�ge der wundersch�nen, dunkelhaarigen Kreatur bekannt vor, aber er konnte sie nicht einordnen.</p><p>Madame Conti bemerkte sein Interesse. �Ah, Sie bewundern sie? Sie hat vor vielen Jahren einige Zeit hier gearbeitet. Sie war noch sch�ner als Otille. Und wesentlich teurer.�</p><p>Hure, dachte er. Sie achtete darauf, da� er die Rechnung keinen Augenblick verga�.</p><p>Und pl�tzlich wu�te er, wo er das exotische Gesicht des Portr�ts schon mal gesehen hatte: auf einem der Photos von Charles Main.</p><p>Nein, Augenblick. Diese Frau mit dem verf�hrerischen L�cheln war nicht dieselbe Kreolensch�nheit, die er auf dem Bild in Texas gesehen hatte. Die �hnlichkeit war zwar gro�, aber es konnte sich nicht um dieselbe Person handeln. Waren es vielleicht Schwestern?</p><p>�Wer ist sie, Madame?�</p><p>Die mit Juwelen besetzten Armb�nder klirrten, als die wei�haarige Frau ihren Champagner trank. �Ich glaube, ich brauche kein Geheimnis daraus zu machen. Sie war ein armes M�dchen, das, kurz bevor sie starb, zu einer hohen Position aufstieg. Sie gab ihre Stelle bei mir auf, um die ehrenwerte und anerkannte Frau eines reichen Fabrikanten aus New Orleans zu werden.�</p><p>�Der dunkle Schimmer auf ihrer Haut ist bezaubernd. Der Maler mu� sehr inspiriert gewesen sein.�</p><p>�Nur von dem, was er tats�chlich gesehen hat.�</p><p>�Sie meinen, ihre Haut war in Wirklichkeit so?�</p><p>�Ja, Monsieur Benton.�</p><p>�Ich bin fasziniert. Ein liebliches, romantisches Bild.� Er beugte sich leicht vor; als ge�bter R�nkeschmied konnte er subtil sein, wo es n�tig war. �Wie ging die Geschichte aus � wenn ich Sie fragen darf, Madame?�</p><p>Sie drehte sich um und warf einen liebevollen Blick auf das Portr�t. �Mein liebes M�dchen schenkte dem sie anbetenden Ehemann nach der Heirat ein M�dchen, aber leider ist die wundersch�ne Mutter gestorben. Bevor auch der liebende Vater das Zeitliche segnete, schickte er seine Tochter weit weg, um standesgem�� zu heiraten. Sie hat eine ebenso wei�e Haut wie Sie und ich, aber einige Menschen in dieser Stadt wissen vom Vorleben ihrer Mutter.�</p><p>Das war es also: Mutter und Tochter. Bent konnte seine Augen nicht von dem Portr�t abwenden.</p><p>�Und Sie wissen auch, da� das Kind weder Spanierin noch Franz�sin, sondern ein Achtel Negerin ist. Damals waren attraktive junge Frauen mit Mischblut noch bevorzugte Gesch�pfe. Aber jetzt nicht mehr. Die ganze Aufregung um die Sklaverei hat dem ein Ende gesetzt. Heutzutage�, ein ausdrucksvolles Achselzucken, ein melancholisches L�cheln, �bedeutet ein Achtel Negerblut � wie hell die Haut auch immer sein mag � genausoviel wie ein richtiger Neger zu sein. Was ist, Monsieur Benton?�</p><p>Bent war die Hand ausgerutscht, und er hatte den Champagner auf den teuren Teppich geleert.</p><p>�Ein Ungeschick, Madame. Ich bitte um Entschuldigung.�</p><p>Er zog sein Taschentuch heraus und beugte sich nieder, um den Teppich zu s�ubern, was in Anbetracht seines Wanstes kein einfaches Unterfangen war.</p><p>Die Tochter einer Niggerhure stand also mit jener arroganten Main-Bande in einem Zusammenhang? Offensichtlich hegten sie keinen Verdacht; keine Frau mit Negerblut w�rde zu einer Gruppenaufnahme von Plantagenaristokraten zugelassen werden! Welch herrliche Information! Er wu�te zwar noch nicht, wie oder wann er sie verwenden konnte, aber er zweifelte keine Sekunde daran, da� sie ihm n�tzlich sein w�rde.</p><p>�Madame, Sie haben v�llig recht. Der Champagner hat tats�chlich eine beruhigende Wirkung.� Sein schwei�feuchtes Gesicht strahlte. �Die Dienstleistungen der jungen Dame waren �u�erst zufriedenstellend, und ich bedaure, am Preis gem�kelt zu haben. Ich werde alles bezahlen. Wenn Sie gestatten, w�rde ich sogar gerne ein h�bsches Trinkgeld hinterlassen.�</p><p>Madame Conti wechselte einen Blick mit dem riesigen Schwarzen, der seit einigen Minuten damit besch�ftigt gewesen war, seine Fingern�gel mit einem eindrucksvollen Messer zu reinigen. Auf ihr kaum merkliches Signal hin steckte er das Messer wieder ein. �Aber selbstverst�ndlich�, sagte sie mit einem h�flichen Nicken.</p><p>In Texas war der Himmel grau, und es fiel ein kalter Regen. In niedergedr�ckter Stimmung sah Charles Main zu, wie der letzte Koffer neben den andern im Armeewagen verstaut wurde. Die Koffer geh�rten Oberst Lee.</p><p>Vor f�nf Tagen, am 8. Februar, hatten Charles und zwei Berufssoldaten Camp Cooper verlassen, weil sie dem Regimentskommandanten eilige Botschaften zu �bermitteln hatten. Sie waren fast zweihundert Meilen in diesem miesen Wetter geritten und mu�ten bei ihrer Ankunft feststellen, da� Lee von General Scott nach Washington zur�ckbefohlen worden war. Zweifellos wollte Scott wissen, welche Absichten Lee f�r die Zukunft hegte � und wem er die Treue halten wollte.</p><p>Lees Abreise war ein weiterer Beweis f�r das Chaos, das mehr und mehr Besitz vom Land ergriff. Obwohl wichtige Grenzstaaten wie Tennessee und Lees Heimatstadt Virginia sich der sezessionistischen Bewegung noch nicht angeschlossen hatten, war Texas am ersten des Monats von der Union abgefallen. In Alabama war eine neue Regierung der Konf�derierten Staaten mit Jefferson Davis als Pr�sident gebildet worden.</p><p>Der k�nftige Pr�sident Lincoln reiste aus Illinois mit dem Zug nach Osten. Er unterbrach seine Reise an mehreren Orten, um Reden vor seinen W�hlern zu halten. In Washington hatte sich Senator Crittenden vergeblich um Kompromi�vorschl�ge bem�ht. Nachdem alle Baumwollstaaten von der Union abgefallen waren, war es f�r den Senat ein leichtes gewesen, Kansas als freien Staat in die Union aufzunehmen.</p><p>Major Anderson befand sich immer noch mit seiner Garnison in Fort Sumter, und Charles fragte sich, ob Billy noch dort war. Anderson hatte ja mehrere M�nner nach Washington geschickt, um Instruktionen einzuholen, und vielleicht war Billy unter ihnen gewesen. Charles hoffte und betete, da� sein Freund lebend aus dem Fort herauskommen m�ge.</p><p>In Texas gingen Ger�chte um, da� die Grenzposten demn�chst von den Staatsmilizen oder den Texas Rangers �bernommen werden sollten. Obwohl General Twiggs daf�r bekannt war, da� er mit dem S�den sympathisierte, hatte er sich mehrere Male an Washington gewendet, jedoch nur unklare Antworten erhalten.</p><p>In einer Zeitung aus San Antonio war zu lesen, da� einer der ehrenwertesten Absolventen der Milit�rakademie, Pierre Beauregard, im Januar zum Superintendent von West Point gew�hlt worden war. Er hatte das Amt jedoch nicht einmal eine Woche lang einnehmen k�nnen und war abgesetzt worden, weil durch den Abfall von Louisiana ein Verdacht auf ihn gefallen war. M�nner, die in Mexiko gemeinsam in die Schlacht gezogen waren, die Brot und M�hsal zusammen geteilt hatten, standen sich nun als Feinde gegen�ber und waren zu allen m�glichen Arten des Verrats f�hig. All das deprimierte Charles, der sich �ber seine Zukunft und seine Entscheidungen noch nicht im klaren war.</p><p>Er wartete im Regen auf Lee. Mit ihm warteten neun weitere Offiziere. Schlie�lich kam der Oberst, und einer nach dem andern verabschiedeten sich die Offiziere. Charles war als letzter dran.</p><p>�Es ist mir eine Ehre gewesen, Ihnen zu dienen, Sir.�</p><p>�Danke, Leutnant.�</p><p>�Ich w�nsche Ihnen eine gute Reise.�</p><p>�Ich freue mich nicht �ber die Umst�nde, die mich zu dieser Reise zwingen. Aber etwas m�chte ich Ihnen noch sagen: Sie sind ein guter Offizier, das steht fest � welche �nderungen auch immer eintreten m�gen.�</p><p>�Vielen Dank, Sir.�</p><p>Lee wandte sich ab. Charles befand sich in einer derartigen inneren Verwirrung, da� er das Protokoll mi�achtete. �Oberst?�</p><p>Lee wandte sich neben dem Armeewagen wieder um. �Ja?�</p><p>�Welchen Weg werden Sie einschlagen, Sir? Norden oder S�den?�</p><p>Lee sch�ttelte den Kopf. �Ich k�nnte niemals die Waffen gegen die Vereinigten Staaten erheben. Aber ich wei� nicht, was ich tun w�rde, wenn ich meinen Heimatstaat Virginia verteidigen mu�. Ich hatte gehofft, da� dieser Entscheid mir erspart bliebe und geglaubt, da� es Pr�sident Buchanan gelingen w�rde, durch einen Appell an die Vaterlandsliebe die Harmonie wiederherzustellen. Ich glaubte, da� mit dem Einflu� des Christentums die Sklavenfrage gel�st w�rde, aber auch das traf nicht ein. Ich habe selbst Sklaven besessen und mir die Gewissensfrage gestellt. Die Sklaverei wird langsam verschwinden � und das sollte sie auch. Was die Sezession anbelangt, so ist sie meiner Ansicht nach nichts anderes als eine Revolution. Und doch haben ehrenwerte M�nner auf den S�ulen der Sezession und der Sklaverei eine neue Regierung errichtet! Ich wei� nicht, was die Zukunft mir oder meinem Land bringen wird!�</p><p>Lees Gesicht sah im Regen abgeh�rmt aus. �Nur eins scheint mir gewi�: Wie der einzelne die Frage, die Sie vorhin gestellt haben, auch immer f�r sich selbst beantworten mag, das Ergebnis wird stets dasselbe sein. Die Situation, in die wir uns von den Extremisten haben treiben lassen, wird uns allen das Herz zerrei�en. Auf Wiedersehen, Leutnant.�</p><p>Er schritt zum Armeewagen, stieg ein und setzte sich neben den Kutscher. Das Gef�hrt rollte langsam durch den Schlamm und verschwand dann in der d�steren Ferne.</p><p>Charles ging zur�ck, br�tete �ber seine eigene Verwirrung und kam zum Schlu�, da� Lee recht hatte. Beide, der Norden wie der S�den, w�rden schwer leiden, bevor dieses schreckliche Gesch�ft erledigt war.</p><p>Zwei Tage sp�ter �bergab der alte Davey Twiggs in San Antonio s�mtliche Camps der Bundesarmee in Texas an die Milizen des Staates. Die uniontreuen M�nner wurden aufgefordert, das Gebiet zu verlassen, und man sicherte ihnen sicheres Geleit zu, obwohl ungewi� war, f�r wie lange.</p><p>Charles traf gerade, eine Stunde, bevor die Truppe das Lager verlassen sollte, in Camp Cooper ein. Hauptmann Carpenter von der Ersten Infanterie f�hrte das Kommando. Einige der M�nner waren zu Fu�, andere zu Pferd.</p><p>Charles, der von den vielen Stunden im Sattel ganz ersch�pft und abgek�mpft war, sah zu, wie die M�nner der Kompanie K aus Ohio in einer Zweierkolonne davonritten. Unter ihnen befand sich Korporal Tannen, der bei dem Gefecht um die Lantzman-Farm dabeigewesen war. Charles war f�r seine Bef�rderung eingetreten. Tannen drehte sich nach den Zur�ckbleibenden um, lehnte nach links und spie.</p><p>�Jeder Mann, der bleibt, ist unw�rdig, das Armeeblau zu tragen.� Er sagte es laut genug, damit ihn alle h�ren konnten.</p><p>�Was sagen Sie da, Korporal?� rief Charles.</p><p>Tannen erwiderte seinen Blick. �Ich habe gesagt, da� Sie ein gemeiner Verr�ter sind, wenn Sie bleiben.�</p><p>�Offensichtlich bin ich meines Ranges enthoben worden�, sagte Charles, nahm sich die Abzeichen ab, spannte den Hahn seines Revolvers und reichte ihn einem neben ihm stehenden Kavalleristen aus Alabama.</p><p>�Damit es keine Schie�erei gibt.�</p><p>Der Mann grinste, nickte und nahm die Waffe in Empfang. Charles ging auf Tannens Pferd zu.</p><p>�Sie haben mir einmal geholfen. Ich war dankbar daf�r. Mit Ihrer Bemerkung sind wir nun quitt.�</p><p>Tannen blickte auf ihn herab. �Sch�n. Zur H�lle mit Ihnen.�</p><p>Mit einer schnellen Handbewegung packte Charles die Z�gel, die Tannen ihm ins Gesicht schlagen wollte, und wand sie um das Handgelenk des Korporals. Das Pferd stieg hoch.</p><p>Tannen versuchte den S�bel zu ziehen, Charles schlug ihn ihm aus der Hand. Dann zerrte er den Mann aus dem Sattel und schlug auf ihn ein, bis seine Nase ein blutiger Klumpen war und er sich nicht mehr regte. Keuchend wandte Charles sich an die andern, die stehengeblieben waren:</p><p>�Hebt ihn auf, wenn Ihr ihn mitnehmen wollt. Den n�chsten, der mich einen Verr�ter nennt, bringe ich um.�</p><p>Er nahm den Fu�, den er auf Tannens R�cken gesetzt hatte, weg und stand, die H�nde in die H�ften gestemmt, da, bis man Tannen b�uchlings auf ein Pferd geworfen hatte. Bald darauf waren die Yankees au�er Sicht.</p><p>Eine Stunde sp�ter verfa�te Charles sein Abschiedsgesuch und packte.</p><p>Da kein Berufsoffizier der Armee mehr da war, der das Gesuch nach Washington h�tte weiterleiten k�nnen, nagelte er das Schreiben an die T�r. Wenige Minuten sp�ter war er bereits unterwegs in Richtung Golf.</p><p>Lee mochte �ber philosophische Haarspaltereien br�ten, seine Zukunft war auf viel einfachere Art entschieden worden. Er war noch nie besonders tiefsinnig gewesen, sondern ein Draufg�nger und ein Reitersoldat. Der S�den k�nnte jemanden wie ihn wohl ebenso gut gebrauchen wie Philosophen.</p><p>Er ha�te es, das ihm liebgewordene Texas verlassen zu m�ssen. Die Sklaverei war f�r ihn eine idiotische, zum Aussterben verurteilte Institution. Aber der S�den rief ihn nach Hause. Er trieb sein Pferd schonungslos an, bis er die K�ste erreicht hatte.</p></section><section><title><p><strong>Viertes Buch.</strong></p><p><strong>Der Marsch in die Dunkelheit</strong></p></title><p><emphasis>Ich sage Euch, da ist ein Feuer. Heute haben sie eine brennende Fackel in den Tempel der verfassungsm��igen Freiheit geworfen, und, so Gott will, werden wir nie wieder Frieden haben.</emphasis></p><p>Rechtsanwalt James Petigruaus Charleston, w�hrend der Sezessionsfeier am 20. Dezember 1860</p><p><strong>60</strong></p><p>Mit jedem Tag f�hlte sich Sumter mehr wie ein Gef�ngnis an. Billys feuchtkaltes Zimmer aus unverputzten Backsteinen befand sich im Offiziersquartier. Die Tr�bseligkeit des Raumes wurde noch dadurch gesteigert, da� er die meiste Zeit �ber dunkel war. Die Garnison hatte fast alle Kerzen und Streichh�lzer aufgebraucht, die Mrs. Doubleday im Januar, einen Tag bevor sie und die andern Garnisonsfrauen nach Norden gereist waren, gekauft hatten. Es blieb Billy nur noch ein kleiner Stumpf �brig, den er jeden Tag einige Minuten lang anz�ndete, wenn er einen weiteren Kalenderstrich in die Wand ritzte. F�r den Februar hatte er jetzt bereits einundzwanzig Striche an der Wand.</p><p>Brett sah er nicht mehr. Er geh�rte nicht zu denjenigen, die alle paar Tage in die Stadt abkommandiert wurden, um dort gep�keltes Schweinefleisch und Gem�se einzukaufen. Diese Art der Verpflegung wurde mit der Einwilligung von Gouverneur Pickens und unter dem Dr�ngen einiger ber�hmter Pers�nlichkeiten aus Charleston so gehandhabt.</p><p>Andere Pers�nlichkeiten der Stadt machten keinen Hehl aus ihrer Abneigung gegen eine Versorgung der Garnison mit Nahrungsmitteln und Postsachen. In einem ihrer Briefe schrieb Brett, da� besonders Rhett vom <emphasis>Mercury</emphasis> daf�r war, da� die Garnison durch Hunger zur Kapitulation gezwungen werde. Billy hegte den Verdacht, da� der Gouverneur das gleiche Ziel verfolge, wenn auch mit andern Mitteln. Pickens hatte es den dreiundvierzig Maurern und Arbeitern nicht gestattet, Fort Sumter zu verlassen. Wahrscheinlich w�rde somit der Nahrungsmittelbestand schneller zur�ckgehen und Anderson um so fr�her um Verhandlungen bitten m�ssen. Mehrere Offiziere behaupteten, der Gouverneur f�hre ein T�uschungsman�ver durch und habe �berhaupt keine derartigen Rechte. Doubleday vertrat die Ansicht, da� Anderson die Arbeiter in der Nacht an Land bringen lassen k�nnte, wenn er sie wirklich los sein wolle. Er wagte es nat�rlich nicht, dies Anderson ins Gesicht zu sagen, und der Kommandant, der sich sehr wohl dar�ber im klaren war, da� eine Konfrontation gef�hrlich sein k�nnte, h�tete sich vor jeder unbedachten Handlung.</p><p>Brett berichtete, da� die M�nner, die die Lebensmittel auf dem Markt in Charleston einkauften, mit Gewehren herumspazierten. Jedesmal trottete eine Menschenmenge hinter den Soldaten her, und ab und zu rief jemand Doubledays Namen. Er war der am meisten geha�te Mann des Forts, ein bekannter Republikaner. Sollte er jemals einen Fu� in die Stadt setzen, so w�rde er sicher vom P�bel gelyncht werden, meinte Brett.</p><p>Billy besch�ftigte sich, so gut er konnte. Als die unter seinem Kommando stehenden Maurer s�mtliche Fenster der zweiten Kasemattenreihe zugemauert hatten, wurden sie von Foster f�r Arbeiten am Haupttor abkommandiert. Das Tor wurde auf der Innenseite verkleinert, und sobald die Arbeiten soweit fertiggestellt waren, gab Anderson Befehl, eine leichte Haubitze vor dem Tor aufzustellen.</p><p>Alle Insassen des Forts waren einer Art Stumpfheit verfallen. Man arbeitete viel und lange, und die Anspannung machte alle noch m�der, als sie es sonst geworden w�ren. Hauptmann Seymour und Hauptmann Doubleday hatten ein besonders schweres Los: Sie fungierten abwechslungsweise jeden zweiten Tag als Offiziere vom Dienst und durchwachten jede zweite Nacht.</p><p>Der Ernst der Lage bewirkte, da� die Offiziere offener wurden und sich weniger starr ans Protokoll hielten. Der Beweis daf�r wurde eines sch�nen Nachmittags erbracht, als Billy und Doubleday von der Brustwehr aus beobachteten, wie ein Schoner am Kai auf Morris Island festmachte. Er war mit Eisenschienenstahl beladen, der f�r den Bau eines Artilleriestandplatzes in weniger als zw�lfhundert Meter Entfernung bei Cummings Point errichtet werden sollte.</p><p>�Schauen Sie sich das an!� rief Doubleday. �Wir erlauben es, da� sie in aller Gem�tlichkeit ihre Kanonen und ihre Munition aufstellen.�</p><p>Es stimmte. Von dem nun schwer mit Baumwollballen und Sands�cken befestigten Fort Moultrie aus bis zu Cummings Point waren �berall Kanonen aufgestellt, die eine schwere Bedrohung f�r das Fort im Hafen darstellten. Die Artillerieeinheiten des Staates South Carolina f�hrten regelm��ig �bungen durch. Eben jetzt konnte Billy M�nner sehen, die gesch�ftig um die Kanonen herumflitzten, w�hrend die Palmettoflagge im Wind flatterte.</p><p>Wie die meisten Garnisonsmitglieder, war auch Billy der Meinung, da� Major Anderson ein anst�ndiger, gewissenhafter, wenn auch alter und eher gottesf�rchtiger Mann war. Er f�hlte sich dazu veranla�t, auf die unausgesprochene Kritik zu reagieren.</p><p>�Wenn der Major versuchte, der Sache Einhalt zu gebieten, k�nnte er damit dieses ganze Land in einen blutigen Krieg f�hren. Ich m�chte diese Verantwortung nicht haben, Sir.�</p><p>�Ich auch nicht�, gab Doubleday heftig zur�ck. �Glauben Sie mir, es ist mir klar, in welchem Dilemma er sich befinden mu�, aber das �ndert nichts an der Tatsache, da� die Verz�gerungstaktik unsere Lage nur noch versch�rfen kann.�</p><p>�Glauben Sie, da� eine Friedenskonferenz helfen wird?� fragte Billy.</p><p>Virginia hatte zu einer solchen Konferenz aufgerufen, und der fr�here Pr�sident Tyler hatte sie im Willard�s Hotel in Washington einberufen. Doch einige bedeutende Staaten wie Michigan und Kalifornien hatten keine Delegierten entsandt.</p><p>Doubleday beantwortete die Frage ohne zu z�gern mit einem Nein. �Meiner Meinung nach k�nnen wir nicht beides, die Union und die Sklaverei retten.� Er hieb mit der Faust auf die Brustwehr. �Ich w�nschte, der Major k�nnte seine Befehle f�r eine Stunde vergessen und es uns gestatten, die Batterien dort dr�ben zu vernichten. Wenn wir das nicht tun, werden wir demn�chst von einem Feuerring umgeben sein.�</p><p><emphasis>Ein Feuerring.</emphasis> Ein guter Ausdruck, dachte Billy, als er zusah, wie der Schoner entladen wurde. Aus allen Richtungen, au�er vom Meer her, waren Kanonen aus South Carolina auf Fort Sumter gerichtet. War es nicht unvermeidlich, da� jemand fr�her oder sp�ter � auf Befehl oder aus Versehen � ein solches Ding losfeuerte und damit einen Krieg ausl�ste?</p><p>Bretts n�chster Brief best�tigte die bevorstehende Gefahr. In Charleston ging das Kriegsfieber um. Doubleday und noch andere der Garnison vermuteten, da� Pr�sident Davis aus diesem Grund so sehr darauf bestand, die Artillerieeinheiten von Charleston im Namen der Regierung einzuziehen. Davis sandte auch offizielle Unterh�ndler der Konf�deration nach Washington, um eine sofortige �bergabe des umstrittenen Eigentums zu fordern.</p><p>Einige Tage sp�ter bekam Billy von Anderson selbst eine weitere �berraschende Nachricht zu h�ren. �Davis schickt seinen eigenen Offizier, um das Kommando �ber die Batterien zu �bernehmen.� Der Major seufzte. �Beauregard.�</p><p>Sie standen neben der Gesch�tzbank. Die H�lfte der achtundvierzig brauchbaren Gesch�tze von Fort Sumter waren im Freien aufgestellt, die andere H�lfte befand sich in den Kasematten. Etwa in f�nfzig Meter Entfernung vom Fort fuhr die <emphasis>Nina</emphasis> vorbei, eines der zwei Wachschiffe, die dauernd im Hafen patrouillierten. Die Scharfsch�tzen im Heck erkannten Anderson und feuerten Salutsch�sse ab. Der gro�gewachsene Mann mit den tiefliegenden Augen blieb reglos da stehen.</p><p>�Hauptmann Beauregard aus Louisiana?� fragte Billy.</p><p>�Jetzt Brigadegeneral Beauregard der Konf�derierten Staaten von Amerika. Als ich in den Jahren �36 und �37 an der Akademie Artillerie lehrte, war er einer meiner besten Sch�ler. Er war so gut, da� ich ihn nach seinem Schulabschlu� zu meinem Assistenten machte.� Der Major schweifte mit seinem Blick �ber die Batterie bei Cummings Point. �Ich nehme an, da� das Gesch�tz demn�chst fachkundiger aufgestellt sein wird.�</p><p>Anderson wandte sich pl�tzlich seinem Untergebenen zu. In dem �ber die D�cher und Kircht�rme von Charleston fallenden Sonnenlicht sah sein Gesicht noch verh�rmter aus. �Aber eigentlich wollte ich mich nach Ihrer jungen Dame erkundigen, Leutnant. Ist sie immer noch in der Stadt?�</p><p>�Ja, Sir, ich bekomme fast jeden Tag einen Brief.�</p><p>�Wollen Sie beide immer noch heiraten?�</p><p>�Sehr gern, Sir, aber das scheint unter den gegenw�rtigen Umst�nden kaum m�glich.�</p><p>�Sagen Sie das nicht! Sie wissen ja, da� Hauptmann Foster eigentlich dagegen ist, da� Ihr Herren von den Pioniertruppen Frontdienst macht; wenn Sie also mit Ihrer Arbeit zu Ende sind, werde ich an Ihre Situation denken.�</p><p>Billys Hoffnung flammte wieder auf, doch gleichzeitig stieg ein anderes Gef�hl in ihm hoch. �Sehr liebensw�rdig von Ihnen, Sir, aber ich m�chte nicht weggehen, wenn es zu Feindseligkeiten kommt.�</p><p>�Es wird keine Feindseligkeiten geben�, fl�sterte Anderson. �Auf jeden Fall werden sie nicht von uns ausgehen. K�nnen Sie sich die katastrophalen Folgen vorstellen, wenn Amerikaner auf andere Amerikaner das Feuer er�ffnen w�rden? Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, damit es nicht zu einem solchen Zusammensto� kommt, und ich sch�me mich nicht, Ihnen zu sagen, da� ich jeden Abend auf den Knien zu Gott bete, damit ich dieses Versprechen auch halten kann.�</p><p>Der Gegensatz zu Doubledays schwelender Kampflust war offensichtlich. Billy betrachtete die untergehende Abendsonne und lenkte seine Gedanken auf die Hoffnung, der Anderson mit seinen Worten Ausdruck verliehen hatte. Aber er wagte es kaum, dar�ber nachzudenken, weil die M�glichkeit einer Entt�uschung zu gro� war.</p><p>Langsam schweifte sein Blick �ber den Hafen mit dem Gesch�tz. Ein Feuerring, der absichtlich oder versehentlich entz�ndet werden konnte. Als die Sonne untergegangen war, hatte sein Pessimismus wieder die Oberhand gewonnen.</p><p>An jenem Abend verlie� Orry ein Flu�boot und betrat den Kai von Mont Royal. Zwanzig Minuten sp�ter gesellte er sich in der Bibliothek zu Charles.</p><p>�Wie stehen die Dinge in Charleston?� erkundigte sich der junge Mann und schenkte zwei Gl�ser Whiskey ein.</p><p>�Schlecht. Die Gesch�fte gehen schlecht. Die Kaufleute fangen an, sich zu beklagen.�</p><p>�Ziehen die Menschen fort?�</p><p>�Im Gegenteil. So viele Touristen hat die Stadt schon lange nicht mehr gesehen. Aber sie geben nur das N�tigste aus. Dasselbe gilt f�r die Einwohner.�</p><p>�Nun, das �berrascht mich nicht. Wer will schon Geld zum Fenster hinausschmei�en, wenn der B�rgerkrieg jede Minute ausbrechen und das Brot in zwei Wochen schon zwanzig Dollar kosten kann?�</p><p>Mit einem L�cheln, das eher einer Grimasse glich, sank Charles in seinen Sessel zur�ck und schwang ein Bein �ber die Lehne. Zwei Tage hatte er sich gefreut, wieder zu Hause zu sein, aber jetzt verebbte das Gef�hl. Er hatte sich mit Orry eingehend �ber Elkanah Bent unterhalten, und obwohl Charles kaum etwas Neues erfahren hatte, deprimierte ihn die Tiefe von Bents Ha� erneut. Es war nur zu hoffen, da� dieser Ha� von selbst ausbrannte, falls es Krieg gab. Charles war ohnehin sicher, da� sich ihre Wege nie wieder kreuzen w�rden.</p><p>Doch nicht nur Bent war f�r sein Unbehagen verantwortlich. Er vermi�te den Westen und f�hlte sich zu seiner eigenen �berraschung in seinem Heimatstaat nicht mehr ganz zu Hause. Er wagte es nicht zuzugeben, da� es nur ein einziges Mittel gegen dieses Mi�behagen gab: K�mpfen.</p><p>�Die Nachrichten werden immer schlimmer�, bemerkte Orry, nachdem er einen Schluck aus seinem Glas genommen hatte. �Es gibt einige Reaktionen auf die neue Regierung. Davis hat bei der Regierungsbildung South Carolina offensichtlich vergessen.�</p><p>Charles verdaute die Mitteilung und wechselte dann das Thema: �Wie geht es denn in der Tradd Street?�</p><p>�Cooper tut den Umst�nden entsprechend sein M�glichstes: das Schiff kann er ja jetzt endg�ltig abschreiben, und ein Teil seiner Werftanlagen wird als Gesch�tzstandort ben�tzt.�</p><p>�Ich nehme an, er hatte die Wahl, ja zu sagen oder sich die Werft vom P�bel niederbrennen zu lassen. Judith und Brett k�mmern sich zwar um ihn, aber er ist ziemlich verzweifelt. Seine schlimmsten �ngste sind Wirklichkeit geworden.�</p><p>�Hast du Ashton getroffen?�</p><p>�Nein. Man sagte mir, da� James mit Gouverneur Pickens befreundet ist, und obwohl man in Montgomery South Carolina �bergeht, soll er sich dort schwer um eine Stellung bem�hen. Ah ja, noch etwas � aus verl��licher Quelle wei� ich, da� all diese Kriegsvorbereitungen den Staat in den Bankrott gef�hrt haben.�</p><p>�Und was ist mit diesem Darlehen von siebenhunderttausend Dollar, das sie vergeben m�chten?�</p><p>�Niemand ist daran interessiert.�</p><p>�Na ja, vielleicht kehrt alles irgendwie wieder zur Normalit�t zur�ck? Vielleicht kann die Frage des Forts friedlich gel�st werden.�</p><p>�Pr�sident Davis hat gesagt, da� er das Fort entweder �ber den Weg von Verhandlungen oder mit Gewalt nehmen wird. In zwei Wochen wird Pr�sident Lincoln sein neues Amt antreten � vielleicht erfahren wir dann mehr.�</p><p>Die beiden fr�heren Soldaten starrten einander in der d�steren Bibliothek an; keiner zweifelte an den Absichten der f�hrenden Politiker des Staats.</p><p>Etwa achtundvierzig Stunden sp�ter stand Huntoon an der Reling des Sp�hschiffs <emphasis>Nina.</emphasis> In der einen Hand hielt er einen Teller mit H�hnchensalat, in der andern ein Glas Tokaier.</p><p>Etwa drei�ig Herren hatten sich an Bord begeben, um das Fort bei Sonnenuntergang zu inspizieren. Am Heck des Schiffes waren unter einem gestreiften Sonnensegel kalte Speisen aufgestellt worden, die von einem ausgesuchten Damenausschu� vorbereitet worden waren. Ashton war es gelungen, unter den Damen zu sein. Etwa ein halbes Dutzend Sklaven aus ebensovielen H�usern waren damit beauftragt worden, sich um das Essen zu k�mmern.</p><p>Von Nordosten her wehte ein kr�ftiger Wind und versprach eine k�hle Februarnacht. W�hrend Huntoon h�rbar kaute, wendete die <emphasis>Nina</emphasis> im Hauptkanal und steuerte auf die Stadt los.</p><p>�Wissen Sie, Gouverneur�, sagte Huntoon zu dem neben ihm stehenden Mann, �die Tatsache, da� es bis jetzt noch nicht zu einer entscheidenden Aktion gekommen ist, ist f�r viele B�rger h�chst irritierend.�</p><p>�Ich kann nichts tun�, gab Pickens zur�ck. �Bald wird General Beauregard hier sein, und Pr�sident Davis hat mich in unmi�verst�ndlicher Weise wissen lassen, da� er w�hrend der Interimszeit der Verantwortliche ist und nicht ich.�</p><p>�Hmmm.� Huntoon nippte an seinem Wein. �Ich hatte geglaubt, da� der Palmettostaat abgefallen ist, um seine souver�nen Rechte zu wahren. Haben wir diese Rechte nun bereits an eine neue Zentralregierung �bergeben?�</p><p>Pickens blickte verstohlen �ber die Schulter, ob keine unerw�nschten Zuh�rer da seien. �Ich w�rde nicht so laut reden � oder nicht so kritisch. Zumindest nicht, wenn Sie immer noch auf einen Posten in Montgomery hoffen.�</p><p>�Ja, das tue ich immer noch. Es scheint mir, da� dort M�nner mit Charakter und Mut vonn�ten w�ren. Wir m�ssen die Dinge vorantreiben.�</p><p>�James, Sie sind zu voreilig�, wollte der Gouverneur fortfahren, aber der j�ngere Mann unterbrach ihn unverz�glich.</p><p>�Unsinn, Sir. Wenn wir nicht handeln, dann werden uns die andern zuvorkommen. Gestern habe ich geh�rt, wie man ernsthaft von einer neuen Sezessionsbewegung sprach. Einige einflu�reiche Pflanzer in diesem Staat wollen sich von der Regierung Davis distanzieren und Gro�britannien darum ersuchen, aus South Carolina ein Protektorat zu machen.�</p><p>�Absurd!� rief Pickens, aber seine Stimme klang leicht nerv�s. Und mit gutem Grund. Vor kurzem hatte sein sezessionistischer Freund und Kollege, Bob Rhett, Ger�chte geh�rt, wonach Stephen Douglas sich immer noch um einen Wiedereingliederungsplan bem�he, um die Union zu retten. Der Gouverneur war nicht an wahnwitzigen Ideen einer britischen Kolonie interessiert, aber eine Vers�hnung lockte ihn ebensowenig.</p><p>�Wir m�ssen noch eine Weile Zur�ckhaltung �ben. Davis� Unterh�ndler werden eine Schlappe in Washington einstecken m�ssen. Bis dann wird Beauregard seinen Posten bekleiden, und wir werden unsern Krieg haben.�</p><p>�Das hoffe ich sehr�, murmelte Huntoon.</p><p>Da bemerkte er pl�tzlich einen Offizier auf dem Wallgang von Fort Sumter. Es war Billy Hazard. Huntoon erhob sein Weinglas, um ihn zu gr��en.</p><p>Der Yankee nickte nachl�ssig. Huntoon war beleidigt. Wir werden unsern Krieg haben, und du wirst zu den ersten Opfern z�hlen, dachte er, als das Schiff auf die Landungsbr�cke lostuckerte.</p><p><strong>61</strong></p><p>Die Hand, die auf Bretts Arm lag, tat weh. Die Stimme verriet den typischen Akzent des l�ndlichen South Carolina.</p><p>�Aber, aber, Verehrteste, alles was ich wissen wollte, war��</p><p>�Fragen Sie jemand anderen.� Sie versuchte, sich zu befreien, und stie� ihm die Schuhspitze gegen das Schienbein.</p><p>Er fluchte und beschimpfte sie. Sein whiskeygeschw�ngerter Atem stieg ihr in die Nase, als sie sich endlich aus seinem Griff befreite und durch die Meeting Street fl�chtete. Der Mann, ein st�mmiger junger Kerl mit schmutzigen Kleidern und einem breitkrempigen Filzhut, latschte hinter ihr her.</p><p>Sie bekam es mit der Angst zu tun und rannte in die Februard�mmerung hinein, bis sie schlie�lich die Tradd Street erreichte. Ihr Verfolger schrie irgend etwas �ber die Huren von Charleston, aber er kam nicht weiter als bis zur Ecke.</p><p>Jetzt erst wagte sie, sich umzublicken. Der Mann ging �ber die Meeting Street, ein Schatten unter anderen. Sie zitterte.</p><p>In Charleston wimmelte es von Besuchern, die aus allen Teilen des S�dens kamen, um ihre Sensationslust zu befriedigen. Die meisten gaben wenig Geld aus, und viele geh�rten zum P�bel, wie der junge Mann, vor dem sie eben die Flucht ergriffen hatte. Er hatte sie angesprochen, als sie vom Markt kam, wo sie dem Eink�ufer von Fort Sumter etwas K�se, Brot, Kerzen und Streichh�lzer gebracht hatte.</p><p>Auch dort hatte sie sich einer betr�chtlichen Gefahr ausgesetzt. Sie konnte die giftigen Blicke und die �blen Worte, mit denen man sie bedacht hatte, immer noch sp�ren und h�ren, als sie dem Korporal den Korb ausgeh�ndigt hatte. <emphasis>Verr�terin</emphasis> war der mildeste Ausdruck, den man ihr an den Kopf geworfen hatte.</p><p>�Mr. Rhett und seine Kollegen beklagen sich doch immer �ber den P�bel im Norden�, sagte sie zu Judith, als sie sich wieder zu Hause in Sicherheit befand. �Ich w�rde meinen, da� wir hier in Charleston unseren eigenen P�bel haben.�</p><p>�Ja, die Spannungen scheinen mit jedem Tag zuzunehmen�, pflichtete ihr Judith bei. Sie ergriff das kr�ftige Handgelenk ihres Sohns. �Judah, h�r auf, damit herumzuspielen.�</p><p>Doch der Knabe pflatschte weiterhin mit seinem L�ffel im Austerngericht herum. Auf der andern Seite des Tisches rutschte Marie-Louise unruhig auf ihrem Stuhl hin und her. �Mama, wird Papa heute abend wieder fortgehen?�</p><p>�Ja, er hat in letzter Zeit sehr viel zu tun.�</p><p>Die Blicke von Judith und Brett trafen sich kurz; beide verstanden die eben ausgesprochene L�ge. Es waren nicht gesch�ftliche Gr�nde, die Cooper dazu zwangen, in der Dunkelheit auf der James Island auszuharren. Schon seit Wochen waren die Bauarbeiten an der <emphasis>Star of Carolina</emphasis> eingestellt worden, und doch kehrte er Tag f�r Tag zur Werft zur�ck und blieb dort bis nach Mitternacht oder noch l�nger. Ersch�pft und hohlwangig, benahm er sich wie ein gespenstischer Passagier, der nach einem Eisenbahnungl�ck immer wieder in den Tr�mmern herumw�hlt, als ob er dort eine Erkl�rung finden k�nne. Brett machte sich ebenso viele Sorgen um ihren Bruder wie um Billy.</p><p>�Oh, du mu�t dir unbedingt den <emphasis>New York Herald</emphasis> ansehen, den Cooper vorgestern mitgebracht hat�, sagte Judith. �Er berichtet �ber ein neues St�ck, das in New York aufgef�hrt wird � �ber Fort Sumter. Sogar der Name des Schauspielers wird genannt, der die Rolle von Leutnant William Hazard spielt.�</p><p>�Du meinst, da� die Rollen nach den wirklichen Leuten benannt sind?�</p><p>�In der Tat. Anderson, Doubleday � sie sind alle dabei.�</p><p>�Ist das nun Kunst oder Geldgier?�</p><p>�Ich nehme an, eher das letztere�, erwiderte Judith.</p><p>Brett seufzte. Wie grotesk die Stadt und die Nation sich doch in nur wenigen Wochen ver�ndert hatten! Schritt f�r Schritt waren die Amerikaner in eine Art vornehmen Wahnsinn hineingedriftet; alles war von nun an m�glich. Doch am schlimmsten war, da� der junge Mann, den sie liebte, durch diesen Wahnsinn gef�hrdet war. �berall war man sich dar�ber einig, da� es schon bald nach Lincolns Pr�sidentschaftsantritt zum Krieg kommen w�rde. Beauregard w�rde den Batterien den Feuerbefehl erteilen, und die achtzig Mann auf Fort Sumter w�rden im Kanonenfeuer oder durch die Bajonetts und Musketen umkommen.</p><p>Brett hatte Alptr�ume deswegen; sie tr�umte davon, wie sie an Billys Beerdigung teilnahm. Sie hatte solche Angst vor diesen f�rchterlichen Tr�umen, da� sie in letzter Zeit kaum noch schlafen konnte. Seit ihrem Auszug aus Mont Royal hatte sie beinahe sechs Kilo abgenommen; um ihre Augen zeichneten sich gro�e, dunkle Ringe ab.</p><p>Sie nahm eine Schere, um den Artikel aus der Zeitung herauszuschneiden, als sie von einem zweimaligen Dr�hnen aufgeschreckt wurde.</p><p>M�rser, dachte sie. Die Batterie von Mount Pleasant. Sie hatte sich bereits so daran gew�hnt, da� sie genau wu�te, woher die �bungsfeuer kamen. Die meisten Einwohner von Charleston hatten in letzter Zeit dieses neue Talent entwickelt.</p><p>Als das Dr�hnen in der Ferne verebbte, stie� sie einen leisen Schrei aus und bemerkte, da� sie die Schere fallen gelassen hatte. Ihre Handfl�che war dabei verletzt worden, und sie hatte es nicht einmal gesp�rt. Blut trat aus und rann �ber ihr Handgelenk.</p><p>Das Blut, das Artilleriefeuer, die Erinnerung an den Betrunkenen, der sie verfolgt hatte, und die Schimpfworte, mit denen man sie auf dem Markt bedacht hatte, hatten ihr seelisches Gleichgewicht zerst�rt. �Billy�, fl�sterte sie. Tr�nen str�mten ihr �ber das Gesicht. �Billy.�</p><p>Sie pre�te die blutende Hand auf den Mund und versuchte ihre Angst zu meistern.</p><p>�Du meinst, ihr verdammter Pr�sident mu�te bei Nacht und Nebel nach Washington schleichen?�</p><p>�Ja, Sir. Er trug alte, abgetragene Kleider, genau wie sein Geheimpolizist Pinkerton. Sie sind mitten in der Nacht mit einem Schlafwagen eingetroffen. Wie Verbrecher!�</p><p>�Weshalb hat Lincoln nicht den normalen Zug benutzt?�</p><p>�Man sagt, da� er Angst hatte, ermordet zu werden. Wenn ich in der N�he gewesen w�re, h�tte ich das gleich besorgt � oh, guten Abend, Mr. Main.�</p><p>��n Abend, die Herren.�</p><p>Cooper nickte den Herren angewidert zu. Es handelte sich um zwei Korporale der Artillerie von South Carolina, die unter dem Kommando von Major Evans auf James Island stand.</p><p>Cooper hatte das schadenfrohe Gespr�ch mitanh�ren k�nnen, als er von der R�ckseite des Schuppens her kam, den die staatlichen Beh�rden auf seiner Werft aufgestellt hatten. Im Schuppen stand ein besonderer Ofen, mit dem w�hrend einer Bombardierung Brandgeschosse vorgew�rmt werden sollten.</p><p>T�lpel, dachte Cooper, als er an den M�nnern und dem Schuppen vorbeistapfte. Die feuchte Nachtluft reizte ihn zum Husten. Auf Fort Sumter gl�hte ein blaues Signallicht. Wenn er dorthin blickte, dann war er wenigstens nicht gezwungen, das Kielschwein des unfertigen Schiffes ansehen zu m�ssen. Es kam ihm wie eine h�mische Karikatur all seiner Tr�ume vor, die er f�r den S�den gehegt hatte. Na ja, Brunei war es schlie�lich auch nicht anders ergangen. Der kleine Ingenieur hatte seine Tr�ume ja auch begraben m�ssen.</p><p>Cooper bemerkte Lichter bei einer M�rserbatterie weiter unten am Strand. Er beschlo�, nicht in dieser Richtung weiterzugehen. Er kauerte sich nieder, lie� Sand durch seine Finger rieseln und starrte in den Nebel �ber dem Meer.</p><p>Er stand vor einer Entscheidung. Mallory, der Marineminister, hatte aus Montgomery telegraphisch den Besuch von zwei Mitgliedern des Marineausschusses bei Cooper angek�ndigt. Die beiden w�rden am Vormittag eintreffen. Cooper wu�te, was sie von ihm wollten.</p><p>Sein Lagerhaus. Seine Werft. Seine Schiffe.</p><p>Er fand, da� die neue Regierung irregeleitet war, in einem tragischen Irrtum befangen.</p><p>Weshalb zermarterte er sich dann auch noch eine Sekunde lang das Hirn und fragte sich, welche Antwort er den Besuchern geben wollte? Er kannte die Antwort.</p><p>Er rang mit sich selbst, weil die Loyalit�t seinem Staat gegen�ber ihm keine Ruhe lie� und hartn�ckig wie eine Ozeanwelle immer wieder an ihm zerrte. Er ha�te seinen Zwiespalt, war jedoch machtlos, etwas dagegen zu tun.</p><p>Er stand auf und kehrte zum Schuppen zur�ck. Sein Magen knurrte, und er erinnerte sich daran, da� er seit dem Fr�hst�ck nichts mehr gegessen hatte. Aber er hatte keine Lust mehr auf Essen, er war �berhaupt an nichts mehr interessiert und qu�lte sich nur noch mit der bevorstehenden Entscheidung herum. Was sollte er tun?</p><p>Nein, das war nicht die richtige Frage. Jeder einigerma�en vern�nftige Mann sollte den S�den verlassen, solange es noch Zeit daf�r war. Er mu�te die Frage anders formulieren. Was <emphasis>w�rde</emphasis> er tun?</p><p>Bis morgen fr�h mu�te er sich entschieden haben.</p><p>�Rex, wor�ber habt ihr eben gefl�stert?� Ashton war gerade an der Speisekammer vorbeigegangen und hatte geh�rt, wie der Sklave und der �ltere Hausbedienstete sich aufgeregt miteinander unterhalten hatten.</p><p>Der Junge trat einige Schritte vor seiner Herrin zur�ck. �Hab� nichts gefl�stert, Miz� Huntoon.�</p><p>�Verdammter Niggerbalg, ich habe dich geh�rt. Ich habe ganz genau das Wort <emphasis>Linkum</emphasis> verstanden.�</p><p>Rex schluckte. �Linkum? Nein, Ma�am, ich schw�re, da� ich nie und nimmer � �</p><p>Homer hatte seine dunkle Hand auf seinen Arm gelegt, und er hielt mitten im Satz inne. Homer, in seinen Vierzigern und von der jahrelangen Plackerei ganz gebeugt, blickte dem j�ngeren Mann resigniert in die Augen. �L�gen helfen nicht. Im Gegenteil, es wird uns noch schlechter gehen. Schlucken wir lieber die bittere Pille.�</p><p>Er wandte sich Ashton zu und zeigte sich willens, die Wahrheit zu sagen, aber Rex blieb st�rrisch.</p><p>�Nein, Homer, ich will nicht � �</p><p>Homer packte ihn so hart am Handgelenk, da� der J�ngere aufschrie. Ashton keuchte laut und schwer, als sie sagte: �La�t eure Hosen runter. Beide!�</p><p>Ihr Kn�ppel lag am �blichen Ort in der K�che. Der Koch und die beiden Hausm�dchen tauschten besorgte Blicke aus, als ihre Herrin in die K�che st�rmte, den Kn�ppel ergriff und wieder hinauseilte.</p><p>Ashton f�hlte sich gezwungen, jede Faszination f�r Lincoln im Keim zu ersticken, bevor sie allzu gef�hrliche Ausma�e annehmen w�rde. �berall in Charleston und �berall im ganzen Staat begannen sich die Sklaven zu r�hren und fl�sterten immer wieder dieses eine Wort � <emphasis>Linkum.</emphasis> Diejenigen, die lesen konnten, wu�ten, da� er der neue Pr�sident des Nordens war. Die meisten jedoch wu�ten kaum etwas �ber ihn, au�er da� er ein Republikaner war. Da ihre Herren die Republikaner so abgrundtief ha�ten, konnte Linkum nur ein Freund der Schwarzen sein.</p><p>Homer und Rex hatten in der Speisekammer ihre Hosen heruntergelassen und sich mit dem Gesicht zur Wand gestellt. Ashton befahl ihnen, die zerrissenen Unterhosen ebenfalls fallen zu lassen. Sie z�gerten zwar, aber dann gehorchten sie. Als Ashton die schlanken, muskul�sen Lenden erblickte, durchfuhr sie ein leises Zittern.</p><p>�F�nf pro Nase�, sagte sie. �Und wenn ich jemals einen von euch wieder den Namen dieses Schuftes aussprechen h�re, gibt es zehn oder mehr Schl�ge. Wer wird zuerst bestraft?�</p><p>Homer sagte mit ruhiger Stimme: �Ich, Ma�am.�</p><p>Ashtons Br�ste spannten sich unter ihrem Kleid. Sie atmete heftig. Sie sah, wie Rex rasch einen verstohlenen, �ngstlichen Blick �ber die Schulter warf. �Nein, nicht du�, murmelte sie und schwang den Kn�ppel.</p><p>Der Schlag fiel laut wie ein Gewehrschu�. Rex hatte sich nicht fest genug gegen die Wand gestemmt und flog mit dem Kinn dagegen. Er br�llte und blickte nochmals zur�ck; ein wilder, rachs�chtiger, beinahe m�rderischer Blick.</p><p>�Blick auf die Wand, Nigger�, sagte Ashton und schlug mit ihrer ganzen Kraft zu.</p><p>Homer ballte seine rechte Hand zur Faust, lehnte den Kopf vor und schlo� die Augen.</p><p>Hinterher f�hlte sich Ashton, als ob sie durch einen Sturm hindurchgegangen w�re und nun Windstille eingesetzt h�tte. Sie zog sich auf ihr Zimmer zur�ck und d�ste genie�erisch in einem Sessel vor sich hin. Ihre Glieder waren von einer lasziven Schwere.</p><p>Sie wiederholte die Bestrafungsszene in ihrer Phantasie. Erst stellte sie sich noch einmal alles ganz genau vor und geno� die Empfindungen, die sich dabei einstellten. Dann ver�nderte sie die Szene: Es war nicht mehr ein schwarzer Junge oder ein schwarzer Mann, den sie auspeitschte, sondern der sich windende und um Gnade bettelnde Billy Hazard.</p><p>Forbes LaMotte und sie waren beide zur Unt�tigkeit verurteilt, weil Billy in Fort Sumter festsa� und nie in die Stadt kommen durfte. Doch das w�rde sich vielleicht �ndern, sobald General Beauregard die Z�gel in die Hand nahm. Es wurde ihr jetzt klar, da� der fr�here Versuch, Billy zu verpr�geln und zu verletzen, idiotisch gewesen war. Nat�rlich h�tte sie es vorgezogen, Billy selbst zu vernichten, aber sie und Forbes w�rden es zufrieden sein, wenn er im Fort umk�me.</p><p>Ohne da� sie es merkte, glitten ihre H�nde abw�rts zur Taille. Schwei�perlen gl�nzten auf der Oberlippe und Stirn. Sie schlo� die Augen und sah ein neues Phantasiebild: Billy, umgeben von Feuer und berstenden Steinen. Die Artillerie South Carolinas verwandelte Fort Sumter in Schutt und Asche. Langsam verbla�te sein Bild. Keuchend befriedigte sie sich selbst.</p><p>La� es geschehen, dachte sie. O Gott, la� es bald geschehen.</p><p>Sie st�hnte leise. Die ruckartige Bewegung ihres K�rpers verschob den Sessel um einige Zentimeter.</p><p>Der Mann aus Georgia taumelte. Forbes LaMotte trat zur Seite, damit sein Opfer an ihm vorbeifallen konnte. Der Mann schlug mit dem Gesicht auf dem Kies der Allee auf. Donnergrollen kam aus dem dunklen Gew�lk des M�rzhimmels.</p><p>Forbes bewegte seine rechte Hand, die verletzt war, und zupfte sich dann die Krawatte wieder zurecht. Hinter ihm stand ein schlanker, bleicher, elegant gekleideter junger Mann. Er hatte Forbes den gr��ten Teil des Kampfs �berlassen.</p><p>Der Mann aus Georgia st�tzte sich auf die Ellbogen und versuchte aufzustehen. Forbes hatte ihm drei Z�hne ausgeschlagen, Lippen und Kinn waren von Blut und Speichel bedeckt. Langsam n�herte Forbes seine Schuhsohle dem Kopf des Mannes und stie� zu. Das Gesicht des Mannes wurde erneut in den Kies gedr�ckt.</p><p>Forbes suchte in der Innentasche seines Mantels nach einem silbernen Flachmann. Er sch�ttelte die Flasche. Halb voll. Er entkorkte sie, lehnte den Kopf zur�ck und kippte den Rest in sich hinein. Er steckte die Flasche sorgf�ltig in eine Seitentasche und l�chelte dem vierten Mann in der Allee zu � einem weiteren, elegant gekleideten Mann aus Georgia, der �ngstlich an einer Schuppenwand lehnte. Der Mann hatte zugeschaut, wie Forbes seinen Freund zur Bewu�tlosigkeit geschlagen hatte.</p><p>�Nun, Sir�, sagte Forbes mit schwerer Zunge. �Sollen wir das Gespr�ch, das diese disziplinarische Ma�nahme leider erforderlich machte, wieder aufnehmen? Mal sehen. Als Mr. Smith und ich Ihnen beiden auf der Battery begegnet sind, haben Sie die Einwohner von Charleston lauthals kritisiert. Sie sagten, da� wir es uns anma�en w�rden, das Sprachrohr des ganzen S�dens zu sein.�</p><p>Der schlanke junge Mann, Preston Smith, trat vor. ��Hochm�tig anma�ten�, das waren die genauen Worte.�</p><p>Forbes blinzelte. �Ich erinnere mich.�</p><p>Preston Smith warf dem entsetzten Mann aus Georgia einen b�sartigen Blick zu. Preston liebte Schl�gereien, besonders wenn er zusehen durfte. Er hoffte, da� dieser Streit noch nicht zu Ende sei.</p><p>�Er sagte ebenfalls, da� wir uns so benehmen w�rden, als ob die Tatsache, da� man in South Carolina geboren wurde, einem ein Ehrenrecht verliehe.�</p><p>�Ein Ehrenrecht�, wiederholte Forbes mit einem umnebelten Blick. �Das war die Bemerkung, die mich am meisten ge�rgert hat.� Er gab dem am Boden liegenden Mann einen Sto� mit der Stiefelspitze. �Ich w�rde sagen, da� etwas Wahres daran ist. Ihr beide habt heute eure Meister gefunden.�</p><p>Preston kicherte. �Ich bin nicht sicher, ob er dir das abnimmt, alter Freund.�</p><p>Forbes stie� einen �bertriebenen Seufzer aus. �Nun, das glaube ich auch nicht. Ich bef�rchte, wir m�ssen ihm ebenfalls eine Lehre erteilen.�</p><p>Er stieg �ber den bewu�tlosen Mann hinweg und ging auf den andern los, der am liebsten durch die Schuppenwand verschwunden w�re, wenn das m�glich gewesen w�re. Er blickte nach rechts, dann nach links, und gerade als Forbes die Faust erhoben hatte, machte er sich aus dem Staub.</p><p>Beim Anblick des um sein Leben Rennenden prustete Preston los. �Am besten rennst du ohne Unterbrechung bis nach Savannah, du dummer Frosch.�</p><p>Der Fl�chtende warf einen Blick zur�ck und verschwand dann. Forbes mu�te so laut lachen, da� ihm die Tr�nen in die Augen traten.</p><p>Preston wischte sich mit peinlicher Genauigkeit den Staub von den Knien und �rmeln. �Verflucht, ich hasse all diese Touristen!� Forbes setzte seinen Hut wieder auf, und die beiden Freunde gingen in der entgegengesetzten Richtung durch die Allee. �Sie glauben wohl alle, sie k�nnen hierherkommen und sagen, was ihnen beliebt.�</p><p>�Wir haben die Pflicht, ihnen eine Lehre zu erteilen. Aber das gibt Durst. Nimmst du auch noch einen mit mir?�</p><p>�Aber Forbes, es ist ja erst zwei Uhr nachmittags!�</p><p>�Was zum Teufel willst du damit sagen?�</p><p>Preston verzichtete auf eine Antwort. Wie h�tte er seinem Freund mitteilen sollen, da� er zuviel trank? In letzter Zeit tat Forbes nichts anderes, als die Unabh�ngigkeit von South Carolina in den verschiedenen Bars zu feiern. Das Trinken war seinem Temperament nicht gerade bek�mmlich. Fand er nicht gerade ein Opfer, so wandte er sich gegen seine eigenen Freunde. Preston erkannte die Warnsignale und erfand schnellstens eine Entschuldigung.</p><p>�Nun, ich wollte blo� sagen, da� ich dir zwar gerne Gesellschaft leisten w�rde, aber ich kann nicht � ich mu� um zwei bei Doll Fancher�s sein. Komm, ich bring� dich zu deiner Kutsche, und dann mu� ich weiter.�</p><p>�Brauch� die Kutsche nicht�, gab Forbes heftig zur�ck. �Alles, was ich will, ist etwas zu trinken.�</p><p>Die beiden gingen schweigend nebeneinander her. �ber ihnen zogen sich die Regenwolken bedrohlich zusammen. Als Preston aus Versehen stolperte und gegen seinen Freund prallte, stie� Forbes ihn heftig beiseite.</p><p>Sie lenkten ihre Schritte von der Allee zur Gibbes Street und dann zur Battery, wo sie auf eine Gruppe von �lteren M�nnern stie�en, die mit nicht weniger alten Musketen Schie��bungen machten.</p><p>Seit einigen Wochen befand sich die Reserve in Charleston. Es handelte sich um eine nicht offizielle Polizeitruppe, die die Sklaven einsch�chtern und gef�gig halten sollte, falls pl�tzlich alle jungen und kr�ftigen M�nner zum Wehrdienst einberufen w�rden. Preston gr��te einen der Gardisten, einen graub�rtigen Verwandten, Onkel Nab Smith.</p><p>Forbes sp�rte die ersten Regentropfen auf seiner Stirn. Der Rumpf von Fort Sumter ragte dunkel im nebligen Hafen empor.</p><p>Forbes� Kutsche und Fahrer warteten beim Seedamm. Preston half seinem Freund, der beim Einsteigen etliche M�he hatte. Als er sich endlich ins weinrote Pl�schpolster zur�cklehnte, rief er Preston zu:</p><p>�Steig ein! Ich nehm� dich bis zu Doll Fancher�s mit.�</p><p>�Nein danke, es lohnt sich nicht. Bis dein Kutscher die Karre gewendet hat, bin ich l�ngst dort.�</p><p>Forbes� L�cheln verzerrte sich zu einer Grimasse. �Verdammt noch mal, Preston, ich habe dir gesagt, steig ein und � �</p><p>�Wir treffen uns in ein oder zwei Tagen�, unterbrach ihn Preston schnell, denn jetzt war nicht die Zeit f�r lange Dialoge. Forbes hatte in einer solchen Stimmung einmal einem Seemann das R�ckgrat gebrochen. Obwohl Preston damals in der Hafenbar den Streit mit sarkastischen Bemerkungen angefeuert hatte, war er von der Gewaltt�tigkeit seines Freundes entsetzt gewesen.</p><p>Preston ging rasch von dannen. Forbes lehnte sich in die Kissen zur�ck. Der Regen wurde heftiger. Er versuchte sich mit gro�er Anstrengung daran zu erinnern, welcher Tag heute war. Ach ja, der dritte M�rz. Morgen w�rde dieser verdammte Idiot in Washington sein neues Amt antreten.</p><p>�Wohin soll�s denn gehen, Mist� LaMotte?� fragte der Kutscher.</p><p>�Ich wei� es nicht. Fahr mal in die Meeting, dann sehen wir weiter.�</p><p>Er f�hlte sich m�de und gelangweilt. Deshalb trank er auch so viel und fing mit irgendwelchen Fremden Streit an. Die gelegentlichen Stelldicheins mit Ashton brachten ihm auch nicht mehr viel. Verschiedene Artillerieeinheiten, die unbedingt ihre Dienstliste mit dem Prestige des Namens LaMotte anreichern wollten, flehten ihn an, in die staatliche Armee einzutreten. Aber das Angebot interessierte ihn nicht. Er ha�te Disziplin.</p><p>Sein Geist war indessen noch klar genug, um zu bemerken, da� in seinem Innern eine merkw�rdige Wut schwelte. Er wu�te auch, da� seine Bekannten dar�ber im Bild waren. Sogar Preston, der, wenn die Chancen g�nstig f�r ihn standen, ein leidenschaftlicher K�mpfer war, ging ihm mehr und mehr aus dem Weg. Forbes hielt sich am Handriemen der schlingernden Kutsche fest und sann dar�ber nach, weshalb er so viel Wut in sich sp�rte und weshalb die Raufereien ihm keine Erleichterung verschafften.</p><p>Er starrte in den Regen hinaus, und pl�tzlich war ihm die Antwort klar. Die einzige Frau, die er �ber alles hatte heiraten wollen, hatte ihn zur�ckgesto�en. Seither ha�te er Brett Main, aber paradoxerweise hatte sein Verlangen nach ihr nicht aufgeh�rt.</p><p>Er setzte sich pl�tzlich bolzengerade auf und lie� den Handriemen los. War die drau�en vorbeihastende Gestalt Wirklichkeit oder blo� ein Trugbild der Phantasie?</p><p>Nein, so betrunken war er nicht. Er klopfte an das Kutschendach: �James, fahr an den Stra�enrand!� Dann lehnte er sich zum Fenster hinaus und winkte.</p><p>�Brett? Brett, hierher!�</p><p>Sie erkannte die Stimme sofort. Als sie sich umdrehte, stieg Forbes gerade schwerf�llig aus der Kutsche. Mit einer einladenden Bewegung nahm er den Hut ab.</p><p>�Bitte gestatte mir, dich mitzunehmen, wohin du auch immer willst. Bei diesem Wetter sollte eine Dame nicht zu Fu� gehen.�</p><p>Das war klar. Als Brett sich auf den Weg zu einer ganz in der N�he wohnenden N�herin gemacht hatte, hatte sie geglaubt, noch vor dem Regenschauer wieder zu Hause zu sein. Doch jetzt go� es in Str�men, und sie war schon fast durchn��t.</p><p>Es schien nicht gef�hrlich, seine Einladung anzunehmen. Schlie�lich war er ja ein Kavalier. Ohne weiteres Z�gern klappte sie ihren Schirm zu und stieg ein.</p><p>Mit einem Seufzer der Dankbarkeit lie� sie sich in das Pl�schpolster sinken. Forbes schlo� die T�r hinter ihr, setzte sich ihr gegen�ber und gab dem Kutscher die Adresse der N�herin bekannt. Die Kutsche rollte davon.</p><p>Forbes legte sorgf�ltig den Hut auf seine Knie. Sein L�cheln hatte etwas M�rrisches, ja beinahe W�tendes an sich, wie Brett pl�tzlich mit einem Druckgef�hl im Magen feststellte. Er hatte einen glasigen Blick. Sie fing an, ihre Entscheidung zu bereuen.</p><p>�Ich hab� dich eine Ewigkeit nicht mehr gesehen, Brett. Du siehst wie immer bezaubernd aus.�</p><p>�Auch du siehst gut aus, Forbes.� Sie hatte M�he, die Worte �ber die Lippen zu bringen.</p><p>Er nestelte an seiner Weste herum. �Ich habe leider zugenommen. Wahrscheinlich verbringe ich zuviel Zeit in den Saloons. Aber es gibt nicht viel zu tun. Und auch nicht viel zu denken � au�er da� ich an dich denke.�</p><p>�Aber Forbes�, sie lachte gezwungen und nerv�s, �das haben wir doch l�ngst alles besprochen.�</p><p>Sie blickte zum Fenster hinaus. Sie waren erst einen H�userblock weit gekommen; die Kutsche fuhr langsam. Sch�n. Sollte er zudringlich werden, w�rde sie einfach hinausspringen.</p><p>Forbes betrachtete sie wortlos w�hrend einigen Sekunden; sein eigenartiges, listiges L�cheln erh�hte die Spannung, die zwischen ihnen herrschte. Dann fegte er abrupt seinen Hut auf den Sitz und hievte sich selbst neben sie. Die Federung quietschte. Seine unvermutete Bewegung verwandelte ihre Furcht in Entschlossenheit.</p><p>�Ich habe dein Angebot als H�flichkeit aufgefa�t. Entt�usche mich nicht!�</p><p>�Ich kann nicht h�flich sein. Ich hab� dich verdammt gern.� Er ergriff ihr Handgelenk. �Brett � �</p><p>�H�r auf!� sagte sie keineswegs zimperlich, sondern bestimmt.</p><p>�Tut mir leid, aber das kann ich nicht, mein Herz.� Mit dem Daumen streichelte er die Innenseite ihres Handgelenks, gerade oberhalb des R�schenbesatzes ihres Musselinhandschuhs. �Ich kann meine Gedanken keine f�nf Minuten von dir abwenden. Mir scheint, du solltest einem Mann, der so tief f�r dich empfindet, den Vorrang geben.�</p><p>Mit der linken Hand suchte sie den T�rgriff. �Ich mu� aussteigen.�</p><p>Er packte sie an den Schultern und pre�te sie in die weinroten Kissen. �Den Teufel wirst du�, knurrte er, als er seinen Mund auf ihre Lippen pre�te. Es tat weh.</p><p>Durch seinen ge�ffneten Mund str�mte ihr sein ranziger Atem entgegen. Seine rechte Hand fiel schwer auf ihr Mieder. Mit der linken Schulter dr�ckte er sie in die Kissen, fummelte grob an ihrem Busen herum und blies ihr den warmen Atem gegen Kinn und Hals.</p><p>�Gott, ich liebe dich, Brett. Ich hab� dich schon immer � �</p><p>�La� mich los!�</p><p>�Nein, verflucht noch mal.� Mit dem rechten Knie versuchte er sie festzunageln. Der Druck seiner Finger nahm zu, und trotz der Kleiderschicht tat er ihren Br�sten weh.</p><p>�Brett, du bist nicht f�r diesen mickrigen Yankee-Soldaten bestimmt. Du brauchst einen Mann, der in jeder Hinsicht gro� genug ist, um dir das zu geben, was eine Frau � �</p><p>Mit einem Schrei zuckte er zur�ck. Sie hatte ihm das Gesicht zerkratzt und drei blutige Fingernagelspuren hinterlassen.</p><p>Einige Augenblicke verharrte er reglos. Dann ber�hrte er sein Gesicht, zog die Hand wieder zur�ck und sah die scharlachroten Flecken auf der gekr�uselten Hemdmanschette. Der Anblick versetzte ihn in Raserei. Fluchend hob er die F�uste. Sie hatte inzwischen die T�r aufgesto�en, doch bevor sie hinausspringen konnte, packte er sie am rechten Arm. Sie stie� einen Schrei aus und bef�rchtete, da� er sie verletzen w�rde. Sie b�ckte sich, griff nach ihrem Schirm, der auf dem Boden lag, und schlug auf seinen Kopf ein. Einmal, zweimal, dreimal�</p><p>�Mist� Forbes, was ist los?�</p><p>Der alte Kutscher lenkte das Fahrzeug n�her an den Gehsteig heran und brachte die Pferde zum Stehen. Auf der andern Seite der Meeting Street blieben einige Fu�g�nger gaffend stehen � der Anblick einer elegant gekleideten wei�en Frau, die mit einem Gentleman in der Kutsche k�mpfte, war zu ungew�hnlich. Brett hatte keine Zeit, sich �ber Konventionen Sorgen zu machen. Sie schlug nochmals zu, ri� sich dann von ihm los und st�rzte sich aus der Kutsche. Sie verfehlte den Tritt und landete b�uchlings im Stra�enschlamm.</p><p>�He, aufgepa�t!� rief ein Bierfuhrmann und lenkte sein Fuhrwerk in letzter Sekunde an ihr vorbei. Die schweren R�der bespritzten sie �ber und �ber mit Schlamm.</p><p>Sie rappelte sich auf; ihr Hut flog davon, und der Regen prasselte wieder auf sie nieder. Forbes hing in der Kutschent�r, sein Gesicht zur Fratze verzerrt:</p><p>�Du gottverdammte Hure � �</p><p>Mehr h�rte sie nicht; sie drehte sich um und rannte los. Am ganzen Leibe zitternd bemerkte Forbes, wie M�nner und Frauen auf dem Gehweg ihn anstarrten. Jemand erw�hnte seinen Namen. Er schleuderte die Kutschent�r zu und warf sich in die Kissen.</p><p>Er lehnte zur�ck und betupfte seine Wange mit dem Taschentuch. Der Anblick des Bluts trieb ihn erneut in einen Wutanfall. Beinahe h�tte er mit der Faust ein Loch in das Kutschendach geschlagen.</p><p>�Weiterfahren!�</p><p>Aber die Flucht vor der St�tte seiner Erniedrigung half nicht. Er zog seine Flasche aus der Tasche, erinnerte sich, da� sie leer war, und schmi� sie zum Fenster hinaus. Mehr denn je ha�te er Brett. Er w�rde sie am liebsten erdrosseln, dann nach Sumter hinausrudern und jenen Hurensohn von einem Yankee, der ihr den Kopf verdreht hatte, erschie�en.</p><p>Das gleichm��ige Prasseln des Regens und das regelm��ige Schwanken der Kutsche vermochten ihn langsam etwas zu beruhigen. Er dachte an Ashton und klammerte sich wie ein Ertrinkender an ihren Namen und ihre Gestalt.</p><p>Ashton stand auf seiner Seite. Ashton w�rde ihm helfen, sich zu r�chen.</p><p>An demselben Abend begaben sich, Hunderte von Meilen von Charleston entfernt, Stanley Hazard und Simon Cameron zu einem Empfang f�r den neuen Pr�sidenten.</p><p>Drei von Mr. Pinkerton organisierte Privatdetektive standen vor dem Empfangszimmer von Willard�s Wache. Drinnen unterhielten sich die G�ste und die Kabinettsmitglieder ged�mpft. Lincoln war vor wenigen Minuten aus seiner Suite gekommen. Stanley hatte sich mit ihm unterhalten. Er war nicht beeindruckt.</p><p>Er lie� Lincoln einen weiteren Witz erz�hlen und machte sich auf die Suche nach seinem Meister. Cameron war gerade mit Chase, dem steifen, affektierten Finanzminister, in ein ernstes Gespr�ch vertieft. Von allen Kabinettsmitgliedern sprach sich Chase am offensten und konsequentesten f�r die Notwendigkeit der Sklavenbefreiung aus. Stanley fand seinen Idealismus beleidigend.</p><p>Schlie�lich konnte Cameron sich von seinem Gespr�chspartner losrei�en und gesellte sich zu Stanley an die Sektbar. Der Boss sah m�chtig und bedeutend aus. Zu Recht, dachte Stanley. Wie geplant, war es Cameron gelungen, gen�gend Stimmen f�r sich zusammenzubringen, um in der neuen Regierung den Posten des Kriegsministers �bernehmen zu k�nnen.</p><p>Cameron nippte an seinem Sekt und klopfte dann auf seine volle Manteltasche. �Ein Freund hat mir eine Zusammenfassung der Antrittsrede �bermittelt.�</p><p>�Welches sind die wichtigsten Punkte?�</p><p>�Ungef�hr das, was in Anbetracht seiner fr�heren Reden zu erwarten war.� Cameron redete mit leiser Stimme; seine Sperberaugen blickten aufmerksam umher, um sicherzugehen, da� auch niemand zuh�re. �Er weigert sich, in der Frage der Aufl�sung der Union nachzugeben. Er sagt, es sei verfassungswidrig und letzten Endes unm�glich. Er wird weiterhin an Fort Sumter festhalten, doch falls es zum Krieg kommen sollte, mu� er von der Konf�deration ausgel�st werden. Insgesamt gesehen�, wieder wanderte sein Blick aufmerksam umher, �eine gew�hnliche Rede von einem gew�hnlichen, um nicht zu sagen unf�higen, Mann.� Die letzten Worte murmelte Cameron blo� und beugte sich tief �ber sein Sektglas.</p><p>Unf�hig war wohl nicht der treffende Ausdruck, dachte Stanley. Morgen schon w�rde General Scott Soldaten vor den H�usern und auf den D�chern in der Pennsylvania Avenue postieren, um einem m�glichen Aufstand zuvorzukommen. Ein besch�mender Anfang f�r eine Regierung, die nicht sonderlich kompetent zu werden versprach. Nat�rlich mit einigen Ausnahmen.</p><p>Cameron hielt sein leeres Glas hin. Als man ihm nochmals eingeschenkt hatte, entfernte er sich von der Bar und fuhr fort: �Aber was halten Sie vom neuen Pr�sidenten?�</p><p>Stanley blickte �ber die Menge hinweg das h��liche, eckige Profil an. �Ein Possenrei�er aus der Pr�rie. Ein Mann, der sich so jovial gibt und solch grobe Witze rei�t, kann nicht viel taugen.�</p><p>�Genau. Meiner Meinung nach handelt es sich um den schw�chsten Mann, der jemals ins Wei�e Haus geschickt wurde. Aber das wird uns zum Vorteil gereichen. Wir werden um so mehr Macht �bernehmen k�nnen.� Er wirkte pl�tzlich sehr belebt und gab Zeichen mit dem Glas. �Seward, alter Freund! Sie wollte ich gerade sprechen.�</p><p>Der Bo� rauschte davon. Es dauerte nicht lange, bis er mit dem neuen Au�enminister Arm in Arm herumparadierte. Sie unterhielten sich fl�sternd. Stanley genehmigte sich noch mehr Sekt und sonnte sich im Schatten des Rampenlichts. Er war gl�cklich, hier zu sein, �bergl�cklich.</p><p>Er w�rde in Camerons Ministerium einen Posten bekommen. Isabel w�re hell entz�ckt von Washington. Stanley seinerseits dachte mit Hochgenu� an seine zuk�nftige Macht und an all die M�glichkeiten, die sich ihm bieten w�rden, um seinen Reichtum zu mehren. Leute, die an den Hebeln der Macht sa�en, schlugen immer Kapital aus ihrer Position, wie sein Bo� sagte. Stanley hoffte im geheimen, da� die Rebellen nicht lockerlassen und in Charleston den Krieg ausl�sen w�rden. Denn damit w�rden die Chancen, zu Reichtum zu kommen, wesentlich besser werden.</p><p><strong>62</strong></p><p>Die Feldm�tze unter dem Arm ging Billy am folgenden Nachmittag vor dem B�ro von Major Anderson auf und ab. Er mu�te warten, bis der Kommandant einen Brief fertig geschrieben hatte, in welchem er sich f�r eine Besch�digung von Baumwollballen bei Fort Moultrie durch eine Schie��bung entschuldigte. Da sowohl die Sumter- als auch die Charleston-Artillerieeinheiten h�ufig �bungen durchf�hrten, waren solche Ungl�cksf�lle an der Tagesordnung. Ereignete sich ein solches Mi�geschick, so lie�en die Schuldigen der gegnerischen Partei sofort ein Erkl�rungsschreiben zukommen. Die meisten Schreiben waren au�erordentlich formell abgefa�t, aber da es sehr wohl m�glich war, da� ein Krieg aus Versehen ausgel�st werden k�nnte, fand Billy ein Zuviel an Entschuldigungen besser als das Gegenteil.</p><p>Hart, Andersons Offizier vom Dienst, tauchte mit dem fertigen Brief auf. �Er m�chte Sie jetzt sehen, Sir�, sagte der Offizier, als er durch den d�steren Gang davoneilte.</p><p>Billy betrat das B�ro des Kommandanten, ein dunkler, von einem Kerzenstumpf erleuchteter, kleiner Backsteinraum. Anderson beantwortete das steife Salutieren des jungen Offiziers mit einer langsamen, m�den Bewegung. Dann deutete er auf einen Stuhl. �Setzen Sie sich, Leutnant. In den n�chsten Tagen werden Sie kaum zur Ruhe kommen.�</p><p>Andersons Finger zitterten leicht, als er einen dicken Beutel aus wasserdichtem Stoff ber�hrte. �Ich habe General Scott einige neue Mitteilungen zu machen. Ich m�chte, da� Sie sie �berbringen.�</p><p>�Nach Washington, Sir?�</p><p>�Ja. Ich mu� ihm mitteilen, da� meiner Meinung nach zur �berwindung der gegnerischen Hafenstreitkr�fte und zur Verst�rkung dieser Garnison jetzt sch�tzungsweise mindestens zwanzigtausend Mann erforderlich sind. Es sind noch weitere vertrauliche Mitteilungen in diesem Beutel enthalten. Packen Sie Ihre Sachen und halten Sie sich in drei Stunden bereit.�</p><p>Billys Gedanken �berst�rzten sich. Von diesem finsteren, niederdr�ckenden Ort wegzukommen, war das, was sich jeder einzelne Mann der Garnison w�nschte, obwohl nur wenige dies zugaben. W�rde ihm noch etwas Zeit bleiben, um Brett kurz in Charleston zu treffen, bevor er weg mu�te?</p><p>�Ich kann schon vorher bereit sein, Sir.�</p><p>Anderson sch�ttelte den Kopf. �Nicht n�tig. Hart wird demn�chst mit dem Boot �bersetzen, um Hauptmann Calhoun mein Entschuldigungsschreiben zu �berbringen. Er wird anschlie�end Gouverneur Pickens im Charleston-Hotel treffen. Doch auch mit der Einwilligung des Gouverneurs ist das Ganze ein heikles Unterfangen. Ich habe geh�rt, da� scharenweise M�nner zur Battery dr�ngen, wenn ein Boot unseren Kai verl��t. Sie hoffen jedesmal, da� es Doubleday ist.� Nach einem kurzen trockenen Lachen f�gte Anderson hinzu: �Hart wird auf jeden Fall eine Weile fort sein. Sie werden bei Einbruch der Nacht oder etwas sp�ter gehen.�</p><p>�Ja, Sir.�</p><p>�Noch etwas, Leutnant � packen Sie alles. Im Gegensatz zu einigen Kurieren, die ich nach Washington geschickt habe, werden Sie nicht mehr zur�ckkehren.�</p><p><emphasis>�Sir?�</emphasis></p><p>Leichenbla� starrte Billy seinen Kommandanten an. Die Nachricht war niederschmetternd; er w�rde Brett in einer Stadt zur�cklassen, die von einer Minute zur anderen durch den Krieg verw�stet werden k�nnte. Aber das wu�te der Major doch? Weshalb l�chelte er dann so merkw�rdig? Verlor er die Fassung?</p><p>Der Major lie� nicht mit einer Erkl�rung auf sich warten. �Bis morgen abend sind Sie auf Urlaub; dann erwarte ich von Ihnen, da� Sie einen Zug nach Norden nehmen. Hart hat alles N�tige f�r Sie vorbereitet. In der Zwischenzeit k�nnen Sie Ihre junge Dame treffen. Wenn Sie ihr rasch eine Nachricht zukommen lassen w�rden, h�tten Sie eventuell sogar genug Zeit, um sie zu heiraten. Hart ist bereit, eine entsprechende Botschaft zu �bermitteln, falls Sie sie in den n�chsten zehn Minuten schreiben k�nnen.�</p><p>Billy war sprachlos. Er konnte seinem Gl�ck kaum trauen. Anderson bemerkte seine Reaktion.</p><p>�Blicken Sie nicht so erstaunt drein, Leutnant! Jemand mu� gehen. Warum nicht Sie? Ich habe Leutnant Meade nach Hause zu seiner kranken Mutter in Virginia geschickt � Ihre Umst�nde sind wesentlich erfreulicher. Ich bin mir dar�ber im klaren, da� ich in den Kompetenzbereich Ihres Vorgesetzten eindringe, aber ich nehme an, er wird Verst�ndnis daf�r haben, wenn ich ihm die Sachlage schildere.�</p><p>Andersons Blick verd�sterte sich wieder. �Sogar mit der Zustimmung des Gouverneurs werden Sie m�glicherweise Schwierigkeiten haben, durch die Stadt zu kommen. Deshalb will ich Sie ja auch bis zum Einbruch der Dunkelheit hierbehalten.�</p><p>Billy beschlo�, da� es an der Zeit war, sein Gl�ck nicht mehr anzuzweifeln, sondern das Eisen zu schmieden, solange es hei� war. �Sir, wenn der Schoner mich zum Pier der C.S.C. oberhalb des Zollagers bringen k�nnte, k�nnte Cooper Main dort mit einer geschlossenen Kutsche auf mich warten. Er k�nnte mich zur Tradd Street fahren, und Brett und ich k�nnten Charleston noch vor Tagesanbruch verlassen.�</p><p>�M�chten Sie nicht im Haus der Mains heiraten?�</p><p>�Ich glaube, es w�re sicherer, nach Mont Royal zu fahren. Nicht weit von der Plantage befindet sich eine kleine Eisenbahnstation.�</p><p>�Nun, was auch immer Sie entscheiden werden, es wird schwierig sein, durch die Stadt zu kommen. Ich empfehle Ihnen dringendst, die ganze Zeit �ber einen voll geladenen Revolver bereit zu halten.�</p><p>Billy salutierte und machte auf dem Absatz kehrt. Der Kommandant starrte mit melancholischem Blick in die Kerzenflamme.</p><p>Anderson sch�ttelte Billy beim Landungskai die Hand. �Sie sind ein ausgezeichneter Offizier, Leutnant Hazard. Noch ein paar Jahre, und Sie werden hervorragend sein. Gr��en Sie Ihre Braut von mir.�</p><p>�Sir, das werde ich tun. Ich kann Ihnen nicht genug danken��</p><p>�Doch, das k�nnen Sie. Bringen Sie Scott diesen Beutel. Ich m�chte, da� er sich der Gefahren bewu�t ist, sollte er die Sandbank mit einigen hundert Mann in Pinassen st�rmen wollen.� Andersons Stimme wurde heiser vor Anstrengung. �Ich kann nur wiederholen, was ich bereits vorhin gesagt habe: Falls es in diesem Land zu einem Blutbad kommen sollte, wird Washington daf�r verantwortlich sein und nicht wir.�</p><p>Er trat zur�ck, die Dunkelheit verschluckte ihn. �An Bord, Sir!� rief eine Stimme vom Deck des kleinen Schoners.</p><p>Billy eilte die Stufen hinunter und h�rte, wie die schlaffen Segel im Wind flatterten. Ein irgendwie unheilvolles Ger�usch.</p><p>�Gott sei Dank war ich zu Hause, als Andersons Ordonnanz kam�, sagte Cooper, als Billy auf das C.S.C.-Pier sprang. �Judith wartet in der Kutsche.�</p><p>�Wo ist Brett?�</p><p>�Zu Hause. Sie wollte zwar mitkommen, aber Judith hat sie gebeten, zu Hause zu bleiben und zu packen. Es bleibt ihr nicht viel Zeit, um die Aussteuer zusammenzusuchen � wir werden noch vor Sonnenaufgang auf dem Weg sein. Ich habe bereits einen Boten nach Mont Royal geschickt. Orry soll den Pfarrer f�r morgen um eins bestellen.�</p><p>�Wann f�hrt der Zug?�</p><p>�Etwa drei Stunden sp�ter, um halb f�nf.�</p><p>Sie unterhielten sich weiter, w�hrend sie eilends auf die wartende Kutsche zu marschierten. Billys Herz klopfte im gleichen Tempo, aber trotz der Anspannung f�hlte er Heiterkeit; seit Monaten war er zum erstenmal wieder gl�cklich.</p><p>�Danke, Gerd�, sagte Cooper zu einem st�mmigen Mann, der ihm die Z�gel reichte. �Ich werde fahren, Billy. Halt dich ja vom Fenster zur�ck. Beim Zollager lungern immer irgendwelche Gestalten herum, und deine Uniformkn�pfe wirken wie Laternen.�</p><p>Er versuchte angestrengt, einen humorvollen Ton beizubehalten, doch Billy merkte die unterschwellige Angst. Cooper rutschte aus, als er �ber die Speichen des Vorderrads klettern wollte. Er zog eine Grimasse, kletterte dann auf den Bock und sagte: �Manchmal ist es verdammt unbequem, wenn man keine Sklaven besitzt. Alles mu� man selber tun. Kein Wunder, da� sich das System so lange gehalten hat.�</p><p>Billy grinste mit etwas M�he, als er die T�r auf der linken Seite �ffnete. Judith sa� auf der rechten Seite. Er begr��te sie und vergewisserte sich, ob die lederne Meldetasche noch sicher �ber seiner linken Schulter hing.</p><p>Cooper schnalzte mit der Zunge und fuhr los. Als sie am Warenlager vorbeifuhren, sah Billy im Licht der Giebellaterne Tr�nen auf Judiths Wangen. �Was ist?� fragte er.</p><p>�Ach nichts. Nichts.� Sie l�chelte und weinte gleichzeitig. �Ich bin ein Kamel, da� ich mich so gehen lasse, aber ich kann nicht anders. Es gibt in diesen schrecklichen Zeiten so wenig Gelegenheit zur Freude, aber dies ist eine solche Gelegenheit.� Sie schniefte und sch�ttelte dann den Kopf. �Ich m�chte mich entschuldigen.�</p><p>�Das ist nicht n�tig. Mir ergeht es �hnlich.�</p><p>�Pa�t auf!� rief Cooper. �Mehr Menschen als �blich.�</p><p>Billy verschob seinen S�bel, damit er sich freier bewegen konnte. Dann zog er den Revolver halbwegs aus der Halfter. Vor ihnen, auf der rechten Seite, unterhielten sich einige M�nner lachend und l�rmend. Pl�tzlich rief einer von ihnen: �He da! Anhalten!�</p><p>Billy zog sich der Magen zusammen, als die Kutsche ihre Fahrt verlangsamte. Cooper stie� ver�rgert einen Fluch aus.</p><p>Die Stimmen wurden lauter. Billy verzog sich schnell auf die Mitte der Sitzbank, dort, wo es in der Kutsche am dunkelsten war. Schr�g durch das rechte Fenster konnte er einen Blick auf das Zollager, das ehemalige Bundeseigentum, werfen.</p><p>Die Kutsche schwankte leicht und hielt dann an. �Ihren Namen! Und was haben Sie vor?�</p><p>�Ich hei�e Main; ich bin ein B�rger von Charleston und ich bin in eigener Sache unterwegs. Bitte lassen Sie mein Pferd los und treten Sie zur Seite. Danke.�</p><p>�Scheint in Ordnung zu sein, Sam�, sagte ein anderer Mann. Der erste Sprecher murmelte irgend etwas vor sich hin. Billy h�rte Schritte.</p><p>Judith packte ihn am Arm. �Leg dich hin! Sie werden reinschauen.�</p><p>W�hrend sie noch fl�sterte, knallte Cooper die Peitsche, aber die Kutsche r�hrte sich nicht vom Fleck. �Lassen Sie das Pferd los!� forderte Cooper. Ein grobes Gesicht tauchte im selben Augenblick vor dem rechten Fenster auf. Der Mann sprang auf das Trittbrett. Das Innere der Kutsche wurde von den Laternen des Zollgeb�udes beleuchtet. Der Mann hielt sich am Fensterrahmen fest und �ugte in die Kutsche.</p><p>�Hier ist ein Soldat!�</p><p>Ein lauter Aufschrei erfolgte. �Ist es Doubleday?� Weitere Gestalten dr�ngten sich zum Fenster. Billy zog den Revolver.</p><p>Gleichzeitig befahl jemand Cooper, vom Bock herunterzusteigen. Als Antwort war der Schlag einer Peitsche auf einem menschlichen K�rper zu vernehmen. Ein Schrei. Cooper br�llte wie ein Fuhrmann und gab dem Pferd die Z�gel.</p><p>Die Kutsche rollte los. Unterdessen war es dem Mann auf dem Trittbrett gelungen, die T�r zu �ffnen, und er versuchte jetzt, sich um die T�re herum in das Kutscheninnere vorzuarbeiten. Mit der rechten Hand klammerte er sich immer noch an den Fensterrahmen. Billy gab der T�r mit dem linken Stiefel einen Sto�. Sie flog auf, und der Mann fiel vom Trittbrett herunter.</p><p>Erhobene F�uste und ha�erf�llte Blicke schienen an der Kutsche vorbeizufliegen. Cooper raste in die Dunkelheit hinter dem Zollgeb�ude und bog in einem h�llischen Tempo nach rechts ab. Billy m�hte sich ab, um die Kutschent�r wieder zu schlie�en, und w�re beinahe kopf�ber aus der Kutsche geflogen.</p><p>Schlie�lich lehnte er sich wieder zur�ck, den Revolver aufs Knie gelegt, keuchte und rang nach Luft.</p><p>�Du hast sehr schnell reagiert�, sagte Judith voller Hochachtung.</p><p>�Mu�te ich. Ich will ja schlie�lich nicht meine eigene Hochzeit verpassen.�</p><p>Doch sein L�cheln war gek�nstelt. Sein Herz h�mmerte wie verr�ckt, und es dauerte eine geraume Weile, bis er die blutr�nstigen Gesichter aus seinen Gedanken verbannen konnte. Er erkannte erneut, wie tief und schwer die Spaltung des Landes war.</p><p>Doch als er Brett wiedersah, verflogen alle d�steren und grimmigen Gedanken. Cooper hatte behutsam die Wohnzimmert�r hinter sich geschlossen, und die beiden jungen Leute waren nun allein und k��ten und umarmten sich w�hrend f�nf Minuten.</p><p>Er hatte beinahe vergessen, wie herrlich ihr Haar duftete, wie s�� ihre K�sse waren und wie straff ihre Br�ste, die sie fest an seinen K�rper pre�te, sich anf�hlten. Schlie�lich sanken die beiden lachend, nach Luft schnappend und h�ndehaltend auf das Sofa.</p><p>�Ich w�nschte, wir k�nnten heute abend heiraten�, sagte sie. �Ich wei�, da� ich vor lauter Freude auf morgen die ganze Nacht kein Auge zudr�cken werde.�</p><p>Z�gernd sagte er: �Ich werde nicht nach Charleston zur�ckkehren. Bist du sicher, da� du mit mir in den Norden gehen willst?�</p><p>Zum erstenmal wurde sie sich der Tragweite seiner Frage bewu�t. Unsicherheit stieg in ihr auf und Angst. Es w�rde nicht leicht sein, weit weg von der Familie mitten unter lauter Yankees zu leben.</p><p>Aber sie liebte ihn. Und alles andere war nebens�chlich.</p><p>�Mit dir w�rde ich �berall hingehen�, fl�sterte sie ihm sanft ins Ohr. ��berallhin.�</p><p>An jenem Abend begab sich Cooper kurz nach zehn zum Haus in der East Battery. Nur mit allergr��ter Anstrengung vermochte Ashton, w�hrend sie ihn anh�rte, ihre Fassung zu bewahren. Als Cooper wieder gegangen war, eilte sie ins Studierzimmer, um Huntoon die Neuigkeit zu er�ffnen.</p><p>Er schmi� die Akte, in der er eben gelesen hatte, auf den Schreibtisch und sagte: �Ich habe wirklich keine Lust, zur Hochzeit eines verdammten Yankees zu gehen.�</p><p>�James! Sie ist meine Schwester. Wir gehen.�</p><p>Bevor er etwas h�tte entgegnen k�nnen, war sie bereits aus dem Zimmer gerauscht. Sie blieb kurz in der Halle stehen, pre�te die Handfl�chen aufs Gesicht und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Morgen um diese Zeit w�rden Billy und ihre Schwester � sofern niemand eingriff � f�r immer weg sein. Sie hatte nur diese einzige Chance. Aber sie brauchte auch nur eine.</p><p>Ein L�cheln umspielte ihre Mundwinkel, als sie weiterging. Sie schrieb eine Mitteilung an Forbes und forderte ihn auf, am fr�hen Morgen flu�aufw�rts zu reiten. Er k�nne einen Helfer mitnehmen, aber es m�sse jemand sein, dem man vertrauen k�nne. Er solle in Resolute das Weitere abwarten.</p><p>Sie schlo� eilig, versiegelte dann den Brief, stellte einen Passierschein aus und rannte in die K�che.</p><p>�Rex, bring dies Mr. Forbes LaMotte. Versuch ihn bei Gibbes zu erreichen. Falls er nicht dort sein sollte, dann geh in die Bar vom Mills Hotel. Der Wirt wei� meistens, wo sich Mr. LaMotte gerade aufh�lt. Gib nicht auf und komm nicht zur�ck, bis du ihm diese Botschaft selber �berreicht hast!�</p><p>Rex, der durch das Auspeitschen eingesch�chtert worden war, nickte immerfort, bis Ashton mit ihren Instruktionen zu Ende war. Doch als der Junge die Treppe hinunter zur Hintert�r ging, glimmte dumpfe Wut in seinen Augen. Und der Wunsch nach Rache.</p><p>Am sp�ten Vormittag traf Cooper mit seiner vollbesetzten Kutsche in Mont Royal ein. Die M�rzsonne warf ihre milden Strahlen auf die Erde, und der wolkenlose Himmel zeigte sich in jenem weichen, reinen Blau, das es Bretts Meinung nach nur in South Carolina gab. W�rde sie es jemals wiedersehen?</p><p>Sobald die Kutsche angehalten hatte, kletterten die Kinder heraus. Vetter Charles w�hlte liebevoll in Judahs Haar herum, legte dann seinen Arm um die Taille von Marie-Louise, hob sie hoch und wirbelte sie durch die Luft. Sie hielt sich an seinem Hals fest und jauchzte vor Freude.</p><p>Brett stieg aus, dann Judith, gefolgt von Billy, der sich in seinem feinen schwarzen Anzug nicht besonders wohl zu f�hlen schien. Er schwitzte. Cooper hatte noch um Mitternacht einen Schneider aufgetrieben. Billy war h�chst �berrascht, Charles in voller Uniform mit gl�nzenden Kn�pfen und S�bel vorzufinden.</p><p>Die Freunde umarmten einander. �Weshalb um Himmels willen hast du dich so herausgeputzt?� wollte Billy wissen.</p><p>Charles grinste. �Ganz zu deiner Ehre, Billy. Wenn schon ein Offizier einen andern bittet, sein Trauzeuge zu sein, dann, so dachte ich mir, sollte der Trauzeuge auch eine w�rdige Erscheinung bieten. Na, die Wahrheit ist, da� ich meine Uniform vermisse. Und auch die Armee.�</p><p>Orry trat aus dem Haus; seine d�stere Erscheinung wurde noch durch den langen dunklen Mantel, den er trug, gesteigert. Er teilte der l�rmenden Gruppe mit, da� seine Ehrw�rden, Pater Saxton, um halb eins kommen werde. �Ich habe ihm absichtlich gesagt, da� er fr�her kommen soll. Er trinkt n�mlich sehr gern, und ich kann mir vorstellen, da� er sich gern ein Gl�schen genehmigen m�chte, damit er die ganze Zeremonie durchsteht.�</p><p>Alle lachten. Cooper zerrte einen kleinen Lederkoffer herunter, in den Billy seinen Revolver, seine Uniform und die lederne Meldetasche eingepackt hatte. Cooper stellte den Koffer krachend neben Brett auf den Boden und wischte sich den Schwei� von der Stirn. Brett fragte Orry: �Wie geht es Mutter?�</p><p>�Immer noch gleich. Ich habe ihr dreimal erkl�rt, da� du heiraten wirst. Sie hat zwar jedesmal behauptet, da� sie verstanden hat, aber ich wei�, da� es nicht stimmt.�</p><p>Judah sprang wild auf und ab und rief: �Es kommt jemand!�</p><p>Eine Kutsche rollte in einer Staubwolke durch die Allee. �Das ist Ashton�, sagte Brett ohne gro�e Begeisterung, wie Billy feststellte.</p><p>Rasselnd und klirrend kam die Kutsche hinter derjenigen von Cooper zum Stehen. Homer sa� auf dem Bock und betrachtete die wei�en Menschen gleichg�ltig; Rex sprang hinunter, um Ashton und ihrem Ehemann die T�r zu �ffnen.</p><p>Huntoon gratulierte dem Brautpaar mit v�lligem Desinteresse. Ashton rannte erst auf Brett, dann auf Billy los, umarmte sie und l�chelte ihnen �berschwenglich zu.</p><p>�Oh, ich freue mich ja so sehr f�r dich und f�r Brett! Ich darf das ganz offen sagen, weil ich ja selbst verheiratet bin.�</p><p>Ihre Augen blitzten wie Diamanten. Billy war nicht klar, was wirklich in ihr vorging, aber da er sich an die vergangenen Vertraulichkeiten erinnerte, err�tete er, als sie ihre Wange an die seinige dr�ckte. Sie spitzte die Lippen und gab ihm einen lauten, schmatzenden Ku�. Cooper fiel auf, da� Homer seine Herrin verdrie�lich betrachtete, und er fragte sich warum.</p><p>Charles z�ndete an einer der wei�en S�ulen ein Streichholz an � sehr zu Orrys Mi�fallen. Billy zeigte mit dem Finger auf die lange Zigarre, die Charles sich zwischen die Z�hne geklemmt hatte, und fragte:</p><p>�Seit wann hast du denn die Gewohnheit meines Bruders �bernommen?�</p><p>�Seitdem ich wieder zu Hause bin. Irgendwie mu� ich mir ja die Zeit vertreiben. Ich w�rde nat�rlich viel lieber k�mpfen, aber man kann ja nicht alles haben.�</p><p>Es war ein etwas tapsiger Versuch, humorvoll zu sein, aber in Anbetracht der ernsten Angelegenheit und der tragischen Ereignisse in Charleston wohl etwas fehl am Platz. Die Bemerkung wurde mit allseitigem Schweigen quittiert. Charles err�tete und besch�ftigte sich intensiv mit seiner f�nfundzwanzig Zentimeter langen Havanna.</p><p>�Na, ihr beiden�, zwitscherte Ashton und hakte sich rechts bei Billy und links bei Brett unter. �Seid ihr nicht v�llig ausgehungert? Also was mich betrifft, ich hab� einen B�renhunger und ich bin sicher, da� es im Haus etwas zu essen � � Orry nickte. �Ach, ist das nicht ein aufregender Tag? Ihr werdet beide Unverge�liches erleben!�</p><p>Und mit diesen Worten zog sie die beiden mit sich ins Haus.</p><p>Charles blieb noch ein Weilchen drau�en, nachdem alle gegangen waren. Er sch�mte sich �ber seinen Ausrutscher und wunderte sich �ber Ashtons aufgeregten Gesichtsausdruck. Sie schien sich echt �ber die Heirat ihrer Schwester zu freuen. Weshalb hatte er denn ein so ungutes Gef�hl?</p><p>Das Gef�hl, da� sie ein Theater vorspielte.</p><p><strong>63</strong></p><p>Das warme Wetter erf�llte Madeline mit schl�friger Schwere. Sie war eben aus der K�che gekommen, wo sie die Vorbereitungen f�r das Abendessen � gekochter Schinken � �berwacht hatte. Die K�chenm�dchen meinten, das Wetter sei angenehm und eher k�hl. Wenn das wirklich zutraf, warum verschmachtete sie dann beinahe vor Hitze?</p><p>Justin tadelte sie daf�r, da� sie sich immer wieder �ber Schwei�ausbr�che beklagte. In letzter Zeit litt sie darunter wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Sie fragte sich, ob vielleicht eine k�rperliche Ver�nderung der Grund daf�r sein k�nnte, aber sie war zu tr�ge und schl�frig, um eingehend �ber diese Frage nachzudenken.</p><p>Als sie ziellos auf der Veranda des Erdgeschosses herumwanderte, versuchte sie sich zu erinnern, wo sich ihr Gatte aufhielt. Ach ja! Er war mit seiner alten Flinte aufs offene Feld gegangen, um Schie��bungen zu machen. Justin nahm seinen Dienst bei der Ashley-Garde sehr ernst. H�misch frohlockend prophezeite er, da� es nur noch Wochen dauern k�nne, bis die �bungen durch Taten ersetzt w�rden.</p><p>�Wie sp�t ist es?�</p><p>�Fast eins. Sie sollte etwa in einer Stunde eine weitere Mitteilung abschicken.�</p><p>Madeline blieb einen knappen Meter neben einem der offenen Fenster des Studierzimmers stehen, um zuzuh�ren. Sie brauchte mehrere Sekunden, um herauszufinden, wer soeben gesprochen hatte: Justins Neffe Forbes und sein unsympathischer, spindeld�rrer Freund Preston Smith. Die beiden waren im Lauf des Vormittags unerwarteterweise zu Pferd eingetroffen. Forbes hatte keinerlei Erkl�rung daf�r abgegeben, weshalb er nicht zur Plantage seines Vaters geritten war, die sich ungef�hr f�nfzehn Kilometer weiter flu�aufw�rts befand. Madeline wurde jedoch nur noch ganz selten �ber irgend etwas informiert. Man behandelte sie als Objekt, als Gegenstand. Meistens war sie ohnehin zu entkr�ftet und zu gleichg�ltig, um sich deswegen Sorgen zu machen.</p><p>Doch die merkw�rdig eindringlichen Stimmen schienen irgendwie ihren Zustand geistigen Stumpfseins, in den sie in letzter Zeit offenbar unabl�ssig hineinglitt, zu durchbrechen. Forbes hatte das Wort <emphasis>sie</emphasis> gebraucht. Wieso sollte ihm eine Frau eine Mitteilung nach Resolute schicken? Um vielleicht ein Treffen zu vereinbaren?</p><p>Doch sie verwarf diese M�glichkeit sofort wieder, als sie ihn fragen h�rte: �Sind die Pistolen bereit?�</p><p>�Ja!�</p><p>�Hast du das Pulverfl�schchen gef�llt?�</p><p>�Ja, hab� ich gemacht. Wir m�ssen h�llisch vorsichtig mit dem Pulver sein. Es darf nicht zuviel davon in eine Pistole geraten!�</p><p>�Da hast du recht, verdammt noch mal.�</p><p>Die beiden jungen M�nner lachten; es klang freudlos, beinahe brutal. Angst stieg in Madeline auf; ihr Puls schlug wie rasend.</p><p>Sie kniff mehrmals die Augen zusammen. Sie mu�te dem Geh�rten ihre Aufmerksamkeit schenken. Ihre <emphasis>volle</emphasis> Aufmerksamkeit. Sie verlagerte das Gewicht auf den linken Fu�. Die Planken unter ihr knackten.</p><p>�Forbes, ich hab� was geh�rt.�</p><p>�Wo?�</p><p>�Ich wei� nicht, vielleicht war�s drau�en.�</p><p>�Ich hab� nichts geh�rt.�</p><p>�Du hast nicht aufgepa�t.�</p><p>�Geh doch nachschauen, wenn du Angst hast�, sagte Forbes sp�ttisch.</p><p>Madeline pre�te benommen die feuchten Handfl�chen gegen die wei�e Wand. Das durch die Moosgirlanden fallende Sonnenlicht zeichnete ein Schattenspiel auf ihr blasses, apathisches Gesicht.</p><p>�Ach lassen wir�s�, murmelte Preston verlegen. �Wahrscheinlich war es blo� ein Nigger.�</p><p>Madeline wurde beinahe ohnm�chtig vor Erleichterung. Sie l�ste sich aus dem Schatten der Wand, hob die R�cke so leise wie m�glich hoch und eilte ans Ende der Veranda � weg von den offenen Fenstern. Die verschw�rerischen Stimmen, das Gespr�ch �ber Mitteilungen und geladene Pistolen hatten sie aus ihrer Lethargie gerissen. Sie mu�te unbedingt wachsam bleiben, um mehr zu erfahren, aber das war nicht einfach. Die matte Gleichg�ltigkeit wollte sie von neuem �berfallen.</p><p>Als sie durch einen Nebeneingang ins Haus schl�pfte, versuchte sie dagegen anzuk�mpfen. Sie durfte nicht aufgeben. Irgend etwas war in Resolute im Gange. Etwas Eigenartiges und � dem Tonfall des Gespr�chs nach � auch etwas Schreckliches.</p><p>Charles �berreichte Billy einen Umschlag.</p><p>�Fahrkarten zur � nach Washington. Ich h�tte beinahe Hauptstadt gesagt. Aber es ist ja nur noch eure Hauptstadt. Alte Gewohnheiten lassen sich nicht so leicht absch�tteln.�</p><p>Billy steckte den Umschlag ein. Charles streckte ihm noch eine kleine Samtschachtel hin. �Das brauchst du auch noch.�</p><p>Billy ergriff die Schachtel und err�tete. �Guter Gott, die Ringe! Ich hab� v�llig vergessen, daran zu denken.�</p><p>�Orry hat vermutet, da� es in der ganzen Aufregung untergehen k�nnte.� Charles traf Vorbereitungen, sich eine seiner Mammutzigarren anzuz�nden. �Ich wollte, ich h�tte ein paar �brig f�r George. Aber ich wei� nicht, ob er Manns genug ist, um sie zu rauchen!�</p><p>Billy lachte. Orry �ffnete die T�r zur Bibliothek und steckte den Kopf herein. �Wenn Br�utigam und Trauzeuge soweit sind, sollten wir anfangen. Der Pfarrer hat schon drei Gl�ser Sherry getrunken. Noch eins, und er wird nicht mehr in der Lage sein, die Bibel zu lesen.�</p><p>�Oh, du siehst entz�ckend aus.� Ashton klatschte begeistert in die H�nde.</p><p>Brett stand nerv�s vor einem Spiegel. Sie zupfte am Puff�rmel ihres neuen dunkelorangenen Seidenkleides. �Ich bin so gl�cklich, da� ich Trauzeugin sein kann�, fuhr Ashton fort. �Ich bin so dankbar, da� du mich gefragt hast.�</p><p>Brett eilte zu ihrer �lteren Schwester, ergriff ihre H�nde und f�hlte die Zuneigung, die zwischen ihnen war. �Du bist meine Schwester. Ich h�tte nie jemand anderen als Trauzeugen gewollt. Aber ich bin diejenige, die sich bedanken mu�. Ich wei�, was du fr�her einmal f�r Billy gef�hlt hast.�</p><p>�Das war nur eine t�richte Jugendliebe.� Ashton trat zur�ck und drehte Brett den R�cken zu. Mit etwas lauterer Stimme sagte sie: �Ich hab� den Mann, den ich wollte. James ist ein wundervoller, aufmerksamer Gatte. Er � �</p><p>Orrys ungeduldiger Ruf ert�nte von unten. Brett eilte zum Bett, um den Strau� getrockneter Blumen an sich zu nehmen.</p><p>�Wir sollten gehen.�</p><p>�Wann f�hrt euer Zug?�</p><p>�Ich glaube, Billy hat etwas von halb f�nf gesagt. Wieso?�</p><p>�Ich m�chte, da� Homer euch beide in unserer Kutsche hinf�hrt.�</p><p>�Ashton, das ist nicht n���</p><p>�Scht�, unterbrach sie Ashton, die sich nun wieder unter Kontrolle hatte. �Ich will es so haben. Unsere Kutsche ist viel bequemer als Coopers alter Klapperkasten. Und zudem hat Cooper keinen Kutscher. Es w�re eine Schande, wenn ein Mitglied der Main-Familie Niggerarbeit verrichten m��te.�</p><p>Ashton dr�ngte ihre Schwester aus dem Zimmer heraus, indem sie sie mit einem Wortschwall bombardierte. �Du rennst schon mal nach unten; ich komme gleich nach. Ich will blo� schnell Homer suchen, damit alles bereit ist.�</p><p>Nachdem sie die Hintertreppe hinuntergeeilt war, suchte sie jedoch Rex und nicht Homer. Sie befahl dem Jungen, zu Fu� nach Resolute zu rennen, und sch�rfte ihm ein, die Mitteilung niemand anderem als Forbes LaMotte zu �bergeben. Sie unterstrich ihren Befehl dadurch, da� sie ihre Fingern�gel in den d�nnen braunen Unterarm von Rex grub, bis sie Schmerz in seinen Augen lesen konnte. Seit sie ihn ausgepeitscht hatte, war der Nigger dreist gewesen. Sie wu�te, da� er nur auf Rache sann. Aber er w�rde nicht wagen, etwas zu unternehmen, wenn er weiterhin Angst vor ihr h�tte.</p><p>Sie stellte einen Ausgehschein aus und bugsierte Rex durch die Vorratskammer hinaus. Dann strich sie ihr sorgf�ltig gek�mmtes Haar zurecht, setzte ein charmantes L�cheln auf und rauschte nach vorn, um am letzten gl�cklichen Augenblick im Leben von Billy Hazard teilzunehmen.</p><p>�Und nun d�rfen Sie die Braut k�ssen.�</p><p>Nach dieser �u�erung atmete Pfarrer Saxton so tief aus, da� diejenigen, die in der N�he sa�en, in eine Sherrywolke getaucht wurden. Clarissa hielt die H�nde wie ein entz�cktes Kind gefaltet. Sie hatte die Zeremonie mit gro�em Interesse verfolgt, obwohl sie niemanden kannte.</p><p>Hinter ihr stie� Marie-Louise einen verz�ckten Seufzer aus und murmelte: �War das nicht toll?�</p><p>�So nah wirst du nie mehr an einen Altar herankommen�, sagte Judah mit einem boshaften Seitenblick. �Du bist ja h��lich wie eine Vogelscheuche.�</p><p>Das M�dchen gab ihm einen Tritt ans Schienbein. �Und du giftig wie eine Klapperschlange.�</p><p>Cooper gab beiden von hinten einen leichten Klaps auf die Ohren und ermahnte sie mit einem finsteren, v�terlichen Blick zur Ruhe.</p><p>Brett hatte fast kein Wort von dem, was der Pfarrer aus dem Gebetsbuch vorgelesen hatte, mitbekommen. Billy hatte sie mit einem sanften Sto� darauf hinweisen m�ssen, da� sie sich niederzuknien hatten. Sie wu�te zwar, wie heilig und wichtig die Zeremonie war, aber ihr Herz schlug zu schnell, als da� sie sich h�tte konzentrieren k�nnen. In zwei Stunden w�rde sie ihre Heimat verlassen, um als verheiratete Frau in einem fremden, ja sogar feindlichen Land zu leben. Der Gedanke war schrecklich � bis sie in die Augen ihres Gatten blickte, die so viel Liebe und Zuversicht ausstrahlten.</p><p>Er legte die Arme um sie, und sie f�hlte, wie sie von einer Welle von Kraft durchflutet wurde. Mit Billy an ihrer Seite w�rde sie das Schlimmste, das ihr im Norden widerfahren k�nnte, �berstehen. Nie w�rde sie ihre Sehns�chte oder �ngste zeigen, und sie w�rde f�r sie beide eine wundervolle Zukunft aufbauen.</p><p>Diesen stillen Schwur legte sie ab, als sie ihn k��te.</p><p>Orry hatte sich in der dritten und letzten Reihe niedergelassen � aus Angst, da� er seine Gef�hle w�hrend der Zeremonie nicht verbergen k�nne. Gl�cklicherweise blieben seine Augen trocken, obwohl er sehr aufgew�hlt war.</p><p>Er dachte an Madeline. An das Alter und an die Tage, die in einer einsamen Prozession dahinglitten. Er dachte an die Krise von Fort Sumter. Noch vor einem Jahr w�re es unvorstellbar gewesen, da� eine amerikanische Familie wie die Mains unter einer neuen Flagge leben w�rde.</p><p>Vielleicht qu�lten ihn die Gedanken an all die Schwierigkeiten, weil eine Hochzeit ein einschneidendes Ereignis war; ein fr�hlicher Anla�, aber dennoch ein Meilenstein in einem Leben. Er beschlo�, den freudigen Aspekt zu sehen. Nach der Zeremonie k��te er seine Schwester auf die Wange und gratulierte ihr �berschwenglich.</p><p>�Ich hoffe, da� du es wirklich ernst meinst�, antwortete Brett und schmiegte sich an Billy, der sch�tzend einen Arm um ihre Taille gelegt hatte. �Ich m�chte, da� die Heirat unsere zwei Familien zusammenh�lt � was auch immer geschehen mag.�</p><p>Orry sah den Br�utigam an: Ein gutaussehender, t�chtiger junger Mann und der Bruder seines besten Freundes. Aber derselbe junge Mann mit dem fr�hlichen, beinahe abwesenden L�cheln trug im t�glichen Leben keinen eleganten, schwarzen Hochzeitsanzug, sondern eine Uniform. �Auch ich m�chte das�, meinte Orry und versuchte die Zweifel zu verheimlichen, die ihn auf einmal �berw�ltigten. �Gehen wir ins E�zimmer, bevor der Wein warm wird.�</p><p>Sie gingen hinaus, an Ashton vorbei, die sich bei ihrem gelangweilten, m�rrischen Gatten eingehakt hatte. Ashton starrte die Neuverm�hlten unverbl�mt an, was gl�cklicherweise von niemandem bemerkt wurde.</p><p>In der Eingangshalle von Resolute h�rte sich Forbes die Mitteilung an, die Rex �berbracht hatte, und schickte ihn dann in die K�che, damit er sich zur Belohnung eine Schnitte warmen Maisbrotes holen k�nne. Justin und Preston Smith schlenderten eben aus dem Studierzimmer. Justins seidene Hemd�rmel trugen immer noch Spuren seines Ausflugs auf das Feld � �berreste von Bl�ttern und Zweigen. Preston hatte eine gro�e Satteltasche �ber die Schulter geh�ngt.</p><p>Die beiden M�nner blickten Forbes an, der nickte und sagte: �Halb f�nf.�</p><p>Preston schaute an seinem Freund vorbei auf eine goldbronzene Uhr, die unter dem alten S�bel an der Wand auf einer Truhe aus Kirschbaumholz stand. �Dann haben wir noch viel Zeit.�</p><p>�Ich sattle mein Pferd aber trotzdem schon und mach� mich auf den Weg. Ich m�chte sie nicht verpassen.�</p><p>�Ich auch nicht�, stimmte Preston mit einem verschlagenen L�cheln zu.</p><p>Auch Justin l�chelte. Er stolzierte zur Wand, befeuchtete die Kuppe seines Daumens und wischte ein Fleckchen, das nur er sehen konnte, von der gezinkten Klinge. Die durch das Oberlicht einflie�enden Sonnenstrahlen tauchten die Wand und den S�bel in ein Feuermeer.</p><p>�Ich w�nsche euch viel Erfolg, Jungens�, sagte Justin, als er mit dem Daumen auf der Klinge des S�bels hin und her fuhr. �Ihr werdet der �ffentlichkeit einen gro�en Dienst erweisen, wenn ihr den jungen Mr. Hazard t�tet. Ein Offizier weniger in der Yankee-Armee! Abgesehen davon ist es eine wohlverdiente Strafe f�r das Main-Pack.�</p><p>�Find� ich auch�, sagte Forbes grinsend, aber sein Blick war eiskalt.</p><p>�Ich bin auf euren Bericht gespannt�, rief ihnen Justin nach, als die beiden davonstapften. Mit einem selbstgef�lligen Seufzer wollte er sich wieder ins Studierzimmer begeben, aber schon nach wenigen Schritten wurde er auf ein schwaches Ger�usch aufmerksam, das vom oberen Ende der Treppe herkam. Seine Stimme klang ungew�hnlich harsch, als er fragte:</p><p>�Was zum Teufel machst du denn dort oben, Madeline?�</p><p>Es war vollkommen klar; sie hatte zugeh�rt.</p><p>Sie stand in den langen Schatten der Nachmittagssonne und st�tzte sich auf das Treppengel�nder. Ihre Bewegungen waren lebhafter als gew�hnlich, als sie zwei Stufen hinunterstieg. Pl�tzlich �berfiel ihn Angst. War das Laudanum in letzter Zeit durch irgendein Mi�geschick zu schwach dosiert worden?</p><p>Sie klammerte sich mit wei�en H�nden an das Treppengel�nder und stieg eine weitere Stufe hinunter � dann noch eine. Ihr Mieder aus schwarzer Seide hob und senkte sich; sie mu�te sich offensichtlich stark anstrengen. Ihre von tiefen Schatten umrahmten Augen waren ekelerf�llt.</p><p>Die Situation erlaubte keinerlei Nachgiebigkeit. Justin marschierte zur Mitte der Eingangshalle, wo er sich mit gespreizten Beinen postierte und die Daumen �ber dem G�rtel in die Hose steckte. �Hast du unsere G�ste belauscht?� Die Frage enthielt eine unverh�llte Drohung.</p><p>�Nicht absichtlich. Ich�, ihre Stimme wurde kraftvoller, �ich wollte gerade ins N�hzimmer gehen. Wor�ber habt ihr euch unterhalten, Justin? Wen wollen sie t�ten?�</p><p>�Niemanden.�</p><p>�Ich habe den Namen Hazard geh�rt.�</p><p>�Das hast du dir nur eingebildet. Geh auf dein Zimmer.�</p><p>�Nein.�</p><p>Sie stieg zwei weitere Stufen hinunter und schlo� die Augen; ihr Atem ging m�hsam und ruckweise. Auf ihrer bleichen Stirn gl�nzten Schwei�perlen. Er sah, da� sie immer noch gegen die Wirkung des Medikaments k�mpfte.</p><p>�Nein�, wiederholte sie. �Nicht, bis du mir eine Erkl�rung gegeben hast. Sicher habe ich irgend etwas falsch verstanden. Du wirst wohl nicht deinen eigenen Neffen als M�rder gedungen haben.�</p><p>Panik �berw�ltigte ihn. Unbesonnen schrie er: �Du verdammte Hure! Geh auf dein Zimmer! Und zwar sofort!�</p><p>Wiederum sch�ttelte Madeline den Kopf und nahm ihre ganze Kraft zusammen, um langsam und schwerf�llig den Rest der Treppe zu bew�ltigen. �Ich gehe�, sagte sie.</p><p>F�r die n�chsten zwei Stufen brauchte sie beinahe volle zehn Sekunden. Es wurde ihm klar, da� er dumm gewesen war, in Panik zu geraten. Sie war viel zu schwach, als da� sie irgend etwas h�tte unternehmen k�nnen. Es gelang ihm, sich etwas zu entspannen und einen belustigten Blick aufzusetzen.</p><p>�Ah ja? Und wohin willst du denn gehen?�</p><p>�Das�, sie fuhr sich mit einem zerkn�llten Taschentuch �ber die Stirn, �geht dich nichts an.�</p><p>Unmittelbar nachdem Justin den Namen Hazard ausgesprochen hatte, war Madeline bewu�t geworden, wie verzweifelt dringlich die Situation war. Nun, da sie sich unten an der Treppe befand, h�rte sie, wie Pferde auf dem Torweg davonritten. Die Angst gab ihr neue Kraft, und sie konnte die f�rchterliche Lethargie �berwinden. Sie torkelte zum Eingang. Justin machte einen Schritt zur Seite und versperrte ihr den Weg.</p><p>�La� mich bitte durch.�</p><p>�Ich verbiete dir, dieses Haus zu verlassen.�</p><p>Seine Stimme klang nun grell � der endg�ltige Beweis daf�r, da� das Komplott eine Tatsache war. In Mont Royal sollte jemand ermordet werden. Der Grund war ihr unbekannt, aber sie wu�te, da� sie versuchen mu�te, diesen Mord zu verhindern.</p><p>Sie machte einen Bogen um ihren Gatten. Justin ballte die Hand zur Faust, machte eine leichte Drehung nach links und versetzte ihr einen Schlag auf die Schl�fe. Schreiend fiel sie hin.</p><p>Sie lag auf dem Boden und starrte ihn eine Weile, die ihr wie eine Ewigkeit vorkam, benommen an. Schwer atmend st�tzte sie sich auf die H�nde, stand auf und versuchte erneut, die Eingangshalle zu durchqueren.</p><p>Wieder schlug Justin zu. Diesmal schlug sie mit dem Hinterkopf auf die Kante der Kirschholztruhe auf � ein harter, schmerzhafter Aufprall. Ihr Schrei war markersch�tternd. M�hsam st�tzte sie sich auf ein Knie und versuchte verzweifelt aufzustehen.</p><p>Eine T�r wurde ge�ffnet. Zwei schwarze Gesichter sp�hten in die Halle, als sich Justin drohend �ber Madeline beugte. �Wenn du darauf beharrst, dich wie ein starrk�pfiges Tier zu benehmen, wirst du auch als solches behandelt.� Er versetzte ihr einen heftigen Tritt unter die linke Brust.</p><p>Madeline fiel erneut gegen die Truhe, die gegen die Wand prallte. Der S�bel an der Wand rasselte. Verzweifelt schnappte Madeline nach Luft. Tr�nen schossen ihr in die Augen, und sie sah alles wie durch einen Schleier hindurch.</p><p>Justin drehte sich ruckartig um und eilte durch die Halle. �Verdammt noch mal, was gafft ihr hier herum? Verschwindet, oder ich zieh� euch die Haut ab!�</p><p>Die zu Tode erschrockenen Sklaven machten sich aus dem Staub. Madeline sah inzwischen wieder etwas klarer. Sie hielt sich an der Truhe fest und zog sich mit letzter Willensanstrengung hoch.</p><p>Justin drehte sich um, sah, da� sie wieder auf den F��en stand, und begann laut zu fluchen. Sie h�rte hinter ihrem R�cken das Stakkato seiner Stiefelabs�tze; mit den gemeinsten Fl�chen st�rzte er auf sie los. Mit �bermenschlicher Anstrengung ri� sie den S�bel von der Wand, wirbelte herum und schlug zu.</p><p>Die scharfe Klinge ri� ihm das Gesicht von der linken Augenbraue bis zum Unterkiefer auf. Einen Augenblick lang klaffte die Wunde und lie� das Fleisch sichtbar werden, dann scho� das Blut hervor; es lief ihm �ber die Wange und tropfte auf sein Seidenhemd.</p><p>Er pre�te die eine Hand auf die Wunde. �Du gotterb�rmliche Hure du!� und raste auf sie los.</p><p>Sie schleuderte den S�bel fort und trat instinktiv einen Schritt zur Seite. Er konnte den Schwung seines K�rpers nicht mehr bremsen und prallte Kopf voran gegen die Wand. Langsam sank er in die Knie � wie in einem schlechten Schauspiel. Das blutende Gesicht auf der Brust, st�hnte er vor sich hin.</p><p>Zwei andere Sklaven, vom L�rm angezogen, standen unter dem T�rrahmen. �Ezekiel, komm mit mir. Ich brauche den Wagen.� Sie zeigte auf den zweiten Schwarzen. �Du k�mmerst dich um Mr. LaMotte.�</p><p>Zwei Minuten sp�ter lenkte sie den Wagen durch den Torweg in Richtung Flu�.</p><p>�Jung. <emphasis>Jung</emphasis> hat er gesagt.�</p><p>Das linke Hinterrad des Wagens knallte in ein tiefes Loch, und sie wurde beinahe vom Sitz geschleudert. Als sie an Six Oaks vorbeiraste, konnte sie nur knapp verhindern, da� der Wagen nicht im Stra�engraben landete. Die frische Luft hatte ihre Sinne ein wenig gesch�rft, und sie hatte nun einen klareren Kopf. Es war ihr eben in den Sinn gekommen, da� ihr Gatte eine Anspielung auf den <emphasis>jungen</emphasis> Mr. Hazard gemacht hatte. Das Opfer mu�te also der Bruder von George sein. Das hie�, da� er das Fort im Hafen von Charleston verlassen hatte; aber wo war er nun?</p><p>Sonnenbeschienene B�ume flogen an ihr vorbei. Der Wind peitschte ihr Gesicht. Sie war wirklich erzdumm gewesen, so lange bei Justin zu bleiben. Monat um Monat war ihre Widerstandskraft durch eine ihr r�tselhafte Ersch�pfung unterminiert worden, und zuvor war es ihr falsches Ehrgef�hl gewesen, das sie in Resolute zur�ckgehalten hatte.</p><p>Aber der Mann, dem sie sich durch die Heirat verpflichtet hatte, kannte das Wort Ehre nicht � genau wie die meisten Mitglieder seiner Familie. Bis zu diesem Nachmittag war Madeline jedoch nicht klargeworden, wie niedertr�chtig sie wirklich waren.</p><p>Sie hatte am oberen Treppenabsatz gestanden, hatte nach unten geschaut und bemerkt, da� ein junger Sklave Forbes eine Nachricht zugefl�stert hatte. Der Junge lebte nicht in Resolute; er mu�te also von jemand anders hergeschickt worden sein, und zwar mit einer Mitteilung, auf die Forbes ungeduldig wartete.</p><p>Dann war Justin mit dem jungen Smith in ihr Blickfeld getreten. Zuerst hatte sie geglaubt, es handle sich um irgendeinen derben Spa�. Als sie jedoch die rohen Worte h�rte und den Gesichtsausdruck der drei sah, wu�te sie, da� die Anspielung auf den Mord w�rtlich zu verstehen war.</p><p>Nun hoffte sie, den jungen Mr. Hazard in Mont Royal anzutreffen. Sie betete inbr�nstig, da� � solle dies nicht der Fall sein � er rechtzeitig gefunden und gewarnt werden k�nnte. O Gott, sie h�tte Justin wirklich schon vor langer Zeit verlassen und Orry heiraten sollen.</p><p>Die k�hle Luft belebte ihren K�rper und Verstand. Die Nadeln und Perlmutterk�mme, mit denen sie das Haar hochgesteckt hatte, l�sten sich, und lange, schwarze Str�hnen wehten im Wind. Der feurige Wallach, der den offenen Wagen mit halsbrecherischer Geschwindigkeit hinter sich herzog, war bereits schwei�bedeckt.</p><p>Sie f�hlte sich ungemein erleichtert und gl�cklich. Nie mehr w�rde sie nach Resolute zur�ckkehren. Nie mehr zur�ck zu Justin�</p><p>Und zum Teufel mit den Konsequenzen!</p><p><strong>64</strong></p><p>Kurz vor drei Uhr versammelte sich die Familie, um sich von den Neuverm�hlten zu verabschieden. Billy wollte fr�h genug gehen, damit sie gem�tlich zum kleinen Bahnhof im Wald fahren konnten.</p><p>Ein perfekter Nachmittag f�r eine Hochzeitsreise, fand Charles und z�ndete sich schon wieder eine Zigarre an. Die milde M�rzsonne schimmerte durch die moosbewachsenen Eichen, und die Luft roch nach feuchter Erde. Es wurde langsam Fr�hling. Verflixt noch mal, er sollte wirklich nach Charleston reiten und ein M�dchen finden.</p><p>Charles half Homer, die Kisten und Koffer auf Huntoons Kutsche zu verstauen, w�hrend sich Brett und Billy von der Familie verabschiedeten. Ashton stand auf der Seite, um die letzte zu sein. �Ich w�nsche euch von ganzem Herzen eine gute Reise, viel Gl�ck und Erfolg. Und ein langes Leben�, f�gte sie hinzu. Als sie Brett umarmte, funkelte das Sonnenlicht in ihren dunklen Augen.</p><p>�Vielen Dank, Ashton�, sagte Billy. Linkisch sch�ttelte er ihre Hand. Charles fand linkisch den passenden Ausdruck f�r Billys Verhalten Ashton gegen�ber an diesem Nachmittag. Nun, das war nicht weiter erstaunlich, denn Billy war ja lange genug in sie vernarrt gewesen. Aber sein Freund hatte schlie�lich das bessere M�dchen gew�hlt. Ashton war zwar intelligent und voller Elan, hatte jedoch auch eine b�se Ader.</p><p>�Bison�, Billy trat zu Charles und streckte ihm die Hand hin, �pa� auf dich auf, vor allem, wenn es auf Fort Sumter noch hitziger zugehen sollte.�</p><p>�Ich werd� mir M�he geben.� Ihr Handschlag war lang und kr�ftig. �La� mal was von dir h�ren. Ich wei� nat�rlich, da� es eine Weile dauern wird. Schlie�lich ist ein frisch verheirateter Mann noch anderweitig besch�ftigt.�</p><p>�Das m�chte ich wohl hoffen.�</p><p>Beide lachten. Brett hatte eben ihre Mutter zum letztenmal umarmt. Sie wischte sich eine Tr�ne von der Wange und sagte h�nselnd: �Das t�nt aber verrucht.�</p><p>Charles grinste. �Du hast recht, aber wir m�ssen jetzt noch ein paar Zoten rei�en. Der Br�utigam ist schlie�lich um seinen Polterabend gekommen.�</p><p>�Er kann froh sein, da� er in diesen Zeiten �berhaupt zu einer Hochzeitsreise kommt�, sagte Orry auf die ihm eigene m�rrische Art.</p><p>Clarissa l�chelte immer noch und blinzelte wie ein verwirrtes Kind, das trotzdem nett sein will. Einige der Hausdiener waren herausgekommen, um sich ebenfalls zu verabschieden, und so wurden die beiden von einer gro�en klatschenden und Gl�ckw�nsche rufenden Menschenmenge umringt, als Billy seiner Frau in die Kutsche half.</p><p>Er lehnte zum Fenster hinaus und winkte. Brett ebenfalls. Die Sonnenstrahlen brachten ihre Tr�nen zum Glitzern. Homer gab den Pferden die Z�gel. Als die Kutsche langsam davonrollte, winkten alle und riefen ihnen noch mehr Abschiedsworte zu. Spa�eshalber zog Charles den S�bel und salutierte den Neuverm�hlten formell.</p><p>Als er �ber die Klinge seines S�bels schaute, bemerkte er, wie Ashton sich mit dem Taschentuch in einer Hand die Augen wischte und mit der anderen Hand winkte. Dann huschte pl�tzlich ein selbstgef�lliges L�cheln �ber ihr Gesicht. Niemand schenkte dem Beachtung, da alle der Kutsche nachsahen, die im Sonnenlicht auf dem Torweg davonratterte.</p><p>Charles sp�rte einen Stich im Nacken. Er trat einen Schritt zur�ck, so da� er sich hinter einer S�ule vor Ashton verstecken konnte. Was auch immer sie dem Brautpaar zuvor gesagt haben mochte, sie sah auf keinen Fall so aus, als w�rde sie ihnen etwas Gutes w�nschen. Was in aller Welt war eigentlich los?</p><p>Etwas Merkw�rdiges � soviel stand fest. Vielleicht w�rde er mehr erfahren, wenn er die Augen offenhalten und nicht zu viel trinken w�rde.</p><p>Er bat Cuffey, ihm ein Glas Champagner zu bringen. Dann �ffnete er den Kragen seiner Uniform und lie� sich auf einen Schaukelstuhl im Schatten nieder. Er schaukelte gem�chlich hin und her und war froh, allein zu sein. Bevor seine Geduld belohnt wurde, hatte er den Champagner schon in kleinen Schlucken leergetrunken. Ein schwarzer Junge, staubbedeckt und schwer atmend, tauchte bei der Hausecke auf. �Ist Homer hier, Sir?�</p><p>�Nein, er ist mit der Kutsche fortgefahren, aber er wird bald zur�cksein.�</p><p>Charles brauchte einen Augenblick, bis er wu�te, wohin der Junge geh�rte. Sein Name war Rex � der andere Diener von Ashton. Wo war er gewesen? Sein verwaschenes blaues Flanellhemd triefte vor Schwei�, als w�re er eine gro�e Strecke gerannt.</p><p>Der Junge wich Charles� Blick aus und kauerte in einiger Entfernung bei einer S�ule nieder. Charles erinnerte sich genau daran, da� er nach der Zeremonie ein paar Worte mit Homer gewechselt hatte. Rex hatte er nirgends gesehen. Eigenartig.</p><p>Charles hob den Kopf. Er h�rte L�rm; im Torweg erblickte er eine Staubwolke. Das Ger�usch von Pferdegetrampel und quietschenden Wagenr�dern wurde schnell st�rker. Als er die verst�rte, ver�ngstigt dreinblickende Gestalt sah, die den Wagen lenkte, sprang er auf.</p><p>�Madeline�, rief er, warf die Zigarre fort und eilte ihr entgegen. Einen Augenblick sp�ter ergriff er den Zaum des v�llig ersch�pften Pferdes und half Madeline beim Aussteigen. Er wollte sie loslassen, aber sie hielt ihn umschlungen.</p><p>�Madeline, Sie sehen zu Tode erschrocken aus. Was ist los?�</p><p>Mit einem verwirrten Ausdruck schaute sie zum jungen, gro�en Offizier hoch. Sie versuchte sich zusammenzurei�en. Dann bemerkte sie Rex, der angespannt bei der S�ule kauerte. Langsam begann sie die Zusammenh�nge zu begreifen.</p><p>�Ich habe diesen Jungen vor kurzem in Resolute gesehen. Ich bin vollkommen sicher.�</p><p>Aber Rex war schon �ber die Veranda gerast und verschwunden.</p><p>Die Bewegung der Kutsche �bte eine beruhigende Wirkung aus; die Stimmung stieg. Auf den ihnen gegen�berliegenden Kissen zeichneten die Sonnenstrahlen Schatten von F�hren und Eichen, die am Stra�enrand standen. Billy hielt Brett eng umschlungen.</p><p>�Gl�cklich?� fragte er.</p><p>Sie seufzte. �Selig. Ich habe nicht mehr geglaubt, da� der Augenblick noch kommen w�rde.�</p><p>�Und ich habe nicht mehr geglaubt, da� Orry seine Erlaubnis geben w�rde.�</p><p>�Dein Bruder hat ihn umgestimmt, das wei�t du ja.�</p><p>Billy gluckste. �Die Ehemaligen sagen, da� West Point dein Leben auf immer beeinflu�t � und zwar so, wie man sich dies als Kadett nicht vorstellen kann. Jetzt glaub� ich ihnen endlich.�</p><p>Brett dachte einen Augenblick nach. �Wie lange, denkst du, wirst du in Washington bleiben m�ssen?�</p><p>�Das kann ich nicht sagen. Vielleicht Tage, Wochen oder sogar � �</p><p>�Es kommen Reiter, Leutnant Hazard.�</p><p>Als Billy Homers Stimme h�rte, blickte er zum offenen Fenster hinaus. Der Sklave klang zwar nicht beunruhigt, aber allein die Tatsache, da� er die beiden darauf aufmerksam gemacht hatte, lie� etwas Ungew�hnliches ahnen. Billy konnte sie links hinter der Kutsche h�ren. Die Hufe trotteten auf Waldboden. Eigenartig.</p><p>�Wer ist es?� fragte Brett.</p><p>Billy lehnte sich aus dem Fenster. Staubwolken tanzten in den Sonnenstrahlen hinter der Kutsche. Zwei verschwommene Gestalten tauchten zentauren�hnlich in den Staubwolken auf, aber er konnte erst Einzelheiten feststellen, als die Pferde in Galopp fielen. Die zwei Reiter l�sten sich aus dem Staub. Billys H�nde ruhten auf dem Fensterbrett.</p><p>�Ein alter Freund von dir. Dieser Kerl namens LaMotte.�</p><p>Aber auch Brett war eher verwirrt als ver�ngstigt. Forbes gab dem Pferd die Sporen. Sein Begleiter, ein schm�chtiger, elegant gekleideter Bursche etwa in Forbes� Alter, war dicht hinter ihm. Brett lehnte sich aus dem andern Fenster.</p><p>�Merkw�rdig, das ist Preston Smith. Was um Himmels willen tun die beiden auf dieser gottverlassenen Stra�e?�</p><p>Billy hegte den Verdacht, da� sie nicht blo� einen Ausflug machten. Sicher waren sie auch nicht auf dem Weg zu Bekannten, denn die Kutsche war schon seit mehreren Meilen an keiner Siedlung mehr vorbeigefahren. Zu jeder Seite der Kutsche erschien ein Reiter.</p><p>�Homer, halt an!� rief Forbes. Er hatte ein breites L�cheln auf dem Gesicht, aber Billy kam es unecht vor. Forbes fuchtelte befehlshaberisch herum. �Anhalten hab� ich gesagt!�</p><p>Verwirrt zog der Kutscher die Z�gel und trat mit dem Fu� auf die Bremse. Die Kutsche schlingerte hin und her; Staubwolken stiegen hoch. Herunterh�ngende �ste streiften das Gep�ck auf dem Verdeck der Kutsche. An dieser Stelle verengte sich die Stra�e zu zwei schmalen, parallelen, durch hohes Gras voneinander getrennten Furchen.</p><p>Preston Smith hustete und steckte dann das Taschentuch ein, das er vor Nase und Mund gehalten hatte. Forbes ritt hinten um die Kutsche herum auf Billys Seite. Brett lehnte sich �ber Billys Schulter.</p><p>�Ich h�tte nicht erwartet, dich hier drau�en zu sehen, Forbes.�</p><p>Forbes� Haar war staubbedeckt und einige T�ne heller als gew�hnlich. Er schien entspannt und gut aufgelegt. Aber Billy war argw�hnisch, denn er bemerkte einen eigenartigen Glanz in Forbes� Augen. Billy dachte an seinen Dienstrevolver. Er befand sich in der Kiste auf dem Verdeck. Verdammt noch mal.</p><p>�Ich wollte euch gratulieren�, antwortete Forbes. �Du kennst meinen Freund Preston Smith, nicht wahr?�</p><p>Brett nickte und sagte: �Ja, wir haben uns schon gesehen.�</p><p>�Sir�, fuhr Forbes fort, �ich konnte Braut und Br�utigam nicht abreisen lassen, ohne ihnen zu gratulieren.� Sein Gesicht leuchtete auf. �Aber Sie werden mir sicher verzeihen, wenn ich nicht sage, da� der beste Mann gewonnen hat.�</p><p>Unter dem Fenster, unsichtbar f�r Forbes, ergriff Brett Billys Knie und dr�ckte es. Billys Herz raste. Er sprach den Gedanken aus, der beiden durch den Kopf ging.</p><p>�LaMotte, woher wissen Sie, da� wir geheiratet haben?�</p><p>Smith beruhigte sein bockendes Pferd. �Oh, wir haben es irgendwo geh�rt. Ich glaube nicht, da� ich schon die Ehre hatte, Sie kennenzulernen, Sir. Sie sind Leutnant Hazard, nicht wahr?�</p><p>Sein Tonfall machte deutlich, da� es alles andere als eine Ehre war, Billy zu treffen. Billy starrte ihn unentwegt an. �Das stimmt.�</p><p>�Preston Smith. Ihr Diener.�</p><p>Smith l�chelte ver�chtlich. Billy hatte pl�tzlich das Gef�hl, da� die Begegnung kein Zufall war. Waren sie in eine Falle geraten?</p><p>Homer r�usperte sich. �Wir sollten weiterfahren, Leutnant, sonst verpassen wir den Zug.�</p><p>Forbes schaute den Schwarzen an. �Ihr fahrt zum kleinen Bahnhof im Wald, nicht wahr?�</p><p>Homer starrte geradeaus. �Ja, Sir, und ich finde, da� wir nun wirklich Dampf dahinter setzen sollten.�</p><p>�Nigger, du gehst nirgends hin, bis ich es dir erlaube.�</p><p>W�tend sagte Billy: �Fahr weiter, Homer.� Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte er, wie sich Smith nach hinten lehnte, die Hand in die Satteltasche streckte und flink und beinahe m�helos eine riesige Duellierpistole mit bronzener Ziselierung und einem Feuersteinschlo� herauszog. L�chelnd richtete er die Pistole auf Homer.</p><p>�Wenn du die Z�gel ber�hrst, wird die Stra�e voll von Niggerblut sein.�</p><p>�Wir wollen nicht streits�chtig sein�, sagte Forbes mit noch breiterem Grinsen als zuvor. �Aber wir sind ein gutes St�ck geritten, um Ihnen unsere Aufwartung zu machen, und das wollen wir auch tun. Und jetzt, Mr. Yankee-Soldat, steigen Sie aus und trennen Sie sich vom Rock Ihrer Frau, damit ich Ihnen geziemend gratulieren kann.�</p><p>Brett dr�ckte Billys Knie st�rker. �Billy, tu das nicht.�</p><p>Aber Billy sch�umte vor Wut. Er stie� ihre Hand weg, ri� die T�re auf und stieg aus.</p><p>Forbes seufzte. �Nein, Sir, ich kann wirklich nicht sagen, da� der beste Mann gewonnen hat. Obwohl es den Anschein erweckt, als w�ren Sie f�r eine Weile obenauf � wenn Sie verstehen, was ich meine.�</p><p>Billy err�tete. Smith lachte wiehernd. Ein gro�er schneewei�er Reiher segelte �ber die Baumkronen. Billy machte einen Schritt auf Forbes� Pferd zu.</p><p>�Passen Sie auf, was Sie in Anwesenheit meiner Frau sagen.�</p><p>Forbes und sein Freund warfen sich kurze, zufriedene Blicke zu. �Nun, Mr. Hazard, das klingt ja fast wie eine Drohung. Und eine Drohung betrachte ich als pers�nliche Beleidigung. Oder habe ich Sie vielleicht falsch verstanden?�</p><p>�Komm, Billy!� rief Brett. �Vergeude deine Zeit nicht mit diesen gemeinen Idioten.�</p><p>Forbes wandte sich ihr l�chelnd zu. �Wei�t du, Liebling, ich mu� zugeben, da� ich dich immer noch liebe � obwohl dich deine spitze Zunge manchmal in eine giftspeiende Nutte verwandelt. Ich mache jede Wette, da� du auch herumhurst.�</p><p><emphasis>�LaMotte, du Hurensohn, komm von diesem Pferd runter!�</emphasis></p><p>Forbes lachte und sch�ttelte den Kopf, w�hrend er das Pferd au�er Billys Reichweite lenkte. Dann glitt er vom Pferd, gl�ttete sich mit den Handfl�chen das Haar und stolzierte herbei.</p><p>�Ich bin sicher, da� ich diese Bemerkung nicht falsch verstanden habe, Sir. Sie haben mich beleidigt.�</p><p>Mit ernstem Nicken sagte Smith: �Das hat er tats�chlich.�</p><p>Forbes starrte auf Billy herunter, der beinahe einen Kopf kleiner war. �Ich fordere Satisfaktion, Sir.�</p><p>Homer schaute fassungslos zu, wie Brett aus der Kutsche scho�. �La� dich nicht mit ihm ein, Billy! Merkst du denn nicht, da� er hierhergekommen ist, um dich zu provozieren? Ich wei� zwar nicht, wie er herausgefunden hat, da� wir fortgehen, aber la� dich nicht in dieses Spiel hineinziehen!�</p><p>Billy war auf der Hut, fixierte seinen Gegner und sch�ttelte den Kopf. �Halt dich da raus, Brett. LaMotte � �</p><p>�Ich sagte�, unterbrach ihn Forbes, �da� ich Satisfaktion fordere.� Pl�tzlich ri� er den Arm hoch und schlug Billy links und rechts ins Gesicht. Der mit der offenen Handfl�che ausgef�hrte Schlag knallte wie ein Peitschenhieb. �Und zwar hier und jetzt�, fuhr er fort und setzte wieder sein charmantes L�cheln auf.</p><p>�Du gemeiner Hund!� explodierte Brett. �Ich wu�te, da� du eifers�chtig bist, aber ich habe nicht gewu�t, da� es dich in den Wahnsinn getrieben hat. Wie lange hast du auf diesen Augenblick gewartet?�</p><p>�Schon lange � das will ich nicht leugnen. Es ist f�r mich jedoch die angemessenste und ehrenvollste Art, meine Differenzen mit Mr. Hazard zu bereinigen. Preston hat eine zweite Pistole in der Satteltasche. Er wird als mein Sekundant agieren. Was den Ihrigen betrifft�, er wandte seinen Blick der Kutsche zu, �so nehme ich an, da� du dieses Amt �bernehmen wirst, Homer. Meiner Meinung nach macht es sich recht gut, da� der Sekundant eines Yankees ein Nigger ist.�</p><p>Bretts Stimme war heiser vor Angst. �Billy, du darfst das nicht tun!�</p><p>�Sei bitte still�, unterbrach er sie. Er legte ihr den Arm um die Schultern und f�hrte sie hinter die Kutsche. Dann beugte er sich zu ihr nieder und fl�sterte: �Ich mu� mich ihm stellen. Ist dir denn nicht klar, da� er uns abgefangen hat, um mich zu t�ten? Wenn wir zu fl�chten versuchen, findet er irgendeinen Vorwand, um mich auf der Stelle zu erschie�en. Und so � �</p><p>Er schluckte leer. Schwei� rann ihm �bers Gesicht. Ein Tropfen fiel von seinem Kinn, und sein Rockaufschlag verf�rbte sich wie von einem Blutflecken.</p><p>�So hab� ich wenigstens noch eine Chance.�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf; erst sanft, dann immer heftiger. Tr�nen schossen ihr in die Augen. Billy dr�ckte ihren Arm und ging dann wieder auf die andere Seite der Kutsche. Sie h�rte ihn sagen:</p><p>�In Ordnung, LaMotte. Gehen wir zu diesem Feld dort dr�ben beim Sumpf.�</p><p>�Ihr Diener, Sir�, antwortete Forbes und verneigte sich.</p><p>Billy zog Mantel, Krawatte und Wams aus. Er schmi� alles �ber die stachligen Bl�tter einer Yukkapflanze, die neben den verwelkten Wedeln einer wilden Palme wuchs. Homer n�herte sich, aber Billy winkte ab.</p><p>�Bleib bei Brett. Ich komm� allein zurecht.�</p><p>�Wieso eigentlich nicht. Es ist ja wirklich nicht schwer�, best�tigte Smith, als er die beiden Duellanten im Sonnenschein in die Mitte eines Bermudagrasfeldes abkommandierte. Die Halme wogten sanft im Wind.</p><p>Smith streckte die H�nde aus, in denen je eine Duellierpistole lag. Billy bemerkte, da� es sich um zwei identische Modelle handelte � ein weiterer Beweis daf�r, da� die Begegnung kein Zufall war. F�r einen kleinen Ausritt hatte man nicht zuf�llig derartige Pistolen einfach in der Satteltasche.</p><p>�Meine Herren, ich werde die Pistolen vor Ihnen beiden mit Pulver und Kugel laden. Dann stellen Sie sich R�cken an R�cken und machen auf meinen Befehl hin zehn Schritte. Nach dem zehnten Schritt k�nnen Sie sich umdrehen und schie�en. Irgendwelche Fragen?�</p><p>�Nein�, sagte Forbes und rollte die �rmel hoch.</p><p>�Beeilen Sie sich�, meinte Billy.</p><p>H�hnisch verbeugte sich Smith, kniete dann ins Gras, �ffnete die Satteltasche und entnahm ihr zwei Pulverflaschen, die eine etwa dreimal gr��er als die andere. Aus der gr��eren sch�ttete er grobk�rniges Pulver, das die Kugel antreiben w�rde, in die M�ndung der ersten Pistole. Dann stopfte er die Kugel und einen Tuchfetzen hinein, und zum Schlu� f�llte er die M�ndung mit dem feink�rnigen Pulver auf, das er der kleineren Flasche entnahm.</p><p>Er �berreichte die Pistole Forbes, der sie oberfl�chlich begutachtete und nickte. Forbes schien es interessanter zu finden, seinem Freund zuzuschauen, wie dieser die zweite Pistole mit der nach oben gerichteten M�ndung zwischen die Knie klemmte.</p><p>Billy sah, wie Smith nach der gr��eren Flasche griff. Forbes r�usperte sich. Billy wandte sich ihm zu.</p><p>�Sie haben sicher nichts dagegen, wenn ein Mann vor dem Gefecht pissen geht?� Billy sch�ttelte den Kopf. �Dann w�rden Sie vielleicht so freundlich sein und dies hier halten, bis ich zur�ck bin.�</p><p>Er streckte bereits die Pistole hin; Billy mu�te sie nehmen und konnte deshalb nicht sehen, da� Smith die Stellung der gr��eren Flasche ver�nderte. Beinahe das ganze grobk�rnige Pulver fiel ins rauhe Gras.</p><p>Das Ganze war gut geplant und in Sekundenschnelle durchgef�hrt worden. Forbes hatte Billy genau im richtigen Augenblick abgelenkt; der Kunstgriff war nicht aufgefallen. Man konnte nur Smith im wogenden Gras kauern sehen � die Pistole wurde fast ganz von seinen Knien verdeckt.</p><p>Smith legte die zweite Kugel in die M�ndung, f�llte diese mit dem feink�rnigen Pulver auf und sagte: �Hier.� Er stand auf und hielt Billy die schwere Pistole hin, die nun zu wenig grobk�rniges Pulver enthielt, um die Kugel mit der �blichen Geschwindigkeit anzutreiben. Diese Waffe w�rde niemanden mehr t�ten k�nnen.</p><p>Billy bemerkte einige Pulverk�rner an der Stelle, wo Smith niedergekauert war. Er fragte sich kurz, ob er einen Austausch der Pistolen verlangen sollte, verdr�ngte seinen Argwohn jedoch gleich wieder. Nicht einmal ein eifers�chtiger Verehrer w�rde sich dazu hinrei�en lassen, Waffen zu manipulieren, die in einer Ehrensache verwendet wurden.</p><p>Forbes kam zur�ck. Billy reichte ihm die erste Pistole. Smith gab Billy die zweite. �Danke�, sagte Billy, als er sie in Empfang nahm.</p><p>Smith r�usperte sich: �Gentlemen, sollen wir beginnen?�</p><p><strong>65</strong></p><p>�Ist Billy Hazard hier?� fragte Madeline. Seit ihrer Ankunft in Mont Royal waren etwa f�nf Minuten verstrichen. Charles hatte sie in die Bibliothek gef�hrt und nach Orry rufen lassen, der nun betroffen an der verschlossenen T�r lehnte.</p><p>�Er ist fortgegangen�, antwortete Charles. �Zusammen mit Brett. Sie werden im kleinen Waldbahnhof einen Zug nach Norden nehmen. Vor zwei Stunden haben sie geheiratet.�</p><p>�Geheiratet�, wiederholte Madeline verwirrt. �Das mu� irgendwie damit zu tun haben.�</p><p>�Womit?� fragte Orry.</p><p>Sein Tonfall war sch�rfer als gewollt, aber die Gef�hle �bermannten ihn; einerseits Freude �ber ihren unerwarteten Besuch, andererseits herzzerrei�ender Kummer, wenn er ihr trauriges und apathisches Gesicht betrachtete. Sie hatte noch mehr abgenommen; aber es war noch etwas viel Schlimmeres mit ihr geschehen, obwohl er nicht sagen konnte, was.</p><p>�Forbes�, murmelte sie. �Forbes und sein Freund Preston Smith. Sie haben Resolute kurz vor mir verlassen. Ich habe geh�rt, wie sie Justin sagten, da� sie � da� sie Billy umbringen w�rden. Jemand von hier mu� ihnen mitgeteilt haben, da� er und Brett abreisen w�rden.�</p><p>Charles kaute an der kalten Zigarre. �Kann es der Bursche gewesen sein, den Sie drau�en gesehen haben?�</p><p>�Ich wei� nicht.� Ihre Augen waren merkw�rdig glasig geworden. �Ja, er mu� es gewesen sein.�</p><p>�Von welchem Burschen redest du?� wollte Orry wissen.</p><p>Charles� Gesichtsausdruck war frostig und bedrohlich geworden. �Rex, der Bursche von Ashton. Ich geh� ihn suchen.�</p><p>Er ging zur T�r. Orry schritt an ihm vorbei auf Madeline zu. �Sind Sie sicher, da� die zwei gesagt haben, sie wollten Billy etwas antun?� fragte Charles und wartete bei der T�r auf ihre Antwort.</p><p>�Das Wort, das ich geh�rt habe, war �umbringen�.� Sie wollte die Tr�nen zur�ckhalten, was ihr aber nicht gelang. <emphasis>�Umbringen.�</emphasis></p><p>Orrys Gesicht war wutverzerrt. �Bei Gott, ich werde mit Justin reden � �</p><p>�Dazu reicht die Zeit nicht�, schrie Madeline. �Und Justin ist nicht mehr wichtig. Ich habe ihn verlassen!�</p><p>Orry starrte sie verst�ndnislos an.</p><p>�Verlassen�, wiederholte sie. �Ich geh� nie mehr zur�ck nach�� Bevor sie den Satz beenden konnte, kippte sie ohnm�chtig um.</p><p>Sie fiel gegen Orrys Brust, der durch den Aufprall r�ckw�rts stolperte, sie jedoch auffangen konnte. �Geh und hol Hilfe�, schrie er Charles zu.</p><p>Charles nickte und verlie� mit grimmigem Gesichtsausdruck die Bibliothek.</p><p>�Ashton, wo ist dein Bursche?�</p><p>Seine Cousine schaute vom silbernen Teeservice auf. Sie hatte im Salon eben Tee f�r sich und Clarissa einschenken wollen.</p><p>�Meinst du Rex?�</p><p>�Ja. Wo ist er?�</p><p>Sein eisiger Blick fegte ihr L�cheln weg. �Irgendwo drau�en, nehme ich an. Wieso bist du so eingeschnappt?�</p><p>Verzweifelt versuchte sie, sich zu verstellen; sie hatte den Wagen kommen h�ren, als sie und ihre Mutter sich gerade setzen wollten, und hatte durchs Fenster gesehen, wie Madeline � schmutzig und h��lich wie eine Hexe � ins Haus gef�hrt wurde. Aber Ashton hatte sich nicht getraut, den Salon zu verlassen � aus Angst, da� irgend etwas schiefgegangen war.</p><p>Charles beantwortete ihre Frage nicht. Als er hinausraste, zitterte der Boden unter seinem schweren Stiefelschritt.</p><p>Mit einem freundlichen, wi�begierigen L�cheln sagte Clarissa: �Ich kenne diesen jungen Mann nicht. Ist er ein Besucher?�</p><p>�Er ist dein Neffe, Mama!�</p><p>Ashtons Tonfall war so heftig gewesen, da� Clarissa Tr�nen in die Augen schossen. Ashton trocknete ihr die Wangen mit kurzen, heftigen Bewegungen. �Tut mir leid, da� ich aufgefahren bin, aber ich habe ganz pl�tzlich f�rchterliche Kopfschmerzen � �</p><p>�Vielleicht hilft der Tee ein wenig.�</p><p>�Ja. Vielleicht.�</p><p>Ihre H�nde zitterten, als sie den Tee einschenken wollte. Sie go� ihn prompt neben die Tasse und h�tte beinahe den Krug fallen gelassen. �Verdammt noch mal!�</p><p>Clarissa atmete ger�uschvoll, als sie die profane Bemerkung h�rte. Ashton knallte den Krug auf das Tablett, stand auf und schritt nerv�s auf und ab. Charles mu�te irgend etwas wissen; soviel stand fest. Doch wenn sie zu neugierig w�re, k�nnte sie sich selbst verraten. Aber konnte sie es wagen, ihn mit Rex allein zu lassen? Der Junge wartete ja nur darauf, ihr eins auszuwischen.</p><p>Etwa eine Minute lang war sie vor Unentschlossenheit wie gel�hmt. Dann rauschte sie ohne Erkl�rung aus dem Zimmer. Clarissa faltete eine Serviette zusammen und wischte den Tee weg, den die junge Frau versch�ttet hatte. Wie nerv�s dieses M�dchen doch war! Clarissa versuchte vergeblich, sich an ihren Namen zu erinnern.</p><p>Auf der Veranda vor der K�che neigte sich Charles �ber Rex, die eine Hand dicht neben dem Ohr des Jungen gegen eine graue Wand aus Zypressenholz gepre�t. Er hatte den Burschen gefunden, als dieser eben an einem St�ck gep�keltem Schweinefleisch herumkaute, und bevor er fortkriechen konnte, hatte Charles ihn mit einer Drohgeb�rde festgenagelt.</p><p>�Rex, ich dulde keine L�gen! Hast du verstanden?�</p><p>Verzweifelte schwarze Augen blickten auf den hinter Charles liegenden Rasen. Der Junge wu�te, da� er in der Falle sa�. Mit leiser Stimme antwortete er: �Ja, Sir.�</p><p>�Du bist den ganzen Weg nach Resolute und zur�ck gerannt, nicht wahr?�</p><p>Rex bi� sich auf die Unterlippe. Charles� Miene verfinsterte sich, und er beugte sich noch mehr vor.</p><p>�Rex � �</p><p>Rex antwortete mit schwacher Stimme: �Ja.�</p><p>�Mit wem hast du dort gesprochen?�</p><p>Erneutes Z�gern. �Mist� LaMotte.�</p><p>�Justin LaMotte?�</p><p>Rex kratzte sich den Kopf. �Mist� Forbes. Man hat mir gesagt��</p><p>Er hielt inne. Charles stachelte Rex an:</p><p>�Wer hat es dir gesagt? Ich will, da� du den Namen der Person sagst, die dich nach Resolute geschickt hat.� Er wu�te nat�rlich, wer es gewesen war; nachdem er die erste �berraschung und den Ekel �berwunden hatte, war das Komplott nur zu durchsichtig und glaubw�rdig geworden. Er zog die Hand von der Wand zur�ck und ber�hrte sanft den Arm von Rex.</p><p>�Ich verspreche dir, da� dir nichts passieren wird, wenn du mir den Namen sagst.�</p><p>Der Junge k�mpfte mit sich, pr�fte Charles Gesichtsausdruck und entschlo� sich schlie�lich zu einer Antwort. Ein sonderbares L�cheln umspielte pl�tzlich seine Mundwinkel. Charles verlor langsam die Geduld.</p><p>�Verdammt noch mal, Bursche, wir haben keine Zeit f�r solche Sachen. Sag endlich � �</p><p>�Rex? Hier steckst du; ich hab� dich �berall gesucht!�</p><p>Charles stand auf, drehte sich um und sah, wie Ashton auf sie zugerannt kam.</p><p>V�llig atemlos trat sie auf die K�chenveranda. �Komm mit, du Bengel. Ich brauche dich, und zwar sofort.�</p><p>�Zuerst mu� er mir eine Antwort geben�, sagte Charles.</p><p>�Aber Charles�, sie setzte einen niedlichen Schmollmund auf, doch er hatte das Gef�hl, da� Angst dahinter steckte, �ich mu� mich f�r die Heimreise bereit machen.�</p><p>�Du kannst nicht fortgehen, bis Homer mit der Kutsche zur�ckkommt.� Voller Ironie f�gte er hinzu: �Und wenn wir Madelines Bericht Glauben schenken k�nnen, wird das noch eine geraume Weile dauern.�</p><p>�Madeline LaMotte? Willst du damit sagen, da� sie hier ist?�</p><p>�Du hast uns ja beobachtet, als ich sie �ber die Veranda geleitete. Ich hab� dich gesehen, als du dich hinter dem Vorhang verstecken wolltest.�</p><p>Ashton wurde puterrot und stotterte � eine Reaktion, die man von ihr nicht gewohnt war. Charles ben�tzte die Gelegenheit und wandte sich wieder dem Jungen zu.</p><p>�Ich warte auf deine Antwort, Rex. Wer hat dich mit der Nachricht, da� Billy und seine Frau verreist sind, nach Resolute geschickt?�</p><p>Ashton merkte, da� die Falle am Zuschnappen war. Es war sinnlos, sich noch weiter zu verstellen, aber sie hatte einen starken Selbsterhaltungstrieb. Sie dr�ngte an Vetter Charles vorbei und erhob drohend die geballte Faust. �Falls du wei�t, was gut f�r dich ist, Rex, dann h�ltst du den Mund � <emphasis>oh!�</emphasis></p><p>Rex sah die Faust dicht vor seiner Nase zittern. Charles hatte den Schlag abgefangen, indem er Ashton am Handgelenk packte. Der Junge machte gro�e Augen; Ashton wurde �bel. Sie wu�te, woran er dachte: an die Peitschenhiebe.</p><p><emphasis>�Sie</emphasis> hat mich geschickt.�</p><p>Der Tonfall des Jungen war beleidigend und bei�end. Charles seufzte und lie� Ashton los. Sie rieb sich das Handgelenk.</p><p>�Wovon redet er eigentlich? Ich habe nicht die leiseste � �</p><p>�Sei still�, unterbrach sie Charles. �Madeline hat Orry und mir alles erz�hlt, was sie in Resolute geh�rt hat. Es hat keinen Sinn mehr, wenn du noch weiter l�gst oder diesen Jungen bedrohst.� Er packte Rex an der Schulter. �Es ist besser, wenn du dich aus dem Staub machst.�</p><p>Rex rannte davon.</p><p>Charles betrachtete die Ver�nderung, die sich auf Ashtons Gesicht vollzog. Sie wurde aschfahl, und ihr aufgesetztes, unehrliches L�cheln verschwand. Er traute seinen Augen kaum. Mit zorniger, aber leiser Stimme sagte er:</p><p>�Mein Gott � es ist also wahr. Du willst, da� dein Schwager verletzt oder get�tet wird.�</p><p>Ihr Schweigen und ihr trotziger Blick best�tigten dies. Er verlor keine Zeit mit Beschuldigungen, sondern packte seinen S�bel und raste wie ein Verr�ckter zum Stall.</p><p>Ashton ging ihm einen Schritt nach und schrie der verschwindenden Gestalt hinterher: �Das n�tzt nichts mehr. Es ist schon zu sp�t. <emphasis>Zu sp�t.�</emphasis></p><p>�Eins�, rief Smith mit lauter Stimme. Den Blick geradeaus gerichtet, die Pistole in der Hand, begannen die Duellanten in entgegengesetzte Richtungen zu gehen.</p><p>�Zwei.�</p><p>Der Wind spielte mit den Grashalmen und kr�uselte das glitzernde Wasser im Sumpf. Schwei� rann �ber Billys Nacken und durchn��te den Kragen seines feinen Hochzeitshemds.</p><p>Billy versuchte, sich zu konzentrieren, und starrte auf den tiefh�ngenden Ast einer Eiche, unmittelbar vor ihm. Er f�hlte die Duellierpistole in seiner Hand und rief sich in Erinnerung, wie er sie hochhalten und abdr�cken mu�te.</p><p>�Drei.�</p><p>Brett hielt die H�nde so stark zusammengeballt, da� ihre Unterarme schmerzten. Sie stand bei der Kutsche und fragte sich, wie es zu diesem schrecklichen Erlebnis hatte kommen k�nnen. Wer hatte Forbes von ihren Reisepl�nen erz�hlt? Es konnte kein Zufall sein, da� er genau auf dieser Stra�e geritten war.</p><p>�Vier.�</p><p>Homer stand etwa zwei Meter rechts von Brett. Als die zwei Duellanten voneinander weggingen, sah er, wie sich der junge LaMotte und sein Sekundant verschw�rerisch anblickten. Homer hatte einen grauen, faustgro�en Stein vom Boden aufgelesen und lie� ihn nerv�s und gedankenverloren von einer Hand in die andere gleiten. Etwas schien wirklich faul bei diesem Unterfangen.</p><p>�F�nf.�</p><p>Preston Smith stand bei seinem und Forbes� Pferd zu Bretts Linken. Er wollte nahe bei seiner Satteltasche sein � f�r den Fall, da� irgend etwas schiefginge. Er blickte zu seinem rechten Stiefel hinunter und war wieder beruhigt, als er die Tasche sah, die auf der Au�enseite des Stiefelschafts aufgen�ht worden war. Dann wanderte sein Blick �ber Brett zu Homer, der schwitzend mit einem Stein jonglierte. Sie hatten von einem ver�ngstigten Nigger nichts zu bef�rchten. Ein Gef�hl von Genugtuung durchflutete ihn; es war so stark, da� er beinahe vergessen h�tte weiterzuz�hlen.</p><p>�Sechs.�</p><p>Billy konnte nicht mehr klar sehen. Panik stieg hoch, es wurde ihm �bel, und er hatte einen trockenen Mund. Die Gedanken jagten sich mit rasender Geschwindigkeit:</p><p><emphasis>Wieso sollst du sie anschauen?</emphasis></p><p><emphasis>Du wirst sie wiedersehen.</emphasis></p><p><emphasis>Aber vielleicht doch nicht.</emphasis></p><p><emphasis>Wie haben sie uns gefunden?</emphasis></p><p>Ein Ger�usch drang in sein Bewu�tsein � ein sanftes, regelm��iges Klopfen. Er hatte nicht gewu�t, da� sein Herzschlag so t�nte.</p><p>�Sieben.�</p><p>Homer verstand nun den verschlagenen Blick, den sich die beiden Freunde zugeworfen hatten. Seine Nase hatte ihn also nicht get�uscht. Die zwei hatten die Ermordung des jungen Hazard geplant. Er wu�te zwar nicht wie und weshalb, aber er war vollkommen sicher, da� es so war. Als er daran dachte, was bald geschehen w�rde, wurde ihm ganz elend, und er mu�te sich, den Stein umklammernd, an das Vorderrad der Kutsche lehnen.</p><p>�Acht.�</p><p>Auch Brett legte das klopfende Ger�usch f�r einen Augenblick falsch aus. Doch dann wurde ihr klar, da� ein Pferd auf der Stra�e aus der Richtung von Mont Royal herbeigaloppierte. Ein Schrei t�nte durch das Geklapper der Hufe.</p><p>Auch Smith h�rte es. Eines der von ihm gehaltenen Pferde scheute und wieherte, wodurch ein Teil des Schreis verschluckt wurde.</p><p><emphasis>�� Billy, pa� auf � �</emphasis></p><p>Brett ri� die Augen auf. �Das ist ja Charles!�</p><p>�Neun.�</p><p>Forbes drehte sich um; sein Selbstvertrauen schmolz dahin. Er mu�te den leichenblassen, ver�ngstigten Smith gar nicht erst anschauen, um zu wissen, da� der Reiter ihren Plan durchkreuzen w�rde. Billy reagierte nicht mehr auf Smiths Z�hlen. Er stand da und starrte erwartungsvoll auf die Stra�e. Wut und Verzweiflung �berw�ltigten Forbes. Billys Hinterkopf gab eine deutliche Zielscheibe ab�</p><p>Smith hatte vergessen, zehn zu rufen. Aber das war ja auch v�llig unwichtig. Forbes hob die Pistole auf Schulterh�he und zielte.</p><p>Homer war sich bewu�t, da� er bestraft w�rde, wenn er einen Wei�en angriff, aber er konnte nicht einfach zusehen, wie jemand ermordet wurde. Er holte mit seinem rechten Arm zum Wurf aus.</p><p>Smith begriff nicht genau, was der Schwarze vorhatte, aber er fa�te es als Bedrohung auf. Er schrie und raste an Brett vorbei. Im Rennen streckte er die Hand zum rechten Stiefel aus.</p><p>Der Stein segelte auf Forbes zu, als dieser dabei war, abzudr�cken. Brett sah, da� er ihn um mindestens einen Meter verfehlen w�rde, aber er hatte seinen Zweck erf�llt, denn er durchquerte Forbes� Blickfeld, und jener mu�te den Kopf nach links werfen � auch die Hand, in der Forbes die Pistole hielt, wurde mitgerissen. Eine Explosion � eine Rauchwolke�</p><p>Der Stein fiel ins windgepeitschte Gras. Forbes sperrte den Mund auf. Billy drehte sich um und starrte seinen Gegner an.</p><p>Brett hatte sich angsterf�llt gegen die Kutsche gedr�ckt, als Smith an ihr vorbeigerast war. Sie richtete ihren Blick auf das Feld: Billy stand immer noch aufrecht, er schien unverletzt. Der Reiter tauchte auf. �Charles!� rief sie. Der Ruf wurde durch einen gutturalen Schrei ged�mpft.</p><p>Sie wirbelte herum und pre�te eine Hand auf den Mund. Smiths Gesicht war zu einer Fratze verzerrt. Er zog die Klinge seines Jagdmessers, das er aus dem Stiefelschaft gezerrt hatte, aus Homers Brust.</p><p>�Oh.� Homer starrte auf sein zerrissenes und blutbeflecktes Hemd. �Oh�, wiederholte er �berrascht und voller Schmerzen, als er zur Seite kippte. Smith half mit seiner freien Hand nach. Homer starb im Fallen.</p><p>Mit geraumer Versp�tung wurde Billy bewu�t, da� eine Kugel an seinen Ohren vorbeigepfiffen war. Wenn Forbes nicht durch den Stein, den Homer geworfen hatte, abgelenkt worden w�re, so h�tte ihn die Kugel mit gro�er Sicherheit getroffen.</p><p>Charles brachte sein schwei�bedecktes Pferd zum Stehen. Er trug immer noch die Uniform. Als er vom Pferd sprang, schlug ihm sein S�bel ans Bein. Billy starrte wieder auf Forbes � Forbes, der zu fr�h geschossen hatte; der versucht hatte, ihn von hinten zu erschie�en! Zitternd vor Zorn hob Billy die Duellierpistole, zielte und dr�ckte ab. Aus der M�ndung scho� eine Stichflamme, und man h�rte einen Knall, der irgendwie zu leise t�nte.</p><p>Forbes hatte sich keinen Zentimeter bewegt. Billy hatte genau auf die Mitte seines Brustkastens gezielt. Wie konnte die Kugel ein solch gro�es, unbewegliches Ziel verfehlt haben?</p><p>Dann stach ihm ungef�hr zehn Schritte vor seinen F��en, auf einem St�ck unbewachsener Erde, etwas Dunkles in die Augen. Er marschierte darauf los; ein bleifarbenes Metallst�ck wurde sichtbar. <emphasis>Die Kugel aus seiner Pistole � dort lag sie.</emphasis></p><p>Er erinnerte sich wieder, wie Smith niedergekauert war, als er die Pistolen geladen hatte, und pl�tzlich erinnerte er sich auch an das versch�ttete Pulver. Ein sorgf�ltig geplantes Man�ver! Er stie� einen Fluch aus und warf die Pistole ins Gras.</p><p>�Forbes!�</p><p>Forbes drehte sich rasch nach Smith um, der sein Jagdmesser hochhielt und dann seinem Freund zuwarf. Forbes wartete, bis es nahe neben ihm ins Gras fiel, und packte es mit der linken Hand. Dann zerrte er aus dem rechten Stiefel ein zweites, genau gleiches Messer; nur war es nicht blutverschmiert und f�nf Zentimeter l�nger.</p><p>Die Sonne zeichnete Silberflammen in Forbes� H�nden, als er auf Billy zuschritt. �Es tut mir leid, da� Ihr Schu� danebenging.� Forbes stie� ein irres Lachen aus. �Ich bin aber ganz sicher, da� es Ihnen noch viel mehr leid tut.�</p><p>�Mein Schu� ging nicht daneben. Die Kugel ist gar nie in Ihre N�he gekommen. Sie liegt dort dr�ben auf dem unbewachsenen Fleck. In meiner Pistole war nicht genug Pulver.�</p><p>�Sie sind aber wirklich ein verflucht heller Yankee.�</p><p>Der Wind w�hlte in Forbes� Haar, das auf seiner schwei�bedeckten Stirn klebenblieb. Billy trug keine Waffe bei sich. Er trat einen Schritt zur�ck; und dann noch einen. Forbes bewegte sich seitw�rts wie eine Krabbe auf ihn zu.</p><p>�Sie h�tten sich nicht an Brett heranmachen sollen. Und Sie h�tten auch nie einen Fu� nach South Carolina setzen sollen. Jetzt wird man Sie daf�r in einem Sack nach Hause schicken, und ich bin vollkommen sicher, Ihre Verwandten werden keine Lust haben, ihn zu �ffnen, um Sie anzuschauen.�</p><p>Mit dem rechten Messer zeichnete er einen kleinen Kreis in die Luft und f�hrte dann die gleiche Bewegung mit dem linken aus. �Auf jeden Fall nicht, nachdem ich Ihr Gesicht versch�nert hab�!�</p><p>Billy trat wieder einen Schritt zur�ck. Er wollte zum n�chsten Baum rasen und versuchen, einen Ast abzurei�en, bevor eines dieser Messer�</p><p><emphasis>�Billy!�</emphasis></p><p>Als er den Ruf h�rte, drehte er sich ruckartig zur Kutsche um. Smith war verschwunden. Charles stand nun neben Brett; sein Hemdkragen war lose, die hellblaue Hose schmutzig: mit wutverzerrtem Gesicht schleuderte er den S�bel aufs Feld.</p><p>Billy machte einen Schritt nach rechts, um dem S�bel m�glichst nahezukommen. Gerade als der S�bel ins Gras fiel, tauchte Smith wieder hinter der Kutsche auf und rannte auf sein Pferd zu. Der S�bel landete einige Schritte von Billy entfernt, und Billy st�rzte sich sofort auf die Waffe und ri� sie an sich.</p><p>Smith hatte sein Pferd erreicht und zerrte eine Derringer mit vier L�ufen aus der Satteltasche. Charles sah ihn, fluchte und st�rzte sich auf ihn. Smith rannte einige Schritte auf das Feld hinaus, zielte auf Billy und scho� alle L�ufe leer. Nach der letzten dr�hnenden Explosion f�hlte Billy, da� er getroffen war. Er stie� einen Schmerzensschrei aus und taumelte.</p><p>Charles packte Smith von hinten, wirbelte ihn herum, ri� ihm die leergeschossene Derringer aus der Hand und h�mmerte in wilder Wut rechts und links auf ihn ein � ungezielte, aber harte Schl�ge. Smith st�hnte; schon flossen rote B�che aus seiner Nase.</p><p>Billy war umgefallen. Sein linker �rmel oberhalb des Ellbogens f�rbte sich rot. Er lag auf dem Bauch und versuchte, sich mit beiden Armen hochzustemmen. Stechende Schmerzen durchfuhren seinen linken Arm. Seine Hand versagte ihren Dienst.</p><p>Silbernes Licht funkelte ein paar Schritte neben ihm im Gras. Er tastete nach dem S�belgriff und h�tte die Waffe beinahe fallen gelassen, als er sich m�hsam aufrappelte. Ein langer Schatten fiel �ber das Gras. Billy wich zur Seite. Forbes� Messer verfehlte ihn nur ganz knapp.</p><p>Der Schmerz schw�chte ihn und benebelte seinen Kopf. Es blieb ihm nichts anderes �brig, als sich zur�ckzuziehen und den Angriffen so gut wie m�glich auszuweichen. Forbes� schwei�nasses Gesicht grinste bedrohlich; in seinen Augen glimmte Mordlust.</p><p>Billy verteidigte sich auf instinktive Art. All die eleganten, sch�n geplanten Abwehrbewegungen, die er in West Point gelernt hatte, tauchten in einem Nebel von Schrecken und brennendem Schmerz unter. Forbes stach mit dem Messer der linken Hand zu. Billy parierte mit dem S�bel und wollte Forbes wegsto�en, aber er war zu schwach.</p><p>Forbes gluckste kehlig. �Nun hab� ich dich � Yankee.� Er vollf�hrte mit beiden Messern gleichzeitig schnelle Bewegungen in der Luft, um Billy zu verwirren, w�hrend er sich unaufhaltsam an Billy heranschob.</p><p>Wieder zog sich Billy zur�ck, um einen Ausfall vorzubereiten, war jedoch wegen des Blutverlusts zu schwach dazu. Er f�hlte das warme Blut unter seinem Hemd bis zum Handgelenk; es tropfte nun von der Manschette.</p><p>Brett rief von irgendwoher, aber er wagte nicht, sich umzudrehen. Er stolperte �ber kr�ftige, freiliegende Wurzeln und stie� pl�tzlich mit dem R�cken gegen einen riesigen Baumstamm. Gen��lich fixierte Forbes seinen Gegner. Mit dem gr��eren Jagdmesser zielte er auf Billys Gesicht.</p><p>Billy tauchte blitzschnell nach rechts, die Klinge zitterte im Baumstamm. Forbes versuchte gar nicht erst, das Messer wieder freizubekommen, sondern stie� mit dem zweiten zu. Billy wich auf die andere Seite aus. Das Messer grub sich haarscharf an seinen Rippen vorbei in die dicke Baumrinde.</p><p>Mit einem verzweifelten Blick in den Augen streckte Forbes jetzt beide H�nde aus, um die Messer aus dem Baum herauszurei�en. Billy wu�te, da� dies seine letzte Chance war. Er zog ein Knie an und rammte es Forbes in den Unterleib. Forbes schnappte nach Luft und torkelte zwei Schritte zur�ck. Billy hatte nun ein wenig Bewegungsfreiheit. Er bohrte Forbes den S�bel in die Brust. Forbes kippte vorn�ber. Beim Aufprall auf die Erde bohrte sich der S�bel bis zum Knauf in Forbes� Brust und ragte pl�tzlich aus seinem R�cken.</p><p>Zitternd drehte sich Billy um. Der Schmerz in seinem Arm war nicht halb so schlimm wie die aufsteigende �belkeit. An den Baumstrunk gelehnt, �bergab er sich.</p><p>Brett stie� erleichtert einen leisen Schrei aus und eilte zu ihrem Gatten. Charles rief: �Bring ihn hierher, ich will mir seine Wunde ansehen.� Dann wandte er sich erneut Smith zu. Er packte Forbes� Kumpan am Hemdkragen und dr�ckte ihn gegen die Kutsche. Smith hielt die H�nde auf den Unterleib gepre�t; Tr�nen rollten �ber seine Wangen. Charles sch�ttelte ihn.</p><p>�La� endlich dein Gejammer und h�r gut zu! Ich hab� mir einmal deinen Verwandten Whitney vorgekn�pft, und eigentlich m�chte ich mit dir das gleiche tun. Aber ich finde, wir haben schon genug Blut vergossen. Mach dich also aus dem Staub, bevor ich es mir anders �berlege!�</p><p>Winselnd stolperte Smith auf sein Pferd los.</p><p>�Du gehst zu Fu߫, sagte Charles scharf. �Die Tiere bleiben hier.�</p><p>Ohne einmal zur�ckzublicken, wandte sich Smith zur Stra�e. Pl�tzlich wurde Charles von einem Wutanfall �bermannt; er hob einen Stein auf und warf ihn der davonhumpelnden Gestalt nach. Smith heulte auf, rieb sich den Nacken und rannte los, als sei der Leibhaftige hinter ihm her.</p><p>Charles� L�cheln erlosch, als er zuerst Ashtons toten Sklaven bemerkte und dann seinen Blick zu dem Ort wandern lie�, wo Forbes� durchbohrter K�rper im hohen Gras lag � die Spitze des S�bels leuchtete im Sonnenlicht. Fliegenschw�rme summten bereits um den Toten herum.</p><p>Billy hatte inzwischen die Kutsche erreicht. Mit dem rechten Arm hielt er Brett umschlungen, der linke hing schlaff und blutverschmiert herab. �Das Duell war vorausgeplant�, keuchte er und beschrieb dann in ein paar wenigen S�tzen den Trick mit der Pistole und wie er ihn bemerkt hatte.</p><p>�Die Schweine�, knurrte Charles. Er zerri� Billys �rmel und untersuchte die Wunde. �Sieht so aus, als w�re es nur eine Fleischwunde. Das Schlimmste ist der Blutverlust. Brett, zerrei� deinen Unterrock und gib mir ein paar lange Streifen. Ich werde die Wunde abbinden.�</p><p>Brett drehte sich um und hob den Rock. Charles warf den Kopf in den Nacken, um zu sehen, wie hoch die Sonne stand. �Wir m�ssen uns sputen, wenn wir den Zug noch erreichen wollen. Glaubst du, du schaffst es?�</p><p>�Ja, zum Teufel�, sagte Billy. �Ich will diesen schrecklichen Ort so schnell wie m�glich verlassen.�</p><p>�Das kann ich mir gut vorstellen�, murmelte Charles.</p><p>�Ich habe nie gewu�t, wie verr�ckt und b�sartig Forbes eigentlich war�, sagte Brett �ber die Schulter, w�hrend sie den Stoff in Streifen ri�. �Wie hast du uns blo� rechtzeitig finden k�nnen?�</p><p>�Madeline LaMotte hat ein Gespr�ch zwischen Forbes und Preston in Resolute mitangeh�rt. Sie redeten �ber euch. Als sie gegangen waren, fuhr sie nach Mont Royal, um uns zu warnen. Ich sattelte gleich mein Pferd und ritt euch hinterher.�</p><p>�Aber � wie konnte Forbes wissen, da� wir gerade jetzt fortgehen w�rden? Oder da� wir diesen Zug nehmen w�rden?�</p><p>Charles nahm die Stoffstreifen aus Bretts Hand entgegen und machte sich daran, sie um Billys Oberarm zu wickeln. Billy pre�te die Z�hne zusammen. Er hatte bereits wieder etwas Farbe im Gesicht.</p><p>�Ist mir nicht ganz klar�, entgegnete Charles ausweichend und konzentrierte sich voll auf seine Aufgabe, um Brett nicht in die Augen sehen zu m�ssen. �Ich werde einige Fragen stellen, wenn ich Homers Leiche zur Plantage zur�cktransportiere. Ihr beide setzt euch mal in die Kutsche und haltet euch ja sch�n aneinander fest. Ich werde n�mlich den Rest der Strecke in einem H�llentempo hinter mich bringen.�</p><p>Charles hielt Wort und raste tollk�hn der kleinen Bahnstation im Wald entgegen. Als die Kutsche quietschend anhielt, war bereits das Pfeifen der Lokomotive im S�den zu h�ren. Charles flitzte �ber die Schienen zum Unterstand aus Zypressenholz, ri� den Deckel von der Kiste und hi�te die Flagge.</p><p>Billy versuchte sich �ber das Schnauben und Gebimmel der Lokomotive hin verst�ndlich zu machen. �Ich wei� nicht, wie ich � �</p><p>�Mach dir keine Gedanken. Die reinste Pflicht�bung. Akademieabsolventen k�mmern sich schlie�lich umeinander.�</p><p>�Aber du bist doch ausgetreten.�</p><p>�Das hei�t noch lange nicht, da� West Point auch aus mir ausgetreten ist.� Charles stellte �berrascht und leicht verlegen fest, da� er nahe daran war, in Tr�nen auszubrechen. Wahrscheinlich hatte die ganze Aufregung an diesem Nachmittag ihren Teil zu dieser Gem�tsverfassung beigetragen.</p><p>Er versuchte, seine Gef�hle so gut wie m�glich zu verbergen, und rannte zur Kutsche, um das Gep�ck abzuladen. Der Zug fuhr langsam ein; nach den G�ter- und Postwagen folgten die Personenwagen. Die Gleichg�ltigkeit auf den Gesichtern hinter den staubigen Fenstern verschwand sofort, als sie des schmutzbedeckten Trios ansichtig wurden � des Offiziers, des M�dchens und des jungen Mannes mit dem Mantel �ber der Schulter und dem leicht blutigen, bandagierten Arm.</p><p>Brett warf Charles die Arme um den Hals. �O Vetter � ich danke dir. Erkl�r bitte alles zu Hause.�</p><p>�Das werde ich. Steig ein�, f�gte er mit einem Blick auf den ungeduldigen Zugf�hrer hinzu.</p><p>Billy folgte ihr. Er stand auf der zweituntersten Stufe und blickte seinen Freund an. Ein fester Handschlag.</p><p>�Hab� keine Ahnung, wann wir uns wiedersehen werden, Bison.�</p><p>Charles war pl�tzlich betroffen. �Nein, ich auch nicht.�</p><p>�Pa� auf dich auf!�</p><p>�Du auch. Ich w�nsche dir und deiner Frau eine sichere Reise.�</p><p>�Danke. Wir werden uns wiedersehen.�</p><p>�Ich wei�.�</p><p>Charles hegte Zweifel. Bei all den Unruhen im Land w�rden sie sich h�chstens auf einem Schlachtfeld wieder treffen. In zwei verschiedenen Lagern.</p><p><emphasis>Verdammt, la� diese Gedanken und verdirb nicht alles. Der Tag ist so schon hart genug gewesen.</emphasis> Es gelang ihm, sein altes, k�hnes L�cheln wieder aufzusetzen; er hob die Hand und winkte, als der Zug langsam davonratterte.</p><p>Einige Reisende standen auf der Plattform des letzten Eisenbahnwagens, und als er vorbeifuhr, h�rte Charles eine Zote. Etwas flog an seinem Gesicht vorbei. Er blickte an sich hinunter und bemerkte, da� jemand auf seine Uniform gespien hatte.</p><p>�Schei�e�, sagte er.</p><p>Doch der �rger verflog bald. Sein L�cheln kehrte wieder, und aus dem Schatten neben dem Gleis rief er sp�ttisch demjenigen � wer es auch immer gewesen sein mochte �, der auf seine Uniform gespuckt hatte, nach:</p><p>�Das haben Sie wie ein echter S�dstaatler gemacht!�</p><p>Er rieb sich die Augen und schritt den Schienen entlang auf die Kutsche zu. Der Zug verschwand in einem nat�rlichen Waldtunnel. Charles konnte noch die letzten Vibrationen auf dem Gleis sp�ren.</p><p>Am liebsten h�tte er sich jetzt sinnlos betrinken wollen. Aber erst mu�te er noch etwas auf dem Feld und dann in Mont Royal erledigen.</p><p><strong>66</strong></p><p><emphasis>I know moon-rise</emphasis></p><p><emphasis>I know star-rise</emphasis></p><p><emphasis>Lay this body down</emphasis></p><p>Durch die ge�ffneten Fenster konnte man in der dunklen Bibliothek den Text der alten Gullah-Hymne gut verstehen. Die Sklaven sangen f�r Homer, den Charles in der Kutsche zur�ckgebracht hatte. Forbes hatte er den Kormoranen �berlassen. Mitgef�hl hatte schlie�lich seine Grenzen.</p><p>�So ungef�hr ist das ganze �ber die B�hne gegangen, stelle ich mir vor�, sagte Charles. �Sie wollten Billy umbringen.�</p><p>Er steckte die Zigarre wieder zwischen die Z�hne und streckte seine langen Beine vor dem Stuhl aus. Orry lehnte l�ssig an der Wand; sein Schatten fiel auf die alte Uniform. �Wenn du noch das, was Madeline uns erz�hlt hat, zu deinem Bericht hinzunimmst, ist die Geschichte klar. Gott im Himmel, Charles, ich hatte keine Ahnung, da� sie ihn so sehr ha�ten.�</p><p>�Brett sagte fast dasselbe vor ihrer Abreise. Ich nehme an, da� ein gutes St�ck Eifersucht mit im Spiel gewesen ist. Wie geht es Madeline?�</p><p>�Ich hab� vor einer Stunde mit ihr geredet. Ich nehme an, da� sie wieder schl�ft.�</p><p>�Wahrscheinlich sucht LaMotte sie jetzt.�</p><p>Orry nickte. �Darum mu� ich mich heute abend auch noch k�mmern, aber eins nach dem andern.� Er klang sehr entschlossen. �Hast du Ashton schon gesehen, seit du wieder zur�ck bist?�</p><p>�Ja, gerade als ich ankam. Sie wollte sich um Homer k�mmern, aber ich hab� nein gesagt, und dann ist sie verschwunden.�</p><p>Orry schlenderte in die von Kerzen beleuchtete Vorhalle. Cuffey, der auf einem Stuhl ged�st hatte, sprang eilfertig auf. �Such Mrs. Huntoon und ihren Mann�, sagte Orry. �Sag ihnen, ich erwarte sie in der Bibliothek. Und zwar sofort.�</p><p>Cuffey hastete davon. Charles wandte sich um, so da� er seinen Vetter sehen konnte. Im Kerzenschimmer bemerkte er Orrys starren Gesichtsausdruck.</p><p>�Hilf mir bitte, einige Kerzen anzuz�nden, Charles. Ich m�chte ihre erb�rmlichen Gesichter sehen, wenn ich mit ihnen rede.�</p><p>Ashton war ziemlich aufgeregt, als sie das Zimmer betrat. Ihre Wangen gl�hten. Sie ging sofort zum Angriff �ber. �Ich hasse es, wie ein Sklave herumkommandiert zu werden. Wenn du glaubst, da� ich auf Anschuldigungen von Niggern und Unruhestiftern�, hier lachte Charles, �eingehe, so irrst du dich gewaltig.�</p><p>Orrys Feindseligkeit kam in seiner eiskalten, aber ruhigen Stimme zum Ausdruck. �Niemand m�chte dich anklagen. Das ist gar nicht n�tig. Die Tatsachen sprechen f�r sich selbst.�</p><p>Huntoon, der sich bis jetzt im Schatten seiner Frau gehalten hatte, stellte sich nun links neben sie. Die Kerzenflammen spiegelten sich in seinen Brillengl�sern. �Aber meine � �</p><p>�Spare dir deine Rhetorik f�r Montgomery�, unterbrach ihn Orry. �Ich habe ein paar Dinge zu sagen, und ich m�chte das so rasch wie nur m�glich tun. Als erstes �ber deinen Sklaven Homer: Hat er � hatte er eine Familie?�</p><p>Ashton antwortete: �James hat Homer von einem Herrn aus Savannah mitgebracht. Ich glaube, er hatte dort Frau und Kinder.�</p><p>�Von denen ihr ihn, ohne Euch auch nur einen Gedanken zu machen, getrennt habt. Allm�chtiger, kein Wunder hassen uns die Yankees.�</p><p>Erneut attackierte sie mit einer Mischung aus Drohung und Arroganz. �Orry, was ist denn mit dir los? Ich weigere mich, so von dir behandelt zu werden.�</p><p>Huntoon schien nicht weniger beleidigt als seine Frau. �Sie spricht f�r uns beide. Wir gehen.�</p><p>Orry nickte. �In der Tat.�</p><p>�Wir werden Homers Leiche mit nach Charleston nehmen.�</p><p>�Nein. Sie bleibt hier bei unsern Leuten. Ich werde versuchen, seine Familie ausfindig zu machen.�</p><p>Huntoon nahm die Brille ab und trat mit geschwellter Brust vor seine Frau hin. �Ich bestehe darauf, da� wir sie mitnehmen. Der Nigger mag zwar tot sein, aber er geh�rt immer noch mir.�</p><p>Orry blickte ihn unger�hrt an. �Er bleibt hier. Ihr seid nicht w�rdig, ihn zu ber�hren.�</p><p>Huntoon neigte den Kopf und st�rzte sich auf seinen Schwager. Er versuchte Orrys Unterkiefer mit der rechten Faust zu treffen. Orry trat zur�ck und schlug Huntoons Unterarm beiseite, als ob er ein Insekt verscheuchen w�rde.</p><p>Huntoon stolperte, schnaufte und kippte zur Seite; er landete auf beiden H�nden und auf einem Knie. Die Brille, die er immer noch in der Hand hielt, klirrte auf dem Fu�boden. Als Huntoon wieder aufstand, fielen Glasst�cke zu Boden. Er war leichenbla�.</p><p>Orry ignorierte ihn und wandte sich Ashton zu. �Heute hast du dich selbst von dieser Familie abgeschnitten. Von Brett, Charles � von uns allen. Wenn du und James die Plantage einmal verlassen habt, so la�t euch nie mehr hier blicken.�</p><p>�Den Wunsch erf�ll� ich dir gern!� schrie sie.</p><p>Huntoon erhob Protest. �Ashton, er hat kein Recht � �</p><p>�Halt den Mund und komm!� Sie gab ihm einen Sto� und rauschte zur T�r, wobei sie sich heftig M�he gab, die Fassung nicht zu verlieren. Bei der T�r blickte sie zur�ck. Orry erkannte seine Schwester beinahe nicht mehr, so entstellend und tief war ihr der Ha� ins Gesicht geschrieben.</p><p>�Vergi� eins nicht�, fl�sterte sie. �James wird demn�chst eine wichtige Stelle bei der neuen Regierung bekommen. Und die Regierung wird Leute, die unloyale �u�erungen machen, scharf im Auge behalten. Die Regierung wird die Verr�ter bestrafen.�</p><p>Sie stolzierte in die Vorhalle hinaus. Huntoon folgte ihr wie ein treues H�ndchen. Ein letztes St�ckchen Glas fiel von seiner kaputten Brille klirrend zu Boden.</p><p>�Mein Gott�, sagte Orry traurig und angewidert. �Ich wei� nicht, was mit ihr los ist.�</p><p>Charles z�ndete sich auf seiner Schuhsohle ein Streichholz an und hielt es an seine Zigarre. �Ich schon. Das gleiche, was mit vielen Menschen los ist, denen ich seit meiner R�ckkehr begegnet bin. Sobald sie Macht riechen, fliegt der letzte Rest ihres gesunden Menschenverstands zum Fenster hinaus.�</p><p>Kopfsch�ttelnd setzte sich Orry an seinen Schreibtisch und entnahm einer Schublade einen Briefbogen. �W�rdest du bitte Cuffey sagen, da� er hereinkommen soll? Ich sollte eine Mitteilung nach Resolute schicken.�</p><p>�Einverstanden. Ich m�chte gern einige unsrer Leute als Wachen postieren. Wenn Francis LaMotte erf�hrt, was Billy mit seinem Sohn angestellt hat, k�nnte es sein, da� wir Besuch bekommen. Hast du etwas dagegen, wenn einige der Nigger f�r ein paar Tage mit Musketen herumlaufen?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Dann werde ich mich darum k�mmern.� Eine Rauchfahne wehte hinter ihm her, als er den Raum verlie�.</p><p>Orry starrte das leere Papier an. Noch vor einem Jahr w�re es undenkbar f�r ihn gewesen, da� es zwischen ihm und seiner Schwester zu einem endg�ltigen Bruch kommen k�nnte. Was sich eben ereignet hatte, war nur ein weiterer Beweis daf�r, wie weit die Familie bereits auf der dunklen Stra�e der Zwietracht gereist war.</p><p>Ehrlicherweise mu�te er vor sich selbst zugeben, da� er Ashton nie besonders gemocht hatte. Es wurde ihm ebenfalls klar, da� sie eine gewisse skrupellose H�rte besa�, wie sie eigentlich eher ein Mann hatte, und er w�rde ihre Drohungen deshalb nicht auf die leichte Schulter nehmen. Er mochte nicht einmal dar�ber nachdenken, welch abwegige Pl�ne sie und ihr Mann in Montgomery aushecken w�rden.</p><p>Es dauerte nicht lange, bis sein Gedankengang Wut in ihm wachrief, Wut auf die Huntoons, die LaMottes und all die Hitzk�pfe, die den S�den in Unruhen und in eine Krise gest�rzt hatten. Etwas von der Wut flo� in schnellen Federz�gen auf das Papier.</p><p>In f�nf Minuten war er fertig. Er schickte Cuffey mit dem Brief, einem Esel und einem Passierschein los. Der Sklave machte sich in dem leichten Nieselregen, der eben eingesetzt hatte, auf den Weg. Orry sah ihm nach, bis das Licht, das Cuffey trug, in der feuchten Dunkelheit verschwand, und kehrte wieder ins Haus zur�ck.</p><p>Er hielt den Atem an: Im Schein der flackernden Kerzen stand Madeline oben an der Treppe und starrte auf ihn hinunter.</p><p>Justin hielt sich mit beiden Armen am Stuhl fest, als er seinen linken Fu� in den Stiefel hineinschob. Der Sklave, der ihm beim Stiefelanziehen half, war offensichtlich nerv�s. Der Herr von Resolute hatte den ganzen Abend lang getrunken, getobt und in Erwartung seines Bruders das ganze Haus auf Trab gehalten.</p><p>Justin hatte einen Verband auf dem Kopf, der bis �ber die Ohren reichte und unter dem Kinn zusammengebunden war. Er sollte die N�hte von Dr. Sapp verbergen. Der Whiskey d�mpfte den Schmerz etwas, und zudem hatte Dr. Sapp Justin versichert, da� es in ein oder zwei Tagen vorbei sei. Aber er w�rde f�r den Rest seines Lebens eine Narbe behalten.</p><p>Er h�rte Pferde auf dem Torweg. Mit verbissenem Gesicht gab er sich einen Ruck und kam mit dem Fu� in den Stiefel hinein, aber der Sklave verlor dabei das Gleichgewicht und landete auf dem Ges��. Ohne ein Wort der Entschuldigung stapfte Justin in die Vorhalle hinaus.</p><p>Der Schein der F�hrenholzfackeln, die die Reiter in den H�nden hielten, fiel durch das Oberlicht in die Halle. Als die T�r aufflog, fingen die Fackeln zu rauchen an. Francis stolzierte herein. Justin bemerkte, da� es mittlerweile st�rker zu regnen angefangen hatte.</p><p>�Es dauerte eine Weile, bis ich drei Nigger finden konnte, denen man eine Muskete anvertrauen kann, aber da sind wir.�</p><p>�Sch�n�, sagte Justin. �Wir werden diese Hure noch vor Tagesanbruch wieder hier haben.�</p><p>Francis tupfte sich das feuchte Gesicht mit einem Taschentuch. �Ich hab� immer gedacht, da� sie dir nicht sonderlich viel bedeutet.�</p><p>�Tut sie auch nicht! Aber es geht um meine Ehre. Um meinen Ruf � was zum Teufel ist denn das?�</p><p>Beide rannten nach drau�en, als Cuffeys Esel gerade auf den Eingang zuritt. Der Sklave trug seinen Passierschein an einer Schnur um den Hals; durch den Regen flo� die Tinte wie ein kleiner Wasserfall �ber das Papier. Cuffey stieg von seinem Esel herunter und zog respektvoll seinen Hut. Dann zog er einen gefalteten und versiegelten Briefbogen hervor.</p><p>�Das ist f�r Sie, Mist� LaMotte.�</p><p>Justin schnappte es ihm richtig aus der Hand. Cuffey vermutete, da� der Brief nicht eitel Freude erregen w�rde, und deshalb schwang er sich hastig wieder auf seinen Esel und ritt davon.</p><p>�Der Hurensohn�, fl�sterte Justin. Er war unf�hig, mehr als die ersten beiden Zeilen zu lesen. Sein Gesicht hatte sich violett verf�rbt. �Der gemeine, hochn�sige Hurensohn.�</p><p>Er bemerkte, wie die Neger, die Francis zusammengetrommelt hatte, ihn verwirrt beobachteten, und trat dann ins Haus zur�ck, um seine Betroffenheit zu verbergen. Sein Bruder folgte ihm. Er nahm Justin den Brief unsanft aus den H�nden und begab sich damit zu einer Lampe, die nun dort an der Wand befestigt war, wo vor kurzem noch ein S�bel gehangen hatte. Francis las die kurze Mitteilung durch und sch�ttelte dann den Kopf. �Weshalb sollte Main deiner Frau Asyl gew�hren?�</p><p>�Bist du ein Vollidiot, Francis? Der Schuft ha�t mich doch! Er hat mich schon immer geha�t. Er w�rde nichts lieber sehen, als da� ich vor der ganzen Nachbarschaft gedem�tigt w�rde.�</p><p>�Er sagt, da� er dich erschie�t, wenn du auch nur einen Fu� auf sein Grundst�ck setzt.� Francis faltete die Mitteilung wieder zusammen. �Glaubst du das?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Aber ich.� �ngstlich fuhr Francis fort: �La� sie gehen. Keine Frau ist dein Leben wert. Frauen sind wie auswechselbare Teile einer Maschine. Eine jede kann dir denselben Dienst erf�llen.�</p><p>Die rohe Scheinweisheit fand gro�en Anklang. Es stimmte zwar, da� Justin sich an Madeline r�chen wollte, weil sie ihn geschlagen hatte, und an Orry, weil er ihn beleidigt hatte, aber er hatte nicht die geringste Lust, im ganzen Land herumzutrotten und seinen Verlust an die gro�e Glocke zu h�ngen. Und � was weitaus wichtiger war � er war wirklich nicht darauf erpicht, einen Blick in eine Revolverm�ndung mit Orry dahinter zu werfen.</p><p>Mit Erleichterung stellte Francis fest, da� er seinen Bruder wahrscheinlich dazu w�rde �berreden k�nnen, von seinem Racheakt abzulassen. Er lachte und klopfte Justin auf die Schulter.</p><p>�Schau mal, wenn dir soviel daran liegt, dich an ihr zu r�chen��</p><p>�Ich m�chte mich an beiden r�chen.�</p><p>�Na sch�n, an beiden. Ich werde Forbes bitten, sich etwas auszudenken. Ich nehme an, er ist doch hier?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Ist er nicht zur�ckgekommen?�</p><p>�Noch nicht.�</p><p>�Das ist merkw�rdig.�</p><p>�Oh, ich vermute, da� er und Preston beim Feiern sind.�</p><p>Francis war mit der Erkl�rung zufrieden. �Ich h�tte auch nichts gegen einen kleinen Schluck.�</p><p>Justin schenkte gerade zwei Glas Whiskey ein, als die im Regen wartenden Sklaven L�rm schlugen. Die beiden Br�der rannten hinaus und sahen Preston Smith ankommen. Er war �ber und �ber mit Dreck bedeckt und blickte wild umher. Er stolperte auf Francis zu.</p><p>�Ich bin den ganzen Weg gerannt. Man sagte mir, da� Sie hier seien.�</p><p>�Preston, was ist los?�</p><p>�Der Yankeesoldat hat Forbes get�tet.�</p><p>Der ohnehin kleine Francis LaMotte schien noch mehr zusammenzuschrumpfen. Preston schm�ckte die Geschichte noch etwas aus, wagte jedoch nicht, sie allzusehr zu verzerren. Es war offenkundig, da� Forbes und Preston ihren Racheplan verpfuscht hatten, und da� Forbes bekommen hatte, was ihm zustand.</p><p>Merkw�rdigerweise versp�rte Francis kaum Wut. Er f�hlte sich alt, m�de und geschlagen. Vielleicht w�rde er sp�ter einmal den Kopf von Charles Main haben wollen, aber im Augenblick sp�rte er blo� m�de Trauer.</p><p>�Francis?� Justin ber�hrte ihn am �rmel. �Ich werde mit dir nach Mont Royal gehen.� Er ha�te nur schon den Gedanken daran.</p><p>Geknickt und gebeugt sch�ttelte Francis den Kopf. �Ich mu� nach Hause. Ich mu� es seiner Mutter sagen.�</p><p>Er stieg auf sein Pferd und ritt langsam im Regen davon. Die Sklaven folgten ihm im G�nsemarsch.</p><p>�Ist es gut, wenn du auf bist?� fragte Orry von der Halle her.</p><p>�Ich f�hle mich gut�, sagte Madeline. �Besser, als ich mich seit langer langer Zeit gef�hlt habe.�</p><p>Er glaubte ihr. Obwohl sie au�erordentlich bla� war, wirkten ihre Augen wesentlich klarer als vorhin, als er sich mit ihr unterhalten hatte. Er wartete unten an der Treppe auf sie; sie kam herunter und zupfte verlegen an ihrem losen Haar herum.</p><p>�Ich mu� f�rchterlich aussehen.�</p><p>�Du siehst herrlich aus.�</p><p>�Mein Kleid ist ruiniert.�</p><p>�Madeline, das macht doch nichts. Wichtig ist allein, da� du hier bist.�</p><p>Er sehnte sich danach, den Arm um sie zu legen, sie an sich zu dr�cken und zu k�ssen. Die Sehnsucht schmerzte. Bilder von ihren Treffen bei der Salvation Chapel stiegen vor ihm auf. Er erinnerte sich an den Kampf, den es ihn gekostet hatte, seine Gef�hle unter Kontrolle zu halten oder zu leugnen. Pl�tzlich stand er wieder mitten in diesem Kampf.</p><p>�Ich w�rde gern nach drau�en gehen�, sagte sie.</p><p>�Es regnet.�</p><p>�Ja, ich habe es geh�rt, als ich aufgewacht bin. Aber die Luft riecht so herrlich und ist so erfrischend. Ich bin monatelang m�de gewesen � konstant m�de.�</p><p>Und merkw�rdig fern, unnahbar, dachte Orry im stillen. Ein Gedanke stieg in ihm auf. �Hast du irgendwelche Medikamente genommen?�</p><p>�Was?�</p><p>�Medizin. Es gibt bestimmte Mittel, von denen man sich dauernd ersch�pft f�hlt. Lonzo Sapp ist Justins Hausarzt, nicht wahr?�</p><p>�Das stimmt.�</p><p>�Hat er dir irgend etwas verschrieben?�</p><p>�Ein Sellerietonikum, aber das war schon vor � ach, vor einer Ewigkeit. Das alles liegt so weit zur�ck, da� ich mich kaum noch erinnern kann, aber ich wei�, da� ich es nur w�hrend einigen Wochen eingenommen habe.�</p><p>�Und seither hast du nichts anderes genommen?�</p><p>�Nichts.�</p><p>�Nun, ich freue mich dar�ber, da� es dir wieder besser geht, was auch immer der Grund sein mag. Es war ein harter Tag, eine harte Zeit, aber nun ist alles vorbei.�</p><p>Als er vorhin mit ihr gesprochen hatte, hatte er kurz erz�hlt, was unterdessen alles mit Billy und Charles geschehen war. Sie war zwar best�rzt �ber das Verhalten von Forbes, aber kaum �berrascht. Orry hatte ihr noch nicht gesagt, da� er Ashton und ihren Mann zum Teufel geschickt hatte. Und was den Brief an Justin betraf, so w�rde er das wohl besser f�r sich behalten, zumindest bis er wu�te, ob der Brief seine Wirkung nicht verfehlt hatte.</p><p><emphasis>Medizin.</emphasis> Das Wort l�ste einen neuen und verbl�ffenden Gedankengang in Madeline aus. Sie versuchte sich daran zu erinnern, wie oft ihr Essen einen merkw�rdigen Geschmack gehabt hatte. Es war viele Male vorgekommen. Aber sie war nie klug oder raffiniert genug gewesen, um ihren Mann zu verd�chtigen. W�re es m�glich, da� man dem Essen ein Medikament beigemischt hatte, um sie zu beruhigen? So erschreckend der Gedanke war � Justin war dies zuzutrauen, obschon sie wohl nie einen Beweis daf�r haben w�rde. Aber immerhin, es erkl�rte die langen Monate ihrer Lethargie und Gleichg�ltigkeit.</p><p>�Madeline?�</p><p>Mit seiner sanften, besorgten Stimme unterbrach er ihre �berlegungen. Sie wandte sich ihm zu.</p><p>�Du sahst eben so ver�ngstigt aus. Woran hast du gedacht?�</p><p>�Ich habe �ber Justin nachgedacht. Was, glaubst du, wird er unternehmen, nachdem ich ihn verlassen habe?�</p><p>�Vermutlich nichts.�</p><p>Sie durchquerte die Halle. �Ich werde nie mehr zur�ckgehen.�</p><p>Er folgte ihr und �ffnete die T�r. �Das macht mich sehr gl�cklich.� Er lie� die Klinke los und sah sie an. Seine Stimme verriet seine Sehnsucht, als er sagte: �Ich w�re noch gl�cklicher, wenn du bei mir bleiben w�rdest.�</p><p>Sie starrte in den Regen hinaus. �Ich freue mich, da� du das sagst, Liebster, aber bist du ganz sicher, da� du einen Skandal in Kauf nehmen willst?�</p><p>Er stand hinter ihr und lachte. �Was ist schon ein kleiner Skandal, wenn die ganze Welt dabei ist, den Verstand zu verlieren?� Mit seiner rechten Hand umschlo� er ihre Schulter. �Ich w�rde die H�lle f�r dich in Kauf nehmen, Madeline. Wei�t du das nicht?�</p><p>Sie dr�ckte seine Hand mit ihrer Linken. �Ich rede nicht vom Klatsch �ber einen Ehebruch.�</p><p>�Wovon denn?�</p><p>Sie wandte sich um und holte tief Atem. �Ich rede von etwas, das niemand wei�, mit Ausnahme einiger Menschen in New Orleans, die jetzt schon sehr alt sind.�</p><p>Sie betrachtete sein blasses, m�des Gesicht. In Anbetracht all dessen, was heute vorgefallen war, durfte sie ihm diese Tatsache nicht verheimlichen.</p><p>�Meine Urgro�mutter ist mit einem Sklavenschiff von Afrika nach New Orleans gekommen. Ich habe ein Achtel Negerblut. Und du wei�t sehr gut, was das in diesen Breitengraden bedeutet.� Sie hielt ihm ihre wei�e Hand vors Gesicht. �In den Augen der meisten Leute ist meine Haut so gut wie kohlrabenschwarz.�</p><p>Die Er�ffnung machte ihn einen Augenblick sprachlos. Und doch, verglichen mit allen anderen Schocks, die er heute erlitten hatte, konnte es ihn nicht ersch�ttern. Er fuhr ihr sanft mit der Handfl�che �ber die Wange und fl�sterte:</p><p>�Ist das alles, was du mir sagen mu�t?�</p><p>�Nicht ganz. Aufgrund ihrer Herkunft durfte meine Mutter nur auf eine Art mit wei�en M�nnern verkehren. Sie hatte nur diese eine M�glichkeit, um sich emporzuarbeiten. Sie war eine Prostituierte. Mein Vater fand sie in einem Bordell in New Orleans, aber er liebte sie genug, um sie dort herauszuholen und zu heiraten � trotz allem, was er �ber sie wu�te.�</p><p>�Madeline, ich liebe dich ebenso.�</p><p>�Ich m�chte nicht, da� du das Gef�hl hast, du m��test � �</p><p>�Ebensosehr�, wiederholte er und neigte sich zu ihrem Mund hinunter.</p><p>Ihr Ku� war scheu. Nachdem sie sich w�hrend so vieler Monate nicht mehr gesehen hatten, waren sie einander fremd geworden. Doch die Gef�hle, die er so lange einged�mmt hatte, stiegen bald wieder hoch.</p><p>Sie lehnte sich zur�ck und umschlo� seinen Nacken mit ihren H�nden. Der Wind trieb Regentropfen in die Halle, und sie glitzerten nun auf ihrer Stirn und in seinem Bart. �Nat�rlich�, Hoffnung schimmerte jetzt in ihren Augen, �sind die Chancen, da� das Geheimnis jemals ans Tageslicht kommen wird, gering. Die wenigen Menschen, die etwas wissen, sind sehr alt und sehr weit weg.�</p><p>Wieder k��te er sie. �Das ist mir egal, verstehst du? <emphasis>Es ist mir egal.�</emphasis></p><p>Mit einem leisen Aufschrei dr�ckte sie sich an ihn. �O mein Gott, ich liebe dich schon so lange.�</p><p>Er sp�rte ihren K�rper dicht an dem seinen, ihre Br�ste und H�ften. Der Wind blies ihm ihr Haar ins Gesicht. �Ich liebe dich auch.�</p><p>�Bring mich nach oben.�</p><p>�Madeline, bist du sicher?�</p><p>Sie unterbrach ihn mit einem Ku�. �Wir haben beide viel zu lange gewartet, Orry.� Sie k��te ihn erneut, inbr�nstig. �Viel zu lange.�</p><p>�Ja�, sagte er und ging mit ihr zur Treppe, �das stimmt.�</p><p>Sie zog sich ohne irgendein Schamgef�hl in seinem Zimmer aus und half ihm mit sanften, mitf�hlenden H�nden.</p><p>Orry bef�rchtete, da� der Anblick seines Stumpfs sie absto�en k�nnte, und er war dankbar f�r die sch�tzende Dunkelheit. Sie k��te ihn und ber�hrte ihn �berall, auch an seiner Verletzung. Sie nahm bedenkenlos an seinem Kummer teil, wie er vorhin an dem ihrigen. Sie schmiegte sich mit ihrem nackten K�rper an ihn, und lang gestaute Gef�hle brachen hervor, als w�re pl�tzlich eine Schleuse ge�ffnet worden. Beide f�hlten sie eine �berw�ltigende und unendliche Befreiung. Sie tauchten in ein Meer von Gl�ck, lie�en sich eine Weile treiben, um dann von der n�chsten Woge wieder mitgerissen zu werden.</p><p>Zufrieden und schl�frig lagen sie aneinandergekuschelt, ihr Arm auf seiner Brust, ihr leises Murmeln eine sanfte Untermalung der beruhigenden Melodie des Regens, die durch einen Halloruf von Charles unterbrochen wurde; offensichtlich rief er einem der Wachtposten etwas zu.</p><p>Nun, man konnte ihm die Bewachung von Mont Royal durchaus f�r ein oder zwei Stunden �berlassen. Um nichts in der Welt h�tte Orry auf diesen Augenblick verzichtet. Noch nie hatte er eine solche Gl�ckseligkeit empfunden.</p><p>Im Verlauf der ersten Tage, die sie in Mont Royal verbrachte, litt Madeline an einer Reihe von Symptomen. Sie beklagte sich �ber Juckreiz und einen fast unstillbaren Durst. Tags�ber wechselten Sch�ttelfrost und Schwei�ausbr�che ab. Nachts phantasierte sie oft und redete im Schlaf. Der Arzt, den Orry hinzugezogen hatte, konnte keine spezifische Diagnose stellen und meinte mit betr�chtlicher Unsicherheit, da� es sich um f�r Frauen typische Beschwerden handle. Er verschrieb drei Tonika, aber Madeline nahm nicht eins davon ein.</p><p>Sie litt ebenfalls unter grundlosen Wutanf�llen, obwohl diese etwa um den zehnten Tag herum nachlie�en. Auch die anderen Symptome wurden schw�cher und blieben dann schlie�lich ganz aus.</p><p>Unmittelbar darauf setzte eine echte Besserung ein. Ihr Gesicht verlor die Bl�sse, und ihre Haut nahm wieder eine kr�ftige Farbe an. Sie nahm viereinhalb Kilo zu und sah endlich nicht mehr so abgeh�rmt und verst�rt aus, wie dies so lange der Fall gewesen war.</p><p>Charles lie� die bewaffneten Sklaven w�hrend zwei Wochen auf ihrem Posten, aber keiner der beiden LaMotte-Br�der stattete Mont Royal je einen Besuch ab oder lie� irgendeine Drohung verlauten. Die Ereignisse auf dem Duellfeld waren offensichtlich nicht geheim geblieben. Als Cuffey einige Zeit sp�ter dort vorbeikam, stellte er fest, da� Forbes� Leichnam verschwunden war.</p><p>Eines Nachmittags, als er auf der Flu�stra�e dahinritt, begegnete Charles Francis. Er ri� sein Pferd an den Z�geln; das Herz klopfte ihm bis zum Hals. Der �ltere Mann sagte ihm ohne Umschweife in einem anklagenden Tonfall:</p><p>�Ihr Freund hat meinen Sohn ermordet.�</p><p>�Get�tet�, korrigierte ihn Charles. �Er hat Forbes get�tet, nachdem ihn dieser provoziert hatte. Der Kampf war �berdies unfair. Preston Smith hatte die Waffe meines Freundes manipuliert. Es tut mir leid, da� Forbes tot ist, Francis, aber ich bin jederzeit bereit, eine Zeugenaussage zu machen. Vor dem Richter oder bei einem Duell. Sie haben die Wahl.�</p><p>Francis warf ihm einen verbitterten Blick zu und ritt weiter.</p><p>Und damit hatte sich die Sache.</p><p>Nach und nach nahm es Charles mit den Wachtposten in Mont Royal weniger ernst. Orry hatte sich in die medizinische Fachliteratur seines Vaters vertieft und entdeckt, da� Madelines Symptome mit denjenigen einer Person �bereinstimmten, deren Laudanumdosis urpl�tzlich abgesetzt worden war. Weshalb hatte der Arzt sich so unwissend gestellt? Orry vermutete, da� er als ortsans�ssiger Arzt Madelines Ehemann kannte und sich nicht in eine unangenehme Privatangelegenheit einmischen wollte. Es war besser, einen Eindruck der Unzul�nglichkeit zu erwecken, als sich den LaMottes zu widersetzen.</p><p>Madeline und Orry hegten den Verdacht, da� Justin ihr w�hrend Monaten heimlich Opiumtinktur verabreicht hatte, um sie gef�gig zu machen. Mit Hilfe der Haussklaven war dies ohne weiteres m�glich gewesen. Die Theorie wurde auch dadurch erh�rtet, da� sie sich jetzt wesentlich besser f�hlte, neue Lebensenergien versp�rte und wieder einen vollkommen klaren Kopf hatte. Aber Gewi�heit w�rde sie nie haben.</p><p>Abends, nachdem sie jeweils mit Charles zusammen das Essen eingenommen hatten, er�rterten Orry und Madeline gern die letzten Neuigkeiten aus Charleston. Nur wenige davon stammten aus wirklich verl��lichen Quellen. Stand im <emphasis>Mercury,</emphasis> Andersons Garnison werde demn�chst abgezogen, so war schon tags darauf zu lesen, es handle sich nur um ein Ger�cht. In diesem Stil ging es bis Mitte M�rz weiter; unterdessen ordnete Beauregard die Artillerieeinheiten neu, damit Sumter gegebenenfalls besser unter Beschu� genommen werden konnte.</p><p>Andern Ger�chten zufolge waren Schiffe mit Verst�rkung aus dem Norden unterwegs, aber die einzigen Vertreter der Yankee-Regierung, die sich blicken lie�en, waren drei M�nner, die Andersons Lage beurteilen sollten. Einer der drei war Oberst Lamon, ein Anh�nger Lincolns.</p><p>Vermutlich machte sich der neue Pr�sident Gedanken �ber das Fort. Gouverneur Pickens bestand weiterhin darauf, da� jeder Versuch, Sumter mit Lebensmitteln oder Truppen zu verst�rken, abgewehrt w�rde. Auch Pr�sident Davis wiederholte seine Drohung, Sumter mit Gewalt einzunehmen, wenn keine friedliche �bergabe auf dem Verhandlungsweg erreicht werde.</p><p>All diese �u�erungen verst�rkten die d�stere Stimmung, in der sich Orry befand. Er hatte das Gef�hl, der ganze S�den marschiere einer dunklen Stra�e entlang, die in stygischer Finsternis endete. In seinen Tr�umen h�rte er Trommelwirbel, Schreie und Sch�sse; die Idioten, die von einem siegreichen Krieg schw�rmten, hatten noch nie den Verwesungsgeruch eines Schlachtfeldes kennengelernt.</p><p>In Anbetracht der Lage der Nation besch�ftigten sich seine Gedanken auch mit dem Geld, das George in die <emphasis>Star of Carolina</emphasis> investiert hatte. Mit jedem Tag lasteten die Schuldgef�hle schwerer auf ihm. Anfang April gingen neue Ger�chte um, Verst�rkungstruppen seien von New York auf dem Seeweg unterwegs. Huntoon und die andern Extremisten riefen wiederholt dazu auf, Schritte gegen das Fort im Hafen zu unternehmen. Das alles dr�ngte Orry zu einer Entscheidung.</p><p>Charles versuchte ihm die Sache auszureden und ihn davon zu �berzeugen, da� er im Falle eines Krieges jeder Verantwortung George gegen�ber enthoben sei. Orry hielt dem entgegen, da� der Krieg ihn von keiner Verantwortung enthebe, da George keinen Penny in ein solches Risikounternehmen gesteckt h�tte, wenn es ihm dabei nicht um die pers�nliche Freundschaft gegangen w�re.</p><p>Orry nahm einen Zug nach Atlanta, wo er zweiundsiebzig Stunden verbrachte. Als er nach Mont Royal zur�ckkehrte, trug er eine kleine Tasche bei sich.</p><p>Er traf am Abend des 11. April in Charleston ein und k�mpfte sich durch eine gro�e Menschenmenge zum Haus in der Tradd Street. Cooper war h�chst �berrascht, seinen Bruder zu sehen.</p><p>�Ich bin nach Atlanta gefahren�, erkl�rte ihm Orry. �Ich habe Mont Royal verpf�ndet.�</p><p><emphasis>�Was?�</emphasis> Cooper blickte ausdruckslos vor lauter Erstaunen.</p><p>�Wir schulden George einen Teil oder die ganze Summe dessen, was er investiert hat. Jetzt, bevor der Krieg ausbricht. Ich habe sechshundertf�nfzigtausend Dollar zusammengebracht.� Er stie� die Tasche mit seinem Stiefel an. �In bar.�</p><p>�F�r die ganze Plantage? Das ist ja ein Bruchteil dessen, was sie wert ist!�</p><p>�Ich habe Gl�ck gehabt, da� ich �berhaupt noch etwas bekommen habe. Ich m�chte von dir so viel, wie du im Augenblick zusammenkratzen kannst, und ich m�chte das Geld sofort haben.�</p><p>�Und wie glaubst du, soll ich das Geld auftreiben?�</p><p>�Du hast ja noch die Schiffsgesellschaft und dein Grundst�ck auf der James Island. Das alles hat ja auch noch einen gewissen Wert.�</p><p>�Aber Orry, die Banken hier geben doch keine Darlehen mehr.�</p><p>�Versuch�s.�</p><p>Cooper sah das verh�rmte Gesicht seines Bruders und sah keinen weiteren Grund f�r eine Diskussion. �Einverstanden.� Er seufzte. �Morgen fr�h. Ich k�mmere mich jetzt um dein Zimmer. Du brauchst Schlaf.�</p><p>Orry wachte in der Dunkelheit auf und h�rte etwas, das wie Donnergrollen klang. Durch die L�den, die er wegen des Fr�hlingswinds geschlossen hatte, drang rotes Licht. Er stie� die L�den auf. Eine Granate zischte hoch �ber die Hausd�cher und explodierte irgendwo in der Ferne.</p><p>Er eilte nach unten. Cooper, Judith und die Kinder standen alle am Fenster. �Wie sp�t ist es?�</p><p>�Vier oder halb f�nf�, antwortete Judith mit schl�friger Stimme.</p><p>�Das klingt nach den Artillerieeinheiten im Hafen.�</p><p>Wieder ein Knall und roter Feuerschein �ber den D�chern. Der Boden zitterte. Cooper nickte und schlang sch�tzend seine Arme um die Kinder. Orry hatte seinen Bruder noch nie so traurig gesehen.</p><p>�Jetzt ist es soweit. Es ist Krieg�, sagte Cooper. Nach einer Weile f�gte er hinzu: �Ich glaube nicht, da� die Banken heute morgen noch Gesch�fte machen werden.�</p><p><strong>67</strong></p><p>Bis in den sp�ten Freitagnachmittag des zw�lften April hinein erwiderte Major Anderson das Feuer von Beauregards weit �berlegener Artillerie. Doch die Lage, in der sich die Garnison befand, war hoffnungslos; weder Anderson noch irgendeiner seiner M�nner machten sich die geringsten Illusionen.</p><p>Wie durch ein Wunder war w�hrend der dreizehnst�ndigen Bombardierung niemand ums Leben gekommen; es konnte aber nur eine Frage der Zeit sein, bis der Krieg sein erstes Opfer forderte. Anderson �berlegte sich, ob er wenigstens noch die Bedingung stellen konnte, dem auf dem Fort wehenden Sternenbanner einen letzten formellen Salut entgegenzubringen, bevor er den Befehl erteilen mu�te, die Flagge endg�ltig einzuholen.</p><p>In Mont Royal war Orry dabei, eine kleine Reisetasche mit Rasiermesser, Streichriemen, Seife, einigen Hemden und etwas Unterw�sche zu packen. Er verstaute die Tasche zusammen mit der Geldtasche in der Kutsche. Die Tasche wies ein kleines, billiges Schlo� auf, dessen Schl�ssel er in seiner Uhrentasche trug. Das Schlo� war leicht aufzubrechen, aber er stellte sich vor, da� er mit zwei gew�hnlichen Reisetaschen � die eine in der Hand, die andere unter den Oberarm geklemmt � weniger Aufmerksamkeit erregen w�rde als mit einer Tasche und einem dicken Geldg�rtel.</p><p>Madeline k��te ihn und versuchte ihre Tr�nen der Besorgnis und Angst zur�ckzuhalten. Sie wu�te, welches Risiko Orry mit einer Reise in den Norden zum jetzigen Zeitpunkt einging, aber sie sagte nichts.</p><p>Charles hingegen reagierte anders; er hatte sich widerwillig bereit erkl�rt, Orry zum kleinen Waldbahnhof zu kutschieren.</p><p>�Du solltest hierbleiben, Orry. Du schuldest George nichts.�</p><p>�Ich schulde ihm mein Leben. Fahr los.� Er knallte die T�r hinter sich zu.</p><p>Clarissa stand pl�tzlich neben Madeline, ohne da� sie sie erkannt h�tte, und winkte dem abreisenden Fremden freundlich zum Abschied. Madeline fragte sich, ob sie Orry jemals wiedersehen w�rde.</p><p>Am Sonntag wurde Orrys Zug nach Norden wegen der Entgleisung eines G�terzugs in North Carolina f�r sechs Stunden aufgehalten. Die Reisenden in der ersten Klasse unterhielten sich kaum �ber etwas anderes als die Belagerung von Fort Sumter. Den Akzenten und Gef�hlsausbr�chen nach zu schlie�en stammten die meisten Passagiere aus dem S�den. Einige hundert Kilometer weiter n�rdlich w�rde die Situation umgekehrt sein. Orry w�rde sehr darauf achten m�ssen, was er wie zu wem sagte.</p><p>Als es d�mmerte, waren die Gleise wieder frei, und der Zug ratterte weiter. Kurz darauf hielt er in einem kleinen Bahnhof eines St�dtchens. Der Schaffner gestikulierte und rief mit lauter Stimme:</p><p>�Sumter ist gefallen. Anderson abgezogen. Die neueste telegraphische Nachricht.�</p><p>Jubel brach im Eisenbahnwagen aus. Der Verk�ufer, der im Gang Zeitungen vom Vortag feilbot, warf Orry einen mi�trauischen Blick zu, weil er nicht mitmachte, aber Orry starrte zur�ck, und der Bursche ging weiter. Offensichtlich gab es vor dem Mi�trauen und der Feindseligkeit, die durch das Land fegten, kein Entrinnen.</p><p>Am andern Morgen verlie� er den Zug in Petersburg, um sich im Bahnhofsrestaurant eine Mahlzeit zu genehmigen. Er nahm die Tasche mit dem Geld mit und stellte sie sorgsam zwischen seine F��e unter den Tisch. Der E�saal, in dem unz�hlige Fliegen herumschw�rmten, erinnerte ihn vage an den Halt, den er vor zwei Jahren in Baltimore eingelegt hatte. Doch diesmal stie� Orry nicht auf Feindseligkeit; die Leute waren zu sehr damit besch�ftigt, die Ereignisse vom Vortag in South Carolina zu er�rtern. Mehrere Male fiel das Wort <emphasis>Sieg.</emphasis> Die meisten Kunden waren sich dar�ber einig, da� Virginia nach diesem ersten Schlag nun aus der Union austreten mu�te.</p><p>Kopfsch�ttelnd beendete er rasch seine Mahlzeit. Dann kaufte er sich eine Zeitung. Als der Zug Petersburg verlie�, setzte sich ein dickwanstiger, gut gekleideter Mann neben ihn. Orry beachtete ihn nicht, sondern widmete sich ganz den telegraphischen Nachrichten auf der Titelseite. Am Vortag, am Sonntag, hatte Anderson das Fort im Hafen von Charleston formell �bergeben. Ironischerweise war der erste Mann im Lauf der Vorbereitungen f�r die �bergabezeremonie gefallen.</p><p>In der Zeitung war zu lesen, da� �ber f�nftausend Kanonensch�sse auf Sumter abgefeuert worden waren. Der Beschu� hatte zwar keine direkten Verluste gefordert, aber die Festung war in Brand geraten und das Feuer hatte nicht ganz gel�scht werden k�nnen. Nach der Kapitulation Andersons hatten umherspr�hende Funken eine Explosion einer Munitionskiste verursacht. Dabei hatte einer von Andersons Artilleristen sein Leben verloren, und f�nf waren verwundet worden.</p><p>Das erste Blutvergie�en, dachte Orry lakonisch. Er war �berzeugt, da� noch viel mehr folgen w�rde.</p><p>Der Bundeskommandant hatte der Flagge einen letzten Salut entgegenbringen d�rfen, bevor sie eingezogen wurde und seine Soldaten die wartenden Pinassen bestiegen. Die K�hne bef�rderten die Unionstruppen zu einer von der Regierung abkommandierten Verst�rkungsflotille, die also offensichtlich nicht nur ein Ger�cht gewesen war � die Schiffe waren w�hrend der Bombardierung vor Charleston angelangt. Bald darauf dampften das geheuerte Linienschiff <emphasis>Baltic</emphasis> und die begleitenden Kriegsschiffe mit ihrer Niederlage nach Norden. Orry vermutete, da� die Lincoln-Regierung demn�chst zum Vergeltungsschlag ausholen w�rde.</p><p>Als er mit der Lekt�re zu Ende war, unterhielt er sich mit dem dicken Mann, einem Handlungsreisenden namens Cobb aus Petersburg.</p><p>�Britische N�hnadeln und das beste N�hgarn, das es gibt�, erkl�rte Cobb mit seinem sanften Virginia-Akzent. �Wird nur den besten Firmen geliefert. Die G�tter m�gen wissen, was aus meinem Gesch�ft werden soll mit all den Unruhen. Ich nehme an, Sie kommen ebenfalls aus dem S�den?�</p><p>Orry nickte. �Aus South Carolina.�</p><p>�Wie weit reisen Sie?�</p><p>�Bis nach Pennsylvania.�</p><p>�Darf ich Ihnen einen Ratschlag geben? Ich bin letzte Woche in Philadelphia gewesen und hatte dort etliche Schwierigkeiten. Man erkennt die S�dstaatler zu leicht an ihrem Akzent. Einmal hatte ich das Gef�hl, da� ich mich in Lebensgefahr bef�nde. Ich fahre diesmal zwar nicht weiter als bis Washington, aber trotzdem habe ich Vorsichtsma�nahmen ergriffen.�</p><p>Mit seinem plumpen Finger deutete er auf seinen Rockaufschlag; Orry bemerkte eine aus blau-wei�-rotem Band gefertigte Rosette.</p><p>�Ich w�rde Ihnen vorschlagen, dasselbe zu tun, Sir. Sie finden das Material f�r diese Unions-Rosette in jedem Kurzwarenladen.�</p><p>�Vielen Dank f�r die Empfehlung�, sagte Orry, obwohl er das ganze bereits innerlich abgelehnt hatte. Er war nicht voll und ganz von der Sache des S�dens �berzeugt, aber er w�rde auch nicht die Farbe der andern Seite tragen.</p><p>Das einzige, was er von Washington zu sehen bekam, war der Endbahnhof. Offiziere und Familien dr�ngten sich auf den Bahnsteigen und in den Wartes�len. Die meisten Offiziere kamen an, die meisten Familien reisten ab. Wahrscheinlich S�dstaatler, die ihre Stelle bei der Armee oder bei der Regierung aufgegeben hatten und nun nach Hause fuhren.</p><p>An jenem Montagabend wurde Orry im ru�igen Schein der Bahnhoflampen klar, da� das Land im Begriff war, den n�chsten torkelnden Schritt auf einen B�rgerkrieg hin zu machen. Ein Mann kratzte schwitzend und hemds�rmelig die letzten Nachrichten mit Kreide auf eine Tafel. Unter anderem stand zu lesen, da� Pr�sident Lincoln die Sezession des S�dens zum Aufstand erkl�rt und f�nfundsiebzigtausend Freiwillige zu den Waffen gerufen hatte.</p><p>Die kleine Menschenmenge, die sich vor der Tafel eingefunden hatte, brach in Beifall aus. Orry wandte sich um, um zu seinem Zug zu gehen. Die Menge dr�ngte vorw�rts und lie� den Pr�sidenten hochleben. Orry konnte sich kaum bewegen.</p><p>�Entschuldigen Sie, bitte.�</p><p>Niemand regte sich. Drei in seiner N�he stehende M�nner betrachteten ihn mit harten, pr�fenden Blicken. Er w�nschte, er h�tte eine Pistole mit auf die Reise genommen.</p><p>�Was haben Sie gesagt, Mister?� fragte einer der M�nner.</p><p>Orry wu�te, da� er so wenig wie m�glich reden sollte, aber er verga� alle Vorsicht.</p><p>�Ich habe gesagt, da� ich gern durch m�chte, wenn Sie nichts dagegen einzuwenden haben.�</p><p>�Aha, wir haben es mit einem Herrn aus dem S�den zu tun�, knurrte ein weiterer Mann. Die Menge schlo� sich um Orry, es schien sich mehrheitlich um unrasierte, schwitzende und feindselig blickende M�nner zu handeln. Orry war auf drei Seiten blockiert. Hinter seinem R�cken ging ein unheilversprechendes Tuscheln los. Sein Mund f�hlte sich pl�tzlich trocken an.</p><p>Jemand schubste ihn, und er hatte kaum noch gen�gend Platz, um sich die Geldtasche unter den rechten Arm zu klemmen. H�nde wollten nach der Tasche greifen, Stimmen gingen durcheinander.</p><p>�Was hast du denn da in der Tasche, Rebell?�</p><p>�Wetten, da� es Geld ist.�</p><p>�Schaun wir�s uns doch an.�</p><p>�Ja, schaun wir�s an, schaun wir�s an!� schrie ein ganzer Chor.</p><p>Orry wurde von Panik erfa�t. Er sp�rte, wie die Tasche rutschte. Rasch machte er eine gezielte Handbewegung in Richtung der Manteltasche. Der Mann, der seine Hand auf die Geldtasche gelegt hatte, erschrak �ber die heftige Bewegung.</p><p>�Wenn ich Sie nicht durch H�flichkeit dazu bewegen kann, mich durchzulassen, meine Herren, dann mu� ich eben zu andern Mitteln Zuflucht nehmen.�</p><p>Orry lie� seine Finger unter den linken Rockaufschlag gleiten. Der Mann lie� die Geldtasche los. �Aufgepa�t! Der Kerl ist bewaffnet.�</p><p>Diejenigen, die dicht bei ihm standen, waren pl�tzlich nicht mehr von der Situation begeistert. Orry behielt die Finger unter dem Rockaufschlag, w�hrend die ersten M�nner beiseite traten und ihn passieren lie�en. Es war nicht einfach, die Tasche nur mit dem Druck des Oberarms zu tragen, aber es gelang ihm. Mit schnellen Schritten ging er durch die Menge; sein Herz pochte rasend unter seiner Handfl�che.</p><p>Als er die Menge endlich hinter sich hatte, hastete er davon. Vereinzelt rief man ihm Beleidigungen nach, aber er drehte sich nicht mehr um.</p><p>Er versuchte w�hrend der Fahrt zu schlafen, war jedoch zu aufgew�hlt und sa� mit der Tasche zwischen den F��en in verkrampfter Haltung da. Am n�chsten Morgen in Philadelphia fand er einen Kurzwarenladen und deckte sich mit einer kleinen Schere, einer Nadel, Garn und dem dreifarbigen Band ein. Mit Geduld und der Hilfe einer freundlichen Frau hinter der Theke eines Saloons wurde eine Rosette angefertigt.</p><p>Die Frau schien gl�cklich und stolz, da� sie ihm helfen konnte. �Virginia?� fragte sie, als sie glaubte, seinen Akzent erkannt zu haben. �Dort sind viele Leute gegen die Sklaverei, wie man h�rt.�</p><p>Er l�chelte kaum. Hegte sie noch eine Spur von Verdacht, so verschwand dieser letzte Rest, als sie die Rosette an seinem Rockaufschlag befestigte.</p><p>Am Dienstag, dem 16. April, traf Orry zu sp�ter Stunde in Lehigh Station ein. Die Stadt hatte sich ausgedehnt; auf der andern Seite des Flusses war ein neuer Ort, South Station, mit einigen Dutzend H�tten und billigen H�usern entstanden. Auf dem Bahnhof kleisterte ein Mann im gelben Licht einer Laterne ein Plakat an die Wand. Orry sah, da� es sich um einen Rekrutierungsaufruf f�r Lincolns Freiwilligenarmee handelte.</p><p>Er ging in die Dunkelheit hinaus, fiel jedoch mehreren vor dem Station House herumlungernden Gestalten auf. Ein gro�er, hagerer Mann mit staubbedeckten Kleidern, zwei Reisetaschen und nur einem Arm mu�te ja auffallen. Orry hoffte, da� man seine Rosette sehen konnte.</p><p>Als er am Hotel vorbeiging, h�rte er einen der M��igg�nger sagen: �Komischer Kauz. Kennt ihn jemand?�</p><p>Die andern verneinten. Einer bemerkte: �Sieht ein bi�chen wie der alte Abraham aus, nicht wahr.�</p><p>�Tja, k�nnte sein Bruder sein.� Der Mann, der zuletzt gesprochen hatte, trat unter der T�r des Hotels hervor und rannte hinter Orry her. �Wollen Sie ein Mietpferd, Mister? Nur zehn Cents bis zur Stadt. Egal wohin.�</p><p>Orry zog fragend die Augenbrauen hoch und deutete gleichzeitig mit dem Kopf in Richtung der Lichter von Belvedere oben auf dem H�gel.</p><p>�Und bis zu den Hazards?� Der Mann fingerte an seinem Kinn herum; jeder, der dem einzigen Million�r in Lehigh Station einen Besuch abstattete, mu�te selbst ziemlich wohlhabend sein. �Das macht f�nf Cents mehr.�</p><p>Orry nickte zustimmend. Der offene zweir�drige Wagen fuhr den steilen Berg hoch. Pl�tzlich tauchte eine d�nne, wei�gl�hende Linie im dunklen Himmel �ber Belvedere auf. Der Lichtstrahl fiel beinahe senkrecht zu Boden. Bevor Orry klarwurde, da� es sich um eine Sternschnuppe handelte, war schon alles vorbei.</p><p>Es dauerte nicht lange, und die warmen Fr�hlingsd�fte wurden von den rauchenden Schornsteinen der Hazard-Werke verzehrt. Die drei Hoch�fen tauchten die H�gel der Umgebung in ein kr�ftiges Rot. Aus jedem Hochofen quoll der Rauch empor, und der Fr�hlingswind trug den stampfenden Rhythmus der Maschinen in die Welt hinaus. Irgendwie wirkte es bedrohlich.</p><p>Als der Kutscher Orry vor der Villa absetzte, wurde er von Panik erfa�t. Er hatte nicht daran gedacht, vorher zu telegraphieren. Und wenn George nun nicht zu Hause w�re?</p><p>Ein lebhafter Knabe �ffnete atemlos die T�r. Er war gr��er als sein Vater und weniger st�mmig, aber die �hnlichkeit war frappant.</p><p>�William, erkennst du mich nicht mehr?� Orry zog den Hut und l�chelte. Immer wenn dieses L�cheln mitten in der Wirrnis seines Barts auftauchte, sah er weniger abschreckend aus. Williams �ngstliche Zur�ckhaltung schmolz denn auch prompt dahin. Er wirbelte herum.</p><p>�Pa? Pa, komm hierher! Rat mal, wer an der T�r ist.� Dann trat er beiseite. �Kommen Sie herein, Mr. Main.�</p><p>�Danke, William.� Orry ging hinein, und William nahm ihm das Gep�ck ab. �Du bist riesengro�. Wie alt bist du jetzt?�</p><p>�Dreizehn.� � �Fast�, f�gte er hinzu.</p><p>Orry sch�ttelte den Kopf und betrat die Vorhalle mit dem blendenden Licht. Er h�rte, wie im zweiten Stockwerk eine T�r ge�ffnet und dann geschlossen wurde, und als er hinaufschaute, sah er George mit gro�en Schritten, hochgekrempelten Hemds�rmeln und der unvermeidlichen Zigarre in der Hand die Treppe hinuntereilen.</p><p>�Orry? Allm�chtiger, das glaub� ich nicht!�</p><p>Er st�rzte auf Orry zu. Constance kam nicht weniger erstaunt aus der K�che. George f�hrte einen Freudentanz auf wie ein Kind. �Was zum Teufel machst du in Pennsylvania? Und was ist denn das?�</p><p>Orry schielte auf seinen Rockaufschlag. �Ich mu�te das Ding anstecken, um die feindlichen Linien zu durchqueren.�</p><p>George und Constance l�chelten �ber den gutgemeinten Witz, doch bald tauchten dr�uend die Erinnerungen an die j�ngsten Ereignisse wieder auf. Dies zeigte sich besonders deutlich, als Constance Orry umarmte und sagte:</p><p>�Es ist so herrlich, dich wiederzusehen! Die Nachricht �ber Sumter ist schrecklich, nicht wahr?�</p><p>�Schrecklich�, antwortete er zustimmend. �George, ich bin aus gesch�ftlichen Gr�nden hierhergekommen.�</p><p>Das war die zweite �berraschung f�r George. �Ich kann mir nicht vorstellen, da� jetzt noch irgendwo gro�e Gesch�fte get�tigt werden. Ich frage mich immer wieder, welche Auswirkungen die Sezession auf das �ffentliche Leben haben wird: die Transaktionen der Banken, das Postwesen � ach, aber wir wollen nicht hier herumstehen und �ber diese Dinge diskutieren. Hast du Hunger? Wir sind eben mit dem Abendessen fertig. Entenbraten. Es ist noch mehr als genug f�r dich �brig.�</p><p>�Ein H�ppchen k�nnte mir nicht schaden.�</p><p>�Na, dann komm. Mein Gott, ich kann es nicht glauben, da� du hier bist. Wie in alten Zeiten.�</p><p>Constance legte den Arm um ihren gro�en Sohn. Sie l�chelte, als die M�nner ins E�zimmer gingen. Orry w�nschte sich sehnlichst, da� es wieder wie in alten Zeiten w�re, aber alles, was er w�hrend der Reise erlebt hatte, deutete auf das Gegenteil hin. Nie wieder w�rde es einen Tag geben wie 1842, als die beiden mit noch ungetr�bten Hoffnungen und Tr�umen an der Reling ihres Schiffes lehnten und �ber den Hudson schauten.</p><p>Jetzt waren sie beide alte M�nner; alt und grau. Georges Haar war bereits von ein paar kr�ftigen Silberstreifen durchzogen. Und irgendwie hatten sie es zugelassen, da� ihre Welt in den Abgrund des Kriegs gest�rzt worden war. Dieses Wissen raubte ihm die Freude �ber das Wiedersehen. Mit grimmiger Miene ging er hinter George in das E�zimmer.</p><p>Orry a�, und sie tauschten Neuigkeiten aus. Billy war sicher mit seiner Frau in Washington angelangt. �Und mit einer kleinen Wunde�, f�gte George hinzu. �Billy hat sich nicht ausf�hrlich dar�ber ge�u�ert, aber ich vermute, da� es zu einem Streit mit einem von Bretts fr�heren Verehrern gekommen ist.�</p><p>�Ja.� Mehr sagte Orry nicht.</p><p>�Man hat ihm einige Tage Urlaub versprochen. Ich erwarte die beiden eigentlich jeden Augenblick.�</p><p>�Ich w�rde sie gern wiedersehen, aber ich kann nicht warten. Zu Hause herrscht das Chaos.�</p><p>�Ja, das Chaos ist �berall�, sagte Constance seufzend.</p><p>George nickte mit d�sterer Miene. �Man sagt, da� Virginia morgen oder �bermorgen aus der Union austreten wird. Und diejenigen Staaten, die bis jetzt unentschlossen gewesen sind, werden dem Beispiel folgen. Wahrscheinlich die meisten Grenzstaaten. Die Emotionen schlagen hohe Wellen� � er deutete mit der Zigarre auf die Rosette � �wie du wohl bemerkt haben wirst.�</p><p>Orry trank noch seinen Kaffee; er f�hlte sich zwar jetzt etwas weniger m�de, aber seine Stimmung hatte sich nicht gehoben. Er freute sich dar�ber, wieder bei seinem alten Freund zu sein, aber irgendwie hatte er das Gef�hl, da� sie einander lange Zeit nicht mehr sehen w�rden.</p><p>Nach einer l�ngeren Redepause sagte Constance z�gernd:</p><p>�Virgilia ist nach Hause gekommen.�</p><p>Orry h�tte beinahe die Kaffeetasse fallen gelassen. �Von wo?�</p><p>�Das�, knurrte George, �wollen wir lieber nicht fragen.�</p><p>�Ist sie heute abend hier?�</p><p>George nickte, und Orry erinnerte sich daran, da� bei seiner Ankunft eine T�re einen Spaltbreit ge�ffnet und dann wieder geschlossen worden war. Hatte Virgilia ihn gesehen?</p><p>Nun, eigentlich spielte es keine Rolle. Obwohl er unten in der Stadt einige elementare Vorsichtsma�nahmen ergriffen hatte, hatte er nicht die Absicht gehabt, seinen Besuch total geheim zu halten.</p><p>�Das arme Gesch�pf ist v�llig mittellos � � wollte Constance anfangen, aber George unterbrach sie.</p><p>�Es ist ihre eigene Schuld. Ich m�chte nicht dar�ber reden.� Seine Frau wandte ihren Blick ab. George wandte sich Orry zu: �Nun sag mir, welch wichtiges Gesch�ft dich dazu bringen konnte, die lange Reise hierher auf dich zu nehmen? Die <emphasis>Star of Carolina</emphasis> wird doch wohl nicht zum Stapellauf bereit sein?�</p><p>�Ich w�nschte mir, da� das der Fall w�re. Aber ich glaube nicht, da� das Schiff die Werft jemals verlassen wird. Deshalb bin ich gekommen und habe die Tasche mitgebracht, die drau�en in der Halle steht. Sie enth�lt sechshundertf�nfzigtausend Dollar. Ich bedaure, da� es nicht mehr ist, aber das ist alles, was ich auftreiben konnte.�</p><p>�Auftreiben? Wie auftreiben?�</p><p>�Ach, das spielt keine Rolle. Ich wollte nicht, da� das Kapital, das du investiert hast, im S�den blockiert und schlie�lich konfisziert wird. Das war ja nicht Sinn und Zweck deines Darlehens.�</p><p>George runzelte die Stirn, warf seiner Frau einen Blick zu und blickte dann seinen Freund an. �Vielleicht sollten wir das in der Bibliothek besprechen?�</p><p>�Komm, Billy�, sagte Constance und fuhr ihrem Sohn, w�hrend sie aufstand, �ber den Kopf.</p><p>�Billy.� Orry l�chelte. �Nennst du ihn so?�</p><p>Sie nickte. �Wenn Georges Bruder zu Hause ist, dann ist er Big Billy und William ist Little Billy. Manchmal ist es etwas verwirrend, aber wir m�gen es so.�</p><p>William schnitt eine Grimasse. �Nicht wir alle.�</p><p>�Er hat recht�, sagte Constance und versuchte ein ernstes Gesicht zu machen. �Stanley findet es entw�rdigend.�</p><p>�Und deshalb finden wir es gut�, sagte George und stand auf. Orry brach in ein spontanes, herzliches Lachen aus. F�r einen kurzen Augenblick waren die alten Zeiten fast wieder gegenw�rtig.</p><p>�Du sagst also, da� Billys Wunde gut heilt?� fragte Orry, als George die T�r schlo� und das Licht anz�ndete.</p><p>�Ja, das hat man mir gesagt. Er und Brett sind gl�cklich, auch wenn rundum alles in Aufruhr ist.� Er machte sich auf die Suche nach Gl�sern und einer Karaffe. �Ich glaube, wir k�nnten einen Whiskey gebrauchen.�</p><p>Er schenkte zwei Gl�ser ein, ohne zu fragen, ob Orry seine Meinung teilte. Immer noch derselbe alte Stumpf, dachte Orry. Er hat einfach jede Situation im Griff.</p><p>�Ja, unser Land befindet sich wirklich in einer schlimmen Lage�, stimmte Orry seinem Freund zu und nahm den Whiskey entgegen. Er trank die H�lfte des Glases in zwei Schlucken leer. Die W�rme breitete sich in seinem Magen aus und beruhigte ihn etwas. Er suchte den Schl�ssel zur Tasche, die er aus der Halle mitgenommen hatte, �ffnete das Schlo� und machte die Tasche weit auf, damit die gro�en Banknoten zu sehen waren. �Wie ich dir schon gesagt habe � das ist der Grund, weshalb ich gekommen bin.�</p><p>George nahm ein P�ckchen der geb�ndelten Noten in die Hand; f�r eine Weile war er sprachlos. Dann sagte er mit sanfter Stimme:</p><p>�Das ist eine sehr ehrenwerte Tat, Orry.�</p><p>�Das Geld geh�rt dir. Ich glaube, du hast es eher verdient als die Regierung in Montgomery, die, Spa� beiseite, mit zuverl�ssigen und eher konservativen M�nnern best�ckt worden ist.�</p><p>�Ja, das hab� ich auch festgestellt. Jeff Davis. Alec Stephens aus Georgia � �</p><p>�Die Kandidaten aus South Carolina, unter ihnen unser gemeinsamer Freund, der junge Hitzkopf�, George schnitt eine Grimasse, als Orry auf Huntoon anspielte, �sind praktisch v�llig ignoriert worden. Sie freuen sich nicht besonders dar�ber.�</p><p>�Weshalb hat man sie nicht beachtet?�</p><p>�Ich wei� es nicht genau. Ich vermute, die Konservativen fanden sie zu extremistisch. Wahrscheinlich bef�rchteten sie, da� sie dem Ansehen der neuen Regierung schaden k�nnten. Wie dem auch sei, ich wollte es auf jeden Fall vermeiden, da� M�nner, deren Grunds�tze nicht unbedingt mit den deinigen �bereinstimmen, dein Geld beschlagnahmen.�</p><p>George sah ihn kritisch an. �Stimmen ihre Grunds�tze denn mit den deinigen �berein?�</p><p>�Der Teufel soll mich holen, wenn ich das noch wei�. Stumpf.�</p><p>Er setzte sich auf einen Stuhl. George lie� das Schlo� der Tasche zuschnappen und setzte sich neben den Tisch, auf dem immer noch der Meteorit stand. Gedankenverloren nahm George das dunkelbraune St�ck in die H�nde und sagte: �Nun, wie ich bereits sagte, du hast etwas au�erordentlich Ehrenvolles getan, Orry.�</p><p>Verlegen prostete Orry seinem Freund zu. Dann erlosch sein etwas melancholisches L�cheln, und er deutete auf den rauhen Gegenstand in Georges H�nden.</p><p>�Ist das der gleiche, den du auf den H�geln oberhalb der Akademie gefunden hast?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Das dachte ich mir. Ich erinnere mich noch vage an das was du damals sagtest. Irgend etwas �ber das Eisen der Sterne, das die Macht hat, Familien, Reichtum, Regierungen � die ganze angestammte Ordnung der Dinge zu zerst�ren. Ich glaube, es wird sich demn�chst zeigen, ob das zutrifft. Du hast von Ehre geredet. Die Menschen haben verdammt wenig davon, und�, seine Stimme wurde leiser und nahm einen beinahe h�hnischen Ton an, �vielleicht einmal in einem Jahrhundert taucht ein bi�chen bei Nationen, politischen Parteien und Bewegungen auf, die dann ihren heiligen Krieg f�hren. Aber wenn der Krieg demn�chst ausbricht, dann werden Fabriken wie die deinige daf�r verantwortlich sein, da� noch das letzte bi�chen Ehrgef�hl unter den Menschen ausradiert wird. Cooper wei� das schon seit langem. Er hat es uns immer wieder gesagt, aber wir wollten nicht auf ihn h�ren. Wenn es einen Krieg gibt � und es sieht verdammt danach aus, � so wird es ein neuartiger, ein totaler Krieg sein, wie Mahan ihn vorausgesagt hat. Nicht nur die Soldaten werden dabei ihr Leben lassen; alles wird vernichtet werden.�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. Die Ersch�pfung von der Reise und der hastig getrunkene Whiskey l�sten in seinem Kopf ein merkw�rdiges Gef�hl leichter Benommenheit aus; seine Gedanken str�mten frei und fanden wie von selbst die Worte, um ihnen Ausdruck zu verleihen. �Und worauf kann sich der S�den f�r diese Art von Kampf st�tzen? Auf eine Zukunftsvision, die bereits hoffnungslos veraltet ist. Auf unsere Redegewandtheit. Auf unsere Parolen � und � auf unsere Soldaten.�</p><p>�Vergi� nicht, da� die Offiziere aus dem S�den die Elite der Armee bilden.�</p><p>�Zu Befehl�, sagte Orry nickend. �Und wer wird ihre Befehle ausf�hren? Eine Menge hartgesottener Farmer, die, obwohl sie noch nie etwas von Mahan oder Jomini geh�rt haben oder ironischerweise nie auch nur einen einzigen Sklaven besessen haben, k�mpfen werden wie der Teufel. Aber gegen wen werden sie k�mpfen? Gegen ein Riesenheer aus dem Norden. Gegen Millionen und Abermillionen von B�rokraten und Mechanikern. Gegen eure infernalischen Fabriken.� Er war jetzt kaum noch zu h�ren, als er sagte: �Ein neuartiger Krieg��</p><p>Orry schwieg einen Augenblick lang und fuhr dann schlie�lich fort: �Egal, wie es auch immer herauskommen mag, egal, welche Seite die Bedingungen diktieren wird � wir werden alle zu den Verlierern geh�ren. Wir haben abgedankt, George, und Verr�ckten den Thron �berlassen.�</p><p>Er warf den Kopf in den Nacken und kippte den Rest des Whiskeys hinunter. Dann schlo� er die Augen und sch�ttelte sich. Langsam und sorgf�ltig stellte George den Meteoriten auf den Tisch zur�ck und starrte ihn an.</p><p>Orry �ffnete die Augen wieder. Er hatte den Eindruck, aus der Ferne L�rm und Aufruhr zu h�ren. George hob die Hand. �Ja, es sind Verr�ckte, die regieren. Aber was h�tten wir tun k�nnen?�</p><p>�Ich wei� es nicht. Cooper hat uns doch immer mit Burkes Worten gewarnt.� Er �berlegte, um richtig zitieren zu k�nnen. �Wenn sich schlechte M�nner zusammentun, dann m�ssen sich die guten verb�nden, denn sonst fallen sie, einer nach dem andern.�</p><p>Er war pl�tzlich aufgestanden und langte nach dem Whiskey. �Verdammt noch mal, ich wei� wirklich nicht, was wir h�tten tun k�nnen, aber ich wei�, da� wir uns die Frage nicht fr�h und nicht eindringlich genug gestellt haben. Oder nicht oft genug.�</p><p>Er schenkte ein und trank zwei Drittel des Glases leer. George dachte �ber die Worte seines Freundes nach. Dann sch�ttelte auch er den Kopf. �Das ist eine sehr einfache Antwort. Vielleicht zu einfach. Das Problem ist unendlich verzwickter. Manchmal denke ich, da� ein Mensch etwas ungeheuer Mickriges ist. Wie kann er irgend etwas ver�ndern, wenn gewaltige Kr�fte am Werk sind? Kr�fte, die er nicht versteht, oder die er nicht einmal erkennen kann?�</p><p>Orry antwortete mit derselben deprimierenden Wahrheit wie vorhin: �Ich wei� es nicht. Aber wenn diese gewaltigen Kr�fte und Ereignisse nicht rein zuf�llig sind, dann m�ssen sie vom Menschen geschaffen und geformt werden. Positiv oder negativ. Ich glaube, da� wir eine Chance hatten. Und ich glaube, da� wir sie nicht wahrgenommen haben.�</p><p>Aus unerkl�rlichen Gr�nden wurde seine Stimme bei diesen Worten br�chig. Er sp�rte Tr�nen in den Augen. Tr�nen des Schmerzes, des Versagens, der Frustration und der Verzweiflung � ach, und woher sie sonst noch kamen, was wu�te er denn schon. Wie bet�ubt starrten sich die Freunde einen Augenblick an, bar jeglicher Emotionen, mit Ausnahme des Bewu�tseins ihrer Schuld und der Angst, die sie erzeugte, jetzt da der Parolen skandierende P�bel im Norden und S�den durch die Stra�en marschierte, unersch�tterlich der neuen Apokalypse von Mahan entgegengehend.</p><p>P�bel. Das Wort und gewisse Ger�usche sch�ttelten Orry aus seinen d�steren Tr�umen. Er ging zu einem der Fenster. Von drau�en waren Stimmen zu h�ren. Nicht viele Stimmen, aber sie klangen �u�erst bedrohlich.</p><p>George runzelte die Stirn. �Eine Horde Rowdies aus der Stadt? Ich frage mich, was sie hier oben wollen?�</p><p>Er streckte die Hand nach den Samtvorh�ngen aus. Pl�tzlich flog die T�r auf. Er drehte sich blitzschnell um. <emphasis>�Virgilia!�</emphasis></p><p>Sobald Orry ihrer gewahr wurde, wu�te er, weshalb der P�bel gekommen war.</p><p><strong>68</strong></p><p>Der Tumult drau�en nahm zu. George deutete auf das Fenster und sagte mit vor Schock und Zorn ersch�tterter Stimme: �Bist du daf�r verantwortlich, Virgilia?�</p><p>Ihr L�cheln war Antwort genug.</p><p>�Wie zum Teufel sind sie hierhergekommen?� wollte George wissen.</p><p>Ein Stein flog durch eins der Fenster. Dank der schweren Vorh�nge splitterte das Glas nicht im ganzen Zimmer herum, aber es fiel laut klirrend zu Boden. Orry glaubte, da� er jemanden das Wort <emphasis>Verr�ter</emphasis> rufen geh�rt hatte. Er fuhr sich mit der Hand �ber den Mund.</p><p>�Ich habe einen der Hausdiener zum Hotel geschickt.� Virgilia blickte Orry an. �Gleich nachdem ich ihn zur T�r hereinkommen sah.�</p><p>�Aber um Gottes willen � <emphasis>warum?�</emphasis></p><p>Orry h�tte George die Frage beantworten k�nnen. Er war kaum f�hig, den Widerwillen, den Virgilias Anblick in ihm hervorrief, zu verbergen. Sie war nur wenige Jahre �lter als er, aber sie sah mindestens zwanzig Jahre �lter aus. Ihr bedrucktes, verwaschenes Kleid war ihr zu eng geworden; sie hatte mindestens zwanzig Pfund zugenommen, aber das war nur eines der Anzeichen ihrer zunehmenden Verwahrlosung. Ihr Teint war schwammig, ihre Augen wirkten eingefallen. Verfilzte Haarstr�hnen fielen ihr auf die Schulter, und als sie sich umwandte, sah Orry, da� ihr Hals dreckig war.</p><p>�Weil er ein Verr�ter ist�, fl�sterte sie. �Ein S�dstaatler und ein Verr�ter. Er hat Grady ermordet.�</p><p>�Er hatte nichts mit Gradys Tod zu tun. Du � �</p><p>�Ermordet�, wiederholte sie, den Blick auf Orry geheftet. In ihren Augen gl�hte der Ha� so abgrundtief, da� seine Kraft fast physisch sp�rbar war. �Sie haben es getan. Sie und Ihr Volk.�</p><p>George fuhr sie an: �Die Bundestruppen haben Grady get�tet!� Aber sie war der Vernunft nicht mehr zug�nglich, und nun wu�te Orry pl�tzlich, was es war, das sie mit ins Zimmer gebracht hatte. Es war mehr als nur der Gestank ungewaschener Kleider oder eines ungewaschenen K�rpers; es war der Geruch des Todes.</p><p>�Ich habe diese M�nner holen lassen�, sagte sie zu ihm. �Ich hoffe, da� sie Sie t�ten werden.�</p><p>Pl�tzlich rannte sie wie ein wildgewordenes Tier zu den Vorh�ngen vor der zerbrochenen Fensterscheibe. �Hier ist er!� schrie sie. George machte einen Satz, packte sie am Arm und stie� sie zur�ck.</p><p>Sie fiel hin und landete unsanft auf H�nden und Knien. Haltlos begann sie zu schluchzen: tiefe, hemmungslose Schmerzensschreie. Das Haar fiel wie ein Vorhang auf beiden Seiten ihres gebeugten Kopfes hinunter und verdeckte barmherzig ihr vom Wahnsinn gekennzeichnetes Gesicht.</p><p>George warf einen verstohlenen Blick auf die Vorh�nge, die sie beinahe ge�ffnet h�tte, und sagte mit leiser Stimme: �Um elf Uhr f�hrt ein G�terzug nach Osten. Ich glaube, da� es sicherer f�r dich w�re, wenn � �</p><p>�Einverstanden�, unterbrach ihn Orry. �Ich gehe sofort; ich will deine Familie nicht gef�hrden. Ich werde das Haus durch die Hintert�r verlassen.�</p><p>�Den Teufel wirst du. Wahrscheinlich haben sie dort Wachen postiert. �berla� das ganze mir.�</p><p>George ging in die Halle hinaus. Virgilia rappelte sich m�hsam hoch. George wandte sich nach ihr um. �Virgilia � �</p><p>Die Gef�hle �berw�ltigten ihn, und er konnte nicht weiterreden, aber er brauchte eigentlich auch keine Worte. Seine Augen und sein rotes Gesicht zeigten deutlich, was in ihm vorging. Virgilia scheute vor ihm zur�ck, und er ging in die Halle hinaus.</p><p>Constance, die beiden Kinder und ein halbes Dutzend Bedienstete beobachteten �ngstlich die Eingangst�re. Durch das Oberlicht fiel ein Feuerschein, die M�nner vor dem Haus waren mit Fackeln ausger�stet. Orry sah, wie jemand von au�en an der T�rklinke r�ttelte, doch ein Hausdiener war geistesgegenw�rtig genug gewesen, um den Riegel vorzuschieben, als der P�bel aufmarschierte.</p><p>�Wer sind diese M�nner?� fragte Constance ihren Mann. �Was wollen sie hier?�</p><p>�Sie wollen Orry. Virgilia ist schuld daran. Bring die Kinder nach oben.�</p><p><emphasis>�Virgilia?</emphasis> Du lieber Gott, George � �</p><p>�Bring sie nach oben! Und ihr geht alle aus der Halle!� Zu Orry sagte er: �Warte einen Augenblick hier.� W�hrend die Bediensteten davongingen und Constance die Kinder nach oben brachte, �ffnete George die T�r zu einer Abstellkammer unter der Treppe.</p><p>Er nahm als erstes einen Uniformmantel heraus. Orry bemerkte eine Unionsrosette auf dem Aufschlag; sie war kleiner und h�bscher als die seinige. Als n�chstes holte er einen Patronengurt der Armee hervor, an dem ein 1847er Colt befestigt war.</p><p>George legte den Gurt auf einen Stuhl und untersuchte rasch die Waffe. �Ich habe den Colt immer geladen und griffbereit in dieser Abstellkammer, da ich manchmal unerw�nschte Besucher habe � Angestellte, die ich entlassen habe, und �hnliche��</p><p>Er pr�fte den Lauf und drehte sich dann zur T�r um. Ein Stein flog durch das Oberlicht und zersplitterte das Glas, das in alle Richtungen flog. �Verdammtes Dreckpack�, knurrte George. �Folge mir.�</p><p>Mit seinen kurzen, st�mmigen Beinen ging er geradewegs auf die T�r zu und schob ohne Z�gern den Riegel zur�ck. Orry war dicht hinter ihm, �ngstlich, aber auch eigenartig entz�ckt. Die Uhr schien zur�ckgedreht, und sie waren beide wieder in der Schlacht � George wie immer an der Spitze.</p><p>George stie� die T�r auf, mit genau kalkulierter Grandezza, wie Orry dachte. Doch der P�bel, der bereits die Treppen von Belvedere erklommen hatte, schien �berhaupt nicht beeindruckt, sondern l�rmte weiter. Orry z�hlte f�nfzehn mit Steinen und St�cken bewaffnete M�nner. �Da ist der verdammte S�dstaatler�, schrie einer, als Orry hinter George auf die T�rschwelle trat. �Da ist der Verr�ter!�</p><p>Ein andrer Mann schwenkte eine rauchende Fackel. �Wir wollen ihn haben!�</p><p>George straffte die Schultern. Er sah kampffreudig und kraftvoll aus, als er den Colt hob und den Arm ausstreckte. Er richtete die M�ndung auf den Kopf des Mannes, der eben gesprochen hatte, und kr�mmte den Daumen �ber dem Abzug.</p><p>�Hol ihn dir. Ich garantiere aber, da� du und einige deiner Kumpanen den Versuch nicht �berleben werdet.�</p><p>Orry trat links neben seinen Freund, nur ein paar Fu� weit von den M�nnern auf der Treppe. Er glaubte zwei der vor dem Hotel herumlungernden Gestalten zu erkennen.</p><p>�Los, auf ihn!� schrie jemand.</p><p>George richtete den Colt auf ihn. �Komm doch! Es gibt einen alten milit�rischen Grundsatz: Wer den Befehl erteilt, f�hrt den Angriff auch an!�</p><p>�Verdammt noch mal, Hazard�, schrie ein andrer, �er ist ein S�dstaatler. Ein Mann aus dem Palmettostaat. Wir wollen ihm nur zeigen, was wir von Sezessionisten � von Verr�tern, halten.�</p><p>�Dieser Gentleman ist kein Verr�ter. Wir haben beide im selben Jahr in West Point abgeschlossen und haben unter General Scott die ganze Kampagne bis nach Mexiko-City mitgemacht. Mein Freund hat ebenso hart f�r dieses Land gek�mpft wie ich, und jener leere �rmel zeigt euch, was seine Belohnung war. Ich kenne die meisten von euch, und ich m�chte nicht, da� auch nur ein einziger durch meine Hand umkommt. Aber wenn ihr einem Ehrenmann wie ihm ein Leid antun wollt, dann m��t ihr zuerst mich beseitigen.�</p><p>Der P�bel wurde etwas ruhiger. Orry sah, wie Blicke von Georges Colt �ber die T�r wanderten. Einige M�nner �berlegten sich offensichtlich, wie sie ihn und George in die Zange nehmen und dann �berw�ltigen k�nnten. Zwei Gestalten l�sten sich von der Gruppe, aber George nahm sie sofort ins Visier.</p><p>�Den ersten, der noch einen Schritt macht, erschie�e ich.�</p><p>Die beiden M�nner blieben stehen. F�nf Sekunden. Zehn Sekunden. F�nfzehn ...</p><p>�Wir k�nnen sie �berw�ltigen�, rief eine Stimme. Keine Antwort. Orrys Herz h�mmerte. Alles war m�glich�</p><p>�Zum Teufel�, sagte jemand. �Es lohnt sich nicht, daf�r zu sterben.�</p><p>�Das nenne ich gesunden Menschenverstand�, sagte George in einem immer noch etwas pathetischen Tonfall. �Wenn der Rest ebenso denkt, k�nnt ihr gehen. Achtet blo� darauf, da� ihr euch von der T�r entfernt, den H�gel hinuntergeht und von meinem Grundst�ck verschwindet.� Er legte eine Kunstpause ein und schrie mit seiner besten West-Point-Stimme: �Verschwindet!�</p><p>Sie reagierten auf den Befehl und auf die Bedrohung mit dem Colt. Vereinzelt und in Gr�ppchen schlurften sie davon und hinterlie�en blo� noch einige Fl�che.</p><p>Eine Minute verstrich. Eine weitere. George und Orry blieben bei der T�r stehen, f�r den Fall, da� es sich der P�bel wieder anders �berlegen k�nnte. Schlie�lich lie� George den Colt sinken und lehnte aufatmend gegen eine S�ule.</p><p>�Das h�tte ins Auge gehen k�nnen�, sagte er sanft. �Aber wir sind noch nicht auf dem Trockenen. Hol deinen Koffer, und ich schicke jemanden los, um die Kutsche zu holen. Je schneller du deinen Zug erwischst, desto besser.�</p><p>Orry erhob keinen Einwand.</p><p>Einer der Diener bet�tigte sich als Kutscher, der andere ritt neben der Kutsche her. Beide waren bewaffnet. George ebenfalls. Er hatte bereits veranla�t, da� der Diener, der Virgilias Botschaft �berbracht hatte, gesucht werden sollte. Der Mann w�rde entlassen werden.</p><p>George und Orry waren immer noch ersch�ttert �ber das Ereignis. George sa� schweigend und in nachdenklicher Stimmung da, w�hrend die Kutsche den H�gel hinunterholperte. Schlie�lich fragte ihn Orry: �Wor�ber denkst du nach?�</p><p>��ber diese schrecklichen Zeiten. Wir h�tten dies alles vermeiden k�nnen, wenn wir mit dem Guten, das in uns allen ist, reagiert h�tten. Aber statt dessen haben wir mit dem B�sen in uns reagiert. Mit dem Schlimmsten. Ich frage mich, ob wir �berhaupt zu etwas anderem f�hig sind.�</p><p>Erneutes Schweigen. Orry versuchte die d�stere Stimmung etwas zu heben, indem er seinem Freund erz�hlte, wof�r er bis jetzt noch keine Gelegenheit gefunden hatte � da� Madeline nun endlich bei ihm war und bei ihm bleiben w�rde. Sie hatten vor, einen Rechtsanwalt zu konsultieren und die Scheidung einzureichen, sobald die d�steren Wolken am Horizont verschwunden waren.</p><p>�Das ist herrlich. Sch�n�, murmelte George, als die Kutsche an einigen abgelegenen H�usern vorbeifuhr. Sein st�ndig umherwandernder Blick flog �ber schattige Veranden, erleuchtete Fenster und �ber die Stra�e. Pl�tzlich lehnte er sich vor. Vor ihnen waren vier M�nner im Licht der Hotel- und Bahnhofslampen auf die Stra�e getreten und warteten auf die Kutsche.</p><p>�Aufgepa�t, ihr beiden!� schrie George seinen M�nnern zu.</p><p>Keuchend rannte Virgilia �ber den Pfad, der auf den H�gel hinter Belvedere f�hrte. Sie wagte es nicht, in die Stadt zu fliehen, wo sie vielleicht George begegnen w�rde.</p><p>Dornen rissen an ihren Kleidern und zerstachen ihr die H�nde, in denen sie eine riesengro�e, vollgestopfte Reisetasche hielt. Sie war zwar eine kr�ftige Frau, vermochte aber trotzdem die Tasche kaum zu schleppen. Jedesmal, wenn sie gegen ihr Bein schlug, war ein klirrendes Ger�usch zu h�ren.</p><p>Sie war einmal zu oft zur Villa zur�ckgekehrt. Das war ihr jetzt v�llig klar. Nie wieder w�rde sie auch nur einen Fu� nach Lehigh Station setzen.</p><p>Wozu auch? Sie ha�te die ganze Familie. Den aufgeblasenen kleinen George und den selbstgef�lligen Stanley, ihre Ehefrauen und ihre Kinder mit der ach so kostbaren wei�en Haut. Sie verstanden �berhaupt nichts von dem Kampf, der in der Welt drau�en gef�hrt wurde. Sie behaupteten zwar das Gegenteil, aber sie hatten ja keine Ahnung, wie m�hsam und grausam das alles war. Wohlgen�hrte Heuchler waren sie, alle.</p><p>Ihre lauten, raschen Atemz�ge klangen wie Schluchzer. Pl�tzlich strauchelte sie und fiel hin. Aber die Tasche lie� sie nicht f�r eine Sekunde los.</p><p>Sie stand wieder auf und hastete weiter den steilen H�gel hinauf, als h�tte sie eine ganze Schar von Verfolgern auf den Fersen. In dem Moment, als George sie wortlos angeblickt hatte, war ihr klargeworden, da� sie fliehen mu�te.</p><p>Schultern und Oberarme taten bereits entsetzlich weh. Sie hatte die Tasche zu voll gestopft, bevor sie das Haus verlie�: Kerzenhalter, Silber, Kleidungsst�cke aus der Garderobe von Constance und einige ihrer kostbarsten Juwelen � alles Gegenst�nde, die Virgilia gut verkaufen konnte, um Geld zum Leben zu haben.</p><p>Sie betrachtete es nicht als Diebstahl, sondern fand, da� es ihr rechtm��ig zustand. Stanley und George hatten sie immer erniedrigt, weil sie eine Frau war. Und als sie sich in einen Schwarzen verliebt hatte, war ihre Verachtung nur noch st�rker geworden. Eines Tages w�rde sie es ihnen heimzahlen, gelobte sie sich, als sie den H�gel hinaufkeuchte. Allen w�rde sie es heimzahlen.</p><p>Die Kutsche rollte auf die wartenden M�nner zu, die in der Mitte der Stra�e stehenblieben. George ber�hrte den Kutscher am Arm.</p><p>�Halt nicht an und fahr auch nicht um sie herum. Gib mir deinen Colt.�</p><p>Der Kutscher gab George seine Waffe. W�hrend etwa einer halben Minute war nur das Geklapper der Hufe und das schwache Quietschen der Hinterachse zu vernehmen. George hielt den Atem an und hob die beiden Revolver hoch, so da� sie gut sichtbar waren.</p><p>Als der Zaum des Pferdes noch einen knappen Meter von den schweigenden M�nnern entfernt war, traten sie beiseite.</p><p>Orry erkannte im Zwielicht zwei der M�nner, die vor Belvedere seinen Kopf gefordert hatten. Der eine spuckte auf die Stra�e und starrte dabei Orry ins Gesicht. Doch Orry f�hlte keine Wut mehr, er war zu ersch�pft, um zu reagieren. Die Kutsche rollte weiter.</p><p>�Geschafft!� rief George mit einem etwas m�hseligen L�cheln.</p><p>Sie warteten etwa eine Stunde lang im Bahnhof; die beiden Diener standen drau�en Wache. Von den Unruhestiftern war nichts mehr zu sehen.</p><p>George schien jetzt ebenso ersch�pft wie sein Freund. Ihr Gespr�ch verlief dementsprechend. Orry erw�hnte Elkanah Bent, aber George winkte mit einer m�den Handbewegung ab. Nun, da der Krieg ausgebrochen war, meinte er, gab es Schlimmeres zu bef�rchten als einen verr�ckten Offizier. Billy war gewarnt, und George schien ihn endg�ltig vergessen zu wollen. Damit war die Sache auch f�r ihn erledigt.</p><p>Schweigen. Genau wie George fragte sich auch Orry, wie das Land in eine solche Krise hatte hineinschlittern k�nnen. Wo hatten sie versagt? Was hatten sie nicht ber�cksichtigt? Es waren einige Vorschl�ge zur L�sung des Problems vorgebracht worden, aber man hatte sie nie ernsthaft gepr�ft. Wie zum Beispiel der von Emerson und anderen ausgearbeitete Plan f�r eine kompensierte Emanzipation. Die Wiederansiedlung von befreiten Sklaven in Liberia, damit der Norden nicht von billigen Arbeitskr�ften �berschwemmt w�rde. Hatte auch nur die geringste Hoffnung auf eine Verwirklichung dieser Ideen bestanden? W�ren Garrison und Virgilia damit einverstanden gewesen? Oder Calhoun und Ashtons Ehemann? Er wu�te es nicht. Er w�rde es nie wissen.</p><p>Die Lokomotive tauchte auf, die Schienen blitzten im Lichtschein auf. Der Bahnhofsvorstand hatte die Fracht mit einer Flagge gekennzeichnet. George begleitete Orry zu der Stelle, wo der Bremswagen mit gr��ter Wahrscheinlichkeit halten w�rde.</p><p>�Sonderpassagier�, erkl�rte George den verbl�fften Bremsern und dr�ckte ihnen Geld in die Hand. Er wollte sich eben von seinem Freund verabschieden, als sein Blick auf Orrys lieblos angefertigte Rosette fiel. �Augenblick noch.�</p><p>Er l�ste die Rosette und warf sie weg. Dann nahm er seine eigene vom Rockaufschlag und befestigte sie an Orrys Kragen.</p><p>�Warum sollst du nicht eine echte tragen. Verdammt noch mal, ich will nicht daran schuld sein, da� sie dich in Maryland lynchen.�</p><p>Sie umarmten einander. Orry stieg in den Zug.</p><p><strong>69</strong></p><p>Am n�chsten Morgen traf Orry in Philadelphia ein. Um vier Uhr nachmittags ging der Zug nach Washington. Es regnete stark. Orry sa� mit der Stirn an das feuchte Fenster gelehnt, wie in Trance. Nur die Erinnerung, der Gedanke an Madeline, hielt ihn aufrecht.</p><p>Die Dunkelheit war bereits hereingebrochen, als der Zug mit einem Ruck anhielt. Ein sch�biger Bahnsteig wurde von einigen Lampen beleuchtet, und Orrys Blick fiel auf einen Zug nach Norden, der auf dem andern Gleis stand. Die Passagiere dr�ngten sich auf dem Bahnsteig; sie benutzten die Gelegenheit, um den verrauchten Eisenbahnwagen f�r eine Weile zu entkommen und etwas frische Luft zu schnappen. Auch um Orry herum stand man auf, um sich nach drau�en zu begeben. Er hatte keinerlei Lust, sich zu r�hren.</p><p>�Wo sind wir?� fragte er den Schaffner.</p><p>�Relay House.�</p><p>�Weshalb halten beide Z�ge an?�</p><p>�Um Reisende aus einem Bummelzug aus dem Osten aufzunehmen. Einige werden nach Norden, andere nach S�den reisen.�</p><p>�Ist ja klar�, meinte Orry. Der Schaffner blickte ihn an, als ob er nicht ganz bei Sinnen w�re.</p><p>Orry starrte in den Regen hinaus, und pl�tzlich fiel sein Blick auf vertraute Gesichter. Er sprang wie von der Tarantel gestochen auf, raste den Gang hinunter und blieb dann abrupt stehen.</p><p>Er beugte seine hohe Gestalt und schaute durchs Fenster auf seine Schwester und deren Ehemann. W�rde er das junge Paar kompromittieren, wenn er mit ihnen redete? Billy trug die Uniform.</p><p>Er stie� einen Fluch aus. F�r einen kurzen Augenblick war ihm der P�belhaufen vor Georges Haus wieder in den Sinn gekommen: <emphasis>Wenn du ein S�dstaatler bist, dann bist du ein Verr�ter.</emphasis> Rasch ging er zum vorderen Ende des Wagens.</p><p>Der Regen schlug ihm ins Gesicht, als er sich einen Weg durch das Gew�hl auf dem Bahnsteig bahnte. �Brett? Billy?�</p><p>�berraschung und Verwirrung spiegelte sich auf ihren Gesichtern, als sie ihn erkannten. Einige Leute warfen ihm mi�trauische Blicke zu.</p><p>�Was in aller Welt tust du denn hier?� rief Brett.</p><p>�Ich bin auf dem Weg nach Hause. Bin in Lehigh Station gewesen. George sagte, da� er euch erwartet.�</p><p>�Ich bin auf Urlaub�, sagte Billy. �Was dann kommt, wissen die G�tter.�</p><p>�Wie geht es deinem Arm?�</p><p>�Gut. Kein dauernder Schaden.� Er legte den Arm um Bretts Taille. �Jene zwei oder drei Stunden nach der Trauung kommen mir, mehr als alles andere, wie ein b�ser Traum vor. Ich wei� bis heute nicht genau, weshalb das alles geschehen ist.�</p><p>�Ich auch nicht�, f�gte Brett hinzu. Orry war sich immer noch nicht dar�ber im klaren, ob er ihr etwas von Ashtons Machenschaften erz�hlen sollte.</p><p>Sie bemerkte seine Rosette. �Wo hast du denn das her? Ist gar am Ende eine wundersame Wandlung in dir vorgegangen?�</p><p>�Nicht ganz. Ich hab� es von George bekommen. Damit ich durch die feindlichen Linien komme, wie man das nennen k�nnte.�</p><p>Der Bummelzug aus dem Osten ratterte in den Bahnhof ein. Reisende stiegen aus und rannten mit ihrem Gep�ck auf die beiden wartenden Z�ge los. �Wie geht es George?� erkundigte sich Brett.</p><p>�Gut, wie immer.�</p><p>Sie ber�hrte sanft seinen Arm. �Und wie geht es dir?�</p><p>�Besser als ich es je erwartet h�tte. Ich nehme an, du wei�t nicht, da� Madeline LaMotte ihren Mann verlassen hat. Sie ist nun in Mont Royal. Wir sind schon seit Jahren � befreundet gewesen.�</p><p>Brett wirkte nicht �berrascht. Sie l�chelte. �Ich habe so etwas geahnt. Ach Orry, es g�be so viele Fragen, die ich dir stellen m�chte, und jetzt f�llt mir nicht einmal ein Viertel davon ein.�</p><p>Der Schaffner vom Zug nach Norden rief voller Ungeduld: �Alle einsteigen bitte! Wir sind schon eine halbe Stunde zu sp�t.�</p><p>Brett warf ihrem Bruder die Arme um den Hals. �Wann werden wir dich wiedersehen?�</p><p>�Ich nehme an, es wird ein gutes Weilchen dauern. Ich glaube sogar, da� weder Mr. Lincoln noch Mr. Davis wissen, was demn�chst auf uns zukommen wird. Was auch immer geschehen mag � die Bande zwischen den Hazards und den Mains d�rfen nicht zerrei�en. Es gibt auf dieser Welt wenige Dinge, die so wichtig sind wie Freundschaft und Liebe. Beide sind h�chst fragil. Wir m�ssen sie bewahren, bis diese Zeiten vor�ber sind.�</p><p>�Das werden wir, ich verspreche es�, sagte sie unter Tr�nen.</p><p>�Hier ist bereits das st�rkste Band.� Billy hob ihre linke Hand, um den Ehering zu zeigen.</p><p>Orry nickte. �Das ist mir schlie�lich klargeworden, und deshalb habe ich meine Meinung in bezug auf eure Heirat auch ge�ndert.�</p><p>�Daf�r danke ich dir�, sagte Billy l�chelnd.</p><p><emphasis>�Eeeinsteigen!�</emphasis> schrie der Schaffner. Sein Kollege von Orrys Zug br�llte ebenfalls. Der Schaffner des Nordzugs sprang auf die Stufen eines Wagens und winkte dem Zugf�hrer. Sofort stieg der Ger�uschpegel: Dampf zischte, Glockengebimmel, Stimmengewirr.</p><p>Billy und sein Schwager sch�ttelten sich die H�nde. Orry eilte zu seinem Wagen zur�ck. Die Lokomotive spuckte eine Dampfwolke aus, die den Bahnsteig, der sich in Sekundenschnelle geleert hatte, in einen Nebel h�llte. Ein erster Ruck, gefolgt von einem Keuchen, und bald ratterten die beiden Z�ge in entgegengesetzten Richtungen davon; zur�ck blieb eine kleine Lichtinsel, w�hrend die Z�ge immer schneller in die Dunkelheit rasten.</p><p>Orry mu�te in Washington nochmals umsteigen, diesmal auf einen Eilzug. Gerade bevor er losfuhr, stiegen noch vier M�nner in Zivilkleidern mit einer Unmenge von Koffern und Paketen ein. Ihrer Haltung und ihren Bewegungen nach zu urteilen, wu�te Orry, da� es sich um Soldaten handelte, Soldaten aus dem S�den, die nach Hause fuhren.</p><p>Sie nahmen zwei Reihen hinter ihm Platz. Er h�rte ihrem Gespr�ch zu. W�rden Lincoln und Jeff Davis Armeen gegeneinander losschicken? W�rden die Z�ge nicht mehr fahren? W�rde in Montgomery neues Geld herausgegeben werden? Endlose Fragen; keine Antworten.</p><p>Der Regen ging in Nieselregen �ber. Langsam ratterte der Zug durch die sumpfigen Landstriche des District of Columbia. Auf einem von Unkraut �berwachsenen Feld sah Orry eine Armeeeinheit beim Exerzieren. Es standen vereinzelt einige Laternen herum, aber die dunklen Gestalten waren haupts�chlich deshalb zu erkennen, weil irgendwo in der Ferne eine ihm unbekannte Lichtquelle gespenstisch gl�hte. Er sah ganze Reihen von Bajonetten auf Gewehrl�ufen; eines der Bajonette blitzte kurz wie ein Stern auf. Die Soldaten exerzierten im Regen. Kein Wunder wurden so viele Anstrengungen gemacht: Washington befand sich jetzt in einer verwundbaren Position. Auf der andern Seite des Potomac lag Virginia � jetzt feindliches Territorium.</p><p>Wo mochte Lee sein? Wo einige von Orrys alten Kameraden aus Mexiko? Der kleine McClellan, den er beneidet, aber nie gemocht hatte? Jackson, der am Milit�rinstitut von Virginia Kadetten unterrichtete? Der flotte George Pickett, der ein so guter Soldat war und so selten ernst? Ach, wie gerne h�tte er einige von ihnen wiedergesehen!</p><p>Aber nicht auf einem Schlachtfeld. Nicht wenn ihr Wiedersehen von einander feindlich gesinnten Gener�len organisiert w�rde. M�nner, die einander an der Akademie wie Br�der nahegestanden waren, planten unter Umst�nden gerade in diesem Augenblick ihre gegenseitige Vernichtung. Das Unvorstellbare war also doch Wirklichkeit geworden.</p><p>Das blinde Marschieren dieser namenlosen Einheit schien ihm der schlagendste Beweis daf�r zu sein � eine Vision von finsteren, seelenlosen Gestalten, von messerscharfem, blitzendem Stahl. Die Kriegsmaschinerie lief schon auf Hochtouren. Gott helfe uns allen, dachte er.</p><p>An jenem Abend fiel ein leichter Regen in der Tradd Street. Cooper schrieb einen Brief, �ber den er schon seit einer Weile nachgedacht hatte. Als er damit zu Ende war, suchte er seine Frau. Judith hatte eben die Kinder zu Bett gebracht. Mit dem zunehmenden Kriegsfieber im ganzen Staat waren Judah und Marie-Louise �berreizt und wollten immer zu lange aufbleiben.</p><p>Ohne Umschweife teilte Cooper Judith seine Entscheidung mit. Judith verharrte einen Augenblick in best�rztem Schweigen. Dann:</p><p>�Ist es dir ernst?�</p><p>�Ich habe den Brief bereits geschrieben, wie es die Herren von mir verlangt haben. Morgen schicke ich ihn nach Montgomery. Nach dem ersten Mai wird das ganze Verm�gen der Carolina Shipping Company, einschlie�lich unsrer Schiffe, der Marine geh�ren.�</p><p>Kopfsch�ttelnd setzte sie sich. �Wie kannst du mit deiner �berzeugung und deinen Ansichten eine solche Entscheidung treffen?�</p><p>�Neutralit�t ist der Ausweg des Feiglings. Entweder unterst�tzen wir den Krieg � oder wir ziehen in den Norden. Die Sezession ist ein Fehler, und das System, das dazu gef�hrt hat, ist ein noch schlimmeres �bel. Ich glaube, da� wir bestraft werden. Zermalmt. Und doch � �, ein sorgenvoller Blick, eine z�gernde Handbewegung �f�hle ich eine gewisse Loyalit�t, Judith.�</p><p>Sie blickte ihn skeptisch an. Er holte tief Atem. �Ich habe noch etwas mit den Mitgliedern des Ausschusses besprochen, von dem du noch nichts wei�t. Sie haben mich gebeten, nach London zu gehen. Als Agent der Marine.�</p><p>�London? Weshalb?�</p><p>�Weil ihnen klar ist, da� die Konf�deration ohne Lebensmittel und G�ter von andern nicht wird �berleben k�nnen. Auch Mr. Lincoln wei� das. Die Yankees werden bestimmt die Blockade als Waffe gegen uns ben�tzen. Und dann m�ssen wir zu einem Gegenschlag ausholen k�nnen. Ein Schiff wie die <emphasis>Star of Carolina � �</emphasis></p><p>�Wovon zum Teufel redest du?� rief Judith aufgebracht. �Sie wird niemals in See stechen!�</p><p>�Ich habe gesagt: ein Schiff wie sie, das in der Lage ist, schweres Gesch�tz zu bef�rdern. Ein Kriegsschiff. Ein Handelsschiff. Ein Schiff, das auf allen Meeren herumfahren und der Schifffahrt der Yankees betr�chtlichen Schaden zuf�gen w�rde.� Er warf seiner Frau einen kurzen Blick zu. �Weil ich hier in Charleston Erfahrungen gesammelt habe, m�chte die Marine, da� ich in Gro�britannien die M�glichkeiten��</p><p>�Das hei�t, da� wir die Kinder mitnehmen m�ssen?�</p><p>�Und ein Jahr oder vielleicht l�nger bleiben m�ssen.�</p><p>�Ach Cooper, das k�nnen wir doch nicht! Wir k�mpfen f�r eine falsche Sache!�</p><p>�Und haben den Kampf vielleicht schon verloren�, sagte er mit einem Kopfnicken. Da tauchte eine flammende Vision von Hazard-Eisen vor seinem geistigen Auge auf. �Und doch habe ich das Gef�hl, ich mu� gehen, obwohl ich dir meine Beweggr�nde nicht ganz oder auch nur einigerma�en erkl�ren kann. Nein, ich will ganz ehrlich sein: Ich m�chte gehen.�</p><p>Sie blickte ihn pr�fend an. �Einverstanden. Ich hasse zwar das ganze und begreife deine Logik keineswegs � wenn �berhaupt Logik dahintersteckt �, aber du wei�t, da� ich dich nie im Stich lassen w�rde. Ich schlage vor, da� du die �berfahrt auf dem Dampfer buchst.�</p><p>�Hab� ich bereits getan. Freitag in einer Woche schiffen wir uns im Hafen von Savannah ein.�</p><p>Er nahm sie in die Arme und hielt sie umschlungen, w�hrend sie weinte.</p><p>Am n�chsten Morgen sorgte er daf�r, da� auf der James-Island-Werft ein gro�er Eisenmast aufgestellt wurde. Als der Flaschenzug und die Taue bereit waren, sah er zu, wie zwei seiner M�nner eine Riesenflagge entfalteten. Sie bestand aus drei waagrechten, breiten Streifen; der obere und der untere waren rot, der mittlere wei�. In der oberen linken H�lfte war ein Kreis aus sieben wei�en Sternen auf tiefblauem Grund.</p><p>Er war verbl�fft �ber die �hnlichkeit der neuen Flagge mit derjenigen der Nation, von der die sezessionistischen Staaten abgefallen waren. Sogar jetzt, wo wir unsere Unabh�ngigkeit verk�nden, sind wir nicht f�hig, alle Bande durchzuschneiden, dachte er, als die neue Staatsflagge gehi�t wurde, den ersten Windsto� einfing und sich gegen den Himmel ausbreitete.</p><p><strong>70</strong></p><p>In der Fr�he des darauffolgenden Tages holperte eine Kutsche auf einer staubigen Stra�e durch Alabama in Richtung Montgomery. Das Kutschendach war mit gut einem Dutzend Koffer, und Reisetaschen beladen. Rex sa� auf dem Bock und hielt die Z�gel. In der Kutsche m�hte sich Huntoon an einem lackierten Eichenklapptisch ab. Er hatte nun doch einen allerdings nicht sonderlich wichtigen Posten in der Regierung erhalten. Im Augenblick war er damit zufrieden, hatte er doch wesentlich mehr Gl�ck gehabt als viele der f�hrenden Sezessionisten von South Carolina. Bob Rhett zum Beispiel war als Pr�sidentschaftskandidat der Konf�deration abgelehnt worden, weil man ihn als zu extrem befunden hatte.</p><p>Huntoon war bereit, gewisse Risiken auf sich zu nehmen, um sich eine Position zu schaffen. W�hrend der ganzen m�hseligen letzten Etappe ihrer Reise von Columbus, Georgia, bis nach Montgomery hatte er sich mit der Abfassung einer Denkschrift f�r den Kongre� der Konf�deration besch�ftigt. Sie bestand zur Hauptsache aus einem Angriff auf den konservativen Charakter der neuen provisorischen Verfassung des S�dens, die sich seiner Meinung nach sprachlich und inhaltlich zu stark an die alte Verfassung anlehnte, au�er da� sie die Sklaverei ausdr�cklich bef�rwortete. Bemerkenswerterweise wurde der Sklavenhandel mit Afrika von der neuen Verfassung verboten. Diese Bestimmung mu�te abge�ndert werden.</p><p>Huntoon forderte in seiner Denkschrift die neue Konf�deration auf, sich �Vereinigte Staaten von Amerika� zu nennen, um der Welt zu zeigen, da� sie die einzig wahre, verfassungsm��ige Regierung auf dem ganzen Kontinent repr�sentierte. Aus seiner Sicht waren es die Yankees gewesen, die die Grunds�tze der Gr�nderv�ter pervertiert hatten.</p><p>Allerdings war er bei der Conclusio steckengeblieben. Er hatte geschrieben: �Wir m�ssen den Beweis erbringen, da� die Aristokratie besser regieren kann als der P�bel�, und nun kam er nicht mehr weiter. Vielleicht war es der Anblick seiner Frau, der ihn ablenkte und seine Gedankeng�nge blockierte.</p><p>Ashton lehnte an der Wand und starrte zum Fenster hinaus auf die lieblichen Baumwollfelder, durch die die Stra�e sich hindurchwand. Trotz der allgemeinen Aufregung, die eine solche Reise mit sich brachten, sah sie �u�erst attraktiv aus, dachte Huntoon. Er sp�rte, wie er k�rperlich reagierte, und erinnerte sich daran, da� er schon seit mehr als einem Monat nicht mehr mit ihr geschlafen hatte. Ashton schien dies offensichtlich nichts auszumachen.</p><p>Er r�usperte sich. �Liebling? Ich komme nicht mehr weiter. Vielleicht kannst du mir zu einem treffenden Abschlu� meiner Denkschrift verhelfen?�</p><p>Er hielt ihr das letzte von mehreren eng beschriebenen Bl�ttern hin. Schmollend schlug sie es ihm aus der Hand.</p><p>�Ich bin nicht an dem bl�den Gequassel interessiert, Jamie.�</p><p>Er f�hlte, da� seine Erregung wieder nachlie�. Ashton sah ihm an, da� sie wohl etwas zu hart gewesen war, und lehnte sich vor, so da� ihre Brust wie zuf�llig auf seinem Arm zu liegen kam.</p><p>�Montgomery wird f�r uns eine herrliche Erfahrung werden. Es kommt nicht auf die Rhetorik, auf die Philosophie an, sondern auf die Macht, die wir � die du erlangen und einsetzen kannst. Wir haben lange auf diese Gelegenheit gewartet, und wir wollen sie nicht mit sinnlosen �bungen vertr�deln.�</p><p>Sie war ganz erregt geworden; der Gedanke an Macht �bte jedesmal diese Wirkung auf sie aus. Sollte es ihrem Mann nicht gelingen, sich schnell genug eine hohe Position zu verschaffen, so gab es in Montgomery sicherlich andere M�nner, die ihres Wohlwollens w�rdig waren. In Montgomery oder in Richmond, wie sie sich im stillen korrigierte. Man munkelte bereits davon, da� die Hauptstadt demn�chst vom Baumwollg�rtel nach Virginia verlegt werden sollte.</p><p>Das Gespr�ch, wie auch eine lange Periode der Abstinenz infolge von Forbes� fr�hzeitigem Tod, hatten bei Ashton zu einer sexuellen Spannung gef�hrt. Auch wenn sie ihren Mann nicht besonders mochte, war er doch nicht ganz unbrauchbar.</p><p>�Jamie, Jamie � leg das bl�de Papier zur Seite. Merkst du denn nicht, da� ich deine Gesellschaft sehr vermi�t habe?�</p><p>�Wirklich? Das ist mir nicht aufgefallen.�</p><p>Doch sein Zynismus war nur von kurzer Dauer. Eine leichte Ber�hrung mit ihrer Hand gen�gte, um ihn zu erregen. Ashton war etwas �ber die Intensit�t und Heftigkeit ihres eigenen Verlangens �berrascht.</p><p>Er bugsierte sie auf den gegen�berliegenden Sitz; mit der einen Hand dr�ckte er ihren Busen, mit der andern fummelte er unter ihren R�cken an ihrem Bein herum. Ein scheu�lich grober Mensch, dachte sie, aber er w�rde seinen Zweck erf�llen. Mit geschlossenen Augen stellte sie sich einen Galaball vor, bei dem sie Pr�sident Davis vorgestellt wurde; er war von ihrer Intelligenz und Sch�nheit v�llig hingerissen.</p><p>Unterdessen holperte die Kutsche weiter, und Rex kratzte sich am Kopf und lehnte zur Seite. Er wunderte sich sehr �ber das laute Quietschen und Schreien, das aus der Kutsche zu kommen schien, aber leider war der Blickwinkel zu eng, und er konnte �berhaupt nichts sehen.</p><p>Am selben Abend stand Elkanah Bent an der Bar im Willard-Hotel. Er schl�rfte Whiskey und addierte Zahlen auf einem Fetzen Papier.</p><p>Das Ergebnis begl�ckte ihn. Nach Abzug der Schneiderkosten f�r seine neuen Uniformen w�rde ihm gerade genug bleiben, um die Miete f�r die kleine Wohnung, die er gefunden hatte, zu bezahlen. In letzter Zeit waren in Washington viele sch�ne H�user und Wohnungen frei geworden, weil ganze Scharen von verr�terischen Offizieren und Beamten nach Hause in den S�den gefl�chtet waren.</p><p>Es ziemte sich f�r ihn, etwas Besseres als nur ein Hotelzimmer sein eigen zu nennen. Dank seiner einflu�reichen Freunde hatte er es jetzt zum Brevetoberst geschafft, eine f�r einen Berufsoffizier nicht ungew�hnliche Bef�rderung in diesen Zeiten hektischer Kriegsvorbereitungen. Bent hoffte inst�ndig, da� der Krieg l�nger als nur einige Monate dauern w�rde. General Scott verwies h�ufig auf �die verh�ngnisvolle Unf�higkeit der S�dstaatler, sich einigen oder zusammenarbeiten zu k�nnen�. Er sagte voraus, da� dies sich nachteilig auf ihre Armee auswirken w�rde.</p><p>Nun, er hatte sp�ter gen�gend Zeit, sich mit solchen Gedanken zu befassen. Heute abend wollte er feiern: ein gutes Essen und dann Gesellschaft f�r eine Stunde. Allerdings w�rde er f�r letzteres einen Kredit aufnehmen m�ssen, aber er kannte ein sch�biges schwarzes Bordell, wo so was m�glich war.</p><p>Der Gedanke an den bevorstehenden bewaffneten Konflikt befl�gelte ihn. Blut w�rde flie�en. Tausende und Abertausende w�rden sterben. Endlich, endlich k�nnte er seine Talente einsetzen und den Ruhm und Glanz erwerben, die ihm seiner Meinung nach rechtm��ig zustanden.</p><p>Und so ganz nebenbei w�rde er auch noch einige alte Rechnungen begleichen. Es wurmte ihn immer noch, da� er seine Rachepl�ne in Texas selbst vereitelt hatte. Und nun war dieser verdammte Charles Main, wie so viele andere ehrlose Soldaten, die wirklich nichts anderes verdient hatten, als vor ein Exekutionskommando gestellt zu werden, einfach in den S�den abgehauen. Doch der Krieg hatte seine eigene merkw�rdige Art, Schicksale miteinander zu verkn�pfen, und vielleicht w�rde sich doch noch eine Gelegenheit finden, den Mains eins auszuwischen. Er durfte nicht vergessen, da� sie mit einer Frau in Zusammenhang standen, die sich als Wei�e auszugeben versuchte, eine Frau, die nicht nur eine Negerin, sondern die Tochter einer Hure aus New Orleans war.</p><p>Und was Billy Hazard anbelangte, so w�rde er seine Wege verfolgen k�nnen. Der junge Offizier leistete ja noch Dienst in der Armee. Bent hatte sich dessen bereits im B�ro des Generaladjutanten versichert. Er w�rde sie kriegen, beide Familien. Weder die Mains noch die Hazards w�rden ahnen, da� Bents Rachegel�ste das bevorstehende Chaos �berdauern w�rden. Ihre Dummheit war seine Trumpfkarte.</p><p>Er trank seinen Whiskey aus und bestellte sich einen neuen. Er bewunderte sich in seiner schmucken Uniform im Spiegel hinter der Theke. Dann fielen ihm zwei M�nner auf, die sich neben ihm laut unterhielten. Der eine vertrat den Standpunkt, da� ein Wiederaufbauplan ausgearbeitet und unverz�glich ver�ffentlicht werden solle, damit der S�den, das verlorene Schaf, zur Herde zur�ckkehren k�nne.</p><p>Bent knallte sein Glas auf die Theke. �Wenn Sie das wirklich glauben, Sir, dann geh�ren Sie auf die andere Seite des Potomac.�</p><p>Der Mann war offensichtlich auf eine Diskussion aus. �Unser Herr, Jesus Christus, hat selbst gesagt, da� Barmherzigkeit � �</p><p>�Keine Barmherzigkeit�, unterbrach ihn Bent. �Nicht f�r einen Cent. Niemals!�</p><p>Einige der Zuh�rer applaudierten. Bents Gespr�chspartner merkte, da� seine Ansichten nicht gefragt waren, und schwieg.</p><p>Bent plusterte sich vor dem Spiegel auf. Welch herrlicher Tag war das doch gewesen. Ein Mann hatte Gl�ck, wenn er einen Krieg erleben durfte.</p><p><emphasis>Krieg.</emphasis> Gab es �berhaupt ein herrlicheres, ein s��eres Wort? Bent f�hlte sich so gl�cklich, da� er dem Barkeeper einen Vierteldollar Trinkgeld hinterlie�.</p><p>Er stolzierte aus dem Hotel und gab sich einem seiner Lieblingsgedanken hin. Bent und Bonaparte: zwei Namen, die mit demselben Buchstaben anfingen. Kein gew�hnlicher Zufall. Bei Gott, nein. Es war von enormer historischer Bedeutung. Demn�chst w�rde die Welt es zu sch�tzen wissen.</p><p>Wenige Tage sp�ter stattete Virgilia in der Gegend der Blue Ridge Hills bei Harper�s Ferry dem namenlosen Grab von Grady einen Besuch ab.</p><p>Es war an einem milden, warmen Aprilnachmittag. Sie hatte am Bahnhof eine Kutsche gemietet und am Rand der staubigen Stra�e am Fu� des mit Ahorn bewachsenen H�gels angehalten. Nachdem sie das Pferd an einem Ast angebunden hatte, war sie den H�gel hinauf marschiert und neben einem von B�umen umstandenen Grabh�gel auf die Knie gefallen.</p><p>�O Grady! Grady!�</p><p>Sie lie� sich in das noch junge Gras fallen. Mit ihren eigenen H�nden hatte sie das Grab ausgehoben, Grady begraben und den Grabh�gel geschaufelt. W�hrend der allgemeinen Verwirrung kurz vor Browns Gefangennahme war sie heimlich nach Harper�s Ferry gekommen, hatte Gradys Leichnam gesucht und versteckt. Sp�ter hatte ihr eine befreundete Negerin geholfen, den toten Grady hierherzubringen, wo er von niemandem entdeckt und entehrt werden konnte.</p><p>Brown gab es nicht mehr; sein Traum einer glorreichen Revolution war mit ihm am Galgen gestorben. Auch Grady gab es nicht mehr. Doch mit ihrem Blut hatten sie ein wertvolles Geschenk erworben: den Krieg. Es wurde zwar noch nicht gek�mpft, aber sie war davon �berzeugt, da� es nicht mehr lange dauern w�rde. Sie erg�tzte sich an diesem Gedanken, w�hrend sie ihre Schenkel und Br�ste gegen den Grabh�gel dr�ckte, als ob es Gradys K�rper w�re.</p><p>Sie stellte sich Reihen um Reihen von Leichen vor, S�dstaatler, ohne K�pfe, mit Armst�mpfen, aus denen Blut hervorquoll, und L�chern, wo einmal Genitalien gewesen waren. Sie st�hnte und zitterte beim Gedanken an die bevorstehende triumphale Geburt ihrer Revolution. Es w�rde Arbeit f�r sie geben, blutige Arbeit, vor der andere entsetzt zur�ckscheuen w�rden.</p><p>Aber sie w�rde diese Arbeit auf sich nehmen. Sie w�rde dem Ruf ihres eigenen Hasses auf diejenigen folgen, die andere zu Sklaven machten, die wundersch�ne schwarze M�nner zu Sklaven machten. Sie hatte ihre Familie verlassen, diese unertr�glichen, selbstgef�lligen Moralapostel � f�r immer. Sie hatte sich von der Menschheit losgesagt und lebte jetzt einzig und allein f�r ihre Erinnerungen und f�r einen Gef�hrten: Der Tod, der ihr Freund und das gerechte Werkzeug Gottes war.</p><p>In Mont Royal schienen die Schatten l�nger und die Fr�hlingsn�chte finsterer als je zuvor. Orry war weder am Anbau und an der Ernte von Reis interessiert, noch hatte er das geringste Vertrauen in den von Jeff Davis angek�ndigten Plan, wonach die Anerkennung der Konf�deration seitens Europas durch die Handelswaffe Baumwolle erreicht werden sollte. Davis war seiner Meinung nach ein verdammter Idiot. Der europ�ische Markt war mit Baumwolle ges�ttigt, und wen w�rde es scheren, wenn der S�den seine Ernte zur�ckbehielt?</p><p>In Orrys Innerem dr�ngte in letzter Zeit alles auf eine Ver�nderung. Ruhelos irrte er in den ihm vertrauten R�umen � in den gewohnten Geleisen � umher. Nur die Anwesenheit von Madeline und ihre einfache Art, sich in sein Leben einzuf�gen, machten ihm die Existenz noch ertr�glich.</p><p>Verwirrung und Zweifel schienen sein Schicksal zu sein. W�hrend einer seiner schlaflosen N�chte begab er sich in die Bibliothek und fing an, dort herumzust�bern. Er nahm ein Buch in die Hand, das er seit Jahren nicht mehr angeschaut hatte. <emphasis>Notes on the State of Virginia,</emphasis> das einzige je von Thomas Jefferson geschriebene Buch.</p><p>Er zog das Nachthemd etwas hoch und setzte sich hin, um eine Weile in dem Buch zu lesen. Ein Satz, der unterstrichen worden war, stach ihm ins Auge. Am Rand waren drei Worte mit Tinte niedergeschrieben worden: <emphasis>Amen und amen.</emphasis> Die Zeile lautete wie folgt:</p><p>�Ja, ich zittere wirklich um mein Land, wenn ich bedenke, da� Gott gerecht ist, und da� seine Gerechtigkeit nicht auf ewig schlafen kann.�</p><p>Jefferson, ein S�dstaatler und Sklavenbesitzer, hatte �ber die Sklaverei geschrieben. Was Orry best�rzte, war der Vermerk am Rand. Er hatte gen�gend alte Akten der Plantage durchgesehen, um die Handschrift seines Vaters erkennen zu k�nnen.</p><p>Den drei Worten nach zu schlie�en, mu�te Tillet, der die Sklaverei nach au�en zwar heftig verfochten hatte, doch Zweifel am System gehegt haben, Zweifel, die er sein ganzes Leben lang geheimgehalten hatte. Der alte S�nder, dachte Orry in einem Anflug von Zuneigung. Nun, gab es einen vern�nftigen Mann auf der Welt, der keine Zweifel hegte, besonders jetzt, da die Folgen so grausam offensichtlich geworden waren?</p><p>Tillets Zweifel vergr��erten seine eigenen, die bereits stark waren. Sie bezogen sich auf die ganze Entwicklungsgeschichte der Mains und auf jeden Mann, der das System unterst�tzte und folglich davon lebte. Sp�ter bedauerte es Orry immer wieder, damals diesem merkw�rdigen Impuls nachgegeben und gerade jenes Buch vom B�cherregal genommen zu haben.</p><p>An einem nebligen Morgen, wenige Minuten nach Sonnenaufgang, ritten Orry und Charles auf der Plantage herum. Blasse Dunstwolken umh�llten sie, als sie wie Phantomgestalten auf Phantompferden durch eine Landschaft von Grau mit rauchigem Orange galoppierten. Die bew�sserten Felder schimmerten unter den Nebelwolken wie blankes Metall.</p><p>Zu ihrer Rechten trottete eine Reihe von Sklaven �ber das Feld. Der Mann an der Spitze wandte sich kurz um, um dem Herrn der Plantage einen lakonischen Gru� zu entbieten. Sogar aus der Distanz konnte Orry eine gewisse Ironie in der Haltung des Schwarzen, einen gewissen Groll auf seinem Gesicht erkennen.</p><p>Die gespensterhafte Kolonne der M�nner tauchte bald darauf wieder in einem Nebelwirbel unter, doch es befanden sich noch weitere Gruppen von Arbeitern an jenem Morgen auf den Feldern, und Orry mu�te feststellen, da� er mitten durch sie hindurch geritten war, ohne da� er sie bemerkt hatte. Sie geh�rten irgendwie zum Ganzen, wie die Schleusen auf den Feldern oder das K�chengeb�ude. Sie geh�rten zum Besitz.</p><p>Wiederum dachte er an das Buch von Jefferson. Besitzgegenst�nde. Das war es doch, nicht wahr? Das war doch der Grund, weshalb der Norden, weshalb die Welt, ja vielleicht sogar Gott selbst den S�den zur Rechenschaft zog.</p><p>�Wade Hampton ist dabei, eine berittene Legion zusammenzustellen�, sagte Charles pl�tzlich. �Ich werde mich in zwei Wochen zum Dienst melden.�</p><p>�Das wu�te ich nicht.�</p><p>�Ich habe erst gestern Bericht erhalten. Ich habe die Warterei satt; ich m�chte das tun, wozu ich ausgebildet worden bin.� Er sprang mit seinem Pferd �ber einen Graben. Sein viel zu langes Haar tanzte lustig in seinem Nacken auf und nieder. �Es wird einen glorreichen Kampf geben.�</p><p>Diese Bemerkung machte Orry deutlich, wie gro� der Graben war, der sie voneinander trennte. Es war nicht blo� der Altersunterschied, der schuld daran war. Sogar nachdem Charles in Texas dem Tod ins Auge gesehen hatte, war seine Kampflust nicht kleiner geworden.</p><p>Orry wollte nicht, da� Charles sein Schweigen als Zustimmung auffassen k�nnte. �Glorreich?� rief er. �Ich glaube nicht. Diesmal sicher nicht.�</p><p>Doch Charles hatte bereits seinem Pferd die Z�gel gegeben und lachte so laut, da� er die ernste Stimme hinter ihm nicht mehr h�rte.</p><p>Mit wehendem Haar galoppierte er in den dunstigen Sonnenaufgang hinein � ein vollendeter Reiter.</p><p>Am n�chsten Tag erhielt Orry einen Brief von der Regierung. Er versteckte ihn bis zum Abend und besprach ihn dann mit Madeline in ihrem gemeinsamen warmen Bett.</p><p>�Sie haben mich gebeten, das Kommando einer Brigade zu �bernehmen. Offensichtlich macht es bei dem Dienstgrad nichts aus, wenn man nur noch einen Arm hat! Sie schreiben, meine Erfahrungen seien von unsch�tzbarem Wert. Unsch�tzbar � man stelle sich so was vor!�</p><p>Er lachte, doch der Humor kam nicht von Herzen. �Madeline, wei�t du, da� Calhoun vor Jahren gesagt hat, West-Point-M�nner w�rden gro�e Armeen anf�hren? Er wird sich aber dabei kaum gedacht haben, da� sie diese Armeen aufeinanderhetzen w�rden.�</p><p>Nach einer Weile sagte sie: �Was h�ltst du von dem Vorschlag?�</p><p>Er legte sich hin und streichelte ihr Haar. �Er ist verf�hrerisch, aber ich w�rde dich nicht allein hier zur�cklassen wollen.�</p><p>�Ich habe keine Angst vor Justin.�</p><p>�Es geht mir nicht um Justin. Ist dir aufgefallen, wie sich viele Leute auf der Plantage benehmen? Sie sind faul geworden, und einige haben in letzter Zeit ein arrogantes Glimmen in den Augen. Noch heute Nachmittag habe ich Cuffey dabei erwischt, wie er mit einem andern Haussklaven fl�sterte. Ich habe den Namen �Linkum� geh�rt.�</p><p>Madeline versicherte ihm, da� er sich keine Sorgen um sie zu machen brauche, sollte er sich daf�r entscheiden, den Vorschlag anzunehmen. Er dankte ihr, wu�te jedoch, da� seine Entscheidung viel elementarere Gr�nde haben w�rde. Sein Land, das Land der Mains, war jetzt bedroht. Wollte er es verteidigen oder nicht?</p><p>�Morgen fr�h zeige ich dir den Brief�, sagte er. �Ich glaube, ich mu� ihnen eine positive Antwort geben.�</p><p>�Das habe ich bereits geahnt, als der Ruf an dich erging.�</p><p>Der Ruf. Das Wort l�ste eine Welle von Erinnerungen in ihm aus, vor allen Dingen akustischer Art. Er h�rte die schon fast vergessenen Trommelwirbel wieder; sie forderten ihn zur Antwort auf.</p><p>�Und was w�rdest du davon halten, wenn ich das Angebot ann�hme?�</p><p>Sie k��te ihn auf den Mund. �Ich w�rde es bedauern.� Noch ein Ku�. �Und stolz auf dich sein.� Ein dritter Ku�, l�nger, s��er. �Und darauf warten, da� du bei der ersten g�nstigen Gelegenheit wieder zu mir zur�ckkommen w�rdest.�</p><p>Sie umschlang ihn eng mit den Armen. Er hatte sich noch nie so gl�cklich gef�hlt. Sie fl�sterte ihm zu:</p><p>�Ich liebe dich zu sehr, als da� ich dich verlieren m�chte, Orry. Wenn du fortgehst, werde ich so hei� und innig zu Gott beten, da� er dich unbedingt heil und gesund zur�ckschicken mu�.�</p><p>Stanleys Mentor, Boss Cameron, hatte ihm einen Posten in der Hauptstadt verschafft. In Washington waren bereits Anzeichen daf�r vorhanden, da� die Stadt zu einem Paradies f�r Kriegsgewinnler, Aasgeier der Macht und politische S�ldner werden w�rde. Stanley, der unerm�dlich f�r seine Karriere arbeitete, wirkte voll neuer Lebenskraft, und Isabel freute sich auf ein aufregendes Gesellschaftsleben. Sie hatten beide bereits ihr Haus ausgesucht und ihre Zwillinge an einer von Washingtons Eliteschulen eingeschrieben. Beide waren nun vierzehn und undisziplinierte Grobiane. Ganz Lehigh Station w�rde ihre Abwesenheit begr��en.</p><p>In Rhode Island zerst�rte ein heftiger Sturm einen betr�chtlichen Teil des Daches von Fairlawn. Die Nachricht wurde George telegraphisch mitgeteilt, und er beschlo�, am n�chsten Tag mit dem Zug dorthin zu reisen, um sich den Schaden zu betrachten. Constance sagte, sie w�rde ihn begleiten. Sie hatte dringend Ferien n�tig; sie war �ber die ganze Welt ver�rgert und brachte kaum noch Geduld f�r William und Patricia auf. Brett und Billy versprachen ihr, sich um die Kinder zu k�mmern; Billy wollte vor der Wiederaufnahme seines Diensts ohnehin noch einige Tage in Belvedere verbringen.</p><p>George hatte eine l�ngere Sitzung in seinem B�ro im Werk abgehalten und konnte an jenem Abend einfach nicht einschlafen. Um halb zw�lf begab er sich in die Bibliothek und setzte sich an den Tisch. Sein volles Glas Whiskey stellte er neben den grobfl�chigen braunen Gegenstand, den er w�hrend so vielen Jahren wie einen Schatz geh�tet hatte.</p><p>Lange starrte er den Meteoriten an; er war nicht mehr so stolz auf sein Gesch�ft wie fr�her, und er war auch nicht mehr so sicher, ob der Eisenhandel wirklich die enorme Bedeutung hatte, die er ihm in der Vergangenheit beigemessen hatte. Er sann dar�ber nach, wie oft das Eisen im Lauf der Jahrhunderte f�r destruktive Zwecke eingesetzt worden war; dies w�rde bald einmal mehr geschehen. Schlie�lich, gegen drei Uhr morgens, trank er seinen Whiskey aus, l�schte die Lampe und ging ins Schlafzimmer, wo er sich neben seine schlummernde Frau in die W�rme kuschelte. Doch der Schlaf blieb ihm verwehrt.</p><p>Newport wirkte unter dem grauen Himmel verlassen, tot. George und Constance f�hlten sich merkw�rdig, so ganz allein in dem gro�en Haus, und doch genossen sie die ihnen unvertraute Intimsph�re.</p><p>Am Nachmittag des ersten Tages, den sie in Fairlawn verbrachten, setzte sich George f�r eine Stunde mit dem Baumeister zusammen, der das Dach reparieren w�rde. Dann machten er und Constance einen Spaziergang am einsamen Strand, wo sich hohe, wei�sch�umende Wellen brachen. Obwohl es Fr�hling war, herrschte eine fast winterliche Stimmung. Constance hatte sich bei George eingehakt; sie suchte seine k�rperliche N�he.</p><p>�Du hast mir nicht gesagt, weshalb du diese Sitzung im Werk abgehalten hast, George.�</p><p>�Ach, da ist nichts Geheimes dran. Ich habe alle Vorarbeiter zusammengetrommelt und ihnen mitgeteilt, da� wir ab jetzt auf einen 24-Stunden-Betrieb umstellen. Das Kriegsministerium hat uns schon einiges in Auftrag gegeben, und Stanley wird sicher darum bem�ht sein, noch viel mehr Auftr�ge hereinzubekommen. Das Ganze wird uns reicher machen als wir es je gewesen sind.�</p><p>�Auf Kosten einer bestimmten Anzahl von Leichen.�</p><p>Er runzelte die Stirn. �Ja, vermutlich.�</p><p>Er blieb stehen und wandte ihr das Gesicht zu. Er mu�te ihr etwas sagen. �Stanley sagt, da� Washington alle Akademieabsolventen haben wolle, die aufzutreiben sind.�</p><p>�F�r die Armee?�</p><p>�Oder f�r Posten bei der Regierung.�</p><p>Sie blickte ihn ernst an. �Willst du Dienst leisten?�</p><p>�Wollen ist nicht der richtige Ausdruck. Irgendwie, irgendwo�, er holte tief Atem; es war bei weitem nicht das gl�cklichste Eingest�ndnis, das er je gemacht hatte, aber er versp�rte eine gro�e Erleichterung, �habe ich das Gef�hl, ich mu�.�</p><p>Sie fing an zu schluchzen, k�mpfte jedoch sofort die Tr�nen nieder. �Es ist deine Entscheidung, Liebling.� Sie nahm ihn wieder beim Arm. �Gehen wir wieder ins Haus zur�ck? Ich habe pl�tzlich das dringende Bed�rfnis, mit dir zu schlafen.�</p><p>Sie l�chelte zwar, aber er konnte immer noch Tr�nen in ihren Augen schimmern sehen. Er warf einen verstohlenen Blick auf das d�rre Gestr�pp hinter den gro�en Felsen am Ende des Strands.</p><p>�Wie w�re es hier?� Er setzte ein schelmisches L�cheln auf und k��te ihre Nasenspitze. �Es sei denn, da� Sie f�r so was zu konservativ empfinden, Mrs. Hazard.�</p><p>�George�, sie hielt kurz inne und warf ihm einen neckischen Blick zu, �hast du solche Sachen des �fteren gemacht, bevor wir geheiratet haben? Zum Beispiel in West Point? Es scheint nichts Ungewohntes f�r dich zu sein.�</p><p>�Dar�ber schweigt des S�ngers H�flichkeit.�</p><p>Sie dachte nach. �Und wenn man uns sieht?�</p><p>�Wer sollte uns sehen? Keine Seele weit und breit.�</p><p>�Es ist ziemlich k�hl.�</p><p>�Ich werde dir warm geben.�</p><p>�Glaubst du, wir k�nnen es wirklich wagen?�</p><p>�Nat�rlich. Die Kriegszeiten haben eine verheerende Wirkung auf die Konventionen. Die Leute wissen, da� sie vielleicht keine zweite Chance mehr haben werden.�</p><p>Sie stellte fest, da� sein kleiner Scherz eigentlich einer d�steren Stimmung entsprungen war. Seine Augen waren sehr ernst. Sie umklammerte seine Hand. Sie drehten dem leblosen Himmel den R�cken zu und rannten auf die Felsen los.</p><p><strong>71</strong></p><p>Billy und Brett nahmen in Belvedere gemeinsam das Abendessen ein, und Billy schlug vor, anschlie�end einen Spaziergang zu unternehmen; es war ein wirklich herrlicher Fr�hlingsabend. Doch beiden war sofort klar, da� dies nicht der einzige Grund sein konnte; in den vergangenen Stunden war die Stimmung zwischen ihnen merklich gespannter geworden. Am fr�hen Nachmittag war ein Telegramm eingetroffen; Billy hatte Befehl erhalten, am n�chsten Morgen nach Washington zur�ckzukehren. Der Gedanke an seine unmittelbar bevorstehende Abreise deprimierte Brett und verdarb ihr den Appetit.</p><p>Gegen Ende der Mahlzeit wurde pl�tzlich das St�ckchen Himmel, das durch die E�zimmerfenster in der D�mmerung zu sehen war, von einem Lichtstrahl �berflutet. Als Billy, Brett und zwei der Hausm�dchen ans Fenster eilten, sp�rten sie die leichten Ersch�tterungen eines fernen Bebens. Eines der M�dchen stie� einen leisen Schrei aus. Ein Diener st�rzte ins Zimmer und verk�ndete aufgeregt, eine Sternschnuppe habe taghell aufgeleuchtet und sei dann im Nachbartal verschwunden.</p><p>Wenn ein Meteor auf die Erde gefallen war, so lie�e sich damit die Ersch�tterung erkl�ren. Der erschrockene Diener erz�hlte von den vielen Sternschnuppen, die in letzter Zeit �ber dem Tal niedergegangen waren. Er zitterte und fl�sterte etwas von Gottes Zorn, der auf die Erde niederging.</p><p>Brett nahm die Bemerkungen zwar mit �u�erlicher Ruhe auf, aber das merkw�rdige Licht und die Ersch�tterung beunruhigten sie noch mehr, als sie mit Billy den H�gel hinaufstieg, von dem aus man die Hoch�fen der Hazard-Werke �berblicken konnte. Es war ein herrlicher Abend, warm und wolkenlos. Tausende von Sternen funkelten atemberaubend hell, ihr Gl�hen durch vereinzelte phosphoreszierende Lichtschleier ged�mpft.</p><p>Vom H�gel her wehte ihnen ein merkw�rdig bei�ender Geruch entgegen, der einer d�nnen, beinahe unsichtbaren Rauchwolke zu entstammen schien. �Was brennt?� fragte sie, als sie beide leicht au�er Atem auf dem H�gel angelangt waren. Sie standen mitten in den dichten Lorbeerstr�uchern, deren Bl�ten wei� in der Dunkelheit aufleuchteten.</p><p>Billy schnupperte. �Ich wei� nicht, aber es scheint nicht weit weg zu sein. Dort unten. Warte hier, ich seh� mal nach.�</p><p>Er kletterte durch die Lorbeerstr�ucher hinunter. Der Rauch wurde etwas dichter und der Brandgeruch intensiver. Noch bevor er den Krater sah, ahnte er ihn bereits; Hitze schlug ihm ins Gesicht. Schlie�lich sah er die Einschlagstelle im fahlen Licht, einige Meter weit entfernt, ein dunkler Fleck auf der hellen Flanke des H�gels. Den Meteoriten konnte er nicht ausmachen, aber er wu�te, da� er dort war.</p><p>�Kein Grund zur Beunruhigung�, sagte er, als er wieder oben auf dem H�gel stand. �Die Sternschnuppe, oder ein St�ck davon, ist ganz in der N�he heruntergefallen.�</p><p>Sie suchte in seinen Armen Schutz vor ihrer Angst und ihrem Gef�hl der Einsamkeit. Nat�rlich taten George und Constance ihr M�glichstes, damit sie sich wie zu Hause f�hlte. Aber sie hatte sich noch nicht wirklich an das Leben in Pennsylvania, an das Tal, an die Leute oder ihre Art gew�hnt. In den Psalmen stand, da� Gott die Fremden besch�tze, aber sie zweifelte ein bi�chen daran.</p><p>Und jetzt konnte sie ihre Gef�hle nicht l�nger f�r sich behalten.</p><p>�Billy, ich habe Angst.�</p><p>�Vor dem Krieg?�</p><p>�Ja, und auch davor, da� du gehst. Ich habe Angst, weil ich nicht wei�, wo du sein wirst. Ich habe Angst vor den Leuten in der Stadt und davor, wie sie mich manchmal vorwurfsvoll ansehen, weil ich aus dem S�den komme. Ich habe vor allem Angst. Ich sch�me mich, es zuzugeben, aber ich kann nicht anders.�</p><p>Ihrer Stimme fehlte die St�rke, die Billy immer von ihr erwartete. Sie redete ganz leise, und er bemerkte pl�tzlich, da� er ebenso viel Angst hatte wie sie. Er wu�te nicht, wohin die Armee ihn schicken w�rde, obwohl er sich einigerma�en vorstellen konnte, welche Art von Pflichten ihn erwartete. Er w�rde Schanzen instandstellen, Stra�en freimachen oder Pontonbr�cken f�r die gro�en Armeen bauen. Pioniere waren den andern Truppen oft voraus und damit als erste dem feindlichen Feuer ausgesetzt.</p><p>�Alles ist so ungewi߫, murmelte Brett. �Es gibt soviel Ha� und soviel Vorfreude �ber das bevorstehende T�ten. Manchmal frage ich mich, ob �berhaupt jemand �berleben kann.�</p><p>�Wir lieben uns genug, wir k�nnen alles �berleben. Unsere Familien ebenfalls. Und das Land auch.�</p><p>�Glaubst du das wirklich?�</p><p>�Ja. Einmal, als ich traurig war, hat George mir hiermit geholfen.� Er brach einen Lorbeerzweig ab und legte ihn ihr in die Hand. �Dort, wo andere Pflanzen sterben, gedeiht der Lorbeer. Meine Mutter sagte immer, da� unsere Familie dem Lorbeer gleicht, und ich glaube, dasselbe gilt f�r deine Familie. Da wir einander fast alle lieben, sind wir stark genug, um alles �berleben zu k�nnen.�</p><p>Sie betrachtete den Zweig mit den kleinen wei�en Bl�ten und steckte ihn dann in eine Tasche ihres Kleids. �Danke.�</p><p>Er beugte sich hinunter, um ihr Gesicht zu k�ssen, und sp�rte ihre Tr�nen, aber ihre Stimme klang wieder kr�ftiger.</p><p>�Sobald ich wei�, wo ich stationiert bin, werde ich dir eine Nachricht zukommen lassen. Wir werden dies alles schon irgendwie durchstehen.�</p><p>Sie k��te ihn. �Ach, ich liebe dich, Billy Hazard.�</p><p>�Ich liebe dich, Brett. Und deshalb werden wir durchkommen.�</p><p>Sie k��ten sich lange; dann drehte sie sich um und lehnte ihren R�cken an seine Brust. Sie betrachteten die Sterne, w�hrend der Fr�hlingswind �ber den H�gel hinwegbrauste. Der Lorbeer wogte im Wind und raschelte leise. Billy hatte seiner Hoffnung Ausdruck verliehen, Gewi�heit hatte er nicht. Er wu�te wohl, da� die Hoffnung zerbrechlich war.</p><p>Auch die Dunkelheit schien ungewi�. Sie wandten ihre Blicke von den Hazard-Werken ab, merkten jedoch bald, da� ihr Licht �berall um sie herum war, ein st�rker werdendes rotes Gl�hen, das das ganze Tal zu erf�llen schien. Dahinter wirkten die Lichter der Stadt bla�, und einige waren gar nicht mehr zu sehen.</p><p>Billy wollte sich nicht umsehen oder die Existenz der Fabrik zur Kenntnis nehmen, aber es war unumg�nglich. Der blutrote Glanz der drei Hoch�fen ertr�nkte die Sterne. Er h�rte das Rufen der M�nner, die w�hrend der Nacht in Rauch und Feuer arbeiteten, und den ohrenbet�ubenden L�rm der auf Hochtouren laufenden Maschinen.</p><p>F�r einen Augenblick schlo� er die Augen. Umsonst. Scharlachrote Lichtwellen �berfluteten Haar und Schultern seiner Frau. Der Wind hatte umgeschlagen und trug jetzt den Qualm und Rauch der Hazard-Werke zu ihnen her�ber. Das Tal und die ganze Welt schienen vom Geh�mmer der Maschinen zu widerhallen, welche die ersten Tonnen Eisen f�r die Waffen, f�r die Union, f�r den Krieg ausspuckten. Der Wind vermischte den Rauch des Eisenwerks mit dem Rauch des Meteoriten, der den Lorbeer auf der H�gelflanke weggefressen hatte, als ob dort nie etwas gewesen w�re.</p><empty-line/><empty-line/><p><emphasis>Die Sklaverei bringt das Strafgericht des Himmels �ber ein Land. Da die Nationen nicht in einer andern Welt belohnt oder bestraft werden k�nnen, mu� es in dieser Welt geschehen.</emphasis></p><p>George Masonaus Virginia 1787</p></section><section><title><p><strong>Nachwort</strong></p></title><p><emphasis>Die Erben Kains</emphasis> ist der erste Roman einer Trilogie �ber eine Gruppe von Amerikanern, die in den Strudel der Ereignisse vor, w�hrend und nach dem B�rgerkrieg hineingerissen wurden.</p><p>Gewisse Leute vertreten die Ansicht, der Wilde Westen bilde das Kernst�ck der amerikanischen Geschichte. Zweifellos ist es der Teil unserer Geschichte, der am meisten verherrlicht worden ist. Doch f�r viele Amerikaner ist und bleibt der Bruderkrieg zwischen den Nord- und S�dstaaten das zentrale Erlebnis der Geschichte unserer Republik.</p><p>Wie Richard Pindell, Professor an der State University of New York, in einem Artikel �ber �Vom Winde verweht� schreibt, ist der B�rgerkrieg in allererster Linie �unser ureigenster Krieg�. Die Ursachen liegen lange vor Jefferson bei den ersten wei�en Spekulanten, die an unserer Ostk�ste Fu� fa�ten, und die Auswirkungen werfen mit unverminderter Kraft ihren st�rmischen Abglanz auf die f�nfziger, sechziger, siebziger und achtziger Jahre unseres Jahrhunderts.</p><p>Die grundlegenden Probleme der Sklaverei und der Sezession haben Glanz, Elend und Mythen hervorgebracht. Robert Penn Warren bemerkt irgendwo, der Krieg sei f�r den Norden ein Unterpfand der Selbstgerechtigkeit und f�r den S�den ein gro�es Alibi gewesen. Er hat auch den Schwarzen Amerikas, wenn nicht die De-facto-Freiheit, so doch die gesetzlichen Grundlagen daf�r vermittelt. Amerikanische Familien zu beiden Seiten der Mason-Dixon-Linie bescherte er mit ungef�hr 600.000 Toten.</p><p>Historiker sagen, da� unsere Nation mit dem Krieg m�ndig geworden ist. In der kurzen Zeitspanne von 1840-1860 haben wir mehr �ber uns und �ber die amerikanische Gesellschaft gelernt als in all den Jahren seit der Ankunft der ersten Siedler. Mehr als wir vielleicht wissen wollten.</p><p>Und doch �bt dieser Zeitraum unsrer Geschichte immer wieder eine gewisse Faszination auf uns aus. Die gro�en Schlachten werden in B�chern, Zeitungsartikeln, Klassenzimmern und Diskussionsrunden nachvollzogen. Manchmal sinnen wir �ber die warnenden Lektionen nach, manchmal schieben wir sie beiseite, und oft m�ssen wir feststellen, da� wegen der zentralen Probleme jener Zeit auch heute noch Blut in unsern Stra�en vergossen wird. Diese Macht vergangener Ereignisse mit ihren manchmal tragischen Auswirkungen auf unsere heutige Zeit haben mich letztlich zu einer Auseinandersetzung mit diesem Thema bewogen, wie dies schon viele Schriftsteller und Akademiker vor mir getan haben.</p><p>W�hrend meiner Arbeit an diesem Buch bin ich auf einige interessante Reaktionen gesto�en. So zum Beispiel fragte mich auf einer Party eine Frau in ziemlich gereiztem Tonfall, wie ich zugeben mu�: �Wie kommen Sie als Yankee dazu, �ber den S�den, �ber <emphasis>uns</emphasis> zu schreiben?�</p><p>Dieses �uns� verwirrte mich. Eigentlich h�tte ich ihr gerne gesagt, da� ich mich als Amerikaner und nicht als fanatischer Verfechter einer bestimmten Region oder Sache betrachte, doch ich habe versucht, ihr eine bessere Antwort zu geben: �Genauso, wie irgendein Schriftsteller, der �ber einen Zeitraum schreibt, den er nicht selbst erlebt hat. Das hei�t, indem ich Nachforschungen betreibe, mich mit der Region vertraut mache und versuche, mich in das Denken und F�hlen der Hauptdarsteller hineinzuversetzen.� An dieser Stelle ist es vielleicht angebracht, etwas �ber den historischen Gehalt des Buchs zu sagen.</p><p><emphasis>Die Erben Kains</emphasis> soll in erster Linie unterhalten. Dennoch wollte ich in meinem Roman jene Epoche so authentisch wie m�glich darstellen. Es ging mir weniger darum, jedes Ereignis zu beschreiben, das letztlich zum Ausbruch des Kriegs im Hafen von Charleston f�hrte, als vielmehr um eine ausgewogene Darstellung der auf beiden Seiten vorherrschenden Haltungen und Vorurteile. Stimmen wie diejenige von Cooper Main waren durchaus im S�den zu h�ren, und wenn der Kavallerist O�Dell von der Notwendigkeit der Wiederansiedlung befreiter Sklaven in Liberia spricht, so macht er sich damit zum Wortf�hrer vieler Nordstaatler, nicht zuletzt von Lincoln selbst. Viele eifrige Bef�rworter der Abschaffung der Sklaverei konnten sich die Schwarzen nicht als vollwertige B�rger der amerikanischen Demokratie vorstellen; eine solche Haltung mag heute zwar besch�mend anmuten, w�rde man sie in einem historischen Roman jedoch verzerren oder gar v�llig unterschlagen, h�tte man damit der Geschichte und all denen, die so sehr f�r eine neue Haltung gek�mpft haben, einen B�rendienst erwiesen.</p><p>Obwohl ich mich in dem Buch um historische Korrektheit bem�ht habe, bin ich vereinzelt von den historischen Aufzeichnungen abgewichen, und zwar nie ohne Grund, wie folgendes Beispiel zeigen soll.</p><p>Es ist eine Tatsache, da� die Kompanie K des Zweiten Kavallerieregiments in den 1850er Jahren tapfer in Texas gedient hat. Die Offiziere und M�nner meiner Kompanie K sind nat�rlich erfunden, wie auch der Vorfall auf der Lantzman-Farm, obwohl sich �hnliche Zwischenf�lle zu jener Zeit ereignet haben. Einzelheiten aus dem Leben und Wirken des ber�hmten Regiments sind historisch getreu wiedergegeben worden.</p><p>Eine Frage, die mir im Laufe meiner Arbeit immer wieder gestellt wurde � manchmal, wie mir schien, mit einer gewissen Sch�rfe �, war folgende: �Und auf welcher Seite stehen <emphasis>Sie?�</emphasis></p><p>Ich habe die Frage nie beantwortet, weil ich fand, da� sie nie richtig gestellt wurde. F�r mich gibt es nur eine �Seite�, die betrachtet werden mu�, die Seite derjenigen, die gelitten haben. Die Seite derjenigen, die ihr Leben in der Schlacht verloren haben, und derjenigen, die ihr Leben langsamer, und vielleicht noch schrecklicher, in der Knechtschaft verloren.</p><p>Hier sto�en wir auf einen weiteren packenden Aspekt der gesamten Thematik, auf den Widerspruch zwischen Faszination und Tragik. Die Spaltung h�tte nicht geschehen d�rfen, und doch mu�te sie geschehen � aber das ist meine pers�nliche Interpretation. Ein Historiker hat es einmal sehr sch�n formuliert: �Jeder Mensch schafft sich seinen eigenen B�rgerkrieg.� Diese Aussage erkl�rt vielleicht, weshalb der Konflikt eine derartige Faszination nicht nur auf die Amerikaner, sondern auf Millionen von Menschen �berall in der Welt aus�bt.</p><p>JOHN JAKES</p><p>Hilton Head Island</p><p>24. August 1981</p></section></body><binary id="cover" 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